„Glauben Sie an die Liebe, Doktor?“
Der Colonel lehnte sich auf seine Knie zurück und funkelte Morley an.
Es gab einen scharfen Knall, ein unterdrücktes Stöhnen, dann einen schweren Sturz.
Sie hielt es in die Flamme und sah zu, wie es auf dem Herd zu Asche verbrannte.
Maria fing an zu weinen und vergaß, den Kostgänger zu rütteln.
Mrs. Sequin hielt inne, die Hand auf dem Treppengeländer.
„Ich habe dir großes Unrecht getan, Don; kannst du mir verzeihen?“
„Sag es mir schnell! Woher weißt du von dem Schuss?“
KAPITEL I
Es war Frühling in Kentucky, ein heiterer, leichtsinniger, südlicher Frühling, der ungestüm durch Landstraßen und Feldwege bricht, unbekümmert um mögliche Fröste und unmögliche Ernten. Ein Zauber von zartem, neuem Grün hüllte die Welt ein, und die Luft war süß vom Duft junger, wachsender Dinge. Der braune Fluss, der dort, wo die frischeren Strömungen der Bäche einmündeten, mit Grün durchzogen war, umfloss den Fuß eines langen Hügels, der die Landschaft aus jeder Richtung beherrschte.
Trotz der Tatsache, dass dreiste Eisenbahnen begannen, um seinen Fuß zu kriechen, und das Treibgut der angrenzenden Stadt allmählich an seinem Sockel abgelagert wurde, reckte er dennoch seine Granitschultern stolz und trotzig gegen den Himmel.
Seit den frühen Tagen, als der Hügel und das reiche umliegende Ackerland dem alten Pionier William Carsey zugesprochen worden waren, hatte eine Generation der Carseys nach der anderen in dem stattlichen alten Herrenhaus gelebt, das nun wie die letzte verbliebene Festung gegen die Invasion der Stadt dastand. Durchhängende Gesimse und verfärbte Mauern hatten die Atmosphäre der Zufriedenheit, die den Ort umgab, nicht vertrieben, ein Eindruck, der durch die breite vordere Veranda noch verstärkt wurde, die sich wie ein breites, selbstgefälliges Lächeln direkt über die Fassade zog. Manche alten Häuser tragen, wie alte Kavaliere, ein unverkennbares Flair vergangener Prosperität, vergangener Affären. Die Romantik hat ihre Gewänder in ihrer Nähe nachgezogen, und der Duft verweilt.
Thornwood, schäbig und vernachlässigt, konnte es sich immer noch leisten, im Sonnenschein zu dösen und über die Vergangenheit zu lächeln. Es erinnerte sich an die Zeit, als seine Gastfreundschaft der Stolz der Gegend war, als seine Ställe die beste Pferdekollektion des Staates beherbergten; als seine Räucherkammer, die jetzt unter einem Stapel Holz ächzte, Schweineschultern, Seiten von Speck und lange Reihen von saftigen, zuckergepökelten Schinken barg; als der Keller Bataillone von verstaubten Flaschen beherbergte, die auf den tief hängenden Regalen strammstanden. Es war ein Haus, reif an Erfahrung und sanft an Erinnerungen, ein weises, altes, kultiviertes Haus, das seine Glanzzeit gehabt und sie genossen hatte und sich nun, frei von Ambitionen und frei von Streben, in ein friedliches Alter zurückgezogen hatte.
An diesem speziellen Sonntagnachmittag saß Colonel Bob Carsey, der dritte seines Namens, in einem verwitterten Mahagoni-Schaukelstuhl auf der Veranda und bereitete sich einen Minzjulep zu. Er war ein stämmiger, älterer Herr und, genau wie der Schaukelstuhl, verwittert und von leicht mahagonifarbenem Ton. Seine Gesichtszüge, die den Kampf gegen das vordringende Fleisch längst aufgegeben hatten, waren nun nur noch leichte Vertiefungen und sanfte Erhebungen, mit Ausnahme der Augen, die immer noch trotzig hervorblitzten wie funkelnde Lichter am Ende eines Tunnels. Über seinen Füßen, die Nase auf den Pfoten, lag ein Hund, und um ihn herum war eine Fülle von Angelutensilien verstreut.
Der Colonel zerdrückte sorgfältig die Minze zwischen seinen stummeligen Fingern und rührte sie mit dem Zucker am Boden seines hohen Glases um; dann, als er den Trunk auf der breiten Armlehne des Schaukelstuhls abgestellt hatte und ohne den Kopf zu drehen, erhob er seine Stimme zu einem stentorhaften Befehl:
„Jimpson!“
Keine Antwort. Er drehte den Kopf leicht nach links, in die allgemeine Richtung der Negerhütten, deren Dächer durch die Bäume zu sehen waren, und schickte einen weiteren Ruf durch das Gebüsch:
„Jimpson!“
Wieder wartete er, und wieder gab es keine Antwort. Der Colonel seufzte resigniert, breitete ein großes, gesäumtes Taschentuch über seine ausgelöschten Gesichtszüge, verschränkte seine dicken Hände mit einiger Schwierigkeit um seinen wohlgenährten Leib und schlief. Als er erwachte, begann er genau dort, wo er aufgehört hatte, nur diesmal den Kopf leicht nach rechts drehend und seinen Befehl in Richtung des Küchenflügels sendend.
Eine Tür schlug irgendwo in der Ferne zu, und bald war ein Schlurfen von Füßen im Flur zu hören, und ein kleiner, aufgeweckter alter Neger präsentierte sich seinem Herrn mit einer Miene fröhlicher Versöhnlichkeit.
Der Colonel drehte den Kopf nicht; er starrte mit einer Miene großen Gekränktseins auf die Wipfel der Robinien und umklammerte seinen Becher, während dieser auf der Armlehne des Schaukelstuhls ruhte.
„Jimpson“, begann er, nachdem der Missetäter sein Schweigen einige Minuten lang erduldet hatte.
„Nun, Cunnel“, begann Jimpson nervös. Er hatte diese Szene offensichtlich schon früher geprobt.
„Beantworte einfach meine Fragen“, beharrte der Colonel. „Ist das mein Haus?“
„Yas, sir, aber Carline, sie--“
„Und bist du mein Neger?“, beharrte der Colonel klagend.
„Yas, sir; aber sehen Sie, Carline--“
„Und habe ich nicht“, beharrte der Colonel, „zwanzig Jahre lang an Sonntagnachmittagen um halb drei einen Minzjulep getrunken?“
„Yas, sir, ich kam ja--“
„Dann betrachtest du es also nicht als eine unvernünftige Bitte, dass ein Herr seinen eigenen Neger in seinem eigenen Haus bittet, ihm ein kleines Stück Eis zu bringen?“ Der Sinn des Colonels für Kränkung wurde so überwältigend, dass der Missetäter vor Reue hätte zerquetscht werden können, hätte sie nicht ein Lachen beide dazu gebracht, aufzublicken.
Im Türrahmen stand ein junges Mädchen in einer kurzen Reitkleidung und einem kleinen Hut aus rotem Filz, der achtlos an ihrem hellen, verwuschelten Haar befestigt war. Ihre Augen waren dunkel und rund wie die eines Kindes, und sie tanzten von Objekt zu Objekt, als wollten sie nichts von den guten Dingen versäumen, die die Welt zu bieten hatte. Lebensfreude und strahlende Jugend schienen aus ihrem Gesicht und ihrer Gestalt zu blitzen.
„Was ist los, Squire Daddy?“, fragte sie und hielt auf der Schwelle inne. „Wieder wütend?“ Der Kopf des Colonels zuckte in ihre Richtung, aber er hielt ihn steif.
„Nun, bitte bring Uncle Jimpson nicht um, bis er meine Handschuhe gefunden hat. Ich weiß nicht, wo ich sie ausgezogen habe.“
„Yas 'm, Miss Lady“, Jimpson begrüßte die Ablenkung. „Ich finde sie, sobald ich Ihrem Vater sein Eis geholt habe.“
„Oh, Daddy wird warten, nicht wahr, Dad? Ich habe es eilig.“
Einen Moment lang musterten Jimpson und der Colonel einander, dann wich der Blick des Colonels aus.
„Ich hole das Eis für Sie auf dem Rückweg“, flüsterte Jimpson beruhigend. „Ich schätze, das Kind hat es eilig.“
Die junge Dame in Frage machte keinerlei Anstalten zur Eile, als sie sich auf die Armlehne des Stuhls ihres Vaters setzte und ihm ein Schnürsenkelende zum Binden hinhielt.
„Gehst du angeln, Dad?“, fragte sie.
„Ja“, sagte der Colonel und kämpfte damit, eine Schleife mit zwei Schlaufen zu binden. „Noah Wicker und ich gehen unter den Mühlenstaudamm. Willst du mitkommen?“
„Ich kann nicht. Ich gehe reiten.“
„Das ist gut. Mit wem?“
„Mit Don Morley.“
Das Lächeln, das während dieses Gesprächs auf das Gesicht des Colonels zurückgekehrt war, verzog sich plötzlich, sodass sein Mund ein runder kleiner Knopf der Missbilligung wurde.
„Was zum Teufel macht er überhaupt hier oben; warum geht er nicht zurück in die Stadt, wo er hingehört?“
„Don?“, Miss Lady täuschte vor, einen Scheitel in die wenigen verstreuten Haare zu ziehen, die seine Stirn zierten. „Warum, er wohnt bei den Wickers, während er sich nach einer Farm umsieht. Hier ist ein graues Haar, Daddy! Ich würde es herausziehen, nur sind da jetzt zwei mehr auf der anderen Seite als auf dieser.“
„Er kauft eine Farm, nicht wahr?“, der Colonel nahm einen tieferen Mahagoniton an. „Nun, dieses Anwesen steht nicht zum Verkauf. Ich sollte meinen, er könnte etwas Besseres mit seiner Zeit anfangen, als hier herumzuhängen. Seit zwei Wochen konnte ich nicht fünf Minuten auf dieser Veranda sitzen, ohne dass er mir unter den Füßen herumstand! Was soll der Sinn davon sein, dass er so oft kommt?“
Miss Lady packte ihn bei den Ohren und drehte sein zorniges Gesicht zu ihrem eigenen.
„Er kommt, um mich zu sehen!“, verkündete sie und unterstrich jedes Wort mit einem Nicken. „Er mag Pferde und Hunde und mich, und ich mag Pferde und Hunde und ihn. Aber ich mag dich auch, Daddy.“
Der Colonel weigerte sich, sich von solchen Schmeicheleien einlullen zu lassen.
„Ich werde mit ihm sprechen, wenn er kommt. Er muss nicht denken, nur weil er ein Stadtmensch ist, könne er eine Tochter von mir an einem Sonntagnachmittag durch das ganze Land jagen!“
„Warum, Dad, das ist absurd! Nimmst du mich nicht selbst fast jeden Sonntag mit? Und gehe ich nicht mit Noah und den Brooks-Jungs, wann immer ich will?“
„Nun, heute kannst du nicht gehen.“
„Aber das ist Donalds letzter Tag. Er geht heute Abend zurück in die Stadt, und er geht vielleicht nächste Woche ins Ausland, um dort ewig und drei Tage zu bleiben.“
Der Colonel schlug mit der Faust auf seine Knie: „Es ist mir egal, wo er hingeht. Es geht um dich, von der wir sprechen. Du musst mir versprechen, heute Nachmittag nicht mit ihm zu gehen.“
„Aber warum?“
„Weil“, argumentierte der Colonel schwach, „weil Sonntag ist.“
Miss Lady saß einen Moment da und blickte geradeaus, und ihre Lippen zogen sich zusammen, was für eine komische Nachahmung der ihres Vaters hätte durchgehen können, wäre es nicht in ein Lächeln übergegangen.
„Angenommen, ich verspreche es nicht?“, sagte sie.
Die freie Hand des Colonels umklammerte die Armlehne des Stuhls, und er sah aus, als hätte er jede Absicht der Welt, fest zu bleiben.
„Weißt du, wenn es falsch für mich ist, am Sonntag reiten zu gehen“, fuhr Miss Lady fort, „dann ist es falsch für dich, angeln zu gehen. Sollen wir uns beide bessern und zu Hause bleiben?“
Die Augen des Colonels flogen unwillkürlich zu seinem geschätzten Angelgerät, das auf der obersten Stufe bereit lag, dann schnellten sie zurück zu einem Robinienwipfel.
Miss Lady drückte seinen Arm und lachte: „Natürlich willst du an diesem herrlichen Nachmittag nicht zu Hause bleiben, und ich auch nicht! Nun, das ist geklärt. Da kommt Noah; ich gehe und bereite dein Mittagessen vor.“
Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass die Tochter des Hauses Carsey in einem Wettstreit mit ihrem Vater gepunktet hatte. Seine Unterwerfung hatte an jenem Morgen vor nun fast zwanzig Jahren begonnen, als sie ihm in die Arme gelegt worden war, ein mutterloses Bündel Hilflosigkeit ohne auch nur einen eigenen Namen, mit dem sie ihr Leben beginnen konnte.
Diese Frage nach einem Namen hatte ihn vor ein Rätsel gestellt. Er hatte alle Nachbarn konsultiert, alle Möglichkeiten im hinteren Teil des Wörterbuchs in Betracht gezogen und sogar auf die Grabsteine auf dem alten Friedhof zurückgegriffen, aber die nagende Angst, dass sie in den kommenden Tagen seine Wahl vielleicht nicht mögen könnte, hielt ihn von einer endgültigen Entscheidung ab. In der Zwischenzeit war sie „Die kleine Lady“, dann „Lady“ und schließlich durch die Neger „Miss Lady“. Also machte der Colonel in dieser Angelegenheit schwach einen Kompromiss, indem er beschloss zu warten, bis sie alt genug war, sich selbst zu benennen. Als diese Zeit kam, weigerte sie sich hartnäckig, ihren Spitznamen gegen einen richtigen einzutauschen. Ein halbherziger Versuch wurde unternommen, sie auf „Elizabeth“ zu trimmen, aber sie lehnte es rundweg ab, auf diese Bezeichnung zu reagieren.
Sie und Noah Wicker, der Sohn eines benachbarten Farmers, waren auf dem großen Anwesen wild aufgewachsen, und es war Miss Lady, die ausnahmslos als Erste die Spitze des Pfirsichbaums erreichte oder es wagte, am weitesten in den Strom zu waten. Den ganzen Sommer über rannten ihre kleinen nackten Beine neben Noahs kräftigeren braunen her. Sie konnte eine Angelrute genauso gut handhaben wie ihr Vater, konnte reiten, fahren und schießen und stand mit jedem Nachbarn, der über die Kuppe von Billy-goat Hill kam, auf vertrautem Fuß.
Die Frage der Bildung war der erste ernsthafte Bruch in dieser idyllischen Existenz gewesen. Nachdem sie durch die Landschule getobt war, hatte sie mehrere junge und hübsche Gouvernanten gehabt, die alle den Reizen der benachbarten Landburschen erlegen waren und ihren jungen Schützling verlassen hatten, um eigene Haushalte zu gründen. Dann kam weiser Rat von außen, und nach vielen Tränen wurde sie in ein Internat in der Stadt geschickt.
Die älteren Lehrerinnen an Miss Gibbs’ Select School for Young Ladies erinnern sich noch immer an ihre Prüfungen während des einen Jahres, in dem Miss Lady eingeschrieben war. Sie war hübsch, ja, und klug, und liebenswert, oh, ja! Und an dieser Stelle folgten gewöhnlich eine Reihe von Geschichten über ihre Großzügigkeit und impulsive Güte; „aber“, lautete das Fazit immer, „so eine seltsame, wilde kleine Kreatur, so intolerant gegenüber Konventionen, in der Kleidung, in der Bildung, in der Religion. Ganz unmöglich in einem Seminar für junge Damen.“
Nach einer Amtszeit der Gefangenschaft entfloh Miss Lady wieder der Außenwelt und flehte ihren ergebenen „Dad“ an, sie in Unwissenheit aufwachsen zu lassen, wobei sie leidenschaftlich protestierte, dass sie keine Bauschungen auf dem Kopf, keine Absätze an den Schuhen und kein Fischbein um die Taille wolle. Dass es ihr egal sei, ob X plus Y gleich Z sei oder nicht, und dass der sonntägliche Kirchgang und das Dutzendmalige Sagen der gleichen Dinge alle Ideen von Religion aus ihrem Kopf vertriebe. Sie wolle zu Hause lernen, erklärte sie, alles, was er vorschlug, wenn sie es nur auf ihre eigene Weise im Freien tun könne.
Also hatte der schwer verwirrte Colonel ihr die notwendigen Lehrbücher besorgt, und sie hatte sich in ihre originelle Methode der Selbstbildung gestürzt. Ihre mathematischen Kämpfe focht sie meist am Fluss aus, indem sie einen Stock für ihre Berechnungen im Sand benutzte; Geschichte lernte sie in der Gabelung einer alten Ulme, wobei sie die dramatischsten Episoden laut zur Erbauung der Spatzen vortrug.
In den langen Wintermonaten war ihr Lieblingsaufenthaltsort ein kleiner, ungenutzter Raum über dem vorderen Flur, der traditionell als Bibliothek bekannt war. Die einzige mögliche Entschuldigung für den Namen war sein einziges Möbelstück, ein ramponierter Sekretär, der eine kleine Sammlung muffiger Bände enthielt, die dem Geschmack irgendeines längst verstorbenen Carsey zur Ehre gereichten.
Miss Lady hatte die Bibliothek in ihren Papierpuppentagen entdeckt und hatte rücksichtslos kleine Damen mit Häubchen und Rüschenröcken aus Zeitschriften ausgeschnitten, die bis zum ersten Jahr der Veröffentlichung zurückreichten. Später hatte sie entdeckt, dass einige der Damen Witze auf ihren Rückseiten hatten, oder vielmehr Teile von Witzen, deren Rest sie in den alten Zeitschriften zusammenjagte. Es war ein leichter Schritt von den Zeitschriften zu den Büchern, und mit der Zeit kannte sie sie alle, von dem kleinen, abgegriffenen Exemplar von Horaz in der oberen linken Ecke bis zum dicken Don Quijote in der unteren rechten.
In diesem vernachlässigten kleinen Zimmer, mit seinen Spinnwebenfestons, seinem muffigen Geruch und seinem Gefühl für alte, vergessene Dinge und Menschen, verkroch sie sich mit einer Tasche voller Äpfel, um stundenlang zu lernen und zu lesen.
Der Colonel hatte seinen Teil getan, und sie war entschlossen, ihren zu tun; drei Jahre lang blieb sie beharrlich dabei, verschlang die Dinge, die sie verstehen konnte, und übersprang fröhlich die, die sie nicht konnte, während sie gleichzeitig ein großes Maß an Vergnügen aus jedem vorbeiziehenden Tag extrahierte. Denn das, was Miss Lady vom Rest ihrer Artgenossen unterschied, war, dass sie gewöhnlich froh war. Sie mochte es, morgens aufzustehen und abends ins Bett zu gehen, eine Eigenart, die an sich groß genug war, um sie zu individualisieren. Sie begrüßte jede neue Erfahrung mit Begeisterung und schaffte es, das größtmögliche Maß an Glück aus dem kleinsten und unbedeutendsten Anlass zu gewinnen.
Als sie singend durch den Flur ging, versuchte der Colonel, über seiner Brille zu stirnrunzeln, aber er war nur teilweise erfolgreich. Sie war ein zu befriedigender Anblick mit ihrem glänzenden Haar und ihren Augen und ihrer geschmeidigen, biegsamen Figur, deren jede Bewegung von jener schnellen, unbewussten Freiheit des Körpers zeugte, die Kindern und jenen von den Göttern Begünstigten eigen ist, die niemals altern.
Der große, unbeholfene junge Mann, der inzwischen auf der Veranda angekommen war, folgte dem Blick des Colonels und setzte sich dann, ohne ein Wort zu sagen, auf die Stufen und verschränkte seine Hände um seine Knie. Noah Wickers Unbeholfenheit, so offensichtlich sie für andere auch war, war für ihn offensichtlich eine Angelegenheit von geringer Bedeutung. Er hatte anscheinend die Begleitung von unbändigen Armen und Beinen ohne Frage und ohne Verlegenheit akzeptiert. Sein stummeliges blondes Haar stand gerade von einer hohen, breiten Stirn ab und wuchs in quadratischen Flecken vor seinen Ohren. Seine Augen, klein und stetig, musterten die Welt mit tiefem Gleichmut.
Als Miss Lady verschwand, wandte sich der Colonel plötzlich an ihn:
„Was ist mit diesem reichen jungen Kerl bei dir zu Hause? Wer ist er überhaupt?“
„Morley?“, Noah schlug überlegt die Beine übereinander. „Warum, er ist ein Schwager von Mr. Sequin.“
„Nicht Basil Sequin, der Präsident der People's Bank! Das sagst du nicht!“ Der Colonel hielt einen Moment inne, um diese Tatsache zu verdauen, dann fuhr er fort: „Höllisch auf Farmwirtschaft aus, wie ich höre; will, dass dein Vater sich nach einem Ort umsieht.“
Da dies nicht in Form einer Frage gestellt war, sparte Noah seine Energien.
„Bringt keinen Pfifferling ein, das wette ich“, fuhr der Colonel fort, mit einem wachsamen Auge auf Noah wegen eines Dementis oder einer Bestätigung, aber Noah war unverbindlich. „Wenn ein Kerl dreiundzwanzig Jahre alt wird und nichts Besseres zu tun weiß, als im Land herumzurennen, sein Geld auszugeben und mit den Mädchen zu spielen, dann ist da irgendwo eine Schraube locker. Was weiß er von Viehzucht?“
„Sagt, er hat sich belesen.“
„Papperlapapp!“, brüllte der Colonel. „Man kann Landwirtschaft nicht aus einem Buch lernen! Was weiß er von Pferden?“
„Oh! Er versteht was von Pferden, keine Sorge“, Noah grinste zweideutig. „Du und ich könnten ihm nichts über Pferde beibringen.“
„Kann er schießen?“
„Trifft nicht mal ein Scheunentor.“
Der Colonel stieß einen tiefen Seufzer aus, leerte die letzten Tropfen aus seinem Becher und lehnte sich dann vertraulich vor:
„Noah Wicker, magst du diesen jungen Kerl?“
„Ihn mögen?“, Noah blickte überrascht auf. „Warum, jeder mag Don Morley.“
„Ich nicht“, sagte der Colonel grimmig. „Da kommt er jetzt. Ich wünschte, du würdest dir das ansehen!“
Ein überstürzter junger Mann in vorbildlicher Reitkleidung, rittlings auf einem kurzschwänzigen Fuchs, nahm waghalsig einen Zaun, wo kein Tor war, und kam im Galopp über das Lieblingsstück Weidegras des Colonels.
„Schrecklich leid, dass ich abgekürzt habe, Colonel!“, rief er in einem Tonfall, der wenig Reue verriet. „Habe wie üblich die Orientierung verloren und mich im Schilf verirrt. Hoffe, ich habe Miss Lady nicht warten lassen?“
Der Colonel erhob sich und streckte eine Hand zur Begrüßung aus. Ein wahrer Kentuckier mag einen Mord begehen und immer noch ein Gentleman sein, aber Gastfreundschaft zu verletzen heißt, selbst seine eigene Selbstachtung zu verwirken.
„Meine Tochter, Mr. Morley, wird gleich herauskommen“, verkündete er mit großer Förmlichkeit.
„Und wie geht es dir, Mike?“, fuhr der junge Morley fort und bückte sich, um den Hund zu täubeln; „wollte dich nicht übersehen, alter Junge, auf mein Wort, wollte ich nicht.“
Der Hund, ein zotteliges Tier mit kleinen, klagenden Augen, die aus einem Kranz aus drahtigem Haar hervorlugten, drückte seine Wertschätzung für diese Aufmerksamkeit mit aller Emotion aus, die ein Stummelschwanz zuließ.
„Es ist ein großartiger Tag!“, fuhr der Besucher begeistert fort, wischte sich die Handgelenke und die Stirn ab und warf sein Haar zurück. „Wenn ich nicht heute Abend in die Stadt müsste, würde ich Sie bitten, mich zum Angeln mitzunehmen, Colonel. Hallo! Was ist das für eine Rolle?“
Nun, der Gegenstand, der die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war eine Erfindung des Colonels, etwas, an dem er lange gearbeitet hatte, also konnte er nicht widerstehen, seine einzigartigen Qualitäten zu erklären.
„Nun, ich will verdammt sein!“, sagte Morley und drehte sie bewundernd hin und her. „Wenn das nicht das Cleverste ist, was ich je gesehen habe. Diese kleine Schraube reguliert den Spielraum, nicht wahr? Kommt dein juristischer Verstand darauf, Wick?“
„Es war ein hartes Stück Arbeit, das passend zu machen“, sagte der Colonel, geschmeichelt trotz seiner selbst. „Ich habe den besten Teil einer Woche gebraucht, um diesen einen Punkt zu durchschauen.“
„Eine Woche!“, rief Morley. „Ich hätte Monate gebraucht! Oh! Da ist sie!“ und bei dem sehr leidenschaftlichen Blick, der in sein Gesicht sprang, und der Schnelligkeit, mit der er aufsprang, hätte man bezweifeln können, ob sein Verstand ganz bei der Sache war, die diskutiert wurde.
Miss Lady begrüßte ihn mit fast jungenhafter Offenheit, aber unter der glatten Bräune ihrer Wange war eine unverkennbare Röte, die dem wachsamen Auge des Colonels nicht entging.
„Hier bist du, Dad! Hier bist du, Noah!“, sagte sie und warf jedem ein kleines Päckchen zu; „Sandwiches und hartgekochte Eier für zwei.“
„Das Salz für die Eier eingepackt?“, fragte der Colonel, der Erfahrungen mit ihren Lunchpaketen hatte.
„Ich glaube schon. Öffne deins und schau nach, Noah. Sag, Daddy Liebling!“, sie stürzte von hinten auf ihn herab und legte ihm einen Arm um den Hals, während er auf der Veranda kniete, um seine Haken und Schnüre zusammenzusuchen, „du wirst mich doch Prince reiten lassen, nur dieses eine Mal, nicht wahr?“
Der Colonel schnappte nach Luft, teils vor Erwürgen, teils vor Staunen.
„Prince!“, rief er. „Nun, ich glaube wohl nicht! Dieser Hengst ist kaum eingeritten. Er hat letzte Woche Jimpson abgeworfen.“
„Nun, ich bin nicht Jimpson. Bitte, Daddy, nur dieses eine Mal.“
„Wenn das das kleine Biest ist, von dem Wick mir erzählt hat“, sagte Morley, „dann werden wir dir sicherlich nicht erlauben, dich auf ihn zu setzen.“
Der Colonel lehnte sich auf seine Knie zurück, wo er auf der Veranda kniete, und starrte Morley finster an.
„Wen meinst du mit wir?“
„Die konservative Partei, der ich diesmal angehöre. Nach allem, was ich von diesem Hengst höre, könnte kein Mädchen ihn bändigen.“
„Da irren Sie sich gewaltig, mein Herr! Ich habe meine Tochter gelehrt, ein Pferd zu reiten, bevor sie laufen konnte. Ihn bändigen? Natürlich kann sie ihn bändigen! Jimpson!“, brüllte er abschließend, „leg den Damensattel auf Prince!“
KAPITEL II
Die Cane Run Road lag gerade vor ihnen, mal weiß unter dem vollen Licht der Sonne, mal gefleckt von winzigen tanzenden Schatten der ineinander verschlungenen Zweige über ihnen, die gerade ihr grünes Gewand angelegt hatten. Weiße und violette Veilchen lugten aus den Zaunecken hervor, und über ihnen waren die Vögel geschäftig in den Zweigen.
Zwei junge Menschen, errötet und lächelnd, zogen die Zügel an und sahen einander an. In den Augen eines jeden lag eine Herausforderung.
„Ich wette mit dir um ein Rennen bis zur Mühle!“, rief Miss Lady und zupfte an ihrem Zügel. „Starte nicht, bis ich das Zeichen gebe. Also, los!“
Durch die lächelnden, sonnendurchfluteten Felder stürmten sie davon, zu ungestüm und jung und herrlich frei, um einen Gedanken an jenes unerbittliche Rad des Lebens zu verschwenden, an dem früher oder später auch die Sorglosesten sich die Flügel brechen müssen. Immer weiter ritten sie, Hals an Hals, der Galopp ging in ein Rennen über. Hinunter am Schmied vorbei, vorbei an der alten Mühle, die das Ziel hätte sein sollen, durch die lange überdachte Brücke, über den Hügel und wieder hinaus auf die ebene Straße, wo sie immer noch Kopf an Kopf ritten.
Und dicht hinter ihnen, mit erhobenem Haupt und fliegender Mähne, kam ein anderes Ross, frei, unverantwortlich, zügellos, unsichtbar. Es war die Romantik, die in ihrem Kielwasser stampfte; die Romantik, deren Hufschläge ihre Pulse im Gleichklang tanzen ließen, deren Hauch auf ihren Wangen sie vor Freude im Angesicht des Windes lachen ließ.
Sie waren nun fast in der Stadt und hatten jenen schlampigen Vorort erreicht, der der einst aristokratischen Nachbarschaft seinen plebejischen Namen gegeben hatte. Staubwolken wirbelten hinter ihnen auf, und Steine flogen unter den Hufen der Pferde nach links und rechts; Männer in Fuhrwerken lenkten ihre Gespanne an den Straßenrand, um das verrückte Paar vorbeizulassen; Hunde schossen aus dunklen Hauseingängen hervor und bellten wütend.
Plötzlich, gerade als sie sich der Eisenbahnkreuzung näherten, ließ der schrille Pfiff einer Lokomotive Prince in die Luft springen. Donald erhob sich in seinen Steigbügeln und machte einen verzweifelten Griff nach dem Kopf des Pferdes, doch noch während er ihn verfehlte, hörte er das klirrende Signal für einen herannahenden Zug und sah die Schranken direkt vor ihnen heruntergehen. Augenblicklich warf er sich aus dem Sattel und sprang nach Prince’ Kopf. Das Pferd, fast direkt unter der Nase der Lokomotive, bäumte sich wild auf, wich aus und kam dann zitternd zum Stehen, als Miss Lady geschickt ihren Rock aus dem Sattelknopf löste und sich zu Boden schwang.
In einer Sekunde war Don an ihrer Seite.
„Bist du verletzt?“, rief er, ergriff ihren Arm mit seiner freien Hand und sah sie besorgt an.
„Kein bisschen. Wer hat gewonnen?“, fragte sie mit einem kleinen Zittern in der Stimme.
„Gott! Du warst mutig! Wenn dir etwas passiert wäre!“, seine Hand festigte sich an ihrem Handgelenk, und er holte scharf Luft.
Der Nachmittagsgüterzug polterte vorbei, und sie standen dicht beieinander mit dem heißen Hauch der Lokomotive in ihren Gesichtern. Ihr Haar wehte über sein Gesicht, und er konnte ihren Körper gegen seine Schulter zittern fühlen. Keiner von beiden schien sich der Tatsache bewusst zu sein, dass er immer noch ihre Hand hielt und die Pferde an ihren jeweiligen Zügeln zerrten.
Als der Zug donnernd vorbeifuhr und die Schranken hochgingen, drehte sich Miss Lady hastig um und begann, ihr gelöstes Haar hochzustecken.
„Ziemlich knappe Sache, Miss“, bemerkte ein rothaariger Mann mit einer Flagge, der über die Gleise eilte und sich zu einer alten Apfelverkäuferin und zwei kleinen Jungen gesellte, die ein interessiertes Publikum bildeten.
„Ich hab euch kommen sehen und hätte euch durchgelassen, nur vertrete ich hier jemanden und war nicht darauf aus, irgendein zusätzliches Risiko einzugehen.“
„Hier, Junge!“, rief Donald, „halt mein Pferd. Der Sattelgurt ist gerissen; ich muss ein neues Loch in den Riemen machen.“
Da das Wort „Junge“ ein allgemeiner Begriff war, wurde es prompt von jedem der Jungen auf sich selbst bezogen, und es entstand ein erbittertes Gerangel, aus dem der Größere als Sieger hervorging.
„Skeeter ist dran“, verkündete der Flaggenmann, ein selbsternannter Schiedsrichter. „Geh aus dem Weg da, Chick, und gib dem Herrn eine Chance zu sehen, was er da tut.“
Chick, ein großköpfiger, kleinkörperiger Kobold von einem Jungen, stieß ein unverständliches, gutturales Geräusch im Hals aus und blieb, wo er war, da er es offensichtlich für äußerst wichtig hielt, zu sehen, was der Herr tat.
Es war mit einiger Mühe verbunden, das neue Loch in den Riemen zu machen, und um die Schnalle fester zu befestigen, gab Don ihr einige scharfe Schläge mit dem Griff seiner Reitgerte. Beim letzten Schlag flog der silberne Knauf vom Griff und rollte an den Straßenrand.
Im Nu waren die kleinen Jungen hinterher, wobei der Ältere seinen Posten ohne Gewissensbisse verlassen hatte, als es um Beute ging. Sie rangen im Staub der Straße, lange bevor sie den Preis erreichten, und rollten mit ineinander verschlungenen Armen und Beinen darauf zu.
Chick lag unten, als sie ankamen, aber er lockerte seinen Griff an Skeeters Kehle und streckte eine kleine, schmutzige Hand aus, die sich um den Schatz schloss. Im Nu packte Skeeter die geballte Faust und versuchte sie aufzuzwingen, als ein Dritter in den Streit eingriff.
„Der Kleine hat es!“, rief Miss Lady empört; „er hat es zuerst bekommen! Gib es ihm sofort!“
„Ich werde verdammt sein, wenn ich das tue!“, schrie Skeeter, der durch den Kampf in Wut versetzt worden war.
„Ich werde verdammt sein, wenn du es nicht tust“, sagte Miss Lady, ebenso entschlossen.
Das Scharmützel war heftig, aber kurz, und als Don zu ihnen kam, hatte Miss Lady die Beute an den rechtmäßigen Sieger zurückgegeben und half dem besiegten Feind, den Staub von seinen Augen zu wischen.
„Nun, Partner“, sagte Donald zu Chick, „was hast du der jungen Dame zu sagen, weil sie für dich Partei ergriffen hat?“
„Er hat nichts zu sagen“, sagte Skeeter flink. „Er ist stumm. Niemand außer mir kann ihn nicht verstehen. Er sagt Danke, gnädige Frau.“
Da Chick keinen Laut von sich gegeben hatte, war es offensichtlich, dass Skeeter sich auf Telepathie verließ.
„Er ist ein Aschetonnen-Baby“, fuhr Skeeter fort, begierig darauf, Informationen preiszugeben; „er hat keine richtigen Leute, und er war schon zweimal vor dem Jugendgericht; einmal wegen Mitfahrens auf Güterzügen und einmal, weil ich und er Fenster eingeschlagen haben.“
Alle Augen richteten sich auf den Helden, der sich sofort in seinen Peitschengriff vertiefte. Er war klein und überaus dünn und überaus schmutzig. Das Auffälligste an ihm waren seine großen, sehnsüchtigen Augen und sein breites Lächeln, das zeigte, wo seine Zähne wachsen würden. Über seiner schmalen Brust wurde ein zerschlissener, ärmelloser Mantel von einem einzigen Knopf zusammengehalten, während ein Paar nackte, spindeldürre Beine in einem hohen schwarzen Schuh und einem tief ausgeschnittenen gelben endeten, die beide an den Fersen gut belüftet waren.
„Ich glaube nicht, dass er sehr böse ist“, lächelte Miss Lady, nahm sein Kinn in ihre Hand und drehte sein Gesicht zu ihrem. „Bist du, Chick?“
Er machte ein seltsames gutturales Geräusch in seiner Kehle, aber da sein offizieller Dolmetscher zu diesem Zeitpunkt mit den Pferden beschäftigt war, konnte er sich nicht verständlich machen.
„Es muss schrecklich für einen Jungen sein, keine Fragen stellen zu können!“, fuhr sie fort, sah auf ihn hinab, und als sie etwas in seinem Gesicht sah, das andere Leute übersahen, zog sie ihn plötzlich an sich und gab ihm einen kleinen mütterlichen Druck.
Der Ritt nach Hause war etwas gemächlich, denn der Unfall, so gering er auch war, hatte die Reiter ernüchtert, und außerdem gab es ein Thema zur Diskussion, das auf der einen Seite nach einigem ernsthaften Einwand und auf der anderen Seite nach viel quälender Ausweichung verlangte.
„Es hängt alles von dir ab“, sagte Donald, während sie den letzten Hügel hinaufstiegen. „Cropsie Decker bricht morgen zur Küste auf, aber der Dampfer läuft erst in zehn Tagen aus. Soll ich gehen oder bleiben?“
„Aber du warst vor zwei Wochen so verrückt danach, du konntest kaum erwarten, loszufahren.“
„In zwei Wochen kann viel passieren. Soll ich bleiben?“
„Was hält deine Familie davon?“
„Meine Familie? Oh, du meinst meine Schwester. Sie macht es sich nicht zur Gewohnheit, wegen meiner Angelegenheiten den Schlaf zu verlieren. Sie würde wahrscheinlich sagen: geh. Ich bin bei ihr im Moment ziemlich unbeliebt, weil ich diese Affäre zwischen meiner Nichte Margery und Fred Dillingham nicht gutheiße. Ich glaube, sie wäre eher erleichtert, mich aus dem Weg zu haben. Tatsächlich sagen alle, ich solle gehen, außer Doktor Queerington. Er ist ein Cousin von uns, war früher mein Englischprofessor an der Universität. Er hat schon immer die Illusion gehegt, dass ich schreiben kann. Er will, dass ich mich irgendwo auf dem Land niederlasse und ernsthaft damit anfange.“
„Du meinst doch nicht John Jay Queerington, den Autor?“, sagte Miss Lady eifrig. „Ist er wirklich dein Cousin? Daddy ist bei seinem Vater zur Schule gegangen und hat mir so viel von ihm erzählt, dass ich, ohne ihn gesehen zu haben, ein Buch über das Thema schreiben könnte.“
„Großartiger alter Kerl auf seine Weise, eine Autorität auf Gott weiß wie vielen Gebieten, und doch verdient er kaum genug Geld, um für seine Kinder zu sorgen.“
„Aber denk an die Bücher, die er der Welt schenkt! Er hat Daddy gesagt, er sei bei seinem dreizehnten Band!“
„Ja, er schwimmt die meiste Zeit in einem Meer aus Deklinationen, Konjugationen und Syntaxen, in Griechisch, Latein und Englisch.“
„Ich finde ihn großartig!“, rief Miss Lady und versuchte, Prince im Schritt zu halten. „Ich bewundere Menschen, die Großes leisten und etwas bedeuten.“
„Was alles wohl dazu gedacht ist, auf einen armen Teufel abzufärben, der nichts tut und nichts bedeutet?“
„Das habe ich nie gesagt.“
„Sieh mal“, sagte Donald wunderlich, „seit zwei Wochen bringst du mich dazu, Dinge nicht zu tun. Wenn ich an all die Dinge denke, die ich dir versprochen habe, spüre ich, wie meine Haare weiß werden. Nachdem du mich bei den ‚Nicht-Tun‘-Dingen aufpoliert hast, wirst du doch nicht etwa mit den ‚Tun‘-Dingen anfangen?“
„Das werde ich tatsächlich. Glaubt Doktor Queerington wirklich, dass du ein Schriftsteller sein könntest?“
„Er ist seit meiner Jugend hinter mir her. Ich kritzle immer an irgendetwas herum, aber das hat nichts zu bedeuten. Außerdem“, fügte er mit einem Lächeln hinzu, „werde ich Bauer.“
Miss Lady warf den Kopf zurück und lachte:
„Er will ein Bauer sein Und bei den Bauern stehen Die Saat auf seiner Stirn Und eine Harke in seiner Hand.“
„Oh! Don Morley, die eine Minute ist es der Orient, die nächste die Literatur und die nächste eine Farm; du weißt nicht, was du willst!“
„Doch, das weiß ich“, er ergriff ihren Zügel und brachte die Pferde eng zusammen. „Ich weiß genau, was ich will, und das weißt du auch. Habe ich es dir nicht zwei Wochen lang viermal am Tag gesagt?“
Sie blickte weg zum fernen Horizont, wo sich eine Bank bedrohlicher Wolken bildete:
„Oh, wir alle glauben, wir wollen Dinge an einem Tag und vergessen sie am nächsten wieder. Das Leben besteht aus Wünschen, die in einer Minute groß und lebenswichtig erscheinen und in der nächsten klein und absurd. Ich schätze, wir bekommen am Ende das, was das Beste für uns ist.“
„Das habe ich bisher nicht!“, sagte Don heftig. „Ich habe das bekommen, was das Schlechteste für mich war, und ich habe das Schlechteste daraus gemacht.“
Sie waren nun in den Weg eingebogen und ritten ihre Pferde im Schritt zum Stile, wo Jimpson auf sie wartete.
„Bring mein Pferd nicht unter“, wies Donald an. „Ich muss heute Abend zurück in die Stadt reiten. In diesen Wolken liegt Regen; ich sollte in dieser Minute aufbrechen.“
Aber seine Eile war offensichtlich nicht zwingend, denn er folgte Miss Lady durch die schmalen, gewundenen Pfade, zwischen einem Gewirr aus Sträuchern und Reben, in den altmodischen Blumengarten. Die Spiraea trieb gerade ihre langen, federartigen weißen Rispen aus, und die Flieder nickten weiß und violett im Wind.
„Hier ist die erste wilde Rose!“, rief Miss Lady und stürzte zu einer Ecke der alten Steinmauer; „die Vorstellung, dass sie es wagt, so früh herauszukommen!“
Er nahm die zarte kleine Blüte und lächelte sie halb fragend an: „Es ist komisch“, sagte er unbeholfen, „dass du mir diese gibst. Weißt du, sie erinnert mich an das, woran du mich erinnert hast, als ich dich das erste Mal sah – an eine wilde Rose. Nicht wahr, Mike?“
Mike, der den ganzen Nachmittag auf der Veranda geträumt hatte, war beim Vorbeigehen widerwillig aufgestanden und ihnen gefolgt. Er hatte einen langsamen, hinkenden Gang, und seine Zunge hing aus der Seite seines Mauls. Es war offensichtlich ein Opfer für ihn, sie zu begleiten, aber Pflicht war Pflicht.
„Du Engel von einem Hund! Komm her zu deiner Herrin!“, befahl Miss Lady, als sie und Donald sich in die alte Hängematte aus Fassdauben fallen ließen, die seit der Zeit, als der Colonel ein Junge war, unter dem Flieder hing.
Aber Mike trottete an ihr vorbei, und nachdem er sich mit großer Vertraulichkeit an Don geschmiegt hatte, legte er sich zu seinen Füßen nieder.
„Ich bin froh, dass mich jemand liebt“, sagte Donald.
„Es sind deine Reitstiefel, die Mike mag. Er hatte noch nie die Gelegenheit, gelbe Schuhcreme zu probieren!“
„Warum magst du mich?“
„Ich? Wer sagt denn, dass ich das tue?“
„Tust du es nicht?“
„Oh, doch, ich mag auch gelbe Stiefel. Warum hast du mir nicht gesagt, dass mein Haar schon wieder heruntergefallen ist?“
„Weil du so wunderschön bist, wenn es so ist, Miss Lady –“
„Nun, Don, wenn du wieder anfängst, werde ich geradewegs ins Haus gehen. Was meintest du damit, als du sagtest, du hättest das Schlechteste für dich bekommen und das Schlechteste daraus gemacht?“
„Oh, die Art, wie ich erzogen wurde. Du siehst, meine Schwester nahm mich, als ich ein Baby war, und ich schätze, ich war ein schreckliches Ärgernis für sie. Sie reiste gerne und behielt das noch eine ganze Weile bei, auch nachdem Margery geboren war. Ich wuchs in Hotels und auf Dampfern und Zügen auf und ging zur Schule, wo auch immer wir uns gerade lange genug aufhielten; manchmal in Frankreich, manchmal in der Schweiz, manchmal in Amerika. Ich erinnere mich an ein Weihnachtsfest, als ich etwa sechs war, da waren wir in einem Hotel in Paris. Mein Kindermädchen brachte mich früh ins Bett, damit sie mit ihrem Liebhaber ausgehen konnte, und erzählte mir, dass es keinen Weihnachtsmann gäbe, damit ich nicht wach bleiben würde, um auf ihn zu warten. Ich hasse diese Frau bis zum heutigen Tag! Ich kann mich an das große, einsame Zimmer erinnern, die roten Vorhänge, den Kristallleuchter und wie ich weinte, weil es keinen Weihnachtsmann gab und weil ich keinen Liebhaber hatte!“
„Armer kleiner Kerl! Es war eine Mutter, die du wolltest.“
„Vielleicht. Schwester war gut zu mir. Aber sie hat mich nicht verstanden; das hat sie nie. Sie hat mir immer von allem zu viel gegeben, Ratschläge inbegriffen.“
„Aber seit du erwachsen bist, hattest du viel Zeit, um – um – die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“
„Nun, das habe ich eine Zeit lang getan. Ich schaffte es, mich durch die Universität zu quetschen, dann ging ich in die Werkstätten und hatte fünf Monate lang eine tolle Zeit, aber das gab einen endlosen Krach! Schwester meinte, nach allem, was sie für mich getan hatte, sollte ich mich nicht gegen ihre Wünsche stellen, und ich glaube, sie hatte recht. Dann ging ich zur Bank und fing an, den Dreh rauszubekommen, als sie einen Nervenzusammenbruch hatte und für den Winter nach Ägypten geschickt wurde. Mein Schwager konnte sie nicht mitnehmen, also schickte er mich.“
„Aber du bist länger geblieben als sie.“
„Ja, ich habe eine Weile an der Riviera herumgetollt.“
„Und wie lange bist du schon zu Hause?“
„Drei Monate. Ehrlich gesagt, ich wollte mich sofort auf etwas stürzen, aber Cropsie Decker bekam dieses Angebot, für den Herald-Post in den Orient zu gehen, und fragte mich, ob ich mitkommen wolle. Ich war ganz scharf darauf, bis – bis ich hierher kam.“
Sie schwiegen beide eine Weile und beobachteten eine Spinne, die Dons Stiefelschnürsenkel erkundete.
„Es scheint jetzt alles so zwecklos. Was ich will, ist ein eigenes Haus, ein Zuhause, meine ich. Ich hatte nie viel von dieser Art von Dingen – ich bin mir nicht sicher, ob ich wusste, was ein Zuhause war, bis ich Thornwood sah.“
„Ist es nicht lieb?“, fragte Miss Lady mit einem liebevollen Blick über die Schulter auf das alte Haus, das sich gegen den Himmel abzeichnete. „Ich könnte jeden Ziegel davon küssen, so sehr liebe ich es.“
„Ich wünschte, ich müsste heute Abend nicht zurück in die Stadt!“, platzte Donald unzusammenhängend heraus. „Ich wünschte, ich müsste nie wieder zurück!“
„Warum?“
„Oh, aus vielen Gründen. Ich bin ein anderer Kerl hier auf dem Land, mit Dingen, die ich tun muss, und den richtigen Dingen, über die ich nachdenken muss, und – und du! Weißt du“, lächelte er, ohne aufzublicken, „ich tauge in der Stadt nicht viel.“
„Wie meinst du das?“, fragte Miss Lady mit entwaffnender Offenheit.
Donald zuckte mit seinen breiten Schultern: „Oh! Ich weiß nicht. Ich gerate in Dinge hinein, bevor ich es merke. Diese Reise in den Osten, nun; es klang großartig, als ich sagte, ich würde mitfahren, Cropsie ist ein regelrechter Vogel, der beste Kerl der Welt, um mit ihm auf so einen Streich zu gehen, aber –“
Miss Lady warf einen Blick auf das gutaussehende, junge, unverantwortliche Gesicht neben ihr.
„Geh nicht, Don!“, flüsterte sie impulsiv; „bleib hier und kauf deine Farm!“
„Du meinst es ernst!“, forderte er und ergriff ihre Hände. „Du willst, dass ich bleibe?“
Das Blut schoss in ihre Wangen, aber sie zog ihre Hände nicht zurück. In ihre eifrigen, leuchtenden Augen war die Erwiderung gesprungen, die den ganzen Nachmittag zurückgehalten worden war.
„Wenn ich bleibe“, drängte er hitzig, „wenn ich mich niederlasse und mich benehme und erfolgreich werde, wirst du mir versprechen –“
„Jimpson!“, donnerte eine bekannte Stimme von der Straße. „Dieser nichtsnutzige, faule Nigger, warum kommt er nicht und hilft mir mit diesen Dingen? Jimpson!“
„Ich werde es ihm sagen, Dad!“, rief Miss Lady und sprang aus der Hängematte.
„Aber warte!“, flehte Donald, „nur eine Minute. Ich muss diesen Sturm in die Stadt schlagen und Decker sagen, dass die Reise geplatzt ist. Aber ich bin morgen früh wieder da! Vielleicht zum Frühstück. Oh, meine Liebste, ich bin so glücklich! Sag, dass du mich liebst! Sag es!“
Der alte Mike rührte sich im Schlaf, dann öffnete er ein Auge. Es war offensichtlich Zeit für ihn, zu handeln. Wenn zwei junge Leute sehr nah beieinander stehen mit verschränkten Händen und liebevollen Augen im diffusen Duft eines alten Gartens, weiß selbst ein Hund als Anstandswauwau, dass es Zeit ist, einzugreifen! Mit großer Geistesgegenwart entdeckte er ein eingebildetes Eichhörnchen in der Hecke direkt neben ihnen und fing an, so wütend zu bellen, dass Miss Lady sich umsah und lachte. Für eine Sekunde stand sie da, den Kopf zurückgeworfen, ein neckischer, halb schüchterner, halb verwegener Blick auf ihrem Gesicht, dann gab sie einen schnellen Kuss auf die Hand, die ihre umschloss, und rannte ohne ein Wort mit hochrotem Kopf den mit Flieder gesäumten Pfad hinauf.
KAPITEL III
Donald Morley ritt durch den heraufziehenden Sturm zurück in die Stadt, in jenem besonderen Zustand der Ekstase, den Sterbliche nur einmal im Leben genießen dürfen. Nicht, dass das Verliebtsein eine neuartige Empfindung gewesen wäre; im Gegenteil, eine vielfältige Erfahrung hatte ihn mit allen Symptomen angenehm vertraut gemacht. Aber dies, versicherte er sich mit leidenschaftlichem Nachdruck, war etwas völlig und absolut Anderes. Zwischen dem Jetzt und jenem Morgen, an dem er untätig zu Wicker hinausgeritten war, um eine Farm zu suchen, lag ein Meer, so breit wie das Schicksal!
Dort auf dem Land war er unerwartet seinem Schicksal begegnet und hatte es mit seiner charakteristischen Ungestümheit verfolgt und eingeholt. Andere Mädchen mochten sein Herz bewegt haben, doch es blieb einer wilden, kleinen Heidin aus den Wäldern vorbehalten, seine Seele zu erschüttern. Er hatte ihr die geheimsten Winkel seines Wesens offenbart, seine Sünden gebeichtet und die Absolution empfangen. Von diesem Zeitpunkt an lagen die Frivolitäten der Jugend hinter ihm, und der Ehrgeiz thronte auf seiner Stirn. Er würde die Reise in den Orient sausen lassen, eine Farm kaufen und sich an die Arbeit machen, als hätte er keinen Pfennig auf der Welt. Sobald der Colonel erst einmal seinen Wert erkannte, würden sich die Pforten zum Paradies öffnen!
Er dachte an das Heim, das er für sie errichten würde, und die Blumen, die es umgeben sollten, an die Pferde und Hunde, die sie haben würden, und vielleicht – Die Erinnerung an ihr Gesicht, als sie Chick auf der Straße an sich drückte, blitzte in ihm auf, und er straffte plötzlich die Schultern und lächelte fast bebend. Ja, er würde ihrer würdig sein, von nun an sollte das Leben kein höheres Privileg bereithalten!
Es war nach sieben Uhr, als er die Junction erreichte, und im Westen waren dumpfes Donnergrollen zu vernehmen.
„Führt diese Straße bis zum Boulevard?“, fragte er einen Mann und deutete mit seiner knauf-losen Peitsche.
Die hagere Person, die angesprochen wurde, verlagerte ihr Gewicht weg von dem Telegrafenmast, der es gestützt hatte, und schlenderte vorwärts. Als er das tat, erkannte Donald den rothaarigen Schiedsrichter vom Nachmittag.
„Nein, mein Herr, Captain“, sagte er, „das tut sie nicht. Das hier ist die Bean Alley. Diese Stadtpolitiker haben ihre eigene Art, Straßen anzulegen; sie nehmen einen Stift, sehen Sie, und ziehen eine Linie entlang des Eigentums der Leute, die für Straßen bezahlen können. Der Rest von uns sitzt in Schlammpfützen.“ Der Mann fand offensichtlich einige Schwierigkeit darin, sich ohne den Beistand von Kraftausdrücken auszudrücken. Zwischen den Wörtern blieben Lücken, die er in Gedanken mit zusammengepressten Lippen und einem Hochziehen der struppigen Brauen füllte, was als wirksamer Ersatz diente. Sein Gespräch in gedruckter Form würde diesen grammatikalischen Übungen gleichen, mit denen man sich in der frühen Jugend herumschlug, in denen „ein ---- Hund ---- angriff einen ---- Jungen mit einem ---- Stock.“
Doch seine unterdrückte Beredsamkeit war bei seinem Zuhörer verloren, denn Donald war in ein Theaterplakat vertieft, das eine übernatürlich schlanke junge Dame darstellte, die auf einer Champagnerflasche balancierte und kokett durch die gespreizten Finger einer kleinen, schwarz behandschuhten Hand eine bewundernde Welt begutachtete. Es war „La Florine“, deren Reize ihm von Mr. Cropsie Decker unzählige Male geschildert worden waren.
An diesem Abend, so kündigte das Plakat an, würde „La Florine“ zum ersten Mal in einer amerikanischen Stadt ihren unvergleichlichen Tanz „Die Schlange vom Nil“ aufführen.
Don hatte auf seine Uhr geschaut und eine blitzschnelle Berechnung angestellt, wie viel Zeit er hätte, um einen Happen zu essen und das Gayety zu erreichen, bevor ihm einfiel, dass er ein geläuterter Charakter war. Dann wandte er seinen Blick streng von der Dame ab, die in der Dämmerung durch ihre Finger spähte, und lenkte ihn zurück auf die rothaarige Person, die ihr Gespräch mit ungebrochener Redseligkeit fortgesetzt hatte.
„... und sie sagt zu mir“, schloss er gerade, „'Mr. Flathers', sagt sie, 'es ist ein Privileg, solchen wie Ihnen zu helfen. Einem Mann, der unzählige Male im Rinnstein gelegen hat und die schrecklichen Qualen des Delirium tremens viermal ertragen hat und immer noch das Regen des Christentums in seiner Brust spüren kann.'“
Donald sah ihn an und lachte. Hier war offensichtlich ein Leidensgenosse.
„Sie haben sich also aufgerafft, was? Wie fühlt sich das an?“
Mr. Flathers warf einen verstohlenen Blick nach oben, als wolle er den stattlichen jungen Herrn zu Pferd taxieren.
„Mächtig deprimierend“, gestand er, „mit einem Durst, der sich über Wochen und Wochen angesammelt hat, und einer kranken Frau und einem adoptierten Kind, das seit sieben Jahren kein Wort mehr gesagt hat. Aber ich ruhe im Herrn. Er wird sorgen.“
„Oh, Sie werden schon durchkommen!“, sagte Don, der sich seinen Mitmenschen gegenüber ungewöhnlich milde gestimmt fühlte. „Hier ist ein Dollar, wenn Ihnen das ein wenig hilft.“
„Das wird es“, sagte Mr. Flathers beruhigend; „es wird es zweifellos. Ich habe viel, wofür ich dankbar sein kann, das weiß ich. Zum Beispiel war ich nie ein armer Verwandter! Das ist mehr, als viele Männer sagen können! Tatsache ist, es gibt nicht einen einzigen in meiner ganzen Verwandtschaft, der mehr hat als ich!“
Der Schauer, der sich angekündigt hatte, begann nun ernst zu werden, und Donald ritt in flottem Galopp in Richtung Stadt, doch bevor er zwei Häuserblocks hinter sich hatte, peitschte der Regen in Strömen über die Straße, und er war gezwungen abzusteigen und Schutz im Türrahmen eines freistehenden Gebäudes zu suchen, das am Ende der Allmende stand. Es war eine Doppeltür mit bunten Glaseinsätzen im oberen Teil, auf denen in fetten Lettern zu lesen war:
The CANT-PASS-IT SALOON.
In einem der Fenster informierte ein Schild die hungernden Bewohner des Billy-goat Hill darüber, dass ihr Durst erst nach zwölf Uhr am Sonntagabend gestillt werden dürfe.
Als Donald im Türrahmen stand, bog ein Automobil um die Ecke und hielt an; das Licht der Lampen schien auf die nasse Straße und tauchte alles außerhalb ihres Radius in plötzliche Dunkelheit.
Ein Mann stieg aus dem Wagen und rannte zum Unterstand. Er hustete und hielt seinen Kragen fest um den Hals geschlossen.
„Nun, hallo, Dillingham“, sagte Morley, als er ihn erkannte. „Wie bist du denn hierhergekommen?“
„Spritztour“, sagte Dillingham mit einem Kräuseln der Lippen. „Wollte abkürzen und bin gestrandet. Was machst du hier?“
„Ich war ein paar Wochen draußen auf dem Land. Bin in den Schauer geraten. Was ist los? Bist du krank?“
Dillingham lehnte gegen den Türpfosten und zitterte. Er war ein kleiner, fahl aussehender, zierlich wirkender junger Kerl mit selbsterklärenden Schwellungen unter seinen etwas hervorstehenden Augen.
„Bis auf die Knochen durchgefroren“, klapperte er. „Ich muss etwas zum Aufwärmen haben. Ist das ein Saloon?“
„Ja, aber er ist geschlossen. Macht erst um Mitternacht auf.“
Mr. Dillingham verfluchte in aller Ausführlichkeit eine Stadtverwaltung, die ein solches Vorgehen gutheißen würde, und ließ dann seinen Verstand arbeiten, um das Gesetz zu umgehen.
„Wessen Bude ist das überhaupt?“, fragte er und blickte nach oben. „Sheeleys? Na klar. Ich war schon hier draußen bei Preiskämpfen. Er wohnt irgendwo hier in der Nähe. Ugh! Aber mir ist kalt. Ich bin nächste Woche um diese Zeit eine Leiche, wenn ich diesen Schüttelfrost nicht stoppe. Lass uns ihn suchen und einen Drink nehmen.“
Donald zögerte, die Nachricht von seiner Läuterung jemandem zu überbringen, der bereits in geschwächtem Zustand war. Er versicherte sich selbst, dass er ablehnen würde, wenn die Zeit gekommen wäre. Unterdessen bot sich kein Grund, seinem Freund bei der Suche nach einem Lebensretter nicht behilflich zu sein.
„Sheeley wohnte früher in einer dieser Baracken da drüben. Es lässt ein wenig nach, wollen wir rübergehen?“, schlug Dillingham vor und schüttelte das Wasser aus seiner Mütze.
„Warst du heute schon draußen am Haus?“, fragte Donald, während sie durch den Schlamm stapften.
„Bin gerade von dort gekommen. Die Wahrheit ist, Margery und ich haben die Dinge endlich geregelt. Keine Glückwünsche?“
„Sicherlich“, sagte Donald, streckte eine nasse Hand aus, runzelte aber die Stirn in die Dunkelheit. „Hast du es meiner Schwester gesagt?“
„Mrs. Sequin?“, Dillingham lächelte mit überlegener Belustigung. „Ich glaube nicht, dass man es ihr sagen musste. Ich stelle mir vor, sie dachte daran, bevor wir es taten. Ziemlich scharf auf mich, weißt du, von Anfang an.“
Donald zog die Luft ein, sagte aber nichts. Wäre es nicht wahr gewesen, wie gerne hätte er Dill eins auf die Nase gegeben!
„Du fährst diese Woche in den Orient, nehme ich an“, fuhr Dillingham fort. „Glückspilz! Decker hat mich gefragt, ob ich mitkomme. Wenn es nicht der Großvater väterlicherseits gewesen wäre, wäre ich sofort mitgegangen, aber er hat sein Veto eingelegt. Wann stichst du in See?“
„Ich habe die Reise aufgegeben. Ich werde mir eine Farm in der Nähe von Wickers kaufen und mich an die Arbeit machen.“
Dillingham pfiff ungläubig:
„Ja, ich sehe dich schon dabei! Du zählst darauf, beim Derby abzuräumen, nehme ich an?“
„Nein, ich werde mein Pferd nicht starten lassen.“
„Was! Warum, Lickety-Split könnte dieses Rennen im Gehen gewinnen. Die ganze Meute sagt, du würdest sicher gewinnen. Hier, das ist die Hütte; zumindest ist es da, wo er früher wohnte.“
Ein helles Licht strahlte aus dem fensterlosen Fenster eines kleinen Häuschens und enthüllte eine Familie im Inneren. Eine dicke, lächelnde Frau in Lockenwicklern mit einem Baby auf dem Arm und sechs Kindern in verschiedenen Stadien sonntäglicher Sauberkeit hingen an den Lippen eines Mannes, der in einem großen Schaukelstuhl aus Plüsch saß und aus einem bunt illustrierten Bilderbuch vorlas. Im Familienoberhaupt erkannte Dillingham Richard Sheeley, ehemaliger Preisboxer und jetziger Eigentümer des Cant-Pass-It.
„Nun, wenn das nicht Mr. Dillingham ist!“, rief Sheeley und riss die Tür auf, als Antwort auf ihr Klopfen. „Durchgeweicht, was? Ein bisschen was zum Aufwärmen? Sicher. Kommen Sie einfach rein und warten Sie, bis ich meine Schuhe anhabe und einen Regenschirm finde, dann komme ich mit Ihnen rüber. Habe hier keinen Tropfen“, fügte er hinter einer Hand flüsternd hinzu, die so groß war, dass er sie offensichtlich für schalldicht hielt. „Die Missus steht nicht drauf, wegen der Kinder, eh?“
„Das ist er, Ma, der, von dem ich dir erzählt habe“, Richard Sheeley, Jr. – genannt „Skeeter“ – zupfte an dem Ärmel seiner Mutter und nickte in Richtung Donald, der sich gerade bei der kleinsten und scheuesten der Töchter des Hauses einschmeichelte.
„Sie ist nicht so sanftmütig, wie sie aussieht!“, sagte Mrs. Sheeley, während sie versuchte, das Kind hinter ihren Röcken hervorzuholen. „Sie hat das Temperament ihres Vaters zusammen mit seiner Schlauheit. Keiner von beiden hat einen Funken Verstand, wenn sie wütend werden. Ich habe noch nie ein Kind mit so einem Temperament gesehen, haben Sie, Popper?“
Doch Sheeley achtete nicht auf sie; er war damit beschäftigt, einem Mann die Ehre zu erweisen, den er offensichtlich als ehrenwerten Gast betrachtete.
„Setzen Sie sich genau hierher, Mr. Dillingham, lassen Sie mich das Buch aus dem Stuhl nehmen. Ich habe gerade der Missus und den Kindern ein Buch vorgelesen, das Skeeter aus der Sonntagsschule mitgebracht hat, alles über Dan'l und die Löwengrube. Große Geschichte das, Mr. Dillingham. Einer der rasantesten Tierartikel, die mir je untergekommen sind.“
Als sie zum Gehen bereit waren, folgte ihnen Mrs. Sheeley besorgt bis zur Tür.
„Es ist eine schrecklich stürmische Nacht, Popper; du bleibst doch nicht etwa?“
„Nicht lange. Ich komme zurück, um die Geschichte zu beenden. Macht's gut, Kinder!“ Er schwang sich die hölzernen Stufen hinunter, zwischen seine beiden gut gekleideten Begleiter, und blickte hin und wieder zurück auf die helle, offene Tür, in der die lächelnde, dicke Frau stand, umgeben von einem halben Dutzend strohblonder Kinder.
Gerade als sie den Saloon erreichten, brach der Sturm, der offensichtlich nur kurz Luft geholt hatte, mit aller Macht los. Der Donner rollte näher und Blitze zuckten durch die Dunkelheit.
„Hier! Die Seitentür!“, rief Sheeley.
„Warten Sie, bis ich ein Streichholz anzünde. Ich nehme den Regenschirm. Gehen Sie direkt nach oben, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich möchte, dass Sie die Verbesserungen sehen, die ich vorgenommen habe. Es gibt keinen Saloon diesseits der Stadtgrenze, der die Ausrüstung für Sparring-Matches hat wie meiner.“
„Besorgen Sie in der Zwischenzeit etwas Whisky“, erinnerte Dillingham scharf; „und sagen Sie mal, können Sie nicht irgendwo ein Feuer machen? Ich klappere mit den Zähnen wie ein Idiot.“
„Sicher kann ich das. Dort oben ist ein Ofen und ein oder zwei Flaschen von extra feinem Schnaps. Gehen Sie nur direkt hoch.“
Auf halbem Weg die schlecht beleuchtete Treppe hinauf hielten sie inne. Über dem Wind und dem Regen war von unten ein seltsames Geräusch gekommen, als ob jemand gegen etwas gestoßen wäre.
„Wer ist da?“, fragte Sheeley scharf, lehnte sich über das Treppengeländer und spähte in das Dunkel hinunter.
Keine Antwort kam, aber ein Windhauch wehte von irgendwoher herein und brachte die Gasflamme zum Schwanken.
„Oh! Es ist ein Fenster, das offen gelassen wurde“, sagte Sheeley. „Dieser dumme Barkeeper! Ich gehe einfach runter und mache es zu.“
Das Schloss erwies sich als widerspenstig, und es kostete ihn einige Mühe, es an seinen Platz zu zwingen. Inzwischen hatten die beiden jungen Männer das Gas im großen oberen Raum angezündet und inspizierten die erhöhte Bühne, auf der Boxer gewöhnlich heimlich der noblen Kunst der Selbstverteidigung nachgingen.
„Nehmen Sie Ihren pur, nehme ich an, Mr. Dillingham?“, sagte Sheeley, als er zu ihnen zurückkehrte; „und Ihr Herr Freund?“
„Nichts für mich“, sagte Morley mit unnötiger Bestimmtheit. „Ich warte nur eine Sekunde, bis der Sturm nachlässt, dann bin ich weg in die Stadt.“
„Boxst du heutzutage noch, Dick?“, fragte Dillingham, schenkte sich ein zweites Glas Whisky ein und kauerte über dem neu entfachten Feuer.
„Oh! Ich ziehe die Handschuhe gelegentlich an, um meine Freunde zu erfreuen. Mein Steckenpferd heutzutage ist Faro; da ist mehr Geld drin.“
Donald, der am Fenster stand und in die wilde Nacht starrte, trommelte ungeduldig auf die Scheibe.
„Beeil dich, Dill“, sagte er. „Ich will meine Stute nicht so lange im Regen stehen lassen.“
„Deine Stute kann mich mal“, sagte Dillingham; „warte nur zehn Minuten, bis ich aufgetaut bin, dann komme ich mit dir.“
Donald hatte schon früher zehn Minuten auf Dill gewartet, aber nie mit dem gegenwärtigen Verantwortungsgefühl, das aus seiner neuen Verbindung mit der Familie geboren war. Er wusste, dass seine einzige Chance, ihn nach Hause zu bringen, darin bestand, ihm nachzugeben.
Wie der Wind über das Fenster pfiff! Er fragte sich, was Miss Lady wohl gerade tat? Saß sie am Tisch im gemütlichen Wohnzimmer von Thornwood, mit dem Lampenlicht auf ihrem Haar? War sie am Cembalo und sang für den Colonel? Stand sie, wie er jetzt stand, am Fenster, spähte in die wilde Nacht hinaus und dachte nach – und sehnte sich –?
„Was hältst du von einer kleinen Partie Poker?“, fragte Sheeley, ließ ein Kartenspiel leicht über die Länge seines Arms laufen und wendete sie mit einer Geschicklichkeit, die von langer Vertrautheit zeugte.
„Großartige Idee!“, rief Dillingham ausladend. „Reich mal die Flasche rüber, willst du? Was ist das, Morley? Hast keine Zeit? Was zum Teufel ist heute Abend mit dir los?“
Donald entgegnete mit großer Würde, dass absolut nichts mit ihm los sei, außer dass er zurück in die Stadt wolle.
„Besser nicht losfahren, solange es so stürmt“, drängte Sheeley, als ein Donnerschlag die Fenster erschütterte. „Es wird bald nachlassen.“
„Ich sage dir, was ich machen werde!“, sagte Dillingham, legte Donald liebevoll einen Arm um die Schulter und sprach etwas unsicher. „Wenn du ein paar Runden spielst, komme ich mit dir nach Hause – Das solltest du für einen Kerl tun, der dein Onkel sein wird. Ich meine dein Neffe.“
„Und du gehst, sobald der Regen nachlässt?“
„Ja, wenn du mit uns spielst.“
Donald stand unschlüssig da und beobachtete Dillinghams dünne, unsichere Finger beim Mischen der Karten. Er musste ihn irgendwie nach Hause bringen, Margery zuliebe. Dill wusste nie, wann er aufhören musste, er war für die Nacht verloren, wenn niemand eingriff.
Sheeley fing seinen Blick ein und nickte bedeutungsvoll.
„Alles klar!“, sagte Donald und ließ sich auf den freien Stuhl fallen. „Nur zwei Spiele, denk dran! Kein Whisky, danke. Was ist der Einsatz?“
KAPITEL IV
Als Miss Lady an jenem Nachmittag die Sache der Unterdrückten verfochten hatte, hatte sie unwissentlich einen Kriminellen in der Entstehung verdorben. Chick Flathers, im fortgeschrittenen Alter von elf Jahren, war von der Ungerechtigkeit der sozialen Zustände so beeindruckt, dass er sich einem Leben des Verbrechens verschrieben hatte. Er hatte bereits zwei Auftritte vor dem Jugendgericht und zwei Tage im Erziehungsheim hinter sich. Er war nun fest entschlossen, Einbrecher zu werden.
Zwar gab es mildernde Umstände für Chick. Es war zweifellos ein Handicap, das erste Mal in einer Aschentonne das Licht der Welt erblickt zu haben, und zwar in Mr. Flathers' Aschentonne. Der Transfer in einem Polizeiwagen in einen Brutkasten im städtischen Krankenhaus war der nächste Schritt gewesen, von dort zurück zu Mr. Flathers, der sich, da es seine Aschentonne war, von der Vorsehung berufen fühlte, das Findelkind zu adoptieren.
Das nächste Unglück, das ihn ereilte, war, während eines geistesabwesenden Moments von Maria Flathers aus dem Fenster auf den Kopf gefallen zu sein. Dies beeinträchtigte anscheinend nicht seinen Verstand, aber mit der Zeit beeinträchtigte es ernsthaft sein Sprechvermögen. Die Tatsache, dass er so viel zu sagen hatte, ohne es sagen zu können, führte zu einem angestauten Strom, der manchmal in Wut und Bösartigkeit überlief. Er redete sehr viel, aber niemand war fähig oder machte sich die Mühe, ihn zu verstehen. Das heißt, nicht bis Skeeter Sheeley ihm seinen Spitznamen gab und sein offizieller Dolmetscher wurde.
Ihre Freundschaft datierte von einem denkwürdigen Tag, als Skeeter zum ersten Mal von dem Brutkasten-Vorfall gehört hatte und das Findelkind der Flathers prompt als „Chicken“ angesprochen hatte. Die Beleidigung war sofort in einer Schlacht erwidert worden, die so erbittert und blutig war, dass ihre Details in die Annalen des Billy-goat Hill eingingen. Chick, obwohl von geringerem Gewicht und schwacher Muskulatur, war mit heiliger Entrüstung bewaffnet. Er hielt sich an keine Regeln, sondern kämpfte mit Armen, Beinen, Zähnen und Nägeln. Die Chancen standen jedoch gegen ihn, und er musste als besiegter Held vom Feld geführt werden.
Von da an waren die beiden, nach einem jener geheimnisvollen Gesetze, die die Jungenwelt regieren, unzertrennliche Gefährten, die offenen Krieg gegen alle angrenzenden Nachbarschaften führten, räuberische Expeditionen in ihrer eigenen unternahmen und, wenn das Interesse am Leben nachließ, miteinander kämpften.
Skeeter interpretierte alles, was Chick sagte, interpretierte es frei und mit Fantasie, und Chick schien sich in seiner Ehre verpflichtet zu fühlen, die Interpretation zu akzeptieren und dazu zu stehen, egal wie weit sie davon entfernt war, seine Bedeutung auszudrücken.
Elf Jahre der Bosheit waren auf diese Weise durchstolzziert worden, als Chick plötzlich und unerwartet sich verliebte. Es war, als sich die schöne junge Dame am Bahnübergang wie ein rettender Engel über ihn gebeugt hatte, dass er gezwungen war, seine Einordnung des Menschengeschlechts zu ändern. Bisher war es in Erwachsene und Kinder unterteilt gewesen, von nun an war es in Männer und Frauen unterteilt!
Den ganzen Sonntagnachmittag ging er wie in einem Traum umher. Er konnte nicht darüber hinwegkommen, dass sie Partei für ihn ergriffen hatte, dass sie ihren Arm um ihn gelegt und ihn angelächelt hatte. Ein- oder zweimal, als niemand zusah, legte er seine sehr schmutzige Hand auf seine Wange und spürte die Stelle, an der ihre Finger geruht hatten.
Doch diese neue und zarte Emotion durfte nicht mit dem speziellen Projekt kollidieren, das Chick im Sinn hatte. Es war ein Projekt, das in seiner Natur so kolossal war, dass nicht einmal Skeeter in das Geheimnis eingeweiht werden durfte. Seit sechs Wochen war Chick das Opfer eines Spielsystems gewesen, und heute Abend wollte er sich rächen.
Zur Abendbrotzeit erkannte Skeeter eine Konvention der Zivilisation und kehrte in den Schoß seiner Familie zurück, doch Chick, der niemandem Rechenschaft schuldig war und keine Konventionen anerkannte, stahl ein paar Äpfel von einem vorbeifahrenden Karren und zog sich auf die Müllkippe zurück, um auf die Dunkelheit zu warten.
Er musste nicht lange warten, denn große schwarze Wolken bedeckten den Himmel, und er konnte die Häuser am Ende der Gasse nicht mehr sehen. Sorgfältig seine Apfelgehäuse für zukünftige Tausche in der Tasche verstauend, bahnte er sich seinen Weg über Konservendosen und Schutt, bis er die Junction erreichte. Hier zögerte er. Es war dort, wo er und Skeeter um die Peitsche gerungen hatten. Es war hier, wo die junge Dame ihm zu Hilfe gekommen war und gesagt hatte, sie glaube nicht, dass er so sehr böse sei. Hui! Aber sie war eine hübsche junge Dame, und ihre Hand war so weich, und ihre Stimme –
Chick stieß seine Hände in die Taschen und zog sich die Mütze über die Augen. Das war keine Art, wie sich ein Kerl fühlen sollte, wenn er einen Job zu erledigen hatte! Mit wachsamen Augen nach Passanten spähend, schlüpfte er durch eine Öffnung im Zaun und betrat den Rangierbahnhof. Als er wieder hervorkam, schwankte er unter dem Gewicht eines Brecheisens, das er vergeblich unter seiner zerlumpten Jacke zu verstecken versuchte.
Genau an der Kreuzung von Bean Alley und dem Rangierbahnhof, wo sich die Dämmerung in den Ecken dicht anhäufte, hielt er wieder an. Er beobachtete seine Chance, unentdeckt über die weite Allmende zu gelangen. Zweimal setzte er an, und zweimal wich er zurück und drückte sich flach gegen die Mauer, als jemand vorbeiging.
Wenn Chick für den flüchtigen Beobachter nur ein schmutziger, zerlumpter kleiner Junge war, untergroß und unterernährt und ziemlich verängstigt, so war er für sich selbst zumindest ein kühner Desperado, der kurz davor stand, sich für ein begangenes Unrecht zu rächen.
Der Donner grollte bedrohlich, und ein Regentropfen fiel auf sein Gesicht, als er die Allmende umging und den großen, dunklen Saloon an der Kreuzung erreichte. Er strich an der Seitenwand entlang, schlich sich zum Hinterhof und tastete nach dem offenen Fenster, das er früher am Tag entdeckt hatte. Es war ein niedriges Fenster und leicht zugänglich, und er verlor keine Zeit, hineinzuklettern.
Der Gang lag in völliger Dunkelheit, aber er tastete sich an der Wand entlang, bis er eine Tür erreichte. Hier fummelte er nach dem Knauf und öffnete sie. Eine Straßenlaterne draußen warf ein schwaches, flackerndes Licht in den Raum und enthüllte die lange Theke mit ihren glänzenden Armaturen. Chick legte sein Brecheisen ab und zog zitternd seinen Mantel aus. Den Kriminalfilmen zufolge war das der erste Schritt. Dann ergriff er entschlossen seine Waffe und näherte sich mit klopfendem Herzen seinem Feind.
Er wirkte wie ein sehr unschuldiger Feind, wie er da im Halbdunkel stand und mit gedruckten Buchstaben auf seiner Vorderseite verkündete, dass sieben von zehn Personen, die einen Nickel in den Schlitz steckten, einen Geldpreis erhielten. Aber Chick wusste, dass er log! Hatte er nicht Woche für Woche seine Nickel verschlungen? Hatte er nicht dafür gearbeitet, dafür gekämpft und dafür geblutet, in dem zuversichtlichen Glauben, dass der Preis ihm gehören würde? Und da stand er nun, vollgestopft mit seinen kostbaren Nickeln, immer noch geheimnisvoll und faszinierend, aber durch und durch tückisch!
In einem Zornesausbruch versetzte Chick ihm einen schallenden Schlag mit dem Brecheisen und kauerte sich dann voller Angst vor dem, was geschehen könnte, zusammen. Es war kein Geräusch zu hören außer dem prasselnden Regen gegen die Fenster und dem schweren Grollen des Donners über ihm. Noch einmal ergriff Chick seine schwere Waffe und begann den Angriff im Ernst. Schlag auf Schlag folgte, so schnell seine kleinen Arme das Brecheisen schwingen konnten. Plötzlich schien eine Feder zu schnappen, und ein Strom von Geld ergoss sich heraus, der um seine Füße rollte und in die hintersten Ecken des Raumes davonlief.
Chick kauerte auf dem Boden, überwältigt von seiner Anstrengung und dem Erfolg seines Unterfangens. Reichtum war in greifbare Nähe gerückt, mehr Reichtum, als er jemals erträumt hatte! Kein unverständliches Gold und Silber, sondern liebe, vertraute Nickel, deren Kaufkraft er kannte. Doch kein Gedanke an Aneignung kam ihm in den Sinn, als er dort kniete und den glitzernden Haufen befühlte. Er zählte sorgfältig seinen rechtmäßigen Anteil ab, die elf Nickel, die der Spielautomat ihm gestohlen hatte, und sein Zögern rührte daher, dass er versuchte, die glänzendsten auszuwählen!
Nachdem er bekommen hatte, wofür er gekommen war, schulterte er wieder sein Brecheisen und ließ sich in den dunklen Gang hinaus. Hier blieb er erschrocken stehen! Etwas schnaubte und zischte draußen, etwas, das klang, als könnte es der Teufel selbst sein!
In Chicks Glaubensbekenntnis gab es nur eine Bestätigung. Er glaubte absolut an den Teufel. Er wusste ohne den geringsten Zweifel, dass er rot war, gespaltene Hufe hatte und dass sein Schwanz in einem harten, scharfen Dorn endete, wie Mammy Flathers' Eispickel. Er wusste auch, dass er, wenn er atmete, in Stöhnen und Zischen atmete, so wie er es in diesem Augenblick hörte. Chicks Haare hätten sich auf seinem Kopf aufgestellt, sie wollten es, aber sie waren nicht lang genug.
Einen Moment stand er atemlos da, dann stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. Es war schließlich nichts anderes als ein Automobil! Er ging auf Zehenspitzen zu einem Fenster und spähte hinaus. Die Lampen der Maschine warfen lange Lichter über die glänzende, nasse Straße, aber sonst war nichts zu sehen.
Nach einer langen Weile hörte er Stimmen an der Seitentür. Jemand kam in den Saloon! Er konnte hören, wie sich der Türknauf drehte und ein Schlüssel im Schloss steckte. Er wollte zurück in den Schankraum, doch dann erinnerte er sich an einen kleinen Wandschrank unter der Treppe, wo er und Skeeter immer zu spielen pflegten, und tastete die Wand entlang. Da war er! Und gerade noch rechtzeitig, um hineinzustolpern und die Tür zuzuziehen, wobei er einen Spalt offen ließ, um durchzuatmen, falls sein Atem jemals zurückkehren sollte.
Die Seitentür wurde aufgerissen, und auf das Zischen eines Streichholzes folgte das schwache Licht einer Gasflamme am Ende des Ganges.
„Hier, ich nehme den Regenschirm!“, sagte eine Stimme, die er gleich nach dem Teufel am meisten fürchtete. Es war Sheeley; er würde in den Schankraum gehen und die Trümmer des Spielautomaten entdecken! Chick spürte bereits die Handschellen an seinen Handgelenken, als er Schritte über sich hörte, die die Treppe hinaufgingen. Warum gingen sie nach oben? War es ein Boxkampf? Er vergaß seine missliche Lage, lehnte sich vor, um zu lauschen, und stieß dabei eine Kiste auf dem Regal neben sich um.
„Wer ist da?“, kam es in Sheeleys grimmigstem Ton von der Treppe über ihm, und Chick kauerte mit klappernden Zähnen zurück in die Dunkelheit. Dann hörte er ihn etwas über das Fenster sagen und folgte dem Geräusch seiner schweren Schritte die Treppe hinunter und wieder hinauf.
Jetzt war seine Chance zur Flucht, während sie oben waren. Mit äußerster Vorsicht schob er die Schranktür auf und begann auf Händen und Knien seine gefährliche Reise zum Fenster. In diesem Moment beschloss er endgültig, dass er kein Einbrecher werden würde. Ein Klempner ging weniger Risiken ein und verdiente mehr Geld. Am Fenster angekommen, konnte er das Schloss nicht bewegen. Auf dem Sims stehend, vor Angst wimmernd, rang er verzweifelt damit, quetschte sich die Finger und riss sich die Fingernägel ab, aber er konnte es nicht bewegen. Dann versuchte er es mit der Tür, aber Sheeley hatte sie offensichtlich abgeschlossen und den Schlüssel abgezogen.
Ein blendender Blitz ließ ihn zurück zu seinem Versteck eilen, wo er auf den Boden sank, zitternd und kriechend. Immer näher brüllte der Donner, und der Wind schien genauso begierig darauf zu sein, in das Haus zu gelangen, wie er darauf brannte, hinauszukommen. Allmählich hörten seine Arme und Beine auf zu zucken, sein Kopf entspannte sich gegen eine leere Kiste, er legte seine Hand gegen die Wange, die gestreichelt worden war, und vergaß seine Sorgen im Schlaf.
Als er erwachte, hörte er laute Stimmen über sich. Zuerst nahm er an, er sei zu Hause und die Stimme gehöre nur Mr. Flathers, der einen seiner periodischen Rückfälle genoss. Aber Dick Sheeleys Stimme rief ihn zur Besinnung; Dick war wütend auf jemanden, und wenn Dick wütend wurde, kämpfte er. Kein Junge auf dem Billy-goat Hill hätte dem Tod ins Auge geblickt, um den Ex-Preisboxer bei einer Schlägerei zu sehen. Es war eine Auszeichnung, die einen auf einen Schlag in die vordersten Reihen der jugendlichen Aristokratie versetzte.
Chick schlich aus seinem Versteck und lauschte. Die Stimmen wurden lauter und aufgeregter. Wie von einem Magneten gezogen, schlich er Stufe um Stufe die Treppe hinauf. Oben war ein Absatz im Flur, eine Ecke, in der er sich verstecken konnte, ungesehen von der offenen Tür dahinter. Dort lag er auf dem Bauch und wackelte vorwärts, bis sein Auge auf einer Linie mit dem Spalt in der halb geöffneten Tür war.
Drei Männer saßen um einen Kartentisch, zwei von ihnen mit dem Rücken zu ihm, und Dick ihnen gegenüber mit fest zusammengebissenen Kiefern und entblößten Zähnen. Alle drei redeten gleichzeitig, und Dick war der Aufgeregteste von den dreien.
„Du hattest kein Pik-Ass zum Vorzeigen! Du hast es abgelegt. Du weißt, dass du es getan hast, du... Betrüger!“ Er war aufgestanden und schüttelte seine Faust vor dem Gesicht des dünnen jungen Mannes.
„Das ist eine Lüge, du gemeiner Köter!“, rief der andere wild, aber noch bevor die Worte ganz aus seinem Mund waren, war Sheeleys mächtiger rechter Arm über den Tisch geschossen und hatte ihn ins Gesicht getroffen.
„Sheeley! Um Gottes willen, siehst du nicht, dass Dillingham betrunken ist?“, protestierte der andere junge Mann, den Chick als seinen Freund vom Nachmittag wiedererkannte.
„Betrunken oder nicht betrunken, er kann mich nicht Lügner nennen!“, brüllte Sheeley, und im nächsten Augenblick war Chick, dessen Herz wild zwischen ihm und dem Boden hämmerte, in seinem Element. Es war ein Kampf! Ein echter, bei dem der Held vom Billy-goat Hill sich gegen zwei Gegner behauptete.
Die Trinkgläser und die Whiskyflaschen gingen zuerst zu Bruch, der Alkohol tropfte vom Tisch auf den Boden; dann wurde ein Stuhl umgeworfen und eine Fensterscheibe zersplitterte unten auf dem Boden.
Der dünne junge Mann hatte nicht den Verstand, aufzuhören; immer wieder schleuderte er seine Beleidigungen gegen den wütenden Sheeley und wehrte ungeduldig die Bemühungen seines Begleiters ab, der sie trennen wollte. Plötzlich sah Chick ihn zurücktreten, während die anderen rangen, und in seiner Gesäßtasche fummeln. Er sah, wie er sich gegen den Türpfosten stützte, nicht vier Fuß entfernt, und eine Pistole hob. Es gab einen scharfen Knall, ein ersticktes Stöhnen, dann einen schweren Sturz.
Der Mann mit der Pistole warf sie durch das zerbrochene Fenster und taumelte dann zum Tisch, wo er mit dem Kopf auf seinen Armen zusammensank.
Was in der Ecke passiert war, konnte Chick nicht sagen, aber nach wenigen Minuten kam sein junger Mann schnell in sein Sichtfeld und schüttelte die schlaffe Gestalt, die halb auf dem Tisch lag.
„Steh auf, Dill! Um Gottes willen! Bist du zu betrunken, um deine Maschine anzukurbeln? Sobald ich das Blut gestoppt habe, muss ich einen Arzt holen.“
Die benommenen Augen des betrunkenen Mannes blickten ihn hilflos und verängstigt an!
„Ich kann hier nicht bleiben!“
„Du musst hier bleiben! Siehst du nicht, dass du in keiner Verfassung bist, eine Maschine zu bedienen? Reiß dich zusammen, du Idiot; wir müssen etwas tun und zwar schnell. Geh runter und versuch anzukurbeln. Hier ist der Türschlüssel! Ich komme nach, sobald ich das Blut gestoppt habe!“
Der Mann am Tisch taumelte zur Tür, ging durch den Flur, so nah an Chick vorbei, dass er ihn fast betrat, und ging dann schwankend die Treppe hinunter, wobei er sich an Wand und Geländer stützte. Chick hörte die Seitentür zuschlagen und das Tuckern der Maschine, dann wurde ihm klar, dass sie um die Ecke bog.
Der junge Mann im Zimmer stürzte panisch zum Fenster und lehnte sich hinaus, dann sagte er etwas Wildes unter seinem Atem, stürzte in den Gang und kopfüber die Treppe hinunter. Chick hörte die Seitentür wieder zuschlagen und einen Moment später das Galoppieren eines Pferdes.
Dann war alles still, außer dem lauten Schlagen seines Herzens, das zu zerspringen drohte. Durch den Spalt sah er den Tisch mit den zerbrochenen Gläsern und den Whisky, der tropfend auf den Boden rann; er sah die umgestürzten Stühle und die Gasflamme, die im Wind vom zerbrochenen Fenster flackerte.
Das Ding, das er nicht sehen konnte, war das, was in der Ecke lag, der zusammengekauerte, blutbefleckte Klumpen eines Etwas, auf das eine lächelnde, dicke Frau und sechs strohblonde Kinder auf der anderen Seite der Allmende warteten. Chick kroch zum Treppenabsatz, und als er die oberste Stufe erreichte, berührte seine Hand einen harten Gegenstand. Er hob ihn auf und hielt ihn ins Licht, und als er das tat, gehörte ihm für einen Moment die Freude, die oft am Rande einer Tragödie aufblüht. Es war die Reitpeitsche, deren Griff er an jenem Nachmittag geerbt hatte!
Die Treppe hinunter, durch die Tür und hinaus in die regennasse Nacht eilte er; über die Allmende, durch den Rangierbahnhof und die enge, übelriechende Dunkelheit der Bean Alley. Über einen baufälligen Zaun und eine verfallene Veranda kletterte er wie eine Katze, bis er den kleinen Dachboden in Flathers’ Zwei-Zimmer-Villa erreichte, den er sein Zuhause nannte.
Hier warf sich der abgehärtete Kriminelle, der Gesetzesbrecher und Spielautomatenknacker, der Möchtegern-Einbrecher auf eine alte Matratze und schluchzte mit zwei schmutzigen Fäusten in den Augen sein Herz an die Dachbalken darüber aus.
Es war nicht die Reue für seine Sünden, noch war es die Angst vor dem Geheimnis, das hinter seinen artikulationslosen Lippen verschlossen war, obwohl beides einen Teil dazu beitrug. Es war, weil eine wunderschöne junge Dame für ihn Partei ergriffen und ihre Arme um ihn gelegt hatte und sich weigerte zu glauben, dass er so schlecht war, wie Skeeter Sheeley sagte.
KAPITEL V
Während des Rests der Woche hielt der Regensturm, der all das Unheil ausgelöst hatte, weiterhin bedrohlich an und brach Tag für Tag in heftigen, launischen Schauern aus. Draußen in Thornwood war der Anblick am trübseligsten; das tief liegende Gelände vor dem Haus stand eine viertel Meile weit unter Wasser, Bäume, schlaff und zerzaust, standen trostlos in einem unbekannten See, die Brücke unterhalb des Damms war weggespült worden, und Pferde, die zur Tränke am Bach gingen, wurden ständig von der Strömung mitgerissen und mussten mit Seilen gerettet werden. Im Blumengarten lagen schmutzige kleine Blüten im Schlamm, Weinreben rankten über die Wege, all die Düfte und Farben schienen durch diese anhaltenden, peitschenden Schauer aus allem herausgespült worden zu sein.
Im Inneren des Hauses war es nicht viel fröhlicher. Die Eingangshalle mit ihrer steilen, schmalen Treppe und dem Bodenbelag aus reich verziertem Landschafts-Wachstuch lag in einer ewigen Dämmerung. Ein gelegentlicher Schimmer vom weißen Gebälk oder der goldene Zierleiste eines Bildes versuchte vergeblich, die Düsternis zu vertreiben. Der Salon rechts von der Halle war grabesstill, mit seinen mit Papier ausgestopften Fensterritzen und den fest verschlossenen Fensterläden. Sicherlich tat das Wohnzimmer auf der anderen Seite der Halle sein Bestes, um fröhlich auszusehen, aber selbst dieser behagliche Ort mit seiner niedrigen Decke und den abgenutzten Mahagonimöbeln, seinen hohen Schränken, die den breiten Steinkamin flankierten, und seinem freundlichen Durcheinander von Dingen des täglichen Bedarfs war der Lage nicht gewachsen.
Eines Nachmittags, als der Colonel vom Hühnerhof kam, wo er und Onkel Jimpson sich selbst zu einer Bergungsmannschaft ernannt hatten, überraschte er Miss Lady, wie sie in der Dämmerung auf dem Boden vor dem leeren Kamin saß, mit verdächtigen Tränenspuren auf ihrem Gesicht.
„Mach Licht“, polterte der Colonel; „du darfst nicht so im Dunkeln herumsitzen, weißt du. Wo ist meine Pfeife?“
Sie sprang auf, fand den fehlenden Gegenstand und zündete mit einer großen Portion Fröhlichkeit die Lampe an und hielt ihm das Streichholz hin, damit er seine Pfeife anzünden konnte.
„Was ist los?“, fragte der Colonel; „bist ein bisschen zittrig, nicht wahr?“
„Ich? Beobachte mich!“ Sie hielt das Streichholz sehr gerade und sehr fest, dann, als es flackerte, blies sie es aus und ließ es in seinen Ärmel fallen. „Da drüben auf dem Tisch ist etwas Post für dich, Daddy dear. Noah hat sie mit seinem Buggy aus der Stadt mitgebracht.“
Sie sagte es sehr beiläufig und zählte sogar den Inhalt auf, als sie es ihm reichte:
„Zwei Werbebroschüren, ein Brief vom Samenhandel, die Confederate Veteran und die Zeitungen.“
„Nichts für dich?“
„Nichts.“
Unter seinem prüfenden Blick sanken Miss Ladys Augen zu Boden, und sie wandte sich abrupt dem Fenster zu, während der Colonel mit offenem Mund und Pfeife in der Hand sie beobachtete.
Er hatte sein Mädchen noch nie in seinem Leben so gesehen! Was hatte ihre Lippe mitten im Satz zu zittern, oder ihre Augen mit plötzlichen Tränen vollzulaufen, was sie dazu brachte, ihrem anbetenden Dad den Rücken zuzukehren und sich mit dem Fenstervorhang zu beschäftigen?
Natürlich ist es aufwühlend, wenn ein Freund, den man seit ein paar Wochen täglich sieht, in Schwierigkeiten gerät, wie es dem jungen Donald Morley passiert ist. Es machte selbst den Colonel traurig, das bestritt er nicht. Aber was hatte das Kätzchen zu suchen, sich das alles so zu Herzen zu nehmen? Warum war sie dazu berufen, die Sache dieses jungen Fremden so leidenschaftlich zu verteidigen, jede Unterstellung zu missbilligen und leidenschaftlich zu behaupten, dass er alles erklären könne? Morley hatte nichts erklärt. Drei Tage waren ins Land gegangen und nichts war von ihm zu hören gewesen. Wahrscheinlich würde auch nichts von ihm zu hören sein! Der Colonel wollte sich siegreich fühlen, aber er tat es nicht. Stattdessen warf er ängstliche und mitfühlende Blicke auf den Hinterkopf seiner Tochter und wischte sich heimlich seine kleine Stupsnase an der Ecke seines rot umrandeten Taschentuchs ab.
Er hatte ernsthaft überlegt, seine Reise nach Virginia abzusagen! Sicherlich hatte er sich monatelang darauf gefreut, den Founders' Day an der alten Universität zu feiern. Wenn es nicht darum ginge, all die alten Jungs zu sehen, würde er zu Hause bleiben. Beim Kuckuck! Das kleine Mädchen ging vor; er würde sowieso zu Hause bleiben!
„Diese Handschuhe“, platzte er heraus, um die Neuigkeit zu verkünden; „die dünnen, von denen ich dir sagte, du sollst sie flicken. Nun, du brauchst sie nicht zu flicken.“
„Habe ich auch nicht“, sagte Miss Lady, „aber ich werde es jetzt tun.“
„Brauchst du nicht. Werde sie nicht brauchen. Tatsache ist, ich fahre nicht.“
„Doch, das wirst du“, sagte Miss Lady und fügte unzusammenhängend hinzu: „Warum nicht?“
„Werde hier zu Hause gebraucht. Straßen weggespült, alles durcheinander. Habe beschlossen, zu Hause zu bleiben.“ Miss Lady wirbelte vom Fenster herum, wo sie die Regentropfen auf der Scheibe nachgezeichnet hatte, und stürmte auf ihn zu, wobei sie sich auf seinen Schoß setzte, soweit man sich auf einer solch senkrechten Oberfläche niederlassen konnte.
„Du wirst überhaupt nichts dergleichen tun. Onkel Jimpson wird dich morgen früh in die Stadt fahren, damit du den ersten Zug nimmst.“
„Ich fahre nicht“, beharrte der Colonel und schüttelte stur den Kopf.
„Doch, das wirst du. Wo ist deine Reisetasche?“
„Auf dem obersten Regal im Schrank. Aber ich fahre nicht.“ Er sagte es fest, aber im nächsten Augenblick fragte er: „Hat Jimpson meinen grauen Anzug gebügelt?“
„Oh! Squire Daddy, es tut mir so leid, dass ich vergessen habe, es ihm zu sagen! Ich werde es ihm jetzt sagen.“
„Zu spät!“, seufzte der Colonel ergeben; „kein Grund, noch weiter darüber zu reden.“
„Doch, das ist es! Dein Enthusiasmus ist nur feucht geworden wie alles andere auch. Ich werde Onkel Jimpson sagen, dass er ein kleines Feuer machen soll, um uns aufzuheitern, dann werden wir uns alle an die Arbeit machen, um dich fertig zu machen.“
Es schien eine Erleichterung für sie zu sein, herumzuwirbeln und die Dinge in Gang zu setzen. Nach kurzer Zeit hatte sie ein fröhliches Feuer im Kamin brennen und die Vorhänge gegen die trostlose Dämmerung draußen zugezogen.
Der Colonel saß in der Mitte des Raumes, beobachtete, wie Onkel Jimpson und Tante Caroline seine verstreute Garderobe zusammensuchten, und behielt währenddessen wachsam ein Auge auf Miss Lady. Er hatte einfach nicht die Absicht, sie unglücklich zu sehen! Es war lächerlich! Absolut ausgeschlossen! Sein kleines Mädchen, das in Ecken weinte, wo er es nicht sehen konnte? Der Gedanke daran! Wenn sie weinen musste, was war mit seiner Schulter?
„Sie haben nur vier Taschentücher in der Wäsche, Cunnel“, verkündete Tante Caroline von ihren Knien neben einem großen Weidenkorb aus. „Sieht nicht so aus, als ob das genug für einen weißen Gentleman wäre, um eine Reise anzutreten.“
„Jimpson“, der Colonel blickte vorwurfsvoll auf, „hast du das gehört? Du hast mich tatsächlich auf vier Taschentücher herunterkommen lassen.“
„Und Socken“, fuhr Caroline fort und genoss die Gelegenheit, die Mängel ihrer besseren Hälfte hervorzuheben, „etwa siebzehn, alles einzelne. Kaum zwei haben die gleiche Farbe.“
„Miss Lady hat sie gesammelt, um sie zu stopfen“, erklärte Jimpson, froh, die Verantwortung abwälzen zu können. „Sie meinte, sie würde sich eines Tages einen Tag frei nehmen und alles im Haus flicken.“
Der Colonel blickte sich um: „Wo ist Miss Lady?“
„Draußen im Flur, liest die Abendzeitung. Habe nie gesehen, dass das Kind so viel Notiz von der Zeitung nimmt. Ja, Sir, ich werde sie rufen.“
„Gibt es weitere Neuigkeiten über die Schießerei?“, fragte der Colonel beiläufig, als sie zurückkehrte.
„Ja, Mr. Dillingham wurde angeklagt und vor Gericht gestellt. Der Fall wurde bis zum ersten Juni vertagt.“
„Und Sheeley? Wie steht es um seinen Zustand?“
„Die Zeitung sagt, er wird sein Auge verlieren, aber er wird wahrscheinlich wieder gesund werden.“
„Und – und man hat nichts von Morley gehört?“
„Noch nicht.“
Nach dem Abendessen, als alle Vorbereitungen für die Reise abgeschlossen waren und die fröhliche Anwesenheit von Onkel Jimpson und Tante Caroline beseitigt war, saßen der Colonel und Miss Lady vor dem erlöschenden Feuer und versuchten, eine Unterhaltung zu führen. Draußen fegten nasse Zweige gegen die Fenster, und plötzliche Regenböen peitschten gegen die Scheiben.
„Dreißig Jahre ist es her, seit ich einige der alten Jungs gesehen habe“, sagte der Colonel und versuchte, sich für seine bevorstehende Reise zu erwärmen. „Ich werde den alten Professor Queerington vermissen, aber John Jay wird da sein. Wir planen, zusammen nach Hause zu kommen. Ein feiner Mann ist er, ein feiner Mann!“
„Wer? Oh, ja, Doktor Queerington.“
„Gerade mal ein kleiner Junge, als ich bei seinem Vater zur Kost ging. Er kann jetzt nicht viel über vierzig sein. Der klügste Mann, den die alte Universität je hervorgebracht hat! Und genauso gut wie er klug ist. Ein bisschen zu viel Bücherwissen vielleicht und nicht allzu viel gesunder Menschenverstand, aber es gibt nicht viele Köpfe, die beides tragen können. Er ist aber solide, solide bis ins Mark, und das heißt heutzutage schon eine ganze Menge. Was ist los? Müde?“
„Nein, nur ein bisschen nervös. Sag mal, Daddy, was glaubst du, was sie mit Mr. Dillingham machen, wenn er verurteilt wird?“
„Gefängnisstrafe, habe ich gehört. Aber Noah sagt, sie werden ihn rauspauken. Der alte General Dillingham hat eine Menge Geld und Freunde bei Hofe. Er wird sich um seinen Enkel kümmern.“
„Aber wenn er freigesprochen wird“, begann Miss Lady, „dann fällt die Schuld auf –“
„Hör mal zu“, unterbrach sie der Colonel, „du hörst jetzt auf, dir dein kleines Köpfchen über diesen Prozess zu zerbrechen. Geh rüber und spiel mir ein paar gute alte Lieder, und dann trollen wir uns beide ins Bett.“
Miss Ladys sanfte, ungeschulte Stimme begann tapfer genug. Sie beschrieb voller Gefühl die Reize von Annie Laurie und war auf halbem Weg durch Robin Adair, bevor sie stockte, neu ansetzte, wieder stolperte und schließlich zu einem schmählichen Ende kam.
„Tst! Tst!“, machte der Colonel geschäftig und wuchtete sich in einer für einen so beleibten Herrn unglaublich kurzen Zeit aus seinem Stuhl. „Das geht so nicht, weißt du; das ist nicht in Ordnung!“
„Es ist dieses alberne alte Stück!“, sagte Miss Lady mürrisch. „Es drückt mir immer auf die Stimmung.“
„Aber es würde dich nicht so zum Weinen bringen. Komm, sag es mir.“
„Es gibt nichts zu sagen – das heißt –“
„Na, mach dir nichts draus. Wein es einfach raus. So ist es recht. Kümmere dich nicht um mich. Nur dein alter Dad.“ Und mit viel Gewese und Tätscheln und törichten Versicherungen, dass er ihr Daddy sei, lotste er sie zum Sofa. Sie setzte sich auf den Boden, die Arme über seine Knie gelegt, und weinte mit der Hingabe eines Kindes, während seine kurzen, stoppligen Finger zärtlich ihr glänzendes Haar streichelten. Als sich der Sturm schließlich gelegt hatte und sie aufschauen konnte, nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände.
„Raus mit der Sprache, Kätzchen!“, verlangte er. „Was bedrückt dich? Die Sache mit Don Morley?“
Sie küsste seine Hand, die ihr am nächsten war.
„Dachte ich mir. Du – du hast ihn wohl ziemlich gern gewonnen, was?“
Sie nickte zwischen ihren Schluchzern.
„Mehr als fast jeden anderen?“, fragte er eifersüchtig, aber unerschrocken.
„Außer dich, Daddy.“ Es war nur ein schwaches Flüstern, aber es war beruhigend.
„Und was ist mit ihm?“, fuhr der Colonel fort.
Ein erneuter Tränenausbruch, dann ein entschlossener Versuch zur Selbstbeherrschung.
„Er wollte das Richtige tun. Ich weiß, das wollte er! Er hat versprochen, mit dem Trinken und Glücksspiel aufzuhören und sich Arbeit zu suchen.“
„Er hat einen guten Anfang gemacht!“ Der Colonel klopfte die Asche aus seiner Pfeife. „Und nachdem er in diese Schlägerei geraten war, warum zum Donnerwetter ist er dann abgehauen? Warum ist er nicht geblieben und hat sich der Sache gestellt? Jeder Dummkopf weiß doch, dass der Verdacht auf ihn fällt, wenn Dillingham freigesprochen wird.“
„Aber Daddy, wir haben seine Seite der Geschichte noch nicht gehört. Wenn ich nur von ihm hören oder ihn sehen könnte.“
„Ihn sehen!“, explodierte er. „Was zum Teufel willst du mit ihm zu tun haben? Nein, mein Fräulein! Nicht, solange Bob Carsey noch Schrot in seiner Flinte hat! Glaubst du, es besteht die Gefahr, dass er hier herumschleicht, während ich weg bin? Das reicht! Ich werde mich nicht einen Zentimeter bewegen. Sag Jimpson Bescheid! Sag Caroline Bescheid! Pack meine Sachen wieder aus.“
„Aber Daddy, warte! Er ist wahrscheinlich bis jetzt schon an der Küste. Außerdem hat er nicht geschrieben oder eine Nachricht geschickt. Woher wissen wir, dass … dass er zurückkommen will?“
„Er wird es sicher versuchen. Ich habe gesehen, wie sich die Dinge entwickelten. Ich habe gesehen, wie er dich angesehen hat. Dieser unverschämte junge Hund!“
„Daddy! Bitte nicht! Du kennst ihn nicht. Er wird alles erklären, wenn er schreibt, ich weiß, er wird es!“
„Aber er wird nicht schreiben! Er wird nicht den Mut dazu haben. Die Vorstellung, dass er sich einfach so von meinem Mädchen entfernt und in so eine Schweinerei hineingerät! Du musst mir versprechen, nie wieder mit diesem jungen Schurken zu sprechen!“
„Aber wenn er sich erklärt?“
„Warum hat er es dann nicht getan? Weil er es nicht kann. Außerdem will ich gar nicht, dass er es tut. Wir sind ab jetzt mit ihm fertig. Versprich mir, nichts mehr mit ihm zu tun zu haben.“
Sie zögerte, und der Colonel begann in großer Aufregung die Dinge aus seiner Tasche zu werfen.
„Bitte, Squire Daddy!“ Sie ergriff seine Hände und sah ihn an, und irgendetwas in ihren flehenden Augen und zitternden Lippen erinnerte ihn so sehr an ein anderes Gesicht, das er geliebt hatte, dass er völlig zusammenbrach und auf eines seiner vier sauberen Taschentücher zurückgreifen musste, die noch in der Tasche lagen.
Er sei ein alter Narr, erklärte er zwischen heftigem Schneuzen und Räuspern. Er tue nur das, was er für seine Pflicht halte. Er habe sie nicht unglücklich machen wollen. Er habe nicht genug Verstand, um ein Mädchen großzuziehen. Er habe es aber versucht! Immer versucht. Nur dürfe sie nicht unglücklich sein; das könne er nicht ertragen. Es würde ihn umbringen, wenn sie es wagte, unglücklich zu sein!
Und Miss Lady, die ihre Arme um seinen Hals schlang und mit ihrem kleinen, nassen Taschentuchknäuel vergeblich versuchte, seine strömenden Augen abzutupfen, erklärte leidenschaftlich, dass sie ihm alles auf der Welt versprechen würde, dass sie glücklich sein würde, dass sie glücklich sei!
„Noch nicht“, sagte der Colonel, während er sich ausgiebig die Stirn wischte; „aber das wirst du! Wir werden das schon geradebiegen. Sobald ich zurück bin, werde ich mich der Sache annehmen. Wir werden sie bis auf den Grund durchleuchten. Wir werden Morley jede Chance geben, sich reinzuwaschen. Aber bis dahin wirst du ihn nicht sehen, wenn du es vermeiden kannst, oder seine Briefe lesen, falls er schreibt? Du hast doch nichts dagegen, mir das zu versprechen, oder?“
„Ich verspreche es, Daddy.“
Oh! Die Versprechen, die für einen Tag gegeben und über Jahre hinweg gehalten werden, was für eine Menge verstrickter Leben sie zu verantworten haben!
Miss Lady legte die Sachen des Colonels zurück in seine Tasche und beugte sich vor, um ihm eine gute Nacht zu wünschen.
„Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht, dass ich gehe?“, fragte er und studierte ihr Gesicht. „Ich bin Samstagabend zurück.“
„Schon gut. Auf Wiedersehen, ich werde morgens nicht aufstehen, wenn du losfährst. Hab eine schöne Zeit, lieber Daddy, und – und mach dir keine Sorgen um mich.“
Er zündete ihre Kerze an und trug sie bis zur Treppe, wo er sie noch einmal küsste.
„Mein kleines Mädchen“, flüsterte er.
Das Haus wurde still. Draußen auf dem Treppenabsatz schlug die große Uhr die Stunden bis Mitternacht; das Feuer erlosch zu einer Glut; von der Veranda draußen kam das Tropf, Tropf, Tropf der Dachrinne. Dennoch saß der Colonel in seinem Stuhl mit der geteilten Sitzfläche, seine kleinen Augen wie Wachfeuer in der Dunkelheit, und lauschte auf das leiseste Geräusch von Unruhe aus dem Zimmer darüber.
KAPITEL VI
Das plötzliche Licht der Öffentlichkeit, das auf den Cant-Pass-It-Saloon gefallen war, warf einen Schein über das gesamte Gebiet des Billy-goat Hill. Jeder hatte etwas zu besprechen, und jeder redete, außer Chick.
Phineas Flathers ernannte sich selbst zur Zentrale für Informationen und widmete sich ausschließlich dem Argumentieren über die Angelegenheit. Myrtella, seine Zwillingsschwester, die fünfzehn Jahre lang in der ganzen Stadt unzähligen Küchenherden vorgestanden hatte, verlor wegen ihres Interesses an der Affäre fast ihre neue Stelle.
Das einzige Thema, auf dem sich Myrtella Flathers als Kennerin betrachtete, war Mord. In verschiedenen Hinterhäusern im dritten Stock hatte sie jahrelang die aktuellen Unglücksfälle mit brennendem Interesse verfolgt. Realismus, Romantik, Intrigen, Abenteuer – sie fand alles in diesen düsteren Berichten über das tägliche Verbrechen.
Myrtella und Phineas Flathers waren schon in jungen Jahren in das Meer des Lebens geworfen worden, um zu sinken oder zu schwimmen, wie es ihnen beliebte. Myrtella hatte überlebt, indem sie gegen die Wellen ankämpfte, während Phineas das weniger mühsame Mittel des Treibens wählte.
Für ihn erschien Arbeit als eine völlig künstliche und anormale Handlung, selbst auferlegt und unnötig. Die Bühne des Lebens bot ihm so viele Gelegenheiten, seine schauspielerischen Fähigkeiten einzusetzen, dass die Idee, sich in eine Arbeitsroutine zu begeben, wie eine Verschwendung von Talent schien. Mit weitreichendem Scharfsinn hatte er früh erkannt, dass eine geradlinige Rolle nichts für ihn war.
Auf der Suche nach einem Feld, das die größte Gelegenheit für sein Talent versprach, entdeckte er die Immanuel Church in der Stadt. Hier brannte die Philanthropie mit solchem Eifer, dass die Ernte nicht für die Arbeiter ausreichte. Phineas sah seine Chance und ergriff sie. Er wurde zum verlorenen Sohn.
Von da an war es sein einziger Beruf, die Kirche zu besuchen. Dreimal pro Woche, ungeachtet der Unbill des Wetters, wickelte er seine langen Beine von den Stuhlsprossen im Cant-Pass-It, strich sich sorgfältig sein rotes Haar glatt und machte sich auf den Weg zu einer vorderen Kirchenbank in der Immanuel Church. In Abständen, die auf das Genaueste berechnet waren, fiel er vom Glauben ab und wurde wieder bekehrt, wobei er von Perioden schwerer Rückfälle zu Perioden großer religiöser Inbrunst überging. Unterdessen befolgte er die Heilige Schrift wörtlich und sorgte sich nicht um den nächsten Tag. Sein Vertrauen auf die Vorsehung und den Wohltätigkeitsverein der Damen wurde mit der Zeit absolut.
Auch der Selbstachtung von Phineas Flathers tat diese Lebensweise keinen Abbruch. Er betrachtete sich in keiner Weise als Schmarotzer. Gab er nicht dreimal pro Woche eine meisterhafte Darbietung unseres „bedürftigen Armen“, unseres „Bruders im Unglück“? Bot er nicht bereitwillig seine Familie an, damit jede neue Kirchengesellschaft sich an ihr die Hörner abstoßen konnte? Hatte Maria, seine Frau, sich nicht mühsam durch unverständliche Traktate gequält, und hatte Chick, sein Adoptivsohn, nicht so oft wie drei Sonntage hintereinander Buße in der Sonntagsschule getan? Alles in allem hatte Phineas das Gefühl, dass die Kirche eine Menge für ihr Geld bekam.
Myrtella Flathers, die einer anderen Methode folgte, hatte fünfzehn Jahre lang jedes Hindernis bekämpft, das ihren Weg kreuzte. Sie hatte in ihrem Kielwasser Traditionen von unübertroffenem Kochen und beispielloser Sauberkeit hinterlassen, zusammen mit einer besiegten Armee von Herrinnen, Hausmädchen, Wäscherinnen und Butlern. Sie gehörte zum Orden der kämpfenden Köchinnen, und sie hatte sich ihre Sporen längst verdient.
Unter den Dingen, die Myrtella bei ihrer pauschalen Verurteilung des Lebens im Allgemeinen missbilligte, ragte nichts mehr heraus als ihr Bruder und seine Familie. Aber das Band des Blutes, stärker als Vorlieben oder Abneigungen, Gunst oder Vorurteile, brachte sie immer wieder zu ihm zurück, um mit ihm ihr Hab und Gut zu teilen und sein Verhalten zu kritisieren.
An diesem speziellen Nachmittag hatte sie sich auf den Weg zum Billy-goat Hill gemacht, um von der Schießerei zu hören und der Familie die Neuigkeit zu überbringen, dass sie eine neue Stelle bekommen habe. Dies geschah mit einer solchen Regelmäßigkeit, dass es keine Beachtung verdient hätte, wäre nicht die erstaunliche Tatsache hinzuzufügen gewesen, dass Myrtella zufrieden war. In ihren fünfzehn Jahren rebellischer Dienste war sie noch nie einer Stelle so nahe gekommen, die Zufriedenheit bot. Sicher, es gab dunkle und nicht erwähnenswerte Fälle, in denen sie selbst keine Zufriedenheit gegeben hatte, aber meistens war es der Ort, „der neue Ort“, mit seinem wechselnden Kodex von „Dürfen“ und „Nichtdürfen“, der Myrtella dazu brachte, viele ihrer Tage im Arbeitsamt, in Straßenbahnen oder beim Umherstreifen in den Straßen auf der Suche nach diesem ewig schwer fassbaren „guten Zuhause“ zu verbringen.
Sie hatte ihre Pilgerreise in einer ziemlich ausgeglichenen Geisteshaltung begonnen, aber bevor sie richtig in Fahrt kam, hatte sie der Wind wütend gemacht. Es war eine ausgelassene Märzwinde, die zurückgeblieben war und nun im Mai umherirrte, auf Unfug aus.
Myrtella kreuzte wie eine Segelschaluppe gegen ihn an, voll aufgetakelt und alle Segel gesetzt, eine kantige, untersetzte Person mit einem kämpferischen Ausdruck, der seltsam im Widerspruch zu den verlegenen, fast scheuen Bewegungen ihrer Hände und Füße stand. Kurze Strähnen aus glattem schwarzem Haar peitschten über ihr Gesicht, ihre Röcke, die fest gegen ihre Knie geblasen wurden, blähten sich im Wind auf, während ihr breitkrempiger Hut wie ein echtes Toppsegel die volle Wucht des Windstoßes abbekam.
Als sie drei Kreuzschläge gemacht hatte, um die Allmende zu überqueren, und bereit war, an der Ecke zu wenden, gab es eine unfreiwillige Wende, die alle Segel gegen den Mast schlagen ließ und sie in eine solche Aufregung versetzte, dass sie eine Schnur übersah, die sich in ihrer heimtückischen Länge zwei Zoll über dem Pflaster vom Zaun bis zum Bordstein spannte.
Nach ihrem Sturz, anstatt an einem Schlaganfall zu sterben, wie man es angesichts ihres Gesichtsausdrucks hätte erwarten können, rappelte sich Myrtella vom Pflaster auf, spähte durch einen Riss im Zaun und lächelte. Es war ein Ausdruck, der ihren Gesichtszügen so fremd war, dass sie kaum wussten, wie sie damit umgehen sollten.
„Ich sehe dich, Chick!“, sagte sie mit einer Stimme, die sich bemühte, sanft zu sein; „warum kommst du nicht raus und sprichst mit mir?“
Chick und Skeeter, die die bezeichnende Ausbuchtung der Schnurtasche erkannten, die sie bei sich trug, krabbelten hervor, wobei ersterer geschickt ihrem ausgestreckten Willkommensarm auswich.
„Er sagt“, warf der allzeit bereite Skeeter ein, als sein Gefährte seltsame Geräusche in der Kehle machte, „dass er nie gewusst hat, dass du das warst. Er wollte dich nie zum Stolpern bringen. Ehrlich wahr! Du bist doch nicht sauer, oder?“
„Nein, ich bin nicht sauer.“ Myrtella lächelte immer noch, als sie den Staub von ihrem Rock bürstete. „Hier ist eine Orange, die ich dir mitgebracht habe, Chick. Du warst doch nicht krank, oder?“
„Nee! Er war nicht krank, aber er hat dieses Bad genommen, um das du ihn gebeten hast, und wo ist sein Nickel?“
Myrtella stand da und beobachtete die Jungen, bis der Lebensmittelladen an der Ecke sie und ihren neuen Nickel verschluckte, dann seufzte sie und bog in die Bean Alley ein.
Hier gab es keine Straßen, und ein gelegentlicher Stein oder eine Konservendose waren die einzigen Inseln in einem Meer aus Schlamm. Das Häuschen der Flathers, bestehend aus zwei Zimmern und einem halben Dachboden, stützte sein Gewicht gegen das Nachbarhaus, mit einer gewissen blinden Abhängigkeit, wie Phineas Flathers sich auf die Kirche stützte. Auf der anderen Seite bot es einen ununterbrochenen Blick auf die Müllhalde, die der Hintergrund für das gesamte soziale Leben der Jugend in diesem Teil des Billy-goat Hill war.
Hier wurden Schiffe in Schlammpfützen zu Wasser gelassen, Blumengärten in Konservendosen versucht und wilde Kriege zwischen rivalisierenden Banden geführt; hier spielten angehende Mütter mit Stock- und Lumpenpuppen, und Zirkusaspiranten führten akrobatische Kunststücke auf dem einen Stück Zaun auf, das noch nicht umgefallen war. Und all diese Aktivitäten fanden fast unter den Rädern der Müllwagen statt, die den ganzen Tag hin und her fuhren. Myrtella, die sich ihren Weg durch den Schlamm bahnte, bog gerade um die Ecke des Hauses der Flathers, als ihre Augen auf eine zerbrochene Fensterscheibe fielen, die mit einem Wollrock verstopft war, den sie Maria gegeben hatte, damit sie daraus Hosen für Chick nähen konnte. Sie riss ihn kurzerhand mit einer solchen Wucht heraus, dass das Glas gleich mitkam, und als sie die Hintertür erreichte, war ihr Kiefer fest angespannt und ihre Brauen zusammengezogen.
In Anbetracht der Tatsache, dass der hintere Raum eine Zusammensetzung aus Küche, Waschküche, Esszimmer, Speisekammer, Kohlenkeller und Keller war, hätten die Blicke, mit denen Myrtella das Zimmer und seinen einzigen Bewohner abtastete, ein wenig weniger streng sein können. Es war ein Blick, in dem sich ihre individuelle Abscheu vor Schmutz mit ihrer rassischen Missbilligung von „Anverwandten“ verband.
In dem einzigen Platz im Raum, der nicht belegt war, beugte sich Maria Flathers über einen Waschzuber und überredete schwach schwarze Kleidungsstücke, grau zu werden. Das war alles, was sie von ihnen verlangte. Sie war nicht ehrgeizig. Ehrgeiz war, wie alles andere, schon vor langer Zeit aus ihr herausgewaschen worden, von diesen heißen, dampfenden Seifenlaugen, die sie den größten Teil ihrer wachen Stunden einhüllten und sie körperlich, geistig und moralisch schlaff machten. Ihr einziger starker Instinkt war die Mutterschaft; aber fünf kleine Flathers, die ihre schwachen Augen auf ihre zukünftige Umgebung geöffnet hatten, waren so entmutigt gewesen, dass sie sie flugs wieder geschlossen hatten. Es war, als ob sie die Aussicht auf ein Leben in diesem Zuhause mit Mr. und Mrs. Flathers als Eltern wirklich nicht ertragen könnten!
Nur Chick überlebte, das Ascheneimer-Baby, das eigentlich gar nicht ihres war, aber da es sein Leben in ihrem Hinterhof begonnen hatte, blieb es wie alles andere, wenn es sich einmal bei den Flathers etabliert hatte, aus dem einfachen Grund, dass sich niemand jemals die Mühe machte, die bestehende Unordnung zu ändern.
Als Myrtella zornig in den Hafen einlief und an der Türschwelle anlegte, sah Maria mit einem Keuchen auf:
„Gesetz! Myrtella, du hast mir einen Schrecken eingejagt. Ich habe vergessen, dass heute dein freier Nachmittag war. Ich dachte sicher, du wärst Sheeleys Mieterkassierer.“
„Sheeleys?“, wiederholte Myrtella, deren Neugier die Oberhand über ihr Temperament gewann, als sie einen alten Schuh und ein Mehlsieb vom nächsten Stuhl entfernte und sich setzte.
„Ja, er ist unser Vermieter, aber er schickt einen anderen Mann zum Kassieren. Ich nehme an, du hast gehört, dass er angeschossen wurde?“
„Habe jedes Wort gelesen, das gedruckt wurde. Wird er sterben?“
„Nicht er. Ihm fehlt nichts, außer dass sein Auge rausgeschossen wurde. Mein Onkel zu Hause hat beide Augen verloren – Du, Chick!“, das galt einer unsichtbaren Anwesenheit, die sich nur durch einen Schauer von Kieselsteinen bemerkbar machte, der einer fliehenden Katze folgte. „Geh hoch zum Saloon, Chick, und sag deinem Pappy, er muss nach Hause kommen. Deine Tante 'Tella ist da.“
„Sieht nicht so aus, als ob er einen Zoll im Jahr wächst“, sagte Myrtella nachdenklich und beobachtete, wie er davonging.
„Diese Mrs. Ivy ist schon wieder hinter mir her, ihn ins Witwen- und Waisenhaus zu schicken. Sie sagt, sie kann ihn unterbringen, und sie werden ihm das Lesen und Schreiben beibringen.“
„Na, da geht er nicht hin! Ich schätze, solange ich die Lebensmittelrechnungen bezahle, habe ich das Recht zu sagen, wer das Essen bekommt! Was ist das, was du da versteckst?“
Maria, die versucht hatte, etwas heimlich vom Tisch zu entfernen, sah entschuldigend aus.
„Es ist einer dieser Gipsabgüsse, ich wette“, fuhr Myrtella fort. „Ich hätte wissen müssen, dass du das Gegenstück zum anderen holst, und keinen Quadratzoll Platz im Haus, um es abzustellen! Was hast du dafür gegeben?“
Mrs. Flathers zog ihre Schürze zurück und entstaubte zärtlich die bunt bemalten Gesichtszüge einer Indianer-Squaw, deren Kopffedern auf ihrem Arm ruhten. Dann stellte sie ihn auf eine Ecke des Herdes, wo seine imposante Würde selbst auf die steinerne Myrtella einen momentanen Eindruck machte.
„Wie viel?“, verlangte sie herzlos.
„Ein Viertel Dollar Anzahlung und zehn Cent die Woche.“ Maria seufzte. „Es wäre überhaupt keine Mühe, wenn Phineas nicht so viel Fahrgeld für die Kirche ausgeben würde und dieser o-beinige, nichtsnutzige Mieterkassierer, der jede Woche hier angeschlichen kommt und so tut, als hätten arme Leute einfach Geld in Gläsern herumstehen, das nur auf seinesgleichen wartet!“
Marias Hass auf den Mieterkassierer war das einzige Gefühl, das in ihrer verdorrten Brust übrig zu sein schien. Ihn zu vereiteln, ihm auszuweichen, sein Kommen vorauszusehen und nicht zu Hause zu sein, bildete das Hauptziel ihrer Existenz.
Ein Knallen des Tores kündigte die Ankunft des Familienoberhaupts an, was sogleich von den Klängen eines fröhlich im Rag-Time gepfiffenen Kirchenliedes gefolgt wurde.
Phineas Flathers hatte nach Monaten der Abstinenz jene Periode erreicht, in der er das Gefühl hatte, dass nicht nur seine Konstitution, sondern auch sein Beruf von einem vorübergehenden Fall vom Glauben profitieren würde. Die Sorge um sein moralisches Wohlergehen in der Kirche begann nachzulassen; sein regelmäßiger Besuch, seine scheinbare Versunkenheit in die Predigt und seine emotionale Darbietung der Hymnen trugen alle dazu bei, ihn aus der Klasse der interessanten Bekehrten in den tödlich langweiligen Trott der regulären Mitglieder zu heben. Erst an diesem Nachmittag hatte er beschlossen, das Interesse an seinem Fall um jeden Preis wiederzubeleben. Er hatte gerade andere im Cant-Pass-It eingeladen, so wie er es von anderen erwartete, als er nach Hause gerufen wurde, um seine Schwester zu sehen.
Er präsentierte sich nun in seinem eigenen Türrahmen, eine Hand auf jeder Seite des Pfostens, und verneigte sich tief:
„Miss Flathers! Freut mich, Sie zu treffen! Ich sehe, Sie sind sich in Sachen Aussehen immer noch treu geblieben. Haben Ihre Stelle verloren, nehme ich an?“
„Genau, sei beleidigend!“, fuhr Myrtella hochmütig auf; „reib es mir unter die Nase, dass man es mir schwer recht machen kann und ich nicht bereit bin, mich mit irgendeiner alten Stelle abzufinden, die mir gerade unterkommt.“
„Nun, so würde ich es nicht ausdrücken, dass ich es dir direkt unter die Nase reibe“, begann Phineas, begierig, sich versöhnlich zu zeigen.
„Was heißt, ich bin eine Lügnerin?“ Myrtella machte sich bereit für den Kampf.
„Ach, komm schon“, schmeichelte Phineas; „nichts für ungut. Erzähl uns doch, warum du gegangen bist.“
„Wer sagt, dass ich gegangen bin? Leg mir Worte in den Mund, an die ich nie gedacht habe! Ich bin nicht gegangen, und was noch mehr ist, ich werde es auch nicht tun. Ich habe eine gute Stelle.“
Phineas pfiff einen quälend langgezogenen Ton der Überraschung: „Die Dame, für die du arbeitest, muss taubstumm sein.“
„Das ist sie. Genau wie du eines Tages sein wirst. Sie ist seit drei Jahren tot.“
Der Triumph, mit dem sie diese Ankündigung machte, versetzte Phineas vorübergehend in Schweigen und ermöglichte es ihr fortzufahren:
„Ich koche für einen verwitweten Herrn mit drei Kindern, und seit ich bei ihnen angefangen habe, habe ich keines von ihnen jemals zu Gesicht bekommen, außer zu den Mahlzeiten. Queerington heißen sie, wohnen in der College Street, gleich um die Ecke von der Immanuel Church. Er ist Lehrer oder so etwas, einer dieser Bücherwürmer, deren Kopf niemals beachtet, was der Rest von ihnen gerade treibt. ‚Übernehmen Sie‘, sagte er, ‚die Leitung von allem, erledigen Sie die Bestellungen und das Kochen, und belästigen Sie mich mit nichts.‘“
„Aber belästigt er dich denn?“, warf Phineas scharfsinnig ein; „das ist doch der eigentliche Punkt.“
„Habe ich dir nicht gerade erzählt, dass er das nicht tut? Er war auf einer Reise nach Virginia; heute Abend kommt er heim. Ich habe das ganze Haus in meiner Hand, vom Keller bis zum Dachboden. Miss Connie, das ist die Älteste, flatterhaft wie eine Taube und den Kopf so voll von Jungs, dass sie sich um nichts anderes auf der Welt kümmert. Dann ist da noch Miss Hattie, die Zweite, gerade in diesem garstigen Alter von dreizehn, aber so damit beschäftigt, ihre Schwester zu piesacken, dass sie keine Zeit für mich übrig hat –“
„Ich dachte, du hättest gesagt, es seien drei Kinder“, warf Maria sanft ein.
„Habe ich auch. Du hast doch nicht etwa gedacht, ich würde lügen, oder? Immer bereit, einem die Worte aus dem Mund zu reißen, bevor man sie ausgesprochen hat! Das dritte ist ein Junge, Bertie nennen sie ihn, kränklich und hager, aber ein recht netter kleiner Kerl. Wo ist Chick hin?“
„Er sitzt da draußen auf der Türschwelle. Hast du von unserer Schießerei gehört?“
„Maria hat versucht, es mir zu erzählen, aber sie schien nichts Klares berichten zu können. Wer, glaubst du, war es?“
Phineas Flathers, der auf den Hinterbeinen seines Stuhls balancierte, die Daumen in die Armlöcher seiner Weste gesteckt, war nur zu gerne bereit, zu einer vollständigen Schilderung der Angelegenheit auszuholen und sie dabei mit so mancher Ausschmückung zu versehen. Im Schoße seiner Familie war er frei von jenen Fesseln der Zurückhaltung, die ihn in förmlicherer Gesellschaft beim Sprechen behinderten. Die Menge an Flüchen, die er im Laufe eines gewöhnlichen Gesprächs loswerden konnte, war schlichtweg erstaunlich. Da dies mehr als ein gewöhnliches Gespräch war und seine Stimmung mild, verlangte es nach einem erweiterten Wortschatz. Er stellte die Tatsachen des Falls anschaulich dar und ließ dann seiner Fantasie freien Lauf, um sie zu erklären. Er interpretierte die ganze Geschichte als einen Zusammenstoß zwischen Kapital und Arbeit, einen Konflikt zwischen dem verhätschelten Aristokraten und dem einfachen Mann. Die Schießerei war das Ergebnis eines tief ausgeheckten Plans: Dillingham und Morley hatten sich verabredet, aus welchem Motiv auch immer, das er nicht klar darlegte, um Sheeley, einen ehrlichen Arbeiter, zu töten. Hatte nicht der Mann zu Pferd, von dem sie sagen, es sei Mr. Morley gewesen, ihn am Nachmittag der Schießerei am Bahnübergang angehalten und in ein Gespräch verwickelt? Phineas versicherte seinen Zuhörern, dass er noch jetzt zitterte, wenn er an die Gefahr dachte, in der er geschwebt hatte!
„Ich hatte ihn schon vor diesem Tag gesehen, wie er mit einer hübschen jungen Dame ritt, die fast unter eine Lokomotive geraten wäre, aber diesmal war er allein, saß da auf seinem Pferd, stolz wie ein König, und hetzte mich auf, weil die reichen Leute uns armen Arbeitern keine Straßen hier draußen gönnten. Ich ahnte da schon etwas; ich sagte zu mir selbst: ‚Er hat ein hübsches Gesicht, aber sein Verstand ist ein Quell der Verderbnis.‘ Und als ich hörte, dass er Sheeley erschossen hatte... Nun, was zum Donnerwetter ist denn mit dir los, Chick?“
Während dieser Erzählung hatte Chick im Türrahmen gesessen, die Knie bis zum Kinn gezogen, und aufmerksam zugehört, doch an dieser Stelle schrie er in einem Schwall protestierender Laute auf.
„Es ist die Schießerei, die ist ihm auf das Gemüt geschlagen“, erklärte Maria, während sie ihr langes, dünnes Haar zu einem noch festeren Knoten am Hinterkopf drehte. „Er führt sich jedes Mal so auf, wenn er hört, wie wir darüber reden, und niemand kann ein Wort verstehen, das er sagt. Zwei oder drei Tage lang konnte ich ihn kaum dazu bewegen, etwas zu essen.“
„Wenn deine Kocherei nicht besser ist als früher, wundert mich das nicht“, sagte Myrtella. „Wie schwer ist Sheeley eigentlich verletzt worden, Phineas?“
„Oh, der wird noch einen Monat liegen. Sie sagen, der Sehnerv seines Auges sei genau in der Mitte gerissen. Aber das beunruhigt Sheeley nicht. Er lebt im Krankenhaus wie ein Herr, alle Rechnungen bezahlt, und die feinen Leute kümmern sich um ihn. Ich höre, er will nicht einmal Anzeige erstatten. Die haben ihn ordentlich ruhiggestellt; außerdem will er sich diese flinke junge Bande nicht auf den Hals hetzen. Er rechnet damit, die Boxkämpfe wieder zu starten, sobald die Polizei aufhört, ihn zu beachten. Sag mal, Sis, hast du nicht zufällig einen Quarter bei dir?“
Die eigenartige Überzeugungskraft von Phineas’ Stimme, wenn er diese finanziellen Vorschläge in den Raum warf, war sehr tückisch. Auf subtile Weise ließ er den Gefallen ganz auf der Seite des Empfängers liegen; er gab dem Geber sozusagen eine Chance, sich Verdienste zu erwerben.
Doch Myrtella trug die Rüstung der Erfahrung. „Nein, habe ich nicht!“, sagte sie und griff fester nach ihrer Tasche. „Ich bezahle jetzt den Lebensmittelhändler und kaufe Kleidung für Chick. Was nützt das schon? Kaum habe ich seine Haut bedeckt, gehst du hin und verkaufst ihm die Sachen vom Leib. Wann suchst du dir eigentlich mal eine Arbeit?“
„Nun, man könnte sagen, ich habe jetzt eine. Zumindest befolge ich die Schrift und trage eines anderen Last. Jires, der Schrankenwärter an der Junction, hat sich mit Rheuma niedergelegt und will nicht, dass der Chef davon erfährt. Er sitzt in seinem Häuschen und stellt mich ein, damit ich rausgehe und die Züge abfertige, wie er es mir sagt.“
„Wie viele Züge am Tag?“
„Zwei rauf, drei runter und ein paar Güterzüge.“
„Ich sollte meinen, du stirbst vor Anstrengung. Wie viel bekommst du?“
„Ach, so viel ist es nicht. Aber ich bin kein ehrgeiziger Mann. Was nützt es mir, zu schuften und zu horten, wenn ich kein Kind habe, dem ich es hinterlassen könnte? Wenn Claude überlebt hätte, oder McKinley, hätte ich vielleicht etwas, wofür es sich zu arbeiten lohnt.“
„Du meinst, du hättest etwas, das für dich arbeitet. Der Herr hat sicherlich gute Arbeit geleistet, als er seine Meinung änderte und die Kinder nicht leben ließ.“
„Nebenan gibt es Zwiebeln zum Abendessen“, sagte Maria schwach, um eine alte Diskussion abzulenken. „Ich konnte den ganzen Nachmittag an nichts anderes denken.“
Chick, der zum Lebensmittelladen geschickt worden war, um nach der Uhrzeit zu sehen, kam zurück und hielt fünf Finger hoch.
„Verflixt, ich muss los!“, sagte Phineas. „Der Personenzug aus Virginia ist um fünf Uhr sechzehn fällig. Er wird nicht vor Viertel vor sechs hier sein, aber ich bin immer pünktlich da. Dafür bezahlt mich Jires, für meine Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit. Lass mich nur eine feste Gewohnheit entwickeln, und eine Uhr kann da nicht mithalten. Warum, wenn ich zu spät in die Kirche käme, würden sie den Gottesdienst unterbrechen!“
„Nun, gewöhn dir bloß nicht an, regelmäßig bei den Queeringtons vorbeizuschauen!“, war Myrtellas Abschiedswort, als er sich schwankend erhob. „Wenn ich dir etwas zu sagen habe, komme ich hierher.“
„Ganz recht!“, stimmte Phineas herzlich zu; „mach es dir nur gemütlich. Mein Zuhause ist dein Zuhause. Maria wird dir sagen, dass ich erst letzte Nacht zu ihr sagte: ‚Maria, du brauchst nicht so niedergeschlagen zu sein, weil du Myrtella diesen Monat um die Miete bitten musst, denn das hier ist auch ihr Zuhause. Es gibt kein Brett in diesem Haus, das ich nicht mit ihr teilen würde, das weiß sie.‘ Erzähl ihr alles, was ich gesagt habe, Maria, halte nichts zurück. Leb wohl!“ Und mit einem liebevollen Blick und einem Winken verschwand Phineas.
Hätte er nun den geraden und schmalen Pfad eingeschlagen, der von Steinen und Konservendosen markiert war und zur Junction führte, anstatt der breiten Straße zu folgen, die durch den Holzsteg zum ‚Cant-Pass-It‘ gewiesen wurde, wäre das Unglück, das über Billy-goat Hill schwebte, vielleicht abgewendet worden.
Doch er hatte den Saloon inmitten eines hitzigen Streits mit zwei Italienern verlassen, bei dem es um die Vorherrschaft Amerikas über alle anderen Nationen ging. Die Tatsache, dass sein Land noch nie stolz auf ihn gewesen war, hielt ihn keineswegs davon ab, sehr stolz auf sein Land zu sein. Bis der Streit ordnungsgemäß beendet war, hatte er das Gefühl, die Ehre der Nation stünde auf dem Spiel.
Sein patriotischer Eifer war so groß, dass der Personenzug bereits in Sicht war, als er den Bahnübergang erreichte. Jires, hilflos und verängstigt auf seinem Posten, rief verzweifelt Anweisungen aus seinem kleinen Wärterhäuschen.
„Flathers! Es gibt einen Dammbruch weiter unten auf der Strecke! Wir müssen den Personenzug aufhalten. Hol die rote Flagge raus! Schnell, Mann! Sei bereit, dem Lokführer ein Signal zu geben. Dreimal über Kreuz! Die rote Flagge, du Narr! Die ROTE FLAGGE! Oh, mein Gott!“
Denn Phineas Flathers, für den nun alle Flaggen rot, weiß und blau aussahen, stand am Übergang und schwenkte fröhlich eine weiße Flagge, während der Lokführer, die Hand am Regler, die Bremsen löste und seinen Zug donnernd das Gefälle hinab in den Untergang schickte.
* * * * *
Währenddessen brach Myrtella auf, nachdem sie ihren Besuch mit einem großen Feuerwerk beendet hatte, bei dem sie Phineas seiner Frau in einer Reihe von lodernden, lebensechten Porträts vor Augen geführt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass sie vor der Wahl stand, die Miete zu zahlen oder mitansehen zu müssen, wie ihr einziger Verwandter auf die Straße gesetzt wurde, und es war auch nicht das erste Mal, dass sie, nachdem sie Maria gründlich ihre Meinung gesagt hatte, für die Miete aufkam.
Den ganzen Heimweg über diskutierte sie das Thema hörbar mit sich selbst und murmelte noch immer düster vor sich hin, als sie bei den Queeringtons ankam. Sie war so sehr in ihre eigenen Kränkungen vertieft, dass sie nicht bemerkte, dass die Vordertür offen stand und Gestalten im Flur umhereilten.
Als sie durch die Seitentür eintrat, rannte ein junges Mädchen mit bleichem Gesicht, dessen Haar streng nach hinten zu einem langen Zopf gebürstet war, durch die Speisekammer.
„Was ist denn los, Miss Hattie?“
Das Mädchen stützte sich am Treppengeländer ab. „Es ist Vater!“, sagte sie mit klappernden Zähnen. „Es gab einen schrecklichen Unfall kurz unterhalb der Junction. Sie können ihn nicht einmal nach Hause bringen. Sie bringen ihn an einen Ort dort draußen, zu einem Colonel Carsey. Colonel Carsey wurde getötet. Er saß direkt neben Vater. Oh! Myrtella, ich habe solche Angst, dass Vater stirbt!“
Myrtella, die hilflos vor dem von Angst gelähmten Mädchen stand, konnte keine Worte des Trostes finden. Tatsächlich wirkte sie sogar noch imposanter und borstiger als sonst.
„Nun, er ist noch nicht tot“, sagte sie kurz angebunden, „und überhaupt gibt es keinen Grund, warum ihr nicht zu Abend essen solltet. Kummer liegt immer schwer im leeren Magen.“
KAPITEL VII
Der tödliche Unfall, den Phineas Flathers’ fehlgeleiteter Patriotismus heraufbeschworen hatte, veränderte den Lauf so manches Lebens, aber für niemanden brachte er weitreichendere Folgen mit sich als für die Tochter des alten Bob Carsey.
Miss Lady konnte sich nie recht an jene ersten Tage nach dem Tod ihres Vaters erinnern. Sie erschienen ihr wie ein verworrener Albtraum aus fremden Ärzten und Krankenschwestern, einem fremden Mann, der im Gästezimmer zwischen Leben und Tod schwebte, aus fremden Menschen, die kamen und gingen oder in gedämpften Gruppen auf den steifen Rosshaarstühlen im Flur saßen und auf Nachrichten warteten. Nur zwei Tatsachen blieben fest in dem wirbelnden Chaos der Unwirklichkeiten: Ihr Vater war tot, und kein Brief von Donald Morley war eingetroffen.
Jeden Tag, wenn die Post kam, erwachte sie aus ihrer Teilnahmslosigkeit und sortierte mit zitternden Fingern die Briefe, ging sie immer wieder durch und fand doch nie den, den sie suchte. Allmählich mischte sich unter den quälenden Schmerz um ihren Vater der dumpfe, hartnäckige Schmerz einer ersten Enttäuschung. Der Glaube und die Treue, mit denen sie ausgezogen war, um Donald zu verteidigen, begannen angesichts seines Schweigens zu schwinden. In seiner Not war sie bereit gewesen, zu ihm zu eilen, um zu helfen und zu verzeihen, doch er hatte nicht nach ihr gerufen. Nun, in ihrer großen Not, rief sie nach ihm, und er kam nicht. Misstrauen begann sich an die Fersen des Zweifels zu heften.
Hatte er nicht seine Unbeständigkeit selbst eingestanden? Hatte ihr Vater es nicht von Anfang an gesehen? War sein Wunsch, sich auf dem Land niederzulassen, nur eine jener Launen, aus denen sein Leben zu bestehen schien? Vielleicht war sie selbst nur eine vorübergehende Laune gewesen, etwas, das man für den Moment wollte, aber bald vergaß. Nach einer Woche erhob sich ihr Stolz zum Widerstand. Welchen Grund er jetzt auch anführen mochte, es wäre zu spät.
Der plötzliche Sturz aus der verantwortungslosen Mädchenzeit in dieses geheimnisvolle Gebiet von Trauer und Zweifel, wo man den dornigen Pfad allein beschreiten muss, erschreckte und verwirrte sie. Sie tat all die letzten traurigen, vergeblichen Dinge, die man für die Toten tun kann; dann, als alles vorbei war, floh sie vor der Verwirrung in Thornwood und suchte die Stille der Wälder. Hier folgten auf heftige Ausbrüche rebellischer Trauer Stunden der Teilnahmslosigkeit, in denen sie meilenweit wanderte, nichts sah und nichts hörte, aber von einem beharrlichen Verlangen angetrieben wurde, in Bewegung zu sein.
Es war am Ende einer dieser Wanderungen, dass Noah Wicker sie spät eines Abends auf dem Gras am Fluss fand, wie sie sich an der Stelle, an der der Colonel früher zu fischen pflegte, die Seele aus dem Leib schluchzte.
Noah Worte des Trostes waren so rar wie seine anderen Worte, also setzte er sich auf einen Baumstamm in der Nähe und wartete schweigend, bis sie bereit war, nach Hause zu gehen. Am Gatter, wo er sie verließ, überreichte er ihr einen Brief.
„Ich hab ihn heute Mittag am Bahnhof bekommen“, sagte er. „Dachte, ich käme früher vorbei, wusste aber nicht, ob du mich sehen willst.“
Sie hörte ihn nicht, der Brief war angekommen! Ihre Finger bebten bei seiner Berührung, und das warme Blut strömte zu ihrem Herzen. Ohne einen weiteren Gedanken an Noah eilte sie den Weg zum Haus hinauf, wo sie sich im Wohnzimmer einschloss. Streichholz um Streichholz zischte und erlosch in ihren nervösen Fingern, bevor die Lampe angezündet war.
Er hatte geschrieben! Er sorgte sich! Er würde kommen! Immer wieder flüsterte sie sich die Worte zu. Dann sah sie auf den Poststempel des schweren Umschlags, und ihr Herz sank. San Francisco! Nach alledem kam er nicht zurück!
Ihr eifriger Finger war schon am Siegel, als ihre Augen auf eine Bruyère-Pfeife fielen, die auf dem Tisch neben einem halb gefüllten Tabakbeutel lag. In einem Augenblick schien sie eine stämmige, braune Hand zu sehen, die danach griff, das schnelle Aufzischen des Streichholzes, das Aufleuchten des Gesichts eines alten, wettergegerbten Mannes, dann ein tief aus dem Atem geholter Zug der Zufriedenheit, als der Colonel sich zurücklehnte und seine andere Hand seinem kleinen Mädchen entgegenstreckte.
Und ihr letztes Versprechen an ihn war gewesen, nichts zu tun, bis Donalds Name reingewaschen wäre. Sie konnte ihr Versprechen jetzt halten, aber konnte sie das, nachdem sie Donalds Brief gelesen hatte? Wenn schon die bloße Berührung in ihrer Hand für ihn plädierte, was würden erst die lebendigen Worte bewirken?
Sie blickte hoffnungslos in dem heiteren, gemütlichen Zimmer umher, das ihr an jedem Zentimeter von ihrem Vater und seiner Liebe zu ihr erzählte. An der weißen Türzarge waren die stolzen Aufzeichnungen mit Bleistift eingeritzt, die er zu jedem Geburtstag über ihre Körpergröße gemacht hatte. An den Wänden hingen Bilder von ihr, die er wie einen Schatz hütete, von der Zeit an, als sie ein rundäugiges Baby war, bis zum heutigen Tag. Im Schrank befand sich eine grüne Schachtel mit ihren ersten Schuhen, ihren kleinen Kleidchen, ihrem ersten Brief, ihren Baby-Locken.
Über dem Cembalo hing ein Porträt des Colonels selbst, gemalt, bevor sie geboren wurde. Es zeigte einen schneidigen, jungen Sportler, umgeben von seinem Rudel Jagdhunde. Vor zwanzig Jahren hatte dieser galante Jäger die Jagd aufgegeben, wie so manche andere Freude, um sich ihren kindlichen Bedürfnissen zu widmen, ihre Freuden und Sorgen zu teilen und Vater, Mutter, Spielkamerad in einem zu sein.
Sie umklammerte Donald Morleys Brief fest und schloss die Augen. Niemals in ihrem kurzen Leben hatte sie etwas so verzweifelt tun wollen, wie diesen Brief zu lesen, und doch würde das Lesen den Bruch eines Versprechens an jemanden bedeuten, dem sie nie wieder etwas versprechen konnte. Ihre neu erwachte Liebe und ihr Sinn für Gerechtigkeit plädierten hitzig für Donald, aber das leere Zimmer und ihr leeres Herz und ein leidenschaftliches Gefühl der Treue zu den Toten sprachen stumm für ihren Vater.
Letztlich konnte nichts diese langen Tage des Schweigens rechtfertigen, dieses Versäumnis Donalds, ihr in ihrer Not beizustehen. Das Urteil ihres Vaters war wahrscheinlich doch richtig, und es war das Beste, wenn sie die Sache ein für alle Mal beendete.
Schluchzend wie ein Kind küsste sie den Brief immer wieder, kniete vor dem Kamin nieder, hielt ihn in die Flamme und beobachtete, wie er auf dem Herd zu Asche verbrannte.
Danach folgte eine trostlose Woche auf die andere, mit demselben Einfall von Fremden, denselben wechselnden Berichten aus dem Krankenzimmer. Allmählich jedoch wurden die Berichte günstiger, die Spannung ließ nach, die Besucher wurden seltener, und in Thornwood kehrte wieder der normale Alltag ein.
Aufgrund der Art der Verletzung von Doctor Queerington und des schweren Schocks, den er erlitten hatte, hielt man es nicht für ratsam, ihn in die Stadt zu verlegen, bis er kräftiger wäre. Das stille Landhaus war ein ausgezeichneter Ort für die Genesung, und unter der Aufsicht seiner ausgebildeten Krankenschwester konnte man ihm erlauben zu lesen und zu schreiben, frei von der Belästigung, die ihn erwarten musste, sobald er nach Hause zurückkehrte.
Dieser Regelung stimmte Miss Lady lustlos zu, da sie keine Pläne für die Zukunft hatte und eine erneute Umstellung fürchtete. Sie war sonderbar allein auf der Welt und für den Augenblick zu benommen, um zu wissen, was ihr nächster Schritt sein sollte. Das Einzige, dessen sie sich sicher war, war, dass sie Thornwood niemals verlassen würde.
An einem der ersten Tage, an denen Doctor Queerington aufstehen durfte, besuchte sie ihn. Ihr erster Eindruck in dem abgedunkelten Zimmer war das freundliche Händedruck und eine wunderbare, tiefe Stimme, die tröstende Worte sprach. Dann sah sie nach und nach das schlanke, überernste Gesicht eines Mannes mittleren Alters, mit kleinen Augen, die etwas zu dicht beieinander standen, einer breiten, intellektuellen Stirn und einem festen, wohlgeformten Mund, der ein Fremder für das Lächeln zu sein schien.
Von da an fand sie sein Zimmer als Zufluchtsort. Er war seit ihrer Kindheit das unbekannte Objekt ihrer Bewunderung gewesen, er war der Freund ihres Vaters, der Letzte, der vor seinem Tod bei ihm war, und er sprach stundenlang mit ihr über die großen Geheimnisse von Leben und Tod. Er war die einzige Person, mit der sie sprach, die niemals Zweifel zu haben schien.
Es war nicht das erste Mal, dass sich der Doktor als tröstliche Präsenz in Zeiten der Bedrängnis erwiesen hatte. Wo andere mutmaßten oder auswichen, bekräftigte er kühn. Das Universum war für ihn ein offenes Buch, aus dem er gern laut vorlas.
Eines Morgens, sechs Wochen nach dem Unfall, kam Miss Lady mit einer Handvoll Blumen in sein Zimmer und fand ihn auf dem Bett aufgestützt, seine Bücher um sich und einen Zettel in der Hand.
„Ich habe eine Mitteilung von meiner Cousine, Mrs. Sequin“, sagte er mit der höflichen Förmlichkeit, die ihm eigen war. „Es scheint, als würde sie mich mit einem Besuch beehren.“
„Mrs. Sequin?“ Miss Lady wirbelte so plötzlich herum, dass sie die Vase umstieß, in der sie die Blumen arrangierte. „Jetzt sehen Sie nur, was ich angerichtet habe! Ich mache es wieder gut, Miss Wuster; machen Sie sich keine Umstände.“
Es schien der ausgebildeten Krankenschwester wenig Selbstbeherrschung abzuverlangen, sich nicht umständehalber zu rühren. Sie saß da, die Fersen fest unter die Sprosse eines Stuhls mit gerader Lehne gehakt, und häkelte mit leidenschaftlicher Hingabe. Wärmflaschen zu füllen, Fieber zu messen, Patienten zu füttern, waren bloß Unterbrechungen ihrer eigentlichen Berufung, Leinenzwirnspulen in Meter von Leinen-Spitze zu verwandeln.
„Sie kündigt ihre Absicht an, mich zu besuchen“, fuhr der Doktor fort, „aber ich kann ihre Hieroglyphen nicht ausreichend entziffern, um die Zeit herauszufinden. Vielleicht können Sie mir behilflich sein.“
„Ist das ein D?“, fragte Miss Lady und schaute ihm über die Schulter.
„Ich nehme es an; eine Anpassung des griechischen Schriftzeichens. Warum die Kunst der Handschrift als veraltet betrachtet werden sollte, ist mir ein Rätsel –“
„Oh, sie schreibt, dass sie heute kommt“, unterbrach ihn Miss Lady, „mit dem Elf-Uhr-Zug. Ich muss hinuntergehen und Uncle Jimpson sagen, er solle zum Bahnhof fahren, und Aunt Caroline soll für das Mittagessen einen Teller mehr decken.“
„Was wirst du dann tun, meine Liebe?“
„Ich wollte auf den Friedhof.“
„Du solltest lieber hierheraufkommen. In deinem psychischen Zustand ist ein Mensch sehr empfindlich gegenüber seiner Umgebung. Du solltest alles meiden, was deine Gefühle aufwühlt. Ich denke, du kannst mir vertrauen, dass ich weiß, was jetzt das Beste für dich ist?“
„Das kann ich wahrlich“, sagte Miss Lady spontan; „Sie haben mir mehr geholfen als irgendjemand sonst. Daddy wäre so dankbar, wenn er es wüsste.“
„Er weiß es“, verkündete der Doktor mit der Endgültigkeit jemandes, dem alle Dinge offenbart wurden. „Aber wir dürfen diese Dinge jetzt nicht erörtern. Miss Wuster hat mir gerade den Bericht über den Prozess des jungen Dillingham vorgelesen. Vielleicht hast du ihn verfolgt?“
„Ja“, sagte Miss Lady, ohne aufzublicken.
„Es ist eine Angelegenheit von besonderem Interesse für mich“, fuhr der Doktor fort; „von besonderem Bedauern, sollte ich sagen. Der junge Dillingham ist mit der Tochter meines Cousins verlobt, den ich heute erwarte, und der andere junge Mann, der verwickelt ist, Donald Morley, ist der Bruder von Mrs. Sequin.“
„Nun, ich kann beim besten Willen nicht verstehen“, sagte Miss Wuster, während sie zwischen ihren Sätzen die Stiche zählte, „wie sie Mr. Dillingham freibekommen haben, es sei denn auf die Art, die Mr. Gooch sagte.“
„Wer ist Mr. Gooch?“, fragte Miss Lady den Doktor.
„Der Herr, der mich gestern besuchte. Er ist Anwalt und hat den Fall genau verfolgt. Er scheut sich nicht zu behaupten, dass der Prozess eine Farce war, eine jener juristischen Travestien, die manchmal vorkommen, wenn ein Abkömmling einer reichen und einflussreichen Familie zufällig das Gesetz übertritt. Es scheint, dass der Saloonbesitzer, der anfangs einigermaßen sicher war, was geschehen war, einen seltsamen Gedächtnisschwund erlitt, als er im Zeugenstand war. Gooch glaubt, er sei gekauft worden, aber Gooch ist fehlbar, wo menschliche Motive im Spiel sind. Sein Menschenhass färbt ausnahmslos sein Urteil.“
„Nun, nichts auf der Welt kann mich davon abhalten zu denken, dass Mr. Dillingham geschossen hat!“, erklärte die Krankenschwester mit heftiger Parteilichkeit. „Sehen Sie sich nur an, wie er sich nach Hause geschlichen hat und den anderen jungen Mann allein ließ, damit er einen Arzt holt und hilft, Sheeley ins Krankenhaus zu bringen. Ja, mein Herr, es ist Zeit für Ihre Medizin, warten Sie nur, bis ich diese Spule fertig habe, dann gehe ich hinunter und erhitze das Wasser.“
„Er – er hätte nicht weggehen dürfen?“, sagte Miss Lady und sah den Doktor fragend an.
„Donald, meinst du? Sicherlich nicht, es war höchst unklug, wahrscheinlich eine Art quijotische Vorstellung, nicht gegen seinen Freund aussagen zu wollen. Wenn du den Jungen kennen würdest, würdest du verstehen, was für ein hitzköpfiger, tollkühner Mensch er ist. Er war einst mein Schüler und ich gewann ihn recht lieb. Er hat Fähigkeiten, zweifellos Fähigkeiten, aber er ist ein Schiff ohne Ruder; er treibt, seit er geboren wurde.“
„Dieser Freispruch von Mr. Dillingham schiebt die Schuld auf – auf ihn, nicht wahr?“
„Natürlich. Seine Abwesenheit bei dem Prozess war zweifellos eines der stärksten Argumente zu Gunsten von Dillingham. Mr. Gooch erzählt mir, dass der Verteidiger sich besondere Mühe gab, den Verdacht auf Donald zu lenken. Der Fall war äußerst verwirrend, das Fehlen von Zeugen, das Versäumnis, den Besitz der Pistole zu klären, die absurde Komplikation mit dem Spielautomaten und dem Brecheisen – ein absolutes Durcheinander an widersprüchlichen Beweisen. Was Donald Morleys Schuld angeht, das ist absurd! Er ist nicht die Sorte Mensch, die vor Bestrafung davonläuft.“
Miss Ladys Herz schwoll vor Dankbarkeit an. Natürlich bedeutete Donald Morley ihr jetzt nichts mehr. Das hatte sie sich zwei Monate lang so beharrlich versichert, dass sie anfing, es zu glauben. Sie wusste, dass er wild, rücksichtslos und unzuverlässig war, dass er sie in ihrer größten Not im Stich gelassen hatte und dass sie ihn für immer aus ihrem Leben gestrichen hatte. Aber es war gut vom Doktor, für ihn Partei zu ergreifen!
„Ich weiß jetzt, was mein Vater meinte, als er sagte, Sie seien der gerechteste Mann, den er je kannte!“, sagte sie schüchtern und hob ihre glänzenden Augen.
„Unglücklicherweise für Donald teilt das Gericht meine Meinung nicht. Es ist noch nicht einmal der Familie bekannt, aber Mr. Gooch erzählt mir, dass Donald von der Grand Jury angeklagt wurde.“
„Angeklagt!“
„Ja, er kann niemals nach Kentucky zurückkehren, ohne sich seinem Prozess zu stellen. Ich fürchte, es ist eine ernste Angelegenheit für ihn.“
KAPITEL VIII
Als Uncle Jimpson im Laufe des Vormittags zum Bahnhof aufbrach, um Mrs. Sequin abzuholen, brauchte er die Richtung seines Rosses nicht zu lenken. Hätte der alte John den Weg nicht aus Erfahrung gekannt, hätte das vererbte Gedächtnis seiner Vorfahren ihn dazu bewegt, zweimal rechts und einmal links abzubiegen und an einer bestimmten Ecke des Bahnsteigs anzuhalten. Denn die Ehre, das „Bahnhofspferd“ der Carseys zu sein, war von seinem Vater Luke auf ihn übergegangen, dessen Vater Mark in den Tagen des Wohlstands zusammen mit Matthew im Geschirr gegangen war und dasselbe wichtige Amt ausfüllte. Somit genoss John gewissermaßen die Auszeichnung einer apostolischen Nachfolge.
Am Bahnhof angekommen, schritt Uncle Jimpson beschwingt um den Postbriefkasten herum und holte ostentativ die Post der Carseys heraus. Es war eine kleine Handlung, auf die er stolz sein konnte, aber in Ermangelung wichtigerer Pflichten musste sie genügen. In den letzten sechs Wochen hatten die Ankünfte der Städter in Thornwood alte Ambitionen in ihm geweckt. Eine neue Lebhaftigkeit war in seinem Gang bemerkbar, eine Geschäftigkeit in seiner Sprache, die Aunt Caroline nicht zögerte, als „sich wichtig machen“ zu bezeichnen.
Das Blut eines Butlers floss durch Uncle Jimpsons Adern, eines stattlichen, ebenholzfarbenen Butlers, der in den alten Tagen an der Tür von Thornwood zu stehen pflegte und ein silbernes Tablett voller Knopflochblumen für die ankommenden Gäste hielt. Uncle Jimpson hatte dieses Tablett zusammen mit einem Ehrgeiz geerbt, der nicht über Knöpfe erhaben war. Jahr um Jahr war er mit dem schwindenden Vermögen der Carseys abgestiegen, vom Haus zu den Pferden, dann zum Feld und schließlich zum Mann für alles geworden, ohne jedoch jenen Traum seiner Jugend aufzugeben, in Livree in den Hallen der Reichen zu stehen und jene Talente auszuüben, mit denen die Vorsehung ihn gesegnet hatte.
Als er zwei Landarbeitern, die in der Nähe einen Wagen beluden, die Komplimente des Tages machte, fiel sein Blick auf ein seltsames Objekt, das in der Tür des Esszimmers stand. Es sah für Uncle Jimpson aus wie Bilder, die er von Löwen gesehen hatte, nur war es klein und weiß und bellte bemerkenswert wie ein Hund.
„Dat is wahrlich ein sonderbar aussehendes Tier“, bemerkte er. „Das muss zu einer Schau gehören.“
Einer der Landarbeiter lachte und deutete mit dem Daumen zum Wartesaal. Uncle Jimpson schlich auf Zehenspitzen zum Fenster und spähte hinein. Alles, was er sehen konnte, war der Rücken einer sehr imposanten Dame und die Spitze eines großen, mit Federn geschmückten Hutes.
„Wartet – wartet sie auf jemanden?“, flüsterte er und gestikulierte ängstlich mit seinem weichen Hut.
„Oh! nein“, sagte der nächste Mann; „sie wartet nicht; sie genießt nur die Landschaft auf diesen Eisenbahnplakaten. Sie sitzt gern dort, das tut sie schon seit einer halben Stunde.“
Uncle Jimpson schabte den Schlamm von seinen Schuhen, knöpfte den einen Knopf zu, der an seinem Leinenrock übrig geblieben war, und nachdem er seinen Hut vor der Tür abgelegt hatte, fasste er Mut, sich vorzustellen.
„'Scuse me, Ma'am, aber ist das hier zufällig Mrs. Sequin?“
„Das ist es“, sagte die Dame hochnäsig.
„Ja, Ma'am, das dachte ich mir. Das habe ich Carline gesagt – zumindest werde ich es ihr sagen. Ich bin Cunnel Carseys Kutscher.“
Mrs. Sequin betrachtete ihn kalt durch ein silbernes Lorgnon. „Wussten sie denn nicht, dass ich mit dem Elf-Uhr-Zug komme?“
„Ja, Ma'am, das ist richtig. Aber man muss bei diesen Schmalspurbahnen immer etwas einplanen. Sie müssen langsam fahren, um nicht aus der Spur zu fallen. Das muss der Zehn-Uhr-Zug gewesen sein, mit dem Sie gekommen sind.“
„Keineswegs, ich habe die Stadt um zehn vor elf verlassen.“
„Ja, Ma'am, das war dann der Zehn-Uhr-Zug. Der Elf-Uhr-Zug fährt erst gegen Mittag los.“
„Absurd!“, sagte Mrs. Sequin und erhob sich schwungvoll. „Bringen Sie mich zur Kutsche. Fanchonette! Wo bist du?“
Uncle Jimpson zog entschuldigend seinen linken Fuß nach vorne, in dessen Hosensaum der kleine Hund seine scharfen kleinen Zähne geschlagen hatte.
„Ein schrecklich stures kleines Biest“, sagte Mrs. Sequin, „sie lässt nicht los, bis sie bereit dazu ist. Sie brauchen keine Angst zu haben, dass sie Sie beißt. Sie könnte nicht dazu gebracht werden, eine farbige Person zu beißen.“
Uncle Jimpson, der den Hund an seinem Fuß mit sich trug, ging voran, während Mrs. Sequin mit dem vorsichtigen Schritt einer korpulenten Person, die an die Tücken orientalischer Teppiche auf Hartholzböden gewöhnt war, folgte. Sie war eine Frau von fülliger Gestalt und imposantem Auftreten, deren aufwendige Frisur und Liebe zum Detail in der Kleidung bewiesen, dass die Welt ihre Ansprüche stellte.
Beim Anblick des schäbigen, alten, schlammbedeckten Buggys und des hinfälligen, apostolischen John hielt sie inne.
Jimpson, ganz unterwürfige Höflichkeit, legte einen Leinenstaubschutz über das Rad und half ihr mit einer Geste, die Chesterfield würdig war, hinein.
„Ich möchte das Verdeck oben haben“, befahl sie. „Die Blendung ist unausstehlich.“
Uncle Jimpson, der neben dem Rad stand, scharrte verlegen mit den Füßen: „Ja, Ma'am“, stimmte er zu, „ich mache es hoch, wenn Sie das wollen. Aber es bleibt nicht oben. Nein, Ma'am, es bleibt nicht. Sieht so aus, als ob es in den letzten zwei oder drei Jahren die Angewohnheit bekommen hätte, nach hinten zu fallen. Cunnel meinte, er würde es ein oder zweimal reparieren lassen, aber er hat es nicht getan.“
Fanchonette wurde gerade in diesem Moment wütend über ein Stück Papier, das im Rad verfangen war, und ließ einen so heftigen Wutanfall los, dass es die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Herrin erforderte, sie zu beruhigen.
Uncle Jimpson, der den kleinstmöglichen Teil des Sitzes einnahm und mit einem Bein außerhalb des Buggys hing, freute sich an der Nähe so vieler Eleganz. Es gab ihm ein Gefühl von Wohlstand und Wichtigkeit und veranlasste ihn, den Rücken zu straffen, den Ellbogen zu beugen und sogar eine formellere Art gegenüber dem alten John anzunehmen. Er bedauerte zutiefst, dass er keinen sauberen Rock angezogen hatte, und was den Buggy betraf, so plante er bereits eine gründliche Reinigung, bevor er die elegante Besucherin am Nachmittag zurückfahren würde.
„Halten Sie einen Moment an!“, befahl Mrs. Sequin gebieterisch. „Was für eine Aussicht! Ich hatte keine Ahnung, dass es hier in der Gegend so eine Landschaft gibt!“
„Ja, Ma'am, das ist ungefähr die feinste Landschaft der Welt! Sie können von diesen Höhen bis runter zur Brücke sehen. All dieser Hügel war früher unserer. Ich erinnere mich, wie ich hörte, dass Mr. Rogers Clark ihn dem Großvater des Cunnels als Landzuweisung gab, als die Indianer hier lebten!“
„Wem gehört er jetzt? Wem gehört der Hügel?“
„Ich weiß es nicht, Ma'am. Wir haben einiges verkauft.“
„Nun, das muss ich sofort in Erfahrung bringen. Ich werde morgen einen Makler herausschicken, der sich die Angelegenheit ansieht. Colonel Carsey hinterließ nur eine Tochter, glaube ich, und sie hat nie geheiratet?“
Uncle Jimpson zuckte mit den Zügeln und sah ein wenig pikiert aus.
„Noch nicht“, sagte er, „aber sie ist kein altes Mädchen, Miss Lady nicht. Es gab noch nie eine Carsey-Dame, die am Stiel verdorrt ist; das Problem mit ihnen ist, dass sie zu früh gepflückt werden. Was Miss Ladys Mutter angeht, sie war gerade erst siebzehn, als der Cunnel und ich nach Alabama fuhren, um sie zu heiraten.“
„Wer sind Miss Carseys Verwandte, ihre Berater?“
„Sie hat keine. Sie hatte keine lebende, atmende Seele außer ihrem Vater, außer mir und Carline, und Carline kann jederzeit das Zeitliche segnen.“
„Aber wer wird bei ihr leben?“
„Ich nehme an, sie wird eines Tages heiraten“, sagte Jimpson hoffnungsvoll, „alle Jungen sind völlig verrückt nach diesem Kind, seit sie ein kleines Mädchen war. Aber sie war so verrückt nach ihrem Vater, dass sie sie nur auslachte. Jetzt, wo der Cunnel weg ist, wird sie sich jemand anderen suchen müssen, um sich mit ihm abzugeben.“
„Nun, ich muss etwas über diesen Hügel herausfinden“, sagte Mrs. Sequin und drehte sich für einen letzten Blick um. „Wessen altes Anwesen ist das, auf das wir zufahren?“
„Das ist unser Anwesen, das ist Thornwood“, sagte Uncle Jimpson, halb voller Stolz, halb entschuldigend, während er um die Schlaglöcher im Weg herumfuhr. „Es sieht nicht aus wie es selbst. Es ist ein schrecklich hübscher Ort, wenn er hergerichtet ist.“
„Schrecklich heruntergekommen“, sagte Mrs. Sequin zu sich selbst und warf einen prüfenden Blick auf das Gelände, „der ganze Vorgarten sollte terrassiert werden und Granitoidwege und formelle Zugänge haben. Das Haus könnte recht imposant gemacht werden.“
Sie waren in die lange, gewundene Allee eingebogen und folgten der alten grauen Mauer, die in einem weiten Bogen an den Negerhütten vorbeiführte, dann in Richtung des Hauses.
Plötzlich zeigte Mrs. Sequin dramatisch auf die kleine Veranda einer der Hütten.
„Ein Sheraton! Großer Gott! Woher kommt das? Was macht es da?“
Uncle Jimpson, der der Richtung ihres Fingers folgte, sah überrascht aus: „Das ist kein Sheraton, das ist ein Sideboard. Zumindest war es eines, bevor ich es in einen Hühnerstall umbaute. Ich habe die Schubladen rausgenommen und diese Querstreben angebracht. Habe vierzig der hübschesten kleinen Hühner, die Sie je gesehen haben!“
„Und die Beine sind geschwungen und haben Knäufe, nicht wahr?“
„Nein, Ma'am, sie sind nicht mehr krummbeinig als die meisten Hühner. Ziehen Sie auf Ihrem Anwesen Hühner auf?“
„Nein, aber vielleicht, wenn wir aufs Land kommen. Übrigens, kennen Sie zufällig einen guten farbigen Mann hier in der Gegend? Einen, der Pferde versteht und in Livree gut aussehen würde?“
Uncle Jimpsons Augen starrten in ihren Höhlen. Der alte John und der klappernde Buggy schwanden aus seinem Bewusstsein. An ihrer Stelle sah er sich auf dem Kutschbock einer prachtvollen Victoria, in einem zweireihigen Rock und hohem Zylinder, wie er leicht die Zügel über den Rücken zweier glänzender Vollblüter schüttelte. Es war noch verführerischer als sein gehegter Traum, Butler zu sein! Schon spürte er, wie seine geschwellte Brust gegen die goldenen Knöpfe spannte!
Aber was war mit Miss Lady? Wer würde in Thornwood bleiben und sich um sie kümmern? Häusliche Unstimmigkeiten hatten ihn gegenüber Aunt Carolines Ansprüchen abgestumpft, aber Miss Lady, seine „kleine Missis“?
„Nein, Ma'am“, sagte er niedergeschlagen, als er Mrs. Sequin beim Aussteigen half. „Ich kann nicht sagen, dass ich das tue, nicht gerade im Augenblick. Vielleicht höre ich mal von einem guten Mann, sagen wir etwa in meiner Größe und Statur. Du, Mike!“
Mike war auf den kleinen Pudel zugestürmt mit der offensichtlichen Absicht, sie mit einem Bissen zu verschlucken, aber auf Uncle Jimpsons strengen Tadel schnappte er stattdessen nach einer Fliege und versuchte den Eindruck zu erwecken, das sei es gewesen, worauf er die ganze Zeit aus war.
„Schämst du dich nicht?“, murmelte Uncle Jimpson. „Hier rumzuzicken und die Lippe gegen weiße Leute rauszustrecken? Komm mit nach hinten, wo du hingehörst. Du und ich, wir sind Maisfeld-Neger, das ist alles, was wir sind!“
Und mit jener gereizten Niedergeschlagenheit, die oft auf Selbstaufopferung folgt, humpelte Uncle Jimpson davon, während der unterwürfige Mike an seinen Fersen schlich.
KAPITEL IX
Als Mrs. Basil Sequin die breiten Stufen in Thornwood hinaufschritt, beglückwünschte sie sich zu einer Pflicht, die kurz vor der Erfüllung stand. Sie hatte kein Bridge-Mittagessen ausgelassen, um diese ermüdende Reise aufs Land aus rein altruistischen Gründen zu machen. Sie war gekommen, um sich selbst und ihrem Kreis das Band der Freundschaft zu beweisen, das zwischen ihr und ihrem angesehenen Cousin bestand. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass ein gelegentlicher Verweis auf „meinen Lieblingscousin, John Jay Queerington, den Autor, wissen Sie“, seinen Einfluss hatte. „Er ist der einzige große Intellekt“, pflegte sie ihrem Ehemann zu erzählen, „mit dem ich verwandt bin, sei es durch Blut oder Heirat.“
Doktor Queeringtons Ruf war eine jener lokalen Annahmen, die man eher als pränatal denn als posthum bezeichnen könnte. Es war das, was er werden würde, das seinen Namen in der Gemeinde zu einem ehrfurchtgebietenden Wort machte, mehr noch als das, was er bereits war. Es war die Überzeugung seiner Freunde und Kollegen, dass eine verspätete Welt sein Genie zu spät erkennen würde.
Nachdem sie ungeduldig darauf gewartet hatte, dass jemand auf ihren energischen Gebrauch des schweren Türklopfers reagierte, klemmte Mrs. Sequin Fanchonette unter den Arm und stieß die Tür auf. Die Halle hatte Türen nach rechts und links, aber bevor sie weitere Nachforschungen anstellte, hielt sie inne, um die hohe Mahagoniuhr und die altmodischen silbernen Kerzenleuchter, die auf einem alten Tisch am Fuß der Treppe standen, genau zu untersuchen.
Während sie sich bückte, um Letztere zu inspizieren, hörte sie eine Tür öffnen, und als sie aufblickte, sah sie ein hübsches, schlankes Mädchen in einem kurzen weißen Unterrock und einem ärmellosen schwarzen Kleid-Futter, das ein Paar bemerkenswert wohlgeformte Arme zur Geltung brachte.
„Oh, ich wusste nicht, dass Sie gekommen sind!“, rief die junge Person und bot herzlich ein lächelndes Willkommen an. „Was für ein süßer kleiner Hund! Ist es ein Pudel?“
„Sie ist ein französischer Pudel“, sagte Mrs. Sequin mit einer Art, die darauf abzielte, diese überaus beiläufige Person zu beeindrucken. „Wo finde ich meinen Cousin, Doktor Queerington?“
„Das vordere Zimmer oben, auf dieser Seite. Ich würde mit Ihnen hinaufgehen, nur Miss Ferney Foster, unsere Nachbarin, steckt dieses Futter ab und sie muss zu ihren Essiggurken zurück. Ich wünschte, wir wären gefiedert wie Vögel geboren, nicht wahr?“
Mrs. Sequin, die eine männliche Anfälligkeit für ein hübsches Gesicht hatte, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Ich weiß, dieses Futter sieht seltsam aus“, fuhr das Mädchen mit einem erwidernden Funkeln in den Augen fort. „Aber es sieht nicht seltsamer aus, als es sich anfühlt. Miss Ferney weiß nicht, was los ist, und ich auch nicht. Würden Sie wohl einen Blick darauf werfen, da oben zwischen den Schultern? Ich halte den Hund.“
Zu ihrer Überraschung stellte Mrs. Sequin fest, dass sie ihre Handschuhe auszog und ein schlecht geschnittenes Futter über einem glatten weißen Hals anpasste, während das Mädchen vor ihr, nachdem sie jede Verantwortung abgeschoben hatte, anfing, den Pudel zu liebkosen, den sie auf dem Arm hielt.
„Hier ist es zu eng“, sagte Mrs. Sequin, während sie steckte und anpasste, „und da zu locker. Lassen Sie sie die Seitennähte bis zu der Stelle nehmen, die ich markiert habe, und die Schulternähte um mindestens einen Zoll verlängern.“
„Vielen Dank. Es fühlt sich jetzt himmlisch an. Gehen Sie direkt nach oben! Sie können Ihre Sachen in meinem Zimmer ablegen, wenn Sie möchten, direkt gegenüber vom Zimmer des Doktors.“ Und ohne weiteres Zeremoniell trippelte die junge Gastgeberin den Flur entlang und ließ Mrs. Sequin allein die Treppe hinaufsteigen.
Das Aufsteigen war eine der Hauptfähigkeiten von Mrs. Sequin. Fünfundzwanzig Jahre Erfahrung auf der sozialen Leiter hatten sie überaus trittsicher gemacht. Ihre Belohnung bestand nun darin, auf der obersten Sprosse zu sitzen und all jenen unter ihr willkürlich Vorschriften zu machen. Sie hatte eine Leidenschaft für das Vorschreiben, für das Arrangieren und In-Ordnung-Bringen entwickelt. Die schiefen Nähte, die sie gerade gerade gesteckt hatte, bereiteten ihr eine Zufriedenheit, die ihre Verärgerung über die Förmlichkeit ihres Empfangs fast wettmachte.
Sobald sie am Krankenbett des Doktors Platz genommen hatte, mit der Krankenschwester, die dazu abgestellt war, Fanchonette im Hof unten zu bewegen, gab sie sich dem Vergnügen hin, ausführlich von ihren Sorgen der letzten Monate zu erzählen. Sie genoss das Reden, wie eine Primadonna das Singen genießt: Sie liebte es, die Kadenzen ihrer eigenen Stimme zu hören und die Gesten ihrer juwelenbesetzten Hände zu beobachten.
„Es ist eine unaussprechliche Erleichterung“, versicherte sie dem Doktor, „tatsächlich mit eigenen Augen zu sehen, dass Sie kein verstümmelter Krüppel nach dem schrecklichen Unfall sind! Sie können sich nicht vorstellen, wie schrecklich ängstlich ich war, aber dann war dieser ganze Frühling ein wahrer Albtraum. Donald und Lee Dillingham beide in diese unaussprechliche Geschichte verwickelt, Margery am Rande eines Nervenzusammenbruchs, Sie vielleicht tödlich verletzt und Basil Sequin zu sehr in seine eigenen Angelegenheiten vertieft, um meinen auch nur einen Moment Beachtung zu schenken.“
„Basil hat als Präsident der People's Bank schwerwiegende Verantwortungen, Katherine“, sagte der Doktor und behielt seine Finger zwischen den Seiten des massiven Bandes, das er bei ihrem Eintreten bedauernd geschlossen hatte. „Ich für meinen Teil schulde ihm Dankbarkeit dafür, dass er mich von jeder finanziellen Sorge befreit hat. Außerdem sind Sie immer vollkommen fähig, in einer Familienkrise die Zügel in die Hand zu nehmen.“
„Ja, aber es zehrt an mir. Ich merke es beim Bridge. Ich bin nicht mehr die Spielerin, die ich vor einem Jahr war. Dieser Prozess von Lee Dillingham war eine abscheuliche Belastung. Natürlich, wenn er verurteilt worden wäre, hätte ich Margery gezwungen, ihre Verlobung zu lösen, und das hätte die Dinge schrecklich verkompliziert. Sie wissen, sein Großvater, der alte General, ist der größte Anteilseigner der People's Bank, und Basil besteht darauf, dass er nicht beleidigt werden darf. Das war ein Grund, warum ich so darauf bedacht war, Don aus der Schusslinie zu halten. Selbst wenn Lee schuldig war, konnte Don nicht gegen ihn aussagen, wenn er mit Margery verlobt war. Der einzig mögliche Weg war, die gesamte Angelegenheit mit so wenig Öffentlichkeit wie möglich zu vertuschen. Gott sei Dank hat General Dillingham Lee freibekommen, und ich fange an, wieder zu atmen.“
„Und Sie haben nichts von Donald gehört?“
„Nein, wirklich nicht, und ich hoffe, das bleibt vorerst auch so. Ich habe unmittelbar nach dem Schusswechsel an jeden Ort geschrieben, an dem er sich meiner Meinung nach aufhalten könnte, und ihn angefleht, wenn er auch nur ein Körnchen Dankbarkeit für mich oder Zuneigung für Margery übrig habe, solle er sich fernhalten und nicht einmal seinen Aufenthaltsort bekannt geben, bis diese elende Geschichte ausgestanden sei. Ich kann bei Don fast immer an seine Dankbarkeit appellieren. Ich muss ihm zugutehalten, dass er, wie die übrigen Morley-Männer, seine wilden Jahre wie ein Gentleman auslebt. Erinnern Sie sich an Onkel Curtis? Im Club sagten sie, er sei ein entsetzlicher Trinker gewesen, und doch hat ihn keine Frau aus seiner Familie jemals betrunken gesehen. Und dann schauen Sie sich Großvater Morley an!“ Mrs. Sequin war auf einem ihrer Lieblingssteckenpferde unterwegs. Sie besaß eine große und vielfältige Sammlung von Familienskeletten, einige von seltener Antiquität, die sie mit Vergnügen zur Schau stellte. Sie konnte die Einzelheiten der unglücklichen ehelichen Verbindungen auf beiden Seiten der Familie seit Generationen zurück aufzählen und war in Sachen Geburtsdaten sogar noch unfehlbarer als die Familienbibel. Wenn ein Verwandter sich zufällig ein wenig vertat und statt letzten Juni erst nächsten Juni auf neununddreißig Jahre bekannte, stürzte sich Mrs. Sequin auf den Fehler wie eine Katze auf eine Maus. Sie konnte ihm sofort beweisen, dass er in dem Frühjahr geboren worden war, als Onkel Lem Miller starb, und das war dasselbe Jahr, in dem Großmutter Weller zum zweiten Mal geheiratet hatte, folglich war er letzten Juni neununddreißig geworden.
„Donald sollte umgehend zurückkehren“, erklärte Doktor Queerington, als sie nach Luft schnappte; „wenn er schuldig ist, sollte er seine Strafe antreten; wenn er unschuldig ist, so wie ich glaube, sollte er rehabilitiert werden.“
„Nun, wir können ihn nicht finden“, sagte Mrs. Sequin mit ergebener Heiterkeit. „Er ist wahrscheinlich mit Cropsie Decker im Orient. Was für ein prächtiges Bett das ist! Glauben Sie, ich könnte es kaufen? Landleute ziehen fast immer neue Möbel vor.“
Ein Hauch von Lächeln schwebte auf den dünnen Lippen des Doktors: „Thornwoods Besitztümer, so bilde ich mir ein, stehen nicht zum Verkauf.“
„Ich nehme an, die außergewöhnliche junge Person, die ich in der Eingangshalle getroffen habe, war Miss Carsey? Was ist das überhaupt für ein Mädchen?“
„Miss Lady?“ Der Doktor rückte sein Kopfkissen zurecht. „Ein überaus nettes Mädchen, wie ich glaube. Äußerst verständnisvoll und aufmerksam bei all meinen Wünschen, und in bemerkenswertem Maße empfänglich. Sie hat mir täglich vorgelesen, und ich finde, sie hat einen eher ungewöhnlichen Geist, natürlich undiszipliniert, aber originell und interessant.“
„Aber was für erstaunliche Manieren das Kind hat! Sie empfing mich mit nackten Armen und bat mich, ihr ein Kleid anzupassen, obwohl sie mich noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Aber sie ist wirklich hübsch! Ich habe seit Jahren kein so hübsches Geschöpf mehr gesehen.“
„Tatsächlich!“ sagte der Doktor und rückte seine Brille zurecht. „Das war mir nicht besonders aufgefallen. Ein feines, offenes Gesicht mit dunklen Augen – ja, ich glaube, mir ist aufgefallen, dass sie kastanienbraune Augen von ungewöhnlicher Klarheit hat; ich erinnere mich, das ist mir aufgefallen.“
„Was hat sie vor? Wer wird bei ihr bleiben?“, fragte Mrs. Sequin. „Stellen Sie sich ein Mädchen wie dieses vor, begraben hier auf dem Land! Richtig angezogen und ein wenig gezähmt, würde sie Aufsehen erregen. Ich hätte überhaupt nichts dagegen, sie eines Tages einzuladen, ein paar Tage bei mir zu verbringen. Sie wissen, ich verehre junge Leute, und die arme Margery ist, wie alle anderen Debütantinnen vom letzten Jahr, einfach erledigt. Hat nicht einen Funken Begeisterung für irgendetwas. Ich hoffe, Sie haben die Tatsache nicht vergessen, dass Ihre Constance diesen Winter in die Gesellschaft eingeführt werden sollte?“
„Meine liebe Katherine“, sagte der Doktor mit einer Miene erzwungener Geduld, „Sie scheinen nicht zu begreifen, dass meine Zeit und mein Geist von weitaus größeren Dingen beansprucht werden als von der Gesellschaft. Ich hoffe, im nächsten Jahr den fünften und letzten Band meiner ‚Geschichte des normannischen Einflusses auf die englische Literatur und Sprache‘ abzuschließen. Wenn ich meinen Kindern nur sehr wenig von meiner Zeit und Aufmerksamkeit widmen konnte, dann nur wegen meines Wunsches, ihnen etwas von weitaus größerem Wert zu hinterlassen – einen Namen, von dem ich hoffe, dass er unter denen der führenden englischen Gelehrten meiner Zeit Bestand haben wird.“
Mrs. Sequin beruhigte ihre Irritation, indem sie ihre hochglanzpolierten Nägel betrachtete. „Natürlich wird das ein Vorteil für sie sein. Aber was um Himmels willen soll in der Zwischenzeit aus ihnen werden? Der Himmel weiß, was aus Hattie wird, wenn sie nicht an die Kandare genommen wird. Sie weigert sich mittlerweile, Besatz an ihrer Unterwäsche zu haben, und trägt Jungenschuhe. Was Constance betrifft! Ich habe die Hoffnung völlig aufgegeben, sie zu erreichen. Sie verwildert einfach und knüpft keinerlei soziale Kontakte. Was sie wirklich brauchen, Cousin John, ist eine Mutter.“
„Ich muss versuchen, mich mehr um sie zu kümmern“, sagte der Doktor etwas hilflos. „Haben Sie sie in letzter Zeit gesehen?“
„Ich kam heute Morgen dort vorbei. Ihnen allen ging es gut, nehme ich an; Connie war wie üblich bei den Ivys und Hattie in der Schule. Was für ein wildes Geschöpf ist Ihre neue Köchin, Myrtella. Ich glaube, sie ist eine Anarchistin! Sie öffnete die Tür nur einen Spalt, und als ich sie fragte, wie es den jungen Damen gehe, sagte sie, sie wisse es sicher nicht, sie habe sie nicht gefragt.“
„Und Bertie, haben Sie Bertie gesehen?“
„Ja, er war bei ihr. Er hatte ein schmutziges Stück Teig in den Händen, von dem er sagte, es würde ein Kuchen werden. Ich muss sagen, sie scheint gut zu Bertie zu sein, aber ihre Unverschämtheit würde ich keinen Moment dulden.“
„Myrtella hat verborgene Tugenden“, sagte der Doktor. „Sie ist eine ausgezeichnete Köchin und eine gute Haushälterin. Ihre einzigen Fehler sind anscheinend Fehler des Temperaments.“
„Davor bewahre mich der Himmel! Was um alles in der Welt ist das für ein Lärm? Es klingt, als ob jemand gegen die Tür tritt.“
„Bitte öffnen!“, rief eine Stimme von draußen, und als Mrs. Sequin dem nachkam, trat Miss Lady ein und trug ein großes Mittags-Tablett, das fröhlich mit Blumen aus dem Garten geschmückt war.
„‚Gesegnet seien jene Feste, die mit einfacher Fülle gekrönt sind‘“, zitierte der Doktor. „Sehen Sie, wie sie mich verwöhnen, Katherine?“
„Ich glaube nicht, dass er verwöhnt werden könnte, finden Sie, Mrs. Sequin?“, fragte Miss Lady, während sie seine Eier richtete. „Ist sonst noch etwas, Doktor?“
„Laufen Sie nicht weg“, sagte Mrs. Sequin und verfolgte ihre Bewegungen mit offener Bewunderung. „Kommen Sie her und setzen Sie sich, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe den idealen Standort für mein neues Haus entdeckt und möchte Sie danach fragen. Sie kennen den westlichen Kamm dieses Hügels mit Blick auf den Fluss; gehörte der Ihrem Vater?“
„Das gehörte alles einmal uns, lange bevor es jemals Billy-goat Hill genannt wurde.“
„Der Name ist ein Hindernis“, sagte der Doktor. „Sie könnten ihn abändern, Katherine, indem Sie Ihr zukünftiges Anwesen ‚Angora Heights‘ nennen.“
„Genau das Richtige“, sagte Mrs. Sequin, begierig, jeden Vorschlag aufzugreifen, der dem Queerington-Verstand entsprang. „Aber wem gehört das Land?“
„Es gehört jetzt Mr. Wicker.“
„Wicker?“, wiederholte Mrs. Sequin. „Wo habe ich diesen Namen schon einmal gehört? Warum, Cousin John, war das nicht der Mann, bei dem Don wohnte, als er nach einer Farm suchte? Wie wir über diese absurde Vorstellung von ihm, zu farmen, gelacht haben!“
„Ich habe nicht darüber gelacht“, sagte der Doktor. „Ich habe ihn ermutigt. Es schien mir die ausgezeichneteste Idee!“
„Aber Sie haben Dons Unbeständigkeit nicht berücksichtigt. Natürlich ist er ein reizender Kerl, aber er hatte so viele Hobbys wie er Liebschaften hatte.“
„Ich habe seinen Charakter berücksichtigt, der vielleicht noch in dem richtigen Boden Wurzeln schlagen wird“, sagte der Doktor würdevoll; dann wandte er sich an Miss Lady, die aufgestanden war und neben dem Bett stand, die Hände fest gefaltet und die Augen auf ihn gerichtet, und erklärte: „Wir sprechen von dem jungen Bruder von Mrs. Sequin; ich habe Ihnen heute Morgen von ihm erzählt. Warum, Kind!“ Denn Miss Lady hatte plötzlich ihr Gesicht in die Hände gelegt und war zur Tür gestürmt.
„Es ist der Schock über den Tod ihres Vaters“, erklärte Mrs. Sequin, die stolz darauf war, Motive zu durchschauen. „Ich war wochenlang so, als mein letzter Hund überfahren wurde. Die beiläufigste Sache konnte mich aus der Fassung bringen. Ich habe eines Nachmittags zwei Partien Karten verloren, nur weil jemand einen Eiswagen erwähnte.“
Die langen, schlanken Finger des Doktors trommelten abwesend auf der Bettdecke. Augenblicke später unterbrach er völlig zusammenhanglos den stetigen Redefluss von Mrs. Sequin: „Ich sagte kastanienbraun, Katherine, sie sind eher haselnussbraun, würde ich sagen, ein tiefes Haselnuss mit beträchtlichem Feuer.“
KAPITEL X
Die langen Sommermonate zogen sich für Miss Lady in die Länge, Monate des Herzschmerzes und der Rebellion, der Einsamkeit und der Tränen. Dann kam ein Tag, an dem sich die Schatten ohne ersichtlichen Grund lichteten. Sie stapfte mit Mike an den Fersen über die flachen Flusswiesen, als sie wieder einmal die Welt singen hörte, und ehe sie sich versah, entsprang ein antwortendes Lied ihren Lippen.
Onkel Jimpson, der in der Nähe pflügte, blickte auf und lächelte:
„Dat’s recht, Honey; klingt wie in alten Zeiten, Sie wieder singen zu hören. Ich saß hier gerade und dachte darüber nach, wie gut ich mich fühlen würde, wenn der Cunnel daherstampfen und mir eine seiner Flüche von vor dem Krieg verpassen könnte, weil ich faul bin.“
„Oh, Onkel Jimpson, wenn er das könnte! Es kommt mir so lange vor, seit er uns verlassen hat. Ich war gerade bei Miss Ferney, aber sie war nicht da. Ich möchte sie dazu bringen, herzukommen und bei mir zu bleiben, bis ich weiß, was ich tun werde. Sie erwarten, den Doktor morgen nach Hause zu bringen.“
„Yas’m, Carline hat mir das erzählt. Sieht mir aus, als wäre er schon lange gesund genug, um zu gehen.“ Onkel Jimpson kratzte sich weise am Kopf.
„Ich weiß nicht, was aus uns werden soll“, sagte Miss Lady und zupfte wehmütig an Mikes Ohren. „Sie sagen, wenn ich den Rest von Thornwood nicht verkaufe, werden wir nicht genug Geld zum Leben haben. Aber ich werde keinen weiteren Morgen verkaufen. Ich werde erst einmal als Lehrerin arbeiten.“
Onkel Jimpson war empört: „Nun, Miss Lady, Kind, bringen Sie sich nicht solche Gedanken in den Kopf. Das sind Gedanken von alten Jungfern, Sie sind noch keine alte Jungfer! Warum heiraten Sie nicht und holen sich eine Kutsche, und ich fahre und Carline kocht und kümmert sich um die Kinder.“
„Ich werde niemals heiraten, Onkel Jimpson“, erklärte Miss Lady mit der leidenschaftlichen Gewissheit der Jugend. „Und ich werde Thornwood niemals verlassen. Wenn Sie Miss Ferney die Straße herunterkommen sehen, bitten Sie sie, für einen Augenblick anzuhalten. Komm, Mike, wir sind jetzt spät dran.“
Und sie waren spät dran, fünf Minuten, nach der Uhr mit offenem Zifferblatt, die in der Hand des Doktors lag, als sie den Garten betraten. Er saß in seinem Rollstuhl mit seinen Büchern und Manuskripten auf einem Tisch an seiner Seite, und er hob ein erwartungsvolles Gesicht zum Tor, als sie eintrat.
Es war seltsam, was zwei Monate in Thornwood für den Doktor getan hatten. Er war bewusstlos dorthin gebracht worden, ein ernster, mittelalterlicher Professor, der zwanzig Jahre lang im selben Trott gelaufen war. Die gleiche Umgebung, die gleichen Leute, die gleiche monotone, tägliche Routine hatten ihn so rostig und verblasst gemacht wie die Lehrbücher, mit denen er lebte. Nichts als eine Kollision hätte ihn aus seinem Trott rütteln können, und die Kollision war eingetreten.
Die plötzliche Veränderung von der grimmigen Realität eines Vortragspults, mit seiner kahlen Tafel und quietschenden Kreide, zur Romantik eines alten Blumengartens, in dem Blüten einander über die Grenzen hinweg anflirteten und Vögel in jedem Zweig miteinander liebäugelten, war genug, um den Geist selbst eines John Jay Queerington zu erfrischen. Sein kosmisches Gewissen, das normalerweise Überstunden leistete und versuchte, Probleme zu lösen, die die Natur aufgegeben hatte, schien zu schlafen. Sein feines, ernstes Gesicht entspannte sich etwas von seiner Strenge, und während die Tage vergingen, las er weniger und beobachtete mehr.
Seine Beobachtungen führten nach kurzer Zeit zu einer Entdeckung; er, der der kultivierten Treibhaus-Spezies der Weiblichkeit so überdrüssig war, war ganz zufällig auf eine seltene, nicht klassifizierte Wildblume gestoßen, die seine Neugier weckte und sein Interesse in Anspruch nahm. Zwei Monate lang hatte er sich fast ausschließlich auf seine junge Gastgeberin als Gesellschaft verlassen, und die Tatsache, dass die große Kiste mit Büchern, die er aus der Stadt bestellt hatte, ungeöffnet blieb, bewies, dass sich der Doktor nicht gelangweilt hatte.
Während der Stunden, in denen er nicht damit beschäftigt war, Statistiken zu überprüfen und Verweise zu den umfangreichen und sich immer noch ansammelnden Notizen für den fünften Band seines großen Werkes hinzuzufügen, widmete er sich dem Sortieren und Ordnen der Überreste von Fakten und Phantasien, die er in Miss Ladys Gehirn gespeichert fand. Unter gewöhnlichen Umständen hätte er eine Schülerin entlassen, der Klarheit und Genauigkeit fremd waren und deren Aufmerksamkeit mit jedem vorbeifliegenden Schmetterling abwanderte. Im Klassenzimmer verlangte und praktizierte er nicht nur Ordnung und System. Er gelangte zu seinen Schlussfolgerungen durch eine ebenso methodische Reihe mentaler Handlungen wie er jeden Morgen um neunundzwanzig Minuten vor neun an seinen Schreibtisch gelangte. Aber dies waren keine gewöhnlichen Umstände.
Die ungestüme junge Person, die ihm mit so hingerissener Bewunderung und Respekt zuhörte, wenn sie überhaupt zuhörte, hatte überhaupt keine Methode oder System. Sie wartete einfach auf den Hinweis, den Blitz, der die Vision enthüllte, dann sprang sie freudig und furchtlos zu ihrer Schlussfolgerung.
Die Tatsache, die ihn verblüffte, war nicht, dass sie häufig vor ihm landete, sondern dass sie überhaupt landete!
Was Miss Lady betrifft, so empfand sie das Interesse und die Kameradschaft des Doktors als willkommene Linderung ihrer Einsamkeit. Der Brunnen seines Wissens schien ihr unergründlich, und sie wurde nie müde, über den Rand zu hängen und hinunterzuschauen, wobei sie oft Sterne in der Dunkelheit sah, die sie tagsüber nie sah.
Als diese letzte Lektion beendet war, schloss der Doktor widerwillig das Buch:
„Ich habe Ihnen nur den allerersten Entwurf für zukünftige Arbeiten gegeben“, sagte er. „Der Rest liegt bei Ihnen. Haben Sie schon entschieden, was Sie tun werden?“
„Nein, ich werde alles tun, was Sie mir sagen, Doktor. Nur hoffe ich sehr, dass es nicht sein wird, als Lehrerin zu arbeiten – der bloße Gedanke an das Unterrichten lässt mich zusammenschrumpfen.“
„Es liegt nicht völlig außerhalb des Bereichs des Möglichen, dass Sie heiraten werden“, sagte der Doktor und zeichnete Parallelogramme auf die Lehne des Stuhls. „So etwas kommt vor, wissen Sie.“
Miss Lady, die mit den Ellbogen auf dem Tisch und dem Kinn auf ihren Handflächen saß, warf ihm einen seltsamen, fragenden Blick zu.
„Glauben Sie an die Liebe, Doktor?“
„Warum natürlich, du törichtes Mädchen, in all ihren Erscheinungsformen, kindlich, väterlich, ehelich. Sicherlich tue ich das.“
„Aber ich meine diese andere Art, die Art, die für einen Mann und eine Frau hier auf Erden einen kleinen Himmel schafft, die all ihre Sehnsüchte beantwortet, sodass nichts anderes zählt, solange sie einander haben. Ich lese darüber in Romanen und in der Poesie, aber ich sehe es nicht. Die verheirateten Leute, die ich kenne, halten einander so sehr für selbstverständlich wie ihre Hände und Füße. Das ist nicht das, was Liebe für mich bedeutet.“
Der Doktor lächelte nachsichtig. „Warten Sie, bis Sie das sentimentale Alter hinter sich haben, bevor Sie Ihr Urteil fällen! Die meisten jungen Damen bilden sich ein, dass Liebe keine Liebe sei, wenn sie nicht in voller Rüstung auf einem schneeweißen Ross daherkommt. Sie haben wahrscheinlich, wie die anderen auch, zu viele romantische Romane gelesen. Wenn Sie das Leben besser kennenlernen, werden Sie erkennen, dass moralische Gleichheit und intellektuelle Affinität eine viel sicherere Verbindung versprechen als eine heftige romantische Bindung.“
Sie betrachtete ihn so ernsthaft, als wäre er die Quelle aller Weisheit.
„Wie lange dauert das normalerweise?“, fragte sie.
„Dauert?“, wiederholte er.
„Das sentimentale Alter. Ich nehme an, ein Mädchen sollte es bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr hinter sich haben. Aber ich tue Dinge nie pünktlich. Ich wusste nicht einmal, dass ich sentimental bin, bis Sie es mir sagten. Ich habe seit Ihrer Ankunft eine Menge Dinge gelernt.“
„Es gab einige Dinge, die Sie nicht lernen mussten“, sagte der Doktor leise. „Güte und Mitgefühl und seltenes Verständnis. Ich werde immer mit Freude auf diese ruhigen Wochen zurückblicken, die ich unter dem Dach Ihres Vaters verbracht habe. Sie haben mir die einzige Chance gegeben, die ich seit Jahren für ungestörtes Schreiben an der Geschichte hatte, die mein Lebenswerk sein wird. Ich muss gestehen, dass ich meine Rückkehr nach Hause fürchte. Der Lärm und die Verwirrung, das ständige Eindringen in meine Privatsphäre, die Anforderungen an meine Zeit, schrecken mich ab. Nur wenige erkennen das Ausmaß meiner Arbeit und die Notwendigkeit, die sie mir auferlegt, mich zu isolieren. Sie waren in dieser Hinsicht ungewöhnlich verständnisvoll und hilfreich.“
„Aber denken Sie daran, was Ihr Hiersein für mich bedeutet hat! Sie kamen in mein Leben, gerade als alles andere herauszufallen schien. Sie haben mir Dinge erklärt und mir etwas gegeben, das ich tun kann. Sie können nicht einmal erahnen, wie Sie mir geholfen haben.“
„Ich habe nur versucht zu lenken und Vorschläge zu machen“, sagte der Doktor; „kurz gesagt, die Stelle einzunehmen –“
„Eines Vaters“, beendete Miss Lady enthusiastisch.
Der Doktor klopfte ungeduldig mit dem Fuß. Schließlich war ihr Vater ein viel älterer Mann als er: Der Abstand zwischen vierzig und sechzig schien in diesem Moment unendlich größer als der zwischen vierzig und zwanzig.
„Sehen Sie“, fuhr Miss Lady unbewusst fort, „Sie haben Papas Platz in so vielen Dingen eingenommen, dass ich mich bei allem auf Sie verlassen habe. Es macht mich schrecklich einsam, wenn ich daran denke, dass Sie gehen. Hier unten haben Sie einfach Miss Wuster und mir gehört, und sobald Sie wieder in der Stadt sind, werden Sie wieder der berühmte Doktor Queerington sein und allen gehören. Ich werde es nicht wagen, Ihnen zu schreiben, aus Angst, ich buchstabierte ein Wort falsch.“
„Tatsächlich werde ich einen wöchentlichen Brief erwarten, der über den Fortschritt Ihrer Studien berichtet, und ich werde Sie von Zeit zu Zeit besuchen und Ihnen bei Ihren Plänen für die Zukunft helfen.“
„Ja, aber es wird nicht dasselbe sein. Wir werden im Salon sitzen, und Sie werden Besuch sein, und ich werde Angst vor Ihnen haben. Ich habe immer Angst vor Ihnen, in der Minute, in der ich Sie aus den Augen verliere.“
„Was für ein Unsinn! Ich kritisiere niemals etwas außer Ihrer Aussprache und gelegentlichen Übertreibungen. Wenn ich streng erschienen bin –“
„Das sind Sie nicht! Sie waren ein Engel! Wenn ich an all die Zeit denke, die Sie Ihrem Schreiben entzogen haben, um mir zu helfen, schäme ich mich dafür, Sie es tun gelassen zu haben.“
„Sie dürfen nicht denken“, sagte der Doktor langsam, „dass ich völlig uneigennützig war. Ich habe Sie als ungewöhnlich hilfreich für mich empfunden. Ich glaube, ich darf sagen, dass Sie mich mehr anregen und erfrischen als irgendjemand, den ich kenne.“
„Tue ich das? Oh! Doktor! Das ist das Netteste, was mir jemals gesagt wurde.“
Er war nicht auf das strahlende Gesicht der Dankbarkeit vorbereitet, das zu ihm aufblickte, noch auf die Nähe ihrer leuchtenden Augen, die ihm keinen weiteren Grund ließen, an ihrem genauen Farbton zu zweifeln.
„Ja“, sagte er etwas verlegen, „Ihr Verstand interessiert mich außerordentlich. Er ist weder komplex noch subtil, aber bemerkenswert intuitiv. Sie haben Phantasie und Humor und große Empfänglichkeit.“
Miss Lady trug den versunkenen Blick, den Menschen normalerweise haben, wenn ihre Eigenschaften viviseziert werden; sie hätte nicht faszinierter sein können, wenn sie ihr Gesicht zum ersten Mal in einem Spiegel betrachtet hätte.
„Dieser kleine Band nun“, fuhr der Doktor fort und hob eine elementare Abhandlung über Evolution auf; „Ich bin besonders gespannt darauf, welche Wirkung sie auf einen frischen, unschuldigen Geist haben wird. Machen Sie sich Notizen, während Sie lesen, und wir werden es besprechen, wenn Sie fertig sind.“
„Und Sie werden nicht vergessen, mir das Exemplar von Mrs. Browning zu schicken?“
„Nein, ich vergesse selten. Aber vielleicht schicke ich es nicht. Wissenschaft ist jetzt besser für Sie als Poesie. Was ist das für eine Blüte, die Sie so sorgfältig pflegen?“
Miss Ladys Augen sanken, und die Farbe stieg ihr ins Gesicht.
„Dies? Nur eine wilde Rose, die ich dort an der Mauer gefunden habe. Ich dachte, sie hätten vor Wochen aufgehört zu blühen.“
Der Doktor nahm sie in die Hand und untersuchte sie genau: „Es ist die Rosa Blanda“, sagte er, „fünf gespaltene Kelchblätter, die in einer Röhre enden. Plinius erzählt uns, dass die Krieger in alten Tagen die Blütenblätter dieser Rose benutzten, um ihre erlesensten Speisen zu garnieren. Wer ist diese wunderliche Person, die über das Gatter kommt?“
„Es ist Miss Ferney. Was für ein Ärgernis, an unserem letzten Tag! Aber ich vergaß, ich habe sie gebeten zu kommen. Wenn sie sehr lange bleibt, sagen Sie einfach eine kleine Notlüge, nicht wahr, und sagen Sie, Sie brauchen mich für etwas?“
„Es wird keine Notlüge sein“, sagte der Doktor leise, „ich brauche Sie wirklich.“
Miss Lady traf ihre Besucherin auf der Veranda und nahm ihr das Glas ab, das sie trug.
„Es sind Essiggurken“, sagte Miss Ferney, eine verwelkte kleine Frau, deren kleines, knabberndes Gesicht an ein Eichhörnchen erinnerte. „Ich dachte, wenn Sie Besuch haben, könnten Sie sie gebrauchen. Ich weiß es aber nicht. Stadtmenschen sind vielleicht zu aristokratisch, um Land-Essiggurken zu essen.“
„Die Idee, Miss Ferney! Verkaufen Sie sie in der Stadt nicht ständig?“
„Ja, unter Etiketten. Stadtmenschen legen Wert auf Etiketten. Als ich ein Kind war, durfte ich keine Dinge essen, die etikettiert waren. Ich höre, er geht?“
„Wer?“
„Ihr Doktor. Ich begreife nicht, wie Sie es so lange mit ihm ausgehalten haben.“
„Oh! Sie kennen Doktor Queerington nicht! Es war ein großes Privileg, ihn hier zu haben. Er ist ein sehr angesehener Mann, Miss Ferney, und so freundlich und gut!“
„Gut oder schlecht, für mich sind sie alle gleich. Mir wäre eine Fliege unter meinem Moskitonetz genauso recht wie ein Mann, der in meinem Haus herumschwirrt. Wann geht er?“
„Morgen. Wird das zu früh für Sie sein, um vorbeizukommen?“
„Nein, ich bin bereit zu kommen. Sis Lizzie wird sicher versuchen, eines dieser neumodischen Rezepte auszuprobieren und ein oder zwei Scheffel Gurken zu verderben, aber ich habe gesagt, ich komme, und das werde ich auch. Was ist das, was Jimpson mir erzählt, dass Sie die Prüfungen für die Bezirksschule ablegen?“
Miss Lady seufzte: „Vielleicht muss ich unterrichten; ich weiß es nicht.“
„Verkaufen Sie noch etwas Land. Sie brauchen keine hundert Morgen.“
„Wir haben schon zu viel verkauft! Als nächstes ist das Haus dran. Ich bin entschlossen, an Thornwood festzuhalten, selbst wenn mir das Dach auf den Kopf fällt!“
„Ich weiß, wie Sie sich fühlen“, sagte Miss Ferney, deren Interessen sich auf Immobilien konzentrierten. „Ich habe fast zwanzig Jahre lang jeden Cent, den ich verdient habe, gespart, um unser Anwesen zurückzukaufen. Nach allem, was wir im letzten Frühjahr gehört haben, nahm Sis Lizzie eher an, Sie würden heiraten.“
„Nun, das werde ich nicht.“
„Das freut mich. Die Leute sind eifrig genug, an jeden Verehrer zu glauben, den ein Mädchen hat, bis sie dreißig ist. Danach glauben sie an keinen mehr. Sis wurde durch das, was man ihr bei den Wickers erzählt hat, in die Irre geführt.“
„Was haben sie ihr erzählt?“, fragte Miss Lady und leitete eine widerspenstige Mondwinde am Spalier hoch.
„Oh, sie erzählten ihr von diesem jungen Stadtmenschen, mit dem Sie im letzten Frühjahr durch das ganze Land getobt sind. Mrs. Wicker sagte, er hätte an nichts anderes gedacht als an Sie. Dass er sie völlig ermüdet hat, indem er ihr von Ihnen erzählte, gerade so, als hätte sie Ihnen nicht mit der Flasche bei der Aufzucht geholfen!“
Miss Lady fand die Pflanze immer noch fesselnd, nahm sich aber die Zeit, über die Schulter zu sagen:
„Sagen Sie Ihrer Schwester und Mrs. Wicker, dass dieser junge Mann nach China gegangen ist.“
„Nun, niemand könnte ihm einen ferneren Ort wünschen! Ich hoffe, er bleibt dort. Sie sind ein zu nettes Mädchen, um zu heiraten. Was wollen Frauen überhaupt heiraten? Schauen Sie mich an! Vierzig Jahre ledig und keine Minute davon damit verbracht, sich zu wünschen, verheiratet zu sein! Ich rühme mich meiner Unabhängigkeit, ich rühme mich meiner Freiheit.“
Miss Ferney durfte sich ungestört rühmen, denn Miss Lady, die sich an das Geländer der Veranda lehnte, hatte ihre Existenz anscheinend vergessen.
„Nehmen Sie sich einfach vor, diese Stelle an der Schule anzunehmen, und führen Sie ein nützliches, unabhängiges Leben. Ich kenne eine Lehrerin in Shelby County, die seit fünfzehn Jahren dieselbe Schule hat, seit sie ein pummeliges, hübsches Mädchen war, und sie ist jetzt so dünn wie ich und grau wie eine Ratte. Hat all die Jahre dieselbe Stellung behalten und es gut gemacht.“
Miss Lady wirbelte plötzlich herum und breitete die Arme aus:
„Wenn Sie nicht sofort still sind, Miss Ferney, laufe ich weg und gehe zum Zirkus! Ich würde viel lieber in flauschigen, mit Pailletten besetzten Röcken auf einer Zehenspitze stehen und durch einen Reifen springen, als zu unterrichten!“
Miss Ferney sah empört aus: „Sie scheinen sich nicht wohl zu fühlen“, sagte sie, als Entschuldigung für eine solche Frivolität. „Ich glaube wirklich, Sie haben Fieber. Ich gehe schnurstracks nach Hause und mixe Ihnen ein Stärkungsmittel.“
Miss Lady saß eine Zeit lang auf den Stufen und richtete ihren Blick auf den fernen Fluss. Den Hügel hinauf kräuselten sich die Baumwipfel im Wind, und unten im Tal tanzte der gewundene Bach in den Untiefen oder verweilte in braunen Tümpeln, um den tief hängenden Ästen Geheimnisse zuzuflüstern. Die Welt erschien ihr nicht nur sehr schön, sondern auch sehr einsam, und das Gelübde der ewigen Ehelosigkeit, das sie Onkel Jimpson gegeben hatte, erschien ihr in der Gegenwart von Miss Ferney groß und schrecklich.
„Oh, da sind Sie ja“, sagte die Krankenschwester, die um das Haus herumkam; „der Doktor hat sich geweigert, sich hinzulegen, bis Sie in den Garten kommen. Er sagt, er braucht Sie für etwas. Bewahre mich vor Rekonvaleszenten!“
Miss Lady lachte und lief den Pfad zum Garten hinunter, wo der Doktor sie mit seinem seltensten Lächeln begrüßte. Den Rest des Vormittags brüteten sie über Manuskripten, sortierten Notizen und machten Korrekturen; sie war glücklich, auch nur einen winzigen Anteil an seinem großen Werk zu haben, und er empfand ihre Begeisterung und ihr Interesse als willkommene Würze, um seinen abgestumpften Appetit für seine Aufgabe anzuregen. Währenddessen schmachtete eine zerzauste kleine Rose unbeachtet unter dem Manuskript von „Die Geschichte des normannischen Einflusses auf die englische Sprache und Literatur“.
KAPITEL XI
Dreihundertfünfundsechzig Tage lang herrschte Myrtella Flathers unangefochten im Hause Queerington. Die halbe Invalidität des Doktors nach seiner Rückkehr aus Thornwood bürdete ihr die gesamte Verantwortung auf, und während sie ihm erlaubte, die Krone zu tragen, war sie es, die das Zepter schwang. Niemals war das Haus in einer so makellosen Ordnung gewesen, noch waren die jungen Queeringtons in solch präsentablen Kleidungsstücken erschienen, und niemals war die Vordertür so hartnäckig vor ungebetenen Gästen zugeschlagen worden.
Denn der Queeringtonsche Familienstammbaum war mit zu vielen Zweigen behaftet. Es gab kleine trockene Zweige von jungfräulichen Cousinen, verknotete und verkümmerte Stümpfe von halb abwesenden Onkeln und Tanten, kräftige, fordernde Schösslinge von Neffen und Nichten, die alle bisher das schmale Einkommen des Doktors und seine allzu großzügige Gastfreundschaft strapaziert hatten.
Myrtella wandte sich gegen die Übergriffe, die diese Eindringlinge auf seine Zeit und Kraft machten, und sie wandte sich auch gegen die zusätzliche Arbeit, die ihre Anwesenheit ihr aufbürdete. Kurz gesagt, sie fühlte, dass der Familienstammbaum beschnitten werden musste, und sie machte sich von ganzem Herzen an die Arbeit. Durch beharrliche Unhöflichkeit gelang es ihr, einen Verwandten nach dem anderen zu entfernen, bis sie für den Doktor eine Privatsphäre erlangte, von der er bisher nicht zu träumen gewagt hatte.
„Es gibt keine Stunde am Tag, in der ich nicht irgendjemanden abblocke!“, verkündete sie eines Tages triumphierend der Köchin von nebenan. „Als ich hierher kam, hätte man meinen können, es sei ein Bahnhof; Leute kamen und gingen mit Reisetaschen; und Glocken läuteten, und Koffer wurden über die Teppiche geschleift. Schmutz vom Dach bis zum Boden; Miss Hattie mit ihren Unterröcken, die unter ihrem Kleid herhingen; und all die Nachbarskinder, die rein und raus rannten und tatsächlich die Matratze von Berties Bett nahmen, um die Treppe herunterzurutschen!“
„Im Namen des heiligen Patrick!“, sympathisierte Norah, die Besucherin; „und ihr Vater tut gar nichts mit ihnen?“
„Wer sagt, dass er das nicht tat?“, fuhr Myrtella sofort auf. „Als nächstes wirst du andeuten, dass ich hinter seinem Rücken über den Doktor geredet habe. Du arbeitest darauf hin, dass ich meine Stelle verliere, das ist es, was du tust.“
„Nicht ich! Ich habe dich erst vor einer Woche gelobt und gesagt, was für eine feine, nette Köchin du bist und wie großartig und sauber es hier ist.“
„Natürlich“, sagte Myrtella hochmütig, „ich arbeite vielleicht nicht für eine Dame, die so klug ist, dass sie ihre eigene Küche nicht einmal wiedererkennen würde, wenn sie ihr auf der Straße begegnete. Ich arbeite vielleicht nicht in einem Haus, wo sie die Jalousien herunterlassen und tagsüber rote Lampen brennen lassen, um den Schmutz unter dem Sofa nicht zu zeigen. Wir beschäftigen zwar keine zwei Dienstboten und haben nicht genug, um sie zu ernähren, aber ich bin zufrieden. Zumindest für den Augenblick. Der Tag wird kommen, an dem ich für niemanden mehr im Dienst sein muss. Ich lege jede Woche etwas zurück, und die Zeit ist nicht fern, da ich am Kopfende meines eigenen Pensionstisches sitzen werde, und es heißt dann ‚Miss Flathers‘, wenn Sie belieben! Du, Bertie!“, dies an einen zerbrechlich aussehenden kleinen Jungen im Hinterhof. „Du stehst sofort vom Gras auf! Du willst dir noch den Krupp holen und mich die ganze Nacht auf den Beinen haben, wie letzte Woche.“
„Sicher, ich könnte einen schlechteren Ort finden als bei Mrs. Ivy“, fuhr Norah fort. „Ein bisschen Schmeichelei und jeden Tag frische Blumen vor ihrem Foto, und dass für Mr. Gerald alles in Ordnung ist, ist alles, was sie will. Die letzte Stelle, an der ich arbeitete – Mrs. Sequins, Pech über sie!... Es war jeden Abend der Woche eine Party oder ein Abendessen zwischen mir und meiner Ruhe! Kein bisschen hat mich die ganze Bande interessiert, abgesehen von Mr. Don Morley, einem so feinen jungen Gentleman, wie er nur je in Lederschuhen aufgetreten ist!“
„Der, der Dick Sheeley erschossen hat und weggelaufen ist?“
„Der, dem sie es in die Schuhe geschoben haben“, sagte Norah mit empörtem Nachdruck. „Das war dieser Nichtsnutz Mr. Lee Dillingham, und Mrs. Sequin hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Miss Margery mit ihm zu verheiraten. Ich habe gesehen, wie sie versuchten, Mr. Don davon abzuhalten, nach Hause zu kommen und die Geschichten zu hören, die sie erzählten. Er ist die ganze Bande zusammengebunden wert; ein Gentleman von innen und außen, und seine Hand steckte jedes Mal in der Tasche, wenn man ihn bediente. Ruft dich da nicht jemand die Hintertreppe herunter?“
„Sollen sie rufen“, sagte Myrtella, für die diese Vergleiche früherer Anstellungen überaus interessant waren. „Das ist nur Miss Hattie; wenn sie etwas zu sagen hat, das es wert ist, kann sie runterkommen und es sagen.“
Es war offensichtlich der Rede wert, denn einen Augenblick später steckte ein dünnes, scharfkantiges vierzehnjähriges Mädchen den Kopf zur Tür herein.
„Myrtella, ich habe dir gesagt, ich wollte, dass das weiße Kleid in Ordnung gebracht wird. Ich werde es heute Nachmittag tragen.“
„Es ist zu früh, um Sommerkleidung zu tragen“, verkündete Myrtella und bügelte weiter. „Ich habe die Knöpfe absichtlich nicht angenäht, damit du es nicht tragen kannst.“
„Nun, ich werde es tragen! Ich gehe schnurstracks nach oben und stecke es fest.“
Als die Tür ins Schloss fiel, wandte Myrtella Norah ein strahlendes Gesicht zu:
„Es ist nicht gesäumt!“, sagte sie mit Genugtuung.
Norah zuckte mit den Schultern:
„Es müsste ein kalter Tag sein, an dem mich jemand dazu brächte, für fünf Dollar die Woche das Kochen, das Pflegen und das Nähen für eine vierköpfige Familie zu übernehmen!“
Myrtella funkelte sie über das Bügelbrett hinweg an:
„Wer sagt, dass mich jemand dazu zwingt? Ich werde dafür bezahlt, das Kochen und die Hausarbeit in diesem Haus zu erledigen, und wenn ich es für richtig halte, anzupacken und ein bisschen herumzukommandieren, ist das meine eigene Sache. Gott sei Dank habe ich genug Manieren, um mich darum zu kümmern! Wie viel Kaffee bist du eigentlich rübergekommen, um ihn dir zu leihen?“
„Eine Tasse reicht bis zum Morgen. Ich bringe sie vor dem Frühstück zurück.“
„Tu ihn in dieses Glas, wenn du das tust. Ich halte das, was du zurückzahlst, getrennt von unserem, damit ich es dir wieder leihen kann. Wir sind nicht an Zichorie gewöhnt.“
Norah hustete beschwichtigend hinter ihrer Hand:
„Sicher, du könntest einer Dame, die so beschäftigt ist wie Mrs. Ivy, etwas nachsehen. Sie kann ihre Gedanken nicht auf gewöhnliche Dinge lenken.“
„Hör auf damit, dass sie in Vorstandssitzungen von Clubs sitzt, auf Komitees tagt und versucht, die Nation zu regeln, dann erinnert sie sich vielleicht daran, die Lebensmittel zu bestellen. Woran arbeitet sie jetzt?“
„An einem Bettler. Sie las ihm gerade aus der Heiligen Schrift vor, als ich wegging, und er saß da, ganz erbärmlich, und erzählte ihr, wie er bei der Flut alles verloren hatte. Ein religiöser Redner, wenn ich je einen gehört habe.“
„Rotschöpfig?“, erkundigte sich Myrtella und hielt ein heißes Bügeleisen in der Luft an.
„Das war er.“
„Wenn sie mit ihm fertig ist, schickst du ihn hierher“, Myrtella ließ das Bügeleisen mit einem dumpfen Schlag auf das Brett krachen. „Wenn es eine Person auf der Welt gibt, auf die ich es abgesehen habe, dann ist es ein rothaariger Flutopfer.“
Norah begegnete auf dem Weg nach draußen einem anderen Besucher und kehrte zurück, um ihn anzukündigen:
„Schau dir an, was Bertie da draußen ausgegraben hat! Das verrückteste, schmutzigste Kind! Erinnert mich an ein Ei auf ein paar Zahnstochern!“
Myrtella, die über ihre Schulter spähte, kletterte plötzlich die Stufen hinunter.
„Es ist Chick!“, rief sie und strahlte ihn an. „Wie lange bist du schon hier, Chick?“
„Und wer ist Chick?“, fragte Norah, sofort neugierig. „Du scheinst große Stücke auf ihn zu halten! Was fehlt dem Kind? Warum zeigt er auf unser Haus? Hat er keine Zunge im Kopf?“
„Die hat er, wenn auch nicht so lang wie manche Leute. Chick! Bertie! Kommt rein!“ Und ohne Umschweife beförderte Myrtella sie in die Küche und schlug Norah die Tür vor der Nase zu.
Sobald sie in ihrem Refugium waren, umarmte sie zuerst Chick, schleppte ihn dann gewaltsam zum Spülbecken und unterzog ihn einer gründlichen Schrubbkur. Beide Aktionen schienen ihn zutiefst zu langweilen, denn er richtete seine seifigen Augen neidisch auf den kleineren Jungen, der in Freudentaumel umhersprang.
„Wir gehen auf dem Gehweg skaten!“, rief Bertie aufgeregt. „Du kannst einen Skate haben, und ich nehme den anderen, und wir sehen, wer gewinnen kann.“
„Ihr werdet nichts dergleichen tun!“, verkündete das Schicksal am Wasserhahn. „Ich werde nicht zulassen, dass ihr herumrennt, euch erhitzt und euch eine Erkältung holt. Außerdem bist du nicht groß genug, um mit Chick mitzuhalten!“ Als sie dann die Enttäuschung sah, die ihr Ultimatum verursacht hatte, fügte sie hinzu: „Wenn du nicht alles verkleben würdest, könnte ich vielleicht etwas Zuckerzeug für euch machen.“
„Oh, 'Tella! Wirst du? Melasse-Zuckerzeug? Frag ihn, ob er Melasse-Zuckerzeug mag.“
Heftiges Nicken der Bestätigung vom in Dampf gehüllten Opfer.
Myrtella hatte mit dem einfachen Ehrgeiz begonnen, Chicks Gesicht zu waschen, aber die Grenzlinie hatte sich als mühsam erwiesen. Ob sie sie scharf begrenzte oder künstlerische Effekte in Chiaroscuro versuchte, das Ergebnis war gleichermaßen unbefriedigend. Myrtella war gründlich; bevor sie mit Chick fertig war, stand er mit den Füßen in einem Eimer, so sauber, nass und nackt wie ein Fisch.
All das kostete Zeit, und beide Jungen wurden ungeduldig, als ein eigentümliches Geräusch von draußen ihre Aufmerksamkeit erregte. Nur Chick schien das Geräusch vertraut zu sein, denn er lachte, wiegte den Kopf und zeigte auf den Hof.
„Das klingt wie Schluckauf!“, sagte Bertie und legte den Kopf schief.
Myrtellas Mund schloss sich wie eine Falle. „Ich werde ihn schon zum Schluckauf bringen!“, hauchte sie geheimnisvoll, und während sie die Kinder die Süßigkeit beobachten ließ, ging sie auf die Veranda und schloss die Tür hinter sich.
Bertie, in seinen kurzen Röckchen, mit den Füßen auf einem Stuhl zusammengerollt, beobachtete Chick mit konzentriertem Interesse, als er seine zerlumpte, schmutzige Hose anzog. Ein Paar violette Hosenträger, die einst Mr. Flathers gehört hatten, erregten seine besondere Bewunderung.
„Sag mal, Chick, hast du einen Partner?“
Chick nickte.
„Du könntest nicht auch mein Partner sein, oder?“
Ein heftiges Kopfschütteln.
„Ich dachte mir schon, dass du nicht mit zwei Kerlen gleichzeitig kannst.“ Bertie betrachtete nachdenklich die kochende Zuckerlösung. „Ich könnte viele Partner bekommen, wenn ich nicht immer krank wäre. Falls du jemals den, den du hast, nicht mehr hast, könntest du dann mich nehmen, Chick?“
Chick musterte ihn kritisch, stellte ihn auf, maß die Körpergröße und tastete sogar seinen Arm nach Muskeln ab. Dann machte er eine Bemerkung, die zwar nicht klar war, aber dennoch schlüssig.
„Aber ich werde noch größer“, drängte Bertie.
„Und ich habe eine Spieluhr, eine Wasserpistole und ein paar Murmeln...“
Bei diesen Worten zog Chick prompt eine Handvoll Murmeln aus seiner eigenen Tasche und signalisierte durch viel Flüstern und Zischen, dass er in diesem Bereich mit Groß- und Einzelhandel beschäftigt sei und für Verhandlungen offenstehe.
Bertie machte einen eiligen Ausflug ins Kinderzimmer und kehrte mit einem hübschen blauen Beutel zurück, aus dem er Schätze aus Achat und Kristall goss.
Chick verlor jedes Interesse an dem Zuckerzeug. Sein beruflicher Ruf stand auf dem Spiel. Er könnte der Gang auf dem Billy-goat Hill niemals unter die Augen treten, wenn er dieses Lamm nicht schröpfte, das ihm die Vorsehung so offensichtlich in den Weg geschickt hatte.
Myrtella unterdessen machte auf den hinteren Stufen von den Vorrechten einer älteren Schwester Gebrauch und erteilte ihrem Bruder das, was sie bescheiden ein Stück ihrer Meinung nannte.
Denn Phineas war bei einem seiner periodischen Rückfälle zu weit abgerutscht. Sein Ehrgeiz, sich als Bekehrter zu profilieren, hatte ihn aus den stillen Weiden der Immanuel-Herde auf das aufregendere Schlachtfeld der Heilsarmee geführt. Angelockt von der Aussicht, seine Erfahrungen an einer Straßenecke zur Begleitung eines Akkordeons zu schildern, hatte er den sicheren Schutz der Frauenhilfe verlassen und neue Welten gesucht, die es zu erobern galt.
Das Experiment war kein Erfolg gewesen. Er zog nun, am Ende eines Jahres, von Tür zu Tür, zerlumpt und ungepflegt, und spielte die kleine und uninteressante Rolle eines Flutopfers. Aber Phineas' Geist schwebte fröhlich über seinen Umständen. Er ermutigte Myrtella sogar in ihrer Tirade gegen ihn und spornte sie zu neuen Anstrengungen an, wie die Mönche von alters her die Selbstgeißelung herbeisehnten.
„Das ist richtig, Sis!“, drängte er, „du musst dir das alles von der Seele reden. Ich sage zu der Dame von nebenan, ich sage, was ich brauche, ist eine Standpauke von meiner guten Schwester. Die wird mir schon einheizen, sage ich, dann wird sie sich beruhigen und mir helfen. Das ist ihre Art, sage ich, es gibt keine großzügigere Person auf diesem Erdball. Ich dachte, vielleicht würde sie bewegt sein, deinem Beispiel zu folgen, aber das war sie nicht. Sie hat mir über eine Stunde lang eine Reihe von Sonntagsschulpredigten gehalten, dann hat sie mir nichts gegeben als diese Bibel, und ich bin ein verhungernder Mann! Ich habe in meinem Leben schon von allem ein bisschen gegessen, aber ich habe Angst, meine Verdauung mit Deuteronomium und Psalmen zu riskieren!“
„Nun, du brauchst hier nicht betteln zu kommen und den Schlamm hereinzutragen“, verkündete Myrtella bestimmt. „Ich bin fertig mit dir! Du hattest genauso gute Chancen, voranzukommen wie ich. Ich habe nie jemanden um Gefallen gebeten; ich bin arbeiten gegangen und habe mich abgemüht. Was mehr ist, ich werde nicht aufhören, bis ich eine Pension führe. Und was wirst du sein? Ein fauler, trunksüchtiger, nichtsnutziger Schmarotzer.“
Phineas, der mit seinem Hut spielte, schnupperte plötzlich die Luft und lächelte.
„Melasse-Zuckerzeug!“, rief er freudig aus. „Ich konnte nicht darauf kommen, was mich so gut fühlen ließ. Sag mal, Sis, du musst gewusst haben, dass ich komme.“
Myrtella stand in starrer Missbilligung auf der obersten Stufe und betrachtete ihren Verwandten mit solch abkühlender Verachtung, dass er beschloss, seine Taktik zu ändern.
„Ehrlich jetzt, Sis, ich bin nicht gekommen, um um etwas zu betteln. Was ich eigentlich wollte, war, dir von unserem Glück zu erzählen.“
Dieser Schachzug war so geschickt, dass er Myrtella unvorbereitet traf und ein schwaches Zeichen von Neugier hervorrief. „Wir wussten es erst letzte Woche“, fuhr Phineas geheimnisvoll fort, „und wir haben es niemandem erwähnt, bis wir ein Wohnzimmer eingerichtet und ein Schild gemalt haben.“
„Wofür?“
„Für Séancen! Da ist ein Dago-Doktor, nennt sich Professor King, der auf dem Hill herumhängt, und in dem Moment, als er Maria Flathers in die Augen sah, erkannte er, dass sie ein Medium ist. Er gab ihr vier Lektionen für einen Dollar, und sie fing bei der fünften Sitzung an, Klopfgeräusche und Glockenläuten zu hören. Letzte Nacht fing sie an, die Möbel zu bewegen.“
„Sie muss in Trance gewesen sein!“, rief Myrtella aus. „Ich kenne Maria seit vierzehn Jahren und habe nie gehört, dass sie die Möbel bewegt hätte. Sie kann sich mehr Mühe geben, um ein Tischbein herum zu schrubben, als jeder andere, den ich kenne.“
Doch trotz ihres Spotts war Myrtella beeindruckt. Seit vielen Jahren betrachtete sie einen Besuch bei einem Spiritualisten oder Hellseher als eine ihrer wildesten und extravagantesten Zerstreuungen. Die Möglichkeit, ein Medium in der Familie zu haben, war ein Luxus, den man nicht leichtfertig abtun konnte.
„Woher hast du das Geld für die Lektionen?“, verlangte sie plötzlich zu wissen.
Phineas zögerte und war verloren.
„Du hast Chicks Geld ausgegeben! Er ist zerlumpt wie eine Vogelscheuche. Sieht aus, als bekäme er nicht genug zu essen, um seine Rippen herauszudrücken. Wenn ich dich dabei erwische, wie du das Geld, das ich ihm gebe, für Geister ausgibst, egal ob lebendig oder tot, dann gebe ich dir keinen Cent mehr!“
„Nun, Sis, warte mal! Du hast mich nicht ausreden lassen. Ich denke darüber nach, zusammen mit den Séancen ein Bestattungsunternehmen zu betreiben. Wir könnten dann die Kunden im Auge behalten und ein gutes Geschäft aufbauen. Alles, was wir auf der Welt brauchen, ist ein wenig Kapital, und wir wären innerhalb einer Woche ein selbsttragendes Paar.“
Die Argumente von Phineas waren so überzeugend, dass Myrtella schließlich einwilligte, als Deus ex machina für das neue psychische Unternehmen zu fungieren, unter der Bedingung, dass Chick ordentlich gekleidet und ernährt wurde und zur Schule gehen musste.
Nachdem diese Übereinkunft erzielt war, griff Myrtella nach ihrem Besen und begann einen solch energischen Angriff auf die Treppen, dass Flathers zu dem Schluss kommen musste, dass auf seine Anwesenheit wohlwollend verzichtet werden könne. Er raffte sich auf, klatschte sich den Hut seitlich auf den Kopf, klemmte seine Bibel unter den Arm und machte eine ausladende Verbeugung.
„Leb wohl, meine einzige wahre Liebe. Bring das Geld am Samstagabend mit, und Maria wird die Geister herbeirufen und sie sich für dich manifestieren lassen, ganz ohne Gebühr. Schade, dass ich nicht warten kann, bis der Melassebonbon fertig ist. Vielleicht schickst du mir durch Chick etwas davon. Adieu!“
Myrtella stand mit dem Besen in der Hand da und beobachtete, wie die schlaksige Gestalt die Treppe hinunter und aus dem Hintertor schlurfte. Er pfiff fröhlich die Doxologie, und sein Gesicht trug den entrückten Ausdruck eines Menschen, dessen Gedanken nicht bei irdischen Dingen sind. Sie seufzte und schüttelte den Kopf.
„Die Haustürklingel läutet“, rief Bertie, „und das Telefon auch, und Vater ist ausgegangen und sagt, du kannst sein Arbeitszimmer putzen. Da ist die Glocke schon wieder.“
„Ich vermute, es ist Mr. Gooch, der sich zum Abendessen einlädt. Ich lasse ihn nicht herein. Gib mir den Teller da, damit ich den Bonbon darauf gießen kann.“
„Schau mal, 'Telia, was Chick mit mir getauscht hat!“
Myrtella warf einen Seitenblick auf Berties ausgestreckte Handfläche und machte das Geschäft umgehend rückgängig.
„Schämst du dich nicht, Chick Flathers! Die schönen Murmeln eines kleinen Jungen gegen diese gewöhnlichen Tonkugeln einzutauschen? Das ist Betrug, das ist es, das ist Diebstahl! Schämst du dich nicht?“
Chick schämte sich und hatte den Anstand, dies auch zu zeigen. Seine Reue wäre wahrscheinlich nicht zum Vorschein gekommen, wäre er nicht entlarvt worden, doch als er vor Myrtellas anklagendem Blick und dem überraschten, verletzten Ausdruck in Berties Augen stand, wurde sein verhärtetes Gewissen gepikst, und seine Lippe begann zu zittern.
Mit einer heftigen Schutzgeste zog Myrtella ihn an sich:
„Nicht doch, Chick! Weine nicht! Ich wollte dich nicht ausschimpfen. Du hattest keine Chance wie andere Jungen. Du hattest nie Spielsachen, du hattest nie irgendetwas. Du warst ein armer, kleiner, verlassener Junge, seit du geboren wurdest. Oh! Gott, ich bin eine böse Frau! Ich bin nicht würdig, auf der Erde zu leben!“
Dieser erstaunliche Ausbruch verblüffte die beiden kleinen Jungen so sehr, dass sie sie mit aufgerissenen Augen voller Erstaunen anstarrten. Einige Augenblicke lang schwankte sie mit ihrer Schürze über dem Kopf hin und her, trocknete sich dann wild die Augen und stalkte, nachdem sie ihnen befohlen hatte, ihr zu folgen, mit Besen und Kehrblech die Hintertreppe hinauf.
Doktor Queeringtons Arbeitszimmer befand sich zuoberst im Haus, wo er durch das Schließen der Türen und Fenster und das Verstopfen seiner Ohren mit Watte in der Lage war, jene materielle Welt auszusperren, der er lieber ein Fremder bleiben wollte. Der Raum war vom Boden bis zur Decke mit Büchern gefüllt, und es war eines der Kreuze in Myrtellas Leben, dass hinter den sichtbaren Reihen von Bänden weitere Reihen standen, die eine Art versunkene Bibliothek bildeten, die für ihr Tuch und ihren Staubwedel unerreichbar war.
In keinem Raum des Hauses fühlte sie ihre Wichtigkeit so sehr wie in diesem inneren Heiligtum. Sie hatte mit mathematischer Präzision die exakte Position jedes Schreibtischutensils des Doktors berechnet, sie kannte die göttliche Aura, die ein Manuskript umgab, und die Unantastbarkeit von Lesezeichen.
Als Bertie begann, an dem Tintenfass herumzuspielen, stürzte sie sich auf ihn.
„Wage es ja nicht, etwas anzufassen, ihr beiden! Als der Doktor mir auftrug, mich um seine Sachen zu kümmern, habe ich das getan. Seit ich hier bin, gab es nie ein Wort der Beschwerde, und ich werde mir jetzt, zu so später Stunde, keines erlauben. Da kommt der Doktor gerade die Stufen herauf; ich mache hier später fertig. Geh weg da, Chick!“
Doch Chick hatte eine Entdeckung gemacht. Auf dem Schreibtisch des Doktors, aus einem Porzellanrahmen heraus lächelnd, hatte er seine Göttin gefunden! Es war die schöne junge Dame, die einst in einem Kampf mit Skeeter Sheeley um einen Peitschenstiel für ihn Partei ergriffen hatte; es war die junge Dame, die ihn immer anlächelte, wenn sie am Billy-goat Hill vorbeiritt; sie war es, die seinen Lebensplan von schwerem Raub auf Klempnerei geändert hatte! Ungeachtet der Warnung griff er nach dem Bild, und als er dies tat, entglitt es seinen Fingern und der Rahmen zersplitterte auf dem Boden.
Doktor Queerington, der in der Tür stand, erfasste die Situation auf einen Blick. Er blickte rasch von Myrtellas entsetztem Gesicht zur kauernden Gestalt des fremden Kindes, dann lächelte er beruhigend.
„Es ist kein ernsthafter Schaden entstanden“, sagte er mit leiser, angenehmer Stimme; „der Rahmen lässt sich leicht ersetzen, und was das Foto angeht –“ er hielt inne und lächelte erneut, dann nahm er Berties Hand in seine; „Myrtella, ich werde kein Foto dieser jungen Dame mehr benötigen. Sie hat eingewilligt, selbst zu kommen und sich um uns alle zu kümmern.“
Myrtella stand wie versteinert; ihre massige Gestalt mit dem erhobenen Staubwedel hob sich gegen das Licht ab, wie die Statue der Göttin des Krieges. Endlich fand sie ihre Stimme wieder:
„Sich kümmern?“ japste sie. „Meinen Sie, sie kommt, um Frau Squeerington zu werden?“
„Das tue ich.“
„Nun, dann kündige ich“, verkündete Myrtella mit der ganzen Würde beleidigter Majestät, und während sie Chick vor sich herschob, knallte sie dem erstaunten Doktor die Tür vor der Nase zu und schritt hoheitsvoll die Treppe hinunter.
KAPITEL XII
„Eine Braut, die ihre Pflicht nicht erkennt, sollte dazu gebracht werden, sie zu erkennen“, erklärte Mrs. Sequin gegenüber Mrs. Ivy auf ihre eindrucksvollste Weise. „Von der Ehefrau von John Jay Queerington wird natürlich etwas erwartet. Ich habe ihr ausdrücklich gesagt, dass der Freitag ihr Tag sei, ich habe sie sogar angerufen, um sie daran zu erinnern, und jetzt ist es vier Uhr, die Leute fangen an zu kommen, und sie spielt Tennis!“
Sie warteten in der Dämmerung des Queeringtonschen Wohnzimmers, jenem schlichten, steifen, alten Jungfernwohnzimmer, das vor zwei Jahrzehnten fix und fertig aus dem Gehirn eines Dekorateurs entsprungen war und seitdem kein einziges Mal mit der Wimper gezuckt hatte. Es war ein Raum, in dem sich noch nie jemand Freiheiten herausgenommen hatte. Hattie hatte einmal mürrisch bemerkt, dass ihr Vater ebenso gut einen Zahn von seinem Unter- in seinen Oberkiefer hätte versetzen können, als ein Ornament oder ein Bild aus dem Wohnzimmer in das zweite Stockwerk zu befördern.
Mrs. Ivy, die angesprochene Dame, lächelte tolerant. Es war eine von Mrs. Ivys irritierendsten Eigenschaften, dass sie stets tolerant gegenüber den Ärgernissen anderer Leute war. Sie war blond und mollig und trug eine abgewandelte Toga und ein kristallisiertes Lächeln.
„Ah! Mrs. Sequin“, schnurrte sie, „unsere kleine Braut ist ein Kind der Natur. Süße und Licht! Wir dürfen anfangs nicht zu viel von ihr erwarten. Mein Gerald sagt, sie sei wie ein wilder kleiner Wasserfall, der in der Sonne tanzt, ungedämmt von Konventionen. Gerald formuliert die Dinge so vollkommen.“
„Nun, ich habe genug davon, einen Wasserfall bändigen zu wollen!“ sagte Mrs. Sequin grimmig. „Cousin John bat mich, sie unter meine Fittiche zu nehmen, und ich muss sagen, ich finde sie schwierig. Durchaus süß und gutmütig, wissen Sie, aber sie geht einfach ihren eigenen Weg. Sie hat beschlossen, dass ihr Connies Freunde lieber sind als die des Doktors, dass ihre Haare sich nicht richtig anfühlen, wenn sie so arrangiert sind, wie sie es sollten, dass sie keine Kleider von modischen Schneidern tragen will, weil diese unbequem sind. Sie hat mir tatsächlich gesagt, sie möge es, ein paar Minuten aus der Mode zu sein!“
„Aber hat sie nicht recht?“ murmelte Mrs. Ivy. „Gott hat ihr einen anmutigen, symmetrischen Körper gegeben, sollte sie ihn nicht in fließende Gewänder hüllen, die nicht einengen oder –“
„Um Himmels willen, Mrs. Ivy, wagen Sie es ja nicht, mit ihr eine Kleiderreform zu beginnen! Ihre einzige Chance auf gesellschaftlichen Erfolg ist ihre Schönheit. Sie erschreckt mich einfach, wie sie direkt das Erste herausplatzt, was ihr in den Sinn kommt. Ich werde Monate brauchen, um ihr die erste Lektion der Gesellschaft beizubringen, dass die nackte Wahrheit das Unanständigste auf der Welt ist.“
„Was ich bei dem lieben Mädchen wecken möchte“, sagte Mrs. Ivy mit einem überlegenen Lächeln, „ist ein Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Mitmenschen. Ich habe sie bereits für die Anti-Tabak-Liga vorgeschlagen, und Miss Snell, unsere korrespondierende Sekretärin der Auslandsmissionsgesellschaft, hat versprochen, mich hier um fünf zu treffen. Es sind diese jungen, feurigen Seelen, die das Banner der Reform aufnehmen müssen, wenn es aus den Händen von uns Veteranen fällt.“
„Nun“, sagte Mrs. Sequin und drehte ihrer Begleiterin ein hübsches, gelangweiltes Profil zu, „ich werde mich nie von der Absurdität dieser Heirat erholen!“
„Ah!“ sagte Mrs. Ivy und legte eine mollige weiße Hand auf den Arm von Mrs. Sequin, „kosmische Kräfte haben sie zusammengeführt! Das, was wir suchen, sucht uns. Sie war jung, unerfahren, auf der Welt verloren; er war krank, einsam und hatte drei mutterlose Kinder. Sie hat mir erzählt, dass die Briefe des Doktors während des vergangenen Jahres alles waren, was sie aufrecht hielt.“
„Natürlich taten sie das! Cousins Johns Briefe halten jeden aufrecht. Besonders wenn man seine Vorlesungen noch nicht gehört hat. Natürlich wiederholt er sich gerne.“
„Was ihre Jugend angeht“, fuhr Mrs. Ivy fort. „Was macht es schon, wenn sie noch eine bloße Rosenknospe ist? Sie wird sich entfalten; wir werden ihr helfen, sich zu entfalten, Sie und ich, nicht wahr?“
Unterdessen war die Braut durch den Seiteneingang geschlüpft und beeilte sich im Zimmer oben hastig, ihr Tenniskostüm gegen ein neues Hauskleid zu tauschen.
Connie Queerington half ihr dabei, doch Connies Hilfe war im Allgemeinen ein Hindernis. Sie war eine überaus geschwätzige, blonde junge Person mit blauen Augen, die nichts mehr genossen als ihr eigenes Spiegelbild.
„Ich kriege es nie zugehakt, wenn du nicht stillhältst“, sagte sie. „Jedes Mal, wenn du lachst, platzt es wieder auf.“
„Fünfzehn – Liebe, dreißig – Liebe, vierzig – Liebe, Spiel!“ übte Miss Lady und praktizierte einen neu erlernten Aufschlag mit einem kräftigen Schwung ihres Schlägers. „Ich könnte den ganzen Tag und die ganze Nacht spielen! Glaubst du, ich werde jemals eine gute Spielerin?“
„Natürlich, wenn du nur nicht so aufgeregt wirst und die Bälle schlägst, bevor sie aufspringen. Gerald Ivy sagt, dein Überhandspiel ist großartig. Er ist sowieso ganz verrückt nach dir. Ich würde meine beiden kleinen Finger geben, wenn er mich so ansehen würde wie dich heute.“
„Albern!“ lachte Miss Lady. „Da ist der Knopf von meinem Hausschuh ab. Meinst du, jemand merkt es, wenn ich den Riemen feststecke?“
„Niemand außer Myrtella. Setz dich auf deinen Fuß, wenn sie in die Nähe kommt. Wenn du dich nicht beeilst, bekommt Cousine Katherine einen Nervenzusammenbruch.“
„Ich verstehe nicht, warum man den Empfangstag wie den Tag des Jüngsten Gerichts behandeln muss“, klagte Miss Lady. „Wer ist noch unten?“
„Nur Mrs. Ivy jetzt. Sie ist diejenige, die deine Hand gehalten und dich einen Sonnenstrahl genannt hat. Geralds Mutter, weißt du. Hat kann sie nicht ausstehen; sagt, sie sei eine Schmusekatze. Natürlich wird Mr. Gooch zum Abendessen hier sein.“
„Wer?“
„Mr. Gooch.“
„Ein Freund des Doktors?“
„Nein, tatsächlich nicht. Er ist niemandes Freund. Er langweilt uns alle bis zum Exzess.“
„Nun, warum kommt er dann?“
„Ich weiß es nicht. Er kommt immer freitags. Er kam einmal herein, um dem Regen zu entkommen, und Mutter bat ihn, zum Tee zu bleiben. Das war vor zehn Jahren, und er ist seitdem fast jeden Freitag wiedergekommen.“
„Hast du die ganze Zeit so viel Besuch?“ fragte Miss Lady etwas atemlos.
„Das ist noch gar nichts!“ rief Connie dramatisch. „Bevor Myrtella kam, wusste ich nie, wie es ist, in meinem eigenen Bett zu schlafen, und ich musste Hühnerbeine essen, bis ich mich wie ein Tausendfüßler fühlte. So! Du bist fertig; komm mit. Vergiss nicht, Vater von der Party zu erzählen!“
Miss Lady war zwei Wochen verheiratet, doch sie kreiste immer noch wild in einem Strudel neuer Erfahrungen, die sie aufregten und verwirrten. Während eines langen, einsamen Winters hatte sie ihre Probleme an der kleinen Dorfschule ausgefochten und sich dabei voll und ganz auf Doktor Queeringtons Freundschaft und Führung verlassen. Seine wöchentlichen Briefe, abgefasst in Absätzen technischer Perfektion, erschienen ihr als Orakel der Weisheit und Schönheit. Dann war das Erstaunliche und Unglaubliche geschehen! Er, der große Doktor Queerington, der Freund ihres Vaters, ihr Freund, der Mann, den sie mehr respektierte als irgendjemanden sonst auf der Welt, hatte sie, ein junges, unerfahrenes Mädchen, als seine Frau ausgewählt!
Für jemanden, der sich sicher war, für immer mit Illusionen abgeschlossen zu haben, und der sich schmeichelte, das sentimentale Alter sicher hinter sich gelassen zu haben, war die Ehre einer lebenslangen Kameradschaft mit einem Mann wie Doktor Queerington geradezu überwältigend. Sie wollte leidenschaftlich gern auf der Welt von Nutzen sein, ihrem Leben einen Sinn geben. Die Gelegenheit, dem Doktor zu dienen, ihm bei der Vollendung des großen Werkes zu helfen, das ihn in Anspruch nahm, sich um seine physischen Bedürfnisse zu kümmern und Freude in sein Leben zu bringen, nahm den Charakter eines heiligen Privilegs an.
Wenn sie zuweilen von quälenden Zweifeln und vagen, unbefriedigten Sehnsüchten heimgesucht wurde, schrieb sie diese jenem lieben, aber unwirklichen Glanz der Romantik zu, von dem der Doktor sie gelehrt hatte, dass man erwarten müsse, er spiele eine Weile am Morgen der Jugend, verblasse aber im Mittag der Reife. Und so, da sie in der Wissenschaft der Selbstanalyse nicht geübt war, legte sie furchtlos ihre Hand in die des Doktors und versprach zu gehorchen, mit einem offenen Gefühl der Erleichterung über die verschobene Verantwortung.
Das neue Leben, in das sie eintrat, erwies sich in jeder Hinsicht als anders, als sie erwartet hatte. Die Zeit des Doktors, auf die Minute genau geplant, ließ keinerlei Unterbrechungen zu, wie hilfreich sie auch von ihrer Seite sein mochten. Tatsächlich schien er sie als einen geschätzten Luxus zu betrachten, den zu genießen er keine Zeit hatte. Die Kinder akzeptierten sie entsprechend ihrer jeweiligen Natur: Connie als Kumpel, Hattie als Erzfeindin und Bertie als Idol.
Hattie war vierzehn und hatte alle Probleme des Universums gelöst. Sie hielt fest zu Aristoteles und verwarf Platon spöttisch aus der Welt der Philosophie. Sie missbilligte Jungen, die Gesellschaft, zweite Ehen, und sie hatte vier verzweifelt enge Freundinnen, die alle Schriftstellerinnen werden wollten. Ihrer Beobachtung nach war sie die einzige Person im Universum, ausgenommen ihr Vater, die sich an die Wahrheit hielt. Daher bestand ihre Lebensaufgabe darin, im Alleingang gegen die Ungenauigkeiten anderer Menschen zu kämpfen.
Miss Lady fand Zuflucht vor Hatties ätzenden Kommentaren in Berties unmittelbarer Zuneigung. Er hatte ihr Herz in der Nacht ihrer Ankunft gewonnen, als er in ihrem Schoß eingeschlafen war, mit der letzten Anweisung, dass sie „immer bei ihnen bleiben müsse, bis Gott nach ihr rief“.
Welche Vorstellungen Miss Lady auch immer davon gehegt hatte, die häuslichen Angelegenheiten zu übernehmen, sie wurden von Myrtella umgehend entmutigt, welche gnädigerweise eingewilligt hatte, der neuen Herrin einen Monat Probezeit zu gewähren, wobei sie drohte, sie bei der ersten Einmischung ihrem Schicksal zu überlassen.
Ihr erstes Treffen war vielversprechend. Myrtella hatte bei ihrer Rückkehr von ihrem freien Nachmittag einen wilden Aufruhr im Kinderzimmer gehört und war hastig hinaufgeeilt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Berties Vorstellung war atemlos:
„Es ist die neue Mutter, 'Tella, und Chick ist hier, und wir spielen Bär, und wir haben die Bettfedern kaputt gemacht, und sie kennt jede Menge Geschichten, und sie kennt Chick!“
Myrtella, die sich auf einen Kampf auf Leben und Tod eingestellt hatte, war auf einen Gegner, der inmitten des Kinderbettes saß und hinter einem zerzausten Schopf glänzend braunen Haares lachte, nicht vorbereitet.
„Oh! Das ist Myrtella, nicht wahr?“ fragte der Bär, schüttelte ihre Mähne zurück und lächelte mit einnehmender Offenheit. „Bertie sagt, du bist Chicks Tante, und Chick ist ein alter Freund von mir, ist das nicht lustig?“
„Woher kennst du denn Chick?“ verlangte Myrtella mit sofortigem Misstrauen zu wissen.
„Wir wohnen beide am Billy-goat Hill. Wir winken uns immer zu, wenn ich vorbeigehe, nicht wahr, Chick?“
Chick, der teilweise unter dem Bett lag, immer noch in seiner Rolle als unerschrockener Jäger, bestätigte die Tatsache mit einem solchen Strom enthusiastischer Unzusammenhängendigkeit, dass Myrtella streng unterbrach:
„Komm sofort hier raus. Es ist sowieso Zeit für dich, nach Hause zu gehen. Als Erstes werde ich mich noch darüber beklagen müssen, dass du so viel herumhängst. Und schau dir deine Hände an, Bertie Queerington! Du kommst sofort in die Badewanne, das ist es, was du bekommst!“
„Ich werde ihn baden“, sagte Miss Lady eifrig.
„Nein“, sagte Myrtella bestimmt, „niemand außer mir kann mit ihm umgehen.“
Doch trotz der Wildheit von Myrtellas Erscheinung lag ein gemilderter Glanz in ihrem Auge, der zeigte, dass die neue Herrin damit begonnen hatte, Zufriedenheit zu stiften.
Die ersten Tage nach ihrer Ankunft verbrachte Miss Lady im dunklen Wohnzimmer damit, Besucher zu empfangen. Alle Verwandten des Doktors, die ihre Entrüstung über seine Heirat überlebt hatten, vereinten sich in der festen Entschlossenheit, seine junge Frau auf den Weg zu bringen, auf dem sie gehen sollte. Rat, so vielfältig wie reichlich, wurde über sie ausgeschüttet. Zuerst war sie amüsiert; dann war sie unaussprechlich gelangweilt; schließlich war sie verzweifelt. Sie war es nicht gewohnt, den ganzen Tag drinnen zu sein, sie war es nicht gewohnt, ihre Zeit mit älteren Damen zu verbringen, die von moralischen Verpflichtungen, sozialen Forderungen und bürgerlichem Gewissen sprachen. Die Pflichten ihres Ehelebens, die solch interessante Verantwortungen und wunderbare Gelegenheiten versprochen hatten, den Doktor bei seiner großen Arbeit zu unterstützen, schienen zu der stumpfsinnigen Aufgabe zu schrumpfen, sich und die Kinder ihm aus dem Weg zu halten, eine grabähnliche Stille im Haus zu bewahren und eine endlose Reihe von Besuchern zu unterhalten.
Selbst das wäre erträglich gewesen, wenn der Doktor nur die Zeit aus seiner seelenfressenden Arbeit hätte finden können, um am Ende des Tages mit amüsierter Zärtlichkeit all ihren kleinen Erlebnissen zuzuhören, wenn er mit ihr den besten Weg diskutiert hätte, mit den Kindern umzugehen, mit ihr über ihre Kämpfe mit Myrtella gelacht hätte und jene liebevollen Worte und Liebkosungen ermutigt hätte, die so sehr Teil ihres Wesens waren.
Hätte er dies tun können, hätte Miss Lady bald Befriedigung darin gefunden, ihn mit ihrer Zuneigung zu überschütten. Es lag in ihrer Natur, leidenschaftlich an denen um sie herum zu hängen, und sie war niemand, die in einer mentalen oder emotionalen Gefangenschaft verharren wollte.
Doch der Doktor kämpfte sich durch den nervenaufreibendsten Monat des Jahres an der Universität. Der Beginn eines neuen Semesters, die Anpassung der Klassen, die Einschreibung neuer Schüler – all das zehrte stark an seiner geschwächten Konstitution. Er war abends in keiner Verfassung, irgendetwas mehr zu geben, selbst einer jungen und hingebungsvollen Braut, die durchaus bereit war, jedes andere Vergnügen aufzugeben, um am Altar seines Wissens zu räuchern.
Das Heimweh, das seit dem Tag über ihr gelegen hatte, als sie Thornwood den Rücken gekehrt hatte, hätte sie völlig verschlungen, wäre da nicht Connie gewesen. Connie war nur ein Jahr jünger als sie und wurde von der Verwandtschaft völlig missbilligt. Sie genoss den Ruf, leichtfertig und eitel zu sein und jeder Ehrfurcht vor ihren Älteren zu entbehren.
Connies Freunde und Vergnügungen erwiesen sich als der Pfad des geringsten Widerstands, auf dem Miss Lady in die Freiheit raste. Der Tennisplatz diente als freudiger Ersatz für die graue Tristesse des neuen Zuhauses, und die zwanglose Kameradschaft von Connies Freunden war eine willkommene Erleichterung von den älteren Weiblichkeiten, die es bevölkerten.
Der Doktor war immer noch der majestätische Drehpunkt, um den ihre Gedanken schwangen, doch der Kreis wurde immer weiter. Der Altersunterschied, der ihr zu Beginn ihrer Unerfahrenheit wie eine so unbedeutende Überlegung erschienen war, erwies sich mit der Zeit als gravierender.
Sie war begierig auf das Leben, scharf auf Vergnügen, formbar, empfänglich. Jede neue Erfahrung war für sie eine Epoche, während sie für den Doktor, dessen Gewohnheiten und Meinungen für die Ewigkeit feststanden, meist nur eine neue Unterbrechung seiner Arbeit war.
Es war nicht so, dass er sie nicht zu schätzen wusste. Das Licht, das in seine ernsten Augen trat, wann immer sie in der Nähe war, die unfehlbare Höflichkeit und Sanftheit, mit der er zu ihr sprach, die absolute Freiheit, die er ihr gewährte, und die schmeichelhafte Appellierung an ihren Intellekt beruhigten alle Zweifel, die in ihrem Geist hätten aufsteigen können.
Über ihre eigenen Gefühle wagte sie nicht nachzudenken. Das Leben war alles so fremd, so anders, als sie erwartet hatte. Die Blitze von Zweifel und Ratlosigkeit, die in den Pausen zwischen Connies eng geplanten Festivitäten kamen, schrieb sie dem Heimweh zu.
Es war spät, als ihr letzter Besucher ging, und als sie leichtfüßig zu dem Arbeitszimmer des Doktors hinauflief, realisierte sie mit einem kleinen Gefühl der Enttäuschung, dass sie ihn seit dem Frühstück nicht gesehen hatte. Selbst jetzt hielt sie an der Tür inne, aus Angst, sie könnte irgendeinen Flug der Muse unterbrechen. Doch beim Hineinspähen fand sie seinen großen Lehnstuhl ans Fenster gerückt und das Oberteil eines Kopfes, das über dessen Rücken hervorsah. Auf Zehenspitzen vorsichtig vorwärtsschreitend, schlug sie die Hände über seine Augen und drückte einen Kuss auf seine nach oben gerichtete Stirn.
„Wie ich sehe, bist du fleißig“, flüsterte sie.
Der Doktor legte sein Buch beiseite und zog ihre Hände sanft von seinen Augen. „Ich war fleißig, meine Liebe. Ich habe gerade den letzten Abschnitt über die archaischen Bräuche der südlichen Stämme beendet. Es ist eine faszinierende Untersuchung, wenngleich die Beweisführung stellenweise etwas mangelhaft bleibt.“
Er betrachtete sie mit einer Art distanzierter Zuneigung, als betrachte er ein seltenes, hübsches Exponat, das in seinem Studierzimmer gelandet war. „Du siehst heute sehr... lebhaft aus. Gab es Ereignisse von Bedeutung?“
„Nur das Übliche“, erwiderte sie und ließ sich auf den Hocker zu seinen Füßen sinken. „Myrtella ist in Hochform, Connie hat wieder einmal versucht, die Küche in einen Ballsaal zu verwandeln, und ich habe versucht, den Tag so zu gestalten, dass niemand das Gefühl hat, ich stünde im Weg.“
Der Doktor schmunzelte, ein Ausdruck, der seine Gesichtszüge ungewöhnlich weich machte. „Im Weg? Wer sollte das behaupten? Mr. Gooch hat sich nach seinem letzten Besuch sehr lobend über deine... nun ja, deine erfrischende Art geäußert. Er ist ein schwieriger Mann, weißt du. Ein Mann der Prinzipien, die oft so starr sind wie das Mobiliar in seinem Haus.“
Sie lehnte ihren Kopf gegen sein Knie. „Er mag mich nicht, nicht wirklich. Er sieht mich als eine Art Eindringling in eine Ordnung, die er seit Jahren mitbewacht.“
„Er sieht dich als Veränderung“, korrigierte der Doktor ruhig. „Und Veränderungen sind für Menschen, die ihr Leben in festen Bahnen führen, oft beunruhigend. Doch sag mir, was beschäftigt dich? Dein Geist scheint heute woanders zu weilen.“
Miss Lady zögerte. Der Schatten von Donald Morleys Namen, den sie vor Tagen in diesem Raum vernommen hatte, war nie ganz gewichen. Er schwebte wie ein leiser, unwillkommener Gast in den Ecken des Zimmers. „Ich habe nur darüber nachgedacht, wie groß die Welt ist, und wie seltsam es ist, dass wir hier in unserer kleinen, geordneten Welt sitzen, während anderswo Dinge geschehen, die wir nicht einmal erahnen.“
Der Doktor strich nachdenklich über den Rand seines Buches. „Die Welt ist ein weites Feld, in der Tat. Aber wir sind hier, um unseren Teil zu erfüllen. Jeder an seinem Platz. Wenn man seine Pflicht tut und den Geist wach hält, gibt es keinen Grund zur Unruhe.“
„Und wenn der Geist sich weigert, ruhig zu sein? Wenn er zu den Orten zurückkehrt, an denen er einst lebte?“
Er sah sie scharf an, doch sein Blick blieb gütig. „Dann muss man ihm Disziplin beibringen. Erinnerung ist ein schönes Privileg, solange sie nicht den Frieden der Gegenwart vergiftet. Wir haben jetzt unsere gemeinsame Zeit, nicht wahr? Das sollte genügen.“
Sie lächelte, doch es war ein leises, beinahe unsichtbares Lächeln. „Ja, natürlich. Es genügt.“
Unten im Haus hörte man das ferne Klappern von Geschirr, das Myrtella in Ordnung brachte. Die Welt außerhalb der Wände von Queerington schien in diesem Augenblick in weite Ferne gerückt, eingehüllt in die Stille eines Hauses, das sich gegen die Wirren des Lebens hinter den Büchern verschanzt hatte. Miss Lady schloss die Augen und versuchte, sich an den Rhythmus dieser Stille anzupassen, so wie sie es jeden Tag aufs Neue zu lernen versuchte.
So kam es, dass Mrs. Sequin sehr schlechter Laune zu den Bartrums aufbrach und die beiden Mädchen im rosafarbenen Boudoir miteinander plaudern ließ, während die Krankenschwester in die unteren Regionen verbannt wurde.
„Möchtest du nicht etwas frische Luft?“, fragte Miss Lady, als sie die Hitze nicht länger ertragen konnte.
„Du kannst die Tür öffnen“, sagte Margery, „das Fenster lassen wir wegen des Zuges nie offen.“
„Aber ich kann dich warm einpacken und den Wandschirm aufstellen. So! Bei all dem Zeug kannst du dir keine Erkältung holen. Es ist die Art von Tag, an der ich am liebsten auf einem Pferd sitzen würde, um durch die Wälder zu galoppieren, mit dem Wind im Gesicht.“
Margery beobachtete Miss Ladys flinke Bewegungen, als sie alle Fenster hinter den gerüschten Vorhängen öffnete und einen Strom frischer, belebender Luft hereinließ.
„Wie jung du bist!“, sagte sie. „Jahre und Jahre jünger, als ich mich fühle. Ich kann einfach nicht begreifen, dass du verheiratet bist und drei Stiefkinder hast.“
„Ich auch nicht“, sagte Miss Lady. „Ich vergesse es immer wieder. Möchtest du nicht eine Weile aufsitzen?“
„Oh! Das kann ich nicht. Ich muss vollkommen ruhig liegen.“
„Wer sagt das?“
„Jeder, der einen Nervenzusammenbruch hat. Die Ärzte sagen, meine Nerven seien nichts als zitternde Drähte. Ich nehme an, ich habe mir letzten Winter zu viel zugemutet, aber natürlich konnte ich nicht mitten in meiner ersten Saison aussteigen.“
„Ich glaube nicht, dass es dir auch nur im Geringsten schaden würde, aufzusitzen. Wenn ich diesen großen Schaukelstuhl zurechtmache, willst du es dann versuchen?“
„Aber ich habe seit sechs Wochen nicht mehr aufgesessen. Wenn ich es im Bett versuche, bekomme ich so ein kribbelndes Gefühl.“
„Das liegt daran, dass deine Beine ausgestreckt sind. Lass es uns im Stuhl versuchen, mit den Beinen nach unten.“
„Ich werde es versuchen, aber ich weiß, dass ich es nicht aushalte. So! Vielen herzlichen Dank! Man würde nicht glauben, dass ich vor einem Jahr noch so stark war wie du! Warum, zwischen Oktober und März war ich auf über einhundertfünfzig Veranstaltungen, abgesehen von den Theatern und der Oper.“
„Um Himmels willen!“, rief Miss Lady entsetzt.
„Natürlich fing ich um Neujahr an zu schwanken, aber Mutter ließ mich massieren und mit Elektrizität behandeln und hielt mich bis zur Fastenzeit auf den Beinen. Danach brach ich bis zum Sommer zusammen. Dann fuhren wir nach White Sulphur, wo die Dillinghams ein Ferienhaus haben. Ich musste jeden Nachmittag liegen, aber für die Tänze war ich immer auf den Beinen.“
Die Krankenschwester, die mit einer langen Blumenkiste hereinkam, hielt überrascht inne, als sie ihre Patientin aufsitzen sah, und schlich dann diskret wieder hinaus.
„Jemand hat dir Blumen geschickt!“, rief Miss Lady aufgeregt. „Wie schön! Soll ich die Kiste öffnen?“
„Wie du willst. Sie sind wahrscheinlich von Lee. Er schickt sie jetzt, statt zu kommen.“
„Aber es könnte ein Zettel dabei sein“, sagte Miss Lady und suchte im Seidenpapier.
Margery schüttelte müde den Kopf; die kleine Lebhaftigkeit, die ihr Gesicht gerötet hatte, erlosch und ließ es blass und lustlos zurück.
„Du hältst das sicher für eine merkwürdige Art für ein verlobtes Mädchen zu reden“, sagte sie nach einer Weile mit einem nervösen Schluchzer in der Stimme. „Die Wahrheit ist, Lee und ich haben uns wegen meines Onkels Donald Morley gestritten. Ich werde ihm nie verzeihen, wie er Don behandelt hat; niemals!“
„Das wirst du, wenn du ihn liebst“, sagte Miss Lady.
„Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das tue!“, platzte es aus Margery heraus. „Ich sollte das nicht sagen! Ich werde es nicht wieder sagen, aber ich werde sterben, wenn ich nicht mit jemandem darüber rede. Mutter will kein Wort davon hören. Sie sagt, es seien die Nerven. Aber die Wahrheit ist, Miss Lady, ich war mir nie sicher; das ist es, was mich krank macht!“
„Hast du es ihm gesagt?“
„Ja, und er lacht mich aus. Er mag recht haben, vielleicht haben sie alle recht. Wenn ich wieder gesund bin, lache ich vielleicht über mich selbst. Aber im Moment scheint es so schrecklich, dass die Vorbereitungen weitergehen, während ich hier liege, Nacht für Nacht, gegen die Zweifel ankämpfe, versuche, mich selbst zu überzeugen, versuche, sicher zu sein. Woher weiß man, ob man verliebt ist? Woher weiß man das?“
Miss Ladys Hand, die sanft über die dünnen, weißen Finger des Mädchens gestrichen hatte, hielt inne; ihre Augen suchten das offene Fenster und sie holte tief Luft.
„Wissen?“, wiederholte sie wie zu sich selbst. „Woher weißt du, wann dir kalt ist, wann du hungrig bist, wann du müde bist, wann du dich einsam fühlst? Woher weißt du, dass du Luft brauchst, wenn du erstickst? Alles an dir sagt es dir, dein Herz, dein Verstand, dein Körper, deine Seele. Du kannst gar nicht anders, als es zu wissen!“
„Aber was, wenn ich mich nicht so fühle! Und was, wenn ich eines Tages für jemand anderen so fühlen sollte! Oh! Miss Lady, sag mir, was ich tun soll! Alle anderen drängen mich, sagen mir, ich solle mir keine Sorgen machen, keine Angst haben. Aber du bist nicht wie die anderen, du berücksichtigst mehr als nur die äußeren Vorteile, die man gewinnen kann. Sag mir, was würdest du an meiner Stelle tun?“
„Ich würde auf den Richtigen warten“, rief Miss Lady und wandte sich ihr fast heftig zu, „ich würde warten, wenn es ewig dauern würde! Sie haben kein Recht, dich zu überreden. Entweder man liebt, oder man liebt nicht, und keine Macht auf Erden kann das ändern. Du kannst über Gefühle lachen und so tun, als würdest du nicht an sie glauben, du kannst dir tausendmal einreden, dass du das Vernünftige tust. Du kannst dich eine Zeit lang völlig blind gegenüber der Wahrheit machen. Aber eines Tages musst du erkennen, dass die einzige wirkliche Sache im Leben die Liebe ist und dass du machtlos bist, sie leben oder sterben zu lassen.“
Danach saßen sie lange schweigend da, bis Miss Lady plötzlich aufstand und unter irgendeinem Vorwand hastig aufbrach. Sie erschrak über das, was sie gesagt, über das, was sie gedacht hatte. Sie war verängstigt von diesem seltsamen, neuen Selbst, das aus einer seltsamen, neuen Erfahrung sprach und all ihre sorgfältig erworbenen Ansichten zunichtemachte. Erst als sie nach einem strammen Spaziergang durch die klare Luft zu Hause ankam, legte sich die Aufruhr in ihrem Gehirn.
Auf dem Flurtisch, neben einem abgegriffenen Exemplar von Shelley, lagen die Handschuhe und der weiche graue Hut des Doktors. Sie ergriff die Handschuhe impulsiv und legte sie an ihre Wange.
„Lieber, lieber Doktor!“, flüsterte sie fast heftig. „So gut und freundlich und – und wunderbar!“
Plötzlich bemerkte sie, dass jemand sie verstohlen durch den Türspalt des Esszimmers beobachtete.
„Myrtella!“, rief sie. „Bist du das?“
„Ja, gnädige Frau, wenn ich bitten darf“, kam es in seltsam sanftem Tonfall zurück. „Ich würde gerne ein Wort mit Ihnen reden.“
Es war so völlig gegen den Lauf der Dinge, dass Myrtella Demut zeigte, dass Miss Lady sie erstaunt ansah.
„Ich kann nicht sagen“, begann Myrtella, immer noch halb hinter der Tür, „dass mir gefällt, wie die Dinge in diesem Haus laufen. Ich denke darüber nach, zu kündigen.“
„Aber Myrtella!“, rief Miss Lady bestürzt. „Ich fürchte, die Arbeit ist zu schwer. Wir könnten uns –“
„Sie brauchen nicht mit dem Satz fertig zu werden, Mis' Squeerington, Sie wollten 'ein Hausmädchen' sagen. Wenn Sie glauben, ich würde mein Zimmer mit irgendeiner holländischen oder irischen Zofe teilen, dann muss ich sagen, da irren Sie sich gewaltig! Außerdem, leiste ich etwa keine gute Arbeit? Mache ich die Arbeit nicht zu Ihrer Zufriedenheit?“
„Natürlich tust du das, aber ich dachte, du –“
„Wären am Altern, nehme ich an, und könnten nicht mehr so viel arbeiten wie früher. Ich sehe wohl schwächlich aus, was?“
Miss Lady warf einen Blick auf die massive Gestalt mit den in die Hüften gestemmten muskulösen Armen und lächelte.
„Nun, was ist denn das Problem?“, fragte sie freundlich. „Warum willst du gehen?“
Myrtellas Augen wanderten umher, während sie imaginären Staub von der Tür rieb:
„Ich bin es nicht gewohnt, für eine Dame zu arbeiten, die nichts in die Hand nimmt. Das kommt mir nicht natürlich vor und gibt den Leuten Grund zum Reden.“
„Aber ich dachte, du wolltest die volle Verantwortung und die Dinge so führen, wie du es in der Vergangenheit getan hast.“
„Nun, es sieht nicht gut aus, wenn Sie mir keine Befehle geben, oder den Lebensmittelhändler zusammenstauchen, oder niemanden ordentlich anpacken. Wenn die Leute es nicht besser wüssten, würden sie denken, Sie seien es nicht gewohnt, eine Dame zu sein!“
Miss Lady biss sich auf die Lippe, um nicht zu lachen. „Ich werde nur zu froh sein, den Haushalt zu führen, nur weiß ich nicht viel darüber. Tante Caroline und Onkel Jimpson haben zu Hause alles gemacht, und du hast hier alles gemacht.“
„Nun, das werde ich nicht mehr“, sagte Myrtella bestimmt. „Wenn Sie anpacken und lernen wollen, bringe ich es Ihnen bei. Aber ich bleibe nur unter einer Bedingung: Sie müssen alles in die Hand nehmen! Sie müssen die Dinge abschließen und mir zuteilen, was ich brauche. Sie müssen alle Mahlzeiten bestellen und mir jeden Morgen sagen, was gemacht werden soll. Ich lasse mir nicht von Leuten vorwerfen, dass ich für eine Dame arbeite, die eine Pfanne nicht von einem Kochtopf unterscheiden kann!“
„Du hast recht, Myrtella“, sagte Miss Lady, deren Gesicht plötzlich ernst geworden war. „Es wundert mich nicht, dass du dich meiner schämst. Vielleicht wird etwas gute, harte Arbeit die Spinnweben aus meinem Gehirn fegen. Wann soll ich die Leitung übernehmen, morgen?“
„Wie Sie wünschen“, sagte Myrtella sanft; dann mit einem plötzlichen Aufflackern: „Obwohl es aussieht, als könnte man mir noch einen Tag trauen, den Frühjahrsputz zu beenden und hinter dem Aschenmann herzusein, weil er die Tonnen nicht geleert hat.“
„Freitag also?“
„Freitag“, sagte Myrtella wie eine, die ihr eigenes Todesurteil unterschrieb, und die junge Herrin, die geistesabwesend aus dem Fenster starrte, ahnte nicht, dass eine mächtige Usurpatorin freiwillig von einem Thron zurücktrat, damit die rechtmäßige Besitzerin das Ihre antreten konnte.
KAPITEL XIV
Die roten Lampen waren in Mrs. Ivys kleinem Salon alle angezündet, und der unordentliche Teetisch sowie die allgemeine Verwirrung in dem überfüllten Raum ließen darauf schließen, dass eine ihrer häufigen „At Homes“ zu Ende gegangen war.
Man hätte vermuten können, dass auch die Gastgeberin zu Ende war, wenn man ihre geschlossenen Augen und gefalteten Hände betrachtete, sowie die Mühe, mit der sie ein- und die Heftigkeit, mit der sie ausatmete. Das Dienstmädchen, das das Teegeschirr abräumte, betrachtete sie mit Besorgnis.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber möchten Sie die Wärmflasche?“, fragte sie, als sie die Spannung nicht länger ertragen konnte.
Mrs. Ivy öffnete ein widerwilliges Auge und herabließ sich, ihren Geist in die materielle Welt zurückzuholen.
„Norah, wie konntest du nur?“, fragte sie klagend. „Habe ich dich nicht angefleht, meine Meditation niemals zu stören?“
„Ja, gnädige Frau, aber dies war, wenn man so will, schlimmer als sonst. Die Zwillingsschwester meiner Mutter starb an Asthm.“
„Sprich niemals zu mir, wenn du siehst, dass ich in die Stille eintrete. Ich war dabei, Müdigkeit zu verleugnen; jetzt muss ich ganz von vorn anfangen!“
Es war offensichtlich schwierig für Mrs. Ivy, ihren Geist wieder zu beruhigen. Ihre Augen schweiften liebevoll durch den Raum und ruhten erst auf dem einen, dann auf dem anderen geschätzten Objekt. Autogrammfotos säumten die Wände, signierte Bände übersäten die Tische. Über ihrem Kopf ließen zwei kleine Bronze-Weihrauchfässer Weihrauchkränze um ein gewaltiges Zeugnis kringeln, das ihre tapferen Dienste zugunsten des Anti-Tabak-Kreuzzugs würdigte. Flankiert wurde dies von Abzeichen verschiedener Form und Größe, die Gesellschaften repräsentierten, denen sie angehörte. In der Vitrine zu ihrer Linken befanden sich noch störendere Schätze wie Geralds erstes Paar Schuhe und der Hammer, den die letzte Präsidentin der Föderierten Schwesternschaft benutzt hatte, bevor sie, wie Mrs. Ivy zu sagen pflegte, „vom Rat des Todes aufgefordert wurde, ihr Rücktrittsgesuch einzureichen.“
Bevor der Irrtum der Müdigkeit vollständig aus ihrem Geisteszustand gelöscht war, fielen ihre Augen auf eine Broschüre, und sie vertiefte sich sofort in deren Inhalt. Sie legte die Notwendigkeit eines Heims für verkrüppelte Tiere dar, und als sie die zweite Seite erreichte, formulierte sie bereits einen Antrag, der am nächsten Tag ihrem Club vorgelegt werden sollte. Mrs. Ivy war sehr süchtig nach Anträgen; tatsächlich war es eine ihrer Lebensaufgaben, ständig zu beantragen, dass die Dinge anders sein sollten, als sie waren, ohne in irgendeiner Weise die Antriebskraft zu liefern, sie zu ändern.
Während sie damit beschäftigt war, wurde sie durch einen verspäteten Besucher unterbrochen. Er war ein kleiner, untersetzter junger Mann mit einem quadratischen, markanten Kiefer und einem Funkeln in den Augen.
„Mister Decker!“, rief Mrs. Ivy und schwamm auf ihn zu. „Nach all diesen Monaten in diesen wundervollen östlichen Ländern! Ich kann fast den Geruch von Sandelholz an Ihnen wahrnehmen!“
„Es ist Rauschgift“, sagte Decker mit einem leichten Lachen. „Chinesisches Rauschgift. Ich habe diese Kleidung zweimal reinigen lassen und werde den Geruch nicht los. Hatte sie eines Nachts in einer Opiumhöhle in Hankow an. Komisch, wie dieser Geruch an einem haftet.“
„Eine Opiumhöhle?“, wiederholte Mrs. Ivy und hob eine protestierende Hand. „Und wird keine Anstrengung unternommen, solche Ungerechtigkeiten in China auszurotten? Könnte nicht ein konzertiertes Vorgehen der Frauenclubs in allen christlichen Ländern eine öffentliche Stimmung gegen sie erzeugen?“
Decker biss sich auf die Lippe, als er sich bückte, um das Flugblatt aufzuheben, das sie hatte fallen lassen.
„Gerald ist hier, nehme ich an?“
„Natürlich! Wie gedankenlos von mir, nicht zu erklären, dass ich immer darauf bestehe, dass der liebe Junge zwischen vier und fünf Uhr ruht. Er erbt eine schwache Lunge von seinem Vater und ein emotionales, künstlerisches Temperament von mir. Außerdem hatten beide seiner Großeltern mütterlicherseits Herzprobleme.“
„Hämmert immer noch auf seiner Musik herum, nehme ich an?“, fragte Decker und untersuchte eingehend das Foto einer sanft aussehenden Frau, die völlig unfähig schien, der kühnen, aggressiven Unterschrift gerecht zu werden, mit der sie sich gezeichnet hatte.
„Die liebe Miss Snell“, erklärte Mrs. Ivy, „korrespondierende Sekretärin der A. T. L. A. Wenn Sie nur früher gekommen wären, hätten Sie sie treffen können. Was fragten Sie? Oh, ja! Wegen Geralds Musik. Nun, Sie könnten sich Gerald genauso wenig ohne Musik vorstellen, wie Sie an einen Vogel ohne Flügel denken könnten. Er würde ohne Klavier schlichtweg zugrunde gehen. Wenn wir im Ausland sind, mieten wir eines, selbst wenn wir nur zehn Tage an einem Ort sind. Sein Papa kann das nicht verstehen, aber Herr Ivy ist nicht musikalisch, der Arme; er kann wirklich eine Fuge nicht von einer Fantasie unterscheiden.“
„Ich auch nicht“, sagte Decker. „Wohnen die Queeringtons immer noch nebenan?“
„Ja. Wissen Sie, unser geliebter Doktor hat wieder geheiratet.“
„Was! Der gute alte Syllogismus Queerington! Das meinen Sie nicht ernst! Ich frage mich, ob er ihren Vornamen kennt? Er hat mich vier Jahre lang an der Universität unterrichtet und konnte sich nie meinen merken.“
„Oh! Hier ist mein Junge! Fühlst du dich besser, mein Lieber?“ Mrs. Ivy wandte erwartungsvolle Augen der Tür zu, wo gerade ein hagerer, locker zusammengesetzter junger Mann hereinkam. Er hatte den schlurfenden Gang, der auf nachlassende Ambitionen sowie auf entspannte Muskeln hindeutet, und seine Hände steckten tief in seinen Taschen, als ob sie dort zu Hause wären.
„Hallo Decker, freut mich, dich zu sehen“, sagte er gelangweilt. „Ich wünschte, du würdest das Feuer schüren, Mater, Liebes; es ist abscheulich kalt hier drin.“
„Ich werde es tun“, sagte Decker kurz.
Gerald Ivy ließ sich anmutig auf das Sofa fallen und vertiefte sich darin, seine Fingernägel zu betrachten. Er war ein ziemlich gut aussehender, wenn auch blasser Jüngling mit dem allgemeinen Aussehen eines Menschen, der die Welt abgewogen und für mangelhaft befunden hatte. Seine Augen, groß, braun und effektvoll, huschten ruhelos durch den Raum. Es waren versierte Augen, die fähig waren, in einem Moment mehr Emotionen auszudrücken, als Gerald in einem ganzen Leben gefühlt hatte.
Während er müßig die Seiten einer Zeitschrift umblätterte, fragte er Decker, wie lange er schon wieder in Amerika sei.
„Ein paar Monate, aber ich bin erst seit zwei Wochen in der Stadt. Es tut mir leid zu hören, dass es dir nicht gut geht.“
„Oh! Ich bin eine Ruine“, sagte Gerald; „eine baufällige, romantische Ruine. Irgendetwas stimmt heute nicht im Gebälk. Ist mein Gesicht geschwollen, Mater?“
Mrs. Ivy beugte sich sofort mit Besorgnis über ihn.
„Ich glaube wirklich, es ist geschwollen, Liebling; genau hier. Schau, Mr. Decker, scheint es nicht ein wenig voller zu sein als die andere Seite?“
Cropsie Deckers Auge, das nicht durch jahrelange mütterliche Fürsorge trainiert war, konnte keinen Unterschied feststellen.
„Ganz egal“, sagte Gerald düster; „wenn es das nicht ist, dann ist es etwas anderes. Was gibt es Neues, Decker?“
„Das Einzige, was es für mich an Neuigkeiten gibt, ist dieses idiotische Gerede, das man über Don Morley hat laufen lassen. Deswegen bin ich gekommen, um dich zu sehen. Was sagt Dillingham dazu?“
„Oh, du kennst Dill; er weicht aus. Die ganze Sache hat sich hier schon vor Monaten gelegt; das Thema ist so ausgestorben wie der Dodo.“
„Nun, lange wird es nicht mehr ausgestorben sein! Ich habe Don kabelgrafiert, er solle nach Hause kommen, und ich wette, er wird die Dinge aufmischen. Es gibt nichts mehr, was ihn hält, jetzt wo Margery Sequin ihre Verlobung gelöst hat.“
„So traurig!“, murmelte Mrs. Ivy. „Ich hoffe, der junge Mr. Dillingham wird nichts Verzweifeltes tun. Daran zu denken, dass sein Becher des Glücks von seinen Lippen gestoßen wurde –“
Die beiden jungen Männer sahen sich an und lachten.
„Mach dir keine Sorgen um Dill, Mater. Er hat mehr als einen Becher, auf den er zurückgreifen kann. Es ist der alte Sequin, der vielleicht etwas Verzweifeltes tut. Ich höre, sie haben einen Riesenkrach gehabt, aber Margery bleibt hart.“
„Man sagt auf der Straße“, sagte Decker, „dass Mr. Sequin auf das Geld der Dillinghams gerechnet hat, um die Bank zu stärken. Er hat es die letzten zwei Jahre ziemlich heftig getrieben.“
„Man lebt nicht vom Brot allein“, zitierte Mrs. Ivy; „unsere Freunde haben das materielle Leben gelebt, sie haben vergessen, dass sie nur Verwalter sind, und als Verwalter werden sie für die Art und Weise, wie sie ihren Reichtum verwenden, zur Rechenschaft gezogen werden. Mrs. Sequin unternimmt absolut keine Anstrengung, den Fortschritt der Welt voranzutreiben. Sie hat sich von Anfang an geweigert, der A.T.L.A. beizutreten, und sie ist nicht einmal Mitglied des Frauenclubs.“
„Nun, ich hoffe, Mr. Sequin hat nicht mit Donald Morleys Geld gespielt“, sagte Decker und nahm das Thema wieder auf, von dem Mrs. Ivy abgeschweift war. „Donald hat ihm immer alles überlassen und versteht nicht mehr von seinen Investitionen als ich. Alles, was ihn interessiert, ist, sein Einkommen auszugeben, und das hält ihn beschäftigt.“
In diesem Moment erschien Norah mit frischem Tee und Kuchen und bahnte sich mit einiger Mühe ihren Weg durch das Labyrinth aus roten Lampen, kleinen Tischen, Fußhockern und marmorgekrönten Sockeln, die den Raum überfüllten.
„Ah!“, rief Mrs. Ivy, „hier sind einige der kleinen Kuchen, Gerald, die du liebst. Du wirst einen probieren, nicht wahr? Wir haben größte Mühe, seinen Appetit anzuregen, Mr. Decker. Er kann nur essen, was ihm schmeckt. Ich habe immer mit seinem Vater gestritten, dass es eine körperliche Ursache für sein Verlangen nach Süßigkeiten geben müsse. Ich habe sie ihm nie verweigert, als er ein Kind war. Aber seit er geboren wurde, hat er nie wirklich von Nahrung gelebt, er hat von Musik gelebt.“
Gerald, der sich gerade seinen zweiten Kuchen schmecken ließ, bewies, dass er sich nicht allein auf die erhaltende Kraft der Musik verließ.
„Und nun, entschuldigen Sie mich, lieber Mr. Decker?“, fragte Mrs. Ivy und raffte ihre lavendelfarbenen Röcke zusammen. „Ich bin eine sehr, sehr beschäftigte Frau, und mein Schreibtisch beansprucht viel von meiner Zeit. Sie kommen uns doch wieder besuchen, nicht wahr? Geralds Freunde, wissen Sie, sind meine Freunde. Auf Wiedersehen.“ Und mit einem zärtlichen Händedruck und einem verweilenden Blick war sie verschwunden.
Gerald wartete, bis die Tür geschlossen war, dann holte er Zigaretten hervor, die er Decker anbot.
„Maters neuestes Hobby ist Tabak“, lächelte er nachsichtig. „Sie will ihn vom Erdboden verbannen. Erinnerst du dich, wie Doktor Queerington an der Universität immer darüber dozierte?“
„Übrigens, deine Mutter erzählt mir, er habe wieder geheiratet. Ich weiß nicht warum, aber das amüsiert mich. War sie eine Witwe?“
Gerald, der die Ellbogen auf die Arme seines Stuhls stützte und seine Teetasse mit beiden Händen direkt unter Augenhöhe hielt, blickte plötzlich düster.
„Nein“, sagte er. „Ich wünschte zum Himmel, sie wäre eine!“
„Was ist mit dem alten Syllogismus? Ich dachte immer, er sei ein ziemlich guter Kerl.“
„Ich denke nicht an ihn!“, sagte Gerald ungeduldig. „Ich denke an das Mädchen. Sie kann nicht viel älter sein als ich und ist das Exquisiteste, das du je gesehen hast. Ihre Farbe ist absolut leuchtend. Sie müsste von Besnard oder La Touche oder einigen dieser französischen Kerle gemalt werden, die sich auf Licht spezialisiert haben. Sie strahlt regelrecht!“
„Wie kam sie eigentlich dazu, den Doktor zu heiraten?“
„Weiß der Himmel! Er hat sie irgendwo im Wald aufgegabelt. Ich nehme an, sie hatte noch nie zuvor einen Mann gesehen. Beim Jupiter! Du müsstest sie mal Tennis spielen sehen und ihr Lachen hören. Sie ist ein absolutes Wunder, so frei und ungezwungen wie einer der Jungs, aber aufrichtig bis ins Mark. Sie macht sich nichts aus Geld oder Kleidung oder der feinen Gesellschaft. Hast du jemals von einem wirklich hübschen Mädchen gehört, das so ist?“
„Ich hoffe, Doktor Queerington mag sie so sehr wie du.“
„Himmel, Mann! Jeder mag sie; das lässt sich gar nicht vermeiden. Aber niemand versteht sie. Weißt du, sie betrachten sie als ein Kind; sie haben nicht den blassesten Schimmer davon, was sie gerade durchmacht.“
„Und du glaubst, du hättest den?“
„Ich weiß es. Sie versucht, sich anzupassen, und sie schafft es nicht. Sie erkennt ihren Fehler und kämpft ein tapferes Spiel, um ihn zu verbergen. Als sie zuerst hierherkam, hat sie sich auf alles gestürzt. Sie hatte noch nie Tennis oder Golf gespielt, und sie hatte mehr Freude am Lernen als irgendjemand, den ich je gesehen habe. Dann hat sie plötzlich aufgehört. Irgendeine ausgetrocknete Verwandte hat dem Doktor erzählt, es sehe nicht gut aus, wenn seine Frau mit den jungen Leuten herumlaufe, und damit war die Sache erledigt. Sie hat wie ein Engel nachgegeben, und dabei ist sie gar nicht die Art von Mensch, die gerne nachgibt. Jetzt sind ihre Tage der schweren Hausarbeit gewidmet und ihre Abende der geistigen Bildung im stickigen alten Arbeitszimmer des Doktors.“
„Sich mit dem Doktor zu unterhalten“, gestand Decker, „hat auf mich immer die gleiche Wirkung wie der Blick auf die Niagarafälle; großartig, beeindruckend und ehrfurchtgebietend, aber ein wenig davon reicht völlig aus. Wie hält sie das nur aus?“
„Sie wird jeden Tag dünner, blasser und hübscher. Sie ist ein Landmädchen, weißt du, an Pferde und Bewegung im Freien gewöhnt. Sie muss schreckliches Heimweh gehabt haben, aber sie ist durch und durch tapfer. Am Anfang fiel es ihr furchtbar schwer, den Schein zu wahren. Das liegt daran, dass sie so ehrlich ist. Aber sie musste es lernen. Keine Frau, ob gut oder schlecht, kommt durchs Leben, ohne zu lernen, wie man blufft, nur fällt es den Guten schwerer. Was ist denn das für ein verfluchter Lärm auf der Straße?“
Sie erhoben sich und gingen zum Fenster, wobei Gerald über die Schulter seines kleineren Begleiters blickte.
Ein ausgedientes graues Maultier, das vor einen schweren Karren gespannt war, war mitten auf der Straße zum Stillstand gekommen, und eine Gruppe aufgeregter Schwarzer versuchte vergeblich, es zum Weitergehen zu bewegen. Mit einem nach vorne gerichteten Ohr und fest eingestemmten Vorderhufen leistete das gebrechliche Tier stumm seinen Unabhängigkeitseid und nahm die Schläge, die auf seinen Rücken niederprasselten, mit dem sturen Heldenmut eines Wesens entgegen, das sich entschlossen hat, eher zu sterben, als sich zu ergeben.
„Beim Jupiter, wenn diese Kerle nicht gerade dabei sind, ein Feuer unter ihm zu machen!“, rief Decker. „Sie würden lieber mit einem bockigen Maultier herumalbern, als Wassermelone zu essen! Lass uns rausgehen und uns das Spektakel ansehen.“
Als Decker die Veranda erreichte, nachdem er Gerald am Flurspiegel zurückgelassen hatte, wo dieser mit minutiöser Sorgfalt sein Gesicht untersuchte, war eine neue Gestalt auf der Bildfläche erschienen. Es war ein in Weiß gekleidetes Mädchen, das im Garten der Queeringtons stand, und während er hinsah, bemerkte er, wie sie plötzlich aus dem Tor auf die Straße stürmte, als wäre sie aus einer Kanone geschossen worden.
„Hört auf, so an seinem Kopf zu ziehen!“, forderte sie. „Wagt es ja nicht, ihn noch einmal zu schlagen. Nehmt dieses Feuer weg!“
Die Schwarzen wichen etwas verwundert zurück, und der Kutscher hielt seine Peitsche in der Luft an.
„Ich zeige euch, wie man ihn zum Laufen bringt“, fuhr sie fort; „steckt ihm Schlamm ins Maul. Ja, Schlamm, einen großen Klumpen Schlamm. So, das reicht; formt eine Kugel daraus und schiebt sie hinein. Ja, ihr könnt das! Oh je! Gebt her!“
Sie packte den Unterkiefer des Maultiers mit Daumen und Zeigefinger und schaffte es mit einer geschickten Bewegung, die unliebsame Substanz zwischen die Zähne des Tieres zu befördern.
Das Maultier zeigte Überraschung, dann Neugier. Seine Vorderhufe entspannten sich, sein Blick verlor sein Feuer, und als ein sanfter Druck auf sein Halfter ausgeübt wurde, war es zu sehr mit der neuen Empfindung beschäftigt, um Widerstand zu leisten.
„Bravo, Miss Lady!“, rief Gerald, der schlendernd auf sie zuging. „Ich habe dir doch gesagt, dass du unwiderstehlich bist. Was hast du ihm ins Ohr geflüstert?“
„Eine ganze Menge!“, sagte sie und nahm sein makelloses Taschentuch entgegen, um sich den Schlamm von den Händen zu wischen, „aber natürlich hat der Schlamm geholfen. Onkel Jimpson hat mir diesen Trick beigebracht. Er sagt, ein Maultier habe im Kopf nur Platz für einen Gedanken zur Zeit, und man müsse lediglich seinen Bockigkeits-Gedanken durch einen anderen ersetzen, dann laufe es wieder.“
„Ich hoffe, du musst mir nie Schlamm ins Maul stopfen“, sagte Gerald und betrachtete sie, ohne seine Bewunderung zu verbergen. „Kannst du nicht ein wenig zu Mutter herüberkommen? Sie würde dir liebend gerne eine Tasse Tee anbieten.“
„Ich mag keinen Tee am Nachmittag; das verdirbt mir das Abendessen.“
„Nun, dann komm mich besuchen. Da ist ein Freund von mir, den du kennenlernen solltest. Ich habe ihm von dir erzählt.“
„Das geht nicht. Ich zeichne Bilder für Bertie. Er wäre enttäuscht.“
„Ich auch. Decker ebenso.“
„Decker?“ Miss Lady warf ihm einen Blick zu. „Du meinst doch nicht Cropsie Decker?“
„Doch, genau den; den Sonderkorrespondenten für den Herald-Post. Ist das Anreiz genug?“
Miss Lady sah ihn ziemlich seltsam an. „Ich komme“, sagte sie nach kurzem Zögern.
Sie kehrten nicht in den Salon zurück, sondern in das Musikzimmer, einen großen Raum auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs, den Mrs. Ivy, eine feste Anhängerin der psychologischen Wirkung von Farben, in Blau eingerichtet hatte, um bei den Anwesenden eine kontemplative Stimmung zu erzeugen. Auf dem Kaminsims und den Tischen stand dieselbe bunte Ansammlung von Nippes, die auch den Salon charakterisierte. Mehrere Bilder von Gerald schmückten die Wände, von denen das imposanteste ihn am Klavier sitzend darstellte, während seine Mutter neben ihm stand, mit einem entrückten Ausdruck auf ihrem erhobenen Profil.
Miss Lady huschte von Gegenstand zu Gegenstand, stellte Fragen, ohne Antworten abzuwarten, sah alles und kommentierte alles, während die beiden jungen Männer Seite an Seite auf dem Kaminvorleger standen und sie beobachteten. Sie glich einem Kolibri, der sich nicht zu landen traute.
„Bitte, Mrs. Queerington“, bettelte Gerald schließlich. „Du weißt doch, dass du dich nicht für diese alten Kodaks interessierst. Ich zeige sie dir ein anderes Mal. Ich möchte, dass du dich mit Decker unterhältst. Setz dich hier in diesen großen Sessel und ich setze mich zu deinen Füßen, wo ich hingehöre, und Cropsie kann sich hinsetzen, wo er will, und uns von seinen Abenteuern erzählen.“
„Aber wo ist deine Mutter? Ich dachte, du hättest gesagt, sie serviere Tee?“
„Sie kommt gleich herunter. Nun, erzähl uns eine Geschichte, Decker. Ein Mann kann nicht ein Jahr lang durch den Orient streifen, ohne dass ihm etwas Aufregendes zustößt.“
„Ich fürchte, ich bin nicht von der Art, die viel erlebt“, sagte Decker lächelnd. „Du hättest Morley hier haben sollen. Er ist der Kerl, der mit mir drüben war, Mrs. Queerington. Ich wette, er übertrifft alle anderen, wenn es um Abenteuer geht. Erinnerst du dich an das große Feuer letztes Jahr in Tokio? Don war der Erste, der zur Stelle war, spielte den edlen Helden, zerrte Frauen und Kinder heraus und kämpfte tapfer gegen die Flammen, während ich im Bett des Imperial Hotel lag und Moskitos bekämpfte! Er war bei einem Zusammenstoß auf hoher See, direkt vor der Küste Koreas, geriet in einen chinesischen Aufstand in Nanking und wurde als Spion verhaftet, als er die Festungsanlagen von Miyajima fotografierte. Hätte ich nur die Hälfte seines Glücks, wäre ich der bestbezahlte Mann im Syndikat.“
„Ich weiß nicht, ob ich ihn um sein Glück bei dem Vorfall beneide, der sich hier ereignete, kurz bevor er abreiste“, sagte Gerald und zündete sich eine frische Zigarette an.
„Das war nichts, was ihn in Misskredit brachte“, sagte Decker hitzig. „Er war zufällig Zeuge, als dieser Dummkopf Dillingham in eine Schießerei geriet, und er verließ die Stadt, weil er nicht gegen den Mann aussagen wollte, den seine Nichte heiraten sollte. Er hat nicht an die Konsequenzen gedacht, das tut er nie. Als ich ihn in ’Frisco traf, war es noch offen, ob er heimkehren oder weiterziehen würde.“
„Wusste er nicht, dass gegen ihn Anklage erhoben wurde?“, fragte Gerald.
„Ganz sicher nicht. Keiner von uns wusste es, bis ich nach Hause kam und die Leute über den ‚armen Donald Morley‘ reden hörte und sich verhielten, als sei er ein vor der Justiz Flüchtender. Zwei oder drei Briefe kamen von Mrs. Sequin, aber sie war so sehr damit beschäftigt, Don zum Fernbleiben zu drängen, dass sie keine Zeit hatte, etwas anderes zu schreiben. Wir bekamen in Java tatsächlich eine alte Heimatzeitung in die Hände, mit einem Bericht über den Prozess. Das war der erste Hinweis, den Don erhielt, dass Dillingham ihn im Stich ließ. Selbst dann konnte er es kaum glauben; er hat nichts in sich, um einen Mann wie Lee Dillingham zu verstehen.“
„Aber er war doch mit ihm zusammen – in dieser Nacht in der Kneipe“, wagte Miss Lady einzuwerfen, wobei sie sich kerzengerade aufsetzte und sehr aufmerksam zuhörte.
Gerald lächelte skeptisch. „Er ist vor dem Regen hineingegangen, meine liebe Dame; das ist es, was er nach Hause geschrieben hat, wie ich verstehe; und er hat nicht einen einzigen Schluck getrunken. Angesichts der nachfolgenden Ereignisse eine ziemliche Strapaze für die Fantasie.“
„Hör mal zu, Ivy“, sagte Decker, stand auf und trat vor das Feuer, den kantigen Kiefer vorgeschoben und das Funkeln aus seinen Augen verschwunden. „Ich kenne diese Geschichte zufällig von Anfang bis Ende, und wir beide kennen Don Morley. Er ist voller Fehler wie ein Stachelschwein voller Stacheln, aber er ist weder ein Lügner noch ein Feigling. Wenn er sagt, dass er an jenem Abend nüchtern war, würde ich mein Leben darauf verwetten, dass er es war.“
Es entstand eine unangenehme Pause, während Gerald zärtlich sein lädiertes Gesicht betastete und Decker den Kronleuchter anstarrte.
„Er hätte bleiben sollen, um es zu erklären“, sagte Miss Lady, ohne aufzublicken; „die erste Pflicht eines Mannes ist gegenüber sich selbst – und – und denen, die sich um ihn sorgen.“
„Das war das Problem“, sagte Decker langsam. „Es scheint, dass die eine Person, der Don am meisten am Herzen lag, sich keine Erklärung anhören wollte. Er schrieb ihr alle Einzelheiten und bat sie, ihm zu telegrafieren, ob er gehen oder bleiben solle. Als ich ihn in ’Frisco traf, hatte er drei Tage lang auf dieses Telegramm gewartet, und er war fast außer sich. Ich habe ihn fast mit Gewalt auf den Dampfer gebracht. Wir blieben zehn Tage in Honolulu, und er bildete sich ein, dass in Yokohama ein Brief auf ihn warten würde und er den nächsten Dampfer nach Hause nehmen könnte. Die ganze Überfahrt über hörte ich von diesem Mädchen, von dem Moment an, als der Chinese uns morgens den Kaffee brachte, bis wir uns abends wieder unter Deck begaben. Er hätte fast zu ihr gebetet; trank absolut nichts mehr; weigerte sich sogar, eine freundschaftliche Runde Poker zu spielen. Ich bin so viele Decks zur Melodie der Reize dieses Mädchens auf und ab gelaufen, dass ich ein Buch über sie schreiben könnte.“
„Wie ist ihr Name?“, fragte Gerald, sichtlich interessiert.
„Himmel, das weiß ich nicht! Sie war eine Waldnymphe, eine Dryade, ein Juwel, eine Blume, ich könnte das ewig so weiterführen. Er hatte jeden Tag einen neuen Namen für sie. Als wir Japan erreichten, konnte er nicht warten, bis der Dampfer anlegte, sondern fuhr mit dem Lotsenboot an Land und machte sich schnurstracks auf den Weg zu Cook’s. Da war nichts. So war es in jedem Hafen, den wir anliefen. Jedes Mal schraubte er seine Hoffnung auf Siedetemperatur, und jedes Mal wurde er enttäuscht. Ich habe noch nie so viel Ausdauer und Glauben gesehen. Er erfand Ausrede um Ausrede für sie. Er war zu stolz, noch einmal zu schreiben, und er wurde immer hagerer und hatte immer mehr Heimweh. Kennst du den Zusammenstoß, von dem ich sprach? Nun, da ist er hineingeraten, weil er in Nagasaki einen Dampfer abgewartet hat, in der Hoffnung, vor seiner Abreise aus Japan noch einen Brief zu bekommen.“
„Was geschah dann?“, fragte Gerald; „schwamm ein neuer Planet in sein Blickfeld?“
„Kaum. Der Zusammenbruch kam kurz bevor ich ihn vor ein paar Monaten verließ. Wir waren im Raffles Hotel in Singapur und tranken Tee mit ein paar französischen Mädchen vom Dampfer. Unser Zahlmeister kam vorbei und gab Don einen Brief, den ich als von Mrs. Sequin stammend erkannte. Er las die erste Seite, blickte dann auf eine wilde Art auf und fragte, ob wir ihn entschuldigen würden, da er noch etwas erledigen müsse, bevor der Dampfer ablegte. Um fünf Uhr war er immer noch nicht aufgetaucht, und ich musste unsere Taschen an Land schaffen und losziehen, um ihn zu suchen. Er sah schon seit ein paar Monaten schrecklich mitgenommen aus, und als er dann weg war, wusste ich, dass etwas Ernstes passiert war. Ich fand ihn spät in jener Nacht im ausländischen Krankenhaus, außer sich vor Fieber. Es scheint, der Brief hatte ihm mitgeteilt, dass sein Mädchen heiraten würde, und halb wahnsinnig vor Schmerz hatte er sich in eine Rikschas gesetzt und war stundenlang in der tropischen Sonne gefahren, in dem Versuch, der Tatsache ins Auge zu sehen. Natürlich hat ihn das in seinem heruntergekommenen Zustand völlig ausgeknockt, und als er zum Raffles zurückkehrte, wusste er weder, wer er war, noch wo er war. Ich blieb bei ihm, bis der Herald-Post mich nach Hause beorderte. Vielleicht glaubst du nicht, dass ich es hasste, den alten Kerl in diesem gottverlassenen Land zurückzulassen, wie er flach auf dem Rücken lag, an die Decke starrte und all seine Illusionen zertrümmert waren.“
„Wollte er mit dir kommen?“, fragte Gerald.
„Er wollte gar nichts mehr. Er hatte so lange nur eines gewollt, dass kein Wollen mehr in ihm übrig war. Ich habe versucht, ihn dazu zu bewegen, mich eine Passage für den nächsten Dampfer in die Heimat buchen zu lassen. Aber er sagte, er bezweifle, dass er jemals zurückkehren werde, dass er, sobald er reisefähig sei, um die Welt reisen werde, und dass es nicht viel ausmache, wo er lande.“
„Eine ziemlich tragische kleine Romanze“, sagte Gerald. „Was für eine Menge Unheil ihr Frauen zu verantworten habt, Mrs. Q.!“
Aber Miss Lady hörte ihn nicht; sie lehnte sich immer noch vor, vertieft in Deckers Erzählung.
„Wenn er als Antwort auf Ihr Telegramm nach Hause kommt, wann kann er hier sein?“, fragte sie.
„Nicht vor Weihnachten, würde ich sagen.“
„Wenn ich Lee Dillingham wäre, würde ich den Winter im Süden verbringen“, sagte Gerald, ging zum Klavier und schlug ein paar willkürliche Akkorde an.
Nachdem Cropsie Decker gegangen war, saß Miss Lady sehr still in dem großen Sessel, während Gerald für sie spielte. Es war gut, dass nur die gütige alte Büste von Liszt auf ihr angespanntes weißes Gesicht und ihre gefalteten Hände herabsah.
Über zwei Monate lang hatte sie gegen ein Gespenst gekämpft, ohne es zu wagen, den Blick dazu zu erheben, aber sie hatte blind, leidenschaftlich, unaufhörlich dagegen gekämpft. Sie hatte seine Existenz geleugnet, jede Erinnerung widerlegt, ihr Leben bis zum Rand mit anderen Interessen, anderen Zuneigungen gefüllt, und hier war sie ihm plötzlich von Angesicht zu Angesicht begegnet, und es war nicht länger schrecklich, sondern eine wunderschöne, strahlende Vision, etwas, das in ihrem innersten Wesen begraben werden musste, eine heilige, feierliche Sache, die man nicht betrachten oder über die man nicht grübeln durfte, die aber nicht länger zu leugnen war.
Die stürmischen, eindringlichen Klänge der „Appassionata“ erfüllten den Raum, durchströmten jede Faser ihres Seins, hoben sie empor und demütigten sie abwechselnd. Wie konnte sie sich zusammenreißen, während Gerald so spielte? Sie versank in einem großen Meer aus Emotionen, und die Musik rauschte um sie herum wie ein mächtiger Sturm, der alles auf der Welt ausblendete, außer Donald Morley. Er hatte sie nicht enttäuscht, sie war es gewesen, die ihn enttäuscht hatte. Er kam nach Hause, und es war zu spät. Sie würde ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten müssen, all sein Leid in seinen Augen sehen und kein Wort sprechen dürfen. Sicherlich durfte sie ihm diese eine Stunde gönnen, nur solange die Musik dauerte; sie ihm und sich selbst schenken für das gemeinsame Leben, das sie verpasst hatten.
Sie wusste nicht, wann die Musik aufhörte, sie wusste nicht, wann Gerald zu dem Polster zu ihren Füßen zurückkehrte. Er musste schon einige Zeit dort gewesen sein, als sie seinen Ellbogen auf der Lehne ihres Sessels und seinen Kopf darin vergraben bemerkte.
„Gerald!“, sagte sie und schreckte auf; „was ist denn los?“
„Alles. Ist das dein Kummer?“
„Was meinst du?“
„Ich meine, dass du unglücklich bist“, sagte er und ergriff ihre Hand.
Sie sprang auf und schaltete das elektrische Licht ein.
„Sehe ich etwa unglücklich aus?“, fragte sie und schenkte ihm ihr altes, strahlendes Lächeln. „Es war die Musik, und die Dämmerung, und die Art, wie du gespielt hast. Diese Sonate sollte niemals anders als in einem überfüllten Raum bei vollem Licht gespielt werden.“
„Es war nicht die Musik“, beharrte Gerald; „du weißt, dass sie es nicht war. Etwas bedrückt dich, und etwas bedrückt mich. Darf ich dir sagen, was mit mir los ist, Miss Lady?“
Er sah sie sehr eindringlich über den Tisch hinweg an, und Miss Lady erkannte zum ersten Mal die Warnsignale in seinen Augen.
„Lass mich raten!“, rief sie, während ihr Verstand ihr zur Hilfe eilte. „Ich glaube, ich weiß es. Ich dachte es schon, als ich hereinkam. Es ist Mumps!“
Geralds Hand flog instinktiv an sein Gesicht, und seine Augen suchten den Spiegel. Miss Lady hatte, indem sie bei Gerald Ivy Onkel Jimpsons Rezept gegen ein bockiges Maultier anwandte, ein Unheil abgewendet.
KAPITEL XV
Zeit war eine Abstraktion, der die Bewohner der Bean Alley wenig Beachtung schenkten. Die willkürliche Einteilung des Lebens in Wochen, Tage und Stunden schien im Großen und Ganzen nutzlos. Es gab nur einen Tag für die Männer, und das war der Zahltag, und einen für die Frauen, und das war der Miettag. Was die Kinder betraf, so gehörte jeder Tag ihnen, genau wie es in jedem Winkel der Welt sein sollte.
An diesem besonderen Herbstnachmittag war vor Phineas Flathers’ Hütte ein lebhaftes Spiel im Gange. Es war ein Spiel, das in der Bean Alley als „Sockabout“ bekannt war, und es hatte mit Mützen oder zerschlissenen Hüten zu tun, die in einer Reihe ausgelegt waren, und mit einem kleinen Gummiball, der aus einer gewissen Entfernung in sie hineingeworfen wurde. Wie viele andere scheinbar einfache Vergnügungen hatte Sockabout seine Tücken. Tatsächlich ließen die Regeln so viele Interpretationen zu, dass ein Schiedsrichter unerlässlich war.
Unter normalen Umständen hätte Chick Flathers eine so passive Rolle wie die eines Schiedsrichters verschmäht, aber heute war er gehandicapt. Erstens hatte er keine Mütze, die er zu der Reihe auf dem Boden hätte beisteuern können, und zweitens war er mit einem sehr großen und zappeligen Bündel belastet, das deutliche Anzeichen von Missfallen zeigte, sobald er aufhörte, es heftig auf seinen Knien zu schütteln.
Inmitten eines ungewöhnlich heftigen Wortgefechts, bei dem vier Jungs um dieselbe Mütze stritten, erhob sich Skeeter Sheeleys Stimme über den Lärm.
„Wir sind dran! Der Schiedsrichter sagt es, nicht wahr, Chick? Ach, hast du wohl! Ich kann dich besser verstehen als du dich selbst. Natürlich sind wir dran. Hör auf zu schubsen, Gussie McGlory, ich schlag dir gleich in die Fresse! Pass auf, Chick! Pass auf das Kind auf!“
Das jüngste Mitglied der Bean Alley blieb wahrscheinlich nur durch das rechtzeitige Erscheinen zweier Damen am anderen Ende der Straße vor einem vorzeitigen Ende bewahrt.
Chick erkannte die Jüngere und lief ihr freudig entgegen, doch beim Anblick ihrer Begleiterin blieb er abrupt stehen. Seit zwei Jahren betrachtete er diese mollige, lächelnde, ältere Dame als seine Erzfeindin. Sie war hinter ihm her. Sie wollte ihn in etwas stecken, das klang wie „The Willows Awful Home“. Einmal hatte sie ihn fast gehabt, aber Tante ’Tella war dazwischengegangen. Er fürchtete sich weder vor dem Schulschwänzer-Polizisten noch vor dem Gesetzeshüter, obwohl die meistens auch hinter ihm her waren, aber er hatte schreckliche Albträume, in denen er sah, wie er von dieser sanften Dame im violetten Kleid, die immer lächelte, in die Gefangenschaft geschleppt wurde.
Gerade als er ein Versteck suchte, das groß genug war, um ihn und seinen Schützling aufzunehmen, wurde er nach Hause gerufen. In der überfüllten Küche herrschte ziemliche Unruhe, und Mr. Flathers bewegte sich mit einer für ihn ungewöhnlichen Geschwindigkeit.
„Zieh die Schuhe und Strümpfe aus, Chick, und zieh deine Jacke auf links. Hier, ich halte das Baby; deine Mammi stillt das andere. Schieb die Bierdose unter den Ofen und versteck die Kuckucksuhr da.“
Chick befolgte die Anweisungen mit der Miene eines, der die Lage begriff. Es war nicht das erste Mal, dass er sich hastig auf Besucher vorbereitete.
„Sie halten bei Jireses an“, berichtete Mr. Flathers vom Fenster aus. „Hier, nimm das Kind und setz dich da draußen auf die Türschwelle. Wage es ja nicht, dich zu rühren, bis sie dich gesehen und angesprochen haben.“
Chick nahm mit schwerem Herzen wieder seinen Platz auf der Türschwelle ein. Die Frontlinie war nach Süden verlagert worden, und er befand sich vollständig außerhalb des Kampfgeschehens.
Seine nackten Füße und Beine waren in der beißenden Novemberluft kalt, und er hatte das Baby so lange geschüttelt, bis ihm war, als sei kein Schütteln mehr in ihm übrig. Zudem war es eine beängstigende Angelegenheit, dort zu sitzen und ruhig sein Schicksal zu erwarten.
„Da sind sie!“, verkündete Skeeter Sheeley, der die Gasse entlanggerannt kam. „Sie haben Mr. Jires ein paar Orangen gegeben. Wenn sie dir eine geben, gibst du mir die Hälfte ab?“
Chick war zu elend, um zu antworten. Die Gitter einer Anstalt schienen sich bereits um ihn zu schließen.
Mrs. Ivy, die ihre Röcke sehr hoch hielt und vorsichtig ihren Weg um die gefrorenen Pfützen bahnte, war die Erste, die ihn erreichte.
„Ah! Hier ist unser guter kleiner Freund Rick, oder Dick, nicht wahr? Und das ist die süße kleine Babyschwester, die Gott dir geschickt hat.“
„Nee, is es nich“, sagte Skeeter; „das da is’n Junge, und der is nich mit ihm verwandt. Sein Vadder sitzt im Knast, und seine Mudder is für neunzig Tage eingefahren, und er is bloß bei ihm in Kost.“
„Der Fall, der für das Heim gemeldet wurde“, sagte Mrs. Ivy und wandte sich mit einem bedeutungsvollen Nicken an ihre Begleiterin, die gerade dazugekommen war.
Bei dem Wort „Heim“ schauderte Chick. Es war das schrecklichste Wort in der englischen Sprache für ihn.
„Was ist denn mit deinem Daumen los, mein Guter?“, fragte Miss Lady, als sie seinen erschrockenen Blick sah. „Komm her, Skeeter, und erzähl mir, was er sagt.“
Sie nahm Chick das junge Wesen ab, dessen Eltern nicht in der Lage waren, für seine Bedürfnisse zu sorgen, und setzte sich auf die Türschwelle zwischen die beiden Jungen, wobei sie mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit einer detaillierten Beschreibung der Wunden und Narben jedes Helden zuhörte und wie sie entstanden waren.
Mrs. Ivy unterdessen, eine wahrhafte Spinne inmitten eines Netzes aus Institutionen, plante vorsichtig, jede hilflose, armselige Fliege zu fangen, die ihr über den Weg lief. Für sie war das Netz nicht für die Fliege gemacht, sondern die Fliege für das Netz; Fliegen zu liefern war ihre Hauptbeschäftigung.
Sie stand direkt innerhalb der Küchentür, die Röcke noch immer sorgfältig um sich gerafft, und betrachtete ihre Umgebung mit wehmütigem Mitleid.
„Die Sache ist die“, sagte Phineas, während er seinen Mantel am Kragen zusammenhielt, in einem vorgetäuschten Versuch, seinen Mangel an einem Hemd zu verbergen, „dass wir nicht mehr floriert haben, seit Sie das letzte Mal hier waren. Es sieht aus wie die Hand des Herrn –“
„Ah, Mr. Flathers“, ermahnte Mrs. Ivy mit einem Finger auf den Lippen, „vergessen Sie nie: Wen Er liebt, den züchtigt Er.“
„Das tue ich nicht, Mrs. Ivy, das tue ich nicht. Ich behalte das im Sinn. Wenn es nicht deswegen wäre, Mrs. Ivy, ich schwöre, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Dass Sie heute kommen, war eine Antwort auf mein Gebet! Ich habe nur gebeten, dass sich irgendwie ein Weg finden möge, bevor der Vermieter um sechs Uhr zurückkommt. Ich habe in meinem Gebet nicht gesagt, welcher Weg, ich habe nur gesagt, ein Weg, dass sich ein Weg finden möge. Und als ich Sie und die junge Dame in die Gasse einbiegen sah, da sagte ich zu Maria: ‚Versuch nie wieder, meinen Glauben zu erschüttern, die Wolken haben sich gelichtet!‘“
Mrs. Ivy, die viel eher dazu neigte, Moral zu verteilen als Geld, wechselte ihre Position.
„Mr. Flathers“, sagte sie und betrachtete ihn mit dem, was sie für einen forschenden Blick hielt, „trinken Sie jemals?“
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Chick die Dose völlig außer Sichtweite gebracht hatte, sah Phineas sie vorwurfsvoll an:
„Ich? Nun, Mrs. Ivy, ich dachte, jeder wüsste, dass seit ich der Kirche beigetreten bin – natürlich leugne ich nicht, dass es eine Zeit gab, in der ich den Geschmack von Alkohol kannte. Es nützt nichts, das zu leugnen, und außerdem ist Beichte gut für mich, sie demütigt meinen Geist, Mrs. Ivy, sie bewahrt mich davor, ein Zöllner zu sein.“
„Und Tabak?“, fragte Mrs. Ivy. „Alkohol und Tabak gehen Hand in Hand, sie sind Zwillingsübel. Sind Sie dem Tabakgenuss verfallen?“
„Ich nicht!“, sagte Phineas ausnahmsweise wahrheitsgemäß. „Ich habe meine Lippen seit über zwanzig Jahren nicht mehr mit einer Zigarre beschmutzt, und Sie könnten mich nicht zum Kauen bringen, selbst wenn Sie mich mit Chloroform betäubten. Wenn Alkohol das Getränk ist, dann ist Tabak die Nahrung des Teufels, wie ich das sehe.“ Mrs. Ivy strahlte ihn an, als sie die silberne Tasche an ihrem Gürtel öffnete. „Ich werde Ihren Fall bei unserem nächsten Treffen vortragen“, sagte sie begeistert. „Ich werde Ihre Worte wörtlich zitieren. Und nun werde ich Ihnen dieses kleine Abzeichen anstecken, dieses kleine weiße Abzeichen, das der Welt sagt, dass Sie zur Anti-Tabak-Liga gehören. Sie haben die Ehre, etwas zu tragen, was nur wenige unserer größten Staatsmänner tragen können! Sie haben bewiesen, dass ein einfacher Arbeiter den Weg zur Reform weisen kann.“
Miss Lady erschien an diesem Punkt mit dem Kostgänger, der sich, wie die meisten Individuen seiner Klasse, ununterbrochen über die Menge und Qualität seines Essens beklagte.
„Sie finden uns in einer schlimmen Lage vor, Miss Squeerington“, sagte Phineas und bot ihr mit der Miene eines christlichen Märtyrers einen bodenlosen Stuhl an. „Wenn meine Schwester Myrtella die Hälfte von dem wüsste, was wir durchmachen, würde sie ihr Herz nicht weiterhin gegen uns verhärten.“
„Myrtellas Herz ist völlig in Ordnung“, sagte Miss Lady fröhlich; „sie kümmert sich doch um Chick, oder?“
„Das tut sie, Ma’am, auf eine gewisse Weise. Aber ein armer Mann mit Familie hat schwere Ausgaben. Mrs. Flathers nun konnte seit der Ankunft des Babys keine Sitzung mehr abhalten. Sie hat zwar gestern eine Trancesitzung gegeben, aber sie sagt, sie wisse nicht, was in sie gefahren sei, sie fühle sich so schwach!“
„Wie lange kümmert sie sich schon um dieses andere Baby?“, fragte Miss Lady.
„Fast seit unseres gekommen ist. Das Jugendgericht hat sich nach jemandem umgesehen, der ihn pflegt, bis seine Mutter aus dem Gefängniskrankenhaus raus ist. Ich sagte zu Maria: ‚Hier ist eine Chance, einen guten christlichen Dienst zu tun und einen ehrlichen Penny zu verdienen. Wir nehmen es auf und behandeln es wie unser eigenes, sagte ich, und der Herr wird uns nicht vergessen, sagte ich!‘“
Der Kostgänger, der sich diese Zusicherung von Gastfreundschaft zunutze machte, stellte eine derart unerbittliche Forderung nach Essen, dass Miss Lady gezwungen war, mit ihm im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Wo ist Mrs. Flathers?“, fragte sie verzweifelt. „Können wir ihm nicht eine Flasche oder so etwas geben?“
Maria, schlaffer und lebloser als sonst, kam aus dem schummrigen Inneren des angrenzenden Zimmers und trug ein noch schlafferes und lebloseres Bündel, das sie gegen das von Miss Lady austauschte und sich schweigend in das innere Zimmer zurückzog, wohin ihr Mrs. Ivy folgte.
„Und das hier ist unseres!“, rief Phineas und beugte sich mit plötzlichem Enthusiasmus über das Kind in Miss Ladys Armen, während er zärtlich den Schal von dem verhärmten Gesicht und den winzigen, klauenartigen Händen hob. „Das hier ist Loreny. Keines der anderen hat es länger als zwei Wochen ausgehalten, und dieses hier geht schon auf vier zu. Sieht fast so aus, als würden wir sie bei uns behalten, nicht wahr?“
Miss Lady fand keine Antwort. Die weißen Lippen und die blauen Ringe um die kleinen, eingesunkenen Augen zeugten von derselben Abneigung, unter solchen Umständen das Leben zu riskieren, wie sie alle anderen kleinen Flatherses gezeigt hatten.
„Klar, sie ist nicht wie das andere Baby“, fuhr Phineas mit echtem Ernst fort, „aber er ist ein Junge und isst mehr. Sie wird dick und hübsch werden, nicht wahr, Loreny?“
Er steckte seinen groben braunen Daumen in die kleine Hand, die sich darum schloss und daran klammerte, und saß da, sie beobachtend, ohne seinen Gast zu beachten.
„Sie sieht nicht gerade stark aus“, fuhr er besorgt fort, „aber Sie würden nicht sagen, dass sie krank ist, oder?“
„Ich fürchte, das würde ich“, sagte Miss Lady ernst; „sie sieht für mich sehr krank aus.“
„Tut sie das? Dann hole ich besser den Arzt“, Phineas stand hastig auf, setzte sich dann aber wieder. „Aber der hat den anderen nie geholfen. Maria hat immer behauptet, er sei es gewesen, der sie umgebracht hat. Gibt es nicht etwas, das wir tun können? Wissen Sie nicht etwas?“
„Ja, ich denke schon, nur sind Sie vielleicht nicht bereit, es zu tun.“
„Versuchen Sie es bei mir. Ich tue alles, was Sie sagen, Miss. Wenn der Herr sie mir nur lassen würde –“
„Es ist nicht der Herr, der sie holt“, rief Miss Lady ungeduldig, „Sie sind es, die sie wegschicken, Mr. Flathers. Sehen Sie denn nicht, dass Sie Ihr Baby umbringen?“
Er sah sie mit erstauntem Entsetzen an.
„Ja, das tun Sie!“, fuhr Miss Lady heftig fort, „Sie verkaufen ihr Essen an ein anderes Baby; Sie lassen ihre Mutter so hart arbeiten, dass sie sich kaum selbst ernähren kann. Sehen Sie sich nur Mrs. Flathers an! Jeder kann sehen, dass sie ein anderer Mensch wäre, wenn sie besseres Essen bekäme und weniger zu tun hätte.“
„Oh, Maria war mal richtig hübsch“, sagte Phineas etwas verärgert, „aber wenn ein Mann eine dieser schlanken kleinen Blondinen heiratet, weiß er nie, was er bekommt. Sie schrumpfen irgendwie zusammen und werden verblasst und sehnig.“
„Ja, aber denken Sie daran, was sie bekommen hat“, sagte Miss Lady, entschlossen, die Angelegenheit zum Abschluss zu bringen. „Myrtella sagt, Sie waren ein kräftiger, hübscher junger Mann, der fast alles hätte anpacken können, und sehen Sie sich jetzt an! Ein heruntergekommener Nichtsnutz, der in den Kneipen herumsitzt und über Religion redet, während Ihr Baby verhungert. Ich wundere mich nicht, dass Myrtella sich Ihrer schämt, ich schäme mich Ihrer, und wenn dieses arme kleine Mädchen jemals erwachsen wird, wird sie sich auch Ihrer schämen!“
„Nein, nein“, rief Phineas gebrochen, den Kopf in den Händen, „das wird sie nicht – wenn der Herr, ich meine, wenn sie lebt, werde ich ein besserer Mann sein, Miss Squeerington, wirklich, das werde ich. Niemand auf der Welt wird jemals wissen, wie sehr ich mir eigene Kinder wünsche. Deshalb habe ich Chick adoptiert – das ist ein Grund, warum ich dieses neue aufgenommen habe. Es kam mir vor, als ob mein Baby ging –“
„Wir werden versuchen, sie zu behalten“, sagte Miss Lady mit einem Ansturm von Mitgefühl. „Ich werde alles tun, was ich kann, aber Sie müssen helfen, Mr. Flathers. Sie sind bereit, Ihren Teil beizutragen, nicht wahr?“
Seine Emotionen, die daran gewöhnt waren, auf falsche Reize zu reagieren, drohten nun, da sie von dem einen echten Gefühl in ihm angesprochen wurden, außer Kontrolle zu geraten.
„Schon gut, schon gut!“, sagte Miss Lady, „wenn Sie sie wirklich retten wollen, denke ich, gibt es einen Weg.“
„Kein Waisenhaus?“, fragte Phineas und hob ein Auge von den Unterröcken des Babys, in denen sein Kopf vergraben gewesen war.
„Nein, ein sauberes Zuhause für sie selbst. Es gibt keinen Grund, warum Sie nicht arbeiten gehen sollten, Mr. Flathers, und Ihre Familie anständig ernähren. Ich nehme Chick mit nach Hause. Myrtella wird sich freuen, ihn für einen kleinen Besuch zu haben. Mrs. Ivy wird das andere Baby ins Findelhaus schicken. Dann müssen Sie sich nur noch um Mrs. Flathers und das Baby kümmern; das können Sie sicher, oder?“
„Ja, Ma’am, das kann ich. Natürlich kann das jeder Mann. Aber ich bin schon so lange ohne feste Arbeit, würden Sie mir ein wenig helfen, etwas zu finden, womit ich anfangen kann?“
„Ich werde Ihnen etwas Arbeit besorgen, wenn Sie nur dabei bleiben. Vielleicht kann Mrs. Sequin Ihnen Arbeit in ihrem neuen Haus geben. Sie hat unserem alten schwarzen Mann, Uncle Jimpson, eine Stelle gegeben.“
„Hauptsache, es ist keine Gartenarbeit, oder Kohlen schleppen, oder irgendwas, das Rheuma verursacht.“
„Haben Sie Rheuma?“
„Nein, Ma’am, Gott sei Dank! Ich bin bis jetzt davongekommen, indem ich vorsichtig war. Sie wissen, was es bedeutet, Miss Squeerington, wenn ein Mann mit einer Familie mit Rheuma darniederliegt. Da ist Jires, zum Beispiel –“
„Ja, und Mr. Jires tut mehr für seine Familie, während er flach auf dem Rücken liegt, als Sie für Ihre, während Sie auf und ab laufen! Sie täuschen mich kein bisschen, Mr. Flathers, und es hat keinen Sinn, sich selbst etwas vorzumachen. Entweder meinen Sie es ernst mit der Arbeit oder nicht. Was ist es?“
Phineas Flathers’ starker Impuls war es, die Szene zu verlassen. Er sah seine Freiheit schwinden angesichts der schrecklichen Aussicht, die ihm diese hübsche junge Dame bot, die im einen Moment so mitfühlend und im nächsten so streng sein konnte. Aber die winzigen klauenartigen Finger von Loreny hielten ihn fest. Er sah auf seinen gefangenen Daumen und lächelte zärtlich. Dann sah er Miss Lady zum ersten Mal direkt ins Gesicht.
„Helfen Sie mir, einen Job zu finden, Miss, und ich verspreche Ihnen, dass ich mich um dieses Baby hier kümmere.“
„Was Sie brauchen“, kam das Murmeln von Mrs. Ivys Stimme aus dem Nebenzimmer, wo sie sich von Maria Flathers verabschiedete, „ist mehr Schönheit in Ihrem Heim, etwas, das Sie erhebt und inspiriert. Ich werde Ihnen eine unserer Wanderkunstgalerien schicken, Sie können die Bilder eine ganze Woche behalten, lang genug, um die Titel und die Namen der Maler zu lernen. Denken Sie nur, was es bedeuten wird, Ihre müden Augen zu einer schönen, gelassenen Madonna zu heben! Und könnten Sie nicht mehr Farbe in Ihrem Heim haben? Wir finden Farbe so anregend. Scharlachrote Geranien zum Beispiel. Möchten Sie nicht ein paar scharlachrote Geranien?“
„Ich wüsste nicht, wo wir die hinstellen sollten“, sagte Maria müde und verlagerte das Gewicht des Kostgängers auf ihren anderen Arm. Dann wurde ihr Gesicht plötzlich hart, und sie wirbelte in die Küche.
„Flathers“, sagte sie, „er ist es, er kommt jetzt ums Haus. Er sagte, er würde vor sechs Uhr zurück sein und sich nicht zum Narren halten lassen. Was hast du vor, Flathers?“
Bevor Miss Lady und Mrs. Ivy hinausgehen konnten, wurde der Weg von einem untersetzten, muskulösen, einäugigen Mann versperrt, der eine Hand auf jede Seite des Türpfostens legte und unnötigerweise ankündigte, dass er nun da sei. Hektische Versuche von Phineas, dem Neuankömmling durch Zwinkern und Gesten zu signalisieren, dass die Anwesenheit von Gästen ihn daran hindere, geschäftlich zu reden, blieben ohne Wirkung.
„Sie Damen müssen mich entschuldigen“, sagte der Eindringling fröhlich, „aber ich kann mich mit dieser Bande nicht länger abgeben. Es ist zahlen oder raus, diesmal ohne Fehler.“
Maria fing an zu weinen und vergaß, den Kostgänger zu schütteln, und der Kostgänger, der darauf bestand, jeden Augenblick geschüttelt zu werden, in dem er nicht schlief oder aß, fing ebenfalls an zu weinen. Woraufhin Loreny, die auf den Küchentisch gelegt worden war, den Lärm hörte und sich berufen fühlte, ihre Stimme dem Chor hinzuzufügen.
Zu dieser Zeit waren Chick und seine Kollegen, die Aufregung von weitem witternd, der Spur gefolgt und präsentierten sich nun atemlos und interessiert, um die Entwicklungen abzuwarten. „Rausgeschmissen werden“ war in der Bean Alley keine besondere Neuigkeit, aber die Anwesenheit von Gästen fügte ein malerisches Element hinzu.
„Wenn Sie eine Woche länger warten können“, sagte Phineas mit einem Versuch von Würde, „bin ich in der Lage, alles auf den neuesten Stand zu bringen. Ich erwarte, einen Job zu bekommen –“
Darüber warf der Vermieter den Kopf zurück und lachte, und die Jungen hinter ihm lachten, und sogar der Kostgänger hörte einen Moment lang auf zu weinen, um zu sehen, was passiert war.
„Aber er hat wirklich einen“, beharrte Miss Lady und kam Phineas zu Hilfe. „Er fängt Anfang der Woche an zu arbeiten. Sicher können Sie noch eine Woche warten.“
„Kann ich, Miss!“, sagte der Mann in der Tür galant. „Ich warte seit mehr als zwei Monaten eine Woche länger auf Flathers. Es hat absolut keinen Zweck, die Angelegenheit weiter zu diskutieren. Es ist zahlen oder raus, heute.“
„Nun, wenn das nicht der Gipfel ist!“, sagte Phineas mit der Miene eines Mannes, der ihn schon oft zuvor erreicht hatte, aber noch nie einen so grenzenlosen Gipfel wie diesen.
„Aber wenn wir die Miete für diesen Monat für ihn bezahlen, können Sie ihn die rückständige Miete nicht später nachzahlen lassen?“, argumentierte Miss Lady und versuchte, Maria zu trösten, die drohte, hysterisch zu werden.
„Wenn Sie Flathers so lange kennen wie ich, werden Sie nicht mehr davon reden, dass er zahlt.“
„Aber Sie können sie nicht so rauswerfen, mit dem kleinen Baby und keinem Ort, wo sie hin können!“
„Es gibt die Wohltätigkeitsorganisation und das Armenhaus“, schlug Mrs. Ivy vor und wischte sich aus Mitleid die Augen.
„Ich würde sie nur ungern dazu treiben“, sagte der Mann verbissen, „aber ich muss an meine eigene Familie denken, und ich bin nicht mehr der, der ich einmal war, seit ich mein Auge verloren habe.“
„Armer Mann“, seufzte Mrs. Ivy; „wie glücklich war es doch, dass es das linke war! Wie ist es passiert?“
„Ausgeschossen“, sagte der Mann, nicht abgeneigt, in Details zu gehen. „In einer Schlägerei zwischen einem Paar junger Dandy-Typen, die in meiner Kneipe rumhingen. Kaltblütig ausgeschossen, als ich nicht hingesehen habe.“
„Aber, mein guter Mann, haben Sie nicht Anzeige erstattet?“, fragte Mrs. Ivy. „Wissen Sie, wir haben eine Rechtshilfegesellschaft für genau solche Fälle wie Ihren.“
„Ja, Ma’am, aber einer der jungen Herren hat sich aus dem Staub gemacht, ist in ausländische Gefilde abgehauen, hat sich in den Wald geschlagen, wie man so sagt.“
„Aber er war nicht derjenige, der geschossen hat, oder?“, fragte Miss Lady, ein plötzlicher heller Fleck auf jeder Wange und die stetige Entschlossenheit in ihrem Auge, die Flathers’ Verderben gewesen war.
„Ich konnte nie sagen, wer es getan hat“, sagte der Mann und zögerte unter ihrem stetigen Blick.
„Vielleicht war es für Sie lohnender, es nicht zu sagen?“
Der Mann warf ihr einen schnellen Blick voller Misstrauen zu, dann kehrte sein Auge zu Phineas zurück.
„Natürlich will ich ihn nicht ins Armenhaus treiben, und wenn er erwartet, Arbeit zu bekommen –“
„Das tue ich, Dick“, sagte Phineas inbrünstig. „Montagmorgen lege ich mich irgendwo ins Zeug.“
„Nun, wenn die Damen für diesen Monat einstehen“, sagte der Mann, sichtlich darauf bedacht, wegzukommen, „warte ich noch eine Woche länger mit der rückständigen Miete.“
Miss Lady war auf dem Heimweg geistesabwesend und schweigsam. Die Welt schien manchmal verzweifelt schmutzig, und die menschliche Natur eine rätselhafte Angelegenheit.
An ihrem Gartentor hielt Mrs. Ivy plötzlich inne: „Wissen Sie“, sagte sie, „es ist mir gerade in den Sinn gekommen! Ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn dieser abscheuliche einäugige Mann genau derjenige wäre, den Mr. Morley erschossen hat!“
KAPITEL XVI
Weihnachtsabend auf dem Billy-goat Hill, und funkelnde Lichter, beginnend mit Kerzen, die in Flaschen in den bescheidensten Hütten in der Bean Alley steckten, übersäten den Hang hier und da, bis sie alle an einem brillanten Punkt auf dem Gipfel zusammenzulaufen schienen, wo ein wahrer Lichthof über dem Hügel hing.
Denn Angora Heights feierte eine Einweihungsfeier, und seit der alte Bob Carsey seine junge Braut aus Alabama heimbrachte, waren keine solchen Vorbereitungen für ein gesellschaftliches Ereignis bekannt gewesen. Alle Kutschen in der Nachbarschaft waren in Dienst genommen worden, und ein halbes Dutzend Autos war aus der Stadt geschickt worden, um die Gäste vom Bahnhof zum Haus zu befördern.
Innerhalb des Herrenhauses war alles großartig neu. Stilzimmer, mit gewissenhafter Genauigkeit ausgeführt, öffneten sich durch Torbogen-Türöffnungen ineinander. Massive vergoldete Spiegel betonten die weiten Flächen der Halle und wiederholten die Lichter unzähliger Kronleuchter. Wenn sich eine flüchtige Erinnerung oder eine alte Verbindung aus Zufall in den Weihnachtsball eingeschlichen hätte, hätte sie kein vertrautes Objekt gefunden, an dem sie hätte verweilen können. Die Atmosphäre war so formell und unpersönlich wie die eines Museums.
In der Mitte des Salons, wie ein General, der letzte Befehle vor einer Schlacht erteilt, stand Mrs. Sequin, ihre stattliche Figur in eine Rüstung aus glitzernden schwarzen Pailletten gehüllt, und ihre aufwendig gepuffte Frisur wurde von einem beginnenden Helm aus funkelnden Edelsteinen gekrönt.
„Ziehen Sie diese Portieren ein wenig zurück“, befahl sie, „und öffnen Sie das Fenster von oben. Ist Jimpson zum Bahnhof für die Queeringtons gefahren?“
„Ja, gnädige Frau, vor einer halben Stunde“, antwortete das Dienstmädchen.
„Sagen Sie ihm in dem Moment, in dem er zurückkommt, dass er den kleinen Wagen nehmen und um zehn Uhr wieder zum Bahnhof fahren soll. Der Caterer hat gerade angerufen, dass er die zusätzlichen Eise mit dem letzten Zug schickt, aber dass er keinen weiteren Kellner schicken kann. Jenkins, der so gegangen ist, wie er es getan hat, hat alles durcheinandergebracht. Ich nehme an, es ist zu spät, jetzt noch jemanden zu bekommen; der Sonderwagen kommt um neun hier an. Was ist das für ein Geräusch? Es klingt, als würde jemand im Esszimmer singen.“
„Das ist der neue Heizer, gnädige Frau, den Mrs. Queerington geschickt hat. Es sieht so aus, als könne er sich nicht ruhig halten.“
„Ich werde ihn zur Ruhe bringen!“, sagte Mrs. Sequin, die so nah an Gereiztheit war, wie es die Abendgarderobe erlaubte.
Phineas Flathers, der das Feuer aufgefüllt hatte, hielt einen Moment inne, um sich selbst im holländischen Spiegel über dem Kaminsims zu bewundern, als Mrs. Sequin ihn erschreckte, indem sie kurz angebunden fragte, ob er der neue Mann sei.
„Ich bin es“, sagte Phineas mit ausgesprochener Ehrerbietung, „der neue Mann und ein neuer Mann. Regeneriert, wiedergeboren, Ma’am, der Geist des Bösen ist von mir gewichen.“
Mrs. Sequin schnappte nach Luft. „Wie ist Ihr Name?“
„Flathers, Ma’am.“
„Schrecklich! Ich werde Sie Benson nennen.“
„Benson sei es. Bessere Männer als ich haben ihre Namen geändert. Da war Saul, Saul von Tarsus –“
„Drehen Sie den Zug im Ofen ab und kommen Sie auf keinen Fall wieder nach oben. Aber nein – warten Sie einen Moment.“ Mrs. Sequins scharfer Blick musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Haben Sie jemals Erfahrungen im Bedienen gesammelt?“
Phineas, dessen einziger Anspruch auf das Bedienen darin bestand, dass „auch jene dienen, die nur stehen und warten“, senkte den Blick.
„Nur beim Abendmahl, Ma’am, und beim Einsammeln der Spenden. Aber ich bin mir nicht zu schade, mit anzupacken, Ma’am. Sie würden dasselbe für mich tun. Ich sagte gerade erst zur Dame in der Küche, dass jeder glücklich schätzen könne, für jemanden mit einem so großzügigen Gesicht wie dem Ihren zu arbeiten.“
„Machen Sie sich sauber und ziehen Sie Jenkins’ Jackett an, und wenn unbedingt ein weiterer Kellner nötig ist, können sie auf Sie zurückgreifen“, wies Mrs. Sequin hastig an und rief dann dem Dienstmädchen zu: „Ist Miss Margery schon heruntergekommen?“
„Sie ist in der Bibliothek, Ma’am.“
Margery, blass und teilnahmslos, wandte sich vom Fenster ab, als ihre Mutter eintrat.
„Ich habe gerade nach Miss Lady Ausschau gehalten“, sagte sie; „es wird ziemlich amüsant sein, sie und Connie auf ihrer ersten großen Party zu sehen.“
„Ich hoffe, sie trägt nicht dieses kindische Kleid, in dem sie geheiratet hat. Für Connie mag es ja in Ordnung sein, sich in weißem Musselin und blauen Schleifen zu geben, aber die Frau von Cousin John sollte etwas tragen, das sie älter aussehen lässt. Warum, mit diesem kurzen Gewand und der Art, wie sie ihr Haar trägt, sieht sie aus wie ein Schulmädchen!“
„Sie sieht sehr schön aus.“
„Natürlich tut sie das, aber was nützt es ihr? Hier, nach vier Monaten, hat sie praktisch keine Fortschritte gemacht. Nicht, dass sie nicht jede Gelegenheit gehabt hätte! Die Leute waren durchaus bereit, sie aufzunehmen, aber sie ließ es einfach nicht zu. Was kann man von einer Person erwarten, die sagt, dass Bridge und Korsetts ihr Rückenschmerzen bereiten? Sie hat keine andere Idee im Kopf als den Doktor, die Kinder und eine Menge Bettler. Ich muss sagen, ich bin furchtbar enttäuscht von ihr. Aber daran sollte ich mittlerweile gewöhnt sein. Was wird sie erst sein, wenn sie im mittleren Alter ist?“
„Sie wird niemals im mittleren Alter sein“, lächelte Margery; „sie wird jung bleiben und dafür sorgen, dass sich die Menschen um sie herum jung fühlen. Vater sagt, sie ist die einzige Person, die er kennt, die ihn sein Alter vergessen lässt. Übrigens, wo ist Vater?“
„Verspätet in der Stadt, wie üblich. Er wird wahrscheinlich mit dem Auto herfahren, wenn der Abend halb vorbei ist, und zu müde sein, um höflich zu sein. Ich habe ihn noch nie so aufgebracht gesehen. Natürlich liegt es an deiner gelösten Verlobung. Er sagt, wir müssten das Haus vielleicht schließen, jetzt, wo wir erst eingezogen sind, und ins Ausland gehen, um die Ausgaben zu senken, aber das ist natürlich lächerlich! Das erinnert mich daran, haben die Hortons abgesagt?“
„Sie hat“, sagte Margery geistesabwesend.
„Oh je, das bedeutet, dass er hier sein wird! Er ist so schrecklich wählerisch, er wird sicher Bemerkungen darüber machen, dass ich eine italienische Loggia an einen Salon im Louis-XVI-Stil angebaut habe. Es scheint wirklich so, bei all der Zeit und dem Geld, das wir in diesen Ort gesteckt haben – ist das nicht die Kutsche?“
„Ja, ich höre Miss Lady lachen.“
Als die Vordertür aufschwang, huschten zwei eingemummelte Gestalten in den Flur und brachten zusammen mit der beißenden Nachtluft einen Hauch von Jugend und Fröhlichkeit herein.
„Ich hoffe, wir sind die ersten Gäste“, rief Miss Lady, während sie einen Schal von ihrem Kopf schüttelte, „denn wir hatten einen Unfall. Wir sind beide hingefallen. Connie ist auf der Treppe ausgerutscht und ich habe mich oben auf sie gesetzt. Es gab einen entsetzlichen Riss und wir wissen nicht, bei wem es ist! Ich habe Angst, meinen Mantel auszuziehen!“
„Aber wo ist der Doktor?“, rief Mrs. Sequin bestürzt.
„Vater wäre liebend gern gekommen“, begann Connie gewandt, aber Miss Lady unterbrach sie: „Ich glaube nicht, dass er wirklich kommen wollte, Mrs. Sequin. Er sagte, er wäre viel glücklicher oben in seinem Arbeitszimmer, beim Pinocle-Spielen, als hier draußen auf einem Stuhl mit gerader Lehne zu sitzen und Eis zu essen. Vielleicht denken Sie, ich hätte nicht ohne ihn kommen sollen?“
„Unsinn!“, rief Mrs. Sequin. „Ich werde perfekt exasperiert, wenn Cousin John sich so benimmt. Es gab mindestens ein halbes Dutzend Leute, denen ich versprochen hatte, ihn vorzustellen. Wenn er keine Rücksicht auf mich nimmt, sollte er es auf Sie tun. Er hat Sie viel zu sehr zu Hause gehalten. Er vergisst, dass Sie zwanzig Jahre jünger sind als er; er erwartet, dass Sie sich benehmen, als wären Sie vierzig.“
„Nein, das tut er nicht“, protestierte Miss Lady loyal; „der Doktor erwartet nie etwas von irgendjemandem, das nicht richtig ist. Er hat mich gedrängt zu kommen, nicht wahr, Connie?“
Aber Connie war mit einem nachschleppenden Volant beschäftigt, der schlaff um ihre Füße hing.
„Sieh nur!“, rief sie tragisch; „er ist vorne ganz durchgerissen. Was soll ich tun?“
„Margerys Kleider wären alle zu lang für dich“, sagte Mrs. Sequin und betrachtete den Riss durch ihr Lorgnon, „vielleicht kann Marie etwas damit machen.“
„Ich werde es nicht so zusammengeflickt tragen!“, rief Connie den Tränen nahe; „ich gehe lieber erst nach Hause –“
„Nein, das wirst du nicht“, sagte Miss Lady; „das ist deine erste Party für Erwachsene und du zählst seit Wochen darauf. Du wirst die Kleider mit mir tauschen. Es macht mir gar nichts aus, ein wenig hochgezogen zu sein, und außerdem wird niemand auf mich achten.“
„Das ist absolut absurd!“, rief Mrs. Sequin entrüstet; „du musst daran denken, wer du bist, und dass jeder auf dich achtet. Warum kannst du nicht eines von Margerys Kleidern tragen und Connie deines geben?“
„In Ordnung, ich trage alles, was du sagst. Wage es bloß nicht zu weinen, Connie! Ich werde dir nie verzeihen, wenn du eine rote Nase bekommst. Hör! Die Musiker stimmen sich ein! Darf ich um den ersten Walzer bitten, Madam?“, und sie packte Mrs. Sequin bei ihren molligen, behandschuhten Händen und tanzte diese erhabene Person den langen Flur entlang.
„Lass mich los, du lächerliches Kind“, lachte Mrs. Sequin und eilte mit ihr die Treppen hinauf; „die Autos kommen jetzt den Hügel herauf. Lass sie so hübsch wie möglich aussehen, Marie, und beeil dich!“
In der Ferne waren die hellen, beweglichen Lichter von Automobilen und die schwächeren von Kutschen zu sehen, wie sie sich näherten, und sehr bald, unter dem Scheinwerferlicht der Veranda, wurden hastige Gestalten in Pelzen, raschelndem Satin und weichem Samt formell in die große Empfangshalle geleitet.
Mrs. Sequin, auf ihren höchsten sozialen Stelzen, stand mit Margery in der Nische, die so sorgfältig für einen anderen Anlass geplant worden war. Ein Ball war zwar ein armseliger Ersatz für eine Hochzeit, aber Mrs. Sequin war nicht die Frau, die ihre Energien an eitle Reue verschwendete. Der Ball würde ein Erfolg werden; bereits füllten sich die Räume rasch mit den Leuten, die Mrs. Sequin am meisten sehen wollte. Die alte Mrs. Marchmont war aus einem Krankenbett aufgestanden, um aus der Stadt herauszufahren und ihre uralten Knochen zu Ehren des Anlasses zu entblößen. Mrs. Bartrum hatte die vorteilhafteste Ecke in der Bibliothek in Beschlag genommen und hielt dort einen fröhlichen Hof; die jungen Leute drängten von einem Raum zum anderen; jeder lachte und plauderte und schwärmte von den Reizen des neuen Hauses. Tatsächlich wurde die Selbstzufriedenheit der Gastgeberin über ihre Errungenschaft nur durch die Neugier der Gäste übertroffen, die mit eigenen Augen die wilden Gerüchte bestätigten, die über die Extravaganz der Sequins im Umlauf gewesen waren.
Mr. Horton, der örtliche Architekt, der nicht als von ausreichendem Renommee erachtet worden war, um die Pläne für das Haus zu erstellen, wanderte von Raum zu Raum auf einer stillen Inspektionsreise. Mrs. Sequins Befürchtungen hinsichtlich seines Urteils waren nicht grundlos, denn Mr. Horton war einer jener Kritiker, deren Rat man immer ignoriert, deren Zustimmung man jedoch leidenschaftlich begehrt. Er war eine adrette, makellose Person mit kurzem, spitzem Bart und schmalen, kritischen Augen, die immer Maße zu nehmen schienen. Er ging aus dem holländischen Esszimmer mit seinen blauen Kacheln und dem alten Zinn und hielt im Türrahmen des Salons inne, wo das Tanzen bereits begonnen hatte. Sein Blick, der alles von der vergoldeten Kannelierung der Paneele bis zu den Bronzeköpfen an den aufrechten Linien der Marmorkamine erfasste, ruhte schließlich auf einem Objekt, das seinem kritischen Geschmack offensichtlich vollkommene Befriedigung verschaffte.
Ein junges Mädchen hatte in seiner Nähe innegehalten und beobachtete eifrig die Tänzer. Sie bot eine Harmonie in Grün und Gold, von ihrem glänzenden Haar, das in einer losen Strähne tief im Nacken gefasst war, bis zu ihren kleinen goldenen Pantoffeln, die den Takt zur Musik klopften. Das anschmiegsame Kleid aus blassem Grün, das in losen Linien von ihren Schultern fiel, war in tief getönte Spitze gehüllt, die ihren runden weißen Hals und die langen, wohlgeformten Arme enthüllte, die von der Schulter bis zu den Fingerspitzen nackt waren. Horton lächelte unbewusst, während er ihr eifriges, ansprechendes Gesicht beobachtete, und spürte die unterdrückte Vitalität in jeder Bewegung ihres schlanken Körpers.
„Wer ist sie?“, fragte er Cropsie Decker, der in der Nähe stand.
„Wer ist wer?“
„Dieses strahlende junge Ding in Grün. Sie gehört nicht in einen Ballsaal, sie gehört in einen Wald mit Efeublättern im Haar. Beim Jupiter, schau dir ihre Linien an und die Freiheit ihrer Bewegungen. Solche Arme habe ich seit Jahren nicht gesehen!“
Cropsie folgte seinem Blick: „Oh, das ist die neue Mrs. Queerington – die Frau von John Jay, wissen Sie.“
„Aber ich meine das junge Mädchen, das dort durch die Tür geht, mit dem wundervollen Haar und dem Profil?“
„Das ist Mrs. Queerington. Ist sie nicht ein Hingucker? Jeder spricht heute Abend über sie. Ich stelle Sie Ihnen vor, wenn Sie möchten.“
Horton folgte ihm am äußeren Rand der Tänzer entlang, immer noch überzeugt, dass Cropsie einen Fehler gemacht hatte. Aber als er ordnungsgemäß vorgestellt wurde, gab es keinen Raum mehr für Zweifel.
„Ich hoffe, ich bin nicht zu spät, um einen Tanz zu fordern“, sagte er. „Ich mache es mir zur Regel, nur einmal an einem Abend zu tanzen, und zwar mit der schönsten Frau auf dem Parkett. Ich hoffe, Sie lassen nicht zu, dass diese jungen Haie mich um meinen Tanz bringen?“
Miss Lady hob ein Paar funkelnder, aufgeregter Augen zu ihm. Von dem Moment an, als sie halb schüchtern in ihren geliehenen Federn erschienen war und unter Mrs. Sequins erfahrenen Fittichen Zuflucht gesucht hatte, war sie die Sensation des Abends gewesen. Geschickt von einer Gruppe zur anderen geleitet, hatte sie Begeisterung in ihrem Gefolge hinterlassen. Sie genoss offensichtlich in vollen Zügen das Neue daran, von einem schwarzgekleideten Höfling nach dem anderen gehuldigt zu werden und entzückende Dinge über sich selbst zu hören. Der einzige offensichtliche Nachteil ihres Vergnügens war, als sie gezwungen war zu sagen, wie sie es jetzt tat:
„Vielen Dank, aber ich tanze nicht.“
„Nicht tanzen?“, wiederholte Mr. Horton, nicht unbeeindruckt von der Weiße ihrer Schultern vor dem dunklen Marmor eines benachbarten Sockels – „Warum nicht?“
„Der Doktor und ich haben das Tanzen aufgegeben.“
„Oh, er erlaubt Ihnen also nicht zu tanzen?“
„Erlauben?“, sie hob ihre ebenmäßigen Brauen und lächelte. „Er mag es einfach nicht.“
„Und Sie mögen es auch nicht?“
„Oh, doch, ich mag es, ich mag es zu sehr. Deshalb tanze ich nicht.“
„Aber Sie tanzen doch. Sie tanzen, seit Sie hereingekommen sind. Ich habe Sie beobachtet. Könnten Sie nicht genauso gut mit mir tanzen, anstatt für sich allein zu tanzen?“
Sie lachte und schüttelte den Kopf, aber ihr Fuß klopfte weiter den Takt, und ihre Augen folgten den wiegenden Paaren, die vorbeischwangen.
„Was ist der Einwand des Doktors?“, drängte Mr. Horton.
„Er hält es für unwürdig für verheiratete Frauen zu tanzen, und ich glaube, das tue ich auch, nur –“ Miss Lady seufzte – „wissen Sie, ich vergesse ständig, dass ich eine verheiratete Frau bin!“
„Sie bringen andere Leute sicherlich dazu, es vergessen zu wollen“, dann senkte er seinen Blick vor der kindlichen Offenheit ihres Blickes. „Kommen Sie nun, Mrs. Queerington, nehmen Sie die Ehe nicht ein wenig zu ernst?“
„Vielleicht tue ich das, aber ich bin neu, wissen Sie, und ich habe eine Menge zu lernen.“
„Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass der Doktor vielleicht etwas zu lernen hätte?“
„Nein“, sagte sie aufgeweckt, „er weiß alles. Ich wünschte manchmal, er täte es nicht. Ich wäre stolz, wenn ich ihn auch nur so viel lehren könnte!“, und sie maß den Betrag an der Spitze ihres kleinen Fingers ab.
„Vielleicht ist er kein so guter Schüler wie Sie. Sie sollten ihn diese Woche dazu bringen, sich ‚Harnessing a Husband‘ im Ardmore anzusehen.“
„Ein Theaterstück? Ich würde so gern einmal ins Theater gehen.“
„Sie waren noch nie dort? Wie außergewöhnlich! Kommen Sie am Freitagabend mit Mrs. Horton und mir mit und lassen Sie uns Ihren ersten Nervenkitzel teilen.“
„Darf ich?“, begann Miss Lady eifrig, dann hielt sie inne: „Ich fürchte, der Doktor interessiert sich nicht viel für die moderne Bühne. Er genoss es früher, die großen Schauspieler zu sehen, aber er sagt, die Stücke, die sie jetzt aufführen, langweilen ihn schrecklich. Können wir nicht lieber einmal zu Besuch kommen?“
„Wie Sie wollen“, sagte Mr. Horton mit einem Achselzucken, „aber ich hoffe, Sie erkennen, dass Sie diesen gelehrten Ehemann von Ihnen verwöhnen. Anstatt sich ihm anzupassen, lassen Sie ihn sich Ihnen anpassen. Kommen Sie nun, ist es nicht an der Zeit für Sie, sich zu reformieren? Warum nicht damit beginnen, diesen Tanz mit mir zu beenden?“
Dennoch lachte sie und schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so, dass ich nicht wollte! Ich würde lieber tanzen als irgendetwas auf der Welt – außer Reiten.“
„Ich hätte wissen müssen, dass Sie eine Reiterin sind. Reiten Sie viel?“
„Nicht jetzt.“
„Der Doktor mag es wohl nicht, nehme ich an?“
Sie warf ihm einen fragenden Blick zu, dann schaute sie weg:
„Nein“, sagte sie, „er mag es nicht.“
Cropsie Decker, der in ihrer Nähe herumgeschwebt war, kam nun herbei und beanspruchte die nächste Nummer.
„Es gibt eine großartige kleine Ecke im Wintergarten, wo wir diesen Walzer aussitzen können. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich sie entführe, Mr. Horton?“
„Nicht, wenn sie sich einige der weisen Dinge zu Herzen nimmt, die ich ihr erzählt habe“, sagte Horton, betrachtete sie durch seine schmalen Augen und zupfte an seinem kleinen, hellen Schnurrbart. „Au revoir, Madame Beaux Yeux!“
Miss Lady bewegte sich nicht von der Stelle, an der er sie zurückgelassen hatte. Draußen unter den Palmen im Flur begann das Orchester einen von Strauss’ ablenkendsten Walzern; ihre Finger klopften den Takt. Plötzlich streckte sie Cropsie die Hand hin.
„Ich halte es keine Minute länger aus! Ich muss einmal tanzen, wenn ich nie wieder tanze!“
Jedes Auge im Ballsaal folgte der schlanken Figur, während sie im Kreis zwischen der Menge tanzte. Miss Lady tanzte mit der Anmut und Hingabe eines Kindes. Sie hatte sich völlig der Freude des Augenblicks hingegeben. Sie ließ sich zum ersten Mal seit ihrer Heirat gehen, folgte dem frohen Impuls ihres Herzens und tanzte, wie eine Bacchantin allein in einer mondhellen Nacht auf einer Waldlichtung getanzt haben könnte.
Als die Musik endlich aufhörte, zog Cropsie sie in den Wintergarten.
„Hier, komm schnell um diese Palme herum! Sie werden alle hinter dir her sein für den nächsten Tanz. Gerald Ivy rennt gerade herum und sucht dich, und Mr. Horton auch. Setz dich dort ins Fenster und kühle dich ab!“
Sie sank lachend und außer Atem auf die Fensterbank. Die ganze Heiterkeit des Tanzes lag in ihren Augen, ihre Lippen waren geöffnet, ihre Wangen gerötet, und eine Strähne gelösten Haares fiel ihr über die Schulter.
In diesem Moment ertönten Räder auf der Auffahrt unter ihr, was sie dazu veranlasste, untätig hinauszulehnen, um zu sehen, wer kam. Ein Wagen hielt am Seiteneingang, und ein Mann stieg aus. Onkel Jimpsons Stimme war zu hören, wie er eine Frage stellte, dann kam die Stimme des anderen Mannes in schneller, prägnanter Antwort.
Miss Lady, die regungslos dasaß und nach unten blickte, wandte sich plötzlich vom Fenster ab. Die Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und ihre Hand zitterte merklich gegen den Vorhang.
„Was ist los?“, rief Cropsie; „ist dir übel? Hast du zu lange getanzt?“
„Es ist nichts, mir geht es gut. Das heißt, das werde ich sein –“
„Kann ich dir etwas Wasser oder ein Eis bringen oder Mrs. Sequin rufen?“
„Nein, nein, bitte! Es ist nichts. Ich werde mich in den Ankleideraum schleichen, bis ich mich besser fühle. Ich kann hier durch die Seitentreppe gehen.“
„Warte, ich komme mit dir. Du bist so weiß, als hättest du einen Geist gesehen!“
Aber bevor er sich ihr anschließen konnte, war sie in geheimnisvolle Regionen verschwunden, in denen er ihr nicht zu folgen wagte.
KAPITEL XVII
Im Laufe dieser Weihnachtsnacht gab es ein Mitglied des Haushalts Sequin, das es versäumte, vom Festtagsgeist ergriffen zu werden, und dessen Niedergeschlagenheit stetig zunahm, während der Abend voranschritt. Der große Anlass, von dem Onkel Jimpson sein ganzes Leben lang geträumt hatte, war endlich gekommen, und anstatt dass ihm erlaubt wurde, mit ihm aufzusteigen und sein unbestreitbares Recht auf das Butlerdasein zu beweisen, war er dazu eingeteilt worden, immer wieder zum Bahnhof über dieselbe eintönige Cane Run Road zu fahren, die er und Old John seit einem Vierteljahrhundert mit abgenutzt hatten!
Zwar hatten ein gepflegter Bahnhofswagen und ein temperamentvoller junger Fuchs die alte Kutsche und den apostolischen Klepper ersetzt, aber diese blieben weit hinter Onkel Jimpsons Träumen zurück. Eine vierspännige Kutsche hätte ihn in diesem Moment nicht für die Tatsache entschädigt, dass ein gefälliger, rothaariger Heizer, ein „po’ white trash“, der erst gestern angekommen war, das Tablett reichen durfte, das nach allen Vorrangregeln ihm zustand.
Ungeduldig am Bahnhof auf den Zug wartend, der das schwer fassbare Eis bringen sollte, das er den ganzen Abend lang verfolgt hatte, hatte er schließlich die Befriedigung, die kleine Lokomotive aus der Dunkelheit kriechen und keuchend zum Stillstand kommen zu sehen.
So sehr waren der Schaffner, der Bremser und Onkel Jimpson damit beschäftigt, die Gefrierbehälter sicher auf dem Bahnsteig abzustellen, dass niemand einen Passagier bemerkte, der ausgestiegen war. Tatsächlich hielt Onkel Jimpson erst in seiner Arbeit inne und blickte auf, als er Mrs. Sequins Namen hörte.
Der Fremde war ein junger, wohlgebauter Mann, der einen langen, zotteligen Mantel trug und eine Mütze von ausländischem Schnitt, die den unmittelbaren Neid des Bremsers erregte. Die Tasche und der Koffer, die er bei sich trug, waren mit fremden Etiketten bedeckt, und er hatte die Art einer Person, die plötzlich an einem fremden Ort abgesetzt wird und nicht so recht weiß, was sie mit sich anfangen soll.
„Sie sagen, Sie wollen heute Abend zu Mrs. Sequin rauf?“, Onkel Jimpson musterte die Taschen misstrauisch. „Verzeihung, Sir, aber Sie verkaufen nichts, oder?“
Das Lachen, das dies begrüßte, war so spontan, dass Onkel Jimpson sich beeilte, sich zu entschuldigen: „Ich hab nie gedacht, dass Sie das tun, nur wir haben niemanden für die Eisenbahngesellschaft erwartet, und ich dachte, Sie sehen nicht aus, als kämen Sie zur Party.“
„Welche Party?“, fragte der Mann, wobei sein amüsierter Ausdruck einem der Bestürzung wich.
„Unsere Party. Wir haben einen Ball und eine Hauseinweihung. Sie müssen von weit her kommen, wenn Sie davon nicht gehört haben!“
„Sie meinen, die Sequins geben heute Abend eine Party?“
„Ja, Sir.“
„Aber erwarten sie mich nicht? Haben sie mein Telegramm nicht bekommen?“
„Ich weiß nicht, Sir. Sie haben mir nie was gesagt.“
Der Fremde stand mit gespreizten Beinen, die Uhr in der Hand, und einem grimmigen Ausdruck auf dem einzigen Teil seines Gesichts, der zwischen seiner Mütze und seinem hochgeklappten Kragen sichtbar war.
„Wann geht der nächste Zug zurück in die Stadt?“
„Da ist keiner, außer dem Sonderzug, der gemietet wurde, um die Party zurück in die Stadt zu bringen. Der geht gegen zwei Uhr.“
„Ich werde darauf warten“, sagte der Fremde, warf seine Tasche gegen die Tür des Wartesaals und begann ruhelos auf dem schneebedeckten Bahnsteig auf und ab zu gehen.
Aber das entsprach nicht Onkel Jimpsons Vorstellungen von Gastfreundschaft.
„Sie wussten nie, dass Sie kommen“, argumentierte er. „Ich weiß einfach, sie haben es nicht gewusst. Aber das wird sie nicht daran hindern, sich riesig zu freuen, Sie zu sehen. Steigen Sie lieber ein, Boss, und lassen Sie mich Sie dort hochfahren.“
„Nein, es ist offensichtlich mehr Platz für mich in der Stadt!“
„Platz! Warum, Mister, wir könnten uns um alle Präsidenten der Vereinigten Staaten auf einmal kümmern! Außerdem sieht es nicht richtig aus, Sie hier drei oder vier Stunden in der Kälte ganz allein herumstampfen zu lassen. Sie würden sich schrecklich einsam fühlen.“
„Ich bin daran gewöhnt, einsam zu sein. Ich war seit einem Jahr nichts anderes mehr.“
„Aber das hier ist anders“, drängte der alte Schwarze und kratzte sich am Kopf; „das hier ist die Weihnachtsnacht. Es ist nicht natürlich für die Leute, nicht zusammenzukommen und zu lachen und glücklich zu sein und ihre Streitigkeiten und ihre Sorgen zu vergessen und sich zu amüsieren. Sie wissen, Sie werden nicht glücklich sein, wenn Sie hier im Dunkeln ganz allein herumstampfen; Sie wissen, das ist keine Art, Weihnachten zu verbringen, Boss!“
Der Fremde starrte einen Moment lang weiter in die Dunkelheit, dann lachte er, jenes gleiche plötzliche, ansteckende, jungenhafte Lachen, das Onkel Jimpsons Vermutung begrüßt hatte, er sei ein Vertreter.
„Sie haben recht!“, rief er aus; „das ist keine Zeit, um schlechte Laune zu pflegen. Vielleicht haben sie das Telegramm nicht bekommen. Ich riskiere es. Gibt es eine Seitentür, durch die Sie mich reinschleusen könnten?“
„Ja, Herr! Wir haben vier Seitentüren, abgesehen von der hinteren. Es gibt nichts, was wir nicht hätten. Steigen Sie direkt in den Wagen, und ich hieve die Taschen hinein. Es ist nicht die Art, wie ich Sie gern vor das Herrenhaus bringen würde, rittlings auf einer Eismaschine mit dem Schnee im Gesicht, aber ich bringe Sie dorthin!“
Onkel Jimpson, der sich eines Publikums für mindestens zwanzig Minuten sicher war, vergaß sein Leid und legte sich mächtig ins Zeug, um das Beste aus seiner Gelegenheit zu machen.
Es war sehr kalt und die Hufe des Pferdes schlugen hart auf den gefrorenen Boden. Jenseits des schwankenden Lichtkreises der pendelnden Laterne war alles dunkel und geheimnisvoll.
„Ich bin sicherlich froh, dass diese Eismaschinen gekommen sind“, sagte Onkel Jimpson und steckte die Kniedecke fest; „ich würde es wahrlich hassen, ohne sie zurückzukehren. Der Colonel sagte immer, das sei es, wofür Nigger geboren seien: das zu holen, wofür man sie schickt.“
„Wer ist der Colonel?“, fragte der Fremde mit einem schnellen Blick des Wiedererkennens auf den alten Neger.
„Colonel Bob Carsey. Mein alter Herr. Er ist jetzt tot, und Mrs. Sequin hat mich für eine Weile ausgeliehen.“
„Wann ist er gestorben?“
„Vor einem Jahr, letzten Mai.“
Der Mann in der fremdartigen Mütze zog sie tiefer in die Augen und nahm seine Beobachtung der Straße wieder auf.
„Dieser ganze Hügel hier gehörte früher uns“, fuhr Onkel Jimpson fort; „lange bevor die Sequinses überhaupt geboren waren. Ich vermute, Sie haben schon von Thornwood gehört?“
„Ja. Wer lebt jetzt dort?“
„Niemand. Als der Colonel starb, hatte meine junge Herrin niemanden mehr, der sich um sie kümmerte, und kein Geld, um das Anwesen zu führen, nichts außer mir und Carline. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu heiraten.“
Eine lange Pause folgte, während der der Reisende den verzerrten Schatten des trabenden Pferdes beobachtete, wie es die Straße entlangschlurfte.
„Natürlich“, platzte der alte Dunkelhäutige nach einer Weile heraus, „Doctor Queerington ist ein ungemein kluger Herr, und er kümmert sich um sie, als wäre sie eines seiner eigenen Kinder. Und sie gewöhnt sich an das Joch, aber es fällt ihr schwer. Es ist nicht natürlich, ein junges Fohlen vor eine alte Kutsche zu spannen und zu erwarten, dass es den Schritt hält. Sie hält sich gewissermaßen die ganze Zeit zurück, aus Angst, sich einfach gehen zu lassen und so zu sein, wie sie es gewohnt war.“
Sie fuhren nun durch die überdachte Brücke und das Klappern der Räder auf den losen Brettern machte eine Unterhaltung schwierig.
„Waren Sie jemals heimwehkrank, Boss?“, fragte Onkel Jimpson unvermittelt.
„Ziemlich“, sagte der Fremde nachdrücklich. „Ich wurde mit Heimweh geboren.“
„Nun, das ist es, was meiner jungen Herrin fehlt, und das ist es, was mit mir und Carline und Mike los ist. Wir sind alle nicht daran gewöhnt, in den Häusern anderer Leute zu leben und uns mit den Familien anderer Leute zu vermischen. Natürlich ist es sehr fein, reich zu sein und sich wichtig zu machen, aber es ist einsam. Bevor es so kalt wurde, gingen Carline und ich fast jeden Abend nach Hause und saßen in der Nähe der Quartiere, hörten den Fröschen und den Grillen zu, und ich sagte: ‚Carline, erinnerst du dich nicht an die Zeit, als Miss Lady kopfüber in das Fass mit Sorghum fiel? Und die Zeit, als sie die Hühner mit dem Eierpunsch betrunken machte?‘ Es gab nie jemanden auf der Welt wie dieses Kind, zu jedem Unfug bereit, der je ausgeheckt wurde, aber einfach so süß und anziehend, dass der Colonel nie wusste, wie er sie bestrafen sollte.“
Der Fremde holte eine Meerschaumpfeife heraus, wollte ein Streichholz anzünden, vergaß offensichtlich seine Absicht und blickte geistesabwesend nach vorn in die Dunkelheit.
„Das ist Thornwood!“, sagte Onkel Jimpson eifrig und deutete mit der Peitsche auf eine lange Baumallee; „man kann das Haus nicht sehen, weil in den Fenstern kein Licht brennt. Der Vater des Colonels pflanzte diese Bäume im selben Jahr, als er Carline kaufte. Herr, ich war sicherlich verrückt nach diesem gelben Mädchen! Aber ich wusste nichts vom Freien. Carline war da besser qualifiziert, und sie brachte mich dazu, die alte Herrin zu fragen, ob ich sie zur Frau haben könnte. Wir brauchten weder Bibel noch Prediger oder solchen Unsinn in jenen Tagen. Aber als die alte Herrin einverstanden war, zogen wir uns einfach schick an, gingen über das Anwesen und erzählten allen Negern, dass wir verheiratet wären. Umph, umph! Aber ich war stolz an jenem Tag! Ich hatte ein brandneues Paar Hosen an, das zweihundertvierundsechzig Dollar in Konföderierten-Geld gekostet hatte! Als Mr. Abe Lincum uns Nigger befreite, ließen sie uns noch einmal mit einem Prediger und einer Bibel heiraten, aber ich habe da nie einen Unterschied gesehen.“
„Kommt Mrs. – Mrs. Queerington jemals nach Thornwood zurück?“, fragte der Fremde und stolperte über den Namen, als fiele es ihm sehr schwer, ihn auszusprechen.
„Ja, Herr, sie kommt genau wie ich und Carline, wandert um das Haus und den Garten herum und sitzt in der alten Fassschaukel und hängt ihren Gedanken nach.“
„Und Mike – was ist aus ihm geworden?“
Onkel Jimpson sah ihn überrascht an: „Woher wissen Sie von Mike, mein Herr?“
„Haben Sie nicht vorhin von ihm gesprochen; war er nicht der Hund?“
„Ja, Herr. Er ist unser Hund. Er ist bei Miss Ferney Foster, die hinter dem Schmied auf der anderen Seite der Landstraße wohnt. Es gefällt ihm dort auch nicht besser als uns; er hat auch Heimweh.“
Sie hatten ein prätentiöses weißes Tor erreicht, und Onkel Jimpson, der sich seiner Pflichten besann, richtete sich aus seiner schlaksigen Haltung auf, krümmte den Ellbogen und nahm die Kurve, als würde er einen Tally-Ho fahren. Durch die kahlen Bäume über ihnen erstrahlten die prächtigen Ausmaße von Angora Heights mit seiner prätentiösen Ansammlung von Ställen, Garage und Dienstbotenunterkünften im hinteren Bereich.
„Bei den Göttern!“, rief der Fremde leise; „ist das alles?“
„Nein, Herr!“, verneinte Onkel Jimpson nachdrücklich; „wäre es Tag, könnten Sie die Ramparts und die Esplanade sehen. Dort drüben ist die Lagune. Es ist in Wahrheit nichts weiter als unser alter Teich, wo wir früher Ochsenfrösche gefangen haben, aber Mrs. Sequin hat mir gesagt, ich solle es die Lagune nennen. Sehen Sie die Schnitzereien über der Tür? Diese Figur, die diese ägyptische Treppe hinaufgeht, ist John Dark. Haben Sie noch nie von John Dark gehört? Sie war eine Frau, die einmal eine Schlacht geschlagen hat.“
„Fahren Sie dort zur Seite, aus dem Weg der Autos“, wies der Fremde an, der viel mehr darum besorgt zu sein schien, einen unauffälligen Einlass in das Herrenhaus zu finden, als dessen architektonische Merkmale zu studieren. „Hier ist etwas für die Spitze Ihres Weihnachtsstrumpfes, und noch eins für Caroline. Beeilen Sie sich!“
Er sprang leicht über das Rad und drehte sich um, um seine Tasche zu nehmen. Als er das tat, fiel das Licht des Wintergartenfensters von oben voll auf sein aufgewandtes Gesicht.
„Vor dem Herrn!“, rief Onkel Jimpson, während ein breites Grinsen sein Gesicht fast in zwei Teile spaltete. „Ich hätte wissen müssen, dass der einzige Herr auf der Welt, der so Trinkgeld gibt, Mr. Don Morley ist!“
KAPITEL XVIII
Es ist wirklich eine sehr schwierige Sache, Weihnachten zu brüskieren. Man mag es in die Kategorie der Belästigungen verbannen, dem Weihnachtsmann den Rücken kehren und die ganze Institution für eine gigantische Langeweile halten, aber bevor der Tag vorbei ist, hat sie einen meistens besiegt, so wie es bei Donald Morley der Fall war, der unangekündigt und unwillkommen an der Seitentür des Sequin-Herrenhauses eintraf.
Es hatte ihn im Jahr zuvor besiegt, als er in der grauen Morgendämmerung eines indischen Tages aufgestanden war und stoisch seinen Weg zu den Ufern des Ganges gemacht hatte. Es hatte sich über die vedischen Hymnen der zweimal geborenen Brahmanen hinweg verkündet, während er knietief im heiligen Fluss stand; es hatte seine Schritte unter den aschebeschmierten Fakiren und den mit Juwelen behängten Kühen verfolgt; es hatte sogar das Verbrennungs-Ghat heimgesucht, wo er gestanden und den menschlichen Körpern beim Verbrennen auf ihren Scheiterhaufen zugesehen hatte.
Achtzehn Monate der Wanderschaft hatten ihn krank gemacht vor dem Unverbindlichen; vor den Bekanntschaften auf Dampfern, die in einem Hafen geschlossen und im nächsten wieder abgebrochen wurden; vor den fremden Anblicken und unverständlichen Sprachen und der Horde von fremden gelben Gesichtern. Er war des Todes müde der Freiheit der hohen See und sehnte sich sehnlichst nach einem starken Anker und einem ruhigen Hafen.
Als Cropsie Deckers explosives Schreiben eintraf, das ihm von seiner Anklage, Margerys gelöster Verlobung und Lee Dillinghams Verrat berichtete, war sein erster Gedanke nicht an sein Unrecht, sondern an die Tatsache, dass sie ihn zur Heimkehr zwingen würden.
Er hielt nicht inne, um zu erkennen, dass Heimkehr für ihn nur eines bedeutete. Er versuchte sogar sich einzureden, dass es ihn von seiner unstillbaren Sehnsucht nach Miss Lady heilen würde, sie in der Rolle einer glücklichen, gefälligen Ehefrau zu sehen. Seit er von ihrer Heirat gehört hatte, hatte er verzweifelt versucht, sie aus seinem Gedächtnis zu verbannen, und dabei jedes Mittel außer einem angewandt, um sein Ziel zu erreichen. Trotz all seines Grolls und seiner Bitterkeit war er nie in sein altes Leben zurückgekehrt. Jene Versprechen, die er ihr in der vollen Glut seiner jungenhaften Leidenschaft gegeben hatte, hatte er mit der hoffnungslosen Loyalität gehalten, mit der man die Kleider der Toten aufbewahrt.
Nun, da er wegen eines Verbrechens angeklagt worden war, dessen er völlig unschuldig war, war sein erster Wunsch zu wissen, ob sie noch an ihn glaubte. Sicher, es gab triftige Gründe, warum sie das nicht tun sollte: sein eigenes Geständnis seiner Unzulänglichkeiten; die unglückliche Verwicklung in die Dillingham-Affäre; sein anschließendes Verschwinden. Es war nur natürlich, dass sie dazu gebracht worden war, die Torheit zu erkennen, ihr Vertrauen auf ein solch instabiles Wesen wie ihn zu setzen. Sein erster qualvoller Protest gegen ihre Heirat war einer stoischen Akzeptanz der Tatsache gewichen. Er zahlte den Preis, den viele Männer für die Torheiten ihrer Jugend gezahlt haben, und er war bereit, ohne Protest zu zahlen, wenn sie nur die Wahrheit verstehen könnte.
Alles, was das Beste in ihm war, verlangte Gerechtigkeit von ihr, die Gerechtigkeit, um die er in jenem langen Brief aus San Francisco gefleht hatte. Nach Hause zu gehen bedeutete für ihn nicht nur ein Geschworenenprozess und ein Urteil über Schuld oder Unschuld. Es bedeutete viel mehr. Er würde aus ihrem eigenen Mund erfahren, ob sie seinen Brief jemals erhalten hatte und ob sie an ihn glaubte oder nicht. Auf ihrer Entscheidung beruhte sein Glaube an die menschliche Natur und an Gott.
Der plötzliche Entschluss zur Rückkehr nach Amerika war eines Nachts in Port Said gefallen, wo er sich gerade einer Expedition ins Tal der Könige angeschlossen hatte. Er stornierte seine Verpflichtung, nahm die Passage auf einem kleinen russischen Dampfer, der nach Alexandria bestimmt war, und zu ungeduldig, um auf einen Liniendampfer aus diesem Hafen zu warten, verschiffte er sich auf einem Frachter nach Neapel. Die Überquerung des Atlantiks war stürmisch gewesen, und er war zwei Tage zu spät in New York gelandet, ohne Zeit, der Familie seine Ankunft mitzuteilen.
Und nun, nach achtzehn Monaten im ausländischen Exil, war er tatsächlich wieder zu Hause! Das heißt, wenn diese prächtige, unbekannte Bleibe, voller Musik und Lichter und fremder Dienstboten, als Zuhause bezeichnet werden konnte. Wie dem auch sei, es war das Nächste, was er als Zuhause beanspruchen konnte, und die Tatsache, dass das gemästete Kalb für ihn nicht geschlachtet worden war und dass das Gesetz um die Ecke auf ihn wartete, hinderte seinen Puls nicht daran, sich zu beschleunigen, und seine Lippen nicht daran zu lächeln, als er die Seitentreppe zwei Stufen auf einmal nahm und den hinteren Flur betrat.
Ein wichtigtuerischer, rothaariger Mann stand mit einer Serviette über dem Arm in der Tür der Speisekammer, gab gebieterische Befehle und regulierte die ein- und ausgehenden Kellner. „Sind Sie der Butler?“, fragte Donald.
„Noch nicht“, sagte der Mann, ließ ein Augenlid sinken und nahm eine vertrauliche Haltung ein; „aber ich kann sehen, dass sie hinter mir her ist. Sie hat meinen Stil sofort begriffen, als sie mich sah, wie ich ein Tablett mit Gläsern hielt. ‚Flathers‘, sagt sie, ‚halten Sie die Dinge da hinten in der Speisekammer in Bewegung, und halten Sie ein Auge auf John.‘ John ist der Butler. Er ist ein trinkender Mann, Gott sei Dank, und ich lege es auf seinen Job an. Sind Sie ein Chauffeur?“
„Nein“, sagte Donald gutmütig. „Ich bin ein verlorener Bruder. Wo habe ich Sie schon einmal gesehen?“
„Kann ich nicht sagen. Wenn eine Person mich einmal sieht, vergisst sie mich nie. Es ist mein goldener Glanz. Kommt, Jungs! Beeilt euch! Beeilt euch mit den Kuchen dort. Packt die zusätzlichen Eismaschinen aus. Bewegt euch.“
„Bringen Sie diese Karte zu Mrs. Sequin“, sagte Donald, „und fragen Sie sie, ob sie einen Moment Zeit erübrigen kann, um einen Besucher im hinteren Eingang zu sehen.“
Phineas blickte misstrauisch von der Karte zu dem Fremden, dann entschied er, dass er die Angelegenheit nicht hinterfragen würde.
Einen Moment später schritt Mrs. Sequin mit ihren glitzernden Gewändern, die sie um sich gerafft hatte, und einem Ausdruck großer Bestürzung in ihren Zügen auf ihren hohen Absätzen durch die Speisekammer.
„Donald! Mein lieber Junge!“, rief sie überschwänglich und bot ihre Wange mit der Vorsicht derjenigen dar, die hofft, der Kuss möge leicht sein. „Was um Himmels willen machst du hier? Wir hatten keine Ahnung, dass du in Amerika bist. Wie dünn du bist! Ich war in einer vollkommenen Qual wegen dir. Nicht diese Champagnergläser, John; die größeren. Dieser ermüdende Butler! Er ist den ganzen Tag betrunken. Nun, was ist mit dir, Donald? Es ist schrecklich unklug von dir, hier zu sein; du weißt natürlich von – von der Anklage?“
„Deshalb bin ich hier. Aber wie geht es allen? Wie geht es Bruder Basil und der kleinen alten Margery? Wo ist meine Sattelstute?“
„Ich erzähle dir morgen alles, Don. Du musst jetzt sicher in dein Zimmer wollen. Flathers, bring die Taschen dieses Herrn nach oben in das Gästezimmer im Osten – nein, das ist belegt. Es macht dir doch nichts aus, noch eine Treppe höher zu steigen, nur für heute Nacht, Liebster?“
„Oh, steck mich irgendwo hin, Hauptsache, ein Bad ist in der Nähe.“
„Alle Schlafzimmer haben Bäder“, sagte Mrs. Sequin geistesabwesend, mit dem Blick auf den benommenen Butler, der versuchte, eine Flasche mit einem Schraubenzieher zu entkorken. „Lass Flathers – ich meine Benson – das tun, John, und du nimmst diese Taschen. So leid es mir tut, ich kann nicht selbst mit dir hochgehen, Don, aber die Kotillon beginnt gerade und ich muss mich um die Gastgeschenke kümmern.“
„Das ist schon richtig, mach dir keine Umstände wegen mir, ich werde in ein paar anständige Sachen schlüpfen und in einer Weile wieder unten sein.“
Mrs. Sequin hielt mit der Hand am Treppengeländer inne, dann beugte sie sich fürsorglich vor:
„Ich würde mir nicht die Mühe machen, mich anzuziehen und wieder herunterzukommen, Don. Es ist spät und du musst todmüde sein. Geh du ins Bett. Ich werde es verstehen.“
Donald, der einige Stufen über ihr stand, warf ihr einen fragenden Blick zu, dann verstand auch er.
„Oh, alles klar“, sagte er und biss sich auf die Lippe; „ich glaube, ich komme nicht runter. Du könntest Marge vielleicht hochschicken, nachdem die Leute weg sind, nur um ‚Hallo‘ zu sagen.“
„Natürlich werden wir beide hochkommen. Nichts könnte sie aufhalten, wenn sie wüsste, dass du hier bist. Aber es ist besser, dass niemand etwas weiß. Ich war vorsichtig, deinen Namen vor den Dienstboten nicht zu erwähnen. Du kannst einen schönen kleinen Besuch bei uns haben und wieder verschwinden, ohne dass jemand klüger ist. Es ist so schön, dass du rechtzeitig zu Weihnachten hierhergekommen bist! Gute Nacht.“ Sie stieg zwei Stufen herauf und bot ihre andere Wange für einen Kuss an.
Der säumige John vollführte währenddessen akrobatische Kunststücke mit den Taschen, wobei er sie so mit seinen eigenen Beinen und den Treppenstufen verhedderte, dass Donald sie ihm entriss und, nachdem er eine vage Wegbeschreibung für das Zimmer erhalten hatte, das er beziehen sollte, allein nach oben ging.
Er empfand etwas von der heißen Rebellion und dem Groll, den er schon einmal in einer anderen Weihnachtsnacht vor langer Zeit erlebt hatte, als die schielende französische Krankenschwester ihn um fünf Uhr ins Bett gesteckt und ihn allein in dem großen Hotel in Paris gelassen hatte. Damals hatte er sich in den Schlaf geweint, weil es keinen Weihnachtsmann gab und weil er keine Geliebte hatte. Aber die Tröstungen eines Sechsjährigen sind einem Fünfundzwanzigjährigen verwehrt.
Im zweiten Stock folgte er den Anweisungen und wandte sich nach rechts. Die Ankleidezimmer waren verlassen, da die Dienstmädchen auf den Stufen Platz genommen hatten, um einen Blick auf die Tanzenden unten zu werfen. Auch er hielt inne und blickte auf die fröhlich wirbelnde Menge hinunter. Da war seine alte vertraute Welt, die Kerle, mit denen er auf dem College gewesen war, die Mädchen, mit denen er geflirtet hatte, genau die Musik, zu der er unzählige Male getanzt hatte. Und er war so sehr davon ausgeschlossen, als wäre er in jenem grauen alten Krankenhaus in Singapur am Fieber gestorben? Ach, wenn er es doch nur wäre!
Er wandte sich abrupt ab und begann, die zweite Treppe hinaufzusteigen, und als er das tat, erhob sich etwas hastig von den Stufen und flatterte vor ihm davon.
Er blickte auf, und als er das tat, brach Chaos in ihm aus. Dort oben, im gedämpften Licht des oberen Flurs, stand Miss Lady, aufgeschreckt, unsicher, überrascht, nicht das hübsche, tollkühne Mädchen seiner Träume, sondern eine schöne, wehmütige Frau mit zitternden Lippen und erschrockenen Augen, die ihm in unwillkürlichem Willkommensgruß die Hände entgegenstreckte.
Er verlor völlig den Kopf. Alles Blut in seinem Körper schoss ihm in den Hals. Etwas sang durch jede Faser von ihm.
„Miss Lady!“, rief er und nahm die Hände, die sie ausstreckte, in seine beiden, dann, als sie vor seinem allzu leidenschaftlichen Blick zurückwich, erinnerte er sich. „Ich bitte um Entschuldigung, natürlich ist es jetzt Mrs. Queerington.“
„Nicht für dich, Don. Wann bist du gekommen? Bist du wieder gesund? Wusste niemand, dass du kommst? Haben die anderen dich gesehen?“
Sie sprudelte ihre Fragen eifrig hervor, als fürchte sie eine weitere Pause. Sie unternahm einen verzweifelten Versuch, locker zu erscheinen, aber ihr Eifer verriet sie. Sie wiederholte, dass sie keine Ahnung gehabt habe, dass er in Amerika sei, und flüchtete sich in die allgemeine Versicherung, dass jeder so froh wäre, ihn wieder zu Hause zu haben.
Donald, hager und gebräunt, stand schweigend da und beobachtete sie prüfend. Seine tief liegenden Augen waren klarer und ruhiger als früher, aber sie waren nicht mehr die Augen eines Jungen. Er glich einem Seemann, dessen Schiff Schiffbruch erlitten hatte. Er hatte nichts Schlimmeres mehr zu befürchten und nichts mehr zu hoffen. Er wollte einfach den Felsen sehen, an dem sein Lebensschiff zerschellt war.
Miss Lady fragte weiter, aber sie achtete offensichtlich nicht immer auf die Antworten, da sie einige davon doppelt stellte. Erst als Donalds Kummer berührt wurde, stabilisierte sich ihre Stimmung und sie verlor ihre Befangenheit.
„Natürlich musst du dich dem Prozess stellen“, sagte sie, und ihre Stimme klang mit der alten Sicherheit; „du musst die ganze Angelegenheit ein für alle Mal ausfechten und deine Unschuld beweisen.“
„Oh, das Gericht wird das schon beweisen, aber was spielt das für eine Rolle? Wenn die Leute bereit waren, mich zu verdammen, ohne zuzuhören, zu glauben, dass ich einem Mann das Auge ausgeschossen hätte, um dann wegzulaufen und der Strafe zu entgehen – Bah! Es ist zum Kotzen.“
„Aber nicht jeder glaubt es. Der Doktor nicht, noch Margery, noch Cropsie Decker, noch ich. Hunderte deiner Freunde sind bereit, zu dir zu stehen. Hör nicht darauf, was irgendjemand sonst sagt, sondern bleib hier und fechte es aus.“
Er blickte plötzlich auf. „Hast du jemals den Brief erhalten, den ich dir vor meiner Abfahrt aus 'Frisco geschrieben habe?“
Er hatte es nicht so herausplatzen lassen wollen, die Frage, die ihn so lange gequält hatte, aber ihr Mitgefühl und ihre Freundlichkeit hatten ihn entnervt.
Er beugte sich vor, mit seiner ganzen Seele in den Augen, und beobachtete, wie die Farbe stetig von ihrem Hals in ihre Wangen und dann auf ihre Stirn stieg. Er hörte sie einen scharfen, zitternden Atemzug nehmen wie jemand, der auf einem Abgrund wandelt, dann sah sie ihn fest an.
„Ja, Donald“, sagte sie und begegnete seinem Blick unerschütterlich, „ich habe ihn erhalten.“
Er senkte den Kopf auf seine Hand, die auf dem Geländer ruhte, und sie standen einen Moment lang schweigend da, abgesehen von den Klängen der Musik, die von unten heraufkamen. Dann straffte er seine Schultern.
„Das ist alles. Ich musste sichergehen, weißt du. Und du hast nicht an mich geglaubt?“
Über ihr Gesicht zuckte das Verlangen zu sprechen und die Notwendigkeit zu schweigen.
„Ich glaube an dich, Don“, sagte sie ernst. „Ich glaube von ganzem Herzen und ganzer Seele an dich. Und wir werden deine Freunde sein; du lässt uns, den Doktor und mich, doch, oder?“
Er nahm die Hand, die sie anbot, aber er sagte nichts, und nachdem sie gegangen war, ging er in sein Zimmer, warf sich quer aufs Bett und vergrub sein Gesicht in den Kissen.
Das neue Jahr begann bei Queeringtons unter keinem guten Stern. Zunächst wachte Bertie mit Windpocken auf und wurde in die Kinderstube verbannt. Dann folgte der Doktor seinem jährlichen Brauch, seine geschäftlichen Angelegenheiten zu prüfen, mit dem üblichen Ergebnis, dass seine Konten weit überzogen waren. Diese Tatsache wurde jedem Familienmitglied nacheinander feierlich mitgeteilt, begleitet von Ermahnungen für die Zukunft. Zur Mittagszeit war Hattie auf ihr Zimmer geschickt worden, weil sie frecherweise angedeutet hatte, ihr Vater gebe mehr für seine Bücher aus als sie für ihre Kleidung, und Connie schmollte wegen eines gekürzten Taschengelds.
„Natürlich“, erklärte der Doktor Miss Lady, während er erschöpft in seinen Invalidenstuhl sank, der in den letzten Wochen wieder in Gebrauch genommen worden war, „habe ich keinen Zweifel, dass Basil Sequin die Dinge für mich regeln kann. Das hat er in der Vergangenheit immer getan, aber er scheint in letzter Zeit sehr bedrängt, sehr gehetzt zu sein. Ich mag ihn kaum so bald wieder um ein Darlehen bitten.“
„Könnten wir nicht ein kleineres Haus mieten und weniger Gesellschaft haben?“, schlug Miss Lady vor.
Der Doktor schüttelte den Kopf. „Es wäre für mich sehr schwierig, mich an eine neue Umgebung anzupassen. Die Bedingungen hier für meine Arbeit sind ziemlich zufriedenstellend. Das Klavier der Ivys ist zwar ein ständiges Ärgernis, aber indem ich mir Watte in die Ohren stecke, umgehe ich dieses Übel. Es ist besonders unglücklich, dass diese Komplikation mit dem Geld gerade jetzt an dem kritischsten Punkt meiner Arbeit auftritt. Wenn Basil Sequin keine Vereinbarung treffen kann, werde ich ernsthaft in Verlegenheit geraten.“
„Ich sage dir, was wir tun können“, rief Miss Lady fröhlich, ganz so, als hätte sie nicht schon seit einer Woche versucht, sich dazu durchzuringen, das Angebot zu machen. „Wir können ein weiteres Stück von Thornwood verkaufen. Seit die Sequins dort draußen gebaut haben, haben so viele Leute nach Grundstücken gefragt.“
„Nein“, sagte der Doktor, und die Sorgenfalten in seinem feinen, ernsten Gesicht vertieften sich. „Es ist jetzt kaum noch etwas anderes als das Haus und die Farm übrig. Deine Verbundenheit mit dem Ort ist so groß, dass ich das Opfer nicht zulassen kann. Die Angelegenheit wird sich zweifellos von selbst regeln. Ich werde einige Privatstunden an der Universität geben und vielleicht einen zusätzlichen Vorlesungskurs arrangieren. Die Erfordernisse der letzten zwei Jahre waren außergewöhnlich.“
„Aber du arbeitest dich bereits zu Tode“, protestierte Miss Lady. „Doktor Wyeth sagte letzte Woche, dass du die Belastung nicht aushalten könntest. Wir anderen sollten etwas tun; wir müssen etwas tun!“
„Du tust etwas, meine Liebe. Du entlastest mich von unzähligen Bürden in Bezug auf das Haus und die Kinder. Du bist mir bei meiner Arbeit eine große Hilfe, nicht nur durch dein Vorlesen, sondern durch das unermüdliche Mitgefühl und Verständnis, das du mir entgegenbringst. Welcher Erfolg auch immer mein Lebenswerk krönen mag, er wird zu einem Teil dir zu verdanken sein.“
Sie saß auf einem Hocker zu seinen Füßen und blickte mit seltsamen, stummen Augen zu ihm auf. Sein gebrechlicher Körper und sein hochfliegender Ehrgeiz, sein liebloses Leben, das nicht wusste, was ihm fehlte, weckten in ihr ein fast mütterliches Mitleid. Ein heftiger Groll stieg in ihr gegen sich selbst auf, weil sie ihn nicht so liebte, wie sie wusste, dass ein Ehemann geliebt werden sollte. Hätte er sie doch nur mit seinem Herzen gewonnen statt mit seinem Kopf!
Die Türklingel läutete und Miss Lady blickte besorgt auf.
„Es war die Einlegegurkenfrau“, verkündete Myrtella, die einen Augenblick später aus dem Flur kam. „Ich habe sie wieder weggeschickt.“
„Nicht Miss Ferney!“, rief Miss Lady, sprang auf und eilte hinaus, um sie zurückzurufen.
Miss Ferney Foster ließ sich nach einigem Zureden überreden, zurückzukehren und auf die Kante eines Flurstuhls zu setzen. An Neujahr hatte sie in der Vergangenheit immer einen formellen Besuch in Thornwood abgestattet und dem Colonel eine Kostprobe ihrer besten Waren überreicht. Der Colonel seinerseits hatte ausnahmslos jemanden in den Keller geschickt, um eine der spinnwebigsten Flaschen aus dem Schwenkregal zu holen, und sie ihr mit großer Galanterie überreicht. Die Demütigung, im Haus der Tochter des Colonels abgewiesen worden zu sein, war fast mehr, als sie ertragen konnte.
„Nun, erzähl mir von allen daheim“, verlangte Miss Lady eifrig. „Fang am Fuß des Hügels an und geh schnurstracks nach oben.“
„Ich weiß nicht viel Neues“, sagte Miss Ferney und zupfte an den Fingern ihrer Baumwollhandschuhe. „Ich habe die ganze Woche bei den Sequins genäht.“
„Güte! Wie vornehm wir werden!“
„Nur Tischtücher und Servietten gesäumt. Ich kann nicht sagen, dass ich viel von ihrem neuen Zuhause halte. Es ist irgendwie dürftig.“
„Aber Miss Ferney! Es ist das größte Haus, in dem ich je war!“
„Ich rede nicht von der Größe. Ich rede von der Ausstattung. Da ist kein einziger Teppich, der um zwei Fuß an den Boden passt, und die Tapete ist in jedem Zimmer bis auf eines geflickt. Was das Esszimmer angeht! Nun, ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte! Sie haben kein Bild, keine Deckchen, keine Vorhänge oder irgendeine Art von Lambrequin. Ich sollte es wohl nicht weitererzählen, aber an dem Tag, als ich dort war, hatten sie nicht einmal ein Tischtuch!“
Miss Lady lachte trotz ihrer selbst, und Bertie hörte sie und stand aus dem Bett auf, um über das Treppengeländer zu rufen, dass sie bitte heraufkommen sollten, falls sie Witze erzählten.
„Sie wissen noch, der junge Mann, der früher bei den Wickers war?“, fragte Miss Ferney auf dem Weg nach oben. „Nun, er ist der Bruder von Mrs. Sequin. Er bereitet ihnen ziemliche Schwierigkeiten.“
„Wie meinst du das?“
„Sie wollen, dass er irgendwohin geht, und er tut es nicht. Das Dienstmädchen hat mir erzählt, dass er und seine Schwester sich ordentlich in die Haare gekriegt haben und dass Miss Margery sich auf seine Seite geschlagen hat.“
„Wird er bleiben?“ Miss Lady hielt inne und ihre Finger umklammerten das Geländer.
„Ich weiß es nicht. Ich schätze, wenn er wütend genug wird, läuft er nach China weg wie beim letzten Mal. Ruft da nicht jemand nach Ihnen?“
Es war Connie, die heraufgelaufen war, um zu sagen, dass ein junger Mann an der Vordertür stünde, der wie ein Grabstein mit blonder Tolle aussähe.
„Noah Wicker!“, rief Miss Lady. „Ich habe vergessen, dass ich ihm versprochen hatte, ihn zum Jahresanfang in Mr. Goochs Anwaltsbüro unterzubringen. War es nicht typisch für ihn, gleich am ersten Tag zu erscheinen? Geh du nach unten, Connie, sei ein Schatz, und unterhalte ihn, bis ich komme. Ich bin gleich da.“
Aber „gleich“ erwies sich als dehnbarer Begriff, denn nachdem Miss Ferney gegangen war und vier verschiedenen Personen am Telefon versichert worden war, dass alle Einladungen aufgrund der Unpässlichkeit des Doktors abgelehnt würden, fand Miss Lady Hattie immer noch schmollend in ihrem Zimmer vor und verbrachte eine halbe Stunde damit, den Frieden in dieser bekümmerten Brust wiederherzustellen.
Währenddessen kam Myrtella herauf, um mit Begeisterung zu verkünden, dass im Keller ein Wasserrohr geplatzt sei. Wenige Dinge lösten in Myrtella eine solche Freude aus wie das Platzen eines Wasserrohrs. Es war ein Akt der Unbotmäßigkeit seitens des Rohrs, mit dem sie zutiefst sympathisierte.
„Und es ist Mr. Goochs Abend für das Abendessen, und wenn der Mann im Salon auch bleibt, wird das Eis nicht für alle reichen“, erklärte sie mit offensichtlicher Befriedigung über die sich häufende Tragödie.
Als die Knoten gelöst waren, hatte Miss Lady Noah Wicker ganz vergessen, und erst als Connie hereinkam und entrüstet erklärte, sie würde nicht noch eine Minute mit dem dummen Kerl reden, erinnerte sie sich.
„Du armes liebes Kind!“, rief sie und drückte sie reumütig. „Es tut mir leid. Hattie, hättest du etwas dagegen, nach unten zu gehen und ihn kurz zu unterhalten, bis ich mein Kleid wechsle?“
„Hätte ich“, sagte Hattie bestimmt.
Natürlich blieb Noah zum Abendessen, und Miss Lady betrachtete es als Fügung des Schicksals, dass er und Mr. Gooch so unmittelbar zusammengewürfelt worden waren.
Aber als Mr. Gooch eintraf, befasste er sich mit weitaus wichtigeren Dingen. Er brachte die erstaunliche Nachricht, dass Donald Morley nach Hause zurückgekehrt sei und entgegen dem Rat seiner Familie und seiner Anwälte beschlossen habe, sich wegen des Schusses auf Dick Sheeley vor Gericht zu stellen!
„Es ist vollkommen aberwitzig!“, explodierte Mr. Gooch, „sich freiwillig in die Fänge des Gesetzes zu begeben, in einem solch komplizierten Fall wie diesem! Er hätte ein paar Jahre woanders leben können. Selbst wenn er unschuldig ist, spricht die Beweislast ganz gegen ihn. Ich habe zwei Tage lang mit ihm gestritten. Seine Schwester sagt mir, dass sie eine Woche lang auf ihn eingeredet hat. Er hört auf niemanden.“
„Ganz recht“, sagte der Doktor nachdrücklich. „Die Wiederherstellung seines guten Namens sollte sein vorrangiges Anliegen sein. ‚Der reinste Schatz, den sterbliche Zeiten bieten, ist ein makelloser Ruf.‘ Ich bin mehr erfreut, als ich sagen kann, dass Donald diesen Weg einschlägt. Er rechtfertigt meinen beharrlichen Glauben an seine Integrität. Sobald er von einer Jury freigesprochen ist, wird der Geist dieser unglücklichen Angelegenheit hoffentlich für immer gebannt sein.“
„Es ist nicht so sicher, dass er freigesprochen wird“, sagte Mr. Gooch und nahm seinen gewohnten Platz am Tisch ein, mit einem besorgten Blick auf die Tür, wo Myrtella mit der Suppe erscheinen würde. „Ich werde mein Bestes für ihn tun, aber ich habe meine Zweifel.“
„Sie sagen, er ist seit einer Woche hier?“, fragte der Doktor. „Merkwürdig, dass er nicht vorbeigekommen ist, um uns zu sehen. Er mochte die Kinder immer gern und hegte, glaube ich, eine gewisse Hochachtung für mich. Ich möchte, dass er Mrs. Queerington kennenlernt.“
Es entstand eine Pause, während der Noah Wicker einen überraschten Blick auf die Gastgeberin warf.
„Ich kenne Mr. Morley“, sagte sie gefasst, während die Röte in ihre Wangen stieg. „Ich kannte ihn, als er mit Noah auf der Farm war.“
„Tatsächlich“, sagte der Doktor. „Das muss ich vergessen haben, als du es erwähnt hast. Ich fürchte, Mr. Wicker, wir haben Sie heute Abend wegen unserer Sorge um Donalds Probleme vernachlässigt. Aber es ist ein Thema, an dem Sie zweifellos ebenso interessiert sind?“
Noah wollte antworten, aber als er merkte, dass die Gesellschaft ihn ansah, vergaß er, was er sagen wollte, und verbeugte sich stattdessen.
In diesem Moment geschah das, was Miss Lady am meisten fürchtete. Donald Morley wurde von Myrtella mit einer Stimme angekündigt, deren Tonfall andeutete, dass nun nichts mehr verhindern könne, dass das Eis nicht ausreichen würde.
„Nun, nun!“, rief der Doktor, stand auf und begrüßte ihn mit ausgestreckter Hand, „ein herzliches Willkommen zu Hause. Du kennst hier alle, glaube ich? Sogar Mrs. Queerington sagt mir, sie habe dich bereits getroffen. Und das hier ist Hattie. Ich bin mir sicher, du warst nicht darauf vorbereitet, sie so groß zu sehen.“
Donald behielt Hatties Hand und machte die Runde der Begrüßungen.
„Wo sind Connie und Bert?“
„Connie macht sich für eine Party fertig und der arme alte Bert kämpft mit den Windpocken“, brachte Miss Lady hervor, während sie sich mit den Kaffeetassen beschäftigte.
„Und nun erzähl uns von dir“, sagte der Doktor und rückte Donald einen Stuhl neben seinen eigenen. „Du wirst meine Kissen entschuldigen, aber ich bin immer noch ein ziemlicher Invalid, und die kleine Dame am Ende des Tisches besteht darauf, mich zu verwöhnen. Du wusstest natürlich von meinem Unfall vor etwa zwei Jahren?“
„Nicht, bis ich nach Hause kam“, sagte Donald, ohne aufzublicken. „Ich hoffe, du bist wieder gesund geworden?“
„Oh nein, ich werde nie wieder gesund sein. Die Ärzte versicherten mir das von Anfang an, aber sie sagten auch, dass ich bei Vorsicht und angemessener Schonung meiner Kräfte wahrscheinlich ein hohes Alter erreichen würde. Ich nehme an, du musstest nie der Versuchung widerstehen, dich zu überarbeiten, Donald?“
Donald lächelte und kräuselte die Stirn.
„Er hat jetzt genug Arbeit vor sich!“, knurrte Mr. Gooch, dessen Geist, vorübergehend durch den Salat abgelenkt, nun wieder zum Prozess zurückeilte.
„Arbeit für eine bewundernswerte Sache“, sagte der Doktor. „Mr. Gooch hat uns gerade von deiner Entscheidung erzählt, Donald, und ich kann meine Befriedigung über dein Vorgehen nicht ausdrücken.“
„Danke, Doktor! Das ist die erste Ermutigung, die ich erhalten habe. Meine Familie scheint zu denken, dass ich ein Verrückter bin, und sogar mein Anwalt hier übernimmt den Fall nur unter Protest.“
„Der Wert eines guten Namens“, begann der Doktor, doch als er sich erinnerte, dass er sich bereits früher am Abend ausführlich zu diesem Thema geäußert hatte, brach er ab und fragte, ob Donald während seiner Abwesenheit etwas geschrieben habe.
„Oh ja, ich kritzle immer. Es bedeutet aber nichts.“
„Doch, das tut es!“, erklärte Hattie, für die Cousin Don schon immer ein Held gewesen war. „Mr. Decker hat Gerald Ivy erzählt, dass du all die besten Dinge in den Artikeln geschrieben hast, die er für das Syndikat nach Hause geschickt hat.“
„Das habe ich geahnt!“, sagte der Doktor. „Ich glaubte, deinen humorvollen Blickwinkel in diesem ersten Artikel über China zu erkennen. Ich bemerkte damals gegenüber meiner Frau, dass du die Szene für den Leser genau so visualisiert hast, wie du sie gesehen hattest.“
„Aber das habe ich gar nicht!“, sagte Donald. „Ich habe diese Geschichte einen Monat geschrieben, bevor wir China erreichten. Decker kam auf die Idee, alle Artikel schreiben zu lassen, während wir den Pazifik überquerten, damit wir uns nicht darum kümmern mussten, nachdem wir gelandet waren. Wir stiegen immer auf das Bootsdeck und fertigten sie wie heiße Semmeln ab. Das ist alles Unsinn, dass ich die besten Teile geschrieben habe. Decker ist ein Wunder! Er reduziert die Sache auf eine Wissenschaft; er braucht nicht einmal einen Füller oder einen Bleistift; nur eine Menge Reiseführer, eine Packung Stecknadeln und ein Paar Scheren. Schoßbrett-Literatur, nennt er das. Er verbrachte die meiste Zeit damit, meine Ergüsse auf das richtige Maß zu stutzen.“
„Das liegt daran, dass du deiner Fantasie freien Lauf gelassen hast. Sie ist auf dem journalistischen Markt ein Ladenhüter, aber andernorts von unschätzbarem Wert. Warum versuchst du nicht etwas für die Magazine? Wähle ein angenehmes Thema und lass deiner Fantasie freien Lauf. Es wird interessant sein zu sehen, was dabei herauskommt.“
Connies Eintreten unterbrach hier das weitere Gespräch. Sie hatte kein Detail ihrer Toilette vernachlässigt, und das Ergebnis war eine rosa-weiße Erscheinung, bereit zur Eroberung.
„Wir dachten, du würdest uns nie besuchen kommen, Cousin Don“, sagte sie, halb schmollend, und warf einen Seitenblick auf Noah Wicker. „Du bist schon eine ganze Woche zu Hause!“
„Himmel, Connie! Ich hätte nicht erwartet, dass du schon so erwachsen bist. Wie lange bist du schon ‚draußen‘?“
„Ich war nie ‚drinnen‘“, sagte sie, ließ seine Hand los und lächelte bewusst. „Kommst du heute Abend nicht zur Party der Bartrums?“
„Nein, ich bin dieser Tage nicht in Stimmung für Partys.“
„Aber ich hatte nie eine Chance, mit dir zu tanzen, seit du mir den Walzer beigebracht hast.“
„Schrecklicher Verlust! Kannst du immer noch den Cakewalk, den ich dir beigebracht habe?“
„Ja, und Miss Lady auch! Ist das nicht lustig? Sie sagt, es ist der, den die Schwarzen bei den Picknicks oben in Thornwood tanzen! Komm schon, Miss Lady; lass es uns ihnen zeigen!“
„Constance, Constance!“, ermahnte der Doktor sanft, als das Mädchen nach Miss Ladys Händen griff und versuchte, sie auf die Füße zu ziehen. „Du siehst, Donald, die Kinder vergessen, dass Mrs. Queerington alles andere als eine Spielgefährtin ist, und manchmal...“, er stand auf und legte eine Hand auf ihre Schulter, „...manchmal vergisst sie es auch.“
Donald schob abrupt seinen Stuhl zurück.
„Ich glaube, ich komme doch zur Party, Connie. Ich laufe schnell zu Deckers Zimmer im Hotel und wechsle meine Sachen. Hältst du mir einen Walzer oder zwei frei?“
„Alle, wenn du willst! Es wird der fröhlichste Tanz der Saison, das sagen alle. Ändere deine Meinung, Miss Lady, und komm mit! Ich sehe nicht, wie du zögern kannst, wenn du dich an die Zeit erinnerst, die du bei den Sequins hattest! Gerald holt mich ab; wir können alle zusammen hingehen.“
Miss Lady brauchte nur den Funken von Connies Begeisterung, um all die verbotenen Feuer in ihr zu entfachen. Ihre Augen flogen zum Gesicht des Doktors.
Er lächelte, als er ihren eifrigen Blick auffing. „Geh mit ihnen, meine Liebe, wenn du willst. Es ist ein ganz natürlicher Instinkt, glaube ich, den ersten Abend des neuen Jahres zu feiern.“
„Aber du, begleitest du mich? Nur dieses eine Mal, Doktor?“
„Nein, nein. Meine Party-Tage sind vorbei. Donald hier wird meinen Platz einnehmen, nicht wahr, Donald?“
Aber Miss Lady gab ihm keine Chance zu antworten. Diesem wahnsinnigen, unnachgiebigen Verlangen nach Freude, nach Leben, nach Liebe in ihr konnte für einen Moment nicht getraut werden. Sie hatte Angst vor sich selbst!
„Ich bleibe zu Hause“, sagte sie mit einem mutigen Versuch der Heiterkeit, sich Donalds kritischer Augen auf ihr bewusst. „Wir werden ein Pinochle-Turnier abhalten, und Noah und ich werden das Heimteam auf eigenem Boden schlagen. Nicht wahr, Noah?“
Aber Noah hörte sie nicht; er war damit beschäftigt, Connie zu beobachten, die auf Zehenspitzen stand und eine Blume in das Knopfloch von Don Morley steckte.
KAPITEL XX
Einen Monat lang wurde über kaum etwas anderes gesprochen als über Donald Morleys Prozess. Die Wahrheit über die Angelegenheit erlitt jedes Mal einen Trümmerbruch, wenn das Thema diskutiert wurde. In manchen Kreisen wurde zuversichtlich behauptet, der Flüchtige vor der Justiz sei in dem Moment gefasst worden, als er in Amerika landete, und seine Freiheit sei ihm nur gegen eine hohe Kaution gewährt worden. Andere behaupteten, ein schlechtes Gewissen habe ihn zum Geständnis getrieben.
Unterdessen waren seine Freunde entweder verärgert über seine Torheit, den alten Skandal wieder aufzuwärmen, oder quixotisch begeistert von seinem Verlangen nach Gerechtigkeit. Mrs. Sequin widersetzte sich seinem Vorgehen erbittert, bis sie feststellte, dass die Bartrums, Dr. Queerington und andere einflussreiche Freunde ihn unterstützten; dann entschied sie sich, ihr Urteil zurückzustellen, bis der Prozess vorbei war. Wenn er schon ein Held sein wollte, wollte sie natürlich seine liebende Schwester sein, aber wenn er verurteilt werden würde, wollte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er hatte direkt gegen ihren Rat gehandelt, als er nach Hause kam, und sie bemerkte mit unheilvoller Gewissheit, dass „er schon sehen würde“.
Donald stürzte sich mit grimmiger Entschlossenheit in die Arbeit, die vor ihm lag. Er verbrachte täglich Stunden in Mr. Goochs stickigem Büro damit, die Transkripte der Zeugenaussagen im Dillingham-Prozess durchzugehen; er machte eine Reihe von Besuchen auf Billy-goat Hill und rief sich jedes Detail der Schießerei ins Gedächtnis. Beim ersten Besuch hatte er Sheeley aufgesucht, in der Zuversicht, sein Gedächtnis bezüglich seiner Rolle in der Schlägerei auffrischen zu können, aber zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass Sheeley bereits in das Büro des Staatsanwalts geladen worden war. In jede Richtung, in die er sich wandte, stieß er auf den Kraken des Gesetzes.
Mr. Gooch machte ihm wenig Mut. Er keuchte, wimmerte und bestritt jeden Vorschlag. Sein Mandant erschien ihm als ein leichtsinniger Junge, der gut aus einer hässlichen Geschichte herausgekommen war und nicht genug Verstand hatte, um draußen zu bleiben. So stark empfand er dies, dass er sich bei jeder Gelegenheit genötigt sah, dies ausführlich zum Ausdruck zu bringen.
Donald saß mit verschränkten Armen und fest zusammengebissenen Kiefern vor ihm und wartete ungeduldig darauf, dass diese Standpauken aufhörten. Er hatte ihn angestellt, weil er der Anwalt der Familie war und weil er ein Freund von Doktor Queerington war. Am Ende der ersten Woche erkannte er, dass er einen Fehler gemacht hatte, und vertraute diese Tatsache Noah Wicker an.
Noah, der das Jurastudium an der Universität erfolgreich abgeschlossen hatte, besetzte nun, dank der beharrlichen Bemühungen von Miss Lady, eine dunkle Ecke von Mr. Goochs Vorzimmer. Hier, mit den Füßen unter einer Sprosse eines Hockers verhakt und die Finger in seine Tolle gegraben, rang er verbissen mit den Fällen, die er vor Gericht hörte, und tüftelte mühsam schwierige Punkte mit Hilfe des Statuts und des Kodex aus.
Donald gewöhnte sich bald an, seinen bevorstehenden Prozess mit ihm zu besprechen, zu Zeiten, in denen Mr. Gooch abwesend war. Er fand Noahs ruhigen, unpersönlichen Blickwinkel eine Erleichterung nach der skeptischen, ablehnenden Haltung des älteren Anwalts.
Während dieser Tage verbrachte Donald so wenig Zeit wie möglich in Angora Heights. Die Familienskelette, die schon immer in den Sequin-Schränken gelauert hatten, schienen in ihren geräumigen neuen Quartieren erst richtig aufzublühen. Es ist eine melancholische Tatsache, dass man umso mehr Skelette hat, je mehr Schränke man erwirbt!
Mrs. Sequins Existenz, wenn sie in der Stadt schon rastlos war, war auf dem Land dreifach so rastlos. Zwischen dem Erreichen von Zügen und dem Empfangen und Verabschieden von Gästen, dem Einstellen und Entlassen von Dienstboten und dem Sich-Quälen wegen der Unwesentlichkeiten, lebte sie im Wirbel eines Sturms, der alles in seinem Gefolge aufwühlte.
Zwischen ihr und Margery wurde der Abgrund immer größer. Nachdem sie ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, ging das Mädchen noch weiter und trat in einen Ausbildungskurs für den Kindergarten ein, ein Akt, der einen Bruch verursachte, der ernst zu werden drohte, bis das Oberhaupt der Familie zum ersten Mal seine Autorität geltend machte und sich unerwartet auf die Seite seiner Tochter stellte.
Basil Sequin hatte in diesen Tagen wenig Zeit, sich Familienangelegenheiten zu widmen. Er stand um sechs Uhr auf, trank drei Tassen schwarzen Kaffee, verschlang die Zeitungen und war auf dem Weg ins Büro, bevor sein Gärtner aus dem Bett war. Vor und nach den Bankgeschäftszeiten hatte er Ausschusssitzungen und spezielle Termine, wobei er sich nur ein paar Minuten für ein Mittagessen im nächstgelegenen Restaurant stahl.
Donald hatte seit seiner Rückkehr nur eine einzige Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen, und zwar an einem Abend, als er in sein Arbeitszimmer gerufen wurde. Er fand ihn dort vor, wie er unruhig im Zimmer auf und ab ging, die Hände tief in den Taschen vergraben.
„Du hast dich also entschieden, dich dem Prozess zu stellen, wie ich höre?“, fragte Mr. Sequin unvermittelt.
„Ja, ich musste die Sache bereinigen. Es ist alles so idiotisch, dass ich angeklagt bin! Ich erwarte keine Schwierigkeiten.“
„Das kann man nicht wissen“, sagte Mr. Sequin, „aber ich habe dich nicht kommen lassen, um über den Prozess zu sprechen. Es ist eine geschäftliche Angelegenheit, die ich besprechen möchte. Weißt du, wie viele Aktien du an der People's Bank besitzt?“
„Nein, das kann ich nicht genau sagen.“
„Nun, es ist an der Zeit, dass du das herausfindest. Wie fändest du es, wenn du von nun an deine eigenen Angelegenheiten in die Hand nimmst?“
Donald sah ihn mit unverhohlener Überraschung an. Bisher war das einzige Mal, dass Geldangelegenheiten zwischen ihnen besprochen wurden, wenn er sich irgendeiner zusätzlichen Extravaganz schuldig gemacht hatte. Dieser plötzliche Taktikwechsel seines Schwagers war verwirrend.
„Nun, das würde ich eigentlich nicht wollen, es sei denn, es würde dich entlasten“, sagte er.
„Darum geht es nicht. Eine Sorge mehr oder weniger spielt keine Rolle. Der Punkt ist, ich möchte, dass du für dich selbst handelst. Der Ausgang dieses Prozesses ist keineswegs sicher; du wirst vielleicht beträchtliche Barmittel brauchen, bevor du damit durch bist. Warum verkaufst du nicht deine Bankaktien und tätigst auf eigene Faust ein paar besser rentierende Investitionen?“
„Warum, ich dachte, die Bankaktien...“, begann Donald, aber Mr. Sequin fuhr ihn ungeduldig an.
„Willst du meinen Rat oder nicht?“
„Natürlich will ich ihn.“
„Sehr gut. Hör mir zu. Fast jeder Dollar, den du hast, ist in der People's Bank gebunden. Geh morgen früh zu einem Makler – Gilson ist der beste Mann –, sag ihm, dass du sofort eine große Summe Geld brauchst. Um sie zu bekommen, bist du bereit, jeden einzelnen deiner People's-Anteile zu opfern. Sag ihm, er solle sie nicht auf den Markt werfen, sondern in kleinen Paketen an verschiedene Leute verkaufen, und er solle nicht am Preis festhalten. Mach ihm klar, dass es mit deinem Prozess zu tun hat, und ermahne ihn ausdrücklich, mich nicht über die Transaktion zu informieren.“
„Aber ich verstehe nicht“, sagte Donald und beobachtete mit bekümmerten Augen die gebeugte Gestalt, die wie ein Tier im Käfig weiterhin im Zimmer auf und ab ging.
„Ich habe nicht angeboten, es zu erklären. Ich habe angeboten, zu beraten“, knurrte Mr. Sequin. „Es gibt Komplikationen, die dir in einem Monat nicht klarzumachen wären! Ich werde dich bitten, dieses Thema nie wieder mir oder jemand anderem gegenüber zu erwähnen. Ich habe jetzt noch eine Menge Papiere durchzusehen, also sage ich gute Nacht.“
Donald erhob sich von seinem Platz am Tisch.
„Natürlich weißt du, was das Beste ist“, sagte er unschlüssig. „Und ich weiß, dass ich kein Recht habe, meine Verantwortlichkeiten auf dich abzuwälzen. Übrigens, kann ich dir bei diesem Kram helfen? Du siehst aus, als wärst du für heute erledigt.“
„Erledigt?“, Mr. Sequin lächelte ironisch und fuhr sich mit den Fingern durch das spärliche graue Haar. „Weißt du, Don, ich würde heute Nacht mit jedem alten Leichnam den Platz tauschen, nur für die Chance, mich in einer stillen Ecke hinzulegen und aufzuhören zu denken! Nein, du kannst nichts tun. Niemand kann etwas tun. Gute Nacht; schließ die Tür, wenn du gehst, und sag unten Bescheid, falls ich am Telefon verlangt werde, dass ich nicht hier bin.“
Alles in allem ist es kein Wunder, dass Donald so wenig Zeit wie möglich in Angora Heights verbrachte. Die Zeit, in der er nicht mit seinem Prozess beschäftigt war, wurde ihm zur Last. Misstrauisch gegenüber seinen Freunden, empfindlich gegenüber Kritik und in der Angst vor der demütigenden Prüfung, die vor ihm lag, verbrachte er einen der elendesten Monate seines Lebens. Er versuchte zu schreiben, aber die Fantasie entfloh vor der grellen Wirklichkeit. Der einzige Ort, an dem er vorübergehend Frieden fand, war unter dem Dach des düster aussehenden Hauses in der College Street.
Von Anfang an hatte Doctor Queerington seine Sache verfochten und ihn zu seiner Gastfreundschaft gedrängt. Sicherlich begann und endete die Gastfreundschaft des Doktors gewöhnlich mit seinem Willkommensgruß, woraufhin er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog und seinen Gast der Obhut der Familie überließ.
Zu solchen Zeiten begleitete ihn Miss Lady ausnahmslos. Tatsächlich hatte Donald sie seit dem Abend seiner Ankunft nie allein gesehen, und die bloße Tatsache, dass sie abends selten im Erdgeschoss blieb, erleichterte sein Gewissen, wenn er in ihrer Nähe verweilte.
Mrs. Ivy war die Erste, die seine häufigen Besuche kommentierte. Sie vertraute Mrs. Sequin an, dass sie fürchte, er interessiere sich für Connie Queerington, und dass ihr jemand sagen sollte, dass Connie schon seit Jahren in den lieben Gerald verliebt sei. Ein unparteiischer Beobachter hätte vielleicht eine weniger zuversichtliche Meinung über das Objekt von Miss Connies Zuneigung geäußert.
Noah Wicker zum Beispiel, wenn auch nicht gerade ein unparteiischer Beobachter, war zu einem ganz anderen Schluss gekommen.
„Du beobachtest mal, wie sie Don ansieht“, sagte er bei einer Gelegenheit düster zu Miss Lady.
Miss Lady lachte: „Oh! Connie ist wie die letzte Herzogin, sie mag alles, was sie ansieht, und ihre Blicke schweifen überall hin.“
„Ja, aber das hier ist anders. Hat sie jemals etwas zu dir über ihn gesagt?“
„Um Himmels willen, ja, Connie redet mit mir über alle Jungs.“
„Redet sie über mich?“ Noahs Augen waren so sehnsüchtig wie die eines Hundes.
Für eine Sekunde zögerte Miss Lady, dann machte sie einen Kompromiss mit der Wahrheit und sagte: „Ja.“ Sie fügte nicht hinzu, dass Connie besonders redselig war, wenn es um seine Haare, das Quietschen seiner Stiefel und seine offensichtliche Begabung zur Allgegenwärtigkeit ging.
„Weißt du, was ich tun würde, wenn ich du wäre, Noah?“, sagte sie. „Ich würde mir einen neuen Anzug machen lassen.“
„Aber die hier sind neu!“
„Ja, das weiß ich, aber sie passen nicht. Und besorg dir Schuhe, die nicht quietschen, und – und nimmst du es mir übel, Noah, wenn ich es dir sage? Pompadours sind seit sechs Jahren aus der Mode.“
Noah schüttelte düster den Kopf. „Es sind nicht meine Kleider. Es sind nicht die Kleider, die Don Morley ausmachen. Übrigens, seid ihr beiden keine Freunde mehr?“
Miss Lady stellte sich der Frage unerschrocken. „Ja, wir sind Freunde. Wird er gewinnen?“
„Bei Miss Connie?“
„Nein, du törichter Junge. In seinem Prozess.“
„Ich weiß es nicht.“
„Was passiert, wenn er verliert?“
„Das Verfahren geht in Berufung.“
„Und wenn er vor dem Berufungsgericht verliert?“
„Es ist an Gooch, dafür zu sorgen, dass er nicht verliert. Ich wünschte nur, ich wäre mir bei ein paar anderen Dingen so sicher wie bei Donald Morleys Unschuld!“
Eines Nachmittags, wenige Tage vor dem Prozess, sprang Donald, nachdem er zwischen dem Hotel und seinem Club hin und her geschwankt war und beides gleichermaßen unerträglich gefunden hatte, in die Straßenbahn und fuhr zu den Queeringtons hinaus. Es war ein kalter, rauer Tag, ein feiner Nebel erfüllte die Luft, und selbst die matte Förmlichkeit des tristen Salons schien eine Erleichterung gegenüber der Trübsal draußen zu sein.
Miss Lady fuhr vom Klavier auf, als er eintrat, aber Connie zog sie zurück:
„Du darfst nicht weglaufen und uns allein lassen, nicht wahr, Cousin Don? Sie wollte gerade für Mr. Wicker spielen, damit er singt. Wusstest du, dass er singen kann?“
„Oh, ja. Wick ist der Original-Sänger. Erinnerst du dich an unsere Serenaden auf der Cane Run Road, Wick?“
„Ja“, sagte Noah missmutig.
„Ich habe vergessen, dass ihr und Mr. Wicker euch kanntet“, sagte Connie neugierig. „Warum, die Cane Run Road führt an Thornwood vorbei, nicht wahr?“
„Ja“, sagte Don ruhig, ergriff das Gespräch und schob es aus dem flachen Wasser. „Schieß los, Wick, und sing etwas; wir stimmen im Refrain mit ein.“
Doch als es Zeit für den Refrain war, hatte Donald sein Versprechen vergessen. Er lehnte sich in einer Ecke des Sofas zurück, die Hand beschattete seine Augen, während er Miss Lady beobachtete und sich fragte, welcher Laune des Schicksals sie es verdankte, dass sie John Jay Queerington geheiratet hatte. Es gab keinen Mann auf der Welt, dessen moralischen Wert er mehr bewunderte, aber Miss Lady wirkte in seinem Leben so deplatziert wie ein flinker, zitternder Kolibri in einem naturhistorischen Museum. Er bemerkte die schwachen Schatten um ihre Augen und das sehnsüchtige Herabhängen ihrer Lippen. Wenn er sie doch nur befreien könnte! Ein irrer Wunsch packte ihn, sie noch einmal freudig auf den Schwingen ihrer alten Leichtigkeit und Kühnheit zu sehen. Und doch war sie mit offenen Augen in ihren Käfig gegangen, und er hatte noch nicht den kleinsten Flügelschlag von ihr gegen die Gitterstäbe gesehen.
In jener ersten Nacht seiner Heimkehr hatte er doch sicher ein Willkommen in ihren Augen gelesen! Aber nie wieder hatte er durch Wort oder Geste Grund zu der Annahme gehabt, dass sie sich erinnerte. Sie war anmutig und schwer fassbar, und sie sprach mit ihm, wie sie mit Decker und Gerald Ivy sprach, nur sah sie diese an, wenn sie sprach, und ihn sah sie niemals an.
Und doch hatte sie sich gesorgt! Er brauchte sich nur an die blitzartige Offenbarung ihrer Augen in jener Nacht im Garten zu erinnern, um zu wissen, dass sie für einen transzendenten Moment zumindest sein war. Es war dieser Blick gewesen, der seinen Glauben an sie durch all die langen, müden Monate des Schweigens aufrechterhalten hatte und ihn an der Überzeugung festhalten ließ, bis er die Wahrheit aus ihren eigenen Lippen hörte, dass sie seinen Brief nicht erhalten hatte. Es war die Erinnerung an diesen Blick und das, was er versprochen hatte, die ihn jetzt überkam, während er sie beobachtete.
All der leichtsinnige Impuls seiner Jugend, die langen Jahre der Zügellosigkeit, brandeten über ihn hinweg und drängten ihn dazu, in ihr eine Antwort auf sein wildes, beharrliches Verlangen zu wecken. Sie sollte sich daran erinnern, wie er sie geliebt hatte, sie sollte wissen, wie er sie jetzt liebte. Wenn noch irgendein Herz in ihr schlug, musste sie auf irgendeine Weise auf sein zwingendes Bedürfnis reagieren.
Aber ihre Augen blieben stetig auf der Tastatur, und ihre Finger folgten unerschütterlich den Noten. Hätte er gewusst, wie die Tränen unter ihren Wimpern brannten und wie kalt ihre Finger auf den Tasten waren; hätte er ahnen können, wie sie dort unter seinem stetigen Blick saß, mit angespannten Muskeln und zitternden Nerven, die Minuten kalkulierend, die verstreichen mussten, bis Noahs endlose Strophen enden würden und sie entkommen konnte, hätte er vielleicht Mitleid mit ihr gehabt.
„Sing, Cousin Don!“, forderte Connie; „du überlässt alles Mr. Wicker und mir, während du da sitzt und aussiehst, als hättest du deinen letzten Freund verloren.“
„Nein, nur meine Illusionen, Connie.“
„Wo hast du sie verloren?“
„In Singapur. Alle bis auf eine. Ich habe daran festgehalten, die ganze Welt umrundend, nur um sie am Weihnachtsabend zu verlieren, als ich nach Hause kam. Hast du kein Mitleid mit mir?“
„Kein bisschen“, sagte Connie frech. „Ich könnte kein Mitleid mit jemandem haben, der so gut aussieht wie du – nicht wahr, Mr. Wicker? Wo ist Miss Lady hin?“
„Sie sagte, sie wolle sich hinlegen, ihr Kopf täte weh“, sagte Noah.
„Ich weiß, was los ist“, sagte Connie; „sie versucht zu verhindern, dass wir es sehen, aber sie ist völlig fertig wegen des Verkaufs von Thornwood.“
„Thornwood!“, rief Donald; „sie hat es nicht verkauft?“
„Nein, aber es wurde zum Verkauf angeboten. Sie würde für Vater auf dem Scheiterhaufen sterben. Er weiß nicht einmal davon.“
„Aber es gibt sicher einen anderen Weg.“ Connie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es sicher nicht. Hattie hat Musik und Französisch aufgegeben, und wir haben Bertie auf die öffentliche Schule geschickt, und ich hatte diesen Winter nur ein einziges Partykleid. Aber ein Mädchen muss nicht von Kleidern abhängen, um eine gute Zeit zu haben, nicht wahr, Mr. Wicker?“
In jener Nacht saß Donald lange wach und wälzte die Dinge in seinem Kopf. Sobald der Prozess vorbei war, musste er weggehen, wo er Miss Lady nicht sehen oder von ihr hören konnte. Er musste sich in ein Geschäft stürzen, das seine Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würde. Aber bevor er ging, musste er eine Investition tätigen, und zwar sofort. Um dies zu tun, würde er Basil Sequins Rat befolgen und seine Bankaktien am Morgen zum Verkauf anbieten.
KAPITEL XXI
Es herrschte Angst in dem tristen Haus in der College Street. Der zweite Tag von Donald Morleys Prozess war angebrochen und es war noch keine Entscheidung gefallen. Jedes Läuten des Telefons, jedes Öffnen der Vordertür brachte ein eiliges Laufen durch den Flur und die begierige Frage, ob es Neuigkeiten gebe.
„Ich werde meine Lektionen nie fertig bekommen!“, rief Hattie gereizt und sammelte ihre verstreuten Sachen nach einem dieser Anstürme zur Tür ein. „Ich wünschte beim Himmel, einer meiner Finger wäre ein Bleistift!“
„Warum wünschst du dir nicht, deine Zunge wäre einer, Hat, dann müsstest du sie nicht spitzen“, schlug Connie vor.
„Ich wette, Miss Lady hatte meinen Bleistift“, fuhr Hattie fort und ignorierte Connies Kommentar. „Sie hat keine Schere, keinen Bleistift und keinen Schuhanzieher besessen, seit sie hier ist. Und sieh dir diese Briefe auf dem Kaminsims an! Sie wird nie daran denken, sie abzuschicken.“
„Was machen die da mit den schwarzen Rändern?“
„Sie hat neulich einen Posten Papier gekauft, alle Farben und Größen, um sparsam zu sein. Sie benutzt die Trauerbriefe, um die Rechnungen zu bezahlen.“
„Ja, und ich muss den ganzen Winter kleine rosa Liebesbriefe in große blaue Umschläge stecken. Sag mal, Hat, meinst du, es wäre in Ordnung, wenn ich Mr. Wicker anrufe, um ihn zu fragen, wie der Prozess läuft?“
„Natürlich nicht. Wir werden es hören, sobald es etwas zu hören gibt. Ich wünschte, du würdest aufhören zu reden und mich studieren lassen.“
Connie enthielt sich heldenhaft für fünf Minuten des Sprechens, dann verkündete sie:
„Weißt du, ich glaube nicht, dass Miss Lady ihn mag!“
„Wen? Mr. Wicker?“
„Nein, du Alberne – Don.“
„Seit wann hast du aufgehört, Cousin Don zu sagen, bitteschön?“
„Oh, vor Ewigkeiten. Sie ist immer so still, wenn er kommt, und sie geht bei der ersten Gelegenheit nach oben. Ich finde, sie hat sich sehr verändert, seit sie das erste Mal kam, findest du nicht?“
„Nun, ich schätze, du würdest dich auch verändern, wenn du einen kranken Mann mit drei Kindern geheiratet hättest, so arm wie eine Kirchenmaus und mit einer Köchin, die so mürrisch ist wie Myrtella.“
„Aber sie hat Myrtella so weit, dass sie ihr aus der Hand frisst. Stell dir vor, ich würde einen Mann heiraten, der so alt ist wie Vater!“
„Wenn ich heiraten müsste, würde ich lieber Vater heiraten als irgendjemanden sonst. Aber ich habe noch nie einen Mann gesehen, den ich heiraten wollte.“
„Oh, ich schon! Ich kenne zehn auf Anhieb, die ich sofort heiraten würde.“
„Connie Queerington! Wer sind die anderen außer Gerald und Cousin Don?“
„Rate mal.“
„Noah Wicker?“
Connie lachte. „Mr. Wicker ist nicht mehr so schlimm wie früher. Er muss Chloroform genommen und sich seinen Pompadour schneiden lassen haben. Don sagt, er sei schrecklich clever.“
„Jeder könnte clever sein, der einen ganzen Tag braucht, um jede Rede zu verfassen. Ich sage dir, was mit Miss Lady los ist; sie macht sich wegen Vater krank vor Sorge. Hat sie dir erzählt, was Doctor Wyeth ihr gesagt hat?“
„Dass Vater seine Kurse aufgeben und irgendwohin wegfahren müsste? Aber das kann er natürlich nicht.“
„Aber er kann! Miss Lady hat Thornwood von dem Mann gemietet, der es gekauft hat, und wir ziehen alle diesen Frühling dorthin.“
„Himmel! Das bedeutet Frösche und Grillen und Ziegenmelker und eine einsame Zeit für mich.“
„Aber denk an Vater!“, sagte Hattie mit ihrer tugendhaftesten Miene. „Wenn es vollkommen ruhig ist, kann er vielleicht sein Buch beenden.“
„Nein, das wird er nicht“, sagte Connie missmutig. „Er macht vielleicht sich selbst den Garaus, aber dieses Buch wird er nie beenden; er fällt immer mehr ein, was er noch sagen könnte, genau wie Mr. Melcher, wenn er betet. Wenn dieses dumme alte Buch nicht wäre, könnte er vielleicht gesund werden. War das das Telefon?“
Es stellte sich als die Seitentürglocke heraus, die von einer alten Frau geläutet wurde, die ihren Ehemann und ihre Vorderzähne verloren hatte und dem prekären Beruf nachging, Schuhbänder zu verkaufen. Sie war eine der zahlreichen Protegées, die kurz nach dem Frühstück bei Miss Lady einzukehren begannen und ihre Besuche über den Tag fortsetzten, sehr zum Verdruss von Myrtella Flathers, die ihre Zeit damit verbrachte, Wege zu finden, den hinteren Flur von diesen Hindernissen zu befreien.
In diesem Fall war keine Strategie erforderlich, denn sie war angewiesen worden, die Frau fortzuschicken. Ein solch ungewöhnliches Vorgehen weckte ihre Neugier und sie kehrte ins Esszimmer zurück, um durch die Tür ihre junge Herrin zu beobachten, die seit dem Frühstück unbeweglich mit den Ellenbogen auf dem Tisch und den unter dem Kinn verschränkten Händen gesessen hatte. Es war offensichtlich, dass etwas nicht stimmte, und Myrtella wurde so besorgt, dass sie schließlich beschloss, einzugreifen. Das Allheilmittel, das sie bei allen Gebrechen, ob moralisch oder physisch, anwandte, war ein Gegenreiz.
„Mis' Squeerington!“, wagte sie es schließlich. „Ich hoffe, Sie haben nicht vergessen, dass Samstagmorgen ist und Sie den Lebensmittelmann zurechtweisen sollten. Er ist eine Zumutung, das ist er, schickt uns die Rippchen von Mis' Ivy und die Leber von Mis' Logan. Das ist keine anständige Art, einen alten Kunden zu behandeln, und das sollte ihm gesagt werden. Es wurde noch nie ein Lebensmittelmann geboren, der nicht zurechtgewiesen werden musste! Sie erwarten es, sie suchen danach, und wenn sie es nicht bekommen, spüren sie es.“
„Ich kann Menschen nicht 'zurechtweisen', Myrtella; ich weiß nicht wie“, sagte Miss Lady lustlos.
„Ich bringe es Ihnen bei. Sie haben schon viel mehr aufgegriffen, als irgendjemand vermutet hätte, als Sie zum ersten Mal kamen. Aber eines haben Sie nicht gelernt. Wenn eine Dame anfängt, übers Telefon zu lächeln und dem Fleischer zu sagen, dass sie den einen Schnitt vom anderen nicht kennt, aber sie vertraue darauf, dass er ihr ein schönes Stück schickt, können Sie darauf zählen, dass sie Knorpel bekommt. Komplimente und Lächeln bringen vielleicht manche Dinge, aber es braucht Zurechtweisen und Widerworte, um ein gutes Rindersteak zu bekommen!“
„Ich glaube, ich schicke Sie heute zum Lebensmittelgeschäft, Myrtella – es – es könnte regnen.“
„Es wird vor Mittag nicht regnen“, sagte Myrtella autoritär, in einem Ton, der ihre Absicht signalisierte, es sofort zu stoppen, falls es Anstalten dazu machen sollte. „Es wird Ihnen gut tun, mal rauszugehen und ein Stück zu laufen.“
Miss Lady schüttelte den Kopf.
„Nun, dann lassen Sie mich besser Bertie hierherschicken, er macht einen schrecklichen Lärm im Kinderzimmer und sein Vater wird bald hinter ihm her sein.“
Bertie wurde davon abgehalten, ein Abenteuerleben auf dem Fußende seines Bettes zu führen, durch den Vorschlag, dass Miss Lady ihm im Esszimmer etwas zu erzählen hätte. Er kam durch den Flur gestürmt und rief aus voller Kehle: „Extras!“.
„Bertie, Liebling! Bitte nicht“, rief Miss Lady, aus ihrer Teilnahmslosigkeit aufgeschreckt. „Denk daran, es ist Samstag und Vater ist zu Hause.“
„Ich wünschte, er wäre es nicht“, sagte Bertie. „Ich hasse ein Haus, in dem man auf Zehenspitzen geht! Wann kann ich Extras rufen?“
„Wenn wir in Thornwood sind. Du und ich werden überall in den Hügeln spielen, und ich werde dir beibringen, ein echter Junge vom Land zu sein.“
„Und kann Chick auch dort sein?“
„Ja, und vielleicht ist Chick bis dahin im Krankenhaus gewesen und kann sprechen wie andere Jungen.“
Bertie stand zu dieser Zeit auf der Rückenlehne ihres Stuhls und versuchte anscheinend, sie zu erdrosseln.
„Und können wir die Eisgrube hinunterrutschen, wie du es früher getan hast? Und wird Onkel Jimpson die Käfer aus der Erde rufen, wie er es getan hat, als du ein kleines Mädchen warst?“
„Hör mal!“, rief Miss Lady plötzlich und fuhr auf. „Was ist das?“
Vom anderen Ende der Straße kam der Ruf: „Wuxtry! Hier ist Ihr Wuxtry! Alles über –“
„Das ist nur der Zeitungsjunge, so wie ich es nachgemacht habe“, sagte Bertie. „Was ist los? Warum zittern Sie so, Miss Lady?“
Myrtella steckte ihren Kopf zur Tür herein. „Hier kommt diese Mrs. Ivy über den Hof gelaufen. Die bleibt sicher eine Stunde.“
Aber Mrs. Ivy schien zu nichts mehr gut zu sein, als Miss Lady sie erreichte. Sie lag halb auf einem Sofa mit Rosshaarbezug im vorderen Flur, eine Flasche Riechsalz an der Nase und eine Zeitung in der Hand.
„Oh, meine Liebe!“, brachte sie keuchend hervor. „So ein schrecklicher Schock! So völlig unerwartet!“
„Meinen Sie Don?“, Miss Ladys Lippen bewegten sich kaum, als sie die Frage stellte.
„Nein, die Bank! Ich war ganz allein im Haus, als ich die Jungen die Sonderausgaben ausrufen hörte – Ach! Mein armes, schwaches Herz!“
„Brandy?“, schlug Miss Lady besorgt vor.
Mrs. Ivy hob schwache, aber protestierende Augen: „Niemals! Der Todesengel darf mich niemals mit dem Geruch von Alkohol auf den Lippen finden. Könnten Sie nach etwas Nitroglyzerin schicken lassen?“
Als Mrs. Ivy wieder zu sich gekommen war, hatten Connie und Hattie sich der Gruppe im Flur angeschlossen, und letztere las mit ehrfürchtiger Stimme den Bericht über den Zusammenbruch der People's Bank vor. Das Alter und der Ruf des Instituts sowie die Prominenz von Basil Sequin als örtlicher Finanzier verliehen dem Thema ein schwerwiegendes Gewicht.
„Und zu denken, dass ich da hineingezogen werde!“, jammerte Mrs. Ivy. „Ich bin erst seit sechs Wochen Schatzmeisterin des W. A. Board und das war meine erste Investition! Sie sagten mir, ich solle nach eigenem Ermessen handeln, und ich habe mein Bestes gegeben! Erst letzten Donnerstag war ich bei Mr. Gilson, dem Makler, Sie wissen schon, wegen der Anlage des Geldes, das wir für den Bau des Gemeindehauses sammeln. Er sagte, ich käme genau zur rechten Zeit, da er gerade einige Aktien der People's Bank bekommen habe, ‚erstklassig‘, nannte er sie, und ich weiß noch genau, was ich zu ihm sagte, ich sagte: ‚Mr. Gilson, ich lasse mich einfach von der Vorsehung leiten, und sie hat mich zu Ihrer Tür geführt!‘ und ich habe sie gekauft!“, schluchzte Mrs. Ivy; „vierzig Aktien!“
„Ich nehme an, Vater hat schrecklich viel verloren“, sagte Hattie, die mit großen, ängstlichen Augen auf den Stufen saß.
„Und all die Sequins, und Don“, fügte Connie hinzu.
„Es steht hier, dass alle Aktionäre und die meisten Einleger mit hohen Verlusten rechnen müssen“, sagte Miss Lady, während sie die Zeitung überflog; „ich muss es dem Doktor sofort sagen.“
Sie eilte die Treppe hinauf und klopfte atemlos an seine Studierzimmertür. Erst beim zweiten Klopfen wurde ihr geheißen einzutreten.
Der Doktor saß an seinem Schreibtisch in einem langen, grauen Morgenrock, mit einer Decke über den Knien: um ihn herum waren mehrere Stühle mit geraden Rückenlehnen aufgereiht, auf denen Hunderte von Seiten eng beschriebenen Manuskripts ausgebreitet waren. An seinem Ellbogen auf einem Ständer stand ein riesiges Wörterbuch, aus dem er ein Paar vertiefte und geistesabwesende Augen hob.
„Doktor!“, platzte Miss Lady ungestüm heraus, „die Bank ist zusammengebrochen – die Zeitung sagt –“
„Wenn ich bitten darf!“, der Doktor hob eine bittende Hand; „sagen Sie es mir jetzt nicht. Die Nachricht läuft nicht weg und ich befinde mich in einem äußerst kritischen Stadium meiner Zusammenfassung. Die heutige Arbeit ist wichtig, sehr wichtig. Bitte schließen Sie die Tür.“
Miss Lady stand draußen im Flur und starrte auf die schlammfarbene Tapete. Ein heftiger Zorn stieg in ihr auf, nicht gegen den Doktor, sondern gegen diese vampirartige Arbeit, die alle Vitalität, alles Mitgefühl und alles Verständnis aus ihm heraussaugte. Sie war begierig darauf, seine Lasten zu tragen; sie war bereit, seine Kämpfe zu führen; aber es war schwer, sich allein gegen sich selbst auf seine Seite zu stellen. Sie wollte Liebe, Zuneigung und Verständnis, und sie wollte eine männliche Schulter zum Ausweinen, wenn der Weg zu beschwerlich wurde. Doch die schmale, gelehrte Schulter des Doktors bot kein Ruhekissen für ein lebensmüdes Haupt.
„Mis' Squeerington!“, rief Myrtella aus dem Untergeschoss. „Der Lebensmittellieferant hatte keine Roten Beten, und seine neuen Kartoffeln sind hart wie Stein, und wenn ich Sie wäre, würde ich zu Smithers gehen, nur um es ihm mal eine Weile heimzuzahlen. Und ich habe vergessen Ihnen zu sagen, dass dieser Mr. Wicker vor einer Stunde angerufen hat und sagt, der Fall sei verloren. Ich weiß nicht, was er meinte. Ich hoffe, er hat ihn nicht hier in der Gegend verloren. Als Nächstes höre ich noch, sie würden sagen, ich hätte ihn genommen!“
KAPITEL XXII
Es ist ein deprimierendes Lebensgesetz, dass Sorgen ausnahmslos in Rudeln jagen. Wäre es nur eine einzige kläffende kleine Plage, die einem an den Fersen klebt, könnte man sie mit einem Lachen verjagen; aber wenn eine gefräßige Meute deine Fährte aufnimmt, mit der grimmigen Entschlossenheit, dich zu Tode zu hetzen, ist das eine ganz andere Sache.
Donald Morley, der in einer gewissen dunklen Märznacht die Terrasse der Angora Heights auf und ab schritt, spürte den Atem des verfolgenden Rudels dicht hinter sich. Das Versäumnis, seinen Prozess zu gewinnen, war ein schwerer Schlag gewesen, nicht nur für seinen Stolz, sondern auch für seinen Glauben an seine Mitmenschen. Er war mit der sicheren Zuversicht eines Unschuldigen in den Prozess gegangen, der noch jung genug ist, um sich absolut auf die Gerechtigkeit des Gesetzes zu verlassen. Trotz der Fülle an belastenden Beweisen, die der Staatsanwalt vorlegte, und des rechthaberischen Egoismus von Mr. Gooch, der ihn bei Richter und Geschworenen unbeliebt machte, war Donalds Sieg fast sicher, als das Gerücht über den Zusammenbruch der People's Bank den Gerichtssaal flutete. In der sofortigen Welle des Misstrauens, die gegen Basil Sequin aufbrandete, war Donalds Sache verloren. Die Hälfte der Geschworenen war direkt oder indirekt verwickelt. Der Fall wurde kurzerhand erledigt und die kleinere Angelegenheit von der größeren verschlungen.
So gedemütigt und verärgert Donald auch über seine eigene Lage war, so besorgt war er auch wegen der Bank. Die Zeitungen waren voll von beunruhigenden Andeutungen; die Leute vermieden es, in seiner Gegenwart davon zu sprechen; Misstrauen und Verdacht lauerten an allen Ecken.
Donald hielt am Ende der Terrasse inne und blickte zu dem dunklen, massiven Mauerwerk über sich auf. In jedem höhnisch grinsenden Wasserspeier und jedem behauenen Gesims las er den Ruin irgendeines bescheidenen Zuhauses.
Beim ersten Anzeichen drohenden Unheils hatte Mrs. Sequin Margery genommen und war nach Europa geflohen, wobei sie Mr. Sequin mit dem Rücken zur Wand kämpfend zurückließ, um die Schwierigkeiten zu bewältigen, in die ihn ihre Extravaganz gestürzt hatte. „Ich habe keine Angst um Basil“, versicherte sie ihren Freunden beim Abschied. „Er wird die Dinge wieder in Ordnung bringen. Natürlich wird man über ihn reden, kluge Leute werden das immer, und die Direktoren waren ziemlich garstig. Aber er wird die Situation noch beherrschen, Sie werden sehen.“
Und Mrs. Sequins Zuversicht bestätigte sich. Basil Sequin beherrschte die Situation. Er war aus dem Ruin hervorgegangen, wobei seine Finanzen weniger in Mitleidenschaft gezogen waren als sein Ruf.
Jedes Mal, wenn Donald am Ende der langen Terrasse umkehrte, suchten seine Augen unwillkürlich nach einem Licht, das weit unten durch die kahlen Baumstämme schimmerte. Es war das Licht von Thornwood, das wieder einmal seine vertrauten Strahlen über die Cane Run Road und den sanften Hang des Billy-goat Hill warf. Er stützte seine Arme auf die Balustrade und blickte hinaus in die Nacht. Es lag eine Weichheit in der Luft, ein Geruch von umgepflügter Erde, ein leises Flüstern unter den frisch knospenden Baumwipfeln, das von Dingen kündete, die bald enthüllt werden würden.
Plötzlich gab es ein seltsames Flattern in der Luft über ihm, ein zitterndes, erwartungsvolles Beben. Als er aufblickte, sah er einen Vogelschwarm, der über ihm kreiste und kreiste, bereit zur Landung. Nacht für Nacht waren sie gereist, über Wälder und dunkle Flüsse hinweg, tapfer ihre schwachen Flügel gegen den Sturm schlagend, von einem Ziel angetrieben, schnurgerade durch die stille Luft – die Sehnsucht, ihre alten Reviere unter dem freundlichen Schutz des Hügels wiederzufinden und dort an dem Ort, den man Zuhause nennt, ihre Liebesbezeugungen zu erneuern.
Donalds Kehle zog sich scharf zusammen. Nie in jenen stürmischen Tagen in Japan, noch in jenen verzweifelten in Singapur hatte er sich Miss Lady so sehr gewünscht wie jetzt. Es war nicht ihre Jugend oder ihre Schönheit, an die er dachte; es war der feste, zuversichtliche Druck ihrer Hand, der unverzagte Mut ihrer Augen, ihre Worte: „Ich glaube an dich, Don, mit ganzem Herzen und ganzer Seele.“ Er war wie ein Verhungernder, der Brot braucht, auch wenn es einem anderen gehört. Ehe er es sich versah, stürmte er den Fußpfad hinunter zur Straße.
Connie würde sein Vorwand sein, obwohl er in letzter Zeit ziemliche Gewissensbisse wegen Connie hatte. Sie hatte einen Geschmack am Erkunden jenes verführerischen Landes der Koketterie entwickelt, in dem die Grenzlinien nie definiert wurden und Gefahren bekanntermaßen hinter den Grenzen lauerten. Als alter und erfahrener Abenteurer hatte er das Gefühl, sie bereits zu weit begleitet zu haben.
Als er Thornwoods großes kolonialzeitliches Tor erreichte, sah er jemanden aus einer Kutsche steigen.
„Hallo, Wick!“, sagte er. „Warte, ich mache es dir auf. Ich dachte, du würdest in der Stadt bleiben!“ Noah zog ein Paar unverkennbar neue, lohfarbene Handschuhe aus und öffnete das Tor selbst.
„Ich bleibe in der Stadt“, sagte er distanziert. „Gehst du da rein?“
„Ja, ich denke, ich schaue für eine Weile vorbei, es sei denn, du hast eine Verabredung?“
Noah hielt noch länger inne als gewöhnlich. „Nein“, sagte er schließlich gedehnt. „Das kann man nicht sagen. Willst du einsteigen?“
Donald konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er neben ihn stieg und die Pracht seiner Kleidung bemerkte.
„Du wirst in diesen Tagen schrecklich schick, alter Junge. Wer ist das Mädchen?“
„Du weißt, wer es ist.“
„Du meinst doch sicher nicht Connie Queerington! Also, Wick, du musst langsam machen und nicht mit diesem Mädchen spielen. Ehe du dich versiehst, wird sie sich in dich verlieben.“
Noah versteifte die Lippen. „Wenn du sie in Ruhe lassen würdest, könnte sie das vielleicht.“
„Was tue ich denn?“
„Dasselbe, was du immer getan hast. Mit einem Mädchen nur so lange ausgehen, bis man es für jeden anderen Kerl verdorben hat, und dann weggehen und alles darüber vergessen.“
Donald sah das wütende Gesicht neben sich erstaunt an.
„Was zum Donnerwetter meinst du damit, Wick?“
„Was ich sage. Ich nehme an, es ist noch nicht so lange her, dass wir beide einen anderen Fall vergessen haben.“
„Pass auf, Wick“, sagte Donald, während sein Zorn wuchs, „du solltest das lassen. Du weißt nicht, wovon du redest.“
„Ich weiß, dass du meine Chancen einmal verdorben hast und du wirst sie nicht noch einmal verderben. Du musst Miss Connie in Ruhe lassen. Du musst es mir versprechen –“
„Ich verspreche dir gar nichts.“
Sie hatten den Anbindeblock erreicht und Donald stieg aus der Kutsche und ging, ohne auf seinen Begleiter zu warten, den Weg zum Haus hinauf. Der Frieden des alten Ortes hüllte ihn ein wie die Falten eines warmen Kleidungsstücks. Er vergaß Noah und die verfolgenden Sorgen; er vergaß alles, außer dass Thornwood mit all seinen Erinnerungen und Traditionen für den Augenblick sein war, treuhänderisch verwahrt bis zu der Zeit, in der er es derjenigen zurückgeben konnte, die es am meisten liebte.
„Warum, das ist Cousin Don!“, rief Connie, die die Räder gehört hatte und gekommen war, um nachzusehen. „Ich war noch nie in meinem Leben so froh, jemanden zu sehen. Ich dachte, es wäre Mr. Wicker!“
„Kopf hoch! Er bindet gerade sein Pferd am Block fest.“
„Wie ermüdend! Ich dachte, wir hätten ihn gestern in der Stadt gelassen. Ich glaube nicht, dass du auch nur ein bisschen froh bist, uns als Nachbarn zu haben. Warum bist du gestern Abend nicht rübergekommen? Ich habe dich seit vier Tagen nicht gesehen!“
„Du hast nichts verpasst, Connie. Ich war am Ende.“
„Das ist jeder! Es ist zu dumm für Worte. Seit dem Prozess und dem Bankzusammenbruch konnte ich niemanden mehr zum Lächeln bringen! Ich hoffe, die Schildkröte wird nicht mürrisch sein.“
„Wer ist die Schildkröte?“
„Mr. Wicker. Hat nennt ihn so, weil er nie loslässt, bis es donnert. Kommst du nicht in den Salon?“
„Nein, ich überlasse Wick heute Abend das Feld. Ich möchte deinen Vater geschäftlich sprechen.“
„Das klingt interessant!“, sagte Connie keck. „Du hättest zuerst mit mir sprechen können!“
Der Doktor schickte sich gerade an, zu Bett zu gehen, als Donald das Wohnzimmer betrat, aber er legte seine Kerze beiseite und begrüßte ihn herzlich.
„Ein Phönix, der aus seiner Asche aufersteht!“, sagte er. „Ich freue mich zu sehen, dass Sie die Prüfungen der letzten zehn Tage überstanden haben. Es ist sehr freundlich von Ihnen, uns inmitten Ihrer Sorgen zu besuchen, um uns in unserem neuen Quartier willkommen zu heißen. Sie werden uns doch nicht verlassen, meine Liebe?“, dies an Miss Lady, die sich bei Donalds Eintritt erhoben hatte.
„Ich wollte Ihren Rindertee holen.“
„Oh, natürlich. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Donald, wie sehr ich die Entscheidung in Ihrem Fall bedauere. Wie konnte das passieren?“
Donald, dessen hungrige Augen jedes vertraute Detail des heimeligen, feuerbeleuchteten Zimmers verschlangen, zuckte mit den Schultern. „Elf Geschworene waren für Freispruch, so hat man mir gesagt, und der zwölfte, ein Kerl namens Jock Hibben, hat sie bequatscht.“
„Jock Hibben? Ich kenne den Mann. Ein radikaler Sozialist, der uns an der Universität schon einige Schwierigkeiten bereitet hat. Ein ziemlicher Redner, glaube ich, aber ein Fanatiker. Sie haben einen Antrag auf ein neues Verfahren gestellt?“
„Er wurde abgelehnt.“
„Tatsächlich! Und Sie legen natürlich Berufung ein?“
„Ja.“
„Das Urteil muss aufgehoben werden“, versicherte ihm der Doktor, „und der zweite Prozess wird zu Ihren Gunsten ausgehen. Ich habe nie am endgültigen Ergebnis gezweifelt. Was ist das für ein kratzendes Geräusch?“
Miss Lady, die gerade eintrat, hielt inne, um zuzuhören, dann stellte sie plötzlich die Tasse, die sie trug, auf den Tisch und riss die Tür auf.
Ein langer, zotteliger, struppiger Hund mit kleinen, traurigen Augen und einem Stummelschwanz stürzte sich auf sie und begann überschwänglich, ihre Hände zu lecken.
„Es ist Mike“, rief sie freudig, setzte sich auf den Boden und nahm ihren schlammigen Besucher in die Arme. „Ich wusste, er würde herausfinden, dass wir zu Hause sind. Oh! Du gesegneter, gesegneter Hund!“
Mike, unfähig, seine Verzückung zu zügeln, machte eine wilde Tour durch den Raum und stieß den Stapel Manuskript um, den der Doktor ordentlich auf einem Ständer neben sich arrangiert hatte. Bei seiner zweiten Runde entdeckte er den Besucher, an dem er mit wachsender Aufregung schnupperte.
Donald hob einen Zeigefinger und klopfte auf sein Knie. Im Nu erinnerte sich Mike. Er hob die Vorderpfoten, ließ den Kopf darauf sinken und antwortete auf den Aufruf zum Gebet.
Zwei Paar Augen trafen sich unwillkürlich, und die Besitzer lächelten.
„Bringen Sie ihn bitte raus, meine Liebe“, drängte der Doktor, der sich gebückt hatte, um die verstreuten Blätter seines Manuskripts aufzuheben. „Dies ist der letzte Band meiner Reihe, Donald. Sie erinnern sich, ich sammelte Daten dafür, als Sie an der Universität waren. Ich hatte gehofft, ihn diesen Frühling zu veröffentlichen, aber das muss nun verschoben werden.“
Donald verzog das Gesicht. „Wegen des Bankzusammenbruchs, nehme ich an?“
„Nun ja. Basil rät zur Zeit zu einer Einschränkung aller Ausgaben. Wie dem auch sei, es ist vielleicht genauso gut, im Herbst zu veröffentlichen. Das gibt mir drei Monate mehr für die Überarbeitung.“
„Ich hoffe, Sie waren nicht ernsthaft betroffen, Doktor?“
„Nein, nein, ich denke nicht“, sagte der Doktor vage, während er eine Korrektur am Rand eines der Blätter vornahm. „Basil und ich waren so beschäftigt, dass wir kaum Gelegenheit hatten, die Angelegenheit zu besprechen. Er sagte, ich könnte möglicherweise etwas verlieren, aber dass er meine Interessen schützen würde. Ich hoffe, Sie gehören nicht zu den Verlierern?“
„Nein“, sagte Donald kurz, „ich habe nichts verloren.“ Dann, nach einer Pause, in der er auf den Boden starrte, sah er auf. „Doktor, ich möchte Sie um etwas bitten. Ihre Maßstäbe für Richtig und Falsch scheinen mir etwas sicherer als die der meisten Leute. Ich stecke in Schwierigkeiten und brauche Ihren Rat.“
Er sah den Doktor an, während er sprach, aber er war sich der schlanken Gestalt, die mit dem Rücken zu ihnen vor dem offenen Kamin stand, schmerzlich bewusst.
„Sehen Sie“, sagte er und stürzte sich in sein Thema, „eine Woche bevor die Bank zusammenbrach, fand ich heraus, dass ich eine Menge Bargeld brauchen könnte, bevor ich mit dem Prozess durch bin. Also habe ich alle meine Aktien der People's Bank verkauft.“
„Das war ein Glücksfall.“
„Aber, Doktor! Verstehen Sie denn nicht? Zum Zeitpunkt, als ich die Aktien verkaufte, waren sie nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren!“
„Aber Sie waren sich dessen nicht bewusst.“
„Natürlich; aber ändert das die Tatsache, dass ich Geld für Aktien genommen habe, die wertlos waren?“
Der Doktor rieb sich nachdenklich die Hände. Diesmal war er nicht bereit, eine sofortige Antwort auf eine Frage zu moralischen Aspekten zu geben.
„Auf Anhieb würde ich Ihnen raten, das Geld zurückzuerstatten, aber ich weiß nicht, ob ein solcher Rat klug ist. Tatsache ist, weder Sie noch ich sind ausreichend in Finanzangelegenheiten bewandert, um zu wissen, was in solchen Fällen üblich ist. Was rät Ihnen Ihr Schwager?“
„Ich habe kein Gespräch mit ihm geführt, seit die Bank zusammengebrochen ist. Er bleibt fast jeden Abend in der Stadt, und Sie können sich vorstellen, wie seine Tage aussehen.“
„Nun, ich würde ihm die Angelegenheit vorlegen, meine Skrupel erklären und dann fraglos seinem Rat folgen. Es war mein Grundsatz im Leben, wenn mein eigenes Urteil nicht ausreichte, die höchste verfügbare Autorität zu diesem Thema zu konsultieren und mich daran zu halten. Basil Sequin ist trotz dieses unglücklichen Zusammenbruchs zweifellos unser fähigster Finanzier. Ich kann Ihnen nur raten, es so zu tun, wie ich es getan habe; überlassen Sie alles vollständig ihm.“
„Das würde ich nicht!“, rief Miss Lady und wirbelte mit einer Rückkehr ihrer alten, kindlich-ungestümen Art herum; „ich würde es niemandem überlassen. Ich würde die Aktien zurückkaufen, jede einzelne. Ich würde kein Geld behalten, für das ich nichts gegeben habe! Sie sollten Miss Ferney Foster sehen! Sie hat erst letzte Woche Bankaktien gekauft; hat alles Geld gegeben, das sie in zehn Jahren mit ihren Essiggurken verdient hat, und als sie herausfand, dass die Bank zusammengebrochen ist, hat sie den Verstand verloren. Ich war heute dort und sie hat mich nicht erkannt.“
„Wer hat ihr die Aktien verkauft?“
„Ein Makler namens Gilson.“
„Es waren meine Aktien“, rief Donald. „Natürlich muss sie entschädigt werden! Und all die anderen auch. Ich werde jede Aktie zurückkaufen, wenn es meinen letzten Dollar kostet!“
„Wird es alles kosten, was Sie haben?“ Miss Lady musterte sein Gesicht besorgt.
„Ja, und mehr. Ich habe einen Teil des Geldes angelegt, bevor ich wusste, dass die Bank in Schwierigkeiten steckte; dann gibt es noch das Gesetz zur doppelten Haftung. Es wäre nicht so schlimm, wenn der Prozess nicht wäre.“
„Ihre Schwester wird natürlich bereit sein, Ihnen zu helfen. Oder hat sie auch verloren?“
„Nein“, sagte Donald, während seine Lippen sich fest zusammenpressten, „sie hat nicht verloren. Sie hat seit einem Jahr keine Aktien mehr bei der Bank. Aber ich werde sie nicht in Anspruch nehmen.“
„Weil sie sich so heftig gegen Ihren Kurs gestellt hat? Oh, ich verstehe. Ein Ehrenpunkt, bei dem ich Ihnen vollkommen zustimme. Aber Sie werden nicht untergehen, Donald. Dafür werden wir sorgen. Ich bin kein reicher Mann, wie Sie wissen. Es gab Zeiten in letzter Zeit, in denen die Zukunft sehr düster aussah. Aber diese kleine Dame hat uns in ruhigere Gewässer gelenkt. Sollten Sie im Laufe der nächsten Monate eine angemessene Summe benötigen, freue ich mich sagen zu können, dass wir in der Lage sein werden, Sie zu unterstützen.“
Donald drückte seine Hand. „Ich werde Sie nicht in Anspruch nehmen, Doktor. Aber sobald ich diesen verfluchten Prozess hinter mir habe, werde ich versuchen, Ihren Glauben an mich zu rechtfertigen.“
Die hohe Uhr im Flur gab ein vorbereitendes Keuchen von sich, dann schluckaufte sie neunmal heftig. Der Doktor ordnete sorgfältig seine umfangreichen Papiere in einer schäbigen, braunen Mappe und stand mit Mühe auf.
„Entschuldigen Sie mich jetzt, wenn ich Ihnen eine gute Nacht wünsche? Mein Arzt ist ziemlich willkürlich geworden, was die Regelung meiner Stunden angeht. Bewahren Sie sich Ihren Mut, mein Junge; jenen Mut, der ‚es verschmäht, sich vor gemeinen Mitteln für einen schmutzigen Zweck zu beugen‘. Ich bewundere den Weg, den Sie eingeschlagen haben, ich bewundere Sie. Gute Nacht euch beiden.“
Sie sahen ihm nach, mit seiner hohen, gebeugten Gestalt und seinen feinen, ernsten Augen, die das Leben nur durch das lähmende Medium der Bücher sahen. Dann sahen sie einander an.
„Ich rufe Connie“, sagte Miss Lady und ging zur Tür.
„Nur einen Moment, bitte.“
Sie kam widerwillig zurück und stand mit den Händen auf der Lehne eines Stuhls gefaltet, wobei sie schnell atmete.
„Erinnerst du dich“, fragte Donald, der vor ihr stand und mit leiser, angespannter Stimme sprach, „an das letzte Mal, als wir in diesem Zimmer standen, und an die Versprechen, die ich dir gab? Nun, ich habe sie gehalten. Ich habe gekämpft wie der Teufel – du weißt nicht, was das bedeutet, du kannst es nicht wissen. Aber ich habe sie gehalten. Jetzt möchte ich dir sagen, dass ich ausbrechen muss. Du hast recht mit dem Geld aus den Bankaktien. Es gehört mir nicht. Ich werde es morgen zurückzahlen. Aber irgendwoher muss mehr Geld kommen, um den Prozess weiterzuführen. Es gibt nur eine Chance, an die ich denken kann. Ich muss Lickety Split für das Derby anmelden.“
„Nein, musst du nicht! Es gibt andere Wege. Du musst dir Arbeit suchen.“
„Arbeit!“ brach er wild aus. „Habe ich nicht versucht, eine Stellung zu bekommen, seit ich nach Hause kam? Wer will sich schon mit mir einlassen, bis dieser verfluchte Fall entschieden ist? Ich habe versucht zu schreiben, aber meine Sachen kommen schneller zurück, als ich sie verschicken kann. Zu was bin ich gut? Eine Partie Billard, sechzig Meilen in der Stunde in einem Automobil, ein Scherz mit jedem Müßiggänger, der gerade im Club ist. Pah! Ich habe es satt, dass die Leute mich von oben herab behandeln, weil ich nicht im Geschäft bin, weil ich in meinem ganzen Leben noch keinen Pfennig verdient habe, außer beim Glücksspiel!“
„Aber das liegt alles hinter dir, Don! Du hast den Rest deines Lebens, um anders zu leben. Wenn der Fall entschieden ist –“
„Ja, und angenommen, er geht gegen mich aus? Das tat er schon einmal, es kann wieder geschehen. Sprich mir nicht von Gerechtigkeit und Wahrheit! Ich habe sie nicht finden können. Ich habe genug von diesem herrlichen Ding namens Leben; ich bin bereit, Schluss zu machen.“
„Du kannst nicht aufgeben, Don!“ Sie sagte es sanft, während das Kaminfeuer ihr eifriges, besorgtes Gesicht rötete. „Glaubst du nicht, dass wir alle manchmal aufgeben wollen? Wir müssen einfach wieder neu unseren Mut zusammennehmen und uns durchkämpfen. Ich selbst bin heute Abend in Schwierigkeiten, Don. Willst du mir helfen?“
Seine Augen schnellten zu ihren, während er halb auf dem Stuhl vor ihr kniete.
„Ich habe Thornwood verkauft“, fuhr sie fort, und ihre Lippen bebten. „Ich kann kaum darüber sprechen, selbst jetzt noch. Ich fühle mich wie ein Verräter an Daddy, an all die Carseys, die jemals hier gelebt haben, an mich selbst! Du weißt, was der Ort für mich bedeutet. Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich jemals jemand anderen hier leben sähe! Ich weiß nicht, wer es gekauft hat, ich will es nicht wissen. Ich weiß nur, dass ich jede Stunde, seit ich das Papier unterschrieben habe, vollkommen elend war, bis gerade eben, als der Doktor anbot, dir das Geld zu leihen. Oh! Don, wenn ich dächte, dass der Verkauf von Thornwood bedeutet, dass wir helfen könnten, deinen Namen reinzuwaschen, gäbe es keinen Augenblick des Bedauerns mehr! Du lässt uns dir helfen?“
Er hob die Hand, als wolle er einen Schlag abwehren: „Lass das“, sagte er schroff. „Ich kann deine Hilfe nicht annehmen. Ich kann nicht einmal deine Freundschaft annehmen, oder die des Doktors. Siehst du denn nicht, dass ich durch die Hölle gehe? Weißt du denn nicht, dass ich dich liebe?“
Die Farbe wich aus ihrem Gesicht, und ihre Augen schwankten einen Moment, dann festigten sie sich.
„Das darfst du nie wieder sagen, Don! Du musst versuchen, nicht daran zu denken. Ich werde dir verzeihen, weil ich möchte, dass du mir für etwas verzeihst. Weißt du noch, der Brief, den du mir aus San Francisco geschickt hast? Ich habe ihn ungeöffnet verbrannt, genau dort, wo du jetzt stehst. Es war feige, auch wenn ich dachte, du wärst im Unrecht. Wenn ich die Wahrheit gewusst hätte, hätte ich all die Monate nie geschwiegen. Ich habe dir großes Unrecht getan, Don; kannst du mir verzeihen?“
Er studierte ihr Gesicht, als wollte er mit bloßer Intensität diese leuchtenden Augen erforschen, die alles und nichts sagten. Schließlich sank sein Kopf.
„Ich war ein Narr, jemals zu glauben, dass ich dir etwas bedeutete“, sagte er gebrochen; „Ich wusste, dass ich nicht gut genug für dich war. Ich wusste es von Anfang an, aber ich habe es versucht. Soll ich deinetwegen weiter versuchen?“
„Nein, Don, nicht meinetwegen. Deinetwegen und wegen des Mädchens, das du eines Tages zu deiner Frau machen wirst. Aber ich möchte, dass du dich daran erinnerst, dass ich mich für alles verantwortlich fühlen werde, was dir zustößt. Wenn du den Kampf aufgibst und in das alte Leben zurückkehrst, werde ich wissen, dass es daran lag, dass ich dich enttäuscht habe; wenn du Erfolg hast, wie ich glaube, dass du ihn haben wirst, werde ich immer glücklich sein, zu wissen, dass ich einen kleinen Teil dazu beigetragen habe. Sollen wir uns gute Nacht sagen?“
Er nahm die Hand, die sie ihm anbot, und es folgte eine jener Stille, an die man sich, sobald sie einmal zwischen einem Mann und einer Frau geherrscht hat, über alle gesprochenen Worte hinaus erinnert, eine Stille, in der alle Barrieren fallen und Seele zu Seele spricht. Es war wie eine große Harmonie, die vor all den schönen, unausgesprochenen Dingen zitterte.
Er ließ sie im Schein des Kaminfeuers stehen, ihre Augen leuchteten seltsam in ihrem ansonsten ausdruckslosen Gesicht. Er schloss die Tür entschlossen vor der Helligkeit und Wärme des heimeligen, fröhlichen Zimmers und begab sich auf den Weg zur Straße, wobei er seine Schritte elend in Richtung der leeren Pracht des großen Hauses lenkte, dessen Türme und Giebel das Himmelsbild auf der Spitze des Hügels durchbrachen.
KAPITEL XXIII
In zwei der trostlosesten und schmutzigsten kleinen Räume in der schmutzigsten und trostlosesten aller kleinen Straßen, die sich lose vom Hof des Gerichtsgebäudes abzweigen, hatte Mr. Gooch sein Büro. Es war ein kleiner, dunkler Ort, der an nichts mehr erinnerte als an einen überquellenden Papierkorb. Papiere übersäten den Tisch und quollen aus jedem Fach des alten Sekretärs hervor; Stapel von Papieren lagen entlang der Bücherregale und beulten fette Umschläge auf dem Kaminsims aus. Über allem und darunter lag der ungestörte Staub von Monaten.
In der Ecke, die durch die Nähe der angrenzenden Gefängnismauer in ewiges Dämmerlicht getaucht war, saß Noah Wicker auf seinem hohen Schemel und förderte mit Hilfe eines einsam schwingenden Lichts Brocken juristischer Gelehrsamkeit aus den Wissensminen um ihn herum zutage. Für jemanden, der Noah seit seinen ersten Tagen als Anwaltsgehilfe nicht mehr gesehen hatte, bot er einen ungewohnten Anblick. Seine Füße, die noch immer unbeholfen unter der Sprosse des Schemels eingehakt waren, steckten in Lackschuhen eines Stils, der so ausgeprägt war, dass er leicht nach innen gedreht war. Seine Kleidung war vom feinsten Schnitt, und seine Strümpfe spiegelten den Farbton seiner Krawatte wider.
Nur sein Haar erinnerte noch an den jungen Landburschen, der vor kurzer Zeit mit gekaufter Kleidung und knarrenden Stiefeln die juristische Fakultät verlassen hatte. Eine Stirnlocke, die viele Jahre lang beharrlich dazu angehalten wurde, aufrecht zu stehen, ist nicht geneigt, sich bei der ersten Laune ihres Besitzers flachzulegen. Sie hat ein Alter der Unabhängigkeit erreicht und neigt dazu, auf ihren Rechten zu bestehen.
An einem Frühlingstag, als Noah allein im Büro war, nahm er verstohlen einen kleinen Gegenstand aus seinem Schreibtisch, den er in der Handfläche seiner breiten Hand hielt und genau studierte. Wenn die Strahlen des schwingenden elektrischen Lichts darauf trafen, sandte er tanzende Lichtpunkte an die schmutzige Decke. Denn Noah wurde wegen seiner Tolle besorgt und konnte nicht umhin, sie in häufigen Abständen zu untersuchen. Jedes Mittel war versucht worden, von Chirurgie bis Seife, doch die stopplige blonde Locke trotzte ihm. Sie schien die letzte Barriere zu sein, die sich zwischen ihn und das kosmopolitische Leben stellte.
Ein leichter Schritt auf der Treppe ließ den Spiegel im Schreibtisch verschwinden und brachte einen Ausdruck höchster Konzentration auf seine ausladende Stirn.
„Ist Mr. Gooch hier?“ fragte Connie Queerington und schob einen mit Federn geschmückten Hut in sein Sichtfeld.
Noah löste sich von seinem Schemel und trat eifrig vor, hielt aber inne, als er feststellte, dass sie nicht allein war.
„Komm nur rein, Gerald“, sagte sie gastfreundlich. „Du kennst Mr. Wicker, nicht wahr? Jedenfalls kennt er dich. Ich habe ihm haufenweise von dir erzählt, nicht wahr, Mr. Wicker?“
Noah verneigte sich ernst und zog sich, nachdem er Stühle herbeigeholt hatte, in einem Zustand äußerer Ruhe und inneren Zorns an seinen Schreibtisch zurück.
Gerald Ivy entstaubte den Stuhl zierlich mit seinem Taschentuch und setzte sich, wobei er einen seidenbestrumpften Knöchel über das Knie legte, um nicht mehr von seiner Kleidung als nötig dem Schmutz von Mr. Goochs Domizil auszusetzen.
„Was für ein Ärgernis, dass er nicht hier ist!“ sagte Connie. „Ich könnte die Nachricht für Vater hinterlassen, aber ich habe Hat ausrichten lassen, mich hier zu treffen. Wann musst du gehen, Gerald?“
„Vier Uhr“, sagte Gerald und warf einen Blick auf die Uhr, „es ist jetzt erst halb vier.“
„Die Uhr geht nach“, kündigte Noah unerwartet aus seiner Ecke an.
Gerald zog gemächlich seine Handschuhe aus. „Was machen dreißig Minuten schon aus, wenn ich sie mit dir verbringen kann? Ich wollte gerade Mutter am Gefängnis treffen, wo sie Rosenknospen an reumütige Busen gesteckt hat. Komm, erzähl mir alles von dir!“ Er beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien und die Hände gefaltet, senkte die Stimme zu einem vertraulichen Ton und ließ das ganze Arsenal seiner Blicke auf sie wirken.
„Warum sollte ich?“ fragte Connie neckisch. „Du hast dich nicht mehr bei mir blicken lassen, seit ich auf dem Land war.“
„Was hätte das genützt? Du kannst von mir nicht erwarten, dass ich mit einem Helden konkurriere, der so eine große Show abzieht wie Morley. Er stellt sich für eine Tat, die er angeblich nicht begangen hat, refundiert Geld, wenn er es nicht muss, und geht als kleiner Reporter arbeiten, obwohl er sein Leben lang wie ein Lord gelebt hat! Ich verstehe nicht, wie die Theatermanager ihn übersehen konnten! Er ist genau der Stoff, aus dem die Idole der Matinee gemacht sind. Er hat den halben Mädchen der Stadt den Kopf verdreht!“
„Meinen hat er ganz sicher verdreht“, sagte Connie selbstgefällig. „Ich bin verrückt nach ihm. Und er macht all diese Dinge nicht für den Effekt. Er ist nicht so einer. Nicht wahr, Mr. Wicker?“
Noah, der so plötzlich angesprochen wurde, sah sich gezwungen, wahrheitsgemäß zu antworten, dass er es nicht sei. Doch er tat es mit einem protestierenden Ruck des Ellbogens, der eine Tintenflasche zu Boden schleudern ließ.
Gerald nutzte das Missgeschick, um Connie ans Fenster zu locken.
„Es ist scheußlich einsam ohne dich“, flüsterte er. „Wann kommst du nach Hause?“
„Der Himmel weiß es!“ sagte Connie und legte ihre Hände hinter sich, um sie sicher zu verwahren. „Jetzt, da jemand anderes das Haus in der College Street gemietet hat und Miss Lady Thornwood verkauft hat, weiß ich nicht, was aus uns werden soll.“
„Vermisst du mich nicht ein kleines bisschen?“ fragte Gerald und spielte mit der silbernen Börse an ihrem Handgelenk.
„Natürlich tue ich das, du Dummkopf. Sitzt mein Hut richtig? Ich wünschte, ich hätte einen Spiegel.“
Noah, der auf dem Boden kniete und die Tinte aufwischte, griff zum Schreibtisch und hielt dann inne.
„Ich werde dein Spiegel sein!“ sagte Gerald und bot seine Augen auf eine Weise an, die nur eine sehr kurzsichtige Person hätte ausnutzen können.
„Die Uhr am Rathaus schlägt vier“, sagte Noah grimmig.
Doch Noahs Wunsch, Connie für sich allein zu haben, sollte nicht erfüllt werden. Kaum war Gerald gegangen, traf Hattie ein, sehr schlank und kantig, und trug einen ungeheuren Stapel Schulbücher.
„Was hatte es für einen Sinn, dass ich dich hier treffe?“ verlangte sie von Connie zu wissen, ohne Zeit mit Höflichkeiten zu verschwenden. „Du hast mich den Zug um vier Uhr zwei verpassen lassen und mich vom Weg abgebracht. Was wolltest du von mir?“
„Ich wollte dein Kilometerheft benutzen, Liebes“, sagte Connie süßlich. „Wie lange, glauben Sie, dauert es wohl, Mr. Wicker, bis Mr. Gooch kommt?“
„Jeden Augenblick“, sagte Noah und strich sich das Haar mit einem tintigen Finger glatt. „Ich – ich glaube, die Uhr geht ein wenig vor.“ Dann, als Connie lachte, riss er den Deckel seines Schreibtisches auf und verschwand dahinter.
„Stickiger alter Ort!“ sagte Connie und wanderte im Zimmer umher. „Wenn Mr. Gooch nicht so knauserig wäre, hätte er es reinigen lassen.“
„Ich würde einen Mann nicht knauserig nennen, der der juristischen Fakultät eine Bibliothek geschenkt hat“, wandte Hattie ein.
„Ja, und den Rest seines Lebens hat er damit verbracht, jeden Pfennig zu sparen, um sich selbst dafür zurückzuzahlen. Er hat zehn Jahre lang zweiundfünfzig Abendessen im Jahr bei uns gegessen, das sind fünfhundertzwanzig Abendessen, und er hat uns nicht einmal zu einem Schokoladeneis eingeladen!“
„Ich finde es nicht knauserig, sparsam zu sein“, sagte Hattie mit ihrer überlegensten Miene.
Noah, der zur offenen Tür blickte, begann plötzlich seltsame Gesten zu machen und flehte heftig um Stille, aber die Mädchen waren in eine alte Diskussion vertieft und sahen ihn nicht.
„Außerdem“, sagte Connie schlussfolgernd, „schummelt er beim Kartenspielen; du weißt, dass er es tut.“
„Nur bei Solitär. Ich sehe keinen Grund, warum er sich selbst nicht betrügen sollte, wenn er will. Er ist in Ordnung, auch wenn er wunderlich ist, und ich finde, du solltest dich schämen, so über ihn zu reden, wie du es tust!“
„Guten Tag, Harriet“, sagte Mr. Gooch trocken, als er aus dem äußeren Raum eintrat, ohne Connie eines Blickes zu würdigen. „Eine Nachricht von deinem Vater?“
Connie schob den Zettel in Hatties Hand und suchte Zuflucht bei Noah hinter der Schreibtischplatte.
„Hat er es gehört?“ flüsterte sie hysterisch. Dann, ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte sie sich auf einen Gegenstand auf dem Schreibtisch. „Ist das ein Spiegel?“
Noah holte ihn beschämt hervor.
„Halte ihn für mich“, befahl sie. „Nicht so weit weg. So!“
Dort hinter dem Schreibtisch zu stehen und seinen kleinen Spiegel zu halten, damit sie sich die Nase pudern konnte, erschien Noah als die Apotheose der Romantik.
„Zu viel?“ fragte sie und neigte ihr Gesicht zur Inspektion. „Und sitzt mein Hut richtig? Ich möchte bestmöglich aussehen, denn du weißt, vielleicht treffe ich Donald Morley auf den Stufen.“
Sie war offensichtlich nicht enttäuscht, denn Noah, der am Fenster stand und darauf wartete, das letzte Flattern ihrer Feder zu erhaschen, als sie die Straße hinaufging, musste fünf quälende Minuten warten, an deren Ende Don ihn von der Tür aus ansprach.
„Hallo, Wick. Ist Mr. Gooch hier?“
„Er war vor einer Minute da.“
„Kommt er wieder?“
„Das weiß ich sicher nicht.“
Noah gab die Antworten in einem Ton, der jede weitere Unterhaltung entmutigte, und Donald zuckte nach einem scharfen Blick auf ihn mit den Schultern und griff nach einem Buch. Er musste nicht lange warten, bis Mr. Gooch zurückkehrte.
„Ich habe die ganze Stadt nach Ihnen abtelefoniert“, sagte der Anwalt gereizt. „Stimmt dieses Gerücht, dass Sie Ihre Bankaktien zurückgekauft haben?“
„Es stimmt. Es war das einzig Ehrliche, das ich tun konnte.“
„Ganz und gar nicht“, beschwerte sich Mr. Gooch, der sich augenblicklich leidenschaftlich an die gegenteilige Meinung klammerte, sobald er die des anderen erfahren hatte. „Es war ein äußerst quichotesker, ein äußerst leichtsinniger Weg. Ich nehme an, Sie wissen von der doppelten Haftung?“
„Ja, das weiß ich“, schleuderte Donald ungeduldig zurück.
„Sie sind außerordentlich glücklich, Mr. Morley, dass Sie sich diesen großmütigen Launen hingeben können. Ihre Ressourcen, so nehme ich an...“
„Meine Ressourcen bestehen aus einem Stück Grundbesitz und ein paar Rennpferden. Das ist so ziemlich alles, was übrig ist.“
„Der Grundbesitz?“ Mr. Gooch sah ermutigt aus. „Stadteigentum?“
„Nein, es ist eine Farm.“
„Wo?“
„An der Cane Run Road.“
Noah tauchte zum ersten Mal während des Gesprächs mit dem Kopf über dem Schreibtisch auf und sah überrascht aus, als hätte er eine Entdeckung gemacht.
„Angrenzend an das Eigentum Ihrer Schwester, nehme ich an?“ fuhr Mr. Gooch fort. „Das ist gut, sehr gut. Das sollte dazu führen –?“
„Es steht nicht zum Verkauf“, sagte Donald kurz angebunden.
Mr. Gooch, der an den Rand seines Panzers hervorgekommen war, zog sich sofort wieder hinein.
„Sehen Sie, Mr. Gooch“, sagte Donald, beugte sich vor und sprach eindringlich, „als Sie diesen Fall übernahmen, hatte ich keine Notwendigkeit, an die finanzielle Seite zu denken. Ich wollte die Angelegenheit in Ordnung bringen und es war mir verdammt egal, was es kosten würde. Seitdem haben sich die Dinge geändert. Ich denke, es ist nur fair, Ihnen zu sagen, dass, nachdem ich meine Pferde verkauft und die Dinge geregelt habe, nicht mehr als tausend Dollar übrig sein werden. Wird das Ihr Honorar decken?“
Mr. Gooch war sichtlich beleidigt. „Es ist nicht meine Gewohnheit, mein Herr, eine Summe im Voraus zu nennen. Es steckt eine Menge Arbeit in diesem Fall, von sehr ärgerlicher Natur. Wir könnten versuchen, unter dem vereinbarten Betrag zu bleiben, und im Notfall könnten Sie natürlich den Grundbesitz verkaufen.“
„Nein“, sagte Donald, „ich werde ihn nicht verkaufen. Und ich muss heute wissen, wie Ihre Bedingungen sein werden. Ich habe Arbeit beim Herald-Post als temporärer Korrespondent im Kapitol. Ich gehe morgen dorthin und werde wahrscheinlich bleiben, bis mein Fall aufgerufen wird. Ich möchte Ihre endgültige Antwort sofort haben.“
„Nun, ich wollte den Fall ursprünglich nicht“, sagte Mr. Gooch. „Es ist die Art von Sache, für die ich mich nicht interessiere. Ich könnte ihn vielleicht für tausend Dollar zu Ende bringen, aber ich weiß nicht, ob ich mich festlegen möchte.“
„Sehr wohl“, sagte Donald und erhob sich schwungvoll. „Das bedeutet, dass ich mir einen anderen Anwalt suchen muss.“
„Sie machen einen Fehler“, sagte Mr. Gooch, verdrehte seine kleinen Gesichtszüge zu einem harten Knoten und beobachtete Donald genau. „Es ist ein großes Risiko, mitten in einem Fall den Anwalt zu wechseln. Es steht viel auf dem Spiel. Sie sollten in einer kritischen Zeit wie dieser nicht bei einer Geldfrage zurückschrecken.“
„Gott im Himmel, Mann! Ich schrecke nicht wegen einer Geldfrage zurück! Ich würde alles einsetzen, was ich habe, wenn es eine Million wäre. Glauben Sie, ich hätte einen Job in Frankfort für zehn Dollar die Woche angenommen, wenn ich Geld gehabt hätte?“
„Aber Sie halten immer noch Eigentum!“
„Das tue ich, Mr. Gooch, und aus Gründen, die Sie niemals verstehen könnten, werde ich es weiterhin halten. Guten Tag.“
„Warten Sie einen Moment!“ Noah Wicker entfaltete sich in Abschnitten und kam auf die Beine.
„Angenommen, Sie lassen mich Ihren Fall übernehmen.“
Donald und Mr. Gooch sahen ihn mit gleicher Verblüffung an.
„Ich habe nicht viel Erfahrung“, fuhr Noah langsam und grimmig fort. „Ich wusste nicht einmal, dass ein seriöser Anwalt einen Fall mitten drin fallen lassen kann, wenn ein Mandant sein Geld verliert. Ich muss noch viel lernen. Aber ich kenne diesen Fall von vorne bis hinten, und ich kenne Sie, Don Morley. Wenn ich Sie nicht mit oder ohne Geld reinwaschen kann, sollte ich die Anwaltspraxis hier und jetzt aufgeben. Glauben Sie, dass Sie bereit wären, mir zu vertrauen?“
Donald zögerte einen Moment, blickte von Noahs ehrlichem, schlichtem Gesicht zu Mr. Goochs spöttischem, dann traf er eine Entscheidung.
„Es gilt, Wick! Und das Honorar –“
Noah streckte eine Hand aus, deren Breite bereits kommentiert wurde.
„Das Honorar sei verdammt“, sagte er gedehnt.
KAPITEL XXIV
Donald Morley packte seine wenigen Habseligkeiten und machte sich mit einer Entschlossenheit, die einer größeren Sache würdig gewesen wäre, auf seine kleine Mission für den Herald-Post. Die Vergütung war geringer, als er seinem Stallburschen zu zahlen gewohnt war, aber das Scheitern bei der Suche nach einer Stellung, zusammen mit einem geschrumpften Bankkonto, hatte seinen Geist geläutert, und er war bereit, nach allem zu greifen, was ihm eine Chance gäbe, den Glauben seiner Freunde zu rechtfertigen.
Als er zum ersten Mal in der verschlafenen kleinen Stadt ankam, in der der Staat seine Geschäfte abwickelte, nahm er zwei Zimmer im Hotel. Später zog er in eine Pension, und nach Ende der dritten Woche war er in einem kleinen, kahlen Zimmer in einem Bürogebäude, aß sein Frühstück am Bahnhof, sein Mittagessen in einem Restaurant und sein Abendessen im Hotel. Denn in seiner Entschlossenheit, sich mit der Welt zu versöhnen, hatte er es geschafft, fast alles zu veräußern, was er besaß, bis auf tausend Dollar, die er heimlich auf Noahs Konto eingezahlt hatte.
Anfangs war Armut eine etwas ablenkende Neuheit; sie diente dazu, seine Gedanken von jenen verfolgenden Schrecken fernzuhalten, die seinen Horizont erfüllt hatten. Zum ersten Mal im Leben sparte er für einen Zweck. Aber die üblichen Ausgaben eines Tages auf eine Woche auszudehnen, erfordert Voraussicht und Urteilsvermögen, Eigenschaften, die Donald beide nicht besaß. Er hatte darauf gezählt, die kleine Summe, die er vom Herald-Post erhielt, durch das Schreiben von Feature-Artikeln für andere Zeitungen aufzubessern, doch seine Bemühungen waren mit wenig Erfolg gekrönt. Vergeblich ordnete er seine Artikel nach dem exakten Plan, den Cropsie Decker festgelegt hatte. Er schnitt, klebte und pinnte, schlug Statistiken nach, überprüfte Fakten und jätete rücksichtslos jede kleine umherschweifende Fantasie aus, die es wagte, in die feierliche Gesellschaft der Fakten einzudringen. Doch seine Bemühungen hatten, wenn sie fertig waren, zum gleichen Verhältnis zu Cropsies wie ein Haufen Ziegelsteine zu einem Haus.
Nur einmal hatte er Cropsie und seine Schreibbrett-Literatur beiseitegelegt und seinem eigenen Impuls gefolgt. Das war nach seinem ersten Besuch bei den Queeringtons, als der Doktor ihm geraten hatte, ein kongeniales Thema zu wählen und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Ein Wort der Ermutigung war alles, was er brauchte, um eine Serie von Erzählungen zu beginnen, die nach Ausdruck gebrannt hatten, seit er Indien verlassen hatte. Es waren die Abenteuer, die ihm sein mohammedanischer Träger, Khalil Samad, erzählt hatte, der viele Nächte vor dem Feuer des jungen Sahib auf seinen Fersen gesessen hatte und Geschichten von wunderbarer Vielfalt spann. Donald musste nur die Augen schließen, um das scharfe, subtile Gesicht zu sehen, das von seinem riesigen weißen Turban gekrönt wurde, und den Strom von pittoreskem, gebrochenem Englisch zu hören, der von den Lippen eines der wenigen Mohammedaner in Indien floss, die die verschiedenen Eingeborenen in ihrem eigenen Dialekt vom Khyber-Pass bis Trichinopoli verfluchen konnten.
Doch die Geschichte von Khalils Abenteuern war, nachdem sie in unbekannte Gewässer entlassen worden war, noch nicht wieder aufgetaucht, und Donald kehrte geduldig zu seinen journalistischen Beiträgen zurück, wobei er sich an das Tatsächliche hielt und sich so langweilte, wie sich nur ein Mensch mit schöpferischer Vorstellungskraft an der nackten, ungeschmückten Wahrheit langweilen kann.
Sein einziger Trost in diesen Tagen war die Tatsache, dass Miss Lady Thornwood nicht aufgeben musste. Über einen Makler hatte er das Anwesen für die nächsten zwei Jahre zu einer absurd niedrigen Summe an die Queeringtons verpachtet, und der Gedanke an sie inmitten ihrer geliebten Umgebung trug viel dazu bei, ihn mit der Kargheit seiner eigenen zu versöhnen.
Sein schäbiges kleines Zimmer konnte nur mit einem Eisenbett und einem Waschbecken aufwarten, während der restliche Platz auf dem Boden hauptsächlich von seinem imposanten, messingbeschlagenen Überseekoffer eingenommen wurde, der mit ausländischen Aufklebern übersät war. Auf dem staubigen Regal über dem Waschbecken stand eine unpassende Ansammlung von silberbeschichteten, mit Monogrammen versehenen Toilettenartikeln; an der Wand entlang verlief eine Fußleiste aus Schuhen, während von der Gasleitung ein schweres Bündel Krawatten herabhing. Die größte Unannehmlichkeit des Armseins, so hatte Donald beschlossen, bestand darin, nicht zu wissen, wohin mit seinen Sachen.
Es waren jedoch nicht nur seine Sachen, von denen er sich nur schwer trennen konnte. Für eine bestimmte Anzahl von Stunden am Tag kann ein Mann sich dazu zwingen, an einem kleinen Tannenholztisch zu sitzen und gelbe Blöcke mit Wörtern zu füllen, die wahrscheinlich nie gelesen werden, aber nach einer zu langen Zeit neigt die Natur dazu, zu rebellieren. In solchen Momenten tobte Donald wie ein eingesperrter Löwe. Sein Geist flog unwillkürlich zu der Möglichkeit, dass diese Gefangenschaft nur ein Vorgeschmack auf die andere sei, die auf ihn wartete, falls die Neuverhandlung nicht gewährt würde. Von Anfang an hatte er sich geweigert, die Möglichkeit einer Verurteilung in Betracht zu ziehen; er war unschuldig, er würde freigesprochen werden. Doch während sich die Tage hinzogen, begann ein Schatten seine Schritte zu verfolgen und nachts auf dem Fußende seines Bettes zu sitzen, wobei er ihn durch Eisenstäbe hindurch angrinste.
Hätte es einen Freund gegeben, an den er sich in diesen Tagen hätte wenden können, wären ihm vielleicht einige der Stunden der Qual erspart geblieben, aber sein Stolz war bis auf die Knochen verletzt, und er schreckte davor zurück, jemanden zu sehen, der ihn oder seine Familie kannte. Cropsie Decker hätte ihm helfen können, aber Cropsie war in Mexiko. Für Noah Wicker hatte er aufgehört, ein Individuum zu sein, er war zu einem Klienten geworden, einem ersten Klienten, und Persönlichkeiten gingen in Abstraktionen unter. Der einzige Ort, an dem er Mitgefühl und Verständnis hätte finden können, war Thornwood, dessen gastfreundliche Tür er eigenhändig entschlossen geschlossen hatte. Wenn er dachte, die Tiefen der Einsamkeit seien dort im Orient ausgelotet worden, so musste er nun lernen, dass das Senkblei erst im eigenen Land, unter den eigenen Leuten, den Boden erreicht.
Am Tag bevor der Fall vorgetragen werden sollte, kam Noah aus der Stadt, und noch einmal gingen sie jedes ermüdende, vertraute Detail durch. Als der Abend hereinbrach, befand sich Donald in einem Zustand tiefster Niedergeschlagenheit. Ein halbes Dutzend schlafloser Nächte und die Rücksendung mehrerer Artikel trugen nicht dazu bei, die Situation aufzuhellen, und als Noah eine Einladung des Richters zum Abendessen annahm, fühlte Donald, dass er seinem Schicksal überlassen worden war.
Die Dämmerung brach herein, jene Art, die keinen Anfang und kein Ende hat, eine feuchte, graue, durchdringende Dämmerung, die die Seele in einen Nebel der Trübsal hüllt und alle moralischen Fasern erschlaffen lässt. Donald ging zu seinem kleinen Fenster und sah hinaus. Die Straße unten war menschenleer, bis auf eine gelegentliche schäbige Kutsche, die auf dem Weg zum Bahnhof durch den Schlamm platschte. In langen Abständen wippte ein Regenschirm vorbei, und einmal trottete eine Rinderherde vorbei, angetrieben von einem Jungen auf einem Maultier. Donald riss den Rollo wütend herunter und zündete die einzige Gasflamme an.
In einer Zeitschrift, die er zur Hand nahm, fand sich ein anschaulicher Artikel über Kinderarbeit in den Bergwerken mit Bildern von zerlumpten, ausgemergelten Kindern, die ihr Leben unter Tage verbrachten, faulige Luft atmeten und an Körper und Seele verkümmerten. Er schleuderte das Heft von sich und ließ den Kopf auf seine Arme sinken. Das Leben erschien wie eine große, unerbittliche Maschine, die menschliches Streben, menschliches Bemühen zunichtemachte. Was nützte es, dagegen anzukämpfen? Welchen Sinn hatte es, an eine göttliche Ordnung zu glauben, in solch einem höllischen Chaos?
Da er es nicht länger mit sich selbst aushielt, griff er nach seinem Hut und machte sich auf den Weg zum Hotel. Er war in einer leichtsinnigen, hoffnungslosen Stimmung, bereit, sich Zerstreuung zu suchen, wo immer er sie fand, und wie es in solchen Fällen üblich ist, kam ihm die Zerstreuung auf halbem Weg entgegen.
Das kleine Hotelbüro befand sich in einem Krampf der Betriebsamkeit; Glocken läuteten, Türen schlugen und Gäste trafen ein. Die Gruppe von Herumtreibern, die gewöhnlich vor dem Kamin saßen und das tägliche Treiben der Gesetzgebung kritisierten, stand nun im Halbkreis mit dem Rücken zum Feuer und beobachtete die Neuankömmlinge.
„Es ist eine Theatergruppe“, erklärte einer aus der gesprächigen Menge gegenüber Donald; „die lebhafteste Truppe, die wir seit Monden hatten. Das dort ist der Star, der mit dem Kerl im karierten Anzug spricht. Ein Volltreffer, nicht wahr?“
Das Objekt dieser Bemerkung, das gerade eine Geschichte erzählt hatte, die eine Runde Gelächter auslöste, drehte sich beiläufig um und überflog den Raum mit einem brillanten, erfahrenen Blick. Der Suchscheinwerfer passierte den Portier und die Hotelpagen, den unterwürfigen Angestellten am Schalter, den Halbkreis der Bewunderer am Feuer und hielt in einer kühnen Pause inne, als er Donald Morley erreichte.
Er zündete sich gerade eine Zigarette an und bot das Bild kolossaler Gleichgültigkeit gegenüber allen Sternen, ob irdisch oder himmlisch. Aber als er das Streichholz in den offenen Kamin geworfen hatte, schlenderte er lässig zum Schalter und warf einen Blick in das Register.
Da war die schneidige Unterschrift, die Tinte noch feucht auf dem Schnörkel:
„La Florine.“
Es war Cropsie Deckers alte Flamme, „Die Schlange vom Nil“, die er zuletzt auf einem Plakat auf dem Billy-goat Hill auf dem Korken einer Champagnerflasche balancierend gesehen hatte! Ohne aufzublicken war er sich bewusst, dass dieselben schelmischen Augen, die auf dem Plakat durch die schwarz behandschuhten Finger gelugt hatten, ihn nun mit dem lebhaftesten Interesse beobachteten. Sie folgten ihm durch den Raum, sie lachten ihn über die Schulter des Mannes im karierten Anzug hinweg aus, sie warfen ihm eine Herausforderung zu Füßen und forderten ihn auf, sie aufzuheben.
Donald beobachtete sie mit wachsender Faszination. Es war gut, einfach in der Nähe von etwas so Sorglosem, Fröhlichem und Unverantwortlichem zu sein. Auch er hatte einst auf der gefährlichen Kante der Dinge auf Zehenspitzen balanciert und dem Schicksal trotzig ins Gesicht gelacht. Warum sollte er es nicht wieder tun? Einem Mann, der gehängt werden soll, gibt man ein letztes gutes Abendessen, warum sollte er sich nicht noch eine schöne Zeit gönnen, bevor das Los am nächsten Tag geworfen wurde?
Es wäre nur nötig, seine Karte vorzuzeigen und Cropsie Decker zu erwähnen, und der Rest wäre einfach. Er hatte gerade genug Geld, um ein Theaterbillett und ein gemütliches kleines Abendessen danach zu bezahlen. Aber was war mit Blumen?
Er steckte seine Hand eifrig in die Tasche zu einer Erkundungstour. Dabei stießen seine Finger auf einen kleinen, harten Gegenstand, den er hervorholte und neugierig betrachtete. Es war die getrocknete Hagebutte einer wilden Rose, die von Tasche zu Tasche gewandert war, seit dem Tag, an dem sie es wagte, vor ihrer Zeit in einer Felsspalte der Mauer zu blühen, die den Garten in Thornwood umgab. Die Berührung brachte die Erinnerung an eine alte Fasshängematte unter den Fliederbäumen zurück und an die leuchtenden Augen eines Mädchens, die mit einem Blick vertrauensvoller Unschuld zu ihm aufblickten.
Ohne einen weiteren Blick auf „Die Schlange vom Nil“ schlug er seinen Mantelkragen hoch, zog sich den Hut tief ins Gesicht und stürzte hinaus in die nasse, düstere Straße. Stundenlang wanderte er umher, weder wissend noch sich darum scherend, wohin er ging. Er kämpfte den härtesten Kampf, den ein Mann zu kämpfen berufen ist, den Kampf gegen sich selbst, ohne dass ein Lohn in Aussicht stünde.
Als er um neun Uhr erschöpft und zerzaust in sein Zimmer zurückkehrte, fand er zwei Briefe unter seiner Tür. Einen, einen schwarz umrandeten Umschlag, adressiert in Connies vertrauter krakeliger Handschrift, steckte er in die Tasche und lächelte trotz seiner selbst bei der Erinnerung an Miss Ladys günstiges Briefpapier. Der andere, ein langer, dicker Umschlag mit dem Emblem einer bekannten Zeitschrift, veranlasste ihn, sich matt auf seinen Überseekoffer zu setzen und ihn elend zu betrachten.
Seine geliebte Geschichte war endlich zurückgekommen! Die Möglichkeit, dass sie angenommen würde, war die einzige Hoffnung gewesen, an die er sich während so mancher verzweifelter Stunde geklammert hatte. Darin hatte er zum ersten Mal gewagt, die Dinge auszusprechen, die er fühlte, und kühn in das Land der Romantik vorzudringen, das er bisher vorsichtig umschifft hatte. Dutzende ähnlicher Geschichten wimmelten in seinem Gehirn und warteten nur darauf, das Schicksal dieser einen zu erfahren. Und sie war zurückgekommen! Es war das Beste, was er zu bieten hatte, und sein Bestes war nicht gut genug! Er betrachtete das schäbige, abgegriffene Blatt und die gefaltete Beilage, die zweifellos die selbstgefälligen Bedauern des Herausgebers darlegte, dann schleuderte er mit einer ungeduldigen Geste den Umschlag und dessen Inhalt in den Papierkorb, wobei er sich selbst und seine Einbildung verfluchte, er könne schreiben, sowie die Herausgeber und ihre Einbildung, sie könnten urteilen.
Die gefaltete Beilage, die sich unterdessen im Manuskript befunden hatte, beschloss, die totale Verderbtheit unbelebter Dinge zu widerlegen, und anstatt mit der Vorderseite nach unten zu fallen, landete sie mit der Vorderseite nach oben ganz oben auf dem Haufen. So kam es, dass Donald Morley, der verzweifelt in seinem begrenzten Quartier herumstürmte, plötzlich ein Wort erspähte, das ihn das Blatt Papier greifen und zum Licht eilen ließ.
Der Herausgeber, so schien es, hatte die Geschichte mit echtem Vergnügen gelesen. Khalil Samad sei eine völlig neue Kreation, die mit einer Originalität und einem Humor präsentiert werde, der durchaus entzückend sei. Der einzige Fehler der Geschichte sei ihre Kürze. Natürlich würde die Zeitschrift sie so annehmen, wie sie war, aber die Meinung der Redaktion sei, dass es schade wäre, wenn der Autor nicht das Material für weitere Geschichten ähnlicher Art zu einem Buch ausarbeiten würde. Ein Roman mit Khalil Samad als Held, wenn er mit demselben Charme geschrieben wäre wie diese erste Geschichte, wäre zweifellos ein Erfolg. Dies sei natürlich nur ein Vorschlag und passe möglicherweise nicht zu Mr. Morleys anderen literarischen Plänen. Auf jeden Fall gratulierte ihm der Herausgeber zur Originalität seiner Geschichte und freue sich darauf, sie in der einen oder anderen Form zu veröffentlichen.
Donald las die Notiz zweimal durch, bevor er ihren Inhalt begriff, dann holte er tief Luft. Weitere Geschichten ähnlicher Art? Warum, er kannte Dutzende davon! Khalil Samad war zwei Monate lang sein einziger Gefährte gewesen, und Khalils Hauptbeschäftigung war es gewesen, von sich selbst und seinen Eskapaden zu erzählen. Donald kannte die wichtigsten Ereignisse seiner dramatischen Laufbahn von der Zeit an, als er von einem bengalischen Banditen gestohlen und im Alter von zehn Jahren in die Ehe verkauft wurde, bis zu dem Tag, an dem er ein tränenreiches Abschieds-Salaam vom Kai in Bombay geworfen hatte.
Ja, ganz gewiss, das Schreiben des Romans passte in Mr. Morleys literarische Pläne. Aber was war mit seinen anderen Plänen? Er hielt plötzlich inne. Woher sollte er wissen, was vierundzwanzig Stunden bringen könnten? Was, wenn ihm durch einen schrecklichen Fehler keine neue Anhörung gewährt würde? Aber Noah Wicker war zuversichtlich. Er hatte einen Punkt im früheren Prozess entdeckt, der technisch unzulässig war. Ein Zeuge hatte die Erlaubnis erhalten, trotz Mr. Goochs Einwand eine Aussage zu machen, und Noah war es gelungen, ein früheres Urteil zu finden, das ihn glauben ließ, eine Aufhebung sei praktisch sicher.
Irgendwie fand es Donald, seit seine Geschichte angenommen worden war, viel leichter, Noahs Zuversicht zu teilen. Wellen von zurückkehrendem Mut überfluteten ihn. Vielleicht war er doch imstande, etwas Wertvolles auf der Welt zu leisten! Er würde wie ein Trojaner arbeiten, er würde noch heute Abend beginnen.
Er griff nach Stift und Papier, aber der Wunsch, seine gute Nachricht zu teilen, veranlasste ihn eher dazu, Briefe zu schreiben als Fiktion. Er wollte es Miss Lady sagen, er wollte es dem Doktor sagen. Er wollte Cropsie Decker lähmen! Dann dachte er an Noah, und die Notiz des Herausgebers in die Tasche stopfend, stürzte er die Treppe hinunter und hinüber zum Hotel.
Noah war zu Bett gegangen, wurde aber kurzerhand herausgeklingelt.
„Lies das!“, rief Don, griff in seine Tasche und zog einen Umschlag heraus.
„Er ist nicht geöffnet“, sagte Noah gähnend; dann, als er Connie Queeringtons Handschrift erkannte, wurde er plötzlich wach.
„Verdammt! Das ist der falsche“, sagte Donald und angelte nach der anderen Notiz. „Hier ist er! Erblicke einen angehenden Autor, Wick! Ich habe etwas geschrieben, von dem sie sagen, es sei wertvoll. Sie wollen mehr!“
Noah las die Notiz und gab sie dann ruhig zurück.
„Es ist ermutigend, ich gratuliere dir“, bemerkte er lakonisch.
Donalds Gesicht trübte sich, dann klärte es sich wieder auf und er trat impulsiv vor:
„Hör zu, Wick“, sagte er, „du denkst, ich wildere in deinem Revier. Das tue ich nicht. Das ist der erste Brief, den ich seit Wochen von Connie erhalten habe. Ich habe ihr keine Zeile geschrieben, seit ich von zu Hause weg bin, aber sie hält mich gerne an der langen Leine. Sie spielt nur mit Ivy und mir, um ihre Fingerfertigkeit zu bewahren. Kümmere dich nicht um uns beide. Bleib dran und gewinne.“
„Oh, ich bleibe schon dran, keine Sorge“, sagte Noah verbissen, „aber ich scheine nicht viel Chancen bei dir oder den anderen zu haben.“
„Unsinn, Mann! Denke an deinen Verstand! Der Herr hat dich mit mehr Gehirn ausgestattet, als die meisten von uns am Ende haben. Der Richter sagte heute Morgen, du wüsstest mehr über das Common Law als jeder junge Anwalt, der ihm einfallen würde.“
„Ja, aber Kenntnis des Common Law gewinnt diesen Prozess nicht. Sie wird mich niemals anders ansehen als als letzte Rettung. Sie hält mich für einen schwerfälligen, unbeholfenen Bauern, und ich glaube, sie hat damit recht.“
Er überragte dort in seinem blauen Pyjama, der ihm zwei Nummern zu klein war, mit zu Berge stehendem Haar und seinen großen Händen, die den Stuhlrücken umklammerten. „Ich kenne das Spiel nicht“, fuhr er hilflos fort. „Ihr Kerle macht den Stich, während ich mir noch überlege, was ich ausspielen soll. Sie ist zu viel für mich. Ihr seid alle zu viel für mich, aber ich werde meine Karten nicht hinwerfen, noch nicht.“
Donald stand von dem Fußende des Bettes auf, wo er gesessen hatte, und packte Noah an den Schultern.
„Du hast wie ein Hund an meinem Fall gearbeitet, alter Kerl. Wie wäre es, wenn ich die Leitung für deinen übernehme?“
„Wie meinst du das?“
„Du sagst, du kennst die Regeln des Spiels nicht. Ich kenne sie auswendig, vorwärts und rückwärts und auf den Kopf gestellt. Du lässt mich dieses Blatt für dich bei Connie Queerington spielen, und du wirst gewinnen.“
„Aber – aber du?“
„Himmel, Mann! Glaubst du, wenn mir etwas daran läge, hätte ich vergessen, ihren Brief die ganze Zeit zu lesen? Nein, mit dieser Art von Dingen bin ich fertig.“ Er drehte abrupt den Kopf und sein Gesicht verdunkelte sich. „Es gab für mich nur ein Rennen, das es wert war, gelaufen zu werden, und ich wurde am Start gelassen.“
„Vielleicht mag dich Miss Connie –“
„Mich mögen? Natürlich tut sie das. Und ich mag sie ungemein. Genau so werde ich dir helfen. Überlass es mir, Wick. Lass mich ihr alle Briefe schreiben, die ich will. Lass mich ihr von dem Aufsehen erzählen, das du hier oben erregst, davon, wie der Richter dich ins Herz geschlossen hat und der Gouverneur dich zum Abendessen einlädt. Kurz gesagt, lass mich dich dramatisieren, Wick; ich schreibe ihr ein Stück in fünf Akten mit dir als Helden. Alles, was du tun musst, ist, dich bei deinen Briefen zurückzuhalten und ihr einen Monat oder so aus dem Weg zu gehen. Sag ihr, dass du, solange du nicht mehr für sie sein kannst, ein guter Freund bleiben wirst. Connie hasst es, wenn ein Mann ein Freund ist! Sie will, dass er entweder ein Bekannter oder ein Liebhaber ist. Du bist aus der ersten Kategorie herausgekommen, und sie wird dich niemals in Ruhe lassen, bis sie dich wieder in die dritte Kategorie zurückgeholt hat.“
Noah rieb sich seine massive und verwirrte Stirn. „Es ist mir zu kompliziert“, sagte er; „ich schätze, ich werde deine Dienste annehmen müssen.“
In jener Nacht arbeitete Donald bis in die frühen Morgenstunden und entwarf eifrig die Kapitel seines neuen Buches. Er war so vertieft, dass er erst, als er seinen müden Rücken streckte und sich anschickte, sich für das Bett fertig zu machen, daran dachte, dass er Connies Brief noch nicht gelesen hatte.
Es war ein fleckiges und zusammenhangloses Gekritzel.
„Lieber Cousin Don“, las er, „ich sehe nicht, wie ich jemals schreiben soll, denn meine Augen brennen fast vom Weinen, aber Miss Lady kann einfach nicht alles tun, und irgendjemand muss es den Verwandten sagen. Hattie sollte mir helfen, aber sie denkt, sie muss zuerst an ihre engen Freunde schreiben, und sie hat ein Dutzend davon. Du weißt, wie gehässig sie ist.
„Nun, er wurde letzte Woche schlimmer, Vater, meine ich. Ich kann nicht auf die Details eingehen, denn ich habe sie jetzt schon so vielen Leuten erzählt, dass ich fast verrückt werde, und jedes Mal, wenn ich sie durchgehe, weine ich mich fast zu Tode. Er kannte niemanden von uns die ganze letzte Nacht oder diesen Morgen, außer einmal rief er nach Miss Lady und tätschelte ihre Wange. Am Ende schien er stärker zu werden und öffnete seine Augen und fragte nach seinem Manuskript. Es war das Erbärmlichste, was du je gesehen hast am Ende, zu sehen, wie er versuchte, die Blätter umzublättern, mit seinen armen Augen, die an die Wand starrten, ohne jemanden von uns zu erkennen. Du wirst vom Begräbnis in der morgigen Zeitung lesen. Ich sehe nicht, wie wir das jemals durchstehen sollen.
„Deine liebende Cousine,
„CONSTANCE QUEERINGTON.
„P. S. Bitte sag Mr. Wicker – ich würde lieber sterben, als noch einen Brief zu schreiben.“
KAPITEL XXV
Der Sommer, der auf den Zusammenbruch der People's Bank folgte, war einer jener kompromisslosen Sommer, die im Mai eintreffen und erst mit dem letzten Blatt im Oktober wieder gehen. Der Fluss, der zu einem kümmerlichen Rinnsal zusammenschrumpfte, schwankte zwischen entfernten Ufern, und die Landschaft lag versengt und keuchend unter einer unerbittlichen Sonne.
In der Stadt arbeitete Noah Wicker mühsam an seinem ersten Fall, für den eine Neuverhandlung gewährt und auf den sechsten November angesetzt worden war. Im Kapitol saß Donald Morley Tag für Tag, ohne Jackett, ohne Kragen, in der glühenden Enge seines kleinen Schlafzimmers und füllte wütend Stapel um Stapel Papier mit kompakter Handschrift. In Thornwood kämpfte Miss Lady, die als Kommandantin eines sinkenden Schiffes zurückgelassen worden war, heldenhaft darum, es in den Hafen zu bringen.
Eines Tages Anfang Juli saß Myrtella Flathers direkt hinter der Fliegengittertür der Sommerküche, bewaffnet mit einer Fliegenklatsche und einem Gesichtsausdruck drohender Trübsal. Sie übte offensichtlich eine Rede, denn ihre Lippen bewegten sich in spöttischen Kurven, und ihre borstigen schwarzen Locken wurden trotzig geschüttelt. Mike, der sich aus einer schattigen Ecke wagte und einen Blick auf ihr Gesicht erhaschte, hielt ihre unhörbaren Bemerkungen für an ihn gerichtet und zog sich mit schuldigen Augenlidern und hängendem Schwanz in den Holzschuppen zurück.
Myrtellas bittere Reflexionen wurden durch das Erscheinen von Miss Lady auf der von Weinreben bewachsenen Veranda unterbrochen. Sie sah in ihrer Witwentracht absurd jung aus, trotz der Tatsache, dass ihre Farbe verschwunden war und ihre Augen begannen, zu groß für ihr Gesicht zu wirken.
„Sie sind gekommen, um eine Woche zu bleiben!“, verkündete sie, sank ermattet auf die oberste Stufe und warf einen verzweifelten Blick auf die geschlossenen Fensterläden des Gästezimmers im Obergeschoss. „Und es ist Freitag, und Mr. Gooch kommt zum Abendessen. Siehst du, wie wir das jemals durchstehen sollen?“
„Ich nicht!“, erklärte Myrtella und klatschte mit tödlicher Präzision eine Fliege in die Ewigkeit. „Ich habe das Sattsein von Besuchern so satt. Es gab keinen Tag in den drei Monaten seit dem Tod des Doktors, an dem wir nicht seine Verwandtschaft am Hals hatten. Es geht über meinen Verstand, wie die halbe Welt jeden Sommer einen Herumstreif-Anfall bekommt und die belästigt, die zu Hause bleiben. Was diese alten Jungfern angeht, die heute gekommen sind, wenn sie nur ein Auge im Kopf hätten, würden sie sehen, dass du völlig erschöpft bist. Ich hätte sie nicht gebeten zu bleiben.“
„Aber ich musste. Sie sind die Cousinen des Doktors. Sie sagten, sie kämen seit Jahren jeden Sommer, um ihn zu sehen, und sie wollen den Kontakt zu den Kindern nicht verlieren.“
„Pah! Den Kindern würde es nichts ausmachen, sie nicht mehr zu sehen! Fräulein Hattie wurde einmal ins Bett geschickt, weil sie das dünne Ding frech angesprochen hat, das spezielle Gerichte will und verlangt, dass ihr ganzes Wasser abgekocht wird. Ich wette, sie wird Sie bitten, ihre Matratze zu wechseln.“
„Das hat sie bereits getan. Das wollte ich Ihnen gerade sagen, und sie will ihr Abendessen eine Stunde früher als wir. Aber das ist nicht das, was mich beunruhigt, Myrtella, ich habe etwas weitaus Ernsteres als Cousine Emily, um das ich mir Sorgen machen muss.“
„Sie sind da keine Ausnahme“, sagte Myrtella etwas defensiv. „Ärger ist so ziemlich das Einzige, worauf die Reichen kein Monopol haben. Ich hatte meinen Teil davon; es ist ein Wunder, dass ich noch ein schwarzes Haar auf dem Kopf habe!“
„Hat Ihr Bruder seine gute Stellung verloren?“, fragte Miss Lady.
„Phineas? Nein, gnädige Frau. Er ist bei Iselin, seit er Mrs. Sequin verlassen hat, und wenn man ihn reden hört, leitet er das ganze Etablissement. Ich muss sagen, er macht seine Sache besser als je zuvor, aber er ist so eingebildet wie eine Spieluhr, und diese Maria da, die behandelt mich von oben herab, als hätte ich ihr nicht all die Jahre die Miete bezahlt. Aber ich komme auch ohne sie klar. Um den kleinen Chick mache ich mir Sorgen.“
„Was ist mit Chick?“
„Was mit ihm ist?“ Myrtella drehte sich heftig zu ihr um. „Alles ist mit ihm. Welche Chance hat er auf dieser Welt? Aus einer Aschentonne aufgelesen, lebt in Schmutz und Unwissenheit, trinkt das Bier, das aus den Fässern auf den Güterwagen leckt, hängt in den Kneipen herum und wird jeden Tag, den er lebt, verkrüppelter, dümmer und erbärmlicher. Mein Gott! Ist das nicht schlimm genug?“
Miss Ladys schnelle, eifrige Anteilnahme spiegelte sich in ihrem Gesicht wider.
„Wir müssen etwas für Chick tun. Dr. Wyeth glaubt, dass er ihn heilen kann, wenn sie ihn jemals ins Kinderkrankenhaus bekommen. Warum können wir nicht...“ Sie hielt inne und saß da, während sie auf die Hügel jenseits des Flusses blickte.
„Myrtella, ich muss dir etwas sagen“, begann sie wieder verzweifelt. „Ich habe versucht, es dir den ganzen Tag zu sagen, aber ich wusste nicht wie. Du warst so gut zu uns, während der ganzen Krankheit des Doktors und davor. Aber ich fürchte, nach diesem Monat müssen wir dich gehen lassen.“
Myrtella hatte seit einem Monat damit gedroht zu kündigen, aber bei dieser Ankündigung sah sie aus, als wäre sie das Opfer einer missglückten Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl geworden.
„Es ist eine Frage des Geldes“, fuhr Miss Lady hastig fort. „Verstehst du, wir haben einfach keines mehr. Ich habe über jeden Cent Buch geführt, der ein- und ausgeht, genau wie Mr. Gooch es mir gesagt hat; aber es geht nicht auf. Wir müssen einfach die Ausgaben weiter kürzen, bis es passt.“
„Und bei mir wollen Sie anfangen“, sagte Myrtella wütend, „und sich irgendeine nichtsnutzige Schwarze hereinholen, die mehr in einem Korb nach Hause trägt, als mein Lohn ausmacht!“
„Nein, Myrtella; wir werden versuchen, die Arbeit selbst zu machen.“
„Sie meinen, Sie werden! Und Miss Connie wird sich herausputzen und in die Stadt wandern, um Freier zu finden, und Miss Hattie wird mit der Nase in einem Buch herumsitzen, und Sie werden arbeiten und schuften und sich für sie und ihren Haufen von herumstreunenden Verwandten bis auf die Knochen abarbeiten. Wo ist das Geld, das Sie für diese Farm bekommen haben?“
„Es wurde verwendet, um die Schulden zu bezahlen und den letzten Willen des Doktors zu erfüllen.“
„Darum, all die Bücher, die er geschrieben hat, neu zu drucken und sie in der gleichen Art von Einbänden herauszubringen?“
„Ja.“
„Wie viele waren es insgesamt?“
„Zwanzig.“
Myrtella presste die Lippen zusammen und unterdrückte nur mit Mühe einen Kommentar. Wie frei das Testament des Doktors auch in der Öffentlichkeit diskutiert worden sein mochte, in Miss Ladys Gegenwart wurde keine Kritik daran geduldet.
„Was dein Gehen angeht“, sagte sie und wechselte das Thema, während Myrtella ihren Zorn an den Fliegen ausließ, „du weißt, dass du schon seit Monaten gehen wolltest. Nur deine Güte hat dich dazu gebracht, mit uns hierher aufs Land zu kommen, nachdem du genug Geld gespart hattest, um deine Pension zu eröffnen. Wir haben dir nicht genug bezahlt, das weiß ich, und... und wir haben nicht genug, um so weiterzumachen wie bisher.“
Myrtella wirbelte im Türrahmen herum, ihr Gesicht vor Zorn dunkel angelaufen:
„Wenn Sie glauben, dass ich gehe und Sie Kinder in diesem großen Haus allein lasse, damit Sie Ihr eigenes Essen verderben und sich von jedem auf der Nase herumtanzen lassen, dann irren Sie sich gewaltig! Miss Hattie hätte innerhalb einer Woche Verdauungsstörungen, Bertie bekäme den Krupp, und Sie hätten jede weibliche Queerington, die sich ein Bahnticket kaufen kann, hier sitzen, die Ihnen auf der Tasche liegt!“
„Aber was können wir tun, Myrtella? Ich sage dir, das Geld geht zur Neige!“
„Tun? Ich sage Ihnen, was wir tun können. Wir können die Gesellschaft verpflegen! Wir können die Zimmer mit Leuten füllen, die für ihr Essen bezahlen, und dann ist kein Platz mehr für die kostenlosen Herumtreiber. Besorgen Sie die Pensionsgäste, und ich werde sie verwalten.“
„Nun, Mrs. Ivy und Gerald wollten auf diese Weise kommen, aber ich habe sie ausgelacht. Außerdem weiß ich nicht, was Gerald angeht...“
„Wegen Miss Connie?“, fragte Myrtella, die zu sehr für den Haushalt verantwortlich war, um dessen Geheimnisse nicht zu kennen. „Lassen Sie ihn kommen. Er ist einer dieser Männer, die wie Vanilleextrakt sind – hat man einmal zu viel davon, will man nie wieder etwas davon!“
„Und vielleicht würde Mr. Gooch kommen.“
„Nun, es würde ihm schwerfallen, für etwas zu bezahlen, das er immer umsonst bekommen hat. Aber bringen Sie Miss Hattie dazu, ihn zu fragen. Für sie würde er es schneller tun als für jeden anderen.“
Das Projekt entwickelte sich unter Myrtellas fähigem Kommando sofort. Mr. Gooch und die Ivys nutzten die Gelegenheit, aus der stickigen Stadt in den kühlen Schatten von Thornwood zu fliehen, nur allzu gerne. Zwei ehemalige Schüler des Doktors, die einen Sommerkurs an der Universität belegten, fragten ebenfalls an, ob sie ein Zimmer haben könnten, und nach einer Woche waren die zahlenden Gäste eingezogen und die Familie in jeden Winkel verdrängt, der groß genug war, um ein Bett unterzubringen.
Ein Problem wurde unerwartet durch das Auftauchen von Onkel Jimpson gelöst, der verkündete, dass „er wieder nach Hause gekommen sei, um zu bleiben“. Die Auszeichnung, täglich in einsamer Grandeur die Pferde der Sequins zu bewegen, war ihm überdrüssig geworden, und die Aussicht, die Queerington-Pensionsgäste zum Bahnhof und zurück zu fahren und seine Vertrautheit mit dem alten John und Mike zu erneuern, war unwiderstehlich gewesen.
Tante Caroline war im frühen Frühjahr gestorben, und Onkel Jimpson empfand selbst die Gesellschaft von Myrtella als eine Erleichterung nach seiner erzwungenen Einsamkeit. Er lauschte mit hervorquellenden Augen und herabhängendem Kiefer ihren Berichten über die neuesten Morde und gehorchte ihren kleinsten Befehlen mit einer Lebhaftigkeit, die den alten Colonel in Erstaunen versetzt hätte.
„Wir helfen Miss Lady, einen Anfang zu machen“, sagte er immer wieder stolz, „und dann heiratet sie vielleicht noch einmal.“
„Heiraten!“, schnaubte Myrtella, „ja, sie sollte einen anderen Witwer mit drei Kindern und tausend Verwandten heiraten. Außerdem, wen soll sie denn heiraten?“
„Das ist kein Problem“, sagte Onkel Jimpson weise; „lassen Sie sie nur einmal über die Jalousien spähen, und Sie werden sehen, was passiert.“
„Nun, sie wird nicht spähen“, sagte Myrtella bestimmt. „Sie hat nichts im Kopf, als Miss Hattie und Bertie ausbilden zu lassen, Miss Connie auf dem rechten Weg zu halten und diesen törichten Willen des Doktors zu erfüllen.“
„Warten Sie nur ab“, bestand Onkel Jimpson lächelnd, „dieses Kind kann sich genauso wenig dagegen wehren, Freier anzuziehen, wie eine Blume gegen Bienen. Und diesmal ist es die Königinnenbiene, die kommt, ganz sicher!“
KAPITEL XXVI
„Wo ist Connie? Wo ist Hat?“, rief Miss Lady atemlos und brachte ihr schaumbedecktes Pferd vor der Veranda zum Stehen, auf der Mrs. Ivy in der Dämmerung saß. „Don Morley hat ein Buch geschrieben, und es wird diesen Monat veröffentlicht!“
„Ein Buch!“, echote Mrs. Ivy ungläubig, dann:
„Ach, meine Liebe, steig doch bitte von diesem bösartigen Tier ab; ich habe keinen Moment Frieden gehabt, seit Mr. Wicker es vorbeigeschickt hat!“
Miss Lady glitt zu Boden und stand lachend mit dem Arm um Princes Hals. Der Nervenkitzel ihres langen Rittes, der erste seit fast zwei Jahren, wallte noch immer in ihr auf, und die soeben erhaltene Nachricht ließ ihr Herz vor Freude tanzen. Das Glück begann, trotz ihrer Bemühungen, es nicht zu erwarten, über den unruhigen Wassern zu erstrahlen – noch ein schwaches und flackerndes Licht, aber es zog sie mit unwiderstehlicher Faszination in seinen Bann. Es war etwas, an dem man sich in Zeiten von Stress und Sturm orientieren konnte, etwas, an das man sich in den einsamen Stunden der Nacht bebend wenden konnte, wenn überanstrengte Muskeln sich nicht entspannen wollten und ihr müdes Gehirn vor dem Mitleid und dem Kummer der Welt schmerzte.
Während ihres langen Rittes an diesem Nachmittag hatte sie es zum ersten Mal gewagt, Gedanken freien Lauf zu lassen, die bisher im Zaum gehalten worden waren. Sicherlich war das Leben mehr als das trostlose, monotone, lieblose Geschäft des vergangenen Sommers! Mit all seinen Problemen und Schwierigkeiten war es dennoch eine geheimnisvolle, faszinierende Sache. Sie billigte es nicht, noch vertraute sie ihm voll und ganz, aber sie war unverbesserlich in es verliebt – und würde es bis ans Ende sein.
„Ich nehme an, du weißt, dass das Abendessen vorbei ist“, sagte Mrs. Ivy mit verhaltenem Vorwurf. „Gab es keine Briefe für mich?“
„Oh, Liebes, wie dumm von mir. Ich habe vergessen, den Rest der Post durchzusehen. Hier ist sie.“
Mrs. Ivy sortierte ihr eigenes amtlich aussehendes Budget und spähte dann genau auf die beiden verbleibenden Umschläge.
„Wie ich vermutet hatte“, sagte sie mit einem bedeutungsvollen Heben ihrer Augenbrauen; „zwei für Constance, in derselben Handschrift und beide mit Poststempel aus der Hauptstadt.“
„Aber was ist schon dabei, Mrs. Ivy?“
„Meine Liebe“, hauchte Mrs. Ivy, „siehst du denn nicht, dass sie von Mr. Morley sind?“
„Ja; aber ich habe auch einen von ihm; er erzählt uns von seinem Buch.“
Mrs. Ivy lächelte mit trauriger Überlegenheit: „Ach, meine Liebe, du bist keine sehr weltgewandte kleine Anstandsdame. Ich habe gezögert, dich vorher darauf anzusprechen, aber ich glaube wirklich, dass die Aufmerksamkeit dieses jungen Mannes für Constance gestoppt werden sollte. Es ist nicht fair gegenüber dem armen Gerald. Du weißt, wie sehr sie meinen Jungen schon immer verehrt hat, seit sie noch im Kindesalter war, und ich habe kein Problem damit, dir zu gestehen, dass ich sie ermutigt habe. Natürlich hat Geralds künstlerisches Temperament ihn für viele Formen von Schönheit empfänglich gemacht, aber er war in letzter Zeit wirklich sehr zugetan. Ich kann den Gedanken einfach nicht ertragen, dass dieser Mr. Morley sich in das Erblühen ihrer Jugendliebe einmischt.“
„Aber Mrs. Ivy, er... er ist ihr Cousin; er betrachtet sie als Kind.“
„Sie ist nur ein Jahr jünger als du, meine Liebe, und viel weltklüger. Ich habe meine Augen offen gehalten und eine ganze Menge gesehen. Sie wird ziemlich verschwiegen, und sie ist nicht immer liebenswürdig zu Gerald. Mr. Morley steckt hinter alledem, das wirst du sehen.“
„Ich glaube nicht, dass eine Gefahr besteht“, sagte Miss Lady und untersuchte kritisch die Nasenspitze von Prince.
„Ach, mein liebes Mädchen, du warst in den letzten sechs Monaten zu sehr in Gedanken, um es zu bemerken. Frag Mr. Wicker; er hat im letzten Frühjahr mit Gerald darüber gesprochen. Frag Gerald selbst, er ist todunglücklich. Und jetzt hilfst du ihr, sich darauf vorzubereiten, in die Hauptstadt zu fahren, um sie zu besuchen, und er wird sie sicher jeden Tag sehen. Ich muss sagen, ich halte es für einen miserablen Geschmack von ihm, unter diesen Umständen irgendeinem Mädchen Aufmerksamkeit zu schenken.“
Im nächsten Augenblick hatte sich Miss Lady mit blitzenden Augen umgedreht:
„Donalds Freunde wissen, dass er nichts getan hat, wofür er sich schämen müsste! Ich glaube nicht, dass er in der Weise an Connie denkt, wie Sie meinen, aber falls er es tut, hat sie allen Grund, stolz darauf zu sein!“
Und ohne auf eine Antwort zu warten, zog sie den Zügel über ihren Arm und stapfte empört zum Stall.
Mrs. Ivy seufzte und wandte sich dann Mr. Gooch zu, der gerade auf die Veranda gekommen war.
„Ist dir jemals in den Sinn gekommen“, sagte sie, als würde sie eine bisher unausgesprochene Wahrheit verkünden, „wie widerwillig die Jugend ist, von der Erfahrung zu lernen? Diese liebe kleine Witwe, die der gute Doktor unserer Obhut überlassen hat, begeht einige schwerwiegende Fehler.“
„Ich finde, sie macht ihre Sache ziemlich gut“, sagte Mr. Gooch und machte es sich bequem; „das Rindfleisch ist nicht immer gut, aber das Geflügel und das Gemüse sind ex-exzellent.“
Mr. Gooch sprach mit ungewöhnlicher Wärme. Myrtellas Kochen, zusammen mit Miss Ladys Liebenswürdigkeit und dem scharfen Besitzanspruch, den Hattie über ihn übernommen hatte, bewirkten ein Wunder. Sogar jetzt, als die Klänge von Musik und Gelächter aus dem Wohnzimmer drangen, hielt er inne, um zuzuhören. Er war überrascht festzustellen, dass „Molly Darlings“ und „Nellie Grays“ und andere musikalische Mädchen, die er hinter sich gelassen hatte, immer noch durch die dunklen Korridore seines argumentativen Geistes spukten und ihm kleine Lustschauer bereiteten.
„Ach“, schnurrte Mrs. Ivy und setzte das Gespräch fort. „Fern sei es von mir, sie zu kritisieren. Es widerspricht meinen Prinzipien, eine kritische Haltung gegenüber irgendjemandem einzunehmen. Außerdem verehre ich das liebe Kind regelrecht. Ich betrachte sie als ein kostbares Geschenk an eine dankbare Welt. Aber du musst zugeben, Mr. Gooch, dass sie sich trotz all ihrer Süße nicht immer leiten lässt.“
„Gott bewahre, nein“, sagte Mr. Gooch gereizt.
„Sie schaut dir direkt in die Augen und lächelt, während du sie berätst, und geht dann sofort weg und tut, was ihr gefällt. Diese Sache mit dem Testament des Doktors zum Beispiel. Ich habe zwei Tage damit verbracht, mit ihr über die Nutzlosigkeit zu streiten, zwei Dutzend Bände zu veröffentlichen, die niemand jemals lesen wird.“
„Aber das war sein letzter Wunsch, Mr. Gooch. Nur jemand, der geliebt und verloren hat, kann die Natur dieser Verpflichtung verstehen.“ Mr. Gooch schnaubte ungeduldig. Eheliches Glück war ein Thema, das ihn in jeder Faser reizte.
„Und dann ihre Wohltätigkeitsarbeit“, fuhr er mürrisch fort; „sie hat kein Geld zum Wegwerfen, und doch kommt jede Familie auf dem Billy-goat Hill zu ihr, wenn sie in Schwierigkeiten gerät.“
„Ja, und sie zögert nicht, sich in diese schrecklichen Hütten zu setzen und diese unsauberen Babys in ihre Arme zu nehmen. Das hat mich seit unserer Ankunft hier furchtbar nervös gemacht. Gerald ist so empfindlich gegenüber Keimen.“
„Was ist das für ein neues Narrenspiel mit dem Kindergarten?“
„Nun, sie hat tatsächlich Mrs. Bartrum und Mrs. Horton und einige dieser anderen Damen der Gesellschaft dazu gebracht, den Saal über dem Lebensmittelladen zu mieten, wo früher die ‚Cant-Pass-It‘-Kneipe war. Sie wollen einen Kindergarten eröffnen, und Margery Sequin kommt aus Europa zurück, um die Leitung zu übernehmen. Ich fürchte, das Projekt ist auf Sand gebaut. Es ist kein Kirchenmitglied im Vorstand!“
„Nun, sie brauchen wegen eines Beitrags nicht zu mir zu kommen“, sagte Mr. Gooch. „Ich glaube nicht an Kindergärten.“
Während dieses Gespräch stattfand, verlief ein ganz anderes auf der oberen Seitenveranda, die in ein Sommerschlafzimmer für Miss Lady und Bertie umgewandelt worden war.
„Glaubst du“, sagte Bert schläfrig, „dass Gott mir ein Horn anstelle einer Harfe geben würde, wenn ich im Himmel bin, wenn ich ihn darum bitte?“
„Ich weiß, dass Er es tun wird, Bert. Zieh deinen anderen Schuh aus.“
„Warum hat Er Chick nichts zu sagen gegeben?“
„Das hat Er, aber Chicks Kehle lässt die Worte nicht durch. Steig jetzt aus deinen Kleidern, beeil dich, Buddikin!“
Aber Berts Füße waren fest verwurzelt, und seine schläfrigen Augen waren in philosophische Überlegungen vertieft:
„Wenn Er alle Arten von Kehlen hat, verstehe ich nicht, warum Er Chick keine gute gegeben hat.“
Dies erforderte eine Aufklärung, und Miss Lady versuchte, die Angelegenheit klarzustellen, während sie den kleinen Jungen aus seinen Kleidern befreite.
„Erzählst du mir keine Geschichte?“
„Nicht heute Abend, Bert. Ich bin so müde; alle Geschichten sind ausgegangen.“
Bert krabbelte schweigend in sein Bett und lag da, während er die Schatten im großen Baum draußen beobachtete.
„Ich wünschte, Cousin Don wäre hier“, seufzte er. „Ihm gehen die Geschichten nie aus. Wann kommt er wieder?“
„Ich weiß es nicht, Liebes. Schließ jetzt deine Augen und schlaf ein.“
Er schloss gehorsam seine Augen, setzte aber das Gespräch schläfrig fort:
„Er weiß alles über Wale und Tiger und große Schiffe und Elefanten. Er ist... die... ganze... Erde... umrundet...“
Aber der Sandmann hatte gesiegt, und Miss Lady, die sich einen Morgenmantel übergeworfen und ihr Haar gelöst hatte, schlich auf Zehenspitzen zum anderen Ende der Veranda, setzte sich auf das Geländer und starrte unverwandt in die hereinbrechende Dunkelheit. Eine halbe Stunde lang waren die düsteren Verzauberungen der Dämmerung unterwegs gewesen, verwandelten Hügel und Tal und verschmolzen Himmel und Erde in einer zarten, flüchtigen Atmosphäre von Träumen. Doch ihr in sich gekehrtes, weißes Gesicht und die angespannten Hände, die um ihre Knie geschlossen waren, zeigten, dass sie sich nicht mit der Schönheit des Abends beschäftigte.
Mrs. Ivys Worte hatten ein Freudenfeuer entzündet, in dessen Licht die jüngsten Ereignisse zum Vorschein kamen. Connie war verschwiegen gewesen, nicht nur bezüglich ihrer Briefe, sondern auch bezüglich ihrer Verabredungen. Sie wurde täglich gleichgültiger gegenüber Gerald Ivy und entwickelte einen Geschmack am Lesen, der Anlass zu vielerlei Vermutungen und Necken seitens des Haushalts gegeben hatte.
Zweimal während des Sommers war Donald nach Thornwood gekommen, und bei beiden Gelegenheiten war Miss Lady von einer vernunftlosen Angst ergriffen worden, nicht nur vor ihm, sondern auch vor sich selbst. Sie hatte ihn unter der deprimierenden Aufsicht von Mr. Gooch und Mrs. Ivy empfangen, und sie erinnerte sich jetzt, wie Connie bei beiden Gelegenheiten Besitz von ihm ergriffen hatte. Aber selbst wenn Connies flüchtige Zuneigung vorübergehend beansprucht war, ermutigte Donald sie sicherlich nicht!
Ein leises Pfeifen vom Pfad unter ihr ließ sie nach unten schauen. Es war Connie, und sie schritt sehr vorsichtig, als ob sie versuchte, jemandem auszuweichen.
„Miss Lady!“, rief sie leise. „Kommst du nicht noch einmal herunter?“
„Nein, ich gehe ins Bett.“
„Geh noch nicht. Ich komme hoch. Ich muss dir etwas sagen.“
Einen Moment später öffnete Connie die Tür und schloss sie vorsichtig hinter sich.
„Schläft Bertie?“
„Ja.“
„Es ist alles vorbei!“, verkündete sie tragisch. „Gerald und ich hatten einen furchtbaren Streit, und er schwört, dass er keinen weiteren Sonnenaufgang erleben wird.“
„Natürlich wird er das nicht, ich bezweifle, dass er jemals einen gesehen hat. Was ist sein Problem?“
„Alles! Er will, dass ich jede Stunde des Tages zu seinen Füßen sitze und ihn verehre, und wie kann ich einen Mann verehren, der Angst vor einer Hummel hat, nicht fahren kann und mit einem Regenschirm über dem Kopf schläft, um das Licht auszusperren? Ich kann ihn einfach keine Minute länger ertragen!“
„Aber, Connie, du warst so verrückt nach ihm, du wolltest kein Wort gegen ihn hören.“
„Ich weiß. Ich war ein perfekter kleiner Idiot.“ Connie schluchzte jetzt an Miss Ladys Schulter. „Das erste Mal, als ich ihn sah, war er gerade aus Europa zurückgekommen. Er spielte bei einem Konzert. Alle sagten, er sei ein Genie, und seine Augen waren so wunderbar, und ich hatte noch nie jemanden wie ihn gesehen. Je mehr er mich abwies, desto verrückter wurde ich nach ihm. Erst als Cousin Don zurückkam, sah ich ihn so, wie er wirklich ist.“
Miss Lady tätschelte die bebenden Schultern, sagte aber nichts.
„Und in dem Moment“, fuhr Connie stürmisch fort, „als ich anfing, anders zu fühlen, fing Gerald an, mich zu mögen. Er hat sich in eine schreckliche Stimmung hineingesteigert und will mich keine Minute aus den Augen lassen. Ich fühle mich, als hätte ich drei Monate lang nur Schokoladencremes gegessen!“
„Connie!“ Miss Lady nahm das tränenüberströmte Gesicht zwischen ihre Hände. „Ich bin froh, dass es nicht Gerald ist. Ich bin froh von ganzem Herzen, aber bist du sicher, dass es nicht jemand anderes ist?“
Connies blaue Augen, nie sehr standhaft, wanderten unruhig, und Miss Lady fuhr ernst fort:
„Bist du ganz sicher, dass du nicht genau das tust, was du vorher getan hast – dich verknallt zu machen und dich über jemanden unglücklich zu machen, dem du gleichgültig bist?“
„Aber das bin ich nicht!“, brach es empört aus Connie heraus; „er kümmert sich mehr um mich als um irgendjemanden auf der Welt!“
„Woher weißt du das?“
„Er hat es mir gesagt! Da... das hätte ich nicht sagen dürfen! Ich habe geschworen, ich würde es erst nach dem Prozess sagen. Aber du wirst es nicht verraten, Miss Lady? Versprich mir, dass du mich nicht einmal bitten wirst, dir noch mehr zu erzählen?“
Miss Lady sah sie seltsam an.
„Ich weiß, dass jeder es missbilligen wird“, fuhr Connie leichtsinnig fort, „und schreckliche Dinge über ihn sagen wird. Aber es ist mir egal, wenn du nur zu mir stehst. Und das wirst du doch, oder?“
Zweimal versuchte Miss Lady zu sprechen, bevor die Worte kamen, dann:
„Ja“, flüsterte sie fast atemlos, „ja, ich verspreche, zu dir zu stehen – und zu ihm.“
Nachdem Connie gegangen war, kehrte sie zu ihrem Platz am Geländer zurück und starrte in die aufziehende Nacht. Zum ersten Mal in ihrem Leben versetzte sie die dunkle Unermesslichkeit in Schrecken. Die Leuchtfeuer, nach denen sie ihren Kurs ausgerichtet hatte, waren nicht mehr zu sehen. Das große, einsame Meer des Lebens lag vor ihr, und sie hatte die Orientierung verloren.
„Daddy!“, flüsterte sie voller Angst, „Daddy, hilf mir!“
Doch nur der schwache Ruf eines Ziegenmelkers aus dem Tal unter ihr antwortete auf ihren Ruf. Ein Zittern erfasste sie, und während sie sich tastend den Weg zu dem Bett bahnte, in dem Bertie lag, kroch sie zu ihm hinein, schmiegte den weichen, warmen kleinen Körper fest an sich und unterdrückte ihr Schluchzen, damit er nicht aufwachte. Lange nachdem der Ziegenmelker sein Klagelied beendet hatte, lag sie da und starrte in die Dunkelheit, auf die Morgendämmerung wartend.
KAPITEL XXVII
Die Herbstsonne kämpfte sich bleich durch die Fenster des Kinderkrankenhauses und sandte einen Strahl über das hohe, schmale Bett, in dem Chick Flathers lag und misstrauisch die Handgriffe der diensthabenden Schwestern beobachtete. Er war sich keineswegs sicher, ob es richtig gewesen war, hierher zu kommen. Zwei Tage lang hatte er im Bett bleiben müssen, und heute Morgen hatte er sein drittes Bad über sich ergehen lassen müssen und war um sein Frühstück gebracht worden. Dass er überhaupt hier war, war lediglich ein Zugeständnis an die Freundschaft. Mis' Queerington hatte ihn überredet. Für die „Andere“, die Dicke, die immer lächelte und über das „The Willows Awful Home“ sprach, wäre er nicht gekommen. Er wäre nicht einmal für Tante 'Telia gekommen, aber Mis' Queerington war anders; sie verstand einen Kerl. Sie hatte gesagt, die Ärzte würden seinen Hals so reparieren, dass er lauter schreien könnte als jeder Junge auf dem Billy-goat Hill! All die unterdrückten Schreie eines Dutzend Jahren zitterten bei diesem Gedanken auf seinen Lippen!
„Chick, hier ist eine Orange und ein paar Kekse, die ich dir mitgebracht habe.“ Es war Tante 'Telia, die sich ans Bett setzte und seine Hand nahm. „Wenn du erst einmal gesund bist, nimmt Tante 'Telia dich mit zum Zirkus, oder ans Meer, oder irgendwohin.“
Das Meer bot kein greifbares Bild, also zog Chick es vor, beim Zirkus zu verweilen, aber selbst diese verlockende Aussicht konnte seine Aufmerksamkeit nicht halten, während so viele beunruhigende Dinge um ihn herum vorgingen. Eine Schwester hatte seinen Puls gefühlt, eine andere ihm ein Glasröhrchen in den Mund gesteckt, und nun rollte eine dritte ein merkwürdiges kleines Bett auf Rädern herein.
Unruhig wandte er sich von dem schwarzbraunen, besorgten Gesicht, das sich über ihn beugte, zur Tür, wo Mrs. Queerington gerade eintrat. Aber er wusste aus Erfahrung, dass es eine Weile dauern würde, bis sie ihn erreichte. All die anderen kranken Dussel würden wollen, dass sie mit ihnen sprach, und die Schwestern würden sie aufhalten, und der junge Assistenzarzt würde eine Blume für sein Knopfloch verlangen. Chick verabscheute sie alle gleichermaßen. Es schien eine Stunde zu dauern, bis ihr helles, beruhigendes Gesicht sich über ihn beugte und er sie sagen hörte:
„Es dauert nicht mehr lange, Chicky Boy. Dr. Wyeth wird bald hier sein, und sie werden dich auf diesem lustigen kleinen Wagen mitnehmen. Ich frage mich, was Skeeter Sheeley wohl gerade macht? Wahrscheinlich in der Schule sitzen.“
Das lenkte Chick wunderbar ab. Der Gedanke daran, dass Skeeter den Vormittag im Schulzimmer verbringen musste, machte sein eigenes Los weniger schwer.
„Ist Nummer siebzehn bereit für die Operation?“, hörte er jemanden fragen, und im selben Moment schlossen sich Tante 'Telias Finger wie eine Zange um seine Hand.
Dann erschien der große Arzt, der ihn hierher gebracht hatte, am Fußende seines Bettes.
„Ah, Mrs. Queerington!“, sagte er, „der bloße Anblick von Ihnen sollte diese jungen Leute aufmuntern. Aber Sie sind immer noch blasser, als mir lieb ist. Haben Sie sich wieder übernommen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Mir geht es gut, aber was ist mit Ihrem Patienten?“
Der Arzt strich sich über das Kinn und schien sich für die Zimmerdecke zu interessieren. „Einige recht ernste Komplikationen. Sehr anämisch. Sehr wenig Substanz, mit der man arbeiten kann. Möglicherweise eine Chance von fünfzig zu fünfzig. Wie auch immer –“ er zuckte mit den breiten Schultern. „Hat er Angehörige?“
„Nein, außer dieser Tante, die ihn versorgt. Myrtella!“
Aber Myrtella hatte sich beim Anblick des Arztes abgewandt und weigerte sich, aufzublicken.
Chick, der die beiden Sprecher am Fußende des Bettes genau beobachtete und vergeblich versuchte zu verstehen, was sie über ihn sagten, war erleichtert, als Dr. Wyeth Miss Lady ein Buch reichte und leichtfüßig sagte:
„Sie sehen, dass ich, wie alle anderen auch, ein Opfer von ‚Khalil Samad‘ geworden bin. Ich habe gehört, es ist bereits in der zehnten Auflage. Der junge Morley hat eine Karriere vor sich, wenn er diese Prüfung übersteht. Wissen Sie, wann sie angesetzt ist?“
„Am sechsten November.“
„So bald schon? Nun, ich kenne den jungen Mann nicht, aber ich hoffe, er wird freigesprochen. Ich möchte, dass er noch mehr Bücher schreibt, die ich lesen kann. Es tut mir leid, dass Kinner die Anklage führt. Der würde lieber einen Unschuldigen verurteilen als einen Schuldigen. Alles klar, mein Junge, ich glaube, wir sind bereit.“
„Versuch nicht aufzustehen!“, ermahnte die Schwester Chick; „ich hebe dich hinüber.“
Aber Chick verachtete jede Hilfe. Hatte er nicht erst letzte Woche bei einem Footballspiel zwischen den Bean Alley Busters und den Shanty Boat Bums tapfer das Zentrum gestürmt und war, bedeckt mit Schlamm, Blut und Ruhm, vom Spielfeld getragen worden? Sie sollten bloß nicht denken, nur weil er klein und dünn war und nicht sprechen konnte, sei er ein Baby! Er hievte sich selbst auf die fahrbare Trage, weigerte sich aber, sich hinzulegen.
„Lassen Sie ihn dann sitzen“, sagte Mrs. Queerington. „Er sieht gerne, wo es hingeht, nicht wahr, Chick? Hier fährt unser Automobil! Tröt! Tröt!“
Die Schwester schob ihn durch die hohen, düsteren Flure, während Myrtella mit schlurfendem Gang an der einen Seite mitlief, sich an seine Hand klammerte und sich die Augen abwischte. Miss Lady schwebte auf der anderen Seite nebenher und erzählte ihm von dem neuen Football, der auf seinem Bett liegen würde, wenn er aufwachte.
Dann hielten sie an, und Myrtella beugte sich wild über ihn. „Chick!“, rief sie, ihr Gesicht plötzlich verzerrt, „sieh mich noch ein einziges Mal an! Sag mir, dass du mir verzeihst, Chicky! Oh, wenn sie dich töten –!“
Die Trage wurde hastig in den Aufzug geschoben und die Tür schloss sich, wobei nur Chick, die Schwester und der Pfleger darin blieben.
Etwa zu dieser Zeit beschloss Chick, sich hinzulegen. Wohin brachten sie ihn? Was wollten sie mit ihm anstellen? Was meinte Tante 'Tella mit diesen seltsamen Worten? Wo war Mis' Squeerington geblieben? Mit plötzlich aufkommender, zitternder Angst sah er die Schwester an und stieß heisere, fragende Laute aus.
„Hier sind wir!“, rief sie beruhigend, als der Aufzug anhielt. „Und hier wartet Dr. Wyeth schon auf uns.“
„Nun, mein kleiner Mann“, sagte die große Gestalt in Weiß und nahm eine kleine, kalte Hand in seine große, starke, „wir werden dich in den Schlaf schicken, und wenn du aufwachst, ist alles vorbei. Du bist ziemlich tapfer, nicht wahr?“
Chick, der sich sehr anstrengte, damit seine Knie das Laken nicht zum Zittern brachten, nickte nachdrücklich.
„Das dachte ich mir“, log der Arzt fröhlich, während er in die vor Angst erstarrten Augen blickte. „Ich merke fast immer, wenn ein Kerl aus dem richtigen Holz geschnitzt ist. Du trägst keine falschen Zähne, oder?“
Chicks plötzliches, zahnloses Lächeln enthüllte die Sinnlosigkeit dieser Frage.
„Das ist gut. Keine Gefahr, dass du sie verschluckst. Nun, setz dir doch diesen Trichter über den Mund und atme einmal tief ein. Genau! Noch einmal! Das ist richtig, noch einmal!“
Chick spürte, wie eine heiße, süße Luft in seine Kehle strömte, und fing an zu würgen. Doch die Stimme des Arztes sagte beharrlich: „Noch einmal!“ „Noch einmal, mein Junge!“ Und der Arzt glaubte, er sei tapfer.
Er schloss die Augen und versuchte, keine Angst zu haben, doch schreckliche Dinge geschahen! Seine Haut löste sich von seinem Körper; und er stieg in die Luft auf; Lichter tanzten vor seinen Augen, und plötzlich hatte er es schrecklich eilig mit irgendetwas. So eilig hatte er es noch nie gehabt! Er ließ Ärzte und Schwestern weit unter sich zurück, er konnte hören, wie ihre Stimmen mit jedem Augenblick schwächer wurden. Dann begannen die Lichter plötzlich wieder zu tanzen, die Eile kehrte zurück, und sein ganzer Atem wurde aus ihm herausgepresst. Nein, er konnte nicht länger tapfer sein! Er musste kämpfen! Wild, blind, stumm kämpfte er gegen dieses schreckliche Unbekannte, das ihn überwältigte. Dann, nach einer letzten qualvollen Anstrengung, sank er hilflos in den Abgrund des Schlafs.
Unterdessen warteten eine Etage tiefer, auf den kalten, nackten Stufen neben der Aufzugtür, zwei bleiche Frauen voller Angst. Im hohen, schmalen Korridor war es still, abgesehen von den Schritten vorbeigehender Schwestern und dem gelegentlichen scharfen Schrei vor Schmerz oder dem Stöhnen der Erschöpfung eines leidenden Patienten.
„Das ist er!“, rief Myrtella hysterisch, als einer dieser Schreie sie erreichte.
„Nein, nein. Er schläft inzwischen fest. Er wird nichts mitbekommen, bis alles vorbei ist.“ Dann, als ein weiterer Schrei Myrtella auf die Füße springen ließ, fügte Miss Lady hinzu: „Bitte, Myrtella, hab keine solche Angst. Diese Schreie kommen von der Etage unter uns.“
Myrtella schüttelte ihre Hand ungeduldig ab. „Wie lange sind sie schon weg? Warum hast du mir nicht gesagt, dass sie ihn stundenlang behalten würden?“
„Es sind erst zwanzig Minuten. Ich weiß, wie besorgt du bist, aber du musst versuchen, ruhig zu bleiben. Wenn du es nicht bist, werden sie dich nicht ins Zimmer lassen, wenn sie ihn herunterbringen.“
„Mich nicht ins Zimmer lassen!“ Myrtellas Gesicht flammte vor Wut auf. „Ich möchte sehen, wie sie mich aufhalten! Wer hat ein größeres Recht? Der Arzt? Die Schwester? Du? Keine von euch hat das Recht auf ihn, das ich habe. Bin ich nicht seine Mutter?“
Miss Lady sah sie erstaunt an und wich instinktiv vor der verzweifelten, trotzigen Frau zurück.
„Das stimmt!“, schrie Myrtella, fast außer sich. „Reiß deine Hand von meinem Arm, weich vor mir zurück, als wäre ich ein Aussätziger! Erzähl es jedem, erzähl der Polizei, dass ich mein Baby in die Aschentonne geworfen und ausgesetzt habe! Das spielt jetzt keine Rolle mehr, nichts spielt eine Rolle außer Chick. Oh, mein Gott! Wie lange sind sie schon weg?“
„Sie werden sehr bald wieder hier sein, Myrtella. Zerreiße dein Taschentuch nicht so. Hier, nimm meins.“
Doch Myrtellas Augen waren zu voller Angst für Tränen; sie saß da, die Hände um die Knie geschlossen, und wiegte sich hin und her.
„Ich habe es niemandem erzählt“, fuhr sie wild fort; „all die Jahre habe ich es in meiner Seele eingesperrt, bis es sie ganz aufgezehrt hat. Ich habe es Chick nie angetan! Er war damals nicht Chick. Er war nur etwas, das einem Teufel gehörte. Dann wuchs er zu Chick heran, und all mein Hass verwandelte sich in Liebe, und jetzt zahlt Gott es mir heim, ich wusste, Er würde es tun! Er würde ihn jetzt nicht leben lassen, nur um mich zu quälen!“
„Myrtella!“, befahl Miss Lady mit empörter Stimme. „Wage es nicht, so etwas zu sagen! Wer weiß, ob Gott Chick nicht gerade in dieser Minute dir zurückgibt? Vielleicht wählt Er diesen Weg, um dir zu zeigen, dass Er dir vergibt. Bete zu Ihm, Myrtella! Bitte Ihn, das Beste für Chick zu tun, was auch immer das sein mag.“
Myrtellas Kopf war auf ihre Knie gesunken, und ihre rauen, von der Arbeit gezeichneten Hände klammerten sich an Miss Ladys schlanke Hände.
Plötzlich schreckten beide auf. Der Aufzug fuhr quietschend herab und hielt neben ihnen an. Ein Schlurfen von Füßen war zu hören, und die Trage wurde vorbeigeschoben, mit einer kleinen, in ein weißes Laken gehüllten Gestalt, die bewegungslos darauf lag.
„Es ist alles vorüber“, sagte Dr. Wyeth, der zügig folgte. „Er hat sich ziemlich gewehrt, während er das Narkosemittel bekam, aber wir haben ihn schließlich besiegt. Die Bedingungen waren weniger ernst, als ich befürchtet hatte. Mit Sorgfalt und guter Pflege sollte er jetzt gleich wieder gesund werden. Hallo! Hier ist noch eine Patientin!“
Denn Myrtella, die ihn durch ihre stahlgerahmte Brille anstarrte, war wie ein Baumstamm mitten im Korridor zusammengesackt und lag bewusstlos da, ihr flatternder Hut unter einem Ohr zerquetscht.
„Lockern Sie ihren Kragen“, wies Dr. Wyeth an, „und bringen Sie mir etwas Eiswasser. So! Sie wird in einer Minute wieder zu sich kommen.“
Er kniete neben ihr, die Hand auf ihrem Puls, und betrachtete sie neugierig. Dann wandte er sich an Miss Lady:
„Seltsam, wie Gesichter einem wiederbegegnen. Ich habe diese Frau vor zwölf Jahren behandelt, als ich Assistenzarzt auf der Entbindungsstation des städtischen Krankenhauses war.“
KAPITEL XXVIII
Als der sechste November näher rückte, wurden Donald Morleys Freunde zum ersten Mal ernsthaft besorgt wegen des Ausgangs seines letzten Prozesses. Die Tatsache, dass er einen unbekannten, unerfahrenen Anwalt engagiert hatte, um es mit dem gefürchteten Kinner aufzunehmen, wurde als seine größte Torheit angesehen. Der Fall, der aufgrund der Prominenz der beteiligten Familien schon immer ein beachtliches lokales Interesse geweckt hatte, bekam nun eine weitaus schwerwiegendere Bedeutung, da es sich um den Autor von „Khalil Samad“ handelte, das meistdiskutierte Buch der Stunde.
Miss Lady, die nun allein in Thornwood war, bis auf Bertie und Myrtella, kämpfte sich so gut sie konnte durch die Tage. Seit Connies Geständnis hatte sie sie kaum gesehen, denn nach einer Reihe von Besuchen in der Blue-Grass-Region war jene rastlose junge Person bei Freunden in der Stadt gewesen und war immer noch dort, als der für den Prozess angesetzte Termin kam.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Miss Lady den stündlichen Kampf gegen ihr eigenes Herz gewonnen. Immer wieder hatte Donald versucht, sie zu sehen, doch unter dem einen oder anderen Vorwand war sie ihm ausgewichen. Sie war ratlos, verwirrt und hoffnungslos unglücklich, und sie fragte sich immer wieder, warum ihr Glück für das einer oberflächlichen, unverantwortlichen Schmetterlingsseele geopfert werden sollte. Donald machte sie keine Vorwürfe; er war in diese Affäre mit Connie hineingeraten, als seine Not am größten war, und nun, da seine Ehre ebenso wie ihre auf dem Spiel stand, gab es kein Zurück mehr.
Doch als der zweite Tag des Prozesses anbrach und sie nach einer schlaflosen Nacht die entmutigenden Zeitungsberichte über den Verlauf des Vortages las, merkte sie, dass etwas Stärkeres als sie selbst von ihr Besitz ergriff. Vergeblich versuchte sie, ihre gewohnten Aufgaben zu erledigen. Jedes Atom ihres Seins war dort im Gerichtssaal an der Seite von Donald Morley, stand mit ihm vor Gericht. Zweimal warf sie Mantel und Hut über, nur um sie wieder abzulegen und ungeduldig am Fenster zu stehen und den Sturm zu beobachten.
Denn der lange Sommer war endlich zu Ende gegangen. Nach Tagen strahlenden Oktober-Sonnenscheins, als der Winter wie das Jenseits vage und fern schien, war ein Wind aus dem Norden herangestürmt, hatte die Bäume in einer einzigen Nacht entblättert und sie über ihre plötzliche Nacktheit staunen lassen. Dann kam der Graupel, und nicht damit zufrieden, Bäume und Sträucher anzugreifen, musste er das Haus selbst stürmen, in Fenster und Türen eindringen, jeden Winkel und jede Ecke belagern, nur um schließlich in eisigen Bächen zu zerrinnen, die laut klappernd die Dachrinnen hinunterliefen.
Je weiter der Vormittag voranschritt, desto unruhiger wurde Miss Lady. Angenommen, das Unvorstellbare geschah, und zum zweiten Mal würden zwölf ehrliche Männer einen Unschuldigen für schuldig befinden? Konnte Connie die Schande des Urteils ertragen? Würde ihr wankelmütiges, unbeständiges Herz eine solche Prüfung bestehen? Angenommen, die Person, auf die Donald Morley vertraute, würde ihn in einer entscheidenden Stunde wieder im Stich lassen?
Zum dritten Mal warf Miss Lady ihre Sachen über. Sie konnte die Ungewissheit nicht länger ertragen, sie musste zu ihm, für den Fall, dass er sie brauchte.
„'Fore de Lawd!“, rief Onkel Jimpson aus, als sie ihm ihren Plan mitteilte. „Ich weiß nicht, was der alte John von uns halten wird, wenn wir ihn an so einem Tag zum Bahnhof bringen! Außerdem ist der Mittagszug schon weg.“
„Dann müssen wir in die Stadt fahren. Spann so schnell du kannst an!“
„Aber Miss Lady, Honey, Sie vergessen den Graupel! Der alte John würde auf der Straße schlittern wie eine Fliege auf einer Glatze.“
„Das macht nichts! Ich gehe. Beeil dich!“
Myrtella, die gerade unter der persönlichen Aufsicht von Bert einen Teigmann formte, blickte empört auf:
„Sie glauben doch nicht etwa, dass Sie bei diesem Sturm ohne Mittagessen rausgehen?“
„Ich kann nichts essen, ich habe keinen Hunger.“
„Das haben Sie schon beim Frühstück gesagt. Ich habe kein bisschen Geduld mit Leuten, die sich selbst krank ins Bett legen und für alle zur Last werden, nur für das Vergnügen, an einem solchen Tag im Schneematsch herumzusumpfen. Ich mache Ihnen ein bisschen Toast und ein Ei, während er anspannt.“
„Erzähl die Geschichte weiter, 'Telia“, forderte Bertie und setzte dem Teigmann sorgfältig eine Nase auf.
„Nun“, fuhr Myrtella vom Herd aus fort und warf einen besorgten Blick auf Miss Lady, die ungeduldig am Fenster stand und gegen die Scheibe klopfte, „alle fragten sich, was wohl seine ersten Worte sein würden, und Dr. Wyeth sagte: ‚Drängen Sie ihn nicht zum Reden, lassen Sie es einfach natürlich kommen.‘ Eines Tages waren ich und die Schwester – die eingebildete, von der ich Ihnen erzählt habe – dabei, seinen Hals zu sprühen, und er sah sich so neugierig all die kleinen Gummischläuche und Gerätschaften an, dass sie sagte: ‚Du wirst eine Menge wissen, wenn du hier weggehst, Chick.‘ Und was glauben Sie, was er da antwortete? Genauso schlau und deutlich, als hätte er sein ganzes Leben lang gesprochen?“
„Was?“, fragte Bertie so atemlos, als hätte er die Geschichte noch nicht ein Dutzend Mal gehört.
„‚Papperlapapp‘, sagte Chick, ‚ich wusste schon eine Menge, als ich kam!‘“ Myrtellas Stolz auf diese erste Artikulation ihres Sprösslings war so groß, dass sie darüber vergaß, dass der Toast verbrannte.
„Wann werden Sie Chick nach Hause bringen können?“, fragte Miss Lady und schluckte den heißen Tee hinunter, während sie ein wachsames Auge auf die Stalltür hatte.
„Sobald der Arzt aufhört, jeden Tag an seinem Hals herumzudoktern. Er macht sich prächtig, seit ich ihn zurück zu Phineas gebracht habe. Maria ist ganz verrückt nach ihm, jetzt, wo sie ihn wieder abgeben muss. Sagt, sie hätte immer gewusst, dass er schlau ist, aber sie hätte sich nie träumen lassen, was er alles in seinem Kopf eingesperrt hatte.“
„Ich habe Ihr Haus nicht vergessen“, sagte Miss Lady abwesend. „Dr. Wyeth kennt einen schönen Ort in der Chestnut Street und sagt, Sie können einen guten Lebensunterhalt verdienen, wenn Sie die Zimmer an Verkäuferinnen vermieten. Es ist nicht recht, wenn ich Sie hier draußen noch länger festhalte.“
„Nun, ich gehe nicht vor dem Frühling.“ Myrtella klapperte mit den Pfannen mit unnötiger Heftigkeit. „Ich und Chick bleiben genau hier, bis wir Sie untergebracht haben. Jetzt, wo Mr. Gooch eine Phase des Ausgebens hat und Miss Hattie aufs College schickt, schätze ich, dass sie für eine Weile versorgt ist. Gut möglich, dass Miss Connie bald einen dieser vorlauten, nichtsnutzigen Kerle heiratet, dann ist sie versorgt. Aber was soll aus Ihnen und Bertie werden?“
Miss Lady beugte sich impulsiv über den Rücken des Kindes, das neben dem Tisch auf einem Stuhl kniete, und küsste das Stück Nacken, das zwischen dem Kragen und den Locken hervorlugte: „Bert und ich?“, wiederholte sie mit einem kleinen Schluchzen in der Stimme; „nun, wir werden aufeinander aufpassen müssen, nicht wahr, Bert?“
KAPITEL XXIX
Die Familie Flathers gönnte sich eine Geburtstagsfeier. Der Tisch, der im Schlafzimmer aufgestellt war, damit Chick teilhaben konnte, war an einem Ende mit einem prächtigen rosa Kuchen geschmückt, der eine einzelne Kerze trug, und am anderen Ende von Loreny selbst, blauäugig und pausbäckig, die triumphierend zwischen den Tellern herumkroch und der Zuckerdose und dem Melassekrug gleichermaßen Aufmerksamkeit schenkte, nur unterbrochen von ekstatischen Schreien, wenn ein struppiger, roter Kopf über der Tischkante auftauchte.
Im Bett, auf Kissen gestützt und mit bandagiertem Hals, spielte Chick mit Messer und Gabel auf seinem Teller ein lebhaftes Lied, während Maria Flathers sich ganz der Aufgabe widmete, Loreny May davon abzuhalten, ihren blau beschuhten Fuß in die Butter zu stecken.
Draußen peitschte der Graupel gegen die Fenster und das rote Verdeck von Mr. Iselings Wagen, der am Tor wartete. Er pfiff und ratterte durch die Bean Alley und verwandelte die Telegrafendrähte in Eisseile. Doch die Familie Flathers, die den ungewohnten Luxus eines offenen Feuers genoss und durch die Heiterkeit des Anlasses aufgeheitert wurde, war sich des Sturms glücklich nicht bewusst, bis ein scharfes Klopfen an der Tür den rothaarigen Bären unter dem Tisch hervorholte, um die Aufforderung zu beantworten.
„Nun, wenn das nicht Mis' Squeerington ist!“, rief Phineas Flathers überschwänglich. „Bei all diesem Sturm draußen! Aber ich bin nicht überrascht. Habe ich Ihnen nicht gesagt, Maria, dass ich wusste, sie würde dem Baby ein Geburtstagsgeschenk bringen? Kommen Sie ans Feuer, Mam. Maria, hol ihr einen Schaukelstuhl.“
„Nein, nein!“, rief Miss Lady atemlos. „Ich kann nicht bleiben. Ich muss in die Stadt. Mein Pferd ist an der Brücke zusammengebrochen, und ich bin auf dem Weg zur Kreuzung, um zu sehen, ob ich den nächsten Zug nehmen kann, wenn er zum Wasserfassen hält. Ich möchte, dass Sie rübergehen und mir beim Einsteigen helfen.“
„Der nächste Zug hält nicht. Das ist ein Schnellzug. Der Personenzug ist erst in anderthalb Stunden fällig. Sie sind sowieso noch nicht in der Verfassung, um weiterzureisen, Mam, auf keinen Fall. Ich habe Sie noch nie so mitgenommen gesehen! Maria, kannst du ihr nicht eine Tasse Kaffee oder so etwas machen?“
Miss Lady schüttelte den Kopf und lehnte sich erschöpft an den Kaminsims.
„Es wird schon gehen. Sind Sie sicher mit den Zügen?“
„Sicher wie das Amen in der Kirche. Sie müssen warten, und wir werden ein nettes kleines Pläuschchen mit Ihnen haben. Ich nehme an, Sie sind überrascht, mich zu dieser Tageszeit zu Hause zu sehen?“
„Daran habe ich nicht gedacht.“
„Nun, sehen Sie, es ist ihr Geburtstag, und keine Tornados der Welt hätten mich davon abhalten können, ihr einen Kuchen zu bringen. Ist sie nicht das niedlichste Ding, das Sie je mit Ihren zwei Äuglein gesehen haben? Sag ‚Da-da‘, Loreny – hör auf, mit ihr zu reden, Chick. Los, Loreny, sag ‚Da-da‘ für die hübsche Dame!“
„Er ist so albern, was sie betrifft“, sagte Maria Flathers und versuchte, ihren eigenen Stolz zu verbergen. „Er lässt mich ihr nur weiße Kleider und blaue Schühchen anziehen, und er arbeitet Überstunden, um sie zu bezahlen. Myrtella sagt, es gibt keine Narren wie die alten.“
„Das macht nichts“, sagte Phineas; „sie wird mehr zu sagen haben, wenn ich Loreny zu ihrem nächsten Geburtstag einen Diamantring schenke. Iseling wird mir bald eine Gehaltserhöhung geben. Er hat es so gut wie versprochen. Er weiß, dass ich für alles zu gebrauchen bin, vom Leiten eines großen Auftrags bis zum Fahren eines Wagens; und dann erst das Geschäft, das ich anziehe! Warum, Mis' Squeerington, die Damen-Hilfsvereine in der Immanuel-Kirche folgen mir auf Schritt und Tritt, und Mrs. Ivy und die Anti-Tabak-Liga – Schoo, ich könnte morgen mein eigenes Geschäft aufmachen.“
„Es ist ein Uhr!“, mahnte Maria, darauf bedacht, ihren Herrn zur Eile zu bewegen, damit sie selbst noch ein paar Krümel des Gesprächs abbekommen konnte.
„Ein Uhr! Heiliger Bimbam! Ich muss mich sputen, wenn ich den Rest der Verhandlung hören will.“
„Die Verhandlung?“, wiederholte Miss Lady sofort hellwach; „waren Sie heute Morgen im Gerichtsgebäude?“
„Ja, Mam, das war ich. Jeder war da. Der Gerichtssaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich sage zu Iseling heute Morgen, ich sage: ‚Ich mache die Mittagsauslieferung, aber der Rest des Tages gehört mir. Das ist nicht nur wegen meiner früheren Verbindung zur Familie Sequin‘, sage ich; ‚es ist, weil Mr. Don Morley ein persönlicher Freund von mir ist. Er ist ein anständiger und ehrlicher Kerl‘, sage ich, ‚und der großzügigste junge Gentleman, für den ich je einen Gefallen getan habe. Wenn es darum geht, ihm in der Not beizustehen oder meinen Job zu verlieren‘, sage ich, ‚dann pfeife ich auf den Job!‘“
„Aber als Sie gingen“, drängte Miss Lady, „was taten sie da? Wie haben die Leute darüber gedacht?“
„Sehr wackelig, Mam. Sie haben nicht ein Fitzelchen guter Beweise für ihn, und genug gegen ihn, um ein Schiff zu versenken. Der Sohn des alten Wicker kämpft hart, aber er hat es mit Kinner zu tun, und Kinner könnte den heiligen Petrus persönlich verurteilen!“
„Aber können sie nicht die Wahrheit aus Sheeley herausbekommen? Können sie ihn nicht zwingen, zu sagen, was passiert ist?“
Phineas zuckte verächtlich mit den Schultern: „Sheeley hat sein Gedächtnis verloren, als er sein Auge verlor. Das eine wurde mit Blei ausgeschossen, das andere mit Silber. Jetzt sagt er, er sei überhaupt nicht in die Schlägerei verwickelt gewesen.“
„Das ist eine Lüge! Er war es!“, Chick hatte sich von seinem Kissen erhoben und lehnte sich aufgeregt vor.
„Was meinst du, Chick? Woher weißt du das?“
„Er war in der Schlägerei!“, rief er heiser. „Es war zwischen ihm und dem Betrunkenen. Sheeley hat ihn beim Falschspielen mit einem As erwischt, und er nennt Sheeley einen Lügner, und sie haben sich auf dem ganzen Boden geprügelt. Der Große war nicht beteiligt! Er hat immer wieder versucht, sie zu stoppen, indem er mit seiner Peitsche dazwischenging.“
„Aber woher weißt du das alles, Chick?“, rief Miss Lady fast heftig; „hat der Sheeley-Junge dir das erzählt?“
„Skeeter? Ach was, der weiß nichts, außer dem, was sein Alter ihm erzählt hat.“
„Aber wer hat es dir erzählt?“
Chick presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf: „Er hetzt mir die Polizei auf den Hals.“
„Wer?“
„Skeeters Alter. Weil ich den Spielautomaten zertrümmert habe. Aber ich habe kein Geld von ihm genommen, Mis' Squeerington; es war meins!“ Seine Lippen begannen zu zittern.
„Die Polizei wird dich nicht kriegen, Chick“, sagte Miss Lady, die nun neben ihm auf den Knien lag, ihm jede Aussage entlockte und versuchte, ihre Aufregung zu unterdrücken. „Sag es mir schnell! Woher weißt du von der Schießerei?“
„Weil“, sagte Chick ängstlich, „ich – ich habe es gesehen!“
„Na, wenn das nicht der Gipfel ist!“, sagte Phineas, während Maria Loreny hochhob, in dem Glauben, Chick habe den Verstand verloren und könne gefährlich werden.
„Ich hatte mich im Salon einsperren lassen“, fuhr Chick fort, sichtlich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ein Held zu sein, und der Angst vor den Konsequenzen, „und es war Nacht, und ich bin eingeschlafen.“
„Ja, ja!“, drängte Miss Lady; „fahr fort.“
„Dann kamen sie rein und fingen an zu randalieren, und ich kroch die Treppe hoch, legte mich auf den Bauch und guckte durch den Spalt. Und Sheeley und der Betrunkene fingen an sich zu prügeln, wie ich dir erzählt habe. Und dann, während der Große versuchte, Sheeley zum Aufhören zu bewegen, kam der Betrunkene zur Tür, genau dahin, wo ich lag, stützte sich gegen die Wand und feuerte mit einer Pistole auf Sheeley los.“
„Würdest du den Großen wiedererkennen? Oh, Chick, versuch dich zu erinnern, wie er aussah!“
Chick schüttelte den Kopf: „Nee, ich weiß nicht mehr, wie einer von ihnen aussah. Aber du weißt, welcher es war; er hat mir den Silberknopf von seiner Peitsche gegeben.“
Miss Lady sprang auf: „Wir müssen ihn zum Gerichtsgebäude bringen, Mr. Flathers. Schnell! Helfen Sie mir mit seinen Sachen. Ich ziehe ihm Schuhe und Strümpfe an.“
„Aber der Zug –“, begann Phineas.
„Wir können nicht darauf warten!“, rief Miss Lady. „Sie müssen uns mit dem Wagen fahren.“ In erstaunlich kurzer Zeit war Chick, verwirrt, aber interessiert, vollständig angekleidet. „Geben Sie mir die Decken vom Bett und helfen Sie mir, ihn darin einzuwickeln“, sagte Miss Lady. „So! Sie tragen ihn, und ich halte den Schirm. Halten Sie den Mund, Chick; wagen Sie es nicht, ihn zu öffnen, bis ich es Ihnen sage.“
Der verdutzte Chick, verpackt wie eine Mumie, wurde zum Wagen gebracht und zwischen zwei Eismaschinen gebettet, während Miss Lady neben ihm kniete und versuchte, ihn vor dem Wind zu schützen. Gerade als Phineas losfuhr, kam ein Ruf aus dem Häuschen.
Zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben war Maria Flathers mit einer Idee zusammengestoßen. Vergeblich versuchte sie, ihre geistigen Motoren umzukehren und zurückzuweichen, doch der Zusammenprall war ein Frontalzusammenstoß, und sie und die Idee waren fest miteinander verschweißt.
„Hier ist der Peitschengriff!“, rief sie wild, als der Wind ihre Röcke erfasste und sie um sie herum wirbelte. „Ich habe ihn als Fingerhut benutzt. Und hier ist die Peitsche selbst – nehmen Sie sie mit! Nehmen Sie sie als Beweisstück!“
Wieder einmal setzte sich der rot bedachte Wagen in Bewegung, diesmal im Ernst. Durch den Schlamm und Matsch der Bean Alley, vorbei an der Müllhalde, über das Common, raste die stämmige kleine Stute wie wild.
„Atme nicht durch den Mund, Chick!“, beschwor ihn Miss Lady. „Und hab keine Angst. Du musst nur erzählen, was du gesehen hast. Halte nichts zurück, erzähl es genau so, wie du es mir erzählt hast.“
„Das mit dem Spielautomaten?“, fragte eine ängstliche Stimme aus den Decken.
„Über alles. Niemand wird dir wehtun oder dir Vorwürfe machen. Du erkältest dich doch nicht, oder? Hier, zieh meine Handschuhe an, und du darfst nicht reden, kein Wort mehr.“
Eine unendlich lange Zeit platschten sie durch den Matsch der Straße, bevor sie die Pflaster der Stadt erreichten. Wenn sie aus dem Wagen schauten, konnten sie die breiten, gelben Wasser des Flusses mit seinen langen, schwarzen Kohlenkähnen sehen und die schwachen Umrisse des Billy-goat Hill, die in der Ferne immer blasser wurden.
„Schneller, Mr. Flathers, fahren Sie schneller!“, flehte Miss Lady.
Phineas ließ die Peitsche willig auf die Flanke der kleinen Stute niedergehen, und sie rasten dahin, durch die belebte Hauptstraße in eine breite Straße voller Lagerhäuser, wo sie der Straßenbahn mitten durch die düstere Stadt folgten. Die ganze Zeit peitschte der Schneeregen auf das rote Wagendach und klapperte unter den Hufen des Pferdes, und Miss Lady saß da, Chick an sich drückend und die vergehenden Augenblicke zählend.
Endlich tauchte das dunkle Gerichtsgebäude vor ihnen auf, und Phineas nahm eine Kurve um Haaresbreite und raste auf den offenen Platz zu.
„Ist der Fall Morley schon bei der Jury?“, rief er halb aus dem Wagen einem Mann zu, der die breite Treppe herunterkam.
„Noch nicht.“
Miss Lady zog bereits hektisch die Decken von dem darunter verborgenen Chick.
„Warten Sie, bis Mr. Flathers Sie trägt“, rief sie, sprang auf den Boden und sah ihn ängstlich an. „Denk daran, du wirst ihnen alles erzählen. Du hilfst, Mr. Morley zu retten, und du tust es für mich.“
Die Augen des blassen, dünnbeinigen Kindes, das am Ende des Wagens stand, huschten am Gerichtsgebäude vorbei zu den vergitterten Fenstern des angrenzenden Gefängnisses. Plötzlich begannen seine Beine noch heftiger zu zittern als im Krankenhaus, und seine Lippen bebten drohend.
„Chick!“, rief Miss Lady verzweifelt. „Du wirst mich doch nicht im Stich lassen – du stehst mir bei, nicht wahr?“
Einen Moment lang schloss er die Augen ganz fest, dann schob er den kleinen Kautabak, der in der letzten Stunde sein einziger Trost gewesen war, von der rechten in die linke Wange.
„Klar!“, sagte er entschlossen.
KAPITEL XXX
„Eins! Zwei! Drei! Vier!“
Die große Uhr, die so viele ängstliche Augenblicke für so viele ängstliche Beobachter heruntergetickt hatte, schleuderte ihre Ankündigung über den überfüllten Gerichtssaal. Die letzte Aussage war gemacht, Chick hatte seine Geschichte erzählt, seine Beweise vorgelegt und Morley identifiziert; der Staatsanwalt hatte seine Geschichte in Fetzen gerissen und den jungen Zeugen hoffnungslos verwirrt; der Verteidiger war nun aufgestanden, um sein Schlussplädoyer vor der Jury zu halten. Spannung hing wie ein dichter Nebel über dem Gerichtssaal.
Miss Lady, die zwischen Mr. Gooch und Connie saß, schob ungeduldig ihren kurzen schwarzen Schleier zurück. Die Stunden, die sie seit Mitternacht durchkämpft hatte, schienen nichts im Vergleich zu dieser Ewigkeit des Wartens. Seit sie den Raum betreten hatte, hatte sie Donald kein einziges Mal angesehen. Sie wagte es nicht, auch nur einen winzigen Schleusengang in dem Damm zu öffnen, der das Meer ihrer Liebe zurückhielt. Doch in jeder Faser ihres Seins spürte sie ihn dort unter Verdacht sitzen, seine Zukunft in den Händen von zwölf Männern, die die Macht hatten, ihn die Strafe für ein Verbrechen erleiden zu lassen, das er nicht begangen hatte. Es war ungerecht, grausam, schändlich! Woge um Woge der Empörung überkam sie. Sie würde für ihn gegen sie alle kämpfen. Sie würde aufstehen und erzählen, was sie von der Geschichte wusste und warum er im Ausland geblieben war.
„Ist er nicht großartig?“, flüsterte Connie und fasste ihren Arm; „er war die ganze Zeit über völlig ruhig und gefasst, und doch, überleg nur, was es für ihn bedeutet! Schau in seine Augen!“
Miss Lady konnte nicht hinsehen; das Zusammenziehen in ihrer Kehle verstärkte sich und ein dumpfes Rauschen tönte in ihren Ohren.
„Aber wenn er verliert, Connie? Wenn er verliert, was dann?“
„Er wird nicht verlieren. Er wird gewinnen. Du hättest ihn heute Morgen hören sollen. Er war absolut großartig! Selbst Mr. Gooch sagte, er erinnere ihn an Lincoln. Hör ihm jetzt zu!“
Miss Lady folgte Connies anbetendem Blick, bis er auf dem ernsten, entschlossenen Gesicht von Noah Wicker ruhte, dann überkam sie die Wahrheit.
Für einen Moment ergriff sie eine Blindheit, dann sprang sie auf und hob ihr Gesicht zu Don. Er hatte seit ihrem Eintritt in den Gerichtssaal auf diesen Blick gewartet, und als er kam, war er darauf vorbereitet.
Als Noah Wicker unter tosendem Applaus Platz nahm und die Jury, nach einer kurzen Anweisung des Gerichts, bereit machte, sich zurückzuziehen, drängte sich eine schlanke Gestalt in schwarzem Gewand ungestüm durch die Menge. Sie umkreiste die hinteren Sitzreihen und rannte direkt dorthin, wo der Angeklagte saß.
„Sind Sie ein Familienmitglied von Mr. Morley?“, fragte der stellvertretende Sheriff.
„Nein“, sagte Miss Lady und schob ihn beiseite, „aber ich werde es sein.“
KAPITEL XXXI
An diesem Abend ging Mr. Gooch mit den Ivys nach Hause, die er, da er nun heimatlos war, zu adoptieren gedachte. Lange saßen sie am Kamin und diskutierten die aufregenden Ereignisse des Tages.
„Ich konnte meinen Augen kaum trauen“, murmelte Mrs. Ivy, „als ich beim Urteil ‚Nicht schuldig‘ sah, wie sie ihm ihre Arme um den Hals warf!“
„Warum überrascht?“, schnauzte der Anwalt. „Sind Frauen nicht von Natur aus töricht?“
„Aber die ganze Sache ist so taktlos, so herzig! Eine junge Witwe, die am Grab ihres Mannes trauern sollte, und ein wilder junger Mann, der gerade dem Zuchthaus entkommen ist. Hat das Leid sie nichts gelehrt?“
Gerald, der auf einem Hocker vor dem Kamin saß und die Hände um seine Knie verschränkt hatte, blickte mit leuchtenden Augen auf:
„Ihr versteht das nicht, Mater! All das war der Preis, den sie füreinander bezahlt haben. Eine große Liebe wie ihre ist teuer. Man muss sie mit Leiden bezahlen. Beim Jupiter, es war es wert! Dieser eine Blick, den sie sich zugeworfen haben, da am Ende –“
„Aber der liebe, liebe Doktor“, unterbrach ihn Mrs. Ivy, „wurde erst vor sieben Monaten beigesetzt!“
„Sechs Monate und drei Wochen“, korrigierte Mr. Gooch mürrisch.
ENDE