BIOGRAPHIA LITERARIA
INHALTSVERZEICHNIS
KAP.
I Beweggründe zu diesem Werk – Aufnahme der ersten Veröffentlichung des Verfassers – Bildung seines Geschmacks in der Schule – Wirkung zeitgenössischer Schriftsteller auf jugendliche Gemüter – Bowles’ Sonette – Vergleich zwischen den Dichtern vor und seit Pope
II Die angebliche Reizbarkeit des Genies, geprüft an Tatsachen – Ursachen und Anlässe des Vorwurfs – Seine Ungerechtigkeit
III Die Verpflichtungen des Verfassers gegenüber Kritikern und der wahrscheinliche Anlass – Prinzipien der modernen Kritik – Mr. Southeys Werke und Charakter
IV Die Lyrical Ballads samt Vorwort – Mr. Wordsworths frühere Gedichte – Über Phantasie und Einbildungskraft – Die Untersuchung dieser Unterscheidung ist wichtig für die Schönen Künste
V Über das Gesetz der Assoziation – Seine Geschichte, zurückverfolgt von Aristoteles bis Hartley
VI Dass Hartleys System, soweit es sich von dem des Aristoteles unterscheidet, weder theoretisch haltbar noch auf Tatsachen gegründet ist
VII Über die notwendigen Konsequenzen der Hartleyschen Theorie – Über den ursprünglichen Irrtum oder die Zweideutigkeit, die ihre Anerkennung bewirkten – Memoria technica
VIII Das von Descartes eingeführte System des Dualismus – Zuerst von Spinoza und danach von Leibniz zur Lehre der Harmonia praestabilita verfeinert – Hylozoismus – Materialismus – Keines dieser Systeme, oder irgendeine mögliche Theorie der Assoziation, liefert oder ersetzt eine Theorie der Wahrnehmung oder erklärt die Bildung des Assoziierbaren
IX Ist Philosophie als Wissenschaft möglich, und was sind ihre Bedingungen? – Giordano Bruno – Literarische Aristokratie oder das Bestehen eines stillschweigenden Paktes unter den Gelehrten als privilegiertem Stand – Die Verpflichtungen des Verfassers gegenüber den Mystikern – Gegenüber Immanuel Kant – Der Unterschied zwischen dem Buchstaben und dem Geist von Kants Schriften und eine Verteidigung der Vorsicht im Lehren der Philosophie – Fichtes Versuch, das kritische System zu vervollständigen – Sein teilweiser Erfolg und endgültiges Scheitern – Verpflichtungen gegenüber Schelling; und unter den englischen Schriftstellern gegenüber Saumarez
X Ein Kapitel der Abschweifung und Anekdoten, als Zwischenspiel vor demjenigen über das Wesen und die Entstehung der Einbildungskraft oder der plastischen Kraft – Über Pedanterie und pedantische Ausdrücke – Rat an junge Autoren in Bezug auf Veröffentlichungen – Verschiedene Anekdoten aus dem literarischen Leben des Verfassers und der Fortschritt seiner Ansichten in Religion und Politik
XI Eine liebevolle Ermahnung an diejenigen, die sich in jungen Jahren dazu berufen fühlen, Autoren zu werden
XII Ein Kapitel der Bitten und Vorwarnungen bezüglich der Lektüre oder des Auslassens des folgenden Kapitels
XIII Über die Einbildungskraft oder die esemplastische Kraft
XIV Anlass der Lyrical Ballads und die ursprünglich beabsichtigten Ziele – Vorwort zur zweiten Auflage – Die darauffolgende Kontroverse, ihre Ursachen und Schärfe – Philosophische Definitionen eines Gedichts und der Poesie mit Scholien
XV Die spezifischen Symptome dichterischer Kraft, erläutert in einer kritischen Analyse von Shakespeares Venus and Adonis und Rape of Lucrece
XVI Auffällige Unterschiede zwischen den Dichtern der gegenwärtigen Zeit und denen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts – Wunsch nach der Vereinigung der charakteristischen Vorzüge beider
XVII Untersuchung der für Mr. Wordsworth eigentümlichen Lehrsätze – Das ländliche Leben (vor allem das einfache und ländliche Leben) sei besonders ungünstig für die Bildung einer menschlichen Diktion – Die besten Teile der Sprache seien das Produkt von Philosophen, nicht von Bauern oder Hirten – Poesie sei im Wesentlichen ideal und gattungsmäßig – Die Sprache Miltons sei ebenso die Sprache des wirklichen Lebens, ja unvergleichlich mehr als die des Landmanns
XVIII Sprache der metrischen Komposition, warum und worin sie sich wesentlich von der der Prosa unterscheidet – Ursprung und Elemente des Metrums – Seine notwendigen Konsequenzen und die dadurch dem metrischen Schriftsteller bei der Wahl seiner Diktion auferlegten Bedingungen
XIX Fortsetzung – Über das eigentliche Ziel, das Mr. Wordsworth in seinem kritischen Vorwort wahrscheinlich vor Augen hatte – Erläuterung und Anwendung dessen
XX Das frühere Thema fortgesetzt – Der neutrale Stil oder derjenige, der Prosa und Poesie gemeinsam ist, veranschaulicht durch Beispiele von Chaucer, Herbert und anderen
XXI Bemerkungen zur gegenwärtigen Art der Führung kritischer Journale
XXII Die charakteristischen Mängel von Wordsworths Poesie, nebst den Prinzipien, aus denen das Urteil, dass es Mängel seien, hergeleitet wird – Ihr Verhältnis zu den Schönheiten – Zum größten Teil nur für seine Theorie charakteristisch
SATYRANE’S LETTERS
XXIII Kritik an Bertram
XXIV Schluss
So wenig er auch bestimmt seyn mag, andere zu belehren, so wünscht er doch sich denen mitzuteilen, die er sich gleichgesinnt weiß, (oder hofft,) deren Anzahl aber in der Breite der Welt zerstreut ist; er wünscht sein Verhältnis zu den ältesten Freunden dadurch wieder anzuknüpfen, mit neuen es fortzusetzen, und in der letzten Generation sich wieder andere für seine übrige Lebenszeit zu gewinnen. Er wünscht der Jugend die Umwege zu ersparen, auf denen er sich selbst verirrte. (Goethe. Einleitung in die Propylaeen.)
ÜBERSETZUNG. So wenig er auch bestimmt sein mag, andere zu belehren, so wünscht er doch, denen sein Herz zu öffnen, von denen er weiß oder hofft, dass sie gleichgesinnt mit ihm sind, die aber weit verstreut in der Welt leben: Er wünscht seine Verbindungen mit seinen ältesten Freunden neu zu knüpfen, die kürzlich geknüpften fortzusetzen und für den verbleibenden Lauf seines Lebens andere Freunde in der nachwachsenden Generation zu gewinnen. Er wünscht der Jugend jene Umwege zu ersparen, auf denen er selbst den Weg verloren hatte.
BIOGRAPHIA LITERARIA
KAPITEL I
Beweggründe zu diesem Werk – Aufnahme der ersten Veröffentlichung des Verfassers – Bildung seines Geschmacks in der Schule – Wirkung zeitgenössischer Schriftsteller auf jugendliche Gemüter – Bowles’ Sonette – Vergleich zwischen den Dichtern vor und seit Pope.
Es war mein Los, dass mein Name sowohl im Gespräch als auch im Druck häufiger genannt wurde, als mir leicht zu erklären ist, wenn ich entweder die Geringfügigkeit, Bedeutungslosigkeit und begrenzte Verbreitung meiner Schriften in Betracht ziehe oder die Zurückgezogenheit und Distanz, in der ich sowohl von der literarischen als auch von der politischen Welt gelebt habe. Meistens wurde er mit irgendeinem Vorwurf in Verbindung gebracht, den ich nicht anerkennen konnte, oder mit einem Prinzip, das ich niemals vertreten hatte. Dennoch, hätte ich keinen anderen Beweggrund oder Anreiz gehabt, wäre der Leser mit dieser Rechtfertigung nicht behelligt worden. Was meine weiteren Absichten waren, wird sich auf den folgenden Seiten zeigen. Es wird sich herausstellen, dass das Geringste von dem, was ich geschrieben habe, mich persönlich betrifft. Ich habe die Erzählung hauptsächlich dazu benutzt, dem Werk einen Zusammenhang zu geben, teilweise um der vermischten Reflexionen willen, die mir durch bestimmte Ereignisse nahegelegt wurden, noch mehr aber als Einleitung zu einer Darlegung meiner Prinzipien in Politik, Religion und Philosophie und einer Anwendung der aus philosophischen Prinzipien abgeleiteten Regeln auf Poesie und Kritik. Doch unter den Zielen, die ich mir vornahm, war es nicht das unwichtigste, soweit wie möglich eine Beilegung der lang andauernden Kontroverse über das wahre Wesen der poetischen Diktion zu bewirken; und gleichzeitig mit der äußersten Unparteilichkeit den wirklichen poetischen Charakter des Dichters zu definieren, durch dessen Schriften diese Kontroverse zuerst entfacht und seither genährt und angefacht wurde.
Im Frühjahr 1796, als ich die Schwelle des Mannesalters nur wenig überschritten hatte, veröffentlichte ich einen kleinen Band jugendlicher Gedichte. Sie wurden mit einem Grad an Gunst aufgenommen, von dem ich, so jung ich auch war, wohl wusste, dass er ihnen nicht so sehr für irgendein positives Verdienst zuteilwurde, sondern weil sie als Hoffnungsknospen und Versprechen auf bessere Werke in der Zukunft betrachtet wurden. Die Kritiker jener Tage, die schmeichelhaftesten ebenso wie die strengsten, stimmten darin überein, ihnen Dunkelheit, eine allgemeine Schwülstigkeit der Diktion und eine Fülle neu geprägter doppelter Epitheton [1] vorzuwerfen. Das Erste ist der Fehler, den ein Schriftsteller am wenigsten an seinen eigenen Kompositionen zu entdecken vermag: und mein Geist war damals noch nicht hinreichend geschult, um die Autorität anderer als Ersatz für meine eigene Überzeugung anzunehmen. Zufrieden damit, dass die Gedanken, wie sie nun einmal waren, nicht anders oder zumindest nicht klarer hätten ausgedrückt werden können, vergaß ich zu fragen, ob die Gedanken selbst nicht einen Grad an Aufmerksamkeit verlangten, der für das Wesen und die Ziele der Poesie ungeeignet war. Diese Bemerkung gilt jedoch hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, für die Religious Musings. Den Rest des Vorwurfs erkannte ich in vollem Umfang an, und zwar nicht ohne aufrichtigen Dank sowohl an meine privaten als auch an meine öffentlichen Zensoren für ihre freundlichen Ermahnungen. In den späteren Ausgaben stutzte ich die doppelten Epitheton mit nicht schonender Hand und wandte meine besten Anstrengungen an, um das Anschwellen und Glitzern sowohl des Gedankens als auch der Diktion zu zähmen; wenngleich sich diese Parasitenpflanzen jugendlicher Poesie in Wahrheit mit einer solchen Kompliziertheit der Verbindung in meine längeren Gedichte eingeschlichen hatten, dass ich oft gezwungen war, davon abzusehen, das Unkraut zu entwirren, aus Furcht, die Blume abzuknicken. Von jenem Zeitraum bis zum Datum des vorliegenden Werkes habe ich nichts unter meinem Namen veröffentlicht, was möglicherweise vor das Gremium anonymer Kritik hätte kommen können. Selbst die drei oder vier Gedichte, die mit den Werken eines Freundes [2] gedruckt wurden, wurden, soweit sie überhaupt getadelt wurden, mit denselben oder ähnlichen Mängeln belastet (obwohl ich überzeugt bin, nicht mit gleicher Gerechtigkeit) – mit einem Übermaß an Schmuck, zusätzlich zu einer gezwungenen und elaborierten Diktion. Ich muss hinzufügen dürfen, dass ich selbst in der frühen Zeit meiner jugendlichen Gedichte die Überlegenheit eines strengeren und natürlicheren Stils erkannte und zugab, mit einer Einsicht, die nicht weniger klar war als die, die ich gegenwärtig besitze. Mein Urteilsvermögen war stärker als meine Fähigkeit, seine Gebote zu verwirklichen; und die Fehler meiner Sprache, obwohl sie tatsächlich teilweise einer falschen Wahl der Themen und dem Wunsch zuzuschreiben waren, abstrakten und metaphysischen Wahrheiten eine poetische Färbung zu geben, in denen sich mir damals eine neue Welt zu eröffnen schien, entsprangen dennoch zum Teil auch einem unverstellten Misstrauen gegenüber meinem eigenen vergleichbaren Talent. Während mehrerer Jahre meiner Jugend und meines frühen Mannesalters verehrte ich diejenigen, die die männliche Einfachheit der griechischen und unserer eigenen älteren Dichter wieder eingeführt hatten, mit solchem Enthusiasmus, dass die Hoffnung, erfolgreich im gleichen Stil zu schreiben, vermessen erschien. Vielleicht hat sich bei anderen ein ähnlicher Prozess vollzogen; aber meine frühesten Gedichte waren von einer Leichtigkeit und Einfachheit geprägt, die ich, vielleicht mit geringerem Erfolg, in meine späteren Kompositionen einzuprägen bestrebt war.
In der Schule (Christ’s Hospital) genoss ich den unschätzbaren Vorteil eines sehr vernünftigen, wenn auch gleichzeitig sehr strengen Lehrers, des Reverend James Bowyer. Er formte meinen Geschmack schon früh dahin, Demosthenes dem Cicero vorzuziehen, Homer und Theokrit dem Vergil und wiederum Vergil dem Ovid. Er gewöhnte mich daran, Lukrez (in solchen Auszügen, wie ich sie damals las), Terenz und vor allem die keuscheren Gedichte des Catullus nicht nur mit den römischen Dichtern der sogenannten silbernen und ehernen Zeitalter zu vergleichen, sondern sogar mit denen des augusteischen Zeitalters: und auf Gründen des klaren Verstandes und der universellen Logik die Überlegenheit der Ersteren in der Wahrheit und Natürlichkeit sowohl ihrer Gedanken als auch ihrer Diktion zu sehen und zu behaupten. Zur gleichen Zeit, als wir die griechischen tragischen Dichter studierten, ließ er uns Shakespeare und Milton als Lektionen lesen: und es waren dies auch die Lektionen, die die meiste Zeit und Mühe erforderten, um sie so vorzubereiten, dass sie seinem Tadel entgingen. Ich lernte von ihm, dass Poesie, selbst die der erhabensten und, scheinbar, die der wildesten Oden, eine eigene Logik besaß, so streng wie die der Wissenschaft; und schwieriger, weil subtiler, komplexer und von mehr und flüchtigeren Ursachen abhängig. Bei den wahrhaft großen Dichtern, pflegte er zu sagen, gibt es einen Grund, der nicht nur für jedes Wort, sondern auch für die Position jedes Wortes anzugeben ist; und ich erinnere mich wohl, dass er, sich der Synonyme zum Homer von Didymus bedienend, uns versuchen ließ, in Bezug auf jedes einzelne zu zeigen, warum es nicht denselben Zweck erfüllt hätte; und worin die besondere Eignung des Wortes im ursprünglichen Text bestand.
In unseren eigenen englischen Kompositionen (zumindest während der letzten drei Jahre unserer Schulerziehung) kannte er kein Erbarmen mit Phrasen, Metaphern oder Bildern, die nicht von einem gesunden Menschenverstand gestützt wurden, oder wo derselbe Sinn mit gleicher Kraft und Würde in einfacheren Worten hätte vermittelt werden können [3]. Laute, Harfe und Leier, Muse, Musen und Inspirationen, Pegasus, Parnass und Hippokrene waren ihm alle ein Gräuel. In meiner Phantasie kann ich ihn fast noch jetzt hören, wie er ausrief: „Harfe? Harfe? Leier? Feder und Tinte, Junge, das meinst du! Muse, Junge, Muse? Deine Kinderfrau meinst du! Pierische Quelle? Oh ja! die Klosterpumpe, nehme ich an!“ Ja, bestimmte Einleitungen, Gleichnisse und Beispiele wurden namentlich auf eine Liste der Untersagung gesetzt. Unter den Gleichnissen gab es, daran erinnere ich mich, das der Manzinellenfrucht, da es auf allzu viele Themen gleichermaßen gut passte; in der es jedoch sofort die Palme an das Beispiel von Alexander und Clytus abtrat, welches gleichermaßen gut und treffend war, was auch immer das Thema sein mochte. War es Ehrgeiz? Alexander und Clytus! – Schmeichelei? Alexander und Clytus! – Zorn – Trunkenheit – Stolz – Freundschaft – Undankbarkeit – späte Reue? Immer, immer Alexander und Clytus! Schließlich, nachdem das Lob der Landwirtschaft mit der klugen Beobachtung veranschaulicht worden war, dass Alexander, hätte er den Pflug gehalten, seinen Freund Clytus nicht mit einem Speer durchbohrt hätte, wurde dieser erprobte und diensteifrige alte Freund durch öffentliches Edikt in saecula saeculorum verbannt. Ich habe manchmal zu denken gewagt, dass eine Liste dieser Art, oder ein Index expurgatorius bestimmter bekannter und immer wiederkehrender Phrasen, sowohl einleitender als auch überleitender, einschließlich einer großen Auswahl an bescheidenen Egoismen und schmeichelhaften Illeismen und dergleichen, mit großem Vorteil für die Öffentlichkeit in unseren Gerichtshöfen und beiden Häusern des Parlaments aufgehängt werden könnte, als eine wichtige Ersparnis an nationaler Zeit, eine unberechenbare Erleichterung für die Minister Seiner Majestät, vor allem aber, um sich den Dank der Landanwälte und ihrer Klienten zu sichern, die Privatvorlagen durch das Haus zu bringen haben.
Wie dem auch sei, es gab einen Brauch unseres Lehrers, den ich nicht mit Stillschweigen übergehen kann, weil ich ihn für nachahmenswert und der Nachahmung würdig halte. Er erlaubte oft, dass sich unsere Übungen unter irgendeinem Vorwand des Zeitmangels ansammelten, bis jeder Junge vier oder fünf hatte, die durchgesehen werden mussten. Dann legte er die ganze Anzahl nebeneinander auf sein Pult und fragte den Verfasser, warum dieser oder jener Satz nicht einen ebenso passenden Platz unter dieser oder jener anderen These hätte finden können: und wenn keine befriedigende Antwort gegeben werden konnte und zwei Fehler derselben Art in einer Übung gefunden wurden, folgte das unwiderrufliche Urteil, die Übung wurde zerrissen und eine andere zum selben Thema musste erstellt werden, zusätzlich zu den Aufgaben des Tages. Der Leser wird, so hoffe ich, diesen Tribut der Erinnerung an einen Mann entschuldigen, dessen Strenge selbst heute noch nicht selten die Träume liefert, durch die die blinde Phantasie den Geist die schmerzhaften Empfindungen des krankhaften Schlafes interpretieren lassen möchte; aber sie verringern oder trüben nicht das tiefe Gefühl meiner moralischen und intellektuellen Verpflichtungen. Er entließ uns als exzellente Latein- und Griechischgelehrte und erträgliche Hebraisten an die Universität. Doch unser klassisches Wissen war das geringste der guten Gaben, die wir aus seiner eifrigen und gewissenhaften Unterweisung erhielten. Er ist nun zu seinem endgültigen Lohn eingegangen, voll von Jahren und voll von Ehren, selbst von jenen Ehren, die seinem Herzen am teuersten waren, da sie dankbar von jener Schule verliehen wurden und ihn noch immer an die Interessen jener Schule binden, in der er selbst erzogen worden war und der er sein ganzes Leben lang gewidmet war.
Aus Gründen, deren Untersuchung hier nicht am Platz ist, können keine Modelle vergangener Zeiten, wie vollkommen sie auch sein mögen, dieselbe lebendige Wirkung auf den jugendlichen Geist haben wie die Erzeugnisse zeitgenössischen Genies. Die Disziplin, die mein Geist durchlaufen hatte, Ne falleretur rotundo sono et versuum cursu, cincinnis, et floribus; sed ut inspiceret quidnam subesset, quae, sedes, quod firmamentum, quis fundus verbis; an figures essent mera ornatura et orationis fucus; vel sanguinis e materiae ipsius corde effluentis rubor quidam nativus et incalescentia genuina; – entfernte alle Hindernisse für die Würdigung der Exzellenz im Stil, ohne mein Vergnügen zu schmälern. Dass ich auf diese Weise auf die Lektüre von Mr. Bowles’ Sonetten und früheren Gedichten vorbereitet war, steigerte sowohl ihren Einfluss als auch meinen Enthusiasmus. Die großen Werke vergangener Zeitalter erscheinen einem jungen Mann als Dinge einer anderen Rasse, gegenüber denen seine Fähigkeiten passiv und unterwürfig bleiben müssen, ebenso wie gegenüber den Sternen und Bergen. Aber die Schriften eines Zeitgenossen, vielleicht nicht viele Jahre älter als er selbst, umgeben von denselben Umständen und diszipliniert durch dieselben Sitten, besitzen eine Realität für ihn und inspirieren eine tatsächliche Freundschaft wie von Mensch zu Mensch. Seine Bewunderung selbst ist der Wind, der seine Hoffnung anheizt und nährt. Die Gedichte selbst nehmen die Eigenschaften von Fleisch und Blut an. Sie zu rezitieren, zu preisen, für sie einzutreten, ist nur die Zahlung einer Schuld an jemanden, der existiert, um sie entgegenzunehmen.
Es gibt in der Tat Lehrmethoden, die Jugendliche von sehr unterschiedlichem Schlag hervorgebracht haben und hervorbringen; Lehrmethoden, im Vergleich zu denen wir aufgerufen wurden, unsere großen öffentlichen Schulen und Universitäten zu verachten,
in deren Hallen hängen Die Rüstkammern der unbesiegbaren Ritter von einst –
Methoden, durch die Kinder in Wunderkinder verwandelt werden sollen. Und Wunderkinder mit einer Rache habe ich so hervorgebracht gesehen; Wunderkinder der Selbstgefälligkeit, Oberflächlichkeit, Arroganz und Ungläubigkeit! Anstatt das Gedächtnis, während der Zeit, in der das Gedächtnis die vorherrschende Fähigkeit ist, mit Fakten für die spätere Übung des Urteilsvermögens anzusammeln; und anstatt durch die edelsten Modelle die innige und unvermischte Liebe und Bewunderung zu wecken, die die natürliche und anmutige Verfassung der frühen Jugend ist; werden diese Pfleglinge verbesserter Pädagogik gelehrt, zu streiten und zu entscheiden; alles außer ihrer eigenen Weisheit und der ihres Lehrers zu verdächtigen; und nichts vor ihrer Verachtung heilig zu halten, außer ihrer eigenen verächtlichen Arroganz; Jungen-Absolventen in allen technischen Details und in allen schmutzigen Leidenschaften und der Unverschämtheit anonymer Kritik. Nur für solche Veranlagungen kann die Ermahnung des Plinius erforderlich sein: Neque enim debet operibus ejus obesse, quod vivit. An si inter eos, quos nunquam vidimus, floruisset, non solum libros ejus, verum etiam imagines conquireremus, ejusdem nunc honor prasentis, et gratia quasi satietate languescet? At hoc pravum, malignumque est, non admirari hominem admiratione dignissimum, quia videre, complecti, nec laudare tantum, verum etiam amare contingit.
Ich hatte gerade mein siebzehntes Jahr begonnen, als die Sonette von Mr. Bowles, zwanzig an der Zahl und gerade damals in einer Quartbroschüre veröffentlicht, mir zuerst durch einen Mitschüler bekannt gemacht und überreicht wurden, der uns für die Universität verlassen hatte und der während der ganzen Zeit, die er in unserer ersten Klasse (oder in unserer Schulsprache ein Grieche) war, mein Gönner und Beschützer gewesen war. Ich beziehe mich auf Dr. Middleton, den wahrhaft gelehrten und in jeder Hinsicht exzellenten Bischof von Kalkutta:
qui laudibus amplis Ingenium celebrare meum, calamumque solebat, Calcar agens animo validum. Non omnia terra Obruta; vivit amor, vivit dolor; ora negatur Dulcia conspicere; at fiere et meminisse relictum est.
Es war eine doppelte Freude für mich und bleibt bis heute eine zarte Erinnerung, dass ich von einem so verehrten Freund die erste Kenntnis eines Dichters erhielt, an dessen Werken ich mich Jahr um Jahr so enthusiastisch erfreute und von denen ich mich inspirieren ließ. Meine frühesten Bekannten werden nicht den undisziplinierten Eifer und den ungestümen Eifer vergessen haben, mit dem ich mich bemühte, Proselyten zu machen, nicht nur unter meinen Gefährten, sondern unter allen, mit denen ich sprach, welchen Standes auch immer und an welchem Ort auch immer. Da meine Schulfinanzen es mir nicht erlaubten, Exemplare zu kaufen, fertigte ich in weniger als anderthalb Jahren mehr als vierzig Abschriften an, als die besten Geschenke, die ich denen anbieten konnte, die in irgendeiner Weise mein Ansehen gewonnen hatten. Und mit fast gleicher Freude nahm ich die drei oder vier folgenden Veröffentlichungen desselben Autors entgegen.
Obgleich ich genug von der Menschheit gesehen und erfahren habe, um mir wohl bewusst zu sein, dass ich vielleicht allein dastehe mit meinem Glauben und dass es gut für mich wäre, wenn ich mich keiner schlimmeren Beschuldigung als der der Eigenwilligkeit aussetzte; so bin ich dennoch nicht davon abgehalten, zu bekennen, dass ich die Verpflichtungen des Intellekts zu den heiligsten Ansprüchen der Dankbarkeit rechne und schon immer gerechnet habe. Ein wertvoller Gedanke oder ein bestimmter Gedankengang bereitet mir zusätzliche Freude, wenn ich ihn getrost auf das Gespräch oder den Briefwechsel eines anderen zurückführen und ihm zuschreiben kann. Meine Verpflichtungen gegenüber Mr. Bowles waren in der Tat bedeutend und von grundlegendem Nutzen. In einem sehr unreifen Alter, noch vor meinem fünfzehnten Jahr, hatte ich mich in der Metaphysik und in theologischen Auseinandersetzungen verirrt. Nichts anderes gefiel mir. Geschichte und besondere Fakten verloren jeden Reiz für meinen Geist. Poesie – (obwohl ich für einen Schuljungen in diesem Alter in englischer Versifikation über dem Durchschnitt lag und bereits zwei oder drei Kompositionen hervorgebracht hatte, von denen ich zu sagen wage, dass sie, ohne Rücksicht auf mein Alter, etwas über dem Mittelmaß lagen und mir mehr Anerkennung eingebracht hatten, als es dem gesunden, guten Verstand meines alten Lehrers gefiel) – Poesie selbst, ja, Romane und Rittergeschichten wurden mir schal. Auf meinen freundlosen Wanderungen an unseren freien Tagen (denn ich war ein Waise und hatte kaum Verbindungen in London) war ich hocherfreut, wenn ein Passant, besonders wenn er schwarz gekleidet war, ein Gespräch mit mir begann. Denn ich fand bald die Mittel, es auf meine Lieblingsthemen zu lenken:
Von Vorsehung, Vorherwissen, Wille und Schicksal, Festem Schicksal, freiem Willen, absolutem Vorherwissen, Und fand kein Ende, in irrenden Labyrinthen verloren.
Dieses aberwitzige Streben war zweifellos schädlich sowohl für meine natürlichen Kräfte als auch für den Fortschritt meiner Bildung. Es wäre vielleicht zerstörerisch gewesen, hätte es angehalten; doch davon wurde ich glücklicherweise abgebracht, teils durch die zufällige Bekanntschaft mit einer liebenswürdigen Familie, hauptsächlich jedoch durch den heilsamen Einfluss eines Stils der Poesie, der so zart und doch so männlich, so natürlich und wahr, und doch so würdevoll und harmonisch war wie die Sonette und andere frühe Gedichte von Mr. Bowles. Wohl wäre es vielleicht für mich gewesen, hätte ich nie einen Rückfall in dieselbe geistige Krankheit erlitten; hätte ich weiterhin die Blume gepflückt und die Ernte von der kultivierten Oberfläche eingebracht, anstatt in den ungesunden Quecksilberminen metaphysischen Wissens zu graben. Und wenn ich in späterer Zeit in schwierigen Nachforschungen eine Zuflucht vor körperlichem Schmerz und falsch gelenkter Empfindsamkeit gesucht habe, welche die Kraft und Subtilität des Verstandes übten, ohne die Gefühle des Herzens zu wecken; so gab es doch ein langes und gesegnetes Intervall, während dessen meine natürlichen Fähigkeiten sich entfalten durften und meine ursprünglichen Neigungen sich entwickeln konnten – meine Fantasie, die Liebe zur Natur und der Sinn für Schönheit in Formen und Klängen.
Der zweite Vorteil, den ich dem frühen Lesen und der Bewunderung dieser Gedichte verdanke (zu denen ich noch – obgleich sie mir erst etwas später bekannt wurden – das Lewesdon Hill von Mr. Crowe hinzufügen möchte), betrifft unmittelbarer mein jetziges Thema. Unter denen, mit denen ich mich unterhielt, gab es natürlich sehr viele, die ihren Geschmack und ihre Vorstellungen von Poesie aus den Schriften von Pope und seinen Nachfolgern geformt hatten; oder allgemeiner gesprochen, in jener Schule französischer Poesie, die, durch englischen Verstand verdichtet und gestärkt, seit dem letzten Jahrhundert vorherrschend war. Ich war nicht blind für die Vorzüge dieser Schule, doch da sie mir aufgrund meiner Unerfahrenheit mit der Welt und der daraus resultierenden mangelnden Anteilnahme an den allgemeinen Themen dieser Gedichte wenig Vergnügen bereiteten, unterschätzte ich zweifellos die Gattung und versagte ihren Meistern mit der Anmaßung der Jugend den rechtmäßigen Namen von Dichtern. Ich sah, dass die Exzellenz dieser Gattung in treffenden und scharfsinnigen Beobachtungen über Menschen und Sitten in einem künstlichen Zustand der Gesellschaft als ihrem Stoff und Inhalt bestand; und in der Logik des Witzes, vorgetragen in glatten und starken epigrammatischen Reimpaaren, als ihrer Form: dass selbst dann, wenn sich das Thema an die Fantasie oder den Intellekt richtete, wie im Rape of the Lock oder dem Essay on Man; ja, selbst wenn es eine fortlaufende Erzählung war, wie in jenem erstaunlichen Produkt unvergleichlichen Talents und Einfallsreichtums, Popes Übersetzung der Ilias; immer noch am Ende jedes zweiten Verses ein Pointierung erwartet wurde und das Ganze gleichsam ein Sorites war, oder, wenn ich eine logische gegen eine grammatikalische Metapher austauschen darf, eine disjunktive Konjunktion von Epigrammen. Unterdessen schienen mir der Inhalt und die Wortwahl weniger durch poetische Gedanken charakterisiert, als vielmehr durch Gedanken, die in die Sprache der Poesie übersetzt waren. Zu diesem letzten Punkt hatte ich Gelegenheit, mir meine eigenen Gedanken durch häufige freundschaftliche Streitgespräche über Darwins Botanic Garden nach und nach immer deutlicher zu machen, welches einige Jahre lang nicht nur vom lesenden Publikum im Allgemeinen, sondern selbst von jenen hoch gelobt wurde, deren Genie und natürliche Robustheit des Verstandes sie später dazu befähigten, bei der Zerstreuung dieser „gemalten Nebel“, die gelegentlich aus den Sümpfen am Fuße des Parnass aufsteigen, eine führende Rolle zu spielen. Während meiner ersten Ferien in Cambridge unterstützte ich einen Freund bei einem Beitrag für eine Literaturgesellschaft in Devonshire: und in diesem entsinne ich mich, Darwins Werk mit dem russischen Eispalast verglichen zu haben, glitzernd, kalt und vergänglich. In demselben Aufsatz führte ich auch verschiedene Gründe an, die hauptsächlich aus einem Vergleich von Passagen lateinischer Dichter mit dem griechischen Original, dem sie entlehnt waren, stammten, für die Bevorzugung von Collins’ Oden gegenüber denen von Gray; und des Vergleichs bei Shakespeare:
Wie ein Jüngling oder ein Verschwender, Legt das beflaggte Schiff von seiner Heimatbucht ab, Geherzt und umarmt vom Hurenwind! Wie der Verschwender kehrt es zurück, Mit vom Wetter gezeichneten Rippen und zerlumpten Segeln, Mager, zerrissen und vom Hurenwind zu Bettlern gemacht! (Kaufmann von Venedig, 2. Akt, 6. Szene.)
gegenüber der Nachahmung im Bard:
Heiter lacht der Morgen, und sanft weht der Zephir, Während stolz über das azurne Reich reitend In stattlichem Schmuck das vergoldete Schiff fährt, Jugend am Bug und das Vergnügen am Steuer; Ungeachtet des fegenden Wirbelwinds Macht, Der, in grimmiger Ruhe schweigend, seine abendliche Beute erwartet.
(wobei die Wörter „Reich“ und „Macht“ übrigens teuer erkaufte Reime sind) – ich zog das Original deshalb vor, weil es in der Nachahmung ganz davon abhing, ob der Setzer einen kleinen Anfangsbuchstaben setzte oder nicht, sowohl in dieser als auch in vielen anderen Passagen desselben Dichters, ob die Wörter Personifizierungen oder bloße Abstraktionen sein sollten. Ich erwähne dies, weil ich, als ich verschiedene Zeilen bei Gray auf ihr Original bei Shakespeare und Milton zurückführte und die klare Wahrnehmung hatte, wie vollständig die Angemessenheit bei der Übertragung verloren ging, zu jener frühen Zeit zu einer Vermutung geführt wurde, die mir viele Jahre später wieder ins Gedächtnis gerufen wurde, als derselbe Gedanke im Gespräch geäußert wurde, jedoch weit fähiger und vollständiger entwickelt von Mr. Wordsworth; – nämlich, dass dieser Stil der Poesie, den ich oben als Übersetzung von Prosagedanken in poetische Sprache charakterisiert habe, durch die Sitte, lateinische Verse zu schreiben, und die große Bedeutung, die diesen Übungen an unseren öffentlichen Schulen beigemessen wurde, aufrechterhalten wurde, wenn er nicht sogar gänzlich daraus entstand. Wie es auch im fünfzehnten Jahrhundert gewesen sein mag, als der Gebrauch der lateinischen Zunge unter gelehrten Männern so allgemein war, dass Erasmus seine Muttersprache vergessen haben soll; so ist doch in heutiger Zeit nicht anzunehmen, dass ein Jüngling auf Lateinisch denken kann, oder dass er irgendein anderes Vertrauen in die Kraft oder Eignung seiner Phrasen haben kann als die Autorität des Schriftstellers, von dem er sie übernommen hat. Folglich muss er erst seine Gedanken vorbereiten und dann aus Virgil, Horaz, Ovid oder vielleicht kürzer aus seinem Gradus die Hälften und Viertel von Versen herauspicken, in denen er sie verkörpern kann.
Ich habe niemals etwas gegen ein gewisses Maß an Streitlust bei einem jungen Mann vom Alter von siebzehn bis vier- oder fünfundzwanzig Jahren einzuwenden, sofern ich finde, dass er immer nur auf einer Seite der Frage argumentiert. Die Kontroversen, die durch meinen unverstellten Eifer für die Ehre eines von mir damals nur aus seinen Werken bekannten Zeitgenossen hervorgerufen wurden, waren von großem Nutzen für die Bildung und Festigung meines Geschmacks und meiner kritischen Ansichten. Bei meiner Verteidigung der ineinander übergehenden Verszeilen, anstatt an jedem Reimpaar zu schließen; und der natürlichen Sprache, weder gelehrt noch vulgär, weder nach der Lampe noch nach der Gasse duftend, wie etwa: Ich werde deiner gedenken; anstatt desselben Gedankens, herausgeputzt im Trödelmarkt-Putz von:
------dein Bildnis soll die Erinnerung Vor das Auge meiner Fantasie auf ihrem Flügel bringen, --
musste ich fortwährend das Metrum und die Diktion der griechischen Dichter anführen, von Homer bis einschließlich Theokrit; und noch mehr unserer älteren englischen Dichter, von Chaucer bis Milton. Und das war nicht alles. Aber da es meine ständige Antwort auf Autoritäten war, die von späteren Dichtern großen Namens gegen mich vorgebracht wurden, dass keine Autorität im Widerspruch zu Wahrheit, Natur, Logik und den Gesetzen der universellen Grammatik gelten könne; angetrieben zudem von meiner früheren Leidenschaft für metaphysische Untersuchungen; arbeitete ich an einem soliden Fundament, auf dem ich meine Meinungen dauerhaft begründen konnte, in den konstituierenden Fähigkeiten des menschlichen Geistes selbst und ihrer vergleichenden Würde und Bedeutung. Entsprechend der Fähigkeit oder Quelle, aus der das durch ein Gedicht oder eine Passage vermittelte Vergnügen abgeleitet wurde, schätzte ich den Wert eines solchen Gedichts oder einer solchen Passage ein. Als Ergebnis meines gesamten Lesens und Nachdenkens abstrahierte ich zwei kritische Aphorismen, in der Annahme, sie umfassten die Bedingungen und Kriterien poetischen Stils; – erstens, dass nicht das Gedicht, das wir gelesen haben, sondern dasjenige, zu dem wir mit dem größten Vergnügen zurückkehren, die echte Kraft besitzt und den Namen essenzieller Poesie beansprucht; – zweitens, dass alle Zeilen, die ohne Minderung ihrer Bedeutung, sei es im Sinn oder in der Assoziation oder in irgendeinem würdigen Gefühl, in andere Worte derselben Sprache übersetzt werden können, in ihrer Diktion insofern fehlerhaft sind. Es sei jedoch bemerkt, dass ich von der Liste der würdigen Gefühle das Vergnügen ausschloss, das aus bloßer Neuheit beim Leser entsteht, sowie den Wunsch, beim Autor Verwunderung über seine Fähigkeiten zu erregen. Oft habe ich mir seitdem beim Verfolgen französischer Tragödien zwei Bewunderungszeichen am Ende jeder Zeile als Hieroglyphen der Bewunderung des Autors über seine eigene Klugheit vorgestellt. Unsere echte Bewunderung für einen großen Dichter ist ein kontinuierlicher Unterstrom des Gefühls! Er ist überall gegenwärtig, aber selten irgendwo als eine separate Erregung. Ich pflegte kühn zu behaupten, dass es kaum schwieriger wäre, mit bloßer Hand einen Stein aus den Pyramiden zu stoßen, als bei Milton oder Shakespeare (zumindest in ihren bedeutendsten Werken) ein Wort oder die Position eines Wortes zu ändern, ohne den Dichter dazu zu bringen, etwas anderes oder etwas Schlechteres zu sagen, als er tatsächlich sagt. Ein großer Unterschied schien mir deutlich zwischen selbst den charakteristischen Fehlern unserer älteren Dichter und der falschen Schönheit der Modernen zu bestehen. Bei ersteren, von Donne bis Cowley, finden wir die fantastischsten, abwegigsten Gedanken, aber im reinsten und echtesten Mutter-Englisch; bei letzteren die offensichtlichsten Gedanken in der fantastischsten und willkürlichsten Sprache. Unsere fehlerhaften älteren Dichter opferten die Leidenschaft und den leidenschaftlichen Fluss der Poesie den Feinheiten des Intellekts und den Sternen des Witzes; die Modernen dem Glanz und dem Schimmer einer ständigen, doch zerbrochenen und heterogenen Bildsprache, oder vielmehr einem amphibischen Etwas, das halb aus Bild und halb aus abstrakter Bedeutung besteht. Die einen opferten das Herz dem Kopf; die anderen sowohl Herz als auch Kopf der Pointierung und der Staffage.
Der Leser muss sich mit dem allgemeinen Stil der Komposition vertraut machen, der zu jener Zeit als Poesie galt, um die Wirkung zu verstehen und sich zu erklären, die die Sonette, die Monodie bei Matlock und die Hoffnung von Mr. Bowles auf mich ausübten; denn es ist eigen für das ursprüngliche Genie, immer weniger auffällig zu werden, je mehr es Erfolg dabei hat, den Geschmack und das Urteilsvermögen seiner Zeitgenossen zu verbessern. Die Gedichte von West hatten zwar das Verdienst einer keuschen und männlichen Diktion; aber sie waren kalt und, wenn ich mich so ausdrücken darf, nur grundiert; während in den besten von Warton eine Steifheit liegt, die ihnen allzu oft den Anschein von Nachahmungen aus dem Griechischen gibt. Welche Beziehung also auch immer Percys Sammlung von Balladen zu den populärsten Gedichten der heutigen Zeit haben mag; so waren doch in einem anhaltenderen und gehobeneren Stil von den damals lebenden Dichtern Cowper und Bowles, soweit mir bekannt ist, die ersten, die natürliche Gedanken mit natürlicher Diktion verbanden; die ersten, die das Herz mit dem Kopf versöhnten.
Es ist wahr, wie ich bereits erwähnt habe, dass ich aufgrund von Selbstzweifeln an meinen eigenen Kräften für kurze Zeit eine mühsame und blumige Diktion annahm, die ich selbst, wenn nicht als absolut fehlerhaft, so doch als von sehr geringem Wert erachtete. Allmählich passte sich meine Praxis jedoch meinem besseren Urteil an; und die Kompositionen meines vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Jahres – (zum Beispiel die kürzeren Gedichte in Blankversen, die Zeilen, die heute die Mitte und den Schluss des Gedichts mit dem Titel Destiny of Nations bilden, und die Tragödie Remorse) – sind in Bezug auf das allgemeine Gewebe des Stils nicht weiter unter meinem jetzigen Ideal als die der neuesten Zeit. Ihre Fehler waren zumindest ein Überrest des früheren Sauerteigs, und unter den vielen, die mir die Ehre erwiesen haben, meine Gedichte in dieselbe Klasse wie die meiner Besseren zu stellen, war der eine oder andere, der vorgab, Beispiele für affektierte Einfachheit aus meinem Band zu bringen, nur in der Lage, ein einziges Beispiel anzuführen, und das aus einer Reihe von Versen, halb lächerlich, halb mürrisch, die ich selbst beabsichtigt und charakterisiert hatte als sermoni propiora.
Jede Reform, wie notwendig auch immer, wird von schwachen Geistern zu einem Exzess getrieben werden, der selbst der Reform bedarf. Der Leser wird mir verzeihen, wenn ich bemerke, dass ich selbst der Erste war, der risu honesto die drei Sünden der Poesie entlarvte, von denen die eine oder andere einen jungen Schriftsteller am ehesten bedrängen dürfte. Schon bei der Veröffentlichung der zweiten Nummer des Monthly Magazine steuerte ich unter dem Namen Nehemiah Higginbottom drei Sonette bei, von denen das erste das Ziel hatte, ein gutmütiges Lachen über den Geist des trübsinnigen Egoismus und über die Wiederkehr von Lieblingsphrasen anzuregen, mit dem doppelten Fehler, gleichzeitig abgedroschen und zügellos zu sein; – das zweite war über niedrige, kriechende Sprache und Gedanken unter dem Vorwand der Einfachheit; das dritte, dessen Phrasen vollständig aus meinen eigenen Gedichten entlehnt waren, über den wahllosen Gebrauch von kunstvoller und geschwollener Sprache und Bildsprache. Der Leser wird sie in der Anmerkung unten finden und sie, wie ich hoffe, nur zu biografischen Zwecken als nachgedruckt betrachten und nicht wegen ihrer poetischen Verdienste. So allgemein war zu jener Zeit und so entschieden die Meinung über die charakteristischen Laster meines Stils, dass ein berühmter Arzt (jetzt, ach! nicht mehr unter uns), der bei anderen Gelegenheiten mit seiner üblichen Güte von mir sprach, es einem Gentleman, der mich bei einem Abendessen treffen sollte, dennoch nicht versagen konnte, ihm einen Hinweis zu geben, nicht in meiner Gegenwart „The house that Jack built“ zu erwähnen, denn „ich wäre bei diesem Sonett so gereizt wie ein Furunkel“, ohne zu wissen, dass ich selbst der Verfasser davon war.
KAPITEL II
Vermeintliche Reizbarkeit von Genies auf die Probe von Fakten gestellt – Ursachen und Anlässe der Beschuldigung – Ihre Ungerechtigkeit.
Ich habe oft gedacht, dass es weder uninstruktiv noch amüsantlos wäre, jenes komplexe Gefühl zu analysieren und ins klare Bewusstsein zu bringen, mit dem Leser im Allgemeinen gegen den Autor und zugunsten des Kritikers Partei ergreifen; und die Bereitschaft, mit der sie auf alle Dichter den alten Sarkasmus von Horaz über die Schreiberlinge seiner Zeit anwenden:
------genus irritabile vatum.
Eine Schwäche und Trübung der Vorstellungskraft und die daraus resultierende Notwendigkeit, sich auf die unmittelbaren Eindrücke der Sinne zu verlassen, machen den Geist, wie wir wohl wissen, anfällig für Aberglauben und Fanatismus. Da sie über einen unzureichenden Teil an innerer und eigener Wärme verfügen, suchen Geister dieser Klasse in der Menge circum fana nach einer gemeinsamen Wärme, die sie einzeln nicht besitzen. Kalt und phlegmatisch in ihrer eigenen Natur, wie feuchtes Heu, erhitzen und entzünden sie sich durch Anhäufung; oder wie Bienen werden sie unruhig und reizbar durch die erhöhte Temperatur versammelter Mengen. Daher leitet sich das deutsche Wort für Fanatismus (so zumindest war seine ursprüngliche Bedeutung) vom Schwärmen der Bienen ab, nämlich schwärmen, Schwärmerei. Da die Leidenschaft im umgekehrten Verhältnis zur Einsicht steht – dass die erstere umso lebhafter ist, je weniger die letztere ausgeprägt ist – ist Zorn die unvermeidliche Folge. Das Fehlen jeglicher Grundlage im eigenen Geist für das, was sie dennoch für wahr und für ihre Sicherheit und ihr Glück unerlässlich halten, kann nicht anders, als einen unbehaglichen Gefühlszustand hervorrufen, ein unwillkürliches Gefühl von Angst, aus dem sich die Natur nur durch Zorn zu retten weiß. Die Erfahrung lehrt uns, dass die erste Verteidigung schwacher Geister darin besteht, zurückzuschlagen.
Kein Philosoph, der nicht einsieht, Dass Wut und Furcht ein und dasselbe Übel sind; Obwohl die eine brennen und die andere frieren mag, Sind sie beide ein und dasselbe Fieber.
Doch wo die Ideen lebendig sind und eine endlose Kraft besteht, sie zu kombinieren und zu modifizieren, vermischen sich die Gefühle und Neigungen leichter und inniger mit diesen idealen Schöpfungen als mit den Objekten der Sinne; der Geist wird eher von Gedanken als von Dingen beeinflusst; und fühlt nur dann das notwendige Interesse selbst für die bedeutendsten Ereignisse und Zufälle, wenn sie durch Meditation zu Gedanken geworden sind. Die geistige Gesundheit liegt zwischen Aberglauben und Fanatismus einerseits und Enthusiasmus mit Gleichgültigkeit und einer krankhaften Trägheit beim Handeln andererseits. Denn die Konzeptionen des Geistes können so lebendig und adäquat sein, dass sie jenen Impuls zur Verwirklichung ausschließen, der bei jenen am stärksten und rastlosesten ist, die mehr als bloßes Talent (oder die Fähigkeit, sich das Wissen anderer anzueignen und anzuwenden) besitzen, – aber dennoch etwas von der schöpferischen und selbstgenügsamen Kraft absoluten Genies vermissen. Aus diesem Grund sind sie daher Männer von befehlendem Genie. Während erstere sich zwischen Gedanken und Wirklichkeit ausruhen, gleichsam in einem Intermundium, von dem ihr eigener lebendiger Geist die Substanz und ihre Vorstellungskraft die immer wechselnde Form liefert, müssen letztere der Welt draußen ihre Vorurteile aufprägen, um sie ihrem eigenen Blick mit dem befriedigenden Grad an Klarheit, Deutlichkeit und Individualität zurückzugeben. Diese sind in ruhigen Zeiten dazu bestimmt, ein vollkommenes Gedicht in Palast, oder Tempel, oder Landschaftsgarten zu zeigen; oder eine Geschichte von Romantik in Kanälen, die Meer mit Meer verbinden, oder in Felswänden, die, die Wogen zurückdrängend, die Kraft nachahmen und die Güte der Natur für geschützte Flotten liefern; oder in Aquädukten, die, das weite Tal von Berg zu Berg wölbend, dem Wüstensand ein Palmyra schenken. Doch ach! in Zeiten des Aufruhrs sind sie die Männer, die dazu bestimmt sind, als der gestaltende Geist des Ruins hervorzutreten, um die Weisheit der Zeitalter zu zerstören, um die Fantasien eines Tages zu ersetzen, und Könige und Königreiche zu verändern, wie der Wind die Wolken verschiebt und formt. Die Aufzeichnungen der Biografie scheinen diese Theorie zu bestätigen. Die Männer von größtem Genie, soweit wir nach ihren eigenen Werken oder nach den Berichten ihrer Zeitgenossen urteilen können, scheinen von ruhigem und gelassenem Temperament gewesen zu sein in allem, was sie selbst betraf. In der inneren Gewissheit dauerhaften Ruhms scheinen sie hinsichtlich unmittelbaren Rufs entweder gleichgültig oder ergeben gewesen zu sein. Durch alle Werke von Chaucer regiert eine Heiterkeit, eine männliche Fröhlichkeit, die es fast unmöglich macht, an einer entsprechenden Gefühlsgewohnheit beim Autor selbst zu zweifeln. Shakespeares Ausgeglichenheit und Sanftmut des Temperaments waren in seinem eigenen Zeitalter fast sprichwörtlich. Dass dies nicht aus Unkenntnis seiner eigenen vergleichenden Größe stammte, haben wir reichlich Beweise in seinen Sonetten, die Pope kaum bekannt gewesen sein konnten, als er behauptete, unser großer Barde –
------wurde unsterblich trotz seines eigenen Widerstrebens. (Brief an Augustus.)
Von jemandem sprechend, den er gefeiert hatte, und die Dauer seiner Werke mit der seines persönlichen Daseins kontrastierend, fügt Shakespeare hinzu:
Dein Name soll von nun an unsterbliches Leben haben, Ob ich auch, einmal gegangen, der ganzen Welt sterben muss; Die Erde kann mir nur ein gemeines Grab gewähren, Wenn du, einbalsamiert, in den Augen der Menschen liegen wirst. Dein Denkmal soll mein sanfter Vers sein, Den Augen, die noch nicht erschaffen, überlesen werden; Und Zungen, die da kommen, sollen dein Wesen rezitieren, Wenn alle, die auf dieser Welt atmen, tot sind: Du wirst immer leben, solche Tugend hat meine Feder, Wo Atem am meisten atmet, ja, im Munde der Menschen. SONETT LXXXI.
Ich habe das erste genommen, das mir einfiel; doch Shakespeares Bereitschaft, seine Rivalen zu loben, ore pleno, und das Vertrauen auf seine eigene Gleichheit mit jenen, die er seines Lobes für am würdigsten erachtete, sind gleichermaßen in einem anderen Sonett manifestiert.
War es das stolze, volle Segel seines großen Verses, Bestimmt für das Lob von dir, dem allzu Kostbaren, Das meine reifen Gedanken in meinem Gehirn einbalsamierte, Und ihr Grab zu dem Schoß machte, darin sie wuchsen? War es sein Geist, von Geistern gelehrt zu schreiben, Über ein sterbliches Maß hinaus, das mich tot schlug? Nein, weder er, noch seine Gefährten bei Nacht, Die ihm Beistand leisteten, haben meinen Vers in Erstaunen versetzt. Er, noch jener leutselige, vertraute Geist, Der ihn nächtlich mit Kunde täuscht, Können sich nicht als Sieger über mein Schweigen brüsten; Ich litt von daher an keinerlei Furcht! Doch als dein Antlitz seine Zeile ausfüllte, Da fehlte mir der Stoff, der meine schwächte. S. LXXXVI.
Bei Spenser tatsächlich finden wir einen Geist, der von Natur aus zart, empfindsam und, im Vergleich zu seinen drei großen Standesgenossen, ich hätte fast gesagt, verweichlicht ist; und dies wurde durch die ungerechte Verfolgung durch Burleigh sowie die schweren Schicksalsschläge, die seine letzten Tage überwältigten, zusätzlich betrübt. Diese Ursachen haben über all seine Kompositionen eine „melancholische Anmut“ verbreitet und gelegentliche Klänge hervorgelockt, die durch ihre Sanftheit umso pathetischer wirken. Doch nirgendwo finden wir die geringste Spur von Reizbarkeit, und noch weniger von streitsüchtiger oder gekünstelter Verachtung seiner Zensoren.
Dasselbe Maß an Ruhe, ja sogar eine noch größere Selbstbeherrschung, lässt sich bei Milton feststellen, sofern es seine Gedichte und seinen dichterischen Charakter betrifft. Seinen Zorn sparte er für die Feinde der Religion, der Freiheit und seines Landes auf. Mein Geist ist nicht fähig, eine erhabenere Vorstellung zu bilden, als jene, die aus der Betrachtung dieses großen Mannes in seinen letzten Tagen erwächst; -- arm, krank, alt, blind, verleumdet, verfolgt --
Dunkelheit vor ihm und die Stimme der Gefahr hinter ihm --
in einem Zeitalter, in dem er von der Partei, für die er gestritten hatte, ebenso wenig verstanden wurde wie von jener, gegen die er gestritten hatte; und inmitten von Menschen, vor denen er so weit ausschritt, dass er sich durch die Distanz selbst verzwergte; und doch immer der Musik seiner eigenen Gedanken lauschend, oder, falls zusätzlich ermutigt, dann nur ermutigt durch den prophetischen Glauben von zwei oder drei einsamen Individuen, hat er dennoch
------nicht gegen Die Hand oder den Willen des Himmels gestritten, noch auch nur ein Jota An Herz oder Hoffnung eingebüßt; sondern hielt stets stand und steuerte Geradeaus.
Nur von anderen erfahren wir, dass Milton in seinem späteren Leben seine Spötter und Verleumder hatte; und selbst in seiner Zeit der Jugend und Hoffnung wären uns seine Feinde unbekannt geblieben, wären sie nicht zugleich die Feinde seines Landes gewesen.
Ich bin mir wohl bewusst, dass in fortgeschrittenen Stadien der Literatur, wenn viele und vortreffliche Vorbilder existieren, ein hohes Maß an Talent, gepaart mit Geschmack und Urteilsvermögen und eingesetzt in Werken der Phantasie, einem Menschen den Namen eines großen Genies einbringen wird; obwohl selbst jenes Analogon des Genies, das in bestimmten Gesellschaftszuständen seine Schriften sogar populärer machen mag, als es die absolute Realität vermocht hätte, im Geist und Wesen des Autors selbst vergeblich gesucht würde. Doch selbst in Fällen dieser Art wird eine genaue Untersuchung oft aufdecken, dass die Reizbarkeit, die dem Genie des Autors als dessen Ursache zugeschrieben wurde, tatsächlich ihren Ursprung in einer üblen körperlichen Verfassung, dumpfem Schmerz oder einem konstitutionellen Mangel an angenehmen Empfindungen hatte. Was dem Autor angelastet wird, gehört dem Menschen, der wahrscheinlich noch ungeduldiger gewesen wäre, wären da nicht die humanisierenden Einflüsse eben jenes Strebens gewesen, das dennoch den Vorwurf seiner Reizbarkeit trägt.
Wie erklären wir uns also den leichten Glauben, der diesem Vorwurf allgemein entgegengebracht wird, wenn der Vorwurf selbst nicht, wie ich zu zeigen versucht habe, durch die Erfahrung gestützt wird? Dies scheint mir keine allzu schwierige Lösung zu haben. In welchem Land auch immer Literatur weit verbreitet ist, wird es viele geben, die ein intensives Verlangen, den Ruf eines dichterischen Genies zu besitzen, mit den tatsächlichen Kräften und ursprünglichen Neigungen verwechseln, die es ausmachen. Doch Menschen, deren innigste Wünsche auf Objekte fixiert sind, die völlig außerhalb ihrer eigenen Macht liegen, werden in allen Fällen mehr oder weniger ungeduldig und leicht reizbar. Überdies, wenn es auch paradox erscheinen mag zu behaupten, dass ein Mensch eine Sache wissen und das Gegenteil glauben könne, so kann ein eitler Mensch doch gewiss den Wunsch so gewohnheitsmäßig gehegt und den Versuch, das zu scheinen, was er nicht ist, so beharrlich verfolgt haben, dass er selbst zu einem seiner eigenen Proselyten wird. Da sich jedoch diese gefälschte und künstliche Überzeugung selbst in den eigenen Gefühlen der Person von einem wirklichen Sinn für innere Kraft unterscheiden muss, was könnte natürlicher sein, als dass sich dieser Unterschied in misstrauischer und eifersüchtiger Reizbarkeit verrät? Ebenso wie der blumige Rasen, der eine Höhlung bedeckt, oft durch sein Beben und Zittern entdeckt werden kann.
Doch ach! Die Vielzahl der Bücher und die allgemeine Verbreitung der Literatur haben andere und beklagenswertere Wirkungen in der Welt der Buchstaben hervorgebracht, und solche, die ausreichen, um die Verachtung zu erklären, wenn auch keineswegs zu rechtfertigen, mit der die am besten begründeten Beschwerden eines verletzten Genies als leichtfertig zurückgewiesen oder als Stoff zur Belustigung aufgenommen werden. Zu den Zeiten von Chaucer und Gower könnte unsere Sprache (mit gebührender Nachsicht für die Unvollkommenheiten eines Gleichnisses) mit einer Wildnis aus tönendem Schilf verglichen werden, aus der nur die Lieblinge von Pan oder Apollo auch nur die rohe Syrinx fertigen konnten; und aus dieser konnten allein die Konstrukteure Klänge der Musik hervorlocken. Doch nun liefert die Sprache, teils durch die Mühen aufeinanderfolgender Dichter, teils durch den künstlicheren Zustand der Gesellschaft und des sozialen Umgangs, gleichsam zu einer Drehorgel mechanisiert, zugleich Instrument und Melodie. So können selbst die Tauben spielen, sodass sie die Vielen erfreuen. Manchmal (denn es verhält sich mit Gleichnissen wie mit Späßen bei Tisch: eines führt unweigerlich zum anderen) habe ich versucht, den gegenwärtigen Zustand unserer Sprache in ihrem Verhältnis zur Literatur mit einem Drucksaal größerer und kleinerer Stereotypstücke zu illustrieren, die, nach der gegenwärtigen anglo-gallischen Mode unzusammenhängender, epigrammatischer Perioden, nur ein durchschnittliches Maß an Einfallsreichtum erfordern, um unendlich variiert zu werden und doch immer etwas hervorzubringen, das, wenn auch nicht Sinn, so doch so ähnlich ist, dass es ebenso gut dient. Vielleicht sogar besser: denn es erspart dem Leser die Mühe des Denkens; beugt der Leere vor, während es der Trägheit frönt; und sichert das Gedächtnis vor jeder Gefahr einer intellektuellen Plethora. Daher verlangt die Literatur gegenwärtig von allen Gewerben am wenigsten Talent oder Information; und von allen Arten der Literatur verlangt es das Herstellen von Gedichten. Der Unterschied zwischen diesen und den Werken des Genies ist freilich nicht geringer als der zwischen einem Ei und einer Eierschale; doch aus der Ferne sehen beide gleich aus.
Nun ist es nicht weniger bemerkenswert als wahr, mit wie wenig Prüfung die Werke der schönen Literatur gemeinhin gelesen werden, nicht nur von der Masse der Leser, sondern auch von Männern ersten Ranges, bis irgendein Zufall oder eine gelegentliche Erörterung ihre Aufmerksamkeit geweckt und sie auf der Hut sein lässt. Und daher waren Individuen, die unter dem Mittelmaß stehen, nicht weniger in natürlicher Kraft als in erworbenem Wissen; ja, Stümper, die in den niedrigsten Handwerkskünsten versagt haben und deren Anmaßung im richtigen Verhältnis zu ihrem Mangel an Verstand und Sensibilität steht; Männer, die, zunächst Schreiber aus Müßiggang und Unwissenheit, dann Verleumder aus Neid und Bosheit wurden --, fähig, ein erfolgreiches Geschäft im Dienste der Buchhändler zu führen, ja, sich selbst zu vorübergehendem Namen und Ruf beim Publikum im Allgemeinen zu verhelfen, durch jene mächtigste aller Schmeicheleien, den Appell an die niederen und bösartigen Leidenschaften der Menschheit. Doch da es in der Natur von Hohn, Neid und allen bösartigen Neigungen liegt, einen schnellen Wechsel der Objekte zu verlangen, sind solche Schreiber gewiss, früher oder später aus ihrem Traum der Eitelkeit zu Enttäuschung und Vernachlässigung mit verbitterten und vergifteten Gefühlen zu erwachen. Selbst während ihres kurzlebigen Erfolgs, sich trotz ihrer selbst bewusst, auf welch schwankendem Fundament er ruht, empfinden sie die bloße Verweigerung von Lob als einen Raub, und bei den gerechtesten Verweisen entbrennen sie sogleich in gewaltsamem und disziplinlosem Missbrauch; bis die akute Krankheit in eine chronische übergeht, umso tödlicher, je weniger gewaltsam sie ist, und sie werden zu tauglichen Instrumenten literarischer Herabwürdigung und moralischer Verleumdung. Man darf sie dann nicht mehr hinterfragen, ohne den Beschwerdeführer dem Spott auszusetzen, weil sie, bei Gott, anonyme Kritiker sind und autorisiert, nach Andrew Marvells Ausdruck, als „synodische Individuen“ von sich selbst plurali majestatico zu sprechen! Als ob die Literatur eine Kaste bildete, wie jene der Parias in Hindostan, die, wie auch immer misshandelt, nicht wagen dürfen, sich als geschädigt zu betrachten! Als ob das, was in allen anderen Fällen der Verleumdung eine dunklere Färbung verleiht, der Umstand ihrer Anonymität, hier nur dazu wirkte, den Verleumder unantastbar zu machen! So glaube ich, ist das Vorurteil entstanden, teils durch die zufälligen Temperamente von Individuen -- (Männer von unbestrittenem Talent, aber keine Männer von Genie) -- Temperamente, die durch ihren Wunsch, Männer von Genie zu erscheinen, noch reizbarer gemacht wurden; aber noch wirksamer durch die Exzesse der bloßen Nachahmer sowohl von Talent als auch von Genie; da die Zahl derer, die für Männer von Genie gehalten werden, unvergleichlich größer ist als die derer, die es wirklich sind; und teils durch die natürliche, aber deshalb nicht weniger parteiische und ungerechte Unterscheidung, die das Publikum selbst zwischen literarischem und allem anderen Eigentum trifft, dass eine ungewöhnliche Reizbarkeit in Bezug auf die Aufnahme seiner Produkte als charakteristisch für das Genie angesehen wird.
Es könnte die moralischen Gefühle einer zahlreichen Klasse von Lesern korrigieren, wenn man sich eine Rezension vorstellte, deren Ziel es wäre, alle Hauptwerke zu kritisieren, die uns von unseren Bandwebern, Kattundruckern, Kunsttischlern und Porzellanherstellern vorgelegt werden; die im gleichen Geiste geführt würde und sich die gleiche Freiheit gegenüber dem persönlichen Charakter nähme wie unsere literarischen Journale. Sie würden, so denke ich, kaum ihren Glauben leugnen, nicht nur, dass das genus irritabile viele andere Arten außer jener der Barden umfassen würde; sondern dass die Reizbarkeit des Gewerbes die Ressentiments der Dichter im Vergleich dazu bald zu bloßen Schattengefechten reduzieren würde. Oder ist Reichtum das einzige vernünftige Objekt menschlichen Interesses? Oder selbst wenn dies eingeräumt würde, hat der Dichter kein Eigentum an seinen Werken? Oder ist es ein seltener oder tadelnswerter Fall, dass derjenige, der am Altar der Musen dient, gezwungen sein sollte, seinen Lebensunterhalt vom Altar zu beziehen, wenn er zudem vielleicht bewusst die schönsten Aussichten auf Rang und Wohlstand aufgegeben hat, um sich, ein ganzer und ungeteilter Mensch, der Unterweisung oder Veredelung seiner Mitbürger zu widmen? Oder sollten wir, wenn wir alle höheren Ziele und Motive, alle uneigennützige Wohltätigkeit und selbst jenen Ehrgeiz nach bleibendem Ruhm übergehen, der zugleich die Krücke und der Schmuck ist, der die Gebrechlichkeit menschlicher Tugend zugleich stützt und verrät --, ist der Charakter und das Eigentum des Mannes, der für unsere intellektuellen Vergnügungen arbeitet, weniger eines Anteils an unserem Mitgefühl würdig als der des Weinhändlers oder der Modistin? Sensibilität in der Tat, sowohl schnell als auch tief, ist nicht nur ein charakteristisches Merkmal, sondern kann als ein konstituierender Teil des Genies angesehen werden. Doch es ist nicht weniger ein wesentliches Merkmal wahren Genies, dass seine Sensibilität durch irgendeine andere Ursache mächtiger erregt wird als durch seine eigenen persönlichen Interessen; aus diesem einfachen Grund, weil der Mann von Genie am meisten in der idealen Welt lebt, in der die Gegenwart immer durch die Zukunft oder die Vergangenheit konstituiert wird; und weil seine Gefühle gewohnheitsmäßig mit Gedanken und Bildern verbunden sind, zu deren Anzahl, Klarheit und Lebendigkeit das Gefühl des Selbst immer in einem umgekehrten Verhältnis steht. Und doch, sollte er zufällig Gelegenheit haben, einen falschen Vorwurf zurückzuweisen oder eine irrtümliche Zensur zu berichtigen, nichts ist gewöhnlicher, als dass die Vielen die allgemeine Lebhaftigkeit seiner Art und Sprache, ungeachtet des Themas, für die Auswirkungen besonderer Reizung durch ihre zufällige Beziehung zu ihm selbst halten.
Was mich selbst betrifft, wenn ich durch meine eigenen Gefühle oder durch die weniger verdächtige Prüfung der Beobachtungen anderer auf eine literarische Dünnhäutigkeit oder Eifersucht aufmerksam gemacht worden wäre; ich vertraue darauf, dass ich weder albern noch arrogant genug gewesen wäre, die Unvollkommenheit dem Genie aufzubürden. Aber eine Erfahrung -- (und ich bräuchte keine Dokumente in Hülle und Fülle, um meine Worte zu beweisen, wenn ich hinzufügte) -- eine erprobte Erfahrung von zwanzig Jahren hat mich gelehrt, dass die Erbsünde meines Charakters in einer sorglosen Gleichgültigkeit gegenüber der öffentlichen Meinung und den Angriffen derer besteht, die sie beeinflussen; dass Lob und Bewunderung jährlich weniger wünschenswert geworden sind, außer als Zeichen der Anteilnahme; ja, dass es für mich schwierig und bedrückend ist, auch nur mit irgendeinem Interesse an den Verkauf und Profit meiner Werke zu denken, so wichtig solche Erwägungen unter meinen gegenwärtigen Umständen auch sein mögen. Doch es kam mir nie in den Sinn zu glauben oder mir einzubilden, dass das Quantum an intellektueller Kraft, das mir von der Natur oder Erziehung verliehen wurde, in irgendeiner Weise mit dieser Gewohnheit meiner Gefühle verbunden sei; oder dass es anderer Eltern oder Pfleger bedurfte als konstitutioneller Trägheit, die durch Krankheit zu Mattigkeit verschlimmert wurde; die sich anhäufenden Verlegenheiten des Aufschiebens; die mentale Feigheit, die der untrennbare Begleiter des Aufschiebens ist und die uns ängstlich macht, an alles andere zu denken und zu sprechen, nur nicht an das, was uns selbst betrifft; kurz, all jene nahen Verdrießlichkeiten, ob meinen Fehlern oder meinem Schicksal zuzuschreiben, die mir nur wenig Kummer für vergleichsweise entfernte und fremde Übel übrig lassen.
Entrüstung über literarisches Unrecht überlasse ich Männern, die unter glücklicheren Sternen geboren sind. Ich kann sie mir nicht leisten. Aber weit davon entfernt, jene zu verurteilen, die es können, halte ich es für die Pflicht eines Schriftstellers und erachte es als seinem Herzen zur Ehre gereichend, ein Ressentiment zu fühlen und auszudrücken, das der Grobheit der Provokation und der Wichtigkeit des Objekts angemessen ist. Es gibt keinen Beruf auf Erden, der eine so frühe, so lange oder so ununterbrochene Aufmerksamkeit erfordert wie der der Dichtkunst; und in der Tat wie der der literarischen Komposition im Allgemeinen, sofern sie derart ist, dass sie die Anforderungen sowohl des Geschmacks als auch einer soliden Logik überhaupt erfüllt. Wie schwierig und heikel selbst die bloße Mechanik des Verses ist, lässt sich aus dem Scheitern derer erahnen, die erst spät im Leben die Dichtkunst versucht haben. Wenn nun ein Mensch von frühester Jugend an sein ganzes Wesen einem Objekt gewidmet hat, das nach dem Eingeständnis aller zivilisierten Nationen zu allen Zeiten als Streben ehrenvoll und als Errungenschaft glorreich ist; was von allem, das ihn und seine Familie betrifft, wenn wir nur seinen moralischen Charakter ausnehmen, kann fairere Ansprüche auf seinen Schutz haben oder Acts der Selbstverteidigung mehr autorisieren als die ausgearbeiteten Produkte seines Intellekts und seines intellektuellen Fleißes? Die Klugheit selbst würde uns befehlen, selbst wenn Mangel oder Ablenkung der natürlichen Sensibilität uns daran gehindert hätten, sie zu fühlen, ein gebührendes Interesse und eine qualifizierte Sorge für die Nachkommen und Vertreter unseres edleren Wesens zu zeigen. Ich weiß es, ach! durch schmerzliche Erfahrung. Ich habe zu viele Eier in den heißen Sand dieser Wildnis, der Welt, gelegt, mit Straußen-Sorglosigkeit und Straußen-Vergessenheit. Der größte Teil ist zwar unter die Füße getreten worden und vergessen; doch eine nicht geringe Zahl ist ins Leben gekrochen, einige, um Federn für die Mützen anderer zu liefern, und noch mehr, um die Pfeile in den Köchern meiner Feinde zu schmücken, derer, die unprovoziert gegen meine Seele gelauert haben.
Sic vos, non vobis, mellificatis, apes!
KAPITEL III
Die Verpflichtungen des Autors gegenüber Kritikern und die wahrscheinliche Veranlassung -- Prinzipien moderner Kritik -- Mr. Southeys Werke und Charakter.
Anonymen Kritikern in Rezensionen, Magazinen und Nachrichtenjournalen verschiedener Namen und Ränge, und Satirikern mit oder ohne Namen in Vers oder Prosa, oder in Vers-Text, unterstützt durch Prosa-Kommentar, schulde ich, so glaube und bekenne ich ernsthaft, gut zwei Drittel dessen, was an Ruf und Publizität ich besitze. Denn wenn der Name eines Individuums so häufig, in so vielen Werken, über eine so lange Zeit hinweg vorkam, können die Leser dieser Werke -- (die mit einem Regal oder zwei voll Schönheiten, eleganten Auszügen und Anas neun Zehntel der Lektüre des lesenden Publikums ausmachen) -- mit dem Namen nicht anders als vertraut sein, ohne sich deutlich zu erinnern, ob er zur Eloge oder zum Tadel eingeführt wurde. Und dies wird umso wahrscheinlicher, wenn (wie ich glaube) die Gewohnheit, periodische Werke zu lesen, mit Recht Averroës’ Katalog der Anti-Mnemotechniken, oder Schwächern des Gedächtnisses, hinzugefügt werden kann. Doch wo dies nicht der Fall war, wird der Leser dennoch geneigt sein zu vermuten, dass an einem Ruf etwas Ungewöhnlich-Starkes und Umfangreiches sein müsse, das ein solch gnadenloses und lang anhaltendes Kanonade-Feuer entweder erfordern oder aushalten konnte. Ohne jedes Gefühl von Zorn also -- (für das ich, was mich selbst betrifft, wahrlich keinen Vorwand habe) -- mag mir doch ein gewisses Maß an Überraschung gestattet sein, dass ich, nachdem ich den kritischen Spießrutenlauf für eine bestimmte Klasse von Fehlern durchlaufen hatte, die ich hatte, ohne dass in der Zwischenzeit etwas vor den Richterstuhl gekommen wäre, Jahr um Jahr, Vierteljahr um Vierteljahr, Monat um Monat -- (ganz zu schweigen von verschiedenen kleinen Periodika von noch schnellerer Umdrehung, „oder wöchentlich oder täglich“) -- mindestens siebzehn Jahre lang ununterbrochen von ihnen in die vordersten Reihen der Geächteten gezerrt worden bin und gezwungen wurde, den Ansturm des Missbrauchs für Fehler zu erdulden, die direkt entgegengesetzt waren und die ich sicherlich nicht hatte. Wie soll ich das erklären?
Was auch immer bei anderen der Fall gewesen sein mag, ich kann diese Verfolgung sicherlich nicht persönlicher Abneigung, oder Neid, oder Gefühlen rachsüchtiger Feindseligkeit zuschreiben. Nicht ersterem, denn mit Ausnahme weniger, die meine engen Freunde sind und es waren, bevor sie als Autoren bekannt wurden, habe ich wenig andere Bekanntschaft mit literarischen Charakteren gehabt, als das, was eine zufällige Einführung oder ein gelegentliches Treffen in einer gemischten Gesellschaft implizieren mag. Und soweit Worten und Blicken zu trauen ist, muss ich glauben, dass ich selbst in diesen Fällen keine unfreundliche Gesinnung erregt hatte. Weder brieflich noch im Gespräch habe ich jemals einen Streit oder eine Kontroverse gehabt, die über den gewöhnlichen sozialen Meinungsaustausch hinausging. Ja, wo ich Grund zu der Annahme hatte, dass meine Überzeugungen grundlegend verschieden waren, war es meine Gewohnheit, und ich darf hinzufügen, der Impuls meiner Natur, die Gründe meines Glaubens darzulegen, anstatt den Glauben selbst; und nicht Widerspruch zu äußern, bevor ich einige Punkte völliger Sympathie, einige für beide Seiten gemeinsame Grundlagen feststellen konnte, von denen aus ich mit deren Erklärung beginnen konnte.
Noch weniger kann ich diese Angriffe dem Vorwurf des Neids zuschreiben. Die wenigen Seiten, die ich veröffentlicht habe, sind von zu fernem Datum, und das Ausmaß ihres Verkaufs ist ein Beweis, der zu schlüssig gegen ihre Popularität zu irgendeiner Zeit spricht, um das Erregen von Neid ihretwegen wahrscheinlich, ich hätte fast gesagt möglich, zu machen; und der Mensch, der mich aus einem anderen Grund beneiden sollte, wahrlich, der muss neid-wahnsinnig sein!
Schließlich könnte ich mit ebenso wenig Schein von Vernunft irgendwelche Feindseligkeit mir gegenüber aus rachsüchtigen Gefühlen als Ursache vermuten. Ich habe bereits gesagt, dass meine Bekanntschaft mit literarischen Männern begrenzt und distanziert war und dass ich weder Streit noch Kontroverse hatte. Seit meinem ersten Eintritt ins Leben habe ich, mit wenigen und kurzen Unterbrechungen, entweder im Ausland oder im Ruhestand gelebt. Meine verschiedenen Essays zu Themen von nationalem Interesse, die zu unterschiedlichen Zeiten zuerst in der Morning Post und dann im Courier veröffentlicht wurden, zusammen mit meinen Vorlesungsreihen über die Prinzipien der Kritik in ihrer Anwendung auf Shakespeare und Milton, machen meine gesamte Öffentlichkeit aus; die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich ein Mitglied der Gelehrtenrepublik beleidigen konnte. Mit einer einzigen Ausnahme, bei der meine Worte zuerst falsch wiedergegeben und dann mutwillig auf eine Einzelperson bezogen wurden, konnte ich nie erfahren, dass ich das Missfallen irgendeines meiner literarischen Zeitgenossen erregt hätte. Nachdem ich meine Absicht angekündigt hatte, eine Reihe von Vorlesungen über die charakteristischen Vorzüge und Mängel der englischen Dichtung in ihren verschiedenen Epochen zu halten; erstens von Chaucer bis Milton; zweitens von Dryden einschließlich bis Thomson; und drittens von Cowper bis zur Gegenwart; änderte ich meinen Plan und beschränkte meine Untersuchung auf die beiden erstgenannten Perioden, damit ich den Gedankenlosen keinen denkbaren Vorwand gäbe, meine Worte falsch auszulegen, oder den Bösartigen, sie falsch anzuwenden, und nachdem sie ihnen ihre eigene Bedeutung aufgeprägt haben, sie als gültige Münze auf den Märkten der Geschwätzigkeit oder Verleumdung in Umlauf zu bringen.
Lob von Unwürdigen wird von eifrigen Gemütern als Raub an den Verdienten empfunden; und es ist nur zu wahr und zu häufig, dass Bacon, Harrington, Machiavel und Spinoza nicht gelesen werden, weil Hume, Condillac und Voltaire es werden. Aber in gemischter Gesellschaft wird kein kluger Mann die Verdienste eines Zeitgenossen in dessen vermeintlichem Fachbereich bestreiten; er begnügt sich damit, seinerseits diejenigen zu loben, die er für exzellent hält. Sollte ich es jemals für meine Pflicht halten, mich den Ansprüchen von Einzelpersonen entgegenzustellen, so würde ich dies in Büchern tun, die abgewogen und beantwortet werden könnten, in denen ich alle meine Gründe und Gefühle mit ihren erforderlichen Grenzen und Modifikationen entfalten könnte; nicht in unwiederbringlichen Gesprächen, in denen, wie stark die Gründe auch sein mögen, die Gefühle, die sie hervorriefen, sicherlich von dem einen oder anderen Neid und Missgunst zugeschrieben würden. Zudem weiß ich sehr wohl, und ich vertraue darauf, dass ich nach diesem Wissen gehandelt habe, dass es die Unwissenden und Unurteilskräftigen sein müssen, die die Unwürdigen preisen; und die Lobreden von Kritikern ohne Geschmack oder Urteilsvermögen sind der natürliche Lohn für Autoren ohne Gefühl oder Genie. Sint unicuique sua praemia.
Wie soll ich also, da ich diese drei Ursachen ablehne, Angriffe erklären, deren lange Dauer und Hartnäckigkeit die Erklärung durch alle drei erfordern würde? Die Lösung scheint diese zu sein: Ich stand in vertrauten Beziehungen zu Mr. Wordsworth und Mr. Southey! Dies verlagert jedoch die Schwierigkeit, anstatt sie zu beseitigen. Mag sein, dass durch eine gewissenlose Ausweitung des alten Sprichworts, noscitur a socio, meine literarischen Freunde niemals unter dem Wasserfall der Kritik stehen, ohne dass ich von der Gischt durchnässt werde; doch wie kam es, dass der Strom über sie hereinbrach?
Zuerst also in Bezug auf Mr. Southey. Ich erinnere mich gut an die allgemeine Aufnahme seiner früheren Veröffentlichungen; nämlich die Gedichte, die mit Mr. Lovell unter den Namen Moschus und Bion veröffentlicht wurden; die zwei Bände mit Gedichten unter seinem eigenen Namen und die Joan of Arc. Die Tadel der Berufskritiker sind vorhanden und können leicht nachgeschlagen werden: nachlässige Zeilen, Ungleichmäßigkeit im Wert der verschiedenen Gedichte und (in den leichteren Werken) eine Vorliebe für das Seltsame und Skurrile; kurzum, solche Fehler, wie sie bei einem jungen und flüchtigen Schreiber zu erwarten gewesen wären, wurden in der Tat hinlänglich hervorgehoben. Auch fehlte es damals nicht an einem Parteigeist, um die Mängel eines Dichters zu verschlimmern, der mit allem Mut der unverdorbenen Jugend seinen Eifer für eine Sache bekannt hatte, die er für die der Freiheit hielt, und seine Abscheu vor Unterdrückung, unter welchem Namen sie auch geheiligt wurde. Aber es wurde von anderen ebenso wenig beanstandet, wie es der Dichter selbst ahnte, dass er nachlässige und prosaische Zeilen aus Regel und Vorsatz bevorzugte, oder dass er überhaupt irgendeine andere Kunst oder Theorie der poetischen Diktion vorgab, außer jener, die wir alle von Horaz, Quintilian, dem bewundernswerten Dialog De Oratoribus, der allgemein Tacitus zugeschrieben wird, oder Stradas Prolusions lernen können; wenn in der Tat natürlicher gesunder Menschenverstand und das frühe Studium der besten Modelle in seiner eigenen Sprache nicht dieselben Maximen sicherer und, wenn ich den Ausdruck wagen darf, vitaler eingeflößt hätten. Alles, was man fair hätte ableiten können, war, dass Mr. Southey in seinem Geschmack und seiner Einschätzung von Schriftstellern weit mehr mit Thomas Warton übereinstimmte als mit Dr. Johnson. Ich will auch nicht leugnen, dass Mr. Southey zu jeder Zeit derselben Meinung wie Sir Philip Sidney war, eine exzellente Ballade im bescheidensten Stil der Dichtkunst zwanzig gleichgültigen Gedichten vorzuziehen, die im höchsten stolzierten. Und wodurch sind seine seitdem veröffentlichten Werke, jedes auffallender als das vorangegangene, charakterisiert, wenn nicht durch größere Pracht, ein tieferes Pathos, tiefgründigere Reflexionen und eine nachhaltigere Würde von Sprache und Metrum? Möge der Zeitraum noch in weiter Ferne liegen, aber wann immer die Zeit kommen wird, da alle seine Werke von einem Herausgeber gesammelt werden, der würdig ist, sein Biograph zu sein, vertraue ich darauf, dass ein Anhang von Exzerpten aller Passagen, in denen seine Schriften, sein Name und sein Charakter angegriffen wurden, aus den Pamphleten und periodischen Werken der letzten zwanzig Jahre eine Beigabe sein mag. Doch dass es in späteren Zeiten medizinisch wirken würde, wage ich nicht zu hoffen; denn solange es Leser gibt, die sich an Verleumdung erfreuen, wird es Rezensenten geben, die verleumden. Und solche Leser werden aller Wahrscheinlichkeit nach umso zahlreicher, je mehr eine noch größere Verbreitung der Literatur eine Zunahme von Halbwissenden hervorbringt und Halbwissen Frechheit und Anmaßung mit sich bringt. In alten Zeiten waren Bücher wie religiöse Orakel; als die Literatur fortschritt, wurden sie zu ehrwürdigen Lehrmeistern; dann sanken sie in den Rang lehrreicher Freunde hinab; und als ihre Anzahl zunahm, sanken sie noch tiefer in den Rang unterhaltsamer Gefährten; und gegenwärtig scheinen sie zu Schuldigen herabgewürdigt, die vor dem Schranken eines jeden selbsternannten, doch nicht minder peremptorischen Richters die Hände heben müssen, der aus Laune oder Interesse, aus Feindschaft oder Arroganz zu schreiben pflegt, und sich der Entscheidung „dessen, der mit Bosheit liest, oder dessen, der nach dem Abendessen liest“ zu beugen.
Dieselbe rückläufige Bewegung lässt sich in der Beziehung verfolgen, die die Autoren selbst gegenüber ihren Lesern eingenommen haben. Von der erhabenen Ansprache Bacons: „Dies sind die Meditationen des Francis von Verulam, von denen er meinte, es sei das Interesse der Nachwelt, dass sie in deren Besitz gelange:“ oder von Widmungen an Monarchen oder Päpste, in denen die gegebene Ehre als Gegengewicht zu der anerkannten Schirmherrschaft behauptet wurde: von Pindars
------’ep’ alloi-- si d’alloi megaloi: to d’eschaton koryphoutai basilensi. Maeketi paptaine porsion. Eiae se te touton upsou chronon patein, eme te tossade nikaphorois omilein, prophanton sophian kath’ Ellanas eonta panta.--OLYMP. OD. I.
gab es ein allmähliches Sinken in der Etikette oder dem erlaubten Stil des Anspruchs.
Dichter und Philosophen, durch ihre schiere Zahl verunsichert, wandten sich an „gelehrte Leser“; zielten dann darauf ab, die Gunst des „unparteiischen Lesers“ zu gewinnen; bis, während der Kritiker stieg, während der Autor sank, die Amateure der Literatur kollektiv zu einer Munizipalität von Richtern erhoben und als die Stadt angesprochen wurden! Und nun, da schließlich angenommen wird, dass alle Menschen lesen können und alle Leser urteilen können, sitzt das zahllose Publikum, durch die Magie der Abstraktion in eine persönliche Einheit geformt, als nomineller Despot auf dem Thron der Kritik. Aber ach! wie in anderen Despotien wiederholt es nur die Entscheidungen seiner unsichtbaren Minister, deren intellektuelle Ansprüche auf die Vormundschaft der Musen größtenteils analog zu den physischen Qualifikationen scheinen, die ihre orientalischen Brüder für die Aufsicht über den Harem anpassen. So heißt es, dass der heilige Nepomuk zum Schutzpatron der Brücken installiert wurde, weil er von einer gefallen war und aus dem Blickfeld versank; so soll auch die heilige CäCilia von Musikern zuerst günstig gestimmt worden sein, weil sie, nachdem sie in ihren eigenen Versuchen gescheitert war, eine Abneigung gegen die Kunst und alle ihre erfolgreichen Professoren entwickelt hatte. Aber ich werde wahrscheinlich später Gelegenheit haben, meine Überzeugungen ausführlicher über diesen Zustand der Dinge und seine Einflüsse auf Geschmack, Genie und Moral darzulegen.
In der Thalaba, der Madoc und noch deutlicher im einzigartigen Cid, im Kehama und, als Letztes, so Bestes, dem Roderick; hat Southey reichlich Beweise gegeben, se cogitare quam sit magnum dare aliquid in manus hominum: nec persuadere sibi posse, non saepe tractandum quod placere et semper et omnibus cupiat. Aber auf der anderen Seite bin ich der Ansicht, dass Mr. Southey völlig unfähig war zu begreifen, worin das Verbrechen oder der Unfug bestehen könnte, ein halbes Dutzend oder mehr verspielte Gedichte zu drucken; oder allgemeiner gesprochen, Kompositionen, die genossen oder übergangen würden, je nachdem, wie Geschmack und Stimmung des Lesers zufällig sein mochten; vorausgesetzt, sie enthielten nichts Immoralisches. Im gegenwärtigen Zeitalter ist periturae parcere chartae nachdrücklich eine unvernünftige Forderung. Die geringste Kleinigkeit, die er je in die Welt sandte, hatte zehnmal bessere Ansprüche auf ihre Tinte und ihr Papier als all die albernen Kritiken darüber, die nur bewiesen, dass der Kritiker nicht einer derjenigen war, für die die Kleinigkeit geschrieben wurde; und als all die ernsten Ermahnungen zu einer größeren Ehrfurcht vor der Öffentlichkeit – als ob die passive Seite eines Buches, indem ein Epigramm oder eine Bänkelsängergeschichte darauf gedruckt wurde, sofort eine lokomotorische Kraft und eine Art Allgegenwart annahm, um am Ohr der Öffentlichkeit zu flattern und zu summen, zum großen Ärgernis der besagten mysteriösen Person. Aber was diesen Klagen eine zusätzliche und lächerlichere Absurdität verleiht, ist die kuriose Tatsache, dass, wenn ein Kritiker in einem Gedichtband ein Gedicht oder eine Passage findet, die er für besonders wertlos hält, er sie sicher auswählt und in der Rezension nachdruckt; wodurch er nach seiner eigenen Logik so viel mehr Papier verschwendet als der Autor, wie die Kopien einer modischen Rezension zahlreicher sind als die des Originalbuchs; in einigen, und zwar den prominentesten Fällen, wie zehntausend zu fünfhundert. Ich kenne nichts, was die Niedertracht übertrifft, über die Verdienste eines Dichters oder Malers zu entscheiden – (nicht durch charakteristische Mängel; denn wo Genie ist, weisen diese immer auf seine charakteristischen Schönheiten hin; sondern) – durch zufällige Misserfolge oder fehlerhafte Passagen; außer der Unverschämtheit, dies als die eigentliche Pflicht und den lehrreichsten Teil der Kritik zu verteidigen. Lassen Sie den Ausdruck, die Anmut und die Gruppierung von Raffaels Figuren weg oder gehen Sie leicht darüber hinweg; aber verspotten Sie im Detail die Stricknadeln und Besenstiele, die Bäume in seinen Hintergründen darstellen sollen; und lassen Sie ihn niemals das Ende seiner Salbentöpfe hören! Geben Sie zu, dass das Allegro und Penseroso von Milton nicht ohne Verdienst sind; aber zahlen Sie sich für dieses Zugeständnis aus, indem Sie die zwei Gedichte über den Universitätsträger in voller Länge nachdrucken! Als ein faires Beispiel seiner Sonette zitieren Sie
„A Book was writ of late called Tetrachordon;“
und als charakteristisch für seinen Rhythmus und sein Metrum, zitieren Sie seine wörtliche Übersetzung des ersten und zweiten Psalms! Um sich zu rechtfertigen, müssen Sie nur behaupten, dass, wenn Sie sich hauptsächlich auf die Schönheiten und Vorzüge des Dichters konzentriert hätten, die Bewunderung dieser die Aufmerksamkeit zukünftiger Schriftsteller von den Objekten ihrer Liebe und ihres Staunens zu einer Nachahmung der wenigen Gedichte und Passagen verleiten könnte, in denen der Dichter am wenigsten er selbst war.
Aber bis Rezensionen nach ganz anderen Prinzipien und mit ganz anderen Motiven geführt werden; bis die Rezensenten anstelle von willkürlichem Diktat und frechem Spott ihre Entscheidungen durch Verweis auf feste Kanons der Kritik stützen, die zuvor etabliert und aus der Natur des Menschen abgeleitet wurden; werden nachdenkliche Geister es als Arroganz bezeichnen, wenn sie sich so den Literaten als Führer ihres Geschmacks und Urteils ankündigen. Für den Käufer und bloßen Leser ist es auf jeden Fall eine Ungerechtigkeit. Wer mir sagt, dass ein neues Werk Mängel aufweist, sagt mir nichts, was ich nicht ohne seine Information als selbstverständlich vorausgesetzt hätte. Aber wer die Schönheiten eines Originalwerks aufzeigt und erläutert, gibt mir in der Tat interessante Informationen, solche, die mich die Erfahrung nicht hätte voraussehen lassen. Und was Kompositionen betrifft, die die Autoren selbst ankündigen mit
Haec ipsi novimus esse nihil,
warum sollten wir nach einer anderen Regel zwei gedruckte Werke beurteilen, nur weil der eine Autor lebt und der andere im Grab liegt? Welcher Literat hat nicht die Prüderie von Spratt bedauert, sich zu weigern, seinen Freund Cowley in seinen Pantoffeln und seinem Morgenrock erscheinen zu lassen? Ich bin vielleicht nicht der Einzige, der in Stunden der Niedergeschlagenheit ein unschuldiges Vergnügen aus den Rätseln, Wortspielen, dreisilbigen Zeilen und dergleichen von Swift und seinen Korrespondenten gezogen hat, wenn es für mich nutzlos gewesen wäre, seine vollendeteren Werke gelesen zu haben, und in gewisser Weise ein Akt der Ungerechtigkeit gegenüber dem Autor gewesen wäre. Aber ich bin ratlos, mit welcher Perversität des Urteils diese Entspannungen seines Genies eingesetzt werden könnten, um seinen Ruhm als Verfasser von Gulliver oder dem Tale of a Tub zu schmälern. Hätte Mr. Southey doppelt so viele Gedichte von geringerem Wert oder partiellem Interesse geschrieben, wie die Journale des Tages belebt haben, sie hätten seinen Ruhm bei guten und weisen Männern vermehrt, nicht bloß oder hauptsächlich als Beweis der Vielseitigkeit seiner Talente, sondern als Zeugnisse der Reinheit jenes Geistes, der selbst in seinen Leichtfertigkeiten niemals eine Zeile diktierte, die er aus moralischen Gründen bereuen müsste.
Ich habe in meiner Vorstellung die Pflicht, Southeys festen und wohlverdienten Ruhm mit dem Missbrauch und der unermüdlichen Feindseligkeit seiner anonymen Kritiker von seiner frühen Jugend bis zu seinem reifsten Mannesalter zu kontrastieren, auf den zukünftigen Biographen übertragen. Aber ich kann nicht so schlecht von der menschlichen Natur denken, um nicht zu glauben, dass diese Kritiker sich bereits geschämt haben, ob sie nun das Objekt ihres Missbrauchs in seinem moralischen oder seinem literarischen Charakter betrachten. Denn denken Sie nur an die Vielfalt und das Ausmaß seiner Kenntnisse! Er steht keinem Mann nach, weder als Historiker noch als Bibliograph; und wenn ich ihn als populären Essayisten betrachte – (denn die Artikel seiner Kompositionen in den Rezensionen sind größtenteils Essays zu Themen von tiefem oder kuriosem Interesse eher als Kritiken zu bestimmten Werken) –, suche ich vergeblich nach einem Schriftsteller, der so viele Informationen aus so vielen und so abgelegenen Quellen vermittelt hat, mit so vielen gerechten und originellen Reflexionen, in einem Stil, der so lebendig und pointiert, doch so einheitlich klassisch und klar ist; niemand kurzum, der so viel Weisheit mit so viel Witz verbunden hat; so viel Wahrheit und Wissen mit so viel Leben und Phantasie. Seine Prosa ist immer verständlich und immer unterhaltsam. In der Dichtkunst hat er fast jede Art von Komposition versucht, die zuvor bekannt war, und er hat neue hinzugefügt; und wenn wir die höchste Lyrik ausnehmen – (in der wie wenige, wie sehr wenige selbst der größten Geister erfolgreich waren) – hat er jede Art erfolgreich versucht; vom politischen Lied des Tages, das im verspielten Überfluss ehrlicher Freude und patriotischer Hochstimmung hingeworfen wurde, bis zur wilden Ballade; von brieflicher Leichtigkeit und anmutiger Erzählung bis zu strenger und ungestümer moralischer Deklamation; von den pastoralen Reizen und wild strömenden Lichtern der Thalaba, in denen Gefühl und Bildsprache sogar der Anregung der Neugier Beständigkeit verliehen haben; und von der vollen Pracht des Kehama – (einer Galerie von vollendeten Bildern in einem prächtigen Phantasiestück, in dem sich dennoch die moralische Größe allmählich über die Brillanz der Kolorierung und die Kühnheit und Neuheit der Maschinerie erhebt) – zu den nüchterneren Schönheiten der Madoc; und schließlich von der Madoc zu seinem Roderick, in dem er, während er alle seine früheren Vorzüge als ein eminent erfinderischer und bildhafter Dichter beibehielt, sich selbst in Sprache und Metrum, in der Konstruktion des Ganzen und in der Pracht einzelner Passagen übertroffen hat.
Soll ich hier nun schließen? Nein! Die Charaktere der Verstorbenen, gleich den Lobsprüchen auf Grabsteinen, werden, so wie sie mit religiöser Zärtlichkeit beschrieben werden, auch gelesen – zwar mit nachsichtiger Sympathie, doch auch mit rationaler Schlussfolgerung. Es gibt Männer, die ein höheres Zeugnis verdienen; Männer, deren Charakter zu kennen, nicht weniger im Interesse ihrer Zeitgenossen als dem der Nachwelt liegt; solange es noch möglich ist für unparteiischen Tadel und selbst für scharfäugigen Neid, die Erzählung zu prüfen, ohne die Höflichkeiten der Menschlichkeit zu verletzen; und solange der Lobredner, wenn er der Übertreibung oder Falschheit überführt wird, die volle Strafe seiner Niedrigkeit in der Verachtung zahlen muss, die den ertappten Schmeichler brandmarkt. Öffentlich ist Mr. Southey von Männern geschmäht worden, die – wie ich für die Ehre der menschlichen Natur zu hoffen wage – Brandfackeln gegen eine Gestalt ihrer eigenen Einbildung schleuderten; öffentlich sind seine Talente herabgesetzt, seine Prinzipien verdammt worden; ebenso öffentlich halte ich es daher, da ich ihn genau kannte, für meine Pflicht, festzuhalten, dass es Southeys fast beispielloses Glück ist, die besten Gaben von Talent und Genie frei von all ihren charakteristischen Mängeln zu besitzen. Denen, die sich an den Zustand unserer öffentlichen Schulen und Universitäten vor etwa zwanzig Jahren erinnern, wird es kein gewöhnliches Lob sein, dass ein Mann von der Unschuld zur Tugend gelangte, nicht nur frei von jeder lasterhaften Gewohnheit, sondern unbefleckt von einem einzigen Akt der Maßlosigkeit oder den mit Maßlosigkeit verwandten Erniedrigungen. Jene Ordnung von Verstand, Herz und gewohnheitsmäßigem Auftreten, die Milton in seinem frühen Mannesalter und seinen ersten kontroversen Schriften unter Berufung auf das Recht der Selbstverteidigung für sich in Anspruch nahm und seine Verleumder aufforderte zu widerlegen; dies werden seine Schulkameraden, seine Kommilitonen und seine reiferen Freunde mit einer Zuversicht, die der Vertrautheit ihrer Kenntnis entspricht, als im Leben von Robert Southey wieder verwirklicht bezeugen. Doch noch auffallender wird denjenigen, die durch Biographien oder eigene Erfahrung mit den allgemeinen Gewohnheiten des Genies vertraut sind, des Dichters unvergleichlicher Fleiß und seine Beharrlichkeit in seinem Streben erscheinen; die Würdigkeit und Würde dieses Strebens; seine großmütige Unterwerfung unter Aufgaben von nur flüchtigem Interesse, oder solche, die allein sein Genie hätte anders erscheinen lassen können; und dass er, nachdem er so die Ansprüche von Zuneigung oder Klugheit mehr als erfüllt hatte, sich dennoch Zeit und Kraft verschafft hat, mehr zu leisten, und zwar in verschiedeneren Bereichen, als fast jeder andere Schriftsteller, obwohl er sich gänzlich mit Themen seiner eigenen Wahl und seines eigenen Ehrgeizes befasste. Aber so wie Southey sein Genie besitzt und nicht von ihm besessen wird, so ist er sogar Herr seiner Tugenden. Der regelmäßige und methodische Lauf seiner täglichen Arbeit, der in den mechanischsten Berufen als selten angesehen und vom bloßen Geschäftsmann beneidet würde, verliert in der würdevollen Einfachheit seines Wesens, in der Lebendigkeit und gesunden Heiterkeit seines Geistes jeden Anschein von Förmlichkeit. Stets beschäftigt, finden ihn seine Freunde stets bei Muße. Nicht weniger pünktlich in Kleinigkeiten als standhaft in der Erfüllung höchster Pflichten, fügt er niemandem jene kleinen Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu, die unregelmäßige Menschen um sich verbreiten und die in der Summe so oft zu gewaltigen Hindernissen für Glück und Nützlichkeit werden; während er im Gegenteil all die Freuden schenkt und all jene Geistesruhe bei denjenigen um ihn herum oder mit ihm Verbundenen weckt, die vollkommene Beständigkeit und (wenn man ein solches Wort prägen dürfte) absolute Zuverlässigkeit, in kleinen wie in großen Angelegenheiten gleichermaßen, nicht umhin kann zu wecken und zu schenken; wenn dies zudem durch Güte und Sanftmut gemildert, ohne abgeschwächt zu werden, geschieht. Ich kenne wenige Männer, die den Charakter, den ein Alter Marcus Cato zuschreibt, so wohl verdienen, nämlich dass er der Tugend am ähnlichsten war, insofern er recht zu handeln schien, nicht aus Gehorsam gegenüber irgendeinem Gesetz oder äußerem Motiv, sondern aus der Notwendigkeit einer glücklichen Natur, die nicht anders handeln konnte. Als Sohn, Bruder, Ehemann, Vater, Herr und Freund bewegt er sich mit festen und doch leichten Schritten, gleichermaßen unprätentiös und gleichermaßen beispielhaft. Als Schriftsteller hat er seine Talente einheitlich den besten Interessen der Menschheit, der öffentlichen Tugend und der häuslichen Frömmigkeit untergeordnet; seine Sache war stets die Sache der reinen Religion und der Freiheit, der nationalen Unabhängigkeit und der nationalen Aufklärung. Wenn zukünftige Kritiker seinen Lohn an Lob und Tadel abwägen, wird es allein Southey der Dichter sein, der ihnen die kärglichen Materialien für letzteres liefert. Sie werden es ebenfalls nicht versäumen zu vermerken, dass, wie niemand jemals ein beständigerer Freund war, kein Dichter mehr Freunde und Verehrer unter den Guten aller Parteien hatte; und dass Quacksalber in der Erziehung, Quacksalber in der Politik und Quacksalber in der Kritik seine einzigen Feinde waren.
KAPITEL IV
Die Lyrical Ballads mit dem Vorwort – Mr. Wordsworths frühere Gedichte – Über Phantasie und Einbildungskraft – Die Untersuchung der Unterscheidung ist wichtig für die Schönen Künste.
Ich bin weit von meinem eigentlichen Ziel abgekommen, doch da ich mir Leser vorstellte, die die Gefühle respektieren würden, die mich vom Hauptweg abgelockt hatten, so wage ich darauf zu rechnen, dass nicht wenige unter ihnen sind, die warmherzig mit ihnen sympathisieren werden. Für den Augenblick wird es für meinen Zweck genügen, wenn ich bewiesen habe, dass Mr. Southeys Schriften, nicht mehr als meine eigenen, den ursprünglichen Anlass zu dieser Fiktion einer neuen Schule der Poesie und zu den Aufschreien gegen ihre vermeintlichen Gründer und Proselyten geliefert haben.
Ebensowenig glaube ich, dass Mr. Wordsworths Lyrical Ballads selbst die Ursache waren. Ich spreche ausschließlich von den beiden so betitelten Bänden. Eine sorgfältige und wiederholte Prüfung dieser bestätigt mich in der Überzeugung, dass das Weglassen von weniger als hundert Zeilen neun Zehntel der Kritik an diesem Werk verhindert hätte. Ich wage diese Erklärung jedoch unter der Voraussetzung, dass der Leser sie so zur Hand genommen hat, wie er jede andere Gedichtsammlung zur Hand genommen hätte, die vorgibt, ihre Themen oder Interessen aus den Vorfällen des häuslichen oder alltäglichen Lebens zu beziehen, vermischt mit höheren Klängen der Meditation, die der Dichter in seiner eigenen Person und seinem eigenen Charakter äußert; unter der Bedingung, dass diese Gedichte ohne Kenntnis von oder Bezug auf die besonderen Meinungen des Autors gelesen wurden und dass der Leser seine Aufmerksamkeit nicht zuvor auf diese Besonderheiten gelenkt bekommen hatte. In diesem Fall, wie es tatsächlich bei Mr. Southeys früheren Werken geschah, wären die Zeilen und Passagen, die den allgemeinen Geschmack hätten beleidigen können, als bloße Ungleichmäßigkeiten betrachtet und der Unaufmerksamkeit, nicht der Perversität des Urteils zugeschrieben worden. Die Geschäftsleute, die ihr Leben hauptsächlich in Städten verbracht hatten und von denen man daher erwarten konnte, dass sie das größte Vergnügen aus scharfsinnigen Beobachtungen von Menschen und Sitten in einfacher, aber korrekter und pointierter Sprache ziehen würden; und all jene, die wenig Poesie lesen und am meisten von jener Art stimuliert werden, die der Prosa am fernsten scheint, hätten die Bände wahrscheinlich ganz übergangen. Andere, katholischer in ihrem Geschmack und doch daran gewöhnt, am meisten erfreut zu sein, wenn sie am meisten angeregt werden, hätten sich damit begnügt zu entscheiden, dass der Autor im Verhältnis zur Erhabenheit seines Stils und Themas erfolgreich gewesen sei. Nicht wenige vielleicht hätten durch ihre Bewunderung der Lines written near Tintern Abbey, on revisiting the Wye, jener Left upon a Yew Tree Seat, The Old Cumberland Beggar und Ruth allmählich dazu geführt werden können, mit verwandtem Gefühl The Brothers, Hart-leap Well und was immer sonst noch an Gedichten in jener Sammlung als eine mittlere Stellung zwischen denen im höchsten und denen im demütigsten Stil einnehmend beschrieben werden kann, zu lesen; wie zum Beispiel zwischen Tintern Abbey und The Thorn oder Simon Lee. Sollte ihr Geschmack keiner weiteren Änderung unterliegen und weiterhin unversöhnt mit den umgangssprachlichen Phrasen oder deren Nachahmungen bleiben, die mehr oder weniger über die letztgenannte Klasse verstreut sind; selbst dann hätten sie sie von der geringen Anzahl der letzteren nur für einen unbedeutenden Abzug vom Verdienst des gesamten Werkes gehalten; oder, was bei der Veröffentlichung eines neuen Schriftstellers manchmal nicht unangenehm ist, als dazu dienlich, die natürliche Tendenz und folglich die richtige Richtung des Genies des Autors zu bestimmen.
In den kritischen Bemerkungen, die den Lyrical Ballads vorangestellt und beigefügt sind, glaube ich daher, dass wir getrost den wahren Ursprung des beispiellosen Widerstands sehen können, dem Mr. Wordsworths Schriften seitdem ausgesetzt waren. Die demütigeren Passagen in den Gedichten selbst wurden hervorgehoben und zitiert, um die Ablehnung der Theorie zu rechtfertigen. Was an und für sich entweder als Unvollkommenheit oder zumindest als vergleichendes Scheitern vergessen oder vergeben worden wäre, provozierte direkte Feindseligkeit, wenn es als beabsichtigt, als das Ergebnis einer Wahl nach reiflicher Überlegung angekündigt wurde. So gaben die Gedichte, die von allen als exzellent anerkannt wurden, verbunden mit jenen, die der weitaus größeren Zahl gefallen hatten, obwohl sie zwei Drittel des gesamten Werkes ausmachten, statt (wie es mit allem Recht hätte sein sollen, selbst wenn wir als gegeben voraussetzen, dass der Leser richtig urteilt) ein Ausgleich für die wenigen Ausnahmen zu sein, der Feindseligkeit gegen die Gedichte und den Dichter Wind und Brennstoff. In jeder Ratlosigkeit liegt ein Teil Furcht, der den Geist für Zorn prädisponiert. Nicht fähig zu leugnen, dass der Autor sowohl Genie als auch einen kraftvollen Intellekt besaß, fühlten sie sich sehr bestimmt – waren sich aber doch nicht ganz sicher, ob er nicht vielleicht im Recht und sie selbst im Unrecht sein könnten; ein unruhiger Geisteszustand, der Linderung sucht, indem er sich mit dem Anlass dafür streitet und sich über die Perversität des Mannes wundert, der einen langen und argumentativen Essay geschrieben hatte, um sie davon zu überzeugen, dass
Fair is foul, and foul is fair;
mit anderen Worten, dass sie ihr ganzes Leben lang ohne Urteil bewundert hätten und nun ohne Grund tadeln würden.
Dass diese Vermutung nicht weit vom Ziel entfernt ist, dazu verleitet mich die bemerkenswerte Tatsache, die ich aus eigener Kenntnis feststellen kann, dass derselbe allgemeine Tadel von fast jeder unterschiedlichen Person auf irgendein unterschiedliches Gedicht gestützt wurde. Unter jenen, deren Aufrichtigkeit und Urteilsvermögen ich hoch einschätze, erinnere mich deutlich an sechs, die ihre Einwände gegen die Lyrical Ballads fast mit denselben Worten und insgesamt im selben Sinne äußerten, während sie gleichzeitig zugaben, dass ihnen mehrere der Gedichte großes Vergnügen bereitet hätten; und, so seltsam es scheinen mag, die Komposition, die der eine als abscheulich anführte, zitierte ein anderer als seinen Favoriten. Ich bin in der Tat in meinem eigenen Geist davon überzeugt, dass, wenn dasselbe Experiment mit diesen Bänden hätte versucht werden können, wie es in der bekannten Geschichte von dem Bild gemacht wurde, das Ergebnis dasselbe gewesen wäre; die Teile, die an dem einen Tag mit schwarzen Flecken bedeckt worden waren, würden am darauffolgenden als albo lapide notatae befunden werden.
Wie dem auch sei, es war sicherlich hart und ungerecht, die Aufmerksamkeit mit so viel Widerwillen auf einige wenige einzelne und isolierte Gedichte zu lenken, als wären sie so viele Pestbeulen auf dem gesamten Werk, anstatt sie in Stille zu übergehen, als wären sie so viel weißes Papier oder Seiten aus dem Katalog eines Buchhändlers; zumal niemand vorgab, in ihnen irgendeine Unmoral oder Unanständigkeit gefunden zu haben; und die Gedichte daher schlimmstenfalls nur als so viele leichte oder minderwertige Münzen in einer Goldrolle betrachtet werden konnten, nicht als so viel Legierung in einem Gewicht von Edelmetall. Ein Freund, dessen Talente ich mit dem höchsten Respekt achte, dessen Urteilsvermögen und starken gesunden Menschenverstand ich jedoch fast ununterbrochen verehren musste, machte mir die üblichen Beschwerden über Stil und Themen von Mr. Wordsworths kleineren Gedichten; ich gab zu, dass es einige wenige der Erzählungen und Vorfälle gab, bei denen ich selbst keinen ausreichenden Grund dafür finden konnte, dass sie in Metrum aufgezeichnet worden waren. Ich erwähnte Alice Fell als ein Beispiel; „Nein“, entgegnete mein Freund mit mehr als üblicher Schnelligkeit der Art, „da kann ich Ihnen nicht zustimmen! – das, so gebe ich zu, scheint mir ein bemerkenswert gefälliges Gedicht zu sein.“ In den Lyrical Ballads (denn meine Erfahrung ermöglicht es mir nicht, die Bemerkung gleichermaßen uneingeschränkt auf die zwei nachfolgenden Bände auszudehnen) habe ich zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Individuen jedes einzelne Gedicht gepriesen und verdammt gehört, mit Ausnahme derer höherer Art, die, wie bereits bemerkt, universelles Lob gewonnen zu haben scheinen. Diese Tatsache an sich hätte mich in meinen Tadelsreden unsicher gemacht, wäre nicht ein noch stärkerer Grund durch den seltsamen Kontrast der Hitze und langen Dauer des Widerstands mit der Art der als Rechtfertigung angeführten Fehler geliefert worden. Die verführerischen Fehler, die dulcia vitia eines Cowley, Marini oder Darwin könnten vernünftigerweise als fähig angesehen werden, das öffentliche Urteilsvermögen für ein halbes Jahrhundert zu korrumpieren und einen zwanzigjährigen Krieg, Feldzug um Feldzug, erfordern, um den Usurpator zu stürzen und den legitimen Geschmack wiederherzustellen. Aber dass eine regelrechte Einfalt unter der Affektation von Einfachheit, prosaische Worte in schwachem Metrum, alberne Gedanken in kindischen Phrasen und eine Vorliebe für gemeine, erniedrigende oder bestenfalls triviale Assoziationen und Charaktere Erfolg haben sollten, eine Schule von Nachahmern zu bilden, eine Gesellschaft von fast religiösen Bewunderern, und dies auch noch unter jungen Männern von feurigem Geist, liberaler Bildung und nicht
------with academic laurels unbestowed;
und dass diese nackte und kahle Fälschung von Poesie, die als unter jeder Kritik stehend charakterisiert wird, fast zwanzig Jahre lang die Kritik beinahe beschäftigt hat, als das Hauptziel, wenn nicht das einzige, von Rezension, Magazin, Pamphlet, Gedicht und Paragraph; das ist in der Tat Grund zum Staunen. Noch größer ist es, dass der Streit immer noch so unentschieden sein sollte wie der zwischen Bacchus und den Fröschen bei Aristophanes; als jener in die Reiche der Verstorbenen hinabstieg, um den Geist alter und echter Poesie zurückzubringen;--
CH. Brekekekex, koax, koax. D. All’ exoloisth’ auto koax. Ouden gar est’ all’, hae koax. Oimozet’ ou gar moi melei. CH. Alla maen kekraxomestha g’, oposon hae pharynx an haemon chandanae di’ haemeras, brekekekex, koax, koax! D. Touto gar ou nikaesete. CH. Oude men haemas su pantos. D. Oude maen humeis ge dae m’ oudepote. Kekraxomai gar, kan me deae, di’ haemeras, eos an humon epikrataeso tou koax! CH. Brekekekex, KO’AX, KOAX!
Während des letzten Jahres meines Aufenthaltes in Cambridge, 1794, lernte ich Mr. Wordsworths erste Veröffentlichung mit dem Titel Descriptive Sketches kennen; und selten, wenn überhaupt, wurde das Hervortreten eines ursprünglichen poetischen Genies über dem literarischen Horizont deutlicher angekündigt. In der Form, dem Stil und der Art des gesamten Gedichts und im Aufbau der einzelnen Zeilen und Perioden gibt es eine Härte und Bitterkeit, verbunden und kombiniert mit Worten und Bildern, die alle glühen, was jene Produkte der Pflanzenwelt in Erinnerung rufen könnte, wo prächtige Blüten aus einer harten und dornigen Rinde und Schale aufsteigen, in deren Inneren die reiche Frucht heranreift. Die Sprache ist nicht nur eigentümlich und stark, sondern zuweilen knotig und verdreht, wie durch ihre eigene ungeduldige Kraft; während die Neuheit und die kämpfende Menge von Bildern, im Zusammenwirken mit den Schwierigkeiten des Stils, immer eine größere Aufmerksamkeit erfordert, als Poesie – jedenfalls als deskriptive Poesie – ein Recht hat zu beanspruchen. Es rechtfertigte daher nicht selten die Klage über Unklarheit. Im folgenden Auszug habe ich manchmal gemeint, ein Sinnbild des Gedichts selbst und des Genies des Autors, wie es sich damals zeigte, zu sehen.--
’Tis storm; and hid in mist from hour to hour, All day the floods a deepening murmur pour; The sky is veiled, and every cheerful sight Dark is the region as with coming night; Yet what a sudden burst of overpowering light! Triumphant on the bosom of the storm, Glances the fire-clad eagle’s wheeling form; Eastward, in long perspective glittering, shine The wood-crowned cliffs that o’er the lake recline; Those Eastern cliffs a hundred streams unfold, At once to pillars turned that flame with gold; Behind his sail the peasant strives to shun The west, that burns like one dilated sun, Where in a mighty crucible expire The mountains, glowing hot, like coals of fire.
Die poetische Psyche durchläuft auf ihrem Weg zur vollen Entwicklung ebenso viele Veränderungen wie ihre griechische Namensvetterin, der Schmetterling. Und es ist bemerkenswert, wie schnell sich das Genie von den Fehlern und Irrtümern seiner frühesten Produkte reinigt und läutert; Fehler, die in seinen ersten Kompositionen umso aufdringlicher und zusammenfließender sind, weil sie als heterogene Elemente, die nur einen vorübergehenden Nutzen hatten, genau jene Gärung bilden, durch die sie selbst hinweggeschafft werden. Oder wir können sie mit einigen Krankheiten vergleichen, die auf die Körpersäfte einwirken und an die Oberfläche geworfen werden müssen, um den Patienten vor ihrem zukünftigen Wiederauftreten zu bewahren. Ich war in meinem vierundzwanzigsten Jahr, als ich das Glück hatte, Mr. Wordsworth persönlich kennenzulernen, und solange das Gedächtnis währt, werde ich den plötzlichen Effekt, den die Rezitation eines handschriftlichen Gedichts auf meinen Geist ausübte, kaum vergessen, das noch unveröffentlicht bleibt, dessen Strophe und Tonfall des Stils jedoch die gleichen waren wie bei The Female Vagrant, wie es ursprünglich im ersten Band der Lyrical Ballads gedruckt wurde. Es gab hier kein Anzeichen von angestrengtem Denken oder erzwungener Diktion, keine Menge oder Turbulenz der Bildsprache; und, wie der Dichter selbst in seinen Lines on revisiting the Wye treffend beschrieben hat, hatten männliche Reflexion und menschliche Assoziationen sowohl Vielfalt als auch ein zusätzliches Interesse an natürlichen Objekten gegeben, die sie ihm in der Leidenschaft und dem Appetit der ersten Liebe weder nötig noch erlaubt erschienen waren. Die gelegentlichen Unklarheiten, die aus einer unvollkommenen Kontrolle über die Ressourcen seiner Muttersprache entstanden waren, waren fast gänzlich verschwunden, zusammen mit jenem schlimmeren Fehler willkürlicher und unlogischer Phrasen, die zugleich abgedroschen und phantastisch sind, die einen so ausgezeichneten Platz in der Technik gewöhnlicher Poesie einnehmen und die früheren Gedichte des wahrhaftigsten Genies mehr oder weniger trüben werden, es sei denn, die Aufmerksamkeit wurde besonders auf deren Wertlosigkeit und Ungereimtheit gelenkt. Ich bemerkte nichts Besonderes an dem bloßen Stil des erwähnten Gedichts während seiner Rezitation, außer jenen Unterschied, der nicht vom Gedanken und der Art und Weise trennbar war; und die Spenser-Strophe, die den Leser immer mehr oder weniger an Spensers eigenen Stil erinnert, hätte meiner damaligen Meinung nach zweifellos einen häufigeren Abstieg zu den Phrasen des gewöhnlichen Lebens erlaubt, als dies ohne schlechte Wirkung im heroischen Reimpaar hätte gewagt werden können. Es war jedoch nicht die Freiheit von falschem Geschmack, sei es in Bezug auf gewöhnliche Mängel oder auf solche, die eher seine eigenen waren, die einen so ungewöhnlichen Eindruck auf meine Gefühle unmittelbar und später auf mein Urteilsvermögen machte. Es war die Vereinigung von tiefem Gefühl mit tiefgründigem Denken; das feine Gleichgewicht der Wahrheit beim Beobachten mit der Vorstellungskraft beim Modifizieren der beobachteten Objekte; und vor allem die ursprüngliche Gabe, den Ton, die Atmosphäre und damit die Tiefe und Höhe der idealen Welt um Formen, Vorfälle und Situationen auszubreiten, von denen für die gewöhnliche Sicht die Gewohnheit allen Glanz getrübt, das Funkeln und die Tautropfen getrocknet hatte.
Diese Exzellenz, die in allen Schriften von Herrn Wordsworth mehr oder weniger vorherrschend ist und den Charakter seines Geistes ausmacht, spürte ich nicht eher, als ich sie zu verstehen suchte. Wiederholte Meditationen führten mich zuerst zu der Vermutung – (und eine intimere Analyse der menschlichen Fähigkeiten, ihrer entsprechenden Kennzeichen, Funktionen und Wirkungen reifte meine Vermutung zur vollen Überzeugung) –, dass Phantasie und Einbildungskraft zwei verschiedene und weit voneinander abweichende Fähigkeiten seien, anstatt, wie allgemein geglaubt wird, entweder zwei Namen für eine Bedeutung oder, bestenfalls, der niedere und höhere Grad ein und derselben Kraft. Es ist, ich gebe es zu, nicht leicht, sich eine treffendere Übersetzung des griechischen phantasia vorzustellen als die lateinische imaginatio; doch ist es ebenso wahr, dass in allen Gesellschaften ein Instinkt für Wachstum existiert, ein gewisser kollektiver, unbewusster Gemeinsinn, der fortschreitend daran arbeitet, jene Wörter zu desynonymisieren, die ursprünglich dieselbe Bedeutung hatten und die der Zusammenfluss von Dialekten den homogeneren Sprachen, wie dem Griechischen und dem Deutschen, zuführte: und die dieselbe Ursache, verbunden mit den Zufälligkeiten der Übersetzung aus Originalwerken verschiedener Länder, in gemischten Sprachen wie der unseren hervorruft. Der erste und wichtigste Punkt, der bewiesen werden muss, ist, dass zwei vollkommen unterschiedliche Begriffe unter einem und demselben Wort verwechselt werden, und – dies getan – dieses Wort ausschließlich der einen Bedeutung zuzueignen und das Synonym, sollte eines existieren, der anderen. Doch wenn – (wie es in den Künsten und Wissenschaften oft der Fall sein wird) – kein Synonym existiert, müssen wir ein Wort erfinden oder entleihen. Im vorliegenden Fall hat die Aneignung bereits begonnen und wurde im abgeleiteten Adjektiv legitimiert: Milton hatte einen höchst imaginative, Cowley einen sehr fanciful Geist. Wenn es mir daher gelingen sollte, die tatsächliche Existenz zweier grundsätzlich verschiedener Fähigkeiten zu beweisen, wäre die Nomenklatur sofort bestimmt. Auf die Fähigkeit, durch die ich Milton charakterisiert hatte, sollten wir den Begriff ‚Imagination‘ beschränken; während die andere als ‚Fancy‘ unterschieden würde. Wäre nun erst einmal vollständig festgestellt, dass diese Einteilung nicht weniger in der Natur begründet ist als die des Deliriums von der Manie, oder Otways
Lauten, Lorbeeren, Milchmeeren und Schiffen aus Bernstein,
von Shakespeares
Was! Haben seine Töchter ihn in diese Lage gebracht?
oder von der vorangegangenen Apostrophe an die Elemente; so könnte die Theorie der schönen Künste, und der Poesie im Besonderen, nicht umhin, ein zusätzliches und wichtiges Licht zu gewinnen. Sie würde in ihren unmittelbaren Wirkungen dem philosophischen Kritiker eine Fackel der Führung bieten; und letztlich dem Dichter selbst. In energetischen Geistern verwandelt sich Wahrheit durch Domestizierung bald in Kraft; und von der Leitung bei der Unterscheidung und Bewertung des Produkts wird sie einflussreich bei der Produktion. Aus Prinzip zu bewundern ist der einzige Weg, ohne Verlust an Originalität nachzuahmen.
Es wurde bereits angedeutet, dass Metaphysik und Psychologie lange mein Steckenpferd waren. Aber ein Steckenpferd zu haben und eitel darauf zu sein, findet man so häufig zusammen, dass sie fast für dasselbe gelten. Ich vertraue daher, dass mehr Humor als Verachtung in dem Lächeln liegen wird, mit dem der Leser meine Selbstgefälligkeit züchtigt, wenn ich mich als unsicher bekenne, ob nicht die Befriedigung aus der Wahrnehmung einer für mich neuen Wahrheit durch die Einbildung, sie wäre für das Publikum ebenso neu, noch schmerzlicher gemacht wurde. Es gab sicherlich eine Zeit, in der ich mir ein wenig zugutehielt, der Erste meiner Landsleute gewesen zu sein, der auf die vielfältige Bedeutung hingewiesen hatte, deren die beiden Begriffe fähig waren, und die Fähigkeiten analysiert hatte, denen sie zugeordnet werden sollten. Herrn W. Taylors kürzlich erschienenen Band über Synonyme habe ich noch nicht gesehen; doch seine Spezifizierung der betreffenden Begriffe wurde von Herrn Wordsworth in der Vorrede, die er der letzten Sammlung seiner Gedichte beigefügt hat, klar als sowohl unzureichend als auch fehlerhaft aufgezeigt. Die Erklärung, die Herr Wordsworth selbst gegeben hat, unterscheidet sich von meiner, vielleicht hauptsächlich dadurch, dass unsere Ziele verschieden sind. Es könnte kaum anders sein, angesichts des Vorteils, den ich durch häufige Gespräche mit ihm über ein Thema genossen habe, auf das mich eines seiner eigenen Gedichte zuerst aufmerksam machte, und bezüglich dessen er mir durch viele glückliche Beispiele, die aus der Wirkung natürlicher Objekte auf den Geist gezogen wurden, seine Schlussfolgerungen klarer gemacht hat. Doch es war Herrn Wordsworths Absicht, die Einflüsse von Fancy und Imagination zu betrachten, wie sie sich in der Poesie manifestieren, und aus den verschiedenen Wirkungen auf ihre Verschiedenheit in der Art zu schließen; während es mein Ziel ist, das samenhafte Prinzip zu untersuchen und dann aus der Art den Grad abzuleiten. Mein Freund hat eine meisterhafte Skizze der Zweige mit ihrer poetischen Frucht gezeichnet. Ich wünsche den Stamm hinzuzufügen, und sogar die Wurzeln, sofern sie sich über den Boden erheben und für das bloße Auge unseres gemeinsamen Bewusstseins sichtbar sind.
Doch selbst bei diesem Versuch bin ich mir bewusst, dass ich die Aufmerksamkeit des Lesers stärker in Anspruch nehmen muss, als ein so methodenloses Sammelsurium wie dieses rechtfertigen kann; wenn in einem solchen Werk (der Ecclesiastical Polity) eines solchen Geistes wie Hookers der umsichtige Autor, obgleich nicht weniger bewundernswert für die Klarheit als für das Gebaren und die Würde seiner Sprache – und obgleich er für gelehrte Männer in einem gelehrten Zeitalter schrieb –, dennoch Anlass sah, „Klagen über Dunkelheit“ vorwegzunehmen und abzuwehren, so oft er sein Thema „bis zur höchsten Quelle und dem Ursprung“ zurückverfolgte. Was (fährt er fort) „weil die Menschen nicht daran gewöhnt sind, die Mühen, die wir auf uns nehmen, viel notwendiger als angenehm erscheinen lässt; und die Dinge, die wir behandeln, scheinen aufgrund ihrer Neuheit (bis der Geist besser mit ihnen vertraut wird) dunkel und verwickelt.“ Ich würde daher gerne sowohl mir selbst als auch anderen diese Arbeit ersparen, wenn ich wüsste, wie ich ohne sie eine verständliche Darlegung meines poetischen Credos präsentieren könnte – nicht als meine Meinungen, die nichts wiegen, sondern als Deduktionen aus etablierten Prämissen, vermittelt in einer Form, die darauf ausgelegt ist, entweder eine fundamentale Überzeugung zu bewirken oder eine fundamentale Widerlegung zu erfahren. Wenn ich es wagen darf, noch einmal die Worte Hookers anzunehmen: „Diejenigen, denen wir langatmig erscheinen, werden in keiner Weise durch uns geschädigt, weil es in ihren eigenen Händen liegt, jene Mühe zu ersparen, die sie nicht zu ertragen bereit sind.“ Diejenigen zumindest, so sei mir gestattet hinzuzufügen, die sich so viel Mühe gegeben haben, mich wegen einer Geschmacksverirrung lächerlich zu machen, und die den Vorwurf gestützt haben, indem sie mir seltsame Ansichten auf keine andere Autorität als ihre eigenen Vermutungen hin zuschrieben, sind es sich selbst sowie mir schuldig, ihre Aufmerksamkeit meiner eigenen Darlegung der Theorie, die ich tatsächlich anerkenne, nicht zu verweigern; oder vor der Mühe zurückzuschrecken, die Gründe zu prüfen, auf denen ich sie stütze, oder die Argumente, die ich zu ihrer Rechtfertigung anbiete.
KAPITEL V
Über das Gesetz der Assoziation – Seine Geschichte verfolgt von Aristoteles bis Hartley.
Es gab zu allen Zeiten Menschen, die wie durch einen Instinkt dazu gedrängt wurden, ihre eigene Natur als Problem aufzuwerfen, und die ihre Versuche ihrer Lösung widmeten. Der erste Schritt war, eine Tabelle der Unterscheidungen zu erstellen, die sie scheinbar nach dem Prinzip der Abwesenheit oder Anwesenheit des Willens formten. Unsere verschiedenen Empfindungen, Wahrnehmungen und Bewegungen wurden als aktiv oder passiv klassifiziert, oder als Medien, die an beidem teilhaben. Eine noch feinere Unterscheidung wurde bald zwischen dem Freiwilligen und dem Spontanen etabliert. In unseren Wahrnehmungen scheinen wir uns selbst gegenüber einer äußeren Macht lediglich passiv zu sein, sei es als Spiegel, der die Landschaft reflektiert, oder als leere Leinwand, auf der eine unbekannte Hand sie malt. Denn es ist bemerkenswert, dass letzteres, oder das System des Idealismus, auf Quellen zurückgeführt werden kann, die ebenso fern sind wie erstere, oder der Materialismus; und Berkeley kann sich einer Abstammung rühmen, die zumindest so ehrwürdig ist wie die von Gassendi oder Hobbes. Diese Vermutungen jedoch bezüglich der Art und Weise, wie unsere Wahrnehmungen entstanden, konnten den natürlichen Unterschied von Dingen und Gedanken nicht verändern. Bei ersteren schien die Ursache gänzlich extern zu sein, während bei letzteren manchmal unser Wille als produzierende oder bestimmende Ursache eingriff, und manchmal unsere Natur durch einen eigenen Mechanismus zu handeln schien, ohne bewusste Anstrengung des Willens, oder sogar gegen ihn. Unsere inneren Erfahrungen wurden so in drei getrennte Klassen geordnet: den passiven Sinn, oder das, was die Scholastiker die bloß empfängliche Qualität des Geistes nennen; das Freiwillige; und das Spontane, das den mittleren Platz zwischen beiden einnimmt. Doch es liegt nicht in der menschlichen Natur, über irgendeine Art von Handlung nachzudenken, ohne nach dem Gesetz zu fragen, das sie regiert; und bei der Erklärung der spontanen Bewegungen unseres Wesens übernahm der Metaphysiker die Führung vor dem Anatomen und Naturphilosophen. In Ägypten, Palästina, Griechenland und Indien hatte die Analyse des Geistes ihren Mittag und ihr Mannesalter erreicht, während die experimentelle Forschung noch in ihrer Morgenröte und Kindheit war. Seit vielen, sehr vielen Jahrhunderten ist es schwierig gewesen, eine neue Wahrheit, oder auch nur einen neuen Irrtum, in der Philosophie des Intellekts oder der Moral voranzubringen. Bezüglich der Gesetze jedoch, die die spontanen Bewegungen des Denkens leiten, und des Prinzips ihres intellektuellen Mechanismus, existiert, so wurde behauptet, eine wichtige Ausnahme, die den Modernen zur Ehre gereicht und an deren Verdienst unser eigenes Land den größten Anteil beansprucht. Sir James Mackintosh – (der inmitten der Vielfalt seiner Talente und Errungenschaften nicht weniger für die Tiefe und Genauigkeit seiner philosophischen Untersuchungen bekannt ist als für die Beredsamkeit, mit der er ihre schwierigsten Ergebnisse verständlich und die trockensten attraktiv zu machen vermag) – bekräftigte in den Vorlesungen, die er in der Lincoln’s Inn Hall hielt, dass das Gesetz der Assoziation, wie es in der Gleichzeitigkeit der ursprünglichen Eindrücke etabliert ist, die Basis aller wahren Psychologie bilde; und dass jede ontologische oder metaphysische Wissenschaft, die nicht in einer solchen (das heißt empirischen) Psychologie enthalten sei, nur ein Gewebe aus Abstraktionen und Verallgemeinerungen sei. Von dieser fruchtbaren Wahrheit, von diesem großen Grundgesetz, erklärte er Hobbes zum ursprünglichen Entdecker, während wir die volle Anwendung auf das gesamte intellektuelle System Hartley verdankten; der zu Hobbes in demselben Verhältnis stand wie Newton zu Kepler; wobei das Gesetz der Assoziation für den Geist das ist, was die Gravitation für die Materie ist.
Über den ersten Teil dieser Behauptung, soweit sie die komparativen Verdienste der antiken Metaphysiker, einschließlich ihrer Kommentatoren, der Scholastiker, und der modernen britischen und französischen Philosophen von Hobbes bis Hume, Hartley und Condillac betrifft, ist hier nicht der Ort zu sprechen. So weit ist in der Tat die Kluft zwischen Sir James Mackintoshs philosophischem Credo und meinem, dass wir, weit davon entfernt, die Hände reichen zu können, unsere Stimmen kaum füreinander verständlich machen könnten: und sie zu überbrücken, würde mehr Zeit, Geschick und Kraft erfordern, als ich glaube zu besitzen. Aber der letztere Teil beinhaltet größtenteils eine bloße Frage von Faktum und Geschichte, und die Genauigkeit der Aussage ist eher durch Dokumente als durch Vernunftschlüsse zu prüfen.
Zuerst also bestreite ich Hobbes’ Anspruch in toto: denn er war von Des Cartes vorweggenommen worden, dessen Werk De Methodo Hobbes’ De Natura Humana um mehr als ein Jahr vorausging. Aber was von weitaus größerer Bedeutung ist: Hobbes baut nichts auf dem Prinzip auf, das er verkündet hatte. Er verkündet es nicht einmal als in irgendeiner Hinsicht von den allgemeinen Gesetzen materieller Bewegung und Stoßkraft verschieden: noch war es ihm in der Tat möglich, dies zu tun, in Übereinstimmung mit seinem System, das ausschließlich materiell und mechanisch war. Ganz anders verhält es sich mit Des Cartes; so sehr er auch in seinen späteren Schriften (und noch eklatanter seine Nachfolger De la Forge und andere) die Wahrheit durch ihre Versuche verdunkelte, sie auf der Theorie nervöser Fluida und materieller Konfigurationen zu erklären. Doch in seinem interessanten Werk De Methodo berichtet Des Cartes den Umstand, der ihn zuerst dazu führte, über dieses Thema nachzudenken, und der seither oft bemerkt und als Instanz und Illustration des Gesetzes verwendet wurde. Ein Kind, dem bei verbundenen Augen mehrere Finger amputiert worden waren, fuhr fort, sich viele Tage nacheinander über Schmerzen, bald in diesem, bald in jenem Gelenk, eben jener Finger zu beklagen, die abgeschnitten worden waren. Des Cartes wurde durch diesen Vorfall dazu geführt, über die Unsicherheit nachzudenken, mit der wir irgendeinen bestimmten Ort irgendeinem inneren Schmerz oder Unbehagen zuschreiben, und fuhr nach langem Überlegen fort, es als allgemeines Gesetz zu etablieren: dass gleichzeitige Eindrücke, ob Bilder oder Empfindungen, sich gegenseitig mechanisch zurückrufen. Auf diesem Prinzip als Grundlage baute er das gesamte System der menschlichen Sprache als einen fortgesetzten Prozess der Assoziation auf. Er zeigte, in welchem Sinne nicht nur allgemeine Begriffe, sondern generische Bilder – unter dem Namen abstrakter Ideen – tatsächlich existierten und worin ihre Natur und Kraft bestünden. Wie ein Wort zum allgemeinen Exponenten vieler werden kann, so kann durch Assoziation ein einfaches Bild eine ganze Klasse repräsentieren. Aber in Wahrheit erhebt Hobbes selbst keinen Anspruch auf irgendeine Entdeckung und führt dieses Gesetz der Assoziation, oder (in seiner eigenen Sprache) den Discursus des Geistes, als eine anerkannte Tatsache ein, in deren Lösung allein, und dies durch rein physiologische Ursachen, er irgendeine Originalität für sich beansprucht. Sein System ist kurz gesagt dies: Wann immer die Sinne von äußeren Objekten getroffen werden, sei es durch die Lichtstrahlen, die von ihnen reflektiert werden, oder durch Ausströmungen ihrer feineren Partikel, resultiert daraus eine korrespondierende Bewegung der innersten und subtilsten Organe. Diese Bewegung konstituiert eine Repräsentation, und es verbleibt ein Eindruck derselben, oder eine gewisse Disposition, dieselbe Bewegung zu wiederholen. Wann immer wir mehrere Objekte zur selben Zeit fühlen, sind die Eindrücke, die zurückbleiben (oder in der Sprache von Herrn Hume: die Ideen), miteinander verknüpft. Wann immer daher eine der Bewegungen, die einen komplexen Eindruck konstituieren, durch die Sinne erneuert wird, folgen die anderen mechanisch nach. Es folgt daher notwendigerweise, dass Hobbes, ebenso wie Hartley und alle anderen, die Assoziation von der Verbindung und Interdependenz der angenommenen Materie ableiten, deren Bewegungen unsere Gedanken konstituieren, alle ihre Formen auf das eine Gesetz der Zeit reduziert haben müssen. Doch selbst das Verdienst, dieses Gesetz mit philosophischer Präzision anzukündigen, kann ihm nicht billigerweise zugestanden werden. Denn die Objekte irgendwelcher zwei Ideen müssen nicht in derselben Empfindung koexistiert haben, um gegenseitig assoziierbar zu werden. Dasselbe Resultat folgt, wenn nur eine der beiden Ideen von den Sinnen und die andere vom Gedächtnis repräsentiert wurde.
Lange jedoch vor Hobbes oder Des Cartes war das Gesetz der Assoziation definiert und seine wichtigen Funktionen durch Ludovicus Vives dargelegt worden. Phantasia, so ist zu beachten, wird von Vives verwendet, um die mentale Kraft der Kompression, oder die aktive Funktion des Geistes, auszudrücken; und imaginatio für die Rezeptivität (via receptiva) von Eindrücken, oder für die passive Wahrnehmung. Die Kraft der Kombination schreibt er ersterer zu: „quae singula et simpliciter acceperat imaginatio, ea conjungit et disjungit phantasia.“ Und das Gesetz, nach dem die Gedanken spontan präsentiert werden, folgt so: „quae simul sunt a phantasia comprehensa, si alterutrum occurrat, solet secum alterum representare.“ Der Zeit unterordnet er daher alle anderen erregenden Ursachen der Assoziation. Die Seele schreitet „a causa ad effectum, ab hoc ad instrumentum, a parte ad totum;“ von dort zum Ort, vom Ort zur Person, und von dieser zu allem, was vorausging oder folgte, alles als Teile eines Gesamteindrucks, von denen jeder den anderen zurückrufen kann. Die scheinbaren Sprünge „saltus vel transitus etiam longissimos“ erklärt er dadurch, dass derselbe Gedanke ein Bestandteil von zwei oder mehr Gesamteindrücken gewesen sei. So: „ex Scipione venio in cogitationem potentiae Turcicae, propter victorias ejus de Asia, in qua regnabat Antiochus.“
Doch von Vives gehe ich sogleich zur Quelle seiner Lehren über, und (soweit wir aus den noch erhaltenen Resten der griechischen Philosophie urteilen können) wie zur ersten, so zur vollsten und perfektesten Verkündung des assoziativen Prinzips, nämlich zu den Schriften des Aristoteles; und von diesen im Besonderen zu den Abhandlungen De Anima und „De Memoria“, welch letztere zur Reihe der Essays gehört, die in den alten Übersetzungen Parva Naturalia betitelt sind. Insofern spätere Schriftsteller entweder von seinen Lehren abgewichen sind oder ihnen etwas hinzugefügt haben, scheinen sie mir entweder Irrtum oder grundlose Vermutung eingeführt zu haben.
In erster Linie ist zu beobachten, dass Aristoteles’ Positionen zu diesem Thema frei von Fiktion sind. Der weise Stagirite spricht von keinen aufeinanderfolgenden Partikeln, die Bewegung verbreiten wie Billardkugeln, wie Hobbes; noch von nervösen oder animalischen Geistern, wo unbelebte und vernunftlose Feststoffe aufgetaut und durch Destillation oder Filtration durch Aufsteigen in lebendige und intelligente Fluida verwandelt werden, die Gravuren auf das Gehirn ätzen und nachätzen, wie die Nachfolger von Des Cartes und die humoralen Pathologen im Allgemeinen; noch von einem oszillierenden Äther, der denselben Dienst für die Nerven des Gehirns, als feste Fasern betrachtet, leisten sollte, den die animalischen Geister unter der Vorstellung hohler Röhren für sie verrichten, wie Hartley lehrt – noch schließlich (mit noch neueren Träumern) von chemischen Verbindungen durch elektive Affinität, oder von einem elektrischen Licht, das zugleich unmittelbares Objekt und letztes Organ innerer Vision ist, welches wie eine Aurora Borealis zum Gehirn aufsteigt und dort, in verschiedenen Formen spielend – wie das Gleichgewicht von Plus und Minus, oder Negativ und Positiv, zerstört oder wiederhergestellt wird –, sowohl Vergangenes als auch Gegenwärtiges abbildet. Aristoteles liefert eine gerechte Theorie, ohne eine Hypothese vorzutäuschen; oder mit anderen Worten: eine umfassende Übersicht der verschiedenen Fakten und ihrer Beziehungen zueinander ohne Vermutung, das heißt ein Faktum, das unter eine Anzahl von Fakten als ihre gemeinsame Stütze und Erklärung gestellt wird; obgleich in der Mehrzahl der Fälle diese Hypothesen oder Vermutungen eher den Namen upopoiaeseis oder Suffiktionen verdienen. Er verwendet zwar das Wort kinaeseis, um das auszudrücken, was wir Repräsentationen oder Ideen nennen, aber er unterscheidet sie sorgfältig von materieller Bewegung und kennzeichnet letztere immer durch das Anfügen der Wörter en topo oder kata topon. Im Gegenteil, in seiner Abhandlung De Anima schließt er Ort und Bewegung von allen Operationen des Denkens aus, seien es Repräsentationen oder Volitionen, als Attribute, die völlig und absurderweise heterogen sind.
Das allgemeine Gesetz der Assoziation, oder, genauer ausgedrückt, die gemeinsame Bedingung, unter der alle erregenden Ursachen wirken und in der sie verallgemeinert werden können, ist laut Aristoteles dies: Ideen erlangen dadurch, dass sie zusammen waren, die Kraft, einander zurückzurufen; oder jede partielle Repräsentation weckt die totale Repräsentation, von der sie ein Teil war. Bei der praktischen Bestimmung dieses gemeinsamen Prinzips für bestimmte Erinnerungen lässt er fünf Agenten oder verursachende Ursachen zu: erstens, Verbindung in der Zeit, ob gleichzeitig, vorausgehend oder nachfolgend; zweitens, Nähe oder Verbindung im Raum; drittens, Interdependenz oder notwendige Verbindung, wie Ursache und Wirkung; viertens, Ähnlichkeit; und fünftens, Kontrast. Als zusätzliche Lösung für die gelegentlichen scheinbaren Klüfte in der Kontinuität der Reproduktion beweist er, dass Bewegungen oder Ideen, die den einen oder anderen dieser fünf Charaktere besaßen, den Geist als Zwischenglieder durchlaufen hatten, klar genug, um andere Teile derselben Gesamteindrücke zurückzurufen, mit denen sie koexistiert hatten, wenn auch nicht lebendig genug, um jenen Grad an Aufmerksamkeit zu erregen, der für deutliche Erinnerung erforderlich ist, oder wie wir es treffend ausdrücken können: Nachbewusstsein. In der Assoziation besteht also der gesamte Mechanismus der Reproduktion von Eindrücken in der aristotelischen Psychologie. Es ist das universelle Gesetz der passiven Phantasie und des mechanischen Gedächtnisses; jenes, das allen anderen Fähigkeiten ihre Objekte, allem Denken die Elemente seiner Materialien liefert.
Als ich den exzellenten Kommentar des heiligen Thomas von Aquin zu den Parva Naturalia des Aristoteles konsultierte, war ich sogleich von seiner engen Ähnlichkeit mit Humes Essay über Assoziation beeindruckt. Die Hauptgedanken waren in beiden dieselben, die Reihenfolge der Gedanken war dieselbe, und sogar die Illustrationen unterschieden sich nur durch Humes gelegentliche Substitution modernerer Beispiele. Ich erwähnte den Umstand gegenüber mehreren meiner literarischen Bekannten, die die Enge der Ähnlichkeit einräumten und dass sie zu groß erschien, als dass sie durch bloßen Zufall erklärt werden könnte; aber sie hielten es für unwahrscheinlich, dass Hume die Seiten des Angelic Doctor für wert gehalten hätte, umgeblättert zu werden. Doch einige Zeit später zeigte Herr Payne Sir James Mackintosh einige seltsame Bände des heiligen Thomas von Aquin, teils vielleicht, weil er gehört hatte, dass er in seinen Vorlesungen ein hohes Lob auf diesen kanonisierten Philosophen ausgesprochen hatte; hauptsächlich aber aufgrund der Tatsache, dass die Bände Herrn Hume gehört hatten und hier und da Randbemerkungen und Referenznotizen in seiner eigenen Handschrift aufwiesen. Unter diesen Bänden war jener, der die Parva Naturalia in der alten lateinischen Version enthält, eingewickelt und gewickelt in den besagten Kommentar.
Es bleibt mir also, erstens darzulegen, worin Hartley von Aristoteles abweicht; zweitens, die Gründe meiner Überzeugung aufzuzeigen, dass er nur abwich, um zu irren; und drittens, als Ergebnis zu zeigen, durch welche Einflüsse der Wahl und des Urteilsvermögens die assoziative Kraft entweder zum Gedächtnis oder zur Einbildungskraft wird; und abschließend die verbleibenden Aufgaben des Geistes der Vernunft und der Imagination zuzuweisen. Indem ich mich nach besten Kräften bemühe, so klar zu sein, wie es die Natur der Sprache bei einem solchen Thema zulässt, erbitte ich inständig die guten Wünsche und die freundliche Geduld meiner Leser, während ich mich so „auf meinem dunklen und gefahrvollen Weg“ weiterhangele.
KAPITEL VI
Dass Hartleys System, soweit es von dem des Aristoteles abweicht, weder theoretisch haltbar noch in Tatsachen begründet ist.
Über Hartleys hypothetische Schwingungen in seinem hypothetischen oszillierenden Äther der Nerven, was die erste und offensichtlichste Unterscheidung zwischen seinem System und dem des Aristoteles darstellt, werde ich wenig sagen. Dies, zusammen mit allen anderen ähnlichen Versuchen, dasjenige zu einem Objekt des Gesichts zu machen, das keine Beziehung zum Sehen hat, ist bereits vom jüngeren Reimarus, Maasz und anderen hinreichend bloßgestellt worden, da es die Axiome der Mechanik in einem Schema verletzt, dessen Verdienst gerade darin besteht, mechanisch zu sein. Ob irgendeine andere Philosophie als die mechanische möglich ist; und wiederum, ob das mechanische System überhaupt Anspruch darauf erheben kann, Philosophie genannt zu werden; das sind Fragen für einen anderen Ort. Es ist jedoch gewiss, dass wir uns, solange wir die erstere leugnen und die letztere bejahen, verirren müssen, wann immer wir in die adyta der Kausalität eindringen wollen; und alles, was mühsame Vermutung vermag, ist, die Lücken der Einbildungskraft zu füllen. Unter diesem Despotismus des Auges (dessen Befreiung Pythagoras durch seine Zahlensymbole, Plato durch seine musikalischen Symbole und beide durch geometrische Disziplin als das erste propaideuma des Geistes anstrebten) – unter diesem starken sinnlichen Einfluss sind wir rastlos, weil unsichtbare Dinge keine Objekte des Sehens sind; und metaphysische Systeme werden meist nicht wegen ihrer Wahrheit populär, sondern in dem Maße, wie sie Ursachen eine Empfänglichkeit dafür zuschreiben, gesehen zu werden, wenn nur unsere Sehorgane hinreichend stark wären.
Von hundert möglichen Widerlegungen möge eine genügen. Nach diesem System wird die Idee oder Schwingung a vom äußeren Objekt A assoziierbar mit der Idee oder Schwingung m vom äußeren Objekt M, weil die Oszillation a sich so fortpflanzte, dass sie die Oszillation m reproduzierte. Aber der ursprüngliche Eindruck von M unterschied sich wesentlich vom Eindruck A: Wenn also nicht verschiedene Ursachen denselben Effekt hervorbringen können, könnte die Schwingung a niemals die Schwingung m erzeugen: und dies könnte daher niemals das Mittel sein, durch das a und m assoziiert werden. Um dies zu verstehen, muss der aufmerksame Leser nur daran erinnert werden, dass die Ideen selbst im Hartleyschen System nichts weiter sind als ihre entsprechenden konfigurativen Schwingungen. Es ist ein reiner Trugschluss der Einbildungskraft, sich das Präexistieren der Ideen in irgendeiner Kette der Assoziation als so viele verschiedenfarbige Billardkugeln vorzustellen, die sich berühren, so dass, wenn ein Objekt, der Billardstock, die erste oder weiße Kugel trifft, dieselbe Bewegung sich durch die rote, grüne, blaue und schwarze fortpflanzt und das Ganze in Bewegung setzt. Nein! Wir müssen annehmen, dass dieselbe Kraft, die die weiße Kugel konstituiert, auch die rote oder schwarze konstituiert; oder die Idee eines Kreises die Idee eines Dreiecks konstituiert; was unmöglich ist.
Aber es könnte gesagt werden, dass durch die Empfindungen von den Objekten A und M die Nerven eine Disposition zu den Schwingungen a und m erworben haben, und daher a nur wiederholt werden muss, um m zu reproduzieren. Nun wollen wir für einen Augenblick die Möglichkeit einer solchen Disposition in einem materiellen Nerven zugestehen, was jedoch kaum weniger absurd scheint, als zu sagen, dass eine Wetterfahne die Gewohnheit erworben habe, sich nach Osten zu drehen, weil der Wind so lange aus dieser Richtung geweht habe: denn wenn darauf erwidert wird, dass wir den Umstand des Lebens einbeziehen müssen, was wird dann aus der mechanischen Philosophie? Und was ist der Nerv anderes als der Kiesel, den der Spaßvogel als erste Zutat seiner Steinbrühe in den Topf legte, die für den Rest nur Salz, Rüben und Hammelfleisch benötigt! Wenn wir dies jedoch beiseite lassen und die tatsächliche Existenz einer solchen Disposition voraussetzen; sind zwei Fälle möglich. Entweder hat jede Idee ihren eigenen Nerven und ihre entsprechende Oszillation, oder dies ist nicht der Fall. Wenn letzteres die Wahrheit ist, würden wir durch diese Dispositionen nichts gewinnen; denn wenn jeder Nerv mehrere Dispositionen hat, gibt es, wenn die Bewegung eines anderen Nerven in ihn hinein fortgepflanzt wird, keinen Grund oder keine Ursache, warum genau die Oszillation m entstehen sollte, eher als jede andere, für die er gleichermaßen prädisponiert war. Wenn wir aber den ersteren Fall annehmen und jedem Nerven eine Idee zuweisen lassen, dann muss jeder Nerv fähig sein, seine Bewegung auf viele andere Nerven zu übertragen; und wiederum ist kein Grund anzugeben, warum die Schwingung m entstehen sollte, eher als irgendeine andere ad libitum.
Es ist modisch, über Hartleys Schwingungen und Schwingünglein zu lächeln; und sein Werk wurde von Priestley unter Auslassung der materiellen Hypothese neu herausgegeben. Aber Hartley war ein zu großer Mann, ein zu kohärenter Denker, als dass dies konsequent oder zu irgendeinem weisen Zweck hätte geschehen können. Denn alle anderen Teile seines Systems, soweit sie für dieses System eigentümlich sind, verlieren, sobald sie von ihrer mechanischen Basis entfernt werden, nicht nur ihre Hauptstütze, sondern das eigentliche Motiv, das zu ihrer Annahme führte. So war Hartley gezwungen, das Prinzip der Gleichzeitigkeit, das Aristoteles zur gemeinsamen Bedingung aller Assoziationsgesetze gemacht hatte, selbst als das einzige Gesetz darzustellen. Denn welchem Gesetz kann die Wirkung materieller Atome unterworfen sein, außer dem der räumlichen Nähe? Und welchem Gesetz können ihre Bewegungen unterworfen sein, außer dem der Zeit? Wiederum ergibt sich daraus unausweichlich, dass der Wille, die Vernunft, das Urteilsvermögen und der Verstand, anstatt die bestimmenden Ursachen der Assoziation zu sein, zwangsläufig als deren Geschöpfe und als ihre mechanischen Effekte dargestellt werden müssen. Stellen Sie sich zum Beispiel einen breiten Strom vor, der sich durch ein bergiges Land windet, mit einer unbestimmten Anzahl von Strömungen, die variieren und ineinanderlaufen, je nachdem, wie die Böen zufällig aus den Öffnungen der Berge wehen. Die vorübergehende Vereinigung mehrerer Strömungen zu einer, um so den Hauptstrom des Augenblicks zu bilden, würde ein genaues Abbild von Hartleys Theorie des Willens darstellen.
Wäre dies wirklich der Fall, so wäre die Konsequenz, dass unser ganzes Leben zwischen dem Despotismus äußerer Eindrücke und dem der sinnlosen und passiven Erinnerung aufgeteilt wäre. Nehmen Sie sein Gesetz in seiner höchsten Abstraktion und philosophischsten Form, nämlich dass jede Teilrepräsentation die Gesamtrepräsentation zurückruft, von der sie ein Teil war; und das Gesetz wird wertlos, wenn es nur wegen seiner Allgemeingültigkeit wäre. In der Praxis wäre es in der Tat reine Gesetzlosigkeit. Bedenken Sie, wie unermesslich groß der Bereich eines Gesamteindrucks von der Spitze der St. Paul’s-Kirche sein muss; und wie schnell und kontinuierlich die Reihe solcher Gesamteindrücke ist. Wenn wir daher das Fehlen jeglicher Einmischung von Wille, Vernunft und Urteil annehmen, müssen eine oder mehrere von zwei Konsequenzen eintreten. Entweder werden die Ideen oder Überreste eines solchen Eindrucks genau die Reihenfolge des Eindrucks selbst nachahmen, was absolutes Delirium wäre: oder irgendein Teil dieses Eindrucks könnte irgendeinen anderen Teil zurückrufen, und – (da es nach dem Gesetz der Kontinuität in jedem Gesamteindruck einen oder mehrere Teile geben muss, die Komponenten eines anderen folgenden Gesamteindrucks sind, und so weiter ad infinitum) – irgendein Teil irgendeines Eindrucks könnte irgendeinen Teil irgendeines anderen zurückrufen, ohne dass eine Ursache vorhanden wäre, die bestimmt, was es sein sollte. Denn den Willen oder die Vernunft als Ursachen ihrer eigenen Ursache einzuführen, das heißt, als zugleich Ursachen und Wirkungen, kann nur diejenigen zufriedenstellen, die bei ihren vorgeblichen Gottesbeweisen, nachdem sie zuerst die Organisation als einzige Ursache und Grundlage des Intellekts gefordert haben, dann kühl die Präexistenz des Intellekts als Ursache und Grundlage der Organisation fordern werden. Es gibt in Wahrheit nur einen Zustand, auf den diese Theorie überhaupt zutrifft, nämlich den des völligen Schwindels; und selbst auf diesen trifft sie nur teilweise zu, da der Wille und die Vernunft vielleicht niemals völlig suspendiert sind.
Ein Fall dieser Art ereignete sich in einer römisch-katholischen Stadt in Deutschland ein oder zwei Jahre vor meiner Ankunft in Göttingen und hatte zu jener Zeit nicht aufgehört, ein häufiger Gesprächsstoff zu sein. Eine junge Frau von vier oder fünf und zwanzig Jahren, die weder lesen noch schreiben konnte, wurde von einem Nervenfieber befallen; währenddessen wurde sie, den Beteuerungen aller Priester und Mönche der Umgebung zufolge, besessen, und zwar, wie es schien, von einem sehr gelehrten Teufel. Sie sprach unaufhörlich Latein, Griechisch und Hebräisch, in sehr pomphaften Tönen und mit höchst deutlicher Aussprache. Diese Besessenheit wurde durch die bekannte Tatsache, dass sie eine Ketzerin war oder gewesen war, wahrscheinlicher gemacht. Voltaire rät dem Teufel humorvoll, jede Bekanntschaft mit Medizinern abzulehnen; und es wäre seinem Ruf dienlicher gewesen, wenn er diesen Rat im vorliegenden Fall befolgt hätte. Der Fall hatte die besondere Aufmerksamkeit eines jungen Arztes erregt, und auf seine Aussage hin besuchten viele bedeutende Physiologen und Psychologen die Stadt und untersuchten den Fall vor Ort. Blätter voll ihres Redens wurden aus ihrem eigenen Mund niedergeschrieben und erwiesen sich als aus Sätzen bestehend, die für sich genommen kohärent und verständlich waren, aber wenig oder gar keine Verbindung zueinander aufwiesen. Vom Hebräischen konnte nur ein kleiner Teil auf die Bibel zurückgeführt werden; der Rest schien im rabbinischen Dialekt zu sein. Jeder Betrug oder jede Verschwörung war ausgeschlossen. Die junge Frau war nicht nur schon immer ein harmloses, einfaches Geschöpf gewesen; sondern sie litt offensichtlich unter einem Nervenfieber. In der Stadt, in der sie viele Jahre als Dienstmädchen in verschiedenen Familien gelebt hatte, ergab sich keine Lösung. Der junge Arzt war jedoch entschlossen, ihr vergangenes Leben Schritt für Schritt zurückzuverfolgen; denn die Patientin selbst war unfähig, eine vernünftige Antwort zu geben. Er gelangte schließlich dazu, den Ort zu entdecken, an dem ihre Eltern gelebt hatten: reiste dorthin, fand sie tot vor, aber einen Onkel noch am Leben; und erfuhr von ihm, dass die Patientin als Neunjährige wohltätigerweise von einem alten protestantischen Pfarrer aufgenommen worden war und einige Jahre bei ihm geblieben war, sogar bis zum Tod des alten Mannes. Von diesem Pfarrer wusste der Onkel nichts weiter, als dass er ein sehr guter Mann gewesen sei. Mit großer Mühe und nach langem Suchen entdeckte unser junger medizinischer Philosoph eine Nichte des Pfarrers, die als Haushälterin bei ihm gelebt und sein Vermögen geerbt hatte. Sie erinnerte sich an das Mädchen; berichtete, dass ihr ehrwürdiger Onkel allzu nachsichtig gewesen sei und es nicht ertragen könne, das Mädchen schimpfen zu hören; dass sie willens gewesen wäre, sie zu behalten, aber dass das Mädchen selbst sich nach dem Tod ihres Gönners weigerte zu bleiben. Es wurden dann natürlich ängstliche Nachforschungen über die Gewohnheiten des Pfarrers angestellt; und die Lösung des Phänomens war bald gefunden. Denn es stellte sich heraus, dass es des alten Mannes Gewohnheit war, jahrelang einen Gang seines Hauses auf und ab zu gehen, in den die Küchentür führte, und sich laut aus seinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Eine beachtliche Anzahl dieser befand sich noch im Besitz der Nichte. Sie fügte hinzu, dass er ein sehr gelehrter Mann und ein großer Hebraist gewesen sei. Unter den Büchern fand sich eine Sammlung rabbinischer Schriften sowie mehrere griechische und lateinische Kirchenväter; und dem Arzt gelang es, so viele Passagen mit denen zu identifizieren, die am Krankenbett der jungen Frau notiert worden waren, dass kein Zweifel in irgendeinem vernünftigen Geist bezüglich des wahren Ursprungs der Eindrücke bestehen konnte, die auf ihr Nervensystem gemacht worden waren.
Dieser beglaubigte Fall liefert sowohl Beweis als auch Beispiel dafür, dass Überreste von Empfindungen für eine unbestimmte Zeit in einem latenten Zustand existieren können, und zwar in genau der Reihenfolge, in der sie ursprünglich eingeprägt wurden; und da wir vernünftigerweise nicht annehmen können, dass der fieberhafte Zustand des Gehirns auf andere Weise als durch einen Reiz wirkt, trägt diese Tatsache (und es wäre nicht schwierig, mehrere ähnlicher Art anzuführen) dazu bei, es sogar wahrscheinlich zu machen, dass alle Gedanken an sich unvergänglich sind; und dass, wenn die intelligente Fakultät umfassender gemacht würde, es nur einer anderen und entsprechenden Organisation bedürfte – des Leibes himmlischen anstelle des Leibes irdischen –, um jeder menschlichen Seele die kollektiven Erfahrungen ihres gesamten vergangenen Daseins vor Augen zu führen. Und dies, dies ist vielleicht das schreckliche Buch des Gerichts, in dessen geheimnisvollen Hieroglyphen jedes müßige Wort aufgezeichnet ist! Ja, in der Natur eines lebendigen Geistes mag es möglicher sein, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein einziger Akt, ein einziger Gedanke aus jener lebendigen Kette von Ursachen gelöst oder verloren ginge, mit all deren Gliedern, bewussten oder unbewussten, der freie Wille, unser einziges absolutes Selbst, deckungsgleich und gegenwärtig ist. Aber nicht jetzt wage ich länger davon zu sprechen, auf eine erhabenere Stimmung und ein edleres Thema wartend, von innen und außen gewarnt, dass es Profanierung ist, von diesen „Mysterien tois maede phantasteisin, os kalon to taes dikaiosynaes kai sophrosynaes prosopon, kai oute hesperos oute eoos outo kala. To gar horon pros to horomenon syngenes kai homoion poiaesamenon dei epiballein tae thea, ou gar an popote eiden ophthalmos haelion, haelioeidaes mae gegenaemenos oude to kalon an idae psychae, mae kagae genomenae – denen, deren Einbildungskraft niemals vorgestellt wurde, wie schön das Antlitz der Gerechtigkeit und der Weisheit ist; und dass weder der Morgen- noch der Abendstern so fair sind. Denn um den Blick recht zu lenken, gebührt es, dass der Betrachter sich selbst dem betrachteten Objekt artverwandt und ähnlich gemacht habe. Niemals hätte das Auge die Sonne erblicken können, wäre sein eigenes Wesen nicht sonnenhaft gewesen“ (d. h. durch eine Wesensähnlichkeit mit der des Lichts für das Licht vorkonfiguriert), „ebenso kann eine nicht schöne Seele keine Intuition des Schönen erlangen.“
KAPITEL VII
Von den notwendigen Konsequenzen der Hartleyschen Theorie – Von dem ursprünglichen Irrtum oder der Zweideutigkeit, die ihre Aufnahme bewirkten – Memoria technica.
Wir übergehen die völlige Unvereinbarkeit eines solchen Gesetzes – wenn man es Gesetz nennen kann, das selbst ein Sklave des Zufalls wäre – mit selbst jenem Schein von Rationalität, der uns durch die äußeren Phänomene des menschlichen Verhaltens aufgezwungen wird, abgesehen von unserem eigenen Bewusstsein. Wir wollen für einen Augenblick vergessen, um unsere Aufmerksamkeit auf jene Unterordnung finaler unter effiziente Ursachen im menschlichen Wesen zu richten, die notwendig aus der Annahme fließt, dass der Wille und mit dem Willen alle Akte des Denkens und der Aufmerksamkeit Teile und Produkte dieses blinden Mechanismus sind, anstatt eigenständige Kräfte zu sein, deren Funktion es ist, das phantastische Chaos der Assoziation zu kontrollieren, zu bestimmen und zu modifizieren. Die Seele wird zu einem bloßen ens logicum; denn als ein wirkliches trennbares Wesen wäre sie wertloser und lächerlicher als die Grimalkins im Katzen-Cembalo, beschrieben im Spectator. Denn diese bildeten einen Teil des Prozesses; aber für Hartleys Schema ist die Seele nur präsent, um gezwickt oder gestreichelt zu werden, während das Quietschen oder Schnurren selbst durch eine Agentur erzeugt wird, die völlig unabhängig und fremd ist. Es beinhaltet alle Schwierigkeiten, alle Unbegreiflichkeit (wenn es nicht sogar, os emoige dokei, die Absurdität ist) des Interkommunions zwischen Substanzen, die keine einzige Eigenschaft gemeinsam haben, ohne jede der bequemen Konsequenzen, die das Urteilsvermögen zur Annahme der dualistischen Hypothese bestachen. Dementsprechend ist dieses caput mortuum des Hartleyschen Prozesses von seinen Anhängern abgelehnt worden, und das Bewusstsein wird als ein Resultat betrachtet, als eine Melodie, das gemeinsame Produkt der Brise und der Harfe, obwohl auch dies nur die bloße Beseitigung einer Absurdität ist, um einer anderen, ebenso absurden, Platz zu machen. Denn was ist Harmonie anderes als ein Modus der Relation, deren esse gerade percipi ist? – ein ens rationale, das die Kraft voraussetzt, die sie durch Wahrnehmung erschafft? Die Messerschneide wird zur Säge für die bewaffnete Vision; und die köstlichen Melodien von Purcell oder Cimarosa könnten unzusammenhängendes Gestammel für einen Hörer sein, dessen Zeiteinteilung tausendmal subtiler wäre als unsere. Aber auch dieses Hindernis wollen wir uns als überwunden vorstellen und „mit einem Sprung hoch über jede Grenze springen“. Doch nach dieser Hypothese könnte von der Abhandlung, der ich derzeit die Aufmerksamkeit des Lesers widme, ebenso wahrheitsgemäß gesagt werden, dass sie von der St. Paul’s-Kirche geschrieben wurde wie von mir: denn es ist die bloße Bewegung meiner Muskeln und Nerven; und diese wiederum werden durch äußere Ursachen in Bewegung gesetzt, die ebenso passiv sind, welche äußeren Ursachen selbst in gegenseitiger Abhängigkeit mit allem stehen, was existiert oder existiert hat. So kooperiert das ganze Universum, um den kleinsten Strich jedes Buchstabens hervorzubringen, außer dass ich selbst, und ich allein, nichts damit zu tun habe, als lediglich das ursachenlose und wirkungslose Betrachten dessen, wenn es getan ist. Doch kaum kann es ein Betrachten genannt werden; denn es ist weder ein Akt noch ein Effekt; sondern eine unmögliche Erschaffung eines Etwas-Nichts aus seinem direkten Gegenteil! Es ist der bloße Quecksilberbelag hinter einem Spiegel; und darin allein besteht das arme wertlose Ich! Die Gesamtsumme meines moralischen und intellektuellen Verkehrs, aufgelöst in ihre Elemente, wird reduziert auf Ausdehnung, Bewegung, Grade der Geschwindigkeit und jene verminderten Kopien konfigurativer Bewegung, die bilden, was wir Begriffe nennen, und Begriffe von Begriffen. Von solcher Philosophie konnte Butler wohl sagen:
Die Metaphysik ist nur eine Puppenbewegung, die mit Schrauben geht, der Begriff eines Begriffs; die Kopie einer Kopie und ein lahmer Entwurf, unnatürlich entnommen aus einem Gedanken, der alle pantomimischen Tricks nachahmt, und die Augen dreht, wie ein altes Kruzifix; die vertauscht, was immer sie nennt, durch einen anderen Namen, und es wahr oder falsch macht; verwandelt Wahrheit in Falschheit, Falschheit in Wahrheit, kraft des Zahns des Babyloniers.
Der Erfinder der Uhr, wenn diese Lehre wahr ist, hat sie in Wirklichkeit nicht erfunden; er schaute nur zu, während die blinden Ursachen, die einzigen wahren Künstler, sich entfalteten. So muss es auch bei meinem Freund Allston gewesen sein, als er sein Bild des vom Propheten Elia wiederbelebten Toten skizzierte. So muss es bei Herrn Southey und Lord Byron gewesen sein, als der eine sich einbildete, seinen Roderick zu komponieren, und der andere seinen Childe Harold. Dasselbe muss für alle Philosophiesysteme gelten; für alle Künste, Regierungen, Kriege zu See und zu Land; kurz, für alle Dinge, die jemals produziert wurden oder jemals produziert werden. Denn nach diesem System sind es nicht die Affekte und Leidenschaften, die am Werk sind, insofern sie Empfindungen oder Gedanken sind. Wir bilden uns nur ein, dass wir aus rationalen Entschlüssen oder klugen Motiven oder aus Impulsen von Zorn, Liebe oder Großzügigkeit handeln. In all diesen Fällen ist der wirkliche Akteur ein Etwas-Nichts-Alles, das alles tut, von dem wir wissen, und nichts von all dem weiß, was es selbst tut.
Die Existenz eines unendlichen Geistes, eines intelligenten und heiligen Willens, muss nach diesem System bloße artikulierte Luftbewegungen sein. Denn da die Funktion des menschlichen Verstandes keine andere ist, als sich selbst nur so darzustellen, als kombiniere und wende er die Phänomene der Assoziation an; und da diese alle ihre Realität aus den primären Empfindungen ableiten; und die Empfindungen wiederum ihre ganze Realität aus den Eindrücken ab extra; kann ein Gott, der nicht sichtbar, hörbar oder tastbar ist, nur in den Klängen und Buchstaben existieren, die seinen Namen und seine Attribute bilden. Wenn es in uns keine solchen Fakultäten wie die des Willens und der wissenschaftlichen Vernunft gibt, müssen wir entweder eine angeborene Idee von ihnen haben, was das ganze System zu Fall bringen würde; oder wir können überhaupt keine Idee haben. Der Prozess, durch den Hume den Begriff von Ursache und Wirkung zu einem blinden Produkt von Täuschung und Gewohnheit, zu der bloßen Empfindung des fortschreitenden Lebens (nisus vitalis) assoziiert mit den Bildern des Gedächtnisses degradierte; dieser gleiche Prozess muss zur gleichen Degradierung jeder fundamentalen Idee in Ethik oder Theologie wiederholt werden.
Weit, sehr weit davon entfernt, den moralischen Charakter derer, die das System zuerst entwarfen oder sich später zu eigen machten, mit dem Odium dieser Konsequenzen zu belasten! Es ist höchst bemerkenswert beim vortrefflichen und frommen Hartley, dass er in den Beweisen für das Dasein und die Eigenschaften Gottes, mit denen sein zweiter Band beginnt, keinen Bezug auf das Prinzip oder die Ergebnisse des ersten nimmt. Ja, er setzt als Grundlagen Ideen voraus, die, wenn wir die Lehren seines ersten Bandes annehmen, nirgendwo anders existieren können als in den Schwingungen des ätherischen Mediums, das Nerven und Atmosphäre gemeinsam ist. Tatsächlich ist der gesamte zweite Band, mit den geringstmöglichen Ausnahmen, unabhängig von seinem eigentümlichen System. So wahr ist es, dass der Glaube, der rettet und heiligt, eine kollektive Energie ist, ein Gesamtakt des ganzen moralischen Wesens; dass sein lebendiges Sensorium im Herzen liegt; und dass keine Irrtümer des Verstandes moralisch angeklagt werden können, es sei denn, sie seien aus dem Herzen hervorgegangen. Doch ob sie dies sind, kann kein Mensch im Falle eines anderen mit Gewissheit sagen, vielleicht kaum einmal in seinem eigenen. Daraus folgt als unvermeidliche Konsequenz, dass der Mensch vielleicht bestimmen mag, was eine Häresie ist; aber nur Gott kann wissen, wer ein Häretiker ist. Es folgt daraus jedoch keineswegs, dass fundamental falsche Meinungen harmlos seien. Hundert Ursachen können koexistieren, um ein komplexes Gegenmittel zu bilden. Dennoch bleibt der Stachel der Otter giftig, auch wenn es viele gibt, die das Übel aufgenommen haben und es ihnen nicht schadete. Einige scheint es in der Tat gegeben zu haben, zumindest in einer unglücklichen Nachbarnation, die dieses System mit vollem Blick auf alle seine moralischen und religiösen Konsequenzen angenommen haben; einige--
------die sich selbst für am freisten halten, Wenn sie in diesem groben und sichtbaren Bereich Den beflügelten Gedanken in Ketten legen, den Aufstieg verspotten, Stolz in ihrer Niedrigkeit; und sie betrügen sich selbst Mit lärmender Leere gelehrter Phrasen, Ihren subtilen Fluiden, Stößen, Essenzen, Selbstwirkenden Werkzeugen, ursachenlosen Wirkungen und all Diesen blinden Allwissenden, diesen allmächtigen Sklaven, Die die Schöpfung ihres Gottes entblößen!
Solche Männer brauchen Disziplin, nicht Argumente; sie müssen zu besseren Menschen gemacht werden, bevor sie weiser werden können.
Die Aufmerksamkeit wird gewinnbringender darauf verwendet, die Paralogismen zu entdecken und aufzudecken, durch deren Magie ein solcher Glaube Eingang in Geister finden konnte, die für ein edleres Credo geschaffen waren. Diese, so scheint es mir, können alle auf einen Sophismus als ihre gemeinsame Gattung reduziert werden; das Verwechseln der Bedingungen einer Sache mit ihren Ursachen und ihrem Wesen; und der Prozess, durch den wir zur Erkenntnis einer Fähigkeit gelangen, mit der Fähigkeit selbst. Die Luft, die ich atme, ist die Bedingung meines Lebens, nicht seine Ursache. Wir hätten niemals lernen können, dass wir Augen haben, außer durch den Prozess des Sehens; doch nachdem wir gesehen haben, wissen wir, dass die Augen präexistiert haben müssen, um den Prozess des Sehens möglich zu machen. Lasst uns Hartleys Schema unter der Führung dieser Unterscheidung ins Kreuzverhör nehmen; und wir werden entdecken, dass Zeitgenossenschaft (Leibniz’ Lex Continui) die Grenze und Bedingung der Gesetze des Geistes ist, da sie selbst eher ein Gesetz der Materie ist, zumindest der als materiell betrachteten Phänomene. Höchstens ist sie für den Gedanken dasselbe, was das Gravitationsgesetz für die Fortbewegung ist. Bei jeder freiwilligen Bewegung wirken wir der Gravitation zuerst entgegen, um uns ihrer zu bedienen. Sie muss existieren, damit es etwas gibt, dem entgegengewirkt werden kann, und das durch seine Reaktion die Kraft unterstützen kann, die zur Widerstandsfähigkeit ausgeübt wird. Betrachten wir, was wir tun, wenn wir springen. Wir widerstehen zuerst der gravitativen Kraft durch einen rein freiwilligen Akt, und dann, durch einen anderen Akt, der teilweise freiwillig ist, geben wir ihr nach, um an der Stelle zu landen, die wir uns zuvor vorgenommen hatten. Nun lasse ein Mensch seinen Geist beobachten, während er komponiert; oder, um einen noch alltäglicheren Fall zu wählen, während er versucht, sich an einen Namen zu erinnern; und er wird den Prozess als völlig analog finden. Die meisten meiner Leser werden ein kleines Wasserinsekt auf der Oberfläche von Bächen beobachtet haben, das einen fünfpunktigen Schatten, gesäumt von prismatischen Farben, auf den sonnigen Grund des Baches wirft; und sie werden bemerkt haben, wie das kleine Tier seinen Weg gegen den Strom gewinnt, durch abwechselnde Impulse aktiver und passiver Bewegung, nun der Strömung widerstehend, und nun ihr nachgebend, um Stärke und einen momentanen Drehpunkt für einen weiteren Vortrieb zu sammeln. Dies ist kein unpassendes Sinnbild für die Selbsterfahrung des Geistes im Akt des Denkens. Es sind offensichtlich zwei Kräfte am Werk, die relativ zueinander aktiv und passiv sind; und dies ist nicht möglich ohne eine vermittelnde Fähigkeit, die zugleich aktiv und passiv ist. In philosophischer Sprache müssen wir diese vermittelnde Fähigkeit in all ihren Graden und Bestimmungen als die EINBILDUNGSKRAFT bezeichnen. Aber in der allgemeinen Sprache, und besonders beim Thema Poesie, eignen wir den Namen einem höheren Grad der Fähigkeit zu, verbunden mit einer überlegenen freiwilligen Kontrolle darüber.
Zeitgenossenschaft, als die gemeinsame Bedingung aller Assoziationsgesetze und als eine Komponente in der materia subjecta, deren Teile assoziiert werden sollen, muss also notwendigerweise bei allen gleichzeitig präsent sein. Nichts kann daher leichter sein, als einem unvorsichtigen Geist diesen ständigen Begleiter eines jeden als die wesentliche Substanz aller vorzugaukeln. Aber wenn wir an unser eigenes Bewusstsein appellieren, werden wir finden, dass selbst die Zeit als Ursache eines bestimmten Assoziationsaktes verschieden von der Zeitgenossenschaft als Bedingung aller Assoziation ist. Wenn ich eine Makrele sehe, kann es vorkommen, dass ich sofort an Stachelbeeren denke, weil ich zur gleichen Zeit Makrele mit Stachelbeeren als Soße aß. Da die erste Silbe des letzteren Wortes diejenige war, die mit dem Bild des so genannten Vogels koexistierte, mag ich dann an eine Gans denken. Im nächsten Moment mag das Bild eines Schwans vor mir auftauchen, obwohl ich die beiden Vögel niemals zusammen gesehen habe. In den ersten beiden Fällen bin ich mir bewusst, dass ihr Zusammenbestehen in der Zeit der Umstand war, der es mir ermöglichte, mich an sie zu erinnern; und ebenso bewusst bin ich mir, dass letzteres durch das gemeinsame Wirken von Ähnlichkeit und Kontrast in mir wachgerufen wurde. So ist es mit Ursache und Wirkung: so auch mit der Ordnung. So bin ich fähig zu unterscheiden, ob es die Nähe in der Zeit oder die Kontinuität im Raum war, die mich veranlasste, B bei der Erwähnung von A abzurufen. Sie können in der Tat nicht von der Zeitgenossenschaft getrennt werden; denn das hieße, sie vom Geist selbst zu trennen. Der Akt des Bewusstseins ist tatsächlich identisch mit der Zeit, in ihrem Wesen betrachtet. Ich meine Zeit per se, im Gegensatz zu unserer Vorstellung von Zeit; denn diese ist immer vermengt mit der Idee des Raumes, welcher als das Gegenteil der Zeit daher ihr Maß ist. Dennoch sind der Zufall, zwei Objekte im selben Moment zu sehen, und der Zufall, sie am selben Ort zu sehen, zwei verschiedene oder unterscheidbare Ursachen: und das wahre praktische allgemeine Gesetz der Assoziation ist dieses: dass alles, was bestimmte Teile eines Gesamteindrucks lebendiger oder deutlicher macht als den Rest, den Geist bestimmen wird, diese bevorzugt gegenüber anderen abzurufen, die gleichermaßen durch die gemeinsame Bedingung der Zeitgenossenschaft, oder (was ich für einen angemesseneren und philosophischeren Begriff halte) der Kontinuität miteinander verknüpft sind. Aber der Wille selbst kann durch das Einengen und Intensivieren der Aufmerksamkeit willkürlich jedem Objekt Lebendigkeit oder Deutlichkeit verleihen; und daraus können wir die Nutzlosigkeit, wenn nicht die Absurdität gewisser neuerer Schemata ableiten, die ein künstliches Gedächtnis versprechen, die aber in Wirklichkeit nur eine Verwirrung und Herabwürdigung der Phantasie bewirken können. Gesunde Logik, als die gewohnheitsmäßige Unterordnung des Individuums unter die Art und der Art unter die Gattung; philosophisches Wissen von Fakten unter dem Verhältnis von Ursache und Wirkung; ein heiteres und mitteilungsfreudiges Temperament, das uns dazu disponiert, die Ähnlichkeiten und Kontraste der Dinge zu bemerken, damit wir imstande sind, das eine durch das andere zu illustrieren; ein ruhiges Gewissen; ein Zustand frei von Ängsten; eine gesunde Konstitution und vor allem (soweit es das passive Erinnerungsvermögen betrifft) eine gesunde Verdauung; dies sind die besten, dies sind die einzigen Künste des Gedächtnisses.
KAPITEL VIII
Das System des Dualismus, eingeführt von Des Cartes--Zuerst verfeinert von Spinoza und danach von Leibniz zur Lehre der Harmonia praestabilita--Hylozoismus--Materialismus--Keines dieser Systeme oder irgendeine mögliche Theorie der Assoziation liefert oder ersetzt eine Theorie der Wahrnehmung oder erklärt die Bildung des Assoziierbaren.
Soweit mir bekannt ist, war Des Cartes der erste Philosoph, der die absolute und wesentliche Heterogenität der Seele als Intelligenz und des Körpers als Materie einführte. Die Annahme und die Sprechweise sind geblieben, obwohl die Leugnung aller anderen Eigenschaften der Materie außer der der Ausdehnung, auf welcher Leugnung das ganze System des Dualismus gründet, längst widerlegt ist. Denn da Undurchdringlichkeit nur als ein Modus des Widerstands verständlich ist, platziert ihre Zulassung das Wesen der Materie in einen Akt oder eine Kraft, die sie mit dem Geist gemein hat; und Körper und Geist sind daher nicht länger absolut heterogen, sondern können ohne jede Absurdität als verschiedene Modi oder Grade der Vollkommenheit eines gemeinsamen Substrats angenommen werden. Auf diese Möglichkeit jedoch war es nicht die Mode hinzuweisen. Die Seele war eine denkende Substanz und der Körper eine raumfüllende Substanz. Doch das scheinbare Wirken des einen auf das andere drückte schwer auf den Philosophen einerseits; und nicht weniger schwer drückte andererseits die evidente Wahrheit, dass das Gesetz der Kausalität nur zwischen homogenen Dingen gilt, das heißt Dingen, die eine gemeinsame Eigenschaft besitzen; und nicht von einer Welt in eine andere, ihre Gegensätzliche, übergreifen kann. Eine genaue Analyse erwies es als nicht weniger absurd als die Frage, ob die Zuneigung eines Mannes zu seiner Frau nordöstlich oder südwestlich von der Liebe läge, die er für sein Kind empfand. Leibniz’ Lehre von einer prästabilierten Harmonie, die er sicherlich von Spinoza entlehnt hatte, welcher selbst den Hinweis von Des Cartes’ Tiermaschinen genommen hatte, war in ihrer gewöhnlichen Interpretation zu seltsam, um den Erfinder zu überdauern--zu widersprüchlich zu unserem gesunden Menschenverstand; welcher zwar kein Recht auf eine richterliche Stimme vor den Gerichten der wissenschaftlichen Philosophie hat; dessen Flüstern aber dennoch einen starken geheimen Einfluss ausübt. Selbst Wolf, der Bewunderer und illustre Systematisierer der Leibnizschen Lehre, begnügt sich damit, die Möglichkeit der Idee zu verteidigen, nimmt sie aber nicht als Teil des Gebäudes an.
Die Hypothese des Hylozoismus hingegen ist der Tod aller rationalen Physiologie und tatsächlich aller physikalischen Wissenschaft; denn diese erfordert eine Begrenzung der Begriffe und kann nicht mit der willkürlichen Macht bestehen, Attribute durch okkulte Qualitäten zu vervielfältigen. Überdies dient sie keinem Zweck; es sei denn, man kann eine Schwierigkeit dadurch lösen, dass man sie vervielfältigt, oder wir können eine klarere Vorstellung von unserer Seele erlangen, indem uns gesagt wird, dass wir eine Million Seelen haben und dass jedes Atom unseres Körpers eine eigene Seele besitzt. Weit klüger ist es, die Schwierigkeit ein für alle Mal zuzugeben und sie dann ruhen zu lassen. Es gibt zwar einen Bodensatz am Boden des Gefäßes, aber alles Wasser darüber ist klar und durchsichtig. Der Hylozoist schüttelt es nur auf und macht das Ganze trüb.
Aber es ist weder die Natur des Menschen noch die Pflicht des Philosophen, an irgendeinem wichtigen Problem zu verzweifeln, bis, wie bei der Quadratur des Kreises, die Unmöglichkeit einer Lösung demonstriert wurde. Wie das esse, das ursprünglich als vom scire verschieden angenommen wird, sich jemals mit ihm vereinigen kann; wie das Sein sich in ein Wissen verwandeln kann, wird nur unter einer Bedingung denkbar; nämlich, wenn gezeigt werden kann, dass die vis representativa oder das Empfindende selbst eine Art von Sein ist; das heißt, entweder als Eigenschaft oder Attribut, oder als Hypostase oder Selbstbestand. Ersteres--dass Denken eine Eigenschaft der Materie unter bestimmten Bedingungen sei--ist in der Tat die Annahme des Materialismus; ein System, das vom Philosophen nicht anders als gefördert werden konnte, wenn es nur tatsächlich leistete, was es verspricht. Aber wie irgendeine Affektion von außen sich in Wahrnehmung oder Willen metamorphosieren kann, hat der Materialist bisher nicht nur als ebenso unbegreiflich hinterlassen, wie er es vorfand, sondern hat es zu einer begreifbaren Absurdität verschärft. Denn, selbst wenn man zugibt, dass ein Objekt von außen auf das bewusste Selbst einwirken könnte, wie auf ein konsubstanzielles Objekt; so könnte eine solche Affektion doch nur etwas Homogenes mit sich selbst erzeugen. Bewegung könnte nur Bewegung fortpflanzen. Materie hat kein Inneres. Wir entfernen eine Oberfläche, nur um auf eine andere zu treffen. Wir können nur ein Teilchen in Teilchen teilen; und jedes Atom begreift in sich selbst die Eigenschaften des materiellen Universums. Lasst jeden reflektierenden Geist das Experiment machen, sich die Evidenz unserer sinnlichen Anschauungen aus der Hypothese zu erklären, dass in jeder gegebenen Wahrnehmung ein Etwas ist, das ihr durch einen Stoß oder einen Eindruck ab extra mitgeteilt wurde. Erstens wird durch den Stoß auf das Wahrnehmende, oder ens representans, nicht das Objekt selbst, sondern nur seine Aktion oder Wirkung in dasselbe übergehen. Nicht die eiserne Zunge, sondern ihre Schwingungen gehen in das Metall der Glocke über. Nun ist in unserer unmittelbaren Wahrnehmung nicht die bloße Kraft oder der Akt des Objekts, sondern das Objekt selbst unmittelbar präsent. Wir könnten zwar versuchen, dieses Ergebnis durch eine Kette von Deduktionen und Schlüssen zu erklären; aber das erstens, die Fähigkeit des Deduzierens und Schlussfolgerns selbst gleichermaßen eine Erklärung verlangen würde; und zweitens, dass es tatsächlich keine solche Vermittlung durch logische Begriffe gibt, wie die von Ursache und Wirkung. Es ist das Objekt selbst, nicht das Produkt eines Syllogismus, das unserem Bewusstsein präsent ist. Oder wollen wir dieses Hinzutreten des Objekts zur Empfindung durch eine produktive Fähigkeit erklären, die durch einen Impuls in Gang gesetzt wird; immer noch setzt der Übergang des Objekts selbst, von dem der Impuls ausging, in das Wahrnehmende eine Kraft voraus, die die Seele durchdringen und ganz besitzen kann,
Und wie ein Gott durch geistige Kunst, Sei alles in allem, und alles in jedem Teil.
Und wie kam das Wahrnehmende hierher? Und was ist aus der wunderversprechenden Materie geworden, die all diese Wunder durch die Kraft bloßer Figur, Gewicht und Bewegung vollbringen sollte? Das konsequenteste Vorgehen des dogmatischen Materialisten ist es, in den gewöhnlichen Rang der Seele-und-Körper-Anhänger zurückzufallen; das Geheimnisvolle zu heucheln und den gesamten Prozess für eine gegebene und nicht zu verstehende Offenbarung zu erklären, die zu untersuchen es profan wäre. Datur non intelligitur. Aber eine Offenbarung, die nicht durch Wunder bestätigt ist, und ein Glaube, der nicht vom Gewissen geboten wird, darf ein Philosoph beiseiteschieben, ohne sich einer irreligiösen Tendenz zu verdächtigen.
So, wie der Materialismus allgemein gelehrt wurde, ist er völlig unverständlich und verdankt alle seine Proselyten der unter Menschen so verbreiteten Neigung, deutliche Bilder mit klaren Begriffen zu verwechseln; und umgekehrt, als unbegreiflich dasjenige zurückzuweisen, was seiner Natur nach unvorstellbar ist. Aber sobald er verständlich wird, hört er auf, Materialismus zu sein. Um das Denken als ein materielles Phänomen zu erklären, ist es notwendig, Materie zu einer bloßen Modifikation der Intelligenz zu verfeinern, mit der zweifachen Funktion des Erscheinens und Wahrnehmens. Genau so tat es Priestley in seiner Kontroverse mit Price. Er entkleidete die Materie all ihrer materiellen Eigenschaften; substituierte geistige Kräfte; und als wir erwarteten, einen Körper zu finden, siehe! wir hatten nichts als seinen Geist--die Erscheinung einer verstorbenen Substanz!
Ich werde mich nicht weiter über dieses Thema verbreiten; denn es wird (so Gott Gesundheit und Erlaubnis gewährt) ausführlich und systematisch in einem Werk behandelt werden, das ich seit vielen Jahren vorbereite, über den produktiven Logos menschlich und göttlich; mit, und als Einleitung zu, einem vollständigen Kommentar zum Evangelium des Heiligen Johannes. Um mich verständlich zu machen, soweit mein gegenwärtiges Thema es erfordert, wird es genügen, kurz zu bemerken.--1. Dass alle Assoziation die Existenz der Gedanken und Bilder, die assoziiert werden sollen, fordert und voraussetzt.--2. Dass die Hypothese einer äußeren Welt, die exakt jenen Bildern oder Modifikationen unseres eigenen Wesens entspricht, die wir allein, diesem System zufolge, tatsächlich erblicken, ein ebenso gründlicher Idealismus ist wie der von Berkeley, insofern sie gleichermaßen, vielleicht in einem vollkommeneren Maße, alle Realität und Unmittelbarkeit der Wahrnehmung entfernt und uns in eine Traumwelt von Phantomen und Gespenstern versetzt, den unerklärlichen Schwarm und die zweideutige Erzeugung von Bewegungen in unseren eigenen Gehirnen.--3. Dass diese Hypothese weder die Erklärung beinhaltet, noch die Notwendigkeit ausschließt, eines Mechanismus und koäquater Kräfte im Wahrnehmenden, das bei der mehr als magischen Berührung des Impulses von außen für sich selbst das entsprechende Objekt neu erschaffen soll. Die Bildung einer Kopie ist nicht durch das bloße Präexistieren eines Originals gelöst; der Kopist von Raffaels Verklärung muss den Prozess Raffaels mehr oder weniger vollkommen wiederholen. Es wäre leicht, einen Gedanken aus dem Bild auf der Netzhaut zu erklären, und dieses aus der Geometrie des Lichts, wenn dieses Licht selbst nicht genau dieselbe Schwierigkeit präsentierte. Wir könnten ebenso vernünftig das Brahmanen-Credo von der Schildkröte, die den Bären stützte, der den Elefanten stützte, der die Welt stützte, zur Weise von „Das ist das Haus, das Jack baute“ singen. Das sic Deo placitum est geben wir alle als die hinreichende Ursache zu, und die göttliche Güte als den hinreichenden Grund; aber eine Antwort auf das Woher und Warum ist keine Antwort auf das Wie, welches allein des Physiologen Sorge ist. Es ist ein sophisma pigrum und (wie Bacon gesagt hat) die Arroganz der Kleinmütigkeit, welche das Idol der Phantasie eines Sterblichen erhebt und uns befiehlt, niederzufallen und es anzubeten, als ein Werk göttlicher Weisheit, ein Ancile oder Palladium, das vom Himmel gefallen ist. Mit demselben Argument hätten die Anhänger des ptolemäischen Systems das newtonische zurückweisen und, mit selbstgefälligem Grinsen [26] auf den Himmel deutend, an den gesunden Menschenverstand appellieren können, ob die Sonne sich nicht bewege und die Erde stillstehe.
KAPITEL IX
Ist Philosophie als Wissenschaft möglich, und was sind ihre Bedingungen?--Giordano Bruno--Literarische Aristokratie, oder die Existenz eines stillschweigenden Paktes unter den Gelehrten als privilegierter Stand--Die Verpflichtungen des Autors gegenüber den Mystikern--gegenüber Immanuel Kant--Der Unterschied zwischen dem Buchstaben und dem Geist von Kants Schriften, und eine Rechtfertigung der Klugheit in der Lehre der Philosophie--Fichtes Versuch, das kritische System zu vervollständigen--Sein teilweiser Erfolg und endgültiges Scheitern--Verpflichtungen gegenüber Schelling; und unter den englischen Schriftstellern gegenüber Saumarez.
Nachdem ich nacheinander in den Schulen von Locke, Berkeley, Leibniz und Hartley studiert hatte und in keiner von ihnen einen bleibenden Ort für meine Vernunft finden konnte, begann ich mich zu fragen: Ist ein System der Philosophie, unterschieden von bloßer Geschichte und historischer Klassifikation, möglich? Wenn möglich, was sind seine notwendigen Bedingungen? Ich war eine Zeit lang geneigt, die erste Frage negativ zu beantworten und zuzugeben, dass die einzige praktikable Beschäftigung für den menschlichen Geist darin bestehe, zu beobachten, zu sammeln und zu klassifizieren. Aber ich fühlte bald, dass die menschliche Natur selbst gegen diese willentliche Resignation des Intellekts ankämpfte; und ebenso bald fand ich, dass das Schema, mit allen seinen Konsequenzen genommen und von allen Inkonsistenzen bereinigt, nicht weniger unpraktikabel als widernatürlich war. Setzen wir in vollem Umfang den Satz nihil in intellectu quod non prius in sensu voraus, setzen wir ihn ohne Leibniz’ qualifizierendes praeter ipsum intellectum voraus, und in demselben Sinne, in dem der Satz von Hartley und Condillac verstanden wurde: und dann wird das, was Hume aus diesem Zugeständnis hinsichtlich Ursache und Wirkung demonstrativ abgeleitet hatte, mit gleicher und zermalmender Kraft auf alle anderen elf kategorischen Formen [27] und die ihnen entsprechenden logischen Funktionen anwendbar sein. Wie können wir Ziegel ohne Stroh machen;--oder ohne Zement bauen? Wir lernen zwar alle Dinge bei Gelegenheit der Erfahrung; aber die so gelernten Tatsachen selbst zwingen uns nach innen auf die Antezedenzien, die vorausgesetzt werden müssen, um Erfahrung selbst erst möglich zu machen. Das erste Buch von Lockes Essay (wenn der angenommene Irrtum, den zu widerlegen er sich bemüht, nicht ein bloßes Strohmann-Argument ist, eine Absurdität, die nie ein Mensch glaubte oder tatsächlich glauben konnte) ist auf einem sophisma heterozaetaeseos aufgebaut und involviert den alten Fehler von Cum hoc: ergo, propter hoc.
Der Begriff Philosophie definiert sich selbst als ein liebevolles Streben nach der Wahrheit; Wahrheit jedoch ist das Korrelat des Seins. Dies wiederum ist nur denkbar, indem man als Postulat annimmt, dass beides ab initio identisch und ineinander verschränkt ist; dass Intelligenz und Sein wechselseitig das Substrat des jeweils anderen sind. Ich nahm an, dass dies eine mögliche Konzeption sei (d. h. dass sie keine logische Unstimmigkeit beinhaltete), aufgrund der langen Zeit, während derer die scholastische Definition des Höchsten Wesens als actus purissimus sine ulla potentialitate in den Schulen der Theologie sowohl von den päpstlichen als auch von den reformierten Geistlichen akzeptiert wurde. Das frühe Studium von Plato und Plotinus, nebst den Kommentaren und der THEOLOGIA PLATONICA des illustren Florentiners; von Proclus und Gemistius Pletho; und in einer späteren Periode von De Immenso et Innumerabili und der „De la causa, principio et uno“ des Philosophen von Nola, der sich eines Sir Philip Sidney und Fulke Greville als Gönner rühmen konnte und den die Götzendiener Roms im Jahre 1600 als Atheisten verbrannten; all dies hatte dazu beigetragen, meinen Geist für die Aufnahme und Begrüßung des Cogito quia Sum, et Sum quia Cogito zu bereiten; eine Philosophie von scheinbarer Kühnheit, aber sicherlich die älteste und daher mutmaßlich die natürlichste.
Warum sollte ich Angst haben? Sagen wir lieber, wie dürfte ich mich des teutonischen Theosophen Jacob Behmen schämen? Viele und grobe waren wahrlich seine Wahnvorstellungen; und solche, die den Gelehrten häufigen und reichlichen Anlass zum Triumph über den armen, unwissenden Schuster boten, der es gewagt hatte, für sich selbst zu denken. Doch während wir uns erinnern, dass diese Wahnvorstellungen solcher Art waren, wie sie bei seinem völligen Mangel an jeglicher intellektueller Disziplin und seiner Unkenntnis rationaler Psychologie zu erwarten waren, so möge nicht vergessen werden, dass letzteren Mangel er mit den gelehrtesten Theologen seines Zeitalters teilte. Weder mit Büchern noch mit buchgelehrten Männern war er vertraut. Als ein sanftmütiger und scheuer Quietist wurden seine intellektuellen Kräfte niemals durch Scharen von Proselyten oder durch den Ehrgeiz des Bekehrungseifers zu fieberhafter Energie angestachelt. Jacob Behmen war ein Enthusiast, im strengsten Sinne, als nicht bloß unterschieden, sondern als unterschieden von einem Fanatiker. Während ich die folgenden Beobachtungen teilweise von einem zeitgenössischen Schriftsteller vom Kontinent übersetze, möge man mir gestatten, vorauszuschicken, dass ich die Substanz aus eigenen Memoranden hätte abschreiben können, die viele Jahre geschrieben wurden, bevor sein Pamphlet der Welt übergeben wurde; und dass ich die Worte eines anderen den meinen vorziehe, teils als ein Tribut, der der Priorität der Veröffentlichung gebührt; mehr jedoch aus dem Vergnügen des Mitgefühls in einem Fall, in dem nur Koinzidenz möglich war.
Wer mit der Geschichte der Philosophie während der letzten zwei oder drei Jahrhunderte vertraut ist, kann nicht umhin zuzugeben, dass es eine Art geheimes und stillschweigendes Abkommen unter den Gelehrten gegeben zu haben scheint, in der spekulativen Wissenschaft nicht über eine gewisse Grenze hinauszugehen. Das Privileg des freien Denkens, das so hoch gepriesen wird, galt zu keiner Zeit in der tatsächlichen Praxis als gültig, außer innerhalb dieser Grenze; und nicht ein einziger Schritt darüber hinaus wurde jemals gewagt, ohne dem Übertreter Schmähungen einzubringen. Die wenigen Männer von Genie unter den Gelehrten, die diese Grenze tatsächlich überschritten, vermieden ängstlich den Anschein, dies getan zu haben. Daher wurde die wahre Tiefe der Wissenschaft und das Vordringen zum innersten Zentrum, von dem alle Linien des Wissens zu ihrer stets fernen Peripherie divergieren, den Ungebildeten und Einfachen überlassen, die ein ungestilltes Sehnen und ein ursprüngliches Überschäumen des Geistes zur Erforschung des innewohnenden und lebendigen Grundes aller Dinge gedrängt hatte. Diese nun, weil ihre Namen niemals in den Zünften der Gelehrten verzeichnet waren, wurden von den registrierten Liverey-Trägern als Eindringlinge in ihre Rechte und Privilegien verfolgt. Alle ohne Unterschied wurden als Fanatiker und Phantasten gebrandmarkt; nicht nur jene, deren wilde und exorbitante Einbildungskraft tatsächlich nur extravagante und groteske Phantasmen erzeugt hatte und deren Erzeugnisse größtenteils arme Kopien und grobe Karikaturen echter Inspiration waren; sondern gleichermaßen die wahrhaft Inspirierten, die Originale selbst. Und dies aus keinem anderen Grund, als dass sie die Ungelehrten waren, Männer von bescheidenen und obskuren Berufen. Wann und von wem unter den Literaten von Beruf haben wir jemals die göttliche Doxologie wiederholen hören: Ich danke dir, o Vater! Herr des Himmels und der Erde! weil du diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen und sie den Unmündigen offenbart hast [28]. Nein; die hochmütigen Priester der Gelehrsamkeit verbannten nicht nur alle aus den Schulen und Märkten der Wissenschaft, die es gewagt hatten, lebendiges Wasser aus dem Quell zu schöpfen, sondern trieben sie aus dem Tempel selbst, während man unterdessen den Käufern, Verkäufern und Geldwechslern gestattete, ihn zu einer Räuberhöhle zu machen.
Und doch wäre es nicht leicht, einen substanziellen Grund für diesen verächtlichen Stolz bei jenen Literaten zu entdecken, die sich am meisten durch ihre Geringschätzung von Behmen, Thaulerus, George Fox und anderen hervorgetan haben; es sei denn, dass sie orthographisch schreiben, glatte Perioden bilden konnten und die Moden der Autorschaft fast buchstäblich an ihren Fingerspitzen hatten, während letztere in Einfalt der Seele ihre Worte zu unmittelbaren Echos ihrer Gefühle machten. Daher die Häufigkeit jener Phrasen unter ihnen, die für Ansprüche auf unmittelbare Inspiration gehalten wurden; wie zum Beispiel: „Es wurde mir übermittelt;“ – „Ich rang danach, nicht zu sprechen;“ – „Ich sagte, ich will schweigen;“ – „Aber das Wort war in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer;“ – „und ich konnte nicht anders.“ Daher auch das Unwillen, Anstoß zu erregen; daher die Vorsicht und die Furcht vor dem Geschrei, das gegen sie erhoben würde, so häufig in den Schriften dieser Männer eingestanden und, wie natürlich, in den Worten des einzigen Buches ausgedrückt, mit dem sie vertraut waren [29]. „Wehe mir, dass ich ein Mann des Streits und ein Mann der Zwietracht geworden bin – ich liebe den Frieden: die Seelen der Menschen sind mir teuer: doch weil ich nach Licht suche, verflucht mich ein jeder von ihnen!“ O! es erfordert tieferes Gefühl und eine stärkere Einbildungskraft, als den meisten derer eigen ist, denen logisches Denken und fließender Ausdruck als ein im Knabenalter erlerntes Handwerk dienten, sich vorzustellen, mit welcher Macht, mit welchem inneren Ringen und welcher Erschütterung die Wahrnehmung einer neuen und vitalen Wahrheit von einem ungebildeten Mann von Genie Besitz ergreift. Seine Meditationen beschäftigen sich fast zwangsläufig mit dem Ewigen oder dem Immerwährenden; denn „die Welt ist nicht sein Freund, noch das Gesetz der Welt.“ Müssen wir uns dann wundern, dass unter einer derart starken und ungewöhnlichen Erregung der Körper des Mannes mit den Kämpfen seines Geistes sympathisiert; oder dass er bisweilen so weit getäuscht wird, die tumultuösen Empfindungen seiner Nerven und die gleichzeitig bestehenden Gespenster seiner Phantasie für Teile oder Symbole der Wahrheiten zu halten, die sich ihm erschlossen? Es wurde in der Tat plausibel bemerkt, dass der Leser, um irgendeinen Vorteil zu erlangen oder irgendeinen verständlichen Sinn aus den Schriften dieser unwissenden Mystiker zu sammeln, einen Geist und ein Urteilsvermögen mitbringen muss, das dem der Schreiber selbst überlegen ist:
Und was er mitbringt, was braucht er anderswo zu suchen?
– ein Sophismus, der, wie ich voll und ganz mit Warburton übereinstimme, Miltons unwürdig ist; wie viel mehr dann jener ehrfurchtgebietenden Person, in deren Mund er ihn gelegt hat? Eine Behauptung wage ich aufzustellen, wie sie mir meine eigene Erfahrung nahelegt, dass es Folianten über den menschlichen Verstand und das Wesen des Menschen gibt, die einen weit gerechteren Anspruch auf ihren hohen Rang und ihre Berühmtheit hätten, wenn in dem ganzen riesigen Band so viel Fülle des Herzens und des Intellekts zu finden wäre, wie sie in mancher einfachen Seite von George Fox, Jacob Behmen und sogar von Behmens Kommentator, dem frommen und feurigen William Law, hervorbrach.
Das Gefühl der Dankbarkeit, das ich für diese Männer hege, hat mich weiter abschweifen lassen, als ich vorhergesehen oder beabsichtigt hatte; aber sie in einer historischen Skizze meines literarischen Lebens und meiner Ansichten zu übergehen, wäre mir wie die Verleugnung einer Schuld, das Verschweigen einer Gabe vorgekommen. Denn die Schriften dieser Mystiker wirkten in nicht geringem Maße dazu, meinen Geist davor zu bewahren, innerhalb der Kontur eines einzigen dogmatischen Systems gefangen zu werden. Sie trugen dazu bei, das Herz im Kopf lebendig zu erhalten; gaben mir eine undeutliche, doch anregende und wirkende Vorahnung, dass alle Produkte der bloßen reflexiven Fakultät am Tode teilhatten und wie die rasselnden Zweige und Ranken im Winter waren, in die erst noch ein Saft aus irgendeiner Wurzel getrieben werden musste, zu der ich nicht vorgedrungen war, wenn sie meiner Seele Nahrung oder Obdach bieten sollten. Wenn sie mir auch tagsüber allzu oft eine ziehende Rauchwolke waren, so waren sie mir doch immer eine Feuersäule durch die Nacht hindurch, während meiner Wanderungen durch die Wildnis des Zweifels, und befähigten mich, die sandigen Wüsten des völligen Unglaubens zu säumen, ohne sie zu durchqueren. Dass das System in einen irreligiösen Pantheismus umgewandelt werden kann, weiß ich wohl. Die Ethik des Spinoza mag ein Beispiel sein oder auch nicht. Aber zu keiner Zeit konnte ich glauben, dass es an sich und im Wesentlichen mit der Religion, natürlich oder geoffenbart, unvereinbar sei: und nun bin ich vom Gegenteil auf das Gründlichste überzeugt. Die Schriften des illustren Weisen von Königsberg, des Begründers der Kritischen Philosophie, haben mehr als jedes andere Werk meinen Verstand zugleich gestärkt und diszipliniert. Die Originalität, die Tiefe und die Kompression der Gedanken; die Neuheit und Subtilität, doch Solidität und Bedeutung der Unterscheidungen; die adamantine Kette der Logik; und ich wage hinzuzufügen – (Paradoxon, wie es jenen erscheinen mag, die ihre Vorstellung von Immanuel Kant von Rezensenten und Franzosen haben) – die Klarheit und Evidenz der Kritik der reinen Vernunft; und Kritik der Urteilskraft; der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft; und seiner Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, ergriffen mich wie mit der Hand eines Riesen. Nach fünfzehnjähriger Vertrautheit mit ihnen lese ich diese und alle seine anderen Produktionen noch immer mit ungeschmälertem Vergnügen und wachsender Bewunderung. Die wenigen Passagen, die mir nach angemessenen Denkanstrengungen dunkel blieben (wie das Kapitel über die ursprüngliche Apperzeption), und die scheinbaren Widersprüche, die auftreten, waren, wie ich bald fand, Hinweise und Anspielungen auf Ideen, die KANT entweder nicht für klug hielt einzugestehen, oder die er als konsequenterweise zurückgelassen in einer reinen Analyse betrachtete, nicht der menschlichen Natur in toto, sondern des spekulativen Intellekts allein. Hier daher war er gezwungen, am Punkt der Reflexion oder des natürlichen Bewusstseins zu beginnen: während es ihm in seinem moralischen System gestattet war, einen höheren Boden (die Autonomie des Willens) als ein Postulat anzunehmen, das aus dem unbedingten Befehl oder (in der technischen Sprache seiner Schule) dem kategorischen Imperativ des Gewissens ableitbar ist. Er war während der Regierungszeit des verstorbenen Königs von Preußen, dieser seltsamen Mischung aus gesetzloser Ausschweifung und pfaffenbeherrschtem Aberglauben, in unmittelbarer Gefahr der Verfolgung gewesen: und es ist wahrscheinlich, dass er im hohen Alter wenig Neigung hatte, das Schicksal und die haarscharfen Entkommen eines Wolf noch einmal zu durchleben. Die Ausweisung des ersten unter Kants Jüngern, der versuchte, sein System zu vervollständigen, von der Universität Jena, nebst der Konfiszierung und dem Verbot des anstößigen Werkes durch die gemeinsamen Anstrengungen der Höfe von Sachsen und Hannover, lieferte den experimentellen Beweis, dass die Vorsicht des ehrwürdigen alten Mannes nicht grundlos war. Trotz seiner eigenen Erklärungen konnte ich daher niemals glauben, dass es für ihn möglich gewesen sei, mit seinem Noumenon oder Ding an sich nicht mehr gemeint zu haben, als seine bloßen Worte ausdrücken; oder dass er in seiner eigenen Konzeption die ganze plastische Kraft auf die Formen des Intellekts beschränkte und für die externe Ursache, für das Materiale unserer Empfindungen, eine Materie ohne Form übrig ließ, was zweifellos unvorstellbar ist. Ich hegte ebenfalls Zweifel, ob er in seinem eigenen Geist überhaupt alles Gewicht, das er zu tun scheint, auf die moralischen Postulate legte.
Eine Idee, im höchsten Sinne dieses Wortes, kann nicht anders als durch ein Symbol vermittelt werden; und, außer in der Geometrie, beinhalten alle Symbole notwendigerweise einen scheinbaren Widerspruch. Phonaese synetoisin: und für jene, die diese symbolische Hülle nicht zu durchdringen vermochten, waren seine Schriften nicht bestimmt. Fragen, die nicht vollständig beantwortet werden können, ohne den Antwortenden persönlicher Gefahr auszusetzen, haben keinen Anspruch auf eine faire Antwort; und doch würde dies offen auszusprechen in vielen Fällen genau den Vorteil liefern, den der Gegner heimtückisch sucht. Wahrhaftigkeit besteht nicht im Sagen, sondern in der Absicht, Wahrheit mitzuteilen; und der Philosoph, der die ganze Wahrheit nicht äußern kann, ohne Unwahrheit zu vermitteln und gleichzeitig vielleicht die bösartigsten Leidenschaften zu entfesseln, ist gezwungen, sich entweder mythisch oder zweideutig auszudrücken. Als Kant daher bedrängt wurde, die Streitigkeiten seiner Kommentatoren selbst beizulegen, indem er erklärte, was er meinte, wie konnte er die Ehren des Martyriums mit weniger Anstoß ablehnen, als einfach zu antworten: „Ich meinte, was ich sagte, und im Alter von fast achtzig Jahren habe ich anderes und Wichtigeres zu tun, als einen Kommentar zu meinen eigenen Werken zu schreiben.“
Fichtes Wissenschaftslehre sollte den Schlussstein des Bogens hinzufügen: und indem er mit einem Akt anstatt mit einem Ding oder einer Substanz begann, versetzte Fichte zweifellos dem Spinozismus, wie er von Spinoza selbst gelehrt wurde, den ersten tödlichen Schlag; und lieferte die Idee eines wahrhaft metaphysischen Systems und einer wahrhaft systematischen Metaphysik: (d. h. mit ihrem Ursprung und Prinzip in sich selbst). Aber diese fundamentale Idee überbaute er mit einer schweren Masse bloßer Begriffe und psychologischer Akte willkürlicher Reflexion. So degenerierte seine Theorie in einen rohen [30] Egoismus, eine prahlerische und hyperstoische Feindseligkeit gegen die Natur, als leblos, gottlos und gänzlich unheilig: während seine Religion in der Annahme eines bloßen Ordo ordinans bestand, den wir exoterice Gott nennen durften; und seine Ethik in einer asketischen und fast mönchischen Kasteiung der natürlichen Leidenschaften und Begierden. In Schellings Natur-Philosophie und dem System des transcendentalen Idealismus fand ich zuerst eine geniale Übereinstimmung mit vielem, was ich mir mühsam selbst erarbeitet hatte, und eine mächtige Unterstützung bei dem, was ich noch zu tun hatte.
Ich habe diese Darstellung als angemessen für die erzählerische Natur dieser Skizze eingeführt; jedoch eher in Bezug auf das Werk, das ich auf einer vorhergehenden Seite angekündigt habe, als auf meinen gegenwärtigen Gegenstand. Es wäre bloß ein Akt der Gerechtigkeit gegen mich selbst, wollte ich meine zukünftigen Leser warnen, dass eine Identität des Gedankens oder sogar eine Ähnlichkeit der Ausdrucksweise nicht zu jeder Zeit ein sicherer Beweis dafür sein wird, dass die Passage von Schelling entlehnt wurde oder dass die Konzeptionen ursprünglich von ihm gelernt wurden. In diesem Fall, wie bei den dramatischen Vorlesungen von Schlegel, auf die ich zuvor anspielte, aus demselben Motiv der Selbstverteidigung gegen den Vorwurf des Plagiats, wurden viele der auffälligsten Ähnlichkeiten, ja alle wesentlichen und fundamentalen Ideen in meinem Geist geboren und gereift, bevor ich jemals eine einzige Seite des deutschen Philosophen gesehen hatte; und ich könnte in der Tat mit Wahrheit bekräftigen, bevor die wichtigeren Werke Schellings geschrieben oder zumindest öffentlich gemacht worden waren. Auch ist diese Koinzidenz keineswegs zu verwundern. Wir hatten in derselben Schule studiert; waren durch dieselbe vorbereitende Philosophie diszipliniert worden, nämlich die Schriften Kants; wir hatten beide gleiche Verpflichtungen gegenüber der Polaren Logik und dynamischen Philosophie von Giordano Bruno; und Schelling hat kürzlich, und als neuerwerbung, jene gleiche liebevolle Ehrfurcht für die Arbeiten Behmens und anderer Mystiker bekannt, die ich zu einem viel früheren Zeitpunkt gebildet hatte. Die Übereinstimmung von Schellings System mit gewissen allgemeinen Ideen Behmens, erklärt er, sei bloße Koinzidenz gewesen; während meine Verpflichtungen direkter waren. Er braucht Behmen nur Gefühle der Sympathie entgegenzubringen; während ich ihm eine Schuld der Dankbarkeit schulde. Gott bewahre! dass ich verdächtigt werde, einen Wunsch zu hegen, in eine Rivalität mit Schelling einzutreten für die Ehren, die eindeutig sein Recht sind, nicht nur als ein großes und originelles Genie, sondern als Begründer der Naturphilosophie und als erfolgreichster Verbesserer des Dynamischen Systems [31], welches, von Bruno begonnen, (in einer philosophischeren Form und befreit von all seinen Unreinheiten und visionären Begleiterscheinungen) von Kant wiedereingeführt wurde; in dem es das native und notwendige Wachstum seines eigenen Systems war. Kants Nachfolger jedoch, auf die (zum größeren Teil) des Meisters Mantel ohne, oder mit einem sehr kargen Teil seines Geistes gefallen war, hatten seine dynamischen Ideen nur als eine verfeinerte Art von Mechanik übernommen. Mit Ausnahme von ein oder zwei fundamentalen Ideen, die Fichte nicht vorenthalten werden können, schulden wir Schelling die Vollendung und die wichtigsten Siege dieser Revolution in der Philosophie. Für mich wird es Glück und Ehre genug sein, sollte es mir gelingen, das System selbst meinen Landsleuten verständlich zu machen und es auf die ehrfurchtgebietendsten Themen für die wichtigsten Zwecke anzuwenden. Ob ein Werk das Kind des eigenen Geistes eines Menschen und das Produkt originellen Denkens ist, wird von jenen entdeckt werden, die seine einzigen legitimen Richter sind, durch bessere Prüfsteine als den bloßen Verweis auf Daten. Für die Leser im Allgemeinen lasse man alles, was in diesem oder irgendeinem zukünftigen Werk von mir gefunden wird, das den Lehren meines deutschen Vorgängers ähnelt oder damit übereinstimmt, wenngleich zeitgenössisch, gänzlich ihm zugeschrieben werden: vorausgesetzt, dass das Fehlen deutlicher Verweise auf seine Bücher, die ich nicht zu jeder Zeit mit Wahrheit als bezeichnende Zitate oder tatsächlich von ihm abgeleitete Gedanken machen konnte; und die, so hoffe ich, nach dieser allgemeinen Anerkennung überflüssig wären; mir nicht als ungroßzügige Verheimlichung oder absichtliches Plagiat vorgeworfen wird. Ich konnte in der Tat (eheu! res angusta domi!) bisher nicht mehr als zwei seiner Bücher beschaffen, nämlich den ersten Band seiner gesammelten Schriften und sein System des transcendentalen Idealismus; wozu ich jedoch ein kleines Pamphlet gegen Fichte hinzufügen muss, dessen Geist meinen Gefühlen nach schmerzlich unvereinbar mit den Prinzipien war und das (mit dem üblichen Nachlass, der einer Antithese gewährt wird) die Liebe zur Weisheit eher zur Schau stellte als die Weisheit der Liebe. Ich betrachte die Wahrheit als einen göttlichen Bauchredner: es ist mir gleich, aus wessen Mund die Klänge zu kommen scheinen, wenn nur die Worte hörbar und verständlich sind. „Obgleich ich bekennen muss, halb im Zweifel zu sein, ob ich es hervorbringen soll oder nicht, da es dem Auge der Welt so entgegensteht und die Welt in den Herzen der meisten Menschen so mächtig ist, dass ich Gefahr laufen werde, entweder nicht beachtet oder nicht verstanden zu werden.“
Und um das Thema des Zitierens mit einem Bündel von Zitaten zu schließen, die, da sie aus nicht allgemein gebräuchlichen Büchern stammen, zur Unterhaltung des Lesers beitragen mögen, als ein Voluntarie vor einer Predigt: „Dolet mihi quidem deliciis literarum inescatos subito jam homines adeo esse, praesertim qui Christianos se profitentur, et legere nisi quod ad delectationem facit, sustineant nihil: unde et discipline severiores et philosophia ipsa jam fere prorsus etiam a doctis negliguntur. Quod quidem propositum studiorum, nisi mature corrigitur, tam magnum rebus incommodum dabit, quam dedit barbaries olim. Pertinax res barbaries est, fateor: sed minus potent tamen, quam illa mollities et persuasa prudentia literarum, si ratione caret, sapientiae virtutisque specie mortales misere circumducens. Succedet igitur, ut arbitror, haud ita multo post, pro rusticana seculi nostri ruditate captatrix illa communi-loquentia robur animi virilis omne, omnem virtutem masculam, profligatura nisi cavetur.“
Eine allzu prophetische Bemerkung, die von 1680 bis zum heutigen 1815 in Erfüllung gegangen ist. Mit persuasa prudentia meint Grynaeus den selbstgefälligen gesunden Menschenverstand im Gegensatz zur Wissenschaft und philosophischen Vernunft.
Est medius ordo, et velut equestris, ingeniorum quidem sagacium, et commodorum rebus humanis, non tamen in primam magnitudinem patentium. Eorum hominum, ut sic dicam, major annona est. Sedulum esse, nihil temere loqui, assuescere labori, et imagine prudentiae et modistiae tegere angustiores partes captus, dum exercitationem ac usum, quo isti in civilibus rebus pollent, pro natura et magnitudine ingenii plerique accipiunt.
„Wie daher Ärzte oftmals gezwungen sind, solche Heilmethoden zu verlassen, von denen sie selbst wissen, dass sie die passendsten sind, und, von der Ungeduld des Patienten überstimmt, genötigt sind, die besten zu versuchen, die sie können: ebenso, wenn man bedenkt, wie die Lage in diesem gegenwärtigen Zeitalter steht, voll von Zunge und schwach an Verstand, seht, wir würden (wenn unser Gegenstand es erlaubte) dem Strom desselben nachgeben. Auf jene Weise wären wir zufrieden, unsere These zu beweisen, welche, obgleich an sich die schlechtere, dennoch nun aufgrund der allgemeinen Schwäche die passendere und wahrscheinlichere ist, geduldet zu werden.“
Wenn diese Furcht im kontroversen Zeitalter Hookers, unter der damals robusten Disziplin der scholastischen Logik, vernünftigerweise gehegt werden konnte, darf ein Schriftsteller der heutigen Zeit wohl entschuldbar ein schmales Publikum für tiefgründigste Themen erwarten, sowie für Wahrheiten, die weder ohne Anstrengung des Denkens noch ohne Geduld der Aufmerksamkeit vermittelt oder empfangen werden können.
„Che s’io non erro al calcolar de’ punti, Par ch’ Asinina Stella a noi predomini, E’l Somaro e’l Castron si sian congiunti. Il tempo d’Apuleio piu non si nomini: Che se allora un sol huom sembrava un Asino, Mille Asini a’ miei di rassembran huomini!“
KAPITEL X
Ein Kapitel der Abschweifungen und Anekdoten, als ein Zwischenspiel, das demjenigen über das Wesen und die Entstehung der Einbildungskraft oder Plastischen Kraft vorausgeht – Über Pedanterie und pedantische Ausdrücke – Ratschläge an junge Autoren bezüglich der Veröffentlichung – Verschiedene Anekdoten aus dem literarischen Leben des Autors und der Entwicklung seiner Ansichten in Religion und Politik.
„Esemplastic. Das Wort steht nicht bei Johnson, noch bin ich ihm anderswo begegnet.“ Ich ebenso wenig. Ich bildete es selbst aus den griechischen Wörtern eis en plattein, zu einem formen; da ich einen neuen Sinn zu vermitteln hatte, dachte ich, dass ein neuer Begriff sowohl das Erinnern an meine Bedeutung erleichtern als auch verhindern würde, dass er mit der üblichen Bedeutung des Wortes Einbildungskraft verwechselt wird. „Aber das ist Pedanterie!“ Nicht notwendigerweise, so hoffe ich. Wenn ich nicht falsch informiert bin, besteht Pedanterie in der Verwendung von Wörtern, die für Zeit, Ort und Gesellschaft unpassend sind. Die Sprache des Marktplatzes wäre in den Schulen ebenso pedantisch, auch wenn sie vielleicht nicht unter diesem Namen gerügt würde, wie die Sprache der Schulen auf dem Marktplatz. Der bloße Mann von Welt, der darauf beharrt, dass in einer wissenschaftlichen Abhandlung keine anderen Ausdrücke als solche des gewöhnlichen Gesprächs verwendet werden sollten, und dies ohne größere Präzision, ist ein ebenso wahrer Pedant wie der Literat, der entweder die Kenntnisse seiner Zuhörer überschätzt oder, irregeführt durch seine eigene Vertrautheit mit technischen oder scholastischen Ausdrücken, am Weintisch mit seinen Gedanken bei seinem Museum oder Laboratorium weilt; selbst wenn letzterer Pedant, anstatt seine Frau zu bitten, den Tee zu machen, sie auffordern würde, dem quant. suff. an thea Sinensis das Oxyd des Wasserstoffs, gesättigt mit Kalorik, hinzuzufügen. Um die umgangssprachliche (und in Wahrheit etwas vulgäre) Metapher zu gebrauchen: Wenn der Pedant des Klosters und der Pedant der Wandelhalle beide gleichermaßen nach dem Geschäft riechen, so ist der Geruch vom russischen Einband guter, alter, authentisch wirkender Folianten und Quartbände doch weniger störend als die Dünste aus der Schenke oder dem Bordell. Ja, selbst wenn die Pedanterie des Gelehrten ein wenig Ostentation verraten sollte, würde ein wohlgesinnter Geist, so denke ich, den Fuchsschwanz gelehrter Eitelkeit leichter tolerieren als die Sansculotterie einer verächtlichen Ignoranz, die sich aus Verstümmelung ein Verdienst anmaßt, im selbsttröstenden Spott über die pompöse Last der Fräcke.
Die erste Lektion philosophischer Disziplin besteht darin, die Aufmerksamkeit des Studenten von den Graden der Dinge, die allein das Vokabular des gewöhnlichen Lebens bilden, zu entwöhnen und sie auf die vom Grad abstrahierte Art zu lenken. So wird der Chemiestudent gelehrt, sich nicht über Abhandlungen über die Wärme im Eis oder über latentes und fixierbares Licht zu wundern. In solchem Diskurs hat der Lehrer keine andere Alternative, als entweder alte Wörter mit neuen Bedeutungen zu gebrauchen (der Plan, den Darwin in seiner Zoonomia verfolgte); oder, nach dem Beispiel von Linné und den Schöpfern der heutigen chemischen Nomenklatur, neue Begriffe einzuführen. Letztere Art ist offensichtlich vorzuziehen, wäre es nur deshalb, weil erstere eine zweifache Anstrengung des Denkens im selben Akt erfordert. Denn vom Leser oder Zuhörer wird nicht nur verlangt, die neue Definition zu lernen und im Gedächtnis zu behalten, sondern auch die alte und gewohnheitsmäßige Bedeutung zu verlernen und aus seinem Blickfeld zu halten; eine weitaus schwierigere und verwirrendere Aufgabe, für die mir der bloße Anschein, Pedanterie zu vermeiden, kein angemessener Ausgleich zu sein scheint. Wo es tatsächlich in unserer Macht steht, einen unpassenden Begriff wieder aufzugreifen, der ohne zureichenden Grund veraltet war, ist es zweifellos ein geringeres Übel, ihn wiederherzustellen, als einen neuen zu prägen. Um also in einem Wort alles auszudrücken, was zur Wahrnehmung gehört, als passiv und rein empfangend betrachtet, habe ich von unseren älteren Klassikern das Wort sensuous (sinnlich) übernommen; da sensual (üppig/sinnlich) gegenwärtig nicht verwendet wird, außer in einem schlechten Sinne oder zumindest als moralische Unterscheidung; während sensitive (empfindsam) und sensible (vernünftig/empfindlich) jeweils eine andere Bedeutung vermitteln würden. So bin ich auch Hooker, Sanderson, Milton und anderen gefolgt, indem ich die Unmittelbarkeit jedes Aktes oder Objekts des Wissens mit dem Wort Intuition bezeichnet habe, das manchmal subjektiv, manchmal objektiv gebraucht wird, genau wie wir das Wort Gedanke gebrauchen; mal als der Gedanke oder Akt des Denkens, mal als ein Gedanke oder das Objekt unserer Reflexion; und wir tun dies ohne Verwirrung oder Unklarheit. Die Wörter objektiv und subjektiv, die in den Schulen von einst so ständiger Wiederkehr waren, habe ich gewagt wieder einzuführen, weil ich das percipere vom percipi nicht so kurz oder bequem durch vertrautere Begriffe unterscheiden konnte. Zuletzt habe ich die Begriffe Vernunft und Verstand vorsichtig unterschieden, ermutigt und bestätigt durch die Autorität unserer echten Theologen und Philosophen vor der Revolution.
------both life, and sense, Fancy and understanding; whence the soul Reason receives, and reason is her bring, Discursive or intuitive: discourse [32] Is oftest yours, the latter most is ours, Differing but in degree, in kind the same.
Ich sage, dass ich durch eine so ehrwürdige Autorität bestätigt wurde: denn ich hatte frühere und höhere Motive in meiner eigenen Überzeugung von der Wichtigkeit, ja, von der Notwendigkeit der Unterscheidung, sowohl als unverzichtbare Bedingung als auch als vitaler Teil aller gesunden Spekulation in Metaphysik, Ethik oder Theologie. Diese Unterscheidung zu etablieren, war ein Hauptziel von The Friend; falls ich mich in einer Biografie meines eigenen literarischen Lebens überhaupt mit Fug auf ein Werk beziehen kann, das eher gedruckt als veröffentlicht wurde, oder so veröffentlicht, dass es für den unglücklichen Autor besser gewesen wäre, es wäre in Manuskript geblieben. Ich habe selbst heute noch bitteren Grund, mich an das zu erinnern, was eine Reihe meiner Abonnenten nur ein geringfügiges Motiv hat zu vergessen. Dieser Erguss hätte erspart bleiben können; doch ich möchte mir schmeicheln, dass der Leser weniger streng sein wird als ein orientalischer Professor der Bastonade, der während eines Versuchs, per argumentum baculinum ein volles Geständnis von einem Missetäter zu erpressen, dessen Schmerzensschreie unterbrach, indem er ihn daran erinnerte, dass es „nur eine Abschweifung!“ sei. „All dieser Lärm, mein Herr! gehört nicht zur Sache und ist keineswegs eine Antwort auf meine Fragen!“ „Ach! aber“, (erwiderte der Leidende,) „es ist die treffendste Antwort von der Welt auf Eure Schläge.“
Ein unvorsichtiger Mann von gewöhnlicher Herzensgüte kann nicht anders, als selbst seine Unvorsichtigkeiten zum Wohle anderer zu wenden, soweit dies möglich ist. Wenn daher irgendeiner der Leser dieser Halberzählung ein periodisches Werk vorbereitet oder beabsichtigt, warne ich ihn erstens davor, sich auf die Anzahl der Namen auf seiner Subskriptionsliste zu verlassen. Denn er kann nicht sicher sein, dass die Namen durch ausreichende Autorität niedergeschrieben wurden; oder, sollte dies festgestellt sein, bleibt immer noch zu erfahren, ob sie nicht durch die Zudringlichkeit eines allzu eifrigen Freundes erpresst wurden; ob der Abonnent seinen Namen nicht bloß aus Mangel an Mut gegeben hatte, mit „Nein“ zu antworten; und mit der Absicht, das Werk so bald wie möglich fallen zu lassen. Ein Herr verschaffte mir fast hundert Namen für THE FRIEND und nahm nicht nur häufig Gelegenheit, mich an seinen Erfolg bei der Anwerbung zu erinnern, sondern bemühte sich auch, meinem Geist das Gefühl der Verpflichtung einzupflanzen, die ich gegenüber den Abonnenten hätte; denn, (wie er mich sehr treffend ermahnte,) „zweiundfünfzig Schillinge im Jahr seien eine große Summe, um sie einem Einzelnen zu schenken, wo es doch so viele Wohltätigkeitszwecke gebe, die starke Ansprüche auf die Unterstützung der Wohlwollenden hätten.“ Von diesen hundert Gönnern sprangen neunzig vor der vierten Nummer ohne jede Benachrichtigung ab; obwohl ihnen wohlbekannt war, dass ich aufgrund der Entfernung und der Langsamkeit sowie Unregelmäßigkeit der Beförderung gezwungen war, einen Vorrat an gestempeltem Papier für mindestens acht Wochen im Voraus anzulegen; von dem mir jedes Blatt vor seiner Ankunft bei meinem Drucker fünf Pence kostete; obwohl das Subskriptionsgeld erst in der einundzwanzigsten Woche nach Beginn des Werkes einzugehen war; und schließlich, obwohl es in neun von zehn Fällen für mich undurchführbar war, das Geld für zwei oder drei Nummern zu erhalten, ohne eine gleiche Summe für das Porto zu zahlen.
Zur Bestätigung meiner ersten Warnung will ich eine Tatsache unter vielen auswählen. Auf meiner Liste der Abonnenten, unter einer beträchtlichen Anzahl ebenso schmeichelhafter Namen, war der eines Earl of Cork, mit seiner Adresse. Er hätte ebenso gut ein Earl of Bottle sein können, für alles, was ich von ihm wusste, der damit zufrieden war, den Adel in abstracto zu verehren, statt in concretis. Natürlich wurde THE FRIEND regelmäßig bis, wenn ich mich recht erinnere, zur achtzehnten Nummer gesandt; das heißt, bis zwei Wochen bevor die Subskription zu zahlen war. Und siehe! gerade zu dieser Zeit erhielt ich einen Brief von seiner Lordschaft, in dem er mich in einer Sprache, die weit eher herrscherlich als höflich war, wegen meiner Unverschämtheit tadelte, meine Pamphlete an ihn zu richten, der nichts von mir oder meinem Werk wisse! Siebzehn oder achtzehn Nummern davon behielt seine Lordschaft jedoch gefälligst, wahrscheinlich für die kulinarischen oder nachkulinarischen Bequemlichkeiten seiner Bediensteten.
Zweitens warne ich alle anderen davor, von der gewöhnlichen Art abzuweichen, ein Werk durch den Handel zu veröffentlichen. Ich dachte in der Tat, es sei dem Käufer gleichgültig, ob dreißig Prozent des Kaufpreises an die Buchhändler oder an die Regierung gingen; und dass die Bequemlichkeit, das Werk durch die Post an seine eigene Tür geliefert zu bekommen, letzterem den Vorzug geben würde. Es ist hart, gestehe ich, jahrelang damit gearbeitet zu haben, die Materialien zu sammeln und zu ordnen; jeden Schilling, der nach der Bereitstellung der Lebensnotwendigkeiten übrig blieb, für den Kauf von Büchern oder für Reisen ausgegeben zu haben, um diese zu konsultieren oder Fakten an der Quelle zu erwerben; dann das Papier zu kaufen, den Druck zu bezahlen und dergleichen, alles mindestens fünfzehn Prozent über dem, was der Handel bezahlt hätte; und dann nach alledem dreißig Prozent, nicht des Nettogewinns, sondern der Bruttoergebnisse des Verkaufs, einem Mann zu geben, der lediglich das Werk in das Regal oder das Warenlager zu stellen hat und seinem Lehrling erlaubt, es denen über den Ladentisch zu reichen, die danach fragen könnten; und dies zudem Exemplar für Exemplar, obwohl, wenn das Werk irgendein philosophisches oder wissenschaftliches Thema behandelt, es Jahre dauern kann, bis die Auflage ausverkauft ist. All dies, gestehe ich, muss wie eine Härte erscheinen, und eine, der die Produkte der Industrie in keiner anderen Art der Betätigung unterworfen sind. Doch selbst dies ist besser, weitaus besser, als in irgendeiner Weise zu versuchen, die Funktionen von Autor und Verleger zu vereinen. Aber die klügste Art ist es, das Urheberrecht, zumindest für eine oder mehrere Auflagen, für das Meiste zu verkaufen, was der Handel bieten will. Nur von wenigen kann eine große Entlohnung erwartet werden; aber fünfzig Pfund und Seelenfrieden sind für einen Literaten von mehr wahrem Nutzen als die Aussicht auf fünfhundert mit der Gewissheit von Beleidigungen und entwürdigenden Sorgen. Ich werde schwer missverstanden worden sein, wenn diese Darstellung als mit dem Wunsch geschrieben interpretiert werden sollte, den Charakter von Buchhändlern oder Verlegern zu schmälern. Die Individuen haben die Gesetze und Bräuche ihres Handels nicht gemacht, sondern nehmen sie, wie in jedem anderen Handel, so, wie sie sie vorfinden. Bis bewiesen werden kann, dass das Übel beseitigbar ist, und zwar ohne die Ersetzung durch eine gleiche oder größere Unannehmlichkeit, wäre es weder weise noch männlich, sich auch nur darüber zu beklagen. Aber es als Vorwand zu benutzen, um unfreundlich oder schimpflich von den Geschäftsleuten als Individuen zu sprechen oder auch nur zu denken oder zu fühlen, wäre etwas Schlimmeres als unweise oder gar unmännlich; es wäre unmoralisch und verleumderisch. Meine Motive zielen in eine weitaus andere Richtung und auf weitaus andere Objekte, wie im Schluss des Kapitels zu sehen sein wird.
Ein gelehrter und vorbildlicher alter Geistlicher, der vor vielen Jahren, gefolgt von den Bedauern und Segnungen seiner Gemeinde, zu seinem Lohn einging, veröffentlichte auf eigene Kosten zwei Bände Oktav, betitelt A NEW THEORY OF REDEMPTION. Das Werk wurde im THE MONTHLY oder CRITICAL REVIEW, ich vergesse welches, auf das Schärfste behandelt; und diese unprovozierte Feindseligkeit wurde zum Lieblingsthema der Unterhaltung des guten alten Mannes unter seinen Freunden. „Nun!“ (pflegte er auszurufen,) „in der zweiten Auflage werde ich Gelegenheit haben, sowohl die Unwissenheit als auch die Bösartigkeit des anonymen Kritikers bloßzustellen.“ Zwei oder drei Jahre vergingen jedoch ohne Nachricht vom Buchhändler, der den Druck und die Veröffentlichung des Werkes übernommen hatte und der vollkommen beruhigt war, da der Autor als ein Mann von großem Vermögen bekannt war. Endlich wurde nach den Abrechnungen verlangt; und nach einigen Wochen wurden sie vom Reisenden für das Haus persönlich präsentiert. Mein alter Freund setzte seine Brille auf und begann, die Schriftrolle mit nicht sehr fester Hand haltend: „Papier, so viel: O, mäßig genug – keineswegs über meine Erwartungen! Druck, so viel: nun! mäßig genug! Heften, Umschläge, Anzeigen, Transport und so weiter, so viel.“ – Immer noch nichts Unrechtes. Selleridge (denn Orthografie ist kein notwendiger Teil der literarischen Kenntnisse eines Buchhändlers) L3. 3s. „Gott bewahre! nur drei Guineen für das, wie nennt Ihr es – das Selleridge?“ „Nicht mehr, mein Herr!“ antwortete der Reisende. „Nein, aber das ist zu mäßig!“ erwiderte mein alter Freund. „Nur drei Guineen für den Verkauf von tausend Exemplaren eines Werkes in zwei Bänden?“ „O mein Herr!“ (ruft der junge Reisende) „Ihr habt das Wort missverstanden. Es sind keine davon verkauft worden; sie sind schon vor langer Zeit aus London zurückgeschickt worden; und diese L3. 3s. sind für die Kellerlagerung oder Lagerraum in unserem Bücherkeller.“ Das Werk wurde infolgedessen vom unheilvollen Keller des Verlegers auf den Dachboden des Autors befördert; und wenn der alte Herr einem Bekannten ein Exemplar überreichte, pflegte er die Anekdote mit großem Humor und noch größerer Gutmütigkeit zu erzählen.
Mit gleichem Mangel an weltlicher Klugheit war ich ein weit mehr als gleicher Leidtragender davon, gleich zu Beginn meiner Autorenschaft. Gegen Ende des ersten Jahres von der Zeit an, als ich in einer unglücklichen Stunde die freundlichen Klöster und den glücklichen Hain des stillen, stets geehrten Jesus College in Cambridge verließ, wurde ich von verschiedenen Philanthropen und Antipolemisten überredet, ein periodisches Werk namens THE WATCHMAN ins Leben zu rufen, damit, gemäß dem allgemeinen Motto des Werkes, alle die Wahrheit erkennen könnten und damit die Wahrheit uns frei mache! Um es von der Stempelsteuer zu befreien und ebenso so wenig wie möglich zur vermeintlichen Schuld eines Krieges gegen die Freiheit beizutragen, sollte es an jedem achten Tag erscheinen, zweiunddreißig Seiten, großes Oktav, eng gedruckt, und der Preis nur vier Pence. Dementsprechend, mit einem flammenden Prospekt – „Wissen ist Macht“, „Um den Zustand der politischen Atmosphäre auszurufen“ – und so weiter, brach ich zu einer Reise in den Norden auf, von Bristol nach Sheffield, mit dem Zweck, Kunden zu gewinnen, wobei ich auf dem Weg in den meisten großen Städten predigte, als lohnloser Freiwilliger, in einem blauen Rock und weißer Weste, damit kein Fetzen der Frau von Babylon an mir zu sehen sei. Denn ich war zu jener Zeit und lange danach, obwohl ein Trinitarier (das heißt ad normam Platonis) in der Philosophie, doch ein eifriger Unitarier in der Religion; genauer gesagt, ich war ein Psilanthropist, einer jener, die glauben, unser Herr sei der wirkliche Sohn Josephs gewesen, und die das Hauptgewicht eher auf die Auferstehung als auf die Kreuzigung legen. O! niemals kann ich mich an diese Tage mit Scham oder Bedauern erinnern. Denn ich war höchst aufrichtig, höchst uneigennützig. Meine Ansichten waren zwar in vielen und den wichtigsten Punkten irrig; aber mein Herz war einfach. Reichtum, Rang, das Leben selbst erschienen mir damals billig, verglichen mit den Interessen dessen, was ich für die Wahrheit hielt, und dem Willen meines Schöpfers. Ich kann mich nicht einmal beschuldigen, von Eitelkeit getrieben worden zu sein; denn in der Ausdehnung meines Enthusiasmus dachte ich überhaupt nicht an mich selbst.
Mein Feldzug begann in Birmingham; und mein erster Angriff galt einem strengen Calvinisten, einem Talgkerzenhändler von Beruf. Er war ein langer, schmutziger Mann, bei dem die Länge so sehr über die Breite dominierte, dass man ihn fast für einen Gießerei-Schürhaken hätte halten können. O dieses Gesicht! ein Gesicht kat’ emphasin! Ich habe es in diesem Augenblick vor mir. Das schlaffe, schwarze, schnurartige Haar, pingui-nitescent, in einer geraden Linie entlang der schwarzen Stoppeln seiner dünnen Schießpulver-Augenbrauen geschnitten, die wie ein versengtes Nachwachs von einer Rasur der letzten Woche aussah. Sein Rockkragen hinten in vollkommener Übereinstimmung, sowohl in Farbe als auch in Glanz, mit dem groben und doch glatten Tauwerk, das er wohl sein Haar nannte, und das mit einer Biegung nach innen am Nacken – der einzigen Annäherung an Beugung in seiner ganzen Gestalt – hinter seine Weste huschte; während das Gesicht, schlaff, dunkel, sehr hart und mit starken senkrechten Furchen, mir eine vage Vorstellung von jemandem gab, der durch einen benutzten Grill auf mich herabsah, alles Ruß, Fett und Eisen! Aber er war einer der Durchgezüchteten, ein wahrer Liebhaber der Freiheit, und, wie mir mitgeteilt wurde, hatte er zur Zufriedenheit vieler bewiesen, dass Mr. Pitt eines der Hörner des zweiten Tieres in der OFFENBARUNG sei, das wie ein Drache sprach. Eine Person, an die einer meiner Empfehlungsbriefe adressiert war, war mein Einführer. Es war ein neues Ereignis in meinem Leben, mein erster Schlag im neuen Geschäft, das ich als Autor übernommen hatte, ja, und als ein Autor, der auf eigene Rechnung handelte. Mein Begleiter gab nach einigen unvollkommenen Sätzen und einer Vielzahl von Äh und Hm die Sache an seinen Klienten ab; und ich begann eine einstündige Ansprache an Phileleutheros, den Talgkerzenhändler, wobei ich meine Töne durch die ganze Skala der Beredsamkeit variierte, vom Ratiocinativen zum Deklamatorischen, und in letzterem vom Pathetischen zum Indignierten. Ich argumentierte, ich beschrieb, ich versprach, ich prophezeite; und beginnend mit der Gefangenschaft der Nationen endete ich mit der nahen Ankunft des Millenniums, wobei ich das Ganze mit einigen meiner eigenen Verse beendete, die diesen glorreichen Zustand aus den Religious Musings beschrieben:
------Such delights As float to earth, permitted visitants! When in some hour of solemn jubilee The massive gates of Paradise are thrown Wide open, and forth come in fragments wild Sweet echoes of unearthly melodies, And odours snatched from beds of amaranth, And they, that from the crystal river of life Spring up on freshened wing, ambrosial gales!
Mein Lichter-Mann der Lichter hörte mit ausdauernder und lobenswerter Geduld zu, obwohl es, wie mir später erzählt wurde, als ich mich über gewisse Winde beschwerte, die nicht ganz ambrosisch waren, ein schmelzender Tag für ihn war. „Und was, mein Herr“, sagte er nach einer kurzen Pause, „könnten die Kosten sein?“ „Nur vier Pence“ – (O! wie fühlte ich den Antiklimax, das abgründige Bathos dieser vier Pence!) – „nur vier Pence, mein Herr, jede Nummer, an jedem achten Tag zu veröffentlichen.“ – „Das kommt auf eine Menge Geld am Ende eines Jahres. Und wie viel, sagten Sie, gäbe es für das Geld?“ – „Zweiunddreißig Seiten, mein Herr, großes Oktav, eng gedruckt.“ – „Zweiunddreißig Seiten? Gott bewahre! warum, außer dem, was ich am Sabbat im Familienkreis tue, ist das mehr, als ich jemals lese, mein Herr! das ganze Jahr über. Ich bin so sehr einer, wie jeder Mann in Brummagem, mein Herr! für Freiheit und Wahrheit und all diese Art von Dingen, aber was das betrifft – keine Beleidigung, hoffe ich, mein Herr – muss ich bitten, entschuldigt zu werden.“
So endete meine erste Werbekampagne: Aus Gründen, die ich sogleich erwähnen werde, machte ich nur noch einen weiteren persönlichen Versuch. Dieser fand in Manchester statt, bei einem stattlichen und wohlhabenden Großhändler für Baumwollwaren. Er nahm mein Empfehlungsschreiben entgegen, las es durch, maß mich von Kopf bis Fuß und wieder von Fuß bis Kopf und fragte dann, ob ich irgendeine Rechnung oder einen Frachtbrief für die Sache hätte. Ich legte ihm meinen Prospekt vor. Er überflog hastig die erste Seite und summte dabei vor sich hin, und noch hastiger die zweite und letzte Seite; er zerknüllte sie zwischen seinen Fingern und der Handfläche; rieb und glättete dann ganz bedächtig und bedeutungsvoll einen Teil gegen den anderen; und steckte ihn schließlich in seine Tasche, kehrte mir den Rücken zu mit einem „Wir werden überschwemmt von diesen Artikeln!“ und zog sich so, ohne ein weiteres Wort, in sein Kontor zurück. Und, das kann ich wahrhaftig sagen, zu meiner unsagbaren Erheiterung.
Dies, so sagte ich, war mein zweiter und letzter Versuch. Als ich entmutigt von dem ersten zurückkehrte, bei dem ich vergeblich versucht hatte, das Wunder des Orpheus beim Patrioten aus Brummagem zu wiederholen, speiste ich mit dem Händler, der mich ihm vorgestellt hatte. Nach dem Abendessen bedrängte er mich, eine Pfeife mit ihm und zwei oder drei anderen Leuchten desselben Schlages zu rauchen. Ich lehnte ab, sowohl weil ich verabredet war, den Abend bei einem Geistlichen und seinen Freunden zu verbringen, als auch, weil ich in meinem Leben außer ein oder zweimal nie geraucht hatte, und damals war es Kräutertabak, gemischt mit Oronooko. Auf die Versicherung hin jedoch, dass der Tabak ebenso mild sei, und da ich auch sah, dass er von gelber Farbe war; nicht zu vergessen die beklagenswerte Schwierigkeit, die ich immer dabei empfand, „Nein“ zu sagen und mich von dem zu enthalten, was die Leute um mich herum taten – nahm ich eine halbe Pfeife und füllte die untere Hälfte des Kopfes mit Salz. Ich war jedoch bald gezwungen, sie beiseite zu legen, infolge eines Schwindels und eines beklemmenden Gefühls in meinen Augen, was, da ich nur ein einziges Glas Ale getrunken hatte, wie ich wusste, die Wirkung des Tabaks gewesen sein musste. Kurz darauf, als ich mich für erholt hielt, machte ich mich auf den Weg zu meiner Verabredung; doch das Gehen und die frische Luft brachten alle Symptome wieder hervor, und ich hatte kaum das Wohnzimmer des Geistlichen betreten und ein kleines Briefpaket geöffnet, das er für mich aus Bristol erhalten hatte, als ich in eine Art Ohnmacht zurücksank, eher ein Sinken als ein Schlaf. Glücklicherweise hatte ich gerade noch Zeit gefunden, ihn über den verwirrten Zustand meiner Gefühle und dessen Anlass zu informieren. Denn hier lag ich nun, mein Gesicht wie eine frisch geweißte Wand, totenbleich und mit kalten Schweißtropfen auf der Stirn, während einer nach dem anderen die verschiedenen Herren eintrafen, die eingeladen worden waren, mich zu treffen und den Abend mit mir zu verbringen, an der Zahl fünfzehn bis zwanzig. Da das Gift des Tabaks nur kurze Zeit wirkt, erwachte ich schließlich aus der Bewusstlosigkeit und sah mich in der Runde um, meine Augen geblendet von den Kerzen, die in der Zwischenzeit angezündet worden waren. Um meine Verlegenheit zu lindern, begann einer der Herren das Gespräch mit: „Haben Sie heute eine Zeitung gesehen, Mr. Coleridge?“ „Mein Herr!“, antwortete ich und rieb mir die Augen, „ich bin bei weitem nicht davon überzeugt, dass es einem Christen erlaubt ist, Zeitungen oder andere Werke von lediglich politischem und zeitweiligem Interesse zu lesen.“ Diese Bemerkung, so lächerlich unpassend oder vielmehr unvereinbar mit dem Zweck, für den ich, wie allgemein bekannt war, Birmingham besucht hatte und um dessen Unterstützung sie alle sich dort versammelt hatten, löste ein unfreiwilliges und allgemeines Gelächter aus; und selten habe ich so viele herrliche Stunden verbracht, wie ich sie in diesem Raum von dem Moment dieses Lachens an bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages genoss. Niemals, vielleicht, habe ich seither in einer so gemischten und zahlreichen Gesellschaft ein Gespräch gehört, das mit solcher Lebendigkeit geführt, mit solcher Vielfalt an Informationen bereichert und mit solch einem Fluss an Anekdoten belebt wurde. Sowohl damals als auch später schlossen sie sich alle darin zusammen, mich von der Fortführung meines Vorhabens abzubringen; sie versicherten mir in den freundlichsten und doch schmeichelhaftesten Worten, dass weder die Beschäftigung für mich geeignet sei, noch ich für die Beschäftigung. Dennoch, wenn ich entschlossen sei, dabei zu bleiben, versprachen sie, sich aufs Äußerste anzustrengen, um Abonnenten zu gewinnen, und bestanden darauf, dass ich keine weiteren persönlichen Besuche mehr machen, sondern die Werbung durch einen Stellvertreter durchführen sollte. Den gleichen gastfreundlichen Empfang, die gleiche Warnung und, falls diese fehlschlug, den gleichen freundlichen Einsatz für meine Person erfuhr ich in Manchester, Derby, Nottingham, Sheffield – ja, an jedem Ort, an dem ich mich niederließ. Ich erinnere mich oft mit liebevollem Vergnügen an die vielen achtbaren Männer, die sich für mich, einen vollkommenen Fremden, interessierten, von denen ich nicht wenige noch heute zu meinen Freunden zählen kann. Sie werden für mich bezeugen, wie sehr meine Grundsätze selbst damals denen des Jakobinismus oder gar der Demokratie entgegenstanden, und können die strikte Genauigkeit der Erklärung bestätigen, die ich in der zehnten und elften Nummer von THE FRIEND zu Protokoll gegeben habe.
Von dieser denkwürdigen Reise kehrte ich mit fast tausend Namen auf der Abonnentenliste von THE WATCHMAN zurück; doch mehr als zur Hälfte überzeugt, dass die Klugheit das Aufgeben des Vorhabens gebot. Aber gerade aus diesem Grund hielt ich daran fest; denn ich war in jener Lebensphase so vollkommen von der Angst gejagt, mich von eigennützigen Motiven leiten zu lassen, dass die Erkenntnis, eine Handlungsweise sei das Gebot der Klugheit, für mein Empfinden eine Art präsumtiver Beweis dafür war, dass das Gegenteil das Gebot der Pflicht sei. Dementsprechend begann ich das Werk, das in London durch lange Plakate in Lettern angekündigt wurde, wie sie nie zuvor gesehen worden waren, und die, wie ich erfahren habe, denn ich sah sie selbst nicht, sogar den Glanz der Lotterie-Anzeigen in den Schatten stellten. Aber ach! die Veröffentlichung der allerersten Nummer verzögerte sich über den angekündigten Tag hinaus. In der zweiten Nummer kostete mich ein Aufsatz gegen die Fastentage, mit einer höchst tadelnswerten Verwendung eines Textes aus Jesaja als Motto, auf einen Schlag fast fünfhundert meiner Abonnenten. In den zwei folgenden Nummern machte ich mir alle meine jakobinischen und demokratischen Gönner zu Feinden; denn, abgestoßen von ihrer Treulosigkeit und ihrer Übernahme französischer Moralvorstellungen zusammen mit französischer Philosophie; und vielleicht in der Überlegung, dass Wohltätigkeit am nächsten liegen sollte; anstatt die Regierung und die Aristokraten hauptsächlich oder ausschließlich zu beschimpfen, wie man es von mir erwartet hatte, richtete ich meine Angriffe auf den „modernen Patriotismus“ und wagte es sogar, meinen Glauben zu erklären, dass, was auch immer die Motive der Minister für die Aufruhr- oder, wie es damals Mode war sie zu nennen, die Knebelungsgesetze gewesen sein mochten, die Gesetze selbst doch eine Wirkung erzielen würden, die sich alle wahren Freunde der Freiheit wünschen müssten, insofern sie dazu beitragen würden, Menschen davon abzuhalten, offen über Themen zu deklamieren, deren Grundlagen sie nie durchdrungen hatten, und „für die Armen und Unwissenden zu plädieren, anstatt vor ihnen zu plädieren.“ Gleichzeitig bekannte ich meine Überzeugung, dass nationale Bildung und eine damit einhergehende Verbreitung des Evangeliums die unerlässliche Bedingung für jede wahre politische Besserung seien. So hatte ich zur Zeit der Veröffentlichung der siebten Nummer die Demütigung – (aber warum sollte ich das sagen, wenn mir in Wahrheit alles, was meine weltlichen Interessen betraf, zu gleichgültig war, um darüber gedemütigt zu sein?) – die vorangegangenen Nummern in verschiedenen Alteisenläden für einen Penny das Stück ausliegen zu sehen. Mit der neunten Nummer stellte ich das Werk ein. Aber vom Londoner Verleger konnte ich keinen Schilling bekommen; er war ein ------ und bot mir die Stirn. Von anderen Orten erhielt ich nur wenig, und nach solchen Verzögerungen, dass dieses Wenige wertlos war; und ich wäre unvermeidlich von meinem Drucker in Bristol ins Gefängnis geworfen worden, der sich weigerte, auch nur einen Monat auf eine Summe zwischen achtzig und neunzig Pfund zu warten, wenn das Geld nicht für mich von einem Mann bezahlt worden wäre, der keineswegs wohlhabend war, ein teurer Freund, der sich seit meiner ersten Ankunft in Bristol an mich anschloss, der mein Freund blieb mit einer Treue, die weder von der Zeit noch von meiner eigenen scheinbaren Nachlässigkeit besiegt wurde; ein Freund, von dem ich nie einen Rat erhielt, der nicht weise war, noch eine Ermahnung, die nicht sanft und liebevoll war.
Gewissenshalber ein Gegner des ersten Revolutionskrieges, doch mit den Augen weit geöffnet für den wahren Charakter und die Ohnmacht der Befürworter revolutionärer Prinzipien in England, Prinzipien, die ich verabscheute – (denn es war Teil meines politischen Glaubensbekenntnisses, dass jeder, der aufhörte, als Individuum zu handeln, indem er sich zu einem Mitglied irgendeiner Gesellschaft machte, die nicht von seiner Regierung gebilligt wurde, die Rechte eines Bürgers verwirkte) –, ein vehementer Anti-Ministerialist, doch nach der Invasion der Schweiz ein noch vehementerer Anti-Gallikaner und noch intensiver ein Anti-Jakobiner, zog ich mich in ein Häuschen in Stowey zurück und sorgte für meinen knappen Unterhalt, indem ich Verse für eine Londoner Morgenzeitung schrieb. Ich sah deutlich, dass Literatur kein Beruf war, von dem ich erwarten konnte zu leben; denn ich konnte mir selbst nicht verhehlen, dass meine Talente, was auch immer sie in anderer Hinsicht sein mochten oder nicht, doch nicht von der Art waren, die es mir ermöglicht hätte, ein populärer Schriftsteller zu werden; und dass meine Meinungen, wie sie auch an sich sein mochten, fast gleich weit von allen drei vorherrschenden Parteien entfernt waren, den Pittiten, den Foxiten und den Demokraten. Von der Unverkäuflichkeit meiner Schriften hatte ich eines Morgens ein amüsantes Andenken durch unser Dienstmädchen. Denn da ich zufällig früher als gewöhnlich aufstand, beobachtete ich, wie sie eine extravagante Menge Papier in den Rost steckte, um das Feuer anzuzünden, und wies sie milde wegen ihrer Verschwendung zurecht; „Ach, mein Herr!“ (antwortete die arme Nanny), „warum, es sind doch nur Watchmen.“
Ich widmete mich nun der Poesie und dem Studium der Ethik und Psychologie; und so tief war meine Bewunderung zu dieser Zeit für Hartleys ESSAY ON MAN, dass ich meinem Erstgeborenen seinen Namen gab. Zusätzlich zu dem Herrn, meinem Nachbarn, dessen Garten an meinen kleinen Obstgarten grenzte und dessen Freundschaft zu pflegen mein einziger Beweggrund für die Wahl meines Wohnsitzes in Stowey gewesen war, hatte ich das Glück, kurz nach meiner dortigen Ansiedlung einen unschätzbaren Segen in der Gesellschaft und Nachbarschaft eines Mannes zu erlangen, zu dem ich mit gleicher Ehrfurcht aufschauen konnte, ob ich ihn nun als Dichter, Philosophen oder Menschen betrachtete. Sein Gespräch erstreckte sich auf fast alle Themen, außer Physik und Politik; mit letzterer befasste er sich nie. Doch weder mein Rückzug noch meine völlige Abkehr von allen Streitigkeiten des Tages konnten mich in jenen eifersüchtigen Zeiten vor Verdächtigungen und Schmähungen schützen, die nicht bei mir Halt machten, sondern sich auf meinen ausgezeichneten Freund erstreckten, dessen vollkommene Unschuld sogar als Beweis seiner Schuld angeführt wurde. Einer der vielen geschäftigen Sykophanten jener Tage – (ich gebrauche hier das Wort Sykophant in seinem ursprünglichen Sinne, als einen Elenden, der der herrschenden Partei schmeichelt, indem er seine Nachbarn denunziert, unter dem Vorwand, sie seien Exporteure von verbotenen Feigen oder Phantasien – für die moralische Anwendung des Begriffs ist es gleich, welche) – einer dieser sykophantischen Rechts-Bastarde, der über die Politik der Nachbarschaft dozierte, äußerte die folgende tiefgründige Bemerkung: „Was Coleridge betrifft, so ist an ihm nicht so viel Schlechtes, denn er ist ein Wirrkopf, der alles daherplappert, was ihm gerade in den Sinn kommt; aber dieser ------! er ist der dunkle Verräter. Man hört IHN nie eine Silbe zu dem Thema sagen.“
Jetzt, da die Hand der Vorsehung ganz Europa zur Nüchternheit erzogen hat, wie man wilde Elefanten zähmt, durch abwechselnde Schläge und Liebkosungen; jetzt, da die Engländer aller Klassen zu ihren alten englischen Vorstellungen und Gefühlen zurückgekehrt sind; wird man nur schwer glauben können, welchen großen Einfluss damals der Geist der heimlichen Verleumdung ausübte – (der allzu beständige Begleiter des Parteieifers) – während der ruhelosen Zwischenzeit von 1793 bis zum Beginn der Addington-Regierung oder dem Jahr vor dem Frieden von Amiens. Denn bis zu letzterem Zeitraum waren die Gemüter der Partisanen, erschöpft von übermäßiger Stimulation und gedemütigt durch gegenseitige Enttäuschung, matt geworden. Dieselben Ursachen, die die Nation zum Frieden neigten, stimmten die Individuen zur Versöhnung. Beide Parteien hatten sich im Unrecht befunden. Die eine hatte bekanntermaßen den moralischen Charakter der Revolution falsch eingeschätzt, und die andere hatte sich sowohl in ihren moralischen als auch in ihren physischen Ressourcen verrechnet. Das Experiment wurde um den Preis großer, man kann fast sagen demütigender Opfer gemacht; und kluge Männer sahen voraus, dass es scheitern würde, zumindest in seinem direkten und vordergründigen Ziel. Dennoch wurde es billig erkauft und verwirklichte ein Ziel von gleichem Wert, und, wenn möglich, von noch vitalerer Bedeutung. Denn es bewirkte eine nationale Einstimmigkeit, wie sie in unserer Geschichte seit der Regierungszeit Elisabeths beispiellos war; und die Vorsehung, die einem guten Werk nie mangelt, wenn die Menschen ihren Teil getan haben, sorgte bald für einen gemeinsamen Brennpunkt in der Sache Spaniens, der uns alle wieder zu Engländern machte, indem er die Vorlieben beider Parteien zugleich befriedigte und korrigierte. Die aufrichtigen Verehrer des Throns fühlten die Sache der Loyalität durch ihr Bündnis mit der der Freiheit geadelt; während die ehrlichen Eiferer des Volkes nicht umhin konnten zuzugeben, dass die Freiheit selbst eine gewinnendere Form annahm, humanisiert durch Loyalität und geheiligt durch religiöse Prinzipien. Die jugendlichen Enthusiasten, die, geschmeichelt vom Morgenregenbogen der französischen Revolution, damit geprahlt hatten, ihre Hoffnungen und Ängste ins Ausland zu verlagern, waren nun, diszipliniert durch die nachfolgenden Stürme und ernüchtert durch das zunehmende Alter, gelehrt worden, den Geist der Nationalität als die beste Sicherung der nationalen Unabhängigkeit zu schätzen und zu ehren, und diese wiederum als die absolute Voraussetzung und notwendige Grundlage für die Rechte des Volkes.
Wenn auch in Spanien die Enttäuschung unsere zu voreiligen Erwartungen beschnitten hat, so ist doch nicht alles zerstört, was aufgehalten wurde. Die Saat war vielleicht im Halm zu üppig aufgegangen, um gut zu körnen; und es gab zweifellos Anzeichen für den gallischen Mehltau darauf. Wenn man es Aberglauben und Despotismus erlaubt hat, ihre wölfischen Schafe hereinzulassen, um sie bis auf die Oberfläche niederzutrampeln und abzufressen, so bleiben die Wurzeln doch lebendig, und das zweite Wachstum mag sich durch die vorübergehende Unterbrechung als stärker und gesünder erweisen. Auf jeden Fall war der Himmel zu uns gerecht und gnädig. Das Volk von England tat sein Bestes und hat seine Belohnungen erhalten. Mögen wir noch lange fortfahren, sie zu verdienen! Ursachen, die es früher zu allgemein unter den Staatsmännern üblich war, als zu einer anderen Welt gehörig zu betrachten, werden nun von allen Ständen als die Hauptakteure unseres Erfolgs anerkannt. „Wir kämpften vom Himmel her; die Sterne in ihren Bahnen kämpften gegen Sisera.“ Wenn also die auf moralische Gefühle gegründete Einstimmigkeit zu den am wenigsten zweideutigen Quellen unseres nationalen Ruhms gehört, dann verdient jener Mann die Achtung seiner Landsleute, selbst als Patrioten, der sein Leben und die äußersten Anstrengungen seines Intellekts der Bewahrung und Fortführung dieser Einstimmigkeit durch die Offenlegung und Etablierung von Prinzipien widmet. Denn an diesen müssen alle Meinungen letztendlich geprüft werden; und (da die Gefühle der Menschen nur insofern Beachtung verdienen, als sie die Repräsentanten ihrer festen Meinungen sind,) muss auf der Kenntnis dieser jede Einstimmigkeit, die nicht zufällig und flüchtig ist, gegründet sein. Möge der Gelehrte, der diese Behauptung bezweifelt, nur auf die Reden und Schriften von Edmund Burke zu Beginn des amerikanischen Krieges verweisen und sie mit seinen Reden und Schriften zu Beginn der französischen Revolution vergleichen. Er wird die Prinzipien als exakt dieselben und die Schlussfolgerungen als dieselben finden; doch die praktischen Folgerungen im einen Fall als fast entgegengesetzt zu denen, die im anderen gezogen wurden; doch in beiden gleichermaßen legitim und in beiden gleichermaßen durch die Ergebnisse bestätigt. Woher gewann er die Überlegenheit der Voraussicht? Woher entsprang der auffällige Unterschied, und in den meisten Fällen sogar die Diskrepanz zwischen den Gründen, die von ihm und von denen angeführt wurden, die mit ihm über dieselben Fragen abstimmten? Wie erklären wir die bekannte Tatsache, dass die Reden und Schriften von Edmund Burke am heutigen Tag interessanter sind, als sie zur Zeit ihrer ersten Veröffentlichung empfunden wurden; während die seiner illustren Mitstreiter entweder vergessen sind oder nur dazu existieren, Beweise dafür zu liefern, dass dieselbe Schlussfolgerung, die ein Mann wissenschaftlich deduziert hatte, von einem anderen als Folge von Fehlern zustande gebracht werden kann, die sich glücklicherweise gegenseitig aufhoben. Es wäre unschicklich als Vermutung, selbst wenn es nicht, wie es tatsächlich der Fall ist, sachlich falsch wäre, diesen Unterschied einem Mangel an Talent aufseiten von Burkes Freunden oder an Erfahrung oder an historischem Wissen zuzuschreiben. Die befriedigende Lösung ist, dass Edmund Burke jenes Auge besaß und sorgfältig geschärft hatte, das alle Dinge, Handlungen und Ereignisse in Beziehung zu den Gesetzen sieht, die ihre Existenz bestimmen und ihre Möglichkeit umschreiben. Er bezog sich gewohnheitsmäßig auf Prinzipien. Er war ein wissenschaftlicher Staatsmann; und deshalb ein Seher. Denn jedes Prinzip enthält in sich selbst die Keime einer Prophezeiung; und so wie die prophetische Kraft das wesentliche Privileg der Wissenschaft ist, so liefert die Erfüllung ihrer Orakel den äußeren und (für die Menschen im Allgemeinen) einzigen Test ihres Anspruchs auf den Titel. Mühevoll, wie Burkes Verfeinerungen seinen parlamentarischen Zuhörern erschienen, haben die kultivierten Klassen in ganz Europa Grund, dankbar zu sein, dass er
------immer weiter verfeinerte, Und ans Überzeugen dachte, während sie ans Speisen dachten.
Unsere Aushängeschilder selbst (sagte ein illustrer Freund zu mir) zeugen davon, dass es einen Tizian auf der Welt gegeben hat. Auf gleiche Weise sind nicht nur die Debatten im Parlament, nicht nur unsere Proklamationen und staatlichen Dokumente, sondern auch die Aufsätze und Leitartikel unserer Journale so viele Mahner an Edmund Burke. Davon kann sich der Leser leicht überzeugen, wenn er durch Erinnerung oder Nachschlagen die Oppositionszeitungen zu Beginn und während der fünf oder sechs folgenden Jahre der französischen Revolution mit den Gesinnungen und Argumentationsgrundlagen vergleicht, die in derselben Klasse von Journalen gegenwärtig und seit einigen Jahren angenommen werden.
Ob der Geist des Jakobinismus, den die Schriften von Burke aus den höheren und den literarischen Klassen exorziert haben, nicht, wie das Gespenst in Hamlet, sich in den unterirdischen Kammern mit einer Aktivität bewegen und minieren hört, die deshalb gefährlicher ist, weil sie weniger laut ist, mag eine Frage wert sein. Ich habe meine Meinungen zu diesem Punkt und deren Gründe in meinen Briefen an Richter Fletcher dargelegt, die durch seine Anklage vor der Wexford Grand Jury veranlasst und im Courier veröffentlicht wurden. Wie dem auch sei, der böse Geist der Eifersucht und mit ihm die zerberischen Welpen von Zwietracht und Verleumdung ziehen nicht länger ihre Runden in der kultivierten Gesellschaft.
Weit anders waren die Tage, in die mich diese Anekdoten zurückgeführt haben. Die dunklen Mutmaßungen mancher eifrigen Quidnunc fanden einen so empfänglichen Nährboden in der ernsten Besorgnis eines betitelten Dogberry aus unserer Nachbarschaft, dass tatsächlich ein Spion von der Regierung zur Überwachung meiner Person und meines Freundes entsandt wurde. Es muss nicht nur eine Fülle, sondern auch eine Vielfalt dieser „ehrenwerten Männer“ zur Verfügung der Minister gestanden haben: denn dies erwies sich als ein sehr ehrlicher Kerl. Nach dreiwöchiger, wahrhaft indianischer Ausdauer bei der Verfolgung (denn wir waren gewöhnlich zusammen), während welcher Zeit wir selten das Haus verließen, ohne dass er es einrichtete, in Hörweite zu sein – (und die ganze Zeit völlig unverdächtig; wie hätte ein solcher Verdacht auch in unsere Vorstellungskraft gelangen können?) – wies er nicht nur das Ersuchen Sir Dogberrys zurück, es noch ein wenig länger zu versuchen, sondern erklärte ihm seine Überzeugung, dass sowohl mein Freund als auch ich, soviel er nachforschend entdecken konnte, ebenso gute Untertanen seien wie jeder andere in den Herrschaftsgebieten Seiner Majestät. Er habe sich, so sagte er, wiederholt stundenlang hinter einer Bank am Meer (unserem Lieblingsplatz) versteckt und unser Gespräch belauscht. Zuerst glaubte er, wir seien uns unserer Gefahr bewusst; denn er hörte mich oft von einem Spy Nozy sprechen, was er geneigt war auf sich selbst und auf ein bemerkenswertes Merkmal an ihm zu beziehen; doch er wurde schnell davon überzeugt, dass es der Name eines Mannes war, der ein Buch geschrieben hatte und vor langer Zeit lebte. Unser Gespräch drehte sich meist um Bücher, und wir forderten uns gegenseitig ständig auf, dies anzusehen und jenem zuzuhören; aber er konnte kein Wort über Politik aufschnappen. Einmal hatte er sich mir auf der Straße angeschlossen; (dies geschah, als ich allein vom Haus meines Freundes, das etwa drei Meilen von meinem eigenen Häuschen entfernt war, nach Hause zurückkehrte) und indem er sich als Reisender ausgab, war er in ein Gespräch mit mir eingetreten und hatte absichtlich in demokratischer Weise gesprochen, um mich aus der Reserve zu locken. Das Ergebnis, wie es scheint, überzeugte ihn nicht nur davon, dass ich kein Freund des Jakobinismus war; sondern, (fügte er hinzu), ich hätte „es eindeutig als eine ebenso alberne wie niederträchtige Sache dargestellt, dass er sich schämte, obwohl er sie nur angelegt hatte.“ Ich erinnerte mich deutlich an den Vorfall und hatte ihn unmittelbar nach meiner Rückkehr erwähnt, wobei ich wiederholte, was der Reisende mit seiner Bardolph-Nase gesagt hatte, zusammen mit meiner eigenen Antwort; und so wenig ahnte ich das wahre Ziel meines „Versuchers vor dem Ankläger“, dass ich mit nicht geringem Vergnügen meine Hoffnung und Überzeugung zum Ausdruck brachte, das Gespräch sei dem armen irregeführten Unzufriedenen von einigem Nutzen gewesen. Dieser Vorfall verhinderte daher jeden Zweifel an der Wahrheit des Berichts, der durch ein freundschaftliches Medium vom Wirt des Dorfgasthauses zu mir gelangte, dem befohlen worden war, den Herrn der Regierung auf seine beste Art zu bewirten, aber vor allem darüber zu schweigen, dass sich eine solche Person in seinem Haus aufhalte. Schließlich erhielt er die Befehle Sir Dogberrys, seinen Gast beim abschließenden Verhör zu begleiten; und nachdem er das freisprechende Votum des mit dem Vertrauen der Minister geehrten Herrn vernommen hatte, antwortete er wie folgt auf die folgenden Fragen: D. „Nun, Wirt! Und was wisst Ihr über die fragliche Person? W. Ich sehe ihn oft mit Maister ----, meinem Grundbesitzer (das heißt, dem Eigentümer des Hauses), vorbeigehen, und manchmal mit den Neuankömmlingen in Holford; aber ich habe nie ein Wort zu ihm gesagt oder er zu mir. D. Aber wisst Ihr nicht, dass er Papiere und Flugblätter aufrührerischer Art unter dem einfachen Volk verteilt hat? W. Nein, Euer Gnaden! Von so etwas habe ich nie gehört. D. Habt Ihr diesen Mr. Coleridge nicht gesehen oder davon gehört, wie er zu Knotenpunkten und Gruppen der Einwohner redete und sie aufhetzte? – Worüber grinst Ihr, Sir? W. Verzeiht Euer Gnaden! Aber ich dachte nur, wie sie ihn angestarrt hätten. Wenn das, was ich gehört habe, wahr ist, Euer Gnaden! dann hätten sie kein Wort von dem verstanden, was er sagte. Als unser Vikar hier war, Dr. L., der Leiter der großen Schule und Domherr von Windsor, gab es eine große Dinnerparty bei Maister; und einer der Bauern, der dort war, erzählte uns, dass er und der Doktor nach dem Abendessen eine Stunde lang echtes hebräisches Griechisch miteinander redeten. D. Beantwortet die Frage, Sir! Redet er jemals zum Volk? W. Ich hoffe, Euer Gnaden sind mir nicht böse. Ich kann nicht mehr sagen, als ich weiß. Ich habe ihn nie mit jemandem sprechen sehen, außer mit meinem Grundbesitzer, unserem Kaplan und dem fremden Herrn. D. Ist er nicht gesehen worden, wie er auf den Hügeln zum Ärmelkanal hin und entlang des Ufers wanderte, mit Büchern und Papieren in der Hand, wobei er Karten und Pläne des Landes anfertigte? W. Nun, was das betrifft, Euer Gnaden! Ich gestehe, ich habe es gehört; ich möchte sicherlich nichts Schlechtes über jemanden sagen; aber es ist sicher, dass ich gehört habe – D. Sprecht es aus, Mann! Habt keine Angst, Ihr erfüllt Eure Pflicht gegenüber Eurem König und Eurer Regierung. Was habt Ihr gehört? W. Nun, die Leute sagen, Euer Gnaden! dass er ein Dichter sei und dass er Quantock und alles hier in Druck geben wolle; und da sie so viel zusammen sind, nehme ich an, dass der fremde Herr bei der Sache seine Finger im Spiel hat.“ – So endete diese beeindruckende Inquisition, deren letzter Teil allein der Erklärung bedarf und zugleich die Anekdote für einen Platz in meinem literarischen Leben rechtfertigt. Ich hatte es als einen Mangel in dem bewundernswerten Gedicht THE TASK betrachtet, dass das Thema, das dem Werk seinen Titel gibt, nicht – und tatsächlich nicht konnte – über die ersten drei oder vier Seiten hinausgeführt wurde und dass die Verbindungen im gesamten Gedicht häufig unbeholfen und die Übergänge abrupt und willkürlich sind. Ich suchte nach einem Thema, das ebenso viel Raum und Freiheit für Beschreibungen, Vorfälle und leidenschaftliche Betrachtungen über Menschen, Natur und Gesellschaft bieten sollte, aber in sich selbst eine natürliche Verbindung der Teile und Einheit für das Ganze liefern würde. Ein solches Thema glaubte ich in einem Bach gefunden zu haben, der von seiner Quelle in den Hügeln zwischen dem gelbroten Moos und den kegelförmigen, glasartigen Binsenbüscheln bis zum ersten Bruch oder Fall verfolgt wird, wo seine Tropfen hörbar werden und er beginnt, ein Bett zu bilden; von dort zum Torf- und Rasenschuppen, der selbst aus denselben dunklen Quadraten gebaut ist, die er schützte; zum Schafstall; zum ersten kultivierten Stück Land; zum einsamen Häuschen und seinem kargen Garten, der der Heide abgerungen wurde; zum Weiler, den Dörfern, der Marktstadt, den Manufakturen und dem Seehafen. Meine Spaziergänge waren daher fast täglich auf der Spitze des Quantock und zwischen seinen abschüssigen Tälern. Mit meinem Bleistift und meinem Notizbuch in der Hand machte ich Studien, wie die Künstler es nennen, und formte meine Gedanken oft in Verse, wobei die Objekte und Bilder unmittelbar vor meinen Sinnen lagen. Viele Umstände, böse und gute, kamen dazwischen, um die Fertigstellung des Gedichts zu verhindern, das den Titel THE BROOK hätte tragen sollen. Hätte ich das Werk vollendet, wäre es in der Hitze des Augenblicks meine Absicht gewesen, es unserem damaligen Komitee für öffentliche Sicherheit zu widmen, da es die Karten und Pläne enthalte, mit denen ich die französische Regierung bei ihren Invasionsplänen hätte unterstützen sollen. Und das für einen Küstenabschnitt, der von Clevedon bis Minehead kaum die Annäherung eines Fischerbootes zulässt!
All meine Erfahrung von meinem ersten Eintritt ins Leben bis zur gegenwärtigen Stunde spricht für die warnende Maxime, dass der Mann, der die politischen oder religiösen Eiferer seines Zeitalters in toto ablehnt, sicherer vor ihrem Tadel ist als derjenige, der ihnen nur in ein oder zwei Punkten oder vielleicht nur im Grad widerspricht. Durch jene Übertragung der Gefühle des Privatlebens in die Diskussion öffentlicher Fragen, die die Bienenkönigin im Bienenstock des Parteifanatismus ist, hat der Parteigänger mehr Mitgefühl für einen maßlosen Gegner als für einen gemäßigten Freund. Wir genießen jetzt eine Atempause, und möge sie lange anhalten! Zusätzlich zu weitaus höheren und wichtigeren Verdiensten mögen unsere gegenwärtigen Bibelgesellschaften und andere zahlreiche Vereinigungen für nationale oder wohltätige Zwecke vielleicht dazu dienen, die überflüssige Aktivität und den Eifer bewegter Geister in unschuldigen Hyperbeln und der Geschäftigkeit der Verwaltung abzuleiten. Aber der Giftbaum ist nicht tot, auch wenn der Saft für eine Zeit in seine Wurzeln zurückgegangen sein mag. Lassen wir uns zumindest nicht in eine solche Vorstellung unserer völligen Sicherheit einlullen, dass wir nicht Wache halten, selbst über unsere besten Gefühle. Ich habe grobe Intoleranz gesehen, die zur Unterstützung der Toleranz gezeigt wurde; sektiererische Antipathie, die sich bei der Förderung einer undifferenzierten Einbeziehung von Sekten am aufdringlichsten zeigte: und Akte der Grausamkeit, (ich hätte fast gesagt) des Verrats, die zur Förderung eines für die Sache der Menschheit lebenswichtigen Ziels begangen wurden; und all dies von Männern, die von Natur aus gütiger Veranlagung und vorbildlichen Verhaltens waren.
Der Zauberstab des Fanatismus wird in den innersten Heiligtümern der menschlichen Natur bewahrt; und bedarf nur der reaktivierenden Wärme einer Meisterhand, um erneut aufzublühen und die alten Früchte hervorzubringen. Das Entsetzen über den Bauernkrieg in Deutschland und die schrecklichen Auswirkungen der Lehren der Wiedertäufer (die sich vom Jakobinismus nur durch die Ersetzung des philosophischen durch ein theologisches Fachjargon unterschieden) versetzten ganz Europa eine Zeit lang in Angst und Schrecken. Doch kaum mehr als ein Jahrhundert genügte, um jede wirksame Erinnerung an diese Ereignisse auszulöschen. Dieselben Prinzipien mit ähnlichen, wenn auch weniger schrecklichen Folgen waren wieder am Werk, von der Gefangenschaft Karls I. bis zur Restauration seines Sohnes. Die fanatische Maxime, Fanatismus durch Verfolgung auszurotten, führte zu einem Bürgerkrieg. Der Krieg endete mit dem Sieg der Aufständischen; aber die Stimmung überlebte, und Milton hatte reichlich Grund zu der Behauptung, dass „Presbyter nur ALT-PRIESTER in Großbuchstaben geschrieben war!“ Ein gutes Ergebnis, Gott sei Dank! dieser Eiferer war die Wiederherstellung der Kirche. Und nun hätte man hoffen können, dass der schädliche Geist für eine Weile gebunden wäre, „und ein Siegel auf ihn gesetzt würde, damit er die Nation nicht mehr verführe.“ Aber nein! Der Ball der Verfolgung wurde mit ungebrochener Kraft von den Verfolgten aufgenommen. Dasselbe fanatische Prinzip, das unter dem feierlichen Eid und Bündnis Kathedralen in Ställe verwandelt, die seltensten Trophäen der Kunst und der Frömmigkeit der Vorfahren zerstört und die hellsten Schmuckstücke der Gelehrsamkeit und Religion in Löcher und Winkel gejagt hatte, marschierte nun unter bischöflichen Bannern und hatte, nachdem es zuerst die Gefängnisse Englands gefüllt hatte, seine ganze Schale des Zorns über die elenden Covenanters von Schottland ausgegossen. Eine barmherzige Vorsehung zwang schließlich beide Parteien, sich gegen einen gemeinsamen Feind zu vereinen. Eine weise Regierung folgte; und die etablierte Kirche wurde, und ist nun, nicht nur das hellste Beispiel, sondern unser bestes und einzig sicheres Bollwerk der Toleranz! – der wahre und unverzichtbare Damm gegen eine neue Flut verfolgenden Eifers – Esto perpetua!
Ein langes Intervall der Ruhe folgte; oder vielmehr, die Erschöpfung hatte einen kalten Anfall von Wechselfieber erzeugt, der sich durch Gleichgültigkeit bei der Menge und eine Tendenz zum Unglauben oder Skeptizismus in den gebildeten Schichten äußerte. Schließlich wurden jene Gefühle des Ekels und Hasses, die die Menge für kurze Zeit mit den Verbrechen und Absurditäten sektiererischen und demokratischen Fanatismus verbunden hatte, auf die unterdrückerischen Privilegien des Adels sowie den Luxus, die Intrigen und die Günstlingswirtschaft der kontinentalen Höfe übertragen. Dieselben Prinzipien, gekleidet in das aufdringliche Gewand einer modischen Philosophie, gingen erneut als Sieger hervor und bewirkten die Französische Revolution. Und hatten wir nicht in den letzten drei oder vier Jahren Grund zu der Befürchtung, dass die abscheulichen Maximen und entsprechenden Maßnahmen des späten französischen Despotismus die öffentlichen Erinnerungen an demokratische Raserei bereits verdunkelt hatten; dass sie die elektrische Kraft der Gefühle, welche jene Erinnerungen geballt und aufrechterhalten hatten, auf andere Objekte abgeleitet hatten; und dass nur ein günstiges Zusammentreffen von Gelegenheiten fehlte, um den Donner zu erwecken und den Blitz aus der entgegengesetzten Richtung des politischen Himmels herabzuschleudern?
Teils aus konstitutioneller Trägheit, die selbst in der Blütezeit der Hoffnung meinen Enthusiasmus im Zaum gehalten hatte, mehr jedoch durch die Gewohnheiten und Einflüsse einer klassischen Erziehung und akademischer Bestrebungen, war kaum ein Jahr seit dem Beginn meiner literarischen und politischen Abenteuer vergangen, als mein Geist in einen Zustand gründlichen Ekels und der Niedergeschlagenheit sank, sowohl in Bezug auf die Streitigkeiten als auch auf die streitenden Parteien. Mit mehr als poetischem Gefühl rief ich aus:
Die Sinnlichen und Dunklen rebellieren vergeblich, Sklaven durch eigenen Zwang! Im Wahnsinnsspiel Zerbrechen sie ihre Fesseln, um den Namen Der Freiheit auf schwerere Ketten graviert zu tragen. O Freiheit! Mit nutzlosem Bemühen Habe ich dich viele müde Stunden verfolgt; Doch du schwillst weder im Pomp des Siegers, noch Hauchtest du jemals deine Seele in Formen menschlicher Macht ein! Von allen gleichermaßen, wie auch immer sie dich preisen, (Weder Gebet noch prahlerischer Name hält dich auf) Von den Harpyien-Schergen des Aberglaubens Und den obszöneren Sklaven der faktischen Blasphemie, Eilst du auf deinen Cherub-Schwingen davon, Die Führerin heimatloser Winde und Spielgefährtin der Wellen!
Ich zog mich in ein Häuschen in Somersetshire am Fuße des Quantock zurück und widmete meine Gedanken und Studien den Grundlagen von Religion und Moral. Hier fand ich mich völlig auf offenem Meer wieder. Zweifel brachen herein; sie brachen über mich herein „aus den Quellen der großen Tiefe“ und fielen „aus den Fenstern des Himmels“. Die grundlegenden Wahrheiten der natürlichen Religion und die Bücher der Offenbarung trugen gleichermaßen zu der Flut bei; und es dauerte lange, bis meine Arche einen Ararat berührte und ruhte. Die Idee des Höchsten Wesens schien mir in allen besonderen Seinsweisen ebenso notwendig impliziert zu sein wie die Idee des unendlichen Raums in allen geometrischen Figuren, durch die der Raum begrenzt wird. Ich war erfreut über die cartesianische Meinung, dass die Idee Gottes sich von allen anderen Ideen dadurch unterscheidet, dass sie ihre Realität einschließt; aber ich war nicht ganz zufrieden. Ich begann dann, mich zu fragen, welchen Beweis ich für die äußere Existenz von irgendetwas hatte? Von diesem Blatt Papier zum Beispiel, als ein Ding an sich, getrennt von dem Phänomen oder Bild in meiner Wahrnehmung. Ich sah, dass ein solcher Beweis in der Natur der Dinge unmöglich ist; und dass die Existenz aller Seinsweisen, die keine Objekte der Sinne sind, durch eine logische Notwendigkeit angenommen wird, die aus der Beschaffenheit des Geistes selbst entspringt – durch das Fehlen jedes Motivs, daran zu zweifeln, nicht durch einen absoluten Widerspruch in der Annahme des Gegenteils. Dennoch war die Existenz eines Wesens, der Grund allen Seins, noch nicht die Existenz eines moralischen Schöpfers und Regierers. „In der Position, dass alle Realität entweder im notwendigen Wesen als Attribut enthalten ist oder durch ihn als ihren Grund existiert, bleibt unentschieden, ob die Eigenschaften der Intelligenz und des Willens dem Höchsten Wesen im ersteren oder nur im letzteren Sinne zuzurechnen sind; als inhärente Attribute oder nur als Konsequenzen, die durch ihn in anderen Dingen Existenz haben. Wäre letzteres die Wahrheit, dann würde seine Natur trotz aller Vorrangstellung, die dem Ewigen Ersten durch die Genügsamkeit, Einheit und Unabhängigkeit seines Seins als dem furchtbaren Grund des Universums zugeschrieben werden muss, doch weit hinter dem zurückbleiben, was wir in der Idee GOTTES zu begreifen verpflichtet sind. Denn ohne eigenes Wissen oder bestimmenden Entschluss wäre es nur ein blinder, notwendiger Grund anderer Dinge und anderer Geister; und unterschiede sich somit vom SCHICKSAL gewisser antiker Philosophen in keiner Hinsicht, außer der, dass es bestimmter und verständlicher beschrieben würde.“
Sehr lange Zeit konnte ich Persönlichkeit und Unendlichkeit nicht miteinander in Einklang bringen; und mein Kopf war bei Spinoza, während mein ganzes Herz bei Paulus und Johannes blieb. Doch mir war, noch bevor ich die KRITIK DER REINEN VERNUNFT kennengelernt hatte, ein gewisses leitendes Licht aufgegangen. Wenn der bloße Verstand keine sichere Entdeckung einer heiligen und intelligenten ersten Ursache machen konnte, so mochte er doch eine Demonstration liefern, dass kein legitimes Argument aus dem Verstand gegen ihre Wahrheit gezogen werden konnte. Und was ist dies mehr als die Behauptung des heiligen Paulus, dass durch Weisheit – (zutreffender übersetzt durch die Kräfte des Denkens) – niemand jemals zur Erkenntnis Gottes gelangte? Was mehr als das erhabenste und wahrscheinlich älteste Buch der Erde uns gelehrt hat:
Silber und Gold erforscht der Mensch: Bringt das Erz aus der Erde und die Finsternis ans Licht.
Doch wo findet er die Weisheit? Wo ist der Ort des Verstandes?
Der Abgrund schreit: Sie ist nicht in mir! Der Ozean hallt zurück: Nicht in mir!
Woher kommt dann die Weisheit? Wo wohnt der Verstand?
Verborgen vor den Augen der Lebenden, Geheim gehalten vor den Vögeln des Himmels!
Hölle und Tod antworten: Wir haben das Gerücht davon aus der Ferne gehört!
GOTT weist den Weg zu ihr; GOTT kennt ihre Wohnstätte!
Er schaut auf die Enden der Erde; Er überblickt, was unter den Himmeln ist!
Und als er die Winde abwog und das Meer maß, Und Gesetze für den Regen festsetzte, Und einen Pfad für den Donner, Einen Pfad für das Leuchten der Blitze!
Da sah er sie, Und er zählte sie; Er erforschte ihre Tiefe, Und mit einer Schnur umgab er sie!
Aber zum Menschen sprach er: Die Furcht des Herrn, das ist Weisheit für dich! Und das Böse zu meiden, Das ist dein Verstand.
Ich wurde überzeugt, dass Religion, als Eckstein und Schlussstein der Moral, einen moralischen Ursprung haben muss; zumindest insofern, als der Beweis ihrer Lehren nicht, wie die Wahrheiten der abstrakten Wissenschaft, völlig unabhängig vom Willen sein konnte. Es war daher zu erwarten, dass ihre grundlegende Wahrheit eine solche wäre, die geleugnet werden könnte; wenn auch nur vom Toren, und selbst vom Toren allein durch den Wahnsinn des Herzens!
Die Frage bezüglich unseres Glaubens an die Existenz eines Gottes, nicht nur als Grund des Universums durch sein Wesen, sondern als sein Schöpfer und Richter durch seine Weisheit und seinen heiligen Willen, schien also so zu stehen. Die wissenschaftliche Vernunft, deren Objekte rein theoretisch sind, bleibt neutral, solange ihr Name und ihr Anschein nicht von den Gegnern der Lehre usurpiert werden. Aber dann wird sie zu einem wirksamen Verbündeten, indem sie den falschen Schein der Demonstration aufdeckt oder die gleiche Beweisbarkeit des Gegenteils aus ebenso logischen Prämissen nachweist. Der Verstand unterdessen legt den Glauben nahe, die Analogie der Erfahrung erleichtert ihn. Die Natur regt ihn an und ruft ihn zurück, wie durch eine ständige Offenbarung. Unsere Gefühle machen ihn fast notwendig; und das Gesetz des Gewissens gebietet ihn gebieterisch. Die Argumente, die überhaupt auf ihn zutreffen, sind zu seinen Gunsten; und es gibt nichts gegen ihn außer seiner eigenen Erhabenheit. Er könnte intellektuell nicht deutlicher sein, ohne moralisch weniger wirksam zu werden; ohne sein eigenes Ziel zu untergraben, indem er das Leben des Glaubens dem kalten Mechanismus einer Zustimmung opfert, die wertlos ist, weil sie erzwungen ist. Der Glaube an einen Gott und einen zukünftigen Zustand (wenn eine passive Duldung mit dem Namen Glaube geschmeichelt werden darf) erzeugt zwar nicht immer ein gutes Herz; aber ein gutes Herz erzeugt so natürlich den Glauben, dass die sehr wenigen Ausnahmen als seltsame Anomalien aufgrund seltsamer und unglücklicher Umstände betrachtet werden müssen.
Aus diesen Prämissen zog ich die folgenden Schlussfolgerungen. Erstens, dass wir, nachdem wir die Existenz eines unendlichen, aber selbstbewussten Schöpfers einmal voll anerkannt haben, nicht berechtigt sind, die Irrationalität irgendeines anderen Glaubensartikels auf Argumente zu stützen, die gleichermaßen beweisen würden, dass das irrational sei, was wir als real zugelassen haben. Zweitens, dass alles, was aus der Zulassung eines sich selbst begreifenden und schöpferischen Geistes ableitbar ist, rechtmäßig als Beweis für die Möglichkeit jedes weiteren Mysteriums bezüglich der göttlichen Natur verwendet werden kann. Possibilitatem mysteriorum, (Trinitatis, etc.) contra insultus Infidelium et Haereticorum a contradictionibus vindico; haud quidem veritatem, quae revelatione sola stabiliri possit; sagt Leibniz in einem Brief an seinen Herzog. Er fügt dann die folgende richtige und wichtige Bemerkung hinzu: „Vergeblich werden Tradition oder Schrifttexte zur Unterstützung einer Lehre angeführt, donec clava impossibilitatis et contradictionis e manibus horum Herculum extorta fuerit. Denn der Ketzer wird immer antworten, dass Texte, deren wörtlicher Sinn nicht so sehr über aller Vernunft steht, als vielmehr direkt gegen sie, bildlich verstanden werden müssen, wie Herod ist ein Fuchs, und so weiter.“
Diese Grundsätze vertrat ich philosophisch, während ich in Bezug auf die geoffenbarte Religion ein eifriger Unitarer blieb. Ich betrachtete die Idee der Dreifaltigkeit als eine zulässige scholastische Schlussfolgerung aus dem Wesen Gottes als einer schöpferischen Intelligenz; und dass sie daher den Rang einer esoterischen Lehre der natürlichen Religion beanspruchen dürfe. Da ich jedoch in ihr keinen praktischen oder moralischen Gehalt sah, beschränkte ich sie auf die Schulen der Philosophie. Die Anerkennung des Logos als hypostasiert (das heißt weder bloßes Attribut noch Personifizierung) beseitigte keineswegs meine Zweifel an der Menschwerdung und der Erlösung durch das Kreuz; was ich weder vernunftgemäß mit der Unempfindlichkeit des göttlichen Wesens in Einklang bringen konnte, noch in meinen moralischen Empfindungen mit der heiligen Unterscheidung zwischen Sachen und Personen, der stellvertretenden Zahlung einer Schuld und der stellvertretenden Sühne von Schuld. Eine gründlichere Revolution meiner philosophischen Prinzipien und ein tieferer Einblick in mein eigenes Herz fehlten mir noch. Dennoch kann ich nicht bezweifeln, dass die Abweichung meiner metaphysischen Vorstellungen von denen der Unitarier im Allgemeinen zu meiner endgültigen Bekehrung zur ganzen Wahrheit in Christus beitrug; ebenso wie nach seinem eigenen Geständnis die Bücher einiger platonischer Philosophen (libri quorundam Platonicorum) den Beginn der Rettung des Glaubens des heiligen Augustinus aus demselben Irrtum einleiteten, der durch die weitaus dunklere Begleiterscheinung der manichäischen Häresie verschlimmert wurde.
Während mein Geist auf diese Weise verwirrt war, ermöglichte mir durch eine gnädige Vorsehung, für die ich nie dankbar genug sein kann, die großzügige und freigebige Förderung durch Herrn Josiah und Herrn Thomas Wedgwood, meine Ausbildung in Deutschland zu beenden. Anstatt andere mit meinen eigenen unausgereiften Vorstellungen und jugendlichen Kompositionen zu behelligen, war ich fortan besser damit beschäftigt, meinen eigenen Kopf mit der Weisheit anderer zu füllen. Ich nutzte meine Zeit und meine Mittel bestmöglich; und es gibt daher keinen Lebensabschnitt, auf den ich mit solch ungetrübter Zufriedenheit zurückblicken kann. Nachdem ich mir in Ratzeburg eine einigermaßen ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache [38] angeeignet hatte, was ich zusammen mit meiner Seereise und der Reise dorthin in „The Friend“ beschrieben habe, reiste ich über Hannover nach Göttingen.
Hier besuchte ich regelmäßig die Vorlesungen über Physiologie am Vormittag und über Naturgeschichte am Abend bei Blumenbach, einem Namen, der jedem Engländer, der an dieser Universität studiert hat, ebenso lieb ist, wie er den Männern der Wissenschaft in ganz Europa ehrwürdig ist! Eichhorns Vorlesungen über das Neue Testament wurden mir von einem Studenten aus Ratzeburg aus dessen Aufzeichnungen wiederholt, einem jungen Mann von fundierter Bildung und unermüdlichem Fleiß, der heute, wie ich glaube, Professor für orientalische Sprachen in Heidelberg ist. Doch meine Hauptbemühungen richteten sich auf eine fundierte Kenntnis der deutschen Sprache und Literatur. Von Professor Tychsen erhielt ich so viele Lektionen im Gotischen des Ulfilas, wie nötig waren, um mich mit dessen Grammatik und den am häufigsten vorkommenden Wurzelwörtern vertraut zu machen; und mit der gelegentlichen Unterstützung desselben philosophischen Sprachforschers las ich [39] Ottfrieds metrische Evangelienparaphrase durch, sowie die wichtigsten Überreste des Theotiskischen, also des Übergangszustands der teutonischen Sprache vom Gotischen zum Althochdeutsch der schwäbischen Periode. Von dieser Periode – deren gepflegter Dialekt dem unseres Chaucer analog ist und die den philosophischen Studenten zweifeln lässt, ob die Sprache seither nicht mehr an Lieblichkeit und Flexibilität verloren als an Verdichtung und Fülle gewonnen hat – las ich mit sorgfältiger Genauigkeit die Minnesänger (oder Sänger der Liebe, die provenzalischen Dichter des schwäbischen Hofes) und die metrischen Romanzen; und arbeitete mich dann durch genügend Kostproben der Meistersinger, ihrer degenerierten Nachfolger; nicht jedoch ohne gelegentliches Vergnügen an den rauen, aber interessanten Weisen von Hans Sachs, dem Nürnberger Schuster. Von der Genialität dieses Mannes sind fünf Foliobände mit Doppelspalten im Druck vorhanden, und nahezu ebenso viele im Manuskript; doch der unermüdliche Barde achtet darauf, seine Leser wissen zu lassen, dass er deswegen keinen Schuh weniger gemacht habe, sondern durch die Arbeit seiner Hände tugendhaft eine große Familie großgezogen habe.
In Pindar, Chaucer, Dante, Milton und vielen anderen haben wir Beispiele für die enge Verbindung poetischen Genies mit der Liebe zur Freiheit und zur echten Reformation. Der moralische Sinn wird zumindest nicht beleidigt sein, wenn ich dieser Liste den Namen dieses ehrlichen Schusters hinzufüge (ein Handwerk übrigens, das bemerkenswert für die Hervorbringung von Philosophen und Dichtern ist).
Sein Gedicht mit dem Titel DER MORGENSTERN war die allererste Veröffentlichung, die zum Lob und zur Unterstützung Luthers erschien; und ein ausgezeichneter Hymnus von Hans Sachs, der zu Recht in fast alle europäischen Sprachen übersetzt wurde, wurde gewöhnlich in den protestantischen Kirchen gesungen, wann immer der heldenhafte Reformator sie besuchte.
In Luthers eigenen deutschen Schriften, und in hervorragender Weise in seiner Übersetzung der Bibel, begann die deutsche Sprache. Ich meine die Sprache, wie sie gegenwärtig geschrieben wird; das, was man Hochdeutsch nennt, im Gegensatz zum Platt-Teutsch, dem Dialekt der flachen oder nördlichen Länder, und zum Ober-Teutsch, der Sprache des mittleren und südlichen Deutschlands. Das Hochdeutsche ist in der Tat eine lingua communis, nicht eigentlich die Muttersprache irgendeiner Provinz, sondern die Auswahl und der Duft aller Dialekte. Aus diesem Grund ist es zugleich die inhaltsreichste und die grammatikalischste aller europäischen Zungen.
Weniger als ein Jahrhundert nach Luthers Tod wurde das Deutsche von pedantischen Barbarismen überschwemmt. Einige Bände aus dieser Zeit las ich aus Neugier durch; denn es ist nicht leicht, sich etwas Fantastischeres vorzustellen als das bloße Erscheinungsbild ihrer Seiten. Fast jedes dritte Wort ist ein lateinisches Wort mit einer germanisierten Endung, wobei der lateinische Teil immer in lateinischen Lettern gedruckt ist, während in der letzten Silbe der deutsche Schriftcharakter beibehalten wird.
Schließlich, um das Jahr 1620, erhob sich Opitz, dessen Genie mehr als das irgendeines anderen Dichters, an den ich mich gegenwärtig erinnere, dem von Dryden ähnelte. Nach der Meinung von Lessing, dem scharfsinnigsten aller Kritiker, und von Adelung, dem ersten der Lexikographen, restaurierten Opitz und die schlesischen Dichter, seine Nachfolger, nicht nur die Sprache, sondern bleiben bis heute die Vorbilder reiner Diktion. Ein Fremder hat bei einer solchen Frage keine Stimme; aber nach wiederholtem Lesen der Werke von Opitz rechtfertigten meine Gefühle das Urteil, und es schien mir, als hätte ich durch sie eine Art Takt für das Echte im Stil späterer Schriftsteller erworben.
Von der glänzenden Ära, die mit Gellert, Klopstock, Ramler, Lessing und ihren Standesgenossen begann, brauche ich nicht zu sprechen. Mit den Gelegenheiten, die ich genoss, wäre es beschämend gewesen, mit ihren Schriften nicht vertraut zu sein; und ich habe bereits so viel gesagt, wie diese biographische Skizze über die deutschen Philosophen erfordert, mit deren Werken ich größtenteils erst zu einem weitaus späteren Zeitpunkt vertraut wurde.
Bald nach meiner Rückkehr aus Deutschland wurde ich gebeten, die literarische und politische Abteilung der Morning Post zu übernehmen; und ich stimmte dem Vorschlag unter der Bedingung zu, dass die Zeitung fortan nach bestimmten festen und bekanntgegebenen Prinzipien geführt werde und dass ich weder verpflichtet noch gebeten würde, zugunsten irgendeiner Partei oder irgendeines Ereignisses von diesen abzuweichen. Infolgedessen wurde und blieb jenes Journal viele Jahre lang zwar anti-ministeriell, jedoch mit einer sehr qualifizierten Billigung der Opposition, und mit weitaus größerem Ernst und Eifer sowohl anti-jakobinisch als auch anti-gallikanisch. Bis zur heutigen Stunde kann ich keinen Grund finden, den ersten Krieg weder in seinem Beginn noch in seiner Führung zu billigen. Auch kann ich nicht verstehen, mit welchem Grund weder Herr Perceval (den ich als den besten und weisesten Minister dieser Regierungszeit zu betrachten so eigenwillig bin) noch die gegenwärtige Regierung die Pläne von Herrn Pitt verfolgt haben sollen. Die Liebe zu ihrem Land und die beharrliche Feindseligkeit gegenüber französischen Prinzipien und französischem Ehrgeiz sind in der Tat ehrenwerte Eigenschaften, die ihnen und ihrem Vorgänger gemein sind. Aber es erscheint mir so klar, wie es die Beweise der Fakten für jede Frage der Geschichte machen können, dass die Erfolge von Perceval und des bestehenden Ministeriums darauf zurückzuführen sind, dass sie Maßnahmen verfolgt haben, die das direkte Gegenteil derer von Pitt waren. Solche sind beispielsweise die Konzentration der nationalen Kraft auf ein Ziel; das Aufgeben der Subventionspolitik, zumindest soweit, als die kontinentalen Höfe weder zum Krieg angestachelt noch bestochen wurden, bis die Überzeugung ihrer Untertanen ihn zu einem von ihnen selbst gewollten Krieg gemacht hatte; und vor allem ihr mannhaftes und großzügiges Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand des englischen Volkes und auf jene Loyalität, die durch das Kreditsystem und die wechselseitige Abhängigkeit des Eigentums mit dem [40] Herzen der Nation verbunden ist.
Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, dass die Morning Post der Regierung in ihren wichtigsten Zielen ein weitaus nützlicherer Verbündeter war, gerade weil sie allgemein als moderat anti-ministeriell angesehen wurde, als wenn sie der offene Lobredner von Herrn Pitt gewesen wäre. Die wenigen, deren Neugier oder Fantasie sie dazu führen sollte, die Journale jener Zeit durchzublättern, mögen einen kleinen Beweis dafür in den häufigen Anschuldigungen des Morning Chronicle finden, dass diese oder jene Essays oder Leitartikel vom Schatzamt gesandt worden seien. Der schnelle und ungewöhnliche Anstieg des Verkaufs der Morning Post ist ein hinreichendes Pfand dafür, dass echte Unparteilichkeit mit einem respektablen Maß an literarischem Talent den Erfolg einer Zeitung sichern wird, ohne die Hilfe von Partei- oder ministerieller Gunst. Aber unter Unparteilichkeit verstehe ich ein ehrliches und aufgeklärtes Festhalten an einem Kodex verständlicher Prinzipien, die zuvor bekannt gegeben wurden und auf die man sich bei der Unterstützung jedes Urteils über Menschen und Ereignisse treu beruft; nicht unterschiedslose Beschimpfungen, nicht das Ausleben der eigenen bösartigen Leidenschaften eines Redakteurs, und noch weniger, falls das möglich ist, eine Entschlossenheit, Geld zu verdienen, indem man den Neid und die Habgier, die rachsüchtige Rastlosigkeit und den Selbstdünkel des halbgebildeten Pöbels schmeichelt; eine Entschlossenheit, die fast teuflisch ist, von der ich jedoch informiert wurde, dass sie von einem Mann, dem berüchtigtsten dieser Pöbel-Schmeichler, großspurig eingestanden wurde! Vom Beginn der Regierung Addington bis zum heutigen Tag war alles, was ich in THE MORNING POST oder (nachdem das Blatt an andere Eigentümer übertragen wurde) in THE COURIER geschrieben habe, zur Verteidigung oder Förderung der Maßnahmen der Regierung bestimmt.
Dinge dieser Art überleben kaum die Nacht, Die sie gebar; sie vergehen vor dem Blick; So weit vom späteren Leben verbannt, dass kaum Etwas gesagt werden kann, außer dass sie waren!
Doch in diesen Arbeiten habe ich den Höhepunkt und die Reife meines Intellekts angewandt und, im Glauben parteiischer Freunde, verschwendet. Wahrlich, sie haben nichts zu meinem Vermögen oder meinem Ruf beigetragen. Der Fleiß der Woche deckte die Bedürfnisse der Woche. Von der Regierung oder den Freunden der Regierung habe ich nicht nur niemals eine Vergütung erhalten oder erwartet; ich wurde auch nie mit einer einzigen Anerkennung oder einem Ausdruck der Zufriedenheit beehrt. Doch der Rückblick ist bei weitem nicht schmerzhaft oder ein Grund zum Bedauern. Ich bin wahrlich nicht töricht genug, Herrn Fox’ Behauptung, der letzte Krieg (ich vertraue darauf, dass das Beiwort nicht verfrüht angewandt wird) sei ein von der Morning Post verursachter Krieg gewesen, als mehr als eine heftige Hyperbel der parteipolitischen Debatte zu nehmen; sonst wäre ich stolz darauf, die Worte auf meinem Grabstein eingraviert zu sehen. Ebenso wenig beachte ich den Umstand, dass ich während meines Aufenthalts in Italien als Folge jener Essays in der Morning Post während des Friedens von Amiens ein spezifiziertes Objekt von Buonapartes Groll war. Davor wurde ich direkt von Baron von Humboldt, dem preußischen Bevollmächtigten, gewarnt, der zu jener Zeit der Minister des preußischen Hofes in Rom war; und indirekt durch seinen Sekretär von Kardinal Fesch selbst. Noch lege ich größeres Gewicht auf die bestätigende Tatsache, dass ein Befehl zu meiner Verhaftung aus Paris gesandt wurde, von welcher Gefahr ich durch die Güte eines edlen Benediktiners und das gnädige Wegsehen jenes guten alten Mannes, des jetzigen Papstes, gerettet wurde. Denn der rachsüchtige Appetit des verstorbenen Tyrannen war allesfressend und ergötzte sich gleichermaßen an einem Duc d’Enghien [41] und dem Verfasser eines Zeitungsartikels. Wie ein wahrer Geier [42] konnte Napoleon mit einem nicht weniger teleskopischen Auge und mit einem ebenso groben Geschmack an seinem Raubzug von den schillerndsten Höhen herabsteigen, um sich auf den Feldhasen im Gebüsch oder sogar auf die Feldmaus im Gras zu stürzen. Aber ich ziehe eine Befriedigung aus dem Wissen, dass meine Essays dazu beitrugen, die Praxis einzuführen, die Fragen und Ereignisse des Tages unter einem moralischen Gesichtspunkt zu betrachten; bestimmten Maßnahmen eine Würde zu verleihen, indem ihre Klugheit oder Unklugheit auf dauerhafte Prinzipien zurückgeführt wurde, und Prinzipien ein Interesse durch ihre Anwendung auf individuelle Maßnahmen. In den Schriften von Herrn Burke lassen sich in der Tat die Keime fast aller politischen Wahrheiten finden. Aber ich wage es, mir das Verdienst zuzuschreiben, das Wesen des Jakobinismus zuerst explizit definiert und analysiert zu haben; und dass ich durch die Unterscheidung des Jakobiners vom Republikaner, vom Demokraten und dem bloßen Demagogen das Wort nicht nur davor bewahrte, ein bloßer Schimpfbegriff zu bleiben, sondern auch viele ehrliche Gemüter warnte, die selbst in ihrem Eifer gegen den Jakobinismus Prinzipien zugaben oder unterstützten, aus denen die schlimmsten Teile dieses Systems rechtmäßig abgeleitet werden können. Dass dies keine notwendigen praktischen Ergebnisse solcher Prinzipien sind, verdanken wir jener glücklichen Konsequenzlosigkeit unserer Natur, die es dem Herzen erlaubt, die Irrtümer des Verstandes zu berichtigen. Die detaillierte Untersuchung der konsularischen Regierung und ihrer vorgeblichen Verfassung, sowie der von mir erbrachte Beweis, dass es sich um einen vollendeten Despotismus in Maskerade handelte, erzwangen sogar einen Widerruf des Morning Chronicle, der diese Verfassung zuvor als die Vollendung einer weisen und geregelten Freiheit gepriesen hatte. Bei jedem bedeutenden Ereignis bemühte ich mich, in der vergangenen Geschichte das Ereignis zu entdecken, das ihm am ehesten ähnelte. Ich beschaffte mir, wo immer es möglich war, die zeitgenössischen Historiker, Memorialisten und Pamphletisten. Indem ich dann die Unterschiede von den Ähnlichkeiten fair abzog, je nachdem, ob das Gleichgewicht für das eine oder das andere sprach, mutmaßte ich, dass das Ergebnis dasselbe oder verschieden sein würde. In der Essay-Reihe unter dem Titel „Ein Vergleich Frankreichs unter Napoleon mit Rom unter den ersten Caesaren“ und in jenen, die auf „Über die wahrscheinliche endgültige Wiederherstellung der Bourbonen“ folgten, fühle ich mich berechtigt zu behaupten, aufgrund der Wirkung, die auf viele intelligente Männer erzielt wurde, dass, wenn die Daten fehlten, man hätte vermuten können, die Essays seien innerhalb der letzten zwölf Monate geschrieben worden. Dasselbe Verfahren verfolgte ich zu Beginn der spanischen Revolution und mit demselben Erfolg, wobei ich den Krieg der Vereinigten Provinzen mit Philipp II. als Grundlage des Vergleichs nahm. Ich habe dies nicht aus Gründen der Eitelkeit erwähnt, noch gar aus Gründen der Selbstverteidigung, was einen gewissen Grad an Egoismus rechtfertigen würde, besonders wenn man bedenkt, wie oft und grob ich für Ansichten angegriffen wurde, die zu widerlegen und zu entlarven ich meine besten Kräfte eingesetzt habe, und wie schwerwiegend diese Anschuldigungen zu meinem Nachteil wirkten, während ich in Malta war. Oder besser gesagt, sie hätten es getan, wenn meine eigenen Gefühle nicht den Wunsch nach einer festen Ansiedlung auf dieser Insel ausgeschlossen hätten. Aber ich habe es aufgrund der vollen Überzeugung erwähnt, dass ein Mann, bewaffnet mit dem zweifachen Wissen der Geschichte und des menschlichen Geistes, in seinem Urteil über die Summe jedes zukünftigen nationalen Ereignisses kaum irren wird, wenn er imstande war, die Originaldokumente der Vergangenheit zusammen mit authentischen Berichten der Gegenwart zu beschaffen, und wenn er einen philosophischen Takt für das hat, was bei Fakten wahrhaft wichtig ist, und in den meisten Fällen daher für solche Fakten, die die Würde der Geschichte aus den Bänden unserer modernen Kompilatoren ausgeschlossen hat, die nach der Höflichkeit der Zeit als Historiker gelten.
Vergeblich gelebt zu haben, muss ein schmerzlicher Gedanke für jeden Menschen sein, und besonders für denjenigen, der die Literatur zu seinem Beruf gemacht hat. Ich sollte daher eher Mitleid mit dem Geist haben, als über ihn erzürnt zu sein, der die Zufriedenheit, von der ich eingestand, sie durch die Wiederveröffentlichung meiner politischen Essays (entweder vollständig oder als Auszüge) genossen zu haben, keinen würdigeren Gefühlen als denen der Eitelkeit oder Selbstliebe zuschreiben konnte, nicht nur in vielen unserer eigenen Provinzzeitungen, sondern in den föderalen Journalen in ganz Amerika. Ich betrachtete es als einen Beweis dafür, dass ich nicht ganz vergeblich gearbeitet hatte, dass aus den Artikeln, die ich kurz vor und zu Beginn des letzten unglückseligen Krieges mit Amerika geschrieben hatte, nicht nur die Ansichten übernommen wurden, sondern in einigen Fällen sogar der Wortlaut selbst, in mehreren der Staatsdokumente von Massachusetts.
Aber keiner dieser Beweggründe, noch alle zusammen, hätten mich zu einer Darstellung getrieben, die meinen eigenen Gefühlen so unangenehm ist, wenn mein Charakter nicht wiederholt durch ein nicht zu rechtfertigendes Eindringen in das Privatleben angegriffen worden wäre, als der eines Mannes, der unverbesserlich untätig sei und dem, obwohl er mit reichlichen Talenten betraut und mit ungewöhnlichen Gelegenheiten zu deren Verbesserung begünstigt war, es dennoch erlaubt habe, sie ohne irgendeine wirksame Anstrengung verrosten zu lassen, weder zu seinem eigenen Wohl noch zu dem seiner Mitgeschöpfe. Selbst wenn die Kompositionen, die ich veröffentlicht habe, und das in einer Form, die am sichersten eine weite Verbreitung findet, wenn auch am wenigsten schmeichelhaft für den Selbststolz eines Autors, in Büchern veröffentlicht worden wären, hätten sie eine respektable Anzahl von Bänden gefüllt, selbst wenn jede Passage von nur vorübergehendem Interesse weggelassen worden wäre. Meine Prosaschriften wurden beschuldigt, einen unverhältnismäßigen Anspruch an die Aufmerksamkeit zu stellen; eine übermäßige Verfeinerung in der Art und Weise, Wahrheiten zu erreichen; den Boden nach dem abzusuchen, was mit dem Auge hätte erjagt werden können; eine Länge und mühsame Konstruktion meiner Perioden; kurzum, Obskurität und die Liebe zum Paradoxon. Aber meine strengsten Kritiker haben nicht vorgegeben, in meinen Kompositionen Trivialität oder Spuren eines Geistes gefunden zu haben, der vor der Mühe des Denkens zurückwich. Niemand hat mich beschuldigt, die Gedanken anderer in andere Worte gekleidet oder die cramben jam decies coctam der englischen Literatur oder Philosophie neu aufgebrüht zu haben. Selten habe ich an einem Tag das geschrieben, dessen Erwerb oder Untersuchung mich nicht die vorherige Arbeit eines Monats gekostet hätte.
Sind Bücher jedoch der einzige Kanal, durch den der Strom intellektueller Nützlichkeit fließen kann? Ist die Verbreitung der Wahrheit an Veröffentlichungen zu messen; oder die Veröffentlichungen an der Wahrheit, die sie verbreiten oder zumindest enthalten? Ich spreche dies in der entschuldbaren Erregung eines Geistes aus, der durch eine Anschuldigung gestochen wurde, die nicht nur in Rezensionen weitestverbreiteter Auflagen vorgebracht, nicht nur in den umfangreichsten Werken der periodischen Literatur verzeichnet, sondern durch die Häufigkeit der Wiederholung zu einer anerkannten Tatsache in privaten literarischen Zirkeln geworden ist und gedankenlos von allzu vielen wiederholt wird, die sich meine Freunde nennen und deren eigene Erinnerungen ein gegenteiliges Zeugnis hätten nahelegen sollen. Wäre doch das Kriterium der Nützlichkeit eines Gelehrten die Anzahl und der moralische Wert der Wahrheiten, die er in den allgemeinen Umlauf gebracht hat; oder die Anzahl und der Wert der Geister, die er durch seine Unterhaltung oder Briefe zur Tätigkeit angeregt und mit den Keimen ihres späteren Wachstums versorgt hat!
Ein ausgezeichneter Rang würde meinen Bemühungen zwar auch dann vielleicht nicht zuerkannt; doch ich wagte mit Zuversicht auf einen ehrenvollen Freispruch zu hoffen. Ich wagte an die zahlreichen und achtungsvollen Zuhörerschaften zu appellieren, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten meine Vorlesungssäle mit ihrer Anwesenheit beehrt haben, ob die Blickwinkel, aus denen die behandelten Gegenstände betrachtet wurden – ob die Gründe meiner Argumentation solche waren, wie sie sie anderswo gehört oder gelesen hatten oder sie seitdem in früheren Veröffentlichungen gefunden haben. Ich kann gewissenhaft erklären, dass der vollständige Erfolg des REMORSE am ersten Abend seiner Aufführung mir kein so großes oder tief empfundenes Vergnügen bereitete wie die Beobachtung, dass Parkett und Logen mit Gesichtern gefüllt waren, die mir vertraut waren, wenn auch von Einzelpersonen, deren Namen ich nicht kannte und von denen ich nichts wusste, als dass sie den einen oder anderen meiner Vorlesungskurse besucht hatten. Es ist ein vortreffliches, wenn auch vielleicht etwas vulgäres Sprichwort, dass es Fälle gibt, in denen man ebenso gut „für ein Pfund wie für einen Penny“ dabei sein kann. Denjenigen, die aus Unkenntnis über den ernsten Schaden, den ich durch dieses Gerücht, mein Leben zwecklos verträumt zu haben, erlitten habe – Verletzungen, an die ich mich ungern erinnere, geschweige denn geneigt bin, sie in einer Skizze meines literarischen Lebens aufzuzeichnen –, oder denjenigen, die aufgrund ihrer eigenen Gefühle oder der Befriedigung, die sie daraus ziehen, verächtlich über andere zu denken, diese Klagen, die mir durch das Gefühl des Unrechts entlockt wurden, wie die Tröster Hiobs dem Selbstdünkel oder der anmaßenden Eitelkeit zuschreiben würden, habe ich bereits so reichlich Material geliefert, dass ich nichts gewinnen werde, wenn ich den Rest vorenthalte. Ich werde daher nicht zögern, das Gewissen derer zu befragen, die aufgrund ihrer langen Bekanntschaft mit mir und den Umständen am besten qualifiziert sind, zu entscheiden oder meine Richter zu sein, ob die Wiedereinsetzung des suum cuique meinen literarischen Ruf mehren oder mindern würde. In dieser Entlastung hoffe ich, so verstanden zu werden, dass ich von mir vergleichend spreche und im Verhältnis zu den Ansprüchen, die andere berechtigterweise an meine Zeit oder meine Talente stellen dürfen. An dem, was ich bewirkt habe, bin ich von meinen Mitmenschen zu beurteilen; was ich hätte tun können, ist eine Frage für mein eigenes Gewissen. Meinetwegen hätte ich vielleicht ausreichenden Grund, meinen Mangel an Selbstbeherrschung und die Vernachlässigung, meine Kräfte auf die Verwirklichung eines dauerhaften Werkes zu konzentrieren, zu beklagen. Doch der Verskunst eher als der Prosa, wenn überhaupt einer von beiden, gehört die Stimme der Trauer um
Scharfe Qualen der Liebe, erwachend wie ein Kind, Stürmisch, mit einem Aufschrei im Herzen; Und eigensinnige Ängste, die den Blick der Hoffnung mieden; Und Hoffnung, die sich kaum von Furcht zu unterscheiden wusste; Sinn für vergangene Jugend und vergeblich gekommenes Mannesalter, Und verliehenes Genie und vergeblich erworbenes Wissen; Und alles, was ich auf wilden Waldpfaden gepflückt, Und alles, was geduldige Mühsal herangezogen, und alles, Was der Umgang mit dir eröffnet hatte – doch Blumen, Die auf meine Leiche gestreut und auf meiner Bahre getragen, Im selben Sarge, für dasselbe Grab!
Diese werden, so hoffe ich, für die Zukunft nur noch in den poetischen Klängen existieren, die die Gefühle zu jener Zeit hervorriefen. In diesen nur, sanfter Leser,
Affectus animi varios, bellumque sequacis Perlegis invidiae, curasque revolvis inanes, Quas humilis tenero stylus olim effudit in aevo. Perlegis et lacrymas, et quod pharetratus acuta Ille puer puero fecit mihi cuspide vulnus. Omnia paulatim consumit longior aetas, Vivendoque simul morimur, rapimurque manendo. Ipse mihi collatus enim non ille videbor; Frons alia est, moresque alii, nova mentis imago, Vox aliudque sonat--Jamque observatio vitae Multa dedit--lugere nihil, ferre omnia; jamque Paulatim lacrymas rerum experientia tersit.
KAPITEL XI
Eine liebevolle Ermahnung an jene, die sich in jungen Jahren dazu berufen fühlen, Schriftsteller zu werden.
Es war eine Lieblingsbemerkung des verstorbenen Herrn Whitbread, dass kein Mensch irgendetwas aus einem einzigen Motiv heraus tut. Die einzelnen Motive oder vielmehr Geisteszustände, die zu den vorangegangenen Betrachtungen und Anekdoten führten, wurden dem Leser in jedem einzelnen Fall offengelegt. Doch ein Interesse am Wohlergehen derer, die sich zur gegenwärtigen Zeit in Umständen befinden könnten, die nicht unähnlich den meinen bei meinem ersten Eintritt ins Leben sind, war die ständige Begleitung und (sozusagen) der Untergesang all meiner Gefühle. Whitehead, der das Vorrecht seines Laureatenamtes ausübte, richtete an jugendliche Dichter eine poetische Ermahnung, die vielleicht das beste und sicherlich das interessanteste seiner Werke ist. Mit keinem anderen Privileg als dem des Mitgefühls und aufrichtiger guter Wünsche möchte ich eine liebevolle Ermahnung an die jugendlichen Literaten richten, die auf meiner eigenen Erfahrung gründet. Sie wird nur kurz sein; denn Anfang, Mitte und Ende laufen auf eine Forderung hinaus: Verfolge die Literatur niemals als Gewerbe. Mit Ausnahme eines außergewöhnlichen Mannes habe ich niemals ein Individuum gekannt, am wenigsten ein Individuum von Genie, das gesund oder glücklich ohne einen Beruf war, das heißt, ohne eine geregelte Beschäftigung, die nicht vom Willen des Augenblicks abhängt und die so weit mechanisch ausgeübt werden kann, dass nur ein durchschnittliches Maß an Gesundheit, Lebensfreude und intellektueller Anstrengung für ihre getreue Erfüllung erforderlich ist. Drei Stunden der Muße, unbelästigt von jeder fremden Sorge und mit Freude als Abwechslung und Erholung erwartet, werden ausreichen, um in der Literatur ein größeres Produkt dessen zu erzielen, was wahrhaft genial ist, als Wochen des Zwangs. Geld und unmittelbarer Ruhm bilden nur ein willkürliches und zufälliges Ende literarischer Arbeit. Die Hoffnung, sie durch eine bestimmte Anstrengung zu mehren, wird oft als Stimulans für den Fleiß dienen; doch die Notwendigkeit, sie zu erwerben, wird in allen Werken des Genies das Stimulans in ein Betäubungsmittel verwandeln. Motive kehren durch Übermaß ihr eigenes Wesen um, und anstatt den Geist anzuregen, betäuben und verdummen sie ihn. Denn es ist ein Unterscheidungsmerkmal des Genies vom Talent, dass sein vorherrschendes Ende immer in den Mitteln enthalten ist; und dies ist einer der vielen Punkte, die eine Analogie zwischen Genie und Tugend begründen. Da nun Talente zwar ohne Genie existieren können, Genie jedoch nicht existieren, sicherlich nicht sich manifestieren kann, ohne Talente, würde ich jedem Gelehrten, der die geniale Kraft in sich wirken spürt, raten, eine solche Trennung zwischen beiden vorzunehmen, dass er seine Talente dem Erwerb eines Auskommens in einem bekannten Gewerbe oder Beruf widmet und sein Genie den Objekten seiner ruhigen und unvoreingenommenen Wahl; während das Bewusstsein, in beiden gleichermaßen durch den aufrichtigen Wunsch geleitet zu werden, seine Pflicht zu erfüllen, beide gleichermaßen adeln wird. „Mein lieber junger Freund,“ (würde ich sagen) „stellen Sie sich vor, Sie seien in einem ehrenvollen Beruf etabliert. Aus der Manufaktur oder dem Kontor, vom Gerichtshof oder nachdem Sie Ihren letzten Patienten besucht haben, kehren Sie am Abend zurück,
Teure, ruhige Zeit, wenn der süße Sinn für Heim Am süßesten ist------
zu Ihrer Familie, bereit für ihre geselligen Freuden, wobei die Gesichter Ihrer Frau und Kinder erhellt sind und ihr Willkommensgruß doppelt willkommen ist durch das Wissen, dass Sie, was sie betrifft, die Anforderungen des Tages durch die Arbeit des Tages erfüllt haben. Wenn Sie sich dann in Ihr Arbeitszimmer zurückziehen, besuchen Sie in den Büchern Ihrer Regale so viele ehrwürdige Freunde, mit denen Sie sich unterhalten können. Ihr eigener Geist ist kaum weniger frei von persönlichen Sorgen als die großen Geister, die in jenen Büchern noch für Sie leben! Selbst Ihr Schreibtisch mit seinem weißen Papier und all seinen anderen Werkzeugen wird wie eine Kette aus Blumen erscheinen, die fähig ist, Ihre Gefühle wie auch Gedanken mit Ereignissen und Charakteren zu verknüpfen, die vergangen oder zukünftig sind; nicht eine Kette aus Eisen, die Sie dazu zwingt, an das Zukünftige und Ferne zu denken, indem sie die Ansprüche und Gefühle der dringlichen Gegenwart wachruft. Doch warum sollte ich sagen, zurückziehen? Die Gewohnheiten des aktiven Lebens und der tägliche Umgang mit dem Getriebe der Welt werden dazu beitragen, Ihnen eine solche Selbstbeherrschung zu geben, dass die Anwesenheit Ihrer Familie keine Unterbrechung sein wird. Nein, die soziale Stille oder die nicht störende Stimme einer Frau oder Schwester wird wie eine wiederherstellende Atmosphäre oder sanfte Musik sein, die einen Traum formt, ohne dessen Objekt zu werden. Wenn Tatsachen erforderlich sind, um die Möglichkeit zu beweisen, gewichtige Leistungen in der Literatur mit voller und unabhängiger Beschäftigung zu verbinden, so sind die Werke von Cicero und Xenophon bei den Alten; von Sir Thomas More, Bacon, Baxter oder, um sofort auf spätere und zeitgenössische Beispiele zu verweisen, Darwin und Roscoe, sofort entscheidend für die Frage.“
Doch nicht alle Menschen mögen es wagen, sich ein ausreichendes Maß an Selbstbeherrschung zur Nachahmung jener Beispiele zu versprechen: obwohl stets eine strenge Prüfung angestellt werden sollte, ob nicht Trägheit, Rastlosigkeit oder eine Eitelkeit, die nach unmittelbarer Befriedigung dürstet, das Urteilsvermögen manipuliert und die Maske der Demut zum Zwecke der Selbsttäuschung angenommen haben. Dennoch bietet die Kirche jedem Mann von Bildung und Genie einen Beruf, in dem er eine vernünftige Hoffnung hegen kann, die weitesten Pläne literarischer Nützlichkeit mit der strengsten Erfüllung beruflicher Pflichten zu vereinen. Unter den zahlreichen Segnungen des Christentums erhebt die Einführung einer etablierten Kirche einen besonderen Anspruch auf die Dankbarkeit von Gelehrten und Philosophen; in England zumindest, wo die Prinzipien des Protestantismus mit der Freiheit der Regierung verschworen haben, all seine heilsamen Kräfte durch die Beseitigung seiner Missbräuche zu verdoppeln.
Dass nicht nur die Maximen, sondern die Gründe einer reinen Moral, deren bloße Fragmente
------die erhabenen tragischen Dichter lehrten Im Chor oder Jambus, die besten Lehrer Moralischer Klugheit, mit Vergnügen aufgenommen In kurzen sententiösen Vorschriften; [43]
und dass die erhabenen Wahrheiten der göttlichen Einheit und Attribute, die ein Plato am schwersten zu erlernen fand und für noch schwieriger zu offenbaren hielt; dass diese zum nahezu ererbten Eigentum der Kindheit und Armut, der Hütte und der Werkstatt geworden sind; dass sie selbst für die Ungebildeten wie Gemeinplätze klingen, ist ein Phänomen, das alle außer Geister der vulgärsten Art davon abhalten muss, die Dienste selbst der Kanzel und des Lesepults gering zu schätzen. Doch jene, die die Wirksamkeit einer etablierten Kirche auf ihre öffentlichen Ämter beschränken, können kaum in einen viel höheren Rang des Intellekts gestellt werden. Dass in jede Pfarrei im ganzen Königreich ein Keim der Zivilisation verpflanzt wird; dass in den entlegensten Dörfern ein Kern vorhanden ist, um den herum sich die Fähigkeiten des Ortes kristallisieren und erhellen können; ein Modell, das hinreichend überlegen ist, um zur Nachahmung anzuregen, doch hinreichend nahe, um sie zu ermutigen und zu erleichtern; dies, die unaufdringliche, kontinuierliche Wirksamkeit einer protestantischen Kirchenorganisation, dies ist es, was der Patriot und der Philanthrop, die gerne die Liebe zum Frieden mit dem Glauben an die fortschreitende Besserung der Menschheit vereinen möchten, nicht zu hoch einschätzen können. Es kann nicht mit dem Gold von Ophir, mit dem kostbaren Onyx oder dem Saphir aufgewogen werden. Von Korallen oder Perlen soll keine Rede sein: denn der Preis der Weisheit ist über Rubine. Der Geistliche ist bei seinen Gemeindemitgliedern und unter ihnen; er ist weder in der klösterlichen Zelle noch in der Wildnis, sondern ein Nachbar und ein Familienvater, dessen Bildung und Rang ihm den Zutritt zum Herrenhaus des reichen Landbesitzers gewähren, während seine Pflichten ihn zum häufigen Besucher des Bauernhauses und der Hütte machen. Er ist, oder er kann es werden, mit den Familien seiner Pfarrei oder deren Umgebung durch Heirat verbunden. Und unter den Beispielen der Blindheit oder bestenfalls der Kurzsichtigkeit, die das Wesen der Habsucht mit sich bringt, kenne ich nur wenige, die auffälliger sind als das Geschrei der Bauern gegen das Kircheneigentum. Was nicht an den Geistlichen gezahlt würde, würde bei der nächsten Pacht unvermeidlich an den Landbesitzer gezahlt werden, während, wie es gegenwärtig der Fall ist, die Einkünfte der Kirche in gewisser Weise das reversionäre Eigentum jeder Familie sind, die ein Mitglied haben mag, das für die Kirche erzogen wird, oder eine Tochter, die einen Geistlichen heiraten könnte. Anstatt ausgeschlossen und unbeweglich zu sein, ist es tatsächlich die einzige Art von Grundeigentum, die im Wesentlichen beweglich und zirkulierend ist. Dass es keine Unannehmlichkeiten gibt, wer wird das behaupten wollen? Aber ich erwarte noch den Beweis, dass die Unannehmlichkeiten in dieser größer sind als in jeder anderen Art; oder dass entweder die Bauern oder die Geistlichen davon profitieren würden, wenn man letztere dazu zwänge, entweder Trullibers oder besoldete Beamte zu werden. Nein, ich zögere nicht, meine feste Überzeugung zu erklären, dass, welchen Grund für Unzufriedenheit die Bauern auch angeben mögen, die wahre Ursache diese ist; dass sie den Pfarrer betrügen können, aber den Verwalter nicht; und dass sie enttäuscht sind, wenn sie nur zwei Pfund weniger als den rechtmäßigen Anspruch hätten vorenthalten können, da sie erwartet hatten, fünf vorenthalten zu können. Auf jeden Fall, in Bezug auf die Förderung von Gelehrsamkeit und Genie betrachtet, bietet die Einrichtung ein Patronat, das zugleich so wirksam und unbelastend ist, dass es unmöglich wäre, Ähnliches oder Gleiches in einem anderen als einem christlichen und protestantischen Land zu gewähren. Es gibt kaum eine Abteilung menschlichen Wissens ohne irgendeinen Bezug zu den verschiedenen kritischen, historischen, philosophischen und moralischen Wahrheiten, an denen der Gelehrte als Geistlicher interessiert sein muss; kein Streben, das eines Menschen von Genie würdig ist, das nicht ohne Unstimmigkeit verfolgt werden könnte. Die Geschichte der Bibel als Buch zu geben, wäre wenig weniger, als den Ursprung oder die erste Anregung aller Literatur und Wissenschaft zu schildern, die wir heute besitzen. Die bloße Schicklichkeit, die der Beruf auferlegt, ist den besten Zwecken des Genies förderlich und trägt dazu bei, seinen häufigsten Mängeln entgegenzuwirken. Schließlich muss jener Mensch an Sensibilität mangeln, der in den großen und brennenden Lichtern, die in einer langen Reihe die Kirche von England erhellt haben, keinen Ansporn zur Nacheiferung fände; der von innen her kein Echo auf die Stimme von ihren heiligen Schreinen hören würde,
Et Pater Aeneas et avunculus excitat Hector.
Doch welcher Beruf oder welches Gewerbe auch immer gewählt wird, die Vorteile sind zahlreich und bedeutend im Vergleich zum Zustand eines bloßen Literaten, der in irgendeinem Grad vom Verkauf seiner Werke für die Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens abhängt. Im ersteren Fall lebt ein Mensch in Sympathie mit der Welt, in der er lebt. Zumindest erwirbt er ein besseres und schnelleres Gespür für das Wissen dessen, womit Menschen im Allgemeinen sympathisieren können. Er lernt, sein Genie umsichtiger und wirksamer zu verwalten. Seine Kräfte und Errungenschaften gewinnen ihm zudem mehr wirkliche Bewunderung; denn sie übertreffen die berechtigten Erwartungen anderer. Er ist etwas neben einem Autor und wird daher nicht bloß als Autor betrachtet. Die Herzen der Menschen stehen ihm offen, wie einem ihres eigenen Standes; und ob er sich in den Gesprächskreisen seiner Bekannten anstrengt oder nicht, sein Schweigen wird nicht auf Stolz, noch seine Mitteilsamkeit auf Eitelkeit zurückgeführt. Diesen Vorteilen möchte ich eine größere Chance auf Glück im häuslichen Leben hinzufügen, wäre es nur, weil es für den Mann so natürlich ist, während des Tages außerhalb des Kreises seines Haushalts zu sein, wie es für die Frau verdienstvoll ist, größtenteils innerhalb desselben zu bleiben. Doch dieses Thema umfasst Punkte von so zahlreichen und delikaten Überlegungen und würde nicht nur erlauben, sondern erfordern, solch reichhaltige Dokumente aus der Biographie literarischer Männer, dass ich es nun lediglich in transitu erwähne. Wenn sich dieselbe Umstand zu sehr verschiedenen Zeiten bei sehr verschiedenen Personen ereignet hat, die alle etwas gemeinsam haben; gibt es Grund zu der Annahme, dass dieser Umstand nicht bloß den betroffenen Personen zuzuschreiben ist, sondern in gewissem Maße durch den einen Punkt verursacht wird, den sie alle gemeinsam haben. Anstelle der vehementen und beinahe verleumderischen Abratung von der Ehe, die der Misogyne, Boccaccio [44], an literarische Männer richtet, würde ich den einfachen Rat setzen: Seien Sie nicht bloß ein Literat! Lassen Sie die Literatur eine ehrenvolle Ergänzung Ihrer Wappen sein; aber bilden Sie nicht den Schild und füllen Sie nicht das Wappenschild aus!
Auf Einwände aus dem Gewissen kann ich natürlich auf keine andere Weise antworten, als den jugendlichen Einwänder (wie ich es bereits bei einer früheren Gelegenheit getan habe) zu bitten, durch strenge Selbstprüfung festzustellen, ob nicht andere Einflüsse am Werk sein könnten; ob Geister, „nicht der Gesundheit“, und mit Flüstern „nicht vom Himmel“, im Zwielicht seines Bewusstseins wandeln könnten. Er möge seine Skrupel katalogisieren und sie in eine deutliche, verständliche Form bringen; er möge sich vergewissern, dass er mit einem gelehrigen Geist und günstiger Gesinnung die besten und grundlegendsten Werke zu diesem Thema gelesen hat; dass er sowohl Geist als auch Herz für die großen und illustren Eigenschaften der vielen berühmten Charaktere geöffnet hat, die wie er gezweifelt hatten und deren Forschungen in der klaren Überzeugung geendet hatten, dass ihre Zweifel grundlos oder zumindest in keinem Verhältnis zum Gegengewicht gestanden hätten. Glücklich wird es für einen solchen Mann sein, wenn er unter seinen Zeitgenossen, die älter sind als er selbst, jemanden trifft, der mit ähnlichen Kräften und ebenso scharfen Gefühlen wie seine eigenen dieselben Skrupel gehegt hatte; der nach ihnen gehandelt hatte; und der durch spätere Nachforschungen (als der Schritt, ach!, unwiderruflich war, aber gerade deshalb seine Forschung unbestreitbar uneigennützig) entdeckt hatte, dass er sich nur mit empfangenen Meinungen gestritten hatte, um Irrtümer zu umarmen, dass er die Richtung, die ihm auf der Hauptstraße ehrenvoller Anstrengung vorgezeichnet war, nur verlassen hatte, um in ein Labyrinth abzuweichen, wo, als er gewandert war, bis ihm der Kopf schwindelte, sein bestes Glück schließlich darin bestand, den Weg wieder herausgefunden zu haben, zu spät für die Klugheit, wenn auch nicht zu spät für das Gewissen oder für die Wahrheit! Zeit, die mit solchem Zögern verbracht wird, ist gewonnene Zeit: denn das Mannesalter schreitet in der Zwischenzeit voran, und mit ihm Zunahme an Wissen, Stärke des Urteils und vor allem Mäßigung der Gefühle. Und selbst wenn diese keine Veränderung bewirken sollten, wird das Zögern zumindest verhindern, dass die endgültige Billigung der Entscheidung durch den inneren Tadel der Unbesonnenheit und Eitelkeit, durch die sie beschleunigt worden war, getrübt wird. Es wäre eine Art Religionslosigkeit und kaum weniger als eine Verleumdung der menschlichen Natur zu glauben, dass es irgendeinen etablierten und angesehenen Beruf oder irgendeine Beschäftigung gibt, in der ein Mensch nicht weiterhin mit Ehrlichkeit und Ehre handeln kann; und zweifellos gibt es ebenso keinen, der nicht zuweilen Versuchungen zum Gegenteil bieten kann. Doch kläglich wird sich derjenige irren, der sich einbildet, dass der Beruf der Literatur, oder (um deutlicher zu sprechen) das Gewerbe der Autorschaft, seine Mitglieder mit weniger oder mit weniger heimtückischen Versuchungen bedrängt als die Kirche, das Recht oder die verschiedenen Zweige des Handels. Aber ich habe dieses unangenehme Thema in einem frühen Kapitel dieses Bandes ausreichend behandelt. Ich werde daher das gegenwärtige mit einem kurzen Auszug aus Herder schließen, dessen Namen ich der illustren Liste derjenigen hätte hinzufügen können, die die erfolgreiche Verfolgung der Musen nicht nur mit der getreuen Erfüllung, sondern mit den höchsten Ehren und ehrenvollen Einkünften eines etablierten Berufs verbunden haben. Die Übersetzung wird der Leser in einer Anmerkung unten finden [45]. „Am sorgfältigsten, meiden sie die Autorschaft. Zu früh oder unmäßig gebraucht, macht sie den Kopf wüste und das Herz leer; wenn sie auch sonst keine üble Folgen gäbe. Ein Mensch, der nur lieset um zu drücken, lieset wahrscheinlich übel; und wer jeden Gedanken, der ihm aufstosst, durch Feder und Presse versendet, hat sie in kurzer Zeit alle versandt, und wird bald ein bloßer Diener der Druckerey, ein Buchstabensetzer werden.“
KAPITEL XII
Ein Kapitel der Bitten und Vorahnungen bezüglich der Lektüre oder Auslassung des Kapitels, das folgt.
Bei der Lektüre philosophischer Werke war mir ein Vorsatz von großem Nutzen, den ich in der antithetischen Form und mit der erlaubten Eigenwilligkeit eines Sprichworts oder einer Maxime gewöhnlich so formulierte: Bevor du die Unwissenheit eines Schriftstellers nicht verstehst, nimm an, dass du bezüglich seines Verständnisses unwissend bist. Diese meine goldene Regel ähnelt, das gebe ich zu, in ihrer Dunkelheit eher der des Pythagoras als in ihrer Tiefe. Wenn mir der Leser jedoch gestattet, mein eigener Hierokles zu sein, so vertraue ich darauf, dass er ihre Bedeutung durch die folgenden Beispiele vollständig erklärt finden wird. Ich habe hier vor mir eine Abhandlung eines religiösen Fanatikers, voller Träume und übernatürlicher Erfahrungen. Ich sehe klar die Gründe des Verfassers und deren Hohlheit. Ich habe einen vollständigen Einblick in die Ursachen, die durch das Medium seines Körpers auf seinen Geist gewirkt haben; und durch die Anwendung anerkannter und gesicherter Gesetze kann ich meiner eigenen Vernunft alle seltsamen Vorfälle, die der Verfasser von sich berichtet, zufriedenstellend erklären. Und dies kann ich tun, ohne ihn einer vorsätzlichen Lüge zu verdächtigen. So wie ein Mensch am helllichten Tag die Schritte eines Reisenden verfolgt, der in einem Nebel oder durch einen trügerischen Mondschein den Weg verloren hatte, so, und mit demselben ruhigen Gefühl der Gewissheit, kann ich die Spuren dieses verwirrten Visionärs verfolgen. Ich verstehe seine Unwissenheit.
Andererseits habe ich mit den besten Kräften meines Geistes den TIMAEUS von Plato wieder gelesen. Was auch immer ich begreife, erfüllt mich mit einem ehrfürchtigen Gefühl für das Genie des Autors; doch gibt es einen beträchtlichen Teil des Werkes, dem ich keine stimmige Bedeutung beimessen kann. In anderen Abhandlungen desselben Philosophen, die für das durchschnittliche Verständnis der Menschen bestimmt sind, habe ich mich an dem meisterhaften gesunden Menschenverstand, der Klarheit der Sprache und der Treffsicherheit der Schlussfolgerungen erfreut. Ich erinnere mich auch daran, dass zahlreiche Stellen bei diesem Autor, die ich nun vollkommen begreife, mir früher nicht weniger unverständlich waren als die jetzt in Frage stehenden. Es wäre, das ist mir bewusst, recht modisch, sie kurzerhand als platonisches Kauderwelsch abzutun. Doch das kann ich nicht zur Zufriedenheit meines eigenen Geistes tun, da ich vergeblich nach Ursachen gesucht habe, die für die Lösung der angenommenen Widersprüchlichkeit ausreichen. Ich habe keinen Einblick in die Möglichkeit, dass ein so außerordentlich weiser Mann Worte mit solchen Halbbedeutungen für sich selbst verwendet, die zwangsläufig für seine Leser zu keiner Bedeutung werden müssen. Wenn ich zusätzlich zu den Motiven, die mir so durch meine eigene Vernunft nahegelegt werden, mir die Anzahl und die Reihe der großen Männer deutlich in Erinnerung rufe, die nach langem und eifrigem Studium dieser Werke den Namen Plato mit Beinamen geehrt haben, die beinahe das Menschliche übersteigen, so fühle ich, dass ein verächtliches Urteil meinerseits einen Mangel an Bescheidenheit beweisen, von den Urteilsfähigen jedoch kaum als Beweis für überlegene Durchdringungskraft aufgenommen werden würde. Daher, in all meinen Versuchen, die Unwissenheit Platos zu verstehen, völlig geschlagen, schließe ich, dass ich bezüglich seines Verständnisses unwissend bin.
Anstelle der verschiedenen Bitten, die die Sorge der Autorschaft an den unbekannten Leser richtet, bringe ich nur diese eine vor: dass er das folgende Kapitel entweder ganz übergeht oder das Ganze in seinem Zusammenhang liest. Der schönste Teil des schönsten Körpers wird deformiert und monströs erscheinen, wenn er aus seinem Platz im organischen Ganzen herausgelöst wird. Ja, bei heiklen Themen, wo ein scheinbar geringfügiger Unterschied des Mehr oder Weniger einen Unterschied der Art ausmachen kann, mag selbst eine getreue Darstellung der Haupt- und Stützideen, sofern sie von den Formen getrennt sind, durch die sie zugleich gekleidet und modifiziert werden, womöglich in der Tat ein Skelett darbieten; aber ein Skelett, das erschreckt und abschreckt. Obwohl ich zahlreiche Präzedenzfälle finden könnte, werde ich den Leser nicht bitten, seinen Geist von allen Vorurteilen zu entblößen, noch bei seiner Prüfung der vorliegenden Arbeit alle früheren Systeme außer Acht zu lassen. Denn in Wahrheit erscheinen mir solche Bitten nicht viel anders als der Rat, der hypochondrischen Patienten in Dr. Buchans Hausarznei gegeben wird; videlicet, sich einheitlich ruhig und bei guter Stimmung zu erhalten. Bis ich die Kunst entdeckt hätte, das Gedächtnis a parte post zu zerstören, ohne Schaden für seine zukünftigen Operationen und ohne Nachteil für das Urteilsvermögen, würde ich die Bitte als verfrüht unterdrücken; und daher, wie sehr ich auch wünsche, mit einem unvoreingenommenen Geist gelesen zu werden, maße ich mir nicht an, dies als notwendige Bedingung anzuführen.
Das Ausmaß meiner Kühnheit besteht darin, ein Kriterium vorzuschlagen, durch das im Voraus vernünftigerweise vermutet werden kann, ob ein Leser seine Zeit und vielleicht sein Temperament bei der Lektüre dieser oder einer anderen Abhandlung, die auf ähnlichen Prinzipien aufgebaut ist, verlieren würde. Es wäre jedoch grausam missinterpretiert als eine Andeutung der geringsten Respektlosigkeit gegenüber den moralischen oder intellektuellen Qualitäten der dadurch ausgeschlossenen Individuen. Das Kriterium ist dies: wenn ein Mensch als grundlegende Tatsachen, und daher natürlich unbeweisbar und einer weiteren Analyse unfähig, die allgemeinen Begriffe von Materie, Geist, Seele, Körper, Handlung, Passivität, Zeit, Raum, Ursache und Wirkung, Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis und Gewohnheit akzeptiert; wenn er seinen Geist bezüglich all dessen vollkommen zur Ruhe kommen fühlt und zufrieden ist, wenn er nur alle anderen Begriffe in einige ein oder mehrere dieser vermeintlichen Elemente mit plausibler Unterordnung und passender Anordnung zerlegen kann: einem solchen Geist möchte ich so höflich wie möglich den Hinweis vermitteln, dass das Kapitel nicht für ihn geschrieben wurde.
Vir bonus es, doctus, prudens; ast haud tibi spiro.
Denn diese Begriffe beinhalten in Wahrheit alle Schwierigkeiten, die der menschliche Geist zur Lösung vorbringen kann. Wenn man sie daher in Masse und ungeprüft nimmt, bedurfte es nur einer anständigen Lehrzeit in der Logik, um ihren Inhalt in allen Formen und Farben hervorzuzaubern, so wie die Professoren der Taschenspielerkunst auf unseren Jahrmärkten ein Band nach dem anderen aus ihren Mündern ziehen. Und nicht schwieriger ist es, sie wieder auf ihre verschiedenen Gattungen zurückzuführen. Aber obwohl diese Analyse sehr nützlich ist, um unser Wissen deutlicher zu machen, fügt sie ihm nicht wirklich etwas hinzu. Sie vermehrt nicht den Reichtum, den wir vorher besaßen, obwohl sie uns eine größere Meisterschaft darüber gibt. Für forensische Zwecke, für alle etablierten Berufe der Gesellschaft ist dies ausreichend. Aber für die Philosophie im höchsten Sinne als die Wissenschaft der letzten Wahrheiten, und daher scientia scientiarum, ist diese bloße Analyse von Begriffen nur vorbereitend, wenn auch als vorbereitende Disziplin unerlässlich.
Noch weniger darf eine wohlwollende Lektüre von den Proselyten jener kurzgefassten Philosophie erwartet werden, die zwar vom Geist spricht, aber an Ziegel und Mörtel oder andere ebenso vom Körper abstrahierte Bilder denkt, eine Theorie des Geistes durch Umbenennung der Materie entwirft und in wenigen Stunden ihre stumpfsinnigsten Schüler dazu qualifizieren kann, das omne scibile zu erklären, indem sie alles auf Eindrücke, Ideen und Empfindungen reduziert.
Aber es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen; obwohl es etwas Mut erfordert, sie in einem Zeitalter und Land einzugestehen, in dem Abhandlungen über alle Themen, die nicht das Privileg haben, Fachbegriffe oder wissenschaftliche Symbole anzunehmen, an das Publikum gerichtet sein müssen. Ich sage also, dass es weder möglich noch notwendig für alle Menschen, noch für viele ist, Philosophen zu sein. Es gibt ein philosophisches (und insofern es durch eine Anstrengung der Freiheit verwirklicht wird, ein künstliches) Bewusstsein, das unter oder (sozusagen) hinter dem spontanen Bewusstsein liegt, das allen reflektierenden Wesen natürlich ist. Wie die älteren Römer ihre nördlichen Provinzen in Cis-Alpin und Trans-Alpin unterschieden, so können wir alle Gegenstände des menschlichen Wissens in solche diesseits und solche jenseits des spontanen Bewusstseins einteilen; citra et trans conscientiam communem. Letzteres ist ausschließlich das Gebiet der reinen Philosophie, die daher zu Recht transzendental genannt wird, um sie auf einmal sowohl von der bloßen Reflexion und Repräsentation auf der einen Seite als auch auf der anderen Seite von jenen Flügen gesetzloser Spekulation zu unterscheiden, die, verlassen von allem deutlichen Bewusstsein, weil sie die Grenzen und Zwecke unserer intellektuellen Fähigkeiten überschreiten, zu Recht als transzendent verurteilt werden [46]. Die erste Hügelkette, die das karge Tal des menschlichen Lebens umschließt, ist der Horizont für die Mehrheit seiner Bewohner. Auf ihren Graten wird die gemeinsame Sonne geboren und scheidet dahin. Von ihnen gehen die Sterne auf, und wenn sie sie berühren, verschwinden sie. Von den Vielen ist selbst diese Kette, die natürliche Grenze und das Bollwerk des Tals, nur unvollkommen bekannt. Ihre höheren Anstiege sind allzu oft durch Nebel und Wolken aus unkultivierten Sümpfen verborgen, in die einzudringen nur wenige Mut oder Neugier besitzen. Für die Menge unten erscheinen diese Dünste mal als dunkle Orte schrecklicher Agenten, in die niemand ungestraft eindringen darf; und mal in fremden Farben glühend, werden sie als die prächtigen Paläste des Glücks und der Macht bestaunt. Aber in allen Zeitaltern gab es wenige, die beim Messen und Sonden der Flüsse des Tals an den Füßen ihrer fernsten unzugänglichen Fälle gelernt haben, dass die Quellen weit höher und weit nach innen liegen müssen; wenige, die selbst in den ebenen Strömen Elemente entdeckt haben, die weder das Tal selbst noch die umliegenden Berge enthielten oder liefern konnten [47]. Wie und woher diesen Gedanken, diesen starken Wahrscheinlichkeiten, die feststellende Vision, das intuitive Wissen schließlich hinzukommen mögen, kann nur durch die Tatsache gelernt werden. Ich könnte der Frage die Worte entgegensetzen, mit denen [48] Plotinus die Natur auf eine ähnliche Schwierigkeit antworten lässt. „Sollte irgendjemand sie befragen, wie sie arbeitet, wenn sie gnädigerweise gewährt zuzuhören und zu sprechen, wird sie antworten: es geziemt dir nicht, mich mit Fragen zu beunruhigen, sondern in Stille zu verstehen, so wie ich schweige und ohne Worte arbeite.“
Ebenso im fünften Buch der fünften Enneade, wo er vom höchsten und intuitiven Wissen spricht, wie es sich vom diskursiven unterscheidet, oder in der Sprache von Wordsworth,
„Die Vision und die göttliche Fähigkeit;“
sagt er: „es ist nicht rechtmäßig zu fragen, woher es entsprang, als ob es eine Sache wäre, die Ort und Bewegung unterworfen ist, denn es nähert sich weder hierher, noch geht es wieder von hier an einen anderen Ort; sondern es erscheint uns oder es erscheint nicht. So dass wir ihm nicht mit der Absicht nachjagen sollten, seine geheime Quelle zu entdecken, sondern in Ruhe abwarten, bis es plötzlich auf uns scheint; uns auf das gesegnete Schauspiel vorbereitend, wie das Auge geduldig auf die aufgehende Sonne wartet.“ Sie und nur sie können die philosophische Einbildungskraft, die heilige Kraft der Selbstintuition erwerben, die in sich selbst das Symbol interpretieren und verstehen können, dass die Flügel der Luft-Sylphe sich innerhalb der Haut der Raupe bilden; nur jene, die in ihrem eigenen Geist denselben Instinkt fühlen, der die Chrysalis der Horntier-Fliege antreibt, in ihrem Involucrum Raum für die noch kommenden Antennen zu lassen. Sie wissen und fühlen, dass das Potenzielle in ihnen arbeitet, ebenso wie das Aktuelle an ihnen arbeitet! Kurz gesagt, alle Sinnesorgane sind für eine entsprechende Sinnenwelt geschaffen; und wir haben sie. Alle Geistesorgane sind für eine entsprechende Geistwelt geschaffen: obwohl die letzteren Organe nicht bei allen gleichermaßen entwickelt sind. Aber sie existieren in allen, und ihr erstes Erscheinen offenbart sich im moralischen Wesen. Wie könnte es sonst sein, dass selbst Weltmenschen, die nicht völlig entartet sind, den Menschen einfacher und uneigennütziger Güte mit widersprüchlichen Gefühlen von Mitleid und Respekt betrachten? „Armer Mann! er ist nicht für diese Welt gemacht.“ Oh! hierin äußern sie eine Prophezeiung von universeller Erfüllung; denn der Mensch muss entweder steigen oder sinken.
Es ist das wesentliche Merkmal des wahren Philosophen, sich mit keinem unvollkommenen Licht zufrieden zu geben, solange die Unmöglichkeit, ein volleres Wissen zu erlangen, nicht demonstriert wurde. Dass das gemeinsame Bewusstsein selbst durch seine eigene Richtung Beweise dafür liefern wird, dass es mit Hauptströmungen unter der Oberfläche verbunden ist, werde ich lediglich als ein Postulat pro tempore annehmen. Nachdem dies gewährt wurde, wenn auch nur in Erwartung des Arguments, kann ich daraus sicher die gleiche Wahrheit meiner früheren Behauptung ableiten, dass Philosophie nicht für alle verständlich sein kann, selbst unter den gelehrtesten und kultiviertesten Klassen. Ein System, dessen erstes Prinzip es ist, den Geist intuitiv für das Geistige im Menschen zu machen (d.h. für das, was auf der anderen Seite unseres natürlichen Bewusstseins liegt), muss notwendigerweise eine große Dunkelheit für diejenigen haben, die dieses ulteriorere Bewusstsein nie diszipliniert und gestärkt haben. Es muss in Wahrheit ein Land der Finsternis sein, ein perfektes Anti-Goschen, für Menschen, denen die edelsten Schätze ihres eigenen Seins nur durch die unvollkommene Übersetzung lebloser und blinder Bewegungen gemeldet werden. Vielleicht, zu einem großen Teil, durch Worte, die nur die Schatten von Begriffen sind; ebenso wie der begriffliche Verstand selbst nur die schattenhafte Abstraktion lebendiger und tatsächlicher Wahrheit ist. Auf dem UNMITTELBAREN, das in jedem Menschen wohnt, und auf der ursprünglichen Intuition oder absoluten Bejahung desselben (die ebenfalls in jedem Menschen ist, aber nicht in jedem Menschen zum Bewusstsein aufsteigt), hängt alle Gewissheit unseres Wissens ab; und dies wird für niemanden durch den Dienst bloßer Worte von außen verständlich. Das Medium, durch das Geister einander verstehen, ist nicht die umgebende Luft; sondern die Freiheit, die sie gemeinsam besitzen, als das gemeinsame ätherische Element ihres Seins, dessen zitternde Wechselwirkungen sich bis in das Innerste der Seele fortpflanzen. Wo der Geist eines Menschen nicht mit dem Bewusstsein der Freiheit erfüllt ist (wäre es nur durch seine Rastlosigkeit, wie bei jemandem, der noch in Fesseln kämpft), ist aller geistiger Austausch unterbrochen, nicht nur mit anderen, sondern sogar mit sich selbst. Kein Wunder also, dass er sich selbst ebenso unverständlich bleibt wie anderen. Kein Wunder, dass er sich in der furchtbaren Wüste seines Bewusstseins mit leeren Worten abmüht, auf die kein freundliches Echo antwortet, weder aus seinem eigenen Herzen noch aus dem Herzen eines Mitwesens; oder sich in der Verfolgung begrifflicher Phantome verirrt, der bloßen Brechung aus unsichtbaren und fernen Wahrheiten durch das verzerrende Medium seines eigenen unbelebten und stagnierenden Verstandes! Einem solchen Geist unverständlich zu bleiben, ruft Schelling bei einer ähnlichen Gelegenheit aus, ist Ehre und ein guter Name vor Gott und den Menschen.
Die Geschichte der Philosophie (bemerkt derselbe Autor) enthält Beispiele von Systemen, die über aufeinanderfolgende Generationen rätselhaft geblieben sind. Solch ein System hält er für das von Leibnitz, den ein anderer Autor (vorschnell, wie ich meine, und gehässig) als den einzigen Philosophen preist, der selbst von seinen eigenen Lehren tief überzeugt war. Wie bisher interpretiert, haben sie jedoch nicht den Effekt hervorgebracht, den Leibnitz selbst in einer höchst lehrreichen Stelle als das Kriterium einer wahren Philosophie beschreibt; nämlich, dass sie auf einmal die Fragmente der Wahrheit erklären und sammeln würde, die durch die scheinbar unvereinbarsten Systeme verstreut sind. Die Wahrheit, sagt er, ist weiter verbreitet, als man allgemein glaubt; aber sie ist oft bemalt, noch öfter maskiert, und ist manchmal verstümmelt und manchmal, ach!, in enger Verbindung mit schädlichen Irrtümern. Je tiefer wir jedoch in den Grund der Dinge eindringen, desto mehr Wahrheit entdecken wir in den Lehren der größeren Anzahl der philosophischen Sekten. Der Mangel an substanzieller Realität in den Gegenständen der Sinne, gemäß den Skeptikern; die Harmonien oder Zahlen, die Urbilder und Ideen, auf die die Pythagoreer und Platoniker alles reduzierten: das EINE und ALLES von Parmenides und Plotinus, ohne [49] Spinozismus; die notwendige Verbindung der Dinge gemäß den Stoikern, vereinbar mit der Spontaneität der anderen Schulen; die Vitalphilosophie der Kabbalisten und Hermetiker, die die Universalität der Empfindung annahmen; die substanziellen Formen und Entelechien des Aristoteles und der Scholastiker, zusammen mit der mechanischen Lösung aller besonderen Phänomene gemäß Demokrit und den neueren Philosophen--all diese werden wir in einem perspektivischen Mittelpunkt vereint finden, der Regelmäßigkeit und eine Übereinstimmung aller Teile in eben dem Gegenstand zeigt, der von jedem anderen Gesichtspunkt aus verwirrt und verzerrt erscheinen muss. Der Geist des Sektierertums war bisher unser Fehler und die Ursache unseres Scheiterns. Wir haben unsere eigenen Konzeptionen durch die Linien eingesperrt, die wir gezogen haben, um die Konzeptionen anderer auszuschließen. J’ai trouve que la plupart des Sectes ont raison dans une bonne partie de ce qu’elles avancent, mais non pas tant en ce qu’elles nient.
Ein System, das darauf abzielt, das Gedächtnis mit allen anderen Funktionen der Intelligenz abzuleiten, muss natürlich seine erste Position von jenseits des Gedächtnisses und vor ihm ansetzen, andernfalls wäre das Lösungsprinzip selbst ein Teil des zu lösenden Problems. Eine solche Position muss daher in erster Instanz gefordert werden, und die erste Frage wird sein, mit welchem Recht sie gefordert wird? Aus diesem Grund halte ich es für zweckmäßig, einige einleitende Bemerkungen zur Einführung von Postulaten in der Philosophie zu machen. Das Wort Postulat ist der Mathematik entlehnt [50]. In der Geometrie wird die primäre Konstruktion nicht bewiesen, sondern postuliert. Diese erste und einfachste Konstruktion im Raum ist der Punkt in Bewegung oder die Linie. Ob der Punkt in ein und derselben Richtung bewegt wird oder ob seine Richtung kontinuierlich geändert wird, bleibt noch unbestimmt. Aber wenn die Richtung des Punktes bestimmt wurde, so ist sie entweder durch einen Punkt außerhalb seiner selbst, und dann entsteht die gerade Linie, die keinen Raum umschließt; oder die Richtung des Punktes ist nicht durch einen Punkt außerhalb seiner selbst bestimmt, und dann muss er auf sich selbst zurückfließen, das heißt, es entsteht eine zyklische Linie, die einen Raum umschließt. Wenn die gerade Linie als die positive angenommen wird, ist die zyklische die Negation der geraden. Es ist eine Linie, die an keinem Punkt in die gerade ausschlägt, sondern ihre Richtung kontinuierlich ändert. Wenn aber die primäre Linie als unbestimmt und die gerade Linie als durchgehend bestimmt gedacht wird, dann ist die zyklische die dritte, die aus beiden zusammengesetzt ist. Sie ist zugleich unbestimmt und bestimmt; unbestimmt durch irgendeinen Punkt außerhalb und bestimmt durch sich selbst. Die Geometrie liefert der Philosophie daher das Beispiel einer primären Intuition, von der jede Wissenschaft, die Anspruch auf Evidenz erhebt, ihren Anfang nehmen muss. Der Mathematiker beginnt nicht mit einem beweisbaren Satz, sondern mit einer Intuition, einer praktischen Idee.
Doch hier präsentiert sich eine wichtige Unterscheidung. Die Philosophie beschäftigt sich mit Gegenständen des inneren SINNES und kann sich nicht, wie die Geometrie, jeder Konstruktion eine entsprechende äußere Intuition aneignen. Nichtsdestotrotz muss die Philosophie, wenn sie zur Evidenz gelangen will, von der ursprünglichsten Konstruktion ausgehen, und die Frage ist dann, was die ursprünglichste Konstruktion oder der erste produktive Akt für den inneren Sinn ist. Die Antwort auf diese Frage hängt von der Richtung ab, die dem inneren Sinn gegeben wird. Aber in der Philosophie kann der innere Sinn seine Richtung nicht durch einen äußeren Gegenstand bestimmt haben. Zur ursprünglichen Konstruktion der Linie kann ich durch eine Linie gezwungen werden, die vor mir auf der Tafel oder im Sand gezogen wird. Der so gezogene Strich ist zwar nicht die Linie selbst, sondern nur das Bild oder Abbild der Linie. Nicht von ihm lernen wir zuerst die Linie kennen; sondern im Gegenteil bringen wir diesen Strich zu der ursprünglichen Linie, die durch den Akt der Einbildungskraft erzeugt wird; sonst könnten wir sie nicht als ohne Breite oder Dicke definieren. Dennoch ist dieser Strich das sinnliche Bild der ursprünglichen oder idealen Linie und ein wirksames Mittel, jede Einbildungskraft zur Intuition derselben anzuregen.
Es wird nun gefragt, ob es in der Philosophie irgendein Mittel gibt, die Richtung des inneren Sinnes zu bestimmen, so wie sie in der Mathematik durch ihr spezifisches Abbild oder äußeres Bild bestimmbar ist. Nun ist die Richtung des inneren Sinnes größtenteils nur durch einen Akt der Freiheit bestimmt. Das Bewusstsein des einen erstreckt sich nur auf die angenehmen oder unangenehmen Empfindungen, die durch äußere Eindrücke in ihm hervorgerufen werden; ein anderer erweitert seinen inneren Sinn zu einem Bewusstsein von Formen und Quantität; ein dritter ist sich neben dem Bild auch des Begriffs oder der Vorstellung der Sache bewusst; ein vierter gelangt zu einer Vorstellung seiner Vorstellungen – er reflektiert über seine eigenen Reflexionen; und so können wir ohne Unangemessenheit sagen, dass der eine mehr oder weniger inneren Sinn besitzt als der andere. Dieses Mehr oder Weniger verrät bereits, dass die Philosophie in ihren ersten Prinzipien sowohl eine praktische oder moralische als auch eine theoretische oder spekulative Seite haben muss. Dieser Gradunterschied existiert in der Mathematik nicht. Sokrates zeigt bei Platon, dass ein unwissender Sklave dazu gebracht werden kann, das schwierigste geometrische Problem zu verstehen und aus sich selbst heraus zu lösen. Sokrates zeichnete die Figuren für den Sklaven in den Sand. Die Anhänger der kritischen Philosophie könnten ebenfalls (wie es tatsächlich von La Forge und einigen anderen Nachfolgern von Des Cartes getan wurde) den Ursprung unserer Vorstellungen auf Kupferplatten darstellen; aber niemand hat es bisher versucht, und es wäre völlig nutzlos. Für einen Eskimo oder Neuseeländer wäre unsere populärste Philosophie gänzlich unverständlich. Der Sinn, das innere Organ, ist in ihm noch nicht geboren. So gibt es auch unter uns manchen, ja sogar einige, die sich selbst für Philosophen halten, denen das philosophische Organ gänzlich fehlt. Für einen solchen Menschen ist Philosophie ein bloßes Spiel von Worten und Begriffen, wie eine Musiktheorie für den Tauben oder wie die Geometrie des Lichts für den Blinden. Die Verbindung der Teile und ihre logischen Abhängigkeiten mögen gesehen und erinnert werden; aber das Ganze ist grundlos und hohl, nicht gestützt durch lebendige Berührung, nicht begleitet von irgendeiner realisierenden Anschauung, die durch und in dem Akt existiert, der ihr Dasein bejaht, die gewusst wird, weil sie ist, und ist, weil sie gewusst wird. Die Worte des Plotinus, in der angenommenen Person der Natur, gelten für die philosophische Energie. To theoroun mou, theoraema poiei, osper oi geometrai theorountes graphousin; all’ emon mae graphousaes, theorousaes de, uphistantai ai ton somaton grammai. Mit mir macht der Akt der Betrachtung das Betrachtete, wie die Geometer betrachtend Linien beschreiben; aber ich, nicht Linien beschreibend, sondern einfach betrachtend, die repräsentativen Formen der Dinge steigen ins Dasein auf.
Das Postulat der Philosophie und zugleich die Prüfung der philosophischen Kapazität ist kein anderes als das vom Himmel herabgestiegene ERKENNE DICH SELBST! (E coelo descendit, Gnothi seauton). Und dies zugleich praktisch und spekulativ. Da die Philosophie weder eine Wissenschaft nur der Vernunft oder des Verstandes noch lediglich eine Wissenschaft der Moral ist, sondern die Wissenschaft des SEINS überhaupt, kann ihr primärer Grund weder bloß spekulativ noch bloß praktisch sein, sondern beides in einem. Alles Wissen beruht auf der Übereinstimmung eines Objekts mit einem Subjekt. (Meine Leser wurden in einem früheren Kapitel gewarnt, dass der Begriff Subjekt zu ihrer wie auch des Verfassers Bequemlichkeit in seinem scholastischen Sinne als gleichbedeutend mit Geist oder fühlendem Wesen verwendet wird, und als das notwendige Korrelat von Objekt oder quicquid objicitur menti.) Denn wir können nur das wissen, was wahr ist: und die Wahrheit wird allgemein in die Übereinstimmung des Gedankens mit der Sache, der Vorstellung mit dem vorgestellten Objekt gelegt.
Nun wollen wir die Summe von allem, was lediglich OBJEKTIV ist, fortan NATUR nennen, wobei wir den Begriff auf seinen passiven und materiellen Sinn beschränken, als alle Phänomene umfassend, durch die uns ihre Existenz kundgetan wird. Andererseits können wir die Summe von allem, was SUBJEKTIV ist, unter dem Namen des SELBST oder der INTELLIGENZ zusammenfassen. Beide Begriffe stehen in notwendiger Antithese. Intelligenz wird als ausschließlich repräsentativ begriffen, Natur als ausschließlich repräsentiert; die eine als bewusst, die andere als ohne Bewusstsein. Nun ist in allen Akten des positiven Wissens ein wechselseitiges Zusammenwirken beider erforderlich, nämlich des bewussten Wesens und dessen, was an sich unbewusst ist. Unser Problem ist es, dieses Zusammenwirken, seine Möglichkeit und seine Notwendigkeit zu erklären.
Während des Aktes des Wissens selbst sind das Objektive und das Subjektive so unmittelbar vereint, dass wir nicht bestimmen können, welchem von beiden die Priorität gebührt. Es gibt hier kein Erstes und kein Zweites; beide sind koinstantan und eins. Während ich versuche, diese innige Koalition zu erklären, muss ich sie als aufgelöst voraussetzen. Ich muss notwendigerweise von dem einen ausgehen, dem ich daher hypothetische Vorrangstellung gebe, um zum anderen zu gelangen. Da es aber nur zwei Faktoren oder Elemente im Problem gibt, Subjekt und Objekt, und es unbestimmt bleibt, mit welchem von ihnen ich beginnen soll, gibt es zwei gleichermaßen mögliche Fälle.
1. ENTWEDER WIRD DAS OBJEKTIVE ALS DAS ERSTE GENOMMEN, UND DANN HABEN WIR DAS HINZUKOMMEN DES SUBJEKTIVEN ZU ERKLÄREN, WELCHES MIT IHM VERSCHMILZT.
Der Begriff des Subjektiven ist nicht im Begriff des Objektiven enthalten. Im Gegenteil schließen sie einander gegenseitig aus. Das Subjektive muss daher zum Objektiven hinzukommen. Die Vorstellung von Natur beinhaltet anscheinend nicht das Miteinandersein einer Intelligenz, die ein ideales Duplikat von ihr macht, das heißt, sie repräsentiert. Dieser Schreibtisch zum Beispiel würde (nach unseren natürlichen Begriffen) sein, auch wenn kein fühlendes Wesen existierte, um ihn zu betrachten. Dies also ist das Problem der Naturphilosophie. Sie nimmt das objektive oder unbewusste Naturhafte als das Erste an und hat daher zu erklären, wie Intelligenz dazu kommen kann, oder wie sie selbst zur Intelligenz heranwachsen kann. Sollte sich zeigen, dass alle aufgeklärten Naturforscher, ohne sich das Problem deutlich vorgelegt zu haben, sich dennoch ständig auf der Linie seiner Lösung bewegt haben, so muss dies eine starke Vermutung dafür liefern, dass das Problem selbst in der Natur begründet ist. Denn wenn alles Wissen gleichsam zwei Pole hat, die sich gegenseitig erfordern und voraussetzen, müssen alle Wissenschaften von dem einen oder dem anderen ausgehen und in Richtung des entgegengesetzten streben, bis zum äquatorialen Punkt, in dem beide versöhnt und identisch werden. Die notwendige Tendenz aller Naturphilosophie ist daher von der Natur zur Intelligenz; und dies, und kein anderes, ist der wahre Grund und Anlass des instinktiven Strebens, Theorie in unsere Ansichten der Naturphänomene einzuführen. Die höchste Vollendung der Naturphilosophie bestünde in der vollkommenen Spiritualisierung aller Gesetze der Natur zu Gesetzen der Anschauung und des Intellekts. Die Phänomene (das Materielle) verschwinden gänzlich, und allein die Gesetze (das Formale) müssen bleiben. Daher kommt es, dass in der Natur selbst, je mehr das Prinzip des Gesetzes hervorbrricht, desto mehr die Hülse abfällt, die Phänomene selbst geistiger werden und schließlich in unserem Bewusstsein ganz aufhören. Die optischen Phänomene sind nur eine Geometrie, deren Linien durch Licht gezogen werden, und die Materialität dieses Lichts selbst ist bereits zweifelhaft geworden. In den Erscheinungen des Magnetismus ist jede Spur von Materie verloren, und von den Phänomenen der Gravitation, die nicht wenige unter den erlauchtesten Newtonianern für nicht anders begreiflich erklärten als als einen unmittelbaren geistigen Einfluss, bleibt nichts als ihr Gesetz, dessen Ausführung auf einer riesigen Skala der Mechanismus der himmlischen Bewegungen ist. Die Theorie der Naturphilosophie wäre dann vollendet, wenn alle Natur als wesensidentisch mit dem erwiesen wäre, was in seiner höchsten bekannten Kraft im Menschen als Intelligenz und Selbstbewusstsein existiert; wenn Himmel und Erde nicht nur die Macht ihres Schöpfers verkünden, sondern die Herrlichkeit und die Gegenwart ihres Gottes, so wie er dem großen Propheten während der Vision auf dem Berg in den Säumen seiner Göttlichkeit erschien.
Dies mag genügen, um zu zeigen, dass selbst die Naturwissenschaft, die mit dem materiellen Phänomen als der Realität und Substanz existierender Dinge beginnt, doch durch die Notwendigkeit des Theoretisierens unbewusst und gleichsam instinktiv in der Natur als Intelligenz endet; und durch diese Tendenz wird die Wissenschaft der Natur schließlich zur Naturphilosophie, dem einen der beiden Pole der Fundamentalwissenschaft.
2. ODER DAS SUBJEKTIVE WIRD ALS DAS ERSTE GENOMMEN, UND DAS PROBLEM IST DANN, WIE IHM EIN ÜBEREINSTIMMENDES OBJEKTIVES HINZUKOMMT.
Im Verfolgen dieser Wissenschaften hängt unser Erfolg in jeder von einer strengen und getreuen Einhaltung ihrer eigenen Prinzipien ab, bei sorgfältiger Trennung und Ausschluss derjenigen, die der entgegengesetzten Wissenschaft angehören. So wie der Naturphilosoph, der seine Ansichten auf das Objektive richtet, vor allem die Vermischung des Subjektiven in seinem Wissen vermeidet, wie zum Beispiel willkürliche Annahmen oder vielmehr Sufiktionen, okkulte Qualitäten, geistige Agentien und die Ersetzung von Zweckursachen durch Wirkursachen; so ist andererseits der transzendentale oder intellektuelle Philosoph gleichermaßen darauf bedacht, jede Einmischung des Objektiven in die subjektiven Prinzipien seiner Wissenschaft auszuschließen, wie zum Beispiel die Annahme von Eindrücken oder Konfigurationen im Gehirn, die Miniaturbildern auf der Netzhaut entsprechen, welche von Lichtstrahlen von vermeintlichen Originalen gemalt werden, die nicht die unmittelbaren und realen Objekte des Sehens sind, sondern Schlussfolgerungen daraus zu Erklärungszwecken. Diese Reinigung des Geistes wird durch einen absoluten und wissenschaftlichen Skeptizismus bewirkt, zu dem sich der Geist freiwillig bestimmt, zum spezifischen Zweck zukünftiger Gewissheit. Des Cartes, der (in seinen Meditationen) selbst als erster, zumindest unter den Modernen, ein schönes Beispiel für diesen freiwilligen Zweifel, diese selbstbestimmte Unbestimmtheit gab, drückt glücklich ihren gänzlichen Unterschied zum Skeptizismus der Eitelkeit oder Irreligiosität aus: Nec tamen in Scepticos imitabar, qui dubitant tantum ut dubitent, et praeter incertitudinem ipsam nihil quaerunt. Nam contra totus in eo eram ut aliquid certi reperirem [51]. Nicht weniger verschieden ist er in seinen Motiven und seinem Endziel als in seinen eigentlichen Objekten, die nicht wie im gewöhnlichen Skeptizismus die Vorurteile der Erziehung und der Umstände sind, sondern jene ursprünglichen und angeborenen Vorurteile, die die Natur selbst in alle Menschen gepflanzt hat und die für alle außer dem Philosophen die ersten Prinzipien des Wissens und die letzte Prüfung der Wahrheit sind.
Nun sind diese wesentlichen Vorurteile alle auf die eine fundamentale Vermutung reduzierbar, DASS ES DINGE AUSSER UNS GIBT. Da dies einerseits weder in Gründen noch Argumenten wurzelt und doch andererseits gegen alle Versuche resistent bleibt, es durch Gründe oder Argumente zu entfernen (naturam furca expellas tamen usque redibit;); da es einerseits Anspruch auf UNMITTELBARE Gewissheit als eine Position erhebt, die zugleich undemonstrierbar und unwiderstehlich ist, und doch andererseits, insofern es sich auf etwas wesentlich von uns Verschiedenes, ja sogar uns Entgegengesetztes bezieht, es unbegreiflich lässt, wie es jemals ein Teil unseres unmittelbaren Bewusstseins werden könnte; (mit anderen Worten, wie das, was ex hypothesi außerhalb unseres Seins ist und bleibt, eine Modifikation unseres Seins werden sollte) zwingt sich der Philosoph daher dazu, diesen Glauben als nichts weiter als ein Vorurteil zu behandeln, zwar angeboren und angeboren, aber dennoch ein Vorurteil.
Die andere Position, die nicht nur Anspruch auf ihre unmittelbare Gewissheit erhebt, sondern diese auch erzwingt, gleichermaßen für die wissenschaftliche Vernunft des Philosophen wie für den gesunden Menschenverstand der Menschheit im Allgemeinen, nämlich: ICH BIN, kann nicht so treffend als Vorurteil bezeichnet werden. Sie ist zwar grundlos; aber dann schließt sie in der Idee selbst jeden Grund aus, und losgelöst vom unmittelbaren Bewusstsein verliert sie ihren ganzen Sinn und Inhalt. Sie ist grundlos; aber nur, weil sie selbst der Grund aller anderen Gewissheit ist. Nun kann der transzendentale Philosoph den scheinbaren Widerspruch, dass die erstere Position, nämlich die Existenz der Dinge außer uns, die ihrer Natur nach nicht unmittelbar gewiss sein kann, ebenso blind und unabhängig von allen Gründen angenommen werden sollte wie die Existenz unseres eigenen Seins, nur durch die Vermutung lösen, dass erstere unbewusst in letzterer enthalten ist; dass sie nicht nur kohärent, sondern identisch ist, und ein und dasselbe mit unserem eigenen unmittelbaren Selbstbewusstsein. Diese Identität zu demonstrieren, ist das Amt und Objekt seiner Philosophie.
Wenn gesagt wird, dies sei Idealismus, so sei daran erinnert, dass es nur insofern Idealismus ist, als es zugleich und gerade deshalb der wahrste und verbindlichste Realismus ist. Denn worin besteht der Realismus der Menschheit eigentlich? In der Behauptung, dass es ein Etwas außer ihnen gibt, was, oder wie, oder wo sie nicht wissen, das die Objekte ihrer Wahrnehmung veranlasst? Oh nein! Dies ist weder angeboren noch universell. Es ist das, was wenige in den Schulen gelehrt und gelernt haben und was die Vielen wiederholen, ohne sich über ihre eigene Bedeutung zu fragen. Der Realismus, der der gesamten Menschheit gemeinsam ist, ist weit älter und liegt unendlich tiefer als diese hypothetische Erklärung des Ursprungs unserer Wahrnehmungen, eine Erklärung, die von der bloßen Oberfläche der mechanischen Philosophie abgeschöpft wurde. Es ist der Tisch selbst, von dem der Mensch des gesunden Menschenverstandes glaubt, ihn zu sehen, nicht das Phantom eines Tisches, aus dem er argumentativ die Realität eines Tisches ableiten könnte, den er nicht sieht. Wenn es Idealismus ist, die Realität von allem, was wir tatsächlich erblicken, zu zerstören, was kann dann eklatanter sein als das System der modernen Metaphysik, das uns in ein Land der Schatten verbannt, uns mit Erscheinungen umgibt und Wahrheit von Illusion nur durch die Mehrheit derer unterscheidet, die denselben Traum träumen? „Ich behauptete, die Welt sei verrückt“, rief der arme Lee aus, „und die Welt sagte, ich sei verrückt, und verdammt, sie haben mich überstimmt.“
Auf den wahren und ursprünglichen Realismus möchte ich die Aufmerksamkeit lenken. Dieser glaubt und erfordert weder mehr noch weniger, als dass das Objekt, das er erblickt oder sich selbst präsentiert, das reale und eigentliche Objekt ist. In diesem Sinne sind wir, wie sehr wir uns auch dagegen sträuben mögen, kollektiv geborene Idealisten, und deshalb, und nur deshalb, sind wir zugleich Realisten. Aber davon wissen die Philosophen der Schulen nichts, oder sie verachten den Glauben als das Vorurteil des unwissenden Pöbels, weil sie in einer Menge von Phrasen und Begriffen leben und sich bewegen, aus denen die menschliche Natur längst verschwunden ist. Oh, ihr, die ihr euch selbst ehrt und demütig mit der Göttlichkeit in euren eigenen Herzen wandelt, ihr seid einer besseren Philosophie würdig! Lasst die Toten die Toten begraben, aber bewahrt ihr eure menschliche Natur, deren Tiefe niemals von einer Philosophie ausgelotet wurde, die aus Begriffen und bloßen logischen Entitäten besteht.
Im dritten Traktat meiner Logosophia, angekündigt am Ende dieses Bandes, werde ich (Deo volente) die Demonstrationen und Konstruktionen der Dynamischen Philosophie wissenschaftlich geordnet geben. Es ist, nach meiner Überzeugung, kein anderes als das System des Pythagoras und des Plato, wiederbelebt und von unreinen Beimischungen gereinigt. Doctrina per tot manus tradita tandem in vappam desiit! Die Wissenschaft der Arithmetik liefert Beispiele dafür, dass eine Regel in der praktischen Anwendung nützlich sein kann und für den speziellen Zweck durch das Ergebnis hinreichend beglaubigt sein kann, bevor sie selbst vollständig bewiesen wurde. Es genügt, wenn sie nur verständlich gemacht wird. Dies wird, so hoffe ich, in den folgenden Thesen für diejenigen meiner Leser bewirkt worden sein, die bereit sind, mich durch das folgende Kapitel zu begleiten, in dem die Ergebnisse auf die Deduktion der Einbildungskraft und damit auf die Prinzipien der Produktion und der genialen Kritik in den schönen Künsten angewendet werden.
THESE I
Wahrheit ist korrelativ zum Sein. Wissen ohne eine korrespondierende Realität ist kein Wissen; wenn wir wissen, muss es etwas geben, das von uns gewusst wird. Wissen ist seinem Wesen nach ein Tätigkeitswort.
THESE II
Alle Wahrheit ist entweder mittelbar, das heißt, von einer anderen Wahrheit oder Wahrheiten abgeleitet; oder unmittelbar und ursprünglich. Letztere ist absolut, und ihre Formel A. A.; erstere ist von abhängiger oder bedingter Gewissheit und in der Formel B. A. dargestellt. Die Gewissheit, die in A haftet, ist dem B zuzuschreiben.
SCHOLIUM. Eine Kette ohne einen Ring, von dem alle Glieder ihre Stabilität ableiten, oder eine Serie ohne ein Erstes, ist nicht unpassend allegorisiert worden als eine Schlange blinder Männer, von denen jeder den Saum des Mannes vor sich hält, weit außer Sicht reichend, aber alle ohne die geringste Abweichung in einer geraden Linie sich bewegend. Es würde natürlich als gegeben angenommen, dass ein Führer an der Spitze der Reihe stünde: was, wenn geantwortet würde: Nein! Herr, die Männer sind ohne Zahl, und unendliche Blindheit ersetzt das Sehen?
Ebenso unbegreiflich ist ein Zyklus gleicher Wahrheiten ohne ein gemeinsames und zentrales Prinzip, das jeder ihren richtigen Bereich im System der Wissenschaft vorschreibt. Dass die Absurdität uns nicht so unmittelbar trifft, dass sie nicht ebenso unvorstellbar erscheint, ist einem surreptitischen Akt der Einbildungskraft zuzuschreiben, welche instinktiv und ohne dass wir es bemerken, nicht nur die dazwischenliegenden Räume ausfüllt und den Zyklus (von B. C. D. E. F. etc.) als einen kontinuierlichen Kreis (A.) betrachtet, der allen kollektiv die Einheit ihrer gemeinsamen Umlaufbahn gibt; sondern auch durch eine Art Subintelligitur die eine zentrale Kraft liefert, die die Bewegung harmonisch und zyklisch macht.
THESE III
Wir haben daher nach einer absoluten Wahrheit zu suchen, die fähig ist, anderen Positionen eine Gewissheit mitzuteilen, die sie nicht selbst entlehnt hat; eine Wahrheit, die in sich selbst begründet, unkonditioniert und durch ihr eigenes Licht bekannt ist. Kurz, wir haben ein Etwas zu finden, das einfach deshalb ist, weil es ist. Um ein solches zu sein, muss es eines sein, das sein eigenes Prädikat ist, zumindest insofern, als alle anderen nominalen Prädikate Modi und Wiederholungen seiner selbst sein müssen. Auch sein Dasein muss so beschaffen sein, dass die Möglichkeit, eine Ursache oder ein Antezedens zu erfordern, ohne Absurdität ausgeschlossen wird.
THESE IV
Dass es nur ein solches Prinzip geben kann, lässt sich a priori beweisen; denn gäbe es zwei oder mehr, müsste jedes auf ein anderes verweisen, durch welches seine Gleichheit bejaht wird; folglich wäre keines in sich selbst begründet, wie die Hypothese verlangt. Und a posteriori wird es durch das Prinzip selbst bewiesen, wenn es entdeckt ist, da es in seinem Begriff universelle Vorangängigkeit beinhaltet.
SCHOLIUM. Wenn wir von einem Brett bejahen, dass es blau ist, ist das Prädikat (blau) akzidentell und nicht im Subjekt, Brett, impliziert. Wenn wir von einem Kreis bejahen, dass er gleichradig ist, ist das Prädikat zwar in der Definition des Subjekts impliziert; aber die Existenz des Subjekts selbst ist kontingent und setzt sowohl eine Ursache als auch einen Wahrnehmenden voraus. Dieselbe Überlegung gilt für die unbestimmte Anzahl vermeintlich undemonstrierbarer Wahrheiten, die von dem liebenswürdigen Beattie und anderen weniger eloquenten und nicht tieferen Einweihern des gesunden Menschenverstandes auf den Thron der Philosophie vor dem profanen Zugriff philosophischer Untersuchung bewahrt wurden; ein fruchtloser Versuch, wäre es nur deshalb, weil es die zweifache Aufgabe der Philosophie ist, Vernunft mit gesundem Menschenverstand zu versöhnen und den gesunden Menschenverstand zur Vernunft zu erheben.
THESE V
Ein solches Prinzip kann kein DING oder OBJEKT sein. Jedes Ding ist das, was es ist, in Folge eines anderen Dinges. Ein unendliches, unabhängiges [52] Ding ist kein geringerer Widerspruch als ein unendlicher Kreis oder ein seitenloses Dreieck. Außerdem ist ein Ding das, was fähig ist, ein Objekt zu sein, das selbst nicht der alleinige Wahrnehmende ist. Aber ein Objekt ist ohne ein Subjekt als seine Antithese unvorstellbar. Omne perceptum percipientem supponit.
Aber das Prinzip kann auch nicht in einem Subjekt als einem Subjekt gefunden werden, das von einem Objekt unterschieden ist: denn unicuique percipienti aliquid objicitur perceptum. Es ist daher weder im Objekt noch im Subjekt getrennt zu finden, und folglich, da kein anderes Drittes denkbar ist, muss es in dem gefunden werden, das weder ausschließlich Subjekt noch Objekt ist, sondern das die Identität beider ist.
THESE VI
Dieses Prinzip, und so charakterisiert, manifestiert sich in der SUMME oder ICH BIN; was ich fortan unterschiedslos durch die Worte Geist, Selbst und Selbstbewusstsein ausdrücken werde. In diesem, und nur in diesem, sind Objekt und Subjekt, Sein und Wissen identisch, wobei jedes das andere beinhaltet und voraussetzt. Mit anderen Worten, es ist ein Subjekt, das durch den Akt, sich objektiv für sich selbst zu konstruieren, zum Subjekt wird; das aber niemals Objekt ist, außer für sich selbst, und nur insofern, als es durch denselben Akt zum Subjekt wird. Es kann daher als eine beständige Selbstverdopplung ein und derselben Kraft in Objekt und Subjekt beschrieben werden, die einander voraussetzen und nur als Antithesen existieren können.
SCHOLIUM. Wenn ein Mensch gefragt wird, woher er weiß, dass er ist, so kann er nur antworten: sum quia sum. Wenn ihm aber (nachdem die Absolutheit dieser Gewissheit eingeräumt wurde) erneut die Frage gestellt wird, wie er, das individuelle Wesen, dazu kam zu sein, dann könnte er in Bezug auf den Grund seines Daseins, nicht auf den Grund seines Wissens um dieses Dasein, antworten: sum quia Deus est, oder noch philosophischer: sum quia in Deo sum.
Erheben wir jedoch unsere Vorstellung zum absoluten Selbst, zum großen ewigen ICH BIN, dann sind das Prinzip des Seins und des Wissens, der Idee und der Realität, der Grund der Existenz und der Grund des Wissens von der Existenz absolut identisch: Sum quia sum; ich bin, weil ich mich als seiend bejahe; ich bejahe mich als seiend, weil ich bin.
THESE VII
Wenn ich mich also nur durch mich selbst erkenne, so ist es widersprüchlich, irgendein anderes Prädikat des Selbst zu fordern als das des Selbstbewusstseins. Nur im Selbstbewusstsein eines Geistes gibt es die erforderliche Identität von Objekt und Vorstellung; denn hierin besteht das Wesen eines Geistes, dass er selbstrepräsentierend ist. Wenn dies daher die eine, einzige unmittelbare Wahrheit ist, in deren Gewissheit die Realität unseres gesamten Wissens begründet liegt, so muss folgen, dass der Geist in allen Objekten, die er betrachtet, nur sich selbst betrachtet. Könnte dies bewiesen werden, so wäre die unmittelbare Realität alles intuitiven Wissens gesichert. Es wurde gezeigt, dass ein Geist dasjenige ist, was sein eigenes Objekt ist, jedoch ursprünglich kein Objekt, sondern ein absolutes Subjekt, für das alles, er selbst eingeschlossen, ein Objekt werden kann. Er muss daher ein AKT sein; denn jedes Objekt ist als Objekt tot, fixiert, in sich selbst unfähig zu irgendeiner Handlung und notwendigerweise endlich. Wiederum muss der Geist (ursprünglich die Identität von Objekt und Subjekt) diese Identität in gewissem Sinne auflösen, um sich ihrer bewusst zu werden; fit alter et idem. Dies setzt jedoch einen Akt voraus, und es folgt daraus, dass Intelligenz oder Selbstbewusstsein unmöglich ist, außer durch und in einem Willen. Der selbstbewusste Geist ist daher ein Wille; und Freiheit muss als Grund der Philosophie vorausgesetzt werden und kann niemals aus ihr abgeleitet werden.
THESE VIII
Was seinem Ursprung nach objektiv ist, ist als solches notwendigerweise auch endlich. Da nun der Geist ursprünglich kein Objekt ist und als Subjekt in Antithese zu einem Objekt existiert, kann der Geist ursprünglich nicht endlich sein. Er kann aber auch kein Subjekt sein, ohne ein Objekt zu werden, und da er ursprünglich die Identität von beidem ist, kann er weder ausschließlich als unendlich noch als endlich begriffen werden, sondern als die ursprünglichste Vereinigung von beidem. In der Existenz, in der Versöhnung und im Wiederaufleben dieses Widerspruchs besteht der Prozess und das Geheimnis der Hervorbringung und des Lebens.
THESE IX
Dieses principium commune essendi et cognoscendi, wie es in einem WILLEN oder einem ursprünglichen AKT der Selbstverdopplung besteht, ist das mittelbare oder indirekte Prinzip jeder Wissenschaft; es ist jedoch das unmittelbare und direkte Prinzip allein der ultimativen Wissenschaft, d. h. allein der transzendentalen Philosophie. Denn man muss sich erinnern, dass all diese Thesen sich ausschließlich auf eine der beiden polaren Wissenschaften beziehen, nämlich auf jene, die mit dem Subjektiven beginnt und sich streng auf dieses beschränkt, während sie das Objektive (soweit es ausschließlich objektiv ist) der Naturphilosophie überlässt, die ihren Gegenpol bildet. In ihrer Idee als systematisches Wissen unseres gesamten WISSENS (scientia scientiae) schließt sie daher die Notwendigkeit irgendeines höchsten Prinzips des Wissens ein, das zugleich die Quelle und die begleitende Form aller besonderen Akte des Intellekts und der Wahrnehmung ist. Dies, so wurde gezeigt, kann nur im Akt und in der Entfaltung des Selbstbewusstseins gefunden werden. Wir untersuchen kein absolutes principium essendi; denn dann, das gebe ich zu, könnten viele stichhaltige Einwände gegen unsere Theorie erhoben werden; wir untersuchen vielmehr ein absolutes principium cognoscendi. Das Ergebnis beider Wissenschaften, oder ihr Äquatorialpunkt, wäre das Prinzip einer totalen und ungeteilten Philosophie, wie ich es aus Vorsichtsgründen im Scholium zur These VI und in der beigefügten Anmerkung vorwegzunehmen wählte. Mit anderen Worten: Philosophie würde in Religion übergehen, und Religion würde Philosophie in sich aufnehmen. Wir beginnen mit dem ICH KENNE MICH SELBST, um mit dem absoluten ICH BIN zu enden. Wir gehen vom SELBST aus, um alles Selbst in GOTT zu verlieren und zu finden.
THESE X
Der transzendentale Philosoph fragt nicht, welcher letzte Grund unseres Wissens außerhalb unseres Wissens liegen mag, sondern was das Letzte in unserem Wissen selbst ist, über das wir nicht hinausgehen können. Das Prinzip unseres Wissens wird innerhalb der Sphäre unseres Wissens gesucht. Es muss also etwas sein, das selbst gewusst werden kann. Es wird nur behauptet, dass der Akt des Selbstbewusstseins für uns die Quelle und das Prinzip alles unseres möglichen Wissens ist. Ob es von uns abstrahiert etwas Höheres und über dieses ursprüngliche Selbsterkennen Hinausgehendes gibt, das für uns die Form alles unseres Wissens ist, muss das Ergebnis entscheiden.
Dass das Selbstbewusstsein der Fixpunkt ist, an dem für uns alles befestigt und angegliedert ist, bedarf keines weiteren Beweises. Dass das Selbstbewusstsein jedoch die Modifikation einer höheren Form des Seins sein mag, vielleicht eines höheren Bewusstseins, und dieses wiederum eines noch höheren, und so fort in einem unendlichen Regressus; kurz, dass das Selbstbewusstsein selbst etwas sein mag, das in etwas erklärbar ist, das jenseits der Möglichkeit unseres Wissens liegen muss, weil die gesamte Synthese unserer Intelligenz erst im und durch das Selbstbewusstsein gebildet wird, kümmert uns als transzendentale Philosophen überhaupt nicht. Denn für uns ist das Selbstbewusstsein keine Art von Sein, sondern eine Art von Wissen, und zwar das höchste und fernste, das für uns existiert. Es lässt sich jedoch zeigen, und wurde teilweise bereits früher gezeigt, dass wir, selbst wenn das Objektive als das Erste angenommen wird, niemals über das Prinzip des Selbstbewusstseins hinausgehen können. Sollten wir es versuchen, müssten wir von Grund zu Grund zurückgetrieben werden, von denen jeder in dem Moment aufhörte, ein Grund zu sein, in dem wir auf ihn drängten. Wir müssten in den Abgrund einer unendlichen Reihe hinabgewirbelt werden. Dies aber würde unsere Vernunft den Zweck und das Ziel aller Vernunft vereiteln lassen, nämlich Einheit und System. Oder wir müssten die Reihe willkürlich abbrechen und ein absolutes Etwas bejahen, das an und für sich zugleich Ursache und Wirkung (causa sui), Subjekt und Objekt, oder vielmehr die absolute Identität von beidem ist. Da dies jedoch nur in einem Selbstbewusstsein begreifbar ist, folgt daraus, dass wir selbst als Naturphilosophen zu demselben Prinzip gelangen müssen, von dem wir als transzendentale Philosophen ausgingen; das heißt, zu einem Selbstbewusstsein, in dem das principium essendi zum principium cognoscendi nicht im Verhältnis von Ursache zu Wirkung steht, sondern beide ineinandergreifen und identisch sind. So verlegt das wahre System der Naturphilosophie die einzige Realität der Dinge in ein ABSOLUTES, das zugleich causa sui et effectus, pater autopator, uios heautou ist – in die absolute Identität von Subjekt und Objekt, die es Natur nennt und die in ihrer höchsten Potenz nichts anderes ist als selbstbewusster Wille oder Intelligenz. In diesem Sinne ist die Position von Malebranche, dass wir alle Dinge in Gott sehen, eine strikte philosophische Wahrheit; und ebenso wahr ist die Behauptung von Hobbes, von Hartley und von ihren Meistern im antiken Griechenland, dass alles wirkliche Wissen eine vorausgehende Empfindung voraussetzt. Denn die Empfindung selbst ist nur werdendes Sehen, nicht die Ursache der Intelligenz, sondern die Intelligenz selbst, die sich als eine frühere Kraft im Prozess der Selbstkonstruktion offenbart.
Makar, ilathi moi; Pater, ilathi moi Ei para kosmon, Ei para moiran Ton son ethigon!
Wenn wir also bedenken, dass Intelligenz eine Selbstentwicklung ist und keine Eigenschaft, die einer Substanz zukommt, können wir von jedem Grad abstrahieren und sie zum Zwecke der philosophischen Konstruktion auf ihre Art reduzieren, unter der Idee einer unzerstörbaren Kraft mit zwei entgegengesetzten und entgegenwirkenden Kräften, die wir mit einer aus der Astronomie entlehnten Metapher die Zentrifugal- und Zentripetalkräfte nennen können. Die Intelligenz tendiert im einen Fall dazu, sich zu objektivieren, und im anderen, sich im Objekt zu erkennen. Es wird fortan meine Aufgabe sein, durch eine Reihe von Intuitionen die progressiven Schemata zu konstruieren, die aus einer solchen Kraft mit solchen Kräften folgen müssen, bis ich zur Fülle der menschlichen Intelligenz gelange. Für meinen gegenwärtigen Zweck nehme ich eine solche Kraft als mein Prinzip an, um daraus ein Vermögen abzuleiten, dessen Entstehung, Wirken und Anwendung den Inhalt des folgenden Kapitels bilden.
Auf einer vorangegangenen Seite habe ich den Gebrauch von Fachausdrücken in der Philosophie gerechtfertigt, wann immer sie dazu dienen, Verwirrung des Denkens auszuschließen, und wenn sie das Gedächtnis durch die ausschließliche Eindeutigkeit ihrer Bedeutung mehr unterstützen, als sie für kurze Zeit die Aufmerksamkeit durch ihre Fremdartigkeit verwirren mögen. Ich vertraue darauf, dass ich dieses Privileg nicht über die Gründe hinaus ausgedehnt habe, auf denen ich es beansprucht habe; nämlich die Zweckmäßigkeit der scholastischen Redeweise, um die Art von allen Graden zu unterscheiden, oder vielmehr die Art unter Abstraktion des Grades auszudrücken, wie zum Beispiel Multietät anstelle von Menge; oder zweitens um der klanglichen Entsprechung in voneinander abhängigen oder antithetischen Begriffen willen, wie Subjekt und Objekt; oder schließlich, um das ermüdende Wiederkehren von Umschreibungen und Definitionen zu vermeiden. So werde ich es wagen, Potenz zu verwenden, um einen spezifischen Grad einer Kraft auszudrücken, in Nachahmung der Algebraiker. Ich habe sogar das neue Verb potenzieren mit seinen Ableitungen gewagt, um die Kombination oder Übertragung von Kräften auszudrücken. Es verhält sich mit neuen oder ungewöhnlichen Begriffen wie mit Privilegien an Gerichten oder in der Legislative; es kann kein legitimes Privileg geben, wo bereits ein positives Gesetz existiert, das dem Zweck angemessen ist; und wenn kein Gesetz existiert, ist das Privileg durch seine Übereinstimmung mit dem Ziel oder der Finalursache alles Rechts zu rechtfertigen. Ungewöhnliche und neugeprägte Wörter sind zweifellos ein Übel; aber Vagheit, Verwirrung und unvollkommene Vermittlung unserer Gedanken sind ein weit größeres. Jedes System, das die Notwendigkeit hat, Begriffe zu verwenden, die durch die modische Metaphysik nicht vertraut sind, wird als in einem unverständlichen Stil geschrieben beschrieben werden, und der Autor muss die Anklage erwarten, gelehrten Jargon durch klare Konzeption ersetzt zu haben; während nach dem Glaubensbekenntnis unserer modernen Philosophen nichts als klare Konzeption gilt, was nicht durch ein deutliches Bild darstellbar ist. So wird das Denkbare innerhalb der Grenzen des Sichtbaren reduziert. Hinc patet, qui fiat, ut cum irrepraesentabile et impossibile vulgo ejusdem significatus habeantur, conceptus tam continui, quam infiniti, a plurimis rejiciantur, quippe quorum, secundum leges cognitionis intuitivae, repraesentatio est impossibilis. Quanquam autem harum e non paucis scholis explosarum notionum, praesertim prioris, causam hic non gero, maximi tamen momendi erit monuisse gravissimo illos errore labi, qui tam perverse argumentandi ratione utuntur. Quicquid enim repugnat legibus intellectus et rationis, utique est impossibile; quod autem, cum rationis purae sit objectum, legibus cognitionis intuitivae tantummodo non subest, non item. Nam hic dissensus inter facultatem sensitivam et intellectualem, (quarum indolem mox exponam,) nihil indigitat, nisi, quas mens ab intellectu acceptas fert ideas abstractas, illas in concreto exsequi et in intuitus commutare saepenumero non posse. Haec autem reluctantia subjectiva mentitur, ut plurimum, repugnantiam aliquam objectivam, et incautos facile fallit, limitibus, quibus mens humana circumscribitur, pro iis habitis, quibus ipsa rerum essentia continetur.
Kritiker, die am bereitwilligsten diesen Vorwurf der Pedanterie und Unverständlichkeit erheben, übersehen am ehesten die wichtige Tatsache, dass es neben der Sprache der Worte auch eine Sprache der Geister (sermo interior) gibt – und dass erstere nur das Vehikel der letzteren ist. Folglich kann ihre Versicherung, dass sie den philosophischen Schriftsteller nicht verstehen, anstatt irgendetwas gegen die Philosophie zu beweisen, eine gleiche und (caeteris paribus) sogar eine stärkere Vermutung gegen ihr eigenes philosophisches Talent liefern.
Groß sind wahrlich die Hindernisse, denen ein englischer Metaphysiker begegnen muss. Unter seinen angesehensten und intelligentesten Richtern wird es viele geben, die ihre Aufmerksamkeit ausschließlich den Angelegenheiten und Interessen des menschlichen Lebens gewidmet haben und die bei der Lektüre eines philosophischen Systems eine habituelle Abneigung gegen alle Spekulationen mitbringen, deren Nutzen und Anwendung nicht offensichtlich und unmittelbar sind. Diesen würde ich in erster Linie lediglich eine Autorität entgegenhalten, die sie selbst als ehrwürdig betrachten, die von Lord Bacon: non inutiles Scientiae existimandae sunt, quarum in se nullus est usus, si ingenia acuant et ordinent.
Es gibt andere, deren Vorurteile noch gewaltiger sind, insofern sie in ihren moralischen Gefühlen und religiösen Prinzipien begründet sind, die durch die gottlosen und verderblichen Lehren alarmiert und schockiert wurden, welche von Hume, Priestley und den französischen Fatalisten oder Notwendigkeitsgläubigen verteidigt wurden; einige von ihnen hatten metaphysische Überlegungen zur Leugnung der Mysterien und tatsächlich aller spezifischen Lehren des Christentums missbraucht; und andere sogar zur Untergrabung jeder Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht. Ich würde solche Männer bitten zu bedenken, was ein bedeutender und erfolgreicher Verteidiger des christlichen Glaubens beobachtet hat: dass wahre Metaphysik nichts anderes ist als wahre Theologie und dass die Schriftsteller, die ihnen ein solches gerechtes Ärgernis gegeben haben, in der Tat Sophisten waren, die den allgemeinen Vernachlässigung, in die die Logik unglücklicherweise verfallen ist, ausgenutzt haben, anstatt Metaphysiker – ein Name übrigens, den diese Schriftsteller als Erste als bedeutungslos abtaten. Zweitens würde ich sie daran erinnern, dass, solange es Menschen auf der Welt gibt, denen das Gnothi seauton ein Instinkt und ein Befehl ihrer eigenen Natur ist, solange wird es Metaphysiker und metaphysische Spekulationen geben; dass falsche Metaphysik nur durch wahre Metaphysik wirksam bekämpft werden kann; und dass, wenn die Argumentation klar, solide und treffend ist, die daraus abgeleitete Wahrheit niemals weniger wertvoll sein kann aufgrund der Tiefe, aus der sie geschöpft worden sein mag.
Eine dritte Klasse bekennt sich als freundlich gegenüber der Metaphysik und glaubt, selbst Metaphysiker zu sein. Sie haben keinen Einwand gegen System oder Terminologie, vorausgesetzt, es handelt sich um die Methode und die Nomenklatur, mit denen sie in den Schriften von Locke, Hume, Hartley, Condillac oder vielleicht Dr. Reid und Professor Stewart vertraut gemacht wurden. Auf Einwände aus diesem Grund ist es eine ausreichende Antwort, dass ein Hauptziel meines Versuchs darin bestand, die Vagheit oder Unzulänglichkeit der Begriffe zu demonstrieren, die in den metaphysischen Schulen Frankreichs und Großbritanniens seit der Revolution verwendet werden, und dass die Fehler, die ich anzugreifen vorschlage, nicht bestehen können, außer sie verbergen sich hinter der Maske einer plausiblen und unbestimmten Nomenklatur.
Aber das schlimmste und weiteste Hindernis bleibt bestehen. Es ist die Vorherrschaft einer populären Philosophie, zugleich die Fälschung und der Todfeind aller wahren und männlichen metaphysischen Forschung. Es ist jene Korruption, eingeführt von gewissen immethodischen, aphorisierenden Eklektikern, die, indem sie nicht nur jedes System, sondern jeden logischen Zusammenhang verwerfen, sich das herauspicken, was am plausibelsten und eindrucksvollsten ist; die alles auswählen, was Worte sind, denen ein Anschein von Sinn beigemessen werden kann, ohne den geringsten Aufwand an Denken; kurz, alles, was Männer befähigen mag, über das zu sprechen, was sie nicht verstehen, unter sorgfältiger Vermeidung von allem, was sie für einen Moment den Verdacht ihrer Unwissenheit wecken könnte. Dies ist leider eine unheilbare Krankheit, denn sie bringt nicht so sehr eine Abneigung gegen ein bestimmtes System mit sich, als vielmehr einen völligen Verlust an Geschmack und Fähigkeit für jedes System und für jede Philosophie. Wie Echos, die sich gegenseitig unter den Bergen zeugen, hallt das Lob oder der Tadel solcher Männer noch lange nach, nachdem der Schuss aus der ursprünglichen Donnerbüchse verhallt ist. Sequacitas est potius et coitio quam consensus: et tamen (quod pessimum est) pusillanimitas ista non sine arrogantia et fastidio se offert.
Ich werde nun zur Natur und Genesis der Einbildungskraft übergehen; aber ich muss mir zuerst erlauben zu bemerken, dass ich nach einer genaueren Lektüre von Mr. Wordsworths Bemerkungen über die Einbildungskraft in seinem Vorwort zur neuen Ausgabe seiner Gedichte feststelle, dass meine Schlussfolgerungen nicht so übereinstimmend mit seinen sind, wie ich, das gestehe ich, als gegeben vorausgesetzt hatte. In einem Artikel, den ich zu Mr. Southeys Omniana, Über die Seele und ihre Sinnesorgane, beigesteuert habe, finden sich folgende Sätze: „Diese (die menschlichen Fähigkeiten) würde ich unter den verschiedenen Sinnen und Kräften anordnen: wie das Auge, das Ohr, den Tastsinn usw.; das nachahmende Vermögen, freiwillig und automatisch; die Einbildungskraft oder formende und modifizierende Kraft; die Fantasie oder das aggregierende und assoziierende Vermögen; den Verstand oder das regulative, substanziierende und realisierende Vermögen; die spekulative Vernunft, vis theoretica et scientifica, oder das Vermögen, durch das wir Einheit, Notwendigkeit und Universalität in allem unserem Wissen mittels Prinzipien a priori hervorbringen oder zu erreichen suchen; den Willen oder die praktische Vernunft; die Willkür (Germanice, Willkuehr) und (sowohl vom moralischen Willen als auch von der Wahl verschieden) das Gefühl des Wollens, das ich als Grund habe, unter die Überschrift der einfachen und doppelten Berührung zu fassen.“ Hierzu, soweit es sich auf das betreffende Thema bezieht, nämlich die Worte (das aggregierende und assoziierende Vermögen), ist Mr. Wordsworths „Einwand nur der, dass die Definition zu allgemein sei. Zu aggregieren und zu assoziieren, hervorzurufen und zu kombinieren, gehört ebenso zur Einbildungskraft wie zur Fantasie.“ Ich antworte, dass, wenn Mr. Wordsworth mit der Kraft des Hervorrufens und Kombinierens dasselbe meint wie ich mit dem Aggregierenden und Assoziierenden, ich weiterhin leugne, dass es überhaupt zur Einbildungskraft gehört; und ich neige zu der Vermutung, dass er das Miteinanderbestehen von Fantasie mit Einbildungskraft für das Wirken der letzteren allein gehalten hat. Ein Mensch kann mit zwei sehr verschiedenen Werkzeugen im selben Moment arbeiten; jedes hat seinen Anteil an der Arbeit, aber das durch jedes bewirkte Werk ist verschieden und unterschiedlich. Aber es wird wahrscheinlich im nächsten Kapitel deutlich werden, dass ich, da ich es für notwendig hielt, viel weiter zurückzugehen, als Mr. Wordsworths Thema es erforderte oder erlaubte, sowohl der Fantasie als auch der Einbildungskraft eine Bedeutung beigemessen habe, die er nicht im Blick hatte, zumindest während er jenes Vorwort schrieb. Er wird urteilen. Wollte der Himmel, ich möchte vielen solcher Leser begegnen! Ich werde mit den Worten von Bischof Jeremy Taylor schließen: „Er, für den alle Dinge eins sind, der alle Dinge zu einem hinzieht und alle Dinge in einem sieht, mag wahren Frieden und Ruhe des Geistes genießen.“
KAPITEL XIII
Über die Einbildungskraft oder das esemplastische Vermögen
O Adam, One Almighty is, from whom All things proceed, and up to him return, If not deprav’d from good, created all Such to perfection, one first matter all, Endued with various forms, various degrees Of substance, and, in things that live, of life; But more refin’d, more spiritous and pure, As nearer to him plac’d, or nearer tending, Each in their several active spheres assigu’d, Till body up to spirit work, in bounds Proportion’d to each kind. So from the root Springs lighter the green stalk, from thence the leaves More aery: last the bright consummate flower Spirits odorous breathes: flowers and their fruit, Man’s nourishment, by gradual scale sublim’d, To vital spirits aspire: to animal: To intellectual!--give both life and sense, Fancy and understanding; whence the soul REASON receives, and reason is her being, Discursive or intuitive.
„Sane dicerentur si res corporales nil nisi materiale continerent, verissime in fluxu consistere, neque habere substantiale quicquam, quemadmodum et Platonici olim recte agnovere.“
„Hinc igitur, praeter pure mathematica et phantasiae subjecta, collegi quaedam metaphysica solaque mente perceptibilia, esse admittenda et massae materiali principium quoddam superius et, ut sic dicam, formale addendum: quandoquidem omnes veritates rerum corporearum ex solis axiomatibus logisticis et geometricis, nempe de magno et parvo, toto et parte, figura et situ, colligi non possint; sed alia de causa et effectu, actioneque et passione, accedere debeant, quibus ordinis rerum rationes salventur. Id principium rerum, an entelecheian an vim appellemus, non refert, modo meminerimus, per solam Virium notionem intelligibiliter explicari.“
Sebomai noeron Kruphian taxin Chorei TI MESON Ou katachuthen.
Des Cartes, als Naturforscher sprechend und in Nachahmung des Archimedes, sagte: Gebt mir Materie und Bewegung, und ich werde euch das Universum konstruieren. Wir müssen ihn natürlich so verstehen, dass er meinte: Ich werde die Konstruktion des Universums begreiflich machen. Im gleichen Sinne sagt der transzendentale Philosoph: Gewährt mir eine Natur mit zwei entgegengesetzten Kräften, von denen die eine dazu neigt, sich unendlich auszudehnen, während die andere danach strebt, sich in dieser Unendlichkeit zu begreifen oder zu finden, und ich werde die Welt der Intelligenzen mit dem ganzen System ihrer Vorstellungen vor euch erstehen lassen. Jede andere Wissenschaft setzt Intelligenz als bereits existierend und vollständig voraus: Der Philosoph betrachtet sie in ihrem Wachstum und stellt gleichsam ihre Geschichte für den Geist von ihrer Geburt bis zu ihrer Reife dar.
Der ehrwürdige Weise von Königsberg ist dem Marsch dieses Leitgedankens als wirksamer Pionier in seinem 1763 veröffentlichten Aufsatz über die Einführung negativer Größen in die Philosophie vorangegangen. Darin hat er gezeigt, dass der Metaphysiker, anstatt die Wissenschaft der Mathematik mit Metaphysik anzugreifen, wie es Berkeley in seinem ANALYST tat, oder sie zu sophistizieren, wie es Wolf durch den vergeblichen Versuch tat, die ersten Prinzipien der Geometrie aus vermeintlich tieferen Gründen der Ontologie abzuleiten, vielmehr prüfen sollte, ob das einzige Wissensgebiet, das der Mensch zu einer reinen Wissenschaft zu erheben vermocht hat, nicht Materialien oder zumindest Hinweise zur Festigung und Befriedung des unruhigen, kriegerischen und verworrenen Gebiets der Philosophie liefern könnte. Eine Nachahmung der mathematischen Methode war zwar versucht worden, jedoch mit keinem besseren Erfolg, als ihn der Versuch Davids begleitete, die Rüstung Sauls zu tragen. Ein anderer Gebrauch ist jedoch möglich und von weitaus größerer Verheißung, nämlich die tatsächliche Anwendung der Sätze, welche die Entdeckungen der Geometrie so wunderbar erweitert hatten, mutatis mutandis, auf philosophische Gegenstände. Nachdem Kant die Nützlichkeit eines solchen Versuchs in den Fragen von Raum, Bewegung und unendlich kleinen Größen, wie sie der Mathematiker verwendet, kurz erläutert hat, geht er zur Idee der negativen Größen und deren Übertragung auf die metaphysische Untersuchung über. Gegensätze, so bemerkt er richtig, sind zweierlei Art: entweder logische, das heißt solche, die absolut unvereinbar sind; oder reale, ohne widersprüchlich zu sein. Die ersteren bezeichnet er als Nihil negativum irrepraesentabile, deren Verbindung Unsinn erzeugt. Ein Körper in Bewegung ist etwas – Aliquid cogitabile; aber ein Körper, der zur selben Zeit in Bewegung und nicht in Bewegung ist, ist nichts oder höchstens in Unsinn artikulierte Luft. Aber eine bewegende Kraft eines Körpers in eine Richtung und eine gleiche Kraft desselben Körpers in eine entgegengesetzte Richtung sind nicht unvereinbar, und das Resultat, nämlich Ruhe, ist real und darstellbar. Für die Zwecke der mathematischen Kalkulation ist es gleichgültig, welche Kraft wir negativ und welche positiv nennen, und folglich eignen wir letztere dem zu, was zufällig das Hauptobjekt unserer Gedanken ist. Wenn also das Kapital eines Mannes zehn und seine Schulden acht sind, ist die Subtraktion dieselbe, ob wir das Kapital als negative Schuld oder die Schuld als negatives Kapital bezeichnen. Da sich letzteres jedoch praktisch auf ersteres bezieht, stellen wir die Summe natürlich als 10-8 dar. Es ist ebenso klar, dass zwei gleiche Kräfte, die in entgegengesetzte Richtungen wirken, beide endlich sind und sich jeweils nur durch ihre Richtung voneinander unterscheiden, sich gegenseitig neutralisieren oder auf Untätigkeit reduzieren müssen. Nun verlangt die transzendentale Philosophie: erstens, dass zwei Kräfte gedacht werden sollten, die einander durch ihr essentielles Wesen entgegenwirken; nicht nur nicht infolge der zufälligen Richtung einer jeden, sondern als vor aller Richtung liegend, ja als die Primärkräfte, aus denen die Bedingungen aller möglichen Richtungen ableitbar und deduzierbar sind: zweitens, dass diese Kräfte als beide gleichermaßen unendlich, beide gleichermaßen unzerstörbar angenommen werden sollten. Das Problem wird dann sein, das Resultat oder Produkt zweier solcher Kräfte zu entdecken, wie es sich vom Resultat jener Kräfte unterscheidet, die endlich sind und ihren Unterschied einzig aus dem Umstand ihrer Richtung ableiten. Wenn wir durch den Prozess des diskursiven Denkens ein Schema oder einen Entwurf dieser zwei verschiedenen Arten von Kraft und ihrer verschiedenen Resultate gebildet haben, wird es uns dann verbleiben, die These vom Begrifflichen zum Aktuellen zu erheben, indem wir intuitiv diese eine Kraft mit ihren zwei innewohnenden, unzerstörbaren, doch entgegenwirkenden Kräften sowie die Resultate oder Generationen betrachten, denen ihre Durchdringung im lebendigen Prinzip und im Prozess unseres eigenen Selbstbewusstseins Dasein verleiht. Mit welchem Instrument dies möglich ist, wird die Lösung selbst entdecken, während sie gleichzeitig enthüllen wird, wem und für wen es möglich ist. Non omnia possumus omnes. Es gibt ein philosophisches ebenso wie ein poetisches Genie, das sich von der höchsten Vollkommenheit des Talents nicht durch den Grad, sondern durch die Art unterscheidet.
Das Entgegenwirken der zwei angenommenen Kräfte hängt also nicht von ihrem Aufeinandertreffen aus entgegengesetzten Richtungen ab; die Kraft, die in ihnen wirkt, ist unzerstörbar; sie ist daher unerschöpflich wiederaufwallend; und da etwas das Resultat dieser zwei Kräfte sein muss, beide gleichermaßen unendlich und beide gleichermaßen unzerstörbar; und da Ruhe oder Neutralisation nicht dieses Resultat sein kann; ist keine andere Auffassung möglich, als dass das Produkt ein tertium aliquid oder eine endliche Generation sein muss. Folglich ist diese Auffassung notwendig. Nun kann dieses tertium aliquid kein anderes sein als eine Durchdringung der entgegenwirkenden Kräfte, die an beiden teilhat.
* * * * * *
Soweit war das Werk für die Presse abgeschrieben, als ich den folgenden Brief von einem Freund erhielt, dessen praktisches Urteil ich reichlich Grund hatte zu schätzen und zu verehren, und dessen Geschmack und Empfindsamkeit alle Ausreden ausschließen, zu denen mich meine Eigenliebe möglicherweise hätte veranlassen können, um sie als Entschuldigung gegen die Entscheidung von Beratern mit ebenso viel gesundem Menschenverstand, aber weniger Takt und Gefühl vorzubringen.
„Lieber C.
„Du fragst mich nach meiner Meinung zu deinem Kapitel über die Einbildungskraft, sowohl hinsichtlich der Eindrücke, die es auf mich persönlich machte, als auch hinsichtlich derer, die es meiner Ansicht nach auf das Publikum machen wird, d. h. auf jenen Teil des Publikums, der aufgrund des Titels des Werkes und der Tatsache, dass es eine Art Einführung zu einem Band mit Gedichten bildet, wahrscheinlich die große Mehrheit deiner Leser ausmachen wird.
„Was mich betrifft, und um zunächst die Wirkung auf meinen Verstand darzulegen: Deine Meinungen und deine Argumentationsmethode waren für mich nicht nur so neu, sondern so direkt das Gegenteil von allem, was ich immer als Wahrheit zu betrachten gewohnt war, dass ich selbst dann, wenn ich deine Voraussetzungen ausreichend begriffen hätte, um sie zuzugeben, und die Notwendigkeit deiner Schlussfolgerungen gesehen hätte, immer noch in jenem Geisteszustand gewesen wäre, den du in deiner Anmerkung in Kap. IV so geistreich als die Antithese zu dem Zustand entwickelt hast, in dem sich ein Mensch befindet, wenn er einen logischen Fehler macht. In deinen eigenen Worten: Ich hätte mich gefühlt, als stünde ich auf dem Kopf.
„Die Wirkung auf meine Gefühle hingegen kann ich nicht besser darstellen, als indem ich annehme, ich hätte nur unsere leichten, luftigen modernen Kapellen gekannt und wäre dann zum ersten Mal allein in einer unserer größten gotischen Kathedralen in einer stürmischen, mondhellen Herbstnacht zurückgelassen worden. ‚Nun im Schimmer, und nun im Dunkel;‘ oft in fühlbarer Finsternis, nicht ohne ein schauriges Gefühl des Entsetzens; dann plötzlich in weite, doch visionäre Lichter mit farbigen Schatten von fantastischen Formen auftauchend, doch alle geschmückt mit heiligen Insignien und mystischen Symbolen; und immer wieder direkt vor Bilder und steinerne Abbilder großer Männer tretend, mit deren Namen ich vertraut war, die mich aber mit Mienen und einem Ausdruck ansahen, der am unähnlichsten allem war, was ich gewohnt war, mit diesen Namen zu verbinden. Diejenigen, die ich als fast übermenschlich an Größe des Intellekts zu verehren gelehrt worden war, fand ich als groteske Zwerge in kleinen Schnitznischen hocken; während die Grotesken, in meinem bisherigen Glauben, mit allen Charakteren der Apotheose den Hochaltar bewachten. Kurz gesagt, was ich für Substanzen gehalten hatte, wurde zu Schatten verdünnt, während überall Schatten zu Substanzen vertieft wurden:
Wenn Substanz genannt werden könnte, was Schatten schien, Denn jedes schien das andere!
„Doch nach alledem konnte ich nicht anders, als die Zeilen zu wiederholen, die du aus einem MS-Gedicht von dir selbst im FRIEND zitiert und auf ein Werk von Herrn Wordsworth angewandt hattest, wenn auch mit einigen geänderten Wörtern:
------Ein Orpheus-Märchen wahrlich, Ein dunkles Märchen von hohen und leidenschaftlichen Gedanken, Zu einer seltsamen Musik gesungen!
„Sei jedoch versichert, dass ich mit Spannung deinem großen Buch über die KONSTRUKTIVE PHILOSOPHIE entgegensehe, das du versprochen und angekündigt hast: und dass ich mein Bestes tun werde, es zu verstehen. Nur werde ich nicht versprechen, mit dir in die dunkle Höhle des Trophonios hinabzusteigen, um mir dort die Augen zu reiben, damit die Funken und figurierten Blitze entstehen, die ich sehen soll.
„So viel zu mir. Was aber das Publikum betrifft, so zögere ich keinen Moment, dir zu raten und dich zu drängen, das Kapitel aus dem vorliegenden Werk zurückzuziehen und es für deine angekündigten Abhandlungen über den Logos oder den kommunikativen Intellekt im Menschen und in der Gottheit aufzubewahren. Erstens, weil ich, so unvollkommen ich das vorliegende Kapitel auch verstehe, deutlich sehe, dass du zu viel getan und doch nicht genug getan hast. Du warst gezwungen, aus der Notwendigkeit der Komprimierung so viele Glieder auszulassen, dass das, was bleibt, (wenn ich auf meine frühere Illustration zurückgreifen darf) wie die Fragmente der gewundenen Stufen eines alten zerstörten Turms aussieht. Zweitens ist ein noch stärkeres Argument (zumindest eines, von dem ich sicher bin, dass es bei dir mehr Gewicht haben wird), dass deine Leser sowohl das Recht als auch einen Grund haben werden, sich über dich zu beklagen. Dieses Kapitel, das, wenn es gedruckt ist, nicht weniger als hundert Seiten umfassen kann, wird notwendigerweise die Kosten des Werkes stark erhöhen; und jeder Leser, der wie ich weder auf das Studium eines so schwierigen Themas vorbereitet noch vielleicht dafür veranlagt ist, wird, wie ich bereits angedeutet habe, fast berechtigt sein, dich einer Art von Täuschung an ihm zu beschuldigen. Denn wer, so könnte er zu Recht bemerken, hätte aus deinem Titelblatt, nämlich „Mein literarisches Leben und meine Meinungen“, das zudem als Einleitung zu einem Band mit vermischten Gedichten veröffentlicht wurde, ein langes Traktat über Idealen Realismus vorausahnen oder auch nur vermuten können, das in seiner Schwierigkeit in derselben Beziehung zu Plotin steht wie Plotin zu Plato. Es wäre gut, wenn du nicht schon zu viel metaphysische Erörterung in deinem Werk hättest, obwohl der größere Teil der Erörterung historisch ist und es zweifellos für viele interessant und lehrreich sein wird, für deren unvorbereitete Geister deine Spekulationen über die esemplastische Kraft völlig unverständlich wären. Sei versichert, wenn du dieses Kapitel im vorliegenden Werk veröffentlichst, wirst du an Bischof Berkeleys Siris erinnert werden, das als ein Aufsatz über Teerwasser angekündigt wurde, das mit Teer beginnt und mit der Dreifaltigkeit endet, wobei das omne scibile den Zwischenraum bildet. Ich sage im vorliegenden Werk. In jenem größeren Werk, dem du so viele Jahre und ein so intensives und vielfältiges Studium gewidmet hast, wird es an seinem richtigen Platz sein. Dein Prospekt wird sowohl seinen Inhalt als auch seine Natur beschrieben und angekündigt haben; und wenn Personen es kaufen, die kein Interesse an den Themen haben, die es behandelt, so werden sie nur sich selbst zu beschuldigen haben.
„Ich könnte diesen Argumenten eines hinzufügen, das sich aus finanziellen Motiven ableitet, und insbesondere aus den wahrscheinlichen Auswirkungen auf den Verkauf deiner jetzigen Veröffentlichung; aber sie würden bei dir im Vergleich zu den vorangegangenen wenig wiegen. Außerdem habe ich lange beobachtet, dass Argumente, die aus deinen eigenen persönlichen Interessen gezogen werden, bei dir öfter als Betäubungsmittel denn als Stimulanzien wirken, und dass du in Geldangelegenheiten einen kleinen Teil Schweinenatur in deiner moralischen Idiosynkrasie hast und, wie diese liebenswerten Geschöpfe, gelegentlich rückwärts vom Boot gezogen werden musst, um dich dazu zu bringen, es zu betreten. Aller Erfolg begleite dich, denn wenn hartes Denken und hartes Lesen Verdienste sind, hast du ihn verdient.
„Dein dich liebender, etc.“
Infolge dieses sehr umsichtigen Briefes, der bei mir vollkommene Überzeugung hervorrief, werde ich mich für den Augenblick damit begnügen, das Hauptergebnis des Kapitels darzulegen, das ich mir für jene zukünftige Veröffentlichung vorbehalten habe, von der der Leser am Ende des zweiten Bandes einen detaillierten Prospekt finden wird.
Die Einbildungskraft betrachte ich dann entweder als primär oder sekundär. Die primäre Einbildungskraft halte ich für die lebendige Kraft und den Hauptakteur aller menschlichen Wahrnehmung und als eine Wiederholung im endlichen Geist des ewigen Schöpfungsaktes im unendlichen ICH BIN. Die sekundäre Einbildungskraft betrachte ich als ein Echo der ersteren, koexistierend mit dem bewussten Willen, doch immer noch identisch mit der primären in der Art ihrer Wirkung und sich nur im Grad und in der Art ihrer Operation unterscheidend. Sie löst auf, zerstreut, dissipiert, um wieder zu erschaffen: oder wo dieser Prozess unmöglich gemacht wird, kämpft sie dennoch jedenfalls darum, zu idealisieren und zu vereinheitlichen. Sie ist wesentlich vital, selbst wie alle Objekte (als Objekte) wesentlich fixiert und tot sind.
PHANTASIE hingegen hat keine anderen Zähler zum Spielen, als Fixitäten und Definites. Die Phantasie ist in der Tat nichts anderes als ein Modus des Gedächtnisses, befreit von der Ordnung von Zeit und Raum; während sie mit jenem empirischen Phänomen des Willens vermischt und von ihm modifiziert wird, das wir mit dem Wort Wahl ausdrücken. Aber ebenso wie das gewöhnliche Gedächtnis muss die Phantasie alle ihre Materialien fertig vom Gesetz der Assoziation empfangen.
KAPITEL XIV
Anlass der Lyrical Ballads und die ursprünglich vorgeschlagenen Objekte – Vorwort zur zweiten Ausgabe – Die darauffolgende Kontroverse, ihre Ursachen und ihre Schärfe – Philosophische Definitionen eines Gedichts und der Poesie mit Scholien.
Während des ersten Jahres, in dem Herr Wordsworth und ich Nachbarn waren, drehten sich unsere Gespräche häufig um die zwei Kardinalpunkte der Poesie: die Kraft, die Sympathie des Lesers durch ein treues Festhalten an der Wahrheit der Natur zu erregen, und die Kraft, durch die modifizierenden Farben der Einbildungskraft den Reiz des Neuen zu verleihen. Der plötzliche Zauber, den Zufälle von Licht und Schatten, den Mondlicht oder Sonnenuntergang über eine bekannte und vertraute Landschaft verbreiteten, schien die Durchführbarkeit einer Verbindung beider darzustellen. Dies ist die Poesie der Natur. Der Gedanke kam auf – (an welchen von uns, erinnere ich mich nicht) –, dass eine Reihe von Gedichten aus zwei Arten zusammengesetzt sein könnte. Bei der einen sollten die Vorfälle und Akteure zumindest teilweise übernatürlich sein; und die angestrebte Exzellenz sollte darin bestehen, die Affekte durch die dramatische Wahrheit solcher Emotionen zu interessieren, wie sie natürlicherweise solche Situationen begleiten würden, vorausgesetzt, sie wären real. Und real in diesem Sinne waren sie für jedes menschliche Wesen, das sich, aus welcher Quelle des Wahns auch immer, zu irgendeiner Zeit unter übernatürlichem Einfluss glaubte. Für die zweite Klasse sollten Themen aus dem gewöhnlichen Leben gewählt werden; die Charaktere und Vorfälle sollten solche sein, wie man sie in jedem Dorf und dessen Umgebung findet, wo es einen nachdenklichen und fühlenden Geist gibt, der nach ihnen sucht oder sie bemerkt, wenn sie sich darbieten.
In dieser Idee entstand der Plan der LYRICAL BALLADS; in denen vereinbart wurde, dass meine Bemühungen auf übernatürliche oder zumindest romantische Personen und Charaktere gerichtet sein sollten; doch so, dass aus unserer inneren Natur ein menschliches Interesse und ein Schein von Wahrheit übertragen wird, die ausreichen, um für diese Schatten der Einbildungskraft jenes willige Aussetzen des Unglaubens für den Moment zu erwirken, das den poetischen Glauben ausmacht. Herr Wordsworth hingegen sollte sich als Objekt vornehmen, den Dingen des Alltags den Reiz des Neuen zu verleihen und ein Gefühl hervorzurufen, das dem Übernatürlichen analog ist, indem er die Aufmerksamkeit des Geistes auf die Lethargie der Gewohnheit weckt und sie auf die Lieblichkeit und die Wunder der Welt vor uns richtet; ein unerschöpflicher Schatz, für den wir jedoch infolge des Schleiers der Vertrautheit und der eigennützigen Sorge Augen haben, doch nicht sehen, Ohren, die nicht hören, und Herzen, die weder fühlen noch verstehen.
Mit dieser Absicht schrieb ich THE ANCIENT MARINER und bereitete unter anderen Gedichten THE DARK LADIE und CHRISTABEL vor, in denen ich mein Ideal näher verwirklicht hätte, als ich es in meinem ersten Versuch getan hatte. Aber Herrn Wordsworths Fleiß hatte sich als so viel erfolgreicher erwiesen und die Anzahl seiner Gedichte als so viel größer, dass meine Kompositionen, anstatt ein Gleichgewicht zu bilden, eher wie eine Interpolation heterogener Materie erschienen. Herr Wordsworth fügte zwei oder drei Gedichte hinzu, die in seinem eigenen Charakter geschrieben waren, in der leidenschaftlichen, erhabenen und anhaltenden Diktion, die für sein Genie charakteristisch ist. In dieser Form wurden die LYRICAL BALLADS veröffentlicht; und wurden von ihm als Experiment präsentiert, ob Themen, die ihrer Natur nach die üblichen Ornamente und den extra-kolloquialen Stil von Gedichten im Allgemeinen ablehnten, in der Sprache des gewöhnlichen Lebens so gehandhabt werden könnten, dass sie das angenehme Interesse erzeugten, das die besondere Aufgabe der Poesie zu vermitteln ist. Zur zweiten Ausgabe fügte er ein Vorwort beträchtlicher Länge hinzu; in dem er, ungeachtet einiger Passagen von scheinbar gegenteiliger Bedeutung, dahingehend verstanden wurde, für die Ausdehnung dieses Stils auf Poesie aller Art zu streiten und als fehlerhaft und nicht verteidigbar alle Phrasen und Redewendungen zurückzuweisen, die nicht in dem enthalten waren, was er (wie ich meine, unglücklicherweise einen zweideutigen Ausdruck wählend) die Sprache des wirklichen Lebens nannte. Aus diesem Vorwort, das Gedichten vorangestellt war, in denen es unmöglich war, die Anwesenheit von originellem Genie zu leugnen, wie fehlerhaft dessen Richtung auch angesehen werden mochte, entstand die ganze langwierige Kontroverse. Denn aus der Verbindung von wahrgenommener Kraft mit vermeintlicher Ketzerei erkläre ich die Verstocktheit und in einigen Fällen, wie ich mit Bedauern sagen muss, die gehässigen Leidenschaften, mit denen die Kontroverse von den Angreifern geführt wurde.
Wären Herrn Wordsworths Gedichte die albernen, kindischen Dinge gewesen, als die sie lange Zeit beschrieben wurden; hätten sie sich von den Kompositionen anderer Dichter wirklich nur durch die Niedrigkeit der Sprache und die Leere des Gedankens unterschieden; hätten sie in der Tat nichts anderes enthalten als das, was in den Parodien und vermeintlichen Nachahmungen von ihnen zu finden ist; so wären sie sofort als totes Gewicht in den Sumpf des Vergessens gesunken und hätten das Vorwort mit sich gezogen. Aber Jahr für Jahr stieg die Anzahl der Bewunderer von Herrn Wordsworth. Sie fanden sich auch nicht in den unteren Klassen des lesenden Publikums, sondern hauptsächlich unter jungen Männern von starker Empfindsamkeit und nachdenklichem Geist; und ihre Bewunderung (vielleicht in gewissem Grad durch Opposition entflammt) zeichnete sich durch ihre Intensität aus, ich könnte fast sagen, durch ihren religiösen Eifer. Diese Tatsachen und die intellektuelle Energie des Autors, die mehr oder weniger bewusst gespürt wurde, wo sie äußerlich und sogar stürmisch geleugnet wurde, trafen mit Gefühlen der Abneigung gegen seine Meinungen und der Alarmierung über ihre Konsequenzen zusammen und erzeugten ein Wirbel der Kritik, der die Gedichte allein durch die Heftigkeit, mit der er sie im Kreis herumwirbelte, hätte oben halten müssen. Mit vielen Teilen dieses Vorworts in dem Sinne, der ihnen beigemessen wurde und den die Worte zweifellos zu autorisieren scheinen, habe ich nie übereingestimmt; sondern im Gegenteil habe ich sie als im Prinzip fehlerhaft abgelehnt und als (zumindest dem Anschein nach) sowohl anderen Teilen desselben Vorworts als auch der eigenen Praxis des Autors in den meisten Gedichten selbst widersprechend. Herr Wordsworth hat in seiner jüngsten Sammlung, wie ich feststelle, diese einleitende Erörterung an das Ende seines zweiten Bandes degradiert, damit sie nach Wahl des Lesers gelesen wird oder nicht. Aber er hat, soweit ich entdecken kann, keine Änderung in seinem poetischen Credo angekündigt. Jedenfalls, da ich es als die Quelle einer Kontroverse betrachte, in der ich mehr geehrt wurde, als ich verdiene, durch die häufige Verbindung meines Namens mit seinem, halte ich es für zweckmäßig, ein für alle Mal zu erklären, in welchen Punkten ich mit den in jenem Vorwort unterstützten Meinungen übereinstimme und in welchen Punkten ich völlig anderer Meinung bin. Aber um mich verständlich zu machen, muss ich zuvor, in so wenigen Worten wie möglich, meine Ansichten erläutern, erstens von einem Gedicht; und zweitens von der Poesie selbst, in ihrer Art und in ihrem Wesen.
Die Aufgabe philosophischer Untersuchung besteht in präziser Unterscheidung; es ist jedoch das Privileg des Philosophen, sich stets bewusst zu bleiben, dass Unterscheidung keine Trennung ist. Um angemessene Begriffe von irgendeiner Wahrheit zu erlangen, müssen wir deren unterscheidbare Teile intellektuell voneinander trennen; dies ist das technische Verfahren der Philosophie. Nachdem wir dies jedoch getan haben, müssen wir sie in unseren Vorstellungen wieder zu jener Einheit zusammenfügen, in der sie tatsächlich koexistieren; dies ist das Ergebnis der Philosophie. Ein Gedicht enthält dieselben Elemente wie eine Prosaarbeit; der Unterschied muss daher in einer anderen Kombination derselben bestehen, als Folge eines anders gesetzten Ziels. Gemäß der Verschiedenheit des Ziels wird die Verschiedenheit der Kombination sein. Es ist möglich, dass das Ziel lediglich darin besteht, die Erinnerung an gegebene Fakten oder Beobachtungen durch künstliche Anordnung zu erleichtern; und die Komposition wird ein Gedicht sein, bloß weil sie sich von Prosa durch Metrum, oder durch Reim, oder durch beides zusammen unterscheidet. In diesem, dem niedrigsten Sinne, könnte ein Mensch die Bezeichnung Gedicht auf die wohlbekannte Aufzählung der Tage in den verschiedenen Monaten anwenden:
„Dreißig Tage hat September, April, Juni und November“, usw.
und andere der gleichen Art und Absicht. Und da ein besonderes Vergnügen darin gefunden wird, das Wiederkehren von Klängen und Quantitäten vorauszusehen, dürfen alle Kompositionen, die diesen zusätzlichen Reiz besitzen, wie auch immer ihr Inhalt sein mag, als Gedichte bezeichnet werden.
So viel zur oberflächlichen Form. Eine Verschiedenheit von Ziel und Inhalt liefert einen zusätzlichen Unterscheidungsgrund. Der unmittelbare Zweck mag die Mitteilung von Wahrheiten sein; sei es von absoluter und beweisbarer Wahrheit, wie in wissenschaftlichen Werken; oder von erfahrenen und aufgezeichneten Tatsachen, wie in der Geschichte. Vergnügen, und zwar von der höchsten und beständigsten Art, mag aus dem Erreichen des Ziels resultieren; aber es ist nicht selbst das unmittelbare Ziel. In anderen Werken mag die Vermittlung von Vergnügen der unmittelbare Zweck sein; und obwohl Wahrheit, sei sie moralisch oder intellektuell, das letztliche Ziel sein sollte, wird dies den Charakter des Autors unterscheiden, nicht die Klasse, der das Werk angehört. Gesegnet ist wahrlich jener Zustand der Gesellschaft, in dem der unmittelbare Zweck durch die Perversion des eigentlichen Endziels vereitelt würde; in dem kein Reiz der Diktion oder Bildlichkeit den BATHYLLUS selbst eines Anakreon, oder den ALEXIS eines Vergil, vor Abscheu und Abneigung bewahren könnte!
Doch die Vermittlung von Vergnügen kann der unmittelbare Gegenstand eines Werkes sein, das nicht metrisch verfasst ist; und dieses Ziel kann in hohem Maße erreicht worden sein, wie in Romanen und Erzählungen. Würde dann die bloße Hinzufügung von Metrum, mit oder ohne Reim, diesen den Namen Gedicht verleihen? Die Antwort lautet, dass nichts dauerhaft gefallen kann, was nicht in sich selbst den Grund dafür enthält, warum es so ist und nicht anders. Wenn ein Metrum hinzugefügt wird, müssen alle anderen Teile damit in Einklang gebracht werden. Sie müssen so beschaffen sein, dass sie die beständige und deutliche Aufmerksamkeit auf jeden Teil rechtfertigen, welche eine exakt entsprechende Wiederkehr von Akzent und Klang hervorzurufen geeignet ist. Die so abgeleitete endgültige Definition könnte also folgendermaßen lauten. Ein Gedicht ist jene Art von Komposition, die wissenschaftlichen Werken entgegengesetzt ist, indem sie als unmittelbaren Gegenstand Vergnügen und nicht Wahrheit vorschlägt; und von allen anderen Arten – die diesen Gegenstand mit ihr gemein haben – unterscheidet es sich dadurch, dass es sich ein solches Vergnügen am Ganzen vorschlägt, wie es mit einer deutlichen Befriedigung an jedem Bestandteil vereinbar ist.
Kontroversen entstehen nicht selten daraus, dass die Streitenden jedem dasselbe Wort in einer anderen Bedeutung beimessen; und in wenigen Fällen war dies so frappierend wie in Streitigkeiten über das gegenwärtige Thema. Wenn ein Mensch jede Komposition, die Reim oder Maß oder beides aufweist, ein Gedicht nennen möchte, muss ich seine Meinung unwidersprochen lassen. Die Unterscheidung ist zumindest dazu geeignet, die Absicht des Schreibers zu charakterisieren. Sollte hinzugefügt werden, dass das Ganze zudem unterhaltsam oder ergreifend ist, wie ein Märchen oder eine Reihe interessanter Reflexionen, so gebe ich dies natürlich als einen weiteren passenden Bestandteil eines Gedichts und als zusätzlichen Vorzug zu. Wenn jedoch die gesuchte Definition die eines legitimen Gedichts ist, antworte ich, dass es eines sein muss, dessen Teile sich gegenseitig stützen und erklären; wobei alle in ihrem Verhältnis harmonieren und den Zweck sowie die bekannten Wirkungen der metrischen Anordnung unterstützen. Die philosophischen Kritiker aller Zeitalter stimmen mit dem endgültigen Urteil aller Länder darin überein, dass sie die Auszeichnung eines wahren Gedichts einerseits einer Reihe von markanten Zeilen oder Distichen verweigern, von denen jede, indem sie die Aufmerksamkeit des Lesers ganz auf sich zieht, von ihrem Kontext losgelöst wird und ein separates Ganzes bildet, statt eines harmonisierenden Teils; und andererseits einer ungestützten Komposition, aus welcher der Leser schnell das Gesamtergebnis entnimmt, ohne von den Bestandteilen angezogen zu werden. Der Leser sollte vorwärtsgetragen werden, nicht bloß oder hauptsächlich durch den mechanischen Impuls der Neugier oder durch ein rastloses Verlangen, zur endgültigen Auflösung zu gelangen, sondern durch die lustvolle Aktivität des Geistes, die durch die Reize der Reise selbst angeregt wird. Wie die Bewegung einer Schlange, die die Ägypter zum Sinnbild geistiger Kraft machten; oder wie der Pfad des Schalls durch die Luft – bei jedem Schritt hält er inne und weicht halb zurück; und aus der rückläufigen Bewegung sammelt er die Kraft, die ihn wieder vorwärts trägt. Praecipitandus est liber spiritus, sagt Petronius höchst glücklich. Das Epitheton liber gleicht hier das vorangehende Verb aus, und es ist nicht leicht, sich mehr Bedeutung in weniger Worten verdichtet vorzustellen.
Wenn dies jedoch als befriedigender Charakter eines Gedichts zugelassen werden sollte, müssen wir noch nach einer Definition von Poesie suchen. Die Schriften von Plato und Jeremy Taylor sowie Burnets „Theory of the Earth“ liefern unbestreitbare Beweise dafür, dass Poesie höchster Art ohne Metrum und sogar ohne die unterscheidenden Gegenstände eines Gedichts existieren kann. Das erste Kapitel Jesajas – in der Tat ein sehr großer Teil des gesamten Buches – ist Poesie im nachdrücklichsten Sinne; doch wäre es nicht weniger irrational als seltsam zu behaupten, dass Vergnügen und nicht Wahrheit der unmittelbare Gegenstand des Propheten war. Kurz gesagt, welchen spezifischen Inhalt wir dem Wort Poesie auch beimessen, es wird sich als notwendige Konsequenz darin finden, dass ein Gedicht von einiger Länge weder ganz Poesie sein kann noch sein sollte. Wenn jedoch ein harmonisches Ganzes hervorgebracht werden soll, müssen die übrigen Teile in Einklang mit der Poesie bewahrt werden; und dies kann nicht anders bewirkt werden als durch eine solche studierte Auswahl und künstliche Anordnung, die an der einen, wenn auch nicht eigentümlichen Eigenschaft der Poesie teilhat. Und dies kann wiederum keine andere sein als die Eigenschaft, eine kontinuierlichere und gleichmäßigere Aufmerksamkeit zu erregen, als die Sprache der Prosa anstrebt, ob umgangssprachlich oder schriftlich.
Meine eigenen Schlussfolgerungen über das Wesen der Poesie im strengsten Gebrauch des Wortes sind teilweise in einigen Bemerkungen über Phantasie und Einbildungskraft im frühen Teil dieses Werkes vorweggenommen worden. Was ist Poesie? – ist fast dieselbe Frage wie: Was ist ein Dichter? – sodass die Antwort auf die eine in der Lösung der anderen enthalten ist. Denn es ist eine Unterscheidung, die aus dem poetischen Genie selbst resultiert, welches die Bilder, Gedanken und Emotionen des eigenen Geistes des Dichters stützt und modifiziert.
Der Dichter, in idealer Vollkommenheit beschrieben, bringt die ganze Seele des Menschen in Aktivität, unter Unterordnung ihrer Fakultäten untereinander gemäß ihrem relativen Wert und ihrer Würde. Er verbreitet einen Ton und einen Geist der Einheit, der durch jene synthetische und magische Kraft, der ich ausschließlich den Namen Einbildungskraft zuschreiben möchte, jedes in jedes verschmilzt und (gleichsam) verschmilzt. Diese Kraft, die zuerst durch den Willen und den Verstand in Aktion gesetzt und unter deren unablässiger, wenngleich sanfter und unbemerkter Kontrolle gehalten wird, laxis effertur habenis, offenbart „sich selbst im Gleichgewicht oder der Versöhnung gegensätzlicher oder disharmonischer“ Qualitäten: von Gleichheit mit Unterschied; vom Allgemeinen mit dem Konkreten; der Idee mit dem Bild; dem Individuellen mit dem Repräsentativen; dem Sinn für Neuheit und Frische mit alten und vertrauten Objekten; einem mehr als gewöhnlichen Zustand von Emotion mit mehr als gewöhnlicher Ordnung; Urteilskraft, die stets wach ist, und stetiger Selbstbeherrschung mit Enthusiasmus und tiefem oder heftigem Gefühl; und während sie das Natürliche und das Künstliche vermischt und harmonisiert, unterordnet sie dennoch die Kunst der Natur; die Manier dem Stoff; und unsere Bewunderung des Dichters unserer Sympathie mit der Poesie. Zweifellos, wie Sir John Davies über die Seele bemerkt – (und seine Worte können mit geringer Abänderung, und sogar noch angemessener, auf die poetische Einbildungskraft angewandt werden) –
Zweifellos könnte dies nicht sein, täte sie nicht die Körper Durch seltsame Sublimierung in Geist verwandeln, Wie Feuer in Feuer wandelt, was es verbrennt, Wie wir unsere Nahrung in unser Wesen verwandeln.
Aus ihrer groben Materie abstrahiert sie ihre Formen, Und zieht eine Art Quintessenz aus den Dingen; Die sie in ihre eigene Natur verwandelt, Um sie leicht auf ihren himmlischen Schwingen zu tragen.
So tut sie es, wenn sie von individuellen Zuständen Die universellen Arten abstrahiert; Welche dann, in verschiedene Namen und Schicksale neu gekleidet, Durch die Sinne heimlich Zugang zu unseren Geistern finden.
Schließlich ist der gute Menschenverstand der Körper des poetischen Genies, Phantasie dessen Gewand, Bewegung dessen Leben und Einbildungskraft die Seele, die überall und in jedem ist; und alles zu einem anmutigen und intelligenten Ganzen formt.
KAPITEL XV
Die spezifischen Symptome poetischer Kraft, erläutert in einer kritischen Analyse von Shakespeares VENUS UND ADONIS und RAPE OF LUCRECE.
Bei der Anwendung dieser Prinzipien auf Zwecke der praktischen Kritik, wie sie bei der Einschätzung mehr oder weniger unvollkommener Werke verwendet wird, habe ich versucht zu entdecken, welches die Qualitäten in einem Gedicht sind, die als Versprechen und spezifische Symptome poetischer Kraft angesehen werden können, im Unterschied zu allgemeinem Talent, das durch zufällige Motive, durch einen Akt des Willens, eher als durch die Inspiration einer genialen und produktiven Natur zur poetischen Komposition bestimmt wird. Bei dieser Untersuchung konnte ich, so dachte ich, nichts Besseres tun, als mir das früheste Werk des größten Genies vor Augen zu halten, das die menschliche Natur vielleicht bisher hervorgebracht hat, unseren tausendköpfigen [61] Shakespeare. Ich meine die VENUS UND ADONIS und die LUCRECE; Werke, die sogleich starke Versprechen der Stärke und dennoch offensichtliche Beweise der Unreife seines Genies geben. Aus diesen habe ich die folgenden Merkmale als Charakteristika ursprünglichen poetischen Genies im Allgemeinen abstrahiert.
1. In der VENUS UND ADONIS ist die erste und offensichtlichste Exzellenz die vollkommene Süße der Versifikation; ihre Anpassung an den Gegenstand; und die Kraft, die sich darin zeigt, den Gang der Wörter zu variieren, ohne in einen erhabeneren und majestätischeren Rhythmus überzugehen, als es von den Gedanken gefordert oder durch die Angemessenheit, einen Sinn für vorherrschende Melodie zu bewahren, erlaubt war. Die Freude an Reichtum und Süße des Klangs, selbst bis zu einem fehlerhaften Übermaß, wenn sie offensichtlich originell ist und nicht das Ergebnis eines leicht nachahmbaren Mechanismus, betrachte ich als ein höchst günstiges Versprechen in den Kompositionen eines jungen Mannes. Der Mensch, der keine Musik in seiner Seele hat, kann wahrlich niemals ein echter Dichter sein. Bildlichkeit – (selbst aus der Natur genommen, noch viel mehr, wenn sie aus Büchern wie Reisen, Fahrten und naturgeschichtlichen Werken transplantiert wurde) –, bewegende Vorfälle, richtige Gedanken, interessante persönliche oder häusliche Gefühle und damit die Kunst ihrer Kombination oder Verflechtung in der Form eines Gedichts – all dies kann durch unaufhörliche Anstrengung als ein Handwerk erlernt werden, von einem Menschen mit Talent und viel Lektüre, der, wie ich schon einmal bemerkte, einen intensiven Wunsch nach poetischem Ruf mit einem natürlichen poetischen Genie verwechselt hat; die Liebe zum willkürlichen Ziel mit dem Besitz der eigentümlichen Mittel. Aber der Sinn für musikalische Wonne, zusammen mit der Kraft, sie zu erzeugen, ist ein Geschenk der Einbildungskraft; und dies, zusammen mit der Kraft, Vielheit in Einheit der Wirkung zu reduzieren und eine Reihe von Gedanken durch irgendeinen vorherrschenden Gedanken oder ein Gefühl zu modifizieren, kann kultiviert und verbessert, aber niemals erlernt werden. Es ist in diesen, dass „poeta nascitur non fit“.
2. Ein zweites Versprechen von Genie ist die Wahl von Gegenständen, die sehr weit von den privaten Interessen und Umständen des Schreibers selbst entfernt sind. Zumindest habe ich festgestellt, dass dort, wo der Gegenstand unmittelbar aus den persönlichen Empfindungen und Erfahrungen des Autors genommen wird, die Exzellenz eines einzelnen Gedichts nur ein zweideutiges Zeichen und oft ein trügerisches Pfand für echte poetische Kraft ist. Wir erinnern uns vielleicht an die Geschichte des Statuars, der beträchtlichen Ruf für die Beine seiner Göttinnen erworben hatte, obwohl der Rest der Statue nur mittelmäßig mit der idealen Schönheit übereinstimmte; bis seine Frau, erfreut über das Lob ihres Mannes, bescheiden anerkannte, dass sie sein ständiges Modell gewesen sei. In der VENUS UND ADONIS existiert dieser Beweis poetischer Kraft sogar im Übermaß. Es ist durchweg, als ob ein überlegener Geist, intuitiver, intimer bewusst, sogar als die Charaktere selbst, nicht nur von jedem äußeren Blick und Akt, sondern vom Fluss und Rückfluss des Geistes in all seinen subtilsten Gedanken und Gefühlen, das Ganze vor unser Auge stellte; er selbst unterdessen unbeteiligt an den Leidenschaften und nur angetrieben von jener lustvollen Erregung, die aus der energetischen Inbrunst seines eigenen Geistes resultiert hatte, so lebhaft darzustellen, was er so genau und tiefgreifend betrachtet hatte. Ich denke, ich hätte aus diesen Gedichten vermutet, dass schon damals der große Instinkt, der den Dichter zum Drama trieb, im Geheimen in ihm arbeitete und ihn dazu antrieb – durch eine Reihe und niemals unterbrochene Kette von Bildlichkeit, immer lebendig und, weil ungebrochen, oft minutiös; durch die höchste Anstrengung des Malerischen in Worten, dessen Wörter fähig sind, höher vielleicht als jemals von irgendeinem anderen Dichter realisiert, Dante nicht ausgenommen; einen Ersatz für jene visuelle Sprache zu bieten, jene ständige Intervention und laufenden Kommentar durch Ton, Blick und Geste, die er in seinen dramatischen Werken von den Schauspielern erwarten durfte. Seine Venus und Adonis scheinen zugleich die Charaktere selbst und die gesamte Darstellung jener Charaktere durch die vollendetsten Schauspieler zu sein. Sie scheinen nichts erzählt zu bekommen, sondern alles zu sehen und zu hören. Daher ist es so, dass trotz der ständigen Aktivität der Aufmerksamkeit, die seitens des Lesers gefordert wird; aufgrund des schnellen Flusses, des schnellen Wechsels und der spielerischen Natur der Gedanken und Bilder; und vor allem aufgrund der Entfremdung, und, wenn ich einen solchen Ausdruck wagen darf, der völligen Distanziertheit der eigenen Gefühle des Dichters von denen, deren Maler und Analytiker er zugleich ist; dass, obwohl der Gegenstand selbst nicht anders kann, als das Vergnügen eines zarten Geistes zu schmälern, doch niemals ein Gedicht moralisch weniger gefährlich war. Anstatt wie Ariosto und, noch beleidigender, wie Wieland zu handeln, anstatt Leidenschaft in Appetit zu degradieren und zu deformieren, die Prüfungen der Liebe in die Kämpfe der Wollust; hat Shakespeare hier den tierischen Impuls selbst so dargestellt, dass jede Sympathie damit ausgeschlossen wird, indem er die Aufmerksamkeit des Lesers unter den tausend äußeren Bildern und bald schönen, bald phantasievollen Umständen auflöst, die ihre Gewänder und ihre Szenerie bilden; oder indem er unsere Aufmerksamkeit vom Hauptgegenstand durch jene häufigen geistreichen oder tiefgründigen Reflexionen ablenkt, die der stets aktive Geist des Dichters aus den Bildern und Vorfällen abgeleitet oder mit ihnen verbunden hat. Der Leser wird zu zu viel Handlung gezwungen, um mit dem bloß Passiven unserer Natur zu sympathisieren. Ebensowenig kann ein solcherart aufgewühlter und erweckter Geist von gemeiner und undeutlicher Emotion durchbrütet werden, wie der tiefe, faule Nebel auf der Oberfläche eines Sees kriechen kann, während ein starker Sturm ihn in Wellen und Wogen vorwärtstreibt.
3. Es wurde bereits bemerkt, dass Bilder, wie schön sie auch sein mögen, obwohl sie treu aus der Natur kopiert und ebenso genau in Worten dargestellt sind, den Dichter nicht von sich aus charakterisieren. Sie werden nur insofern zu Beweisen ursprünglichen Genies, als sie durch eine vorherrschende Leidenschaft modifiziert werden; oder durch assoziierte Gedanken oder Bilder, die durch jene Leidenschaft geweckt werden; oder wenn sie den Effekt haben, Vielheit auf Einheit oder Aufeinanderfolge auf einen Augenblick zu reduzieren; oder schließlich, wenn ein menschliches und intellektuelles Leben vom eigenen Geist des Dichters auf sie übertragen wird,
Welcher sein Dasein durch Erde, Meer und Luft schießt.
In den zwei folgenden Zeilen zum Beispiel ist nichts zu beanstanden, nichts, was sie daran hindern würde, an ihrem richtigen Platz Teil eines beschreibenden Gedichts zu sein:
Betrachte jene Reihe von Kiefern, die geschoren und gebeugt Sich vom Meereshauch neigen, gesehen zur Dämmerungsstunde.
Aber mit einer kleinen Änderung des Rhythmus wären dieselben Worte an ihrem Platz ebenso in einem Buch über Topographie oder in einer beschreibenden Reisebeschreibung. Dasselbe Bild wird sich in den Anschein von Poesie erheben, wenn es so vermittelt wird:
Jene Reihe von trostlosen und visionären Kiefern, Durch Dämmerungsschimmer erkannt, merke! wie sie fliehen Vor dem grimmigen Meereshauch, all ihre wilden Locken Vor ihnen strömend.
Ich habe dies als eine Illustration gegeben, keineswegs als ein Beispiel für jene besondere Exzellenz, die ich im Auge hatte und in der Shakespeare selbst in seinen frühesten wie in seinen spätesten Werken alle anderen Dichter übertrifft. Es ist dadurch, dass er den Objekten, die er präsentiert, immer noch Würde und Leidenschaft verleiht. Ohne jede vorherige Erregung brechen sie sogleich in Leben und Kraft auf uns ein –
„Viel einen glorreichen Morgen habe ich gesehen Die Bergspitzen schmeicheln mit souveränem Auge.“
„Nicht meine eigenen Ängste, noch die prophetische Seele Der weiten Welt, die von kommenden Dingen träumt –
* * * * * * * * * * * *
Der sterbliche Mond hat seine Finsternis erlitten, Und die traurigen Auguren spotten ihrer eigenen Vorbedeutung; Ungewissheiten krönen sich nun als gewiss, Und der Friede verkündet Ölzweige ewigen Alters. Nun mit den Tropfen dieser höchst lindernden Zeit Sieht meine Liebe frisch aus, und der Tod unterwirft sich mir, Da ich ihm zum Trotz in diesem armen Reim leben werde, Während er über stumpfe und sprachlose Stämme höhnt. Und du wirst darin dein Denkmal finden, Wenn der Tyrannen Helmbüsche und Gräber aus Erz vergangen sind.“
Von höherem Wert, und zweifellos charakteristischer für poetisches Genie, wird die Bildlichkeit, wenn sie sich selbst zu den Umständen, der Leidenschaft oder dem Charakter formt und färbt, die gegenwärtig und vorrangig im Geiste sind. Für konkurrenzlose Beispiele dieser Exzellenz wird das eigene Gedächtnis des Lesers ihn auf den LEAR, OTHELLO, kurz, auf welches nicht der dramatischen Werke des „großen, ewig lebenden, toten Mannes“ verweisen? Inopem me copia fecit. Wie wahr es zur Natur ist, hat er selbst fein ausgedrückt im Beispiel der Liebe in seinem 98. Sonett.
Von dir war ich abwesend im Frühling, Als der stolz gescheckte April, geputzt in all seinem Schmuck, Ein Geist der Jugend in alles gelegt hat; Dass der schwere Saturn lachte und mit ihm sprang. Doch weder die Lieder der Vögel, noch der süße Duft Verschiedener Blumen in Geruch und in Farbe, Konnten mich irgendeine Sommergeschichte erzählen lassen, Oder sie aus ihrem stolzen Schoß pflücken, wo sie wuchsen Noch wunderte ich mich über die weißen Lilien, Noch lobte ich das tiefe Zinnober in der Rose; Sie waren, obwohl süß, nur Figuren der Wonne, Gezeichnet nach dir, du Muster all jener. Doch schien es immer noch Winter, und du fort, Wie mit deinem Schatten spielte ich mit diesen!“
Kaum weniger sicher, oder wenn auch ein weniger wertvolles, so doch nicht weniger unverzichtbares Merkmal
Gonimon men poiaetou------ ------hostis rhaema gennaion lakoi,
wird die Bildlichkeit liefern, wenn der Dichter mit mehr als der Kraft des Malers uns das lebhafteste Bild der Aufeinanderfolge mit dem Gefühl der Gleichzeitigkeit gibt:--
Damit bricht er aus der süßen Umarmung Jener schönen Arme, die ihn an ihre Brust banden, Und heimwärts durch den dunklen Wald läuft er eilends;--
* * * * * *
Sieh! wie ein heller Stern vom Himmel schießt, So gleitet er in der Nacht aus Venus’ Auge.
Das letzte Merkmal, das ich erwähnen werde – welches freilich wenig beweisen würde, es sei denn in Verbindung mit dem Vorherigen; das jedoch, ohne welches das Vorherige kaum in hohem Grade existieren könnte und (selbst wenn dies möglich wäre) nur Versprechen von flüchtigen Blitzen und meteorischer Kraft gäbe –, ist Tiefe und Gedankenstärke. Niemals war ein Mensch ein großer Dichter, ohne zugleich ein tiefgründiger Philosoph zu sein. Denn die Poesie ist die Blüte und der Duft alles menschlichen Wissens, menschlicher Gedanken, menschlicher Leidenschaften, Empfindungen und Sprache. In Shakespeares Gedichten ringen die schöpferische Kraft und die intellektuelle Energie wie in einer kriegerischen Umarmung. Jede scheint in ihrem Übermaß an Stärke die Auslöschung der anderen zu drohen. Schließlich wurden sie im Drama versöhnt und kämpften, jede mit ihrem Schild vor der Brust der anderen. Oder wie zwei reißende Ströme, die beim ersten Zusammentreffen zwischen engen und felsigen Ufern danach streben, einander zurückzustoßen, und sich nur widerwillig und unter Getöse vermischen; doch bald ein breiteres Bett und nachgiebigere Ufer findend, verschmelzen sie, weiten sich aus und fließen in einem Strom und mit einer Stimme dahin. VENUS UND ADONIS erlaubte vielleicht nicht die Entfaltung der tieferen Leidenschaften. Doch die Geschichte der Lucretia scheint ihre intensivsten Wirkungen zu begünstigen und sogar zu fordern. Und doch finden wir in Shakespeares Behandlung der Erzählung weder Pathos noch irgendeine andere dramatische Qualität. Es gibt dieselbe detaillierte und getreue Bildsprache wie im vorigen Gedicht, in denselben lebhaften Farben, beseelt von derselben ungestümen Gedankenkraft, und sich mit derselben Aktivität der assimilierenden und modifizierenden Fähigkeiten ausweitend und zusammenziehend; und mit einer noch größeren Entfaltung, einem noch weiteren Bereich an Wissen und Reflexion; und schließlich mit derselben vollkommenen Herrschaft, oft Dominanz, über die ganze Welt der Sprache. Was sollen wir also sagen? Dies: dass Shakespeare, kein bloßes Kind der Natur; kein Automat des Genies; kein passives Gefäß der Inspiration, vom Geist besessen, nicht ihn besitzend; zuerst geduldig studierte, tief nachdachte, im Kleinsten verstand, bis Wissen, gewohnheitsmäßig und intuitiv geworden, sich mit seinen gewohnten Gefühlen vermählte und schließlich jene stupende Kraft gebar, durch die er allein steht, ohne Gleichen oder Zweiten in seiner eigenen Klasse; jene Kraft, die ihn auf einen der beiden vom Ruhm bestrahlten Gipfel des poetischen Berges setzte, mit Milton als seinem Gefährten, nicht Rivalen. Während der erstere sich selbst vorausschickt und in alle Formen menschlichen Charakters und menschlicher Leidenschaft übergeht, der eine Proteus des Feuers und der Flut; zieht der andere alle Formen und Dinge zu sich selbst, in die Einheit seines eigenen Ideals. Alle Dinge und Handlungsweisen gestalten sich neu im Wesen Miltons; während Shakespeare alles wird und doch für immer er selbst bleibt. O was für große Männer hast du hervorgebracht, England, mein Land!--Wahrlich in der Tat--
Wir müssen frei sein oder sterben, die wir die Zunge sprechen, Die Shakespeare sprach; den Glauben und die Sitten halten, Die Milton hielt. In allem sind wir entsprossen Dem ersten Blut der Erde, tragen mannigfache Titel.
KAPITEL XVI
Auffällige Unterschiede zwischen den Dichtern des gegenwärtigen Zeitalters und jenen des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts--Wunsch nach der Vereinigung der charakteristischen Vorzüge beider.
Die Christenheit ist, seit ihrer ersten Ansiedlung auf feudalen Rechten, insofern ein großer Körper gewesen, wie unvollkommen organisiert er auch sein mag, dass man in jeder Epoche einen ähnlichen Geist in all ihren Gliedern am Werk finden wird. Das Studium von Shakespeares Gedichten--(ich schließe seine dramatischen Werke nicht ein, so sehr sie diesen Titel auch verdienen)--führte mich zu einer sorgfältigeren Untersuchung der zeitgenössischen Dichter sowohl in England als auch in anderen Ländern. Doch meine Aufmerksamkeit war besonders auf jene Italiens gerichtet, von der Geburt bis zum Tod Shakespeares; da dies das Land ist, in dem die schönen Künste am eifrigsten und bisher am erfolgreichsten gepflegt wurden. Abgesehen von den Graden und Eigentümlichkeiten des individuellen Genies scheinen die den guten Schriftstellern jeder Epoche gemeinsamen Eigenschaften einen auffälligen Unterschied zwischen der Poesie des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts und jener des gegenwärtigen Zeitalters zu begründen. Die Bemerkung lässt sich vielleicht auf die Schwesterkunst der Malerei ausweiten. Zumindest wird letztere dazu dienen, erstere zu veranschaulichen. Im gegenwärtigen Zeitalter scheint sich der Dichter--(ich möchte so verstanden werden, dass ich allgemein spreche und ohne Anspielung auf einzelne Namen)--als sein Hauptziel und als das, was für seine Kunst am charakteristischsten ist, neue und auffällige Bilder vorzusetzen; mit Begebenheiten, welche die Zuneigung interessieren oder die Neugier erregen. Sowohl seine Charaktere als auch seine Beschreibungen macht er so spezifisch und individuell wie möglich, sogar bis zu einem Grad der Porträtierung. In seiner Diktion und seinem Metrum hingegen ist er vergleichsweise nachlässig. Das Versmaß ist entweder nach keinem vorherigen System konstruiert und erkennt kein rechtfertigendes Prinzip an außer dem der Bequemlichkeit des Schreibers; oder es wird eine mechanische Bewegung angewandt, von der ein Reimpaar oder eine Strophe eine so hinreichende Probe ist, dass die gelegentlichen Unterschiede offensichtlich aus Zufall oder den Qualitäten der Sprache selbst zu entstehen scheinen, nicht aus Überlegung und einem intelligenten Zweck. Und die Sprache von Popes Übersetzung Homers bis zu Darwins Temple of Nature [62] mag, trotz einiger glänzender Ausnahmen, allzu getreu als eine charakterisiert werden, die den Anspruch erhebt, poetisch zu sein, aus keinem besseren Grund, als dass sie in der Unterhaltung oder in Prosa unerträglich wäre. Doch ach! sogar unsere Prosaschriften, ja sogar der Stil unserer gesetzteren Reden, streben danach, in Mode zu sein, und schmücken sich mit dem schmutzigen und übermäßig abgetragenen Flitter der leichtfertigen Muse. Es ist wahr, dass in letzter Zeit eine große Verbesserung in dieser Hinsicht bei unseren populärsten Schriftstellern zu beobachten ist. Aber es ist ebenso wahr, dass diese Rückkehr zum gesunden Menschenverstand und zum unverfälschten Mutter-Englisch weit davon entfernt ist, allgemein zu sein; und dass die Komposition unserer Romane, Magazine, öffentlichen Ansprachen und dergleichen gewöhnlich ebenso trivial im Gedanken und doch rätselhaft im Ausdruck ist, als hätten Echo und Sphinx ihre Köpfe zusammengesteckt, um sie zu konstruieren. Ja, selbst von jenen, die sich am meisten dieser Ansteckung entzogen haben, müsste ich mich innerlich der Anklage der Doppelzüngigkeit oder Feigheit schuldig bekennen, wenn ich meine Überzeugung zurückhielte, dass nur wenige die Reinheit ihrer Muttersprache mit jener eifersüchtigen Sorgfalt gehütet haben, die der erhabene Dante in seinem Traktat De la volgare Eloquenza zur ersten Pflicht eines Dichters erklärt. Denn Sprache ist das Zeughaus des menschlichen Geistes; und enthält zugleich die Trophäen seiner Vergangenheit und die Waffen seiner zukünftigen Eroberungen. Animadverte, sagt Hobbes, quam sit ab improprietate verborum pronum hominibus prolabi in errores circa ipsas res! Sat [vero], sagt Sennertus, in hac vitae brevitate et naturae obscuritate, rerum est, quibus cognoscendis tempus impendatur, ut [confusis et multivotis] sermonibus intelligendis illud consumere opus non sit. [Eheu! quantas strages paravere verba nubila, quae tot dicunt ut nihil dicunt;--nubes potius, e quibus et in rebus politicis et in ecclesia turbines et tonitrua erumpunt!] Et proinde recte dictum putamus a Platone in Gorgia: os an ta onomata eidei, eisetai kai ta pragmata: et ab Epicteto, archae paideuseos hae ton onomaton episkepsis: et prudentissime Galenus scribit, hae ton onomaton chraesis tarachtheisa kai taen ton pragmaton epitarattei gnosin.
Egregie vero J. C. Scaliger, in Lib. I. de Plantis: Est primum, inquit, sapientis officium, bene sentire, ut sibi vivat: proximum, bene loqui, ut patriae vivat.
Etwas den Materialien und der Struktur der modernen Poesie Analoges scheine ich bemerkt zu haben--(aber hier bitte ich, so verstanden zu werden, dass ich mit äußerster Zurückhaltung spreche)--bei unseren gewöhnlichen Landschaftsmalern. Ihre Vordergründe und mittleren Entfernungen sind vergleichsweise unattraktiv: während das Hauptinteresse der Landschaft in den Hintergrund verlegt wird, wo Berge, Wildbäche und Schlösser den Blick daran hindern, weiterzugehen, und nichts ihn dazu verleitet, seinen Weg wieder zurückzuverfolgen. Doch in den Werken der großen italienischen und flämischen Meister sind die vorderen und mittleren Objekte der Landschaft am offensichtlichsten und bestimmtesten, das Interesse stirbt allmählich im Hintergrund ab, und der Charme und der besondere Wert des Bildes besteht nicht so sehr in den spezifischen Objekten, die es dem Verstand in einer visuellen Sprache vermittelt, die durch die Ersetzung von Wörtern durch Figuren gebildet wird, als vielmehr in der Schönheit und Harmonie der Farben, Linien und des Ausdrucks, mit denen die Objekte dargestellt werden. Daher wurde Neuheit des Themas eher vermieden als gesucht. Überlegene Exzellenz in der Art und Weise, dieselben Themen zu behandeln, war die Prüfung und der Test für das Verdienst des Künstlers.
Nicht anders ist es mit den geschliffeneren Dichtern des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts, besonders jenen Italiens. Die Bildsprache ist fast immer allgemein: Sonne, Mond, Blumen, Lüfte, murmelnde Bäche, zwitschernde Sänger, köstliche Schatten, liebliche Jungfrauen, grausam wie schön, Nymphen, Najaden und Göttinnen sind die Materialien, die allen gemeinsam sind und die jeder nach seinem Urteil oder seiner Fantasie gestaltete und anordnete, wenig darauf bedacht, hinzuzufügen oder zu präzisieren. Wenn wir eine ehrenvolle Ausnahme zugunsten einiger englischer Dichter machen, so sind auch die Gedanken so wenig neu wie die Bilder; und die Fabeln ihrer erzählenden Gedichte, größtenteils aus der Mythologie oder Quellen von gleicher Bekanntheit geschöpft, beziehen ihre Hauptanziehungskraft aus der Art ihrer Behandlung; aus leidenschaftlichem Fluss oder malerischer Anordnung. Im Gegensatz zum gegenwärtigen Zeitalter, und vielleicht in einem ebenso fehlerhaften Extrem, legten sie das Wesen der Poesie in die Kunst. Die Exzellenz, nach der sie strebten, bestand in der exquisiten Politur der Diktion, verbunden mit vollkommener Einfachheit. Dieses ihr oberstes Ziel erreichten sie durch die Vermeidung jedes Wortes, das ein Gentleman nicht in einer würdevollen Unterhaltung gebrauchen würde, und jedes Wortes und jeder Phrase, das nur ein Gelehrter gebrauchen würde; durch die studierte Stellung der Wörter und Phrasen, sodass nicht nur jeder Teil in sich melodisch sein sollte, sondern zur Harmonie des Ganzen beitragen, wobei jede Note sich auf die Melodie aller vorangegangenen und nachfolgenden Wörter derselben Periode oder Strophe bezieht und zu ihr hinführt; und schließlich mit gleicher Mühe, die umso größer ist, weil sie unentlarvt bleibt, durch die Variation und verschiedenen Harmonien ihrer metrischen Bewegung. Ihre Versmaße verdankten ihre Vielfalt jedoch nicht der Einführung neuer Metren, wie sie in letzter Zeit in Alonzo and Imogen und anderen aus dem Deutschen entlehnten versucht wurden, die in ihrer Mechanik eine spezifische, überwältigende Melodie haben, der der großmütige Leser seine Stimme und Betonung mit mehr Nachsicht für den Autor als Aufmerksamkeit für die Bedeutung oder Quantität der Wörter anpasst; die aber für ein Ohr, das mit den zahlreichen Klängen der griechischen und römischen Dichter vertraut ist, eine Wirkung hat, die nicht unähnlich der ist, in einem deutschen Postwagen ohne Federn über eine gepflasterte Straße zu galoppieren. Im Gegenteil, die älteren Barden sowohl Italiens als auch Englands erzeugten eine weitaus größere sowie bezauberndere Vielfalt durch unzählige Modifikationen und feine Ausgewogenheiten des Klangs in den gebräuchlichen Versmaßen ihres Landes. Ein dauerhafter und beneidenswerter Ruf erwartet jenen Mann von Genie, der eine Vereinigung versuchen und verwirklichen sollte;--der die hohe Vollendung, die Angemessenheit, die Leichtigkeit, das delikate Verhältnis und vor allem die durchdringende und allgegenwärtige Anmut zurückrufen sollte, die wie in einem Schrein aus kostbarem Bernstein den Spatz des Catull, die Schwalbe, die Grille und all die anderen kleinen Lieben des Anakreon bewahrt haben; und die mit hellem, wenn auch gemindertem Glanz die Jugend und das frühe Mannesalter des christlichen Europas in den Tälern des Arno und den Hainen von Isis und Cam wiederbesuchten; und der mit diesen das keenere Interesse, das tiefere Pathos, die männlichere Reflexion und die frischere und vielfältigere Bildsprache verbinden sollte, die den Dichtern, die unsere eigenen Zeiten und jene unserer unmittelbaren Vorgänger geehrt haben, einen Wert und einen Namen verleihen, der nicht vergehen wird.
KAPITEL XVII
Untersuchung der für Herrn Wordsworth eigentümlichen Grundsätze--Das bäuerliche Leben (vor allem das einfache und bäuerliche Leben) besonders ungünstig für die Bildung einer menschlichen Diktion--Die besten Teile der Sprache sind das Produkt von Philosophen, nicht von Clowns oder Hirten--Poesie im Wesentlichen ideal und generisch--Die Sprache Miltons ebenso die Sprache des wirklichen Lebens, ja, unvergleichlich mehr als die des Landmanns.
Soweit Herr Wordsworth in seinem Vorwort für eine Reformation unserer poetischen Diktion stritt, und zwar sehr fähig stritt, soweit er die Wahrheit der Leidenschaft und die dramatische Angemessenheit jener Figuren und Metaphern bei den ursprünglichen Dichtern erwiesen hat, die, ihrer rechtfertigenden Gründe beraubt und in bloße Kunstgriffe der Verbindung oder Verzierung verwandelt, die charakteristische Falschheit im poetischen Stil der Modernen ausmachen; und soweit er mit gleicher Schärfe und Klarheit den Prozess aufgezeigt hat, durch den diese Veränderung bewirkt wurde, und die Ähnlichkeiten zwischen jenem Zustand, in den der Geist des Lesers durch die angenehme Verwirrung der Gedanken aus einer ungewohnten Folge von Wörtern und Bildern versetzt wird, und jenem Zustand, der durch die natürliche Sprache leidenschaftlichen Gefühls hervorgerufen wird; unternahm er eine nützliche Aufgabe und verdient alles Lob, sowohl für den Versuch als auch für die Ausführung. Die Provokationen zu diesem Einspruch im Namen der Wahrheit und der Natur traten vor und nach der Veröffentlichung dieses Vorworts immer wieder auf. Ich kann nicht umhin hinzuzufügen, dass der Vergleich solcher Gedichte von Verdienst, die in den letzten zehn oder zwölf Jahren der Öffentlichkeit übergeben wurden, mit der Mehrheit jener, die vor dem Erscheinen dieses Vorworts entstanden sind, bei mir keinen Zweifel lässt, dass Herr Wordsworth vollkommen gerechtfertigt ist in der Annahme, seine Bemühungen seien keineswegs wirkungslos gewesen. Nicht nur in den Versen jener, die ihre Bewunderung für sein Genie bekundet haben, sondern selbst jener, die sich durch Feindseligkeit gegen seine Theorie und Herabwürdigung seiner Schriften ausgezeichnet haben, sind die Eindrücke seiner Prinzipien deutlich sichtbar. Es ist möglich, dass sich mit diesen Prinzipien andere vermischt haben, die nicht ebenso evident sind; und einige, die aufgrund der Engheit oder Unvollkommenheit ihrer Basis instabil und umstürzbar sind. Aber es ist mehr als möglich, dass diese Fehler des Mangels oder der Übertreibung, indem sie die Kontroverse entfachten und nährten, nicht nur zur weiteren Verbreitung der begleitenden Wahrheiten beigetragen haben, sondern dass sie durch ihre häufige Darbietung vor dem Geist in einem erregten Zustand ein dauerhafteres und praktischeres Ergebnis für sie gewonnen haben könnten. Ein Mann wird sich einen Teil von seinem Gegner umso leichter borgen, wenn er sich gerechtfertigt fühlt, einen Teil weiterhin abzulehnen. Während wichtige Punkte bestehen bleiben, in denen er sich immer noch im Recht fühlen kann, in denen er immer noch festen Boden für anhaltenden Widerstand findet, wird er allmählich jene Meinungen annehmen, die von seinen eigenen Überzeugungen am wenigsten entfernt waren, da sie mit seiner eigenen Theorie ebenso wenig unvereinbar sind wie mit derjenigen, die er missbilligt. Auf ähnliche Weise wird er mit einer Art instinktiver Vorsicht seine schwächsten Posten nach und nach aufgeben, bis er schließlich zu vergessen scheint, dass sie jemals ihm gehört haben, oder vorgibt, sie höchstens als zufällige und „geringfügige Anhängsel“ zu betrachten, deren Entfernung die Zitadelle unversehrt und ungefährdet lässt.
Meine eigenen Differenzen von bestimmten vermeintlichen Teilen der Theorie Herrn Wordsworths gründen sich auf die Annahme, dass seine Worte richtig als solche interpretiert wurden, die besagen, dass die angemessene Diktion für die Poesie im Allgemeinen gänzlich aus einer Sprache besteht, die, mit gebührenden Ausnahmen, aus den Mündern von Menschen im wirklichen Leben genommen ist, einer Sprache, die tatsächlich die natürliche Unterhaltung von Menschen unter dem Einfluss natürlicher Gefühle konstituiert. Mein Einwand ist erstens, dass diese Regel in jedem Sinne nur auf bestimmte Klassen von Poesie anwendbar ist; zweitens, dass sie selbst auf diese Klassen nicht anwendbar ist, außer in einem solchen Sinne, wie er (soweit ich weiß oder gelesen habe) von niemandem geleugnet oder bezweifelt wurde; und zuletzt, dass sie, insofern und in dem Grad, wie sie praktizierbar ist, dennoch als Regel nutzlos, wenn nicht gar schädlich ist und daher weder praktiziert werden muss noch sollte. Der Dichter informiert seinen Leser, dass er im Allgemeinen das einfache und bäuerliche Leben gewählt habe; aber nicht als einfach und bäuerlich, oder um jenes Vergnügen von zweifelhafter moralischer Wirkung zu wiederholen, das Personen von gehobenem Rang und überlegener Verfeinerung oft aus einer glücklichen Nachahmung der groben, ungeschliffenen Manieren und der Rede ihrer Untergebenen ziehen. Denn das so gewonnene Vergnügen lässt sich auf drei erregende Ursachen zurückführen. Die erste ist die Natürlichkeit der dargestellten Dinge an sich. Die zweite ist die scheinbare Natürlichkeit der Darstellung, wie sie durch eine unmerkliche Beimischung des eigenen Wissens und Talents des Autors gehoben und qualifiziert wird, welche Beimischung sie tatsächlich zu einer Nachahmung macht, im Unterschied zu einer bloßen Kopie. Die dritte Ursache findet sich im bewussten Gefühl des Lesers für seine Überlegenheit, das durch den ihm präsentierten Kontrast erweckt wird; ebenso wie die Könige und großen Barone von einst zu demselben Zweck manchmal tatsächliche Clowns und Narren, häufiger aber scharfzüngige und witzige Kerle in dieser Rolle behielten. Dies waren jedoch nicht Herrn Wordsworths Ziele. Er wählte das einfache und bäuerliche Leben, „weil in diesem Zustand die wesentlichen Leidenschaften des Herzens einen besseren Boden finden, in dem sie ihre Reife erreichen können, weniger unter Zwang stehen und eine einfachere und nachdrücklichere Sprache sprechen; weil in diesem Lebenszustand unsere elementaren Gefühle in einem Zustand größerer Einfachheit koexistieren und folglich genauer betrachtet und kraftvoller mitgeteilt werden können; weil die Manieren des ländlichen Lebens aus jenen elementaren Gefühlen hervorgehen; und aufgrund des notwendigen Charakters ländlicher Beschäftigungen leichter zu begreifen und dauerhafter sind; und schließlich, weil in diesem Zustand die Leidenschaften der Menschen mit den schönen und bleibenden Formen der Natur verkörpert sind.“
Nun ist es mir klar, dass in den interessantesten der Gedichte, in denen der Autor mehr oder weniger dramatisch ist, wie in THE BROTHERS, MICHAEL, RUTH, THE MAD MOTHER und anderen, die eingeführten Personen keineswegs aus dem einfachen oder bäuerlichen Leben in der gewöhnlichen Annahme dieser Wörter genommen sind! Und es ist nicht weniger klar, dass die Empfindungen und die Sprache, soweit sie als wirklich aus den Köpfen und der Unterhaltung solcher Personen übertragen gedacht werden können, auf Ursachen und Umstände zurückzuführen sind, die nicht notwendigerweise mit „ihren Beschäftigungen und ihrem Wohnort“ verbunden sind. Die Gedanken, Gefühle, Sprache und Manieren der Schäferbauern in den Tälern von Cumberland und Westmoreland, soweit sie in jenen Gedichten tatsächlich übernommen werden, können durch Ursachen erklärt werden, die in jedem Lebenszustand, ob in der Stadt oder auf dem Land, dieselben Ergebnisse hervorbringen werden und hervorbringen. Als die zwei wichtigsten stufe ich jene Unabhängigkeit ein, die einen Menschen über die Knechtschaft oder tägliche Plackerei für den Profit anderer erhebt, jedoch nicht über die Notwendigkeit von Fleiß und einer sparsamen Einfachheit des häuslichen Lebens; und die begleitende, nicht ehrgeizige, aber solide und religiöse Bildung, die wenige Bücher vertraut gemacht hat außer der Bibel und dem Gebetbuch oder Gesangbuch. Dieser letzteren Ursache, die insofern zufällig ist, als sie der Segen bestimmter Länder und eines bestimmten Zeitalters ist, nicht das Produkt bestimmter Orte oder Beschäftigungen, verdankt der Dichter den Schein der Wahrscheinlichkeit, dass seine Persönlichkeiten wirklich mit irgendeiner tolerierbaren Ähnlichkeit zu seiner Darstellung fühlen, denken und sprechen könnten. Es ist eine ausgezeichnete Bemerkung von Dr. Henry More, dass „ein Mann von begrenzter Bildung, aber mit guten Anlagen, durch ständiges Lesen der Bibel natürlicherweise eine gewinnendere und gebieterischere Rhetorik formen wird als jene, die gelehrt sind: da die Vermischung von Zungen und künstlichen Phrasen ihren Stil erniedrigt.“
Es ist zudem zu bedenken, dass für die Bildung gesunder Gefühle und eines reflektierenden Geistes Verneinungen nicht weniger gewaltige Hindernisse darstellen als Sophisterei und lasterhafte Vermischung. Ich bin überzeugt, dass für das Gedeihen der menschlichen Seele im ländlichen Leben eine gewisse günstige Ausgangsposition Voraussetzung ist. Nicht jeder Mensch wird durch ein Landleben oder durch ländliche Arbeiten zwangsläufig gebessert. Bildung oder ursprüngliche Empfindsamkeit, oder beides, müssen bereits vorhanden sein, wenn die Veränderungen, Formen und Begebenheiten der Natur als hinreichendes Stimulans dienen sollen. Und wo diese nicht ausreichen, verengt und verhärtet sich der Geist aus Mangel an Reizen: und der Mensch wird selbstsüchtig, sinnlich, grob und hartherzig. Man vergleiche die Verwaltung der Armengesetze in Liverpool, Manchester oder Bristol mit der gewöhnlichen Verteilung der Armensteuern in landwirtschaftlichen Dörfern, wo die Bauern die Aufseher und Pfleger der Armen sind. Wenn meine eigene Erfahrung nicht besonders unglücklich war, ebenso wie die der vielen respektablen Landgeistlichen, mit denen ich über dieses Thema gesprochen habe, würde das Ergebnis mehr als Skepsis gegenüber den wünschenswerten Einflüssen des niederen und ländlichen Lebens an und für sich erzeugen. Was auch immer auf der anderen Seite aus den stärkeren lokalen Bindungen und dem unternehmungslustigen Geist der Schweizer und anderer Bergvölker gefolgert werden mag, bezieht sich auf eine bestimmte Art des Hirtenlebens unter Eigentumsformen, die wahrhaft republikanische Sitten erlauben und hervorbringen, nicht auf das ländliche Leben im Allgemeinen oder auf das Fehlen künstlicher Kultivierung. Im Gegenteil, die Bergvölker, deren Sitten so oft gepriesen wurden, sind im Allgemeinen besser gebildet und lesen mehr als Männer gleichen Ranges andernorts. Aber wo dies nicht der Fall ist, wie bei der Bauernschaft von Nordwales, sind die alten Berge mit all ihrem Schrecken und all ihrer Herrlichkeit Bilder für den Blinden und Musik für den Tauben.
Ich hätte mich nicht so sehr in Details zu dieser Passage verlieren sollen, aber hier scheint der Punkt zu liegen, an dem alle Linien der Differenz als an ihrem Ursprung und Zentrum zusammenlaufen; ich meine, insofern und in jeder Hinsicht, in der mein poetisches Credo von den in dieser Vorrede verkündeten Lehren abweicht. Ich übernehme mit vollem Glauben das Prinzip des Aristoteles, dass Dichtung als Dichtung im Wesentlichen ideal ist, dass sie alles Zufällige vermeidet und ausschließt; dass ihre scheinbaren Individualitäten von Rang, Charakter oder Beschäftigung repräsentativ für eine Klasse sein müssen; und dass die Personen der Dichtung mit generischen Attributen bekleidet sein müssen, mit den gemeinsamen Attributen der Klasse: nicht mit solchen, die ein begabter Einzelner möglicherweise besitzen könnte, sondern solchen, die er aufgrund seiner Situation von vornherein am wahrscheinlichsten besitzen würde. Wenn meine Prämissen richtig und meine Ableitungen legitim sind, folgt daraus, dass es kein poetisches Medium zwischen den Hirten des Theokrit und denen eines imaginären goldenen Zeitalters geben kann.
Die Charaktere des Vikars und des Hirten-Seemanns im Gedicht THE BROTHERS sowie der des Hirten von Green-head Ghyll in MICHAEL besitzen alle die Wahrscheinlichkeit und repräsentative Qualität, die die Zwecke der Dichtung erfordern können. Sie sind Personen einer bekannten und beständigen Klasse, und ihre Sitten und Empfindungen sind das natürliche Produkt von Umständen, die dieser Klasse gemein sind. Nehmen wir Michael als Beispiel:
Ein alter Mann, von festem Herzen und starken Gliedern. Sein Körperbau war von Jugend auf bis ins Alter Von ungewöhnlicher Stärke: sein Geist war scharf, Intensiv und sparsam, für alle Angelegenheiten geschickt, Und in seinem Hirtenberuf war er aufmerksam Und wachsamer als gewöhnliche Männer. Daher hatte er die Bedeutung aller Winde gelernt, Von Böen jedes Tons; und oft, Wenn andere nicht achteten, hörte Er den Süden Unterirdische Musik machen, wie das Geräusch Von Dudelsackpfeifern auf fernen Hochlandhügeln. Der Hirte dachte bei solcher Warnung an seine Herde, Und er sagte zu sich selbst: ‚Die Winde ersinnen jetzt Arbeit für mich!‘ Und wahrlich, zu allen Zeiten rief ihn der Sturm, Der den Wanderer in einen Unterschlupf treibt, Hinauf in die Berge: er war allein gewesen Inmitten des Herzens vieler tausend Nebel, Die zu ihm kamen und ihn auf den Höhen verließen. So lebte er, bis sein achtzigstes Jahr vergangen war. Und grob irrt der Mann, der vermuten sollte, Dass die grünen Täler und die Bäche und Felsen Dinge waren, die dem Denken des Hirten gleichgültig blieben. Felder, wo er mit frohem Geiste die gemeinsame Luft Geatmet hatte; die Hügel, die er so oft Mit kräftigen Schritten bestiegen hatte; die so viele Begebenheiten seinem Geist eingeprägt hatten Von Entbehrung, Geschick oder Mut, Freude oder Furcht; Die, wie ein Buch, die Erinnerung bewahrten An die stummen Tiere, die er gerettet, Die er gefüttert oder beherbergt hatte, und mit solchen Taten, Die an sich schon so erfreulich waren, die Gewissheit Ehrlichen Gewinns verknüpften; diese Felder, diese Hügel, Die sein lebendiges Sein waren, noch mehr Als sein eigenes Blut – was konnten sie weniger sein? – hatten Starken Halt an seinen Zuneigungen gefunden, waren ihm Ein angenehmes Gefühl blinder Liebe, Die Freude, die im Leben selbst liegt.
Auf der anderen Seite sind in den Gedichten, die in einer tieferen Tonart gestimmt sind, wie HARRY GILL und THE IDIOT BOY, die Gefühle die der menschlichen Natur im Allgemeinen; obwohl der Dichter die Szene vernünftigerweise auf das Land gelegt hat, um sich in die Nähe interessanter Bilder zu begeben, ohne die Notwendigkeit, den Personen seines Dramas eine sentimentale Wahrnehmung ihrer Schönheit zuzuschreiben. In THE IDIOT BOY ist der Charakter der Mutter in der Tat nicht so sehr das wirkliche und ursprüngliche Produkt einer „Situation, in der die wesentlichen Leidenschaften des Herzens einen besseren Boden finden, auf dem sie ihre Reife erreichen und eine deutlichere und nachdrücklichere Sprache sprechen können“, als vielmehr eine Verkörperung eines Instinkts, der vom Urteilsvermögen verlassen wurde. Daher erscheinen mir die beiden folgenden Anklagen nicht völlig grundlos: Zumindest sind sie die einzigen plausiblen Einwände, die ich gegen dieses schöne Gedicht gehört habe. Der eine ist, dass der Autor im Gedicht selbst nicht hinreichend Sorge getragen hat, die abstoßenden Bilder gewöhnlicher krankhafter Idiotie aus der Phantasie des Lesers fernzuhalten, die er jedoch keineswegs darstellen wollte. Er wurde sogar durch das „Burr, Burr, Burr“, das durch keine vorherige Beschreibung der Schönheit des Jungen ausgeglichen wurde, dabei unterstützt, sie wachzurufen. Der andere ist, dass die Idiotie des Jungen durch die Torheit der Mutter so gleichmäßig ausgeglichen wird, dass sie dem allgemeinen Leser eher eine lächerliche Burleske auf die Blindheit des greisenhaften Alters darbietet als eine analytische Darstellung mütterlicher Zuneigung in ihren gewöhnlichen Wirkungsweisen.
In THE THORN erkennt der Dichter selbst in einer Anmerkung die Notwendigkeit eines einleitenden Gedichts an, in dem er den Charakter der Person hätte porträtieren sollen, von der die Worte des Gedichts ausgehen sollen: ein abergläubischer Mann, mäßig phantasievoll, mit langsamen Fähigkeiten und tiefen Gefühlen, „ein Kapitän eines kleinen Handelsschiffes zum Beispiel, der, nachdem er das mittlere Lebensalter überschritten hatte, sich von einer Rente oder einem kleinen unabhängigen Einkommen in irgendein Dorf oder eine Landstadt zurückgezogen hatte, deren Eingeborener er nicht war oder in der er nicht gewohnt war zu leben. Solche Männer, die nichts zu tun haben, werden aus Trägheit leichtgläubig und geschwätzig.“ Aber in einem Gedicht, noch mehr in einem lyrischen Gedicht – und die Amme in ROMEO UND JULIA hält mich allein davon ab, die Bemerkung sogar auf dramatische Dichtung auszudehnen, wenn man die Amme überhaupt als Fallbeispiel betrachten kann –, ist es nicht möglich, einen stumpfsinnigen und geschwätzigen Redner wahrhaftig nachzuahmen, ohne die Wirkungen von Stumpfsinn und Geschwätzigkeit zu wiederholen. Wie dem auch sei, ich wage zu behaupten, dass die Teile – und diese bilden den weitaus größeren Teil des Ganzen –, die ebenso gut oder noch besser aus der eigenen Phantasie des Dichters hätten stammen und in seinem eigenen Charakter gesprochen werden können, diejenigen sind, die universelles Entzücken bereitet haben und weiterhin bereiten werden; und dass die Passagen, die ausschließlich dem vermeintlichen Erzähler angemessen sind, wie das letzte Reimpaar der dritten Strophe [64]; die sieben letzten Zeilen der zehnten [65]; und die fünf folgenden Strophen, mit Ausnahme der vier bewundernswerten Zeilen zu Beginn der vierzehnten, von vielen unvoreingenommenen und unverdorbenen Herzen als plötzliches und unangenehmes Absinken aus der Höhe empfunden werden, auf die der Dichter sie zuvor gehoben hatte und auf die er sowohl sich selbst als auch seinen Leser wieder emporhebt.
Wenn ich also gezwungen bin, an der Theorie zu zweifeln, nach der die Wahl der Charaktere geleitet werden sollte, nicht nur a priori aus Gründen der Vernunft, sondern sowohl aus den wenigen Fällen, in denen der Dichter selbst ihr unterworfen gewesen sein soll, als auch aus der relativen Unterlegenheit dieser Instanzen; umso mehr muss ich mit meiner Zustimmung zu dem Satz zögern, der unmittelbar auf das frühere Zitat folgt; und den ich weder als tatsächliche Tatsache noch als allgemeine Regel anerkennen kann. „Die Sprache dieser Männer ist ebenfalls übernommen worden (in der Tat gereinigt von dem, was ihre wirklichen Mängel zu sein scheinen, von allen dauerhaften und vernünftigen Ursachen für Abneigung oder Ekel), weil solche Männer stündlich mit den besten Objekten verkehren, aus denen der beste Teil der Sprache ursprünglich abgeleitet wird; und weil sie aufgrund ihres Ranges in der Gesellschaft und der Gleichförmigkeit und des engen Kreises ihres Umgangs weniger unter der Einwirkung gesellschaftlicher Eitelkeit stehen und ihre Gefühle und Vorstellungen in einfachen und nicht ausgearbeiteten Ausdrücken vermitteln.“ Darauf antworte ich: Dass die Sprache eines Landmanns, gereinigt von allem Provinzialismus und aller Grobheit und so weit rekonstruiert, dass sie mit den Regeln der Grammatik in Einklang gebracht wird – (die im Wesentlichen nichts anderes sind als die Gesetze der universellen Logik, angewandt auf psychologisches Material) –, sich nicht von der Sprache jedes anderen Mannes mit gesundem Menschenverstand unterscheiden wird, wie gelehrt oder verfeinert er auch sein mag, außer insofern als die Vorstellungen, die der Landmann zu vermitteln hat, weniger zahlreich und unterschiedsloser sind. Dies wird noch deutlicher, wenn wir die Erwägung hinzufügen – (ebenso wichtig, wenn auch weniger offensichtlich) –, dass der Landmann aufgrund der unvollkommeneren Entwicklung seiner Fähigkeiten und des niedrigeren Standes ihrer Kultivierung fast ausschließlich danach strebt, isolierte Tatsachen zu vermitteln, entweder solche seiner spärlichen Erfahrung oder seines traditionellen Glaubens; während der gebildete Mensch hauptsächlich danach sucht, jene Verbindungen der Dinge oder jene relativen Beziehungen von Tatsache zu Tatsache zu entdecken und auszudrücken, aus denen ein mehr oder weniger allgemeines Gesetz ableitbar ist. Denn Tatsachen sind für einen weisen Mann hauptsächlich deshalb wertvoll, weil sie zur Entdeckung des innewohnenden Gesetzes führen, das das wahre Wesen der Dinge, die einzige Lösung ihrer Existenzweisen ist und in dessen Wissen unsere Würde und unsere Macht besteht.
Ebenso wenig kann ich der Behauptung zustimmen, dass aus den Objekten, mit denen der Landmann stündlich verkehrt, der beste Teil der Sprache gebildet wird. Denn erstens, wenn mit einem Objekt zu verkehren eine solche Bekanntschaft damit impliziert, die es fähig macht, unterschieden darüber nachzudenken, würde das deutliche Wissen eines ungebildeten Landmanns einen sehr spärlichen Wortschatz liefern. Die wenigen Dinge und Handlungsweisen, die für seine körperlichen Bequemlichkeiten erforderlich sind, würden allein individualisiert werden; während der ganze Rest der Natur durch eine kleine Anzahl verwirrter allgemeiner Begriffe ausgedrückt würde. Zweitens bestreite ich, dass die Wörter und Wortkombinationen, die von den Objekten abgeleitet sind, mit denen der Landmann vertraut ist, ob mit deutlichem oder verwirrtem Wissen, zu Recht als der beste Teil der Sprache bezeichnet werden können. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass viele Klassen der Tierwelt unterscheidende Laute besitzen, durch die sie einander Mitteilungen über solche Objekte machen können, die ihre Nahrung, ihren Unterschlupf oder ihre Sicherheit betreffen. Dennoch zögern wir, die Gesamtheit solcher Laute eine Sprache zu nennen, es sei denn metaphorisch. Der beste Teil der menschlichen Sprache, im eigentlichen Sinne, wird durch Reflexion über die Akte des Geistes selbst abgeleitet. Sie wird gebildet durch eine freiwillige Aneignung fester Symbole für interne Akte, für Prozesse und Ergebnisse der Einbildungskraft, von denen der größte Teil keinen Platz im Bewusstsein des ungebildeten Menschen hat; obwohl in der zivilisierten Gesellschaft durch Nachahmung und passives Erinnern an das, was sie von ihren religiösen Lehrern und anderen Vorgesetzten hören, auch die Ungebildetsten an der Ernte teilhaben, die sie weder gesät noch geerntet haben. Wenn die Geschichte der Phrasen, die unter unseren Bauern im stündlichen Gebrauch sind, zurückverfolgt würde, wäre eine Person, die sich der Tatsache zuvor nicht bewusst war, überrascht festzustellen, wie viele, die vor drei oder vier Jahrhunderten das ausschließliche Eigentum der Universitäten und der Schulen waren; und zu Beginn der Reformation von der Schule auf die Kanzel übertragen wurden und so allmählich in das gemeinsame Leben übergingen. Die extreme Schwierigkeit und oft die Unmöglichkeit, Wörter für die einfachsten moralischen und intellektuellen Prozesse der Sprachen unzivilisierter Stämme zu finden, hat sich vielleicht als das gewichtigste Hindernis für den Fortschritt unserer eifrigsten und geschicktesten Missionare erwiesen. Doch diese Stämme sind von derselben Natur umgeben wie unsere Bauern; aber in noch eindrucksvolleren Formen; und sie sind zudem verpflichtet, viel mehr davon zu spezifizieren. Wenn daher Herr Wordsworth hinzufügt: „dementsprechend ist eine solche Sprache“ – (bedeutend, wie zuvor, die Sprache des ländlichen Lebens, gereinigt von Provinzialismus) – „die aus wiederholter Erfahrung und regelmäßigen Gefühlen entsteht, eine dauerhaftere und eine weitaus philosophischere Sprache als die, die häufig von Dichtern durch sie ersetzt wird, die glauben, dass sie sich selbst und ihrer Kunst Ehre erweisen, indem sie willkürlichen und launischen Ausdrucksgewohnheiten frönen;“ kann geantwortet werden, dass die Sprache, die er im Auge hat, den Landleuten mit keinem größeren Recht zugeschrieben werden kann als der Stil von Hooker oder Bacon dem Tom Brown oder Sir Roger L’Estrange. Zweifellos, wenn das, was für jeden eigentümlich ist, bei jedem weggelassen würde, müsste das Ergebnis notwendigerweise das gleiche sein. Ferner, dass der Dichter, der eine unlogische Diktion verwendet oder einen Stil, der dazu geeignet ist, nur das niedere und veränderliche Vergnügen des Staunens durch grundlose Neuheit zu erregen, ersetzt er eine Sprache der Torheit und Eitelkeit, nicht durch die des Landmanns, sondern durch die des gesunden Menschenverstandes und des natürlichen Gefühls.
Hier sei es mir gestattet, den Leser daran zu erinnern, dass die Positionen, die ich bestreite, in den Sätzen enthalten sind: „eine Auswahl der wirklichen Sprache der Menschen;“ – „die Sprache dieser Männer“ (das heißt, Männer im niederen und ländlichen Leben) „ist übernommen worden; ich habe mir vorgenommen, die wirkliche Sprache der Menschen nachzuahmen und, soweit es möglich ist, zu übernehmen.“
„Zwischen der Sprache der Prosa und der der metrischen Komposition gibt es keinen wesentlichen Unterschied, noch kann es einen geben:“ Es ist gegen diese ausschließlich, dass sich mein Widerspruch richtet.
Ich widerspreche in erster Instanz einer Äquivokation im Gebrauch des Wortes „wirklich“. Die Sprache eines jeden Menschen variiert je nach Umfang seines Wissens, der Aktivität seiner Fähigkeiten und der Tiefe oder Schnelligkeit seiner Gefühle. Die Sprache eines jeden Menschen hat erstens ihre Individualitäten; zweitens die gemeinsamen Eigenschaften der Klasse, der er angehört; und drittens Wörter und Phrasen des universellen Gebrauchs. Die Sprache von Hooker, Bacon, Bischof Taylor und Burke unterscheidet sich von der gemeinsamen Sprache der gelehrten Klasse nur durch die überlegene Anzahl und Neuheit der Gedanken und Beziehungen, die sie zu vermitteln hatten. Die Sprache von Algernon Sidney unterscheidet sich überhaupt nicht von der, die jeder gut gebildete Gentleman schreiben möchte, und (unter gebührender Berücksichtigung der Unbedachtheit und der weniger zusammenhängenden Denkweise, die dem Gespräch natürlich und angemessen sind) wie er sprechen möchte. Weder die eine noch die andere unterscheiden sich halb so sehr von der allgemeinen Sprache der kultivierten Gesellschaft, wie sich die Sprache von Herrn Wordsworths einfachster Komposition von der eines gewöhnlichen Bauern unterscheidet. Für „wirklich“ müssen wir daher gewöhnlich oder lingua communis einsetzen. Und diese, das haben wir bewiesen, ist in der Phraseologie des niederen und ländlichen Lebens nicht mehr zu finden als in der irgendeiner anderen Klasse. Lässt man die Eigentümlichkeiten eines jeden weg, muss das Ergebnis natürlich für alle gleich sein. Und sicherlich sind die Auslassungen und Änderungen, die in der Sprache der Landleute vorgenommen werden müssten, bevor sie auf irgendeine Art von Gedicht übertragen werden könnte, außer dem Drama oder einer anderen erklärten Nachahmung, mindestens ebenso zahlreich und gewichtig wie die, die erforderlich wären, um die gewöhnliche Sprache von Handwerkern und Fabrikanten für denselben Zweck anzupassen. Ganz zu schweigen davon, dass die von Herrn Wordsworth so hoch gepriesene Sprache in jeder Grafschaft variiert, ja in jedem Dorf, je nach dem zufälligen Charakter des Geistlichen, dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Schulen; oder vielleicht sogar, je nachdem, ob der Steuereinnehmer, der Gastwirt und der Barbier zufällig eifrige Politiker und Leser der Wochenzeitung pro bono publico sind oder nicht. Vor der Kultivierung existiert die lingua communis eines jeden Landes, wie Dante wohl bemerkt hat, überall in Teilen und nirgendwo als Ganzes.
Auch wird der Fall durch die Hinzufügung der Worte „in einem Zustand der Erregung“ keineswegs haltbarer. Denn die Natur der Worte eines Mannes, wenn er stark von Freude, Kummer oder Zorn betroffen ist, muss notwendigerweise von der Anzahl und Qualität der allgemeinen Wahrheiten, Konzeptionen und Bilder und der Wörter, die sie ausdrücken, abhängen, mit denen sein Geist zuvor gefüllt war. Denn die Eigenschaft der Leidenschaft ist es nicht, zu erschaffen; sondern in erhöhte Aktivität zu versetzen. Zumindest, welche neuen Verbindungen von Gedanken oder Bildern auch immer, oder – (was gleichermaßen, wenn nicht mehr als gleichermaßen, die angemessene Wirkung starker Erregung ist) – welche Verallgemeinerungen von Wahrheit oder Erfahrung die Hitze der Leidenschaft auch hervorbringen mag; die Begriffe ihrer Vermittlung müssen in seinen früheren Gesprächen bereits vorhanden gewesen sein und werden durch die ungewöhnliche Stimulation nur gesammelt und zusammengedrängt. Es ist in der Tat sehr wohl möglich, in einem Gedicht die sinnlosen Wiederholungen, gewohnheitsmäßigen Phrasen und andere leere Zähler zu übernehmen, die ein unvorbereiteter oder verwirrter Verstand in kurzen Abständen einschiebt, um an seinem Thema festzuhalten, das ihm immer wieder entgleitet, und um sich Zeit zur Sammlung zu geben; oder, lediglich als Hilfe für die Leere, wie in den spärlichen Kompanien einer Landbühne derselbe Schauspieler vor und zurück springt, um das Erscheinen leerer Räume in der Prozession von Macbeth oder Heinrich VIII. zu verhindern. Aber welche Hilfe für den Dichter oder welchen Schmuck für das Gedicht diese liefern können, vermag ich nicht zu vermuten. Nichts kann sich sicherlich weder im Ursprung noch in der Art weiter von den scheinbaren Tautologien intensiver und turbulenter Gefühle unterscheiden, bei denen die Leidenschaft größer und von längerer Dauer ist, als dass sie durch eine einzige Darstellung des Bildes oder Begebenheit, die sie erregt, erschöpft oder befriedigt werden könnte. Solche Wiederholungen erkenne ich als eine Schönheit der höchsten Art an; wie von Herrn Wordsworth selbst aus dem Lied der Deborah illustriert. Zu ihren Füßen beugte er sich, er fiel, er lag nieder: zu ihren Füßen beugte er sich, er fiel: wo er sich beugte, da fiel er tot nieder. Richter v. 27.
KAPITEL XVIII
Sprache der metrischen Komposition, warum und worin wesentlich verschieden von der der Prosa – Ursprung und Elemente des Metrums – Seine notwendigen Konsequenzen und die dadurch dem metrischen Schriftsteller auferlegten Bedingungen bei der Wahl seiner Diktion.
Ich schließe daher, dass der Versuch unausführbar ist; und dass er, wäre er nicht unausführbar, immer noch nutzlos wäre. Denn die Kraft selbst, die Auswahl zu treffen, impliziert den vorherigen Besitz der ausgewählten Sprache. Oder wo kann der Dichter gelebt haben? Und nach welchen Regeln könnte er seine Wahl leiten, die ihn nicht befähigt hätten, seine Wörter im Lichte seines eigenen Urteils auszuwählen und anzuordnen? Wir übernehmen die Sprache einer Klasse nicht durch die bloße Übernahme solcher Wörter ausschließlich, wie diese Klasse sie verwenden oder zumindest verstehen würde; sondern ebenso, indem wir der Ordnung folgen, in der die Wörter solcher Männer gewöhnlich aufeinanderfolgen. Nun unterscheidet sich diese Ordnung im Umgang ungebildeter Männer von der Diktion ihrer an Wissen und Macht Überlegenen durch die größere Trennung und Absonderung der Bestandteile dessen, was auch immer es sei, das sie mitteilen wollen. Es fehlt jene Vorausschau des Geistes, jener Überblick, der einen Menschen befähigt, das Ganze dessen, was er vermitteln soll, in Bezug auf einen beliebigen Punkt vorherzusehen; und auf diese Weise die verschiedenen Teile entsprechend ihrer relativen Bedeutung so unterzuordnen und anzuordnen, dass er es sofort und als organisiertes Ganzes vermittelt.
Nun nehme ich die erste Strophe, bei der ich zufällig aufgeschlagen habe, in den Lyrical Ballads. Es ist eine der einfachsten und am wenigsten eigentümlichen in ihrer Sprache.
„In fernen Landen bin ich gewesen, Und doch habe ich nicht oft gesehen Einen gesunden Mann, einen Mann in vollem Wuchs, Weinen auf den öffentlichen Straßen, allein. Doch solch einen, auf englischem Boden, Und auf der breiten Landstraße, traf ich; Entlang der breiten Landstraße kam er, Seine Wangen waren nass von Tränen. Rüstig erschien er, obgleich er betrübt war; Und in seinen Armen hielt er ein Lamm.“
Die Worte hier sind zweifellos solche, die in allen Lebensständen gebräuchlich sind; und natürlich nicht weniger im Weiler und in der Hütte als im Laden, der Manufaktur, am College oder im Palast. Aber ist dies die Ordnung, in die der Landmann die Worte gebracht hätte? Ich bin schwer getäuscht, wenn die folgende, weniger gedrängte Art, dieselbe Geschichte zu beginnen, nicht eine weit getreuere Kopie ist. „Ich bin in vielen Gegenden gewesen, weit und nah, und ich weiß nicht, ob ich jemals zuvor einen Mann gesehen habe, der allein auf der öffentlichen Straße weinte; einen erwachsenen Mann, meine ich, der weder krank noch verletzt war“, usw., usw. Aber wenn ich mich der folgenden Strophe in The Thorn zuwende:
„Zu jeder Zeit bei Tag und Nacht Geht dieses elende Weib dorthin; Und sie ist jedem Stern bekannt, Und jedem Wind, der weht. Und dort, neben dem Dorn, sitzt sie, Wenn das blaue Tageslicht am Himmel steht, Und wenn der Wirbelwind auf dem Hügel ist, Oder die frostige Luft scharf und still, Und weint vor sich hin, Oh Elend! Oh Elend! Oh weh mir! Oh Elend!“
und dies mit der Sprache gewöhnlicher Menschen vergleiche; oder mit dem, was ich mir als irgendwie wahrscheinlich vorstelle, das im wirklichen Leben von einem solchen Erzähler ausgehen könnte, wie er in der Anmerkung zum Gedicht vorausgesetzt wird; vergleiche es entweder in der Abfolge der Bilder oder der Sätze; so werde ich an das erhabene Gebet und den Lobgesang erinnert, den Milton im Gegensatz zu einer feststehenden Liturgie als ein schönes Beispiel allgemeiner extemporierter Andacht darbietet, und wie wir es von jedem selbstinspirierten Geistlichen eines Konventikels erwarten könnten! Und ich reflektiere mit Vergnügen, wie wenig eine bloße Theorie, auch wenn sie aus seiner eigenen Werkstatt stammt, in die Prozesse echter Einbildungskraft bei einem Mann von wahrem poetischem Genie eingreift, der, wie Herr Wordsworth, wenn es je ein Mensch tat, ganz gewiss besitzt:
„Die Vision und die göttliche Fakultät.“
Ein Punkt bleibt also allein, doch der wichtigste; seine Untersuchung war in der Tat mein Hauptanreiz für die vorangegangene Nachforschung. „Es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Sprache der Prosa und der metrischen Komposition, noch kann es einen geben.“ Dies ist die Behauptung von Herrn Wordsworth. Nun unterscheidet sich die Prosa selbst, zumindest in allen argumentativen und konsekutiven Werken, von der Sprache der Konversation und sollte sich auch von ihr unterscheiden; ebenso wie das Lesen sich vom Sprechen unterscheiden sollte. Wenn also der geleugnete Unterschied nicht der der bloßen Worte ist, als Materialien, die allen Schreibstilen gemeinsam sind, und nicht der des Stils selbst im allgemein anerkannten Sinne des Begriffs, so könnte man natürlicherweise vermuten, dass zwischen der Anordnung der poetischen Komposition und der der Prosa ein noch größerer Unterschied bestehen muss, als man ihn bei der Unterscheidung von Prosa und gewöhnlicher Konversation erwartet.
Es mangelt in der Geschichte der Literatur in der Tat nicht an Beispielen für scheinbare Paradoxien, die das öffentliche Staunen als neue und verblüffende Wahrheiten hervorgerufen haben, die aber bei näherer Betrachtung zu zahmen und harmlosen Binsenweisheiten zusammengeschrumpft sind; so wie die Augen einer Katze, im Dunkeln gesehen, für Feuerflammen gehalten wurden. Aber Herr Wordsworth gehört zu den letzten Männern, denen ein solcher Wahn von jemandem zugeschrieben würde, der die geringste Gelegenheit hatte, seinen Geist und Charakter zu verstehen. Wo ein Einwand von einem solchen Autor als natürlich vorweggenommen wurde, muss seine Antwort darauf in einem Sinne interpretiert werden, der entweder bestritten wird, bestritten wurde oder bestritten werden kann. Mein Ziel muss es also sein, eine andere Bedeutung für den Begriff „wesentlicher Unterschied“ an dieser Stelle zu entdecken, unter Ausschluss der Ununterscheidbarkeit und Gemeinsamkeit der Worte selbst. Denn ob es eine Klasse von Wörtern im Englischen geben sollte, die in irgendeinem Grad dem poetischen Dialekt des Griechischen und Italienischen ähnelt, ist eine Frage von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Anzahl solcher Wörter wäre in unserer Sprache in der Tat gering; und selbst im Italienischen und Griechischen bestehen sie nicht so sehr aus verschiedenen Wörtern als vielmehr aus leichten Unterschieden in den Formen der Deklination und Konjugation derselben Wörter; Formen zweifellos, die, nachdem sie zu irgendeinem mehr oder weniger entfernten Zeitpunkt die gemeinsamen grammatikalischen Flexionen irgendeines Stammes oder einer Provinz waren, durch die allgemeine Bewunderung bestimmter Meisterintellekte, der zuerst etablierten Lichter der Inspiration, denen dieser Dialekt zufällig eigen war, zufällig der Poesie angeeignet wurden.
Wesen bedeutet in seiner primären Bedeutung das Prinzip der Individuation, das innerste Prinzip der Möglichkeit von irgendetwas, als eben jenem bestimmten Ding. Es ist gleichbedeutend mit der Idee eines Dings, wann immer wir das Wort Idee mit philosophischer Präzision verwenden. Existenz hingegen unterscheidet sich vom Wesen durch die Hinzufügung von Realität. So sprechen wir vom Wesen und den wesentlichen Eigenschaften eines Kreises; aber wir behaupten deshalb nicht, dass irgendetwas, das wirklich existiert, mathematisch kreisförmig ist. So kämpfen wir auch ohne jede Tautologie für die Existenz des Höchsten Wesens; das heißt, für eine Realität, die der Idee entspricht. Es gibt als nächstes einen sekundären Gebrauch des Wortes Wesen, in dem es den Punkt oder Grund der Unterscheidung zwischen zwei Modifikationen derselben Substanz oder desselben Subjekts bezeichnet. So sollte es uns erlaubt sein zu sagen, dass der Architekturstil der Westminster Abbey sich wesentlich von dem von St. Paul unterscheidet, auch wenn beide mit Blöcken gebaut worden wären, die in dieselbe Form geschnitten und aus demselben Steinbruch stammten. Nur in diesem letzteren Sinne des Begriffs muss von Herrn Wordsworth geleugnet worden sein (denn nur in diesem Sinne wird es von der allgemeinen Meinung bejaht), dass die Sprache der Poesie (das heißt die formale Konstruktion oder Architektur der Worte und Phrasen) sich wesentlich von der der Prosa unterscheidet. Nun liegt die Beweislast beim Bestreiter, nicht bei den Anhängern des allgemeinen Glaubens. Herr Wordsworth führt folglich als Beweis für seine Position an, „dass nicht nur die Sprache eines großen Teils jedes guten Gedichts, selbst von erhabenstem Charakter, notwendigerweise, mit Ausnahme des Metrums, in keiner Weise von der guter Prosa abweichen darf, sondern dass ebenso einige der interessantesten Teile der besten Gedichte sich als strikt die Sprache der Prosa erweisen werden, wenn Prosa gut geschrieben ist. Die Wahrheit dieser Behauptung könnte durch zahllose Passagen aus fast allen poetischen Schriften, selbst von Milton selbst, demonstriert werden.“ Er zitiert dann Grays Sonett--
„Vergeblich leuchten mir die lächelnden Morgen, Und der rötende Phoebus hebt sein goldenes Feuer; Die Vögel vereinen vergeblich ihren amorösen Diskant, Oder heitere Felder nehmen wieder ihr grünes Gewand an. Diese Ohren, ach! sehnen sich nach anderen Noten; Ein anderes Objekt verlangen diese Augen; Meine einsame Qual schmilzt kein Herz als das meine; Und in meiner Brust erlöschen die unvollkommenen Freuden. Dennoch lächelt der Morgen, um das geschäftige Geschlecht zu erheitern, Und bringt neugeborene Lust zu glücklicheren Menschen; Die Felder tragen allen ihren gewohnten Tribut; Um ihre kleinen Lieben zu wärmen, klagen die Vögel: Ich trauere fruchtlos dem, der nicht hören kann, Und weine umso mehr, weil ich vergeblich weine.“
und fügt die folgende Bemerkung hinzu: „Es wird leicht wahrgenommen werden, dass der einzige Teil dieses Sonetts, der von irgendeinem Wert ist, die kursiv gedruckten Zeilen sind; es ist ebenso offensichtlich, dass, abgesehen vom Reim und der Verwendung des einzelnen Wortes ‚fruitless‘ für fruitlessly, was insofern ein Mangel ist, die Sprache dieser Zeilen in keiner Weise von der der Prosa abweicht.“
Einem Idealisten, der sein System mit der Tatsache verteidigte, dass wir im Schlaf oft glauben, wach zu sein, wurde von seinem schlichten Nachbarn gut geantwortet: „Ah, aber glauben wir, wenn wir wach sind, jemals, dass wir schlafen?“ Identische Dinge müssen konvertierbar sein. Die vorangegangene Passage scheint auf einem ähnlichen Sophismus zu beruhen. Denn die Frage ist nicht, ob in der Prosa nicht eine Wortfolge vorkommen kann, die in einem Gedicht ebenso angemessen wäre; noch ob es nicht schöne Zeilen und Sätze gibt, die häufig in guten Gedichten vorkommen und die in guter Prosa ebenso schicklich wie schön wären; denn weder das eine noch das andere wurde jemals von irgendjemandem geleugnet oder bezweifelt. Die wahre Frage muss sein, ob es nicht Ausdrucksweisen, eine Konstruktion und eine Reihenfolge von Sätzen gibt, die an ihrem passenden und natürlichen Ort in einer ernsthaften Prosakomposition sind, aber in metrischer Poesie unverhältnismäßig und heterogen wären; und umgekehrt, ob es in der Sprache eines ernsthaften Gedichts nicht eine Anordnung sowohl der Worte als auch der Sätze geben kann, sowie eine Verwendung und Auswahl von (sogenannten) Redefiguren, sowohl in Bezug auf ihre Art, ihre Häufigkeit als auch ihre Anlässe, die bei einem Thema von gleichem Gewicht in korrekter und männlicher Prosa bösartig und fremd wären. Ich behaupte, dass in beiden Fällen diese Untauglichkeit des einen für den Platz des anderen häufig existieren wird und existieren sollte.
Und erstens aus dem Ursprung des Metrums. Dies möchte ich auf das Gleichgewicht im Geist zurückführen, das durch jene spontane Anstrengung bewirkt wird, die danach strebt, die Wirkungen der Leidenschaft im Zaum zu halten. Es könnte ebenso leicht erklärt werden, auf welche Weise dieser heilsame Antagonismus durch eben jenen Zustand unterstützt wird, dem er entgegenwirkt; und wie dieses Gleichgewicht der Antagonisten durch einen hinzukommenden Akt des Willens und des Urteils, bewusst und zu dem vorhergesehenen Zweck des Vergnügens, in Metrum (im üblichen Sinne dieses Begriffs) organisiert wurde. Unter der Annahme dieser Prinzipien als Daten unseres Arguments leiten wir daraus zwei legitime Bedingungen ab, die der Kritiker in jedem metrischen Werk zu erwarten berechtigt ist. Erstens, dass, da die Elemente des Metrums ihre Existenz einem Zustand erhöhter Erregung verdanken, das Metrum selbst von der natürlichen Sprache der Erregung begleitet sein sollte. Zweitens, dass, da diese Elemente durch einen freiwilligen Akt künstlich zu Metrum geformt werden, mit dem Entwurf und zu dem Zweck, Freude mit Emotion zu vermischen, so sollten die Spuren gegenwärtigen Wollens durch die metrische Sprache hindurch in gleichem Maße erkennbar sein. Nun müssen diese zwei Bedingungen in Einklang gebracht und gleichzeitig vorhanden sein. Es muss nicht nur eine Partnerschaft geben, sondern eine Union; eine Interpenetration von Leidenschaft und Wille, von spontanem Impuls und freiwilligem Zweck. Wiederum kann diese Union nur in einer Häufigkeit von Formen und Redefiguren manifestiert werden (ursprünglich der Nachwuchs der Leidenschaft, nun aber die adoptierten Kinder der Macht), die größer wäre, als dort gewünscht oder ertragen würde, wo die Emotion nicht freiwillig gefördert und aufrechterhalten wird um der Freude willen, die eine solche Emotion, so gemildert und vom Willen beherrscht, zu vermitteln vermag. Sie diktiert nicht nur, sondern tendiert von sich aus dazu, eine häufigere Verwendung bildhafter und belebender Sprache zu erzeugen, als in jedem anderen Fall natürlich wäre, in dem es nicht, wie es hier der Fall ist, einen vorherigen und wohlverstandenen, wenn auch stillschweigenden Pakt zwischen dem Dichter und seinem Leser gäbe, dass letzterer berechtigt ist zu erwarten und ersterer verpflichtet ist, diese Art und diesen Grad an vergnüglicher Erregung zu liefern. Wir können in gewissem Maße auf diese Union die Antwort von Polixenes im Wintermärchen anwenden, auf Perditas Vernachlässigung der gestreiften Levkojen, weil sie gehört hatte, wie gesagt wurde:
„Es gibt eine Kunst, die an ihrer Buntheit teilhat Mit der großen schöpfenden Natur. POL. Gesetzt, es sei so; Doch Natur wird durch kein Mittel besser gemacht, Als die Natur dieses Mittel macht; also, über jener Kunst, Die, wie du sagst, der Natur hinzufügt, ist eine Kunst, Die die Natur macht. Du siehst, süßes Mädchen, wir vermählen Ein sanfteres Reis mit dem wildesten Stamm; Und lassen eine Rinde von niederer Art empfangen Durch die Knospe edleren Geschlechts. Dies ist eine Kunst, Die die Natur bessert – oder vielmehr verändert; aber Die Kunst selbst ist Natur.“
Zweitens argumentiere ich aus den Wirkungen des Metrums. Soweit das Metrum in und für sich wirkt, neigt es dazu, die Lebhaftigkeit und Empfänglichkeit sowohl der allgemeinen Gefühle als auch der Aufmerksamkeit zu erhöhen. Diesen Effekt erzeugt es durch die ständige Erregung von Überraschung und durch die schnellen Wechselwirkungen von Neugier, die immer wieder befriedigt und wieder neu angeregt wird, welche zwar in jedem Moment zu gering sind, um Objekte deutlichen Bewusstseins zu sein, aber in ihrem Gesamteinfluss beträchtlich werden. Wie eine medizinische Atmosphäre oder wie Wein während eines lebhaften Gesprächs wirken sie kraftvoll, obwohl sie selbst unbeachtet bleiben. Wo daher keine entsprechende Nahrung und kein angemessener Stoff für die so erregte Aufmerksamkeit und die Gefühle bereitgestellt werden, muss notwendigerweise eine Enttäuschung empfunden werden; wie die, im Dunkeln von der letzten Stufe einer Treppe zu springen, wenn wir unsere Muskeln auf einen Sprung von drei oder vier vorbereitet hatten.
Die Diskussion über die Kräfte des Metrums im Vorwort ist hochinnovativ und berührt in allen Punkten die Wahrheit. Aber ich kann keine Aussage über seine Kräfte finden, die abstrakt und getrennt betrachtet werden. Im Gegenteil scheint Herr Wordsworth das Metrum immer nach den Kräften zu beurteilen, die es während (und, wie ich meine, in Folge) seiner Kombination mit anderen Elementen der Poesie ausübt. So bleibt die vorherige Schwierigkeit unbeantwortet, was die Elemente sind, mit denen es kombiniert werden muss, um seine eigenen Wirkungen für irgendeinen vergnüglichen Zweck zu erzielen. Doppel- und dreisilbige Reime bilden in der Tat eine niedere Art von Witz und können, wenn man sie ausschließlich um ihrer selbst willen beachtet, eine Quelle flüchtiger Unterhaltung werden; wie in dem Distichon des armen Smart an den walisischen Squire, der ihm einen Hasen versprochen hatte:
„Sag mir, du Sohn des großen Cadwallader! Hast du den Hasen geschickt? Oder hast du ihn verschluckt?“
Aber für irgendwelche poetischen Zwecke ähnelt Metrum (wenn die Passgenauigkeit des Gleichnisses seine Geringfügigkeit entschuldigen mag) Hefe, wertlos oder unangenehm für sich allein, aber Lebhaftigkeit und Geist gebend für das Getränk, mit dem sie proportional kombiniert ist.
Der Verweis auf DIE KINDER IM WALDE befriedigt mein Urteil keineswegs. Wir alle werfen uns bereitwillig für eine Weile in die Gefühle unserer Kindheit zurück. Diese Ballade lesen wir daher unter solchen Erinnerungen an unsere eigenen kindlichen Gefühle, die uns gleichermaßen Gedichte lieb machen würden, die Herr Wordsworth selbst im entgegengesetzten Extrem von grellem und technischem Schmuck als fehlerhaft betrachten würde. Vor der Erfindung des Buchdrucks und in noch größerem Maße vor der Einführung des Schreibens besaß das Metrum, insbesondere das alliterative Metrum (ob alliterativ am Anfang der Wörter, wie in PIERCE PLOUMAN, oder am Ende, wie in Reimen), einen unabhängigen Wert, da es das Erinnern und folglich die Bewahrung jeder Reihe von Wahrheiten oder Vorfällen unterstützte. Aber ich bin durch die Zusammenstellung der Fakten nicht überzeugt, dass DIE KINDER IM WALDE ihre Bewahrung oder ihre Popularität ihrer metrischen Form verdanken. Herrn Marshals Archiv bietet eine Anzahl von Erzählungen in Prosa, die in Pathos und allgemeinem Verdienst unterlegen sind, einige von ebenso altem Datum und viele ebenso weit verbreitet. TOM HICKATHRIFT, JACK DER RIESENTÖTER, GOODY TWO-SHOES und ROTKÄPPCHEN sind beeindruckende Rivalen. Und dass sie in Prosa fortbestanden haben, kann nicht fair durch die Annahme erklärt werden, dass die relative Geringfügigkeit ihrer Gedanken und Bilder selbst die bescheidensten Formen des Metrums ausschloss. Die Szene von GOODY TWO-SHOES in der Kirche ist vollkommen für metrische Erzählung geeignet; und unter den thaumata thaumastotata selbst des gegenwärtigen Zeitalters erinnere ich mich an kein erstaunlicheres Bild als das der „ganzen Saatkrähenkolonie, die aus dem Bart des Riesen flog“, erschreckt durch die gewaltige Stimme, mit der dieses Monster die Herausforderung des heldenhaften TOM HICKATHRIFT beantwortete!
Wenn wir uns von diesen Kompositionen zu solchen wenden, die universell und unabhängig von allen frühen Assoziationen geliebt und bewundert werden; würden MARIA, DER MÖNCH oder DES ARMEN MANNES ESEL von Sterne mit mehr Freude gelesen werden oder eine bessere Chance auf Unsterblichkeit haben, wären sie ohne jede Änderung in der Diktion in Reim gesetzt worden, als in ihrem gegenwärtigen Zustand? Wenn ich mich nicht grob irre, wäre die allgemeine Antwort negativ. Nein, ich werde gestehen, dass in den eigenen Bänden von Herrn Wordsworth die ANECDOTE FOR FATHERS, SIMON LEE, ALICE FELL, BEGGARS und THE SAILOR’S MOTHER, ungeachtet der Schönheiten, die in jedem von ihnen zu finden sind, wo der Dichter die Musik seiner eigenen Gedanken einschiebt, für mich in Prosa erfreulicher gewesen wären, erzählt und gehandhabt, wie sie von Herrn Wordsworth in einem moralischen Essay oder einer Fußreise gehandhabt worden wären.
Metrum an sich ist einfach ein Stimulans der Aufmerksamkeit und regt daher die Frage an: Warum soll die Aufmerksamkeit so stimuliert werden? Nun kann die Frage nicht durch das Vergnügen des Metrums selbst beantwortet werden; denn wir haben gezeigt, dass dies konditional ist und von der Angemessenheit der Gedanken und Ausdrücke abhängt, denen die metrische Form hinzugefügt wird. Auch kann ich mir keine andere Antwort vorstellen, die rational gegeben werden kann, außer dieser: Ich schreibe in Metrum, weil ich eine Sprache verwenden werde, die sich von der der Prosa unterscheidet. Außerdem, wo die Sprache nicht derart ist, wie interessant auch immer die Reflexionen sind, die von einem philosophischen Geist aus den Gedanken oder Vorfällen des Gedichts gezogen werden können, muss das Metrum selbst oft schwach werden. Nehmen Sie zum Beispiel die letzten drei Strophen von THE SAILOR’S MOTHER. Wenn ich für einen Moment von dem Effekt absehen könnte, der auf die Gefühle des Autors als Mensch durch den Vorfall zum Zeitpunkt seines wirklichen Auftretens ausgeübt wurde, würde ich wagen, an sein eigenes Urteil zu appellieren, ob er im Metrum selbst einen ausreichenden Grund dafür fand, dass sie metrisch geschrieben wurden?
Und, so fortfahrend, sagte sie: „Ich hatte einen Sohn, der viele Tage Auf den Meeren segelte; aber er ist tot; In Dänemark wurde er Schiffbrüchiger; Und ich bin bis nach Hull gereist, um zu sehen, Welche Kleider er vielleicht hinterlassen hat, oder anderes Eigentum.
Der Vogel und der Käfig, sie beide waren sein, Es war der Vogel meines Sohnes; und ordentlich und sauber Hielt er ihn: viele Reisen Hat dieser Singvogel mit ihm gemacht; Als er zuletzt segelte, ließ er den Vogel zurück; Wie es vielleicht sein mochte, aus Vorahnungen seines Geistes.
Er hatte ihn der Obhut eines Mitbewohners Überlassen, um bewacht und gefüttert zu werden, Bis er wieder zurückkam; und dort Fand ich ihn, als mein Sohn tot war; Und nun, Gott helfe mir für meinen kleinen Verstand! Ich schleppe ihn mit mir herum, Sir! Er hatte so viel Freude daran.“
Wenn wir durch unverhältnismäßige Betonung diese Strophen so lesen, dass die Reime wahrnehmbar werden, könnten selbst dreisilbige Reime kaum ein gleiches Gefühl von Sonderbarkeit und Fremdheit erzeugen, wie wir es hier empfinden, wenn wir überhaupt Reime in Sätzen finden, die so ausschließlich umgangssprachlich sind. Ich würde weiter fragen, ob der Dichter, wäre er nicht in jenem visionären Zustand gewesen, in den die Gestalt der Frau und die Empfänglichkeit seines eigenen Genies die Einbildungskraft des Dichters versetzt hatten – (ein Zustand, der seinen Einfluss und seine Färbung über alles ausbreitet, was mit der erregenden Ursache koexistiert, und in dem
„Die einfachsten und vertrautesten Dinge Gewinnen eine seltsame Kraft, Ehrfurcht um sich zu verbreiten,“ ) [67]
ich würde den Dichter fragen, ob er nicht einen jähen Absturz in diesen Versen aus der vorherigen Strophe gefühlt hätte?
„Der alte Geist ist nicht tot; Alte Zeiten, dachte ich, atmen dort; Stolz war ich, dass mein Land solche Stärke hervorbrachte, Eine Würde so schön: Sie bettelte um ein Almosen, wie eine in armem Stande; Ich sah sie wieder an, noch ließ mein Stolz nach.“
Es darf nicht ausgelassen werden, und ist zudem bemerkenswert, dass diese Strophen das einzige faire Beispiel liefern, das ich in allen Schriften von Herrn Wordsworth entdecken konnte, einer tatsächlichen Annahme oder wahren Nachahmung der wirklichen und wahren Sprache des niedrigen und bäuerlichen Lebens, frei von Provinzialismen.
Drittens leite ich die Position aus all den an anderer Stelle zugewiesenen Ursachen ab, welche das Metrum zur angemessenen Form der Dichtung machen und Dichtung ohne Metrum unvollkommen und mangelhaft erscheinen lassen. Da das Metrum also am häufigsten und durch eine eigentümliche Eignung mit der Dichtung verbunden ist, muss alles, was sonst noch mit dem Metrum vereint wird, obwohl es für sich genommen nicht wesentlich poetisch ist, dennoch eine Eigenschaft mit der Dichtung gemein haben, als ein Vermittler der Affinität, eine Art (wenn ich es wagen darf, einen wohlbekannten Ausdruck aus der technischen Chemie zu entlehnen) Beizmittel zwischen ihr und dem hinzugefügten Metrum. Nun bestätigt Herr Wordsworth zu Recht, dass Dichtung immer Leidenschaft impliziert: ein Wort, das hier in seinem allgemeinsten Sinne zu verstehen ist, als ein erregter Zustand der Gefühle und Vermögen. Und wie jede Leidenschaft ihren eigenen Puls hat, so wird sie auch ihre charakteristischen Ausdrucksweisen haben. Doch wo jener Grad an Genie und Talent vorhanden ist, der einen Schriftsteller dazu berechtigt, nach den Ehren eines Dichters zu streben, ist der bloße Akt des dichterischen Schaffens selbst – und es wird eingeräumt, dass er dies impliziert und hervorbringt – ein ungewöhnlicher Zustand der Erregung, der natürlich eine entsprechende Differenz der Sprache rechtfertigt und erfordert, ebenso wahrhaftig, wenn vielleicht auch nicht in einem so ausgeprägten Grade, wie die Erregung von Liebe, Furcht, Zorn oder Eifersucht. Die Lebendigkeit der Beschreibungen oder Deklamationen bei Donne oder Dryden leitet sich ebenso sehr und ebenso oft aus der Kraft und dem Eifer des Beschreibenden ab wie aus den Reflexionen, Formen oder Vorfällen, die ihren Gegenstand und ihr Material ausmachen. Die Räder fangen allein durch die Schnelligkeit ihrer Bewegung Feuer. In welchem Ausmaß und unter welchen Modifikationen dies als wirksam zugelassen werden kann, werde ich in einer nachträglichen Bemerkung zu Herrn Wordsworths Antwort auf diesen Einwand, oder vielmehr zu seinem Einwand gegen diese Antwort, wie er bereits in seinem Vorwort vorweggenommen wurde, zu definieren versuchen.
Viertens, und damit eng verbunden, wenn nicht gar dasselbe Argument in einer allgemeineren Form, führe ich den hohen geistigen Instinkt des menschlichen Wesens an, der uns dazu drängt, Einheit durch harmonische Abstimmung zu suchen, und so den Grundsatz festlegt, dass alle Teile eines organisierten Ganzen den wichtigeren und wesentlichen Teilen angeglichen werden müssen. Dieses und die vorangegangenen Argumente können durch die Überlegung gestärkt werden, dass die Komposition eines Gedichts zu den nachahmenden Künsten gehört; und dass Nachahmung, im Gegensatz zum Kopieren, entweder im Durchdringen des Gleichen durch das radikal Verschiedene besteht oder des Verschiedenen durch eine Basis, die radikal die gleiche ist.
Zuletzt berufe ich mich auf die Praxis der besten Dichter aller Länder und Zeiten als eine Autorisierung der Meinung (die aus all dem Vorhergehenden abgeleitet ist), dass es in jeder Bedeutung des Wortes „wesentlich“, die hier nicht bloß eine Binsenweisheit involvieren würde, einen wesentlichen Unterschied zwischen der Sprache der Prosa und der metrischen Komposition geben kann, geben muss und geben sollte.
In Herrn Wordsworths Kritik von Grays Sonett wird die Sympathie des Lesers mit seinem Lob oder Tadel der verschiedenen Teile vielleicht etwas zu leicht vorausgesetzt. Er hat zumindest nicht versucht, sie durch argumentative Analyse zu gewinnen oder zu erzwingen. Meiner Auffassung nach unterscheiden sich die als wertlos verworfenen Zeilen, mit Ausnahme der beiden ersten, ebenso sehr und ebenso wenig von der Sprache des gewöhnlichen Lebens wie jene, die er kursiv gedruckt hat, um echte Vorzüglichkeit zu besitzen. Von den fünf so ehrenvoll hervorgehobenen Zeilen unterscheiden sich zwei in der Stellung der Wörter sogar noch stärker von der Prosa als die Zeilen, die entweder vorausgehen oder folgen.
„A different object do these eyes require; My lonely anguish melts no heart but mine; And in my breast the imperfect joys expire.”
Doch wenn es anders wäre, was würde dies beweisen, außer einer Wahrheit, an der niemals ein Mensch gezweifelt hat? Videlicet, dass es Sätze gibt, die gleichermaßen in Versen wie in Prosa an ihrem Platz wären. Wahrlich, es beweist nicht den Punkt, der allein des Beweises bedarf; nämlich, dass es keine Passagen gibt, die für die eine geeignet wären und nicht für die andere. Die erste Zeile dieses Sonetts unterscheidet sich durch das Epitheton für den Morgen von der gewöhnlichen Sprache der Menschen. Denn wir lassen die Überlegung beiseite, dass das spezifische Wort „smiling“ (lächelnd) abgedroschen ist und, da es eine Art Personifizierung beinhaltet, nicht ganz stimmig mit dem gewöhnlichen und materiellen Attribut „shining“ (leuchtend) ist. Und zweifellos würde diese Hinzufügung von Epithetonen zum Zwecke der zusätzlichen Beschreibung, wo keine besondere Aufmerksamkeit für die Qualität der Sache gefordert ist, als eine poetische Färbung der Unterhaltung eines Mannes auffallen. Sollte der Sportsmann ausrufen: „Kommt, Jungs! der rosige Morgen ruft euch wach:“, wird man annehmen, er habe ein Lied im Kopf. Aber niemand vermutet dies, wenn er sagt: „Ein nasser Morgen soll uns nicht in unseren Betten halten.“ Dies ist also entweder ein Mangel in der Dichtung oder nicht. Wer auch immer dies bejahen sollte, den würde ich bitten, jedes beliebige Gedicht irgendeines erklärtermaßen großen Dichters von Homer bis Milton oder von Aischylos bis Shakespeare noch einmal zu lesen; und (im Gedanken meine ich) jede Instanz dieser Art zu streichen. Wenn ihn die Anzahl dieser erdachten Streichungen nicht erschreckte; oder wenn er das Werk durch ihr gänzliches Weglassen weiterhin für verbessert hielte, müsste er Gründe von nicht gewöhnlicher Stärke und Evidenz vorbringen, Gründe, die im Wesen der menschlichen Natur begründet sind. Andernfalls würde ich nicht zögern, ihn als einen Mann zu betrachten, der nicht so sehr gegen jede Autorität immun ist, als vielmehr für sie tot.
Die zweite Zeile,
„And reddening Phoebus lifts his golden fire;--”
hat in der Tat fast so viele Fehler wie Wörter. Aber dann ist es eine schlechte Zeile, nicht weil die Sprache sich von der der Prosa unterscheidet; sondern weil sie unvereinbare Bilder vermittelt; weil sie Ursache und Wirkung vermengt; die reale Sache mit dem personifizierten Repräsentanten der Sache; kurzum, weil sie sich von der Sprache des gesunden Menschenverstandes unterscheidet! Dass der „Phoebus“ abgedroschen ist und ein Bild für Schuljungen, ist ein zufälliger Fehler, der von dem Zeitalter abhängt, in dem der Autor schrieb, und nicht aus dem Wesen der Sache abgeleitet. Dass es Teil einer überholten Mythologie ist, ist ein tiefer begründeter Einwand. Doch als die Fackel der antiken Gelehrsamkeit neu entzündet wurde, waren ihre Strahlen so erfreulich, dass unsere ältesten Dichter, die durch das Christentum von jeder beglaubigten Maschinerie abgeschnitten und aller anerkannten Wächter und Symbole der großen Objekte der Natur beraubt waren, natürlich dazu verleitet wurden, als poetische Sprache jene fabelhaften Personengestalten anzunehmen, jene Formen des Übernatürlichen in der Natur, die ihnen in den Gedichten ihrer großen Meister solch teures Entzücken bereitet hatten. Ja, selbst heutzutage, welcher Gelehrte von genialem Geschmack wird nicht so weit mit ihnen sympathisieren, mit Vergnügen bei Petrarca, Chaucer oder Spenser zu lesen, was er bei einem modernen Dichter vielleicht als kindisch verurteilen würde?
Ich erinnere mich an keinen Dichter, dessen Schriften der Prüfung von Herrn Wordsworths Theorie sicherer standhalten würden als Spenser. Doch wird Herr Wordsworth sagen, dass der Stil der folgenden Strophe weder von der Prosa und der Sprache des gewöhnlichen Lebens zu unterscheiden ist? Oder dass er lasterhaft ist und die Strophen Flecken in THE FAERY QUEEN sind?
„By this the northern wagoner had set His sevenfold teme behind the stedfast starre, That was in ocean waves yet never wet, But firme is fixt and sendeth light from farre To all that in the wild deep wandering arre And chearfull chaunticlere with his note shrill Had warned once that Phoebus’ fiery carre In hast was climbing up the easterne hill, Full envious that night so long his roome did fill.”
“At last the golden orientall gate Of greatest heaven gan to open fayre, And Phoebus fresh, as brydegrome to his mate, Came dauncing forth, shaking his deawie hayre, And hurl’d his glist’ring beams through gloomy ayre: Which when the wakeful elfe perceived, streightway He started up, and did him selfe prepayre In sun-bright armes and battailous array; For with that pagan proud he combat will that day.”
Im Gegensatz dazu, auf wie viele Passagen, sowohl in Gesangbüchern als auch in Gedichten in reimlosen Versen, könnte ich (wäre es nicht missgünstig) die Aufmerksamkeit des Lesers lenken, deren Stil höchst unpoetisch ist, weil, und nur weil, es der Stil der Prosa ist? Er wird mich nicht für fähig halten, Verse wie diese im Sinn zu haben:
„I put my hat upon my head And walk’d into the Strand; And there I met another man, Whose hat was in his hand.”
Auf solche Beispiele wäre es in der Tat eine faire und vollständige Antwort, dass diese Zeilen nicht deshalb schlecht sind, weil sie unpoetisch sind; sondern weil sie leer an allem Sinn und Gefühl sind; und dass es ein müßiger Versuch wäre zu beweisen, dass „ein Affe kein Newton ist, wenn es selbstverständlich ist, dass er kein Mensch ist.“ Aber der Sinn soll gut und gewichtig sein, die Sprache korrekt und würdevoll, der Gegenstand interessant und mit Gefühl behandelt; und dennoch soll der Stil, ungeachtet all dieser Vorzüge, zu Recht als prosaisch tadelnswert sein, und zwar einzig deshalb, weil die Wörter und die Reihenfolge der Wörter ihren angemessenen Platz in der Prosa finden würden, aber für die metrische Komposition nicht geeignet sind. Daniels CIVIL WARS ist ein lehrreiches und sogar interessantes Werk; aber nehmen Sie die folgenden Strophen (und aus den hundert Beispielen, die es gibt, hätte ich wahrscheinlich andere auswählen können, die weit auffälliger sind):
“And to the end we may with better ease Discern the true discourse, vouchsafe to shew What were the times foregoing near to these, That these we may with better profit know. Tell how the world fell into this disease; And how so great distemperature did grow; So shall we see with what degrees it came; How things at full do soon wax out of frame.”
“Ten kings had from the Norman Conqu’ror reign’d With intermix’d and variable fate, When England to her greatest height attain’d Of power, dominion, glory, wealth, and state; After it had with much ado sustain’d The violence of princes, with debate For titles and the often mutinies Of nobles for their ancient liberties.”
“For first, the Norman, conqu’ring all by might, By might was forc’d to keep what he had got; Mixing our customs and the form of right With foreign constitutions, he had brought; Mast’ring the mighty, humbling the poorer wight, By all severest means that could be wrought; And, making the succession doubtful, rent His new-got state, and left it turbulent.”
Wird man auf der einen Seite behaupten, dass diese Zeilen gemein und sinnlos sind? Oder auf der anderen, dass sie nicht prosaisch und aus diesem Grunde unpoetisch sind? Das wohlverdiente Epitheton dieses Dichters ist das des „well-languaged Daniel“; aber ebenso, und mit Zustimmung seiner Zeitgenossen nicht weniger als aller nachfolgenden Kritiker, „der prosaische Daniel“. Doch jene, die diesen weisen und liebenswürdigen Schriftsteller aufgrund der häufigen Nichtübereinstimmung seiner Diktion mit seinem Metrum in der Mehrheit seiner Kompositionen so bezeichnen, halten sie nicht nur aus anderen Gründen für wertvoll und interessant; sondern geben bereitwillig zu, dass sich in seinen Gedichten, und besonders in seinen EPISTLES und in HYMEN’S TRIUMPH, viele und vorzügliche Beispiele jenes Stils finden, der als neutraler Boden von Prosa und Vers beiden gemeinsam ist. Ein schöner und fast fehlerfreier Auszug, der sich ebenso wie durch andere Schönheiten durch seine Vollkommenheit in dieser Art der Diktion auszeichnet, kann in Lambs DRAMATIC SPECIMENS eingesehen werden, einem Werk von vielfältigem Interesse durch die Natur der Auswahlen selbst (alle aus den Stücken von Shakespeares Zeitgenossen) – und das einen hohen zusätzlichen Wert durch die Anmerkungen erhält, die voll von gerechter und origineller Kritik sind, ausgedrückt mit aller Frische der Originalität.
Unter den möglichen Auswirkungen des praktischen Festhaltens an einer Theorie, die darauf abzielt, den Stil von Prosa und Vers zu identifizieren – (wenn sie nicht gar für letzteren eine noch engere Ähnlichkeit mit dem durchschnittlichen Stil der Menschen im mündlichen Verkehr des wirklichen Lebens beansprucht) – könnten wir das Folgende als nicht unwahrscheinlich voraussehen. Es wird geschehen, wie ich in der Tat bereits bemerkt habe, dass das Metrum selbst, der einzige anerkannte Unterschied, gelegentlich nur noch Metrum für das Auge wird. Die Existenz von Prosaismen und dass sie den Verdienst eines Gedichts mindern, muss schließlich eingestanden werden, wenn eine Anzahl aufeinanderfolgender Zeilen selbst für das empfindlichste Ohr als Vers unerkennbar gemacht werden kann, oder als ob sie jemals als Vers beabsichtigt waren, indem man sie einfach als Prosa niederschreibt; wenn das Gedicht in reimlosen Versen verfasst ist, kann dies ohne jede Änderung bewirkt werden, oder höchstens dadurch, dass man ein oder zwei Wörter an ihre richtigen Plätze zurückversetzt, von denen sie ohne erkennbare Ursache oder Grund, außer dem Komfort des Autors, verpflanzt wurden; wenn es jedoch in Reimen ist, durch den bloßen Austausch des letzten Wortes jeder Zeile gegen ein anderes von gleicher Bedeutung, gleichermaßen angemessen, würdevoll und wohlklingend.
Die Antwort oder der Einwand im Vorwort auf die vorweggenommene Bemerkung, „dass das Metrum den Weg für andere Unterscheidungen ebnet“, ist in den folgenden Worten enthalten. „Die Unterscheidung von Reim und Metrum ist regelmäßig und einheitlich und nicht, wie die durch (was gewöhnlich so genannt wird) poetische Diktion erzeugte, willkürlich und unendlichen Kapriolen unterworfen, über die keinerlei Kalkulation angestellt werden kann. Im einen Fall ist der Leser in Bezug darauf, welche Bildsprache oder Diktion er mit der Leidenschaft zu verbinden wählt, völlig der Willkür des Dichters ausgeliefert.“ Aber ist dies ein Dichter, von dem ein Dichter spricht? Sicherlich nicht! Eher von einem Narren oder Verrückten: oder bestenfalls von einem eitlen oder unwissenden Phantasten! Und könnten solche wilden und defizitären Gehirne nicht genau dasselbe Chaos mit Reimen und Metren anrichten, wie man annimmt, dass sie es mit Redeweisen und Figuren bewirken? Wie ist der Leser der Willkür solcher Männer ausgeliefert? Wenn er fortfährt, ihren Unsinn zu lesen, ist das nicht seine eigene Schuld? Das endgültige Ziel der Kritik ist viel mehr, die Prinzipien des Schreibens zu etablieren, als Regeln bereitzustellen, wie man über das urteilt, was von anderen geschrieben wurde; wenn es denn überhaupt möglich wäre, beides zu trennen. Aber wenn gefragt wird, durch welche Prinzipien der Dichter seinen eigenen Stil regulieren soll, wenn er nicht eng an der Art und Reihenfolge der Wörter festhält, die er auf dem Markt, dem Jahrmarkt, der Landstraße oder dem Acker hört? Ich antworte: durch Prinzipien, deren Unkenntnis oder Vernachlässigung ihn als keinen Dichter überführen würde, sondern als einen albernen oder anmaßenden Usurpator des Namens. Durch die Prinzipien der Grammatik, Logik, Psychologie. Mit einem Wort: durch eine solche Kenntnis der materiellen und geistigen Tatsachen, die seiner Kunst am meisten zugehören, die, wenn sie von gesundem Menschenverstand geleitet und angewandt und durch Gewohnheit instinktiv gemacht wurde, zum Stellvertreter und Lohn unserer vergangenen bewussten Überlegungen, Einsichten und Schlussfolgerungen wird und den Namen Geschmack erhält. Durch welche Regel, die den Leser nicht der Willkür des Dichters überlässt und den Dichter nicht seiner eigenen, soll letzterer zwischen der Sprache, die für unterdrückten, und der Sprache, die charakteristisch für ausgelebten Zorn ist, unterscheiden? Oder zwischen der von Wut und der von Eifersucht? Wird sie dadurch erlangt, dass man umherwandert auf der Suche nach wütenden oder eifersüchtigen Menschen in unkultivierter Gesellschaft, um ihre Wörter zu kopieren? Oder nicht viel eher durch die Kraft der Einbildungskraft, die auf das All-in-jedem der menschlichen Natur beruht? Durch Meditation, mehr als durch Beobachtung? Und durch letztere nur als Konsequenz der ersteren? Als Augen, für die letztere ihr Blickfeld vorherbestimmt hat und denen sie, als ihrem Organ, eine mikroskopische Kraft mitteilt? Es gibt, so glaube ich fest, keinen heute lebenden Menschen, der aus seiner eigenen inneren Erfahrung eine klarere Intuition hat als Herr Wordsworth selbst, dass die zuletzt genannten die wahren Quellen genialer Unterscheidung sind. Durch denselben Prozess und durch dieselbe schöpferische Kraft wird der Dichter den Grad und die Art der Erregung unterscheiden, die durch den Akt des dichterischen Schaffens selbst hervorgerufen wird. Ebenso intuitiv wird er wissen, welche Unterschiede im Stil dies sofort inspiriert und rechtfertigt; welche Beimischung von bewusstem Willen für diesen Zustand natürlich ist; und in welchen Fällen solche Figuren und Farben der Rede zu bloßen Geschöpfen eines willkürlichen Zwecks degenerieren, zu kalten technischen Kunstgriffen der Verzierung oder Verbindung. Denn so wie die Wahrheit ihr eigenes Licht und ihre eigene Evidenz ist, die sich selbst und die Lüge zugleich enthüllt, so ist es das Vorrecht des poetischen Genies, durch elterlichen Instinkt seinen rechtmäßigen Nachwuchs von den Wechselbälgern zu unterscheiden, die die Gnome der Eitelkeit oder die Feen der Mode in seine Wiege gelegt oder bei seinen Namen genannt haben könnten. Könnte eine Regel von außen gegeben werden, würde Dichtung aufhören, Dichtung zu sein, und zu einer mechanischen Kunst herabsinken. Es wäre Morphosis, nicht Poiaesis. Die Regeln der Imagination sind selbst die Kräfte des Wachstums und der Produktion. Die Wörter, auf die sie zurückführbar sind, präsentieren nur die Umrisse und das äußere Erscheinungsbild der Frucht. Eine täuschende Fälschung der oberflächlichen Form und Farben kann ausgearbeitet werden; aber der marmorne Pfirsich fühlt sich kalt und schwer an, und nur Kinder nehmen ihn in den Mund. Wir finden keine Schwierigkeit darin, als vorzüglich und als die legitime Sprache poetischen Eifers, der sich selbst in Leidenschaft versetzt, Donnes Apostrophe an die Sonne in der zweiten Strophe seines PROGRESS OF THE SOUL anzuerkennen.
“Thee, eye of heaven! this great Soul envies not; By thy male force is all, we have, begot. In the first East thou now beginn’st to shine, Suck’st early balm and island spices there, And wilt anon in thy loose-rein’d career At Tagus, Po, Seine, Thames, and Danow dine, And see at night this western world of mine: Yet hast thou not more nations seen than she, Who before thee one day began to be, And, thy frail light being quench’d, shall long, long outlive thee.”
Oder die übernächste Strophe:
“Great Destiny, the commissary of God, That hast mark’d out a path and period For every thing! Who, where we offspring took, Our ways and ends see’st at one instant: thou Knot of all causes! Thou, whose changeless brow Ne’er smiles nor frowns! O! vouchsafe thou to look, And shew my story in thy eternal book,” etc.
Ebensowenig Schwierigkeit finden wir darin, von den Ehren ungekünstelter Wärme und Erhabenheit den vorsätzlichen Wahnsinn der Pseudopoesie oder das erschreckende Hysterische der Schwäche, die sich überanstrengt, auszuschließen, das den unvorbereiteten Leser in manchen Oden und Apostrophen an abstrakte Begriffe anspringt. Solche sind die Oden an die Eifersucht, an die Hoffnung, an das Vergessen und dergleichen in Dodsleys Sammlung und den Magazinen jener Zeit, die mich selten versäumen, an ein Oxford-Gedicht über die beiden SUTTONS zu erinnern, das beginnt mit:
“Inoculation, heavenly maid! descend!”
Es ist nicht zu leugnen, dass Männer von unzweifelhaftem Talent, und sogar Dichter von wahrem, wenn auch nicht erstklassigem Genie, aufgrund einer irrigen Theorie sowohl sich selbst als auch andere ins entgegengesetzte Extrem geführt haben. Ich las einmal einer Gesellschaft von verständigen und gut ausgebildeten Frauen die einleitende Periode von Cowleys Vorwort zu seinen „Pindaric Odes“ vor, geschrieben in Nachahmung des Stils und der Manier der Oden von Pindar. „Wenn“, sagt Cowley, „ein Mann unternehmen sollte, Pindar Wort für Wort zu übersetzen, würde man denken, ein Wahnsinniger habe einen anderen übersetzt, wie sich zeigen mag, wenn jemand, der das Original nicht versteht, die wörtliche Übersetzung desselben in lateinische Prosa liest, was nichts als rasend erscheinen lässt.“ Ich fuhr dann mit seiner eigenen freien Version der zweiten Olympischen Ode fort, die zu dem wohltätigen Zweck verfasst wurde, den Thebanischen Adler zu rationalisieren.
“Queen of all harmonious things, Dancing words and speaking strings, What god, what hero, wilt thou sing? What happy man to equal glories bring? Begin, begin thy noble choice, And let the hills around reflect the image of thy voice. Pisa does to Jove belong, Jove and Pisa claim thy song. The fair first-fruits of war, th’ Olympic games, Alcides, offer’d up to Jove; Alcides, too, thy strings may move, But, oh! what man to join with these can worthy prove? Join Theron boldly to their sacred names; Theron the next honour claims; Theron to no man gives place, Is first in Pisa’s and in Virtue’s race; Theron there, and he alone, Ev’n his own swift forefathers has outgone.”
Einer der Anwesenden rief, unter voller Zustimmung der Übrigen, aus, dass, wenn das Original wahnsinniger sei als dieses, es unheilbar wahnsinnig sein müsse. Ich übersetzte daraufhin die Ode aus dem Griechischen, und zwar so wortgetreu wie nur möglich; und der Eindruck war, dass sie in der allgemeinen Bewegung der Perioden, in der Form der Verbindungen und Übergänge sowie in der nüchternen Erhabenheit des hohen Sinnes den prophetischen Büchern unserer Bibel näher zu stehen schien als jede andere Poesie, die sie bisher gehört hatten. Die erste Strophe mag als Kostprobe genügen:
„Ihr Harfen-beherrschenden Hymnen! (oder) ihr Hymnen, die Souveräne der Harfen! Welcher Gott? welcher Held? Welchen Menschen sollen wir feiern? Wahrlich, Pisa gehört dem Jupiter, Aber die Olympiade (oder die Olympischen Spiele) stiftete Herkules, Die Erstlinge der Kriegsbeute. Doch Theron für den vierspännigen Wagen, Der ihm den Sieg brachte, Geziemt es uns nun, laut zu verkünden: Den Gerechten, den Gastfreundlichen, Das Bollwerk von Agrigentum, Berühmter Väter Die Blüte, ja ihn, Der seine Vaterstadt aufrecht und sicher bewahrt.“
Doch sind solche rhetorischen Kapriolen nur deshalb verdammenswert, weil sie von der Sprache des wirklichen Lebens abweichen? Und sind sie auf keinem anderen Wege zu vermeiden, als durch die Ablehnung jeglicher Unterscheidung zwischen Prosa und Vers, außer jener des Metrums? Sicherlich würden gesunder Menschenverstand und ein mäßiger Einblick in die Beschaffenheit des menschlichen Geistes hinlänglich beweisen, dass eine solche Sprache und solche Kombinationen weder das natürliche Erzeugnis der Einbildungskraft noch der Phantasie sind; dass ihr Wirken darin besteht, Überraschung durch die Nebeneinanderstellung und scheinbare Versöhnung weit voneinander entfernter oder unvereinbarer Dinge hervorzurufen. Wie etwa, wenn die Hügel dazu gebracht werden, das Bild einer Stimme widerzuspiegeln. Sicherlich bedarf es keines ungewöhnlichen Geschmacks, um klar zu erkennen, dass diese erzwungene Nebeneinanderstellung weder durch die Darbietung eindrucksvoller oder erfreulicher Formen vor dem inneren Auge entsteht, noch durch irgendeine Sympathie mit den verändernden Kräften, mit denen das Genie des Dichters alle Gegenstände seines Denkens vereint und beseelt hat; dass es sich daher um eine Art Witz handelt, ein reines Werk des Willens, und eine Muße sowie Selbstbeherrschung des Denkens und Fühlens voraussetzt, die mit dem stetigen Eifer eines Geistes, der von der Größe seines Gegenstandes besessen und erfüllt ist, unvereinbar sind. Um das Ganze in einem Satz zusammenzufassen: Wenn ein Gedicht oder ein Teil eines Gedichts angeführt wird, das in den Figuren und dem Gefüge seines Stils offensichtlich fehlerhaft ist, für dessen Verurteilung jedoch kein Grund angegeben werden kann, außer dass es sich von dem Stil unterscheidet, in dem Menschen tatsächlich sprechen, dann, und erst dann, kann ich diese Theorie für plausibel, praktikabel oder fähig halten, irgendeine Regel, Anleitung oder Vorsichtsmaßnahme zu liefern, die nicht einfacher, sicherer und natürlicher im eigenen Geist des Autors aus Überlegungen der Grammatik, Logik sowie der Wahrheit und Natur der Dinge hätte hergeleitet werden können, bestätigt durch die Autorität von Werken, deren Ruhm nicht an ein Land oder ein Zeitalter gebunden ist.
KAPITEL XIX
Fortsetzung – Über das eigentliche Ziel, das Herr Wordsworth vermutlich in seiner kritischen Vorrede vor Augen hatte – Erläuterung und Anwendung desselben.
Es könnte aus einigen Passagen im früheren Teil der Vorrede von Herrn Wordsworth hervorgehen, dass er beabsichtigte, seine Theorie des Stils und die Notwendigkeit einer engen Übereinstimmung mit der tatsächlichen Sprache der Menschen auf jene besonderen Gegenstände aus dem niederen und ländlichen Leben zu beschränken, die er versuchsweise als eine neue Gattung in unsere englische Poesie einzubürgern gedachte. Doch aus dem Argumentationsgang, der folgt; aus dem Verweis auf Milton; und aus dem Geist seiner Kritik an Grays Sonett, erscheinen diese Sätze eher als Höflichkeitsbezeugungen der Bescheidenheit denn als tatsächliche Einschränkungen seines Systems. Doch so grundlos erscheint dieses System bei genauer Prüfung; und so sonderbar und erdrückend [70] in seinen Konsequenzen, dass ich nicht glauben kann und auch nicht glaube, dass der Dichter es selbst jemals in dem uneingeschränkten Sinne übernommen hat, in dem seine Äußerungen von anderen verstanden wurden und den sie nach allen üblichen Auslegungsregeln tatsächlich zu tragen scheinen. Was meinte er also? Ich vermute, dass er in der klaren Wahrnehmung, die nicht frei von Abscheu oder Verachtung war, der geschmacklosen Affektiertheit eines Stils, der bei allzu vielen als poetische Diktion galt (obwohl er in Wahrheit so wenig Anspruch auf Poesie wie auf Logik oder gesunden Menschenverstand hatte), seine Sichtweise vorübergehend verengte; und da er eine berechtigte Vorliebe für die Sprache der Natur und des gesunden Menschenverstandes empfand, selbst in ihren demütigsten und am wenigsten geschmückten Formen, ließ er sich dazu hinreißen, seine Vorliebe für einen Stil, der von dem falschen und prunkvollen Glanz, den er ausmerzen wollte, so weit wie möglich entfernt ist, in Begriffen auszudrücken, die zugleich zu weit gefasst und zu exklusiv waren. Es ist möglich, dass diese Vorliebe, anfangs nur komparativ, für eine Zeit in direkte Parteilichkeit abwich. Aber das eigentliche Ziel, das er im Auge hatte, war, daran zweifle ich nicht, eine Art von Exzellenz, die lange zuvor aufs Trefflichste von dem urteilsfähigen und liebenswürdigen Garve charakterisiert worden war, dessen Werke bei den Deutschen so zu Recht geliebt und geschätzt werden, in seinen Anmerkungen über Gellert, woraus das Folgende wörtlich übersetzt ist: „Das Talent, das erfordert wird, um vortreffliche Verse zu machen, ist vielleicht größer, als der Philosoph zuzugeben bereit ist oder in seiner Macht fände zu erwerben: das Talent, nur den treffenden Ausdruck für den Gedanken zu suchen und doch zugleich mit ihm den Reim und das Metrum zu finden. Gellert besaß diese glückliche Gabe, wenn sie je einer unserer Dichter besaß; und nichts trug vielleicht mehr zu dem großen und allgemeinen Eindruck bei, den seine Fabeln bei ihrer ersten Veröffentlichung machten, oder trägt mehr zu ihrer anhaltenden Beliebtheit bei. Es war ein seltsames und merkwürdiges Phänomen, wie es in Deutschland zuvor unerhört gewesen war, Verse zu lesen, in denen alles genau so ausgedrückt war, wie man zu sprechen wünschte, und doch alles würdevoll, anziehend und interessant war; und das alles zugleich vollkommen korrekt hinsichtlich des Silbenmaßes und des Reims. Es ist gewiss, dass Poesie, wenn sie diese Vortrefflichkeit erreicht hat, einen weit größeren Eindruck macht als Prosa. Ja, so sehr, dass selbst die Befriedigung, die die Reime an sich gewähren, dann keine verächtliche oder unbedeutende Befriedigung mehr ist.“ [71]
Wie neu dieses Phänomen zur Zeit Gellerts in Deutschland auch gewesen sein mag, es ist keineswegs neu, noch erst kürzlich in unserer Sprache entstanden. Ungeachtet der Zügellosigkeit, mit der Spenser gelegentlich die Orthographie seiner Wörter seinen Reimen unterordnet, ist die ganze FAIRY QUEEN ein fast durchgehendes Beispiel für diese Schönheit. Wallers Lied GO, LOVELY ROSE ist zweifellos den meisten meiner Leser vertraut; hätte ich aber zufällig die Gedichte von Cotton bei mir gehabt, der als Verfasser der VIRGIL TRAVESTIED zwar bekannter, aber weit weniger verdientermaßen berühmt ist, so hätte ich es mir nicht nehmen lassen, und ich denke, vielen, die seine ernsthaften Werke nicht kennen, eine Freude bereitet, indem ich einige bewundernswerte Beispiele dieses Stils ausgewählt hätte. Es gibt nicht wenige Gedichte in diesem Band, die mit jeder Vortrefflichkeit des Gedankens, des Bildes und der Leidenschaft erfüllt sind, die wir in der Poesie der milderen Muse erwarten oder wünschen; und doch so formuliert, dass der Leser keinen einzigen Grund, weder in der Auswahl noch in der Anordnung der Wörter, sieht, warum er nicht dasselbe in einem angemessenen Gespräch hätte sagen können, und sich nicht vorstellen kann, wie er solche Gedanken anders hätte ausdrücken können, ohne seinen Sinn zu verlieren oder zu beschädigen.
Aber in Wahrheit ist unsere Sprache, und sie war es seit dem ersten Anbruch der Poesie, besonders reich an Kompositionen, die sich durch diese Vortrefflichkeit auszeichnen. Das finale e, das heute stumm ist, wurde in Chaucers Zeitalter nach Belieben ausgesprochen oder weggelassen. Wir selbst verwenden immer noch „beloved“ oder „belov’d“, je nachdem, ob der Reim, das Maß oder der Zweck einer mehr oder weniger feierlichen Stimmung es erfordert. Möge der Leser also nur die Aussprache des Dichters und des Hofes annehmen, an dem er lebte, sowohl in Bezug auf das finale e als auch auf die Betonung der letzten Silbe; ich würde dann wagen zu fragen, was wir selbst in der umgangssprachlichen Sprache eleganter und ungekünstelter Frauen (die die eigentlichen Herrinnen des „reinen und unverfälschten Englisch“ sind), was wir da Natürlicherem oder scheinbar Unstudierteren hören könnten als die folgenden Strophen aus Chaucers TROILUS AND CRESEIDE.
„Und danach ging er fort zum Tore, Wo Creseide in gutem Tempo hinausritt, Und dort machte er viele Gänge auf und ab, Und sprach zu sich selbst sehr oft: Ach! Von hinnen ritt meine Wonne und mein Trost. Wie wollte der selige Gott nun zu seiner Freude, Dass ich sie wieder in Troja kommen sähe! Und zu jenem Hügel ritt ich ihr nach, Ach! und dort nahm ich von ihr meinen Abschied, Und dort sah ich sie zu ihrem Vater reiten; Vor Sorge darüber soll mein Herz zerbrechen; Und hierher nach Hause kam ich, als es Abend war, Und hier verweile ich, verstoßen von aller Freude, Und werde es tun, bis ich sie wieder in Troja sehen kann. Und in sich selbst erdachte er oft, Dass er verfallen, bleich und schmaler geworden sei, Als er es gewohnt war, und dass die Leute leise sprachen: Was mag das sein? Wer kann die Wahrheit erraten, Warum Troilus all diese Schwere trägt? Und all das war nur seine Melancholie, Dass er von sich selbst solche Phantasie hatte. Ein andermal erdachte er, Dass jeder Mensch, der ihn auf dem Weg passierte, Mitleid mit ihm hätte, und dass sie sagen würden: Ich bin sehr traurig, Troilus will sterben! Und so trieb er einen Tag oder zwei noch fort, Wie ihr gehört habt: solch ein Leben begann er zu führen, Wie einer, der zwischen Hoffnung und Furcht stand: Weshalb es ihm gefiel, in seinen Liedern zu zeigen Den Grund seines Leids, so gut er konnte, Und machte ein Lied mit nur wenigen Worten, Um sein wehevolles Herz ein wenig zu erleichtern, Und als er vor jedes Menschen Blick war, Mit sanfter Stimme begann er von seiner lieben Dame, Die abwesend war, zu singen, wie ihr hören könnt:
* * * * * *
Dieses Lied, als er es so gesungen hatte, gar bald Fiel er wieder in seine alten Seufzer; Und jede Nacht, wie es seine Gewohnheit war zu tun; Stand er, den hellen Mond zu betrachten, Und all seinen Kummer erzählte er dem Mond, Und sagte: Ich weiß, wenn du neu gehörnt bist, Werde ich froh sein, wenn die ganze Welt wahrhaftig ist!“
Ein weiterer vorzüglicher Meister dieser Stilart, bei der der Gelehrte und der Dichter das Material liefert, aber der vollkommene, wohlerzogene Gentleman die Ausdrücke und die Anordnung, ist George Herbert. Da sein TEMPLE; or SACRED POEMS AND PRIVATE EJACULATIONS aufgrund der Natur des Gegenstandes und der allzu häufigen Seltsamkeit der Gedanken vergleichsweise wenig bekannt sind, werde ich zwei Gedichte extrahieren. Das erste ist ein Sonett, das gleichermaßen bewundernswert ist wegen der Schwere, Anzahl und des Ausdrucks der Gedanken wie wegen der schlichten Würde der Sprache. Es sei denn, ein wählerischer Geschmack würde gegen die zweite Hälfte der sechsten Zeile Einwand erheben. Das zweite ist ein Gedicht von größerer Länge, das ich nicht nur für den gegenwärtigen Zweck ausgewählt habe, sondern auch als ein frappierendes Beispiel und eine Illustration einer Behauptung, die ich auf einer früheren Seite dieser Skizzen gewagt habe, nämlich: dass der charakteristische Fehler unserer älteren Dichter das Gegenteil dessen ist, was allzu viele unserer neueren Versifizierer auszeichnet; die einen vermitteln die fantastischsten Gedanken in der korrektesten und natürlichsten Sprache; die anderen vermitteln in der fantastischsten Sprache die trivialsten Gedanken. Die letzteren sind ein Worträtsel; die ersteren ein Gedankenenigma. Die einen erinnern mich an eine sonderbare Stelle in Draytons IDEAS:
Wie andere Männer, so sinne auch ich, Warum ich die Erfindung auf diese Weise verdrehe; Und warum ich diese schwindelerregenden Metaphern gebrauche, Den Pfad verlassend, den die Mehrheit geht; Ich will es euch lösen: Ich bin wahnsinnig! [72]
Die anderen erinnern mich an eine noch sonderbarere Stelle in THE SYNAGOGUE: or THE SHADOW OF THE TEMPLE, einer zusammenhängenden Reihe von Gedichten in Nachahmung von Herberts TEMPLE, die in einigen Ausgaben diesem beigefügt sind.
O wie mein Geist Ist bekieselt! Kein Gedanke, Den ich finden kann, Der nicht zerfasert ist Ganz bis zum Nichts! Kurze Enden von Fäden, Und schmale Schnipsel Von Leisten, Knoten, zerzauste Rüschen, Lose gebrochene Büschel Von Zwirn, Sind die zerlumpte Kleidung meiner zerrissenen Meditationen, Die, gewickelt und gewebt, einen Anzug für das Nichts formen: Einmal denke ich, und dann bin ich im Schmerz, Daran zu denken, wie man diesen Gedanken wieder entdenkt.
Unmittelbar nach diesen burlesken Passagen kann ich nicht zu den versprochenen Auszügen übergehen, ohne den lächerlichen Gefühlston durch das Einschieben der drei folgenden Strophen von Herbert zu ändern.
TUGEND.
Süßer Tag, so kühl, so ruhig, so hell, Die Vermählung von Erde und Himmel, Der Tau wird heute Nacht deinen Fall beweinen; Denn du musst sterben.
Süße Rose, deren Farbton zornig und tapfer Den unbedachten Betrachter nötigt, sein Auge zu wischen, Deine Wurzel ist immer in ihrem Grab, Und du musst sterben.
Süßer Frühling, voll von süßen Tagen und Rosen, Eine Schachtel, in der Süßigkeiten kompakt liegen; Meine Musik zeigt, ihr habt eure Schlüsse, Und alles muss sterben.
DIE BRUSTSÜNDE: EIN SONETT VON GEORGE HERBERT.
Herr, mit welcher Sorge hast du uns umgürtet, Eltern stählen uns zuerst; dann übergeben uns Schulmeister an Gesetze; sie senden uns gebunden An Regeln der Vernunft, heilige Boten, Kanzeln und Sonntage, Sorge, die der Sünde folgt, Bedrängnisse sortiert, Angst aller Größen, Feine Netze und Strategien, uns darin zu fangen, Bibeln aufgeschlagen, Millionen von Überraschungen; Segnungen im Voraus, Bande der Dankbarkeit, Der Klang der Herrlichkeit, der in unseren Ohren hallt, Draußen unsere Schande; drinnen unser Gewissen; Engel und Gnade, ewige Hoffnungen und Ängste. Doch all diese Zäune und ihr ganzes Aufgebot Bläst eine listige Brustsünde ganz hinweg.
UNBEKANNTE LIEBE.
Lieber Freund, setz dich, die Geschichte ist lang und traurig, Und in meiner Ohnmacht vermute ich, wird deine Liebe Mehr nachgeben als helfen. Einen Herrn hatte ich, Und habe ihn, von dem ich einige Gründe, die sich verbessern können, Für zwei Leben halte, und beide Leben in mir. Ihm brachte ich eines Tages eine Schale mit Früchten, Und in die Mitte legte ich mein Herz. Aber er (Ich seufze, es zu sagen) Sah auf einen Diener, der sein Auge besser kannte, Als du mich kennst, oder (was dasselbe ist) Als ich mich selbst. Der Diener ergriff augenblicklich, Die Frucht verlassend, allein mein Herz, Und warf es in einen Taufbrunnen, worin ein Strom Von Blut fiel, der aus der Seite Eines großen Felsens entsprang: Ich erinnere mich an alles wohl, Und habe guten Grund: dort wurde es eingetaucht und gefärbt, Und gewaschen und ausgewrungen: das bloße Wringen noch Erzwingt Tränen. „Dein Herz war unrein, fürchte ich.“ Wahrlich, es ist wahr. Ich begehe und beging Viele Fehler, mehr als mein Pachtvertrag ertragen kann; Dennoch bat ich stets um Verzeihung und wurde nicht abgewiesen. Aber du sollst hören. Nachdem mein Herz wohl, Und sauber und rein war, da ich eines Abends (Ich seufze, es zu erzählen) Allein im Freien ging, sah ich einen großen Und geräumigen Ofen flammen, und darauf Einen siedenden Kessel, um dessen Rand In großen Buchstaben stand: BEDRÄNGNIS. Die Größe zeigte den Eigentümer. Also ging ich, Um ein Opfer aus meiner Herde zu holen, In dem Gedanken, mit dem, was ich so darbot, Seine Liebe zu erwärmen, von der ich fürchtete, sie werde kalt. Aber als mein Herz es anbot, ließ der Mann, Der es von mir nehmen sollte, seine Hand gleiten, Und warf mein Herz in die siedende Pfanne; Mein Herz, das es brachte (verstehst du?) Das Herz des Opfernden. „Dein Herz war hart, fürchte ich.“ Wahrlich, es ist wahr. Ich fand, dass sich eine schwielige Materie Dort auszubreiten und auszudehnen begann: Aber mit einem reicheren Mittel als siedendem Wasser Badete ich es oft, ja mit heiligem Blut, Das bei einer Tafel, während viele Wein pur tranken, Ein Freund mir zum Guten in meinen Becher stahl, Ja innerlich genommen, und höchst göttlich, Um Härten geschmeidig zu machen. Aber schließlich, Aus dem Kessel kommend, floh ich bald Zu meinem Haus, wo ich, um die Kraft zu reparieren, Die ich verloren hatte, mich zu meinem Bett beeilte: Aber als ich dachte, all diese Fehler zu verschlafen, (Ich seufze, es zu sprechen) Fand ich, dass einige das Bett mit Gedanken ausgestopft hatten, Ich möchte sagen, Dornen. Liebster, konnte mein Herz nicht brechen, Als mit meinen Vergnügungen selbst meine Ruhe dahin war? Vollauf verstand ich, wer da gewesen war: Denn ich hatte den Schlüssel keinem anderen als einem gegeben: Es muss er sein. „Dein Herz war stumpf, fürchte ich.“ Wahrlich, ein nachlässiger und schläfriger Geisteszustand Besetzte mich oft; sodass, wenn ich betete, Obwohl meine Lippen sich bewegten, mein Herz zurückblieb. Aber all meine Schulden wurden von einem anderen bezahlt, Der meine Schuld auf sich nahm. „Wahrlich, Freund, Nach allem, was ich höre, erweist dir dein Meister Mehr Gunst, als du weißt. Achte auf das Ende. Der Brunnen erneuerte nur, was alt war; Der Kessel machte geschmeidig, was zu hart geworden war: Die Dornen belebten, was zu stumpf geworden war: Alles strebte nur danach, zu bessern, was du verdorben hattest. Darum sei getrost und preise ihn in vollen Zügen Jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment der Woche, Der dich gern neu, zart, lebendig haben möchte.“
KAPITEL XX
Der frühere Gegenstand fortgesetzt – Der neutrale Stil oder derjenige, der Prosa und Poesie gemeinsam ist, veranschaulicht durch Beispiele von Chaucer, Herbert und anderen.
Ich habe keine Angst, meine Überzeugung zu erklären, dass die Vortrefflichkeit, die im vorangegangenen Kapitel definiert und veranschaulicht wurde, nicht die charakteristische Vortrefflichkeit von Herrn Wordsworths Stil ist; denn ich kann mit gleicher Aufrichtigkeit hinzufügen, dass sie durch höhere Kräfte ausgeschlossen ist. Das Lob der gleichförmigen Einhaltung eines echten, logischen Englisch gebührt ihm zweifellos; ja, wenn ich das Hauptgewicht auf das Wort gleichförmig lege, wage ich hinzuzufügen, dass es von allen zeitgenössischen Dichtern allein ihm gebührt. Denn in einem weniger absoluten Sinne des Wortes würde ich sicherlich Herrn Bowies, Lord Byron und, was alle seine späteren Schriften betrifft, Herrn Southey einbeziehen, da die Ausnahmen in ihren Werken so wenige und unbedeutend sind. Aber von der spezifischen Vortrefflichkeit, die im Zitat von Garve beschrieben wird, scheine ich in den Werken anderer mehr und zweifellosere Beispiele zu finden; zum Beispiel unter den kleineren Gedichten von Herrn Thomas Moore und unserem berühmten Lorbeerträger. Für mich wird es immer eine singuläre und bemerkenswerte Tatsache bleiben, dass eine Theorie, die diese lingua communis nicht nur als den besten, sondern als den einzigen empfehlenswerten Stil etablieren wollte, von einem Dichter ausgegangen sein sollte, dessen Diktion mir nach der von Shakespeare und Milton von allen anderen am individualisiertesten und charakteristischsten erscheint. Und man bedenke auch, dass ich hier die umstrittenen Passagen aus Herrn Wordsworths kritischer Vorrede eher nach der Absicht und dem Ziel auslege, die er möglicherweise beabsichtigt haben mag, als nach dem Sinn, den die Wörter selbst vermitteln müssen, wenn sie ohne diese Nachsicht genommen werden.
Eine Person von Geschmack, die nur drei oder vier der Hauptstücke Shakespeares studiert hätte, würde ohne den beigefügten Namen kaum versäumen, ein Zitat aus einem anderen Stück als das Shakespeares zu erkennen, selbst wenn es nur wenige Zeilen wären. Eine ähnliche Eigentümlichkeit, wenn auch in geringerem Maße, haftet Herrn Wordsworths Stil an, wann immer er in seiner eigenen Person spricht; oder wann immer es, auch unter einem erdichteten Namen, klar ist, dass er selbst noch spricht, wie in den verschiedenen dramatis personae von THE RECLUSE. Selbst in den anderen Gedichten, in denen er beabsichtigt, am dramatischsten zu sein, gibt es nur wenige, in denen sie nicht gelegentlich hervorbricht. Der Leser könnte den Dichter oft mit seinen eigenen Worten in Bezug auf die eingeführten Personen ansprechen:
„Es scheint, wenn ich die Ballade Zeile für Zeile zurückverfolge, Dass nur die Hälfte davon ihre ist, und die bessere Hälfte ist dein.“
Wer, der zuvor mit einem beträchtlichen Teil der Veröffentlichungen von Herrn Wordsworth vertraut gewesen wäre und sie mit vollem Gefühl für das Genie des Autors studiert hätte, würde nicht sofort das kleine Gedicht über den Regenbogen als Wordsworthianisch beanspruchen?
„Das Kind ist der Vater des Mannes, etc.“
Oder in der LUCY GRAY?
„Keinen Gefährten, keinen Kameraden kannte Lucy; Sie wohnte in einer weiten Heide; Das süßeste Ding, das je wuchs Neben einer menschlichen Tür.“
Oder in den IDLE SHEPHERD-BOYS?
„Entlang des steinernen Saums des Flusses Singt die Uferschnepfe ein freudiges Lied; Der Drossel ist geschäftig im Wald, Und singt laut und kräftig. Tausend Lämmer sind auf den Felsen, Alle neugeboren! Erde und Himmel Feiern Jubiläum, und mehr als alle, Jene Jungen mit ihren grünen Kränzen; Sie hören niemals den Schrei, Diesen klagenden Schrei! der den Hügel hinauf Aus der Tiefe von Dungeon-Ghyll kommt.“
Muss ich die vorzügliche Beschreibung des Meeres-Loch in THE BLIND HIGHLAND BOY erwähnen? Wer als ein Dichter erzählt den Kleinen am Kaminfeuer eine Geschichte in solch einer Sprache wie diese –
„Doch hatte er manchen unruhigen Traum; Sowohl wenn er den Schrei des Adlers hörte, Als auch wenn er das Tosen der Sturzbäche hörte, Und das Wasser gegen das Ufer schlagen hörte, Nahe dort, wo ihre Hütte stand.
Neben einem See stand ihre Hütte, Nicht klein wie unsere, eine friedliche Flut; Sondern eine von gewaltiger Größe, und seltsam; Die, ob rau oder glatt, voller Wandel ist, Und sich in ihrem Bett regt.
Denn zu diesem See, bei Nacht und Tag, Findet das große Meerwasser seinen Weg Durch lange, lange Windungen der Hügel, Und trinkt all die hübschen Bächlein Und Flüsse groß und stark:
Dann eilt es zurück den Weg, den es kam, Kehrt auf demselben Auftrag zurück; Dies tat es, als die Erde neu war; Und dies wird es für immerdar tun, Solange die Erde besteht.
Und mit dem Kommen der Flut, Kommen Boote und Schiffe, die lieblich dahingleiten, Zwischen den Wäldern und den hohen Felsen; Und bringen den Hirten mit ihren Herden Geschichten von fernen Ländern.“
Ich könnte fast sein ganzes RUTH zitieren, aber nehmen Sie die folgenden Strophen:
„Doch, wie Ihnen zuvor gesagt wurde, Dieser Jüngling, sportlich, heiter und kühn, Und mit seinem tänzelnden Kamm, So schön, war durch wilde Länder Mit umherziehenden Scharen Von Indianern im Westen gewandert.
Der Wind, das tosend hohe Gewitter, Der Tumult eines tropischen Himmels, Mochten wohl gefährliche Nahrung sein Für ihn, einen Jüngling, dem so viel Von Erde – so viel von Himmel gegeben war, Und solch ungestümes Blut.
Was auch immer er in jenen Gefilden fand, Unregelmäßig in Anblick oder Klang, Verlieh seinem Geiste Einen verwandten Impuls, schien verbündet Mit seinen eigenen Kräften und rechtfertigte Das Wirken seines Herzens.
Nicht weniger, um wollüstige Gedanken zu nähren, Wirkten die schönen Formen der Natur, Schöne Bäume und liebliche Blumen; Die Brisen liehen ihre eigene Trägheit; Die Sterne hatten Gefühle, die sie In jene magischen Lauben sandten.
Doch bei seinen schlimmsten Bestrebungen, glaube ich, Dass zuweilen reine Hoffnungen hoher Absicht Dazwischentraten, Denn Leidenschaften, die mit solch fairen Und stattlichen Formen verknüpft sind, müssen ihren Teil An edler Gesinnung haben.“
Aber von Herrn Wordsworths gehobeneren Kompositionen, die bereits drei Viertel seiner Werke ausmachen und, wie ich hoffe, künftig einen noch größeren Anteil bilden werden; – von diesen, ob in Reim oder Blankvers, wäre es schwierig und fast überflüssig, Beispiele für eine Diktion zu wählen, die ganz die seine ist, für einen Stil, der nicht nachgeahmt werden kann, ohne dass er sofort als von Herrn Wordsworth stammend erkannt wird. Es wäre nicht leicht, eine seiner erhabeneren Stellen aufzuschlagen, die keine Beispiele dafür enthält; und dies umso mehr, je exzellenter die Zeilen sind und je mehr sie dem Autor gleichen. Für jene, die mit seinen Schriften weniger vertraut sein mögen, werde ich drei Proben geben, die mit wenig Auswahl getroffen wurden. Die erste aus den Zeilen über den BOY OF WINANDER-MERE, der
„Nachahmende Rufe zu den stillen Eulen blies, Damit sie ihm antworten möchten. – Und sie riefen Über das wässrige Tal hinweg, und riefen wieder, Mit langen Hallos, und Schreien, und lauten Echos, Verdoppelt und verdoppelt; wilde Menge Von Heiterkeit und fröhlichem Lärm! Und wenn es geschah, Dass Pausen tiefer Stille seine Kunst verspotteten, Dann manchmal in jener Stille, während er lauschend Hing, hat ein sanfter Schock von milder Überraschung Die Stimme der Gebirgsbäche tief in sein Herz Getragen; oder die sichtbare Szene Drang unversehens in seinen Geist Mit all ihrer feierlichen Bildsprache, ihren Felsen, Ihren Wäldern und jenem unsicheren Himmel, aufgenommen In den Busen des stetigen Sees.“
Die zweite soll jene edle Nachahmung von Drayton sein (falls es nicht eher ein Zusammentreffen war) in den Zeilen TO JOANNA.
„– Als ich vielleicht zwei Minuten lang gestarrt hatte, Beobachtete Joanna, in meine Augen schauend, Jene meine Entzückung und lachte laut. Der Felsen, wie etwas, das aus einem Schlaf erwacht, Nahm die Stimme der Dame auf und lachte wieder! Jene alte Frau, die auf Helm-crag saß, War bereit mit ihrer Höhle; Hammar-scar Und der hohe Abhang von Silver-How sandten ein Geräusch von Gelächter aus; das südliche Loughbrigg hörte es, Und Fairfield antwortete mit einem Gebirgston. Helvellyn trug die Stimme der Dame weit In den klaren blauen Himmel! – der alte Skiddaw blies Sein Sprechrohr! – zurück aus den Wolken Von Glaramara südwärts kam die Stimme: Und Kirkstone warf sie von seinem nebligen Haupt!“
Die dritte, die in Reimform ist, entnehme ich dem SONG AT THE FEAST OF BROUGHAM CASTLE, anlässlich der Wiederherstellung von Lord Clifford, dem Hirten, in die Ländereien und Ehren seiner Vorfahren.
„Nun ist ein anderer Tag gekommen, Bessere Hoffnung und edleres Schicksal; Er hat seinen Hirtenstab beiseite geworfen, Und sein Buch tief begraben; Rostende Rüstung in seinen Hallen Ruft nach dem Blut von Clifford – ,Bezwingt den Schotten‘, ruft die Lanze! Trage mich zum Herzen Frankreichs, Ist das Verlangen des Schildes – Nenne deinen Namen, du bebendes Feld! – Feld des Todes, wo auch immer du sein magst, Stöhne mit unserem Sieg! Glücklicher Tag und mächtige Stunde, Wenn unser Hirte, in seiner Macht, Gerüstet und beritten, mit Lanze und Schwert, Seinen Vorfahren wiederhergestellt, Wie ein wiedererscheinender Stern, Wie eine Herrlichkeit aus der Ferne, Zuerst die Herde des Krieges anführen wird!“
„Ach! der inbrünstige Harfner wusste nicht, Dass das Lied für eine ruhige Seele geschaffen war, Die, lange gezwungen, auf demütigen Pfaden zu gehen, Zu Gefühl erweicht, beruhigt und gezähmt war.
Liebe hatte er in Hütten gefunden, wo arme Männer liegen; Seine täglichen Lehrer waren Wälder und Bächlein gewesen, Die Stille, die am Sternenhimmel ist, Der Schlaf, der unter den einsamen Hügeln liegt.“
Die Wörter selbst sind in den vorangegangenen Auszügen zweifellos für den größten Teil hinreichend geläufig. – Aber in welchem Gedicht sind sie das nicht, wenn wir von einigen missglückten Versuchen absehen, die Künste und Wissenschaften in Verse zu übertragen? In THE EXCURSION ist die Anzahl der mehrsilbigen (oder dessen, was das einfache Volk Wörterbuchwörter nennt) Wörter ungewöhnlich groß. Und so muss es notwendigerweise sein, im Verhältnis zu der Anzahl und Vielfalt der Konzeptionen eines Autors und seinem Bestreben, sie mit Präzision auszudrücken. – Aber werden diese Wörter an jenen Stellen im wirklichen Leben gemeinhin verwendet, um denselben Gedanken oder das äußere Ding auszudrücken? Ist es der Stil, der im gewöhnlichen Umgang gesprochener Worte gebraucht wird? Nein! noch sind es die Arten der Verbindungen; und noch weniger die Brüche und Übergänge. Würde irgendein anderer als ein Dichter – könnte zumindest irgendjemand, ohne sich bewusst zu sein, dass er sich mit bemerkenswerter Lebhaftigkeit ausgedrückt hatte – einen Vogel, der laut singt, beschrieben haben mit: „Die Drossel ist geschäftig im Wald?“ – oder von Jungen mit einer Schnur aus Bärlapp um ihre rostigen Hüte als die Jungen „mit ihren grünen Kränzen“ gesprochen haben? – oder einen schönen Maitag übersetzt haben in „Erde und Himmel feiern Jubiläum!“ – oder alle verschiedenen Merkmale und Umstände eines Meeres-Loch vor den Geist gebracht haben als die Handlungen einer lebendigen und handelnden Kraft? Oder die Spiegelung des Himmels im Wasser dargestellt haben als „Jener unsichere Himmel, aufgenommen in den Busen des stetigen Sees?“ Selbst die grammatikalische Konstruktion ist nicht selten eigentümlich; wie „Der Wind, das tosend hohe Gewitter, der Tumult eines tropischen Himmels, mochten wohl gefährliche Nahrung sein für ihn, einen Jüngling, dem gegeben war, etc.“ Es gibt eine Eigentümlichkeit in dem häufigen Gebrauch des Asyndeton (das heißt das Auslassen der Verbindungspartikel vor dem letzten von mehreren Wörtern oder mehreren Sätzen, die grammatikalisch als einzelne Wörter verwendet werden, wobei alle im selben Fall stehen und dasselbe Verb regieren oder von ihm regiert werden) und nicht weniger in der Konstruktion von Wörtern durch Apposition („für ihn, einen Jüngling“). Kurz gesagt, würden aus Herrn Wordsworths poetischen Kompositionen all das ausgeschlossen, was ein wörtliches Festhalten an der Theorie seines Vorworts ausschließen würde, müssten zwei Drittel zumindest der markanten Schönheiten seiner Poesie ausgelöscht werden. Denn eine weitaus größere Anzahl von Zeilen würde geopfert als bei irgendeinem anderen Dichter der neueren Zeit; da das Vergnügen, das man aus Wordsworths Gedichten zieht, weniger aus der Erregung von Neugier oder dem raschen Fluss der Erzählung abgeleitet wird, bilden die markanten Passagen einen größeren Teil ihres Wertes. Ich führe dies nicht als ein faires Kriterium für komparative Exzellenz an, noch halte ich es für ein solches; sondern lediglich als Tatsache. Ich behaupte, dass von keinem zeitgenössischen Schriftsteller so viele Zeilen zitiert werden könnten, ohne Bezug auf das Gedicht, in dem sie sich befinden, aufgrund ihres eigenen unabhängigen Gewichts oder ihrer Schönheit. Aus dem Bereich meiner eigenen Erfahrung kann ich mir drei Personen von nicht alltäglichen Kräften und Kenntnissen ins Gedächtnis rufen, die die Gedichte anderer mit mehr und mehr ungetrübtem Vergnügen gelesen hatten und als Dichter eine höhere Meinung von deren Autoren hatten; die mir jedoch gestanden haben, dass aus keinem modernen Werk so viele Passagen zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Anlässen, die eine meditative Stimmung erweckten, neu in ihrem Geist aufgetaucht sind.
KAPITEL XXI
Anmerkungen zur gegenwärtigen Art der Führung kritischer Zeitschriften.
Lange habe ich mir eine faire und philosophische Untersuchung über den Charakter von Wordsworth als Dichter gewünscht, auf der Grundlage seiner veröffentlichten Werke; und eine positive, nicht komparative Würdigung ihrer charakteristischen Vorzüge, Mängel und Fehler. Ich kenne keinen Anspruch, den die bloße Meinung irgendeines Individuums erheben könnte, um die Meinung des Autors selbst niederzuwiegen; gegen die Wahrscheinlichkeit von dessen elterlicher Parteilichkeit sollten wir jene setzen, dass er länger und tiefer über das Thema nachgedacht hat. Aber ich würde jene Untersuchung fair und philosophisch nennen, in der der Kritiker die Prinzipien, die er für das Fundament der Poesie im Allgemeinen hält, ankündigt und zu etablieren versucht, mit der Spezifizierung dieser in ihrer Anwendung auf die verschiedenen Klassen der Poesie. Nachdem er so seine Kanons der Kritik für Lob und Tadel vorbereitet hat, würde er dazu übergehen, die markantesten Passagen zu präzisieren, auf die er sie für anwendbar hält, getreulich das häufige oder seltene Wiederauftreten ähnlicher Vorzüge oder Fehler bemerkend, und ebenso treulich das Charakteristische von dem unterscheidend, was zufällig ist oder bloßes Erlahmen der Schwingen. Wenn dann seine Prämissen rational, seine Ableitungen legitim und seine Schlussfolgerungen gerecht angewandt sind, mag der Leser, und möglicherweise der Dichter selbst, sein Urteil im Lichte der Urteilsfähigkeit und in der Unabhängigkeit freier Willensentscheidung übernehmen. Wenn er geirrt hat, präsentiert er seine Irrtümer an einem bestimmten Ort und in greifbarer Form und hält die Fackel und weist den Weg zu ihrer Entdeckung.
Ich gebe höchst willig zu und schätze hoch ein die Dienste, die die EDINBURGH REVIEW und andere, die später nach demselben Plan gebildet wurden, der Gesellschaft bei der Verbreitung von Wissen geleistet haben. Ich halte den Beginn der EDINBURGH REVIEW für eine wichtige Epoche in der periodischen Kritik; und dass sie einen Anspruch auf die Dankbarkeit der literarischen Republik, und tatsächlich der lesenden Öffentlichkeit im Großen, hat, weil sie das Schema begründet hat, nur jene Bücher zu rezensieren, die empfänglich sind und argumentativer Kritik bedürfen. Nicht weniger verdienstvoll, und weit treuer und im Allgemeinen weit fähiger ausgeführt, ist ihr Plan, den vakanten Platz des Mülls oder der Mittelmäßigkeit, die klugerweise ihrem eigenen Gewicht überlassen werden, um in Vergessenheit zu sinken, mit originellen Essays über die interessantesten Themen der Zeit, religiöser oder politischer Art, zu füllen; in denen die vorangestellten Titel der Bücher oder Broschüren nur den Namen und Anlass der Abhandlung liefern. Ich klage die Schärfe oder Schroffheit ihres verurteilenden Stils nicht an, an und für sich, solange der Autor als bloße Verkörperung des gerade geprüften Werkes angesprochen oder behandelt wird. Ich habe keinen Streit mit ihnen deswegen, solange keine persönlichen Anspielungen zugelassen werden und keine erneute Verpflichtung (zu einem neuen Prozess) jugendlicher Leistungen erfolgt, die viele Jahre vor dem Beginn der Rezension veröffentlicht und vielleicht vergessen waren: da für das Zurückzwingen solcher Werke in die öffentliche Aufmerksamkeit keine Motive leicht zuschreibbar sind, außer solchen, die dem Kritiker durch seine eigene persönliche Bosheit geliefert werden; oder, was noch schlimmer ist, durch eine Gewohnheit der Bosheit in Form bloßer Mutwilligkeit.
„Keinen privaten Groll brauchen sie, keinen persönlichen Groll, Die Vivisektion ist ihr eigenes Vergnügen! Aller Feindschaft, allem Neid entsagen sie, Uneigennützige Diebe unseres guten Namens: Kühle, nüchterne Mörder des Ruhms ihres Nächsten!“ S. T. C.
Jeder Tadel, jeder Sarkasmus in Bezug auf eine Veröffentlichung, den der Kritiker, mit dem kritisierten Werk vor sich, belegen kann, ist das Recht des Kritikers. Der Schriftsteller ist autorisiert zu antworten, aber nicht zu klagen. Auch kann niemand dem Kritiker vorschreiben, wie weich oder wie hart; wie freundlich oder wie bitter die Phrasen sein sollen, die er für den Ausdruck solchen Tadels oder Spotts auswählen soll. Der Kritiker muss wissen, welchen Effekt er zu erzielen beabsichtigt; und im Hinblick auf diesen Effekt muss er seine Worte abwägen. Aber sobald der Kritiker verrät, dass er mehr von seinem Autor weiß, als die Veröffentlichungen des Autors ihm hätten sagen können; sobald er sich aus diesem intimeren Wissen, das anderswo erlangt wurde, den geringsten Zug gegen den Autor zunutze macht; wird sein Tadel augenblicklich zu persönlicher Verletzung, seine Sarkasmen zu persönlichen Beleidigungen. Er hört auf, ein Kritiker zu sein, und nimmt den verabscheuungswürdigsten Charakter an, zu dem ein vernünftiges Wesen herabgewürdigt werden kann, den eines Klatschmauls, Verleumders und Pasquillanten: aber mit dieser schweren Erschwerung, dass er die unruhigen, verformenden Leidenschaften der Welt in das Museum stiehlt; in genau den Ort, der, nächst der Kapelle und dem Oratorium, unser Heiligtum und sicherer Zufluchtsort sein sollte; Gräuel auf dem Altar der Musen anbietet; und deren heilige Umzäunung zu genau dem Kreis macht, in dem er den lügnerischen und profanen Geist heraufbeschwört.
Diese Bestimmung der unlizenzierten Persönlichkeit und der erlaubten und legitimen Kritik (die ich teilweise dem illustren Lessing verdanke, selbst ein Modell scharfer, geistvoller, manchmal stechender, aber immer argumentativer und ehrenhafter Kritik) ist zweifelsfrei die wahre: und obwohl ich selbst nicht alle Rechte der letzteren ausüben würde, so lasse ich mich doch, wenn nur die erstere ausgeschlossen wird, ohne Klage und ohne Groll auf ihre Ausübung in den Händen anderer ein.
Lasse man eine Kommunikation zwischen einer beliebigen Anzahl gelehrter Männer in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft und Literatur bilden; und ob der Präsident und das Zentralkomitee nun in London oder Edinburgh sind, wenn sie nur zuvor ihre Individualität ablegen und sich innerlich wie äußerlich verpflichten, Urteile gemäß einer Verfassung und einem Gesetzbuch zu verwalten; und wenn sie, indem sie dieses Gesetzbuch auf die zweifache Basis universeller Moral und philosophischer Vernunft gründen, unabhängig von jeder vorhergesehenen Anwendung auf bestimmte Werke und Autoren, das Recht erlangen, jeder als Repräsentant ihres Körpers zu sprechen; so sollen sie Ehre und gute Wünsche von mir haben, und ich werde ihnen ihre fairen Würden, wenn auch selbstangenommen, nicht weniger bereitwillig zugestehen, als wenn ich mich nach ihnen im Heroldsamt erkundigen oder sie im Adelsbuch nachschlagen könnte. Wie laut auch die Aufschreie nach verhinderter oder untergrabener Reputation sein mögen, wie zahlreich und ungeduldig die Klagen über gnadenlose Strenge und unerträglichen Despotismus, ich werde nichts fühlen noch äußern als zur Verteidigung und Rechtfertigung der kritischen Maschine. Sollte irgendein literarischer Don Quijote sich durch ihre Klänge und regelmäßigen Bewegungen provoziert fühlen, würde ich ihn mit Sancho Pansa ermahnen, dass es kein Riese ist, sondern eine Windmühle; da steht sie an ihrem eigenen Platz und auf ihrem eigenen Hügel, geht niemals aus ihrem Weg, um jemanden anzugreifen, und gibt niemandem und von niemandem erhält sie Hilfe. Wenn die öffentliche Presse einen Teil ihrer Erzeugnisse zwischen ihre Mühlsteine geschüttet hat, mahlt sie es ab, eines Mannes Sack genau wie des anderen, und mit welchem Wind auch immer gerade wehen mag. Alle zweiunddreißig Winde sind ihr gleichermaßen Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre wünscht sie sich nicht einen einzigen Fingerbreit mehr, als für ihre Segel nötig ist, um sich herumzudrehen. Aber dieser Raum muss frei und ungehindert gelassen werden. Mücken, Käfer, Wespen, Schmetterlinge und der ganze Stamm der Eintagsfliegen und Unbedeutenden mögen hinein- und herausflattern und dazwischen; mögen summen, und brummen, und klirren; mögen ihre winzigen Pfeifen schrill tönen lassen und ihre schwächlichen Hörner winden, ungeahndet und unbeachtet. Aber Müssiggänger und Bravadoren von größerer Größe und stolzerem Auftreten müssen sich hüten, wie sie sich in ihre Reichweite begeben. Noch weniger dürfen sie sich anmaßen, Hand an die Segel zu legen, deren Stärke weder größer noch geringer ist, als der Wind es ist, der sie herumtreibt. Wen auch immer der unerbittliche Arm in die Höhe schleudert oder in der Luft mit sich herumwirbelt, der hat nur sich selbst zu beschuldigen; obwohl, wenn derselbe Arm ihn von sich wirft, es die Wucht seines Sturzes öfter verdoppeln als brechen wird.
Abgesehen von der allzu offensichtlichen und allzu häufigen Einmischung nationaler Partei und sogar persönlicher Vorliebe oder Abneigung; und unter Aufsparung tieferer Gefühle für jene schlimmeren und kriminelleren Eingriffe in die Heiligkeit des Privatlebens, die nicht selten eher rechtliche als literarische Züchtigung verdienen, sind die zwei Hauptobjekte und Anlässe, die ich für Tadel und Bedauern in der Führung der fraglichen Rezension finde: erstens ihre Untreue gegenüber ihrem eigenen angekündigten und exzellenten Plan, indem sie Werke zur Kritik unterzieht, die weder unanständig noch unmoralisch, dennoch von solch unbedeutender Wichtigkeit selbst in Bezug auf den Umfang und, dem Urteil des Kritikers zufolge, so frei von jedem Verdienst sind, dass dies im unvoreingenommensten Geist den Verdacht erregen muss, dass entweder Abneigung oder rachsüchtige Gefühle am Werk waren; oder dass eine kalte, kluge Vorbestimmung bestand, den Verkauf der Rezension durch Schmeichelei gegenüber den bösartigen Leidenschaften der menschlichen Natur zu steigern. Damit ich nicht selbst Gegenstand des Vorwurfs werde, den ich gegen andere erhebe, durch eine Anschuldigung ohne Beweis, verweise ich auf den Artikel über Dr. Rennells Predigt in der allerersten Nummer der EDINBURGH REVIEW als Illustration meiner Bedeutung. Sollte der Leser beim Durchsehen aller nachfolgenden Bände dies als ein einsames Beispiel finden, muss ich mich jener schmerzhaften Einbuße an Achtung unterziehen, die einen grundlosen oder übertriebenen Vorwurf erwartet.
Der zweite Punkt des Einwands gehört dieser Rezension nur gemeinsam mit allen anderen Werken periodischer Kritik an: zumindest gilt er gemeinsam für das allgemeine System aller, was auch immer für Ausnahmen es zugunsten bestimmter Artikel geben mag. Oder wenn er auf die EDINBURGH REVIEW und auf ihre einzige Rivalin (die QUARTERLY) mit irgendeiner besonderen Kraft zutrifft, so resultiert dies aus der Überlegenheit an Talent, Erwerbung und Information, die beide so unbestreitbar bewiesen haben; und was zweifellos das Bedauern vertieft, wenn auch nicht den Tadel. Ich beziehe mich auf die Ersetzung von Argument durch Behauptung; auf die Häufigkeit willkürlicher und manchmal kleinlicher Urteile, nicht selten nicht einmal durch ein einziges Zitat aus dem verurteilten Werk gestützt, was zumindest die Bedeutung des Kritikers hätte erklären können, wenn es nicht die Gerechtigkeit seines Urteils bewies. Selbst wo dies nicht der Fall ist, werden die Auszüge zu oft ohne Bezug auf irgendwelche allgemeinen Gründe oder Regeln gemacht, aus denen die Fehlerhaftigkeit oder Unzulässigkeit der zugeschriebenen Eigenschaften abgeleitet werden könnte; und ohne jeden Versuch zu zeigen, dass die Eigenschaften der extrahierten Passage zuschreibbar sind. Ich bin solchen Auszügen aus Herrn Wordsworths Gedichten begegnet, die mit solchen Behauptungen versehen waren, dass sie mich vermuten ließen, der Rezensent, der seine Kritik geschrieben hatte, bevor er das Werk gelesen hatte, habe dann mit einer Nadel nach Passagen gestochen, womit er die verschiedenen Zweige seiner vorgefassten Meinungen illustrieren könne. Durch welches Prinzip rationaler Wahl können wir annehmen, dass ein Kritiker geleitet wurde (zumindest in einem christlichen Land, und selbst, wie wir hoffen, ein Christ), der die folgenden Zeilen, die die Inbrunst einsamer Andacht porträtieren, erregt durch die großartige Darstellung der Werke des Allmächtigen, als Beweis und Beispiel für die Tendenz eines Autors zu regelrechtem Rasen und absoluter Unverständlichkeit angibt?
„O welche Seele war dann sein, als er auf den Gipfeln Der hohen Berge die Sonne erblicken durfte, Wie sie aufstieg und die Welt in Licht badete! Er blickte – Ozean und Erde, das feste Gebilde der Erde, Und des Ozeans flüssige Masse lagen unter ihm In Frohsinn und tiefer Freude. Die Wolken waren berührt, Und in ihren stummen Gesichtern las er Unsagbare Liebe. Klang bedurfte es keines, Noch irgendeiner Stimme der Freude: sein Geist trank Das Schauspiel! Empfindung, Seele und Form, Alles schmolz in ihn hinein; sie verschlangen Sein animalisches Wesen; in ihnen lebte er, Und durch sie lebte er: sie waren sein Leben.“
Kann erwartet werden, dass entweder der Autor oder seine Bewunderer dazu verleitet werden, Entscheidungen ernsthafte Aufmerksamkeit zu schenken, die nichts weiter beweisen als den beklagenswerten Zustand des Geschmacks und der Empfindsamkeit des Kritikers selbst? Beim Aufschlagen der Rezension sehen sie eine Lieblingsstelle, von deren Kraft und Wahrheit sie in ihrer eigenen inneren Erfahrung eine intuitive Gewissheit hatten, bestätigt – wenn Bestätigung vonnöten wäre – durch die Anteilnahme ihrer aufgeklärtesten Freunde; von denen einige vielleicht sogar nach der Meinung der Welt einen höheren intellektuellen Rang einnehmen, als der Kritiker selbst für sich zu beanspruchen wagte. Und eben diese Stelle finden sie ausgewählt als das charakteristische Erzeugnis eines Geistes, der von der Vernunft verlassen wurde! – als Beweis dafür, dass der Schreiber rasend gewesen sein müsse, sonst hätte er Worte nicht so ohne Sinn oder Zweck aneinanderreihen können! Keine Verschiedenheit des Geschmacks scheint fähig, einen solchen Kontrast im Urteil zu erklären.
Dass ich den Wert einer Passage oder eines Gedichts überschätzt haben könnte, dass ich mich hinsichtlich des Grades seiner Vorzüglichkeit geirrt haben könnte, dazu ließe ich mich leicht bewegen, es zu glauben oder zu befürchten. Aber dass Zeilen, deren Sinn ich analysiert und im Einklang mit all den besten Überzeugungen meines Verstandes gefunden hatte; und deren Bildsprache und Diktion eben jene Überzeugungen mit meinen edelsten wie auch meinen erfreulichsten Gefühlen umgeben hatten; dass ich solche Zeilen als bloßen Unsinn oder Wahnsinn zugeben sollte, ist zu viel für die geistreichsten Argumente. Dass jedoch eine solche Revolution des Geschmacks durch ein paar pauschale Behauptungen herbeigeführt werden sollte, scheint nahezu unmöglich. Im Gegenteil, es erforderte eine Anstrengung der Nächstenliebe, die Kritik nicht mit dem Aphorismus des Weisen abzutun: in animam malevolam sapientia haud intrare potest.
Was aber, wenn dieser Kritiker selbst eine große Anzahl einzelner Zeilen und sogar langer Absätze zitiert haben sollte, denen er selbst eminente und originelle Schönheit bescheinigt? Was, wenn er selbst eingestanden hat, dass ebenso große Schönheiten in Hülle und Fülle im ganzen Buch verstreut seien? Und doch, unter diesem Eindruck stehend, seine Kritik in vulgärem Triumph mit einer Prophezeiung begonnen haben sollte, die ihre eigene Erfüllung sicherstellen soll? Mit einem „Das wird nichts!“ Was? Wenn er nach solchen seinem eigenen Urteilsvermögen abgerungenen Eingeständnissen von Vorwurf zu Vorwurf der Mattigkeit und des Rasens, der Höhenflüge und der Flachheit fortschreiten und schließlich, den Autor in das Haus der Unheilbaren verweisend, mit einem Ton gröbster Verachtung schließen sollte, der offensichtlich im verkümmerten Zustand seiner eigenen moralischen Assoziationen begründet ist? Nehmen wir zudem an, all dies geschehe ohne ein einziges etabliertes oder auch nur angekündigtes Leitprinzip und ohne jeden Versuch einer argumentativen Herleitung, obwohl der Dichter eine mehr als übliche Gelegenheit dazu geboten hatte, indem er zuvor seine eigenen Prinzipien des Urteilens in der Poesie öffentlich gemacht und sie durch einen zusammenhängenden Gedankengang gestützt hatte!
Das Amt und die Pflicht des Dichters ist es, das Würdigste sowie
„Die heiterste, glücklichste Haltung der Dinge“
auszuwählen. Das Gegenteil, denn in allen Fällen ist ein Gegenteil möglich, ist die angemessene Aufgabe der Burleske und Travestie, deren vorherrschender Geschmack schon immer als Zeichen eines niedrigen und erniedrigten Geistes gegolten hat. Als ich in Rom war, besuchte ich unter vielen anderen Besuchen am Grabmal von Julius II. dieses einmal mit einem preußischen Künstler, einem Mann von Genie und großer Lebhaftigkeit des Gefühls. Während wir den MOSES von Michael Angelo betrachteten, kam unser Gespräch auf die Hörner und den Bart dieser gewaltigen Statue; auf die Notwendigkeit des einen, das andere zu stützen; auf die übermenschliche Wirkung des ersteren und die Notwendigkeit der Existenz beider, um sowohl dem Bild als auch dem dadurch hervorgerufenen Gefühl eine Harmonie und Integrität zu verleihen. Stellen Sie sich vor, sie wären entfernt, und die Statue würde unnatürlich werden, ohne übernatürlich zu sein. Wir erinnerten uns an die Hörner der aufgehenden Sonne, und ich wiederholte die edle Passage aus Taylors HOLY DYING. Dass Hörner das Emblem von Macht und Herrschaft unter den östlichen Nationen waren und als solches noch immer in Abessinien bewahrt werden; der Acheloos der alten Griechen; und die wahrscheinlichen Ideen und Gefühle, die ursprünglich die Mischung der menschlichen und der tierischen Form in der Figur nahelegten, durch die sie die Idee ihres geheimnisvollen Pan verwirklichten, als Darstellung von Intelligenz vermischt mit einer dunkleren Kraft, tiefer, mächtiger und universeller als der bewusste Intellekt des Menschen; als Intelligenz; – all diese Gedanken und Erinnerungen zogen in Prozession vor unserem Geist vorbei. Mein Begleiter, der mehr als seinen Teil des Hasses besaß, den seine Landsleute gegenüber den Franzosen hegten, hatte gerade zu mir bemerkt: „Ein Franzose, mein Herr! ist das einzige Tier in menschlicher Gestalt, das sich unter keinen Umständen zur Religion oder Poesie erheben kann:“ als siehe da! zwei französische Offiziere von Distinktion und Rang die Kirche betraten! „Beachten Sie“, flüsterte der Preuße, „das Erste, was diese Schurken bemerken werden – (denn sie werden sofort damit beginnen, die Statue in ihren Teilen zu betrachten, ohne einen Moment des Innehaltens der Bewunderung für das Ganze) – werden die Hörner und der Bart sein. Und die Assoziationen, die sie sofort damit verbinden werden, sind die eines Ziegenbocks und eines Hahnrei.“ Niemals hat ein Mensch glücklicher geraten. Hätte er einen Teil der prophetischen Kräfte des großen Gesetzgebers geerbt, dessen Statue wir betrachtet hatten, hätte er kaum Worte äußern können, die mehr mit dem Ergebnis übereinstimmen: denn genau wie er gesagt hatte, so geschah es.
In THE EXCURSION hat der Dichter einen alten Mann eingeführt, der in bescheidenen, aber nicht elenden Verhältnissen geboren wurde und mehr als übliche Bildungsvorteile genossen hatte, sowohl durch Bücher als auch durch die furchteinflößendere Disziplin der Natur. Diese Person stellt er als einen Mann dar, der durch die Rastlosigkeit leidenschaftlicher Gefühle und einen wissbegierigen Intellekt zu einem Wanderleben getrieben wurde; und der infolgedessen den größeren Teil seiner Zeit, seit frühestem Mannesalter, in Dörfern und Weilern von Tür zu Tür verbracht hatte,
„Ein vagabundierender Händler, gebeugt unter seiner Last.“
Nun, ob dies ein für ein erhabenes didaktisches Gedicht angemessener Charakter ist, ist vielleicht fragwürdig. Es bietet ein faires Thema für eine Kontroverse; und die Frage ist durch die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung eines solchen Charakters mit dem zu entscheiden, was als wesentliche Bestandteile der Poesie erwiesen werden soll. Aber sicherlich kann der Kritiker, der alle Gelegenheiten übergeht, die eine solche Lebensweise einem solchen Mann bieten würde; alle Vorteile der Freiheit der Natur, der Einsamkeit und des einsamen Denkens; alle Vielfalt der Orte und Jahreszeiten, durch die sein Weg geführt hatte, mit all der wechselnden Bildsprache, die sie mit sich bringen; und schließlich all die Beobachtungen der Menschen,
„Ihre Sitten, ihre Freuden und Bestrebungen, Ihre Leidenschaften und ihre Gefühle“
die das Gedächtnis an diese jährlichen Reisen einem solchen Geist gegeben und ins Gedächtnis gerufen haben muss – der Kritiker, sage ich, der aus der Vielzahl möglicher Assoziationen all diese übergeht, um seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Stecknadelpapiere und Korsettbänder zu richten, die unter den Waren seines Packs gewesen sein könnten; diesem Kritiker kann meiner Meinung nach kein viel höherer oder gesünderer Zustand moralischen Empfindens zugeschrieben werden als den oben erwähnten Franzosen.
KAPITEL XXII
Die charakteristischen Mängel von Wordsworths Poesie, nebst den Prinzipien, aus denen das Urteil, dass es Mängel seien, abgeleitet wird – Ihr Verhältnis zu den Schönheiten – Zum größten Teil nur für seine Theorie charakteristisch.
Wenn Mr. Wordsworth Prinzipien der Poesie aufgestellt hat, die durch seine Argumente nicht hinreichend gestützt werden, so sollen er und diejenigen, die seine Ansichten angenommen haben, durch die Widerlegung jener Argumente und durch die Substitution philosophischerer Prinzipien korrigiert werden. Und dennoch soll dem Anteil und der Bedeutung der Wahrheiten, die mit seiner Theorie vermischt sind, die gebührende Anerkennung zuteilwerden; Wahrheiten, deren allzu ausschließliche Beachtung ihre Fehler verursacht hatte, indem sie ihn dazu verführte, diese Wahrheiten über ihre angemessenen Grenzen hinaus zu tragen. Wenn seine irrige Theorie seine poetischen Kompositionen überhaupt beeinflusst hat, so sollen die Auswirkungen aufgezeigt und die Beispiele gegeben werden. Es soll aber ebenso gezeigt werden, wie weit der Einfluss gewirkt hat; ob diffus oder nur schubweise; ob die Anzahl und Bedeutung der so infizierten Gedichte und Passagen groß oder unbedeutend ist im Vergleich zu dem gesunden Teil; und schließlich, ob sie in das Gewebe seiner Werke eingewoben oder lose und trennbar sind. Das Ergebnis einer solchen Prüfung würde zweifelsfrei beweisen, was es an der Zeit ist, entscheidend und laut zu verkünden, dass die vermeintlichen Charakteristika von Mr. Wordsworths Poesie, ob bewundert oder getadelt; ob sie Einfachheit oder Einfalt sind; treues Festhalten an der wesentlichen Natur oder willkürliche Auswahl aus der menschlichen Natur in ihren gemeinsten Formen und unter den am wenigsten attraktiven Assoziationen; ebenso wenig die wirklichen Charakteristika seiner Poesie im Ganzen sind, wie seines Genies und der Beschaffenheit seines Geistes.
In einer vergleichsweise kleinen Anzahl von Gedichten wählte er es, ein Experiment zu wagen; und dieses Experiment wollen wir als gescheitert betrachten. Dennoch ist es selbst in diesen Gedichten unmöglich, nicht wahrzunehmen, dass die natürliche Tendenz des Geistes des Dichters zu großen Objekten und erhobenen Konzeptionen geht. Das Gedicht mit dem Titel FIDELITY ist zum größten Teil in einer Sprache geschrieben, die so ungeschliffen und nackt ist wie vielleicht jede andere in den beiden Bänden. Nehmen Sie dennoch die folgende Strophe und vergleichen Sie sie mit den vorangegangenen Strophen desselben Gedichts.
„Dort lässt bisweilen ein springender Fisch Einen einsamen Jubel durch den See erschallen; Die Felsen wiederholen das Krächzen des Raben, In strenger Symphonie; Dorthin kommt der Regenbogen – die Wolke – Und Nebel, die das fliegende Leichentuch ausbreiten; Und Sonnenstrahlen; und der tönende Windstoß, Der, wenn er könnte, vorbeieilen würde; Doch jene gewaltige Barriere hält ihn fest.“
Oder vergleichen Sie die letzten vier Zeilen der abschließenden Strophe mit der ersten Hälfte.
„Ja, der Beweis war klar, dass seit dem Tag, An dem der Wanderer so gestorben war, Der Hund an der Stelle gewacht hatte, Oder an der Seite seines Herrn: Wie er hier durch solch lange Zeit genährt wurde, Das weiß der, der diese erhabene Liebe gab, – Und der diese Stärke des Gefühls gab, groß Über alles menschliche Ermessen!“
Kann ein unvoreingenommener und intelligenter Geist zögern zu bestimmen, welche davon die Tendenz und den ursprünglichen Charakter des Genies des Dichters am besten repräsentiert? Wird er nicht entscheiden, dass das eine geschrieben wurde, weil der Dichter so schreiben wollte, und das andere, weil er die Kraft und Größe seines Geistes nicht so vollständig unterdrücken konnte, als dass er nicht in irgendeinem Teil jeder Komposition anders hätte schreiben müssen? Kurz gesagt, dass seine einzige Krankheit darin besteht, nicht in seinem Element zu sein; wie der Schwan, der, nachdem er sich eine Weile damit amüsiert hat, das Unkraut am Flussufer zu zermalmen, bald zu seinen eigenen majestätischen Bewegungen auf dessen reflektierender und tragender Oberfläche zurückkehrt. Es sei bemerkt, dass ich hier voraussetze, dass der vorgestellte Richter, an den ich appelliere, bereits gegen die Theorie des Dichters entschieden hat, soweit sie sich von den allgemein anerkannten Prinzipien der Kunst unterscheidet.
Ich kann hier nicht auf eine detaillierte Untersuchung von Mr. Wordsworths Werken eingehen; aber ich werde versuchen, die Hauptergebnisse meines eigenen Urteils nach einer Bekanntschaft von vielen Jahren und wiederholtem Durchlesen darzulegen. Und obwohl es notwendig ist, zuvor die charakteristischen Vorzüge eines großen Geistes zu verstehen, um seine Mängel würdigen zu können, habe ich mich bereits hinreichend ausführlich geäußert, um die meisten der üblen Auswirkungen auszuschließen, die aus einer entgegengesetzten Anordnung entstehen könnten. Ich werde daher mit dem beginnen, was ich für die hervorstechenden Mängel seiner bisher veröffentlichten Gedichte halte.
Das erste charakteristische, wenn auch nur gelegentliche Manko, das ich in diesen Gedichten zu finden glaube, ist die Unbeständigkeit des Stils. Unter diesem Namen beziehe ich mich auf die plötzlichen und unvorbereiteten Übergänge von Zeilen oder Sätzen von besonderer Glücklichkeit – (jedenfalls auffallend und originell) – zu einem Stil, der nicht nur leidenschaftslos, sondern auch unbedeutend ist. Er sinkt zu oft und zu abrupt in jenen Stil ab, den ich in die zweite Abteilung der Sprache einordnen würde, wenn man sie in die drei Arten unterteilt; erstens diejenige, die der Poesie eigen ist; zweitens diejenige, die nur in der Prosa angemessen ist; und drittens die neutrale oder beiden gemeinsame. Es gab Werke, wie Cowleys Essay über Cromwell, in denen Prosa und Vers vermischt sind (nicht wie in der Consolation des Boethius oder der ARGENIS des Barclay, durch das Einfügen von Gedichten, die angeblich bei Anlässen gesprochen oder verfasst wurden, die zuvor in Prosa erzählt wurden, sondern) der Dichter geht von einem zum anderen über, wie es die Natur der Gedanken oder seine eigenen Gefühle diktierten. Dennoch befriedigt diese Kompositionsweise einen kultivierten Geschmack nicht. Es hat etwas Unangenehmes, so gezwungen zu sein, so ungleiche Gefühlszustände abzuwechseln, und dies noch dazu in einer Schreibart, deren Vergnügen zum Teil aus der Vorbereitung und der vorangegangenen Erwartung des Lesers hergeleitet wird. Ein Teil jener Unbeholfenheit ist spürbar, die der Einführung von Liedern in unseren modernen komischen Opern anhaftet; und um diese zu vermeiden, platzierte der verständige Metastasio (an dessen exquisitem Geschmack es keinen Zweifel geben kann, welche Zweifel auch immer hinsichtlich seines poetischen Genies gehegt werden mögen) die Arie einheitlich an das Ende der Szene, während er gleichzeitig den Stil des unmittelbar vorangehenden Rezitativs fast immer erhebt und mit Leidenschaft erfüllt. Selbst im wirklichen Leben ist der Unterschied groß und offensichtlich zwischen Worten, die als willkürliche Zeichen des Gedankens verwendet werden, unserer glatten Markt-Münze des Umgangs, bei der das Bild und die Aufschrift durch den Umlauf abgenutzt sind; und solchen, die Bilder vermitteln, die entweder von einem äußeren Objekt entlehnt sind, um ein anderes zu beleben und zu konkretisieren; oder allegorisch verwendet werden, um den inneren Zustand der sprechenden Person zu verkörpern; oder solchen, die zumindest Exponenten ihrer besonderen Art und ihres ungewöhnlichen Ausmaßes an Fakultät sind. Ja, so sehr, dass wir in den gesellschaftlichen Kreisen des Privatlebens oft feststellen, dass ein auffallender Gebrauch letzterer den allgemeinen Fluss der Konversation zum Erliegen bringt und durch die Erregung, die aus konzentrierter Aufmerksamkeit entsteht, eine Art Feuchtigkeit und Unterbrechung für einige Minuten danach erzeugt. Aber beim Lesen von Werken literarischer Kunst bereiten wir uns auf eine solche Sprache vor; und die Aufgabe des Schreibers, wie die eines Malers, dessen Subjekt ungewöhnliche Pracht und Prominenz erfordert, ist es, die tieferen und neutralen Töne so zu heben, dass das, was in einem anderen Stil die bestimmenden Farben wären, hier als Mittel jener sanften Abstufung verwendet wird, die erforderlich ist, um die Wirkung eines Ganzen zu erzeugen. Wo dies in einem Gedicht nicht erreicht wird, erinnert das Metrum den Leser lediglich an seine Ansprüche, nur um ihn zu enttäuschen; und wo dieser Mangel häufig auftritt, werden seine Gefühle abwechselnd durch Antiklimax und Hyperklimax aufgeschreckt.
Ich verweise den Leser auf die exquisiten Strophen, die zu einem anderen Zweck aus THE BLIND HIGHLAND BOY zitiert wurden; und füge dann, da sie meiner Meinung nach Beispiele für diese Disharmonie im Stil sind, die zwei folgenden hinzu:
„Und eine, die seltenste, war eine Muschel, Die er, armes Kind, gut studiert hatte: Die Schale einer grünen Schildkröte, dünn Und hohl; – man hätte darin sitzen können, Sie war so weit und tief.“
„Unser Highland-Junge besuchte oft Das Haus, das diesen Preis enthielt; und, geführt Von Wahl oder Zufall, kam er dorthin Eines Tages, als niemand zu Hause war, Und fand die Tür unverschlossen.“
Oder Seite 172, Band I.
„’S ist weg vergessen, lass mich mein Bestes tun. Da war ein Lächeln oder zwei – Ich kann mich an sie erinnern, ich sehe Die Lächeln, mir die ganze Welt wert. Liebes Baby! Ich muss dich niederlegen: Du beunruhigst mich mit seltsamen Alarmen; Lächeln hast du, süße, deine eigenen; Ich kann dich nicht in meinen Armen halten; Denn sie verwirren mich: wie es ist, Habe ich jene Lächeln von ihm vergessen!“
Oder Seite 269, Band I.
„Du hast ein Nest, für deine Liebe und deine Ruh Und obwohl wenig von Trägheit geplagt Trunkene Lerche! du wärst abgeneigt Ein solcher Wanderer zu sein wie ich. Glücklicher, glücklicher Lebender! _Mit einer Seele so stark wie ein Bergfluss Der Lob ausgießt dem allmächtigen Geber,_ Freude und Fröhlichkeit sei mit uns beiden! Dich hörend oder sonst einen anderen, Einen so fröhlichen Bruder Werde ich auf der Erde weiterstapfen Allein fröhlich bis der Tag vollbracht.“
Die Unstimmigkeit, die ich in dieser Passage zu finden glaube, ist die der beiden edlen Zeilen in Kursivschrift mit den vorangegangenen und nachfolgenden. So Band II, Seite 30.
„Dicht bei einem Teich, auf der ferneren Seite, Stand er allein; eine Minute, schätze ich, Beobachtete ich ihn, er blieb bewegungslos Dann zog ich zum ferneren Rand des Teichs; Er war die ganze Zeit vor mir voll im Blick.“
Vergleichen Sie dies mit der Wiederholung desselben Bildes, die übernächste Strophe.
„Und, noch als ich mich mit sanftem Schritt näherte, Neben dem kleinen Teich oder moorigen Gewässer Bewegungslos wie eine Wolke stand der alte Mann, Der die lauten Winde nicht hört, wenn sie rufen; Und bewegt sich insgesamt, wenn er sich überhaupt bewegt.“
Oder schließlich die zweite der drei folgenden Strophen, verglichen sowohl mit der ersten als auch mit der dritten.
„Meine früheren Gedanken kehrten zurück; die Furcht, die tötet; Und Hoffnung, die nicht gespeist sein will; Kälte, Schmerz und Arbeit, und alle fleischlichen Übel; Und mächtige Dichter in ihrem Elend tot. Doch nun, verwirrt von dem, was der alte Mann gesagt hatte, Erneuerte ich eifrig meine Frage, ‚Wie kommt es, dass Sie leben, und was ist es, das Sie tun?‘“
„Er wiederholte dann mit einem Lächeln seine Worte; Und sagte, dass er, Blutegel weit und breit sammelnd, Reise; so unter seinen Füßen aufwirbelnd Das Wasser der Teiche, wo sie verweilen. ‚Einst konnte ich sie von allen Seiten treffen; ‚Doch sie sind längst durch langsamen Verfall geschwunden; ‚Doch ich beharre noch, und finde sie, wo ich kann.‘“
Während er so sprach, der einsame Ort, Die Gestalt des alten Mannes und die Rede, alles beunruhigte mich Vor meinem geistigen Auge schien ich ihn schreiten zu sehen Über die müden Moore beständig, Allein und schweigend umherwandernd.“
In der Tat ist dieses feine Gedicht besonders charakteristisch für den Autor. Es gibt kaum einen Mangel oder eine Vorzüglichkeit in seinen Schriften, von denen es nicht ein Beispiel bieten würde. Aber es wäre ungerecht, nicht zu wiederholen, dass dieser Mangel nur gelegentlich ist. Nach einem sorgfältigen wiederholten Lesen der zwei Bände mit Gedichten bezweifle ich, dass die zu beanstandenden Passagen insgesamt hundert Zeilen ausmachen würden; nicht der achte Teil der Anzahl der Seiten. In THE EXCURSION wird das Gefühl der Unstimmigkeit selten durch die Diktion irgendeiner Passage an sich erregt, sondern durch die plötzliche Überlegenheit einer anderen Passage, die den Kontext bildet.
Den zweiten Mangel kann ich mit leidlicher Genauigkeit verallgemeinern, wenn der Leser mir ein rohes und neu geprägtes Wort verzeiht. Es gibt, so würde ich sagen, nicht selten eine Sachlichkeit in gewissen Gedichten. Diese lässt sich unterteilen in erstens: eine mühsame Kleinlichkeit und Treue bei der Darstellung von Objekten und deren Positionen, wie sie dem Dichter selbst erschienen; zweitens: das Einfügen zufälliger Umstände zum Zwecke der vollständigen Erklärung seiner lebendigen Charaktere, ihrer Gemütsverfassungen und Handlungen; welche Umstände notwendig sein mögen, um die Wahrscheinlichkeit einer Aussage im wirklichen Leben zu etablieren, wo vom Hörer nichts als gegeben vorausgesetzt wird; die jedoch in der Poesie, wo der Leser sich selbst zuliebe bereitwillig glaubt, überflüssig erscheinen. Gegen diese Zufälligkeit erhebe ich Einspruch, da sie dem Wesen der Poesie widerspricht, welche Aristoteles als spoudaiotaton kai philosophotaton genos bezeichnet, das intensivste, gewichtigste und philosophischste Erzeugnis menschlicher Kunst; und als Grund hinzufügt, dass sie am katholischsten und abstraktesten sei. Die folgende Passage aus Davenants einleitendem Brief an Hobbes bringt diese Wahrheit gut zum Ausdruck. „Als ich die Handlungen erwog, die ich zu beschreiben gedachte (jene, die auf die Personen schließen ließen), wurde ich erneut überzeugt, eher jene einer früheren Zeit zu wählen als die gegenwärtige; und zwar in einem Jahrhundert, das so weit entfernt ist, dass es mich vor den unsachgemäßen Prüfungen jener bewahren mochte, die weder die Erfordernisse eines Gedichts kennen, noch wissen, wie viel Vergnügen sie einbüßen (und selbst die Freuden der heroischen Poesie sind nicht unergiebig), die die Freiheit eines Dichters beschneiden und seine Füße in die Fesseln eines Historikers legen. Denn warum sollte ein Dichter in einer Geschichte zweifeln, die Intrigen des Schicksals durch erfreulichere Vermittlungen wahrscheinlicher Erdichtungen zu verbessern, weil strenge Historiker sich der Wahrheit verpflichtet haben? Eine Verpflichtung, die bei Dichtern so töricht und unnötig wäre wie die Knechtschaft falscher Märtyrer, die für eine irrige Meinung in Ketten liegen. Doch damit will ich andeuten, dass die erzählende und vergangene Wahrheit das Idol der Historiker ist (die ein totes Ding anbeten), und die wirksame, durch ihre Auswirkungen fortwährend lebendige Wahrheit die Herrin der Dichter ist, die ihr Dasein nicht im Stoff, sondern in der Vernunft hat.“
Für diese minuziöse Genauigkeit in der Malerei lokaler Bildsprache mögen die Zeilen in THE EXCURSION, S. 96, 97 und 98, wenn nicht als treffendes Beispiel, so doch als Illustration meiner Meinung dienen. Es muss ein starkes Motiv sein – (wie zum Beispiel, dass die Beschreibung für die Verständlichkeit der Erzählung notwendig war) –, das mich dazu bewegen könnte, in einer Anzahl von Versen zu beschreiben, was ein Zeichner mit einem halben Dutzend Strichen seines Stifts oder der Maler mit ebenso vielen Berührungen seines Pinsels unvergleichlich befriedigender vor Augen führen könnte. Solche Beschreibungen verursachen allzu oft im Geist eines Lesers, der entschlossen ist, seinen Autor zu verstehen, ein Gefühl von Mühe, das dem nicht unähnlich ist, mit dem er ein Diagramm, Zeile für Zeile, für einen langen geometrischen Lehrsatz konstruieren würde. Es scheint, als nähme man die Teile einer zerschnittenen Landkarte aus ihrem Karton. Wir betrachten zuerst einen Teil, dann einen anderen, dann fügen wir sie zusammen und verzinken sie; und wenn die aufeinanderfolgenden Akte der Aufmerksamkeit vollendet sind, bedarf es einer rückläufigen Anstrengung des Geistes, um das Ganze zu schauen. Der Dichter sollte für die Einbildungskraft malen, nicht für die Phantasie; und ich kenne keinen glücklicheren Fall, um die Unterscheidung zwischen diesen beiden Fähigkeiten zu veranschaulichen. Meisterwerke der ersteren Art dichterischer Malerei gibt es in den Schriften Miltons im Überfluss, zum Beispiel:
„Der Feigenbaum; nicht jene Art, die für ihre Frucht berühmt, Doch solch einer, wie er heut dem Inder wohlbekannt, In Malabar oder Dekkan seine Arme ausbreitet, So breit und lang verzweigt, dass im Grund Die gebogenen Zweige wurzeln, und Töchter wachsen Um den Mutterbaum, ein säulenartiger Schatten Hoch überwölbt und WANDELGÄNGE DAZWISCHEN; Dort oft der indische Hirt, der Hitze entfliehend, Findet Schutz in der Kühle, und hütet seine weidenden Herden An durchs dichteste Laub geschnittenen Gucklöchern.“
Dies ist eher Schöpfung als Malerei, oder wenn Malerei, dann eine solche, und mit einer solchen Gleichzeitigkeit des gesamten Bildes, das mit einem Mal auf das Auge blitzt, wie die Sonne in einer Camera obscura malt. Aber der Dichter muss gleichermaßen verstehen und beherrschen, was Bacon die vestigia communia der Sinne nennt, die Verborgenheit des Ganzen in jedem Teil, und noch mehr, wie durch ein magisches penny duplex, die Erregung des Sehens durch Klang und die Exponenten des Klangs. So könnte man fast sagen, dass „die Wandelgänge dazwischen“ die Fabel in der Überlieferung vom Haupt Memnons in der ägyptischen Statue umkehren. Solche dürfen verdientermaßen als die schöpferischen Worte in der Welt der Einbildungskraft bezeichnet werden.
Die zweite Unterteilung betrifft ein scheinbar minuziöses Festhalten an der Tatsächlichkeit bei Charakteren und Vorfällen; eine biographische Aufmerksamkeit für Wahrscheinlichkeit und eine Ängstlichkeit der Erklärung und Rückschau. Unter diesem Punkt werde ich, ohne geheuchelte Bescheidenheit, die Ergebnisse meiner besten Überlegungen zu dem großen Streitpunkt zwischen Herrn Wordsworth und seinen Gegnern darlegen; nämlich zur Wahl seiner Charaktere. Ich habe bereits meinen völligen Dissens von der Art der Argumentation, die seine Kritiker bisher angewandt haben, erklärt und, wie ich hoffe, gerechtfertigt. Auf ihre Frage: „Warum wählten Sie einen solchen Charakter oder einen Charakter aus einem solchen Lebensstand?“ – könnte der Dichter meiner Meinung nach treffend erwidern: Warum haben Sie bei der Auffassung meines Charakters vorsätzlich niedrige oder lächerliche Assoziationen gewählt, die nicht von mir geliefert, sondern aus Ihren eigenen kränklichen und wählerischen Gefühlen hinzugefügt wurden? Wie war es in der Tat wahrscheinlich, dass solche Argumente bei einem Autor Gewicht haben könnten, dessen Plan, dessen leitendes Prinzip und dessen Hauptziel es war, jenen Zustand der Assoziation anzugreifen und zu unterwerfen, der uns dazu führt, den Hauptwert auf jene Dinge zu legen, in denen sich der Mensch vom Menschen unterscheidet, und die hohen Würden zu vergessen oder zu missachten, die der Menschlichen Natur eigen sind, den Sinn und das Gefühl, die in allen Ständen gefunden werden können und sollten? Die Gefühle, mit denen wir als Christen eine gemischte Gemeinde betrachten, die vor ihrem gemeinsamen Schöpfer aufsteht oder kniet, möchte Herr Wordsworth, dass wir sie jederzeit hegen, als Menschen und als Leser; und durch die Erregung dieser erhabenen, doch stolzlosen Unparteilichkeit in der Poesie könnte er hoffen, ihr Fortbestehen im wirklichen Leben gefördert zu haben. Das Lob guter Männer sei sein! Im wirklichen Leben, und, wie ich hoffe, sogar in meiner Vorstellung, ehre ich einen tugendhaften und weisen Mann ohne Bezug auf das Vorhandensein oder Fehlen künstlicher Vorteile. Ob in der Person eines bewaffneten Barons, eines lorbeerbekränzten Barden oder eines alten Hausierers oder noch älteren Blutegelsammlers, dieselben Qualitäten von Kopf und Herz müssen dieselbe Ehrfurcht beanspruchen. Und selbst in der Poesie bin ich mir nicht bewusst, dass ich je zugelassen hätte, dass meine Gefühle durch Gedanken oder Bilder gestört oder beleidigt wurden, die der Dichter selbst nicht präsentiert hat.
Doch ich erhebe dennoch Einspruch, und zwar aus folgenden Gründen. Erstens, weil das angestrebte Ziel, als ein unmittelbares Ziel, dem Moralphilosophen gehört und nicht nur angemessener, sondern meiner Meinung nach mit weitaus größerer Erfolgsaussicht in Predigten oder moralischen Essays verfolgt würde als in einem erhabenen Gedicht. Es scheint in der Tat die grundlegende Hauptunterscheidung zu zerstören, nicht nur zwischen einem Gedicht und Prosa, sondern sogar zwischen Philosophie und belletristischen Werken, insofern es die Wahrheit statt des Vergnügens zu seinem unmittelbaren Ziel erklärt. Nun, bis die gesegnete Zeit kommen wird, da die Wahrheit selbst Vergnügen sein wird und beide so vereint sein werden, dass sie nur in Worten unterscheidbar sind, nicht im Gefühl, wird es die Aufgabe des Dichters bleiben, von jenem Zustand der Assoziation auszugehen, der tatsächlich als allgemein existiert; anstatt zuerst zu versuchen, ihn zu dem zu machen, was er sein sollte, und dann das Vergnügen folgen zu lassen. Aber hier liegt leider ein kleines hysteron-proteron. Denn die Vermittlung von Vergnügen ist das einleitende Mittel, durch das allein der Dichter erwarten darf, seine Leser zu moralisieren. Zweitens: selbst wenn ich für einen Moment zugeben würde, dass dieses Argument grundlos ist: wie soll die moralische Wirkung erzielt werden, indem man lediglich den Namen eines niedrigen Berufs auf Kräfte überträgt, die am wenigsten wahrscheinlich, und auf Qualitäten, die sicherlich nicht eher, darin zu finden sind? Der Dichter, der in seiner eigenen Person spricht, kann uns zugleich erfreuen und verbessern durch Sentiments, die uns die Unabhängigkeit der Güte, der Weisheit und sogar des Genies von den Gunstbezeugungen des Schicksals lehren. Und nachdem er eine gebührende Ehrfurcht vor dem Thron des Antoninus gezeigt hat, mag er mit gleicher Ehrfurcht vor Epiktet unter seinen Mitklaven sich verneigen
------„und sich freuen In der schlichten Gegenwart seiner Würde.“
Wer ist nicht sogleich erfreut und verbessert, wenn der Dichter Wordsworth selbst ausruft:
„Oh! viele sind die Dichter, die von der Natur Ausgesät; Männer, mit höchsten Gaben begabt, Der Vision und der göttlichen Fähigkeit, Doch denen die Vollendung des Verses fehlt, Und die nie, im fortschreitenden Leben, Durch Umstände geführt wurden, das Maß Ihrer selbst zu erreichen, diese begünstigten Wesen, Bis auf wenige Ausgestreute, leben ihre Zeit, Haushaltend mit dem, was sie in sich besitzen, Und gehen unbedacht ins Grab. Die stärksten Geister Sind oft jene, von denen die lärmende Welt Am wenigsten hört.“
Um einen umgangssprachlichen Ausdruck zu gebrauchen, solche Sentiments in solcher Sprache tun dem Herzen wohl; obwohl ich für meinen Teil nicht den vollsten Glauben an die Wahrheit dieser Beobachtung habe. Im Gegenteil, ich glaube, die Fälle seien überaus selten; und ich würde einen fast ebenso starken Einwand empfinden, einen solchen Charakter in einer dichterischen Fiktion einzuführen, wie ein Paar schwarze Schwäne auf einem See in einer Phantasielandschaft. Wenn ich daran denke, wie viele und wie viel bessere Bücher als Homer, oder selbst als Herodot, Pindar oder Aischylos, fast jeder Mensch in einem Land hätte lesen können, in dem fast jeder Mensch angehalten ist zu lesen und zu schreiben; und wie ruhelos, wie schwer zu verbergen die Kräfte des Genies sind; und dennoch selbst in Situationen, die laut Herrn Wordsworth am günstigsten für die Bildung einer reinen und poetischen Sprache sind; in Situationen, die Vertrautheit mit den großartigsten Objekten der Einbildungskraft sicherstellen, nur einen Burns unter den Hirten Schottlands finde, und keinen einzigen Dichter des niederen Lebens unter denen der englischen Seen und Berge; so schließe ich, dass das poetische Genie nicht nur eine sehr empfindliche, sondern eine sehr seltene Pflanze ist.
Doch wie dem auch sei, die Gefühle, mit denen,
„Ich an Chatterton denke, den wundervollen Knaben, Die schlaflose Seele, die in ihrem Stolz verging; An Burns, der in Ruhm und Freude wandelte Hinter seinem Pflug, am Berghang“--
sind weit verschieden von jenen, mit denen ich ein Gedicht lesen würde, in dem der Autor, der für die Fabel seiner Erzählung den Charakter eines Dichters und Philosophen benötigte, gewählt hatte, ihn zu einem Schornsteinfeger zu machen; und dann, um alle Zweifel an der Sache auszuräumen, einen Bericht über seine Geburt, Abstammung und Erziehung erfunden hatte, mit all den seltsamen und glücklichen Zufällen, die dazu beigetragen hatten, ihn zugleich zum Dichter, Philosophen und Feger zu machen! Nichts als Biographie kann dies rechtfertigen. Wenn es selbst in einem Roman zulässig ist, muss es einer in der Art von De Foes sein, die als Historien durchgehen sollten, nicht in der Art von Fieldings: In THE LIFE OF MOLL FLANDERS oder COLONEL JACK, nicht in einem TOM JONES oder selbst einem JOSEPH ANDREWS. Noch viel weniger kann es rechtmäßig in ein Gedicht eingeführt werden, dessen Charaktere inmitten der stärksten Individualisierung immer noch repräsentativ bleiben müssen. Die Vorschriften des Horaz zu diesem Punkt gründen auf dem Wesen sowohl der Poesie als auch des menschlichen Geistes. Sie sind nicht mehr gebieterisch als weise und umsichtig. Denn erstens verwirrt eine Abweichung von ihnen die Gefühle des Lesers, und alle Umstände, die fingiert werden, um solche Zufälle weniger unwahrscheinlich zu machen, teilen und beunruhigen seinen Glauben, anstatt ihn zu stützen und zu fördern. Trotz aller Versuche wird die Fiktion erscheinen, und leider nicht als fiktiv, sondern als falsch. Der Leser weiß nicht nur, dass die Sentiments und die Sprache des Dichters eigen sind, und auch seine eigenen in seinem künstlichen Charakter als Dichter; sondern durch die fruchtlosen Bemühungen, ihn das Gegenteil glauben zu machen, wird ihm nicht einmal erlaubt, es zu vergessen. Die Wirkung ist ähnlich derjenigen, die ein Epen-Dichter hervorruft, wenn die Fabel und die Charaktere aus der biblischen Geschichte abgeleitet sind, wie in THE MESSIAH von Klopstock oder in CUMBERLANDS CALVARY; und nicht bloß durch sie angeregt, wie in PARADISE LOST von Milton. Jene Illusion, im Gegensatz zum Wahn, jener negative Glaube, der einfach zulässt, dass die präsentierten Bilder durch ihre eigene Kraft wirken, ohne Leugnung oder Bestätigung ihrer wirklichen Existenz durch das Urteil, wird durch ihre unmittelbare Nachbarschaft zu Worten und Fakten bekannter und absoluter Wahrheit unmöglich gemacht. Ein Glaube, der selbst den historischen Glauben transzendiert, muss dieses bloße poetische Analogon des Glaubens absolut auslöschen, so wie die Sommersonne unsere Haushaltsfeuer auszulöschen vermag, wenn sie voll auf sie scheint. Was ansonsten als erfreuliche Fiktion hätte hingenommen werden können, wird als abstoßende Falschheit zurückgewiesen. Die Wirkung, die in diesem letzteren Fall durch den feierlichen Glauben des Lesers hervorgerufen wird, wird in geringerem Maße in den Fällen, gegen die ich Einspruch erhoben habe, durch die vereitelten Versuche des Autors herbeigeführt, ihn zum Glauben zu bewegen.
Fügen Sie zu all dem Vorgenannten die scheinbare Nutzlosigkeit sowohl des Projekts als auch der Anekdoten hinzu, aus denen es Unterstützung beziehen soll. Gibt es zum Beispiel ein Wort, das dem Hausierer in THE EXCURSION zugeschrieben wird, das für einen Hausierer charakteristisch ist? Ein Sentiment, das nicht plausibler, selbst ohne die Hilfe irgendeiner vorherigen Erklärung, von jedem weisen und wohltätigen alten Mann eines Standes oder Berufs hätte stammen können, in dem die Sprache der Bildung und Verfeinerung natürlich ist und erwartet werden kann? Musste der Stand überhaupt spezifiziert werden, wo nichts folgt, was das Wissen um diesen Stand erklären oder illustrieren soll? Wenn im Gegenteil diese Information die Sprache, die Gefühle, die Sentiments und die Information des Mannes zu einem Rätsel macht, das selbst durch anekdotische Episoden gelöst werden muss? Schließlich, wenn dies, und nur dies, einen echten Dichter hätte veranlassen können, in ein Gedicht von erhabenstem Stil und über Themen von erhabenster und allgemeingültigster Bedeutung solch minuziöse Tatsachen (nicht unähnlich jenen, die für den Nachruf eines Magazins von den Freunden irgendeines obskuren „kürzlich verstorbenen Schmucks der Gesellschaft“ in irgendeiner obskuren Stadt geliefert werden) einzuflechten, wie
„Unter den Hügeln von Athol wurde er geboren, Dort, auf einer kleinen erblichen Farm, Einem unproduktiven Streifen rauen Bodens, Wohnte sein Vater; und starb in Armut; Während Er, dessen bescheidenes Schicksal ich nachzeichne, Der Jüngste von drei Söhnen, noch ein Säugling war, Ein Kleines – unbewusst ihres Verlustes. Doch ehe er seinen Kindertagen entwachsen war, Vermählte seine verwitwete Mutter, als zweiten Gatten, Den Lehrer der Dorfschule; Der ihrem Sprössling eifrig Nötige Unterweisung zuteilwerden ließ.“
„Ab seinem sechsten Jahr, der Knabe, von dem ich spreche, Hütete im Sommer Vieh auf den Hügeln; Doch durch die unwirtlichen und gefährlichen Tage Des lange anhaltenden Winters begab er sich In die Schule seines Stiefvaters“, etc.
Denn all die bewundernswerten Passagen, die in diese Erzählung eingefügt sind, hätten mit unbedeutenden Änderungen weitaus angemessener und mit weitaus größerer Glaubwürdigkeit von einem Dichter im Charakter eines Dichters erzählt werden können; und ohne einen weiteren Mangel auf sich zu nehmen, den ich nun erwähnen werde, und für den hier eine ausreichende Illustration vorweggenommen sein wird.
Drittens; eine unangemessene Vorliebe für die dramatische Form in gewissen Gedichten, aus der das eine oder andere von zwei Übeln resultiert. Entweder sind die Gedanken und die Diktion anders als die des Dichters, und dann entsteht eine Unstimmigkeit des Stils; oder sie sind dieselben und ununterscheidbar, und dann präsentiert es eine Art Bauchrednerei, bei der zwei als sprechend dargestellt werden, während in Wahrheit nur ein Mann spricht.
Die vierte Klasse von Mängeln ist eng mit der früheren verbunden; sind aber solche, die ebenfalls aus einer Intensität des Gefühls entstehen, die in keinem Verhältnis zu jener Kenntnis und Wertschätzung der beschriebenen Objekte steht, die bei Menschen im Allgemeinen, selbst bei den kultiviertesten Ständen, billigerweise erwartet werden kann; und mit denen daher nur wenige, und diese wenigen unter besonderen Umständen, sympathisieren können: In dieser Klasse fasse ich gelegentliche Weitschweifigkeit, Wiederholung und ein wirbelndes, statt fortschreitendes Denken zusammen. Als Beispiele siehe Seiten 27, 28 und 62 der Poems, Bd. I. und die ersten achtzig Zeilen des VI. Buches von THE EXCURSION.
Fünftens und letztens; Gedanken und Bilder, die für das Thema zu groß sind. Dies ist eine Annäherung an das, was man mentalen Schwulst nennen könnte, im Unterschied zum verbalen: denn wie bei letzterem ein Missverhältnis der Ausdrücke zu den Gedanken besteht, so besteht hier ein Missverhältnis des Gedankens zu Umstand und Anlass. Dies ist übrigens ein Fehler, dessen nur ein Genie fähig ist. Es ist die Ungeschicklichkeit und Stärke des Herkules mit dem Rocken der Omphale.
Es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass helle Farben in Bewegung sowohl die stärksten Eindrücke auf das Auge machen als auch hinterlassen. Nichts ist auch wahrscheinlicher, als dass ein lebhaftes Bild oder visuelles Spektrum, das so entstanden ist, zum Glied der Assoziation werden kann, um die Gefühle und Bilder wieder aufzurufen, die den ursprünglichen Eindruck begleitet hatten. Aber wenn wir dies in solchen Zeilen beschreiben, wie
„Sie blitzen auf jenem inneren Auge, Das die Wonne der Einsamkeit ist!“
mit welchen Worten sollen wir die Freude des Rückblicks beschreiben, wenn die Bilder und tugendhaften Handlungen eines ganzen wohlgelebten Lebens vor jenem Gewissen vorüberziehen, das in der Tat das innere Auge ist: das in der Tat „die Wonne der Einsamkeit“ ist? Sicherlich scheinen wir am abruptesten, um nicht zu sagen burlesk, und beinahe wie in einem Potpourri, von diesem Reimpaar zu sinken zu –
„Und dann füllt sich mein Herz mit Vergnügen, Und tanzt mit den Narzissen.“ Bd. I. S. 328.
Das zweite Beispiel stammt aus Bd. II. Seite 12, wo der Dichter, der zu einem Tagesausflug zum Vergnügen ausgegangen war, am frühen Morgen auf eine Gruppe von Zigeunern trifft, die ihre Zelte aus Decken und Strohbetten zusammen mit ihren Kindern und Eseln auf irgendeinem Feld am Straßenrand aufgeschlagen hatten. Am Ende des Tages bei seiner Rückkehr fand unser Tourist sie an derselben Stelle vor. „Zwölf Stunden“, sagt er,
„Zwölf Stunden, zwölf freigebige Stunden sind vergangen, während ich Ein Reisender unter offenem Himmel gewesen bin, Viel Zeuge von Wandel und Heiterkeit, Doch wie ich sie verließ, finde ich sie hier!“
Woraufhin der Dichter, ohne zu reflektieren, dass die armen, gelblichen Wanderer wahrscheinlich seit Wochen ununterbrochen durch Straßen und Gassen, über Moor und Berg gewandert sein mochten und daher höchst froh gewesen sein mussten, sich selbst, ihre Kinder und ihr Vieh einen ganzen Tag lang auszuruhen; und die offensichtliche Wahrheit übersehend, dass solche Ruhe für sie ebenso notwendig sein könnte, wie ein Spaziergang von gleicher Dauer für den glücklicheren Dichter erfreulich oder gesund war; drückt seine Empörung in einer Reihe von Zeilen aus, deren Diktion und Bildsprache eher über als unter dem Maß gelegen hätten, wären sie auf das riesige, seit dreißig Jahrhunderten im Stillstand befindliche Kaiserreich China angewandt worden:
„Die müde Sonne begab sich zur Ruhe:-- --Dann entstieg Vesper dem glänzenden Westen, Übertraf, wie ein sichtbarer Gott, Den glorreichen Pfad, auf dem er schritt. Und nun, aufsteigend, nach einer dunklen Stunde, Und einer nächtlichen Schmälerung ihrer Macht, Siehe den mächtigen Mond! auf diese Weise Schaut sie, als ob auf sie -- doch sie Beachten sie nicht:--oh, besser Unrecht und Streit, Besser eitle Taten oder Böses als solch ein Leben! Die schweigenden Himmel haben ein Tun Die Sterne haben Aufgaben!--doch diese haben keine!“
Das letzte Beispiel für diesen Mangel (denn ich kenne außer den bereits zitierten keinen anderen) stammt aus der Ode, Seite 351, Bd. II., wo er, von einem Kind sprechend, einem „sechsjährigen Liebling von zwergenhafter Größe“, ihn wie folgt anspricht:
„Du bester Philosoph, der du noch bewahrst Dein Erbe, du Auge unter den Blinden, Der, taub und stumm, das ewige Tiefe liest, Auf ewig heimgesucht vom Ewigen Geist,-- Mächtiger Prophet! Gesegneter Seher! Auf dem jene Wahrheiten ruhen, Die wir unser Leben lang mühsam zu finden suchen! Du, über dem deine Unsterblichkeit Brütet wie der Tag, ein Meister über einen Sklaven, Eine Gegenwart, die nicht abzuweisen ist!“
Nun wollen wir hier, um nicht bei dem waghalsigen Geist der Metapher zu verweilen, welche die Beinamen „taub und stumm“ mit dem apostrophierten Auge verbindet; oder (falls wir dies auf das vorangehende Wort „Philosoph“ beziehen sollen) bei der fehlerhaften und zweideutigen Syntax der Passage; und ohne die Angemessenheit zu prüfen, einen „Meister über einen Sklaven brüten“ zu lassen, oder überhaupt „den Tag“ brüten zu lassen; wir werden lediglich fragen, was all dies bedeutet? In welchem Sinne ist ein Kind in diesem Alter ein Philosoph? In welchem Sinne liest es „die ewige Tiefe“? In welchem Sinne wird es für „auf ewig heimgesucht“ vom Höchsten Wesen erklärt? Oder derart inspiriert, dass es die glänzenden Titel eines Mächtigen Propheten, eines gesegneten Sehers verdient? Durch Reflexion? Durch Wissen? Durch bewusste Intuition? Oder durch irgendeine Form oder Modifikation des Bewusstseins? Das wären in der Tat Neuigkeiten; doch solche, die eine unmittelbare Offenbarung an den inspirierten Vermittler voraussetzen und Wunder erfordern würden, um seine Inspiration zu beglaubigen. Kinder in diesem Alter geben uns von sich aus keine solche Auskunft; und zu welcher Zeit wurden wir in den Lethe getaucht, der ein solch völliges Vergessen eines derart göttlichen Zustands bewirkt hat? Es gibt viele von uns, die noch einige Erinnerungen besitzen, mehr oder weniger deutlich, die sich selbst im Alter von sechs Jahren betreffen; jammerschade, dass nur die wertlosen Strohhalme treiben, während Schätze, verglichen mit denen alle Bergwerke von Golkonda und Mexiko nur Strohhalme wären, von irgendeinem unbekannten Schlund in irgendeinen unbekannten Abgrund verschlungen werden sollten.
Doch wenn dies zu wild und maßlos ist, um vermutet zu werden, es sei die Bedeutung des Dichters gewesen; wenn diese geheimnisvollen Gaben, Fähigkeiten und Wirkungen nicht mit Bewusstsein einhergehen; wer sonst ist sich ihrer bewusst? Oder wie kann es das Kind genannt werden, wenn es kein Teil des bewussten Seins des Kindes ist? Soweit ich weiß, mag der denkende Geist in mir im Wesentlichen eins sein mit dem Prinzip des Lebens und der vitalen Tätigkeit. Soweit ich weiß, könnte er als sekundärer Akteur bei der wunderbaren Organisation und den organischen Bewegungen meines Körpers eingesetzt sein. Aber sicher wäre es eine seltsame Sprache zu sagen, dass ich mein Herz konstruiere! Oder dass ich die feineren Einflüsse durch meine Nerven antreibe! Oder dass ich mein Gehirn zusammenziehe und die Vorhänge des Schlafs um meine eigenen Augen ziehe! Spinoza und Böhme waren, nach verschiedenen Systemen, beide Pantheisten; und unter den Alten gab es Philosophen, Lehrer des EN KAI PAN, die nicht nur lehrten, dass Gott Alles sei, sondern dass dieses Alles Gott konstituiere. Doch selbst diese würden nicht den Teil, als Teil, mit dem Ganzen, als Ganzes, verwechseln. Nein, in keinem System ist die Unterscheidung zwischen dem Individuum und Gott, zwischen der Modifikation und der einen einzigen Substanz, schärfer gezeichnet als in dem von Spinoza. Jacobi berichtet in der Tat von Lessing, dass nach einem Gespräch mit ihm im Hause des Dichters Gleim (dem Tyrtaios und Anakreon des deutschen Parnass), in welchem Gespräch Lessing gegenüber Jacobi privat seine Zurückhaltung eingestanden hatte, irgendeine persönliche Existenz des Höchsten Wesens oder die Möglichkeit von Persönlichkeit außer in einem endlichen Verstand zuzugeben, und während sie bei Tische saßen, ein Regenschauer unerwartet einsetzte. Gleim drückte sein Bedauern über diesen Umstand aus, weil sie ihren Wein im Garten hatten trinken wollen: worauf Lessing in einer seiner halb ernsten, halb scherzhaften Launen Jacobi zunickte und sagte: „Vielleicht bin ich es, der das tut“, d. h. regnet! – und Jacobi antwortete: „oder vielleicht ich;“ Gleim begnügte sich damit, sie beide anzustarren, ohne um irgendeine Erklärung zu bitten.
So verhält es sich mit dieser Passage. In welchem Sinne können die oben zitierten großartigen Attribute einem Kind zugeeignet werden, die sie nicht gleichermaßen passend für eine Biene, einen Hund oder ein Kornfeld machen würden: oder sogar für ein Schiff, oder für den Wind und die Wellen, die es antreiben? Der allgegenwärtige Geist wirkt in ihnen ebenso wie im Kind; und das Kind ist sich seiner ebenso wenig bewusst wie sie. Es kann doch sicher nicht sein, dass die vier Zeilen, die unmittelbar folgen, die Erklärung enthalten sollen?
„Dem das Grab Nur ein einsames Bett ist ohne den Sinn oder Anblick Des Tages oder des warmen Lichts, Ein Ort des Denkens, wo wir wartend liegen;“--
Sicher, es kann nicht sein, dass diese wundererregende Apostrophe nur ein Kommentar zu dem kleinen Gedicht „Wir sind sieben“ ist? – dass die gesamte Bedeutung der Passage auf die Behauptung reduzierbar ist, dass ein Kind, das übrigens mit sechs Jahren in den meisten christlichen Familien besser unterwiesen worden wäre, keine andere Vorstellung vom Tod hat als die des Liegens an einem dunklen, kalten Ort? Und immer noch, so hoffe ich, nicht als an einem Ort des Denkens! Nicht die schreckliche Vorstellung, wach in seinem Grab zu liegen! Die Analogie zwischen Tod und Schlaf ist zu einfach, zu natürlich, um einen so entsetzlichen Glauben für Kinder möglich zu machen; selbst wenn sie nicht daran gewöhnt gewesen wären, wie alle christlichen Kinder, den letzteren Begriff zur Bezeichnung des ersteren hören zu müssen. Aber wenn der Glaube des Kindes nur ist, dass „es nicht tot ist, sondern schläft“: worin unterscheidet er sich von dem seines Vaters und seiner Mutter oder irgendeiner anderen erwachsenen und unterwiesenen Person? Sich eine Vorstellung davon zu machen, dass ein Ding zu nichts wird; oder dass aus nichts ein Ding wird; ist für alle endlichen Wesen gleichermaßen unmöglich, welchen Alters auch immer, und wie auch immer gebildet oder ungebildet. So ist es mit glänzenden Paradoxien im Allgemeinen. Wenn die Worte im gewöhnlichen Sinne genommen werden, vermitteln sie eine Absurdität; und wenn sie, unter Missachtung von Wörterbüchern und Gebrauch, so interpretiert werden, dass die Absurdität vermieden wird, schrumpft die Bedeutung zu irgendeiner faden Binsenweisheit zusammen. So muss man die Worte zugleich entgegengesetzt ihrer gewöhnlichen Bedeutung verstehen, um zu irgendeinem Sinn zu gelangen; und gemäß ihrer gewöhnlichen Bedeutung, wenn man von ihnen irgendein Gefühl von Erhabenheit oder Bewunderung empfangen soll.
Obwohl die Beispiele für diesen Mangel in Mr. Wordsworths Gedichten so wenige sind, dass es kaum gerechtfertigt gewesen wäre, die Aufmerksamkeit des Lesers auf sie zu lenken; so habe ich dennoch darauf verweilt, und vielleicht gerade aus diesem Grund. Denn da sie so sehr wenige sind, können sie den Ruf eines Autors nicht merklich schmälern, der sogar durch die Anzahl tiefgreifender Wahrheiten in seinen Schriften charakterisiert ist, die der strengsten Analyse standhalten werden; und doch, so wenige sie sind, sind es genau jene Passagen, die seine blinden Bewunderer am ehesten nachahmen könnten und am besten nachahmen könnten. Aber Wordsworth, wo er tatsächlich Wordsworth ist, mag von Kopisten nachgeahmt werden, er mag von Plagiatoren geplündert werden; aber er kann nicht nachgeahmt werden, außer von jenen, die nicht dazu geboren sind, Nachahmer zu sein. Denn ohne seine Gefühlstiefe und seine Vorstellungskraft würde seinem Verstand seine vitale Wärme und Eigenart fehlen; und ohne seinen starken Verstand würde seine Mystik krankhaft werden – bloßer Nebel und Trübung!
Diesen Mängeln, die, wie aus den Auszügen ersichtlich, nur gelegentlich auftreten, darf ich, mit weit weniger Furcht, auf den Widerspruch eines unvoreingenommenen und intelligenten Lesers zu stoßen, die folgenden (größtenteils korrespondierenden) Vorzüge entgegenstellen. Erstens eine strenge Reinheit der Sprache, sowohl grammatikalisch als auch logisch; kurz gesagt, eine perfekte Angemessenheit der Worte zur Bedeutung. Welchen hohen Wert ich dem beimesse und für wie besonders schätzenswert ich das Beispiel in der heutigen Zeit halte, ist bereits dargelegt worden: und zum Teil auch die Gründe, auf die ich sowohl die moralische als auch die intellektuelle Bedeutung stütze, uns an eine strenge Genauigkeit des Ausdrucks zu gewöhnen. Es ist bemerkenswert, wie begrenzte Bekanntschaft mit den Meisterwerken der Kunst ausreicht, um einen korrekten und sogar empfindsamen Geschmack zu bilden, wo nur Meisterwerke gesehen und bewundert wurden: während andererseits die korrektesten Vorstellungen und die breiteste Bekanntschaft mit den Werken der Exzellenz aller Zeiten und Länder uns nicht vollkommen gegen die ansteckende Vertrautheit mit den weitaus zahlreicheren Erzeugnissen der Geschmacklosigkeit oder eines pervertierten Geschmacks sichern werden. Wenn dies der Fall ist, wie es bekanntermaßen bei den Künsten der Musik und Malerei ist, wird es umso schwieriger sein, die Infektion durch vervielfältigte und tägliche Beispiele in der Praxis einer Kunst zu vermeiden, die Worte, und nur Worte, als ihre Instrumente verwendet. In der Poesie, in der jede Zeile, jede Phrase die Feuerprobe der Überlegung und der bewussten Wahl bestehen kann, ist es möglich, und kaum möglich, jenes Ultimatum zu erreichen, das ich als den unfehlbaren Test eines tadellosen Stils vorzuschlagen gewagt habe; nämlich: seine Unübersetzbarkeit in Worte derselben Sprache ohne Schaden für die Bedeutung. Es sei jedoch beachtet, dass ich in die Bedeutung eines Wortes nicht nur sein korrespondierendes Objekt einschließe, sondern ebenso alle Assoziationen, die es hervorruft. Denn Sprache ist darauf ausgelegt, nicht das Objekt allein zu vermitteln, sondern ebenso den Charakter, die Stimmung und die Absichten der Person, die es darstellt. In der Poesie ist es praktikabel, die Diktion unkorrumpiert durch die Affektiertheit und Zweckentfremdungen zu bewahren, die wahlloses Autorentum und Lesen, das nicht nur deshalb wahllos ist, weil es unverhältnismäßig meist mit den Kompositionen des Tages vertraut ist, allgemein gemacht haben. Doch selbst für den Dichter, der in seiner eigenen Provinz komponiert, ist es eine mühsame Arbeit: und als das Ergebnis und Unterpfand eines wachsamen gesunden Menschenverstandes, feiner und leuchtender Unterscheidung und vollkommener Selbstbeherrschung kann sie mit Recht allen Ruhm beanspruchen, der einer Errungenschaft gebührt, die gleichermaßen schwierig und wertvoll ist, und umso wertvoller, als sie selten ist. Es ist zu allen Zeiten die rechte Nahrung des Verstandes; aber in einem Zeitalter korrupter Beredsamkeit ist sie beides, Nahrung und Gegengift.
In der Prosa bezweifle ich, ob es überhaupt möglich ist, unseren Stil gänzlich ungetrübt von der lasterhaften Phraseologie zu bewahren, die uns überall begegnet, von der Predigt bis zur Zeitung, von der Ansprache des Gesetzgebers bis zur Rede vom geselligen Stuhl, bei der Ankündigung eines Trinkspruchs oder einer Stimmung. Unsere Ketten rasseln, selbst während wir uns über sie beklagen. Die Gedichte des Boetius erheben sich hoch in unserer Wertschätzung, wenn wir sie mit denen seiner Zeitgenossen vergleichen, wie Sidonius Apollinaris und andere. Sie könnten sogar einem reineren Zeitalter zugeschrieben werden, wäre da nicht die Prosa, in der sie gefasst sind, wie Juwelen in einer Krone aus Blei oder Eisen, die das wahre Zeitalter des Schreibers verrät. Vieles kann jedoch durch Erziehung bewirkt werden. Ich glaube nicht nur aus Gründen der Vernunft, sondern weil ich mich in großem Maße von der Tatsache durch tatsächliche, wenn auch begrenzte Erfahrung überzeugt habe, dass sich einem Jugendlichen, der von seiner ersten Kindheit an angeleitet wird, die Bedeutung jedes Wortes und den Grund seiner Wahl und Position zu untersuchen, die Logik als eine alte Bekannte unter neuen Namen präsentiert.
Bei einer künftigen Gelegenheit, die eine solche Untersuchung dringender erfordert, werde ich versuchen, den engen Zusammenhang zwischen Wahrhaftigkeit und Gewohnheiten mentaler Genauigkeit zu beweisen; die vorteilhaften Nachwirkungen verbaler Präzision bei der Ausschließung von Fanatismus, der die Gefühle insbesondere durch undeutliche Schlagworte beherrscht; und die Vorteile aufzuzeigen, die die Sprache allein, zumindest die Sprache mit unvergleichlich größerer Leichtigkeit und Sicherheit als jedes andere Mittel, dem Lehrer bietet, Modi intellektueller Energie so beständig, so unmerklich und gleichsam durch solche Elemente und Atome einzuprägen, dass zu gegebener Zeit die Bildung einer zweiten Natur gesichert ist. Wenn wir darüber nachdenken, dass die Kultivierung des Urteilsvermögens ein positives Gebot des moralischen Gesetzes ist, da die Vernunft allein das Prinzip geben kann und das Gewissen nur vom Motiv Zeugnis ablegt, während Anwendung und Auswirkungen vom Urteilsvermögen abhängen müssen, wenn wir bedenken, dass der größere Teil unseres Erfolgs und Komforts im Leben davon abhängt, das Ähnliche vom Selben zu unterscheiden, das, was in jedem Ding eigentümlich ist, von dem, was es mit anderen gemeinsam hat, um so immer das Wahrscheinlichste auszuwählen, statt des bloß Möglichen oder positiv Unpassenden, werden wir lernen, ein Mittel, das uns bereits von Natur und Gesellschaft bereitet ist, ernsthaft und mit praktischem Ernst zu schätzen, den jungen Geist zu lehren, gut und weise zu denken, durch denselben unbewussten Prozess und mit denselben niemals vergessenen Ergebnissen, wie jenen, durch die er gelehrt wird zu sprechen und sich zu unterhalten. Nun, wie viel wärmer das Interesse ist, wie viel inniger die Gefühle von Realität und Praktikabilität, und daher wie viel stärker die Impulse zur Nachahmung sind, die ein zeitgenössischer Schriftsteller, und insbesondere ein zeitgenössischer Dichter, in der Jugend und im beginnenden Mannesalter anregt, ist auf den früheren Seiten dieser Skizzen behandelt worden. Ich habe nur hinzuzufügen, dass alles Lob, das der Ausübung eines solchen Einflusses für einen so wichtigen Zweck gebührt, verbunden mit jenem, das für die Seltenheit derselben Exzellenz in derselben Vollkommenheit beansprucht werden muss, mit vollem Recht Mr. Wordsworth gehört. Ich bin jedoch weit davon entfernt zu leugnen, dass wir Dichter haben, deren allgemeiner Stil dieselbe Exzellenz besitzt, wie Mr. Moore, Lord Byron, Mr. Bowles und, in all seinen späteren und wichtigeren Werken, unser lorbeerwürdiger Laureat. Aber es gibt keinen, in dessen Werken ich mir nicht zu finden scheine, mehr Ausnahmen als in jenen von Wordsworth. Zitate oder Proben wären hier völlig deplatziert und müssen dem Kritiker überlassen bleiben, der zweifelt und die Gerechtigkeit dieses so angewandten Lobes entkräften möchte.
Die zweite charakteristische Exzellenz von Mr. Wordsworths Werk ist: ein korrespondierendes Gewicht und eine Gesundheit der Gedanken und Empfindungen – gewonnen, nicht aus Büchern; sondern aus der eigenen meditativen Beobachtung des Dichters. Sie sind frisch und tragen den Tau auf sich. Seine Muse, zumindest wenn sie in ihrer Stärke der Flügel ist und wenn sie hoch oben in ihrem eigenen Element schwebt,
Macht ein verknüpftes Lied der Wahrheit hörbar, Von Wahrheit tief ein süßes fortwährendes Lied, Nicht gelernt, sondern eingeboren, ihre eigenen natürlichen Töne!
Selbst in seinen kleineren Gedichten gibt es kaum eines, das nicht durch irgendeine gerechte und originelle Reflexion wertvoll gemacht wird.
Siehe Seite 25, Bd. II.: oder die zwei folgenden Passagen in einer seiner bescheidensten Kompositionen.
„O Leser! hättest du in deinem Geist Solche Vorräte, wie stilles Denken bringen kann, O sanfter Leser! du würdest finden Eine Erzählung in jedem Ding;“
und
„Ich habe von unfreundlichen Herzen gehört, freundliche Taten Mit Kälte noch erwidernd; Ach! die Dankbarkeit der Menschen Hat mich öfter trauernd zurückgelassen;“
oder in einer noch höheren Stimmung die sechs schönen Quartette, Seite 134.
„So ergeht es immer in unserem Verfall: Und doch der weisere Geist Trauert weniger um das, was das Alter wegnimmt, Als was es zurücklässt.
Die Amsel in den Sommerbäumen, Die Lerche auf dem Hügel, Lassen ihre Lieder los, wann es ihnen gefällt, Sind ruhig, wann sie wollen.
Mit der Natur führen sie niemals Einen törichten Streit; sie sehen Eine glückliche Jugend, und ihr hohes Alter Ist schön und frei!
Doch wir sind gedrückt von schweren Gesetzen; Und oft nicht mehr froh, Wir tragen ein Gesicht der Freude, weil Wir ehedem fröhlich waren.
Wenn es einen gibt, der beklagen muss Seine Verwandten in die Erde gelegt, Die häuslichen Herzen, die die seinen waren, Es ist der Mann der Heiterkeit.
Meine Tage, mein Freund, sind fast dahin, Mein Leben ist gebilligt worden, Und viele lieben mich; aber von keinem Werde ich genug geliebt;“
oder das Sonett über Buonaparte, Seite 202, Bd. II. oder schließlich (denn ein Band würde kaum ausreichen, um die Beispiele zu erschöpfen), die letzte Strophe des Gedichts über das verwelkte Scharbockskraut, Bd. II. S. 312.
„Des Verschwenders Liebling zu sein – dann, schlimmere Wahrheit, Eines Geizigen Rentner – siehe unser Los! O Mensch! Dass aus deiner fairen und leuchtenden Jugend Das Alter doch die Dinge nehmen könnte, die die Jugend nicht brauchte.“
Sowohl in Bezug auf diese als auch auf die frühere Exzellenz ähnelt Mr. Wordsworth frappierend Samuel Daniel, einem der goldenen Schriftsteller unseres goldenen elisabethanischen Zeitalters, das heute grundlos vernachlässigt wird: Samuel Daniel, dessen Diktion kein Zeichen der Zeit trägt, keine Unterscheidung des Alters, die gewesen ist, und solange unsere Sprache bestehen wird, wird sie insofern die Sprache des Heute und für immer sein, als sie uns verständlicher ist als die flüchtigen Moden unseres eigenen speziellen Zeitalters. Ein ähnliches Lob gebührt seinen Empfindungen. Keine Häufigkeit des Lesens kann sie ihrer Frische berauben. Denn obwohl sie in das volle Tageslicht des Verständnisses jedes Lesers gebracht werden; sind sie doch aus Tiefen heraufgeholt, die nur wenige in irgendeinem Zeitalter zu besuchen privilegiert sind, in die nur wenige in irgendeinem Zeitalter den Mut oder die Neigung haben abzusteigen. Wenn Mr. Wordsworth nicht ebenso wie Daniel allen Lesern von durchschnittlichem Verständnis in allen Passagen seiner Werke gleichermaßen verständlich ist, so rührt die relative Schwierigkeit nicht von der größeren Unreinheit des Erzes her, sondern von der Natur und dem Gebrauch des Metalls. Ein Gedicht ist nicht notwendigerweise dunkel, weil es nicht darauf abzielt, populär zu sein. Es ist genug, wenn ein Werk klar ist für jene, für die es geschrieben ist, und
„Fit audience find, though few.“
Dem „Ode on the Intimations of Immortality from Recollections of early Childhood“ hätte der Dichter die Zeilen voranstellen können, die Dante an eine seiner eigenen Canzoni richtet –
„Canzone, i’ credo, che saranno radi Color, che tua ragione intendan bene, Tanto lor sei faticoso ed alto.“
„O lyrisches Lied, es werden wenige sein, denke ich, Die deinen Sinn richtig verstehen mögen: Du bist für sie so mühsam und so hoch!“
Aber die Ode war nur für solche Leser bestimmt, die daran gewöhnt waren, den Fluss und Rückfluss ihrer innersten Natur zu beobachten, sich zuweilen in die dämmrigen Reiche des Bewusstseins zu wagen und ein tiefes Interesse an Modi des innersten Seins zu fühlen, auf die sie wissen, dass die Attribute von Zeit und Raum nicht anwendbar und fremd sind, die aber dennoch nicht anders vermittelt werden können als in Symbolen von Zeit und Raum. Für solche Leser ist der Sinn hinlänglich klar, und sie werden ebenso wenig geneigt sein, Mr. Wordsworth zu beschuldigen, die platonische Präexistenz in der gewöhnlichen Interpretation der Worte zu glauben, wie ich geneigt bin zu glauben, dass Platon selbst sie jemals gemeint oder gelehrt hätte.
Polla oi ut’ ankonos okea belae endon enti pharetras phonanta synetoisin; es de to pan hermaeneon chatizei; sophos o polla eidos phua; mathontes de labroi panglossia, korakes os, akranta garueton Dios pros ornicha theion.
Drittens (und worin er weit über Daniel hinausragt) die sehnige Kraft und Originalität einzelner Zeilen und Absätze: die häufige curiosa felicitas seiner Diktion, von der ich hier keine Proben geben muss, da ich ihnen auf einer vorangehenden Seite vorgegriffen habe. Diese Schönheit, und als eminent charakteristisch für Wordsworths Poesie, haben sich seine schroffsten Angreifer gezwungen gesehen, anzuerkennen und zu bewundern.
Viertens; die perfekte Wahrheit der Natur in seinen Bildern und Beschreibungen, wie sie unmittelbar aus der Natur genommen sind, und eine lange und innige Vertrautheit mit genau dem Geist beweisend, der allen Werken der Natur den physiognomischen Ausdruck verleiht. Wie ein grünes Feld, das in einem ruhigen und vollkommen durchsichtigen See reflektiert wird, unterscheidet sich das Bild von der Realität nur durch seine größere Sanftheit und seinen Glanz. Wie die Feuchtigkeit oder die Politur auf einem Kieselstein verzerrt oder färbt das Genie seine Objekte nicht falsch; sondern bringt im Gegenteil manche Ader und manchen Farbton hervor, die dem Auge der gewöhnlichen Beobachtung entgehen, und erhebt so in den Rang von Juwelen, was oft vom eiligen Fuß des Reisenden auf der staubigen Hauptstraße der Gewohnheit weggekickt wurde.
Lassen Sie mich auf die gesamte Beschreibung des Schlittschuhlaufens verweisen, Bd. I. Seite 42 bis 47, insbesondere auf die Zeilen
„So flogen wir durch die Dunkelheit und die Kälte, Und keine Stimme war müßig. mit dem Getöse Unterdessen hallten die Abgründe laut; Die blattlosen Bäume und jeder eisige Fels Klimperten wie Eisen; während die fernen Hügel In den Tumult einen fremden Klang schickten Der Melancholie, nicht unbemerkt, während die Sterne, Nach Osten, klar funkelten, und im Westen Der orangefarbene Himmel des Abends dahinschwand.“
Oder auf das Gedicht über DIE GRÜNE GRASMÜCKE, Bd. I. Seite 244. Was kann genauer und doch lieblicher sein als die zwei abschließenden Strophen?
„Auf jenem Büschel von Haselbäumen, Die in der böigen Brise funkeln, Sieh ihn thronen in Ekstase, Doch scheinbar immer noch schwebend; Dort! wo das Flattern seiner Flügel Auf seinen Rücken und Körper wirft Schatten und sonniges Schimmern, Das ihn ganz bedeckt.
Während er so vor meinen Augen leuchtet, Ein Bruder der Blätter scheint er zu sein; Wenn er in einem Moment hervorströmt Sein kleines Lied in Schüben Als ob es ihm gefiele, zu verachten Und die Form zu verspotten, die er vorgab Während er mit dem Zug tanzte Von Blättern unter den Büschen.“
Oder die Beschreibung der Blaumeise und der mittäglichen Stille, Seite 284; oder das Gedicht an den Kuckuck, Seite 299; oder, schließlich, obwohl ich die Verweise auf das Zehnfache vervielfachen könnte, auf das Gedicht, so vollkommen Wordsworth, beginnend mit
„Drei Jahre wuchs sie in Sonne und Regen“--
Fünftens: ein meditatives Pathos, eine Verbindung von tiefem und subtilem Denken mit Empfindsamkeit; ein Mitgefühl mit dem Menschen als Mensch; das Mitgefühl eines Betrachters freilich, eher als eines Mitleidenden oder Leidensgenossen (spectator, haud particeps), doch eines Betrachters, vor dessen Blick kein Standesunterschied die Gleichheit des Wesens verbirgt; keine Unbill von Wind oder Wetter, oder Mühsal, oder gar Unwissenheit, das göttliche Antlitz des Menschen gänzlich entstellt. Die Aufschrift und das Ebenbild des Schöpfers bleiben ihm unter den dunklen Linien, mit denen Schuld oder Unheil es ausgelöscht oder durchkreuzt haben, immer noch lesbar. Hier verlieren und finden sich der Mensch und der Dichter ineinander, der eine als verherrlicht, der letztere als substanziiert. In diesem milden und philosophischen Pathos erscheint mir Wordsworth ohnegleichen. So wie er ist, so schreibt er. Siehe Bd. I, Seite 134 bis 136, oder jene höchst ergreifende Komposition, THE AFFLICTION OF MARGARET ---- OF ----, Seite 165 bis 168, die keine Mutter, und, wenn ich nach meiner eigenen Erfahrung urteilen darf, kein Elternteil ohne eine Träne lesen kann. Oder wenden Sie sich jenem unverfälschten lyrischen Gedicht in der früheren Ausgabe zu, betitelt THE MAD MOTHER, Seite 174 bis 178, von dem ich nicht umhin kann, zwei der Strophen zu zitieren, beide wegen ihres Pathos und erstere wegen des feinen Übergangs in den zwei Schlusszeilen der Strophe, so ausdrucksstark für jenen verstörten Zustand, in dem die Aufmerksamkeit des Leidenden durch die gesteigerte Empfindsamkeit abrupt von jeder Kleinigkeit abgelenkt und im selben Augenblick wieder von dem einen despotischen Gedanken zurückgerissen wird, wodurch das fremde Objekt, auf das er so jäh abgelenkt worden war, durch die vermengende, verschmelzende Kraft der Einbildungskraft und Leidenschaft mit heimgebracht wird, nicht länger fremd, sondern ein Verbündeter und ein Hausgenosse.
„Sauge, kleines Kind, o sauge wieder! Es kühlt mein Blut; es kühlt mein Hirn; Deine Lippen, ich spür’ sie, Baby! Sie Ziehen den Schmerz aus meinem Herzen fort. Oh! drück mich mit deiner kleinen Hand; Es lockert etwas an meiner Brust Um jene enge, tödliche Fessel, Ich spür’ deine kleinen Finger drücken. Die Brise, ich seh’ sie im Baum! Sie kommt, um mein Baby und mich zu kühlen.“
„Dein Vater kümmert sich nicht um meine Brust, Sie ist dein, süßes Baby, dort zu ruhen; Sie ist ganz dein eigen! – und wenn ihr Farbton Sich geändert hat, der so schön anzuschauen war, Sie ist schön genug für dich, mein Täubchen! Meine Schönheit, kleines Kind, ist verflogen, Doch du wirst mit mir in Liebe leben; Und was, wenn meine arme Wange braun ist? Es ist gut für mich, du kannst nicht sehen, Wie blass und bleich sie sonst wäre.“
Zuletzt, und in hervorragender Weise, beanspruche ich für diesen Dichter die Gabe der Einbildungskraft im höchsten und strengsten Sinne des Wortes. Im Spiel der Fantasie ist Wordsworth, nach meinem Empfinden, nicht immer graziös und bisweilen tiefsinnig. Die Ähnlichkeit ist gelegentlich zu seltsam oder erfordert einen zu eigentümlichen Blickwinkel oder ist eine solche, die wie das Geschöpf einer vorherbestimmten Forschung erscheint, anstatt einer spontanen Darbietung. Tatsächlich zeigt sich seine Fantasie selten als bloße und unveränderte Fantasie. Aber in der imaginativen Kraft steht er von allen modernen Schriftstellern Shakespeare und Milton am nächsten; und doch in einer Art, die vollkommen ungeborgt und seine eigene ist. Um seine eigenen Worte zu gebrauchen, die zugleich ein Beispiel und eine Veranschaulichung sind, fügt er tatsächlich allen Gedanken und allen Objekten –
„------den Schimmer hinzu, Das Licht, das niemals auf See oder Land war, Die Weihe und der Traum des Dichters.“
Ich werde einige Beispiele auswählen, die diese Fähigkeit am offensichtlichsten manifestieren; aber sollte ich jemals das Glück haben, meine Analyse der Einbildungskraft, ihren Ursprung und ihre Charaktere dem Leser vollkommen verständlich zu machen, wird er kaum eine Seite der Werke dieses Dichters aufschlagen, ohne mehr oder weniger die Anwesenheit und die Einflüsse dieser Fähigkeit zu erkennen. Aus dem Gedicht über die EIBENBÄUME, Bd. I, Seite 303, 304.
„Doch noch merkwürdiger Sind jene brüderlichen Vier aus Borrowdale, Vereint in einem feierlichen und geräumigen Hain; Riesige Stämme! – und jeder einzelne Stamm ein Gewächs Aus ineinander verschlungenen Fasern, schlangengleich Sich aufwindend und tief eingewurzelt gewunden; Nicht ohne Fantasie und Blicke, Die den Profanen drohen; – ein säulengestützter Schatten, Auf dessen graslosem Boden von rotbraunem Farbton, Durch Ablagerungen des Nadelgezweigs tingiert Auf ewig – unter dessen schwarzem Dach Aus Ästen, wie für festliche Zwecke geschmückt Mit freudlosen Beeren – geisterhafte Gestalten Sich zur Mittagsstunde treffen mögen; FURCHT und bebende HOFFNUNG, STILLE und VORAUSSICHT; TOD, das Skelett, Und ZEIT, der Schatten; um dort zu feiern, Wie in einem natürlichen Tempel, übersät Mit ungestörten Altären aus bemoostem Stein, Vereinte Andacht; oder in stummer Ruhe Zu liegen und dem Bergstrom zu lauschen, Der aus Glazamaras innersten Höhlen murmelnd entspringt.“
Die Wirkung der Gestalt des alten Mannes im Gedicht RESOLUTION AND INDEPENDENCE, Bd. II, Seite 33.
„Während er so sprach, beunruhigten mich der einsame Ort, Die Gestalt des alten Mannes und seine Rede allesamt. Vor meinem geistigen Auge schien ich ihn schreiten zu sehen, Beständig über die müden Moore, Allein und schweigend umherwandernd.“
Oder die 8., 9., 19., 26., 31. und 33. in der Sammlung vermischter Sonette – das Sonett über die Unterwerfung der Schweiz, Seite 210, oder die letzte Ode, aus der ich insbesondere die zwei folgenden Strophen oder Absätze auswähle, Seite 349 bis 350.
„Unsere Geburt ist nur ein Schlaf und ein Vergessen: Die Seele, die mit uns aufsteigt, unser Lebensstern, Hat anderswo ihren Untergang gehabt, Und kommt von ferne her. Nicht in völligem Vergessen, Und nicht in gänzlicher Nacktheit, Sondern von Herrlichkeitswolken nachziehend kommen wir Von Gott, der unser Heim ist: Der Himmel liegt um uns in unserer Kindheit! Schatten des Gefängniswaisenhauses beginnen sich zu schließen Über den wachsenden Knaben; Doch Er erblickt das Licht und woher es fließt, Er sieht es in seiner Freude! Der Jüngling, der täglich weiter vom Osten Reisen muss, ist immer noch der Priester der Natur, Und von der herrlichen Vision Ist er auf seinem Weg begleitet; Endlich nimmt der Mensch wahr, dass es vergeht, Und verblasst in das Licht des gewöhnlichen Tages.“
Und Seite 352 bis 354 derselben Ode.
„O Freude! dass in unserer Glut Etwas ist, das lebt, Das die Natur noch erinnert, Was so flüchtig war! Der Gedanke an unsere vergangenen Jahre erzeugt in mir Ewige Segnungen: nicht wahrlich Für das, was am meisten wert ist, gesegnet zu werden; Entzücken und Freiheit, das einfache Glaubensbekenntnis Der Kindheit, ob beschäftigt oder in Ruhe, Mit frisch befiederter Hoffnung, die noch in seiner Brust flattert: – Nicht für diese erhebe ich Das Lied des Dankes und des Lobes; Sondern für jene hartnäckigen Fragen Des Sinnes und der äußeren Dinge, Abfälle von uns, Verschwinden; Leere Missverständnisse eines Geschöpfes, Das sich in Welten bewegt, die nicht verwirklicht sind, Hohe Instinkte, vor denen unsere sterbliche Natur Zitterte wie ein schuldiges Ding, das überrascht wurde! Aber für jene ersten Zuneigungen, Jene schattenhaften Erinnerungen, Die, was sie auch sein mögen, Dennoch die Quellleuchten all unserer Tage sind, Dennoch ein Meisterlicht all unseres Sehens sind; Uns aufrechterhalten – hegen – und die Macht haben, zu machen, Dass unsere lärmenden Jahre wie Augenblicke im Sein Der ewigen Stille erscheinen; Wahrheiten, die erwachen, Um niemals zu vergehen; Die weder Teilnahmslosigkeit, noch irrer Eifer, Noch Mensch noch Knabe, Noch alles, was mit Freude in Feindschaft steht, Gänzlich aufheben oder zerstören kann! Daher, in einer Zeit ruhigen Wetters, Obwohl wir weit im Landesinneren sind, Haben unsere Seelen Sicht auf jenes unsterbliche Meer, Das uns hierher brachte; Können in einem Augenblick dorthin reisen, – Und die Kinder am Ufer spielen sehen, Und die mächtigen Wasser ewig rollen hören.“
Und da es ungerecht wäre, mit einem Auszug zu schließen, der, obwohl höchst charakteristisch, doch aufgrund der Art der Gedanken und des Themas nur für eine begrenzte Anzahl von Lesern interessant oder vielleicht verständlich sein kann; werde ich aus des Dichters letztem veröffentlichten Werk eine Passage hinzufügen, die ebenso Wordsworth’sch ist; über deren Schönheit und die darin entfaltete imaginative Kraft es nur eine Meinung und ein Gefühl geben kann. Siehe White Doe, Seite 5.
„Schnell füllt sich der Kirchhof; – bald Schau wieder und sie sind alle fort; Die Schar um die Vorhalle und die Leute, Die im Schatten der Priorseiche saßen! Und kaum sind sie verschwunden, Als der einleitende Hymnus gehört wird; – Einmütig freut sich das Volk, Füllt die Kirche mit hoher Stimme! Sie singen einen Gottesdienst, den sie fühlen: Denn es ist jetzt der Sonnenaufgang des Eifers; Und Glaube und Hoffnung sind in ihrer Blüte In der goldenen Zeit der großen Eliza.“
„Ein Augenblick beendet den inbrünstigen Lärm, Und alles ist still, draußen und drinnen; Denn obwohl der Priester, ruhiger, Die heilige Liturgie rezitiert, Ist die einzige Stimme, die man hören kann, Der Fluss, der in der Nähe murmelt. – Doch leise! – zwischen den düsteren Bäumen, Und den Pfad hinunter durch das offene Grün, Wo kein lebendes Ding zu sehen ist; Und durch jenes Tor, wo man findet, Unter dem mit Efeu umwundenen Bogen, Freien Einlass zum Kirchhofsgrund – Und quer über den grünen Rasen, Auf das Haus Gottes selbst zu; Kommt hereingleitend mit lieblichem Schimmer, Kommt hereingleitend gelassen und langsam, Sanft und lautlos wie ein Traum. Ein einsames Reh! Weiß ist sie wie die Lilie des Juni, Und schön wie der silberne Mond, Wenn die Wolken aus dem Blick vertrieben sind Und sie allein im Himmel zurückbleibt! Oder wie ein Schiff an einem sanften Tag Im Sonnenschein weit weg segelnd, Ein glitzerndes Schiff, das die Ebene Des Ozeans als ihr eigenes Gebiet hat.“
* * * * * *
„Welche harmonischen, nachdenklichen Wandlungen Erwarten sie, während sie umherstreift Um und durch diesen Baustaat, Umgestürzt und öde! Nun ist ein Schritt oder zwei ihr Weg Durch einen Raum offenen Tages, Wo das verliebte sonnige Licht Sie erhellt, die so hell war; Nun fällt ein zarter Schatten, Fällt auf sie wie ein Hauch, Von irgendeinem hohen Bogen oder einer Mauer, Während sie darunter hindurchgeht.“
Die folgende Analogie wird, wie ich befürchte, matt und fantastisch erscheinen, aber beim Lesen von Bartrams Reisen konnte ich nicht umhin, die folgenden Zeilen als eine Art Allegorie oder zusammenhängendes Gleichnis und Metapher für Wordsworths Intellekt und Genie niederzuschreiben. – „Der Boden ist ein tiefer, reicher, dunkler Humus, auf einer tiefen Schicht von zähem Ton; und diese auf einem Fundament aus Felsen, die oft beide Schichten durchbrechen und ihre Rücken über die Oberfläche heben. Die Bäume, die hier hauptsächlich wachsen, sind die riesige Schwarzeiche; Magnolia grandi-flora; Fraxinus excelsior; Platane; und ein paar stattliche Tulpenbäume.“ Was Mr. Wordsworth hervorbringen wird, ist nicht an mir zu prophezeien, aber ich könnte mit den lebhaftesten Überzeugungen aussprechen, wozu er fähig ist. Es ist das ERSTE ECHTE PHILOSOPHISCHE GEDICHT.
Die vorangegangene Kritik wird, dessen bin ich mir bewusst, nicht ausreichen, um die Vorurteile derer zu überwinden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Mr. Wordsworths Kompositionen anzugreifen und zu verspotten.
Wahrheit und Vorsicht könnten als konzentrische Kreise dargestellt werden. Der Dichter mag vielleicht über letztere hinausgegangen sein, aber er hat sich weit innerhalb der Grenzen der ersteren gehalten, als er diese Kritiker als „zu vorlaut, um gegenüber einem echten Dichter passiv zu sein, und zu schwach, um mit ihm zu ringen; – Männer mit gelähmter Einbildungskraft, in deren Köpfen jede gesunde Aktion träge ist; – die sich daher ernähren, wie die Vielen es ihnen vorschreiben, oder mit den Vielen gierig nach lasterhaften Reizmitteln sind“ bezeichnete.
So viel zu den Verleumdern von Wordsworths Verdiensten. Andererseits, so sehr ich mir auch ihr volleres Mitgefühl wünschen mag, wage ich es nicht, mir einzubilden, dass die Freiheit, mit der ich meine Meinungen sowohl über seine Theorie als auch über seine Mängel – von denen die meisten mehr oder weniger mit seiner Theorie verbunden sind, entweder als Ursache oder als Wirkung – dargelegt habe, für alle Bewunderer und Anwälte des Dichters zufriedenstellend oder erfreulich sein wird. Ihre Bewunderung mag unterschiedsloser sein als meine: tiefer und aufrichtiger kann sie nicht sein. Aber ich habe keine Meinung vorgebracht, weder zum Lob noch zum Tadel, außer als Texte, die zu den Gründen hinführen, die mich zwingen, sie zu bilden. Vor allem war ich vollkommen überzeugt, dass eine solche Kritik nicht nur nötig war, sondern dass sie, wenn sie mit angemessener Fähigkeit ausgeführt würde, in nicht geringem Maße zum Ruf von Mr. Wordsworth beitragen müsste. Sein Ruhm gehört einem anderen Zeitalter und kann weder beschleunigt noch verzögert werden. Wie gering der Anteil der Mängel im Vergleich zu den Schönheiten ist, habe ich wiederholt erklärt; und dass keiner von ihnen aus einem Mangel an poetischem Genie stammt. Wären sie mehr und größer gewesen, so würde ich dennoch, als ein Freund seines literarischen Charakters in der heutigen Zeit, eine analytische Darstellung derselben als reinen Gewinn betrachten; wenn sie nur, wie die vorangegangene Analyse dies sicher für alle nachdenklichen Geister getan haben muss, den seltsamen Irrtum beseitigte, der so schwach begründet, aber doch so weit und fleißig verbreitet ist, von Mr. Wordsworths Hang zur Einfachheit! Ich bin nicht halb so sehr irritiert darüber, seine Feinde ihn wegen Vulgarität des Stils, des Gegenstands und der Konzeption beschimpfen zu hören, als ich angewidert bin von der vergoldeten Seite derselben Bedeutung, wie sie von einigen affektierten Bewunderern zur Schau gestellt wird, für die er, bewahre, ein „süßer, einfacher Dichter“ ist! Und so natürlich, dass der kleine Meister Charles und seine jüngere Schwester so entzückt von ihnen sind, dass sie „Goody Blake“ oder „Johnny and Betty Foy“ spielen!
Wäre die Gedichtsammlung, die mit diesen biographischen Skizzen veröffentlicht wurde, wichtig genug, (was ich nicht eitel genug bin zu glauben,) eine solche Auszeichnung zu verdienen; so wie ich es getan habe, so sollte mir getan werden.
Seit mehr als achtzehn Monaten sind der Band mit Gedichten, betitelt SIBYLLINE LEAVES, und der vorliegende Band bis zu dieser Seite gedruckt und bereit zur Veröffentlichung. Doch ehe ich von mir selbst in den Tönen spreche, die unter den Umständen der letzten Jahre die einzig natürlichen für mich sind, möchte ich mich dem Leser so präsentieren, wie ich in der ersten Morgenröte meines literarischen Lebens war:
Als Hoffnung um mich wuchs, wie der kletternde Wein, Und Früchte und Laub, nicht mein eigen, schienen mein!
Zu diesem Zweck habe ich aus den Briefen, die ich von Deutschland aus nach Hause schrieb, jene ausgewählt, die am interessantesten und zugleich am treffendsten für den Titel dieses Werkes zu sein schienen.
SATYRANES BRIEFE
BRIEF I
Am Sonntagmorgen, dem 16. September 1798, stach das Hamburger Postschiff von Yarmouth aus in See; und ich erblickte zum ersten Mal in meinem Leben mein Vaterland, das sich von mir entfernte. In dem Moment seines Verschwindens – in all den Kirchen, Kapellen und Versammlungshäusern, in denen die größere Anzahl meiner Landsleute, so hoffe ich, zu jener Zeit versammelt war, wage ich zu fragen, ob es ein inbrünstigeres Gebet gab, das zum Himmel emporstieg, als das, welches ich damals für mein Land darbrachte. „Nun also“, sagte ich zu einem Herrn, der in meiner Nähe stand, „sind wir außerhalb unseres Landes.“ „Noch nicht, noch nicht!“, antwortete er und zeigte auf das Meer; „Dies ist auch das Land eines Briten.“ Dieser Bonmot gab meinem Geist einen Anstoß, ich erhob mich und blickte auf meine Mitpassagiere, die alle an Deck waren. Wir waren achtzehn an der Zahl, videlicet, fünf Engländer, eine englische Dame, ein französischer Herr und sein Diener, ein Hannoveraner und sein Diener, ein Preuße, ein Schwede, zwei Dänen und ein Mulattenjunge, ein deutscher Schneider und seine Frau (das kleinste Paar, das ich je erblickte) und ein Jude. Wir waren alle an Deck; doch nach kurzer Zeit bemerkte ich Anzeichen von Bestürzung. Die Dame zog sich mit einiger Verwirrung in die Kabine zurück, und viele der Gesichter um mich herum nahmen ein sehr trübseliges und froschfarbenes Aussehen an; und innerhalb einer Stunde war die Anzahl derer an Deck um die Hälfte verringert. Ich war schwindelig, aber nicht krank, und der Schwindel verging bald, hinterließ aber ein fiebriges Gefühl und Appetitlosigkeit, was ich zu einem großen Teil der saeva Mephitis des Bilgenwassers zuschrieb; und es wurde sicherlich nicht verringert durch die Exporte aus der Kabine. Wie dem auch sei, ich war wohlauf genug, um mich den rüstigen Passagieren anzuschließen, von denen einer nicht unzutreffend bemerkte, dass Momus einen leichteren Weg hätte entdecken können, das Innere eines Menschen zu sehen, als durch ein Fenster in seiner Brust. Er hätte nur eine Salzwasserfahrt auf einem Postschiff machen müssen.
Ich neige zu der Annahme, dass ein Postschiff weit einem Postwagen überlegen ist, wenn es darum geht, Menschen dazu zu bringen, sich einander zu öffnen. In letzterem führt die Gleichförmigkeit der Haltung zum Dösen, und die Bestimmtheit des Zeitraums, nach dem sich die Gesellschaft trennen wird, lässt jeden Einzelnen mehr an diejenigen denken, zu denen er unterwegs ist, als an diejenigen, mit denen er unterwegs ist. Doch auf See wird mehr Neugier geweckt, wenn auch nur aus dem Grund, dass die angenehmen oder unangenehmen Eigenschaften Ihrer Begleiter für Sie von größerer Bedeutung sind, aufgrund der Ungewissheit, wie lange Sie gezwungen sein könnten, mit ihnen zu wohnen. Außerdem, wenn Sie Landsleute sind, beginnt dies nun eine Unterscheidung und ein Band der Brüderlichkeit zu bilden; und wenn aus verschiedenen Ländern, gibt es neue Anreize zur Unterhaltung, mehr zu fragen und mehr mitzuteilen. Ich fand, dass ich das Interesse der Dänen in nicht geringem Maße geweckt hatte. Ich war in das Boot an Deck gekrochen und eingeschlafen; wurde aber gegen drei Uhr nachmittags von einem von ihnen geweckt, der mir mitteilte, dass sie mich in jedem Loch und Winkel gesucht hätten, und darauf bestand, dass ich mich ihrer Gruppe anschließe und mit ihnen trinke. Er sprach Englisch mit einer solchen Geläufigkeit, dass ich mir die eigentümliche und sogar lächerliche Unkorrektheit, mit der er es sprach, nicht erklären konnte. Ich ging und fand einige ausgezeichnete Weine und ein Dessert aus Trauben mit einer Ananas. Die Dänen hatten mich Doktor Teologie getauft, und da ich ganz in Schwarz gekleidet war, mit großen Schuhen und schwarzen Wollstrümpfen, hätte ich sicherlich sehr gut als methodistischer Missionar durchgehen können. Ich bestritt jedoch meinen Titel. Was mögen Sie dann sein? Ein vermögender Mann? Nein! – Ein Kaufmann? Nein! – Ein Handlungsreisender? Nein! – Ein Schreiber? Nein! – Un Philosophe, vielleicht? Es war in jener Zeit meines Lebens, in der ich von allen möglichen Namen und Charakteren den größten Abscheu vor dem eines „un Philosophe“ hatte. Doch ich war es leid, befragt zu werden, und anstatt nichts zu sein, oder bestenfalls nur die abstrakte Idee eines Menschen, ergab ich mich durch eine Verbeugung sogar der Unterstellung, die in dem Wort „un Philosophe“ lag. – Der Däne informierte mich dann, dass alle in der gegenwärtigen Gruppe ebenfalls Philosophen seien. Sicherlich waren wir nicht von der Stoischen Schule. Denn wir tranken und sprachen und sangen, bis wir alle zusammen sprachen und sangen; und dann standen wir auf und tanzten an Deck eine Reihe von Tänzen, die in einem Sinne des Wortes zumindest sehr verständlich und angemessen als Reels bezeichnet wurden. Die Passagiere, die unten in der Kabine in allen Qualen der Seekrankheit lagen, müssen unsere bacchantische Fröhlichkeit als
------eine Weise Rauh und von dissonanter Stimmung gegenüber ihrer Klage empfunden haben.
Ich dachte das damals; und (um, wie ich vermute, meinen neu angenommenen philosophischen Charakter zu stützen) dachte ich auch, wie eng die größere Anzahl unserer Tugenden mit der Angst vor dem Tod verbunden ist und wie wenig Mitgefühl wir für Schmerz empfinden, wo keine Gefahr besteht.
Die beiden Dänen waren Brüder. Der eine war ein Mann mit einem klaren weißen Teint, weißem Haar und weißen Augenbrauen; er wirkte albern, und nichts, was er äußerte, strafte sein Aussehen Lügen. Der andere, den ich der Hervorhebung halber den Dänen genannt habe, hatte ebenfalls weißes Haar, war aber viel kleiner als sein Bruder, mit schlanken Gliedmaßen und einem sehr dünnen Gesicht, das leicht pockennarbig war. Dieser Mann überzeugte mich von der Richtigkeit einer alten Bemerkung, dass manches getreue Porträt in unseren Romanen und Possen vorschnell als empörende Karikatur oder vielleicht als Nichtigkeit verurteilt wurde. Ich hatte mich an meinen Platz im Boot zurückgezogen – er kam und setzte sich an meine Seite und erschien nicht wenig betrunken. Er begann das Gespräch im prächtigsten Stil, und als eine Art Pionierarbeit für seine eigene Eitelkeit schmeichelte er mir so plump! Die Parasiten der alten Komödie waren bescheiden im Vergleich dazu. Seine Sprache und Betonung waren so überaus eigenartig, dass ich entschloss, zum ersten Mal in meinem Leben Notizen von einer Unterhaltung zu machen. Hier folgt sie, zwar etwas gekürzt, aber in jeder anderen Hinsicht so genau, wie mein Gedächtnis es erlaubte.
DER DÄNE. Vat Einbildungskraft! vat Sprache! vat riesige Wissenschaft! und vat Augen! vat eine milch-vite Stirn! O mein heafen! vy, Sie sind ein Gott!
ANTWORT. Sie erweisen mir zu viel Ehre, mein Herr.
DER DÄNE. O weh! wenn Sie dichten sollten, ich schmeichle Ihnen!--Nein, nein, nein! Ich habe zehntausend im Jahr--ja, zehntausend im Jahr--ja, zehntausend Pfund im Jahr! Nun--und vat ist dhas? eine bloße Kleinigkeit! Ich würde mein aufrichtiges Herz nicht für zehnmal dhas Geld geben. Ja, Sie sind ein Gott! Ich ein bloßer Mensch! Aber, mein lieber Freund! dhenken Sie an mich, als einen Menschen! Ist, ist--ich meine Sie jetzt zu fragen, mein lieber Freund--ist ich nicht sehr beredt? Ist ich nicht spreche Englisch sehr fein?
ANTWORT. Überaus bewundernswert! Glauben Sie mir, mein Herr! Ich habe selten selbst einen Einheimischen so fließend sprechen hören.
DER DÄNE. (Drückt meine Hand mit großer Heftigkeit.) Mein lieber Freund! vat eine Zuneigung und Treue wir für einander haben! Aber sagen Sie mir, sagen Sie mir doch,--Ist ich nicht, nun und dann, spreche einen Fehler? Ist ich nicht in einigem Unrecht?
ANTWORT. Nun, mein Herr! vielleicht könnte es von feinen Kritikern der englischen Sprache bemerkt werden, dass Sie gelegentlich das Wort „ist“ anstelle von „bin“ verwenden. In unseren besten Gesellschaften sagen wir im Allgemeinen ich bin, und nicht ich ist oder ich’se. Entschuldigen Sie, mein Herr! es ist eine bloße Kleinigkeit.
DER DÄNE. O!--ist, ist, bin, bin, bin. Ja, ja--ich weiß, ich weiß.
ANTWORT. Ich bin, du bist, er ist, wir sind, ihr seid, sie sind.
DER DÄNE. Ja, ja,--ich weiß, ich weiß--Bin, bin, bin ist dhe praesens, und ist ist dhe perfectum--ja, ja--und sind ist dhe plusquamperfectum.
ANTWORT. Und bist, mein Herr! ist--?
DER DÄNE. Mein lieber Freund! es ist dhe plusquamperfectum, nein, nein--dhas ist eine große Lüge; sind ist dhe plusquamperfectum--und bist ist dhe plasquam plue-perfectum--(dann meine Hand hin und her schwenkend und seine kleinen hellen haselnussbraunen Augen auf mich richtend, die vor Eitelkeit und Wein tanzten)--Sie sehen, mein lieber Freund, dass ich auch etwas Lehrning habe?
ANTWORT. Gelehrsamkeit, mein Herr? Wer wagt es, sie anzuzweifeln? Wer kann Ihnen eine Minute lang zuhören, wer kann Sie auch nur ansehen, ohne das Ausmaß davon zu bemerken?
DER DÄNE. Mein lieber Freund!--(dann mit einem beinahe demütigen Blick und in einem Tonfall, als ob er argumentierte) Ich könnte nicht so von Garnelen und imperfectum, und futurum und plusquamplue perfectum, und all dhas sprechen, mein lieber Freund! ohne etwas Lehrning?
ANTWORT. Mein Herr! ein Mann wie Sie kann über kein Thema sprechen, ohne die Tiefe seiner Kenntnisse zu offenbaren.
DER DÄNE. Dhe grammatische Griechisch, mein Freund; ha! ha! Ha! (lacht und schwenkt meine Hand hin und her--dann mit einem plötzlichen Übergang zu großer Feierlichkeit) Jetzt werde ich Ihnen sagen, mein lieber Freund! Dhere tat sich um mich ereignen, vat dhe ganze historia von Dänemark kein Beispiel über niemanden sonst verzeichnet. Der Bischof tat mich alle dhe Fragen über alle dhe Religion in dhe lateinische Grammatik fragen.
ANTWORT. Die Grammatik, mein Herr? Die Sprache, nehme ich an--
DER DÄNE. (Ein wenig beleidigt.) Grammatik ist Sprache, und Sprache ist Grammatik--
ANTWORT. Zehntausend Entschuldigungen!
DER DÄNE. Vell, und ich war nur vierzehn Jahre--
ANTWORT. Erst vierzehn Jahre alt?
DER DÄNE. Nicht mehr. Ich vas vierzehn Jahre alt--und er fragte mich alle Fragen, Religion und Philosophie, und alles in dhe lateinische Sprache--und ich antwortete ihm alle jede einzelne, mein lieber Freund! alles in dhe lateinische Sprache.
ANTWORT. Ein Wunderkind! ein absolutes Wunderkind!
DER DÄNE. Nein, nein, nein! er war ein Bischof, ein großer Superintendent.
ANTWORT. Ja! ein Bischof.
DER DÄNE. Ein Bischof--nicht ein bloßer Prädikant, nicht ein Prediger.
ANTWORT. Mein lieber Herr! wir haben uns missverstanden. Ich sagte, dass Ihr Antworten auf Latein in so frühem Alter ein Wunderkind war, das heißt, eine Sache, die wunderbar ist; die nicht oft vorkommt.
DER DÄNE. Oft! Dhere ist nicht von Beispiel verzeichnet in dhe ganze historia von Dänemark.
ANTWORT. Und seitdem, mein Herr--?
DER DÄNE. Ich wurde über zu dhe Vest Indies gesandt--zu unsere Insel, und dhere ich hatte nicht mehr zu tun vid Bücher. Nein! nein! Ich legte mein Genie anodher Weg--und ich habe zehntausend Pfund im Jahr gemacht. Ist nicht dhas Ghenius, mein lieber Freund?--Aber vat ist Geld?--Ich dhenke dhe ärmste Mann am Leben mein Ebenbürtiger. Ja, mein lieber Freund; mein kleines Vermögen ist angenehm für mein großzügiges Herz, weil ich Gutes tun kann--kein Mann mit so wenig Vermögen tat je so viel Großzügigkeit--keine Person--keine Mann-Person, keine Frauen-Person leugnet es je. Aber wir sind alle Gottes Kinder.
Hier unterbrach ihn der Hannoveraner, und der andere Däne, der Schwede und der Preuße schlossen sich uns an, zusammen mit einem jungen Engländer, der fließend Deutsch sprach und mir viele Witze des Preußen übersetzte. Der Preuße war ein reisender Kaufmann, über sechzig, ein rüstiger Mann, groß, stark und kräftig, voller Geschichten, Gestikulationen und Possenreißerei, mit der Seele wie auch dem Aussehen eines Marktschreiers, der, während er einen zum Lachen bringt, einem die Tasche bestiehlt. Inmitten all seiner drolligen Blicke und drolligen Gesten blieb ein Blick, der vom Lachen unberührt war; und dieser eine Blick war das wahre Gesicht, die anderen waren nur seine Maske. Der Hannoveraner war ein blasser, dicker, aufgedunsener junger Mann, dessen Vater in London als Armee-Lieferant ein großes Vermögen gemacht hatte. Er schien die Manieren junger Engländer von Vermögen nachzuahmen. Er war ein gutmütiger Kerl, nicht ohne Bildung oder Literatur; aber ein überaus eitler Geck. Er hatte die Gewohnheit, das Unterhaus zu besuchen, und hatte, wie er mir mitteilte, einmal mit großem Beifall in einer Debattiergesellschaft gesprochen. Dafür schien er sich mit lobenswertem Fleiß qualifiziert zu haben: denn er war perfekt in Walkers Pronouncing Dictionary, und mit einem Akzent, der mich stark an den Schotten in Roderic Random erinnerte, der vorgab, die englische Aussprache zu lehren, wandte er sich ständig an mein überlegenes Urteil, ob ich dieses oder jenes Wort mit Anstand oder „der wahren Feinheit“ ausgesprochen hätte. Wenn er sprach, selbst wenn es nur ein halbes Dutzend Sätze waren, stand er immer auf: wofür ich keinen anderen Grund erkennen konnte, als seine Vorliebe für jene elegante Phrase, die so freigiebig in den Reden unserer britischen Gesetzgeber eingeführt wird: „Während ich auf meinen Beinen bin.“ Der Schwede, den ich aus Gründen, die bald ersichtlich werden, mit dem Namen Nobility unterscheiden werde, war ein Mann mit ausgeprägten Zügen und einem rissigen Gesicht, dessen Teint in der Farbe einem rotglühenden Schürhaken ähnelte, der gerade abzukühlen begann. Er schien elend abhängig vom Dänen zu sein; war aber dennoch unvergleichlich der bestinformierte und vernünftigste der Gruppe. Tatsächlich erwiesen ihn seine Manieren und seine Unterhaltung als einen Mann von Welt und einen Gentleman. Der Jude war im Laderaum: der französische Gentleman lag so krank an Deck, dass ich nichts über ihn bemerken konnte, außer der liebevollen Aufmerksamkeit seines Dieners ihm gegenüber. Der arme Kerl war selbst sehr krank und rannte hin und wieder zur Seite des Schiffes, wobei er sein Auge immer auf seinen Herrn gerichtet hielt, kehrte aber in einem Moment zurück und setzte sich wieder zu ihm, stützte nun seinen Kopf, wischte ihm nun die Stirn und sprach die ganze Zeit in den beruhigendsten Tönen zu ihm. Es hatte in der Kabine einen ehelichen Streit von sehr lächerlicher Art gegeben, zwischen dem kleinen deutschen Schneider und seiner kleinen Frau. Er hatte zwei Betten gesichert, eines für sich und eines für sie. Dies war der kleinen Frau als eine sehr grausame Handlung erschienen; sie bestand darauf, dass sie nur eines haben sollten, und versicherte dem Maat in den mitleiderregendsten Tönen, dass sie seine rechtmäßige Ehefrau sei. Der Maat und der Schiffsjunge entschieden zu ihren Gunsten, beschimpften den kleinen Mann wegen seines Mangels an Zärtlichkeit mit viel Humor und hievten ihn in dasselbe Abteil mit seiner seekranken Frau. Dieser Streit war für mich interessant, da er mir ein Bett verschaffte, das ich sonst nicht gehabt hätte.
Am Abend, um sieben Uhr, wogte die See höher, und der Däne, aufgrund der größeren Erschütterung, eliminierte genug von dem, was er geschluckt hatte, um Platz für eine ganze Menge mehr zu machen. Sein Lieblingsgetränk war Zucker und Branntwein, d.h. ein sehr wenig warmes Wasser mit einer großen Menge Branntwein, Zucker und Muskat. Sein Dienstjunge, ein schwarzäugiger Mulatte, hatte ein gutmütiges rundes Gesicht, genau die Farbe der Haut des Walnusskerns. Der Däne und ich saßen wieder tête-à-tête im Beiboot des Schiffes. Die Unterhaltung, die nun tatsächlich eher eine Rede als ein Dialog war, wurde extravagant über alles, was ich je gehört hatte. Er erzählte mir, dass er auf der Insel Santa Cruz ein großes Vermögen gemacht habe und nun nach Dänemark zurückkehre, um es zu genießen. Er schwärmte von dem Stil, in dem er zu leben gedachte, und den großen Unternehmungen, die er sich vorzunehmen vorschlug, bis, während der Branntwein seiner Eitelkeit half, und seine Eitelkeit und Geschwätzigkeit dem Branntwein halfen, er wie ein Verrückter redete--mich anflehte, ihn nach Dänemark zu begleiten--dort sollte ich seinen Einfluss bei der Regierung sehen, und er würde mich dem König vorstellen, etc., etc. So fuhr er fort, laut zu träumen, und ging dann mit einem sehr lyrischen Übergang zum Thema der allgemeinen Politik über, deklamierte wie ein Mitglied der Corresponding Society über (nicht bezüglich) die Rechte des Menschen und versicherte mir, dass er sich trotz seines Vermögens für den ärmsten Menschen am Leben für ebenbürtig halte. „Alle sind gleich, mein lieber Freund! alle sind gleich! Wir sind alle Gottes Kinder. Der ärmste Mann hat die gleichen Rechte wie ich. Jack! Jack! noch etwas Zucker und Branntwein. Dhere ist dhas Kerl jetzt! Er ist ein Mulatte--aber er ist mein Ebenbürtiger.--Das ist richtig, Jack! (nimmt den Zucker und Branntwein.) Hier Sie, mein Herr! geben Sie diesem Gentleman die Hand! Geben Sie mir die Hand, Sie Hund! Dhere, dhere!--Wir sind alle gleich, mein lieber Freund! Spreche ich nicht wie Sokrates, und Plato, und Cato--sie waren alle Philosophen, mein lieber Philosoph! alle sehr große Männer!--und so war Homer und Virgil--aber sie waren Dichter. Ja, ja! Ich weiß alles darüber!--Aber was kann jemand mehr sagen als dies? Wir sind alle gleich, alle Gottes Kinder. Ich habe zehntausend im Jahr, aber ich bin nicht mehr als der ärmste Mann am Leben. Ich habe keinen Stolz; und doch, mein lieber Freund! kann ich sagen, tu es! und es ist getan. Ha! ha! ha! mein lieber Freund! Nun dhere ist dhas Gentleman (deutet auf Nobility) er ist ein schwedischer Baron--Sie werden sehen. Ho! (ruft dem Schweden zu) holen Sie mir, wollen Sie, eine Flasche Wein aus der Kabine. SCHWEDE.--Hier, Jack! geh und hol deinem Herrn eine Flasche Wein aus der Kabine. DÄNE. Nein, nein, nein! gehen Sie jetzt--Sie gehen selbst, Sie gehen jetzt! SCHWEDE. Pah!--DÄNE. Jetzt gehen! Gehen Sie, ich bitte Sie.“ Und der Schwede ging!!
Danach begann der Däne eine Ansprache über Religion, und da er mich für einen un philosophe im kontinentalen Sinne des Wortes hielt, sprach er von der Gottheit in einem deklamatorischen Stil, der sehr den hingebungsvollen Tiraden jenes groben Stümpers, Mr. Thomas Paine, in seinem Age of Reason ähnelte, und flüsterte mir ins Ohr, was für eine verfluchte Heuchelei das ganze Geschäft mit Jesus Christus sei. Ich wage zu behaupten, dass wenige Männer weniger Grund haben, sich selbst anzuklagen, sich dem Persiflage hinzugeben, als ich. Ich würde es hassen, schon allein deshalb, weil es ein Laster eines Franzosen ist, und empfinde Stolz darin, es zu vermeiden, weil unsere eigene Sprache zu ehrlich ist, um ein Wort dafür zu haben. Aber in diesem Fall war die Versuchung zu stark gewesen, und ich habe es auf die Liste meiner Vergehen gesetzt. Perikles antwortete einem seiner liebsten Freunde, der ihn in einem Fall von Leben und Tod gebeten hatte, einen zweideutigen Eid für seine Erhaltung zu leisten: Debeo amicis opitulari, sed usque ad Deos. Die Freundschaft selbst muss ihren letzten und kühnsten Schritt diesseits des Altars machen. Was Perikles nicht tun würde, um das Leben eines Freundes zu retten, dessen können Sie versichert sein, würde ich nicht wagen, nur um die Schokoladenkanne der Eitelkeit eines betrunkenen Narren zu mahlen, bis sie überschäumte. Ich nahm einen ernsten Blick an, bekannte mich als Gläubiger und sank sofort hundert Faden in seiner Gunst. Er zog sich in seine Kabine zurück, und ich hüllte mich in meinen Mantel und schaute auf das Wasser. Eine wunderschöne weiße Schaumwolke zog in momentanen Abständen mit einem Rauschen an der Seite des Schiffes vorbei, und kleine Flammensterne tanzten und funkelten und erloschen darin: und hin und wieder schossen leichte Abteilungen dieser weißen, wolkenartigen Gischt von der Seite des Schiffes, jede mit ihrem eigenen kleinen Sternbild, über das Meer und fegten wie eine Tatarentruppe über eine Wildnis aus dem Blickfeld.
Es war kalt, die Kabine befand sich im offenen Krieg mit meinem Geruchssinn, und ich fand Grund, mich über meinen Mantel zu freuen, einen schweren, respektablen groben Stoff mit hohem Kragen, dessen Kragen umgeschlagen war und die Rolle einer Nachtmütze sehr passabel spielte. Als ich zu zwei oder drei hellen Sternen aufblickte, die mit der Bewegung der Segel schwankten, schlief ich ein, wurde aber um ein Uhr am Montagmorgen durch einen Regenschauer geweckt. Ich fühlte mich gezwungen, in die Kabine hinunterzugehen, wo ich sehr fest schlief und zur Frühstückszeit mit sehr gutem Appetit erwachte, wobei meine Nasenlöcher, die versöhnlichsten aller Sinne, mit dem Gestank versöhnt oder tatsächlich unempfindlich gegenüber ihm waren.
Montag, 17. September, ich hatte eine lange Unterhaltung mit dem Schweden, der mit der beißendsten Verachtung vom Dänen sprach, den er als einen Narren beschrieb, geldverrückt; aber er bestätigte die Prahlereien des Dänen bezüglich der Größe seines Vermögens, das er in erster Instanz als Anwalt und später als Plantagenbesitzer erworben hatte. Vom Dänen und von ihm selbst erfuhr ich, dass er tatsächlich ein schwedischer Adliger war, der ein Vermögen verschwendet hatte, das nie sehr groß war, und sein Eigentum an den Dänen überschrieben hatte, von dem er nun völlig abhängig war. Er schien unter der Unverschämtheit des Dänen sehr wenig Schmerz zu leiden. Er war in hohem Maße menschlich und aufmerksam gegenüber der englischen Dame, die schrecklich litt und für die er viele kleine Dienste mit einer Zärtlichkeit und Feinheit verrichtete, die echte Herzensgüte zu beweisen schienen. Tatsächlich waren seine allgemeinen Manieren und Unterhaltung nicht nur angenehm, sondern sogar interessant; und ich rang danach zu glauben, seine Unempfindlichkeit gegenüber dem Dänen sei philosophische Standhaftigkeit. Denn obwohl der Däne nun ganz nüchtern war, sickerte sein Charakter aus jeder Pore. Und nach dem Abendessen, als er wieder vom Wein gerötet war, schrie er alle Viertelstunde oder vielleicht öfter den Schweden an: „Ho! Nobility, geh--tu diese Sache! Mr. Nobility!--erzählen Sie den Gentlemen diese Geschichte, und so weiter;“ mit einer Unverschämtheit, die Abscheu und Verabscheuung hätte hervorrufen müssen, wenn seine vulgären Tiraden über die heiligen Rechte der Gleichheit, verbunden mit seiner wilden Verwüstung der allgemeinen Grammatik, nicht weniger als der englischen Sprache, es nicht so unwiderstehlich lächerlich gemacht hätten.
Um vier Uhr beobachtete ich eine Wildente, die auf den Wellen schwamm, eine einzelne einsame Wildente. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie interessant ein Ding es in dieser runden, objektlosen Wüste aus Wasser aussah. Ich hatte ein solches Gefühl von Unermesslichkeit mit dem Ozean assoziiert, dass ich mich außerordentlich enttäuscht fühlte, als ich kein Land mehr sehen konnte, aufgrund der Enge und der Nähe, sozusagen, des Kreises des Horizonts. So wenig sind Bilder in der Lage, die dunklen Gefühle, die mit Wörtern verbunden sind, zu befriedigen. Am Abend wurden die Segel eingeholt, damit wir nicht auf das Land aufliefen, das nur aus geringer Entfernung gesehen werden kann. Und um vier Uhr am Dienstagmorgen wurde ich durch den Ruf „Land! Land!“ geweckt. Es war ein hässlicher Insel-Felsen in einiger Entfernung zu unserer Linken, Heiligeland genannt, vielen Passagieren von Yarmouth nach Hamburg wohlbekannt, die durch stürmisches Wetter gezwungen waren, Wochen und Wochen in ermüdender Gefangenschaft darauf zu verbringen, ihres gesamten Geldes beraubt durch die exorbitanten Forderungen der Elenden, die ihn bewohnen. So teilten mir es zumindest die Seeleute mit.--Gegen neun Uhr sahen wir das Festland, das kaum in der Lage zu sein schien, seinen Kopf über dem Wasser zu halten, niedrig, flach und trostlos, mit Leuchttürmen und Landmarken, die der Trostlosigkeit einen Charakter und eine Sprache zu geben schienen. Wir fuhren in die Mündung der Elbe ein, vorbei an Neu-werk; obwohl bisher nur das rechte Ufer des Flusses für uns sichtbar war. Auf diesem sah ich eine Kirche und dankte Gott für meine sichere Reise, nicht ohne liebevolle Gedanken an diejenigen, die ich in England zurückgelassen hatte. Am selben Morgen um elf Uhr kamen wir in Cuxhaven an, das Schiff warf Anker, und das Boot wurde ausgebootet, um den Hannoveraner und einige andere an Land zu bringen. Der Kapitän stimmte zu, uns, die wir übrig blieben, für zehn Guineen nach Hamburg zu bringen, wozu der Däne so großzügig beitrug, dass die anderen Passagiere nur jeweils eine halbe Guinee zahlten. Dementsprechend lichteten wir den Anker und fuhren sanft den Fluss hinauf. In Cuxhaven können bei klarem Wetter beide Seiten des Flusses gesehen werden; wir konnten nun nur das rechte Ufer sehen. Wir passierten eine Vielzahl von englischen Händlern, die viele Wochen auf Wind gewartet hatten. In kurzer Zeit wurden beide Ufer sichtbar, beide flach und durch ihre extreme Sauberkeit die Arbeit menschlicher Hände beweisend. Auf dem linken Ufer sah ich eine oder zwei Kirchen in der Ferne; auf dem rechten Ufer kamen wir an Kirchturm und Windmühle und Häuschen vorbei, und Windmühle und einzelnes Haus, Windmühle und Windmühle, und sauberes einzelnes Haus, und Kirchturm. Dies waren die Objekte und in der Abfolge. Die Ufer waren sehr grün und nicht unelegant mit Bäumen bepflanzt. Fünfunddreißig Meilen von Cuxhaven kam die Nacht über uns, und da die Navigation der Elbe gefährlich ist, warfen wir Anker.
Über welchem Ort, dachte ich, hängt der Mond vor deinem Auge, mein liebster Freund? Für mich hing er über dem linken Ufer der Elbe. Dicht über dem Mond befand sich ein riesiges Volumen tiefschwarzer Wolke, während ein sehr dünnes Band die Mitte des Orbs kreuzte, so schmal und dünn und schwarz wie ein Band aus Krepp. Die lange zitternde Straße des Mondlichts, die auf dem Wasser lag und bis zum Heck unseres Schiffes reichte, schimmerte schwach und undeutlich. Wir sahen zwei oder drei Lichter vom rechten Ufer, wahrscheinlich aus Schlafzimmern. Ich fühlte den auffallenden Kontrast zwischen der Stille dieses majestätischen Stroms, dessen Ufer mit Menschen und Frauen und Kindern und Herden bevölkert sind--zwischen der nächtlichen Stille dieses bevölkerten Flusses und dem unaufhörlichen Lärm und Aufruhr und lauten Agitationen der trostlosen Einsamkeit des Ozeans. Die Passagiere unter Deck hatten sich alle in ihre Betten zurückgezogen; und ich fühlte das Interesse an dieser ruhigen Szene umso tiefer, da ich sie gerade verlassen hatte. Denn der Preuße hatte während des ganzen Abends alle seine Talente gezeigt, um den Dänen zu fesseln, der ihn in den Zug seiner Abhängigen aufgenommen hatte. Der junge Engländer fuhr fort, die Witze des Preußen für mich zu interpretieren. Sie waren alle ausnahmslos profan und abscheulich, aber einige hinreichend geistreich, und ein paar Vorfälle, die er in seiner eigenen Person berichtete, waren wertvoll, da sie die Manieren der Länder illustrierten, in denen sie stattgefunden hatten.
Um fünf Uhr am Mittwochmorgen lichteten wir den Anker, mussten ihn jedoch bald wieder werfen, da ein dichter Nebel aufkam, von dem unser Kapitän fürchtete, er würde den ganzen Tag anhalten; gegen neun Uhr jedoch verzog er sich, und wir segelten langsam dahin, dicht am Ufer einer sehr schönen Insel, vierzig Meilen von Cuxhaven entfernt, bei weiterhin schwachem Wind. Dieser Holm oder diese Insel ist etwa eineinhalb Meilen lang, keilförmig, gut bewaldet, mit Lichtungen von lebhaftestem Grün und durch das bemerkenswert saubere Bauernhaus darauf noch reizvoller gestaltet. Sie schien wie geschaffen für den Rückzug ohne Einsamkeit – ein Ort, der die eigenen Freunde anlocken würde, während er die ungebührlichen Besuche bloßer Fremder ausschloss. Die Ufer der Elbe wurden nun schöner, mit saftigen Wiesen und Bäumen, die wie eine niedrige Mauer am Flussrand entlangliefen; und über sie hinweg spähten gepflegte Häuser und (besonders am rechten Ufer) eine Fülle von Kirchturmspitzen, weiß, schwarz oder rot. Ein instinktiver Geschmack lehrt die Menschen, ihre Kirchen in flachen Ländern mit spitzen Türmen zu erbauen, die, da sie auf keinen anderen Gegenstand verweisen können, wie mit stummem Finger auf den Himmel und die Sterne deuten und manchmal, wenn sie das eherne Licht eines reichen, wenn auch regnerischen Sonnenuntergangs reflektieren, wie eine zum Himmel brennende Flammenpyramide erscheinen. Ich erinnere mich, nur ein einziges Mal einen Kirchturm in einem engen Tal eines Berglandes gesehen zu haben. Die Wirkung war nicht nur armselig, sondern lächerlich und erinnerte mich gegen meinen Willen an einen Kerzenlöscher; die unmittelbare Nachbarschaft des hohen Berges, an dessen Fuß er stand, hatte ihn so vollständig verzwergt und ihm jede Verbindung mit dem Himmel oder den Wolken geraubt. Sechsundvierzig englische Meilen von Cuxhaven und sechzehn von Hamburg entfernt ziert das dänische Dorf Veder das linke Ufer mit seinem schwarzen Turm, und dicht dabei liegt der wilde und ländliche Weiler Schulau. Bisher glichen sowohl das rechte als auch das linke Ufer, grün bis an den Rand und auf gleicher Höhe mit dem Fluss, den Ufern eines Parkkanals. Die Bäume und Häuser waren gleichermaßen niedrig, manchmal überragten die niedrigen Bäume die noch niedrigeren Häuser, manchmal ragten die niedrigen Häuser über die noch niedrigeren Bäume hinaus. Doch bei Schulau erhebt sich das linke Ufer plötzlich vierzig oder fünfzig Fuß und starrt mit seiner senkrechten Fassade aus Sand, die spärlich mit grünen Büscheln geflickt ist, auf den Fluss herab. Die Elbe bot weiterhin ein immer lebhafteres Schauspiel durch die Vielzahl der Fischerboote und die Scharen von Möwen, die sie umkreisten, die lärmenden Rivalen und Begleiter der Fischer; bis wir nach Blankenese kamen, einem äußerst interessanten Dorf, das inmitten verstreuter Bäume über drei Hügel in drei Abteilungen verteilt ist. Jeder der drei Hügel starrt mit nackten Sandflächen auf den Fluss, mit denen die Boote mit ihren nackten Masten, die in Reihen entlang der Ufer stehen, eine Art fantastische Harmonie bildeten. Zwischen jeder Fassade liegt ein grünes und waldiges Tal, jedes tiefer als das andere. Kurzum, es ist ein großes Dorf, das aus einzelnen Häuschen besteht, jedes Häuschen inmitten seines eigenen kleinen Waldes oder Obstgartens und jedes mit seinem eigenen separaten Pfad: ein Dorf mit einem Labyrinth von Pfaden, oder vielmehr eine Nachbarschaft von Häusern! Es wird von Fischern und Bootsbauern bewohnt, da die Blankeneser Boote in der gesamten Elbschifffahrt sehr gefragt sind. Hier sahen wir zum ersten Mal die Kirchtürme von Hamburg, und von hier an bis Altona ist das linke Elbufer ungewöhnlich reizvoll, betrachtet als Umgebung einer fleißigen und republikanischen Stadt – in jener Art von Schönheit, oder vielmehr Hübschheit, die den Bürger in die Natur locken und doch den Geschmack befriedigen könnte, den er in der Stadt erworben hat. Sommerhäuser und chinesische Spielereien sind überall entlang der hohen und grünen Ufer verstreut; die Bretter der Bauernhäuser sind unverputzt gelassen und fröhlich in Grün und Gelb gestrichen; und kaum ein Baum ist nicht in Formen geschnitten und dazu gebracht, den Menschen an seine eigene Kraft und Intelligenz zu erinnern, anstatt an die Weisheit der Natur. Dennoch sind dies Verbindungsglieder zwischen Stadt und Land und weit besser als die Zurschaustellung von Vorlieben und Vergnügungen, für die die Gewohnheiten der Menschen sie untauglich gemacht haben. Geht man an Samstagen und Sonntagen mit den Hamburgern daran vorbei, wie sie ihre Pfeifen rauchen, die Frauen und Kinder in den Lauben aus Buchsbaum und Eibe schmausen, so wird es zu einer eigenen Natur. Am Mittwoch, vier Uhr, verließen wir das Schiff und, nachdem wir uns mühsam durch die riesigen Massen von Schiffen gekämpft hatten, die die breite Elbe von Altona aufwärts zu ersticken schienen, landeten wir schließlich am Baumhaus in Hamburg.
BRIEF II
An eine Dame.
RATZEBURG.
Meine liebe Freundinn,
Sehen Sie nur, wie natürlich mir das Deutsche über die Lippen kommt, obwohl ich noch keine sechs Wochen im Land bin! – fast so fließend wie Englisch von meinem Nachbarn, dem Amtsschreiber, der, so oft wir uns treffen, und wenn es ein halbes Dutzend Mal am selben Tag wäre, nie versäumt, mich mit „---ddam your ploot unt eyes, my dearest Englander! vhee goes it!“ zu begrüßen – was sicherlich ein Beweis für große Großzügigkeit seinerseits ist, da diese Worte seinen gesamten englischen Wortschatz bilden. Ich hatte jedoch einen besseren Grund als den Wunsch, meine Fortschritte zur Schau zu stellen: denn ich wollte Sie in gute Stimmung für eine Sprache versetzen, von deren Erlernung ich mir viel Erbauung und auch die Möglichkeit verspreche, Ihnen und Ihrer Schwester während unserer Winterlektüren ein neues Vergnügen zu vermitteln. Und wie könnte ich dies besser tun, als auf ihre galante Aufmerksamkeit für die Damen hinzuweisen? Unser englischer Anhang „ess“ ist, glaube ich, entweder auf Wörter lateinischen Ursprungs wie „actress“, „directress“ usw. oder französischen Ursprungs wie „mistress“, „duchess“ und dergleichen beschränkt. Aber das deutsche „inn“ ermöglicht es uns, das Geschlecht in jeder denkbaren Lebensbeziehung zu bezeichnen. So ist die Frau des Amtmanns die Frau Amtmanninn – die Frau des Schreibers (übrigens die schönste Frau, die ich bisher in Deutschland gesehen habe) ist die allerliebste Frau Amtsschreiberinn – die Frau des Obersten, die Frau Obristinn oder Colonellinn – und sogar die Frau des Pfarrers, die Frau Pastorinn. Besonders gefällt mir jedoch ihre „Freundinn“, die, anders als die „amica“ der Römer, selten anders als in ihrem besten und reinsten Sinne verwendet wird. Nun, ich weiß, man wird sagen, eine Freundin sei bereits etwas mehr als ein Freund, wenn ein Mann das Bedürfnis verspürt, sich selbst auszudrücken, dass diese Freundin weiblich ist; aber das bestreite ich – zumindest in dem Sinne, in dem der Einwand erhoben werden wird. Ich würde eher die Anklage der Ketzerei riskieren, als meinen Glauben aufzugeben, dass es ein Geschlecht in unseren Seelen ebenso gibt wie in ihren vergänglichen Gewändern; und wer das nicht fühlt, hat nie wahrhaft eine Schwester geliebt – nein, ist nicht einmal fähig, eine Ehefrau so zu lieben, wie sie geliebt zu werden verdient, wenn sie tatsächlich dieses heiligen Namens würdig ist.
Nun weiß ich, meine sanfte Freundin, was Sie vor sich hin murmeln: „Das ist so typisch für ihn! Er rennt jeder Seifenblase hinterher, die der Zufall von der Oberfläche seiner Fantasie geweht hat; während man begierig ist zu erfahren, wo er ist und was er gesehen hat.“ Nun denn! Dass ich in Ratzeburg sesshaft bin, mit meinen Beweggründen und den Einzelheiten meiner Reise hierher, wird Sie informieren. Mein erster Brief an ihn, mit dem er zweifellos Ihre ganze Kaminrunde erbaut hat, ließ mich sicher in Hamburg an der Elbtreppe am Baumhaus landen. Während ich auf der Treppe stand, amüsierte ich mich über den Inhalt des Passagebootes, das ein- oder zweimal täglich den Fluss von Hamburg nach Harburg überquert. Es war dicht gedrängt mit Menschen aller Nationen, in allen möglichen Kleidern; die Männer alle mit Pfeifen im Mund, und diese Pfeifen in allen Formen und Vorstellungen – gerade und gewunden, einfach und komplex, lang und kurz, Rohr, Ton, Porzellan, Holz, Zinn, Silber und Elfenbein; die meisten mit silbernen Ketten und silbernen Deckeln auf den Köpfen. Pfeifen und Stiefel sind das erste universelle Merkmal der männlichen Hamburger, das einem unbedarften Reisenden ins Auge fallen würde. Aber ich vergesse mein Versprechen, so viel wie möglich Tagebuch zu führen. – Daher, 19. Sept. Nachmittag. Mein Begleiter, der, wie Sie sich erinnern, die französische Sprache mit ungewöhnlicher Korrektheit spricht, hatte eine Art vertraute Bekanntschaft mit dem Emigranten geschlossen, der ein vernünftiger Mann zu sein schien und dessen Manieren die eines vollendeten Gentlemans waren. Er schien etwa fünfzig oder etwas älter zu sein. Was auch immer an französischen Manieren durch Übermaß unangenehm ist, war durch Alter oder Leid gemildert worden; und alles, was an der Art entzückend ist, Lebhaftigkeit und Zartheit in kleinen Aufmerksamkeiten usw., war geblieben, und zwar ohne Betriebsamkeit, Gestikulation oder unverhältnismäßigen Eifer. Sein Auftreten zeigte die minutiöse Philanthropie eines kultivierten Franzosen, gemildert durch die Nüchternheit des englischen Charakters, befreit von seiner Zurückhaltung. Es gibt etwas seltsam Anziehendes am Charakter eines Gentlemans, wenn man das Wort nachdrücklich anwendet, und doch in jenem Sinne des Begriffs, den man leichter fühlen als definieren kann. Es schließt weder den Besitz hoher moralischer Exzellenz ein, noch notwendigerweise die schmückenden Anmutsformen des Benehmens. Ich habe jetzt vor meinem geistigen Auge eine Person, deren Leben kaum einer Prüfung standhalten würde, selbst nicht vor dem Ehrenrat, geschweige denn vor dem des Gewissens; und seine Manieren, wenn man sie genau beobachtet, würden eher den Eindruck von Ungeschicklichkeit als von Eleganz erwecken: und doch fühlte und anerkannte jeder, der mit ihm sprach, den Gentleman. Das Geheimnis der Sache ist, glaube ich, dies – wir spüren den gentlemanhaften Charakter bei uns, wann immer eine Person unter allen Umständen des sozialen Umgangs, in den trivialen nicht weniger als in den wichtigen, durch das ganze Detail seiner Manieren und seines Auftretens und mit der Leichtigkeit einer Gewohnheit anderen gegenüber auf eine Weise Respekt zeigt, die gleichzeitig in seinen eigenen Gefühlen eine gewohnheitsmäßige und versicherte Erwartung von gegenseitigem Respekt von ihnen ihm gegenüber impliziert. Kurz gesagt, der gentlemanhafte Charakter entspringt dem Gefühl der Gleichheit, das als Gewohnheit wirkt, jedoch flexibel gegenüber den Vielfalten des Ranges ist und durch diese modifiziert, ohne gestört oder ersetzt zu werden. Diese Beschreibung wird Ihnen vielleicht den Grund für eine Ihrer eigenen Bemerkungen erklären, als ich Ihnen den interessanten Dialog über die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit ins Englische übersetzte: „Was für vollendete Gentlemen diese alten Römer gewesen sein müssen! Ich war beeindruckt, ich erinnere mich, mit demselben Gefühl, als ich eine Übersetzung von Ciceros philosophischen Dialogen und seiner epistolischen Korrespondenz las: während ich bei Plinius' Briefen ein anderes Gefühl zu haben schien – er gab mir die Vorstellung eines sehr feinen Gentlemans.“ Sie sprachen die Worte aus, als hätten Sie gefühlt, dass der Zusatz die Substanz beeinträchtigt und der erhöhte Grad die Art verändert habe. Plinius war der Höfling eines absoluten Monarchen – Cicero ein aristokratischer Republikaner. Aus diesem Grund ist der Charakter des Gentlemans, in dem Sinne, auf den ich ihn beschränkt habe, in England häufig, in Frankreich selten und, wo er vorkommt, im Alter oder in der letzten Lebensphase zu finden; während der Charakter in Deutschland fast unbekannt ist. Aber der eigentliche Antipode eines Gentlemans ist unter den anglo-amerikanischen Demokraten zu suchen.
Ich schulde diese Abschweifung als einen Akt der Gerechtigkeit gegenüber diesem liebenswürdigen Franzosen und der Demütigung für mich selbst. Denn in einer kleinen Kontroverse zwischen uns über das Thema der französischen Poesie ließ er mich mein eigenes schlechtes Benehmen durch den stillen Tadel des Kontrasts fühlen, und als ich mich später bei ihm für die Wärme meiner Sprache entschuldigte, antwortete er mir mit einem fröhlichen Ausdruck der Überraschung und einem unmittelbaren Kompliment, das ein Gentleman sowohl mit Würde machen als auch mit Vergnügen empfangen konnte. Ich war daher erfreut festzustellen, dass wir, wenn möglich, im selben Haus Quartier beziehen sollten. Mein Freund ging mit ihm auf die Suche nach einem Hotel, und ich, um meine Empfehlungsschreiben abzugeben.
Ich schritt mit schnellen Schritten voran, belebt nicht so sehr von etwas, das ich tatsächlich sah, als vielmehr von dem verwirrten Gefühl, zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Kontinent unseres Planeten zu sein. Ich kam mir vor wie ein befreiter Vogel, der in einer Voliere ausgebrütet worden war, der nun, nach seinem ersten Flug in die Freiheit, in der oberen Luft schwebt. Ganz natürlich begann ich, mich über alles zu wundern, über manches, weil es so ähnlich, und über manches, weil es so unähnlich zu den Dingen in England war – holländische Frauen mit großen Regenschirmhüten, die einen halben Meter vor ihnen herausragten, mit einer verschwenderischen Fülle an Unterröcken hinten – die Hamburger Frauen mit Häubchen, die auf dem Hinterkopf mit Silber oder Gold oder beidem gefältelt waren, umrandet von versteifter Spitze, die vor ihren Augen hervorstand, aber nicht tiefer, sodass die Augen dadurch hindurchfunkelten – die Hannoveranerin mit dem vorderen Teil des Kopfes frei, dann eine steife Spitze, die wie eine senkrechte Mauer auf der Haube stand, und die Haube hinten mit einer enormen Menge an Bändern versehen, die auf dem Rücken liegen oder schwingen:
„Ihre Visagen schienen wie ein stattliches Banner Ausgebreitet zum Trotz aller Feinde.“
Die Damen alle in englischen Kleidern, alle geschminkt und alle mit schlechten Zähnen: was man sofort an ihrem Kontrast zu der fast tierischen, zu glänzenden perlmuttartigen Weiße und der Regelmäßigkeit der Zähne der lachenden, laut sprechenden Landfrauen und Dienstmädchen bemerkt, die mit ihren sauberen weißen Strümpfen und mit Pantoffeln ohne Fersenkappen durch die schmutzigen Straßen trippelten, als wären sie durch einen Zauber vor dem Schmutz geschützt: mit einer Leichtigkeit zudem, die mich überraschte, da ich es immer als eine der Plagen des Schlafens in einem Gasthof betrachtet hatte, dass ich in einem Paar davon die Treppen hinaufklappern musste. Die Straßen eng; für meine englische Nase hinreichend beleidigend und auf den ersten Blick den universellen Gebrauch von Stiefeln erklärend; ohne jeglichen geeigneten Weg für die Fußgänger; die Giebel der Häuser alle zur Straße hin, manche in der gewöhnlichen dreieckigen Form und ganz, wie die Botaniker sagen; die größere Zahl jedoch gezackt und geschwungen mit mehr als chinesischer Groteskheit. Vor allem war ich von der Fülle der Fenster beeindruckt, so groß und so viele, dass die Häuser ganz aus Glas aussehen. Mr. Pitts Fenstersteuer, mit ihren hübschen kleinen Zusätzen, die wie junge Kröten auf dem Rücken einer Surinam-Kröte daraus hervorwuchsen, würde das Aussehen der Hamburger Häuser sicherlich verbessern, die ein leichtes sommerliches Aussehen haben, das nicht mit ihrer Größe harmoniert, unvereinbar mit dem Klima ist und jenes Gefühl von Rückzug und Selbstzufriedenheit ausschließt, das man mit einem Haus in einer lärmenden Stadt verbinden möchte. Aber eine Feuersbrunst wäre, fürchte ich, die notwendige Voraussetzung für die Hervorbringung jeglicher architektonischen Schönheit in Hamburg: denn wahrlich, es ist eine schmutzige Stadt. Ich bewegte mich weiter und überquerte eine Vielzahl hässlicher Brücken, mit riesigen schwarzen Missgestalten von Wasserrädern dicht daneben. Das Wasser durchschneidet die Stadt überall und hätte dem Genie Italiens die Möglichkeiten für all das geboten, was in der Architektur am schönsten und großartigsten ist. Es hätte die Rivalin Venedigs sein können, und es ist Gedränge und Hässlichkeit, Gestank und Stagnation. Der Jungfernstieg, auf den mich meine Briefe verwiesen, bildete eine Ausnahme. Es war ein Gehweg oder eine Promenade, bepflanzt mit dreifachen Reihen von Ulmen, die, da sie jährlich beschnitten und gestutzt werden, schlank und zwergartig bleiben. Dieser Weg nimmt eine Seite eines quadratischen Gewässers ein, auf dem viele Schwäne ganz zahm sind, und inmitten der Schwäne bewegen sich prunkvolle Vergnügungsboote mit Damen darin, gerudert von ihren Ehemännern oder Liebhabern.------
(Einige Absätze wurden hier ausgelassen.)------so behindert durch traurige und feierliche Höflichkeit, noch mehr als durch gebrochenes Englisch, klang es wie die Stimme eines alten Freundes, als ich den Diener des Emigranten nach mir fragen hörte. Er war gekommen, um mich zu unserem Hotel zu führen. Durch Straßen und Straßen drängte ich vorwärts, so glücklich wie ein Kind, und, ich zweifle nicht, mit einem kindlichen Ausdruck des Staunens in meinen geschäftigen Augen, amüsiert durch die Weidenwagen mit beweglichen Bänken quer darüber, eine hinter der anderen (das waren die Droschken); amüsiert durch die Ladenschilder, auf denen alle darin verkauften Artikel gemalt sind, und das auch noch sehr genau, wenn auch in einer grotesken Verwirrung (ein nützlicher Ersatz für Sprache auf diesem großen Marktplatz der Nationen); amüsiert durch das unaufhörliche Klingeln der Laden- und Haustürklingeln, wobei die Glocke über jeder Tür hängt und bei jedem Ein- und Ausgang mit einem kleinen Eisenstab angeschlagen wird; – und schließlich amüsiert durch das Hineinsehen in die Fenster, während ich vorbeiging; die Damen und Herren, die Kaffee trinken oder Karten spielen, und die Herren alle am Rauchen. Ich wünschte, ich wäre ein Maler, damit ich Ihnen eine Skizze von einer der Kartengesellschaften hätte schicken können. Die lange Pfeife eines Herrn ruhte auf dem Tisch, ihr Kopf einen halben Meter von seinem Mund entfernt, rauchend wie ein Räuchergefäß am Fischteich – der andere Herr, der die Karten gab und natürlich beide Hände beschäftigt hatte, hielt seine Pfeife in den Zähnen, die, zwischen seinen Knien hängend, neben seinen Knöcheln rauchte. Hogarth selbst hat nie eine lächerlichere Verzerrung sowohl der Haltung als auch der Physiognomie gezeichnet, als dieser Versuch verursachte, noch fehlte daneben eines jener schönen weiblichen Gesichter, die derselbe Hogarth, bei dem der Satiriker niemals jene Liebe zur Schönheit auslöschte, die ihm als Dichter eigen war, so oft und so gerne als zentrale Figur in einer Menge humorvoller Missgestalten einführt, welche Figuren (solche Macht hat wahres Genie!) weder als Kontrast wirken noch wirken sollen; sondern einen Geist der Versöhnung und menschlichen Güte durch alles und über jeden aus der Gruppe verbreitet; und selbst wenn die Aufmerksamkeit nicht mehr bewusst auf die Ursache dieses Gefühls gelenkt wird, vermischt sie ihre Zärtlichkeit mit unserem Lachen: und verhindert so, dass die lehrreiche Heiterkeit über die Launen der Natur oder die Schwächen oder Stimmungen unserer Mitmenschen in das Herzgift der Verachtung oder des Hasses ausartet.
Unser Hotel DIE WILDE MAN (dessen Schild kein übles Abbild des Wirts war, der einem sehr grimmigen Gesicht ein rastloses Grinsen eingepflanzt hatte, das jedem Gast zu Diensten war und das er, wie ein Schauspieler, der für sich selbst probt, in Erwartung einer Gelegenheit dazu ständig aufsetzte) – weder unser Hotel, sage ich, noch sein Wirt gehörten zur vornehmsten Klasse. Aber es hat einen großen Vorteil für einen Fremden: es liegt am Marktplatz und ist der nächste Nachbar der riesigen St.-Nikolai-Kirche: einer Kirche, an die Läden und Häuser angebaut sind, aus deren Geschwulsten und Warzen ihr hoher, massiger Turm aufsteigt, der nahe der Spitze mit einem Kranz aus großen, vergoldeten Kugeln behangen ist. Einen besseren Polarstern könnte man sich kaum wünschen. Lange werde ich den Eindruck bewahren, den das gewaltige Echo der tief tönenden Uhr in dieser Kirche auf mich machte, so laut, so lang und so bebend, das mich um zwei Uhr morgens aus einem qualvollen Traum weckte, der meiner Meinung nach von dem Federbett herrührte, das hier anstelle von Bettzeug verwendet wird. Ich werde lieber meine Decke wie ein wilder Indianer bei mir tragen, als mich diesem abscheulichen Brauch zu unterwerfen. Unser emigrierter Bekannter war, wie wir herausfanden, ein enger Freund des berühmten Abbé de Lisle; und von dem großen Vermögen, das er unter der Monarchie besessen hatte, hatte er genug gerettet, um nicht nur unabhängig, sondern auch achtet zu sein. Er hatte einige seiner Mit-Emigranten in London, denen er mit beträchtlichen Summen ausgeholfen hatte, durch die Weigerung beleidigt, weitere Vorschüsse zu leisten, und war infolge ihrer Intrigen mit dem Befehl belegt worden, das Königreich zu verlassen. Ich hielt es für einen Beweis seiner Unschuld, dass er weder dem Fremdengesetz noch dem Minister, der es gegen ihn angewandt hatte, eine Schuld zumaß; und für einen noch größeren, dass er mit Begeisterung von London sprach und von seiner Lieblingsnichte, die dort geheiratet hatte und sesshaft geworden war, mit all der Inbrunst und all dem Stolz eines liebenden Vaters. Ein Mann, der mit Gewalt aus einem Land vertrieben, gezwungen wurde, seine Aktien mit großem Verlust zu verkaufen, und der von jenen Vergnügungen und jener Art von Gesellschaft verbannt wurde, die die Gewohnheit für sein Glück unentbehrlich gemacht hatte, und dessen vorherrschende Gefühle dennoch rein privater Natur waren – Groll über gekränkte Freundschaft und Schmerz über unterbrochene häusliche Zuneigung –, einen solchen Mann, so glaube ich, könnte ich als frei von Spionage für irgendeinen Dienst verbürgen, am wenigsten für den des heutigen französischen Direktoriums. Er sprach mit Verzückung von Paris unter der Monarchie: und doch hinterließen die besonderen Tatsachen, aus denen sich seine Schilderung zusammensetzte, in meinem Geist eine ebenso tiefe Überzeugung von der Wertlosigkeit der Franzosen, wie es seine eigene Erzählung von der Undankbarkeit der Emigranten getan hatte. Seit meiner Ankunft in Deutschland habe ich nicht eine einzige Person getroffen, selbst unter jenen nicht, die die Revolution verabscheuen, die mit Wohlwollen oder auch nur mit Nachsicht von den französischen Emigranten sprach. Obwohl der Glaube an ihren Einfluss bei der Organisation dieses katastrophalen Krieges (vor dessen Schrecken Norddeutschland sich nur verschont, nicht aber gesichert glaubt) einen gewissen Anteil an der allgemeinen Abneigung haben mag, mit der sie betrachtet werden, so bin ich doch zutiefst überzeugt, dass der weitaus größte Teil auf ihre eigene Zügellosigkeit, auf ihre Treulosigkeit und Hartherzigkeit gegeneinander sowie auf das häusliche Elend oder die verdorbenen Prinzipien zurückzuführen ist, die so viele von ihnen in die Familien ihrer Beschützer getragen haben. Mein Herz weitete sich mit ehrlichem Stolz, als ich mir die strengen und doch liebenswürdigen Charaktere der englischen Patrioten ins Gedächtnis rief, die nach der Restauration auf dem Kontinent Zuflucht suchten! O, lasst unseren Bürgerkrieg unter dem ersten Charles nicht mit der Französischen Revolution vergleichen! Im ersteren überlief der Charakter aus einem Übermaß an Prinzipien; in der letzteren aus der Gärung des Bodensatzes! Ersterer war ein Bürgerkrieg zwischen den Tugenden und den tugendhaften Vorurteilen der beiden Parteien; letzterer zwischen den Lastern. Das venezianische Glas der französischen Monarchie zersplitterte und flog auseinander unter der Wirkung eines doppelten Gifts.
20. Sept. Ich wurde Herrn Klopstock vorgestellt, dem Bruder des Dichters, der mich wiederum Professor Ebeling vorstellte, einem intelligenten und lebhaften Mann, wenn auch taub: so taub sogar, dass es eine schmerzhafte Anstrengung war, mit ihm zu sprechen, da wir unsere Perlen in ein riesiges Hörrohr fallen lassen mussten. Von diesem höflichen und gutherzigen Gelehrten (ich hoffe, die deutschen Literaten ähneln im Allgemeinen diesem ersten Exemplar) hörte ich ein erträgliches italienisches Wortspiel und eine interessante Anekdote. Als Buonaparte in Italien war und durch irgendein Beispiel von Treubruch gereizt worden war, sagte er in einer Gesellschaft mit lauter und heftiger Stimme: „Es ist ein wahres Sprichwort: gli Italiani tutti ladroni“ (das heißt: die Italiener sind alle Räuber). Eine Dame hatte den Mut zu antworten: „Non tutti; ma BUONA PARTE“ (nicht alle, aber ein guter Teil, oder Buonaparte). Dies, so muss ich gestehen, klang in meinen Ohren wie eines der vielen guten Dinge, die man hätte sagen können. Die Anekdote ist wertvoller, denn sie veranschaulicht die Art und Weise der französischen Einschmeichelung. Hoche hatte viele Informationen über die Beschaffenheit des Landes aus einer Karte von ungewöhnlicher Vollständigkeit und Genauigkeit erhalten, deren Verfasser, wie er hörte, in Düsseldorf wohnte. Bei der Erstürmung Düsseldorfs durch die französische Armee ordnete Hoche zuvor an, dass das Haus und das Eigentum dieses Mannes verschont werden sollten, und vertraute die Ausführung des Befehls einem Offizier an, auf dessen Truppe er sich verlassen konnte. Als er später erfuhr, dass der Mann vor Beginn der Erstürmung entkommen war, rief Hoche aus: „ER hatte keinen Grund zu fliehen! Es ist für solche Männer, nicht gegen sie, dass die französische Nation Krieg führt und zustimmt, das Blut ihrer Kinder zu vergießen.“ Sie erinnern sich an Miltons Sonett:
„Der große Emathier befahl zu schonen Des Pindaros Haus, als Tempel und Türme Zu Boden gingen“------
Nun, auch wenn der Düsseldorfer Kartenzeichner zum thebanischen Barden in derselben Beziehung stehen mag wie die Schnecke, die ihren Pfad mit Filmstreifen an der Wand markiert, über die sie kriecht, zum Adler, der der Sonne entgegenfliegt und den Sturm mit seinen Schwingen schlägt; so folgt daraus nicht, dass der Jakobiner aus Frankreich kein ebenso tapferer General und ebenso guter Politiker sein könnte wie der Wahnsinnige aus Mazedonien.
Von Professor Ebeling aus begleitete mich Herr Klopstock mit meinem Freund zu seinem eigenen Haus, wo ich eine schöne Büste seines Bruders sah. In seinem Antlitz lag eine feierliche und schwere Größe, die meinen Vorstellungen von seinem Stil und Genie entsprach. – Ich sah dort ebenfalls ein sehr feines Porträt von Lessing, dessen Werke derzeit das Hauptobjekt meiner Bewunderung sind. Seine Augen waren ungewöhnlich wie meine, wenn überhaupt, eher etwas größer und hervortretender. Aber der untere Teil seines Gesichts und seine Nase – o welch ein exquisiter Ausdruck von Eleganz und Empfindsamkeit! – In der Stirn schien keine Tiefe, kein Gewicht oder Umfassungsvermögen zu liegen. Das ganze Gesicht schien zu sagen, dass Lessing ein Mann von schnellen und wollüstigen Gefühlen war; von einer aktiven, aber leichten Phantasie; scharfsinnig; doch nicht scharfsinnig in der Beobachtung des tatsächlichen Lebens, sondern in der Anordnung und Handhabung der idealen Welt, das heißt, im Geschmack und in der Metaphysik. Ich versichere Ihnen, dass ich genau diese Worte in mein Notizbuch schrieb, während ich das Porträt vor Augen hatte und von Lessing nichts weiter wusste als seinen Namen und dass er ein bedeutender deutscher Schriftsteller war.
Wir verbrachten zwei Stunden und mehr bei einem schlechten Essen an der Table d’hôte. „Geduld bei einem deutschen Mittagstisch, das Lächeln bei der Zeit.“ Die Deutschen sind die schlechtesten Köche Europas. Für je zwei Personen wird eine Flasche Wein des Hauses gestellt – abwechselnd Rheinwein und Claret; aber in den Häusern der Wohlhabenden reichen die Diener während der vielen und langen Pausen des Essens Gläser mit reicheren Weinen herum. Bei dem Herrn von Culpin kamen sie in dieser Reihenfolge: Burgunder – Madeira – Port – Frontignac – Pacchiaretti – Alter Hock – Mountain – Champagner – wieder Hock – Bischof und zuletzt Punsch. Ein erträgliches Quantum, wie mich dünkt! Das letzte Gericht bei der Tischgesellschaft, nämlich Scheiben von Schweinebraten (denn alle größeren Gerichte werden hereingebracht, zerschnitten, erst herumgereicht und dann auf den Tisch gestellt), mit gedünsteten Backpflaumen und anderen süßen Früchten, und dies gefolgt von Käse und Butter mit Äpfeltellern, erinnerte mich an Shakespeare [76], und Shakespeare brachte mich auf den Gedanken, in die französische Komödie zu gehen.
Ach du meine Güte! Warum, das ist ja noch schlimmer als unsere modernen englischen Stücke! Der erste Akt informierte mich, dass ein Kriegsgericht über einen Grafen Vatron abgehalten werden soll, der den Degen gegen den Oberst, seinen Schwager, gezogen hatte. Die Offiziere bitten für ihn – vergebens! Seine Frau, die Schwester des Obersten, bittet mit stürmischsten Qualen – vergebens! Sie fällt in Hysterie und wird ohnmächtig, während der innere Vorhang fällt! Im zweiten Akt wird das Todesurteil über den Grafen gefällt – seine Frau, so rasend und hysterisch wie zuvor: mehr (gutes, fleißiges Geschöpf!) konnte sie nicht sein. Der dritte und letzte Akt, die Frau immer noch rasend, wirklich sehr rasend! – die Soldaten sind kurz davor zu feuern, das Taschentuch ist tatsächlich gefallen; da hört man hinter der Bühne: Begnadigung! Begnadigung! Und Prinz Irgendwer kommt herein, begnadigt den Grafen, und die Frau ist immer noch rasend, nur vor Freude; das war alles!
O liebe Dame! Dies ist einer der Fälle, in denen auf das Lachen Melancholie folgt: denn das ist die Art von Drama, die jetzt überall an die Stelle von Shakespeare und Racine getreten ist. Sie wissen wohl, dass ich mir Gewalt antue, wenn ich diese Namen verbinde. Aber wie gering ich auch von der französischen ernsten Dramatik denken mag, selbst in ihren vollkommensten Beispielen; und mit welchem Recht ich mich auch über die ständige Verfälschung der Sprache und der Verbindungen und Übergänge des Gedankens beklagen mag, die die Natur den Zuständen der Leidenschaft zugeordnet hat; so sind die französischen Tragödien doch in sich geschlossene Kunstwerke und das Erzeugnis großer intellektueller Kraft. Indem sie eine Angemessenheit in den Teilen und eine Harmonie im Ganzen bewahren, bilden sie eine eigene Natur, wenn auch eine falsche. Dennoch regen sie den Geist der Zuschauer zu aktivem Denken an, zu einem Streben nach idealer Vortrefflichkeit. Die Seele wird nicht durch wertloses Mitleid mit unserem eigenen gewöhnlichen Leiden oder durch eine leere Neugier auf das Überraschende, das nicht durch die Sprache oder die Situationen, die die Vorstellungskraft in Erstaunen versetzen und erfreuen, geadelt wird, zu bloßen Empfindungen betäubt. Was (so würde ich die Menge fragen, die zu den pantomimischen Tragödien und weinerlichen Komödien von Kotzebue und seinen Nachahmern drängt), was sucht ihr? Ist es Komödie? Aber bei der Komödie von Shakespeare und Molière gilt: Je genauer mein Wissen und je tiefer mein Denken ist, desto größer ist die Befriedigung, die sich mit meinem Lachen vermischt. Denn obwohl die Eigenschaften, die diese Schriftsteller darstellen, in der Tat lächerlich sind, entweder durch ihre Art oder ihr Übermaß, und exquisit lächerlich, so sind sie doch das natürliche Wachstum des menschlichen Geistes und solche, die ich, mit mehr oder weniger Veränderung in der Gewandung, auf mein eigenes Herz oder zumindest auf ganze Klassen meiner Mitmenschen anwenden kann. Wie oft sind der Moralist und der Metaphysiker nicht für die glücklichsten Illustrationen allgemeiner Wahrheiten und der untergeordneten Gesetze menschlichen Denkens und Handelns den Zitaten verpflichtet, nicht nur aus den tragischen Charakteren, sondern ebenso aus den Jaques, Falstaff und sogar aus den Narren und Clowns von Shakespeare oder aus dem Geizigen, Hypochonder und Heuchler von Molière! Sagen Sie nicht, dass ich Abstraktionen empfehle: denn diese Klassenmerkmale, die die Lehrhaftigkeit eines Charakters ausmachen, sind in jeder Person des Shakespeareschen Dramas so modifiziert und individualisiert, dass das Leben selbst nicht deutlicher jenes Gefühl der Individualität hervorruft, das zur wirklichen Existenz gehört. So paradox es klingen mag, eine der wesentlichen Eigenschaften der Geometrie ist für dramatische Vortrefflichkeit nicht weniger wesentlich, und (wenn ich seinen Namen ohne Pedanterie vor einer Dame erwähnen darf) Aristoteles hat daher vom Dichter eine Verwicklung des Allgemeinen im Individuellen gefordert. Die Hauptunterschiede sind, dass in der Geometrie die allgemeine Wahrheit selbst im Bewusstsein obenauf liegt, in der Dichtung die individuelle Form, in die die Wahrheit gekleidet ist. Bei den Alten, und nicht weniger bei den älteren Dramatikern Englands und Frankreichs, wurden Komödie und Tragödie als Arten der Dichtung betrachtet. Sie suchten in der Komödie weder uns nur zum Lachen zu bringen, noch viel weniger uns durch Fratzen, Zufälligkeiten von Jargon, Modewörter des Tages oder die Einkleidung alltäglicher Moral in Metaphern, die den Läden oder mechanischen Berufen ihrer Charaktere entlehnt sind, zum Lachen zu bringen; noch erniedrigten sie sich in der Tragödie dazu, den Beifall der Zuschauer zu erschmeicheln, indem sie ihnen Faksimiles ihrer eigenen armseligen Selbst in all ihrer existierenden Niedrigkeit vorführten, oder auf ihre trägen Sympathien durch ein Pathos einzuwirken, das um kein Haar respektabler ist als die rührseligen Tränen der Trunkenheit. Ihre tragischen Szenen sollten uns zwar bewegen, aber innerhalb der Grenzen des Vergnügens und in Verbindung mit der Tätigkeit sowohl unseres Verstandes als auch unserer Vorstellungskraft. Sie wünschten, den Geist zu einem Gefühl seiner möglichen Größe zu befördern und die Keime dieser Größe während der vorübergehenden Vergessenheit des wertlosen „Dings, das wir sind“ und des besonderen Zustands, in dem sich jeder Mensch gerade befindet, einzupflanzen; unsere individuellen Erinnerungen aussetzend und sie inmitten der Musik edlerer Gedanken in den Schlaf wiegend.
Halt! – (meine ich den Sprecher der Menge antworten zu hören, und wir wollen ihm zuhören. Ich bin der Kläger, und er der Beklagte.)
BEKLAGTER. Halt! Sind unsere modernen sentimentalen Stücke nicht mit der besten christlichen Moral gefüllt?
KLÄGER. Ja! Genau so viel davon, und genau der Teil davon, den man ohne eine einzige christliche Tugend ausüben kann – ohne ein einziges Opfer, das einem wirklich schmerzhaft ist! – genau so viel, wie einem schmeichelt, einen zufrieden mit dem eigenen Herzen entlässt und völlig versöhnt mit den eigenen Lastern, von denen man nie besonders schlecht denken kann, wenn sie in so guter Gesellschaft sind und Hand in Hand mit so viel Mitgefühl und Großzügigkeit gehen; eine Schmeichelei, so abscheulich, dass man dem Mann ins Gesicht spucken würde, der sie einem in einer privaten Gesellschaft anzubieten wagte, es sei denn, man deutete sie als beleidigende Ironie, eignet man sich mit unendlicher Befriedigung an, wenn man den Abfall mit dem ganzen Saustall teilt und ihn aus einem gemeinsamen Trog frisst. Kein Caesar darf über eure Bretter schreiten – kein Antonius, kein königlicher Däne, kein Orest, keine Andromache!
B. Nein: oder so wenige von ihnen wie möglich. Was hat ein schlichter Bürger von London oder Hamburg mit euren Königen und Königinnen und euren alten, schulmeisterlichen heidnischen Helden zu schaffen? Außerdem kennt jeder die Geschichten; und welche Neugier können wir empfinden----
K. Was, mein Herr, nicht für die Art und Weise? – nicht für die entzückende Sprache des Dichters? – nicht für die Situationen, das Wirken und Gegenwirken der Leidenschaften?
B. Sie sind hastig, mein Herr! Die einzige Neugier, die wir empfinden, liegt in der Geschichte: und wie können wir hinsichtlich des Endes eines Stücks besorgt sein oder davon überrascht werden, wenn wir wissen, wie es ausgehen wird?
K. Verzeihung, dass ich Sie unterbrochen habe! Wir verstehen uns nun. Sie suchen also in einer Tragödie, die weise Männer der Vorzeit für die höchste Anstrengung des menschlichen Genies hielten, dieselbe Befriedigung wie die, die Sie aus einem neuen Roman, der letzten deutschen Romanze und anderen Leckerbissen des Tages erhalten, die nur einmal genossen werden können. Wenn Sie diese Gefühle auf die Schwesterkunst der Malerei übertragen, können Michael Angelos Sixtinische Kapelle und die Schriftgalerie von Raffael keine Gunst bei Ihnen erwarten. Sie wissen vorher alles über sie; und sind zweifellos mit den Themen jener Gemälde vertrauter als mit den tragischen Erzählungen der historischen oder heroischen Zeitalter. Es gibt daher eine Konsequenz in Ihrer Vorliebe für zeitgenössische Schriftsteller: denn die großen Männer früherer Zeiten, zumindest jene, die von unseren Vorfahren als groß erachtet wurden, suchten so wenig, diese Art von Neugier zu befriedigen, dass sie die Geschichte in nicht viel anderem Licht betrachtet zu haben schienen, als der Maler seine Leinwand betrachtet: als das, worauf, nicht wodurch, sie ihre entsprechende Vortrefflichkeit entfalten sollten. Kein Werk, das einer Erzählung oder Romanze gleicht, kann wohl weniger Vielfalt der Erfindung in den Vorfällen oder weniger Ängstlichkeit beim Zusammenweben derselben zeigen als der DON QUIXOTE von Cervantes. Seine Bewunderer verspüren den Drang, zurückzugehen und irgendein vorhergehendes Kapitel mindestens zehnmal für einmal zu lesen, als dass sie irgendeine Eifer verspürten, sich vorwärts zu drängen: oder das Buch an jenen Stellen aufzuschlagen, an die sie sich am besten erinnern, genau wie wir jene Freunde am häufigsten besuchen, die wir am meisten lieben und mit deren Charakteren und Handlungen wir am vertrautesten sind. Beim göttlichen Ariost (wie seine Landsleute diesen, ihren geliebten Dichter nennen) bezweifle ich, ob es eine einzige Erzählung aus seiner eigenen Erfindung gibt, deren Elemente den Lesern der „alten Romanzen“ nicht vertraut waren. Ich übergehe die alten Griechen, die es sogar für eine Fabel der Tragödie für notwendig hielten, dass ihr Stoff zuvor bekannt sei. Dass es mindestens fünfzig Tragödien mit demselben Titel gegeben hatte, wäre eines der Motive, die Sophokles und Euripides bei der Wahl der Elektra als Thema bestimmten. Aber Milton--
B. Ja, Milton, wahrlich! – aber sagen uns Dr. Johnson und andere große Männer nicht, dass niemand heute Milton liest, außer als Pflichtübung?
K. Umso schlimmer für sie, von denen dies mit Wahrheit gesagt werden kann! Aber warum geben Sie dann vor, Shakespeare zu bewundern? Der größte Teil, wenn nicht alle seine Dramen, waren, was die Namen und die Hauptvorfälle betrifft, bereits gängige Stücke. Alle Geschichten zumindest, auf denen sie aufgebaut sind, existierten bereits in den Chroniken, Balladen oder Übersetzungen zeitgenössischer oder früherer englischer Schriftsteller. Warum, ich wiederhole es, geben Sie vor, Shakespeare zu bewundern? Ist es vielleicht so, dass Sie nur vorgeben, ihn zu bewundern? Wie dem auch sei, da Sie ein für alle Mal die wohlbekannten Ereignisse und Persönlichkeiten der Geschichte oder die epische Muse entlassen haben, was haben Sie an ihre Stelle gesetzt? Wen hat Ihre tragische Muse mit Schale und Dolch bewaffnet? Die sentimentale Muse hätte ich sagen sollen, die Sie auf den Thron der Tragödie gesetzt haben? Welche Helden hat sie auf ihre Kothurne gehoben?
B. O! unsere guten Freunde und nächsten Nachbarn – ehrliche Handwerker, tapfere Matrosen, hochherzige Offiziere außer Dienst, menschenfreundliche Juden, tugendhafte Kurtisanen, zartfühlende Kupferschmiede und sentimentale Rattenfänger! – (ein wenig schroff oder so, aber alle unsere sehr großzügigen, zartfühlenden Charaktere sind ein wenig unhöflich oder menschenfeindlich, und alle unsere Menschenfeinde sehr zartfühlend.)
K. Aber ich bitte Sie, mein Freund, in welche großen oder interessanten Handlungen können solche Männer verwickelt sein?
B. Sie verschenken eine Menge Geld; finden reiche Mitgiften für junge Männer und Mädchen, die alle anderen guten Eigenschaften haben; sie schüchtern Lords, Baronets und Friedensrichter ein (denn sie sind so mutig wie Hektor!) – sie retten Postkutschen in dem Augenblick, in dem sie über Abgründe stürzen; tragen Säuglinge in Sichtweite feindlicher Armeen fort; und einige unserer Darsteller spielen einen muskulösen, kräftigen Mann so perfekt, dass unsere dramatischen Dichter, die die Schauspieler immer im Auge haben, selten versäumen, ihre liebste männliche Figur so stark zu machen wie Samson. Und dann machen sie solche gewaltigen Sprünge!! Und was auf der Bühne getan wird, ist noch auffälliger, als was gespielt wird. Ich erinnere mich einmal an eine derart ohrenbetäubende Explosion, dass ich ein halbes Stück lang danach kein Wort von dem Stück hören konnte: und da gleichzeitig etwas echtes Schießpulver angezündet wurde und von allen Zuschauern gerochen wurde, war die Natürlichkeit der Szene ganz erstaunlich!
K. Aber wie können Sie mit solchen Männern und solchen Handlungen jene Abhängigkeit Tausender vom Schicksal eines Einzelnen verbinden, die den Personen Shakespeares und der griechischen Tragödiendichter ein so hohes Interesse verleiht? Wie können Sie mit ihnen das Erhabenste aller Gefühle verbinden, die Macht des Schicksals und die beherrschende Gewalt des Himmels, die die Charaktere zu erheben scheint, die unter ihrem unwiderstehlichen Schlag zusammensinken?
B. O bloße Phantasien! Wir suchen und finden auf der gegenwärtigen Bühne unsere eigenen Bedürfnisse und Leidenschaften, unsere eigenen Verärgerungen, Verluste und Verlegenheiten.
K. Es ist also Ihre eigene arme, kleinliche Natur, die Sie vor sich dargestellt haben wollen? – nicht die menschliche Natur in ihrer Höhe und Kraft? Aber sicher könnten Sie erstere mit all ihren Freuden und Leiden bequemer in Ihren eigenen Häusern und Gemeinden finden.
B. Wahr! Aber hier kommt ein Unterschied. Das Glück ist blind, aber der Dichter hat seine Augen offen und ist zudem so gefällig, wie das Glück launisch ist. Er lässt alles genau so ausgehen, wie wir es uns wünschen würden. Er erfreut uns, indem er diejenigen als hassenswert oder verachtenswert darstellt, die wir hassen und verachten wollen.
K. (beiseite.) Das heißt, er befriedigt Ihren Neid, indem er Ihre Vorgesetzten verleumdet.
D. Er lässt all jene präzisen Moralisten, die sich den Anschein geben, besser als ihre Nächsten zu sein, am Ende als erbärmliche Heuchler, Verräter und hartherzige Schurken dastehen; und eure Männer von Welt, die sich ihr Mädchen und ihr Glas mit gleicher Freiheit nehmen, erweisen sich als die wahren Ehrenmänner und – damit kein Teil des Publikums unzufrieden bleibt – bessern sich in der letzten Szene und lassen bei den Damen keinen Zweifel daran, dass sie treue und vortreffliche Ehemänner abgeben werden: obgleich es ein Jammer zu sein scheint, dass sie gezwungen sein sollen, Eigenschaften loszuwerden, die sie so interessant gemacht hatten! Zudem werden die Armen auf einen Schlag reich; und bei der endgültigen Wahl des Ehepartners werden selbst die Wohlhabenden und Hochgeborenen dazu gebracht zu bekennen, DASS TUGEND DER EINZIGE WAHRE ADEL IST UND DASS EINE REIZENDE FRAU EINE MITGIFT AN SICH SELBST DARSTELLT!!
P. Ausgezeichnet! Aber Sie haben jene brillanten Blitze der Loyalität vergessen, jene patriotischen Lobpreisungen auf den König und das Alte England, die, besonders wenn sie in einer Metapher aus der Schifffahrt oder dem Handel vorgebracht werden, so oft um den Beifall des Publikums buhlen und ihn so unfehlbar erhalten! Ich rechne es Ihrer Klugheit hoch an, dass Sie das ausgelassen haben. Denn das gesamte System Ihres Dramas ist ein moralischer und intellektueller Jakobinismus der gefährlichsten Art, und jene alltäglichen Tiraden der Loyalität sind bei Ihren Dramatikern nichts als Heuchelei, und Ihr eigenes Mitgefühl mit ihnen ist eine grobe Selbsttäuschung. Denn das ganze Geheimnis dramatischer Popularität besteht bei Ihnen in der Verwirrung und Umwälzung der natürlichen Ordnung der Dinge, ihrer Ursachen und Wirkungen; im Erregen von Überraschung, indem man die Eigenschaften von Freigebigkeit, feinem Gefühl und einem ausgeprägten Ehrgefühl (oder vielmehr jene Dinge, die bei Ihnen dafür durchgehen) bei Personen und in gesellschaftlichen Klassen darstellt, wo uns die Erfahrung am wenigsten gelehrt hat, sie zu erwarten; und indem man die Sympathien, die der Tugend gebühren, jenen Kriminellen zuteilwerden lässt, die Gesetz, Vernunft und Religion aus unserer Wertschätzung verbannt haben!
Und nun – gute Nacht! Wahrlich! Ich hätte diesen letzten Bogen schreiben können, ohne nach Deutschland gereist zu sein; aber ich stellte mir vor, wie ich an Ihrem eigenen Kamin mit Ihnen spreche, und glauben Sie, es sei für mich ein geringes Vergnügen, hier und da zu vergessen, dass ich nicht dort bin? Außerdem haben Sie und meine anderen guten Freunde sich mit mir so abgefunden, wie ich bin, und von welchem Ort ich auch schreibe, Sie werden erwarten, dass ein Teil meiner „Reisen“ aus Exkursionen in meinem eigenen Geist bestehen wird.
BRIEF III
RATZEBURG. Kein kleiner Fisch, der wieder ins Wasser zurückgeworfen wurde, keine Fliege, die aus der Hand eines Kindes befreit wurde, könnte ihr Element lebhafter genießen als ich dieses saubere und friedliche Haus mit diesem herrlichen Blick auf die Stadt, die Haine und den See von Ratzeburg aus dem Fenster, an dem ich schreibe. Mein Geist jedenfalls, und meine Gesundheit, wie ich mir einbildete, begannen unter dem Lärm, dem Schmutz und der ungesunden Luft unseres Hamburger Hotels zu leiden. Ich verließ es am Sonntag, den 23. September, mit einem Empfehlungsschreiben des Dichters Klopstock an den Amtmann von Ratzeburg. Der Amtmann empfing mich freundlich und stellte mich dem würdigen Pastor vor, der sich bereit erklärte, mich für eine beliebige Zeit, nicht unter einem Monat, zu verpflegen und zu beherbergen. Das Gefährt, in dem ich Platz nahm, war beträchtlich größer als eine englische Postkutsche, zu der es ungefähr dasselbe Verhältnis und jene grobe Ähnlichkeit hatte, die das Ohr eines Elefanten zum menschlichen Ohr hat. Sein Dach bestand aus nackten Brettern von unterschiedlicher Farbe, die den Anschein hatten, Teile verschiedener Täfelungen gewesen zu sein. Anstelle von Fenstern gab es lederne Vorhänge mit jeweils einem kleinen Guckloch aus Glas: Sie erfüllten vollkommen den Zweck, die Aussicht auszuschließen und die Kälte einzulassen. Ich konnte daher wenig beobachten, außer den Gasthöfen und Bauernhäusern, an denen wir anhielten. Sie waren alle gleich, bis auf die Größe: ein großer Raum, wie eine Scheune, mit einem Heuboden darüber, wobei das Stroh und Heu in Büscheln durch die Bretter hingen, die die Decke des Raumes und den Boden des Bodens bildeten. Von diesem Raum, der wie eine Straße gepflastert ist, sind an einem Ende meist ein oder zwei kleinere Räume abgeteilt. Diese sind gewöhnlich gedielt. In dem großen Raum leben Vieh, Schweine, Geflügel, Männer, Frauen und Kinder in friedlicher Gemeinschaft; dennoch gab es einen Anschein von Sauberkeit und bäuerlicher Behaglichkeit. Eines dieser Häuser habe ich vermessen. Es war hundert Fuß lang. Die Wohnräume waren von einer Ecke abgetrennt. Zwischen diesen und den Ställen gab es einen kleinen Zwischenraum, und hier betrug die Breite achtundvierzig Fuß, aber zweiunddreißig dort, wo die Ställe waren; natürlich waren die Ställe auf jeder Seite acht Fuß tief. Die Gesichter der Kühe usw. waren dem Raum zugewandt; tatsächlich waren sie darin, sodass sie wenigstens den Trost hatten, ihre Gesichter gegenseitig zu sehen. Stallfütterung ist in diesem Teil Deutschlands allgemein üblich, eine Praxis, über die der Landwirt und der Dichter wahrscheinlich gegensätzliche Meinungen hegen – oder zumindest sehr unterschiedliche Empfindungen. Das Holzwerk dieser Gebäude an der Außenseite ist unverputzt gelassen, wie bei alten Häusern bei uns, und da es rot und grün gestrichen ist, wirkt es sehr fröhlich geschnitten und mosaikartig. Von drei Meilen vor Hamburg bis fast nach Mölln, das dreißig Meilen davon entfernt liegt, war die Landschaft, soweit ich sie sehen konnte, ein toter flacher Boden, nur abgewechselt durch Wälder. Bei Mölln wurde es schöner. Ich bemerkte einen kleinen See, der fast von Hainen umgeben war, und in Sichtweite ein Schloss, das dem König von Großbritannien gehörte und vom Oberförster bewohnt wurde. Wir brauchten fast genauso lange für die Reise der fünfunddreißig Meilen von Hamburg nach Ratzeburg, wie wir von London nach Yarmouth gebraucht hatten, einhundertsechsundzwanzig Meilen.
Der Ratzeburger See verläuft von Süden nach Norden, ist etwa neun Meilen lang und variiert in der Breite von drei Meilen bis zu einer halben Meile. Etwa eine Meile vom südlichsten Punkt entfernt ist er durch eine Insel in zwei, natürlich sehr ungleiche, Teile geteilt, die, durch eine Brücke und einen schmalen Landstreifen mit dem einen Ufer und durch eine andere Brücke von immenser Länge mit dem anderen Ufer verbunden, eine vollständige Landenge bildet. Auf dieser Insel ist die Stadt Ratzeburg erbaut. Das Haus des Pastors oder Pfarrhaus steht zusammen mit dem des Amtmanns, des Amtsschreibers und der Kirche nahe dem Gipfel eines Hügels, der zum Landstreifen und der kleinen Brücke hin abfällt, von wo aus man durch ein prächtiges militärisches Tor die Inselstadt Ratzeburg betritt. Dies ist wiederum selbst ein kleiner Hügel, durch dessen Auf- und Abstieg man zur langen Brücke und so zum anderen Ufer gelangt. Das Wasser südlich der Stadt wird der Kleine See genannt, der jedoch fast alle Schönheiten des Ganzen in sich vereint, da die Ufer gerade oft genug grün und kahl sind, um den prächtigen Hainen, die den größeren Teil ihres Umfangs einnehmen, die richtige Wirkung zu verleihen. Durch die Windungen, Krümmungen und Einbuchtungen des Ufers verändern sich die Aussichten fast alle zehn Schritte, und das Ganze hat eine Art majestätischer Schönheit, eine weibliche Größe. Im Norden des Großen Sees, und darüber hervorlugend, sehe ich die sieben Kirchtürme von Lübeck in einer Entfernung von zwölf oder dreizehn Meilen, doch so deutlich, als wären sie nicht drei entfernt. Der einzige Mangel in der Aussicht ist, dass Ratzeburg vollständig aus roten Ziegeln erbaut ist und alle Häuser mit roten Ziegeln gedeckt sind. Für das Auge präsentiert es sich daher als ein Klumpen von Ziegelstaubrot. Doch an diesem Abend, den 10. Oktober, zwanzig Minuten nach fünf, sah ich die Stadt vollkommen schön, und das Ganze war in völlige Harmonie sanft abgemildert, wenn ich einen Begriff von den Malern entleihen darf. Der Himmel über Ratzeburg und dem gesamten Osten war ein reines Abendblau, während er über dem Westen mit leichten sandigen Wolken bedeckt war. Daher verbreitete sich ein tiefrotes Licht über das gesamte Panorama, in ungestörter Harmonie mit der roten Stadt, den braunroten Wäldern und dem gelbroten Schilf am Rande des Sees. Zwei oder drei Boote, in denen einzelne Personen paddelten, schwebten im reichen Licht auf und ab, das nicht nur selbst in Harmonie mit allem war, sondern auch alles in Einklang brachte.
Ich hätte Ihnen sagen sollen, dass ich am Donnerstag (den 27. September) nach Hamburg zurückkehrte, um Abschied von meinem Freund zu nehmen, der südwärts reist, und am darauf folgenden Montag wieder hierher zurückkehrte. Von Empfelde, einem Dorf auf halbem Weg von Ratzeburg, ging ich zu Fuß nach Hamburg durch tiefsandige Straßen und eine trostlose Ebene: der Boden überall weiß, hungrig und übermäßig zerrieben; aber die Annäherung an die Stadt ist angenehm. Helle, kühle Landhäuser, durch die man hindurchsehen und die Gärten dahinter erkennen kann, mit Laubengängen und Gitterwerk sowie dichten pflanzlichen Wänden und Bäumen in Kreuzgängen und Arkaden, jedes Haus mit ordentlichen Geländern davor und grünen Sitzen innerhalb der Geländer. Jedes Objekt, ob ein Gewächs der Natur oder das Werk des Menschen, war ordentlich und künstlich. Es gefiel mir weitaus besser, als wenn die Häuser und Gärten und Lustplätze in einem edleren Geschmack gewesen wären: denn dieser edlere Geschmack wäre bloße Afferei gewesen. Der geschäftige, ängstliche, geldliebende Kaufmann von Hamburg hätte die Einfachheit der Natur nur annehmen, er hätte sie nicht genießen können. Der Geist beginnt, die Natur zu lieben, indem er menschliche Bequemlichkeiten in der Natur nachahmt; aber dies ist ein Schritt im Intellekt, wenn auch ein niedriger – und wäre es nicht so, so sprach doch alles um mich herum von unschuldigem Vergnügen und sinnlichen Annehmlichkeiten, und ich trat mit unbedenklicher Anteilnahme in die Vergnügungen und Annehmlichkeiten selbst der geschäftigen, ängstlichen, geldliebenden Kaufleute von Hamburg ein. In dieser mildtätigen und allgemeinen Stimmung erreichte ich die riesigen Wälle der Stadt. Dies sind gewaltige grüne Kissen, eines über dem anderen ansteigend, mit Bäumen, die in den Zwischenräumen wachsen, Unterpfänder und Symbole eines langen Friedens. Von meiner Rückkehr habe ich nichts Mitteilenswertes, außer dass ich Extrapost nahm, was dem Postwesen in England entspricht. Diese norddeutschen Postkutschen sind ungedeckte Weidenkörbe. Ein englischer Müllkarren ist ein Stück Zierrat, ein Meisterwerk der Mechanik im Vergleich zu ihnen und den Pferden! – ein Wilder könnte ihre Rippen statt seiner Finger als Rechenbrett benutzen. Wo auch immer wir anhielten, fütterte der Postillion seine Tiere mit dem braunen Roggenbrot, von dem er selbst aß, wobei alle zusammen frühstückten; nur hatten die Pferde keinen Schnaps zu ihrem Wasser, und der Postillion kein Wasser zu seinem Schnaps. Nun und von jetzt an zu Themen, die für Sie von größerem Interesse sind, und zu den Objekten, auf deren Suche ich Sie verließ: nämlich die Literaten und die Literatur Deutschlands.
Glauben Sie mir, ich ging mit einem Eindruck der Ehrfurcht im Geist, als W---- und ich Herrn Klopstock zum Haus seines Bruders, des Dichters, begleiteten, das etwa eine Viertelmeile vom Stadttor entfernt steht. Es ist eines einer Reihe von kleinen, alltäglichen Sommerhäusern (denn so sahen sie aus), mit vier oder fünf Reihen junger, magerer Ulmen vor den Fenstern, hinter denen sich eine Grünfläche befindet und dann eine tote Ebene, die von mehreren Straßen durchschnitten wird. Welche Schönheit (dachte ich) auch immer vor den Augen des Dichters gegenwärtig sein mag, sie muss sicherlich rein seiner eigenen Schöpfung entspringen. Wir warteten einige Minuten in einem ordentlichen kleinen Salon, der mit den Figuren zweier Musen und mit Drucken verziert war, deren Themen aus Klopstocks Oden stammten. Der Dichter trat ein. Ich war von seinem Gesichtsausdruck sehr enttäuscht und erkannte darin keine Ähnlichkeit mit der Büste. Da war kein Verständnis in der Stirn, kein Gewicht über den Augenbrauen, kein Ausdruck von Eigentümlichkeit, moralisch oder intellektuell, in den Augen, keine Massivität im allgemeinen Antlitz. Er ist, wenn überhaupt, eher unterdurchschnittlich groß. Er trug sehr große halbe Stiefel, die seine Beine ausfüllten, so fürchterlich waren sie geschwollen. Obwohl jedoch weder W---- noch ich irgendwelche Anzeichen von Erhabenheit oder Enthusiasmus in seiner Physiognomie entdecken konnten, waren wir beide gleichermaßen von seiner Lebhaftigkeit und seiner freundlichen und bereiten Höflichkeit beeindruckt. Er sprach Französisch mit meinem Freund und brachte mit Schwierigkeiten ein paar Sätze auf Englisch mit mir hervor. Seine Aussprache war durch das völlige Fehlen seiner oberen Zähne in keiner Weise beeinträchtigt. Das Gespräch begann seinerseits mit dem Ausdruck seiner Entzückung über die Kapitulation der Abteilung französischer Truppen unter General Humbert. Ihr Vorgehen in Irland in Bezug auf das Komitee, das sie ernannt hatten, mit dem Rest ihres Organisationssystems, schien dem Dichter große Unterhaltung bereitet zu haben. Er erklärte dann seinen zuversichtlichen Glauben an Nelsons Sieg und erwartete dessen Bestätigung mit einer scharfen und triumphierenden Freude. Seine Worte, Töne, Blicke implizierten den heftigsten Anti-Gallikanismus. Das Thema wechselte zur Literatur, und ich erkundigte mich auf Latein nach der Geschichte der deutschen Poesie und den älteren deutschen Dichtern. Zu meinem großen Erstaunen gestand er, dass er sehr wenig über das Thema wisse. Er habe zwar gelegentlich ein oder zwei ihrer älteren Schriftsteller gelesen, aber nicht so, dass er über ihre Verdienste sprechen könnte. Professor Ebeling, sagte er, würde mir wahrscheinlich jede Information dieser Art geben können: Das Thema habe seine Neugier nicht besonders geweckt. Er sprach dann von Milton und Glover und hielt Glovers Blankvers für dem von Milton überlegen. W---- und ich drückten unser Erstaunen aus: und mein Freund gab seine Definition und Vorstellung von harmonischem Vers, dass er (der englische jambische Blankvers vor allem) in der geschickten Anordnung von Pausen und Kadenzen bestehe sowie im Schwung ganzer Absätze,
„mit vielen windenden Schlingen von verknüpfter Süße, lange hingezogen“,
und nicht im gleichmäßigen Fluss, noch weniger in der Hervorhebung von antithetischer Kraft einzelner Zeilen, die tatsächlich schädlich für den Gesamteindruck waren, außer wenn sie für einen bestimmten Zweck eingeführt wurden. Klopstock stimmte zu und sagte, er meine, Glovers Überlegenheit auf einzelne Zeilen zu beschränken. Er erzählte uns, dass er Milton in einer Übersetzung in Prosa gelesen habe, als er vierzehn war [77]. Ich selbst verstand ihn so, und W---- interpretierte Klopstocks Französisch, wie ich es bereits ausgelegt hatte. Er schien sehr wenig von Milton oder tatsächlich von unseren Dichtern im Allgemeinen zu wissen. Er sprach mit großer Entrüstung über die englische Prosaübersetzung seines MESSIAS. Alle Übersetzungen seien schlecht gewesen, sehr schlecht – aber die englische sei keine Übersetzung gewesen – es gab Seiten über Seiten, die nicht im Original standen – und die Hälfte des Originals sei in der Übersetzung nicht zu finden gewesen. W---- sagte ihm, dass ich beabsichtige, ein paar seiner Oden als Beispiele deutscher Lyrik zu übersetzen – er sagte dann zu mir auf Englisch: „Ich wünschte, Sie würden einige ausgewählte Passagen des MESSIAS ins Englische übertragen und mich an Ihrem Landsmann rächen!“ Es war das Lebhafteste, was er im gesamten Gespräch hervorbrachte. Er erzählte uns, dass seine erste Ode fünfzig Jahre älter sei als seine letzte. Ich betrachtete ihn mit großer Rührung – ich betrachtete ihn als den ehrwürdigen Vater der deutschen Poesie; als einen guten Mann; als einen Christen; vierundsiebzig Jahre alt; mit enorm geschwollenen Beinen; doch aktiv, lebhaft, fröhlich und freundlich und mitteilsam. Meine Augen fühlten sich an, als würde eine Träne in sie steigen. Im Porträt von Lessing gab es eine Toupet-Perücke, die die Wirkung seiner Physiognomie enorm beeinträchtigte – Klopstock trug dieselbe, gepudert und gekräuselt. Übrigens sollten alte Männer niemals Puder tragen – der Kontrast zwischen einer großen, schneeweißen Perücke und der Farbe der Haut eines alten Mannes ist abscheulich, und Falten erscheinen in einer solchen Nachbarschaft nur als Kanäle für Schmutz. Es ist eine Ehre für Dichter und große Männer, dass man an sie als Teile der Natur denkt; und alles an Kniffen und Mode kränkt einen bei ihnen genauso, wie wenn man ehrwürdige Eiben in erbärmliche Pfauen gestutzt sieht. – Der Autor des MESSIAS hätte sein eigenes graues Haar tragen sollen. – Sein Puder und seine Perücke waren für das Auge das, was Herr Virgil für das Ohr wäre.
Klopstock legte viel Gewicht auf die überlegene Kraft, die die deutsche Sprache besaß, Bedeutung zu konzentrieren. Er sagte, er habe oft Teile von Homer und Virgil Zeile für Zeile übersetzt, und eine deutsche Zeile erwies sich immer als ausreichend für eine griechische oder lateinische. Im Englischen könne man dies nicht tun. Ich antwortete, dass wir im Englischen gewöhnlich eine griechische heroische Zeile in anderthalb Zeilen unseres gewöhnlichen heroischen Metrums wiedergeben könnten, und ich vermutete, dass diese anderthalb Zeilen nicht mehr Silben enthielten als ein deutscher oder griechischer Hexameter. Er verstand mich nicht [78]: und ich, der ich seine Meinungen hören wollte, nicht sie korrigieren, war froh, dass er es nicht tat.
Wir verabschiedeten uns nun. Zu Beginn der Französischen Revolution schrieb Klopstock Glückwunsch-Oden. Er erhielt einige Ehrengeschenke von der Französischen Republik (eine goldene Krone, glaube ich) und wurde, wie unser Priestley, zu einem Sitz in der Legislative eingeladen, was er ablehnte. Aber als sich die französische Freiheit in eine Furie verwandelte, sandte er diese Geschenke mit einer Palinodie zurück und erklärte seinen Abscheu vor ihrem Vorgehen: und seither ist er vielleicht mehr als genug ein Anti-Gallikaner. Ich meine, dass er sich in seiner gerechten Verachtung und Abscheu vor den Verbrechen und Torheiten der Revolutionäre dazu verleiten lässt, zu vergessen, dass die Revolution selbst ein Prozess der göttlichen Vorsehung ist; und dass, wie die Torheit der Menschen die Weisheit Gottes ist, so sind ihre Ungerechtigkeiten Instrumente seiner Güte. Von Klopstocks Haus gingen wir zu den Wällen und sprachen über den Dichter und sein Gespräch, bis unsere Aufmerksamkeit auf die Schönheit und Einzigartigkeit des Sonnenuntergangs und seine Wirkung auf die Objekte um uns herum gelenkt wurde. In der Ferne waren Wälder. Ein sattes sandiges Licht (nein, von einer viel tieferen Farbe als sandig) lag über diesen Wäldern, die in der Glut schwärzer wurden. Über jenem Teil der Wälder, der unmittelbar unter dem intensiveren Licht lag, schwebte ein messingfarbener Nebel. Die Bäume auf den Wällen und die Menschen, die sich zwischen ihnen hin und her bewegten, waren in gleiche Segmente aus tiefem Schatten und messingfarbenem Licht geschnitten oder geteilt. Wären die Bäume und die Körper der Männer und Frauen mit einem Lineal oder Zirkel in gleiche Segmente geteilt worden, die Teile hätten nicht regelmäßiger sein können. Alles andere war dunkel. Es war eine Feenszene! – und um ihren romantischen Charakter zu verstärken, war unter den sich bewegenden Objekten, die so in abwechselnden Schatten und Helligkeit geteilt waren, ein wunderschönes Kind, gekleidet mit der eleganten Einfachheit eines englischen Kindes, auf einer stattlichen Ziege reitend, deren Sattel, Zaumzeug und anderes Zubehör in hohem Maße kostspielig und prächtig waren. Bevor ich das Thema Hamburg verlasse, lassen Sie mich sagen, dass ich einen Tag oder zwei länger blieb, als ich es sonst getan hätte, um beim Fest des Heiligen Michael, des Schutzpatrons von Hamburg, anwesend zu sein, in der Erwartung, den bürgerlichen Pomp dieser kommerziellen Republik zu sehen. Ich wurde jedoch enttäuscht. Es gab keine Prozessionen, zwei oder drei Predigten wurden zwei oder drei alten Frauen in zwei oder drei Kirchen gehalten, und der Heilige Michael und sein Patronat wurden von den höheren Klassen woandershin gewünscht, da alle Vergnügungsstätten, Theater usw. an diesem Tag geschlossen waren. In Hamburg scheint es gar keine Religion zu geben; in Lübeck ist sie auf die Frauen beschränkt. Die Männer schienen entschlossen zu sein, sich in der anderen Welt von ihren Frauen scheiden zu lassen, wenn sie es in dieser nicht können. Sie werden sich nicht leicht einen eigentümlicheren Anblick vorstellen können, als ihn das riesige Kirchenschiff der Hauptkirche in Lübeck bietet, gesehen von der Orgelempore: denn da es mit weiblichen Dienstboten und Personen der gleichen sozialen Klasse gefüllt ist und alle ihre Hauben goldene und silberne Kappen haben, erscheint es wie ein reiches Pflaster aus Gold und Silber.
Ich werde diesen Brief mit der bloßen Abschrift von Notizen schließen, die mein Freund W---- von seinen Unterhaltungen mit Klopstock während der Zusammenkünfte machte, welche nach meiner Abreise stattfanden. Über diese werde ich gegenwärtig nur eine Bemerkung machen, und sie wird eine anmaßende erscheinen, nämlich, dass Klopstocks Bemerkungen über den ehrwürdigen Weisen von Königsberg meines Wissens nach verletzend und irrtümlich sind; und es ist so weit davon entfernt wahr zu sein, dass sein System nun aufgegeben sei, dass es an den Universitäten Deutschlands keinen einzigen Professor gibt, der nicht entweder ein Kantianer oder ein Schüler Fichtes ist, dessen System auf dem Kantischen aufbaut und dessen Wahrheit voraussetzt; oder schließlich, der, wenn auch ein Gegner Kants in Bezug auf dessen theoretisches Werk, nicht ganz oder teilweise sein moralisches System angenommen und einen Teil seiner Nomenklatur übernommen hätte. „Da Klopstock Cumberlands CALVARY sehen wollte und fragte, was man in England davon halte, ging ich zu Remnant (dem englischen Buchhändler), wo ich die Analytical Review beschaffte, welche die Rezension von Cumberlands CALVARY enthält. Ich erinnerte mich, dort einige Proben einer Übersetzung des MESSIAH in Blankversen gelesen zu haben. Ich hatte dies gegenüber Klopstock erwähnt, und er hatte den großen Wunsch, sie zu sehen. Ich ging zu seinem Haus und legte ihm das Buch in die Hände. Als wir auf sein eigenes Gedicht zu sprechen kamen, erzählte er mir, er habe mit dem MESSIAH begonnen, als er siebzehn war; er widmete drei ganze Jahre dem Plan, ohne eine einzige Zeile zu verfassen. Er war sehr ratlos, auf welche Weise er sein Werk ausführen solle. Es gab vor dieser Zeit keine gelungenen Beispiele für Versifizierung in der deutschen Sprache. Die ersten drei Gesänge schrieb er in einer Art gemessener oder rhythmisierter Prosa. Dies, obwohl mit viel Mühe und einigem Erfolg getan, befriedigte ihn bei weitem nicht. Er hatte als Schulübung Hexameter sowohl auf Lateinisch als auch auf Griechisch verfasst, und es hatte auch in der deutschen Sprache Versuche in diesem Versmaß gegeben. Diese waren nur von sehr mäßigem Verdienst. – Eines Tages kam ihm der Gedanke, was sich auf diese Weise erreichen ließe – er blieb einen ganzen Tag in seinem Zimmer, ging sogar ohne Mittagessen, und fand, dass er am Abend dreiundzwanzig Hexameter geschrieben hatte, indem er einen Teil dessen versifizierte, was er zuvor in Prosa geschrieben hatte. Von da an, zufrieden mit seinen Bemühungen, verfasste er nichts mehr in Prosa. Heute teilte er mir mit, er habe seinen Plan beendet, bevor er Milton las. Er war entzückt, einen Autor zu sehen, der vor ihm denselben Pfad betreten hatte. Dies ist ein Widerspruch zu dem, was er vorher sagte. Er wollte mit niemandem über sein Gedicht sprechen, bis es fertig war: aber einige seiner Freunde, die gesehen hatten, was er vollendet hatte, quälten ihn, bis er einwilligte, einige Bücher in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. Er war damals, glaube ich, sehr jung, etwa fünfundzwanzig. Der Rest wurde zu verschiedenen Zeiten gedruckt, jeweils vier Bücher auf einmal. Die Aufnahme, die den ersten Proben zuteilwurde, war höchst schmeichelhaft. Er brauchte fast dreißig Jahre, um das ganze Gedicht zu beenden, aber von diesen dreißig Jahren wurden nicht mehr als zwei für die Komposition aufgewendet. Er komponierte nur in günstigen Augenblicken; außerdem hatte er andere Beschäftigungen. Er hält viel auf den Aufbau seiner Oden und wirft den modernen lyrischen Dichtern ein grobes Defizit in dieser Hinsicht vor. Ich erhob denselben Vorwurf gegen Horaz: er wollte nichts davon hören – aber wich der Diskussion aus. Er nannte Rousseaus ODE AN DAS GLÜCK eine moralische Abhandlung in Strophen. Ich sprach von Drydens ST. CECILIA; aber er schien mit unseren Schriftstellern nicht vertraut zu sein. Er wollte die Unterschiede zwischen unserem dramatischen und epischen Blankvers wissen. Er empfahl mir, seinen HERMANN zu lesen, bevor ich entweder den MESSIAH oder die Oden lese. Er schmeichelte sich damit, dass seine dramatischen Gedichte eines Tages in England bekannt sein würden. Er hatte nichts von Cowper gehört. Er meinte, Voss habe in seiner Übersetzung der ILIAS Gewalt gegen das Idiom der Deutschen verübt und es den Griechen geopfert, wobei er nicht genügend bedachte, dass jede Sprache ihren eigenen Geist und ihr eigenes Genie hat. Er sagte, Lessing sei der erste ihrer dramatischen Schriftsteller. Ich beklagte mich über NATHAN als langweilig. Er sagte, es sei nicht genug Handlung darin; aber Lessing sei der keuscheste ihrer Schriftsteller. Er sprach sich günstig über Goethe aus; sagte aber, seine LEIDEN DES JUNGEN WERTHER seien sein bestes Werk, besser als jedes seiner Dramen: er ziehe das zuerst geschriebene den übrigen Dramen Goethes vor. Schillers RÄUBER fand er so extravagant, dass er sie nicht lesen konnte. Ich sprach von der Szene des untergehenden Sonnenuntergangs. Er kannte sie nicht. Er sagte, Schiller könne nicht bestehen. Er hielt DON CARLOS für das beste seiner Dramen; sagte aber, der Plot sei unentwirrbar. – Es war offensichtlich, dass er wenig von Schillers Werken wusste: tatsächlich sagte er, er könne sie nicht lesen. Bürger, sagte er, sei ein wahrer Dichter und werde fortbestehen; dass Schiller hingegen bald vergessen sein müsse; dass er sich der Nachahmung Shakespeares hingebe, der oft extravagant war, aber dass Schiller zehntausendmal mehr so sei. Er sprach sehr geringschätzig von Kotzebue, zunächst als einem unmoralischen Autor, und zweitens als einem an Kraft Mangelnden. In Wien, sagte er, sei man hingerissen von ihm; aber wir rechnen die Leute von Wien weder zu den klügsten noch zu den geistreichsten Leuten Deutschlands. Er sagte, Wieland sei ein bezaubernder Autor und ein souveräner Meister seiner eigenen Sprache: dass Goethe in dieser Hinsicht nicht mit ihm verglichen werden könne, und tatsächlich auch niemand sonst. Er sagte, sein Fehler sei es, fruchtbar bis zur Ausgelassenheit zu sein. Ich sagte ihm, der OBERON sei gerade ins Englische übersetzt worden. Er fragte mich, ob ich nicht entzückt von dem Gedicht sei. Ich antwortete, dass ich meinte, die Geschichte beginne etwa beim siebten oder achten Buch zu erlahmen; und merkte an, dass es eines Mannes von Genie unwürdig sei, das Interesse eines langen Gedichts gänzlich auf tierische Befriedigung zu gründen. Er schien zunächst geneigt, dies damit zu entschuldigen, dass es verschiedene Themen für die Dichtkunst gebe und dass Dichter nicht bereit seien, sich in ihrer Wahl einschränken zu lassen. Ich antwortete, dass ich die Leidenschaft der Liebe ebenso gut für die Zwecke der Dichtkunst geeignet hielt wie jede andere Leidenschaft; aber dass es ein billiger Weg sei zu gefallen, wenn man die Aufmerksamkeit des Lesers durch ein langes Gedicht hindurch nur auf den bloßen Appetit fixiere. Nun! aber, sagte er, Sie sehen doch, dass solche Gedichte jedem gefallen. Ich antwortete, dass es die Aufgabe eines großen Dichters sei, die Menschen auf sein eigenes Niveau zu heben, nicht auf ihres herabzusteigen. Er stimmte zu und gestand, dass er unter keinen Umständen ein Werk wie den OBERON geschrieben hätte. Er sprach in schwärmerischen Tönen von Wielands Stil und wies auf die Passage hin, in der Retzia ihr Kind gebiert, als exzellent schön. Ich sagte, dass ich keine sehr auffälligen Passagen wahrnehme; aber dass ich die Unvollkommenheiten einer Übersetzung berücksichtige. Über die Diebstähle Wielands sagte er, sie seien so meisterhaft gehandhabt, dass die größten Schriftsteller stolz darauf sein könnten, so zu stehlen, wie er es tat. Er betrachtete die Bücher und Fabeln alter Romanzenschreiber im Lichte der antiken Mythologie als eine Art Gemeineigentum, aus dem ein Mann frei nehmen könne, was immer er gut zu nutzen wisse. Ein Engländer hatte ihm die Oden von Collins geschenkt, die er mit Vergnügen gelesen hatte. Er wusste wenig oder gar nichts von Gray, außer seiner ELEGY written in a country CHURCH-YARD. Er beklagte sich über den Narren in LEAR. Ich bemerkte, dass er dem Leid eine schreckliche Wildheit zu verleihen scheine; aber er beklagte sich dennoch. Er fragte, ob man nicht zugebe, dass Pope gereimte Dichtung mit mehr Geschick geschrieben habe als jeder unserer Schriftsteller – ich sagte, ich ziehe Dryden vor, weil seine Reimpaare eine größere Vielfalt in ihrem Fluss hätten. Er hielt meinen Grund für einen guten; fragte aber, ob der Reim bei Pope nicht exakter sei. Diese Frage verstand ich als auf die Endungen bezogen und merkte ihm gegenüber an, dass ich glaubte, dies sei der Fall; dass ich es aber für leicht hielte, einige Ungenauigkeiten in den Endlauten zu entschuldigen, wenn der allgemeine Schwung des Verses überlegen sei. Ich sagte ihm, dass wir bezüglich der Endungen der Zeilen nicht so exakt seien wie die Franzosen. Er schien nicht zu wissen, dass wir keinen Unterschied zwischen maskulinen und femininen (d. h. einfachen oder doppelten) Reimen machten: zumindest stellte er mir diesbezüglich Fragen. Er schien zu glauben, dass keine Sprache so weit geformt sein könne, dass sie nicht durch Idiome bereichert werden könne, die aus einer anderen Zunge entlehnt sind. Ich sagte, dies sei eine sehr gefährliche Praxis; und fügte hinzu, dass ich meinte, Milton habe oft sowohl seine Prosa als auch seine Verse verletzt, indem er diese Freiheit zu häufig ergriff. Ich empfahl ihm die Prosawerke von Dryden als Modelle für reines und ursprüngliches Englisch. Ich begab mich auf heikles Terrain, da ich Grund zu der Annahme habe, dass er selbst sich dieser Praxis freigiebig hingegeben hat.“
Am selben Tag speiste ich bei Herrn Klopstock, wo ich das Vergnügen einer dritten Zusammenkunft mit dem Dichter hatte. Wir sprachen hauptsächlich über gleichgültige Dinge. Ich fragte ihn, was er von Kant halte. Er sagte, dessen Ruf sei in Deutschland sehr im Schwinden. Dass er seinerseits nicht überrascht sei, dies so zu finden, da ihm die Werke Kants völlig unbegreiflich seien – dass er oft von den Kantianern belästigt worden sei; aber selten in der Praxis stehe, mit ihnen zu streiten. Seine Gewohnheit sei es, das Buch hervorzuholen, es aufzuschlagen und auf eine Passage zu deuten und sie zu bitten, diese zu erklären. Dies versuchten sie gewöhnlich zu tun, indem sie ihre eigenen Ideen substituierten. Ich will, sage ich, keine Erklärung eurer eigenen Ideen, sondern die der Passage, die vor uns liegt. Auf diese Weise bringe ich den Streit im Allgemeinen zu einem sofortigen Ende. Er sprach von Wolff als dem ersten Metaphysiker, den sie in Deutschland hatten. Wolff hatte Anhänger; aber man könne sie kaum als eine Sekte bezeichnen, und glücklicherweise sei Deutschland bis zum Erscheinen Kants vor etwa fünfzehn Jahren von keiner Sekte von Philosophen belästigt worden; sondern jeder Mensch habe seine Untersuchungen getrennt und unkontrolliert von den Dogmen eines Meisters verfolgt. Kant habe ehrgeizig gewirkt, der Gründer einer Sekte zu sein; dass ihm dies gelungen sei: aber dass die Deutschen nun wieder zur Besinnung kämen. Dass Nicolai und Engel auf verschiedene Weise dazu beigetragen hätten, die Nation zu entzaubern; aber vor allem die Unbegreiflichkeit des Philosophen und seiner Philosophie. Er schien erfreut zu hören, dass Kants Lehren in England bisher nicht auf viele Bewunderer gestoßen seien – er zweifelte nicht daran, dass wir zu viel Weisheit besäßen, um uns von einem Schriftsteller täuschen zu lassen, der den gesunden Menschenverstand und das gewöhnliche Verständnis der Menschen herausfordere. Wir sprachen von der Tragödie. Er schien die Kraft, Tränen hervorzurufen, hoch einzuschätzen – ich sagte, dass nichts leichter sei, als ein Publikum zu überschwemmen, dass dies jeden Tag von den geringsten Schriftstellern getan werde.
Ich muss Sie, mein Freund, zunächst daran erinnern, dass diese Notizen nicht als Proben von Klopstocks intellektueller Kraft oder gar „konversationeller Gewandtheit“ gedacht sind, deren Beurteilung anhand einer zufälligen Unterhaltung, und dies mit Fremden, und dazu noch Ausländern, nicht nur unvernünftig, sondern verleumderisch wäre. Zweitens schreibe ich den Bemerkungen wenig anderes Interesse zu als das, welches sich aus der Berühmtheit der Person ableitet, die sie gemacht hat. Zuletzt, wenn Sie mich fragen, ob ich den MESSIAH gelesen habe und was ich davon halte? So antworte ich – bisher nur die ersten vier Bücher: und was meine Meinung betrifft – (die Gründe dafür später) – so können Sie sie aus dem erraten, was ich nicht unterlassen konnte, vor mich hin zu murmeln, als der gute Pastor heute Morgen zu mir sagte, Klopstock sei der deutsche Milton – „ein sehr deutscher Milton in der Tat!!!“
Der Himmel bewahre Sie, und S. T. COLERIDGE.
KAPITEL XXIII
Quid quod praefatione praemunierim libellum, qua conor omnem offendiculi ansam praecidere? [79] Neque quicquam addubito, quin ea candidis omnibus faciat satis. Quid autem facias istis, qui vel ob ingenii pertinaciam sibi satisfieri nolint, vel stupidiores sint, quam ut satisfactionem intelligant? Nam quemadmodum Simonides dixit, Thessalos hebetiores esse, quam ut possint a se decipi, ita quosdam videas stupidiores, quam ut placari queant. Adhaec, non mirum est invenire quod calumnietur, qui nihil aliud quaerit, nisi quod calumnietur. ERASMUS ad Dorpium, Theologum.
In der Neufassung von THE FRIEND habe ich Auszüge aus den CONCIONES AD POPULUM eingefügt, die im Jahr 1795, in der größten Hitze und auf dem Höhepunkt meines antiministeriellen Enthusiasmus, gedruckt, wenn auch kaum veröffentlicht wurden: diese als Beweis dafür, dass meine politischen Prinzipien keine Änderung erfahren haben. – Im gegenwärtigen Kapitel habe ich meinen Briefen aus Deutschland, mit besonderem Bezug auf denjenigen, der eine Abhandlung über das moderne Drama enthält, eine Kritik über die Tragödie BERTRAM beigefügt, die innerhalb der letzten zwölf Monate verfasst wurde: zum Beweis, dass ich ebenso fälschlicherweise der Unbeständigkeit in meinen Prinzipien des Geschmacks bezichtigt wurde. – Der Brief wurde an einen Freund geschrieben: und die scheinbare Abruptheit, mit der er beginnt, ist auf das Weglassen der einleitenden Sätze zurückzuführen.
Sie erinnern sich, mein lieber Herr, dass Herr Whitbread kurz vor seinem Tod den versammelten Subskribenten des Drury Lane Theatre vorschlug, das Unternehmen solle unter bestimmten Bedingungen und Einschränkungen an eine verantwortliche Einzelperson verpachtet werden: und dass sein Vorschlag, nicht ohne Empörung, als umstürzlerisch gegenüber dem Hauptziel abgelehnt wurde, zu dessen Erreichung die aufgeklärte und patriotische Versammlung von Philodramatikern dazu bewogen worden war, ihre Subskriptionen zu riskieren. Nun wurde dieses Ziel als nichts Geringeres proklamiert als die Erlösung der britischen Bühne, nicht nur von Pferden, Hunden, Elefanten und ähnlichen zoologischen Raritäten, sondern auch von den schädlicheren Barbareien und Kotzebueismen in Moral und Geschmack. Drury Lane sollte zu seinem früheren klassischen Ruhm wiederhergestellt werden; Shakespeare, Jonson und Otway, zusammen mit den gesäuberten Musen von Vanbrugh, Congreve und Wycherley, sollten in ihrer rechtmäßigen Herrschaft über das britische Publikum wieder eingesetzt werden; und der herkulische Prozess sollte damit beginnen, die sprechenden Monster auszurotten, die von den Ufern der Donau importiert wurden, im Vergleich zu denen ihre stummen Verwandten, die Emigranten aus Exeter ’Change und Polito (ehemals Pidcock’s) Schaukarren, zahm und harmlos waren. Konnte ein heroisches Projekt, das zugleich so raffiniert und so mühsam war, konsequenterweise einem merkantilen Manager anvertraut werden, an dessen kritischer Quarantäne der lucri bonus odor einem Gesundheitszeugnis für die Pest in Person entgegenkommen würde? Nein! Wie das Werk vorgeschlagen war, so mussten auch die Werkmeister sein. Rang, Vermögen, liberale Bildung und (ihre natürlichen Begleiter oder Folgen) kritisches Urteilsvermögen, feiner Takt, Uneigennützigkeit, unverdächtige Moral, berüchtigter Patriotismus und bewährtes Mäzenatentum, dies waren die Empfehlungen, die die Stimmen der Eigentümer-Subskribenten des Drury Lane Theatre beeinflussten, dies die Motive, die zur Wahl seines Obersten Verwaltungskomitees führten. Dieser Umstand allein hätte in der öffentlichen Meinung ein starkes Interesse an der ersten Produktion der Tragischen Muse geweckt, die unter solchen Vorzeichen angekündigt worden war und die Feuerprobe solcher Urteile bestanden hatte: und die Tragödie, über die Sie mich um mein Urteil gebeten haben, war das Werk, auf dem die großen Erwartungen, durch so viele Ursachen gerechtfertigt, schließlich zu ruhen bestimmt waren.
Aber bevor ich in die Untersuchung von BERTRAM oder THE CASTLE OF ST. ALDOBRAND eintrete, werde ich einige Worte zu der Phrase deutsches Drama einschieben, die ich für eine völlige Fehlbenennung halte. Zur Zeit Lessings scheint die deutsche Bühne, wie sie war, eine flache und sklavische Kopie der französischen gewesen zu sein. Es war Lessing, der zuerst den Namen und die Werke Shakespeares zur Bewunderung der Deutschen einführte; und ich würde vielleicht nicht zu weit gehen, wenn ich hinzufüge, dass es Lessing war, der zuerst allen denkenden Männern, sogar Shakespeares eigenen Landsleuten, die wahre Natur seiner scheinbaren Unregelmäßigkeiten bewies. Diese, so demonstrierte er, seien nur Abweichungen von den Zufälligkeiten der griechischen Tragödie; und von solchen Zufälligkeiten, die ein schweres Gewicht an die Flügel der griechischen Dichter hängten und ihren Flug innerhalb der Grenzen dessen einschränkten, was wir die heroische Oper nennen können. Er bewies, dass in allen Wesenszügen der Kunst, nicht weniger als in der Wahrheit der Natur, die Stücke Shakespeares unvergleichlich mehr mit den Prinzipien des Aristoteles übereinstimmten als die Produktionen von Corneille und Racine, ungeachtet der gepriesenen Regelmäßigkeit der Letzteren. Unter diesen Überzeugungen wurden Lessings eigene dramatische Werke verfasst. Ihr Mangel liegt in Tiefe und Vorstellungskraft: ihre Exzellenz liegt in der Konstruktion des Plots; dem gesunden Menschenverstand der Empfindungen; der Nüchternheit der Moral; und dem hohen Schliff der Diktion und des Dialogs. Kurz gesagt, seine Dramen sind die Antipoden all dessen, was es in den letzten Jahren Mode war, unter dem Namen des deutschen Dramas zugleich zu beschimpfen und zu genießen. Von letzterem waren Schillers RÄUBER das früheste Beispiel; die ersten Früchte seiner Jugend (ich hätte fast gesagt seiner Knabenzeit), und als solche das Pfand und Versprechen für kein gewöhnliches Genie. Nur als solche tolerierte das reifere Urteil des Autors das Stück. Während seines ganzen Lebens äußerte er sich über diese Produktion mit mehr als notwendiger Schärfe, als ein Ungeheuer, das weder dem guten Geschmack noch der gesunden Moral weniger anstößig sei; und in seinen späteren Jahren verführte ihn seine Empörung über die ungewöhnliche Popularität der RÄUBER in die gegenteiligen Extreme, nämlich eine studierte Kraftlosigkeit des Interesses (soweit das Interesse aus Vorfällen und der Anregung der Neugier abgeleitet werden sollte); eine elaboriert metrische Diktion; die Affektiertheit von Reimen; und die Pedanterie des Chors.
Aber um den wahren Charakter der RÄUBER und der zahllosen Nachahmungen, die deren Brut waren, zu verstehen, muss ich Sie informieren, oder zumindest in Ihre Erinnerung rufen, dass zu jener Zeit, und einige Jahre zuvor, drei der populärsten Bücher in deutscher Sprache die Übersetzungen von YOUNGS NIGHT THOUGHTS, HERVEYS MEDITATIONS und RICHARDSONS CLARISSA HARLOWE waren. Nun müssen wir nur den aufgeblähten Stil und den eigentümlichen Rhythmus von Hervey kombinieren, der nur deshalb poetisch ist, weil er für Prosa völlig ungeeignet ist, und ebenso passend als prosaisch bezeichnet werden könnte, wegen seiner völligen Ungeeignetheit für Poesie; wir müssen, ich wiederhole, nur diese Herveyismen mit den angestrengten Gedanken, der figurativen Metaphysik und den feierlichen Epigrammen von Young einerseits kombinieren; und mit der belasteten Sensibilität, dem minutiösen Detail, dem krankhaften Bewusstsein jedes Gedankens und Gefühls im ganzen Fluss und Rückfluss des Geistes, kurz der Selbstverwicklung und traumartigen Kontinuität von Richardson andererseits; und dann die entsetzlichen Vorfälle und mysteriösen Bösewichte hinzufügen (Genies von übernatürlichem Intellekt, wenn Sie den Worten der Autoren glauben wollen, aber auf einer Ebene mit den gemeinsten Schurken der Todeskandidaten-Zellen, wenn wir nach ihren Handlungen und Machenschaften urteilen sollen) – die ruinierten Schlösser, die Verliese, die Falltüren, die Skelette, die Geister aus Fleisch und Blut und der ewige Mondschein eines modernen Autors (selbst die literarische Brut des CASTLE OF OTRANTO, dessen Übersetzungen, mit den oben genannten Nachahmungen und Verbesserungen, zu jener Zeit begannen, in Deutschland so viel Lärm zu machen wie ihre Originale in England), – und als die Verbindung dieser Zutaten, ordnungsgemäß gemischt, werden Sie das so genannte deutsche Drama wiedererkennen. Die so zusammengebraute Olla podrida wurde von den besten Kritikern in Deutschland als bloße Krämpfe der Schwäche und Orgasmen einer kränklichen Vorstellungskraft seitens des Autors und als niedrigste Provokation abgestumpfter Gefühle seitens der Leser angeprangert. Der alte Fehler jedoch, betreffend die Unregelmäßigkeit und Wildheit Shakespeares, bei dem der Deutsche nur die Franzosen nachahmte, die wiederum nur die Echos unserer eigenen Kritiker waren, war immer noch in Mode, und Shakespeare wurde als Autorität für das am wenigsten Shakespeare-artige Drama zitiert. Wir haben tatsächlich zwei Dichter, die wie einer schrieben, nahe dem Zeitalter Shakespeares, denen (als das schlechteste Charakteristikum ihrer Schriften) der Coryphaeus des gegenwärtigen Dramas die Ehre streitig machen könnte, ein armer Verwandter oder verarmter Nachkomme zu sein. Denn wenn wir uns christlich dazu bequemen würden, den komischen Humor, den Witz, die Glücksfälle des Stils, mit anderen Worten, all die Poesie und neun Zehntel all des Genies von Beaumont und Fletcher zu vergessen, das, was übrig bliebe, wird zu einem Kotzebue.
Das sogenannte deutsche Drama ist also englischen Ursprungs, englisch in seinen Stoffen und englisch durch Wiederannahme; und bis wir beweisen können, dass Kotzebue oder irgendeiner aus der ganzen Brut der Kotzebues, seien es Dramatiker oder Verfasser romantischer Schriften oder Schreiber romantischer Dramen, jemals in den Bibliotheken gut erzogener Deutscher auf einem anderen Regalplatz geduldet wurden als dem, den ihre Originale und der Affen Affen in ihrem Mutterland einnahmen, sollten wir uns dazu bequemen, unseren eigenen Balg auf unseren eigenen Schultern zu tragen; oder ihn vielmehr als einen aus der Verbannung zurückgekehrten Taugenichts betrachten, mit nur jenen Verbesserungen an Wuchs und Sitten, mit denen junge verbannte Sträflinge gewöhnlich heimkehren.
Ich wüsste nichts, was zu einer klareren Einsicht in das wahre Wesen irgendeines literarischen Phänomens mehr beitrüge als der Vergleich mit einem älteren Werk, dessen Ähnlichkeit zwar frappierend, aber nur scheinbar ist, während der Unterschied ein realer ist. Im vorliegenden Fall wird uns diese Gelegenheit durch das alte spanische Stück mit dem Titel Atheista Fulminato geboten, das früher, und vielleicht noch heute, in den Kirchen und Klöstern Spaniens aufgeführt wurde und das unter verschiedenen Namen (Don Juan, der Libertin usw.) in jedem Land Europas seine Zeit der Gunst hatte. Eine so weitverbreitete Popularität eines derart grotesken und extravaganten Werks fordert und verdient philosophische Aufmerksamkeit und Untersuchung. Der erste Punkt, der zu beachten ist, besteht darin, dass das Stück durch und durch phantasievoll ist. Nichts davon gehört der realen Welt an, außer den Namen der Orte und Personen. Die komischen Teile sind ebenso wie die tragischen, die lebenden wie die verstorbenen Charaktere, Geschöpfe des Geistes; sie unterliegen den Regeln der gewöhnlichen Wahrscheinlichkeit so wenig wie der Satan aus PARADISE LOST oder der Caliban aus THE TEMPEST und sind daher als verkörperte Abstraktionen zu verstehen und zu beurteilen. Rang, Vermögen, Witz, Talent, erworbenes Wissen und liberale Bildung, gepaart mit körperlicher Schönheit, kräftiger Gesundheit und konstitutioneller Unerschrockenheit – all diese Vorzüge, erhöht durch die Gewohnheiten und Sympathien adliger Herkunft und nationalen Charakters, sollen sich in Don Juan vereint haben, um ihm die Mittel zu geben, die Lehre einer gottlosen Natur in all ihre praktischen Konsequenzen zu tragen, als einzigen Grund und wirkende Ursache nicht nur für alle Dinge, Ereignisse und Erscheinungen, sondern ebenso für alle unsere Gedanken, Empfindungen, Impulse und Handlungen. Gehorsam gegenüber der Natur ist die einzige Tugend: die Befriedigung der Leidenschaften und Begierden ihr einziges Gebot: des einzelnen Eigenwille das einzige Organ, durch welches die Natur ihre Befehle äußert, und
„Selbstwiderspruch ist das einzige Unrecht! Denn nach den Gesetzen des Geistes ist im Recht Jeder individuelle Charakter, Der in strenger Übereinstimmung mit sich selbst handelt.“
Dass spekulative Meinungen, wie gottlos und verwegen sie auch sein mögen, nicht immer von entsprechendem Handeln gefolgt sind, ist vollkommen wahr, ebenso wie dass sie kaum in irgendeinem Fall systematisch verwirklicht werden können, aufgrund ihrer Unangemessenheit für die menschliche Natur und die Institutionen der Gesellschaft. Es kann nur dort Hölle sein, wo alles Hölle ist: und eine eigene Welt von Teufeln ist für die Existenz eines jeden vollständigen Teufels notwendig. Aber andererseits ist es nicht weniger klar, noch kann es mit der Biografie von Carrier und seinen atheistischen Gefährten vor Augen ohne vorsätzliche Blindheit geleugnet werden, dass das (sogenannte) System der Natur (das heißt, Materialismus, unter gänzlicher Ablehnung moralischer Verantwortung, einer gegenwärtigen Vorsehung sowie von gegenwärtiger und zukünftiger Vergeltung) die Charaktere und Handlungen von Individuen und sogar von Gemeinschaften bis zu einem Grad beeinflussen kann, der die Unterscheidung zwischen Menschen und Teufeln fast aufhebt und die Seite des zukünftigen Historikers der Erzählung der Träume eines Wahnsinnigen gleichen lassen wird. Es ist daher nicht die Schlechtigkeit Don Juans, die den Charakter zu einer Abstraktion macht und ihn aus den Regeln der Wahrscheinlichkeit entfernt; sondern die rasche Abfolge der entsprechenden Handlungen und Vorfälle, seine intellektuelle Überlegenheit und die glänzende Anhäufung seiner Gaben und begehrenswerten Qualitäten, wie sie in ein und derselben Person mit vollkommener Schlechtigkeit koexistieren. Aber dies ist auch genau der Umstand, der diesem seltsamen Stück seinen Reiz und sein universelles Interesse verleiht. Don Juan ist von Anfang bis Ende ein verständlicher Charakter: so sehr wie der Satan Miltons. Der Dichter verlangt vom Leser nur das, was er als Dichter zu verlangen berechtigt ist: nämlich jene Art von negativem Glauben an die Existenz eines solchen Wesens, den wir bereitwillig Produktionen entgegenbringen, die erklärtermaßen ideal sind, und eine Neigung zu demselben Gefühlszustand, mit dem wir die idealisierten Figuren des Apollo von Belvedere und des Farnesischen Herkules betrachten. Was der Herkules für das Auge an körperlicher Stärke ist, das ist Don Juan für den Geist an Stärke des Charakters. Das Ideale besteht im glücklichen Gleichgewicht des Gattungsmäßigen mit dem Individuellen. Ersteres macht den Charakter repräsentativ und symbolisch, daher lehrreich; denn mutatis mutandis ist es auf ganze Klassen von Menschen anwendbar. Letzteres verleiht ihm lebendiges Interesse; denn nichts lebt oder ist real, außer als Definites und Individuelles. Um dies vollständig zu verstehen, braucht der Leser sich nur den spezifischen Zustand seiner Gefühle ins Gedächtnis zu rufen, wenn er beim Betrachten eines Bildes der historischen (eigentlicher der poetischen oder heroischen) Gattung an einer bestimmten Figur Anstoß nimmt, weil sie zu sehr ein Porträt sei; und diese Unterbrechung seines Wohlgefallens empfindet er ohne den geringsten Bezug zu oder die geringste Bekanntschaft mit irgendeiner Person im wirklichen Leben, die er in dieser Figur wiedererkennen könnte. Es genügt, dass eine solche Figur nicht ideal ist: und deshalb nicht ideal, weil einer der beiden Faktoren oder Elemente des Idealen im Übermaß vorhanden ist. Ein ähnlicher und stärkerer Einwand würde sich ihm gegenüber einer Reihe von Figuren aufdrängen, die bloße Abstraktionen sind, wie jene von Cipriani und was man griechische Formen und Gesichter genannt hat, das heißt, Umrisse, die nach einem Rezept gezeichnet wurden. Auch diese sind nicht ideal; denn in ihnen ist das andere Element im Übermaß vorhanden. „Forma formans per formam formatam translucens“ ist die Definition und Vollendung der idealen Kunst.
Diese Vortrefflichkeit ist im Don Juan so glücklich erreicht, dass er ohne Poesie, ja sogar ohne Worte zu interessieren vermag, wie in unserer Pantomime dieses Namens. Wir sehen deutlich, wie der Charakter geformt ist; und die bloße Extravaganz der Vorfälle und die übermenschliche Vollständigkeit von Don Juans Handeln verhindern, dass die Schlechtigkeit unseren Geist in irgendeinem schmerzhaften Maße schockiert. Wir glauben nicht genug daran, um diesen Effekt zu erzielen; nein, nicht einmal mit jener Art von vorübergehendem und negativem Glauben oder Einverständnis, das ich oben beschrieben habe. Unterdessen sind die Qualitäten seines Charakters zu wünschenswert, zu schmeichelhaft für unseren Stolz und unsere Wünsche, als dass sie nicht auf dieser Seite so viel zusätzlichen Glauben wettmachten, wie auf der anderen verloren ging. Es besteht keine Gefahr (denkt der Zuschauer oder Leser), dass ich zu einem solchen Ungeheuer der Ungerechtigkeit werde wie Don Juan! Ich werde niemals ein Atheist sein! Ich werde niemals jegliche Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht leugnen! Ich habe nicht die geringste Neigung, ein solch empörender Prahler in meinen Liebesangelegenheiten zu sein! Aber eine solche Macht zu besitzen, die Zuneigung des anderen Geschlechts zu fesseln und zu bezaubern! – fähig zu sein, in einer bezaubernden und sogar tugendhaften Frau eine Liebe zu wecken, die so tief und so gänzlich persönlich auf mich bezogen ist! – dass selbst meine schlimmsten Laster (wenn ich lasterhaft wäre), selbst meine Grausamkeit und Treulosigkeit (wenn ich grausam und treulos wäre), die Leidenschaft nicht ausrotten könnten! – so um meiner selbst willen geliebt zu werden, dass sie trotz deutlicher Kenntnis meines Charakters dennoch starb, um mich zu retten! – dies, mein Herr, ergreift zwei Seiten unseres Wesens, die bessere und die schlechtere. Denn die heroische Selbstlosigkeit, zu der Liebe eine Frau hinreißen kann, kann nicht betrachtet werden ohne ein ehrenhaftes Gefühl der Ehrfurcht vor dem Weiblichen: und andererseits gehört es zu den Erbärmlichkeiten und liegt im dunklen Grund unseres Wesens, nach einer äußeren Bestätigung für jenes Etwas in uns zu dürsten, das unser eigentliches Selbst ist, jenes Etwas, das nicht aus unseren Qualitäten und Beziehungen besteht, sondern selbst der Träger und die substantielle Basis all dieser ist. Liebe mich, und nicht meine Qualitäten, mag ein lasterhafter und wahnsinniger Wunsch sein, aber es ist kein Wunsch, der völlig ohne Bedeutung ist.
Ohne Macht wäre Tugend unzureichend und unfähig, ihr Wesen zu offenbaren. Sie würde der magischen Verwandlung der Heldin bei Tasso in einen Baum gleichen, in dem sie nur stöhnen und bluten konnte. Daher ist Macht notwendigerweise ein Gegenstand unseres Begehrens und unserer Bewunderung. Aber von aller Macht ist die des Geistes in jeder Hinsicht das große Desiderat menschlichen Ehrgeizes. Wir werden wie Götter sein im Wissen, war und musste die erste Versuchung gewesen sein: und das Koexistieren großer intellektueller Herrschaft mit Schuld ist niemals adäquat dargestellt worden, ohne das stärkste Interesse zu erregen, und zwar aus dem Grund, dass wir in dieser schlechten und heterogenen Koordination den Intellekt des Menschen ausschließlicher als eine separate Selbstständigkeit betrachten können, als in seinem eigentlichen Zustand der Unterordnung unter sein eigenes Gewissen oder unter den Willen eines unendlich überlegenen Wesens.
Dies ist der heilige Zauber von Shakespeares männlichen Charakteren im Allgemeinen. Sie alle sind in die Form von Shakespeares eigenem gigantischen Intellekt gegossen; und dies ist die offene Anziehungskraft seiner Richard, Iago, Edmund und anderer im Besonderen. Aber wiederum: von aller intellektuellen Macht ist die der Überlegenheit gegenüber der Furcht vor der unsichtbaren Welt die blendendste. Ihr Einfluss ist durch den einen Umstand hinlänglich bewiesen, dass sie uns zu einer freiwilligen Unterwerfung unseres besseren Wissens bestechen kann, zu einer Aussetzung unseres gesamten, aus beständiger Erfahrung abgeleiteten Urteils, und uns befähigt, mit lebhaftestem Interesse die wildesten Geschichten von Geistern, Zauberern, Genien und geheimen Talismanen zu lesen. Auf diese Neigung, die so tief in unserer Natur verwurzelt ist, kann ein wahrer Dichter eine spezifische dramatische Wahrscheinlichkeit aufbauen, wenn sein gesamtes Werk in Harmonie ist: eine dramatische Wahrscheinlichkeit, die für dramatisches Vergnügen ausreicht, selbst wenn die Teilcharaktere und Vorfälle an Unmöglichkeit grenzen. Der Dichter verlangt nicht von uns, dass wir wach sind und glauben; er bittet uns nur, uns einem Traum hinzugeben; und dies zudem mit offenen Augen und mit unserem Urteilsvermögen im Verborgenen hinter dem Vorhang, bereit, uns bei der ersten Regung unseres Willens zu wecken: und in der Zwischenzeit nur: nicht nicht zu glauben. Und in einem solchen Geisteszustand, wer müsste da nicht beeindruckt sein von der kühlen Unerschrockenheit Don Johns beim Erscheinen des Geistes seines Vaters:
„GEIST. – Ungeheuer! Sieh diese Wunden!
„D. JOHN. – Ich tue es! Sie waren gut gemeint und gut ausgeführt, wie ich sehe.
„GEIST. – Bereue, bereue all deine Schandtaten. Mein klagendes Blut schreit zum Himmel nach Rache, Der Himmel wird seine Urteile über euch alle ausgießen. Die Hölle gähnt für dich, für dich ruft jeder Teufel, Und wartet stündlich auf deinen reuelosen Fall. Mit ewigen Schrecken werden sie dich quälen, Wenn du nicht plötzlich all deine Verbrechen bereust. (Geist versinkt.)
„D. JOHN. – Fahr wohl, du bist ein närrischer Geist. Bereue, sprach er! Was mag das bedeuten? Unsere Sinne sind sicherlich alle im Nebel.
„D. ANTONIO. – (einer von Don Juans verworfenen Gefährten.) Das sind sie nicht! Es war ein Geist.
„D. LOPEZ. – (ein anderer Verworfenen.) Ich habe diese törichten Geschichten niemals zuvor geglaubt.
„D. JOHN. – Komm! Es macht nichts. Mag es sein, was es will, es muss natürlich sein.
„D. ANT. – Und die Natur ist auch in uns unveränderlich.
„D. JOHN. – Es ist wahr! Die Natur eines Geistes kann die unsere nicht ändern.“
Wer kann auch einen Teil Erhabenheit der ungeheuren Beständigkeit absprechen, mit der er die letzte schreckliche Prüfung wie ein zweiter Prometheus durchsteht?
„Chor der Teufel.
„STATUEN-GEIST. – Willst du nicht nachgeben und Reue empfinden?
„D. JOHN. – Könntest du mir ein anderes Herz geben, vielleicht. Aber mit diesem Herzen, das ich habe, kann ich es nicht.
„D. LOPEZ. – Diese Dinge sind ungeheuerlich.
„D. ANTON. – Ich habe eine Art Widerstreben, nachzugeben, aber etwas hält mich zurück.
„D. LOP. – Wenn wir könnten, ist es jetzt zu spät. Ich will nicht.
„D. ANT. – Wir trotzen dir!
„GEIST. – Vergeht, ihr gottlosen Elenden, geht und findet die Strafen, die für euch bereitliegen!
(Donner und Blitz. D. Lop. und D. Ant. werden verschlungen.)
„GEIST zu D. JOHN. – Sieh ihre schrecklichen Schicksale und wisse, dass dein letzter Augenblick gekommen ist!
„D. JOHN. – Denke nicht, mich zu erschrecken, närrischer Geist; ich werde deinen Marmorkörper in Stücke brechen und dein Pferd herunterreißen. (Donner und Blitz – Chor der Teufel usw.)
„D. JOHN. – Diese Dinge sehe ich mit Staunen, aber ohne Furcht. Würden alle Elemente durcheinandergebracht, Und alles in sein früheres Chaos zurückversetzt; Würden Meere aus Schwefel um mich herum flammen, Und die ganze Menschheit in jenen Feuern brüllen, Ich könnte nicht fürchten oder die geringste Reue empfinden. Bis zum letzten Augenblick würde ich deiner Macht trotzen. Hier stehe ich fest und verachte all deine Drohungen. Dein Mörder (zum Geist eines von ihm Ermordeten) Steht hier! Nun tu dein Schlimmstes!“ (Er wird in einer Feuerwolke verschlungen.)
Kurzum, der Charakter des Don John besteht in der Vereinigung all dessen, was für die menschliche Natur als Mittel wünschenswert ist, und das daher durch das wohlbekannte Gesetz der Assoziation schließlich um seiner selbst willen wünschenswert wird. Um ihrer selbst willen und in ihrer eigenen Würde werden sie hier entfaltet, als Mittel für so unmenschliche Zwecke eingesetzt, dass sie im Effekt fast wie Mittel ohne Zweck erscheinen. Die Zutaten sind zudem im glücklichsten Verhältnis gemischt, um sich gegenseitig zu stützen und hervorzuheben – insbesondere in jenem ständigen Wechselspiel von Witz, Heiterkeit und gesellschaftlicher Großzügigkeit, das verhindert, dass der Verbrecher selbst in seinen abscheulichsten Momenten zum bloßen Schurken herabsinkt, zumindest soweit unsere Vorstellungskraft zu Gericht sitzt. Vor allem die feine Durchdringung des Ganzen mit den charakteristischen Sitten und Gefühlen eines hochgeborenen Gentlemans verleiht dem Drama Leben. So hat Don John, nachdem er den Statuen-Geist des Gouverneurs, den er ermordet hatte, zum Abendessen eingeladen hat, welche Einladung der Marmorgeist durch ein Kopfnicken annahm, ein Bankett vorbereitet.
„D. JOHN. – Etwas Wein, Bursche! Auf Don Pedros Geist – er hätte willkommen sein sollen.
„D. LOP. – Der Schurke hat Angst vor dir nach dem Tode. (Man klopft hart an die Tür.)
„D. JOHN. – (zum Diener) – Steh auf und tu deine Pflicht.
„SERV. – Oh der Teufel, der Teufel! (Marmorgeist tritt ein.)
„D. JOHN. – Ha! Es ist der Geist! Lasst uns aufstehen und ihn empfangen! Komm, Gouverneur, du bist willkommen, setz dich dorthin; hätten wir gedacht, dass du kommen würdest, hätten wir auf dich gewartet.
* * * * * *
Hier, Gouverneur, auf deine Gesundheit! Freunde, lasst sie kreisen! Hier ist ausgezeichnetes Fleisch, probiert dieses Ragout. Kommt, ich werde euch helfen, kommt esst und lasst alte Streitigkeiten vergessen sein. (Der Geist droht ihm mit Rache.)
„D. JOHN. – Wir sind zu sehr bestätigt – verflucht sei dieses trockene Gespräch. Kommt, hier ist auf deine Herrin, du hattest eine, als du noch lebtest: nicht zu vergessen deine süße Schwester. (Teufel treten ein.)
„D. JOHN. – Sind das einige aus deinem Gefolge? Teufel, sagt ihr? Ich bedauere, dass ich keinen gebrannten Branntwein habe, um sie zu bewirten, das ist ein Getränk, das für Teufel taugt“, usw.
Auch ist die Szene, aus der wir zitieren, nicht allein an dramatischer Wahrscheinlichkeit interessant; sie ist ebenso empfänglich für eine gesunde Moral; für eine Moral, die mehr als gewöhnliche Ansprüche auf die Beachtung jener allzu zahlreichen Klasse hat, die bereit ist, die Qualitäten von gentlemanhaftem Mut und skrupulöser Ehre (in allen anerkannten Gesetzen der Ehre) als Ersatz für Tugend statt als deren Schmuck anzunehmen. Dies ist in der Tat der moralische Wert des Stücks im Großen und das, was es in weltweiter Entfernung vom Geist des modernen Jakobinismus platziert. Letzterer stellt uns plumpe Kopien dieser auffälligen instrumentellen Qualitäten vor, um uns mit Laster und Prinzipienlosigkeit zu versöhnen; während der Atheista Fulminato eine exquisite Darstellung derselben Qualitäten in all ihrem Glanz und Schein präsentiert, sie jedoch einzig zu dem Zweck präsentiert, ihre Hohlheit zu zeigen und uns auf der Hut zu halten, indem er ihre völlige Gleichgültigkeit gegenüber Laster und Tugend demonstriert, wann immer diese und ähnliche Errungenschaften um ihrer selbst willen betrachtet werden.
Vor achtzehn Jahren bemerkte ich, dass das ganze Geheimnis des modernen jakobinischen Dramas (welches, und nicht das deutsche, seine treffende Bezeichnung ist) und all seiner Popularität in der Verwirrung und Umstürzung der natürlichen Ordnung der Dinge in ihren Ursachen und Wirkungen besteht: nämlich im Erregen von Überraschung durch die Darstellung der Qualitäten von Freigebigkeit, verfeinertem Gefühl und einem feinen Sinn für Ehre (jener Dinge vielmehr, die bei uns als solche gelten) bei Personen und Klassen, bei denen uns die Erfahrung am wenigsten erwartet; und dadurch, dass jene Verbrecher, die Gesetz, Vernunft und Religion aus unserer Achtung exkommuniziert haben, mit all den Sympathien belohnt werden, die der Tugend gebühren.
Dies allein würde mich zurück zu BERTRAM oder das SCHLOSS VON ST. ALDOBRAND führen; aber in meinem eigenen Geist wurde diese Tragödie mit DER LIBERTIN (Shadwells Adaption des Atheista Fulminato für die englische Bühne zur Zeit von Karl dem Zweiten) durch die Tatsache in Verbindung gebracht, dass unser modernes Drama in seiner Substanz aus der ersten Szene des dritten Aktes von DER LIBERTIN übernommen ist. Aber mit welch fühlbarer Überlegenheit des Urteils im Original! Erde und Hölle, Menschen und Geister sind gegen Don John bewaffnet; die beiden vorangegangenen Akte des Stücks haben uns nicht nur auf das Übernatürliche vorbereitet, sondern uns auch an das Ungeheuerliche gewöhnt. Es ist daher weder mehr noch weniger als wir erwarten, wenn der Kapitän ausruft: „In all den Gefahren, in denen ich war, habe ich solche Schrecken nie gekannt. Ich bin völlig entmannt:“ und wenn der Eremit sagt, dass er „den Ozean in wildester Wut geschaut, aber noch nie zuvor einen Sturm so schrecklich gesehen habe, solch schreckliche Blitze und solche Donnerschläge habe ich nie in meiner Erinnerung.“ Und Don Johns Ausbruch erschreckender Gottlosigkeit ist in seinem Motiv ebenso verständlich wie in seiner Wirkung dramatisch.
Aber was gibt es, das das Wunder des Sturms beim Schiffbruch Bertrams erklärt? Es ist ein bloßer übernatürlicher Effekt, ohne auch nur einen Hinweis auf irgendeine übernatürliche Einwirkung; ein Wunder, ohne dass irgendein Umstand erwähnt wird, der wunderbar wäre; und ein Wunder, das ohne Grund eingeführt wird und ohne Ergebnis endet. Jedes Ereignis und jede Szene des Stücks hätte sich ebenso gut abspielen können, wenn Bertram und sein Schiff durch eine gewöhnliche harte Brise oder aus Mangel an Vorräten herangetrieben worden wären. Der erste Akt hätte in der Tat sein größtes und klangvollstes Bild verloren; eine Szene um der Szene willen, ohne ein gesprochenes Wort; als solche daher (eine Seltenheit ohne Präzedenzfall) müssen wir sie nehmen und dankbar sein! Nach der Meinung nicht weniger war es in jeder Hinsicht die beste Szene des Stücks. Ich bin mir ganz sicher, dass es die unschuldigste war; und die stetige, ruhige Aufrechtheit der Flamme der Wachskerzen, die die Mönche inmitten des Sturmwindes und Regens über die brüllenden Wogen hielten, war wirklich wunderbar.
Die sizilianische Meeresküste: ein Mönchskloster: Nacht: ein höchst unheilvoller, überirdischer Sturm: ein Schiff erleidet Schiffbruch, entgegen aller menschlichen Erwartung rettet sich ein Mann durch seine ungeheuren Kräfte als Schwimmer, unterstützt durch die Besonderheit seines Schicksals –
„PRIOR. – Alle, alle gingen unter.
ERSTER MÖNCH. – Wechselt, wechselt diese durchnässten Gewänder –
PRIOR. – Ich wusste nichts von ihnen – jede Seele ging unter – (Dritter Mönch tritt hastig ein.)
„DRITTER MÖNCH. – Nein, da war einer, der kämpfte mit dem Sturm Mit sorgloser verzweifelter Kraft; viele Male Wurde sein Leben gewonnen und verloren, als ob er sich nicht scherte – Keine Hand half ihm, und er half niemandem – Allein durchbrach er die breite Woge, allein Dieser Mann wurde gerettet.“
Nun! Dieser Mann wird von den Mönchen hereingeführt, vermutlich triefend nass, und auf sehr natürliche Fragen bleibt er entweder stumm oder gibt äußerst knappe und mürrische Antworten, und nach drei oder vier dieser halbzeiligen Höflichkeiten, indem er „die Mönche abweist“, die ihn gerettet hatten, ruft er in der wahren Erhabenheit unseres modernen misanthropischen Heldentums aus –
„Weg! Ihr seid Menschen – es ist Gift in eurer Berührung. Aber ich muss nachgeben, denn dies“ (was?) „hat mich kraftlos gelassen.“
So enden die drei ersten Szenen. In der nächsten (das Schloss von St. Aldobrand) finden wir die Diener dort ebenso verängstigt von diesem überirdischen Sturm, obwohl wir nicht erfahren, worin er sich von anderen heftigen Stürmen unterschied, außer dass Hugo uns mitteilt, Seite 9 –
„PIET. – Hugo, gut getroffen. Bewahrt selbst dein Alter Die Erinnerung an einen so schrecklichen Sturm?
HUGO. – Sie sind in letzter Zeit häufig gewesen.
PIET. – Das sind sie in Sizilien immer.
HUGO. – So wird gesagt. Aber Stürme, als ich jung war, pflegten wie die sprunghaften Fieber der Natur vorüberzuziehen, Und machten alles gesünder. Nun ihre Wut, So ungelegen und nutzlos gesandt, Spricht wie die Drohungen des Himmels.“
Eine höchst rätselhafte Theorie über sizilianische Stürme ist diese des alten Hugo! Und was sehr bemerkenswert ist: Sie gründet sich anscheinend nicht auf eine allzu große Vertrautheit seinerseits mit diesem lästigen Artikel. Denn wenn Pietro die „immer größere Häufigkeit“ von Unwettern in Sizilien behauptet, gibt der alte Mann vor, von dieser Tatsache nichts weiter zu wissen als vom Hörensagen. „So wird es gesagt.“ – Doch warum er annahm, dieser Sturm sei zur Unzeit gekommen, und worauf er seine Prophezeiung stützte (denn der Sturm ist noch in voller Wut), dass er fruchtlos sei und ohne die physischen Kräfte, die allen anderen gewaltsamen Meereswinden bei der Reinigung der Atmosphäre eigen sind, darüber bleiben wir im Dunkeln; ebenso bezüglich der besonderen Punkte, in denen er ihn während seiner Dauer von jenen unterschied, die er aus seiner Jugend kannte. Schließlich werden wir der Lady Imogine vorgestellt, von der wir erfahren, dass sie die Nacht über nicht geruht habe; nicht wegen des Sturmes, denn
„Lange eh’ der Sturm entstand, verbot ihr rastlos Gebärden Jede Hoffnung, dass sie des Schlafes Segen fände.“
An einem Tisch sitzend und ein Porträt betrachtend, teilt sie uns mit – Erstens, dass Porträtmaler ein Bildnis aus dem Gedächtnis anfertigen können,
„Der Maler Kunst mag den fehlenden Zug nachzeichnen.“
Denn diese Worte könnten sicher niemals bedeuten, dass ein Maler eine Person bei sich sitzen haben kann, die den Raum oder vielleicht das Land später verlässt? Zweitens, dass ein Porträtmaler einer trauernden Dame ein gutes Abbild ihres abwesenden Geliebten verschaffen kann, aber dass der Porträtmaler nicht kann – und wer soll es dann? –
„Die Szenen wiederherstellen, in denen sie sich trafen und trennten?“
Die natürliche Antwort wäre gewesen – Nun, natürlich der Bühnenmaler! Aber diese unvernünftige Dame verlangt zusätzlich, dass allerlei Dinge gemalt werden, die weder Linien noch Farben haben –
„Die Gedanken, die Erinnerungen, süß und bitter, Oder die elysischen Träume der Liebenden, als sie liebten.“
Welcher letzte Satz wohl bedeuten muss: als sie beieinander waren und einander liebten. – Dann, wenn dieses Porträt sprechen könnte, würde es „den Glauben der Frauenwelt freisprechen“. Wie? War sie etwa beständig geblieben? Nein, sie ist mit einem anderen Mann verheiratet, dessen Ehefrau sie nun ist. Wie dann? Nun, dass sie trotz ihres Ehegelübdes weiterhin nach ihrem früheren Geliebten gesehnt und verlangt hat –
„Dieser hat ihren Leib, jener ihren Geist: Wer hat den besseren Handel?“
Der Liebhaber gab sich jedoch mit dieser kostbaren Regelung nicht zufrieden, wie wir bald sehen werden. Die Dame fährt fort, uns mitzuteilen, dass während der vielen Jahre ihrer Trennung in verschiedenen Teilen der Welt eine Anzahl „solcher Dinge“ geschehen ist; sogar solche, wie sie im Laufe der Jahre immer geschehen sind und bis zum Millennium zweifellos immer irgendwo geschehen werden. Dennoch ist diese Passage, sowohl in der Sprache als auch im Metrum, vielleicht unter den besten Teilen des Stücks. Die Gefährtin und meistgeschätzte Begleiterin der Dame, Clotilda, tritt nun ein und erklärt diese Liebe und Wertschätzung, indem sie sich als eine äußerst passive und leidenschaftslose Zuhörerin erweist, sowie als eine knappe und glückliche Fragestellerin, die zufällig Fragen stellt, von denen wir gedacht hätten, sie seien nur um der Antworten willen gemacht. Kurz gesagt, sie erinnert uns sehr an jene Marionetten-Heldinnen, für die der Schausteller den Dialog bestreitet, ohne über eine Kunstfertigkeit im Bauchreden zu verfügen. Dies ist nichtsdestotrotz die beste Szene des Stücks, und obwohl sie überladen ist mit Solezismen, korrupter Diktion und Verstößen gegen das Metrum, würde sie genügend Verdienste besitzen, um diese aufzuwiegen, könnten wir während der Lektüre den moralischen Sinn aussetzen. Sie erzählt gut und leidenschaftlich die vorläufigen Umstände und überwindet so die Hauptschwierigkeit der meisten ersten Akte, nämlich die der retrospektiven Erzählung. Sie berichtet uns davon, dass sie ehrenvoll von einem edlen Jüngling angesprochen wurde, von Stand und Vermögen weit über ihrem eigenen: von ihrer gegenseitigen Liebe, die ihrerseits durch Dankbarkeit gesteigert wurde; von seinem Verlust der Gunst seines Souveräns; seiner Schande; seiner Ächtung; und Flucht; dass er (so degradiert) zu einem gemeinen Schurken sank, dem Anführer einer mörderischen Räuberbande; und dass er durch die gewohnheitsmäßige Hingabe an die verruchtesten Laster und wildesten Leidenschaften so verändert worden war, selbst im Aussehen und in den Zügen,
„Dass jene, die ihn gebar, vor ihm zurückwich, Und nicht das fremde Antlitz ihres Kindes erkannte, Doch sie (Imogine) liebte ihn dennoch.“
Sie wird durch das stumme Flehen eines Vaters, der auf „bittere schändliche Weise auf der kalten Erde“ zugrunde geht, gezwungen, ihre Hand, mit einem so unwiderruflich vergebenen Herzen, Lord Aldobrand zu geben, dem Feind ihres Geliebten, ja eben jenem Mann, der dessen ehrgeizige Pläne vereitelt hatte und zu dieser Zeit mit der Vollstreckung des Todesurteils betraut war, das über Bertram verhängt worden war. Nun, der Beweis der „Frauenliebe“, der so emsig für das Mitleid, wenn nicht für die Achtung des Publikums hervorgekehrt wird, besteht darin, dass, obwohl Bertram ein Räuber und Mörder von Beruf geworden war, ein Schurke in seinem Gebaren, ja mit einer Gestalt und Zügen, vor denen seine eigene Mutter nur „zurückweichen“ konnte, sie (Lady Imogine) dennoch, „die Ehefrau eines höchst edlen, geehrten Lords“, achtbar als Mensch, vorbildlich und liebevoll als Ehemann und der zärtliche Vater ihres einzigen Kindes – dass sie trotz alledem, sich an die Brust schlagend, es wagt, ihr zu sagen –
„Aber du bist noch immer Bertrams, und Bertrams ewig.“
Ein Mönch tritt nun ein und bittet im Namen seines Priors um die gewohnte Gastfreundschaft und den „freien edlen Umgang“ des Schlosses St. Aldobrand für einige elende schiffbrüchige Seelen, und daraus erfahren wir zum ersten Mal zu unserer unendlichen Überraschung, dass trotz der Übernatürlichkeit des besagten Sturmes nicht nur Bertram, sondern seine ganze Bande gerettet worden war, durch welche Mittel wir nur mutmaßen können, und wir können nur schlussfolgern, dass sie alle dieselben verzweifelten Schwimmkünste und dasselbe rettende Schicksal wie der Held, Bertram selbst, besaßen. So endet der erste Akt und mit ihm die Geschichte der Ereignisse, sowohl jene, mit denen die Tragödie beginnt, als auch jene, die vor dem Zeitpunkt ihres Beginns eingetreten waren. Der zweite zeigt Bertram in unruhigem Schlaf, den der Prior, der über ihm wacht, lieber eine „auffahrende Trance“ nennt, und mit einer angestrengten Stimme, die einen der sieben Schläfer geweckt hätte, bemerkt er gegenüber dem Publikum –
„Wie die Lippe arbeitet! Wie die nackten Zähne mahlen! Und perlenartige Tropfen rinnen seinen gewundenen Brauen hinab!“
Die dramatische Wirkung dieser Passage gestehen wir nicht nur den Bewunderern dieser Tragödie zu, sondern erkennen die weiteren Vorteile an, das Publikum auf die überraschendste Reihe von Grimassen, verzogenen Mündern und wahnsinnigen Gebärden vorzubereiten, die jemals auf ein Publikum „losgelassen“ wurden, um „den Sinn zu versengen.“
„PRIOR. – Ich will ihn aus dieser schrecklichen Trance wecken. Dies ist kein natürlicher Schlaf! He, wach auf, Fremder!“
Dies ist eine ziemlich wunderliche Anwendung des reflexiven Verbs, müssen wir gestehen, obwohl wir uns an eine ähnliche Übertragung des Handelnden auf den Leidenden in einer handschriftlichen Tragödie erinnern, in der der Bertram des Stücks, einen Mann mit einem einzigen Faustschlag zu Boden streckend, ausruft: „Schlag mich dich nieder, dann frag dich, ob du lebst.“ Nun; der Fremde gehorcht, und was auch immer sein Schlaf gewesen sein mag, sein Erwachen war vollkommen natürlich; denn selbst die Lethargie konnte dem schimpfenden Stentortum des Herrn Holland, des Priors, nicht widerstehen. Wir erfahren als Nächstes aus bester Quelle, seinem eigenen Geständnis, dass der misanthropische Held, dessen Schicksal mit dem Ertrinken unvereinbar war, Graf Bertram ist, der nicht nur seine vergangenen Schicksale offenbart, sondern mit offener Abscheulichkeit seinen satanischen Hass auf Imogines Lord und seinen wahnsinnigen Durst nach Rache bekennt; und so tobt der tobende Charakter und der schimpfende Charakter schimpft – und was noch? Handelt der Prior nicht? Schickt er nicht nach einem Trupp von Konstablern oder Diebsfängern, um den Schurken in Handschellen zu legen oder ihn entweder nach Bedlam oder Newgate zu bringen? Nichts dergleichen; der Autor bewahrt die Einheit des Charakters, und der schimpfende Prior tut von Anfang bis Ende nichts als schimpfen, mit Ausnahme der letzten Szene des letzten Aktes, in der er mit einer höchst überraschenden Wandlung winselt, weint und vor dem verurteilten blasphemischen Mörder aus reiner Zuneigung zu dem hochherzigen Mann niederkniet, dessen Erhabenheit der Engels-Sünde mit dem sternhellen Abtrünnigen wetteifert (das heißt, der so stolz war wie Luzifer und so böse wie der Teufel) und der ihn (den besagten Prior Holland) mit wilder Bewunderung „durchschauert“ hatte.
Dementsprechend haben wir in der allernächsten Szene diesen tragischen Macheath mit seiner ganzen Bande im Schloss St. Aldobrand, ohne irgendeinen Versuch des Priors, ihn daran zu hindern oder die Herrin und die Dienerschaft des Schlosses vor ihren neuen Insassen zu warnen; obwohl er (der Prior) wusste und zugibt, dass er wusste, dass Bertrams „fürchterliche Gefährten“ Assassinen waren, die so an Schuld gewöhnt und mit ihr vertraut waren, dass –
„Als ihr durchnässter Halt Gold und Gerät verlor, Sie ihre Dolche mit Mörderinstinkt ergriffen;“
und obwohl er auch wusste, dass Bertram der Anführer einer Bande war, deren Handwerk Blut war. Zum Schloss jedoch geht er, so mit der Zustimmung des heiligen Priors, wenn nicht mit dessen Hilfe; und dorthin lassen Sie uns ihm folgen.
Kaum ist unser Held sicher im Schloss St. Aldobrand untergebracht, erregt er die Aufmerksamkeit der Dame und ihrer Vertrauten durch seine „wilden und schrecklich dunklen Augen“, „vermummte Gestalt“, „fürchterliche Form“, „düster wild“, „stolz streng“ und dergleichen alltägliche Unbestimmtheiten, gewürzt durch bloß verbale Antithesen und bestenfalls mit sehr geringer Änderung von Conrade aus Southeys JOAN OF ARC kopiert. Die Lady Imogine, die (wie sie uns sagt, da dies bei allen sanften und feierlichen Geistern der Fall ist) auf einer Terrasse oder einem Wall mit Blick auf das Schloss den Mond verehrte, besteht darauf, ein Gespräch mit unserem Helden zu haben, und das auch noch unter vier Augen. Möchte der Leser erfahren, warum und weshalb die Vertraute ausgeschlossen wird, die sehr zurecht gegen eine solche „Konferenz, allein, bei Nacht, mit einem, der solch fürchterliche Gestalt trägt“ protestiert; der Grund folgt – „warum, deshalb schickt ihn fort!“ Ich sage, folgt, weil die nächste Zeile, „alle Dinge der Furcht haben ihre Macht über mich verloren“, von der vorherigen durch einen Bruch oder eine Pause getrennt ist und, abgesehen davon, dass es eine sehr arme Antwort auf die Gefahr ist, überhaupt keine Antwort auf die grobe Indiskretion dieser mutwilligen Bloßstellung darstellt. Wir müssen es daher als einen bloßen nachträglichen Einfall betrachten, der die Grobheit ein wenig mildert, aber nichts zum Gewicht jenes exquisiten Frauenarguments hinzufügt. Und so geht Clotilda ab und Bertram tritt ein, der „dasteht, ohne sie anzusehen“, das heißt, mit seinen Unterschenkeln gegabelt, seinen Armen in die Hüften gestützt, seine Seite zur Front der Dame, die ganze Figur einem umgekehrten Y gleichend. Er wird jedoch bald aus dem mürrischen Zustand in den wahnsinnigen Zustand gerissen, und dann folgen Toben, Schreien, Fluchen, sie fällt in Ohnmacht, er wird weich, Imogines Kind läuft herein, quietscht „Mutter!“ Er schnappt es auf, und mit einem „Gott segne dich, Kind! Bertram hat dein Kind geküsst,“ – fällt der Vorhang. Der dritte Akt ist kurz, und kurz sei unser Bericht darüber. Er führt Lord St. Aldobrand auf seinem Heimweg ein und als Nächstes Imogine im Kloster, wo sie dem Prior die Fäulnis ihres Herzens beichtet, der zunächst seiner alten Laune mit einem Anfall von sinnlosem Schimpfen nachgibt, sie dann allein mit ihrem schurkischen Liebhaber lässt, mit dem sie sofort eine infame Verabredung trifft, und der Vorhang fällt, damit dies zur Tat und Vollendung geführt werden kann.
Mir fehlen die Worte, um den gemischten Schrecken und Ekel zu beschreiben, mit dem ich den Beginn des vierten Aktes erlebte, da ich ihn als einen melancholischen Beweis für die Verderbtheit des öffentlichen Geistes betrachtete. Der schockierende Geist des Jakobinismus schien nicht länger auf die Politik beschränkt zu sein. Die Vertrautheit mit abscheulichen Ereignissen und Charakteren schien den Geschmack vergiftet zu haben, selbst dort, wo sie die moralischen Prinzipien nicht direkt zersetzt hatte, und die Gefühle stumpf gegen alle milden Appelle gemacht, während sie allein nach den gröbsten und empörendsten Stimulanzien lechzten. Die bloße Tatsache dann, die vor unseren Sinnen präsent war, dass ein britisches Publikum unter einer solchen Beleidigung gegen den Anstand passiv bleiben konnte, ja mit einem Donner von Applaus einen Menschen empfangen konnte, der angeblich dampfend von der Vollendung dieser komplexen Fäulnis und Niedertracht kam, diese und ähnliche Reflexionen drückten so mit dem Gewicht von Blei auf mein Herz, dass Schauspieler, Autor und Tragödie vergessen worden wären, wenn nicht ein einfacher älterer Mann neben mir gesessen hätte, der mit einem sehr ernsten Gesicht, das zugleich Überraschung und Abscheu ausdrückte, meinen Ellbogen berührte und, auf den Schauspieler zeigend, halb flüsternd zu mir sagte: „Sehen Sie diesen kleinen Kerl da? Er hat gerade Ehebruch begangen!“ Etwas erleichtert durch das Lachen, das diese drollige Ansprache auslöste, erzwang ich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Bühne, gerade genug, um zu erfahren, dass Bertram von einem vorübergehenden Anfall von Reue durch die Information erholt ist, dass St. Aldobrand beauftragt wurde (zu tun, was jeder ehrliche Mann ohne Auftrag hätte tun müssen, wenn er seine Pflicht tat), ihn zu ergreifen und der gerechten Strafe des Gesetzes zu übergeben; eine Information, die (da er längst wusste, dass er ein geächteter Verräter und proklamierter Geächteter war, und nicht nur selbst ein Händler mit Blut, sondern notorisch der Kapitän einer Bande von Dieben, Piraten und Assassinen) sicherlich nicht neu für ihn hätte sein können. Es ist dies jedoch, was ihn allein und augenblicklich in seinen gewohnten Zustand des Tobens, der Blasphemie und des Unsinns zurückversetzt. Als Nächstes folgt Imogines erzwungene Unterredung mit ihrem verletzten Ehemann und sein plötzlicher Aufbruch wieder, alles in Liebe und Güte, um dem Fest des heiligen Anselm im Kloster beizuwohnen. Dies war, das muss man zugeben, eine sehr seltsame Verpflichtung für einen so zärtlichen Ehemann, nur wenige Minuten nach einer so langen Abwesenheit. Aber zunächst hat ihm seine Dame gesagt, dass sie „ein Gelübde auf sich“ habe und wünsche, „dass schwarze Verdammnis ihre meineidige Seele verschlinge“ – (Anmerkung: sie lügt in genau diesem Augenblick) – wenn sie sein Bett besteigt, bis ihre Buße vollbracht ist. Wie soll sich also der arme Ehemann in diesem Intervall ihrer Buße amüsieren? Aber seien Sie nicht bekümmert, Leser, wegen der Abwesenheit des St. Aldobrand! Da es dem Autor gelungen ist, ihn aus dem Haus zu schicken, wenn ein Ehemann im Wege des Liebhabers wäre, so wird er zweifellos nicht darum verlegen sein, ihn zurückzubringen, sobald er gebraucht wird. Nun! Der Ehemann ist zur einen Seite hinausgegangen, da taucht der Liebhaber von der anderen auf, und zwar zu dem teuflischen Zweck, die Seele seiner elenden Komplizin in der Schuld zu zermürben, indem er ihr mit den brutalsten und blasphemischsten Verwünschungen seinen festen und wohlüberlegten Entschluss ankündigt, ihren Ehemann zu ermorden; all dies auch ohne erkennbaren Zweck seitens des Autors, außer dem, eine Reihe von super-tragischen Anfällen, Pausen, Schreien, Kämpfen, Dolchwerfen, zu Boden fallen, wild wieder aufspringen, Fluchen, Hilferufen, wieder zu Boden fallen, wieder aufstehen, schwach zur Tür torkeln, und, um die Szene zu beenden, ein höchst bequemer Ohnmachtsanfall unserer Dame zu inszenieren, gerade rechtzeitig, um Bertram eine Gelegenheit zu geben, das Objekt seines Hasses zu suchen, bevor sie das Haus alarmiert, was sie tatsächlich schon längst hätte tun können, hätte der Autor nicht vorgezogen, dass sie sich und das Publikum mit den oben beschriebenen Tobereien und Anfällen amüsiert. Sie erholt sich langsam, und zu ihr tritt Clotilda, die Vertraute und Beichtmutter; dann beginnt, was in der Theatersprache Wahnsinn genannt wird, was der Autor aber zutreffender Delirium nennt, da es in der Tat eine Art Wechselfieber mit Anfällen von geistiger Verwirrung zu sein scheint, wann immer Gelegenheit und Bühneneffekt danach verlangen. Eine bequeme Rückkehr des Sturmes (wir haben es dem Leser vorher gesagt, wie es sein würde), hatte –
„Das Bächlein, das die Klostermauern badete, In eine schäumende Flut verwandelt: an ihrem Rand Stehen der Lord und sein kleines Gefolge entsetzt. Mit Fackel und Glocke von ihren hohen Zinnen Rufen die Mönche umsonst zum Pass; Er muss heute Nacht zurückkehren.“
Sprich vom Teufel, und seine Hörner erscheinen, sagt das Sprichwort, und tatsächlich, innerhalb von zehn Zeilen nach dem Abgang des Boten, der ausgesandt wurde, um ihn aufzuhalten, wird die Ankunft von Lord St. Aldobrand angekündigt. Bertrams Räuberbande tritt nun ein und stellt sich über die Bühne auf, was Imogine neuen Anlass zu Schreien und Wahnsinn gibt. St. Aldobrand, der seine tödliche Wunde hinter der Bühne erhalten hat, torkelt herein, um in seinem Blut zu wälzen und zu Füßen dieser doppelt verdammten Ehebrecherin zu sterben.
Von ihr, soweit sie in diesen vierten Akt involviert ist, haben wir zwei zusätzliche Punkte zu bemerken: erstens die niedere List und den jesuitischen Trick, mit dem sie ihren Ehemann zu Worten der Vergebung verleitet, die er selbst nicht versteht; und zweitens, dass sie überall zum Objekt von Interesse und Sympathie gemacht wird, und es ist nicht die Schuld des Autors, wenn sie zu irgendeinem Zeitpunkt Gefühle erregt, die weniger sanft sind als jene, die wir gewöhnlich mit den Selbstanklagen einer aufrichtigen religiösen Büßerin assoziieren. Und erduldete ein britisches Publikum all dies? – Sie empfingen es mit Applaus, der, wäre nicht die Konkurrenz der Karren und Droschken gewesen, die Abendgebete der spärlichen werktäglichen Gemeinde in der St. Paul’s Kathedrale hätte stören können.
Tempora mutantur, nos et mutamur in illis.
Vom fünften Akt ist das einzig Bemerkenswerte (denn Geschrei und Unsinn sind, obwohl im Überfluss vorhanden, schon lange vor dem letzten Akt zur Gewohnheit geworden) die profane Darstellung des Hochaltars in einer Kapelle, mit allen Gefäßen und anderen Vorbereitungen für das heilige Sakrament. Ein Hymnus wird tatsächlich auf der Bühne von Chorknaben gesungen! Im Übrigen wandert Imogine, die hier und da delirierend spricht, aber immer geistig verwirrt ist, soweit ihr Kleid und Haar es zulassen, in dunklen Wäldern mit Höhlenfelsen und Abgründen im Hintergrund herum; und eine Anzahl stummer dramatis personae bewegt sich ständig ein und aus, für deren Anwesenheit es immerhin den Grund gibt, dass sie etwas zum Sehen bieten für den sehr großen Teil des Drury Lane Publikums, der wenig Chance hat, ein Wort zu hören. Sie hatte, wie es scheint, ihr Kind mitgenommen, aber was aus dem Kind wird, ob sie es ermordet hat oder nicht, das kann niemand sagen, das kann niemand erfahren; es war ein Rätsel bei der Aufführung, und nach einer höchst aufmerksamen Lektüre des Stücks bleibt es ein Rätsel.
„Nicht mehr weiß ich, ich wünschte, ich wüsste es, Und ich würde es euch alles erzählen; Denn was aus diesem armen Kind wurde, Das wusste noch keiner jemals.“
Unsere gesamte Information [84] stammt aus den folgenden Worten –
„PRIOR. – Wo ist dein Kind?
CLOTIL. – (Auf die Höhle zeigend, in die sie geschaut hat) Oh, es liegt kalt in seinem Höhlengrab! Warum bedrängst du sie mit dem schrecklichen Thema?
PRIOR. – (der, wie der Leser bemerken mag, nicht um seine Dosis Schimpfen gebracht werden will) Es war, um eine lebendige Saite des Herzens zu wecken (query wecken), Und ich will es versuchen, obwohl mein eigenes daran bricht. Wo ist dein Kind?
IMOG. – (mit einem wahnsinnigen Lachen) Der Waldteufel hat ihn geschnappt – Er (wer? der Teufel oder das Kind?) reitet den Nachtmahr durch die Zauberwälder.“
Nun bestehen diese zwei Zeilen aus einem sinnlosen Plagiat des vorgetäuschten Wahnsinns von Edgar in Lear, der in Nachahmung der Zigeunerbeschwörungen Wortspiele mit dem alten Wort mair, einer Hexe, treibt; und der nicht minder sinnlosen Übernahme von Drydens Waldteufel und dem Zauberstrom, durch den Milton in seinem Lycidas den sich ausbreitenden Deva, fabulosus amnis, so treffend charakterisiert. Man beachte auch, dass diese Bilder in den Reden der Imogine einzigartig dastehen, ohne die geringste Ähnlichkeit mit irgendetwas, das sie vorher oder nachher sagt. Aber wir sind müde. Die Charaktere in diesem Akt hüpfen hierhin, dorthin und überallhin, so quälend wie die Irrlichter, die unartige Jungen von der anderen Straßenseite aus mit einem Spiegel auf die Gesichter ihrer gegenüberliegenden Nachbarn werfen. Bertram, entwaffnet, überherodiert Charles de Moor in den Räubern, bietet den versammelten Rittern des heiligen Anselm (alle in voller Rüstung) die Stirn und schreckt sie so durch die bloße Kraft finsterer Mienen zu passiven Memmen ab. Die plötzliche Wandlung im Benehmen des Priors haben wir bereits bemerkt, und sie ist in der Tat so outre, dass eine Anzahl der Zuschauer sich einbildete, ein großes Geheimnis würde enthüllt werden, nämlich: dass der Prior eines der vielen Beispiele eines jugendlichen Sünders sei, der sich in einen alten Zänker verwandelt habe, und dass dieser Bertram am Ende als sein Sohn erscheinen würde. Imogine erscheint wieder im Kloster und stirbt aus eigenem Antrieb. Bertram ersticht sich und stirbt an ihrer Seite, und damit das Stück so enden möge, wie es begann, das heißt in einer Superfetation von Blasphemie auf Unsinn, weil er einem verabscheuungswürdigen Feigling, der vor Angst zurückweicht, als ihm das Schwert scherzhaft entgegengestreckt wird, ein Schwert entrissen hatte; dieser Felo de se und Räuberhauptmann – dieser abscheuliche und aussätzige Zusammenfluss von Raub, Ehebruch, Mord und feigem Meuchelmord – dieses Ungeheuer, dessen beste Tat darin besteht, seine Besseren vor der Schande bewahrt zu haben, ihn aufzuhängen, indem er selbst zum Henker wurde; empfiehlt zuerst den barmherzigen Mönchen und dem heiligen Prior, für seine Seele zu beten, und hat dann die Torheit und Unverschämtheit auszurufen –
„Ich sterbe keinen Mörder-Tod, Des Kriegers Waffe freite des Kriegers Geist!“
KAPITEL XXIV
SCHLUSSFOLGERUNG
Es kommt manchmal vor, dass wir für unsere Fehler durch Vorfälle bestraft werden, an deren Verursachung diese Fehler keinen Anteil hatten: und dies habe ich immer als die härteste Strafe empfunden. Die Wunde hat zwar dieselben Ausmaße; aber die Ränder sind ausgefranst, und es gibt einen dumpfen, unterschwelligen Schmerz, der den stechenden Schmerz überdauert, den er verschlimmert hatte. Denn es gibt immer ein tröstliches Gefühl, das das Bewusstsein eines Verhältnisses zwischen Ursachen und Folgen begleitet. Der Sinn für Vorher und Nachher wird sowohl verständlich als auch intellektuell, wenn, und nur wenn, wir die Abfolge in den Beziehungen von Ursache und Wirkung betrachten, die wie die beiden Pole des Magneten das Sein und die Einheit der einen Kraft durch relative Gegensätze offenbaren und dem schattenhaften Fluss der Zeit gleichsam ein Substrat der Dauer, der Identität und damit der Realität geben. Es ist die Ewigkeit, die sich in den Phänomenen der Zeit offenbart: und die Wahrnehmung und Anerkennung der Proportionalität und Angemessenheit des Gegenwärtigen zum Vergangenen beweist der betroffenen Seele, dass sie noch nicht des Anblicks Gottes beraubt ist, dass sie noch die wirksame Gegenwart eines Vaters erkennen kann, wenn auch durch ein verdunkeltes Glas und eine trübe Atmosphäre, wenn auch eines Vaters, der sie züchtigt. Und aus diesem Grund sind wir zweifellos geistig so geformt und sogar in Gehirn und Nerven so organisiert, dass alle Verwirrung schmerzhaft ist. Es gehört zur Erfahrung vieler praktischer Ärzte, dass ein Patient mit seltsamen und ungewöhnlichen Krankheitssymptomen geistig mehr bedrückt, mehr elend war, weil er sich selbst und anderen unverständlich war, als durch den Schmerz oder die Gefahr der Krankheit: ja, dass der Patient den solidesten Trost empfangen und eine heitere und dauerhafte Fröhlichkeit wiedererlangt hat, durch ein neues Symptom oder Produkt, das den Namen und die Natur seines Leidens auf einmal bestimmt und es zu einer verständlichen Wirkung einer verständlichen Ursache gemacht hatte: selbst wenn die Entdeckung im selben Moment jede Hoffnung auf Genesung ausschloss. Daher haben sich die mystischen Theologen, deren Wahnvorstellungen wir hoffentlich zuversichtlicher von ihren tatsächlichen Intuitionen trennen können, wenn wir uns herablassen, ihre Werke ohne die Vermutung zu lesen, dass alles, wovon unsere Phantasie (immer der Affe und allzu oft der Verfälscher und Fälscher unseres Gedächtnisses) kein Bild gemacht hat oder machen kann, Unsinn sein müsse – daher, sage ich, haben sich die Mystiker darin vereint, den Zustand der verworfenen Geister als einen schrecklichen Traum darzustellen, in dem es kein Gefühl für die Realität gibt, nicht einmal für die Qualen, die sie erleiden – eine Ewigkeit ohne Zeit und gleichsam unter ihr – Gott gegenwärtig ohne Manifestation seiner Gegenwart. Aber dies sind Tiefen, bei denen wir nicht verweilen dürfen. Wenden wir uns einem Beispiel zu, das mehr auf der Ebene der gewöhnlichen Sympathien der Menschheit liegt. Hier also, und in diesem gleichen heilsamen Einfluss des Lichts und des deutlichen Schauens, können wir die Endursache jenes Instinkts entdecken, der in der großen Mehrheit der Fälle die Bedrängten dazu führt und fast zwingt, ihre Sorgen mitzuteilen. Hieraus fließt auch die Linderung, die sich aus dem „Aussprechen unseres Kummers“ ergibt: diese werden so in unterscheidbare Formen gebracht, anstatt in den Nebel, durch den alles Gestaltlose vergrößert und (buchstäblich) ungeheuerlich wird. Casimir hat in der fünften Ode seines dritten Buches diesen Gedanken glücklich [85] ausgedrückt.
Me longus silendi Edit amor, facilesque luctus Hausit medullas. Fugerit ocyus, Simul negantem visere jusseris Aures amicorum, et loquacem Questibus evacuaris iram.
Olim querendo desinimus queri, Ipsoque fletu lacryma perditur Nec fortis [86] aeque, si per omnes Cura volat residetque ramos.
Vires amicis perdit in auribus, Minorque semper dividitur dolor, Per multa permissus vagari Pectora.--
Ich werde dies jedoch nicht als Entschuldigung dafür benutzen, meine Leser mit Klagen oder Erklärungen zu behelligen, die sie als Leser wenig oder gar nichts angehen. Es mag (zumindest für den Augenblick) genügen zu erklären, dass die Gründe, die die Veröffentlichung dieser Bände so lange nach ihrem Druck verzögert haben, nicht mit einer eigenen Vernachlässigung zusammenhingen; und dass sie einen lehrreichen Kommentar zu dem Kapitel über die Autorenschaft als Gewerbe bilden würden, das sich an junge Männer von Genie im ersten Band dieses Werkes richtet. Ich erinnere mich an die lächerliche Wirkung, die der erste Satz einer Autobiographie auf meinen Geist ausübte, der für den Verfasser glücklicherweise so arm an Vorfällen war, wie es für das Leben eines Einzelnen nur möglich ist – „Das ereignisreiche Leben, das ich aufzeichnen will, von der Stunde an, in der ich auf diesem Planeten ins Dasein trat, etc.“ Doch wenn ich trotz dieses warnenden Beispiels der Selbstwichtigkeit mein eigenes Leben Revue passieren lasse, kann ich nicht umhin, dasselbe Epitheton darauf anzuwenden, und zwar mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck – und kein privates Gefühl, das nur mich betraf, sollte mich davon abhalten, dasselbe zu veröffentlichen (denn schreiben werde ich es sicherlich, sollten mir Leben und Muße gegönnt sein), falls fortgesetztes Nachdenken meinen jetzigen Glauben bestärken sollte, dass meine Geschichte ihren Beitrag zur Bekräftigung einer wichtigen Wahrheit leisten würde, nämlich, dass wir nicht nur unsere Nächsten wie uns selbst, sondern auch uns selbst wie unsere Nächsten lieben müssen; und dass wir keines von beidem tun können, wenn wir nicht Gott über beide lieben.
Who lives, that’s not Depraved or depraves? Who dies, that bears Not one spurn to the grave of their friends’ gift?
So seltsam die Täuschung erscheinen mag, so ist es doch sehr wahr, dass ich vor drei Jahren nicht wusste oder glaubte, dass ich einen Feind auf der Welt hätte: und jetzt vermischen sich selbst meine stärksten Gefühle der Dankbarkeit mit Furcht, und ich werfe mir vor, allzu oft dazu geneigt zu sein zu fragen: Habe ich einen Freund? – Während der vielen Jahre, die zwischen der Abfassung und der Veröffentlichung von CHRISTABEL vergingen, wurde es unter Literaten fast so bekannt, als wäre es im allgemeinen Verkauf; es wurde darauf Bezug genommen, und es wurden dieselben Freiheiten damit genommen, bis hin zu den Namen der imaginären Personen im Gedicht. Von fast allen unseren berühmtesten Dichtern, und von einigen, mit denen ich keine persönliche Bekanntschaft hatte, empfing oder hörte ich Äußerungen der Bewunderung, die (das kann ich wahrhaftig sagen) mir völlig unverhältnismäßig zu einem Werk erschienen, das vorgab, nichts weiter als ein gewöhnliches Märchen zu sein. Viele, die meinen anderen Gedichten, ob gedruckt oder handschriftlich, kein Verdienst zugestanden hatten und die mir dies offen gesagt haben, machten einheitlich eine Ausnahme zugunsten von CHRISTABEL und dem Gedicht mit dem Titel LOVE. Jahr für Jahr, und in Gesellschaften der verschiedensten Art, war ich gebeten worden, es vorzutragen, und das Ergebnis war in allen immer dasselbe und in dieser Hinsicht völlig anders als die Wirkung, die durch die gelegentliche Rezitation anderer von mir komponierter Gedichte hervorgerufen wurde. – Dies vor der Veröffentlichung. Und seitdem habe ich, mit sehr wenigen Ausnahmen, nichts als Beschimpfungen gehört, und dies noch dazu in einem Geist der Bitterkeit, der mindestens ebenso unverhältnismäßig zu den Ansprüchen des Gedichts war, selbst wenn es das jämmerlichste unter dem Mittelmaß gewesen wäre, wie die früheren Lobsprüche, und weit unerklärlicher. – Dies mag den Autoren als Warnung dienen, dass sie bei ihren Berechnungen über die wahrscheinliche Aufnahme eines Gedichts einen großen Betrag von dem Lob abziehen müssen, das sie vielleicht zur Veröffentlichung ermutigt hat, wie unverdächtig und wie vielfältig die Quellen dieses Lobs auch gewesen sein mögen. Und zuerst müssen Abschläge für private Feindschaft gemacht werden, von deren Existenz sie vielleicht keinen Verdacht geschöpft hatten – für persönliche Feindschaft hinter der Maske anonymer Kritik: zweitens für die Notwendigkeit eines gewissen Anteils an Beschimpfung und Spott in einer Rezension, um sie verkäuflich zu machen, weshalb die Chancen gegen sie stehen müssen, wenn sie keine Freunde hinter den Kulissen haben; aber zuletzt und hauptsächlich für die Erregung und vorübergehende Sympathie des Gefühls, die der Vortrag des Gedichts durch einen Bewunderer, besonders wenn er zugleich ein warmer Bewunderer und ein Mann von anerkannter Berühmtheit ist, beim Publikum hervorruft. Denn dies ist in der Tat eine Art animalischer Magnetismus, bei dem der entflammende Rezitator durch ständigen Kommentar von Blicken und Tönen seine eigene Willens- und Auffassungsgabe auf seine Zuhörer überträgt. Sie leben für die Zeit innerhalb des erweiterten Bereichs seines intellektuellen Seins. Es ist gleichermaßen möglich, wenn auch nicht gleichermaßen üblich, dass ein Leser, der sich selbst überlassen bleibt, hinter das Gedicht zurückfällt, wie dass das Gedicht, sich selbst überlassen, hinter den Gefühlen des Lesers zurückbleibt. – Aber in meinem eigenen Fall hatte ich das zusätzliche Unglück, dass man über mich tratschte, ich sei der Metaphysik ergeben, und schlimmer als alles andere, einem System, das unvergleichlich näher an den visionären Flügen Platos und sogar an dem Jargon der Mystiker lag als an den etablierten Lehren von Locke. Was daher mit meinem Namen erschien, war von vornherein als vorherbestimmte Metaphysik verdammt. In einem dramatischen Gedicht, das von mir einem Gentleman von großem Einfluss in der Theaterwelt vorgelegt worden war, kam die folgende Passage vor: –
„O we are querulous creatures! Little less Than all things can suffice to make us happy: And little more than nothing is enough To make we wretched.”
Ja, hier nun! (rief der Kritiker) hier kommt Coleridges Metaphysik! Und das genau gleiche Motiv (das heißt, nicht dass die Zeilen für den gegenwärtigen Zustand unserer riesigen Theater ungeeignet waren; sondern dass sie Metaphysik [87] waren) wurde anderswo für die Ablehnung der beiden folgenden Passagen angegeben. Die erste wird als Antwort auf einen Usurpator gesprochen, der sich auf den Umstand berufen hatte, dass er durch die Akklamationen des Volkes gewählt worden sei. –
„What people? How convened? or, if convened, Must not the magic power that charms together Millions of men in council, needs have power To win or wield them? Rather, O far rather Shout forth thy titles to yon circling mountains, And with a thousand-fold reverberation Make the rocks flatter thee, and the volleying air, Unbribed, shout back to thee, King Emerick! By wholesome laws to embank the sovereign power, To deepen by restraint, and by prevention Of lawless will to amass and guide the flood In its majestic channel, is man’s task And the true patriot’s glory! In all else Men safelier trust to Heaven, than to themselves When least themselves: even in those whirling crowds Where folly is contagious, and too oft Even wise men leave their better sense at home, To chide and wonder at them, when returned.”
Die zweite Passage ist im Munde eines alten und erfahrenen Höflings, der von dem Mann verraten wurde, dem er am meisten vertraut hatte.
„And yet Sarolta, simple, inexperienced, Could see him as he was, and often warned me. Whence learned she this?--O she was innocent! And to be innocent is Nature’s wisdom! The fledge-dove knows the prowlers of the air, Feared soon as seen, and flutters back to shelter. And the young steed recoils upon his haunches, The never-yet-seen adder’s hiss first heard. O surer than suspicion’s hundred eyes Is that fine sense, which to the pure in heart, By mere oppugnancy of their own goodness, Reveals the approach of evil.”
Da mein Ruf als Schriftsteller also durch einen offenen Akt kaum mehr geschädigt werden konnte, als er es bereits infolge des Berichts war, veröffentlichte ich ein Werk, von dem ein großer Teil erklärtermaßen metaphysisch war. Eine lange Verzögerung trat zwischen seiner ersten Ankündigung und seinem Erscheinen ein; es wurde daher im Voraus mit einer Gehässigkeit rezensiert, die so offen und ausschließlich persönlich ist, wie sie, glaube ich, selbst in der gegenwärtigen Verachtung aller allgemeinen Menschlichkeit, die die Pressefreiheit entehrt und gefährdet, beispiellos ist. Nach seinem Erscheinen unternahm es der Autor dieses Schmähschriften, es in der Edinburgh Review zu besprechen; und unter der einzigen Bedingung, dass er geschrieben hätte, was er selbst wirklich dachte, und das Werk kritisiert hätte, wie er es getan hätte, wenn sein Autor ihm gleichgültig gewesen wäre, hätte ich diesen Mann selbst gewählt, sowohl wegen der Kraft und der Originalität seines Geistes als auch wegen seiner besonderen Schärfe im spekulativen Denken, vor allen anderen. – Ich erinnerte mich an Catulls Zeilen.
Desine de quoquam quicquam bene velle mereri, Aut aliquem fieri posse putare pium. Omnia sunt ingrata: nihil fecisse benigne est: Immo, etiam taedet, taedet obestque magis; Ut mihi, quem nemo gravius nec acerbius urget, Quam modo qui me unum atque unicum amicum habuit.
Aber ich kann wahrhaftig sagen, dass die Trauer, mit der ich diese Rhapsodie der vorherbestimmten Beleidigung las, den Rhapsodisten selbst als ihren einzigen und alleinigen Gegenstand hatte.
* * * * * *
Ich beziehe mich jetzt auf diese Rezension, da mir die Information zugekommen ist, dass die Anspielung auf meine „potentielle Ungläubigkeit“, die auf einer Passage meiner ersten Lay Sermon beruhte, mit einem Grad an Glauben aufgenommen und verbreitet wurde, von dem ich den Urheber der Verleumdung getrost freisprechen kann. Ich gebe die Sätze so wieder, wie sie in der Predigt stehen, mit der einzigen Voraussetzung, dass ich ausschließlich von Wundern sprach, die für die äußeren Sinne der Menschen gewirkt wurden. „Es war nur, um die Usurpation zu stürzen, die in und durch die Sinne ausgeübt wurde, dass die Sinne auf wunderbare Weise angerufen wurden. VERNUNFT UND RELIGION SIND IHR EIGENER BEWEIS. Die natürliche Sonne ist in dieser Hinsicht ein Symbol der geistigen. Ehe sie vollständig aufgegangen ist und während ihre Herrlichkeiten noch unter dem Schleier liegen, ruft sie die Brise herbei, um die usurpierten Dämpfe der Nachtzeit zu verjagen, und macht so die Luft selbst zum Diener ihrer eigenen Reinigung: sicher nicht zum Beweis oder zur Erläuterung des Lichts vom Himmel, sondern um dessen Unterbrechung zu verhindern.“
„Wo immer daher ähnliche Umstände mit denselben moralischen Ursachen koexistieren, machen die in den inspirierten Schriften offenbarten Prinzipien und aufgezeichneten Beispiele Wunder überflüssig: und wenn wir es versäumen, Wahrheiten in Erwartung von Wundern oder unter dem Vorwand des Aufhörens letzterer anzuwenden, versuchen wir Gott und verdienen dieselbe Antwort, die unser Herr den Pharisäern bei einer ähnlichen Gelegenheit gab.“
In der Predigt und den Anmerkungen werden sowohl die historische Wahrheit als auch die Notwendigkeit der Wunder nachdrücklich und häufig bekräftigt. „Das Zeugnis der Geschichtsbücher (das heißt in Bezug auf die Zeichen und Wunder, mit denen Christus kam) ist eine der starken und stattlichen Säulen der Kirche: aber es ist nicht das Fundament!“ Anstatt mich also zu verteidigen, was ich leicht durch eine Reihe von Passagen bewirken könnte, die dieselbe Meinung von den Vätern und den bedeutendsten protestantischen Theologen von der Reformation bis zur Revolution ausdrücken, werde ich lediglich darlegen, was mein Glaube an die wahren Beweise des Christentums ist. 1. Seine Übereinstimmung mit der rechten Vernunft betrachte ich als den äußeren Vorhof des Tempels – den gemeinsamen Bereich, innerhalb dessen er steht. 2. Die Wunder, mit und durch die die Religion zuerst offenbart und bezeugt wurde, betrachte ich als die Stufen, das Vestibül und das Portal des Tempels. 3. Der Sinn, das innere Gefühl in der Seele jedes Gläubigen von seiner überaus großen Wünschenswertigkeit – die Erfahrung, dass er etwas braucht, verbunden mit der starken Vorahnung, dass die Erlösung und die Gnaden, die uns in Christus angeboten werden, das sind, was er braucht – dies halte ich für das wahre Fundament des geistigen Gebäudes. Mit der starken a priori Wahrscheinlichkeit, die aus 1 und 3 auf den korrespondierenden historischen Beweis von 2 einfließt, kann kein Mensch ohne Schuld das Experiment verweigern oder vernachlässigen. Aber 4. ist es die Erfahrung, die aus einer praktischen Konformität mit den Bedingungen des Evangeliums abgeleitet wird – es ist das sich öffnende Auge; das dämmernde Licht: die Schrecken und die Verheißungen des geistigen Wachstums; die Seligkeit, Gott als Gott zu lieben, das keimende Gefühl der Sünde, die als Sünde gehasst wird, und der Unfähigkeit, beides ohne Christus zu erlangen; es ist der Kummer, der immer noch von unten aufsteigt, und der Trost, der ihm von oben entgegenkommt; die Verrätereien des Busens des Hauptakteurs im Krieg und die überaus große Treue und Langmut des uninteressanten Verbündeten; – mit einem Wort, es ist die tatsächliche Erprobung des Glaubens an Christus, mit seinen Begleiterscheinungen und Ergebnissen, die das gewölbte Dach bilden muss, und der Glaube selbst ist der vollendende Schlussstein. Um einen wirksamen Glauben an das Christentum zu haben, muss ein Mensch ein Christ gewesen sein, und dies ist das scheinbare argumentum in circulo, das allen geistigen Wahrheiten eigen ist, jedem Thema, das nicht unter den Formen von Zeit und Raum darstellbar ist, solange wir versuchen, durch die reflexiven Akte des Verstandes zu beherrschen, was wir nur durch den Akt des Werdens wissen können. Tut den Willen meines Vaters, und ihr werdet wissen, ob ich von Gott bin. Diese vier Beweise glaube ich, dass sie für die Welt, für die ganze Kirche, alle notwendig, alle gleichermaßen notwendig waren und noch sind: aber gegenwärtig, und für die Mehrheit der in christlichen Ländern geborenen Christen, glaube ich, dass der dritte und der vierte Beweis am wirksamsten sind, nicht als ersetzend, sondern als einen frohen, zweifelsfreien Glauben an die beiden ersteren einschließend. Credidi, ideoque intellexi, erscheint mir als das Diktat von Philosophie und Religion gleichermaßen, ebenso wie ich glaube, dass Erlösung die Voraussetzung der Heiligung ist und nicht deren Folge. Alle geistigen Prädikate können indifferent als Handlungsweisen oder als Seinszustände ausgelegt werden. So sind Heiligkeit und Seligkeit dieselbe Idee, jetzt in Bezug auf Handlung und jetzt auf Existenz gesehen. Den bereitwilligen Glauben, der der Verleumdung meiner „potentiellen Ungläubigkeit“ entgegengebracht wurde, schreibe ich zum Teil der Offenheit zu, mit der ich meine Zweifel geäußert habe, ob das schwere Interdikt, unter dem der Name Benedict Spinozas liegt, insgesamt oder in vollem Umfang verdient ist. Wie dem auch sei, ich wünschte jedoch, ich könnte in den Büchern der Philosophie, theoretisch oder moralisch, die den gegenwärtigen Studierenden der Theologie an unseren etablierten Schulen allein empfohlen werden, ein paar Passagen finden, die so durch und durch paulinisch sind, so vollständig im Einklang mit den Lehren der etablierten Kirche, wie die folgenden Sätze auf der letzten Seite von Spinozas Ethik. Deinde quo mens hoc amore divino, seu beatitudine magis gaudet, eo plus intelligit, hoc est, eo majorem in affectus habet potentiam, et eo minus ab affectibus, qui mali sunt, patitur; atque adeo ex eo, quod mens hoc amore divino, seu beatitudine gaudet, potestatem habet libidines coercendi; et quia humana potentia ad coercendos affectus in solo intellectu consistit; ergo nemo beatitudine gaudet, quia affectus coercuit, sed contra potestas libidines coercendi ex ipsa beatitudine oritur.
Was die Unitarier betrifft, so ist schamlos behauptet worden, ich hätte ihnen das Christentum abgesprochen. Gott behüte! Denn woher sollte ich wissen, worin die Frömmigkeit des Herzens besteht oder welches Maß an Irrtum im Verstande mit einem rettenden Glauben an die Absichten und tatsächlichen Regungen des gesamten moralischen Wesens bei einem Individuum vereinbar sein mag? Niemals wird Gott eine Seele verstoßen, die ihn aufrichtig liebt: mögen ihre spekulativen Ansichten sein, wie sie wollen: und ob in einem gegebenen Fall bestimmte Meinungen, seien es Unglauben oder Irrglaube, mit einer aufrichtigen Liebe zu Gott vereinbar sind, das kann nur Gott wissen. – Doch dies habe ich gesagt und werde es weiterhin sagen: Wenn die Lehren, deren Summe ich als die Wahrheit in Christus glaube, das Christentum sind, dann ist es der Unitarismus nicht, und umgekehrt: und dass es, wenn man theologisch und unpersönlich spricht, d. h. von Psilanthropismus und Theanthropismus als Glaubenssystemen, ohne Bezug auf Individuen, die das eine oder das andere bekennen, widersinnig wäre, eine andere Sprache zu verwenden, solange es ein Gebot des gesunden Menschenverstandes ist, dass zwei Gegensätze nicht mit Fug und Recht denselben Namen tragen können. Ich würde mich nicht gekränkt fühlen, wenn ein Unitarier dasselbe auf mich anwendete, ebenso wenig, als wenn er sagen würde, dass, da zwei und zwei vier ist, vier und vier acht sein müssen.
alla broton ton men keneophrones auchai ex agathon ebalon; ton d’ au katamemphthent’ agan ischun oikeion paresphalen kalon, cheiros elkon opisso, thumos atolmos eon.
Dies ist mein Ziel gewesen, und dies allein kann meine Verteidigung sein – und o! dass damit mein persönliches wie auch mein LITERARISCHES LEBEN enden möge! – das ungestillte Verlangen meine ich, nicht ohne das Bewusstsein, ernsthaft versucht zu haben, junge Gemüter zu entflammen und sie gegen die Versuchungen der Spötter zu wappnen, indem ich zeigte, dass das System des Christentums, wie es in der Liturgie und den Homilien unserer Kirche gelehrt wird, wenn auch nicht durch menschliche Vernunft zu entdecken, dennoch mit ihr im Einklang steht; dass ein Glied dem anderen mit notwendiger Konsequenz folgt; dass die Religion erst dort aus dem Gesichtskreis der Vernunft tritt, wo das Auge der Vernunft seinen eigenen Horizont erreicht hat; und dass der Glaube dann nur dessen Fortsetzung ist: ganz so, wie der Tag in die süße Dämmerung übergeht und die Dämmerung, still und atemlos, in die Dunkelheit schleicht. Es ist Nacht, heilige Nacht! Das erhobene Auge sieht nur den Sternenhimmel, der sich allein offenbart: und das äußere Schauen ist auf die Funken gerichtet, die in der schrecklichen Tiefe blinken, obgleich es Sonnen anderer Welten sind, nur um die Seele in ihrem reinen Akt innerer Anbetung gegenüber dem großen ICH BIN und dem kindlichen WORT, das es von Ewigkeit zu Ewigkeit bekräftigt, dessen chorischer Widerhall das Universum ist, stetig und gesammelt zu bewahren.
THEO, MONO, DOXA.
FUẞNOTEN
[Fußnote 1: Auf die Autorität von Milton und Shakespeare darf junge Autoren mit Nutzen hingewiesen werden. In Miltons Comus und anderen frühen Gedichten gibt es eine Überfülle an doppelten Epitheten; während wir im Paradise Lost nur sehr wenige, im Paradise Regained kaum welche finden. Dieselbe Bemerkung gilt fast ebenso für Love’s Labour Lost, Romeo und Julia, Venus und Adonis und Lucrece im Vergleich zu Lear, Macbeth, Othello und Hamlet unseres großen Dramatikers. Die Regel für die Zulassung doppelter Epitheten scheint diese zu sein: entweder sollten sie bereits Bürger unserer Sprache sein, wie blutbefleckt, terrorerfüllt, selbstlobend: oder wenn ein neues Epithet, oder eines, das nur in Büchern zu finden ist, gewagt wird, dass es zumindest ein Wort sei, nicht zwei Wörter, die nur kraft des Bindestrichs des Druckers zu einem gemacht wurden. Eine Sprache, die wie das Englische fast ohne Kasus ist, ist in ihrem eigentlichen Wesen für Komposita ungeeignet. Wenn ein Schriftsteller jedes Mal, wenn sich ihm ein zusammengesetztes Wort aufdrängt, nach einer anderen Ausdrucksweise für denselben Sinn suchen würde, stünden die Chancen sehr gut, dass er ein besseres Wort fände. Ut tanquam scopulum sic fugias insolens verbum, ist der weise Rat Caesars an die römischen Redner, und die Vorschrift gilt mit doppelter Kraft für die Schriftsteller in unserer eigenen Sprache. Aber es darf nicht vergessen werden, dass derselbe Caesar eine Abhandlung zu dem Zweck schrieb, die gewöhnliche Sprache zu reformieren, indem er sie in größere Übereinstimmung mit den Prinzipien der Logik oder der Universalgrammatik brachte.]
[Fußnote 2: Siehe die Kritiken über den Ancient Mariner in den Monthly und Critical Reviews des ersten Bandes der Lyrical Ballads.]
[Fußnote 3: Dies ist es wert, als Maxime (regula maxima) der Kritik eingestuft zu werden. Was in anderen und einfacheren Worten derselben Sprache ohne Verlust an Sinn oder Würde übersetzbar ist, ist schlecht. N.B. – Mit Würde meine ich das Fehlen lächerlicher und erniedrigender Assoziationen.]
[Fußnote 4: Der Ausdruck im Christ’s Hospital, nicht für Feiertage im Allgemeinen, sondern für jene, an denen es den Jungen erlaubt ist, die Grenzen der Schule zu überschreiten.]
[Fußnote 5: Ich erinnere mich an ein lächerliches Beispiel im Gedicht eines jungen Handwerkers:
“No more will I endure love’s pleasing pain, Or round my heart’s leg tie his galling chain.”]
[Fußnote 6: Cowpers Task wurde einige Zeit vor den Sonetten von Mr. Bowles veröffentlicht; aber ich war erst viele Jahre später damit vertraut. Die Ader der Satire, die sich durch dieses ausgezeichnete Gedicht zieht, zusammen mit dem düsteren Ton seiner religiösen Ansichten, hätte es damals wahrscheinlich gehindert, einen starken Griff auf meine Zuneigung zu bekommen. Die Liebe zur Natur scheint Thomson zu einer fröhlichen Religion geführt zu haben; und eine düstere Religion Cowper zur Liebe zur Natur. In der Reinheit der Diktion jedoch und der Harmonie des Blankverses lässt Cowper Thomson unermesslich unter sich; dennoch fühle ich, dass letzterer der geborene Dichter war.]
[Fußnote 7: SONETT I
Pensive at eve, on the hard world I mused, And m poor heart was sad; so at the Moon I gazed and sighed, and sighed; for ah how soon Eve saddens into night! mine eyes perused With tearful vacancy the dampy grass That wept and glitter’d in the paly ray And I did pause me on my lonely way And mused me on the wretched ones that pass O’er the bleak heath of sorrow. But alas! Most of myself I thought! when it befel, That the soothe spirit of the breezy wood Breath’d in mine ear: “All this is very well, But much of one thing, is for no thing good.” Oh my poor heart’s inexplicable swell!
SONETT II
Oh I do love thee, meek Simplicity! For of thy lays the lulling simpleness Goes to my heart, and soothes each small distress, Distress the small, yet haply great to me. ’Tis true on Lady Fortune’s gentlest pad I amble on; and yet I know not why So sad I am! but should a friend and I Frown, pout and part, then I am very sad. And then with sonnets and with sympathy My dreamy bosom’s mystic woes I pall: Now of my false friend plaining plaintively, Now raving at mankind in general; But whether sad or fierce, ’tis simple all, All very simple, meek Simplicity!
SONETT III
And this reft house is that, the which he built, Lamented Jack! and here his malt he pil’d, Cautious in vain! these rats, that squeak so wild, Squeak not unconscious of their father’s guilt. Did he not see her gleaming thro’ the glade! Belike ’twas she, the maiden all forlorn. What the she milk no cow with crumpled horn, Yet, aye she haunts the dale where erst she stray’d: And aye, beside her stalks her amorous knight Still on his thighs their wonted brogues are worn, And thro’ those brogues, still tatter’d and betorn, His hindward charms gleam an unearthly white. Ah! thus thro’ broken clouds at night’s high noon Peeps to fair fragments forth the full-orb’d harvest-moon!
Die folgende Anekdote wird hier nicht völlig deplatziert sein und den Leser vielleicht amüsieren. Ein Amateurdichter äußerte gegenüber einem gemeinsamen Freund den starken Wunsch, mir vorgestellt zu werden, zögerte jedoch, das unmittelbare Angebot meines Freundes anzunehmen, mit der Begründung, dass „er, er müsse es zugeben, der Autor eines verdammt scharfen Epigramms auf meinen Ancient Mariner sei, das mir großen Schmerz bereitet habe.“ Ich versicherte meinem Freund, dass, wenn das Epigramm gut sei, es nur meinen Wunsch steigern würde, den Autor kennenzulernen, und bat darum, es vorgetragen zu hören: woraufhin es sich zu meiner nicht geringeren Überraschung als Belustigung als eines erwies, das ich selbst einige Zeit zuvor geschrieben und in der „Morning Post“ eingefügt hatte, nämlich –
To the Author of the Ancient Mariner.
Your poem must eternal be, Dear sir! it cannot fail, For ’tis incomprehensible, And without head or tail.]
[Fußnote 8: --
Of old things all are over old, Of good things none are good enough;-- We’ll show that we can help to frame A world of other stuff.
I too will have my kings, that take From me the sign of life and death: Kingdoms shall shift about, like clouds, Obedient to my breath. Wordsworth’s Rob Roy.--Poet. Works, vol. III. p. 127.]
[Fußnote 9: Pope unterlag dem verbreiteten Irrtum seines Zeitalters, einem Irrtum, der selbst heute noch nicht ausreichend widerlegt ist. Er besteht (wie ich in meinen öffentlichen Vorlesungen ausführlich erklärte und detailliert nachwies) darin, für das Wesentliche der griechischen Bühne gewisse Regeln zu halten, die sich die weisen Dichter selbst auferlegten, um alle verbleibenden Teile des Dramas mit jenen in Einklang zu bringen, die ihnen durch Umstände aufgezwungen worden waren, die unabhängig von ihrem Willen bestanden; aus welchen Umständen das Drama selbst entstand. Die Umstände in der Zeit Shakespeares, die er ebenso wenig ändern konnte, waren anders und erlaubten meiner Meinung nach einen weitaus weiteren Spielraum sowie ein tieferes und menschlicheres Interesse. Kritiker vergessen zu leicht, dass Regeln nur Mittel zum Zweck sind; folglich müssen auch die Regeln unterschiedlich sein, wenn die Zwecke unterschiedlich sind. Wir müssen festgestellt haben, was der Zweck ist, bevor wir bestimmen können, was die Regeln sein sollten. Unter diesem Eindruck urteilend, zögerte ich nicht, meine volle Überzeugung zu erklären, dass das vollendete Urteilsvermögen Shakespeares, nicht nur in der allgemeinen Konstruktion, sondern in allen Details seiner Dramen, bei mir größeres Staunen hervorrief als selbst die Macht seines Genies oder die Tiefe seiner Philosophie. Den Inhalt dieser Vorlesungen hoffe ich bald zu veröffentlichen; und es ist nur eine Schuld der Gerechtigkeit mir und meinen Freunden gegenüber, anzumerken, dass die erste Vorlesungsreihe, die sich von den folgenden Reihen nur durch gelegentliche Variation der Illustrationen derselben Gedanken unterschied, an sehr zahlreiche und, ich brauche es nicht hinzuzufügen, respektable Zuhörerschaften an der Royal Institution gerichtet war, bevor Herr Schlegel seine Vorlesungen über dieselben Themen in Wien hielt.]
[Fußnote 10: Im Laufe einer meiner Vorlesungen hatte ich Gelegenheit, auf die nahezu fehlerfreie Position und Wortwahl in Popes Originalkompositionen hinzuweisen, insbesondere in seinen Satiren und moralischen Essays, um sie mit seiner Übersetzung Homers zu vergleichen, die ich nicht als Einziger als die Hauptquelle unserer pseudo-poetischen Diktion betrachte. Und dies ist, nebenbei bemerkt, eine zusätzliche Bestätigung einer Bemerkung, die, glaube ich, von Sir Joshua Reynolds stammt, dass neben dem Mann, der den Geschmack der Öffentlichkeit formt und erhebt, derjenige, der ihn verdirbt, gewöhnlich das größte Genie ist. Unter anderen Passagen analysierte ich Satz für Satz und fast Wort für Wort die populären Zeilen:
As when the moon, refulgent lamp of night, etc. (Iliad. B. viii.)
ziemlich auf dieselbe Weise, wie es seitdem in einem ausgezeichneten Artikel über Chalmers’ British Poets in der Quarterly Review geschehen ist. Der Eindruck auf das Publikum im Allgemeinen war plötzlich und offensichtlich: und eine Reihe aufgeklärter und hochgebildeter Personen, die mich zu verschiedenen Zeiten danach auf das Thema ansprachen, drückten ihr Erstaunen darüber aus, dass eine so offensichtliche Wahrheit sie nicht schon früher getroffen hatte; gaben aber gleichzeitig zu – (so sehr waren sie beim Lesen von Poesie daran gewöhnt, nacheinander Freude an den einzelnen Bildern und Phrasen zu empfinden, ohne sich zu fragen, ob der kollektive Sinn Sinn oder Unsinn war) –, dass sie dieselbe Passage höchstwahrscheinlich weitere zwanzig Male mit ungebrochener Bewunderung gelesen hätten, ohne auch nur ein einziges Mal darüber nachzudenken, dass
astra phaeinaen amphi selaenaen phainet aritretea--
(das heißt, die Sterne um oder nahe dem Vollmond leuchten überaus hell) ein zutreffendes und glückliches Bild eines Mondscheinhimmels vermittelt: während es schwer zu bestimmen ist, ob in den Zeilen
Around her throne the vivid planets roll, And stars unnumber’d gild the glowing pole,
der Sinn oder die Diktion absurder ist. Meine Antwort war: dass ich zwar aus meiner Schuldisziplin besondere Vorteile gezogen hatte und obwohl meine allgemeine Theorie der Poesie damals dieselbe war wie heute, ich dennoch dieselben Empfindungen selbst erfahren hatte und mich fast wie neu am Auge operiert fühlte, als ich durch Herrn Wordsworths Unterhaltung dazu bewogen wurde, Grays berühmte Elegie mit unparteiischer Strenge erneut zu untersuchen. Ich hatte schon lange zuvor die Mängel in The Bard entdeckt; aber die Elegie hatte ich als gegen alle fairen Angriffe immun betrachtet; und bis zum heutigen Tag kann ich keines von beiden ohne Vergnügen und ein Maß an Begeisterung lesen. Auf jeden Fall ist mir alles Vergnügen, das ich durch die klarere Wahrnehmung der Fehler in gewissen Passagen verloren haben mag, durch die zusätzliche Freude, mit der ich den Rest lese, mehr als zurückgezahlt worden.
Ein weiteres Beispiel zur Bestätigung dieser Bemerkungen fällt mir in der Faithful Shepherdess ein. Seward verfolgt zuerst Fletchers Zeilen:
More foul diseases than e’er yet the hot Sun bred thro’ his burnings, while the dog Pursues the raging lion, throwing the fog And deadly vapour from his angry breath, Filling the lower world with plague and death,
bis zu Spensers Shepherd’s Calendar:
The rampant lion hunts he fast With dogs of noisome breath; Whose baleful barking brings, in haste, Pine, plagues, and dreary death!
Er nimmt dann die Gelegenheit wahr, Homers Gleichnis vom Erscheinen von Achilles’ Rüstung vor Priamos, verglichen mit dem Hundsstern, einzuführen; buchstäblich so:
„Denn dieser ist wahrlich am herrlichsten, aber er wurde zu einem bösen Zeichen gemacht und bringt vielen sterblichen Menschen eine zehrende Krankheit.“ Nichts kann einfacher als Beschreibung oder genauer als Gleichnis sein; was (sagt Seward) von Herrn Pope so trefflich übersetzt wird:
Terrific Glory! for his burning breath Taints the red air with fevers, plagues, and death!
Nun hier – (um den gewaltigen Schwulst nicht zu erwähnen) – wird der Hundsstern, so genannt, in einen wirklichen Hund verwandelt, einen sehr seltsamen Hund, einen Feuer-, Fieber-, Pest- und todeshauchenden, die rote Luft verpestenden Hund: und die ganze visuelle Ähnlichkeit geht verloren, während die Ähnlichkeit in den Auswirkungen durch die Übertreibung absurd gemacht wird. Bei Spenser und Fletcher ist der Gedanke vertretbar; denn die Bilder sind zumindest konsistent, und es war die Absicht der Schreiber, die Jahreszeiten durch diese Allegorie visualisierter Wortspiele zu markieren.]
[Fußnote 11: Insbesondere in diesem Zeitalter der Persönlichkeit, diesem Zeitalter des literarischen und politischen Klatsches, in dem die geringsten Insekten mit einer Art ägyptischem Aberglauben verehrt werden, wenn nur der hirnlose Kopf durch den Stachel persönlicher Bösartigkeit im Schwanz gesühnt wird; – wenn die schalsten Satiren zu Objekten eines regen öffentlichen Interesses geworden sind, rein aufgrund der Anzahl der zeitgenössischen Charaktere, die in den Flickwerk-Anmerkungen genannt werden (die jedoch den relativen Vorzug besitzen, poetischer zu sein als der Text), und weil der Autor, um den Reiz zu erhöhen, seinen eigenen Namen scharfsinnig für Flüstern und Vermutungen übrig gelassen hat.]
[Fußnote 12: Wenn es der Mühe wert wäre, die Hälfte der Anekdoten, von denen ich entweder selbst weiß, dass sie wahr sind, oder die ich von Männern erhalten habe, die unfähig zu absichtlicher Unwahrheit sind, über die Charaktere, Qualifikationen und Motive unserer anonymen Kritiker, deren Entscheidungen Orakel für unser lesendes Publikum sind, als Zutaten zusammenzumischen; könnte ich getrost die Worte des apokryphen Daniel borgen: „Erlaubt mir, o SOUVERÄNES PUBLIKUM, und ich werde diesen Drachen ohne Schwert oder Stab erschlagen.“ Denn die Mischung wäre wie der „Pech, Fett und Haare, die Daniel nahm und zusammenkochte und Klumpen daraus machte; diese legte er in das Maul des Drachen, und so zerbarst der Drache; und Daniel sagte: SEHT, DIES SIND DIE GÖTTER, DIE IHR ANBETET.“]
[Fußnote 13: Dies ist ein Beispiel unter vielen für Täuschung durch das Erzählen der Hälfte einer Tatsache und das Weglassen der anderen Hälfte, wenn es gerade ihr gegenseitiges Entgegenwirken und ihre Neutralisierung ist, aus denen die ganze Wahrheit als ein tertium aliquid entsteht, das sich von beidem unterscheidet. So in Drydens berühmter Zeile:
Great wit (gemeint ist Genie) to madness sure is near allied.
Nun, wenn die tiefe Empfindsamkeit, die zweifellos eine der Komponenten des Genies ist, allein betrachtet würde, einzeln und unausgewogen, könnte sie mit Fug und Recht als eine beschrieben werden, die das Individuum einer größeren Gefahr geistiger Zerrüttung aussetzt; aber dann ist eine überdurchschnittliche Schnelligkeit der Assoziation, eine überdurchschnittliche Kraft des Übergangs von Gedanke zu Gedanke und Bild zu Bild eine ebenso wesentliche Komponente; und in der angemessenen Modifikation des einen durch das andere besteht das Genie selbst; so dass es genauso fair wäre, die Erde als in unmittelbarer Gefahr befindlich zu beschreiben, aus ihrer Bahn zu geraten oder in die Sonne zu stürzen, je nachdem, ob der Behaupter der Absurdität seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Wurfkraft oder auf die Anziehungskraft beschränkte.]
[Fußnote 14: Denn was die Devotees der Leihbibliotheken betrifft, so wage ich es nicht, ihrem Zeitvertreib, oder besser gesagt Zeit-Totschlagen, den Namen Lesen zu geben. Nennt es eher eine Art bettelhaftes Tagträumen, währenddessen der Geist des Träumers nichts als Faulheit und eine wenig fade Empfindsamkeit für sich bereitstellt; während das gesamte Materiel und die Bildlichkeit des Schlummerns ab extra durch eine Art mentale Camera Obscura geliefert wird, die im Druckbüro hergestellt wurde, welche pro tempore die beweglichen Phantasmen des Deliriums eines Mannes fixiert, reflektiert und überträgt, um die Ödnis von hundert anderen Gehirnen zu bevölkern, die von derselben Trance oder Aussetzung alles gesunden Menschenverstandes und aller definitiven Absicht befallen sind. Wir sollten daher diese Art der Unterhaltung – (wenn man überhaupt davon sagen kann, dass sich diejenigen a musis zurückziehen, die niemals in ihrer Gesellschaft waren, oder Entspannung denjenigen zuschreiben kann, deren Bogen niemals gespannt sind) – aus der Gattung Lesen in jene umfassende Klasse verlegen, die durch die Kraft charakterisiert ist, die zwei gegensätzlichen, doch koexistierenden Neigungen der menschlichen Natur zu versöhnen, nämlich Nachsicht gegenüber der Trägheit und Hass auf die Leere. Zusätzlich zu Romanen und Rittergeschichten in Prosa oder Reim (womit ich weder Rhythmus noch Metrum meine) umfasst diese Gattung als ihre Spezies: Glücksspiel, Schaukeln oder Wippen auf einem Stuhl oder Tor; Spucken über eine Brücke; Rauchen; Schnupftabak-Nehmen; Tête-à-Tête-Streitigkeiten nach dem Abendessen zwischen Ehemann und Ehefrau; wortweises Durchlesen aller Anzeigen einer Tageszeitung in einem Wirtshaus an einem regnerischen Tag usw. usw. usw.]
[Fußnote 15: Ex. gr. Pediculos e capillis excerptos in arenam jacere incontusos; Verzehr von unreifem Obst; auf die Wolken starren, und (in genere) auf bewegliche Dinge, die in der Luft hängen; Reiten inmitten einer Menge von Kamelen; häufiges Lachen; Anhören einer Reihe von Witzen und humorvollen Anekdoten – wie wenn (um die Bedeutung des gelehrten Sarazenen zu modernisieren) die drollige Geschichte eines Iren von einem Mann unvermeidlich die drollige Geschichte eines Schotten eines anderen nach sich zieht, was wiederum durch die gleiche Art der disjunktiven Konjunktion zu irgendeiner étourderie eines Walisers führt, und diese wieder zu irgendeinem hinterlistigen Seitenhieb eines Yorkshiremans; – die Gewohnheit, Grabsteine auf Kirchhöfen zu lesen usw. Übrigens ist dieser Katalog, so seltsam er erscheinen mag, nicht unempfänglich für einen fundierten psychologischen Kommentar.]
[Fußnote 16: Ich habe es gewagt, es als einzigartig zu bezeichnen; nicht nur, weil ich kein Werk dieser Art in unserer Sprache kenne (wenn wir von einigen Kapiteln der alten Übersetzung von Froissart absehen) – keines, das die Reize von Romanze und Geschichte vereint, die Vorstellungskraft so ständig auf dem Flügel hält und doch so viel für spätere Reflexion übrig lässt; sondern ebenso, und hauptsächlich, weil es eine Zusammenstellung ist, die in den verschiedenen Vorzügen der Übersetzung, Auswahl und Anordnung ein größeres Genie des Zusammenstellers erforderte und beweist, da er im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft lebt, als bei den ursprünglichen Komponisten.]
[Fußnote 17: Es ist nicht leicht, die Wirkungen abzuschätzen, die das Beispiel eines jungen Mannes, der ebenso durch strenge Reinheit der Gesinnung und des Wandels wie durch intellektuelle Kraft und literarische Bildung ausgezeichnet ist, auf Gleichaltrige ausüben mag, insbesondere auf solche mit ähnlichen Bestrebungen und verwandten Geistern. Seit vielen Jahren sind meine Gelegenheiten zum Verkehr mit Herrn Southey selten und liegen weit auseinander; doch verweile ich mit unvermindertem Vergnügen bei dem starken und plötzlichen, wenn auch, wie ich hoffe, nicht flüchtigen Einfluss, den mein moralisches Wesen durch meine Bekanntschaft mit ihm in Oxford erfuhr, wohin ich zu Beginn unserer Semesterferien in Cambridge gereist war, um einen alten Schulkameraden zu besuchen. Sicherlich nicht auf meine moralischen oder religiösen Grundsätze, denn diese waren niemals befleckt worden; wohl aber bei der Erweckung des Sinnes für die Pflicht und die Würde, mein Handeln mit jenen Grundsätzen in Wort und Tat in Einklang zu bringen. Die Unregelmäßigkeiten, die unter den jungen Männern meines Standes nur nicht allgemein waren, von denen ich immer wusste, dass sie falsch seien, lernte ich damals als entwürdigend empfinden; lernte zu erkennen, dass ein entgegengesetztes Verhalten, das zu jener Zeit von uns als die mühelose Tugend kalter und eigennütziger Vorsicht betrachtet wurde, aus den edelsten Regungen, aus den uneigennützigsten und fantasievollsten Anschauungen entspringen könnte. Es ist jedoch nicht nur aus dankbaren Erinnerungen, dass ich mich gedrängt fühlte, diese meine wohlüberlegten Ansichten auf diese Weise schriftlich niederzulegen; sondern in gewissem Sinne als eine Schuld der Gerechtigkeit gegenüber dem Mann, dessen Name so oft mit dem meinen für ein Übel in Verbindung gebracht wurde, das ihm fremd ist. Als Beispiel füge ich einen Teil einer Anmerkung aus den „Beauties of the Anti-jacobin“ bei, in der der Verfasser, nachdem er das Publikum zuvor darüber informiert hatte, dass ich in Cambridge entehrt worden sei, weil ich Deismus gepredigt hätte, zu einer Zeit, als ich wegen meines jugendlichen Eifers bei der Verteidigung des Christentums von den Proselyten der französischen Phi-(oder um wahrheitsgemäßer zu sprechen: Psi-)-losophie als Fanatiker verschrien wurde, mit diesen Worten schließt: „Seit dieser Zeit hat er seine Heimat verlassen, wurde Weltbürger, ließ seine armen Kinder vaterlos und seine Frau mittellos zurück. Ex his disce his friends, LAMB and SOUTHEY.“ Mit strengster Wahrheit lässt sich behaupten, dass es nicht leicht wäre, zwei Männer auszuwählen, die in ihren häuslichen Zuneigungen beispielhafter sind als jene, deren Namen auf diese Weise in voller Länge als in demselben moralischen Rang stehend mit einem angeprangerten Ungläubigen und Flüchtling abgedruckt wurden, der seine Kinder vaterlos und seine Frau mittellos zurückgelassen hatte! Ist es überraschend, dass viele gute Männer länger, als sie es vielleicht sonst getan hätten, einer Partei abgeneigt blieben, die die Urheber solcher abscheulichen Verleumdungen ermutigte und offen belohnte? Qualis es, nescio; sed per quales agis, scio et doleo.]
[Fußnote 18: Bei Meinungen von langer Dauer, bei denen wir noch nie zuvor durch einen einzigen Zweifel behelligt wurden, ist es, plötzlich von einem Irrtum überzeugt zu werden, fast so, als würde man eines Fehlers überführt. Es gibt einen Geisteszustand, der das direkte Gegenstück zu jenem ist, der eintritt, wenn wir einen Stier begehen. Der Stier besteht nämlich darin, zwei unvereinbare Gedanken zusammenzubringen, mit der Empfindung, aber ohne den Sinn ihrer Verbindung. Der psychologische Zustand oder das, was die Möglichkeit dieses Zustandes begründet, ist eine derart unverhältnismäßige Lebhaftigkeit zweier entfernter Gedanken, dass das Bewusstsein für die dazwischenliegenden Bilder oder Begriffe ausgelöscht oder verdunkelt wird oder die Aufmerksamkeit vollständig von ihnen abgelenkt wird. So heißt es in dem bekannten Stier: „Ich war ein schönes Kind, aber sie haben mich ausgewechselt“: Der erste Begriff, der im Wort „Ich“ ausgedrückt wird, ist der der persönlichen Identität – Ego contemplans: der zweite, der im Wort „mich“ ausgedrückt wird, ist das visuelle Bild oder Objekt, durch das sich der Geist seinen vergangenen Zustand oder vielmehr seine persönliche Identität in der Form vorstellt, in der er sich zuvor als existierend wähnte – Ego contemplatus. Nun bringt der Austausch eines visuellen Bildes gegen ein anderes an sich keine Absurdität mit sich und wird nur durch seine unmittelbare Nebeneinanderstellung mit dem ersten Gedanken absurd, was dadurch möglich wird, dass die gesamte Aufmerksamkeit nacheinander auf jeden einzelnen Gedanken absorbiert wird, sodass der dazwischenliegende Begriff „ausgewechselt“, der durch seine Unstimmigkeit mit dem ersten Gedanken, „Ich“, den Stier bildet, nicht bemerkt wird. Man füge nur hinzu, dass dieser Prozess durch den Umstand erleichtert wird, dass die Wörter „Ich“ und „mich“ manchmal gleichwertig sind und manchmal eine unterschiedliche Bedeutung haben; manchmal nämlich den Akt des Selbstbewusstseins bezeichnen, manchmal das äußere Bild, in und durch das der Geist diesen Akt sich selbst darstellt, das Ergebnis und Symbol seiner Individualität. Nun nehmen Sie den direkten entgegengesetzten Zustand an, und Sie werden einen deutlichen Sinn für die Verbindung zwischen zwei Begriffen haben, ohne jene Empfindung einer solchen Verbindung, die durch die Gewohnheit geliefert wird. Der Mensch fühlt sich, als stünde er auf dem Kopf, obwohl er nicht umhin kann zu sehen, dass er tatsächlich auf seinen Füßen steht. Dies wird als schmerzhafte Empfindung natürlich dazu neigen, sich mit demjenigen zu verbinden, der sie verursacht; ebenso wie von Menschen, die durch schmerzhafte Mittel vom Wahnsinn geheilt wurden, bekannt ist, dass sie eine unwillkürliche Abneigung gegen ihren Arzt verspüren.]
[Fußnote 19: Jedoch ohne die Befürchtungen, die dem heidnischen Reformer der poetischen Republik zugeschrieben werden. Wenn wir nach dem Vorwort zur jüngsten Sammlung seiner Gedichte urteilen dürfen, hätte Herr W. mit Xanthias geantwortet –
su d’ ouk edeisas ton huophon ton rhaematon, kai tas apeilas; XAN, ou ma Di’, oud’ ephrontisa.--Ranae, 492-3.
Und hier möchte ich den Verfassern der zahlreichen Parodien und vorgeblichen Nachahmungen von Herrn Wordsworths Stil andeuten, dass es zweifellos ein Beweis für Genie oder jedenfalls für satirisches Talent ist, Witz und Weisheit unter dem Anschein von Torheit und Stumpfsinn gleichzeitig zu verbergen und zu vermitteln, wie es bei den Clowns und Narren, ja sogar beim Dogberry unseres Shakespeare geschieht; dass aber der Versuch, ein albernes und kindisches Gedicht lächerlich zu machen, indem man ein noch alberneres und noch kindischeres schreibt, nur beweisen kann (wenn es überhaupt etwas beweist), dass der Parodist ein noch größerer Dummkopf ist als der ursprüngliche Verfasser und, was noch weitaus schlimmer ist, obendrein ein bösartiger Geck. Das Talent zur Nachahmung scheint dort am stärksten, wo die menschliche Rasse am meisten degradiert ist. Die armen, nackten, halb menschlichen Wilden von Neuholland erwiesen sich als ausgezeichnete Nachahmer: und in der zivilisierten Gesellschaft satirisieren nur die Geister untersten Ranges durch Kopieren. Zumindest schmälert der Unterschied, der sich mit der Ähnlichkeit vermischen und sie ausgleichen muss, um eine gerechte Nachahmung zu bilden – da er hier lediglich als Karikatur existiert –, das Herz des Verleumders, ohne dem Kredit seines Verstandes auch nur einen Deut hinzuzufügen.]
[Fußnote 20: --
Den Schmetterling machten die alten Griechen Zum schönen Sinnbild der Seele, und zu ihrem einzigen Namen-- Doch der Seele, die dem sklavenhaften Treiben Des sterblichen Lebens entronnen! Denn für diesen irdischen Rahmen Ist unser Los das des Kriechtieres, viel Mühe, viel Tadel, Vielfältige Bewegungen, die wenig Schnelligkeit bewirken, Und das Entstellen und Töten der Dinge, von denen wir uns nähren.]
[Fußnote 21: Herr Wordsworth ist selbst in seinen beiden frühesten Gedichten, „The Evening Walk“ und „Descriptive Sketches“, freier von diesem letzteren Mangel als die meisten jungen Dichter seiner Zeitgenossen. Er lässt sich jedoch, zusammen mit der harten und dunklen Konstruktion, bei der er häufiger sündigte, in den folgenden Zeilen veranschaulichen:--
„’Mitten in stürmischen Dämpfen, die stets vorübertreiben, Wo Fischadler, Kormorane und Reiher schreien; Wo kaum gegeben, die hoffnungslose Einöde zu erheitern, Verwehrt das Brot des Lebens, die nahrungsreiche Ähre, Schwindet die Birne an des Herbstes spätestem Zweig, Und der Apfel erkrankt blass in des Sommers Strahl; Selbst hier hat die Zufriedenheit ihre lächelnde Herrschaft befestigt Mit Unabhängigkeit, dem Kind hohen Hochmuts.“
Ich hoffe, ich muss nicht sagen, dass ich diese Zeilen nur zu dem Zweck zitiert habe, meine Bedeutung vollständig verständlich zu machen. Es ist zu bedauern, dass Herr Wordsworth diese beiden Gedichte nicht vollständig neu herausgegeben hat.]
[Fußnote 22: Dies wird entweder dadurch erreicht, dass man dem einen Wort einen allgemeinen und dem anderen einen exklusiven Gebrauch gibt; wie „auf den Rücken legen“ und „indossieren“; oder durch eine tatsächliche Unterscheidung der Bedeutungen, wie „Naturforscher“ und „Arzt“; oder durch den Unterschied der Beziehung, wie „Ich“ und „Mich“ (die die Landleute unserer verschiedenen Provinzen immer noch in allen Fällen des Singulars des ersten Personalpronomens verwenden). Selbst der bloße Unterschied oder die Verfälschung in der Aussprache desselben Wortes wird, wenn sie allgemein geworden ist, ein neues Wort mit einer eigenständigen Bedeutung hervorbringen; so „Eigentum“ (property) und „Anstand“ (propriety); letzteres war bis zur Zeit Karls II. das geschriebene Wort für alle Sinne beider. Es gibt eine Art unsterbliches Kleinstwesen unter den Infusorien, das von Natur aus weder Geburt noch Tod, keinen absoluten Anfang noch ein absolutes Ende hat: denn zu einem gewissen Zeitpunkt erscheint ein kleiner Punkt auf seinem Rücken, der sich vertieft und verlängert, bis sich das Geschöpf in zwei teilt, und derselbe Prozess beginnt in jeder der Hälften, die nun integral geworden sind, von neuem. Dies mag ein phantasievolles, aber keineswegs ein schlechtes Sinnbild für die Bildung von Wörtern sein und kann die Vorstellung erleichtern, wie eine immense Nomenklatur aus wenigen einfachen Lauten von vernunftbegabten Wesen in einem sozialen Zustand organisiert werden kann. Denn jede neue Anwendung oder Anregung desselben Lautes wird eine andere Empfindung hervorrufen, die nicht umhin kann, die Aussprache zu beeinflussen. Die nachträglichen Erinnerungen an den Laut, ohne dieselbe lebhafte Empfindung, werden ihn noch weiter modifizieren, bis schließlich jede Spur der ursprünglichen Ähnlichkeit abgenutzt ist.]
[Fußnote 23: Ich hätte hinzufügen sollen, mit Ausnahme eines einzigen Bogens, den ich zufällig beim Drucker fand. Selbst an diesem spärlichen Beispiel fand ich es unmöglich, am Talent des Verfassers zu zweifeln oder seinen Einfallsreichtum nicht zu bewundern. Dass seine Unterscheidungen für meinen Geist größtenteils unbefriedigend waren, beweist nichts gegen ihre Genauigkeit; aber es könnte ihm möglicherweise nützlich sein, im Falle einer zweiten Auflage, wenn ich diese Gelegenheit nutze, die Frage anzuregen: ob er nicht gelegentlich irregeführt worden sein könnte, indem er, wie es mir scheint, die Nichtexistenz absoluter Synonyme in unserer Sprache vorausgesetzt hat? Nun kann ich nicht anders, als zu denken, dass es viele gibt, die unserer Nachwelt vorbehalten bleiben, unterschieden und angeeignet zu werden, und die ich als so viel reversionäres Vermögen in unserer Muttersprache betrachte. Wenn zwei unterschiedliche Bedeutungen unter einem oder mehreren Wörtern vermengt werden – (und das muss der Fall sein, so sicher wie unser Wissen fortschreitend und natürlich unvollkommen ist) –, werden fehlerhafte Schlussfolgerungen gezogen, und was in einem Sinne des Wortes wahr ist, wird in toto als wahr bekräftigt. Männer der Forschung, erschreckt durch die Konsequenzen, suchen in den Dingen selbst – (ob im oder außerhalb des Geistes) – nach einer Erkenntnis der Tatsache, und nachdem sie den Unterschied entdeckt haben, beseitigen sie die Zweideutigkeit entweder durch die Substitution eines neuen Wortes oder durch die Aneignung eines der zwei oder mehr Wörter, die zuvor wahllos verwendet worden waren. Wenn diese Unterscheidung so eingebürgert ist und eine so allgemeine Geltung hat, dass die Sprache sozusagen für uns denkt – (wie der Rechenschieber, der für den Mechaniker ein sicherer Ersatz für arithmetisches Wissen ist) –, dann sagen wir, dass sie für den gesunden Menschenverstand offensichtlich ist. Der gesunde Menschenverstand unterscheidet sich daher in verschiedenen Zeitaltern. Was in den Schulen geboren und getauft wurde, geht allmählich in die Welt im Großen über und wird zum Eigentum des Marktes und des Teetisches. Zumindest kann ich keine andere Bedeutung des Begriffs „gesunder Menschenverstand“ entdecken, wenn er einen spezifischen Unterschied zu Sinn und Urteilsvermögen in genere vermitteln soll und wo er nicht scholastisch für die universale Vernunft verwendet wird. So wurde in der Regierungszeit Karls II. die philosophische Welt durch die moralischen Sophismen von Hobbes zu den Waffen gerufen, und die fähigsten Schriftsteller bemühten sich um die Aufdeckung eines Irrtums, den ein Schuljunge heute durch die bloße Erinnerung widerlegen könnte, dass Zwang und Verpflichtung zwei vollkommen ungleiche Ideen vermittelten und dass das, was zur einen gehörte, durch eine bloße Begriffsverwirrung fälschlicherweise auf die andere übertragen worden war.]
[Fußnote 24: Ich verwende hier das Wort Idee im Sinne von Herrn Hume wegen seiner allgemeinen Verbreitung unter den englischen Metaphysikern; wenn auch gegen mein eigenes Urteil, denn ich glaube, dass der vage Gebrauch dieses Wortes die Ursache für viel Irrtum und noch mehr Verwirrung war. Das Wort „Idee“ in seinem ursprünglichen Sinne, wie es von Pindar, Aristophanes und im Evangelium des Matthäus verwendet wurde, repräsentierte die visuelle Abstraktion eines entfernten Objekts, wenn wir das Ganze sehen, ohne seine Teile zu unterscheiden. Platon übernahm es als Fachbegriff und als Antithese zu eidolon, oder sinnlichem Bild; dem vergänglichen und hinfälligen Sinnbild oder geistigen Wort der Idee. Die Ideen selbst betrachtete er als mysteriöse Kräfte, lebendig, seminal, gestaltend und frei von der Zeit. In diesem Sinne wurde das Wort Idee zum Eigentum der platonischen Schule; und es kommt bei Aristoteles selten vor, ohne dass eine Phrase wie „nach Platon“ oder „wie Platon sagt“ angefügt ist. Unsere englischen Schriftsteller bis zum Ende der Regierungszeit Karls II. oder etwas später verwendeten es entweder im ursprünglichen Sinne, oder platonisch, oder in einem Sinne, der fast unserer heutigen Verwendung des Substantivs „Ideal“ entspricht; immer jedoch im Gegensatz, mehr oder weniger, zum Bild, ob von gegenwärtigen oder abwesenden Objekten. Der Leser wird nicht unzufrieden sein mit dem folgenden interessanten Beispiel von Bischof Jeremy Taylor. „St. Ludwig der König sandte Ivo, den Bischof von Chartres, auf eine Gesandtschaft, und er erzählte, dass er auf dem Weg eine ernste und stattliche Matrone mit einem Weihrauchfass mit Feuer in der einen Hand und einem Gefäß mit Wasser in der anderen traf; und da er bemerkte, dass sie ein melancholisches, religiöses und phantastisches Gebaren und Aussehen hatte, fragte er sie, was diese Symbole bedeuteten und was sie mit ihrem Feuer und Wasser zu tun gedächte; sie antwortete: Mein Zweck ist es, mit dem Feuer das Paradies zu verbrennen und mit meinem Wasser die Flammen der Hölle zu löschen, damit die Menschen Gott rein aus Liebe zu Gott dienen mögen. Aber wir treffen selten auf solche Geister, die die Tugend so metaphysisch lieben, dass sie sie von allen sinnlichen Kompositionen abstrahieren und die Reinheit der Idee lieben.“ Nachdem Descartes die phantasievolle Hypothese materieller Ideen oder gewisser Konfigurationen des Gehirns, die wie so viele Gussformen für die Einflüsse der Außenwelt waren, in seine Philosophie eingeführt hatte, übernahm Locke den Begriff, erweiterte jedoch seine Bedeutung auf alles, was das unmittelbare Objekt der Aufmerksamkeit oder des Bewusstseins des Geistes ist. Hume, der diejenigen Repräsentationen, die von einem Sinn für ein gegenwärtiges Objekt begleitet werden, von jenen unterschied, die vom Geist selbst reproduziert werden, bezeichnete die ersteren als Impressionen und beschränkte das Wort Idee auf die letzteren.]
[Fußnote 25: Ich bin mir bewusst, dass dieses Wort weder in Johnsons Wörterbuch noch bei irgendeinem klassischen Schriftsteller vorkommt. Aber das Wort „to intend“, das Newton und andere vor ihm in diesem Sinne verwenden, ist heute so vollständig einer anderen Bedeutung zugeeignet, dass ich es nicht ohne Mehrdeutigkeit verwenden konnte: während es den Sinn zu umschreiben, etwa durch „intensiv machen“, den Satz oft aufbrechen und jene Harmonie der Stellung der Wörter mit der logischen Stellung der Gedanken zerstören würde, was eine Schönheit in jeder Komposition ist und insbesondere bei einer genauen philosophischen Untersuchung wünschenswert. Ich habe daher das Wort „intensivieren“ gewagt: obwohl ich gestehe, dass es für mein eigenes Ohr unbeholfen klingt.]
[Fußnote 26: Und Gecken besiegen Berkeley mit einem Grinsen.]
[Fußnote 27: Videlicet; Quantität, Qualität, Relation und Modalität, jede bestehend aus drei Unterabteilungen. Siehe Kritik der reinen Vernunft. Siehe auch die einsichtsvollen Anmerkungen zu Locke und Hume.]
[Fußnote 28: Luk. 10, 21.]
[Fußnote 29: Ein amerikanischer Indianer mit geringer Vielfalt an Bildern und einem noch knapperen Vorrat an Sprache ist gezwungen, seine wenigen Wörter für viele Zwecke zu verwenden, durch Ähnlichkeiten, die so klar, und Analogien, die so fernliegend sind, dass sie seiner Sprache den Anschein und Charakter lyrischer Poesie verleihen, die mit Grotesken durchsetzt ist. Etwas nicht Unähnliches war der Fall bei Männern wie Behmen und Fox in Bezug auf die Bibel. Sie war ihre einzige Rüstkammer an Ausdrücken, ihr einziges Organ des Denkens.]
[Fußnote 30: Die folgende Burleske auf den Fichteschen Egoismus mag vielleicht für die wenigen amüsant sein, die das System studiert haben, und für diejenigen, die damit nicht vertraut sind, mag sie ein so erträgliches Abbild von Fichtes Idealismus vermitteln, wie es von einer offen erklärten Karikatur erwartet werden kann.
Der Kategorische Imperativ, oder die Verkündung des neuen teutonischen Gottes, EGOENKAIPAN: eine dithyrambische Ode, von QUERKOPF VON KLUBSTICK, Grammatiker und Subrektor im Gymnasium.
Eu! Dei vices gerens, ipse Divus, (Sprich Englisch, Freund!) der Gott Imperativus, Hier auf diesem Marktkreuz rufe ich laut: Ich, Ich, Ich! Ich selbst Ich! Die Form und die Substanz, das Was und das Warum, Das Wann und das Wo, und das Niedrige und das Hohe, Das Innere und Äußere, die Erde und der Himmel, Ich, du und er, und er, du und ich, Alle Seelen und alle Körper sind Ich selbst Ich! Alles Ich selbst Ich! (Narren! Schluss mit diesem Staunen!) Alles mein Ich! alles mein Ich! Er ist ein ketzerischer Hund, der nur noch Betty Martin hinzufügt! So rief der Gott mit hohem imperialen Ton; In ein Gewand von steifstem Staat gehüllt, das die Schönheit verspottete, Ein Pronominal-Verb imperativ strahlte er – Dann, substantivisch und plural-singular geworden, Sprach er so weiter! Seht in Ich allein (Denn die Ethik rühmt sich ihrer eigenen Syntax) Oder wenn in euch, doch so wie Ich euch bevollmächtige, In O! Ich, ihr, der Vokativ der Pflicht! Ich, die Wurzel des ganzen Lexikons der Welt! Vom ganzen Universum aus Berührung, Klang, Sicht Der Genitiv und Ablativ obendrein: Der Akkusativ des Unrechts, der Nominativ des Rechts, Und in allen Fällen der Casus absolutus! Selbst-konstruiert, lehne ich alle anderen Modi ab: Imperativisch, aus dem Nichts leiten wir uns her; Doch als ein Super-Postulat von mir, Konstruiere ich die Antezedenz Für X, Y, Z, den Gott Infinitivus!]
[Fußnote 31: Es wäre ein Akt hoher und fast krimineller Ungerechtigkeit, den Namen von Herrn Richard Saumarez mit Schweigen zu übergehen, einem Gentleman, der als Mediziner und als Philanthrop gleichermaßen bekannt ist, der aber bei der gegenwärtigen Gelegenheit als Verfasser von „A new System of Physiology“ in zwei Bänden Oktav, veröffentlicht 1797, und 1812 von „An Examination of the natural and artificial Systems of Philosophy which now prevail“ in einem Band Oktav, mit dem Titel „The Principles of physiological and physical Science“, Beachtung verlangt. Das letztere Werk ist im Stil oder in der Anordnung nicht ganz dem ersteren ebenbürtig; und es ist eine größere Notwendigkeit, die Prinzipien der Philosophie des Verfassers von seinen Vermutungen bezüglich Farbe, der atmosphärischen Materie, Kometen usw. zu unterscheiden, die, ob gerecht oder irrtümlich, keineswegs notwendige Konsequenzen jener Philosophie sind. Doch selbst in diesem Teil dieses Bandes, den ich als das vergleichsweise minderwertige Werk betrachte, sind die Argumentationen, durch die Herr Saumarez die Immanenz einer unendlichen Kraft in irgendeiner endlichen Substanz entkräftet, das Erzeugnis keines gewöhnlichen Geistes; und das Experiment zur Ausdehnbarkeit der Luft ist zumindest plausibel und höchst geistreich. Aber das Verdienst, das sowohl dem Buch als auch dem Verfasser einen hohen und ehrenvollen Namen bei der Nachwelt sichern wird, besteht in der meisterhaften Kraft der Argumentation und der Fülle der Induktion, mit der er die Tyrannei des mechanischen Systems in der Physiologie angegriffen und (meiner Meinung nach) umgestürzt hat; nicht nur die Existenz von Endursachen begründet hat, sondern deren Notwendigkeit und Wirksamkeit für jedes System, das den Namen philosophisch verdient; und indem er Leben und fortschreitende Kraft an die Stelle der widersprüchlichen trägen Kraft setzt, hat er ein Recht, als der erste Instaurator der dynamischen Philosophie in England bekannt und in Erinnerung behalten zu werden. Die Ansichten des Verfassers, soweit er selbst betroffen ist, sind nicht entlehnt und vollkommen seine eigenen, da er weder die Werke Kants besaß, noch lassen seine Schriften die geringste Bekanntschaft mit ihnen erkennen, in denen die Keime der Philosophie existieren: und seine Bände wurden viele Jahre vor der vollständigen Entwicklung dieser Keime durch Schelling veröffentlicht. Herrn Saumarez’ Entdeckung des Braunonischen Systems war zu jener Zeit kein geringer oder gewöhnlicher Dienst; und ich erinnere mich kaum in irgendeinem Werk zu irgendeinem Thema an eine so gründlich befriedigende Widerlegung. Es genügt zu diesem Zeitpunkt, die Tatsache festgestellt zu haben; da ich im Vorwort zu dem Werk, das ich bereits über den Logos angekündigt habe, die Verdienste dieses Verfassers und echten Philosophen im Detail dargelegt habe, der nur seine Grundlage etwas tiefer und breiter hätte wählen müssen, um einen beträchtlichen Teil meiner Arbeiten überflüssig zu machen.]
[Fußnote 32: Wären da nicht verschiedene Anmerkungen zu Shakespeare und andere Stücke, die mir in die Hände gefallen sind, so hätte ich es für unnötig gehalten, darauf hinzuweisen, dass Diskurs hier oder anderswo nicht das bedeutet, was wir heute Diskutieren nennen; sondern das Abschweifen des Geistes, die Prozesse der Verallgemeinerung und Subsumtion, der Deduktion und Schlussfolgerung. So ist die Philosophie bisher diskursiv gewesen; während die Geometrie immer und wesentlich intuitiv ist.]
[Fußnote 33: Offenbarung xx. 3.]
[Fußnote 34: Siehe Laings Geschichte von Schottland. – Walter Scotts Barden, Balladen usw.]
[Fußnote 35: So werden Organisation und Bewegung als von Gott kommend betrachtet, nicht in Gott seiend.]
[Fußnote 36: Hiob, Kap. xxviii.]
[Fußnote 37: Wo immer A=B und A ist nicht=B gleichermaßen beweisbar sind, die Prämisse in jedem Fall unleugbar, die Induktion offensichtlich und der Schluss legitim ist – muss das Ergebnis entweder sein, dass Gegensätze beide wahr sein können (was absurd ist), oder dass die angewandten Fähigkeiten und Formen des Schließens auf den Gegenstand nicht anwendbar sind – d. h. dass ein metabasis eis allo genos vorliegt. So sind die Attribute von Raum und Zeit, auf Geist angewandt, heterogen – und der Beweis dafür ist, dass durch deren explizite oder implizite Zulassung Gegensätze als wahr erwiesen werden können – d. h. dass dasselbe, im gleichen Sinne genommen, wahr und nicht wahr ist. – Dass die Welt einen Anfang in der Zeit und eine Grenze im Raum hatte; und dass die Welt keinen Anfang hatte und keine Grenze hat; – dass ein selbstursprünglicher Akt möglich ist und nicht möglich ist, sind Beispiele.]
[Fußnote 38: Für diejenigen, die die Sprache eines Landes im Land selbst zu erwerben beabsichtigen, mag es nützlich sein, wenn ich den unschätzbaren Vorteil erwähne, den ich daraus zog, alle Wörter, die auf diese Weise gelernt werden konnten, mit den Objekten vor mir zu lernen, ohne die Vermittlung der englischen Begriffe. Es war ein fester Bestandteil meiner morgendlichen Studien während der ersten sechs Wochen meines Aufenthalts in Ratzeburg, den guten und freundlichen alten Pastor, bei dem ich wohnte, vom Keller bis zum Dach, durch Gärten, Hof usw. zu begleiten und jedes, auch das kleinste Ding, bei seinem deutschen Namen zu nennen. Anzeigen, Possen, Scherzsammlungen und die Unterhaltung der Kinder, während ich mit ihnen spielte, trugen ihren Teil zu einer heimischeren Bekanntschaft mit der Sprache bei, als ich sie aus Werken der schönen Literatur allein oder gar aus der feinen Gesellschaft hätte erwerben können. Es gibt eine Stelle von herzlichem gesundem Menschenverstand in Luthers deutschem Brief über das Dolmetschen, dem ich, um derer willen, die Deutsch lesen, aber wahrscheinlich nicht oft in die massiven Folianten dieses heroischen Reformators eingetaucht sind, die einfachen, sehnigen, idiomatischen Worte des Originals voranstellen werde. „Denn man muss nicht die Buchstaben in der Lateinischen Sprache fragen wie man soll Deutsch reden: sondern man muss die Mutter in Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markte, darum fragen: und denselbigen auf das Maul sehen wie sie reden, und darnach dolmetschen. So verstehen sie es denn, und merken dass man Deutsch mit ihnen redet.“]
[Fußnote 39: Diese Paraphrase, geschrieben etwa zur Zeit Karls des Großen, ist keineswegs frei von gelegentlichen Passagen von beachtlichem poetischem Wert. Es gibt einen Fluss und eine zärtliche Begeisterung in den folgenden Zeilen (am Ende von Kapitel XI.), die, selbst in der Übersetzung, wie ich mir schmeichle, nicht verfehlen werden, den Leser zu interessieren. Ottfried beschreibt die Umstände unmittelbar nach der Geburt unseres Herrn.
Sie reichte freudig ihre Jungfrauenbrust; Sie barg sie nicht, sie entblößte die Brust, Die den göttlichsten Säugling säugte! Gesegnet, gesegnet waren die Brüste, Die das Jesuskind küsste; Und gesegnet, gesegnet war die Mutter, Die seine Glieder in Windeln wickelte, Singend ihn auf ihren Schoß legte, Sich mit ihren Blicken der Liebe über ihn beugte, Und ihn mit wiegender Bewegung beruhigte. Gesegnet; denn sie schützte ihn Vor der feuchten und kühlenden Luft; Gesegnet, gesegnet! denn sie lag Mit solch einem Kinde in einem gesegneten Bett, So eng wie Kinder und Mütter liegen! Gesegnet, gesegnet für immerdar, Mit ihren jungfräulichen Lippen küsste sie, Mit ihren Armen, und an ihre Brust Umfing sie den göttlichen Säugling, Ihren göttlichen Säugling die jungfräuliche Mutter! Es lebt auf diesem Ring der Erde nicht Ein Sterblicher, der sein Lob singen kann. Mächtige Mutter, jungfräulich rein, In der Finsternis und der Nacht Trug sie uns den himmlischen Herrn!
Es ist höchst interessant, die Wirkung zu betrachten, wenn die Gefühle durch den Glauben an etwas Geheimnisvolles über das natürliche Maß hinaus angeregt werden, während alle Bilder rein natürlich sind. Dann ist es, dass Religion und Poesie am tiefsten wirken.]
[Fußnote 40: Lord Grenville hat kürzlich (im House of Lords) die unmittelbare Gefahr einer Revolution in der früheren Phase des Krieges gegen Frankreich erneut bekräftigt. Ich zweifle nicht daran, dass seine Lordschaft aufrichtig ist; und es muss seiner Eitelkeit schmeicheln, dies zu glauben. Aber wo sind die Beweise für die Gefahr, auf die sich ein zukünftiger Historiker berufen kann? Oder muss er sich auf eine Behauptung stützen? Man erlaube mir, eine Passage zu diesem Thema aus The Friend zu entnehmen. „Ich habe gesagt, dass die Anti-Jakobiner, um den Argumenten der Gesetzlosen zu widerstehen, vorschlugen, das Gesetz auszusetzen und durch die Zwischenschaltung eines besonderen Statuts das gesegnete Licht der universellen Sonne zu verfinstern, damit Spione und Informanten in der ominösen Dunkelheit tyrannisieren und entkommen konnten. Oh! wenn diese verblendeten Männer, berauscht von Alarm und verwirrt von jener Panik des Eigentums, deren Haupturheber sie selbst waren, jemals in einem Land gelebt hätten, in dem tatsächlich eine allgemeine Neigung zu Veränderung und Rebellion existierte! Wären sie jemals durch Sizilien gereist; oder durch Frankreich beim ersten Aufkommen der Revolution; oder gar, ach!, durch allzu viele Provinzen einer Schwesterinsel; sie hätten vor ihren eigenen Erklärungen über den Zustand der Gefühle und Meinungen, der damals in ganz Großbritannien vorherrschte, zurückschrecken müssen. Es gab eine Zeit – (der Himmel gewähre, dass diese Zeit vorüber ist!) – da sie durch das Überqueren einer schmalen Meerenge die wahren Symptome drohender Gefahr hätten lernen können und sich davor hätten bewahren können, das Treffen und das müßige Geschwätz solcher Aufwiegelung, die beim Anblick eines Polizisten entsetzt zurückwich, mit dem düsteren Murmeln und der seltsamen Bestürzung zu verwechseln, das dem Sturm oder Erdbeben der nationalen Zwietracht vorausgeht. Nicht nur in Kaffeehäusern und öffentlichen Theatern, sondern sogar an den Tischen der Wohlhabenden hätten sie die Anwälte der bestehenden Regierung ihre Sache in der Sprache und mit dem Ton von Männern verteidigen hören, die sich bewusst sind, dass sie in der Minderheit sind. Aber in England, als der Alarm am größten war, gab es keine Stadt, nein, keine Ortschaft oder kein Dorf, in dem ein Mann, der im Verdacht stand, demokratische Prinzipien zu vertreten, sich im Freien bewegen konnte, ohne irgendeinen unangenehmen Beweis für den Hass zu erhalten, in dem seine vermeintlichen Meinungen von der großen Mehrheit des Volkes gehalten wurden; und die einzigen Fälle von populärem Exzess und Empörung lagen auf der Seite der Regierung und der etablierten Kirche. Aber warum muss ich mich auf diese gehässigen Tatsachen berufen? Blättern Sie die Seiten der Geschichte um und suchen Sie nach einem einzigen Beispiel einer Revolution, die ohne die Zustimmung entweder der Adligen, oder der Geistlichen, oder der Geldklassen bewirkt wurde, in irgendeinem Land, in dem der Einfluss des Eigentums jemals vorherrschend gewesen war und in dem die Interessen der Eigentümer miteinander verflochten waren! Untersuchen Sie die Revolution der belgischen Provinzen unter Philipp II.; die Bürgerkriege Frankreichs in der vorangegangenen Generation; die Geschichte der amerikanischen Revolution oder die noch jüngeren Ereignisse in Schweden und Spanien; und es wird kaum möglich sein, nicht zu erkennen, dass es in England von 1791 bis zum Frieden von Amiens weder Tendenzen zur Konföderation noch tatsächliche Konföderationen gab, gegen die die bestehenden Gesetze nicht sowohl ausreichende Schutzmaßnahmen als auch eine angemessene Strafe vorgesehen hatten. Aber ach! die Panik des Eigentums war in erster Instanz für Parteizwecke geschürt worden; und als sie allgemein wurde, fingen ihre Verbreiter sie selbst ein und endeten damit, ihre eigene Lüge zu glauben; genau wie unsere Bullen im Borrowdale manchmal verrückt werden vom Echo ihres eigenen Brüllens. Die Folgen waren höchst schädlich. Unsere Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf ein Ungeheuer, das die Krämpfe, in denen es geboren wurde, nicht überleben konnte – selbst der aufgeklärte Burke selbst redete und argumentierte allzu oft, als ob eine ewige und organisierte Anarchie eine mögliche Sache wäre! Während wir also gegen französische Lehren kämpften, achteten wir wenig darauf, ob die Mittel, mit denen wir versuchten, sie zu stürzen, nicht wahrscheinlich das weitaus gewaltigere Übel französischer Ambitionen unterstützen und vergrößern würden. Wie Kinder liefen wir vor dem Kläffen eines Köters davon und suchten Schutz an den Fersen eines bösartigen Schlachtrosses.“ (Bd. II. Essay i. S. 21, 4. Aufl.)]
[Fußnote 41: Ich denke selten an den Mord an diesem illustren Prinzen, ohne mich an die Zeilen von Valerius Flaccus zu erinnern:
------super ipsius ingens Instat fama viri, virtusque haud laeta tyranno; Ergo anteire metus, juvenemque exstinguere pergit. Argonaut, I. 29.]
[Fußnote 42: --
Theara de kai ton chaena kai taen dorkada, Kai ton lagoon, kai to ton tauron genos. Manuel Phile, De Animal. Proprietat. Abschn. I. i. 12.]
[Fußnote 43: Paradise Regained. Buch IV. Z. 261.]
[Fußnote 44: Vita e Costumi di Dante.]
[Fußnote 45: ÜBERSETZUNG: „Vermeiden Sie mit der größtmöglichen Sorgfalt das Verfassertum. Zu früh oder maßlos ausgeübt, macht es den Kopf öde und das Herz leer; selbst wenn es keine anderen schlimmeren Folgen gäbe. Eine Person, die nur liest, um zu drucken, liest aller Wahrscheinlichkeit nach falsch; und wer durch Feder und Presse jeden Gedanken aussendet, sobald er ihm in den Sinn kommt, wird in kurzer Zeit alles ausgesendet haben und zu einem bloßen Handlanger der Druckerei werden, einem Setzer.“
Dazu kann ich meinerseits hinzufügen, dass das, was medizinische Physiologen von bestimmten Sekreten behaupten, ebenso auf unsere Gedanken zutrifft; auch sie müssen wieder in den Kreislauf aufgenommen und immer wieder neu abgesondert werden, um sowohl dem Geist als auch seinem intellektuellen Nachwuchs eine gesunde Kraft zu sichern.]
[Fußnote 46: Diese Unterscheidung zwischen transzendental und transzendent wird von unseren älteren Theologen und Philosophen beachtet, wann immer sie sich scholastisch ausdrücken. Dr. Johnson hat zwar die beiden Wörter vermengt; aber seine eigenen Autoritäten stützen ihn nicht. Über dieses berühmte Wörterbuch wage ich ein für alle Mal zu bemerken, dass ich den Menschen von mürrischer Veranlagung verdächtigen würde, der ohne Respekt und Dankbarkeit davon als einem höchst lehrreichen und unterhaltsamen Buch und bisher, leider, einem unverzichtbaren Buch sprechen würde; aber ich gestehe, dass ich überrascht wäre, von einem philosophischen und gründlichen Gelehrten etwas anderes als sehr qualifizierte Lobsprüche darüber als Wörterbuch zu hören. Ich spiele hier nicht auf die Anzahl der ausgelassenen echten Wörter an; denn dies trifft (und vielleicht in größerem Umfang) zu, wie Herr Wakefield bemerkt hat, auf unsere besten griechischen Lexika zu, und dies sogar nach den aufeinanderfolgenden Arbeiten so vieler Giganten der Gelehrsamkeit. Ich beziehe mich derzeit sowohl auf Auslassungen als auch auf Begehungen von wichtigerer Natur. Was diese sind, me saltem judice, wird ausführlich in The Friend, wiederveröffentlicht und vervollständigt, dargelegt werden.
Ich hatte noch nie von der Korrespondenz zwischen Wakefield und Fox gehört, bis ich den Bericht darüber heute Morgen (16. September 1815) in der Monthly Review sah. Ich war nicht wenig erfreut festzustellen, dass Herr Wakefield sich fast denselben Plan für ein griechisch-englisches Wörterbuch vorgeschlagen hatte, den ich vor nunmehr zehn Jahren entworfen und zu verwirklichen begonnen hatte. Aber weit, weit betrübter bin ich, dass er nicht lebte, um es zu vollenden. Ich kann es nur als einen Gegenstand ernstesten Bedauerns empfinden, dass dieselbe hohe Ausgabe, die jetzt in die Wiederveröffentlichung des vermehrten STEPHANUS fließt, nicht für ein neues Lexikon auf einem philosophischeren Plan verwendet wurde, mit englischen, deutschen und französischen Synonymen sowie den lateinischen. In fast jedem Fall könnte die präzise individuelle Bedeutung mit einem englischen oder deutschen Wort angegeben werden; während wir uns im Lateinischen allzu oft mit einem bloß allgemeinen und inklusiven Begriff begnügen müssen. Wie kann es auch anders sein, wenn wir versuchen, die reichste Sprache der Welt, die bewundernswerteste für die Feinheit ihrer Unterscheidungen, in eine der ärmsten und vage-sten Sprachen zu übertragen? Besonders wenn wir die vergleichende Anzahl der Werke bedenken, die noch existieren und geschrieben wurden, als Griechisch und Latein lebendige Sprachen waren. Würde ich gefragt, was ich für den größten und unvermischtesten Nutzen hielte, den ein wohlhabender Einzelner oder ein Zusammenschluss wohlhabender Individuen ihrem Land und der Menschheit erweisen könnte, würde ich nicht zögern zu antworten: „ein philosophisches englisches Wörterbuch; mit griechischen, lateinischen, deutschen, französischen, spanischen und italienischen Synonymen und mit entsprechenden Registern.“ Dass die gelehrten Sprachen dadurch besser und in der halben Zeit erworben werden könnten, ist nur ein Teil, und nicht der wichtigste Teil der Vorteile, die sich aus einem solchen Werk ergeben würden. O! wenn es der Vorsehung gefällig wäre, dass unsere Regierung ohne Schaden für Freiheit und Unabhängigkeit mehr als ein Ausschuss für Krieg und Einnahmen werden könnte! Es gab eine Zeit, da alles von der Regierung getan werden sollte. Sind wir nicht zum gegenteiligen Extrem geflogen?]
[Fußnote 47: April 1825. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe, würde ich nicht glauben, dass ich mich so vieler hydrostatischer Bullen schuldig gemacht hätte, wie sie in dieser unglücklichen Allegorie oder Kette von Metaphern brüllen! Wie ein Fluss von einem tief im Inneren gelegenen Tal über die dazwischenliegenden Berge bergauf wandern sollte, kann nur Morpheus, der Traumweber, enträtseln. Ich schäme mich und bin gedemütigt. S. T. Coleridge.]
[Fußnote 48: Enneade, III. 8. 3. Die Kraft des griechischen sunienai ist unvollkommen mit „verstehen“ ausgedrückt; unsere eigene idiomatische Wendung „mit mir gehen“ kommt ihr am nächsten. Die Passage, die folgt, voller tiefem Sinn, erscheint mir offensichtlich korrupt; und tatsächlich hat kein Autor eine neue und korrektere Ausgabe mehr nötig, verdient sie mehr oder wird sie weniger wahrscheinlich erhalten - ti oun sunienai; oti to genomenon esti theama emon, siopaesis (mallem, theama, emon sioposaes,) kai physei genomenon theoraema, kai moi genomenae ek theorias taes odi, taen physin echein philotheamona uparkei. (mallem, kai moi hae genomenae ek theorias autaes odis). „Was haben wir also zu verstehen? Dass alles, was hervorgebracht wird, eine Intuition ist, ich schweigend; und das, was so erzeugt wird, ist seiner Natur nach ein Theorem oder eine Form der Betrachtung; und die Geburt, die sich für mich aus dieser Betrachtung ergibt, erlangt eine betrachtende Natur.“ So Synesius:
‘Odis hiera ‘Arraeta gona
Der spätere Vergleich des Prozesses der natura naturans mit dem des Geometers ist aus dem allerinnersten Herzen der Philosophie gezogen.]
[Fußnote 49: Dies wird glücklich in drei Zeilen von Synesius in seinem DRITTEN HYMNUS vollzogen:
‘En kai Pan’ta – (für sich allein genommen) ist Spinozismus. ‘En d’ ’Apan’ton – eine bloße Anima Mundi. ‘En te pro panton – ist mechanischer Theismus.
Aber vereine alle drei, und das Ergebnis ist der Theismus des heiligen Paulus und des Christentums. Synesius wurde wegen seiner Lehre von der Präexistenz der Seele getadelt; aber niemals, soweit ich finden kann, angeklagt oder als häretisch erachtet wegen seines Pantheismus, obwohl weder Giordano Bruno noch Jakob Böhme ihn jemals offener bekannten.
Mystas de Noos, Ta te kai ta legei, Buthon arraeton Amphichoreuon. Su to tikton ephus, Su to tiktomenon; Su to photizon, Su to lampomenon; Su to phainomenon, Su to kryptomenon Idiais augais. ‘En kai panta, ‘En kath’ heauto, Kai dia panton.
Pantheismus ist daher nicht notwendigerweise unreligiös oder häretisch; obwohl er atheistisch gelehrt werden kann. So würde Spinoza Synesius darin zustimmen, Gott Physis en Noerois zu nennen, die Natur in den Intelligenzen; aber er könnte nicht dem vorangehenden Nous kai noeros zustimmen, d. h. Er selbst Intelligenz und intelligent.
In dieser biografischen Skizze meines literarischen Lebens mag es mir verziehen sein, wenn ich hier erwähne, dass ich die acht Hymnen des Synesius vor meinem fünfzehnten Lebensjahr aus dem Griechischen in englische anakreontische Verse übersetzt hatte.]
[Fußnote 50: Siehe Schell. Abhandl. zur Erläuter. des Id. der Wissenschaftslehre.]
[Fußnote 51: Des Cartes, Diss. de Methodo.]
[Fußnote 52: Die Unmöglichkeit eines absoluten Dings (substantia unica) als weder Genus, Spezies noch Individuum: sowie seine völlige Ungeeignetheit für die fundamentale Position eines philosophischen Systems wird in der Kritik am Spinozismus im fünften Traktat meiner Logosophia demonstriert werden.]
[Fußnote 53: Es ist höchst bemerkenswert, dass Jehova in der ersten Offenbarung seiner selbst, die nicht auf Individuen beschränkt war; ja, in der allerersten Offenbarung seines absoluten Seins, zugleich die fundamentale Wahrheit aller Philosophie offenbarte, die entweder mit dem Absoluten beginnen oder keinen festen Anfang haben muss; das heißt, aufhören muss, Philosophie zu sein. Ich kann nicht umhin, mein Bedauern darüber auszudrücken, dass unsere bewundernswerte Version in der zweideutigen Verwendung des Wortes that für in that oder because die Passage für eine herabgewürdigte Interpretation im Geiste gewöhnlicher Leser oder Zuhörer anfällig gemacht hat, als wäre es ein bloßer Tadel auf eine unverschämte Frage, Ich bin, der ich bin, was von jedem existierenden Wesen gleichermaßen von sich selbst behauptet werden könnte.
Das kartesische Cogito ergo sum ist anfechtbar, weil entweder das Cogito extra gradum verwendet wird, und dann ist es im sum enthalten und tautologisch; oder es wird als eine besondere Weise oder Würde genommen, und dann ist es dem sum untergeordnet wie die Spezies dem Genus, oder vielmehr wie eine besondere Modifikation dem modifizierten Subjekt; und nicht vorgeordnet, wie die Argumente zu fordern scheinen. Denn Cogito ist Sum Cogitans. Dies ist klar durch die Nicht-Evidenz der Umkehrung. Cogitat, ergo est ist wahr, weil es eine bloße Anwendung der logischen Regel ist: Quicquid in genere est, est et in specie. Est (cogitans), ergo est. Es ist ein Kirschbaum; daher ist es ein Baum. Aber est ergo cogitat ist unlogisch: denn quod est in specie, non NECESSARIO in genere est. Es mag wahr sein. Ich halte es für wahr, dass quicquid vere est, est per veram sui affirmationem; aber es ist eine abgeleitete, keine unmittelbare Wahrheit. Hier haben wir also, durch Antizipation, die Unterscheidung zwischen dem bedingten Endlichen! (das, als bekannt im distinkten Bewusstsein bei Gelegenheit der Erfahrung, von Kants Nachfolgern das Empirische genannt wird!) und dem absoluten ICH BIN, und ebenso die Abhängigkeit oder vielmehr die Inhärenz des ersteren im letzteren; in dem „wir leben, weben und sind“, wie St. Paulus göttlich behauptet, weit entfernt von den Theisten der mechanischen Schule (wie Sir J. Newton, Locke und andere), die sagen müssen, von wem wir unser Sein hatten, und mit ihm das Leben und die Kräfte des Lebens.]
[Fußnote 54: ÜBERSETZUNG. „Daraus ist klar, aus welcher Ursache viele den Begriff des Kontinuierlichen und des Unendlichen ablehnen. Sie nehmen nämlich die Wörter nicht-darstellbar und unmöglich in ein und derselben Bedeutung; und gemäß den Formen sinnlicher Evidenz ist der Begriff des Kontinuierlichen und des Unendlichen zweifellos unmöglich. Ich verfechte hier nicht die Sache dieser Gesetze, welche nicht wenige Schulen für richtig hielten zu sprengen, besonders das erstere (das Gesetz der Kontinuität). Aber es ist von höchster Wichtigkeit, den Leser darauf hinzuweisen, dass diejenigen, die eine so verdrehte Art des Schließens annehmen, einem schwerwiegenden Irrtum unterliegen. Was den formalen Prinzipien des Verstandes und der Vernunft widerspricht, ist bekanntlich unmöglich; aber nicht deshalb das, was deshalb nicht den Formen sinnlicher Evidenz zugänglich ist, weil es ausschließlich ein Objekt des reinen Intellekts ist. Denn dieses Nicht-Zusammenfallen des Sinnlichen und des Intellektuellen (dessen Natur ich sogleich offenlegen werde) beweist nichts weiter, als dass der Geist nicht immer abstrakt Begriffe, die vom reinen Intellekt abgeleitet sind, adäquat in das Konkrete darstellen und in distinkte Bilder verwandeln kann. Aber dieser Widerspruch, der an sich bloß subjektiv ist (d. h. eine Unfähigkeit in der Natur des Menschen), geht allzu oft als eine Unstimmigkeit oder Unmöglichkeit im Objekt (d. h. den Begriffen selbst) durch und verführt den Unvorsichtigen dazu, die Beschränkungen der menschlichen Fähigkeiten für die Grenzen der Dinge zu halten, wie sie wirklich existieren.“]
Ich ergreife diese Gelegenheit, um anzumerken, dass Kant hier und anderswo den Begriff Anschauung und das Verb anschauen (intueri) – wofür wir leider kein entsprechendes Wort besitzen – ausschließlich für das verwendet, was in Raum und Zeit dargestellt werden kann. Er leugnet daher konsequent und zu Recht die Möglichkeit intellektueller Anschauungen. Da ich jedoch keinen hinreichenden Grund für diese exklusive Bedeutung des Begriffs sehe, bin ich zu seiner weiteren Bedeutung zurückgekehrt, wie sie von unseren älteren Theologen und Metaphysikern autorisiert wurde, gemäß derer der Begriff alle Wahrheiten umfasst, die uns ohne Vermittlung bekannt sind.
Aus Kants Abhandlung De mundi sensibilis et intelligibilis forma et principiis. 1770.]
[Fußnote 55: Franc. Baconis de Verulam, NOVUM ORGANUM.]
[Fußnote 56: Dieser Ausdruck, a priori, wird im Allgemeinen auf das Gröbste missverstanden, und es wird ihm eine Absurdität aufgebürdet, die er nicht verdient. Unter Erkenntnis a priori verstehen wir nicht, dass wir irgendetwas vor der Erfahrung wissen können, was ein logischer Widerspruch wäre; sondern dass wir es, nachdem wir es einmal durch die Gelegenheit der Erfahrung (das heißt, durch etwas, das von außen auf uns einwirkt) erkannt haben, nun wissen, dass es existiert haben muss, sonst wäre die Erfahrung selbst unmöglich gewesen. Durch die Erfahrung weiß ich erst jetzt, dass ich Augen habe; aber dann überzeugt mich mein Verstand, dass ich Augen gehabt haben muss, um die Erfahrung machen zu können.]
[Fußnote 57: Jer. Taylor’s Via Pacis.]
[Fußnote 58: Par. Lost. Buch V. Z. 469.]
[Fußnote 59: Leibnitz. Op. T. II. P. II. S. 53.--T. III. S. 321.]
[Fußnote 60: Synesii Episcop. Hymn. III. Z. 231]
[Fußnote 61: „Anaer morionous“, eine Phrase, die ich von einem griechischen Mönch entlehnt habe, der sie auf einen Patriarchen von Konstantinopel anwendet. Ich hätte sagen können, dass ich sie eher zurückgewonnen als entlehnt habe: denn sie scheint Shakespeare de jure singulari, et ex privilegio naturae zu gehören.]
[Fußnote 62: Zuerst veröffentlicht im Jahr 1803.]
[Fußnote 63: Diese Gedanken kamen mir während der Lektüre der Madrigale von Giovambatista Strozzi, die im Mai 1593 in Florenz von seinen Söhnen Lorenzo und Filippo Strozzi veröffentlicht wurden, mit einer Widmung an ihren väterlichen Onkel, Signor Leone Strozzi, Generale delle battaglie di Santa Chiesa. Da ich mich nicht erinnern kann, weder die Gedichte noch ihren Autor in irgendeinem englischen Werk erwähnt gesehen zu haben, noch sie in einer der üblichen Sammlungen italienischer Poesie gefunden zu haben; und da das kleine Werk nur selten vorkommt, werde ich einige Proben transkribieren. Ich bin selten Kompositionen begegnet, die nach meinem Empfinden mehr von jener befriedigenden Ganzheit, jener vollkommenen Angemessenheit der Form an den Inhalt besaßen, die uns bei Anakreon so entzückt, verbunden mit der Zärtlichkeit und mehr als der Feinheit des Catull. So sehr es Kleinigkeiten sind, wurden sie wahrscheinlich mit großer Sorgfalt ausgearbeitet; dennoch schreiben wir sie bei der Lektüre eher einer spontanen Energie als einer willentlichen Anstrengung zu. Für einen gebildeten Geschmack gibt es ein Vergnügen an der Vollkommenheit um ihrer selbst willen, unabhängig von dem Material, in dem sie sich manifestiert, das niemand außer einem gebildeten Geschmack verstehen oder würdigen kann.
Nach dem, was ich dargelegt habe, erschiene es vermessen, eine Übersetzung anzubieten; selbst wenn der Versuch nicht durch den unterschiedlichen Geist der englischen Sprache und Denkweise entmutigt würde, der einen dichteren Körper an Gedanken als Bedingung für einen hohen Schliff erfordert als das Italienische. Ich kann es zudem nur als einen Vorteil der italienischen Sprache, die in vielerlei Hinsicht der unseren unterlegen ist, erachten, dass die Sprache der Poesie deutlicher von der der Prosa unterschieden ist als bei uns. Durch das frühere Auftreten und den etablierten Vorrang der toskanischen Dichter, zusammen mit der Anzahl unabhängiger Staaten und der Vielfalt der Schriftsprachen, haben die Italiener ein poetisches Idiom gewonnen, so wie die Griechen vor ihnen aus denselben Gründen mit größeren und verschiedenartigeren Unterscheidungen eines erhalten hatten, zum Beispiel das Ionische für ihre heroischen Verse, das Attische für ihre Jamben und die beiden Modi des Dorischen für das Lyrische oder Sakrale und das Pastorale, deren Unterscheidungen den Griechen selbst zweifellos deutlicher waren, als sie es uns sind.
Ich wage es, eine weitere Beobachtung hinzuzufügen, bevor ich zur Transkription übergehe. Ich bin mir bewusst, dass die Ansichten, die ich bezüglich der Unterschiede zwischen der Poesie der heutigen Zeit und der der Periode zwischen 1500 und 1650 geäußert habe, das Gegenteil der allgemein vertretenen Meinung sind. Ich unterhielt mich über dieses Thema mit einer Freundin, als die Bedienstete, eine würdige und vernünftige Frau, hereinkam. Ich legte ihr zwei Stiche vor, den einen einen rosafarbenen Druck der Zeit, den anderen eine meisterhafte Radierung von Salvator Rosa nach einem seiner eigenen Bilder. Als ich sie drängte, uns zu sagen, welchen sie bevorzuge, antwortete sie nach einigem Erröten und innerer Unruhe: „Nun, den da, Sir, natürlich!“ (wobei sie auf die Ware aus den Druckereien der Fleet-street zeigte); „er ist so ordentlich und elegant. Der andere ist so ein kratziges, schlampiges Ding.“ Ein Künstler, dessen Schriften kaum weniger wertvoll sind als seine Bilder, und dem man bereitwilliger mit mehr Respekt begegnet, als ich es mir für meine eigenen wünschen würde, hat uns gesagt, und zwar aus eigener Erfahrung, dass guter Geschmack erworben werden muss und wie alle anderen guten Dinge das Ergebnis von Nachdenken und dem unterwürfigen Studium der besten Vorbilder ist. Wenn gefragt wird: „Was aber soll ich für solches halten?“ – so ist die Antwort: Halten Sie jene für die besten, deren Ruf durch die Zustimmung der Zeitalter zur Berühmtheit gereift ist. Denn die Weisheit hat immer eine endgültige Mehrheit, wenn nicht durch Überzeugung, so doch durch Zustimmung. Zusätzlich zu Sir J. Reynolds kann ich Harris of Salisbury erwähnen, der in einer seiner philosophischen Abhandlungen mit der Präzision des Aristoteles und der Eleganz eines Quintilian über die Mittel zum Erwerb eines gerechten Geschmacks geschrieben hat.
MADRIGALI.
Gelido suo ruscel chiaro, e tranquillo M’insegno Amor di state a mezzo’l giorno; Ardean le selve, ardean le piagge, e i colli. Ond’ io, ch’ al piu gran gielo ardo e sfavillo, Subito corsi; ma si puro adorno Girsene il vidi, che turbar no’l volli: Sol mi specchiava, e’n dolce ombrosa sponda Mi stava intento al mormorar dell’ onda.
Aure dell’ angoscioso viver mio Refrigerio soave, E dolce si, che piu non mi par grave Ne’l ardor, ne’l morir, anz’ il desio; Deh voi’l ghiaccio, e le nubi, e’l tempo rio Discacciatene omai, che l’onda chiara, E l’ombra non men cara A scherzare, a cantar per suoi boschetti, E prati festa et allegrezza alletti.
Pacifiche, ma spesso in amorosa Guerra co’fiori, e l’erba Alla stagione acerba Verdi insegne del giglio e della rosa, Movete, Aure, pian pian; che tregua o posa, Se non pace, io ritrove; E so ben dove:--Oh vago, a mansueto Sguardo, oh labbra d’ambrosia, oh rider, lieto!
Hor come un scoglio stassi, Hor come un rio se’n fugge, Ed hor crud’ orsa rugge, Hor canta angelo pio: ma che non fassi! E che non fammi, O sassi, O rivi, o belue, o Dii, questa mia vaga Non so, se ninfa, o magna, Non so, se donna, o Dea, Non so, se dolce o rea?
Piangendo mi baciaste, E ridendo il negaste: In doglia hebbivi pia, In festa hebbivi ria: Nacque gioia di pianti, Dolor di riso: O amanti Miseri, habbiate insieme Ognor paura e speme.
Bel Fior, tu mi rimembri La rugiadosa guancia del bel viso; E si vera l’assembri, Che’n te sovente, come in lei m’affiso: Et hor del vago riso, Hor del sereno sguardo Io pur cieco riguardo. Ma qual fugge, O Rosa, il mattin lieve! E chi te, come neve, E’l mio cor teco, e la mia vita strugge!
Anna mia, Anna dolce, oh sempre nuovo E piu chiaro concento, Quanta dolcezza sento In sol Anna dicendo? Io mi pur pruovo, Ne qui tra noi ritruovo, Ne tra cieli armonia, Che del bel nome suo piu dolce sia: Altro il Cielo, altro Amore, Altro non suona l’Ecco del mio core.
Hor che’l prato, e la selva si scolora, Al tuo sereno ombroso Movene, alto Riposo, Deh ch’io riposi una sol notte, un hora: Han le fere, e gli augelli, ognun talora Ha qualche pace; io quando, Lasso! non vonne errando, E non piango, e non grido? e qual pur forte? Ma poiche, non sent’ egli, odine, Morte.
Risi e piansi d’Amor; ne pero mai Se non in fiamma, o’n onda, o’n vento scrissi Spesso merce trovai Crudel; sempre in me morto, in altri vissi: Hor da’ piu scuri Abissi al ciel m’alzai, Hor ne pur caddi giuso; Stanco al fin qui son chiuso.]
[Fußnote 64: --
„Ich maß es von Seite zu Seite; Es ist drei Fuß lang und zwei Fuß breit.“]
[Fußnote 65: --
„Nein, zermartere dir das Hirn – es ist alles vergeblich, Ich werde dir alles sagen, was ich weiß; Aber zum Dornenbusch und zum Teich, Der einen kleinen Schritt weiter liegt, Wünschte ich, dass du gingest: Vielleicht, wenn du an dem Ort bist, Kannst du etwas von ihrer Geschichte aufspüren.
Ich werde dir die beste Hilfe geben, die ich kann, Bevor du den Berg hinaufgehst, Hinauf zur trüben Bergspitze, Ich werde dir alles sagen, was ich weiß. Es sind nun etwa zweiundzwanzig Jahre her, Seit sie (ihr Name ist Martha Ray) Mit eines Mädchens wahrer Herzenslust Stephen Hill ihre Gesellschaft gab; Und sie war heiter und fröhlich, Und sie war glücklich, immer glücklich, Wann immer sie an Stephen Hill dachte.
Und sie hatten den Hochzeitstag festgesetzt, Den Morgen, der sie beide vereinen sollte, Doch Stephen hatte einem anderen Mädchen Einen anderen Eid geschworen; Und mit diesem anderen Mädchen ging der gedankenlose Stephen zur Kirche – Arme Martha! An jenem unseligen Tag Wurde ein Stich erbarmungslosen Entsetzens In ihre Seele gesandt; Ein Feuer entzündete sich in ihrer Brust, Das sich nicht zur Ruhe brennen konnte.
Man sagt, volle sechs Monate danach, Während die Sommerblätter noch grün waren, Pflegte sie zur Bergspitze zu gehen, Und dort wurde sie oft gesehen; Es heißt, ein Kind sei in ihrem Schoß gewesen, Wie nun jedem Auge klar war; Sie war schwanger und sie war wahnsinnig; Doch oft war sie nüchtern traurig Vor ihrem übermäßigen Schmerz. O weh! Zehntausendmal wäre es mir lieber Gewesen, er wäre gestorben, dieser grausame Vater!
* * * * * * * * * * * * * * * *
Letzte Weihnacht, als sie davon sprachen, Behauptete der alte Farmer Simpson, Dass das Kind in ihrem Schoß Um das Herz seiner Mutter wirkte und ihren Verstand Wieder zurückbrachte: Und als schließlich ihre Zeit nahte, Waren ihre Blicke ruhig, ihr Verstand klar.
Mehr weiß ich nicht, ich wünschte, ich wüsste es, Und ich würde es dir alles erzählen, Denn was aus diesem armen Kind wurde, Hat niemals jemand gewusst; Und ob ein Kind geboren wurde oder nicht, Das konnte niemand sagen; Und ob es lebendig oder tot geboren wurde, Das weiß niemand, wie ich gesagt habe: Aber manche erinnern sich gut, Dass Martha Ray um diese Zeit Oft den Berg hinaufstieg.“]
[Fußnote 66: Es ist kein geringerer Fehler bei Lehrern, als eine Qual für die armen Kinder, die Notwendigkeit zu erzwingen, so zu lesen, wie sie sprechen würden. Um sie davon zu heilen, wie es genannt wird, zu singen, das heißt, von einem zu großen Unterschied, wird das Kind dazu gebracht, die Wörter mit den Augen vom Buch weg zu wiederholen; und dann gleichen seine Töne tatsächlich dem Sprechen, soweit seine Ängste, Tränen und sein Zittern es erlauben. Aber sobald das Auge wieder auf die gedruckte Seite gerichtet ist, beginnt der Zauber von Neuem; denn ein instinktiver Sinn sagt den Gefühlen des Kindes, dass das Aussprechen der eigenen momentanen Gedanken und das Rezitieren der geschriebenen Gedanken eines anderen, als eines anderen und eines weit Klügeren als er selbst, zwei grundverschiedene Dinge sind; und da die beiden Handlungen mit grundverschiedenen Gefühlen einhergehen, müssen sie unterschiedliche Arten der Artikulation rechtfertigen. Joseph Lancaster heilt diesen Fehler des Singens unter seinen anderen Verfälschungen des exzellenten Systems von Dr. Bell, indem er dem Kind Fesseln und Ketten anlegt, zu deren Musik einer seiner Mitschüler, der vorangeht, kläglich die letzte Rede und das Geständnis, die Geburt, Abstammung und Erziehung des Kindes herauschantiert. Und diese seelenbetäubende Schmach, diese unheilige und herzverhärtende Burleske auf die letzte schreckliche Vollstreckung des misshandelten Gesetzes, bei deren Urteilsverkündung der strenge und abgehärtete Richter nicht selten in Tränen ausbricht, wurde als eine glückliche und geniale Methode gepriesen, um – was? und wie? – nun ja, ein Extrem zu beheben, um ein anderes einzuführen, das von gesundem Menschenverstand kaum weniger entfernt ist und sicherlich schlimmere moralische Auswirkungen haben dürfte, indem ein Anschein von vorlauter Leichtigkeit und Selbstgenügsamkeit durch Unterdrückung und mögliche spätere Perversion der natürlichen Gefühle erzwungen wird. Ich muss Dr. Bell um Verzeihung für diese Verbindung der beiden Namen bitten, aber er weiß, dass Kontrast eine nicht minder mächtige Ursache für Assoziation ist als Ähnlichkeit.]
[Fußnote 67: Geändert nach der Beschreibung der Nachtmäre im REMORSE.
„O Himmel! Es war schrecklich! Jetzt rannte sie herab und wurde angestarrt Von scheußlichen Gestalten, an die man sich nicht erinnern kann; Jetzt nichts sehend und nichts sich vorstellend; Sondern nur Angst habend – erstickt vor Angst! Während jede wohlgestaltete oder vertraute Form Eine seltsame Kraft hatte, Schrecken um mich herum zu verbreiten!“
N.B. – Obwohl Shakespeare aus seinen eigenen, alles rechtfertigenden Gründen die Nachtmäre mit ihren eigenen Fohlen eingeführt hat, bedeutet Mair eine Schwester oder vielleicht ein Weibsbild.]
[Fußnote 68: Aber noch mehr durch das mechanische System der Philosophie, das unsere theologischen Meinungen unnötigerweise infiziert hat und uns lehrt, die Welt in ihrer Beziehung zu Gott wie die eines Gebäudes zu seinem Maurer zu betrachten, was die Idee der Allgegenwart zu einer bloßen abstrakten Vorstellung im Prunksaal unserer Vernunft macht.]
[Fußnote 69: Wie der geniale Herr unter dem Einfluss der tragischen Muse es fertigbrachte, „Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, Sir! Danke, Sir, und ich wünsche Ihnen dasselbe“ in zwei Blankvers-Heroen zu verrenken: –
Ihnen einen Morgen gut, guter Sir! wünsche ich. Ihnen, Sir! danke ich: Ihnen dasselbe wünsche ich.
In jenen Teilen von Mr. Wordsworths Werken, die ich gründlich studiert habe, finde ich weniger Instanzen, in denen dies praktikabel wäre, als ich sie in vielen Gedichten angetroffen habe, wo einer Annäherung an die Prosa sorgfältig und systematisch entgegengewirkt wurde. Tatsächlich kann ich mich, abgesehen von den bereits zitierten Strophen aus THE SAILOR’S MOTHER, nur an einen einzigen Fall erinnern: das heißt, eine kurze Passage von vier oder fünf Zeilen in THE BROTHERS, jenem Modell englischer Pastorale, das ich noch nie mit ungetrübtem Auge gelesen habe. – „James, auf dessen Gipfel deutend, über den sie alle gemeinsam zurückzukehren beabsichtigt hatten, teilte ihnen mit, dass er dort auf sie warten würde. Sie trennten sich, und seine Kameraden kamen etwa zwei Stunden später dort vorbei, aber sie fanden ihn nicht am vereinbarten Ort, ein Umstand, den sie nicht beachteten: aber einer von ihnen, der zufällig in das Haus ging, das zu dieser Zeit James’ Haus war, erfuhr dort, dass ihn den ganzen Tag niemand gesehen hatte.“ Die einzige Änderung, die vorgenommen wurde, ist die Position des kleinen Wortes „dort“ in zwei Fällen, da die Position im Original eindeutig eine solche ist, die in der gewöhnlichen Konversation nicht übernommen wird. Die anderen kursiv gedruckten Wörter wurden so markiert, weil sie, obwohl gutes und echtes Englisch, nicht die Phraseologie der gewöhnlichen Konversation sind, weder in dem in Apposition gesetzten Wort noch in der Verbindung durch das Genitivpronomen. Die Menschen im Allgemeinen hätten gesagt: „aber das war ein Umstand, dem sie keine Beachtung schenkten oder den sie nicht bemerkten“; und die Sprache ist, der Theorie des Vorworts folgend, nur dadurch gerechtfertigt, dass der Erzähler der Vikar ist. Doch wenn irgendein Ohr vermuten könnte, dass diese Sätze jemals als Metrum gedruckt wurden, so hätte die Vermutung allein auf diesen Wörtern beruhen können.]
[Fußnote 70: Ich hatte das treffende, aber unübersetzbare Epitheton im Sinn, das der berühmte Mendelssohn auf den großen Begründer der kritischen Philosophie anwandte: „Der alleszermalmende KANT“, das heißt, der alles zermalmende, oder vielmehr der alles zu Nichts zermalmende Kant. In der Leichtigkeit und Kraft zusammengesetzter Epitheta nähert sich das Deutsche durch die Anzahl seiner Fälle und Flexionen dem Griechischen, jener Sprache, die so
„Gesegnet in der glücklichen Ehe süßer Worte“
ist. Es ist allein in der kläglichen Härte seiner Laute, dass das Deutsche vor dem Vergleich zurückschrecken muss.]
[Fußnote 71: Sammlung einiger Abhandlungen von Christian Garve.]
[Fußnote 72: Sonett IX.]
[Fußnote 73: Dass Mr. Wordsworth in dieser Passage umsichtig „concourse wild“ anstelle von „a wild scene“, wie es in der früheren Ausgabe stand, gewählt hat, ermutigt mich, eine Bemerkung zu wagen, die ich in den Werken eines Dichters, der in der Verwendung von Wörtern weniger streng genau ist als er – zu seiner eigenen großen Ehre –, sicherlich nicht gemacht hätte. Sie betrifft die Angemessenheit des Wortes „scene“, selbst in dem Satz, in dem es beibehalten wird. Dryden, und er nur in seinen nachlässigeren Versen, war, soweit meine Forschungen ergeben haben, der Erste, der dieses Wort zur Bequemlichkeit des Reims in dem vagen Sinne verwendete, der seitdem selbst bei unseren besten Schriftstellern zu geläufig ist und der (wie ich meine, leider) als seine erste Erklärung in Dr. Johnsons Wörterbuch angegeben ist und daher von einem unvorsichtigen Leser als seine eigentliche Bedeutung aufgefasst würde. Bei Shakespeare und Milton wird das Wort niemals ohne einen klaren Bezug, ob eigentlich oder metaphorisch, auf das Theater verwendet. So Milton:
„Zeder und Kiefer und Tanne und verzweigte Palme Eine sylvanische Szene; und, während die Reihen aufsteigen Schatten über Schatten, ein waldiges Theater Von herrlichstem Anblick.“
Ich erhebe Einwand gegen jede Erweiterung seiner Bedeutung, weil das Wort bereits zweideutiger ist, als man sich wünschen könnte; insofern es für den begrenzten Gebrauch, den ich empfehle, immer noch zwei verschiedene Dinge bedeuten kann; nämlich die Szenerie sowie die Figuren und Handlungen, die während der Präsenz bestimmter Szenen auf der Bühne dargestellt werden. Es kann daher nur vor Dunkelheit bewahrt werden, indem man die ursprüngliche Bedeutung voll im Bewusstsein behält. So wieder Milton:
------„Bereite dich auf eine andere Szene vor.“]
[Fußnote 74: --
Kaum hatte Copland gesprochen, als schnell jeder Hügel, Der an ihrem Rand steht, die benachbarten Täler füllte; Helvillon warf es von seiner Höhe durch die Berge, Von dem der Klang ebenso schnell wieder Dunbalrase zog, Von dessen steintrophäen-geschmücktem Haupt es auf den Windross ging, Der es in Richtung Meer wieder nach Dent zurückhallte. Dass Brodwater, dabei innerhalb ihrer Ufer erschrocken, Bei der Fahrt zum Meer es Egremound erzählte, Dessen Gebäude, Wege und Straßen mit lauten und langen Echos Alt-Copland für ihren Gesang mächtig lobten. Draytons POLYOLBION: Lied XXX.]
[Fußnote 75: Übersetzung. Es ziemt sich für mich, auf der Seite meiner Freunde zu stehen, aber nur bis zu den Göttern.]
[Fußnote 76: „Slender. Ich habe mein Schienbein beim Fechten mit Schwert und Dolch wegen einer Schüssel geschmorter Pflaumen geprellt, und bei meiner Treu, ich kann den Geruch von heißem Fleisch seitdem nicht mehr ertragen.“ – So auch Evans. „Ich werde mein Essen beenden: Es gibt noch Äpfel und Käse.“]
[Fußnote 77: Dies wurde mir zufällig von einem alten deutschen Herrn in Helmstedt bestätigt, der Klopstocks Schul- und Bettgenosse war. Unter anderen kindlichen Anekdoten erzählte er, dass der junge Dichter einen besonderen Wert auf eine Übersetzung des VERLORENEN PARADIESES legte und immer damit unter seinem Kopfkissen schlief.]
[Fußnote 78: Klopstocks Beobachtung war teils wahr und teils irrtümlich. Im buchstäblichen Sinne seiner Worte, und wenn wir den Vergleich auf das durchschnittliche Raummaß beschränken, das für den Ausdruck desselben Gedankens in den beiden Sprachen erforderlich ist, ist sie irrtümlich. Ich habe einige deutsche Hexameter ins Englische übersetzt und festgestellt, dass im Durchschnitt drei englische Zeilen vier deutsche Zeilen ausdrücken. Der Grund liegt auf der Hand: Unsere Sprache ist reich an einsilbigen und zweisilbigen Wörtern. Das Deutsche ist, nicht weniger als das Griechische, eine mehrsilbige Sprache. Doch unter einem anderen Gesichtspunkt war die Bemerkung nicht grundlos. Da das Deutsche das gleiche unbegrenzte Vorrecht besitzt, Zusammensetzungen sowohl mit Präpositionen als auch mit Epitheta zu bilden wie das Griechische, kann es das reichste einzelne griechische Wort in einem einzigen deutschen ausdrücken und ist somit von der Notwendigkeit schwacher oder ungelenker Umschreibungen befreit. Ich will mich gegenwärtig mit einem Beispiel begnügen, nämlich dem Gebrauch der Präfix-Partizipien ver-, zer-, ent- und weg-: so reissen, verreissen, zerreissen, entreissen, im aktiven Sinne: oder schmelzen – ver-, zer-, ent-schmelzen – und in ähnlicher Weise durch alle Verben, neutrale wie aktive. Wenn man nur bedenkt, wie sehr wir den Verlust des Präfixes be- empfinden würden, wie in bedropt, besprinkle, besot, besonders in unserer poetischen Sprache, und sich dann vor Augen hält, dass diese gleiche Art der Zusammensetzung durch alle ihre einfachen und zusammengesetzten Präpositionen und viele ihrer Adverbien hindurchgeht; und dass die Deutschen bei den meisten davon dasselbe Vorrecht haben wie wir, sie vom Verb zu trennen und an das Ende des Satzes zu stellen; so wird man keine Schwierigkeit haben, die Wirklichkeit und den Grund dieser überlegenen Kraft des Deutschen zur Verdichtung der Bedeutung zu begreifen, in welcher sein großer Dichter triumphierte. Es ist unmöglich, ein halbes Dutzend Seiten von Wieland zu lesen, ohne wahrzunehmen, dass das Deutsche in dieser Hinsicht keinen Rivalen außer dem Griechischen hat. Und doch fühle ich, dass Konzentration oder Verdichtung nicht die glücklichste Art ist, diese Vorzüglichkeit auszudrücken, die weniger in der geringeren Zeit zu bestehen scheint, die für die Vermittlung eines Eindrucks erforderlich ist, als vielmehr in der Einheit und Gleichzeitigkeit, mit der der Eindruck vermittelt wird. Es neigt dazu, ihre Sprache bildhafter zu machen: Sie zeichnet Bilder besser nach. Wir haben diese Kraft teilweise durch unsere vom Lateinischen abgeleiteten zusammengesetzten Verben erlangt: und das Gefühl ihrer großen Wirkung veranlasste zweifellos unseren Milton sowohl zum Gebrauch als auch zum Missbrauch lateinischer Ableitungen. Aber dennoch können diese Präfix-Partikeln, die dem bloßen englischen Leser keine eigene oder abtrennbare Bedeutung vermitteln, unmöglich mit der Kraft oder Lebendigkeit einer ursprünglichen und homogenen Sprache wie der deutschen auf den Geist wirken und sind zudem auf bestimmte Wörter beschränkt.]
[Fußnote 79: Praecludere calumniam, im Original.]
[Fußnote 80: Besser so: Forma specifica per formam individualem translucens: oder noch besser – Species individualisata, sive Individuum cuilibet Speciei determinatae in omni parte correspondens et quasi versione quadam eam interpretans et repetens.]
[Fußnote 81: –
„Die großen runden Tränen Jagten einander seine unschuldige Nase hinab In mitleidiger Verfolgung“,
sagt Shakespeare von einem verwundeten Hirsch, der den Kopf über einen Bach hängen lässt: natürlich, aufgrund der Kopfhaltung, und höchst schön, aufgrund der Assoziation des vorangegangenen Bildes der Jagd, in der „der arme, abgeschiedene Hirsch vom Ziel des Jägers einen Schaden genommen hatte“. In der angenommenen Position von Bertram verliert die Metapher, wenn sie nicht falsch ist, alle Angemessenheit des Originals.]
[Fußnote 82: Unter einer Reihe anderer Beispiele für Wörter, die ohne Grund gewählt wurden, erklärt Imogine im ersten Akt, dass Gewitter nicht imstande seien, ihre Gebete für „den verzweifelten Mann, der auf verzweifelte Weise handelte“ zu unterbrechen –
„Ja, als der geschleuderte Bolzen ihre Sinne sengte, Wurden ihres Seelen tiefste Gebete für ihn gehaucht;“
das heißt, als ein rotglühender Bolzen, der aus einer Gewitterwolke auf sie geschleudert wurde, ihre Sinne verbrannt hatte, auf gut Englisch, ihr die Augen aus dem Kopf gebrannt hatte, betete sie immer weiter.
„War dies nicht Liebe? Ja, so liebt das Weib!“]
[Fußnote 83: Diese Art der Wiederholung ist eine der Eigenheiten dieses Schreibers, und es gibt kaum eine Seite, die nicht ein oder mehrere Beispiele liefert – z. B. auf den ersten ein oder zwei Seiten. Akt I, Zeile 7: „und wähnte, dass ich schlafen könnte.“ – Zeile 10: „Wankte und bebte im zänkischen Glanz.“ – Zeilen 14, 15, 16: „Doch bei den flüchtigen Schimmern des bläulichen Lichts, starrten mich die bleichen Marmorbilder so streng an, ich wähnte fast, sie lebten.“ – Zeile 37: „Der Glanz der Hölle.“ – Zeile 35: „O heiliger Prior, dies ist kein irdischer Sturm.“ – Zeile 38: „Dies ist kein irdischer Sturm.“ – Zeile 42: „Handelt mit uns.“ – Zeile 43: „Handle so streng:“ – Zeile 44: „Sprich! Du hast etwas gesehen?“ – „Ein furchtbarer Anblick!“ – Zeile 45: „Was hast du gesehen? Einen erbärmlichen, furchtbaren Anblick.“ – Zeile 48: „bebende Schimmer.“ – Zeile 50: „In den hohlen Pausen des Sturms.“ – Zeile 61: „Die Pausen des Sturms, etc.“]
[Fußnote 84: Das Kind ist eine wichtige Persönlichkeit, denn ich sehe nicht, mit welchen Mitteln der Autor den zweiten und dritten Akt hätte beenden können, wäre sein rechtzeitiges Erscheinen nicht gewesen. Wie undankbar also, sein Schicksal nicht weiter zu beachten!]
[Fußnote 85: Auch klassisch, soweit es mit der allegorisierenden Fantasie des Modernen vereinbar ist, der immer danach strebt, das Innere nach außen zu kehren, und sich durch die scheinbare Leichtigkeit unterscheidet, mit der die Poesie der Alten die Welt im Äußeren widerspiegelt. Casimir bietet vielleicht das auffälligste Beispiel für diesen charakteristischen Unterschied. – Denn sein Stil und seine Diktion sind wirklich klassisch: während Cowley, der Casimir in vielerlei Hinsicht ähnelt, seine Latinität und sogar sein Metrum durch die heterogene Natur seiner Gedanken völlig barbarisiert. Dass Dr. Johnson ein gegenteiliges Urteil gefällt und Cowleys lateinische Gedichte sogar denen Miltons vorgezogen hat, ist eine Laune, die, wenn ich nicht irre, das Erstaunen aller Gelehrten erregt hat. Ich war letzten Sommer sehr amüsiert über das lächerliche Entsetzen, mit dem ein italienischer Dichter eine Seite von Cowleys Davideis las, im Gegensatz zu dem Enthusiasmus, mit dem er Miltons Mansus und Ad Patrem zuerst durchlief und dann laut vorlas.]
[Fußnote 86: Flectit, oder wenn das Metrum es erlaubt hätte, hätte premit die Metapher besser unterstützt.]
[Fußnote 87: Arme, unglückliche Metaphysik! Und was ist sie? Ein einziger Satz drückt das Objekt und damit den Inhalt dieser Wissenschaft aus. Gnothi seauton:
Nosce te ipsum, Tuque Deum, quantum licet, inque Deo omnia noscas.
Erkenne dich selbst: und so wirst du Gott erkennen, soweit es einem Geschöpf erlaubt ist, und in Gott alle Dinge. – Sicherlich gibt es bei vielen eine seltsame – nein, vielmehr eine allzu natürliche – Abneigung, sich selbst zu erkennen.]