CARMEN
von Prosper Merimée
Übersetzt von Lady Mary Loyd
ERSTES KAPITEL
Ich hatte stets den Verdacht gehegt, dass die geographischen Koryphäen nicht wussten, wovon sie sprachen, wenn sie das Schlachtfeld von Munda in die Gegend der Bastuli-Poeni verwiesen, ganz in die Nähe des heutigen Monda, etwa zwei Meilen nördlich von Marbella.
Nach meiner eigenen Vermutung, die sich auf den Text des unbekannten Verfassers des Bellum Hispaniense stützte sowie auf gewisse Auskünfte, die ich aus der vortrefflichen Bücherei des Herzogs von Ossuna geschöpft hatte, glaubte ich, dass der Ort jenes denkwürdigen Kampfes, in welchem Caesar auf einen Schlag mit den Vorkämpfern der Republik um alles oder nichts spielte, in der Nachbarschaft von Montilla zu suchen sei.
Als ich mich im Herbste des Jahres 1830 zufällig in Andalusien aufhielt, machte ich einen ziemlich weiten Ausflug, um gewisse Zweifel zu beseitigen, die mich immer noch bedrückten. Eine Abhandlung, die ich in Kürze veröffentlichen werde, wird, so hoffe ich, jedes Bedenken zerstreuen, das etwa noch in den Köpfen aller redlichen Altertumsforscher fortbestehen mag. Doch ehe meine gelehrte Untersuchung die geographische Streitfrage endgültig zu Gunsten der einen Ansicht entscheidet, an deren Lösung das gesamte gelehrte Europa sein Herz hängt, möchte ich erst eine kleine Geschichte erzählen. Sie wird der hochinteressanten Frage nach dem wahren Standort von Monda keinen Abbruch tun.
Ich hatte in Córdoba einen Führer und zwei Pferde gemietet und mich auf den Weg gemacht, ohne anderes Gepäck als ein paar Hemden und Caesars Commentarii. Wie ich nun eines Tages über die höher gelegenen Strecken der Ebene von Cachena wanderte, abgemüdet, von Durst gequält, von brennender Sonne versengt, innerlich Caesar und Pompejus Söhne gleichermaßen herzlich verwünschend, da fiel mein Blick in einiger Entfernung von dem Pfade, den ich verfolgte, auf einen kleinen Streifen grünen Rasens, hier und da mit Schilf und Binsen bestanden. Das verriet die Nachbarschaft einer Quelle, und in der Tat, als ich näher kam, gewahrte ich, dass das, was wie Rasen ausgesehen hatte, ein Sumpf war, in welchen ein Wasserlauf, der aus einer engen Schlucht zwischen zwei hohen Ausläufern der Sierra de Cabra hervorzubrechen schien, hineinrann und verschwand.
Wenn ich diesen Bach hinaufritte, überlegte ich mir, würde ich wahrscheinlich kühleres Wasser finden, weniger Blutegel und Frösche und vielleicht etwas Schatten zwischen den Felsen.
Am Eingang der Schlucht wieherte mein Pferd, und ein anderes Pferd, das ich nicht sehen konnte, wieherte zurück. Ehe ich noch hundert Schritte vorwärts gekommen war, erweiterte sich die Schlucht plötzlich, und ich erblickte eine Art natürlichen Amphitheaters, das von den ringsum aufragenden steilen Felsen aufs vollständigste beschattet wurde. Es war unmöglich, sich einen entzückenderen Ruheplatz für einen Reisenden vorzustellen. Am Fuße der jäh abfallenden Felsen sprudelte der Bach empor und stürzte in ein kleines Becken, das mit Sand von der Weiße des Schnees ausgekleidet war. Fünf oder sechs herrliche immergrüne Eichen, geschützt vor dem Wind und gekühlt von der Quelle, standen neben dem Becken und beschatteten es mit ihrem dichten Laubwerk. Und rundumher bot ein dichter, glänzender Rasen dem Wanderer ein besseres Lager, als er in irgendeiner Herberge im Umkreis von zehn Meilen hätte finden können.
Die Ehre, diesen schönen Fleck entdeckt zu haben, gebührte nicht mir. Ein Mann ruhte dort bereits – schlief vermutlich –, als ich anlangte. Durch das Wiehern der Pferde geweckt, hatte er sich erhoben und war zu seinem Ross hinübergegangen, das die Schläfrigkeit seines Herrn benutzt hatte, um sich tüchtig an dem Gras ringsum gütlich zu tun. Er war ein rüstiger junger Bursche, von mittlerer Größe, aber kräftig gebaut und von stolzem, mürrischem Ausdruck. Sein Teint, der einst vielleicht zart gewesen sein mochte, war von der Sonne so tief gebräunt, dass er dunkler war als sein Haar. Die eine seiner Hände umfasste den Zügel seines Pferdes. In der anderen hielt er einen messingnen Donnerbüchsenstutzen.
Auf den ersten Blick gestand ich es, jagten mir der Stutzen und das wilde Aussehen seines Trägers einen gelinden Schrecken ein. Allein ich hatte so viel von Räubern reden hören, dass ich, da ich niemals einen zu Gesicht bekam, längst aufgehört hatte, an ihre Existenz zu glauben. Und überdies hatte ich so viele ehrliche Landleute sich bis an die Zähne bewaffnen sehen, bevor sie auf den Markt gingen, dass mir der Anblick von Schusswaffen keinerlei Recht gab, über den Charakter eines Fremden zu urteilen. „Und dann“, sprach ich bei mir selbst, „was sollte er wohl mit meinen Hemden und meiner Elzevir-Ausgabe von Caesars Commentarii anfangen?“ Also nickte ich dem Manne mit der Donnerbüchse freundlich zu und fragte ihn mit einem Lächeln, ob ich seinen Mittagsschlaf gestört hätte. Ohne ein Wort zu erwidern, musterte er mich von Kopf bis zu den Füßen. Dann, als ob die Prüfung ihn befriedigt hätte, betrachtete er ebenso aufmerksam meinen Führer, der soeben herangekommen war. Ich sah meinen Führer erbleichen und mit deutlich verängstigter Miene stillstehen. „Eine unglückselige Begegnung“, dachte ich bei mir. Doch die Klugheit riet mir sofort, mir ja nichts von meiner Beklemmung anmerken zu lassen. Ich stieg also ab. Ich hieß meinen Führer den Pferden die Zäume abnehmen, und am Quell niederkniend, wusch ich mir Haupt und Hände und trank dann in langen Zügen, flach auf dem Bauche liegend, gleich den Kriegern Gideons.
Unterdessen beobachtete ich den Fremdling und meinen Führer. Letzterer schien nur ungern heranzukommen. Doch jener schien keine bösen Absichten gegen uns zu hegen. Denn er hatte sein Pferd losgelassen, und der Stutzen, den er zuvor waagerecht gehalten hatte, hing nunmehr senkrecht zur Erde.
Da ich es nicht für nötig hielt, an der kargen Beachtung, die mir zuteil ward, Anstoß zu nehmen, streckte ich mich der Länge nach auf dem Rasen aus und fragte den Besitzer des Stutzens in aller Ruhe, ob er Feuer bei sich habe. Dabei zog ich mein Zigarrenetui hervor. Der Fremde, ohne noch immer den Mund aufzutun, holte seinen Feuerstein hervor und gab mir unverzüglich Feuer. Er wurde offenbar zutraulicher, denn er setzte sich mir gegenüber, obwohl er seine Waffe noch immer in der Hand behielt. Als ich meine Zigarre angezündet hatte, suchte ich die beste aus, die mir noch geblieben war, und fragte ihn, ob er rauche.
„Ja, Señor“, erwiderte er. Das waren die ersten Worte, die ich von ihm vernahm, und ich bemerkte, dass er das s* nicht in andalusischer Weise aussprach, woraus ich schloss, dass er ein Reisender sei wie ich, wenn auch vielleicht ein etwas weniger gelehrter Altertumsforscher.
* Die Andalusier aspirieren das s und sprechen es aus wie das weiche c und das z, welche die Spanier wie das englische th aussprechen. Ein Andalusier ist stets an der Art, wie er señor sagt, zu erkennen.
„Sie werden finden, dass diese nicht übel ist“, sagte ich und reichte ihm eine echte Havanna-Regalia hin.
Er neigte leicht den Kopf, zündete seine Zigarre an der meinen an, dankte mir mit einer weiteren Verbeugung und begann zu rauchen mit einer überaus lebhaften Miene des Genusses.
„Ah“, rief er aus, indem er den ersten Rauch langsam aus Mund und Nüstern blies, „wie lange ist es her, dass ich einmal geraucht habe! In Spanien stiftet das Anbieten und Annehmen einer Zigarre ein Band der Gastfreundschaft, ähnlich jenem, das im Morgenlande durch das gemeinsame Brot- und Salzessen geknüpft wird. Mein Freund erwies sich als redseliger, als ich zu hoffen gewagt hatte. Obwohl er indessen angab, dem partido von Montilla anzugehören, schien er über das Land nur sehr schlecht unterrichtet. Er kannte nicht einmal den Namen des entzückenden Tales, in dem wir saßen, vermochte mir die Namen keines der benachbarten Dörfer zu nennen, und als ich ihn fragte, ob er in der Umgebung nicht auf verfallene Mauern, breitrandige Ziegel oder behauene Steine gestoßen sei, gestand er, auf dergleichen nie geachtet zu haben. Dafür zeigte er sich als Kenner von Pferden, tadelte mein Reittier – was nicht eben schwer war – und gab mir den Stammbaum des seinigen an, das aus dem berühmten Gestüt zu Córdoba stammte. Es war in der Tat ein prachtvolles Tier, und nach Angabe seines Besitzers so zäh, dass es einmal dreißig Meilen an einem Tage zurückgelegt hatte, und zwar die ganze Zeit über im Galopp oder im gestreckten Trab. Mitten in seiner Erzählung brach der Fremde plötzlich ab, wie erschrocken und reuevoll, zu viel gesagt zu haben. „Die Sache ist die, dass ich es sehr eilig hatte, nach Córdoba zu kommen“, fuhr er, ein wenig verlegen, fort. „Ich musste die Richter wegen eines Prozesses angehen.“ Während er sprach, blickte er meinen Führer Antonio an, der die Augen niedergeschlagen hatte.
Die Quelle und der kühle Schatten waren so entzückend, dass ich mich gewisser Scheiben eines vortrefflichen Schinkens erinnerte, die meine Freunde in Montilla in den Mantelsack meines Führers gepackt hatten. Ich hieß ihn sie hervorholen und lud den Fremden ein, an unserem improvisierten Imbiss teilzunehmen. Wenn er schon lange nicht geraucht hatte, so machte er mir doch ganz den Eindruck, als habe er mindestens achtundvierzig Stunden gefastet. Er aß wie ein ausgehungerter Wolf, und ich dachte bei mir, dass mein Erscheinen für den armen Kerl geradezu ein Glücksfall gewesen sein müsse. Unterdessen aß mein Führer nur wenig, trank noch weniger und sprach kein einziges Wort, obwohl er im früheren Verlauf unserer Reise sich als unübertroffener Schwätzer erwiesen hatte. In Gegenwart unseres Gastes schien er sich nicht recht wohl zu fühlen, und eine Art gegenseitigen Misstrauens, dessen Ursache ich nicht genau ergründen konnte, schien zwischen ihnen zu herrschen.
Die letzten Brotkrumen und Schinkenreste waren verschwunden. Wir hatten jeder unsere zweite Zigarre geraucht; ich hieß den Führer die Pferde zäumen und war eben im Begriff, von meinem neuen Freunde Abschied zu nehmen, als er mich fragte, wo ich die Nacht zuzubringen gedächte.
Ehe ich noch Zeit hatte, auf ein Zeichen zu achten, das mir mein Führer machte, hatte ich bereits geantwortet, dass ich zur Venta del Cuervo wolle.
„Das ist eine schlechte Herberge für einen Mann wie Sie, mein Herr! Ich bin selber dort hin unterwegs, und wenn Sie mir erlauben, mit Ihnen zu reiten, wollen wir zusammen aufbrechen.“ „Mit Vergnügen!“, erwiderte ich und stieg zu Pferde. Der Führer, der meinen Steigbügel hielt, sah mich wiederum bedeutungsvoll an. Ich antwortete ihm mit einem Achselzucken, gleichsam um ihm zu bedeuten, dass ich vollkommen unbesorgt sei, und wir setzten unseren Weg fort.
Antonios geheimnisvolle Zeichen, seine offenkundige Angst, ein paar hingeworfene Worte des Fremden, vor allem aber dessen Ritt von dreißig Meilen und die wenig glaubhafte Erklärung, die er uns dafür gegeben hatte, hatten mich bereits in Stand gesetzt, mir über die Identität meines Reisegefährten eine Meinung zu bilden. Ich hegte nicht den geringsten Zweifel, dass ich mich in der Gesellschaft eines Schmugglers, vielleicht sogar eines Banditen befand. Was kümmerte es mich? Ich kannte den spanischen Charakter gut genug, um ganz sicher zu sein, dass ich von einem Manne, der mit mir gegessen und geraucht hatte, nichts zu befürchten hatte. Seine bloße Gegenwart würde mich im Falle einer unliebsamen Begegnung schützen. Und überdies war ich überaus begierig, einen Banditen einmal in natura zu sehen. Man begegnet dergleichen Leuten nicht alle Tage. Und es hat einen eigenen Reiz, sich in nächster Nähe eines gefährlichen Wesens zu befinden, zumal wenn man spürt, dass dieses Wesen sanft und zahm ist.
Ich hoffte, der Fremde werde nach und nach in eine mitteilsame Stimmung geraten, und trotz des Augenblinzelns meines Führers lenkte ich das Gespräch auf das Thema der Straßenräuber. Ich brauche kaum zu sagen, dass ich mich voll Ehrfurcht über sie äußerte. Damals trieb ein berühmter Bandit in Andalusien namens José María sein Unwesen, dessen Taten in aller Munde waren. „Wenn ich nun am Ende gar mit José María ritte!“, sagte ich bei mir. Ich erzählte alles, was ich von dem Helden wusste – es gereichte ihm alles zur Ehre – und äußerte laut meine Bewunderung für seine Großmut und seinen Wagemut.
„José María ist nichts als ein Lump“, sagte der Fremde mit Ernst.
„Ist er ungerecht gegen sich selbst, oder ist dies ein Übermaß an Bescheidenheit?“, fragte ich mich insgeheim, denn durch unablässiges Betrachten meines Gefährten war ich am Ende dahin gelangt, sein Äußeres mit der Beschreibung in Einklang zu bringen, die ich von José María an den Toren verschiedener andalusischer Städte angeschlagen gesehen hatte. „Ja, er muss es sein – blondes Haar, blaue Augen, großer Mund, schöne Zähne, kleine Hände, feines Hemd, ein Samtjackett mit silbernen Knöpfen, weiße Lederstiefel und ein Braunfuchs. Kein Zweifel. Doch seine Verkleidung soll geachtet bleiben! Wir langten bei der venta an. Sie war ganz so, wie er sie mir beschrieben hatte. Mit anderen Worten, das erbärmlichste Loch seiner Art, das mir bisher vor Augen gekommen war. Ein einziger großer Raum diente zugleich als Küche, Speisesaal und Schlafgemach. Auf einem flachen Stein mitten im Raume brannte ein Feuer, und der Rauch entwich durch ein Loch im Dach, oder vielmehr, er hing in einer Wolke einige Fuß über dem Boden. An den Wänden entlang waren auf dem Boden fünf oder sechs Maultierdecken ausgebreitet. Das waren die Betten der Reisenden. Zwanzig Schritte vom Hause, oder vielmehr von dem einzigen Raum, den ich eben beschrieben habe, stand ein Schuppen, der als Stall diente.
Die einzigen Bewohner dieser entzückenden Behausung, die im Augenblick sichtbar waren, waren jedenfalls eine alte Frau und ein Mädchen von zehn oder zwölf Jahren, beide so schwarz wie Ruß und in abschreckende Lumpen gekleidet. „Da haben wir den letzten Überrest der alten Bevölkerung von Munda Boetica“, sagte ich bei mir. „O Caesar! O Sextus Pompeius, wenn ihr diese Erde wiederbetreten würdet, wie sehr würdet ihr euch verwundern!"
Als die Alte meinen Reisegefährten erblickte, entrang sich ihr ein Ruf des Erstaunens. „Ach, Señor Don José!", rief sie.
Don José runzelte die Stirn und hob die Hand mit einer gebieterischen Gebärde, die der Alten augenblicklich Schweigen auferlegte.
Ich wandte mich zu meinem Führer und gab ihm durch ein Zeichen, das kein anderer bemerkte, zu verstehen, dass ich über den Mann, in dessen Gesellschaft ich die Nacht zuzubringen im Begriffe stand, vollkommen unterrichtet sei. Unser Abendessen war besser, als ich erwartet hatte. Auf einem kleinen, nur einen Fuß hohen Tisch wurden uns ein alter Hahn, mit Reis und zahlreichen Paprika geschmort, dann weitere Paprika in Öl und schließlich ein Gaspacho – eine Art Salat aus Paprika – aufgetischt. Diese drei scharf gewürzten Gerichte nötigten uns zu häufigem Rückgriff auf einen Ziegenlederschlauch mit Montilla-Wein, der uns als köstlich erschien.
Nachdem die Mahlzeit beendet war, gewahrte ich eine Mandoline, die an der Wand hing – in Spanien sieht man Mandolinen in jedem Winkel – und ich fragte das kleine Mädchen, das uns bedient hatte, ob es spielen könne.
„Nein", erwiderte es. „Aber Don José spielt sehr schön!"
„Tun Sie mir die Liebenswürdigkeit, mir etwas vorzusingen", sagte ich zu ihm, „ich bin ein leidenschaftlicher Verehrer Ihrer Nationalmusik."
„Ich kann einem so reizenden Herrn, der mir so vortreffliche Zigarren spendiert, nichts abschlagen", gab Don José munter zur Antwort, und nachdem er das Mädchen aufgefordert hatte, ihm die Mandoline zu reichen, sang er zu seiner eigenen Begleitung. Seine Stimme, wenngleich rau, war angenehm, die Weise, die er sang, war seltsam und schwermütig. Was aber den Text anging, so konnte ich auch nicht ein einziges Wort davon verstehen.
„Wenn ich mich nicht irre", sagte ich, „ist das keine spanische Weise, die Sie soeben gesungen haben. Es klingt wie die Zorzicos, die ich in den Provinzen* gehört habe, und der Text muss baskisch sein."
* Die verbündeten Provinzen, Álava, Biskaya, Guipúzcoa und ein Teil von Navarra, die sämtlich besondere Fueros genießen. In diesen Landen wird die baskische Sprache gesprochen.
„Ja", sagte Don José mit düsterer Miene. Er legte die Mandoline zu Boden und begann mit einem eigentümlich traurigen Ausdruck in das sterbende Feuer zu starren. Sein Antlitz, das zugleich trotzig und edel aussah, erinnerte mich, wie das Feuerlicht darauf fiel, an Miltons Satan. Wie jener sann vielleicht auch mein Gefährte über die Heimat nach, die er verwirkt, über die Verbannung, die er sich zugezogen hatte durch irgendeine Missetat. Ich versuchte, das Gespräch wieder in Gang zu bringen, doch er war so sehr in schwermütige Gedanken versunken, dass er mir keine Antwort gab.
Die Alte hatte sich bereits in einer Ecke des Raumes hinter einem zerrissenen Teppich, der an einem Seil hing, zur Ruhe begeben. Das Mädchen war ihr in diesen dem zarten Geschlecht geweihten Schlupfwinkel gefolgt. Darauf erhob sich mein Führer und schlug mir vor, mit ihm in den Stall zu gehen. Doch beim Klang des Wortes, wie aus einem Traume auffahrend, fragte Don José scharf, wohin er gehen wolle.
„In den Stall", antwortete der Führer.
„Wozu? Die Pferde sind gefüttert! Ihr könnt hier schlafen. Der Herr wird es euch erlauben."
„Ich fürchte, das Pferd des Herrn ist krank. Ich möchte, dass der Herr es sich ansieht. Vielleicht wüsste er, was man dafür tun könnte."
Es war mir vollkommen klar, dass Antonio mich unter vier Augen sprechen wollte.
Doch ich wollte bei Don José keinen Argwohn erwecken, und da die Dinge einmal so standen, schien es mir bei weitem das Klügste, vollkommen unbesorgt zu erscheinen.
Ich erklärte also Antonio, dass ich auf Erden nichts von Pferden verstünde und dass mich der Schlaf übermannte. Don José folgte ihm bis zum Stall und kehrte alsbald allein zurück. Er teilte mir mit, dass dem Pferde nichts fehle, dass aber mein Führer das Tier für ein solches Kleinod halte, dass er es mit seinem eigenen Jackett abreibe, um es schwitzen zu lassen, und vorhabe, die Nacht mit dieser erquicklichen Verrichtung zu verbringen. Unterdessen hatte ich mich auf den Maultierdecken ausgestreckt, nachdem ich mich sorgfältig in meinen eigenen Mantel gehüllt hatte, um sie ja nicht zu berühren. Don José, nachdem er mich um Entschuldigung gebeten, dass er sich die Freiheit nahm, sich so nahe bei mir niederzulegen, legte sich quer vor die Tür, doch nicht, bevor er seinen Stutzen frisch geladen und sorgfältig unter den Mantelsack geschoben hatte, der ihm als Kopfkissen diente.
Ich hatte geglaubt, ich sei so müde, dass ich selbst in einer solchen Herberge hätte schlafen können. Doch nach einer Stunde weckte mich ein höchst unangenehmes Jucken aus meinem ersten Schlummer. Sobald ich dessen Natur erkannte, erhob ich mich, fest überzeugt, dass ich weit besser daran täte, den Rest der Nacht im Freien zuzubringen als unter diesem unwirtlichen Dache. Auf den Zehen schleichend, gelangte ich zur Tür, stieg über Don José hinweg, der den Schlaf des Gerechten schlief, und brachte es so geschickt fertig, dass ich das Gebäude verließ, ohne ihn zu wecken. Unmittelbar neben der Tür stand eine breite Holzbank. Ich legte mich auf sie und richtete mich, so gut es gehen wollte, für den Rest der Nacht ein. Ich war eben im Begriff, zum zweiten Male die Augen zu schließen, als ich glaubte, den Schatten eines Mannes und dann den Schatten eines Pferdes völlig geräuschlos hintereinander vorbeihuschen zu sehen. Ich fuhr in die Höhe und glaubte nunmehr Antonio zu erkennen. Erstaunt, ihn um diese Stunde außerhalb des Stalles anzutreffen, stand ich auf und ging auf ihn zu. Er hatte mich zuerst gesehen und angehalten, um mich zu erwarten.
„Wo ist er?", fragte Antonio mit gedämpfter Stimme.
„In der venta. Er schläft. Die Wanzen plagen ihn nicht. Doch was willst du mit dem Pferd anfangen?" Ich bemerkte nun, dass Antonio, um jedes Geräusch beim Verlassen des Schuppens zu unterdrücken, dem Pferde die Füße sorgfältig mit den Lumpen einer alten Decke umwickelt hatte.
„Sprich um Himmels willen leiser", sagte Antonio. „Du weißt nicht, wer der Mann ist. Es ist José Navarro, der berüchtigtste Bandit Andalusiens. Ich habe dir den ganzen Tag Zeichen gegeben, und du wolltest sie nicht verstehen."
„Was kümmert es mich, ob er ein Bandit ist oder nicht", erwiderte ich. „Er hat uns nicht beraubt, und ich wette, er denkt nicht daran."
„Mag sein. Aber auf seinem Kopf stehen zweihundert Dukaten aus. Einige Lanzenreiter sind in einem Ort, den ich kenne, eineinhalb Meilen von hier stationiert, und vor Tagesanbruch bringe ich ein paar handfeste Burschen mit zurück. Ich hätte ja sein Pferd weggenommen, aber das Biest ist so unbändig, dass niemand außer Navarro an es herankann."
„Der Teufel hole dich!", rief ich aus. „Was hat dir der arme Kerl getan, dass du ihn anzeigen willst? Und überdies, bist du auch sicher, dass er der Bandit ist, für den du ihn hältst?"
„Vollkommen sicher! Er ist mir vorhin in den Stall nachgekommen und hat gesagt: ‚Du scheinst mich zu kennen. Wenn du dem Herrn da verrätst, wer ich bin, jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!' Du bleibst hier, Herr, halt dich dicht bei ihm auf. Du hast nichts zu befürchten. Solange er weiß, dass du da bist, wird er nichts argwöhnen."
Während wir redeten, hatten wir uns so weit von der venta entfernt, dass das Geräusch der Pferdehufe dort nicht mehr vernommen werden konnte. Im Handumdrehen riss Antonio die Lumpen, die er um die Füße des Tieres gewickelt hatte, ab und war im Begriff, sich in den Sattel zu schwingen. Vergeblich versuchte ich, ihn mit Bitten und Drohungen zurückzuhalten.
„Ich bin ein armer Mann, Señor“, sprach er, „zweihundert Dukaten kann ich mir nicht entgehen lassen – zumal ich sie ja dafür verdiene, dass ich das Land von solchem Ungeziefer befreie. Aber nimm dich in Acht! Wenn Navarro aufwacht, greift er nach seiner Donnerbüchse, und dann sieh zu, wie du davonkommst! Ich bin nun zu weit gegangen, um umzukehren. Mach es, so gut du kannst, mit dir selbst fertig!"
Der Schuft saß schon im Sattel, er spornte sein Pferd scharf, und ich verlor sie beide bald in der Dunkelheit aus den Augen.
Ich war sehr zornig auf meinen Führer, und nicht weniger entsetzlich beunruhigt. Nach kurzem Besinnen fasste ich einen Entschluss und kehrte zur Venta zurück. Don José schlief noch tief und fest, wachte vermutlich die Müdigkeit und den Schlafmangel mehrerer abenteuerlicher Tage nach. Ich musste ihn gehörig rütteln, ehe ich ihn wach bekam. Nie werde ich seinen grimmigen Blick vergessen und den Satz, den er machte, um nach seiner Donnerbüchse zu langen, die ich vorsorglich ein Stück weit von seinem Lager entfernt hatte.
„Señor“, sagte ich, „verzeihen Sie, dass ich Sie störe. Aber ich habe eine törichte Frage an Sie. Würde es Ihnen angenehm sein, wenn ein halbes Dutzend Lanzenreiter hier hereinspazierten?"
Er fuhr in die Höhe und fragte mit furchtbarer Stimme:
„Wer hat es Ihnen verraten?"
„Es tut wenig zur Sache, woher die Warnung kommt, wenn sie nur gut ist."
„Ihr Führer hat mich verraten – doch er soll es mir büßen! Wo ist er?"
„Ich weiß es nicht. Im Stall, denke ich. Aber jemand hat mir gesagt –"
„Wer hat es Ihnen gesagt? Es kann doch nicht die alte Hexe sein –"
„Jemand, den ich nicht kenne. Ohne weiteres Hin und Her: antworten Sie mir mit Ja oder Nein, haben Sie Grund, das Eintreffen der Soldaten nicht abzuwarten? Wenn ja, verlieren Sie keine Zeit! Wenn nein, gute Nacht, und verzeihen Sie mir, dass ich Ihren Schlummer gestört habe!"
„Ach, Ihr Führer! Euer Führer! Ich hatte anfangs meine Zweifel an ihm – aber – ich werde mit ihm abrechnen! Leben Sie wohl, Señor. Gott lohne es Ihnen für den Dienst, den Sie mir erwiesen haben! Ich bin nicht ganz so schlecht, wie Sie denken. Ja, es ist noch etwas in mir, das ein ehrlicher Mensch bedauern darf. Leben Sie wohl, Señor! Ich bedaure nur eines, dass ich meine Schuld bei Ihnen nicht tilgen kann!"
„Als Lohn für den Dienst, den ich Ihnen erwiesen habe, Don José, geloben Sie mir, niemanden zu verdächtigen und keine Rache zu üben. Hier sind einige Zigarren für Ihren Weg. Glück auf die Reise!" Und ich reichte ihm die Hand.
Er drückte sie schweigend, nahm seinen Ranzen und die Donnerbüchse auf, sagte der Alten einige Worte in einer Sprache, die ich nicht verstand, und lief nach dem Schuppen. Wenige Minuten später hörte ich ihn in weitem Bogen über die Felder jagen.
Was mich betrifft, so legte ich mich wieder auf meine Bank, aber ich schlief nicht mehr ein. Ich fragte mich insgeheim, ob ich recht getan hatte, einen Räuber und vielleicht einen Mörder vor dem Galgen zu retten, einzig und allein, weil ich mit ihm Schinken mit Reis gegessen hatte. Hatte ich nicht meinen Führer verraten, der doch für Gesetz und Ordnung eintrat? Hatte ich ihn nicht der Rache eines Schuftes ausgesetzt? Doch was galt dagegen das Gesetz der Gastfreundschaft?
„Ein bloßer wilder Aberglaube“, sagte ich zu mir. „Ich werde für alle Verbrechen einzustehen haben, die dieser Bandit in Zukunft begeht.“ Und doch – ist jener Instinkt des Gewissens, der jedem Argument trotzt, wirklich nur ein Vorurteil? Vielleicht hätte ich mich aus der heiklen Lage, in die ich geraten war, ohne Gewissensbisse gar nicht befreien können. Ich schwankte noch immer, höchst ungewiss, wie ich meine Handlungsweise vor der Moral zu beurteilen hatte, als ich ein halbes Dutzend Reiter heransprengen sah, hinter denen Antonio sich klugerweise in sicherem Abstand hielt. Ich ging ihnen entgegen und sagte ihnen, der Bandit sei schon vor mehr als zwei Stunden geflohen. Die Alte, die der Sergeanten verhörte, gab zu, Navarro zu kennen, erklärte aber, sie habe als alleinstehende Frau nie den Mut gehabt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um ihn anzuzeigen. Sie fügte hinzu, wenn er in ihr Haus komme, pflege er stets mitten in der Nacht wieder zu verschwinden. Ich meinerseits musste an einen Ort einige Meilen entfernt reiten, wo ich meinen Pass vorzeigte und vor dem Alcalde eine Erklärung abgab. Danach durfte ich meine archäologischen Forschungen fortsetzen. Antonio war verstimmt gegen mich; er ahnte, dass ich es gewesen war, der ihm die zweihundert Dukaten entgehen ließ. Immerhin schieden wir in Córdoba als gute Freunde, und ich gab ihm ein Trinkgeld, so reichlich es meine Finanzen erlaubten.
ZWEITES KAPITEL
Ich verbrachte mehrere Tage in Córdoba. Man hatte mich auf eine Handschrift in der Bibliothek des Dominikanerklosters hingewiesen, die mir vermutlich höchst aufschlussreiche Angaben über das alte Munda liefern würde. Die guten Patres nahmen mich überaus herzlich auf. Den Tag verbrachte ich in ihrem Konvent, und nachts schlenderte ich durch die Stadt. In Córdoba versammeln sich bei Sonnenuntergang zahlreiche Müßiggänger an dem Kai, der das rechte Ufer des Guadalquivir begleitet. Die Spaziergänger müssen dort zwar den Geruch einer Gerberei einatmen, die den alten Ruhm des Landes in der Lederzurichtung noch heute bewahrt; dafür aber wird ihnen ein Anblick zuteil, der seinen eigenen Reiz hat. Wenige Minuten bevor die Angelusglocke läutet, sammelt sich eine große Schar Frauen am Fluss, dicht unterhalb des Kais, der ziemlich hoch liegt. Kein Mann darf sich ihnen zugesellen. Im Augenblick, da die Angelusglocke erklingt, gilt die Nacht als angebrochen. Sobald der letzte Schlag verklungen ist, entkleiden sich alle und steigen ins Wasser. Dann gibt es Lachen und Schreien und ein wunderbares Geplätscher. Die Männer auf dem höher gelegenen Ufer beobachten die Badenden, starren angestrengt hinab und sehen doch herzlich wenig. Gleichzeitig erregen die weißen, ungewissen Umrisse vor dem dunkelblauen Strom die dichterische Phantasie, und wer nur ein wenig Einbildungskraft besitzt, kann sich leicht vorstellen, Diana und ihre Nymphen badeten dort unten, während er selbst nicht Gefahr läuft, wie Aktäon zu enden.
Man hat mir erzählt, dass sich einmal ein Haufen nichtsnutziger Kerle zusammenfand und den Glockner der Kathedrale bestach, die Angelus etwa zwanzig Minuten vor der eigentlichen Zeit zu läuten. Obwohl es noch heller Tag war, zögerten die Nymphen des Guadalquivir keinen Augenblick; sie vertrauten der Angelusglocke weit mehr als der Sonne und schritten, guten Gewissens, zu ihrer Bade-Toilette – immer aufs einfachste. Ich war bei diesem Streich nicht zugegen. Zu meiner Zeit war der Glockner unbestechlich, die Dämmerung sehr trüb, und kein Wesen außer einer Katze hätte in Córdoba die älteste Orangenhändlerin von der hübschesten Ladenmädchen unterscheiden können.
Eines Abends, als es schon ganz dunkel geworden war, lehnte ich über der Brüstung des Kais und rauchte, als eine Frau die Stufen vom Fluss heraufkam und sich neben mich setzte. Im Haar trug sie einen großen Büschel Jasmin – eine Blume, die nachts einen überaus betörenden Duft verströmt. Sie war schlicht, fast ärmlich gekleidet, in Schwarz, wie die meisten Arbeiterinnen am Abend. Die Frauen der wohlhabenderen Klasse tragen Schwarz nur bei Tage; abends kleiden sie sich à la francesa. Als sie näher kam, ließ die Frau die Mantilla, die ihr Haupt bedeckt hatte, auf die Schultern gleiten, und „im matten Schein der Sterne“ erkannte ich, dass sie jung war, klein von Gestalt, wohlgebildet und mit sehr großen Augen. Ich warf sofort meine Zigarre weg. Sie würdigte diese im Grunde französische Höflichkeit und beeilte sich, mir mitzuteilen, dass sie den Geruch von Tabak überaus liebe und selbst rauche, wenn sie ganz milde Papelitos bekommen könne. Ich hatte zufällig einige solcher in meinem Etui und bot sie ihr sogleich an. Sie geruhte, eines anzunehmen und es an einem brennenden Docht anzuzünden, den uns ein Knabe brachte, der dafür einen Kupferpfennig erhielt. Wir vermischten unseren Rauch und unterhielten uns, die Schöne und ich, so lange, dass wir am Ende beinahe die einzigen auf dem Kai waren. Ich glaubte, ohne Unschicklichkeit vorschlagen zu können, in der Nevería ein Eis zu essen*. Nach einem Anflug gezierten Sträubens willigte sie ein. Bevor sie aber endgültig zusagte, wollte sie wissen, wie viel Uhr es sei. Ich ließ meine Repetieruhr spielen, was sie über alle Maßen in Erstaunen versetzte.
* Eine Kaffeehaus, dem eine Niederlage von Eis, oder vielmehr Schnee, angeschlossen ist. Kaum ein spanisches Dorf entbehrt seiner Nevería.
„Was für kluge Erfindungen ihr Ausländer doch habt! Aus welchem Land stammen Sie, mein Herr? Sie sind doch wohl Engländer?"**
** Jeder Reisende in Spanien, der keine Proben von Kattun und Seide mit sich führt, wird für einen Engländer (inglesito) gehalten. Im Orient ist es ebenso.
„Ich bin Franzose, und Ihr ergebener Diener. Und Sie, Señora, oder Señorita, stammen vermutlich aus Córdoba?"
„Nein."
„Aber wenigstens sind Sie Andalusierin? Ihre sanfte Sprechweise lässt mich das vermuten."
„Wenn Sie auf den Akzent der Leute so achten, müssen Sie wohl erraten können, wer ich bin."
„Ich glaube, Sie stammen aus dem Lande Jesu, zwei Schritte vor dem Paradies."
Das Bild hatte ich von meinem Freunde Francisco Sevilla, einem bekannten Picador, gelernt.
„Pah! Hierzulande sagt man, im Paradies sei für uns kein Plätzchen!"
„Dann sind Sie vielleicht von maurischem Geblüt – oder –“ Ich brach ab, denn ich brachte den Mut nicht auf, „eine Jüdin" hinzuzufügen.
„Ach was! Sie sehen doch, dass ich eine Zigeunerin bin! Möchten Sie nicht, dass ich Ihnen la baji* sage? Haben Sie nie etwas von Carmencita gehört? Das bin ich nämlich!"
* Das Schicksal.
Ich war damals – es ist jetzt fünfzehn Jahre her – ein solcher Tunichtgut, dass die unmittelbare Nähe einer Wahrsagerin mich nicht schaudern machte. „Nun gut!", dachte ich. „Letzte Woche habe ich mit einem Straßenräuber zu Abend gegessen. Heute Abend will ich mit einer Dienerin des Teufels Eis speisen. Ein Reisender muss alles sehen." Ich hatte noch einen anderen Beweggrund, ihre Bekanntschaft fortzusetzen. Als ich die Hochschule verließ – ich bekenne es mit Beschämung –, hatte ich einige Zeit nutzlos auf das Studium der Geheimwissenschaften verwandt und sogar mehr als einmal versucht, die Mächte der Finsternis zu beschwören. Obgleich ich seit langem von dieser Leidenschaft geheilt war, fühlte ich noch immer eine gewisse Anziehung und Neugier gegenüber allem, was mit Aberglauben zu tun hatte, und freute mich, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, wie weit die Schwarze Kunst es unter den Zigeunern gebracht hatte.
Während unseres Gesprächs hatten wir die Nevería erreicht und nahmen an einem kleinen Tisch Platz, der von einer Wachskerze unter einem Glassturz beleuchtet wurde. Nun hatte ich Muße, meine Gitana in Ruhe zu betrachten, während mehrere brave Leute, die ihr Eis verzehrten, mich mit offenem Mund anstarrten, weil sie mich in so munterer Gesellschaft sahen.
Ich bezweifle sehr, dass Señorita Carmen eine reinblütige Zigeunerin war. Jedenfalls war sie unvergleichlich hübscher als jede andere Frau ihres Volkes, die mir je begegnet ist. Damit eine Frau in Spanien schön sei, sagt man, müsse sie dreißig Wenn erfüllen, oder, wenn es Ihnen lieber ist, müsse man ihre Erscheinung mit zehn Adjektiven beschreiben können, die auf drei Teile ihrer Person anwendbar sind.
Zum Beispiel: drei Dinge an ihr müssen schwarz sein – Augen, Wimpern und Brauen. Drei müssen zart sein – Finger, Lippen, Haar – und so fort. Im Übrigen vergleiche man Brantôme. Meine Zigeunerin konnte keinen Anspruch auf so viele Vollkommenheiten erheben. Ihre Haut war zwar völlig glatt, aber fast von kupferner Tönung. Ihre Augen standen schräg im Gesicht, waren aber prächtig und groß. Die Lippen, ein wenig voll, doch schön geformt, ließen ein Gebiss sehen, weiß wie geschälte Mandeln. Das Haar – vielleicht etwas derb – war schwarz, mit bläulichem Schimmer wie ein Rabenflügel, lang und glänzend. Um meine Leser nicht mit einer allzu weitschweifigen Schilderung zu ermüden, will ich nur hinzufügen, dass sie zu jedem Makel einen Vorzug gesellte, der vielleicht gerade durch den Gegensatz umso deutlicher hervortrat. Ihre Schönheit hatte etwas Seltsames und Wildes. Ihr Gesicht überraschte beim ersten Blick, doch niemand konnte es vergessen. Besonders die Augen hatten einen Ausdruck, in dem sich Sinnlichkeit und Wildheit mischten, wie ich ihn in keinem anderen Menschenblick je gesehen habe. „Ojo de gitano, ojo de lobo!" – „Zigeunerauge, Wolfsauge!" – heißt ein spanisches Sprichwort, das scharfes Beobachten bezeichnet. Wer keine Zeit hat, im Jardin des Plantes den Wolfsblick zu studieren, tut gut, bei einer gewöhnlichen Katze auf die Lauer zu achten, wenn sie auf einen Sperling lauert.
Es versteht sich, dass ich mich lächerlich gemacht hätte, wenn ich in einem Café die Wahrsagung verlangt hätte. Ich bat daher die hübsche Hexe um Erlaubnis, mit zu ihr nach Hause gehen zu dürfen. Sie hatte nichts dagegen, wollte aber nochmals wissen, wie spät es sei, und forderte mich auf, meine Repetieruhr noch einmal spielen zu lassen.
„Ist das wirklich Gold?" sagte sie und betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit.
Als wir wieder aufbrachen, war es schon ganz dunkel. Die meisten Läden waren geschlossen, die Straßen fast menschenleer. Wir überquerten die Brücke über den Guadalquivir und blieben am äußersten Ende der Vorstadt vor einem keineswegs palastartigen Haus stehen. Die Tür wurde von einem Kind geöffnet, zu dem die Zigeunerin in einer mir unbekannten Sprache sprach, die ich später als das Romani, oder chipe calli – den Zigeunerjargon – erkannte. Das Kind verschwand sofort und ließ uns als einzige Bewohner eines ziemlich geräumigen Zimmers zurück, das mit einem kleinen Tisch, zwei Schemeln und einer Truhe möbliert war. Ich darf nicht vergessen, einen Wasserkrug, einen Haufen Orangen und ein Bündel Zwiebeln zu erwähnen.
Sobald wir allein waren, holte die Zigeunerin aus ihrer Truhe ein Paket Karten hervor, das starke Spuren häufigen Gebrauchs trug, einen Magneten, ein getrocknetes Chamäleon und einige andere unentbehrliche Gerätschaften ihrer Kunst. Dann hieß sie mich meine linke Hand mit einer Silbermünze kreuzen, und die magischen Zeremonien begannen in aller Form. Ihre Weissagungen hier aufzuzeichnen erübrigt sich, und was die Art ihres Vorgehens betrifft, bewies sie, dass sie keine schlechte Zauberin war.
Unglücklicherweise wurden wir bald gestört. Die Tür flog plötzlich auf, und ein bis zu den Augen in einen braunen Mantel gehüllter Mann trat ein, der die Zigeunerin in keineswegs sanften Worten anredete. Was er sagte, konnte ich nicht verstehen, aber der Ton seiner Stimme verriet, dass er in denkbar schlechter Laune war. Die Zigeunerin zeigte weder Überraschung noch Zorn über sein Erscheinen; sie lief ihm entgegen und sprudelte in der geheimnisvollen Sprache, die sie schon in meiner Gegenwart gebraucht hatte, mehrere Sätze hervor. Das Wort payllo, das immer wiederkehrte, war das einzige, das ich verstand. Ich wusste, dass die Zigeuner es für alle Männer gebrauchen, die nicht zu ihrem Volk gehören. Da ich mich für den Gegenstand dieser Rede hielt, war ich auf eine recht heikle Erklärung gefasst. Ich hatte schon die Hand an einem der Schemelbeine und überlegte mir, in welchem Augenblick ich es ihm am besten an den Kopf werfen sollte, als der Mann, die Zigeunerin unsanft zur Seite stoßend, auf mich zukam. Dann rief er, einen Schritt zurückweichend:
„Was, mein Herr! Sie sind es?"
Ich betrachtete ihn und erkannte meinen Freund Don José. In diesem Augenblick bedauerte ich es doch ein wenig, ihn vor dem Galgen gerettet zu haben.
„Was, Sie sind es, alter Bursche?" rief ich, mit so unbefangenem Lächeln, wie ich es zustande bringen konnte. „Sie haben diese junge Dame gerade unterbrochen, als sie mir höchst Interessantes weissagte!"
„Immer das alte Lied! Jetzt soll Schluss sein!" zischte er zwischen den Zähnen mit einem wilden Blick auf sie.
Unterdessen redete die Gitana in ihrer eigenen Sprache weiter auf ihn ein. Sie wurde immer erregter. Ihre Augen wurden wild und blutunterlaufen, ihre Züge verzerrten sich, sie stampfte mit dem Fuß. Es schien mir, als dränge sie ihn ernsthaft zu etwas, wozu er keine Lust hatte. Was es war, glaubte ich nur zu gut zu verstehen, und zwar nach der Art, wie sie ihre kleine Hand immer wieder unter dem Kinn vor- und zurückbewegte. Ich war geneigt zu glauben, sie wolle jemandem die Kehle durchschneiden lassen, und hatte den starken Verdacht, die Kehle in Frage sei meine eigene. Auf all ihren Wortschwall antwortete Don José nur mit zwei oder drei kurz hervorgestoßenen Worten. Darauf warf die Zigeunerin einen Blick voll tiefster Verachtung auf ihn, setzte sich dann türkisch in eine Ecke des Zimmers, schälte eine Orange und begann sie zu essen.
Don José packte mich am Arm, öffnete die Tür und führte mich auf die Straße. Wir gingen etwa zweihundert Schritte in tiefem Schweigen. Dann streckte er die Hand aus.
„Gehen Sie geradeaus", sagte er, „dann kommen Sie zur Brücke."
In dem Augenblick wandte er mir den Rücken und entfernte sich mit raschen Schritten. Ich schlug den Weg zu meinem Gasthof ein, recht gedemütigt und übler Laune. Das Schlimmste aber war, dass ich beim Auskleiden bemerkte, meine Uhr fehlte.
Mancherlei Umstände hinderten mich, am nächsten Tag mein Eigentum zurückzufordern oder beim Corregidor die Vornahme einer Nachsuchung zu beantragen. Ich beendete meine Arbeit an der Dominikanerhandschrift und reiste nach Sevilla weiter. Nach mehreren Monaten unsteten Wanderlebens in Andalusien wollte ich nach Madrid zurück und musste zu diesem Zweck durch Córdoba. Ich hatte nicht die Absicht, mich dort aufzuhalten, denn die schöne Stadt und die Damen, die im Guadalquivir badeten, waren mir verleidet. Indessen hatte ich einige Besuche zu machen und Geschäfte zu erledigen, die mich mehrere Tage in der alten Hauptstadt der maurischen Fürsten festhalten würden.
Kaum war ich im Dominikanerkloster erschienen, da kam mir einer der Mönche, der stets lebhaftes Interesse für meine Nachforschungen über den Schauplatz der Schlacht bei Munda gezeigt hatte, mit offenen Armen entgegen und rief:
„Gelobt sei Gott! Sie sind willkommen! Mein lieber Freund. Wir alle glaubten, Sie seien tot, und ich selbst habe mancherlei Pater und Ave (die ich nicht zu bereuen brauche!) für Ihre Seele gebetet. Also man hat Sie am Ende doch nicht ermordet? Dass Sie beraubt wurden, wissen wir!"
„Was soll das heißen?" fragte ich, nicht wenig erstaunt.
„Ach, Sie wissen ja! Diese prächtige Repetieruhr, die Sie in der Bibliothek spielen ließen, wann immer wir sagten, es sei Zeit, in die Kirche zu gehen. Nun, sie ist gefunden worden, und Sie werden sie zurückerhalten."
„Aber", fiel ich ihm, ein wenig aus der Fassung gebracht, ins Wort, „ich habe sie verloren –"
„Der Schuft sitzt hinter Schloss und Riegel, und da man wusste, dass er ein Mann war, der für eine Peseta jeden Christen niederschoss, hatten wir fürchterliche Angst, er habe Sie umgebracht. Ich gehe mit Ihnen zum Corregidor, der Ihnen Ihre schöne Uhr zurückgeben wird. Und nachher werden Sie nicht mehr behaupten können, dass das Gesetz in Spanien seine Schuldigkeit nicht tue."
„Ich versichere Ihnen", sagte ich, „ich möchte lieber meine Uhr verlieren, als vor Gericht gegen einen armen unglücklichen Teufel aussagen und ihn an den Galgen bringen müssen, und schon gar, weil – weil –"
„Oh, seien Sie unbesorgt! Mit ihm ist es vollkommen aus; man könnte ihn zweimal hängen. Aber wenn ich sage hängen, sage ich nicht das Richtige. Ihr Dieb ist ein Hidalgo. Also wird er übermorgen unfehlbar garrottiert.* Sie sehen also, ein Diebstahl mehr oder weniger ändert nichts an seinem Los. Wollte Gott, er hätte nichts gestohlen! Aber er hat mehrere Morde begangen, einen scheusslicher als den anderen."
* Im Jahre 1830 genoss der Adel noch dieses Vorrecht. Heute, unter der konstitutionellen Ordnung, haben die Gemeinen die gleiche Würde erlangt.
„Wie heißt er?"
„In diesem Land kennt man ihn nur als José Navarro, doch hat er einen anderen baskischen Namen, den weder Sie noch ich jemals werden aussprechen können. Übrigens, der Mann ist sehenswert, und Sie, der die eigentümlichen Sitten jedes Landes zu studieren liebt, sollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, zu beobachten, wie ein Schurke in Spanien der Welt Lebewohl sagt. Er sitzt im Kerker, und Pater Martinez wird Sie zu ihm führen."
Mein dominikanischer Freund war so versessen darauf, mich die Vorbereitungen zu jenem „niedlichen kleinen Hinrichtungswerk“ sehen zu lassen, dass ich mich bereit erklärte mitzugehen. Ich stattete dem Gefangenen einen Besuch ab, nachdem ich mich mit einem Bündel Zigarren versehen hatte, von dem ich hoffte, es möge ihn über meine Zudringlichkeit hinwegtrösten.
Man führte mich in Don Josés Gegenwart, gerade als er bei Tisch saß. Er empfing mich mit einem ziemlich kühlen Kopfnicken und bedankte sich höflich für das Geschenk, das ich ihm überreicht hatte. Nachdem er die Zigarren in dem Bündel gezählt hatte, das ich ihm in die Hand gelegt, nahm er eine gewisse Anzahl heraus und gab mir den Rest zurück, mit der Bemerkung, er werde ihrer nicht mehr bedürfen.
Ich fragte ihn, ob ich nicht durch ein wenig Geldaufwand oder durch die Verwendung meiner Freunde etwas zu einer Milderung seines Loses beitragen könne. Er zuckte zunächst die Achseln und lächelte trübe. Bald darauf, gleichsam als fiele es ihm nachträglich ein, bat er mich, eine Messe für die Ruhe seiner Seele lesen zu lassen.
Dann fügte er nervös hinzu: „Würden Sie – würden Sie eine weitere lesen lassen für jemand, der Ihnen ein Unrecht angetan hat?"
„Gewiss werde ich es tun, lieber Freund," antwortete ich. „Doch hat mir meines Wissens in diesem Lande noch niemand ein Unrecht zugefügt."
Er ergriff meine Hand und drückte sie, mit sehr ernster Miene. Nach kurzem Schweigen begann er von Neuem.
„Dürfte ich mir noch eine weitere Gefällung erbitten? Wenn Sie in Ihr Land zurückkehren, werden Sie vielleicht durch Navarra reisen. Auf jeden Fall kommen Sie durch Vitoria, und das ist nicht sehr weit."
„Ja," sagte ich, „ich werde sicherlich durch Vitoria kommen. Aber es ist sehr gut möglich, dass ich über Pamplona gehe, und um Ihretwillen, glaube ich, würde ich es mit Freuden tun."
„Nun, wenn Sie nach Pamplona kommen, so werden Sie mehr als eine Sache sehen, die Ihr Interesse erregen wird. Es ist eine schöne Stadt. Ich will Ihnen diese Medaille geben," zeigte mir eine kleine silberne Medaille, die er an einer Schnur um den Hals trug. „Sie werden sie in Papier einwickeln" – er hielt einen Augenblick inne, um seine Bewegung zu bezwingen – „und werden sie einer alten Dame, deren Adresse ich Ihnen angeben will, überbringen oder zusenden. Sagen Sie ihr, ich sei gestorben – doch sagen Sie ihr nicht, wie ich gestorben bin."
Ich versprach, seinen Auftrag auszuführen. Ich sah ihn am folgenden Tage wieder und verbrachte einen Teil des Tages in seiner Gesellschaft. Aus seinem Munde erfuhr ich die traurigen Begebenheiten, die nun folgen.
DRITTES KAPITEL
„Ich bin," begann er, „zu Elizondo im Tale Baztan geboren. Mein Name ist Don José Lizzarrabengoa, und Sie kennen Spanien genug, mein Herr, um sogleich an meinem Namen zu erkennen, dass ich aus einem alten christlichen und baskischen Geschlechte stamme. Ich nenne mich Don, weil ich ein Recht darauf habe, und befände ich mich in Elizondo, könnte ich Ihnen meine Pergament-Stammtafel vorweisen. Meine Familie wollte mich dem geistlichen Stande zuführen und ließ mich deshalb studieren, doch die Arbeit behagte mir nicht. Ich war zu leidenschaftlich dem Ballspiel ergeben, und das wurde mein Verderben. Wenn wir Navarreser uns ans Ballspiel machen, vergessen wir alles übrige. Eines Tages, als ich das Spiel gewonnen hatte, geriet ich mit einem jungen Burschen aus Álava in Streit. Wir griffen zu unseren Maquilas*, und ich gewann abermals. Doch musste ich die Gegend verlassen. Ich geriet an einige Dragoner und trat bei dem Kavallerieregiment Almanza ein. Bergbewohner wie wir werden bald zu tüchtigen Soldaten. In kurzem war ich Korporal, und man hatte mir gesagt, ich solle bald zum Sergeanten befördert werden, als ich zu meinem Unglück zur Wache an der Tabakfabrik von Sevilla kommandiert wurde. Sind Sie in Sevilla gewesen, so haben Sie das große Gebäude gesehen, dicht vor den Wällen, am Guadalquivir; ich glaube noch jetzt den Eingang und die Wachtstube daneben zu sehen. Wenn spanische Soldaten Dienst tun, spielen sie entweder Karten oder schlafen. Ich, wie ein braver Navarrese, suchte mich stets zu beschäftigen. Ich war gerade damit beschäftigt, aus einem Stück Draht eine Kette für meinen Luntenstift zu machen; da riefen meine Kameraden: ‚Da läutet die Glocke, die Mädchen kommen zur Arbeit zurück!' Sie müssen wissen, mein Herr, dass in der Fabrik wohl vier- bis fünfhundert Frauen beschäftigt werden. Sie rollen die Zigarren in einem großen Saal, in den kein Mann ohne Erlaubnis des Veintiquatro** eintreten darf, weil sie sich bei heißem Wetter dort einheimisch machen, besonders die Jungen. Wenn die Arbeiterinnen nach dem Mittagessen zurückkehren, gehen viele junge Männer hin, um sie vorübergehen zu sehen und allerlei törichtes Zeug mit ihnen zu schwatzen. Nur wenige von jenen jungen Damen widerstehen einer seidenen Mantilla, und Männern, die solchem Zeitvertreib zugetan sind, bleibt nichts übrig, als sich zu bücken und ihre Beute aufzuheben. Während die Übrigen die Mädchen vorübergehen sahen, blieb ich auf meiner Bank bei der Tür. Ich war damals noch ein junger Bursche – mein Herz war noch in der Heimat, und ich glaubte an kein hübsches Mädchen, das nicht blaue Röcke und lange auf die Schultern herabfallende Zöpfe trug.*** Und überdies fürchtete ich mich ein wenig vor den Andalusierinnen. Ich hatte mich noch nicht an ihre Art gewöhnt; sie höhnten einen immer – sprachen kein einziges vernünftiges Wort. So saß ich denn mit gesenkter Nase über meiner Kette, als ich einige Umstehende sagen hörte: ‚Da kommt die Gitanilla!' Da hob ich die Augen, und ich sah sie! Es war ebenjene Carmen, die Sie kennen und in deren Wohnung ich Sie vor wenigen Monaten traf.
* Mit Eisen beschlagene Stöcke, deren sich die Basken bedienen.
** Richter, dem die städtische Polizeiverwaltung und die örtlichen Verwaltungsbestimmungen unterstehen.
*** Die gewöhnliche Tracht der Bäuerinnen in Navarra und den baskischen Provinzen.
„Sie trug einen sehr kurzen Rock, darunter ihre weißen seidenen Strümpfe – mit mehr als einem Loch – und ihre zierlichen roten Marokko-Schuhe mit feuerfarbenen Bändern sah man deutlich. Sie hatte die Mantilla zurückgeworfen, um ihre Schultern zu zeigen, und einen großen Akazienstrauß, den sie in ihr Hemd gesteckt hatte. Eine weitere Akazienblüte trug sie im Mundwinkel, und sie schritt einher, mit den Hüften wiegend, wie eine Stute aus dem Gestüt von Córdoba. In meiner Heimat hätte jeder, der eine so gekleidete Frau erblickte, ein Kreuz geschlagen. In Sevilla machte ihr jeder keck den Hof. Für jeden und alle hatte sie eine Antwort, die Hand in die Hüfte gestemmt, so keck, wie sie nun einmal die rechte Zigeunerin war. Anfangs gefielen mir ihre Blicke nicht, und ich fiel über meine Arbeit her. Doch sie, wie alle Frauen und Katzen, die nicht kommen, wenn man sie ruft, und kommen, wenn man sie nicht ruft, blieb plötzlich vor mir stehen und sprach mich an.
‚Compadre,' sagte sie in andalusischer Weise, ‚gibst du mir deine Kette für die Schlüssel meiner Kassette?'
‚Sie ist für meinen Luntenstift,' versetzte ich.
‚Deinen Luntenstift!' rief sie lachend. ‚Oho! Der Herr macht wohl Spitzen, da er Stecknadeln braucht!'
‚Alle fingen an zu lachen, und ich fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, und fiel keine Antwort ein.
‚Komm, Liebster,' hob sie wieder an, ‚mach mir sieben Ellen Spitzen für meine Mantilla, mein Süßer, Nadelmacher!'
‚Und indem sie die Akazienblüte aus dem Mund nahm, schnippte sie sie mir mit dem Daumen zu, so dass sie mich gerade zwischen die Augen traf. Ich sage Ihnen, mein Herr, ich fühlte mich, als hätte mich eine Kugel getroffen. Ich wusste nicht, wohin ich blicken sollte. Ich saß da, steif und starr wie ein Brett. Als sie in die Fabrik gegangen war, sah ich die Akazienblüte, die zwischen meinen Füßen auf die Erde gefallen war. Ich weiß nicht, was mich trieb, doch hob ich sie auf, ungesehen von meinen Kameraden, und steckte sie sorgfältig in meine Jacke. Das war meine erste Torheit.
„Zwei oder drei Stunden später dachte ich noch immer an sie, als ein keuchender, vor Schreck verstörter Pförtner in die Wachtstube gestürzt kam. Er meldete uns, eine Frau sei im großen Zigarrenraum erstochen worden, und die Wache müsse sogleich hineinmarschieren. Der Sergeant trug mir auf, zwei Mann zu nehmen und nach dem Rechten zu sehen. Ich nahm meine zwei Mann und ging hinauf. Stellen Sie sich vor, mein Herr, als ich in den Saal trat, fand ich zuallererst an die dreihundert Frauen, bis aufs Hemd entblößt oder nahezu, die alle schrien und kreischten und gestikulierten und einen solchen Lärm vollführten, dass man Gottes Donner nicht gehört hätte. Auf der einen Seite des Saales lag eine der Frauen auf dem Rücken, in Strömen von Blut, mit einem frisch in zwei Streichen eines Messers auf ihr Gesicht geritzten X. Gegenüber der Verwundeten, um welche sich die Gutartigsten der Schar bemühten, sah ich Carmen, von fünf oder sechs ihrer Genossinnen festgehalten. Die Verwundete schrie: ‚Einen Beichtvater, einen Beichtvater! Ich bin des Todes!' Carmen sagte gar nichts. Sie knirschte mit den Zähnen und rollte die Augen wie ein Chamäleon. ‚Was gibt es?' fragte ich. Es kostete mich Mühe, den Hergang zu erfahren, denn alle Arbeiterinnen sprachen durcheinander. Es stellte sich heraus, dass die Verletzte geprahlt hatte, sie habe Geld genug in der Tasche, um auf dem Triana-Markt einen Esel zu kaufen. ‚Ei,' sagte Carmen, die ihr eigenes Mundwerk hatte, ‚kannst du dich denn nicht mit einem Besen behelfen?' Durch diesen Stich gereizt, vielleicht weil sie sich in eben jenem Punkte nicht ganz sicher fühlte, erwiderte die andere, sie wisse nichts vom Besen, da sie nicht die Ehre habe, eine Zigeunerin oder eine der Teufelsgöttinnen zu sein, doch werde die Señorita Carmen alsbald Bekanntschaft mit ihrem Esel machen, wenn sie der Corregidor zum Ausritt mitnahm, zwei Lakaien hinter ihr, um die Fliegen abzuwehren. ‚Gut,' versetzte Carmen, ‚ich will Tröge für die Fliegen malen, damit sie auf deinen Wangen saufen, und ich will dir ein Damenbrett darauf zeichnen!'* Und darauf, klatsch, bumm! Hieb sie der anderen mit einem Messer, dessen sie sich zum Abschneiden der Zigarrenenden bedient hatte, Andreaskreuze ins Gesicht.
* Pintar un javeque, „eine Schebecke malen," eine bestimmte Art von Schiff. Die meisten spanischen Fahrzeuge dieser Art tragen einen schachbrettartigen rot-weißen Streifen.
„Der Fall lag klar. Ich ergriff Carmen am Arm. ‚Mein Schwesterlein,' sagte ich höflich, ‚du musst mit mir kommen.' Sie sandte mir einen Blick des Wiedererkennens, sagte aber mit ergebener Miene: ‚Gehen wir. Wo ist meine Mantilla?' Sie schlug sie sich über den Kopf, dass nur noch eines ihrer großen Augen zu sehen war, und folgte meinen zwei Männern, so still wie ein Lamm. Als wir in der Wachtstube anlangten, erklärte der Sergeant, die Sache sei ernst, und er müsse sie ins Gefängnis abführen lassen. Wieder wurde ich bestimmt, sie dorthin zu bringen. Ich stellte sie, wie es einem Korporal bei solchen Gelegenheiten zukommt, zwischen zwei Dragoner. Wir machten uns auf den Weg nach der Stadt. Die Zigeunerin hatte zuerst geschwiegen. Als wir jedoch in die Calle de la Serpiente kamen – Sie kennen sie und wissen, dass sie ihren Namen den vielen Windungen verdankt –, da ließ sie ihre Mantilla auf die Schultern herabgleiten, so dass mir ihr schmeichelndes Gesichtchen sichtbar wurde, und sich zu mir wendend, so gut sie vermochte, sagte sie:
‚Oficial mío, wohin führt ihr mich?'
‚Ins Gefängnis, mein armes Kind,' erwiderte ich so sanft wie möglich, ganz wie ein gutmütiger Soldat zu einem Gefangenen und besonders zu einer Frau sprechen muss.
‚Ach weh! Was soll aus mir werden! Señor Oficial, habt Erbarmen mit mir! Ihr seid so jung, so hübsch.' Dann mit gedämpfterer Stimme: ‚Lasst mich los, und ich will euch ein Stückchen bar lachi geben, das wird jedes Mädchen in euch verliebt machen!'
„Bar lachi, mein Herr, ist der Magnetstein, mit welchem, wie die Zigeuner behaupten, wer damit umzugehen weiß, eine jede Anzahl von Zaubereien wirken kann. Bringt man einer Frau ein wenig davon, gepulvert, in einem Glase weißen Weines bei, so kann sie euch niemals widerstehen. Ich antwortete, so ernst ich konnte:
‚Wir sind nicht hier, um Unsinn zu reden. Ihr müsst ins Gefängnis. Das sind meine Befehle, und da ist nichts zu machen!'
„Wir Leute aus dem Baskenland haben einen Akzent, den alle Spanier leicht erkennen; andererseits vermag es keiner von ihnen jemals, Bai, jaona! aussprechen zu lernen.*
* Jawohl, mein Herr.
„So erriet Carmen denn leicht, dass ich aus den Provinzen stamme. Sie wissen ja, mein Herr, dass die Zigeuner, die keinem bestimmten Lande angehören und immer unterwegs sind, jede Sprache sprechen und die meisten sich in Portugal, in Frankreich, in unseren Provinzen, in Katalonien oder sonst überall verständlich machen können. Sie verstehen sich sogar mit Mauren und Engländern. Carmen sprach ganz leidlich Baskisch.
‚Laguna ene bihotsarena, Herzensgenossin,' sagte sie plötzlich, ‚bist du aus unserem Lande?'
„Unsere Sprache ist so schön, mein Herr, dass, wenn wir sie in einem fremden Lande vernehmen, uns ein Schauer überläuft. Ich möchte," fügte der Räuber mit gedämpfter Stimme hinzu, „ich könnte einen Beichtvater aus meiner Heimat haben."
Nach einer Pause begann er von Neuem.
‚Ich stamme aus Elizondo,' antwortete ich auf Baskisch, tief ergriffen vom Klang meiner eigenen Sprache.
‚Ich komme aus Etchalar,' sagte sie (das ist ein Bezirk, etwa vier Stunden von meiner Heimat). ‚Ich bin von den Zigeunern nach Sevilla verschleppt worden. Ich arbeitete in der Fabrik, um mir genug Geld zu verdienen, um nach Navarra zurückzukehren, zu meiner armen alten Mutter, die auf der Welt niemanden hat als mich, außer ihrer kleinen Baratzea* mit zwanzig Mostäpfelbäumen darin. Ach! wäre ich doch nur wieder in der Heimat, hinaufschauend zu den weißen Bergen! Hier bin ich beleidigt worden, weil ich nicht in dieses Land der Schurken und Verkäufer fauler Orangen gehöre; und diese Vettelchen haben sich alle gegen mich verschworen, weil ich ihnen sagte, dass mit all ihren Sevillaner Jacques** und all ihren Messern einem ehrlichen Burschen aus unserer Heimat mit seiner blauen Mütze und seiner Maquila nicht beizukommen sei! Guter Genosse, willst du deiner Landsmännin nicht ein wenig helfen?'
* Feld, Garten.
** Bravos, Prahlhänse.
„Sie log damals, mein Herr, wie sie immer gelogen hat. Ich weiß nicht, dass dieses Mädchen jemals ein wahrhaftes Wort im Munde gehabt hätte, doch wenn es sprach, glaubte ich ihm – ich konnte nicht anders. Es entstellte seine baskischen Worte, und ich glaubte, es stamme aus Navarra. Doch seine Augen und sein Mund und seine Haut bewiesen zur Genüge, dass es eine Zigeunerin war. Ich war von Sinnen, ich achtete auf nichts mehr, ich dachte bei mir, hätten die Spanier es gewagt, mein Land zu schmähen, so hätte ich ihnen die Gesichter zerschnitten, genau wie sie ihrer Genossin das Gesicht zerschnitten hatte. Kurz, ich war wie ein Betrunkener, ich begann, Torheiten zu reden, und wäre beinahe so weit gekommen, sie auch zu tun.
‚Gäbe ich dir einen Stoß,' hub sie wieder auf Baskisch an, ‚und du kipptest um, guter Landsmann, so könnten mir diese zwei kastilischen Rekruten den Weg nicht verlegen.'
„Traun, ich vergaß meine Befehle, vergaß alles, und ich sagte zu ihr: ‚Nun denn, meine Freundin, Mädchen aus meiner Heimat, versuche es, und die Madonna vom Berge stehe dir bei.'
„Gerade in dem Augenblick gingen wir durch eine der vielen engen Gassen, wie man sie in Sevilla sieht. Plötzlich wandte sich Carmen und versetzte mir einen Faustschlag gegen die Brust. Ich fiel rücklings nieder, mit Absicht. Mit einem Satz sprang sie über mich hinweg und lief davon, dass uns ein Paar Beine erschien! Man redet viel von einem Paar baskischer Beine! Doch die ihren waren weit besser – so flink wie wohlgeformt. Ich erhob mich sogleich wieder, doch hielt ich meine Lanze* quer und sperrte die Gasse, so dass meine Kameraden beim ersten Augenblick der Verfolgung aufgehalten wurden. Dann begann auch ich zu laufen, und sie hinter mir her – aber wie hätten wir sie einholen sollen? Es war nicht zu fürchten, mit unseren Sporen, unseren Säbeln und unseren Lanzen.
* Alle spanischen Kavalleriesoldaten tragen Lanzen.
„In weniger Zeit, als ich brauchte, Ihnen die Geschichte zu erzählen, war die Gefangene verschwunden. Überdies deckte jede Klatschbase im Viertel ihre Flucht, spottete unser und wies uns in die Irre. Nach vielem Marschieren und Gegenmarschieren mussten wir ohne Empfangsschein des Gefängnisvorstehers in die Wachtstube zurückkehren.
„Um der Strafe zu entgehen, gaben meine Leute an, Carmen habe mich auf Baskisch angeredet; und offenbar, es schien nicht sehr natürlich, dass ein Schlag von einem so kleinen Geschöpf einen starken Mann wie mich so leicht hätte umwerfen können. Die ganze Sache sah verdächtig aus, oder war zumindest nicht sonderlich klar. Als ich von der Wache abgezogen war, verlor ich meine Korporalstreifen und wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Es war das erste Mal, dass ich seit meinem Dienstantritt bestraft wurde. Lebewohl nunmehr den Sergeantenstreifen, auf die ich so sicher gerechnet hatte!
„Die ersten Tage im Kerker waren sehr trostlos. Als ich Soldat wurde, hatte ich mir eingebildet, ich würde es mindestens zum Offizier bringen. Zwei meiner Landsleute, Longa und Mina, sind heute Generalleutnants. Chapalangarra war Oberst, und ich habe ein Dutzendmal mit seinem Bruder Ball gespielt, der ein ebensolcher armer Schlucker war wie ich. ‚Nun,' rief ich immer wieder mir selbst zu, ‚alle die Zeit, die du ohne Tadel gedient hast, ist verloren! Nun hast du einen Makel im Register, und um dir die Gunst der Offiziere wieder zu erwerben, wirst du zehnmal härter arbeiten müssen als bei deinem Eintritt als Rekrut.' Und weswegen habe ich mir die Strafe zugezogen? Wegen einer zigeunerischen Dirne, die ihr Spiel mit mir trieb und in diesem Augenblick in irgendeinem Winkel der Stadt auf Diebstahl ausgeht. Und doch musste ich unablässig an sie denken. Glauben Sie es mir, mein Herr, jene seidenen Strümpfe mit den Löchern, die sie mir so unverhüllt gezeigt hatte, als sie auf und davon lief, standen mir beständig vor Augen! Ich pflegte durch die vergitterten Fenster des Kerkers auf die Straße zu blicken, und unter all den Frauen, die vorübergingen, sah ich keine, die sich mit jenem Schelmenmädchen hätte messen können – und dann, ich mochte wollen oder nicht, pflegte ich die Akazienblüte zu riechen, die sie mir zugeworfen hatte und die, so trocken sie war, ihren süßen Duft bewahrt hatte. Gibt es Hexen, so war dieses Mädchen gewiss eine.
„Eines Tages trat der Gefängniswärter ein und überreichte mir eine Alcala-Semmel.*
* Alcalá de los Panaderos, ein Dorf zwei Meilen von Sevilla, wo die köstlichsten Semmeln gebacken werden. Man schreibt ihre Güte dem Wasser des Ortes zu, und große Mengen werden täglich nach Sevilla gebracht.
‚Da,' sprach er, ‚das hat dir deine Cousine geschickt.'
„Ich nahm das Brot, sehr verwundert, denn ich hatte keine Cousine in Sevilla. Vielleicht ein Versehen, dachte ich bei mir, während ich die Semmel betrachtete; doch sie sah so appetitlich aus und duftete so gut, dass ich mich entschloss, sie zu essen, ohne mir weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, woher sie kam oder für wen sie eigentlich bestimmt war.
„Als ich es anschneiden wollte, stieß mein Messer auf etwas Hartes. Ich sah nach und fand eine kleine englische Feile, die man vor dem Backen in den Teig gesteckt hatte. Die Semmel enthielt auch ein Goldstück von zwei Piastern. Da hatte ich keinen Zweifel mehr – es war ein Geschenk von Carmen. Für Menschen ihres Schlages ist die Freiheit alles, und sie würden eine Stadt in Brand stecken, um sich einen einzigen Tag im Kerker zu ersparen. Das Mädchen war in der Tat schlau, und mit dieser Semmel bewaffnet hätte ich den Kerkermeistern ins Gesicht lachen können. In einer Stunde hätte ich mit der kleinen Feile den dicksten Gitterstab durchsägen können, und mit dem Goldstück hätte ich in dem nächsten Laden meinen Soldatenmantel gegen eine Bürgertracht eintauschen können. Ihr könnt euch vorstellen, dass ein Mann, der oft den Adlern die Jungen aus den Nestern an unseren Felsen geholt hatte, keine Schwierigkeit gefunden hätte, aus einem Fenster, das kaum dreißig Fuß über der Straße lag, hinunterzugelangen. Aber ich wollte nicht fliehen. Ich hatte noch einen Ehrkodex des Soldaten, und Fahnenflucht erschien mir als ein schwerwiegendes Verbrechen. Doch dieser Beweis, dass man meiner gedachte, rührte mich. Wenn ein Mann im Gefängnis sitzt, denkt er gern, dass er draußen einen Freund hat, der sich für ihn interessiert. Das Goldstück allerdings kränkte mich ein wenig; ich hätte es nur zu gern zurückgegeben; aber wo hätte ich meinen Gläubiger finden sollen? Das schien mir keine leichte Aufgabe.
„Nach der Zeremonie meiner Degradierung hatte ich geglaubt, mein Leiden sei zu Ende, doch es erwartete mich noch eine weitere Demütigung. Sie kam, als ich das Gefängnis verließ und zum Dienst eingeteilt und als gemeiner Soldat auf Posten gestellt wurde. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ein stolzer Mann in einem solchen Augenblick aussteht. Ich glaube, ich hätte mich ebenso gut auf der Stelle erschießen lassen – dann wäre ich wenigstens allein an der Spitze meines Zuges marschiert; ich hätte gespürt, dass ich jemand war, mit den Augen der anderen auf mich gerichtet.
„Ich wurde als Schildwache vor der Tür des Obersten eingeteilt. Der Oberst war ein junger Mann, reich, gutmütig, vergnügungssüchtig. Alle jungen Offiziere waren dort, und auch viele Zivilpersonen, dazu Damen – Schauspielerinnen, wie es hieß. Mir kam es jedenfalls so vor, als ob die ganze Stadt sich an dieser Tür verabredet hätte, um mich anzustarren. Da fuhr des Obersten Wagen vor, mit seinem Kammerdiener auf dem Bock. Und wer, glaubt ihr, stieg aus? Die Zigeunerin! Sie war diesmal bis über die Augen herausgeputzt, herausstaffiert mit goldenen Bändern – einem bestickten Kleid, blauen Schuhen, gleichfalls bestickt, Blumen und Goldspitze überall. In der Hand trug sie eine Tamburin. Bei ihr waren zwei andere Zigeunerinnen, eine junge und eine alte. Sie haben immer eine alte Frau bei sich, und dann einen alten Mann mit einer Gitarre, auch einen Zigeuner, der allein spielt und ebenso zu ihren Tänzen aufspielt. Ihr müsst wissen, dass diese Zigeunerinnen oft in Privathäuser geholt werden, um ihren besonderen Tanz zu tanzen, den Romalis, und oft genug auch zu ganz anderen Zwecken.
„Carmen erkannte mich, und wir wechselten Blicke. Ich weiß nicht warum, aber in diesem Augenblick hätte ich am liebsten hundert Fuß unter der Erde gesteckt.
‚Agur laguna‘, * sprach sie. ‚Oficial mio! Du hältst Wache wie ein Rekrut‘, und ehe ich auch nur ein Wort zur Antwort finden konnte, war sie im Haus.
* Guten Tag, Kamerad!
„Die ganze Gesellschaft hatte sich im Patio versammelt, und trotz der Menge konnte ich durch die Gitterwand* fast alles sehen, was vorging. Ich konnte die Kastagnetten und die Tamburin hören, das Lachen und den Beifall. Manchmal erblickte ich einen Schimmer ihres Kopfes, wenn sie mit ihrer Tamburin in die Höhe sprang. Dann hörte ich die Offiziere allerlei zu ihr sagen, was mir das Blut ins Gesicht trieb. Was sie ihnen antwortete, erfuhr ich nicht. An jenem Tag, glaube ich, begann ich, sie wirklich zu lieben – denn drei- oder viermal verspürte ich den Drang, in den Patio zu stürzen und allen diesen Gecken, die ihr den Hof machten, den Degen in den Leib zu rennen. Meine Qual währte eine geschlagene Stunde; dann kamen die Zigeunerinnen heraus, und der Wagen brachte sie weg. Als sie an mir vorüberging, sah mich Carmen mit jenen Augen an, die ihr kennt, und sagte ganz leise zu mir: ‚Kamerad, Leute, die gute Fritata lieben, essen sie bei Lillas Pastia in Triana!‘
* In den meisten Häusern Sevillas gibt es einen Innenhof, umgeben von einer gewölbten Säulenhalle. Dieser dient im Sommer als Aufenthaltsraum. Über den Hof ist ein Stück Zeltstoff gespannt, das tagsüber mit Wasser besprengt und nachts entfernt wird. Die Straßentür steht fast immer offen, und der Durchgang zum Hof (zaguan) wird durch ein schmiedeeisernes Gitter von sehr eleganter Ausführung verschlossen.
„Dann sprang sie leicht wie eine Zicke in den Wagen, der Kutscher knallte seinen Maultieren, und die ganze fröhliche Gesellschaft fuhr davon, wohin, weiß ich nicht.
„Ihr könnt euch denken, dass ich, sobald ich von der Wache abgelöst war, nach Triana ging; zuvor aber ließ ich mich rasieren und putzte mich heraus, als ob ich zur Parade müsste. Sie wohnte bei Lillas Pastia, einem alten Fischbrater, einem Zigeuner, schwarz wie ein Mohr, in dessen Haus viele Zivilisten kamen, um Fritata zu essen, besonders, wie ich glaube, weil Carmen dort Quartier genommen hatte.
‚Lillas‘, sagte sie, sobald sie mich erblickte. ‚Ich arbeite heute nicht mehr. Morgen ist auch ein Tag.* Komm, Landsmann, lass uns spazieren gehen!‘
* Manana sera otro dia. – Ein spanisches Sprichwort.
„Sie zog ihre Mantilla über die Nase, und schon waren wir auf der Straße, ohne dass ich im Geringsten wusste, wohin es gehen sollte.
‚Señorita‘, sagte ich, ‚ich glaube, ich habe Ihnen für ein Geschenk zu danken, das ich im Gefängnis erhielt. Das Brot habe ich gegessen; die Feile wird gut sein, um meine Lanze zu schärfen, und ich bewahre sie zu Ihrem Angedenken. Was aber das Geld betrifft, hier ist es wieder‘.
‚Was, er hat das Geld behalten!‘ rief sie aus und brach in Lachen aus. ‚Aber am Ende ist es nur umso besser – denn ich bin entschieden knapp bei Kasse! Was macht es schon! Der Hund, der läuft, hungert nie!* Komm, lass es uns ganz verprassen! Du lädst ein‘.
* Chuquel sos pirela, cocal terela. „Der Hund, der läuft, findet einen Knochen.“ – Zigeunersprichwort.
„Wir waren nach Sevilla zurückgegangen. Am Eingang der Calle de la Serpiente kaufte sie ein Dutzend Orangen, die sie mich in mein Taschentuch stecken hieß. Ein wenig weiter kaufte sie eine Semmel, eine Wurst und eine Flasche Manzanilla. Dann, zuletzt, trat sie in einen Konditorladen. Dort warf sie das Goldstück, das ich ihr zurückgegeben hatte, auf den Ladentisch, dazu ein weiteres, das sie in der Tasche hatte, und etwas Kleingeld, und dann verlangte sie von mir alles Geld, das ich besaß. Alles, was ich hatte, war eine Pesete und ein paar Cuartos, die ich ihr überreichte, sehr beschämt, nicht mehr zu haben. Ich dachte, sie werde den ganzen Laden mitnehmen. Sie nahm alles, was am besten und teuersten war, Yemas*, Turrón**, eingemachte Früchte – solange das Geld reichte. Und das alles musste ich auch noch in Papiertüten schleppen. Vielleicht kennt ihr die Calle del Candilejo, wo sich ein Haupt Don Pedros des Rächers*** befindet. Jenes Haupt hätte mich zur Besinnung bringen sollen. Wir blieben vor einem alten Haus in dieser Straße stehen. Sie ging in den Eingang und klopfte an eine Tür im Erdgeschoss. Geöffnet wurde ihnen von einer Zigeunerin, einer abgefeimten Teufelsdirne. Carmen sagte einige Worte zu ihr in der Zigeunersprache. Zuerst murrte die alte Vettel. Um sie zu besänftigen, gab ihr Carmen ein paar Orangen und eine Hand voll Bonbons und ließ sie auch am Wein kosten. Dann hängte sie ihr den Mantel um und geleitete sie zur Tür, die sie mit einem hölzernen Riegel verschloss. Sobald wir allein waren, begann sie zu lachen und zu tollen wie eine Wahnsinnige, wobei sie sang: ‚Du bist mein Rom, ich bin deine Romi‘****.
* Einge Zucker-Eigelb.
** Eine Art Nougat.
*** Dieser König Don Pedro, den wir „den Grausamen“ nennen und den die katholische Königin Isabella niemals anders als „den Rächer“ nannte, liebte es, nachts durch die Straßen Sevillas zu streifen, um Abenteuer zu suchen, wie der Kalif Harun al Raschid. Eines Nachts geriet er in einer einsamen Straße mit einem Mann aneinander, der gerade eine Serenade sang. Es kam zum Kampf, und der König tötete den verliebten Caballero. Beim Klirren ihrer Schwerter steckte eine alte Frau den Kopf zum Fenster heraus und erhellte die Szene mit einer kleinen Lampe (candilejo), die sie in der Hand hielt. Meine Leser müssen wissen, dass König Don Pedro, obwohl behänd und muskulös, an einem seltsamen Gebrechen seines Körperbaus litt. Sooft er ging, knackten seine Knie laut. An diesem Knacken erkannte die alte Frau ihn unschwer. Am nächsten Tag erschien der zuständige Veintiquatro, um dem König Bericht zu erstatten. „Herr, in einer solchen Straße wurde gestern Nacht ein Duell ausgefochten – einer der Kämpfer ist tot.“ „Habt Ihr den Mörder gefunden?“ „Ja, Herr.“ „Warum ist er noch nicht bestraft worden?“ „Herr, ich erwarte Eure Befehle!“ „Führt das Gesetz aus.“ Nun hatte der König soeben ein Dekret erlassen, wonach jeder Duellant geköpft und dieser Kopf an der Stätte des Kampfes aufgestellt werden solle. Der Veintiquatro wusste sich geschickt aus der Verlegenheit zu ziehen. Er ließ einer Statue des Königs den Kopf absägen und stellte diesen in einer Nische in der Mitte der Straße auf, in der der Mord geschehen war. Der König und alle Sevillaner fanden das einen vortrefflichen Witz. Die Straße erhielt ihren Namen nach der Lampe der alten Frau, der einzigen Zeugin des Vorfalls. Obiges ist die volkstümliche Überlieferung. Zuniga erzählt die Geschichte etwas anders. Wie dem auch sei, eine Straße namens Calle del Candilejo besteht in Sevilla noch heute, und in dieser Straße befindet sich eine Büste, die ein Porträt Don Pedros sein soll. Diese Büste ist leider ein modernes Machwerk. Im siebzehnten Jahrhundert war die alte sehr verwittert, und die Stadtverwaltung ließ sie durch die heutige ersetzen.
**** Rom, Ehemann. Romi, Ehefrau.
„Da stand ich nun mitten im Zimmer, beladen mit all ihren Einkäufen, ohne zu wissen, wohin ich sie stellen sollte. Sie kippte alles auf die Erde, schlang mir die Arme um den Hals und rief:
‚Ich zahle meine Schulden, ich zahle meine Schulden! So lautet das Gesetz der Cales‘.*
* Calo, weiblich Calli, Mehrzahl Cales. Wörtlich „schwarz“, der Name, den die Zigeuner sich in ihrer eigenen Sprache beilegen.
„Ach, mein Herr, jener Tag! jener Tag! Wenn ich an ihn denke, vergesse ich, was der morgige Tag mir bringen muss!"
Einen Augenblick schwieg der Bandit, dann, als er seine Zigarre wieder angezündet hatte, begann er von neuem.
„Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, mit Essen, Trinken und dergleichen. Als sie sich mit Bonbons vollgestopft hatte wie ein Kind von sechs Jahren, stopfte sie sie handvoll in den Wasserkrug der alten Frau. ‚Daraus wird Sorbet für sie‘, sagte sie. Die Yemas zerschmetterte sie, indem sie sie an die Wände warf. ‚Die halten uns die Fliegen vom Leib‘. Es gab keinen Streich, keine wilde Tollheit, der sie sich nicht hingegeben hätte. Ich sagte ihr, ich würde sie gerne tanzen sehen, nur seien keine Kastagnetten aufzutreiben. Sofort ergriff sie den einzigen irdenen Teller der alten Frau, zerschlug ihn, und da war sie und tanzte den Romalis, wobei die Scherben des zerbrochenen Geschirrs klirrten, als wären sie Kastagnetten aus Ebenholz und Elfenbein. Das Mädchen war gute Gesellschaft, das kann ich euch sagen! Der Abend brach herein, und ich hörte die Trommeln den Zapfenstreich schlagen.
‚Ich muss zur Kaserne zum Appell‘, sagte ich.
‚Zur Kaserne!‘ erwiderte sie mit verächtlichem Blick. ‚Bist du ein Negersklave, dass du dich mit einem Ladestock treiben lässt! Du bist so dumm wie ein Kanarienvogel. Deine Tracht passt zu deiner Art.* Pah! Du hast nicht mehr Herz als ein Huhn‘.
* Spanische Dragoner tragen eine gelbe Uniform.
„Ich blieb, indem ich mich mit dem unvermeidlichen Arrest abfand. Am nächsten Morgen ging der erste Gedanke an Trennung von ihr aus.
‚Hör mal, Joseito‘, sagte sie. ‚Habe ich dir bezahlt? Nach unserem Gesetz war ich dir nichts schuldig, denn du bist ein Payllo. Aber du bist ein gut aussehender Bursche, und ich habe an dir Gefallen gefunden. Jetzt sind wir quitt. Leb wohl!‘
‚Ich fragte sie, wann ich sie wiedersehen könne.
‚Wenn du weniger einfältig bist‘, gab sie lachend zurück. Dann, mit ernsterem Ton: ‚Weißt du, mein Sohn, ich glaube wirklich, ich habe dich ein bisschen lieb; aber das kann nicht dauern! Hund und Wolf vertragen sich nicht lange. Vielleicht, wenn du Zigeuner würdest, könnte ich Lust haben, deine Romi zu sein. Doch das ist alles Unsinn, solche Dinge sind nicht möglich. Pah, mein Junge. Glaub mir, du bist gut davongekommen. Du bist dem Teufel begegnet – er ist nicht immer schwarz – und man hat dir den Hals nicht umgedreht. Ich trage einen wollenen Anzug, aber ich bin kein Schaf.* Geh und zünde deiner Majari** eine Kerze an, sie hat es wohl verdient. Komm, noch einmal leb wohl. Denke nicht mehr an La Carmencita, sonst bringt sie dich noch dazu, eine Witwe mit Holzbeinen zu heiraten‘***.
* Me dicas vriarda de jorpoy, bus ne sino braco. – Ein Zigeunersprichwort.
** Die Heilige, die Heilige Jungfrau.
*** Der Galgen, der die Witwe des letzten an ihm Gehängten ist.
„Während sie sprach, schob sie den Riegel zurück, der die Tür verschloss, und als wir auf der Straße standen, hüllte sie sich in ihre Mantilla und machte auf dem Absatz kehrt.
„Sie sprach die Wahrheit. Ich hätte viel besser daran getan, nie wieder an sie zu denken. Aber nach jenem Tag in der Calle del Candilejo konnte ich an nichts anderes mehr denken. Den ganzen Tag ging ich umher, in der Hoffnung, ihr zu begegnen. Ich erkundigte mich bei der alten Vettel und bei dem Fischbrater nach ihr. Beide sagten mir, sie sei nach Laloro gereist, so nennen sie Portugal. Wahrscheinlich sagten sie es auf Carmens Geheiß, doch ich merkte bald, dass sie logen. Einige Wochen nach meinem Tag in der Calle del Candilejo hatte ich Dienst an einem der Stadttore. Ein Stück vom Tor entfernt befand sich eine Mauerbresche. Tagsüber arbeiteten dort Maurer, und nachts wurde eine Schildwache dorthin beordert, um Schmuggler am Eindringen zu hindern. Den ganzen Tag über sah ich Lillas Pastia in der Nähe der Wachstube hin und her gehen und mit einigen meiner Kameraden reden. Sie alle kannten ihn gut und seine Bratfische und Frittieren noch besser. Er trat auf mich zu und fragte, ob ich Nachricht von Carmen habe.
‚Nein‘, sagte ich.
‚Nun‘, sagte er, ‚du wirst bald von ihr hören, alter Junge‘.
„Er sollte nicht unrecht behalten. In jener Nacht wurde ich auf Wache an der Mauerbresche eingeteilt. Sobald der Feldwebel verschwunden war, sah ich eine Frau auf mich zukommen. Mein Herz sagte mir, es sei Carmen. Trotzdem rief ich:
‚Halt! Niemand darf hier passieren!‘
‚Sei nur nicht boshaft‘, sagte sie und gab sich mir zu erkennen.
‚Was! Du hier, Carmen?‘
‚Ja, mi Payllo. Lasst uns wenige, aber kluge Worte wechseln. Möchtest du einen Duro verdienen? Einige Leute werden mit Bündeln kommen. Lass sie durch‘.
‚Nein‘, sagte ich, ‚ich darf sie nicht durchlassen. Das sind meine Befehle‘.
‚Befehle! Befehle! An die Befehle hast du in der Calle del Candilejo nicht gedacht!‘
‚Ach!‘ rief ich, ganz wahnsinnig bei dem bloßen Gedanken an jene Nacht. ‚Da lohnte es sich auch, meine Befehle zu vergessen! Aber von Schmuggler Geld will ich nichts!‘
‚Nun gut, wenn du kein Geld willst, wollen wir zusammen bei der alten Dorotea speisen?‘
‚Nein‘, sagte ich, halb erstickt von der Anstrengung, die es mich kostete. ‚Nein, ich kann nicht‘.
‚Sehr schön! Wenn du solche Umstände machst, weiß ich, an wen ich mich wenden kann. Ich werde euren Offizier fragen, ob er mit mir zu Dorotea gehen will. Er sieht gutmütig aus, und er wird eine Schildwache aufstellen, die nur das sehen wird, was sie besser sieht. Leb wohl, Kanarienvogel! Ich werde mich kaputtlachen an dem Tag, an dem der Befehl kommt, dich aufzuknüpfen!‘
„Ich war schwach genug, sie zurückzurufen, und ich versprach, die ganze Zigeunerschar hindurchzulassen, wenn es nötig wäre, wenn ich nur die einzige Belohnung erhielte, nach der ich verlangte. Sie schwor sofort, am nächsten Tag treu zu ihr Wort zu halten, und lief, um ihre Freunde herbeizurufen, die in der Nähe waren. Es waren ihrer fünf, unter ihnen Pastia, alle reichlich mit englischen Waren beladen. Carmen hielt für sie Wache. Sie sollte ihnen mit ihren Kastagnetten ein Zeichen geben, sobald sie die Patrouille erblickte. Doch das war nicht nötig. Die Schmuggler erledigten ihr Geschäft im Handumdrehen.
„Am nächsten Tag ging ich in die Calle del Candilejo. Carmen ließ mich warten, und als sie kam, war sie ziemlich übler Laune.
‚Ich mag keine Leute, die man erst drängen muss‘, sagte sie. ‚Du hast mir einen viel größeren Dienst erwiesen das erste Mal, ohne zu wissen, dass du dabei gewinnen würdest. Gestern hast du mit mir gehandelt. Ich weiß nicht, warum ich gekommen bin, denn ich mag dich nicht mehr. Hier, mach, dass du fortkommst. Hier ist ein Duro für deine Mühe‘.
„Es fehlte wenig, und ich hätte ihr die Münze an den Kopf geworfen, und ich musste mich heftig zusammennehmen, um sie nicht wirklich zu verprügeln. Nachdem wir uns eine Stunde lang gezankt hatten, ging ich wutentbrannt fort. Eine Zeit lang irrte ich durch die Stadt, lief hierhin und dorthin wie ein Verrückter. Schließlich ging ich in eine Kirche und verkroch mich in der dunkelsten Ecke, die ich finden konnte, und weinte heiße Tränen. Auf einmal hörte ich eine Stimme.
‚Ein Dragoner, der weint. Ich werde einen Liebestrank daraus brauen!‘
„Ich blickte auf. Da stand Carmen vor mir.
‚Nun, mi Payllo, bist du noch böse auf mich?‘ sagte sie. ‚Ich muss mich eben um dich kümmern, ob ich will oder nicht, denn seit du mich verlassen hast, weiß ich nicht, was mit mir los ist. Hör, jetzt bin ich es, die dich bittet, in die Calle del Candilejo zu kommen!‘
„Also versöhnten wir uns; doch Carmens Laune war wie das Wetter in unserem Land. Das Gewitter ist bei uns in den Bergen nie so nahe, wie wenn die Sonne am hellsten scheint. Sie hatte mir versprochen, mich bei Dorotea wiederzutreffen, aber sie kam nicht.
„Und Dorotea begann mir wieder zu erzählen, sie sei wegen irgendeiner Zigeunerangelegenheit nach Portugal verreist.
„Da die Erfahrung mich bereits gelehrt hatte, wie viel ich davon zu glauben hatte, lief ich überall herum und suchte Carmen, wo ich nur glaubte, sie finden zu können, und zwanzigmal am Tag lief ich die Calle del Candilejo auf und ab. Eines Abends war ich bei Dorotea, die ich durch gelegentliche Gläschen Anisette fast gezähmt hatte, als Carmen hereintrat, gefolgt von einem jungen Mann, einem Leutnant unseres Regiments.
‚Mach, dass du sofort verschwindest‘, sagte sie zu mir auf Baskisch. Ich stand da, wie vom Donner gerührt, mein Herz voll Wut.
‚Was machst du hier?‘ sagte der Leutnant zu mir. ‚Mach, dass du fortkommst – verschwinde‘.
„Ich konnte keinen Fuß rühren. Ich fühlte mich wie gelähmt. Der Offizier wurde zornig, und da er sah, dass ich nicht ging und nicht einmal die Feldmütze abgenommen hatte, packte er mich beim Kragen und schüttelte mich heftig. Ich weiß nicht, was ich zu ihm sagte. Er zog seinen Degen, und ich entblößte den meinen. Die alte Frau hielt mich am Arm fest, und der Leutnant versetzte mir einen Schlag auf die Stirn, dessen Narbe ich noch heute trage. Ich machte einen Schritt zurück und warf mit einem Ruck meines Ellenbogens die alte Dorotea zu Boden. Dann, da der Leutnant mich weiter bedrängte, richtete ich die Spitze meines Degens gegen seinen Körper, und er lief hinein. Darauf löschte Carmen die Lampe und hieß Dorotea in deren Sprache die Flucht ergreifen. Ich selbst floh auf die Straße und lief, ich weiß nicht wohin. Es schien mir, als folge mir jemand. Als ich wieder zu mir kam, entdeckte ich, dass Carmen mich nie verlassen hatte.
„Großer Dummkopf von einem Kanarienvogel!“, sagte sie, „du machst immer nur Dummheiten. Und ich habe dir ja gesagt, dass ich dir Unglück bringen werde. Aber komm, es gibt ein Heilmittel für alles, wenn man eine Flamenca aus Roma zur Liebsten hat. Wickle dir zunächst dieses Taschentuch um den Kopf, und wirf mir deinen Gürtel herüber. Warte in dieser Gasse auf mich – in zwei Minuten bin ich zurück.
* Flamenco de Roma, ein Gaunerausdruck für die Zigeuner. Roma steht nicht für die Ewige Stadt, sondern für die Nation der Romi, der Verheirateten – ein Name, den die Zigeuner sich selbst gaben. Die ersten in Spanien gesehenen Zigeuner kamen wahrscheinlich aus den Niederlanden, daher ihr Name Flamencos.*
Sie verschwand und kam bald zurück, einen gestreiften Mantel bringend, den sie, ich weiß nicht woher, holen gegangen war. Sie ließ mich meine Uniform ablegen und den Mantel über meinem Hemd anziehen. So gekleidet und mit der am Kopf verbundenen Wunde glich ich leidlich einem valencianischen Bauer, von denen viele nach Sevilla kommen, um ein Getränk zu verkaufen, das sie aus Chufas* bereiten. Dann führte sie mich in ein Haus, das Doroteas Haus sehr ähnelte, am Ende einer kleinen Gasse. Dort wuschen sie und eine andere Zigeunerin meine Wunden und verbanden sie besser, als es irgendein Militärarzt vermocht hätte, gaben mir etwas zu trinken, ich weiß nicht was, und ließen mich schließlich auf einer Matratze liegen, auf der ich einschlief.
* Eine knollenartige Wurzel, aus der ein recht angenehmes Getränk bereitet wird.*
Wahrscheinlich hatte die Frau eines der betäubenden Mittel, deren Geheimnis sie kennen, in meinen Trank gemischt, denn ich erwachte erst am nächsten Tag sehr spät. Ich hatte leichtes Fieber und heftige Kopfschmerzen. Es dauerte eine Weile, bis die Erinnerung an die schreckliche Szene der vergangenen Nacht, an der ich teilgehabt hatte, in mir zurückkehrte. Nachdem sie meine Wunde verbunden hatten, wechselten Carmen und ihre Freundin, mit untergeschlagenen Beinen neben meiner Matratze hockend, einige Worte in Chipe calli, was mir wie eine Art ärztliche Beratung vorkam. Dann versicherten mich beide, ich werde bald genesen, müsse aber Sevilla so schnell wie möglich verlassen, denn wenn man mich dort fange, werde man mich unweigerlich erschießen.
„Mein Junge“, sagte Carmen zu mir, „du wirst etwas tun müssen. Da der König dir weder Reis noch Schellfisch* geben will, musst du dir deinen Lebensunterhalt verdienen. Du bist zu dumm, um eine Pastesas** zu stehlen. Aber du bist tapfer und behände. Wenn du den Mut hast, so mach dich zur Küste und werde Schmuggler. Habe ich dir nicht versprochen, dass man dich eines Tages hängen wird? Das ist immerhin besser, als erschossen zu werden, und wenn du es richtig anstellst, lebst du wie ein Fürst, solange die Minones*** und die Küstenwache dich nicht beim Kragen kriegen.
* Die gewöhnliche Nahrung eines spanischen Soldaten.
** Ustilar a pastesas, geschickt stehlen, etwas ohne Gewalt entwenden.
*** Eine Art Freiwilligenkorps.*
In dieser verlockenden Gestalt schilderte mir dieses Teufelsmädchen die neue Laufbahn, die sie mir vorschlug – die einzige freilich, die mir noch blieb, da ich nun die Todesstrafe verwirkt hatte. Soll ich es gestehen, Herr? Sie überredete mich ohne große Mühe. Dieses wilde und gefährliche Leben, so dünkte mich, werde sie und mich noch fester aneinanderbinden. Künftig, dachte ich, werde ich mir ihrer Liebe sicher sein können.
Ich hatte oft von gewissen Schmugglern reden hören, die in Andalusien umherzogen, ein jeder auf einem guten Pferd, die Geliebte hinter sich und die Muskete in der Faust. Schon sah ich mich selbst auf und ab durch die Welt traben, mit einer hübschen Zigeunerin hinter mir. Als ich ihr diesen Gedanken vortrug, lachte sie, bis sie sich die Seiten halten musste, und schwor, es gebe nichts Köstlicheres auf der Welt als eine im Freien verbrachte Nacht, wenn jeder Rom mit seiner Romi unter ihrem kleinen Zelt aus drei Reifen und einer darübergeworfenen Decke sich zurückziehe.
„Wenn ich mich in die Berge schlage“, sagte ich zu ihr, „werde ich deiner sicher sein. Dort wird kein Leutnant sein, der mit mir teilt.“
„Ha, ha! Du bist eifersüchtig!“, erwiderte sie, „umso schlimmer für dich. Wie kannst du nur so ein Narr sein! Siehst du denn nicht, dass ich dich lieben muss, weil ich dich nie um Geld gebeten habe?“
Wenn sie dergleichen sagte, hätte ich sie erwürgen können.
Um die Geschichte abzukürzen, Herr: Carmen verschaffte mir bürgerliche Kleider, und als ich so verkleidet Sevilla verließ, erkannte man mich nicht. Ich ging nach Jerez, mit einem Brief von Pastia an einen Anis-Händler, dessen Haus der Treffpunkt der Schmuggler war. Man stellte mich ihnen vor, und ihr Anführer, mit dem Beinamen El Dancaire, nahm mich in seine Bande auf. Wir brachen nach Gaucin auf, wo ich Carmen fand, die mir gesagt hatte, sie werde mich dort treffen. Bei allen diesen Zügen diente sie unserer Bande als Kundschafterin, und sie war die beste, die es je gegeben hat. Soeben kam sie von Gibraltar zurück und hatte bereits mit dem Kapitän eines Schiffes wegen einer Ladung englischer Waren verhandelt, die wir an der Küste in Empfang nehmen sollten. Wir gingen ihr bei Estepona entgegen. Einen Teil versteckten wir im Gebirge, und mit dem Rest beladen zogen wir nach Ronda. Carmen war uns vorausgegangen. Sie war es auch, die uns warnte, wenn wir den Ort besser betreten sollten. Dieser erste Zug und mehrere folgende verliefen glücklich. Ich fand das Leben eines Schmugglers angenehmer als das eines Soldaten: Ich konnte Carmen Geschenke machen, ich hatte Geld, und ich hatte eine Geliebte. Ich empfand wenig oder keine Reue, denn, wie die Zigeuner sagen: „Der Glückliche denkt nicht ans Kratzen.“ Wir wurden überall freundlich aufgenommen, meine Genossen behandelten mich gut und zeigten mir sogar eine gewisse Achtung. Der Grund dafür war, dass ich meinen Mann getötet hatte, während etliche von ihnen ein solches Kunststück nicht auf dem Gewissen hatten. Was ich jedoch an meinem neuen Leben am meisten schätzte, war, dass ich Carmen oft sah. Sie zeigte mir mehr Zuneigung als je; dennoch wollte sie vor meinen Genossen nie zugeben, dass sie meine Geliebte sei, und hatte mich sogar die feierlichsten Schwüre schwören lassen, dass ich ihnen gegenüber nichts über sie sagen werde. So schwach war ich in den Händen dieses Geschöpfes, dass ich all ihren Launen gehorchte. Und überdies war es das erste Mal, dass sie eine gewisse Zurückhaltung einer anständigen Frau an den Tag legte, und ich war einfältig genug zu glauben, sie habe ihre früheren Gewohnheiten wirklich abgelegt.
Unsere Bande, die aus acht bis zehn Männern bestand, kam selten zusammen, außer in entscheidenden Augenblicken, und wir lebten gewöhnlich zu zweit oder zu dritt verstreut in den Städten und Dörfern. Ein jeder von uns gab einen Beruf vor. Der eine war ein Kesselflicker, ein anderer ein Pferdeknecht; ich sollte mit Kurzwaren hausieren, doch ich zeigte mich kaum je an größeren Orten, wegen meiner unseligen Geschichte in Sevilla. Eines Tages, genauer: einer Nacht, sollten wir unterhalb von Veger zusammenkommen. El Dancaire und ich trafen vor den anderen ein.
„Wir werden bald einen neuen Genossen haben“, sagte er. „Carmen hat soeben einen ihrer besten Streiche ausgeführt. Sie hat die Flucht ihres Rom aus dem Presidio von Tarifa in die Wege geleitet.“
Ich begann bereits, die Zigeunersprache zu verstehen, die fast alle meine Genossen sprachen, und dieses Wort Rom versetzte mir einen Stich.
„Wie? Ihr Ehemann? Sie ist also verheiratet?“, sagte ich zum Hauptmann.
„Jawohl“, erwiderte er, „verheiratet mit Garcia el Tuerto*, einem ebenso schlauen Zigeuner wie sie selbst. Der arme Teufel hat auf den Galeeren gesessen. Carmen hat den Wundarzt des Presidio so gut bearbeitet, dass es ihr gelungen ist, ihren Rom aus dem Gefängnis zu befreien. Bei Gott! Dieses Mädchen ist sein Gewicht in Gold wert. Zwei Jahre lang hat sie auf seine Flucht hingearbeitet, doch sie konnte nichts ausrichten, bis die Behörden es sich in den Kopf setzten, den Wundarzt auszuwechseln. Mit dem Neuen wurde sie rasch handelseinig.
* Einäugiger.*
Sie können sich vorstellen, wie angenehm diese Nachricht für mich war. Garcia el Tuerto sah ich bald. Er war der hässlichste Bursche, den je eine Zigeunerin aufzog. Seine Haut war schwarz, seine Seele schwärzer, und er war insgesamt der ausgemachteste Schurke, der mir je im Leben begegnet ist. Carmen kam mit ihm, und wenn sie ihn in meiner Gegenwart ihren Rom nannte, hätten Sie sehen müssen, welche Augen sie mir zuwarf und welche Gesichter sie schnitt, sobald Garcia den Kopf wandte.
Mich packte Ekel, und ich sprach die ganze Nacht kein Wort mit ihr. Am nächsten Morgen hatten wir unsere Packen geschnürt und waren bereits aufgebrochen, als wir gewahr wurden, dass uns ein Dutzend Reiter auf den Fersen waren. Die prahlerischen Andalusier, die geschworen hatten, jeden niederzumachen, der ihnen nahekomme, nahmen sich jämmerlich aus. Es gab ein allgemeines Durcheinander. El Dancaire, Garcia, ein hübscher Bursche aus Ecija, der El Remendado hieß, und Carmen selbst bewahrten die Fassung. Die übrigen gaben die Maultiere preis und flohen in die Schluchten, wo die Pferde ihnen nicht folgen konnten. Die Maultiere zu retten war unmöglich; rasch schnallten wir den besten Teil unserer Beute ab und luden sie uns auf die Schultern, um durch die Felsen über den steilsten Hang zu entkommen. Wir warfen unsere Bündel vor uns hin und folgten ihnen, so gut es ging, auf den Fersen rutschend. Mittlerweile schossen die Feinde auf uns. Es war das erste Mal, dass ich Kugeln um mich pfeifen hörte, und es kümmerte mich nicht sonderlich. Wenn eine Frau zusieht, ist es kein besonderes Verdienst, dem Tod die Stirn zu bieten. Wir alle entkamen, außer dem armen Remendado, der eine Kugel in die Lenden bekam. Ich warf mein Bündel weg und versuchte, ihn aufzuheben.
„Idiot!“, brüllte Garcia, „was sollen wir mit dem Abfall! Mach ihn fertig, und lass die Baumwollstrümpfe nicht liegen!“, „Wirf ihn hin!“, schrie Carmen.
Ich war so erschöpft, dass ich ihn für einen Augenblick unter einem Felsen ablegen musste. Garcia trat heran und feuerte seine Muskete mitten in sein Gesicht. „Das müsste ein Schlauer sein, der ihn jetzt noch erkennt!“, sagte er, indem er das von einem Dutzend Schrotkugeln zerfetzte Antlitz betrachtete.
Da, Herr, sehen Sie das entzückende Leben, das ich geführt habe! In jener Nacht fanden wir uns in einem Dickicht wieder, von Anstrengung erschöpft, ohne etwas zu essen und durch den Verlust unserer Maultiere ruiniert. Was glauben Sie, dass dieser Teufel Garcia tat? Er zog ein Kartenspiel aus der Tasche und begann im Schein eines Feuers, das sie anzündeten, mit El Dancaire zu spielen. Ich lag indessen auf dem Rücken, starrte die Sterne an, dachte an El Remendado und sagte mir, dass ich ebenso gut an seiner Stelle sein könnte. Carmen hockte neben mir und klapperte hin und wieder mit ihren Kastagnetten und summte eine Melodie. Dann rückte sie, als wolle sie mir ins Ohr flüstern, dicht an mich heran und küsste mich zwei- oder dreimal, fast gegen meinen Willen.
„Du bist ein Teufel“, sagte ich zu ihr.
„Ja“, erwiderte sie.
Nach einigen Stunden Ruhe brach sie nach Gaucin auf, und am nächsten Morgen brachte uns ein kleiner Ziegenhirt etwas zu essen. Den Tag über blieben wir dort, und am Abend rückten wir nahe an Gaucin heran. Wir erwarteten Nachricht von Carmen, doch keine kam. Nach Tagesanbruch sahen wir einen Maultiertreiber, der einer vornehm gekleideten Dame mit Sonnenschirm und einem kleinen Mädchen, das ihre Dienerin zu sein schien, den Weg wies. Garcia sagte: „Da kommen zwei Maultiere und zwei Frauen, die uns der heilige Nikolaus schickt. Vier Maultiere wären mir lieber gewesen, aber sei's drum. Ich werde das Beste daraus machen.“ Er nahm seine Muskete und ging den Pfad hinab, wobei er sich im Gesträuch verbarg.
Wir folgten ihm, El Dancaire und ich in einigem Abstand. Sobald die Frau uns erblickte – und unsere Aufmachung hätte jeden erschrecken müssen –, brach sie in schallendes Gelächter aus. „Ach, die Lillipendi! Sie halten mich für eine Erani!“, sagte sie.
* „Die Idioten, sie halten mich für eine feine Dame!“, sagte sie.
Es war Carmen, doch so vortrefflich verkleidet, dass ich sie, hätte sie eine andere Sprache gesprochen, niemals erkannt hätte. Sie sprang vom Maultier und sprach eine Zeitlang leise mit El Dancaire und Garcia. Dann sagte sie zu mir:
„Kanarienvogel, wir werden uns wiedersehen, bevor du gehängt wirst. Ich reise nach Gibraltar in Zigeunerangelegenheiten – bald wirst du Nachricht von mir haben.“ Wir trennten uns, nachdem sie uns einen Ort genannt hatte, wo wir für einige Tage Unterschlupf finden sollten. Dieses Mädchen war die Vorsehung unserer Bande. Bald erhielten wir von ihr Geld geschickt und eine Neuigkeit, die uns noch nützlicher war – die Mitteilung nämlich, dass an einem bestimmten Tag zwei englische Lords von Gibraltar nach Granada reisen würden, auf einem Weg, den sie uns bezeichnete. Das war ein Wort für die Verständigen. Sie hatten reichlich gute Guineen bei sich. Garcia hätte sie umbringen wollen, doch El Dancaire und ich widersprachen. Wir nahmen ihnen, außer den Hemden, die wir dringend brauchten, nur ihr Geld und ihre Uhren ab.
Herr, ein Mensch kann aus reiner Gedankenlosigkeit zum Schurken werden. Man verliert den Kopf über ein hübsches Mädchen, man schlägt sich ihretwegen mit einem Manne, es kommt zu einem Unglück, man muss sich in die Berge flüchten, und ehe man sich's versieht, wird aus dem Schmuggler ein Räuber. Nach dieser Geschichte mit den englischen Lords kamen wir überein, dass die Gegend von Gibraltar für uns nicht mehr gesund sei, und stürzten uns in die Sierra de Ronda. Sie haben mir einmal José María erwähnt. Nun, dort machte ich seine Bekanntschaft. Er nahm seine Geliebte stets auf seine Züge mit. Sie war ein hübsches Mädchen, still, bescheiden, von guter Erziehung, man hörte nie ein unanständiges Wort von ihr, und sie war ihm ganz ergeben. Er hingegen führte mit ihr ein sehr unglückliches Leben. Er lief stets anderen Frauen nach, er misshandelte sie, und manchmal wurde er grundlos eifersüchtig. Eines Tages brachte er ihr mit einem Messer einen Hieb bei. Nun, sie vergötterte ihn nur umso mehr! So sind die Frauen, besonders die Andalusierinnen. Dieses Mädchen war stolz auf die Narbe an ihrem Arm und zeigte sie, als sei sie das Schönste auf der Welt. Und dann war José María obendrein der schlechteste Genosse von der Welt. Bei einem gemeinsamen Zug richtete er es so ein, dass er den ganzen Gewinn für sich behielt, und wir hatten die ganze Mühe und die Schläge. Doch ich muss zu meiner Geschichte zurück. Wir hatten keinerlei Nachricht von Carmen. El Dancaire sagte: „Einer von uns muss nach Gibraltar, um Kunde von ihr einzuholen. Sie muss irgendein Geschäft geplant haben. Ich würde sofort gehen, nur bin ich in Gibraltar allzu bekannt.“ El Tuerto sagte: „Ich bin dort ebenfalls bekannt. Ich habe den Krebsen* so manchen Streich gespielt – und da ich nur ein Auge habe, ist es für mich nicht ganz einfach, mich zu verkleiden.“ „Dann muss ich wohl gehen“, sagte ich, entzückt bei dem bloßen Gedanken, Carmen wiederzusehen. „Nun, wie soll ich es anfangen?“ Die anderen antworteten: „Du musst entweder auf dem Seeweg gehen oder durch San Roque, ganz wie es dir beliebt; bist du erst in Gibraltar, erkundige dich im Hafen, wo eine Chocoladeverkäuferin namens La Rollona wohnt. Hast du sie gefunden, wird sie dir alles sagen, was vorgeht.“ Es wurde verabredet, dass wir alle in die Sierra aufbrechen sollten, dass ich meine beiden Begleiter dort zurücklassen und mich auf den Weg nach Gibraltar machen würde, in der Rolle eines Obsthändlers. In Ronda verschaffte mir einer unserer Leute einen Pass; in Gaucin bekam ich einen Esel. Ich belud ihn mit Orangen und Melonen und brach auf. Als ich Gibraltar erreichte, erfuhr ich, dass viele Leute La Rollona kannten, dass sie aber entweder tot war oder sich ad finibus terrae* begeben hatte, und ihr Verschwinden erklärte mir, wie ich glaubte, das Scheitern unserer Verbindung mit Carmen. Ich brachte meinen Esel unter und streifte durch die Stadt, meine Orangen tragend, als ob ich sie verkaufen wollte, in Wahrheit jedoch Ausschau haltend, ob ich nicht ein bekanntes Gesicht entdeckte. Der Ort ist voll von Lumpengesindel aus allen Ländern der Welt, und es gleicht wirklich dem Turm zu Babel, denn man kann keine zehn Schritte eine Straße entlang gehen, ohne ebenso viele Sprachen zu hören. Ich sah wohl einige Zigeuner, aber ich traute mich kaum, mich ihnen anzuvertrauen. Ich musterte sie, und sie musterten mich. Wir hatten wechselseitig erraten, dass wir Spitzbuben waren, doch die wichtige Frage war für uns, ob wir derselben Bande angehörten. Nachdem ich zwei Tage lang vergeblich umhergeirrt war und weder über La Rollona noch über Carmen etwas hatte erfahren können, dachte ich daran, zu meinen Genossen zurückzukehren, sobald ich noch einige Einkäufe gemacht hätte, als ich gegen Sonnenuntergang, während ich eine Straße entlangging, von einem Fenster her eine Frauenstimme rufen hörte: „Orangenhändler!“, Ich blickte auf, und auf einem Balkon erblickte ich Carmen, die hinauslehnte, neben einem Offizier in scharlachrotem Rock mit goldenen Epauletten, lockigem Haar und ganz dem Aussehen eines reichen Mylord. Sie selbst war prachtvoll gekleidet, ein Schal hing über ihren Schultern, ein goldener Kamm steckte in ihrem Haar, alles, was sie trug, war aus Seide; und die durchtriebene kleine Hexe, die sich kein bisschen verändert hatte, lachte, dass sie sich die Seiten halten musste. Der Engländer rief mir in gebrochenem Spanisch zu, heraufzukommen, die Dame wünsche Orangen, und Carmen sagte auf Baskisch zu mir: „Komm herauf, und staune über nichts!“, In der Tat, nichts, was sie tat, hätte mich jemals in Staunen versetzen dürfen. Ich wusste nicht, ob ich glücklicher oder unglücklicher war, sie wiederzusehen. An der Haustür stand ein großer englischer Diener mit gepudertem Kopf, der mich in einen prächtigen Salon führte. Sogleich sagte Carmen auf Baskisch zu mir: „Du verstehst kein Wort Spanisch, und du kennst mich nicht.“ Dann wandte sie sich an den Engländer und fügte hinzu: „Ich habe es dir ja gesagt. Ich sah gleich, dass er ein Baske ist. Jetzt wirst du hören, was für eine seltsame Sprache er redet. Sieht er nicht dumm aus? Er gleicht einer Katze, die im Speiseschrank ertappt worden ist!“, „Und du“, sagte ich zu ihr in unserer Sprache, „du siehst aus wie eine freche Dirne – und ich habe große Lust, dir hier und jetzt das Gesicht zu zerkratzen, vor den Augen deines Liebhabers.“ „Mein Liebhaber!“, sagte sie. „Ei, das hast du dir ja ganz allein zusammengereimt! Bist du eifersüchtig auf diesen Idioten? Du bist noch dümmer als bei unserem Abend in der Calle del Candilejo! Siehst du denn nicht, Dummkopf, dass ich in diesem Augenblick Zigeunergeschäfte mache, und zwar auf die glänzendste Weise? Dieses Haus gehört mir – die Guineen dieses Krebses werden mir gehören! Ich führe ihn an der Nase herum, und ich werde ihn an einen Ort führen, aus dem er niemals wieder herauskommt!“, „Und wenn ich dich noch einmal bei dergleichen Zigeunergeschäften erwische“, sagte ich, „werde ich dafür sorgen, dass du es nie wieder tun kannst!“, „Ei, ei! Bist du etwa mein Rom, dass du mir Befehle gibst? Wenn El Tuerto zufrieden ist, was geht es dich an? Solltest du nicht überglücklich sein, dass du der einzige Mann bist, der sich meinen Minchorro* nennen darf?“
* Mein „Geliebter“, oder besser: meine „Laune“.*
„Was sagt er?“, fragte der Engländer. „Er sagt, er habe Durst und möchte etwas zu trinken“, antwortete Carmen, und sie warf sich auf ein Sofa und schrie vor Lachen über ihre eigene Übersetzung. Wenn dieses Mädchen zu lachen beginnt, Herr, war es hoffnungslos, vernünftig mit ihr zu reden. Alle lachten mit ihr. Auch der große Engländer lachte, der Idiot, der er war, und befahl dem Diener, mir etwas zu trinken zu bringen. Während ich trank, sagte sie zu mir:
„Siehst du den Ring an seinem Finger? Wenn du willst, schenke ich ihn dir."
Und ich antwortete:
„Ich würde einen meiner Finger dafür geben, deinen Mylord dort draußen in den Bergen zu haben, und jeder von uns eine Maquila in der Faust."
„Maquila, was bedeutet das?" fragte der Engländer.
„Maquila", sagte Carmen, noch immer lachend, „heißt Apfelsine. Ist das nicht ein seltsames Wort für eine Apfelsine? Er sagt, du möchtest Maquila essen."
„Tatsächlich?" sagte der Engländer. „Sehr gut, bring morgen mehr Maquila."
Während wir sprachen, kam ein Diener herein und meldete, das Essen sei angerichtet. Da stand der Engländer auf, gab mir eine Piaster und bot Carmen den Arm, als könnte sie nicht allein gehen. Carmen, die noch immer lachte, sagte zu mir:
„Mein Junge, ich kann dich nicht zum Essen einladen. Aber morgen, sobald du die Trommeln zum Aufmarsch schlagen hörst, komm hierher mit deinen Apfelsinen. Du wirst ein besser ausgestattetes Zimmer finden als das in der Calle del Candilejo, und du wirst sehen, ob ich noch immer deine Carmencita bin. Dann reden wir hinterher über Zigeunergeschäfte."
Ich antwortete ihr nicht — selbst als ich auf der Straße war, konnte ich noch den Engländer rufen hören: „Bring morgen mehr Maquila", und Carmens schallendes Gelächter.
Ich ging hinaus, ohne zu wissen, was ich tun sollte; ich schlief kaum, und am nächsten Morgen war ich so zornig auf die treulose Kreatur, dass ich entschlossen war, Gibraltar zu verlassen, ohne sie wiederzusehen. Doch sobald die Trommeln zu wirbeln begannen, sank mir der Mut. Ich nahm mein Netz voll Apfelsinen auf und eilte zu Carmens Haus. Ihre Fensterläden waren ein wenig aufgestoßen, und ich sah ihre großen dunklen Augen nach mir ausspähen. Der gepuderte Diener führte mich sogleich hinein. Carmen schickte ihn mit einer Botschaft fort, und sobald wir allein waren, brach sie in einen ihrer Anfälle von Krokodilgelächter aus und fiel mir um den Hals. Nie hatte ich sie so schön gesehen. Sie war herausgeputzt wie eine Königin und wohlriechend; sie hatte seidene Möbel, bestickte Vorhänge — und ich aufgeputscht wie der Dieb, der ich war!
„Minchorro", sagte Carmen, „ich habe Lust, hier alles kurz und klein zu schlagen, das Haus in Brand zu stecken und mich in die Berge zu scheren." Und dann liebkoste sie mich, dann lachte sie wieder, sie tanzte umher und zerriss ihre Flitterkram. Nie hat ein Affe so getollt, solche Grimassen geschnitten oder so tolle Streiche gemacht wie sie an jenem Tag. Als sie wieder ernst wurde —
„Hör zu", sagte sie, „das ist Zigeunergeschäft. Ich will, dass er mich nach Ronda mitnimmt, wo ich eine Schwester habe, die Nonne ist" (hier schrie sie wieder vor Lachen auf). „Wir werden an einer bestimmten Stelle vorbeikommen, die ich dir verraten werde. Dann musst du über ihn herfallen und ihm die Haut bis aufs Hemd abziehen. Am besten wäre es, du schaffst ihn ganz aus dem Weg, aber", fügte sie mit jenem teuflischen Lächeln hinzu, das niemand, der es sah, jemals nachzuahmen verspürte, „weißt du, was du am besten tun solltest? Lass den Einäugigen vor dir herkommen. Du bleibst ein wenig zurück. Der Krebs ist tapfer und auch geschickt, und er hat gute Pistolen. Verstehst du?"
Und sie brach wieder in einen Lachanfall aus, dass es mich schauderte.
„Nein", sagte ich, „ich hasse Garcia, aber er ist mein Kamerad. Vielleicht werde ich dich eines Tages seiner entledigen, aber wir werden unsere Rechnung nach der Sitte meiner Heimat begleichen. Nur durch Zufall bin ich ein Zigeuner geworden, und in gewissen Dingen werde ich immer ein ganzer Navarrese* sein, wie das Sprichwort sagt.
* Navarro fino.
„Du bist ein Narr", erwiderte sie, „ein Einfaltspinsel, ein richtiger Payllo. Du bist genau wie der Zwerg, der sich groß dünkt, weil er weit spucken kann.* Du liebst mich nicht! Mach, dass du fortkommst!"
* Or esorjle de or marsichisle, sin chisnar lachinguel. „Das Versprechen eines Zwerges ist, dass er weit spucken wird." — Ein Zigeunersprichwort.
Wann immer sie zu mir sagte „Mach, dass du fortkommst", konnte ich nicht weggehen. Ich versprach, zu meinen Kameraden zurückzukehren und die Ankunft des Engländers abzuwarten. Sie versprach ihrerseits, sich krank zu stellen, bis sie Gibraltar nach Ronda verließ.
Ich blieb noch zwei Tage in Gibraltar. Sie hatte die Kühnheit, sich zu verkleiden und mich in der Herberge zu besuchen. Ich brach auf, ich hatte meinen eigenen Plan. Ich kehrte zu unserem Treffpunkt zurück und berichtete von der Stelle und der Stunde, zu denen der Engländer und Carmen vorbeikommen würden. Ich fand den Dancaire und Garcia auf mich wartend. Wir verbrachten die Nacht in einem Wald, bei einem Feuer aus Pinienzapfen, das prächtig loderte. Ich schlug Garcia vor, Karten zu spielen, und er willigte ein. Beim zweiten Spiel sagte ich ihm, er betrüge; er begann zu lachen; ich warf ihm die Karten ins Gesicht. Er versuchte, nach seiner Donnerbüchse zu greifen. Ich stellte meinen Fuß darauf und sagte: „Man sagt, du kannst mit dem Messer umgehen so gut wie der beste Raufbold in Malaga; willst du es mit mir versuchen?" Der Dancaire versuchte, uns zu trennen. Ich hatte Garcia ein paar Ohrfeigen gegeben, seine Wut hatte ihm Mut gemacht, er zog sein Messer, und ich zog meines. Wir sagten beide dem Dancaire, er solle uns allein lassen und uns ausfechten lassen. Er sah, dass es kein Mittel gab, uns aufzuhalten, also trat er beiseite. Garcia war bereits geduckt, wie eine Katze, die bereit ist, auf die Maus zu springen. Er hielt seinen Hut in der linken Hand zum Parieren und sein Messer vor sich — das ist ihre andalusische Fechtstellung. Ich stand in navarresischer Art da, mit erhobenem linken Arm, dem linken Bein vor und dem Messer gerade am rechten Oberschenkel entlanggestreckt. Ich fühlte mich stärker als jeder Riese. Er flog auf mich los wie ein Pfeil. Ich drehte mich auf dem linken Fuß, sodass er vor sich nichts fand. Doch ich stieß ihm in die Kehle, und das Messer drang so tief ein, dass meine Hand unter seinem Kinn war. Ich drehte die Klinge so, dass sie brach. Das war das Ende. Die Klinge wurde von einem Blutstrahl, so dick wie mein Arm, aus der Wunde getragen, und er fiel der Länge nach auf sein Gesicht.
„Was hast du getan?" sagte der Dancaire zu mir.
„Hört her", sagte ich, „wir konnten nicht zusammen leben. Ich liebe Carmen, und ich will der Einzige sein. Und überdies war Garcia ein Schuft. Ich erinnere mich, was er jenem armen Remendado angetan hat. Wir sind jetzt nur noch zwei, aber wir sind beide gute Kerle. Nun, wollt ihr mich zum Freund haben, auf Leben und Tod?"
Der Dancaire streckte die Hand aus. Er war ein Mann von fünfzig Jahren.
„Hol' der Teufel diese Liebesgeschichten!" rief er. „Wenn du ihn um Carmen gebeten hättest, hätte er sie dir für eine Piaster verkauft! Wir sind nur noch zwei — wie wollen wir es morgen anstellen?"
„Ich werde alles allein regeln", antwortete ich. „Ich kann jetzt der ganzen Welt die Stirn bieten."
Wir begruben Garcia und schlugen unser Lager zweihundert Schritte weiter auf. Am nächsten Morgen kamen Carmen und ihr Engländer mit zwei Maultiertreibern und einem Diener des Weges. Ich sagte zum Dancaire:
„Ich kümmere mich um den Engländer, du jagst den anderen einen Schrecken ein — sie sind unbewaffnet!"
Der Engländer war ein mutiger Kerl. Er hätte mich getötet, wenn Carmen ihm nicht in den Arm gestoßen hätte.
Kurz gesagt, ich gewann Carmen an jenem Tag zurück, und meine ersten Worte waren, ihr zu sagen, sie sei eine Witwe.
Als sie erfuhr, wie es zugegangen war —
„Du wirst immer ein Lillipendi sein", sagte sie. „Garcia hätte dich töten müssen. Deine navarresische Fechtstellung ist Unsinn, und er hat weit geschicktere Männer als du in die Finsternis geschickt. Es war einfach, dass seine Stunde gekommen war — und deine wird auch kommen."
„Ja, und deine auch! — wenn du mir keine treue Romi bist."
„So sei es", sagte sie. „Ich habe mehr als einmal im Kaffeesatz gelesen, dass du und ich unser Leben gemeinsam beenden sollten. Pah! Was sein muss, wird sein!" und sie klapperte mit den Kastagnetten, wie sie es tat, wenn sie einen quälenden Gedanken vertreiben wollte.
Man redet weiter, wenn man von sich selbst erzählt. Ich vermute, all diese Einzelheiten langweilen Sie, aber ich werde bald am Ende meiner Geschichte sein. Unser neues Leben dauerte einige beträchtliche Zeit an. Der Dancaire und ich sammelten ein paar Kameraden um uns, die vertrauenswürdiger waren als unsere früheren, und wir richteten unsere Aufmerksamkeit auf den Schmuggel. Gelegentlich, das muss ich gestehen, hielten wir auch Reisende auf den Landstraßen an, aber niemals, es sei denn, wir waren im äußersten Notstand und konnten es nicht vermeiden; und überdies misshandelten wir die Reisenden nie und beschränkten uns darauf, ihnen ihr Geld abzunehmen.
Einige Monate lang war ich mit Carmen sehr zufrieden. Sie unterstützte uns weiterhin bei unseren Schmuggelunternehmen, indem sie uns auf jede günstige Gelegenheit für einen guten Fang hinwies. Sie hielt sich entweder in Malaga, Córdoba oder Granada auf, doch auf ein Wort von mir verließ sie alles und kam, um mich in irgendeiner Venta oder sogar in unserem einsamen Lager zu treffen. Nur einmal — es war in Malaga — bereitete sie mir einige Unruhe. Ich hörte, sie habe ihre Gunst einem sehr reichen Kaufmann zugewandt, mit dem sie wahrscheinlich vorhatte, ihr Gibraltar-Stückchen wieder aufzuführen. Trotz allem, was der Dancaire sagte, um mich aufzuhalten, brach ich auf, ging bei hellem Tageslicht nach Malaga, suchte Carmen auf und entführte sie auf der Stelle. Wir hatten einen heftigen Wortwechsel.
„Weißt du", sagte sie, „jetzt, wo du mein Rom für immer und ewig bist, bin ich nicht mehr so vernarrt in dich wie damals, als du mein Minchorro warst! Ich lasse mich nicht quälen, und vor allem lasse ich mich nicht herumkommandieren. Ich will frei sein, zu tun, was mir beliebt. Nimm dich in Acht, mich nicht zu weit zu treiben; wenn du mich mürbe machst, finde ich schon einen guten Kerl, der dir genauso dienen wird, wie du dem Einäugigen gedient hast."
Der Dancaire flickte es zwischen uns zusammen; doch wir hatten einander Dinge gesagt, die uns in den Herzen nagten, und wir waren nicht mehr wie zuvor. Kurz darauf hatten wir ein Missgeschick: die Soldaten fingen uns, der Dancaire und zwei meiner Kameraden wurden getötet; zwei weitere wurden gefangen genommen. Ich war schwer verwundet, und ohne mein gutes Pferd wäre ich den Soldaten in die Hände gefallen. Halbtot vor Erschöpfung und mit einer Kugel im Leib suchte ich Zuflucht in einem Wald, mit meinem einzigen verbliebenen Kameraden. Als ich vom Pferd stieg, wurde ich ohnmächtig, und ich dachte, ich würde dort im Gestrüpp sterben wie ein angeschossener Hase. Mein Kamerad trug mich in eine Höhle, die er kannte, und dann schickte er, Carmen zu holen.
Sie war in Granada, und sie eilte sofort zu mir. Eine ganze Woche lang verließ sie mich nicht eine einzige Sekunde. Sie schloss die Augen nicht; sie pflegte mich mit einer Geschicklichkeit und Sorgfalt, wie keine Frau sie je dem Mann erwiesen hat, den sie am zärtlichsten liebte. Sobald ich wieder auf den Füßen stehen konnte, brachte sie mich mit äußerster Geheimhaltung nach Granada. Diese Zigeunerinnen finden überall sichere Unterschlupfe, und ich verbrachte mehr als sechs Wochen in einem Haus, nur zwei Türen von dem des Corregidor entfernt, der mich zu verhaften suchte. Mehr als einmal sah ich ihn hinter dem Fensterladen vorbeigehen. Endlich genas ich, doch ich hatte auf meinem Krankenlager viel nachgedacht und erwogen, meine Lebensweise zu ändern. Ich schlug Carmen vor, wir sollten Spanien verlassen und in der Neuen Welt ein ehrliches Auskommen suchen. Sie lachte mir ins Gesicht.
„Wir sind nicht dazu geboren, Kohl zu pflanzen", rief sie. „Unser Schicksal ist es, als Payllos zu leben! Hört: Ich habe ein Geschäft mit Nathan Ben-Joseph in Gibraltar vereinbart. Er hat Baumwollstoffe, die er nicht durchbringen kann, bis du kommst, sie abzuholen. Er weiß, dass du lebst, und rechnet mit dir. Was würden unsere Gibraltarer Geschäftsfreunde sagen, wenn du sie im Stich ließest?"
Ich ließ mich überreden und nahm mein schändliches Gewerbe wieder auf.
Während ich mich in Granada versteckte, fanden dort Stierkämpfe statt, die Carmen besuchte. Als sie zurückkam, sprach sie viel von einem geschickten Picador namens Lucas. Sie kannte den Namen seines Pferdes und wie viel seine bestickte Jacke gekostet hatte. Ich schenkte dem keine Beachtung; doch wenige Tage später erzählte mir Juanito, der einzige meiner Kameraden, der übrig war, er habe Carmen mit Lucas in einem Laden in der Zacatín gesehen. Da begann ich, beunruhigt zu sein. Ich fragte Carmen, wie und warum sie die Bekanntschaft des Picadors gemacht habe.
„Er ist ein Mann, aus dem wir etwas herausholen können", sagte sie. „Ein lauter Bach hat entweder Wasser oder Kieselsteine. Er hat zwölfhundert Reales bei den Stierkämpfen verdient. Es muss eines von beiden sein: wir müssen entweder sein Geld haben, oder, da er ein guter Reiter und ein mutiger Kerl ist, können wir ihn in unsere Bande aufnehmen. Wir haben den und den verloren; du musst sie ersetzen. Nimm diesen Mann mit dir!"
„Ich will weder sein Geld noch ihn selbst", erwiderte ich, „und ich verbiete dir, mit ihm zu sprechen."
„Nimm dich in Acht!" gab sie zurück. „Wenn mich einer herausfordert, etwas zu tun, dann geschieht es sehr schnell."
Glücklicherweise reiste der Picador nach Malaga ab, und ich machte mich daran, die Baumwollstoffe des Juden hereinzubringen. Dieser Auftrag gab mir und ebenso Carmen viel zu tun. Ich vergaß Lucas, und vielleicht vergaß auch sie ihn — für den Augenblick jedenfalls. Es war ungefähr um diese Zeit, Herr, dass ich Sie traf, zuerst in Montilla und dann später in Córdoba. Von jener letzten Begegnung will ich nicht reden. Sie wissen vielleicht mehr darüber als ich. Carmen stahl Ihnen Ihre Uhr, sie wollte auch Ihr Geld haben, und besonders jenen Ring, den ich an Ihrem Finger sehe, und von dem sie erklärte, es sei ein Zauberring, dessen Besitz ihr sehr wichtig sei. Wir hatten einen heftigen Streit, und ich schlug sie. Sie wurde bleich und begann zu weinen. Es war das erste Mal, dass ich sie weinen sah, und es ergriff mich auf schmerzlichste Weise. Ich bat sie, mir zu verzeihen, aber sie schmollte einen ganzen Tag lang mit mir, und als ich nach Montilla aufbrach, wollte sie mich nicht küssen. Mein Herz war noch sehr bekümmert, als sie mich drei Tage später mit lachendem Gesicht aufsuchte, fröhlich wie eine Lerche. Alles war vergessen, und wir waren wie ein frischvermähltes Paar. Gerade als wir uns trennten, sagte sie: „In Córdoba ist ein Fest; ich werde es mir ansehen, und dann werde ich wissen, wer mit Geld nach Hause gehen wird, und kann dich warnen."
Ich ließ sie gehen. Als ich allein war, dachte ich über das Fest und über die Veränderung in Carmens Laune nach. „Sie muss sich bereits gerächt haben", sagte ich zu mir selbst, „denn sie war es, die unseren Streit zuerst beilegte." Ein Bauer erzählte mir, in Córdoba solle ein Stierkampf stattfinden. Da begann mein Blut zu kochen, und ich rannte wie ein Wahnsinniger geradewegs zur Stierkampfarena. Man wies mir Lucas, und auf der Bank, direkt neben der Schranke, erkannte ich Carmen. Ein Blick auf sie genügte, um meinen Verdacht zur Gewissheit zu machen. Als der erste Stier erschien, begann Lucas, wie ich erwartet hatte, den Gefälligen zu spielen; er riss die Kokarde vom Stier und überreichte sie Carmen, die sie sich sogleich ins Haar steckte.*
* La divisa. Ein Bandknoten, dessen Farbe die Weide bezeichnet, von der jeder Stier stammt. Dieser Bandknoten wird dem Stier mit einer Art Haken in die Haut gesteckt, und es gilt als höchste Galanterie, ihn dem lebenden Tier abzureißen und einer Frau zu überreichen.
Der Stier rächte mich. Lucas wurde zu Boden geworfen, mit seinem Pferd auf der Brust und dem Stier obendrauf auf beiden. Ich suchte Carmen, sie war bereits von ihrem Platz verschwunden. Ich konnte meinen nicht verlassen und musste warten, bis der Stierkampf vorüber war. Dann ging ich zu jenem Haus, das Sie bereits kennen, und wartete dort den ganzen Abend und einen Teil der Nacht ruhig. Gegen zwei Uhr morgens kam Carmen zurück und war einigermaßen überrascht, mich zu sehen.
„Komm mit mir", sagte ich.
„Sehr gut", sagte sie, „gehen wir."
Ich holte mein Pferd und nahm sie hinter mir auf, und wir ritten die ganze übrige Nacht, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Als der Tag anbrach, hielten wir bei einer einsamen Herberge, nicht weit von einem Einsiedlerort. Dort sagte ich zu Carmen:
„Hör zu — ich vergesse alles, ich werde dir gegenüber nichts erwähnen. Aber schwöre mir eines — dass du mit mir nach Amerika kommen und dort ruhig leben wirst!"
„Nein", sagte sie mit verdrießlicher Stimme, „ich gehe nicht nach Amerika — mir geht es hier sehr gut."
„Das kommt daher, dass du in der Nähe von Lucas bist. Aber sei versichert, selbst wenn er jetzt genesen sollte, wird er nicht alt dabei werden. Und warum sollte ich mich überhaupt mit ihm streiten? Ich bin es müde, alle deine Liebhaber umzubringen; diesmal werde ich dich töten."
Sie sah mich fest an mit ihren wilden Augen, dann sagte sie:
„Ich habe immer gedacht, dass du mich töten würdest. Gleich als ich dich zum ersten Mal sah, war mir gerade ein Priester an der Tür meines Hauses begegnet. Und heute Nacht, als wir Córdoba verließen, hast du nichts gesehen? Ein Hase lief zwischen den Beinen deines Pferdes über den Weg. Es ist das Schicksal."
„Carmencita", fragte ich, „liebst du mich nicht mehr?"
Sie gab mir keine Antwort, sie saß mit untergeschlagenen Beinen auf einer Matte und machte mit dem Finger Zeichen auf den Boden.
„Lass uns unser Leben ändern, Carmen", sagte ich flehend. „Lass uns fortgehen und irgendwo leben, wo man uns nie trennt. Du weißt, wir haben hundertzwanzig Goldunzen unter einer Eiche nicht weit von hier vergraben, und dann haben wir noch mehr Geld bei Ben-Joseph dem Juden."
Sie begann zu lächeln, dann sagte sie: „Ich zuerst, und dann du. Ich weiß, es wird so kommen."
„Denk darüber nach", sagte ich. „Meine Geduld und mein Mut sind am Ende. Entscheide dich — oder ich muss mich entscheiden."
Ich ließ sie allein und ging zum Einsiedlerort. Ich fand den Eremiten betend. Ich wartete, bis sein Gebet beendet war. Mich verlangte danach, selbst zu beten, aber ich konnte nicht. Als er sich von den Knien erhob, ging ich zu ihm.
„Vater", sagte ich, „wollt Ihr für jemanden beten, der in großer Gefahr ist?"
„Ich bete für jeden, der leidet", antwortete er.
„Könnt Ihr eine Messe lesen für eine Seele, die vielleicht bald vor ihren Schöpfer treten wird?"
„Ja", antwortete er und sah mich scharf an.
Und da etwas Seltsames an mir war, versuchte er, mich zum Reden zu bringen.
„Es kommt mir so vor, als hätte ich Euch irgendwo gesehen", sagte er.
Ich legte eine Piaster auf seine Bank.
„Wann werdet Ihr die Messe lesen?" sagte ich.
„In einer halben Stunde. Der Sohn des Herbergswirts dort drüben kommt, um sie zu dienen. Sagt mir, junger Mann, habt Ihr nicht etwas auf dem Gewissen, das Euch quält? Wollt Ihr auf den Rat eines Christenmenschen hören?"
„Ich konnte meine Tränen kaum zurückhalten. Ich sagte ihm, ich würde wiederkommen, und eilte fort. Ich ging und legte mich ins Gras, bis ich die Glocke hörte. Dann kehrte ich zur Kapelle zurück, doch ich blieb vor ihr stehen. Als er die Messe gelesen hatte, ging ich zur Venta zurück. Ich hoffte, Carmen würde geflohen sein. Sie hätte mein Pferd nehmen und davonreiten können. Aber ich fand sie noch dort. Sie wollte nicht, daß jemand sagen konnte, ich hätte ihr Furcht eingejagt. Während ich fort gewesen war, hatte sie den Saum ihres Kleides aufgetrennt und das Blei herausgenommen, das es beschwert hatte; und nun saß sie vor einem Tisch und blickte in eine Schale mit Wasser, in die sie soeben das geschmolzene Blei geworfen hatte. Sie war so in ihre Zaubereien vertieft, daß sie meine Rückkehr zunächst nicht bemerkte. Manchmal nahm sie ein Stück Blei heraus und drehte es nach allen Seiten mit einem schwermütigen Blick. Manchmal sang sie einen jener Zaubergesänge, die die Hilfe Maria Padellas heraufbeschwören, der Geliebten Don Pedros, von der es heißt, sie sei die _Bari Crallisa_ gewesen – die große Zigeunerkönigin.*
* Maria Padella wurde beschuldigt, Don Pedro verhext zu haben. Einer volkstümlichen Überlieferung zufolge schenkte sie Königin Blanche von Bourbon einen goldenen Gürtel, der in den Augen des verzauberten Königs die Gestalt einer lebendigen Schlange annahm. Daher die Abneigung, die er der unglücklichen Prinzessin stets entgegenbrachte.
‚Carmen‘, sagte ich zu ihr, ‚willst du mit mir kommen?‘ Sie stand auf, warf ihre hölzerne Schale weg und legte ihr Tuch über den Kopf, reisefertig. Mein Pferd wurde herangeführt, sie saß hinter mir auf, und wir ritten davon.
Nachdem wir ein Stück Weges zurückgelegt hatten, sagte ich zu ihr: ‚Nun, meine Carmen, du bist ganz bereit, mir zu folgen, nicht wahr?‘
Sie antwortete: ‚Ja, ich werde dir folgen, selbst in den Tod – aber mit dir leben werde ich nicht mehr.’
Wir hatten eine einsame Schlucht erreicht. Ich hielt mein Pferd an.
‚Ist dies der Ort?‘ sagte sie.
Und mit einem Sprung war sie auf dem Boden. Sie nahm ihr Tuch ab, warf es zu ihren Füßen und stand reglos, eine Hand in die Hüfte gestemmt, und sah mich unverwandt an.
‚Du willst mich töten, das sehe ich wohl‘, sagte sie. ‚Es ist das Schicksal. Aber du wirst mich niemals gefügig machen.’
Ich sagte zu ihr: ‚Sei vernünftig, ich flehe dich an; höre mich an. Die ganze Vergangenheit soll vergessen sein. Doch du weißt, daß du mein Verderben gewesen bist – deinetwegen bin ich ein Räuber und ein Mörder. Carmen, meine Carmen, laß mich dich retten und rette dich mit mir.’
‚José‘, antwortete sie, ‚was du verlangst, ist unmöglich. Ich liebe dich nicht mehr. Du liebst mich noch, und deshalb willst du mich töten. Wenn ich wollte, könnte ich dir eine andere Lüge auftischen, aber ich gebe mir nicht die Mühe. Zwischen uns beiden ist alles aus. Du bist mein Rom, und du hast das Recht, deine Romi zu töten, doch Carmen wird immer frei sein. Eine Calli wurde sie geboren, und eine Calli wird sie sterben.’
‚Also liebst du Lucas?‘ fragte ich.
‚Ja, ich habe ihn geliebt – wie ich dich geliebt habe – einen Augenblick lang – vielleicht weniger, als ich dich geliebt habe. Aber jetzt liebe ich nichts mehr, und ich hasse mich dafür, daß ich dich jemals geliebt habe.’
Ich warf mich zu ihren Füßen, ergriff ihre Hände, netzte sie mit meinen Tränen, erinnerte sie an all die glücklichen Stunden, die wir miteinander verbracht hatten, bot ihr an, mein Räuberleben fortzusetzen, wenn ihr das gefiele. Alles, mein Herr, alles – ich bot ihr alles an, wenn sie mich nur wiederlieben wolle.
Sie sagte:
‚Dich wiederlieben? Das ist nicht möglich! Mit dir leben? Das will ich nicht!’
Ich war von Sinnen vor Wut. Ich zog mein Messer; ich wollte, daß sie sich fürchtete und um Gnade flehte – doch diese Frau war ein Dämon.
Ich rief: ‚Zum letzten Mal frage ich dich. Willst du bei mir bleiben?‘
‚Nein! Nein! Nein!‘ sagte sie und stampfte mit dem Fuß.
Dann zog sie einen Ring, den ich ihr gegeben hatte, vom Finger und schleuderte ihn ins Gesträuch.
Ich schlug zweimal auf sie ein – ich hatte Garcías Messer genommen, weil das meine zerbrochen war. Beim zweiten Stoß sank sie lautlos zu Boden. Es kommt mir vor, als sähe ich noch immer ihre großen schwarzen Augen auf mich starren. Dann wurden sie trübe, und die Lider schlossen sich.
Eine gute Stunde lag ich ausgestreckt neben ihrer Leiche. Dann erinnerte ich mich, daß Carmen mir oft gesagt hatte, sie möchte gern in einem Walde begraben sein. Ich grub ihr mit meinem Messer ein Grab und bettete sie hinein. Ich suchte lange nach ihrem Ring und fand ihn endlich. Ich legte ihn neben sie in das Grab, mit einem kleinen Kreuz – vielleicht habe ich Unrecht getan. Dann stieg ich auf mein Pferd, galoppierte nach Córdoba und stellte mich in der nächsten Wache. Ich sagte ihnen, ich hätte Carmen getötet, doch ich wollte ihnen nicht sagen, wo ihre Leibe liege. Jener Eremit war ein heiliger Mann! Er betete für sie – er las eine Messe für ihre Seele. Armes Kind! Die Calle sind schuld, daß sie sie so aufgezogen haben.’
## VIERTES KAPITEL
Spanien ist eines der Länder, in denen jene Nomaden, die über ganz Europa verstreut sind und als Bohémiens, Gitanos, Zigeuner und wie sie sonst heißen, heute in größter Zahl anzutreffen sind. Die meisten dieser Menschen leben, oder vielmehr wandern, in den südlichen und östlichen Provinzen Spaniens, in Andalusien und Estremadura, im Königreich Murcia. Sehr zahlreich sind sie in Katalonien. Diese letzteren gehen häufig nach Frankreich hinüber und sind auf allen unseren südlichen Märkten zu sehen. Die Männer nennen sich gewöhnlich Pferdeknechte, Roßärzte, Maultierputzer; zu diesen Gewerben fügen sie das Flicken von Töpfen und Messinggeschirr, vom Schmuggel und anderen unerlaubten Geschäften ganz zu schweigen. Die Frauen wahrsagen, betteln und verkaufen allerlei Tränke, deren einige unschuldig sind, andere nicht. Die körperlichen Merkmale der Zigeuner lassen sich leichter erkennen als beschreiben, und wenn man einen gesehen hat, sollte man ein Mitglied dieses Volkes unter tausend anderen Menschen herauszufinden vermögen. Vor allem sind es ihre Gesichtszüge und ihr Ausdruck, durch die sie sich von den übrigen Bewohnern desselben Landes unterscheiden. Ihr Teint ist überaus dunkel, stets dunkler als der des Volkes, unter dem sie leben. Daher der Name Cale (Schwarze), den sie sich selbst häufig beilegen.* Ihre Augen, entschieden schräg gestellt, sind groß, sehr schwarz und von langen, schweren Wimpern beschattet. Ihr Blick läßt sich nur mit dem eines wilden Tieres vergleichen. Er ist zugleich kühn und scheu, und in dieser Hinsicht sind ihre Augen ein getreuer Spiegel ihres Volkstums, das verschlagen und kühn ist, aber mit der „angeborenen Angst vor Schlägen“ gleich Panurge. Die meisten Männer sind stramme Kerle, schlank und behende. Ich erinnere mich nicht, je einen dicken Zigeuner gesehen zu haben. In Deutschland sind die Zigeunerinnen oft sehr hübsch; doch unter den spanischen Gitanas ist Schönheit äußerst selten. In sehr jungen Jahren mögen sie in ihrer Hässlichkeit noch eine gewisse Anziehungskraft besitzen, doch sobald sie einmal Mütter geworden sind, werden sie schlechterdings abstoßend. Die Unsauberkeit beider Geschlechter ist unvorstellbar, und wer nicht das Haar einer Zigeunermutter gesehen hat, kann sich keine Vorstellung davon machen, selbst wenn er sich die struppigsten, fettesten und staubigsten Häupter vorstellt, die es je gegeben hat. In manchen großen andalusischen Städten pflegen einige der Gitanos, die etwas besser aussehen als ihre Genossinnen, mehr Sorgfalt auf ihre äußere Erscheinung zu verwenden. Diese gehen aus und verdienen Geld mit Tänzen, die jenen stark ähneln, die zu unserer Karnevalszeit auf öffentlichen Bällen verboten sind. Ein englischer Missionar, Herr Borrow, der Verfasser zweier sehr interessanter Werke über die spanischen Zigeuner, die er im Auftrag der Bibelgesellschaft zu bekehren unternahm, erklärt, es gebe keinen Fall, daß eine Gitana auch nur die geringste Schwäche für einen Mann gezeigt hätte, der nicht zu ihrem eigenen Volke gehört. Das Lob, das er ihrer Keuschheit zollt, erscheint mir überaus übertrieben. Erstens befinden sich die meisten in der Lage der häßlichen Frau, die Ovid beschrieben hat: „_Casta quam nemo rogavit_.“ Die hübschen aber sind, wie alle Spanierinnen, sehr wählerisch in der Wahl ihrer Liebhaber. Man muß ihre Laune gewinnen und sich ihre Gunst verdienen. Herr Borrow führt zum Beweis ihrer Tugend einen Zug an, der seiner eigenen Ehre und besonders seiner Einfalt zur Ehre gereicht: er versichert, ein ihm bekannter sittenloser Mann habe einer hübschen Gitana mehrere Goldunzen angeboten, und zwar vergeblich. Ein Andalusier, dem ich diese Geschichte erzählte, behauptete, der betreffende sittenlose Mann hätte weit mehr Erfolg gehabt, wenn er dem Mädchen zwei oder drei Piaster gezeigt hätte, und daß einer Zigeunerin Goldunzen anzubieten ein ebenso schlechtes Überredungsmittel sei, wie einer Tavernendirne ein paar Millionen zu versprechen. Wie dem auch sei, so viel steht fest: die Gitana zeigt ihrem Manne gegenüber die außerordentlichste Hingebung. Es gibt keine Gefahr und kein Leid, das sie nicht auf sich nähme, um ihm in seiner Not beizustehen. Einer der Namen, die die Zigeuner sich selbst beilegen, Rome, das „Ehepaar“, scheint mir ein Beweis für ihre volkliche Achtung vor dem Ehestand zu sein. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß ihre größte Tugend ihr Patriotismus ist – wenn wir so die Treue nennen dürfen, die sie in allen ihren Beziehungen zu Personen desselben Ursprungs wie dem ihren beobachten, ihre Bereitschaft, einander beizustehen, und die unanta{stbare Verschwiegenheit, die sie zum gegenseitigen Nutzen in allen verfänglichen Angelegenheiten wahren. Und in der Tat läßt sich etwas Ähnliches bei allen geheimen Verbindungen beobachten, die jenseits des Gesetzes stehen.
* Mir ist aufgefallen, daß die deutschen Zigeuner, obwohl sie das Wort Cale sehr gut verstehen, sich nicht gern so nennen lassen. Untereigenander gebrauchen sie stets die Bezeichnung Romane tschave.
Vor einigen Monaten besuchte ich einen Zigeunerstamm in den Vogesen. In der Hütte einer alten Frau, des ältesten Mitgliedes des Stammes, fand ich einen Zigeuner, der in keinerlei verwandtschaftlicher Beziehung zu der Familie stand und an einer tödlichen Krankheit darniederlag. Der Mann hatte ein Krankenhaus verlassen, wo man ihn gut versorgt hatte, um unter den Seinen zu sterben. Dreizehn Wochen hatte er in deren Lager im Bett gelegen und eine weit bessere Behandlung erfahren als alle Söhne und Schwiegersöhne, die sein Obdach mit ihm teilten. Er hatte ein gutes Bett aus Stroh und Moos und leidlich weiße Laken, während die übrige Familie, die aus elf Personen bestand, auf drei Fuß langen Brettern schlief. So viel zu ihrer Gastfreundschaft. Dieselbe Frau, die ihren Gast so menschlich behandelte, sagte mir beständig vor dem Kranken: „Singo, singo, homte hi mulo.“ „Bald, bald muß er sterben.“ Schließlich führen diese Menschen ein so elendes Leben, daß die Erwähnung des nahenden Todes für sie nichts Furchtbares haben kann.
Ein bemerkenswerter Zug im Charakter der Zigeuner ist ihre Gleichgültigkeit in religiösen Dingen. Nicht etwa, daß sie stark im Geiste oder skeptisch wären. Sie haben niemals ein Bekenntnis zum Atheismus abgelegt. Im Gegenteil, die Religion des Landes, in dem sie leben, ist stets die ihre; doch sie wechseln die Religion, wenn sie das Land ihres Aufenthalts wechseln. Ebenso frei sind sie von jenem Aberglauben, der bei den Ungebildeten an die Stelle religiösen Empfindens tritt. Wie sollte auch Aberglaube unter einem Volke bestehen, das für gewöhnlich seinen Lebensunterhalt aus der Leichtgläubigkeit anderer zieht? Dennoch habe ich bei den spanischen Zigeunern eine besondere Scheu bemerkt, eine Leiche anzufassen. Nur sehr wenige von ihnen ließen sich dazu bewegen, einen Toten zu Grabe zu tragen, selbst wenn man sie dafür bezahlte.
Ich habe gesagt, daß die meisten Zigeunerinnen das Wahrsagen übernehmen. Sie tun dies mit großem Geschick. Eine noch ergiebigere Einnahmequelle finden sie jedoch im Verkauf von Zaubermitteln und Liebestränken. Nicht nur liefern sie Krötenkrallen, um flatterhafte Herzen festzuhalten, und gepulverten Magneteisenstein, um in kalte Herzen Liebe zu entfachen, sondern wenn die Not es erfordert, wissen sie mächtige Beschwörungen anzuwenden, die den Teufel zwingen, ihnen seine Hilfe zu leihen. Im vergangenen Jahr wurde mir folgende Geschichte von einer spanischen Dame erzählt. Sie ging eines Tages über die Calle de Alcalá, sehr traurig und bekümmert. Eine Zigeunerin, die auf dem Pflaster hockte, rief ihr zu: „Meine Schöne, dein Liebster hat dich betrogen!“ (Es war ganz und gar wahr.) „Soll ich ihn dir zurückbringen?“ Meine Leser werden sich vorstellen, mit welcher Freude der Vorschlag angenommen wurde und wie vollkommen das Vertrauen war, das eine Person einflößte, die so die innersten Geheimnisse des Herzens erraten konnte. Da es unmöglich war, mitten auf der belebtesten Straße von Madrid die Verrichtungen der Zauberei vorzunehmen, wurde für den nächsten Tag eine Zusammenkunft verabredet. „Nichts wird leichter sein, als den Treulosen dir zu Füßen zurückzubringen!“ sagte die Gitana. „Hast du zufällig ein Taschentuch, ein Halstuch oder ein Mantilla, das er dir geschenkt hat?“ Ein seidenes Halstuch wurde ihr überreicht. „Nähe nun eine Piaster in eine Ecke des Tuches mit karmesinroter Seide – nähe eine halbe Piaster in eine andere Ecke – nähe hier eine Pesete fest – und dort ein Zweirealesstück; dann mußt du in die Mitte eine Goldmünze nähen – am besten einen Dublonen.“ Die Dublone und alle übrigen Münzen wurden ordnungsgemäß eingenäht. „Gib mir jetzt das Tuch, und ich werde es auf den Campo Santo bringen, wenn Mitternacht schlägt. Komm mit mir, wenn du ein schönes Stück Zauberei sehen willst. Ich verspreche dir, daß du morgen den Mann, den du liebst, sehen wirst!“ Die Zigeunerin machte sich allein auf den Weg zum Campo Santo, da meine spanische Freundin sich zu sehr vor der Zauberei fürchtete, um sie zu begleiten. Ich überlasse es meinen Lesern zu erraten, ob meine arme verlassene Dame je ihren Liebsten oder ihr Halstuch wiedersah.
Trotz ihrer Armut und der Art Abneigung, die sie einflößen, werden die Zigeuner von den ungebildeteren Leuten mit einer gewissen Rücksicht behandelt, und sie sind sehr stolz darauf. Sie halten sich für ein den übrigen an Klugheit überlegenes Volk und verachten von Herzen die Leute, deren Gastfreundschaft sie genießen. „Diese Goja sind so dumm“, sagte mir einer der Vogesen-Zigeuner, „daß es keine Ehre ist, sie zu übertölpeln. Neulich rief mich eine Bäuerin auf der Straße an. Ich ging in ihr Haus. Ihr Ofen rauchte, und sie bat mich, ihr einen Zauber dagegen zu geben. Zuerst ließ ich mir ein gutes Stück Speck geben, dann begann ich, ein paar Worte in Romanes zu murmeln. ‚Du bist eine Närrin‘, sagte ich, ‚du bist als Närrin geboren und wirst als Närrin sterben!‘ Als ich mich der Tür näherte, sagte ich zu ihr in gutem Deutsch: ‚Das sicherste Mittel, deinen Ofen am Rauchen zu hindern, ist, kein Feuer darin anzuzünden!‘ und dann nahm ich Reißaus.’“
Die Geschichte der Zigeuner ist noch immer ein Rätsel. Wir wissen zwar, daß ihre ersten Scharen, die noch vereinzelt und selten waren, zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts im östlichen Europa auftauchten. Doch niemand kann sagen, woher sie kamen oder warum sie nach Europa kamen, und was noch erstaunlicher ist: niemand weiß, wie sie sich in kurzer Zeit so ungeheuer vermehren konnten, und zwar in mehreren, weit voneinander entfernten Ländern. Die Zigeuner selbst haben keinerlei Überlieferung über ihren Ursprung bewahrt, und wenn die meisten Ägypten als ihre ursprüngliche Heimat bezeichnen, so nur deshalb, weil sie ein uraltes Märchen über ihr Volk angenommen haben.
Die meisten Orientalisten, die die Zigeunersprache studiert haben, glauben, daß die Wiege des Volkes in Indien stand. Es zeigt sich nämlich, daß viele der Wurzeln und grammatischen Formen des Romanes sich in Sprachen wiederfinden, die aus dem Sanskrit hervorgegangen sind. Wie man sich denken kann, haben die Zigeuner auf ihren langen Wanderungen viele fremde Wörter aufgenommen. In jedem Romani-Dialekt erscheint eine Anzahl griechischer Wörter.
Heute haben die Zigeuner beinahe so viele Mundarten wie getrennte Horden ihres Volkes. Überall sprechen sie die Sprache des Landes, in dem sie wohnen, leichter als ihre eigene, die sie nur selten gebrauchen, außer wenn sie ungehindert vor Fremden reden wollen. Ein Vergleich des Dialekts der deutschen Zigeuner mit dem der spanischen, die seit Jahrhunderten keinen Verkehr mehr miteinander gehabt haben, zeigt das Vorhandensein einer großen Zahl beiden gemeinsamer Wörter. Doch ist überall die Ursprache durch die Berührung mit den gebildeteren Sprachen, deren Gebrauch die Nomaden gezwungenermaßen annehmen mußten, mehr oder weniger stark verändert worden. Das Deutsche im einen und das Spanische im anderen Falle haben das romanische Grundgerüst so umgeformt, daß ein Zigeuner aus dem Schwarzwald nicht mit einem seiner andalusischen Brüder sprechen könnte, obwohl wenige Sätze auf jeder Seite genügten, um beide zu überzeugen, daß jeder einen Dialekt derselben Sprache redet. Gewisse sehr häufig gebrauchte Wörter sind, soviel ich weiß, allen Dialekten gemeinsam. So bedeutet in jedem Wörterbuch, das ich einsehen konnte, pani Wasser, manro Brot, mas Fleisch und lon Salz.
Die Zahlwörter sind fast durchweg dieselben. Der deutsche Dialekt scheint mir weit reiner als der spanische, denn er hat zahlreiche ursprüngliche grammatische Formen bewahrt, während die Gitanos diejenigen der kastilischen Sprache angenommen haben. Dennoch bilden einige Wörter eine Ausnahme, gleichsam zum Beweis, daß die Sprache ursprünglich allen gemeinsam war. Die Vergangenheit des deutschen Dialekts wird gebildet, indem dem Imperativ, der stets die Wurzel des Verbums bildet, ium angefügt wird. Im spanischen Romanes werden alle Zeitwörter nach dem Muster der ersten Konjugation der kastilischen Verben gebeugt. Von jamar, dem Infinitiv von „essen“, müßte die regelmäßige Beugung jame, „ich habe gegessen“, lauten. Von lillar, „nehmen“, lille, „ich habe genommen“. Dennoch sagen einige alte Zigeuner als Ausnahme jayon und lillon. Andere Zeitwörter, die diese alte Form bewahrt hätten, sind mir nicht bekannt.
Während ich so meine geringe Kenntnis des Romanes zur Schau stelle, möchte ich auf einige Wörter des französischen Argot hinweisen, die unsere Gauner den Zigeunern entlehnt haben. Durch Les Mystères de Paris haben brave Leute erfahren, daß das Wort Chourin „Messer“ bedeutet. Das ist reines Romanes – tschouri ist eines der Wörter, die allen Dialekten gemeinsam sind. Herr Vidocq nennt ein Pferd gres – auch dies ist ein Zigeunerwort – gras, gre, graste und gris. Füge das Wort romanichel hinzu, mit dem die Zigeuner im Pariser Argot bezeichnet werden. Es ist eine Entstellung von romane tschave – „Zigeunerjungen“. Eine Etymologie aber, auf die ich wirklich stolz bin, ist die des Wortes Frimousse, „Gesicht“, „Antlitz“ – ein Wort, das jeder Schuljunge gebraucht, oder zu meiner Zeit gebrauchte. Beachte zunächst, daß Oudin in seinem seltsamen, 1640 erschienenen Wörterbuch das Wort firlimouse schrieb. Nun bedeutet aber im Romanes firla oder fila „Gesicht“ und hat eben diese Bedeutung – es ist genau das os der Lateiner. Die Zusammensetzung firlamui wurde von einem echten Zigeuner auf der Stelle verstanden, und ich glaube, daß sie dem Geist der Zigeunersprache treu bleibt.
Ich habe gewiß genug gesagt, um den Lesern der Carmen eine günstige Vorstellung von meinen Romanes-Studien zu geben. Ich will mit folgendem Sprichwort schließen, das sehr passend hierher gehört: En retudi panda nasti abela macha. „Zwischen geschlossenen Lippen kommt keine Fliebe hindurch.“