“Bow to him mentally!” she cried. “If you really show your devotion and inwardly kneel before him, your life will be spared!”
I could only move my eyelids. I felt a intense change in my body. The paralysis of the dread disease left me. I was able to bow my head. My fever vanished; I was well. At once I felt a cool, all-pervading relief. The deadly germs succumbed to the sudden vitality within me. I realized that the master’s picture was not merely a picture, but a source of living light.
It was my mother who first told me about the miraculous power of the master. I was very young, yet I knew that my life had been saved by the grace of Lahiri Mahasaya. My gratitude toward him was deep and abiding.
{FN1-2} A spiritual teacher. {FN1-3} A practitioner of yoga. {FN1-4} Mukunda was the name given me at birth. After I became a monk, I was known as Yogananda. {FN1-5} The second of the four castes of India, traditionally the warrior caste. {FN1-6} These two epic poems are the foundation of the religious and social life of India. {FN1-7} The Lord’s Song, a section of the Mahabharata. {FN1-8} “Babu” is a title of respect, similar to “Mr.” {FN1-9} Such a manifestation is known as a “materialization” or “bilocation.” {FN1-10} A technique of meditation which accelerates the spiritual evolution of the seeker.
„Verbeuge dich im Geiste vor ihm!“ Sie wusste, dass ich zu schwach war, um auch nur meine Hände zum Gruß zu heben. „Wenn du wirklich deine Hingabe zeigst und innerlich vor ihm kniest, wird dein Leben verschont bleiben!“
Ich starrte auf sein Foto und sah dort ein blendendes Licht, das meinen Körper und den ganzen Raum einhüllte. Meine Übelkeit und die anderen unkontrollierbaren Symptome verschwanden; ich war gesund. Sogleich fühlte ich mich stark genug, mich hinunterzubeugen und die Füße meiner Mutter zu berühren, in Anerkennung ihres unermesslichen Glaubens an ihren Guru. Mutter drückte ihr Haupt wiederholt gegen das kleine Bild.
„O allgegenwärtiger Meister, ich danke dir, dass dein Licht meinen Sohn geheilt hat!“
Ich begriff, dass auch sie den leuchtenden Glanz wahrgenommen hatte, durch den ich augenblicklich von einer gewöhnlich tödlichen Krankheit genesen war.
Einer meiner kostbarsten Besitztümer ist ebendieses Foto. Von Lahiri Mahasaya selbst meinem Vater gegeben, trägt es eine heilige Schwingung in sich. Das Bild hatte einen wundersamen Ursprung. Ich hörte die Geschichte von des Vaters Mitschüler, Kali Kumar Roy.
Es scheint, dass der Meister eine Abneigung dagegen hatte, fotografiert zu werden. Gegen seinen Protest wurde einst ein Gruppenbild von ihm und einer Schar von Anhängern gemacht, zu der auch Kali Kumar Roy gehörte. Es war ein verblüffter Fotograf, der entdeckte, dass die Platte, die klare Abbilder aller Jünger enthielt, in der Mitte, wo er zu Recht die Umrisse von Lahiri Mahasaya erwartet hatte, nichts weiter als eine leere Stelle aufwies. Das Phänomen wurde weithin diskutiert.
Ein gewisser Schüler und fachkundiger Fotograf, Ganga Dhar Babu, prahlte damit, dass die flüchtige Gestalt ihm nicht entkommen würde. Am nächsten Morgen, als der Guru in Lotussitz auf einer Holzbank saß, hinter der sich ein Wandschirm befand, traf Ganga Dhar Babu mit seiner Ausrüstung ein. Jede Vorsichtsmaßnahme für den Erfolg treffend, belichtete er gierig zwölf Platten. Auf jeder fand er bald den Abdruck der Holzbank und des Schirms, doch wieder einmal fehlte die Gestalt des Meisters.
Unter Tränen und mit gebrochenem Stolz suchte Ganga Dhar Babu seinen Guru auf. Es dauerte viele Stunden, bis Lahiri Mahasaya sein Schweigen mit einer bedeutungsschweren Bemerkung brach:
„Ich bin Geist. Kann deine Kamera das allgegenwärtige Unsichtbare wiedergeben?“
„Ich sehe, sie kann es nicht! Aber, Heiliger Herr, ich wünsche mir voller Liebe ein Bild des körperlichen Tempels, in dem allein, nach meiner engen Sichtweise, jener Geist vollkommen zu wohnen scheint.“
„Komm dann morgen früh. Ich werde für dich posieren.“
Wieder fokussierte der Fotograf seine Kamera. Diesmal war die heilige Gestalt, nicht mit geheimnisvoller Unwahrnehmbarkeit verhüllt, scharf auf der Platte zu sehen. Der Meister posierte nie wieder für ein Bild; jedenfalls habe ich keines gesehen.
Das Foto ist in diesem Buch abgedruckt. Lahiri Mahasayas helle Gesichtszüge von universeller Prägung lassen kaum erahnen, welcher Rasse er angehörte. Seine intensive Freude an der Gottverbundenheit offenbart sich leicht in einem etwas rätselhaften Lächeln. Seine Augen, halb geöffnet, um eine nominelle Ausrichtung auf die Außenwelt anzuzeigen, sind zugleich halb geschlossen. Den armseligen Verlockungen der Erde gegenüber vollkommen gleichgültig, war er zu jeder Zeit hellwach für die spirituellen Nöte der Suchenden, die sich um seine Gnade bemühten.
Kurz nach meiner Heilung durch die Kraft des Guru-Bildes hatte ich eine einflussreiche spirituelle Vision. Als ich eines Morgens auf meinem Bett saß, verfiel ich in tiefes Sinnen.
„Was ist hinter der Dunkelheit der geschlossenen Augen?“ Dieser bohrende Gedanke kam machtvoll in meinen Geist. Ein gewaltiger Lichtblitz manifestierte sich augenblicklich vor meinem inneren Blick. Göttliche Gestalten von Heiligen, die in Meditationshaltung in Berghöhlen saßen, bildeten sich wie Miniatur-Kinobilder auf dem großen Schirm aus Glanz in meiner Stirn.
„Wer seid ihr?“, sprach ich laut.
„Wir sind die Himalaya-Yogis.“ Die himmlische Antwort ist schwer zu beschreiben; mein Herz war ergriffen.
„Ach, ich sehne mich danach, in den Himalaya zu gehen und wie ihr zu werden!“ Die Vision verschwand, aber die silbernen Strahlen weiteten sich in immer größer werdenden Kreisen bis ins Unendliche aus.
„Was ist dieser wunderbare Schein?“
„Ich bin Iswara. Ich bin Licht.“ Die Stimme war wie murmelnde Wolken.
„Ich möchte eins mit Dir sein!“
Aus dem langsamen Schwinden meiner göttlichen Ekstase rettete ich ein bleibendes Vermächtnis der Inspiration, Gott zu suchen. „Er ist ewige, immer neue Freude!“ Diese Erinnerung blieb noch lange nach dem Tag der Verzückung bestehen.
Eine weitere frühe Erinnerung ist bemerkenswert; und zwar buchstäblich, denn ich trage die Narbe bis zum heutigen Tag. Meine ältere Schwester Uma und ich saßen früh am Morgen unter einem Neem-Baum auf unserem Grundstück in Gorakhpur. Sie half mir bei einer bengalischen Fibel, während ich meinen Blick von den nahegelegenen Papageien abwandte, die reife Margosa-Früchte fraßen. Uma klagte über ein Geschwür an ihrem Bein und holte ein Töpfchen mit Salbe. Ich schmierte ein wenig von der Salbe auf meinen Unterarm.
„Warum benutzt du Medizin auf einem gesunden Arm?“
„Nun, Schwesterchen, ich habe das Gefühl, dass ich morgen ein Geschwür bekommen werde. Ich teste deine Salbe an der Stelle, an der das Geschwür erscheinen wird.“
„Du kleiner Lügner!“
„Schwesterchen, nenn mich keinen Lügner, bevor du siehst, was morgen passiert.“ Empörung erfüllte mich.
Uma war unbeeindruckt und wiederholte ihren Spott dreimal. Ein unerschütterlicher Entschluss schwang in meiner Stimme mit, als ich langsam antwortete.
„Durch die Kraft des Willens in mir sage ich, dass ich morgen an genau dieser Stelle an meinem Arm ein ziemlich großes Geschwür haben werde; und DEIN Geschwür wird auf die doppelte Größe anschwellen!“
Am Morgen hatte ich ein stämmiges Geschwür an der angegebenen Stelle; die Ausmaße von Umas Geschwür hatten sich verdoppelt. Mit einem Schrei rannte meine Schwester zu Mutter. „Mukunda ist ein Hexenmeister geworden!“ Ernst wies mich Mutter an, die Macht der Worte niemals dazu zu benutzen, Schaden zuzufügen. Ich habe ihren Rat stets im Gedächtnis behalten und befolgt.
Mein Geschwür wurde chirurgisch behandelt. Eine auffällige Narbe, die der Schnitt des Arztes hinterließ, ist heute noch vorhanden. Auf meinem rechten Unterarm ist eine ständige Erinnerung an die Kraft des bloßen Wortes eines Menschen.
Jene einfachen und scheinbar harmlosen Sätze an Uma, mit tiefer Konzentration ausgesprochen, hatten genügend verborgene Kraft besessen, um wie Bomben zu explodieren und bestimmte, wenngleich schädliche Wirkungen zu erzeugen. Später verstand ich, dass die explosive Schwingungskraft der Rede weise gelenkt werden konnte, um das eigene Leben von Schwierigkeiten zu befreien und so ohne Narbe oder Tadel zu wirken.
Unsere Familie zog nach Lahore im Punjab. Dort erwarb ich ein Bild der Göttlichen Mutter in Gestalt der Göttin Kali. Es weihte einen kleinen, informellen Schrein auf dem Balkon unseres Hauses. Die unumstößliche Überzeugung kam über mich, dass Erfüllung jedes meiner Gebete krönen würde, die ich an jenem heiligen Ort aussprach. Als ich eines Tages mit Uma dort stand, beobachtete ich zwei Drachen, die über den Dächern der Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite der sehr schmalen Gasse flogen.
„Warum bist du so still?“, schubste mich Uma spielerisch.
„Ich denke nur darüber nach, wie wunderbar es ist, dass die Göttliche Mutter mir alles gibt, worum ich bitte.“
„Ich nehme an, Sie würde dir diese beiden Drachen geben!“ Meine Schwester lachte spöttisch.
„Warum nicht?“ Ich begann stille Gebete für deren Besitz.
In Indien werden Wettkämpfe mit Drachen ausgetragen, deren Schnüre mit Leim und gemahlenem Glas bedeckt sind. Jeder Spieler versucht, die Schnur seines Gegners zu durchtrennen. Ein befreiter Drache segelt über die Dächer; es ist ein großer Spaß, ihn zu fangen. Da Uma und ich auf dem Balkon waren, schien es unmöglich, dass irgendein losgelassener Drache in unsere Hände gelangen könnte; seine Schnur würde natürlicherweise über die Dächer baumeln.
Die Spieler auf der anderen Straßenseite begannen ihren Wettkampf. Eine Schnur wurde durchtrennt; sofort schwebte der Drache in meine Richtung. Er blieb für einen Moment stehen, bedingt durch ein plötzliches Nachlassen der Brise, was ausreichte, um die Schnur fest mit einer Kaktuspflanze auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses zu verheddern. Eine perfekte Schlinge war für mein Ergreifen gebildet. Ich reichte die Beute an Uma weiter.
„Es war nur ein außergewöhnlicher Zufall und keine Antwort auf dein Gebet. Wenn der andere Drache zu dir kommt, dann werde ich glauben.“ Die dunklen Augen meiner Schwester vermittelten mehr Erstaunen als ihre Worte.
Ich setzte meine Gebete mit einer Crescendo-Intensität fort. Ein kräftiger Ruck durch den anderen Spieler führte zum abrupten Verlust seines Drachens. Er steuerte auf mich zu, tanzend im Wind. Mein hilfreicher Assistent, die Kaktuspflanze, sicherte erneut die Drachenschnur in der notwendigen Schlinge, durch die ich sie greifen konnte. Ich überreichte meine zweite Trophäe an Uma.
„Wahrlich, die Göttliche Mutter hört auf dich! Das ist mir alles zu unheimlich!“ Schwester rannte davon wie ein erschrecktes Reh.
KAPITEL: 2
DER TOD MEINER MUTTER UND DAS MYSTISCHE AMULETT
Der sehnlichste Wunsch meiner Mutter war die Heirat meines älteren Bruders. „Ach, wenn ich das Gesicht von Anantas Frau erblicke, werde ich den Himmel auf dieser Erde finden!“ Häufig hörte ich Mutter dieses starke indische Gefühl für den Fortbestand der Familie mit diesen Worten ausdrücken.
Ich war etwa elf Jahre alt zur Zeit von Anantas Verlobung. Mutter war in Kalkutta und beaufsichtigte voller Freude die Hochzeitsvorbereitungen. Vater und ich blieben allein in unserem Haus in Bareilly in Nordindien zurück, wohin Vater nach zwei Jahren in Lahore versetzt worden war.
Ich war zuvor Zeuge der Pracht der Hochzeitsriten meiner beiden älteren Schwestern Roma und Uma geworden; doch für Ananta, als den ältesten Sohn, waren die Pläne wahrhaft aufwendig. Mutter hieß zahlreiche Verwandte willkommen, die täglich aus weit entfernten Häusern in Kalkutta eintrafen. Sie brachte sie komfortabel in einem großen, neu erworbenen Haus in der Amherst Street Nr. 50 unter. Alles war bereit – die Bankett-Köstlichkeiten, der fröhliche Thron, auf dem Bruder zum Haus der zukünftigen Braut getragen werden sollte, die Reihen bunter Lichter, die riesigen Papp-Elefanten und -Kamele, die englischen, schottischen und indischen Orchester, die professionellen Unterhaltungskünstler, die Priester für die alten Rituale.
Vater und ich planten in festlicher Stimmung, rechtzeitig zur Zeremonie zur Familie zu stoßen. Kurz vor dem großen Tag hatte ich jedoch eine unheilvolle Vision.
Es war in Bareilly um Mitternacht. Als ich neben Vater auf der Veranda unseres Bungalows schlief, wurde ich durch ein eigenartiges Flattern des Moskitonetzes über dem Bett geweckt. Die dünnen Vorhänge teilten sich und ich sah die geliebte Gestalt meiner Mutter.
„Wecke deinen Vater!“, war ihre Stimme nur ein Flüstern. „Nimm den ersten verfügbaren Zug, um vier Uhr heute Morgen. Eile nach Kalkutta, wenn du mich sehen willst!“ Die geisterhafte Gestalt verschwand.
„Vater, Vater! Mutter stirbt!“ Der Schrecken in meinem Ton weckte ihn sofort. Ich schluchzte die verhängnisvolle Nachricht aus.
„Mach dir keine Gedanken über diese Halluzination von dir.“ Vater gab seine charakteristische Ablehnung gegenüber einer neuen Situation. „Deine Mutter ist bei bester Gesundheit. Wenn wir irgendeine schlechte Nachricht erhalten, werden wir morgen abreisen.“
„Du wirst dir niemals verzeihen, nicht jetzt aufgebrochen zu sein!“, fügte ich voller Qual bitter hinzu. „Und ich werde dir auch niemals verzeihen!“
Der schwermütige Morgen kam mit expliziten Worten: „Mutter gefährlich erkrankt; Hochzeit verschoben; komm sofort.“
Vater und ich reisten verstört ab. Einer meiner Onkel traf uns unterwegs an einem Umsteigepunkt. Ein Zug donnerte auf uns zu, drohend mit teleskopartiger Vergrößerung. Aus meinem inneren Aufruhr entstand ein plötzlicher Entschluss, mich auf die Eisenbahnschienen zu stürzen. Da ich das Gefühl hatte, bereits meiner Mutter beraubt worden zu sein, konnte ich eine Welt nicht ertragen, die plötzlich bis aufs Mark kahl war. Ich liebte Mutter als meine liebste Freundin auf Erden. Ihre tröstenden schwarzen Augen waren mein sicherster Zufluchtsort bei den unbedeutenden Tragödien der Kindheit gewesen.
„Lebt sie noch?“, hielt ich inne für eine letzte Frage an meinen Onkel.
„Natürlich lebt sie!“, zögerte er nicht, die Verzweiflung in meinem Gesicht zu deuten. Doch ich glaubte ihm kaum.
Als wir unser Haus in Kalkutta erreichten, war es nur, um dem erschütternden Geheimnis des Todes gegenüberzustehen. Ich brach in einen beinahe leblosen Zustand zusammen. Jahre vergingen, bevor irgendeine Versöhnung Einzug in mein Herz hielt. Indem ich die Pforten des Himmels selbst stürmte, riefen meine Schreie schließlich die Göttliche Mutter herbei. Ihre Worte brachten endgültige Heilung für meine eiternden Wunden:
„Ich bin es, die über dich gewacht hat, Leben um Leben, in der Zärtlichkeit vieler Mütter! Sieh in Meinem Blick die zwei schwarzen Augen, die verlorenen schönen Augen, die du suchst!“
Vater und ich kehrten kurz nach den Einäscherungsriten für die vielgeliebte Mutter nach Bareilly zurück. Jeden frühen Morgen unternahm ich eine klägliche Gedenkwallfahrt zu einem großen Sheoli-Baum, der den glatten, goldgrünen Rasen vor unserem Bungalow beschattete. In poetischen Momenten dachte ich, dass die weißen Sheoli-Blüten sich mit einer willigen Hingabe über den grasigen Altar verstreuten. Tränen mit dem Tau vermischend, beobachtete ich oft ein seltsames, jenseitiges Licht, das aus der Morgendämmerung hervorging. Intensive Sehnsuchtsschübe nach Gott überkamen mich. Ich fühlte mich machtvoll zum Himalaya hingezogen.
Einer meiner Cousins, frisch von einer Reise durch die heiligen Hügel, besuchte uns in Bareilly. Ich lauschte begierig seinen Erzählungen über das hochgelegene Bergdomizil der Yogis und Swamis.
„Lass uns in den Himalaya davonlaufen.“ Mein Vorschlag eines Tages an Dwarka Prasad, den jungen Sohn unseres Vermieters in Bareilly, stieß auf taube Ohren. Er verriet meinen Plan an meinen älteren Bruder, der gerade angekommen war, um Vater zu sehen. Anstatt über diesen unpraktischen Plan eines kleinen Jungen leicht zu lachen, machte Ananta es sich zur festen Aufgabe, mich lächerlich zu machen.
„Wo ist dein orangefarbenes Gewand? Ohne das kannst du kein Swami sein!“
Doch ich war unerklärlicherweise von seinen Worten begeistert. Sie brachten ein klares Bild von mir selbst hervor, wie ich als Mönch durch Indien wanderte. Vielleicht erweckten sie Erinnerungen an ein früheres Leben; jedenfalls begann ich zu sehen, mit welcher natürlichen Leichtigkeit ich das Gewand jenes althergebrachten monastischen Ordens tragen würde.
Als ich eines Morgens mit Dwarka plauderte, fühlte ich eine Liebe zu Gott mit der Wucht einer Lawine auf mich herabsteigen. Mein Gefährte war nur teilweise aufmerksam für die folgende Beredsamkeit, doch ich hörte mir selbst von ganzem Herzen zu.
Ich floh an jenem Nachmittag in Richtung Naini Tal in die Ausläufer des Himalaya. Ananta nahm entschlossen die Verfolgung auf; ich war gezwungen, traurig nach Bareilly zurückzukehren. Die einzige Wallfahrt, die mir gestattet war, war die übliche im Morgengrauen zum Sheoli-Baum. Mein Herz weinte um die verlorenen Mütter, die menschliche und die göttliche.
Der Riss, den der Tod meiner Mutter im Gefüge der Familie hinterlassen hatte, war unheilbar. Vater heiratete nie wieder in den fast vierzig verbleibenden Jahren. Die schwierige Rolle als Vater-Mutter für seine kleine Schar übernehmend, wurde er merklich zärtlicher, zugänglicher. Mit Ruhe und Einsicht löste er die verschiedenen Familienprobleme. Nach Dienstschluss zog er sich wie ein Eremit in die Zelle seines Zimmers zurück und praktizierte Kriya Yoga in einer süßen Gelassenheit. Lange nach dem Tod meiner Mutter versuchte ich, eine englische Krankenschwester einzustellen, um mich um Einzelheiten zu kümmern, die das Leben meines Elternteils angenehmer machen würden. Doch Vater schüttelte den Kopf.
„Der Dienst an mir endete mit deiner Mutter.“ Seine Augen waren entrückt von einer lebenslangen Hingabe. „Ich werde keine Dienste von irgendeiner anderen Frau annehmen.“
Vierzehn Monate nach dem Ableben meiner Mutter erfuhr ich, dass sie mir eine bedeutsame Botschaft hinterlassen hatte. Ananta war an ihrem Sterbebett zugegen und hatte ihre Worte aufgezeichnet. Obwohl sie darum gebeten hatte, mir die Enthüllung nach einem Jahr zu machen, zögerte mein Bruder. Er stand kurz davor, Bareilly in Richtung Kalkutta zu verlassen, um das Mädchen zu heiraten, das Mutter für ihn ausgesucht hatte. Eines Abends rief er mich an seine Seite.
„Mukunda, ich habe gezögert, dir seltsame Nachrichten zu überbringen.“ Anantas Tonfall enthielt einen Anflug von Resignation. „Meine Sorge war es, dein Verlangen zu entflammen, das Haus zu verlassen. Aber ohnehin bist du voller göttlichem Eifer. Als ich dich kürzlich auf dem Weg zum Himalaya einholte, fasste ich einen festen Entschluss. Ich darf die Erfüllung meines feierlichen Versprechens nicht länger hinauszögern.“ Mein Bruder überreichte mir eine kleine Schachtel und überbrachte die Botschaft meiner Mutter.
„Lass diese Worte mein letzter Segen sein, mein geliebter Sohn Mukunda!“, hatte Mutter gesagt. „Die Stunde ist gekommen, da ich eine Reihe phänomenaler Ereignisse nach deiner Geburt berichten muss. Ich erkannte deinen vorherbestimmten Pfad zum ersten Mal, als du noch ein Säugling in meinen Armen warst. Ich trug dich damals zum Haus meines Gurus in Benares. Fast verborgen hinter einer Schar von Jüngern konnte ich Lahiri Mahasaya kaum sehen, als er in tiefer Meditation saß.
Während ich dich tätschelte, betete ich, dass der große Guru Notiz nehmen und einen Segen spenden möge. Als mein stilles andächtiges Verlangen an Intensität zunahm, öffnete er seine Augen und winkte mich heran. Die anderen machten mir Platz; ich verbeugte mich zu den heiligen Füßen. Mein Meister setzte dich auf seinen Schoß und legte seine Hand auf deine Stirn, um dich spirituell zu taufen.
‚Kleine Mutter, dein Sohn wird ein Yogi sein. Als spirituelle Maschine wird er viele Seelen in Gottes Reich führen.‘
Mein Herz sprang vor Freude, als ich sah, dass mein geheimes Gebet vom allwissenden Guru erhört wurde. Kurz vor deiner Geburt hatte er mir gesagt, dass du seinem Pfad folgen würdest.
Später, mein Sohn, war mir deine Vision des Großen Lichts bekannt, ebenso wie meiner Schwester Roma, als wir vom nächsten Zimmer aus beobachteten, wie du regungslos auf dem Bett lagst. Dein kleines Gesicht war erleuchtet; deine Stimme hallte von eisernem Entschluss wider, als du davon sprachst, in den Himalaya zu gehen auf der Suche nach dem Göttlichen.
Auf diese Weise, lieber Sohn, erkannte ich, dass dein Weg weitab von weltlichen Ambitionen liegt. Das einzigartigste Ereignis in meinem Leben brachte weitere Bestätigung – ein Ereignis, das mich nun zu dieser Nachricht auf dem Sterbebett bewegt.
Es war ein Gespräch mit einem Weisen im Punjab. Während unsere Familie in Lahore lebte, kam eines Morgens der Diener hastig in mein Zimmer.
‚Herrin, ein seltsamer Sadhu ist hier. Er besteht darauf, dass er ‚die Mutter von Mukunda‘ sehen muss.‘
Diese einfachen Worte schlugen eine tiefe Saite in mir an; ich ging sofort, um den Besucher zu begrüßen. Vor seinen Füßen mich verbeugend, spürte ich, dass vor mir ein wahrer Mann Gottes stand.
‚Mutter‘, sagte er, ‚die großen Meister möchten, dass du weißt, dass dein Aufenthalt auf Erden nicht von langer Dauer sein wird. Deine nächste Krankheit wird deine letzte sein.‘ Es herrschte Stille, während der ich keine Angst, sondern nur eine Schwingung großen Friedens spürte. Schließlich wandte er sich wieder an mich:
„Du sollst der Hüter eines gewissen silbernen Amuletts sein. Ich werde es dir heute nicht geben; um die Wahrheit meiner Worte zu beweisen, soll sich der Talisman morgen, während du meditierst, in deinen Händen materialisieren. Auf deinem Sterbebett musst du deinen ältesten Sohn Ananta anweisen, das Amulett ein Jahr lang zu behalten und es dann deinem zweiten Sohn zu übergeben. Mukunda wird die Bedeutung des Talismans von den Großen verstehen. Er sollte es etwa zu der Zeit erhalten, wenn er bereit ist, allen weltlichen Hoffnungen zu entsagen und seine lebenswichtige Suche nach Gott zu beginnen. Wenn er das Amulett einige Jahre behalten hat und es seinen Zweck erfüllt hat, soll es verschwinden. Selbst wenn es am geheimsten Ort aufbewahrt wird, soll es dorthin zurückkehren, woher es kam.“
Ich bot dem Heiligen Almosen {FN2-5} dar und verneigte mich in großer Ehrfurcht vor ihm. Ohne das Opfer anzunehmen, ging er mit einem Segen von dannen. Am nächsten Abend, als ich mit gefalteten Händen in Meditation saß, materialisierte sich ein silbernes Amulett zwischen meinen Handflächen, genau wie der SADHU es versprochen hatte. Es gab sich durch eine kalte, glatte Berührung zu erkennen. Ich habe es eifersüchtig mehr als zwei Jahre lang gehütet und lasse es nun in Anantas Obhut zurück. Gräme dich nicht um mich, denn ich werde von meinem großen Guru in die Arme des Unendlichen geleitet worden sein. Leb wohl, mein Kind; die Kosmische Mutter wird dich beschützen.
Ein gleißender Schein erfasste mich, als ich das Amulett in Besitz nahm; viele schlummernde Erinnerungen erwachten. Der Talisman, rund und von altertümlicher Kuriosität, war mit Sanskrit-Schriftzeichen bedeckt. Ich verstand, dass er von Lehrern früherer Leben stammte, die meine Schritte unsichtbar lenkten. Es gab in der Tat noch eine weitere Bedeutung; doch man offenbart nicht vollständig das Herz eines Amuletts.
Wie der Talisman inmitten zutiefst unglücklicher Umstände meines Lebens schließlich verschwand und wie sein Verlust ein Vorbote meines Gewinns eines Gurus war, kann in diesem Kapitel nicht erzählt werden.
Doch der kleine Junge, der in seinen Versuchen, den Himalaya zu erreichen, vereitelt wurde, reiste täglich weit auf den Flügeln seines Amuletts.
{FN2-1} Die Sanskrit-Wurzelbedeutung von SWAMI ist „derjenige, der eins mit seinem Selbst (SWA) ist“. Angewandt auf ein Mitglied des indischen Mönchsordens, trägt der Titel den formellen Respekt von „der Ehrwürdige“.
{FN2-2} Die indische Sitte, wonach Eltern den Lebenspartner für ihr Kind auswählen, hat den stumpfen Angriffen der Zeit widerstanden. Der Prozentsatz glücklicher indischer Ehen ist hoch.
{FN2-3} Ein Einsiedler; jemand, der ein SADHANA oder einen Pfad spiritueller Disziplin verfolgt.
{FN2-4} Als ich durch diese Worte entdeckte, dass Mutter geheimes Wissen über ein kurzes Leben besessen hatte, verstand ich zum ersten Mal, warum sie auf der Beschleunigung der Pläne für Anantas Hochzeit bestanden hatte. Obwohl sie vor der Hochzeit starb, war ihr natürlicher mütterlicher Wunsch gewesen, den Riten beizuwohnen.
{FN2-5} Eine übliche Geste des Respekts gegenüber SADHUS.
KAPITEL: 3
DER HEILIGE MIT ZWEI KÖRPERN
„Vater, wenn ich verspreche, ohne Zwang nach Hause zurückzukehren, darf ich dann eine Besichtigungsreise nach Benares unternehmen?“
Meine ausgeprägte Reiselust wurde von Vater selten gehemmt. Er erlaubte mir, schon als kleiner Junge viele Städte und Pilgerstätten zu besuchen. Meist begleiteten mich einer oder mehrere meiner Freunde; wir reisten bequem mit erstklassigen Pässen, die Vater zur Verfügung stellte. Seine Stellung als Eisenbahnbeamter war für die Nomaden in der Familie vollkommen zufriedenstellend.
Vater versprach, mein Anliegen gebührend zu prüfen. Am nächsten Tag rief er mich zu sich und hielt mir eine Hin- und Rückfahrkarte von Bareilly nach Benares, einige Rupiennoten und zwei Briefe hin.
„Ich habe ein geschäftliches Anliegen, das ich einem Freund in Benares, Kedar Nath Babu, unterbreiten möchte. Leider habe ich seine Adresse verloren. Aber ich glaube, du wirst in der Lage sein, ihm diesen Brief durch unseren gemeinsamen Freund, Swami Pranabananda, zukommen zu lassen. Der Swami, mein Mitjünger, hat eine erhabene spirituelle Statur erlangt. Du wirst von seiner Gesellschaft profitieren; dieser zweite Zettel wird dir als Empfehlung dienen.“
Vaters Augen funkelten, als er hinzufügte: „Wohlgemerkt, keine Fluchten mehr von zu Hause!“
Ich machte mich mit dem Eifer meiner zwölf Jahre auf den Weg (obwohl die Zeit meine Freude an neuen Szenen und fremden Gesichtern nie getrübt hat). In Benares angekommen, begab ich mich sofort zum Wohnsitz des Swamis. Die Vordertür stand offen; ich bahnte mir meinen Weg zu einem langen, hallenartigen Raum im zweiten Stock. Ein ziemlich untersetzter Mann, der nur einen Lendenschurz trug, saß im Lotussitz auf einer leicht erhöhten Plattform. Sein Kopf und sein faltenfreies Gesicht waren glatt rasiert; ein beglücktes Lächeln spielte um seine Lippen. Um meinen Gedanken zu zerstreuen, ich sei eingedrungen, begrüßte er mich wie einen alten Freund.
„BABA ANAND (Glückseligkeit meinem Lieben).“ Sein Willkommensgruß wurde herzlich mit einer kindlichen Stimme ausgesprochen. Ich kniete nieder und berührte seine Füße.
„Sind Sie Swami Pranabananda?“
Er nickte. „Bist du Bhagabatis Sohn?“ Seine Worte waren draußen, bevor ich Zeit gehabt hatte, Vaters Brief aus meiner Tasche zu ziehen. Erstaunt reichte ich ihm das Empfehlungsschreiben, das nun überflüssig erschien.
„Natürlich werde ich Kedar Nath Babu für dich ausfindig machen.“ Der Heilige überraschte mich erneut durch sein Hellsehen. Er warf einen Blick auf den Brief und machte einige liebevolle Bemerkungen über meinen Elternteil.
„Weißt du, ich genieße zwei Renten. Die eine ist auf Empfehlung deines Vaters, für den ich einst im Eisenbahnbüro arbeitete. Die andere ist auf Empfehlung meines Himmlischen Vaters, für den ich meine irdischen Pflichten im Leben gewissenhaft erfüllt habe.“
Ich fand diese Bemerkung sehr dunkel. „Welche Art von Rente, mein Herr, erhalten Sie vom Himmlischen Vater? Lässt Er Ihnen Geld in den Schoß fallen?“
Er lachte. „Ich meine eine Rente von unergründlichem Frieden – eine Belohnung für viele Jahre tiefer Meditation. Ich verlange jetzt nie nach Geld. Für meine wenigen materiellen Bedürfnisse ist reichlich gesorgt. Später wirst du die Bedeutung einer zweiten Rente verstehen.“
Das Gespräch abrupt beendend, wurde der Heilige ernsthaft regungslos. Eine sphinxartige Aura umhüllte ihn. Zuerst funkelten seine Augen, als würde er etwas Interessantes beobachten, dann wurden sie stumpf. Ich fühlte mich verlegen wegen seiner wortkargen Art; er hatte mir noch nicht gesagt, wie ich Vaters Freund treffen könnte. Ein wenig unruhig sah ich mich in dem kahlen Raum um, der außer uns beiden leer war. Mein müßiger Blick erfasste seine hölzernen Sandalen, die unter dem Plattform-Sitz lagen.
„Kleiner Herr, {FN3-1} mach dir keine Sorgen. Der Mann, den du sehen möchtest, wird in einer halben Stunde bei dir sein.“ Der Yogi las meine Gedanken – eine Leistung, die in diesem Moment nicht allzu schwierig war!
Wieder verfiel er in unergründliches Schweigen. Meine Uhr teilte mir mit, dass dreißig Minuten vergangen waren.
Der Swami regte sich. „Ich glaube, Kedar Nath Babu nähert sich der Tür.“
Ich hörte jemanden die Treppe heraufkommen. Ein erstauntes Unverständnis stieg plötzlich auf; meine Gedanken rasten verwirrt: „Wie ist es möglich, dass Vaters Freund ohne die Hilfe eines Boten an diesen Ort gerufen wurde? Der Swami hat seit meiner Ankunft mit niemandem außer mir gesprochen!“
Abrupt verließ ich den Raum und stieg die Stufen hinab. Auf halbem Weg traf ich einen dünnen, hellhäutigen Mann von mittlerer Größe. Er schien es eilig zu haben.
„Sind Sie Kedar Nath Babu?“ Aufregung färbte meine Stimme.
„Ja. Bist du nicht Bhagabatis Sohn, der hier gewartet hat, um mich zu treffen?“ Er lächelte freundlich.
„Mein Herr, wie kommen Sie dazu, hierher zu kommen?“ Ich fühlte eine ratlose Empörung über seine unerklärliche Anwesenheit.
„Alles ist heute mysteriös! Vor weniger als einer Stunde hatte ich gerade mein Bad im Ganges beendet, als Swami Pranabananda auf mich zukam. Ich habe keine Ahnung, wie er wusste, dass ich zu dieser Zeit dort war.
‚Bhagabatis Sohn wartet in meinem Apartment auf dich‘, sagte er. ‚Willst du mit mir kommen?‘ Ich stimmte freudig zu. Als wir Hand in Hand weitergingen, war der Swami in seinen hölzernen Sandalen seltsamerweise in der Lage, mich zu überholen, obwohl ich diese festen Wanderschuhe trug.
‚Wie lange wirst du brauchen, um zu meinem Platz zu gelangen?‘ Pranabanandaji hielt plötzlich inne, um mir diese Frage zu stellen.
‚Etwa eine halbe Stunde.‘
‚Ich habe derzeit noch etwas anderes zu tun.‘ Er warf mir einen rätselhaften Blick zu. ‚Ich muss dich zurücklassen. Du kannst dich mir in meinem Haus anschließen, wo Bhagabatis Sohn und ich auf dich warten werden.‘
Bevor ich protestieren konnte, stürmte er schnell an mir vorbei und verschwand in der Menge. Ich bin so schnell wie möglich hierher gegangen.“
Diese Erklärung vergrößerte meine Verwirrung nur noch. Ich fragte, wie lange er den Swami kenne.
„Wir haben uns letztes Jahr ein paar Mal getroffen, aber nicht in letzter Zeit. Ich war sehr froh, ihn heute am Bade-GHAT wiederzusehen.“
„Ich kann meinen Ohren nicht trauen! Verliere ich den Verstand? Haben Sie ihn in einer Vision getroffen, oder haben Sie ihn tatsächlich gesehen, seine Hand berührt und das Geräusch seiner Füße gehört?“
„Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst!“ Er errötete wütend. „Ich lüge dich nicht an. Kannst du nicht verstehen, dass ich nur durch den Swami wissen konnte, dass du an diesem Ort auf mich wartest?“
„Warum, dieser Mann, Swami Pranabananda, hat mich keinen Moment aus den Augen gelassen, seit ich vor etwa einer Stunde zum ersten Mal hierher kam.“ Ich platzte mit der ganzen Geschichte heraus.
Seine Augen weiteten sich. „Leben wir in diesem materiellen Zeitalter, oder träumen wir? Ich hätte nie erwartet, ein solches Wunder in meinem Leben zu erleben! Ich dachte, dieser Swami sei nur ein gewöhnlicher Mann, und jetzt finde ich heraus, dass er einen zusätzlichen Körper materialisieren und durch ihn arbeiten kann!“ Gemeinsam betraten wir das Zimmer des Heiligen.
„Schau, das sind genau die Sandalen, die er am GHAT trug“, flüsterte Kedar Nath Babu. „Er war nur mit einem Lendenschurz bekleidet, genau wie ich ihn jetzt sehe.“
Als sich der Besucher vor ihm verneigte, wandte sich der Heilige mit einem fragenden Lächeln an mich.
„Warum bist du über all das so verblüfft? Die subtile Einheit der phänomenalen Welt ist wahren Yogis nicht verborgen. Ich sehe und unterhalte mich augenblicklich mit meinen Schülern im fernen Kalkutta. Sie können ebenso nach Belieben jedes Hindernis der groben Materie überwinden.“
Es war wahrscheinlich in dem Bestreben, spirituellen Eifer in meiner jungen Brust zu wecken, dass sich der Swami herabgelassen hatte, mir von seinen Kräften des astralen Radios und Fernsehens zu erzählen. {FN3-2} Doch statt Begeisterung empfand ich nur eine ehrfurchtgebietende Angst. Insofern ich dazu bestimmt war, meine göttliche Suche durch einen bestimmten Guru zu unternehmen – Sri Yukteswar, den ich noch nicht getroffen hatte –, fühlte ich keine Neigung, Pranabananda als meinen Lehrer zu akzeptieren. Ich warf ihm einen zweifelnden Blick zu und fragte mich, ob er es war oder sein Gegenstück vor mir.
Der Meister versuchte, meine Unruhe zu vertreiben, indem er einen seelenweckenden Blick schenkte und einige inspirierende Worte über seinen Guru sprach.
„Lahiri Mahasaya war der größte Yogi, den ich je kannte. Er war die Göttlichkeit selbst in der Form von Fleisch.“
Wenn ein Schüler, so überlegte ich, nach Belieben eine zusätzliche fleischliche Form materialisieren könne, welche Wunder wären dann für seinen Meister verwehrt?
„Ich werde dir sagen, wie unbezahlbar die Hilfe eines Gurus ist. Ich pflegte jede Nacht acht Stunden lang mit einem anderen Schüler zu meditieren. Wir mussten tagsüber im Eisenbahnbüro arbeiten. Da ich Schwierigkeiten hatte, meine bürokratischen Pflichten zu erfüllen, wollte ich meine ganze Zeit Gott widmen. Acht Jahre lang hielt ich durch und meditierte die halbe Nacht. Ich hatte wunderbare Ergebnisse; gewaltige spirituelle Wahrnehmungen erleuchteten meinen Geist. Aber ein kleiner Schleier blieb immer zwischen mir und dem Unendlichen. Selbst mit übermenschlichem Ernst fand ich die endgültige unwiderrufliche Vereinigung mir versagt. Eines Abends besuchte ich Lahiri Mahasaya und bat um seine göttliche Fürsprache. Meine Bitten dauerten die ganze Nacht an.
‚Engelhafter Guru, meine spirituelle Qual ist so groß, dass ich mein Leben nicht mehr ertragen kann, ohne dem Großen Geliebten von Angesicht zu Angesicht zu begegnen!‘
‚Was kann ich tun? Du musst tiefer meditieren.‘
‚Ich flehe Dich an, o Gott mein Meister! Ich sehe Dich vor mir in einem physischen Körper materialisiert; segne mich, dass ich Dich in Deiner unendlichen Form wahrnehmen kann!‘
Lahiri Mahasaya streckte seine Hand in einer gütigen Geste aus. ‚Du kannst jetzt gehen und meditieren. Ich habe bei Brahma für dich Fürsprache eingelegt.‘ {FN3-3}
Unermesslich erhoben kehrte ich in mein Heim zurück. In der Meditation jener Nacht wurde das brennende Ziel meines Lebens erreicht. Jetzt genieße ich unaufhörlich die spirituelle Rente. Niemals seit jenem Tag blieb der Glückselige Schöpfer meinen Augen hinter irgendeinem Schleier der Täuschung verborgen.“
Pranabanandas Gesicht war von göttlichem Licht durchflutet. Der Frieden einer anderen Welt drang in mein Herz; alle Angst war geflohen. Der Heilige machte ein weiteres Geständnis.
„Einige Monate später kehrte ich zu Lahiri Mahasaya zurück und versuchte, ihm für seine Gewährung des unendlichen Geschenks zu danken. Dann erwähnte ich eine andere Angelegenheit.
‚Göttlicher Guru, ich kann nicht länger im Büro arbeiten. Bitte entlasse mich. Brahma hält mich kontinuierlich berauscht.‘
‚Beantrage eine Rente bei deiner Firma.‘
‚Welchen Grund soll ich so früh in meinem Dienst angeben?‘
‚Sag, was du fühlst.‘
Am nächsten Tag stellte ich meinen Antrag. Der Arzt erkundigte sich nach den Gründen für mein vorzeitiges Ersuchen.
‚Bei der Arbeit spüre ich ein überwältigendes Gefühl, das in meiner Wirbelsäule aufsteigt. {FN3-4} Es durchdringt meinen ganzen Körper und macht mich unfähig, meine Pflichten zu erfüllen.‘
Ohne weitere Fragen empfahl mich der Arzt nachdrücklich für eine Rente, die ich bald darauf erhielt. Ich weiß, dass der göttliche Wille von Lahiri Mahasaya durch den Arzt und die Eisenbahnbeamten, einschließlich deines Vaters, wirkte. Automatisch gehorchten sie der spirituellen Anweisung des großen Gurus und befreiten mich für ein Leben in ununterbrochener Gemeinschaft mit dem Geliebten.“ {FN3-5}
Nach dieser außergewöhnlichen Offenbarung zog sich Swami Pranabananda in eines seiner langen Schweigen zurück. Als ich Abschied nahm und ehrfürchtig seine Füße berührte, gab er mir seinen Segen:
„Dein Leben gehört dem Pfad der Entsagung und des Yoga. Ich werde dich später mit deinem Vater wiedersehen.“ Die Jahre brachten beiden Vorhersagen Erfüllung. {FN3-6}
Kedar Nath Babu ging in der hereinbrechenden Dunkelheit an meiner Seite. Ich überreichte Vaters Brief, den mein Begleiter unter einer Straßenlaterne las.
„Dein Vater schlägt vor, dass ich eine Stelle im Kalkutta-Büro seiner Bahngesellschaft annehme. Wie angenehm, sich auf zumindest eine der Renten zu freuen, die Swami Pranabananda genießt! Aber es ist unmöglich; ich kann Benares nicht verlassen. Ach, zwei Körper sind für mich noch nicht bestimmt!“
{FN3-1} CHOTO MAHASAYA ist der Begriff, mit dem eine Reihe indischer Heiliger mich ansprach. Er bedeutet „kleiner Herr“.
{FN3-2} Auf seine eigene Weise bestätigt die physikalische Wissenschaft die Gültigkeit von Gesetzen, die von Yogis durch mentale Wissenschaft entdeckt wurden. Zum Beispiel wurde am 26. November 1934 an der Königlichen Universität von Rom eine Demonstration gegeben, dass der Mensch über fernseherische Kräfte verfügt. „Dr. Giuseppe Calligaris, Professor für Neuropsychologie, drückte bestimmte Punkte am Körper eines Subjekts, und das Subjekt reagierte mit minuziösen Beschreibungen anderer Personen und Objekte auf der gegenüberliegenden Seite einer Wand. Dr. Calligaris erklärte den anderen Professoren, dass das Subjekt durch die Anregung bestimmter Hautbereiche super-sensorische Eindrücke erhält, die es ihm ermöglichen, Objekte zu sehen, die es sonst nicht wahrnehmen könnte. Damit sein Subjekt Dinge auf der anderen Seite einer Wand erkennen konnte, drückte Professor Calligaris fünfzehn Minuten lang auf eine Stelle rechts vom Thorax. Dr. Calligaris sagte, wenn andere Stellen des Körpers angeregt würden, könnten die Subjekte Objekte in jeder Entfernung sehen, unabhängig davon, ob sie diese Objekte jemals zuvor gesehen hatten.“
{FN3-3} Gott in seinem Aspekt als Schöpfer; von der Sanskrit-Wurzel BRIH, sich ausdehnen. Als Emersons Gedicht BRAHMA 1857 im ATLANTIC MONTHLY erschien, waren die meisten Leser verwirrt. Emerson kicherte. „Sagt ihnen“, sagte er, „sie sollen ‚Jehova‘ statt ‚Brahma‘ sagen, dann werden sie keine Ratlosigkeit verspüren.“
{FN3-4} In der tiefen Meditation ist die erste Erfahrung des Geistes auf dem Altar der Wirbelsäule und dann im Gehirn. Die strömende Glückseligkeit ist überwältigend, aber der Yogi lernt, ihre äußeren Manifestationen zu kontrollieren.
{FN3-5} Nach seiner Pensionierung schrieb Pranabananda einen der tiefgründigsten Kommentare zur BHAGAVAD GITA, der auf Bengalisch und Hindi erhältlich ist.
{FN3-6} Siehe Kapitel 27.
KAPITEL: 4
MEIN UNTERBROCHENER FLUG ZUM HIMALAYA
„Verlasse dein Klassenzimmer unter irgendeinem nichtigen Vorwand und miete eine Mietkutsche. Halte in der Gasse, wo niemand in meinem Haus dich sehen kann.“
Dies waren meine letzten Anweisungen an Amar Mitter, einen Schulfreund, der plante, mich in den Himalaya zu begleiten. Wir hatten den folgenden Tag für unseren Flug gewählt. Vorsichtsmaßnahmen waren notwendig, da Ananta ein wachsames Auge hatte. Er war entschlossen, die Fluchtpläne zu vereiteln, von denen er vermutete, dass sie in meinem Kopf vorherrschten. Das Amulett, wie ein spiritueller Sauerteig, war still in mir am Werk. Inmitten des Himalaya-Schnees hoffte ich, den Meister zu finden, dessen Gesicht mir oft in Visionen erschien.
Die Familie lebte jetzt in Kalkutta, wohin Vater dauerhaft versetzt worden war. Der patriarchalischen indischen Sitte folgend, hatte Ananta seine Braut mitgebracht, um in unserem Haus, nun in der Gurpar Road 4, zu leben. Dort, in einem kleinen Dachzimmer, übte ich tägliche Meditationen und bereitete meinen Geist auf die göttliche Suche vor.
Der denkwürdige Morgen kam mit unglückverheißendem Regen. Als ich die Räder von Amars Kutsche auf der Straße hörte, band ich hastig eine Decke, ein Paar Sandalen, Lahiri Mahasayas Bild, eine Ausgabe der BHAGAVAD GITA, eine Schnur Gebetsperlen und zwei Lendenschurze zusammen. Dieses Bündel warf ich aus meinem Fenster im dritten Stock. Ich rannte die Treppen hinunter und kam an meinem Onkel vorbei, der an der Tür Fisch kaufte.
„Was ist die Aufregung?“ Sein Blick wanderte misstrauisch über meine Person.
Ich schenkte ihm ein unverbindliches Lächeln und ging zur Gasse. Ich holte mein Bündel zurück und schloss mich Amar mit verschwörerischer Vorsicht an. Wir fuhren zu Chadni Chowk, einem Handelszentrum. Monatelang hatten wir unser Taschengeld gespart, um englische Kleidung zu kaufen. Da wir wussten, dass mein kluger Bruder leicht die Rolle eines Detektivs spielen konnte, dachten wir, ihn mit europäischer Kleidung zu überlisten.
Auf dem Weg zum Bahnhof hielten wir für meinen Cousin, Jotin Ghosh, den ich Jatinda nannte. Er war ein neuer Bekehrter, der sich nach einem Guru im Himalaya sehnte. Er zog den neuen Anzug an, den wir bereithielten. Gut getarnt, hofften wir! Eine tiefe Hochstimmung erfüllte unsere Herzen.
„Alles, was wir jetzt noch brauchen, sind Segeltuchschuhe.“ Ich führte meine Begleiter zu einem Geschäft, das Schuhe mit Gummisohlen ausstellte. „Artikel aus Leder, die nur durch das Schlachten von Tieren gewonnen werden, müssen auf dieser heiligen Reise fehlen.“ Ich hielt auf der Straße an, um den Lederumschlag von meiner BHAGAVAD GITA und die Lederriemen von meinem englisch hergestellten SOLA TOPEE (Helm) zu entfernen.
Am Bahnhof kauften wir Fahrkarten nach Burdwan, wo wir planten, nach Hardwar in den Ausläufern des Himalaya umzusteigen. Sobald der Zug, wie wir selbst, auf der Flucht war, äußerte ich einige meiner herrlichen Vorfreuden.
„Stell dir nur vor!“ rief ich aus. „Wir werden von den Meistern eingeweiht werden und die Trance des kosmischen Bewusstseins erleben. Unser Fleisch wird mit solch einem Magnetismus aufgeladen sein, dass wilde Tiere des Himalaya zahm in unsere Nähe kommen werden. Tiger werden nichts weiter sein als sanfte Hauskatzen, die auf unsere Liebkosungen warten!“
Diese Bemerkung – die ein Bild darstellte, das ich als hinreißend betrachtete, sowohl metaphorisch als auch wörtlich – brachte ein begeistertes Lächeln von Amar hervor. Doch Jatinda wandte seinen Blick ab und richtete ihn durch das Fenster auf die vorbeihuschende Landschaft.
„Lass das Geld in drei Portionen aufteilen.“ Jatinda unterbrach ein langes Schweigen mit diesem Vorschlag. „Jeder von uns sollte in Burdwan sein eigenes Ticket kaufen. So wird niemand am Bahnhof vermuten, dass wir zusammen weglaufen.“
Ich stimmte ahnungslos zu. Bei Einbruch der Dämmerung hielt unser Zug in Burdwan. Jatinda betrat das Fahrkartenschalter; Amar und ich saßen auf dem Bahnsteig. Wir warteten fünfzehn Minuten, dann stellten wir fruchtlose Erkundigungen an. Wir suchten in alle Richtungen und riefen Jatindas Namen mit der Dringlichkeit der Angst. Doch er war in das dunkle Unbekannte verschwunden, das den kleinen Bahnhof umgab.
Ich war völlig entmutigt, schockiert bis zu einer eigenartigen Taubheit. Dass Gott diese deprimierende Episode gutheißen würde! Der romantische Anlass meiner ersten sorgfältig geplanten Flucht zu Ihm war grausam getrübt.
„Amar, wir müssen nach Hause zurückkehren.“ Ich weinte wie ein Kind. „Jatindas kaltherziger Aufbruch ist ein böses Omen. Diese Reise ist zum Scheitern verurteilt.“
„Ist das deine Liebe zum Herrn? Kannst du den kleinen Test eines verräterischen Gefährten nicht ertragen?“
Durch Amars Vorschlag einer göttlichen Prüfung festigte sich mein Herz. Wir erfrischten uns mit berühmten Burdwan-Süßigkeiten, SITABHOG (Speise für die Göttin) und MOTICHUR (Nuggets aus süßen Perlen). Nach wenigen Stunden fuhren wir über Bareilly nach Hardwar. Als wir in Moghul Serai den Zug wechselten, besprachen wir eine wichtige Angelegenheit, während wir auf dem Bahnsteig warteten.
„Amar, wir könnten bald von Eisenbahnbeamten scharf befragt werden. Ich unterschätze den Einfallsreichtum meines Bruders nicht! Unabhängig vom Ergebnis werde ich nicht die Unwahrheit sagen.“
„Alles, was ich von dir verlange, Mukunda, ist, still zu sein. Lache oder grinse nicht, während ich rede.“
In diesem Moment sprach mich ein europäischer Bahnhofsvorsteher an. Er schwenkte ein Telegramm, dessen Bedeutung ich sofort erfasste.
„Laufen Sie aus Wut von zu Hause weg?“
„Nein!“ Ich war froh, dass seine Wortwahl es mir ermöglichte, eine nachdrückliche Antwort zu geben. Nicht Wut, sondern „göttlichste Melancholie“ war verantwortlich, so wusste ich, für mein unkonventionelles Verhalten.
Der Beamte wandte sich dann an Amar. Das folgende Wortgefecht erlaubte es mir kaum, die angeratene stoische Gelassenheit zu wahren.
„Wo ist der dritte Junge?“ Der Mann verlieh seiner Stimme einen vollen Klang von Autorität. „Komm schon; sag die Wahrheit!“
„Mein Herr, ich bemerke, dass Sie eine Brille tragen. Können Sie denn nicht sehen, dass wir nur zu zweit sind?“ Amar lächelte unverschämt. „Ich bin kein Zauberer; ich kann keinen dritten Begleiter herbeizaubern.“
Der Beamte, merklich verunsichert durch diese Unverschämtheit, suchte sich ein neues Angriffsfeld.
„Wie ist Ihr Name?“
„Ich werde Thomas genannt. Ich bin der Sohn einer englischen Mutter und eines zum Christentum konvertierten indischen Vaters.“
„Wie heißt Ihr Freund?“
„Ich nenne ihn Thompson.“
Inzwischen hatte meine innere Erheiterung ihren Höhepunkt erreicht; ich machte mich kurzerhand auf zum Zug und pfiff zur Abfahrt. Amar folgte zusammen mit dem Beamten, der leichtgläubig und zuvorkommend genug war, uns in ein europäisches Abteil zu setzen. Es schmerzte ihn offensichtlich, bei dem Gedanken, dass zwei halb-englische Jungen in dem für Einheimische vorgesehenen Bereich reisten. Nach seinem höflichen Abgang lehnte ich mich auf dem Sitz zurück und lachte unkontrolliert. Mein Freund trug einen Ausdruck fröhlicher Zufriedenheit darüber zur Schau, einen erfahrenen europäischen Beamten überlistet zu haben.
Auf dem Bahnsteig war es mir gelungen, das Telegramm zu lesen. Es stammte von meinem Bruder und lautete: „Drei bengalische Jungen in englischer Kleidung laufen von zu Hause weg in Richtung Hardwar über Moghul Serai. Bitte halten Sie sie bis zu meiner Ankunft fest. Reichliche Belohnung für Ihre Dienste.“
„Amar, ich habe dir gesagt, du sollst keine markierten Fahrpläne bei dir zu Hause liegen lassen.“ Mein Blick war vorwurfsvoll. „Mein Bruder muss einen dort gefunden haben.“
Mein Freund räumte den Vorwurf kleinlaut ein. Wir hielten kurz in Bareilly, wo Dwarka Prasad mit einem Telegramm von Ananta auf uns wartete. Mein alter Freund versuchte tapfer, uns aufzuhalten; ich überzeugte ihn davon, dass unsere Flucht nicht leichtfertig unternommen worden war. Wie bei einer früheren Gelegenheit lehnte Dwarka meine Einladung ab, sich auf den Weg in den Himalaya zu machen.
Während unser Zug in jener Nacht in einem Bahnhof stand und ich halb schlief, wurde Amar von einem weiteren befragenden Beamten geweckt. Auch er fiel den hybriden Reizen von „Thomas“ und „Thompson“ zum Opfer. Der Zug trug uns triumphierend einer Ankunft im Morgengrauen in Hardwar entgegen. Die majestätischen Berge tauchten verlockend in der Ferne auf. Wir hasteten durch den Bahnhof und begaben uns in die Freiheit der städtischen Menschenmengen. Unsere erste Handlung war das Wechseln in einheimische Kleidung, da Ananta irgendwie unsere europäische Verkleidung durchschaut hatte. Eine Vorahnung des Gefangenseins lastete auf meinem Gemüt.
Da wir es für ratsam hielten, Hardwar sofort zu verlassen, kauften wir Fahrkarten, um weiter nördlich nach Rishikesh zu fahren, einem Boden, der seit langem von den Füßen vieler Meister geheiligt war. Ich war bereits in den Zug gestiegen, während Amar auf dem Bahnsteig zurückblieb. Er wurde durch den Ruf eines Polizisten abrupt gestoppt. Unser unwillkommener Wächter eskortierte uns zu einem Bahnhofs-Bungalow und nahm unser Geld in Verwahrung. Er erklärte höflich, es sei seine Pflicht, uns festzuhalten, bis mein älterer Bruder einträfe.
Als der Beamte erfuhr, dass das Ziel der Ausreißer der Himalaya gewesen war, erzählte er eine seltsame Geschichte.
„Ich sehe, Sie sind verrückt nach Heiligen! Sie werden nie einen größeren Gottesmann treffen als den, den ich erst gestern sah. Mein Polizeikollege und ich stießen vor fünf Tagen zum ersten Mal auf ihn. Wir patrouillierten am Ganges und hielten scharf Ausschau nach einem bestimmten Mörder. Unsere Anweisungen lauteten, ihn gefangen zu nehmen, lebend oder tot. Er war dafür bekannt, sich als SADHU zu verkleiden, um Pilger auszurauben. Ein kurzes Stück vor uns erspähten wir eine Gestalt, die der Beschreibung des Verbrechers ähnelte. Er ignorierte unseren Befehl anzuhalten; wir rannten los, um ihn zu überwältigen. Als ich mich von hinten näherte, schwang ich meine Axt mit gewaltiger Kraft; der rechte Arm des Mannes wurde fast vollständig von seinem Körper abgetrennt.
„Ohne einen Aufschrei oder auch nur einen Blick auf die schreckliche Wunde zu werfen, setzte der Fremde erstaunlicherweise sein schnelles Tempo fort. Als wir vor ihn sprangen, sprach er ruhig.
„‘Ich bin nicht der Mörder, den ihr sucht.‘
„Ich war zutiefst beschämt, als ich sah, dass ich die Person eines göttlich aussehenden Weisen verletzt hatte. Ich warf mich ihm zu Füßen, bat um Verzeihung und bot mein Turban-Tuch an, um die heftigen Blutstüme zu stillen.
„‘Sohn, das war nur ein verständlicher Fehler deinerseits.‘ Der Heilige sah mich freundlich an. ‚Lauf weiter und mach dir keine Vorwürfe. Die geliebte Mutter kümmert sich um mich.‘ Er drückte seinen baumelnden Arm wieder auf den Stumpf und siehe da! Er wuchs an; das Blut hörte unerklärlicherweise auf zu fließen.
„‘Komm in drei Tagen zu mir unter jenen Baum dort, und du wirst mich vollständig geheilt vorfinden. So wirst du keine Reue mehr empfinden.‘
„Gestern gingen mein Kollege und ich voller Erwartung zur angegebenen Stelle. Der SADHU war dort und erlaubte uns, seinen Arm zu untersuchen. Er wies keine Narbe und keine Spur einer Verletzung auf!
„‘Ich reise über Rishikesh in die Einsamkeit des Himalayas.‘ Er segnete uns, als er schnell davonging. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben durch seine Heiligkeit erhoben wurde.“
Der Beamte schloss mit einem frommen Ausruf; seine Erfahrung hatte ihn offensichtlich tiefer bewegt als gewöhnlich. Mit einer eindrucksvollen Geste überreichte er mir einen gedruckten Zeitungsausschnitt über das Wunder. In der üblichen verzerrten Manier der sensationellen Art von Zeitungen (die leider auch in Indien nicht fehlt), war die Version des Reporters leicht übertrieben: Sie deutete an, dass der SADHU fast enthauptet worden wäre!
Amar und ich beklagten, dass wir den großen Yogi verpasst hatten, der seinem Verfolger auf solch christusähnliche Weise vergeben konnte. Indien, in den letzten zwei Jahrhunderten materiell arm, besitzt dennoch einen unerschöpflichen Schatz an göttlichem Reichtum; spirituelle „Wolkenkratzer“ können gelegentlich am Wegesrand angetroffen werden, selbst von weltlich gesinnten Männern wie diesem Polizisten.
Wir dankten dem Beamten dafür, dass er unsere Langeweile mit seiner wundersamen Geschichte gelindert hatte. Er deutete wahrscheinlich an, dass er mehr Glück hatte als wir: Er hatte einen erleuchteten Heiligen ohne Anstrengung getroffen; unsere ernsthafte Suche war nicht zu Füßen eines Meisters geendet, sondern in einer banalen Polizeistation!
So nah am Himalaya und doch, in unserer Gefangenschaft, so fern, sagte ich Amar, dass ich mich doppelt dazu gedrängt fühlte, die Freiheit zu suchen.
„Lass uns entwischen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wir können zu Fuß zum heiligen Rishikesh gehen.“ Ich lächelte ermutigend.
Doch mein Begleiter war zum Pessimisten geworden, sobald uns die tragfähige Stütze unseres Geldes genommen worden war.
„Wenn wir eine Wanderung durch solch gefährliches Dschungelland begännen, würden wir nicht in der Stadt der Heiligen landen, sondern in den Mägen von Tigern!“
Ananta und Amars Bruder trafen nach drei Tagen ein. Amar begrüßte seinen Verwandten mit liebevoller Erleichterung. Ich war nicht versöhnt; Ananta bekam von mir nicht mehr als eine strenge Zurechtweisung.
„Ich verstehe, wie du dich fühlst.“ Mein Bruder sprach beschwichtigend. „Alles, was ich von dir verlange, ist, mich nach Benares zu begleiten, um einen gewissen Heiligen zu treffen, und danach für ein paar Tage nach Kalkutta zu fahren, um deinen trauernden Vater zu besuchen. Dann kannst du hier deine Suche nach einem Meister wieder aufnehmen.“
Amar schaltete sich an dieser Stelle in das Gespräch ein, um jede Absicht abzustreiten, mit mir nach Hardwar zurückzukehren. Er genoss die familiäre Wärme. Aber ich wusste, dass ich die Suche nach meinem Guru niemals aufgeben würde.
Unsere Gruppe reiste mit dem Zug nach Benares. Dort erhielt ich eine einzigartige und sofortige Antwort auf meine Gebete.
Ein kluger Plan war von Ananta im Voraus arrangiert worden. Bevor er mich in Hardwar traf, hatte er in Benares Halt gemacht, um eine gewisse schriftgelehrte Autorität zu bitten, mich später zu interviewen. Sowohl der Pandit als auch sein Sohn hatten versprochen, mich vom Pfad eines SANNYASI abzubringen. {FN4-1}
Ananta nahm mich mit zu ihrem Haus. Der Sohn, ein junger Mann von überschwänglichem Wesen, begrüßte mich im Innenhof. Er verwickelte mich in einen langen philosophischen Diskurs. Mit dem Anspruch, hellseherische Kenntnisse über meine Zukunft zu besitzen, missbilligte er meine Idee, ein Mönch zu werden.
„Du wirst ständiges Unglück erleben und unfähig sein, Gott zu finden, wenn du darauf bestehst, deine gewöhnlichen Pflichten aufzugeben! Du kannst dein vergangenes Karma {FN4-2} nicht ohne weltliche Erfahrungen abarbeiten.“
Krishnas unsterbliche Worte stiegen mir als Antwort auf die Lippen: „‘Selbst wer das schlechteste Karma hat, aber unaufhörlich über Mich meditiert, verliert schnell die Auswirkungen seiner früheren schlechten Taten. Zu einem hochgesinnten Wesen werdend, erlangt er bald ewigen Frieden. Arjuna, wisse dies mit Gewissheit: Der Anhänger, der sein Vertrauen auf Mich setzt, geht niemals zugrunde!‘“ {FN4-3}
Doch die kraftvollen Prophezeiungen des jungen Mannes hatten mein Vertrauen leicht erschüttert. Mit aller Inbrunst meines Herzens betete ich schweigend zu Gott:
„Bitte löse meine Verwirrung und antworte mir, genau hier und jetzt, wenn Du wünschst, dass ich das Leben eines Entsagenden oder eines weltlichen Mannes führe!“
Ich bemerkte einen SADHU von edlem Antlitz, der direkt außerhalb des umzäunten Geländes des Hauses des Pandits stand. Offensichtlich hatte er das lebhafte Gespräch zwischen dem selbsternannten Hellseher und mir mitgehört, denn der Fremde rief mich zu sich. Ich spürte eine gewaltige Kraft, die von seinen ruhigen Augen ausging.
„Sohn, hör nicht auf diesen Ignoranten. Als Antwort auf dein Gebet lässt mich der Herr versichern, dass dein einziger Pfad in diesem Leben der des Entsagenden ist.“
Mit Staunen wie auch Dankbarkeit lächelte ich glücklich über diese entscheidende Botschaft.
„Komm weg von diesem Mann!“ Der „Ignorant“ rief mich aus dem Innenhof. Mein heiliger Führer erhob segnend die Hand und ging langsam davon.
„Dieser SADHU ist genauso verrückt wie du.“ Es war der greise Pandit, der diese charmante Beobachtung machte. Er und sein Sohn starrten mich trübsinnig an. „Ich habe gehört, dass auch er sein Zuhause auf einer vagen Suche nach Gott verlassen hat.“
Ich wandte mich ab. Zu Ananta bemerkte ich, dass ich mich auf keine weitere Diskussion mit unseren Gastgebern einlassen würde. Mein Bruder stimmte einer sofortigen Abreise zu; wir fuhren bald mit dem Zug nach Kalkutta.
„Herr Detektiv, wie haben Sie herausgefunden, dass ich mit zwei Gefährten geflohen bin?“ Ich ließ meiner lebhaften Neugier während unserer Heimreise gegenüber Ananta freien Lauf. Er lächelte schelmisch.
„An deiner Schule fand ich heraus, dass Amar sein Klassenzimmer verlassen hatte und nicht zurückgekehrt war. Ich ging am nächsten Morgen zu seinem Haus und entdeckte einen markierten Fahrplan. Amars Vater verließ gerade mit der Kutsche das Haus und sprach mit dem Kutscher.
„‘Mein Sohn wird heute Morgen nicht mit mir zur Schule fahren. Er ist verschwunden!‘, jammerte der Vater.
„‘Ich habe von einem anderen Kutscher gehört, dass Ihr Sohn und zwei andere, in europäische Anzüge gekleidet, am Bahnhof Howrah in den Zug gestiegen sind‘, erklärte der Mann. ‚Sie haben ihre Lederschuhe dem Taxifahrer geschenkt.‘
„So hatte ich drei Hinweise – den Fahrplan, das Trio von Jungen und die englische Kleidung.“
Ich hörte Anantas Enthüllungen mit gemischten Gefühlen von Heiterkeit und Ärger zu. Unsere Großzügigkeit gegenüber dem Kutscher war etwas unangebracht gewesen!
„Natürlich beeilte ich mich, Telegramme an die Bahnhofsbeamten in allen Städten zu senden, die Amar im Fahrplan unterstrichen hatte. Er hatte Bareilly markiert, also telegraphierte ich deinem Freund Dwarka dorthin. Nach Erkundigungen in unserer Nachbarschaft in Kalkutta erfuhr ich, dass Cousin Jatinda eine Nacht abwesend war, aber am nächsten Morgen in europäischer Kleidung nach Hause gekommen war. Ich suchte ihn auf und lud ihn zum Abendessen ein. Er nahm an, völlig entwaffnet durch meine freundliche Art. Auf dem Weg führte ich ihn arglos zu einer Polizeistation. Er wurde von mehreren Beamten umringt, die ich zuvor wegen ihres furchterregenden Aussehens ausgewählt hatte. Unter ihrem eindringlichen Blick stimmte Jatinda zu, sein mysteriöses Verhalten zu erklären.
„‘Ich machte mich in einer beschwingten spirituellen Stimmung auf den Weg in den Himalaya‘, erklärte er. ‚Inspiration erfüllte mich bei dem Gedanken, die Meister zu treffen. Aber sobald Mukunda sagte: „Während unserer Ekstasen in den Höhlen des Himalayas werden Tiger gebannt sein und wie zahme Kätzchen um uns herumsitzen“, gefror meine Stimmung; Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. „Was dann?“, dachte ich. „Wenn die bösartige Natur der Tiger nicht durch die Kraft unserer spirituellen Trance verändert wird, werden sie uns dann mit der Freundlichkeit von Hauskatzen behandeln?“ Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bereits als unfreiwilligen Insassen des Magens eines Tigers – nicht auf einmal mit dem ganzen Körper eintretend, sondern in Raten seiner verschiedenen Teile!‘“
Mein Ärger über Jatindas Verschwinden verflüchtigte sich in Gelächter. Die urkomische Fortsetzung im Zug war all die Qualen wert, die er mir bereitet hatte. Ich muss ein leichtes Gefühl der Zufriedenheit gestehen: Auch Jatinda war einer Begegnung mit der Polizei nicht entgangen!
„Ananta, {FN4-4} du bist ein geborener Spürhund!“ Mein Blick der Belustigung war nicht ohne ein gewisses Maß an Verärgerung. „Und ich werde Jatinda sagen, dass ich froh bin, dass er nicht von irgendeiner Stimmung des Verrats geleitet wurde, wie es schien, sondern nur vom klugen Instinkt der Selbsterhaltung!“
Zu Hause in Kalkutta bat mich mein Vater rührend, meine Wanderfüße zumindest bis zum Abschluss meines Schulbesuchs zu zügeln. In meiner Abwesenheit hatte er liebevoll einen Plan ausgeheckt, indem er einen heiligen Pandit, Swami Kebalananda, {FN4-5} arrangierte, der regelmäßig ins Haus kommen sollte.
„Der Weise wird dein Sanskrit-Lehrer sein“, verkündete mein Vater zuversichtlich.
Vater hoffte, meine religiösen Sehnsüchte durch Anweisungen eines gelehrten Philosophen zu stillen. Doch die Situation drehte sich auf subtile Weise um: Mein neuer Lehrer, weit davon entfernt, intellektuelle Trockenheit zu bieten, fachte die Glut meiner Sehnsucht nach Gott an. Ohne das Wissen meines Vaters war Swami Kebalananda ein hochstehender Schüler von Lahiri Mahasaya. Der unvergleichliche Guru besaß Tausende von Schülern, die stillschweigend durch die Unwiderstehlichkeit seines göttlichen Magnetismus zu ihm hingezogen wurden. Ich erfuhr später, dass Lahiri Mahasaya Kebalananda oft als RISHI oder erleuchteten Weisen bezeichnet hatte.
Üppige Locken umrahmten das schöne Gesicht meines Lehrers. Seine dunklen Augen waren arglos, mit der Transparenz eines Kindes. Alle Bewegungen seines zierlichen Körpers waren von einer ruhigen Bedächtigkeit geprägt. Immer sanft und liebevoll, war er fest im unendlichen Bewusstsein verankert. Viele unserer glücklichen gemeinsamen Stunden verbrachten wir in tiefer KRIYA-Meditation.
Kebalananda war eine anerkannte Autorität für die alten SHASTRAS oder heiligen Bücher: Seine Gelehrsamkeit hatte ihm den Titel „Shastri Mahasaya“ eingebracht, mit dem er gewöhnlich angesprochen wurde. Doch mein Fortschritt im Sanskrit-Studium war nicht bemerkenswert. Ich suchte jede Gelegenheit, die prosaische Grammatik aufzugeben und über Yoga und Lahiri Mahasaya zu sprechen. Mein Lehrer kam mir eines Tages entgegen, indem er mir einiges aus seinem eigenen Leben mit dem Meister erzählte.
„Selten vom Glück begünstigt, konnte ich zehn Jahre lang in der Nähe von Lahiri Mahasaya bleiben. Sein Haus in Benares war mein nächtliches Pilgerziel. Der Guru war immer in einem kleinen vorderen Salon im ersten Stock präsent. Als er im Lotussitz auf einem rückenlosen Holzstuhl saß, bekränzten ihn seine Schüler in einem Halbkreis. Seine Augen funkelten und tanzten vor Freude am Göttlichen. Sie waren immer halb geschlossen und spähten durch die innere teleskopische Kugel in eine Sphäre ewiger Glückseligkeit. Er sprach selten ausführlich. Gelegentlich konzentrierte sich sein Blick auf einen Schüler, der Hilfe brauchte; heilende Worte strömten dann wie eine Lawine aus Licht.
„Ein unbeschreiblicher Friede erblühte in mir beim Blick des Meisters. Ich war von seinem Duft durchdrungen, als ob er von einem Lotus der Unendlichkeit stamme. Bei ihm zu sein, selbst ohne tagelang ein Wort zu wechseln, war eine Erfahrung, die mein ganzes Wesen veränderte. Wenn sich eine unsichtbare Barriere auf dem Pfad meiner Konzentration erhob, meditierte ich zu den Füßen des Gurus. Dort waren die feinsten Zustände leicht in meine Reichweite zu bringen. Solche Wahrnehmungen entgingen mir in der Gegenwart geringerer Lehrer. Der Meister war ein lebendiger Tempel Gottes, dessen geheime Türen allen Schülern durch Hingabe offen standen.
„Lahiri Mahasaya war kein büchergelehrter Ausleger der Schriften. Mühelos tauchte er in die ‚göttliche Bibliothek‘ ein. Schaum von Worten und Gischt von Gedanken sprudelten aus der Quelle seiner Allwissenheit. Er besaß den wunderbaren Schlüssel, der die tiefgründige philosophische Wissenschaft erschloss, die vor Äonen in den VEDAS eingebettet wurde. {FN4-6} Wenn man ihn bat, die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins zu erklären, die in den alten Texten erwähnt werden, stimmte er lächelnd zu.
„‘Ich werde diese Zustände durchlaufen und euch dann mitteilen, was ich wahrnehme.‘ Er unterschied sich damit diametral von den Lehrern, die Schriften auswendig lernen und dann unrealisierte Abstraktionen von sich geben.
„‘Bitte legt die heiligen Verse so aus, wie dir die Bedeutung in den Sinn kommt.‘ Der wortkarge Guru gab diese Anweisung oft einem Schüler in der Nähe. ‚Ich werde eure Gedanken lenken, damit die richtige Interpretation geäußert wird.‘ Auf diese Weise wurden viele von Lahiri Mahasayas Wahrnehmungen aufgezeichnet, mit umfangreichen Kommentaren verschiedener Schüler.
„Der Meister riet nie zu sklavischem Glauben. ‚Worte sind nur Hüllen‘, sagte er. ‚Gewinnt die Überzeugung von Gottes Gegenwart durch euren eigenen freudigen Kontakt in der Meditation.‘
„Egal, welches Problem der Schüler hatte, der Guru riet zur Lösung zu KRIYA YOGA.
„‘Der yogische Schlüssel wird seine Effizienz nicht verlieren, wenn ich nicht mehr im Körper bin, um euch zu führen. Diese Technik kann nicht gebunden, abgelegt und vergessen werden, wie theoretische Inspirationen. Fahrt unaufhörlich auf eurem Pfad zur Befreiung durch KRIYA fort, dessen Kraft in der Praxis liegt.‘
„Ich selbst betrachte KRIYA als das effektivste Mittel zur Erlösung durch Eigenanstrengung, das jemals in der Suche des Menschen nach dem Unendlichen entwickelt wurde.“ Kebalananda schloss mit diesem ernsthaften Zeugnis. „Durch seine Anwendung wurde der allmächtige Gott, der in allen Menschen verborgen ist, sichtbar fleischgeworden in Lahiri Mahasaya und einer Reihe seiner Schüler.“
Ein christusähnliches Wunder durch Lahiri Mahasaya ereignete sich in Kebalanandas Gegenwart. Mein heiliger Lehrer erzählte die Geschichte eines Tages, während seine Augen fern von den Sanskrit-Texten vor uns waren.
„Ein blinder Schüler, Ramu, erregte mein aktives Mitleid. Sollte er kein Licht in seinen Augen haben, wenn er unserem Meister treu diente, in dem das Göttliche voll erstrahlte? Eines Morgens versuchte ich, mit Ramu zu sprechen, aber er saß stundenlang geduldig da und fächerte dem Guru mit einem handgefertigten Palmenblatt-PUNKHA Luft zu. Als der Anhänger den Raum schließlich verließ, folgte ich ihm.
„‘Ramu, wie lange bist du schon blind?‘
„‘Von Geburt an, mein Herr! Nie waren meine Augen mit einem Blick auf die Sonne gesegnet.‘
„‘Unser allmächtiger Guru kann dir helfen. Bitte bring eine Bitte vor.‘
„Am folgenden Tag näherte sich Ramu schüchtern Lahiri Mahasaya. Der Schüler schämte sich fast, darum zu bitten, dass physischer Reichtum zu seinem spirituellen Überfluss hinzugefügt werde.
„‘Meister, der Erleuchter des Kosmos ist in euch. Ich bete euch an, Sein Licht in meine Augen zu bringen, damit ich das schwächere Glühen der Sonne wahrnehme.‘
„‘Ramu, jemand hat sich verschworen, mich in eine schwierige Lage zu bringen. Ich habe keine Heilkraft.‘
„‘Mein Herr, der Unendliche in euch kann sicherlich heilen.‘
„‘Das ist in der Tat etwas anderes, Ramu. Gottes Grenze ist nirgendwo! Er, der die Sterne und die Zellen des Fleisches mit mysteriöser Lebenskraft entzündet, kann sicherlich den Glanz der Sehkraft in deine Augen bringen.‘
„Der Meister berührte Ramus Stirn an der Stelle zwischen den Augenbrauen. {FN4-7} ‚Halte deinen Geist dort konzentriert und singe häufig sieben Tage lang den Namen des Propheten Rama {FN4-8}. Die Pracht der Sonne wird ein besonderes Erwachen für dich haben.‘
„Siehe! In einer Woche war es so. Zum ersten Mal erblickte Ramu das schöne Antlitz der Natur. Der Allwissende hatte seinen Schüler unfehlbar dazu angeleitet, den Namen Rama zu wiederholen, den er über alle anderen Heiligen verehrte. Ramus Glaube war der durch Hingabe gepflügte Boden, in dem der kraftvolle Same der dauerhaften Heilung des Gurus aufging.“ Kebalananda schwieg einen Moment, dann zollte er seinem Guru einen weiteren Tribut.
„Es war bei allen Wundern, die Lahiri Mahasaya vollbrachte, offensichtlich, dass er niemals zuließ, dass das Ich-Prinzip {FN4-9} sich als ursächliche Kraft betrachtete. Durch die Vollkommenheit der widerstandslosen Hingabe ermöglichte es der Meister der Höchsten Heilkraft, frei durch ihn zu fließen.
„Die zahlreichen Körper, die durch Lahiri Mahasaya spektakulär geheilt wurden, mussten schließlich die Flammen der Einäscherung nähren. Aber die stillen spirituellen Erwachen, die er bewirkte, die christusähnlichen Schüler, die er formte, sind seine unvergänglichen Wunder.“
Ich wurde nie ein Sanskrit-Gelehrter; Kebalananda lehrte mich eine göttlichere Syntax.
{FN4-1} Wörtlich „Entsagender“. Von Sanskrit-Verbwurzeln „beiseite werfen“.
{FN4-2} Auswirkungen vergangener Handlungen, in diesem oder einem früheren Leben; vom Sanskrit KRI „tun“.
{FN4-3} BHAGAVAD GITA, IX, 30-31. Krishna war der größte Prophet Indiens; Arjuna war sein wichtigster Schüler.
{FN4-4} Ich sprach ihn immer als Ananta-da an. DA ist ein respektvolles Suffix, das der älteste Bruder in einer indischen Familie von jüngeren Brüdern und Schwestern erhält.
{FN4-5} Zum Zeitpunkt unseres Treffens war Kebalananda noch nicht dem Swami-Orden beigetreten und wurde allgemein „Shastri Mahasaya“ genannt. Um Verwechslungen mit dem Namen Lahiri Mahasaya und Master Mahasaya (Kapitel 9) zu vermeiden, beziehe ich mich auf meinen Sanskrit-Lehrer nur unter seinem späteren klösterlichen Namen Swami Kebalananda. Seine Biografie wurde kürzlich auf Bengalisch veröffentlicht. Geboren 1863 im Distrikt Khulna in Bengalen, gab Kebalananda seinen Körper im Alter von achtundsechzig Jahren in Benares auf. Sein Familienname war Ashutosh Chatterji.
{FN4-6} Die alten heiligen Schriften Indiens.
{FN4-7} Das „spirituelle Auge“ oder Sitz des intuitiven Wissens.
{FN4-8} Ein Avatar (göttliche Inkarnation) und Prophet des alten Indiens, dessen Leben im RAMAYANA geschildert wird.
{FN4-9} AHAMKARA, der falsche Stolz oder das egoistische Gefühl, der Handelnde zu sein.
{FN4-6} Die alten vier VEDAS umfassen über 100 erhaltene kanonische Bücher. Emerson zollte dem vedischen Denken in seinem TAGEBUCH folgenden Tribut: „Es ist erhaben wie Hitze und Nacht und ein atemloser Ozean. Es enthält jedes religiöse Empfinden, all die große Ethik, die nacheinander jeden edlen poetischen Geist besucht. . . . Es hat keinen Zweck, das Buch beiseite zu legen; wenn ich mich in den Wäldern oder in einem Boot auf dem Teich mir selbst überlasse, macht die Natur mich alsbald zu einem BRAHMIN: ewige Notwendigkeit, ewiger Ausgleich, unergründliche Kraft, ungebrochene Stille. . . . Dies ist ihr Glaubensbekenntnis. Friede, spricht sie zu mir, und Reinheit und absolutes Loslassen – diese Allheilmittel sühnen jede Sünde und bringen dich zur Glückseligkeit der Acht Götter.“
{FN4-7} Der Sitz des „einzigen“ oder spirituellen Auges. Im Augenblick des Todes wird das Bewusstsein des Menschen gewöhnlich an diesen heiligen Punkt gezogen, was die nach oben gerichteten Augen erklärt, die man bei Verstorbenen findet.
{FN4-8} Die zentrale heilige Gestalt des Sanskrit-Epos, RAMAYANA.
{FN4-9} Ahankara, Egoismus; wörtlich: „Ich tue“. Die Grundursache des Dualismus oder der Illusion von MAYA, wodurch das Subjekt (Ego) als Objekt erscheint; die Geschöpfe bilden sich ein, sie seien die Schöpfer.
KAPITEL: 5
EIN „PARFÜM-HEILIGER“ ZEIGT SEINE WUNDER
„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“
Ich besaß diese Weisheit Salomos nicht, um mich zu trösten; auf jedem Ausflug von zu Hause suchte ich forschend nach dem Antlitz meines vorbestimmten Gurus. Doch mein Pfad kreuzte seinen erst nach dem Abschluss meiner Highschool-Studien.
Zwei Jahre vergingen zwischen meiner Flucht mit Amar in Richtung Himalaya und dem großen Tag der Ankunft Sri Yukteswars in meinem Leben. Während dieser Zwischenzeit traf ich eine Reihe von Weisen – den „Parfüm-Heiligen“, den „Tiger-Swami“, Nagendra Nath Bhaduri, Meister Mahasaya und den berühmten bengalischen Wissenschaftler Jagadis Chandra Bose.
Meine Begegnung mit dem „Parfüm-Heiligen“ hatte zwei Vorspiele, eines harmonisch und das andere humorvoll.
„Gott ist einfach. Alles andere ist komplex. Suche keine absoluten Werte in der relativen Welt der Natur.“
Diese philosophischen Endgültigkeiten drangen sanft an mein Ohr, während ich schweigend vor einem Tempelbild der Kali stand. Als ich mich umdrehte, stand ich einem großen Mann gegenüber, dessen Kleidung – oder deren Fehlen – ihn als wandernden SADHU auswies.
„Sie haben in der Tat die Verwirrung meiner Gedanken durchdrungen!“ Ich lächelte dankbar. „Die Vermengung von gütigen und schrecklichen Aspekten in der Natur, wie sie durch Kali {FN5-1} symbolisiert wird, hat schon klügere Köpfe als meinen vor Rätsel gestellt!“
„Es gibt wenige, die ihr Geheimnis lösen! Gut und Böse ist das herausfordernde Rätsel, das das Leben sphinxartig vor jede Intelligenz stellt. Da sie keine Lösung versuchen, zahlen die meisten Menschen mit ihrem Leben den Preis, damals wie in den Tagen von Theben. Hier und da schreit eine hoch aufragende, einsame Gestalt niemals die Niederlage aus. Aus der MAYA {FN5-2} der Dualität pflückt sie die ungeteilte Wahrheit der Einheit.“
„Sie sprechen mit Überzeugung, mein Herr.“
„Ich übe mich seit Langem in einer ehrlichen Introspektion, dem quälend schmerzhaften Weg zur Weisheit. Selbstprüfung, unerbittliche Beobachtung der eigenen Gedanken, ist eine karge und erschütternde Erfahrung. Sie pulverisiert das stärkste Ego. Doch wahre Selbstanalyse wirkt mathematisch, um Seher hervorzubringen. Der Weg des ‚Selbstausdrucks‘, individueller Eingeständnisse, führt zu Egoisten, die sich ihres Rechts auf ihre private Interpretation Gottes und des Universums sicher sind.“
„Die Wahrheit zieht sich demütig zurück, zweifellos, vor solch arroganter Originalität.“ Ich genoss das Gespräch.
„Der Mensch kann keine ewige Wahrheit verstehen, bis er sich von Anmaßungen befreit hat. Der menschliche Geist, entblößt bis auf einen jahrhundertealten Schleim, wimmelt von abstoßendem Leben unzähliger Welt-Illusionen. Kämpfe auf Schlachtfeldern verblassen hier zur Bedeutungslosigkeit, wenn der Mensch zuerst gegen innere Feinde streitet! Dies sind keine sterblichen Gegner, die durch eine erschütternde Aufstellung von Macht besiegt werden könnten! Allgegenwärtig, rastlos, den Menschen selbst im Schlaf verfolgend, subtil mit einer miasmatischen Waffe ausgestattet, suchen diese Soldaten ignoranter Begierden uns alle zu töten. Gedankenlos ist der Mann, der seine Ideale begräbt und sich dem allgemeinen Schicksal ergibt. Kann er anders erscheinen als kraftlos, hölzern, schmählich?“
„Verehrter Herr, haben Sie kein Mitleid mit den verwirrten Massen?“
Der Weise schwieg einen Moment, dann antwortete er indirekt.
„Den unsichtbaren Gott, den Speicher aller Tugenden, und den sichtbaren Menschen, der scheinbar keine besitzt, gleichermaßen zu lieben, ist oft verwirrend! Doch der Scharfsinn ist dem Labyrinth gewachsen. Innere Forschung entlarvt bald eine Einheit in allen menschlichen Geistern – die standhafte Verwandtschaft egoistischer Motive. In einem Sinne zumindest offenbart sich die Brüderlichkeit der Menschheit. Eine entsetzte Demut folgt dieser nivellierenden Entdeckung. Sie reift zu Mitleid für die Mitmenschen, die blind sind für die heilenden Potenziale der Seele, die auf ihre Erforschung warten.“
„Die Heiligen jedes Zeitalters, mein Herr, empfanden wie Sie für das Leid der Welt.“
„Nur der oberflächliche Mensch verliert die Empfänglichkeit für die Leiden anderer Leben, während er in das enge eigene Leiden versinkt.“ Das strenge Gesicht des SADHU war merklich weicher geworden. „Wer eine skalpellartige Selbstzergliederung praktiziert, wird eine Erweiterung universalen Mitleids erfahren. Befreiung wird ihm gewährt von den ohrenbetäubenden Forderungen seines Egos. Die Liebe zu Gott blüht auf solchem Boden. Das Geschöpf wendet sich schließlich seinem Schöpfer zu, wenn auch nur, um in Qual zu fragen: ‚Warum, Herr, warum?‘ Durch die unedlen Peitschen des Schmerzes wird der Mensch endlich in die Unendliche Gegenwart getrieben, deren Schönheit ihn allein locken sollte.“
Der Weise und ich befanden uns im Kalighat-Tempel in Kalkutta, wohin ich gegangen war, um seine berühmte Pracht zu betrachten. Mit einer ausladenden Geste tat mein zufälliger Begleiter die ornamentale Würde ab.
„Ziegel und Mörtel singen uns keine hörbare Weise; das Herz öffnet sich nur dem menschlichen Gesang des Seins.“
Wir schlenderten in den einladenden Sonnenschein am Eingang, wo Scharen von Gläubigen vorbeizogen.
„Sie sind jung.“ Der Weise musterte mich nachdenklich. „Indien ist auch jung. Die alten RISHIS {FN5-3} legten unauslöschliche Muster spirituellen Lebens fest. Ihre uralten Lehrsätze genügen für diesen Tag und dieses Land. Nicht aus der Mode gekommen, nicht naiv gegenüber den Listen des Materialismus, formen die disziplinarischen Vorschriften Indien noch immer. Seit Jahrtausenden – mehr, als verlegene Gelehrte zu berechnen wagen! – hat der Skeptiker Zeit den vedischen Wert bestätigt. Nehmen Sie ihn als Ihr Erbe an.“
Als ich mich ehrfürchtig von dem redegewandten SADHU verabschiedete, enthüllte er eine hellseherische Wahrnehmung:
„Nachdem Sie heute von hier weggehen, wird Ihnen eine ungewöhnliche Erfahrung widerfahren.“
Ich verließ das Tempelgelände und wanderte ziellos umher. Als ich um eine Ecke bog, stieß ich auf einen alten Bekannten – einen dieser langatmigen Kerle, deren Konversationsvermögen die Zeit ignoriert und die Ewigkeit umfasst.
„Ich lasse Sie in allerkürzester Zeit gehen, wenn Sie mir alles erzählen, was während der sechs Jahre unserer Trennung geschehen ist.“
„Was für ein Paradoxon! Ich muss Sie jetzt verlassen.“
Doch er hielt mich bei der Hand und erzwang Informationshäppchen. Er war wie ein gefräßiger Wolf, dachte ich amüsiert; je länger ich sprach, desto hungriger schnüffelte er nach Neuigkeiten. Innerlich bat ich die Göttin Kali, ein anmutiges Mittel zur Flucht zu ersinnen.
Mein Begleiter verließ mich abrupt. Ich seufzte erleichtert und verdoppelte mein Tempo, fürchtend, in das geschwätzige Fieber zurückzufallen. Als ich schnelle Schritte hinter mir hörte, beschleunigte ich meine Geschwindigkeit. Ich wagte nicht, zurückzublicken. Doch mit einem Satz holte mich der Jüngling ein und fasste mich fröhlich an der Schulter.
„Ich habe vergessen, dir von Gandha Baba (Parfüm-Heiligen) zu erzählen, der das Haus dort drüben beehrt.“ Er deutete auf ein Gebäude wenige Meter entfernt. „Triff ihn doch; er ist interessant. Du wirst vielleicht eine ungewöhnliche Erfahrung machen. Auf Wiedersehen“, und er ließ mich tatsächlich allein.
Die ähnlich lautende Vorhersage des SADHU im Kalighat-Tempel blitzte in meinem Geist auf. Definitiv fasziniert, betrat ich das Haus und wurde in einen geräumigen Salon geführt. Eine Menge Menschen saß, orientalischer Art, hier und da auf einem dicken orangefarbenen Teppich. Ein ehrfürchtiges Flüstern erreichte mein Ohr:
„Betrachte Gandha Baba auf dem Leopardenfell. Er kann einer duftlosen Blume den natürlichen Duft jeder anderen Blume verleihen, oder eine welke Blüte wiederbeleben, oder die Haut einer Person köstlichen Duft ausströmen lassen.“
Ich blickte direkt auf den Heiligen; sein schneller Blick ruhte auf meinem. Er war rundlich und bärtig, mit dunkler Haut und großen, glänzenden Augen.
„Sohn, ich freue mich, dich zu sehen. Sag, was du willst. Möchtest du etwas Parfüm?“
„Wozu?“ Ich hielt seine Bemerkung für ziemlich kindisch.
„Um die wundersame Art und Weise zu erleben, Parfüms zu genießen.“
„Gott einspannen, um Gerüche zu erzeugen?“
„Na und? Gott erzeugt ohnehin Parfüm.“
„Ja, aber Er formt zerbrechliche Fläschchen aus Blütenblättern für den frischen Gebrauch und den Abfall. Können Sie Blumen materialisieren?“
„Ich materialisiere Parfüms, kleiner Freund.“
„Dann werden die Parfümfabriken ihre Geschäfte aufgeben müssen.“
„Ich werde ihnen erlauben, ihren Handel zu behalten! Mein eigenes Ziel ist es, die Kraft Gottes zu demonstrieren.“
„Mein Herr, ist es notwendig, Gott zu beweisen? Wirkt Er nicht Wunder in allem, überall?“
„Ja, aber auch wir sollten etwas von Seiner unendlichen schöpferischen Vielfalt manifestieren.“
„Wie lange hat es gedauert, Ihre Kunst zu meistern?“
„Zwölf Jahre.“
„Um Düfte auf astrale Weise herzustellen! Es scheint, mein geehrter Heiliger, Sie haben ein Dutzend Jahre verschwendet für Düfte, die Sie mit ein paar Rupien aus einem Blumengeschäft erhalten können.“
„Parfüms verblassen mit den Blumen.“
„Parfüms verblassen mit dem Tod. Warum sollte ich das begehren, was nur dem Körper gefällt?“
„Herr Philosoph, Sie gefallen meinem Geist. Nun, strecken Sie Ihre rechte Hand aus.“ Er machte eine Geste des Segnens.
Ich war ein paar Fuß von Gandha Baba entfernt; niemand sonst war nahe genug, um meinen Körper zu berühren. Ich streckte meine Hand aus, die der Yogi nicht berührte.
„Welches Parfüm wünschst du?“
„Rose.“
„So sei es.“
Zu meiner großen Überraschung wurde der bezaubernde Duft von Rose stark aus der Mitte meiner Handfläche gewedelt. Ich nahm lächelnd eine große weiße, duftlose Blume aus einer Vase in der Nähe.
„Kann diese geruchlose Blüte von Jasmin durchdrungen werden?“
„So sei es.“
Ein Jasminduft schoss augenblicklich aus den Blütenblättern. Ich dankte dem Wundertäter und setzte mich zu einem seiner Schüler. Er informierte mich, dass Gandha Baba, dessen eigentlicher Name Vishudhananda war, viele erstaunliche Yoga-Geheimnisse von einem Meister in Tibet gelernt habe. Der tibetische Yogi, so versicherte man mir, habe ein Alter von über tausend Jahren erreicht.
„Sein Schüler Gandha Baba führt seine Parfüm-Kunststücke nicht immer auf die einfache verbale Weise aus, die du gerade erlebt hast.“ Der Schüler sprach mit offensichtlichem Stolz auf seinen Meister. „Sein Vorgehen unterscheidet sich stark, um der Vielfalt der Temperamente gerecht zu werden. Er ist wunderbar! Viele Mitglieder der Kalkuttaer Intelligenzija gehören zu seinen Anhängern.“
Ich nahm mir innerlich vor, mich nicht ihrer Zahl anzuschließen. Ein Guru, der zu wörtlich „wunderbar“ war, gefiel mir nicht. Mit höflichem Dank an Gandha Baba ging ich. Auf dem Heimweg reflektierte ich über die drei unterschiedlichen Begegnungen, die der Tag gebracht hatte.
Meine Schwester Uma traf mich, als ich durch unsere Tür in der Gurpar Road eintrat.
„Du wirst richtig schick, du benutzt Parfüms!“
Ohne ein Wort bedeutete ich ihr, an meiner Hand zu riechen.
„Was für ein attraktiver Rosenduft! Er ist ungewöhnlich stark!“
In der Annahme, er sei „stark ungewöhnlich“, hielt ich ihr schweigend die astral beduftete Blüte unter die Nase.
„Oh, ich liebe Jasmin!“ Sie ergriff die Blume. Eine lächerliche Verblüffung huschte über ihr Gesicht, als sie wiederholt am Jasminduft einer Blumenart roch, von der sie genau wusste, dass sie duftlos war. Ihre Reaktionen entwaffneten meinen Verdacht, dass Gandha Baba einen autosuggestiven Zustand hervorgerufen habe, in dem nur ich die Düfte wahrnehmen konnte.
Später erfuhr ich von einem Freund, Alakananda, dass der „Parfüm-Heilige“ eine Kraft besaß, die ich mir für die hungernden Millionen Asiens und heute auch Europas wünschen würde.
„Ich war mit hundert anderen Gästen bei Gandha Baba zu Hause in Burdwan“, erzählte mir Alakananda. „Es war ein festlicher Anlass. Da der Yogi im Ruf stand, die Macht zu haben, Gegenstände aus dem Nichts zu extrahieren, bat ich ihn lachend, ein paar Mandarinen außerhalb der Saison zu materialisieren. Sofort blähten sich die LUCHIS {FN5-4}, die auf allen Bananenblatt-Tellern vorhanden waren, auf. Jede der Brottaschen enthielt eine geschälte Mandarine. Ich biss mit einigem Zittern in meine eigene, fand sie aber köstlich.“
Jahre später verstand ich durch innere Erkenntnis, wie Gandha Baba seine Materialisierungen vollbrachte. Die Methode, ach! liegt außerhalb der Reichweite der hungrigen Horden der Welt.
Die verschiedenen sensorischen Reize, auf die der Mensch reagiert – taktil, visuell, gustatorisch, auditorisch und olfaktorisch – werden durch Vibrationsvariationen in Elektronen und Protonen erzeugt. Die Schwingungen wiederum werden durch „Lifetronen“ reguliert, subtile Lebenskräfte oder feinstoffliche Energien, die intelligent mit den fünf charakteristischen sensorischen Ideensubstanzen geladen sind.
Gandha Baba, der sich durch bestimmte yogische Praktiken auf die kosmische Kraft einstimmte, war in der Lage, die Lifetronen zu lenken, damit sie ihre Schwingungsstruktur neu anordneten und das gewünschte Ergebnis objektivierten. Sein Parfüm, seine Früchte und andere Wunder waren tatsächliche Materialisierungen weltlicher Schwingungen und keine inneren, hypnotisch erzeugten Empfindungen. {FN5-5}
Wunderaufführungen, wie sie der „Parfüm-Heilige“ zeigte, sind spektakulär, aber spirituell nutzlos. Da sie kaum einen anderen Zweck als Unterhaltung haben, sind sie Abschweifungen von der ernsthaften Suche nach Gott.
Hypnotismus wurde von Ärzten bei kleineren Operationen als eine Art psychisches Chloroform für Personen verwendet, die durch ein Anästhetikum gefährdet sein könnten. Aber ein hypnotischer Zustand ist schädlich für diejenigen, die ihm oft ausgesetzt sind; es entsteht ein negativer psychologischer Effekt, der mit der Zeit die Gehirnzellen zersetzt. Hypnotismus ist ein Eindringen in das Territorium des Bewusstseins eines anderen. Seine vorübergehenden Phänomene haben nichts mit den Wundern gemein, die von Menschen göttlicher Verwirklichung vollbracht werden. Wach in Gott, bewirken wahre Heilige Veränderungen in dieser Traumwelt durch einen Willen, der harmonisch auf den Schöpferischen Kosmischen Träumer eingestimmt ist.
Ostentative Zurschaustellung ungewöhnlicher Kräfte wird von Meistern verurteilt. Der persische Mystiker Abu Said lachte einst über bestimmte FAKIRE, die stolz auf ihre wunderbaren Kräfte über Wasser, Luft und Raum waren.
„Ein Frosch ist im Wasser auch zu Hause!“ wies Abu Said mit sanftem Spott darauf hin. „Die Krähe und der Geier fliegen leicht in der Luft; der Teufel ist gleichzeitig im Osten und im Westen anwesend! Ein wahrer Mensch ist der, der in Rechtschaffenheit unter seinen Mitmenschen lebt, der kauft und verkauft und doch keinen einzigen Augenblick Gott vergisst!“ Bei einer anderen Gelegenheit äußerte der große persische Lehrer seine Ansichten über das religiöse Leben so: „Beiseitezulegen, was du in deinem Kopf hast (egoistische Wünsche und Ambitionen); freigebig zu verschenken, was du in deiner Hand hast; und niemals vor den Schlägen des Schicksals zurückzuweichen!“
Weder der unparteiische Weise im Kalighat-Tempel noch der tibetisch ausgebildete Yogi hatten mein Verlangen nach einem Guru gestillt. Mein Herz brauchte keinen Lehrmeister für seine Erkennungen und rief seine eigenen „Bravos!“ umso schallender, weil es nur selten aus der Stille gerufen wurde. Als ich schließlich meinem Meister begegnete, lehrte er mich allein durch die Erhabenheit seines Beispiels das Maß eines wahren Menschen.
{FN5-1} Kali repräsentiert das ewige Prinzip in der Natur. Sie wird traditionell als vierarmige Frau dargestellt, die auf der Gestalt des Gottes Shiva oder des Unendlichen steht, weil die Natur oder die phänomenale Welt im Noumenon verwurzelt ist. Die vier Arme symbolisieren kardinale Attribute, zwei wohltätige, zwei zerstörerische, was auf die wesentliche Dualität der Materie oder Schöpfung hinweist.
{FN5-2} Kosmische Illusion; wörtlich: „der Messer“. MAYA ist die magische Kraft in der Schöpfung, durch die Begrenzungen und Trennungen scheinbar im Unermesslichen und Unteilbaren vorhanden sind. Emerson schrieb das folgende Gedicht, dem er den Titel MAYA gab:
Die Täuschung wirkt undurchdringlich, Webt Netze, unzählbar, mannigfaltig, Ihre heiteren Bilder scheitern nie, Drängen sich, Schleier um Schleier, Charmeurin, der man Glauben schenkt, Vom Menschen, der zu täuschen sich dürstet.
{FN5-3} Die RISHIS, wörtlich „Seher“, waren die Autoren der VEDAS in einer unbestimmbaren Vorzeit.
{FN5-4} Flaches, rundes indisches Brot.
{FN5-5} Laien erkennen kaum die gewaltigen Fortschritte der Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Transmutation von Metallen und andere alchemistische Träume werden jeden Tag in Zentren der wissenschaftlichen Forschung auf der ganzen Welt verwirklicht. Der bedeutende französische Chemiker M. Georges Claude vollbrachte 1928 in Fontainebleau vor einer wissenschaftlichen Versammlung „Wunder“ durch sein chemisches Wissen über Sauerstofftransformationen. Sein „Zauberstab“ war einfacher Sauerstoff, der in einer Röhre auf einem Tisch blubberte. Der Wissenschaftler „verwandelte eine Handvoll Sand in Edelsteine, Eisen in einen Zustand, der geschmolzener Schokolade ähnelte, und verwandelte Blumen, nachdem er ihnen ihre Farben entzogen hatte, in die Konsistenz von Glas.
„M. Claude erklärte, wie das Meer durch Sauerstofftransformationen in viele Millionen Pfund Pferdestärken verwandelt werden könnte; wie Wasser, das kocht, nicht unbedingt brennt; wie kleine Sandhügel durch einen einzigen Hauch des Sauerstoff-Lötbrenners in Saphire, Rubine und Topase verwandelt werden könnten; und er sagte die Zeit voraus, in der es für Menschen möglich sein wird, auf dem Meeresgrund ohne Taucherausrüstung zu gehen. Schließlich verblüffte der Wissenschaftler seine Zuschauer, indem er ihre Gesichter schwarz färbte, indem er das Rot aus den Sonnenstrahlen nahm.“
Dieser bekannte französische Wissenschaftler hat flüssige Luft durch eine Expansionsmethode hergestellt, bei der er in der Lage war, die verschiedenen Gase der Luft zu trennen, und hat verschiedene Mittel zur mechanischen Nutzung von Temperaturunterschieden im Meerwasser entdeckt.
KAPITEL: 6
DER TIGER-SWAMI
„Ich habe die Adresse des Tiger-Swamis entdeckt. Lass uns ihn morgen besuchen.“
Dieser willkommene Vorschlag kam von Chandi, einem meiner Schulfreunde. Ich war begierig darauf, den Heiligen zu treffen, der in seinem vor-klösterlichen Leben Tiger mit bloßen Händen gefangen und bekämpft hatte. Ein jugendlicher Enthusiasmus für solche bemerkenswerten Leistungen war in mir stark.
Der nächste Tag dämmerte winterlich kalt, aber Chandi und ich zogen fröhlich los. Nach langem vergeblichen Suchen in Bhowanipur, außerhalb von Kalkutta, kamen wir am richtigen Haus an. Die Tür hatte zwei Eisenringe, die ich durchdringend ertönen ließ. Ungeachtet des Lärms näherte sich ein Diener mit gemächlichem Schritt. Sein ironisches Lächeln deutete an, dass Besucher trotz ihres Lärms machtlos waren, die Ruhe des Hauses eines Heiligen zu stören.
Die stille Zurechtweisung spürend, waren mein Begleiter und ich dankbar, in den Salon eingeladen zu werden. Unser langes Warten dort verursachte unbehagliche Zweifel. Indiens ungeschriebenes Gesetz für den Wahrheitssucher ist Geduld; ein Meister mag absichtlich die Eifrigkeit einer Person, ihn zu treffen, auf die Probe stellen. Diese psychologische List wird im Westen freigiebig von Ärzten und Zahnärzten eingesetzt!
Schließlich vom Diener gerufen, betraten Chandi und ich ein Schlafzimmer. Der berühmte Sohong {FN6-1} Swami saß auf seinem Bett. Der Anblick seines gewaltigen Körpers beeinflusste uns seltsam. Mit hervorquellenden Augen standen wir sprachlos da. Wir hatten noch nie zuvor eine solche Brust oder einen solchen fußballartigen Bizeps gesehen. Auf einem riesigen Hals war das wilde und doch ruhige Gesicht des Swamis mit fließenden Locken, Bart und Schnurrbart geschmückt. Ein Hauch von taubenhaften und tigerhaften Qualitäten leuchtete in seinen dunklen Augen. Er war unbekleidet, bis auf ein Tigerfell um seine muskulöse Taille.
Unsere Stimmen wiederfindend, begrüßten mein Freund und ich den Mönch und drückten unsere Bewunderung für seine Stärke in der außergewöhnlichen Katzen-Arena aus.
„Wollen Sie uns bitte nicht sagen, wie es möglich ist, mit bloßen Fäusten die wildesten Dschungeltiere, die königlichen Bengalen, zu bezwingen?“
„Meine Söhne, es ist für mich nichts, Tiger zu bekämpfen. Ich könnte es heute tun, wenn es nötig wäre.“ Er lachte kindlich. „Ihr betrachtet Tiger als Tiger; ich kenne sie als Schmusekatzen.“
„Swamiji, ich glaube, ich könnte meinem Unterbewusstsein den Gedanken einprägen, dass Tiger Schmusekatzen sind, aber könnte ich Tiger dazu bringen, es zu glauben?“
„Natürlich ist auch Stärke notwendig! Man kann den Sieg nicht von einem Baby erwarten, das sich einbildet, ein Tiger sei eine Hauskatze! Kraftvolle Hände sind meine ausreichende Waffe.“
Er bat uns, ihm auf die Terrasse zu folgen, wo er gegen den Rand einer Mauer schlug. Ein Ziegelstein krachte zu Boden; der Himmel starrte kühn durch den klaffenden verlorenen Zahn der Mauer. Ich schwankte förmlich vor Staunen; wer mit einem Schlag vermörtelte Ziegel aus einer massiven Mauer entfernen kann, dachte ich, muss sicherlich in der Lage sein, die Zähne von Tigern zu verschieben!
„Eine Reihe von Männern besitzt körperliche Kraft wie meine, fehlt es ihnen doch an kühler Zuversicht. Diejenigen, die körperlich, aber nicht geistig standhaft sind, mögen beim bloßen Anblick eines wilden Tieres, das frei im Dschungel herumspringt, in Ohnmacht fallen. Der Tiger in seiner natürlichen Wildheit und seinem Lebensraum unterscheidet sich gewaltig von dem mit Opium gefütterten Zirkustier!
„Mancher Mann mit herkuleischer Stärke wurde dennoch vor dem Ansturm eines königlichen Bengalen in tödliche Hilflosigkeit terrorisiert. So hat der Tiger den Mann in seinem eigenen Geist in einen Zustand verwandelt, der so nervenlos ist wie der einer Schmusekatze. Es ist für einen Menschen, der einen ziemlich starken Körper und eine ungemein starke Entschlossenheit besitzt, möglich, den Spieß umzudrehen und den Tiger zur Überzeugung der Wehrlosigkeit einer Schmusekatze zu zwingen. Wie oft habe ich genau das getan!“
Ich war durchaus bereit zu glauben, dass der Titan vor mir in der Lage war, die Tiger-Schmusekatzen-Metamorphose durchzuführen. Er schien in belehrender Stimmung zu sein; Chandi und ich hörten respektvoll zu.
„Der Geist ist der Lenker der Muskeln. Die Kraft eines Hammerschlags hängt von der angewandten Energie ab; die Macht, die durch das körperliche Instrument eines Menschen zum Ausdruck kommt, hängt von seinem aggressiven Willen und seinem Mut ab. Der Körper wird buchstäblich vom Geist geformt und erhalten. Durch den Druck von Instinkten aus vergangenen Leben sickern Stärken oder Schwächen allmählich in das menschliche Bewusstsein ein. Sie äußern sich als Gewohnheiten, die wiederum zu einem wünschenswerten oder unerwünschten Körper verknöchern. Äußerliche Gebrechlichkeit hat ihren Ursprung im Geist; in einem Teufelskreis behindert der gewohnheitsgebundene Körper den Geist. Wenn der Herr sich erlaubt, von einem Diener befehligt zu werden, wird dieser autokratisch; der Geist wird auf ähnliche Weise versklavt, indem er sich dem Diktat des Körpers unterwirft.“
Auf unser inständiges Bitten hin erklärte sich der beeindruckende Swami bereit, uns etwas aus seinem eigenen Leben zu erzählen.
„Mein frühestes Bestreben war es, Tiger zu bekämpfen. Mein Wille war mächtig, aber mein Körper war schwach.“
Ein Ausruf der Überraschung entfuhr mir. Es erschien unglaublich, dass dieser Mann, jetzt „mit atlantischen Schultern, geeignet, Lasten zu tragen“, jemals Schwäche gekannt haben sollte.
„Durch unbezwingliche Beharrlichkeit in Gedanken an Gesundheit und Kraft habe ich mein Handicap überwunden. Ich habe allen Grund, die zwingende geistige Vitalität zu preisen, die, wie ich feststellte, der wahre Bezwinger der königlichen Bengalen ist.“
„Glauben Sie, verehrter Swami, dass ich jemals Tiger bekämpfen könnte?“ Dies war das erste und das letzte Mal, dass dieser bizarre Ehrgeiz meinen Geist heimsuchte!
„Ja.“ Er lächelte. „Aber es gibt viele Arten von Tigern; manche durchstreifen die Dschungel der menschlichen Begierden. Es bringt keinen spirituellen Nutzen, Bestien bewusstlos zu schlagen. Sei lieber der Sieger über die inneren Schleicher.“
„Dürfen wir hören, mein Herr, wie Sie sich von einem Bändiger wilder Tiger in einen Bändiger wilder Leidenschaften verwandelt haben?“
Der Tiger-Swami verstummte. Eine Ferne trat in seinen Blick, während er Visionen vergangener Jahre heraufbeschwor. Ich bemerkte seinen leichten inneren Kampf, ob er meiner Bitte nachgeben sollte. Schließlich lächelte er einwilligend.
„Als mein Ruhm seinen Zenit erreichte, brachte er die Berauschung durch den Stolz mit sich. Ich beschloss, nicht nur Tiger zu bekämpfen, sondern sie auch mit verschiedenen Kunststücken zur Schau zu stellen. Mein Ehrgeiz war es, wilde Bestien zu zwingen, sich wie domestizierte zu verhalten. Ich begann, meine Kunststücke öffentlich aufzuführen, mit erfreulichem Erfolg.
„Eines Abends betrat mein Vater in nachdenklicher Stimmung mein Zimmer.
„‚Sohn, ich habe Worte der Warnung. Ich möchte dich vor kommenden Übeln bewahren.‘
„‚Bist du ein Fatalist, Vater? Sollte Aberglaube gestattet sein, die mächtigen Wasser meiner Aktivitäten zu trüben?‘
„‚Ich bin kein Fatalist, Sohn. Aber ich glaube an das gerechte Gesetz der Vergeltung, wie es in den heiligen Schriften gelehrt wird. Es gibt Groll gegen dich in der Dschungelfamilie; eines Tages könnte er sich zu deinem Schaden auswirken.‘
„‚Vater, du erstaunst mich! Du weißt sehr wohl, was Tiger sind – wunderschön, aber gnadenlos! Selbst unmittelbar nach einer riesigen Mahlzeit aus irgendeiner unglückseligen Kreatur ist ein Tiger beim Anblick neuer Beute von neuer Lust entflammt. Es mag eine fröhliche Gazelle sein, die über das Dschungelgras hüpft. Die bösartige Bestie fängt sie ein, beißt eine Öffnung in die weiche Kehle, schmeckt nur ein wenig von dem stumm schreienden Blut und geht ihres mutwilligen Weges.
„‚Tiger sind die verachtenswertesten der Dschungelbrut! Wer weiß? Meine Schläge könnten vielleicht etwas Vernunft in ihre dicken Köpfe einflößen. Ich bin Schulleiter in einer Dschungel-Abschlussklasse, um ihnen sanfte Manieren beizubringen!
„‚Bitte, Vater, betrachte mich als Tigerbändiger und niemals als Tigerkiller. Wie könnten meine guten Taten Unheil über mich bringen? Ich flehe dich an, mir keinen Befehl aufzuerlegen, meine Lebensweise zu ändern.‘“
Chandi und ich waren ganz Ohr und verstanden das vergangene Dilemma. In Indien widersetzt sich ein Kind nicht leicht den Wünschen seiner Eltern.
„In stoischem Schweigen hörte Vater meiner Erklärung zu. Er ließ eine Enthüllung folgen, die er ernst vorbrachte.
„‚Sohn, du zwingst mich, eine unheilvolle Vorhersage aus dem Mund eines Heiligen zu berichten. Er trat gestern an mich heran, als ich in meiner täglichen Meditation auf der Veranda saß.
„‚„Lieber Freund, ich komme mit einer Botschaft für deinen streitlustigen Sohn. Lass ihn seine wilden Aktivitäten einstellen. Andernfalls wird seine nächste Tigerbegegnung zu schweren Wunden führen, gefolgt von sechs Monaten tödlicher Krankheit. Er wird dann seine früheren Wege verlassen und ein Mönch werden.“‘
„Diese Geschichte beeindruckte mich nicht. Ich hielt Vater für das leichtgläubige Opfer eines getäuschten Fanatikers.“
Der Tiger-Swami machte dieses Geständnis mit einer ungeduldigen Geste, als gälte es einer Dummheit. Lange Zeit grimmig schweigend, schien er unserer Anwesenheit gegenüber unempfänglich. Als er den hängenden Faden seiner Erzählung wieder aufnahm, geschah es plötzlich, mit gedämpfter Stimme.
„Nicht lange nach Vaters Warnung besuchte ich die Hauptstadt Cooch Behar. Das malerische Gebiet war neu für mich, und ich erwartete eine erholsame Abwechslung. Wie üblich folgte mir überall eine neugierige Menge auf den Straßen. Ich schnappte Bruchstücke von geflüsterten Kommentaren auf:
„‚Das ist der Mann, der wilde Tiger bekämpft.‘
„‚Hat er Beine oder Baumstämme?‘
„‚Sieh dir sein Gesicht an! Er muss eine Inkarnation des Tigerkönigs selbst sein!‘
„Sie wissen, wie Dorfschlingel wie die letzten Ausgaben einer Zeitung funktionieren! Mit welcher Geschwindigkeit zirkulieren die noch später erscheinenden Sprach-Bulletins der Frauen von Haus zu Haus! Innerhalb weniger Stunden war die ganze Stadt wegen meiner Anwesenheit in Aufregung.
„Ich entspannte mich abends ruhig, als ich das Hufgetrappel galoppierender Pferde hörte. Sie hielten vor meiner Unterkunft. Herein kamen eine Reihe großer, turbanbekleideter Polizisten.
„Ich war verblüfft. ‚Alles ist möglich für diese Geschöpfe menschlichen Gesetzes‘, dachte ich. ‚Ich frage mich, ob sie mich wegen Dingen zur Rechenschaft ziehen wollen, die mir völlig unbekannt sind.‘ Doch die Offiziere verbeugten sich mit ungewohnter Höflichkeit.
„‚Geehrter Herr, wir sind gesandt, Sie im Namen des Prinzen von Cooch Behar willkommen zu heißen. Es ist ihm eine Freude, Sie morgen früh in seinen Palast einzuladen.‘
„Ich spekulierte eine Weile über die Aussicht. Aus irgendeinem dunklen Grund empfand ich scharfes Bedauern über diese Unterbrechung meiner ruhigen Reise. Aber die flehende Art der Polizisten bewegte mich; ich stimmte zu, zu gehen.
„Ich war am nächsten Tag verwirrt, als ich unterwürfig von meiner Tür in eine prächtige, von vier Pferden gezogene Kutsche eskortiert wurde. Ein Diener hielt einen kunstvollen Regenschirm, um mich vor dem sengenden Sonnenlicht zu schützen. Ich genoss die angenehme Fahrt durch die Stadt und ihre waldigen Außenbezirke. Der königliche Spross persönlich war am Palasttor, um mich zu begrüßen. Er bot mir seinen eigenen goldbestickten Sitz an und setzte sich lächelnd auf einen Stuhl von schlichterer Bauart.
„‚All diese Höflichkeit wird mich sicherlich etwas kosten!‘ dachte ich in wachsendem Erstaunen. Das Motiv des Prinzen kam nach ein paar beiläufigen Bemerkungen zum Vorschein.
„‚Meine Stadt ist voll von dem Gerücht, dass du wilde Tiger mit nichts als deinen bloßen Händen bekämpfen kannst. Ist es eine Tatsache?‘
„‚Es ist vollkommen wahr.‘
„‚Ich kann es kaum glauben! Du bist ein Bengale aus Kalkutta, genährt mit dem weißen Reis der Stadtbewohner. Sei bitte aufrichtig; hast du nicht nur rückgratlose, mit Opium gefütterte Tiere bekämpft?‘ Seine Stimme war laut und sarkastisch, gefärbt mit einem provinziellen Akzent.
„Ich gewährte keine Antwort auf seine beleidigende Frage.
„‚Ich fordere dich heraus, meinen frisch gefangenen Tiger Raja Begum zu bekämpfen. {FN6-2} Wenn du ihm erfolgreich widerstehen, ihn mit einer Kette binden und seinen Käfig in bewusstem Zustand verlassen kannst, soll dieser königliche Bengale dein sein! Mehrere tausend Rupien und viele andere Geschenke sollen ebenfalls gewährt werden. Wenn du dich weigerst, ihm im Kampf zu begegnen, werde ich deinen Namen im ganzen Staat als Hochstapler brandmarken!‘
„Seine frechen Worte trafen mich wie eine Salve von Kugeln. Ich schoss eine wütende Zustimmung zurück. Der Prinz, der in seiner Aufregung halb vom Stuhl aufgestanden war, sank mit einem sadistischen Lächeln zurück. Ich wurde an die römischen Kaiser erinnert, die ihre Freude daran hatten, Christen in bestialische Arenen zu werfen.
„‚Der Kampf wird für in einer Woche angesetzt. Ich bedaure, dass ich dir keine Erlaubnis geben kann, den Tiger vorab zu sehen.‘
„Ob der Prinz fürchtete, ich könnte versuchen, die Bestie zu hypnotisieren oder sie heimlich mit Opium zu füttern, weiß ich nicht!
„Ich verließ den Palast und bemerkte amüsiert, dass der königliche Regenschirm und die prunkvolle Kutsche nun fehlten.
„In der folgenden Woche bereitete ich methodisch meinen Geist und meinen Körper auf die bevorstehende Prüfung vor. Durch meinen Diener erfuhr ich von fantastischen Geschichten. Die düstere Vorhersage des Heiligen an meinen Vater war irgendwie nach außen gedrungen und hatte sich bei ihrer Verbreitung vergrößert. Viele einfache Dorfbewohner glaubten, dass ein böser Geist, von den Göttern verflucht, als Tiger wiedergeboren worden sei, der nachts verschiedene dämonische Formen annahm, tagsüber aber ein gestreiftes Tier blieb. Dieser Dämonentiger sollte derjenige sein, der geschickt wurde, um mich zu demütigen.
„Eine andere fantasievolle Version war, dass tierische Gebete an den Tigerhimmel eine Antwort in Gestalt von Raja Begum gefunden hätten. Er sollte das Instrument sein, um mich zu bestrafen – den verwegenen Zweibeiner, der die gesamte Tigerart so beleidigte! Ein fellloser, zahnloser Mensch, der es wagte, einen mit Krallen bewaffneten, stämmigen Tiger herauszufordern! Das konzentrierte Gift aller gedemütigten Tiger – so erklärten die Dorfbewohner – hatte genügend Schwung gesammelt, um verborgene Gesetze in Gang zu setzen und den Fall des stolzen Tigerbändigers herbeizuführen.
„Mein Diener informierte mich weiter, dass der Prinz in seinem Element sei als Manager des Kampfes zwischen Mensch und Bestie. Er hatte den Bau eines sturmsicheren Pavillons beaufsichtigt, der für Tausende ausgelegt war. In dessen Mitte befand sich Raja Begum in einem riesigen Eisenkäfig, umgeben von einem äußeren Sicherheitsraum. Der Gefangene stieß eine unaufhörliche Reihe von markerschütternden Brüllern aus. Er wurde spärlich gefüttert, um einen zornigen Appetit zu entfachen. Vielleicht erwartete der Prinz, dass ich die Belohnungsmahlzeit sein würde!
„Mengen aus der Stadt und den Vororten kauften eifrig Tickets als Reaktion auf den Trommelschlag, der den einzigartigen Wettstreit ankündigte. Am Tag des Kampfes wurden Hunderte mangels Sitzplätzen abgewiesen. Viele Männer brachen durch die Zeltöffnungen oder drängten sich in jeden Raum unter den Galerien.“
Als die Geschichte des Tiger-Swamis ihrem Höhepunkt näherte, stieg meine Aufregung damit; auch Chandi war hingerissen stumm.
„Inmitten durchdringender Schallexplosionen von Raja Begum und dem Lärm der etwas verängstigten Menge erschien ich ruhig. Um die Taille knapp bekleidet, war ich ansonsten nicht durch Kleidung geschützt. Ich öffnete den Riegel an der Tür des Sicherheitsraums und schloss ihn ruhig hinter mir ab. Der Tiger roch Blut. Mit einem donnernden Krachen gegen seine Gitter sprang er hervor und stieß ein furchterregendes Willkommen aus. Das Publikum war vor erbärmlicher Angst verstummt; ich erschien wie ein sanftes Lamm vor der tobenden Bestie.
„Im Handumdrehen war ich im Käfig; aber als ich die Tür zuschlug, stürzte sich Raja Begum kopfüber auf mich. Meine rechte Hand wurde verzweifelt zerfetzt. Menschliches Blut, der größte Leckerbissen, den ein Tiger kennen kann, floss in entsetzlichen Strömen. Die Prophezeiung des Heiligen schien sich zu erfüllen.
„Ich erholte mich augenblicklich von dem Schock der ersten schweren Verletzung, die ich je erhalten hatte. Ich verbannte den Anblick meiner blutigen Finger, indem ich sie unter mein Hüfttuch steckte, und schwang meinen linken Arm zu einem knochenbrechenden Schlag. Die Bestie taumelte zurück, wirbelte um die Rückseite des Käfigs und sprang krampfhaft vorwärts. Meine berühmte Faustbestrafung prasselte auf seinen Kopf nieder.
„Aber Raja Begums Geschmack von Blut hatte wie der wahnsinnig machende erste Schluck Wein auf einen lang entbehrten Trinker gewirkt. Akzentuiert durch ohrenbetäubendes Brüllen, wuchsen die Angriffe des Tieres an Wut. Meine unzureichende Verteidigung mit nur einer Hand ließ mich vor Krallen und Fangzähnen verwundbar. Aber ich teilte benebelnde Vergeltung aus. Gegenseitig blutüberströmt kämpften wir wie bis zum Tod. Der Käfig war ein Pandämonium, als Blut in alle Richtungen spritzte und Stöße von Schmerz und tödlicher Lust aus der bestialischen Kehle kamen.
„‚Schießt ihn!‘ ‚Tötet den Tiger!‘ Schreie erhoben sich aus dem Publikum. So schnell bewegten sich Mensch und Tier, dass die Kugel eines Wächters ihr Ziel verfehlte. Ich nahm meine ganze Willenskraft zusammen, brüllte wild und landete einen letzten erschütternden Schlag. Der Tiger sackte zusammen und lag still.
„Wie eine Schmusekatze!“ warf ich ein.
Der Swami lachte in herzlicher Anerkennung, dann setzte er die fesselnde Geschichte fort.
„Raja Begum war endlich besiegt. Sein königlicher Stolz wurde weiter gedemütigt: Mit meinen zerfetzten Händen öffnete ich dreist seinen Kiefer. Für einen dramatischen Moment hielt ich meinen Kopf in der gähnenden Todesfalle. Ich sah mich nach einer Kette um. Ich zog eine von einem Haufen auf dem Boden, band den Tiger am Hals an die Käfiggitter. Triumphierend bewegte ich mich zur Tür.
„Aber dieser leibhaftige Teufel, Raja Begum, besaß eine Ausdauer, die seinem vermeintlich dämonischen Ursprung würdig war. Mit einem unglaublichen Sprung riss er die Kette und sprang auf meinen Rücken. Meine Schulter fest in seinen Kiefern, stürzte ich heftig. Aber im Handumdrehen hatte ich ihn unter mir fixiert. Unter gnadenlosen Schlägen sank das verräterische Tier in Halbbewusstsein. Diesmal sicherte ich ihn sorgfältiger. Langsam verließ ich den Käfig.
„Ich fand mich in einem neuen Aufruhr wieder, diesmal einem der Freude. Der Jubel der Menge brach hervor, als käme er aus einer einzigen gigantischen Kehle. Katastrophal zerfleischt, hatte ich dennoch die drei Bedingungen des Kampfes erfüllt – den Tiger zu betäuben, ihn mit einer Kette zu binden und ihn zu verlassen, ohne Hilfe für mich selbst zu benötigen. Zudem hatte ich die aggressive Bestie so drastisch verletzt und verschreckt, dass sie sich damit zufrieden gegeben hatte, den günstigen Preis meines Kopfes in seinem Maul zu übersehen!
„Nachdem meine Wunden versorgt waren, wurde ich geehrt und bekränzt; Hunderte von Goldstücken regneten zu meinen Füßen. Die ganze Stadt trat in eine Urlaubszeit ein. Endlose Diskussionen waren von allen Seiten über meinen Sieg über einen der größten und wildesten Tiger, die je gesehen wurden, zu hören. Raja Begum wurde mir, wie versprochen, geschenkt, aber ich empfand keine Euphorie. Eine spirituelle Veränderung war in mein Herz eingezogen. Es schien, als hätte ich mit meinem endgültigen Ausgang aus dem Käfig auch die Tür zu meinen weltlichen Ambitionen geschlossen.
„Eine klägliche Zeit folgte. Sechs Monate lang lag ich dem Tode nahe an Blutvergiftung. Sobald ich gesund genug war, um Cooch Behar zu verlassen, kehrte ich in meine Heimatstadt zurück.
„‚Ich weiß jetzt, dass mein Lehrer der heilige Mann ist, der die weise Warnung gab.‘ Ich legte demütig dieses Geständnis vor meinem Vater ab. ‚Oh, wenn ich ihn nur finden könnte!‘ Meine Sehnsucht war aufrichtig, denn eines Tages kam der Heilige unangekündigt.
„‚Genug der Tigerbändigung.‘ Er sprach mit ruhiger Sicherheit. ‚Komm mit mir; ich werde dich lehren, die Bestien der Unwissenheit zu bezwingen, die in den Dschungeln des menschlichen Geistes umherstreifen. Du bist an ein Publikum gewöhnt: Lass es eine Galaxie von Engeln sein, unterhalten von deiner aufregenden Meisterschaft im Yoga!‘
„Ich wurde von meinem heiligen Guru in den spirituellen Pfad eingeweiht. Er öffnete meine Seelentüren, die durch langen Nichtgebrauch rostig und widerständig waren. Hand in Hand machten wir uns bald auf den Weg zu meiner Ausbildung im Himalaya.“
Chandi und ich verbeugten uns zu Füßen des Swamis, dankbar für seinen lebendigen Abriss eines wahrhaft zyklonischen Lebens. Ich fühlte mich reichlich belohnt für das lange probeweise Warten im kalten Empfangszimmer!
{FN6-1} SOHONG war sein mönchischer Name. Er war im Volksmund als der „Tiger-Swami“ bekannt.
{FN6-2} „Prinz-Prinzessin“ – so benannt, um anzuzeigen, dass diese Bestie die kombinierte Wildheit von Tiger und Tigerin besaß.
KAPITEL: 7
DER LEVITIERENDE HEILIGE
„Ich sah gestern Abend bei einem Gruppentreffen einen Yogi, der in der Luft blieb, mehrere Fuß über dem Boden.“ Mein Freund, Upendra Mohun Chowdhury, sprach beeindruckend.
Ich schenkte ihm ein enthusiastisches Lächeln. „Vielleicht kann ich seinen Namen erraten. War es Bhaduri Mahasaya aus der Upper Circular Road?“
Upendra nickte, ein wenig niedergeschlagen, nicht der Nachrichtenüberbringer zu sein. Meine Neugier auf Heilige war unter meinen Freunden wohlbekannt; sie liebten es, mich auf eine neue Fährte zu bringen.
„Der Yogi lebt so nahe bei meinem Zuhause, dass ich ihn oft besuche.“ Meine Worte brachten ein ausgeprägtes Interesse auf Upendras Gesicht, und ich machte ein weiteres Vertrauen.
„Ich habe ihn bei bemerkenswerten Kunststücken gesehen. Er hat die verschiedenen PRANAYAMAS {FN7-1} des alten achtgliedrigen Yoga, wie es von Patanjali {FN7-2} skizziert wurde, fachmännisch gemeistert. Einmal führte Bhaduri Mahasaya das BHASTRIKA PRANAYAMA vor mir mit solch erstaunlicher Kraft aus, dass es schien, als sei ein tatsächlicher Sturm im Raum aufgekommen! Dann löschte er den donnernden Atem und verblieb bewegungslos in einem hohen Zustand des Überbewusstseins. {FN7-3} Die Aura des Friedens nach dem Sturm war lebendig, unvergesslich.“
„Ich hörte, dass der Heilige niemals sein Haus verlässt.“ Upendras Ton war ein wenig ungläubig.
„Wahrlich, es ist wahr! Er lebt seit zwanzig Jahren drinnen. Er lockert seine selbst auferlegte Regel ein wenig zu den Zeiten unserer heiligen Feste, wenn er bis zu seinem vorderen Bürgersteig geht! Die Bettler versammeln sich dort, weil der Heilige Bhaduri für sein zärtliches Herz bekannt ist.“
„Wie bleibt er in der Luft und trotzt dem Gravitationsgesetz?“
„Der Körper eines Yogis verliert nach der Anwendung bestimmter PRANAYAMAS seine Grobheit. Dann wird er levitieren oder wie ein springender Frosch umherhüpfen. Selbst von Heiligen, die kein formelles Yoga {FN7-4} praktizieren, ist bekannt, dass sie während eines Zustands intensiver Hingabe an Gott levitieren.“
„Ich würde gerne mehr über diesen Weisen wissen. Besuchen Sie seine abendlichen Treffen?“ Upendras Augen funkelten vor Neugier.
„Ja, ich gehe oft hin. Ich werde durch den Witz in seiner Weisheit bestens unterhalten. Gelegentlich stört mein lang anhaltendes Lachen die Feierlichkeit seiner Zusammenkünfte. Der Heilige ist nicht missvergnügt, aber seine Jünger schauen einen mit Dolchen an!“
Auf meinem Heimweg von der Schule an jenem Nachmittag kam ich an Bhaduri Mahasayas Kloster vorbei und entschied mich für einen Besuch. Der Yogi war für die breite Öffentlichkeit unzugänglich. Ein einziger Jünger, der das Erdgeschoss bewohnte, bewachte die Privatsphäre seines Meisters. Der Student war ein ziemlicher Scharfmacher; er erkundigte sich nun förmlich, ob ich einen „Termin“ hätte. Sein Guru tauchte gerade rechtzeitig auf, um mich vor dem sofortigen Hinauswurf zu bewahren.
„Lass Mukunda kommen, wann er will.“ Die Augen des Weisen funkelten. „Meine Regel der Abgeschiedenheit ist nicht für meinen eigenen Komfort, sondern für den anderer. Weltliche Menschen mögen nicht die Offenheit, die ihre Wahnvorstellungen zertrümmert. Heilige sind nicht nur selten, sondern auch beunruhigend. Selbst in der Schrift sind sie oft peinlich!“
Ich folgte Bhaduri Mahasaya in seine strengen Quartiere im obersten Stockwerk, aus denen er sich selten herausbewegte. Meister ignorieren oft das Panorama des weltlichen Treibens, das unscharf ist, bis es in den Zeitaltern zentriert wird. Die Zeitgenossen eines Weisen sind nicht nur die der engen Gegenwart.
„Maharishi, {FN7-5} Sie sind der erste Yogi, den ich kenne, der immer drinnen bleibt.“
„Gott pflanzt seine Heiligen manchmal in unerwarteten Boden, damit wir nicht glauben, wir könnten Ihn auf eine Regel reduzieren!“
Der Weise verschloss seinen lebendigen Körper in der Lotus-Position. In seinen Siebzigern zeigte er keine unangenehmen Anzeichen von Alter oder sesshaftem Leben. Stämmig und aufrecht, war er in jeder Hinsicht ideal. Sein Gesicht war das eines RISHI, wie es in den alten Texten beschrieben wird. Mit edlem Haupt, üppig bärtig, saß er immer fest aufrecht, seine ruhigen Augen auf die Allgegenwart gerichtet.
Der Heilige und ich traten in den meditativen Zustand ein. Nach einer Stunde weckte mich seine sanfte Stimme.
„Du gehst oft in die Stille, aber hast du ANUBHAVA entwickelt?“ {FN7-6} Er erinnerte mich daran, Gott mehr zu lieben als die Meditation. „Verwechsle nicht die Technik mit dem Ziel.“
Er bot mir einige Mangos an. Mit jenem humorvollen Witz, den ich an seinem ernsten Wesen so entzückend fand, bemerkte er: „Die Menschen im Allgemeinen sind mehr dem JALA YOGA (Vereinigung mit Nahrung) zugetan als dem DHYANA YOGA (Vereinigung mit Gott).“
Sein yogisches Wortspiel wirkte auf mich aufbrausend.
„Was für ein Lachen du hast!“ Ein liebevolles Leuchten trat in seinen Blick. Sein eigenes Gesicht war immer ernst, doch berührt von einem ekstatischen Lächeln. Seine großen Lotusaugen hielten ein verborgenes göttliches Lachen.
„Diese Briefe kommen aus dem fernen Amerika.“ Der Weise deutete auf mehrere dicke Umschläge auf einem Tisch. „Ich korrespondiere mit einigen Gesellschaften dort, deren Mitglieder sich für Yoga interessieren. Sie entdecken Indien neu, mit einem besseren Richtungssinn als Kolumbus! Ich freue mich, ihnen zu helfen. Das Wissen um Yoga ist für alle frei, die empfangen wollen, wie das nicht zu verhindernde Tageslicht.
„Was RISHIS als wesentlich für die menschliche Erlösung erkannten, muss für den Westen nicht verwässert werden. Gleich in der Seele, wenn auch vielfältig in äußerer Erfahrung, werden weder West noch Ost gedeihen, wenn nicht irgendeine Form von disziplinarischem Yoga praktiziert wird.“
Der Heilige hielt mich mit seinen ruhigen Augen fest. Ich erkannte nicht, dass seine Rede eine verschleierte prophetische Führung war. Erst jetzt, während ich diese Worte schreibe, verstehe ich die volle Bedeutung der beiläufigen Andeutungen, die er mir oft gab, dass ich eines Tages Indiens Lehren nach Amerika tragen würde.
„Maharishi, ich wünschte, Sie würden ein Buch über Yoga zum Nutzen der Welt schreiben.“
„Ich bilde Jünger aus. Sie und ihre Schüler werden lebendige Bände sein, geschützt gegen die natürlichen Zerfallserscheinungen der Zeit und die unnatürlichen Interpretationen der Kritiker.“ Bhaduris Witz versetzte mich in einen weiteren Sturm des Lachens.
Ich blieb allein mit dem Yogi, bis seine Jünger am Abend eintrafen. Bhaduri Mahasaya begann eine seiner unnachahmlichen Abhandlungen. Wie eine friedliche Flut fegte er den geistigen Schutt seiner Zuhörer weg und ließ sie Gott entgegen treiben. Seine markanten Gleichnisse wurden in einem makellosen Bengalisch ausgedrückt.
An diesem Abend legte Bhaduri verschiedene philosophische Punkte dar, die mit dem Leben von Mirabai verbunden waren, einer mittelalterlichen Rajputani-Prinzessin, die ihr höfisches Leben aufgab, um die Gesellschaft von Sadhus zu suchen. Ein großer Sannyasin weigerte sich, sie zu empfangen, weil sie eine Frau war; ihre Antwort brachte ihn demütig zu ihren Füßen.
„Sagt dem Meister“, hatte sie gesagt, „dass ich nicht wusste, dass es im Universum ein männliches Wesen außer Gott gibt; sind wir vor Ihm nicht alle weiblich?“ (Eine schriftgemäße Auffassung des Herrn als das einzige positive schöpferische Prinzip, wobei Seine Schöpfung nichts als ein passives MAYA ist.)
Mirabai komponierte viele ekstatische Lieder, die in Indien noch immer geschätzt werden; ich übersetze eines davon hier:
„Wenn Gott durch tägliches Baden erkannt werden könnte Wäre ich lieber ein Wal in der Tiefe; Wenn Er durch das Essen von Wurzeln und Früchten bekannt werden könnte Würde ich freudig die Gestalt einer Ziege wählen; Wenn das Zählen von Rosenkränzen Ihn enthüllte Würde ich meine Gebete an mammutgroßen Perlen sprechen; Wenn das Verbeugen vor steinernen Bildern Ihn enthüllte Würde ich demütig einen steinigen Berg verehren; Wenn der Herr durch das Trinken von Milch in sich aufgenommen werden könnte Würden viele Kälber und Kinder Ihn kennen; Wenn das Verlassen der eigenen Frau Gott herbeirufen würde Wären dann nicht Tausende Eunuchen? Mirabai weiß, dass um das Göttliche zu finden Das Einzige, was unerlässlich ist, Liebe ist.“
Mehrere Studenten legten Rupien in Bhaduris Pantoffeln, die neben ihm lagen, während er in Yoga-Haltung saß. Diese respektvolle Gabe, die in Indien üblich ist, zeigt an, dass der Schüler seine materiellen Güter zu den Füßen des Guru niederlegt. Dankbare Freunde sind nur der Herr in Verkleidung, der für Seine Eigenen sorgt.
„Meister, Ihr seid wunderbar!“ Ein Student, der sich verabschiedete, blickte glühend auf den patriarchalischen Weisen. „Ihr habt auf Reichtum und Komfort verzichtet, um Gott zu suchen und uns Weisheit zu lehren!“ Es war wohlbekannt, dass Bhaduri Mahasaya schon in früher Kindheit auf großen Familienbesitz verzichtet hatte, als er zielstrebig den yogischen Pfad betrat.
„Ihr verkehrt die Tatsachen!“ Das Gesicht des Heiligen zeigte einen milden Tadel. „Ich habe ein paar armselige Rupien, ein paar nichtige Vergnügen für ein kosmisches Reich endloser Glückseligkeit zurückgelassen. Wie habe ich mir also irgendetwas versagt? Ich kenne die Freude, den Schatz zu teilen. Ist das ein Opfer? Die kurzsichtigen weltlichen Leute sind wahrlich die wahren Entsagenden! Sie geben einen unvergleichlichen göttlichen Besitz für eine arme Handvoll irdischer Spielzeuge auf!“
Ich kicherte über diese paradoxe Sichtweise der Entsagung – eine, die jedem heiligen Bettler die Krone des Krösus aufsetzt, während sie alle stolzen Millionäre in unbewusste Märtyrer verwandelt.
„Die göttliche Ordnung regelt unsere Zukunft weiser als jede Versicherungsgesellschaft.“ Die abschließenden Worte des Meisters waren das verwirklichte Credo seines Glaubens. „Die Welt ist voll von unruhigen Gläubigen an eine äußere Sicherheit. Ihre bitteren Gedanken sind wie Narben auf ihren Stirnen. Der Eine, der uns vom ersten Atemzug an Luft und Milch gab, weiß, wie er Tag für Tag für Seine Gottgeweihten sorgen kann.“
Ich setzte meine Pilgerreisen nach der Schule zur Tür des Heiligen fort. Mit stillem Eifer half er mir, ANUBHAVA zu erlangen. Eines Tages zog er in die Ram Mohan Roy Road, weg aus der Nachbarschaft meines Zuhauses in der Gurpar Road. Seine liebevollen Schüler hatten ihm eine neue Einsiedelei gebaut, bekannt als „Nagendra Math“. {FN7-7}
Obwohl es mich in meiner Geschichte um einige Jahre vorgreifen lässt, werde ich hier die letzten Worte niederschreiben, die mir Bhaduri Mahasaya mitgab. Kurz bevor ich mich in den Westen einschiffte, suchte ich ihn auf und kniete demütig für seinen Abschiedssegen nieder:
„Sohn, geh nach Amerika. Nimm die Würde des ehrwürdigen Indiens als deinen Schutzschild. Der Sieg steht auf deiner Stirn geschrieben; die edlen, fernen Menschen werden dich gut empfangen.“
{FN7-1} Methoden zur Beherrschung der Lebenskraft durch Regulierung des Atems.
{FN7-2} Der bedeutendste antike Vertreter des Yoga.
{FN7-3} Französische Professoren waren die ersten im Westen, die bereit waren, die Möglichkeiten des überbewussten Geistes wissenschaftlich zu untersuchen. Professor Jules-Bois, Mitglied der L’Ecole de Psychologie an der Sorbonne, hielt 1928 in Amerika Vorlesungen; er sagte seinem Publikum, dass französische Wissenschaftler das Überbewusstsein anerkannt haben, „das das genaue Gegenteil von Freuds Unterbewusstsein ist und die Fähigkeit darstellt, die den Menschen wirklich zum Menschen macht und nicht nur zu einem Super-Tier.“ M. Jules-Bois erklärte, dass das Erwachen des höheren Bewusstseins „nicht mit Couéismus oder Hypnotismus verwechselt werden dürfe. Die Existenz eines überbewussten Geistes ist philosophisch schon lange anerkannt und in Wirklichkeit die Überseele, von der Emerson sprach, aber erst kürzlich wurde sie wissenschaftlich anerkannt.“ Der französische Wissenschaftler wies darauf hin, dass aus dem Überbewusstsein Inspiration, Genie und moralische Werte stammen. „Der Glaube daran ist keine Mystik, obwohl er die Qualitäten anerkennt und schätzt, die Mystiker predigten.“
{FN7-4} Die heilige Theresa von Avila und andere christliche Heilige wurden oft in einem Zustand der Levitation beobachtet.
{FN7-5} „Großer Weiser.“
{FN7-6} Tatsächliche Wahrnehmung Gottes.
{FN7-7} Der vollständige Name des Heiligen war Nagendranath Bhaduri. MATH bedeutet Einsiedelei oder ASHRAM.
KAPITEL: 8
INDIENS GROSSER WISSENSCHAFTLER, J.C. BOSE
„Jagadis Chandra Boses Erfindungen auf dem Gebiet der drahtlosen Telegraphie gingen denen von Marconi voraus.“
Als ich diese provokative Bemerkung aufschnappte, ging ich näher an eine Gruppe von Professoren auf dem Gehweg heran, die in eine wissenschaftliche Diskussion vertieft waren. Wenn mein Motiv, mich ihnen anzuschließen, rassischer Stolz war, so bereue ich das. Ich kann mein lebhaftes Interesse an Beweisen dafür, dass Indien eine führende Rolle in der Physik spielen kann – und nicht nur in der Metaphysik –, nicht leugnen.
„Was meint Ihr damit, mein Herr?“
Der Professor erklärte es gefällig. „Bose war der Erste, der einen drahtlosen Kohärer und ein Instrument zur Anzeige der Brechung elektrischer Wellen erfand. Aber der indische Wissenschaftler nutzte seine Erfindungen nicht kommerziell. Er wandte seine Aufmerksamkeit bald von der unorganischen zur organischen Welt zu. Seine revolutionären Entdeckungen als Pflanzenphysiologe übertreffen sogar seine radikalen Leistungen als Physiker.“
Ich dankte meinem Mentor höflich. Er fügte hinzu: „Der große Wissenschaftler ist einer meiner Professorenkollegen am Presidency College.“
Am nächsten Tag stattete ich dem Weisen einen Besuch in seinem Haus ab, das in der Nähe meines eigenen in der Gurpar Road lag. Ich hatte ihn schon lange aus respektvoller Entfernung bewundert. Der ernste und zurückhaltende Botaniker begrüßte mich freundlich. Er war ein gutaussehender, kräftiger Mann in den Fünfzigern mit dichtem Haar, breiter Stirn und den abwesenden Augen eines Träumers. Die Präzision seiner Töne verriet die lebenslange wissenschaftliche Gewohnheit.
„Ich bin kürzlich von einer Expedition zu wissenschaftlichen Gesellschaften des Westens zurückgekehrt. Ihre Mitglieder zeigten intensives Interesse an den empfindlichen Instrumenten meiner Erfindung, die die unteilbare Einheit allen Lebens demonstrieren. {FN8-1} Der Bose-Kreskograph hat eine Vergrößerung von zehn Millionen. Das Mikroskop vergrößert nur einige tausend Mal; doch es gab der biologischen Wissenschaft einen vitalen Impuls. Der Kreskograph eröffnet unkalkulierbare Aussichten.“
„Sie haben viel getan, mein Herr, um die Umarmung von Ost und West in den unpersönlichen Armen der Wissenschaft zu beschleunigen.“
„Ich wurde in Cambridge ausgebildet. Wie bewundernswert ist die westliche Methode, jede Theorie einer gewissenhaften experimentellen Überprüfung zu unterziehen! Dieses empirische Verfahren ging Hand in Hand mit der Begabung zur Introspektion, die mein östliches Erbe ist. Zusammen haben sie es mir ermöglicht, das Schweigen natürlicher Bereiche zu durchbrechen, die lange nicht kommunikativ waren. Die aufschlussreichen Diagramme meines Kreskographen {FN8-2} sind für die Skeptischsten der Beweis dafür, dass Pflanzen ein empfindliches Nervensystem und ein vielfältiges Gefühlsleben haben. Liebe, Hass, Freude, Furcht, Vergnügen, Schmerz, Erregbarkeit, Betäubung und zahllose entsprechende Reaktionen auf Reize sind bei Pflanzen ebenso universell wie bei Tieren.“
„Das einzigartige Pochen des Lebens in der ganzen Schöpfung konnte vor Ihrem Erscheinen, Professor, nur als poetische Bildsprache erscheinen! Ein Heiliger, den ich einst kannte, pflückte niemals Blumen. ‚Soll ich dem Rosenbusch seinen Stolz auf seine Schönheit rauben? Soll ich seine Würde durch mein grobes Entkleiden grausam beleidigen?‘ Seine mitfühlenden Worte werden durch Ihre Entdeckungen buchstäblich bestätigt!“
„Der Dichter ist mit der Wahrheit vertraut, während der Wissenschaftler sich ungeschickt nähert. Kommen Sie eines Tages in mein Labor und sehen Sie das eindeutige Zeugnis des Kreskographen.“
Dankbar nahm ich die Einladung an und verabschiedete mich. Später hörte ich, dass der Botaniker das Presidency College verlassen hatte und ein Forschungszentrum in Kalkutta plante.
Als das Bose-Institut eröffnet wurde, besuchte ich die Einweihungsfeierlichkeiten. Begeisterte Hunderte schlenderten über das Gelände. Ich war entzückt von der Kunstfertigkeit und der spirituellen Symbolik des neuen Hauses der Wissenschaft. Sein Eingangstor, bemerkte ich, war ein jahrhundertealtes Relikt aus einem fernen Schrein. Hinter dem Lotusbrunnen {FN8-3} vermittelte eine skulptierte weibliche Figur mit einer Fackel den indischen Respekt vor der Frau als der unsterblichen Lichtträgerin. Der Garten enthielt einen kleinen Tempel, der dem Noumenon jenseits der Phänomene geweiht war. Der Gedanke an die göttliche Körperlosigkeit wurde durch das Fehlen eines Altarbildes nahegelegt.
Boses Rede bei diesem großen Anlass hätte von den Lippen eines der inspirierten alten RISHIS stammen können.
„Ich weihe heute dieses Institut nicht nur als Labor, sondern als Tempel.“ Seine ehrfürchtige Feierlichkeit legte sich wie ein unsichtbarer Umhang über das überfüllte Auditorium. „Im Zuge meiner Untersuchungen wurde ich unbewusst in das Grenzgebiet von Physik und Physiologie geführt. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass Grenzlinien verschwanden und Kontaktpunkte zwischen den Bereichen des Lebendigen und des Nicht-Lebendigen auftauchten. Anorganische Materie wurde als alles andere als träge wahrgenommen; sie bebte unter der Einwirkung zahlreicher Kräfte.“
„Eine universelle Reaktion schien Metall, Pflanze und Tier unter ein gemeinsames Gesetz zu bringen. Sie alle zeigten im Wesentlichen die gleichen Phänomene von Ermüdung und Depression, mit Möglichkeiten der Erholung und der Erhebung sowie der bleibenden Reaktionslosigkeit, die mit dem Tod verbunden ist. Erfüllt von Ehrfurcht vor dieser gewaltigen Verallgemeinerung, kündigte ich meine Ergebnisse mit großer Hoffnung vor der Royal Society an – Ergebnisse, die durch Experimente demonstriert wurden. Aber die anwesenden Physiologen rieten mir, mich auf physikalische Untersuchungen zu beschränken, bei denen mein Erfolg sicher war, anstatt in ihr Reservat einzudringen. Ich war unabsichtlich in den Bereich eines unbekannten Kastensystems geraten und hatte so dessen Etikette verletzt.“
„Eine unbewusste theologische Voreingenommenheit war ebenfalls vorhanden, die Unwissenheit mit Glauben verwechselt. Es wird oft vergessen, dass Er, der uns mit diesem sich ständig entwickelnden Geheimnis der Schöpfung umgeben hat, auch den Wunsch in uns gepflanzt hat, zu fragen und zu verstehen. Durch viele Jahre des Missverständnisses lernte ich, dass das Leben eines Anhängers der Wissenschaft unweigerlich mit endlosem Kampf erfüllt ist. Es liegt an ihm, sein Leben als ein glühendes Opfer darzubringen – Gewinn und Verlust, Erfolg und Misserfolg als eins betrachtend.“
„Mit der Zeit akzeptierten die führenden wissenschaftlichen Gesellschaften der Welt meine Theorien und Ergebnisse und erkannten die Bedeutung des indischen Beitrags zur Wissenschaft an. {FN8-4} Kann jemals etwas Kleines oder Begrenztes den Geist Indiens befriedigen? Durch eine kontinuierliche lebendige Tradition und eine vitale Kraft der Verjüngung hat sich dieses Land durch ungezählte Verwandlungen hindurch neu eingestellt. Es sind immer wieder Inder aufgestanden, die, den unmittelbaren und absorbierenden Preis der Stunde verwerfend, nach der Verwirklichung der höchsten Ideale im Leben gesucht haben – nicht durch passive Entsagung, sondern durch aktiven Kampf. Der Schwächling, der den Konflikt verweigert hat und nichts erworben hat, hatte nichts zu entsagen. Nur derjenige, der gestrebt und gewonnen hat, kann die Welt bereichern, indem er die Früchte seiner siegreichen Erfahrung schenkt.“
„Die bereits im Bose-Labor durchgeführte Arbeit über die Reaktion der Materie und die unerwarteten Enthüllungen im Pflanzenleben haben sehr ausgedehnte Untersuchungsgebiete in Physik, Physiologie, Medizin, Landwirtschaft und sogar Psychologie eröffnet. Probleme, die bisher als unlösbar galten, sind nun in den Bereich der experimentellen Untersuchung gerückt.“
„Aber hoher Erfolg ist nicht ohne strenge Genauigkeit zu erreichen. Daher die lange Batterie superempfindlicher Instrumente und Apparate meiner Konstruktion, die heute in ihren Vitrinen in der Eingangshalle vor Ihnen stehen. Sie erzählen Ihnen von den langwierigen Bemühungen, hinter den täuschenden Schein in die Realität zu gelangen, die unsichtbar bleibt, von der kontinuierlichen Mühsal und Beharrlichkeit und Findigkeit, die aufgebracht wurden, um menschliche Grenzen zu überwinden. Alle schöpferischen Wissenschaftler wissen, dass das wahre Labor der Geist ist, wo sie hinter Illusionen die Gesetze der Wahrheit aufdecken.“
„Die hier gehaltenen Vorträge werden keine bloßen Wiederholungen von Wissen aus zweiter Hand sein. Sie werden neue Entdeckungen ankündigen, die zum ersten Mal in diesen Hallen demonstriert werden. Durch die regelmäßige Veröffentlichung der Arbeit des Instituts werden diese indischen Beiträge die ganze Welt erreichen. Sie werden öffentliches Eigentum werden. Es werden niemals Patente genommen. Der Geist unserer nationalen Kultur verlangt, dass wir für immer frei von der Entweihung sein sollten, Wissen nur für persönlichen Gewinn zu nutzen.“
„Es ist mein weiterer Wunsch, dass die Einrichtungen dieses Instituts den Mitarbeitern aus allen Ländern so weit wie möglich zur Verfügung stehen. Damit versuche ich, die Traditionen meines Landes fortzusetzen. Vor fünfundzwanzig Jahrhunderten hieß Indien in seinen alten Universitäten in Nalanda und Taxila Gelehrte aus allen Teilen der Welt willkommen.“
„Obwohl Wissenschaft weder aus dem Osten noch aus dem Westen stammt, sondern international in ihrer Universalität ist, ist Indien besonders geeignet, große Beiträge zu leisten. {FN8-5} Die brennende indische Vorstellungskraft, die aus einer Masse von scheinbar widersprüchlichen Fakten eine neue Ordnung erzwingen kann, wird durch die Gewohnheit der Konzentration im Zaum gehalten. Diese Zurückhaltung verleiht die Kraft, den Geist mit einer unendlichen Geduld auf das Streben nach Wahrheit zu richten.“
Tränen standen mir in den Augen bei den abschließenden Worten des Wissenschaftlers. Ist „Geduld“ nicht in der Tat ein Synonym für Indien, das Zeit und Historiker gleichermaßen verwirrt?
Ich besuchte das Forschungszentrum kurz nach dem Eröffnungstag erneut. Der große Botaniker, eingedenk seines Versprechens, nahm mich mit in sein ruhiges Labor.
„Ich werde den Kreskographen an diesem Farn befestigen; die Vergrößerung ist enorm. Wenn das Kriechen einer Schnecke im gleichen Verhältnis vergrößert würde, würde das Geschöpf wie ein Schnellzug reisen!“
Mein Blick war gespannt auf den Bildschirm gerichtet, der den vergrößerten Farnschatten widerspiegelte. Winzige Lebensbewegungen waren nun deutlich wahrnehmbar; die Pflanze wuchs sehr langsam vor meinen faszinierten Augen. Der Wissenschaftler berührte die Spitze des Farns mit einem kleinen Metallstab. Die sich entwickelnde Pantomime kam zu einem abrupten Stillstand und nahm die eloquente Rhythmik wieder auf, sobald der Stab zurückgezogen wurde.
„Sie haben gesehen, wie jede leichte äußere Einmischung für das empfindliche Gewebe schädlich ist“, bemerkte Bose. „Passen Sie auf; ich werde nun Chloroform verabreichen und dann ein Gegenmittel geben.“
Die Wirkung des Chloroforms unterbrach alles Wachstum; das Gegenmittel war belebend. Die evolutionären Gesten auf dem Bildschirm hielten mich fesselnder gefangen als eine „Film“-Handlung. Mein Begleiter (hier in der Rolle des Bösewichts) stieß ein scharfes Instrument durch einen Teil des Farns; Schmerz wurde durch ruckartige Zuckungen angezeigt. Als er ein Rasiermesser teilweise durch den Stängel führte, war der Schatten heftig erregt, dann beruhigte er sich mit der endgültigen Zeichensetzung des Todes.
„Durch die vorherige Chloroformierung eines riesigen Baumes gelang mir eine erfolgreiche Umpflanzung. Normalerweise sterben solche Monarchen des Waldes sehr schnell, nachdem sie bewegt wurden.“ Jagadis lächelte glücklich, als er das lebensrettende Manöver erzählte. „Grafiken meines empfindlichen Apparats haben bewiesen, dass Bäume ein Kreislaufsystem besitzen; ihre Saftbewegungen entsprechen dem Blutdruck tierischer Körper. Der Aufstieg des Saftes ist nicht durch mechanische Gründe erklärbar, die normalerweise angeführt werden, wie Kapillaranziehung. Das Phänomen wurde durch den Kreskographen als die Aktivität lebender Zellen gelöst. Peristaltische Wellen gehen von einem zylindrischen Rohr aus, das sich einen Baum hinunter erstreckt und als ein tatsächliches Herz dient! Je tiefer wir wahrnehmen, desto auffälliger wird der Beweis, dass ein einheitlicher Plan jede Form in der vielfältigen Natur verbindet.“
Der große Wissenschaftler zeigte auf ein weiteres Bose-Instrument.
„Ich werde Ihnen Experimente an einem Stück Zinn zeigen. Die Lebenskraft in Metallen reagiert nachteilig oder vorteilhaft auf Reize. Tintenmarkierungen werden die verschiedenen Reaktionen registrieren.“
Tief vertieft beobachtete ich die Grafik, die die charakteristischen Wellen der Atomstruktur aufzeichnete. Als der Professor Chloroform auf das Zinn auftrug, hörten die Schwingungsschriften auf. Sie begannen wieder, als das Metall langsam seinen normalen Zustand wiedererlangte. Mein Begleiter gab eine giftige Chemikalie hinzu. Gleichzeitig mit dem zitternden Ende des Zinns schrieb die Nadel dramatisch eine Todesanzeige auf das Diagramm.
„Bose-Instrumente haben bewiesen, dass Metalle, wie der Stahl, der in Scheren und Maschinen verwendet wird, anfällig für Ermüdung sind und durch periodische Ruhe ihre Effizienz zurückgewinnen. Der Lebenspuls in Metallen wird durch die Anwendung von elektrischen Strömen oder schwerem Druck ernsthaft geschädigt oder sogar ausgelöscht.“
Ich blickte im Raum umher auf die zahlreichen Erfindungen, ein beredtes Zeugnis unermüdlichen Einfallsreichtums.
„Mein Herr, es ist beklagenswert, dass die massenhafte landwirtschaftliche Entwicklung nicht durch einen volleren Einsatz Ihrer wunderbaren Mechanismen beschleunigt wird. Wäre es nicht leicht möglich, einige davon in schnellen Laborexperimenten einzusetzen, um den Einfluss verschiedener Düngemittelarten auf das Pflanzenwachstum anzuzeigen?“
„Sie haben recht. Unzählige Anwendungen von Bose-Instrumenten werden von zukünftigen Generationen gemacht werden. Der Wissenschaftler erfährt selten eine zeitgenössische Belohnung; es genügt, die Freude am schöpferischen Dienst zu besitzen.“
Mit Ausdrücken unvorbehaltener Dankbarkeit gegenüber dem unermüdlichen Weisen verabschiedete ich mich. „Kann die erstaunliche Fruchtbarkeit seines Genies jemals erschöpft werden?“, dachte ich.
Keine Abnahme kam mit den Jahren. Indem er ein kompliziertes Instrument, den „Resonanz-Kardiographen“, erfand, führte Bose dann umfangreiche Forschungen an unzähligen indischen Pflanzen durch. Eine enorme, ungeahnte Pharmakopöe nützlicher Drogen wurde enthüllt. Der Kardiograph ist mit einer unfehlbaren Genauigkeit konstruiert, durch die ein Hundertstel einer Sekunde auf einer Grafik angezeigt wird. Resonanzaufzeichnungen messen infinitesimale Pulsationen in Pflanzen-, Tier- und menschlicher Struktur. Der große Botaniker sagte voraus, dass der Einsatz seines Kardiographen zur Vivisektion an Pflanzen statt an Tieren führen wird.
„Aufzeichnungen der Auswirkungen einer Medizin, die gleichzeitig einer Pflanze und einem Tier gegeben wurde, haben eine erstaunliche Einstimmigkeit im Ergebnis gezeigt“, wies er darauf hin. „Alles im Menschen ist in der Pflanze vorgeahnt worden. Experimente an der Vegetation werden dazu beitragen, das menschliche Leiden zu verringern.“
Jahre später wurden Boses bahnbrechende Pflanzenerkenntnisse von anderen Wissenschaftlern untermauert. Die 1938 an der Columbia University durchgeführte Arbeit wurde von THE NEW YORK TIMES wie folgt berichtet:
Es wurde in den letzten Jahren festgestellt, dass winzige elektrische Impulse erzeugt werden, wenn die Nerven Nachrichten zwischen dem Gehirn und anderen Körperteilen übertragen. Diese Impulse wurden durch empfindliche Galvanometer gemessen und durch moderne Verstärkerapparate millionenfach vergrößert. Bis jetzt wurde keine zufriedenstellende Methode gefunden, um das Passieren der Impulse entlang der Nervenfasern bei lebenden Tieren oder Menschen zu untersuchen, wegen der großen Geschwindigkeit, mit der diese Impulse reisen.
Drs. K. S. Cole und H. J. Curtis berichteten, entdeckt zu haben, dass die langen Einzelzellen der Süßwasserpflanze Nitella, die häufig in Goldfischgläsern verwendet wird, praktisch identisch mit denen einzelner Nervenfasern sind. Darüber hinaus fanden sie heraus, dass Nitella-Fasern bei Erregung elektrische Wellen verbreiten, die in jeder Hinsicht, außer der Geschwindigkeit, denen der Nervenfasern bei Tieren und Menschen ähnlich sind. Die elektrischen Nervenimpulse in der Pflanze erwiesen sich als viel langsamer als die bei Tieren. Diese Entdeckung wurde daher von den Columbia-Mitarbeitern als Mittel aufgegriffen, um Zeitlupenaufnahmen vom Durchgang der elektrischen Impulse in Nerven zu machen.
Die Nitella-Pflanze kann somit eine Art Rosetta-Stein für die Entschlüsselung der streng gehüteten Geheimnisse nahe der Grenze zwischen Geist und Materie werden.
Der Dichter Rabindranath Tagore war ein treuer Freund des idealistischen Wissenschaftlers Indiens. An ihn richtete der süße bengalische Sänger die folgenden Zeilen: {FN8-6}
O Einsiedler, rufe du mit den authentischen Worten Jenes alten Hymnus namens SAMA; „Erhebe dich! Erwache!“ Rufe den Mann, der sich seines SHASTRISCHEN Wissens rühmt Aus eitlem pedantischen Zanken nutzlos, Rufe diesen törichten Prahler, dass er hervorkomme Heraus auf das Angesicht der Natur, diese weite Erde, Sende diesen Ruf an deine Gelehrtenschar; Gemeinsam um dein Opferfeuer Lass sie alle sich versammeln. So mag unser Indien, Unser altes Land zu sich selbst zurückkehren O noch einmal zur beständigen Arbeit zurückkehren, Zu Pflicht und Hingabe, zu ihrer Trance Der ernsten Meditation; lass sie sitzen Noch einmal ungestört, gierlos, streitlos, rein, O noch einmal auf ihrem hohen Sitz Und Podium, Lehrerin aller Länder.
{FN8-1} „Alle Wissenschaft ist transzendental oder sie vergeht. Die Botanik erwirbt jetzt die richtige Theorie – die Avatare von Brahma werden bald die Lehrbücher der Naturgeschichte sein.“-EMERSON.
{FN8-2} Vom lateinischen Stamm, CRESCERE, wachsen. Für seinen Kreskographen und andere Erfindungen wurde Bose 1917 zum Ritter geschlagen.
{FN8-3} Die Lotusblume ist ein altes göttliches Symbol in Indien; ihre sich entfaltenden Blütenblätter deuten auf die Entfaltung der Seele hin; das Wachstum ihrer reinen Schönheit aus dem Schlamm ihres Ursprungs birgt ein gütiges spirituelles Versprechen.
{FN8-4} „Gegenwärtig führt nur ein reiner Zufall Indien in den Blickkreis des amerikanischen College-Studenten. Acht Universitäten (Harvard, Yale, Columbia, Princeton, Johns Hopkins, Pennsylvania, Chicago und Kalifornien) haben Lehrstühle für Indologie oder Sanskrit, aber Indien ist in den Fachbereichen für Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, Politikwissenschaft, Soziologie oder irgendeinem der anderen Fachbereiche intellektueller Erfahrung, zu denen Indien, wie wir gesehen haben, große Beiträge geleistet hat, praktisch nicht vertreten. . . . Wir glauben folglich, dass kein Studienfach, insbesondere in den Geisteswissenschaften, an irgendeiner größeren Universität ohne einen ordnungsgemäß ausgebildeten Spezialisten für die indischen Aspekte seiner Disziplin voll ausgestattet sein kann. Wir glauben zudem, dass jedes College, das danach strebt, seine Absolventen auf eine intelligente Arbeit in der Welt vorzubereiten, die ihnen zum Leben bestimmt ist, einen Gelehrten in seinem Lehrkörper haben muss, der in der Zivilisation Indiens kompetent ist.“ – Auszüge aus einem Artikel von Professor W. Norman Brown von der University of Pennsylvania, der in der Ausgabe vom Mai 1939 des BULLETIN des American Council of Learned Societies, 907 15th St., Washington, D. C., erschien, 25 Cent pro Exemplar. Diese Ausgabe (Nr. 28) enthält über 100 Seiten einer „Grundlegenden Bibliographie für Indische Studien“.
{FN8-5} Die atomare Struktur der Materie war den alten Hindus wohlbekannt. Eines der sechs Systeme der indischen Philosophie ist VAISESIKA, abgeleitet von dem Sanskrit-Wurzelwort VISESAS, „atomare Individualität“. Einer der bedeutendsten VAISESIKA-Ausleger war Aulukya, auch Kanada genannt, der „Atomesser“, der vor etwa 2800 Jahren geboren wurde.
In einem Artikel in EAST-WEST vom April 1934 wurde eine Zusammenfassung des wissenschaftlichen Wissens von VAISESIKA wie folgt gegeben: „Obwohl die moderne ‚Atomtheorie‘ allgemein als ein neuer Fortschritt der Wissenschaft betrachtet wird, wurde sie vor langer Zeit glänzend von Kanada, dem ‚Atomesser‘, dargelegt. Die Sanskrit-ANUS können treffend als ‚Atom‘ im letztgenannten wörtlichen griechischen Sinne von ‚ungeschnitten‘ oder unteilbar übersetzt werden. Weitere wissenschaftliche Darlegungen der VAISESIKA-Abhandlungen aus der Ära vor Christus beinhalten (1) die Bewegung von Nadeln zu Magneten hin, (2) den Kreislauf des Wassers in Pflanzen, (3) AKASH oder Äther, träge und strukturlos, als Basis für die Übertragung subtiler Kräfte, (4) das solare Feuer als Ursache aller anderen Formen von Hitze, (5) Hitze als Ursache molekularer Veränderung, (6) das Gravitationsgesetz, verursacht durch die Qualität, die den Erdatomen innewohnt, um ihnen ihre Anziehungskraft oder Abwärtsbewegung zu verleihen, (7) die kinetische Natur aller Energie; Kausalität als stets in einem Energieaufwand oder einer Neuverteilung von Bewegung verwurzelt, (8) universelle Auflösung durch den Zerfall von Atomen, (9) die Strahlung von Hitze- und Lichtstrahlen, unendlich kleine Teilchen, die in alle Richtungen mit unvorstellbarer Geschwindigkeit davonschießen (die moderne Theorie der ‚kosmischen Strahlen‘), (10) die Relativität von Zeit und Raum.
„VAISESIKA wies den Ursprung der Welt den Atomen zu, ewig in ihrer Natur, d. h. ihren ultimativen Eigenheiten. Diese Atome wurden als solche betrachtet, die eine unaufhörliche vibratorische Bewegung besitzen. . . . Die kürzliche Entdeckung, dass ein Atom ein Miniatur-Sonnensystem ist, wäre für die alten VAISESIKA-Philosophen keine Neuigkeit gewesen, die auch die Zeit auf ihr fernstes mathematisches Konzept reduzierten, indem sie die kleinste Zeiteinheit (KALA) als den Zeitraum beschrieben, den ein Atom benötigt, um seine eigene Raumeinheit zu durchqueren.“
{FN8-6} Aus dem Bengalischen von Rabindranath Tagore übersetzt durch Manmohan Ghosh, in VISWA-BHARATI.
KAPITEL: 9
DER GLÜCKSELIGE VEREHRER UND SEINE KOSMISCHE ROMANZE
„Kleiner Herr, bitte setzen Sie sich. Ich spreche gerade zu meiner Göttlichen Mutter.“
Ich war schweigend und in großer Ehrfurcht in das Zimmer getreten. Die engelhafte Erscheinung von Master Mahasaya blendete mich förmlich. Mit seidig weißem Bart und großen, leuchtenden Augen schien er eine Verkörperung der Reinheit zu sein. Sein erhobenes Kinn und seine gefalteten Hände gaben mir zu verstehen, dass mein erster Besuch ihn mitten in seinen Andachten gestört hatte.
Seine einfachen Begrüßungsworte riefen die heftigste Wirkung hervor, die mein Wesen bis dahin erfahren hatte. Die bittere Trennung durch den Tod meiner Mutter hatte ich für das Maß allen Schmerzes gehalten. Nun war eine Qual bei der Trennung von meiner Göttlichen Mutter eine unbeschreibliche Folter des Geistes. Ich fiel stöhnend zu Boden.
„Kleiner Herr, beruhigen Sie sich!“ Der Heilige war mitleidig bestürzt.
Verlassen in einer ozeanischen Einöde, umklammerte ich seine Füße als das einzige Rettungsfloß.
„Heiliger Herr, deine Fürsprache! Frage die Göttliche Mutter, ob ich irgendeine Gnade in Ihren Augen finde!“
Dieses Versprechen ist nicht leicht zu gewähren; der Meister war zum Schweigen gezwungen.
Jenseits jeden Zweifels war ich überzeugt, dass Master Mahasaya in vertrautem Gespräch mit der Universellen Mutter stand. Es war eine tiefe Demütigung zu erkennen, dass meine Augen blind waren für Sie, die selbst in diesem Augenblick für den makellosen Blick des Heiligen wahrnehmbar war. Schamlos seine Füße greifend, taub für seine sanften Ermahnungen, bat ich ihn immer wieder um seine vermittelnde Gnade.
„Ich werde dein Anliegen der Geliebten vortragen.“ Die Kapitulation des Meisters kam mit einem langsamen, mitleidigen Lächeln.
Welche Kraft lag in diesen wenigen Worten, dass mein Sein Befreiung aus seinem stürmischen Exil erfahren sollte?
„Herr, gedenken Sie Ihres Versprechens! Ich werde bald für Ihre Botschaft zurückkehren!“ Freudige Erwartung klang in meiner Stimme, die noch vor einem Augenblick in Kummer geschluchzt hatte.
Die lange Treppe hinabsteigend, war ich von Erinnerungen überwältigt. Dieses Haus in der Amherst Street 50, nun der Wohnsitz von Master Mahasaya, war einst mein Elternhaus gewesen, Schauplatz des Todes meiner Mutter. Hier war mein menschliches Herz für die entschwundene Mutter gebrochen; und hier war heute mein Geist wie durch die Abwesenheit der Göttlichen Mutter gekreuzigt worden. Heilige Mauern, stumme Zeugen meiner schmerzlichen Verletzungen und endgültigen Heilung!
Meine Schritte waren eifrig, als ich zu meinem Heim in der Gurpar Road zurückkehrte. Die Abgeschiedenheit meines kleinen Dachzimmers suchend, verblieb ich bis zehn Uhr in Meditation. Die Dunkelheit der warmen indischen Nacht wurde plötzlich mit einer wundersamen Vision erleuchtet.
Von Pracht umstrahlt, stand die Göttliche Mutter vor mir. Ihr Gesicht, zärtlich lächelnd, war die Schönheit selbst.
„Immer habe ich dich geliebt! Ewig werde ich dich lieben!“
Während die himmlischen Töne noch in der Luft klangen, verschwand Sie.
Die Sonne am folgenden Morgen war kaum zu einem angemessenen Winkel aufgestiegen, als ich meinen zweiten Besuch bei Master Mahasaya abstattete. Die Treppe in dem Haus der schmerzlichen Erinnerungen erklimmend, erreichte ich sein Zimmer im vierten Stock. Der Knauf der geschlossenen Tür war mit einem Tuch umwickelt; ein Hinweis, wie ich fühlte, dass der Heilige Privatsphäre wünschte. Als ich unentschlossen auf dem Treppenabsatz stand, wurde die Tür durch die einladende Hand des Meisters geöffnet. Ich kniete an seinen heiligen Füßen. In spielerischer Stimmung trug ich eine ernste Maske über meinem Gesicht, um die göttliche Hochstimmung zu verbergen.
„Herr, ich bin gekommen – sehr früh, ich gestehe es! – für Ihre Botschaft. Hat die Geliebte Mutter etwas über mich gesagt?“
„Schelmischer kleiner Herr!“
Keine weitere Bemerkung wollte er machen. Anscheinend war meine gespielte Ernsthaftigkeit nicht beeindruckend.
„Warum so geheimnisvoll, so ausweichend? Sprechen Heilige niemals klar?“ Vielleicht war ich ein wenig provoziert.
„Musst du mich prüfen?“ Seine ruhigen Augen waren voller Verständnis. „Könnte ich heute Morgen ein einziges Wort zu der Zusicherung hinzufügen, die du gestern Nacht um zehn Uhr von der Schönen Mutter Selbst erhalten hast?“
Master Mahasaya besaß die Kontrolle über die Schleusen meiner Seele: erneut stürzte ich zu seinen Füßen nieder. Doch diesmal quollen meine Tränen aus einer Glückseligkeit, und nicht aus einem Schmerz, der nicht mehr zu ertragen war.
„Denkst du, dass deine Hingabe die Unendliche Barmherzigkeit nicht berührt hat? Die Mutterschaft Gottes, die du in Formen sowohl menschlich als auch göttlich verehrt hast, konnte niemals versäumen, auf deinen verlassenen Schrei zu antworten.“
Wer war dieser einfache Heilige, dessen kleinste Bitte an den Universellen Geist auf süße Zustimmung traf? Seine Rolle in der Welt war demütig, wie es dem größten Mann der Demut gebührte, den ich je kannte. In diesem Haus in der Amherst Street betrieb Master Mahasaya {FN9-1} eine kleine Highschool für Jungen. Keine Worte der Züchtigung kamen über seine Lippen; keine Regel und kein Rohrstock hielten seine Disziplin aufrecht. Höhere Mathematik wurde in der Tat in diesen bescheidenen Klassenzimmern gelehrt, und eine Chemie der Liebe, die in den Lehrbüchern fehlte. Er verbreitete seine Weisheit eher durch spirituelle Ansteckung als durch undurchdringliche Vorschriften. Verzehrt von einer unkomplizierten Leidenschaft für die Göttliche Mutter, forderte der Heilige die äußeren Formen des Respekts nicht mehr ein als ein Kind.
„Ich bin nicht dein Guru; er wird etwas später kommen“, sagte er mir. „Durch seine Führung werden deine Erfahrungen des Göttlichen in Begriffen von Liebe und Hingabe in seine Begriffe von unergründlicher Weisheit übersetzt werden.“
Jeden späten Nachmittag begab ich mich in die Amherst Street. Ich suchte Master Mahasayas göttlichen Becher, der so voll war, dass seine Tropfen täglich auf mein Sein überflossen. Niemals zuvor hatte ich mich in äußerster Ehrfurcht verneigt; nun empfand ich es als ein unermessliches Privileg, auch nur denselben Boden zu betreten, den Master Mahasaya heiligte.
„Herr, bitte tragen Sie diese Champak-Girlande, die ich eigens für Sie angefertigt habe.“ Ich kam eines Abends an und hielt meine Blumenkette. Doch schüchtern zog er sich zurück und lehnte die Ehre wiederholt ab. Meinen Schmerz wahrnehmend, lächelte er schließlich zustimmend.
„Da wir beide Verehrer der Mutter sind, kannst du die Girlande an diesem körperlichen Tempel als Opfergabe für Sie anbringen, die darin wohnt.“ Seinem weiten Wesen fehlte der Raum, in dem irgendeine egoistische Erwägung Fuß fassen konnte.
„Lass uns morgen zum Dakshineswar-Tempel gehen, der für immer durch meinen Guru geheiligt ist.“ Master Mahasaya war ein Schüler eines christusgleichen Meisters, Sri Ramakrishna Paramhansa.
Die vier Meilen lange Reise am folgenden Morgen wurde mit dem Boot auf dem Ganges unternommen. Wir betraten den neunkuppeligen Tempel von Kali, wo die Figuren der Göttlichen Mutter und Shivas auf einem polierten silbernen Lotus ruhen, dessen tausend Blütenblätter akribisch gemeißelt sind. Master Mahasaya strahlte vor Entzücken. Er war in seine unerschöpfliche Romanze mit der Geliebten vertieft. Während er Ihren Namen sang, schien mein hingerissenes Herz in tausend Stücke zu zerspringen.
Wir schlenderten später durch die heiligen Anlagen und hielten in einem Tamariskenhain. Das Manna, das charakteristischerweise von diesem Baum ausgeschieden wurde, war symbolisch für die himmlische Nahrung, die Master Mahasaya spendete. Seine göttlichen Anrufungen dauerten an. Ich saß starr und bewegungslos auf dem Gras inmitten der rosa, federartigen Tamariskenblüten. Vorübergehend vom Körper abwesend, schwebte ich in einem überirdischen Besuch.
Dies war die erste von vielen Pilgerreisen nach Dakshineswar mit dem heiligen Lehrer. Von ihm lernte ich die Süße Gottes im Aspekt der Mutter, oder der Göttlichen Barmherzigkeit. Der kindliche Heilige fand wenig Anziehungskraft im Aspekt des Vaters, oder der Göttlichen Gerechtigkeit. Strenges, forderndes, mathematisches Urteilen war seinem sanften Wesen fremd.
„Er kann als irdischer Prototyp für die Engel des Himmels selbst dienen!“, dachte ich voller Zuneigung, während ich ihn eines Tages bei seinen Gebeten beobachtete. Ohne einen Hauch von Tadel oder Kritik betrachtete er die Welt mit Augen, die seit langem mit der Ur-Reinheit vertraut waren. Sein Körper, sein Geist, seine Rede und seine Handlungen waren mühelos mit der Einfachheit seiner Seele in Einklang gebracht.
„Mein Meister hat mir das gesagt.“ Vor persönlicher Behauptung zurückschreckend, beendete der Heilige jeden weisen Rat mit diesem unveränderlichen Tribut. So tief war seine Identität mit Sri Ramakrishna, dass Master Mahasaya seine Gedanken nicht länger als seine eigenen betrachtete.
Hand in Hand gingen der Heilige und ich eines Abends im Block seiner Schule spazieren. Meine Freude wurde durch die Ankunft eines eingebildeten Bekannten getrübt, der uns mit einem langatmigen Diskurs belastete.
„Ich sehe, dieser Mann gefällt dir nicht.“ Das Flüstern des Heiligen an mich wurde von dem Egoisten nicht gehört, der von seinem eigenen Monolog gefesselt war. „Ich habe mit der Göttlichen Mutter darüber gesprochen; Sie erkennt unsere traurige Lage. Sobald wir zu jenem roten Haus dort drüben kommen, hat Sie versprochen, ihn an dringendere Geschäfte zu erinnern.“
Meine Augen klebten an der Stätte der Rettung. Als wir ihr rotes Tor erreichten, drehte sich der Mann unerklärlicherweise um und ging fort, ohne seinen Satz zu beenden oder sich zu verabschieden. Die angegriffene Luft wurde mit Frieden getröstet.
Einen anderen Tag fand ich mich allein in der Nähe des Bahnhofs Howrah wieder. Ich stand einen Moment bei einem Tempel und kritisierte im Stillen eine kleine Gruppe von Männern mit Trommel und Becken, die heftig einen Gesang rezitierten.
„Wie andachtslos sie den göttlichen Namen des Herrn in mechanischer Wiederholung benutzen“, überlegte ich. Mein Blick war erstaunt über das schnelle Herannahen von Master Mahasaya. „Herr, wie kommen Sie hierher?“
Der Heilige ignorierte meine Frage und antwortete auf meinen Gedanken. „Ist es nicht wahr, kleiner Herr, dass der Name der Geliebten von allen Lippen süß klingt, ob unwissend oder weise?“ Er legte seinen Arm liebevoll um mich; ich fand mich auf seinem fliegenden Teppich in die Barmherzige Gegenwart getragen wieder.
„Möchtest du dir einige Bioskope ansehen?“ Diese Frage eines Nachmittags von Master Mahasaya war mystifizierend; der Begriff wurde damals in Indien verwendet, um Filme zu bezeichnen. Ich stimmte zu, froh, in jeder Situation in seiner Gesellschaft zu sein. Ein zügiger Spaziergang brachte uns zu dem Garten vor der Universität von Kalkutta. Mein Begleiter deutete auf eine Bank in der Nähe des GOLDIGHI oder Teichs.
„Lass uns hier für ein paar Minuten sitzen. Mein Meister hat mich immer gebeten zu meditieren, wann immer ich eine Wasserfläche sah. Hier erinnert uns ihre Gelassenheit an die weite Ruhe Gottes. So wie alle Dinge sich im Wasser spiegeln können, so ist das ganze Universum im See des Kosmischen Geistes gespiegelt. So sagte mein GURUDEVA oft.“
Bald betraten wir eine Universitätshalle, in der ein Vortrag stattfand. Er erwies sich als abgrundtief langweilig, obwohl er gelegentlich durch Laternen-Diaprojektionen aufgelockert wurde, die ebenso uninteressant waren.
„Also das ist die Art von Bioskop, das der Meister mich sehen lassen wollte!“ Mein Gedanke war ungeduldig, doch ich wollte den Heiligen nicht verletzen, indem ich Langeweile in meinem Gesicht offenbarte. Doch er beugte sich vertraulich zu mir.
„Ich sehe, kleiner Herr, dass dir dieses Bioskop nicht gefällt. Ich habe es der Göttlichen Mutter gegenüber erwähnt; Sie ist in vollem Mitgefühl mit uns beiden. Sie sagt mir, dass die elektrischen Lichter jetzt ausgehen werden und nicht wieder angezündet werden, bis wir eine Chance haben, den Raum zu verlassen.“
Als sein Flüstern endete, wurde die Halle in Dunkelheit gestürzt. Die schrille Stimme des Professors verstummte vor Erstaunen, dann bemerkte er: „Das elektrische System dieser Halle scheint defekt zu sein.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten Master Mahasaya und ich die Schwelle sicher überschritten. Als ich vom Korridor zurückblickte, sah ich, dass der Schauplatz unseres Martyriums wieder beleuchtet war.
„Kleiner Herr, du warst von diesem Bioskop {FN9-2} enttäuscht, aber ich denke, dir wird ein anderes gefallen.“ Der Heilige und ich standen auf dem Gehweg vor dem Universitätsgebäude. Er klopfte mir sanft auf die Brust über dem Herzen.
Eine verwandelnde Stille trat ein. Genau wie die modernen „Tonfilme“ zu lautlosen Filmen werden, wenn die Tonanlage ausfällt, so erstickte die Göttliche Hand durch ein seltsames Wunder das irdische Treiben. Die Fußgänger sowie die vorbeifahrenden Straßenbahnen, Automobile, Ochsenkarren und Kutschen mit Eisenrädern waren alle in lautloser Bewegung. Als ob ich ein allgegenwärtiges Auge besäße, erblickte ich die Szenen, die hinter mir und zu beiden Seiten waren, so leicht wie die vor mir. Das ganze Spektakel der Aktivität in diesem kleinen Abschnitt von Kalkutta zog ohne einen Laut an mir vorüber. Wie ein Glutfeuer, das schwach unter einer dünnen Ascheschicht zu sehen ist, durchdrang ein weiches Leuchten den Panoramablick.
Mein eigener Körper schien nichts weiter zu sein als einer der vielen Schatten, obwohl er bewegungslos war, während die anderen stumm hin und her huschten. Mehrere Jungen, Freunde von mir, näherten sich und gingen vorbei; obwohl sie direkt auf mich geschaut hatten, geschah es ohne Wiedererkennen.
Die einzigartige Pantomime brachte mir eine unbeschreibliche Ekstase. Ich trank tief aus irgendeiner wonnevollen Quelle. Plötzlich erhielt meine Brust einen weiteren sanften Schlag von Master Mahasaya. Das Pandämonium der Welt brach über meine unwilligen Ohren herein. Ich taumelte, als wäre ich schroff aus einem hauchdünnen Traum geweckt worden. Der transzendentale Wein war außer Reichweite entfernt.
„Kleiner Herr, ich sehe, das zweite Bioskop hat dir gefallen.“ Der Heilige lächelte; ich begann in Dankbarkeit vor ihm auf den Boden zu sinken. „Das kannst du mir jetzt nicht antun; du weißt, Gott ist auch in deinem Tempel! Ich lasse nicht zu, dass die Göttliche Mutter meine Füße durch deine Hände berührt!“
Wenn irgendjemand den anspruchslosen Meister und mich beobachtete, als wir von dem überfüllten Gehweg weggingen, verdächtigte uns der Zuschauer sicher der Trunkenheit. Ich fühlte, dass die fallenden Schatten des Abends voller Mitgefühl betrunken von Gott waren. Als die Dunkelheit sich von ihrer nächtlichen Ohnmacht erholte, stellte ich mich dem neuen Morgen, beraubt meiner ekstatischen Stimmung. Doch für immer in der Erinnerung bewahrt ist der seraphische Sohn der Göttlichen Mutter – Master Mahasaya!
Während ich mit armen Worten versuche, seiner Güte gerecht zu werden, frage ich mich, ob Master Mahasaya und andere unter den tiefsichtigen Heiligen, deren Pfade meinen kreuzten, wussten, dass ich Jahre später in einem westlichen Land über ihre Leben als göttliche Verehrer schreiben würde. Ihr Vorherwissen würde mich nicht überraschen, noch, so hoffe ich, meine Leser, die bis hierher mit mir gekommen sind.
{FN9-1} Dies sind respektvolle Titel, mit denen er üblicherweise angesprochen wurde. Sein Name war Mahendra Nath Gupta; er unterzeichnete seine literarischen Werke einfach mit „M.“.
{FN9-2} Das Oxford English Dictionary gibt als selten diese Definition von BIOSCOPE an: Ein Blick auf das Leben; das, was einen solchen Blick gewährt.
Die Wortwahl von Master Mahasaya war also besonders gerechtfertigt.
KAPITEL: 10
ICH TREFFE MEINEN MEISTER, SRI YUKTESWAR
„Glaube an Gott kann jedes Wunder bewirken, außer einem – eine Prüfung ohne Lernen zu bestehen.“ Mit Widerwillen schloss ich das Buch, das ich in einem müßigen Moment aufgegriffen hatte.
„Die Ausnahme des Autors zeigt seinen völligen Mangel an Glauben“, dachte ich. „Armer Kerl, er hat großen Respekt vor dem Nachtöl!“
Mein Versprechen an Vater war gewesen, dass ich meine Highschool-Studien abschließen würde. Ich kann nicht vorgeben, fleißig zu sein. Die vergangenen Monate fanden mich weniger häufig im Klassenzimmer als an abgelegenen Plätzen entlang der Bade-GHATS von Kalkutta. Die angrenzenden Einäscherungsgelände, besonders gruselig bei Nacht, werden vom Yogi als höchst attraktiv angesehen. Wer das Unsterbliche Wesen finden will, darf nicht durch ein paar unverzierte Schädel bestürzt sein. Menschliche Unzulänglichkeit wird in der düsteren Behausung verschiedener Knochen deutlich. Meine Mitternachtswachen waren somit von anderer Natur als die des Gelehrten.
Die Woche der Abschlussprüfungen an der Hindu High School rückte schnell näher. Diese Befragungsperiode inspiriert, wie die grabähnlichen Orte, ein wohlbekanntes Entsetzen. Mein Geist war dennoch in Frieden. Den Geistern trotzend, grub ich ein Wissen aus, das nicht in Hörsälen zu finden war. Aber es fehlte die Kunst von Swami Pranabananda, der leicht an zwei Orten gleichzeitig erscheinen konnte. Mein pädagogisches Dilemma war eindeutig eine Angelegenheit für die Unendliche Genialität. Dies war meine Schlussfolgerung, obwohl es vielen als unlogisch erscheint. Die Irrationalität des Verehrers entspringt tausend unerklärlichen Demonstrationen der Unmittelbarkeit Gottes in der Not.
„Hallo, Mukunda! Ich erhasche kaum einen Blick auf dich in diesen Tagen!“ Ein Klassenkamerad sprach mich eines Nachmittags in der Gurpar Road an.
„Hallo, Nantu! Meine Unsichtbarkeit in der Schule hat mich dort tatsächlich in eine ausgesprochen peinliche Lage gebracht.“ Ich schüttete ihm mein Herz unter seinem freundlichen Blick aus.
Nantu, der ein brillanter Schüler war, lachte herzlich; meine Zwangslage war nicht ohne einen komischen Aspekt.
„Du bist völlig unvorbereitet auf die Finals! Ich nehme an, es liegt an mir, dir zu helfen!“
Die einfachen Worte vermittelten meinen Ohren göttliches Versprechen; mit Eifer besuchte ich das Haus meines Freundes. Er skizzierte freundlich die Lösungen zu verschiedenen Problemen, die er für wahrscheinlich hielt, von den Lehrern gestellt zu werden.
„Diese Fragen sind der Köder, der viele vertrauensvolle Jungen in der Prüfungsfalle fangen wird. Erinnere dich an meine Antworten, und du wirst ohne Schaden davonkommen.“
Die Nacht war weit fortgeschritten, als ich ging. Berstend vor ungewürzter Gelehrsamkeit, betete ich andächtig, dass sie für die nächsten paar kritischen Tage bleiben möge. Nantu hatte mich in meinen verschiedenen Fächern gecoacht, aber unter dem Druck der Zeit meinen Sanskrit-Kurs vergessen. Inbrünstig erinnerte ich Gott an das Versehen.
Ich machte mich am nächsten Morgen auf einen kurzen Spaziergang und assimilierte mein neues Wissen in den Rhythmus schwingender Schritte. Als ich eine Abkürzung durch das Unkraut eines Eckgrundstücks nahm, fiel mein Blick auf ein paar lose bedruckte Blätter. Ein triumphierendes Zupacken bewies, dass es Sanskrit-Verse waren. Ich suchte einen Pandit für Hilfe bei meiner holprigen Interpretation. Seine reiche Stimme erfüllte die Luft mit der kantenlosen, honigsüßen Schönheit der alten Zunge. {FN10-1}
„Diese außergewöhnlichen Strophen können unmöglich eine Hilfe bei deinem Sanskrit-Test sein.“ Der Gelehrte wies sie skeptisch zurück.
Doch die Vertrautheit mit jenem speziellen Gedicht ermöglichte es mir am folgenden Tag, die Sanskrit-Prüfung zu bestehen. Durch die einsichtsvolle Hilfe, die Nantu mir gegeben hatte, erreichte ich auch die Mindestnote für den Erfolg in all meinen anderen Fächern.
Vater war erfreut, dass ich mein Wort gehalten und meinen Sekundarschulkurs beendet hatte. Meine Dankbarkeit eilte zum Herrn, dessen alleinige Führung ich bei meinem Besuch bei Nantu und meinem Spaziergang auf der ungewöhnlichen Route des mit Trümmern gefüllten Grundstücks wahrnahm. Spielerisch hatte Er seinem rechtzeitigen Plan für meine Rettung einen doppelten Ausdruck verliehen.
Ich stieß auf das verworfene Buch, dessen Autor Gott den Vorrang in den Prüfungssälen verweigert hatte. Ich konnte ein Kichern über meinen eigenen stillen Kommentar nicht unterdrücken:
„Es würde nur zur Verwirrung dieses Kerls beitragen, wenn ich ihm sagen würde, dass göttliche Meditation zwischen den Leichnamen eine Abkürzung zu einem Highschool-Diplom ist!“
In meiner neuen Würde plante ich nun offen, von zu Hause wegzugehen. Zusammen mit einem jungen Freund, Jitendra Mazumdar, {FN10-2} beschloss ich, mich einer Mahamandal-Einsiedelei in Benares anzuschließen und dort ihre spirituelle Disziplin zu empfangen.
Eine Trostlosigkeit überkam mich eines Morgens bei dem Gedanken an die Trennung von meiner Familie. Seit Mutters Tod war meine Zuneigung besonders zärtlich für meine beiden jüngeren Brüder, Sananda und Bishnu, gewachsen. Ich eilte zu meinem Rückzugsort, dem kleinen Dachboden, der so viele Szenen in meiner stürmischen SADHANA {FN10-3} miterlebt hatte. Nach einer zweistündigen Tränenflut fühlte ich mich sonderbar verwandelt, wie durch ein alchemistisches Reinigungsmittel. Jede Bindung {FN10-4} verschwand; mein Entschluss, Gott als den Freund der Freunde zu suchen, setzte sich wie Granit in mir fest. Schnell schloss ich meine Reisevorbereitungen ab.
„Ich bringe eine letzte Bitte vor.“ Vater war betrübt, als ich vor ihm stand, um den letzten Segen zu empfangen. „Verlasse mich nicht und deine trauernden Brüder und Schwestern.“
„Verehrter Vater, wie kann ich dir meine Liebe für dich ausdrücken! Aber noch größer ist meine Liebe für den Himmlischen Vater, der mir das Geschenk eines vollkommenen Vaters auf Erden gegeben hat. Lass mich gehen, auf dass ich eines Tages mit einem göttlicheren Verständnis zurückkehre.“
Mit widerstrebender elterlicher Zustimmung brach ich auf, um mich Jitendra anzuschließen, der bereits in der Einsiedelei in Benares war. Bei meiner Ankunft begrüßte mich der junge Ober-Swami, Dyananda, herzlich. Groß und dünn, von nachdenklicher Miene, machte er einen günstigen Eindruck auf mich. Sein helles Gesicht hatte eine buddhaartige Gelassenheit.
Ich war erfreut, dass mein neues Zuhause einen Dachboden besaß, wo ich es schaffte, die Morgendämmerung und die Vormittagsstunden zu verbringen. Die Ashram-Mitglieder, die wenig von Meditationspraktiken wussten, meinten, ich solle meine ganze Zeit mit organisatorischen Aufgaben verbringen. Sie lobten mich für meine Arbeit in ihrem Büro am Nachmittag.
„Versuche nicht, Gott so bald zu fangen!“ Dieser Spott eines Mitbewohners begleitete einen meiner frühen Aufbrüche zum Dachboden. Ich ging zu Dyananda, der in seinem kleinen Heiligtum mit Blick auf den Ganges beschäftigt war.
„Swamiji, {FN10-5} ich verstehe nicht, was hier von mir verlangt wird. Ich suche die unmittelbare Wahrnehmung Gottes. Ohne Ihn kann ich mich nicht mit Zugehörigkeit, Glaubensbekenntnis oder der Verrichtung guter Werke zufriedengeben.“
Der orange gekleidete Geistliche gab mir ein liebevolles Klopfen. Er inszenierte einen gespielten Tadel und ermahnte einige in der Nähe befindliche Jünger. „Belästigt Mukunda nicht. Er wird unsere Wege lernen.“
Ich verbarg höflich meinen Zweifel. Die Schüler verließen den Raum, nicht allzu sehr gebeugt von ihrem Verweis. Dyananda hatte noch weitere Worte für mich.
„Mukunda, ich sehe, dass dein Vater dir regelmäßig Geld schickt. Bitte schicke es ihm zurück; du brauchst hier keines. Eine zweite Anweisung für deine Disziplin betrifft das Essen. Selbst wenn du Hunger verspürst, erwähne es nicht.“
Ob in meinem Auge der Hunger aufblitzte, wusste ich nicht. Dass ich hungrig war, wusste ich nur allzu gut. Die unveränderliche Stunde für die erste Mahlzeit in der Einsiedelei war zwölf Uhr mittags. Ich war in meinem eigenen Zuhause an ein großes Frühstück um neun Uhr gewöhnt.
Die dreistündige Lücke wurde täglich unerträglicher. Vorbei waren die Jahre in Kalkutta, in denen ich den Koch für eine zehnminütige Verspätung tadeln konnte. Nun versuchte ich, meinen Appetit zu zügeln; eines Tages unternahm ich ein vierundzwanzigstündiges Fasten. Mit doppelter Begeisterung erwartete ich den folgenden Mittag.
„Dyanandajis Zug hat Verspätung; wir werden nicht essen, bis er eintrifft.“ Jitendra brachte mir diese niederschmetternde Nachricht. Als Zeichen der Begrüßung für den Swami, der zwei Wochen lang abwesend gewesen war, standen viele Köstlichkeiten bereit. Ein appetitlicher Duft erfüllte die Luft. Da nichts anderes geboten wurde, was hätte sonst hinuntergeschluckt werden können als der Stolz auf die gestrige Leistung des Fastens?
„Herr, beschleunige den Zug!“ Der Himmlische Versorger, dachte ich, war kaum in dem Verbot enthalten, mit dem Dyananda mich zum Schweigen gebracht hatte. Göttliche Aufmerksamkeit war jedoch anderswo; die trottende Uhr verstrich Stunde um Stunde. Die Dunkelheit brach herein, als unser Anführer durch die Tür trat. Mein Gruß war einer von unverfälschter Freude.
„Dyanandaji wird baden und meditieren, bevor wir Essen servieren können.“ Jitendra näherte sich mir wieder wie ein Unglücksbote.
Ich war dem Zusammenbruch nahe. Mein junger Magen, neu im Entbehren, protestierte mit nagender Heftigkeit. Bilder, die ich von Hungersnotopfern gesehen hatte, zogen wie Geister vor mir vorbei.
„Der nächste Benares-Tod durch Verhungern ist in dieser Einsiedelei sofort fällig“, dachte ich. Das drohende Verderben wurde um neun Uhr abgewendet. Ambrosiale Einladung! In der Erinnerung ist diese Mahlzeit lebendig wie eine der vollkommenen Stunden des Lebens.
Intensive Versunkenheit erlaubte mir dennoch zu beobachten, dass Dyananda geistesabwesend aß. Er stand anscheinend über meinen groben Vergnügungen.
„Swamiji, waren Sie nicht hungrig?“ Glücklich gesättigt, war ich allein mit dem Anführer in seinem Arbeitszimmer.
„O ja! Ich habe die letzten vier Tage ohne Essen und Trinken verbracht. Ich esse nie in Zügen, die mit den heterogenen Schwingungen weltlicher Menschen gefüllt sind. Ich befolge streng die SHASTRISCHEN {FN10-6} Regeln für Mönche meines speziellen Ordens.
„Bestimmte Probleme unserer Organisationsarbeit liegen mir auf dem Herzen. Heute Abend habe ich hier mein Abendessen vernachlässigt. Was ist die Eile? Morgen werde ich darauf achten, eine ordentliche Mahlzeit zu haben.“ Er lachte fröhlich.
Scham verbreitete sich in mir wie ein Ersticken. Aber der vergangene Tag meiner Qual war nicht leicht zu vergessen; ich wagte eine weitere Bemerkung.
„Swamiji, ich bin verwirrt. Angenommen, ich frage Ihrer Anweisung folgend nie nach Essen, und niemand gibt mir etwas. Ich müsste verhungern.“
„Stirb dann!“ Dieser alarmierende Rat spaltete die Luft. „Stirb, wenn du musst, Mukunda! Gib niemals zu, dass du von der Kraft des Essens lebst und nicht von der Kraft Gottes! Er, der jede Form von Nahrung geschaffen hat, Er, der den Appetit geschenkt hat, wird sicherlich dafür sorgen, dass Sein Anhänger erhalten bleibt! Bilde dir nicht ein, dass Reis dich erhält, oder dass Geld oder Menschen dich unterstützen! Könnten sie helfen, wenn der Herr deinen Lebensatem entzieht? Sie sind lediglich Seine indirekten Werkzeuge. Geschieht es durch irgendein Geschick von dir, dass Nahrung in deinem Magen verdaut wird? Benutze das Schwert deiner Unterscheidung, Mukunda! Durchschneide die Ketten der Handelnden und erkenne die Eine Ursache!“
Ich spürte, wie seine prägnanten Worte in ein tiefes Mark eindrangen. Vorbei war eine uralte Täuschung, durch die körperliche Gebote die Seele überlisten. Da und dort kostete ich die Allgenügsamkeit des Geistes. In wie vielen fremden Städten, in meinem späteren Leben unaufhörlichen Reisens, ergab sich die Gelegenheit, die Nützlichkeit dieser Lektion in einer Einsiedelei in Benares zu beweisen!
Der einzige Schatz, der mich von Kalkutta begleitet hatte, war das silberne Amulett des SADHU, das mir von Mutter vermacht worden war. Jahrelang bewachte ich es, nun hatte ich es sorgfältig in meinem Ashram-Zimmer versteckt. Um meine Freude an dem talismanischen Zeugnis zu erneuern, öffnete ich eines Morgens die verschlossene Schachtel. Die versiegelte Hülle unberührt, siehe da! Das Amulett war verschwunden. Trauervoll riss ich den Umschlag auf und vergewisserte mich unmissverständlich. Es war, gemäß der Vorhersage des SADHU, in den Äther entschwunden, aus dem er es gerufen hatte.
Meine Beziehung zu Dyanandas Anhängern verschlechterte sich stetig. Der Haushalt war entfremdet, verletzt durch meine entschlossene Distanziertheit. Mein striktes Festhalten an der Meditation über eben jenes Ideal, für das ich Haus und alle weltlichen Ambitionen verlassen hatte, rief von allen Seiten oberflächliche Kritik hervor.
Zerrissen von spiritueller Qual, betrat ich eines Morgens den Dachboden, entschlossen zu beten, bis eine Antwort gewährt würde.
„Barmherzige Mutter des Universums, lehre mich selbst durch Visionen oder durch einen von Dir gesandten Guru!“
Die verstreichenden Stunden fanden meine schluchzenden Bitten ohne Antwort. Plötzlich fühlte ich mich wie körperlich in eine unumschränkte Sphäre erhoben.
„Dein Meister kommt heute!“ Eine göttliche weibliche Stimme kam von überall und nirgendwo.
Diese himmlische Erfahrung wurde von einem Ruf aus einem bestimmten Ort durchbrochen. Ein junger Priester mit dem Spitznamen Habu rief mich aus der Küche im Erdgeschoss.
„Mukunda, genug der Meditation! Du wirst für eine Besorgung gebraucht.“
An einem anderen Tag hätte ich vielleicht ungeduldig geantwortet; nun wischte ich mein tränenüberströmtes Gesicht ab und gehorchte dem Ruf sanftmütig. Gemeinsam machten Habu und ich uns auf den Weg zu einem entfernten Marktplatz im bengalischen Teil von Benares. Die unsanfte indische Sonne stand noch nicht im Zenit, als wir unsere Einkäufe auf den Basaren tätigten. Wir schoben uns durch das bunte Durcheinander von Hausfrauen, Führern, Priestern, einfach gekleideten Witwen, würdigen Brahmanen und den allgegenwärtigen heiligen Stieren. Als wir an einer unscheinbaren Gasse vorbeikamen, wandte ich den Kopf und überblickte die schmale Länge.
Ein christusähnlicher Mann in den ockerfarbenen Roben eines Swamis stand unbeweglich am Ende der Straße. Sofort und uralt vertraut schien er; mein Blick nährte sich einen Moment lang hungrig. Dann überkam mich Zweifel.
„Du verwechselst diesen wandernden Mönch mit jemandem, den du kennst“, dachte ich. „Träumer, geh weiter.“
Nach zehn Minuten spürte ich eine schwere Taubheit in meinen Füßen. Wie zu Stein geworden, waren sie unfähig, mich weiter zu tragen. Mühsam drehte ich mich um; meine Füße gewannen ihre Normalität zurück. Ich blickte in die entgegengesetzte Richtung; wieder bedrückte mich die seltsame Schwere.
„Der Heilige zieht mich magnetisch zu sich!“ Mit diesem Gedanken häufte ich meine Pakete in die Arme von Habu. Er hatte meinen unruhigen Gang mit Erstaunen beobachtet und brach nun in Gelächter aus.
„Was fehlt dir? Bist du verrückt?“
Meine tumultartige Emotion verhinderte jede Erwiderung; ich eilte schweigend davon.
Meine Schritte wie beflügelt zurückverfolgend, erreichte ich die schmale Gasse. Mein flüchtiger Blick enthüllte die ruhige Gestalt, die stetig in meine Richtung blickte. Ein paar eifrige Schritte und ich war zu seinen Füßen.
„Gurudeva!“ {FN10-7} Das göttliche Gesicht war niemand anderes als der aus meinen tausend Visionen. Diese heiteren Augen, in einem löwenartigen Kopf mit spitzem Bart und fließenden Locken, hatten oft durch die Dunkelheit meiner nächtlichen Träumereien gestarrt und ein Versprechen gehalten, das ich nicht vollständig verstanden hatte.
„O mein Eigenes, du bist zu mir gekommen!“ Mein Guru sprach die Worte immer wieder auf Bengalisch aus, seine Stimme zitterte vor Freude. „Wie viele Jahre habe ich auf dich gewartet!“
Wir traten in eine Einheit der Stille ein; Worte schienen die krassesten Überflüssigkeiten. Beredsamkeit floss in lautlosem Gesang vom Herzen des Meisters zum Jünger. Mit einer Antenne unumstößlicher Einsicht spürte ich, dass mein Guru Gott kannte und mich zu Ihm führen würde. Die Verdunkelung dieses Lebens verschwand in einer zerbrechlichen Morgendämmerung vorgeburtlicher Erinnerungen. Dramatische Zeit! Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind ihre zyklischen Szenen. Dies war nicht die erste Sonne, die mich zu diesen heiligen Füßen fand!
Meine Hand in seiner, führte mich mein Guru zu seiner vorübergehenden Residenz im Stadtteil Rana Mahal. Seine athletische Figur bewegte sich mit festem Schritt. Groß, aufrecht, zu dieser Zeit etwa fünfundfünfzig, war er aktiv und kräftig wie ein junger Mann. Seine dunklen Augen waren groß, wunderschön mit unergründlicher Weisheit. Leicht gelocktes Haar milderte ein Gesicht von beeindruckender Kraft. Stärke vermischte sich subtil mit Sanftheit.
Als wir unseren Weg zum steinernen Balkon eines Hauses mit Blick auf den Ganges machten, sagte er liebevoll:
„Ich werde dir meine Einsiedeleien und alles, was ich besitze, geben.“
„Herr, ich komme für Weisheit und Gottkontakt. Das sind deine Schatzkammern, hinter denen ich her bin!“
Die schnelle indische Dämmerung hatte ihren halben Vorhang fallen gelassen, bevor mein Meister wieder sprach. Seine Augen hielten unergründliche Zärtlichkeit.
„Ich gebe dir meine bedingungslose Liebe.“
Kostbare Worte! Ein Vierteljahrhundert verging, bevor ich einen weiteren auditiven Beweis seiner Liebe erhielt. Seine Lippen waren der Leidenschaft fremd; Stille wurde sein ozeanisches Herz.
„Wirst du mir dieselbe bedingungslose Liebe schenken?“ Er blickte mich mit kindlichem Vertrauen an.
„Ich werde dich ewig lieben, Gurudeva!“
„Gewöhnliche Liebe ist egoistisch, dunkel verwurzelt in Wünschen und Befriedigungen. Göttliche Liebe ist ohne Bedingung, ohne Grenze, ohne Veränderung. Der Fluss des menschlichen Herzens ist für immer verschwunden bei der durchdringenden Berührung reiner Liebe.“ Er fügte demütig hinzu: „Falls du mich jemals von einem Zustand der Gottverwirklichung abfallen siehst, versprich bitte, meinen Kopf auf deinen Schoß zu legen und mir zu helfen, mich zum Kosmischen Geliebten zurückzubringen, den wir beide verehren.“
Er erhob sich dann in der aufziehenden Dunkelheit und führte mich in einen inneren Raum. Während wir Mangos und Mandelsüßigkeiten aßen, webte er unauffällig ein intimes Wissen über meine Natur in seine Unterhaltung ein. Ich war ehrfürchtig vor der Erhabenheit seiner Weisheit, die exquisit mit einer angeborenen Demut verschmolzen war.
„Gräme dich nicht um dein Amulett. Es hat seinen Zweck erfüllt.“ Wie ein göttlicher Spiegel hatte mein Guru anscheinend ein Spiegelbild meines ganzen Lebens aufgefangen.
„Die lebendige Realität deiner Gegenwart, Meister, ist Freude, die über jedes Symbol hinausgeht.“
„Es ist Zeit für eine Veränderung, insofern du unglücklich in der Einsiedelei untergebracht bist.“
Ich hatte keine Hinweise auf mein Leben gegeben; sie schienen nun überflüssig! Durch seine natürliche, nachdrückliche Art verstand ich, dass er keine erstaunten Ausrufe über sein Hellsichtigkeit wünschte.
„Du solltest nach Kalkutta zurückkehren. Warum Verwandte von deiner Liebe zur Menschheit ausschließen?“
Sein Vorschlag bestürzte mich. Meine Familie sagte meine Rückkehr voraus, obwohl ich auf viele Bitten per Brief nicht reagiert hatte. „Lass den jungen Vogel in den metaphysischen Himmeln fliegen“, hatte Ananta bemerkt. „Seine Flügel werden in der schweren Atmosphäre ermüden. Wir werden ihn noch in Richtung Heimat stürzen sehen, seine Schwingen falten und demütig in unserem Familiennest ruhen.“ Dieses entmutigende Gleichnis frisch in meinem Gedächtnis, war ich entschlossen, kein „Stürzen“ in Richtung Kalkutta zu unternehmen.
„Herr, ich kehre nicht nach Hause zurück. Aber ich werde dir überallhin folgen. Bitte gib mir deine Adresse und deinen Namen.“
„Swami Sri Yukteswar Giri. Meine Haupteinsiedelei ist in Serampore, in der Rai Ghat Lane. Ich besuche meine Mutter hier nur für ein paar Tage.“
Ich wunderte mich über Gottes kompliziertes Spiel mit seinen Anhängern. Serampore ist nur zwölf Meilen von Kalkutta entfernt, doch in jenen Regionen hatte ich nie einen Blick auf meinen Guru erhascht. Wir hatten für unser Treffen in die alte Stadt Kasi (Benares) reisen müssen, geheiligt durch Erinnerungen an Lahiri Mahasaya. Hier hatten auch die Füße Buddhas, Shankaracharyas und anderer Yogi-Christusse den Boden gesegnet.
„Du wirst in vier Wochen zu mir kommen.“ Zum ersten Mal war Sri Yukteswars Stimme streng. „Nun habe ich meine ewige Zuneigung bekundet und meine Freude gezeigt, dich gefunden zu haben – deshalb missachtest du meine Bitte. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, wirst du mein Interesse neu erwecken müssen: Ich werde dich nicht leicht als Jünger annehmen. Es muss eine vollständige Hingabe durch Gehorsam gegenüber meinem strikten Training geben.“
Ich blieb hartnäckig stumm. Mein Guru durchschaute leicht meine Schwierigkeit.
„Glaubst du, deine Verwandten werden über dich lachen?“
„Ich werde nicht zurückkehren.“
„Du wirst in dreißig Tagen zurückkehren.“
„Niemals.“ Ich verneigte mich ehrfürchtig zu seinen Füßen und ging, ohne die kontroverse Spannung zu lockern. Als ich mich in der mitternächtlichen Dunkelheit auf den Weg machte, fragte ich mich, warum das wunderbare Treffen auf einer disharmonischen Note geendet hatte. Die dualen Waagschalen von MAYA, die jede Freude mit einem Leid ausgleichen! Mein junges Herz war noch nicht formbar für die transformierenden Finger meines Gurus.
Am nächsten Morgen bemerkte ich eine zunehmende Feindseligkeit in der Haltung der Mitglieder der Einsiedelei. Meine Tage wurden mit unveränderlicher Unhöflichkeit gespickt. In drei Wochen verließ Dyananda den Ashram, um an einer Konferenz in Bombay teilzunehmen; das Chaos brach über mein unglückliches Haupt herein.
„Mukunda ist ein Parasit, der die Gastfreundschaft der Einsiedelei annimmt, ohne eine angemessene Gegenleistung zu erbringen.“ Als ich diese Bemerkung hörte, bedauerte ich zum ersten Mal, dass ich der Bitte gefolgt war, mein Geld an Vater zurückzuschicken. Mit schwerem Herzen suchte ich meinen einzigen Freund, Jitendra, auf.
„Ich gehe. Bitte übermittle Dyanandaji mein respektvolles Bedauern, wenn er zurückkehrt.“
„Ich werde auch gehen! Meine Versuche, hier zu meditieren, stoßen auf nicht mehr Wohlwollen als deine eigenen.“ Jitendra sprach mit Entschlossenheit.
„Ich habe einen christusähnlichen Heiligen getroffen. Lass uns ihn in Serampore besuchen.“
Und so bereitete sich der „Vogel“ darauf vor, gefährlich nah an Kalkutta zu „stürzen“!
{FN10-1} SANSKRITA, poliert; vollständig. Sanskrit ist die älteste Schwester aller indogermanischen Sprachen. Ihre alphabetische Schrift ist DEVANAGARI, wörtlich „göttliche Wohnstätte“. „Wer meine Grammatik kennt, kennt Gott!“ Panini, der große Philologe des alten Indiens, zollte dieser mathematischen und psychologischen Vollkommenheit im Sanskrit Tribut. Wer die Sprache bis in ihren Bau verfolgen will, muss wahrlich als Allwissender enden.
{FN10-2} Er war nicht Jatinda (Jotin Ghosh), an den man sich wegen seiner rechtzeitigen Abneigung gegen Tiger erinnern wird!
{FN10-3} Pfad oder vorbereitender Weg zu Gott.
{FN10-4} Hinduistische Schriften lehren, dass die Bindung an die Familie täuschend ist, wenn sie den Anhänger daran hindert, den Geber aller Wohltaten zu suchen, einschließlich derjenigen, liebevolle Verwandte zu haben, ganz zu schweigen vom Leben selbst. Jesus lehrte ähnlich: „Wer ist meine Mutter? und wer sind meine Brüder?“ (MATTHÄUS 12:48.)
{FN10-5} JI ist ein übliches respektvolles Suffix, das besonders bei der direkten Anrede verwendet wird; daher „Swamiji“, „Guruji“, „Sri Yukteswarji“, „Paramhansaji“.
{FN10-6} Bezogen auf die SHASTRAS, wörtlich „heilige Bücher“, bestehend aus vier Klassen von Schriften: SHRUTI, SMRITI, PURANA und TANTRA. Diese umfassenden Abhandlungen decken jeden Aspekt des religiösen und sozialen Lebens sowie die Bereiche Recht, Medizin, Architektur, Kunst usw. ab. Die SHRUTIS sind die „direkt gehörten“ oder „offenbarten“ Schriften, die VEDAS. Die SMRITIS oder „erinnertes“ Wissen wurden schließlich in einer fernen Vergangenheit als die längsten Epen der Welt niedergeschrieben, MAHABHARATA und RAMAYANA. PURANAS sind wörtlich „alte“ Allegorien; TANTRAS bedeuten wörtlich „Riten“ oder „Rituale“; diese Abhandlungen vermitteln tiefgründige Wahrheiten unter einem Schleier detaillierter Symbolik.
{FN10-7} „Göttlicher Lehrer“, der übliche Sanskrit-Begriff für den spirituellen Mentor. Ich habe ihn im Englischen einfach als „Meister“ wiedergegeben.
KAPITEL: 11
ZWEI GELDLOSEN JUNGEN IN BRINDABAN
„Es geschähe dir recht, wenn Vater dich enterben würde, Mukunda! Wie töricht wirfst du dein Leben weg!“ Eine Predigt eines älteren Bruders drang an meine Ohren.
Jitendra und ich, frisch vom Zug (nur eine Redewendung; wir waren mit Staub bedeckt), waren gerade im Haus von Ananta angekommen, der kürzlich von Kalkutta in die alte Stadt Agra versetzt worden war. Mein Bruder war leitender Buchhalter bei der Bengal-Nagpur-Eisenbahn.
„Du weißt genau, Ananta, ich suche mein Erbe beim Himmlischen Vater.“
„Geld zuerst; Gott kann später kommen! Wer weiß? Das Leben mag zu lang sein.“
„Gott zuerst; Geld ist Sein Sklave! Wer kann das sagen? Das Leben mag zu kurz sein.“
Meine Erwiderung war durch die Erfordernisse des Augenblicks heraufbeschworen und enthielt keine Vorahnung. Doch die Blätter der Zeit entfalteten sich zu einer frühen Endgültigkeit für Ananta; wenige Jahre später {FN11-1} betrat er das Land, wo Banknoten weder zuerst noch zuletzt von Nutzen sind.
„Weisheit aus der Einsiedelei, nehme ich an! Aber ich sehe, du hast Benares verlassen.“ Anantas Augen leuchteten vor Zufriedenheit; er hoffte immer noch, meine Schwingen im Familiennest zu fesseln.
„Mein Aufenthalt in Benares war nicht umsonst! Ich fand dort alles, wonach mein Herz sich gesehnt hatte! Du kannst sicher sein, es war nicht dein Gelehrter oder sein Sohn!“
Ananta stimmte in mein erinnerndes Lachen ein; er musste zugeben, dass der „Hellseher“ aus Benares, den er ausgewählt hatte, kurzsichtig war.
„Was sind deine Pläne, mein wandernder Bruder?“
„Jitendra überzeugte mich von Agra. Wir werden hier die Schönheiten des Taj Mahal {FN11-2} betrachten“, erklärte ich. „Dann gehen wir zu meinem neu gefundenen Guru, der eine Einsiedelei in Serampore hat.“
Ananta sorgte gastfreundlich für unseren Komfort. Mehrmals während des Abends bemerkte ich, wie seine Augen nachdenklich auf mir ruhten.
„Ich kenne diesen Blick!“ dachte ich. „Ein Komplott wird geschmiedet!“
Die Auflösung fand während unseres frühen Frühstücks statt.
„Du fühlst dich also völlig unabhängig von Vaters Reichtum.“ Anantas Blick war unschuldig, als er die Sticheleien des gestrigen Gesprächs wieder aufnahm.
„Ich bin mir meiner Abhängigkeit von Gott bewusst.“
„Worte sind billig! Das Leben hat dich bisher beschirmt! Was für eine Notlage, wenn du gezwungen wärst, für dein Essen und deine Unterkunft auf die Unsichtbare Hand zu schauen! Du würdest bald auf den Straßen betteln!“
„Niemals! Ich würde nicht Passanten mehr vertrauen als Gott! Er kann für Seinen Anhänger tausend Ressourcen außer der Bettelschale ersinnen!“
„Mehr Rhetorik! Angenommen, ich schlage vor, dass deine gepriesene Philosophie in dieser greifbaren Welt auf die Probe gestellt wird?“
„Ich würde zustimmen! Grenzen Sie Gott auf eine spekulative Welt ein?“
„Wir werden sehen; heute wirst du die Gelegenheit haben, meine Ansichten entweder zu erweitern oder zu bestätigen!“ Ananta pausierte für einen dramatischen Moment; dann sprach er langsam und ernst.
„Ich schlage vor, dass ich dich und deinen Mitjünger Jitendra heute Morgen in die nahe gelegene Stadt Brindaban schicke. Ihr dürft keine einzige Rupie mitnehmen; ihr dürft nicht betteln, weder um Essen noch um Geld; ihr dürft niemandem eure Notlage offenbaren; ihr dürft nicht ohne eure Mahlzeiten auskommen; und ihr dürft in Brindaban nicht stranden. Wenn ihr vor zwölf Uhr nachts zu meinem Bungalow hier zurückkehrt, ohne irgendeine Regel der Prüfung gebrochen zu haben, werde ich der erstaunteste Mann in Agra sein!“
„Ich nehme die Herausforderung an.“ Kein Zögern lag in meinen Worten oder in meinem Herzen. Dankbare Erinnerungen blitzten auf an die Sofortige Wohltätigkeit: meine Heilung von tödlicher Cholera durch den Aufruf an Lahiri Mahasayas Bild; das spielerische Geschenk der zwei Drachen auf dem Dach in Lahore mit Uma; das günstige Amulett inmitten meiner Entmutigung; die entscheidende Botschaft durch den unbekannten SADHU aus Benares außerhalb des Geländes des Hauses des Gelehrten; die Vision der Göttlichen Mutter und Ihre majestätischen Worte der Liebe; Ihr schnelles Gehör durch Meister Mahasaya bei meinen unbedeutenden Verlegenheiten; die Führung in letzter Minute, die mein Highschool-Diplom materialisierte; und die ultimative Wohltat, mein lebender Meister aus dem Nebel lebenslanger Träume. Niemals könnte ich zugeben, dass meine „Philosophie“ einem Gerangel auf dem harten Prüfstand der Welt nicht gewachsen wäre!
„Deine Bereitschaft gereicht dir zur Ehre. Ich werde dich sogleich zum Zug begleiten.“ Ananta wandte sich an den mit offenem Mund dastehenden Jitendra. „Du musst als Zeuge mitkommen und sehr wahrscheinlich als Leidensgenosse!“
Eine halbe Stunde später waren Jitendra und ich im Besitz von Fahrkarten für unsere spontane Reise. In einer abgelegenen Ecke des Bahnhofs unterzogen wir uns einer Leibesvisitation. Ananta war schnell davon überzeugt, dass wir keinen versteckten Schatz bei uns trugen; unsere einfachen DHOTIS {FN11-3} verbargen nichts weiter als das Notwendige.
Als der Glaube in die ernsten Bereiche der Finanzen eindrang, sprach mein Freund protestierend: „Ananta, gib mir ein oder zwei Rupien als Absicherung. Dann kann ich dir im Falle eines Unglücks telegraphieren.“
„Jitendra!“ Mein Ausruf war scharf und vorwurfsvoll. „Ich werde den Test nicht durchführen, wenn du irgendein Geld als letzte Sicherheit annimmst.“
„Das Klimpern von Münzen hat etwas Beruhigendes.“ Jitendra sagte nichts weiter, als ich ihn streng ansah.
„Mukunda, ich bin nicht herzlos.“ Ein Anflug von Demut war in Anantas Stimme geschlichen. Vielleicht stach ihn sein Gewissen; vielleicht, weil er zwei mittellose Jungen in eine fremde Stadt schickte; vielleicht wegen seiner eigenen religiösen Skepsis. „Wenn du durch irgendeinen Zufall oder durch Gnade die Brindaban-Prüfung bestehst, werde ich dich bitten, mich als deinen Schüler aufzunehmen.“
Dieses Versprechen hatte eine gewisse Unregelmäßigkeit, die zu diesem unkonventionellen Anlass passte. Der älteste Bruder in einer indischen Familie verneigt sich selten vor seinen Jüngern; er genießt Respekt und Gehorsam, die nur noch vom Vater übertroffen werden. Doch es blieb keine Zeit für meinen Kommentar; unser Zug stand kurz vor der Abfahrt.
Jitendra wahrte ein klägliches Schweigen, während unser Zug die Meilen zurücklegte. Schließlich rührte er sich; er beugte sich vor und zwickte mich schmerzhaft an einer ungünstigen Stelle.
„Ich sehe kein Anzeichen dafür, dass Gott unsere nächste Mahlzeit bereitstellen wird!“
„Sei still, du ungläubiger Thomas; der Herr arbeitet mit uns.“
„Kannst du auch veranlassen, dass Er sich beeilt? Ich bin bereits allein bei dem Gedanken an das, was uns bevorsteht, verhungert. Ich habe Benares verlassen, um das Mausoleum des Taj zu sehen, nicht um mein eigenes zu betreten!“
„Kopf hoch, Jitendra! Werden wir nicht unseren ersten Blick auf die heiligen Wunder von Brindaban werfen? {FN11-4} Ich bin voller Freude bei dem Gedanken, den Boden zu betreten, der von den Füßen von Lord Krishna geheiligt wurde.“
Die Tür unseres Abteils öffnete sich; zwei Männer setzten sich. Der nächste Halt des Zuges wäre der letzte.
„Junge Burschen, habt ihr Freunde in Brindaban?“ Der Fremde mir gegenüber zeigte ein überraschendes Interesse.
„Das geht dich nichts an!“ Unhöflich wandte ich meinen Blick ab.
„Ihr flieht wahrscheinlich unter dem Zauber des Herzensdiebes vor euren Familien. {FN11-5} Ich selbst habe ein andächtiges Temperament. Ich werde es mir zur festen Pflicht machen, dafür zu sorgen, dass ihr Nahrung und Schutz vor dieser überwältigenden Hitze erhaltet.“
„Nein, mein Herr, lassen Sie uns in Ruhe. Sie sind sehr freundlich, aber Sie irren sich, wenn Sie uns für Ausreißer von zu Hause halten.“
Kein weiteres Gespräch fand statt; der Zug hielt an. Als Jitendra und ich auf den Bahnsteig stiegen, hakten sich unsere zufälligen Begleiter bei uns unter und riefen eine Pferdedroschke.
Wir stiegen vor einer stattlichen Einsiedelei aus, die inmitten der immergrünen Bäume einer gepflegten Anlage lag. Unsere Wohltäter waren hier offensichtlich bekannt; ein lächelnder Junge führte uns kommentarlos in einen Empfangsraum. Bald schloss sich uns eine ältere Frau mit würdevoller Haltung an.
„Gauri Ma, die Prinzen konnten nicht kommen.“ Einer der Männer wandte sich an die Gastgeberin des Ashrams. „Im letzten Moment liefen ihre Pläne schief; sie lassen ihr tiefes Bedauern ausrichten. Aber wir haben zwei andere Gäste mitgebracht. Sobald wir uns im Zug trafen, fühlte ich mich zu ihnen hingezogen als Anhänger von Lord Krishna.“
„Auf Wiedersehen, junge Freunde.“ Unsere beiden Bekannten gingen zur Tür. „Wir werden uns wiedersehen, so Gott will.“
„Ihr seid hier willkommen.“ Gauri Ma lächelte mütterlich auf ihre beiden unerwarteten Schützlinge. „Ihr hättet an keinem besseren Tag kommen können. Ich hatte zwei königliche Gönner dieser Einsiedelei erwartet. Was für eine Schande, wenn meine Kochkünste niemanden gefunden hätten, der sie zu schätzen weiß!“
Diese appetitlichen Worte hatten eine katastrophale Wirkung auf Jitendra: Er brach in Tränen aus. Die „Aussicht“, die er in Brindaban gefürchtet hatte, entpuppte sich als königliche Bewirtung; seine plötzliche geistige Umstellung war zu viel für ihn. Unsere Gastgeberin betrachtete ihn neugierig, aber ohne Kommentar; vielleicht war sie mit jugendlichen Schrullen vertraut.
Das Mittagessen wurde angekündigt; Gauri Ma führte den Weg zu einer Speiseterrasse, die würzig nach köstlichen Gerüchen duftete. Sie verschwand in einer angrenzenden Küche.
Ich hatte diesen Moment vorhergesehen. Ich wählte die passende Stelle an Jitendras Körper und verpasste ihm einen Kneifer, der so schallend war wie derjenige, den er mir im Zug gegeben hatte.
„Ungläubiger Thomas, der Herr arbeitet – und zwar in Eile!“
Die Gastgeberin kehrte mit einem PUNKHA zurück. Sie fächerte uns stetig auf orientalische Weise Luft zu, während wir auf verzierten Decken hockten. Ashram-Schüler gingen mit etwa dreißig Gängen hin und her. Anstatt von einer „Mahlzeit“ kann man nur von einem „üppigen Festmahl“ sprechen. Seit unserer Ankunft auf diesem Planeten hatten Jitendra und ich noch nie solche Köstlichkeiten gekostet.
„Gerichte, die wahrlich Prinzen würdig sind, geehrte Mutter! Was eure königlichen Gönner wohl für dringender gehalten haben könnten, als an diesem Bankett teilzunehmen, kann ich mir nicht vorstellen! Ihr habt uns eine Erinnerung fürs Leben geschenkt!“
Da wir durch Anantas Forderung zum Schweigen verpflichtet waren, konnten wir der gnädigen Dame nicht erklären, dass unser Dank eine doppelte Bedeutung hatte. Unsere Aufrichtigkeit war zumindest offensichtlich. Wir gingen mit ihrem Segen und einer einladenden Einladung, die Einsiedelei wieder zu besuchen.
Die Hitze draußen war erbarmungslos. Mein Freund und ich suchten den Schutz eines stattlichen Cadamba-Baums am Tor des Ashrams. Scharfe Worte folgten; wieder einmal wurde Jitendra von Zweifeln geplagt.
„In was für ein schönes Schlamassel hast du mich da hineingeritten! Unser Mittagessen war nur ein zufälliges Glück! Wie können wir die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt besichtigen, ohne einen einzigen Pice in der Tasche? Und wie in aller Welt willst du mich zu Ananta zurückbringen?“
„Du vergisst Gott schnell, jetzt, wo dein Magen gefüllt ist.“ Meine Worte waren nicht bitter, sondern anklagend. Wie kurz ist das menschliche Gedächtnis für göttliche Gunst! Es gibt keinen Menschen, der nicht schon erlebt hätte, dass bestimmte Gebete erhört wurden.
„Ich werde meine Torheit, mich mit einem Verrückten wie dir auf den Weg zu machen, sicher nicht vergessen!“
„Sei still, Jitendra! Derselbe Herr, der uns gespeist hat, wird uns Brindaban zeigen und uns nach Agra zurückbringen.“
Ein schlanker junger Mann mit angenehmem Gesichtsausdruck näherte sich schnellen Schrittes. Unter unserem Baum blieb er stehen und verneigte sich vor mir.
„Lieber Freund, du und dein Begleiter müssen hier Fremde sein. Erlaubt mir, euer Gastgeber und Führer zu sein.“
Es ist für einen Inder kaum möglich, bleich zu werden, doch Jitendras Gesicht war plötzlich kränklich. Ich lehnte das Angebot höflich ab.
„Ihr verbannt mich doch sicher nicht?“ Die Bestürzung des Fremden wäre unter anderen Umständen komisch gewesen.
„Warum nicht?“
„Du bist mein Guru.“ Seine Augen suchten vertrauensvoll meine. „Während meiner Mittagsandacht erschien mir der gesegnete Lord Krishna in einer Vision. Er zeigte mir zwei verlassene Gestalten unter eben diesem Baum. Ein Gesicht war deines, mein Meister! Oft habe ich es in der Meditation gesehen! Welch eine Freude, wenn du meine bescheidenen Dienste annimmst!“
„Auch ich bin froh, dass du mich gefunden hast. Weder Gott noch Mensch hat uns verlassen!“ Obwohl ich unbeweglich war und das erwartungsvolle Gesicht vor mir anlächelte, warf mich eine innere Verbeugung vor die göttlichen Füße.
„Liebe Freunde, wollt ihr mein Zuhause nicht mit einem Besuch beehren?“
„Ihr seid freundlich; aber der Plan ist undurchführbar. Wir sind bereits Gäste meines Bruders in Agra.“
„Schenkt mir wenigstens Erinnerungen daran, mit euch Brindaban zu besichtigen.“
Ich willigte gerne ein. Der junge Mann, der sagte, sein Name sei Pratap Chatterji, rief eine Pferdekutsche. Wir besuchten den Madanamohana-Tempel und andere Krishna-Schreine. Die Nacht brach herein, während wir bei unseren Tempelandachten waren.
„Entschuldigt mich, während ich SANDESH hole.“ {FN11-6} Pratap betrat ein Geschäft in der Nähe des Bahnhofs. Jitendra und ich schlenderten die breite Straße entlang, die jetzt in der relativen Kühle belebt war. Unser Freund blieb einige Zeit weg, kehrte aber schließlich mit Geschenken aus vielen Süßigkeiten zurück.
„Bitte erlaubt mir, diesen religiösen Verdienst zu erlangen.“ Pratap lächelte bittend, als er ein Bündel Rupienscheine und zwei gerade gekaufte Fahrkarten nach Agra hinhielt.
Die Ehrfurcht meiner Annahme galt der Unsichtbaren Hand. Hatte deren Freigebigkeit, die von Ananta verspottet wurde, nicht bei weitem das Notwendige übertroffen?
Wir suchten uns einen abgelegenen Ort in der Nähe des Bahnhofs.
„Pratap, ich werde dich in das KRIYA von Lahiri Mahasaya einweisen, dem größten Yogi der Neuzeit. Seine Technik wird dein Guru sein.“
Die Einweihung war in einer halben Stunde abgeschlossen. „KRIYA ist dein CHINTAMANI“, {FN11-7} sagte ich zu dem neuen Schüler. „Die Technik, die, wie du siehst, einfach ist, verkörpert die Kunst, die geistige Entwicklung des Menschen zu beschleunigen. Die hinduistischen Schriften lehren, dass das inkarnierende Ego eine Million Jahre benötigt, um die Befreiung von MAYA zu erlangen. Diese natürliche Zeitspanne wird durch KRIYA YOGA stark verkürzt. So wie Jagadis Chandra Bose bewiesen hat, dass das Pflanzenwachstum weit über seine normale Rate hinaus beschleunigt werden kann, so kann auch die psychologische Entwicklung des Menschen durch eine innere Wissenschaft beschleunigt werden. Sei treu in deiner Praxis; du wirst dem Guru aller Gurus näherkommen.“
„Ich bin hingerissen, diesen yogischen Schlüssel gefunden zu haben, den ich lange gesucht habe!“ Pratap sprach nachdenklich. „Seine Fesseln lösende Wirkung auf meine sinnesmäßigen Bindungen wird mich für höhere Sphären befreien. Die heutige Vision von Lord Krishna konnte nur mein höchstes Wohl bedeuten.“
Wir saßen eine Weile in stillem Verständnis und gingen dann langsam zum Bahnhof. Freude erfüllte mich, als ich den Zug bestieg, doch dies war Jitendras Tag der Tränen. Mein liebevoller Abschied von Pratap war von unterdrückten Schluchzern beider Begleiter unterbrochen worden. Die Reise fand Jitendra erneut in einem Gefühlschaos. Diesmal nicht für sich selbst, sondern gegen sich selbst.
„Wie oberflächlich mein Vertrauen! Mein Herz war aus Stein! Niemals in der Zukunft werde ich an Gottes Schutz zweifeln!“
Mitternacht näherte sich. Die beiden „Aschenputtel“, die mittellos ausgesandt worden waren, betraten Anantas Schlafzimmer. Sein Gesicht war, wie er versprochen hatte, ein Bild des Erstaunens. Wortlos überschüttete ich den Tisch mit Rupien.
„Jitendra, die Wahrheit!“ Anantas Ton war scherzhaft. „Hat dieser Bengel etwa einen Überfall inszeniert?“
Doch als die Geschichte aufgerollt wurde, wurde mein Bruder ernst, dann feierlich.
„Das Gesetz von Angebot und Nachfrage reicht in subtilere Bereiche, als ich angenommen hatte.“ Ananta sprach mit einer geistigen Begeisterung, die vorher nie wahrnehmbar war. „Ich verstehe zum ersten Mal deine Gleichgültigkeit gegenüber den Tresoren und vulgären Ansammlungen der Welt.“
So spät es auch war, mein Bruder bestand darauf, die DIKSHA {FN11-8} in KRIYA YOGA zu erhalten. Der „Guru“ Mukunda musste an einem Tag die Verantwortung für zwei ungebetene Schüler übernehmen.
Das Frühstück am nächsten Morgen wurde in einer Harmonie eingenommen, die am Tag zuvor fehlte. Ich lächelte Jitendra an.
„Du sollst nicht um das Taj betrogen werden. Lass es uns besichtigen, bevor wir nach Serampore aufbrechen.“
Nachdem wir uns von Ananta verabschiedet hatten, standen mein Freund und ich bald vor dem Glanz von Agra, dem Taj Mahal. Weißer Marmor, der in der Sonne blendet, steht da als eine Vision reiner Symmetrie. Die vollkommene Umgebung besteht aus dunkler Zypresse, glänzendem Rasen und einer ruhigen Lagune. Das Innere ist exquisit mit spitzenartigen Schnitzereien, die mit Halbedelsteinen eingelegt sind. Zarte Kränze und Schriftrollen treten kunstvoll aus braunem und violettem Marmor hervor. Das Licht der Kuppel fällt auf die Kenotaphe von Kaiser Shah-Jahan und Mumtaz Mahall, der Königin seines Reiches und seines Herzens.
Genug der Besichtigungen! Ich sehnte mich nach meinem Guru. Jitendra und ich reisten kurz darauf mit dem Zug nach Süden in Richtung Bengalen.
„Mukunda, ich habe meine Familie seit Monaten nicht gesehen. Ich habe meine Meinung geändert; vielleicht besuche ich später deinen Meister in Serampore.“
Mein Freund, der in seinem Temperament milde als schwankend bezeichnet werden kann, verließ mich in Kalkutta. Mit einem Lokalzug erreichte ich bald Serampore, zwölf Meilen weiter nördlich.
Ein Zittern des Staunens überkam mich, als mir klar wurde, dass achtundzwanzig Tage seit dem Treffen mit meinem Guru in Benares vergangen waren. „Du wirst in vier Wochen zu mir kommen!“ Hier war ich, das Herz klopfte, und stand in seinem Innenhof in der ruhigen Rai Ghat Lane. Ich betrat zum ersten Mal die Einsiedelei, in der ich den besten Teil der nächsten zehn Jahre mit Indiens JYANAVATAR, der „Inkarnation der Weisheit“, verbringen sollte.
{FN11-1} Siehe Kapitel 25.
{FN11-2} Das weltberühmte Mausoleum..
{FN11-3} Ein DHOTI-Tuch wird um die Taille geknotet und bedeckt die Beine..
{FN11-4} Brindaban, im Distrikt Muttra der Vereinigten Provinzen, ist das hinduistische Jerusalem. Hier zeigte Lord Krishna seine Herrlichkeiten zum Wohle der Menschheit..
{FN11-5} Hari; ein liebevoller Name, unter dem Lord Krishna bei seinen Anhängern bekannt ist.
{FN11-6} Eine indische Süßigkeit..
{FN11-7} Ein mythologischer Edelstein mit der Kraft, Wünsche zu erfüllen.
{FN11-8} Spirituelle Einweihung; vom Sanskrit-Wurzelwort DIKSH, sich selbst widmen.
KAPITEL: 12
JAHRE IN DER EINSIEDELEI MEINES MEISTERS
„Du bist gekommen.“ Sri Yukteswar begrüßte mich von einem Tigerfell auf dem Boden eines mit einem Balkon versehenen Wohnzimmers aus. Seine Stimme war kalt, sein Auftreten emotionslos.
„Ja, lieber Meister, ich bin hier, um dir zu folgen.“ Ich kniete nieder und berührte seine Füße.
„Wie kann das sein? Du ignorierst meine Wünsche.“
„Nicht länger, Guruji! Dein Wunsch soll mein Gesetz sein!“
„Das ist besser! Jetzt kann ich die Verantwortung für dein Leben übernehmen.“
„Ich übertrage dir bereitwillig die Last, Meister.“
„Meine erste Bitte ist daher, dass du nach Hause zu deiner Familie zurückkehrst. Ich möchte, dass du das College in Kalkutta besuchst. Deine Ausbildung sollte fortgesetzt werden.“
„Sehr wohl, mein Herr.“ Ich verbarg meine Bestürzung. Würden mich aufdringliche Bücher durch die Jahre verfolgen? Erst Vater, jetzt Sri Yukteswar!
„Eines Tages wirst du in den Westen gehen. Seine Menschen werden empfänglichere Ohren für Indiens alte Weisheit haben, wenn der fremde hinduistische Lehrer einen Universitätsabschluss hat.“
„Du weißt es am besten, Guruji.“ Meine Niedergeschlagenheit verflog. Der Hinweis auf den Westen erschien mir rätselhaft, fern; aber meine Gelegenheit, dem Meister durch Gehorsam zu gefallen, war von unmittelbarer Wichtigkeit.
„Du wirst in Kalkutta in der Nähe sein; komm hierher, wann immer du Zeit findest.“
„Jeden Tag, wenn möglich, Meister! Dankbar akzeptiere ich deine Autorität in jedem Detail meines Lebens – unter einer Bedingung.“
„Ja?“
„Dass du mir versprichst, mir Gott zu offenbaren!“
Ein einstündiger verbaler Schlagabtausch folgte. Das Wort eines Meisters kann nicht verfälscht werden; es wird nicht leichtfertig gegeben. Die Implikationen in diesem Versprechen eröffnen riesige metaphysische Horizonte. Ein Guru muss tatsächlich in vertrautem Verhältnis zum Schöpfer stehen, bevor er Ihn verpflichten kann, zu erscheinen! Ich spürte Sri Yukteswars göttliche Einheit und war entschlossen, als sein Schüler auf meinen Vorteil zu drängen.
„Du hast eine fordernde Art!“ Dann erklang des Meisters Zustimmung mit mitfühlender Endgültigkeit:
„Lass deinen Wunsch mein Wunsch sein.“
Ein lebenslanger Schatten hob sich von meinem Herzen; die vage Suche hierhin und dorthin war vorbei. Ich hatte ewigen Schutz bei einem wahren Guru gefunden.
„Komm; ich werde dir die Einsiedelei zeigen.“ Der Meister erhob sich von seiner Tigermatte. Ich blickte mich um; mein Blick fiel voller Erstaunen auf ein Wandbild, das mit einem Zweig Jasmin geschmückt war.
„Lahiri Mahasaya!“
„Ja, mein göttlicher Guru.“ Sri Yukteswars Ton war ehrfürchtig schwingend. „Er war als Mensch und Yogi größer als jeder andere Lehrer, dessen Leben in den Bereich meiner Untersuchungen fiel.“
Still verneigte ich mich vor dem vertrauten Bild. Seelen-Hommage eilte zu dem unvergleichlichen Meister, der meine Kindheit segnete und meine Schritte bis zu dieser Stunde gelenkt hatte.
Geführt von meinem Guru schlenderte ich durch das Haus und sein Gelände. Die Einsiedelei war groß, alt und gut gebaut und von einem massiven, säulengesäumten Innenhof umgeben. Die Außenmauern waren mit Moos bedeckt; Tauben flatterten über das flache graue Dach und teilten sich ungeniert die Ashram-Quartiere. Ein hinterer Garten war angenehm mit Jackfrucht-, Mango- und Kochbananenbäumen. Die mit Balustraden versehenen Balkone der oberen Räume des zweistöckigen Gebäudes blickten von drei Seiten auf den Innenhof. Eine geräumige Halle im Erdgeschoss, deren hohe Decke von Säulenreihen getragen wurde, wurde, wie der Meister sagte, hauptsächlich während der jährlichen Feierlichkeiten von DURGAPUJA genutzt. {FN12-1} Eine schmale Treppe führte zu Sri Yukteswars Wohnzimmer, dessen kleiner Balkon die Straße überblickte. Der Ashram war schlicht eingerichtet; alles war einfach, sauber und zweckmäßig. Einige Stühle, Bänke und Tische im westlichen Stil waren vorhanden.
Der Meister lud mich ein, über Nacht zu bleiben. Ein Abendessen mit Gemüsecurry wurde von zwei jungen Schülern serviert, die in der Einsiedelei ausgebildet wurden.
„Guruji, bitte erzähle mir etwas aus deinem Leben.“ Ich hockte auf einer Strohmatte in der Nähe seines Tigerfells. Die freundlichen Sterne waren, so schien es, jenseits des Balkons ganz nah.
„Mein Familienname war Priya Nath Karar. Ich wurde {FN12-2} hier in Serampore geboren, wo mein Vater ein wohlhabender Geschäftsmann war. Er hinterließ mir dieses herrschaftliche Anwesen, das jetzt meine Einsiedelei ist. Meine formale Schulbildung war gering; ich empfand sie als langsam und oberflächlich. Im frühen Erwachsenenalter übernahm ich die Verantwortung eines Hausvaters und habe eine Tochter, die jetzt verheiratet ist. Mein mittleres Leben war mit der Führung von Lahiri Mahasaya gesegnet. Nachdem meine Frau starb, trat ich dem Swami-Orden bei und erhielt den neuen Namen Sri Yukteswar Giri. {FN12-3} Das sind meine einfachen Aufzeichnungen.“
Der Meister lächelte mein erwartungsvolles Gesicht an. Wie alle biographischen Skizzen hatten seine Worte die äußeren Fakten geliefert, ohne den inneren Menschen zu offenbaren.
„Guruji, ich würde gerne einige Geschichten aus deiner Kindheit hören.“
„Ich werde dir ein paar erzählen – jede mit einer Moral!“ Sri Yukteswars Augen funkelten bei seiner Warnung. „Meine Mutter versuchte einmal, mich mit einer erschreckenden Geschichte von einem Geist in einer dunklen Kammer zu erschrecken. Ich ging sofort dorthin und drückte meine Enttäuschung darüber aus, den Geist verpasst zu haben. Mutter erzählte mir nie wieder eine Horrorgeschichte. Moral: Sieh der Angst ins Gesicht, und sie wird aufhören, dich zu beunruhigen.
„Eine weitere frühe Erinnerung ist mein Wunsch nach einem hässlichen Hund, der einem Nachbarn gehörte. Ich hielt meinen Haushalt wochenlang in Aufruhr, um diesen Hund zu bekommen. Meine Ohren waren taub für Angebote von Haustieren mit ansprechenderem Aussehen. Moral: Anhaftung macht blind; sie verleiht dem Objekt des Verlangens einen eingebildeten Heiligenschein der Attraktivität.
„Eine dritte Geschichte betrifft die Plastizität des jugendlichen Geistes. Ich hörte meine Mutter gelegentlich bemerken: ‚Ein Mann, der einen Job unter jemandem annimmt, ist ein Sklave.‘ Dieser Eindruck wurde so unauslöschlich fixiert, dass ich mich selbst nach meiner Heirat weigerte, irgendeine Stelle anzunehmen. Ich deckte meine Ausgaben, indem ich mein Familienerbe in Land investierte. Moral: Gute und positive Anregungen sollten die empfindsamen Ohren von Kindern anleiten. Ihre frühen Ideen bleiben lange scharf eingeprägt.“
Der Meister verfiel in ein ruhiges Schweigen. Gegen Mitternacht führte er mich zu einem schmalen Feldbett. Der Schlaf war tief und süß in der ersten Nacht unter dem Dach meines Gurus.
Sri Yukteswar wählte den folgenden Morgen, um mir seine KRIYA YOGA-Einweihung zu gewähren. Die Technik hatte ich bereits von zwei Schülern Lahiri Mahasayas erhalten – meinem Vater und meinem Lehrer, Swami Kebalananda –, aber in der Gegenwart des Meisters spürte ich eine verwandelnde Kraft. Bei seiner Berührung brach ein großes Licht über mein Wesen herein, wie die Herrlichkeit zahlloser Sonnen, die zusammen brannten. Eine Flut unsagbarer Glückseligkeit, die mein Herz bis in den innersten Kern überwältigte, hielt den folgenden Tag über an. Es war später Nachmittag, bevor ich mich dazu durchringen konnte, die Einsiedelei zu verlassen.
„Du wirst in dreißig Tagen zurückkehren.“ Als ich mein Zuhause in Kalkutta erreichte, trat die Erfüllung der Vorhersage des Meisters mit mir ein. Keiner meiner Verwandten machte die spöttischen Bemerkungen, die ich über das Wiedererscheinen des „aufsteigenden Vogels“ befürchtet hatte.
Ich stieg auf meinen kleinen Dachboden und warf liebevolle Blicke darauf, als wäre es eine lebendige Präsenz. „Du hast meine Meditationen bezeugt, und die Tränen und Stürme meines SADHANA. Jetzt habe ich den Hafen meines göttlichen Lehrers erreicht.“
„Sohn, ich freue mich für uns beide.“ Vater und ich saßen in der abendlichen Ruhe zusammen. „Du hast deinen Guru gefunden, so wie ich einst auf wundersame Weise meinen eigenen fand. Die heilige Hand von Lahiri Mahasaya bewacht unser Leben. Dein Meister hat sich nicht als unzugänglicher Himalaya-Heiliger erwiesen, sondern als einer in der Nähe. Meine Gebete wurden erhört: Du wurdest bei deiner Suche nach Gott nicht dauerhaft aus meinem Blickfeld entfernt.“
Vater war auch erfreut, dass meine formalen Studien wieder aufgenommen würden; er traf geeignete Vorkehrungen. Ich wurde am folgenden Tag am Scottish Church College in Kalkutta eingeschrieben.
Glückliche Monate vergingen. Meine Leser haben zweifellos die scharfsinnige Vermutung angestellt, dass ich in den College-Klassenzimmern wenig zu sehen war. Die Einsiedelei in Serampore übte eine zu unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Der Meister akzeptierte meine allgegenwärtige Anwesenheit ohne Kommentar. Zu meiner Erleichterung verwies er selten auf die Hallen des Lernens. Obwohl es für alle offensichtlich war, dass ich nie für ein Gelehrter geschaffen war, gelang es mir, von Zeit zu Zeit die minimalen Bestehensnoten zu erreichen.
Das tägliche Leben im Ashram verlief reibungslos, nur selten variiert. Mein Guru erwachte vor der Morgendämmerung. Während er lag oder manchmal auf dem Bett saß, trat er in einen Zustand von SAMADHI ein. {FN12-4} Es war ein Leichtes, herauszufinden, wann der Meister erwacht war: ein abruptes Stoppen des gewaltigen Schnarchens. {FN12-5} Ein oder zwei Seufzer; vielleicht eine körperliche Bewegung. Dann ein lautloser Zustand der Atemlosigkeit: Er war in tiefer yogischer Freude.
Das Frühstück folgte nicht; zuerst kam ein langer Spaziergang am Ganges. Diese morgendlichen Spaziergänge mit meinem Guru – wie real und lebendig sie immer noch sind! In der leichten Wiederauferstehung der Erinnerung finde ich mich oft an seiner Seite: die frühe Sonne wärmt den Fluss. Seine Stimme erklingt, reich an der Authentizität der Weisheit.
Ein Bad; dann die Mittagsmahlzeit. Ihre Zubereitung war, gemäß den täglichen Anweisungen des Meisters, die sorgfältige Aufgabe junger Schüler gewesen. Mein Guru war Vegetarier. Vor seinem Eintritt in das Mönchtum hatte er jedoch Eier und Fisch gegessen. Sein Rat an die Studenten lautete, jeder einfachen Diät zu folgen, die sich für die eigene Konstitution als geeignet erwies.
Der Meister aß wenig; oft Reis, gefärbt mit Kurkuma oder dem Saft von Roter Bete oder Spinat und leicht bestreut mit Büffel-GHEE oder geschmolzener Butter. An anderen Tagen mochte es Linsen-DHAL oder CHANNA-Curry mit Gemüse geben. Als Nachtisch Mangos oder Orangen mit Milchreis oder Jackfruchtsaft.
Am Nachmittag erschienen Besucher. Ein stetiger Strom ergoß sich aus der Welt in die Ruhe der Einsiedelei. Jeder fand im Meister die gleiche Höflichkeit und Güte vor. Für einen Menschen, der sich selbst als Seele erkannt hat, nicht als Körper oder Ego, nimmt der Rest der Menschheit eine verblüffende Ähnlichkeit an.
Die Unparteilichkeit der Heiligen ist in Weisheit verwurzelt. Meister sind dem MAYA entkommen; dessen wechselnde Gesichter von Intellekt und Idiotie werfen keinen einflussreichen Blick mehr auf sie. Sri Yukteswar ließ keine besondere Rücksichtnahme gegenüber jenen walten, die zufällig mächtig oder erfolgreich waren; ebenso wenig geringachtete er andere wegen ihrer Armut oder ihres Analphabetismus. Er hörte respektvoll den Worten der Wahrheit eines Kindes zu und ignorierte offen einen eingebildeten Pundit.
Acht Uhr war die Zeit des Abendessens, und manchmal traf man noch verweilende Gäste an. Mein Guru entschuldigte sich nicht, um alleine zu essen; niemand verließ seinen Ashram hungrig oder unzufrieden. Sri Yukteswar war nie ratlos, nie bestürzt über unerwartete Besucher; karge Nahrung wandelte sich unter seiner einfallsreichen Führung in ein Festmahl. Dennoch war er sparsam; seine bescheidenen Mittel reichten weit. „Sei behaglich innerhalb deines Geldbeutels“, sagte er oft. „Verschwendung kauft dir Unbehagen.“ Ob in den Details der Bewirtung in der Einsiedelei, oder bei seinen Bau- und Reparaturarbeiten, oder anderen praktischen Belangen, der Meister manifestierte die Originalität eines schöpferischen Geistes.
Die stillen Abendstunden brachten oft einen der Vorträge meines Gurus, Schätze gegen die Zeit. Jede seiner Äußerungen war abgemessen und von Weisheit gemeißelt. Eine erhabene Selbstsicherheit zeichnete seine Ausdrucksweise aus: sie war einzigartig. Er sprach, wie kein anderer in meiner Erfahrung je sprach. Seine Gedanken wurden auf einer feinen Waagschale der Unterscheidung gewogen, bevor er ihnen ein äußeres Gewand gestattete. Das Wesen der Wahrheit, alles durchdringend mit sogar einem physiologischen Aspekt, kam von ihm wie eine wohlriechende Ausdünstung der Seele. Ich war mir stets bewusst, dass ich in der Gegenwart einer lebendigen Manifestation Gottes war. Das Gewicht seiner Göttlichkeit beugte automatisch mein Haupt vor ihm.
Wenn späte Gäste bemerkten, dass Sri Yukteswar begann, sich im Unendlichen zu verlieren, verwickelte er sie schnell in ein Gespräch. Er war unfähig, eine Pose einzunehmen oder seinen inneren Rückzug zur Schau zu stellen. Immer eins mit dem Herrn, brauchte er keine gesonderte Zeit für die Kommunion. Ein selbstverwirklichter Meister hat den Trittstein der Meditation bereits hinter sich gelassen. „Die Blüte fällt, wenn die Frucht erscheint.“ Aber Heilige klammern sich oft an spirituelle Formen zur Ermutigung ihrer Schüler.
Als Mitternacht nahte, mochte mein Guru mit der Natürlichkeit eines Kindes in einen Schlummer fallen. Es gab kein Aufheben um das Bettzeug. Er legte sich oft ohne auch nur ein Kissen auf eine schmale Liege, die den Hintergrund für seinen gewohnten Sitz auf dem Tigerfell bildete.
Eine nächtelange philosophische Diskussion war nicht selten; jeder Schüler konnte sie durch die Intensität seines Interesses heraufbeschwören. Ich spürte dann keine Müdigkeit, kein Verlangen nach Schlaf; des Meisters lebendige Worte waren ausreichend. „Oh, es ist Morgendämmerung! Lass uns am Ganges spazieren gehen.“ So endeten viele meiner Perioden nächtlicher Erbauung.
Meine ersten Monate bei Sri Yukteswar gipfelten in einer nützlichen Lektion – „Wie man eine Mücke überlistet“. Zu Hause benutzte meine Familie nachts immer schützende Vorhänge. Ich war bestürzt festzustellen, dass in der Einsiedelei von Serampore dieser umsichtige Brauch eher durch Nichtbeachtung geehrt wurde. Dennoch waren die Insekten vollzählig anwesend; ich wurde von Kopf bis Fuß gestochen. Mein Guru hatte Mitleid mit mir.
„Kauf dir einen Vorhang, und auch einen für mich.“ Er lachte und fügte hinzu: „Wenn du nur einen kaufst, für dich, werden sich alle Mücken auf mich konzentrieren!“
Ich war mehr als dankbar, dem Folge zu leisten. Jeden Abend, den ich in Serampore verbrachte, bat mich mein Guru, die Vorhänge für die Nacht anzubringen.
Die Mücken waren an einem Abend besonders bösartig. Aber der Meister unterließ seine üblichen Anweisungen. Ich lauschte nervös dem erwartungsvollen Summen der Insekten. Als ich ins Bett stieg, schickte ich ein beschwichtigendes Gebet in ihre allgemeine Richtung. Eine halbe Stunde später hustete ich gekünstelt, um die Aufmerksamkeit meines Gurus zu erregen. Ich dachte, ich würde verrückt werden bei den Stichen und besonders bei dem singenden Summen, während die Mücken blutrünstige Riten feierten.
Keine Reaktion vom Meister; ich näherte mich ihm vorsichtig. Er atmete nicht. Dies war meine erste Beobachtung seiner yogischen Trance; sie erfüllte mich mit Schrecken.
„Sein Herz muss versagt haben!“ Ich hielt einen Spiegel unter seine Nase; kein Atemhauch erschien. Um sicherzugehen, verschloss ich minutenlang seinen Mund und seine Nasenlöcher mit meinen Fingern. Sein Körper war kalt und regungslos. Benommen wandte ich mich zur Tür, um Hilfe zu holen.
„So! Ein angehender Experimentator! Meine arme Nase!“ Die Stimme des Meisters war zittrig vor Lachen. „Warum gehst du nicht ins Bett? Wird sich die ganze Welt für dich ändern? Ändere dich selbst: befreie dich vom Mückenbewusstsein.“
Demütig kehrte ich zu meinem Bett zurück. Kein einziges Insekt wagte sich in die Nähe. Ich erkannte, dass mein Guru den Vorhängen zuvor nur zugestimmt hatte, um mir zu gefallen; er hatte keine Angst vor Mücken. Seine yogische Kraft war derart, dass er ihnen entweder befehlen konnte, nicht zu stechen, oder in eine innere Unverwundbarkeit entweichen konnte.
„Er hat mir eine Demonstration gegeben“, dachte ich. „Das ist der yogische Zustand, den ich zu erreichen streben muss.“ Ein Yogi muss in der Lage sein, in das Überbewusstsein einzutreten und darin zu verweilen, ungeachtet der zahllosen Ablenkungen, die auf dieser Erde niemals fehlen. Ob im Summen von Insekten oder im allgegenwärtigen Glanz des Tageslichts, das Zeugnis der Sinne muss ausgeschlossen werden. Klang und Sicht kommen dann in der Tat, aber zu Welten, die schöner sind als das verbannte Eden. {FN12-7}
Die lehrreichen Mücken dienten für eine weitere frühe Lektion im Ashram. Es war die sanfte Stunde der Dämmerung. Mein Guru interpretierte in unvergleichlicher Weise die alten Texte. Zu seinen Füßen war ich in vollkommenem Frieden. Eine unhöfliche Mücke trat in die Idylle und konkurrierte um meine Aufmerksamkeit. Als sie eine giftige Injektionsnadel in meinen Oberschenkel bohrte, erhob ich automatisch eine rächende Hand. Aufschub vor der drohenden Hinrichtung! Eine günstige Erinnerung kam mir an einen von Patanjalis Yoga-Aphorismen – jenen über AHIMSA (Gewaltlosigkeit).
„Warum hast du die Arbeit nicht zu Ende geführt?“
„Meister! Befürworten Sie es, Leben zu nehmen?“
„Nein; aber der Todesstoß war in deinem Geist bereits geführt worden.“
„Ich verstehe nicht.“
„Patanjalis Bedeutung war die Beseitigung des WUNSCHES zu töten.“ Sri Yukteswar hatte meine mentalen Prozesse als offenes Buch empfunden. „Diese Welt ist für eine buchstäbliche Ausübung von AHIMSA unbequem eingerichtet. Der Mensch mag gezwungen sein, schädliche Kreaturen auszurotten. Er unterliegt keinem ähnlichen Zwang, Wut oder Feindseligkeit zu empfinden. Alle Lebensformen haben das gleiche Recht auf die Luft des MAYA. Der Heilige, der das Geheimnis der Schöpfung enthüllt, wird mit ihren zahllosen verwirrenden Ausdrücken in Harmonie sein. Alle Menschen können sich diesem Verständnis nähern, die die innere Leidenschaft zur Zerstörung zügeln.“
„Guruji, sollte man sich selbst als Opfer darbringen, anstatt ein wildes Tier zu töten?“
„Nein; der menschliche Körper ist kostbar. Er hat den höchsten evolutionären Wert aufgrund einzigartiger Gehirn- und Wirbelsäulenzentren. Diese ermöglichen es dem fortgeschrittenen Geweihten, die erhabensten Aspekte der Göttlichkeit vollständig zu erfassen und auszudrücken. Keine niedere Form ist so ausgestattet. Es ist wahr, dass man die Schuld einer geringfügigen Sünde auf sich lädt, wenn man gezwungen ist, ein Tier oder irgendein lebendes Wesen zu töten. Aber die VEDAS lehren, dass der mutwillige Verlust eines menschlichen Körpers eine schwerwiegende Übertretung gegen das karmische Gesetz ist.“
Ich atmete erleichtert auf; eine schriftliche Bestätigung der eigenen natürlichen Instinkte ist nicht immer zu erwarten.
Es begab sich, dass ich den Meister nie aus nächster Nähe mit einem Leoparden oder Tiger sah. Aber eine tödliche Kobra konfrontierte ihn einmal, nur um von der Liebe meines Gurus besiegt zu werden. Diese Schlangenart ist in Indien sehr gefürchtet, wo sie jährlich mehr als fünftausend Todesfälle verursacht. Die gefährliche Begegnung fand in Puri statt, wo Sri Yukteswar eine zweite Einsiedelei hatte, reizvoll gelegen nahe der Bucht von Bengalen. Prafulla, ein junger Schüler späterer Jahre, war bei dieser Gelegenheit beim Meister.
„Wir saßen draußen in der Nähe des Ashrams“, erzählte mir Prafulla. „Eine Kobra erschien in der Nähe, ein vier Fuß langes Stück reinen Schreckens. Ihre Kapuze war wütend erweitert, als sie auf uns zuraste. Mein Guru gab ein einladendes Glucksen von sich, als ob zu einem Kind. Ich war außer mir vor Bestürzung, als ich sah, wie der Meister in ein rhythmisches Klatschen der Hände verfiel. {FN12-8} Er unterhielt den furchterregenden Besucher! Ich blieb absolut still und stieß innerlich so inbrünstige Gebete aus, wie ich nur konnte. Die Schlange, sehr nah an meinem Guru, war nun bewegungslos, scheinbar magnetisiert durch seine liebkosende Haltung. Die schreckliche Kapuze zog sich allmählich zusammen; die Schlange glitt zwischen die Füße des Meisters und verschwand im Gebüsch.“
„Warum mein Guru seine Hände bewegte und warum die Kobra nicht nach ihnen schlug, waren mir damals unerklärlich“, schloss Prafulla. „Ich habe seitdem erkannt, dass mein göttlicher Meister jenseits der Angst vor Verletzungen durch irgendein lebendes Geschöpf steht.“
An einem Nachmittag während meiner ersten Monate im Ashram waren Sri Yukteswars Augen bohrend auf mich gerichtet.
„Du bist zu dünn, Mukunda.“
Seine Bemerkung traf einen empfindlichen Punkt. Dass meine eingefallenen Augen und mein ausgemergeltes Aussehen keineswegs nach meinem Geschmack waren, wurde durch Reihen von Stärkungsmitteln in meinem Zimmer in Kalkutta bezeugt. Nichts half; chronische Verdauungsstörungen hatten mich seit der Kindheit verfolgt. Meine Verzweiflung erreichte gelegentlich einen Höhepunkt, wenn ich mich fragte, ob es sich lohnte, dieses Leben mit einem so gebrechlichen Körper fortzuführen.
„Medikamente haben Grenzen; die schöpferische Lebenskraft hat keine. Glaube daran: du wirst gesund und stark sein.“
Sri Yukteswars Worte weckten eine Überzeugung von persönlich anwendbarer Wahrheit, die kein anderer Heiler – und ich hatte viele versucht! – in mir hatte hervorrufen können.
Tag für Tag, siehe da! Ich nahm zu. Zwei Wochen nach dem verborgenen Segen des Meisters hatte ich das belebende Gewicht angesammelt, das mir in der Vergangenheit entgangen war. Meine hartnäckigen Magenbeschwerden verschwanden mit lebenslanger Beständigkeit. Bei späteren Gelegenheiten wurde ich Zeuge der augenblicklichen göttlichen Heilungen meines Gurus an Personen, die an bedrohlichen Krankheiten litten – Tuberkulose, Diabetes, Epilepsie oder Lähmung. Niemand hätte dankbarer für seine Heilung sein können als ich über die plötzliche Freiheit von meinem leichenhaften Aussehen.
„Vor Jahren war ich auch darauf bedacht, an Gewicht zuzulegen“, erzählte mir Sri Yukteswar. „Während der Genesung nach einer schweren Krankheit besuchte ich Lahiri Mahasaya in Benares.“
„‚Sir, ich war sehr krank und habe viele Pfunde verloren.‘“
„‚Ich sehe, Yukteswar, {FN12-9} du hast dich selbst krank gemacht, und jetzt denkst du, du bist dünn.‘“
„Diese Antwort war weit entfernt von der, die ich erwartet hatte; mein Guru fügte jedoch ermutigend hinzu:“
„‚Lass mich sehen; ich bin sicher, du solltest dich morgen besser fühlen.‘“
„Da ich seine Worte als eine Geste der geheimen Heilung gegenüber meinem empfänglichen Geist auffasste, war ich am nächsten Morgen nicht überrascht über einen willkommenen Zuwachs an Kraft. Ich suchte meinen Meister auf und rief frohlockend: ‚Sir, ich fühle mich heute viel besser.‘“
„‚In der Tat! Heute stärkst du dich selbst.‘“
„‚Nein, Meister!‘ protestierte ich. ‚Sie waren es, der mir geholfen hat; dies ist das erste Mal seit Wochen, dass ich Energie habe.‘“
„‚O ja! Dein Leiden war ziemlich ernst. Dein Körper ist noch schwach; wer kann sagen, wie es morgen sein wird?‘“
„Der Gedanke an eine mögliche Rückkehr meiner Schwäche ließ mich vor kaltem Schrecken schaudern. Am nächsten Morgen konnte ich mich kaum zu Lahiri Mahasayas Haus schleppen.“
„‚Sir, ich bin wieder krank.‘“
„Der Blick meines Gurus war spöttisch. ‚So! Wieder einmal machst du dich selbst unpässlich.‘“
„‚Gurudeva, ich erkenne jetzt, dass Sie mich Tag für Tag verspottet haben.‘ Meine Geduld war erschöpft. ‚Ich verstehe nicht, warum Sie meinen wahrheitsgemäßen Berichten nicht glauben.‘“
„‚Wirklich, es sind deine Gedanken gewesen, die dich abwechselnd schwach und stark fühlen ließen.‘ Mein Meister blickte mich liebevoll an. ‚Du hast gesehen, wie deine Gesundheit genau deinen Erwartungen gefolgt ist. Gedanke ist eine Kraft, ebenso wie Elektrizität oder Gravitation. Der menschliche Geist ist ein Funke des allmächtigen Bewusstseins Gottes. Ich könnte dir zeigen, dass das, was dein kraftvoller Geist sehr intensiv glaubt, augenblicklich eintreten würde.‘“
„Da ich wusste, dass Lahiri Mahasaya niemals untätig sprach, wandte ich mich mit großer Ehrfurcht und Dankbarkeit an ihn: ‚Meister, wenn ich denke, dass ich gesund bin und mein früheres Gewicht wiedererlangt habe, wird das geschehen?‘“
„‚Es ist so, sogar in diesem Augenblick.‘ Mein Guru sprach ernst, sein Blick auf meine Augen konzentriert.“
„Siehe! Ich spürte eine Zunahme nicht nur an Kraft, sondern an Gewicht. Lahiri Mahasaya zog sich ins Schweigen zurück. Nach ein paar Stunden zu seinen Füßen kehrte ich zum Haus meiner Mutter zurück, wo ich während meiner Besuche in Benares wohnte.“
„‚Mein Sohn! Was ist los? Schwillst du an vor Wassersucht?‘ Mutter konnte ihren Augen kaum trauen. Mein Körper hatte nun die gleichen robusten Dimensionen, die er vor meiner Krankheit besessen hatte.“
„Ich wog mich und fand, dass ich an einem Tag fünfzig Pfund zugenommen hatte; sie blieben dauerhaft bei mir. Freunde und Bekannte, die meine dünne Gestalt gesehen hatten, waren starr vor Staunen. Eine Reihe von ihnen änderte ihre Lebensweise und wurde als Ergebnis dieses Wunders Schüler von Lahiri Mahasaya.“
„Mein Guru, wach in Gott, wusste, dass diese Welt nichts weiter als ein objektivierter Traum des Schöpfers ist. Weil er sich seiner Einheit mit dem Göttlichen Träumer vollkommen bewusst war, konnte Lahiri Mahasaya materialisieren oder dematerialisieren oder jede Änderung vornehmen, die er in der kosmischen Vision wünschte. {FN12-10}“
„Alles Geschaffene wird durch Gesetz regiert“, schloss Sri Yukteswar. „Diejenigen, die sich im äußeren Universum manifestieren und von Wissenschaftlern entdeckt werden können, werden Naturgesetze genannt. Aber es gibt subtilere Gesetze, die die Reiche des Bewusstseins regieren und die nur durch die innere Wissenschaft des Yoga bekannt werden können. Die verborgenen spirituellen Ebenen haben auch ihre natürlichen und gesetzmäßigen Prinzipien der Wirkung. Es ist nicht der physikalische Wissenschaftler, sondern der vollständig selbstverwirklichte Meister, der die wahre Natur der Materie begreift. So war Christus in der Lage, das Ohr des Dieners wiederherzustellen, nachdem es von einem der Jünger abgetrennt worden war.“ {FN12-11}
Sri Yukteswar war ein beispielloser Interpret der Schriften. Viele meiner glücklichsten Erinnerungen konzentrieren sich auf seine Vorträge. Aber seine juwelenartigen Gedanken wurden nicht in die Asche von Nachlässigkeit oder Dummheit geworfen. Eine unruhige Bewegung meines Körpers oder mein leichtes Abgleiten in Geistesabwesenheit genügten, um einen abrupten Punkt hinter die Ausführungen des Meisters zu setzen.
„Du bist nicht hier.“ Der Meister unterbrach sich eines Nachmittags mit dieser Enthüllung. Wie üblich verfolgte er meine Aufmerksamkeit mit verheerender Unmittelbarkeit.
„Guruji!“ Mein Tonfall war ein Protest. „Ich habe mich nicht bewegt; meine Augenlider haben sich nicht gerührt; ich kann jedes Wort wiederholen, das Sie geäußert haben!“
„Dennoch warst du nicht voll bei mir. Dein Einwand zwingt mich zu der Bemerkung, dass du in deinem mentalen Hintergrund drei Institutionen erschufst. Eine war ein Waldrefugium in einer Ebene, eine andere auf einem Berggipfel, eine dritte am Ozean.“
Diese vage formulierten Gedanken waren in der Tat fast unterbewusst vorhanden gewesen. Ich blickte ihn entschuldigend an.
„Was kann ich mit einem solchen Meister tun, der meine zufälligen Grübeleien durchdringt?“
„Du hast mir dieses Recht gegeben. Die subtilen Wahrheiten, die ich darlege, können nicht ohne deine vollständige Konzentration erfasst werden. Wenn nicht notwendig, dringe ich nicht in die Abgeschiedenheit des Geistes anderer ein. Der Mensch hat das natürliche Privileg, heimlich unter seinen Gedanken zu wandern. Der ungebetene Herr tritt dort nicht ein; ebenso wenig wage ich einen Eingriff.“
„Sie sind immer willkommen, Meister!“
„Deine architektonischen Träume werden später Gestalt annehmen. Jetzt ist die Zeit zum Studieren!“
So enthüllte mein Guru nebenbei auf seine einfache Weise das Kommen dreier großer Ereignisse in meinem Leben. Seit früher Jugend hatte ich rätselhafte Einblicke in drei Gebäude gehabt, jedes in einer anderen Umgebung. In der exakten Reihenfolge, die Sri Yukteswar angegeben hatte, nahmen diese Visionen endgültige Form an. Zuerst kam meine Gründung einer Yoga-Schule für Jungen in einer Ranchi-Ebene, dann mein amerikanisches Hauptquartier auf einem Berggipfel in Los Angeles, schließlich eine Einsiedelei im südlichen Kalifornien am riesigen Pazifik.
Der Meister behauptete niemals arrogant: „Ich prophezeie, dass dieses oder jenes Ereignis eintreten wird!“ Er deutete vielmehr an: „Glaubst du nicht, dass es geschehen könnte?“ Aber seine einfache Sprache verbarg vorausschauende Kraft. Es gab kein Widerrufen; niemals erwiesen sich seine leicht verschleierten Worte als falsch.
Sri Yukteswar war zurückhaltend und sachlich in seinem Auftreten. Es war nichts von dem vagen oder verrückten Visionär an ihm. Seine Füße waren fest auf der Erde, sein Kopf im Hafen des Himmels. Praktische Menschen erregten seine Bewunderung. „Heiligkeit ist nicht Dummheit! Göttliche Wahrnehmungen sind nicht handlungsunfähig machend!“ sagte er. „Der aktive Ausdruck von Tugend führt zur schärfsten Intelligenz.“
Im Leben des Meisters entdeckte ich vollständig die Trennung zwischen spirituellem Realismus und der obskuren Mystik, die fälschlicherweise als Gegenstück gilt. Mein Guru war zurückhaltend, die überphysischen Bereiche zu diskutieren. Seine einzige „wunderbare“ Aura war die der vollkommenen Einfachheit. Im Gespräch vermied er verblüffende Referenzen; im Handeln war er frei ausdrucksstark. Andere sprachen von Wundern, konnten aber nichts manifestieren; Sri Yukteswar erwähnte selten die subtilen Gesetze, operierte aber heimlich nach Belieben mit ihnen.
„Ein Mensch der Verwirklichung vollbringt kein Wunder, bis er eine innere Sanktion erhält“, erklärte der Meister. „Gott möchte nicht, dass die Geheimnisse Seiner Schöpfung wahllos enthüllt werden. {FN12-12} Auch hat jedes Individuum auf der Welt ein unveräußerliches Recht auf seinen freien Willen. Ein Heiliger wird diese Unabhängigkeit nicht antasten.“
Das Sri Yukteswar gewohnte Schweigen wurde durch seine tiefen Wahrnehmungen des Unendlichen verursacht. Keine Zeit blieb für die endlosen „Offenbarungen“, die die Tage von Lehrern ohne Selbstverwirklichung ausfüllen. „Bei oberflächlichen Menschen verursachen die Fische kleiner Gedanken viel Aufruhr. In ozeanischen Köpfen verursachen die Wale der Inspiration kaum eine Kräuselung.“ Diese Beobachtung aus den hinduistischen Schriften ist nicht ohne unterscheidenden Humor.
Aufgrund der unspektakulären Erscheinung meines Gurus erkannten ihn nur wenige seiner Zeitgenossen als Übermenschen. Das populäre Sprichwort: „Der ist ein Narr, der seine Weisheit nicht verbergen kann“, könnte niemals auf Sri Yukteswar angewendet werden. Obwohl als Sterblicher wie alle anderen geboren, hatte der Meister Identität mit dem Herrscher von Zeit und Raum erlangt. In seinem Leben nahm ich eine gottgleiche Einheit wahr. Er hatte kein unüberwindbares Hindernis für die Verschmelzung des Menschlichen mit dem Göttlichen gefunden. Kein solches Hindernis existiert, kam ich zu verstehen, außer in der spirituellen Abenteuerlosigkeit des Menschen.
Ich war immer begeistert bei der Berührung der heiligen Füße Sri Yukteswars. Yogis lehren, dass ein Schüler durch ehrfürchtigen Kontakt mit einem Meister spirituell magnetisiert wird; ein subtiler Strom wird erzeugt. Die unerwünschten Gewohnheitsmechanismen des Geweihten im Gehirn werden oft weggebrannt; die Rille seiner weltlichen Tendenzen vorteilhaft gestört. Augenblicklich zumindest mag er finden, wie sich die geheimen Schleier des MAYA lüften, und einen Blick auf die Realität der Glückseligkeit erhaschen. Mein ganzer Körper reagierte mit einem befreienden Glühen, wann immer ich in indischer Manier vor meinem Guru kniete.
„Selbst wenn Lahiri Mahasaya schwieg“, erzählte mir der Meister, „oder wenn er über andere als streng religiöse Themen sprach, entdeckte ich, dass er mir dennoch unaussprechliches Wissen übermittelt hatte.“
Sri Yukteswar beeinflusste mich ähnlich. Wenn ich die Einsiedelei in einer besorgten oder gleichgültigen Stimmung betrat, änderte sich meine Einstellung unmerklich. Ein heilender Frieden stieg allein beim Anblick meines Gurus herab. Jeder Tag mit ihm war eine neue Erfahrung in Freude, Frieden und Weisheit. Niemals fand ich ihn getäuscht oder berauscht von Gier oder Emotion oder Wut oder irgendeiner menschlichen Bindung.
„Die Dunkelheit des MAYA nähert sich schweigend. Lass uns heimwärts eilen in unser Inneres.“ Mit diesen Worten in der Dämmerung erinnerte der Meister seine Schüler ständig an ihr Bedürfnis nach KRIYA YOGA. Ein neuer Student äußerte gelegentlich Zweifel bezüglich seiner eigenen Würdigkeit, sich an der Yoga-Praxis zu beteiligen.
„Vergiss die Vergangenheit“, pflegte Sri Yukteswar ihn zu trösten. „Die verschwundenen Leben aller Menschen sind dunkel mit vielen Schanden. Menschliches Verhalten ist immer unzuverlässig, bis es im Göttlichen verankert ist. Alles in der Zukunft wird sich verbessern, wenn du jetzt eine spirituelle Anstrengung unternimmst.“
Der Meister hatte immer junge CHELAS {FN12-13} in seiner Einsiedelei. Ihre spirituelle und intellektuelle Bildung war sein lebenslanges Interesse: selbst kurz bevor er hinüberging, akzeptierte er zur Ausbildung zwei sechsjährige Jungen und einen Jugendlichen von sechzehn Jahren. Er lenkte ihre Geister und Leben mit jener sorgfältigen Disziplin, in der das Wort „Schüler“ etymologisch verwurzelt ist. Die Ashram-Bewohner liebten und verehrten ihren Guru; ein leichtes Klatschen seiner Hände genügte, um sie eifrig an seine Seite zu bringen. Wenn seine Stimmung still und zurückgezogen war, wagte niemand zu sprechen; wenn sein Lachen jovial erklang, betrachteten ihn die Kinder als den ihrigen.
Der Meister bat andere selten, ihm einen persönlichen Dienst zu erweisen, noch akzeptierte er Hilfe von einem Studenten, es sei denn, die Bereitschaft war aufrichtig. Mein Guru wusch still seine Kleidung, wenn die Schüler diese privilegierte Aufgabe übersahen. Sri Yukteswar trug das traditionelle ockerfarbene Swami-Gewand; seine schnürsenkellosen Schuhe waren, gemäß Yogi-Brauch, aus Tiger- oder Hirschhaut.
Der Meister sprach fließend Englisch, Französisch, Hindi und Bengalisch; sein Sanskrit war passabel. Er unterwies seine jungen Jünger geduldig anhand gewisser Abkürzungen, die er für das Studium des Englischen und des Sanskrit genial erdacht hatte.
Der Meister ging behutsam mit seinem Körper um, während er ihm gleichzeitig jede fürsorgliche Anhänglichkeit versagte. Das Unendliche, so betonte er, manifestiere sich in angemessener Weise durch körperliche und geistige Gesundheit. Er missbilligte jegliche Extreme. Ein Jünger begann einmal ein langes Fasten. Mein Guru lachte nur: „Warum wirfst du dem Hund nicht einfach einen Knochen hin?“
Sri Yukteswars Gesundheit war ausgezeichnet; ich habe ihn nie unwohl gesehen. Er gestattete den Schülern, Ärzte zu konsultieren, wenn dies ratsam erschien. Sein Zweck war es, dem weltlichen Brauch Respekt zu zollen: „Ärzte müssen ihr Heilungswerk durch Gottes Gesetze verrichten, wie sie auf die Materie Anwendung finden.“ Doch er pries die Überlegenheit der mentalen Therapie und wiederholte oft: „Weisheit ist das größte Reinigungsmittel.“
„Der Körper ist ein tückischer Freund. Gib ihm, was ihm gebührt; nicht mehr“, sagte er. „Schmerz und Vergnügen sind vergänglich; ertrage alle Dualitäten mit Gelassenheit, während du gleichzeitig versuchst, ihren Einfluss zu beseitigen. Die Einbildungskraft ist das Tor, durch das Krankheit wie auch Heilung eintritt. Glaube nicht an die Realität von Krankheit, selbst wenn du krank bist; ein unerwünschter Besucher wird fliehen!“
Der Meister zählte viele Ärzte zu seinen Jüngern. „Diejenigen, die die physikalischen Gesetze erforscht haben, können leicht die Wissenschaft der Seele untersuchen“, sagte er ihnen. „Ein subtiler spiritueller Mechanismus verbirgt sich direkt hinter der körperlichen Struktur.“
Sri Yukteswar riet seinen Schülern, lebendige Verbindungsglieder westlicher und östlicher Tugenden zu sein. Während er selbst in seinen äußeren Gewohnheiten ein tatkräftiger Abendländer war, war er innerlich ein spiritueller Orientalling. Er lobte die fortschrittlichen, einfallsreichen und hygienischen Gewohnheiten des Westens sowie die religiösen Ideale, die dem Osten einen jahrhundertealten Heiligenschein verleihen.
Disziplin war mir nicht unbekannt: Zu Hause war Vater streng, Ananta oft unerbittlich. Doch Sri Yukteswars Ausbildung kann nur als drastisch bezeichnet werden. Als Perfektionist war mein Guru überkritisch gegenüber seinen Jüngern, sei es in wichtigen Angelegenheiten oder in den subtilen Nuancen des Verhaltens.
„Gute Manieren ohne Aufrichtigkeit sind wie eine schöne tote Dame“, bemerkte er bei passender Gelegenheit. „Direktheit ohne Höflichkeit ist wie das Messer eines Chirurgen, effektiv, aber unangenehm. Offenheit mit Höflichkeit ist hilfreich und bewundernswert.“
Der Meister war anscheinend mit meinem spirituellen Fortschritt zufrieden, denn er erwähnte ihn selten; in anderen Dingen waren meine Ohren jedoch keine Fremden gegenüber Zurechtweisungen. Meine Hauptvergehen waren Geistesabwesenheit, zeitweiliges Nachgeben gegenüber traurigen Stimmungen, die Nichtbeachtung gewisser Etiketteregeln und gelegentliche methodische Nachlässigkeit.
„Beobachte, wie die Aktivitäten deines Vaters Bhagabati in jeder Hinsicht gut organisiert und ausgeglichen sind“, wies mein Guru darauf hin. Die beiden Jünger von Lahiri Mahasaya waren sich kurz nachdem ich meine Pilgerreisen nach Serampore begonnen hatte, begegnet. Vater und Sri Yukteswar schätzten die Vorzüge des anderen bewundernd ein. Beide hatten ein inneres Leben aus spirituellem Granit erbaut, das den Zeitaltern trotzte.
Von flüchtigen Lehrern meines früheren Lebens hatte ich einige irrige Lektionen aufgenommen. Ein Chela, so sagte man mir, müsse sich nicht angestrengt um weltliche Pflichten kümmern; wenn ich meine Aufgaben vernachlässigt oder nachlässig ausgeführt hatte, wurde ich nicht bestraft. Die menschliche Natur findet solche Anweisungen sehr leicht verdaulich. Unter der schonungslosen Rute des Meisters erholte ich mich jedoch bald von den angenehmen Täuschungen der Verantwortungslosigkeit.
„Diejenigen, die zu gut für diese Welt sind, schmücken eine andere“, bemerkte Sri Yukteswar. „Solange du die freie Luft der Erde atmest, bist du zur dankbaren Dienstleistung verpflichtet. Nur wer den atemlosen Zustand vollständig gemeistert hat, ist von kosmischen Imperativen befreit. Ich werde nicht versäumen, dich wissen zu lassen, wenn du die endgültige Vollendung erlangt hast.“
Mein Guru konnte niemals bestochen werden, nicht einmal durch Liebe. Er zeigte keine Milde gegenüber jemandem, der, wie ich selbst, sich freiwillig anbot, sein Jünger zu sein. Ob der Meister und ich von seinen Schülern oder von Fremden umgeben waren oder allein zusammen waren, er sprach immer offen und tadelte scharf. Kein unbedeutender Rückfall in Oberflächlichkeit oder Unbeständigkeit entging seinem Tadel. Diese ernüchternde Behandlung war schwer zu ertragen, aber mein Entschluss stand fest, Sri Yukteswar jeden meiner psychologischen Knicke ausbügeln zu lassen. Während er an dieser titanischen Transformation arbeitete, zitterte ich viele Male unter der Last seines disziplinarischen Hammers.
„Wenn dir meine Worte nicht gefallen, steht es dir jederzeit frei zu gehen“, versicherte mir der Meister. „Ich will nichts von dir als deine eigene Verbesserung. Bleibe nur, wenn du dich bereichert fühlst.“
Für jeden demütigenden Schlag, den er meiner Eitelkeit versetzte, für jeden Zahn in meinem metaphorischen Kiefer, den er mit verblüffender Treffsicherheit lockerte, bin ich über jedes Ausdrucksvermögen hinaus dankbar. Der harte Kern des menschlichen Egoismus lässt sich kaum anders als grob vertreiben. Mit seinem Verschwinden findet das Göttliche endlich einen ungehinderten Kanal. Vergeblich versucht Es, durch steinerne Herzen der Selbstsucht zu dringen.
Sri Yukteswars Weisheit war so durchdringend, dass er, unbeeindruckt von Bemerkungen, oft auf die unausgesprochenen Beobachtungen eines anderen antwortete. „Was ein Mensch sich einbildet zu hören, und was der Sprecher wirklich impliziert hat, können Welten voneinander entfernt sein“, sagte er. „Versuche, die Gedanken hinter der Verwirrung der menschlichen Wortschwall-Flut zu spüren.“
Doch göttliche Einsicht ist für weltliche Ohren schmerzhaft; der Meister war bei oberflächlichen Schülern nicht beliebt. Die Weisen, die immer in der Minderheit sind, verehrten ihn zutiefst. Ich wage zu behaupten, Sri Yukteswar wäre der gefragteste Guru in Indien gewesen, wären seine Worte nicht so offen und tadelnd gewesen.
„Ich bin hart zu denen, die zu meiner Ausbildung kommen“, gab er gegenüber mir zu. „Das ist meine Art; nimm es oder lass es. Ich werde niemals Kompromisse eingehen. Aber du wirst viel freundlicher zu deinen Jüngern sein; das ist deine Art. Ich versuche nur in den Feuern der Strenge zu reinigen, die über das durchschnittliche Maß hinausgeht. Der sanfte Ansatz der Liebe ist ebenfalls verwandelnd. Die unflexible und die nachgiebige Methode sind gleichermaßen effektiv, wenn sie mit Weisheit angewandt werden. Du wirst in fremde Länder gehen, wo stumpfe Angriffe auf das Ego nicht geschätzt werden. Ein Lehrer könnte Indiens Botschaft im Westen nicht ohne ein ausreichendes Maß an anpassungsfähiger Geduld und Nachsicht verbreiten.“ Ich weigere mich, das Ausmaß der Wahrheit anzugeben, das ich später in den Worten des Meisters fand!
Obwohl Sri Yukteswars ungeschönte Rede während seiner Jahre auf Erden eine große Anhängerschaft verhinderte, manifestiert sich sein lebendiger Geist heute doch in der ganzen Welt durch aufrichtige Schüler seines Kriya Yoga und anderer Lehren. Er hat mehr Herrschaft über die Seelen der Menschen, als Alexander jemals im Boden erträumte.
Vater kam eines Tages, um Sri Yukteswar seine Aufwartung zu machen. Mein Elternteil erwartete sehr wahrscheinlich, einige lobende Worte über mich zu hören. Er war schockiert, als ihm ein langer Bericht über meine Unvollkommenheiten gegeben wurde. Es war die Praxis des Meisters, einfache, vernachlässigbare Mängel mit einer Miene von bedeutungsschwerer Ernsthaftigkeit zu schildern. Vater eilte, um mich zu sehen. „Nach den Bemerkungen deines Gurus dachte ich, dich als ein völliges Wrack vorzufinden!“ Mein Elternteil war zwischen Tränen und Lachen hin- und hergerissen.
Der einzige Grund für Sri Yukteswars Missfallen zu dieser Zeit war, dass ich versucht hatte, entgegen seinem sanften Hinweis, einen bestimmten Mann auf den spirituellen Pfad zu bekehren.
Mit empörter Eile suchte ich meinen Guru auf. Er empfing mich mit gesenkten Augen, als wäre er sich seiner Schuld bewusst. Es war das einzige Mal, dass ich den göttlichen Löwen vor mir demütig sah. Der einzigartige Moment wurde in vollen Zügen genossen.
„Sir, warum haben Sie mich vor meinem erstaunten Vater so gnadenlos beurteilt? War das gerecht?“
„Ich werde es nicht wieder tun.“ Der Ton des Meisters war entschuldigend.
Sofort war ich entwaffnet. Wie bereitwillig gab der große Mann seinen Fehler zu! Obwohl er nie wieder den Seelenfrieden meines Vaters störte, fuhr der Meister unerbittlich fort, mich zu sezieren, wann und wo immer er wollte.
Neue Jünger schlossen sich Sri Yukteswar oft in erschöpfender Kritik an anderen an. Weise wie der Guru! Modelle makelloser Unterscheidungskraft! Aber wer in die Offensive geht, darf nicht schutzlos sein. Dieselben nörgelnden Schüler flohen überstürzt, sobald der Meister in ihre Richtung öffentlich einige Pfeile aus seinem analytischen Köcher losließ.
„Zarte innere Schwächen, die vor leichten Berührungen der Zensur zurückschrecken, sind wie kranke Körperteile, die selbst vor delikater Behandlung zurückweichen.“ Dies war Sri Yukteswars amüsierter Kommentar zu den Flatterhaften.
Es gibt Jünger, die einen Guru suchen, der nach ihrem eigenen Ebenbild geschaffen ist. Solche Schüler beklagten sich oft, dass sie Sri Yukteswar nicht verstanden.
„Ihr begreift auch Gott nicht!“, erwiderte ich bei einer Gelegenheit. „Wenn ein Heiliger für euch klar ist, werdet ihr einer sein.“ Wer mag es unter den Billionen von Geheimnissen, während er jede Sekunde die unerklärliche Luft atmet, wagen zu fordern, dass das unergründliche Wesen eines Meisters sofort begriffen wird?
Schüler kamen und gingen im Allgemeinen. Diejenigen, die nach einem Pfad öliger Sympathie und bequemer Anerkennungen dürsteten, fanden ihn in der Einsiedelei nicht. Der Meister bot Unterkunft und Hirtendienst für Äonen, aber viele Jünger verlangten geizig auch noch Ego-Balsam. Sie gingen und zogen die zahllosen Demütigungen des Lebens jeder Demut vor. Die strahlenden Strahlen des Meisters, der offene, durchdringende Sonnenschein seiner Weisheit, waren für ihre spirituelle Krankheit zu kraftvoll. Sie suchten einen geringeren Lehrer, der sie mit Schmeicheleien beschattete und ihnen den unruhigen Schlaf der Unwissenheit erlaubte.
Während meiner ersten Monate beim Meister hatte ich eine empfindsame Angst vor seinen Zurechtweisungen erlebt. Diese waren, wie ich bald sah, für Jünger reserviert, die um seine verbale Vivisektion gebeten hatten. Wenn ein sich windender Schüler protestierte, wurde Sri Yukteswar unbeleidigt still. Seine Worte waren niemals zornig, sondern unpersönlich durch Weisheit.
Die Einsicht des Meisters war nicht für die unvorbereiteten Ohren flüchtiger Besucher bestimmt; er bemerkte selten ihre Mängel, selbst wenn sie auffällig waren. Aber gegenüber Schülern, die seinen Rat suchten, empfand Sri Yukteswar eine ernsthafte Verantwortung. Wahrlich tapfer ist der Guru, der es unternimmt, das rohe Erz der von Ego durchdrungenen Menschheit zu verwandeln! Der Mut eines Heiligen wurzelt in seinem Mitgefühl für die stolpernden, augenlosen Menschen dieser Welt.
Als ich den zugrunde liegenden Groll aufgegeben hatte, stellte ich eine deutliche Abnahme meiner Züchtigung fest. Auf eine sehr subtile Weise schmolz der Meister in eine vergleichende Milde dahin. Mit der Zeit zerstörte ich jede Mauer der Rationalisierung und des unterbewussten Vorbehalts, hinter der sich die menschliche Persönlichkeit im Allgemeinen schützt. Die Belohnung war eine mühelose Harmonie mit meinem Guru. Ich entdeckte ihn dann als vertrauensvoll, rücksichtsvoll und still liebend. Unausgesprochen, jedoch schenkte er kein Wort der Zuneigung.
Mein eigenes Temperament ist hauptsächlich hingebungsvoll. Es war zunächst verwirrend festzustellen, dass mein Guru, gesättigt mit Jnana, aber scheinbar trocken an Bhakti, sich nur in Begriffen kalter spiritueller Mathematik ausdrückte. Aber als ich mich auf seine Natur einstellte, entdeckte ich keine Abnahme, sondern vielmehr eine Zunahme in meiner hingebungsvollen Annäherung an Gott. Ein selbstverwirklichter Meister ist voll in der Lage, seine verschiedenen Jünger entlang der natürlichen Linien ihrer wesentlichen Neigung zu führen.
Meine Beziehung zu Sri Yukteswar, einigermaßen wortkarg, besaß dennoch alle Beredsamkeit. Oft fand ich seine stille Signatur auf meinen Gedanken, was das Sprechen unnötig machte. Still neben ihm sitzend, spürte ich, wie sich seine Fülle friedlich über mein Wesen ergoss.
Sri Yukteswars unparteiische Gerechtigkeit wurde während der Sommerferien meines ersten Studienjahres bemerkenswert demonstriert. Ich begrüßte die Gelegenheit, ununterbrochene Monate in Serampore bei meinem Guru zu verbringen.
„Du kannst die Verantwortung für die Einsiedelei übernehmen.“ Der Meister freute sich über meine enthusiastische Ankunft. „Deine Aufgaben werden der Empfang von Gästen und die Überwachung der Arbeit der anderen Jünger sein.“
Kumar, ein junger Dorfbewohner aus Ostbengalen, wurde vierzehn Tage später für das Training in der Einsiedelei akzeptiert. Bemerkenswert intelligent, gewann er schnell Sri Yukteswars Zuneigung. Aus irgendeinem unergründlichen Grund war der Meister gegenüber dem neuen Bewohner sehr nachsichtig.
„Mukunda, lass Kumar deine Aufgaben übernehmen. Nutze deine eigene Zeit zum Fegen und Kochen.“ Der Meister erteilte diese Anweisungen, nachdem der neue Junge einen Monat bei uns war.
Zur Führung erhoben, übte Kumar eine kleinliche Haushaltstyrannei aus. In stillem Aufruhr suchten mich die anderen Jünger weiterhin für täglichen Rat auf.
„Mukunda ist unmöglich! Du hast mich zum Vorgesetzten gemacht, doch die anderen gehen zu ihm und gehorchen ihm.“ Drei Wochen später beklagte sich Kumar bei unserem Guru. Ich belauschte ihn aus einem angrenzenden Raum.
„Deshalb habe ich ihn in die Küche und dich in den Salon eingeteilt.“ Die vernichtenden Töne Sri Yukteswars waren neu für Kumar. „Auf diese Weise hast du erkannt, dass ein würdiger Anführer den Wunsch hat zu dienen und nicht zu dominieren. Du wolltest Mukundas Position, konntest sie aber nicht durch Verdienst behaupten. Kehre nun zu deiner früheren Arbeit als Küchenhilfe zurück.“
Nach diesem demütigenden Vorfall nahm der Meister gegenüber Kumar eine frühere Haltung ungewohnter Nachsicht wieder ein. Wer kann das Geheimnis der Anziehung lösen? In Kumar entdeckte unser Guru eine bezaubernde Quelle, die für die anderen Jünger nicht sprudelte. Obwohl der neue Junge offensichtlich Sri Yukteswars Liebling war, fühlte ich keine Bestürzung. Persönliche Eigenheiten, die sogar Meister besitzen, verleihen dem Lebensmuster eine reiche Komplexität. Meine Natur wird selten von einem Detail vereinnahmt; ich suchte bei Sri Yukteswar einen unzugänglicheren Vorteil als äußeres Lob.
Kumar sprach eines Tages ohne Grund giftig zu mir; ich war zutiefst verletzt.
„Dein Kopf schwillt bis zum Zerreißen an!“, fügte ich eine Warnung hinzu, deren Wahrheit ich intuitiv spürte: „Wenn du dich nicht besserst, wirst du eines Tages gebeten werden, diesen Ashram zu verlassen.“
Sarkastisch lachend wiederholte Kumar meine Bemerkung gegenüber unserem Guru, der gerade den Raum betreten hatte. In der festen Erwartung, ausgeschimpft zu werden, zog ich mich demütig in eine Ecke zurück.
„Vielleicht hat Mukunda recht.“ Die Antwort des Meisters an den Jungen kam mit ungewöhnlicher Kälte. Ich kam ohne Züchtigung davon.
Ein Jahr später brach Kumar zu einem Besuch in sein Heimatdorf auf. Er ignorierte die stille Missbilligung von Sri Yukteswar, der die Bewegungen seiner Jünger niemals autoritär kontrollierte. Bei der Rückkehr des Jungen nach Serampore nach einigen Monaten war eine Veränderung unangenehm offensichtlich. Vorbei war der stattliche Kumar mit dem heiter leuchtenden Gesicht. Nur ein unscheinbarer Bauer stand vor uns, einer, der sich kürzlich eine Reihe übler Gewohnheiten angeeignet hatte.
Der Meister rief mich zu sich und besprach gebrochenen Herzens die Tatsache, dass der Junge nun für das klösterliche Leben in der Einsiedelei ungeeignet sei.
„Mukunda, ich überlasse es dir, Kumar anzuweisen, den Ashram morgen zu verlassen; ich kann es nicht!“ Tränen standen in Sri Yukteswars Augen, aber er beherrschte sich schnell. „Der Junge wäre niemals in diese Tiefen gefallen, wenn er auf mich gehört und nicht weggegangen wäre, um sich mit unerwünschten Gefährten zu vermischen. Er hat meinen Schutz abgelehnt; die gefühllose Welt muss weiterhin sein Guru sein.“
Kumars Abschied brachte mir kein Hochgefühl; traurig fragte ich mich, wie jemand mit der Kraft, die Liebe eines Meisters zu gewinnen, jemals auf billigere Verlockungen reagieren konnte. Genuss von Wein und Sex sind im natürlichen Menschen verwurzelt und erfordern keine Feinheit der Wahrnehmung für ihre Wertschätzung. Sinnliche Verführungen sind vergleichbar mit dem immergrünen Oleander, duftend mit seinen bunten Blüten: Jeder Teil der Pflanze ist giftig. Das Land der Heilung liegt im Inneren, strahlend von jenem Glück, das blind in tausend Fehlrichtungen gesucht wird.
„Scharfe Intelligenz ist zweischneidig“, bemerkte der Meister einmal in Bezug auf Kumars brillanten Verstand. „Sie kann konstruktiv oder destruktiv wie ein Messer verwendet werden, entweder um das Geschwür der Unwissenheit aufzuschneiden oder um sich selbst zu enthaupten. Intelligenz wird erst dann richtig gelenkt, wenn der Verstand die Unausweichlichkeit des spirituellen Gesetzes anerkannt hat.“
Mein Guru verkehrte frei mit männlichen und weiblichen Jüngern und behandelte alle als seine Kinder. Da er ihre Seelengleichheit wahrnahm, zeigte er keine Unterscheidung oder Parteilichkeit.
„Im Schlaf weißt du nicht, ob du ein Mann oder eine Frau bist“, sagte er. „Genau wie ein Mann, der eine Frau darstellt, nicht zu einer wird, so hat die Seele, die sowohl Mann als auch Frau darstellt, kein Geschlecht. Die Seele ist das reine, unveränderliche Abbild Gottes.“
Sri Yukteswar vermied oder beschuldigte Frauen niemals als Objekte der Verführung. Männer, sagte er, seien auch eine Versuchung für Frauen. Ich fragte meinen Guru einmal, warum ein großer alter Heiliger Frauen „das Tor zur Hölle“ genannt hatte.
„Ein Mädchen muss sich in seinem frühen Leben als sehr störend für seinen Seelenfrieden erwiesen haben“, antwortete mein Guru bissig. „Andernfalls hätte er nicht die Frau verurteilt, sondern irgendeine Unvollkommenheit in seiner eigenen Selbstbeherrschung.“
Wenn ein Besucher es wagte, eine anzügliche Geschichte in der Einsiedelei zu erzählen, bewahrte der Meister ein reaktionsloses Schweigen. „Erlaube dir nicht, von der provozierenden Peitsche eines schönen Gesichts gepeitscht zu werden“, sagte er zu den Jüngern. „Wie können Sklaven der Sinne die Welt genießen? Ihre subtilen Aromen entgehen ihnen, während sie im ursprünglichen Schlamm kriechen. Alle feinen Unterscheidungen gehen dem Mann elementarer Lüste verloren.“
Schüler, die versuchten, der dualistischen Maya-Täuschung zu entkommen, erhielten von Sri Yukteswar geduldigen und verständnisvollen Rat.
„Genau wie der Zweck des Essens darin besteht, den Hunger zu stillen, nicht die Gier, so ist der Sexualtrieb für die Fortpflanzung der Art gemäß dem Naturgesetz gedacht, niemals für das Entfachen unersättlicher Sehnsüchte“, sagte er. „Zerstöre falsche Wünsche jetzt; andernfalls werden sie dir folgen, nachdem der Astralkörper aus seiner physischen Hülle gerissen wurde. Selbst wenn das Fleisch schwach ist, sollte der Verstand ständig widerstandsfähig sein. Wenn dich Versuchung mit grausamer Gewalt bestürmt, überwinde sie durch unpersönliche Analyse und unbeugsamen Willen. Jede natürliche Leidenschaft kann gemeistert werden.
Bewahre deine Kräfte. Sei wie der geräumige Ozean, der alle Nebenflüsse der Sinne in sich aufnimmt. Kleine Sehnsüchte sind Öffnungen im Reservoir deines inneren Friedens, die es ermöglichen, dass heilende Wasser im Wüstenboden des Materialismus verschwendet werden. Der kraftvolle, aktivierende Impuls falscher Wünsche ist der größte Feind des Glücks des Menschen. Streife als Löwe der Selbstbeherrschung durch die Welt; sieh zu, dass dich die Frösche der Schwäche nicht herumkicken.“
Der Gottgeweihte wird schließlich von allen instinktiven Zwängen befreit. Er verwandelt sein Bedürfnis nach menschlicher Zuneigung in ein Streben nach Gott allein, eine Liebe, die einsam ist, weil sie allgegenwärtig ist.
Sri Yukteswars Mutter lebte im Stadtteil Rana Mahal in Benares, wo ich meinen Guru zum ersten Mal besucht hatte. Gnädig und freundlich, war sie dennoch eine Frau mit sehr entschiedenen Meinungen. Ich stand eines Tages auf ihrem Balkon und beobachtete Mutter und Sohn, wie sie miteinander sprachen. Auf seine ruhige, vernünftige Weise versuchte der Meister, sie von etwas zu überzeugen. Er war anscheinend erfolglos, denn sie schüttelte ihren Kopf mit großer Energie.
„Nein, nein, mein Sohn, geh jetzt weg! Deine weisen Worte sind nichts für mich! Ich bin nicht deine Jüngerin!“
Sri Yukteswar wich ohne weiteres Argument zurück, wie ein ausgeschimpftes Kind. Ich war berührt von seinem großen Respekt für seine Mutter, selbst in ihren unvernünftigen Stimmungen. Sie sah ihn nur als ihren kleinen Jungen, nicht als einen Weisen. Es lag ein Reiz in diesem unbedeutenden Vorfall; er lieferte ein Seitenlicht auf die ungewöhnliche Natur meines Gurus, innerlich demütig und äußerlich unbiegsam.
Die klösterlichen Vorschriften erlauben es einem Swami nicht, nach ihrer formellen Trennung eine Verbindung zu weltlichen Bindungen beizubehalten. Er kann die zeremoniellen Familienriten nicht durchführen, die für den Haushälter obligatorisch sind. Dennoch ignorierte Shankara, der alte Gründer des Swami-Ordens, die Anordnungen. Beim Tod seiner geliebten Mutter verbrannte er ihren Körper mit himmlischem Feuer, das er aus seiner erhobenen Hand sprühen ließ.
Sri Yukteswar ignorierte die Beschränkungen ebenfalls, auf eine weniger spektakuläre Weise. Als seine Mutter starb, ordnete er die Einäscherungsdienste am heiligen Ganges in Benares an und speiste viele Brahmanen in Übereinstimmung mit dem uralten Brauch.
Die Shastrischen Verbote sollten Swamis helfen, enge Identifikationen zu überwinden. Shankara und Sri Yukteswar hatten ihr Wesen vollständig im Unpersönlichen Geist verschmolzen; sie brauchten keine Rettung durch Regeln. Manchmal ignoriert ein Meister auch absichtlich einen Kanon, um dessen Prinzip als überlegen und unabhängig von der Form aufrechtzuerhalten. So pflückte Jesus am Ruhetag Ähren. Zu den unvermeidlichen Kritikern sagte er: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat.“
Außer den Schriften wurde selten ein Buch durch Sri Yukteswars Lektüre geehrt. Dennoch war er ausnahmslos mit den neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen und anderen Fortschritten des Wissens vertraut. Als brillanter Gesprächspartner genoss er einen Meinungsaustausch über unzählige Themen mit seinen Gästen. Der schlagfertige Witz und das schallende Lachen meines Gurus belebten jede Diskussion. Oft ernst, war der Meister niemals düster. „Um den Herrn zu suchen, muss man sein Gesicht nicht entstellen“, bemerkte er. „Denke daran, dass das Finden Gottes das Begräbnis aller Sorgen bedeuten wird.“
Unter den Philosophen, Professoren, Anwälten und Wissenschaftlern, die in die Einsiedelei kamen, kamen einige zu ihrem ersten Besuch mit der Erwartung, einen orthodoxen Religionsanhänger zu treffen. Ein herablassendes Lächeln oder ein Blick amüsierter Toleranz verriet gelegentlich, dass die Neuankömmlinge nichts weiter als ein paar fromme Plattitüden erwarteten. Doch ihr widerstrebender Abschied brachte die ausgesprochene Überzeugung mit sich, dass Sri Yukteswar präzisen Einblick in ihre Fachgebiete gezeigt hatte.
Mein Guru war normalerweise sanft und umgänglich zu Gästen; sein Willkommen wurde mit bezaubernder Herzlichkeit gegeben. Doch eingefleischte Egoisten erlitten manchmal einen belebenden Schock. Sie sahen sich im Meister entweder einer eisigen Gleichgültigkeit oder einer gewaltigen Opposition gegenüber: Eis oder Eisen!
Ein bekannter Chemiker kreuzte einmal die Klingen mit Sri Yukteswar. Der Besucher wollte die Existenz Gottes nicht zugeben, da die Wissenschaft keine Mittel gefunden habe, Ihn zu entdecken.
„Du hast also unerklärlicherweise versäumt, die Höchste Macht in deinen Reagenzgläsern zu isolieren!“ Der Blick des Meisters war streng. „Ich empfehle ein unerhörtes Experiment. Untersuche deine Gedanken ununterbrochen für vierundzwanzig Stunden. Dann wundere dich nicht länger über die Abwesenheit Gottes.“
Ein gefeierter Gelehrter erhielt einen ähnlichen Dämpfer. Mit ostentativem Eifer erschütterte der Gelehrte die Dachbalken des Ashrams mit seinem Wissen aus den Schriften. Klangvolle Passagen strömten aus dem MAHABHARATA, den UPANISHADEN und den BHASYAS des Shankara.
„Ich warte darauf, Sie zu hören.“ Sri Yukteswars Tonfall war fragend, als ob vollkommene Stille geherrscht hätte. Der Gelehrte war verblüfft.
„Zitate gab es im Überfluss.“ Die Worte des Meisters schüttelten mich vor Lachen, während ich in meiner Ecke kauerte, in respektvollem Abstand zu dem Besucher. „Aber welchen originären Kommentar können Sie aus der Einzigartigkeit Ihres eigenen Lebens beisteuern? Welchen heiligen Text haben Sie in sich aufgenommen und zu Ihrem eigenen gemacht? In welcher Weise haben diese zeitlosen Wahrheiten Ihr Wesen erneuert? Sind Sie damit zufrieden, ein hohles Grammophon zu sein, das mechanisch die Worte anderer Männer wiederholt?“
„Ich gebe auf!“ Die Bestürzung des Gelehrten war komisch. „Ich habe keine innere Verwirklichung.“
Vielleicht verstand er zum ersten Mal, dass die kluge Platzierung eines Kommas nicht für ein spirituelles Koma entschädigt.
„Diese blutleeren Pedanten riechen allzu sehr nach der Studierlampe“, bemerkte mein Guru nach dem Abgang des Gedemütigten. „Sie ziehen es vor, Philosophie als eine sanfte intellektuelle Aufwärmübung zu betrachten. Ihre erhabenen Gedanken haben sorgsam keinerlei Bezug zur Rohheit des äußeren Handelns oder zu irgendeiner läuternden inneren Disziplin!“
Der Meister betonte bei anderen Gelegenheiten die Nutzlosigkeit bloßer Büchergelehrsamkeit.
„Verwechseln Sie Verständnis nicht mit einem größeren Wortschatz“, bemerkte er. „Heilige Schriften sind nützlich, um das Verlangen nach innerer Verwirklichung zu wecken, wenn man eine Strophe nach der anderen langsam in sich aufnimmt. Beständiges intellektuelles Studium führt zu Eitelkeit und der falschen Zufriedenheit eines unverdauten Wissens.“
Sri Yukteswar erzählte eine seiner eigenen Erfahrungen bei der Unterweisung in den Schriften. Der Schauplatz war eine Waldeinsiedelei im östlichen Bengalen, wo er das Vorgehen eines berühmten Lehrers, Dabru Ballav, beobachtete. Seine Methode, zugleich einfach und schwierig, war im alten Indien üblich.
Dabru Ballav hatte seine Schüler in der waldigen Einsamkeit um sich versammelt. Die heilige BHAGAVAD GITA lag aufgeschlagen vor ihnen. Unablässig schauten sie eine halbe Stunde lang auf eine Textstelle, dann schlossen sie die Augen. Eine weitere halbe Stunde verging. Der Meister gab einen kurzen Kommentar ab. Regungslos meditierten sie wieder eine Stunde lang. Schließlich sprach der Guru.
„Habt ihr verstanden?“
„Ja, Herr.“ Einer aus der Gruppe wagte diese Behauptung.
„Nein; nicht vollständig. Sucht die geistige Lebenskraft, die diesen Worten die Macht verliehen hat, Indien Jahrhundert um Jahrhundert zu verjüngen.“ Eine weitere Stunde verschwand im Schweigen. Der Meister entließ die Schüler und wandte sich an Sri Yukteswar.
„Kennen Sie die BHAGAVAD GITA?“
„Nein, Herr, nicht wirklich; obwohl meine Augen und mein Geist ihre Seiten viele Male überflogen haben.“
„Tausende haben mir anders geantwortet!“ Der große Weise lächelte den Meister segnend an. „Wenn man sich mit einer äußeren Zurschaustellung von Reichtum an Schriften beschäftigt, welche Zeit bleibt dann noch für das stille, innere Abtauchen nach den kostbaren Perlen?“
Sri Yukteswar leitete das Studium seiner eigenen Schüler mit derselben intensiven Methode der Einspitzigkeit. „Weisheit wird nicht mit den Augen aufgenommen, sondern mit den Atomen“, sagte er. „Wenn Ihre Überzeugung von einer Wahrheit nicht nur in Ihrem Gehirn, sondern in Ihrem Sein verankert ist, dürfen Sie mit Zurückhaltung für ihre Bedeutung bürgen.“ Er entmutigte jede Tendenz eines Schülers, Bücherwissen als notwendigen Schritt zur spirituellen Verwirklichung auszulegen.
„Die RISHIS schrieben in einem Satz Tiefgründigkeiten, mit denen sich kommentierende Gelehrte über Generationen hinweg beschäftigen“, bemerkte er. „Endlose literarische Kontroversen sind etwas für träge Geister. Was gibt es für einen befreienderen Gedanken als ‚Gott ist‘ – nein, ‚Gott‘?“
Doch der Mensch findet nicht leicht zur Einfachheit zurück. Für ihn ist es selten „Gott“, sondern eher gelehrte Wichtigtuerei. Sein Ego ist erfreut, dass er solch eine Gelehrsamkeit erfassen kann.
Männer, die sich ihrer hohen weltlichen Stellung stolz bewusst waren, neigten in der Gegenwart des Meisters dazu, ihren anderen Besitztümern Demut hinzuzufügen. Ein örtlicher Magistrat kam einmal zu einem Gespräch in die Meeres-Einsiedelei in Puri. Der Mann, der den Ruf hatte, rücksichtslos zu sein, hatte es durchaus in seiner Macht, uns aus dem Ashram zu vertreiben. Ich warnte meinen Guru vor den despotischen Möglichkeiten. Doch er setzte sich mit kompromissloser Miene hin und erhob sich nicht, um den Besucher zu begrüßen. Etwas nervös kauerte ich nahe der Tür. Der Mann musste sich mit einer Holzkiste begnügen; mein Guru bat mich nicht, einen Stuhl zu holen. Die offensichtliche Erwartung des Magistrats, dass seine Wichtigkeit feierlich anerkannt würde, erfüllte sich nicht.
Eine metaphysische Diskussion folgte. Der Gast verhedderte sich in Fehlinterpretationen der Schriften. Während seine Genauigkeit sank, stieg sein Zorn.
„Wissen Sie, dass ich beim M.A.-Examen der Beste war?“ Die Vernunft hatte ihn verlassen, aber er konnte noch immer schreien.
„Herr Magistrat, Sie vergessen, dass dies nicht Ihr Gerichtssaal ist“, antwortete der Meister gelassen. „Aus Ihren kindischen Bemerkungen hätte ich geschlossen, dass Ihre Universitätskarriere unbedeutend war. Ein Universitätsabschluss hat jedenfalls nicht das Geringste mit vedischer Verwirklichung zu tun. Heilige werden nicht wie Buchhalter semesterweise in Massen produziert.“
Nach einer betäubten Stille lachte der Besucher herzlich.
„Dies ist meine erste Begegnung mit einem himmlischen Magistrat“, sagte er. Später stellte er einen förmlichen Antrag, formuliert in den juristischen Begriffen, die offensichtlich Teil seines Wesens waren, als „auf Probe“ zugelassener Schüler angenommen zu werden.
Mein Guru kümmerte sich persönlich um die Details der Verwaltung seines Besitzes. Skrupellose Personen versuchten bei verschiedenen Gelegenheiten, in den Besitz von Masters ererbtem Land zu gelangen. Mit Entschlossenheit und sogar durch das Anzetteln von Prozessen überlistete Sri Yukteswar jeden Gegner. Er ertrug diese schmerzhaften Erfahrungen aus dem Wunsch heraus, niemals ein bettelnder Guru oder eine Last für seine Schüler zu sein.
Seine finanzielle Unabhängigkeit war ein Grund, warum mein erschreckend freimütiger Meister frei von den Listen der Diplomatie war. Anders als jene Lehrer, die ihre Unterstützer umschmeicheln müssen, war mein Guru unempfänglich für die Einflüsse, ob offen oder subtil, von fremdem Reichtum. Niemals hörte ich ihn um Geld für irgendeinen Zweck bitten oder auch nur andeuten. Seine Ausbildung in der Einsiedelei wurde allen Schülern kostenlos und freigiebig zuteil.
Ein unverschämter Gerichtsdiener kam eines Tages in den Ashram von Serampore, um Sri Yukteswar eine gerichtliche Vorladung zuzustellen. Ein Schüler namens Kanai und ich waren ebenfalls anwesend. Die Haltung des Beamten gegenüber dem Meister war beleidigend.
„Es wird Ihnen gut tun, die Schatten Ihrer Einsiedelei zu verlassen und die ehrliche Luft eines Gerichtssaals zu atmen.“ Der Beamte grinste verächtlich. Ich konnte mich nicht beherrschen.
„Noch ein Wort Ihrer Unverschämtheit und Sie liegen auf dem Boden!“ Ich trat drohend vor.
„Du Elender!“ Kanais Schrei kam gleichzeitig mit meinem. „Wagst du es, deine Blasphemien in diesen heiligen Ashram zu bringen?“
Doch der Meister stellte sich schützend vor seinen Peiniger. „Regt euch nicht über nichts auf. Dieser Mann tut nur seine rechtmäßige Pflicht.“
Der Beamte, verblüfft über den unterschiedlichen Empfang, bot respektvoll eine Entschuldigung an und eilte davon.
Es war erstaunlich zu sehen, dass ein Meister mit einem solch feurigen Willen innerlich so ruhig sein konnte. Er entsprach der vedischen Definition eines Mannes Gottes: „Sanfter als die Blume, wo Güte gefragt ist; stärker als der Donner, wo Prinzipien auf dem Spiel stehen.“
Es gibt in dieser Welt immer jene, die, um mit Browning zu sprechen, „kein Licht ertragen, da sie selbst dunkel sind“. Ein Außenstehender schimpfte gelegentlich auf Sri Yukteswar wegen einer eingebildeten Kränkung. Mein unerschütterlicher Guru hörte höflich zu und analysierte sich selbst, um zu sehen, ob auch nur ein Fünkchen Wahrheit in der Anklage steckte. Diese Szenen riefen mir eine von Masters unnachahmlichen Beobachtungen ins Gedächtnis: „Manche Leute versuchen, groß zu erscheinen, indem sie anderen die Köpfe abschneiden!“
Die unfehlbare Gelassenheit eines Heiligen ist beeindruckender als jede Predigt. „Wer langsam ist zum Zorn, ist besser als der Starke; und wer seinen Geist beherrscht, als der, der eine Stadt einnimmt.“
Ich dachte oft darüber nach, dass mein majestätischer Meister leicht ein Kaiser oder ein weltbewegender Krieger hätte sein können, wenn sein Geist auf Ruhm oder weltliche Errungenschaften gerichtet gewesen wäre. Stattdessen hatte er gewählt, jene inneren Zitadellen des Zorns und der Selbstsucht zu stürmen, deren Fall die Höhe eines Menschen ausmacht.
{FN12-1} „Anbetung der Durga.“ Dies ist das Hauptfest des bengalischen Jahres und dauert neun Tage um Ende September herum. Daran schließt sich das zehntägige Fest DASHAHARA an („derjenige, der zehn Sünden entfernt“ – drei des Körpers, drei des Geistes, vier der Sprache). Beide PUJAS sind der Durga geweiht, wörtlich „die Unerreichbare“, ein Aspekt der Göttlichen Mutter, Shakti, der personifizierten weiblichen Schöpferkraft.
{FN12-2} Sri Yukteswar wurde am 10. Mai 1855 geboren.
{FN12-3} YUKTESWAR bedeutet „mit Gott vereinigt“. GIRI ist eine klassifikatorische Unterscheidung eines der zehn alten Swami-Zweige. SRI bedeutet „heilig“; es ist kein Name, sondern ein Titel des Respekts.
{FN12-4} Wörtlich „zusammenführen“. SAMADHI ist ein überbewusster Zustand der Ekstase, in dem der Yogi die Identität von Seele und Geist wahrnimmt.
{FN12-5} Schnarchen ist laut Physiologen ein Anzeichen für vollkommene Entspannung (zumindest für den vergesslichen Praktizierenden).
{FN12-6} DHAL ist eine dicke Suppe aus geteilten Erbsen oder anderen Hülsenfrüchten. CHANNA ist ein Käse aus frischer, geronnener Milch, der in Quadrate geschnitten und mit Kartoffeln zu einem Curry verarbeitet wird.
{FN12-7} Die allgegenwärtigen Kräfte eines Yogi, durch die er sieht, hört, schmeckt, riecht und seine Einheit mit der Schöpfung fühlt, ohne den Gebrauch von Sinnesorganen, wurden im TAITTIRIYA ARANYAKA wie folgt beschrieben: „Der Blinde durchstach die Perle; der Fingerlose fädelte einen Faden hinein; der Halslose trug sie; und der Zungenlose pries sie.“
{FN12-8} Die Kobra schlägt blitzschnell nach jedem sich bewegenden Objekt in ihrer Reichweite. Vollkommene Unbeweglichkeit ist meist die einzige Hoffnung auf Sicherheit.
{FN12-9} Lahiri Mahasaya sagte tatsächlich „Priya“ (Vorname), nicht „Yukteswar“ (monastischer Name, den mein Guru zu Lebzeiten Lahiri Mahasayas nicht erhielt). (Siehe Seite 109.) „Yukteswar“ wird hier und an einigen anderen Stellen in diesem Buch verwendet, um die Verwirrung des Lesers über zwei Namen zu vermeiden.
{FN12-10} „Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, dass ihr's empfangen werdet, so wird's euch werden.“ – MARKUS 11,24. Meister, die das Göttliche Schauen besitzen, sind voll und ganz in der Lage, ihre Verwirklichungen auf fortgeschrittene Schüler zu übertragen, wie Lahiri Mahasaya es bei dieser Gelegenheit für Sri Yukteswar tat.
{FN12-11} „Und einer von ihnen schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Da antwortete Jesus und sprach: Lasst es nur so weit kommen! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.“ – LUKAS 22,50-51.
{FN12-12} „Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit sie die nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.“ – MATTHÄUS 7,6.
{FN12-13} Schüler; vom Sanskrit-Verbstamm „dienen“.
{FN12-14} Er war einmal in Kaschmir krank, als ich von ihm abwesend war. (Siehe Kapitel 23.)
{FN12-15} Ein mutiger Mediziner, Charles Robert Richet, der den Nobelpreis für Physiologie erhielt, schrieb: „Die Metaphysik ist noch keine offiziell anerkannte Wissenschaft. Aber sie wird es werden. … In Edinburgh konnte ich vor 100 Physiologen bekräftigen, dass unsere fünf Sinne nicht unsere einzigen Erkenntnismittel sind und dass ein Fragment der Wirklichkeit die Intelligenz manchmal auf andere Weise erreicht. … Nur weil eine Tatsache selten ist, ist das kein Grund, dass sie nicht existiert. Weil eine Studie schwierig ist, ist das ein Grund, sie nicht zu verstehen? … Diejenigen, die die Metaphysik als okkulte Wissenschaft beschimpft haben, werden sich so schämen wie diejenigen, die die Chemie beschimpft haben, mit der Begründung, dass das Streben nach dem Stein der Weisen illusorisch sei. … Bei den Prinzipien gibt es nur die von Lavoisier, Claude Bernard und Pasteur – das EXPERIMENTELLE überall und immer. Grüße also an die neue Wissenschaft, die die Ausrichtung des menschlichen Denkens verändern wird.“
{FN12-16} SAMADHI: vollkommene Vereinigung der individualisierten Seele mit dem Unendlichen Geist.
{FN12-17} Die unterbewusst gesteuerten Rationalisierungen des Geistes sind völlig verschieden von der unfehlbaren Führung der Wahrheit, die aus dem Überbewusstsein entspringt. Unter der Führung französischer Wissenschaftler der Sorbonne beginnen westliche Denker, die Möglichkeit göttlicher Wahrnehmung beim Menschen zu untersuchen. „In den letzten zwanzig Jahren widmeten Psychologiestudenten, beeinflusst von Freud, ihre ganze Zeit der Erforschung der unterbewussten Bereiche“, bemerkte Rabbi Israel H. Levinthal 1929. „Es ist wahr, dass das Unterbewusstsein viel von dem Geheimnis offenbart, das menschliche Handlungen erklären kann, aber nicht alle unsere Handlungen. Es kann das Abnormale erklären, aber keine Taten, die über das Normale hinausgehen. Die neueste Psychologie, gefördert durch die französischen Schulen, hat einen neuen Bereich im Menschen entdeckt, den sie das Überbewusstsein nennt. Im Gegensatz zum Unterbewusstsein, das die untergetauchten Strömungen unserer Natur darstellt, offenbart es die Höhen, die unsere Natur erreichen kann. Der Mensch stellt eine dreifache, nicht eine doppelte Persönlichkeit dar; unser bewusstes und unterbewusstes Sein wird durch ein Überbewusstsein gekrönt. Vor vielen Jahren deutete der englische Psychologe F. W. H. Myers an, dass ‚tief in unserem Wesen ein Müllhaufen sowie eine Schatzkammer verborgen sind‘. Im Gegensatz zu der Psychologie, die alle ihre Forschungen auf das Unterbewusstsein in der Natur des Menschen konzentriert, richtet diese neue Psychologie des Überbewusstseins ihre Aufmerksamkeit auf die Schatzkammer, den Bereich, der allein die großen, selbstlosen, heldenhaften Taten der Menschen erklären kann.“
{FN12-18} JNANA, Weisheit, und BHAKTI, Hingabe: zwei der Hauptpfade zu Gott.
{FN12-19} „Der Mensch im Wachzustand unternimmt zahllose Anstrengungen, um sinnliche Freuden zu erfahren; wenn die gesamte Gruppe der Sinnesorgane ermüdet ist, vergisst er selbst das Vergnügen und schläft ein, um Ruhe in der Seele zu genießen, seiner eigenen Natur“, schrieb Shankara, der große Vedantist. „Übersinnliche Glückseligkeit ist daher extrem leicht zu erlangen und ist den Sinnesfreuden weit überlegen, die immer in Ekel enden.“
{FN12-20} MARKUS 2,27.
{FN12-21} Die UPANISHADEN oder VEDANTA (wörtlich „Ende der Veden“) kommen in bestimmten Teilen der VEDEN als wesentliche Zusammenfassungen vor. Die UPANISHADEN bilden die doktrinäre Grundlage der hinduistischen Religion. Sie erhielten von Schopenhauer den folgenden Tribut: „Wie ganz atmet doch die Upanishad den heiligen Geist der Veden! Wie wird doch jeder, der in jenem unvergleichlichen Buche heimisch geworden ist, von jenem Geiste bis in die tiefsten Wurzeln der Seele erschüttert! Aus jedem Satze treten tiefe, ursprüngliche, erhabene Gedanken hervor, und der ganze Geist weht aus einem hohen, heiligen und ernsten Geiste. … Der Zugang zu den Veden durch die Upanishaden ist in meinen Augen das größte Privileg, das dieses Jahrhundert vor allen vorangegangenen Jahrhunderten für sich beanspruchen kann.“
{FN12-22} Kommentare. Shankara legte die UPANISHADEN unvergleichlich aus.
{FN12-23} SPRÜCHE 16,32.
KAPITEL: 13
DER SCHLAFLOSE HEILIGE
„Bitte erlauben Sie mir, in den Himalaya zu gehen. Ich hoffe, in ununterbrochener Einsamkeit eine ständige göttliche Gemeinschaft zu erreichen.“
Ich richtete tatsächlich einmal diese undankbaren Worte an meinen Meister. Ergriffen von einer der unvorhersehbaren Täuschungen, die gelegentlich den Gottgeweihten befallen, verspürte ich eine wachsende Ungeduld mit meinen Pflichten in der Einsiedelei und meinem Studium. Ein schwach entschuldigender Umstand ist, dass mein Vorschlag gemacht wurde, als ich erst sechs Monate bei Sri Yukteswar war. Ich hatte seine überragende Statur noch nicht vollständig erfasst.
„Viele Bergbewohner leben im Himalaya und besitzen dennoch keine Gott-Wahrnehmung.“ Die Antwort meines Gurus kam langsam und einfach. „Weisheit sucht man besser bei einem Menschen der Verwirklichung als bei einem unbeweglichen Berg.“
Ich ignorierte den deutlichen Hinweis des Meisters, dass er und nicht ein Berg mein Lehrer sei, und wiederholte mein Flehen. Sri Yukteswar gewährte keine Antwort. Ich hielt sein Schweigen für Zustimmung, eine prekäre Interpretation, die man sich gerne bequem zurechtlegt.
In meinem Haus in Kalkutta beschäftigte ich mich an jenem Abend mit Reisevorbereitungen. Als ich ein paar Gegenstände in eine Decke schnürte, erinnerte ich mich an ein ähnliches Bündel, das ich einige Jahre zuvor heimlich aus meinem Dachbodenfenster geworfen hatte. Ich fragte mich, ob dies ein weiterer vom Unglück verfolgter Flug in Richtung Himalaya werden würde. Das erste Mal war meine geistige Begeisterung groß gewesen; heute Abend stach mich das Gewissen schwer bei dem Gedanken, meinen Guru zu verlassen.
Am nächsten Morgen suchte ich Behari Pundit auf, meinen Sanskrit-Professor am Scottish Church College.
„Herr, Sie haben mir von Ihrer Freundschaft mit einem großen Schüler von Lahiri Mahasaya erzählt. Bitte geben Sie mir seine Adresse.“
„Sie meinen Ram Gopal Muzumdar. Ich nenne ihn den ‚schlaflosen Heiligen‘. Er ist immer wach in einem ekstatischen Bewusstsein. Sein Zuhause ist in Ranbajpur, nahe Tarakeswar.“
Ich dankte dem Professor und fuhr sofort mit dem Zug nach Tarakeswar. Ich hoffte, meine Zweifel zum Schweigen zu bringen, indem ich dem „schlaflosen Heiligen“ die Erlaubnis abrang, mich in einsame Meditation im Himalaya zu begeben. Beharis Freund, so hörte ich, habe nach vielen Jahren der Übung von KRIYA YOGA in abgelegenen Höhlen die Erleuchtung empfangen.
In Tarakeswar näherte ich mich einem berühmten Schrein. Hindus betrachten ihn mit derselben Verehrung, die Katholiken dem Heiligtum von Lourdes in Frankreich entgegenbringen. Unzählige Heilungswunder haben sich in Tarakeswar ereignet, darunter eines für ein Mitglied meiner Familie.
„Ich saß dort eine Woche lang im Tempel“, erzählte mir meine älteste Tante einmal. „Unter Beobachtung eines vollständigen Fastens betete ich für die Genesung deines Onkels Sarada von einem chronischen Leiden. Am siebten Tag fand ich ein Kraut, das sich in meiner Hand materialisierte! Ich bereitete einen Sud aus den Blättern und gab ihn deinem Onkel. Seine Krankheit verschwand sofort und ist nie wieder aufgetreten.“
Ich betrat den heiligen Schrein von Tarakeswar; der Altar enthält nichts als einen runden Stein. Sein Umfang, anfangslos und endlos, macht ihn passend bezeichnend für das Unendliche. Kosmische Abstraktionen sind selbst dem einfachsten indischen Bauern nicht fremd; er wurde von Westlern sogar beschuldigt, von Abstraktionen zu leben!
Meine eigene Stimmung war in diesem Moment so streng, dass ich mich nicht dazu geneigt fühlte, mich vor dem Steinsymbol zu verneigen. Gott sollte, so überlegte ich, nur in der Seele gesucht werden.
Ich verließ den Tempel ohne Kniebeuge und ging zügig in Richtung des abgelegenen Dorfes Ranbajpur. Mein Appell an einen Passanten um Wegweisung veranlasste ihn, in langes Nachdenken zu versinken.
„Wenn Sie an eine Kreuzung kommen, biegen Sie rechts ab und gehen Sie weiter“, verkündete er schließlich orakelhaft.
Den Anweisungen folgend, bahnte ich mir meinen Weg entlang der Ufer eines Kanals. Die Dunkelheit brach herein; der Außenbezirk des Dschungeldorfes war belebt von zwinkernden Glühwürmchen und dem Geheul naher Schakale. Das Mondlicht war zu schwach, um Sicherheit zu geben; ich stolperte zwei Stunden lang weiter.
Willkommenes Läuten einer Kuhglocke! Mein wiederholtes Rufen brachte schließlich einen Bauern an meine Seite.
„Ich suche Ram Gopal Babu.“
„Niemand mit diesem Namen lebt in unserem Dorf.“ Der Tonfall des Mannes war mürrisch. „Sie sind wahrscheinlich ein verlogener Detektiv.“
In der Hoffnung, den Verdacht in seinem politisch beunruhigten Geist zu zerstreuen, erklärte ich rührend meine missliche Lage. Er nahm mich mit zu seinem Haus und bot mir gastfreundlichen Empfang.
„Ranbajpur ist weit von hier“, bemerkte er. „An der Kreuzung hätten Sie links abbiegen sollen, nicht rechts.“
Mein früherer Informant, dachte ich traurig, war eine deutliche Gefahr für Reisende. Nach einer schmackhaften Mahlzeit aus grobem Reis, Linsen-DHAL und einem Curry aus Kartoffeln mit rohen Bananen zog ich mich in eine kleine Hütte neben dem Innenhof zurück. In der Ferne sangen Dorfbewohner zur lauten Begleitung von MRIDANGAS und Becken. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken; ich betete inständig darum, zu dem geheimen Yogi Ram Gopal geführt zu werden.
Als die ersten Strahlen der Morgendämmerung die Risse meines dunklen Zimmers durchdrangen, machte ich mich auf den Weg nach Ranbajpur. Über raue Reisfelder überquerte ich abgemähte Stümpfe der stacheligen Pflanze und Hügel aus getrocknetem Lehm. Ein gelegentlich getroffener Bauer informierte mich ausnahmslos, dass mein Ziel „nur eine KROSHA (zwei Meilen)“ entfernt sei. In sechs Stunden reiste die Sonne siegreich vom Horizont zum Meridian, aber ich begann zu spüren, dass ich von Ranbajpur immer eine KROSHA entfernt bleiben würde.
Am späten Nachmittag war meine Welt immer noch ein endloses Reisfeld. Die Hitze, die vom unausweichlichen Himmel herabströmte, brachte mich fast zum Zusammenbruch. Als sich ein Mann in gemächlichem Tempo näherte, wagte ich kaum, meine übliche Frage zu stellen, aus Furcht, sie würde das monotone „nur eine KROSHA“ heraufbeschwören.
Der Fremde blieb neben mir stehen. Klein und schmächtig war er körperlich wenig beeindruckend, abgesehen von einem außergewöhnlichen Paar stechender dunkler Augen.
„Ich hatte geplant, Ranbajpur zu verlassen, aber Ihre Absicht war gut, also habe ich auf Sie gewartet.“ Er schüttelte den Finger in mein erstauntes Gesicht. „Sind Sie nicht schlau, zu denken, dass Sie mich unangekündigt überfallen könnten? Dieser Professor Behari hatte kein Recht, Ihnen meine Adresse zu geben.“
In Anbetracht der Tatsache, dass eine Vorstellung meinerseits in der Gegenwart dieses Meisters bloße Geschwätzigkeit wäre, stand ich sprachlos da, etwas gekränkt über meinen Empfang. Seine nächste Bemerkung war abrupt.
„Sagen Sie mir: Wo glauben Sie, ist Gott?“
„Nun, Er ist in mir und überall.“ Ich sah zweifellos so verwirrt aus, wie ich mich fühlte.
„Alles durchdringend, hm?“ Der Heilige kicherte. „Warum haben Sie dann, junger Herr, gestern im Tarakeswar-Tempel versäumt, sich vor dem Unendlichen im Steinsymbol zu verneigen? Ihr Stolz verursachte Ihnen die Strafe, von dem Passanten in die Irre geführt zu werden, der sich nicht mit feinen Unterschieden zwischen links und rechts aufhielt. Auch heute hatten Sie eine ziemlich unbequeme Zeit!“
Ich stimmte von ganzem Herzen zu, voller Verwunderung, dass ein allwissendes Auge in dem unscheinbaren Körper vor mir verborgen war. Heilende Kraft ging von dem Yogi aus; ich war in dem sengenden Feld augenblicklich erfrischt.
„Der Gottsucher neigt zu der Ansicht, sein Weg zu Gott sei der einzige“, sagte er. „Yoga, durch das die Göttlichkeit im Inneren gefunden wird, ist zweifellos der höchste Pfad: so hat es uns Lahiri Mahasaya gelehrt. Doch während wir den Herrn im Inneren entdecken, nehmen wir Ihn bald auch im Äußeren wahr. Heilige Schreine in Tarakeswar und anderswo werden zu Recht als nukleare Zentren spiritueller Kraft verehrt.“
Die tadelnde Haltung des Heiligen verschwand; seine Augen wurden mitleidig weich. Er tätschelte meine Schulter.
„Junger Yogi, ich sehe, du läufst vor deinem Meister davon. Er hat alles, was du brauchst; du musst zu ihm zurückkehren. Berge können nicht dein Guru sein.“ Ram Gopal wiederholte denselben Gedanken, den Sri Yukteswar bei unserem letzten Treffen geäußert hatte.
„Meister unterliegen keinem kosmischen Zwang, ihren Aufenthaltsort zu begrenzen.“ Mein Begleiter musterte mich fragend. „Die Himalaya-Regionen in Indien und Tibet haben kein Monopol auf Heilige. Was man nicht im Inneren zu finden sich bemüht, wird auch nicht dadurch entdeckt, dass man den Körper hierhin und dorthin transportiert. Sobald der Gottsucher WILLENS ist, für spirituelle Erleuchtung bis ans Ende der Welt zu gehen, erscheint sein Guru in der Nähe.“
Ich stimmte schweigend zu, während ich mich an mein Gebet in der Einsiedelei von Benares erinnerte, dem die Begegnung mit Sri Yukteswar in einer überfüllten Gasse gefolgt war.
„Hast du die Möglichkeit, einen kleinen Raum zu haben, in dem du die Tür schließen und allein sein kannst?“
„Ja.“ Ich dachte bei mir, dass dieser Heilige mit beunruhigender Geschwindigkeit vom Allgemeinen zum Besonderen herabstieg.
„Das ist deine Höhle.“ Der Yogi schenkte mir einen Blick der Erleuchtung, den ich nie vergessen habe. „Das ist dein heiliger Berg. Dort wirst du das Reich Gottes finden.“
Seine einfachen Worte verbannten augenblicklich meine lebenslange Besessenheit für den Himalaya. Auf einem brennenden Reisfeld erwachte ich aus den bergfixierten Träumen von ewigem Schnee.
„Junger Mann, dein göttlicher Durst ist lobenswert. Ich empfinde große Liebe für dich.“ Ram Gopal nahm meine Hand und führte mich zu einem malerischen Weiler. Die Lehmhäuser waren mit Kokosnussblättern bedeckt und mit rustikalen Eingängen verziert.
Der Heilige setzte mich auf die schattige Bambusplattform seiner kleinen Hütte. Nachdem er mir gesüßten Limettensaft und ein Stück Kandiszucker gegeben hatte, betrat er seine Veranda und nahm die Lotusstellung ein. Nach etwa vier Stunden öffnete ich meine meditativen Augen und sah, dass die mondbeschienene Gestalt des Yogi immer noch regungslos war. Als ich meinen Magen streng daran erinnerte, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, näherte sich Ram Gopal mir.
„Ich sehe, du bist verhungert; das Essen wird bald fertig sein.“
Ein Feuer wurde unter einem Lehmofen auf der Veranda entfacht; Reis und DHAL wurden rasch auf großen Bananenblättern serviert. Mein Gastgeber lehnte meine Hilfe bei allen Küchenarbeiten höflich ab. „Der Gast ist Gott“, ein hinduistisches Sprichwort, hat seit undenklichen Zeiten eine fromme Beachtung gefordert. Auf meinen späteren Weltreisen war ich entzückt zu sehen, dass ein ähnlicher Respekt vor Besuchern in ländlichen Gegenden vieler Länder zum Ausdruck kommt. Der Stadtbewohner findet die scharfe Kante der Gastfreundschaft durch den Überfluss an fremden Gesichtern abgestumpft.
Die Handelsplätze der Menschen schienen fern und trübe, während ich in der Abgeschiedenheit des winzigen Dschungeldorfes neben dem Yogi kauerte. Der Hüttenraum war geheimnisvoll von einem sanften Licht erfüllt. Ram Gopal ordnete einige zerrissene Decken auf dem Boden für mein Bett an und setzte sich selbst auf eine Strohmatte. Überwältigt von seinem spirituellen Magnetismus wagte ich eine Bitte.
„Meister, warum gewähren Sie mir kein SAMADHI?“
„Lieber Freund, ich würde mich freuen, den göttlichen Kontakt zu vermitteln, aber es steht mir nicht zu, dies zu tun.“ Der Heilige betrachtete mich mit halb geschlossenen Augen. „Dein Meister wird dir diese Erfahrung in Kürze schenken. Dein Körper ist noch nicht abgestimmt. So wie eine kleine Lampe keine übermäßige elektrische Spannung aushalten kann, so sind deine Nerven für den kosmischen Strom noch nicht bereit. Wenn ich dir die unendliche Ekstase jetzt gäbe, würdest du verbrennen, als stünde jede Zelle in Flammen.“
„Du bittest mich um Erleuchtung“, fuhr der Yogi nachdenklich fort, „während ich mich frage – unbedeutend wie ich bin, und bei der wenigen Meditation, die ich getan habe –, ob es mir gelungen ist, Gott zu gefallen, und welchen Wert ich in Seinen Augen bei der endgültigen Abrechnung finden mag.“
„Meister, haben Sie nicht lange Zeit mit ganzem Herzen nach Gott gesucht?“
„Ich habe nicht viel getan. Behari muss dir etwas von meinem Leben erzählt haben. Zwanzig Jahre lang bewohnte ich eine geheime Grotte und meditierte achtzehn Stunden am Tag. Dann zog ich in eine unzugänglichere Höhle und blieb dort fünfundzwanzig Jahre lang, wobei ich täglich zwanzig Stunden in der Yoga-Vereinigung verbrachte. Ich brauchte keinen Schlaf, denn ich war immer mit Gott. Mein Körper war in der vollkommenen Ruhe des Überbewusstseins ausgeruhter, als er es durch den teilweisen Frieden des gewöhnlichen unterbewussten Zustands sein könnte.
Die Muskeln entspannen sich während des Schlafs, aber Herz, Lunge und Kreislaufsystem sind ständig in Arbeit; sie bekommen keine Ruhe. Im Überbewusstsein verbleiben die inneren Organe in einem Zustand der Schwebe, elektrisiert durch die kosmische Energie. Auf diese Weise fand ich es jahrelang unnötig zu schlafen. Die Zeit wird kommen, da auch du auf den Schlaf verzichten wirst.“
„Meine Güte, Sie haben so lange meditiert und sind sich dennoch der Gnade des Herrn nicht sicher!“ Ich blickte ihn erstaunt an. „Was ist dann mit uns armen Sterblichen?“
„Nun, siehst du nicht, mein lieber Junge, dass Gott die Ewigkeit selbst ist? Davon auszugehen, dass man Ihn durch fünfundvierzig Jahre Meditation vollständig kennen kann, ist eine ziemlich aberwitzige Erwartung. Babaji versichert uns jedoch, dass selbst ein wenig Meditation einen vor der schrecklichen Angst vor dem Tod und den Zuständen nach dem Tod bewahrt. Fixiere dein spirituelles Ideal nicht auf einen kleinen Berg, sondern binde es an den Stern der uneingeschränkten göttlichen Vollendung. Wenn du hart arbeitest, wirst du dorthin gelangen.“
Fasziniert von der Aussicht bat ich ihn um weitere aufklärende Worte. Er erzählte eine wundersame Geschichte von seiner ersten Begegnung mit dem Guru von Lahiri Mahasaya, Babaji. {FN13-3} Gegen Mitternacht verstummte Ram Gopal, und ich legte mich auf meine Decken. Als ich meine Augen schloss, sah ich Blitze; der riesige Raum in mir war eine Kammer aus geschmolzenem Licht. Ich öffnete meine Augen und beobachtete denselben blendenden Glanz. Der Raum wurde ein Teil jenes unendlichen Gewölbes, das ich mit innerer Vision erblickte.
„Warum gehst du nicht schlafen?“
„Meister, wie kann ich schlafen in der Gegenwart von Blitzen, die lodern, ob meine Augen nun geschlossen oder offen sind?“
„Du bist gesegnet, diese Erfahrung zu machen; die spirituellen Ausstrahlungen sind nicht leicht zu sehen.“ Der Heilige fügte ein paar liebevolle Worte hinzu.
Im Morgengrauen gab mir Ram Gopal Kandiszucker und sagte, ich müsse aufbrechen. Ich fühlte eine solche Zurückhaltung, mich von ihm zu verabschieden, dass Tränen meine Wangen hinunterliefen.
„Ich werde dich nicht mit leeren Händen gehen lassen.“ Der Yogi sprach zärtlich. „Ich werde etwas für dich tun.“
Er lächelte und blickte mich fest an. Ich stand wie angewurzelt da, während Frieden wie eine mächtige Flut durch die Tore meiner Augen strömte. Ich wurde augenblicklich von einem Schmerz im Rücken geheilt, der mich seit Jahren immer wieder geplagt hatte. Erneuert, gebadet in einem Meer von leuchtender Freude, weinte ich nicht mehr. Nachdem ich die Füße des Heiligen berührt hatte, schlenderte ich in den Dschungel und bahnte mir meinen Weg durch sein tropisches Dickicht, bis ich Tarakeswar erreichte.
Dort unternahm ich eine zweite Pilgerreise zu dem berühmten Schrein und warf mich vor dem Altar nieder. Der runde Stein vergrößerte sich vor meinem inneren Auge, bis er zu den kosmischen Sphären wurde, Ring in Ring, Zone um Zone, alles mit Göttlichkeit ausgestattet.
Eine Stunde später stieg ich glücklich in den Zug nach Kalkutta. Meine Reisen endeten nicht in den hohen Bergen, sondern in der Himalaya-Gegenwart meines Meisters.
{FN13-1} Handgespielte Trommeln, die nur für devotionalen Gesang verwendet werden.
{FN13-2} Man erinnert sich hier an Dostojewskis Beobachtung: „Ein Mensch, der sich vor nichts verneigt, kann niemals die Last seiner selbst ertragen.“
{FN13-3} Siehe Kapitel 35.
KAPITEL: 14
EINE ERFAHRUNG IM KOSMISCHEN BEWUSSTSEIN
„Ich bin hier, Guruji.“ Meine Beschämung sprach beredter für mich.
„Lass uns in die Küche gehen und etwas zu essen finden.“ Sri Yukteswars Art war so natürlich, als ob Stunden und nicht Tage uns getrennt hätten.
„Meister, ich muss Sie durch meinen plötzlichen Aufbruch von meinen Pflichten hier enttäuscht haben; ich dachte, Sie könnten wütend auf mich sein.“
„Nein, natürlich nicht! Zorn entspringt nur aus vereitelten Wünschen. Ich erwarte nichts von anderen, daher können ihre Handlungen nicht im Widerspruch zu meinen Wünschen stehen. Ich würde dich nicht für meine eigenen Zwecke benutzen; ich bin nur in deinem eigenen wahren Glück glücklich.“
„Meister, man hört auf vage Weise von göttlicher Liebe, aber zum ersten Mal habe ich in Ihrem engelhaften Selbst ein konkretes Beispiel! In der Welt verzeiht selbst ein Vater seinem Sohn nicht leicht, wenn er das Geschäft seines Elternteils ohne Vorwarnung verlässt. Aber Sie zeigen nicht den geringsten Verdruss, obwohl Ihnen durch die vielen unerledigten Aufgaben, die ich zurückließ, große Unannehmlichkeiten entstanden sein müssen.“
Wir sahen uns in die Augen, in denen Tränen glänzten. Eine glückselige Welle verschlang mich; ich war mir bewusst, dass der Herr in der Gestalt meines Gurus die kleinen Inbrünste meines Herzens in die unermesslichen Weiten der kosmischen Liebe ausdehnte.
Einige Morgen später machte ich mich auf den Weg zu des Meisters leerem Wohnzimmer. Ich plante zu meditieren, doch mein lobenswerter Vorsatz wurde von ungehorsamen Gedanken nicht geteilt. Sie zerstoben wie Vögel vor dem Jäger.
„Mukunda!“ Sri Yukteswars Stimme erklang von einem entfernten inneren Balkon.
Ich fühlte mich so widerspenstig wie meine Gedanken. „Meister drängt mich immer zum Meditieren“, murmelte ich vor mich hin. „Er sollte mich nicht stören, wenn er weiß, warum ich in sein Zimmer gekommen bin.“
Er rief mich erneut; ich blieb hartnäckig stumm. Beim dritten Mal lag ein Tadel in seinem Tonfall.
„Meister, ich meditiere“, rief ich protestierend.
„Ich weiß, wie du meditierst“, rief mein Guru, „mit deinem Geist, der zerstreut ist wie Blätter in einem Sturm! Komm her zu mir.“
Abgewiesen und entlarvt, machte ich mich traurig auf den Weg an seine Seite.
„Armer Junge, die Berge konnten nicht geben, was du wolltest.“ Der Meister sprach schmeichelnd, tröstend. Sein ruhiger Blick war unergründlich. „Das Verlangen deines Herzens soll erfüllt werden.“
Sri Yukteswar gab sich selten Rätseln hin; ich war verwirrt. Er schlug sanft auf meine Brust über dem Herzen.
Mein Körper wurde unbeweglich verwurzelt; der Atem wurde aus meinen Lungen gezogen, als ob von einem riesigen Magneten. Seele und Geist verloren augenblicklich ihre physische Bindung und strömten aus wie ein flüssiges, durchdringendes Licht aus jeder meiner Poren. Das Fleisch war wie tot, doch in meiner intensiven Wahrnehmung wusste ich, dass ich noch nie zuvor so vollkommen lebendig gewesen war. Mein Identitätsgefühl war nicht mehr eng auf einen Körper beschränkt, sondern umfasste die umgebenden Atome. Menschen auf entfernten Straßen schienen sich sanft über meine eigene ferne Peripherie zu bewegen. Die Wurzeln von Pflanzen und Bäumen erschienen durch eine matte Transparenz des Bodens; ich nahm das innere Fließen ihres Saftes wahr.
Die ganze Umgebung lag bloß vor mir. Meine gewöhnliche frontale Sicht war nun in eine weite sphärische Sicht verwandelt, die gleichzeitig alles wahrnahm. Durch den Hinterkopf sah ich Menschen weit unten auf der Rai Ghat Road entlangschlendern und bemerkte auch eine weiße Kuh, die sich gemächlich näherte. Als sie den Raum vor dem offenen Ashram-Tor erreichte, beobachtete ich sie mit meinen zwei physischen Augen. Als sie hinter der Ziegelmauer vorbeiging, sah ich sie immer noch klar.
Alle Objekte in meinem Panoramablick zitterten und vibrierten wie schnelle Filme. Mein Körper, der des Meisters, der säulengeschmückte Innenhof, die Möbel und der Boden, die Bäume und der Sonnenschein wurden gelegentlich heftig bewegt, bis alles in ein leuchtendes Meer schmolz; so wie Zuckerkristalle, die in ein Glas Wasser geworfen werden, sich nach dem Schütteln auflösen. Das vereinende Licht wechselte sich mit Materialisierungen von Formen ab, wobei die Metamorphosen das Gesetz von Ursache und Wirkung in der Schöpfung enthüllten.
Eine ozeanische Freude brach über die ruhigen, endlosen Ufer meiner Seele herein. Der Geist Gottes, erkannte ich, ist unerschöpfliche Glückseligkeit; Sein Körper ist ein unzähliges Gewebe aus Licht. Eine anschwellende Herrlichkeit in mir begann Städte, Kontinente, die Erde, Sonnen- und Sternensysteme, dünne Nebel und schwebende Universen zu umhüllen. Der gesamte Kosmos, sanft leuchtend, wie eine Stadt, die man nachts von weitem sieht, schimmerte in der Unendlichkeit meines Wesens. Die scharf gezeichneten globalen Umrisse verblassten an den äußersten Rändern etwas; dort konnte ich einen matten Glanz sehen, der niemals abnahm. Er war unbeschreiblich subtil; die planetarischen Bilder waren aus einem gröberen Licht geformt.
Die göttliche Ausbreitung von Strahlen ergoss sich aus einer ewigen Quelle, loderte in Galaxien, verklärt mit unaussprechlichen Auren. Immer wieder sah ich, wie die schöpferischen Strahlen zu Konstellationen kondensierten und sich dann in Schichten aus transparenten Flammen auflösten. Durch rhythmische Umkehr gingen Sextillionen von Welten in durchscheinenden Glanz über; aus Feuer wurde Firmament.
Ich erkannte das Zentrum des Himmels als einen Punkt intuitiver Wahrnehmung in meinem Herzen. Ausstrahlende Pracht ging von meinem Nukleus auf jeden Teil der universellen Struktur über. Glückseliges AMRITA, der Nektar der Unsterblichkeit, pulsierte durch mich mit einer quecksilberartigen Fluidität. Die schöpferische Stimme Gottes hörte ich als AUM {FN14-1} erschallen, die Schwingung des kosmischen Motors.
Plötzlich kehrte der Atem in meine Lungen zurück. Mit einer fast unerträglichen Enttäuschung erkannte ich, dass meine unendliche Unermesslichkeit verloren war. Wieder einmal war ich auf den demütigenden Käfig eines Körpers beschränkt, der sich dem Geist nicht leicht anpasste. Wie ein verlorenes Kind war ich aus meinem makrokosmischen Zuhause weggelaufen und hatte mich in einem engen Mikrokosmos eingesperrt.
Mein Guru stand regungslos vor mir; ich wollte mich in Dankbarkeit für die Erfahrung im kosmischen Bewusstsein, die ich lange leidenschaftlich gesucht hatte, zu seinen heiligen Füßen werfen. Er hielt mich aufrecht und sprach ruhig, unprätentiös.
„Du darfst dich nicht an der Ekstase berauschen. Es wartet noch viel Arbeit auf dich in der Welt. Komm; lass uns den Balkonboden fegen; dann werden wir am Ganges spazieren gehen.“
Ich holte einen Besen; der Meister, das wusste ich, lehrte mich das Geheimnis eines ausgeglichenen Lebens. Die Seele muss sich über die kosmogony-Abgründe spannen, während der Körper seine täglichen Pflichten erfüllt. Als wir später zu einem Spaziergang aufbrachen, war ich immer noch in unsagbarem Entzücken befangen. Ich sah unsere Körper als zwei astrale Bilder, die sich über eine Straße am Fluss bewegten, deren Essenz reines Licht war.
„Es ist der Geist Gottes, der jede Form und Kraft im Universum aktiv aufrechterhält; doch Er ist transzendent und entrückt im glückseligen unerschaffenen Leeren jenseits der Welten vibrierender Phänomene“, {FN14-2} erklärte der Meister. „Heilige, die ihre Göttlichkeit selbst im Fleisch verwirklichen, kennen eine ähnliche zweifache Existenz. Während sie gewissenhaft irdische Arbeit verrichten, bleiben sie doch in eine innere Glückseligkeit getaucht. Der Herr hat alle Menschen aus der grenzenlosen Freude Seines Wesens erschaffen. Obwohl sie durch den Körper schmerzhaft eingeengt sind, erwartet Gott dennoch, dass Seelen, die nach Seinem Ebenbild geschaffen sind, letztlich über alle Identifikationen mit den Sinnen hinauswachsen und sich wieder mit Ihm vereinen.“
Die kosmische Vision hinterließ viele bleibende Lektionen. Durch das tägliche Stillen meiner Gedanken konnte ich mich von der täuschenden Überzeugung befreien, dass mein Körper eine Masse aus Fleisch und Knochen sei, die den harten Boden der Materie durchwandert. Der Atem und der ruhelose Geist, so sah ich, waren wie Stürme, die den Ozean des Lichts in Wellen materieller Formen peitschten – Erde, Himmel, menschliche Wesen, Tiere, Vögel, Bäume. Keine Wahrnehmung des Unendlichen als Ein Licht konnte erlangt werden, außer durch das Beruhigen dieser Stürme. So oft ich die beiden natürlichen Tumulte zum Schweigen brachte, erblickte ich, wie die mannigfaltigen Wellen der Schöpfung in ein leuchtendes Meer schmolzen, genau wie die Wellen des Ozeans, wenn ihre Stürme abklingen und sie gelassen in Einheit zerfließen.
Ein Meister gewährt die göttliche Erfahrung des kosmischen Bewusstseins, wenn sein Schüler durch Meditation seinen Geist so weit gestärkt hat, dass die weiten Ausblicke ihn nicht überwältigen würden. Die Erfahrung kann niemals durch bloße intellektuelle Bereitschaft oder Offenheit gegeben werden. Nur eine angemessene Erweiterung durch Yoga-Praxis und devotionales BHAKTI kann den Geist darauf vorbereiten, den befreienden Schock der Allgegenwart zu absorbieren. Sie kommt mit einer natürlichen Unausweichlichkeit zum aufrichtigen Gottsucher. Sein intensives Verlangen beginnt mit unwiderstehlicher Kraft an Gott zu ziehen. Der Herr, als die kosmische Vision, wird durch die magnetische Inbrunst des Suchers in seinen Bewusstseinsbereich gezogen.
Ich schrieb in meinen späteren Jahren das folgende Gedicht „Samadhi“, in dem ich versuchte, den Ruhm dieses kosmischen Zustands zu vermitteln:
Verschwunden die Schleier von Licht und Schatten, Gehoben jeder Dunst des Kummers, Hinweg gesegelt alle Morgen flüchtiger Freude, Vergangen die trübe sensorische Fata Morgana. Liebe, Hass, Gesundheit, Krankheit, Leben, Tod, Vergangen diese falschen Schatten auf dem Schirm der Dualität. Wellen des Lachens, Scyllen des Sarkasmus, melancholische Strudel, Schmelzend im weiten Meer der Glückseligkeit. Der Sturm von MAYA gestillt Durch den Zauberstab tiefer Intuition. Das Universum, ein vergessener Traum, lauert unterbewusst, Bereit, meine neu erwachte göttliche Erinnerung zu überfallen. Ich lebe ohne den kosmischen Schatten, Doch er ist nicht, beraubt meiner selbst; Wie das Meer ohne die Wellen existiert, Doch sie atmen nicht ohne das Meer. Träume, Wachen, Zustände von tiefem TURIA-Schlaf, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, nicht mehr für mich, Sondern immer-gegenwärtig, alles-fließendes Ich, Ich, überall. Planeten, Sterne, Sternenstaub, Erde, Vulkanische Ausbrüche von Weltuntergangskatastrophen, Schöpfungsschmiedeofen, Gletscher aus stillen Röntgenstrahlen, brennende Elektronenfluten, Gedanken aller Menschen, vergangen, gegenwärtig, zukünftig, Jeder Grashalm, ich selbst, die Menschheit, Jedes Teilchen universellen Staubes, Zorn, Gier, Gut, Böse, Erlösung, Lust, Ich verschlang, wandelte alles um In einen weiten Ozean aus Blut meines eigenen einen Seins! Glimmende Freude, oft angefacht durch Meditation, Verblendend meine tränenden Augen, Brach aus in unsterbliche Flammen der Glückseligkeit, Verzehrte meine Tränen, meinen Körper, mein Alles. Du bist Ich, Ich bin Du, Wissender, Wissen, Gewusstes, als Eins! Beruhigter, ungebrochener Nervenkitzel, ewig lebender, immer-neuer Friede! Genießbar jenseits der Vorstellung von Erwartung, SAMADHI-Glückseligkeit! Kein unbewusster Zustand Oder geistiges Chloroform ohne willentlichen Rückkehr, SAMADHI erweitert nur mein bewusstes Reich Jenseits der Grenzen des sterblichen Körpers Bis zur fernsten Grenze der Ewigkeit, Wo Ich, das Kosmische Meer, Dem kleinen Ego zusehe, wie es in Mir schwimmt. Der Spatz, jedes Sandkorn, fällt nicht ohne Meinen Blick. Alles Sein schwimmt wie ein Eisberg in Meinem geistigen Meer. Kolossaler Behälter, Ich, aller geschaffenen Dinge. Durch tiefere, längere, durstige, vom Guru gegebene Meditation Kommt dieses himmlische SAMADHI. Bewegliche Murmelgeräusche von Atomen werden gehört, Die dunkle Erde, Berge, Täler, seht! geschmolzene Flüssigkeit! Fließende Meere verwandeln sich in Dämpfe von Nebeln! AUM bläst auf die Dämpfe und öffnet wundersam ihre Schleier, Ozeane werden enthüllt, leuchtende Elektronen, Bis, beim letzten Klang der kosmischen Trommel, Die gröberen Lichter in ewige Strahlen verschwinden Von all-durchdringender Glückseligkeit. Aus Freude kam ich, für Freude lebe ich, in heiliger Freude schmelze ich. Ozean des Geistes, ich trinke alle Wellen der Schöpfung. Vier Schleier von Festem, Flüssigem, Dampf, Licht, Heben sich recht. Ich selbst, in allem, tritt in das Große Ich Selbst. Für immer vergangen, die sprunghaften, flackernden Schatten sterblicher Erinnerung. Makellos ist mein geistiger Himmel, unten, davor und hoch oben. Ewigkeit und Ich, ein vereinter Strahl. Eine winzige Blase des Lachens, Ich Bin geworden das Meer der Freude selbst.
Sri Yukteswar lehrte mich, wie ich die gesegnete Erfahrung nach Belieben herbeirufen konnte und auch, wie ich sie auf andere übertragen konnte, wenn ihre intuitiven Kanäle entwickelt waren. Monatelang trat ich in die ekstatische Vereinigung ein und begriff, warum die UPANISHADEN sagen, Gott sei RASA, „das Kostbarste“. Eines Tages jedoch trug ich dem Meister ein Problem vor.
„Ich möchte wissen, Meister – wann werde ich Gott finden?“
„Du hast Ihn gefunden.“
„O nein, Meister, das glaube ich nicht!“
Mein Guru lächelte. „Ich bin sicher, du erwartest keine ehrwürdige Persönlichkeit, die einen Thron in irgendeiner antiseptischen Ecke des Kosmos schmückt! Ich sehe jedoch, dass du dir einbildest, der Besitz wunderbarer Kräfte sei die Kenntnis Gottes. Man könnte das ganze Universum besitzen und den Herrn dennoch als schwer fassbar empfinden! Spiritueller Fortschritt wird nicht an den äußeren Kräften gemessen, sondern nur an der Tiefe seiner Glückseligkeit in der Meditation.
IMMER-NEUE FREUDE IST GOTT. Er ist unerschöpflich; während du deine Meditationen im Laufe der Jahre fortsetzt, wird Er dich mit einem unendlichen Einfallsreichtum verführen. Gottsucher wie du, die den Weg zu Gott gefunden haben, träumen niemals davon, Ihn gegen irgendein anderes Glück einzutauschen; Er ist verführerisch jenseits des Gedankens an Konkurrenz.
Wie schnell werden wir der irdischen Freuden überdrüssig! Das Verlangen nach materiellen Dingen ist endlos; der Mensch ist niemals vollständig zufrieden und verfolgt ein Ziel nach dem anderen. Das ‚Etwas anderes‘, das er sucht, ist der Herr, der allein dauerhafte Freude schenken kann.
Äußerliche Sehnsüchte treiben uns aus dem Eden im Inneren; sie bieten falsche Freuden, die nur das Seelenglück vortäuschen. Das verlorene Paradies wird durch göttliche Meditation schnell wiedergewonnen. Da Gott unvorhersehbare Immer-Neuerung ist, werden wir Seiner niemals müde. Können wir der Glückseligkeit überdrüssig werden, die in der Ewigkeit auf entzückende Weise variiert wird?“
„Ich verstehe jetzt, Meister, warum Heilige den Herrn unergründlich nennen. Selbst das ewige Leben könnte nicht ausreichen, um Ihn einzuschätzen.“
„Das ist wahr; aber Er ist auch nah und teuer. Nachdem der Geist durch KRIYA YOGA von sinnlichen Hindernissen gereinigt wurde, liefert die Meditation einen zweifachen Beweis für Gott. Immer neue Freude ist ein Beweis für Seine Existenz, überzeugend bis in unsere Atome hinein. Auch findet man in der Meditation Seine sofortige Führung, Seine angemessene Antwort auf jede Schwierigkeit.“
„Ich verstehe, Guruji; Ihr habt mein Problem gelöst.“ Ich lächelte dankbar. „Mir ist jetzt klar, dass ich Gott gefunden habe, denn wann immer die Freude der Meditation in meinen aktiven Stunden unbewusst zurückgekehrt ist, wurde ich auf subtile Weise dazu geführt, in allem, selbst in Einzelheiten, den richtigen Weg einzuschlagen.“
„Das menschliche Leben ist von Leid geplagt, bis wir wissen, wie wir uns auf den Göttlichen Willen einstimmen können, dessen ‚richtiger Weg‘ für den egoistischen Verstand oft verwirrend ist. Gott trägt die Last des Kosmos; Er allein kann unfehlbaren Rat geben.“
{FN14-1} „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ – JOHANNES 1,1.
{FN14-2} „Denn der Vater richtet niemanden, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben.“ – JOHANNES 5,22. „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns kundgetan.“ – JOHANNES 1,18. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke, die ich tue, auch tun; und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.“ – JOHANNES 14,12. „Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ – JOHANNES 14,26.
Diese biblischen Worte beziehen sich auf die dreifache Natur Gottes als Vater, Sohn und Heiliger Geist (SAT, TAT, AUM in den hinduistischen Schriften). Gott der Vater ist das Absolute, Manifestationslose, das JENSEITS der vibratorischen Schöpfung existiert. Gott der Sohn ist das Christus-Bewusstsein (Brahma oder KUTASTHA CHAITANYA), das INNERHALB der vibratorischen Schöpfung existiert; dieses Christus-Bewusstsein ist der „eingeborene“ oder einzige Widerschein des Ungeschaffenen Unendlichen. Seine äußere Manifestation oder sein „Zeuge“ ist AUM oder der Heilige Geist, die göttliche, schöpferische, unsichtbare Kraft, die die gesamte Schöpfung durch Vibration strukturiert. AUM, der beglückende Tröster, wird in der Meditation vernommen und offenbart dem Gottgeweihten die höchste Wahrheit.
KAPITEL: 15
DER BLUMENKOHLRAUB
„Meister, ein Geschenk für Euch! Diese sechs riesigen Blumenkohlköpfe habe ich mit meinen eigenen Händen gepflanzt; ich habe ihr Wachstum mit der zärtlichen Sorgfalt einer Mutter bewacht, die ihr Kind pflegt.“ Ich überreichte den Korb mit dem Gemüse mit einer feierlichen Geste.
„Danke!“ Sri Yukteswars Lächeln war warm vor Anerkennung. „Bitte bewahre sie in deinem Zimmer auf; ich werde sie morgen für ein besonderes Abendessen benötigen.“
Ich war gerade in Puri {FN15-1} angekommen, um meine Semesterferien bei meinem Guru in seiner Einsiedelei am Meer zu verbringen. Der fröhliche kleine zweistöckige Rückzugsort, den der Meister und seine Schüler erbaut hatten, liegt direkt vor der Bucht von Bengalen.
Ich erwachte am nächsten Morgen früh, erfrischt von der salzigen Meeresbrise und dem Charme meiner Umgebung. Sri Yukteswars melodische Stimme rief; ich warf einen Blick auf meine geschätzten Blumenkohlköpfe und verstaute sie ordentlich unter meinem Bett.
„Komm, lass uns zum Strand gehen.“ Der Meister ging voran; mehrere junge Schüler und ich folgten in einer lockeren Gruppe. Unser Guru musterte uns mit milder Kritik.
„Wenn unsere westlichen Brüder gehen, sind sie meist stolz auf ihre Einmütigkeit. Nun, bitte marschiert in zwei Reihen; haltet rhythmischen Schritt miteinander.“ Sri Yukteswar beobachtete, wie wir gehorchten; er begann zu singen: „Jungen gehen hin und her, in einer hübschen kleinen Reih’.“ Ich konnte nicht anders, als die Leichtigkeit zu bewundern, mit der der Meister in der Lage war, das zügige Tempo seiner jungen Schüler mitzugehen.
„Halt!“ Die Augen meines Gurus suchten die meinen. „Hast du daran gedacht, die Hintertür der Einsiedelei abzuschließen?“
„Ich glaube schon, mein Herr.“
Sri Yukteswar schwieg einige Minuten lang, ein halb unterdrücktes Lächeln auf den Lippen. „Nein, du hast es vergessen“, sagte er schließlich. „Göttliche Kontemplation darf nicht als Entschuldigung für materielle Nachlässigkeit dienen. Du hast deine Pflicht vernachlässigt, den Ashram zu bewachen; du musst bestraft werden.“
Ich dachte, er scherze im Verborgenen, als er hinzufügte: „Deine sechs Blumenkohlköpfe werden bald nur noch fünf sein.“
Auf Befehl des Meisters kehrten wir um und marschierten zurück, bis wir uns in der Nähe der Einsiedelei befanden.
„Ruh dich eine Weile aus. Mukunda, schau über das Gelände zu unserer Linken; beobachte die Straße dahinter. Ein gewisser Mann wird dort gleich ankommen; er wird das Mittel deiner Züchtigung sein.“
Ich verbarg meinen Ärger über diese unverständlichen Bemerkungen. Bald erschien ein Bauer auf der Straße; er tanzte grotesk und warf seine Arme mit sinnlosen Gesten umher. Fast gelähmt vor Neugier klebten meine Augen an dem komischen Schauspiel. Als der Mann einen Punkt auf der Straße erreichte, an dem er aus unserem Blickfeld verschwinden würde, sagte Sri Yukteswar: „Jetzt wird er zurückkehren.“
Der Bauer änderte sofort seine Richtung und steuerte auf die Rückseite des Ashrams zu. Er überquerte ein sandiges Stück Land und betrat das Gebäude durch die Hintertür. Ich hatte sie unverschlossen gelassen, genau wie mein Guru gesagt hatte. Der Mann kam kurz darauf wieder heraus und hielt einen meiner wertvollen Blumenkohlköpfe in der Hand. Er schritt nun respektabel dahin, erfüllt von der Würde des Besitzes.
Die sich entfaltende Farce, in der meine Rolle die des verwirrten Opfers zu sein schien, war nicht so verstörend, dass ich nicht zur empörten Verfolgung angesetzt hätte. Ich war auf halbem Weg zur Straße, als der Meister mich zurückrief. Er bebte am ganzen Körper vor Lachen.
„Dieser arme verrückte Mann sehnt sich schon lange nach einem Blumenkohl“, erklärte er zwischen den Lachsalven. „Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn er einen von deinen bekäme, so schlecht bewacht wie sie sind!“
Ich raste in mein Zimmer, wo ich feststellte, dass der Dieb, offensichtlich jemand mit einer Gemüse-Fixierung, meine Goldringe, meine Uhr und mein Geld, die alle offen auf der Decke lagen, unberührt gelassen hatte. Stattdessen war er unter das Bett gekrochen, wo, völlig verborgen vor flüchtigen Blicken, einer meiner Blumenkohlköpfe sein einmütiges Begehren geweckt hatte.
Ich bat Sri Yukteswar an jenem Abend, den Vorfall zu erklären, der, wie ich meinte, einige rätselhafte Züge aufwies.
Mein Guru schüttelte langsam den Kopf. „Du wirst es eines Tages verstehen. Die Wissenschaft wird bald einige dieser verborgenen Gesetze entdecken.“
Als die Wunder des Radios einige Jahre später über eine erstaunte Welt hereinbrachen, erinnerte ich mich an die Vorhersage des Meisters. Uralte Konzepte von Zeit und Raum wurden ausgelöscht; kein Bauernhaus war so eng, dass London oder Kalkutta nicht hätten eintreten können! Der stumpfeste Verstand erweiterte sich angesichts des unbestreitbaren Beweises für einen Aspekt der Allgegenwart des Menschen.
Die „Handlung“ der Blumenkohl-Komödie lässt sich am besten mit einer Radio-Analogie verstehen. Sri Yukteswar war ein perfektes menschliches Radio. Gedanken sind nichts anderes als sehr sanfte Schwingungen, die sich im Äther bewegen. Genau wie ein empfindliches Radio aus Tausenden von anderen Programmen aus allen Richtungen ein gewünschtes Musikstück herausfiltert, so war mein Guru in der Lage gewesen, den Gedanken des geistig zurückgebliebenen Mannes, der sich nach einem Blumenkohl sehnte, aus den zahllosen Gedanken der sendenden menschlichen Willen in der Welt aufzufangen. {FN15-2} Durch seinen mächtigen Willen war der Meister auch eine menschliche Sendestation und hatte den Bauern erfolgreich dazu gelenkt, seine Schritte umzukehren und für einen einzigen Blumenkohl in einen bestimmten Raum zu gehen.
Intuition {FN15-3} ist Seelenführung, die beim Menschen natürlich in jenen Augenblicken auftritt, in denen sein Geist ruhig ist. Fast jeder hat schon die Erfahrung einer unerklärlich richtigen „Ahnung“ gemacht oder seine Gedanken effektiv auf eine andere Person übertragen.
Der menschliche Geist, frei vom statischen Rauschen der Rastlosigkeit, kann durch seine Antenne der Intuition alle Funktionen komplizierter Radiomechanismen ausführen – Gedanken senden und empfangen und unerwünschte ausblenden. So wie die Leistung eines Radios von der Menge des elektrischen Stroms abhängt, den es nutzen kann, so wird das menschliche Radio entsprechend der Willenskraft jedes Einzelnen energetisiert.
Alle Gedanken vibrieren ewig im Kosmos. Durch tiefe Konzentration ist ein Meister in der Lage, die Gedanken jedes Geistes zu erkennen, ob lebend oder tot. Gedanken sind universell und nicht individuell verwurzelt; eine Wahrheit kann nicht erschaffen, sondern nur wahrgenommen werden. Die irrtümlichen Gedanken des Menschen resultieren aus Unvollkommenheiten in seinem Unterscheidungsvermögen. Das Ziel der Yoga-Wissenschaft ist es, den Geist zu beruhigen, damit er ohne Verzerrung die göttliche Vision im Universum widerspiegeln kann.
Radio und Fernsehen haben den unmittelbaren Klang und Anblick entfernter Personen an die Kamine von Millionen gebracht: die ersten schwachen wissenschaftlichen Andeutungen, dass der Mensch ein alles durchdringender Geist ist. Kein Körper, der auf einen Punkt im Raum beschränkt ist, sondern die riesige Seele, die das Ego in den meisten barbarischen Formen vergeblich einzuengen versucht.
„Sehr seltsame, sehr wunderbare, scheinbar sehr unwahrscheinliche Phänomene mögen noch auftreten, die uns, wenn sie erst einmal etabliert sind, nicht mehr erstaunen werden, als wir jetzt über all das erstaunt sind, was uns die Wissenschaft im letzten Jahrhundert gelehrt hat“, hat Charles Robert Richet, Nobelpreisträger für Physiologie, erklärt. „Es wird angenommen, dass die Phänomene, die wir jetzt ohne Überraschung akzeptieren, unser Erstaunen nicht erregen, weil sie verstanden werden. Aber das ist nicht der Fall. Wenn sie uns nicht überraschen, liegt das nicht daran, dass sie verstanden werden, sondern daran, dass sie vertraut sind; denn wenn das, was nicht verstanden wird, uns überraschen sollte, müssten wir über alles überrascht sein – über den Fall eines Steins, der in die Luft geworfen wird, über die Eichel, die zu einer Eiche wird, über Quecksilber, das sich bei Erwärmung ausdehnt, über Eisen, das von einem Magneten angezogen wird, über Phosphor, der bei Reibung brennt... Die Wissenschaft von heute ist eine leichte Angelegenheit; die Revolutionen und Evolutionen, die sie in hunderttausend Jahren erleben wird, werden die kühnsten Erwartungen weit übertreffen. Die Wahrheiten – jene überraschenden, erstaunlichen, unvorhergesehenen Wahrheiten –, die unsere Nachfahren entdecken werden, sind selbst jetzt überall um uns herum, sie starren uns sozusagen ins Gesicht, und doch sehen wir sie nicht. Aber es reicht nicht zu sagen, dass wir sie nicht sehen; wir wollen sie nicht sehen; denn sobald ein unerwartetes und ungewohntes Faktum auftaucht, versuchen wir, es in den Rahmen der Gemeinplätze des erworbenen Wissens einzupassen, und wir sind empört, dass jemand es wagen sollte, weiter zu experimentieren.“
Ein humorvolles Ereignis trug sich einige Tage zu, nachdem ich so unglaubwürdig um einen Blumenkohl bestohlen worden war. Eine bestimmte Petroleumlampe konnte nicht gefunden werden. Da ich erst kürzlich die allwissende Einsicht meines Gurus miterlebt hatte, dachte ich, er würde zeigen, dass es ein Kinderspiel sei, die Lampe ausfindig zu machen.
Der Meister nahm meine Erwartung wahr. Mit übertriebener Ernsthaftigkeit befragte er alle Ashram-Bewohner. Ein junger Schüler gestand, dass er die Lampe benutzt hatte, um zum Brunnen im Hinterhof zu gehen.
Sri Yukteswar gab den feierlichen Rat: „Suche die Lampe in der Nähe des Brunnens.“
Ich eilte dorthin; keine Lampe! Geknickt kehrte ich zu meinem Guru zurück. Er lachte jetzt herzlich, ohne Reue für meine Desillusionierung.
„Zu dumm, dass ich dich nicht zu der verschwundenen Lampe führen konnte; ich bin kein Wahrsager!“ Mit funkelnden Augen fügte er hinzu: „Ich bin nicht einmal ein befriedigender Sherlock Holmes!“
Ich erkannte, dass der Meister niemals seine Kräfte zur Schau stellen würde, wenn er herausgefordert wurde oder bei einer Kleinigkeit.
Entzückende Wochen vergingen. Sri Yukteswar plante eine religiöse Prozession. Er bat mich, die Schüler durch die Stadt und den Strand von Puri zu führen. Der Festtag dämmerte als einer der heißesten des Sommers.
„Guruji, wie kann ich die barfüßigen Schüler über den glühenden Sand führen?“ Ich sprach verzweifelt.
„Ich werde dir ein Geheimnis verraten“, antwortete der Meister. „Der Herr wird einen Schirm aus Wolken senden; ihr werdet alle bequem gehen können.“
Ich organisierte glücklich die Prozession; unsere Gruppe startete vom Ashram mit einem SAT-SANGA-Banner. {FN15-4} Entworfen von Sri Yukteswar, trug es das Symbol des einzelnen {FN15-5} Auges, den teleskopischen Blick der Intuition.
Kaum hatten wir die Einsiedelei verlassen, füllte sich der Teil des Himmels, der direkt über uns lag, wie durch Zauberei mit Wolken. Unter der Begleitung erstaunter Ausrufe von allen Seiten fiel ein sehr leichter Schauer, der die Straßen der Stadt und das brennende Meeresufer abkühlte. Die wohltuenden Tropfen fielen während der zweistündigen Parade. In dem exakten Augenblick, als unsere Gruppe zum Ashram zurückkehrte, zogen die Wolken und der Regen spurlos ab.
„Du siehst, wie Gott für uns empfindet“, antwortete der Meister, nachdem ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht hatte. „Der Herr reagiert auf alle und arbeitet für alle. So wie Er auf meine Bitte hin Regen sandte, erfüllt Er jeden aufrichtigen Wunsch des Gottgeweihten. Selten erkennen die Menschen, wie oft Gott ihre Gebete erhört. Er ist nicht parteiisch gegenüber einigen wenigen, sondern hört jedem zu, der sich Ihm vertrauensvoll nähert. Seine Kinder sollten immer unerschütterliches Vertrauen in die liebende Güte ihres Allgegenwärtigen Vaters haben.“ {FN15-6}
Sri Yukteswar förderte vier jährliche Feste zu den Tag-und-Nacht-Gleichen und Sonnenwenden, bei denen sich seine Schüler von nah und fern versammelten. Die Feier zur Wintersonnenwende fand in Serampore statt; die erste, an der ich teilnahm, hinterließ bei mir einen bleibenden Segen.
Die Feierlichkeiten begannen am Morgen mit einer Barfuß-Prozession durch die Straßen. Die Stimmen von hundert Schülern erklangen mit süßen religiösen Liedern; einige Musiker spielten die Flöte und KHOL KARTAL (Trommeln und Becken). Begeisterte Stadtbewohner bestreuten den Weg mit Blumen, froh, aus alltäglichen Aufgaben durch unser schallendes Lob des gesegneten Namens des Herrn gerufen zu werden. Die lange Tour endete im Innenhof der Einsiedelei. Dort umzingelten wir unseren Guru, während Schüler auf den oberen Balkonen uns mit Ringelblumenblüten überschütteten.
Viele Gäste gingen nach oben, um einen Pudding aus CHANNA und Orangen zu erhalten. Ich bahnte mir den Weg zu einer Gruppe von Mitschülern, die heute als Köche dienten. Das Essen für solch große Versammlungen musste im Freien in riesigen Kesseln gekocht werden. Die improvisierten holzbefeuerten Ziegelöfen waren rauchig und tränenreich, aber wir lachten fröhlich bei unserer Arbeit. Religiöse Feste in Indien werden nie als mühsam betrachtet; jeder trägt seinen Teil bei, indem er Geld, Reis, Gemüse oder seine persönlichen Dienste zur Verfügung stellt.
Der Meister war bald inmitten von uns und beaufsichtigte die Details des Festmahls. Er war jeden Augenblick beschäftigt und hielt Schritt mit dem energischsten jungen Schüler.
Ein SANKIRTAN (Gruppengesang), begleitet von Harmonium und handgespielten indischen Trommeln, war im zweiten Stock im Gange. Sri Yukteswar hörte anerkennend zu; sein musikalischer Sinn war scharf und perfekt.
„Sie sind nicht im Takt!“ Der Meister verließ die Köche und schloss sich den Künstlern an. Die Melodie war erneut zu hören, diesmal korrekt wiedergegeben.
In Indien wird Musik ebenso wie Malerei und Schauspiel als göttliche Kunst betrachtet. Brahma, Vishnu und Shiva – die Ewige Dreifaltigkeit – waren die ersten Musiker. Der Göttliche Tänzer Shiva wird in den Schriften als jemand dargestellt, der die unendlichen Arten des Rhythmus in seinem kosmischen Tanz der universellen Schöpfung, Erhaltung und Auflösung ausgearbeitet hat, während Brahma den Takt mit den klirrenden Becken betonte und Vishnu den heiligen MRIDANGA oder die Trommel erklingen ließ. Krishna, eine Inkarnation Vishnus, wird in der hinduistischen Kunst immer mit einer Flöte dargestellt, auf der er das entzückende Lied spielt, das die in MAYA-Illusion umherirrenden menschlichen Seelen an ihre wahre Heimat erinnert. Saraswati, die Göttin der Weisheit, wird symbolisiert, wie sie auf der VINA, der Mutter aller Saiteninstrumente, spielt. Das SAMA VEDA Indiens enthält die weltweit frühesten Schriften über Musikwissenschaft.
Der Grundstein der hinduistischen Musik sind die RAGAS oder festen melodischen Skalen. Die sechs grundlegenden RAGAS verzweigen sich in 126 abgeleitete RAGINIS (Frauen) und PUTRAS (Söhne). Jeder RAGA hat mindestens fünf Noten: eine Leitnote (VADI oder König), eine Sekundärnote (SAMAVADI oder Premierminister), Hilfsnoten (ANUVADI, Begleiter) und eine dissonante Note (VIVADI, der Feind).
Jeder der sechs grundlegenden RAGAS hat eine natürliche Entsprechung mit einer bestimmten Tageszeit, Jahreszeit und einer präsidierenden Gottheit, die eine bestimmte Kraft verleiht. So wird (1) der HINDOLE RAGA nur im Morgengrauen im Frühling gehört, um die Stimmung universeller Liebe hervorzurufen; (2) DEEPAKA RAGA wird am Abend im Sommer gespielt, um Mitgefühl zu wecken; (3) MEGHA RAGA ist eine Melodie für den Mittag in der Regenzeit, um Mut zu rufen; (4) BHAIRAVA RAGA wird an den Morgentagen im August, September, Oktober gespielt, um Ruhe zu erreichen; (5) SRI RAGA ist herbstlichen Dämmerungen vorbehalten, um reine Liebe zu erlangen; (6) MALKOUNSA RAGA wird um Mitternacht im Winter gehört, für Tapferkeit.
Die alten Rishis entdeckten diese Gesetze der Klangallianz zwischen Natur und Mensch. Da die Natur eine Objektivierung von AUM, dem Urklang oder Vibratorischen Wort ist, kann der Mensch durch die Verwendung bestimmter MANTRAS oder Gesänge Kontrolle über alle natürlichen Manifestationen erlangen. {FN15-7} Historische Dokumente berichten von den bemerkenswerten Kräften, die Miyan Tan Sen, der Hofmusiker des Kaisers Akbar des Großen im sechzehnten Jahrhundert, besaß. Auf Befehl des Kaisers, einen Nacht-RAGA zu singen, während die Sonne am Himmel stand, intonierte Tan Sen ein MANTRA, das augenblicklich bewirkte, dass das gesamte Palastgelände in Dunkelheit gehüllt wurde.
Die indische Musik unterteilt die Oktave in 22 SRUTIS oder Vierteltöne. Diese mikrotonalen Intervalle ermöglichen feine Nuancen des musikalischen Ausdrucks, die von der westlichen chromatischen Skala der 12 Halbtöne nicht erreicht werden können. Jede der sieben Grundnoten der Oktave wird in der hinduistischen Mythologie mit einer Farbe und dem natürlichen Schrei eines Vogels oder Tieres assoziiert – DO mit Grün und dem Pfau; RE mit Rot und der Lerche; MI mit Goldgelb und der Ziege; FA mit gelblichem Weiß und dem Reiher; SOL mit Schwarz und der Nachtigall; LA mit Gelb und dem Pferd; SI mit einer Kombination aller Farben und dem Elefanten.
Drei Skalen – Dur, harmonisches Moll, melodisches Moll – sind die einzigen, die die abendländische Musik verwendet, aber die indische Musik skizziert 72 THATAS oder Skalen. Der Musiker hat einen kreativen Spielraum für endlose Improvisation um die feste traditionelle Melodie oder den RAGA herum; er konzentriert sich auf die Stimmung oder die definitive Laune des strukturellen Themas und stickt es dann bis an die Grenzen seiner eigenen Originalität aus. Der hinduistische Musiker liest keine festgesetzten Noten; er kleidet bei jedem Spielen das bloße Skelett des RAGA neu ein, wobei er sich oft auf eine einzige melodische Sequenz beschränkt und durch Wiederholung alle ihre subtilen mikrotonalen und rhythmischen Variationen betont. Bach, unter den westlichen Komponisten, hatte ein Verständnis für den Charme und die Kraft des sich wiederholenden Klangs, der auf hundert komplexe Arten leicht differenziert wurde.
Die alte Sanskrit-Literatur beschreibt 120 TALAS oder Zeitmaße. Der traditionelle Begründer der hinduistischen Musik, Bharata, soll 32 Arten von TALA im Gesang einer Lerche isoliert haben. Der Ursprung von TALA oder Rhythmus ist in menschlichen Bewegungen verwurzelt – dem doppelten Takt des Gehens und dem dreifachen Takt der Atmung im Schlaf, wenn das Einatmen doppelt so lang ist wie das Ausatmen. Indien hat die menschliche Stimme immer als das perfekteste Klanginstrument anerkannt. Die hinduistische Musik beschränkt sich daher weitgehend auf den Stimmumfang von drei Oktaven. Aus dem gleichen Grund wird Melodie (Beziehung aufeinanderfolgender Noten) betont, statt Harmonie (Beziehung gleichzeitiger Noten).
Das tiefere Ziel der frühen Rishi-Musiker war es, den Sänger mit dem Kosmischen Lied zu verschmelzen, das durch das Erwachen der okkulten Wirbelsäulenzentren des Menschen gehört werden kann. Die indische Musik ist eine subjektive, spirituelle und individualistische Kunst, die nicht auf symphonische Brillanz abzielt, sondern auf persönliche Harmonie mit der Überseele. Das Sanskrit-Wort für Musiker ist BHAGAVATHAR, „derjenige, der die Lobpreisungen Gottes singt“. Die SANKIRTANS oder musikalischen Versammlungen sind eine effektive Form von Yoga oder spiritueller Disziplin, die tiefe Konzentration und intensive Absorption in den Grundgedanken und Klang erfordert. Weil der Mensch selbst ein Ausdruck des Schöpferischen Wortes ist, hat Klang die stärkste und unmittelbarste Wirkung auf ihn und bietet einen Weg zur Erinnerung an seinen göttlichen Ursprung.
Das SANKIRTAN, das am Tag des Festes aus Sri Yukteswars Wohnzimmer im zweiten Stock drang, war inspirierend für die Köche inmitten der dampfenden Töpfe. Meine Mitschüler und ich sangen freudig die Refrains und schlugen den Takt mit unseren Händen.
Bei Sonnenuntergang hatten wir unsere Hunderte von Besuchern mit KHICHURI (Reis und Linsen), Gemüsecurry und Milchreis versorgt. Wir breiteten Baumwolldecken über den Innenhof; bald hockte die Versammlung unter dem sternenbedeckten Gewölbe und lauschte still der Weisheit, die von Sri Yukteswars Lippen floss. Seine öffentlichen Reden betonten den Wert von KRIYA YOGA und ein Leben der Selbstachtung, Ruhe, Entschlossenheit, einfachen Ernährung und regelmäßiger Bewegung.
Eine Gruppe sehr junger Schüler sang dann einige heilige Hymnen; das Treffen endete mit SANKIRTAN. Von zehn Uhr abends bis Mitternacht wuschen die Bewohner des Ashrams Töpfe und Pfannen und räumten den Innenhof auf. Mein Guru rief mich an seine Seite.
„Ich bin erfreut über deine fröhliche Arbeit heute und während der vergangenen Vorbereitungswoche. Ich möchte dich bei mir haben; du kannst heute Nacht in meinem Bett schlafen.“
Dies war ein Privileg, von dem ich nie gedacht hätte, dass es mir zuteilwerden würde. Wir saßen eine Weile in einem Zustand intensiver göttlicher Ruhe. Kaum zehn Minuten, nachdem wir uns ins Bett gelegt hatten, stand der Meister auf und begann sich anzuziehen.
„Was ist los, mein Herr?“ Ich spürte einen Anflug von Unwirklichkeit in der unerwarteten Freude, neben meinem Guru zu schlafen.
„Ich denke, dass einige Schüler, die ihre richtigen Zugverbindungen verpasst haben, bald hier sein werden. Lass uns etwas Essen bereithalten.“
„Guruji, niemand würde um ein Uhr morgens kommen!“
„Bleib im Bett; du hast sehr hart gearbeitet. Aber ich werde kochen.“
Bei Sri Yukteswars entschlossenem Ton sprang ich auf und folgte ihm in die kleine, täglich genutzte Küche, die an den inneren Balkon im zweiten Stock angrenzte. Reis und DHAL kochten bald.
Mein Guru lächelte liebevoll. „Heute Nacht hast du die Müdigkeit und die Angst vor harter Arbeit besiegt; du wirst in Zukunft nie mehr von ihnen belästigt werden.“
Als er diese Worte des lebenslangen Segens aussprach, ertönten Schritte im Innenhof. Ich rannte die Treppe hinunter und ließ eine Gruppe Studenten herein.
„Lieber Bruder, wie ungern stören wir den Meister zu dieser Stunde!“ Ein Mann sprach mich entschuldigend an. „Wir haben uns beim Zugfahrplan geirrt, aber wir hatten das Gefühl, nicht ohne einen flüchtigen Blick auf unseren Guru nach Hause zurückkehren zu können.“
„Er hat euch erwartet und bereitet sogar jetzt euer Essen zu.“
Sri Yukteswars einladende Stimme erklang; ich führte die erstaunten Besucher in die Küche. Der Meister wandte sich mit funkelnden Augen an mich.
„Nun, da ihr mit dem Vergleichen eurer Notizen fertig seid, seid ihr zweifellos zufrieden, dass unsere Gäste tatsächlich ihren Zug verpasst haben!“
Eine halbe Stunde später folgte ich ihm in sein Schlafzimmer, wobei mir voll bewusst war, dass ich im Begriff war, neben einem gottgleichen Guru zu schlafen.
{FN15-1} Puri, etwa 310 Meilen südlich von Kalkutta, ist eine berühmte Pilgerstadt für Anhänger Krishnas; seine Verehrung wird dort mit zwei riesigen jährlichen Festen gefeiert, SNANAYATRA und RATHAYATRA.
{FN15-2} Die Entdeckung eines Radiomikroskops im Jahr 1939 enthüllte eine neue Welt bisher unbekannter Strahlen. „Der Mensch selbst sowie alle Arten von angeblich träger Materie strahlen ständig die Strahlen aus, die dieses Instrument ‚sieht‘“, berichtete die ASSOCIATED PRESS. „Diejenigen, die an Telepathie, das zweite Gesicht und Hellsichtigkeit glauben, haben in dieser Ankündigung den ersten wissenschaftlichen Beweis für die Existenz unsichtbarer Strahlen, die tatsächlich von einer Person zur anderen wandern. Das Radiogerät ist eigentlich ein Radiofrequenzspektroskop. Es bewirkt für kühle, nicht leuchtende Materie dasselbe, was das Spektroskop bewirkt, wenn es die Arten von Atomen offenbart, aus denen die Sterne bestehen. . . . Die Existenz solcher Strahlen, die vom Menschen und allen lebenden Dingen ausgehen, wurde von Wissenschaftlern seit vielen Jahren vermutet. Heute ist der erste experimentelle Beweis für ihre Existenz erbracht. Die Entdeckung zeigt, dass jedes Atom und jedes Molekül in der Natur eine kontinuierliche Radiosendestation ist. . . . So sendet selbst nach dem Tod die Substanz, die ein Mensch war, weiterhin ihre zarten Strahlen aus. Die Wellenlängen dieser Strahlen reichen von kürzer als alles, was heute beim Rundfunk verwendet wird, bis zur längsten Art von Radiowellen. Das Durcheinander dieser Strahlen ist fast unvorstellbar. Es gibt Millionen von ihnen. Ein einzelnes sehr großes Molekül kann gleichzeitig 1.000.000 verschiedene Wellenlängen abgeben. Die längeren Wellenlängen dieser Art reisen mit der Leichtigkeit und Geschwindigkeit von Radiowellen. . . . Es gibt einen erstaunlichen Unterschied zwischen den neuen Radiostrahlen und vertrauten Strahlen wie Licht. Dies ist die verlängerte Zeit, die sich auf Tausende von Jahren beläuft, während der diese Radiowellen weiterhin von ungestörter Materie ausgesendet werden.“
{FN15-3} Man zögert, „Intuition“ zu verwenden; Hitler hat das Wort zusammen mit ehrgeizigeren Verwüstungen fast ruiniert. Die lateinische Wurzelbedeutung von INTUITION ist „innerer Schutz“. Das Sanskrit-Wort AGAMA bedeutet intuitives Wissen, das aus direkter Seelenwahrnehmung geboren wird; daher wurden bestimmte alte Abhandlungen der Rishis AGAMAS genannt.
{FN15-4} SAT ist wörtlich „Sein“, daher „Wesen; Wirklichkeit“. SANGA ist „Assoziation“. Sri Yukteswar nannte seine Eremitage-Organisation SAT-SANGA, „Gemeinschaft mit der Wahrheit“.
{FN15-5} „Wenn daher dein Auge einfach ist, wird dein ganzer Körper voller Licht sein.“-MATTHÄUS 6:22. Während tiefer Meditation wird das einzelne oder geistige Auge im mittleren Teil der Stirn sichtbar. Dieses allwissende Auge wird in den Schriften verschiedentlich als das dritte Auge, der Stern des Ostens, das innere Auge, die vom Himmel herabsteigende Taube, das Auge Shivas, das Auge der Intuition usw. bezeichnet.
{FN15-6} „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gebildet hat, sollte der nicht sehen? . . . der den Menschen Wissen lehrt, sollte der nicht wissen?“ - PSALM 94:9-10.
{FN15-7} Die Folklore aller Völker enthält Hinweise auf Beschwörungsformeln mit Macht über die Natur. Die amerikanischen Indianer sind dafür bekannt, Klangrituale für Regen und Wind entwickelt zu haben. Tan Sen, der große hinduistische Musiker, war in der Lage, Feuer durch die Kraft seines Gesangs zu löschen. Charles Kellogg, der kalifornische Naturforscher, demonstrierte 1926 vor einer Gruppe New Yorker Feuerwehrleute die Wirkung tonaler Schwingung auf Feuer. „Als er einen Bogen, wie einen vergrößerten Geigenbogen, schnell über eine Aluminiumstimmgabel führte, erzeugte er ein Kreischen wie intensives Radiostörgeräusch. Sofort sank die gelbe Gasflamme, die zwei Fuß hoch im Inneren eines hohlen Glasrohrs emporsprang, auf eine Höhe von sechs Zoll zusammen und wurde zu einer sprühenden blauen Flamme. Ein weiterer Versuch mit dem Bogen und ein weiteres Schwingungskreischen löschten sie aus.“
KAPITEL: 16
DIE STERNE ÜBERLISTEN
„Mukunda, warum besorgst du dir kein astrologisches Armband?“
„Sollte ich, Meister? Ich glaube nicht an Astrologie.“
„Es ist nie eine Frage des GLAUBENS; die einzige wissenschaftliche Haltung, die man zu irgendeinem Thema einnehmen kann, ist, ob es WAHR ist. Das Gravitationsgesetz wirkte vor Newton genauso effizient wie nach ihm. Der Kosmos wäre ziemlich chaotisch, wenn seine Gesetze nicht ohne die Sanktion des menschlichen Glaubens funktionieren könnten.
„Scharlatane haben die Sternenwissenschaft in ihren derzeitigen Zustand des Misskredits gebracht. Die Astrologie ist zu umfassend, sowohl mathematisch {FN16-1} als auch philosophisch, um von anderen als Männern mit tiefem Verständnis richtig erfasst zu werden. Wenn Ignoranten den Himmel falsch lesen und dort eine Kritzelei statt einer Schrift sehen, ist das in dieser unvollkommenen Welt zu erwarten. Man sollte die Weisheit nicht mit den ‚Weisen‘ abtun.
„Alle Teile der Schöpfung sind miteinander verbunden und tauschen ihre Einflüsse aus. Der ausgewogene Rhythmus des Universums wurzelt in Gegenseitigkeit“, fuhr mein Guru fort. „Der Mensch muss in seinem menschlichen Aspekt zwei Arten von Kräften bekämpfen – erstens die Aufruhr in seinem Inneren, verursacht durch die Beimischung von Erde, Wasser, Feuer, Luft und ätherischen Elementen; zweitens die äußeren zersetzenden Kräfte der Natur. Solange der Mensch mit seiner Sterblichkeit kämpft, ist er von den unzähligen Mutationen von Himmel und Erde betroffen.
„Astrologie ist das Studium der Reaktion des Menschen auf planetarische Reize. Die Sterne haben kein bewusstes Wohlwollen oder keine Feindseligkeit; sie senden lediglich positive und negative Strahlungen aus. Von sich aus helfen oder schaden diese der Menschheit nicht, bieten aber einen rechtmäßigen Kanal für das äußere Wirken von Ursache-Wirkungs-Gleichgewichten, die jeder Mensch in der Vergangenheit in Gang gesetzt hat.
„Ein Kind wird an dem Tag und zu der Stunde geboren, an dem die himmlischen Strahlen in mathematischer Harmonie mit seinem individuellen Karma stehen. Sein Horoskop ist ein herausforderndes Porträt, das seine unveränderliche Vergangenheit und ihre wahrscheinlichen zukünftigen Ergebnisse offenbart. Aber das Geburtshoroskop kann nur von Männern mit intuitiver Weisheit richtig interpretiert werden: diese sind wenige.
„Die Botschaft, die im Moment der Geburt kühn am Himmel prangt, soll nicht das Schicksal – das Ergebnis vergangener guter und böser Taten – betonen, sondern den Willen des Menschen wecken, seinem universellen Sklavendasein zu entkommen. Was er getan hat, kann er rückgängig machen. Niemand außer ihm selbst war der Anstifter der Ursachen für die Auswirkungen, die jetzt in seinem Leben vorherrschen. Er kann jede Begrenzung überwinden, weil er sie erstens durch seine eigenen Handlungen geschaffen hat und weil er über spirituelle Ressourcen verfügt, die keinem planetarischen Druck unterliegen.
„Abergläubische Ehrfurcht vor der Astrologie macht einen zum Automaten, der sklavisch von mechanischer Führung abhängig ist. Der Weise besiegt seine Planeten – was bedeutet, seine Vergangenheit –, indem er seine Treue von der Schöpfung zum Schöpfer verlagert. Je mehr er seine Einheit mit dem Geist erkennt, desto weniger kann er von der Materie beherrscht werden. Die Seele ist immer frei; sie ist unsterblich, weil sie nicht geboren wurde. Sie kann nicht von Sternen reglementiert werden.
„Der Mensch IST eine Seele und HAT einen Körper. Wenn er sein Identitätsgefühl richtig platziert, lässt er alle zwanghaften Muster hinter sich. Solange er in seinem gewöhnlichen Zustand spiritueller Amnesie verwirrt bleibt, wird er die subtilen Fesseln des Umweltgesetzes kennen.
„Gott ist Harmonie; der Anhänger, der sich darauf einstimmt, wird niemals eine Handlung misslingen lassen. Seine Aktivitäten werden korrekt und natürlich zeitlich so abgestimmt, dass sie dem astrologischen Gesetz entsprechen. Nach tiefem Gebet und Meditation steht er in Verbindung mit seinem göttlichen Bewusstsein; es gibt keine größere Kraft als diesen inneren Schutz.“
„Warum willst du dann, lieber Meister, dass ich ein astrologisches Armband trage?“ Ich wagte diese Frage nach langem Schweigen, währenddessen ich versucht hatte, Sri Yukteswars edle Darlegung zu verinnerlichen.
„Nur wenn ein Reisender sein Ziel erreicht hat, ist es gerechtfertigt, seine Karten wegzuwerfen. Während der Reise nutzt er jede bequeme Abkürzung. Die alten Rishis entdeckten viele Wege, die Zeit des menschlichen Exils im Wahn zu verkürzen. Es gibt bestimmte mechanische Merkmale im Gesetz des Karma, die von den Fingern der Weisheit geschickt angepasst werden können.
„Alle menschlichen Leiden entstehen aus irgendeiner Übertretung des universellen Gesetzes. Die Schriften weisen darauf hin, dass der Mensch die Gesetze der Natur erfüllen muss, während er die göttliche Allmacht nicht diskreditiert. Er sollte sagen: ‚Herr, ich vertraue auf Dich und weiß, dass Du mir helfen kannst, aber auch ich werde mein Bestes tun, um alles Unrecht, das ich getan habe, wiedergutzumachen.‘ Durch eine Reihe von Mitteln – durch Gebet, durch Willenskraft, durch Yoga-Meditation, durch Beratung mit Heiligen, durch Verwendung astrologischer Armbänder – können die nachteiligen Auswirkungen vergangener Verfehlungen minimiert oder aufgehoben werden.
„So wie ein Haus mit einem Kupferstab ausgestattet werden kann, um den Schlag des Blitzes zu absorbieren, so kann der körperliche Tempel von verschiedenen Schutzmaßnahmen profitieren. Vor langer Zeit entdeckten unsere Yogis, dass reine Metalle ein astrales Licht ausstrahlen, das den negativen Zügen der Planeten stark entgegenwirkt. Subtile elektrische und magnetische Strahlungen zirkulieren ständig im Universum; wenn der Körper eines Menschen unterstützt wird, weiß er es nicht; wenn er zersetzt wird, ist er immer noch in Unwissenheit. Kann er etwas dagegen tun?
„Dieses Problem erregte die Aufmerksamkeit unserer Rishis; sie fanden nicht nur eine Kombination von Metallen hilfreich, sondern auch von Pflanzen und – am effektivsten von allen – makellose Juwelen von nicht weniger als zwei Karat. Die präventiven Anwendungen der Astrologie wurden außerhalb Indiens selten ernsthaft untersucht. Eine wenig bekannte Tatsache ist, dass die richtigen Juwelen, Metalle oder Pflanzenpräparate wertlos sind, wenn nicht das erforderliche Gewicht erreicht wird und wenn diese heilenden Mittel nicht direkt auf der Haut getragen werden.“
„Sir, natürlich werde ich Ihren Rat befolgen und mir ein Armband besorgen. Ich bin fasziniert von dem Gedanken, einen Planeten zu überlisten!“
„Für allgemeine Zwecke empfehle ich die Verwendung eines Armbands aus Gold, Silber und Kupfer. Aber für einen bestimmten Zweck möchte ich, dass du dir eines aus Silber und Blei besorgst.“ Sri Yukteswar fügte sorgfältige Anweisungen hinzu.
„Guruji, welchen ‚bestimmten Zweck‘ meinen Sie?“
„Die Sterne sind im Begriff, ein unfreundliches Interesse an dir zu nehmen, Mukunda. Fürchte dich nicht; du wirst geschützt sein. In etwa einem Monat wird dir deine Leber viel Ärger bereiten. Die Krankheit ist für eine Dauer von sechs Monaten angesetzt, aber deine Verwendung eines astrologischen Armbands wird die Dauer auf vierundzwanzig Tage verkürzen.“
Am nächsten Tag suchte ich einen Juwelier auf und trug bald das Armband. Meine Gesundheit war ausgezeichnet; die Vorhersage des Meisters entfiel mir. Er verließ Serampore, um Benares zu besuchen. Dreißig Tage nach unserem Gespräch spürte ich einen plötzlichen Schmerz in der Leberregion. Die folgenden Wochen waren ein Albtraum aus qualvollen Schmerzen. Da ich meinen Guru nicht stören wollte, dachte ich, ich würde meine Prüfung mutig allein ertragen.
Aber dreiundzwanzig Tage der Qual schwächten meinen Entschluss; ich fuhr mit dem Zug nach Benares. Dort begrüßte mich Sri Yukteswar mit ungewöhnlicher Wärme, gab mir aber keine Gelegenheit, ihm meine Leiden unter vier Augen zu schildern. Viele Anhänger besuchten den Meister an diesem Tag, nur für einen DARSHAN. {FN16-2} Krank und vernachlässigt saß ich in einer Ecke. Erst nach dem Abendessen waren alle Gäste gegangen. Mein Guru rief mich auf den achteckigen Balkon des Hauses.
„Du musst wegen deiner Leberstörung gekommen sein.“ Sri Yukteswars Blick war abgewendet; er ging auf und ab und fing gelegentlich das Mondlicht ein. „Lass mal sehen; du bist seit vierundzwanzig Tagen krank, nicht wahr?“
„Ja, Sir.“
„Bitte mache die Bauchübung, die ich dir beigebracht habe.“
„Wenn Sie das Ausmaß meines Leidens kennen würden, Meister, würden Sie mich nicht bitten, zu trainieren.“ Dennoch machte ich einen schwachen Versuch, ihm zu gehorchen.
„Du sagst, du hast Schmerzen; ich sage, du hast keine. Wie können solche Widersprüche existieren?“ Mein Guru sah mich fragend an.
Ich war benommen und dann von freudiger Erleichterung überwältigt. Ich konnte die ständige Qual, die mich wochenlang fast schlaflos gemacht hatte, nicht mehr spüren; bei Sri Yukteswars Worten verschwand die Qual, als ob sie nie existiert hätte.
Ich wollte vor Dankbarkeit auf die Knie fallen, aber er hielt mich schnell davon ab.
„Sei nicht kindisch. Steh auf und genieße die Schönheit des Mondes über dem Ganges.“ Aber die Augen des Meisters funkelten glücklich, als ich schweigend neben ihm stand. Ich verstand durch seine Haltung, dass er wollte, dass ich fühlte, dass nicht er, sondern Gott der Heiler gewesen war.
Ich trage noch heute das schwere Silber- und Bleiband, ein Andenken an jenen Tag – längst vergangen, immer geschätzt –, als ich aufs Neue feststellte, dass ich mit einer wahrhaft übermenschlichen Persönlichkeit zusammenlebte. Bei späteren Gelegenheiten, wenn ich meine Freunde zur Heilung zu Sri Yukteswar brachte, empfahl er immer Juwelen oder das Armband und pries deren Gebrauch als einen Akt astrologischer Weisheit.
Ich war seit meiner Kindheit gegen Astrologie voreingenommen, teilweise weil ich beobachtete, dass viele Menschen ihr sklavisch anhängen, und teilweise wegen einer Vorhersage unseres Familienastrologen: „Du wirst dreimal heiraten und zweimal Witwer sein.“ Ich grübelte über die Angelegenheit nach und fühlte mich wie eine Ziege, die vor dem Tempel der dreifachen Ehe auf das Opfer wartet.
„Du kannst dich genauso gut in dein Schicksal ergeben“, hatte mein Bruder Ananta bemerkt. „Dein schriftliches Horoskop hat korrekt festgestellt, dass du in deinen frühen Jahren von zu Hause in Richtung Himalaya fliehen, aber gewaltsam zurückgebracht werden würdest. Die Prognose deiner Ehen wird auch zwangsläufig wahr sein.“
Eines Nachts kam mir eine klare Intuition, dass die Prophezeiung völlig falsch war. Ich steckte die Horoskoprolle in Brand und legte die Asche in eine Papiertüte, auf die ich schrieb: „Samen vergangenen Karmas können nicht keimen, wenn sie in den göttlichen Feuern der Weisheit geröstet werden.“ Ich legte die Tüte an einen auffälligen Ort; Ananta las sofort meinen trotzigen Kommentar.
„Du kannst die Wahrheit nicht so leicht zerstören, wie du diese Papierrolle verbrannt hast.“ Mein Bruder lachte spöttisch.
Es ist eine Tatsache, dass meine Familie bei drei Gelegenheiten, bevor ich das Mannesalter erreichte, versuchte, meine Verlobung zu arrangieren. Jedes Mal weigerte ich mich, den Plänen zuzustimmen, {FN16-3} da ich wusste, dass meine Liebe zu Gott überwältigender war als jede astrologische Überzeugung aus der Vergangenheit.
„Je tiefer die Selbstverwirklichung eines Menschen ist, desto mehr beeinflusst er das ganze Universum durch seine subtilen spirituellen Schwingungen, und desto weniger ist er selbst vom phänomenalen Fluss betroffen.“ Diese Worte des Meisters kamen mir oft inspirierend in den Sinn.
Gelegentlich sagte ich Astrologen, sie sollten meine schlimmsten Perioden gemäß den planetarischen Anzeichen auswählen, und ich würde dennoch jede Aufgabe erfüllen, die ich mir vornahm. Es stimmt, dass mein Erfolg zu solchen Zeiten von außergewöhnlichen Schwierigkeiten begleitet war. Aber meine Überzeugung war immer gerechtfertigt: Glaube an den göttlichen Schutz und die richtige Verwendung des gottgegebenen menschlichen Willens sind Kräfte, die gewaltiger sind als alles, was die „umgekehrte Schale“ aufbieten kann.
Die sternenklare Inschrift bei der Geburt eines Menschen, so begriff ich, bedeutet nicht, dass der Mensch eine Marionette seiner Vergangenheit ist. Ihre Botschaft ist eher ein Ansporn für den Stolz; der Himmel selbst versucht, die Entschlossenheit des Menschen zu wecken, von jeder Begrenzung frei zu sein. Gott schuf jeden Menschen als eine Seele, ausgestattet mit Individualität, daher wesentlich für die universelle Struktur, sei es in der vorübergehenden Rolle als Pfeiler oder Parasit. Seine Freiheit ist endgültig und unmittelbar, wenn er es so will; sie hängt nicht von äußeren, sondern von inneren Siegen ab.
Sri Yukteswar entdeckte die mathematische Anwendung eines 24.000-jährigen Äquinoktialzyklus auf unser gegenwärtiges Zeitalter. {FN16-4} Der Zyklus ist in einen aufsteigenden Bogen und einen absteigenden Bogen unterteilt, jeder von 12.000 Jahren. Innerhalb jedes Bogens liegen vier YUGAS oder Zeitalter, genannt KALI, DWAPARA, TRETA und SATYA, entsprechend den griechischen Vorstellungen von Eisen-, Bronze-, Silber- und Goldenen Zeitaltern.
Mein Guru stellte durch verschiedene Berechnungen fest, dass das letzte KALI YUGA oder Eisenzeitalter des aufsteigenden Bogens etwa im Jahr 500 n. Chr. begann. Das Eisenzeitalter, das 1200 Jahre dauert, ist eine Spanne des Materialismus; es endete etwa 1700 n. Chr. Dieses Jahr läutete das DWAPARA YUGA ein, eine 2400-jährige Periode elektrischer und atomarer Energieentwicklungen, das Zeitalter von Telegraphie, Radio, Flugzeugen und anderen Raumvernichtern.
Die 3600-jährige Periode des TRETA YUGA wird 4100 n. Chr. beginnen; ihr Zeitalter wird durch allgemeines Wissen über telepathische Kommunikation und andere Zeitvernichter gekennzeichnet sein. Während der 4800 Jahre des SATYA YUGA, dem letzten Zeitalter in einem aufsteigenden Bogen, wird die Intelligenz eines Menschen vollständig entwickelt sein; er wird in Harmonie mit dem göttlichen Plan arbeiten.
Ein absteigender Bogen von 12.000 Jahren, beginnend mit einem absteigenden Goldenen Zeitalter von 4800 Jahren, beginnt dann {FN16-5} für die Welt; der Mensch versinkt allmählich in Unwissenheit. Diese Zyklen sind die ewigen Runden von MAYA, die Kontraste und Relativitäten des phänomenalen Universums. {FN16-6} Der Mensch entkommt einzeln dem Gefängnis der Dualität der Schöpfung, während er zum Bewusstsein seiner unauflöslichen göttlichen Einheit mit dem Schöpfer erwacht.
Der Meister erweiterte mein Verständnis nicht nur für Astrologie, sondern auch für die Schriften der Welt. Indem er die heiligen Texte auf den makellosen Tisch seines Geistes legte, war er in der Lage, sie mit dem Skalpell intuitiven Denkens zu sezieren und Fehler und Einschübe von Gelehrten von den Wahrheiten zu trennen, wie sie ursprünglich von den Propheten ausgedrückt wurden.
„Fixiere deinen Blick auf die Nasenspitze.“ Diese ungenaue Interpretation einer BHAGAVAD GITA-Strophe, {FN16-7} die von östlichen Pundits und westlichen Übersetzern weithin akzeptiert wird, pflegte die drollige Kritik des Meisters zu wecken.
„Der Weg eines Yogis ist ohnehin einzigartig genug“, bemerkte er. „Warum ihm raten, dass er sich auch noch schielen machen muss? Die wahre Bedeutung von NASIKAGRAM ist ‚Ursprung der Nase‘, nicht ‚Ende der Nase‘. Die Nase beginnt an dem Punkt zwischen den beiden Augenbrauen, dem Sitz des spirituellen Sehens.“ {FN16-8} Wegen eines SANKHYA {FN16-9} Aphorismus, „ISWAR-ASHIDHA“ – „Ein Schöpfergott kann nicht abgeleitet werden“ oder „Gott ist nicht bewiesen“ {FN16-10} – bezeichnen viele Gelehrte die gesamte Philosophie als atheistisch.
„Der Vers ist nicht nihilistisch“, erklärte Sri Yukteswar. „Er bedeutet lediglich, dass für den unerleuchteten Menschen, der für alle endgültigen Urteile von seinen Sinnen abhängig ist, der Beweis für Gott unbekannt und daher nicht existent bleiben muss. Wahre SANKHYA-Anhänger mit unerschütterlicher Einsicht, die aus Meditation geboren wurde, verstehen, dass der Herr sowohl existent als auch erkennbar ist.“
Der Meister legte die christliche Bibel mit einer wunderschönen Klarheit aus. Von meinem hinduistischen Guru, der in der Mitgliederliste christlicher Gemeinden unbekannt war, lernte ich, das unsterbliche Wesen der Bibel wahrzunehmen und die Wahrheit in Christi Behauptung zu verstehen – sicherlich die aufregendste kompromisslose, die jemals geäußert wurde: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ {FN16-11}
Die großen Meister Indiens formen ihr Leben nach denselben göttlichen Idealen, die Jesus belebten; diese Männer sind seine verkündeten Verwandten: „Wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ {FN16-12} „Wenn ihr in meinem Wort bleibt“, betonte Christus, „dann seid ihr wahrhaftig meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ {FN16-13} Alle Freien, Herren ihrer selbst, die Yogi-Christs Indiens sind Teil der unsterblichen Bruderschaft: jene, die ein befreiendes Wissen vom Einen Vater erlangt haben.
„Die Geschichte von Adam und Eva ist für mich unverständlich!“ bemerkte ich eines Tages voller Hitze während meiner frühen Kämpfe mit der Allegorie. „Warum bestrafte Gott nicht nur das schuldige Paar, sondern auch die unschuldigen ungeborenen Generationen?“
Der Meister war mehr von meiner Vehemenz als von meiner Unwissenheit amüsiert. „GENESIS ist zutiefst symbolisch und kann nicht durch eine wörtliche Interpretation erfasst werden“, erklärte er. „Ihr ‚Baum des Lebens‘ ist der menschliche Körper. Das Rückenmark ist wie ein umgedrehter Baum, mit dem Haar des Menschen als Wurzeln und afferenten und efferenten Nerven als Zweige. Der Baum des Nervensystems trägt viele genussvolle Früchte oder Empfindungen von Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Diesen darf der Mensch rechtmäßig nachgeben; aber ihm wurde die Erfahrung von Sex verboten, der ‚Apfel‘ im Zentrum des körperlichen Gartens.“ {FN16-14}
„Die ‚Schlange‘ repräsentiert die aufgerollte spinale Energie, die die Sexnerven stimuliert. ‚Adam‘ ist Verstand und ‚Eva‘ ist Gefühl. Wenn die Emotion oder das Eva-Bewusstsein in irgendeinem menschlichen Wesen vom Sexualtrieb überwältigt wird, unterliegt auch sein Verstand oder Adam.“ {FN16-15}
„Gott schuf die menschliche Spezies, indem Er die Körper von Mann und Frau durch die Kraft Seines Willens materialisierte; Er verlieh der neuen Spezies die Macht, Kinder auf eine ähnliche ‚makellose‘ oder göttliche Weise zu erschaffen. {FN16-16} Da Seine Manifestation in der individualisierten Seele bis dahin auf Tiere beschränkt gewesen war, die an den Instinkt gebunden waren und denen das Potenzial der vollen Vernunft fehlte, erschuf Gott die ersten menschlichen Körper, die symbolisch Adam und Eva genannt werden. Auf diese übertrug Er zum Zwecke einer vorteilhaften Aufwärtsentwicklung die Seelen oder die göttliche Essenz zweier Tiere. {FN16-17} In Adam oder dem Mann überwog die Vernunft; in Eva oder der Frau war das Gefühl vorherrschend. So kam die Dualität oder Polarität zum Ausdruck, die den phänomenalen Welten zugrunde liegt. Vernunft und Gefühl verbleiben in einem Himmel gemeinsamer Freude, solange der menschliche Geist nicht durch die schlangenartige Energie tierischer Neigungen getäuscht wird.
Der menschliche Körper war daher nicht allein ein Ergebnis der Evolution aus Tieren, sondern wurde durch einen Akt besonderer Schöpfung Gottes hervorgebracht. Die tierischen Formen waren zu grob, um die volle Göttlichkeit auszudrücken; dem menschlichen Wesen wurde auf einzigartige Weise eine enorme geistige Kapazität – der ‚tausendblättrige Lotus‘ des Gehirns – sowie scharf erwachte okkulte Zentren in der Wirbelsäule gegeben.
Gott, oder das göttliche Bewusstsein, das im ersten erschaffenen Paar gegenwärtig war, riet ihnen, alle menschlichen Empfindungen zu genießen, aber ihre Konzentration nicht auf Tastempfindungen zu legen. {FN16-18} Diese wurden untersagt, um die Entwicklung der Geschlechtsorgane zu vermeiden, welche die Menschheit in die untergeordnete tierische Methode der Fortpflanzung verstricken würde. Die Warnung, unterbewusst vorhandene tierische Erinnerungen nicht wiederzubeleben, wurde nicht beachtet. Indem sie den Weg der tierischen Fortpflanzung wieder aufnahmen, fielen Adam und Eva aus dem Zustand himmlischer Freude, der dem ursprünglichen vollkommenen Menschen natürlich war.
Die Erkenntnis von ‚Gut und Böse‘ bezieht sich auf den kosmischen dualistischen Zwang. Indem der Mensch durch den Missbrauch seines Gefühls und seiner Vernunft – oder seines Eva- und Adam-Bewusstseins – unter die Herrschaft von MAYA fällt, gibt er sein Recht auf, den himmlischen Garten göttlicher Selbstgenügsamkeit zu betreten. {FN16-19} Die persönliche Verantwortung eines jeden Menschen besteht darin, seine ‚Eltern‘ oder seine duale Natur wieder in eine vereinte Harmonie oder einen Eden zurückzuführen.“
Als Sri Yukteswar seine Ausführungen beendete, betrachtete ich die Seiten der GENESIS mit neuem Respekt.
„Lieber Meister“, sagte ich, „zum ersten Mal empfinde ich eine angemessene kindliche Verpflichtung gegenüber Adam und Eva!“
{FN16-1} Aus astronomischen Hinweisen in alten hinduistischen Schriften konnten Gelehrte die Daten der Verfasser korrekt ermitteln. Das wissenschaftliche Wissen der Rishis war sehr groß; im KAUSHITAKI BRAHMANA finden wir präzise astronomische Passagen, die zeigen, dass die Hindus bereits 3100 v. Chr. weit fortgeschritten in der Astronomie waren, was einen praktischen Wert bei der Bestimmung günstiger Zeiten für astrologische Zeremonien hatte. In einem Artikel in EAST-WEST vom Februar 1934 wird folgende Zusammenfassung des JYOTISH oder des Korpus vedischer astronomischer Abhandlungen gegeben: „Es enthält das wissenschaftliche Wissen, das Indien an der Spitze aller alten Nationen hielt und es zum Mekka für Wissenssuchende machte. Das sehr alte BRAHMAGUPTA, eines der JYOTISH-Werke, ist eine astronomische Abhandlung, die sich mit Themen wie der heliozentrischen Bewegung der Planetenkörper in unserem Sonnensystem, der Schiefe der Ekliptik, der Kugelgestalt der Erde, dem reflektierten Licht des Mondes, der täglichen Achsendrehung der Erde, dem Vorhandensein von Fixsternen in der Milchstraße, dem Gravitationsgesetz und anderen wissenschaftlichen Fakten befasst, die in der westlichen Welt erst zur Zeit von Kopernikus und Newton aufkamen.“
Es ist heute allgemein bekannt, dass die sogenannten „arabischen Ziffern“, ohne deren Symbole fortgeschrittene Mathematik schwierig ist, im 9. Jahrhundert über die Araber aus Indien nach Europa kamen, wo dieses Notationssystem in alter Zeit formuliert worden war. Weitere Aufschlüsse über Indiens riesiges wissenschaftliches Erbe finden sich in Dr. P. C. Rays HISTORY OF HINDU CHEMISTRY und in Dr. B. N. Seals POSITIVE SCIENCES OF THE ANCIENT HINDUS.
{FN16-2} Der Segen, der allein aus dem Anblick eines Heiligen fließt.
{FN16-3} Eines der Mädchen, die meine Familie als mögliche Braut für mich auswählte, heiratete später meinen Cousin, Prabhas Chandra Ghose.
{FN16-4} Eine Serie von dreizehn Artikeln über die historische Verifizierung von Sri Yukteswars YUGA-Theorie erschien in der Zeitschrift EAST-WEST (Los Angeles) von September 1932 bis September 1933.
{FN16-5} Im Jahr 12.500 n. Chr.
{FN16-6} Die hinduistischen Schriften verorten das gegenwärtige Weltzeitalter innerhalb des KALI YUGA eines viel längeren universalen Zyklus als den einfachen 24.000-jährigen Äquinoktialzyklus, mit dem sich Sri Yukteswar befasste. Der universale Zyklus der Schriften umfasst 4.300.560.000 Jahre und bemisst einen Schöpfungstag oder die Lebensdauer, die unserem Planetensystem in seiner gegenwärtigen Form zugewiesen ist. Diese riesige Zahl, die von den Rishis angegeben wurde, basiert auf einer Beziehung zwischen der Länge des Sonnenjahres und einem Vielfachen von Pi (3,1416, das Verhältnis von Kreisumfang zu Durchmesser).
Die Lebensspanne für ein ganzes Universum beträgt nach den alten Sehern 314.159.000.000.000 Sonnenjahre oder „Ein Zeitalter Brahmas“.
Wissenschaftler schätzen das gegenwärtige Alter der Erde auf etwa zwei Milliarden Jahre und stützen ihre Schlussfolgerungen auf die Untersuchung von Bleitaschen, die als Ergebnis von Radioaktivität in Gesteinen zurückgeblieben sind. Die hinduistischen Schriften erklären, dass eine Erde wie die unsere aus einem von zwei Gründen aufgelöst wird: Die Bewohner werden als Ganzes entweder vollkommen gut oder vollkommen böse. Der Weltgeist erzeugt so eine Kraft, die die gefangenen Atome freisetzt, die als Erde zusammengehalten wurden.
Gelegentlich werden düstere Verkündungen über ein unmittelbar bevorstehendes „Ende der Welt“ veröffentlicht. Die jüngste Untergangsvorhersage wurde von Rev. Chas. G. Long aus Pasadena gemacht, der öffentlich den „Tag des Jüngsten Gerichts“ auf den 21. September 1945 festlegte. Reporter der UNITED PRESS fragten nach meiner Meinung; ich erklärte, dass Weltzyklen einer geordneten Abfolge gemäß einem göttlichen Plan folgen. Keine irdische Auflösung ist in Sicht; zwei Milliarden Jahre aufsteigender und absteigender Äquinoktialzyklen stehen unserem Planeten in seiner gegenwärtigen Form noch bevor. Die von den Rishis für die verschiedenen Weltzeitalter angegebenen Zahlen verdienen im Westen ein sorgfältiges Studium; die Zeitschrift TIME (17. Dez. 1945, S. 6) nannte sie „beruhigende Statistiken“.
{FN16-7} Kapitel VI:13.
{FN16-8} „Das Licht des Leibes ist das Auge: Wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein; wenn aber dein Auge ein Übel hat, so wird dein ganzer Leib finster sein. So schaue darauf, dass das Licht, das in dir ist, nicht Finsternis sei.“ – LUKAS 11:34-35.
{FN16-9} Eines der sechs Systeme der hinduistischen Philosophie. SANKHYA lehrt die endgültige Befreiung durch die Erkenntnis von fünfundzwanzig Prinzipien, beginnend mit PRAKRITI oder Natur und endend mit PURUSHA oder Seele.
{FN16-10} SANKHYA APHORISMS, I:92.
{FN16-11} MATTHÄUS 24:35.
{FN16-12} MATTHÄUS 12:50.
{FN16-13} JOHANNES 8:31-32. St. Johannes bezeugte: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben (diejenigen, die im Christus-Bewusstsein gefestigt sind).“ – JOHANNES 1:12.
{FN16-14} „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten, aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret ihn auch nicht an, dass ihr nicht sterbet.“ – GENESIS 3:2-3.
{FN16-15} „Die Frau, die du mir zugesellt hast, die gab mir von dem Baum, und ich aß. Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, dass ich aß.“ – GEN. 3:12-13.
{FN16-16} „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“ – GEN. 1:27-28.
{FN16-17} „Da machte Gott der Herr den Menschen aus einem Klumpen von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und der Mensch ward eine lebendige Seele.“ – GEN. 2:7.
{FN16-18} „Aber die Schlange (Sexkraft) war listiger als alle Tiere auf dem Felde“ (jeder andere Sinn des Körpers). – GEN. 3:1.
{FN16-19} „Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.“ – GEN. 2:8. „Und Gott der Herr wies ihn aus dem Garten Eden, dass er das Feld bebaute, davon er genommen war.“ – GEN. 3:23. Der göttliche Mensch, der zuerst von Gott erschaffen wurde, hatte sein Bewusstsein im allmächtigen einzigen Auge in der Stirn (gegen Morgen) zentriert. Die allschöpferischen Kräfte seines Willens, die auf diesen Punkt fokussiert waren, gingen dem Menschen verloren, als er begann, den „Boden“ seiner physischen Natur zu „bebauen“.
KAPITEL: 17
SASI UND DIE DREI SAPPHIRE
„Weil du und mein Sohn eine so hohe Meinung von Swami Sri Yukteswar habt, werde ich ihn mir einmal ansehen.“ Der Tonfall, den Dr. Narayan Chunder Roy dabei benutzte, ließ darauf schließen, dass er lediglich die Laune von Schwachköpfen bediente. Ich verbarg meine Empörung, ganz im Sinne der besten Traditionen eines Missionars.
Mein Begleiter, ein Tierarzt, war ein überzeugter Agnostiker. Sein junger Sohn Santosh hatte mich angefleht, mich seines Vaters anzunehmen. Bisher war meine unschätzbare Hilfe eher unsichtbar geblieben.
Dr. Roy begleitete mich am nächsten Tag zur Einsiedelei in Serampore. Nachdem der Meister ihm eine kurze Unterredung gewährt hatte, die größtenteils von stoischem Schweigen auf beiden Seiten geprägt war, ging der Besucher brüsk wieder.
„Warum bringst du einen Toten in den Ashram?“ Sri Yukteswar sah mich fragend an, sobald sich die Tür hinter dem Skeptiker aus Kalkutta geschlossen hatte.
„Meister! Der Doktor ist sehr lebendig!“
„Aber in kurzer Zeit wird er tot sein.“
Ich war schockiert. „Meister, das wird ein schrecklicher Schlag für seinen Sohn sein. Santosh hofft immer noch auf Zeit, um die materialistischen Ansichten seines Vaters zu ändern. Ich beschwöre Euch, Meister, helft dem Mann.“
„Sehr wohl; deinetwegen.“ Das Gesicht meines Gurus war ausdruckslos. „Der stolze Pferdedoktor ist weit fortgeschritten an Diabetes erkrankt, obwohl er es nicht weiß. In fünfzehn Tagen wird er das Bett hüten müssen. Die Ärzte werden ihn aufgeben; seine natürliche Zeit, diese Erde zu verlassen, ist in sechs Wochen von heute an. Dank deiner Fürsprache wird er jedoch an diesem Datum genesen. Aber es gibt eine Bedingung. Du musst ihn dazu bringen, einen astrologischen Armreif zu tragen; er wird zweifellos so heftig dagegen protestieren wie eines seiner Pferde vor einer Operation!“ Der Meister kicherte.
Nach einer Stille, in der ich mich fragte, wie Santosh und ich am besten die Kunst der Schmeichelei bei dem widerspenstigen Doktor anwenden könnten, machte Sri Yukteswar weitere Enthüllungen.
„Sobald der Mann gesund ist, rate ihm, kein Fleisch zu essen. Er wird diesen Rat jedoch nicht befolgen, und in sechs Monaten, gerade wenn er sich am wohlsten fühlt, wird er tot umfallen. Selbst diese sechsmonatige Lebensverlängerung wird ihm nur aufgrund deiner Bitte gewährt.“
Am nächsten Tag schlug ich Santosh vor, beim Juwelier einen Armreif zu bestellen. Er war in einer Woche fertig, aber Dr. Roy weigerte sich, ihn anzulegen.
„Ich bin bei bester Gesundheit. Mit diesen astrologischen Aberglauben wirst du mich nie beeindrucken.“ Der Doktor sah mich kämpferisch an.
Ich erinnerte mich amüsiert daran, dass der Meister den Mann zu Recht mit einem bockigen Pferd verglichen hatte. Weitere sieben Tage vergingen; der Doktor, plötzlich krank, willigte demütig ein, den Armreif zu tragen. Zwei Wochen später teilte mir der behandelnde Arzt mit, der Fall seines Patienten sei hoffnungslos. Er lieferte erschütternde Details über die Verwüstungen, die der Diabetes angerichtet hatte.
Ich schüttelte den Kopf. „Mein Guru hat gesagt, dass Dr. Roy nach einer einmonatigen Krankheit wieder gesund sein wird.“
Der Arzt starrte mich ungläubig an. Aber vierzehn Tage später suchte er mich mit entschuldigender Miene auf.
„Dr. Roy ist vollständig genesen!“ rief er aus. „Es ist der erstaunlichste Fall meiner Erfahrung. Noch nie habe ich gesehen, dass ein sterbender Mann eine solch unerklärliche Genesung zeigt. Ihr Guru muss wahrlich ein heilender Prophet sein!“
Nach einem Gespräch mit Dr. Roy, bei dem ich Sri Yukteswars Rat bezüglich einer fleischlosen Ernährung wiederholte, sah ich den Mann sechs Monate lang nicht mehr. Eines Abends hielt er an, um ein wenig zu plaudern, während ich auf der Veranda meines Elternhauses in der Gurpar Road saß.
„Sag deinem Lehrer, dass ich durch das häufige Essen von Fleisch meine Kräfte vollständig zurückgewonnen habe. Seine unwissenschaftlichen Ideen über Ernährung haben mich nicht beeinflusst.“ Es stimmte, dass Dr. Roy kerngesund aussah.
Doch am nächsten Tag kam Santosh von seinem Haus im nächsten Block zu mir gelaufen. „Heute Morgen ist Vater tot umgefallen!“
Dieser Fall war eine meiner seltsamsten Erfahrungen mit dem Meister. Er heilte den rebellischen Tierarzt trotz dessen Unglaubens und verlängerte die natürliche Lebenszeit des Mannes auf Erden um sechs Monate, nur wegen meines eindringlichen Flehens. Sri Yukteswars Güte war grenzenlos, wenn er mit dem dringenden Gebet eines Devotees konfrontiert wurde.
Es war mein stolzestes Privileg, College-Freunde mitzubringen, um meinen Guru kennenzulernen. Viele von ihnen legten – zumindest im Ashram! – ihren modischen akademischen Mantel des religiösen Skeptizismus ab.
Einer meiner Freunde, Sasi, verbrachte eine Reihe glücklicher Wochenenden in Serampore. Der Meister gewann den Jungen sehr lieb und beklagte, dass sein Privatleben wild und ungeordnet sei.
„Sasi, wenn du dich nicht besserst, wirst du in einem Jahr gefährlich krank sein.“ Sri Yukteswar betrachtete meinen Freund mit liebevoller Entrüstung. „Mukunda ist mein Zeuge: Sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Sasi lachte. „Meister, ich überlasse es Euch, das Wohlwollen des Kosmos für meinen eigenen traurigen Fall zu wecken! Der Geist ist willig, aber mein Wille ist schwach. Ihr seid mein einziger Erlöser auf Erden; an nichts anderes glaube ich.“
„Wenigstens solltest du einen blauen Saphir von zwei Karat tragen. Er wird dir helfen.“
„Ich kann mir keinen leisten. Wie auch immer, lieber Guruji, wenn Ärger kommt, glaube ich fest daran, dass Ihr mich beschützen werdet.“
„In einem Jahr wirst du drei Saphire bringen“, antwortete Sri Yukteswar kryptisch. „Sie werden dann von keinem Nutzen mehr sein.“
Variationen dieses Gesprächs fanden regelmäßig statt. „Ich kann mich nicht bessern!“, sagte Sasi in komischer Verzweiflung. „Und mein Vertrauen in Euch, Meister, ist mir kostbarer als jeder Stein!“
Ein Jahr später besuchte ich meinen Guru im Haus seines Schülers, Naren Babu, in Kalkutta. Gegen zehn Uhr morgens, als Sri Yukteswar und ich ruhig im Wohnzimmer im zweiten Stock saßen, hörte ich die Haustür öffnen. Der Meister richtete sich steif auf.
„Es ist dieser Sasi“, bemerkte er ernst. „Das Jahr ist nun um; beide seine Lungen sind dahin. Er hat meinen Rat ignoriert; sag ihm, dass ich ihn nicht sehen will.“
Halb betäubt von Sri Yukteswars Strenge, rannte ich die Treppe hinunter. Sasi kam gerade herauf.
„O Mukunda! Ich hoffe sehr, der Meister ist hier; ich hatte eine Vorahnung, dass er es sein könnte.“
„Ja, aber er möchte nicht gestört werden.“
Sasi brach in Tränen aus und drängte an mir vorbei. Er warf sich Sri Yukteswar zu Füßen und legte drei wunderschöne Saphire dorthin.
„Allwissender Guru, die Ärzte sagen, ich habe galoppierende Tuberkulose! Sie geben mir nicht länger als drei Monate! Ich flehe Euch demütig um Hilfe an; ich weiß, Ihr könnt mich heilen!“
„Ist es nicht ein bisschen spät, sich jetzt Sorgen um dein Leben zu machen? Geh mit deinen Juwelen; ihre Zeit der Nützlichkeit ist vorbei.“ Der Meister saß dann sphinxhaft in einer unnachgiebigen Stille, die nur durch das Schluchzen des Jungen um Gnade unterbrochen wurde.
Eine intuitive Überzeugung kam mir, dass Sri Yukteswar lediglich die Tiefe von Sasis Glauben an die göttliche Heilkraft prüfte. Ich war nicht überrascht, als der Meister eine angespannte Stunde später einen mitfühlenden Blick auf meinen am Boden liegenden Freund warf.
„Steh auf, Sasi; was für einen Aufruhr du in den Häusern anderer Leute machst! Bring deine Saphire zum Juwelier zurück; sie sind jetzt eine unnötige Ausgabe. Aber besorge dir einen astrologischen Armreif und trage ihn. Fürchte dich nicht; in ein paar Wochen wirst du gesund sein.“
Sasis Lächeln erhellte sein tränenüberströmtes Gesicht wie plötzliche Sonne über einer durchnässten Landschaft. „Geliebter Guru, soll ich die von den Ärzten verschriebenen Medikamente einnehmen?“
Sri Yukteswars Blick war gelassen. „Ganz wie du willst – trink sie oder verwirf sie; das spielt keine Rolle. Es ist wahrscheinlicher, dass Sonne und Mond ihre Plätze tauschen, als dass du an Tuberkulose stirbst.“ Er fügte abrupt hinzu: „Geh jetzt, bevor ich meine Meinung ändere!“
Mit einer hastigen Verbeugung eilte mein Freund davon. Ich besuchte ihn während der nächsten Wochen mehrmals und war entsetzt, festzustellen, dass sein Zustand immer schlimmer wurde.
„Sasi wird die Nacht nicht überstehen.“ Diese Worte seines Arztes und der Anblick meines Freundes, der nun fast zu einem Skelett abgemagert war, ließen mich eilig nach Serampore aufbrechen. Mein Guru hörte sich meinen tränenreichen Bericht kalt an.
„Warum kommst du hierher, um mich zu belästigen? Du hast bereits gehört, wie ich Sasi seine Genesung versichert habe.“
Ich verneigte mich in großer Ehrfurcht vor ihm und wich zur Tür zurück. Sri Yukteswar sagte kein Abschiedswort, sondern versank in Schweigen, seine unverwandten Augen halb geöffnet, ihr Blick in eine andere Welt entschwunden.
Ich kehrte sofort zu Sasis Haus in Kalkutta zurück. Mit Erstaunen fand ich meinen Freund aufrecht sitzend vor, wie er Milch trank.
„O Mukunda! Was für ein Wunder! Vor vier Stunden spürte ich die Anwesenheit des Meisters im Raum; meine schrecklichen Symptome verschwanden sofort. Ich fühle, dass ich durch seine Gnade vollständig gesund bin.“
In wenigen Wochen war Sasi kräftiger und bei besserer Gesundheit als jemals zuvor. {FN17-1} Doch seine eigenartige Reaktion auf seine Heilung hatte einen undankbaren Beigeschmack: Er besuchte Sri Yukteswar danach selten wieder! Mein Freund erzählte mir eines Tages, dass er seine frühere Lebensweise so sehr bereue, dass er sich schäme, dem Meister gegenüberzutreten.
Ich konnte nur schlussfolgern, dass Sasis Krankheit den gegensätzlichen Effekt hatte, seinen Willen zu stärken und seine Manieren zu verschlechtern.
Die ersten zwei Jahre meines Kurses am Scottish Church College neigten sich dem Ende zu. Meine Anwesenheit im Unterricht war sehr sporadisch gewesen; was wenig ich lernte, diente nur dazu, den Frieden mit meiner Familie zu wahren. Meine beiden Privatlehrer kamen regelmäßig zu mir nach Hause; ich war regelmäßig abwesend: Ich kann zumindest diese eine Regelmäßigkeit in meiner schulischen Laufbahn erkennen!
In Indien bringt ein zweijähriges erfolgreiches College-Studium ein Intermediate-Arts-Diplom; der Student kann dann auf weitere zwei Jahre und seinen A.B.-Abschluss hoffen.
Die Abschlussprüfungen für Intermediate Arts drohten unheilvoll. Ich floh nach Puri, wo mein Guru einige Wochen verbrachte. Mit der vagen Hoffnung, dass er mein Nichterscheinen bei den Abschlussprüfungen billigen würde, schilderte ich meine peinliche Unvorbereitetheit.
Aber der Meister lächelte tröstend. „Du bist deinen spirituellen Pflichten von ganzem Herzen nachgegangen und konntest nicht anders, als deine College-Arbeit zu vernachlässigen. Widme dich in der nächsten Woche fleißig deinen Büchern: Du wirst deine Prüfung ohne Misserfolg bestehen.“
Ich kehrte nach Kalkutta zurück und unterdrückte energisch alle vernünftigen Zweifel, die gelegentlich mit entnervendem Spott aufkamen. Als ich den Berg von Büchern auf meinem Tisch musterte, fühlte ich mich wie ein Reisender, der in der Wildnis verloren gegangen ist. Eine lange Zeit der Meditation brachte mir eine arbeitssparende Inspiration. Ich schlug jedes Buch wahllos auf und studierte nur die Seiten, die so offen vor mir lagen. Da ich diesen Kurs achtzehn Stunden am Tag eine Woche lang verfolgte, hielt ich mich für berechtigt, allen nachfolgenden Generationen Ratschläge zur Kunst des Büffelns zu geben.
Die folgenden Tage in den Prüfungssälen waren eine Rechtfertigung für mein scheinbar planloses Vorgehen. Ich bestand alle Prüfungen, wenn auch nur haarscharf. Die Glückwünsche meiner Freunde und Familie waren auf lächerliche Weise mit Ausrufen vermischt, die ihr Erstaunen verrieten.
Nach seiner Rückkehr aus Puri bereitete mir Sri Yukteswar eine angenehme Überraschung. „Dein Studium in Kalkutta ist nun beendet. Ich werde dafür sorgen, dass du deine letzten zwei Jahre Universitätsarbeit direkt hier in Serampore absolvierst.“
Ich war verwirrt. „Meister, es gibt keinen Bachelor-of-Arts-Kurs in dieser Stadt.“ Das Serampore College, die einzige Einrichtung für höhere Bildung, bot nur einen zweijährigen Kurs in Intermediate Arts an.
Der Meister lächelte schelmisch. „Ich bin zu alt, um Spenden zu sammeln, um ein A.B.-College für dich zu gründen. Ich schätze, ich werde die Sache durch jemand anderen arrangieren müssen.“
Zwei Monate später gab Professor Howells, der Präsident des Serampore College, öffentlich bekannt, dass es ihm gelungen sei, genügend Mittel aufzubringen, um einen vierjährigen Kurs anzubieten. Das Serampore College wurde eine Zweigstelle der Universität von Kalkutta. Ich war einer der ersten Studenten, die sich in Serampore als A.B.-Kandidat einschrieben.
„Guruji, wie gütig Ihr zu mir seid! Ich habe mich danach gesehnt, Kalkutta zu verlassen und jeden Tag in Eurer Nähe in Serampore zu sein. Professor Howells ahnt nicht, wie viel er Eurer stillen Hilfe zu verdanken hat!“
Sri Yukteswar betrachtete mich mit gespielter Strenge. „Jetzt musst du nicht mehr so viele Stunden in Zügen verbringen; was für eine Menge freier Zeit für deine Studien! Vielleicht wirst du weniger ein Last-Minute-Büffler und mehr ein Gelehrter.“ Aber irgendwie fehlte seinem Ton die Überzeugung.
{FN17-1} Im Jahr 1936 hörte ich von einem Freund, dass Sasi immer noch bei bester Gesundheit war.
KAPITEL: 18
EIN MOHAMMEDANISCHER WUNDERWIRKER
„Vor Jahren, genau in diesem Zimmer, das du jetzt bewohnst, vollbrachte ein mohammedanischer Wunderwirker vier Wunder vor meinen Augen!“
Sri Yukteswar machte diese überraschende Aussage während seines ersten Besuchs in meiner neuen Unterkunft. Gleich nach meinem Eintritt in das Serampore College hatte ich ein Zimmer in einer nahegelegenen Pension namens PANTHI genommen. Es war ein altmodisches Backsteingebäude, das dem Ganges zugewandt war.
„Meister, was für ein Zufall! Sind diese neu dekorierten Wände wirklich uralt vor Erinnerungen?“ Ich sah mich in meinem einfach möblierten Zimmer mit erwachtem Interesse um.
„Das ist eine lange Geschichte.“ Mein Guru lächelte in Erinnerung schwelgend. „Der Name des FAKIRS {FN18-1} war Afzal Khan. Er hatte seine außergewöhnlichen Kräfte durch eine zufällige Begegnung mit einem Hindu-Yogi erlangt.
„‚Sohn, ich habe Durst; hol mir etwas Wasser.‘ Ein staubbedeckter SANNYASI richtete diese Bitte eines Tages während Afzals früher Jugend in einem kleinen Dorf im östlichen Bengalen an ihn.
„‚Meister, ich bin Mohammedaner. Wie könntet Ihr, ein Hindu, ein Getränk aus meinen Händen annehmen?‘
„‚Deine Wahrhaftigkeit gefällt mir, mein Kind. Ich beachte nicht die ausgrenzenden Regeln eines gottlosen Sektierertums. Geh; bring mir schnell Wasser.‘
„Afzals ehrfürchtiger Gehorsam wurde durch einen liebevollen Blick des Yogis belohnt.
„‚Du besitzt gutes Karma aus früheren Leben‘, bemerkte er feierlich. ‚Ich werde dich eine bestimmte Yoga-Methode lehren, die dir Befehlsgewalt über eines der unsichtbaren Reiche geben wird. Die großen Kräfte, die dein sein werden, sollten für würdige Zwecke ausgeübt werden; wende sie niemals selbstsüchtig an! Ich nehme leider wahr, dass du aus der Vergangenheit einige Samen zerstörerischer Tendenzen mitgebracht hast. Erlaube ihnen nicht zu keimen, indem du sie mit neuen bösen Taten wässerst. Die Komplexität deines früheren Karmas ist so beschaffen, dass du dieses Leben nutzen musst, um deine yogischen Errungenschaften mit den höchsten humanitären Zielen in Einklang zu bringen.‘
„Nachdem er den erstaunten Jungen in eine komplizierte Technik eingewiesen hatte, verschwand der Meister.
„Afzal folgte seiner Yoga-Übung zwanzig Jahre lang getreu. Seine wundersamen Leistungen begannen, weitverbreitete Aufmerksamkeit zu erregen. Es scheint, dass er immer von einem körperlosen Geist begleitet wurde, den er ‚Hazrat‘ nannte. Dieses unsichtbare Wesen war fähig, dem FAKIR den geringsten Wunsch zu erfüllen.
„Die Warnung seines Meisters ignorierend, begann Afzal, seine Kräfte zu missbrauchen. Welchen Gegenstand er auch berührte und dann wieder abstellte, er verschwand bald spurlos. Dieses beunruhigende Ereignis machte den Mohammedaner gewöhnlich zu einem unangenehmen Gast!
„Er besuchte von Zeit zu Zeit große Juweliergeschäfte in Kalkutta und stellte sich als potenzieller Käufer vor. Jeder Juwel, den er anfasste, verschwand kurz nachdem er den Laden verlassen hatte.
„Afzal war oft von mehreren hundert Studenten umgeben, die von der Hoffnung angelockt wurden, seine Geheimnisse zu lernen. Der FAKIR lud sie gelegentlich ein, mit ihm zu reisen. Am Bahnhof gelang es ihm, eine Rolle Fahrkarten zu berühren. Diese gab er dem Beamten zurück und bemerkte: ‚Ich habe es mir anders überlegt und werde sie jetzt nicht kaufen.‘ Aber wenn er mit seinem Gefolge in den Zug stieg, war Afzal im Besitz der erforderlichen Fahrkarten. {FN18-2}
„Diese Heldentaten erzeugten einen empörten Aufruhr; bengalische Juweliere und Fahrkartenverkäufer erlitten nervliche Zusammenbrüche! Die Polizei, die versuchte, Afzal zu verhaften, sah sich hilflos; der FAKIR konnte belastende Beweise entfernen, indem er einfach sagte: ‚Hazrat, nimm dies weg.‘“
Sri Yukteswar erhob sich von seinem Sitz und ging zum Balkon meines Zimmers, der den Ganges überblickte. Ich folgte ihm, begierig darauf, mehr von dem verblüffenden mohammedanischen Raffles zu hören.
„Dieses PANTHI-Haus gehörte früher einem Freund von mir. Er lernte Afzal kennen und lud ihn hierher ein. Mein Freund lud auch etwa zwanzig Nachbarn ein, mich eingeschlossen. Ich war damals nur ein Jüngling und verspürte eine lebhafte Neugier auf den berüchtigten FAKIR.“ Meister lachte. „Ich traf die Vorsichtsmaßnahme, nichts Wertvolles zu tragen! Afzal musterte mich neugierig und bemerkte dann:
„‚Du hast kräftige Hände. Geh nach unten in den Garten; hol einen glatten Stein und schreibe deinen Namen mit Kreide darauf; wirf den Stein dann so weit wie möglich in den Ganges.‘
„Ich gehorchte. Sobald der Stein unter den fernen Wellen verschwunden war, sprach mich der Mohammedaner erneut an:
„‚Fülle einen Topf mit Gangeswasser nahe der Vorderseite dieses Hauses.‘
„Nachdem ich mit einem Gefäß Wasser zurückgekehrt war, rief der FAKIR: ‚Hazrat, leg den Stein in den Topf!‘
„Der Stein erschien sofort. Ich zog ihn aus dem Gefäß und fand meine Unterschrift so leserlich wie zu dem Zeitpunkt, als ich sie geschrieben hatte.
„Babu, {FN18-3} einer meiner Freunde im Raum, trug eine schwere antike goldene Uhr und Kette. Der FAKIR untersuchte sie mit finsterer Bewunderung. Bald fehlten sie!
„‚Afzal, bitte gib mein geschätztes Erbstück zurück!‘ Babu war den Tränen nahe.
„Der Mohammedaner war eine Weile stoisch schweigsam, dann sagte er: ‚Du hast fünfhundert Rupien in einem eisernen Safe. Bring sie mir, und ich werde dir sagen, wo du deine Uhr finden kannst.‘
„Der verstörte Babu machte sich sofort auf den Weg nach Hause. Er kam kurz darauf zurück und händigte Afzal die geforderte Summe aus.
„‚Geh zu der kleinen Brücke nahe deinem Haus‘, wies der FAKIR Babu an. ‚Rufe Hazrat, damit er dir die Uhr und die Kette gibt.‘
„Babu eilte davon. Als er zurückkehrte, trug er ein Lächeln der Erleichterung im Gesicht und keinerlei Schmuck.
„‚Als ich Hazrat wie angewiesen befahl‘, verkündete er, ‚fiel meine Uhr aus der Luft in meine rechte Hand! Du kannst sicher sein, dass ich das Erbstück in meinem Safe einschloss, bevor ich mich hier wieder der Gruppe anschloss!‘
„Babus Freunde, Zeugen der Tragikomödie um das Lösegeld für eine Uhr, starrten Afzal mit Groll an. Er sprach nun beschwichtigend.
„‚Bitte nennt jedes Getränk, das ihr wollt; Hazrat wird es herbeischaffen.‘
„Einige baten um Milch, andere um Fruchtsäfte. Ich war nicht allzu schockiert, als der aufgelöste Babu Whisky verlangte! Der Mohammedaner gab einen Befehl; der gefällige Hazrat schickte versiegelte Behälter, die durch die Luft segelten und polternd auf den Boden fielen. Jeder Mann fand sein gewünschtes Getränk.
„Das Versprechen der vierten spektakulären Tat des Tages war zweifellos erfreulich für unseren Gastgeber: Afzal bot an, ein sofortiges Mittagessen zu liefern!
„‚Lass uns die teuersten Gerichte bestellen‘, schlug Babu düster vor. ‚Ich will ein aufwendiges Mahl für meine fünfhundert Rupien! Alles sollte auf Goldtellern serviert werden!‘
„Sobald jeder Mann seine Vorlieben geäußert hatte, wandte sich der FAKIR an den unerschöpflichen Hazrat. Ein großes Klappern folgte; goldene Platten, gefüllt mit aufwendig zubereiteten Currys, heißen LUCHIS und vielen außersaisonalen Früchten landeten aus dem Nichts zu unseren Füßen. Alles Essen war köstlich. Nachdem wir eine Stunde geschwelgt hatten, begannen wir, den Raum zu verlassen. Ein gewaltiges Geräusch, als würden Geschirre gestapelt, veranlasste uns, uns umzudrehen. Siehe! Es gab kein Anzeichen mehr von den glitzernden Tellern oder den Resten des Mahls.“
„Guruji“, unterbrach ich, „wenn Afzal leicht Dinge wie Goldgeschirr beschaffen konnte, warum begehrte er dann den Besitz anderer?“
„Der FAKIR war spirituell nicht hoch entwickelt“, erklärte Sri Yukteswar. „Seine Beherrschung einer bestimmten Yoga-Technik gab ihm Zugang zu einer Astralebene, auf der jeder Wunsch sofort materialisiert wird. Durch die Vermittlung eines astralen Wesens, Hazrat, konnte der Mohammedaner die Atome jedes Objekts durch einen Akt machtvoller Willenskraft aus ätherischer Energie herbeirufen. Aber solche astral erzeugten Objekte sind strukturell vergänglich; sie können nicht lange behalten werden. Afzal sehnte sich immer noch nach weltlichem Reichtum, der zwar schwerer verdient ist, aber eine verlässlichere Dauerhaftigkeit besitzt.“
Ich lachte. „Auch der verschwindet manchmal auf unerklärlichste Weise!“
„Afzal war kein Mann der Gottverwirklichung“, fuhr Meister fort. „Wunder von bleibender und wohltuender Natur werden von wahren Heiligen vollbracht, weil sie sich auf den allmächtigen Schöpfer eingestimmt haben. Afzal war nur ein gewöhnlicher Mensch mit einer außergewöhnlichen Kraft, ein subtiles Reich zu durchdringen, das Sterbliche normalerweise erst nach dem Tod betreten.“
„Ich verstehe jetzt, Guruji. Das Jenseits scheint einige charmante Züge zu haben.“
Meister stimmte zu. „Ich sah Afzal nach diesem Tag nie wieder, aber ein paar Jahre später kam Babu zu mir nach Hause, um mir einen Zeitungsbericht über das öffentliche Geständnis des Mohammedaners zu zeigen. Daraus erfuhr ich die Tatsachen, die ich dir gerade über Afzals frühe Einweihung durch einen Hindu-Guru erzählt habe.“
Der Kern des letzteren Teils des veröffentlichten Dokuments, wie er von Sri Yukteswar erinnert wurde, war wie folgt: „Ich, Afzal Khan, schreibe diese Worte als Akt der Buße und als Warnung an jene, die den Besitz wundersamer Kräfte suchen. Jahrelang habe ich die wunderbaren Fähigkeiten missbraucht, die mir durch die Gnade Gottes und meines Meisters verliehen wurden. Ich wurde trunken vor Egoismus und fühlte, dass ich über den gewöhnlichen Gesetzen der Moral stünde. Mein Tag der Abrechnung kam schließlich.
„Kürzlich traf ich einen alten Mann auf einer Straße außerhalb von Kalkutta. Er hinkte schmerzhaft dahin und trug einen glänzenden Gegenstand, der wie Gold aussah. Ich sprach ihn mit Gier in meinem Herzen an.
„‚Ich bin Afzal Khan, der große FAKIR. Was hast du da?‘
„‚Diese Goldkugel ist mein einziger materieller Reichtum; sie kann für einen FAKIR von keinem Interesse sein. Ich flehe Euch an, Herr, mein Hinken zu heilen.‘
„Ich berührte die Kugel und ging ohne Antwort weg. Der alte Mann humpelte mir nach. Er stieß bald einen Schrei aus: ‚Mein Gold ist weg!‘
„Da ich keine Notiz davon nahm, sprach er plötzlich mit einer stentorartigen Stimme, die sonderbar aus seinem gebrechlichen Körper drang:
„‚Erkennst du mich nicht?‘
„Ich stand sprachlos, erschrocken über die verspätete Entdeckung, dass dieser unscheinbare alte Krüppel kein Geringerer war als der große Heilige, der mich vor langer, langer Zeit in Yoga eingeweiht hatte. Er richtete sich auf; sein Körper wurde augenblicklich stark und jugendlich.
„‚So!‘ Der Blick meines Gurus war feurig. ‚Ich sehe mit meinen eigenen Augen, dass du deine Kräfte nicht benutzt, um der leidenden Menschheit zu helfen, sondern um sie wie ein gewöhnlicher Dieb zu beuten! Ich entziehe dir deine okkulten Gaben; Hazrat ist nun von dir befreit. Nicht länger sollst du ein Schrecken in Bengalen sein!‘
„Ich rief Hazrat mit gequälten Tönen; zum ersten Mal erschien er nicht vor meinem inneren Auge. Aber irgendein dunkler Schleier hob sich plötzlich in mir; ich sah klar die Blasphemie meines Lebens.
„‚Mein Guru, ich danke Euch, dass Ihr gekommen seid, um meinen langen Wahn zu verbannen.‘ Ich schluchzte zu seinen Füßen. ‚Ich verspreche, meine weltlichen Ambitionen aufzugeben. Ich werde mich in die Berge zur einsamen Meditation über Gott zurückziehen, in der Hoffnung, für meine böse Vergangenheit zu sühnen.‘
„Mein Meister betrachtete mich mit stillem Mitleid. ‚Ich fühle deine Aufrichtigkeit‘, sagte er schließlich. ‚Wegen deiner früheren Jahre strengen Gehorsams und wegen deiner jetzigen Reue gewähre ich dir eine Gunst. Deine anderen Kräfte sind jetzt fort, aber wann immer Nahrung und Kleidung benötigt werden, darfst du Hazrat noch erfolgreich rufen, um sie zu liefern. Widme dich von ganzem Herzen dem göttlichen Verständnis in der Einsamkeit der Berge.‘
„Mein Meister verschwand dann; ich blieb mit meinen Tränen und Betrachtungen zurück. Leb wohl, Welt! Ich gehe, um die Vergebung des Kosmischen Geliebten zu suchen.“
{FN18-1} Ein muslimischer Yogi; vom arabischen FAQIR, arm; ursprünglich auf Derwische unter einem Armutsgelübde angewandt.
{FN18-2} Mein Vater erzählte mir später, dass seine Firma, die Bengal-Nagpur-Eisenbahn, eine der Firmen gewesen sei, die von Afzal Khan geschädigt wurden.
{FN18-3} Ich erinnere mich nicht an den Namen von Sri Yukteswars Freund und muss ihn einfach „Babu“ (Herr) nennen.
KAPITEL: 19
MEIN MEISTER, IN KALKUTTA, ERSCHEINT IN SERAMPORE
„Ich bin oft von atheistischen Zweifeln geplagt. Dennoch verfolgt mich manchmal eine quälende Vermutung: Könnten nicht ungenutzte Seelenmöglichkeiten existieren? Verfehlt der Mensch nicht seine wahre Bestimmung, wenn er es versäumt, sie zu erforschen?“
Diese Bemerkungen von Dijen Babu, meinem Zimmergenossen in der PANTHI-Pension, wurden durch meine Einladung hervorgerufen, dass er meinen Guru treffe.
„Sri Yukteswarji wird dich in KRIYA YOGA einweihen“, antwortete ich. „Es beruhigt die dualistische Unruhe durch eine göttliche innere Gewissheit.“
An jenem Abend begleitete mich Dijen in die Einsiedelei. In der Gegenwart des Meisters empfing mein Freund solchen spirituellen Frieden, dass er bald ein ständiger Besucher war. Die trivialen Beschäftigungen des täglichen Lebens reichen für den Menschen nicht aus; auch Weisheit ist ein angeborener Hunger. In Sri Yukteswars Worten fand Dijen einen Anreiz für jene Versuche – erst schmerzhaft, dann mühelos befreiend –, ein realeres Selbst in seinem Busen zu lokalisieren als das demütigende Ego einer vorübergehenden Geburt, das selten geräumig genug für den Geist ist.
Da Dijen und ich beide den A.B.-Kurs am Serampore College verfolgten, gewöhnten wir uns an, gemeinsam zum Ashram zu gehen, sobald der Unterricht vorbei war. Wir sahen Sri Yukteswar oft auf seinem Balkon im zweiten Stock stehen und unsere Annäherung mit einem Lächeln begrüßen.
Eines Nachmittags traf Kanai, ein junger Bewohner der Einsiedelei, Dijen und mich an der Tür mit enttäuschenden Neuigkeiten.
„Meister ist nicht hier; er wurde durch eine dringende Notiz nach Kalkutta gerufen.“
Am folgenden Tag erhielt ich eine Postkarte von meinem Guru. „Ich werde Kalkutta am Mittwochmorgen verlassen“, hatte er geschrieben. „Du und Dijen trefft den Neun-Uhr-Zug am Bahnhof Serampore.“
Am Mittwochmorgen gegen halb neun blitzte eine telepathische Nachricht von Sri Yukteswar eindringlich in meinem Geist auf: „Ich bin verspätet; trefft nicht den Neun-Uhr-Zug.“
Ich übermittelte die neuesten Anweisungen an Dijen, der bereits für die Abreise angezogen war.
„Du und deine Intuition!“ Die Stimme meines Freundes war mit Spott unterlegt. „Ich ziehe es vor, dem geschriebenen Wort des Meisters zu vertrauen.“
Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich mit ruhiger Endgültigkeit hin. Wütend vor sich hin murmelnd, machte sich Dijen auf den Weg zur Tür und schloss sie geräuschvoll hinter sich.
Da der Raum ziemlich dunkel war, ging ich näher zum Fenster, das auf die Straße blickte. Das spärliche Sonnenlicht steigerte sich plötzlich zu einer intensiven Brillanz, in der das eisengitterte Fenster vollständig verschwand. Vor diesem blendenden Hintergrund erschien die klar materialisierte Gestalt von Sri Yukteswar!
Bis zur Erschütterung verwirrt, erhob ich mich von meinem Stuhl und kniete vor ihm nieder. Mit meiner üblichen Geste des respektvollen Grußes zu Füßen meines Gurus berührte ich seine Schuhe. Es war ein Paar, das mir vertraut war, aus orange gefärbtem Segeltuch, mit seilbesohlten Sohlen. Sein ockerfarbenes Swami-Gewand streifte mich; ich spürte deutlich nicht nur die Textur seines Gewandes, sondern auch die körnige Oberfläche der Schuhe und den Druck seiner Zehen darin. Zu sehr verblüfft, um ein Wort herauszubringen, stand ich auf und sah ihn fragend an.
„Ich war erfreut, dass du meine telepathische Nachricht erhalten hast.“ Die Stimme des Meisters war ruhig, vollkommen normal. „Ich habe nun meine Geschäfte in Kalkutta beendet und werde mit dem Zehn-Uhr-Zug in Serampore ankommen.“
Als ich immer noch stumm starrte, fuhr Sri Yukteswar fort: „Dies ist keine Erscheinung, sondern mein Fleisch-und-Blut-Körper. Ich wurde göttlich angewiesen, dir diese Erfahrung zu geben, die auf Erden selten zu erreichen ist. Triff mich am Bahnhof; du und Dijen werdet mich auf euch zukommen sehen, gekleidet, wie ich jetzt bin. Ich werde von einem Mitreisenden vorangegangen werden – einem kleinen Jungen, der einen silbernen Krug trägt.“
Mein Guru legte beide Hände mit einem gemurmelten Segen auf mein Haupt. Als er mit den Worten „TABA ASI“ {FN19-1} schloss, hörte ich ein eigentümliches grollendes Geräusch. {FN19-2} Sein Körper begann allmählich im durchdringenden Licht zu schmelzen. Zuerst verschwanden seine Füße und Beine, dann sein Rumpf und Kopf, wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird. Bis zuletzt konnte ich spüren, wie seine Finger leicht auf meinem Haar ruhten. Die Strahlenpracht verblasste; nichts blieb vor mir als das vergitterte Fenster und ein blasser Strom von Sonnenlicht.
Ich blieb in einer Halbbetäubung der Verwirrung zurück und fragte mich, ob ich nicht Opfer einer Halluzination geworden war. Ein bedröppelter Dijen betrat bald darauf das Zimmer.
„Meister war nicht im Neun-Uhr-Zug, auch nicht im Neun-dreißig.“ Mein Freund machte seine Ankündigung mit einer leicht entschuldigenden Miene.
„Komm dann; ich weiß, dass er um zehn Uhr ankommen wird.“ Ich nahm Dijens Hand und zog ihn gewaltsam mit mir, ungeachtet seiner Proteste. In etwa zehn Minuten betraten wir den Bahnhof, wo der Zug bereits puffend zum Halten kam.
„Der ganze Zug ist erfüllt vom Licht der Aura des Meisters! Er ist da!“ rief ich freudig aus.
„Du träumst so?“ Dijen lachte spöttisch.
„Lass uns hier warten.“ Ich erzählte meinem Freund Details darüber, wie unser Guru uns entgegenkommen würde. Als ich meine Beschreibung beendete, kam Sri Yukteswar in Sicht, gekleidet in dieselben Kleider, die ich kurz zuvor gesehen hatte. Er ging langsam hinter einem kleinen Jungen her, der einen silbernen Krug trug.
Einen Moment lang durchlief mich eine Welle kalter Angst bei der beispiellosen Fremdartigkeit meiner Erfahrung. Ich spürte, wie die materialistische Welt des zwanzigsten Jahrhunderts von mir abglitt; war ich zurück in den alten Tagen, als Jesus vor Petrus auf dem Meer erschien?
Als Sri Yukteswar, ein moderner Yogi-Christus, den Punkt erreichte, an dem Dijen und ich sprachlos verwurzelt waren, lächelte der Meister meinen Freund an und bemerkte:
„Ich habe dir auch eine Nachricht geschickt, aber du warst unfähig, sie zu erfassen.“
Dijen schwieg, starrte mich aber misstrauisch an. Nachdem wir unseren Guru zu seiner Einsiedelei begleitet hatten, gingen mein Freund und ich weiter zum Serampore College. Dijen blieb auf der Straße stehen, Empörung strömte aus jeder seiner Poren.
„So! Meister hat mir eine Nachricht geschickt! Und du hast sie verheimlicht! Ich verlange eine Erklärung!“
„Kann ich etwas dafür, wenn dein mentaler Spiegel mit solcher Rastlosigkeit schwingt, dass du die Anweisungen unseres Gurus nicht registrieren kannst?“, entgegnete ich.
Die Wut verschwand aus Dijens Gesicht. „Ich verstehe, was du meinst“, sagte er reuevoll. „Aber bitte erkläre, woher du von dem Kind mit dem Krug wissen konntest.“
Als ich die Geschichte von des Meisters phänomenaler Erscheinung in der Pension an jenem Morgen beendet hatte, hatten mein Freund und ich das Serampore College erreicht.
„Der Bericht, den ich gerade über die Kräfte unseres Gurus gehört habe“, sagte Dijen, „lässt mich fühlen, dass jede Universität der Welt nur ein Kindergarten ist.“
{FN19-1} Das bengalische „Auf Wiedersehen“; wörtlich ist es ein hoffnungsvolles Paradoxon: „Dann komme ich.“
{FN19-2} Das charakteristische Geräusch der Dematerialisierung körperlicher Atome.
KAPITEL: 20
WIR BESUCHEN KASCHMIR NICHT
„Vater, ich möchte Meister und vier Freunde einladen, mich während meiner Sommerferien in die Ausläufer des Himalaya zu begleiten. Kann ich sechs Zugpässe nach Kaschmir und genug Geld haben, um unsere Reisekosten zu decken?“
Wie ich erwartet hatte, lachte Vater herzlich. „Dies ist das dritte Mal, dass du mir dieselbe Räuberpistole erzählst. Hast du nicht letzten Sommer eine ähnliche Bitte geäußert, und das Jahr davor? Im letzten Moment weigert sich Sri Yukteswarji mitzukommen.“
„Es ist wahr, Vater; ich weiß nicht, warum mein Guru mir kein definitives Wort über Kaschmir geben will. {FN20-1} Aber wenn ich ihm sage, dass ich die Pässe bereits von dir besorgt habe, denke ich irgendwie, dass er dieses Mal zustimmen wird, die Reise zu machen.“
Vater war in dem Moment nicht überzeugt, aber am folgenden Tag, nach einigen humorvollen Sticheleien, händigte er mir sechs Pässe und ein Bündel Zehn-Rupien-Scheine aus.
„Ich glaube kaum, dass deine theoretische Reise solch praktischer Stützen bedarf“, bemerkte er, „aber hier sind sie.“
An jenem Nachmittag präsentierte ich meine Beute Sri Yukteswar. Obwohl er über meinen Enthusiasmus lächelte, waren seine Worte unverbindlich: „Ich würde gerne gehen; wir werden sehen.“ Er machte keinen Kommentar, als ich seinen kleinen Einsiedelei-Schüler Kanai bat, uns zu begleiten. Ich lud auch drei andere Freunde ein – Rajendra Nath Mitra, Jotin Auddy und einen weiteren Jungen. Unser Abreisedatum wurde auf den folgenden Montag festgelegt.
Am Samstag und Sonntag blieb ich in Kalkutta, wo in meinem Elternhaus Hochzeitsriten für einen Cousin gefeiert wurden. Ich kam am Montagmorgen früh mit meinem Gepäck in Serampore an. Rajendra traf mich an der Tür der Einsiedelei.
„Meister ist draußen, spazieren. Er hat sich geweigert mitzukommen.“
Ich war gleichermaßen betrübt wie unnachgiebig. „Ich werde Vater keine dritte Chance geben, meine chimärischen Pläne für Kaschmir lächerlich zu machen. Komm; wir anderen gehen sowieso.“
Rajendra stimmte zu; ich verließ den Ashram, um einen Diener zu finden. Kanai, das wusste ich, würde die Reise ohne Meister nicht antreten, und jemand wurde gebraucht, um sich um das Gepäck zu kümmern. Ich dachte an Behari, früher ein Diener in meinem Elternhaus, der jetzt bei einem Schullehrer in Serampore angestellt war. Als ich zügig dahin ging, traf ich meinen Guru vor der christlichen Kirche in der Nähe des Gerichts von Serampore.
„Wo gehst du hin?“ Sri Yukteswars Gesicht war unlächelnd.
„Herr, ich höre, dass Ihr und Kanai die Reise, die wir geplant haben, nicht antreten werdet. Ich suche Behari. Ihr werdet Euch erinnern, dass er letztes Jahr so sehr darauf brannte, Kaschmir zu sehen, dass er sogar anbot, ohne Bezahlung zu dienen.“
„Ich erinnere mich. Nichtsdestotrotz glaube ich nicht, dass Behari bereit sein wird zu gehen.“
Ich war aufgebracht. „Er wartet nur eifrig auf diese Gelegenheit!“
Mein Guru setzte schweigend seinen Spaziergang fort; ich erreichte bald das Haus des Schullehrers. Behari, im Hof, begrüßte mich mit einer freundlichen Wärme, die abrupt verschwand, sobald ich Kaschmir erwähnte. Mit einem gemurmelten Wort der Entschuldigung verließ mich der Diener und betrat das Haus seines Arbeitgebers. Ich wartete eine halbe Stunde und versicherte mir nervös, dass Beharis Verzögerung durch Vorbereitungen für seine Reise verursacht wurde. Schließlich klopfte ich an die Vordertür.
„Behari ist vor etwa dreißig Minuten durch die Hintertreppe gegangen“, informierte mich ein Mann. Ein leichtes Lächeln schwebte auf seinen Lippen.
Ich ging traurig davon und fragte mich, ob meine Einladung zu zwingend gewesen war oder ob Meisters unsichtbarer Einfluss am Werk war. Als ich an der christlichen Kirche vorbeikam, sah ich wieder meinen Guru, der langsam auf mich zukam. Ohne meinen Bericht abzuwarten, rief er aus:
„Also wollte Behari nicht gehen! Nun, was sind deine Pläne?“
Ich fühlte mich wie ein widerspenstiges Kind, das entschlossen ist, seinem herrischen Vater zu trotzen. „Herr, ich werde meinen Onkel bitten, mir seinen Diener Lal Dhari zu leihen.“
„Such deinen Onkel auf, wenn du willst“, erwiderte Sri Yukteswar mit einem Glucksen. „Aber ich glaube kaum, dass dir der Besuch Freude bereiten wird.“
Besorgt, aber rebellisch, verließ ich meinen Guru und betrat das Gerichtsgebäude von Serampore. Mein väterlicher Onkel, Sarada Ghosh, ein Regierungsanwalt, hieß mich liebevoll willkommen.
„Ich reise heute mit einigen Freunden nach Kaschmir“, sagte ich ihm. „Seit Jahren freue ich mich auf diese Himalaya-Reise.“
„Ich freue mich für dich, Mukunda. Kann ich etwas tun, um deine Reise angenehmer zu gestalten?“
Diese freundlichen Worte gaben mir einen Auftrieb. „Lieber Onkel“, sagte ich, „könntest du mir vielleicht deinen Diener Lal Dhari entbehren?“
Meine einfache Bitte hatte die Wirkung eines Erdbebens. Mein Onkel sprang so heftig auf, dass sein Stuhl umkippte, die Papiere auf dem Schreibtisch nach allen Seiten flogen und seine Pfeife, eine lange Wasserpfeife mit Kokosnussstiel, mit lautem Geklapper zu Boden fiel.
„Du egoistischer junger Mann“, schrie er, vor Zorn bebend, „was für eine absurde Idee! Wer soll sich um mich kümmern, wenn du meinen Diener auf eine deiner Vergnügungsreisen mitnimmst?“
Ich verbarg mein Erstaunen und dachte mir, dass der plötzliche Sinneswandel meines liebenswürdigen Onkels nur ein weiteres Rätsel an einem Tag war, der ganz im Zeichen der Unbegreiflichkeit stand. Mein Rückzug aus dem Büro des Gerichtsgebäudes war eiliger als würdevoll.
Ich kehrte zur Einsiedelei zurück, wo meine Freunde erwartungsvoll versammelt waren. In mir wuchs die Überzeugung, dass hinter der Haltung des Meisters ein triftiger, wenn auch überaus geheimnisvoller Grund steckte. Reue erfasste mich, weil ich versucht hatte, den Willen meines Gurus zu durchkreuzen.
„Mukunda, möchtest du nicht noch eine Weile bei mir bleiben?“, erkundigte sich Sri Yukteswar. „Rajendra und die anderen können jetzt schon vorausfahren und in Kalkutta auf dich warten. Es bleibt genügend Zeit, um den letzten Abendzug von Kalkutta nach Kaschmir zu erreichen.“
„Herr, ich möchte nicht ohne Sie fahren“, sagte ich betrübt.
Meine Freunde schenkten meiner Bemerkung nicht die geringste Beachtung. Sie riefen eine Droschke und fuhren mit dem gesamten Gepäck davon. Kanai und ich saßen still zu Füßen unseres Gurus. Nach einer halben Stunde vollkommenen Schweigens erhob sich der Meister und ging zur Speiseterrasse im ersten Stock.
„Kanai, bitte serviere Mukundas Essen. Sein Zug fährt bald ab.“
Als ich mich von meinem Platz auf der Decke erhob, taumelte ich plötzlich vor Übelkeit und einem entsetzlichen, wühlenden Gefühl im Magen. Der stechende Schmerz war so heftig, dass ich das Gefühl hatte, jäh in eine grausame Hölle geschleudert worden zu sein. Blind nach meinem Guru tastend, brach ich vor ihm zusammen, befallen von allen Symptomen der gefürchteten asiatischen Cholera. Sri Yukteswar und Kanai trugen mich in das Wohnzimmer.
Von Qualen geschüttelt, rief ich: „Meister, ich übergebe mein Leben in Ihre Hände“; denn ich glaubte, es entweiche tatsächlich rasch den Ufern meines Körpers.
Sri Yukteswar legte meinen Kopf auf seinen Schoß und streichelte meine Stirn mit engelhafter Zärtlichkeit.
„Du siehst jetzt, was passiert wäre, wenn du mit deinen Freunden am Bahnhof gewesen wärst“, sagte er. „Ich musste auf diese seltsame Weise für dich sorgen, weil du dich entschieden hast, an meinem Urteil über diese Reise zu diesem speziellen Zeitpunkt zu zweifeln.“
Endlich verstand ich. Da große Meister es selten für angebracht halten, ihre Kräfte offen zur Schau zu stellen, hätte ein flüchtiger Beobachter der Tagesereignisse angenommen, dass ihr Ablauf ganz natürlich war. Das Eingreifen meines Gurus war zu subtil gewesen, um vermutet zu werden. Er hatte seinen Willen durch Behari, meinen Onkel Sarada, Rajendra und die anderen auf eine so unauffällige Weise durchgesetzt, dass wahrscheinlich alle außer mir die Situationen für logisch normal hielten.
Da Sri Yukteswar es nie versäumte, seine sozialen Verpflichtungen zu erfüllen, wies er Kanai an, einen Spezialisten zu holen und meinen Onkel zu benachrichtigen.
„Meister“, protestierte ich, „nur Sie können mich heilen. Ich bin zu weit weg für jeden Arzt.“
„Kind, du bist durch die göttliche Gnade geschützt. Sorge dich nicht um den Arzt; er wird dich nicht in diesem Zustand vorfinden. Du bist bereits geheilt.“
Mit den Worten meines Gurus verließen mich die qualvollen Schmerzen. Ich setzte mich schwach auf. Bald traf ein Arzt ein und untersuchte mich sorgfältig.
„Sie scheinen das Schlimmste überstanden zu haben“, sagte er. „Ich werde einige Proben für Laboruntersuchungen mitnehmen.“
Am nächsten Morgen kam der Arzt in aller Eile. Ich saß aufrecht und war guter Dinge.
„Nun, nun, da sind Sie ja, lächelnd und plaudernd, als hätten Sie dem Tod nicht in die Augen geschaut.“ Er klopfte mir sanft auf die Hand. „Ich hatte kaum erwartet, Sie lebend anzutreffen, nachdem ich durch die Proben festgestellt hatte, dass Ihre Krankheit die asiatische Cholera war. Sie haben Glück, junger Mann, einen Guru mit göttlichen Heilkräften zu haben! Davon bin ich überzeugt!“
Ich stimmte ihm von ganzem Herzen zu. Als der Arzt sich anschickte zu gehen, erschienen Rajendra und Auddy an der Tür. Der Groll in ihren Gesichtern wich Mitgefühl, als sie einen Blick auf den Arzt und dann auf mein etwas blasses Gesicht warfen.
„Wir waren wütend, als du nicht wie vereinbart am Zug in Kalkutta erschienen bist. Du warst krank?“
„Ja.“ Ich konnte nicht anders, als zu lachen, als meine Freunde das Gepäck in dieselbe Ecke stellten, in der es gestern gestanden hatte. Ich zitierte: „Es war ein Schiff, das nach Spanien fuhr; als es ankam, kam es wieder zurück!“
Der Meister betrat den Raum. Ich erlaubte mir die Freiheit eines Genesenden und ergriff liebevoll seine Hand.
„Guruji“, sagte ich, „seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich viele erfolglose Versuche unternommen, den Himalaya zu erreichen. Ich bin endgültig überzeugt, dass ohne Ihre Segnungen die Göttin Parvati mich nicht empfangen wird!“
{FN20-1} Obwohl der Meister keine Erklärung abgab, war seine Zurückhaltung, Kaschmir in diesen zwei Sommern zu besuchen, möglicherweise das Vorwissen, dass die Zeit für seine dortige Krankheit noch nicht reif war (siehe Kapitel 22).
{FN20-2} Wörtlich „von den Bergen“. Parvati, in der Mythologie als Tochter des Himavat oder der heiligen Berge dargestellt, ist ein Name, der der SHAKTI oder „Gemahlin“ Shivas gegeben wird.
KAPITEL: 21
WIR BESUCHEN KASCHMIR
„Du bist jetzt stark genug zum Reisen. Ich werde dich nach Kaschmir begleiten“, teilte mir Sri Yukteswar zwei Tage nach meiner wundersamen Genesung von der asiatischen Cholera mit.
An jenem Abend bestieg unsere sechsköpfige Gruppe den Zug in Richtung Norden. Unser erster gemütlicher Halt war in Simla, einer königlichen Stadt, die auf dem Thron der Himalaya-Hügel ruht. Wir schlenderten durch die steilen Straßen und bewunderten die herrliche Aussicht.
„Englische Erdbeeren zu verkaufen“, rief eine alte Frau, die auf einem malerischen, offenen Marktplatz hockte.
Der Meister war neugierig auf die seltsamen kleinen roten Früchte. Er kaufte einen Korb voll und bot sie Kanai und mir an, die in der Nähe waren. Ich probierte eine Beere, spuckte sie aber hastig auf den Boden.
„Herr, was für eine saure Frucht! Erdbeeren könnte ich niemals mögen!“
Mein Guru lachte. „Oh, du wirst sie mögen – in Amerika. Bei einem Abendessen dort wird deine Gastgeberin sie mit Zucker und Sahne servieren. Nachdem sie die Beeren mit einer Gabel zerdrückt hat, wirst du sie probieren und sagen: ‚Was für köstliche Erdbeeren!‘ Dann wirst du dich an diesen Tag in Simla erinnern.“
Sri Yukteswars Prognose verschwand aus meinem Gedächtnis, tauchte aber viele Jahre später, kurz nach meiner Ankunft in Amerika, wieder dort auf. Ich war Gast beim Abendessen im Haus von Mrs. Alice T. Hasey (Schwester Yogmata) in West Somerville, Massachusetts. Als ein Nachtisch aus Erdbeeren auf den Tisch gestellt wurde, nahm meine Gastgeberin ihre Gabel und zerdrückte meine Beeren, wobei sie Sahne und Zucker hinzufügte. „Die Frucht ist ziemlich herb; ich denke, so zubereitet wird sie dir schmecken“, bemerkte sie.
Ich nahm einen Bissen. „Was für köstliche Erdbeeren!“, rief ich aus. Sofort stieg die Vorhersage meines Gurus in Simla aus der bodenlosen Höhle der Erinnerung empor. Es war erschütternd zu begreifen, dass Sri Yukteswars auf Gott eingestimmter Geist schon vor langer Zeit das Programm karmischer Ereignisse, das im Äther der Zukunft wanderte, sensibel erfasst hatte.
Unsere Gruppe verließ bald Simla und fuhr mit dem Zug nach Rawalpindi. Dort mieteten wir eine große, von zwei Pferden gezogene Landauer-Kutsche, mit der wir eine siebentägige Reise nach Srinagar, der Hauptstadt von Kaschmir, antraten. Der zweite Tag unserer Reise nach Norden brachte die wahre Weite des Himalaya zum Vorschein. Während die eisernen Räder unserer Kutsche über die heißen, steinigen Straßen knarrten, waren wir von den wechselnden Ausblicken auf die bergige Pracht entzückt.
„Herr“, sagte Auddy zum Meister, „ich genieße diese herrlichen Szenen in Ihrer heiligen Gesellschaft sehr.“
Ich spürte einen Anflug von Freude über Auddys Anerkennung, denn ich fungierte auf dieser Reise als Gastgeber. Sri Yukteswar fing meinen Gedanken auf; er wandte sich an mich und flüsterte:
„Schmeichle dir nicht; Auddy ist von der Landschaft bei weitem nicht so hingerissen wie von der Aussicht, uns lange genug zu verlassen, um eine Zigarette zu rauchen.“
Ich war schockiert. „Herr“, sagte ich leise, „bitte stören Sie unsere Harmonie nicht mit diesen unangenehmen Worten. Ich kann kaum glauben, dass Auddy sich nach einer Zigarette sehnt.“ Ich blickte besorgt auf meinen gewöhnlich unbändigen Guru.
„Sehr wohl; ich werde Auddy nichts sagen.“ Der Meister schmunzelte. „Aber du wirst bald sehen, wenn die Landauer hält, dass Auddy schnell seine Gelegenheit ergreifen wird.“
Die Kutsche kam an einer kleinen Karawanserei an. Als unsere Pferde zum Tränken geführt wurden, fragte Auddy: „Herr, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich eine Weile beim Kutscher mitfahre? Ich würde gerne etwas frische Luft schnappen.“
Sri Yukteswar gab die Erlaubnis, bemerkte aber zu mir: „Er will frischen Rauch und nicht frische Luft.“
Die Landauer setzte ihre geräuschvolle Fahrt über die staubigen Straßen fort. Die Augen des Meisters funkelten; er wies mich an: „Streck deinen Hals durch die Kutschentür und schau, was Auddy mit der Luft macht.“
Ich gehorchte und war erstaunt, Auddy dabei zu beobachten, wie er Ringe aus Zigarettenrauch ausstieß. Mein Blick in Richtung Sri Yukteswar war entschuldigend.
„Sie haben wie immer recht, Herr. Auddy genießt einen Zug zusammen mit einem Panorama.“ Ich vermutete, dass mein Freund ein Geschenk vom Kutscher erhalten hatte; ich wusste, dass Auddy keine Zigaretten aus Kalkutta mitgebracht hatte.
Wir setzten den labyrinthischen Weg fort, geschmückt mit Ausblicken auf Flüsse, Täler, steile Felsen und zahllose Gebirgsketten. Jeden Abend hielten wir in ländlichen Gasthöfen und bereiteten unser eigenes Essen zu. Sri Yukteswar achtete besonders auf meine Ernährung und bestand darauf, dass ich bei allen Mahlzeiten Limettensaft trank. Ich war immer noch schwach, verbesserte mich aber täglich, obwohl die ratternde Kutsche streng auf Unbequemlichkeit ausgelegt war.
Freudige Erwartung erfüllte unsere Herzen, als wir uns Zentral-Kaschmir näherten, dem Paradies aus Lotusseen, schwimmenden Gärten, fröhlich überdachten Hausbooten, dem Jhelum-Fluss mit seinen vielen Brücken und blumenübersäten Weiden, alles umgeben von der Majestät des Himalaya. Unsere Ankunft in Srinagar führte uns durch eine Allee aus hohen, willkommen heißenden Bäumen. Wir mieteten Zimmer in einem zweistöckigen Gasthof mit Blick auf die edlen Hügel. Es gab kein fließendes Wasser; wir bezogen unseren Bedarf aus einem nahe gelegenen Brunnen. Das Sommerwetter war ideal, mit warmen Tagen und leicht kalten Nächten.
Wir unternahmen eine Pilgerreise zum alten Srinagar-Tempel von Swami Shankara. Als ich auf die Einsiedelei auf dem Berggipfel blickte, die kühn gegen den Himmel aufragte, fiel ich in eine ekstatische Trance. Eine Vision erschien von einem Herrenhaus auf einem Hügel in einem fernen Land. Der erhabene Shankara-Ashram vor mir verwandelte sich in das Gebäude, in dem ich Jahre später den Hauptsitz der Self-Realization Fellowship in Amerika errichtete. Als ich das erste Mal Los Angeles besuchte und das große Gebäude auf dem Gipfel des Mount Washington sah, erkannte ich es sofort aus meinen lange zurückliegenden Visionen in Kaschmir und anderswo wieder.
Ein paar Tage in Srinagar; dann weiter nach Gulmarg („Bergpfade der Blumen“), das sechstausend Fuß hoch liegt. Dort ritt ich zum ersten Mal auf einem großen Pferd. Rajendra ritt auf einem kleinen Traber, dessen Herz von Ehrgeiz nach Geschwindigkeit entflammt war. Wir wagten uns auf den sehr steilen Khilanmarg; der Pfad führte durch einen dichten Wald, der reich an Baum-Pilzen war, wo die nebelverhangenen Wege oft prekär waren. Aber Rajendras kleines Tier erlaubte meinem überdimensionierten Ross keinen Moment der Ruhe, selbst in den gefährlichsten Kurven. Immer weiter, unermüdlich kam Rajendras Pferd, unbeeindruckt von allem außer der Freude am Wettbewerb.
Unser anstrengendes Rennen wurde mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Zum ersten Mal in diesem Leben blickte ich in alle Richtungen auf den erhabenen, schneebedeckten Himalaya, der wie Silhouetten riesiger Eisbären in Schichten übereinander lag. Meine Augen weideten sich voller Freude an den endlosen Weiten eisiger Berge vor sonnigem, blauem Himmel.
Ich wälzte mich vergnügt mit meinen jungen Gefährten, die alle Mäntel trugen, auf den glitzernden weißen Hängen. Auf unserem Rückweg sahen wir in der Ferne einen riesigen Teppich aus gelben Blumen, der die kahlen Hügel völlig veränderte.
Unsere nächsten Ausflüge führten zu den berühmten königlichen „Lustgärten“ des Kaisers Jehangir in Shalimar und Nishat Bagh. Der alte Palast in Nishat Bagh ist direkt über einem natürlichen Wasserfall erbaut. Der Wildbach, der von den Bergen herabstürzt, wurde durch geniale Vorrichtungen so reguliert, dass er über farbenprächtige Terrassen fließt und inmitten der schillernden Blumenbeete in Fontänen sprudelt. Der Bach fließt auch durch mehrere Räume des Palastes und stürzt schließlich märchenhaft in den darunter liegenden See. Die riesigen Gärten sind ein Aufruhr an Farben – Rosen in einem Dutzend Schattierungen, Löwenmäulchen, Lavendel, Stiefmütterchen, Mohnblumen. Ein smaragdgrüner, umschließender Umriss wird durch symmetrische Reihen von CHINARS, Zypressen und Kirschbäumen gebildet; dahinter ragen die weißen Strenge des Himalaya empor.
Kaschmir-Trauben gelten in Kalkutta als seltene Delikatesse. Rajendra, der sich ein wahres Festmahl versprochen hatte, als er Kaschmir erreichte, war enttäuscht, dort keine großen Weinberge zu finden. Hin und wieder zog ich ihn scherzhaft wegen seiner grundlosen Vorfreude auf.
„Oh, ich habe mich so mit Trauben vollgestopft, dass ich nicht mehr laufen kann!“, sagte ich. „Die unsichtbaren Trauben gären in mir!“ Später hörte ich, dass süße Trauben reichlich in Kabul, westlich von Kaschmir, wachsen. Wir trösteten uns mit Eiscreme aus RABRI, einer stark eingedickten Milch, die mit ganzen Pistazienkernen aromatisiert war.
Wir machten mehrere Ausflüge in SHIKARAS oder Hausbooten, die von rot bestickten Baldachinen beschattet wurden und entlang der komplizierten Kanäle des Dal-Sees fuhren, einem Netz von Kanälen wie ein wässriges Spinnennetz. Hier versetzen einen die zahlreichen schwimmenden Gärten, die grob aus Baumstämmen und Erde improvisiert sind, in Erstaunen, so unpassend wirkt der erste Anblick von Gemüse und Melonen, die inmitten riesiger Gewässer wachsen. Gelegentlich sieht man einen Bauern, der es verschmäht, „an den Boden gebunden“ zu sein, und sein quadratisches Stück „Land“ zu einem neuen Standort in dem vielfingrigen See schleppt.
In diesem geschichtsträchtigen Tal findet man einen Inbegriff aller Schönheiten der Erde. Die Dame von Kaschmir ist berggekrönt, seegeschmückt und blumenbeschuht. In späteren Jahren, nachdem ich viele ferne Länder bereist hatte, verstand ich, warum Kaschmir oft als der landschaftlich schönste Ort der Welt bezeichnet wird. Er besitzt einige der Reize der Schweizer Alpen, von Loch Lomond in Schottland und den exquisiten englischen Seen. Ein amerikanischer Reisender in Kaschmir findet vieles, was ihn an die raue Pracht von Alaska und den Pikes Peak bei Denver erinnert.
Als Einträge für einen Wettbewerb um landschaftliche Schönheit biete ich für den ersten Preis entweder den herrlichen Anblick von Xochimilco in Mexiko, wo sich Berge, Himmel und Pappeln in unzähligen Wasserwegen inmitten spielender Fische spiegeln, oder die juwelenartigen Seen von Kaschmir, die wie schöne Jungfrauen unter der strengen Überwachung des Himalaya bewacht werden. Diese beiden Orte stehen in meiner Erinnerung als die schönsten Flecken der Erde.
Doch ich war auch ehrfürchtig, als ich zum ersten Mal die Wunder des Yellowstone-Nationalparks, des Grand Canyon am Colorado und Alaskas erblickte. Der Yellowstone-Park ist vielleicht die einzige Region, in der man unzählige Geysire sehen kann, die Jahr für Jahr mit uhrwerkartiger Regelmäßigkeit hoch in die Luft schießen. Seine opalen und saphirblauen Becken und heißen Schwefelquellen, seine Bären und wilden Tiere erinnern einen daran, dass die Natur hier ein Exemplar ihrer frühesten Schöpfung hinterlassen hat. Während ich auf den Straßen von Wyoming zum „Devil’s Paint Pot“ mit seinem heißen, brodelnden Schlamm, gurgelnden Quellen, dampfenden Fontänen und in alle Richtungen sprühenden Geysiren fuhr, war ich geneigt zu sagen, dass der Yellowstone einen Sonderpreis für Einzigartigkeit verdient.
Die alten, majestätischen Mammutbäume des Yosemite, die ihre riesigen Säulen weit in den unergründlichen Himmel strecken, sind grüne, natürliche Kathedralen, die mit göttlichem Geschick entworfen wurden. Obwohl es im Orient wunderbare Wasserfälle gibt, kommt keiner an die strömende Schönheit der Niagarafälle nahe der kanadischen Grenze heran. Die Mammoth-Höhlen in Kentucky und die Carlsbad-Höhlen in New Mexico mit ihren farbenprächtigen, eiszapfenartigen Formationen sind atemberaubende Märchenwelten. Ihre langen Nadeln aus Stalaktiten, die von den Höhlendecken hängen und sich in unterirdischen Gewässern spiegeln, bieten einen Einblick in andere Welten, wie sie sich der Mensch vorstellt.
Die meisten Hindus in Kaschmir, die für ihre Schönheit weltberühmt sind, sind so weiß wie Europäer und haben ähnliche Gesichtszüge und Knochenbau; viele haben blaue Augen und blondes Haar. In westlicher Kleidung sehen sie aus wie Amerikaner. Der kalte Himalaya schützt die Kaschmiris vor der schwülen Sonne und bewahrt ihre helle Hautfarbe. Wenn man in die südlichen und tropischen Breitengrade Indiens reist, stellt man fest, dass die Menschen zunehmend dunkler werden.
Nachdem ich glückliche Wochen in Kaschmir verbracht hatte, war ich gezwungen, für das Herbstsemester des Serampore College nach Bengalen zurückzukehren. Sri Yukteswar blieb mit Kanai und Auddy in Srinagar. Bevor ich abreiste, deutete der Meister an, dass sein Körper in Kaschmir unter Leiden zu leiden hätte.
„Herr, Sie sehen aus wie das blühende Leben“, protestierte ich.
„Es besteht die Möglichkeit, dass ich diese Erde sogar verlasse.“
„Guruji!“ Ich fiel ihm mit einer flehenden Geste zu Füßen. „Bitte versprechen Sie, dass Sie Ihren Körper jetzt nicht verlassen. Ich bin absolut nicht darauf vorbereitet, ohne Sie weiterzumachen.“
Sri Yukteswar schwieg, lächelte mich aber so mitleidig an, dass ich mich beruhigt fühlte. Widerwillig verließ ich ihn.
„Meister gefährlich krank.“ Dieses Telegramm von Auddy erreichte mich kurz nach meiner Rückkehr nach Serampore.
„Herr“, telegrafierte ich meinem Guru verzweifelt, „ich habe Sie um Ihr Versprechen gebeten, mich nicht zu verlassen. Bitte behalten Sie Ihren Körper; sonst werde auch ich sterben.“
„Es geschehe, wie du willst.“ Dies war Sri Yukteswars Antwort aus Kaschmir.
Einige Tage später traf ein Brief von Auddy ein, der mich informierte, dass der Meister sich erholt habe. Als er in den nächsten vierzehn Tagen nach Serampore zurückkehrte, war ich betrübt, meinen Guru nur noch mit der Hälfte seines üblichen Gewichts vorzufinden.
Zum Glück für seine Jünger verbrannte Sri Yukteswar viele ihrer Sünden im Feuer seines schweren Fiebers in Kaschmir. Die metaphysische Methode der physischen Übertragung von Krankheiten ist hoch entwickelten Yogis bekannt. Ein starker Mann kann einem schwächeren helfen, indem er ihm hilft, seine schwere Last zu tragen; ein spiritueller Übermensch ist in der Lage, die physischen oder mentalen Lasten seiner Jünger zu minimieren, indem er das Karma ihrer vergangenen Taten teilt. So wie ein reicher Mann etwas Geld verliert, wenn er eine große Schuld für seinen verschwenderischen Sohn begleicht, der so vor den schlimmen Folgen seiner eigenen Torheit bewahrt wird, so opfert ein Meister bereitwillig einen Teil seines körperlichen Reichtums, um das Elend seiner Jünger zu lindern. {FN21-3}
Durch eine geheime Methode verbindet der Yogi seinen Geist und sein Astralfahrzeug mit denen eines leidenden Individuums; die Krankheit wird ganz oder teilweise auf den Körper des Heiligen übertragen. Nachdem ein Meister Gott auf dem physischen Feld geerntet hat, kümmert es ihn nicht mehr, was mit dieser materiellen Form geschieht. Obwohl er ihr erlauben mag, eine bestimmte Krankheit zu registrieren, um andere zu entlasten, wird sein Geist niemals beeinträchtigt; er betrachtet sich als glücklich, eine solche Hilfe leisten zu können.
Der Gottgeweihte, der die endgültige Erlösung im Herrn erreicht hat, stellt fest, dass sein Körper seinen Zweck vollständig erfüllt hat; er kann ihn dann auf jede Weise benutzen, die er für angemessen hält. Seine Arbeit in der Welt besteht darin, die Leiden der Menschheit zu lindern, sei es durch spirituelle Mittel, durch intellektuellen Rat, durch Willenskraft oder durch die physische Übertragung von Krankheiten. Da ein Meister jederzeit in das Überbewusstsein entfliehen kann, kann er sich des physischen Leidens entziehen; manchmal entscheidet er sich, körperliche Schmerzen stoisch zu ertragen, als Beispiel für seine Jünger. Indem er die Leiden anderer auf sich nimmt, kann ein Yogi für sie das karmische Gesetz von Ursache und Wirkung befriedigen. Dieses Gesetz wirkt mechanisch oder mathematisch; seine Funktionsweise kann von Menschen mit göttlicher Weisheit wissenschaftlich manipuliert werden.
Das spirituelle Gesetz verlangt nicht, dass ein Meister krank wird, wann immer er eine andere Person heilt. Heilungen finden normalerweise durch das Wissen des Heiligen über verschiedene Methoden der sofortigen Heilung statt, bei denen dem spirituellen Heiler kein Schaden zugefügt wird. In seltenen Fällen jedoch kann ein Meister, der die Entwicklung seiner Jünger stark beschleunigen möchte, freiwillig einen großen Teil ihres unerwünschten Karmas an seinem eigenen Körper abarbeiten.
Jesus bezeichnete sich selbst als Lösegeld für die Sünden vieler. Mit seinen göttlichen Kräften konnte sein Körper niemals dem Tod durch Kreuzigung unterworfen worden sein, wenn er nicht bereitwillig mit dem subtilen kosmischen Gesetz von Ursache und Wirkung kooperiert hätte. Er nahm also die Konsequenzen des Karmas anderer auf sich, insbesondere das seiner Jünger. Auf diese Weise wurden sie hochgradig gereinigt und bereit gemacht, das allgegenwärtige Bewusstsein zu empfangen, das später auf sie herabstieg.
Nur ein selbstverwirklichter Meister kann seine Lebenskraft übertragen oder die Krankheiten anderer in seinen eigenen Körper leiten. Ein gewöhnlicher Mensch kann diese yogische Heilmethode nicht anwenden, noch ist es wünschenswert, dass er dies tut; denn ein ungesundes physisches Instrument ist ein Hindernis für die Gott-Meditation. Die hinduistischen Schriften lehren, dass die erste Pflicht des Menschen darin besteht, seinen Körper in gutem Zustand zu halten; andernfalls ist sein Geist unfähig, in andächtiger Konzentration zu verweilen.
Ein sehr starker Geist kann jedoch alle physischen Schwierigkeiten überwinden und die Gottverwirklichung erlangen. Viele Heilige haben Krankheit ignoriert und waren in ihrem göttlichen Streben erfolgreich. Der heilige Franz von Assisi, der schwer unter Gebrechen litt, heilte andere und erweckte sogar Tote zum Leben.
Ich kannte einen indischen Heiligen, dessen Körper einst zur Hälfte von eiternden Geschwüren befallen war. Sein diabetischer Zustand war so akut, dass er unter normalen Bedingungen nicht länger als fünfzehn Minuten am Stück stillsitzen konnte. Aber sein spirituelles Streben war unaufhaltsam. „Herr“, betete er, „wirst Du in meinen zerbrochenen Tempel kommen?“ Mit unaufhörlicher Willenskraft wurde der Heilige allmählich fähig, täglich achtzehn Stunden ununterbrochen im Lotussitz zu verweilen, versunken in ekstatische Trance.
„Und“, erzählte er mir, „am Ende von drei Jahren fand ich das Unendliche Licht, das in meiner zertrümmerten Gestalt loderte. Ich erfreute mich an der freudvollen Pracht und vergaß den Körper. Später sah ich, dass er durch die Göttliche Gnade heil geworden war.“
Ein historischer Heilungsvorfall betrifft König Baber (1483-1530), den Begründer des Mogulreichs in Indien. Sein Sohn, Prinz Humayun, war todkrank. Der Vater betete mit gequälter Entschlossenheit, dass er die Krankheit empfange und sein Sohn verschont bleibe. Nachdem alle Ärzte die Hoffnung aufgegeben hatten, genas Humayun. Baber wurde sofort krank und starb an derselben Krankheit, die seinen Sohn befallen hatte. Humayun folgte Baber als Kaiser von Hindustan nach.
Viele Menschen bilden sich ein, dass jeder spirituelle Meister die Gesundheit und Stärke eines Sandow habe oder haben sollte. Diese Annahme ist unbegründet. Ein kränklicher Körper deutet nicht darauf hin, dass ein Guru keinen Kontakt zu göttlichen Kräften hat, genauso wenig wie lebenslange Gesundheit notwendigerweise eine innere Erleuchtung anzeigt. Der Zustand des physischen Körpers kann mit anderen Worten nicht zu Recht als Prüfung für einen Meister herangezogen werden. Seine unterscheidenden Qualifikationen müssen in seinem eigenen Bereich gesucht werden, dem spirituellen.
Zahlreiche verwirrte Suchende im Westen denken irrtümlich, dass ein wortgewandter Redner oder Schriftsteller über Metaphysik ein Meister sein müsse. Die Rishis haben jedoch darauf hingewiesen, dass die Nagelprobe für einen Meister die Fähigkeit eines Mannes ist, nach Belieben in den atemlosen Zustand einzutreten und den ungebrochenen SAMADHI von NIRBIKALPA aufrechtzuerhalten. {FN21-5} Nur durch diese Errungenschaften kann ein Mensch beweisen, dass er MAYA oder die dualistische Kosmische Täuschung „bezwungen“ hat. Er allein kann aus der Tiefe der Verwirklichung sagen: „EKAM SAT“ – „Es existiert nur das Eine.“
„Die VEDAS erklären, dass der unwissende Mensch, der sich damit begnügt, die geringste Unterscheidung zwischen der individuellen Seele und dem Höchsten Selbst zu treffen, der Gefahr ausgesetzt ist“, hat Shankara, der große Monist, geschrieben. „Wo durch Unwissenheit Dualität herrscht, sieht man alle Dinge als vom Selbst getrennt an. Wenn alles als das Selbst gesehen wird, dann gibt es nicht einmal ein Atom, das nicht das Selbst wäre. ...
Sobald die Erkenntnis der Wirklichkeit aufgekeimt ist, kann es keine Früchte vergangener Handlungen mehr geben, die erfahren werden müssten, aufgrund der Unwirklichkeit des Körpers, genauso wie es nach dem Erwachen keinen Traum mehr geben kann.“
Nur große Gurus sind in der Lage, das Karma von Jüngern zu übernehmen. Sri Yukteswar hätte in Kaschmir nicht gelitten, wenn er nicht die Erlaubnis von dem Geist in sich erhalten hätte, seinen Jüngern auf diese seltsame Weise zu helfen. Wenige Heilige waren jemals feinfühliger mit Weisheit ausgestattet, um göttliche Befehle auszuführen, als mein gottverbundener Meister.
Als ich ein paar Worte des Mitgefühls angesichts seiner ausgemergelten Gestalt wagte, sagte mein Guru fröhlich:
„Es hat seine guten Seiten; ich kann jetzt in einige kleine GANJIS (Unterhemden) schlüpfen, die ich seit Jahren nicht mehr getragen habe!“
Während ich das joviale Lachen des Meisters hörte, erinnerte ich mich an die Worte des heiligen Franz von Sales: „Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger!“
{FN21-1} In Indien gilt es als respektlos, in Gegenwart von Älteren und Vorgesetzten zu rauchen.
{FN21-2} Die Orientalische Platane.
{FN21-3} Viele christliche Heilige, darunter Therese Neumann (siehe Kapitel 39), sind mit der metaphysischen Übertragung von Krankheiten vertraut.
{FN21-4} Christus sagte, kurz bevor er zur Kreuzigung abgeführt wurde: „Meinst du, dass ich nicht meinen Vater bitten könnte und er würde mir alsbald mehr als zwölf Legionen Engel schicken? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt werden, dass es so geschehen muss?“ - MATTHÄUS 26:53-54.
{FN21-5} Siehe ../Kapitel 26, 43 ANMERKUNGEN.
KAPITEL: 22
DAS HERZ EINES STEINBILDES
„Als loyale hinduistische Ehefrau möchte ich mich nicht über meinen Ehemann beklagen. Aber ich sehne mich danach, zu sehen, wie er sich von seinen materialistischen Ansichten abwendet. Er hat seine Freude daran, die Bilder der Heiligen in meinem Meditationsraum zu verspotten. Lieber Bruder, ich habe tiefen Glauben daran, dass du ihm helfen kannst. Willst du?“
Meine älteste Schwester Roma blickte mich bittend an. Ich machte einen kurzen Besuch in ihrem Haus in Kalkutta in der Girish Vidyaratna Lane. Ihre Bitte berührte mich, denn sie hatte einen tiefgreifenden spirituellen Einfluss auf mein frühes Leben ausgeübt und liebevoll versucht, die Lücke zu füllen, die Mamas Tod im Familienkreis hinterlassen hatte.
„Geliebte Schwester, natürlich werde ich alles tun, was ich kann.“ Ich lächelte, begierig darauf, die Düsterkeit zu vertreiben, die deutlich auf ihrem Gesicht zu sehen war, im Gegensatz zu ihrem üblichen ruhigen und fröhlichen Ausdruck.
Roma und ich saßen eine Weile im stillen Gebet um Führung. Ein Jahr zuvor hatte meine Schwester mich gebeten, sie in KRIYA YOGA einzuweihen, worin sie bemerkenswerte Fortschritte machte.
Eine Eingebung ergriff mich. „Morgen“, sagte ich, „gehe ich zum Tempel von Dakshineswar. Bitte komm mit mir und überrede deinen Mann, uns zu begleiten. Ich fühle, dass die Göttliche Mutter in den Schwingungen dieses heiligen Ortes sein Herz berühren wird. Aber verrate nicht unser Ziel, warum wir wollen, dass er mitkommt.“
Meine Schwester stimmte hoffnungsvoll zu. Am nächsten Morgen war ich erfreut festzustellen, dass Roma und ihr Mann bereit für den Ausflug waren. Während unsere Mietkutsche die Upper Circular Road entlang in Richtung Dakshineswar ratterte, amüsierte sich mein Schwager, Satish Chandra Bose, damit, spirituelle Gurus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verspotten. Ich bemerkte, dass Roma leise weinte.
„Schwester, Kopf hoch!“ flüsterte ich. „Gib deinem Mann nicht die Befriedigung zu glauben, dass wir seine Spöttelei ernst nehmen.“
„Mukunda, wie kannst du wertlose Schwindler bewundern?“ sagte Satish. „Das bloße Aussehen eines SADHUS ist abstoßend. Er ist entweder so dünn wie ein Skelett oder so unheilig fett wie ein Elefant!“
Ich lachte laut auf. Meine gutmütige Reaktion war Satish lästig; er zog sich in mürrisches Schweigen zurück. Als unser Taxi das Gelände von Dakshineswar betrat, grinste er sarkastisch.
„Dieser Ausflug ist wohl ein Plan, um mich zu reformieren?“
Als ich mich ohne Antwort abwandte, ergriff er meinen Arm. „Junger Herr Mönch“, sagte er, „vergiss nicht, die richtigen Vorkehrungen bei der Tempelverwaltung für unser Mittagessen zu treffen.“
„Ich werde jetzt meditieren. Mach dir keine Sorgen um dein Mittagessen“, antwortete ich scharf. „Die Göttliche Mutter wird sich darum kümmern.“
„Ich traue der Göttlichen Mutter nicht zu, auch nur eine einzige Sache für mich zu tun. Aber ich halte dich für mein Essen verantwortlich.“ Satishs Tonfall war drohend.
Ich ging allein zu der säulengeschmückten Halle, die vor dem großen Tempel von Kali oder Mutter Natur liegt. Ich suchte mir einen schattigen Platz nahe einer der Säulen und brachte meinen Körper in den Lotussitz. Obwohl es erst etwa sieben Uhr war, würde die Morgensonne bald drückend werden.
Die Welt wich zurück, als ich in andächtige Trance geriet. Mein Geist war auf die Göttin Kali konzentriert, deren Bildnis in Dakshineswar das besondere Objekt der Verehrung durch den großen Meister Sri Ramakrishna Paramhansa gewesen war. Als Antwort auf seine gequälten Bitten hatte das Steinbild genau dieses Tempels oft eine lebendige Gestalt angenommen und mit ihm gesprochen.
„Stille Mutter mit steinernem Herzen“, betete ich, „Du wurdest auf die Bitte Deines geliebten Verehrers Ramakrishna hin lebendig; warum erhörst Du nicht auch die Klagen dieses Deines sehnsüchtigen Sohnes?“
Mein strebender Eifer nahm grenzenlos zu, begleitet von einem göttlichen Frieden. Doch als fünf Stunden vergangen waren und die Göttin, die ich innerlich visualisierte, keine Antwort gegeben hatte, fühlte ich mich leicht entmutigt. Manchmal ist es eine Prüfung Gottes, die Erfüllung von Gebeten hinauszuzögern. Aber Er erscheint schließlich dem beharrlichen Verehrer in jeder Form, die ihm lieb ist. Ein gläubiger Christ sieht Jesus; ein Hindu erblickt Krishna oder die Göttin Kali oder ein sich ausdehnendes Licht, wenn seine Verehrung eine unpersönliche Wendung nimmt.
Widerstrebend öffnete ich meine Augen und sah, dass die Tempeltüren von einem Priester gemäß einer Mittagstradition verschlossen wurden. Ich erhob mich von meinem abgelegenen Sitz unter der offenen, überdachten Halle und trat in den Innenhof. Sein Steinboden glühte unter der Mittagssonne; meine nackten Füße waren schmerzhaft verbrannt.
„Göttliche Mutter“, remonstrierte ich still, „Du bist mir nicht in einer Vision erschienen, und jetzt bist Du im Tempel hinter verschlossenen Türen verborgen. Ich wollte heute ein besonderes Gebet für meinen Schwager an Dich richten.“
Meine innere Bitte wurde augenblicklich erhört. Zuerst senkte sich eine köstliche kalte Welle über meinen Rücken und unter meine Füße, die alles Unbehagen verbannte. Dann, zu meinem Erstaunen, wurde der Tempel stark vergrößert. Seine große Tür öffnete sich langsam und enthüllte die Steinfigur der Göttin Kali. Allmählich verwandelte sie sich in eine lebendige Gestalt, die lächelnd grüßte und mich mit unbeschreiblicher Freude erfüllte. Wie durch eine mystische Spritze wurde der Atem aus meinen Lungen gezogen; mein Körper wurde ganz still, wenn auch nicht reglos.
Eine ekstatische Erweiterung des Bewusstseins folgte. Ich konnte links von mir mehrere Meilen weit über den Ganges blicken und hinter den Tempel auf das gesamte Gelände von Dakshineswar. Die Wände aller Gebäude schimmerten transparent; durch sie hindurch beobachtete ich Menschen, die über weit entfernte Flächen hin und her gingen.
Obwohl ich atemlos war und sich mein Körper in einem seltsam ruhigen Zustand befand, konnte ich dennoch meine Hände und Füße frei bewegen. Mehrere Minuten lang experimentierte ich damit, meine Augen zu schließen und zu öffnen; in beiden Zuständen sah ich deutlich das gesamte Panorama von Dakshineswar.
Spirituelle Sicht, röntgenartig, dringt in alle Materie ein; das göttliche Auge ist überall Zentrum, nirgendwo Umfang. Ich erkannte aufs Neue, dort im sonnigen Innenhof stehend, dass der Mensch, wenn er aufhört, ein verlorenes Kind Gottes zu sein, das in einer physischen Welt versunken ist – in der Tat ein Traum, grundlos wie eine Seifenblase –, sein ewiges Reich wiedererbt. Wenn „Eskapismus“ ein Bedürfnis des Menschen ist, der in seiner engen Persönlichkeit eingeengt ist, kann irgendeine Flucht mit der Majestät der Allgegenwart verglichen werden?
Bei meinem heiligen Erlebnis in Dakshineswar waren die einzigen außergewöhnlich vergrößerten Objekte der Tempel und die Gestalt der Göttin. Alles andere erschien in seinen normalen Dimensionen, obwohl jedes von einem Heiligenschein aus mildem Licht – weiß, blau und pastellfarbenen Regenbogenfarben – umschlossen war. Mein Körper schien von ätherischer Substanz zu sein, bereit zu schweben. Vollkommen bewusst meiner materiellen Umgebung, sah ich mich um und machte ein paar Schritte, ohne die Kontinuität der wonnevollen Vision zu stören.
Hinter den Tempelwänden erblickte ich plötzlich meinen Schwager, wie er unter den dornigen Zweigen eines heiligen BEL-Baumes saß. Ich konnte mühelos den Lauf seiner Gedanken erkennen. Etwas erhoben unter dem heiligen Einfluss von Dakshineswar, hegte sein Geist dennoch unfreundliche Reflexionen über mich. Ich wandte mich direkt an die gnädige Gestalt der Göttin.
„Göttliche Mutter“, betete ich, „wirst Du den Mann meiner Schwester nicht spirituell verändern?“
Die schöne Gestalt, bisher stumm, sprach endlich: „Dein Wunsch ist gewährt!“
Ich sah glücklich zu Satish. Als ob er instinktiv spürte, dass eine spirituelle Kraft am Werk war, erhob er sich verärgert von seinem Sitz auf dem Boden. Ich sah ihn hinter dem Tempel rennen; er näherte sich mir und schüttelte seine Faust.
Die alles umfassende Vision verschwand. Nicht länger konnte ich die glorreiche Göttin sehen; der hoch aufragende Tempel war auf seine gewöhnliche Größe reduziert, ohne seine Transparenz. Wieder schwitzte mein Körper unter den sengenden Strahlen der Sonne. Ich sprang in den Schutz der säulengeschmückten Halle, wo Satish mich wütend verfolgte. Ich sah auf meine Uhr. Es war ein Uhr; die göttliche Vision hatte eine Stunde gedauert.
„Du kleiner Dummkopf“, platzte mein Schwager heraus, „du hast da sechs Stunden lang mit gekreuzten Beinen und schielenden Augen gesessen. Ich bin hin und her gegangen und habe dich beobachtet. Wo ist mein Essen? Jetzt ist der Tempel geschlossen; du hast es versäumt, die Behörden zu benachrichtigen; wir stehen ohne Mittagessen da!“
Die Hochstimmung, die ich bei der Gegenwart der Göttin gefühlt hatte, pulsierte noch immer in meinem Herzen. Ich war ermutigt auszurufen: „Die Göttliche Mutter wird uns speisen!“
Satish war außer sich vor Wut. „Ein für alle Mal“, schrie er, „ich würde gerne sehen, wie deine Göttliche Mutter uns hier ohne vorherige Absprachen Essen gibt!“
Seine Worte waren kaum ausgesprochen, als ein Tempelpriester den Innenhof überquerte und zu uns stieß.
„Sohn“, sprach er mich an, „ich habe dein Gesicht während der stundenlangen Meditation heiter strahlen sehen. Ich sah die Ankunft deiner Gruppe heute Morgen und verspürte den Wunsch, reichlich Essen für euer Mittagessen beiseite zu legen. Es verstößt gegen die Tempelregeln, diejenigen zu speisen, die keine vorherige Anfrage gestellt haben, aber ich habe eine Ausnahme für dich gemacht.“
Ich dankte ihm und blickte Satish direkt in die Augen. Er rötete sich vor Emotion und senkte in stiller Reue seinen Blick. Als uns eine üppige Mahlzeit serviert wurde, einschließlich Mangos außerhalb der Saison, bemerkte ich, dass der Appetit meines Schwagers gering war. Er war verwirrt und tauchte tief in den Ozean der Gedanken ein. Auf der Rückreise nach Kalkutta warf Satish mit weicherem Ausdruck gelegentlich einen flehenden Blick auf mich. Aber er sprach kein einziges Wort mehr, seit dem Moment, als der Priester erschienen war, um uns zum Mittagessen einzuladen, als direkte Antwort auf Satishs Herausforderung.
Am nächsten Nachmittag besuchte ich meine Schwester in ihrem Haus. Sie begrüßte mich liebevoll.
„Lieber Bruder“, rief sie, „was für ein Wunder! Gestern Abend weinte mein Mann offen vor mir.
‚Geliebte DEVI‘ {FN22-1}, sagte er, ‚ich bin überglücklich, dass dieser Reformplan deines Bruders eine Wandlung bewirkt hat. Ich werde jedes Unrecht, das ich dir angetan habe, wiedergutmachen. Von heute Abend an werden wir unser großes Schlafzimmer nur noch als Gebetsraum nutzen; dein kleiner Meditationsraum soll in unser Schlafzimmer umgewandelt werden. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich deinen Bruder verspottet habe. Für die beschämende Art, wie ich mich verhalten habe, werde ich mich selbst bestrafen, indem ich nicht mit Mukunda rede, bis ich auf dem spirituellen Pfad Fortschritte gemacht habe. Ich werde von nun an tief nach der Göttlichen Mutter suchen; eines Tages muss ich Sie sicherlich finden!‘“
Jahre später besuchte ich meinen Schwager in Delhi. Ich war überglücklich festzustellen, dass er sich in der Selbstverwirklichung hoch entwickelt hatte und mit der Vision der Göttlichen Mutter gesegnet worden war. Während meines Aufenthalts bei ihm bemerkte ich, dass Satish heimlich den größten Teil jeder Nacht mit göttlicher Meditation verbrachte, obwohl er an einer schweren Krankheit litt und tagsüber in seinem Büro arbeitete.
Der Gedanke kam mir, dass die Lebensspanne meines Schwagers keine lange sein würde. Roma musste meine Gedanken gelesen haben.
„Lieber Bruder“, sagte sie, „mir geht es gut, und mein Mann ist krank. Nichtsdestotrotz möchte ich, dass du weißt, dass ich als treue hinduistische Ehefrau die Erste sein werde, die stirbt. {FN22-2} Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich hinübergehe.“
Überrascht von ihren unheilvollen Worten, erkannte ich dennoch ihren wahren Kern. Ich war in Amerika, als meine Schwester etwa ein Jahr nach ihrer Vorhersage starb. Mein jüngster Bruder Bishnu gab mir später die Einzelheiten.
„Roma und Satish waren zum Zeitpunkt ihres Todes in Kalkutta“, erzählte mir Bishnu. „An jenem Morgen kleidete sie sich in ihr Brautgewand.
‚Warum diese besondere Tracht?‘ erkundigte sich Satish.
‚Dies ist mein letzter Tag im Dienst für dich auf Erden‘, antwortete Roma. Kurz darauf hatte sie einen Herzinfarkt. Als ihr Sohn hinauslief, um Hilfe zu holen, sagte sie:
‚Sohn, verlasse mich nicht. Es hat keinen Zweck; ich werde fort sein, bevor ein Arzt eintreffen könnte.‘ Zehn Minuten später, während sie in Ehrfurcht die Füße ihres Mannes hielt, verließ Roma bewusst ihren Körper, glücklich und ohne zu leiden.
Satish wurde nach dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen“, fuhr Bishnu fort. „Eines Tages betrachteten er und ich ein großes, lächelndes Foto von Roma.
‚Warum lächelst du?‘ rief Satish plötzlich aus, als wäre seine Frau anwesend. ‚Du denkst, du wärst schlau gewesen, indem du arrangiert hast, vor mir zu gehen. Ich werde beweisen, dass du nicht lange von mir entfernt bleiben kannst; bald werde ich dir folgen.‘
Obwohl sich Satish zu diesem Zeitpunkt vollständig von seiner Krankheit erholt hatte und sich bester Gesundheit erfreute, starb er kurz nach seiner seltsamen Bemerkung vor dem Foto ohne erkennbare Ursache.“
So verschied prophetisch meine innig geliebte älteste Schwester Roma und ihr Mann Satish – er, der sich in Dakshineswar von einem gewöhnlichen weltlichen Mann zu einem stillen Heiligen wandelte.
{FN22-1} Göttin.
{FN22-2} Die hinduistische Ehefrau glaubt, dass es ein Zeichen für spirituellen Fortschritt ist, wenn sie vor ihrem Ehemann stirbt, als Beweis für ihren loyalen Dienst an ihm oder als „Sterben im Dienst“.
KAPITEL: 23
ICH ERHALTE MEINEN UNIVERSITÄTSABSCHLUSS
„Sie ignorieren Ihre Lehrbuchaufgaben in Philosophie. Zweifellos verlassen Sie sich auf eine mühelose ‚Intuition‘, um durch die Prüfungen zu kommen. Aber wenn Sie sich nicht auf gelehrtere Weise anstrengen, werde ich dafür sorgen, dass Sie diesen Kurs nicht bestehen.“
Professor D. C. Ghoshal vom Serampore College sprach mich streng an. Wenn ich seine schriftliche Abschlussprüfung im Unterricht nicht bestünde, wäre ich nicht berechtigt, an den entscheidenden Prüfungen teilzunehmen. Diese werden von der Fakultät der Universität Kalkutta formuliert, zu deren angeschlossenen Zweigen das Serampore College gehört. Ein Student an indischen Universitäten, der in einem Fach bei den A.B.-Abschlussprüfungen erfolglos ist, muss sich im folgenden Jahr in ALL seinen Fächern erneut prüfen lassen.
Meine Dozenten am Serampore College behandelten mich gewöhnlich mit Freundlichkeit, die nicht ohne eine amüsierte Toleranz war. „Mukunda ist ein wenig zu betrunken von Religion.“ Indem sie mich so zusammenfassten, ersparten sie mir taktvoll die Verlegenheit, Fragen im Unterricht zu beantworten; sie vertrauten darauf, dass die schriftlichen Abschlusstests mich von der Liste der A.B.-Kandidaten eliminieren würden. Das Urteil meiner Kommilitonen drückte sich in ihrem Spitznamen für mich aus – „Verrückter Mönch“.
Ich unternahm einen genialen Schritt, um Professor Ghoshals Drohung, mich in Philosophie durchfallen zu lassen, zunichtezumachen. Als die Ergebnisse der Abschlusstests öffentlich bekannt gegeben werden sollten, bat ich einen Kommilitonen, mich zum Arbeitszimmer des Professors zu begleiten.
„Komm mit; ich will einen Zeugen“, sagte ich zu meinem Begleiter. „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn es mir nicht gelungen wäre, den Dozenten zu überlisten.“
Professor Ghoshal schüttelte den Kopf, nachdem ich mich erkundigt hatte, welche Bewertung er meiner Arbeit gegeben hatte.
„Sie gehören nicht zu denen, die bestanden haben“, sagte er triumphierend. Er suchte durch einen großen Stapel auf seinem Schreibtisch. „Ihre Arbeit ist überhaupt nicht hier; Sie sind auf jeden Fall durch Nicht-Erscheinen zur Prüfung durchgefallen.“
Ich kicherte. „Sir, ich war da. Darf ich selbst durch den Stapel schauen?“
Der Professor, verblüfft, gab seine Erlaubnis; ich fand schnell meine Arbeit, bei der ich sorgfältig jedes Identifikationsmerkmal außer meiner Matrikelnummer weggelassen hatte. Ungewarnt durch die „rote Flagge“ meines Namens, hatte der Dozent meinen Antworten eine hohe Bewertung gegeben, obwohl sie nicht mit Lehrbuchzitaten ausgeschmückt waren. {FN23-1}
Da er meinen Trick durchschaute, donnerte er nun: „Reines freches Glück!“ Er fügte hoffnungsvoll hinzu: „Sie werden bei den A.B.-Abschlussprüfungen mit Sicherheit durchfallen.“
Für die Tests in meinen anderen Fächern erhielt ich etwas Nachhilfe, insbesondere von meinem lieben Freund und Cousin Prabhas Chandra Ghose {FN23-2}, Sohn meines Onkels Sarada. Ich stolperte schmerzhaft, aber erfolgreich – mit den niedrigsten möglichen Bestehensnoten – durch alle meine Abschlusstests.
Nun, nach vier Jahren College, war ich berechtigt, an den A.B.-Prüfungen teilzunehmen. Dennoch erwartete ich kaum, das Privileg wahrnehmen zu können. Die Abschlusstests des Serampore College waren ein Kinderspiel im Vergleich zu den strengen, die von der Universität Kalkutta für den A.B.-Abschluss angesetzt würden. Meine fast täglichen Besuche bei Sri Yukteswar hatten mir wenig Zeit gelassen, die Hallen des Colleges zu betreten. Dort war es meine Anwesenheit, eher als meine Abwesenheit, die bei meinen Kommilitonen Äußerungen des Erstaunens hervorrief!
Meine übliche Routine bestand darin, mich gegen halb zehn Uhr morgens auf mein Fahrrad zu schwingen. In der einen Hand trug ich eine Opfergabe für meinen Guru – ein paar Blumen aus dem Garten meiner Pension PANTHI. Der Meister begrüßte mich freundlich und lud mich zum Mittagessen ein. Ich nahm stets mit Eifer an, froh, den Gedanken an das College für diesen Tag verbannen zu können. Nach stundenlangem Zusammensein mit Sri Yukteswar, bei dem ich seinem unvergleichlichen Strom der Weisheit lauschte oder bei Ashram-Pflichten half, brach ich gegen Mitternacht nur widerwillig in Richtung PANTHI auf. Gelegentlich blieb ich die ganze Nacht bei meinem Guru, so glücklich vertieft in unser Gespräch, dass ich kaum bemerkte, wie die Dunkelheit der Morgendämmerung wich.
Eines Nachts gegen elf Uhr, als ich meine Schuhe {FN23-3} für die Fahrt zur Pension anzog, stellte mir der Meister eine ernste Frage.
„Wann beginnen deine A.B.-Prüfungen?“
„In fünf Tagen, Herr.“
„Ich hoffe, du bist für sie gerüstet.“
Vor Schreck erstarrt, hielt ich einen Schuh in der Luft. „Herr“, protestierte ich, „Sie wissen doch, wie meine Tage eher mit Ihnen als mit den Professoren verbracht wurden. Wie kann ich da eine Farce aufführen, indem ich zu diesen schwierigen Abschlusstests erscheine?“
Sri Yukteswars Augen bohrten sich in meine. „Du musst erscheinen.“ Sein Ton war kühl und bestimmend. „Wir sollten deinem Vater und anderen Verwandten keinen Anlass geben, deine Vorliebe für das Ashram-Leben zu kritisieren. Versprich mir nur, dass du bei den Prüfungen anwesend sein wirst; beantworte sie so gut du kannst.“
Unkontrollierbare Tränen liefen über mein Gesicht. Ich empfand das Gebot des Meisters als unzumutbar und sein Interesse als, gelinde gesagt, verspätet.
„Ich werde erscheinen, wenn Sie es wünschen“, sagte ich unter Schluchzen. „Aber es bleibt keine Zeit für eine ordentliche Vorbereitung.“ Unter der Stimme murmelte ich: „Ich werde die Blätter mit Ihren Lehren als Antwort auf die Fragen füllen!“
Als ich am folgenden Tag zur gewohnten Stunde die Einsiedelei betrat, überreichte ich meinen Blumenstrauß mit einer gewissen schwermütigen Feierlichkeit. Sri Yukteswar lachte über meine bedrückte Miene.
„Mukunda, hat dich der Herr jemals im Stich gelassen, bei einer Prüfung oder anderswo?“
„Nein, Herr“, antwortete ich warmherzig. Dankbare Erinnerungen kamen wie eine belebende Flut über mich.
„Nicht Faulheit, sondern brennender Eifer für Gott hat dich daran gehindert, nach College-Auszeichnungen zu streben“, sagte mein Guru gütig. Nach einer Stille zitierte er: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit; so wird euch das alles zufallen.“ {FN23-4}
Zum tausendsten Mal fühlte ich, wie meine Lasten in der Gegenwart des Meisters abfielen. Als wir unser frühes Mittagessen beendet hatten, schlug er vor, dass ich zur PANTHI zurückkehren solle.
„Wohnt dein Freund, Romesh Chandra Dutt, immer noch in deiner Pension?“
„Ja, Herr.“
„Setz dich mit ihm in Verbindung; der Herr wird ihn inspirieren, dir bei den Prüfungen zu helfen.“
„Sehr wohl, Herr; aber Romesh ist ungewöhnlich beschäftigt. Er ist der Jahrgangsbeste in unserer Klasse und belegt mehr Kurse als die anderen.“
Der Meister wischte meine Einwände beiseite. „Romesh wird Zeit für dich finden. Geh jetzt.“
Ich fuhr mit dem Fahrrad zurück zur PANTHI. Die erste Person, die ich auf dem Gelände der Pension traf, war der gelehrte Romesh. Als ob seine Tage völlig frei wären, stimmte er zuvorkommend meiner zaghaften Bitte zu.
„Natürlich; ich stehe zu Ihren Diensten.“ Er verbrachte mehrere Stunden an jenem Nachmittag und an den folgenden Tagen damit, mich in meinen verschiedenen Fächern zu unterrichten.
„Ich glaube, viele Fragen in englischer Literatur werden sich um die Reiseroute von Childe Harold drehen“, sagte er zu mir. „Wir müssen uns sofort einen Atlas besorgen.“
Ich eilte zum Haus meines Onkels Sarada und lieh mir einen Atlas. Romesh markierte auf der Europakarte die Orte, die Byrons romantischer Reisender besucht hatte.
Einige Klassenkameraden hatten sich versammelt, um dem Unterricht zuzuhören. „Romesh berät dich falsch“, bemerkte einer von ihnen am Ende einer Sitzung. „Normalerweise beziehen sich nur fünfzig Prozent der Fragen auf die Bücher; die andere Hälfte betrifft das Leben der Autoren.“
Als ich am folgenden Tag bei der Prüfung in englischer Literatur saß, ließen mich die Fragen beim ersten Blick vor Dankbarkeit in Tränen ausbrechen, die mein Papier benetzten. Der Aufseher im Klassenzimmer kam an meinen Tisch und erkundigte sich mitfühlend nach meinem Befinden.
„Mein Guru hat vorhergesagt, dass Romesh mir helfen würde“, erklärte ich. „Schauen Sie; genau die Fragen, die mir Romesh diktiert hat, stehen hier auf dem Prüfungsbogen! Zu meinem Glück gibt es dieses Jahr nur sehr wenige Fragen über englische Autoren, deren Leben mir, was mich betrifft, in tiefes Geheimnis gehüllt sind!“
In meiner Pension herrschte Aufruhr, als ich zurückkehrte. Die Jungen, die Romeshs Lehrmethode verspottet hatten, sahen mich ehrfürchtig an und überhäuften mich fast mit Glückwünschen. Während der Prüfungswoche verbrachte ich viele Stunden mit Romesh, der Fragen formulierte, von denen er glaubte, dass sie wahrscheinlich von den Professoren gestellt würden. Tag für Tag tauchten Romeshs Fragen in fast der gleichen Form auf den Prüfungsbögen auf.
Am College verbreitete sich die Nachricht, dass sich etwas ereigne, das einem Wunder nahekomme, und dass der Erfolg für den zerstreuten „Verrückten Mönch“ wahrscheinlich sei. Ich unternahm keinen Versuch, die Tatsachen zu verbergen. Die örtlichen Professoren hatten keine Macht, die Fragen zu ändern, die von der Universität Kalkutta festgelegt worden waren.
Als ich an einem Morgen über die Prüfung in englischer Literatur nachdachte, wurde mir klar, dass ich einen schweren Fehler gemacht hatte. Ein Teil der Fragen war in zwei Gruppen unterteilt gewesen: A oder B und C oder D. Anstatt eine Frage aus jedem Teil zu beantworten, hatte ich unachtsam beide Fragen in Gruppe I beantwortet und versäumt, irgendetwas in Gruppe II zu berücksichtigen. Die beste Note, die ich in dieser Arbeit erzielen konnte, wären 33 Punkte, drei weniger als die Bestehensgrenze von 36. Ich eilte zum Meister und schüttete ihm mein Leid aus.
„Herr, ich habe einen unverzeihlichen Fehler begangen. Ich verdiene die göttlichen Segnungen durch Romesh nicht; ich bin völlig unwürdig.“
„Kopf hoch, Mukunda.“ Sri Yukteswars Töne waren leicht und unbekümmert. Er zeigte auf das blaue Himmelsgewölbe. „Es ist wahrscheinlicher, dass Sonne und Mond ihre Positionen im Raum vertauschen, als dass du dein Diplom nicht bekommst!“
Ich verließ die Einsiedelei in einer ruhigeren Stimmung, obwohl es mathematisch unvorstellbar schien, dass ich bestehen könnte. Ein- oder zweimal blickte ich besorgt in den Himmel; der Herr des Tages schien sicher in seiner gewohnten Umlaufbahn verankert zu sein!
Als ich die PANTHI erreichte, hörte ich die Bemerkung eines Klassenkameraden: „Ich habe gerade erfahren, dass in diesem Jahr zum ersten Mal die erforderliche Bestehensgrenze in englischer Literatur gesenkt wurde.“
Ich stürmte so schnell in das Zimmer des Jungen, dass er erschrocken aufblickte. Ich befragte ihn eifrig.
„Langhaariger Mönch“, sagte er lachend, „warum dieses plötzliche Interesse an schulischen Angelegenheiten? Warum weinst du in der elften Stunde? Aber es stimmt, dass die Bestehensgrenze gerade auf 33 Punkte gesenkt wurde.“
Ein paar freudige Sprünge brachten mich in mein eigenes Zimmer, wo ich auf die Knie sank und die mathematische Vollkommenheit meines Göttlichen Vaters pries.
Jeden Tag war ich begeistert von dem Bewusstsein einer geistigen Präsenz, von der ich deutlich spürte, dass sie mich durch Romesh führte. Ein bezeichnender Vorfall ereignete sich im Zusammenhang mit der Prüfung in Bengali. Romesh, der dieses Fach kaum gestreift hatte, rief mich eines Morgens zurück, als ich die Pension auf dem Weg zum Prüfungssaal verließ.
„Da ruft dich Romesh“, sagte ein Klassenkamerad ungeduldig zu mir. „Komm nicht zurück; wir kommen zu spät zum Saal.“
Ich ignorierte den Rat und lief zum Haus zurück.
„Die Bengali-Prüfung wird von unseren bengali-sprachigen Jungen normalerweise leicht bestanden“, sagte Romesh zu mir. „Aber ich hatte gerade eine Ahnung, dass die Professoren dieses Jahr ein Massaker unter den Studenten planen, indem sie Fragen aus unserer alten Literatur stellen.“ Mein Freund skizzierte dann kurz zwei Geschichten aus dem Leben von Vidyasagar, einem berühmten Philanthropen.
Ich dankte Romesh und fuhr schnell mit dem Fahrrad zum Collegesaal. Der Prüfungsbogen in Bengali enthielt tatsächlich zwei Teile. Die erste Anweisung lautete: „Schreiben Sie zwei Beispiele für die Wohltätigkeit von Vidyasagar auf.“ Während ich das Wissen, das ich so kurz zuvor erworben hatte, auf das Papier übertrug, flüsterte ich ein paar Worte des Dankes, dass ich Romeshs Ruf in letzter Minute beachtet hatte. Hätte ich nichts von Vidyasagars Wohltaten für die Menschheit (einschließlich letztlich für mich selbst) gewusst, hätte ich die Bengali-Prüfung nicht bestehen können. Wenn ich in einem Fach durchgefallen wäre, hätte ich im folgenden Jahr alle Fächer neu prüfen lassen müssen. Eine solche Aussicht war verständlicherweise abscheulich.
Die zweite Anweisung auf dem Bogen lautete: „Schreiben Sie einen Aufsatz auf Bengali über das Leben des Mannes, der Sie am meisten inspiriert hat.“ Lieber Leser, ich muss Ihnen nicht mitteilen, welchen Mann ich für mein Thema wählte. Während ich Seite um Seite mit Lob auf meinen Guru füllte, lächelte ich bei dem Gedanken, dass sich meine gemurmelte Vorhersage bewahrheitete: „Ich werde die Blätter mit Ihren Lehren füllen!“
Ich hatte nicht das Bedürfnis verspürt, Romesh zu meinem Philosophiestudium zu befragen. Im Vertrauen auf meine lange Ausbildung unter Sri Yukteswar ignorierte ich die Erklärungen des Lehrbuchs getrost. Die höchste Note, die ich in irgendeiner meiner Arbeiten erhielt, war die in Philosophie. Mein Ergebnis in allen anderen Fächern lag nur knapp innerhalb der Bestehensgrenze.
Es ist mir eine Freude zu berichten, dass mein selbstloser Freund Romesh seinen eigenen Abschluss CUM LAUDE erhielt.
Mein Vater war bei meiner Sponsion über das ganze Gesicht strahlend. „Ich hätte kaum gedacht, dass du bestehen würdest, Mukunda“, gestand er. „Du verbringst so viel Zeit mit deinem Guru.“ Der Meister hatte in der Tat die unausgesprochene Kritik meines Vaters richtig erkannt.
Jahrelang war ich mir unsicher gewesen, ob ich jemals den Tag erleben würde, an dem ein A.B. auf meinen Namen folgen würde. Ich benutze den Titel selten, ohne darüber nachzudenken, dass es ein göttliches Geschenk war, das mir aus Gründen verliehen wurde, die etwas undurchsichtig sind. Gelegentlich höre ich College-Absolventen bemerken, dass nach dem Abschluss nur sehr wenig von ihrem gepaukten Wissen bei ihnen hängengeblieben ist. Dieses Eingeständnis tröstet mich ein wenig über meine zweifellosen akademischen Defizite hinweg.
An dem Tag, als ich mein Diplom von der Universität Kalkutta erhielt, kniete ich zu Füßen meines Gurus und dankte ihm für alle Segnungen, die aus seinem Leben in meines flossen.
„Steh auf, Mukunda“, sagte er nachsichtig. „Der Herr fand es einfach bequemer, dich zum Absolventen zu machen, als Sonne und Mond neu anzuordnen!“
{FN23-1} Ich muss Professor Ghoshal gegenüber gerecht sein und zugeben, dass die angespannte Beziehung zwischen uns nicht auf seine Schuld zurückzuführen war, sondern einzig und allein auf mein Fehlen im Unterricht und meine Unaufmerksamkeit darin. Professor Ghoshal war und ist ein bemerkenswerter Redner mit umfassendem philosophischen Wissen. In späteren Jahren kamen wir zu einem herzlichen Einvernehmen.
{FN23-2} Obwohl mein Cousin und ich denselben Familiennamen Ghosh haben, hat sich Prabhas daran gewöhnt, seinen Namen im Englischen als Ghose zu transkribieren; daher folge ich hier seiner eigenen Schreibweise.
{FN23-3} Ein Schüler zieht in einer indischen Einsiedelei immer seine Schuhe aus.
{FN23-4} MATTHÄUS 6,33.
KAPITEL: 24
ICH WERDE EIN MÖNCH DES SWAMI-ORDENS
„Meister, mein Vater wollte unbedingt, dass ich eine Führungsposition bei der Bengal-Nagpur Railway annehme. Aber ich habe sie definitiv abgelehnt.“ Ich fügte hoffnungsvoll hinzu: „Herr, wollen Sie mich nicht zu einem Mönch des Swami-Ordens machen?“ Ich blickte bittend zu meinem Guru auf. In den vorangegangenen Jahren hatte er diese gleiche Bitte abgelehnt, um die Tiefe meiner Entschlossenheit zu prüfen. Heute jedoch lächelte er gnädig.
„Sehr wohl; morgen werde ich dich in die Swamischafft einweihen.“ Er fuhr ruhig fort: „Ich freue mich, dass du an deinem Wunsch festgehalten hast, Mönch zu werden. Lahiri Mahasaya sagte oft: ‚Wenn du Gott nicht einlädst, dein Sommergast zu sein, wird Er nicht im Winter deines Lebens kommen.‘“
„Lieber Meister, ich könnte niemals von meinem Ziel abweichen, dem Swami-Orden anzugehören, so wie Sie selbst es tun.“ Ich lächelte ihn mit unermesslicher Zuneigung an.
„Wer aber ledig ist, der sorgt für das, was des Herrn ist, wie er dem Herrn gefalle; wer aber verheiratet ist, der sorgt für das, was der Welt ist, wie er der Frau gefalle.“ {FN24-1} Ich hatte das Leben vieler meiner Freunde analysiert, die nach einer gewissen spirituellen Disziplin geheiratet hatten. Auf das Meer weltlicher Verpflichtungen hinausgefahren, hatten sie ihre Vorsätze, tief zu meditieren, vergessen.
Gott einen zweitrangigen Platz im Leben einzuräumen, war für mich unvorstellbar. Obwohl Er der alleinige Eigentümer des Kosmos ist und uns lautlos von Leben zu Leben mit Geschenken überschüttet, bleibt doch eine Sache, die Er nicht besitzt und die jedes menschliche Herz befugt ist, zurückzuhalten oder zu schenken – die Liebe des Menschen. Der Schöpfer, der unendliche Mühe auf sich nahm, seine Anwesenheit in jedem Atom der Schöpfung mit Geheimnissen zu umhüllen, konnte nur ein Motiv gehabt haben – den feinfühligen Wunsch, dass die Menschen Ihn nur durch freien Willen suchen. Mit welchem Samthandschuh der Demut hat Er doch die eiserne Faust der Allmacht bedeckt!
Der folgende Tag war einer der denkwürdigsten in meinem Leben. Es war ein sonniger Donnerstag, ich erinnere mich, im Juli 1914, einige Wochen nach meinem College-Abschluss. Auf dem inneren Balkon seiner Einsiedelei in Serampore tauchte der Meister ein neues Stück weißer Seide in eine ockerfarbene Farbe, die traditionelle Farbe des Swami-Ordens. Nachdem der Stoff getrocknet war, legte ihn mein Guru als Gewand eines Entsagenden um mich.
„Eines Tages wirst du in den Westen gehen, wo Seide bevorzugt wird“, sagte er. „Als Symbol habe ich für dich dieses Seidenmaterial anstelle der üblichen Baumwolle gewählt.“
In Indien, wo Mönche das Ideal der Armut annehmen, ist ein in Seide gekleideter Swami ein ungewöhnlicher Anblick. Viele Yogis tragen jedoch Kleidungsstücke aus Seide, welche gewisse subtile Körperströme besser bewahren als Baumwolle.
„Ich bin abgeneigt gegen Zeremonien“, bemerkte Sri Yukteswar. „Ich werde dich auf die BIDWAT-Art (nicht-zeremoniell) zum Swami machen.“
Die BIBIDISA oder die aufwendige Einweihung in die Swamischafft beinhaltet eine Feuerzeremonie, während der symbolische Bestattungsriten durchgeführt werden. Der physische Körper des Schülers wird als tot dargestellt und in der Flamme der Weisheit eingeäschert. Dem neu ernannten Swami wird dann ein Gesang gegeben, wie etwa: „Dieses ATMA ist Brahma“ {FN24-2} oder „Du bist Das“ oder „Ich bin Er“. Sri Yukteswar jedoch verzichtete mit seiner Liebe zur Einfachheit auf alle formellen Riten und bat mich lediglich, einen neuen Namen zu wählen.
„Ich gebe dir das Privileg, ihn selbst zu wählen“, sagte er lächelnd.
„Yogananda“, antwortete ich nach kurzem Nachdenken. Der Name bedeutet buchstäblich „Glückseligkeit (ANANDA) durch göttliche Vereinigung (YOGA).“
„So sei es. Indem du deinen Familiennamen Mukunda Lal Ghosh aufgibst, sollst du von nun an Yogananda aus dem Giri-Zweig des Swami-Ordens genannt werden.“
Als ich vor Sri Yukteswar kniete und ihn zum ersten Mal meinen neuen Namen aussprechen hörte, überfloss mein Herz vor Dankbarkeit. Wie liebevoll und unermüdlich hatte er gearbeitet, damit aus dem Jungen Mukunda eines Tages der Mönch Yogananda würde! Ich sang freudig ein paar Verse aus dem langen Sanskrit-Gesang von Lord Shankara:
„Weder Geist, noch Intellekt, noch Ego, noch Gefühl bin ich; Weder Himmel noch Erde noch Metalle bin ich. Ich bin Er, ich bin Er, Gesegneter Geist, ich bin Er! Keine Geburt, kein Tod, keine Kaste habe ich; Vater, Mutter habe ich keine. Ich bin Er, ich bin Er, Gesegneter Geist, ich bin Er! Jenseits der Flüge der Phantasie, formlos bin ich, Die Glieder alles Lebens durchdringend; Knechtschaft fürchte ich nicht; ich bin frei, immer frei, Ich bin Er, ich bin Er, Gesegneter Geist, ich bin Er!“
Jeder Swami gehört dem alten Mönchsorden an, der in seiner heutigen Form von Shankara organisiert wurde. {FN24-3} Da es ein formeller Orden mit einer ungebrochenen Linie heiliger Repräsentanten ist, die als aktive Führer dienen, kann sich niemand selbst den Titel eines Swami verleihen. Er erhält ihn rechtmäßig nur von einem anderen Swami; alle Mönche führen ihre spirituelle Abstammung somit auf einen gemeinsamen Guru zurück, Lord Shankara. Durch Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams gegenüber dem spirituellen Lehrer ähneln viele katholische christliche Mönchsorden dem Orden der Swamis.
Zusätzlich zu seinem neuen Namen, der meist auf ANANDA endet, nimmt der Swami einen Titel an, der seine formelle Verbindung mit einer der zehn Unterabteilungen des Swami-Ordens anzeigt. Zu diesen DASANAMIS oder zehn Beinamen gehört der GIRI (Berg), dem Sri Yukteswar und damit auch ich angehören. Zu den anderen Zweigen gehören der SAGAR (Meer), BHARATI (Land), ARANYA (Wald), PURI (Gebiet), TIRTHA (Pilgerort) und SARASWATI (Weisheit der Natur).
Der neue Name, den ein Swami erhält, hat somit eine zweifache Bedeutung und repräsentiert das Erreichen der höchsten Glückseligkeit (ANANDA) durch eine göttliche Eigenschaft oder einen Zustand – Liebe, Weisheit, Hingabe, Dienst, Yoga – und durch eine Harmonie mit der Natur, wie sie in ihrer unendlichen Weite von Ozeanen, Bergen und Himmeln zum Ausdruck kommt.
Das Ideal des selbstlosen Dienstes an der gesamten Menschheit und der Entsagung von persönlichen Bindungen und Ambitionen führt die Mehrheit der Swamis dazu, sich in Indien oder gelegentlich in fremden Ländern aktiv in humanitärer und erzieherischer Arbeit zu engagieren. Unter Ignorierung aller Vorurteile hinsichtlich Kaste, Konfession, Klasse, Farbe, Geschlecht oder Rasse folgt ein Swami den Geboten der menschlichen Brüderlichkeit. Sein Ziel ist die absolute Einheit mit dem Geist. Indem er sein waches und schlafendes Bewusstsein mit dem Gedanken „Ich bin Er“ durchdringt, wandert er zufrieden umher, in der Welt, aber nicht von ihr. Nur so kann er seinen Titel als Swami rechtfertigen – einer, der danach strebt, die Vereinigung mit dem SWA oder Selbst zu erreichen. Es ist unnötig hinzuzufügen, dass nicht alle offiziell betitelten Swamis gleichermaßen erfolgreich darin sind, ihr hohes Ziel zu erreichen.
Sri Yukteswar war sowohl ein Swami als auch ein Yogi. Ein Swami, formell ein Mönch aufgrund seiner Verbindung mit dem alten Orden, ist nicht immer ein Yogi. Jeder, der eine wissenschaftliche Technik der Gott-Kontaktaufnahme praktiziert, ist ein Yogi; er kann verheiratet oder ledig sein, ein weltlicher Mensch oder jemand mit formellen religiösen Bindungen. Ein Swami mag denkbar nur dem Pfad der trockenen Vernunft, der kalten Entsagung folgen; aber ein Yogi engagiert sich in einem definitiven Schritt-für-Schritt-Verfahren, durch das Körper und Geist diszipliniert und die Seele befreit werden. Da er aus emotionalen Gründen oder durch Glauben nichts als gegeben hinnimmt, praktiziert ein Yogi eine gründlich erprobte Reihe von Übungen, die zuerst von den frühen Rishis dargelegt wurden. Yoga hat in jedem Zeitalter Indiens Männer hervorgebracht, die wahrhaft frei wurden, wahrhaft Yogi-Christen.
Wie jede andere Wissenschaft ist Yoga auf Menschen jedes Klimas und jeder Zeit anwendbar. Die von einigen unwissenden Autoren aufgestellte Theorie, dass Yoga „für Westler ungeeignet“ sei, ist völlig falsch und hat leider viele aufrichtige Schüler davon abgehalten, seine vielfältigen Segnungen zu suchen. Yoga ist eine Methode zur Zügelung der natürlichen Turbulenz der Gedanken, welche ansonsten unparteiisch alle Menschen, in allen Ländern, daran hindert, einen Blick auf ihre wahre Natur als Geist zu werfen. Yoga kann keine Barriere zwischen Ost und West kennen, ebenso wenig wie das heilende und gerechte Licht der Sonne. Solange der Mensch einen Geist mit seinen rastlosen Gedanken besitzt, solange wird es ein universelles Bedürfnis nach Yoga oder Kontrolle geben.
Der alte Rishi Patanjali definiert „Yoga“ als „Kontrolle der Schwankungen des Geiststoffs“. {FN24-4} Seine sehr kurzen und meisterhaften Ausführungen, die YOGA-SUTRAS, bilden eines der sechs Systeme der Hindu-Philosophie. {FN24-5} Im Gegensatz zu westlichen Philosophien verkörpern alle sechs Hindu-Systeme nicht nur theoretische, sondern auch praktische Lehren. Neben jeder denkbaren ontologischen Untersuchung formulieren die sechs Systeme sechs definitive Disziplinen, die auf die dauerhafte Beseitigung von Leiden und die Erlangung zeitloser Glückseligkeit abzielen.
Der gemeinsame Nenner, der alle sechs Systeme verbindet, ist die Erklärung, dass keine wahre Freiheit für den Menschen ohne das Wissen um die ultimative Realität möglich ist. Die späteren UPANISHADEN halten die YOGA-SUTRAS unter den sechs Systemen für diejenigen, die die wirksamsten Methoden zur Erlangung der direkten Wahrnehmung der Wahrheit enthalten. Durch die praktischen Techniken des Yoga lässt der Mensch die unfruchtbaren Bereiche der Spekulation für immer hinter sich und erkennt in der Erfahrung das wahrhaftige Wesen.
Das YOGA-System, wie es von Patanjali dargelegt wurde, ist als der Achtfache Pfad bekannt. Die ersten Schritte, (1) YAMA und (2) NIYAMA, erfordern die Einhaltung von zehn negativen und positiven Moralvorstellungen – Vermeidung von Verletzungen anderer, von Unwahrhaftigkeit, von Diebstahl, von Unmäßigkeit, von Geschenkannahme (die Verpflichtungen mit sich bringt); sowie Reinheit von Körper und Geist, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Studium und Hingabe an Gott.
Die nächsten Schritte sind (3) ASANA (richtige Körperhaltung); die Wirbelsäule muss gerade gehalten werden und der Körper in einer bequemen Position für die Meditation fest verankert sein; (4) PRANAYAMA (Kontrolle von PRANA, subtilen Lebensströmen); und (5) PRATYAHARA (Rückzug der Sinne von äußeren Objekten).
Die letzten Schritte sind Formen des Yoga im eigentlichen Sinne: (6) DHARANA (Konzentration); Festhalten des Geistes an einem Gedanken; (7) DHYANA (Meditation) und (8) SAMADHI (überbewusste Wahrnehmung). Dies ist der Achtfache Pfad des Yoga {FN24-6}, der einen zum letzten Ziel von KAIVALYA (Absolutheit) führt, einem Begriff, der verständlicher als „Realisierung der Wahrheit jenseits aller intellektuellen Auffassung“ ausgedrückt werden könnte.
„Was ist größer“, könnte man fragen, „ein Swami oder ein Yogi?“ Wenn und sobald die endgültige Einheit mit Gott erreicht ist, verschwinden die Unterschiede der verschiedenen Pfade. Die BHAGAVAD GITA weist jedoch darauf hin, dass die Methoden des Yoga alles umfassend sind. Ihre Techniken sind nicht nur für bestimmte Typen und Temperamente gedacht, wie etwa für jene wenigen, die zum klösterlichen Leben neigen; Yoga erfordert keine formelle Zugehörigkeit. Da die yogische Wissenschaft ein universelles Bedürfnis befriedigt, besitzt sie eine natürliche universelle Anwendbarkeit.
Ein wahrer Yogi kann pflichtbewusst in der Welt bleiben; dort ist er wie Butter auf Wasser und nicht wie die leicht zu verdünnende Milch einer unaufgewühlten und undisziplinierten Menschheit. Die eigenen irdischen Verpflichtungen zu erfüllen, ist in der Tat der höhere Pfad, vorausgesetzt, der Yogi bewahrt eine geistige Unbeteiligtheit gegenüber egoistischen Wünschen und spielt seine Rolle als williges Instrument Gottes.
Es gibt eine Reihe großer Seelen, die heute in amerikanischen, europäischen oder anderen nicht-hinduistischen Körpern leben und die, obwohl sie vielleicht nie die Worte YOGI und SWAMI gehört haben, dennoch wahre Vorbilder dieser Begriffe sind. Durch ihren uneigennützigen Dienst an der Menschheit, oder durch ihre Meisterschaft über Leidenschaften und Gedanken, oder durch ihre einmütige Liebe zu Gott, oder durch ihre große Konzentrationskraft sind sie in gewissem Sinne Yogis; sie haben sich das Ziel des Yoga – die Selbstbeherrschung – gesetzt. Diese Menschen könnten zu noch größeren Höhen aufsteigen, wenn sie die exakte Wissenschaft des Yoga erlernten, die eine bewusstere Lenkung des eigenen Geistes und Lebens ermöglicht.
Yoga wurde von bestimmten westlichen Autoren oberflächlich missverstanden, aber seine Kritiker waren niemals seine Praktizierenden. Unter den vielen nachdenklichen Würdigungen des Yoga sei eine von Dr. C. G. Jung, dem berühmten Schweizer Psychologen, erwähnt.
„Wenn sich eine religiöse Methode als ‚wissenschaftlich‘ empfiehlt, kann sie sich ihres Publikums im Westen sicher sein. Yoga erfüllt diese Erwartung“, schreibt Dr. Jung. {FN24-7} „Ganz abgesehen vom Reiz des Neuen und der Faszination des Halbverstandenen, gibt es guten Grund dafür, dass Yoga viele Anhänger hat. Es bietet die Möglichkeit kontrollierbarer Erfahrung und befriedigt somit das wissenschaftliche Bedürfnis nach ‚Fakten‘; und darüber hinaus verspricht es aufgrund seiner Breite und Tiefe, seines ehrwürdigen Alters, seiner Lehre und Methode, die jede Lebensphase einschließen, ungeahnte Möglichkeiten.
Jede religiöse oder philosophische Praxis bedeutet eine psychologische Disziplin, das heißt eine Methode der geistigen Hygiene. Die vielfältigen, rein körperlichen Verfahren des Yoga {FN24-8} bedeuten auch eine physiologische Hygiene, die gewöhnlicher Gymnastik und Atemübungen überlegen ist, insofern sie nicht bloß mechanistisch und wissenschaftlich, sondern auch philosophisch ist; in ihrem Training der Körperteile vereinigt sie diese mit dem Ganzen des Geistes, wie es beispielsweise in den PRANAYAMA-Übungen recht deutlich wird, wo PRANA sowohl der Atem als auch die universelle Dynamik des Kosmos ist.
Wenn das, was das Individuum tut, zugleich ein kosmisches Ereignis ist, verbindet sich der im Körper erfahrene Effekt (die Innervation) mit der Regung des Geistes (der universellen Idee), und daraus entwickelt sich eine lebendige Einheit, die keine Technik, wie wissenschaftlich sie auch sein mag, hervorbringen kann. Yogapraxis ist undenkbar und wäre auch wirkungslos ohne die Konzepte, auf denen Yoga basiert. Sie verbindet das Körperliche und das Geistige auf eine außerordentlich vollständige Weise miteinander.
Im Osten, wo sich diese Ideen und Praktiken entwickelt haben und wo seit mehreren tausend Jahren eine ununterbrochene Tradition die notwendigen geistigen Grundlagen geschaffen hat, ist Yoga, wie ich leicht glauben kann, die vollkommene und angemessene Methode, Körper und Geist so zu verschmelzen, dass sie eine Einheit bilden, die kaum in Frage zu stellen ist. Diese Einheit schafft eine psychologische Disposition, die Intuitionen ermöglicht, welche das Bewusstsein transzendieren.“
Der westliche Tag naht in der Tat, an dem die innere Wissenschaft der Selbstbeherrschung als ebenso notwendig erachtet werden wird wie die äußere Eroberung der Natur. Dieses neue Atomzeitalter wird erleben, wie der Geist der Menschen durch die nun wissenschaftlich unbestreitbare Wahrheit, dass Materie in Wirklichkeit ein Konzentrat von Energie ist, ernüchtert und erweitert wird. Feinere Kräfte des menschlichen Geistes können und müssen größere Energien freisetzen als jene in Steinen und Metallen, damit der materielle atomare Riese, der nun entfesselt wurde, sich nicht in gedankenloser Zerstörung gegen die Welt wendet. {FN24-9}
{FN24-1} I. KORINTHER 7,32-33.
{FN24-2} Wörtlich: „Diese Seele ist Geist.“ Der Höchste Geist, das Ungeschaffene, ist gänzlich bedingungslos (NETI, NETI, nicht dieses, nicht jenes), wird aber im VEDANTA oft als SAT-CHIT-ANANDA bezeichnet, das heißt Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit.
{FN24-3} Manchmal Shankaracharya genannt. ACHARYA bedeutet „religiöser Lehrer“. Shankaras Zeitrechnung ist ein Zentrum des üblichen wissenschaftlichen Streits. Einige Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass der unvergleichliche Monist von 510 bis 478 v. Chr. lebte; westliche Historiker ordnen ihn dem späten achten Jahrhundert n. Chr. zu. Leser, die sich für Shankaras berühmte Darlegung der BRAHMA SUTRAS interessieren, finden eine sorgfältige englische Übersetzung in Dr. Paul Deussens SYSTEM OF THE VEDANTA (Chicago: Open Court Publishing Company, 1912). Kurze Auszüge aus seinen Schriften finden sich in SELECTED WORKS OF SRI SHANKARACHARYA (Natesan & Co., Madras).
{FN24-4} „CHITTA VRITTI NIRODHA“ – YOGA SUTRA I:2. Patanjalis Zeitrechnung ist unbekannt, obwohl eine Reihe von Gelehrten ihn in das zweite Jahrhundert v. Chr. einordnet. Die Rishis gaben Abhandlungen über alle Themen mit einer solchen Einsicht heraus, dass die Zeiten machtlos waren, sie zu überholen; doch zur späteren Bestürzung der Historiker unternahmen die Weisen keine Anstrengung, ihre eigenen Daten und Persönlichkeiten mit ihren literarischen Werken zu verknüpfen. Sie wussten, dass ihr Leben nur vorübergehend als Blitzlichter des großen unendlichen Lebens wichtig war; und dass Wahrheit zeitlos ist, unmöglich als Marke zu schützen und kein privates Besitztum von ihnen.
{FN24-5} Die sechs orthodoxen Systeme (SADDARSANA) sind SANKHYA, YOGA, VEDANTA, MIMAMSA, NYAYA und VAISESIKA. Leser mit wissenschaftlicher Neigung werden sich an den Feinheiten und dem breiten Spektrum dieser antiken Formulierungen erfreuen, wie sie in HISTORY OF INDIAN PHILOSOPHY, Bd. I, von Prof. Surendranath DasGupta (Cambridge University Press, 1922) zusammengefasst sind.
{FN24-6} Nicht zu verwechseln mit dem „Edlen Achtfachen Pfad“ des Buddhismus, einer Richtschnur für die Lebensführung des Menschen, wie folgt: (1) Rechtes Wissen, (2) Rechte Gesinnung, (3) Rechte Rede, (4) Rechtes Handeln, (5) Rechter Lebenswandel, (6) Rechtes Streben, (7) Rechte Achtsamkeit (auf das Selbst), (8) Rechte Konzentration (SAMADHI).
{FN24-7} Dr. Jung nahm 1937 am indischen Wissenschaftskongress teil und erhielt einen Ehrengrad von der Universität Kalkutta.
{FN24-8} Dr. Jung bezieht sich hier auf HATHA YOGA, einen spezialisierten Zweig von Körperhaltungen und Techniken für Gesundheit und Langlebigkeit. HATHA ist nützlich und erzielt spektakuläre körperliche Ergebnisse, aber dieser Zweig des Yoga wird von Yogis, die auf geistige Befreiung ausgerichtet sind, nur wenig genutzt.
{FN24-9} In Platons TIMAIOS-Erzählung von Atlantis berichtet er über den fortgeschrittenen Stand des wissenschaftlichen Wissens der Bewohner. Es wird angenommen, dass der versunkene Kontinent etwa 9500 v. Chr. durch eine Naturkatastrophe verschwand; bestimmte metaphysische Autoren erklären jedoch, dass die Atlanter infolge ihres Missbrauchs atomarer Kraft zerstört wurden. Zwei französische Autoren haben kürzlich eine BIBLIOGRAPHY OF ATLANTIS zusammengestellt, die über 1700 historische und andere Referenzen auflistet.
KAPITEL: 25
BRUDER ANANTA UND SCHWESTER NALINI
„Ananta kann nicht leben; der Sand seines Karmas für dieses Leben ist abgelaufen.“
Diese unerbittlichen Worte erreichten mein inneres Bewusstsein, als ich eines Morgens in tiefer Meditation saß. Kurz nachdem ich in den Swami-Orden eingetreten war, besuchte ich meinen Geburtsort Gorakhpur als Gast meines älteren Bruders Ananta. Eine plötzliche Krankheit fesselte ihn ans Bett; ich pflegte ihn liebevoll.
Die feierliche innere Verkündigung erfüllte mich mit Trauer. Ich fühlte, dass ich es nicht ertragen konnte, länger in Gorakhpur zu bleiben, nur um zu sehen, wie mein Bruder vor meinem hilflosen Blick dahinging. Inmitten des unverständigen Tadels meiner Verwandten verließ ich Indien auf dem erstbesten Schiff. Es fuhr entlang von Burma und dem Chinesischen Meer nach Japan. Ich ging in Kobe von Bord, wo ich nur wenige Tage verbrachte. Mein Herz war zu schwer für Besichtigungen.
Auf der Rückreise nach Indien machte das Schiff in Shanghai fest. Dort führte mich Dr. Misra, der Schiffsarzt, zu mehreren Kuriositätenläden, wo ich verschiedene Geschenke für Sri Yukteswar sowie für meine Familie und Freunde auswählte. Für Ananta kaufte ich ein großes geschnitztes Bambusstück. Kaum hatte mir der chinesische Verkäufer das Bambus-Souvenir überreicht, ließ ich es auf den Boden fallen und rief aus: „Ich habe das für meinen lieben toten Bruder gekauft!“
Eine klare Erkenntnis war über mich gekommen, dass seine Seele gerade im Unendlichen befreit wurde. Das Souvenir war durch den Fall scharf und symbolisch zerbrochen; unter Schluchzen schrieb ich auf die Bambusoberfläche: „Für meinen geliebten Ananta, nun dahingegangen.“
Mein Begleiter, der Arzt, beobachtete diesen Vorgang mit einem spöttischen Lächeln.
„Sparen Sie sich Ihre Tränen“, bemerkte er. „Warum sie vergießen, bevor Sie sicher sind, dass er tot ist?“
Als unser Schiff Kalkutta erreichte, begleitete mich Dr. Misra erneut. Mein jüngster Bruder Bishnu wartete am Kai, um mich zu begrüßen.
„Ich weiß, dass Ananta dieses Leben verlassen hat“, sagte ich zu Bishnu, noch bevor er Zeit hatte zu sprechen. „Bitte sage mir und dem Arzt hier, wann Ananta starb.“
Bishnu nannte das Datum, welches genau der Tag war, an dem ich die Souvenirs in Shanghai gekauft hatte.
„Sehen Sie nur!“, stieß Dr. Misra hervor. „Lassen Sie kein Wort davon nach außen dringen! Die Professoren würden dem Medizinstudium, das ohnehin schon lang genug ist, ein Jahr Studium der Mentaltelepathie hinzufügen!“
Vater umarmte mich herzlich, als ich unser Haus in der Gurpar Road betrat. „Du bist gekommen“, sagte er zärtlich. Zwei große Tränen fielen aus seinen Augen. Normalerweise zurückhaltend, hatte er mir diese Zeichen der Zuneigung zuvor noch nie gezeigt. Äußerlich der ernste Vater, besaß er innerlich das schmelzende Herz einer Mutter. In all seinem Umgang mit der Familie trat seine doppelte elterliche Rolle deutlich hervor.
Kurz nach Anantas Heimgang wurde meine jüngere Schwester Nalini durch eine göttliche Heilung vom Rande des Todes zurückgeholt. Bevor ich die Geschichte erzähle, werde ich auf einige Phasen ihres früheren Lebens eingehen.
Die Beziehung zwischen Nalini und mir in unserer Kindheit war nicht die glücklichste gewesen. Ich war sehr dünn; sie war noch dünner. Durch ein unbewusstes Motiv oder einen „Komplex“, den Psychiater ohne Schwierigkeiten identifizieren können, pflegte ich meine Schwester oft wegen ihres leichenhaften Aussehens zu necken. Ihre Erwiderungen waren gleichermaßen von der schonungslosen Offenheit der frühen Jugend durchdrungen. Manchmal schritt Mutter ein und beendete die kindlichen Streitereien vorübergehend mit einem sanften Schlag auf mein Ohr, als das ältere Ohr.
Die Zeit verging; Nalini wurde einem jungen Arzt aus Kalkutta, Panchanon Bose, versprochen. Er erhielt eine großzügige Mitgift von Vater, vermutlich (wie ich gegenüber der Schwester bemerkte), um den zukünftigen Bräutigam für sein Schicksal zu entschädigen, sich mit einer menschlichen Bohnenstange zu verbünden.
Aufwendige Hochzeitsriten wurden zu gegebener Zeit gefeiert. In der Hochzeitsnacht schloss ich mich der großen und fröhlichen Gruppe von Verwandten im Wohnzimmer unseres Hauses in Kalkutta an. Der Bräutigam lehnte sich auf ein riesiges goldbrokattiertes Kissen, mit Nalini an seiner Seite. Ein prachtvoller violetter Seiden-SARI {FN25-1} konnte, ach, ihre Kantigkeit nicht ganz verbergen. Ich versteckte mich hinter dem Kissen meines neuen Schwagers und grinste ihn freundlich an. Er hatte Nalini erst am Tag der Hochzeitszeremonie gesehen, als er endlich erfuhr, was er in der Lotterie der Ehe bekommen hatte.
Da er mein Mitgefühl spürte, deutete Dr. Bose unauffällig auf Nalini und flüsterte mir ins Ohr: „Sag mal, was ist das?“
„Nun, Doktor“, antwortete ich, „es ist ein Skelett für Ihre Beobachtung!“
Vor Heiterkeit erschüttert, hatten mein Schwager und ich Mühe, vor unseren versammelten Verwandten den gebührenden Anstand zu wahren.
Im Laufe der Jahre machte sich Dr. Bose bei unserer Familie beliebt, die ihn immer rief, wenn Krankheit auftrat. Er und ich wurden enge Freunde und machten oft Witze, meist mit Nalini als Zielscheibe.
„Es ist eine medizinische Kuriosität“, bemerkte mein Schwager eines Tages zu mir. „Ich habe alles an deiner mageren Schwester versucht – Lebertran, Butter, Malz, Honig, Fisch, Fleisch, Eier, Stärkungsmittel. Trotzdem gelingt es ihr nicht, auch nur um ein Hundertstel eines Zolls zuzunehmen.“ Wir beide kicherten.
Ein paar Tage später besuchte ich das Haus der Boses. Mein Erledigung dort dauerte nur wenige Minuten; ich ging, unbemerkt, wie ich glaubte, von Nalini. Als ich die Haustür erreichte, hörte ich ihre Stimme, herzlich, aber bestimmend.
„Bruder, komm her. Du wirst mir diesmal nicht entwischen. Ich möchte mit dir reden.“
Ich stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Zu meiner Überraschung war sie in Tränen aufgelöst.
„Lieber Bruder“, sagte sie, „lass uns das Kriegsbeil begraben. Ich sehe, dass deine Füße nun fest auf dem spirituellen Pfad stehen. Ich möchte in jeder Hinsicht so werden wie du.“ Sie fügte hoffnungsvoll hinzu: „Du bist jetzt kräftig von Gestalt; kannst du mir helfen? Mein Mann kommt mir nicht nahe, und ich liebe ihn so sehr! Aber noch mehr möchte ich in der Gottverwirklichung vorankommen, selbst wenn ich dünn {FN25-2} und unattraktiv bleiben muss.“
Mein Herz war tief berührt von ihrem Flehen. Unsere neue Freundschaft entwickelte sich stetig; eines Tages bat sie darum, mein Schüler zu werden.
„Trainiere mich, wie du willst. Ich setze mein Vertrauen auf Gott statt auf Stärkungsmittel.“ Sie sammelte einen Armvoll Medikamente zusammen und schüttete sie in den Dachabfluss.
Als Test für ihren Glauben bat ich sie, auf jeglichen Fisch, Fleisch und Eier in ihrer Ernährung zu verzichten.
Nach mehreren Monaten, in denen Nalini die verschiedenen Regeln, die ich umrissen hatte, strikt befolgt und trotz zahlreicher Schwierigkeiten an ihrer vegetarischen Ernährung festgehalten hatte, stattete ich ihr einen Besuch ab.
„Schwesterchen, du hast gewissenhaft die spirituellen Vorschriften befolgt; deine Belohnung ist nahe.“ Ich lächelte schelmisch. „Wie rundlich willst du sein – so dick wie unsere Tante, die seit Jahren ihre Füße nicht mehr gesehen hat?“
„Nein! Aber ich sehne mich danach, so kräftig zu sein wie du.“
Ich antwortete feierlich: „Durch die Gnade Gottes, da ich immer die Wahrheit gesprochen habe, spreche ich auch jetzt wahr. {FN25-3} Durch den göttlichen Segen wird sich dein Körper wahrlich von heute an verändern; in einem Monat wird er das gleiche Gewicht haben wie meiner.“
Diese Worte aus meinem Herzen fanden ihre Erfüllung. In dreißig Tagen glich Nalinis Gewicht meinem. Die neue Rundung verlieh ihr Schönheit; ihr Mann verliebte sich tief in sie. Ihre Ehe, die so unglücksverheißend begonnen hatte, erwies sich als ideal glücklich.
Nach meiner Rückkehr aus Japan erfuhr ich, dass Nalini während meiner Abwesenheit an Typhus erkrankt war. Ich eilte zu ihrem Haus und war entsetzt, sie auf ein bloßes Skelett reduziert zu finden. Sie lag im Koma.
„Bevor ihr Geist durch die Krankheit verwirrt wurde“, erzählte mir mein Schwager, „sagte sie oft: ‚Wenn Bruder Mukunda hier wäre, würde es mir nicht so ergehen.‘“ Er fügte verzweifelt hinzu: „Die anderen Ärzte und ich sehen keine Hoffnung. Nach ihrem langen Kampf mit dem Typhus hat sich eine Blutruhr eingestellt.“
Ich begann, Himmel und Erde mit meinen Gebeten zu bewegen. Ich engagierte eine anglo-indische Krankenschwester, die mir voll zur Seite stand, und wandte bei meiner Schwester verschiedene Yoga-Heiltechniken an. Die Blutruhr verschwand.
Aber Dr. Bose schüttelte traurig den Kopf. „Sie hat einfach kein Blut mehr zu verlieren.“
„Sie wird sich erholen“, antwortete ich bestimmt. „In sieben Tagen wird ihr Fieber verschwunden sein.“
Eine Woche später war ich überglücklich zu sehen, wie Nalini ihre Augen öffnete und mich mit liebevoller Wiedererkennung betrachtete. Von diesem Tag an war ihre Genesung rasch. Obwohl sie ihr normales Gewicht wiedererlangte, trug sie ein trauriges Mal ihrer lebensbedrohlichen Krankheit: Ihre Beine waren gelähmt. Indische und englische Spezialisten erklärten sie für einen hoffnungslosen Krüppel.
Der unaufhörliche Kampf um ihr Leben, den ich im Gebet geführt hatte, hatte mich erschöpft. Ich ging nach Serampore, um Sri Yukteswars Hilfe zu erbitten. Seine Augen drückten tiefes Mitgefühl aus, als ich ihm von Nalinis Notlage erzählte.
„Die Beine deiner Schwester werden in einem Monat normal sein.“ Er fügte hinzu: „Lass sie auf der Haut ein Band mit einer ungebohrten Zwei-Karat-Perle tragen, das durch eine Spange gehalten wird.“
Ich warf mich mit freudiger Erleichterung zu seinen Füßen nieder.
„Meister, Sie sind ein Meister; Ihr Wort von ihrer Genesung ist genug. Aber wenn Sie darauf bestehen, werde ich ihr sofort eine Perle besorgen.“
Mein Guru nickte. „Ja, tu das.“ Er fuhr fort, die physischen und mentalen Eigenschaften von Nalini korrekt zu beschreiben, die er noch nie gesehen hatte.
„Meister“, erkundigte ich mich, „ist dies eine astrologische Analyse? Sie kennen weder ihren Geburtstag noch die Stunde.“
Sri Yukteswar lächelte. „Es gibt eine tiefere Astrologie, die nicht von den Zeugnissen der Kalender und Uhren abhängt. Jeder Mensch ist ein Teil des Schöpfers oder des Kosmischen Menschen; er hat einen himmlischen Körper ebenso wie einen irdischen. Das menschliche Auge sieht die physische Form, aber das innere Auge dringt tiefer ein, sogar bis zum universellen Muster, von dem jeder Mensch ein integraler und individueller Teil ist.“
Ich kehrte nach Kalkutta zurück und kaufte eine Perle für Nalini. Einen Monat später waren ihre gelähmten Beine vollständig geheilt.
Meine Schwester bat mich, meinem Guru ihre herzliche Dankbarkeit zu übermitteln. Er hörte sich ihre Nachricht schweigend an. Aber als ich mich verabschiedete, machte er eine bedeutungsvolle Bemerkung.
„Deine Schwester hat von vielen Ärzten gehört, dass sie niemals Kinder bekommen kann. Versichere ihr, dass sie in wenigen Jahren zwei Töchter zur Welt bringen wird.“
Einige Jahre später gebar Nalini zu ihrer Freude ein Mädchen, dem in wenigen Jahren eine weitere Tochter folgte.
„Dein Meister hat unser Heim, unsere ganze Familie gesegnet“, sagte meine Schwester. „Die Anwesenheit eines solchen Mannes ist eine Heiligung für ganz Indien. Lieber Bruder, bitte sag Sri Yukteswarji, dass ich mich durch dich demütig als eine seiner KRIYA YOGA-Schülerinnen betrachte.“
{FN25-1} Das anmutig drapierte Kleid indischer Frauen.
{FN25-2} Da die meisten Menschen in Indien dünn sind, wird eine angemessene Fülle als sehr wünschenswert erachtet.
{FN25-3} Die hinduistischen Schriften erklären, dass diejenigen, die gewohnheitsmäßig die Wahrheit sprechen, die Macht entwickeln, ihre Worte zu materialisieren. Welche Befehle sie auch aus dem Herzen aussprechen, sie werden im Leben wahr werden.
KAPITEL: 26
DIE WISSENSCHAFT DES KRIYA YOGA
Die Wissenschaft des KRIYA YOGA, die auf diesen Seiten so oft erwähnt wurde, wurde im modernen Indien durch das Wirken von Lahiri Mahasaya, dem Guru meines Gurus, weithin bekannt. Die Sanskrit-Wurzel von KRIYA ist KRI, tun, handeln und reagieren; die gleiche Wurzel findet sich im Wort KARMA, dem natürlichen Prinzip von Ursache und Wirkung. KRIYA YOGA ist somit „Vereinigung (Yoga) mit dem Unendlichen durch eine bestimmte Handlung oder einen Ritus.“ Ein Yogi, der ihrer Technik treu folgt, wird allmählich von Karma oder der universellen Kette der Kausalität befreit.
Aufgrund bestimmter alter yogischer Anweisungen kann ich keine vollständige Erklärung des KRIYA YOGA auf den Seiten eines Buches geben, das für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist. Die tatsächliche Technik muss von einem KRIYABAN oder KRIYA YOGI erlernt werden; hier muss ein breiter Hinweis genügen.
KRIYA YOGA ist eine einfache, psychophysiologische Methode, durch die das menschliche Blut entkohlt und mit Sauerstoff neu aufgeladen wird. Die Atome dieses zusätzlichen Sauerstoffs werden in Lebensstrom umgewandelt, um das Gehirn und die spinalen Zentren zu verjüngen. {FN26-1} Indem die Ansammlung von venösem Blut gestoppt wird, ist der Yogi in der Lage, den Zerfall von Gewebe zu verringern oder zu verhindern; der fortgeschrittene Yogi verwandelt seine Zellen in reine Energie. Elias, Jesus, Kabir und andere Propheten waren Meister in der Anwendung von KRIYA oder einer ähnlichen Technik, durch die sie ihre Körper nach Belieben dematerialisierten.
KRIYA ist eine alte Wissenschaft. Lahiri Mahasaya erhielt sie von seinem Guru Babaji, der die Technik wiederentdeckte und klärte, nachdem sie in den dunklen Zeitaltern verloren gegangen war.
„Der KRIYA YOGA, den ich der Welt durch dich in diesem neunzehnten Jahrhundert gebe“, sagte Babaji zu Lahiri Mahasaya, „ist eine Wiederbelebung derselben Wissenschaft, die Krishna vor Jahrtausenden Arjuna gab und die später Patanjali sowie Christus, St. Johannes, St. Paulus und anderen Jüngern bekannt war.“
KRIYA YOGA wird von Krishna, Indiens größtem Propheten, in einer Strophe der BHAGAVAD GITA erwähnt: „Den einatmenden Atem in den ausgehenden Atem opfernd, und den ausgehenden Atem in den einatmenden Atem opfernd, neutralisiert der Yogi beide Atemzüge; er befreit so die Lebenskraft aus dem Herzen und bringt sie unter seine Kontrolle.“ {FN26-2} Die Interpretation lautet: „Der Yogi hält den Zerfall im Körper durch einen Zusatz von Lebenskraft an und hält die Mutationen des Wachstums im Körper durch APAN (eliminierenden Strom) an. Indem er so Zerfall und Wachstum neutralisiert und das Herz beruhigt, erlernt der Yogi Lebenskontrolle.“
Krishna berichtet auch {FN26-3}, dass er es selbst war, in einer früheren Inkarnation, der den unzerstörbaren Yoga an einen antiken Erleuchteten, Vivasvat, weitergab, der ihn an Manu, den großen Gesetzgeber, weiterreichte. {FN26-4} Dieser wiederum unterwies Ikshwaku, den Vater der indischen Sonnenkriegerdynastie. So von einem zum anderen weitergegeben, wurde der königliche Yoga von den Rishis bis zum Kommen der materialistischen Zeitalter bewahrt. {FN26-5} Dann, aufgrund priesterlicher Geheimhaltung und der Gleichgültigkeit der Menschen, wurde das heilige Wissen allmählich unzugänglich.
KRIYA YOGA wird zweimal von dem antiken Weisen Patanjali erwähnt, dem bedeutendsten Exponenten des Yoga, der schrieb: „KRIYA YOGA besteht aus Körperdisziplin, mentaler Kontrolle und Meditation über AUM.“ {FN26-6} Patanjali spricht von Gott als dem tatsächlichen kosmischen Klang von AUM, der in der Meditation vernommen wird. {FN26-7} AUM ist das schöpferische Wort, {FN26-8} der Klang des vibratorischen Motors. Selbst der Yoga-Anfänger hört bald innerlich den wundersamen Klang von AUM. Durch den Empfang dieser beglückenden spirituellen Ermutigung erlangt der Gottgeweihte die Gewissheit, dass er in tatsächlicher Verbindung mit göttlichen Bereichen steht.
Patanjali verweist ein zweites Mal auf die Lebenskontrolle oder KRIYA-Technik wie folgt: „Befreiung kann durch jenes PRANAYAMA erreicht werden, das durch die Trennung des Verlaufs von Einatmung und Ausatmung erlangt wird.“ {FN26-9}
St. Paulus kannte KRIYA YOGA oder eine ihm sehr ähnliche Technik, mit deren Hilfe er Lebensströme zu den Sinnen und von ihnen weg umschalten konnte. Er war daher in der Lage zu sagen: „Wahrlich, ich rühme mich bei unserem Ruhm, den ich habe in Christus, ich STERBE TÄGLICH.“ {FN26-10} Indem er täglich seine körperliche Lebenskraft zurückzog, vereinte er sie durch Yoga-Union mit dem Ruhm (der ewigen Glückseligkeit) des Christus-Bewusstseins. In diesem begnadeten Zustand war er sich bewusst, tot für die täuschende Sinneswelt von MAYA zu sein.
In den Anfangsstadien des Gott-Kontakts (SABIKALPA SAMADHI) verschmilzt das Bewusstsein des Gottgeweihten mit dem kosmischen Geist; seine Lebenskraft wird aus dem Körper zurückgezogen, der „tot“ oder bewegungslos und starr erscheint. Der Yogi ist sich seines körperlichen Zustands der scheinbaren Leblosigkeit voll bewusst. Während er jedoch in höhere spirituelle Zustände (NIRBIKALPA SAMADHI) fortschreitet, kommuniziert er mit Gott ohne körperliche Fixierung, und zwar in seinem gewöhnlichen Wachbewusstsein, selbst inmitten anspruchsvoller weltlicher Pflichten. {FN26-11}
„KRIYA YOGA ist ein Instrument, durch das die menschliche Evolution beschleunigt werden kann“, erklärte Sri Yukteswar seinen Schülern. „Die alten Yogis entdeckten, dass das Geheimnis des kosmischen Bewusstseins eng mit der Beherrschung des Atems verknüpft ist. Dies ist Indiens einzigartiger und unvergänglicher Beitrag zum Wissensschatz der Welt. Die Lebenskraft, die normalerweise damit beschäftigt ist, die Herzpumpe aufrechtzuerhalten, muss durch eine Methode der Beruhigung und Stillung der unablässigen Anforderungen des Atems für höhere Aktivitäten freigesetzt werden.“
Der KRIYA-YOGI lenkt seine Lebensenergie mental so, dass sie um die sechs spinalen Zentren (medullärer, zervikaler, dorsaler, lumbaler, sakraler und kokzygealer Plexus) kreist, die den zwölf astralen Zeichen des Tierkreises, dem symbolischen kosmischen Menschen, entsprechen. Eine halbe Minute der Energiezirkulation um das sensible Rückenmark des Menschen bewirkt einen subtilen Fortschritt in seiner Evolution; diese halbe Minute KRIYA entspricht einem Jahr natürlicher spiritueller Entfaltung.
Das astrale System eines menschlichen Wesens, mit sechs (durch Polarität zwölf) inneren Konstellationen, die um die Sonne des allwissenden spirituellen Auges kreisen, ist mit der physischen Sonne und den zwölf Tierkreiszeichen verbunden. Alle Menschen sind somit von einem inneren und einem äußeren Universum betroffen. Die alten Rishis entdeckten, dass die irdische und himmlische Umgebung des Menschen ihn in Zwölfjahreszyklen auf seinem natürlichen Pfad vorwärts drängt. Die Schriften beteuern, dass der Mensch eine Million Jahre normaler, krankheitsfreier Evolution benötigt, um sein menschliches Gehirn ausreichend zu vervollkommnen, damit es das kosmische Bewusstsein ausdrücken kann.
Tausend KRIYAS, die in acht Stunden praktiziert werden, geben dem Yogi an einem Tag das Äquivalent von tausend Jahren natürlicher Evolution: 365.000 Jahre Evolution in einem Jahr. In drei Jahren kann ein KRIYA-YOGI somit durch intelligente Selbstanstrengung dasselbe Ergebnis erzielen, das die Natur in einer Million Jahren hervorbringt. Die KRIYA-Abkürzung kann natürlich nur von tief entwickelten Yogis genommen werden. Unter der Führung eines Gurus haben solche Yogis ihre Körper und Gehirne sorgfältig darauf vorbereitet, die durch intensive Praxis geschaffene Kraft zu empfangen.
Der KRIYA-Anfänger wendet seine Yoga-Übung nur vierzehn bis achtundzwanzig Mal, zweimal täglich, an. Eine Reihe von Yogis erreicht die Erlösung in sechs, zwölf, vierundzwanzig oder achtundvierzig Jahren. Ein Yogi, der stirbt, bevor er die volle Verwirklichung erreicht hat, trägt das gute Karma seiner vergangenen KRIYA-Anstrengung mit sich; in seinem neuen Leben wird er harmonisch seinem unendlichen Ziel entgegengeschoben.
Der Körper des Durchschnittsmenschen ist wie eine 50-Watt-Lampe, die die Milliarden Watt an Kraft, die durch eine exzessive KRIYA-Praxis geweckt werden, nicht aufnehmen kann. Durch die schrittweise und regelmäßige Steigerung der einfachen und „narrensicheren“ KRIYA-Methoden wird der menschliche Körper Tag für Tag astral transformiert und schließlich dazu befähigt, die unendlichen Potenziale kosmischer Energie auszudrücken – den ersten materiell aktiven Ausdruck des Geistes.
KRIYA YOGA hat nichts mit den unwissenschaftlichen Atemübungen gemein, die von einer Reihe fehlgeleiteter Eiferer gelehrt werden. Ihre Versuche, den Atem gewaltsam in der Lunge zu halten, sind nicht nur unnatürlich, sondern entschieden unangenehm. KRIYA hingegen ist von Anfang an von einem Zuwachs an Frieden und von wohltuenden Empfindungen regenerativer Wirkung in der Wirbelsäule begleitet.
Die alte Yoga-Technik verwandelt den Atem in Geist. Durch spirituellen Fortschritt ist man in der Lage, den Atem als einen Akt des Geistes zu erkennen – als einen Traumatem.
Viele Beispiele könnten für die mathematische Beziehung zwischen der Atemfrequenz des Menschen und den Variationen seiner Bewusstseinszustände angeführt werden. Eine Person, deren Aufmerksamkeit völlig in Anspruch genommen ist, etwa beim Verfolgen einer eng verknüpften intellektuellen Argumentation oder beim Versuch einer heiklen oder schwierigen körperlichen Leistung, atmet automatisch sehr langsam. Fixiertheit der Aufmerksamkeit hängt von langsamem Atmen ab; schnelle oder ungleichmäßige Atemzüge sind eine unvermeidliche Begleiterscheinung schädlicher emotionaler Zustände: Furcht, Lust, Zorn. Der rastlose Affe atmet mit einer Rate von 32 Mal pro Minute, im Gegensatz zu den durchschnittlich 18 Atemzügen des Menschen. Elefant, Schildkröte, Schlange und andere Tiere, die für ihre Langlebigkeit bekannt sind, haben eine Atemfrequenz, die geringer ist als die des Menschen. Die Schildkröte zum Beispiel, die ein Alter von 300 Jahren erreichen kann, {FN26-12} atmet nur 4 Mal pro Minute.
Die verjüngende Wirkung des Schlafs beruht auf der vorübergehenden Unwissenheit des Menschen über Körper und Atmung. Der schlafende Mensch wird zum Yogi; jede Nacht führt er unbewusst den Yoga-Ritus aus, sich von der körperlichen Identifikation zu lösen und die Lebenskraft mit heilenden Strömen in der Gehirnregion und den sechs Sub-Dynamos seiner spinalen Zentren zu verschmelzen. Der Schläfer taucht so unwissentlich in das Reservoir kosmischer Energie ein, das alles Leben erhält.
Der freiwillige Yogi führt einen einfachen, natürlichen Prozess bewusst aus, nicht unbewusst wie der langsam atmende Schläfer. Der KRIYA-YOGI nutzt seine Technik, um alle seine physischen Zellen mit unvergänglichem Licht zu sättigen und sie in einem magnetisierten Zustand zu halten. Er macht das Atmen wissenschaftlich unnötig, ohne Zustände von unterbewusstem Schlaf oder Bewusstlosigkeit zu erzeugen.
Durch KRIYA wird die nach außen strömende Lebenskraft nicht in den Sinnen verschwendet und missbraucht, sondern dazu gezwungen, sich wieder mit subtileren spinalen Energien zu vereinen. Durch eine solche Verstärkung des Lebens werden die Körper- und Gehirnzellen des Yogis mit dem spirituellen Elixier elektrisiert. So entzieht er sich der bloßen Beobachtung natürlicher Gesetze, die ihn nur – durch umständliche Mittel wie richtige Ernährung, Sonnenlicht und harmonische Gedanken – zu einem Ein-Millionen-Jahre-Ziel führen können. Es bedarf zwölf Jahre normalen, gesunden Lebens, um auch nur eine geringfügige wahrnehmbare Veränderung in der Gehirnstruktur zu bewirken, und eine Million Sonnenumläufe sind erforderlich, um die zerebrale Behausung ausreichend für die Manifestation des kosmischen Bewusstseins zu verfeinern.
Indem KRIYA das Band des Atems löst, das die Seele an den Körper bindet, dient es dazu, das Leben zu verlängern und das Bewusstsein ins Unendliche zu erweitern. Die Yoga-Methode überwindet das Tauziehen zwischen dem Geist und den an die Materie gebundenen Sinnen und befreit den Gottgeweihten, damit er sein ewiges Königreich wiedererben kann. Er weiß, dass seine wahre Natur weder durch eine physische Hülle noch durch den Atem, das Symbol der sterblichen Versklavung an die Luft und an die elementaren Zwänge der Natur, gebunden ist.
Introspektion oder „im Schweigen sitzen“ ist eine unwissenschaftliche Art, die durch die Lebenskraft miteinander verbundenen Geist und Sinne gewaltsam voneinander zu trennen. Der kontemplative Geist, der seine Rückkehr zur Göttlichkeit versucht, wird von den Lebensströmen ständig wieder zu den Sinnen zurückgezogen. KRIYA, das den Geist DIREKT durch die Lebenskraft kontrolliert, ist der einfachste, effektivste und wissenschaftlichste Weg zur Annäherung an das Unendliche. Im Gegensatz zum langsamen, unsicheren „Ochsenkarren“-Weg der Theologie zu Gott kann KRIYA zu Recht als die „Flugzeug“-Route bezeichnet werden.
Die Yoga-Wissenschaft basiert auf einer empirischen Betrachtung aller Formen von Konzentrations- und Meditationsübungen. Yoga ermöglicht es dem Gottgeweihten, den Lebensstrom von den fünf Sinnes-Telefonen des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Tastens nach Belieben an- oder auszuschalten. Durch das Erlangen dieser Kraft der Sinnesabschaltung findet es der Yogi einfach, seinen Geist nach Belieben mit göttlichen Bereichen oder mit der Welt der Materie zu vereinen. Nicht länger wird er ungewollt durch die Lebenskraft in die weltliche Sphäre lärmender Empfindungen und rastloser Gedanken zurückgebracht. Als Meister seines Körpers und Geistes erringt der KRIYA-YOGI letztlich den Sieg über den „letzten Feind“, den Tod.
So wirst du dich vom Tode nähren, der sich von Menschen nährt: Und ist der Tod einmal tot, gibt es kein Sterben mehr. {FN26-13}
Das Leben eines fortgeschrittenen KRIYA-YOGIS wird nicht durch die Auswirkungen vergangener Handlungen beeinflusst, sondern einzig durch die Anweisungen der Seele. Der Gottgeweihte vermeidet so die langsamen, evolutionären Wächter egoistischer Handlungen, gut und böse, des gewöhnlichen Lebens, die für Adlerherzen schwerfällig und schneckenartig sind.
Die überlegene Methode des Seelenlebens befreit den Yogi, der, befreit von seinem Ego-Gefängnis, die tiefe Luft der Allgegenwart kostet. Die Knechtschaft des natürlichen Lebens verläuft im Vergleich dazu in einem demütigenden Tempo. Wenn ein Mensch sein Leben der evolutionären Ordnung anpasst, kann er der Natur keine eilige Konzession abverlangen, sondern benötigt, selbst wenn er ohne Fehler gegen die Gesetze seiner physischen und mentalen Ausstattung lebt, immer noch etwa eine Million Jahre inkarnierter Maskeraden, um die endgültige Erlösung zu erfahren.
Die teleskopischen Methoden der Yogis, die sich von physischen und mentalen Identifikationen zugunsten der Seelen-Individualität lösen, empfehlen sich daher jenen, die mit Aufruhr auf eine Million mal eine Million Jahre blicken. Dieser numerische Rahmen erweitert sich für den gewöhnlichen Menschen, der nicht einmal mit der Natur in Harmonie lebt, geschweige denn mit seiner Seele, sondern stattdessen unnatürliche Komplexitäten verfolgt und so in seinem Körper und seinen Gedanken die süße Vernunft der Natur beleidigt. Für ihn reichen zwei mal eine Million Jahre kaum aus für die Befreiung.
Der grobe Mensch erkennt selten oder nie, dass sein Körper ein Königreich ist, regiert vom Kaiser Seele auf dem Thron des Schädels, mit untergeordneten Regenten in den sechs spinalen Zentren oder Bewusstseinssphären. Diese Theokratie erstreckt sich über eine Schar gehorsamer Untertanen: siebenundzwanzigtausend Milliarden Zellen – ausgestattet mit einer sicheren, wenn auch automatischen Intelligenz, durch die sie alle Pflichten des körperlichen Wachstums, der Transformationen und Auflösungen erfüllen – und fünfzig Millionen unterschwellige Gedanken, Emotionen und Variationen abwechselnder Phasen im Bewusstsein des Menschen in einem durchschnittlichen Leben von sechzig Jahren. Jeder scheinbare Aufstand körperlicher oder zerebraler Zellen gegen den Kaiser Seele, der sich als Krankheit oder Depression manifestiert, ist nicht auf Untreue unter den demütigen Bürgern zurückzuführen, sondern auf den vergangenen oder gegenwärtigen Missbrauch seiner Individualität oder seines freien Willens durch den Menschen, der ihm gleichzeitig mit einer Seele gegeben wurde und niemals widerrufbar ist.
Indem er sich mit einem oberflächlichen Ego identifiziert, nimmt der Mensch als selbstverständlich an, dass er es ist, der denkt, will, fühlt, Mahlzeiten verdaut und sich am Leben erhält, ohne durch Reflexion (ein wenig würde genügen!) zuzugeben, dass er in seinem gewöhnlichen Leben nichts weiter ist als eine Marionette vergangener Handlungen (Karma) und der Natur oder Umgebung. Die intellektuellen Reaktionen, Gefühle, Stimmungen und Gewohnheiten eines jeden Menschen sind durch die Auswirkungen vergangener Ursachen begrenzt, sei es aus diesem oder einem früheren Leben. Erhaben über solchen Einflüssen steht jedoch seine königliche Seele. Indem er die vergänglichen Wahrheiten und Freiheiten verschmäht, geht der KRIYA-YOGI über alle Desillusionierung hinaus in sein ungehindertes Sein. Alle Schriften erklären den Menschen nicht als einen verderblichen Körper, sondern als eine lebendige Seele; durch KRIYA erhält er eine Methode, um die schriftgemäße Wahrheit zu beweisen.
„Äußeres Ritual kann Unwissenheit nicht zerstören, da sie sich nicht gegenseitig widersprechen“, schrieb Shankara in seinem berühmten JAHRHUNDERT DER VERSE. „Nur verwirklichtes Wissen zerstört Unwissenheit. ... Wissen kann nicht auf anderem Wege als durch Nachforschung entstehen. ‚Wer bin ich? Wie wurde dieses Universum geboren? Wer ist sein Schöpfer? Was ist seine materielle Ursache?‘ Dies ist die Art der Nachforschung, auf die verwiesen wird.“ Der Intellekt hat keine Antwort auf diese Fragen; daher entwickelten die Rishis Yoga als die Technik der spirituellen Nachforschung.
KRIYA YOGA ist der wahre „Feuerritus“, der oft in der BHAGAVAD GITA gepriesen wird. Die reinigenden Feuer des Yoga bringen ewige Erleuchtung und unterscheiden sich daher sehr von äußeren und wenig effektiven religiösen Feuerzeremonien, bei denen die Wahrnehmung der Wahrheit oft, zu feierlicher Gesangsbegleitung, zusammen mit dem Weihrauch verbrannt wird!
Der fortgeschrittene Yogi, der seinen ganzen Geist, Willen und Gefühl von der falschen Identifikation mit körperlichen Wünschen zurückhält und seinen Geist mit superbewussten Kräften in den spinalen Schreinen vereint, lebt somit in dieser Welt, wie Gott es geplant hat, nicht angetrieben von Impulsen aus der Vergangenheit oder von neuen Torheiten frischer menschlicher Motivationen. Ein solcher Yogi erhält die Erfüllung seines Höchsten Verlangens, sicher im letzten Hafen des unerschöpflich glückseligen Geistes.
Der Yogi opfert seine labyrinthischen menschlichen Sehnsüchte auf einem monotheistischen Scheiterhaufen, der dem unvergleichlichen Gott gewidmet ist. Dies ist wahrlich die wahre Yoga-Feuerzeremonie, in der alle vergangenen und gegenwärtigen Wünsche Brennstoff sind, der von göttlicher Liebe verzehrt wird. Die Ultimative Flamme empfängt das Opfer all menschlichen Wahnsinns, und der Mensch ist rein von Schlacke. Seine Knochen von allem begehrlichen Fleisch befreit, sein karmisches Skelett in den antiseptischen Sonnen der Weisheit gebleicht, ist er endlich sauber, unanstößig vor Mensch und Schöpfer.
Sich auf die sichere und methodische Wirksamkeit des Yoga beziehend, preist Lord Krishna den technologischen Yogi mit den folgenden Worten: „Der Yogi ist größer als körperlich disziplinierte Asketen, größer selbst als die Anhänger des Pfades der Weisheit (JNANA YOGA) oder des Pfades des Handelns (KARMA YOGA); sei du, o Jünger Arjuna, ein Yogi!“ {FN26-14}
{FN26-1} Der bekannte Wissenschaftler Dr. George W. Crile aus Cleveland erklärte vor einem Treffen der American Association for the Advancement of Science 1940 die Experimente, mit denen er bewiesen hatte, dass alle Körpergewebe elektrisch negativ sind, außer den Geweben des Gehirns und des Nervensystems, die elektrisch positiv bleiben, weil sie belebenden Sauerstoff mit einer schnelleren Rate aufnehmen.
{FN26-2} BHAGAVAD GITA, IV:29.
{FN26-3} BHAGAVAD GITA, IV:1-2.
{FN26-4} Der Autor der MANAVA DHARMA SHASTRAS. Diese Institute des kanonisierten Gewohnheitsrechts sind in Indien bis heute wirksam. Der französische Gelehrte Louis Jacolliot schreibt, dass das Datum von Manu „in der Nacht der vorhistorischen Periode Indiens verloren ist; und kein Gelehrter hat es gewagt, ihm den Titel des ältesten Gesetzgebers der Welt zu verweigern.“ In LA BIBLE DANS L’INDE, Seiten 33-37, reproduziert Jacolliot parallele Textreferenzen, um zu beweisen, dass der römische CODEX JUSTINIANUS den GESETZEN DES MANU genau folgt.
{FN26-5} Der Beginn der materialistischen Zeitalter war laut hinduistischen Schriftberechnungen 3102 v. Chr. Dies war der Beginn des absteigenden Dwapara-Zeitalters (siehe Seite 174). Moderne Gelehrte, die leichtfertig glauben, dass vor 10.000 Jahren alle Menschen in einer barbarischen Steinzeit versunken waren, tun summarisch alle Aufzeichnungen und Traditionen sehr alter Zivilisationen in Indien, China, Ägypten und anderen Ländern als „Mythen“ ab.
{FN26-6} Patanjalis APHORISMEN, II:1. Bei der Verwendung der Worte KRIYA YOGA bezog sich Patanjali entweder auf die exakte Technik, die Babaji lehrte, oder eine ihr sehr ähnliche. Dass es sich um eine definitive Technik der Lebenskontrolle handelte, wird durch Patanjalis APHORISMUS II:49 bewiesen.
{FN26-7} Patanjalis APHORISMEN, I:27.
{FN26-8} „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. ... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ – JOHANNES 1:1-3. Das AUM (OM) der VEDEN wurde zum heiligen Wort AMIN der Moslems, HUM der Tibeter und AMEN der Christen (dessen Bedeutung im Hebräischen SICHER, TREU ist). „Das sagt der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.“ – OFFENBARUNG 3:14.
{FN26-9} APHORISMEN II:49.
{FN26-10} 1. KORINTHER 15:31. „Unser Ruhm“ ist die korrekte Übersetzung; nicht, wie üblicherweise wiedergegeben, „euer Ruhm“. St. Paulus bezog sich auf die ALLGEGENWART des Christus-Bewusstseins.
{FN26-11} KALPA bedeutet Zeit oder Äon. SABIKALPA bedeutet zeit- oder veränderungsgebunden; eine Verbindung mit PRAKRITI oder Materie bleibt bestehen. NIRBIKALPA bedeutet zeitlos, unveränderlich; dies ist der höchste Zustand des SAMADHI.
{FN26-12} Laut der LINCOLN LIBRARY OF ESSENTIAL INFORMATION, S. 1030, lebt die Riesenschildkröte zwischen 200 und 300 Jahre.
{FN26-13} Shakespeare: SONETT Nr. 146.
{FN26-14} BHAGAVAD GITA, VI:46.
KAPITEL: 27
GRÜNDUNG EINER YOGA-SCHULE IN RANCHI
„Warum bist du abgeneigt gegenüber organisatorischer Arbeit?“
Die Frage des Meisters erschreckte mich ein wenig. Es stimmt, dass meine private Überzeugung zu jener Zeit war, dass Organisationen „Hornissennester“ seien.
„Es ist eine undankbare Aufgabe, Herr“, antwortete ich. „Egal, was der Anführer tut oder nicht tut, er wird kritisiert.“
„Willst du den ganzen göttlichen CHANNA (Milchquark) für dich allein?“ Die Entgegnung meines Gurus wurde von einem strengen Blick begleitet. „Könntest du oder irgendjemand sonst Gott-Kontakt durch Yoga erreichen, wenn nicht eine Reihe großherziger Meister bereit gewesen wäre, ihr Wissen an andere weiterzugeben?“ Er fügte hinzu: „Gott ist der Honig, Organisationen sind die Bienenstöcke; beide sind notwendig. Jede FORM ist natürlich nutzlos ohne den Geist, aber warum solltest du nicht geschäftige Bienenstöcke voller spirituellem Nektar gründen?“
Sein Rat bewegte mich tief. Obwohl ich keine äußere Antwort gab, entstand ein unerschütterlicher Entschluss in meiner Brust: Ich wollte mit meinen Mitmenschen, soweit es in meiner Macht stand, die entfesselnden Wahrheiten teilen, die ich zu Füßen meines Gurus gelernt hatte. „Herr“, betete ich, „möge Deine Liebe für immer auf dem Heiligtum meiner Hingabe leuchten, und möge ich fähig sein, diese Liebe in anderen Herzen zu erwecken.“
Bei einer früheren Gelegenheit, bevor ich dem monastischen Orden beigetreten war, hatte Sri Yukteswar eine höchst unerwartete Bemerkung gemacht.
„Wie du die Gesellschaft einer Ehefrau in deinem Alter vermissen wirst!“, hatte er gesagt. „Stimmst du nicht zu, dass der Familienvater, der in nützlicher Arbeit beschäftigt ist, um seine Frau und Kinder zu versorgen, eine lohnende Rolle in Gottes Augen spielt?“
„Herr“, hatte ich alarmiert protestiert, „Sie wissen, dass mein Wunsch in diesem Leben ist, mich nur mit dem kosmischen Geliebten zu vermählen.“
Der Meister hatte so fröhlich gelacht, dass ich verstand, dass seine Beobachtung lediglich als Test meines Glaubens gemacht worden war.
„Denke daran“, hatte er langsam gesagt, „dass derjenige, der seine weltlichen Pflichten ablegt, sich nur rechtfertigen kann, indem er eine Art Verantwortung gegenüber einer viel größeren Familie übernimmt.“
Das Ideal einer allseitigen Bildung für die Jugend lag mir schon immer am Herzen. Ich sah klar die dürren Ergebnisse des gewöhnlichen Unterrichts, der nur auf die Entwicklung von Körper und Intellekt abzielte. Moralische und spirituelle Werte, ohne deren Wertschätzung kein Mensch sich dem Glück nähern kann, fehlten noch im formellen Lehrplan. Ich entschloss mich, eine Schule zu gründen, wo junge Jungen sich zur vollen Statur des Mannseins entwickeln konnten. Mein erster Schritt in diese Richtung wurde mit sieben Kindern in Dihika gemacht, einem kleinen ländlichen Standort in Bengalen.
Ein Jahr später, 1918, konnte ich durch die Großzügigkeit von Sir Manindra Chandra Nundy, dem Maharaja von Kasimbazar, meine schnell wachsende Gruppe nach Ranchi verlegen. Diese Stadt in Bihar, etwa zweihundert Meilen von Kalkutta entfernt, ist mit einem der gesündesten Klimata Indiens gesegnet. Der Kasimbazar-Palast in Ranchi wurde in das Hauptquartier für die neue Schule umgewandelt, die ich BRAHMACHARYA VIDYALAYA {FN27-1} nannte, in Übereinstimmung mit den pädagogischen Idealen der Rishis. Ihre Wald-Ashrams waren die antiken Sitze des Lernens, weltlich und göttlich, für die Jugend Indiens gewesen.
In Ranchi organisierte ich ein Bildungsprogramm sowohl für die Grundschule als auch für die High School. Es umfasste landwirtschaftliche, industrielle, kaufmännische und akademische Fächer. Die Schüler lernten auch Yoga-Konzentration und Meditation sowie ein einzigartiges System körperlicher Entwicklung, „Yogoda“, dessen Prinzipien ich 1916 entdeckt hatte.
Da ich erkannte, dass der menschliche Körper wie eine elektrische Batterie ist, folgerte ich, dass er durch die direkte Einwirkung des menschlichen Willens mit Energie aufgeladen werden kann. Da keine Aktion, ob klein oder groß, ohne WOLLEN möglich ist, kann der Mensch sich seines Hauptantriebs, des Willens, bedienen, um sein Körpergewebe ohne belastende Apparaturen oder mechanische Übungen zu erneuern. Ich lehrte daher die Schüler in Ranchi meine einfachen „Yogoda“-Techniken, durch die die Lebenskraft, die im menschlichen verlängerten Mark zentriert ist, bewusst und sofort aus dem unbegrenzten Vorrat kosmischer Energie aufgeladen werden kann.
Die Jungen reagierten wunderbar auf dieses Training und entwickelten eine außergewöhnliche Fähigkeit, die Lebensenergie von einem Körperteil zum anderen zu verschieben und in schwierigen Körperhaltungen in perfekter Ausgewogenheit zu sitzen. {FN27-2} Sie vollbrachten Kraft- und Ausdauerleistungen, denen viele kräftige Erwachsene nicht gewachsen waren. Mein jüngster Bruder, Bishnu Charan Ghosh, trat in die Schule in Ranchi ein; er wurde später ein führender Körperkulturist in Bengalen. Er und einer seiner Schüler reisten nach Europa und Amerika und gaben Ausstellungen von Stärke und Geschicklichkeit, die die Gelehrten der Universitäten, einschließlich derer der Columbia University in New York, in Erstaunen versetzten.
Am Ende des ersten Jahres in Ranchi erreichten die Aufnahmeanträge zweitausend. Aber die Schule, die zu dieser Zeit ausschließlich ein Internat war, konnte nur etwa hundert aufnehmen. Unterricht für Tagesschüler wurde bald hinzugefügt.
In der VIDYALAYA musste ich für die kleinen Kinder Vater und Mutter zugleich sein und mit vielen organisatorischen Schwierigkeiten fertigwerden. Oft dachte ich an die Worte Christi: „Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mit Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Sri Yukteswar hatte diese Worte so ausgelegt: „Der Gottgeweihte, der auf die Lebenserfahrungen von Ehe und Familie verzichtet und die Probleme eines kleinen Haushalts und begrenzter Aktivitäten gegen die größeren Verantwortungen des Dienstes an der Gesellschaft im Allgemeinen eintauscht, übernimmt eine Aufgabe, die oft von Verfolgung durch eine missverstehende Welt, aber auch von einem göttlichen inneren Frieden begleitet wird.“
Eines Tages kam mein Vater in Ranchi an, um mir einen väterlichen Segen zu erteilen, der mir lange vorenthalten geblieben war, weil ich ihn durch die Ablehnung seines Angebots einer Stelle bei der Bengal-Nagpur Railway gekränkt hatte.
„Mein Sohn“, sagte er, „ich habe mich nun mit deiner Lebenswahl versöhnt. Es bereitet mir Freude, dich inmitten dieser fröhlichen, eifrigen jungen Leute zu sehen; du gehörst hierher und nicht zu den leblosen Zahlen der Eisenbahnfahrpläne.“ Er deutete auf eine Gruppe von einem Dutzend kleiner Kinder, die mir an den Fersen klebten. „Ich hatte nur acht Kinder“, bemerkte er mit funkelnden Augen, „aber ich kann mit dir mitfühlen!“
Mit einem großen Obstgarten und fünfundzwanzig fruchtbaren Morgen Land zu unserer Verfügung genossen die Schüler, die Lehrer und ich viele glückliche Stunden bei der Arbeit im Freien in dieser idealen Umgebung. Wir hatten viele Haustiere, darunter ein junges Reh, das von den Kindern regelrecht vergöttert wurde. Auch ich liebte das Kitz so sehr, dass ich ihm erlaubte, in meinem Zimmer zu schlafen. Im Licht der Morgendämmerung trottete das kleine Geschöpf zu meinem Bett, um sich am Morgen liebkosen zu lassen.
Eines Tages fütterte ich das Tier früher als gewöhnlich, da ich in der Stadt Ranchi etwas zu erledigen hatte. Obwohl ich die Jungen ermahnte, das Kitz bis zu meiner Rückkehr nicht zu füttern, war einer von ihnen ungehorsam und gab dem jungen Reh eine große Menge Milch. Als ich am Abend zurückkehrte, empfing mich eine traurige Nachricht: „Das kleine Kitz ist durch die Überfütterung dem Tode nah.“
Unter Tränen legte ich das scheinbar leblose Tier auf meinen Schoß. Ich betete innig zu Gott, ihm das Leben zu erhalten. Stunden später öffnete das kleine Geschöpf die Augen, stand auf und ging mühsam umher. Die ganze Schule jubelte vor Freude.
Doch in jener Nacht erhielt ich eine tiefe Lektion, eine, die ich niemals vergessen kann. Ich blieb bis zwei Uhr morgens bei dem Kitz, bis ich einschlief. Das Reh erschien mir im Traum und sprach zu mir:
„Du hältst mich fest. Bitte lass mich gehen; lass mich gehen!“
„In Ordnung“, antwortete ich im Traum.
Ich wachte sofort auf und rief: „Jungen, das Reh stirbt!“ Die Kinder eilten an meine Seite.
Ich rannte in die Ecke des Zimmers, wo ich das Tier hingelegt hatte. Es machte einen letzten Versuch aufzustehen, stolperte auf mich zu und fiel dann tot zu meinen Füßen nieder.
Dem Massen-Karma zufolge, das die Geschicke der Tiere lenkt und reguliert, war das Leben des Rehs zu Ende, und es war bereit, in eine höhere Form aufzusteigen. Aber durch meine tiefe Anhänglichkeit, die ich später als egoistisch erkannte, und durch meine inbrünstigen Gebete war es mir gelungen, es in den Beschränkungen der tierischen Form zu halten, aus der die Seele nach Befreiung strebte. Die Seele des Rehs brachte ihr Anliegen in einem Traum vor, weil sie ohne meine liebevolle Erlaubnis entweder nicht gehen wollte oder konnte. Sobald ich zustimmte, schied sie dahin.
Alle Trauer wich von mir; ich erkannte aufs Neue, dass Gott möchte, dass Seine Kinder alles als einen Teil von Ihm lieben und nicht irrtümlicherweise fühlen, dass der Tod alles beendet. Der Unwissende sieht nur die unüberwindbare Mauer des Todes, die seine geliebten Freunde scheinbar für immer verbirgt. Doch der Mensch der Ungebundenheit, derjenige, der andere als Ausdruck des Herrn liebt, versteht, dass die Lieben beim Tod nur für eine Atempause der Freude in Ihm zurückgekehrt sind.
Die Schule in Ranchi wuchs von kleinen und einfachen Anfängen zu einer heute in Indien wohlbekannten Einrichtung heran. Viele Abteilungen der Schule werden durch freiwillige Beiträge derjenigen unterstützt, die sich daran erfreuen, die pädagogischen Ideale der Rishis fortzuführen. Unter dem allgemeinen Namen YOGODA SAT-SANGA wurden blühende Zweigschulen in Midnapore, Lakshmanpur und Puri gegründet.
Der Hauptsitz in Ranchi unterhält eine medizinische Abteilung, in der Medikamente und ärztliche Dienste den Armen der Umgebung kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Die Zahl der behandelten Personen lag im Durchschnitt bei mehr als 18.000 pro Jahr. Die VIDYALAYA hat sich auch im indischen Wettkampfsport einen Namen gemacht sowie auf schulischem Gebiet, wo sich viele Absolventen aus Ranchi im späteren Universitätsleben ausgezeichnet haben.
Die Schule, die nun in ihrem achtundzwanzigsten Jahr besteht und das Zentrum vieler Aktivitäten ist, wurde durch Besuche bedeutender Männer aus Ost und West geehrt. Eine der ersten großen Persönlichkeiten, die die VIDYALAYA in ihrem ersten Jahr inspizierte, war Swami Pranabananda, der „Heilige mit den zwei Körpern“ aus Benares. Als der große Meister die malerischen Klassen im Freien unter den Bäumen betrachtete und am Abend sah, wie die jungen Jungen stundenlang bewegungslos in Yoga-Meditation saßen, war er tief bewegt.
„Freude erfüllt mein Herz“, sagte er, „zu sehen, dass Lahiri Mahasayas Ideale für die richtige Erziehung der Jugend in dieser Einrichtung fortgeführt werden. Der Segen meines Gurus möge auf ihr ruhen.“
Ein junger Junge, der an meiner Seite saß, wagte es, dem großen Yogi eine Frage zu stellen.
„Herr“, sagte er, „soll ich ein Mönch werden? Ist mein Leben nur für Gott bestimmt?“
Obwohl Swami Pranabananda sanft lächelte, drangen seine Augen in die Zukunft.
„Kind“, antwortete er, „wenn du erwachsen bist, wartet eine wunderschöne Braut auf dich.“ Der Junge heiratete tatsächlich, nachdem er jahrelang geplant hatte, in den Swami-Orden einzutreten.
Einige Zeit nachdem Swami Pranabananda Ranchi besucht hatte, begleitete ich meinen Vater in das Haus in Kalkutta, wo der Yogi vorübergehend wohnte. Pranabanandas Vorhersage, die er mir so viele Jahre zuvor gemacht hatte, schoss mir durch den Kopf: „Ich werde dich später mit deinem Vater sehen.“
Als Vater das Zimmer des Swamis betrat, erhob sich der große Yogi von seinem Sitz und umarmte meinen Elternteil mit liebevollem Respekt.
„Bhagabati“, sagte er, „was tust du für dich selbst? Siehst du nicht, wie dein Sohn dem Unendlichen entgegeneilt?“ Ich errötete, als ich sein Lob vor meinem Vater hörte. Der Swami fuhr fort: „Du erinnerst dich, wie oft unser gesegneter Guru zu sagen pflegte: ‚BANAT, BANAT, BAN JAI.‘ Also führe KRIYA YOGA unaufhörlich fort und erreiche schnell die göttlichen Tore.“
Der Körper von Pranabananda, der während meines erstaunlichen ersten Besuchs bei ihm in Benares so gesund und stark erschienen war, zeigte nun deutliche Alterungserscheinungen, obwohl seine Haltung immer noch bewundernswert aufrecht war.
„Swamiji“, fragte ich und sah ihm direkt in die Augen, „bitte sag mir die Wahrheit: Spürst du nicht das Fortschreiten des Alters? Leidet deine Wahrnehmung Gottes unter der Schwächung des Körpers?“
Er lächelte engelsgleich. „Der Geliebte ist jetzt mehr denn je bei mir.“ Seine vollkommene Überzeugung überwältigte meinen Geist und meine Seele. Er fuhr fort: „Ich genieße immer noch die zwei Renten – eine von Bhagabati hier und eine von oben.“ Der Heilige deutete mit dem Finger gen Himmel und verfiel in eine Ekstase, sein Gesicht von einem göttlichen Glanz erleuchtet – eine ausreichende Antwort auf meine Frage.
Da ich bemerkte, dass Pranabanandas Zimmer viele Pflanzen und Samenpakete enthielt, fragte ich nach ihrem Zweck.
„Ich habe Benares dauerhaft verlassen“, sagte er, „und bin nun auf dem Weg in den Himalaya. Dort werde ich einen Ashram für meine Schüler eröffnen. Diese Samen werden Spinat und ein paar andere Gemüsesorten hervorbringen. Meine Lieben werden einfach leben und ihre Zeit in glückseliger Gott-Vereinigung verbringen. Nichts anderes ist nötig.“
Vater fragte seinen Mit-Schüler, wann er nach Kalkutta zurückkehren werde.
„Niemals wieder“, antwortete der Heilige. „Dieses Jahr ist dasjenige, in dem Lahiri Mahasaya mir sagte, dass ich mein geliebtes Benares für immer verlassen und in den Himalaya gehen würde, um dort meine sterbliche Hülle abzulegen.“
Meine Augen füllten sich bei seinen Worten mit Tränen, doch der Swami lächelte gelassen. Er erinnerte mich an ein kleines himmlisches Kind, das sicher auf dem Schoß der Göttlichen Mutter sitzt. Die Last der Jahre hat keinen negativen Einfluss auf den vollen Besitz der höchsten spirituellen Kräfte eines großen Yogis. Er ist in der Lage, seinen Körper nach Belieben zu erneuern; doch manchmal möchte er den Alterungsprozess nicht aufhalten, sondern lässt sein Karma auf der physischen Ebene auswirken, wobei er seinen alten Körper als zeitsparende Vorrichtung nutzt, um die Notwendigkeit auszuschließen, Karma in einer neuen Inkarnation abzuarbeiten.
Monate später traf ich einen alten Freund, Sanandan, der einer von Pranabanandas engen Schülern war.
„Mein anbetungswürdiger Guru ist fort“, erzählte er mir unter Schluchzen. „Er gründete eine Einsiedelei bei Rishikesh und gab uns eine liebevolle Ausbildung. Als wir uns recht gut eingelebt hatten und in seiner Gesellschaft schnelle spirituelle Fortschritte machten, schlug er eines Tages vor, eine riesige Menschenmenge aus Rishikesh zu bewirten. Ich fragte, warum er eine solch große Anzahl wollte.
‚Dies ist mein letztes Festmahl‘, sagte er. Ich verstand die volle Bedeutung seiner Worte nicht.
Pranabanandaji half beim Kochen großer Mengen Essen. Wir verköstigten etwa 2000 Gäste. Nach dem Fest saß er auf einer hohen Plattform und hielt eine inspirierte Predigt über das Unendliche. Am Ende, vor den Augen Tausender, wandte er sich an mich, als ich neben ihm auf dem Podium saß, und sprach mit ungewohnter Kraft.
‚Sanandan, sei bereit; ich werde das Gerüst wegstoßen.‘
Nach einer betäubten Stille rief ich laut: ‚Meister, tu es nicht! Bitte, bitte, tu es nicht!‘ Die Menge war sprachlos und beobachtete uns neugierig. Mein Guru lächelte mich an, doch sein feierlicher Blick war bereits auf die Ewigkeit gerichtet.
‚Sei nicht egoistisch‘, sagte er, ‚und trauere nicht um mich. Ich habe euch allen lange fröhlich gedient; nun freue dich und wünsche mir eine gute Reise. Ich gehe, um meinem Kosmischen Geliebten zu begegnen.‘ Flüsternd fügte Pranabanandaji hinzu: ‚Ich werde in Kürze wiedergeboren werden. Nachdem ich eine kurze Zeit der Unendlichen Glückseligkeit genossen habe, werde ich zur Erde zurückkehren und mich Babaji anschließen. Du wirst bald wissen, wann und wo meine Seele in einen neuen Körper eingehüllt wurde.‘
Er rief erneut: ‚Sanandan, hier stoße ich das Gerüst durch den zweiten KRIYA YOGA weg.‘
Er blickte auf das Meer von Gesichtern vor uns und spendete einen Segen. Seinen Blick nach innen auf das spirituelle Auge richtend, wurde er unbeweglich. Während die verwirrte Menge dachte, er meditiere in einem ekstatischen Zustand, hatte er bereits den Tabernakel aus Fleisch verlassen und seine Seele in die kosmische Weite gestürzt. Die Schüler berührten seinen Körper, der in der Lotosstellung saß, doch es war nicht mehr das warme Fleisch. Nur ein versteiftes Gerüst blieb zurück; der Bewohner war zum unsterblichen Ufer geflohen.“
Ich fragte, wo Pranabananda wiedergeboren werden würde.
„Das ist ein heiliges Geheimnis, das ich niemandem anvertrauen kann“, antwortete Sanandan. „Vielleicht findest du es auf einem anderen Weg heraus.“
Jahre später erfuhr ich von Swami Keshabananda, dass Pranabananda einige Jahre nach seiner Geburt in einem neuen Körper nach Badrinarayan im Himalaya gegangen war und sich dort der Gruppe von Heiligen um den großen Babaji angeschlossen hatte.
{FN27-1} VIDYALAYA, Schule. BRAHMACHARYA bezieht sich hier auf eine der vier Stufen im vedischen Lebensplan des Menschen, bestehend aus (1) dem zölibatären Schüler (BRAHMACHARI); (2) dem Familienvater mit weltlichen Verantwortungen (GRIHASTHA); (3) dem Einsiedler (VANAPRASTHA); (4) dem Waldbewohner oder Wanderer, frei von allen irdischen Sorgen (SANNYASI). Dieses ideale Lebensschema wird im modernen Indien zwar nicht weit verbreitet praktiziert, hat aber immer noch viele gläubige Anhänger. Die vier Stufen werden religiös unter der lebenslangen Anleitung eines Gurus ausgeführt.
{FN27-2} Eine Reihe amerikanischer Schüler hat ebenfalls verschiedene ASANAS oder Körperhaltungen gemeistert, darunter Bernard Cole, ein Lehrer der Self-Realization Fellowship-Lehren in Los Angeles.
{FN27-3} MARKUS 10,29-30.
{FN27-4} Yogoda: YOGA, Vereinigung, Harmonie, Gleichgewicht; DA, das, was verleiht. Sat-Sanga: SAT, Wahrheit; SANGA, Gemeinschaft. Im Westen wurde die YOGODA SAT-SANGA-Bewegung, um die Verwendung eines Sanskrit-Namens zu vermeiden, SELF-REALIZATION FELLOWSHIP genannt.
{FN27-5} Die Aktivitäten in Ranchi werden in Kapitel 40 ausführlicher beschrieben. Die Schule in Lakshmanpur steht unter der fähigen Leitung von Herrn G. C. Dey, B.A. Die medizinische Abteilung wird kompetent von Dr. S. N. Pal und Sasi Bhusan Mullick betreut.
{FN27-6} Eine von Lahiri Mahasayas Lieblingsbemerkungen, die als Ermutigung für die Ausdauer seiner Schüler diente. Eine freie Übersetzung lautet: „Streben, streben, eines Tages sieh! das Göttliche Ziel!“
{FN27-7} d. h. den Körper aufgeben.
{FN27-8} Lahiri Mahasayas Guru, der immer noch lebt. (Siehe Kapitel 33.)
{FN27-9} Der zweite KRIYA, wie er von Lahiri Mahasaya gelehrt wurde, ermöglicht dem Gottgeweihten, der ihn gemeistert hat, den Körper jederzeit bewusst zu verlassen und wieder in ihn zurückzukehren. Fortgeschrittene Yogis nutzen die zweite Kriya-Technik während des letzten Austritts beim Tod, einem Moment, den sie ausnahmslos im Voraus kennen.
{FN27-10} Mein Treffen mit Keshabananda wird in Kapitel 42 beschrieben.
KAPITEL 28
KASHI, WIEDERGEBOREN UND WIEDERENTDECKT
„Bitte geht nicht ins Wasser. Lasst uns baden, indem wir unsere Eimer eintauchen.“
Ich sprach zu den jungen Schülern aus Ranchi, die mich auf einer acht Meilen langen Wanderung zu einem benachbarten Hügel begleiteten. Der Teich vor uns war einladend, doch eine Abneigung dagegen war in meinem Geist entstanden. Die Gruppe um mich herum folgte meinem Beispiel, Eimer einzutauchen, doch ein paar Jungen erlagen der Versuchung des kühlen Wassers. Kaum waren sie eingetaucht, als große Wasserschlangen um sie herumschlängelten. Die Jungen kamen mit komischer Schnelligkeit aus dem Teich.
Wir genossen ein Picknick-Mittagessen, nachdem wir unser Ziel erreicht hatten. Ich saß unter einem Baum, umgeben von einer Gruppe von Schülern. Da sie mich in einer inspirierenden Stimmung vorfanden, bestürmten sie mich mit Fragen.
„Bitte sag mir, Herr“, fragte ein Jüngling, „ob ich immer bei dir auf dem Pfad der Entsagung bleiben werde.“
„Ach nein“, antwortete ich, „du wirst gewaltsam nach Hause geholt werden und später heiraten.“
Ungläubig protestierte er vehement. „Nur wenn ich tot bin, kann ich nach Hause getragen werden.“ Doch nach wenigen Monaten kamen seine Eltern, um ihn gegen seinen tränenreichen Widerstand mitzunehmen; einige Jahre später heiratete er tatsächlich.
Nachdem ich viele Fragen beantwortet hatte, wurde ich von einem Jungen namens Kashi angesprochen. Er war etwa zwölf Jahre alt, ein brillanter Schüler und bei allen beliebt.
„Herr“, sagte er, „was wird mein Schicksal sein?“
„Du wirst bald tot sein.“ Die Antwort kam mit unwiderstehlicher Kraft über meine Lippen.
Diese unerwartete Enthüllung schockierte und betrübte mich ebenso wie alle Anwesenden. Ich tadelte mich innerlich als ENFANT TERRIBLE und weigerte mich, weitere Fragen zu beantworten.
Auf unserer Rückkehr zur Schule kam Kashi in mein Zimmer.
„Wenn ich sterbe, wirst du mich dann finden, wenn ich wiedergeboren werde, und mich erneut auf den spirituellen Pfad bringen?“ Er schluchzte.
Ich fühlte mich gezwungen, diese schwierige okkulte Verantwortung abzulehnen. Doch wochenlang drängte mich Kashi hartnäckig. Als ich sah, dass er bis zum Zusammenbruch entnervt war, tröstete ich ihn schließlich.
„Ja“, versprach ich. „Wenn der Himmlische Vater Seinen Beistand gewährt, werde ich versuchen, dich zu finden.“
Während der Sommerferien begann ich eine kurze Reise. Ich bedauerte, Kashi nicht mitnehmen zu können, rief ihn vor meiner Abreise zu mir ins Zimmer und wies ihn sorgfältig an, sich gegen alle Überredungskünste in den spirituellen Schwingungen der Schule aufzuhalten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er dem drohenden Unheil entgehen könnte, wenn er nicht nach Hause ginge.
Kaum war ich weg, kam Kashis Vater in Ranchi an. Fünfzehn Tage lang versuchte er, den Willen seines Sohnes zu brechen, und erklärte, wenn Kashi nur für vier Tage nach Kalkutta ginge, um seine Mutter zu sehen, könne er dann zurückkehren. Kashi weigerte sich beharrlich. Der Vater sagte schließlich, er werde den Jungen mit Hilfe der Polizei wegführen. Die Drohung beunruhigte Kashi, der nicht der Grund für eine unangenehme öffentliche Aufmerksamkeit für die Schule sein wollte. Er sah keine andere Wahl, als zu gehen.
Ich kehrte wenige Tage später nach Ranchi zurück. Als ich hörte, wie Kashi weggeholt worden war, fuhr ich sofort mit dem Zug nach Kalkutta. Dort mietete ich eine Pferdedroschke. Sehr seltsamerweise sah ich, als das Gefährt die Howrah-Brücke über den Ganges überquerte, Kashis Vater und andere Verwandte in Trauerkleidung. Ich rief meinem Fahrer zu, er solle anhalten, stürzte hinaus und starrte den unglücklichen Vater an.
„Herr Mörder“, rief ich etwas unvernünftig, „du hast meinen Jungen getötet!“
Der Vater hatte bereits erkannt, welches Unrecht er begangen hatte, indem er Kashi gewaltsam nach Kalkutta gebracht hatte. Während der wenigen Tage, die der Junge dort gewesen war, hatte er verunreinigte Nahrung zu sich genommen, war an Cholera erkrankt und verstorben.
Meine Liebe zu Kashi und das Versprechen, ihn nach dem Tod zu finden, verfolgten mich Tag und Nacht. Egal wohin ich ging, sein Gesicht tauchte vor mir auf. Ich begann eine denkwürdige Suche nach ihm, so wie ich vor langer Zeit nach meiner verlorenen Mutter gesucht hatte.
Ich spürte, dass ich, da Gott mir die Vernunft gegeben hatte, diese nutzen und meine Kräfte bis aufs Äußerste anstrengen musste, um die subtilen Gesetze zu entdecken, durch die ich den astralen Aufenthaltsort des Jungen erfahren konnte. Er war eine Seele, die mit unerfüllten Wünschen vibrierte, erkannte ich – eine Lichtmasse, die irgendwo inmitten von Millionen leuchtender Seelen in den Astralebenen schwebte. Wie sollte ich mich unter so vielen vibrierenden Lichtern anderer Seelen auf ihn einstimmen?
Unter Verwendung einer geheimen Yoga-Technik strahlte ich meine Liebe durch das Mikrofon des spirituellen Auges, den inneren Punkt zwischen den Augenbrauen, an Kashis Seele aus. Mit der Antenne meiner erhobenen Hände und Finger drehte ich mich oft im Kreis und versuchte, die Richtung zu lokalisieren, in der er als Embryo wiedergeboren worden war. Ich hoffte, eine Antwort von ihm im konzentrationsgestimmten Radio meines Herzens zu empfangen.
Ich fühlte intuitiv, dass Kashi bald zur Erde zurückkehren würde und dass seine Seele antworten würde, wenn ich unaufhörlich meinen Ruf an ihn ausstrahlte. Ich wusste, dass der geringste Impuls, den Kashi sandte, in meinen Fingern, Händen, Armen, der Wirbelsäule und den Nerven spürbar sein würde.
Mit ungemindertem Eifer praktizierte ich die Yoga-Methode etwa sechs Monate nach Kashis Tod beständig. Als ich eines Morgens mit einigen Freunden durch den belebten Stadtteil Bowbazar in Kalkutta ging, hob ich meine Hände auf die übliche Weise. Zum ersten Mal gab es eine Antwort. Ich war begeistert, elektrische Impulse zu spüren, die durch meine Finger und Handflächen rieselten. Diese Ströme übersetzten sich in einen überwältigenden Gedanken aus einer tiefen Schicht meines Bewusstseins: „Ich bin Kashi; ich bin Kashi; komm zu mir!“
Der Gedanke wurde fast hörbar, als ich mich auf mein Herz-Radio konzentrierte. Im charakteristischen, leicht heiseren Flüstern von Kashis Stimme hörte ich seinen Ruf immer und immer wieder. Ich ergriff den Arm eines meiner Begleiter, Prokash Das, und lächelte ihn freudig an.
„Es sieht so aus, als hätte ich Kashi geortet!“
Ich begann, mich im Kreis zu drehen, zum unverhohlenen Vergnügen meiner Freunde und der vorbeiziehenden Menge. Die elektrischen Impulse kribbelten nur dann in meinen Fingern, wenn ich mich in Richtung eines nahe gelegenen Weges wandte, der treffenderweise „Serpentine Lane“ hieß. Die Astralschwingungen verschwanden, wenn ich mich in andere Richtungen drehte.
„Ah“, rief ich aus, „Kashis Seele muss im Schoß einer Mutter leben, deren Heim in dieser Gasse liegt.“
Meine Begleiter und ich näherten uns der Serpentine Lane; die Schwingungen in meinen erhobenen Händen wurden stärker, ausgeprägter. Wie von einem Magneten wurde ich zur rechten Straßenseite gezogen. Als ich den Eingang eines bestimmten Hauses erreichte, war ich erstaunt, wie erstarrt zu sein. Ich klopfte mit einer Mischung aus intensiver Aufregung und angehaltenem Atem an die Tür. Ich fühlte, dass das erfolgreiche Ende meiner langen, beschwerlichen und sicherlich ungewöhnlichen Suche gekommen war!
Die Tür wurde von einem Dienstboten geöffnet, der mir sagte, sein Herr sei zu Hause. Er kam die Treppe aus dem zweiten Stock herunter und lächelte mich fragend an. Ich wusste kaum, wie ich meine Frage formulieren sollte, die zugleich treffend und unverschämt war.
„Bitte sagen Sie mir, Herr, ob Sie und Ihre Frau seit etwa sechs Monaten ein Kind erwarten?“
„Ja, das ist so.“ Da er sah, dass ich ein Swami war, ein Entsagender, bekleidet mit dem traditionellen orangefarbenen Stoff, fügte er höflich hinzu: „Bitte informieren Sie mich, wie Sie von meinen Angelegenheiten wissen.“
Als er von Kashi und dem Versprechen hörte, das ich gegeben hatte, glaubte der erstaunte Mann meine Geschichte.
„Ein männliches Kind mit heller Hautfarbe wird Ihnen geboren werden“, sagte ich ihm. „Er wird ein breites Gesicht haben, mit einem Wirbel oben auf der Stirn. Sein Wesen wird bemerkenswert spirituell sein.“ Ich fühlte mich sicher, dass das kommende Kind diese Ähnlichkeiten mit Kashi aufweisen würde.
Später besuchte ich das Kind, dessen Eltern ihm seinen alten Namen Kashi gegeben hatten. Schon im Säuglingsalter war er dem Erscheinungsbild meines lieben Ranchi-Schülers verblüffend ähnlich. Das Kind zeigte mir eine unmittelbare Zuneigung; die Anziehungskraft der Vergangenheit erwachte mit verdoppelter Intensität.
Jahre später schrieb mir der heranwachsende Junge, während ich mich in Amerika aufhielt. Er erklärte seine tiefe Sehnsucht, den Weg eines Entsagenden zu beschreiten. Ich verwies ihn an einen Meister im Himalaya, der bis zum heutigen Tag den wiedergeborenen Kashi führt.
{FN28-1} Der Wille, der von dem Punkt zwischen den Augenbrauen projiziert wird, ist den Yogis als der Rundfunksender der Gedanken bekannt. Wenn das Gefühl ruhig auf das Herz konzentriert wird, wirkt es wie ein mentales Radio und kann die Botschaften anderer aus der Ferne oder Nähe empfangen. Bei der Telepathie werden die feinen Schwingungen der Gedanken im Geist einer Person durch die subtilen Schwingungen des Astralaethers und dann durch den gröberen irdischen Äther übertragen, wodurch elektrische Wellen entstehen, die sich wiederum in Gedankenwellen im Geist der anderen Person übersetzen.
{FN28-2} Jede Seele in ihrem reinen Zustand ist allwissend. Kashis Seele erinnerte sich an alle Eigenschaften von Kashi, dem Jungen, und ahmte daher seine heisere Stimme nach, um mein Wiedererkennen zu wecken.
{FN28-3} Prokash Das ist der derzeitige Leiter unserer Yogoda Math (Einsiedelei) in Dakshineswar in Bengalen.
KAPITEL: 29
RABINDRANATH TAGORE UND ICH VERGLEICHEN SCHULEN
„Rabindranath Tagore lehrte uns zu singen, als eine natürliche Form des Selbstausdrucks, wie die Vögel.“
Bhola Nath, ein aufgeweckter vierzehnjähriger Junge an meiner Ranchi-Schule, gab mir diese Erklärung, nachdem ich ihn eines Morgens für seine melodischen Ausbrüche gelobt hatte. Mit oder ohne Anlass strömte der Junge einen wohlklingenden Strom hervor. Er hatte zuvor die berühmte Tagore-Schule von „Santiniketan“ (Hort des Friedens) in Bolpur besucht.
„Die Lieder von Rabindranath sind mir seit meiner frühen Jugend auf den Lippen“, sagte ich zu meinem Begleiter. „Ganz Bengalen, selbst die ungebildeten Bauern, erfreut sich an seinen erhabenen Versen.“
Bhola und ich sangen gemeinsam einige Refrains von Tagore, der Tausende indischer Gedichte vertont hat, einige davon Originale und andere von uraltem Alter.
„Ich traf Rabindranath kurz nachdem er den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte“, bemerkte ich nach unserem Singen. „Ich fühlte mich dazu hingezogen, ihn zu besuchen, weil ich seinen undiplomatischen Mut bewunderte, mit dem er seine literarischen Kritiker abfertigte.“ Ich kicherte.
Bhola erkundigte sich neugierig nach der Geschichte.
„Die Gelehrten zerrissen Tagore heftig dafür, dass er einen neuen Stil in die bengalische Lyrik einführte“, begann ich. „Er mischte umgangssprachliche und klassische Ausdrücke und ignorierte dabei alle vorgeschriebenen Beschränkungen, die den Pandits am Herzen lagen. Seine Lieder verkörpern tiefe philosophische Wahrheit in emotional ansprechenden Begriffen, mit wenig Rücksicht auf die akzeptierten literarischen Formen.
„Ein einflussreicher Kritiker bezeichnete Rabindranath abfällig als einen ‚Tauben-Poeten, der sein Gurren gegen eine Rupie drucken ließ‘. Doch Tagores Rache ließ nicht lange auf sich warten; die gesamte westliche Welt zollte ihm Tribut, kurz nachdem er sein GITANJALI (‚Liederopfer‘) ins Englische übersetzt hatte. Ein ganzer Zug voller Pandits, einschließlich seiner einstigen Kritiker, fuhr nach Santiniketan, um ihm ihre Glückwünsche auszusprechen.
„Rabindranath empfing seine Gäste erst nach einer beabsichtigten langen Verzögerung und hörte sich dann ihr Lob in stoischem Schweigen an. Schließlich wandte er ihre eigenen gewohnten Waffen der Kritik gegen sie.
„‚Meine Herren‘, sagte er, ‚die duftenden Ehren, die Ihr mir hier erweist, vermischen sich unpassend mit den fauligen Gerüchen Eurer vergangenen Verachtung. Gibt es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen meiner Verleihung des Nobelpreises und Euren plötzlich geschärften Fähigkeiten zur Wertschätzung? Ich bin immer noch derselbe Dichter, der Euch missfiel, als ich meine bescheidenen Blumen zum ersten Mal am Schrein Bengalens darbrachte.‘
„Die Zeitungen veröffentlichten einen Bericht über die kühne Zurechtweisung durch Tagore. Ich bewunderte die offenen Worte eines Mannes, der nicht von Schmeichelei hypnotisiert war“, fuhr ich fort. „Ich wurde in Kalkutta von seinem Sekretär, Mr. C. F. Andrews, {FN29-1} der einfach in einem bengalischen DHOTI gekleidet war, Rabindranath vorgestellt. Er bezog sich liebevoll auf Tagore als seinen GURUDEVA.
„Rabindranath empfing mich gütig. Er strahlte eine beruhigende Aura von Charme, Kultur und Höflichkeit aus. Auf meine Frage nach seinem literarischen Hintergrund antwortete mir Tagore, dass eine alte Inspirationsquelle für ihn, neben unseren religiösen Epen, der klassische Dichter Bidyapati gewesen sei.“
Inspiriert von diesen Erinnerungen begann ich Tagores Version eines alten bengalischen Liedes zu singen: „Entzünde die Lampe deiner Liebe“. Bhola und ich sangen freudig, während wir über das Gelände der VIDYALAYA spazierten.
Etwa zwei Jahre nach der Gründung der Ranchi-Schule erhielt ich eine Einladung von Rabindranath, ihn in Santiniketan zu besuchen, um unsere pädagogischen Ideale zu erörtern. Ich kam gerne. Der Dichter saß in seinem Arbeitszimmer, als ich eintrat; ich dachte damals, wie auch bei unserem ersten Treffen, dass er ein ebenso beeindruckendes Modell von hervorragendem Menschentum sei, wie es sich jeder Maler nur wünschen könnte. Sein wunderschön gemeißeltes Gesicht, edel und patrizisch, war von langem Haar und fließendem Bart umrahmt. Große, schmelzende Augen; ein engelsgleiches Lächeln; und eine Stimme von flötenartiger Qualität, die buchstäblich bezaubernd war. Standhaft, groß und ernst, vereinte er eine fast weibliche Zärtlichkeit mit der entzückenden Spontaneität eines Kindes. Keine idealisierte Vorstellung eines Dichters könnte eine passendere Verkörperung finden als in diesem sanften Sänger.
Tagore und ich vertieften uns bald in eine vergleichende Studie unserer Schulen, die beide auf unorthodoxen Wegen gegründet wurden. Wir entdeckten viele identische Merkmale – Unterricht im Freien, Einfachheit, reichlich Raum für den schöpferischen Geist des Kindes. Rabindranath legte jedoch erheblichen Wert auf das Studium von Literatur und Poesie sowie auf den Selbstausdruck durch Musik und Gesang, den ich bereits im Fall von Bhola bemerkt hatte. Die Kinder von Santiniketan hielten Zeiten des Schweigens ein, erhielten aber keine spezielle Yoga-Ausbildung.
Der Dichter hörte mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit meiner Beschreibung der energetisierenden „Yogoda“-Übungen und der Yoga-Konzentrationstechniken zu, die allen Schülern in Ranchi gelehrt werden.
Tagore erzählte mir von seinen eigenen frühen Kämpfen mit der Bildung. „Ich floh nach der fünften Klasse von der Schule“, sagte er lachend. Ich konnte leicht verstehen, wie seine angeborene poetische Zartheit durch die triste, disziplinarische Atmosphäre eines Klassenzimmers verletzt worden war.
„Deshalb habe ich Santiniketan unter den schattigen Bäumen und dem Glanz des Himmels eröffnet.“ Er deutete beredt auf eine kleine Gruppe, die im wunderschönen Garten lernte. „Ein Kind befindet sich in seiner natürlichen Umgebung inmitten von Blumen und Singvögeln. Nur so kann es den verborgenen Reichtum seiner individuellen Begabung voll entfalten. Wahre Bildung kann niemals von außen eingepaukt und hineingepumpt werden; vielmehr muss sie dazu beitragen, die unendlichen Schätze der Weisheit im Inneren spontan an die Oberfläche zu bringen.“ {FN29-2}
Ich stimmte zu. „Die idealistischen und heldenverehrenden Instinkte der Jugend verhungern bei einer ausschließlichen Diät aus Statistiken und chronologischen Ären.“
Der Dichter sprach liebevoll von seinem Vater Devendranath, der die Anfänge von Santiniketan inspiriert hatte.
„Vater schenkte mir dieses fruchtbare Land, auf dem er bereits ein Gästehaus und einen Tempel erbaut hatte“, erzählte mir Rabindranath. „Ich begann mein pädagogisches Experiment hier im Jahr 1901 mit nur zehn Jungen. Die achttausend Pfund, die mit dem Nobelpreis kamen, flossen vollständig in den Unterhalt der Schule.“
Der ältere Tagore, Devendranath, weithin bekannt als „Maharishi“, war ein sehr bemerkenswerter Mann, wie man seiner AUTOBIOGRAPHIE entnehmen kann. Zwei Jahre seines Erwachsenenlebens verbrachte er in Meditation im Himalaya. Sein Vater wiederum, Dwarkanath Tagore, war in ganz Bengalen für seine freigiebigen öffentlichen Wohltaten berühmt. Aus diesem illustren Stamm ist eine Familie von Genies hervorgegangen. Nicht nur Rabindranath; alle seine Verwandten haben sich durch schöpferischen Ausdruck ausgezeichnet. Seine Brüder, Gogonendra und Abanindra, gehören zu den bedeutendsten Künstlern {FN29-3} Indiens; ein weiterer Bruder, Dwijendra, ist ein tiefsinniger Philosoph, auf dessen sanften Ruf die Vögel und Waldtiere antworten.
Rabindranath lud mich ein, über Nacht im Gästehaus zu bleiben. Es war in der Tat ein bezauberndes Schauspiel, am Abend den Dichter mit einer Gruppe auf der Terrasse sitzen zu sehen. Die Zeit entfaltete sich rückwärts: die Szene vor mir glich der einer alten Einsiedelei – der freudige Sänger, umgeben von seinen Anhängern, alle in göttliche Liebe gehüllt. Tagore knüpfte jede Verbindung mit den Schnüren der Harmonie. Niemals durchsetzungsstark, zog und eroberte er das Herz durch einen unwiderstehlichen Magnetismus. Eine seltene Blüte der Poesie, die im Garten des Herrn blüht und andere durch einen natürlichen Duft anzieht!
Mit seiner melodischen Stimme las uns Rabindranath einige seiner exquisiten, neu geschaffenen Gedichte vor. Die meisten seiner Lieder und Theaterstücke, die zur Erbauung seiner Schüler geschrieben wurden, sind in Santiniketan komponiert worden. Die Schönheit seiner Zeilen liegt für mich in seiner Kunst, in fast jeder Strophe auf Gott zu verweisen, ohne jedoch den heiligen Namen selten zu erwähnen. „Trunken von der Glückseligkeit des Singens“, schrieb er, „vergesse ich mich selbst und nenne dich Freund, der du mein Herr bist.“
Am folgenden Tag, nach dem Mittagessen, nahm ich widerwillig Abschied von dem Dichter. Ich freue mich, dass seine kleine Schule inzwischen zu einer internationalen Universität, „Viswa-Bharati“, herangewachsen ist, wo Gelehrte aus allen Ländern einen idealen Rahmen gefunden haben.
„Wo der Geist ohne Furcht ist und das Haupt hoch erhoben wird; Wo Wissen frei ist; Wo die Welt nicht in Bruchstücke zerfallen ist durch enge häusliche Mauern; Wo Worte aus der Tiefe der Wahrheit kommen; Wo unermüdliches Streben seine Arme zur Vollendung ausstreckt; Wo der klare Strom der Vernunft seinen Weg nicht in den trüben Wüstensand der toten Gewohnheit verloren hat; Wo der Geist von Dir in immer weiter reichendes Denken und Handeln geführt wird; In jenen Himmel der Freiheit, mein Vater, lass mein Land erwachen!“ {FN29-4} RABINDRANATH TAGORE
{FN29-1} Der englische Schriftsteller und Publizist, ein enger Freund von Mahatma Gandhi. Mr. Andrews wird in Indien für seine vielen Dienste für seine Wahlheimat geehrt.
{FN29-2} „Da die Seele oft geboren wurde oder, wie die Hindus sagen, ‚den Pfad der Existenz durch tausende von Geburten wandert‘ ... gibt es nichts, wovon sie nicht Kenntnis erlangt hätte; kein Wunder, dass sie in der Lage ist, sich ... an das zu erinnern, was sie früher wusste. ... Denn Nachforschung und Lernen ist alles Erinnerung.“ – EMERSON.
{FN29-3} Rabindranath befasste sich in seinen Sechzigern ebenfalls ernsthaft mit dem Studium der Malerei. Ausstellungen seiner „futuristischen“ Arbeiten fanden vor einigen Jahren in europäischen Hauptstädten und New York statt.
{FN29-4} GITANJALI (New York: Macmillan Co.). Eine nachdenkliche Studie des Dichters findet sich in THE PHILOSOPHY OF RABINDRANATH TAGORE, von dem berühmten Gelehrten Sir S. Radhakrishnan (Macmillan, 1918). Ein weiterer erläuternder Band ist B. K. Roys RABINDRANATH TAGORE: THE MAN AND HIS POETRY (New York: Dodd, Mead, 1915). BUDDHA AND THE GOSPEL OF BUDDHISM (New York: Putnam’s, 1916), von der bedeutenden Autorität für orientalische Kunst, Ananda K. Coomaraswamy, enthält eine Reihe von Illustrationen in Farbe von des Dichters Bruder, Abanindra Nath Tagore.
KAPITEL: 30
DAS GESETZ DER WUNDER
Der große Romancier Leo Tolstoi schrieb eine entzückende Geschichte, DIE DREI EREMITEN. Sein Freund Nicholas Roerich {FN30-1} hat die Erzählung wie folgt zusammengefasst:
„Auf einer Insel lebten drei alte Eremiten. Sie waren so einfach, dass das einzige Gebet, das sie benutzten, lautete: ‚Wir sind drei; Du bist Drei – erbarme dich unser!‘ Während dieses naiven Gebets manifestierten sich große Wunder.
„Der örtliche Bischof {FN30-2} hörte von den drei Eremiten und ihrem unzulässigen Gebet und beschloss, sie zu besuchen, um sie die kanonischen Anrufungen zu lehren. Er kam auf der Insel an, erklärte den Eremiten, dass ihre himmlische Bitte unangemessen sei, und lehrte sie viele der üblichen Gebete. Dann verließ der Bischof die Insel auf einem Boot. Er sah ein strahlendes Licht, das dem Schiff folgte. Als es sich näherte, erkannte er die drei Eremiten, die Händchen hielten und über die Wellen liefen, in dem Bemühen, das Schiff einzuholen.
„‚Wir haben die Gebete vergessen, die du uns gelehrt hast‘, riefen sie, als sie den Bischof erreichten, ‚und sind herbeigeeilt, um dich zu bitten, sie zu wiederholen.‘ Der ehrfürchtige Bischof schüttelte den Kopf.
„‚Ihr Lieben‘, antwortete er demütig, ‚lebt weiter mit eurem alten Gebet!‘“
Wie gingen die drei Heiligen auf dem Wasser?
Wie erweckte Christus seinen gekreuzigten Körper wieder zum Leben?
Wie vollbrachten Lahiri Mahasaya und Sri Yukteswar ihre Wunder?
Die moderne Wissenschaft hat bisher keine Antwort; obwohl mit dem Aufkommen der Atombombe und den Wundern des Radars der Horizont des Weltgeistes abrupt erweitert wurde. Das Wort „unmöglich“ wird im wissenschaftlichen Wortschatz immer seltener.
Die alten vedischen Schriften erklären, dass die physische Welt unter einem grundlegenden Gesetz von MAYA operiert, dem Prinzip der Relativität und Dualität. Gott, das Einzige Leben, ist eine Absolute Einheit; Er kann nicht als die getrennten und vielfältigen Manifestationen einer Schöpfung erscheinen, außer unter einem falschen oder unwirklichen Schleier. Diese kosmische Illusion ist MAYA. Jede große wissenschaftliche Entdeckung der modernen Zeit hat als Bestätigung dieser einfachen Aussage der Rishis gedient.
Newtons Bewegungsgesetz ist ein Gesetz von MAYA: „Auf jede Aktion erfolgt immer eine gleiche und entgegengesetzte Reaktion; die gegenseitigen Wirkungen zweier Körper aufeinander sind stets gleich und entgegengesetzt gerichtet.“ Aktion und Reaktion sind somit genau gleich. „Eine einzelne Kraft zu haben, ist unmöglich. Es muss ein Kräftepaar geben, das gleich und entgegengesetzt ist, und das ist auch immer der Fall.“
Grundlegende natürliche Aktivitäten verraten alle ihren mayischen Ursprung. Elektrizität zum Beispiel ist ein Phänomen von Abstoßung und Anziehung; ihre Elektronen und Protonen sind elektrische Gegensätze. Ein weiteres Beispiel: das Atom oder das kleinste Teilchen der Materie ist, wie die Erde selbst, ein Magnet mit positiven und negativen Polen. Die gesamte phänomenale Welt steht unter der unerbittlichen Herrschaft der Polarität; kein Gesetz der Physik, Chemie oder irgendeiner anderen Wissenschaft ist jemals frei von inhärenten gegensätzlichen oder kontrastierenden Prinzipien gefunden worden.
Die physikalische Wissenschaft kann daher keine Gesetze außerhalb von MAYA formulieren, dem eigentlichen Gewebe und der Struktur der Schöpfung. Die Natur selbst ist MAYA; die Naturwissenschaft muss sich notwendigerweise mit ihrer unausweichlichen Wesenheit befassen. In ihrem eigenen Bereich ist sie ewig und unerschöpflich; zukünftige Wissenschaftler können nicht mehr tun, als einen Aspekt nach dem anderen ihrer vielfältigen Unendlichkeit zu erforschen. Die Wissenschaft bleibt somit in einem ständigen Fluss, unfähig, eine Endgültigkeit zu erreichen; durchaus geeignet, die Gesetze eines bereits existierenden und funktionierenden Kosmos zu formulieren, aber machtlos, den Gesetzgeber und alleinigen Betreiber zu erkennen. Die majestätischen Manifestationen der Gravitation und Elektrizität sind bekannt geworden, aber was Gravitation und Elektrizität sind, weiß kein Sterblicher. {FN30-3}
MAYA zu überwinden, war die Aufgabe, die den Menschen von den Propheten der Jahrtausende gestellt wurde. Über die Dualität der Schöpfung hinauszusteigen und die Einheit des Schöpfers wahrzunehmen, wurde als das höchste Ziel des Menschen begriffen. Diejenigen, die an der kosmischen Illusion festhalten, müssen ihr wesentliches Gesetz der Polarität akzeptieren: Ebbe und Flut, Aufstieg und Fall, Tag und Nacht, Vergnügen und Schmerz, Gut und Böse, Geburt und Tod. Dieses zyklische Muster nimmt eine gewisse quälende Monotonie an, nachdem der Mensch ein paar tausend menschliche Geburten durchlaufen hat; er beginnt, einen hoffnungsvollen Blick über die Zwänge von MAYA hinaus zu werfen.
Den Schleier von MAYA zu zerreißen, bedeutet, das Geheimnis der Schöpfung zu durchdringen. Der Yogi, der das Universum auf diese Weise entblößt, ist der einzig wahre Monotheist. Alle anderen verehren heidnische Bilder. Solange der Mensch den dualistischen Täuschungen der Natur unterworfen bleibt, ist die janusköpfige MAYA seine Göttin; er kann den einen wahren Gott nicht erkennen.
Die Weltillusion, MAYA, wird individuell AVIDYA genannt, wörtlich „Nicht-Wissen“, Ignoranz, Täuschung. MAYA oder AVIDYA können niemals durch intellektuelle Überzeugung oder Analyse zerstört werden, sondern einzig durch das Erreichen des inneren Zustands von NIRBIKALPA SAMADHI. Die Propheten des Alten Testaments und Seher aller Länder und Zeitalter sprachen aus diesem Bewusstseinszustand. Hesekiel sagt (43,1-2): „Danach brachte er mich zum Tor, das nach Osten sieht: Und siehe, die Herrlichkeit des Gottes Israels kam von Osten her, und seine Stimme war wie das Rauschen vieler Wasser; und die Erde erstrahlte von seiner Herrlichkeit.“ Durch das göttliche Auge in der Stirn (Osten) segelt der Yogi mit seinem Bewusstsein in die Allgegenwart und hört das Wort oder Aum, den göttlichen Klang vieler Wasser oder Schwingungen, der die einzige Realität der Schöpfung ist.
Unter den Billionen Geheimnissen des Kosmos ist das phänomenalste das Licht. Im Gegensatz zu Schallwellen, deren Übertragung Luft oder andere materielle Medien erfordert, durchqueren Lichtwellen ungehindert das Vakuum des interstellaren Raums. Selbst der hypothetische Äther, der in der Undulationstheorie als interplanetares Medium des Lichts angesehen wurde, kann auf einsteinianischer Grundlage verworfen werden, da die geometrischen Eigenschaften des Raumes die Äthertheorie überflüssig machen. Unter beiden Hypothesen bleibt das Licht die subtilste, am wenigsten von materieller Abhängigkeit bestimmte natürliche Manifestation.
In den gigantischen Konzepten Einsteins dominiert die Geschwindigkeit des Lichts – 186.000 Meilen pro Sekunde – die gesamte Relativitätstheorie. Er beweist mathematisch, dass die Lichtgeschwindigkeit, soweit es den endlichen menschlichen Geist betrifft, die einzige KONSTANTE in einem Universum des unaufhaltsamen Flusses ist. Von dem einzigen Absoluten der Lichtgeschwindigkeit hängen alle menschlichen Zeit- und Raumstandards ab. Nicht abstrakt ewig, wie bisher angenommen, sind Zeit und Raum relative und endliche Faktoren, deren Messgültigkeit sich nur in Bezug auf den Maßstab der Lichtgeschwindigkeit ableitet. Indem sie sich als dimensionale Relativität mit dem Raum verbindet, hat die Zeit uralte Ansprüche auf einen unveränderlichen Wert aufgegeben. Die Zeit ist nun auf ihr eigentliches Wesen reduziert – eine einfache Essenz der Mehrdeutigkeit! Mit wenigen gleichungsmäßigen Strichen seiner Feder hat Einstein jede feste Realität aus dem Kosmos verbannt, außer der des Lichts.
In einer späteren Entwicklung, seiner Einheitlichen Feldtheorie, verkörpert der große Physiker die Gesetze der Gravitation und des Elektromagnetismus in einer einzigen mathematischen Formel. Indem er die kosmische Struktur auf Variationen eines einzigen Gesetzes reduziert, greift Einstein {FN30-4} über die Zeitalter hinweg zu den Rishis zurück, die ein einziges Gewebe der Schöpfung verkündeten – das einer wandelbaren MAYA.
Auf der epochemachenden Relativitätstheorie sind die mathematischen Möglichkeiten entstanden, das ultimative Atom zu erforschen. Große Wissenschaftler behaupten nun kühn, dass das Atom nicht Materie, sondern Energie ist, und dass atomare Energie im Wesentlichen Geist-Stoff ist.
„Die ehrliche Erkenntnis, dass die physikalische Wissenschaft sich mit einer Welt der Schatten befasst, ist einer der bedeutendsten Fortschritte“, schreibt Sir Arthur Stanley Eddington in THE NATURE OF THE PHYSICAL WORLD. „In der Welt der Physik beobachten wir eine Schattenspielaufführung des Dramas des vertrauten Lebens. Der Schatten meines Ellbogens ruht auf dem Schattentisch, während die Schattentinte über das Schattenpapier fließt. Es ist alles symbolisch, und als Symbol belässt es der Physiker. Dann kommt der Alchemist Geist, der die Symbole verwandelt. ... Um das Ergebnis plump auszudrücken: Der Stoff der Welt ist Geist-Stoff. ... Die realistische Materie und die Kraftfelder früherer physikalischer Theorie sind völlig irrelevant, außer insofern, als der Geist-Stoff diese Vorstellungen selbst gesponnen hat. ... Die Außenwelt ist somit zu einer Welt der Schatten geworden. Indem wir unsere Illusionen beseitigt haben, haben wir die Substanz beseitigt, denn wir haben tatsächlich gesehen, dass Substanz eine der größten unserer Illusionen ist.“
Mit der jüngsten Entdeckung des Elektronenmikroskops kam der definitive Beweis für die Lichtessenz der Atome und die unausweichliche Dualität der Natur. THE NEW YORK TIMES brachte den folgenden Bericht über eine Demonstration des Elektronenmikroskops im Jahr 1937 vor einer Versammlung der American Association for the Advancement of Science:
„Die kristalline Struktur von Wolfram, die bisher nur indirekt mittels Röntgenstrahlen bekannt war, zeichnete sich kühn auf einem Fluoreszenzschirm ab und zeigte neun Atome an ihren korrekten Positionen im Raumgitter, einem Würfel, mit einem Atom in jeder Ecke und einem in der Mitte. Die Atome im Kristallgitter des Wolframs erschienen auf dem Fluoreszenzschirm als Lichtpunkte, die in einem geometrischen Muster angeordnet waren. Gegen diesen Kristall-Lichtwürfel konnten die bombardierenden Luftmoleküle als tanzende Lichtpunkte beobachtet werden, ähnlich wie Sonnenlichtpunkte, die auf bewegten Gewässern schimmern. ...
„Das Prinzip des Elektronenmikroskops wurde erstmals 1927 von Dr. Clinton J. Davisson und Dr. Lester H. Germer von den Bell Telephone Laboratories, New York City, entdeckt, die herausfanden, dass das Elektron eine duale Persönlichkeit hat, die sowohl die Eigenschaft eines Teilchens als auch einer Welle besitzt. Die Wellenqualität gab dem Elektron die Eigenschaft des Lichts, und eine Suche wurde begonnen, um Mittel zu entwickeln, um Elektronen auf eine Weise zu ‚fokussieren‘, die der Fokussierung von Licht mittels einer Linse ähnelt.
„Für seine Entdeckung der Jekyll-Hyde-Qualität des Elektrons, die die 1924 von De Broglie, dem französischen Physik-Nobelpreisträger, aufgestellte Vorhersage bestätigte und zeigte, dass das gesamte Reich der physikalischen Natur eine duale Persönlichkeit besitzt, erhielt auch Dr. Davisson den Nobelpreis für Physik.“
„Der Strom des Wissens“, schreibt Sir James Jeans in THE MYSTERIOUS UNIVERSE, „steuert auf eine nicht-mechanische Realität zu; das Universum beginnt eher wie ein großer Gedanke als wie eine große Maschine auszusehen.“ Die Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts klingt somit wie eine Seite aus den uralten VEDEN.
Von der Wissenschaft also, wenn es so sein muss, lasse der Mensch die philosophische Wahrheit lernen, dass es kein materielles Universum gibt; sein Kettfaden und Schuss ist MAYA, Illusion. Ihre Trugbilder der Realität brechen bei einer Analyse alle zusammen. Während nacheinander die beruhigenden Stützen eines physischen Kosmos unter ihm zusammenbrechen, nimmt der Mensch dunkel sein götzenhaftes Vertrauen wahr, seine vergangene Übertretung des göttlichen Gebots: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
In seiner berühmten Gleichung, die die Äquivalenz von Masse und Energie beschreibt, bewies Einstein, dass die Energie in jedem Materieteilchen gleich seiner Masse oder seinem Gewicht multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit ist. Die Freisetzung der Atomenergien wird durch die Vernichtung der Materieteilchen bewirkt. Der „Tod“ der Materie war die „Geburt“ eines Atomzeitalters.
Lichtgeschwindigkeit ist ein mathematischer Standard oder eine Konstante, nicht weil 186.000 Meilen pro Sekunde einen absoluten Wert darstellt, sondern weil kein materieller Körper, dessen Masse mit seiner Geschwindigkeit zunimmt, jemals die Lichtgeschwindigkeit erreichen kann. Anders ausgedrückt: Nur ein materieller Körper mit unendlicher Masse könnte die Lichtgeschwindigkeit erreichen.
DIESES KONZEPT FÜHRT UNS ZUM GESETZ DER WUNDER.
Die Meister, die in der Lage sind, ihre Körper oder andere Objekte zu materialisieren und zu dematerialisieren, sich mit Lichtgeschwindigkeit zu bewegen und die schöpferischen Lichtstrahlen zu nutzen, um jede physische Manifestation sofort sichtbar zu machen, haben die notwendige Einstein’sche Bedingung erfüllt: Ihre Masse ist unendlich.
Das Bewusstsein eines vollendeten Yogis ist mühelos nicht mit einem engen Körper, sondern mit der universellen Struktur identifiziert. Gravitation, ob die „Kraft“ Newtons oder die Einstein’sche „Manifestation der Trägheit“, ist machtlos, einen Meister dazu zu zwingen, die Eigenschaft des „Gewichts“ zu zeigen, die das unterscheidende Gravitationsmerkmal aller materiellen Objekte ist. Wer sich selbst als allgegenwärtigen Geist kennt, unterliegt nicht länger den starren Zwängen eines Körpers in Zeit und Raum. Ihre gefängnisartigen „Ringe, die nicht passieren lassen“, haben sich dem Lösungsmittel gebeugt: „Ich bin Er.“
„Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Gottes erster Befehl an Seine geordnete Schöpfung (1. Mose 1:3) brachte die einzige atomare Realität hervor: Licht. Auf den Strahlen dieses immateriellen Mediums ereignen sich alle göttlichen Manifestationen. Gläubige aller Zeiten bezeugen das Erscheinen Gottes als Flamme und Licht. „Der König der Könige und der Herr der Herren; der allein Unsterblichkeit hat und wohnt in einem Licht, zu dem niemand zugreifen kann.“ {FN30-5}
Ein Yogi, der durch vollkommene Meditation sein Bewusstsein mit dem Schöpfer verschmolzen hat, nimmt die kosmische Essenz als Licht wahr; für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen den Lichtstrahlen, die Wasser und die Lichtstrahlen, die Land zusammensetzen. Frei von Materiebewusstsein, frei von den drei Dimensionen des Raums und der vierten Dimension der Zeit, überträgt ein Meister seinen Lichtkörper mit gleicher Leichtigkeit über die Lichtstrahlen von Erde, Wasser, Feuer oder Luft. Lange Konzentration auf das befreiende spirituelle Auge hat es dem Yogi ermöglicht, alle Täuschungen über Materie und ihr Gravitationsgewicht zu zerstören; von da an sieht er das Universum als eine im Wesentlichen undifferenzierte Masse von Licht.
„Optische Bilder“, so Dr. L. T. Troland von Harvard, „werden nach demselben Prinzip aufgebaut wie die gewöhnlichen ‚Halbton‘-Drucke; das heißt, sie bestehen aus winzigen Punktierungen oder Streifen, die für das Auge viel zu klein sind, um erkannt zu werden. [...] Die Empfindlichkeit der Netzhaut ist so groß, dass eine visuelle Empfindung durch relativ wenige Quanten des richtigen Lichts erzeugt werden kann.“ Durch sein göttliches Wissen über Lichtphänomene kann ein Meister die allgegenwärtigen Lichtatome sofort in eine wahrnehmbare Manifestation projizieren. Die tatsächliche Form der Projektion – ob es sich um einen Baum, ein Heilmittel oder einen menschlichen Körper handelt – entspricht den Willenskräften und der Vorstellungskraft eines Yogis.
Im Traum-Bewusstsein des Menschen, in dem er im Schlaf seinen Griff um die egoistischen Beschränkungen lockert, die ihn täglich umgeben, hat die Allmacht seines Geistes eine nächtliche Demonstration. Siehe da! Im Traum stehen die lang verstorbenen Freunde, die fernsten Kontinente, die auferstandenen Szenen seiner Kindheit. Mit diesem freien und unbedingten Bewusstsein, das allen Menschen in den Phänomenen der Träume bekannt ist, hat der gottgestimmte Meister eine niemals getrennte Verbindung geschmiedet. Frei von allen persönlichen Motiven und unter Verwendung des schöpferischen Willens, der ihm vom Schöpfer verliehen wurde, ordnet ein Yogi die Lichtatome des Universums neu, um jedes aufrichtige Gebet eines Gläubigen zu erfüllen. Zu diesem Zweck wurden der Mensch und die Schöpfung gemacht: dass er als Meister der MAYA aufstehen und seine Herrschaft über das Kosmos erkennen möge.
„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich ist, die da herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf der Erde kriecht.“ {FN30-6}
Im Jahr 1915, kurz nachdem ich in den Swami-Orden eingetreten war, hatte ich eine Vision voller gewaltsamer Kontraste. In ihr wurde die Relativität des menschlichen Bewusstseins lebhaft dargestellt; ich nahm deutlich die Einheit des ewigen Lichts hinter den schmerzhaften Dualitäten der MAYA wahr. Die Vision kam über mich, als ich eines Morgens in meinem kleinen Dachzimmer im Haus meines Vaters in der Gurpar Road saß. Seit Monaten wütete der Erste Weltkrieg in Europa; ich dachte traurig an die große Zahl der Toten.
Als ich meine Augen zur Meditation schloss, wurde mein Bewusstsein plötzlich in den Körper eines Kapitäns versetzt, der ein Schlachtschiff befehligte. Das Donner der Kanonen zerriss die Luft, als Schüsse zwischen den Landbatterien und den Kanonen des Schiffes ausgetauscht wurden. Eine riesige Granate traf das Pulvermagazin und zerriss mein Schiff. Ich sprang zusammen mit den wenigen Matrosen, die die Explosion überlebt hatten, ins Wasser.
Mit klopfendem Herzen erreichte ich sicher das Ufer. Aber ach! Eine verirrte Kugel beendete ihren wütenden Flug in meiner Brust. Ich fiel stöhnend zu Boden. Mein ganzer Körper war gelähmt, doch ich spürte, dass ich ihn besaß, wie man ein eingeschlafenes Bein spürt.
„Endlich hat der mysteriöse Schritt des Todes mich eingeholt“, dachte ich. Mit einem letzten Seufzer war ich im Begriff, das Bewusstsein zu verlieren, als ich mich plötzlich im Lotossitz in meinem Zimmer in der Gurpar Road sitzen sah!
Tränen der Hysterie strömten hervor, als ich freudig meinen wiedererlangten Besitz – einen Körper ohne jede Schusswunde in der Brust – streichelte und kniff. Ich wiegte mich hin und her und atmete ein und aus, um mich zu vergewissern, dass ich am Leben war. Mitten in diesen Selbstbeweihräucherungen fand ich mein Bewusstsein erneut in den toten Körper des Kapitäns am blutigen Ufer versetzt. Vollkommen verwirrt betete ich:
„Herr, bin ich tot oder lebendig?“
Ein blendendes Lichtspiel erfüllte den ganzen Horizont. Eine sanfte, donnernde Vibration formte sich zu Worten:
„Was haben Leben oder Tod mit Licht zu tun? Nach dem Bild Meines Lichts habe Ich dich gemacht. Die Relativitäten von Leben und Tod gehören zum kosmischen Traum. Siehe dein traumloses Sein! Erwache, mein Kind, erwache!“
Als Schritte im Erwachen des Menschen inspiriert der Herr die Wissenschaftler, zur richtigen Zeit und am richtigen Ort die Geheimnisse Seiner Schöpfung zu entdecken. Viele moderne Entdeckungen helfen den Menschen, das Kosmos als eine vielfältige Ausdrucksform einer einzigen Kraft – Licht – zu begreifen, die von der göttlichen Intelligenz geleitet wird. Die Wunder des Films, des Radios, des Fernsehens, des Radars, der Fotozelle – des allsehenden „elektrischen Auges“ – und der Atomenergien basieren alle auf dem elektromagnetischen Phänomen des Lichts.
Die Filmkunst kann jedes Wunder darstellen. Aus der beeindruckenden visuellen Perspektive ist kein Wunder vor der Trickfotografie sicher. Der transparente Astralkörper eines Menschen kann sichtbar werden, wie er sich von seiner grobstofflichen Form erhebt, er kann über das Wasser gehen, Tote auferwecken, die natürliche Abfolge der Ereignisse umkehren und mit Zeit und Raum Schindluder treiben. Indem er die Lichtbilder nach Belieben anordnet, erreicht der Fotograf optische Wunder, die ein wahrer Meister mit tatsächlichen Lichtstrahlen erzeugt.
Die lebensechten Bilder des Films veranschaulichen viele Wahrheiten über die Schöpfung. Der kosmische Regisseur hat Seine eigenen Stücke geschrieben und die gewaltigen Besetzungen für das Schauspiel der Jahrhunderte zusammengestellt. Aus der dunklen Kabine der Ewigkeit strahlt Er Seinen schöpferischen Strahl durch die Filme der aufeinanderfolgenden Zeitalter, und die Bilder werden auf die Leinwand des Raums geworfen. Genauso wie die Filmbilder real erscheinen, aber nur Kombinationen von Licht und Schatten sind, ist auch die universelle Vielfalt eine trügerische Scheinbarkeit. Die Planetensphären mit ihren unzähligen Lebensformen sind nichts als Figuren in einem kosmischen Film, die vorübergehend den fünf Sinneswahrnehmungen entsprechen, während die Szenen auf die Leinwand des menschlichen Bewusstseins durch den unendlichen schöpferischen Strahl projiziert werden.
Ein Kinopublikum kann nach oben schauen und sehen, dass alle Bildschirmbilder durch die Vermittlung eines einzigen, bildlosen Lichtstrahls erscheinen. Das farbenprächtige universelle Drama geht ebenfalls aus dem einzelnen weißen Licht einer kosmischen Quelle hervor. Mit unvorstellbarer Erfindungsgabe inszeniert Gott eine Unterhaltung für Seine menschlichen Kinder und macht sie zu Schauspielern und Publikum in Seinem planetarischen Theater.
Eines Tages betrat ich ein Kino, um mir eine Wochenschau von den europäischen Schlachtfeldern anzusehen. Der Erste Weltkrieg wurde im Westen immer noch geführt; die Wochenschau zeichnete das Gemetzel so realistisch auf, dass ich das Theater mit einem beunruhigten Herzen verließ.
„Herr“, betete ich, „warum erlaubst Du solches Leid?“
Zu meiner großen Überraschung kam eine sofortige Antwort in Form einer Vision der tatsächlichen europäischen Schlachtfelder. Der Schrecken des Kampfes, erfüllt von Toten und Sterbenden, übertraf in seiner Grausamkeit jede Darstellung der Wochenschau.
„Sieh genau hin!“ Eine sanfte Stimme sprach zu meinem inneren Bewusstsein. „Du wirst sehen, dass diese Szenen, die sich jetzt in Frankreich abspielen, nichts anderes sind als ein Spiel von Helldunkel. Sie sind der kosmische Film, so real und so unreal wie die Theater-Wochenschau, die du gerade gesehen hast – ein Spiel im Spiel.“
Mein Herz war immer noch nicht getröstet. Die göttliche Stimme fuhr fort: „Die Schöpfung ist sowohl Licht als auch Schatten, sonst ist kein Bild möglich. Das Gute und Böse der MAYA müssen sich immer in der Vorherrschaft abwechseln. Wenn die Freude hier in dieser Welt ununterbrochen wäre, würde der Mensch dann jemals nach einer anderen suchen? Ohne Leid denkt er kaum daran, dass er seine ewige Heimat verlassen hat. Schmerz ist ein Ansporn zum Erinnern. Der Weg der Flucht führt durch Weisheit! Die Tragödie des Todes ist unreal; diejenigen, die sich davor fürchten, sind wie ein unwissender Schauspieler, der auf der Bühne vor Schreck stirbt, wenn nichts anderes auf ihn abgefeuert wird als eine Platzpatrone. Meine Söhne sind Kinder des Lichts; sie werden nicht für immer im Wahn schlafen.“
Obwohl ich die schriftlichen Berichte über MAYA gelesen hatte, gaben sie mir nicht die tiefe Einsicht, die mit den persönlichen Visionen und ihren begleitenden Worten des Trostes kam. Die Werte eines Menschen verändern sich tiefgreifend, wenn er schließlich überzeugt ist, dass die Schöpfung nur ein gewaltiger Film ist und dass nicht in ihr, sondern jenseits von ihr seine eigene Realität liegt.
Als ich dieses Kapitel beendete, saß ich im Lotossitz auf meinem Bett. Mein Zimmer wurde von zwei gedämpften Lampen schwach beleuchtet. Als ich meinen Blick hob, bemerkte ich, dass die Decke mit kleinen, senfgelben Lichtern übersät war, die mit einem radiumartigen Glanz schimmerten und zitterten. Unzählige, wie mit dem Stift gezeichnete Strahlen, wie Regenblätter, vereinten sich zu einem transparenten Strahl und ergossen sich lautlos auf mich.
Sofort verlor mein physischer Körper seine Grobstofflichkeit und verwandelte sich in astrale Textur. Ich spürte ein Schwebegefühl, als sich der schwerelose Körper, der das Bett kaum berührte, leicht nach links und rechts neigte. Ich blickte mich im Zimmer um; die Möbel und Wände waren wie gewohnt, aber die kleine Lichtmasse hatte sich so vermehrt, dass die Decke unsichtbar war. Ich war erstaunt.
„Das ist der Mechanismus des kosmischen Films.“ Eine Stimme sprach, als käme sie aus dem Licht. „Indem er seinen Strahl auf die weiße Leinwand deiner Bettlaken wirft, erzeugt er das Bild deines Körpers. Siehe, deine Gestalt ist nichts als Licht!“
Ich betrachtete meine Arme und bewegte sie hin und her, konnte aber ihr Gewicht nicht spüren. Eine ekstatische Freude überwältigte mich. Dieser kosmische Lichtstamm, der als mein Körper erblühte, schien eine göttliche Replik der Lichtstrahlen zu sein, die aus der Projektionskabine in einem Kino strömen und sich als Bilder auf der Leinwand manifestieren.
Lange Zeit erlebte ich diesen Film meines Körpers im schwach beleuchteten Theater meines eigenen Schlafzimmers. Trotz der vielen Visionen, die ich hatte, war keine jemals seltsamer. Als meine Illusion eines festen Körpers vollständig zerstreut war und meine Erkenntnis vertieft wurde, dass die Essenz aller Objekte Licht ist, blickte ich zu dem pulsierenden Strom von Lifetrons auf und sprach flehentlich:
„Göttliches Licht, ziehe bitte dieses, mein demütiges Körperbild, in Dich zurück, so wie Elia von einer Flamme zum Himmel emporgezogen wurde.“
Dieses Gebet war offensichtlich überraschend; der Strahl verschwand. Mein Körper nahm sein normales Gewicht wieder an und sank auf das Bett; die Schwarm der blendenden Deckenlichter flackerte und verschwand. Meine Zeit, diese Erde zu verlassen, war offensichtlich noch nicht gekommen.
„Außerdem“, dachte ich philosophisch, „würde der Prophet Elia über meine Anmaßung wohl kaum erfreut sein!“
{FN30-1} Dieser berühmte russische Künstler und Philosoph lebt seit vielen Jahren in Indien in der Nähe des Himalayas. „Von den Gipfeln kommt die Offenbarung“, hat er geschrieben. „In Höhlen und auf den Gipfeln lebten die Rishis. Über den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas brennt ein helles Leuchten, heller als Sterne und die fantastischen Blitze.“
{FN30-2} Die Geschichte könnte eine historische Grundlage haben; eine redaktionelle Anmerkung informiert uns, dass der Bischof die drei Mönche traf, als er von Archangel zum Slovetsky-Kloster an der Mündung der Dwina segelte.
{FN30-3} Marconi, der große Erfinder, gab folgende Eingeständnis der wissenschaftlichen Unzulänglichkeit vor den Letztlichkeiten ab: „Die Unfähigkeit der Wissenschaft, das Leben zu lösen, ist absolut. Diese Tatsache wäre wirklich beängstigend, wenn es nicht den Glauben gäbe. Das Geheimnis des Lebens ist sicherlich das hartnäckigste Problem, das jemals vor den Gedanken des Menschen gestellt wurde.“
{FN30-4} Ein Hinweis auf die Richtung, die Einsteins Genie eingeschlagen hat, ergibt sich daraus, dass er ein lebenslanger Schüler des großen Philosophen Spinoza ist, dessen bekanntestes Werk die ETHIK IN GEOMETRISCHER ORDNUNG ist.
{FN30-5} 1. Timotheus 6:15-16.
{FN30-6} 1. Mose 1:26.
KAPITEL: 31
EIN GESPRÄCH MIT DER HEILIGEN MUTTER
„Ehrwürdige Mutter, ich wurde als Kind von Ihrem Propheten-Ehemann getauft. Er war der Guru meiner Eltern und meines eigenen Gurus Sri Yukteswarji. Gewähren Sie mir daher das Vorrecht, einige Ereignisse aus Ihrem heiligen Leben zu hören?“
Ich wandte mich an Srimati Kashi Moni, die Lebensgefährtin von Lahiri Mahasaya. Da ich mich für eine kurze Zeit in Benares aufhielt, erfüllte ich den langgehegten Wunsch, die verehrte Dame zu besuchen. Sie empfing mich gnädig im alten Haus der Lahiris in der Garudeswar Mohulla in Benares. Obwohl sie alt war, blühte sie wie eine Lotusblume und strahlte stumm eine spirituelle Duftnote aus. Sie war von mittlerer Statur, mit einem schlanken Hals und einem hellen Teint. Große, leuchtende Augen milderten ihr mütterliches Gesicht.
„Sohn, du bist hier willkommen. Komm nach oben.“
Kashi Moni führte den Weg in ein sehr kleines Zimmer, in dem sie eine Zeit lang mit ihrem Ehemann gelebt hatte. Ich fühlte mich geehrt, den Schrein zu betreten, in dem der unvergleichliche Meister die menschliche Dramatik der Ehe gespielt hatte. Die sanfte Dame bat mich, mich auf ein Kissen neben sie zu setzen.
„Es dauerte Jahre, bis ich die göttliche Statur meines Ehemanns erkannte“, begann sie. „Eines Nachts, in diesem Zimmer, hatte ich einen lebhaften Traum. Herrliche Engel schwebten in einer unvorstellbaren Anmut über mir. Die Szene war so realistisch, dass ich sofort erwachte; das Zimmer war seltsam von blendendem Licht erfüllt.
Mein Ehemann schwebte im Lotossitz in der Mitte des Zimmers, umgeben von Engeln, die ihn mit der flehentlichen Würde gefalteter Hände anbeteten. Ich war maßlos erstaunt und überzeugt, dass ich immer noch träumte.
„Frau“, sagte Lahiri Mahasaya, „du träumst nicht. Verlasse deinen Schlaf für immer und ewig.“ Als er langsam zum Boden hinabstieg, warf ich mich zu seinen Füßen nieder.
„Meister“, rief ich aus, „wieder und wieder verneige ich mich vor dir! Wirst du mir verzeihen, dass ich dich als meinen Ehemann betrachtet habe? Ich sterbe vor Scham, zu erkennen, dass ich neben einem, der göttlich erwacht ist, im Schlaf der Unwissenheit verblieben bin. Von dieser Nacht an bist du nicht länger mein Ehemann, sondern mein Guru. Wirst du dein unbedeutendes Selbst als deinen Schüler annehmen?“ {FN31-1}
Der Meister berührte mich sanft. „Heilige Seele, steh auf. Du bist angenommen.“ Er deutete auf die Engel. „Bitte verneige dich reihum vor jedem dieser heiligen Heiligen.“
Als ich meine demütigen Verbeugungen beendet hatte, erklangen die engelsgleichen Stimmen wie ein Chor aus einer alten Schrift.
„Gefährtin des Göttlichen, du bist gesegnet. Wir grüßen dich.“ Sie verneigten sich vor meinen Füßen und siehe da! Ihre strahlenden Gestalten verschwanden. Das Zimmer verdunkelte sich.
Mein Guru bat mich, die Einweihung in die KRIYA YOGA zu empfangen.
„Natürlich“, antwortete ich. „Es tut mir leid, dass ich ihren Segen nicht früher in meinem Leben erhalten habe.“
„Die Zeit war noch nicht reif“, tröstete Lahiri Mahasaya lächelnd. „Viel von deinem Karma habe ich stillschweigend dazu beigetragen, dass du es bewältigst. Jetzt bist du willig und bereit.“
Er berührte meine Stirn. Massen von wirbelndem Licht erschienen; die Strahlen formten sich allmählich zu dem opalfarbenen spirituellen Auge, das von Gold umringt und mit einem weißen fünfzackigen Stern in der Mitte versehen war.
„Dringe mit deinem Bewusstsein durch den Stern in das Reich des Unendlichen ein.“ Die Stimme meines Gurus hatte einen neuen Klang, weich wie ferne Musik.
Vision um Vision brach wie ozeanische Brandung an den Ufern meiner Seele. Die panoramischen Sphären schmolzen schließlich in einem Meer der Seligkeit. Ich verlor mich in immerwährender Seligkeit. Als ich Stunden später zu diesem Bewusstsein zurückkehrte, gab mir der Meister die Technik der KRIYA YOGA.
Von dieser Nacht an schlief Lahiri Mahasaya nie wieder in meinem Zimmer. Auch danach schlief er nie wieder. Er blieb im vorderen Zimmer im Erdgeschoss, tagsüber und nachts in Gesellschaft seiner Schüler.“
Die illustre Dame verstummte. Da ich die Einzigartigkeit ihrer Beziehung zu dem erhabenen Yogi erkannte, wagte ich schließlich, nach weiteren Erinnerungen zu fragen.
„Sohn, du bist gierig. Dennoch sollst du noch eine Geschichte hören.“ Sie lächelte schüchtern. „Ich werde eine Sünde gestehen, die ich gegen meinen Guru-Ehemann begangen habe. Einige Monate nach meiner Einweihung begann ich mich einsam und vernachlässigt zu fühlen. Eines Morgens betrat Lahiri Mahasaya dieses kleine Zimmer, um einen Gegenstand zu holen; ich folgte ihm schnell. Von gewaltsamer Täuschung überwältigt, sprach ich ihn scharf an.
„Du verbringst all deine Zeit mit den Schülern. Was ist mit deinen Verantwortlichkeiten gegenüber deiner Frau und deinen Kindern? Es tut mir leid, dass du dich nicht darum kümmerst, mehr Geld für die Familie zu beschaffen.“
Der Meister warf mir einen Moment lang einen Blick zu, und siehe da! Er war verschwunden. Erstaunt und erschrocken hörte ich eine Stimme, die aus jedem Teil des Zimmers erklang:
„Es ist alles nichts, siehst du nicht? Wie könnte ein Nichts wie ich Reichtum für dich erzeugen?“
„Guruji“, rief ich aus, „ich flehe um Vergebung eine Million Mal! Meine sündigen Augen können dich nicht mehr sehen; bitte erscheine in deiner heiligen Form.“
„Ich bin hier.“ Diese Antwort kam von oben. Ich blickte auf und sah den Meister, der sich in der Luft materialisierte, sein Kopf berührte die Decke. Seine Augen waren wie blendende Flammen. Von Angst überwältigt, lag ich weinend zu seinen Füßen, nachdem er ruhig zum Boden hinabgestiegen war.
„Frau“, sagte er, „suche göttlichen Reichtum, nicht den armseligen Glitzer der Erde. Nachdem du den inneren Schatz erworben hast, wirst du feststellen, dass die äußere Versorgung immer gewährleistet ist.“ Er fügte hinzu: „Einer meiner spirituellen Söhne wird für dich sorgen.“
Die Worte meines Gurus wurden natürlich wahr; ein Schüler hinterließ eine beträchtliche Summe für unsere Familie.“
Ich dankte Kashi Moni dafür, dass sie mir ihre wunderbaren Erlebnisse mitteilte. {FN31-2} Am folgenden Tag kehrte ich zu ihrem Haus zurück und genoss mehrere Stunden philosophischer Diskussionen mit Tincouri und Ducouri Lahiri. Diese beiden heiligen Söhne des großen Yogis Indiens folgten eng seinen idealen Fußstapfen. Beide Männer waren hell, groß, stattlich und schwerbärtig, mit sanften Stimmen und einem altmodischen Charme im Auftreten.
Seine Frau war nicht die einzige Frauenschülerin von Lahiri Mahasaya; es gab Hunderte anderer, darunter auch meine Mutter. Eine Frauenchela bat den Guru einmal um sein Foto. Er reichte ihr ein Bild und bemerkte: „Wenn du es als Schutz betrachtest, dann ist es so; ansonsten ist es nur ein Bild.“
Einige Tage später studierten diese Frau und Lahiri Mahasayas Schwiegertochter die BHAGAVAD GITA an einem Tisch, hinter dem das Foto des Gurus hing. Ein elektrisches Unwetter brach mit großer Wucht aus.
„Lahiri Mahasaya, beschütze uns!“ Die Frauen verneigten sich vor dem Bild. Der Blitz schlug in das Buch ein, das sie gelesen hatten, aber die beiden Gläubigen blieben unverletzt.
„Ich spürte, als wäre eine Schicht Eis um mich herum gelegt worden, um die sengende Hitze abzuhalten“, erklärte die Chela.
Lahiri Mahasaya vollbrachte zwei Wunder im Zusammenhang mit einer Frauenschülerin, Abhoya. Sie und ihr Ehemann, ein Anwalt aus Kalkutta, machten sich eines Tages auf den Weg nach Benares, um den Guru zu besuchen. Ihre Kutsche wurde durch den starken Verkehr aufgehalten; sie erreichten den Hauptbahnhof von Howrah nur, um das Signal zum Abfahren des Benares-Zugs zu hören.
Abhoya, in der Nähe des Schalters, stand ruhig da.
„Lahiri Mahasaya, ich flehe dich an, den Zug anzuhalten!“ betete sie stumm. „Ich kann die Qualen der Verzögerung nicht ertragen, noch einen Tag warten zu müssen, um dich zu sehen.“
Aus Kontinuitätsgründen – dies ist das ENDE des vorherigen Abschnitts, der bereits übersetzt wurde. Übersetze ihn NICHT erneut und wiederhole ihn NICHT in deiner Ausgabe. Passe Namen, Terminologie und Register an:
so wie eine Seite aus den uralten Veden. Von der Wissenschaft also, wenn es so sein muss, lasse der Mensch die philosophische Wahrheit lernen, dass es kein materielles Universum gibt; sein Kettfaden und Schuss ist MAYA, Illusion. Ihre Trugbilder der Realität brechen bei einer Analyse alle zusammen. Während nacheinander die beruhigenden Stützen eines physischen Kosmos unter ihm zusammenbrechen, nimmt der Mensch dunkel sein götzenhaftes Vertrauen wahr, seine vergangene Übertretung des göttlichen Gebots: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“
Die Räder des schnaubenden Zuges drehten sich immer weiter, doch es gab kein Vorwärtskommen. Der Lokomotivführer und die Passagiere stiegen auf den Bahnsteig, um das Phänomen zu betrachten. Ein englischer Bahnbeamter näherte sich Abhoya und ihrem Ehemann. Entgegen allem Präzedenzfall bot er seine Dienste an.
„Babu“, sagte er, „geben Sie mir das Geld. Ich werde Ihre Fahrkarten kaufen, während Sie einsteigen.“
Sobald das Ehepaar Platz genommen hatte und die Fahrkarten erhalten hatte, setzte sich der Zug langsam in Bewegung. In Panik kletterten der Lokomotivführer und die Passagiere wieder auf ihre Plätze, ohne zu wissen, wie der Zug gestartet war oder warum er überhaupt angehalten hatte.
Bei ihrer Ankunft im Heim von Lahiri Mahasaya in Benares warf sich Abhoya schweigend vor dem Meister nieder und versuchte, seine Füße zu berühren.
„Fasse dich, Abhoya“, bemerkte er. „Wie sehr liebst du es, mich zu behelligen! Als hättest du nicht mit dem nächsten Zug hierherkommen können!“
Abhoya besuchte Lahiri Mahasaya bei einer weiteren denkwürdigen Gelegenheit. Diesmal wollte sie seine Fürsprache, nicht für einen Zug, sondern für den Klapperstorch.
„Ich flehe Sie an, mich zu segnen, damit mein neuntes Kind am Leben bleibt“, sagte sie. „Acht Babys wurden mir geboren; alle starben kurz nach der Geburt.“
Der Meister lächelte verständnisvoll. „Dein kommendes Kind wird leben. Bitte befolge meine Anweisungen genau. Das Baby, ein Mädchen, wird in der Nacht geboren werden. Sorge dafür, dass die Öllampe bis zum Morgengrauen brennt. Schlafe nicht ein und lass das Licht dadurch verlöschen.“
Abhoyas Kind war ein Mädchen, das in der Nacht geboren wurde, genau wie vom allwissenden Guru vorhergesehen. Die Mutter wies ihre Krankenschwester an, die Lampe mit Öl gefüllt zu halten. Beide Frauen hielten die dringende Wache bis weit in die frühen Morgenstunden, schliefen aber schließlich doch ein. Das Lampenöl war fast aufgebraucht; das Licht flackerte schwach.
Die Schlafzimmertür entriegelte sich und flog mit einem heftigen Geräusch auf. Die erschrockenen Frauen erwachten. Ihre staunenden Augen erblickten die Gestalt von Lahiri Mahasaya.
„Abhoya, siehe, das Licht ist fast erloschen!“ Er zeigte auf die Lampe, die die Krankenschwester hastig wieder auffüllte. Sobald sie wieder hell brannte, verschwand der Meister. Die Tür schloss sich; der Riegel wurde ohne sichtbare Einwirkung wieder vorgelegt.
Abhoyas neuntes Kind überlebte; als ich 1935 Nachforschungen anstellte, lebte sie noch.
Einer von Lahiri Mahasayas Jüngern, der ehrwürdige Kali Kumar Roy, berichtete mir viele faszinierende Einzelheiten aus seinem Leben mit dem Meister.
„Ich war oft wochenlang Gast in seinem Heim in Benares“, erzählte mir Roy. „Ich beobachtete, dass viele heilige Gestalten, DANDA-Swamis, in der Stille der Nacht ankamen, um zu Füßen des Gurus zu sitzen. Manchmal ergingen sie sich in Diskussionen über meditative und philosophische Punkte. Im Morgengrauen brachen die erhabenen Gäste auf. Ich stellte während meiner Besuche fest, dass Lahiri Mahasaya sich kein einziges Mal zum Schlafen hinlegte.“
„Während einer frühen Phase meiner Verbindung mit dem Meister hatte ich gegen den Widerstand meines Arbeitgebers anzukämpfen“, fuhr Roy fort. „Er war tief im Materialismus versunken.“
„‚Ich will keine religiösen Fanatiker in meinem Personal‘, spottete er. ‚Wenn ich jemals deinen Scharlatan von Guru treffe, werde ich ihm ein paar Worte sagen, die er nicht vergessen wird.‘“
„Diese alarmierende Drohung konnte mein regelmäßiges Programm nicht unterbrechen; ich verbrachte fast jeden Abend in der Gegenwart meines Gurus. Eines Nachts folgte mir mein Arbeitgeber und stürmte ungestüm in das Wohnzimmer. Er war zweifellos fest entschlossen, die vernichtenden Bemerkungen vorzubringen, die er versprochen hatte. Kaum hatte sich der Mann gesetzt, wandte sich Lahiri Mahasaya an die kleine Gruppe von etwa zwölf Jüngern.“
„‚Möchtet ihr alle ein Bild sehen?‘“
„Als wir nickten, bat er uns, den Raum zu verdunkeln. ‚Setzt euch hintereinander in einen Kreis‘, sagte er, ‚und legt eure Hände auf die Augen des Mannes vor euch.‘“
„Ich war nicht überrascht zu sehen, dass auch mein Arbeitgeber, wenn auch widerwillig, den Anweisungen des Meisters folgte. Nach wenigen Minuten fragte uns Lahiri Mahasaya, was wir sähen.“
„‚Herr‘, antwortete ich, ‚eine schöne Frau erscheint. Sie trägt einen rot geränderten SARI und steht in der Nähe einer Elefantenohr-Pflanze.‘ Alle anderen Jünger gaben dieselbe Beschreibung. Der Meister wandte sich an meinen Arbeitgeber. ‚Erkennst du diese Frau?‘“
„‚Ja.‘ Der Mann kämpfte sichtlich mit Emotionen, die seiner Natur neu waren. ‚Ich habe törichterweise mein Geld für sie ausgegeben, obwohl ich eine gute Ehefrau habe. Ich schäme mich für die Motive, die mich hierhergeführt haben. Wollen Sie mir vergeben und mich als Jünger aufnehmen?‘“
„‚Wenn du sechs Monate lang ein gutes moralisches Leben führst, werde ich dich aufnehmen.‘ Der Meister fügte rätselhaft hinzu: ‚Andernfalls werde ich dich nicht einweihen müssen.‘“
„Drei Monate lang widerstand mein Arbeitgeber der Versuchung; dann nahm er seine frühere Beziehung zu der Frau wieder auf. Zwei Monate später starb er. So begriff ich die verschleierte Prophezeiung meines Gurus über die Unwahrscheinlichkeit der Einweihung des Mannes.“
Lahiri Mahasaya hatte einen sehr berühmten Freund, Swami Trailanga, von dem man sagte, er sei über dreihundert Jahre alt. Die beiden Yogis saßen oft zusammen in der Meditation. Trailangas Ruhm ist so weit verbreitet, dass nur wenige Hindus die Möglichkeit der Wahrheit in irgendeiner Geschichte über seine erstaunlichen Wunder leugnen würden. Wenn Christus zur Erde zurückkehrte und durch die Straßen von New York ginge und seine göttlichen Kräfte zur Schau stellte, würde das die gleiche Aufregung verursachen, die vor Jahrzehnten durch Trailanga ausgelöst wurde, als er durch die überfüllten Gassen von Benares schritt.
Bei vielen Gelegenheiten sah man den Swami die tödlichsten Gifte ohne üble Folgen trinken. Tausende von Menschen, darunter einige, die noch leben, haben Trailanga auf dem Ganges schweben sehen. Tagelang saß er auf der Wasseroberfläche oder blieb für sehr lange Zeit unter den Wellen verborgen. Ein alltäglicher Anblick an den Bade-GHATS von Benares war der regungslose Körper des Swamis auf den sengend heißen Steinplatten, völlig der gnadenlosen indischen Sonne ausgesetzt. Durch diese Taten wollte Trailanga die Menschen lehren, dass das Leben eines Yogis nicht von Sauerstoff oder gewöhnlichen Bedingungen und Vorsichtsmaßnahmen abhängt. Ob er über oder unter Wasser war, und ob sein Körper den heftigen Sonnenstrahlen ausgesetzt war oder nicht, der Meister bewies, dass er durch göttliches Bewusstsein lebte: Der Tod konnte ihn nicht berühren.
Der Yogi war nicht nur spirituell, sondern auch körperlich groß. Sein Gewicht überstieg dreihundert Pfund: ein Pfund für jedes Jahr seines Lebens! Da er nur sehr selten aß, wird das Rätsel nur noch größer. Ein Meister jedoch ignoriert leicht alle üblichen Gesundheitsregeln, wenn er dies aus einem besonderen Grund tun möchte, oft einem subtilen, den nur er selbst kennt. Große Heilige, die aus dem kosmischen mayischen Traum erwacht sind und diese Welt als eine Idee im Göttlichen Geist erkannt haben, können mit dem Körper tun, was sie wollen, da sie wissen, dass er nur eine manipulierbare Form von kondensierter oder gefrorener Energie ist. Obwohl Physiker heute verstehen, dass Materie nichts anderes als geronnene Energie ist, sind vollkommen erleuchtete Meister längst von der Theorie zur Praxis auf dem Gebiet der Materiekontrolle übergegangen.
Trailanga blieb immer vollkommen nackt. Die schikanierten Polizisten von Benares begannen ihn als ein rätselhaftes Problemkind zu betrachten. Der natürliche Swami war, wie der frühe Adam im Garten Eden, sich seiner Nacktheit völlig unbewusst. Die Polizei hingegen war sich ihrer sehr bewusst und steckte ihn kurzerhand ins Gefängnis. Es folgte allgemeine Verlegenheit; der riesige Körper Trailangas wurde bald in seiner gewohnten Vollständigkeit auf dem Gefängnisdach gesehen. Seine Zelle, die noch immer sicher verschlossen war, bot keinen Anhaltspunkt für seine Art der Flucht.
Die entmutigten Gesetzeshüter taten ein weiteres Mal ihre Pflicht. Diesmal wurde ein Wächter vor die Zelle des Swamis gestellt. Die Macht wich wieder vor dem Recht zurück. Trailanga wurde bald bei seinem gelassenen Spaziergang über das Dach beobachtet. Die Gerechtigkeit ist blind; die überlisteten Polizisten beschlossen, ihrem Beispiel zu folgen.
Der große Yogi bewahrte ein gewohnheitsmäßiges Schweigen. Trotz seines runden Gesichts und seines riesigen, fassartigen Bauches aß Trailanga nur gelegentlich. Nach wochenlanger Nahrungslosigkeit brach er sein Fasten mit Eimern voll geronnener Milch, die ihm von Verehrern angeboten wurden. Ein Skeptiker war einst entschlossen, Trailanga als Scharlatan zu entlarven. Ein großer Eimer mit einer Kalzium-Kalk-Mischung, wie sie zum Weißeln von Wänden verwendet wird, wurde vor den Swami gestellt.
„Meister“, sagte der Materialist mit spöttischer Ehrerbietung, „ich habe Ihnen etwas geronnene Milch gebracht. Bitte trinken Sie sie.“
Trailanga leerte ohne Zögern den Behälter voll brennendem Kalk bis zum letzten Tropfen. Nach wenigen Minuten fiel der Übeltäter unter Qualen zu Boden.
„Hilfe, Swami, Hilfe!“, schrie er. „Ich brenne! Verzeihen Sie meine böse Prüfung!“
Der große Yogi brach sein gewohnheitsmäßiges Schweigen. „Spötter“, sagte er, „du hast nicht erkannt, als du mir Gift anbotst, dass mein Leben mit deinem eigenen eins ist. Wäre nicht mein Wissen, dass Gott in meinem Magen gegenwärtig ist, wie in jedem Atom der Schöpfung, hätte der Kalk mich getötet. Nun, da du die göttliche Bedeutung von Bumerang kennst, spiele nie wieder jemandem Streiche.“
Der wohl geläuterte Sünder, geheilt durch Trailangas Worte, schlich schwach davon.
Die Umkehrung des Schmerzes war nicht auf irgendeinen Willen des Meisters zurückzuführen, sondern kam durch die unfehlbare Anwendung des Gesetzes der Gerechtigkeit zustande, das den am weitesten schwingenden Himmelskörper der Schöpfung aufrechterhält. Menschen der Gottverwirklichung wie Trailanga lassen das göttliche Gesetz augenblicklich wirken; sie haben alle störenden Gegenströmungen des Egos für immer verbannt.
Die automatischen Anpassungen der Rechtschaffenheit, oft mit einer unerwarteten Münze bezahlt, wie im Fall von Trailanga und seinem Möchtegern-Mörder, besänftigen unsere hastige Entrüstung über menschliche Ungerechtigkeit. „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Was nützen die kurzen Ressourcen des Menschen? Das Universum verschwört sich ordnungsgemäß zur Vergeltung. Träge Geister zweifeln an der Möglichkeit göttlicher Gerechtigkeit, Liebe, Allwissenheit, Unsterblichkeit. „Luftige schriftliche Vermutungen!“ Dieser unsensible Standpunkt, der dem kosmischen Schauspiel gegenüber ehrfurchtslos ist, löst eine Kette von Ereignissen aus, die sein eigenes Erwachen mit sich bringt.
Die Allmacht des geistigen Gesetzes wurde von Christus bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem erwähnt. Als die Jünger und die Menge vor Freude jubelten und riefen: „Friede im Himmel und Ehre in der Höhe“, beschwerten sich einige Pharisäer über das unwürdige Spektakel. „Meister“, protestierten sie, „weise deine Jünger zurecht.“
„Ich sage euch“, antwortete Jesus, „wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien.“
Mit diesem Verweis an die Pharisäer wies Christus darauf hin, dass göttliche Gerechtigkeit keine figurative Abstraktion ist und dass ein Mann des Friedens, selbst wenn ihm die Zunge aus den Wurzeln gerissen würde, seine Sprache und seine Verteidigung dennoch im Grundgestein der Schöpfung, der universellen Ordnung selbst, finden wird.
„Glaubt ihr“, sagte Jesus, „Menschen des Friedens zum Schweigen zu bringen? Ebensogut könnt ihr hoffen, die Stimme Gottes zu drosseln, deren Steine selbst seine Herrlichkeit und seine Allgegenwart besingen. Wollt ihr verlangen, dass Menschen nicht zu Ehren des Friedens im Himmel feiern, sondern sich nur in Scharen versammeln, um für den Krieg auf Erden zu schreien? Dann trefft eure Vorbereitungen, oh Pharisäer, um die Fundamente der Welt umzustürzen; denn es sind nicht nur sanfte Männer allein, sondern Steine oder Erde und Wasser und Feuer und Luft, die sich gegen euch erheben werden, um von Seiner geordneten Harmonie Zeugnis abzulegen.“
Die Gnade des christusgleichen Yogis Trailanga wurde einst meinem SAJO MAMA (mütterlicher Onkel) zuteil. Eines Morgens sah der Onkel den Meister, umgeben von einer Menge Verehrern, an einem Ghat in Benares. Es gelang ihm, sich nah an Trailanga heranzudrängen, dessen Füße er demütig berührte. Der Onkel war erstaunt, als er feststellte, dass er augenblicklich von einer schmerzhaften chronischen Krankheit befreit war.
Die einzige bekannte lebende Jüngerin des großen Yogis ist eine Frau, Shankari Mai Jiew. Als Tochter eines von Trailangas Jüngern erhielt sie von früher Kindheit an die Ausbildung des Swamis. Sie lebte vierzig Jahre lang in einer Reihe von einsamen Höhlen im Himalaya in der Nähe von Badrinath, Kedarnath, Amarnath und Pasupatinath. Die BRAHMACHARINI (asketische Frau), geboren 1826, ist nun weit über die Hundert-Jahres-Marke hinaus. Äußerlich nicht gealtert, hat sie jedoch ihr schwarzes Haar, ihre funkelnden Zähne und ihre erstaunliche Energie bewahrt. Sie kommt alle paar Jahre aus ihrer Abgeschiedenheit, um die periodischen MELAS oder religiösen Messen zu besuchen.
Diese Heilige besuchte oft Lahiri Mahasaya. Sie hat berichtet, dass eines Tages, im Stadtteil Barackpur bei Kalkutta, während sie an Lahiri Mahasayas Seite saß, sein großer Guru Babaji leise den Raum betrat und sich mit ihnen beiden unterhielt.
Bei einer Gelegenheit ehrte ihr Meister Trailanga, sein übliches Schweigen aufgebend, Lahiri Mahasaya sehr pointiert in der Öffentlichkeit. Ein Jünger aus Benares erhob Einspruch.
„Herr“, sagte er, „warum erweisen Sie, ein Swami und Entsagender, einem Familienvater solchen Respekt?“
„Mein Sohn“, antwortete Trailanga, „Lahiri Mahasaya ist wie ein göttliches Kätzchen, das dort bleibt, wo die Kosmische Mutter es platziert hat. Während er pflichtbewusst die Rolle eines weltlichen Mannes spielt, hat er jene vollkommene Selbstverwirklichung erlangt, für die ich sogar meinen Lendentuch entsagt habe!“
{FN31-1} Man erinnert sich hier an Miltons Zeile: „Er nur für Gott, sie für Gott in ihm.“
{FN31-2} Die ehrwürdige Mutter verstarb 1930 in Benares.
{FN31-3} Stab, das Rückenmark symbolisierend, rituell von bestimmten Mönchsorden getragen.
{FN31-4} Er war ein MUNI, ein Mönch, der MAUNA, geistiges Schweigen, beobachtet. Die Sanskrit-Wurzel MUNI ist verwandt mit griechisch MONOS, „allein, einzeln“, wovon die englischen Wörter MONK, MONISM usw. abgeleitet sind.
{FN31-5} RÖMER 12,19.
{FN31-6} LUKAS 19,37-40.
{FN31-7} Das Leben von Trailanga und anderen großen Meistern erinnert uns an die Worte Jesu: „Diese Zeichen aber werden denen folgen, die glauben: In meinem Namen (dem Christusbewusstsein) werden sie Dämonen austreiben; sie werden mit neuen Zungen reden; sie werden Schlangen aufheben; und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; sie werden die Kranken die Hände auflegen, und sie werden gesund werden.“ - MARKUS 16,17-18.
KAPITEL: 32
RAMA WIRD VON DEN TOTEN AUFERWECKT
„Es war aber einer krank, Lazarus... Als Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde.“
Sri Yukteswar erläuterte an einem sonnigen Morgen auf dem Balkon seiner Einsiedelei in Serampore die christliche Heilige Schrift. Neben einigen anderen Jüngern des Meisters war ich mit einer kleinen Gruppe meiner Ranchi-Schüler anwesend.
„In dieser Passage nennt sich Jesus den Sohn Gottes. Obwohl er wahrhaftig mit Gott vereint war, hat sein Hinweis hier eine tiefe unpersönliche Bedeutung“, erklärte mein Guru. „Der Sohn Gottes ist der Christus oder das Göttliche Bewusstsein im Menschen. Kein STERBLICHER kann Gott verherrlichen. Die einzige Ehre, die der Mensch seinem Schöpfer erweisen kann, ist, Ihn zu suchen; der Mensch kann keine Abstraktion verherrlichen, die er nicht kennt. Der ‚Glanz‘ oder Nimbus um das Haupt der Heiligen ist ein symbolisches Zeugnis ihrer FÄHIGKEIT, göttliche Ehrerbietung zu erweisen.“
Sri Yukteswar fuhr fort, die wunderbare Geschichte von der Auferstehung des Lazarus zu lesen. Am Ende verfiel der Meister in ein langes Schweigen, das heilige Buch auf seinen Knien offen.
„Auch ich hatte das Privileg, ein ähnliches Wunder zu erleben.“ Mein Guru sprach schließlich mit feierlicher Salbung. „Lahiri Mahasaya hat einen meiner Freunde von den Toten auferweckt.“
Die jungen Burschen an meiner Seite lächelten mit großem Interesse. Es steckte auch genug vom Jungen in mir, um nicht nur die Philosophie zu genießen, sondern insbesondere jede Geschichte, die ich Sri Yukteswar über seine wunderbaren Erfahrungen mit seinem Guru entlocken konnte.
„Mein Freund Rama und ich waren unzertrennlich“, begann der Meister. „Weil er schüchtern und zurückgezogen war, entschied er sich, unseren Guru Lahiri Mahasaya nur in den Stunden zwischen Mitternacht und Morgengrauen zu besuchen, wenn die Menge der tagsüber kommenden Jünger abwesend war. Als Ramas engster Freund diente ich als spirituelles Ventil, durch das er den Reichtum seiner spirituellen Wahrnehmungen entließ. Ich fand Inspiration in seiner idealen Kameradschaft.“ Das Gesicht meines Gurus wurde bei den Erinnerungen weicher.
„Rama wurde plötzlich einer schweren Prüfung unterzogen“, fuhr Sri Yukteswar fort. „Er erkrankte an der Asiatischen Cholera. Da unser Meister zu Lebzeiten bei schwerer Krankheit niemals Einwände gegen die Dienste von Ärzten erhob, wurden zwei Spezialisten gerufen. Inmitten der hektischen Eile, den Erkrankten zu pflegen, betete ich innig zu Lahiri Mahasaya um Hilfe. Ich eilte zu seinem Haus und schluchzte die Geschichte heraus.“
„‚Die Ärzte sehen nach Rama. Er wird gesund werden.‘ Mein Guru lächelte jovial.“
„Ich kehrte leichten Herzens an das Krankenbett meines Freundes zurück, nur um ihn im Sterben zu finden.“
„‚Er wird nicht länger als ein oder zwei Stunden durchhalten‘, sagte mir einer der Ärzte mit einer Geste der Verzweiflung. Noch einmal eilte ich zu Lahiri Mahasaya.“
„‚Die Ärzte sind gewissenhafte Männer. Ich bin sicher, Rama wird gesund werden.‘ Der Meister entließ mich fröhlich.“
„Bei Rama angekommen, fand ich beide Ärzte nicht mehr vor. Einer hatte mir eine Notiz hinterlassen: ‚Wir haben unser Bestes getan, aber sein Fall ist hoffnungslos.‘“
„Mein Freund war in der Tat das Bild eines sterbenden Mannes. Ich verstand nicht, wie Lahiri Mahasayas Worte nicht in Erfüllung gehen konnten, doch der Anblick von Ramas schnell schwindendem Leben ließ mich immer wieder denken: ‚Jetzt ist alles vorbei.‘ So auf den Meeren des Glaubens und des bange machenden Zweifels hin- und hergeworfen, pflegte ich meinen Freund, so gut ich konnte. Er raffte sich auf, um auszurufen:“
„‚Yukteswar, lauf zum Meister und sag ihm, ich bin gegangen. Bitte ihn, meinen Körper vor den letzten Riten zu segnen.‘ Mit diesen Worten seufzte Rama schwer und gab den Geist auf.“
„Ich weinte eine Stunde lang an seiner geliebten Gestalt. Stets ein Liebhaber der Ruhe, hatte er nun die vollkommene Stille des Todes erreicht. Ein anderer Jünger kam herein; ich bat ihn, im Haus zu bleiben, bis ich zurückkehrte. Halb benommen trottete ich zu meinem Guru zurück.“
„‚Wie geht es Rama jetzt?‘ Lahiri Mahasayas Gesicht war von einem Lächeln umspielt.“
„‚Herr, Sie werden bald sehen, wie es ihm geht‘, platzte ich emotional heraus. ‚In wenigen Stunden werden Sie seinen Körper sehen, bevor er zum Krematorium gebracht wird.‘ Ich brach zusammen und stöhnte offen.“
„‚Yukteswar, beherrsche dich. Sitze ruhig und meditiere.‘ Mein Guru zog sich in SAMADHI zurück. Der Nachmittag und die Nacht vergingen in ungebrochenem Schweigen; ich kämpfte erfolglos darum, meine innere Fassung zurückzugewinnen.“
„Im Morgengrauen sah mich Lahiri Mahasaya tröstend an. ‚Ich sehe, du bist immer noch verstört. Warum hast du gestern nicht erklärt, dass du von mir erwartest, Rama greifbare Hilfe in Form von Medizin zu geben?‘ Der Meister zeigte auf eine schalenförmige Lampe mit rohem Rizinusöl. ‚Fülle eine kleine Flasche aus der Lampe; gib sieben Tropfen in Ramas Mund.‘“
„‚Herr‘, wandte ich ein, ‚er ist seit gestern Mittag tot. Welchen Nutzen hat das Öl jetzt noch?‘“
„‚Mach dir nichts daraus; tu einfach, was ich dich bitte.‘ Lahiri Mahasayas fröhliche Stimmung war unbegreiflich; ich befand mich immer noch in der ungestillten Qual der Trauer. Ich goss eine kleine Menge Öl ab und brach zu Ramas Haus auf.“
„Ich fand den Körper meines Freundes starr in der Todesstarre. Ohne auf seinen grässlichen Zustand zu achten, öffnete ich seine Lippen mit meinem rechten Finger und schaffte es, mit der linken Hand und der Hilfe des Korkens, das Öl Tropfen für Tropfen über seine zusammengebissenen Zähne zu geben.“
„Als der siebte Tropfen seine kalten Lippen berührte, zitterte Rama heftig. Seine Muskeln vibrierten von Kopf bis Fuß, als er sich staunend aufsetzte.“
„‚Ich sah Lahiri Mahasaya in einem Lichtblitz‘, rief er. Er strahlte wie die Sonne. ‚Steh auf; lass deinen Schlaf hinter dir‘, befahl er mir. ‚Komm mit Yukteswar zu mir.‘“
„Ich konnte meinen Augen kaum trauen, als Rama sich anzog und nach dieser tödlichen Krankheit stark genug war, um zum Haus unseres Gurus zu gehen. Dort warf er sich mit Tränen der Dankbarkeit vor Lahiri Mahasaya nieder.“
„Der Meister war außer sich vor Heiterkeit. Seine Augen funkelten mich schelmisch an.“
„‚Yukteswar‘, sagte er, ‚du wirst von nun an sicherlich nicht mehr vergessen, eine Flasche Rizinusöl mit dir zu führen! Wann immer du eine Leiche siehst, verabreiche ihr einfach das Öl! Warum, sieben Tropfen Lampenöl müssen sicherlich die Macht von Yama vereiteln!‘“
„‚Guruji, Sie verspotten mich. Ich verstehe nicht; bitte zeigen Sie mir die Art meines Irrtums auf.‘“
„‚Ich sagte dir zweimal, dass Rama gesund werden würde; doch du konntest mir nicht vollkommen glauben‘, erklärte Lahiri Mahasaya. ‚Ich meinte nicht, dass die Ärzte in der Lage sein würden, ihn zu heilen; ich bemerkte nur, dass sie anwesend waren. Es gab keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen meinen beiden Aussagen. Ich wollte mich nicht in die Arbeit der Ärzte einmischen; sie müssen auch leben.‘ Mit einer Stimme, die vor Freude widerhallte, fügte mein Guru hinzu: ‚Wisse immer, dass der unerschöpfliche Paramatman jeden heilen kann, ob mit oder ohne Arzt.‘“
„‚Ich sehe meinen Fehler‘, erkannte ich reumütig. ‚Ich weiß jetzt, dass Ihr einfaches Wort das ganze Universum bindet.‘“
Als Sri Yukteswar die beeindruckende Geschichte beendete, wagte einer der gebannten Zuhörer eine Frage, die von einem Kind aus doppelt verständlich war.
„Herr“, sagte er, „warum benutzte Ihr Guru Rizinusöl?“
„Kind, das Geben des Öls hatte keine Bedeutung, außer dass ich etwas Materielles erwartete und Lahiri Mahasaya das nahegelegene Öl als objektives Symbol wählte, um meinen größeren Glauben zu wecken. Der Meister ließ Rama sterben, weil ich teilweise gezweifelt hatte. Aber der göttliche Guru wusste, dass, da er gesagt hatte, der Jünger würde gesund werden, die Heilung stattfinden musste, auch wenn er Rama vom Tod heilen musste, einer Krankheit, die normalerweise endgültig ist!“
Sri Yukteswar entließ die kleine Gruppe und bedeutete mir, mich auf eine Decke zu seinen Füßen zu setzen.
„Yogananda“, sagte er mit ungewöhnlichem Ernst, „du bist von Geburt an von direkten Schülern Lahiri Mahasayas umgeben gewesen. Der große Meister lebte sein erhabenes Leben in teilweiser Zurückgezogenheit und weigerte sich beharrlich, seinen Anhängern zu gestatten, irgendeine Organisation um seine Lehren herum aufzubauen. Dennoch traf er eine bedeutsame Vorhersage.
‚Etwa fünfzig Jahre nach meinem Heimgang‘, sagte er, ‚wird mein Leben geschrieben werden, aufgrund eines tiefen Interesses am Yoga, das der Westen bekunden wird. Die yogische Botschaft wird den Erdball umspannen und dazu beitragen, jene Brüderlichkeit der Menschen zu begründen, die aus der direkten Wahrnehmung des Einen Vaters hervorgeht.‘
„Mein Sohn Yogananda“, fuhr Sri Yukteswar fort, „du musst deinen Teil dazu beitragen, diese Botschaft zu verbreiten und dieses heilige Leben niederzuschreiben.“
Fünfzig Jahre nach Lahiri Mahasayas Heimgang im Jahre 1895 endeten im Jahre 1945, dem Jahr der Vollendung dieses vorliegenden Buches. Ich kann nicht umhin, von dem Zufall beeindruckt zu sein, dass das Jahr 1945 auch ein neues Zeitalter eingeläutet hat – das Zeitalter revolutionärer Atomenergien. Alle nachdenklichen Geister wenden sich wie nie zuvor den dringenden Problemen des Friedens und der Brüderlichkeit zu, damit nicht der fortgesetzte Einsatz physischer Gewalt alle Menschen mitsamt ihren Problemen auslöscht.
Obwohl das Menschengeschlecht und seine Werke durch die Zeit oder Bomben spurlos verschwinden mögen, weicht die Sonne nicht von ihrer Bahn ab; die Sterne halten ihre unveränderliche Wache. Das kosmische Gesetz kann weder aufgehalten noch geändert werden, und der Mensch täte gut daran, sich mit ihm in Einklang zu bringen. Wenn der Kosmos gegen die Macht ist, wenn die Sonne nicht mit den Planeten streitet, sondern sich zur rechten Zeit zurückzieht, um den Sternen ihren kleinen Lauf zu lassen, was nützt uns dann unsere gepanzerte Faust? Wird daraus tatsächlich irgendein Frieden entstehen? Nicht Grausamkeit, sondern Wohlwollen wappnet die universalen Sehnen; eine Menschheit in Frieden wird die unendlichen Früchte des Sieges kennen, die süßer schmecken als alle, die auf dem Boden des Blutes genährt wurden.
Der wirksame Völkerbund wird ein natürlicher, namenloser Bund menschlicher Herzen sein. Das breite Mitgefühl und die scharfsinnige Einsicht, die zur Heilung irdischen Leids nötig sind, können nicht aus einer bloßen intellektuellen Betrachtung der menschlichen Verschiedenheiten fließen, sondern aus der Erkenntnis der einzigen Einheit des Menschen – seiner Verwandtschaft mit Gott. Möge sich auf dem Weg zur Verwirklichung des höchsten Ideals der Welt – Frieden durch Brüderlichkeit – Yoga, die Wissenschaft des persönlichen Kontakts mit dem Göttlichen, mit der Zeit auf alle Menschen in allen Ländern ausbreiten.
Obwohl Indiens Zivilisation älter ist als jede andere, haben nur wenige Historiker bemerkt, dass ihr Erfolg des nationalen Überlebens keineswegs ein Zufall ist, sondern ein logischer Vorfall der Hingabe an ewige Wahrheiten, die Indien durch seine besten Männer in jeder Generation dargeboten hat. Durch die schiere Kontinuität des Seins, durch Unvergänglichkeit vor den Zeitaltern – können uns staubige Gelehrte wirklich sagen, wie viele? – hat Indien die würdigste Antwort aller Völker auf die Herausforderung der Zeit gegeben.
Die biblische Geschichte {FN32-5} von Abrahams Flehen vor dem Herrn, die Stadt Sodom zu verschonen, wenn zehn Gerechte darin gefunden werden könnten, und die göttliche Antwort: „Ich will sie nicht verderben um der zehn willen“, gewinnt neue Bedeutung im Lichte von Indiens Entkommen aus dem Vergessen von Babylon, Ägypten und anderen mächtigen Nationen, die einst ihre Zeitgenossen waren. Die Antwort des Herrn zeigt deutlich, dass ein Land nicht durch seine materiellen Errungenschaften lebt, sondern in seinen Meisterwerken des Menschen.
Mögen die göttlichen Worte in diesem zwanzigsten Jahrhundert, das schon vor seiner Hälfte zweimal in Blut getaucht wurde, wieder gehört werden: Keine Nation, die zehn Männer hervorbringen kann, die in den Augen des Unbestechlichen Richters groß sind, soll den Untergang erleben. Indem Indien solche Überzeugungen beachtet, hat es sich nicht als töricht gegenüber den tausend Listen der Zeit erwiesen. Selbstverwirklichte Meister haben in jedem Jahrhundert ihren Boden geheiligt; moderne christusgleiche Weise, wie Lahiri Mahasaya und sein Schüler Sri Yukteswar, erheben sich, um zu verkünden, dass die Wissenschaft des Yoga für das Glück des Menschen und die Langlebigkeit einer Nation lebenswichtiger ist als jeder materielle Fortschritt.
Sehr spärliche Informationen über das Leben von Lahiri Mahasaya und seine universelle Lehre sind jemals im Druck erschienen. Drei Jahrzehnte lang habe ich in Indien, Amerika und Europa ein tiefes und aufrichtiges Interesse an seiner Botschaft des befreienden Yoga gefunden; ein schriftlicher Bericht über das Leben des Meisters ist, genau wie er es voraussagte, nun im Westen nötig, wo die Leben der großen modernen Yogis wenig bekannt sind.
Außer ein oder zwei kleinen Broschüren in englischer Sprache ist nichts über das Leben des Gurus geschrieben worden. Eine Biografie auf Bengalisch, SRI SRI {FN32-6} SHYAMA CHARAN LAHIRI MAHASAYA, erschien 1941. Sie wurde von meinem Schüler Swami Satyananda geschrieben, der viele Jahre lang der ACHARYA (geistiger Lehrer) an unserem VIDYALAYA in Ranchi war. Ich habe einige Passagen aus seinem Buch übersetzt und sie in diesen Lahiri Mahasaya gewidmeten Abschnitt aufgenommen.
In eine fromme Brahmin-Familie alten Ursprungs wurde Lahiri Mahasaya am 30. September 1828 geboren. Sein Geburtsort war das Dorf Ghurni im Distrikt Nadia bei Krishnagar, Bengalen. Er war der jüngste Sohn von Muktakashi, der zweiten Frau des angesehenen Gaur Mohan Lahiri. (Seine erste Frau war nach der Geburt von drei Söhnen während einer Pilgerreise gestorben.) Die Mutter des Jungen starb während seiner Kindheit; wenig ist über sie bekannt, außer der aufschlussreichen Tatsache, dass sie eine glühende Verehrerin von Lord Shiva {FN32-7} war, der in den Schriften als „König der Yogis“ bezeichnet wird.
Der Junge Lahiri, dessen Vorname Shyama Charan war, verbrachte seine frühen Jahre im angestammten Haus in Nadia. Im Alter von drei oder vier Jahren wurde er oft beobachtet, wie er unter dem Sand in der Haltung eines Yogis saß, wobei sein Körper bis auf den Kopf völlig verborgen war.
Das Anwesen der Lahiris wurde im Winter 1833 zerstört, als der nahegelegene Fluss Jalangi seinen Lauf änderte und in den Tiefen des Ganges verschwand. Einer der Shiva-Tempel, die von den Lahiris gegründet worden waren, ging zusammen mit dem Familienhaus im Fluss unter. Ein Anhänger rettete das steinerne Bildnis von Lord Shiva aus den wirbelnden Wassern und stellte es in einem neuen Tempel auf, der heute als Ghurni Shiva Site wohlbekannt ist.
Gaur Mohan Lahiri und seine Familie verließen Nadia und wurden Einwohner von Benares, wo der Vater sofort einen Shiva-Tempel errichtete. Er führte seinen Haushalt nach den Grundsätzen vedischer Disziplin, mit regelmäßiger Einhaltung zeremonieller Verehrung, Wohltätigkeitsakten und Schriftstudium. Er war jedoch gerecht und aufgeschlossen und ignorierte nicht den vorteilhaften Strom moderner Ideen.
Der Junge Lahiri nahm in Benares in Lerngruppen Unterricht in Hindi und Urdu. Er besuchte eine Schule, die von Joy Narayan Ghosal geleitet wurde, und erhielt Unterricht in Sanskrit, Bengali, Französisch und Englisch. Indem er sich dem gründlichen Studium der VEDAS widmete, lauschte der junge Yogi begierig den Diskussionen über die Schriften durch gelehrte Brahmins, darunter ein Marhatta-Gelehrter namens Nag-Bhatta.
Shyama Charan war ein freundlicher, sanfter und mutiger Jüngling, der von all seinen Gefährten geliebt wurde. Mit einem wohlproportionierten, hellen und kraftvollen Körper überragte er andere im Schwimmen und in vielen geschickten Tätigkeiten.
1846 wurde Shyama Charan Lahiri mit Srimati Kashi Moni, der Tochter von Sri Debnarayan Sanyal, verheiratet. Als eine vorbildliche indische Hausfrau führte Kashi Moni fröhlich ihre häuslichen Pflichten und die traditionelle Verpflichtung des Hausvaters aus, Gästen und Armen zu dienen. Zwei heilige Söhne, Tincouri und Ducouri, segneten die Verbindung.
Im Alter von 23 Jahren, im Jahre 1851, trat Lahiri Mahasaya die Stelle eines Buchhalters in der militärischen Ingenieursabteilung der englischen Regierung an. Er erhielt während seiner Dienstzeit viele Beförderungen. Somit war er nicht nur ein Meister vor Gottes Augen, sondern auch ein Erfolg in dem kleinen menschlichen Drama, in dem er seine ihm zugewiesene Rolle als Büroangestellter in der Welt spielte.
Als die Büros der Armeeabteilung verlegt wurden, wurde Lahiri Mahasaya nach Gazipur, Mirjapur, Danapur, Naini Tal, Benares und an andere Orte versetzt. Nach dem Tod seines Vaters musste Lahiri die volle Verantwortung für seine Familie übernehmen, für die er eine ruhige Residenz im Viertel Garudeswar Mohulla in Benares kaufte.
Es war in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr, dass Lahiri Mahasaya die Erfüllung des Zwecks sah, für den er auf Erden wiedergeboren worden war. Die unter der Asche verborgene Flamme, die lange geschwelt hatte, erhielt ihre Gelegenheit, in Flammen aufzugehen. Ein göttlicher Erlass, der jenseits des Blicks menschlicher Wesen ruht, wirkt geheimnisvoll, um alle Dinge zur rechten Zeit in die äußere Manifestation zu bringen. Er traf seinen großen Guru, Babaji, in der Nähe von Ranikhet und wurde von ihm in den KRIYA YOGA eingeweiht.
Dieses verheißungsvolle Ereignis geschah nicht ihm allein; es war ein glücklicher Moment für das gesamte Menschengeschlecht, von dem viele später das Privileg hatten, das seelenerweckende Geschenk des KRIYA zu erhalten. Die verlorene oder lange verschwundene höchste Kunst des Yoga wurde wieder ans Licht gebracht. Viele geistig dürstende Männer und Frauen fanden schließlich ihren Weg zu den kühlen Wassern des KRIYA YOGA. Genau wie in der hinduistischen Legende, in der Mutter Ganges ihrem dürstenden Anhänger Bhagirath ihren göttlichen Labetrunk anbietet, so wälzte sich die himmlische Flut des KRIYA aus den geheimen Festungen des Himalaya in die staubigen Wohnstätten der Menschen.
{FN32-1} JOHANNES 11:1-4.
{FN32-2} Ein Choleraopfer ist oft bis zum Moment des Todes vernünftig und bei vollem Bewusstsein.
{FN32-3} Der Gott des Todes.
{FN32-4} Wörtlich: „Höchste Seele.“
{FN32-5} GENESIS 18:23-32.
{FN32-6} SRI, ein Präfix, das „heilig“ bedeutet, wird (im Allgemeinen zwei- oder dreimal) an Namen großer indischer Lehrer angehängt.
{FN32-7} Einer aus der Dreieinigkeit der Gottheit – Brahma, Vishnu, Shiva – deren universelles Werk jeweils das der Schöpfung, Erhaltung und Auflösung-Wiederherstellung ist. Shiva (manchmal Siva geschrieben), in der Mythologie als der Herr der Entsagenden dargestellt, erscheint seinen Anhängern in Visionen unter verschiedenen Aspekten, wie Mahadeva, der Asket mit verfilztem Haar, und Nataraja, der kosmische Tänzer.
KAPITEL: 33
BABAJI, DER YOGI-CHRISTUS DES MODERNEN INDIEN
Die nördlichen Himalaya-Felsen in der Nähe von Badrinarayan sind noch immer durch die lebendige Gegenwart von Babaji, dem Guru von Lahiri Mahasaya, gesegnet. Der zurückgezogen lebende Meister hat seine physische Gestalt seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, bewahrt. Der todeslose Babaji ist ein AVATARA. Dieses Sanskrit-Wort bedeutet „Abstieg“; seine Wurzeln sind AVA, „herab“, und TRI, „hindurchgehen“. In den hinduistischen Schriften bezeichnet AVATARA den Abstieg der Göttlichkeit in das Fleisch.
„Babajis spiritueller Zustand entzieht sich dem menschlichen Verständnis“, erklärte mir Sri Yukteswar. „Die begrenzte Sichtweise der Menschen kann nicht bis zu seinem transzendentalen Stern vordringen. Man versucht vergeblich, sich auch nur das Erreichen des Avatars vorzustellen. Es ist unvorstellbar.“
Die UPANISHADEN haben jede Stufe der spirituellen Entwicklung minutiös klassifiziert. Ein SIDDHA („vervollkommnetes Wesen“) ist vom Zustand eines JIVANMUKTA („befreit zu Lebzeiten“) zu dem eines PARAMUKTA („höchst frei“ – volle Macht über den Tod) fortgeschritten; letzterer ist dem mayischen Bann und seinem Reinkarnationskreislauf vollständig entkommen. Der PARAMUKTA kehrt daher selten in einen physischen Körper zurück; wenn er es doch tut, ist er ein Avatar, ein göttlich bestimmtes Medium himmlischer Segnungen für die Welt.
Ein Avatar ist der universellen Ökonomie nicht unterworfen; sein reiner Körper, sichtbar als Lichtgestalt, ist frei von jeder Schuld gegenüber der Natur. Der beiläufige Blick mag nichts Außergewöhnliches an der Gestalt eines Avatars sehen, doch sie wirft keinen Schatten und hinterlässt keinen Fußabdruck auf dem Boden. Dies sind äußere symbolische Beweise für ein inneres Fehlen von Dunkelheit und materieller Bindung. Nur ein solcher Gottmensch kennt die Wahrheit hinter den Relativitäten von Leben und Tod. Omar Chayyām, der so grob missverstanden wurde, sang von diesem befreiten Mann in seiner unsterblichen Schrift, dem RUBAIYAT:
„Ach, Mond meiner Wonne, der du kein Abnehmen kennst, Der Mond des Himmels geht wieder auf; Wie oft wird sie in Zukunft aufgehend schauen Durch diesen selben Garten nach mir – vergeblich!“
Der „Mond der Wonne“ ist Gott, der ewige Polarstern, niemals anachronistisch. Der „Mond des Himmels“ ist der äußere Kosmos, gefesselt an das Gesetz der periodischen Wiederkehr. Seine Ketten waren durch den persischen Seher durch seine Selbstverwirklichung für immer aufgelöst worden. „Wie oft wird sie in Zukunft aufgehend schauen ... nach mir – vergeblich!“ Welche Frustration der Suche eines rasenden Universums nach einer absoluten Unterlassung!
Christus drückte seine Freiheit auf eine andere Weise aus: „Und es kam ein Schriftgelehrter zu ihm und sprach: Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ {FN33-1}
Könnte Christus, geräumig mit Allgegenwart, tatsächlich anders als im alles überspannenden Geist gefolgt werden?
Krishna, Rama, Buddha und Patanjali gehörten zu den alten indischen Avataren. Eine beträchtliche poetische Literatur in Tamil ist um Agastya entstanden, einen südindischen Avatar. Er vollbrachte viele Wunder während der Jahrhunderte vor und nach der christlichen Ära und ihm wird zugeschrieben, seine physische Gestalt bis zum heutigen Tag bewahrt zu haben.
Babajis Mission in Indien war es, Propheten bei der Durchführung ihrer speziellen Sendungen zu unterstützen. Er qualifiziert sich damit für die schrifltiche Klassifizierung als MAHAVATAR (Großer Avatar). Er hat erklärt, dass er Shankara, dem alten Gründer des Swami-Ordens, und Kabir, dem berühmten mittelalterlichen Heiligen, die Yoga-Einweihung gab. Sein wichtigster Schüler des neunzehnten Jahrhunderts war, wie wir wissen, Lahiri Mahasaya, der Wiederbelebende der verlorenen KRIYA-Kunst.
Der MAHAVATAR steht in ständiger Gemeinschaft mit Christus; gemeinsam senden sie Schwingungen der Erlösung aus und haben die spirituelle Technik der Rettung für dieses Zeitalter geplant. Das Werk dieser beiden voll erleuchteten Meister – einer mit Körper und einer ohne ihn – besteht darin, die Nationen dazu zu inspirieren, selbstmörderische Kriege, Rassenhass, religiösen Sektierertum und die Bumerang-Übel des Materialismus aufzugeben. Babaji ist sich des Trends der modernen Zeiten, insbesondere des Einflusses und der Komplexität der westlichen Zivilisation, wohl bewusst und erkennt die Notwendigkeit, die Selbstbefreiung des Yoga gleichermaßen im Westen und im Osten zu verbreiten.
Dass es keinen historischen Hinweis auf Babaji gibt, muss uns nicht überraschen. Der große Guru ist in keinem Jahrhundert offen erschienen; der missinterpretierende Glanz der Öffentlichkeit hat in seinen jahrtausendealten Plänen keinen Platz. Wie der Schöpfer, die einzige, aber stille Kraft, arbeitet Babaji in demütiger Verborgenheit.
Große Propheten wie Christus und Krishna kommen aus einem spezifischen und spektakulären Grund auf die Erde; sie gehen, sobald er erfüllt ist. Andere Avatare, wie Babaji, unternehmen ein Werk, das sich mehr mit dem langsamen evolutionären Fortschritt des Menschen während der Jahrhunderte befasst als mit irgendeinem herausragenden Ereignis der Geschichte. Solche Meister verschleiern sich immer vor dem groben Blick der Öffentlichkeit und haben die Macht, nach Belieben unsichtbar zu werden. Aus diesen Gründen, und weil sie ihre Schüler im Allgemeinen anweisen, über sie zu schweigen, bleiben eine Reihe überragender spiritueller Gestalten der Welt unbekannt. Ich gebe auf diesen Seiten über Babaji lediglich einen Hinweis auf sein Leben – nur ein paar Fakten, von denen er es für angemessen und hilfreich hält, dass sie öffentlich bekannt gemacht werden.
Keine begrenzenden Fakten über Babajis Familie oder Geburtsort, die dem Herzen des Annalisten lieb sind, wurden jemals entdeckt. Seine Sprache ist im Allgemeinen Hindi, aber er unterhält sich leicht in jeder Sprache. Er hat den einfachen Namen Babaji (verehrter Vater) angenommen; andere Ehrentitel, die ihm von Lahiri Mahasayas Schülern verliehen wurden, sind Mahamuni Babaji Maharaj (höchster ekstatisch Heiliger), Maha Yogi (größter der Yogis), Trambak Baba und Shiva Baba (Titel von Avataren Shivas). Spielt es eine Rolle, dass wir den Familiennamen eines von der Erde erlösten Meisters nicht kennen?
„Wann immer jemand ehrfürchtig den Namen Babaji ausspricht“, sagte Lahiri Mahasaya, „zieht dieser Anhänger einen sofortigen spirituellen Segen an sich.“
Der todeslose Guru trägt keine Altersspuren an seinem Körper; er scheint nicht mehr als ein Jüngling von fünfundzwanzig Jahren zu sein. Hellhäutig, von mittlerer Statur und Größe, strahlt Babajis schöner, starker Körper einen wahrnehmbaren Glanz aus. Seine Augen sind dunkel, ruhig und zart; sein langes, glänzendes Haar ist kupferfarben. Eine sehr seltsame Tatsache ist, dass Babaji eine außerordentlich genaue Ähnlichkeit mit seinem Schüler Lahiri Mahasaya aufweist. Die Ähnlichkeit ist so frappierend, dass Lahiri Mahasaya in seinen späteren Jahren als der Vater des jugendlich aussehenden Babaji hätte durchgehen können.
Swami Kebalananda, mein heiliger Sanskrit-Lehrer, verbrachte einige Zeit mit Babaji im Himalaya.
„Der unvergleichliche Meister bewegt sich mit seiner Gruppe von Ort zu Ort in den Bergen“, erzählte mir Kebalananda. „Seine kleine Schar enthält zwei hoch entwickelte amerikanische Schüler. Nachdem Babaji einige Zeit an einem Ort war, sagt er: ‚DERA DANDA UTHAO.‘ (‚Lasst uns unser Lager und unseren Stab aufheben.‘) Er trägt einen symbolischen DANDA (Bambusstab). Seine Worte sind das Signal, um mit seiner Gruppe augenblicklich an einen anderen Ort zu ziehen. Er wendet nicht immer diese Methode der astralen Reise an; manchmal geht er zu Fuß von Gipfel zu Gipfel.“
„Babaji kann von anderen nur gesehen oder erkannt werden, wenn er es wünscht. Es ist bekannt, dass er verschiedenen Anhängern in vielen leicht unterschiedlichen Formen erschienen ist – manchmal ohne Bart und Schnurrbart, und manchmal mit ihnen. Da sein unvergänglicher Körper keine Nahrung benötigt, isst der Meister selten. Als gesellschaftliche Höflichkeit gegenüber besuchenden Schülern nimmt er gelegentlich Früchte oder in Milch und geklärter Butter gekochten Reis an.“
„Zwei erstaunliche Vorfälle aus Babajis Leben sind mir bekannt“, fuhr Kebalananda fort. „Seine Schüler saßen eines Nachts um ein riesiges Feuer, das für eine heilige vedische Zeremonie loderte. Der Meister ergriff plötzlich einen brennenden Holzscheit und schlug leicht auf die nackte Schulter eines Chela, der nahe am Feuer war.“
„‚Sir, wie grausam!‘ Lahiri Mahasaya, der anwesend war, machte diesen Einwand.“
„‚Hättest du lieber gesehen, wie er vor deinen Augen zu Asche verbrennt, gemäß dem Dekret seines vergangenen Karma?‘“
„Mit diesen Worten legte Babaji seine heilende Hand auf die entstellte Schulter des Chela. ‚Ich habe dich heute Nacht vom schmerzhaften Tod befreit. Das karmische Gesetz wurde durch dein leichtes Leiden durch das Feuer befriedigt.‘“
„Bei einer anderen Gelegenheit wurde Babajis heiliger Kreis durch die Ankunft eines Fremden gestört. Er war mit erstaunlichem Geschick auf den fast unzugänglichen Felsvorsprung nahe dem Lager des Meisters geklettert.“
„‚Sir, Sie müssen der große Babaji sein.‘ Das Gesicht des Mannes war von unaussprechlicher Ehrfurcht erleuchtet. ‚Monatelang habe ich eine unaufhörliche Suche nach Ihnen unter diesen abweisenden Felsen unternommen. Ich flehe Sie an, mich als Schüler anzunehmen.‘“
„Als der große Guru nicht reagierte, zeigte der Mann auf den felsigen Abgrund zu seinen Füßen.“
„‚Wenn Sie mich ablehnen, werde ich von diesem Berg springen. Das Leben hat keinen weiteren Wert, wenn ich nicht Ihre Führung zum Göttlichen gewinnen kann.‘“
„‚Spring dann‘, sagte Babaji emotionslos. ‚Ich kann dich in deinem derzeitigen Entwicklungszustand nicht annehmen.‘“
„Der Mann stürzte sich sofort über die Klippe. Babaji wies die schockierten Schüler an, den Körper des Fremden zu holen. Als sie mit der verstümmelten Gestalt zurückkehrten, legte der Meister seine göttliche Hand auf den toten Mann. Siehe! Er öffnete seine Augen und warf sich dem Allmächtigen demütig zu Füßen.“
„‚Du bist jetzt bereit für die Jüngerschaft.‘ Babaji strahlte liebevoll auf seinen auferstandenen Chela. ‚Du hast mutig eine schwierige Prüfung bestanden. Der Tod wird dich nie wieder berühren; jetzt bist du einer unserer unsterblichen Herde.‘ Dann sprach er seine üblichen Worte des Aufbruchs, ‚DERA DANDA UTHAO‘; die ganze Gruppe verschwand vom Berg.“
Ein Avatar lebt im allgegenwärtigen Geist; für ihn gibt es keine Entfernung, die dem Quadrat umgekehrt proportional ist. Es kann daher nur einen Grund geben, der Babaji dazu bewegt, seine physische Gestalt von Jahrhundert zu Jahrhundert zu bewahren: der Wunsch, der Menschheit ein konkretes Beispiel ihrer eigenen Möglichkeiten zu liefern. Würde dem Menschen niemals ein flüchtiger Blick auf die Göttlichkeit im Fleisch gewährt, bliebe er von der schweren mayischen Täuschung unterdrückt, dass er seine Sterblichkeit nicht überwinden könne.
Jesus kannte von Anfang an den Ablauf seines Lebens; er durchlief jedes Ereignis nicht für sich selbst, nicht aus irgendeinem karmischen Zwang, sondern ausschließlich zur Erhebung nachdenklicher Menschen. Seine vier berichterstattenden Schüler – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – hielten das unaussprechliche Drama zum Nutzen späterer Generationen fest.
Auch für Babaji gibt es keine Relativität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; von Anfang an hat er alle Phasen seines Lebens gekannt. Dennoch hat er, sich dem begrenzten Verständnis der Menschen anpassend, viele Akte seines göttlichen Lebens in Gegenwart eines oder mehrerer Zeugen gespielt. So kam es, dass ein Schüler von Lahiri Mahasaya anwesend war, als Babaji die Zeit für reif hielt, die Möglichkeit körperlicher Unsterblichkeit zu verkünden. Er äußerte dieses Versprechen vor Ram Gopal Muzumdar, damit es schließlich zur Inspiration anderer suchender Herzen bekannt werden möge. Die Großen sprechen ihre Worte und nehmen am scheinbar natürlichen Lauf der Ereignisse teil, ausschließlich zum Wohle des Menschen, genau wie Christus sagte: „Vater ... ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber UM DES VOLKES WILLEN, DAS HERUMSTEHT, HABE ICH ES GESAGT, dass sie glauben, dass du mich gesandt hast.“ {FN33-2} Während meines Besuchs in Ranbajpur bei Ram Gopal, „dem schlaflosen Heiligen“ {FN33-3}, erzählte er die wunderbare Geschichte seines ersten Treffens mit Babaji.
„Ich verließ manchmal meine abgelegene Höhle, um in Benares zu Füßen von Lahiri Mahasaya zu sitzen“, erzählte mir Ram Gopal. „Eines Mitternacht, als ich schweigend in einer Gruppe seiner Schüler meditierte, machte der Meister eine überraschende Bitte.“
„‚Ram Gopal‘, sagte er, ‚geh sofort zum Dasasamedh-Bade-GHAT.‘“
„Ich erreichte bald den abgelegenen Ort. Die Nacht war hell vom Mondlicht und den funkelnden Sternen. Nachdem ich eine Weile in geduldiger Stille gesessen hatte, wurde meine Aufmerksamkeit auf eine riesige Steinplatte in der Nähe meiner Füße gelenkt. Sie hob sich allmählich und enthüllte eine unterirdische Höhle. Während der Stein auf eine unbekannte Weise im Gleichgewicht blieb, wurde die in Tücher gehüllte Gestalt einer jungen und überaus lieblichen Frau aus der Höhle hoch in die Luft emporgehoben. Umgeben von einem sanften Heiligenschein schwebte sie langsam vor mir herab und blieb regungslos stehen, versunken in einen inneren Zustand der Ekstase. Schließlich regte sie sich und sprach sanft:
‚Ich bin Mataji, {FN33-4} die Schwester von Babaji. Ich habe ihn und auch Lahiri Mahasaya gebeten, heute Nacht zu meiner Höhle zu kommen, um eine Angelegenheit von großer Bedeutung zu besprechen.‘
Ein nebelhaftes Licht schwebte schnell über dem Ganges; die seltsame Leuchtkraft spiegelte sich in den undurchsichtigen Wassern wider. Es kam immer näher, bis es mit einem gleißenden Blitz an der Seite von Matajis erschien und sich augenblicklich in die menschliche Gestalt von Lahiri Mahasaya verdichtete. Er verneigte sich demütig zu Füßen der heiligen Frau.
Bevor ich mich von meiner Verwirrung erholt hatte, war ich noch mehr erstaunt, eine kreisende Masse aus mystischem Licht am Himmel wandern zu sehen. Der flammende Wirbel stieg schnell herab, näherte sich unserer Gruppe und materialisierte sich in den Körper eines schönen Jünglings, von dem ich sofort begriff, dass er Babaji war. Er sah aus wie Lahiri Mahasaya, der einzige Unterschied war, dass Babaji viel jünger erschien und langes, helles Haar hatte.
Lahiri Mahasaya, Mataji und ich knieten zu den Füßen des Gurus. Ein ätherisches Gefühl von seliger Herrlichkeit durchbebte jede Faser meines Wesens, als ich sein göttliches Fleisch berührte.
‚Gesegnete Schwester‘, sagte Babaji, ‚ich beabsichtige, meine Form abzulegen und in den Unendlichen Strom einzutauchen.‘
‚Ich habe Ihren Plan bereits erahnt, geliebter Meister. Ich wollte heute Nacht mit Ihnen darüber sprechen. Warum sollten Sie Ihren Körper verlassen?‘ Die herrliche Frau sah ihn flehend an.
‚Was macht es für einen Unterschied, ob ich eine sichtbare oder eine unsichtbare Welle auf dem Ozean meines Geistes trage?‘
Mataji antwortete mit einem skurrilen Witz. ‚Unsterblicher Guru, wenn es keinen Unterschied macht, dann geben Sie bitte niemals Ihre Form auf.‘ {FN33-5}
‚So sei es‘, sagte Babaji feierlich. ‚Ich werde meinen physischen Körper niemals verlassen. Er wird immer für zumindest eine kleine Anzahl von Menschen auf dieser Erde sichtbar bleiben. Der Herr hat Seinen eigenen Wunsch durch Ihre Lippen ausgesprochen.‘
Während ich ehrfürchtig dem Gespräch zwischen diesen erhabenen Wesen lauschte, wandte sich der große Guru mit einer gütigen Geste an mich.
‚Fürchte dich nicht, Ram Gopal‘, sagte er, ‚du bist gesegnet, Zeuge der Szene dieses unsterblichen Versprechens zu sein.‘
Als die süße Melodie von Babajis Stimme verblasste, schwebten seine Gestalt und die von Lahiri Mahasaya langsam empor und bewegten sich rückwärts über den Ganges. Ein Aureol aus blendendem Licht umgab ihre Körper wie ein Tempel, als sie im Nachthimmel verschwanden. Matajis Gestalt schwebte zur Höhle und stieg hinab; die Steinplatte schloss sich von selbst, als würde sie durch einen unsichtbaren Hebel betätigt.
Unendlich inspiriert machte ich mich auf den Weg zurück zu Lahiri Mahasayas Wohnstätte. Als ich mich im frühen Morgengrauen vor ihm verneigte, lächelte mein Guru verständnisvoll.
‚Ich freue mich für dich, Ram Gopal‘, sagte er. ‚Der Wunsch, Babaji und Mataji zu treffen, den du mir oft geäußert hast, hat endlich eine heilige Erfüllung gefunden.‘
Meine Mitschüler informierten mich, dass Lahiri Mahasaya seinen Platz seit dem frühen Vorabend nicht verlassen hatte.
‚Er hielt einen wunderbaren Vortrag über Unsterblichkeit, nachdem du zum Dasasamedh GHAT aufgebrochen warst‘, sagte mir einer der Chelas. Zum ersten Mal erkannte ich die Wahrheit in den heiligen Versen, die besagen, dass ein Mensch der Selbstverwirklichung gleichzeitig an verschiedenen Orten in zwei oder mehr Körpern erscheinen kann.
Lahiri Mahasaya erklärte mir später viele metaphysische Punkte bezüglich des verborgenen göttlichen Plans für diese Erde“, schloss Ram Gopal. „Babaji wurde von Gott auserwählt, für die Dauer dieses speziellen Weltzeitalters in seinem Körper zu bleiben. Zeitalter werden kommen und gehen – doch der unsterbliche Meister {FN33-6}, der das Drama der Jahrhunderte betrachtet, wird auf dieser irdischen Bühne präsent sein.“
{FN33-1} MATTHÄUS 8:19-20.
{FN33-2} JOHANNES 11:41-42.
{FN33-3} Der allgegenwärtige Yogi, der beobachtete, dass ich es versäumte, mich vor dem Tarakeswar-Schrein (Kapitel 13) zu verneigen.
{FN33-4} „Heilige Mutter“. Mataji hat ebenfalls die Jahrhunderte überlebt; sie ist spirituell fast so weit fortgeschritten wie ihr Bruder. Sie verweilt in Ekstase in einer versteckten unterirdischen Höhle in der Nähe des Dasasamedh GHAT.
{FN33-5} Dieser Vorfall erinnert an Thales. Der große griechische Philosoph lehrte, dass es keinen Unterschied zwischen Leben und Tod gebe. „Warum stirbst du dann nicht?“, fragte ein Kritiker. „Weil“, antwortete Thales, „es keinen Unterschied macht.“
{FN33-6} „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand mein Wort hält (ununterbrochen im Christus-Bewusstsein verweilt), wird er den Tod niemals sehen.“ – JOHANNES 8:51.
KAPITEL: 34
MATERIALISIERUNG EINES PALASTES IM HIMALAYA
„Babajis erstes Treffen mit Lahiri Mahasaya ist eine fesselnde Geschichte und eine der wenigen, die uns einen detaillierten Einblick in den unsterblichen Guru gewährt.“
Diese Worte waren Swami Kebalanandas Einleitung zu einer wunderbaren Erzählung. Als er sie das erste Mal erzählte, war ich buchstäblich verzaubert. Bei vielen anderen Gelegenheiten überredete ich meinen sanften Sanskrit-Lehrer, die Geschichte zu wiederholen, die mir später im Wesentlichen mit denselben Worten von Sri Yukteswar erzählt wurde. Beide Schüler von Lahiri Mahasaya hatten die beeindruckende Geschichte direkt aus dem Mund ihres Gurus gehört.
„Mein erstes Treffen mit Babaji fand in meinem dreiunddreißigsten Lebensjahr statt“, hatte Lahiri Mahasaya gesagt. „Im Herbst 1861 war ich in Danapur als Regierungsbuchhalter in der Abteilung für Militärtechnik stationiert. Eines Morgens rief mich der Büroleiter zu sich.
‚Lahiri‘, sagte er, ‚gerade ist ein Telegramm aus unserem Hauptbüro eingetroffen. Du wirst nach Ranikhet versetzt, wo derzeit ein Armeeposten {FN34-1} errichtet wird.‘
Mit einem Diener machte ich mich auf die 500-Meilen-Reise. Wir reisten mit Pferd und Wagen und kamen nach dreißig Tagen am Himalaya-Standort Ranikhet an. {FN34-2}
Meine bürokratischen Pflichten waren nicht mühsam; ich konnte viele Stunden damit verbringen, in den herrlichen Hügeln umherzuwandern. Ein Gerücht erreichte mich, dass große Heilige die Region mit ihrer Anwesenheit segneten; ich verspürte den starken Wunsch, sie zu sehen. Während eines Spaziergangs an einem frühen Nachmittag war ich erstaunt, eine ferne Stimme meinen Namen rufen zu hören. Ich setzte meinen kräftigen Aufstieg auf den Drongiri-Berg fort. Eine leichte Unruhe überkam mich bei dem Gedanken, dass ich den Rückweg vielleicht nicht finden könnte, bevor die Dunkelheit über den Dschungel hereinbrach.
Schließlich erreichte ich eine kleine Lichtung, deren Seiten mit Höhlen übersät waren. Auf einem der Felsvorsprünge stand ein lächelnder junger Mann, der seine Hand zur Begrüßung ausstreckte. Mit Erstaunen bemerkte ich, dass er, abgesehen von seinem kupferfarbenen Haar, eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit mir selbst hatte.
‚Lahiri, du bist gekommen!‘ Der Heilige sprach mich liebevoll auf Hindi an. ‚Ruhe dich hier in dieser Höhle aus. Ich war es, der dich gerufen hat.‘
Ich betrat eine ordentliche kleine Grotte, die mehrere Wolldecken und einige KAMANDULUS (Bettelschalen) enthielt.
‚Lahiri, erinnerst du dich an diesen Sitz?‘ Der Yogi zeigte auf eine zusammengelegte Decke in einer Ecke.
‚Nein, mein Herr.‘ Etwas benommen von der Seltsamkeit meines Abenteuers fügte ich hinzu: ‚Ich muss jetzt gehen, bevor die Nacht hereinbricht. Ich habe morgen in meinem Büro zu tun.‘
Der geheimnisvolle Heilige antwortete auf Englisch: ‚Das Büro wurde für dich geschaffen, nicht du für das Büro.‘
Ich war verblüfft, dass dieser Waldasket nicht nur Englisch sprechen, sondern auch die Worte Christi umschreiben sollte. {FN34-3}
‚Ich sehe, mein Telegramm hat Wirkung gezeigt.‘ Die Bemerkung des Yogis war mir unverständlich; ich fragte nach seiner Bedeutung.
‚Ich beziehe mich auf das Telegramm, das dich in diese einsamen Gegenden gerufen hat. Ich war es, der dem Geist deines Vorgesetzten stillschweigend nahelegte, dich nach Ranikhet zu versetzen. Wenn man seine Einheit mit der Menschheit spürt, werden alle Geister zu Sendestationen, durch die man nach Belieben arbeiten kann.‘ Er fügte sanft hinzu: ‚Lahiri, kommt dir diese Höhle nicht vertraut vor?‘
Als ich in verwirrter Stille verharrte, trat der Heilige heran und berührte mich sanft an der Stirn. Bei seiner magnetischen Berührung durchströmte ein wundersamer Strom mein Gehirn und setzte die süßen Samenerinnerungen meines früheren Lebens frei.
‚Ich erinnere mich!‘ Meine Stimme war halb erstickt von freudigen Schluchzern. ‚Du bist mein Guru Babaji, der schon immer zu mir gehörte! Szenen der Vergangenheit steigen lebendig in meinem Geist auf; hier in dieser Höhle habe ich viele Jahre meiner letzten Inkarnation verbracht!‘ Während mich unsagbare Erinnerungen überwältigten, umarmte ich unter Tränen die Füße meines Meisters.
‚Mehr als drei Jahrzehnte habe ich hier auf dich gewartet – darauf gewartet, dass du zu mir zurückkehrst!‘ Babajis Stimme klang von himmlischer Liebe. ‚Du bist entglitten und in den stürmischen Wellen des Lebens nach dem Tod verschwunden. Der Zauberstab deines Karmas hat dich berührt, und du warst fort! Obwohl du mich aus den Augen verloren hast, habe ich dich niemals aus den Augen verloren! Ich folgte dir über das leuchtende Astraleer, auf dem die herrlichen Engel segeln. Durch Dunkelheit, Sturm, Aufruhr und Licht bin ich dir gefolgt, wie ein Muttervogel, der seine Jungen beschützt. Als du deine menschliche Zeit im Mutterleib verlebtest und als Baby hervorkamst, war mein Auge immer auf dich gerichtet. Als du in deiner Kindheit unter dem Sand von Nadia deine winzige Gestalt in der Lotus-Haltung bedecktest, war ich unsichtbar zugegen! Geduldig, Monat für Monat, Jahr für Jahr, habe ich über dich gewacht und auf diesen perfekten Tag gewartet. Nun bist du bei mir! Siehe, hier ist deine Höhle, geliebt von alters her! Ich habe sie immer sauber und bereit für dich gehalten. Hier ist deine geheiligte ASANA-Decke, auf der du täglich saßt, um dein wachsendes Herz mit Gott zu füllen! Schau dort auf deine Schale, aus der du oft den von mir zubereiteten Nektar trankst! Sieh, wie ich den Messingbecher glänzend poliert gehalten habe, damit du wieder daraus trinken kannst! Mein Eigen, verstehst du jetzt?‘
‚Mein Guru, was kann ich sagen?‘, murmelte ich gebrochen. ‚Wo hat man jemals von einer solchen unsterblichen Liebe gehört?‘ Ich starrte lange und ekstatisch auf meinen ewigen Schatz, meinen Guru in Leben und Tod.
‚Lahiri, du bedarfst der Reinigung. Trinke das Öl in dieser Schale und lege dich an den Fluss.‘ Babajis praktische Weisheit, so überlegte ich mit einem schnellen, wehmütigen Lächeln, stand immer im Vordergrund.
Ich befolgte seine Anweisungen. Obwohl die eisige Himalaya-Nacht hereinbrach, begann eine wohlige Wärme, eine innere Ausstrahlung, in jeder Zelle meines Körpers zu pulsieren. Ich staunte. War das unbekannte Öl mit einer kosmischen Wärme durchdrungen?
Beißende Winde peitschten in der Dunkelheit um mich herum und schrien eine grimmige Herausforderung. Die kalten Wellen des Gogash-Flusses umspülten hin und wieder meinen Körper, der auf dem felsigen Ufer ausgestreckt war. Tiger heulten in der Nähe, aber mein Herz war frei von Furcht; die strahlende Kraft, die in mir neu erzeugt wurde, vermittelte die Gewissheit unantastbaren Schutzes. Mehrere Stunden vergingen schnell; verblasste Erinnerungen an ein anderes Leben verwebten sich mit dem gegenwärtigen brillanten Muster der Wiedervereinigung mit meinem göttlichen Guru.
Meine einsamen Gedanken wurden durch das Geräusch sich nähernder Schritte unterbrochen. In der Dunkelheit half mir eine Männerhand sanft auf die Beine und gab mir trockene Kleidung.
‚Komm, Bruder‘, sagte mein Begleiter. ‚Der Meister erwartet dich.‘
Er wies den Weg durch den Wald. Die düstere Nacht wurde plötzlich durch ein stetiges Leuchten in der Ferne erhellt.
‚Kann das der Sonnenaufgang sein?‘, fragte ich. ‚Sicherlich ist nicht die ganze Nacht vergangen?‘
‚Die Stunde ist Mitternacht.‘ Mein Führer lachte leise. ‚Das Licht dort drüben ist der Glanz eines goldenen Palastes, der heute Nacht vom unvergleichlichen Babaji hier materialisiert wurde. In der fernen Vergangenheit hast du einmal den Wunsch geäußert, die Schönheiten eines Palastes zu genießen. Unser Meister erfüllt nun deinen Wunsch und befreit dich so von den Fesseln des Karmas.‘ {FN34-4} Er fügte hinzu: ‚Der prächtige Palast wird der Schauplatz deiner heutigen Einweihung in KRIYA YOGA sein. Alle deine Brüder hier stimmen in einen Willkommensgesang ein und freuen sich über das Ende deines langen Exils. Siehe!‘
Ein riesiger Palast aus blendendem Gold stand vor uns. Übersät mit unzähligen Juwelen und inmitten von angelegten Gärten gelegen, bot er ein Spektakel von beispielloser Pracht. Heilige mit engelhaftem Antlitz standen an glänzenden Toren, die vom Glanz der Rubine halb gerötet waren. Diamanten, Perlen, Saphire und Smaragde von großer Größe und Leuchtkraft waren in die dekorativen Bögen eingebettet.
Ich folgte meinem Begleiter in eine geräumige Empfangshalle. Der Duft von Weihrauch und Rosen wehte durch die Luft; gedimmte Lampen warfen ein buntes Leuchten. Kleine Gruppen von Anhängern, manche hell-, manche dunkelhäutig, sangen musikalisch oder saßen in meditativer Haltung, versunken in einen inneren Frieden. Eine lebendige Freude durchdrang die Atmosphäre.
‚Weide deine Augen; genieße die künstlerische Pracht dieses Palastes, denn er wurde allein zu deinen Ehren ins Dasein gerufen.‘ Mein Führer lächelte verständnisvoll, als ich einige Ausrufe des Staunens von mir gab.
‚Bruder‘, sagte ich, ‚die Schönheit dieses Bauwerks übersteigt die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft. Bitte erzähle mir das Geheimnis seines Ursprungs.‘
‚Ich werde dich gerne aufklären.‘ Die dunklen Augen meines Begleiters funkelten vor Weisheit. ‚In Wirklichkeit gibt es nichts Unerklärliches an dieser Materialisierung. Der ganze Kosmos ist ein materialisierter Gedanke des Schöpfers. Dieser schwere, irdische Klumpen, der im Raum schwebt, ist ein Traum Gottes. Er hat alle Dinge aus Seinem Bewusstsein erschaffen, so wie der Mensch in seinem Traumbewusstsein eine Schöpfung mit ihren Geschöpfen reproduziert und belebt.
Gott schuf zuerst die Erde als Idee. Dann belebte Er sie; Energieatome entstanden. Er koordinierte die Atome zu dieser festen Sphäre. Alle ihre Moleküle werden durch den Willen Gottes zusammengehalten. Wenn Er Seinen Willen zurückzieht, wird die Erde wieder in Energie zerfallen. Energie wird sich in Bewusstsein auflösen; die Erden-Idee wird aus der Objektivität verschwinden.
Die Substanz eines Traums wird durch den unterbewussten Gedanken des Träumers in der Materialisierung gehalten. Wenn dieser zusammenhaltende Gedanke im Wachzustand zurückgezogen wird, lösen sich der Traum und seine Elemente auf. Ein Mensch schließt seine Augen und errichtet eine Traumschöpfung, die er beim Erwachen mühelos dematerialisiert. Er folgt dem göttlichen archetypischen Muster. Ähnlich wird er, wenn er im kosmischen Bewusstsein erwacht, die Illusionen des kosmischen Traums mühelos dematerialisieren.
Da Er eins ist mit dem unendlichen, alles vollbringenden Willen, kann Babaji die elementaren Atome zusammenrufen, um sich zu verbinden und in jeder beliebigen Form zu manifestieren. Dieser goldene Palast, augenblicklich erschaffen, ist real, genauso wie diese Erde real ist. Babaji erschuf dieses palastartige Anwesen aus seinem Geist und hält dessen Atome durch die Kraft seines Willens zusammen, genauso wie Gott diese Erde erschuf und sie intakt erhält.‘ Er fügte hinzu: ‚Wenn dieses Bauwerk seinen Zweck erfüllt hat, wird Babaji es dematerialisieren.‘
Als ich ehrfürchtig schwieg, machte mein Begleiter eine ausladende Geste. ‚Dieser schimmernde Palast, herrlich mit Juwelen geschmückt, wurde nicht durch menschliche Anstrengung oder mit mühsam abgebautem Gold und Edelsteinen erbaut. Er steht fest da, eine monumentale Herausforderung an den Menschen. {FN34-5} Wer sich selbst als Sohn Gottes erkennt, so wie Babaji es getan hat, kann jedes Ziel durch die unendlichen Kräfte erreichen, die in ihm verborgen sind. Ein gewöhnlicher Stein verschließt in sich das Geheimnis gewaltiger Atomenergie; {FN34-6} ebenso ist ein Sterblicher noch immer ein Kraftwerk der Göttlichkeit.‘
Der Weise hob von einem nahestehenden Tisch eine anmutige Vase auf, deren Griff mit Diamanten strahlte. ‚Unser großer Guru erschuf diesen Palast durch die Verfestigung von Myriaden freier kosmischer Strahlen‘, fuhr er fort. ‚Berühre diese Vase und ihre Diamanten; sie werden alle Tests der sinnlichen Erfahrung bestehen.‘
Ich untersuchte die Vase und fuhr mit der Hand über die glatten Zimmerwände, die dick mit glänzendem Gold bedeckt waren. Jeder der großzügig verstreuten Juwelen war eine Sammlung eines Königs wert. Tiefe Zufriedenheit breitete sich in meinem Geist aus. Ein unterdrückter Wunsch, der in meinem Unterbewusstsein aus längst vergangenen Leben verborgen war, schien gleichzeitig befriedigt und ausgelöscht.
Mein stattlicher Begleiter führte mich durch verzierte Bögen und Korridore in eine Reihe von Kammern, die im Stil eines Kaiserpalastes reich möbliert waren. Wir betraten eine riesige Halle. In der Mitte stand ein goldener Thron, besetzt mit Juwelen, die ein schillerndes Gemisch von Farben verströmten. Dort, in Lotus-Haltung, saß der höchste Babaji. Ich kniete auf dem glänzenden Boden zu seinen Füßen.
‚Lahiri, schwelgst du immer noch in deinen Traumwünschen nach einem goldenen Palast?‘ Die Augen meines Gurus funkelten wie seine eigenen Saphire. ‚Wach auf! Alle deine irdischen Durstgefühle sind dabei, für immer gelöscht zu werden.‘ Er murmelte einige mystische Worte des Segens. ‚Mein Sohn, steh auf. Empfange deine Einweihung in das Königreich Gottes durch KRIYA YOGA.‘
Babaji streckte seine Hand aus; ein HOMA-Feuer (Opferfeuer) erschien, umgeben von Früchten und Blumen. Ich empfing die befreiende yogische Technik vor diesem flammenden Altar.
Die Riten waren im frühen Morgengrauen abgeschlossen. Ich verspürte in meinem ekstatischen Zustand kein Bedürfnis nach Schlaf und wanderte durch den Palast, der auf allen Seiten mit Schätzen und unbezahlbaren KUNSTGEGENSTÄNDEN gefüllt war. Als ich in die prächtigen Gärten hinabstieg, bemerkte ich in der Nähe dieselben Höhlen und kargen Felsvorsprünge, die gestern noch keine Nähe zu Palast oder geblümter Terrasse aufgewiesen hatten.
Als ich den Palast wieder betrat, der fabelhaft im kalten Himalaya-Sonnenlicht glänzte, suchte ich die Gegenwart meines Meisters. Er saß immer noch auf dem Thron, umgeben von vielen stillen Schülern.
‚Lahiri, du bist hungrig.‘ Babaji fügte hinzu: ‚Schließe deine Augen.‘
Als ich sie wieder öffnete, waren der bezaubernde Palast und seine malerischen Gärten verschwunden. Mein eigener Körper und die Gestalten von Babaji und der Gruppe von Chelas saßen nun alle auf dem nackten Boden an genau der Stelle des verschwundenen Palastes, nicht weit von den sonnenbeschienenen Eingängen der Felsgrotten entfernt. Ich erinnerte mich, dass mein Führer bemerkt hatte, dass der Palast dematerialisiert werden würde, wobei seine gefangenen Atome in die Gedankenessenz freigesetzt würden, aus der er entsprungen war. Obwohl fassungslos, blickte ich vertrauensvoll zu meinem Guru auf. Ich wusste nicht, was ich an diesem Tag der Wunder als Nächstes erwarten sollte.
‚Der Zweck, für den der Palast erschaffen wurde, ist nun erfüllt‘, erklärte Babaji. Er hob ein irdenes Gefäß vom Boden auf. ‚Lege deine Hand hinein und empfange jede Speise, die du begehrst.‘
Sobald ich die breite, leere Schale berührte, war sie mit heißen, in Butter gebratenen LUCHIS, Curry und seltenen Süßigkeiten angehäuft. Ich bediente mich und beobachtete, dass das Gefäß immer gefüllt blieb. Am Ende meiner Mahlzeit sah ich mich nach Wasser um. Mein Guru deutete auf die Schale vor mir. Siehe! Das Essen war verschwunden; an seiner Stelle war Wasser, so klar wie aus einem Gebirgsbach.
‚Wenige Sterbliche wissen, dass das Königreich Gottes auch das Königreich der weltlichen Erfüllungen umfasst‘, bemerkte Babaji. ‚Das göttliche Reich erstreckt sich bis zum Irdischen, aber letzteres kann, da es illusorisch ist, die Essenz der Realität nicht enthalten.‘
‚Geliebter Guru, letzte Nacht hast du mir die Verbindung der Schönheit im Himmel und auf Erden demonstriert!‘ Ich lächelte bei der Erinnerung an den verschwundenen Palast; sicherlich hatte noch nie ein einfacher Yogi die Einweihung in die erhabenen Mysterien des Geistes inmitten einer Umgebung von beeindruckenderem Luxus erhalten! Ich blickte gelassen auf den krassen Kontrast der gegenwärtigen Szene. Der kahle Boden, das Himmelsdach, die Höhlen, die primitiven Schutz boten – alles schien eine gnädige natürliche Kulisse für die seraphischen Heiligen um mich herum zu sein.
Ich saß an jenem Nachmittag auf meiner Decke, die durch die Verbindungen zu Verwirklichungen aus früheren Leben geheiligt war. Mein göttlicher Guru näherte sich und legte seine Hand auf meinen Kopf. Ich trat in den Zustand des NIRBIKALPA SAMADHI ein und blieb sieben Tage lang ununterbrochen in seiner Glückseligkeit. Ich durchschritt die aufeinanderfolgenden Schichten der Selbsterkenntnis und drang in die unsterblichen Reiche der Realität ein. Alle täuschenden Begrenzungen fielen ab; meine Seele war vollständig auf dem ewigen Altar des Kosmischen Geistes verankert. Am achten Tag fiel ich zu den Füßen meines Gurus und flehte ihn an, mich immer bei ihm in dieser heiligen Wildnis zu behalten.
‚Mein Sohn‘, sagte Babaji und umarmte mich, ‚deine Rolle in dieser Inkarnation muss auf einer äußeren Bühne gespielt werden. Pränatal gesegnet durch viele Leben einsamer Meditation, musst du dich jetzt unter die Welt der Menschen mischen.
Ein tiefer Zweck lag der Tatsache zugrunde, dass du mich diesmal erst getroffen hast, als du bereits ein verheirateter Mann mit bescheidenen geschäftlichen Verpflichtungen warst. Du musst deine Gedanken, dich unserer geheimen Gruppe im Himalaya anzuschließen, beiseitelegen; dein Leben liegt auf den überfüllten Märkten, wo du als Beispiel für den idealen Yogi-Hausvater dienst.
Die Schreie vieler verwirrter weltlicher Männer und Frauen sind nicht ungehört an die Ohren der Großen gelangt‘, fuhr er fort. ‚Du wurdest auserwählt, zahlreichen ernsthaften Suchenden spirituellen Trost durch KRIYA YOGA zu bringen. Die Millionen, die mit familiären Bindungen und schweren weltlichen Pflichten belastet sind, werden durch dich neuen Mut schöpfen, einen Hausvater wie sie selbst. Du musst sie dazu führen, zu erkennen, dass die höchsten yogischen Errungenschaften dem Familienvater nicht verwehrt sind. Selbst in der Welt beschreitet der Yogi, der seine Pflichten treu und ohne persönlichen Beweggrund oder Anhaftung erfüllt, den sicheren Pfad der Erleuchtung.‘
„Keine Notwendigkeit zwingt dich, die Welt zu verlassen, denn in deinem Inneren hast du bereits jedes karmische Band zu ihr gelöst. Nicht von dieser Welt, musst du dennoch in ihr verweilen. Es verbleiben noch viele Jahre, während derer du gewissenhaft deine familiären, geschäftlichen, bürgerlichen und spirituellen Pflichten erfüllen musst. Ein süßer, neuer Hauch göttlicher Hoffnung wird die dürren Herzen weltlicher Menschen durchdringen. Aus deinem ausgeglichenen Leben werden sie verstehen, dass Befreiung von inneren statt von äußeren Entsagungen abhängt.“
Wie fern erschienen mir meine Familie, das Büro, die Welt, als ich meinem Guru in der hohen Einsamkeit des Himalaya lauschte. Doch in seinen Worten klang unerschütterliche Wahrheit; ich willigte unterwürfig ein, diesen gesegneten Hafen des Friedens zu verlassen. Babaji unterwies mich in den alten, strengen Regeln, die die Übertragung der yogischen Kunst vom Guru auf den Schüler bestimmen.
„Gewähre den KRIYA-Schlüssel nur qualifizierten Chelas“, sagte Babaji. „Wer gelobt, alles auf der Suche nach dem Göttlichen zu opfern, ist geeignet, die letzten Mysterien des Lebens durch die Wissenschaft der Meditation zu entschlüsseln.“
„Engelhafter Guru, da du die Menschheit bereits begünstigt hast, indem du die verlorene KRIYA-Kunst wiedererweckt hast, wirst du diesen Nutzen nicht vergrößern, indem du die strengen Anforderungen für die Jüngerschaft lockerst?“ Ich blickte flehend zu Babaji auf. „Ich bete, dass du mir erlaubst, KRIYA allen Suchenden mitzuteilen, auch wenn sie sich anfangs nicht zu vollständiger innerer Entsagung verpflichten können. Die gequälten Männer und Frauen der Welt, die vom dreifachen Leid verfolgt werden, {FN34-7} bedürfen besonderer Ermutigung. Sie werden den Weg zur Freiheit vielleicht niemals versuchen, wenn ihnen die KRIYA-Einweihung vorenthalten wird.“
„So sei es. Der göttliche Wunsch wurde durch dich ausgedrückt.“ Mit diesen einfachen Worten hob der barmherzige Guru die strengen Schutzmaßnahmen auf, die KRIYA seit Äonen vor der Welt verborgen gehalten hatten. „Gib KRIYA freigebig an alle weiter, die demütig um Hilfe bitten.“
Nach einer Stille fügte Babaji hinzu: „Wiederhole jedem deiner Schüler dieses majestätische Versprechen aus der BHAGAVAD GITA: ‚SWALPAMASYA DHARMASYA, TRAYATA MAHATO BHOYAT‘ – ‚Selbst ein wenig von der Ausübung dieser Religion wird dich vor argen Ängsten und gewaltigen Leiden bewahren.‘“ {FN34-8}
Als ich am nächsten Morgen zu den Füßen meines Gurus kniete, um seinen Abschiedssegen zu empfangen, spürte er meinen tiefen Widerwillen, ihn zu verlassen.
„Es gibt keine Trennung für uns, mein geliebtes Kind.“ Er berührte meine Schulter liebevoll. „Wo immer du bist, wann immer du mich rufst, werde ich augenblicklich bei dir sein.“
Getröstet durch sein wunderbares Versprechen und reich an dem neu gefundenen Gold der Gott-Weisheit, begab ich mich den Berg hinunter. Im Büro wurde ich von meinen Kollegen begrüßt, die mich zehn Tage lang in den Dschungeln des Himalaya verloren geglaubt hatten. Bald traf ein Brief aus der Zentrale ein.
„Lahiri soll an das Büro in Danapur {FN34-9} zurückkehren“, hieß es. „Seine Versetzung nach Ranikhet geschah irrtümlich. Ein anderer Mann hätte geschickt werden sollen, um die Aufgaben in Ranikhet zu übernehmen.“
Ich lächelte und dachte über die verborgenen Gegenströmungen in den Ereignissen nach, die mich an diesen entlegensten Punkt Indiens geführt hatten.
Bevor ich nach Danapur zurückkehrte, verbrachte ich einige Tage bei einer bengalischen Familie in Moradabad. Eine Gruppe von sechs Freunden versammelte sich, um mich zu begrüßen. Als ich das Gespräch auf spirituelle Themen lenkte, bemerkte mein Gastgeber düster:
„Oh, in diesen Tagen ist Indien frei von Heiligen!“
„Babu“, protestierte ich herzlich, „natürlich gibt es in diesem Land noch große Meister!“
In einer Stimmung gehobener Inbrunst fühlte ich mich gedrängt, von meinen wundersamen Erlebnissen im Himalaya zu berichten. Die kleine Gesellschaft war höflich ungläubig.
„Lahiri“, sagte ein Mann beschwichtigend, „dein Geist war in jenen dünnen Höhen der Berge unter Druck. Das ist ein Tagtraum, den du da erzählst.“
Brennend vor Begeisterung für die Wahrheit sprach ich, ohne lange nachzudenken. „Wenn ich ihn rufe, wird mein Guru genau in diesem Haus erscheinen.“
Interesse blitzte in jedem Auge auf; es war kein Wunder, dass die Gruppe begierig darauf war, einen Heiligen zu sehen, der auf solch seltsame Weise materialisierte. Halb widerwillig bat ich um einen ruhigen Raum und zwei neue Wolldecken.
„Der Meister wird aus dem Äther materialisieren“, sagte ich. „Bleibt schweigend vor der Tür; ich werde euch bald rufen.“
Ich versank in den meditativen Zustand und rief demütig meinen Guru. Der verdunkelte Raum füllte sich bald mit einem schwachen ätherischen Mondlicht; die leuchtende Gestalt Babajis erschien.
„Lahiri, rufst du mich wegen einer Nichtigkeit?“ Der Blick des Meisters war streng. „Wahrheit ist für ernsthafte Suchende, nicht für solche aus eitler Neugier. Es ist leicht zu glauben, wenn man sieht; dann gibt es nichts mehr zu leugnen. Übersinnliche Wahrheit wird von jenen verdient und entdeckt, die ihre natürliche materialistische Skepsis überwinden.“ Er fügte ernst hinzu: „Lass mich gehen!“
Ich fiel flehend zu seinen Füßen. „Heiliger Guru, ich erkenne meinen schweren Fehler; ich bitte demütig um Verzeihung. Um Glauben in diesen spirituell erblindeten Köpfen zu erwecken, wagte ich es, dich zu rufen. Weil du gnädigerweise auf mein Gebet hin erschienen bist, gehe bitte nicht, ohne meinen Freunden einen Segen zu erteilen. Auch wenn sie Ungläubige sind, waren sie zumindest bereit, die Wahrheit meiner seltsamen Behauptungen zu untersuchen.“
„Sehr wohl; ich werde eine Weile bleiben. Ich möchte nicht, dass dein Wort vor deinen Freunden in Misskredit gerät.“ Babajis Gesicht hatte sich aufgehellt, doch er fügte sanft hinzu: „Von nun an, mein Sohn, werde ich kommen, wenn du mich brauchst, und nicht immer, wenn du mich rufst.“ {FN34-10}
Angespannte Stille herrschte in der kleinen Gruppe, als ich die Tür öffnete. Als trauten sie ihren Sinnen nicht, starrten meine Freunde auf die leuchtende Gestalt auf dem Deckenlager.
„Das ist Massenhypnose!“ Ein Mann lachte unverhohlen. „Niemand hätte diesen Raum ohne unser Wissen betreten können!“
Babaji trat lächelnd vor und forderte jeden auf, das warme, feste Fleisch seines Körpers zu berühren. Die Zweifel waren ausgeräumt, und meine Freunde warfen sich in ehrfürchtiger Reue auf den Boden.
„Lasst HALUA {FN34-11} zubereiten.“ Diese Bitte äußerte Babaji, wie ich wusste, um der Gruppe seine physische Realität weiter zu bestätigen. Während der Brei kochte, plauderte der göttliche Guru freundlich. Groß war die Metamorphose dieser ungläubigen Thomasse in gläubige Apostel Paulus. Nachdem wir gegessen hatten, segnete Babaji jeden von uns nacheinander. Es gab ein plötzliches Aufblitzen; wir wurden Zeugen der augenblicklichen Dechemikalisation der elektronischen Elemente von Babajis Körper in ein sich ausbreitendes, dampfendes Licht. Die gottgestimmte Willenskraft des Meisters hatte ihren Griff um die Ätheratome gelockert, die als sein Körper zusammengehalten wurden; augenblicklich verblassten die Billionen winziger, lebensenergetischer Funken in das unendliche Reservoir.
„Mit meinen eigenen Augen habe ich den Bezwinger des Todes gesehen.“ Maitra, {FN34-12} einer aus der Gruppe, sprach ehrfürchtig. Sein Gesicht war verklärt von der Freude seines jüngsten Erwachens. „Der höchste Guru spielte mit Zeit und Raum, wie ein Kind mit Seifenblasen spielt. Ich habe jemanden geschaut, der die Schlüssel zum Himmel und zur Erde besitzt.“
Ich kehrte bald nach Danapur zurück. Fest verankert im Geist, nahm ich wieder die vielfältigen geschäftlichen und familiären Verpflichtungen eines Hausvaters auf.
Lahiri Mahasaya erzählte auch Swami Kebalananda und Sri Yukteswar die Geschichte eines weiteren Treffens mit Babaji unter Umständen, die an das Versprechen des Gurus erinnerten: „Ich werde kommen, wann immer du mich brauchst.“
„Der Schauplatz war eine KUMBHA MELA in Allahabad“, berichtete Lahiri Mahasaya seinen Jüngern. „Ich war während eines kurzen Urlaubs von meinen Büropflichten dorthin gereist. Als ich inmitten der Schar von Mönchen und Sadhus umherwanderte, die aus großer Entfernung gekommen waren, um an dem heiligen Fest teilzunehmen, bemerkte ich einen aschebeschmierten Asketen, der eine Bettelschale hielt. Der Gedanke kam mir, dass der Mann heuchlerisch sei, da er die äußeren Symbole der Entsagung trug, ohne eine entsprechende innere Gnade.“
Kaum war ich an dem Asketen vorbeigegangen, fiel mein erstaunter Blick auf Babaji. Er kniete vor einem verwirrten Eremiten.
„Guruji!“ Ich eilte an seine Seite. „Herr, was tut Ihr hier?“
„Ich wasche die Füße dieses Entsagenden, und danach werde ich seine Kochutensilien reinigen.“ Babaji lächelte mich an wie ein kleines Kind; ich wusste, er deutete an, dass ich niemanden kritisieren, sondern den Herrn als gleichermaßen in allen Körpertempeln wohnend sehen sollte, ob sie nun von überlegenen oder unterlegenen Menschen seien. Der große Guru fügte hinzu: „Indem ich weisen und unwissenden Sadhus diene, lerne ich die größte aller Tugenden, die Gott über alle anderen gefällt – Demut.“
Wenn ein Schüler eine seiner weltlichen Verpflichtungen vernachlässigte, korrigierte und disziplinierte ihn der Meister sanft.
„Lahiri Mahasayas Worte waren mild und heilend, selbst wenn er gezwungen war, offen über die Fehler eines Chelas zu sprechen“, erzählte mir Sri Yukteswar einmal. Er fügte wehmütig hinzu: „Kein Schüler floh jemals vor den Stacheln unseres Meisters.“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, versicherte Sri Yukteswar jedoch wahrheitsgemäß, dass jedes seiner Worte, ob scharf oder nicht, Musik in meinen Ohren sei.
Lahiri Mahasaya unterteilte KRIYA sorgfältig in vier fortschreitende Einweihungen. {FN35-15} Er verlieh die drei höheren Techniken erst, nachdem der Gottgeweihte einen deutlichen spirituellen Fortschritt gezeigt hatte. Eines Tages machte ein bestimmter Chela, überzeugt davon, dass sein Wert nicht gebührend eingeschätzt würde, seinem Unmut Luft.
„Meister“, sagte er, „ich bin sicherlich jetzt bereit für die zweite Einweihung.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür, um einen demütigen Schüler, Brinda Bhagat, einzulassen. Er war ein Briefträger aus Benares.
„Brinda, setz dich hier zu mir.“ Der große Guru lächelte ihn liebevoll an. „Sag mir, bist du bereit für die zweite Technik des KRIYA?“
Der kleine Briefträger faltete flehend die Hände. „Gurudeva“, sagte er alarmiert, „bitte keine weiteren Einweihungen mehr! Wie soll ich noch höhere Lehren aufnehmen? Ich bin heute gekommen, um um deinen Segen zu bitten, denn das erste göttliche KRIYA hat mich mit einer solchen Trunkenheit erfüllt, dass ich meine Briefe nicht austragen kann!“
„Brinda schwimmt bereits im Meer des Geistes.“ Bei diesen Worten von Lahiri Mahasaya ließ der andere Schüler den Kopf hängen.
„Meister“, sagte er, „ich sehe, ich war ein schlechter Arbeiter, der an seinen Werkzeugen herumnörgelte.“
Der Briefträger, ein ungebildeter Mann, entwickelte später durch KRIYA seine Einsicht in einem solchen Maße, dass Gelehrte ihn gelegentlich um seine Auslegung komplizierter Schriftstellen baten. Von Sünde wie von Syntax gleichermaßen unberührt, erlangte der kleine Brinda im Bereich der gelehrten Pundits Berühmtheit.
Neben den zahlreichen Schülern von Lahiri Mahasaya in Benares kamen Hunderte aus den entlegensten Teilen Indiens zu ihm. Er selbst reiste bei verschiedenen Gelegenheiten nach Bengalen und besuchte die Häuser der Schwiegerväter seiner beiden Söhne. So gesegnet durch seine Anwesenheit, wurde Bengalen von kleinen KRIYA-Gruppen durchzogen. Insbesondere in den Distrikten Krishnagar und Bishnupur haben viele stille Gottgeweihte bis zum heutigen Tag den unsichtbaren Strom der spirituellen Meditation fließen lassen.
Unter den vielen Heiligen, die KRIYA von Lahiri Mahasaya empfingen, seien der illustre Swami Vhaskarananda Saraswati aus Benares und der Asket von hohem Rang aus Deogarh, Balananda Brahmachari, erwähnt. Eine Zeit lang diente Lahiri Mahasaya als Privatlehrer des Sohnes von Maharaja Iswari Narayan Sinha Bahadur von Benares. In Anerkennung der spirituellen Errungenschaft des Meisters suchten der Maharaja sowie sein Sohn die KRIYA-Einweihung, ebenso wie Maharaja Jotindra Mohan Thakur.
Eine Reihe von Lahiri Mahasayas Schülern in einflussreichen weltlichen Positionen wünschte sich, den KRIYA-Kreis durch Publizität zu erweitern. Der Guru verweigerte seine Erlaubnis. Ein Chela, der königliche Arzt des Herrn von Benares, startete einen organisierten Versuch, den Namen des Meisters als „Kashi Baba“ (Erhabener von Benares) zu verbreiten. {FN35-16} Wiederum untersagte es der Guru.
„Lasst den Duft der KRIYA-Blume ganz natürlich verbreiten, ohne jedes Aufsehen“, sagte er. „Ihre Samen werden im Boden geistig fruchtbarer Herzen Wurzeln schlagen.“
Obwohl der große Meister nicht das System der Predigt durch das moderne Medium einer Organisation oder durch die Druckerpresse übernahm, wusste er, dass die Kraft seiner Botschaft wie eine unwiderstehliche Flut aufsteigen würde, die aus eigener Kraft die Ufer der menschlichen Geister überflutete. Die veränderten und gereinigten Leben der Gottgeweihten waren die einfachen Garanten für die unsterbliche Vitalität von KRIYA.
Im Jahr 1886, fünfundzwanzig Jahre nach seiner Einweihung in Ranikhet, wurde Lahiri Mahasaya in den Ruhestand versetzt. {FN35-17} Da er nun tagsüber verfügbar war, suchten ihn die Schüler in immer größerer Zahl auf. Der große Guru saß nun die meiste Zeit in Stille, eingeschlossen in die ruhige Lotusstellung. Er verließ sein kleines Empfangszimmer nur selten, selbst nicht für einen Spaziergang oder um andere Teile des Hauses aufzusuchen. Ein stiller Strom von Chelas traf fast unaufhörlich ein, um einen DARSHAN (heiliger Anblick) des Gurus zu erhalten.
Zum Staunen aller Betrachter wies Lahiri Mahasayas gewohnter physiologischer Zustand die übermenschlichen Merkmale von Atemlosigkeit, Schlaflosigkeit, Stillstand von Puls und Herzschlag, ruhigen, stundenlang nicht blinzelnden Augen und einer tiefen Aura des Friedens auf. Kein Besucher ging, ohne eine Erhebung des Geistes zu erfahren; alle wussten, dass sie den stillen Segen eines wahren Mannes Gottes erhalten hatten.
Der Meister erlaubte nun seinem Schüler Panchanon Bhattacharya, eine „Arya Mission Institution“ in Kalkutta zu eröffnen. Hier verbreitete der heilige Schüler die Botschaft des KRIYA YOGA und bereitete zum öffentlichen Wohl bestimmte yogische Kräutermedikamente {FN35-18} zu.
In Übereinstimmung mit altem Brauch gab der Meister den Menschen im Allgemeinen ein NEEM-Öl {FN35-19} zur Heilung verschiedener Krankheiten. Wenn der Guru einen Schüler bat, das Öl zu destillieren, konnte dieser die Aufgabe leicht bewältigen. Wenn es jemand anderes versuchte, stieß er auf seltsame Schwierigkeiten und stellte fest, dass das medizinische Öl nach den erforderlichen Destillationsprozessen fast verdampft war. Offensichtlich war der Segen des Meisters eine notwendige Zutat.
Lahiri Mahasayas Handschrift und Unterschrift in bengalischem Skript sind oben abgebildet. Die Zeilen stammen aus einem Brief an einen Chela; der große Meister interpretiert einen Sanskrit-Vers wie folgt: „Wer einen Zustand der Ruhe erreicht hat, in dem seine Augenlider nicht blinzeln, hat SAMBHABI MUDRA erreicht.“
(UNTERSCHRIFT) „SRI SHYAMA CHARAN DEVA SHARMAN“
Die Arya Mission Institution unternahm die Veröffentlichung vieler der schriftstellerischen Kommentare des Gurus. Wie Jesus und andere große Propheten schrieb Lahiri Mahasaya selbst keine Bücher, aber seine eindringlichen Interpretationen wurden von verschiedenen Schülern aufgezeichnet und zusammengestellt. Einige dieser freiwilligen Sekretäre waren bei der korrekten Vermittlung der tiefen Einsicht des Gurus einsichtiger als andere; doch im Großen und Ganzen waren ihre Bemühungen erfolgreich. Durch ihren Eifer besitzt die Welt unvergleichliche Kommentare von Lahiri Mahasaya zu sechsundzwanzig alten Schriften.
Sri Ananda Mohan Lahiri, ein Enkel des Meisters, hat ein interessantes Heft über KRIYA geschrieben. „Der Text der BHAGAVAD GITA ist Teil des großen Epos, der MAHABHARATA, die mehrere Knotenpunkte (VYAS-KUTAS) besitzt“, schrieb Sri Ananda. „Lassen wir diese Knotenpunkte ungefragt, finden wir nichts als mythische Geschichten einer eigentümlichen und leicht misszuverstehenden Art. Lassen wir diese Knotenpunkte unerklärt, haben wir eine Wissenschaft verloren, die der Osten mit übermenschlicher Geduld nach einer Suche von tausenden von Jahren des Experimentierens bewahrt hat. {FN35-20} Es waren die Kommentare von Lahiri Mahasaya, die die Wissenschaft der Religion selbst, befreit von Allegorien, ans Licht brachten, die so geschickt im Rätsel der schriftstellerischen Buchstaben und Bilder verborgen worden war. Die ansonsten bedeutungslosen Formeln vedischer Verehrung sind keine bloße unverständliche Wortakrobatik mehr, sondern wurden vom Meister als voller wissenschaftlicher Bedeutung bewiesen. . . .
„Wir wissen, dass der Mensch normalerweise hilflos gegenüber der aufständischen Herrschaft böser Leidenschaften ist, aber diese werden machtlos und der Mensch findet keinen Grund mehr für ihr Ausleben, wenn ihm durch KRIYA ein Bewusstsein für überlegene und dauerhafte Glückseligkeit dämmert. Hier synchronisiert sich das Aufgeben, die Verneinung der niederen Leidenschaften, mit einem Aufnehmen, der Behauptung einer Glückseligkeit. Ohne einen solchen Kurs sind Hunderte von moralischen Maximen, die nur in Verneinungen verlaufen, für uns nutzlos.
„Unsere Eifer für weltliche Aktivität tötet in uns das Gefühl der spirituellen Ehrfurcht. Wir können das Große Leben hinter allen Namen und Formen nicht begreifen, einfach deshalb, weil die Wissenschaft uns vor Augen führt, wie wir die Kräfte der Natur nutzen können; diese Vertrautheit hat eine Verachtung für ihre letzten Geheimnisse gezüchtet. Unsere Beziehung zur Natur ist eine des praktischen Geschäfts. Wir necken sie sozusagen, um zu wissen, wie sie dazu gebracht werden kann, unseren Zwecken zu dienen; wir nutzen ihre Energien, deren Quelle dennoch unbekannt bleibt. In der Wissenschaft ist unsere Beziehung zur Natur diejenige zwischen einem Herrn und seinem Diener, oder im philosophischen Sinne ist sie wie ein Gefangener im Zeugenstand. Wir verhören sie, fordern sie heraus und wägen ihre Beweise minutiös auf menschlichen Waagen ab, die ihre verborgenen Werte nicht messen können. Andererseits, wenn das Selbst in Gemeinschaft mit einer höheren Macht ist, gehorcht die Natur automatisch, ohne Stress oder Anstrengung, dem Willen des Menschen. Dieses mühelose Gebieten über die Natur wird vom unverständigen Materialisten als ‚wunderbar‘ bezeichnet.
„Das Leben von Lahiri Mahasaya setzte ein Beispiel, das die irrige Vorstellung veränderte, Yoga sei eine mysteriöse Praxis. Jeder Mensch kann durch KRIYA einen Weg finden, seine richtige Beziehung zur Natur zu verstehen und spirituelle Ehrfurcht vor allen Phänomenen zu empfinden, ob mystisch oder alltäglich, ungeachtet der Sachlichkeit der physikalischen Wissenschaft. {FN35-21} Wir müssen bedenken, dass das, was vor tausend Jahren mystisch war, es nicht mehr ist, und das, was jetzt geheimnisvoll ist, in hundert Jahren rechtmäßig verständlich werden kann. Es ist das Unendliche, der Ozean der Kraft, der hinter allen Erscheinungsformen steht.
„Das Gesetz des KRIYA YOGA ist ewig. Es ist wahr wie die Mathematik; wie die einfachen Regeln der Addition und Subtraktion kann das Gesetz des KRIYA niemals zerstört werden. Verbrennt alle Bücher über Mathematik zu Asche, die logisch Denkenden werden solche Wahrheiten immer wieder neu entdecken; zerstört alle heiligen Bücher über Yoga, seine fundamentalen Gesetze werden immer dann zum Vorschein kommen, wenn ein wahrer Yogi erscheint, der in sich selbst reine Hingabe und folglich reines Wissen umfasst.“
So wie Babaji unter den größten Avataren ein MAHAVATAR ist und Sri Yukteswar ein JNANAVATAR oder eine Inkarnation der Weisheit, so kann Lahiri Mahasaya zu Recht als YOGAVATAR oder Inkarnation des Yoga bezeichnet werden. Nach den Maßstäben sowohl qualitativen als auch quantitativen Gutes hob er das spirituelle Niveau der Gesellschaft. In seiner Kraft, seine engen Schüler zu christusgleicher Statur zu erheben, und in seiner weiten Verbreitung der Wahrheit unter den Massen, rangiert Lahiri Mahasaya unter den Erlösern der Menschheit.
Seine Einzigartigkeit als Prophet liegt in seiner praktischen Betonung einer definitiven Methode, KRIYA, die zum ersten Mal die Tore der Yoga-Freiheit für alle Menschen öffnete. Abgesehen von den Wundern seines eigenen Lebens erreichte der YOGAVATAR sicherlich den Zenit aller Wunder darin, die alten Komplexitäten des Yoga auf eine effektive Einfachheit zu reduzieren, die nicht über das gewöhnliche Verständnis hinausgeht.
In Bezug auf Wunder sagte Lahiri Mahasaya oft: „Das Wirken subtiler Gesetze, die den Menschen im Allgemeinen unbekannt sind, sollte nicht ohne gebührende Unterscheidung öffentlich diskutiert oder veröffentlicht werden.“ Wenn ich in diesen Seiten seine warnenden Worte missachtet zu haben scheine, dann deshalb, weil er mir eine innere Beruhigung gegeben hat. Außerdem habe ich es beim Aufzeichnen der Leben von Babaji, Lahiri Mahasaya und Sri Yukteswar für ratsam gehalten, viele wahre wunderbare Geschichten auszulassen, die kaum hätten aufgenommen werden können, ohne auch einen erklärenden Band über abstruse Philosophie zu schreiben.
Neue Hoffnung für neue Menschen! „Göttliche Vereinigung“, verkündete der YOGAVATAR, „ist durch eigene Anstrengung möglich und hängt nicht von theologischen Überzeugungen oder dem willkürlichen Willen eines kosmischen Diktators ab.“
Durch den Gebrauch des KRIYA-Schlüssels werden Personen, die sich nicht dazu durchringen können, an die Göttlichkeit irgendeines Menschen zu glauben, endlich die volle Göttlichkeit ihres eigenen Selbst schauen.
{FN35-1} MATTHÄUS 3,15.
{FN35-2} Viele biblische Passagen enthüllen, dass das Gesetz der Reinkarnation verstanden und akzeptiert wurde. Reinkarnationszyklen sind eine vernünftigere Erklärung für die verschiedenen Stufen der Evolution, in denen sich die Menschheit befindet, als die verbreitete westliche Theorie, die annimmt, dass etwas (Bewusstsein der Egoität) aus dem Nichts kam, dreißig oder neunzig Jahre lang mit unterschiedlichem Grad an Lebenskraft existierte und dann in das ursprüngliche Nichts zurückkehrte. Die unvorstellbare Natur eines solchen Nichts ist ein Problem, das das Herz eines mittelalterlichen Scholastikers erfreuen würde.
{FN35-3} MALEACHI 3,23 (nach Luther 4,5).
{FN35-4} „Vor ihm“, d.h. „vor dem Herrn“.
{FN35-5} LUKAS 1,13-17.
{FN35-6} MATTHÄUS 17,12-13.
{FN35-7} MATTHÄUS 11,13-14.
{FN35-8} JOHANNES 1,21.
{FN35-9} II. KÖNIGE 2,9-14.
{FN35-10} MATTHÄUS 17,3.
{FN35-11} MATTHÄUS 27,46-49.
{FN35-12} „Wie viele Arten von Tod sind in unseren Körpern! Nichts ist darin als der Tod.“ – MARTIN LUTHER, in „TISCHREDEN“.
{FN35-13} Das Hauptgebet der Mohammedaner, das gewöhnlich viermal oder fünfmal täglich wiederholt wird.
{FN35-14} „Suche die Wahrheit in der Meditation, nicht in schimmeligen Büchern. Schau in den Himmel, um den Mond zu finden, nicht in den Teich.“ – PERSISCHES SPRICHWORT.
{FN35-15} Da KRIYA YOGA zu vielen Unterteilungen fähig ist, filterte Lahiri Mahasaya weise vier Schritte heraus, von denen er erkannte, dass sie das wesentliche Mark enthielten und von höchstem Wert in der tatsächlichen Praxis waren.
{FN35-16} Andere Titel, die Lahiri Mahasaya von seinen Schülern verliehen wurden, waren YOGIBAR (größter der Yogis), YOGIRAJ (König der Yogis) und MUNIBAR (größter der Heiligen), denen ich YOGAVATAR (Inkarnation des Yoga) hinzugefügt habe.
{FN35-17} Er hatte insgesamt fünfunddreißig Dienstjahre in einer Regierungsbehörde geleistet.
{FN35-18} Umfangreiches Kräuterwissen findet sich in alten Sanskrit-Abhandlungen. Himalaja-Kräuter wurden bei einer Verjüngungskur eingesetzt, die 1938 die Aufmerksamkeit der Welt erregte, als die Methode bei Pundit Madan Mohan Malaviya, dem 77-jährigen Vizekanzler der Benares Hindu University, angewandt wurde. In bemerkenswertem Ausmaß erlangte der bekannte Gelehrte innerhalb von 45 Tagen seine Gesundheit, Kraft, sein Gedächtnis und sein normales Sehvermögen zurück; Anzeichen für ein drittes Gebiss erschienen, während alle Falten verschwanden. Die Kräuterbehandlung, bekannt als KAYA KALPA, ist eine von 80 Verjüngungsmethoden, die in der hinduistischen AYURVEDA oder medizinischen Wissenschaft beschrieben werden. Pundit Malaviya unterzog sich der Behandlung in den Händen von Sri Kalpacharya Swami Beshundasji, der 1766 als sein Geburtsjahr angibt. Er besitzt Dokumente, die belegen, dass er mehr als 100 Jahre alt ist; ASSOCIATED PRESS-Reporter bemerkten, dass er wie etwa 40 aussah.
Alte hinduistische Abhandlungen unterteilten die medizinische Wissenschaft in 8 Zweige: SALYA (Chirurgie); SALAKYA (Krankheiten oberhalb des Halses); KAYACHIKITSA (eigentliche Medizin); BHUTAVIDYA (Geisteskrankheiten); KAUMARA (Säuglingspflege); AGADA (Toxikologie); RASAYANA (Langlebigkeit); VAGIKARANA (Tonika). Vedische Ärzte benutzten feine chirurgische Instrumente, wandten plastische Chirurgie an, verstanden medizinische Methoden, um den Wirkungen von Giftgas entgegenzuwirken, führten Kaiserschnitte und Gehirnoperationen durch und waren geschickt in der Dynamisierung von Medikamenten. Hippokrates, der berühmte Arzt des 5. Jahrhunderts v. Chr., entlehnte einen Großteil seiner Materia Medica aus hinduistischen Quellen.
{FN35-19} Der ostindische Margosa-Baum. Seine medizinischen Werte sind nun im Westen anerkannt, wo die bittere NEEM-Rinde als Tonikum verwendet wird und das Öl aus Samen und Früchten bei der Behandlung von Lepra und anderen Krankheiten von größtem Wert gefunden wurde.
{FN35-20} „Eine Anzahl von Siegeln, die kürzlich an archäologischen Stätten des Industals ausgegraben wurden und in das dritte Jahrtausend v. Chr. datiert werden können, zeigen Figuren, die in meditativen Stellungen sitzen, wie sie heute im Yoga-System verwendet werden, und rechtfertigen die Schlussfolgerung, dass bereits zu jener Zeit einige der Rudimente des Yoga bekannt waren. Wir können nicht unbegründet den Schluss ziehen, dass systematische Introspektion mit Hilfe studierter Methoden in Indien seit fünftausend Jahren praktiziert wird. . . . Indien hat bestimmte wertvolle religiöse Geisteshaltungen und ethische Vorstellungen entwickelt, die einzigartig sind, zumindest in der Breite ihrer Anwendung auf das Leben. Eine davon war eine Toleranz in Fragen intellektuellen Glaubens – der Lehre –, die für den Westen erstaunlich ist, wo jahrhundertelang die Jagd auf Ketzer üblich war und blutige Kriege zwischen Nationen über sektiererische Rivalitäten häufig waren.“ – Auszüge aus einem Artikel von Professor W. Norman Brown in der Ausgabe vom Mai 1939 des BULLETIN des American Council of Learned Societies, Washington, D.C.
{FN35-21} Man denkt hier an Carlyles Beobachtung in SARTOR RESARTUS: „Der Mensch, der nicht staunen kann, der nicht gewohnheitsmäßig staunt (und verehrt), wäre er auch Präsident unzähliger Königlicher Gesellschaften und trüge . . . den Inbegriff aller Laboratorien und Observatorien mit ihren Ergebnissen in seinem einzigen Kopf – ist nur ein Paar Brillengläser, hinter denen kein Auge ist.“
KAPITEL: 36
BABAJIS INTERESSE AM WESTEN
„Meister, sind Sie Babaji jemals begegnet?“
Es war eine ruhige Sommernacht in Serampore; die großen Sterne der Tropen leuchteten über unseren Köpfen, als ich an Sri Yukteswars Seite auf dem Balkon im zweiten Stock der Einsiedelei saß.
„Ja.“ Der Meister lächelte auf meine direkte Frage; seine Augen leuchteten vor Ehrfurcht. „Dreimal wurde ich durch den Anblick des unsterblichen Gurus gesegnet. Unser erstes Treffen war in Allahabad bei einer KUMBHA MELA.“
Die religiösen Jahrmärkte, die in Indien seit undenklichen Zeiten abgehalten werden, sind als KUMBHA MELAS bekannt; sie haben spirituelle Ziele ständig vor den Augen der Menge gehalten. Fromme Hindus versammeln sich alle sechs Jahre zu Millionen, um Tausende von Sadhus, Yogis, Swamis und Asketen aller Art zu treffen. Viele sind Einsiedler, die ihre abgelegenen Aufenthaltsorte niemals verlassen, außer um die MELAS zu besuchen und ihre Segnungen den weltlichen Männern und Frauen zu spenden.
„Ich war kein Swami zu der Zeit, als ich Babaji traf“, fuhr Sri Yukteswar fort. „Aber ich hatte bereits die KRIYA-Einweihung von Lahiri Mahasaya erhalten. Er ermutigte mich, die MELA zu besuchen, die im Januar 1894 in Allahabad stattfand. Es war meine erste Erfahrung eines KUMBHA; ich fühlte mich leicht benommen von dem Lärm und dem Andrang der Menge. Bei meinen suchenden Blicken umher sah ich kein erleuchtetes Gesicht eines Meisters. Als ich eine Brücke am Ufer des Ganges überquerte, bemerkte ich einen Bekannten, der in der Nähe stand, seine Bettelschale ausgestreckt.
„‚Oh, dieser Jahrmarkt ist nichts als ein Chaos aus Lärm und Bettlern‘, dachte ich desillusioniert. ‚Ich frage mich, ob westliche Wissenschaftler, die geduldig die Wissensgebiete zum praktischen Wohl der Menschheit erweitern, Gott nicht wohlgefälliger sind als diese Müßiggänger, die Religion bekennen, sich aber auf Almosen konzentrieren.‘
„Meine schwelenden Überlegungen zur Sozialreform wurden durch die Stimme eines großen Sannyasi unterbrochen, der vor mir innehielt.
„‚Sir‘, sagte er, ‚ein Heiliger ruft dich.‘
„‚Wer ist er?‘
„‚Komm und sieh selbst.‘
„Zögernd diesem lakonischen Rat folgend, fand ich mich bald in der Nähe eines Baumes, dessen Zweige einen Guru mit einer attraktiven Gruppe von Schülern schützten. Der Meister, eine helle, ungewöhnliche Gestalt mit funkelnden dunklen Augen, erhob sich bei meiner Annäherung und umarmte mich.
„‚Willkommen, Swamiji‘, sagte er liebevoll.
„‚Sir‘, antwortete ich nachdrücklich, ‚ich bin KEIN Swami.‘
„‚Diejenigen, die ich göttlich angewiesen bin, mit dem Titel „Swami“ zu belegen, werfen ihn niemals ab.‘ Der Heilige sprach einfach zu mir, aber tiefe Überzeugung von der Wahrheit klang in seinen Worten mit; ich wurde von einer plötzlichen Welle spirituellen Segens überflutet. Lächelnd über meine plötzliche Erhebung in den alten Mönchsorden {FN36-1}, verbeugte ich mich zu Füßen des offensichtlich großen und engelhaften Wesens in menschlicher Gestalt, das mich so geehrt hatte.
„Babaji – denn er war es in der Tat – bedeutete mir, mich in seiner Nähe unter dem Baum zu setzen. Er war stark und jung und sah aus wie Lahiri Mahasaya; dennoch fiel mir die Ähnlichkeit nicht auf, obwohl ich oft von den außerordentlichen Gemeinsamkeiten im Erscheinungsbild der beiden Meister gehört hatte. Babaji besitzt eine Kraft, durch die er verhindern kann, dass irgendein spezifischer Gedanke im Geist einer Person aufkommt. Offensichtlich wünschte der große Guru, dass ich in seiner Gegenwart vollkommen natürlich sei, nicht eingeschüchtert durch das Wissen um seine Identität.
„‚Was denkst du von der KUMBHA MELA?‘
„‚Ich war sehr enttäuscht, Sir.‘ Ich fügte hastig hinzu: ‚Bis zu dem Zeitpunkt, als ich dich traf. Irgendwie scheinen Heilige und dieser Aufruhr nicht zusammenzugehören.‘
„‚Kind‘, sagte der Meister, obwohl ich anscheinend fast doppelt so alt war wie er, ‚urteile nicht über das Ganze aufgrund der Fehler der Vielen. Alles auf Erden hat einen gemischten Charakter, wie eine Mischung aus Sand und Zucker. Sei wie die weise Ameise, die nur den Zucker nimmt und den Sand unberührt lässt. Obwohl viele Sadhus hier noch in Täuschung wandeln, ist die MELA doch von einigen Männern der Gottverwirklichung gesegnet.‘
„Angesichts meiner eigenen Begegnung mit diesem erhabenen Meister stimmte ich seiner Beobachtung schnell zu.
„‚Sir‘, bemerkte ich, ‚ich habe an die wissenschaftlichen Männer des Westens gedacht, die an Intelligenz weitaus größer sind als die meisten hier versammelten Menschen, die im fernen Europa und Amerika leben, verschiedene Glaubensbekenntnisse bekennen und die wirklichen Werte solcher MELAS wie der heutigen nicht kennen. Sie sind die Männer, die durch Treffen mit Indiens Meistern sehr profitieren könnten. Aber obwohl sie hoch in intellektuellen Errungenschaften stehen, sind viele Westler an einen krassen Materialismus gebunden. Andere, berühmt in Wissenschaft und Philosophie, erkennen die wesentliche Einheit in der Religion nicht. Ihre Glaubensbekenntnisse dienen als unüberwindbare Barrieren, die sie für immer von uns zu trennen drohen.‘
„‚Ich sah, dass du dich für den Westen wie auch für den Osten interessierst.‘ Babajis Gesicht strahlte vor Zustimmung. ‚Ich fühlte den Schmerz deines Herzens, das weit genug für alle Menschen ist, ob Orientalen oder Okzidentalen. Deshalb habe ich dich hierher gerufen.
„‚Ost und West müssen einen goldenen Mittelweg aus Aktivität und Spiritualität kombiniert etablieren‘, fuhr er fort. ‚Indien hat viel vom Westen in der materiellen Entwicklung zu lernen; im Gegenzug kann Indien die universellen Methoden lehren, durch die der Westen in der Lage sein wird, seine religiösen Überzeugungen auf die unerschütterlichen Grundlagen der yogischen Wissenschaft zu stützen.
„‚Du, Swamiji, hast eine Rolle in dem kommenden harmonischen Austausch zwischen Orient und Okzident zu spielen. In einigen Jahren werde ich dir einen Schüler schicken, den du für die Yoga-Verbreitung im Westen ausbilden kannst. Die Schwingungen dort von vielen spirituell suchenden Seelen kommen flutartig zu mir. Ich nehme potenzielle Heilige in Amerika und Europa wahr, die darauf warten, erweckt zu werden.‘“
An diesem Punkt seiner Geschichte richtete Sri Yukteswar seinen Blick ganz auf meinen.
„Mein Sohn“, sagte er und lächelte im Mondlicht, „du bist der Schüler, den Babaji mir vor Jahren zu schicken versprach.“
Ich war glücklich zu erfahren, dass Babaji meine Schritte zu Sri Yukteswar gelenkt hatte, doch es fiel mir schwer, mich im fernen Westen fernab von meinem geliebten Guru und dem schlichten Frieden der Einsiedelei zu sehen.
„Babaji sprach dann von der BHAGAVAD GITA“, fuhr Sri Yukteswar fort. „Zu meinem Erstaunen gab er durch einige lobende Worte zu verstehen, dass ihm bekannt war, dass ich Auslegungen zu verschiedenen Kapiteln der GITA geschrieben hatte.“
„‚Auf meine Bitte hin, Swamiji, übernimm bitte noch eine Aufgabe‘, sagte der große Meister. ‚Willst du nicht ein kleines Buch über die zugrunde liegende, grundlegende Einheit zwischen den christlichen und den hinduistischen Schriften schreiben? Zeige durch parallele Verweise, dass die inspirierten Söhne Gottes dieselben Wahrheiten verkündet haben, die nun durch die sektiererischen Unterschiede der Menschen verdunkelt sind.‘“
„‚Maharaj‘, {FN36-2} antwortete ich zaghaft, ‚was für ein Auftrag! Werde ich imstande sein, ihn zu erfüllen?‘“
Babaji lachte leise. „‚Mein Sohn, warum zweifelst du?‘“, sagte er beruhigend. „‚Wessen Werk ist dies alles in Wahrheit, und wer ist der Handelnde in allen Taten? Was auch immer der Herr mich sagen ließ, das muss als Wahrheit Gestalt annehmen.‘“
Ich fühlte mich durch den Segen des Heiligen gestärkt und willigte ein, das Buch zu schreiben. Mit dem widerstrebenden Gefühl, dass die Stunde des Abschieds gekommen war, erhob ich mich von meinem belaubten Sitz.
„‚Kennst du Lahiri?‘“, {FN36-3} erkundigte sich der Meister. „‚Er ist eine große Seele, nicht wahr? Erzähle ihm von unserem Treffen.‘“ Er gab mir dann eine Botschaft für Lahiri Mahasaya mit.
Nachdem ich mich demütig zum Abschied verbeugt hatte, lächelte der Heilige gütig. „Wenn dein Buch fertig ist, werde ich dir einen Besuch abstatten“, versprach er. „Auf Wiedersehen für den Augenblick.“
Ich verließ Allahabad am nächsten Tag und fuhr mit dem Zug nach Benares. Als ich das Heim meines Gurus erreichte, sprudelte ich die Geschichte des wunderbaren Heiligen auf der KUMBHA MELA hervor.
„‚Oh, hast du ihn nicht erkannt?‘“ Lahiri Mahasayas Augen tanzten vor Lachen. „‚Ich sehe, du konntest es nicht, denn er hat dich daran gehindert. Er ist mein unvergleichlicher Guru, der himmlische Babaji!‘“
„‚Babaji!‘“, wiederholte ich ehrfürchtig. „‚Der Yogi-Christus Babaji! Der unsichtbar-sichtbare Retter Babaji! Oh, könnte ich nur die Zeit zurückdrehen und noch einmal in seiner Gegenwart sein, um meine Hingabe an seinen Lotusfüßen zu zeigen!‘“
„‚Schon gut‘“, sagte Lahiri Mahasaya tröstend. „‚Er hat versprochen, dich wiederzusehen.‘“
„‚Gurudeva, der göttliche Meister bat mich, dir eine Nachricht zu überbringen. „Sage Lahiri“, sagte er, „dass die für dieses Leben aufgespeicherte Kraft nun zur Neige geht; sie ist fast zu Ende.“‘“
Bei meinem Aussprechen dieser rätselhaften Worte bebte die Gestalt von Lahiri Mahasaya, als wäre sie von einem Blitz getroffen worden. Im Nu verstummte alles um ihn herum; sein lächelndes Antlitz wurde unglaublich streng. Wie eine hölzerne Statue, düster und unbeweglich auf ihrem Sitz, wurde sein Körper farblos. Ich war alarmiert und verwirrt. Niemals zuvor in meinem Leben hatte ich diese freudvolle Seele eine derart schreckliche Ernsthaftigkeit bekunden sehen. Die anderen anwesenden Schüler starrten besorgt.
Drei Stunden vergingen in völliger Stille. Dann nahm Lahiri Mahasaya sein natürliches, heiteres Wesen wieder an und sprach liebevoll zu jedem der Chelas. Jeder atmete erleichtert auf.
Ich erkannte durch die Reaktion meines Meisters, dass Babajis Botschaft ein unmissverständliches Signal gewesen war, durch das Lahiri Mahasaya verstand, dass sein Körper bald verlassen sein würde. Sein ehrfurchtgebietendes Schweigen bewies, dass mein Guru augenblicklich sein Wesen kontrolliert, seine letzte Bindung an die materielle Welt durchtrennt und zu seiner ewig lebendigen Identität im Geist geflohen war. Babajis Bemerkung war seine Art zu sagen gewesen: „Ich werde immer bei dir sein.“
Obwohl Babaji und Lahiri Mahasaya allwissend waren und es nicht nötig hatten, durch mich oder einen anderen Mittler miteinander zu kommunizieren, herablassen sich die Großen oft dazu, einen Teil im menschlichen Drama zu spielen. Gelegentlich übermitteln sie ihre Prophezeiungen durch Boten auf gewöhnliche Weise, damit die endgültige Erfüllung ihrer Worte einen größeren göttlichen Glauben in einem weiten Kreis von Menschen entfacht, die die Geschichte später erfahren.
„Ich verließ bald Benares und machte mich in Serampore an die Arbeit an den Schriften, die Babaji erbeten hatte“, fuhr Sri Yukteswar fort. „Kaum hatte ich mit meiner Aufgabe begonnen, als ich in der Lage war, ein Gedicht zu verfassen, das dem unsterblichen Guru gewidmet war. Die melodischen Zeilen flossen mühelos aus meiner Feder, obwohl ich mich nie zuvor an Sanskrit-Dichtung versucht hatte.“
In der Stille der Nacht befasste ich mich mit einem Vergleich der Bibel und den Schriften des SANATAN DHARMA. {FN36-4} Unter Zitierung der Worte des gesegneten Herrn Jesus zeigte ich, dass seine Lehren im Wesentlichen eins waren mit den Offenbarungen der VEDEN. Zu meiner Erleichterung war mein Buch in kurzer Zeit fertig; ich erkannte, dass dieser schnelle Segen der Gnade meines PARAM-GURU-MAHARAJ zu verdanken war. {FN36-5} Die Kapitel erschienen zuerst in der Zeitschrift SADHUSAMBAD; später wurden sie von einem meiner Schüler aus Kidderpore privat als Buch gedruckt.
„Am Morgen, nachdem ich meine literarischen Bemühungen abgeschlossen hatte“, fuhr der Meister fort, „ging ich zum Rai Ghat hier, um im Ganges zu baden. Das Ghat war verlassen; ich stand eine Weile still und genoss den sonnigen Frieden. Nach einem Bad im glitzernden Wasser machte ich mich auf den Heimweg. Das einzige Geräusch in der Stille war das meines vom Ganges durchnässten Stoffes, der bei jedem Schritt schmatzte. Als ich das Gelände des großen Banyanbaums nahe dem Flussufer hinter mir ließ, drängte mich ein starker Impuls, zurückzublicken. Dort, im Schatten des Banyanbaums und umgeben von einigen Schülern, saß der große Babaji!“
„‚Sei gegrüßt, Swamiji!‘ Die wunderschöne Stimme des Meisters klang auf, um mich zu versichern, dass ich nicht träumte. ‚Ich sehe, du hast dein Buch erfolgreich vollendet. Wie ich versprach, bin ich hier, um dir zu danken.‘“
Mit klopfendem Herzen warf ich mich vollständig zu seinen Füßen nieder. „‚Param-guruji‘“, sagte ich flehend, „‚werden Sie und Ihre Chelas nicht mein nahegelegenes Heim mit Ihrer Anwesenheit ehren?‘“
Der höchste Guru lehnte lächelnd ab. „‚Nein, Kind‘“, sagte er, „‚wir sind Menschen, die den Schutz von Bäumen mögen; dieser Platz ist ganz gemütlich.‘“
„‚Bitte verweilen Sie noch ein wenig, Meister.‘“ Ich starrte ihn bittend an. „‚Ich bin sofort mit ein paar besonderen Süßigkeiten zurück.‘“
Als ich nach wenigen Minuten mit einer Schale voller Leckereien zurückkehrte, siehe da! Der stolze Banyanbaum bot der himmlischen Schar keinen Schutz mehr. Ich suchte das gesamte Ghat ab, aber in meinem Herzen wusste ich, dass die kleine Gruppe bereits auf ätherischen Schwingen entflohen war.
Ich war tief verletzt. „‚Selbst wenn wir uns wiedersehen, würde ich nicht mit ihm sprechen wollen‘“, versicherte ich mir. „‚Er war unfreundlich, mich so plötzlich zu verlassen.‘“ Dies war natürlich ein Zorn der Liebe und nichts weiter.
Ein paar Monate später besuchte ich Lahiri Mahasaya in Benares. Als ich sein kleines Wohnzimmer betrat, lächelte mein Guru zur Begrüßung.
„‚Willkommen, Yukteswar‘“, sagte er. „‚Hast du gerade Babaji an der Schwelle meines Zimmers getroffen?‘“
„‚Wie bitte, nein‘“, antwortete ich überrascht.
„‚Komm her.‘“ Lahiri Mahasaya berührte mich sanft an der Stirn; augenblicklich erblickte ich nahe der Tür die Gestalt von Babaji, blühend wie ein vollkommener Lotus.
Ich erinnerte mich an meinen alten Schmerz und verneigte mich nicht. Lahiri Mahasaya sah mich erstaunt an.
Der göttliche Guru blickte mich mit unergründlichen Augen an. „‚Du bist verärgert über mich.‘“
„‚Sir, warum sollte ich das nicht sein?‘“, antwortete ich. „‚Aus dem Nichts kamst du mit deiner magischen Gruppe und ins Nichts bist du wieder verschwunden.‘“
„‚Ich sagte dir, dass ich dich sehen würde, aber ich sagte nicht, wie lange ich bleiben würde.‘“ Babaji lachte leise. „‚Du warst voller Aufregung. Ich versichere dir, dass ich durch den Hauch deiner Rastlosigkeit förmlich im Äther ausgelöscht wurde.‘“
Ich war augenblicklich zufrieden mit dieser wenig schmeichelhaften Erklärung. Ich kniete zu seinen Füßen nieder; der höchste Guru klopfte mir freundlich auf die Schulter.
„‚Kind, du musst mehr meditieren‘“, sagte er. „‚Dein Blick ist noch nicht fehlerfrei – du konntest mich nicht sehen, wie ich mich hinter dem Sonnenlicht versteckte.‘“ Mit diesen Worten in der Stimme einer himmlischen Flöte verschwand Babaji in den verborgenen Glanz.
„Das war einer meiner letzten Besuche in Benares, um meinen Guru zu sehen“, schloss Sri Yukteswar. „Genau wie Babaji auf der KUMBHA MELA vorausgesagt hatte, neigte sich die Hausvater-Inkarnation von Lahiri Mahasaya dem Ende zu. Während des Sommers 1895 entwickelte sich an seinem kräftigen Körper ein kleines Geschwür am Rücken. Er wehrte sich dagegen, es aufschneiden zu lassen; er trug am eigenen Leib das böse Karma einiger seiner Schüler ab. Schließlich wurden einige Chelas sehr beharrlich; der Meister antwortete kryptisch:“
„‚Der Körper muss einen Grund finden zu gehen; ich werde mit allem einverstanden sein, was ihr tun wollt.‘“
Kurze Zeit später gab der unvergleichliche Guru seinen Körper in Benares auf. Ich muss ihn nicht mehr in seinem kleinen Wohnzimmer aufsuchen; ich finde jeden Tag meines Lebens gesegnet durch seine allgegenwärtige Führung.
Jahre später hörte ich von den Lippen von Swami Keshabananda, {FN36-6} einem fortgeschrittenen Schüler, viele wunderbare Einzelheiten über das Hinscheiden von Lahiri Mahasaya.
„Einige Tage bevor mein Guru seinen Körper aufgab“, erzählte mir Keshabananda, „manifestierte er sich vor mir, als ich in meiner Einsiedelei in Hardwar saß.“
„‚Komm sofort nach Benares.‘“ Mit diesen Worten verschwand Lahiri Mahasaya.
Ich fuhr sofort mit dem Zug nach Benares. Im Haus meines Gurus fand ich viele Schüler versammelt. Stundenlang {FN36-7} legte der Meister an jenem Tag die GITA aus; dann sprach er einfach zu uns:
„‚Ich gehe nach Hause.‘“
Schluchzer der Qual brachen wie ein unwiderstehlicher Strom hervor.
„‚Seid getröstet; ich werde wieder auferstehen.‘“ Nach dieser Äußerung drehte Lahiri Mahasaya seinen Körper dreimal im Kreis, wandte sich in seiner Lotussitzhaltung nach Norden und ging glorreich in das endgültige MAHA-SAMADHI ein. {FN36-8}
„Lahiri Mahasayas wunderschöner Körper, den Anhängern so teuer, wurde mit feierlichen Hausvater-Riten am Manikarnika Ghat am heiligen Ganges eingeäschert“, fuhr Keshabananda fort. „Am folgenden Tag, um zehn Uhr morgens, während ich noch in Benares war, wurde mein Zimmer von einem großen Licht durchflutet. Siehe! Vor mir stand die Gestalt von Lahiri Mahasaya aus Fleisch und Blut! Sie sah exakt aus wie sein alter Körper, außer dass er jünger und strahlender erschien. Mein göttlicher Guru sprach zu mir:“
„‚Keshabananda‘“, sagte er, „‚ich bin es. Aus den zerfallenen Atomen meines eingeäscherten Körpers habe ich eine umgestaltete Form auferstehen lassen. Meine Hausvater-Arbeit in der Welt ist getan; aber ich verlasse die Erde nicht ganz. Fortan werde ich einige Zeit mit Babaji im Himalaya und mit Babaji im Kosmos verbringen.‘“
Mit ein paar segnenden Worten an mich verschwand der transzendente Meister. Wundersame Inspiration erfüllte mein Herz; ich war im Geist erhoben, genau wie die Jünger Christi und Kabirs {FN36-9}, als sie nach dessen physischem Tod auf ihre lebendigen Gurus geblickt hatten.
„Als ich in meine abgelegene Einsiedelei in Hardwar zurückkehrte“, fuhr Keshabananda fort, „trug ich die heilige Asche meines Gurus bei mir. Ich weiß, dass er dem raum-zeitlichen Käfig entkommen ist; der Vogel der Allgegenwart ist befreit. Dennoch tröstete es mein Herz, seine heiligen Überreste zu bestatten.“
Ein weiterer Schüler, der durch den Anblick seines auferstandenen Gurus gesegnet wurde, war der heilige Panchanon Bhattacharya, Gründer der Calcutta Arya Mission Institution. {FN36-10}
Ich besuchte Panchanon in seinem Haus in Kalkutta und hörte mit Freude die Geschichte seiner vielen Jahre mit dem Meister. Abschließend erzählte er mir von dem wunderbarsten Ereignis in seinem Leben.
„Hier in Kalkutta“, sagte Panchanon, „um zehn Uhr am Morgen nach seiner Einäscherung erschien Lahiri Mahasaya vor mir in lebendiger Herrlichkeit.“
Swami Pranabananda, der „Heilige mit zwei Körpern“, vertraute mir ebenfalls die Einzelheiten seiner eigenen himmlischen Erfahrung an.
„Einige Tage bevor Lahiri Mahasaya seinen Körper verließ“, erzählte mir Pranabananda zu der Zeit, als er meine Schule in Ranchi besuchte, „erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich bat, sofort nach Benares zu kommen. Ich war jedoch verzögert und konnte nicht sofort abreisen. Als ich mitten in meinen Reisevorbereitungen war, etwa um zehn Uhr morgens, wurde ich plötzlich von Freude überwältigt, als ich die strahlende Gestalt meines Gurus sah.“
„‚Warum die Eile nach Benares?‘“, sagte Lahiri Mahasaya lächelnd. „‚Du wirst mich dort nicht mehr finden.‘“
Als die Tragweite seiner Worte zu mir durchdrang, schluchzte ich untröstlich, in der Überzeugung, dass ich ihn nur in einer Vision sah.
Der Meister trat tröstend auf mich zu. „‚Hier, berühre mein Fleisch‘“, sagte er. „‚Ich lebe, wie immer. Klage nicht; bin ich nicht für immer bei dir?‘“
Aus den Lippen dieser drei großen Schüler ist eine Geschichte von wundersamer Wahrheit hervorgegangen: Zur Morgenstunde um zehn Uhr, an dem Tag, nachdem der Körper von Lahiri Mahasaya den Flammen übergeben worden war, erschien der auferstandene Meister in einem realen, aber verklärten Körper vor drei Schülern, von denen jeder in einer anderen Stadt war.
„Wenn aber dieses Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dieses Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ {FN36-11}
{FN36-1} Sri Yukteswar wurde später offiziell in den Swami-Orden durch den MAHANT (Klosterleiter) von Buddh Gaya eingeweiht.
{FN36-2} „Großer König“ – ein Titel des Respekts.
{FN36-3} Ein Guru bezieht sich auf seinen eigenen Schüler normalerweise einfach mit dessen Namen und lässt jeden Titel weg. Daher sagte Babaji „Lahiri“ und nicht „Lahiri Mahasaya“.
{FN36-4} Wörtlich „ewige Religion“, der Name, der dem Korpus der vedischen Lehren gegeben wurde. SANATAN DHARMA wird seit der Zeit der Griechen, die die Menschen an den Ufern des Flusses Indus als INDOOS oder HINDUS bezeichneten, als HINDUISMUS bezeichnet. Das Wort HINDU bezieht sich, genau genommen, nur auf Anhänger des SANATAN DHARMA oder Hinduismus. Der Begriff INDER gilt gleichermaßen für Hindus, Mohammedaner und andere BEWOHNER des Bodens von Indien (und auch aufgrund des verwirrenden geografischen Fehlers von Kolumbus für die amerikanischen mongoloiden Ureinwohner).
Der alte Name für Indien ist ARYAVARTA, wörtlich „Wohnsitz der Arier“. Die Sanskrit-Wurzel von ARYA ist „würdig, heilig, edel“. Der spätere ethnologische Missbrauch von ARISCH zur Bezeichnung nicht spiritueller, sondern physischer Merkmale veranlasste den großen Orientalisten Max Müller zu der skurrilen Aussage: „Für mich ist ein Ethnologe, der von einer arischen Rasse, arischem Blut, arischen Augen und Haaren spricht, ein ebenso großer Sünder wie ein Linguist, der von einem dolichozephalen Wörterbuch oder einer brachyzephalen Grammatik spricht.“
{FN36-5} PARAM-GURU ist wörtlich „Guru der Höchste“ oder „Guru jenseits“, was eine Linie oder Nachfolge von Lehrern bezeichnet. Babaji, der GURU von Lahiri Mahasaya, war der PARAM-GURU von Sri Yukteswar.
{FN36-6} Mein Besuch in Keshabanandas Ashram ist auf S. 405-408 beschrieben.
{FN36-7} Der 26. September 1895 ist das Datum, an dem Lahiri Mahasaya seinen Körper verließ. In wenigen Tagen hätte er seinen achtundsechzigsten Geburtstag erreicht.
{FN36-8} Das Gesicht nach Norden zu wenden und den Körper dreimal zu drehen, sind Teile eines vedischen Ritus, der von Meistern angewandt wird, die im Voraus wissen, wann die letzte Stunde für den physischen Körper schlägt. Die letzte Meditation, während der der Meister mit dem kosmischen AUM verschmilzt, wird das MAHA- oder große SAMADHI genannt.
{FN36-9} Kabir war ein großer Heiliger des sechzehnten Jahrhunderts, dessen große Anhängerschaft sowohl Hindus als auch Mohammedaner umfasste. Zur Zeit seines Todes stritten die Schüler über die Art der Durchführung der Bestattungszeremonien. Der aufgebrachte Meister erhob sich aus seinem letzten Schlaf und gab seine Anweisungen. „Die Hälfte meiner Überreste soll nach moslemischen Riten begraben werden“, sagte er; „die andere Hälfte soll mit einem hinduistischen Sakrament verbrannt werden.“ Dann verschwand er. Als die Schüler den Sarg öffneten, der seinen Körper enthalten hatte, fanden sie nichts als eine schillernde Anordnung goldfarbener Champak-Blumen. Die Hälfte davon wurde gehorsam von den Moslems begraben, die seinen Schrein bis heute verehren.
In seiner Jugend wurde Kabir von zwei Schülern angesprochen, die auf dem mystischen Pfad eine detaillierte intellektuelle Führung wünschten. Der Meister antwortete einfach:
„Ein Pfad setzt Entfernung voraus; Wenn Er nahe ist, bedarfst du keines Pfades. Wahrlich, es lässt mich lächeln, Von einem Fisch im Wasser zu hören, der durstig ist!“
{FN36-10} Panchanon errichtete in einem sieben Hektar großen Garten in Deogarh in Bihar einen Tempel, der eine steinerne Statue von Lahiri Mahasaya enthält. Eine weitere Statue des großen Meisters wurde von Schülern in dem kleinen Wohnzimmer seines Hauses in Benares aufgestellt.
{FN36-11} 1. KORINTHER 15,54-55.
KAPITEL: 37
ICH GEHE NACH AMERIKA
„Amerika! Sicherlich sind diese Menschen Amerikaner!“ Dies war mein Gedanke, als eine panoramische Vision westlicher Gesichter vor meinem inneren Blick vorbeizog.
In Meditation versunken saß ich hinter einigen staubigen Kisten im Lagerraum der Schule von Ranchi. Ein privater Ort war in jenen geschäftigen Jahren mit den Jugendlichen schwer zu finden!
Die Vision dauerte an; eine riesige Menge {FN37-1} starrte mich intensiv an und fegte schauspielerisch über die Bühne des Bewusstseins.
Die Lagertür öffnete sich; wie üblich hatte einer der Jungen mein Versteck entdeckt.
„Komm her, Bimal“, rief ich fröhlich. „Ich habe Neuigkeiten für dich: Der Herr ruft mich nach Amerika!“
„Nach Amerika?“ Der Junge wiederholte meine Worte in einem Ton, der andeutete, ich hätte „zum Mond“ gesagt.
„Ja! Ich mache mich auf, Amerika zu entdecken, wie Kolumbus. Er dachte, er hätte Indien gefunden; sicherlich gibt es eine karmische Verbindung zwischen diesen beiden Ländern!“
Bimal rannte davon; bald war die ganze Schule durch die zweibeinige Zeitung informiert. {FN37-2} Ich rief die verwirrte Fakultät zusammen und übergab ihr die Schule.
„Ich weiß, dass ihr Lahiri Mahasayas Yoga-Ideale der Bildung immer in den Vordergrund stellen werdet“, sagte ich. „Ich werde euch häufig schreiben; so Gott will, werde ich eines Tages zurückkehren.“
Tränen standen in meinen Augen, als ich einen letzten Blick auf die kleinen Jungen und die sonnigen Äcker von Ranchi warf. Eine bestimmte Epoche meines Lebens war nun abgeschlossen, wusste ich; von nun an würde ich in fernen Ländern wohnen. Ich fuhr wenige Stunden nach meiner Vision mit dem Zug nach Kalkutta. Am folgenden Tag erhielt ich eine Einladung, als Delegierter Indiens an einem Internationalen Kongress religiöser Liberaler in Amerika teilzunehmen. Er sollte in jenem Jahr in Boston unter der Schirmherrschaft der American Unitarian Association stattfinden.
Mit wirbelndem Kopf suchte ich Sri Yukteswar in Serampore auf.
„Guruji, ich wurde gerade eingeladen, auf einem Religionskongress in Amerika zu sprechen. Soll ich gehen?“
„Alle Türen stehen dir offen“, antwortete der Meister einfach. „Es ist jetzt oder nie.“
„Aber, Sir“, sagte ich bestürzt, „was weiß ich über öffentliches Reden? Selten habe ich einen Vortrag gehalten, und noch nie auf Englisch.“
„Englisch hin oder her, deine Worte über Yoga werden im Westen gehört werden.“
Ich lachte. „Nun, lieber Guruji, ich glaube kaum, dass die Amerikaner Bengali lernen werden! Bitte segnen Sie mich mit einem Stoß über die Hürden der englischen Sprache.“ {FN37-3}
Als ich meinem Vater die Nachricht von meinen Plänen überbrachte, war er völlig vor den Kopf gestoßen. Für ihn schien Amerika unglaublich fern; er fürchtete, mich vielleicht nie wiederzusehen.
„Wie kannst du gehen?“, fragte er streng. „Wer wird dich finanzieren?“ Da er die Kosten meiner Ausbildung und meines ganzen Lebens liebevoll getragen hatte, hoffte er zweifellos, dass seine Frage mein Vorhaben zu einem peinlichen Stillstand bringen würde.
„Der Herr wird mich sicherlich finanzieren.“ Als ich diese Antwort gab, dachte ich an die ähnliche, die ich vor langer Zeit meinem Bruder Ananta in Agra gegeben hatte. Ohne viel List fügte ich hinzu: „Vater, vielleicht wird Gott dir den Gedanken eingeben, mir zu helfen.“
„Nein, niemals!“ Er sah mich mitleidig an.
Ich war daher erstaunt, als mir Vater am folgenden Tag einen Scheck über einen hohen Betrag aushändigte.
„Ich gebe dir dieses Geld“, sagte er, „nicht in meiner Eigenschaft als Vater, sondern als treuer Schüler von Lahiri Mahasaya. Geh also in jenes ferne westliche Land; verbreite dort die konfessionslosen Lehren des KRIYA YOGA.“
Ich war zutiefst gerührt von dem selbstlosen Geist, in dem Vater in der Lage gewesen war, seine persönlichen Wünsche schnell beiseite zu schieben. Die gerechte Erkenntnis war ihm während der vorangegangenen Nacht gekommen, dass kein gewöhnlicher Wunsch nach Auslandsreisen meine Reise motivierte.
„Vielleicht werden wir uns in diesem Leben nicht wiedersehen.“ Vater, der zu dieser Zeit siebenundsechzig war, sprach traurig.
Eine intuitive Überzeugung veranlasste mich zu antworten: „Sicherlich wird der Herr uns noch einmal zusammenbringen.“
Als ich mich daran machte, meine Vorbereitungen zu treffen, um den Meister und mein Heimatland für die unbekannten Ufer Amerikas zu verlassen, erlebte ich nicht wenig Beklemmung. Ich hatte viele Geschichten über die materialistische westliche Atmosphäre gehört, die sich sehr von dem spirituellen Hintergrund Indiens unterschied, der von der jahrhundertealten Aura der Heiligen durchdrungen war. „Ein orientalischer Lehrer, der es wagt, sich den westlichen Lüften auszusetzen“, dachte ich, „muss härter sein als die Prüfungen irgendeiner Himalaya-Kälte!“
Eines frühen Morgens begann ich zu beten, mit einer eisernen Entschlossenheit, damit fortzufahren, sogar betend zu sterben, bis ich die Stimme Gottes hörte. Ich wollte Seinen Segen und die Gewissheit, dass ich mich nicht im Nebel des modernen Utilitarismus verlieren würde. Mein Herz war darauf eingestellt, nach Amerika zu gehen, aber noch stärker war es entschlossen, den Trost der göttlichen Erlaubnis zu hören.
Ich betete und betete und erstickte mein Schluchzen. Keine Antwort kam. Mein stummes Flehen steigerte sich in ein qualvolles Crescendo, bis ich mittags einen Höhepunkt erreichte; mein Verstand konnte dem Druck meiner Qualen nicht länger standhalten. Wenn ich noch einmal mit gesteigerter Tiefe meiner inneren Leidenschaft schrie, fühlte ich, als würde mein Gehirn zerspringen. In diesem Moment klopfte es draußen an dem Vorraum, der an das Zimmer in der Gurpar Road angrenzte, in dem ich saß. Als ich die Tür öffnete, sah ich einen jungen Mann in der schlichten Kleidung eines Entsagenden. Er trat ein, schloss die Tür hinter sich und lehnte meine Bitte, sich zu setzen, ab, wobei er durch eine Geste andeutete, dass er im Stehen mit mir sprechen wolle.
„Das muss Babaji sein!“, dachte ich benommen, denn der Mann vor mir hatte die Gesichtszüge eines jüngeren Lahiri Mahasaya.
Er antwortete auf meinen Gedanken. „Ja, ich bin Babaji.“ Er sprach melodisch auf Hindi. „Unser Himmlischer Vater hat dein Gebet erhört. Er befiehlt mir, dir zu sagen: Befolge die Anordnungen deines Gurus und gehe nach Amerika. Fürchte dich nicht; du wirst beschützt sein.“
Nach einer lebendigen Pause wandte sich Babaji wieder an mich. „Du bist derjenige, den ich auserwählt habe, die Botschaft des KRIYA YOGA im Westen zu verbreiten. Vor langer Zeit traf ich deinen Guru Yukteswar auf einem KUMBHA MELA; ich sagte ihm damals, dass ich dich zur Ausbildung zu ihm schicken würde.“
Ich war sprachlos, erstickt von andächtiger Ehrfurcht in seiner Gegenwart, und tief berührt, aus seinem eigenen Mund zu hören, dass er mich zu Sri Yukteswar geführt hatte. Ich warf mich vor dem unsterblichen Guru zu Boden. Er hob mich gnädig vom Boden auf. Er erzählte mir viele Dinge über mein Leben, gab mir dann einige persönliche Anweisungen und äußerte ein paar geheime Prophezeiungen.
„KRIYA YOGA, die wissenschaftliche Technik der Gottverwirklichung“, sagte er schließlich feierlich, „wird sich letztendlich in allen Ländern verbreiten und dazu beitragen, die Nationen durch die persönliche, transzendentale Wahrnehmung des Unendlichen Vaters durch den Menschen in Einklang zu bringen.“
Mit einem Blick von majestätischer Kraft elektrisierte mich der Meister durch einen flüchtigen Einblick in sein kosmisches Bewusstsein. Nach kurzer Zeit machte er sich auf den Weg zur Tür.
„Versuche nicht, mir zu folgen“, sagte er. „Du wirst dazu nicht in der Lage sein.“
„Bitte, Babaji, geh nicht fort!“, rief ich wiederholt. „Nimm mich mit!“
Er blickte zurück und antwortete: „Nicht jetzt. Ein andermal.“
Von Emotionen überwältigt, missachtete ich seine Warnung. Als ich versuchte, ihm zu folgen, entdeckte ich, dass meine Füße fest am Boden verwurzelt waren. Von der Tür aus warf mir Babaji einen letzten liebevollen Blick zu. Er erhob seine Hand zum Segen und ging davon, während meine Augen sehnsüchtig auf ihm ruhten.
Nach wenigen Minuten waren meine Füße frei. Ich setzte mich und versank in eine tiefe Meditation, in der ich Gott unaufhörlich nicht nur dafür dankte, dass er mein Gebet erhört hatte, sondern mich auch durch die Begegnung mit Babaji gesegnet hatte. Mein ganzer Körper schien durch die Berührung des uralten, ewig jungen Meisters geheiligt. Es war lange mein brennender Wunsch gewesen, ihn zu schauen.
Bis heute habe ich niemandem diese Geschichte von meiner Begegnung mit Babaji erzählt. Da ich sie als die heiligste meiner menschlichen Erfahrungen betrachte, habe ich sie in meinem Herzen verborgen. Aber der Gedanke kam mir, dass die Leser dieser Autobiographie eher dazu neigen könnten, an die Realität des zurückgezogen lebenden Babaji und seine weltweiten Interessen zu glauben, wenn ich berichte, dass ich ihn mit eigenen Augen gesehen habe. Ich habe einem Künstler geholfen, ein wahres Bild des großen Yogi-Christus des modernen Indiens zu zeichnen; es erscheint in diesem Buch.
Der Vorabend meiner Abreise in die Vereinigten Staaten fand mich in Sri Yukteswars heiliger Gegenwart.
„Vergiss, dass du als Hindu geboren wurdest, und sei kein Amerikaner. Nimm das Beste von beiden“, sagte der Meister in seiner ruhigen Art der Weisheit. „Sei dein wahres Selbst, ein Kind Gottes. Suche und integriere in dein Wesen die besten Eigenschaften all deiner Brüder, die über die Erde in verschiedenen Rassen verstreut sind.“
Dann segnete er mich: „All jene, die mit Glauben zu dir kommen und Gott suchen, werden Hilfe finden. Wenn du sie ansiehst, wird der spirituelle Strom, der von deinen Augen ausgeht, in ihr Gehirn eindringen und ihre materiellen Gewohnheiten verändern, sodass sie sich Gottes bewusster werden.“
Er fuhr fort: „Dein Los, aufrichtige Seelen anzuziehen, ist sehr gut. Überall, wo du hingehst, selbst in einer Wildnis, wirst du Freunde finden.“
Beide seiner Segnungen haben sich hinlänglich bewahrheitet. Ich kam allein nach Amerika, in eine Wildnis ohne einen einzigen Freund, aber dort fand ich Tausende, die bereit waren, die zeitlosen Seelenlehren aufzunehmen.
Ich verließ Indien im August 1920 auf der CITY OF SPARTA, dem ersten Passagierschiff, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach Amerika segelte. Ich hatte die Überfahrt erst buchen können, nachdem viele bürokratische Schwierigkeiten bezüglich der Erteilung meines Reisepasses auf ziemlich wundersame Weise beseitigt worden waren.
Während der zweimonatigen Reise fand ein Mitreisender heraus, dass ich der indische Delegierte für den Bostoner Kongress war.
„Swami Yogananda“, sagte er mit der ersten von vielen eigenartigen Aussprachen, mit denen ich später meinen Namen von Amerikanern hören sollte, „erfreuen Sie die Passagiere bitte nächsten Donnerstagabend mit einem Vortrag. Ich glaube, wir würden alle von einem Gespräch über ‚Der Kampf des Lebens und wie man ihn führt‘ profitieren.“
Wehe! Ich musste am Mittwoch den Kampf meines eigenen Lebens führen, wie ich feststellte. Während ich verzweifelt versuchte, meine Ideen in einem Vortrag auf Englisch zu organisieren, gab ich schließlich alle Vorbereitungen auf; meine Gedanken, wie ein wildes Fohlen, das einen Sattel beäugt, verweigerten jegliche Zusammenarbeit mit den Regeln der englischen Grammatik. Im vollen Vertrauen auf die früheren Zusicherungen des Meisters erschien ich jedoch am Donnerstag vor meinem Publikum im Salon des Dampfers. Keine Beredsamkeit stieg mir auf die Lippen; sprachlos stand ich vor der Versammlung. Nach einem Ausdauertest von zehn Minuten erkannte das Publikum meine missliche Lage und begann zu lachen.
Die Situation war für mich in diesem Moment nicht lustig; empört sandte ich ein stummes Gebet an den Meister.
„Du KANNST! Sprich!“, erklang seine Stimme augenblicklich in meinem Bewusstsein.
Meine Gedanken traten sofort in eine freundschaftliche Beziehung zur englischen Sprache. Fünfundvierzig Minuten später war das Publikum immer noch aufmerksam. Der Vortrag brachte mir eine Reihe von Einladungen ein, später vor verschiedenen Gruppen in Amerika zu sprechen.
Ich konnte mich danach nie an ein Wort erinnern, das ich gesprochen hatte. Durch diskrete Nachfragen erfuhr ich von einer Reihe von Passagieren: „Sie haben einen inspirierenden Vortrag in mitreißendem und korrektem Englisch gehalten.“ Bei dieser erfreulichen Nachricht dankte ich demütig meinem Guru für seine rechtzeitige Hilfe, wobei ich aufs Neue erkannte, dass er immer bei mir war und alle Schranken von Zeit und Raum zunichtemachte.
Hin und wieder, während des restlichen Teils der Seereise, erlebte ich ein paar besorgte Anflüge wegen der bevorstehenden Englisch-Vortrags-Tortur auf dem Bostoner Kongress.
„Herr“, betete ich, „lass meine Inspiration bitte Du selbst sein und nicht noch einmal die Lachbomben des Publikums!“
Die CITY OF SPARTA legte Ende September in der Nähe von Boston an. Am sechsten Oktober hielt ich vor dem Kongress meine Jungfernrede in Amerika. Sie wurde gut aufgenommen; ich atmete erleichtert auf. Der großmütige Sekretär der American Unitarian Association schrieb den folgenden Kommentar in einem veröffentlichten Bericht {FN37-4} über den Kongressverlauf:
„Swami Yogananda, Delegierter des Brahmacharya Ashram von Ranchi, Indien, überbrachte dem Kongress die Grüße seiner Vereinigung. In fließendem Englisch und mit kraftvollem Vortrag hielt er eine Rede philosophischen Charakters über ‚Die Wissenschaft der Religion‘, die für eine breitere Verbreitung in Broschürenform gedruckt wurde. Religion, so behauptete er, sei universell und sie sei eine. Wir können unmöglich bestimmte Bräuche und Überzeugungen universalisieren, aber das gemeinsame Element in der Religion kann universalisiert werden, und wir können alle gleichermaßen bitten, ihr zu folgen und ihr zu gehorchen.“
Dank Vaters großzügigem Scheck konnte ich nach Ende des Kongresses in Amerika bleiben. Vier glückliche Jahre verbrachte ich unter bescheidenen Umständen in Boston. Ich hielt öffentliche Vorträge, unterrichtete Klassen und schrieb ein Buch mit Gedichten, SONGS OF THE SOUL, mit einem Vorwort von Dr. Frederick B. Robinson, dem Präsidenten des College of the City of New York. {FN37-5}
Im Sommer 1924 begann ich eine transkontinentale Tournee, sprach vor Tausenden in den wichtigsten Städten und beendete meine Westreise mit einem Urlaub im wunderschönen alaskischen Norden.
Mit der Hilfe großherziger Studenten hatte ich bis Ende 1925 ein amerikanisches Hauptquartier auf den Mount Washington Estates in Los Angeles eingerichtet. Das Gebäude ist jenes, das ich Jahre zuvor in meiner Vision in Kaschmir gesehen hatte. Ich beeilte mich, Sri Yukteswar Bilder dieser fernen amerikanischen Aktivitäten zu schicken. Er antwortete mit einer Postkarte auf Bengalisch, die ich hier übersetze:
11. August 1926
Kind meines Herzens, o Yogananda!
Wenn ich die Fotos deiner Schule und deiner Schüler sehe, welche Freude in mein Leben kommt, kann ich nicht in Worte fassen. Ich zerfließe vor Freude, wenn ich deine Yoga-Schüler aus verschiedenen Städten sehe. Wenn ich deine Methoden der Gesangsaffirmationen, heilenden Schwingungen und göttlichen Heilgebete betrachte, kann ich nicht umhin, dir von Herzen zu danken. Wenn ich das Tor, den sich windenden hügeligen Weg nach oben und die wunderschöne Landschaft sehe, die sich unter den Mount Washington Estates ausbreitet, sehne ich mich danach, all das mit eigenen Augen zu sehen.
Hier ist alles wohlauf. Durch die Gnade Gottes mögest du immer in Glückseligkeit sein.
SRI YUKTESWAR GIRI
Die Jahre vergingen wie im Flug. Ich hielt Vorträge in jedem Teil meines neuen Landes und sprach vor Hunderten von Clubs, Colleges, Kirchen und Gruppen jeder Konfession.
Zehntausende Amerikaner erhielten die Yoga-Initiation. Ihnen allen widmete ich 1929 ein neues Buch mit Gebetsgedanken: WHISPERS FROM ETERNITY, mit einem Vorwort von Amelita Galli-Curci. {FN37-6} Ich gebe hier aus dem Buch ein Gedicht mit dem Titel „Gott! Gott! Gott!“ wieder, das ich eines Nachts komponierte, als ich auf einem Podium stand:
Aus den Tiefen des Schlummers, während ich die Wendeltreppe des Wachseins emporsteige, flüstere ich: Gott! Gott! Gott!
Du bist die Nahrung, und wenn ich mein Fasten breche Von der nächtlichen Trennung von Dir, koste ich Dich und sage geistig: Gott! Gott! Gott!
Egal wohin ich gehe, der Suchscheinwerfer meines Geistes dreht sich immer auf Dich; Und im Schlachtenlärm der Aktivität Ist mein stummer Schlachtruf immer: Gott! Gott! Gott!
Wenn die tobenden Stürme der Prüfungen kreischen, Und wenn Sorgen mich anheulen, ertränke ich ihr Getöse, laut singend: Gott! Gott! Gott!
Wenn mein Geist Träume webt Mit Fäden aus Erinnerungen, Dann finde ich auf diesem magischen Stoff eingeprägt: Gott! Gott! Gott!
Jede Nacht, in der Zeit des tiefsten Schlafes, träumt mein Friede und ruft: Freude! Freude! Freude! Und meine Freude kommt und singt für immerdar: Gott! Gott! Gott!
Beim Wachen, Essen, Arbeiten, Träumen, Schlafen, Dienen, Meditieren, Singen, göttlichem Lieben, summt meine Seele unablässig, von niemandem gehört: Gott! Gott! Gott!
Manchmal – gewöhnlich am Ersten des Monats, wenn die Rechnungen für den Unterhalt der Mount Washington und anderer Self-Realization Fellowship-Zentren hereinflatterten! – dachte ich sehnsüchtig an den einfachen Frieden Indiens. Aber täglich sah ich ein wachsendes Verständnis zwischen West und Ost; meine Seele jubelte.
Ich habe das große Herz Amerikas in den wundervollen Zeilen von Emma Lazarus gefunden, die am Sockel der Freiheitsstatue, der „Mutter der Exilanten“, eingemeißelt sind:
Von ihrer Leuchtturm-Hand Strahlt weltweiter Willkommen; ihre milden Augen befehlen Den luftüberbrückten Hafen, den Zwillingsstädte rahmen. „Behaltet, alte Länder, euren sagenumwobenen Prunk!“, ruft sie Mit stummen Lippen. „Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure zusammengepferchten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen, Den elenden Abfall eures wimmelnden Ufers. Sendet diese, die Heimatlosen, vom Sturm Gepeitschten zu mir, Ich hebe meine Lampe neben dem goldenen Tor.“
{FN37-1} Viele dieser Gesichter habe ich seitdem im Westen gesehen und sofort wiedererkannt.
{FN37-2} Swami Premananda, jetzt der Leiter der Self-Realization Church of All Religions in Washington, D.C., war einer der Schüler an der Schule in Ranchi zu der Zeit, als ich von dort nach Amerika aufbrach. (Er war damals Brahmachari Jotin.)
{FN37-3} Sri Yukteswar und ich unterhielten uns gewöhnlich auf Bengalisch.
{FN37-4} NEW PILGRIMAGES OF THE SPIRIT (Boston: Beacon Press, 1921).
{FN37-5} Dr. und Mrs. Robinson besuchten Indien 1939 und waren Ehrengäste an der Schule in Ranchi.
{FN37-6} Mme. Galli-Curci und ihr Ehemann, Homer Samuels, der Pianist, sind seit zwanzig Jahren Kriya Yoga-Schüler. Die inspirierende Geschichte der Jahre der berühmten Primadonna in der Musik wurde kürzlich veröffentlicht (GALLI-CURCI’S LIFE OF SONG, von C. E. LeMassena, Paebar Co., New York, 1945).
KAPITEL: 38
LUTHER BURBANK – EIN HEILIGER INMITTEN DER ROSEN
„Das Geheimnis der verbesserten Pflanzenzucht ist, abgesehen vom wissenschaftlichen Wissen, die Liebe.“ Luther Burbank äußerte diese Weisheit, als ich neben ihm in seinem Garten in Santa Rosa ging. Wir hielten bei einem Beet mit essbaren Kakteen an.
„Während ich Experimente durchführte, um ‚stachellose‘ Kakteen zu züchten“, fuhr er fort, „sprach ich oft mit den Pflanzen, um eine Schwingung der Liebe zu erzeugen. ‚Ihr habt nichts zu befürchten‘, sagte ich zu ihnen. ‚Ihr braucht eure abwehrenden Dornen nicht. Ich werde euch beschützen.‘ Allmählich entstand die nützliche Wüstenpflanze in einer stachellosen Sorte.“
Ich war von diesem Wunder bezaubert. „Bitte, lieber Luther, gib mir ein paar Kaktusblätter, die ich in meinem Garten auf dem Mount Washington pflanzen kann.“
Ein Arbeiter, der in der Nähe stand, wollte einige Blätter abstreifen; Burbank hielt ihn auf.
„Ich selbst werde sie für den Swami pflücken.“ Er reichte mir drei Blätter, die ich später pflanzte und mich freute, als sie zu einem riesigen Bestand heranwuchsen.
Der große Gartenbauexperte erzählte mir, dass sein erster bemerkenswerter Triumph die große Kartoffel war, die heute unter seinem Namen bekannt ist. Mit der Unermüdlichkeit eines Genies präsentierte er der Welt Hunderte von gekreuzten Verbesserungen der Natur – seine neuen Burbank-Sorten von Tomaten, Mais, Kürbis, Kirschen, Pflaumen, Nektarinen, Beeren, Mohn, Lilien und Rosen.
Ich richtete meine Kamera aus, als Luther mich vor den berühmten Walnussbaum führte, an dem er bewiesen hatte, dass die natürliche Evolution teleskopisch beschleunigt werden kann.
„In nur sechzehn Jahren“, sagte er, „erreichte dieser Walnussbaum einen Zustand üppiger Nussproduktion, für den eine unbeeinflusste Natur den Baum doppelt so lange gebraucht hätte.“
Burbanks kleine Adoptivtochter kam mit ihrem Hund in den Garten getobt.
„Sie ist meine menschliche Pflanze.“ Luther winkte ihr liebevoll zu. „Ich sehe die Menschheit jetzt als eine einzige riesige Pflanze, die für ihre höchste Erfüllung nur Liebe, den natürlichen Segen der großen freien Natur und eine intelligente Kreuzung und Auswahl benötigt. In der Spanne meines eigenen Lebens habe ich solch wunderbare Fortschritte in der Pflanzenevolution beobachtet, dass ich optimistisch in eine gesunde, glückliche Welt blicke, sobald ihren Kindern die Prinzipien eines einfachen und vernünftigen Lebens gelehrt werden. Wir müssen zur Natur und zu Gottes Natur zurückkehren.“
„Luther, du würdest dich über meine Schule in Ranchi freuen, mit ihren Klassen im Freien und ihrer Atmosphäre von Freude und Einfachheit.“
Meine Worte berührten die Saite, die Burbanks Herzen am nächsten lag – die Kindererziehung. Er überhäufte mich mit Fragen, Interesse leuchtete aus seinen tiefen, ruhigen Augen.
„Swamiji“, sagte er schließlich, „Schulen wie deine sind die einzige Hoffnung auf ein zukünftiges Jahrtausend. Ich lehne mich gegen die Bildungssysteme unserer Zeit auf, die von der Natur abgeschnitten sind und jede Individualität ersticken. Ich bin mit Herz und Seele bei dir in deinen praktischen Idealen der Erziehung.“
Als ich mich von dem sanften Weisen verabschiedete, signierte er einen kleinen Band und überreichte ihn mir. {FN38-1} „Hier ist mein Buch über THE TRAINING OF THE HUMAN PLANT“, {FN38-2} sagte er. „Neue Arten der Ausbildung sind erforderlich – furchtlose Experimente. Manchmal haben die gewagtesten Versuche Erfolg gehabt, das Beste in Früchten und Blumen hervorzubringen. Bildungsneuheiten für Kinder sollten ebenfalls zahlreicher, mutiger werden.“
Ich las sein kleines Buch in jener Nacht mit intensivem Interesse. Mit seinem Auge, das eine glorreiche Zukunft für die Rasse erahnte, schrieb er: „Das hartnäckigste Lebewesen auf dieser Welt, das am schwierigsten zu beeinflussen ist, ist eine Pflanze, die einmal an bestimmte Gewohnheiten gebunden ist. ... Denken Sie daran, dass diese Pflanze ihre Individualität durch alle Zeitalter hindurch bewahrt hat; vielleicht ist es eine, die durch Äonen von Zeit in den Felsen selbst zurückverfolgt werden kann, ohne jemals in all diesen riesigen Zeiträumen wesentlich variiert zu haben. Glauben Sie, dass eine Pflanze nach all diesen Zeitaltern der Wiederholung nicht einen Willen bekommt, wenn Sie es so nennen wollen, von beispielloser Zähigkeit? Tatsächlich gibt es Pflanzen, wie bestimmte Palmen, die so hartnäckig sind, dass bisher keine menschliche Kraft in der Lage war, sie zu verändern. Der menschliche Wille ist ein schwaches Ding neben dem Willen einer Pflanze. Aber sehen Sie, wie die lebenslange Sturheit dieser ganzen Pflanze einfach dadurch gebrochen wird, dass man ein neues Leben mit ihr vermischt, indem man durch Kreuzung eine vollständige und kraftvolle Veränderung in ihrem Leben bewirkt. Wenn der Bruch dann kommt, fixieren Sie ihn durch diese Generationen geduldiger Überwachung und Selektion, und die neue Pflanze macht sich auf ihren neuen Weg, niemals wieder zur alten zurückzukehren, ihr hartnäckiger Wille endlich gebrochen und verändert.
Wenn es um ein so empfindliches und biegsames Ding wie die Natur eines Kindes geht, wird das Problem weitaus einfacher.“
Magnetisch von diesem großen Amerikaner angezogen, besuchte ich ihn immer wieder. Eines Morgens kam ich zur gleichen Zeit wie der Postbote an, der etwa tausend Briefe in Burbanks Arbeitszimmer ablegte. Gartenbauexperten schrieben ihm aus allen Teilen der Welt.
„Swamiji, Ihre Anwesenheit ist genau die Entschuldigung, die ich brauche, um in den Garten zu gehen“, sagte Luther fröhlich. Er öffnete eine große Schreibtischschublade mit Hunderten von Reiseprospekten.
„Sehen Sie“, sagte er, „so reise ich. An meine Pflanzen und Korrespondenz gebunden, stille ich mein Verlangen nach fremden Ländern durch einen Blick hier und da auf diese Bilder.“
Mein Auto stand vor seinem Tor; Luther und ich fuhren durch die Straßen der kleinen Stadt, deren Gärten mit seinen eigenen Sorten von Santa Rosa-, Peachblow- und Burbank-Rosen leuchteten.
„Mein Freund Henry Ford und ich glauben beide an die alte Theorie der Reinkarnation“, erzählte mir Luther. „Sie wirft Licht auf Aspekte des Lebens, die sonst unerklärlich sind. Gedächtnis ist kein Beweis für Wahrheit; nur weil der Mensch sich nicht an seine früheren Leben erinnert, beweist das nicht, dass er nie welche hatte. Das Gedächtnis ist auch bezüglich seines Lebens im Mutterleib und seiner Kindheit leer; aber er hat sie wahrscheinlich durchlebt!“ Er kicherte.
Der große Wissenschaftler hatte während eines meiner früheren Besuche die KRIYA-Initiation erhalten. „Ich praktiziere die Technik hingebungsvoll, Swamiji“, sagte er. Nach vielen nachdenklichen Fragen an mich über verschiedene Aspekte des Yoga bemerkte Luther langsam:
„Der Osten besitzt tatsächlich gewaltige Wissensschätze, die der Westen kaum zu erforschen begonnen hat.“
Die innige Gemeinschaft mit der Natur, die ihm viele ihrer eifersüchtig gehüteten Geheimnisse offenbarte, hatte Burbank eine grenzenlose spirituelle Ehrfurcht verliehen.
„Manchmal fühle ich mich der Unendlichen Kraft sehr nahe“, vertraute er mir schüchtern an. Sein sensibles, wunderschön geformtes Gesicht leuchtete bei seinen Erinnerungen. „Dann war ich in der Lage, kranke Menschen in meiner Umgebung sowie viele kranke Pflanzen zu heilen.“
Er erzählte mir von seiner Mutter, einer aufrichtigen Christin. „Viele Male nach ihrem Tod“, sagte Luther, „bin ich durch ihr Erscheinen in Visionen gesegnet worden; sie hat zu mir gesprochen.“
Wir fuhren widerwillig zurück zu seinem Haus und zu den wartenden tausend Briefen.
„Luther“, bemerkte ich, „nächsten Monat starte ich ein Magazin, um die Wahrheitsangebote von Ost und West zu präsentieren. Bitte hilf mir, einen guten Namen für die Zeitschrift zu finden.“
Wir diskutierten eine Weile über Titel und einigten uns schließlich auf EAST-WEST. Nachdem wir wieder sein Arbeitszimmer betreten hatten, gab mir Burbank einen Artikel, den er über „Wissenschaft und Zivilisation“ geschrieben hatte.
„Das kommt in die erste Ausgabe von EAST-WEST“, sagte ich dankbar.
Als unsere Freundschaft tiefer wurde, nannte ich Burbank meinen „amerikanischen Heiligen“. „Seht den Menschen“, zitierte ich, „in dem kein Trug ist!“ Sein Herz war bodenlos tief, schon lange vertraut mit Demut, Geduld, Aufopferung. Sein kleines Heim inmitten der Rosen war streng einfach; er kannte die Wertlosigkeit von Luxus, die Freude an wenigen Besitztümern. Die Bescheidenheit, mit der er seinen wissenschaftlichen Ruhm trug, erinnerte mich immer wieder an die Bäume, die sich unter der Last reifender Früchte tief biegen; es ist der unfruchtbare Baum, der sein Haupt hoch in leerem Stolz hebt.
Ich war in New York, als mein lieber Freund 1926 starb. Unter Tränen dachte ich: „Oh, ich würde glatt den ganzen Weg von hier bis nach Santa Rosa gehen, nur um noch einen flüchtigen Blick auf ihn zu werfen!“ Ich schloss mich vor Sekretären und Besuchern ein und verbrachte die nächsten vierundzwanzig Stunden in Abgeschiedenheit.
Am folgenden Tag führte ich ein vedisches Gedenkritual um ein großes Bild von Luther durch. Eine Gruppe meiner amerikanischen Schüler, in hinduistische Zeremonialkleidung gehüllt, sang die alten Hymnen, während ein Opfer aus Blumen, Wasser und Feuer dargebracht wurde – Symbole der körperlichen Elemente und ihrer Freisetzung in der Unendlichen Quelle.
Obwohl die Gestalt Burbanks in Santa Rosa unter einer Libanon-Zeder liegt, die er vor Jahren in seinem Garten pflanzte, ist seine Seele für mich in jeder weitäugigen Blume bewahrt, die am Wegesrand blüht. Ist das nicht Luther, der, für eine Zeit in den weiten Geist der Natur zurückgezogen, in ihren Winden flüstert, ihre Morgen durchwandelt?
Sein Name ist nun in das Erbe der allgemeinen Sprache übergegangen. „Burbank“ als transitives Verb auflistend, definiert es das Webster’s New International Dictionary wie folgt: „Kreuzen oder pfropfen (eine Pflanze). Daher im übertragenen Sinne: verbessern (etwas, wie einen Prozess oder eine Institution), indem gute Merkmale ausgewählt und schlechte verworfen werden, oder durch das Hinzufügen guter Merkmale.“
„Geliebter Burbank“, rief ich, nachdem ich die Definition gelesen hatte, „dein Name ist nun ein Synonym für das Gute!“
LUTHER BURBANK
SANTA ROSA, KALIFORNIEN
U.S.A.
22. Dezember 1924
Ich habe das Yogoda-System von Swami Yogananda geprüft und meiner Meinung nach ist es ideal, um die physische, geistige und spirituelle Natur des Menschen zu schulen und zu harmonisieren. Swamis Ziel ist es, weltweit „Lebenskunst“-Schulen zu errichten, in denen sich die Bildung nicht allein auf die intellektuelle Entwicklung beschränkt, sondern auch die Schulung von Körper, Willen und Gefühlen umfasst.
Durch das Yogoda-System der physischen, geistigen und spirituellen Entfaltung mittels einfacher und wissenschaftlicher Methoden der Konzentration und Meditation können die meisten komplexen Lebensprobleme gelöst werden und Frieden sowie Wohlwollen auf Erden einkehren. Die Idee des Swami von der richtigen Bildung ist reiner gesunder Menschenverstand, frei von aller Mystik und Unpraktikabilität; andernfalls hätte sie nicht meine Zustimmung gefunden.
Ich freue mich, diese Gelegenheit zu haben, mich dem Swami herzlich bei seinem Appell für internationale Schulen der Lebenskunst anzuschließen, die, wenn sie gegründet werden, dem Herbeiführen des Millenniums so nahe kommen werden wie alles, was mir bekannt ist.
{FN38-1} Burbank gab mir auch ein signiertes Bild von sich. Ich bewahre es wie ein hinduistischer Kaufmann einst ein Bild von Lincoln aufbewahrte. Der Hindu, der während der Jahre des Bürgerkriegs in Amerika war, fasste eine solche Bewunderung für Lincoln, dass er nicht eher nach Indien zurückkehren wollte, bis er ein Porträt des Großen Befreiers erlangt hatte. Er postierte sich hartnäckig auf Lincolns Türschwelle und weigerte sich zu gehen, bis der erstaunte Präsident ihm erlaubte, die Dienste von Daniel Huntington, dem berühmten New Yorker Künstler, in Anspruch zu nehmen. Als das Porträt fertig war, trug der Hindu es triumphierend nach Kalkutta.
{FN38-2} New York: Century Co., 1922.
KAPITEL: 39
THERESE NEUMANN, DIE KATHOLISCHE STIGMATISIERTE
„Kehre nach Indien zurück. Ich habe fünfzehn Jahre geduldig auf dich gewartet. Bald werde ich aus dem Körper hinausschwimmen, hin zum Strahlenden Wohnsitz. Yogananda, komm!“
Sri Yukteswars Stimme erklang erschreckend deutlich in meinem inneren Ohr, als ich in meinem Hauptquartier am Mt. Washington meditierte. Die zehntausend Meilen in einem Augenblick überwindend, drang seine Botschaft wie ein Blitzschlag in mein Wesen ein.
Fünfzehn Jahre! Ja, erkannte ich, jetzt ist es 1935; ich habe fünfzehn Jahre damit verbracht, die Lehren meines Gurus in Amerika zu verbreiten. Jetzt ruft er mich zurück.
An jenem Nachmittag berichtete ich einem zu Besuch weilenden Schüler von meinem Erlebnis. Seine spirituelle Entwicklung unter KRIYA YOGA war so bemerkenswert, dass ich ihn oft „Heiliger“ nannte, in Erinnerung an Babajis Prophezeiung, dass auch Amerika durch den alten yogischen Pfad Männer und Frauen der göttlichen Verwirklichung hervorbringen würde.
Dieser Schüler und eine Reihe anderer bestanden großzügig darauf, eine Spende für meine Reisen zu machen. Da das finanzielle Problem somit gelöst war, traf ich Vorbereitungen, über Europa nach Indien zu segeln. Geschäftige Wochen der Vorbereitung am Mount Washington! Im März 1935 ließ ich die Self-Realization Fellowship nach den Gesetzen des Staates Kalifornien als gemeinnützige Körperschaft eintragen. An diese Bildungseinrichtung gehen alle öffentlichen Spenden sowie die Einnahmen aus dem Verkauf meiner Bücher, Magazine, schriftlichen Kurse, Kursgebühren und jeder anderen Einkommensquelle.
„Ich werde zurückkehren“, sagte ich zu meinen Schülern. „Niemals werde ich Amerika vergessen.“
Bei einem Abschiedsbankett, das mir liebe Freunde in Los Angeles gaben, blickte ich lange in ihre Gesichter und dachte dankbar: „Herr, wer Dich als den einzigen Geber erkennt, wird niemals unter Sterblichen den süßen Beigeschmack der Freundschaft entbehren.“
Ich segelte am 9. Juni 1935 {FN39-1} auf der EUROPA von New York ab. Zwei Schüler begleiteten mich: mein Sekretär, Mr. C. Richard Wright, und eine ältere Dame aus Cincinnati, Miss Ettie Bletch. Wir genossen die Tage des Friedens auf dem Ozean, ein willkommener Kontrast zu den hastigen vergangenen Wochen. Unsere Zeit der Muße war nur von kurzer Dauer; die Geschwindigkeit moderner Schiffe hat einige bedauerliche Seiten!
Wie jede andere Gruppe neugieriger Touristen spazierten wir durch die riesige und alte Stadt London. Am folgenden Tag wurde ich eingeladen, auf einer großen Versammlung in der Caxton Hall zu sprechen, bei der ich dem Londoner Publikum von Sir Francis Younghusband vorgestellt wurde. Unsere Gruppe verbrachte einen angenehmen Tag als Gäste von Sir Harry Lauder auf seinem Anwesen in Schottland. Bald überquerten wir den Ärmelkanal zum Festland, denn ich wollte eine besondere Pilgerreise nach Bayern unternehmen. Dies wäre meine einzige Chance, fühlte ich, die große katholische Mystikerin Therese Neumann aus Konnersreuth zu besuchen.
Jahre zuvor hatte ich einen erstaunlichen Bericht über Therese gelesen. Die im Artikel enthaltenen Informationen waren wie folgt:
(1) Therese, geboren 1898, war im Alter von zwanzig Jahren bei einem Unfall verletzt worden; sie wurde blind und gelähmt.
(2) Sie erlangte 1923 durch Gebete an die heilige Therese, „das Kleine Blümlein“, auf wundersame Weise ihr Augenlicht zurück. Später wurden die Glieder der Therese Neumann augenblicklich geheilt.
(3) Von 1923 an enthielt sich Therese vollständig von Speis und Trank, mit Ausnahme des täglichen Verschluckens einer kleinen konsekrierten Hostie.
(4) Die Stigmata, oder heiligen Wunden Christi, erschienen 1926 an Thereses Kopf, Brust, Händen und Füßen. An jedem folgenden Freitag durchlebte sie die Passion Christi und litt in ihrem eigenen Körper all seine historischen Qualen.
(5) Während sie normalerweise nur das einfache Deutsch ihres Dorfes kannte, äußerte Therese während ihrer Freitags-Trancen Sätze, die Gelehrte als altes Aramäisch identifiziert haben. Zu passenden Zeiten in ihrer Vision spricht sie Hebräisch oder Griechisch.
(6) Mit kirchlicher Erlaubnis stand Therese mehrmals unter strenger wissenschaftlicher Beobachtung. Dr. Fritz Gerlich, Herausgeber einer protestantischen deutschen Zeitung, ging nach Konnersreuth, um den „katholischen Schwindel aufzudecken“, endete jedoch damit, ehrfürchtig ihre Biografie zu schreiben. {FN39-2}
Wie immer, ob im Osten oder Westen, war ich begierig darauf, einen Heiligen zu treffen. Ich freute mich, als unsere kleine Gruppe am 16. Juli das malerische Dorf Konnersreuth betrat. Die bayerischen Bauern zeigten lebhaftes Interesse an unserem Ford-Automobil (das wir aus Amerika mitgebracht hatten) und seiner bunt gemischten Gruppe – einem jungen Amerikaner, einer älteren Dame und einem olivfarbenen Orientalen mit langen Haaren, die unter seinem Mantelkragen steckten.
Thereses kleines Häuschen, sauber und ordentlich, mit Geranien, die an einem primitiven Brunnen blühten, war leider still und geschlossen. Die Nachbarn und selbst der Postbote, der vorbeikam, konnten uns keine Auskunft geben. Es begann zu regnen; meine Begleiter schlugen vor, dass wir weiterziehen sollten.
„Nein“, sagte ich hartnäckig, „ich bleibe hier, bis ich einen Hinweis finde, der zu Therese führt.“
Zwei Stunden später saßen wir immer noch inmitten des trostlosen Regens in unserem Auto. „Herr“, seufzte ich klagend, „warum hast Du mich hierher geführt, wenn sie verschwunden ist?“
Ein englischsprachiger Mann hielt neben uns und bot höflich seine Hilfe an.
„Ich weiß nicht genau, wo Therese ist“, sagte er, „aber sie besucht oft das Haus von Professor Wurz, einem Seminarleiter aus Eichstätt, achtzig Meilen von hier.“
Am nächsten Morgen fuhr unsere Gruppe in das ruhige Dorf Eichstätt, dessen Straßen eng von Kopfsteinpflaster gesäumt waren. Dr. Wurz begrüßte uns herzlich in seinem Haus: „Ja, Therese ist hier.“ Er schickte ihr Nachricht von den Besuchern. Ein Bote erschien bald mit ihrer Antwort.
„Obwohl der Bischof mich gebeten hat, niemanden ohne seine Erlaubnis zu sehen, werde ich den Mann Gottes aus Indien empfangen.“
Tief berührt von diesen Worten folgte ich Dr. Wurz die Treppe hinauf in das Wohnzimmer. Therese trat sofort ein und strahlte eine Aura von Frieden und Freude aus. Sie trug ein schwarzes Gewand und eine makellose weiße Kopfbedeckung. Obwohl sie zu dieser Zeit siebenunddreißig Jahre alt war, wirkte sie viel jünger und besaß in der Tat eine kindliche Frische und einen Charme. Gesund, wohlgeformt, rosig und fröhlich – das ist die Heilige, die nicht isst!
Therese begrüßte mich mit einem sehr sanften Händedruck. Wir strahlten beide in stiller Gemeinschaft, da jeder wusste, dass der andere ein Liebender Gottes war.
Dr. Wurz bot freundlicherweise an, als Dolmetscher zu fungieren. Als wir uns setzten, bemerkte ich, dass Therese mich mit naiver Neugier musterte; offensichtlich waren Hindus in Bayern selten.
„Essen Sie gar nichts?“, ich wollte die Antwort aus ihrem eigenen Mund hören.
„Nein, außer einer konsekrierten Reismehlhostie, jeden Morgen um sechs Uhr.“
„Wie groß ist die Hostie?“
„Sie ist papierdünn, so groß wie eine kleine Münze.“ Sie fügte hinzu: „Ich nehme sie aus sakramentalen Gründen; wenn sie nicht konsekriert ist, bin ich nicht in der Lage, sie zu schlucken.“
„Sie können sicherlich nicht zwölf ganze Jahre davon gelebt haben?“
„Ich lebe von Gottes Licht.“ Wie einfach war ihre Antwort, wie Einsteinsch!
„Ich sehe, Sie erkennen, dass Energie aus dem Äther, der Sonne und der Luft in Ihren Körper fließt.“
Ein schnelles Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich bin so glücklich zu wissen, dass Sie verstehen, wie ich lebe.“
„Ihr heiliges Leben ist ein täglicher Beweis für die Wahrheit, die Christus aussprach: ‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.‘“ {FN39-3}
Wieder zeigte sie Freude über meine Erklärung. „Es ist in der Tat so. Einer der Gründe, warum ich heute hier auf Erden bin, ist zu beweisen, dass der Mensch von Gottes unsichtbarem Licht leben kann und nicht nur von Nahrung.“
„Können Sie anderen beibringen, wie man ohne Nahrung lebt?“
Sie schien ein wenig schockiert. „Das kann ich nicht; Gott wünscht es nicht.“
Als mein Blick auf ihre starken, anmutigen Hände fiel, zeigte mir Therese eine kleine, quadratische, frisch verheilte Wunde auf jeder ihrer Handflächen. Auf dem Handrücken zeigte sie mir jeweils eine kleinere, halbmondförmige Wunde, die ebenfalls frisch verheilt war. Jede Wunde ging geradewegs durch die Hand. Der Anblick rief mir deutliche Erinnerungen an die großen, quadratischen Eisennägel mit halbmondförmigen Enden ins Gedächtnis, die im Orient noch immer verwendet werden, an die ich mich jedoch nicht erinnern kann, sie im Westen gesehen zu haben.
Die Heilige erzählte mir etwas von ihren wöchentlichen Trancen. „Als hilflose Beobachterin betrachte ich die ganze Passion Christi.“ Jede Woche, von Donnerstag Mitternacht bis Freitag nachmittag um ein Uhr, öffnen sich ihre Wunden und bluten; sie verliert vier bis fünf Kilo ihres gewöhnlichen Gewichts von 55 Kilogramm. Obwohl sie in ihrer mitfühlenden Liebe intensiv leidet, blickt Therese dennoch freudig auf diese wöchentlichen Visionen ihres Herrn.
Ich erkannte sofort, dass ihr seltsames Leben von Gott dazu bestimmt ist, alle Christen von der historischen Authentizität des Lebens und der Kreuzigung Jesu, wie sie im Neuen Testament aufgezeichnet ist, zu überzeugen und die ewig lebendige Verbindung zwischen dem galiläischen Meister und seinen Anhängern dramatisch zu demonstrieren.
Professor Wurz berichtete von einigen seiner Erfahrungen mit der Heiligen.
„Einige von uns, einschließlich Therese, reisen oft tagelang auf Besichtigungstouren durch ganz Deutschland“, erzählte er mir. „Es ist ein auffallender Kontrast – während wir drei Mahlzeiten am Tag zu uns nehmen, isst Therese nichts. Sie bleibt so frisch wie eine Rose, unberührt von der Müdigkeit, die uns die Reisen verursachen. Wenn wir hungrig werden und nach Gasthäusern am Wegesrand suchen, lacht sie fröhlich.“
Der Professor fügte einige interessante physiologische Details hinzu: „Weil Therese keine Nahrung zu sich nimmt, ist ihr Magen geschrumpft. Sie hat keine Ausscheidungen, aber ihre Schweißdrüsen funktionieren; ihre Haut ist immer weich und fest.“
Zum Abschied drückte ich Therese gegenüber meinen Wunsch aus, bei ihrer Trance zugegen zu sein.
„Ja, bitte kommen Sie nächsten Freitag nach Konnersreuth“, sagte sie freundlich. „Der Bischof wird Ihnen eine Genehmigung geben. Ich bin sehr glücklich, dass Sie mich in Eichstätt aufgesucht haben.“
Therese schüttelte sanft viele Male meine Hand und begleitete unsere Gruppe bis zum Tor. Mr. Wright schaltete das Autoradio ein; die Heilige untersuchte es mit leisem, begeistertem Kichern. Es versammelte sich eine so große Menge Jugendlicher, dass Therese sich ins Haus zurückzog. Wir sahen sie an einem Fenster, wo sie wie ein Kind zu uns herüberschaute und mit der Hand winkte.
Aus einem Gespräch am nächsten Tag mit zwei der sehr freundlichen und liebenswürdigen Brüder von Therese erfuhren wir, dass die Heilige nachts nur ein oder zwei Stunden schläft. Trotz der vielen Wunden an ihrem Körper ist sie aktiv und voller Energie. Sie liebt Vögel, kümmert sich um ein Aquarium mit Fischen und arbeitet oft in ihrem Garten. Ihre Korrespondenz ist umfangreich; katholische Anhänger schreiben ihr um Gebete und heilende Segnungen. Viele Suchende wurden durch sie von schweren Krankheiten geheilt.
Ihr Bruder Ferdinand, etwa dreiundzwanzig Jahre alt, erklärte, dass Therese die Kraft habe, durch Gebet die Leiden anderer am eigenen Körper abzuarbeiten. Die Enthaltsamkeit der Heiligen von Nahrung datiert von einer Zeit, als sie betete, dass die Halskrankheit eines jungen Mannes aus ihrer Gemeinde, der sich damals darauf vorbereitete, in den geistlichen Stand einzutreten, auf ihren eigenen Hals übertragen werde.
Am Donnerstagnachmittag fuhr unsere Gruppe zum Haus des Bischofs, der meine wallenden Locken mit einiger Überraschung betrachtete. Er stellte bereitwillig die notwendige Genehmigung aus. Es gab keine Gebühr; die von der Kirche aufgestellte Regel dient lediglich dazu, Therese vor dem Ansturm flüchtiger Touristen zu schützen, die in früheren Jahren zu Tausenden an Freitagen herbeigeströmt waren.
Wir kamen am Freitagmorgen gegen halb zehn in Konnersreuth an. Ich bemerkte, dass Thereses kleines Häuschen einen speziellen, glasüberdachten Bereich besitzt, um ihr reichlich Licht zu gewähren. Wir waren froh zu sehen, dass die Türen nicht mehr geschlossen, sondern weit offen und einladend waren. Es gab eine Schlange von etwa zwanzig Besuchern, die mit ihren Genehmigungen bewaffnet waren. Viele waren aus großer Entfernung gekommen, um die mystische Trance zu sehen.
Therese hatte meinen ersten Test im Haus des Professors bestanden durch ihr intuitives Wissen, dass ich sie aus spirituellen Gründen sehen wollte und nicht nur, um eine flüchtige Neugier zu befriedigen.
Mein zweiter Test war mit der Tatsache verbunden, dass ich mich, kurz bevor ich in ihr Zimmer hinaufging, in einen yogischen Trancezustand versetzte, um mit ihr in telepathischer und televisiver Übereinstimmung zu sein. Ich betrat ihr Zimmer, das voller Besucher war; sie lag in einem weißen Gewand auf dem Bett. Mit Mr. Wright, der dicht hinter mir folgte, blieb ich gerade innerhalb der Schwelle stehen, ehrfürchtig angesichts eines seltsamen und höchst erschreckenden Schauspiels.
Blut floss dünn und ununterbrochen in einem zentimeterbreiten Strom aus Thereses unteren Augenlidern. Ihr Blick war nach oben auf das spirituelle Auge in der Mitte der Stirn gerichtet. Das um ihren Kopf gewickelte Tuch war von den Stigmata-Wunden der Dornenkrone blutgetränkt. Das weiße Gewand war über ihrem Herzen rot befleckt, von der Wunde in ihrer Seite an der Stelle, wo Christi Körper vor langen Zeiten die letzte Erniedrigung durch den Speerstich des Soldaten erlitten hatte.
Thereses Hände waren in einer mütterlichen, flehenden Geste ausgestreckt; ihr Gesicht trug einen Ausdruck, der zugleich gequält und göttlich war. Sie schien dünner, in vielerlei Hinsicht subtil wie auch äußerlich verändert. Worte in einer fremden Zunge murmelnd, sprach sie mit leicht zitternden Lippen zu Personen, die vor ihrem inneren Auge sichtbar waren.
Da ich mit ihr im Einklang war, begann ich die Szenen ihrer Vision zu sehen. Sie beobachtete Jesus, wie er das Kreuz inmitten der spottenden Menge trug. {FN39-4} Plötzlich hob sie vor Bestürzung den Kopf: der Herr war unter der grausamen Last gefallen. Die Vision verschwand. In der Erschöpfung inbrünstigen Mitleids sank Therese schwer gegen ihr Kissen.
In diesem Moment hörte ich ein lautes Geräusch hinter mir. Als ich den Kopf für eine Sekunde drehte, sah ich zwei Männer, die einen regungslosen Körper hinaustrugen. Aber weil ich gerade aus dem tiefen überbewussten Zustand kam, erkannte ich die gefallene Person nicht sofort. Wieder richtete ich meine Augen auf Thereses Gesicht, totenblass unter den Blutrinnsalen, aber nun ruhig, Reinheit und Heiligkeit ausstrahlend. Später blickte ich zurück und sah Mr. Wright dastehen, die Hand an der Wange, an der Blut herunterlief.
„Dick“, fragte ich besorgt, „warst du derjenige, der gefallen ist?“
„Ja, ich bin bei dem erschreckenden Anblick in Ohnmacht gefallen.“
„Nun“, sagte ich tröstend, „du bist mutig, zurückzukehren und den Anblick erneut zu betrachten.“
In Erinnerung an die geduldig wartende Schlange von Pilgern verabschiedeten Mr. Wright und ich uns schweigend von Therese und verließen ihre heilige Gegenwart. {FN39-5}
Am nächsten Tag fuhr unsere kleine Gruppe nach Süden, dankbar, dass wir nicht von Zügen abhängig waren, sondern den Ford überall in der Landschaft anhalten konnten, wo wir wollten. Wir genossen jede Minute einer Reise durch Deutschland, Holland, Frankreich und die Schweizer Alpen. In Italien machten wir einen speziellen Ausflug nach Assisi, um den Apostel der Demut, den heiligen Franziskus, zu ehren. Die Europareise endete in Griechenland, wo wir die athenischen Tempel besichtigten und das Gefängnis sahen, in dem der sanfte Sokrates {FN39-6} seinen Todestrank getrunken hatte. Man ist erfüllt von Bewunderung für die Kunstfertigkeit, mit der die Griechen ihre bloßen Fantasien überall in Alabaster geformt haben.
Wir bestiegen ein Schiff über das sonnige Mittelmeer und gingen in Palästina an Land. Während ich Tag für Tag durch das Heilige Land wanderte, war ich mehr denn je vom Wert der Pilgerreise überzeugt. Der Geist Christi ist in Palästina allgegenwärtig; ich wandelte ehrfürchtig an seiner Seite in Bethlehem, Gethsemane, Golgatha, auf dem heiligen Ölberg sowie am Fluss Jordan und am See Genezareth.
Unsere kleine Gruppe besuchte die Geburtskrippe, die Tischlerwerkstatt von Joseph, das Grab des Lazarus, das Haus von Martha und Maria, den Saal des Letzten Abendmahls. Die Antike entfaltete sich; Szene für Szene sah ich das göttliche Drama, das Christus einst für die Zeitalter aufführte.
Weiter nach Ägypten, mit seinem modernen Kairo und den antiken Pyramiden. Dann ein Boot über das schmale Rote Meer, über das riesige Arabische Meer; siehe, Indien!
{FN39-1} Die bemerkenswerte Aufnahme eines vollständigen Datums hier ist der Tatsache geschuldet, dass mein Sekretär, Mr. Wright, ein Reisetagebuch führte.
{FN39-2} Andere Bücher über ihr Leben sind THERESE NEUMANN: A STIGMATIST OF OUR DAY und FURTHER CHRONICLES OF THERESE NEUMANN, beide von Friedrich Ritter von Lama (Milwaukee: Bruce Pub. Co.).
{FN39-3} MATTHÄUS 4:4. Die Körperbatterie des Menschen wird nicht allein durch grobe Nahrung (Brot) erhalten, sondern durch die vibrierende kosmische Energie (Wort oder AUM). Die unsichtbare Kraft fließt in den menschlichen Körper durch das Tor der Medulla oblongata. Dieses sechste Körperzentrum befindet sich im Nacken an der Spitze der fünf spinalen CHAKRAS (Sanskrit für „Räder“ oder Zentren strahlender Kraft). Die Medulla ist der Haupteingang für die Versorgung des Körpers mit universeller Lebenskraft (AUM) und ist direkt mit der Willenskraft des Menschen verbunden, die sich im siebten oder Christus-Bewusstseinszentrum (KUTASTHA) im dritten Auge zwischen den Augenbrauen konzentriert. Kosmische Energie wird dann im Gehirn als Reservoir unendlicher Möglichkeiten gespeichert, das in den VEDAS poetisch als der „tausendblättrige Lotos des Lichts“ erwähnt wird. Die Bibel bezeichnet AUM ausnahmslos als den „Heiligen Geist“ oder die unsichtbare Lebenskraft, die göttlich die gesamte Schöpfung erhält. „Wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist, den ihr von Gott habt, und ihr seid nicht euer eigen?“ – 1. KORINTHER 6:19.
{FN39-4} Während der Stunden vor meiner Ankunft hatte Therese bereits viele Visionen der letzten Tage im Leben Christi durchlebt. Ihre Trance beginnt gewöhnlich mit Szenen der Ereignisse, die auf das Letzte Abendmahl folgten. Ihre Visionen enden mit Jesu Tod am Kreuz oder gelegentlich mit seiner Grablegung.
{FN39-5} Therese hat die Nazi-Verfolgung überlebt und ist laut amerikanischen Nachrichtenmeldungen aus Deutschland von 1945 immer noch in Konnersreuth.
{FN39-6} Eine Stelle bei Eusebius berichtet von einer interessanten Begegnung zwischen Sokrates und einem hinduistischen Weisen. Die Passage lautet: „Aristoxenos, der Musiker, erzählt die folgende Geschichte über die Inder. Einer dieser Männer traf Sokrates in Athen und fragte ihn, was der Umfang seiner Philosophie sei. ‚Eine Untersuchung menschlicher Phänomene‘, antwortete Sokrates. Daraufhin brach der Inder in Gelächter aus. ‚Wie kann ein Mensch menschliche Phänomene untersuchen‘, sagte er, ‚wenn er unwissend über die göttlichen ist?‘“ Der erwähnte Aristoxenos war ein Schüler von Aristoteles und ein bekannter Schriftsteller über Harmonik. Sein Datum ist 330 v. Chr.
KAPITEL: 40
ICH KEHRE NACH INDIEN ZURÜCK
Dankbar atmete ich die gesegnete Luft Indiens ein. Unser Schiff RAJPUTANA legte am 22. August 1935 im riesigen Hafen von Bombay an. Schon dieser erste Tag fernab des Schiffes war ein Vorgeschmack auf das vor uns liegende Jahr – zwölf Monate unablässiger Aktivität. Freunde hatten sich mit Girlanden und Grüßen am Dock versammelt; bald gab es in unserer Suite im Taj Mahal Hotel einen Strom von Reportern und Fotografen.
Bombay war eine Stadt, die mir neu war; ich fand sie energisch modern, mit vielen Innovationen aus dem Westen. Palmen säumen die geräumigen Boulevards; prachtvolle staatliche Gebäude wetteifern mit antiken Tempeln um Aufmerksamkeit. Es blieb jedoch nur sehr wenig Zeit für Besichtigungen; ich war ungeduldig, begierig darauf, meinen geliebten Guru und andere liebe Menschen wiederzusehen. Nachdem wir den Ford einem Gepäckwagen anvertraut hatten, raste unsere Gruppe bald mit dem Zug ostwärts in Richtung Kalkutta. {FN40-1}
Bei unserer Ankunft am Bahnhof Howrah fanden wir eine so riesige Menschenmenge vor, die sich versammelt hatte, um uns zu begrüßen, dass wir eine Zeit lang nicht aus dem Zug aussteigen konnten. Der junge Maharaja von Kasimbazar und mein Bruder Bishnu leiteten das Empfangskomitee; ich war auf die Wärme und das Ausmaß unseres Empfangs nicht vorbereitet.
Gefolgt von einer Reihe von Automobilen und Motorrädern und inmitten des freudigen Klangs von Trommeln und Muschelhörnern fuhren Miss Bletch, Mr. Wright und ich, von Kopf bis Fuß mit Blumengirlanden geschmückt, langsam zum Haus meines Vaters.
Mein betagter Vater umarmte mich wie einen von den Toten Auferstandenen; lange starrten wir uns an, sprachlos vor Freude. Brüder und Schwestern, Onkel, Tanten und Cousins, Schüler und Freunde aus längst vergangenen Jahren gruppierten sich um mich, und kein Auge blieb trocken. Diese Szene des liebevollen Wiedersehens, die nun in die Archive der Erinnerung eingegangen ist, lebt lebendig und unvergesslich in meinem Herzen fort.
Was meine Begegnung mit Sri Yukteswar betrifft, so fehlen mir die Worte; lassen Sie die folgende Beschreibung meines Sekretärs genügen.
„Heute fuhr ich Yoganandaji voller höchster Erwartungen von Kalkutta nach Serampore“, notierte Mr. Wright in seinem Reisetagebuch. „Wir kamen an malerischen Geschäften vorbei, von denen eines während seiner Studienzeit das liebste Etablissement von Yoganandaji war, und bogen schließlich in eine schmale, von Mauern gesäumte Gasse ein. Eine plötzliche Linkskurve, und dort vor uns ragte der schlichte, aber inspirierende zweistöckige Ashram auf, dessen Balkon im spanischen Stil aus dem Obergeschoss herausragte. Der alles durchdringende Eindruck war der von friedvoller Einsamkeit.“
„In tiefer Demut schritt ich hinter Yoganandaji in den Innenhof innerhalb der Mauern der Einsiedelei. Mit klopfenden Herzen stiegen wir einige alte Zementstufen hinauf, die zweifellos von Myriaden von Wahrheitssuchern betreten wurden. Die Spannung stieg immer mehr, während wir weitergingen. Vor uns, nahe dem oberen Ende der Treppe, erschien leise der Große, Swami Sri Yukteswarji, in der edlen Pose eines Weisen stehend.“
„Mein Herz hob und schwoll an, als ich mich durch das Privileg gesegnet fühlte, in seiner erhabenen Gegenwart zu sein. Tränen verschleierten meinen eifrigen Blick, als Yoganandaji auf die Knie sank und mit geneigtem Haupt die Dankbarkeit und den Gruß seiner Seele darbrachte, wobei er mit seiner Hand die Füße seines Gurus berührte und dann, in demütiger Ehrerbietung, sein eigenes Haupt. Er erhob sich dann und wurde von Sri Yukteswarji an beiden Seiten der Brust umarmt.“
„Am Anfang fielen keine Worte, doch das intensivste Gefühl wurde in den stummen Sätzen der Seele ausgedrückt. Wie ihre Augen funkelten und vom Feuer der erneuerten Seelenvereinigung durchglüht waren! Eine zarte Schwingung durchströmte den stillen Patio, und sogar die Sonne entwich den Wolken, um einen plötzlichen Glanz der Herrlichkeit hinzuzufügen.“
„Auf gebogenen Knien vor dem Meister brachte ich meine eigene unausgesprochene Liebe und meinen Dank dar, berührte seine von Zeit und Dienst gezeichneten Füße und empfing seinen Segen. Ich stand dann auf und blickte in zwei wunderschöne, tiefe Augen, die vor Selbstbeobachtung glühten, jedoch vor Freude strahlten. Wir betraten sein Wohnzimmer, dessen ganze Seite sich zum äußeren Balkon hin öffnete, den man zuerst von der Straße aus gesehen hatte. Der Meister stützte sich gegen ein abgenutztes Sofa, während er auf einer bedeckten Matratze auf dem Zementboden saß. Yoganandaji und ich saßen in der Nähe der Füße des Gurus, mit orangefarbenen Kissen, an die wir uns lehnen konnten, um unsere Position auf der Strohmatte zu erleichtern.“
„Ich versuchte immer wieder, dem bengalischen Gespräch zwischen den beiden Swamijis zu folgen – denn Englisch, so entdeckte ich, ist null und nichtig, wenn sie zusammen sind, obwohl Swamiji Maharaj, wie der große Guru von anderen genannt wird, es sprechen kann und oft spricht. Aber ich nahm die Heiligkeit des Großen durch sein herzerwärmendes Lächeln und seine funkelnden Augen wahr. Eine Eigenschaft, die in seinem heiteren, ernsten Gespräch leicht erkennbar ist, ist eine entschiedene Bestimmtheit in der Aussage – das Zeichen eines weisen Mannes, der weiß, dass er weiß, weil er Gott kennt. Seine große Weisheit, seine Willensstärke und seine Entschlossenheit sind in jeder Hinsicht offensichtlich.“
„Während ich ihn von Zeit zu Zeit ehrfürchtig studierte, bemerkte ich, dass er von großer, athletischer Statur ist, gehärtet durch die Prüfungen und Opfer der Entsagung. Sein Auftreten ist majestätisch. Eine ausgesprochen schräge Stirn, als ob sie den Himmel suchte, beherrscht sein göttliches Antlitz. Er hat eine ziemlich große und schlichte Nase, mit der er sich in müßigen Momenten amüsiert, indem er sie wie ein Kind mit den Fingern schnippt und wackelt. Seine kraftvollen dunklen Augen sind von einem ätherischen blauen Ring umgeben. Sein Haar, das in der Mitte gescheitelt ist, beginnt silbern und wandelt sich zu Strähnen aus silbernem Gold und silbernem Schwarz, die in Locken an seinen Schultern enden. Sein Bart und sein Schnurrbart sind spärlich oder ausgedünnt, scheinen aber seine Gesichtszüge zu unterstreichen und sind, wie sein Charakter, zugleich tiefgründig und leicht.“
„Er hat ein joviales und ausgelassenes Lachen, das tief aus seiner Brust kommt und seinen ganzen Körper zum Beben und Zittern bringt – sehr fröhlich und aufrichtig. Sein Gesicht und seine Statur sind in ihrer Kraft ebenso beeindruckend wie seine muskulösen Finger. Er bewegt sich mit würdigem Schritt und aufrechter Haltung.“
„Er war schlicht in den üblichen Dhoti und ein Hemd gekleidet, beide einst in einer kräftigen Ockerfarbe gefärbt, aber nun zu einem verblassten Orange geworden.“
„Während ich mich umsah, bemerkte ich, dass dieser ziemlich heruntergekommene Raum die Nichtanhaftung des Eigentümers an materiellen Komfort nahelegte. Die wettergegerbten weißen Wände des langen Raumes waren mit verblassendem blauem Putz gestreift. An einem Ende des Raumes hing ein Bild von Lahiri Mahasaya, geschmückt in schlichter Andacht. Es gab auch ein altes Bild, das Yoganandaji zeigte, wie er zuerst in Boston angekommen war und mit den anderen Delegierten des Kongresses der Religionen stand.“
„Ich bemerkte ein malerisches Zusammentreffen von Modernität und Altertum. Ein riesiger, geschliffener Kristallleuchter für Kerzen war vor Nichtgebrauch mit Spinnweben bedeckt, und an der Wand hing ein heller, aktueller Kalender. Der ganze Raum strahlte einen Duft von Frieden und Ruhe aus. Hinter dem Balkon konnte ich Kokospalmen sehen, die in stillem Schutz über der Einsiedelei aufragten.“
„Es ist interessant zu beobachten, dass der Meister nur in die Hände zu klatschen braucht, und schon wird er, noch bevor er geendet hat, von einem kleinen Schüler bedient oder betreut. Übrigens fühle ich mich sehr zu einem von ihnen hingezogen – einem dünnen Jungen namens Prafulla, {FN40-2} mit langem schwarzen Haar bis zu den Schultern, einem Paar durchdringender, funkelnder schwarzer Augen und einem himmlischen Lächeln; seine Augen funkeln, wenn sich seine Mundwinkel heben, wie die Sterne und die Mondsichel, die in der Dämmerung erscheinen.“
„Swami Sri Yukteswarjis Freude über die Rückkehr seines ‚Produkts‘ ist offensichtlich intensiv (und er scheint etwas neugierig auf das ‚Produkt des Produkts‘ zu sein). Jedoch behindert das Vorherrschen des Weisheitsaspekts im Wesen des Großen seinen äußeren Ausdruck von Gefühlen.“
„Yoganandaji überreichte ihm einige Geschenke, wie es Sitte ist, wenn der Schüler zu seinem Guru zurückkehrt. Wir setzten uns später zu einer einfachen, aber gut gekochten Mahlzeit zusammen. Alle Gerichte waren Kombinationen aus Gemüse und Reis. Sri Yukteswarji war erfreut über meine Verwendung einer Reihe indischer Bräuche, zum Beispiel das ‚Essen mit den Fingern‘.“
„Nach mehreren Stunden fliegender bengalischer Sätze und dem Austausch von warmem Lächeln und freudigen Blicken erwiesen wir ihm an seinen Füßen die Ehre, verabschiedeten uns mit einem PRONAM, {FN40-3} und reisten mit einer ewigen Erinnerung an eine heilige Begegnung und Begrüßung nach Kalkutta ab. Obwohl ich hauptsächlich von meinen äußeren Eindrücken von ihm schreibe, war ich mir doch immer der wahren Grundlage des Heiligen bewusst – seiner spirituellen Herrlichkeit. Ich spürte seine Kraft und werde dieses Gefühl als meinen göttlichen Segen mit mir tragen.“
Aus Amerika, Europa und Palästina hatte ich viele Geschenke für Sri Yukteswar mitgebracht. Er nahm sie lächelnd, aber ohne Kommentar entgegen. Für meinen eigenen Gebrauch hatte ich in Deutschland einen kombinierten Regenschirm-Spazierstock gekauft. In Indien beschloss ich, den Stock dem Meister zu geben.
„Dieses Geschenk weiß ich wahrlich zu schätzen!“ Die Augen meines Gurus wandten sich mit liebevollem Verständnis mir zu, als er die ungewohnte Bemerkung machte. Von allen Geschenken war es der Stock, den er herausgriff, um ihn Besuchern zu zeigen.
„Meister, erlauben Sie mir bitte, einen neuen Teppich für das Wohnzimmer zu besorgen.“ Ich hatte bemerkt, dass Sri Yukteswars Tigerfell über einem zerrissenen Teppich lag.
„Tu es, wenn es dir gefällt.“ Die Stimme meines Gurus war nicht enthusiastisch. „Sieh her, meine Tigermatte ist schön und sauber; ich bin Monarch in meinem eigenen kleinen Königreich. Dahinter liegt die riesige Welt, die sich nur für Äußerlichkeiten interessiert.“
Als er diese Worte aussprach, fühlte ich, wie die Jahre zurückrollten; wieder einmal bin ich ein junger Schüler, gereinigt im täglichen Feuer der Züchtigung!
Sobald ich mich von Serampore und Kalkutta losreißen konnte, machte ich mich mit Mr. Wright auf den Weg nach Ranchi. Was für ein Empfang dort, eine wahre Ovation! Tränen standen in meinen Augen, als ich die selbstlosen Lehrer umarmte, die während meiner fünfzehnjährigen Abwesenheit das Banner der Schule hochgehalten hatten. Die strahlenden Gesichter und das glückliche Lächeln der Internatsschüler und Tagesschüler waren ein reichlicher Beweis für den Wert ihrer vielseitigen Schule und Yoga-Ausbildung.
Doch, ach! Die Ranchi-Einrichtung befand sich in schlimmen finanziellen Schwierigkeiten. Sir Manindra Chandra Nundy, der alte Maharaja, dessen Kasimbazar-Palast in das zentrale Schulgebäude umgewandelt worden war und der viele fürstliche Spenden geleistet hatte, war nun tot. Viele kostenlose, wohltätige Einrichtungen der Schule waren nun wegen mangelnder öffentlicher Unterstützung ernsthaft gefährdet.
Ich hatte nicht Jahre in Amerika verbracht, ohne etwas von seiner praktischen Weisheit und seinem unerschrockenen Geist gegenüber Hindernissen zu lernen. Eine Woche blieb ich in Ranchi und rang mit kritischen Problemen. Dann folgten Interviews in Kalkutta mit prominenten Führungspersönlichkeiten und Pädagogen, ein langes Gespräch mit dem jungen Maharaja von Kasimbazar, ein finanzieller Appell an meinen Vater, und siehe da! Die wackeligen Fundamente von Ranchi begannen sich zu festigen. Viele Spenden, darunter ein riesiger Scheck, trafen in letzter Minute von meinen amerikanischen Schülern ein.
Wenige Monate nach meiner Ankunft in Indien hatte ich die Freude zu sehen, wie die Ranchi-Schule rechtlich eingetragen wurde. Mein lebenslanger Traum von einem dauerhaft gestifteten Yoga-Bildungszentrum hatte sich erfüllt. Diese Vision hatte mich bei den bescheidenen Anfängen im Jahr 1917 mit einer Gruppe von sieben Jungen geleitet.
In dem Jahrzehnt seit 1935 hat Ranchi seinen Wirkungsbereich weit über die Jungenschule hinaus erweitert. Weitreichende humanitäre Aktivitäten werden dort jetzt in der Shyama Charan Lahiri Mahasaya Mission durchgeführt.
Die Schule, oder Yogoda Sat-Sanga Brahmacharya Vidyalaya, führt Klassen im Freien in Grammatik- und Highschool-Fächern durch. Die Internatsschüler und Tagesschüler erhalten auch eine Berufsausbildung. Die Jungen regeln die meisten ihrer Aktivitäten selbst durch autonome Komitees. Sehr früh in meiner Laufbahn als Pädagoge entdeckte ich, dass Jungen, die schelmisch Freude daran haben, einen Lehrer auszutricksen, freudig Disziplinarregeln akzeptieren, die von ihren Mitschülern aufgestellt wurden. Da ich selbst nie ein Musterschüler war, hatte ich ein sofortiges Verständnis für alle jungenhaften Streiche und Probleme.
Sport und Spiele werden gefördert; die Felder hallen von Hockey- und Fußballtraining wider. Ranchi-Schüler gewinnen oft den Pokal bei Wettbewerben. Das Freiluft-Gymnasium ist weit und breit bekannt. Muskelaufladung durch Willenskraft ist das YOGODA-Merkmal: mentale Lenkung der Lebensenergie auf jeden beliebigen Teil des Körpers. Die Jungen lernen auch ASANAS (Körperhaltungen), Schwert- und LATHI-Spiel (Stock) sowie Jujitsu. Die Yogoda-Gesundheitsausstellungen an der Ranchi VIDYALAYA wurden von Tausenden besucht.
Der Unterricht in Grundfächern wird den KOLS, SANTALS und MUNDAS, den Ureinwohnerstämmen der Provinz, auf Hindi erteilt. Klassen nur für Mädchen wurden in nahegelegenen Dörfern organisiert.
Das einzigartige Merkmal in Ranchi ist die Einweihung in KRIYA YOGA. Die Jungen üben täglich ihre spirituellen Übungen, engagieren sich im GITA-Chanting und werden durch Lehre und Beispiel in den Tugenden der Einfachheit, Selbstaufopferung, Ehre und Wahrheit unterwiesen. Das Böse wird ihnen als dasjenige aufgezeigt, das Elend hervorruft; das Gute als jene Handlungen, die zu wahrem Glück führen. Das Böse kann mit vergiftetem Honig verglichen werden, verlockend, aber mit dem Tod beladen.
Die Überwindung der Rastlosigkeit von Körper und Geist durch Konzentrationstechniken hat erstaunliche Ergebnisse erzielt: Es ist in Ranchi keine Neuheit, ein ansprechendes kleines Wesen im Alter von neun oder zehn Jahren zu sehen, das eine Stunde oder länger in ungebrochener Haltung sitzt, wobei der unverwandte Blick auf das spirituelle Auge gerichtet ist. Oft kehrte das Bild dieser Ranchi-Schüler in meinen Geist zurück, während ich Studenten auf der ganzen Welt beobachtete, die kaum in der Lage sind, eine Unterrichtsstunde lang still zu sitzen. {FN40-4}
Ranchi liegt 2000 Fuß über dem Meeresspiegel; das Klima ist mild und ausgeglichen. Das 25 Hektar große Gelände an einem großen Badeteich umfasst einen der schönsten Obstgärten Indiens – fünfhundert Obstbäume: Mango, Guave, Litschi, Jackfrucht, Dattel. Die Jungen bauen ihr eigenes Gemüse an und spinnen an ihren CHARKAS.
Ein Gästehaus steht gastfreundlich für westliche Besucher offen. Die Bibliothek von Ranchi enthält zahlreiche Zeitschriften und etwa tausend Bände in Englisch und Bengali, Spenden aus dem Westen und dem Osten. Es gibt eine Sammlung der Schriften der Welt. Ein gut klassifiziertes Museum zeigt archäologische, geologische und anthropologische Exponate; Trophäen, zu einem großen Teil von meinen Wanderungen über die vielfältige Erde des Herrn.
Das wohltätige Krankenhaus und die Apotheke der Lahiri Mahasaya Mission, mit vielen Außenstellen in entfernten Dörfern, haben bereits 150.000 der Armen Indiens betreut. Die Ranchi-Schüler werden in Erster Hilfe ausgebildet und haben ihrer Provinz in tragischen Zeiten von Überschwemmungen oder Hungersnöten lobenswerten Dienst erwiesen.
Im Obstgarten steht ein Shiva-Tempel mit einer Statue des gesegneten Meisters, Lahiri Mahasaya. Tägliche Gebete und Schriftklassen werden im Garten unter den Mangolauben abgehalten.
Zweig-Highschools mit den Internats- und Yoga-Merkmalen von Ranchi wurden eröffnet und blühen nun auf. Dies sind die Yogoda Sat-Sanga Vidyapith (Schule) für Jungen in Lakshmanpur in Bihar; und die Yogoda Sat-Sanga High School und Einsiedelei in Ejmalichak in Midnapore.
Eine stattliche Yogoda Math wurde 1939 in Dakshineswar, direkt am Ganges, eingeweiht. Nur wenige Meilen nördlich von Kalkutta bietet die neue Einsiedelei einen Zufluchtsort des Friedens für Stadtbewohner. Geeignete Unterkünfte stehen für westliche Gäste zur Verfügung, insbesondere für jene Sucher, die ihr Leben intensiv der spirituellen Verwirklichung widmen. Die Aktivitäten der Yogoda Math umfassen einen vierzehntägigen Versand der Self-Realization Fellowship-Lehren an Schüler in verschiedenen Teilen Indiens.
Es erübrigt sich zu sagen, dass all diese Bildungs- und humanitären Aktivitäten den aufopferungsvollen Dienst und die Hingabe vieler Lehrer und Mitarbeiter erfordert haben. Ich führe ihre Namen hier nicht auf, weil es so viele sind; aber in meinem Herzen hat jeder einen glanzvollen Platz. Inspiriert von den Idealen von Lahiri Mahasaya haben diese Lehrer vielversprechende weltliche Ziele aufgegeben, um demütig zu dienen und großzügig zu geben.
Mr. Wright schloss viele enge Freundschaften mit den Ranchi-Jungen; in einen einfachen DHOTI gekleidet, lebte er eine Zeit lang unter ihnen. In Ranchi, Kalkutta, Serampore, überall wo er hinkam, holte mein Sekretär, der eine lebhafte Gabe zur Beschreibung hat, sein Reisetagebuch hervor, um seine Abenteuer festzuhalten. Eines Abends stellte ich ihm eine Frage.
„Dick, was ist dein Eindruck von Indien?“
„Frieden“, sagte er nachdenklich. „Die rassistische Aura ist Frieden.“
{FN40-1} Wir unterbrachen unsere Reise in den Central Provinces, auf halbem Weg über den Kontinent, um Mahatma Gandhi in Wardha zu besuchen. Diese Tage werden in Kapitel 44 beschrieben.
{FN40-2} Prafulla war der Junge, der beim Meister gewesen war, als sich eine Kobra näherte (siehe Seite 116).
{FN40-3} Wörtlich „heiliger Name“, ein Grußwort unter Hindus, begleitet von handgefalteten Händen, die vom Herzen zur Stirn erhoben werden. Ein PRONAM in Indien ersetzt den westlichen Gruß durch Händeschütteln.
{FN40-4} Mentales Training durch bestimmte Konzentrationstechniken hat in jeder indischen Generation Männer mit phänomenalem Gedächtnis hervorgebracht. Sir T. Vijayaraghavachari hat in der HINDUSTAN TIMES die Tests beschrieben, denen die modernen professionellen „Gedächtniskünstler“ von Madras unterzogen wurden. „Diese Männer“, schrieb er, „waren ungewöhnlich gelehrt in sanskritischer Literatur. Inmitten eines großen Publikums sitzend, waren sie den Tests gewachsen, die ihnen mehrere Mitglieder des Publikums gleichzeitig stellten. Der Test sah etwa so aus: Eine Person begann mit einer Glocke zu läuten, wobei die Anzahl der Läuten vom ‚Gedächtniskünstler‘ gezählt werden musste. Eine zweite Person diktierte von einem Blatt Papier eine lange Rechenaufgabe, die Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division beinhaltete. Eine dritte rezitierte aus dem RAMAYANA oder dem MAHABHARATA eine lange Reihe von Gedichten, die wiedergegeben werden mussten; eine vierte stellte Aufgaben zur Verslehre, die die Komposition von Versen im richtigen Metrum zu einem vorgegebenen Thema erforderte, wobei jede Zeile auf ein bestimmtes Wort enden musste; ein fünfter Mann führte mit einem sechsten eine theologische Disputation, deren genauer Wortlaut in der präzisen Reihenfolge zitiert werden musste, in der die Disputanten sie führten; und ein siebter Mann drehte die ganze Zeit an einem Rad, dessen Umdrehungen gezählt werden mussten. Der Gedächtnisexperte musste all diese Kunststücke gleichzeitig rein durch mentale Prozesse vollbringen, da ihm weder Papier noch Bleistift erlaubt waren. Die Beanspruchung der Fähigkeiten muss gewaltig gewesen sein. Normalerweise neigen Männer in unbewusstem Neid dazu, solche Anstrengungen abzuwerten, indem sie so tun, als glaubten sie, dass sie nur die Ausübung der niederen Funktionen des Gehirns beinhalten. Es ist jedoch keine reine Frage des Gedächtnisses. Der größere Faktor ist die immense Konzentration des Geistes.“
KAPITEL 41
EIN IDYLL IN SÜDINDIEN
„Sie sind der erste Westler, Dick, der jemals diesen Schrein betreten hat. Viele andere haben es vergeblich versucht.“
Bei meinen Worten sah Mr. Wright überrascht, dann erfreut aus. Wir hatten gerade den wunderschönen Chamundi-Tempel in den Hügeln mit Blick auf Mysore in Südindien verlassen. Dort hatten wir uns vor den Gold- und Silberaltären der Göttin Chamundi verneigt, der Schutzpatronin der Familie des regierenden Maharajas.
„Als Souvenir an die einzigartige Ehre“, sagte Mr. Wright, während er vorsichtig ein paar gesegnete Rosenblätter verstaute, „werde ich diese Blume, die vom Priester mit Rosenwasser besprengt wurde, immer aufbewahren.“
Mein Begleiter und ich {FN41-1} verbrachten den Monat November 1935 als Gäste des Staates Mysore. Der Maharaja, H.H. Sri Krishnaraja Wadiyar IV, ist ein Vorbild an Fürst mit intelligenter Hingabe an sein Volk. Als frommer Hindu hat der Maharaja einen Mohammedaner, den fähigen Mirza Ismail, zu seinem Dewan oder Premierminister ernannt. Die sieben Millionen Einwohner von Mysore sind sowohl in einer Versammlung als auch in einem Legislativrat vertreten.
Der Erbe des Maharajas, H.H. der Yuvaraja, Sir Sri Krishna Narasingharaj Wadiyar, hatte meinen Sekretär und mich eingeladen, sein aufgeklärtes und fortschrittliches Reich zu besuchen. Während der letzten vierzehn Tage hatte ich vor Tausenden von Bürgern und Studenten in Mysore gesprochen, in der Town Hall, am Maharajah’s College, an der University Medical School; und bei drei Massenversammlungen in Bangalore, an der National High School, am Intermediate College und in der Chetty Town Hall, wo sich über dreitausend Personen versammelt hatten. Ob die eifrigen Zuhörer in der Lage gewesen waren, dem glänzenden Bild zu glauben, das ich von Amerika zeichnete, weiß ich nicht; aber der Applaus war immer am lautesten, wenn ich von den gegenseitigen Vorteilen sprach, die aus dem Austausch der besten Eigenschaften von Ost und West fließen könnten.
Mr. Wright und ich entspannten uns nun in der tropischen Ruhe. Sein Reisetagebuch gibt den folgenden Bericht über seine Eindrücke von Mysore:
„Leuchtend grüne Reisfelder, abgewechselt durch Felder mit quastigem Zuckerrohr, schmiegen sich an den schützenden Fuß felsiger Hügel – Hügel, die das smaragdgrüne Panorama wie Auswüchse aus schwarzem Stein übersäen – und das Spiel der Farben wird durch das plötzliche und dramatische Verschwinden der Sonne verstärkt, wenn sie hinter den feierlichen Hügeln Ruhe sucht.“
„Viele schwärmerische Momente habe ich damit verbracht, fast geistesabwesend auf die sich ständig verändernde Leinwand Gottes zu starren, die sich über das Firmament erstreckt, denn nur Seine Berührung ist fähig, Farben hervorzubringen, die mit der Frische des Lebens vibrieren. Diese Jugend der Farben geht verloren, wenn der Mensch versucht, sie mit bloßen Pigmenten nachzuahmen, denn der Herr greift auf ein einfacheres und effektiveres Medium zurück – Öle, die weder Öle noch Pigmente sind, sondern bloße Lichtstrahlen. Er wirft hier einen Lichtfleck, und er reflektiert Rot; Er schwingt den Pinsel erneut, und es vermischt sich allmählich zu Orange und Gold; dann durchstößt Er mit einem durchdringenden Stoß die Wolken mit einem violetten Streifen, der eine Locke oder einen Saum aus Rot hinterlässt, die aus der Wunde in den Wolken sickern; und so geht es immer weiter, Er spielt, bei Nacht wie bei Tag, immer anders, immer neu, immer frisch; keine Muster, keine Duplikate, keine Farben genau gleich. Die Schönheit des indischen Wechsels vom Tag zur Nacht ist anderswo unvergleichlich; oft sieht der Himmel aus, als hätte Gott alle Farben aus Seinem Kasten genommen und sie einem mächtigen kaleidoskopischen Wurf in den Himmel gegeben.“
„Ich muss von der Pracht eines Besuchs in der Abenddämmerung am riesigen Krishnaraja-Sagar-Damm {FN41-2} berichten, der zwölf Meilen außerhalb von Mysore errichtet wurde. Yoganandaji und ich stiegen in einen kleinen Bus und fuhren mit einem kleinen Jungen als offiziellem Kurbel- oder Batterie-Ersatz auf einer glatten Feldstraße los, gerade als die Sonne am Horizont unterging und sich wie eine überreife Tomate zerquetschte.“
„Unsere Reise führte an den allgegenwärtigen quadratischen Reisfeldern vorbei, durch eine Reihe tröstlicher Banyanbäume, zwischen einem Hain aus hochragenden Kokospalmen hindurch, mit einer Vegetation, die fast so dicht war wie im Dschungel, und schließlich, als wir den Kamm eines Hügels erreichten, standen wir direkt vor einem riesigen künstlichen See, in dem sich die Sterne und der Saum der Palmen und anderer Bäume spiegelten, umgeben von reizvollen Terrassengärten und einer Reihe elektrischer Lichter am Rande des Damms – und unter uns bot sich unseren Augen ein blendendes Schauspiel farbiger Strahlen, die auf geysirartige Springbrunnen spielten, wie so viele Ströme leuchtender Tinte, die hervorquollen – prächtig blaue Wasserfälle, beeindruckende rote Kaskaden, grüne und gelbe Fontänen, Elefanten, die Wasser speien, eine Miniatur der Weltausstellung in Chicago, und doch modern herausragend in diesem alten Land der Reisfelder und einfachen Menschen, die uns einen so liebevollen Empfang bereitet haben, dass ich fürchte, es wird mehr als meine Kraft erfordern, Yoganandaji zurück nach Amerika zu bringen.
Eine weitere seltene Gelegenheit – mein erster Ritt auf einem Elefanten. Gestern lud uns der Yuvaraja in seinen Sommerpalast ein, um einen Ritt auf einem seiner Elefanten zu genießen, einem gewaltigen Tier. Ich stieg eine Leiter hinauf, die bereitgestellt wurde, um in den HOWDAH oder Sattel zu klettern, der seiden gepolstert und kastenförmig ist; und dann ging es rollend, stoßend, schwankend und hebend hinunter in eine Schlucht, zu aufgeregt, um mir Sorgen zu machen oder zu rufen, aber ich hielt mich fest, als ginge es um mein Leben!“
Südindien, reich an historischen und archäologischen Überresten, ist ein Land von bestimmtem und doch undefinierbarem Charme. Nördlich von Mysore liegt der größte Fürstenstaat Indiens, Hyderabad, ein malerisches Plateau, das vom mächtigen Godavari-Fluss durchschnitten wird. Breite fruchtbare Ebenen, die schönen Nilgiris oder „Blauen Berge“, andere Regionen mit kahlen Kalkstein- oder Granithügeln. Die Geschichte Hyderabads ist eine lange, farbenfrohe Erzählung, die vor dreitausend Jahren unter den Andhra-Königen begann und unter hinduistischen Dynastien bis 1294 n. Chr. andauerte, als sie an eine Reihe muslimischer Herrscher überging, die bis heute regieren.
Die atemberaubendste Darstellung von Architektur, Bildhauerei und Malerei in ganz Indien findet sich in Hyderabad in den alten, in Fels gehauenen Höhlen von Ellora und Ajanta. Das Kailasa in Ellora, ein riesiger monolithischer Tempel, besitzt in Stein gehauene Figuren von Göttern, Menschen und Tieren in den gewaltigen Proportionen eines Michelangelo. Ajanta ist der Standort von fünf Kathedralen und fünfundzwanzig Klöstern, allesamt Felsausgrabungen, die von gewaltigen, mit Fresken verzierten Säulen gestützt werden, auf denen Künstler und Bildhauer ihr Genie verewigt haben.
Die Stadt Hyderabad wird durch die Osmania University und die imposante Mecca-Masjid-Moschee geschmückt, in der sich zehntausend Mohammedaner zum Gebet versammeln können.
Auch der Staat Mysore ist ein landschaftliches Wunderland, dreitausend Fuß über dem Meeresspiegel, reich an dichten tropischen Wäldern, der Heimat wilder Elefanten, Bisons, Bären, Panther und Tiger. Seine beiden Hauptstädte, Bangalore und Mysore, sind sauber, attraktiv und verfügen über viele Parks und öffentliche Gärten.
Hinduistische Architektur und Bildhauerei erreichten ihre höchste Vollendung in Mysore unter der Schirmherrschaft hinduistischer Könige vom elften bis zum fünfzehnten Jahrhundert. Der Tempel von Belur, ein Meisterwerk des elften Jahrhunderts, das während der Regierungszeit von König Vishnuvardhana fertiggestellt wurde, ist in der Welt unübertroffen in der Feinheit seiner Details und seiner üppigen Bildsprache.
Die Felssäulen, die im nördlichen Mysore gefunden wurden, stammen aus dem dritten Jahrhundert v. Chr. und erhellen das Andenken an König Asoka. Er trat die Nachfolge der damals herrschenden Maurya-Dynastie an; sein Reich umfasste fast ganz Indien, Afghanistan und Belutschistan in ihrer heutigen Form. Dieser berühmte Kaiser, der selbst von westlichen Historikern als unvergleichlicher Herrscher angesehen wird, hat die folgende Weisheit auf einem Felsdenkmal hinterlassen:
Diese religiöse Inschrift wurde eingraviert, damit unsere Söhne und Enkel nicht glauben mögen, eine neue Eroberung sei notwendig; damit sie nicht glauben mögen, die Eroberung durch das Schwert verdiene den Namen einer Eroberung; damit sie darin nichts als Zerstörung und Gewalt sehen; damit sie nichts als wahre Eroberung betrachten außer der Eroberung der Religion. Solche Eroberungen haben Wert in dieser Welt und in der nächsten.
Asoka war ein Enkel des gewaltigen Chandragupta Maurya (den Griechen als Sandrocottus bekannt), der in seiner Jugend Alexander dem Großen begegnet war. Später zerstörte Chandragupta die in Indien zurückgelassenen makedonischen Garnisonen, besiegte die einfallende griechische Armee des Seleukos im Punjab und empfing daraufhin den hellenischen Gesandten Megasthenes an seinem Hof in Patna.
Äußerst interessante Geschichten wurden von griechischen Historikern und anderen, die Alexander auf seinem Feldzug nach Indien begleiteten oder ihm folgten, minutiös aufgezeichnet. Die Berichte von Arrian, Diodor, Plutarch und dem Geographen Strabon wurden von Dr. J. W. M’Crindle {FN41-3} übersetzt, um ein Licht auf das alte Indien zu werfen. Das bewundernswerteste Merkmal von Alexanders erfolgloser Invasion war das tiefe Interesse, das er an der hinduistischen Philosophie sowie an den Yogis und heiligen Männern zeigte, denen er von Zeit zu Zeit begegnete und deren Gesellschaft er eifrig suchte. Kurz nachdem der griechische Krieger in Taxila im Norden Indiens eingetroffen war, sandte er einen Boten, Onesikritos, einen Schüler der hellenischen Schule des Diogenes, um einen indischen Lehrer, Dandamis, einen großen Sannyasin von Taxila, zu sich zu holen.
„Heil dir, o Lehrer der Brahmanen!“, sagte Onesikritos, nachdem er Dandamis in seiner Waldeinsiedelei aufgesucht hatte. „Der Sohn des mächtigen Gottes Zeus, Alexander, der der souveräne Herr aller Menschen ist, bittet dich, zu ihm zu kommen, und wenn du folgst, wird er dich mit großen Geschenken belohnen, doch wenn du dich weigerst, wird er dir den Kopf abschlagen!“
Der Yogi empfing diese ziemlich zwingende Einladung ruhig und „hob nicht einmal sein Haupt von seinem Lager aus Blättern“.
„Ich bin ebenfalls ein Sohn des Zeus, wenn Alexander dies ist“, bemerkte er. „Ich will nichts, was Alexander gehört, denn ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, während ich sehe, dass er mit seinen Männern über Meer und Land ohne Nutzen wandert und kein Ende seiner Wanderungen findet.
Geh und sag Alexander, dass Gott, der höchste König, niemals der Urheber frevelhaften Unrechts ist, sondern der Schöpfer des Lichts, des Friedens, des Lebens, des Wassers, des menschlichen Körpers und der Seelen; Er empfängt alle Menschen, wenn der Tod sie befreit, da Er in keiner Weise bösen Krankheiten unterworfen ist. Er allein ist der Gott meiner Verehrung, der das Schlachten verabscheut und keine Kriege anzettelt.
Alexander ist kein Gott, da er den Tod kosten muss“, fuhr der Weise mit leisem Spott fort. „Wie kann einer wie er der Herr der Welt sein, wenn er sich noch nicht auf einen Thron der inneren universellen Herrschaft gesetzt hat? Weder ist er lebend in den Hades eingegangen, noch kennt er den Lauf der Sonne durch die zentralen Regionen der Erde, während die Völker an deren Rändern nicht einmal seinen Namen gehört haben!“
Nach dieser Zurechtweisung, sicherlich die beißendste, die je an die Ohren des „Herrn der Welt“ gedrungen ist, fügte der Weise ironisch hinzu: „Wenn Alexanders gegenwärtige Herrschaftsgebiete nicht geräumig genug für seine Begierden sind, lass ihn den Ganges überqueren; dort wird er eine Region finden, die alle seine Männer ernähren kann, falls das Land auf dieser Seite zu eng für ihn sein sollte. {FN41-4}
Wisse jedoch, dass das, was Alexander anbietet und die Geschenke, die er verspricht, für mich völlig nutzlos sind; die Dinge, die ich schätze und als von wirklichem Nutzen und Wert empfinde, sind diese Blätter, die mein Haus sind, diese blühenden Pflanzen, die mir meine tägliche Nahrung liefern, und das Wasser, das mein Trank ist; während alle anderen Besitztümer, die mit ängstlicher Sorgfalt angehäuft werden, dazu neigen, sich als ruinös für jene zu erweisen, die sie sammeln, und nur Sorgen und Verdrießlichkeiten verursachen, mit denen jeder arme Sterbliche vollauf belastet ist. Was mich betrifft, so liege ich auf den Blättern des Waldes, und da ich nichts habe, das bewacht werden müsste, schließe ich meine Augen in ruhigem Schlummer; hätte ich hingegen etwas zu bewachen, würde mir das den Schlaf rauben. Die Erde versorgt mich mit allem, so wie eine Mutter ihr Kind mit Milch. Ich gehe, wohin es mir beliebt, und es gibt keine Sorgen, mit denen ich mich belasten müsste.
Sollte Alexander mir den Kopf abschlagen, kann er dennoch nicht meine Seele zerstören. Mein Kopf wird dann allein, stumm, zurückbleiben und den Körper wie ein zerrissenes Gewand auf der Erde hinterlassen, von wo er auch genommen wurde. Ich aber, Geist geworden, werde zu meinem Gott aufsteigen, der uns alle in Fleisch einschloss und auf der Erde zurückließ, um zu erweisen, ob wir hier unten gehorsam gegenüber Seinen Geboten leben werden, und der auch von uns allen, wenn wir von hinnen zu Seiner Gegenwart scheiden, Rechenschaft über unser Leben fordern wird, da Er der Richter über alles stolze Unrecht ist; denn das Stöhnen der Unterdrückten wird zur Strafe des Unterdrückers.
Lass Alexander also mit diesen Drohungen jene in Schrecken versetzen, die nach Reichtum verlangen und den Tod fürchten, denn gegen uns sind diese Waffen gleichermaßen machtlos; die Brahmanen lieben weder Gold, noch fürchten sie den Tod. Geh also und sag Alexander dies: Dandamis hat keinen Bedarf an irgendetwas, das dein ist, und wird daher nicht zu dir kommen, und wenn du etwas von Dandamis willst, so komm du zu ihm.“
Mit großer Aufmerksamkeit nahm Alexander durch Onesikritos die Botschaft des Yogis entgegen und „fühlte ein stärkeres Verlangen denn je, Dandamis zu sehen, der, obwohl alt und nackt, der einzige Gegner war, in dem er, der Eroberer vieler Völker, seinen Meister gefunden hatte.“
Alexander lud eine Reihe von brahmanischen Asketen nach Taxila ein, die für ihre Fähigkeit bekannt waren, philosophische Fragen mit prägnanter Weisheit zu beantworten. Einen Bericht über dieses verbale Scharmützel liefert Plutarch; Alexander selbst stellte alle Fragen.
„Welche sind zahlreicher, die Lebenden oder die Toten?“
„Die Lebenden, denn die Toten sind nicht.“
„Welches züchtet die größeren Tiere, das Meer oder das Land?“
„Das Land, denn das Meer ist nur ein Teil des Landes.“
„Welches ist das klügste der Tiere?“
„Dasjenige, mit dem der Mensch noch nicht vertraut ist.“ (Der Mensch fürchtet das Unbekannte.)
„Was existierte zuerst, der Tag oder die Nacht?“
„Der Tag war um einen Tag eher da.“ Diese Antwort ließ Alexander Überraschung zeigen; der Brahmane fügte hinzu: „Unmögliche Fragen erfordern unmögliche Antworten.“
„Wie kann ein Mensch am besten geliebt werden?“
„Ein Mensch wird geliebt werden, wenn er, obwohl er große Macht besitzt, sich dennoch nicht gefürchtet macht.“
„Wie kann ein Mensch ein Gott werden?“ {FN41-5}
„Indem er das tut, was für einen Menschen unmöglich zu tun ist.“
„Was ist stärker, das Leben oder der Tod?“
„Das Leben, weil es so viele Übel erträgt.“
Alexander gelang es, als seinen Lehrer einen wahren Yogi aus Indien mitzunehmen. Dieser Mann war Swami Sphines, von den Griechen „Kalanos“ genannt, weil der Heilige, ein Verehrer Gottes in der Form der Kali, jeden grüßte, indem er Ihren glückverheißenden Namen aussprach.
Kalanos begleitete Alexander nach Persien. An einem festgelegten Tag gab Kalanos in Susa in Persien seinen gealterten Körper auf, indem er vor den Augen der gesamten makedonischen Armee in einen Scheiterhaufen stieg. Die Historiker verzeichnen das Erstaunen der Soldaten, die beobachteten, dass der Yogi keine Angst vor Schmerz oder Tod hatte und sich kein einziges Mal von seiner Stelle bewegte, während er in den Flammen verzehrt wurde. Bevor er zu seiner Einäscherung aufbrach, hatte Kalanos alle seine engen Gefährten umarmt, doch er unterließ es, sich von Alexander zu verabschieden, dem der hinduistische Weise lediglich bemerkt hatte:
„Ich werde dich in Kürze in Babylon sehen.“
Alexander verließ Persien und starb ein Jahr später in Babylon. Die Worte seines indischen Gurus waren seine Art gewesen zu sagen, dass er im Leben und im Tod bei Alexander präsent sein würde.
Die griechischen Historiker haben uns viele lebendige und inspirierende Bilder der indischen Gesellschaft hinterlassen. Das hinduistische Gesetz, so berichtet uns Arrian, schützt das Volk und „ordnet an, dass niemand unter ihnen unter irgendwelchen Umständen ein Sklave sein soll, sondern dass sie, da sie selbst die Freiheit genießen, das gleiche Recht darauf respektieren sollen, das alle besitzen. Denn diejenigen, so dachten sie, die gelernt haben, weder über andere zu herrschen noch vor anderen zu kriechen, werden das Leben erreichen, das am besten für alle Wechselfälle des Schicksals geeignet ist.“ {FN41-6}
„Die Inder“, heißt es in einem anderen Text, „leihen weder Geld gegen Wucher, noch wissen sie, wie man sich etwas leiht. Es widerspricht dem feststehenden Brauch eines Inders, ein Unrecht zu tun oder zu erleiden, und daher schließen sie weder Verträge ab, noch verlangen sie Sicherheiten.“ Heilung, so wird uns gesagt, erfolgte durch einfache und natürliche Mittel. „Heilungen werden eher durch die Regulierung der Ernährung als durch die Verwendung von Medikamenten bewirkt. Die am meisten geschätzten Heilmittel sind Salben und Pflaster. Alle anderen werden in hohem Maße als schädlich angesehen.“ Die Teilnahme am Krieg war auf die KSHATRIYAS oder die Kriegerkaste beschränkt. „Auch würde ein Feind, der einen Landmann bei seiner Arbeit auf seinem Land überfällt, ihm keinen Schaden zufügen, denn Männer dieser Klasse werden als Wohltäter der Öffentlichkeit betrachtet und sind vor jeder Verletzung geschützt. Das Land, das auf diese Weise unverwüstet bleibt und reiche Ernten hervorbringt, versorgt die Einwohner mit dem, was nötig ist, um das Leben genießbar zu machen.“ {FN41-7}
Kaiser Chandragupta, der 305 v. Chr. den General Alexanders, Seleukos, besiegt hatte, beschloss sieben Jahre später, die Zügel der indischen Regierung an seinen Sohn zu übergeben. Er reiste nach Südindien und verbrachte die letzten zwölf Jahre seines Lebens als mittelloser Asket, der in einer Felsenhöhle in Sravanabelagola, das heute als Schrein in Mysore geehrt wird, nach Selbstverwirklichung suchte. In der Nähe steht die größte Statue der Welt, die im Jahr 983 n. Chr. von den Jains aus einem riesigen Felsblock gehauen wurde, um den Heiligen Comateswara zu ehren.
Die allgegenwärtigen religiösen Schreine von Mysore sind eine ständige Erinnerung an die vielen großen Heiligen Südindiens. Einer dieser Meister, Thayumanavar, hat uns das folgende herausfordernde Gedicht hinterlassen:
Du kannst einen wilden Elefanten beherrschen; Du kannst dem Bären und dem Tiger das Maul verschließen; Du kannst auf einem Löwen reiten; Du kannst mit der Kobra spielen; Durch Alchemie kannst du deinen Lebensunterhalt aufbessern; Du kannst unerkannt durch das Universum wandern; Du kannst die Götter zu Vasallen machen; Du kannst ewig jugendlich sein; Du kannst auf dem Wasser gehen und im Feuer leben; Doch die Beherrschung des Geistes ist besser und schwieriger.
In dem schönen und fruchtbaren Staat Travancore im äußersten Süden Indiens, wo der Verkehr über Flüsse und Kanäle abgewickelt wird, übernimmt der Maharaja jedes Jahr eine ererbte Verpflichtung, die Sünde zu sühnen, die durch Kriege und die Annexion mehrerer kleiner Staaten durch Travancore in ferner Vergangenheit entstanden ist. Sechsundfünfzig Tage im Jahr besucht der Maharaja dreimal täglich den Tempel, um vedische Hymnen und Rezitationen zu hören; die Sühnezeremonie endet mit dem LAKSHADIPAM oder der Erleuchtung des Tempels durch einhunderttausend Lichter.
Der große hinduistische Gesetzgeber Manu {FN41-8} hat die Pflichten eines Königs umrissen. „Er sollte Annehmlichkeiten wie Indra (Herr der Götter) ausstreuen; Steuern sanft und unmerklich einziehen, wie die Sonne Dampf aus Wasser gewinnt; in das Leben seiner Untertanen eindringen, wie der Wind überallhin weht; allen gerechte Gerechtigkeit widerfahren lassen wie Yama (Todesgott); Übertreter in eine Schlinge binden wie Varuna (vedische Gottheit des Himmels und des Windes); alle erfreuen wie der Mond, bösartige Feinde verbrennen wie der Gott des Feuers; und alle stützen wie die Erdgöttin.
Im Krieg sollte ein König nicht mit giftigen oder feurigen Waffen kämpfen, noch schwache oder unvorbereitete oder waffenlose Feinde töten, oder Männer, die in Angst sind oder um Schutz beten oder fliehen. Der Krieg sollte nur als letztes Mittel in Betracht gezogen werden. Die Ergebnisse sind im Krieg immer zweifelhaft.“
Die Präsidentschaft Madras an der Südostküste Indiens umfasst die flache, geräumige, vom Meer umspülte Stadt Madras und Conjeeveram, die Goldene Stadt, den Hauptstadtsitz der Pallava-Dynastie, deren Könige während der frühen Jahrhunderte der christlichen Ära regierten. Im modernen Präsidentschaftsgebiet Madras haben die gewaltfreien Ideale von Mahatma Gandhi große Fortschritte gemacht; die weißen „Gandhi-Kappen“ zur Unterscheidung sind überall zu sehen. Im Süden allgemein hat der Mahatma viele wichtige Tempelreformen für „Unberührbare“ sowie Reformen des Kastensystems bewirkt.
Der Ursprung des Kastensystems, das von dem großen Gesetzgeber Manu formuliert wurde, war bewundernswert. Er sah klar, dass die Menschen durch die natürliche Evolution in vier große Klassen unterschieden werden: jene, die fähig sind, der Gesellschaft durch ihre körperliche Arbeit zu dienen (SUDRAS); jene, die durch Geist, Geschicklichkeit, Landwirtschaft, Handel, Kommerz und das Geschäftsleben im Allgemeinen dienen (VAISYAS); jene, deren Talente administrativ, exekutiv und beschützend sind – Herrscher und Krieger (KSHATRIYAS); jene von kontemplativer Natur, spirituell inspiriert und inspirierend (BRAHMINS). „Weder Geburt noch Sakramente noch Studium noch Abstammung können entscheiden, ob eine Person zweifachgeboren (d. h. ein BRAHMIN) ist“, erklärt das MAHABHARATA; „nur Charakter und Verhalten können dies entscheiden.“ {FN41-9} Manu wies die Gesellschaft an, ihren Mitgliedern Respekt zu erweisen, sofern sie Weisheit, Tugend, Alter, Verwandtschaft oder schließlich Reichtum besaßen. Reichtümer wurden im vedischen Indien immer verachtet, wenn sie gehortet wurden oder nicht für wohltätige Zwecke zur Verfügung standen. Großzügige Männer mit großem Reichtum bekamen einen niedrigen Rang in der Gesellschaft zugewiesen.
Ernste Übel entstanden, als das Kastensystem im Laufe der Jahrhunderte zu einem erblichen Halfter verhärtete. Soziale Reformer wie Gandhi und die Mitglieder sehr zahlreicher Gesellschaften in Indien machen heute langsame, aber sichere Fortschritte bei der Wiederherstellung der alten Werte der Kaste, die ausschließlich auf natürlicher Qualifikation und nicht auf der Geburt basieren. Jede Nation auf Erden hat ihr eigenes, unverwechselbares, elenderzeugendes Karma, mit dem sie umgehen und das sie entfernen muss; Indien wird sich mit seinem vielseitigen und unverwundbaren Geist ebenfalls der Aufgabe der Kastenreform gewachsen zeigen.
So bezaubernd ist Südindien, dass Mr. Wright und ich uns danach sehnten, unser Idyll zu verlängern. Doch die Zeit in ihrer unvordenklichen Grobheit gewährte uns keine höfliche Verlängerung. Ich war bald eingeplant, um auf der Abschlusssitzung des Indischen Philosophischen Kongresses an der Universität Kalkutta zu sprechen. Am Ende des Besuchs in Mysore genoss ich ein Gespräch mit Sir C. V. Raman, dem Präsidenten der Indischen Akademie der Wissenschaften. Dieser brillante hinduistische Physiker erhielt 1930 den Nobelpreis für seine wichtige Entdeckung bei der Lichtstreuung – den „Raman-Effekt“, der heute jedem Schuljungen bekannt ist.
Einem Haufen Studenten und Freunde aus Madras zum Abschied zuwinkend, brachen Mr. Wright und ich in den Norden auf. Unterwegs hielten wir vor einem kleinen Schrein, der dem Andenken an Sadasiva Brahman {FN41-10} geweiht war, in dessen Lebensgeschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert sich Wunder dicht drängen. Ein größerer Sadasiva-Schrein in Nerur, der vom Raja von Pudukkottai errichtet wurde, ist ein Wallfahrtsort, der Zeuge zahlreicher göttlicher Heilungen geworden ist.
Viele eigenartige Geschichten über Sadasiva, einen liebenswerten und vollkommen erleuchteten Meister, sind unter den südindischen Dorfbewohnern noch immer verbreitet. Eines Tages, als er in SAMADHI am Ufer des Kaveri-Flusses versunken war, wurde Sadasiva von einer plötzlichen Flut mitgerissen. Wochen später wurde er tief unter einem Erdhügel begraben gefunden. Als die Schaufeln der Dorfbewohner seinen Körper trafen, erhob sich der Heilige und ging rasch davon.
Sadasiva sprach niemals ein Wort und trug kein Kleidungsstück. Eines Morgens betrat der nackte Yogi unaufgefordert das Zelt eines mohammedanischen Häuptlings. Seine Frauen schrien vor Schreck auf; der Krieger führte einen wilden Schwertstreich gegen Sadasiva, dessen Arm abgetrennt wurde. Der Meister ging ungerührt davon. Von Reue übermannt, hob der Mohammedaner den Arm vom Boden auf und folgte Sadasiva. Der Yogi fügte seinen Arm ruhig wieder in den blutenden Stumpf ein. Als der Krieger demütig um eine spirituelle Unterweisung bat, schrieb Sadasiva mit seinem Finger in den Sand:
„Tu nicht das, was du willst, dann kannst du tun, was dir gefällt.“
Der Mohammedaner wurde in einen erhabenen Geisteszustand versetzt und verstand den paradoxen Rat des Heiligen als einen Wegweiser zur Seelenfreiheit durch die Beherrschung des Egos.
Die Dorf孩子们 drückten einmal in Sadasivas Gegenwart den Wunsch aus, das religiöse Fest von Madura zu sehen, das 150 Meilen entfernt war. Der Yogi gab den Kleinen zu verstehen, dass sie seinen Körper berühren sollten. Siehe da! Im Handumdrehen war die ganze Gruppe nach Madura transportiert. Die Kinder wanderten glücklich unter den Tausenden von Pilgern umher. Nach wenigen Stunden brachte der Yogi seine kleinen Schützlinge auf seine einfache Art des Transports nach Hause. Die erstaunten Eltern hörten die lebhaften Geschichten von der Prozession der Bilder und bemerkten, dass einige Kinder Tüten mit Madura-Süßigkeiten bei sich trugen.
Ein ungläubiger Jüngling verspottete den Heiligen und die Geschichte. Am nächsten Morgen näherte er sich Sadasiva.
„Meister“, sagte er spöttisch, „warum nimmst du mich nicht mit zum Fest, so wie du es gestern für die anderen Kinder getan hast?“
Sadasiva willigte ein; der Junge fand sich sofort inmitten des Gedränges der fernen Stadt wieder. Doch ach! Wo war der Heilige, als der Jüngling gehen wollte? Der müde Junge erreichte sein Zuhause mit der alten und prosaischen Methode der Fußfortbewegung.
{FN41-1} Miss Bletch, die das aktive Tempo, das Mr. Wright und ich vorgaben, nicht halten konnte, blieb glücklich bei meinen Verwandten in Kalkutta.
{FN41-2} Dieser Damm, eine riesige Wasserkraftanlage, beleuchtet die Stadt Mysore und liefert Energie für Fabriken für Seide, Seifen und Sandelholzöl. Die Sandelholz-Souvenirs aus Mysore besitzen einen herrlichen Duft, der sich mit der Zeit nicht erschöpft; ein leichter Nadelstich belebt den Geruch neu. Mysore rühmt sich einiger der größten Pionier-Industrieunternehmen Indiens, einschließlich der Kolar-Goldminen, der Mysore-Zuckerfabrik, der riesigen Eisen- und Stahlwerke in Bhadravati und der billigen und effizienten Mysore State Railway, die viele der 30.000 Quadratmeilen des Staates abdeckt.“
Der Maharaja und der Yuvaraja, die 1935 meine Gastgeber in Mysore waren, sind beide vor Kurzem verstorben. Der Sohn des Yuvaraja, der jetzige Maharaja, ist ein unternehmungslustiger Herrscher und hat die Industrie von Mysore um eine große Flugzeugfabrik erweitert.
{FN41-3} Sechs Bände über ANCIENT INDIA (Calcutta, 1879).
{FN41-5} Weder Alexander noch einer seiner Generäle haben jemals den Ganges überquert. Da die mazedonische Armee im Nordwesten auf entschlossenen Widerstand stieß, weigerte sie sich, weiter vorzudringen; Alexander war gezwungen, Indien zu verlassen und seine Eroberungen in Persien zu suchen.
{FN41-5} Aus dieser Frage dürfen wir schließen, dass der „Sohn des Zeus“ gelegentlich Zweifel daran hatte, ob er bereits die Vollkommenheit erlangt habe.
{FN41-6} Alle griechischen Beobachter kommentieren den Mangel an Sklaverei in Indien, ein Merkmal, das in völligem Widerspruch zur Struktur der hellenischen Gesellschaft steht.
{FN41-7} CREATIVE INDIA von Prof. Benoy Kumar Sarkar vermittelt ein umfassendes Bild der alten und modernen Errungenschaften Indiens sowie seiner charakteristischen Werte in den Bereichen Wirtschaft, Politikwissenschaft, Literatur, Kunst und Sozialphilosophie. (Lahore: Motilal Banarsi Dass, Publishers, 1937, 714 S., $5.00.)
Ein weiterer empfehlenswerter Band ist INDIAN CULTURE THROUGH THE AGES von S. V. Venatesvara (New York: Longmans, Green & Co., $5.00).
{FN41-8} Manu ist der universelle Gesetzgeber; nicht nur für die hinduistische Gesellschaft, sondern für die Welt. Alle Systeme weiser sozialer Regulierungen und sogar der Gerechtigkeit sind nach Manu gestaltet. Nietzsche hat den folgenden Tribut gezollt: „Ich kenne kein Buch, in dem so viele zarte und gütige Dinge über die Frau gesagt werden wie im GESETZBUCH DES MANU; jene alten Greise und Heiligen haben eine Art, gegenüber Frauen galant zu sein, die vielleicht nicht übertroffen werden kann ... ein unvergleichlich intellektuelles und überlegenes Werk ... voll von noblen Werten, erfüllt von einem Gefühl der Vollkommenheit, von einem Ja-Sagen zum Leben und einem triumphierenden Gefühl des Wohlbefindens in Bezug auf sich selbst und das Leben; die Sonne scheint auf das ganze Buch.“
{FN41-9} „Die Zugehörigkeit zu einer dieser vier Kasten hing ursprünglich nicht von der Geburt eines Menschen ab, sondern von seinen natürlichen Fähigkeiten, wie sie durch das Lebensziel demonstriert wurden, das er zu erreichen wählte“, sagt uns ein Artikel in EAST-WEST vom Januar 1935. „Dieses Ziel konnte sein: (1) KAMA, Verlangen, Aktivität des Lebens der Sinne (SUDRA-Stadium), (2) ARTHA, Gewinn, Erfüllung, aber Kontrolle der Wünsche (VAISYA-Stadium), (3) DHARMA, Selbstdisziplin, das Leben der Verantwortung und des rechten Handelns (KSHATRIYA-Stadium), (4) MOKSHA, Befreiung, das Leben der Spiritualität und religiösen Lehre (BRAHMIN-Stadium). Diese vier Kasten dienen der Menschheit durch (1) Körper, (2) Geist, (3) Willenskraft, (4) Geist [Spirit].
„Diese vier Stadien haben ihre Entsprechung in den ewigen GUNAS oder Qualitäten der Natur: TAMAS, RAJAS und SATTVA: Behinderung, Aktivität und Ausdehnung; oder Masse, Energie und Intelligenz. Die vier natürlichen Kasten werden durch die GUNAS gekennzeichnet als (1) TAMAS (Unwissenheit), (2) TAMAS-RAJAS (Mischung aus Unwissenheit und Aktivität), (3) RAJAS-SATTVA (Mischung aus rechter Aktivität und Erleuchtung), (4) SATTVA (Erleuchtung). So hat die Natur jeden Menschen mit seiner Kaste markiert, durch das Überwiegen einer der GUNAS oder die Mischung zweier in ihm selbst. Natürlich besitzt jedes menschliche Wesen alle drei GUNAS in unterschiedlichen Anteilen. Der Guru wird in der Lage sein, die Kaste oder den evolutionären Status eines Menschen richtig zu bestimmen.
„Bis zu einem gewissen Grad beobachten alle Rassen und Nationen in der Praxis, wenn auch nicht in der Theorie, die Merkmale der Kaste. Wo große Zügellosigkeit oder sogenannte Freiheit herrscht, insbesondere bei Ehen zwischen Extremen der natürlichen Kasten, schwindet die Rasse dahin und stirbt aus. Das PURANA SAMHITA vergleicht die Nachkommen solcher Verbindungen mit unfruchtbaren Hybriden, wie dem Maultier, das unfähig zur Fortpflanzung seiner eigenen Art ist. Künstliche Arten werden schließlich ausgerottet. Die Geschichte bietet reichlich Beweise für zahlreiche große Rassen, die keine lebenden Vertreter mehr haben. Das Kastensystem Indiens wird von ihren tiefgründigsten Denkern als die Bremse oder Vorbeugung gegen Zügellosigkeit angesehen, welche die Reinheit der Rasse bewahrt und sie sicher durch Jahrtausende von Wechselfällen gebracht hat, während andere Rassen im Vergessen verschwunden sind.“
{FN41-10} Sein vollständiger Titel war Sri Sadasivendra Saraswati Swami. Der glanzvolle Nachfolger in der formellen Shankara-Linie, Jagadguru Sri Shankaracharya von Sringeri Math, schrieb eine inspirierende ODE, die Sadasiva gewidmet ist. EAST-WEST brachte im Juli 1942 einen Artikel über Sadasivas Leben.
KAPITEL: 42
LETZTE TAGE BEI MEINEM GURU
„Guruji, ich freue mich, Sie heute Morgen allein anzutreffen.“ Ich war gerade in der Einsiedelei von Serampore angekommen und trug eine duftende Last aus Obst und Rosen. Sri Yukteswar sah mich sanftmütig an.
„Was ist Ihre Frage?“ Meister blickte sich im Raum um, als ob er nach einem Ausweg suchte.
„Guruji, ich kam als Oberschüler zu Ihnen; jetzt bin ich ein erwachsener Mann, sogar mit dem einen oder anderen grauen Haar. Obwohl Sie mich von der ersten Stunde bis heute mit stummer Zuneigung überschüttet haben, ist Ihnen bewusst, dass Sie nur ein einziges Mal, am Tag unseres Treffens, gesagt haben: ‚Ich liebe dich‘?“ Ich sah ihn flehend an.
Meister senkte seinen Blick. „Yogananda, muss ich die warmen Gefühle, die am besten vom wortlosen Herzen bewahrt werden, in die kalten Gefilde der Sprache bringen?“
„Guruji, ich weiß, dass Sie mich lieben, aber meine sterblichen Ohren sehnen sich danach, es von Ihnen zu hören.“
„Es sei, wie du wünschst. Während meines Ehelebens sehnte ich mich oft nach einem Sohn, den ich auf dem yogischen Pfad ausbilden könnte. Aber als du in mein Leben tratest, war ich zufrieden; in dir habe ich meinen Sohn gefunden.“ Zwei klare Tränenperlen standen in Sri Yukteswars Augen. „Yogananda, ich liebe dich immer.“
„Ihre Antwort ist mein Reisepass in den Himmel.“ Ich spürte, wie eine Last von meinem Herzen fiel, aufgelöst für immer durch seine Worte. Oft hatte ich mich über sein Schweigen gewundert. Obwohl ich wusste, dass er emotionslos und in sich gekehrt war, fürchtete ich manchmal dennoch, dass es mir nicht gelungen sei, ihn vollkommen zufriedenzustellen. Er war von einer seltsamen Natur, niemals ganz zu ergründen; eine Natur, tief und still, unergründlich für die äußere Welt, deren Werte er längst transzendiert hatte.
Einige Tage später, als ich vor einem riesigen Publikum in der Albert Hall in Kalkutta sprach, stimmte Sri Yukteswar zu, neben mir auf dem Podium zu sitzen, zusammen mit dem Maharaja von Santosh und dem Bürgermeister von Kalkutta. Obwohl der Meister keine Bemerkung an mich richtete, sah ich ihn während meiner Rede von Zeit zu Zeit an und glaubte, ein erfreutes Funkeln in seinen Augen zu entdecken.
Dann folgte ein Vortrag vor den Ehemaligen des Serampore College. Als ich auf meine alten Klassenkameraden blickte und sie auf ihren eigenen „verrückten Mönch“, zeigten sich Tränen der Freude ganz ungeniert. Mein wortgewandter Professor für Philosophie, Dr. Ghoshal, trat vor, um mich zu begrüßen, wobei alle unsere vergangenen Missverständnisse durch den Alchemisten Zeit aufgelöst wurden.
Ende Dezember wurde in der Einsiedelei von Serampore ein Wintersonnenwendfest gefeiert. Wie immer waren Sri Yukteswars Schüler von nah und fern versammelt. Andächtige SANKIRTANS, Soli mit der nektarsüßen Stimme von Kristo-da, ein Festmahl, das von jungen Schülern serviert wurde, des Meisters tief bewegende Ansprache unter den Sternen im überfüllten Hof des Ashrams – Erinnerungen, Erinnerungen! Freudige Feste aus längst vergangenen Jahren! Heute Abend sollte es jedoch etwas Neues geben.
„Yogananda, bitte richten Sie das Wort an die Versammlung – auf Englisch.“ Die Augen des Meisters funkelten, als er diese doppelt ungewöhnliche Bitte äußerte; dachte er etwa an die Zwickmühle an Bord des Schiffes, die meinem ersten Vortrag auf Englisch vorangegangen war? Ich erzählte die Geschichte meinem Publikum aus Mitschülern und schloss mit einem inbrünstigen Tribut an unseren Guru.
„Seine allgegenwärtige Führung war nicht nur auf dem Ozeandampfer bei mir“, schloss ich, „sondern täglich während meiner fünfzehn Jahre in dem weiten und gastfreundlichen Land Amerika.“
Nachdem die Gäste gegangen waren, rief mich Sri Yukteswar in dasselbe Schlafzimmer, in dem mir – nur ein einziges Mal, nach einem Fest in meinen frühen Jahren – gestattet worden war, auf seinem Holzbett zu schlafen. Heute Abend saß mein Guru dort ruhig, ein Halbkreis von Schülern zu seinen Füßen. Er lächelte, als ich hastig den Raum betrat.
„Yogananda, reist du jetzt nach Kalkutta ab? Bitte kehre morgen hierher zurück. Ich habe dir bestimmte Dinge zu sagen.“
Am nächsten Nachmittag verlieh mir Sri Yukteswar mit ein paar einfachen Segensworten den weiteren klösterlichen Titel PARAMHANSA. {FN42-1}
„Er löst nun formell deinen früheren Titel SWAMI ab“, sagte er, während ich vor ihm niederkniete. Mit einem stummen Kichern dachte ich an den Kampf, den meine amerikanischen Studenten mit der Aussprache von PARAMHANSAJI ausfechten würden. {FN42-2}
„Meine Aufgabe auf Erden ist nun vollendet; du musst weitermachen.“ Der Meister sprach ruhig, seine Augen sanft und gelassen. Mein Herz klopfte vor Angst.
„Bitte sende jemanden, der die Leitung unseres Ashrams in Puri übernimmt“, fuhr Sri Yukteswar fort. „Ich überlasse alles in deine Hände. Du wirst in der Lage sein, das Boot deines Lebens und das der Organisation erfolgreich an die göttlichen Ufer zu steuern.“
Unter Tränen umarmte ich seine Füße; er stand auf und segnete mich liebevoll.
Am folgenden Tag berief ich einen Schüler, Swami Sebananda, aus Ranchi und sandte ihn nach Puri, damit er die Pflichten in der Einsiedelei übernehme. {FN42-3} Später besprach mein Guru mit mir die rechtlichen Einzelheiten der Regelung seines Nachlasses; er war besorgt, nach seinem Tod die Möglichkeit von Rechtsstreitigkeiten durch Verwandte um den Besitz seiner beiden Einsiedeleien und anderer Besitztümer zu verhindern, die er ausschließlich für wohltätige Zwecke überschreiben lassen wollte.
„Kürzlich wurden Vorkehrungen getroffen, damit der Meister Kidderpore besucht, {FN42-4} aber er ist nicht gegangen.“ Amulaya Babu, ein Mitschüler, machte diese Bemerkung eines Nachmittags zu mir; ich spürte eine kalte Welle der Vorahnung. Auf meine dringenden Nachfragen antwortete Sri Yukteswar nur: „Ich werde nicht mehr nach Kidderpore gehen.“ Einen Moment lang zitterte der Meister wie ein verängstigtes Kind.
(„Anhaftung an den körperlichen Wohnsitz, die aus ihrer eigenen Natur entspringt [d. h. aus unvordenklichen Wurzeln, vergangenen Erfahrungen des Todes stammt]“, schrieb Patanjali, {FN42-5} „ist selbst bei großen Heiligen in geringem Maße vorhanden.“ In einigen seiner Vorträge über den Tod pflegte mein Guru hinzuzufügen: „Genauso wie ein lange eingesperrter Vogel zögert, sein gewohntes Zuhause zu verlassen, wenn die Tür geöffnet wird.“)
„Guruji“, flehte ich ihn schluchzend an, „sagen Sie das nicht! Sprechen Sie niemals diese Worte zu mir!“
Sri Yukteswars Gesicht entspannte sich zu einem friedlichen Lächeln. Obwohl er kurz vor seinem einundachtzigsten Geburtstag stand, sah er gesund und stark aus.
Indem ich mich Tag für Tag im Sonnenschein der Liebe meines Gurus sonnte, die unausgesprochen, aber tief empfunden war, verbannte ich die verschiedenen Andeutungen, die er über sein nahendes Hinscheiden gemacht hatte, aus meinem bewussten Denken.
„Sir, die KUMBHA MELA findet diesen Monat in Allahabad statt.“ Ich zeigte dem Meister die Daten der MELA in einem bengalischen Almanach. {FN42-6}
„Möchtest du wirklich dorthin gehen?“
Ohne Sri Yukteswars Widerwillen zu spüren, mich von sich gehen zu lassen, fuhr ich fort: „Einmal haben Sie den gesegneten Anblick Babajis bei einer KUMBHA in Allahabad geschaut. Vielleicht habe ich diesmal das Glück, ihn zu sehen.“
„Ich glaube nicht, dass du ihn dort treffen wirst.“ Mein Guru schwieg dann, da er meine Pläne nicht behindern wollte.
Als ich am nächsten Tag mit einer kleinen Gruppe nach Allahabad aufbrach, segnete mich der Meister in seiner üblichen, stillen Art. Anscheinend blieb ich blind gegenüber den Implikationen in Sri Yukteswars Haltung, weil der Herr mich davor bewahren wollte, hilflos Zeuge des Todes meines Gurus werden zu müssen. Es ist in meinem Leben immer so gewesen, dass Gott beim Tod derer, die mir teuer waren, voller Erbarmen arrangiert hat, dass ich weit weg vom Ort des Geschehens war. {FN42-7}
Unsere Gruppe erreichte die KUMBHA MELA am 23. Januar 1936. Die wogende Menge von fast zwei Millionen Menschen war ein beeindruckender, ja überwältigender Anblick. Die besondere Begabung des indischen Volkes ist die Ehrfurcht, die selbst dem niedrigsten Bauern für den Wert des Geistes angeboren ist, sowie für die Mönche und Sadhus, die weltliche Bindungen aufgegeben haben, um einen göttlicheren Ankerplatz zu suchen. Betrüger und Heuchler gibt es in der Tat, aber Indien respektiert alle um derer willen, die das ganze Land mit himmlischen Segnungen erleuchten. Westler, die das riesige Spektakel betrachteten, hatten eine einzigartige Gelegenheit, den Puls des Landes zu fühlen, den spirituellen Eifer, dem Indien seine unbezwingbare Vitalität gegenüber den Schlägen der Zeit verdankt.
Den ersten Tag verbrachte unsere Gruppe damit, einfach nur zu staunen. Hier waren zahllose Badende, die in den heiligen Fluss eintauchten, um Vergebung ihrer Sünden zu erlangen; dort sahen wir feierliche Verehrungsrituale; drüben wurden andächtige Opfergaben zu den staubigen Füßen der Heiligen gestreut; ein Drehen unserer Köpfe, und eine Reihe von Elefanten, geschmückten Pferden und langsam schreitenden Rajputana-Kamelen zog vorbei, oder ein eigenartiger religiöser Umzug nackter Sadhus, die goldene und silberne Zepter schwenkten oder Flaggen und Bänder aus seidigem Samt trugen.
Asketen, die nur Lendenschurze trugen, saßen still in kleinen Gruppen, ihre Körper mit der Asche bestrichen, die sie vor Hitze und Kälte schützt. Das spirituelle Auge war auf ihren Stirnen lebhaft durch einen einzigen Punkt aus Sandelholzpaste dargestellt. Kahlköpfige Swamis erschienen zu Tausenden, in ockerfarbene Gewänder gekleidet und mit ihrem Bambusstab und Bettelnapf. Ihre Gesichter strahlten vom Frieden der Entsagenden, während sie umhergingen oder philosophische Diskussionen mit Schülern führten.
Hier und da unter den Bäumen, um riesige Haufen brennender Holzscheite, saßen malerische Sadhus, {FN42-8} deren Haar geflochten und in Knäueln auf ihren Köpfen aufgetürmt war. Einige trugen Bärte von mehreren Fuß Länge, die gelockt und zu einem Knoten gebunden waren. Sie meditierten still oder streckten der vorbeiziehenden Menge ihre Hände zum Segen entgegen – Bettler, Maharajas auf Elefanten, Frauen in bunten SARIS, deren Armreife und Fußkettchen klimperten, FAKIRE mit dünnen, grotesk in die Höhe gehaltenen Armen, BRAHMACHARIS mit Ellbogenstützen für die Meditation, demütige Weise, deren Feierlichkeit ein inneres Glück verbarg. Hoch über dem Lärm hörten wir den unaufhörlichen Ruf der Tempelglocken.
An unserem zweiten MELA-Tag betraten meine Begleiter und ich verschiedene Ashrams und provisorische Hütten und boten den heiligen Persönlichkeiten PRONAMS dar. Wir erhielten den Segen des Anführers des GIRI-Zweigs des Swami-Ordens – eines dünnen, asketischen Mönchs mit Augen wie lächelndes Feuer. Unser nächster Besuch führte uns zu einer Einsiedelei, deren Guru seit neun Jahren das Gelübde des Schweigens und eine strenge fruchtarische Ernährung beobachtete. Auf dem zentralen Podest in der Ashram-Halle saß ein blinder Sadhu, Pragla Chakshu, der in den SHASTRAS zutiefst bewandert und von allen Sekten hoch verehrt wurde.
Nachdem ich einen kurzen Vortrag auf Hindi über VEDANTA gehalten hatte, verließ unsere Gruppe die friedliche Einsiedelei, um einen nahegelegenen Swami zu begrüßen, Krishnananda, einen gut aussehenden Mönch mit rosigen Wangen und beeindruckenden Schultern. Neben ihm ruhte eine zahme Löwin. Dem spirituellen Charme des Mönchs erliegend – nicht, da bin ich sicher, seinem kräftigen Körperbau! – lehnt das Dschungeltier jedes Fleisch zugunsten von Reis und Milch ab. Der Swami hat dem goldhaarigen Biest beigebracht, „AUM“ in einem tiefen, attraktiven Knurren von sich zu geben – eine Katzen-Anhängerin!
Unsere nächste Begegnung, ein Interview mit einem gelehrten jungen Sadhu, ist in Herrn Wrights spritzigem Reisetagebuch gut beschrieben.
„Wir fuhren im Ford über den sehr niedrigen Ganges auf einer knarrenden Pontonbrücke, krochen schlangengleich durch die Menschenmengen und über schmale, gewundene Gassen und passierten die Stelle am Flussufer, die Yoganandaji mir als den Treffpunkt von Babaji und Sri Yukteswarji zeigte. Kurze Zeit später stiegen wir aus dem Auto und gingen ein Stück durch den dichter werdenden Rauch der Feuer der Sadhus und über den rutschigen Sand, um eine Ansammlung winziger, sehr bescheidener Schlamm-und-Stroh-Hütten zu erreichen. Wir hielten vor einer dieser unbedeutenden provisorischen Behausungen mit einem winzigen, türlosen Eingang, dem Unterschlupf von Kara Patri, einem jungen wandernden Sadhu, der für seine außergewöhnliche Intelligenz bekannt war. Dort saß er, im Schneidersitz auf einem Haufen Stroh; seine einzige Bedeckung – und nebenbei sein einziger Besitz – war ein ockerfarbenes Tuch, das über seine Schultern drapiert war.
„Wahrlich, ein göttliches Gesicht lächelte uns an, nachdem wir auf allen Vieren in die Hütte gekrochen waren und die Füße dieser erleuchteten Seele mit einem PRONAM geehrt hatten, während die Petroleumlampe am Eingang gespenstische, tanzende Schatten auf die strohgedeckten Wände warf. Sein Gesicht, besonders seine Augen und die perfekten Zähne, strahlte und glänzte. Obwohl ich durch das Hindi verwirrt war, waren seine Ausdrücke sehr enthüllend; er war voller Enthusiasmus, Liebe und spiritueller Herrlichkeit. Niemand konnte sich über seine Größe täuschen.
„Man stelle sich das glückliche Leben eines Menschen vor, der nicht an die materielle Welt gebunden ist; frei vom Problem der Kleidung; frei von Essgier, niemals bettelnd, niemals gekochte Nahrung anrührend, außer an jedem zweiten Tag, niemals einen Bettelnapf tragend; frei von allen Geldverwicklungen, niemals Geld anfassend, niemals Dinge aufbewahrend, immer auf Gott vertrauend; frei von Transportsorgen, niemals in Fahrzeugen fahrend, sondern immer an den Ufern der heiligen Flüsse wandernd; niemals länger als eine Woche an einem Ort bleibend, um jede Anhaftung zu vermeiden.
„So eine bescheidene Seele! Ungewöhnlich gelehrt in den VEDEN und im Besitz eines M.A.-Grades sowie des Titels SHASTRI (Meister der Schriften) von der Benares University. Ein erhabenes Gefühl durchströmte mich, als ich zu seinen Füßen saß; es schien alles eine Antwort auf meinen Wunsch zu sein, das echte, das alte Indien zu sehen, denn er ist ein wahrer Vertreter dieses Landes der spirituellen Giganten.“
Ich fragte Kara Patri nach seinem Wanderleben. „Haben Sie keine zusätzliche Kleidung für den Winter?“
„Nein, das reicht.“
„Tragen Sie Bücher bei sich?“
„Nein, ich lehre aus dem Gedächtnis jene Menschen, die mich hören wollen.“
„Was tun Sie sonst noch?“
„Ich streife am Ganges umher.“
Bei diesen leisen Worten wurde ich von einer Sehnsucht nach der Einfachheit seines Lebens überwältigt. Ich erinnerte mich an Amerika und an all die Verantwortlichkeiten, die auf meinen Schultern lagen.
„Nein, Yogananda“, dachte ich für einen Moment traurig, „in diesem Leben ist das Umherstreifen am Ganges nichts für dich.“
Nachdem mir der Sadhu einige seiner spirituellen Erkenntnisse mitgeteilt hatte, stellte ich eine abrupte Frage.
„Geben Sie diese Beschreibungen aus schriftlichem Wissen wieder oder aus innerer Erfahrung?“
„Zur Hälfte aus Buchwissen“, antwortete er mit einem direkten Lächeln, „und zur Hälfte aus Erfahrung.“
Wir saßen eine Weile glücklich in meditativer Stille. Nachdem wir seine heilige Gegenwart verlassen hatten, sagte ich zu Herrn Wright: „Er ist ein König, der auf einem Thron aus goldenem Stroh sitzt.“
Wir aßen unser Abendessen an jenem Abend auf dem MELA-Gelände unter den Sternen und aßen von Blatttellern, die mit Stöckchen zusammengeheftet waren. Abwasch wird in Indien auf ein Minimum reduziert!
Zwei weitere Tage der faszinierenden KUMBHA; dann nordwestwärts entlang der Jumna-Ufer nach Agra. Wieder einmal blickte ich auf das Taj Mahal; in der Erinnerung stand Jitendra an meiner Seite, ehrfürchtig vor dem Traum aus Marmor. Dann weiter zum Brindaban-Ashram von Swami Keshabananda.
Mein Ziel, Keshabananda aufzusuchen, hing mit diesem Buch zusammen. Ich hatte Sri Yukteswars Bitte, das Leben von Lahiri Mahasaya zu schreiben, nie vergessen. Während meines Aufenthalts in Indien nutzte ich jede Gelegenheit, um direkte Schüler und Verwandte des Yogavatar zu kontaktieren. Indem ich ihre Unterhaltungen in umfangreichen Notizen festhielt, verifizierte ich Fakten und Daten und sammelte Fotos, alte Briefe und Dokumente. Mein Lahiri Mahasaya-Portfolio begann anzuschwellen; ich erkannte mit Bestürzung, dass mühsame schriftstellerische Arbeiten vor mir lagen. Ich betete, dass ich meiner Rolle als Biograf des kolossalen Gurus gewachsen sein möge. Einige seiner Schüler fürchteten, dass ihr Meister in einer schriftlichen Darstellung herabgewürdigt oder falsch interpretiert werden könnte.
„Man kann dem Leben einer göttlichen Inkarnation kaum mit kalten Worten gerecht werden“, hatte Panchanon Bhattacharya einmal zu mir bemerkt.
Andere enge Schüler waren gleichermaßen zufrieden damit, den Yogavatar als unsterblichen Lehrer in ihren Herzen zu bewahren. Dennoch, eingedenk von Lahiri Mahasayas Vorhersage über seine Biografie, scheute ich keine Mühe, die Fakten seines äußeren Lebens zu sichern und zu belegen.
Swami Keshabananda begrüßte unsere Gruppe herzlich in Brindaban in seinem Katayani Peith Ashram, einem imposanten Backsteingebäude mit massiven schwarzen Säulen, das in einem wunderschönen Garten liegt. Er führte uns sofort in ein Wohnzimmer, das mit einer Vergrößerung von Lahiri Mahasayas Bild geschmückt war. Der Swami näherte sich dem Alter von neunzig Jahren, aber sein muskulöser Körper strahlte Kraft und Gesundheit aus. Mit langem Haar und einem schneeweißen Bart, die Augen vor Freude funkelnd, war er eine wahrhaft patriarchale Verkörperung. Ich informierte ihn, dass ich seinen Namen in meinem Buch über Indiens Meister erwähnen möchte.
„Bitte erzählen Sie mir von Ihrem früheren Leben.“ Ich lächelte bittend; große Yogis sind oft wortkarg.
Keshabananda machte eine Geste der Demut. „Es gibt wenig von äußerer Bedeutung. Praktisch mein ganzes Leben habe ich in den Einsamkeiten des Himalaya verbracht und bin zu Fuß von einer stillen Höhle zur nächsten gewandert. Eine Zeit lang unterhielt ich einen kleinen Ashram außerhalb von Hardwar, der rundum von einem Hain hoher Bäume umgeben war. Es war ein friedlicher Ort, der von Reisenden wenig besucht wurde, wegen der allgegenwärtigen Präsenz von Kobras.“ Keshabananda kicherte. „Später spülte eine Ganges-Flut die Einsiedelei samt den Kobras weg. Meine Schüler halfen mir dann, diesen Brindaban-Ashram zu bauen.“
Einer aus unserer Gruppe fragte den Swami, wie er sich gegen die Himalaya-Tiger geschützt habe. {FN42-9}
Keshabananda schüttelte den Kopf. „In jenen hohen spirituellen Höhen“, sagte er, „belästigen wilde Tiere die Yogis selten. Einmal im Dschungel begegnete ich einem Tiger von Angesicht zu Angesicht. Bei meinem plötzlichen Ausruf erstarrte das Tier, als wäre es zu Stein geworden.“ Wieder kicherte der Swami bei seinen Erinnerungen.
„Gelegentlich verließ ich meine Zurückgezogenheit, um meinen Guru in Benares zu besuchen. Er scherzte immer über meine rastlosen Reisen in die Wildnis des Himalaya.
‚Du hast das Zeichen der Wanderlust an deinem Fuß‘, sagte er einmal zu mir. ‚Ich bin froh, dass der heilige Himalaya groß genug ist, um dich zu beschäftigen.‘
Viele Male“, fuhr Keshabananda fort, „sowohl vor als auch nach seinem Heimgang, ist mir Lahiri Mahasaya leibhaftig erschienen. Für ihn ist kein Gipfel des Himalaya unzugänglich!“
Zwei Stunden später führte er uns auf eine Speiseterrasse. Ich seufzte in stillem Entsetzen. Schon wieder ein Fünfzehn-Gänge-Menü! Nach weniger als einem Jahr indischer Gastfreundschaft hatte ich fünfzig Pfund zugenommen! Dennoch hätte es als der Gipfel der Unhöflichkeit gegolten, eines der Gerichte abzulehnen, die sorgfältig für die endlosen Bankette zu meinen Ehren zubereitet worden waren. In Indien (leider nirgendwo sonst!) gilt ein wohlgenährter Swami als ein entzückender Anblick. {FN42-10}
Nach dem Abendessen führte mich Keshabananda in einen abgelegenen Winkel.
„Deine Ankunft ist nicht unerwartet“, sagte er. „Ich habe eine Nachricht für dich.“
Ich war überrascht; niemand hatte von meinem Plan gewusst, Keshabananda zu besuchen.
„Während ich letztes Jahr im nördlichen Himalaya in der Nähe von Badrinarayan umherwanderte“, fuhr der Swami fort, „verirrte ich mich. Schutz fand ich in einer geräumigen Höhle, die leer war, obwohl die Glut eines Feuers in einer Vertiefung im felsigen Boden glimmte. Mich fragend, wer der Bewohner dieses einsamen Rückzugsortes sei, setzte ich mich nah an das Feuer, den Blick auf den sonnendurchfluteten Eingang der Höhle gerichtet.
‚Keshabananda, ich bin froh, dass du hier bist.‘ Diese Worte kamen von hinter mir. Ich drehte mich erschrocken um und war geblendet, als ich Babaji erblickte! Der große Guru hatte sich in einer Nische der Höhle materialisiert. Überglücklich, ihn nach vielen Jahren wiederzusehen, warf ich mich an seinen heiligen Füßen nieder.
‚Ich habe dich hierher gerufen‘, fuhr Babaji fort. ‚Deshalb hast du dich verirrt und wurdest zu meiner vorübergehenden Behausung in dieser Höhle geführt. Es ist lange her seit unserem letzten Treffen; ich freue mich, dich wieder zu begrüßen.‘
Der unsterbliche Meister segnete mich mit einigen Worten spiritueller Hilfe und fügte dann hinzu: ‚Ich gebe dir eine Nachricht für Yogananda mit. Er wird dich bei seiner Rückkehr nach Indien besuchen. Viele Angelegenheiten, die mit seinem Guru und den überlebenden Jüngern von Lahiri zusammenhängen, werden Yogananda vollauf beschäftigen. Sag ihm also, dass ich ihn diesmal nicht sehen werde, wie er es hoffnungsvoll erwartet; doch ich werde ihn bei einer anderen Gelegenheit sehen.‘“
Ich war zutiefst bewegt, aus Keshabanandas Lippen dieses tröstliche Versprechen von Babaji zu empfangen. Ein gewisser Schmerz in meinem Herzen verschwand; ich grämte mich nicht länger darüber, dass Babaji nicht auf der KUMBHA MELA erschienen war, so wie Sri Yukteswar es angedeutet hatte.
Nachdem wir eine Nacht als Gäste des Ashrams verbracht hatten, brach unsere Gruppe am folgenden Nachmittag nach Kalkutta auf. Als wir über eine Brücke des Jumna-Flusses fuhren, genossen wir einen großartigen Blick auf die Skyline von Brindaban, gerade als die Sonne den Himmel in Brand steckte – ein wahrlicher Schmelzofen des Vulcan in seinen Farben, der sich unter uns im stillen Wasser spiegelte.
Das Ufer der Jumna ist durch Erinnerungen an das Kind Sri Krishna geheiligt. Hier vollzog er mit unschuldiger Süße seine LILAS (Spiele) mit den GOPIS (Hirtinnen), was die überirdische Liebe veranschaulichte, die immer zwischen einer göttlichen Inkarnation und ihren Gottgeweihten besteht. Das Leben von Lord Krishna wurde von vielen westlichen Kommentatoren missverstanden. Heilige Allegorien sind für wörtlich nehmende Geister verwirrend. Ein heiterer Fehler eines Übersetzers mag diesen Punkt illustrieren. Die Geschichte handelt von einem inspirierten mittelalterlichen Heiligen, dem Schuster Ravidas, der in den einfachen Begriffen seines eigenen Handwerks von der spirituellen Herrlichkeit sang, die in der ganzen Menschheit verborgen ist:
Unter dem riesigen Gewölbe aus Blau Lebt die Gottheit, bekleidet mit Haut.
Man wendet sich ab, um ein Lächeln zu verbergen, wenn man die prosaische Interpretation hört, die ein westlicher Autor Ravidas’ Gedicht gab:
„Er baute später eine Hütte, stellte darin ein Götzenbild auf, das er aus einer Haut gefertigt hatte, und widmete sich dessen Verehrung.“
Ravidas war ein Mitjünger des großen Kabir. Eine von Ravidas’ erhabenen Chelas war die Rani von Chitor. Sie lud eine große Anzahl von Brahmanen zu einem Fest zu Ehren ihres Lehrers ein, doch sie weigerten sich, mit einem einfachen Schuster zu essen. Als sie in würdiger Abgeschiedenheit saßen, um ihre eigene, nicht verunreinigte Mahlzeit einzunehmen, siehe da! Jeder Brahmane fand an seiner Seite die Gestalt des Ravidas. Diese Massenvision bewirkte eine weitreichende spirituelle Wiedergeburt in Chitor.
Nach wenigen Tagen erreichte unsere kleine Gruppe Kalkutta. Begierig darauf, Sri Yukteswar zu sehen, war ich enttäuscht zu hören, dass er Serampore verlassen hatte und nun in Puri war, etwa dreihundert Meilen weiter südlich.
„Kommt sofort in den Ashram von Puri.“ Dieses Telegramm wurde am 8. März von einem Mitjünger an Atul Chandra Roy Chowdhry gesandt, einen der Chelas des Meisters in Kalkutta. Die Nachricht erreichte meine Ohren; gequält von ihrer Bedeutung, sank ich auf die Knie und flehte Gott an, das Leben meines Gurus zu verschonen. Als ich gerade das Haus meines Vaters Richtung Bahnhof verlassen wollte, sprach eine göttliche Stimme in mir.
„Gehe heute Nacht nicht nach Puri. Dein Gebet kann nicht gewährt werden.“
„Herr“, sagte ich voller Kummer, „Du wünschst nicht, Dich mit mir in Puri auf ein ‚Tauziehen‘ einzulassen, wo Du meine unablässigen Gebete für das Leben des Meisters ablehnen müsstest. Muss er also auf Dein Geheiß zu höheren Aufgaben aufbrechen?“
Dem inneren Befehl gehorchend, fuhr ich jene Nacht nicht nach Puri. Am folgenden Abend machte ich mich auf zum Bahnhof; auf dem Weg, um sieben Uhr, bedeckte plötzlich eine schwarze astrale Wolke den Himmel. {FN42-11} Später, während der Zug nach Puri raste, erschien mir eine Vision von Sri Yukteswar. Er saß da, mit sehr ernster Miene, und ein Licht auf jeder seiner Seiten.
„Ist es alles vorbei?“ Ich hob flehend meine Arme.
Er nickte und verschwand langsam.
Als ich am nächsten Morgen auf dem Bahnsteig in Puri stand, immer noch gegen alle Hoffnung hoffend, näherte sich mir ein unbekannter Mann.
„Hast du gehört, dass dein Meister von uns gegangen ist?“ Er ließ mich ohne ein weiteres Wort zurück; ich habe nie herausgefunden, wer er war, noch wie er gewusst hatte, wo er mich finden konnte.
Betäubt schwankte ich gegen die Bahnsteigwand und erkannte, dass mein Guru auf verschiedene Weise versucht hatte, mir die niederschmetternde Nachricht zu übermitteln. Vor Aufruhr kochend, war meine Seele wie ein Vulkan. Als ich die Einsiedelei in Puri erreichte, stand ich kurz vor dem Zusammenbruch. Die innere Stimme wiederholte sanft: „Fasse dich. Sei ruhig.“
Ich betrat das Zimmer im Ashram, wo der Körper des Meisters, unvorstellbar lebensecht, im Lotossitz saß – ein Bild von Gesundheit und Lieblichkeit. Kurz vor seinem Heimgang war mein Guru leicht an Fieber erkrankt gewesen, doch vor dem Tag seiner Himmelfahrt in das Unendliche war sein Körper vollkommen gesund geworden. Egal wie oft ich auf seine liebe Gestalt blickte, ich konnte nicht begreifen, dass ihr Leben gewichen war. Seine Haut war glatt und weich; in seinem Gesicht lag ein seliger Ausdruck von Ruhe. Er hatte seinen Körper bewusst zur Stunde der mystischen Berufung aufgegeben.
„Der Löwe von Bengalen ist von uns gegangen!“, rief ich wie benommen.
Ich leitete die feierlichen Riten am 10. März. Sri Yukteswar wurde {FN42-12} mit den alten Ritualen der Swamis im Garten seines Ashrams in Puri beigesetzt. Seine Jünger trafen später von nah und fern ein, um ihren Guru bei einer Gedenkfeier zur Frühlings-Tagundnachtgleiche zu ehren. Die AMRITA BAZAR PATRIKA, die führende Zeitung von Kalkutta, brachte sein Bild und den folgenden Bericht:
Die Trauerzeremonie BHANDARA für Srimat Swami Sri Yukteswar Giri Maharaj, 81 Jahre alt, fand am 21. März in Puri statt. Viele Jünger kamen für die Riten nach Puri.
Als einer der größten Ausleger der BHAGAVAD GITA war Swami Maharaj ein bedeutender Jünger von Yogiraj Sri Shyama Charan Lahiri Mahasaya aus Benares. Swami Maharaj war der Gründer mehrerer Yogoda Sat-Sanga (Self-Realization Fellowship) Zentren in Indien und die große Inspiration hinter der Yoga-Bewegung, die von Swami Yogananda, seinem Hauptjünger, in den Westen getragen wurde. Es waren Sri Yukteswarjis prophetische Kräfte und tiefe Verwirklichung, die Swami Yogananda dazu inspirierten, die Ozeane zu überqueren und die Botschaft der Meister Indiens in Amerika zu verbreiten.
Seine Interpretationen der BHAGAVAD GITA und anderer Schriften zeugen von der Tiefe der Beherrschung der Philosophie durch Sri Yukteswarji, sowohl östlicher als auch westlicher, und bleiben ein Augenöffner für die Einheit zwischen Orient und Okzident. Da er an die Einheit aller religiösen Glaubensrichtungen glaubte, gründete Sri Yukteswar Maharaj die SADHU SABHA (Gesellschaft der Heiligen) mit der Zusammenarbeit der Führer verschiedener Sekten und Glaubensrichtungen, zur Einimpfung eines wissenschaftlichen Geistes in die Religion. Zum Zeitpunkt seines Ablebens ernannte er Swami Yogananda zu seinem Nachfolger als Präsident der SADHU SABHA.
Indien ist durch das Ableben eines solch großen Mannes wahrhaftig ärmer geworden. Mögen all jene, die das Glück hatten, ihm nahe zu kommen, in sich den wahren Geist der indischen Kultur und SADHANA verinnerlichen, der in ihm personifiziert war.
Ich kehrte nach Kalkutta zurück. Da ich es noch nicht wagte, die Einsiedelei in Serampore mit ihren heiligen Erinnerungen aufzusuchen, rief ich Prafulla, Sri Yukteswars kleinen Jünger in Serampore, zu mir und traf Vorkehrungen, dass er in die Schule von Ranchi eintreten konnte.
„An dem Morgen, als du zur MELA in Allahabad aufbrachst“, erzählte mir Prafulla, „ließ sich der Meister schwer auf das Sofa fallen.
‚Yogananda ist weg!‘, rief er. ‚Yogananda ist weg!‘ Er fügte rätselhaft hinzu: ‚Ich werde es ihm auf einem anderen Weg mitteilen müssen.‘ Er saß dann stundenlang schweigend da.“
Meine Tage waren ausgefüllt mit Vorträgen, Kursen, Interviews und Wiedersehen mit alten Freunden. Unter einem hohlen Lächeln und einem Leben rastloser Aktivität verschmutzte ein Strom schwarzer Grübeleien den inneren Fluss der Glückseligkeit, der so viele Jahre unter dem Sand all meiner Wahrnehmungen dahingeschlängelt war.
„Wo ist dieser göttliche Weise hin?“, rief ich lautlos aus den Tiefen eines gepeinigten Geistes.
Keine Antwort kam.
„Es ist das Beste, dass der Meister seine Vereinigung mit dem Kosmischen Geliebten vollendet hat“, versicherte mir mein Verstand. „Er leuchtet ewig in der Herrschaft der Unsterblichkeit.“
„Nie wieder magst du ihn in dem alten Herrenhaus in Serampore sehen“, klagte mein Herz. „Nicht länger magst du deine Freunde zu ihm bringen oder stolz sagen: ‚Seht, dort sitzt Indiens JNANAVATAR!‘“
Mr. Wright traf Vorkehrungen, dass unsere Gruppe Anfang Juni von Bombay aus in den Westen segeln konnte. Nach einer zweiwöchigen Abschiedsfeier im Mai mit Banketten und Reden in Kalkutta brachen Miss Bletch, Mr. Wright und ich im Ford nach Bombay auf. Bei unserer Ankunft baten uns die Schiffsbehörden, unsere Passage zu stornieren, da kein Platz für den Ford gefunden werden konnte, den wir in Europa wieder benötigen würden.
„Macht nichts“, sagte ich düster zu Mr. Wright. „Ich möchte noch einmal nach Puri zurückkehren.“ Ich fügte im Stillen hinzu: „Lass meine Tränen noch einmal das Grab meines Gurus tränken.“
{FN42-1} Wörtlich: PARAM, höchster; HANSA, Schwan. Der HANSA wird in der heiligen Überlieferung als das Fahrzeug von Brahma, dem Höchsten Geist, dargestellt; als Symbol der Unterscheidungskraft gilt der weiße HANSA-Schwan als fähig, den wahren SOMA-Nektar von einer Mischung aus Milch und Wasser zu trennen. HAM-SA (ausgesprochen HONG-SAU) sind zwei heilige Sanskrit-Mantraworte, die eine schwingungsmäßige Verbindung mit dem ein- und ausgehenden Atem besitzen. AHAM-SA bedeutet wörtlich „Ich bin Er.“
{FN42-2} Sie sind der Schwierigkeit im Allgemeinen ausgewichen, indem sie mich mit SIR anredeten.
{FN42-3} Im Ashram von Puri leitet Swami Sebananda immer noch eine kleine, blühende Yogaschule für Jungen und Meditationsgruppen für Erwachsene. Treffen von Heiligen und Gelehrten finden dort regelmäßig statt.
{FN42-4} Ein Stadtteil von Kalkutta.
{FN42-5} APHORISMEN: II:9.
{FN42-6} Religiöse MELAS werden im alten MAHABHARATA erwähnt. Der chinesische Reisende Hieuen Tsiang hat einen Bericht über eine riesige KUMBHA MELA hinterlassen, die im Jahr 644 n. Chr. in Allahabad stattfand. Die größte MELA findet alle zwölf Jahre statt; die zweitgrößte (ARDHA oder halbe) KUMBHA tritt alle sechs Jahre auf. Kleinere MELAS finden alle drei Jahre statt und ziehen etwa eine Million Gläubige an. Die vier heiligen MELA-Städte sind Allahabad, Hardwar, Nasik und Ujjain.
Frühe chinesische Reisende haben uns viele beeindruckende Bilder der indischen Gesellschaft hinterlassen. Der chinesische Mönch Fa-Hsien schrieb einen Bericht über seine elf Jahre in Indien während der Regierungszeit von Chandragupta II. (frühes 4. Jahrhundert). Der chinesische Autor berichtet: „Im ganzen Land tötet niemand ein lebendiges Wesen, noch trinkt man Wein. ... Sie halten keine Schweine oder Geflügel; es gibt keinen Viehhandel, keine Metzgereien oder Brennereien. Zimmer mit Betten und Matratzen, Essen und Kleidung werden den ansässigen und reisenden Priestern ohne Unterlass bereitgestellt, und dies ist überall gleich. Die Priester beschäftigen sich mit wohlwollenden Diensten und dem Chanten von Liturgien; oder sie sitzen in Meditation.“ Fa-Hsien erzählt uns, dass das indische Volk glücklich und ehrlich war; die Todesstrafe war unbekannt.
{FN42-7} Ich war nicht anwesend bei den Toden meiner Mutter, meines älteren Bruders Ananta, meiner ältesten Schwester Roma, meines Meisters, meines Vaters oder einiger enger Jünger.
(Vater verstarb 1942 in Kalkutta im Alter von neunundachtzig Jahren.)
{FN42-8} Die Hunderttausenden von indischen Sadhus werden von einem Exekutivkomitee aus sieben Führern kontrolliert, die sieben große Abschnitte Indiens repräsentieren. Der derzeitige MAHAMANDALESWAR oder Präsident ist Joyendra Puri. Dieser heilige Mann ist äußerst zurückhaltend und beschränkt seine Rede oft auf drei Worte – Wahrheit, Liebe und Arbeit. Eine ausreichende Unterhaltung!
{FN42-9} Es gibt, wie es scheint, viele Methoden, einen Tiger zu überlisten. Ein australischer Entdecker, Francis Birtles, hat berichtet, dass er den indischen Dschungel als „abwechslungsreich, wunderschön und sicher“ empfand. Sein Sicherheitszauber war Fliegenpapier. „Jede Nacht verteilte ich eine Anzahl von Bögen um mein Lager und wurde nie gestört“, erklärte er. „Der Grund ist psychologisch. Der Tiger ist ein Tier von großer bewusster Würde. Er schleicht herum und fordert den Menschen heraus, bis er zum Fliegenpapier kommt; dann schleicht er davon. Kein würdevoller Tiger würde es wagen, einem Menschen gegenüberzutreten, nachdem er sich auf ein klebriges Fliegenpapier gehockt hat!“
{FN42-10} Nachdem ich nach Amerika zurückgekehrt war, nahm ich fünfundsechzig Pfund ab.
{FN42-11} Sri Yukteswar verstarb zu dieser Stunde – 19:00 Uhr, am 9. März 1936.
{FN42-12} Bestattungsbräuche in Indien erfordern die Einäscherung für Hausbesitzer; Swamis und Mönche anderer Orden werden nicht eingeäschert, sondern beigesetzt. (Es gibt gelegentliche Ausnahmen.) Es wird symbolisch davon ausgegangen, dass die Körper der Mönche zum Zeitpunkt der Ablegung des klösterlichen Gelübdes im Feuer der Weisheit eingeäschert wurden.
KAPITEL: 43
DIE AUFERSTEHUNG VON SRI YUKTESWAR
„Lord Krishna!“ Die glorreiche Gestalt des Avatars erschien in einem schimmernden Glanz, als ich in meinem Zimmer im Regent Hotel in Bombay saß. Über dem Dach eines hohen Gebäudes auf der anderen Straßenseite strahlend, war die unsagbare Vision plötzlich vor meinem Blick explodiert, als ich aus meinem langen, offenen Fenster im dritten Stock hinaussah.
Die göttliche Figur winkte mir zu, lächelnd und mit dem Kopf grüßend. Als ich die genaue Botschaft von Lord Krishna nicht verstehen konnte, ging er mit einer segnenden Geste fort. Wundersam erhoben, spürte ich, dass ein spirituelles Ereignis verkündet wurde.
Meine Westreise war vorerst storniert worden. Ich war für mehrere öffentliche Ansprachen in Bombay vorgesehen, bevor ich zu einem Gegenbesuch nach Bengalen aufbrechen würde.
Als ich am 19. Juni 1936 um drei Uhr nachmittags in meinem Bett im Hotel in Bombay saß – eine Woche nach der Vision von Krishna –, wurde ich durch ein seliges Licht aus meiner Meditation gerissen. Vor meinen offenen und erstaunten Augen verwandelte sich das ganze Zimmer in eine fremde Welt, das Sonnenlicht wandelte sich in überirdische Pracht.
Wellen von Entzückung überfluteten mich, als ich die Gestalt von Sri Yukteswar aus Fleisch und Blut erblickte!
„Mein Sohn!“, sprach der Meister zärtlich, auf seinem Gesicht ein engelhaft bezauberndes Lächeln.
Zum ersten Mal in meinem Leben kniete ich nicht zu seiner Begrüßung zu seinen Füßen nieder, sondern trat sofort vor, um ihn hungrig in meine Arme zu schließen. Augenblick der Augenblicke! Die Qual der vergangenen Monate war ein Zoll, den ich als gewichtslos gegenüber der strömenden Glückseligkeit empfand, die nun herabstieg.
„Mein Meister, Geliebter meines Herzens, warum hast du mich verlassen?“, ich war unzusammenhängend in einem Übermaß an Freude. „Warum hast du mich zur KUMBHA MELA gehen lassen? Wie bitter habe ich mir Vorwürfe gemacht, dich verlassen zu haben!“
„Ich wollte deine freudige Erwartung, den Wallfahrtsort zu sehen, an dem ich erstmals Babaji traf, nicht stören. Ich habe dich nur für eine kurze Weile verlassen; bin ich nicht wieder bei dir?“
„Aber bist DU es, Meister, derselbe Löwe Gottes? Trägst du einen Körper wie den, den ich unter dem grausamen Sand von Puri begraben habe?“
„Ja, mein Kind, ich bin derselbe. Dies ist ein Körper aus Fleisch und Blut. Obwohl ich ihn als ätherisch ansehe, ist er für deinen Anblick physisch. Aus den kosmischen Atomen erschuf ich einen völlig neuen Körper, genau wie jenen physischen Körper aus kosmischen Träumen, den du in deiner Traumwelt unter dem Traum-Sand in Puri gebettet hast. Ich bin in Wahrheit auferstanden – nicht auf Erden, sondern auf einem astralen Planeten. Dessen Bewohner sind besser in der Lage als die irdische Menschheit, meinen hohen Anforderungen zu entsprechen. Dorthin wirst du und deine erhabenen Lieben eines Tages kommen, um bei mir zu sein.“
„Unsterblicher Guru, erzähl mir mehr!“
Der Meister stieß ein kurzes, fröhliches Kichern aus. „Bitte, mein Lieber“, sagte er, „könntest du deinen Griff ein wenig lockern?“
„Nur ein wenig!“ Ich hatte ihn mit einem Kraken-Griff umklammert. Ich konnte denselben schwachen, wohlriechenden, natürlichen Duft wahrnehmen, der charakteristisch für seinen Körper gewesen war. Die aufregende Berührung seines göttlichen Fleisches bleibt immer noch an den Innenseiten meiner Arme und in meinen Handflächen, wann immer ich mich an diese glorreichen Stunden erinnere.
„So wie Propheten auf die Erde gesandt werden, um den Menschen zu helfen, ihr physisches Karma abzuarbeiten, so bin ich von Gott angewiesen worden, auf einem astralen Planeten als Retter zu dienen“, erklärte Sri Yukteswar. „Er heißt HIRANYALOKA oder ‚Erleuchteter Astraler Planet‘. Dort helfe ich fortgeschrittenen Wesen, sich von astralem Karma zu befreien und so die Befreiung von astralen Wiedergeburten zu erlangen. Die Bewohner von Hiranyaloka sind spirituell hoch entwickelt; sie alle hatten in ihrer letzten Erdeninkarnation die durch Meditation gegebene Kraft erworben, ihre physischen Körper beim Tod bewusst zu verlassen. Niemand kann Hiranyaloka betreten, es sei denn, er ist auf Erden über den Zustand des SABIKALPA SAMADHI in den höheren Zustand des NIRBIKALPA SAMADHI hinausgegangen. {FN43-1}
Die Bewohner von Hiranyaloka haben bereits die gewöhnlichen Astralsphären durchquert, in die fast alle Wesen von der Erde beim Tod gehen müssen; dort haben sie viele Samen ihrer vergangenen Taten in den Astralwelten abgearbeitet. Niemand außer fortgeschrittenen Wesen kann solche erlösenden Arbeiten in den Astralwelten effektiv verrichten. Dann, um ihre Seelen vollständiger aus dem Kokon karmischer Spuren zu befreien, die in ihren Astralkörpern festsaßen, wurden diese höheren Wesen durch kosmische Gesetze dazu hingezogen, mit neuen Astralkörpern auf Hiranyaloka wiedergeboren zu werden, der astralen Sonne oder dem Himmel, wo ich auferstanden bin, um ihnen zu helfen. Es gibt auch hoch entwickelte Wesen auf Hiranyaloka, die aus der übergeordneten, subtileren, kausalen Welt gekommen sind.“
Mein Verstand war nun in einer so vollkommenen Einstimmung mit meinem Guru, dass er mir seine Wortbilder teils durch Sprache und teils durch Gedankenübertragung vermittelte. Ich empfing so schnell seine Ideen-Tabletts.
„Du hast in den Schriften gelesen“, fuhr der Meister fort, „dass Gott die menschliche Seele nacheinander in drei Körper hüllte – den Ideen- oder Kausalkörper; den subtilen Astralkörper, Sitz der mentalen und emotionalen Natur des Menschen; und den grobstofflichen physischen Körper. Auf Erden ist ein Mensch mit seinen physischen Sinnen ausgestattet. Ein astrales Wesen arbeitet mit seinem Bewusstsein und seinen Gefühlen und einem Körper, der aus Lifetronen gemacht ist. {FN43-2} Ein Wesen mit einem Kausalkörper verweilt im glückseligen Reich der Ideen. Meine Arbeit ist mit jenen astralen Wesen, die sich darauf vorbereiten, in die kausale Welt einzutreten.“
„Anbetungswürdiger Meister, bitte erzähle mir mehr über den astralen Kosmos.“ Obwohl ich auf Sri Yukteswars Bitte hin meine Umarmung leicht gelockert hatte, waren meine Arme immer noch um ihn. Schatz über alle Schätze, mein Guru, der über den Tod gelacht hatte, um mich zu erreichen!
„Es gibt viele astrale Planeten, die von astralen Wesen wimmeln“, begann der Meister. „Die Bewohner benutzen Astralebenen oder Lichtmassen, um schneller als Elektrizität und radioaktive Energien von einem Planeten zum anderen zu reisen.
Das astrale Universum, das aus verschiedenen subtilen Schwingungen von Licht und Farbe besteht, ist hunderte Male größer als der materielle Kosmos. Die gesamte physische Schöpfung hängt wie ein kleiner, fester Korb unter dem riesigen, leuchtenden Ballon der Astralsphäre. Genau wie viele physische Sonnen und Sterne im Raum wandern, so gibt es auch zahllose astrale Sonnen- und Sternensysteme. Ihre Planeten haben astrale Sonnen und Monde, schöner als die physischen. Die astralen Himmelskörper gleichen dem Nordlicht – wobei die sonnige astrale Aurora blendender ist als die mild strahlende Mond-Aurora. Der astrale Tag und die Nacht sind länger als jene der Erde.
Die Astralwelt ist unendlich schön, sauber, rein und ordentlich. Es gibt keine toten Planeten oder unfruchtbares Land. Die irdischen Makel – Unkraut, Bakterien, Insekten, Schlangen – fehlen. Anders als die wechselhaften Klimata und Jahreszeiten der Erde bewahren die astralen Planeten die gleichmäßige Temperatur eines ewigen Frühlings, mit gelegentlichem leuchtend weißen Schnee und Regen aus vielfarbigen Lichtern. Astrale Planeten sind reich an Opalseen und hellen Meeren und Regenbogenflüssen.“
„Das gewöhnliche Astraluniversum – nicht der subtilere astrale Himmel von Hiranyaloka – ist bevölkert von Millionen astraler Wesen, die mehr oder weniger kürzlich von der Erde gekommen sind, sowie von Myriaden von Feen, Meerjungfrauen, Fischen, Tieren, Kobolden, Gnomen, Halbgöttern und Geistern, die alle gemäß ihren karmischen Qualifikationen auf verschiedenen astralen Planeten wohnen. Verschiedene sphärische Villen oder Schwingungsregionen sind für gute und böse Geister vorgesehen. Gute können sich frei bewegen, aber die bösen Geister sind auf begrenzte Zonen beschränkt. So wie menschliche Wesen auf der Erdoberfläche leben, Würmer im Boden, Fische im Wasser und Vögel in der Luft, so werden astrale Wesen verschiedener Stufen geeigneten Schwingungsquartieren zugewiesen.
Unter den gefallenen dunklen Engeln, die aus anderen Welten verbannt wurden, finden Reibungen und Kriege mit lifetronischen Bomben oder mentalen MANTRISCHEN Schwingungsstrahlen statt. Diese Wesen bewohnen die düsteren Regionen des niederen astralen Kosmos und arbeiten ihr böses Karma ab.
In den weiten Gefilden über dem dunklen astralen Gefängnis ist alles leuchtend und schön. Der astrale Kosmos ist von Natur aus stärker auf den göttlichen Willen und den Plan der Vollkommenheit eingestimmt als die Erde. Jedes astrale Objekt manifestiert sich in erster Linie durch den Willen Gottes und teilweise durch den Willensruf astraler Wesen. Sie besitzen die Macht, die Anmut und Form von allem, was der Herr bereits erschaffen hat, zu verändern oder zu verbessern. Er hat Seinen astralen Kindern die Freiheit und das Privileg gegeben, den astralen Kosmos nach Belieben zu verändern oder zu verbessern. Auf der Erde muss ein Festkörper durch natürliche oder chemische Prozesse in eine Flüssigkeit oder eine andere Form umgewandelt werden, aber astrale Festkörper werden einzig und sofort durch den Willen der Bewohner in astrale Flüssigkeiten, Gase oder Energie verwandelt.
Die Erde ist dunkel vor Krieg und Morden in der See, zu Lande und in der Luft“, fuhr mein Guru fort, „aber die astralen Reiche kennen eine glückliche Harmonie und Gleichheit. Astrale Wesen entmaterialisieren oder materialisieren ihre Formen nach Belieben. Blumen oder Fische oder Tiere können sich für eine Zeit in astrale Menschen verwandeln. Alle astralen Wesen sind frei, jede Form anzunehmen, und können leicht miteinander verkehren. Kein starres, definitives Naturgesetz engt sie ein – ein astraler Baum zum Beispiel kann erfolgreich darum gebeten werden, eine astrale Mango oder eine andere gewünschte Frucht, Blume oder tatsächlich jedes andere Objekt hervorzubringen. Bestimmte karmische Einschränkungen sind vorhanden, aber es gibt in der Astralwelt keine Unterschiede bezüglich der Wünschbarkeit verschiedener Formen. Alles vibriert vom schöpferischen Licht Gottes.
Niemand wird von einer Frau geboren; Nachkommen werden von astralen Wesen durch die Hilfe ihres kosmischen Willens in speziell gemusterte, astral verdichtete Formen materialisiert. Das kürzlich physisch körperlose Wesen gelangt durch Einladung in eine astrale Familie, angezogen von ähnlichen mentalen und spirituellen Tendenzen.
Der Astralkörper ist weder Kälte noch Hitze oder anderen natürlichen Bedingungen unterworfen. Die Anatomie umfasst ein astrales Gehirn, oder den tausendblättrigen Lotus aus Licht, und sechs erwachte Zentren in der SUSHUMNA, der astralen cerebro-spinalen Achse. Das Herz bezieht kosmische Energie sowie Licht aus dem astralen Gehirn und pumpt sie zu den astralen Nerven und Körperzellen oder Lifetronen. Astrale Wesen können ihre Körper durch lifetronische Kraft oder durch MANTRISCHE Schwingungen beeinflussen.
Der Astralkörper ist ein exaktes Gegenstück zur letzten physischen Form. Astrale Wesen behalten das gleiche Aussehen, das sie in der Jugend bei ihrem vorherigen irdischen Aufenthalt besaßen; gelegentlich entscheidet sich ein astrales Wesen, wie ich selbst, sein Aussehen des hohen Alters beizubehalten.“ Der Meister, der die Essenz der Jugend ausstrahlte, kicherte vergnügt.
„Anders als die räumliche, dreidimensionale physische Welt, die nur durch die fünf Sinne erkannt wird, sind die astralen Sphären für den alles umfassenden sechsten Sinn – die Intuition – sichtbar“, fuhr Sri Yukteswar fort. „Durch reines intuitives Fühlen sehen, hören, riechen, schmecken und tasten alle astralen Wesen. Sie besitzen drei Augen, von denen zwei teilweise geschlossen sind. Das dritte und wichtigste astrale Auge, das vertikal auf der Stirn platziert ist, ist geöffnet. Astrale Wesen haben alle äußeren Sinnesorgane – Ohren, Augen, Nase, Zunge und Haut –, aber sie verwenden den intuitiven Sinn, um Empfindungen durch jeden Teil des Körpers zu erfahren; sie können durch das Ohr, oder die Nase, oder die Haut sehen. Sie sind in der Lage, durch die Augen oder die Zunge zu hören, und können durch die Ohren oder die Haut schmecken und so weiter.
Mancher physischer Körper ist zahllosen Gefahren ausgesetzt und wird leicht verletzt oder verstümmelt; der ätherische Astralkörper mag gelegentlich geschnitten oder geprellt werden, wird aber durch bloßes Wollen sofort geheilt.“
„Gurudeva, sind alle astralen Personen schön?“
„Schönheit in der Astralwelt ist als eine spirituelle Qualität bekannt und nicht als eine äußere Beschaffenheit“, antwortete Sri Yukteswar. „Astrale Wesen legen daher wenig Wert auf Gesichtszüge. Sie haben jedoch das Privileg, sich nach Belieben mit neuen, farbenfrohen, astral materialisierten Körpern zu kostümieren. So wie weltliche Menschen für Galaveranstaltungen neue Kleidung anlegen, so finden astrale Wesen Gelegenheiten, sich in speziell gestalteten Formen zu schmücken.
Freudige astrale Feste auf den höheren astralen Planeten wie Hiranyaloka finden statt, wenn ein Wesen durch spirituellen Fortschritt aus der Astralwelt befreit wird und daher bereit ist, in den Himmel der Kausalwelt einzutreten. Bei solchen Gelegenheiten materialisieren sich der Unsichtbare Himmlische Vater und die Heiligen, die in Ihm verschmolzen sind, in Körper ihrer eigenen Wahl und schließen sich der astralen Feier an. Um Seinen geliebten Anhänger zu erfreuen, nimmt der Herr jede gewünschte Form an. Wenn der Anhänger durch Hingabe verehrte, sieht er Gott als die Göttliche Mutter. Für Jesus war der Vater-Aspekt des Unendlichen anziehender als andere Konzepte. Die Individualität, mit der der Schöpfer jedes Seiner Geschöpfe ausgestattet hat, stellt jede denkbare und undenkbare Anforderung an die Vielseitigkeit des Herrn!“ Mein Guru und ich lachten glücklich miteinander.
„Freunde aus anderen Leben erkennen einander in der Astralwelt leicht wieder“, fuhr Sri Yukteswar mit seiner schönen, flötenartigen Stimme fort. „Sich über die Unsterblichkeit der Freundschaft freuend, erkennen sie die Unzerstörbarkeit der Liebe, die oft zur Zeit der traurigen, täuschenden Abschiede des irdischen Lebens bezweifelt wurde.
Die Intuition astraler Wesen durchdringt den Schleier und beobachtet menschliche Aktivitäten auf der Erde, aber der Mensch kann die Astralwelt nicht sehen, es sei denn, sein sechster Sinn ist etwas entwickelt. Tausende von Erdbewohnern haben für einen Moment ein astrales Wesen oder eine astrale Welt erblickt.
Die fortgeschrittenen Wesen auf Hiranyaloka bleiben während des langen astralen Tages und der Nacht meist in Ekstase wach und helfen, komplizierte Probleme der kosmischen Regierung und der Erlösung der verlorenen Söhne, der erdgebundenen Seelen, zu lösen. Wenn die Wesen von Hiranyaloka schlafen, haben sie gelegentlich traumartige astrale Visionen. Ihre Geister sind meist in den bewussten Zustand höchster NIRBIKALPA-Glückseligkeit vertieft.
Bewohner in allen Teilen der Astralwelten unterliegen immer noch mentalen Qualen. Die empfindsamen Geister der höheren Wesen auf Planeten wie Hiranyaloka empfinden stechenden Schmerz, wenn ein Fehler im Verhalten oder in der Wahrnehmung der Wahrheit begangen wird. Diese fortgeschrittenen Wesen bemühen sich, jede ihrer Handlungen und Gedanken mit der Vollkommenheit des spirituellen Gesetzes in Einklang zu bringen.
Die Kommunikation unter den astralen Bewohnern findet vollständig durch astrale Telepathie und Television statt; es gibt keine der Verwirrung und Missverständnisse des geschriebenen und gesprochenen Wortes, die Erdbewohner ertragen müssen. Genau wie Personen auf der Kinoleinwand durch eine Reihe von Lichtbildern zu wandeln und zu handeln scheinen und nicht tatsächlich atmen, so gehen und arbeiten die astralen Wesen als intelligent geführte und koordinierte Lichtbilder, ohne die Notwendigkeit, Kraft aus Sauerstoff zu ziehen. Der Mensch ist für seinen Lebensunterhalt von Festkörpern, Flüssigkeiten, Gasen und Energie abhängig; astrale Wesen erhalten sich hauptsächlich durch kosmisches Licht.“
„Mein Meister, essen astrale Wesen irgendetwas?“ Ich trank seine wunderbaren Erläuterungen mit der Empfänglichkeit all meiner Fakultäten – Geist, Herz, Seele. Überbewusste Wahrnehmungen der Wahrheit sind dauerhaft wirklich und unveränderlich, während flüchtige Sinneserfahrungen und Eindrücke niemals mehr als vorübergehend oder relativ wahr sind und in der Erinnerung bald all ihre Lebendigkeit verlieren. Die Worte meines Gurus waren so tief in das Pergament meines Seins eingeprägt, dass ich die göttliche Erfahrung jederzeit durch die Verlagerung meines Geistes in den überbewussten Zustand klar wiedererleben kann.
„Leuchtende, strahlenartige Gemüsesorten gedeihen in den astralen Böden“, antwortete er. „Die astralen Wesen verzehren Gemüse und trinken einen Nektar, der aus herrlichen Lichtfontänen und aus astralen Bächen und Flüssen fließt. Genau wie unsichtbare Bilder von Personen auf der Erde aus dem Äther gegraben und durch ein Fernsehgerät sichtbar gemacht werden können, um später wieder in den Raum entlassen zu werden, so werden die von Gott erschaffenen, unsichtbaren astralen Blaupausen von Gemüse und Pflanzen, die im Äther schweben, durch den Willen ihrer Bewohner auf einem astralen Planeten niedergeschlagen. Auf die gleiche Weise werden aus der wildesten Phantasie dieser Wesen ganze Gärten duftender Blumen materialisiert, die später in die ätherische Unsichtbarkeit zurückkehren. Obwohl die Bewohner himmlischer Planeten wie Hiranyaloka fast von jeder Notwendigkeit des Essens befreit sind, ist noch höher die unbedingte Existenz fast vollständig befreiter Seelen in der Kausalwelt, die nichts essen außer dem Manna der Glückseligkeit.
Das von der Erde befreite astrale Wesen trifft eine Vielzahl von Verwandten, Vätern, Müttern, Ehefrauen, Ehemännern und Freunden, die während verschiedener Inkarnationen auf der Erde erworben wurden, da sie von Zeit zu Zeit in verschiedenen Teilen der astralen Reiche erscheinen. Er ist daher ratlos, wen er besonders lieben soll; er lernt auf diese Weise, allen eine göttliche und gleiche Liebe entgegenzubringen, als Kindern und individualisierten Ausdrucksformen Gottes. Obwohl sich das äußere Erscheinungsbild der geliebten Menschen mehr oder weniger entsprechend der Entwicklung neuer Qualitäten im letzten Leben einer bestimmten Seele verändert haben mag, setzt das astrale Wesen seine unfehlbare Intuition ein, um all jene zu erkennen, die ihm einst auf anderen Existenzebenen teuer waren, und sie in ihrem neuen astralen Zuhause willkommen zu heißen. Da jedes Atom in der Schöpfung unauslöschlich mit Individualität ausgestattet ist, wird ein astraler Freund erkannt werden, egal welches Kostüm er tragen mag, genau wie auf der Erde die Identität eines Schauspielers trotz jeder Verkleidung durch genaue Beobachtung entdeckbar ist.
Die Lebensspanne in der Astralwelt ist viel länger als auf der Erde. Die durchschnittliche Lebensdauer eines normalen fortgeschrittenen astralen Wesens beträgt fünfhundert bis tausend Jahre, gemessen an irdischen Zeitmaßstäben. So wie bestimmte Mammutbäume die meisten Bäume um Jahrtausende überleben, oder wie manche Yogis mehrere hundert Jahre leben, obwohl die meisten Menschen vor dem sechzigsten Lebensjahr sterben, so leben manche astrale Wesen viel länger als die übliche Spanne astraler Existenz. Besucher der Astralwelt verweilen dort für eine längere oder kürzere Zeit, entsprechend dem Gewicht ihres physischen Karmas, das sie innerhalb einer bestimmten Zeit zurück zur Erde zieht.
Das astrale Wesen muss nicht schmerzhaft mit dem Tod kämpfen, wenn es seinen leuchtenden Körper ablegt. Viele dieser Wesen fühlen sich dennoch leicht nervös bei dem Gedanken, ihre astrale Form für die subtilere kausale abzugeben. Die Astralwelt ist frei von unfreiwilligem Tod, Krankheit und Alter. Diese drei Ängste sind der Fluch der Erde, wo der Mensch zugelassen hat, dass sein Bewusstsein sich fast vollständig mit einem gebrechlichen physischen Körper identifiziert, der ständige Hilfe von Luft, Nahrung und Schlaf benötigt, um überhaupt zu existieren.
Der physische Tod ist begleitet vom Verschwinden des Atems und dem Zerfall fleischlicher Zellen. Der astrale Tod besteht aus der Zerstreuung von Lifetronen, jenen manifesten Einheiten der Energie, die das Leben astraler Wesen ausmachen. Beim physischen Tod verliert ein Wesen sein Bewusstsein für Fleisch und wird sich seines subtilen Körpers in der Astralwelt bewusst. Den astralen Tod zu gegebener Zeit erfahrend, geht ein Wesen somit vom Bewusstsein der astralen Geburt und des Todes zu dem der physischen Geburt und des Todes über. Diese wiederkehrenden Zyklen astraler und physischer Einhüllung sind das unausweichliche Schicksal aller unerleuchteten Wesen. Schriftgemäße Definitionen von Himmel und Hölle wecken manchmal im Menschen tiefere als die unterbewussten Erinnerungen an seine lange Reihe von Erfahrungen in der fröhlichen astralen und der enttäuschenden irdischen Welt.“
„Geliebter Meister“, fragte ich, „würden Sie bitte detaillierter den Unterschied zwischen der Wiedergeburt auf der Erde und in den astralen und kausalen Sphären beschreiben?“
„Der Mensch als eine individualisierte Seele ist im Wesentlichen kausalkörperlich“, erklärte mein Guru. „Dieser Körper ist eine Matrix der fünfunddreißig IDEEN, die von Gott als die grundlegenden oder kausalen Gedankenträfte benötigt werden, aus denen Er später den subtilen Astralkörper aus neunzehn Elementen und den groben physischen Körper aus sechzehn Elementen formte.
Die neunzehn Elemente des Astralkörpers sind mental, emotional und lifetronisch. Die neunzehn Komponenten sind Intelligenz; Ego; Gefühl; Geist (Sinnesbewusstsein); fünf Instrumente des WISSENS, die subtilen Gegenstücke der Sinne des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Tastens; fünf Instrumente der AKTION, die mentale Entsprechung für die exekutiven Fähigkeiten zu zeugen, auszuscheiden, zu sprechen, zu gehen und manuelle Fertigkeiten auszuüben; und fünf Instrumente der LEBENSKRAFT, jene, die befähigt sind, die kristallisierenden, assimilierenden, eliminierenden, metabolisierenden und zirkulierenden Funktionen des Körpers auszuführen. Diese subtile astrale Hülle aus neunzehn Elementen überlebt den Tod des physischen Körpers, der aus sechzehn groben metallischen und nicht-metallischen Elementen besteht.
Gott erdachte verschiedene Ideen in Sich Selbst und projizierte sie in Träume. Lady Kosmischer Traum entsprang so, geschmückt in all ihren kolossalen, endlosen Ornamenten der Relativität.
In fünfunddreißig Gedankenkategorien des Kausalkörpers erarbeitete Gott alle Komplexitäten der neunzehn astralen und sechzehn physischen Gegenstücke des Menschen. Durch Kondensation von Schwingungskräften, erst subtil, dann grob, produzierte Er den Astralkörper des Menschen und schließlich seine physische Form. Gemäß dem Gesetz der Relativität, durch das die Ursprüngliche Einfachheit zur verwirrenden Mannigfaltigkeit wurde, unterscheiden sich der kausale Kosmos und der Kausalkörper vom astralen Kosmos und Astralkörper; der physische Kosmos und der physische Körper unterscheiden sich ebenfalls charakteristischerweise von den anderen Formen der Schöpfung.
Der fleischliche Körper ist aus den festen, objektivierten Träumen des Schöpfers gemacht. Die Dualitäten sind auf der Erde allgegenwärtig: Krankheit und Gesundheit, Schmerz und Vergnügen, Verlust und Gewinn. Menschliche Wesen finden Begrenzung und Widerstand in dreidimensionaler Materie. Wenn der Lebenswille des Menschen durch Krankheit oder andere Ursachen schwer erschüttert wird, kommt der Tod; der schwere Übermantel des Fleisches wird vorübergehend abgelegt. Die Seele jedoch bleibt in den astralen und kausalen Körpern eingehüllt. Die haftende Kraft, durch die alle drei Körper zusammengehalten werden, ist Verlangen. Die Kraft unerfüllter Wünsche ist die Wurzel aller Sklaverei des Menschen.
Physische Wünsche wurzeln in Egoismus und Sinnesfreuden. Der Zwang oder die Versuchung sinnlicher Erfahrung ist mächtiger als die Verlangenskraft, die mit astralen Bindungen oder kausalen Wahrnehmungen verbunden ist.
Astrale Wünsche konzentrieren sich auf den Genuss in Form von Schwingung. Astrale Wesen genießen die ätherische Musik der Sphären und sind entzückt vom Anblick der gesamten Schöpfung als unerschöpfliche Ausdrucksformen wechselnden Lichts. Die astralen Wesen riechen, schmecken und tasten auch Licht. Astrale Wünsche sind somit mit der Kraft eines astralen Wesens verbunden, alle Objekte und Erfahrungen als Lichtformen oder als kondensierte Gedanken oder Träume zu präzipitieren.
Kausale Wünsche werden nur durch Wahrnehmung erfüllt. Die beinahe freien Wesen, die nur im Kausalkörper eingehüllt sind, sehen das ganze Universum als Realisierungen der Traumideen Gottes; sie können alles und jedes in bloßem Gedanken materialisieren. Kausale Wesen betrachten daher den Genuss physischer Empfindungen oder astraler Entzückungen als grob und erstickend für die feinen Sinne der Seele. Kausale Wesen arbeiten ihre Wünsche ab, indem sie sie sofort materialisieren. Diejenigen, die sich nur vom zarten Schleier des Kausalkörpers bedeckt finden, können Universen zur Manifestation bringen, genau wie der Schöpfer. Weil die gesamte Schöpfung aus der kosmischen Traumtextur besteht, hat die Seele, die dünn im Kausalen bekleidet ist, gewaltige Verwirklichungen von Macht.
Eine Seele, die von Natur aus unsichtbar ist, kann nur durch die Anwesenheit ihres Körpers oder ihrer Körper unterschieden werden. Die bloße Anwesenheit eines Körpers bedeutet, dass seine Existenz durch unerfüllte Wünsche ermöglicht wird.
Solange die Seele des Menschen in einen, zwei oder drei Körperbehältern eingehüllt ist, fest versiegelt mit den Korken der Ignoranz und der Wünsche, kann sie nicht mit dem Meer des Geistes verschmelzen. Wenn der grobe physische Behälter durch den Hammer des Todes zerstört wird, bleiben die beiden anderen Hüllen – astral und kausal – immer noch bestehen, um die Seele davon abzuhalten, sich bewusst mit dem Allgegenwärtigen Leben zu verbinden. Wenn Wunschlosigkeit durch Weisheit erlangt wird, zerfällt durch ihre Kraft die zwei verbleibenden Gefäße. Die winzige menschliche Seele taucht endlich frei auf; sie ist eins mit der Unermesslichen Weite.“
Ich bat meinen göttlichen Guru, weiteres Licht auf die hohe und geheimnisvolle Kausalwelt zu werfen.
„Die Kausalwelt ist unbeschreiblich subtil“, antwortete er. „Um sie zu verstehen, müsste man eine derart gewaltige Konzentrationskraft besitzen, dass man die Augen schließen und den astralen Kosmos und den physischen Kosmos in ihrer ganzen Weite – den leuchtenden Ballon mit dem festen Korb – als nur in Ideen existierend visualisieren könnte. Wenn man durch diese übermenschliche Konzentration Erfolg hätte, die beiden Kosmen mit all ihren Komplexitäten in bloße Ideen umzuwandeln oder aufzulösen, würde man dann die Kausalwelt erreichen und an der Grenze der Verschmelzung zwischen Geist und Materie stehen. Dort nimmt man alle erschaffenen Dinge wahr – Festkörper, Flüssigkeiten, Gase, Elektrizität, Energie, alle Wesen, Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen, Bakterien – als Bewusstseinsformen, genau wie ein Mensch die Augen schließen und erkennen kann, dass er existiert, auch wenn sein Körper für seine physischen Augen unsichtbar ist und nur als Idee vorhanden ist.
Was auch immer ein menschliches Wesen in seiner Phantasie tun kann, ein kausales Wesen kann es in der Realität tun. Die kolossalste phantasievolle menschliche Intelligenz ist in der Lage, nur im Geist von einem Extrem des Gedankens zum anderen zu schweifen, mental von Planet zu Planet zu springen, oder endlos in eine Grube der Ewigkeit zu stürzen, oder raketenartig in das galaktische Blätterdach zu steigen, oder wie ein Suchscheinwerfer über Milchstraßen und die sternenklaren Räume zu funkeln. Aber Wesen in der Kausalwelt haben eine viel größere Freiheit und können ihre Gedanken mühelos ohne jede materielle oder astrale Behinderung oder karmische Limitierung in sofortige Objektivität manifestieren.
Kausale Wesen erkennen, dass der physische Kosmos nicht primär aus Elektronen konstruiert ist, noch der astrale Kosmos im Grunde aus Lifetronen besteht – beide sind in Wirklichkeit aus den kleinsten Partikeln des Gott-Gedankens erschaffen, zerhackt und unterteilt durch MAYA, das Gesetz der Relativität, das eingreift, um scheinbar das Noumenon von Seinen Phänomenen zu trennen.
Seelen in der Kausalwelt erkennen einander als individualisierte Punkte freudigen Geistes; ihre Gedankendinge sind die einzigen Objekte, die sie umgeben. Kausale Wesen sehen den Unterschied zwischen ihren Körpern und Gedanken lediglich als Ideen an. So wie ein Mensch, der die Augen schließt, ein blendend weißes Licht oder einen schwachen blauen Dunst visualisieren kann, so sind kausale Wesen allein durch Gedanken in der Lage zu sehen, zu hören, zu fühlen, zu schmecken und zu tasten; sie erschaffen alles oder lösen es auf durch die Kraft des kosmischen Geistes.
Sowohl Tod als auch Wiedergeburt in der Kausalwelt sind im Gedanken. Kausalkörperliche Wesen schwelgen nur in der Ambrosia ewig neuen Wissens. Sie trinken aus den Quellen des Friedens, wandern auf dem spurenlosen Boden der Wahrnehmungen, schwimmen im ozeanischen Endlossein der Glückseligkeit. Siehe! Ihre hellen Gedankenkörper sausen an Billionen von Geist-erschaffenen Planeten vorbei, frische Blasen von Universen, Weisheitssternen, spektralen Träumen von goldenen Nebeln, alles über dem himmelblauen Busen der Unendlichkeit!
Viele Wesen bleiben jahrtausendelang im kausalen Kosmos. Durch tiefere Ekstasen entzieht sich die befreite Seele dann dem kleinen Kausalkörper und legt die Weite des kausalen Kosmos an. All die getrennten Wirbel von Ideen, spezialisierte Wellen von Kraft, Liebe, Wille, Freude, Frieden, Intuition, Ruhe, Selbstbeherrschung und Konzentration schmelzen in das ewig freudige Meer der Glückseligkeit. Nicht länger muss die Seele ihre Freude als eine individualisierte Welle des Bewusstseins erfahren, sondern sie ist mit dem Einen Kosmischen Ozean verschmolzen, mit all seinen Wellen – ewigem Lachen, Beben, Pulsieren.
Wenn eine Seele aus dem Kokon der drei Körper heraus ist, entkommt sie für immer dem Gesetz der Relativität und wird zum unaussprechlichen Ewig-Existierenden. Schau den Schmetterling der Allgegenwart, dessen Flügel mit Sternen und Monden und Sonnen geätzt sind! Die in den Geist ausgedehnte Seele bleibt allein in der Region des lichtlosen Lichts, des dunkel-losen Dunkels, des gedankenlosen Gedankens, berauscht von ihrer Ekstase der Freude in Gottes Traum der kosmischen Schöpfung.“
„Eine freie Seele!“ stieß ich ehrfürchtig hervor.
„Wenn eine Seele schließlich aus den drei Gläsern der körperlichen Täuschungen herauskommt“, fuhr der Meister fort, „wird sie eins mit dem Unendlichen ohne jeden Verlust an Individualität. Christus hatte diese endgültige Freiheit schon gewonnen, bevor er als Jesus geboren wurde. In drei Stadien seiner Vergangenheit, symbolisiert in seinem Erdenleben als die drei Tage seiner Erfahrung von Tod und Auferstehung, hatte er die Macht erlangt, vollständig im Geist aufzuerstehen.
Der unentwickelte Mensch muss zahllose irdische und astrale und kausale Inkarnationen durchlaufen, um aus seinen drei Körpern hervorzugehen. Ein Meister, der diese endgültige Freiheit erreicht, mag wählen, als Prophet auf die Erde zurückzukehren, um andere Menschen zurück zu Gott zu bringen, oder wie ich selbst mag er wählen, im astralen Kosmos zu wohnen. Dort übernimmt ein Retter einen Teil der Last des Karmas der Bewohner und hilft ihnen so, ihren Zyklus der Reinkarnation im astralen Kosmos zu beenden und dauerhaft zu den kausalen Sphären weiterzugehen. Oder eine befreite Seele mag in die Kausalwelt eintreten, um ihren Wesen zu helfen, ihre Spanne im Kausalkörper zu verkürzen und so die Absolute Freiheit zu erlangen.“
„Auferstandener, ich möchte mehr über das Karma wissen, das Seelen dazu zwingt, in die drei Welten zurückzukehren.“ Ich könnte meinem allwissenden Meister ewig zuhören, dachte ich. Niemals zuvor in seinem Erdenleben war ich fähig gewesen, so viel von seiner Weisheit auf einmal in mich aufzunehmen. Nun erhielt ich zum ersten Mal einen klaren, definitiven Einblick in die rätselhaften Zwischenräume auf dem Schachbrett von Leben und Tod.
„Das physische Karma oder die Begierden des Menschen müssen vollständig aufgearbeitet sein, bevor ein dauerhafter Aufenthalt in den Astralen Welten möglich wird“, erläuterte mein Guru mit seiner mitreißenden Stimme. „Zwei Arten von Wesen leben in den Astralsphären. Jene, die noch irdisches Karma abzutragen haben und daher einen grobstofflichen physischen Körper wieder bewohnen müssen, um ihre karmischen Schulden zu begleichen, könnten nach dem physischen Tod eher als vorübergehende Besucher der Astralwelt denn als dauerhafte Bewohner klassifiziert werden.
Wesen mit unerlöstem irdischem Karma ist es nach dem Astraltod nicht gestattet, in die hohe Kausalsphäre der kosmischen Ideen zu gelangen; sie müssen lediglich zwischen der physischen und der astralen Welt hin- und herpendeln, abwechselnd bewusst ihres physischen Körpers aus sechzehn groben Elementen und ihres Astralkörpers aus neunzehn feinstofflichen Elementen. Nach jedem Verlust seines physischen Körpers verharrt ein unentwickeltes Wesen von der Erde jedoch größtenteils in der tiefen Betäubung des Todesschlafs und ist sich der wunderschönen Astralsphäre kaum bewusst. Nach der Astralruhe kehrt ein solcher Mensch zur materiellen Ebene zurück, um weitere Lektionen zu lernen, wobei er sich durch wiederholte Reisen allmählich an die Welten von feinstofflicher astraler Beschaffenheit gewöhnt.
Normale oder langjährige Bewohner des Astraluniversums hingegen sind jene, die, für immer von allen materiellen Sehnsüchten befreit, nicht mehr zu den groben Schwingungen der Erde zurückkehren müssen. Solche Wesen haben nur noch astrales und kausales Karma aufzuarbeiten. Beim Astraltod gehen diese Wesen in die unendlich feinere und zartere Kausalwelt über. Nachdem sie am Ende einer gewissen, durch das kosmische Gesetz bestimmten Zeitspanne die Gedankenform des Kausalkörpers abgelegt haben, kehren diese fortgeschrittenen Wesen dann nach Hiranyaloka oder einen ähnlichen hohen Astralplaneten zurück, wiedergeboren in einem neuen Astralkörper, um ihr unerlöstes Astralkarma abzuarbeiten.
Mein Sohn, du magst nun besser verstehen, dass ich durch göttlichen Erlass auferstanden bin“, fuhr Sri Yukteswar fort, „als Retter von astrale wiedergeborenen Seelen, die insbesondere aus der Kausalsphäre zurückkehren, statt von jenen Astralwesen, die von der Erde heraufkommen. Jene von der Erde steigen, falls sie noch Überreste materiellen Karmas bewahren, nicht zu den sehr hohen Astralplaneten wie Hiranyaloka auf.
Gerade weil die meisten Menschen auf Erden nicht durch meditationserworbene Vision gelernt haben, die überlegenen Freuden und Vorteile des Astrallebens zu schätzen, und daher nach dem Tod wünschen, zu den begrenzten, unvollkommenen Vergnügungen der Erde zurückzukehren, so versäumen es viele Astralwesen während der normalen Auflösung ihrer Astralkörper, sich den fortgeschrittenen Zustand geistiger Freude in der Kausalwelt auszumalen, und verweilen bei Gedanken an das gröbere und prunkvollere Astralglück, indem sie sich danach sehnen, das Astralparadies wieder zu besuchen. Schweres Astralkarma muss von solchen Wesen erlöst werden, bevor sie nach dem Astraltod einen dauerhaften Aufenthalt in der Kausalen Gedankenwelt erreichen können, die nur dünn vom Schöpfer getrennt ist.
Erst wenn ein Wesen keine weiteren Wünsche mehr nach Erfahrungen im für das Auge erfreulichen Astralkosmos hat und nicht in Versuchung geführt werden kann, dorthin zurückzukehren, verbleibt es in der Kausalwelt. Indem die gefangene Seele dort die Arbeit vollendet, alles kausale Karma oder die Samen vergangener Begierden zu erlösen, stößt sie den letzten der drei Korken der Unwissenheit aus und vermischt sich, aus dem endgültigen Gefäß des Kausalkörpers hervorgehend, mit dem Ewigen.“
„Verstehst du nun?“ Meister lächelte so bezaubernd!
„Ja, durch deine Gnade. Ich bin sprachlos vor Freude und Dankbarkeit.“
Niemals zuvor hatte ich aus Liedern oder Geschichten solch inspirierendes Wissen erhalten. Obwohl die Hindu-Schriften auf die Kausal- und Astralwelten sowie auf die drei Körper des Menschen verweisen, wie fern und bedeutungslos erschienen jene Seiten im Vergleich mit der warmen Authentizität meines auferstandenen Meisters! Für ihn gab es wahrlich kein einziges „unentdecktes Land, von dessen Grenze kein Reisender zurückkehrt“!
„Die Durchdringung der drei Körper des Menschen kommt auf viele Arten durch seine dreifache Natur zum Ausdruck“, fuhr mein großer Guru fort. „Im Wachzustand auf Erden ist ein menschliches Wesen mehr oder weniger seiner drei Vehikel bewusst. Wenn er sinnlich darauf ausgerichtet ist zu schmecken, zu riechen, zu tasten, zu hören oder zu sehen, arbeitet er hauptsächlich durch seinen physischen Körper. Visualisiert oder will er, arbeitet er hauptsächlich durch seinen Astralkörper. Sein kausales Medium findet Ausdruck, wenn der Mensch denkt oder tief in Introspektion oder Meditation eintaucht; die kosmischen Gedanken eines Genies kommen zu dem Menschen, der gewohnheitsmäßig seinen Kausalkörper kontaktiert. In diesem Sinne kann ein Individuum grob als ‚ein materieller Mensch‘, ‚ein energetischer Mensch‘ oder ‚ein intellektueller Mensch‘ klassifiziert werden.
Ein Mensch identifiziert sich etwa sechzehn Stunden täglich mit seinem physischen Vehikel. Dann schläft er; wenn er träumt, verweilt er in seinem Astralkörper und erschafft mühelos jedes Objekt, genau wie es die Astralwesen tun. Wenn der Schlaf des Menschen tief und traumlos ist, ist er für einige Stunden in der Lage, sein Bewusstsein oder seinen Sinn für das Ich-Sein auf den Kausalkörper zu übertragen; ein solcher Schlaf ist belebend. Ein Träumer kontaktiert seinen Astral- und nicht seinen Kausalkörper; sein Schlaf ist nicht vollständig erfrischend.“
Ich hatte Sri Yukteswar liebevoll beobachtet, während er seine wundersame Darlegung gab.
„Engelhafter Guru“, sagte ich, „dein Körper sieht exakt so aus wie damals, als ich das letzte Mal im Puri-Ashram über ihm weinte.“
„O ja, mein neuer Körper ist eine perfekte Kopie des alten. Ich materialisiere oder dematerialisiere diese Form jederzeit nach Belieben, viel häufiger als ich es tat, während ich auf Erden war. Durch schnelle Dematerialisierung reise ich nun augenblicklich mit dem Licht-Express von Planet zu Planet oder in der Tat von der astralen zur kausalen oder zur physischen Kosmos-Welt.“ Mein göttlicher Guru lächelte. „Obwohl du dich heutzutage so schnell fortbewegst, hatte ich keine Schwierigkeiten, dich in Bombay zu finden!“
„O Meister, ich habe so tief um deinen Tod getrauert!“
„Ach, worin bin ich gestorben? Gibt es da nicht einen Widerspruch?“ Sri Yukteswars Augen funkelten vor Liebe und Belustigung.
„Du hast auf Erden nur geträumt; auf jener Erde hast du meinen Traumkörper gesehen“, fuhr er fort. „Später hast du jenes Traumbild begraben. Nun ist mein feinerer fleischlicher Körper – den du erblickst und sogar jetzt recht eng umschlingst! – auf einem anderen feineren Traumplaneten Gottes auferstanden. Eines Tages werden jener feinere Traumkörper und jener feinere Traumplanet vergehen; auch sie sind nicht für immer. Alle Traumblasen müssen schließlich bei einer letzten wachen Berührung zerplatzen. Unterscheide, mein Sohn Yogananda, zwischen Träumen und der Wirklichkeit!“
Diese Idee der VEDANTISCHEN Auferstehung erfüllte mich mit Staunen. Ich schämte mich, dass ich Mitleid mit dem Meister gehabt hatte, als ich seinen leblosen Körper in Puri gesehen hatte. Ich begriff endlich, dass mein Guru in Gott immer vollkommen wach gewesen war und sein eigenes Leben und Vergehen auf Erden sowie seine jetzige Auferstehung als nichts weiter als Relativitäten göttlicher Ideen im kosmischen Traum wahrnahm.
„Ich habe dir nun, Yogananda, die Wahrheiten meines Lebens, meines Todes und meiner Auferstehung mitgeteilt. Trauere nicht um mich; verbreite vielmehr überall die Geschichte meiner Auferstehung von der gottgeträumten Erde der Menschen zu einem anderen gottgeträumten Planeten astralgewandeter Seelen! Neue Hoffnung wird in die Herzen der elendsverrückten, todängstlichen Träumer der Welt einfließen.“
„Ja, Meister!“ Wie bereitwillig würde ich meine Freude an seiner Auferstehung mit anderen teilen!
„Auf Erden waren meine Maßstäbe unangenehm hoch, unpassend für die Natur der meisten Menschen. Oft habe ich dich mehr gescholten, als ich es hätte tun sollen. Du hast meine Prüfung bestanden; deine Liebe leuchtete durch die Wolken aller Verweise hindurch.“ Er fügte zärtlich hinzu: „Ich bin heute auch gekommen, um dir zu sagen: Niemals wieder werde ich den strengen Blick des Tadels tragen. Ich werde dich nicht mehr schelten.“
Wie sehr hatte ich die Züchtigungen meines großen Gurus vermisst! Jede einzelne war ein Schutzengel gewesen.
„Teuerster Meister! Rüge mich eine Million Mal – schilt mich jetzt ruhig!“
„Ich werde dich nicht mehr tadeln.“ Seine göttliche Stimme war ernst, doch mit einem Unterton von Lachen. „Du und ich werden gemeinsam lächeln, solange unsere beiden Formen im MAYA-Traum Gottes verschieden erscheinen. Schließlich werden wir als eins im Kosmischen Geliebten verschmelzen; unser Lächeln wird Sein Lächeln sein, unser vereintes Lied der Freude, das durch die Ewigkeit vibriert, um zu gottgestimmten Seelen ausgestrahlt zu werden!“
Sri Yukteswar gab mir Licht zu gewissen Angelegenheiten, die ich hier nicht offenbaren kann. Während der zwei Stunden, die er mit mir im Hotelzimmer in Bombay verbrachte, beantwortete er jede meiner Fragen. Eine Reihe von Weltprophezeiungen, die er an jenem Junitag im Jahr 1936 äußerte, sind bereits eingetreten.
„Ich verlasse dich nun, Geliebter!“ Bei diesen Worten spürte ich, wie der Meister in meinen umschließenden Armen dahinschmolz.
„Mein Kind“, seine Stimme hallte wider und vibrierte bis in mein Seelenfirmament, „wann immer du durch die Tür des NIRBIKALPA SAMADHI eintrittst und mich rufst, werde ich zu dir kommen, in Fleisch und Blut, genau wie heute.“
Mit diesem himmlischen Versprechen verschwand Sri Yukteswar aus meinem Blickfeld. Eine Wolkenstimme wiederholte in musikalischem Donner: „Sag es allen! Wer immer durch NIRBIKALPA-Verwirklichung weiß, dass eure Erde ein Traum Gottes ist, kann zu dem feineren, traumgeschaffenen Planeten Hiranyaloka kommen und mich dort auferstanden in einem Körper finden, der exakt meinem irdischen gleicht. Yogananda, sag es allen!“
Vorbei war der Schmerz des Abschieds. Das Mitleid und die Trauer um seinen Tod, lange Räuber meines Friedens, flohen nun in nackter Scham. Glückseligkeit ergoss sich wie ein Brunnen durch endlose, neu geöffnete Seelenporen. Einst durch Nichtgebrauch verstopft, weiteten sie sich nun in Reinheit bei der hereinbrechenden Flut der Ekstase. Unterbewusste Gedanken und Gefühle meiner vergangenen Inkarnationen legten ihre karmischen Makel ab, glänzend erneuert durch Sri Yukteswars göttlichen Besuch.
In diesem Kapitel meiner Autobiografie habe ich das Gebot meines Gurus befolgt und die frohe Botschaft verbreitet, auch wenn sie eine neugierlose Generation erneut in Verwirrung stürzen mag. Kriechen kennt der Mensch nur zu gut; Verzweiflung ist ihm selten fremd; doch dies sind Perversitäten, kein Teil des wahren Schicksals des Menschen. An dem Tag, an dem er es will, ist er auf den Pfad zur Freiheit gesetzt. Zu lange hat er dem feuchten Pessimismus seiner „Staub-bist-du“-Berater Gehör geschenkt, ohne auf die unbezwingbare Seele zu achten.
Ich war nicht der Einzige, der das Privileg hatte, den auferstandenen Guru zu erblicken.
Eine von Sri Yukteswars Chelas war eine betagte Frau, liebevoll MA (Mutter) genannt, deren Heim nahe der Einsiedelei von Puri lag. Der Meister hatte oft bei ihr angehalten, um während seines Morgenspaziergangs zu plaudern. Am Abend des 16. März 1936 kam Ma im Ashram an und bat darum, ihren Guru zu sehen.
„Wie bitte, der Meister ist vor einer Woche gestorben!“ Swami Sebananda, nun Leiter der Einsiedelei von Puri, sah sie traurig an.
„Das ist unmöglich!“ Sie lächelte ein wenig. „Vielleicht versuchen Sie nur, den Guru vor aufdringlichen Besuchern zu schützen?“
„Nein.“ Sebananda schilderte die Details der Beisetzung. „Kommen Sie“, sagte er, „ich werde Sie in den Vorgarten zu Sri Yukteswarjis Grab führen.“
Ma schüttelte den Kopf. „Es gibt kein Grab für ihn! Heute Morgen um zehn Uhr ging er bei seinem gewohnten Spaziergang an meiner Tür vorbei! Ich sprach für mehrere Minuten im hellen Freien mit ihm.
‚Kommen Sie heute Abend zum Ashram‘, sagte er.
Ich bin hier! Segen ergießt sich auf dieses graue Haupt! Der unsterbliche Guru wollte, dass ich verstehe, in welchem transzendenten Körper er mich heute Morgen besucht hat!“
Der verblüffte Sebananda kniete vor ihr nieder.
„Ma“, sagte er, „welch eine Last an Trauer nehmen Sie von meinem Herzen! Er ist auferstanden!“
Unser Trio genoss ein Abendessen um sechs Uhr als Gäste von Babasaheb Deshmukh. Die Gebetsstunde um 19:00 Uhr fand uns zurück im MAGANVADI-Ashram, wo wir auf das Dach stiegen, auf dem dreißig SATYAGRAHIS in einem Halbkreis um Gandhi gruppiert waren. Er kauerte auf einer Strohmatte, eine alte Taschenuhr vor sich aufgestellt. Die untergehende Sonne warf einen letzten Glanz über die Palmen und Banyanbäume; das Summen der Nacht und der Grillen hatte begonnen. Die Atmosphäre war die Gelassenheit selbst; ich war hingerissen.
Ein feierlicher Gesang, angeführt von Mr. Desai, mit Antworten der Gruppe; dann eine GITA-Lesung. Der Mahatma winkte mir, das abschließende Gebet zu sprechen. Welch göttlicher Einklang von Gedanken und Sehnsucht! Eine Erinnerung für immer: die Meditation auf dem Dach von Wardha unter den frühen Sternen.
Pünktlich um acht Uhr beendete Gandhi sein Schweigen. Die herkulischen Arbeiten seines Lebens erfordern von ihm, seine Zeit minutengenau einzuteilen.
„Willkommen, Swamiji!“ Die Begrüßung des Mahatma erfolgte diesmal nicht per Zettel. Wir waren gerade vom Dach in sein Schreibzimmer hinabgestiegen, das schlicht mit quadratischen Matten (keine Stühle), einem niedrigen Schreibtisch mit Büchern, Papieren und ein paar gewöhnlichen Stiften (keine Füllfederhalter) eingerichtet war; eine unscheinbare Uhr tickte in einer Ecke. Eine alles durchdringende Aura von Frieden und Hingabe. Gandhi schenkte mir eines seiner fesselnden, tiefgründigen, fast zahnlosen Lächeln.
„Vor Jahren“, erklärte er, „begann ich mit meiner wöchentlichen Einhaltung eines Schweigetages als Mittel, um Zeit zu gewinnen, mich um meine Korrespondenz zu kümmern. Aber jetzt sind diese vierundzwanzig Stunden zu einem lebenswichtigen spirituellen Bedürfnis geworden. Ein periodisches Dekret des Schweigens ist keine Qual, sondern ein Segen.“
Ich stimmte von ganzem Herzen zu. {FN44-5} Der Mahatma befragte mich über Amerika und Europa; wir diskutierten über Indien und die weltweiten Zustände.
„Mahadev“, sagte Gandhi, als Mr. Desai den Raum betrat, „bitte triff Vorkehrungen in der Town Hall, damit Swamiji dort morgen Abend über Yoga sprechen kann.“
Als ich mich vom Mahatma verabschiedete, reichte er mir aufmerksam eine Flasche Citronellaöl.
„Die Mücken von Wardha wissen nichts von AHIMSA, {FN44-6} Swamiji!“, sagte er lachend.
Am nächsten Morgen frühstückte unsere kleine Gruppe zeitig einen schmackhaften Weizenbrei mit Melasse und Milch. Um zehn Uhr dreißig wurden wir auf die Veranda des Ashrams zum Mittagessen mit Gandhi und den SATYAGRAHIS gerufen. Heute umfasste das Menü braunen Reis, eine neue Auswahl an Gemüse und Kardamomkörner.
Zur Mittagszeit schlenderte ich über das Ashramgelände, weiter zur Weide einiger unerschütterlicher Kühe. Der Schutz der Kühe ist eine Leidenschaft Gandhis.
„Die Kuh bedeutet mir die gesamte subhumane Welt, die das Mitgefühl des Menschen über seine eigene Spezies hinaus ausdehnt“, hat der Mahatma erklärt. „Der Mensch ist durch die Kuh angehalten, seine Identität mit allem, was lebt, zu erkennen. Warum die alten Rishis die Kuh zur Apotheose wählten, ist für mich offensichtlich. Die Kuh in Indien war der beste Vergleich; sie war die Geberin des Überflusses. Sie gab nicht nur Milch, sie machte auch die Landwirtschaft möglich. Die Kuh ist ein Gedicht des Mitleids; man liest Mitleid in dem sanften Tier. Sie ist die zweite Mutter für Millionen von Menschen. Schutz der Kuh bedeutet Schutz der gesamten stummen Schöpfung Gottes. Der Appell der niederen Ordnung der Schöpfung ist umso eindringlicher, weil sie sprachlos ist.“
Drei tägliche Rituale sind dem orthodoxen Hindu auferlegt. Eines ist BHUTA YAJNA, eine Darbringung von Nahrung an das Tierreich. Diese Zeremonie symbolisiert das Erkennen des Menschen bezüglich seiner Verpflichtungen gegenüber weniger entwickelten Formen der Schöpfung, die instinktiv an körperliche Identifikationen gebunden sind, welche auch das menschliche Leben zersetzen, denen es jedoch an jener Qualität der befreienden Vernunft mangelt, die der Menschheit eigen ist. BHUTA YAJNA stärkt somit die Bereitschaft des Menschen, den Schwachen beizustehen, während er seinerseits durch unzählige Zuwendungen höherer unsichtbarer Wesen getröstet wird. Der Mensch steht auch in der Pflicht gegenüber den verjüngenden Gaben der Natur, verschwenderisch in Erde, Meer und Himmel. Die evolutionäre Barriere der Kommunikationsunfähigkeit zwischen Natur, Tieren, Mensch und astralen Engeln wird so durch Dienste stiller Liebe überwunden.
Die anderen beiden täglichen YAJNAS sind PITRI und NRI. PITRI YAJNA ist eine Darbringung von Opfern an die Vorfahren, als Symbol für die Anerkennung der Schuld des Menschen gegenüber der Vergangenheit, deren Weisheit den Kern dessen bildet, was die Menschheit heute erleuchtet. NRI YAJNA ist eine Speisung von Fremden oder Armen, ein Symbol für die gegenwärtigen Verantwortlichkeiten des Menschen, seine Pflichten gegenüber Zeitgenossen.
Am frühen Nachmittag erfüllte ich eine nachbarschaftliche NRI YAJNA mit einem Besuch in Gandhis Ashram für kleine Mädchen. Mr. Wright begleitete mich auf der zehnminütigen Fahrt. Winzige junge blumenartige Gesichter über den langstieligen, farbenprächtigen SARIS! Am Ende eines kurzen Vortrags in Hindi {FN44-7}, den ich im Freien hielt, entfesselte der Himmel einen plötzlichen Platzregen. Lachend kletterten Mr. Wright und ich in das Auto und rasten inmitten von peitschenden silbernen Wassermassen zurück nach MAGANVADI. Welch tropische Intensität und Gischt!
Als ich das Gästehaus wieder betrat, war ich aufs Neue beeindruckt von der kargen Einfachheit und den Beweisen für Selbstaufopferung, die überall präsent sind. Das Gandhi-Gelübde der Besitzlosigkeit kam früh in seinem Eheleben. Er verzichtete auf eine umfangreiche Anwaltspraxis, die ihm ein Jahreseinkommen von mehr als 20.000 Dollar eingebracht hatte, und verteilte seinen gesamten Reichtum an die Armen.
Sri Yukteswar pflegte sich sanft über die gemeinhin unzureichenden Vorstellungen von Entsagung lustig zu machen.
„Ein Bettler kann nicht auf Reichtum entsagen“, pflegte der Meister zu sagen. „Wenn ein Mann klagt: ‚Mein Geschäft ist gescheitert; meine Frau hat mich verlassen; ich werde allem entsagen und in ein Kloster eintreten‘, auf welches weltliche Opfer bezieht er sich da? Er hat nicht auf Reichtum und Liebe entsagt; sie haben auf ihn verzichtet!“
Heilige wie Gandhi hingegen haben nicht nur greifbare materielle Opfer gebracht, sondern auch die schwierigere Entsagung von selbstsüchtigen Motiven und privaten Zielen, indem sie ihr innerstes Wesen in den Strom der Menschheit als Ganzes einfließen ließen.
Die bemerkenswerte Ehefrau des Mahatma, Kasturabai, erhob keinen Einspruch, als er es versäumte, einen Teil seines Vermögens für ihren und den Gebrauch ihrer Kinder zurückzulegen. In früher Jugend verheiratet, legten Gandhi und seine Frau nach der Geburt mehrerer Söhne das Keuschheitsgelübde ab. {FN44-8} Als stille Heldin in dem intensiven Drama, das ihr gemeinsames Leben gewesen ist, folgte Kasturabai ihrem Mann ins Gefängnis, teilte seine dreiwöchigen Fastenperioden und trug voll und ganz ihren Teil seiner endlosen Verantwortungen. Sie hat Gandhi den folgenden Tribut gezollt:
Ich danke dir dafür, dass ich das Privileg hatte, deine lebenslange Gefährtin und Hilfe zu sein. Ich danke dir für die vollkommenste Ehe der Welt, die auf BRAHMACHARYA (Selbstbeherrschung) und nicht auf Sex basiert. Ich danke dir dafür, dass du mich als deine Gleichgestellte in deiner Lebensarbeit für Indien betrachtet hast. Ich danke dir dafür, dass du nicht einer jener Ehemänner bist, die ihre Zeit mit Glücksspiel, Pferderennen, Frauen, Wein und Gesang verbringen und ihrer Frau und ihren Kindern überdrüssig werden, so wie der kleine Junge schnell der Spielzeuge seiner Kindheit überdrüssig wird. Wie dankbar bin ich, dass du nicht einer jener Ehemänner bist, die ihre Zeit damit verbringen, durch die Ausbeutung der Arbeit anderer reich zu werden.
Wie dankbar bin ich, dass du Gott und das Land über Bestechungsgelder gestellt hast, dass du den Mut zu deinen Überzeugungen hattest und einen vollständigen und impliziten Glauben an Gott besaßest. Wie dankbar bin ich für einen Ehemann, der Gott und sein Land vor mich stellte. Ich bin dir dankbar für deine Toleranz mir und meinen jugendlichen Unzulänglichkeiten gegenüber, als ich über die Veränderung murrte und rebellierte, die du an unserer Lebensweise vornahmst, von so viel zu so wenig.
Als kleines Kind lebte ich im Haus deiner Eltern; deine Mutter war eine große und gute Frau; sie bildete mich aus, lehrte mich, eine tapfere, mutige Ehefrau zu sein und wie man die Liebe und den Respekt ihres Sohnes, meines zukünftigen Ehemannes, bewahrt. Als die Jahre vergingen und du Indiens beliebtester Führer wurdest, hatte ich keine der Ängste, die die Ehefrau befallen, die beiseite geschoben werden mag, wenn ihr Mann die Leiter des Erfolgs erklommen hat, wie es in anderen Ländern so oft geschieht. Ich wusste, dass der Tod uns immer noch als Ehemann und Ehefrau finden würde.
Jahrelang nahm Kasturabai die Aufgaben der Schatzmeisterin der öffentlichen Gelder wahr, die der verehrte Mahatma millionenfach aufzubringen vermag. Es gibt viele humorvolle Geschichten in indischen Häusern, wonach Ehemänner nervös sind, wenn ihre Frauen bei einem Treffen mit Gandhi Schmuck tragen; die magische Zunge des Mahatma, die für die Unterdrückten plädiert, bezaubert die goldenen Armreifen und Diamantketten direkt von den Armen und Hälsen der Wohlhabenden in den Sammelkorb!
Eines Tages konnte die Schatzmeisterin, Kasturabai, eine Ausgabe von vier Rupien nicht belegen. Gandhi veröffentlichte pflichtgemäß eine Rechnungsprüfung, in der er unerbittlich auf die Unstimmigkeit von vier Rupien seiner Frau hinwies.
Ich hatte diese Geschichte oft vor meinen amerikanischen Studentenklassen erzählt. Eines Abends hatte eine Frau im Saal empört nach Luft geschnappt.
„Mahatma hin oder her“, hatte sie gerufen, „wäre er mein Ehemann, ich hätte ihm für eine solche unnötige öffentliche Beleidigung ein blaues Auge verpasst!“
Nachdem wir uns über das Thema amerikanische und hinduistische Ehefrauen scherzhaft ausgetauscht hatten, war ich zu einer ausführlicheren Erklärung übergegangen.
„Frau Gandhi betrachtet den Mahatma nicht als ihren Ehemann, sondern als ihren Guru, der das Recht hat, sie selbst für unbedeutende Fehler zu disziplinieren“, hatte ich dargelegt. „Einige Zeit nachdem Kasturabai öffentlich gerügt worden war, wurde Gandhi wegen eines politischen Vergehens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als er sich ruhig von seiner Frau verabschiedete, fiel sie ihm zu Füßen. ‚Meister‘, sagte sie demütig, ‚wenn ich dich jemals beleidigt habe, bitte vergib mir.‘“ {FN44-9}
Um drei Uhr an jenem Nachmittag in Wardha begab ich mich nach vorheriger Verabredung in das Schreibzimmer des Heiligen, der es vermocht hatte, aus seiner eigenen Frau eine unerschütterliche Schülerin zu machen – ein seltenes Wunder! Gandhi blickte mit seinem unvergesslichen Lächeln auf.
„Mahatmaji“, sagte ich, während ich neben ihm auf der ungepolsterten Matte kauerte, „bitte sagen Sie mir Ihre Definition von AHIMSA.“
„Die Vermeidung von Schaden an jedem lebenden Geschöpf in Gedanken oder Taten.“
„Wunderschönes Ideal! Aber die Welt wird immer fragen: Darf man nicht eine Kobra töten, um ein Kind oder sich selbst zu schützen?“
„Ich könnte keine Kobra töten, ohne zwei meiner Gelübde zu verletzen – Furchtlosigkeit und das Nicht-Töten. Ich würde lieber versuchen, die Schlange innerlich durch Schwingungen der Liebe zu beruhigen. Ich kann unmöglich meine Standards senken, um sie meinen Umständen anzupassen.“ Mit seiner erstaunlichen Offenheit fügte Gandhi hinzu: „Ich muss gestehen, dass ich dieses Gespräch nicht führen könnte, stünde ich einer Kobra gegenüber!“
Ich bemerkte einige sehr aktuelle westliche Bücher über Ernährung, die auf seinem Schreibtisch lagen.
„Ja, Ernährung ist wichtig in der SATYAGRAHA-Bewegung – wie überall sonst auch“, sagte er mit einem Kichern. „Weil ich für SATYAGRAHIS vollständige Enthaltsamkeit befürworte, versuche ich immer, die beste Ernährung für den Zölibatären zu finden. Man muss den Gaumen bezwingen, bevor man den Fortpflanzungstrieb kontrollieren kann. Halbhunger oder unausgewogene Ernährung sind nicht die Antwort. Nachdem die innere GIERR auf Nahrung überwunden ist, muss ein SATYAGRAHI weiterhin einer vernünftigen vegetarischen Ernährung mit allen notwendigen Vitaminen, Mineralien, Kalorien und so weiter folgen. Durch innere und äußere Weisheit in Bezug auf das Essen wird der sexuelle Saft des SATYAGRAHI leicht in vitale Energie für den ganzen Körper umgewandelt.“
Der Mahatma und ich verglichen unser Wissen über gute Fleischersatzprodukte. „Die Avocado ist ausgezeichnet“, sagte ich. „Es gibt zahlreiche Avocadoplantagen in der Nähe meines Zentrums in Kalifornien.“
Gandhis Gesicht leuchtete vor Interesse auf. „Ich frage mich, ob sie in Wardha wachsen würden? Die SATYAGRAHIS würden ein neues Nahrungsmittel schätzen.“
„Ich werde sicherstellen, einige Avocadopflanzen von Los Angeles nach Wardha zu senden.“ {FN44-10} Ich fügte hinzu: „Eier sind ein proteinreiches Nahrungsmittel; sind sie für SATYAGRAHIS verboten?“
„Nicht unbefruchtete Eier.“ Der Mahatma lachte in Erinnerung schwelgend. „Jahrelang wollte ich ihren Gebrauch nicht billigen; selbst jetzt esse ich sie persönlich nicht. Eine meiner Schwiegertöchter lag einst im Sterben an Unterernährung; ihr Arzt bestand auf Eiern. Ich wollte nicht zustimmen und riet ihm, ihr einen Eiersatz zu geben.
‚Gandhiji‘, sagte der Arzt, ‚unbefruchtete Eier enthalten kein Leben sperma; kein Töten ist damit verbunden.‘
Ich gab dann gerne die Erlaubnis für meine Schwiegertochter, Eier zu essen; sie war bald wieder bei Gesundheit.“
Am Vorabend hatte Gandhi den Wunsch geäußert, das KRIYA YOGA von Lahiri Mahasaya zu empfangen. Ich war berührt von der Aufgeschlossenheit und dem Forschergeist des Mahatma. Er ist kindlich in seinem göttlichen Streben und offenbart jene reine Empfänglichkeit, die Jesus an Kindern pries: „... denn solcher ist das Reich der Himmel.“
Die Stunde für meine versprochene Unterweisung war gekommen; mehrere SATYAGRAHIS betraten nun den Raum – Mr. Desai, Dr. Pingale und einige andere, die die KRIYA-Technik wünschten.
Ich lehrte die kleine Klasse zuerst die körperlichen YOGODA-Übungen. Der Körper wird visualisiert als in zwanzig Teile unterteilt; der Wille lenkt die Energie nacheinander in jeden Abschnitt. Bald vibrierte jeder vor mir wie ein menschlicher Motor. Es war leicht, den wellenförmigen Effekt auf Gandhis zwanzig Körperteile zu beobachten, die jederzeit vollständig sichtbar waren! Obwohl sehr dünn, ist er nicht unangenehm dünn; die Haut seines Körpers ist glatt und faltenlos.
Später weihte ich die Gruppe in die befreiende Technik des KRIYA YOGA ein.
Der Mahatma hat ehrfürchtig alle Weltreligionen studiert. Die Jain-Schriften, das biblische Neue Testament und die soziologischen Schriften von Tolstoi {FN44-11} sind die drei Hauptquellen für Gandhis gewaltfreie Überzeugungen. Er hat sein Credo wie folgt dargelegt:
Ich glaube, dass die Bibel, der KORAN und das ZEND-AWESTA {FN44-12} ebenso göttlich inspiriert sind wie die VEDEN. Ich glaube an die Institution der Gurus, aber in diesem Zeitalter müssen Millionen ohne Guru auskommen, weil es eine seltene Sache ist, eine Kombination aus vollkommener Reinheit und vollkommener Gelehrsamkeit zu finden. Aber man braucht nicht daran zu verzweifeln, jemals die Wahrheit seiner Religion zu kennen, denn die Grundlagen des Hinduismus sind, wie die jeder großen Religion, unveränderlich und leicht verständlich.
Ich glaube wie jeder Hindu an Gott und Seine Einheit, an Wiedergeburt und Erlösung. ... Ich kann mein Gefühl für den Hinduismus nicht mehr beschreiben als für meine eigene Frau. Sie bewegt mich wie keine andere Frau auf der Welt es kann. Nicht, dass sie keine Fehler hätte; ich wage zu behaupten, sie hat viel mehr, als ich selbst sehe. Aber das Gefühl eines unauflöslichen Bandes ist da. Ebenso fühle ich für und über den Hinduismus mit all seinen Fehlern und Begrenzungen. Nichts erfreut mich so sehr wie die Musik der GITA oder das RAMAYANA von Tulsidas. Als ich wähnte, meinen letzten Atemzug zu tun, war die GITA mein Trost.
Der Hinduismus ist keine exklusive Religion. In ihm ist Raum für die Verehrung aller Propheten der Welt. {FN44-13} Es ist keine missionarische Religion im gewöhnlichen Sinne des Begriffs. Sie hat zweifellos viele Stämme in ihren Schoß aufgenommen, aber diese Aufnahme war von evolutionärem, unmerklichem Charakter. Der Hinduismus sagt jedem Menschen, er solle Gott gemäß seinem eigenen Glauben oder DHARMA {FN44-14} verehren und so in Frieden mit allen Religionen leben.
Über Christus hat Gandhi geschrieben: „Ich bin sicher, dass Er, wenn Er jetzt hier unter den Menschen leben würde, das Leben vieler segnen würde, die vielleicht noch nie Seinen Namen gehört haben ... genau wie geschrieben steht: ‚Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr ... sondern wer den Willen meines Vaters tut.‘ {FN44-15} In der Lektion Seines eigenen Lebens gab Jesus der Menschheit den großartigen Zweck und das einzige Ziel, auf das wir alle hinstreben sollten. Ich glaube, dass Er nicht allein dem Christentum gehört, sondern der gesamten Welt, allen Ländern und Rassen.“
An meinem letzten Abend in Wardha sprach ich auf der Versammlung, die von Mr. Desai in der Town Hall einberufen worden war. Der Raum war bis zu den Fensterbänken mit etwa 400 Menschen gefüllt, die gekommen waren, um den Vortrag über Yoga zu hören. Ich sprach zuerst auf Hindi, dann auf Englisch. Unsere kleine Gruppe kehrte rechtzeitig zum Ashram zurück für einen Gute-Nacht-Blick auf Gandhi, in Frieden und Korrespondenz versunken.
Die Nacht hielt noch an, als ich um 5:00 Uhr morgens aufstand. Das Dorfleben war bereits in Bewegung; zuerst ein Ochsenkarren an den Toren des Ashrams, dann ein Bauer mit seiner riesigen Last, die prekär auf seinem Kopf balancierte. Nach dem Frühstück suchte unser Trio Gandhi auf für Abschieds-PRONAMS. Der Heilige steht um vier Uhr für sein Morgengebet auf.
„Mahatmaji, auf Wiedersehen!“ Ich kniete nieder, um seine Füße zu berühren. „Indien ist sicher in deiner Obhut!“
Jahre sind vergangen seit dem Wardha-Idyll; die Erde, die Ozeane und die Himmel haben sich mit einem Weltkrieg verdunkelt. Allein unter den großen Führern hat Gandhi eine praktische gewaltfreie Alternative zur bewaffneten Macht angeboten. Um Missstände zu beheben und Ungerechtigkeiten zu beseitigen, hat der Mahatma gewaltfreie Mittel eingesetzt, die immer wieder ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Er drückt seine Lehre in diesen Worten aus:
Ich habe festgestellt, dass das Leben inmitten von Zerstörung fortbesteht. Daher muss es ein höheres Gesetz geben als das der Zerstörung. Nur unter diesem Gesetz wäre eine wohlgeordnete Gesellschaft verständlich und das Leben lebenswert.
Wenn das das Gesetz des Lebens ist, müssen wir es im täglichen Dasein verwirklichen. Wo immer Kriege sind, wo immer wir einem Gegner gegenüberstehen, besiege durch Liebe. Ich habe festgestellt, dass das sichere Gesetz der Liebe in meinem eigenen Leben geantwortet hat, wie es das Gesetz der Zerstörung niemals getan hat.
In Indien hatten wir eine augenfällige Demonstration der Wirkungsweise dieses Gesetzes im größtmöglichen Ausmaß. Ich behaupte nicht, dass Gewaltlosigkeit die 360.000.000 Menschen in Indien durchdrungen hat, aber ich behaupte, dass sie in einer unglaublich kurzen Zeit tiefer eingedrungen ist als jede andere Doktrin.
Es erfordert ein ziemlich anstrengendes Training, um einen mentalen Zustand der Gewaltlosigkeit zu erreichen. Es ist ein diszipliniertes Leben, wie das Leben eines Soldaten. Der vollkommene Zustand wird nur erreicht, wenn Geist, Körper und Sprache in richtiger Koordination sind. Jedes Problem ließe sich lösen, wenn wir entschlossen wären, das Gesetz der Wahrheit und Gewaltlosigkeit zum Gesetz des Lebens zu machen.
So wie ein Wissenschaftler Wunder durch verschiedene Anwendungen der Naturgesetze vollbringt, kann ein Mensch, der die Gesetze der Liebe mit wissenschaftlicher Präzision anwendet, größere Wunder vollbringen. Gewaltlosigkeit ist unendlich wunderbarer und subtiler als Naturkräfte wie zum Beispiel Elektrizität. Das Gesetz der Liebe ist eine weitaus größere Wissenschaft als jede moderne Wissenschaft.
Wenn man die Geschichte zu Rate zieht, kann man vernünftigerweise feststellen, dass die Probleme der Menschheit nicht durch den Einsatz roher Gewalt gelöst wurden. Der Erste Weltkrieg produzierte einen weltabkühlenden Schneeball von Kriegskarma, der zum Zweiten Weltkrieg anschwoll. Nur die Wärme der Brüderlichkeit kann den gegenwärtigen kolossalen Schneeball von Kriegskarma schmelzen, der sonst zu einem Dritten Weltkrieg anwachsen könnte. Diese unheilige Dreifaltigkeit wird durch die Endgültigkeit von Atombomben die Möglichkeit eines Vierten Weltkriegs für immer verbannen. Der Gebrauch von Dschungellogik anstelle von menschlicher Vernunft bei der Beilegung von Streitigkeiten wird die Erde in einen Dschungel verwandeln. Wenn nicht Brüder im Leben, dann Brüder im gewaltsamen Tod.
Krieg und Verbrechen lohnen sich nie. Die Milliarden von Dollar, die im Rauch des explosiven Nichts aufgingen, hätten ausgereicht, um eine neue Welt zu schaffen, eine fast frei von Krankheiten und völlig frei von Armut. Keine Erde der Angst, des Chaos, der Hungersnot, der Pestilenz, des DANSE MACABRE, sondern ein weites Land des Friedens, des Wohlstands und des wachsenden Wissens.
Die gewaltfreie Stimme Gandhis appelliert an das höchste Gewissen des Menschen. Mögen die Nationen sich nicht länger mit dem Tod verbünden, sondern mit dem Leben; nicht mit der Zerstörung, sondern mit der Konstruktion; nicht mit dem Vernichter, sondern mit dem Schöpfer.
„Man sollte bei jeder Verletzung vergeben“, sagt das MAHABHARATA. „Es ist gesagt worden, dass die Fortsetzung der Spezies darauf zurückzuführen ist, dass der Mensch vergebungsbereit ist. Vergebung ist Heiligkeit; durch Vergebung wird das Universum zusammengehalten. Vergebung ist die Macht der Mächtigen; Vergebung ist Opfer; Vergebung ist Geistesruhe. Vergebung und Sanftmut sind die Qualitäten des Selbstbeherrschten. Sie repräsentieren ewige Tugend.“
Gewaltlosigkeit ist das natürliche Ergebnis des Gesetzes der Vergebung und Liebe. „Wenn Verlust von Leben in einem gerechten Kampf notwendig wird“, verkündet Gandhi, „sollte man bereit sein, wie Jesus, sein eigenes Blut zu vergießen, nicht das der anderen. Letztendlich wird weniger Blut in der Welt vergossen werden.“
Epen werden eines Tages über die indischen SATYAGRAHIS geschrieben werden, die dem Hass mit Liebe, der Gewalt mit Gewaltlosigkeit widerstanden, die sich lieber erbarmungslos abschlachten ließen, als zu vergelten. Das Ergebnis bei bestimmten historischen Anlässen war, dass die bewaffneten Gegner ihre Waffen niederwarfen und flohen, beschämt, erschüttert bis in ihre Tiefen beim Anblick von Menschen, die das Leben eines anderen über ihr eigenes stellten.
„Ich würde, wenn nötig, für Zeitalter warten“, sagt Gandhi, „statt die Freiheit meines Landes durch blutige Mittel zu suchen.“ Niemals vergisst der Mahatma die majestätische Warnung: „Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ {FN44-16} Gandhi hat geschrieben:
„Ich nenne mich einen Nationalisten, doch mein Nationalismus ist so weit wie das Universum. Er schließt in seinem Umkreis alle Nationen der Erde ein. {FN44-17} Mein Nationalismus umfasst das Wohlergehen der ganzen Welt. Ich möchte nicht, dass mein Indien auf der Asche anderer Nationen aufsteigt. Ich möchte nicht, dass Indien einen einzigen Menschen ausbeutet. Ich möchte, dass Indien stark ist, damit es auch die anderen Nationen mit seiner Stärke anstecken kann. Bei keiner einzigen Nation in Europa ist dies heute der Fall; sie geben den anderen keine Stärke.“
Präsident Wilson erwähnte seine schönen vierzehn Punkte, sagte aber: „Letztendlich, wenn dieser unser Versuch, Frieden zu erreichen, scheitert, haben wir unsere Rüstungen, auf die wir zurückgreifen können.“ Ich möchte diese Haltung umkehren und sage: „Unsere Rüstungen haben bereits versagt. Lasst uns nun nach etwas Neuem suchen; lasst uns die Kraft der Liebe und Gottes, die Wahrheit ist, erproben.“ Wenn wir das haben, werden wir nichts anderes mehr brauchen.
Durch die Ausbildung des Mahatma von Tausenden wahrer SATYAGRAHIS (jene, die die elf strengen Gelübde abgelegt haben, die im ersten Teil dieses Kapitels erwähnt wurden), die wiederum die Botschaft verbreiten; durch die geduldige Bildung der indischen Massen, damit sie die spirituellen und schließlich materiellen Vorteile der Gewaltlosigkeit verstehen; durch die Bewaffnung seines Volkes mit gewaltlosen Waffen – Nicht-Zusammenarbeit mit Ungerechtigkeit, die Bereitschaft, Demütigungen, Gefängnis, ja sogar den Tod zu ertragen, anstatt zu den Waffen zu greifen; durch die Gewinnung weltweiter Sympathie durch zahllose Beispiele heldenhaften Märtyrertums unter den SATYAGRAHIS, hat Gandhi die praktische Natur der Gewaltlosigkeit, ihre feierliche Macht, Streitigkeiten ohne Krieg beizulegen, auf dramatische Weise dargestellt.
Gandhi hat bereits durch gewaltlose Mittel eine größere Anzahl politischer Zugeständnisse für sein Land gewonnen, als jemals von irgendeinem Anführer irgendeines Landes durch Kugeln erreicht wurden. Gewaltlose Methoden zur Ausrottung allen Unrechts und aller Übel wurden nicht nur auf der politischen Bühne, sondern auch auf dem heiklen und komplizierten Gebiet der indischen Sozialreform eindrucksvoll angewandt. Gandhi und seine Anhänger haben viele langjährige Fehden zwischen Hindus und Mohammedanern beigelegt; Hunderttausende Moslems sehen in dem Mahatma ihren Anführer. Die Unberührbaren haben in ihm ihren furchtlosen und triumphalen Vorkämpfer gefunden. „Sollte es eine Wiedergeburt für mich geben“, schrieb Gandhi, „so wünsche ich mir, als Paria inmitten von Parias geboren zu werden, denn dadurch wäre ich in der Lage, ihnen effektiver zu dienen.“
Der Mahatma ist wahrlich eine „große Seele“, doch es waren ungebildete Millionen, die die Urteilskraft besaßen, ihm diesen Titel zu verleihen. Dieser sanfte Prophet wird in seinem eigenen Land geehrt. Der einfache Bauer war imstande, sich Gandhis hoher Herausforderung zu stellen. Der Mahatma glaubt von ganzem Herzen an den innewohnenden Adel des Menschen. Die unvermeidlichen Fehlschläge haben ihn niemals desillusioniert. „Selbst wenn der Gegner ihn zwanzigmal hintergeht“, schreibt er, „ist der SATYAGRAHI bereit, ihm beim einundzwanzigsten Mal zu vertrauen, denn ein bedingungsloses Vertrauen in die menschliche Natur ist das eigentliche Wesen des Glaubens.“ {FN44-18}
„Mahatmaji, Sie sind ein außergewöhnlicher Mann. Sie dürfen nicht erwarten, dass die Welt so handelt wie Sie.“ Ein Kritiker machte einmal diese Bemerkung.
„Es ist seltsam, wie wir uns selbst täuschen, indem wir uns einbilden, dass der Körper verbessert werden kann, es aber unmöglich sei, die verborgenen Kräfte der Seele zu wecken“, antwortete Gandhi. „Ich bin damit beschäftigt, zu zeigen, dass ich, wenn ich über solche Kräfte verfüge, ein ebenso gebrechlicher Sterblicher bin wie jeder von uns und dass ich niemals etwas Außergewöhnliches an mir hatte, noch habe ich es jetzt. Ich bin ein einfacher Mensch, der wie jeder andere Mitsterbliche Fehler machen kann. Ich gebe jedoch zu, dass ich genügend Demut besitze, um meine Fehler einzugestehen und meine Schritte zurückzuverfolgen. Ich gebe zu, dass ich einen unerschütterlichen Glauben an Gott und Seine Güte habe, sowie eine unversiegbare Leidenschaft für Wahrheit und Liebe. Aber ist das nicht das, was jeder Mensch in sich verborgen trägt? Wenn wir Fortschritte machen wollen, dürfen wir die Geschichte nicht wiederholen, sondern eine neue Geschichte schreiben. Wir müssen dem Erbe, das unsere Vorfahren hinterlassen haben, etwas hinzufügen. Wenn wir neue Entdeckungen und Erfindungen in der phänomenalen Welt machen dürfen, müssen wir dann unseren Bankrott im spirituellen Bereich erklären? Ist es unmöglich, die Ausnahmen so zu vervielfältigen, dass sie zur Regel werden? Muss der Mensch immer erst ein Tier sein und dann erst ein Mensch, wenn überhaupt?“ {FN44-19}
Amerikaner mögen sich mit Stolz an das erfolgreiche gewaltlose Experiment von William Penn bei der Gründung seiner Kolonie in Pennsylvania im 17. Jahrhundert erinnern. Es gab „keine Forts, keine Soldaten, keine Miliz, ja nicht einmal Waffen.“ Inmitten der wilden Grenzkriege und der Metzeleien, die zwischen den neuen Siedlern und den Roten Indianern stattfanden, blieben die Quäker von Pennsylvania als Einzige unbehelligt. „Andere wurden erschlagen; andere wurden niedergemetzelt; aber sie waren sicher. Keine Quäkerfrau erlitt einen Übergriff; kein Quäkerkind wurde erschlagen, kein Quäker wurde gefoltert.“ Als die Quäker schließlich gezwungen waren, die Regierung des Staates aufzugeben, „brach Krieg aus, und einige Pennsylvanier wurden getötet. Aber nur drei Quäker wurden getötet, drei, die so weit von ihrem Glauben abgefallen waren, dass sie Verteidigungswaffen trugen.“
„Der Griff zur Gewalt im Großen Krieg (I) hat keinen Frieden gebracht“, hat Franklin D. Roosevelt darauf hingewiesen. „Sieg und Niederlage waren gleichermaßen unfruchtbar. Diese Lektion hätte die Welt lernen sollen.“
„Je mehr Waffen der Gewalt, desto mehr Elend für die Menschheit“, lehrte Lao-tzu. „Der Triumph der Gewalt endet in einem Fest der Trauer.“
„Ich kämpfe für nichts Geringeres als den Weltfrieden“, hat Gandhi erklärt. „Wenn die indische Bewegung auf einer gewaltlosen SATYAGRAHA-Basis zum Erfolg geführt wird, wird sie dem Patriotismus und, wenn ich das in aller Demut sagen darf, dem Leben selbst eine neue Bedeutung geben.“
Bevor der Westen Gandhis Programm als das eines unpraktischen Träumers abtut, sollte er zuerst über eine Definition von SATYAGRAHA durch den Meister aus Galiläa nachdenken:
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn; ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel: {FN44-20} sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“
Gandhis Epoche hat sich mit der schönen Präzision kosmischen Timings in ein Jahrhundert hinein erstreckt, das bereits durch zwei Weltkriege verwüstet und verwüstet wurde. Eine göttliche Handschrift erscheint an der Granitwand seines Lebens: eine Warnung vor dem weiteren Vergießen von Blut unter Brüdern.
MAHATMA GANDHIS HANDSCHRIFT IN HINDI
Mahatma Gandhi besuchte meine Highschool mit Yoga-Ausbildung in Ranchi. Er schrieb die obigen Zeilen freundlicherweise in das Gästebuch von Ranchi. Die Übersetzung lautet: „Diese Einrichtung hat einen tiefen Eindruck auf meinen Geist gemacht. Ich hege große Hoffnungen, dass diese Schule die weitere praktische Nutzung des Spinnrads fördern wird.“
(GEZ.) MOHANDAS GANDHI 17. September 1925
Eine Nationalflagge für Indien wurde 1921 von Gandhi entworfen. Die Streifen sind safranfarben, weiß und grün; das CHARKA (Spinnrad) in der Mitte ist dunkelblau. „Das CHARKA symbolisiert Energie“, schrieb er, „und erinnert uns daran, dass während der vergangenen Epochen des Wohlstands in Indiens Geschichte das Handspinnen und andere häusliche Handwerke vorherrschend waren.“
{FN44-1} Sein Familienname ist Mohandas Karamchand Gandhi. Er bezeichnet sich niemals selbst als „Mahatma“.
{FN44-2} Die wörtliche Übersetzung aus dem Sanskrit ist „am Festhalten an der Wahrheit“. SATYAGRAHA ist die berühmte Gewaltlosigkeitsbewegung unter Gandhis Führung.
{FN44-3} Falsche und leider! böswillige Berichte wurden kürzlich verbreitet, dass Miss Slade alle ihre Verbindungen zu Gandhi abgebrochen und ihre Gelübde aufgegeben habe. Miss Slade, die SATYAGRAHA-Schülerin des Mahatma seit zwanzig Jahren, gab eine unterzeichnete Erklärung gegenüber der UNITED PRESS vom 29. Dezember 1945 heraus, in der sie erklärte, dass eine Reihe grundloser Gerüchte aufkam, nachdem sie mit Gandhis Segen zu einem kleinen Standort im Nordosten Indiens nahe dem Himalaya aufgebrochen war, mit dem Ziel, dort ihren heute blühenden KISAN ASHRAM (Zentrum für medizinische und landwirtschaftliche Hilfe für Bauern) zu gründen. Mahatma Gandhi plant, den neuen Ashram im Laufe des Jahres 1946 zu besuchen.
{FN44-4} Miss Slade erinnerte mich an eine andere angesehene westliche Frau, Miss Margaret Woodrow Wilson, die älteste Tochter des großen amerikanischen Präsidenten. Ich traf sie in New York; sie war zutiefst an Indien interessiert. Später ging sie nach Pondicherry, wo sie die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbrachte und glücklich einen Weg der Disziplin zu Füßen von Sri Aurobindo Ghosh verfolgte. Dieser Weise spricht niemals; er begrüßt seine Schüler nur bei drei jährlichen Anlässen schweigend.
{FN44-5} Jahrelang habe ich in Amerika Perioden des Schweigens beobachtet, sehr zum Entsetzen von Anrufern und Sekretären.
{FN44-6} Harmlosigkeit; Gewaltlosigkeit; der Grundstein von Gandhis Lehre. Er wurde in eine Familie strenger Jains hineingeboren, die AHIMSA als die Wurzel-Tugend verehren. Der Jainismus, eine Sekte des Hinduismus, wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. von Mahavira gegründet, einem Zeitgenossen Buddhas. Mahavira bedeutet „großer Held“; möge er durch die Jahrhunderte auf seinen heldenhaften Sohn Gandhi herabblicken!
{FN44-7} Hindi ist die Lingua franca für ganz Indien. Als indoarische Sprache, die weitgehend auf Sanskrit-Wurzeln basiert, ist Hindi die Hauptsprache Nordindiens. Der wichtigste Dialekt des westlichen Hindi ist Hindustani, das sowohl in DEVANAGARI- (Sanskrit) als auch in arabischen Schriftzeichen geschrieben wird. Sein Unterdialekt, Urdu, wird von Moslems gesprochen.
{FN44-8} Gandhi hat sein Leben mit verheerender Offenheit in THE STORY OF MY EXPERIMENTS WITH TRUTH (Ahmedabad: Navajivan Press, 1927-29, 2 Bde.) beschrieben. Diese Autobiografie wurde zusammengefasst in MAHATMA GANDHI, HIS OWN STORY, herausgegeben von C. F. Andrews, mit einer Einleitung von John Haynes Holmes (New York: Macmillan Co., 1930).
Viele Autobiografien, die voll von berühmten Namen und farbenfrohen Ereignissen sind, schweigen fast vollständig über jede Phase innerer Analyse oder Entwicklung. Man legt jedes dieser Bücher mit einer gewissen Unzufriedenheit aus der Hand, als würde man sagen: „Hier ist ein Mann, der viele bedeutende Personen kannte, sich selbst aber niemals kannte.“ Diese Reaktion ist bei Gandhis Autobiografie unmöglich; er legt seine Fehler und Ausflüchte mit einer unpersönlichen Hingabe an die Wahrheit dar, die in den Annalen jedes Zeitalters selten ist.
{FN44-9} Kasturabai Gandhi starb am 22. Februar 1944 in der Haft in Poona. Der normalerweise unemotionale Gandhi weinte schweigend. Kurz nachdem ihre Bewunderer einen Gedenkfonds zu ihren Ehren vorgeschlagen hatten, flossen 125 Lakhs Rupien (fast vier Millionen Dollar) aus ganz Indien ein. Gandhi hat veranlasst, dass der Fonds für dörfliche Wohlfahrtsarbeit unter Frauen und Kindern verwendet wird. Er berichtet über seine Aktivitäten in seiner englischen Wochenzeitung HARIJAN.
{FN44-10} Ich sandte kurz nach meiner Rückkehr nach Amerika eine Sendung nach Wardha. Die Pflanzen starben, ach!, unterwegs, da sie die Strapazen des langen Seetransports nicht überstanden.
{FN44-11} Thoreau, Ruskin und Mazzini sind drei weitere westliche Schriftsteller, deren soziologische Ansichten Gandhi sorgfältig studiert hat.
{FN44-12} Die heilige Schrift, die Persien um 1000 v. Chr. von Zoroaster gegeben wurde.
{FN44-13} Das einzigartige Merkmal des Hinduismus unter den Weltreligionen ist, dass er nicht von einem einzigen großen Gründer stammt, sondern von den unpersönlichen vedischen Schriften. Der Hinduismus bietet daher Raum für die verehrungsvolle Aufnahme von Propheten aller Zeiten und aller Länder in seine Gemeinschaft. Die vedischen Schriften regeln nicht nur andächtige Praktiken, sondern auch alle wichtigen sozialen Bräuche, in dem Bestreben, jede Handlung des Menschen mit dem göttlichen Gesetz in Einklang zu bringen.
{FN44-14} Ein umfassendes Sanskrit-Wort für Gesetz; Konformität mit dem Gesetz oder natürlicher Rechtschaffenheit; Pflicht als etwas, das in den Umständen liegt, in denen sich ein Mensch zu jeder gegebenen Zeit befindet. Die Schriften definieren DHARMA als „die natürlichen universellen Gesetze, deren Befolgung es dem Menschen ermöglicht, sich selbst vor Degradierung und Leid zu bewahren.“
{FN44-15} MATTHÄUS 7,21.
{FN44-16} MATTHÄUS 26,52.
{FN44-17} „Lass einen Menschen sich nicht dessen rühmen, dass er sein Land liebt; lass ihn sich vielmehr dessen rühmen, dass er seine Art liebt.“ – PERSISCHES SPRICHWORT.
{FN44-18} „Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus spricht zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ – MATTHÄUS 18,21-22.
{FN44-19} Charles P. Steinmetz, der große Elektroingenieur, wurde einst von Mr. Roger W. Babson gefragt: „Welche Forschungsrichtung wird in den nächsten fünfzig Jahren die größte Entwicklung sehen?“ „Ich glaube, die größte Entdeckung wird auf spirituellem Gebiet gemacht werden“, antwortete Steinmetz. „Hier ist eine Kraft, von der die Geschichte eindeutig lehrt, dass sie die größte Macht bei der Entwicklung der Menschen war. Doch wir haben nur damit gespielt und sie nie ernsthaft studiert, wie wir es mit den physischen Kräften getan haben. Eines Tages werden die Menschen lernen, dass materielle Dinge kein Glück bringen und von geringem Nutzen sind, um Männer und Frauen kreativ und mächtig zu machen. Dann werden die Wissenschaftler der Welt ihre Labore dem Studium Gottes und des Gebets und der spirituellen Kräfte widmen, die bisher kaum angerührt wurden. Wenn dieser Tag kommt, wird die Welt mehr Fortschritt in einer Generation sehen, als sie in den vergangenen vier gesehen hat.“
{FN44-20} Das heißt, widerstehe dem Bösen nicht mit Bösem. (MATTHÄUS 5,38-39)
KAPITEL: 45
DIE BENGALISCHE „VON FREUDE DURCHDRUNGENE“ MUTTER
„Sir, bitte verlassen Sie Indien nicht ohne einen Blick auf Nirmala Devi. Ihre Heiligkeit ist intensiv; sie ist weithin bekannt als Ananda Moyi Ma (Von Freude durchdrungene Mutter).“ Meine Nichte, Amiyo Bose, sah mich eindringlich an.
„Natürlich! Ich möchte die heilige Frau sehr gerne sehen.“ Ich fügte hinzu: „Ich habe von ihrem fortgeschrittenen Zustand der Gottverwirklichung gelesen. Ein kleiner Artikel über sie erschien vor Jahren in EAST-WEST.“
„Ich habe sie getroffen“, fuhr Amiyo fort. „Sie besuchte kürzlich meine kleine Stadt Jamshedpur. Auf das Flehen eines Schülers hin ging Ananda Moyi Ma in das Haus eines sterbenden Mannes. Sie stand an seinem Bett; als ihre Hand seine Stirn berührte, hörte sein Todesröcheln auf. Die Krankheit verschwand sofort; zur freudigen Verwunderung des Mannes war er gesund.“
Einige Tage später hörte ich, dass die Glückselige Mutter im Haus eines Schülers im Stadtteil Bhowanipur in Kalkutta wohnte. Mr. Wright und ich brachen sofort von meinem Elternhaus in Kalkutta auf. Als der Ford sich dem Haus in Bhowanipur näherte, beobachteten mein Begleiter und ich eine ungewöhnliche Straßenszene.
Ananda Moyi Ma stand in einem offenen Automobil und segnete eine Schar von etwa einhundert Schülern. Sie war offensichtlich im Begriff, abzureisen. Mr. Wright parkte den Ford einige Entfernung entfernt und begleitete mich zu Fuß zu der stillen Versammlung. Die heilige Frau blickte in unsere Richtung; sie stieg aus ihrem Wagen und ging auf uns zu.
„Vater, du bist gekommen!“ Mit diesen innigen Worten legte sie ihren Arm um meinen Hals und ihren Kopf auf meine Schulter. Mr. Wright, dem ich gerade bemerkt hatte, dass ich die Heilige nicht kannte, genoss diese außergewöhnliche Willkommensgeste sehr. Die Augen der einhundert Chelas waren ebenfalls mit einiger Überraschung auf das liebevolle Tableau gerichtet.
Ich hatte sofort gesehen, dass die Heilige sich in einem hohen Zustand des SAMADHI befand. Völlig unbewusst ihrer äußeren Erscheinung als Frau, erkannte sie sich selbst als die unveränderliche Seele; von dieser Ebene aus begrüßte sie freudig einen anderen Gottgeweihten. Sie führte mich bei der Hand in ihr Automobil.
„Ananda Moyi Ma, ich halte deine Reise auf!“ protestierte ich.
„Vater, ich treffe dich zum ersten Mal in diesem Leben, nach Äonen!“, sagte sie. „Bitte geh noch nicht.“
Wir saßen zusammen auf den Rücksitzen des Wagens. Die Glückselige Mutter trat bald in den unbeweglichen ekstatischen Zustand ein. Ihre schönen Augen blickten himmelwärts und wurden, halb geöffnet, still, während sie in das nahe-ferne innere Elysium starrten. Die Schüler sangen sanft: „Sieg der Göttlichen Mutter!“
Ich hatte viele Menschen der Gottverwirklichung in Indien gefunden, aber niemals zuvor hatte ich eine solch erhabene heilige Frau getroffen. Ihr sanftes Gesicht war von der unsagbaren Freude poliert, die ihr den Namen Glückselige Mutter gegeben hatte. Lange schwarze Locken lagen lose hinter ihrem unverhüllten Kopf. Ein roter Punkt aus Sandelholzpaste auf ihrer Stirn symbolisierte das geistige Auge, das in ihr stets offen war. Winziges Gesicht, winzige Hände, winzige Füße – ein Kontrast zu ihrer spirituellen Größe!
Ich stellte einer in der Nähe stehenden Chela einige Fragen, während Ananda Moyi Ma entrückt blieb.
„Die Glückselige Mutter reist viel in Indien; in vielen Teilen hat sie Hunderte von Schülern“, erzählte mir die Chela. „Ihre mutigen Bemühungen haben viele wünschenswerte soziale Reformen herbeigeführt. Obwohl sie eine Brahmane ist, erkennt die Heilige keine Kastentrennungen an. {FN45-1} Eine Gruppe von uns reist immer mit ihr und kümmert sich um ihren Komfort. Wir müssen Mutter für sie sein; sie achtet nicht auf ihren Körper. Wenn ihr niemand Nahrung gäbe, würde sie nicht essen oder irgendwelche Nachforschungen anstellen. Selbst wenn ihr Mahlzeiten vorgesetzt werden, rührt sie diese nicht an. Um ihr Verschwinden aus dieser Welt zu verhindern, füttern wir Schüler sie mit unseren eigenen Händen. Oft bleibt sie tagelang in der göttlichen Trance, kaum atmend, die Augen unbewegt. Einer ihrer Hauptschüler ist ihr Ehemann. Vor vielen Jahren, kurz nach ihrer Heirat, legte er das Schweigegelübde ab.“
Die Chela zeigte auf einen breitschultrigen, fein gesichtigen Mann mit langem Haar und grauem Bart. Er stand still inmitten der Versammlung, die Hände in der ehrfürchtigen Haltung eines Schülers gefaltet.
Erfrischt durch ihr Eintauchen in das Unendliche, konzentrierte Ananda Moyi Ma nun ihr Bewusstsein auf die materielle Welt.
„Vater, bitte sag mir, wo du wohnst.“ Ihre Stimme war klar und melodisch.
„Im Moment in Kalkutta oder Ranchi; aber bald werde ich nach Amerika zurückkehren.“
„Amerika?“
„Ja. Eine indische heilige Frau würde dort von spirituell Suchenden aufrichtig geschätzt werden. Möchtest du mitkommen?“
„Wenn Vater mich mitnehmen kann, werde ich mitkommen.“
Diese Antwort ließ ihre in der Nähe stehenden Schüler erschrocken aufhorchen.
„Zwanzig oder mehr von uns reisen immer mit der Glückseligen Mutter“, sagte mir einer von ihnen bestimmt. „Wir könnten ohne sie nicht leben. Wohin auch immer sie geht, müssen wir gehen.“
Widerwillig gab ich den Plan auf, da er ein unpraktisches Element spontaner Erweiterung enthielt!
„Bitte komm zumindest nach Ranchi, mit deinen Schülern“, sagte ich beim Abschied von der Heiligen. „Als ein göttliches Kind selbst wirst du Freude an den Kleinen in meiner Schule haben.“
„Wann immer Vater mich mitnimmt, werde ich gerne kommen.“
Kurze Zeit später war die Ranchi VIDYALAYA für den versprochenen Besuch der Heiligen festlich geschmückt. Die Jugendlichen freuten sich auf jeden Festtag – kein Unterricht, stundenlange Musik und ein Festmahl als Höhepunkt!
„Sieg! Ananda Moyi Ma, ki jai!“ Dieser wiederholte Gesang aus Dutzenden enthusiastischer kleiner Kehlen begrüßte die Gruppe der Heiligen, als sie die Schultore betrat. Blumenregen aus Ringelblumen, das Klingen von Becken, kräftiges Blasen von Muschelhörnern und das Schlagen der MRIDANGA-Trommel! Die Glückselige Mutter wanderte lächelnd über das sonnige VIDYALAYA-Gelände und trug stets das tragbare Paradies in sich.
„Es ist schön hier“, sagte Ananda Moyi Ma gütig, als ich sie in das Hauptgebäude führte. Sie setzte sich mit einem kindlichen Lächeln an meine Seite. Die engste aller lieben Freunde, ließ sie einen fühlen, doch ein Hauch von Ferne war stets um sie – die paradoxe Isolation der Allgegenwart.
„Bitte erzähl mir etwas aus deinem Leben.“
„Vater weiß alles darüber; warum es wiederholen?“ Sie hatte offensichtlich das Gefühl, dass die faktische Geschichte einer kurzen Inkarnation keine Beachtung verdiente.
Ich lachte und wiederholte sanft meine Frage.
„Vater, es gibt wenig zu erzählen.“ Sie breitete ihre anmutigen Hände in einer ablehnenden Geste aus. „Mein Bewusstsein hat sich niemals mit diesem vorübergehenden Körper identifiziert. Bevor ich auf diese Erde kam, Vater, ‚war ich dieselbe‘. Als kleines Mädchen ‚war ich dieselbe‘. Ich wuchs zur Frau heran, aber immer noch ‚war ich dieselbe‘. Als die Familie, in die ich hineingeboren wurde, Vorkehrungen traf, diesen Körper zu verheiraten, ‚war ich dieselbe‘. Und als mein Ehemann, trunken vor Leidenschaft, zu mir kam und zärtliche Worte murmelte, während er meinen Körper leicht berührte, erhielt er einen heftigen Schock, als wäre er vom Blitz getroffen worden, denn selbst dann ‚war ich dieselbe‘.
„Mein Ehemann kniete vor mir nieder, faltete seine Hände und bat um Verzeihung.
„‚Mutter‘, sagte er, ‚weil ich deinen körperlichen Tempel geschändet habe, indem ich ihn mit dem Gedanken an Lust berührte – nicht wissend, dass in ihm nicht meine Frau, sondern die Göttliche Mutter wohnte –, lege ich dieses feierliche Gelübde ab: Ich werde dein Schüler sein, ein zölibatärer Nachfolger, der sich stets schweigend wie ein Diener um dich kümmert und niemals wieder zu irgendjemandem spricht, solange ich lebe. Möge ich so für die Sünde büßen, die ich heute gegen dich, meinen Guru, begangen habe.‘
„Selbst als ich diesen Vorschlag meines Ehemannes stillschweigend akzeptierte, ‚war ich dieselbe‘. Und, Vater, jetzt vor dir, ‚bin ich dieselbe‘. Auch wenn der Tanz der Schöpfung um mich herum in der Halle der Ewigkeit sich ändern mag, ‚werde ich dieselbe bleiben‘.“
Ananda Moyi Ma versank in einen tiefen meditativen Zustand. Ihre Gestalt war statuenhaft still; sie war in ihr stets rufendes Königreich geflohen. Die dunklen Becken ihrer Augen erschienen leblos und glasig. Dieser Ausdruck ist oft vorhanden, wenn Heilige ihr Bewusstsein aus dem physischen Körper zurückziehen, der dann kaum mehr als ein Stück seelenloser Ton ist. Wir saßen eine Stunde lang zusammen in der ekstatischen Trance. Sie kehrte mit einem fröhlichen kleinen Lachen in diese Welt zurück.
„Bitte, Ananda Moyi Ma“, sagte ich, „komm mit mir in den Garten. Mr. Wright wird einige Bilder machen.“
„Natürlich, Vater. Dein Wille ist mein Wille.“ Ihre herrlichen Augen behielten den unveränderlichen göttlichen Glanz bei, während sie für viele Fotografien posierte.
Zeit für das Festmahl! Ananda Moyi Ma kauerte auf ihrem Decken-Sitz, ein Jünger an ihrer Seite, um sie zu füttern. Wie ein Kleinkind schluckte die Heilige gehorsam die Nahrung, nachdem der Chela sie an ihre Lippen geführt hatte. Es war offensichtlich, dass die Glückselige Mutter keinerlei Unterschied zwischen Currys und Süßigkeiten machte!
Als die Dämmerung nahte, ging die Heilige inmitten eines Regens aus Rosenblättern mit ihrer Gruppe davon, die Hände zum Segen über die kleinen Jungen erhoben. Ihre Gesichter leuchteten vor der Zuneigung, die sie mühelos in ihnen geweckt hatte.
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von aller Kraft“: Christus hat verkündet, „dies ist das erste Gebot.“ {FN45-2}
Jede minderwertige Bindung von sich werfend, bietet Ananda Moyi Ma dem Herrn ihre alleinige Treue dar. Nicht durch die haarspalterischen Unterscheidungen der Gelehrten, sondern durch die sichere Logik des Glaubens hat die kindliche Heilige das einzige Problem des menschlichen Lebens gelöst – die Herstellung der Einheit mit Gott. Der Mensch hat diese schlichte Einfachheit vergessen, die nun von einer Million Fragen vernebelt wird. Indem sie eine monotheistische Liebe zu Gott ablehnen, verschleiern die Nationen ihre Untreue durch peinlich genaue Ehrerbietung vor den äußeren Schreinen der Wohltätigkeit. Diese humanitären Gesten sind tugendhaft, weil sie die Aufmerksamkeit des Menschen für einen Augenblick von sich selbst ablenken, aber sie befreien ihn nicht von seiner einzigen Verantwortung im Leben, auf die Jesus als das erste Gebot verwies. Die erhebende Verpflichtung, Gott zu lieben, wird mit dem ersten Atemzug des Menschen übernommen, einer Luft, die ihm großzügig von seinem einzigen Wohltäter geschenkt wurde.
Bei einer anderen Gelegenheit nach ihrem Besuch in Ranchi hatte ich Gelegenheit, Ananda Moyi Ma zu sehen. Sie stand einige Monate später inmitten ihrer Jünger auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Serampore und wartete auf den Zug.
„Vater, ich gehe in den Himalaya“, sagte sie zu mir. „Großzügige Jünger haben mir eine Einsiedelei in Dehra Dun gebaut.“
Als sie in den Zug stieg, staunte ich, dass ihre Augen, ob inmitten einer Menschenmenge, in einem Zug, beim Festmahl oder im stillen Sitzen, niemals von Gott abwichen. In mir höre ich noch immer ihre Stimme, ein Echo von unermesslicher Süße:
„Siehe, jetzt und immer eins mit dem Ewigen, ‚ich bin immer gleich‘.“
{FN45-1} Ich finde einige weitere Fakten aus dem Leben von Ananda Moyi Ma, die in EAST-WEST abgedruckt sind. Die Heilige wurde 1893 in Dacca in Zentralbengalen geboren. Analphabetin, hat sie dennoch die Intellektuellen durch ihre Weisheit verblüfft. Ihre Verse in Sanskrit haben Gelehrte mit Staunen erfüllt. Sie hat Hinterbliebenen Trost gebracht und durch ihre bloße Anwesenheit wundersame Heilungen bewirkt.
{FN45-2} MARKUS 12,30.
KAPITEL: 46
DIE YOGINI, DIE NIEMALS ISST
„Sir, wohin führt uns der Weg heute Morgen?“ Mr. Wright fuhr den Ford; er nahm seine Augen lange genug von der Straße, um mich mit einem fragenden Funkeln anzusehen. Von Tag zu Tag wusste er selten, welchen Teil Bengalens er als Nächstes entdecken würde.
„So Gott will“, antwortete ich andächtig, „sind wir auf dem Weg, ein achtes Weltwunder zu sehen – eine heilige Frau, deren Nahrung die dünne Luft ist!“
„Wiederholung von Wundern – nach Therese Neumann.“ Aber Mr. Wright lachte trotzdem eifrig; er erhöhte sogar die Geschwindigkeit des Wagens. Mehr außergewöhnlicher Stoff für sein Reisetagebuch! Nicht der eines Durchschnittstouristen, das gewiss nicht!
Die Schule in Ranchi lag gerade hinter uns; wir waren vor der Sonne aufgestanden. Neben meinem Sekretär und mir waren drei bengalische Freunde in der Gruppe. Wir tranken die belebende Luft, den natürlichen Wein des Morgens. Unser Fahrer lenkte das Auto vorsichtig zwischen den frühen Bauern und den zweirädrigen Karren hindurch, die langsam von gejochten, buckligen Ochsen gezogen wurden, welche dazu neigten, einem hupenden Eindringling die Straße streitig zu machen.
„Sir, wir würden gerne mehr über die fastende Heilige erfahren.“
„Ihr Name ist Giri Bala“, informierte ich meine Begleiter. „Ich hörte vor Jahren zum ersten Mal von ihr durch einen gelehrten Herrn, Sthiti Lal Nundy. Er kam oft in das Haus in der Gurpar Road, um meinen Bruder Bishnu zu unterrichten.“
„‚Ich kenne Giri Bala gut‘, sagte Sthiti Babu zu mir. ‚Sie wendet eine bestimmte Yoga-Technik an, die es ihr ermöglicht, ohne Essen zu leben. Ich war ihr enger Nachbar in Nawabganj nahe Ichapur. {FN46-1} Ich machte es mir zur Aufgabe, sie genau zu beobachten; niemals fand ich Beweise dafür, dass sie Nahrung oder Getränke zu sich nahm. Mein Interesse stieg schließlich so hoch, dass ich an den Maharaja von Burdwan {FN46-2} herantrat und ihn bat, eine Untersuchung durchzuführen. Über die Geschichte erstaunt, lud er sie in seinen Palast ein. Sie stimmte einem Test zu und lebte zwei Monate lang in einem kleinen Teil seines Hauses eingesperrt. Später kehrte sie für einen Palastbesuch von zwanzig Tagen zurück; und dann für einen dritten Test von fünfzehn Tagen. Der Maharaja selbst erzählte mir, dass diese drei strengen Prüfungen ihn zweifelsfrei von ihrem Nicht-Esser-Zustand überzeugt hätten.‘“
„Diese Geschichte von Sthiti Babu ist mir seit über fünfundzwanzig Jahren im Gedächtnis geblieben“, schloss ich. „Manchmal fragte ich mich in Amerika, ob der Fluss der Zeit die YOGINI {FN46-3} verschlingen würde, bevor ich sie treffen könnte. Sie muss jetzt ziemlich alt sein. Ich weiß nicht einmal, wo oder ob sie lebt. Aber in wenigen Stunden werden wir Purulia erreichen; ihr Bruder hat dort ein Haus.“
Gegen halb elf unterhielt sich unsere kleine Gruppe mit dem Bruder, Lambadar Dey, einem Anwalt aus Purulia.
„Ja, meine Schwester lebt. Sie bleibt manchmal hier bei mir, aber derzeit ist sie in unserem Familienhaus in Biur.“ Lambadar Babu blickte zweifelnd auf den Ford. „Ich glaube kaum, Swamiji, dass jemals ein Automobil so weit in das Innere bis nach Biur vorgedrungen ist. Es wäre vielleicht am besten, wenn Sie sich alle mit dem alten Rütteln des Ochsenkarrens abfinden!“
Wie aus einem Munde gelobte unsere Gruppe dem Stolz aus Detroit die Treue.
„Der Ford kommt aus Amerika“, sagte ich zu dem Anwalt. „Es wäre eine Schande, ihm die Gelegenheit zu rauben, das Herz Bengalens kennenzulernen!“
„Möge Ganesh {FN46-4} mit Ihnen gehen!“, sagte Lambadar Babu lachend. Er fügte höflich hinzu: „Falls Sie jemals dort ankommen, bin ich sicher, dass Giri Bala sich freuen wird, Sie zu sehen. Sie geht auf die siebzig zu, erfreut sich aber bester Gesundheit.“
„Bitte sagen Sie mir, Sir, ob es absolut wahr ist, dass sie nichts isst?“ Ich blickte ihm direkt in die Augen, diese verräterischen Fenster des Geistes.
„Es ist wahr.“ Sein Blick war offen und ehrenhaft. „In mehr als fünf Jahrzehnten habe ich sie nie einen Bissen essen sehen. Wenn die Welt plötzlich unterginge, könnte ich nicht erstaunter sein als über den Anblick meiner Schwester, wie sie Nahrung zu sich nimmt!“
Wir kicherten gemeinsam über die Unwahrscheinlichkeit dieser beiden kosmischen Ereignisse.
„Giri Bala hat für ihre Yoga-Praktiken nie eine unzugängliche Einsamkeit gesucht“, fuhr Lambadar Babu fort. „Sie hat ihr ganzes Leben umgeben von ihrer Familie und Freunden verbracht. Sie sind nun alle an ihren seltsamen Zustand gewöhnt. Keiner von ihnen wäre nicht verblüfft, wenn Giri Bala plötzlich beschließen würde, etwas zu essen! Schwester ist von Natur aus zurückhaltend, wie es sich für eine hinduistische Witwe gehört, aber unser kleiner Kreis in Purulia und in Biur weiß, dass sie buchstäblich eine ‚außergewöhnliche‘ Frau ist.“
Die Aufrichtigkeit des Bruders war offensichtlich. Unsere kleine Gruppe dankte ihm herzlich und machte sich auf den Weg nach Biur. Wir hielten an einem Straßenstand für Curry und LUCHIS und zogen einen Schwarm von Straßenkindern an, die sich um uns versammelten, um Mr. Wright dabei zuzusehen, wie er auf die einfache hinduistische Art mit den Fingern aß. {FN46-5} Herzhafter Appetit veranlasste uns, uns für einen Nachmittag zu stärken, der sich, wie wir in diesem Moment noch nicht wussten, als ziemlich mühsam erweisen sollte.
Unser Weg führte nun nach Osten durch sonnenverbrannte Reisfelder in den Teil Bengalens um Burdwan. Weiter durch Straßen, die von dichter Vegetation gesäumt waren; die Gesänge der MAYNAS und der streifenkehligen BULBULS strömten aus Bäumen mit riesigen, schirmartigen Ästen. Hin und wieder ein Ochsenkarren, das RINI, RINI, MANJU, MANJU Quietschen seiner Achse und eisenbeschlagenen Holzräder bildete einen scharfen Kontrast im Geist zum SCHWIRREN, SCHWIRREN der Autoreifen auf dem aristokratischen Asphalt der Städte.
„Dick, halt!“ Mein plötzlicher Wunsch brachte einen rüttelnden Protest des Ford hervor. „Dieser überladene Mangobaum schreit förmlich eine Einladung!“
Wir fünf stürzten wie Kinder zu der mit Mangos übersäten Erde; der Baum hatte seine Früchte wohlwollend abgeworfen, als sie reif waren.
„Voll viele eine Mango wird geboren, um ungesehen zu liegen“, paraphrasierte ich, „und ihre Süße an den steinigen Boden zu verschwenden.“
„Nichts dergleichen in Amerika, Swamiji, was?“, lachte Sailesh Mazumdar, einer meiner bengalischen Studenten.
„Nein“, gab ich zu, bedeckt mit Mangosaft und Zufriedenheit. „Wie habe ich diese Frucht im Westen vermisst! Ein Himmel der Hindus ohne Mangos ist undenkbar!“
Ich hob einen Stein auf und holte eine stolze Schönheit herunter, die sich auf dem höchsten Ast versteckte.
„Dick“, fragte ich zwischen Bissen von Ambrosia, warm von der tropischen Sonne, „sind alle Kameras im Auto?“
„Ja, Sir; im Gepäckraum.“
„Wenn sich Giri Bala als wahre Heilige erweist, möchte ich im Westen über sie schreiben. Eine hinduistische YOGINI mit solch inspirierenden Kräften sollte nicht unbekannt leben und sterben – wie die meisten dieser Mangos.“
Eine halbe Stunde später schlenderte ich immer noch in der waldigen Ruhe.
„Sir“, bemerkte Mr. Wright, „wir sollten Giri Bala vor Sonnenuntergang erreichen, um genug Licht für Fotos zu haben.“ Er fügte mit einem Grinsen hinzu: „Die Westler sind ein skeptisches Völkchen; wir können nicht erwarten, dass sie an die Dame glauben, ohne Bilder!“
Dieses Stückchen Weisheit war unbestreitbar; ich kehrte der Versuchung den Rücken und stieg wieder in das Auto.
„Du hast recht, Dick“, seufzte ich, während wir davonfuhren, „ich opfere das Mango-Paradies auf dem Altar des westlichen Realismus. Fotos müssen wir haben!“
Die Straße wurde immer kränker: Falten aus Spurrillen, Beulen aus gehärtetem Lehm, die traurigen Gebrechen des hohen Alters! Unsere Gruppe stieg gelegentlich ab, damit Mr. Wright den Ford leichter manövrieren konnte, den wir vier von hinten schoben.
„Lambadar Babu sprach die Wahrheit“, räumte Sailesh ein. „Das Auto trägt uns nicht; wir tragen das Auto!“
Unser Ein- und Aussteige-Autotrott wurde immer wieder durch das Erscheinen eines Dorfes aufgeheitert, von denen jedes eine Szene von uriger Einfachheit war.
„Unser Weg wand und wand sich durch Palmenhaine zwischen alten, unberührten Dörfern, die sich im Schatten des Waldes duckten“, hat Mr. Wright am 5. Mai 1936 in seinem Reisetagebuch vermerkt. „Sehr faszinierend sind diese Ansammlungen von strohgedeckten Lehmhütten, die mit einem der Namen Gottes an der Tür geschmückt sind; viele kleine, nackte Kinder, die unschuldig umherspielen, innehalten, um zu starren oder wild von dieser großen, schwarzen, ochsenlosen Kutsche wegzulaufen, die wahnsinnig durch ihr Dorf rast. Die Frauen spähen nur aus dem Schatten, während die Männer faul unter den Bäumen entlang der Straße lungern, neugierig unter ihrer Gelassenheit. An einem Ort badeten alle Dorfbewohner fröhlich in dem großen Tank (in ihrer Kleidung, wechselten, indem sie trockene Tücher um ihren Körper legten und die nassen fallen ließen). Frauen, die Wasser in riesigen Messingkrügen nach Hause trugen.“
„Die Straße führte uns eine lustige Jagd über Berg und Kamm; wir hüpften und stießen, tauchten in kleine Bäche ein, machten einen Umweg um einen unfertigen Damm, glitten über trockene, sandige Flussbetten und schließlich, gegen 17 Uhr, waren wir in der Nähe unseres Ziels, Biur. Dieses winzige Dorf im Inneren des Distrikts Bankura, versteckt im Schutz dichten Laubs, ist während der Regenzeit für Reisende unzugänglich, wenn die Bäche reißende Ströme sind und die Straßen schlangengleich den Schlamm-Gift ausspeien.“
„Als wir eine Gruppe von Gläubigen auf ihrem Heimweg von einem Tempelgebet (draußen auf dem einsamen Feld) nach einem Führer fragten, wurden wir von einem Dutzend spärlich bekleideter Jungen belagert, die an die Seiten des Autos kletterten, eifrig darauf bedacht, uns zu Giri Bala zu führen.“
„Der Weg führte zu einem Hain von Dattelpalmen, der eine Gruppe von Lehmhütten schützte, aber bevor wir ihn erreichten, kippte der Ford kurzzeitig in einem gefährlichen Winkel, wurde hochgeworfen und wieder fallengelassen. Der schmale Pfad führte um Bäume und Tank herum, über Kämme, in Löcher und tiefe Spurrillen. Das Auto verankerte sich an einem Büschel Sträucher, setzte dann auf einem Hügel auf, was ein Anheben von Erdklumpen erforderte; langsam und vorsichtig fuhren wir weiter; plötzlich wurde der Weg durch eine Ansammlung von Gestrüpp mitten in der Karrenspur versperrt, was einen Umweg über einen steilen Vorsprung in einen trockenen Tank erforderte, dessen Rettung etwas Schaben, Dechseln und Schaufeln erforderte. Immer wieder schien die Straße unpassierbar, aber die Pilgerreise musste weitergehen; gefällige Jungen holten Spaten und beseitigten die Hindernisse (Geister von Ganesh!), während Hunderte von Kindern und Eltern starrten.“
„Bald schlängelten wir uns entlang der zwei Spurrillen des Altertums, Frauen starrten mit aufgerissenen Augen von ihren Hüttentüren, Männer trotteten neben und hinter uns her, Kinder rannten umher, um die Prozession anzuschwellen. Unseres war vielleicht das erste Auto, das diese Straßen befuhr; die ‚Ochsenkarren-Gewerkschaft‘ muss hier allmächtig sein! Was für ein Aufsehen wir erregten – eine Gruppe, die von einem Amerikaner gesteuert wurde und in einem schnaubenden Auto direkt in ihre Weiler-Festung vorstieß, die alte Privatsphäre und Heiligkeit verletzte!“
„Als wir an einer schmalen Gasse hielten, fanden wir uns weniger als hundert Fuß von Giri Balas Stammhaus entfernt. Wir spürten den Nervenkitzel der Erfüllung nach dem langen Kampf auf der Straße, der durch ein raues Ende gekrönt wurde. Wir näherten uns einem großen, zweistöckigen Gebäude aus Backstein und Putz, das die umliegenden Lehmhütten überragte; das Haus wurde gerade repariert, denn um es herum befand sich das typisch tropische Gerüst aus Bambus.“
„Mit fieberhafter Erwartung und unterdrücktem Jubel standen wir vor den offenen Türen derjenigen, die von der ‚hungerlosen‘ Berührung des Herrn gesegnet war. Ständig offen standen die Münder der Dorfbewohner, jung und alt, nackt und bekleidet, Frauen etwas distanziert, aber auch neugierig, Männer und Jungen ungeniert an unseren Fersen, während sie auf dieses beispiellose Spektakel starrten.“
„Bald kam eine kleine Gestalt in der Tür zum Vorschein – Giri Bala! Sie war in ein Tuch aus stumpfer, goldener Seide gehüllt; auf typisch indische Weise trat sie bescheiden und zögernd vor und spähte leicht unter der oberen Falte ihres SWADESHI-Tuches hervor. Ihre Augen glänzten wie glühende Kohlen im Schatten ihres Kopfschmucks; wir waren bezaubert von einem überaus gütigen und freundlichen Gesicht, einem Gesicht der Erkenntnis und des Verständnisses, frei vom Makel irdischer Bindung.“
„Sanft näherte sie sich und stimmte schweigend zu, dass wir eine Reihe von Bildern mit unseren ‚Standbild‘- und ‚Film‘-Kameras machten. {FN46-6} Geduldig und schüchtern ertrug sie unsere Fototechniken der Haltungsanpassung und Lichtanordnung. Schließlich hatten wir für die Nachwelt viele Fotografien der einzigen Frau der Welt aufgezeichnet, von der bekannt ist, dass sie über fünfzig Jahre lang ohne Essen und Trinken gelebt hat. (Therese Neumann fastet natürlich seit 1923.) Überaus mütterlich war Giri Balas Ausdruck, als sie vor uns stand, vollständig bedeckt von dem locker fließenden Tuch, wobei nichts von ihrem Körper sichtbar war außer ihrem Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen, ihren Händen und ihren winzigen Füßen. Ein Gesicht von seltener Ruhe und unschuldiger Gelassenheit – eine breite, kindliche, zitternde Lippe, eine weibliche Nase, schmale, funkelnde Augen und ein sehnsüchtiges Lächeln.“
Mr. Wrights Eindruck von Giri Bala wurde von mir geteilt; Spiritualität umhüllte sie wie ihr sanft schimmernder Schleier. Sie PRONAMTE vor mir in der üblichen Geste der Begrüßung von einem Hausvater zu einem Mönch. Ihr einfacher Charme und ihr stilles Lächeln bereiteten uns einen Empfang, der über den von honigsüßer Beredsamkeit hinausging; vergessen war unsere schwierige, staubige Reise.
Die kleine Heilige setzte sich im Schneidersitz auf die Veranda. Obwohl sie die Narben des Alters trug, war sie nicht ausgemergelt; ihre olivfarbene Haut war in ihrem Ton klar und gesund geblieben.
„Mutter“, sagte ich auf Bengalisch, „seit über fünfundzwanzig Jahren denke ich sehnsüchtig an genau diese Pilgerreise! Ich habe von Sthiti Lal Nundy Babu von deinem heiligen Leben gehört.“
Sie nickte zur Bestätigung. „Ja, mein guter Nachbar in Nawabganj.“
„In all den Jahren habe ich die Ozeane überquert, aber ich habe meinen frühen Plan nie vergessen, dich eines Tages zu sehen. Das erhabene Drama, das du hier so unauffällig spielst, sollte vor einer Welt verkündet werden, die das innere göttliche Futter längst vergessen hat.“
Die Heilige hob für eine Minute die Augen und lächelte mit heiterem Interesse.
„Baba (geehrtester Vater) weiß es am besten“, antwortete sie demütig.
Ich war froh, dass sie keinen Anstoß genommen hatte; man weiß nie, wie große Yogis oder Yoginis auf den Gedanken der Öffentlichkeit reagieren. Sie meiden sie in der Regel und möchten im Stillen die tiefgründige Seelenforschung verfolgen. Eine innere Zustimmung kommt ihnen zuteil, wenn die richtige Zeit gekommen ist, ihr Leben offen zum Nutzen der suchenden Geister zu zeigen.
„Mutter“, fuhr ich fort, „bitte vergib mir dann, dass ich dich mit vielen Fragen belaste. Antworte bitte nur auf diejenigen, die dir gefallen; ich werde auch dein Schweigen verstehen.“
Sie breitete ihre Hände in einer anmutigen Geste aus. „Ich freue mich darauf, zu antworten, soweit eine unbedeutende Person wie ich zufriedenstellende Antworten geben kann.“
„Oh, nein, nicht unbedeutend!“, protestierte ich aufrichtig. „Du bist eine große Seele.“
„Ich bin die demütige Dienerin aller.“ Sie fügte eigenartig hinzu: „Ich liebe es zu kochen und Leute zu füttern.“
Ein seltsamer Zeitvertreib, dachte ich, für eine nicht essende Heilige!
„Erzähl mir, Mutter, aus deinem eigenen Mund – lebst du ohne Nahrung?“
„Das ist wahr.“ Sie schwieg einige Augenblicke; ihre nächste Bemerkung zeigte, dass sie mit mentaler Arithmetik gerungen hatte. „Vom Alter von zwölf Jahren und vier Monaten bis zu meinem heutigen Alter von achtundsechzig – eine Zeit von über sechsundfünfzig Jahren – habe ich keine Nahrung gegessen oder Flüssigkeiten zu mir genommen.“
„Bist du niemals versucht zu essen?“
„Wenn ich ein Verlangen nach Essen verspüren würde, müsste ich essen.“ Einfach und doch königlich erklärte sie diese axiomatische Wahrheit, eine, die nur zu gut von einer Welt bekannt ist, die sich um drei Mahlzeiten am Tag dreht!
„Aber du isst doch etwas!“ Mein Tonfall enthielt einen Anflug von Vorwurf.
„Natürlich!“ Sie lächelte in schnellem Verständnis.
„Deine Nahrung stammt aus den feineren Energien der Luft und des Sonnenlichts, {FN46-7} und aus der kosmischen Kraft, die deinen Körper durch die Medulla oblongata auflädt.“
„Baba weiß es.“ Wieder stimmte sie zu, ihre Art war beruhigend und ohne Nachdruck.
„Mutter, bitte erzähle mir von deinem frühen Leben. Es ist von tiefem Interesse für ganz Indien und sogar für unsere Brüder und Schwestern jenseits der Meere.“
Giri Bala legte ihre gewohnte Zurückhaltung ab und entspannte sich in eine gesprächige Stimmung.
„So sei es.“ Ihre Stimme war leise und fest. „Ich wurde in diesen Waldregionen geboren. Meine Kindheit war unspektakulär, außer dass ich von einem unersättlichen Appetit besessen war. Ich war in jungen Jahren verlobt worden.“
„‚Kind‘, warnte mich meine Mutter oft, ‚versuche deine Gier zu zügeln. Wenn die Zeit kommt, dass du unter Fremden in der Familie deines Ehemanns lebst, was werden sie von dir denken, wenn du deine Tage nur mit Essen verbringst?‘“
„Das Unglück, das sie vorausgesehen hatte, trat ein. Ich war erst zwölf, als ich in Nawabganj zur Familie meines Mannes kam. Meine Schwiegermutter beschämte mich morgens, mittags und abends wegen meiner gefräßigen Gewohnheiten. Ihre Schelten waren jedoch ein Segen im Verborgenen; sie weckten meine schlummernden spirituellen Tendenzen. Eines Morgens war ihr Spott gnadenlos.“
„‚Ich werde dir bald beweisen‘, sagte ich, bis aufs Mark getroffen, ‚dass ich nie wieder Nahrung anrühren werde, solange ich lebe.‘“
„Meine Schwiegermutter lachte höhnisch. ‚So!‘, sagte sie, ‚wie kannst du ohne Essen leben, wenn du nicht ohne Überessen leben kannst?‘“
„Diese Bemerkung war unwiderlegbar! Dennoch stützte ein eiserner Entschluss meinen Geist. An einem abgelegenen Ort suchte ich meinen Himmlischen Vater.“
„‚Herr‘, betete ich unaufhörlich, ‚bitte sende mir einen Guru, einen, der mich lehren kann, durch Dein Licht zu leben und nicht durch Nahrung.‘“
„Eine göttliche Ekstase überkam mich. Von einem beglückenden Zauber geleitet, machte ich mich auf den Weg zum GHAT von Nawabganj am Ganges. Auf dem Weg begegnete ich dem Priester der Familie meines Mannes.“
„‚Ehrwürdiger Herr‘, sagte ich vertrauensvoll, ‚bitte sag mir, wie man ohne Essen leben kann.‘“
„Er starrte mich ohne Antwort an. Schließlich sprach er auf tröstende Weise. ‚Kind‘, sagte er, ‚komm heute Abend in den Tempel; ich werde eine spezielle VEDISCHE Zeremonie für dich abhalten.‘“
„Diese vage Antwort war nicht die, die ich suchte; ich ging weiter zum GHAT. Die Morgensonne durchdrang die Wasser; ich reinigte mich im Ganges, als wäre es für eine heilige Einweihung. Als ich das Flussufer verließ, mein nasses Tuch um mich, materialisierte sich mein Meister im hellen Tageslicht vor mir!“
„‚Liebes kleines Wesen‘, sagte er mit einer Stimme voller liebender Anteilnahme, ‚ich bin der Guru, der von Gott hierher gesandt wurde, um dein dringendes Gebet zu erfüllen. Er war von seiner sehr ungewöhnlichen Art tief berührt! Von heute an wirst du vom astralen Licht leben, deine körperlichen Atome gespeist aus dem unendlichen Strom.‘“
Giri Bala verstummte. Ich nahm Mr. Wrights Stift und Block und übersetzte einige Punkte für seine Information ins Englische.
Die Heilige setzte die Erzählung fort, ihre sanfte Stimme kaum hörbar. „Das GHAT war verlassen, doch mein Guru legte einen Schirm aus schützendem Licht um uns, damit uns später keine zufälligen Badenden stören würden. Er weihte mich in eine KRIA-Technik ein, die den Körper von der Abhängigkeit von der grobstofflichen Nahrung der Sterblichen befreit. Die Technik umfasst die Anwendung eines bestimmten MANTRA {FN46-8} und eine Atemübung, die schwieriger ist, als der Durchschnittsmensch sie ausführen könnte. Es sind weder Medizin noch Magie im Spiel; nichts außer der KRIA.“
In der Art des amerikanischen Zeitungsreporters, der mich unwissentlich in seine Vorgehensweise eingewiesen hatte, befragte ich Giri Bala zu vielen Angelegenheiten, von denen ich glaubte, dass sie für die Welt von Interesse wären. Stück für Stück gab sie mir die folgenden Informationen:
„Ich habe nie Kinder gehabt; vor vielen Jahren wurde ich Witwe. Ich schlafe sehr wenig, da Schlaf und Wachen für mich dasselbe sind. Ich meditiere in der Nacht und verrichte am Tage meine häuslichen Pflichten. Den Wechsel des Klimas von Jahreszeit zu Jahreszeit spüre ich leicht. Ich bin niemals krank gewesen und habe noch nie eine Krankheit erfahren. Ich empfinde nur leichten Schmerz, wenn ich mich versehentlich verletze. Ich habe keine körperlichen Ausscheidungen. Ich kann mein Herz und meinen Atem kontrollieren. Ich sehe oft meinen Guru sowie andere große Seelen in Visionen.“
„Mutter“, fragte ich, „warum lehren Sie andere nicht die Methode, ohne Nahrung zu leben?“
Meine ehrgeizigen Hoffnungen für die hungernden Millionen der Welt wurden im Keim erstickt.
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mir wurde von meinem Guru streng befohlen, das Geheimnis nicht zu verraten. Es ist nicht sein Wunsch, in Gottes Schöpfungsdrama einzugreifen. Die Bauern würden mir nicht danken, wenn ich vielen Menschen beibrächte, ohne Essen zu leben! Die köstlichen Früchte würden nutzlos auf dem Boden liegen. Es scheint, dass Elend, Hunger und Krankheit die Peitschen unseres Karma sind, die uns letztlich dazu treiben, den wahren Sinn des Lebens zu suchen.“
„Mutter“, sagte ich langsam, „was nützt es, dass Sie dazu auserkoren wurden, ohne Essen zu leben?“
„Um zu beweisen, dass der Mensch Geist ist.“ Ihr Gesicht leuchtete vor Weisheit. „Um zu demonstrieren, dass er durch göttlichen Fortschritt allmählich lernen kann, vom Ewigen Licht und nicht von Nahrung zu leben.“
Die Heilige versank in einen tiefen meditativen Zustand. Ihr Blick war nach innen gerichtet; die sanften Tiefen ihrer Augen wurden ausdruckslos. Sie stieß einen bestimmten Seufzer aus, das Vorspiel zur ekstatischen, atemlosen Trance. Für eine Zeit war sie in das fragenlose Reich geflohen, den Himmel der inneren Freude.
Die tropische Dunkelheit war hereingebrochen. Das Licht einer kleinen Petroleumlampe flackerte unruhig über die Gesichter von etwa zwanzig Dorfbewohnern, die schweigend in den Schatten hockten. Die huschenden Glühwürmchen und die fernen Öllaternen der Hütten webten helle, unheimliche Muster in die samtige Nacht. Es war die schmerzliche Stunde des Abschieds; eine lange, mühsame Reise lag vor unserer kleinen Gruppe.
„Giri Bala“, sagte ich, als die Heilige ihre Augen öffnete, „bitte geben Sie mir ein Andenken – einen Streifen von einem Ihrer SARIS.“
Sie kehrte bald mit einem Stück Benares-Seide zurück, das sie mir in der Hand entgegenhielt, während sie sich plötzlich auf den Boden verneigte.
„Mutter“, sagte ich ehrfürchtig, „lassen Sie mich lieber Ihre eigenen gesegneten Füße berühren!“
{FN46-1} Im nördlichen Bengalen.
{FN46-2} H. H. Sir Bijay Chand Mahtab, inzwischen verstorben. Seine Familie besitzt zweifellos einige Aufzeichnungen über die drei Untersuchungen des Maharaja an Giri Bala.
{FN46-3} Weiblicher Yogi.
{FN46-4} „Entferner der Hindernisse“, der Gott des Glücks.
{FN46-5} Sri Yukteswar pflegte zu sagen: „Der Herr hat uns die Früchte der guten Erde gegeben. Wir mögen es, unser Essen zu sehen, es zu riechen, es zu schmecken – der Hindu mag es auch, es zu berühren!“ Man hat auch nichts dagegen, es HÖREN zu können, wenn niemand sonst bei der Mahlzeit anwesend ist!
{FN46-6} Mr. Wright machte auch Bewegtbilder von Sri Yukteswar während seines letzten Wintersonnenwendfestes in Serampore.
{FN46-7} „Was wir essen, ist Strahlung; unsere Nahrung besteht aus einer gewissen Menge an Energiequanten“, sagte Dr. George W. Crile aus Cleveland am 17. Mai 1933 vor einer Versammlung von Medizinern in Memphis. „Diese überaus wichtige Strahlung, die elektrische Ströme für den elektrischen Kreislauf des Körpers, das Nervensystem, freisetzt, wird der Nahrung durch die Sonnenstrahlen verliehen. Atome, so sagt Dr. Crile, sind Sonnensysteme. Atome sind die Gefäße, die wie zahlreiche aufgewickelte Federn mit Sonnenstrahlung gefüllt sind. Diese zahllosen atomaren Energieeinheiten werden als Nahrung aufgenommen. Sobald sie sich im menschlichen Körper befinden, werden diese spannungsgeladenen Gefäße, die Atome, im Protoplasma des Körpers entladen, wobei die Strahlung neue chemische Energie und neue elektrische Ströme liefert. ‚Ihr Körper besteht aus solchen Atomen‘, sagte Dr. Crile. ‚Sie sind Ihre Muskeln, Ihr Gehirn und Ihre Sinnesorgane, wie etwa Augen und Ohren.‘“
Eines Tages werden Wissenschaftler entdecken, wie der Mensch direkt von Sonnenenergie leben kann. „Chlorophyll ist die einzige in der Natur bekannte Substanz, die irgendwie die Kraft besitzt, als ‚Sonnenlichtfalle‘ zu wirken“, schreibt William L. Laurence in der NEW YORK TIMES. „Es ‚fängt‘ die Energie des Sonnenlichts ein und speichert sie in der Pflanze. Ohne dies könnte kein Leben existieren. Wir beziehen die Energie, die wir zum Leben brauchen, aus der Sonnenenergie, die in der pflanzlichen Nahrung gespeichert ist, die wir essen, oder im Fleisch der Tiere, die die Pflanzen fressen. Die Energie, die wir aus Kohle oder Öl gewinnen, ist Sonnenenergie, die vor Millionen von Jahren vom Chlorophyll in Pflanzen gefangen wurde. Wir leben durch die Vermittlung des Chlorophylls von der Sonne.“
{FN46-8} Mächtiger, schwingender Gesang. Die wörtliche Übersetzung von Sanskrit MANTRA ist „Werkzeug des Denkens“, was die idealen, unhörbaren Klänge bedeutet, die einen Aspekt der Schöpfung repräsentieren; wenn es als Silben ausgesprochen wird, bildet ein MANTRA eine universelle Terminologie. Die unendlichen Kräfte des Klangs leiten sich von AUM ab, dem „Wort“ oder schöpferischen Summen des kosmischen Motors.
KAPITEL: 47
ICH KEHRE IN DEN WESTEN ZURÜCK
„Ich habe viele Yoga-Stunden in Indien und Amerika gegeben; aber ich muss gestehen, dass ich als Hindu ungewöhnlich glücklich bin, einen Kurs für englische Studenten zu leiten.“
Meine Londoner Kursteilnehmer lachten anerkennend; keine politischen Unruhen störten jemals unseren Yoga-Frieden.
Indien war nun eine geheiligte Erinnerung. Es ist September 1936; ich bin in England, um ein Versprechen zu erfüllen, das ich vor sechzehn Monaten gegeben hatte, wieder in London zu lehren.
Auch England ist empfänglich für die zeitlose Yoga-Botschaft. Reporter und Kameramänner der Wochenschau wimmelten in meinem Quartier im Grosvenor House. Der British National Council der World Fellowship of Faiths organisierte am 29. September ein Treffen in der Whitefield’s Congregational Church, wo ich vor dem Publikum über das gewichtige Thema „Wie der Glaube an die Gemeinschaft die Zivilisation retten kann“ sprach. Die Acht-Uhr-Vorträge in der Caxton Hall zogen solche Menschenmengen an, dass an zwei Abenden das überzählige Publikum im Saal des Windsor House auf meinen zweiten Vortrag um halb zehn wartete. Die Yoga-Kurse in den folgenden Wochen wurden so groß, dass Mr. Wright sich gezwungen sah, einen Umzug in einen anderen Saal zu arrangieren.
Die englische Hartnäckigkeit findet in einer spirituellen Beziehung einen bewundernswerten Ausdruck. Die Londoner Yoga-Studenten organisierten sich nach meiner Abreise loyal zu einem Self-Realization Fellowship-Zentrum, das während der bitteren Kriegsjahre wöchentlich seine Meditationssitzungen abhielt.
Unvergessliche Wochen in England; Tage des Sightseeings in London, dann durch die wunderschöne Landschaft. Mr. Wright und ich ließen den treuen Ford kommen, um die Geburtsstätten und Grabstätten der großen Dichter und Helden der britischen Geschichte zu besuchen.
Unsere kleine Gruppe segelte Ende Oktober auf der BREMEN von Southampton nach Amerika. Die majestätische Freiheitsstatue im New Yorker Hafen entlockte nicht nur Miss Bletch und Mr. Wright, sondern auch mir selbst ein freudiges, emotionales Schluchzen.
Der Ford, ein wenig ramponiert von den Kämpfen mit uralten Böden, war immer noch leistungsfähig; er nahm nun die transkontinentale Reise nach Kalifornien mit Leichtigkeit in Angriff. Ende 1936, siehe da: Mount Washington.
Die Feiertage zum Jahresende werden jährlich im Los Angeles-Zentrum mit einer achtstündigen Gruppenmeditation am 24. Dezember (Spirituelle Weihnacht) gefeiert, gefolgt von einem Bankett am nächsten Tag (Soziale Weihnacht). Die Festlichkeiten wurden in diesem Jahr durch die Anwesenheit lieber Freunde und Studenten aus fernen Städten bereichert, die gekommen waren, um die drei Weltreisenden zu Hause willkommen zu heißen.
Das Festessen am Weihnachtstag enthielt Delikatessen, die für diesen freudigen Anlass fünfzehntausend Meilen weit gereist waren: GUCCHI-Pilze aus Kaschmir, Dosen mit RASAGULLA und Mangomark, PAPAR-Kekse und ein Öl der indischen KEORA-Blume, das unser Eis aromatisierte. Am Abend fanden wir uns um einen riesigen, funkelnden Weihnachtsbaum gruppiert, während der nahe Kamin mit Scheiten aus aromatischem Zypressenholz knackte.
Zeit für Geschenke! Präsente aus den fernsten Winkeln der Erde – Palästina, Ägypten, Indien, England, Frankreich, Italien. Wie mühsam hatte Mr. Wright die Koffer an jedem ausländischen Knotenpunkt gezählt, damit keine diebische Hand die Schätze empfing, die für geliebte Menschen in Amerika bestimmt waren! Plaketten vom heiligen Olivenbaum aus dem Heiligen Land, zarte Spitzen und Stickereien aus Belgien und Holland, persische Teppiche, fein gewebte kaschmirische Schals, ewig duftende Sandelholztabletts aus Mysore, Shiva-„Ochsenaugen“-Steine aus den Zentralprovinzen, alte indische Münzen längst vergangener Dynastien, mit Juwelen besetzte Vasen und Tassen, Miniaturen, Wandteppiche, Tempelweihrauch und Parfüms, SWADESHI-Baumwolldrucke, Lackarbeiten, Elfenbeinschnitzereien aus Mysore, persische Pantoffeln mit ihrer neugierigen langen Spitze, kurios alte, illuminierte Manuskripte, Samt, Brokate, Gandhi-Kappen, Töpferwaren, Fliesen, Messingarbeiten, Gebetsteppiche – die Beute dreier Kontinente!
Eines nach dem anderen verteilte ich die fröhlich verpackten Pakete von dem riesigen Haufen unter dem Baum.
„Schwester Gyanamata!“ Ich reichte eine lange Schachtel an die heilige amerikanische Dame mit dem sanften Antlitz und der tiefen Erkenntnis, die während meiner Abwesenheit die Leitung am Mt. Washington innehatte. Aus dem Seidenpapier hob sie einen SARI aus goldener Benares-Seide.
„Danke, Sir; er führt mir das Schauspiel Indiens vor Augen.“
„Mr. Dickinson!“ Das nächste Päckchen enthielt ein Geschenk, das ich in einem Basar in Kalkutta gekauft hatte. „Mr. Dickinson wird das mögen“, hatte ich damals gedacht. Als ein innig geliebter Schüler war Mr. Dickinson bei jeder Weihnachtsfeier seit der Gründung von Mt. Washington im Jahr 1925 dabei gewesen. Bei dieser elften jährlichen Feier stand er vor mir und öffnete die Bänder seines quadratischen kleinen Päckchens.
„Der silberne Becher!“ Mit seinen Gefühlen ringend, starrte er auf das Geschenk, einen hohen Trinkbecher. Er setzte sich ein Stück entfernt hin, scheinbar wie benommen. Ich lächelte ihn liebevoll an, bevor ich meine Rolle als Weihnachtsmann wieder aufnahm.
Der ekstatische Abend endete mit einem Gebet zum Geber aller Gaben; dann folgte ein gemeinsames Singen von Weihnachtsliedern.
Mr. Dickinson und ich unterhielten uns einige Zeit später.
„Sir“, sagte er, „bitte lassen Sie mich Ihnen jetzt für den silbernen Becher danken. Ich konnte am Weihnachtsabend keine Worte finden.“
„Ich habe das Geschenk speziell für Sie mitgebracht.“
„Seit dreiundvierzig Jahren habe ich auf diesen silbernen Becher gewartet! Es ist eine lange Geschichte, eine, die ich tief in mir verborgen gehalten habe.“ Mr. Dickinson sah mich scheu an. „Der Anfang war dramatisch: Ich ertrank fast. Mein älterer Bruder hatte mich spielerisch in einem fünfzehn Fuß tiefen Pool in einer kleinen Stadt in Nebraska gestoßen. Ich war damals erst fünf Jahre alt. Als ich kurz davor war, zum zweiten Mal unter Wasser zu sinken, erschien ein blendendes, vielfarbiges Licht, das den ganzen Raum ausfüllte. In der Mitte war die Gestalt eines Mannes mit ruhigen Augen und einem beruhigenden Lächeln. Mein Körper sank gerade zum dritten Mal, als einer der Gefährten meines Bruders eine hohe, schlanke Weide so tief herunterbog, dass ich sie mit meinen verzweifelten Fingern greifen konnte. Die Jungen zogen mich ans Ufer und leisteten erfolgreich Erste Hilfe.
„Zwölf Jahre später, als siebzehnjähriger Jüngling, besuchte ich mit meiner Mutter Chicago. Es war 1893; das große Weltparlament der Religionen tagte gerade. Mutter und ich gingen eine Hauptstraße entlang, als ich wieder den gewaltigen Lichtblitz sah. Ein paar Schritte entfernt, gemächlich dahinschlendernd, war derselbe Mann, den ich Jahre zuvor in einer Vision gesehen hatte. Er näherte sich einem großen Auditorium und verschwand in der Tür.
„‚Mutter‘, rief ich, ‚das war der Mann, der erschien, als ich ertrank!‘
„Sie und ich eilten in das Gebäude; der Mann saß auf einem Vortragspodium. Wir erfuhren bald, dass es Swami Vivekananda aus Indien war. {FN47-1} Nachdem er einen seelenbewegenden Vortrag gehalten hatte, ging ich vor, um ihn zu treffen. Er lächelte mich gnädig an, als wären wir alte Freunde. Ich war so jung, dass ich nicht wusste, wie ich meine Gefühle ausdrücken sollte, aber in meinem Herzen hoffte ich, dass er mir anbieten würde, mein Lehrer zu sein. Er las meinen Gedanken.
„‚Nein, mein Sohn, ich bin nicht dein Guru.‘ Vivekananda blickte mit seinen schönen, durchdringenden Augen tief in meine. ‚Dein Lehrer wird später kommen. Er wird dir einen silbernen Becher geben.‘ Nach einer kurzen Pause fügte er lächelnd hinzu: ‚Er wird dir mehr Segnungen ausgießen, als du jetzt zu fassen vermagst.‘
„Ich verließ Chicago nach wenigen Tagen“, fuhr Mr. Dickinson fort, „und sah den großen Vivekananda nie wieder. Aber jedes Wort, das er gesprochen hatte, war unauslöschlich in mein tiefstes Bewusstsein geschrieben. Jahre vergingen; kein Lehrer erschien. Eines Nachts im Jahr 1925 betete ich inständig, dass der Herr mir meinen Guru senden möge. Ein paar Stunden später wurde ich durch sanfte Melodieklänge aus dem Schlaf geweckt. Eine Schar himmlischer Wesen, die Flöten und andere Instrumente trugen, erschien vor meinen Augen. Nachdem sie die Luft mit herrlichem Klang erfüllt hatten, verschwanden die Engel langsam.
„Am nächsten Abend besuchte ich zum ersten Mal einen Ihrer Vorträge hier in Los Angeles und wusste dann, dass mein Gebet erhört worden war.“
Wir lächelten einander schweigend an.
„Seit elf Jahren bin ich nun Ihr KRIYA YOGA-Schüler“, fuhr Mr. Dickinson fort. „Manchmal wunderte ich mich über den silbernen Becher; ich hatte mich fast davon überzeugt, dass Vivekanandas Worte nur metaphorisch gemeint waren. Aber am Weihnachtsabend, als Sie mir die quadratische Schachtel unter dem Baum reichten, sah ich zum dritten Mal in meinem Leben denselben blendenden Lichtblitz. Eine Minute später starrte ich auf das Geschenk meines Gurus, das Vivekananda dreiundvierzig Jahre zuvor für mich vorhergesehen hatte – einen silbernen Becher!“
{FN47-1} Der Hauptschüler des christusgleichen Meisters Sri Ramakrishna.
KAPITEL: 48
IN ENCINITAS IN KALIFORNIEN
„Eine Überraschung, Sir! Während Ihrer Abwesenheit im Ausland haben wir diese Einsiedelei in Encinitas bauen lassen; es ist ein ‚Willkommensgeschenk‘!“ Schwester Gyanamata führte mich lächelnd durch ein Tor und einen baumbeschatteten Weg hinauf.
Ich sah ein Gebäude, das wie ein großer weißer Ozeandampfer in Richtung der blauen See hinausragte. Erst sprachlos, dann mit „Oh’s!“ und „Ah’s!“, schließlich mit dem unzureichenden Vokabular der Freude und Dankbarkeit des Menschen, untersuchte ich den Ashram – sechzehn ungewöhnlich große Zimmer, jedes auf charmante Weise eingerichtet.
Die stattliche zentrale Halle mit ihren riesigen, deckenhohen Fenstern blickt auf einen vereinten Altar aus Gras, Ozean und Himmel – eine Symphonie in Smaragd, Opal und Saphir. Ein Kaminsims über dem riesigen Kamin der Halle trägt das gerahmte Bildnis von Lahiri Mahasaya, der seinen Segen über diesen fernen pazifischen Himmel lächelt.
Direkt unter der Halle, in den Felsen selbst gebaut, liegen zwei einsame Meditationshöhlen, die sich den Unendlichkeiten von Himmel und Meer entgegenstellen. Veranden, Plätze zum Sonnenbaden, Hektar voller Obstgarten, ein Eukalyptushain, Steinpfade, die durch Rosen und Lilien zu stillen Lauben führen, eine lange Treppe, die an einem isolierten Strand und den weiten Gewässern endet! War ein Traum jemals konkreter?
„Mögen die guten, heldenhaften und großzügigen Seelen der Heiligen hierherkommen“, liest man in einem „Gebet für eine Wohnstätte“ aus dem ZEND-AVESTA, das an einer der Türen der Einsiedelei befestigt ist, „und mögen sie Hand in Hand mit uns gehen und die heilenden Tugenden ihrer gesegneten Gaben so weit verbreiten wie die Erde, so weit wie die Flüsse, so hoch wie die Sonne, zur Förderung besserer Menschen, zur Vermehrung von Überfluss und Ruhm.
„Möge Gehorsam in diesem Haus den Ungehorsam besiegen; möge hier Friede über Zwietracht triumphieren; freigebiges Geben über Habsucht, wahrhaftiges Reden über Täuschung, Ehrfurcht über Verachtung. Damit unsere Geister erfreut und unsere Seelen erhoben werden, sollen auch unsere Körper verherrlicht werden; und o Göttliches Licht, mögen wir Dich sehen, und mögen wir uns Dir nähern, Dich umkreisen und Deine vollkommene Gemeinschaft erlangen!“
Dieser Ashram der Self-Realization Fellowship war durch die Großzügigkeit einiger amerikanischer Schüler ermöglicht worden, amerikanische Geschäftsleute mit endlosen Verpflichtungen, die dennoch täglich Zeit für ihren KRIYA YOGA finden. Kein Wort vom Bau der Einsiedelei hatte während meines Aufenthalts in Indien und Europa zu mir durchdringen dürfen. Erstaunen, Entzücken!
Während meiner früheren Jahre in Amerika hatte ich die Küste Kaliforniens nach einem kleinen Ort für einen Küstenashram durchkämmt; wann immer ich einen geeigneten Standort gefunden hatte, war unweigerlich ein Hindernis aufgetaucht, das mich vereitelte. Während ich nun über die weiten Ländereien von Encinitas {FN48-1} blickte, sah ich demütig die mühelose Erfüllung von Sri Yukteswars Prophezeiung von vor langer Zeit: „eine Einsiedelei am Ozean“.
Einige Monate später, zu Ostern 1937, hielt ich auf den glatten Rasenflächen in Encinitas den ersten von vielen Sonnenaufgangsgottesdiensten ab. Wie die Weisen aus dem Morgenland blickten mehrere hundert Studenten in andächtiger Ehrfurcht auf das tägliche Wunder, den frühen solaren Feuerritus am östlichen Himmel. Im Westen lag der unerschöpfliche Pazifik, der sein feierliches Lob dröhnte; in der Ferne ein winziges weißes Segelboot und der einsame Flug einer Möwe. „Christus, du bist auferstanden!“ Nicht allein mit der Frühlingssonne, sondern in der ewigen Morgendämmerung des Geistes!
Viele glückliche Monate vergingen; im Frieden vollkommener Schönheit konnte ich in der Einsiedelei ein lange geplantes Werk vollenden, COSMIC CHANTS. Ich vertonte etwa vierzig Lieder mit englischen Texten und westlicher musikalischer Notation, einige originell, andere meine Adaptionen alter Melodien. Darunter waren der Shankara-Gesang „Keine Geburt, kein Tod“; zwei Favoriten von Sri Yukteswar: „Wache auf, nochmals wache auf, o mein Heiliger!“ und „Verlangen, mein großer Feind“; der uralte Sanskrit-„Hymnus an Brahma“; alte bengalische Lieder wie „Welch ein Blitzschlag!“ und „Sie haben Deinen Namen gehört“; Tagores „Wer ist in meinem Tempel?“; sowie eine Reihe meiner Kompositionen: „Ich werde für immer Dein sein“, „Im Land jenseits meiner Träume“, „Komm aus dem stillen Himmel“, „Hör auf den Ruf meiner Seele“, „Im Tempel der Stille“ und „Du bist mein Leben“.
Für ein Vorwort zum Liederbuch erzählte ich von meiner ersten herausragenden Erfahrung mit der Empfänglichkeit der Westler für die eigentümlich andächtigen Weisen des Ostens. Der Anlass war ein öffentlicher Vortrag gewesen; die Zeit, der 18. April 1926; der Ort, die Carnegie Hall in New York.
„Mr. Hunsicker“, hatte ich einem amerikanischen Studenten anvertraut, „ich plane, das Publikum zu bitten, einen alten hinduistischen Gesang zu singen: ‚O Gott, Du Schöner!‘“
„Sir“, hatte Mr. Hunsicker protestiert, „diese orientalischen Lieder sind dem amerikanischen Verständnis fremd. Was für eine Schande, wenn der Vortrag durch einen Kommentar aus überreifen Tomaten verdorben würde!“
Ich hatte lachend widersprochen. „Musik ist eine universelle Sprache. Die Amerikaner werden nicht versäumen, das Sehnen der Seele in diesem erhabenen Gesang zu spüren.“ {FN48-2}
Während des Vortrags hatte Mr. Hunsicker hinter mir auf dem Podium gesessen, wahrscheinlich aus Sorge um meine Sicherheit. Seine Zweifel waren grundlos; nicht nur waren unwillkommene Gemüsesorten ausgeblieben, sondern eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten lang waren die Klänge von „O Gott, Du Schöner!“ ununterbrochen aus dreitausend Kehlen erklungen. Nicht länger gelangweilt, liebe New Yorker; eure Herzen waren in einem einfachen Lobgesang der Freude emporgestiegen! Göttliche Heilungen hatten an jenem Abend unter den Anhängern stattgefunden, die mit Liebe den gesegneten Namen des Herrn sangen.
Das zurückgezogene Leben eines literarischen Minnesängers war nicht lange meine Rolle. Bald teilte ich jede zweite Woche zwischen Los Angeles und Encinitas auf. Sonntagsgottesdienste, Kurse, Vorträge vor Clubs und Colleges, Interviews mit Studenten, endlose Ströme von Korrespondenz, Artikel für EAST-WEST, Leitung der Aktivitäten in Indien und zahlreichen kleinen Zentren in amerikanischen Städten. Viel Zeit wurde auch auf die Anordnung von KRIYA und anderen Lehren der Self-Realization Fellowship in eine Reihe von Studien für die fernen Yoga-Suchenden verwandt, deren Eifer keine räumliche Begrenzung kannte.
Die freudige Einweihung einer Self-Realization Church of All Religions fand 1938 in Washington, D.C., statt. Inmitten von landschaftlich gestalteten Anlagen steht die stattliche Kirche in einem Teil der Stadt, der treffend „Friendship Heights“ genannt wird. Der Leiter in Washington ist Swami Premananda, ausgebildet an der Ranchi-Schule und der Universität von Kalkutta. Ich hatte ihn 1928 gerufen, um die Leitung des Washingtoner Self-Realization Fellowship-Zentrums zu übernehmen.
„Premananda“, sagte ich zu ihm während eines Besuchs in seinem neuen Tempel, „dieses östliche Hauptquartier ist ein Denkmal aus Stein für deine unermüdliche Hingabe. Hier in der Hauptstadt der Nation hast du das Licht der Ideale von Lahiri Mahasaya hochgehalten.“
Premananda begleitete mich von Washington aus für einen kurzen Besuch zum Self-Realization Fellowship-Zentrum in Boston. Welche Freude, die KRIYA YOGA-Gruppe wiederzusehen, die seit 1920 standhaft geblieben war! Der Bostoner Leiter, Dr. M. W. Lewis, brachte meinen Begleiter und mich in einer modernen, künstlerisch dekorierten Suite unter.
„Sir“, sagte Dr. Lewis lächelnd zu mir, „während Ihrer ersten Jahre in Amerika wohnten Sie in dieser Stadt in einem einzigen Zimmer, ohne Bad. Ich wollte, dass Sie wissen, dass Boston einige luxuriöse Apartments besitzt!“
Die Schatten des nahenden Gemetzels wurden länger über der Welt; schon konnte das geschulte Ohr die furchtbaren Kriegstrommeln vernehmen. Während Unterredungen mit Tausenden in Kalifornien und durch einen weltweiten Briefwechsel stellte ich fest, dass Männer und Frauen tief in ihren Herzen forschten; die tragische äußere Unsicherheit hatte das Bedürfnis nach dem Ewigen Anker betont.
„Wir haben in der Tat den Wert der Meditation gelernt“, schrieb mir 1941 der Leiter des Zentrums der Self-Realization Fellowship in London, „und wissen, dass nichts unseren inneren Frieden stören kann. In den letzten Wochen während der Treffen haben wir Luftschutzsirenen gehört und den Explosionen von Zeitzünderbomben gelauscht, doch unsere Schüler kommen weiterhin zusammen und genießen unseren schönen Gottesdienst in vollen Zügen.“
Ein weiterer Brief erreichte mich aus dem kriegsgeplagten England, kurz bevor Amerika in den Konflikt eintrat. In edlen, pathetischen Worten schrieb Dr. L. Cranmer Byng, bekannter Herausgeber der THE WISDOM OF THE EAST SERIES:
„Als ich EAST-WEST las, wurde mir bewusst, wie weit wir voneinander entfernt zu sein schienen, da wir anscheinend in zwei verschiedenen Welten lebten. Schönheit, Ordnung, Ruhe und Frieden kommen von Los Angeles zu mir herüber, segeln in den Hafen wie ein Schiff, das beladen ist mit den Segnungen und dem Trost des Heiligen Grals für eine belagerte Stadt.
Ich sehe wie in einem Traum Ihren Palmenhain und den Tempel in Encinitas mit seinen Meeresweiten und Bergausblicken und vor allem seine Gemeinschaft geistig gesinnter Männer und Frauen, eine Gemeinschaft, die in Einheit begriffen, in schöpferischer Arbeit versunken und durch Kontemplation wiederaufgefüllt ist. Es ist die Welt meiner eigenen Vision, an deren Verwirklichung ich meinen kleinen Teil beizutragen hoffte, und nun . . .
Vielleicht werde ich im Körper niemals Ihre goldenen Ufer erreichen noch in Ihrem Tempel beten. Aber es ist etwas und mehr, die Vision gehabt zu haben und zu wissen, dass inmitten des Krieges noch immer ein Friede herrscht, der in Ihren Häfen und zwischen Ihren Hügeln weilt. Grüße an die gesamte Fellowship von einem einfachen Soldaten, geschrieben auf dem Wachturm, während ich auf die Morgendämmerung warte.“
Die Kriegsjahre brachten ein spirituelles Erwachen unter Menschen, deren Zeitvertreib zuvor niemals das Studium des Neuen Testaments umfasst hatte. Ein süßes Destillat aus den bitteren Kräutern des Krieges! Um einem wachsenden Bedürfnis gerecht zu werden, wurde 1942 in Hollywood eine inspirierende kleine Self-Realization Church of All Religions erbaut und eingeweiht. Das Gelände liegt gegenüber von Olive Hill und dem fernen Los Angeles Planetarium. Die in Blau, Weiß und Gold gehaltene Kirche spiegelt sich inmitten der Wasserhyazinthen in einem großen Becken. Die Gärten sind fröhlich mit Blumen, ein paar erschrockenen Steinhirschen, einer Pergola aus Buntglas und einem wunderlichen Wunschbrunnen. Zusammen mit den Pennys und den kaleidoskopischen Wünschen der Menschen wurde so manch reines Streben nach dem einzigen Schatz des Geistes hineingeworfen! Eine universelle Güte strömt aus kleinen Nischen mit Statuen von Lahiri Mahasaya und Sri Yukteswar sowie von Krishna, Buddha, Konfuzius, Franz von Assisi und einer wunderschönen Perlmutt-Reproduktion von Christus beim Letzten Abendmahl.
Eine weitere Self-Realization Church of All Religions wurde 1943 in San Diego gegründet. Als stiller Tempel auf einer Anhöhe steht sie in einem abfallenden Tal voller Eukalyptusbäume und blickt auf die glitzernde San Diego Bay hinab.
Als ich eines Abends in diesem friedvollen Zufluchtsort saß, goss ich mein Herz in Gesang aus. Unter meinen Fingern befand sich die wohlklingende Orgel der Kirche, auf meinen Lippen die sehnsüchtige Klage eines alten bengalischen Gottgeweihten, der nach ewigem Trost gesucht hatte:
In dieser Welt, Mutter, kann mich niemand lieben; In dieser Welt kennen sie die göttliche Liebe nicht. Wo gibt es reine liebende Liebe? Wo gibt es jemanden, der Dich wahrhaft liebt? Dorthin sehnt sich mein Herz.
Mein Begleiter in der Kapelle, Dr. Lloyd Kennell, der Leiter des Zentrums in San Diego, lächelte ein wenig über die Worte des Liedes.
„Sagen Sie mir die Wahrheit, Paramhansaji, war es das wert?“ Er blickte mich mit ernster Aufrichtigkeit an. Ich verstand seine lakonische Frage: „Waren Sie glücklich in Amerika? Was ist mit den Enttäuschungen, dem Herzschmerz, den Zentrumsleitern, die nicht leiten konnten, den Schülern, die nicht unterrichtet werden konnten?“
„Gesegnet ist der Mensch, den der Herr prüft, Doktor! Er hat sich ab und zu daran erinnert, mir eine Last aufzuerlegen!“ Ich dachte dann an all die Treuen, an die Liebe, die Hingabe und das Verständnis, das im Herzen Amerikas lag. Mit langsamer Betonung fuhr ich fort: „Aber meine Antwort lautet: Ja, tausendmal ja! Es hat sich gelohnt; es war eine ständige Inspiration, mehr als ich jemals erträumt hatte, zu sehen, wie West und Ost im einzig dauerhaften Band, dem spirituellen, einander nähergebracht wurden!“
Still fügte ich ein Gebet hinzu: „Mögen Babaji und Sri Yukteswarji das Gefühl haben, dass ich meinen Teil getan habe, ohne die hohen Erwartungen zu enttäuschen, mit denen sie mich aussandten.“
Ich wandte mich wieder der Orgel zu; diesmal war mein Lied von kriegerischer Tapferkeit gefärbt:
Das mahlende Rad der Zeit entstellt So manches Leben von Mond und Stern Und manchen hell lächelnden Morgen— Doch meine Seele schreitet weiter!
Dunkelheit, Tod und Versagen wetteiferten; Sie versuchten erbittert, meinen Pfad zu blockieren; Mein Kampf mit der eifersüchtigen Natur ist stark— Doch meine Seele schreitet weiter!
Die Neujahrswoche des Jahres 1945 fand mich bei der Arbeit in meinem Arbeitszimmer in Encinitas, wo ich das Manuskript dieses Buches überarbeitete.
„Paramhansaji, bitte kommen Sie nach draußen.“ Dr. Lewis, der aus Boston zu Besuch war, lächelte mich flehend von außerhalb meines Fensters an. Bald schlenderten wir im Sonnenschein. Mein Begleiter zeigte auf neue Türme, die entlang des Randes des Fellowship-Grundstücks, angrenzend an den Küstenhighway, im Bau waren.
„Sir, ich sehe hier viele Verbesserungen seit meinem letzten Besuch.“ Dr. Lewis kommt zweimal jährlich von Boston nach Encinitas.
„Ja, Doktor, ein Projekt, das ich lange erwogen habe, nimmt konkrete Formen an. In dieser schönen Umgebung habe ich eine Miniatur-Weltkolonie begonnen. Brüderlichkeit ist ein Ideal, das durch Beispiele besser verstanden wird als durch Vorschriften! Eine kleine harmonische Gruppe hier könnte andere ideale Gemeinschaften auf der Erde inspirieren.“
„Eine großartige Idee, Sir! Die Kolonie wird sicher ein Erfolg, wenn jeder aufrichtig seinen Teil dazu beiträgt!“
„‚Welt‘ ist ein großer Begriff, aber der Mensch muss seine Zugehörigkeit erweitern und sich selbst im Lichte eines Weltbürgers betrachten“, fuhr ich fort. „Ein Mensch, der wahrhaftig fühlt: ‚Die Welt ist meine Heimat; sie ist mein Amerika, mein Indien, meine Philippinen, mein England, mein Afrika‘, dem wird es nie an Spielraum für ein nützliches und glückliches Leben mangeln. Sein natürlicher lokaler Stolz wird eine grenzenlose Ausdehnung erfahren; er wird mit schöpferischen universellen Strömungen in Verbindung stehen.“
Dr. Lewis und ich hielten über dem Lotus-Teich in der Nähe der Einsiedelei inne. Unter uns lag der unermessliche Pazifik.
„Dieselben Gewässer brechen gleichermaßen an den Küsten von West und Ost, in Kalifornien und China.“ Mein Begleiter warf einen kleinen Stein in die erste der siebzig Millionen Quadratmeilen Ozean. „Encinitas ist ein symbolischer Ort für eine Weltkolonie.“
„Das ist wahr, Doktor. Wir werden hier viele Konferenzen und Kongresse der Religionen abhalten und Delegierte aus allen Ländern einladen. Die Flaggen der Nationen werden in unseren Sälen hängen. Kleine Tempel werden auf dem Gelände errichtet werden, die den wichtigsten Religionen der Welt gewidmet sind.
Sobald wie möglich“, fuhr ich fort, „plane ich, hier ein Yoga-Institut zu eröffnen. Die gesegnete Rolle des KRIYA YOGA im Westen hat kaum mehr als gerade erst begonnen. Mögen alle Menschen erkennen, dass es eine bestimmte, wissenschaftliche Technik der Selbstverwirklichung zur Überwindung allen menschlichen Leids gibt!“
Bis tief in die Nacht diskutierte mein lieber Freund – der erste KRIYA YOGI in Amerika – mit mir über die Notwendigkeit von Weltkolonien, die auf einer spirituellen Grundlage beruhen. Die Übel, die einer anthropomorphen Abstraktion namens „Gesellschaft“ zugeschrieben werden, können realistischer vor die Tür von Jedermann gelegt werden. Utopie muss im privaten Inneren entspringen, bevor sie in bürgerlicher Tugend erblühen kann. Der Mensch ist eine Seele, keine Institution; nur seine inneren Reformen können äußeren Dauer verleihen. Durch die Betonung spiritueller Werte, der Selbstverwirklichung, ist eine Kolonie, die weltweite Brüderlichkeit verkörpert, dazu befähigt, inspirierende Schwingungen weit über ihren Standort hinaus zu senden.
15. August 1945, Ende des Globalen Krieges II! Ende einer Welt; Morgendämmerung eines rätselhaften Atomzeitalters! Die Bewohner der Einsiedelei versammelten sich in der Haupthalle zu einem Dankgebet. „Himmlischer Vater, möge es niemals wieder geschehen! Deine Kinder gehen von nun an als Brüder!“
Die Spannung der Kriegsjahre war verflogen; unsere Seelen schnurrten in der Sonne des Friedens. Ich blickte glücklich auf jeden meiner amerikanischen Kameraden.
„Herr“, dachte ich dankbar, „Du hast diesem Mönch eine große Familie gegeben!“
{FN48-1} Encinitas ist eine kleine Stadt am Coast Highway 101, 100 Meilen südlich von Los Angeles und 25 Meilen nördlich von San Diego.
{FN48-2} Ich übersetze hier die Worte des Liedes von Guru Nanak:
O Gott wunderschön! O Gott wunderschön! Im Wald bist Du das Grün, Im Berg bist Du die Höhe, Im Fluss bist Du das Rastlose, Im Ozean bist Du die Schwere! Dem Dienenden bist Du der Dienst, Dem Liebenden bist Du die Liebe, Dem Leidenden bist Du das Mitgefühl, Dem Yogi bist Du die Wonne! O Gott wunderschön! O Gott wunderschön! Zu Deinen Füßen, o ich verneige mich!