myebooksbuy
My Books

Children of the Whirlwind

by Leroy Scott · in German

KINDER DES WIRBELWINDS

Von Leroy Scott

KAPITEL I

Es war ein wenig inspirierender Straßenabschnitt: eng, mit Kopfsteinpflaster belegt; im Sommer heiß und lärmend, während der Monate mit Sprühregen und schlammigem Schnee von einer ungesunden Ausdünstung durchdrungen. An diesem Maitag sah die Straße alles andere als nach einem Ausgangspunkt für ein Drama aus. Doch die großen Dramen des Lebens meiden oft die prächtigen Anwesen und die Staffage, mit denen die konventionelle Romantik sie auszustatten pflegt, und nehmen ihren Anfang in den unwahrscheinlichsten Umgebungen; von dort aus stürmen sie dann voran zu einer edlen, zehrenden Tragödie oder zu einer glorreichen Entfaltung der Seelen. Das Leben ist ein Gefüge aus Widersprüchen – ein Rätsel für die Weisesten unter uns: Die Lilie, die ihre anmutige Reinheit in die Höhe reckt, mag ihre Wurzeln in einem Misthaufen haben. Man findet immer wieder, dass Samsons toter Löwe, der am Wegesrand verwest, ein Vorratsspeicher für wilden Honig ist. Wir sind zu sehr an das Gewöhnliche und Offensichtliche gewöhnt, als dass wir in Betracht zögen, dass Schönheit oder Wert nach bitterer Mühsal aus dem entstehen können, was hässlich und wenig vielversprechend ist.

So hatte niemand, der Maggie Carlisle und Larry Brainard zu ihren Anfängen betrachtete, auch nur eine Ahnung davon, was für Menschen sich aus ihnen entwickeln würden oder wie ihre Geschichten lauten sollten.

Die Häuser in diesem Straßenabschnitt waren alle dreistöckig und von einem einheitlichen, schmuddeligen, abblätternden Rot. Das Haus der Duchess, auf der linken Seite, wenn man die Straße hinunter zum kleinen Platz ging, der sich neben dem East River duckte, unterschied sich von den anderen nur dadurch, dass drei Kugeln aus angelaufenem Gold vor ihm schwangen und nicht eingelöste Pfänder hinter den schmutzgestreiften Fenstern einen schwachen Reiz ausübten, und auch dadurch, dass die Persönlichkeit der Duchess dem Haus eine ganz eigene Note verlieh.

Die Straße machte mit ihr Geschäfte, wenn sie in Geldnot war, aber sie wusste wenig Bestimmtes über die Duchess, außer dass sie verhutzelt und gebeugt war, fast wortkarg und scheinbar ohne Gefühle. Doch natürlich gab es Gerüchte. Sie war so alt und schon so lange in der tristen kleinen Straße, dass sie eher eine Legende als ein wirklicher Mensch war. Niemand wusste genau, wie sie zu dem Namen „Duchess“ gekommen war. Es gab vage, unbelegte Geschichten, dass sie vor langer, langer Zeit eine wohlgeformte und königliche Gestalt in bunten Trikots gewesen sei und dass ihr dieser Titel in jenen Tagen ihrer Herrschaft verliehen worden war. Dann gab es die vage Erzählung, sie habe den Namen durch eine alte Vorliebe für die Romane jener Schriftstellerin erhalten, die ihre – oder seine, oder deren – produktiven Extravaganzen unter dem erhabenen Pseudonym „The Duchess“ veröffentlichte. Es gab auch das Gerücht, der Titel stamme von der angeblichen Gewohnheit der Duchess, unter ihrem unförmigen Kleid einen Schatz an Juwelen zu tragen, der eines herzoglichen Erbes würdig wäre. Doch das alles waren nur Geschichten – nicht mehr. Hier unten in diesem Viertel von New York sind Spitznamen schnell vergeben, und einmal eingeführt, bleiben sie für immer haften.

Manche glaubten, sie sei nun nur noch die Asche einer Frau, in der nur noch der letzte flackernde Funke lebe. Und andere glaubten, dass unter jenem tristen und erschöpften Äußeren ein großes Feuer glimme, das bei irgendeiner Gelegenheit auflodern könnte. Doch niemand wusste es. So wie sie jetzt war, so war sie schon immer gewesen, selbst in der Erinnerung der Leute, die in der Nachbarschaft als alt galten.

Abgesehen von der Tatsache, dass sie ein Pfandleihhaus betrieb, das auch als Hehlerbude verschrien war, gab es nur zwei oder drei andere Fakten, die ihren Nachbarn bekannt waren. Einer war, dass es in ferner Vergangenheit eine Tochter gegeben hatte und dass diese Tochter noch als sehr junges Mädchen verschwunden war. Es hieß, die Duchess habe die Tochter in ein Kloster gesteckt und das Mädchen habe später geheiratet; doch die Tochter war im Viertel nie wieder aufgetaucht. Eine andere Tatsache war, dass es einen Enkel gab, einen hübschen jungen Teufel, der gelegentlich vorbeigekommen war, um seine Großmutter zu besuchen, bis er seinen unfreiwilligen Aufenthalt in Sing Sing antrat. Eine weitere Tatsache – diese war die bekannteste von allen – war, dass zwei oder drei Jahre zuvor ein unverschämtes, eigensinniges junges Mädchen namens Maggie Carlisle bei ihr eingezogen war.

Es war eine eher magere Geschichte. Die Leute wunderten sich und sprachen von einem Geheimnis. Doch vielleicht rührte das einzige Geheimnis daher, dass die Duchess die Art von Frau war, die niemals freiwillig Informationen über ihre Angelegenheiten preisgab, und die Art, die selbst die dreist Neugierigen nur zögernd zu befragen wagten...

Und hier unten war es, in dieser unschönen Straße, im unschönen Haus der Duchess, dass das Drama von Maggie Carlisle und Larry Brainard seine wenig vielversprechende und stürmische Laufbahn begann: Denn obwohl sie kaum daran gedacht hatten, waren ihre Vorfahren Säer des Windes gewesen, sie selbst hatten einen Teil dieses leichtfertigen Samens gesät und sollten noch mehr säen – und es sollte die Ernte der wilden Saat dieses Samens folgen.

KAPITEL II

Als Maggie das Atelier im dritten Stock der Duchess betrat, brüllte der große, rothaarige, ungepflegte Maler seine Zurechtweisungen zu ihr herüber. Sie versteifte sich und bot in der Kränkung ihrer stolzen Jugend nicht einmal eine Erklärung an. Sie nickte ihrem Vater und Barney Palmer zu, ging schweigend zum Fenster und starrte missmutig über den einzelnen Mischlingsbaum vor dem Haus, die enge Straße hinunter und über den kleinen Platz hinweg auf die wirbelnde schwarze Flut, die durch den East River raste. Dieser Maler war ein Tier! Ja, und ein Narr!

Doch schnell war der Maler vergessen, und ihre Gedanken wandten sich wieder Larry zu – endlich kam Larry zurück! –, nur um kurz darauf vom Maler in ihrer aufgeregten Fantasie unterbrochen zu werden:

„Was ist mit deiner Zunge los, Maggie? Normalerweise stichst du schnell genug damit zurück.“

Sie wandte sich um, immer noch mürrisch und schweigsam, und betrachtete mit zynischer Überlegenheit die Staffelei. „Nuts“ – so hatte Barney Palmer den Maler leichtfertig umgetauft, als dieser vor sechs Monaten sein Atelier auf dem Dachboden über dem Pfandleihhaus eingerichtet hatte – übertrug das narbige, listige Gesicht ihres Vaters, „Old Jimmie“ Carlisle, mit schnellen, unentschlossenen Strichen auf die Leinwand.

„Um Himmels willen und bei den zwölf Aposteln, den schäbigen Judas eingeschlossen“, intonierte Old Jimmie wehklagend vom Modellstuhl aus, „lass mich von diesem Podest herunter!“

„Beweg dich, und ich wische meine Palette an deiner Karnevalsweste ab!“, knurrte der große Maler autokratisch durch seinen Mund voller Pinsel.

„O Gott – und ich habe einen Krampf im Rücken, und mein Nacken ist eingeschlafen!“, stöhnte Old Jimmie und lehnte sich auf seinen Stock gestützt nach vorne. „Liebe Tochter“ – klagend zu Maggie – „was macht der verrückte Herr mit mir?“

„Es ist eine schreckliche Schmiererei, Vater.“ Maggie sprach abfällig, aber in einem zweifelnden Tonfall. Es war nicht die Art von Bild, die man mit achtzehn zu mögen gelehrt bekam – doch das Bild besaß ein ungreifbares Etwas, das Zweifel an seiner Qualität aufkommen ließ. „Du siehst wirklich aus wie ein alter Einbrecher!“

„Nicht wie ein billiger Einbrecher?“ – hoffnungsvoll.

„Naw!“, explodierte der Mann an der Staffelei mit seiner großen Stimme, nachdem er die Pinsel aus dem Mund genommen hatte. „Du bist ein prächtiger alter Pirat! – bereit, die Staatskasse zu plündern und dann das alte Schiff mit Mann und Maus zu versenken! Ein lebendiges, sprechendes, räuberisches Abbild!“

„Maggie hat recht, und Nuts hat recht“, warf Barney Palmer ein. „Es ist sicher ein mieses Bild, und dann wiederum sieht es dir sicher verdammt ähnlich, Jimmie.“

Der elegant gekleidete Barney – Barney konnte es nicht lassen, sich von Broadways Schneidern und Herrenausstattern mit ihren extravaganten Designs und Farbschemata einkleiden zu lassen – tat die unbedeutende Angelegenheit des Porträts ab und wandte sich wieder der wirklich wichtigen Sache zu, die ihn zu ihr geführt hatte.

„Bist du sicher, Maggie, dass die Duchess nichts von Larry gehört hat?“

„Wenn sie es hätte, hätte sie es nicht erwähnt. Aber warum fragst du sie nicht selbst?“

„Das habe ich, aber sie wollte nichts sagen. Du kriegst kein Wort aus der Duchess heraus, nicht mal mit einem Brecheisen, es sei denn, sie will reden – und sie will nie reden.“ Er richtete seine scharfen, eng stehenden Augen auf den mageren alten Mann. „Es macht mich ratlos, Jimmie. Larry sollte gestern aus Sing Sing entlassen werden, und wir haben kein Lebenszeichen von ihm bekommen, und obwohl sie nicht redet, bin ich sicher, dass er nicht hier war, um seine Großmutter zu besuchen.“

„Das ist wirklich komisch“, stimmte Old Jimmie zu. „Aber vielleicht hat Larry direkt mit einem neuen Spiel begonnen und spielt eine einsame Hand. Er ist ein schneller Arbeiter, dieser Larry – und er hat Mumm.“

„Nun, was auch immer ihn aufhält, wir sitzen fest, bis Larry kommt.“ Barney wandte sich wieder an Maggie. „Sag mal, Schwester, wie wäre es, wenn du dich in deine Festtagskleidung wirfst und mit deinem treuen Diener in einen Jazzpalast gehst, dort speist und dem Volk zeigst, was echtes Tanzen ist?“

„Kann nicht, Barney. Mr. Hunt“ – der Name, den der Maler bei seiner ursprünglichen Taufe erhalten hatte – „hat die Duchess und mich zum Essen hier oben eingeladen. Er will es selbst kochen.“

„Um deinetwillen hoffe ich, dass er besser kocht als er malt.“ Und während er in seinem Stuhl nach unten rutschte, bis er auf einem bequemeren Wirbel ruhte, zündete sich der elegante Barney eine Zigarette mit Monogramm an und schwenkte mit untätiger Geduld seinen Bambusstock.

„Du bist eine halbe Stunde zu spät, Maggie“, fing Hunt wieder mit seiner grollenden Stimme an. „Ich kann eine solche Zeitverschwendung nicht ausstehen!“

„Was ist mit meiner Zeit?“, entgegnete Maggie, die tatsächlich Grund zur Beschwerde hatte. „Ich sollte eigentlich freihaben, aber stattdessen musste ich dieses Tablett mit Zigaretten herumtragen, bis die letzte Person im Ritzmore mit dem Mittagessen fertig war. Wie dem auch sei“, fügte sie hinzu, „ich sehe nicht, dass deine Zeit so viel wert ist, wenn du sie mit solch malerischem Mist wie diesem verbringst.“

„Es steht dir nicht zu, mir zu sagen, was meine Zeit wert ist!“, entgegnete Hunt. „Ich bezahle dich – das reicht für dich!... Weil du nicht pünktlich warst, habe ich Old Jimmie da vorne hingestellt, um dieses Bild fertigzumachen. Ich bin in zehn Minuten mit dem alten Halsabschneider fertig. Sei bereit, seinen Platz einzunehmen.“

„Alles klar“, sagte Maggie mürrisch.

Trotz seines Brüllens hatte sie keine große Angst vor dem Maler. Während seine Pinsel über die Leinwand huschten und strichen, stand sie untätig da und beobachtete ihn. Er trug mit Farbe beschmierte, weite Hosen und ein weiches Hemd, dessen offener Kragen einen Blick auf eine tiefe, behaarte Brust freigab und dessen hochgekrempelte Ärmel Unterarme enthüllten, die absurd groß erschienen, um mit diesen dünnen Stöckchen zu hantieren. Ein Brecheisen hätte passender gewirkt. Er war unromantisch alt – volle fünfunddreißig, schätzte Maggie; und mit seinem kantigen, grob gehauenen Gesicht und dem zerzausten, rötlichen Haar war er ausgesprochen hässlich. Wäre er nicht wirklich bei der Arbeit gewesen – auch wenn seine Arbeit natürlich töricht war – und hätte er nicht für seinen Unterhalt bezahlt – er kaufte zwar wenig, aber niemand konnte ihn auch nur um einen Pfennig bei einem Geschäft übervorteilen, nicht einmal die Duchess –, hätte Maggie ihn für einen der vielen Landstreicher halten können, die ziellos durch diese triste Gegend trieben.

Auch wenn nicht so viele seltsame Leute in dieser Nachbarschaft ein- und ausgegangen wären – Eads Howe, der Landstreicher-Millionär, Sozialarbeiter, Leute, die in ihrem Geschäft reich und alt geworden waren und lieber in der Nähe davon leben wollten –, hätte Maggie Hunt vielleicht mit mehr Neugier und sogar mit Misstrauen betrachtet; doch hier unten akzeptierte man seltsame Leute als gegeben, mit der einzigen Befürchtung, dass sie insgeheim Polizisten oder Regierungsagenten sein könnten, wovon Maggie und die anderen sehr wohl wussten, dass Hunt es nicht war. Als Hunt diesen Dachboden als Atelier gemietet hatte, hatten sie seine Erklärung akzeptiert, dass er ihn genommen hatte, weil er billig war und er sich nicht mehr leisten konnte. Ebenso akzeptierten sie seine Erklärung, dass er gelernter Mechaniker sei, der überall auf der Welt ein hartes Leben geführt habe und vom Malfieber gepackt worden sei, dass er in letzter Zeit in verschiedenen Werkstätten gearbeitet habe und dass es seine Gewohnheit sei, sein Geld zu horten, bis er ein wenig beiseitegelegt habe, um dann auf einen Malrausch zu gehen. All diese Eingeständnisse waren zweifellos plausibel, denn seine Bilder wirkten wie das unverwechselbare Handwerk eines verantwortungslosen, hart zupackenden Automechanikers.

Maggie verlagerte ihr Gewicht auf den anderen Fuß und warf einen beiläufigen Blick auf die Leinwände, die an den Wänden des schäbigen Ateliers lehnten. Da war die Duchess: unglaublich alt, das Gesicht ein Netz aus Falten, die Lippen über zahnlosem und eingefallenem Zahnfleisch eingezogen, die Nase ein dünner, gekrümmter Schnabel, die Augen tief liegend, glänzend, unergründlich, beobachtend; und straff über das Haar gezogen – selbst Maggie wusste nicht, ob dieses Haar eine Perücke war oder das der Duchess – das verblasste orientalische Tuch, das unter ihrem Kinn befestigt war und über ihre dünne, gebeugte Brust fiel. Da war O'Flaherty, der gutmütige Polizist auf dem Revier. Da war der alte Uhrmacher von nebenan. Da war Black Hurley, der berüchtigte Bandenführer, der manchmal wie ein schmutziger und böser Feudalherr in den Bezirk stolzierte. Da war ein jüdischer Bauchladenverkäufer, weißbärtig und mit Schädelkappe. Da war eine italienische Mutter, die am Straßenrand saß, die Füße in der Gosse, und lächelnd auf das Baby hinabsah, das hungrig an ihrer milchschweren Brust saugte. Und so weiter, und so fort. Nur die gewöhnlichen, uninteressanten Dinge, die Maggie im Block sah. Es gab kein einziges hübsches Bild in der ganzen Sammlung.

Hunt schwang die Leinwand von seiner Staffelei und stellte sie gegen die Wand. „Das reicht für dich, Jimmie. Hau ab und mach Platz für Maggie. Maggie, nimm wieder dieselbe Pose ein.“

Old Jimmie schlenderte vorwärts und betrachtete sein Porträt, während Hunt ein unvollendetes Bild auf seiner Staffelei zurechtrückte. Es hatte Jimmie ziemlich amüsiert und ihm die müßige Zeit vertrieben, für den verrückten Maler zu sitzen; und nebenbei bemerkt, konnte ihm ein weiteres Bild von ihm nicht schaden, da die Polizei bereits alle nötigen Bilder von ihm im Hauptquartier hatte. Als er Hunts Arbeit betrachtete, kicherte Old Jimmie.

„Sag mal, Nuts, was willst du mit diesem Haufen Farbe anfangen?“

„Ich werde es dem Metropolitan Museum verkaufen, du alter Sünder!“, schnauzte Hunt.

Old Jimmie gackerte über den Witz. Er verstand etwas von Bildern; das heißt, von guten Bildern. Er hatte bei mehr als einer cleveren Transaktion eine unsichtbare Hand im Spiel gehabt, bei der hübsche Bilder, die angeblich geschmuggelt worden waren, Gainsboroughs und Romneys und dergleichen (er hatte am meisten daran verdient, die Fälschungen genau dieser Meister zu handhaben), mit der Miene großer Geheimhaltung in die Hände diverser neureicher Herren gelangten, die glaubten, sie bekämen Meisterwerke zu Schnäppchenpreisen durch diese Umgehung der Zollgesetze.

„Nuts“, kicherte Old Jimmie, „dieser Schrott wäre nicht so lustig, wenn du nicht wirklich zu glauben schienest, dass du wirklich malst.“

„Schrott! Lustig!“ Hunt wirbelte herum, eine große Hand schloss sich um Jimmies mageren Hals, die andere ergriff seine dünne Schulter. „Du Großvater des Teufels und seiner gesamten männlichen Nachkommenschaft, red noch einmal so, und ich schmeiße dich aus dem Fenster!“

Old Jimmie grinste. Der Griff der großen Hände des Malers war zwar kräftig, aber leicht. Sie wussten alle, dass das laute Tosen des Malers niemals Gewalt ankündigte. Sie hatten ihn ins Herz geschlossen, ihn fast als einen der Ihren akzeptiert; obwohl sie natürlich mit amüsiertem Mitleid auf ihn herabsahen, wegen seiner Schwachsinnigkeit in Bezug auf seine Bilder.

„Verschwinde hier“, fuhr Hunt fort, „oder stell dieses Gerede ein, das daher kommt, dass du ein Gehirn hast, das klappert. Ich muss arbeiten.“

Hunt wandte sich wieder seiner Staffelei zu, und Old Jimmie, der immer noch grinste, ließ sich in einen Stuhl sinken, zündete sich eine Zigarre an und zwinkerte Barney zu. Hunt, den Pinsel im Anschlag, betrachtete Maggie einen Moment lang.

„Du da, Maggie“, befahl er, „Kinn ein Stück höher, etwas Glanz in den Augen, mehr Schwung in deiner Haltung – als ob du all die Damen des Winter Garden, des Charity Ball, der Horse Show und diese Bande von teetrinkenden Weibern im Ritzmore, denen du Zigaretten verkaufst – als ob du sie alle fragen würdest, für wen zum Teufel sie sich eigentlich halten... O Gott, kannst du denn gar nichts!“

„Ich tue mein Bestes, und ich sehe eher aus wie diese Damen als du wie ein Maler!“

„Halt den Mund! Ich bezahle dir einen Dollar die Stunde fürs Posen, nicht damit du mir Widerworte gibst. Und du hättest mehr Respekt vor meinem Geld, wenn du wüsstest, wie hart ich dafür arbeiten muss: in jeder Hand einen Motorwagen herumtragen. Wasch dir das Stirnrunzeln aus dem Gesicht und versuch so auszusehen, wie ich es gesagt habe... Da, das ist besser. Halt das.“

Er begann schnell zu malen, mit raschen Blicken zwischen der Leinwand und Maggie hin und her. Maggies Kleid war nur das gewöhnliche Hemdblusenkleid und der Rock, den die Verkäuferin und ihre Schwestern tragen; Hunt hatte es so angeordnet. Sie war überdurchschnittlich groß, mit dichtem schwarzem Haar, das einen schattigen blauen Schimmer hatte, langen dunklen Wimpern, dunklen Augenbrauen wie Krummsäbel, einem vollen, festen Mund, einer Nase mit genau dem richtigen Schwung – alles wirkungsvolle Punkte für Hunt bei dem, was er erreichen wollte. Aber was ihn am meisten angezogen und auf seine Idee gebracht hatte, war ihr Blick; kaum Keckheit oder Unverschämtheit – eher eine zynische, reife, trotzige Sicherheit in sich selbst.

Aufrecht in ihrem billigen Hemd, blickte sie mit einer lächelnden, selbstbewussten Herausforderung an die ganze Welt ins Leere. Hunt versuchte, sein Bild zu einem echten Porträt zu machen – und es zugleich zu einem Symbol für viele Dinge, die in seinem eigenen Geist erst Form annahmen: von Schönheit, die aus der Gosse aufsteigt, um die Schönheit von bevorzugterer Herkunft zu überwinden und über sie zu herrschen; auch von einer unteren Schicht, die aufbrandet und die obere Schicht durchbricht, ein Teil von ihr wird, oder sie assimiliert, oder sie erobert. Führende Familien durch andere Familien ersetzt, Klassen durch andere Klassen ersetzt, Nationen durch andere Nationen ersetzt – das war der unvermeidliche soziale Prozess – so lauteten die Aufzeichnungen der fünfzig oder sechzig Jahrhunderte, seit die Geschichte begann, geschrieben zu werden. Oh, er versuchte viel auszusagen in diesem Porträt eines Mädchens von gewöhnlicher Herkunft – sogar weniger als gewöhnlich – in ihrem billigen Hemd und Rock!

Und es erfreute das sardonische Element in Hunts amoralischer Natur, dass diese Maggie, durch die er so viel zu symbolisieren versuchte, wie er wusste, eine Kleinkriminelle war: Ladendiebstahl und Angelegenheiten von ähnlicher Tragweite. Sie war ihm gegenüber zynisch offen darüber gewesen; beiläufig, fast prahlerisch. Dass sie einen Hang zu solchen Aktivitäten besaß, war kaum verwunderlich, da sie Old Jimmie als Vater und die Duchess als Vermieterin hatte und als Bekannte solche Herren wie Barney Palmer und diesen zurückkehrenden Gefängnisvogel, Larry Brainard, hatte.

Doch Kleinkriminalität, dachte Hunt, wäre nicht Maggies Stärke, wenn sie ihre Möglichkeiten entwickelte. Mit ihrem Aussehen, ihrer Kühnheit, ihrer Cleverness hatte sie das Zeug zu einer großartigen Abenteurerin. Während er malte, fragte er sich, was sie tun und werden würde; und er beobachtete sie nicht nur mit dem Auge eines Malers, das auf die Gegenwart gerichtet war, sondern mit scharfem Spekulieren auf die Zukunft.

KAPITEL III

Bald wanderten Hunts Gedanken zu Larry Brainard, den Barney Palmer und Old Jimmie Carlisle hierher gekommen waren, um zu sehen. Hunt hatte einen Geist, der neugierig auf alles und jeden war; und obwohl er ein polterndes, tyrannisches Geschöpf war, besaß er die Gabe, die nur wenige haben, sich auf kühne Weise in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, ohne deren Groll zu erregen. Er war begierig darauf, Maggies Einstellung zu Larry zu erfahren; und er sprach nicht so sehr, um Wissen über Larry zu erlangen, als vielmehr, um sie aus der Reserve zu locken.

„Dieser Larry – was ist das für ein Typ, Maggie?“ Wie bei den meisten Künstlern störte das Reden Hunts Malen nicht.

Warme Farbe färbte langsam Maggies Wangen. „Er ist clever“, sagte sie bestimmt. „Das weißt du schon. Aber ich war nur ein Mädchen, als er weggeschickt wurde.“

Hunt lächelte über ihre Vorstellung ihrer gegenwärtigen Reife, die in ihrem letzten Satz mitschwang. „Aber du hast ein Jahr bei der Duchess gelebt, bevor er weggeschickt wurde. Du musst ihn oft gesehen und ihn gut kennengelernt haben.“

„Oh, er kam ab und zu vorbei, um seine Großmutter zu besuchen – ich war damals erst fünfzehn oder sechzehn – nur ein Mädchen, und er hat mir nicht viel Beachtung geschenkt. Vater kann dir besser sagen, wie schlau er ist.“

Old Jimmie meldete sich prompt zu Wort. Er wusste, dass Hunt kein Polizeispitzel war, und er mochte den Maler, so sehr er einen Menschen überhaupt mögen konnte; daher fühlte er keinerlei Zurückhaltung oder Vorsicht, die ihn in anderer Gesellschaft vielleicht beherrscht hätte.

„Du kannst wetten, dass Larry schlau ist! Er hat das schnellste Gehirn von jedem Betrüger in der Branche – und er ist jetzt erst etwa siebenundzwanzig. Manche halten mich selbst für ein schlaues Kerlchen, aber Larry übertrifft mich um Längen. Deshalb bin ich bereit, ihn mein Boss sein zu lassen. Er ist ein Wunder darin, neue Tricks zu erdenken und dann sichere neue Wege auszuarbeiten, um sie durchzuziehen.“

„Aber die Polizei hat ihn schließlich doch erwischt“, bemerkte Hunt.

„Ja, aber das war nur, weil ein anderer seinen Teil des Jobs verpatzt hat.“

Der gut aussehende Barney Palmer war während der Grabrede des alten Jimmie unruhig gewesen. „Oh, Larry ist schon in Ordnung – aber er ist nicht die einzige Partei, die wirklich Ideen hat.“

„Pah!“, brummte der alte Jimmie. „Aber du wirst dich erinnern, dass wir keine großen Dinger mehr gedreht haben, seit Larry im Bau sitzt.“

„Das liegt daran, dass ihr nicht auf meine Ideen hören wolltet!“, entgegnete Barney. „Und ich hatte ein paar echte Knaller auf Lager.“

Sogar während Larrys aktiver Herrschaft hatte es Barney gewurmt, einen anderen Mann als Anführer zu akzeptieren, und noch mehr wurmte es ihn während des Interregnums, als Larry Gast des Staates war. Denn Barney glaubte an seine eigene napoleonische Ader.

„Lass dich nicht hängen, Barney“, sagte der alte Jimmie beschwichtigend. „Du wirst noch genug Gelegenheiten haben, deine Ideen als Hauptakteur auszuprobieren, bevor du den Löffel abgibst. Du weißt doch, dass die Bande ohnehin erst mal untertauchen wollte. Aber wir werden eine Menge großer Dinger drehen, wenn Larry erst mal draußen ist.“

Hunt war aufgefallen, wie ein kurzes Leuchten in Maggies dunkle Augen getreten war, während ihr Vater den abwesenden Anführer pries. Er selbst erkannte plötzlich eine neue Möglichkeit.

„Maggie, hast du schon mal darüber nachgedacht, dich mit Larry zusammenzutun?“, fragte er mit seiner verwegenen Schärfe.

Sie errötete und zögerte. Er wartete ihre langsam kommende Antwort nicht ab, sondern wandte sich an ihren Vater.

„Jimmie, hat Larry jemals Frauen für seine Unternehmungen eingesetzt?“

„Niemals. Wenn wir vorschlugen, einen Rock einzusetzen, sagte Larry absolut, da sei nichts zu machen. Das ist ein Punkt, in dem er völlig falsch lag. Nichts hilft mehr, wenn der Gezinkte auch nur ein bisschen sentimental ist, als eine kluge, gut aussehende Frau. Und Larry wird schon noch dahinterkommen. Er wird den Sinn darin einsehen, jetzt, wo er älter ist und zwei Jahre Zeit hatte, über die Dinge nachzudenken.“

Der alte Jimmie nickte und zeigte seine gelben Zähne in einem verschmitzten Grinsen. „Du hast vorhin etwas gesagt: Maggie und Larry! Die werden ein Wunder von einem Team abgeben! Ich meine, dass sie unter ihm mit dem Rest von uns zusammenarbeiten wird. Ich denke schon lange darüber nach. Vielleicht hast du es nicht geahnt, aber wir haben sie für die Rolle gecoacht, und sie ist gerade erst reif geworden. Sie hat das Aussehen, und wir können sie für jeden anstehenden Job richtig einkleiden. Oh, Larry wird mit Maggie einige großartige Dinge durchziehen!“

Falls Hunt das Gefühl hatte, dass in diesem Vater, der für seine Tochter eine Karriere als Kriminelle plante, etwas zynisch Unväterliches lag, ließ er sich nichts anmerken. Seine Aufmerksamkeit galt in diesem Moment ganz Maggie. Er sah, wie ihre Augen bei diesen letzten Sätzen ihres Vaters noch heller wurden: hell vor der Vision des nahenden Abenteuers.

„Die Idee gefällt dir, Maggie?“, fragte er.

„Klar. Es wird großartig werden – denn Larry ist ein Wunder!“

Barney Palmer stand plötzlich auf, sein Gesicht vor Wut verzerrt. „Ich habe die Schnauze voll von diesem Larry, Larry, Larry! Komm schon, Jimmie. Lass uns in die Stadt fahren.“

Der kluge alte Jimmie sah, dass Barney kurz vor einem Ausbruch stand. „Schon gut, Barney, schon gut“, sagte er prompt. „Es hat ohnehin keinen Sinn mehr, länger zu warten. Wenn Larry kommt, werden wir mit der Duchess ausmachen, dass sie ihn morgen trifft.“

„Dann mach’s gut, Maggie“, warf Barney ihr zu, und dieser arrogante Ex-Jockey, Glücksspieler und geschickte Manipulator des Vertrauens von Leuten mit Geld schlug mit seinem dünnen Bambus-Spazierstock die schäbigen Sackleinen-Vorhänge beiseite und schritt aus dem Raum.

„Gute Nacht, Tochter“, und der alte Jimmie ging hinüber und küsste sie. Sie küsste ihn zurück – ein flüchtiger Kuss. Maggie hatte nie innegehalten, um die Sache zu durchdenken, aber aus irgendeinem Grund empfand sie wenig echte Zuneigung für ihren Vater, obwohl sie natürlich seine Gerissenheit bewunderte. Vielleicht rührte ihre unbewusste Lieblosigkeit zum Teil daher, dass sie nie mit ihm zusammengelebt hatte. Seit sie denken konnte, hatte er sie hier und da untergebracht, so wie er sie jetzt bei der Duchess untergebracht hatte – und kam sie nur in Abständen besuchen, manchmal in Abständen, die sich über Monate hinzogen.

„Barney ist ziemlich verschossen in dich“, bemerkte Hunt, nachdem die beiden weg waren.

„Ich weiß, dass er das ist“, gab Maggie sachlich zu.

„Und er scheint eifersüchtig auf Larry zu sein – sowohl in Bezug auf dich als auch in Bezug auf die Bande.“

„Er denkt, er kann die Bande genauso gut führen wie Larry. Barney ist zwar schlau und hat jede Menge Mumm – aber er ist nicht Larrys Klasse. Nicht um eine Million Meilen!“

Hunt erkannte, dass dieses gewagte, weltverachtende, im Keim wunderschöne Modell von ihm den heimkehrenden Neffen der Duchess zu ihrem speziellen Helden idealisiert hatte. Hunt sagte nichts mehr, sondern malte schnell weiter. Draußen war die Nacht hereingebrochen, und schon lange hatte er das elektrische Licht eingeschaltet. Er schien in dieser Lichtfrage keineswegs pingelig zu sein; er hatte kein vermeintlich unverzichtbares Nordlicht, und mittags oder mitternachts war es fast genauso wahrscheinlich, dass er mit dem Pinsel strich oder mit dem Zeichenstift kratzte.

Bald darauf trat die Duchess ein. Kein Wort wurde gesprochen. Die Duchess, bemerkenswert für ihre Beherrschung des Schweigens, sank in einen Stuhl, ein gebeugtes und geschrumpftes Bild, an dem nichts lebendig schien außer ihren schwach schimmernden, tief liegenden Augen. Einige Minuten vergingen, dann nahm Hunt die Leinwand von der Staffelei und lehnte sie gegen die Wand.

„Das ist alles für heute, Maggie“, verkündete er und schob die Staffelei beiseite. „Duchess, du und dieses wilde junge Ding deckt den Banketttisch, während ich mich wasche.“

Er verschwand in einer Ecke, die durch Sackleinen-Vorhänge abgetrennt war. Von drinnen drangen das Geräusch von plätscherndem Wasser und das spritzende Brüllen von Bruchstücken des Liedes des Toreros in einem sehr tiefen und sehr schlechten Bariton.

Maggie streckte die Hand aus und hielt die Duchess davon ab, aufzustehen. „Bleib sitzen – ich mache den Tisch fertig.“

Stumm gab die Duchess nach. Maggie hatte nie Zärtlichkeit für diese seltsame, schweigsame Frau empfunden, mit der sie seit drei Jahren lebte, aber es war vielleicht ein Hinweis auf Eigenschaften in Maggie, deren Existenz sie selbst nicht einmal ahnte, dass sie die alte Frau instinktiv von Aufgaben fernhielt, die irgendeine körperliche Anstrengung erforderten. Maggie schwang nun die Rückenlehne einer Waschbank hoch, um eine Tischplatte zu bilden, und begann darauf, ein Tischtuch auszubreiten und ein Sammelsurium aus angeschlagenen Tellern anzuordnen. Während sie sich schnell und geschickt bewegte und die Duchess sie mit unbewegten Zügen beobachtete, bildeten diese beiden ein seltsam gegensätzliches Paar: die eine scheinbar verbraucht und am grauesten Ende des Lebens, die andere elektrisch vor Vitalität und das Wesen der unbekannten Abenteuer des Lebens ausstrahlend.

Hunt trat zwischen den Vorhängen hervor und zog seinen Mantel an. „Du wirst feststellen, dass das Fressen in meinem Schnellkochtopf das Ritz schlagen wird“, prahlte er. „Die zarteste, fetteste Art von gemästetem Kalb für den heimgekehrten verlorenen Sohn.“

Maggie zuckte zusammen. „Der verlorene Sohn! Du meinst – Larry kommt?“

„Klar“, grinste Hunt. „Deshalb feiern wir.“

Maggie wirbelte zur Duchess herum. „Kommt Larry wirklich?“

„Ja“, sagte die alte Frau.

„Aber – aber warum die Ungewissheit darüber, wann er zurückkommen würde? Vater und Barney dachten, er käme gestern raus.“

„Nur ein Fehler, den wir alle bei seiner Entlassung gemacht haben. Seine Zeit war heute Nachmittag abgelaufen.“

„Aber du hast Barney und meinem Vater gesagt, du hättest nichts von ihm gehört.“

„Ich hatte gehört“, sagte die Duchess mit ihrem flachen Ton. „Wenn sie ihn sehen wollen, können sie ihn morgen sehen.“

„Wann – wann wird er hier sein?“

„Jeden Moment“, sagte die Duchess.

Ohne ein Wort wirbelte Maggie herum und im nächsten Moment war sie in ihrem Zimmer im Stockwerk darunter. Sie wusste nicht, was sie dazu trieb, aber sie hatte den verzweifelten Wunsch, aus dieser schlichten Bluse und dem Rock herauszukommen und in etwas zu schlüpfen, das auffallend war. Sie überlegte ihre dürftige Garderobe; ihr Vater hatte kürzlich von schönen Kleidern und Einrichtungsgegenständen gesprochen, aber bisher existierten diese nur in seinen Worten, und die Pseudo-Abendkleider, die sie bei Restauranttänzen mit Barney getragen hatte, wusste sie als billig und wirkungslos.

Plötzlich erinnerte sie sich an die Sachen, die Hunt ihr gegeben oder geliehen hatte, an dem Abend vier Monate zuvor, als er sie zu einem Künstler-Maskenball mitgenommen hatte – obwohl es für sie eine bittere Enttäuschung war, als Hunt sie vor der Demaskierung um zwölf Uhr weggebracht hatte. Sie riss sich die missfallende Bluse und den Rock vom Leib, zog unter dem Bett die Pappschachtel mit ihrem Kostüm hervor; und in fünf Minuten fliegender Hände war die Verwandlung vollzogen. Ihr dichtes, brüniertes schwarzes Haar war in anmutiger Unordnung auf dem Kopf aufgetürmt, und daraus schwankte eine scharlachrote Papierblume. Um ihren geschmeidigen Körper, über einem schwarzen Satinirock, schmiegte sich in seinen anmutigen Falten ein spanischer Schal mit safrangelbem Hintergrund mit langen braunen seidenen Fransen, der überall mit braunen und roten und pfauenblauen Blumen übersät war und von drei riesigen barbarischen Nadeln gehalten wurde, die mit farbigem Glas besetzt waren, eine an jeder Hüfte und auf ihrer rechten Schulter, was ihre glatten Schultern frei und unbedeckt ließ. Ohne mehr als einen Blick, um die hastige Wirkung zu prüfen, eilte sie zum Atelier hinauf.

Hunt pfiff beim Anblick von ihr, machte aber keine Bemerkung. Errötet blickte sie ihn trotzig an. Die Duchess gab keinerlei Anzeichen, dass sie die Verwandlung bemerkt hätte.

Maggie versuchte mit aufgeregten Handgriffen, ihre Tischdekoration zu verbessern, zitternd vor Erwartung und Spannung bei der Nähe des Treffens – jeder Nerv ihres Gehörs angespannt, um den ersten Fußtritt auf der Treppe aufzufangen. Hunt, der sie beobachtete, konnte sich nur fragen, für den Fall, dass Larry die kluge, schneidige Person war, die beschrieben worden war, was das Ergebnis sein würde, wenn diese beiden Naturen aufeinandertrafen und vielleicht ihre Kräfte vereinten.

KAPITEL IV

Während die Vorbereitungen für das Abendessen im Atelier im Gange waren, bog Larry unten um eine Ecke und schwenkte die schmale Straße zum Pfandhaus hinauf. Er hielt inne und spähte hinein, bevor er eintrat; damit befolgte er die Vorsicht, die ihm durch Instinkt und Training zu eigen war.

Drinnen über die Theke gebeugt und mit dem Assistenten seiner Großmutter plaudernd war Casey, einer der beiden Zivilpolizisten, die ihn verhaftet hatten. Larry trat zurück. Er hatte keine Angst vor Casey oder vor Gavegan, Caseys Partner, oder vor der gesamten Polizei oder dem Staat New York; sie hatten nichts gegen ihn in der Hand, er hatte seine Schulden beglichen, indem er seinen Teil getan hatte. Trotzdem zog er es vor, Casey in diesem Moment nicht zu treffen. Also ging er die Straße hinunter, überquerte den kopfsteingepflasterten Platz am Wasser entlang und schlüpfte durch die Dunkelheit zwischen den Lastwagen hinaus bis zum Ende des Piers. Unter seinen Füßen klatschte der East River träge gegen die Pfähle, aber draußen in der Nähe der Flussmitte konnte er die Flut mit sechs Meilen pro Stunde in Richtung Meer wirbeln sehen, auf die große, schattenhafte Manhattan Bridge zu, die mit ihrem prächtigen Diadem aus Lichtern gekrönt war.

Er streckte sich und atmete tief die warme, freie Frühlingsluft ein. Sie schmeckte gut nach zwei langen Jahren der versiegelten Luft des Gefängnisses. Er hätte seine Kleidung gerne abgelegt und wäre für einen flotten Kampf mit dem prickelnden Wasser hineingetaucht. Larry hatte es immer genossen, seinen Körper fit zu halten. Er hatte sich nicht für die Turnhallen der Stadtviertel-Clubs interessiert, wo er willkommen gewesen wäre; in ihnen gab es zu viel rohes Herumalbern und Fäkalien im Mund, und so etwas war ihm schon immer zuwider gewesen. Und obwohl er immer wie ein Gentleman ausgesehen hatte, wusste er, dass der New York Athletic Club und andere ähnliche Clubs nichts für ihn waren; sie schnüffelten ein bisschen zu sehr im sozialen und beruflichen Stand eines Kandidaten herum. Also hatte er sich einem Club zugewandt, in dem wirklich suchende Anfragen selten gestellt wurden; seit Jahren gehörte er einem Zweig der Y.M.C.A. an, der direkt neben dem Broadway lag, und hatte Handball gespielt und mit stämmigen, schwerfälligen Stadtdetektiven geboxt, die darum kämpften, etwas körperliche Aktivität zu behalten, und mit fetten Dramatikern und mit jüdischen Theatermanagern und mit den wenigen authentischen Christen, die gelegentlich in den Ort verirrten und sich dort unwohl zu fühlen schienen. Er mochte diesen Club aus einem anderen Grund; sein Humor war oft durch den Gedanken, Mitglied der Y.M.C.A. zu sein, stark angeregt worden.

Da er diesen Instinkt für körperliche Fitness hatte, machte es ihm während des größten Teils seines Aufenthalts in Sing Sing nicht viel aus, ein Kohlenzieher zu sein; besser das als in den Strickereien zu arbeiten; so dass er jetzt, obwohl unterernährt und untergewichtig, aktiv und hart bemuskelt war.

Larry Brainard hätte nicht sagen können, warum und wann genau er sich krummen Wegen zugewandt hatte. Er hatte diesen Teil seines Lebens nie unter das Mikroskop gelegt. Aber die einfachen Tatsachen waren, dass er mit fünfzehn Waise und mit neunzehn Maklergehilfe geworden war, nach einem Kurs an einer Business School; und dass Erfahrungen mit Waschverkäufen und solchen krummen und zweifelhaften Praktiken von Maklern, sein hoher Geist, sein Instinkt für Vergnügen, sein Wunsch nach großen Gewinnen – diese hatten ihn in eine wilde Menge gespült, bevor er alt genug gewesen war, sich selbst ernst zu nehmen, und hatten ihn auf eine brillante Karriere von Abenteuern und ungesetzlichem Geldverdienen gestartet, in deren Aufregung es bis zu seiner Verhaftung kein Nachlassen gegeben hatte. Er hatte nie über so technische und hochakademische Themen wie Richtig und Falsch nachgedacht, bis zu dem Tag, an dem Casey und Gavegan ihm die Handschellen angelegt hatten. Lachen, tanzen, kluge Staatsstreiche planen und leiten, die Erlöse fröhlich und verschwenderisch ausgeben – die Polizei mit einem weiteren gewagten Coup herausfordern: das war für ihn Leben gewesen, ein Spiel, das nur Aufregung war.

Und nun, nach zwei Jahren, in denen es genug Zeit zum Nachdenken gegeben hatte, beunruhigte ihn sein Gewissen immer noch nicht in Bezug auf seine Verfehlungen. Er glaubte, und hatte in diesem Glauben weitgehend recht, dass die Gezinkten, die er getrimmt hatte, alle darauf aus gewesen waren, sich ungesetzliche Gewinne zu sichern und listigen Vorteil aus seinem vermeintlich törichten Selbst und anderen Betrogenen zu ziehen. Er war zu schlau für sie gewesen, das war alles; in Wunsch und Absicht waren sie genauso große Betrüger gewesen wie er selbst. Also fühlte er keine Reue gegenüber seinen Opfern; und was alles betraf, was er gegen diese unpersönliche Entität, die kriminellen Statuten, getan haben mochte, nun, die Zeit im Gefängnis hatte alle solche Angelegenheiten ausgeglichen. Also sah er nun dem Leben angenehm und mit sorgenfreier Seele entgegen.

Larry hatte sich vom dunklen Fluss abgewandt und begonnen, seinen Weg zurückzuverfolgen, als er einen Mann durch die Dunkelheit herankommen sah. Larry hielt inne. Der Mann kam näher und blieb genau vor Larry stehen. Am Schwung seines Körpers hatte Larry den Mann erkannt, und seine eigene Figur spannte sich instinktiv an.

„Was machst du hier draußen, Brainard?“ Die Stimme war gebieterisch und rau.

„Küsse nach Brooklyn rüberwerfen“, antwortete Larry kühl. „Und was machst du hier draußen, Gavegan?“

„Dir folgen. Ich wollte ein ruhiges Wort mit dir. Ich bin direkt hinter dir her, seit du in New York gelandet bist.“

„Ich wusste, dass du es sein würdest. Du und Casey. Aber ihr habt nichts gegen mich in der Hand.“

„Ich hatte schon vorher viel gegen dich! – mit Caseys Hilfe“, entgegnete Gavegan. „Und ich werde wieder viel gegen dich haben! – jetzt, wo ich weiß, dass du der Haupttyp einer cleveren Bande bist. Du wirst irgendein glattes Spiel starten – aber ich werde jede Minute direkt hinter dir sein. Und ich werde dich kriegen. Das ist die Nachricht, die ich dir zustecken wollte.“

„So!“, kommentierte Larry gedehnt. „Casey ist ein ziemlich anständiger Kerl, wenn man seine Linie bedenkt – aber, Gavegan, ich verstehe nicht, wie Casey dich als Partner aushält. Und, Gavegan, ich verstehe nicht, warum das Gesundheitsamt dich auf den Straßen herumlaufen lässt – wenn verwesende Materie so viele Krankheiten verursacht.“

„Keine Lippe, junger Mann!“, knurrte Gavegan. Er trat näher und überragte Larry. „Du denkst, du bist so ein verdammt kluger Redner und so ein verdammt cleverer Schelm – aber ich wette, ich werde dich in sechs Monaten eingesperrt haben.“

Wut kochte in Larry hoch. Gegen alle Personen, die mit seiner Verhaftung, seinem Prozess und seiner Inhaftierung zu tun hatten, hegte er keinen besonderen Groll, außer gegen diesen einen Mann. Er konnte nie die Zeit vergessen, als er und Gavegan, er in Handschellen, in einer schalldichten Zelle eingesperrt waren und Gavegan ihm die dritte Stufe gab – in diesem Fall ein Stück schwerer Gummischlauch, der mit einem kräftigen Arm auf Kopf und Schultern aufgetragen wurde – in einem Versuch, ihn dazu zu bringen, seine Komplizen zu verpfeifen. Und diese dritte Stufe war nur ein Beispiel für das Material, aus dem Gavegan gemacht war.

Larry hielt sein Verlangen an der Leine. „Also du wettest, du kriegst mich. Ich nehme die Wette an – jede Summe, die du willst. Ich habe schon ein neues Spiel ausgeheckt, Gavegan. Clevere als alles, was ich jemals zuvor versucht habe.“

„Oh, ich werde dich kriegen!“, knurrte Gavegan wieder.

„Oh, nein, wirst du nicht!“ Und dann kam Larrys alter Zorn gegen Gavegan in seine Zunge und ließ sie spöttisch wedeln. „Du hast mich beim letzten Mal nicht gekriegt; das war ein Ausrutscher und Polizeistöcke haben mich gekriegt. Ganz alleine, Gavegan, könntest du nichts kriegen. Dein Gehirn hat platte Reifen, und sein Motor zündet nicht, und seine Kupplung ist kaputt. Das Einzige daran, das noch funktioniert, ist die Hupe. Du hast eine höllische Hupe, Gavegan, und sie hört nie auf zu blasen.“

Ein Schlepper näherte sich dem Dock, und bei seinem Licht sah Larry den schrecklichen Schwung, den der wütende Detektiv ansetzte. Larry schwankte leicht zur Seite, und als Gavegan vorbeistürmte, fuhr Larrys rechte Faust in Gavgans Kinn – fuhr mit aller Kraft seiner Abneigung und aller Stärke von fünf Jahren in einem Y.M.C.A.-Fitnessstudio und einem Jahr in einem Gefängniskesselraum.

Gavegan ging runter und war draußen.

Larry starrte einen Moment auf die schwache, ausgestreckte Figur, drehte sich dann um und machte sich auf den Weg vom Pier und wieder zur Tür des Pfandhauses. Casey war weg; er konnte niemanden drinnen sehen außer dem alten Isaac, dem Assistenten.

Larry öffnete die Tür und trat ein. „Hallo, Isaac. Wo ist Großmutter?“

Es ist keine wünschenswerte Eigenschaft bei jemandem, der mit einem Pfandhaus verbunden ist, das auch als Hehler bekannt ist, Überraschung oder Neugier zu zeigen. Also beschränkte sich Isaacs Antwort auf ein paar Fakten und eine kurze Anweisung.

Sich wundernd, stieg Larry die Treppe hinauf, die vom vertraulichen Geschäftsraum hinter dem Pfandhaus abging. Es war üblich genug für seine Großmutter, den dritten Stock zu vermieten; aber an einen Maler, und einen verrückten Maler – das schien seltsam. Und noch seltsamer war es, dass sie mit dem Maler zu Abend aß.

Larry klopfte an die Tür. Eine große männliche Stimme drinnen gab Befehl:

„Spiel Stubenmädchen, Maggie, und schau, wer da ist.“

Die Tür öffnete sich und Larry trat halb ein. Dann blieb er stehen und starrte überrascht auf die errötete, glänzende Maggie, schlank und geschmeidig in den Falten des spanischen Schals.

„Warum, Maggie!“, rief er aus und streckte seine Hand aus.

„Larry!“

Sie war aufregend verwirrt von seiner überraschten Bewunderung. Einen Moment lang standen sie da und starrten einander an, Hand in Hand. Die Kleidung, die ihm beim Verlassen des Gefängnisses gegeben worden war, war natürlich abscheulich, aber in allem anderen entsprach er ihren Träumen: geschmeidig, gut gebaut, gut aussehend, ein Lachen bereit auf seinen Lippen und der Teufel selbst der Verwegenheit in seinen lächelnden, graublauen Augen.

„Wie du erwachsen geworden bist, Maggie!“, sagte er, immer noch erstaunt.

„Das ist alles, was ich zwei Jahre lang tun konnte“, erwiderte sie.

„Komm rein, Larry“, sagte die Duchess.

Larry schloss die Tür, verbeugte sich mit leichter Anmut, wie er musste, um vor Maggie vorbeizukommen, und ging hinüber zur Duchess.

„Hallo, Großmutter“, sagte er, als hätte er sie am Tag zuvor zuletzt gesehen. Er streckte seine Hand aus, die linke, und sie nahm sie in eine mumifizierte Klaue. Sein ganzes Leben lang hatte er seine Großmutter nie geküsst, noch erinnerte er sich daran, jemals von ihr geküsst worden zu sein.

„Froh, dass du zurück bist, Larry.“ Sie ließ seine Hand los. „Der Name des Mannes ist Hunt.“

Larry wandte sich an den Maler. Seine lachenden Augen konnten scharf sein; sie waren jetzt durchdringend scharf. Und das waren Hunts Augen auch.

Larry streckte seine Hand aus, wieder die linke. „Und so bist du der Maler?“

„Sie nennen mich einen Maler“, antwortete Hunt, „aber keiner von ihnen glaubt, dass ich ein Maler bin.“

Larry wandte sich wieder an Maggie. „Und so bist du tatsächlich Maggie! Nicht als Beleidigung gemeint“ – und es lag eine lächelnde Verwegenheit in seinem Gesicht, die schwer zu beleidigen gewesen wäre – „ich sehe nicht, wie Old Jimmie Carlisles Tochter so ein Aussehen bekommen hat, ohne es zu stehlen.“

„Nun, dann“, erwiderte Maggie, „sehe ich nicht, wie du dein Aussehen bekommen hast, außer –“

Sie brach ab und biss sich auf die Zunge. Sie war gerade dabei gewesen, mit dem Kontrast zwischen Larrys Gesicht und seiner verschrumpelten, hakenasigen Großmutter zu entgegnen. Sie alle erkannten jedoch ihre Absicht.

Larry kam ihr sofort mit fast unmerklicher Leichtigkeit zu Hilfe.

„Abendessen!“, rief er aus und starrte auf das Sammelsurium von Geschirr auf dem Tisch. „Bin ich eingeladen?“

„Eingeladen?“, sagte Hunt. „Du bist der Ehrengast.“

„Dann könnte der Ehrengast das Privileg erbitten, sich ein bisschen sauber zu machen?“ Larry zog seine rechte Hand aus seiner Manteltasche, wo sie die ganze Zeit gewesen war, und begann das Taschentuch abzuwickeln, das er um seine Knöchel gewickelt hatte, als er vom Pier herübergekommen war.

„Ist deine Hand sehr verletzt?“, erkundigte sich Maggie eifrig.

„Nur die Knöchel aufgeschürft.“

„Wie das?“

„Sie sind zufällig mit dem Kiefer eines Bullen kollidiert, während er versuchte, mich hypnotisch zu beeinflussen. Er kommt gerade wieder zu sich. Officer Gavegan.“

„Gavegan!“, rief Hunt aus. „Da hast du dir einen harten Brocken ausgesucht. Junger Mann, du legst einen grandiosen Start hin – eine Anklage wegen Körperverletzung an einem Beamten am selben Tag, an dem sie dich aus dem Gefängnis entlassen.“

Larry lächelte. „Gavegan ist ein mieser Kerl, aber er wird keine Anzeige wegen Körperverletzung erstatten. Er behauptet, der Schwergewichts-Boxchampion des Polizeidepartements zu sein. Das würde doch einen ziemlichen Knick in seinem Ruf geben, wenn er öffentlich zugäbe, von einem Kerl k. o. geschlagen worden zu sein, der ihn mit bloßen Händen erledigt hat, während er eigentlich von der Gefängnishaft geschwächt und vierzig Pfund leichter ist. Er würde die totale Lächerlichkeit ernten. Oh, Gavegan wird keinen Mucks von sich geben.“

„Er wird die Sache auf anderem Wege bereinigen“, sagte Hunt.

„Ich nehme an, er wird es versuchen“, antwortete Larry gleichgültig. „Wo ist das Erste-Hilfe-Zimmer?“

Hunt zeigte ihm den Weg durch die Vorhänge. Als er herauskam, waren Hunt, Maggie und die Duchess alle damit beschäftigt, das Abendessen auf den Tisch zu bringen. Zusätzliche Hilfe wäre nur eine Störung gewesen, also wanderten Larrys Augen beiläufig zu den Leinwänden, die im Schatten an den Wänden standen.

„Mr. Hunt“, bemerkte er, „Sie scheinen sich in der Nachbarschaft einen sehr speziellen Ruf erarbeitet zu haben. Der alte Isaac unten hat mir gesagt, Sie seien verrückt – sagte, sie nennen Sie ‚Nüsse‘ – sagte, Sie seien der schlechteste Maler, den es je gab.“

„Ja, das sagen sie“, stimmte Hunt zu.

„Sie sind wirklich schrecklich, Larry“, warf Maggie ein und trat an seine Seite. „Vater hält sie für Witze, und Vater versteht nun mal etwas von Bildern. Schau dir nur mal ein paar davon an.“

„Ja, sieh sie dir an und lach dich kaputt“, lud Hunt ein.

Larry trug das Porträt der Duchess unter die schwingende elektrische Glühbirne und untersuchte es genau. Maggie an seiner Schulter wartete auf sein Gelächter, und Hunt betrachtete ihn mit einem Seitenblick. Aber Larry lachte nicht. Er stellte das Bild schweigend zurück und betrachtete dann das Porträt des alten Jimmie – dann das von Maggie – dann das der italienischen Madonna, die auf ihrem Bordstein thronte. Er stellte auch dieses zurück und ging schnell auf Hunt zu. Maggie beobachtete diese Bewegung mit Erstaunen.

Larry stellte sich dem großen Maler gegenüber. Seine Gestalt war angespannt, seine Gesichtszüge hart vor Misstrauen. In diesem Augenblick konnte man verstehen, warum er manchmal „der schreckliche Larry“ genannt wurde; er wirkte wie eine verheerende Explosion, die noch nicht explodiert war.

„Was ist dein Spiel hier unten, Hunt?“, fragte er schroff.

„Mein Spiel?“, wiederholte der große Maler. „Ich verstehe dich nicht.“

„Doch, das tust du! Du spielst hier den Trottel, der Leinwände beschmiert!“

„Was ist falsch daran?“

„Nur dies: Das sind keine verrückten Schmierereien. Das sind echte Bilder!“

„Eh!“, rief Hunt aus. Maggie starrte die beiden Männer fassungslos an.

Hunt sprach wieder. „Was zum Teufel verstehst du von Bildern? Der alte Jimmie, von dem es heißt, er sei ein Hai, hält all diese Sachen nur für Comics.“

„Jimmie hält ein Bild nur dann für gut, wenn tausend Presseagenten gesagt haben, dass es gut ist“, erwiderte Larry. „Ich habe zwei Jahre lang an der Academy of Design studiert, bis ich lernte, dass ich niemals malen könnte. Aber ich verstehe etwas von Bildern.“

„Und du hältst meine für gut?“

„Nicht nach der populären Art – sie sind zu originell. Aber sie sind großartig. Und du bist ein großartiger Maler. Und ich will wissen –“

„Hurra!“, schrie Hunt, legte einen enthusiastischen Arm um Larry und begann, auf dessen Rücken zu hämmern. „Oh, Junge! Oh, Junge!“

Larry riss sich los. „Hör damit auf. Gibst du also zu, dass du ein großartiger Maler bist?“

„Natürlich bin ich ein großartiger Maler!“, schrie Hunt. „Wer sollte das besser wissen als ich?“

„Was macht dann ein großartiger Maler hier unten? Was ist das für ein Spiel, das du abziehst, indem du so tust, als wärst du –“

„Hör zu, Sohn“, grinste Hunt. „Du hast mich herausgefordert, und ich muss meine Karten auf den Tisch legen. Nur darfst du es niemandem verraten – und Maggie auch nicht; die Duchess redet sowieso nicht. Es ist nicht nötig, dich jetzt mit einer Menge Details über mich zu belästigen. Es reicht zu sagen, dass die Leute mich nur bezahlten, wenn ich den üblichen hübschen Mist ablieferte; niemand glaubte an das andere Zeug, das ich machen wollte. Ich wollte weg von dieser Bande; ich wollte echte Studien von Menschen machen, bei denen ihre wahre Natur durchscheint. Also habe ich mich aus dem Staub gemacht. Soweit verstanden?“

„Aber warum hier unten den Trottel spielen?“

„Ich habe nie das Gerücht verbreitet, dass ich ein Trottel bin. Die Leute, die sich meine Arbeit ansahen und lachten, haben das Gerede angefangen. Ich habe nicht herausgebrüllt, dass ich ein großer Künstler bin, aus dem sehr guten Grund, dass die Leute, die für mich Modell saßen, es entweder nicht getan hätten oder so befangen gewesen wären, dass sie versucht hätten, wie jemand anderes auszusehen, und mir sich selbst niemals gezeigt hätten, wenn sie es geglaubt hätten. Da sie mich für einen Witz hielten, verhielten sie sich einfach natürlich. Was, junger Mann, so ziemlich alles ist, was du wissen musst.“

Maggie beobachtete die beiden Männer atemlos, verwirrt durch dieses neue Licht, in dem Hunt erschien, und fasziniert von der angespannten Wachsamkeit ihres Helden Larry.

Langsam löste sich Larrys Anspannung. „Ich weiß nichts über den Rest deiner Aufmachung“, sagte er langsam, „aber als Maler bist du ein Riese.“

„Der Rest von ihm ist auch in Ordnung“, warf die trockene, emotionslose Stimme der Duchess ein. „Das Essen ist fertig. Kommt schon.“

Als sie zum Tisch gingen, legte Hunt Larry eine große Hand auf die Schulter. „Und zu denken“, gluckste er, „dass es einen Gauner, der frisch aus Sing Sing kommt, brauchte, um mich als großen Künstler zu entdecken! Du bist clever, Larry – clever! Maggie, lass den Korkenzieher arbeiten und fülle die Gläser mit dem erlesensten Jahrgang H2O. Ein Toast. Auf Larry!“

KAPITEL V

Das Abendessen war einfach: Rindfleisch, geschmort mit Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln, dazu Kuchen und echter Kaffee. Aber es hielt Hunts Prahlerei stand: Der Chefkoch des Ritz, beschränkt auf ein so einfaches Menü, hätte es wahrlich nicht besser machen können. Und Larry, nach seiner Gefängniskost, speiste wie die Götter.

Der unbändige Hunt, der versuchte, dieses neue Exemplar zu lesen, das unter seine Beobachtung gekommen war, versuchte, Larry aus der Reserve zu locken. „Barney Palmer und der alte Jimmie waren heute Nachmittag hier und wollten dich sehen. Sie haben etwas Großes für dich in petto. Ich nehme an, du bist bereit, dich darauf zu stürzen und es mit einem Paukenschlag durchzuziehen.“

„Ich werde etwas mit einem Paukenschlag durchziehen – aber ich schätze, das Geschäft muss warten, bis Barney, Jimmie und ich uns unterhalten haben. Kannst du mir noch ein wenig von dem Eintopf abgeben?“

Seine Sprechweise war eine stille Ankündigung an Hunt, dass seine Pläne vorerst ein abgeschlossenes Thema seien. Hunt fühlte sich ausgebremst, denn dieser magere, aufmerksame, viel besprochene Abenteurer reizte ihn sehr; aber er wechselte zu anderen Themen und redete während des restlichen Essens die meiste Zeit. Die Duchess schwieg und schien sich nur um ihr Essen zu kümmern. Larry kam zu einem fairen Teil der Unterhaltung, aber seine Aufmerksamkeit galt, abgesehen von der für das Essen notwendigen, größtenteils Maggie.

Wie sie aufgeschossen war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte! Fast eine Frau jetzt – und dazu bestimmt, eine Schönheit zu werden! Und mehr als nur eine Schönheit: Sie war farbenfroh, vital, nervenstark. Bevor er fortgegangen war, hatte er sie mit einer Art nachlässiger Zuneigung eines älteren Bruders betrachtet. Aber dieses Gefühl, das in ihm aufzusteigen begann, war völlig anders, und das wusste er.

Was Maggie betraf, so errötete sie, wenn sie ihn ansah, und ihre Augen wurden hell. Larry war zurück! – der brillante, waghalsige Larry. Sie war sich bewusst, dass es ihr gelungen war, seine Aufmerksamkeit zu erregen und zu fesseln. Ja, sie würden gemeinsam großartige Dinge tun!

Als das Abendessen beendet und das Geschirr abgewaschen war, gab Larry diesem neuen Drang Ausdruck, der so schnell in ihm herangewachsen war.

„Was sagst du, Maggie, zu einem kleinen Spaziergang?“

„In Ordnung“, antwortete sie eifrig.

Sie gingen zusammen die schmale Treppe hinunter. Auf dem Treppenabsatz des zweiten Stocks, der nur Maggies Schlafzimmer, das der Duchess und eine winzige Küche enthielt, wollte Maggie ihn verlassen, um sich in Straßenkleidung umzuziehen; aber er ergriff ihren Arm und sagte: „Komm mit.“ Sie stiegen eine weitere Treppe hinab und kamen in den Hinterraum hinter dem Pfandleihhaus, den die Duchess als Kombination aus Wohnzimmer, Büro und Lagerraum nutzte. In diesem muffigen Museum hingen oder standen nicht eingelöste Seemannsjacken, Abendgarderobe für Männer und Frauen, Banjos, Gitarren, Violinen, Regenschirme und ein riesiger grüner ausgestopfter Papagei, der auf dem Tresor der Duchess saß.

„Ich wollte reden, nicht laufen“, sagte er. „Lass uns hier bleiben.“

Er nahm ihre Hände und sah sie stetig an. Unter dem gelben Gaslicht leuchtete ihr Gesicht aufgeregt zu ihm auf, ihr Atem ging schnell.

„Nun, Sir, was hältst du von mir?“, verlangte sie zu wissen. „Habe ich mich sehr verändert?“

„Verändert? Warum, das ist Magie, Maggie! Ich habe dich als Schulmädchen verlassen; du bist jetzt eine Frau. Und ein Wunder!“

„Das glaubst du?“, sie errötete vor Stolz und Vergnügen, und ein wilder Geist ergriff sie und verlangte nach Ausdruck in Taten. Sie befreite ihre linke Hand und legte sie über Larrys Schulter. „Komm – lass uns Two-Step tanzen.“

„Aber, Maggie, ich habe es vergessen.“

„Komm schon!“

Im Nu zog sie ihn über die karge Bodenfläche. Aber nach einem Moment hielt er inne und protestierte.

„Diese Gefängnisschuhe waren von ihren Erbauern nicht für solche Arbeiten gedacht. Wenn du tanzen musst, wirst du es alleine aus deinem System herausarbeiten müssen.“

„In Ordnung!“

Sofort, inmitten des schäbigen Raums, summte sie die Musik und tanzte Carmens Tanz – wild, provokant, verführerisch. Es war keine bemerkenswerte Darbietung im professionell-technischen Sinne; aber sie hatte eine lebhafte Persönlichkeit; sie war leicht, geschmeidig, anmutig, blitzend vor Farbe und Lebensgeist.

„Maggie!“, rief er aus, als sie fertig war und leuchtend und keuchend vor ihm stand. „Gut! Wo hast du das gelernt?“

„Im Chor einer Kabarettrevue.“

„Ist es das, was du jetzt tust, in einem Chor arbeiten?“

„Nein. Barney und Vater sagten, ein Chor sei kein Ort für mich.“ Sie trat näher. „Oh, Larry, ich habe dir so viel zu erzählen.“

„Schieß los.“

„Nun“ – sie legte den Kopf schelmisch schief – „ich bin zur Schule gegangen.“

„Zur Schule gegangen! Wo?“

„An vielen Orten. Im Moment gehe ich im Ritzmore Hotel zur Schule.“

„Im Ritzmore Hotel!“ Er starrte sie verblüfft an. „Was lernst du da?“

„Eine Dame zu sein.“ Sie lachte über seine zunehmende Verwirrung. „Eine echte Dame, Larry“, fuhr sie aufgeregt fort. „Oh, es ist so eine wunderbare Idee! Vater schien nie viel von mir zu halten, bis zu der Nacht, als ich mit Mr. Hunt auf einen Maskenball ging und er und Barney mich in diesen Kleidern sahen. Sie hatten mich noch nie richtig schick angezogen gesehen; Barney sagte, es war ein Augenöffner. Sie sahen, wie ich euch allen von großem Nutzen sein könnte. Aber um das zu sein, muss ich eine Dame sein – eine echte Dame, die weiß, wie man sich benimmt und richtige Kleidung trägt. Das ist es, was sie jetzt tun: Sie machen mich zu einer Dame.“

„Dich zu einer Dame machen!“, rief Larry aus. „Wie?“

„Indem sie mich dorthin bringen, wo ich echte Damen beobachten und sie studieren kann. Barney hat meine Zeit im Chor abgekürzt; Barney sagte, ein Chormädchen lerne nie, als Dame durchzugehen. Also habe ich an Orten gearbeitet, an denen die feinsten Frauen verkehren. Zuerst in einem Hutladen; dann als Ankleiderin für ein Model im Laden einer schicken Modistin; immer beobachtend, wie sich die Damen benehmen. Jetzt bin ich im Ritzmore und trage mittags, zur Teezeit, während des Abendessens und beim Nachtimbiss nach dem Theater ein Tablett mit Zigaretten um die Tische. Ich soll dort sein, um Zigaretten zu verkaufen, aber eigentlich bin ich dort, um zu beobachten, wie die Damen mit Messer und Gabel umgehen und sich gegenüber den Männern benehmen. Ist das nicht alles schrecklich clever?“

„Mensch, Maggie!“, rief er aus.

„Und schon bald, wenn ich mehr gelernt habe“, fuhr sie schnell fort, „werde ich meine eigenen schicken Kleider haben – und eine Dame sein – und von diesem schäbigen, stickigen, toten alten Ort verschwinden! Ich halte es nicht mehr lange aus, hier unten begraben zu sein. Und, oh, Larry, ich werde anfangen, mit dir zu arbeiten!“

„Was?“, er blinzelte, noch nicht ganz verstehend.

„Du glaubst, ich bin nicht clever genug? Aber das bin ich!“, protestierte sie. „Ich sage dir, ich habe eine Menge gelernt. Und Barney und Vater haben mich bei vielen Dingen helfen lassen – nichts wirklich Großes natürlich bisher. Sie denken, ich werde ein Wunder. Gerade heute sagte Vater, dass du und ich, im Team – Warum, was ist los, Larry?“

„Du und ich – im Team“, wiederholte er langsam.

„Ja. Gefällt dir die Idee nicht?“

Seine Hände umklammerten plötzlich ihre nackten Schultern.

„Da ist nichts dran!“, rief er fast wild.

„Was ist das?“, rief sie erschrocken.

„Ich sage dir, da ist nichts dran!“

„Du – du glaubst, ich schaffe es nicht?“

„Du kannst es nicht! Und ich werde es nicht zulassen!“

„Warum – warum –“

Starrend wich sie langsam von ihm zurück. Sein Gesicht, das vor wenigen Augenblicken gelächelt hatte, war nun hart und dominant vor Entschlossenheit. Sie hatte gehört, wie man ihn „den lachenden Larry“ nannte; und auch „den schrecklichen Larry“, dessen erregtem Willen niemand widerstehen konnte. Er sah jetzt aus wie diese letzte Person, und sie konnte es nicht verstehen.

Aber obwohl sie es nicht verstehen konnte, stürmte ihr eigener trotziger Geist auf, um gegen diesen unerwarteten Widerstand anzukämpfen. Er glaubte nicht an sie – das war es! Er hielt sie nicht für fähig, mit ihm zu arbeiten! Ihre junge Gestalt straffte sich vor gekränktem Stolz, und ihr Geist sammelte hitzige Phrasen, um sie ihm entgegenzuschleudern, als die Tür vom Pfandleihhaus zu knarren begann. Sofort drehte sich Larry ihr zu, entspannt und doch wachsam für alles. Der alte Jimmie und Barney Palmer traten ein.

„Hallo, Larry!“, rief der alte Mann und kam herüber. „Willkommen in unserer Stadt!“

„Hallo, Jimmie. Hallo, Barney.“ Und Larry schüttelte seinen Partnern von früher die Hände.

„Mensch, Larry, es ist gut, dich zu sehen!“, rief der listig blickende alte Mann. „Wusste nicht, dass du zurück bist, bis ich am Broadway in Gavegan hineingelaufen bin. Er hat es mir erzählt, und so sind Barney und ich hierher geeilt, um dich zu sehen. Glaub mir, Larry, dieser Bulle ist wirklich sauer auf dich!“

Larry ignorierte den letzten Satz. „Haltet ihr es für genau klug, dass ihr zwei hierher kommt?“

„Warum, Larry?“

„Gavegan, Casey, die Polizei, könnten folgen, in der Annahme, ihr seid gekommen, um mich aus irgendeinem Grund zu sehen. Diese Truppe könnte aufgrund von Verdacht handeln.“

Jimmie grinste listig. „Ein Mann kann so oft er will seine eigene Tochter besuchen. Vaterliebe, Larry.“

„Ich verstehe; das wird eure Erklärung sein.“ Larrys Augen wurden scharf bei dem neuen Verständnis. „Daran hatte ich vorher nicht gedacht, Jimmie. Also deshalb hast du Maggie immer in zwielichtigen Spelunken untergebracht: damit du deine Kumpels treffen konntest und immer die Ausrede hattest, du wärst gekommen, um deine Tochter zu treffen?“

„Teilweise das“, lächelte der alte Jimmie sanft – vielleicht zu sanft. „Setzen wir uns doch.“

Das taten sie, wobei Maggie ein wenig abseits der Männer saß und Larry mit empörten, fragenden Augen betrachtete. Sie konnte sein merkwürdiges Verhalten immer noch nicht verstehen, als sie ihre Absicht angekündigt hatte, mit ihm zu arbeiten. Könnte es sein, wie ihr Vater gesagt hatte, weil er niemals mit Frauen arbeiten würde – da er ihnen nicht vertraute? Sie würde es ihm zeigen!

Sie war so mit diesem Staunen beschäftigt, dass sie nicht auf das Gerede über Larrys Erfahrung in Sing Sing und den Bericht des alten Jimmies darüber achtete, was während seiner Abwesenheit unter Larrys Freunden geschehen war. Während dieses Tratschs kam die Duchess von der Treppe herein, schlurfte ohne ein Wort zu jemandem zu ihrem Schreibtisch in einer Ecke und beugte sich schweigend über ihre Konten: nur ein weiteres groteskes und nicht eingelöstes Pfand in diesem Museum der Antiquitäten und vergessenen Pfänder.

Nach einer Weile platzte Barney Palmer, der während alldem ungeduldig gewesen war, heraus mit:

„Ach, lassen wir dieses Geplapper über das, was war, und kommen wir zur Sache. Jimmie, willst du Larry das Geschäft beichten oder soll ich?“

„Ich werde es ihm sagen. Hör zu, Larry.“ Maggie spitzte die Ohren; das Gespräch war jetzt aufregend wichtig. „Wir haben unser allergrößtes Spiel geplant. Aktienverkauf-Spiel; wir werden das ganze Ding bei einem einzigen Dummen abladen, und wir haben den Dummen schon ausgesucht. Außer dir und Barney und mir sind Red Hannigan und Jack Rosenfeldt dabei – eine klassische Truppe, keine Frage. Und wir denken, dass wir für das Frauenthema Mae Gorham dazunehmen. Sie ist clever und hat einen unschuldigen Blick –“

„Aber ich dachte, ihr würdet mich dazunehmen!“, protestierte Maggie.

„Maggie wird genauso gut sein wie Mae Gorham“, warf Barney ein.

„Das lassen wir mal so stehen“, sagte der alte Jimmie. „Die Hauptsache, Larry, ist, dass alles bereit ist. Es ist ein riesiges Geschäftsvorhaben. Wir haben auf dich gewartet; du bist alles, was noch fehlt – der kluge Kerl, der hinter den Kulissen sitzt und die Sache managt. Du hast die Bande schon lange im Griff, und sie wollen, dass du das hier leitest. Denn du bist wirklich ein Wunder im Geschäft, Larry! Keiner ist schärfer. Nun, wir haben das einen Monat lang für dich zurückgehalten. Wie wäre es, direkt einzusteigen?“

Alle drei beäugten Larry. Sein schmales Gesicht war ausdruckslos. Er zündete sich eine Zigarette an, stand auf, lehnte sich an den Tresor der Duchess, auf dem der grüne Papagei stand, und stieß, den Blick auf den Boden gerichtet, langsam Rauch durch seine Nasenlöcher aus.

„Nun?“, verlangte Barney zu wissen.

Larry sah die beiden Männer mit ruhigen, ebenmäßigen Augen an. „Danke an euch beide. Das ist ein großes Kompliment. Aber ich hatte Zeit, oben in Sing Sing selbst ein wenig zu planen, und ich habe ein Spiel ausgearbeitet, das dieses hier um Längen schlägt.“

„Zur Hölle!“, stieß Barney in wütendem Ekel aus. „Jimmie, ich habe dir gesagt, wir verschwenden unsere Zeit, wenn wir auf ihn warten!“

„Warte mal eine Sekunde, Barney. Wenn Larry ein besseres Spiel ausgearbeitet hat, wird er uns mit reinnehmen. Aber, Larry, wie kann dein Spiel dieses hier schlagen?“

„Weil mehr Geld drin ist. Und weil es sicherer ist.“

„Sicher! Ach, zur Hölle!“, die schwelende Eifersucht und der Hass blitzten aus Barneys grünlichen Augen. „Ich wusste immer, dass du einen feigen Zug hast! Etwas Sicheres! Ach, zur Hölle!“

„Reg dich nicht auf, Barney. Was ist das neue Spiel, Larry?“, fragte der alte Mann.

Larry betrachtete die beiden Männer stetig. Er schien zu zögern, zu sprechen.

„Nun?“, drängte der alte Jimmie. „Ist es etwas, in das du uns nicht einweihen willst?“

„Natürlich werde ich euch einweihen und wäre froh darüber, wenn ihr mitmachen wollt“, antwortete Larry in seinem gleichmäßigen Ton. „Wie ich sagte, ich habe es mir genau überlegt und es ist ein großartiges Vorhaben. Hier ist das Spiel: Ich werde aufrichtig.“

Einen Moment lang saßen alle drei fassungslos über diese ruhige Aussage ihres Anführers. Nichts, was er hätte sagen können, hätte unerwarteter, verblüffender sein können. Nur die Duchess bewegte sich; sie drehte den Kopf und hielt ihre eingefallenen Augen auf ihren Enkel gerichtet.

Gleichzeitig standen die beiden Männer und Maggie auf.

„Zum Teufel mit dem, was du sagst!“, knurrte Barney Palmer.

„Larry, bist du verrückt geworden?“, rief der alte Jimmie.

Maggie trat einen Schritt näher an ihn heran. „Willst du aufrichtig werden?“, fragte sie ungläubig.

„Hört mir alle zu“, sagte Larry ruhig. „Nein, Jimmie, ich bin nicht verrückt geworden. Ich werde lediglich ein wenig vernünftig. Du hast gerade gesagt, ich sei ein Wunder im Geschäft, Jimmie. Ich glaube das selbst auch. Ich habe es mir alles als Geschäftsvorhaben überlegt. Angenommen, wir machen bei einem großen Deal fünfzig oder hunderttausend. Wir müssen es auf mehrere Wege aufteilen, vielleicht eine große Stange Geld an die Polizei für Schutz zahlen, vielleicht eine Menge Anwälte bezahlen, und dann vielleicht für ein Jahr oder mehrere Jahre weggesperrt werden, während derer wir keinen Nickel einnehmen. Ich habe ausgerechnet, dass mein durchschnittliches Einkommen über einen Zeitraum von Jahren verdammt klein war. Als Geschäftsmann schien es mir, dass ich in einem schlechten Geschäft war, ohne Zukunft. Also beschloss ich, in ein neues Geschäft einzusteigen, das eine Zukunft hat. Das ist das ganze Ausmaß.“

„Du wirst feige – das ist das wahre Ausmaß!“, zischte Barney Palmer und machte einen halben Schritt auf ihn zu.

„Sei lieber ein wenig vorsichtig, Barney“, warnte Larry mit zusammengebissenem Kiefer.

„Meinst du wirklich, Larry“, verlangte der alte Jimmie zu wissen, „dass du uns fallen lässt, nachdem wir uns auf dich verlassen und so lange auf dich gewartet haben?“

„Es tut mir leid, euch warten gelassen zu haben, Jimmie. Aber wir haben uns endgültig getrennt.“ Dann fügte Larry hinzu: „Es sei denn, ihr wollt meinen Weg gehen.“

„Dein Weg! Niemals!“, schnappte Barney.

„Und du, Jimmie?“, erkundigte sich Larry, seine Augen auf Barneys entzündetes Gesicht gerichtet.

„Ich sehe dein Vorhaben nicht. Und ich bin ein zu alter Vogel, um etwas Neues anzufangen. Nein, danke. Ich bleibe bei dem, was ich kenne.“

Seine nächsten Worte, bei denen er seine langen gelben Zähne zeigte, wurden langsam gesprochen, aber sie waren hart und hatten eine schneidende Schärfe. „Du hast eine süße Vorstellung davon, was aufrichtig ist, Larry: uns ohne Anführer im Stich zu lassen, gerade wenn wir einen Anführer am meisten brauchen.“

Larrys gefasster, aber wachsamer Blick ruhte noch immer auf Barney. „Du bist wirklich nicht in einer so schlechten Lage. Barney hier ist bereit, die Führung zu übernehmen.“

„Und ob ich das bin!“, fuhr ihn Barney an, während sich seine Hände ballten. „Und die Bande wird durch den Wechsel nichts verlieren, das kannst du mir glauben! Die Bande hielt dich immer für ein Ass – und ich wusste immer, dass du eine Zwei bist. Und jetzt werden sie sehen, dass ich recht hatte – dass du schon immer ein Feigling warst!“

Larry lehnte noch immer in derselben Haltung scheinbarer Entspannung am Safe, aber er erwartete, dass Barney jeden Augenblick zuschlagen würde, und hielt sich für eine blitzschnelle Faust bereit. Barney war schon früher schwer im Zaum zu halten gewesen; jetzt, da alle Bande der Partnerschaft zerrissen waren, sah er in diesen kleinen, funkelnden Augen einen Trotz und einen Hass, die von nun an keinen Grund mehr zur Zurückhaltung hatten. Und er wusste, dass Barney gerissen, verbissen hartnäckig und grenzenlos in seinem Selbstvertrauen und Ehrgeiz war.

„Und hör dir auch das an, Larry Brainard“, ließ sich Barney von seinem Zorn fortreißen. „Misch dich nicht ein und versuch nicht, Maggie vollzupredigen.“ Er drehte halb eifersüchtig den Kopf weg. „Maggie, hör bloß nicht auf das Gerede dieses Trottels von der Heilsarmee!“

Maggie antwortete nicht sofort, sondern stand da und betrachtete die beiden einander gegenüberstehenden Gestalten. Für sie waren sie ein seltsam ungleiches Paar: Barney in den schicksten Kleidern, die ein überheblicher Broadway-Schneider entwerfen konnte, und Larry in den formlosen Sachen, die ihm der Staat bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis mitgegeben hatte.

„Maggie“, wiederholte er, „hör nicht auf das Gerede dieses Trottels!“

„Ich werde tun, was mir gefällt, Barney.“

„Aber du wirst dich uns anschließen?“, forderte er.

„Natürlich.“

Er wandte sich wieder an Larry. „Hast du das gehört? Lass Maggie in Ruhe!“

Larry antwortete nicht, obwohl sein Zorn stieg. Er sah über Barneys Kopf hinweg zu Maggies Vater.

„Jimmie“, bemerkte er mit derselben ruhigen Stimme, „gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?“

„Ich bin fertig.“

„Dann“, sagte Larry, „führst du deinen neuen Oberbefehlshaber besser hier hinaus, oder ich trage ihn hinaus und verpasse ihm ein paar Schläge auf den Hintern.“

„Was sagst du da?“, knurrte Barney.

„Raus mit dir!“, befahl Larry mit einer Stimme, die plötzlich wie Stahl klang.

Barneys Faust schwang bösartig nach Larrys Kopf. Sie traf nicht, weil Larrys Kopf woanders war. Larry nutzte die Lücke nicht zum Gegenschlag, doch als die Faust vorbeizischte, packte er das Handgelenk, und im selben Augenblick ergriff er das andere. Im nächsten Moment hielt er Barney hilflos in einem verdrehenden, schmerzhaften Griff, den er von einem seiner nicht-christlichen Freunde beim Y.M.C.A. gelernt hatte.

„Barney – wirst du hinausgehen, oder soll ich dich hinauswerfen?“

Barneys Antwort kam nach einem Moment durch zusammengebissene Zähne: „Ich werde gehen – aber dafür kriege ich dich noch!“

„Ich weiß, dass du es versuchen wirst, Barney. Und ich weiß, dass du versuchen wirst, mich hinterrücks zu erwischen.“ Larry lockerte seinen Griff. „Gute Nacht.“

Barney wich finster dreinblickend zur Tür zurück; und der alte Jimmie, dessen graues Gesicht eine ausdruckslose Maske war, folgte ihm schweigend nach draußen.

Die ganze Zeit über hatte die Duchess zugesehen, regungslos in ihrer Ecke, ein schäbiger, vergessener Teil des schäbigen Hintergrunds – nicht auffälliger als eines ihrer eigenen staubigen, bizarren Pfandstücke.

KAPITEL VI

Einen Moment lang, nachdem die Tür hinter Barney und dem alten Jimmie ins Schloss gefallen war, stand Larry da und starrte sie an. Dann wandte er sich an Maggie.

Sie stand schlank und aufrecht. Ihr Kopf war herrisch erhoben, ihre schwarzen Augen trotzig. Keiner von beiden sprach sofort. Mehr als zuvor war er von ihrer gegenwärtigen und ihrer potenziellen Schönheit beeindruckt. Bis zu dieser Nacht hatte er sie nur beiläufig als junges Mädchen betrachtet; er war jetzt nicht bewusst in sie verliebt – ihr junges Frausein war zu plötzlich über ihn hereingebrochen, als dass er sich dessen hätte bewusst werden können –, aber ein warmes Kribbeln durchlief ihn, als er ihre herrische, selbstbewusste Jugend betrachtete. Ein Teil seines Geistes dachte an denselben Gedanken, den Hunt einige Stunden zuvor erwogen hatte: Hier wuchs eine großartige Abenteurerin heran.

„Maggie“, sinnierte er, „dein Aussehen hast du nicht von deinem Vater. Du musst eine hübsche Mutter gehabt haben.“

„Ich weiß es nicht – ich habe sie nie gesehen“, entgegnete sie kurz angebunden.

„Armes Kind“, fuhr Larry fort, „und mit nur dem alten Jimmie als Vater.“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Lange Zeit hatte sie von diesem Mann als ihrem Helden geträumt; sie hatte von großartigen Abenteuern mit ihm geträumt, in denen sie sein Lob gewinnen würde. Und nun – und nun –

Er wechselte das Thema.

„Du hast dich also entschieden, mit deinem Vater und Barney mitzuhalten?“

„Das habe ich.“

„Tu das nicht, Maggie.“

„Predige nicht, Larry.“

„Ich predige nicht. Ich rede nur geschäftlich mit dir. Genauso, wie ich geschäftlich mit mir selbst geredet habe. Das krumme Ding ist ein schlechtes Geschäft für eine Frau, die etwas anderes tun kann – und du kannst etwas anderes tun. Ich habe viele Frauen im krummen Geschäft gekannt. Sie alle haben ein übles Ende genommen oder steuern darauf zu. Also vergiss es, Maggie. Es gibt mehr im ehrlichen Geschäft.“

Sie hatte schnell das Gefühl bekommen, stärker und klüger zu sein als ihr Ex-Held. In ihrem gewaltigen Stolz und Selbstvertrauen mit achtzehn betrachtete sie ihn fast mit mitleidiger Herablassung.

„Irgendetwas hat dein Gehirn aufgeweicht, Larry. Ich weiß es besser. Die Leute, die vorgeben, ehrlich zu sein, sind nur Betrüger; sie spielen ein anderes, glatteres Spiel, das ist alles. Jeder will sich seinen Teil holen, und zwar auf dem einfachsten und schnellsten Weg. Du weißt, dass das stimmt. Und genau das werde ich tun.“

Larry hatte einst ähnlich geredet, aber es schien ihm gerade jetzt rätselhaft seltsam, solch ein Gerede von einem jungen Mädchen zu hören. Dann begriff er.

„Du konntest nicht anders, als solche Ideen zu haben, Maggie, da du seit deiner Kindheit unter Gaunern lebst. Warum, der alte Jimmie hätte keine besseren Methoden anwenden oder bessere Ergebnisse erzielen können, wenn er bewusst darauf ausgegangen wäre, dich zur Gaunerin zu machen.“ Dann kam ihm eine plötzliche Möglichkeit. „Glaubst du, er könnte immer diesen Plan gehabt haben – dich zur Gaunerin zu machen?“, fragte er.

„Was für einen Unterschied macht das?“, verlangte sie kurz angebunden zu wissen.

„Eine komische Sache für einen Vater, die er mit seinem eigenen Kind anstellt“, entgegnete Larry. „Aber ob Jimmie es beabsichtigt hat oder nicht, genau das hat er getan.“

„Was ich bin, das bin ich“, erwiderte sie mit ihrem herrischen Trotz. In diesem Moment hatte sie das Gefühl, dass sie ihn hasste; sie bebte vor dem Verlangen, ihn zu verletzen: Er hatte ihren romantischen Helden und ihre romantischen Träume so völlig zerstört. Ihre Hände ballten sich.

„Du redest davon, ehrlich zu werden – das ist alles Quatsch!“, fuhr sie ihn an. „Viele Männer sagen, sie werden ehrlich, aber niemand tut es jemals! Und du wirst es auch nicht!“

„Du glaubst, ich werde es nicht?“

„Ich weiß, dass du es nicht wirst! Du weißt nicht, wie man eine ordentliche Arbeit macht. Und außerdem wird einem Gauner niemand eine Chance geben.“

Sie hatte unfehlbar den Finger auf seine zwei großen Probleme gelegt, und Larry wusste es; er hatte sie oft genug bedacht.

„Trotzdem werde ich es schaffen!“, erklärte er.

„Oh nein, wirst du nicht!“

Vielleicht wurde er hauptsächlich durch den Stachel ihrer spöttischen Zunge, durch das Lodern ihrer dunklen, verächtlichen Augen aufgewühlt; und vielleicht durch das veränderte Gefühl gegenüber diesem Geschöpf, das er als halb erwachsenes Mädchen verlassen hatte und bei seiner Rückkehr als Frau vorfand. Jedenfalls trat er auf sie zu, packte ihre Handgelenke und sah sie wild an.

„Ich sage dir, ich werde ehrlich werden, und ich werde damit Erfolg haben! Du wirst schon sehen!“ Und dann fügte er herrisch hinzu: „Mehr noch, ich werde dich auch dazu bringen, ehrlich zu werden!“

Sie machte keinen Versuch, sich zu befreien, sondern loderte ihn trotzig an. „Du wirst mich zu gar nichts bringen. Ich werde genau das sein, was ich gesagt habe, und ich werde damit Erfolg haben. Warte nur ab – ich werde dir beweisen, was ich kann! Und du – du wirst ein Versager sein und angekrochen kommen und uns anbetteln, dich aufzunehmen!“

Sie starrten einander schweigend, wütend an, ihre erwachten Willen trotzten einander. Einen Moment lang standen sie so da. Dann durchströmte etwas – eine Mischung aus seinem Verlangen, dieses trotzige junge Ding zu beherrschen, und jener wachsenden Veränderung in ihm ihr gegenüber – wahnsinnig Larrys Kopf. Er schloss Maggie in seine Arme und küsste sie.

Alle Steifheit wich plötzlich aus ihrer Gestalt und sie hing schlaff in seiner Umarmung. Ihre Blicke hielten einen Moment lang stand. Sie wurde blass, und am ganzen Körper bebend blickte sie zu ihm auf in überraschtem, weit aufgerissenem Schweigen. Was Larry betraf, so durchdrang ein schwindelerregendes, pulsierendes Gefühl sein ganzes erstauntes Wesen.

Plötzlich stieß sie sich aus seinen nachlassenden Armen frei und wich vor ihm zurück.

„Wofür hast du das getan?“, flüsterte sie heiser.

Aber sie wartete nicht auf seine Antwort. Sie drehte sich um und eilte zur Treppe. Drei Stufen höher drehte sie sich noch einmal um und sah auf ihn herab. Ihre Wangen waren wieder gerötet und ihre dunklen Augen lodernd.

„Es wird genau so kommen, wie ich gesagt habe!“, schleuderte sie ihm entgegen. „Ich werde Erfolg haben – du wirst scheitern! Warte du nur ab!“

Sie drehte sich um und rannte die Treppe schnell hinauf, bis sie aus dem Sichtfeld verschwand. Keiner von beiden hatte bemerkt, dass die Duchess, eine graue Gestalt, die mit einem grauen Hintergrund verschmolz, sie während der ganzen Szene starr beobachtet hatte. Und Larry war sich immer noch nicht bewusst, dass die alten Augen ihn nun mit ihrer tief liegenden, ausdruckslosen Starrheit beobachteten.

Regungslos stand Larry da und starrte dorthin, wo Maggie gewesen war. In ihm herrschte Aufruhr; er verstand die Bedeutung dieses impulsiven Kusses noch nicht... Er begann, im Raum auf und ab zu gehen, sein Geist und sein Wille nun mehr unter Kontrolle. Ja, er würde ehrlich werden; er würde es schaffen, und zwar groß herauskommen! Und er würde Maggie dazu bringen, auch ehrlich zu werden. Er würde es ihr zeigen! Es würde nicht leicht werden, aber er hatte seinen großen Plan geschmiedet, und er hatte Entschlossenheit, und er wusste, dass er am Ende gewinnen würde. Ja, er würde es ihr zeigen!...

Oben vor dem Spiegel saß Maggie und betrachtete sich aufmerksam. Ein Teil ihres Bewusstseins grübelte über diesen Kuss, und ein anderer Teil wiederholte heftig, dass sie es ihm zeigen würde – sie würde es ihm zeigen – sie würde es ihm zeigen!...

So in ihre Zukunft blickend, waren sie beide ihrer selbst und der Wege, die sie gehen würden, sehr sicher.

KAPITEL VII

Larry starrte immer noch dorthin, wo Maggie gestanden hatte, als sie ihm ihren Trotz entgegenwarf, als Hunt die Treppe herunterpolterte.

„Hallo, junger Mann; was hast du Maggie angetan?“, fragte der Maler.

„Warum?“

„Ihre Tür stand offen, als ich vorbeikam, und ich habe nach ihr gerufen. Sie hat nicht geantwortet, aber oh, was für ein Blick! Was liegt in der Luft?“

Und dann bemerkte Hunt die Duchess für sich in ihrer Ecke. „Sag mal, Duchess – worüber haben Larry und Maggie gestritten?“

„Großmutter!“, rief Larry erschrocken. „Ich hatte vergessen, dass du hier bist! Du musst alles gehört haben – schieß los und erzähl es ihm.“

„Erzähl es ihm selbst“, erwiderte die Duchess.

Larry und Hunt nahmen auf Stühlen Platz, und Larry gab den Kern dessen wieder, was er über seine Entscheidung gegenüber Barney, dem alten Jimmie und Maggie gesagt hatte. Die Duchess, die immer noch so unbeweglich an ihrem Schreibtisch saß, wie sie es während Larrys Szene mit dem alten Jimmie und Barney und dann seiner Szene mit Maggie gewesen war, betrachtete ihren Enkel mit diesem gefühllosen, mumifizierten Gesicht, in dem nur die rot umrandeten Augen Leben oder Interesse zeigten.

„Du willst also ehrlich werden, was?“, fragte Hunt. Der große Maler saß mit ausgestreckten langen Beinen vor sich, eine schwarze Pfeife im Mund, und sah Larry skeptisch an. „Du hast deinen Freunden, die mit dir gerechnet hatten, sicherlich einen ziemlichen Stoß versetzt. Und doch bist du sauer, weil sie sauer auf dich waren und nicht an dich geglaubt haben.“

„Habe ich gesagt, dass ich sauer bin?“, fragte Larry.

„Nein, aber du verhältst dich so. Und du bist sauer auf Maggie, weil sie nicht geglaubt hat, dass du es schaffen oder durchhalten würdest. Nun, ich glaube auch nicht, dass du es wirst.“

„Du bist ein großer Maler, Hunt, und ein großer Koch – aber es ist mir verdammt egal, was du glaubst.“

„Reg dich ab, junger Mann“, antwortete Hunt und paffte unerschütterlich. „Ich sage, ich glaube, dass du nicht gewinnen wirst – aber das heißt nicht, dass ich nicht will, dass du gewinnst. Wenn das das ist, was du tun willst, dann los, und möge das Glück mit dir sein, und möge der Teufel in der Hölle bleiben. Die Moral anderer Leute ist nicht mein Ding – geht mich nichts an. Ich bin Maler, und es ist meine Aufgabe, Menschen so zu malen, wie ich sie vorfinde. Aber Maggie hat wirklich den Finger auf den wunden Punkt deines Vorhabens gelegt: für einen Gauner, einen Job zu finden und das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Es geht immer bergauf, und man braucht den Mut von zehn Männern, um es bis ganz nach oben durchzuhalten. Ja, Maggie hatte sicher recht!“

Und dann unterbrach die Duchess ihr gewohntes Schweigen mit ihrem dünnen Krächzen:

„Kümmere du dich nicht um Maggie! Sie denkt, sie weiß alles, aber sie weiß gar nichts.“

Larry sah überrascht zu seiner Großmutter. Ein Aufleuchten lag in ihren alten Augen; doch im nächsten Moment war der Funke erloschen.

„Sicher, du hast es schwer – aber ich werde dir die Daumen drücken.“ Hunt grinste. „Aber sag mal, junger Mann, was hat dich dazu gebracht, für die andere Partei zu stimmen?“

Larry war darin geschult, Gesichter zu lesen; und in den grob gehauenen, grinsenden Zügen von Hunt las er Kameradschaft. Larry reagierte schnell in gleicher Weise, denn von dem Moment an, als er dem Maler die Maske des Narren vom Gesicht gerissen und ihn als wahren Künstler entlarvt hatte, fühlte er sich zu diesem mittellosen Abenteurer der Künste hingezogen. Also wiederholte er nun die geschäftlichen Motive, die er Barney und dem alten Jimmie gegenüber vorgebracht hatte. Während Larry sprach, wurde er spontaner, und nach einer Weile erzählte er von der Wirkung, die es auf ihn hatte, verschiedene gerissene Männer eingesperrt und untätig im Gefängnis zu sehen. Und bald richtete sich seine Erinnerung auf einen Gefängnisbekannten: einen Mann mittleren Alters, klug für seine Generation, der bereits fünfzehn Jahre einer langen Haftstrafe verbüßt hatte. Er war, sagte Larry, grimmig und sprach selten; aber eine enge, wortlose Freundschaft hatte sich zwischen ihnen entwickelt. Nur einmal, in einer ungewöhnlich entspannten Stimmung, hatte der alte Sträfling von sich selbst gesprochen, aber was er damals gesagt hatte, hatte einen größeren Anteil daran, Larry zu seiner neuen Entscheidung zu bewegen, als die Worte irgendeines anderen Mannes.

„Es war eine seltsame Geschichte, die Joe ausplauderte“, fuhr Larry fort. „Bevor er weggeschickt wurde, hatte er ein Kind, gerade ein Baby, dessen Mutter tot war. Er erzählte mir, er wolle, dass sein Kind aufwächst, ohne jemals etwas über die Art von Leuten zu wissen, die er kannte, und die Art von Leben, das er geführt hatte. Er wollte, dass es unter anständigen Leuten aufwächst. Er hatte Geld beiseitegelegt und er hatte einen alten Freund, einen Kumpel, dem er alles anvertrauen würde. Also übergab er sein Geld und sein Baby seinem Freund und gab Anweisungen, dass das Kind anständig aufgezogen, zur Schule geschickt werden sollte und dass das Kind niemals etwas über Joe erfahren durfte. Natürlich war das Baby damals zu jung, um sich jemals an ihn zu erinnern; und wenn er herauskommt, wird er sich absolut aus dem Leben des Kindes heraushalten – er will, dass sein Kind die bestmögliche Chance bekommt.“

„Wie ist sein ganzer Name, und weswegen wurde er eingesperrt?“, fragte die Duchess, wobei dieses flackernde Feuer des Interesses wieder in ihren alten Augen aufblitzte.

„Joe Ellison. Er war ein alter Trickbetrüger. Er geriet in eine Klemme – es wurde getrunken – es gab eine Schießerei – und ihm wurde versuchter Totschlag zur Anklage wegen Betrugs hinzugefügt. Aber Joe sagte, jeder habe getrunken und die Schießerei sei ein Unfall gewesen.“

„Joe Ellison – ich kannte ihn“, sagte die Duchess. „Er war so ziemlich der klügste Mann seiner Zeit. Aber ich wusste nie, dass er ein Kind hatte. Wer war dieser beste Freund von ihm?“

„Joe Ellison hat seinen Namen nicht erwähnt“, antwortete Larry. „Du siehst, Joe hat nur einmal von seiner Geschichte gesprochen. Aber er sagte damals, dass er einmal im Monat Briefe erhalten habe, die berichteten, wie gut es dem Kind gehe – bis vor drei oder vier Jahren, als er die Nachricht erhielt, dass sein Freund gestorben sei. So wie die Dinge jetzt stehen, wird Joe nicht wissen, wie er das Kind finden soll, wenn er herauskommt, selbst wenn er es finden wollte – und er würde es nicht einmal erkennen, wenn er es sähe. Drüben in Sing Sing, als ich nichts anderes zu tun hatte“, schloss Larry, „da habe ich viel über diese Situation nachgedacht – denn das ist wirklich eine Situation: Joe Ellison fünfzehn Jahre im Gefängnis mit nur einer einzigen großen Idee in seinem Leben, wobei die Idee das Einzige war, von dem er das Gefühl hatte, dass er es wirklich tat oder jemals tun könnte, sein ganzes Leben auf dieser einen Idee aufgebaut: dass draußen, irgendwo, sein Kind zu einem feinen jungen Menschen heranwuchs – ohne jemals zu ahnen, dass es so einen Vater hatte – und Joe niemals die Absicht hatte, es jemals wiederzusehen und es nicht erkennen könnte, falls er es jemals sehen sollte. Ich sage dir, nachdem ich Joes Geschichte erfahren hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich genug vom alten Leben hatte.“

Wieder sprach die Duchess. „Hat Joe jemals seinen Namen erwähnt?“

„Nein, er sprach nur von ihm als 'seinem Kind'.“

Larry schwieg einen Moment. „Du verstehst“, fügte er hinzu, „ich möchte mich niederlassen, bevor Joe herauskommt – seine Zeit ist in ein paar Monaten um –, damit ich ihm eine Art Platz in meiner Nähe geben kann. Er ist in Ordnung, Joe; aber er ist zu alt, als dass er eine Chance auf einen Neuanfang hätte, wenn er es ganz alleine versucht.“

„Larry, du hast selbst kein so hartes Stück altes Messing als Herz“, kommentierte Hunt. „Was sind deine eigenen Pläne?“

„Ich weiß, dass ich das Zeug zu einem echten Geschäftsmann habe – das habe ich dir schon gesagt“, sagte Larry zuversichtlich. Er hatte sich das während seiner Tage als Kohlenheizer und seiner langen Nächte auf der achtzehn Zoll breiten Pritsche in seiner Zelle sorgfältig überlegt. „Ich habe eine Menge der letzten Schliffe; ich kenne die Höhepunkte. Was ich brauche, sind die Grundlagen – das Fundament – die verbindenden Glieder. Du siehst, ich hatte eine Zeit lang eine Ausbildung an einer Handelsschule, lange bevor ich anfing, in einem Maklerbüro zu arbeiten, Stenografie und Schreibmaschine; ich war in den letzten Monaten Sekretär im Büro des Gefängnisdirektors und habe das alte Zeug aufgefrischt und bin ziemlich gut. Das sollte mir einen Job verschaffen. Dann werde ich abends lernen. Natürlich würde ich schneller vorankommen, wenn ich Privatunterricht bei einem der leitenden Männer einer dieser echten Handelsschulen nehmen könnte. Ich würde diesen Stoff über Organisation und Management sehr schnell aufsaugen, denn dieses Geschäftliche liegt mir im Blut. Ein bisschen von dieser Art von Schulbesuch würde das, was ich bereits weiß, verbinden und zu einer funktionierenden Einheit machen. Aber dann werde ich einen Job finden und die Sache irgendwie lösen. Ich bin dabei, um zu gewinnen, und zwar groß!“

Ein weiteres Mal erklang die selten gehörte Stimme der Duchess, und obwohl sie dünn war, hatte sie eine positive Qualität:

„Du wirst am Anfang keinen Job annehmen. Als Erstes wirst du deine ganze Zeit diesem Privatunterricht widmen.“

Larry betrachtete die Duchess, überrascht von dem Ton, in dem sie sprach. „Aber Großmutter, dieser Unterricht kostet Geld. Und ich hatte keinen Groschen mehr übrig, als meine Anwälte mit mir fertig waren.“

„Ich habe genug Geld – und es gehört dir. Und das Geld, das du von mir bekommst, wird auch ehrliches Geld sein; die Zinsen für Darlehen, die in meinem Pfandhaus gemacht werden, sind durchaus ehrlich. Es wird ohnehin besser für dich sein, ein paar Tage draußen in der Welt zu sein und dich an sie zu gewöhnen, bevor du einen Job annimmst.“

„Aber, Großmutter!“

Die Erklärung schien kahl und unzureichend, aber Larry wusste nicht, was er sonst sagen sollte, so sehr war er verblüfft. Die Duchess hatte, soweit er hatte sehen können, nie viel Interesse an ihm gezeigt. Und nun, wenn er sich nicht täuschte, lag etwas sehr Ähnliches wie Gefühl in ihrer dünnen Stimme und leuchtete in ihren alten Augen.

„Ich mische mich nicht in das ein, was die Leute tun wollen“, fuhr sie fort – „aber, Larry, ich bin froh, dass du dich entschieden hast, ehrlich zu werden.“

Und dann fuhr die Duchess fort, die längste Rede zu halten, die jemals ein lebender Mensch aus ihren Lippen hatte kommen hören, und mehr als bisher von diesem unmysteriösen Geheimnis zu enthüllen, das in ihrer geschrumpften, unförmigen Gestalt lebte:

„Das ist es, was mich an Joe Ellisons Geschichte interessiert hat – sein Wunsch, sein Kind aus dem Leben herauszuholen, das er selbst führte; obwohl ich keine Ahnung von solchen Gedanken bei ihm hatte, bis du es mir erzählt hast. Larry, ich konnte mich selbst nicht aus diesem Leben befreien; ich war ein Teil davon, ich gehörte dazu. Aber ich fühlte dasselbe wie Joe Ellison, und vor über vierzig Jahren habe ich deine Mutter da herausgeholt, und deine Mutter ist nie wieder zurückgekehrt. Das habe ich immerhin geschafft. Nachdem sie starb, hat es mich krank gemacht, als du – alles, was mir geblieben ist – auf die schiefe Bahn gerietst. Aber ich hatte keine Kontrolle über dich; ich konnte nichts tun. Deshalb bin ich froh, dass du endlich den geraden Weg gehst. Ich bin froh, Larry!“

Die Erregung, die ihrer Stimme eine seltsame und zunehmende Schwingung verliehen hatte, wurde plötzlich unter Kontrolle gebracht oder erstickt; und sie fügte in ihrem gewohnten dünnen, mechanischen Ton hinzu: „Das Geld wird am Morgen für dich bereitliegen.“

Aufgeschreckt und verlegen über diesen Ausbruch von Dingen, die so lange unter dem Staub in den geheimen Kammern ihres Wesens verborgen gelegen hatten, und im Wunsch, die weitere Peinlichkeit des Dankes zu vermeiden, wandte sich die Duchess schnell und ungeschickt zu ihrem Schreibtisch zurück, und ihr gebeugter alter Körper erstarrte wieder über ihren Zahlen. Im selben Augenblick hatte der stets wache Hunt den kleinen Block Zeichenpapier hervorgeholt, den er immer in einer Tasche bei sich trug, und mit schnellen, eifrigen Strichen skizzierte er den Umriss jener gebeugten, zusammengesunkenen Gestalt, die so schnell von der Emotion zum Alltäglichen zurückgekehrt war.

Larry starrte die Duchess schweigend und fassungslos an. Er hatte geglaubt, seine Großmutter zu kennen. Er begriff nun, dass er seine Großmutter vielleicht überhaupt nicht kannte.

ACHTES KAPITEL

In jener Nacht schlief Larry auf einem Feldbett, das in Hunts Atelier aufgestellt worden war. Hunt hatte vorgeschlagen, dass Larry das Atelier vorerst als sein Hauptquartier betrachten solle, und Larry hatte zugestimmt. Natürlich standen das Feldbett und die behelfsmäßige Einrichtung des Ateliers in groteskem Kontrast zu dem Luxus jener sonnigen Tage, als Larry im Überfluss an leicht verdientem Geld gelebt hatte und frei war, seinem Geschmack für das Beste von allem zu frönen; doch die Unterkunft war unendlich luxuriöser und komfortabler als seine kürzliche Drei-mal-sieben-Zelle in Sing Sing mit ihren feuchten und kalten Steinwänden.

Es gab viele Gründe, warum Larry die Idee gefiel, vorerst in diesem alten Haus in dieser schäbigen, ereignislosen, unromantischen Straße zu wohnen. Er fühlte sich zu diesem schroffen, unverblümten, autokratischen Maler hingezogen und war neugierig auf ihn. Und dann hatte die Art, wie seine Großmutter gesprochen hatte, das Leuchten in ihren alten Augen, eine Zuneigung für sie in ihm geweckt, die er bisher nie gefühlt hatte. Und dann war da noch Maggie, mit ihrer überraschend neuen, dunklen Schönheit, ihrer Bewunderung für ihn, die so schnell in Trotz umgeschlagen war, ihre Herausforderung zu einem Duell der Absichten.

Ja, für den Augenblick war dieses schäbige alte Haus in dieser schäbigen alten Straße genau der Ort, an dem er am liebsten sein wollte.

Es war nicht klug, den Anfang seiner neuen Laufbahn in seiner unförmigen Gefängniskleidung zu wagen; also lungerte Larry am nächsten Tag im Atelier herum und erledigte die Hausarbeit, während die Kleidung in seinem Koffer, der bei der Duchess untergestellt war, von dem kleinen Schneider die Straße hinunter aufgefrischt wurde und eine Wäscherin, angetrieben von der Duchess, den Rest seiner Ausstattung für sein Debüt vorbereitete. In seiner Rolle als Dienstmädchen ging er mit einem Korb am Arm hinaus in die kleine Straße, wo ihn in seiner schäbigen Kleidung niemand erkannte, und lehnte eine Zeit lang an dem verwahrlosten, unterernährten Baum, der den Frühling zögerlich mit ein paar lustlosen Blättern begrüßte. Er badete in der warmen Sonne, die für eine so ärmliche Straße übermäßig prachtvoll erschien; er füllte seine Lungen mit der würzigen Mai-Luft; ja, es war herrlich, wieder frei zu sein!

Dann schlenderte er für seine Einkäufe durch die Straße. Es amüsierte ihn, drei Pfund Kartoffeln, ein Pfund Hackfleisch und eine Packung Makkaroni zu kaufen und Hunts Pennys zu zählen – während er sich an jene Tage erinnerte, als er für Oberkellner eine Persönlichkeit gewesen war, seinen reservierten Tisch gehabt hatte und mit einer nachlässigen Geste eines Midas einen Dollar, fünf oder zwanzig als Trinkgeld hinterlassen hatte.

Als er zurück ins Atelier kletterte, beobachtete er Hunt beim wilden Malen. Hunt knurrte und brüllte ihn an und frotzelte ihn; und Larry gab ihm, nach Art der Männer, mit derselben Art von verbalem Geraufe Kontra. Allmählich begann sich eine Entspannung, wenn nicht gar eine echte Freundschaft, in ihrer Haltung zueinander zu entwickeln.

„Weißt du was“, bemerkte Larry, während er breitbeinig dastand und das Bild der italienischen Mutter betrachtete, die auf dem Bordstein thronte und ihr Kind stillte, „wenn ich anständig aufgedonnert wäre, wette ich, dass ich einiges von diesem Zeug nehmen und für echtes Geld verkaufen könnte.“

„Pah, niemand will diesen Kram!“, schnaubte Hunt. „Es ist zu gut. Verkaufen! Du hast wohl einen Sprung in der Schüssel, Jungchen!“

„Ich kann alles verkaufen, mein Bester“, erwiderte Larry gelassen. „Ich brauche nur einen Mann, der viel Geld hat und eine mäßige Bereitschaft, zuzuhören. Ich habe Bilder eines Ölförderturms auf einem Aktienzertifikat, deren Wert exakt bei Null lag, zum Preis eines Meisterwerks verkauft – also schätze ich, dass ich ein echtes Bild verkaufen könnte.“

„Ach, halt die Klappe!“

„Das eigentliche Problem bei dir ist“, kommentierte Larry, „dass du zwar malen kannst, aber als Geschäftsmann, als Promoter deiner eigenen Aktien, ist der säugende Säugling auf dem Bild ein J. Pierpont Morgan mit vervielfachter Kapazität im Vergleich zu...“

„Hör auf, wie ein verdammter Narr zu klingen!“

Dieser liebenswürdige Zeitvertreib, sich gegenseitig mit Steinen zu bewerfen, wurde genau in diesem Moment durch das Eintreten von Maggie unterbrochen, die eine vereinbarte Sitzung hatte, bevor sie ihrer Arbeit nachging, ein Tablett mit Zigaretten im Ritzmore herumzutragen. Sie schenkte Hunt ein freundliches „Guten Morgen“, wobei die Freundlichkeit absichtlich betont war, um ihr kurzes Nicken zu Larry und die kalte Feindseligkeit in ihrem Blick nachdrücklicher zu machen. Während der Stunde, in der sie Modell saß, sprach Larry sie, während er gemächlich seinen Küchenpflichten nachging, mehrmals an, aber keine Bemerkung erhielt eine Antwort von ihr. Er nahm die Zurückweisungen lächelnd hin, was sie nur noch mehr reizte.

„Maggie, ich werde meine richtige Kleidung heute am späten Nachmittag bekommen; wie wäre es, wenn ich im Ritzmore auf eine Tasse Tee vorbeikomme, ein paar Zigaretten bei dir kaufe und mit dir rede, wenn du nicht beschäftigt bist?“, erkundigte er sich, als Hunt mit ihr fertig war.

„Du kannst Zigaretten kaufen, aber du wirst kein Wort von mir bekommen!“, schnauzte sie, und mit erhobenem Haupt und vor Verachtung blitzenden dunklen Augen rauschte sie an ihm vorbei.

Hunt sah ihr nach. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, bemerkte er trocken, wobei seine Augen Larry scharf musterten:

„Unsere junge Königin scheint nicht gerade begeistert von dir oder deinem Programm zu sein.“

„Das ist sie ganz sicher nicht.“

„Lass dich davon nicht beunruhigen, mein Junge. Das ist ein verbreitetes Merkmal ihres gesamten Stammes; Frauen können einfach nicht an einen Mann glauben!“

In dieser letzten Bemerkung lag ein Nachdruck und ein Zynismus, der Larry veranlasste, den Maler forschend zu betrachten. „Du scheinst zu wissen, wovon du redest. Ich will mich nicht einmischen, Hunt, falls da irgendwelche Verbotsschilder stehen – aber gibt es da eine Frau in deinem Leben?“

„Natürlich gibt es die – es gibt immer eine Frau; das ist ein weiterer Grund, warum ich hier bin“, antwortete Hunt. „Sie hat nicht an mich geglaubt – hat nicht geglaubt, dass ich malen kann – hat nicht an die Dinge geglaubt, die ich tun wollte – also habe ich einfach meine Spielsachen gepackt und bin aus ihrem Leben spaziert.“

„Deine Frau?“, fragte Larry.

„Gott sei Dank, nein!“, rief Hunt nachdrücklich aus. „Nein – ‚Ich danke, welchen Göttern auch immer, dass ich der Kapitän meiner Seele bin!‘ Oh, sie ist in Ordnung – viel zu gut für mich“, fügte er hinzu. „Hier, probier mal diesen Tabak.“

Larry nahm den ihm zugeworfenen Beutel und akzeptierte ohne Kommentar, dass er so abrupt aufs Abstellgleis geschoben wurde. Aber er vermutete, dass diese Frau im Hintergrund von Hunts Leben dem Maler weit mehr bedeutete, als Hunt durch seinen Versuch, sie beiläufig abzutun, zu zeigen versuchte – und Larry fragte sich, was für eine Frau sie war und was die Geschichte dahinter gewesen war.

Am folgenden Tag, glatt rasiert und in seiner aufgefrischten Kleidung – sie war schick und gut geschnitten, wenngleich im Vergleich zu Barneys recht nüchtern und zwei Jahre hinter der Mode zurück, deren extremster Ausdruck Barneys Kleidung war – passierte Larry Maggie auf der Treppe mit einem Lächeln, sie jedoch schenkte ihm kein Lächeln zurück, und er machte sich auf den Weg zu seinem Ziel. Er war gut gekleidet, er hatte Geld in den Taschen, er hatte einen Plan, und die Luft der Freiheit eines neuen Lebens war süß in seiner Nase. Er würde Erfolg haben!

Es war für Larry, mit seinem wachen Geist für das, was er wollte, und mit dem großzügigen Unterhalt der Duchess, um dafür zu bezahlen, leicht genug, in dieser Stadt der zehntausend Institute, die Geschäftsmethoden lehrten, genau den Artikel zu finden, der seinen speziellen Bedürfnissen entsprach. Er fand diesen Artikel in einem Institut, dessen fettgedruckte Schlagzeile in den Anzeigen lautete: „Wir machen Sie zur 50.000-Dollar-Führungskraft“; und der Artikel, den er durch Zahlung einer Sondergebühr fand, war ein alter Mann, der Manager eines großen Maklerunternehmens gewesen war, bis seine zunehmende Sucht nach Alkohol und später nach Drogen ihn unzuverlässig gemacht hatte. Aber der alte Bronson kannte ganz sicher die Grundlagen und Feinheiten der Art von großem Geschäft, das ehrlich ist, und es war ihm ein Vergnügen, sein Wissen an einen wachen Verstand weiterzugeben.

Larry, um es in seinen eigenen Worten zu sagen, „sog es einfach auf“. Seine Erfahrung war so umfassend und vielfältig gewesen, dass ihm nun nur noch ein Faktenknochen gezeigt werden musste, und er sah fast augenblicklich die ausgestorbenen Ichthyosaurier des Geschäftslebens in ihrer Vollständigkeit vor sich. Tagsüber verschlang er den alten Bronson förmlich; bis spät in die Nacht las er trockene Bücher. Auf diese Weise füllte er schnell die Lücken in den Mauern seines Wissens und stärkte dessen eher skizzenhaftes Fundament. Natürlich war ihm klar, dass das, was er lernte, in gewisser Weise akademisch war; es musste durch Erfahrung getestet, entwickelt und flexibel gemacht werden; aber dann wurde vieles davon sofort zu einer lebendigen Erweiterung der Dinge, die er bereits beherrschte.

Der alte Bronson war begeistert; er hatte noch nie einen so begabten Schüler gehabt. „In kürzester Zeit wirst du der wahre Chef in dem Haus sein, in dem du bist!“, erklärte er stolz. Larry hatte es nicht für nötig gehalten, die Wahrheit über sich selbst zu sagen; seine beiläufige Geschichte war, dass er dort einen einmonatigen Urlaub verbrachte, der ihm von einer mythischen Firma in Chicago gewährt worden war.

Die Aussage der Duchess, dass es für ihn am besten sei, nicht sofort Arbeit zu suchen, beruhte auf Weisheit. Larry war beschäftigt und interessiert, aber er musste sich noch nicht der ständigen Verdächtigung und Feindseligkeit stellen, die gewöhnlich das entmutigende Los des Ex-Häftlings sind, der um eine Stelle bittet. In dieser Zeit wuchsen sein Selbstvertrauen und sein Ziel mit neuer Vitalität.

Während die arbeitsreichen Tage in der kleinen Straße vergingen, schlug die neckische Kameradschaft zwischen Larry und Hunt tiefere Wurzeln. Die Duchess zeigte nicht wieder etwas von der Erregung, die kurz in ihr aufgeblitzt war, als Larry seinen neuen Plan verkündet hatte; aber sie ging gebeugt und schweigend wie eine seltsam wiederbelebte Mumie ihren Geschäften nach. Und in diesen Tagen sah er Barney oder Old Jimmie nicht wieder; er hatte erfahren, dass sie am Tag nach seiner Besprechung mit ihnen wegen einer sehr privaten Geschäftsangelegenheit nach Chicago gegangen waren.

Er sah Maggie täglich, aber sie behielt die gleiche Haltung ihm gegenüber bei. Er war sich nun bewusst, dass er verliebt war. Er sah großartige Eigenschaften in ihr, die meisten davon schlummernd. Maggie hatte Entschlossenheit, Lebensfreude, Klugheit, Mut und die Fähigkeit zu Mitgefühl und Zuneigung; sie hatte Verstand, Herz und Schönheit, das Zeug zu einer außergewöhnlichen Frau, wenn sie nur in eine andere Geisteshaltung gebracht werden könnte. Aber er erkannte, dass es in der Tat nur geringe Chancen gab, dass er irgendeine Veränderung in ihr bewirken oder gar ihre anerkannte Zuneigung gewinnen konnte, bis er definitiv ein Erfolg war, bis er sich definitiv als rechtschaffen erwiesen hatte. Also nahm er ihre Zurückweisungen mit einem Lächeln hin und wartete auf seine Zeit.

Er verstand ihren Standpunkt und sympathisierte mit ihr; denn ihr Standpunkt war einst sein eigener gewesen. Mit wachsendem Verständnis sah er sie als das natürliche Produkt einer Vaterschaft wie der von Old Jimmie und der zynischen Umgebung, die Old Jimmie ihr gegeben hatte, in der Verbrechen eine Selbstverständlichkeit waren. In diesem Zusammenhang begann ihn eine Angelegenheit, die ihn zuvor interessiert hatte, immer mehr zu beschäftigen. Ihr ganzes Leben lang, bis vor kurzem, hatte Old Jimmie anscheinend wenig mehr Besorgnis um Maggie gezeigt, als man sie für ein Gepäckstück zeigt, das in diesem oder jenem Lagerhaus aufbewahrt wird – und zwar ein so wertloses Gepäckstück, dass es in Old Jimmies Fall immer in den schlechtesten Lagerhäusern untergebracht worden war. Was steckte hinter Old Jimmies neuem Interesse an seiner Tochter?

Old Jimmie war in den letzten Monaten auf den Wert von Maggie als Geschäftsobjekt aufmerksam geworden – das war Larrys Antwort auf seine eigene Frage.

Was Maggie betraf, so verärgerte sie die bloße Tatsache, dass Larry sie anlächelte und sich weigerte, wütend zu werden, in diesen Tagen umso mehr. Ihr Zorn auf ihn, die Art und Weise, wie er die von ihr angebotene und lang ersehnte Partnerschaft abgelehnt hatte, ließ es nicht zu, dass ihr Stolz und ihr Selbstvertrauen irgendeine Rechtfertigung für ihn in ihren Sinn kommen ließen, um für ihn zu argumentieren. Der große Traum, den sie gehegt hatte, war zerstört worden. Und außerdem hatte er sich selbst zum Narren erklärt.

Ja, trotz seiner Person und allem, was er tun konnte, würde sie den brillanten, aufregenden Weg gehen, den sie geplant hatte!

Um Maggie gegenüber fair zu sein, muss man sich daran erinnern, dass sie trotz ihrer gespielten Reife und ihres selbstbewussten Wissens erst achtzehn war und sich vielleicht selbst noch nicht vollständig kannte und noch die ganze Welt zu lernen hatte. Und man muss sich daran erinnern, dass sie glaubte, völlig im Recht zu sein. Dies war eine Welt, in der Stärke und List die Eigenschaften waren, die zählten, und jeder versuchte, seinen Nächsten zu überlisten; und alle, die anders handelten, waren entweder schwachsinnige Narren oder Heuchler, die in ihrer Scheinheiligkeit das raffinierteste Spiel von allen sahen. Unter dem Einfluss von Old Jimmie und später von Barney und der Umgebung, in der sie aufgewachsen war, waren diese Überzeugungen zu ihrer Religion geworden. Sie war durch und durch orthodox und besaß den defensiven und aggressiven Eifer, der das Temperament einer militanten Orthodoxie ausmacht.

Und so studierte Maggie, weil sie entschlossener denn je war, noch schärfer als zuvor die Gruppen von gut gekleideten Männern und Frauen, die im Ritzmore aßen und tanzten, unter denen sie in ihrem kurzen, schicken Rock mit ihrem Zigarettentablett, das an einem breiten violetten Band um ihren Hals hing, umherging. Besonders mochte sie das Publikum nach dem Theater, denn nur dann war Abendgarderobe im Supper-Room erlaubt und die Leute waren am lebhaftesten. Sie schaute gerne dem berühmten Profi-Paar zu, wie es seine Spezialitäten auf der glitzernden zentralen Fläche darbot, während die wendigen Scheinwerfer sie ständig in Licht badeten; und dann sah sie den schick gekleideten Gästen zu, wie sie mit weniger geübten und bescheideneren Schritten das Parkett betraten. Bald würde sie Kleidung haben, die so schick war wie jede andere. Bald würde sie eine dieser brillanten Personen sein und ein Leben haben, das aufregender war als jedes andere. Sehr bald – denn ihre Lehrzeit war fast vorbei!

Barney Palmer hatte es sich in den letzten Monaten, seit er in Maggie einen Star entdeckt hatte, der nur Coaching und dann eine Gelegenheit brauchte, zur Gewohnheit gemacht, Maggie gelegentlich abzuholen, wenn die Sperrstunde von New York um ein Uhr nachts die Vergnügungssüchtigen zerstreute und Maggies Arbeitstag beendete, oder vielmehr ihren Tag intensiver Schulung für ihr größeres Leben. In der Nacht seiner Rückkehr aus Chicago, die eine Woche nach seinem Bruch mit Larry war, meldete sich Barney, um Maggie nach Hause zu bringen. Er trug einen noblen Abendanzug und bat den Türsteher um ein Taxi; mit einer fast herrschaftlichen Miene und für den Dienst einer weißbehandschuhten Geste an einen Chauffeur überreichte er dem Türsteher (der übrigens ein reicherer Mann war als Barney) beiläufig einen frischen Dollarschein. Barney versuchte, seinen besten Eindruck zu hinterlassen.

„Hast du viel von diesem Steifen, Larry Brainard, gesehen?“, fragte er, als das Taxi in Richtung Süden fuhr.

Sein Tonfall, den er nur verächtlich zu machen versuchte, vermittelte den tiefen Zorn, den er immer noch empfand, wann immer seine Gedanken zu Larry zurückkehrten. Maggie behielt sich das Privileg vor, an Larry zu denken, wie es ihr gefiel; aber da sie die Art von Mädchen war, die sie war, konnte sie nicht umhin, auch ein bisschen kokett zu sein.

„Ich fand nicht, dass er so steif war, Barney“, sagte sie mit einer reizend freundlichen Stimme. „Seine Gefängniskleidung war schlimm, aber jetzt, wo er richtig angezogen ist, finde ich, dass er verdammt gut aussieht. Du und Vater habt immer gesagt, er sehe aus wie der perfekte Dandy.“

„Sieh mal – hat er mit dir geredet?“, verlangte Barney wild.

„Ein bisschen. Ja, mehrmals. Tatsächlich hat er eine ganze Menge gesagt in jener Nacht, nachdem du gegangen warst.“

„Was hat er gesagt?“

„Er sagte, er werde nicht nur ehrlich werden, sondern“ – mit ihrer provokanten, neckenden Stimme – „er werde mich dazu bringen, ehrlich zu werden.“

„Was ist das? Sag mir genau, was er gesagt hat!“, verlangte Barney, dessen Zorn plötzlich in wütende Eifersucht ausbrach.

Maggie erzählte es ihm im Detail; tatsächlich erzählte sie die Szene im größeren Detail und mit einer größeren Länge, als es der Wirklichkeit entsprochen hatte. Sie zensierte die Szene auch, indem sie ihren eigenen Widerstand gegen Larrys Entschlossenheit ausließ. Sie genoss es, mit Barney zu spielen, das Ausüben der Macht, die sie über Barneys Leidenschaften hatte.

„Und du hast dir das alles gefallen lassen!“, schrie Barney. Zu diesem Zeitpunkt waren sie weit in der Stadt unten. „Hör mir zu, Maggie: Was ich Larry an jenem Abend bei der Duchess ins Gesicht gesagt habe, gilt immer noch. Ich halte ihn für einen Feigling, der sich gegen seine alten Kumpels gewandt hat. Ich sage dir was, ich werde diesen Kerl beobachten!“

„Du wirst es nicht schwer finden, ihn zu beobachten, Barney. Larry versteckt sich nie.“

„Oh, ich werde ihn schon beobachten! Und du, Maggie – warum, du redest, als ob dir diese Art von Gerede von ihm gefallen würde!“

„Larry redet gut – und ja, es hat mir irgendwie gefallen.“

„Sieh mal! Du stehst nicht auf ihn? Du lässt dir nicht von ihm einreden, dass du ehrlich werden sollst?“

Maggie hatte sicherlich nicht die Absicht, so etwas geschehen zu lassen; aber sie konnte ihr neckisches Geplänkel nicht zügeln.

„Woher soll ich wissen, wozu er mich bringen wird? Er ist schlau und gutaussehend, weißt du.“

Barney packte sie heftig an der Schulter. „Maggie – bist du dabei, dich in ihn zu verlieben?“

„Woher soll ich das wissen, wenn...“

„Maggie!“ Er packte sie fester, und seine Sätze sprudelten heftig und schnell hervor. „Du wirst so etwas nicht tun! Wenn er ehrlich wird – wenn du ehrlich wirst – wie kann er dir dann jemals helfen? Er kann es nicht! Und es wird dein Ende sein – das Ende all der großen Dinge, über die wir gesprochen haben. Hör zu: Seit Larry uns im Stich gelassen hat, habe ich die Dinge in die Hand genommen und werde bald bereit sein, etwas Großes zu starten. Nur noch ein paar Tage, dann bist du aus dieser schmutzigen Straße raus, und du wirst in schicker Kleidung schicke Arbeit leisten – und das bedeutet die besten Restaurants, Theater, großartige Zeiten!“

Das Auto war in die enge, gepflasterte Straße eingebogen und vor dem Haus der Duchess stehen geblieben. Plötzlich zog Barney sie in seine Arme.

„Und, Maggie, du wirst mir gehören! Wir werden einen feinen kleinen Ort haben, ganz sicher! Du weißt, ich bin verrückt nach dir... Und, Maggie, ich will nicht einmal, dass du da wieder reingehst, wo Larry Brainard ist. Lass uns zurück in die Stadt fahren und jetzt anfangen! Heute Nacht!“

Es war nicht die Tatsache, dass er keine Heirat vorgeschlagen hatte, die Maggie aufwühlte: Männer und Frauen in Barneys Schicht lebten zusammen, und manchmal waren sie verheiratet und manchmal nicht. Es war etwas anderes, etwas, dessen sie sich nicht genau bewusst war: aber sie spürte nicht diesen flüchtigen Nervenkitzel, keine flüchtige, betäubende Hingabe, wie sie sie in der Nacht gefühlt hatte, als Larry sie ähnlich gehalten hatte.

„Hör auf damit, Barney!“, keuchte sie. „Lass mich los!“ Sie wehrte sich heftig und riss sich dann los.

„Was ist mit dir los?“, keuchte Barney. „Du gehörst mir, nicht wahr?“

„Lass mich in Ruhe! Ich will raus!“

Sie hatte die Tür offen und stieg gerade aus, als er sie am Ärmel packte. Aber sie zog so entschlossen, dass sie zu halten nichts weiter bedeutet hätte, als ihr den Ärmel aus dem Mantel zu reißen. Also ließ er sie los und folgte ihr über den Bürgersteig zur Tür der Duchess.

„Was soll das?“, verlangte er zu wissen, während er vor wilder Eifersucht fast erstickte. „Ist es am Ende doch nicht Larry? Du willst dich doch nicht etwa von ihm dazu bringen lassen, ein ehrliches Leben zu führen?“

Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden und antwortete spöttisch:

„Wie ich schon sagte, woher soll ich wissen, wozu er mich bringen wird?“

Sie hörte, wie er zwischen zusammengebissenen Zähnen tief und zitternd einatmete; doch sie konnte nicht sehen, wie sich seine Gestalt anspannte und sein Gesicht sich zu einem finsteren Ausdruck verzog.

„Begreif das, Maggie: Larry Brainard wird dich niemals zu irgendetwas zwingen können. Hast du das verstanden?“

„Ja, ich habe es verstanden, Barney; gute Nacht“, sagte sie leichtfüßig.

Und Maggie schlüpfte durch die Tür und ließ Barney zitternd in der kleinen Gasse zurück.

KAPITEL IX

Als Maggie die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstieg, war sie sich des drohenden Untertons in Barneys Stimme kaum bewusst; doch sobald sie im Bett lag, kehrten seine Worte und sein Tonfall zu ihr zurück und schürten ein seltsames Unbehagen in ihrem Geist. Barney war wütend; Barney war gerissen; Barney würde vor nichts zurückschrecken, um seine Ziele zu erreichen. Was mochte hinter seinen drohenden Worten stecken?

Am nächsten Morgen, als sie mit der Milch für ihren Frühstückskaffee hereinkam, traf sie Larry im Zimmer der Duchess hinter dem Pfandleihhaus. Er stellte sich ihr lächelnd direkt in den Weg.

„Hör mal, Maggie – willst du nie wieder ein Wort mit einem Kerl wechseln?“

Etwas in ihrem Inneren bäumte sich auf und drängte sie, ihm von Barneys wilder, wenn auch noch vager Drohung zu erzählen. Die Warnung gelangte bis auf ihre Zunge, blieb dort jedoch stecken, während sie mit sich rang.

Ihr seltsamer, starrer Blick beunruhigte Larry. „Was ist denn los, Maggie?“, rief er aus.

Doch ihr Stolz, ihr fester Entschluss, ihm in keiner Weise nachzugeben und nichts mit ihm zu tun haben zu wollen, waren stärker als ihr Impuls; und die ringende Warnung blieb unausgesprochen.

„Es ist gar nichts los“, sagte sie, drängte an ihm vorbei und eilte die Treppe hinauf.

Tagsüber, während der Nachhilfestunden bei Mr. Bronson, dachte Larry zuweilen an Maggies seltsamen Blick. Und seine Gedanken waren auch am späten Nachmittag bei ihr, als er die kleine Gasse betrat. Doch als er sich dem Haus seiner Großmutter näherte, wurde jeder derartige Gedanke verbannt, als Detektiv Gavegan vom Central Office aus dem Pfandleihhaus trat und ihm mit seiner massiven Gestalt den Weg versperrte. Auf den harten Zügen Gavegans, der von Natur aus eingebildet war und durch seine lange Herrschaft als kleiner Autokrat zu harter Dominanz erzogen worden war, lag ein grimmiger, triumphierender Entschluss.

„Hallo, Gavegan“, begrüßte ihn Larry freundlich. „Mensch, du siehst ja zufrieden aus! Hat die Duchess dir ein höheres Darlehen gegeben, als du für die Carnegie-Medaille erwartet hast, die du gerade versetzt hast?“

„Du wirst dir dein Komödienspiel bald abgewöhnen.“ Gavegan schob seinen linken Arm durch Larrys rechten. „Du kommst jetzt mit mir, und es wäre besser, du kommst freiwillig.“

Larry versteifte sich. „Wohin kommen?“

„Hauptquartier.“

„Ich habe nichts getan, Gavegan, und das weißt du! Was willst du von mir?“

„Der Chef und ich hatten ein kleines Gespräch über dich“, grinste Gavegan hämisch. „Und jetzt will der Chef ein kleines persönliches Gespräch mit dir führen. Er hat mich gebeten, dich einzusammeln und mitzubringen.“

„Ich habe nichts getan und ich werde nicht mitkommen!“, rief Larry hitzig.

„Oh doch, das wirst du!“ Gavegan zog seine rechte Hand aus der Manteltasche, in der sie bereit gelegen hatte. In der Hand, mit einem Riemen um das Handgelenk, hielt er einen kurzen, mit Leder überzogenen Gegenstand, der mit Blei gefüllt war. „Ich habe meine Befehle, und du wirst friedlich mitkommen, oder – aber ich hätte nichts dagegen, wenn du dich wehrst, denn ich schulde dir noch etwas für den Kinnhaken, den du mir neulich verpasst hast.“

Larry, angespannt vor dem Verlangen zuzuschlagen, starrte einen Moment in das finstere Gesicht des Detektivs. Gavegan, der seinen rechten Arm umklammerte und mit jenem knochenzermalmenden Totschläger auf den Einsatz lauerte, schien unter den gegebenen Umständen der Herr der Lage zu sein. Doch bevor Larrys schneller Verstand sich für eine Vorgehensweise entschieden hatte, öffnete und schloss sich die Tür des Pfandleihhauses, und eine Stimme sagte scharf:

„Nichts da mit dieser Grobheit, Gavegan!“ Der Sprecher stand nun zu Larrys Linken, ein Mann mit schwerem Gesicht und einem schwarzen Melonen Hut. „Larry, sei lieber ein braver Junge und komm mit uns.“

„Oh, du bist es, Casey!“, sagte Larry. „Wenn du sagst, ich muss mitkommen, dann komme ich – denn du bist ein anständiger Bulle, selbst wenn du Gavegan als Partner hast. Kommt schon. Warum stehen wir hier noch herum?“

Das Trio machte sich aus der engen Gasse auf den Weg, und nach etwa fünfzehn Minuten Fußmarsch durch die verwinkelten Nebenstraßen dieses Stadtteils passierten sie das Granittor am Hauptquartier und betraten das Büro von Deputy Commissioner Barlow, dem Leiter des Detektiv-Büros. Barlow sprach mit knurrendem Stakkato über das Telefon, und die drei Männer setzten sich. Nach einem Moment knallte Barlow den Hörer auf die Gabel und wandte sich ihnen zu. Er hatte ein verbissenes, energisches Gesicht mit kleinen, befehlenden Augen. Er brüstete sich damit, dass er Ergebnisse erzielte und dass es seine Politik sei, die Leute dazu zu bringen, zu tun, was man ihnen sagte. Ein anderes Gesetz kannte er nicht.

„Nun, Brainard“, blaffte er, „hier bist du wieder. Was hast du jetzt schon wieder ausgefressen?“

„Ich versuche es mit dem ehrlichen Spiel, Chef“, erwiderte Larry.

„Versuch nicht, mir diesen alten Unsinn aufzutischen!“

„Es ist kein Unsinn, Chef. Es ist die reine Wahrheit.“

„Hör auf damit, sage ich! Glaubst du etwa nicht, dass ich einen cleveren Vogel wie dich sofort habe aufgreifen lassen, als du in der Stadt gelandet bist, und dich seither im Auge behalten habe? Und wenn du ehrlich werden willst, was war dann mit dem Treffen, das du mit Barney Palmer und dem alten Jimmie Carlisle genau in der Nacht hattest, als du hier aufgetaucht bist? Und ich weiß von diesem Bluff, dass du zu diesem Wirtschaftsinstitut gehst. Also rück mit der Sprache raus, Brainard! Ich habe jeden deiner Schritte überwacht!“

„Ich habe schon mit der Sprache herausgerückt, Chef“, antwortete Larry und versuchte, angesichts der herrischen Art des anderen die Fassung zu bewahren. „Ich habe Barney und dem alten Jimmie gesagt, dass ich mit dem alten Spiel fertig bin und auch mit ihnen als Kumpanen bei diesem alten Spiel – das war alles, was an diesem Treffen dran war. Ich gehe aus demselben Grund zu diesem Wirtschaftsinstitut wie jeder andere auch – um zu lernen. Das ist alles, was an der ganzen Sache dran ist, Chef: Ich werde ein ehrliches Leben führen.“

Chief Barlow, der nach vorne gebeugt saß und seinen unterstehenden Kiefer fest um einen Zigarrenstummel geschlossen hielt, betrachtete Larry stetig mit seinen kleinen, autokratischen Augen. Barlow war darauf trainiert, in das Innere der menschlichen Psyche zu dringen, und er erkannte, dass Larry es ernst meinte.

„Du meinst, du denkst, du wirst ehrlich werden“, bemerkte Barlow langsam und bedeutungsvoll.

„Ich weiß, dass ich ehrlich werde“, erwiderte Larry gelassen und hielt dem Blick des Polizeichefs direkt stand.

„Ist dir eigentlich klar, junger Mann“, fuhr Barlow im gleichen abgemessenen, vielsagenden Tonfall fort, „dass es ziemlich von mir abhängt, ob du ehrlich wirst und wie du das anstellst?“

„Könnten Sie das etwas klarer ausdrücken, Chef?“

„Ich zeige dir einen Teil meiner Karten – denk nur daran, dass ich meine Trümpfe noch zurückhalte. Ich glaube nicht, dass du ehrlich wirst, also gehen wir mal davon aus, dass du nicht auf dem geraden Weg bleibst, und arbeiten von da an weiter. Du bist clever, Brainard – das muss ich dir lassen; und alle erstklassigen Gauner vertrauen dir. Deshalb habe ich dich schon lange vor deiner Entlassung aus dem Gefängnis für das ausgesucht, was ich wollte. Brainard, du bist klug genug, um zu wissen, dass einige unserer besten Festnahmen auf Tipps beruhen, die uns von Insidern zugespielt werden. Brainard“ – die langsame Stimme war nun schneidend und befehlerisch geworden – „du wirst nicht ehrlich werden. Du wirst dich mit Barney und dem alten Jimmie und dem Rest der Bande zusammentun – wir werden dich beschützen – und du wirst uns Tipps geben, wenn etwas Großes geplant ist.“

Larry, obwohl mit den Methoden der Polizei vertraut, konnte kaum glauben, was ihm da vorgeschlagen wurde, ihm, Larry Brainard. Aber er beherrschte sich.

„Wenn ich Sie richtig verstehe, Chef, schlagen Sie mir vor, ein Polizeispitzel zu werden?“

„Genau. Wir werden dich niemals auffliegen lassen. Und bei jeder Kleinigkeit, die du auf eigene Faust drehst, werden wir dich nicht behelligen. Außerdem werden wir dir regelmäßig ein bisschen Geld unter der Hand zustecken.“

„Und alles, was Sie im Gegenzug von mir verlangen“, fragte Larry ruhig, „ist, dass ich meine Kumpels verpfeife?“

„Das ist alles.“

Larry brauchte seine ganze Kraft, um sich zu beherrschen; aber er tat es.

„Es gibt nur drei kleine Einwände gegen Ihren Vorschlag, Chef.“

„Ja?“

„Der erste ist: Ich werde kein Spitzel.“

„Was sagst du da?“

„Der zweite ist: Ich würde bei Ihnen selbst dann keinen Kumpel verpfeifen, wenn ich ein Gauner wäre. Und der dritte ist das, was ich eingangs sagte: Ich werde kein Gauner sein.“

Barlows untersetzte, kraftvolle Gestalt erhob sich drohend. Auch Casey stand auf.

„Ich sage dir, du WIRST ein Gauner sein!“ Barlows große Faust krachte mit einem gewaltigen Ausrufezeichen auf seinen Schreibtisch. „Und du wirst genau so für mich arbeiten, wie ich es dir sage!“

„Ich habe Ihnen bereits mein letztes Wort gegeben“, sagte Larry.

„Du – du –“ Barlow wäre bei diesem ruhigen Trotz fast erstickt. Sein Gesicht lief rot an, sein Atem kam in einem flatternden Knurren, seine kraftvollen Schultern zuckten hoch, als wollte er zuschlagen. Doch er hielt seine körperlichen Schläge zurück.

„Das ist dein Ultimatum?“

„Wenn Sie es so nennen wollen – ja.“

„Dann hier ist meines! Ich sagte dir, dass ich meine Trümpfe zurückhalte. Entweder du tust, was ich sage, und arbeitest mit Gavegan und Casey zusammen, oder du wirst in New York keinen Job mehr finden! Meine Leute werden dafür sorgen. Und hier ist noch ein Trumpf. Du tust, was ich gesagt habe, oder ich hänge dir eine Anklage an, eine, die hängen bleibt, und du gehst für eine weitere Haftstrafe zurück in den Knast! Da hast du ein Ultimatum, über das du nachdenken kannst!“

Das war es in der Tat. Larry starrte in das harte, grimmige Gesicht, das von wilder Entschlossenheit geprägt war. Er wusste, dass Barlow es liebte, den Geist von Kriminellen zu brechen, als Teil seiner Politik; und er wusste, dass nichts Barlow so sehr aufbrachte wie der Widerstand eines Mannes, den er in seiner Macht glaubte. Dicht neben dem Chef sah er das triumphierende, bösartige Gesicht von Gavegan; Casey, der seit Beginn der Szene unruhig gewesen war, war zum Fenster gegangen und starrte hinunter in die Center Street.

Einen Moment lang antwortete Larry nicht. Barlow hielt Larrys Schweigen für Zögern oder den Beginn einer Neigung, nachzugeben.

„Lass dir das durch den Kopf gehen“, fuhr Barlow fort. „Du wirst sowieso auf die schiefe Bahn geraten, also kannst du das auch auf die einzige Weise tun, die für dich sicher ist. Ich werde Gavegan und Casey dich beobachten lassen, und wenn du in den nächsten Tagen nicht anfängst, mit Barney und dem alten Jimmie und der Bande mitzuziehen, und wenn du mir nicht meldest, dass deine Antwort auf meinen Vorschlag 'Ja' lautet, dann wird die Hölle über dich hereinbrechen! Jetzt verschwinde von hier!“

Larry verschwand. Er war innerlich flüssige Lava vor Wut; aber er hatte genug mit Polizeigewalt zu tun gehabt, um zu wissen, dass es ihm überhaupt nicht helfen würde, einen Ausbruch gegen einen Polizeibeamten zuzulassen, während er sich im Herzen der Hochburg der Polizei befand.

Er ging wütend zurück in seine eigene Straße, und unterschwellig schwang darin ein Element von Unbehagen mit: ein Unbehagen, das sofort zu Vorsicht geführt hätte, hätte er gewusst, dass Barney Palmer ihn schon seit einer Stunde und mehr in einem Taxi verfolgte und dass Barneys scharfes Gesicht von der anderen Straßenseite aus durch das Fenster des Wagens beobachtet hatte, wie er das Polizeihauptquartier betrat und wieder herauskam.

Zuhause angekommen, erzählte Larry Hunt und der Duchess kurz von seinem Erlebnis im Hauptquartier. Der Maler pfiff durch die Zähne; die Duchess blinzelte und sagte gar nichts.

„Maggie hatte mehr recht, als sie wusste, als sie zuerst sagte, dass du vor einer schwierigen Aufgabe stehst!“, rief Hunt. „Glaub mir, mein Junge, du steckst wirklich in der Klemme!“

„Kann man das an Ironie noch übertreffen!“, sagte Larry und schritt im Zimmer auf und ab. „Ein Mann will ein ehrliches Leben führen. Seine Kumpels verlangen von ihm, ein Gauner zu sein, und sind sauer, weil er keiner sein will. Die Polizei verlangt von ihm, ein Gauner zu sein, und droht ihm, weil er kein Gauner sein will. Was für eine Situation!“

„Was für eine Situation!“, wiederholte Hunt. „Was wirst du tun?“

„Tun?“ Larry hielt inne, sein Gesicht von trotziger Entschlossenheit geprägt. „Ich werde weiterhin genau das tun, was ich getan habe! Und die können alle zur Hölle fahren!“

KAPITEL X

Einige Tage lang schien nichts zu geschehen, obwohl Larry das Gefühl hatte, dass sich unbekannte Kräfte auf fernen Isothermen zusammenbrauten und schlechtes Wetter auf ihn zukam. Während dieser Tage, in denen er versuchte, dieses formlose Unheil zu ignorieren, widmete er sich mit starrster Entschlossenheit seiner neuen Routine – der Routine, auf die er zählte, um ihm den Weg zu großen Dingen zu ebnen.

Jeden Tag sah er Maggie; manchmal war er eine Stunde oder länger in ihrer Gesellschaft. Er hatte den natürlichen Hunger eines jungen Mannes, mit einer jungen Frau zu sprechen; und darüber hinaus ist es eine schwere Belastung für einen Mann, unter demselben Dach mit dem Mädchen zu leben, das er liebt, und nicht auf freundschaftlichem Fuß mit ihr zu stehen. Doch Maggie bewahrte ihre Distanz. Sie sprach nur, wenn sie dazu gedrängt wurde, und ihre Worte waren meist nicht mehr als ein „Ja“ oder „Nein“ oder eine blitzende Redewendung der Verachtung.

Manchmal hatte Larry das Gefühl, dass Maggie, trotz all ihrer Unterdrückung, froh gewesen wäre, freier mit ihm umzugehen. Und er wusste genug über die menschliche Natur, um sich von ihrer Haltung nicht zu sehr entmutigen zu lassen. Wäre er ein Niemand für sie gewesen, hätte sie ihn ignoriert. Gerade ihre Beleidigungen waren der Beweis dafür, dass er eine positive Persönlichkeit mit echter Bedeutung in ihrem Leben war. Und so riet er sich selbst, Geduld zu haben und auf ein Auftauen oder Erwachen zu warten. Außerdem, so wiederholte er sich ständig, gäbe es wenig Aussicht, eine Bekehrung bei dieser militanten jungen Orthodoxistin des Zynismus zu bewirken, bevor er die Richtigkeit gegenteiliger Ansichten durch seinen eigenen etablierten Erfolg bewiesen hätte.

Und so vergingen die Tage. Doch am fünften Tag nach seinem Gespräch mit Barlow begannen die Dinge sich zu überschlagen. Zuerst bemerkte er in einer Morgenzeitung, dass Red Hannigan und Jack Rosenfeldt, Mitglieder seiner alten Truppe und vom alten Jimmie als Teilnehmer an seinem geplanten neuen Unternehmen vorgeschlagen, gerade von Gavegan und Casey wegen angeblicher Verbindung zum Verkauf betrügerischer Bergbauaktien verhaftet worden waren.

Zweitens, als er am Ende des Nachmittags zurückkehrte, sah er vor dem Haus ein Taxi mit einem Koffer neben dem Chauffeur stehen. In dem muffigen Museum von einem Zimmer hinter dem Pfandleihhaus fand er Hunt, die Duchess, den alten Jimmie und Barney; und auch Maggie, die die Treppe herunterkam, mit Hut und Mantel und einem Koffer in der Hand. Ein stechender Schmerz pulsierte durch ihn, als er die Bedeutung von Maggies Hut, Mantel und Gepäck erkannte.

„Maggie – du gehst weg?“, rief er aus.

„Ja.“

Sie hatte am Fuß der Treppe innegehalten und war beim Anblick von ihm ein wenig blass geworden, ihre Augen waren weit aufgerissen. Doch in einem Augenblick hatte sie ihr gewohntes Flair zurückgewonnen; ein stolzes Heben ihres Kopfes, ein Blitz von Verachtung in ihren dunklen Augen.

„Endlich verlasse ich diese Gasse für immer“, sagte sie. „Ich habe dir gesagt, dass ich eines Tages in die Welt hinausgehen und große Dinge tun werde. Die Zeit ist gekommen – ich habe meinen Abschluss – ich werde mit der echten Arbeit beginnen. Und ich werde Erfolg haben – wirst schon sehen!“

„Maggie!“, hauchte er. Dann stürmte er impulsiv und autoritär auf sie zu. „Maggie, ich werde dich so etwas nicht tun lassen!“

Doch schnell hatte sich Barney zwischen sie gestellt, der alte Jimmie direkt hinter ihm.

„Halt dich da raus!“, blaffte Barney Larry an, ein rötliches Glühen in seinen Augen. „Maggie geht weg und du kannst sie nicht aufhalten. Glaubst du, ihr Vater lässt sie noch länger hier unten, wo du ihr deine Predigten halten kannst! – und du die ganze Zeit ein Spitzel und ein Verräter!“

„Was sagst du da?“, rief Larry.

„Ich habe dich einen Spitzel genannt!“, wiederholte der bösartig triumphierende Barney, wachsam für jede Bewegung des plötzlich angespannten Larry. „Und du bist ein Spitzel! Habe ich nicht selbst gesehen, wie du mit Casey und Gavegan ins Hauptquartier gegangen bist, wo du dich an Chief Barlow verkauft hast!“

„Du verdammter –“

Noch bevor er aussprechen konnte, setzte Larry zu einem wütenden Schwinger direkt aus der Hüfte gegen Barneys verzerrtes Gesicht an. Aber Barney hatte genau das erwartet und war sogar noch schneller. Er erfasste Larrys Handgelenk, bevor der Schlag richtig ausgeführt war, und stieß eine stumpf glänzende Automatik in Larrys Magen.

„Benimm dich, verdammt noch mal“, knirschte Barney, „oder ich puste dir die verdammten Eingeweide raus! Nein – nur zu, versuch ruhig, mich zu schlagen. Ich wünschte mir nichts mehr, als dich umzulegen, du Ratte, und eine gute Notwehrbegründung zu haben!“

Larry ließ seine Hände los und an seinen Seiten herunterfallen. „Du hast mich in der Hand, Barney – aber du bist ein Lügner.“

„Darauf kannst du wetten, dass ich dich in der Hand habe! Und nicht nur mit meiner Waffe. Ich habe dich in der Hand, weil du ein Spitzel bist. Jeder weiß, dass du ein Spitzel bist. Und was mehr ist, sie wissen, dass du ein Verräter bist!“

„Ein Verräter!“ Larry versteifte sich erneut.

„Ein Spitzel und ein Verräter!“ Barney schleuderte Larry diese beiden verhasstesten Schimpfwörter seiner Welt förmlich entgegen. „Du hast deinen Job als Spitzel großartig gemacht und Red Hannigan und Jack Rosenfeldt verpfiffen und sie an die Polizei ausgeliefert!“

„Du glaubst, ich hätte irgendetwas mit ihrer Verhaftung zu tun gehabt?“, rief Larry.

Barney lachte vor Hohn.

„Natürlich glauben wir das“, warf der alte Jimmie ein, sein gefurchtes, gerissenes Gesicht nun rücksichtslos hart. „Und was noch mehr ist, wir wissen es!“

„Und was noch mehr ist“, höhnte Barney, „Maggie glaubt es auch!“

Larry wandte sich an Maggie. Ihr Gesicht war nun eingefallen, mit starrenden Augen.

„Maggie – glaubst du es?“, verlangte er zu wissen.

Einen Moment lang sprach oder bewegte sie sich nicht. Dann nickte sie langsam.

„Aber, Maggie“, protestierte er, „ich habe es nicht getan! Barlow hat mich zwar gebeten, ein Spitzel zu werden, aber ich habe ihn abgewiesen! Davon abgesehen weiß ich nicht mehr über diese Sache als du!“

„Natürlich würdest du es leugnen – wir haben darauf gewartet“, spottete Barney. „Jimmie, wir haben hier genug Zeit verschwendet. Nimm Maggies Tasche und lass uns weitergehen.“

Der alte Jimmie nahm Maggies Koffer, und indem er ihr eine Hand durch den Arm legte, führte er sie durch den Raum. Sie verabschiedete sich nicht einmal von Hunt oder der Duchess und warf ihnen nicht einmal einen Blick zu; sondern ging schweigend hinaus, ihr eingefallener, starrer Blick ruhte allein auf Larry.

Barney wich hinter ihnen zurück, seine Automatik immer noch schussbereit. „Ich lasse dich verdammt billig davonkommen, Brainard“, sagte er, während in seinen Augen Hass glitzerte. „Aber es gibt einige, die nicht so nett sein werden!“

Damit schloss er die Tür. Bis zu diesem Moment hatten weder Hunt noch die Duchess etwas gesagt. Jetzt ergriff die Duchess das Wort:

„Ich bin froh, dass sie Maggie mitgenommen haben, Larry. Ich habe gesehen, wie du für sie empfunden hast, und sie ist nicht die Richtige für dich.“

Doch Larry war noch zu benommen von der Art und Weise, wie Maggie aus seinem Leben getreten war, um eine Antwort zu geben.

„Aber an dem, was Barney sagte, dass es einige gibt, die nicht so gnädig mit dir sein werden, ist viel Wahres dran“, fuhr die Duchess fort. „Diese Nachricht hatte mich erreicht, bevor Barney auftauchte. Also habe ich das hier für dich bereitgehalten.“

Aus einer Schlitz-Tasche in ihrem sackartigen Rock zog die Duchess eine Pistole und reichte sie Larry.

„Wozu ist das?“, fragte Larry.

„Mir wurde gesagt, dass die Nachricht an die Ginger Buck Gang rausgegangen ist, dich zu erledigen“, antwortete die Duchess. „Barney hat eine geheime Verbindung zu den Ginger Bucks. Dass er sagte, du seist ein Spitzel und ein Verräter, ist nicht das Einzige, was er gegen dich hat; er ist eifersüchtig auf dich wegen allem – besonders wegen Maggie. Also wirst du diese Waffe brauchen.“

„Woran bin ich denn da geraten?“, rief Hunt. „Eine Kentucky-Fehde?“

„Es ist sehr leicht zu verstehen, wenn man den Kodex kennt“, erklärte Larry grimmig. „Hier unten, wenn eine Bande glaubt, einer ihrer Mitglieder habe sie verpfiffen, ist es ihre Pflicht, immer auf der Hut zu sein, um ihre Chance zu nutzen, ihn zu erledigen. Ich soll erledigt werden – das ist alles.“

„Sag mal, mein Junge, das Leben eines ehrlichen Gauners scheint nicht viel einfacher zu werden! Warum, Mann, du traust dich kaum, das Haus zu verlassen! Was wirst du tun?“

„Ich werde meinen Geschäften nachgehen, immer mit der angenehmen Vorfreude auf eine Kugel im Rücken, wenn irgendein Kerl glaubt, es sei sicher für ihn zu schießen.“

Die drei berieten diese neueste Entwicklung bei ihrem Abendessen, das sie gemeinsam oben in Hunts Atelier einnahmen. Doch trotz all ihres Geredes über seine Gefahr, eine sehr reale und unmittelbare Gefahr, galt Larrys Sorge mehr Maggie, die so plötzlich aus seinem Leben gerissen worden war. Er erinnerte sich an ihr aufgeregtes, prahlerisches Gerede von ihrem ersten Abend. Ihre Schulzeit war nun tatsächlich vorbei; sie hatte sich nun jenem rosig ausgemalten Abenteuer verschrieben, in dem sie sich selbst als feine Dame sah. Und das mit Barney Palmer als ihrem leitenden Einfluss!...

Das Abendessen war beendet und Hunt versuchte, Larry mit Worten wie „Kopf hoch, mein Junge – du kennst das Schlimmste – mehr kann nicht passieren“ aufzumuntern, als schwere Schritte, die die Treppe heraufliefen, und das Öffnen und Schließen der Tür seine Sätze Lügen straften. Da stand Officer Casey, schwer atmend.

Instinktiv zog Larry seine Pistole. „Casey! Was machst du hier?“

„Werde das Eisen los – lass dich nicht mit einer Waffe erwischen“, befahl Casey. „Und hau ab. Du hast weniger als fünf Minuten, um dich aus dem Staub zu machen.“

„Mich aus dem Staub machen! Was ist los?“

„Du hast nicht geliefert, wie der Boss es befohlen hat, und er ist darauf aus, dir genau das anzutun, was er gesagt hat“, sagte Casey schnell, seine Rede vom Keuchen unterbrochen. „Es gab einen Überfall mit einem Angriff, der vielleicht zu einem versuchten Totschlag hochgestuft wird, und der Boss hat drei Männer, die schwören, dass du der Schuldige bist. Es ist ein todsicherer Fall gegen dich, Larry – und es wird fünf bis zehn Jahre bedeuten, wenn man dich erwischt. Gavegan und ich haben den Befehl erhalten, dich zu verhaften. Ich bin Gavegan zuvorgekommen, um dich zu warnen, aber er ist nur wenige Minuten hinter mir. Beeil dich, Larry! Nur – nur –“

Casey hielt inne und rang nach Luft.

„Nur was, Casey?“

„Nur alibi mich, Larry, indem du mir eine verpasst, wie du es bei Gavegan getan hast. Damit ich sagen kann, ich habe versucht, dich zu kriegen, aber du warst zu schnell und hast mich ausgeknockt. Schnell! Nur nicht zu fest – ich weiß, wie man sich stellt.“

Larry übergab die Pistole an Hunt. „Casey, du bist ein echter Kerl! Danke!“ Er ergriff Caseys Hand, dann lockerte er den Griff schnell. „Bereit?“

„Feuer“, sagte Casey.

Larry hielt seine offene linke Hand dicht an Caseys Kiefer und trieb seine rechte Faust mit einem dumpfen Schlag in seine Handfläche. Casey ging zu Boden, breitete sich dort aus und lag schlaff, mit offenem Mund, in perfekter Nachahmung eines Mannes, der bewusstlos geschlagen wurde.

Larry drehte sich schnell um. „Ihr zwei werdet bezeugen, dass ich Casey verprügelt habe und dann geflohen bin?“

„Sicher, ich bezeuge alles für einen guten alten Bock wie Casey!“ rief Hunt. „Aber beeil dich, Junge – mach, dass du wegkommst!“

Die Duchess hielt Larry seinen Hut hin und steckte ihm ein Bündel Geldscheine, das aus ihrem geräumigen Rock stammte, in die Manteltasche. „Beeil dich, Larry – und sei vorsichtig – denn du bist alles, was ich habe.“

Impulsiv bückte sich Larry und küsste die dünnen, schrumpeligen Lippen seiner Großmutter – der erste Kuss, den er ihr je gegeben hatte. Dann drehte er sich um und rannte die Treppe hinunter, Hunt dicht hinter ihm. Er löschte das Licht im Hinterzimmer und rief Old Isaac zu, das Pfandleihhaus richtig zu verdunkeln. Er ging hinaus, während zwei Mächte gegen ihn zu Felde zogen, die Polizei und seine Kumpane, und er hatte kein Verlangen, für einen von beiden oder beide eine leuchtende Zielscheibe zu sein, indem er durch eine beleuchtete Tür trat.

„Larry, mein Sohn, du machst das schon!“ sagte Hunt und drückte seine Hand im Dunkeln. „Hör zu, Junge: Falls du jemals in der Falle sitzt und an ein Telefon kommst, ruf Plaza Neun-Doppel-Null-Eins an und sag ‚Benvenuto Cellini‘.“

„Alles klar.“

„Denk dran, du musst ‚Benvenuto Cellini‘ sagen, und die Telefonnummer ist Plaza Neun-Doppel-Null-Eins. Viel Glück!“ Wieder drückten sie sich die Hände. Dann schlüpfte Larry durch die verdunkelte Tür in das, was auch immer vor ihm liegen mochte.

KAPITEL XI

Ein nebliger Regen wurde von einem launischen Wind herumgewirbelt, als Larry in die kleine Straße trat. Unten zum Fluss hin glühte die einzige Gaslaterne schwach wie ein verlöschender Nebel; alle kleinen Läden waren geschlossen; häusliches Licht schimmerte hinter den zugezogenen Fenstern, die der Sturm geschlossen hatte; so dass die Straße nun eine kleine Schlucht aus ungewissen Schatten war.

Larry hatte nicht nachdenken müssen, um zu wissen, dass Gavegan seinen rachsüchtigen Anmarsch von den westlichen Regionen her machen würde, wo das Hauptquartier lag. Also hielt sich Larry in den tieferen Schatten dicht an den Gebäuden und nahm den östlichen Weg der Straße, wobei ihm blitzschnell ein Ruderboot in den Sinn kam, das er an einem Lastkahn festgebunden gesehen hatte, der an dem Pier lag, welcher wie ein Zeigefinger aus dem kleinen Platz herausragte. Noch hatte er keinen Plan außer der Notwendigkeit des gegenwärtigen Augenblicks, nämlich der Flucht. Könnte er nur ungesehen zu diesem Boot gelangen und ablegen, hätte er in der kurzen Zuflucht, die ihm der schwarze Fluss bieten würde, Zeit, das klügste Vorgehen zu formulieren, das seine Lage ihm erlaubte.

Als er in die Nähe dieses erstickten Glühwürmchens von Straßenlaterne kam, nahm sie für ihn den verräterischen Glanz eines riesigen Scheinwerfers an. Aber sie musste passiert werden, um das Ruderboot zu erreichen; und mit hochgeschlagenem Kragen, tief ins Gesicht gezogenem Hut und geducktem Kopf betrat er den trüben Bereich des Verrats, ging unter ihrer pfennigwerten Flamme hindurch und glitt in die Schatten dahinter, seine Augen mit der übernatürlichen Schärfe eines Gejagten auf jeden Hauseingang und jede Türschwelle vor ihm gerichtet.

Er verließ gerade den Bereich des Nebellichts – die Lampe hinter seinem Rücken half ihm dabei –, als er drei vage Gestalten sah, die ein halbes Dutzend Schritte vor ihm lauerten. Sein Gehirn registrierte diese vagen Gestalten mit der Unmittelbarkeit einer Schnappschusskamera am helllichten Mittag. Es waren bloße Schatten; aber der hinterste der drei schien Barney Palmer zu sein – er war sich nicht sicher; aber an der Identität der anderen beiden gab es keinen Zweifel: „Little Mick“ und „Lefty Ed“, beide hochrangige Mitglieder im Rat der Ginger Bucks, deren Dienste als Killer man für hundert Dollar oder ein Päckchen Kokain kaufen konnte, je nachdem, was man gerade dringender brauchte.

In dem Augenblick, in dem er es sah, machte Larry auf dem Absatz kehrt und rannte mit voller Geschwindigkeit die Straße zurück. Zwei Schüsse fielen; Larry konnte nicht sagen, ob sie von Little Mick oder Lefty Ed oder Barney Palmer abgefeuert wurden – das heißt, wenn der dritte Mann wirklich Barney war. Wieder fielen zwei Schüsse, dann kam das Geräusch verfolgender Schritte. Glücklicherweise hatte keine der Kugeln Larry berührt; denn der New Yorker Profikiller ist der schlechteste Schütze der ganzen Welt und kann sich nicht auf sein Schießgeschick verlassen, es sei denn, er kann seine Waffe fest an seinen Mann bringen oder sich von hinten heranschleichen und sein ahnungsloses Opfer in den Rücken schießen.

Als Larry sich dem Pfandleihhaus näherte, in der Absicht, durch den westlichen Teil der Straße zu fliehen, sah er, dass Old Isaac das Licht eingeschaltet hatte; und er sah auch Officer Gavegan in seine Richtung stürmen. Sie erblickten sich im selben Moment, und Gavegan stieß ein Brüllen aus und nahm die Verfolgung auf.

Gefangen zwischen zwei gegnerischen Mächten, hatte Larry wieder keine Zeit zu planen. Vielmehr gab es nichts, was er planen konnte, denn nur ein Weg stand ihm offen. Er stürzte in das Pfandleihhaus und in das Hinterzimmer. Am Schreibtisch der Duchess schrieb Hunt mit rasender Geschwindigkeit.

„Ich bin in der Falle, Hunt – Gavegan kommt“, keuchte er und rannte die Treppe hinauf, Hunt folgte ihm und stopfte seine Notizen in eine Tasche. Als Larry an der offenen Ateliertür vorbeikam, sah er Casey aufsitzen. „Runter auf den Boden mit dir, Casey! Hunt, arbeite an ihm, damit er wieder zu sich kommt – und halte Gavegan eine Weile hin, wenn du kannst.“

Damit sprang Larry auf eine Leiter am Ende des kleinen Flurs, rannte sie hinauf, hängte die Falltür aus und schob sie auf, kletterte aufs Dach und schob die Falltür wieder an ihren Platz.

Das Glück, oder besser gesagt, der wohlwollende Verstand der Freunde unten, gab Larry ein paar kostbare Momente mehr, als er kalkuliert hatte. Er war kaum auf dem vom Regen glitschigen Blechdach, mit der geschlossenen Falltür, als Gavegan die Treppe heraufstampfte und ins Atelier kam. Beim Anblick des ausgestreckten Casey, dessen Kopf schlaff auf Hunts Knien ruhte und dessen loses Gesicht von einem nassen Handtuch in Hunts Händen abgewaschen wurde, stieß Gavegan ein weiteres Brüllen aus:

„Zum Teufel noch mal! Was zum Teufel soll das heißen?“

„Ich habe versucht, Brainard zu schnappen“, murmelte Casey schwach, „und er hat mich ausgeknockt – genau wie dich, Gavegan.“

„Verdammt!“ schnaubte Gavegan, dessen Zorn durch diesen Hinweis noch gesteigert wurde. „Du da“ – zu Hunt und der Duchess – „wo ist Brainard hin? Er ist irgendwo in diesem Haus!“

„Ich weiß es nicht“, sagte Hunt.

„Doch, das weißt du! Lass diesen Trottel-Kumpel von mir ausschlafen und hilf mir, Brainard zu finden, sonst spürst du meinen Stiefel!“

Der große Maler stand auf, dem großen Detektiv gegenüber, und seine linke Hand packte dessen Handgelenk und seine rechte schloss sich um die Kehle des Detektivs, genau wie sie sich an dem Tag von Larrys Rückkehr um die magere Kehle des alten Jimmie geschlossen hatte – nur dass jetzt in der Schlinge dieser großen Hand nichts Spielerisches mehr lag. Er schüttelte Gavegan, als hätte er ein Kissen geschüttelt, während ihm ein Daumen schmerzhaft unter Gavgans Ohr drückte.

„Ich habe nichts getan, und diese Tyrannen-Nummer zieht bei mir nicht!“ spuckte er Gavegan förmlich ins Gesicht. „Du sprichst mit mir wie ein Gentleman und entschuldigst dich, oder ich werfe dich aus dem Fenster und lasse deinen Kopf von einem der Pflastersteine da unten abprallen!“

Gavegan erstickte an einer Entschuldigung, woraufhin Hunt ihn von sich stieß. Der Detektiv, der den anderen finster anstarrte, zog Vorhänge beiseite, spähte in Ecken; dann machte er eine wütende und fruchtlose Suche in den Räumen unten und landete schließlich vor Maggies Tür, der die Duchess zuvorgekommen war und sie abgeschlossen hatte. Als er den Schlüssel verlangte, erzählte ihm die Duchess von Maggies Abreise und dass sie den Schlüssel mitgenommen hatte. Es war eine massive Tür mit starkem Schloss und Scharnieren; und es brauchte zwei Minuten von Gavgans rammenden Schultern, bis sie den Zugang freigab. Erst als er fand, dass der Raum leer war, dachte Gavegan an die Falltür und das Dach.

Larry nutzte diese wenigen zusätzlichen Minuten, die ihm gewährt wurden, gut aus. Was auch immer er tun wollte, er erkannte, dass er es schnell tun musste. Nicht lange würden die Kräfte, die gegen ihn aufgeboten waren, klein an Zahl sein; Gavegan würde, obwohl er anfangs geschlagen wurde, einen Alarm auslösen, der die Polizei der Stadt aufwecken würde – und in ihrem eigenen Maße würden die Gangster das Gleiche tun. Während seiner Wochen in Freiheit hatte Larry unbewusst das Layout der Nachbarschaft studiert, seine alten Instinkte bei der Arbeit. Das so gewonnene unterbewusste Wissen war von sofortigem Wert. Er eilte die rutschigen Dächer entlang, wobei er darauf achtete, nicht über die trennenden Mauern zu stolpern, und kam zum hinteren Rand eines Daches, wo er eine Feuerleiter mit einem ungewöhnlich breiten oberen Absatz markiert hatte. Er konnte die vagen Umrisse davon erkennen; er klammerte sich an die Dachrinne, ließ sich auf die Feuerleiter fallen, und einen Moment später war er unten im Hinterhof; und zwei Momente später war er über zwei Zäune und durch einen kaninchenbaubaren Durchgang, der unter einem Haus in die Straße hinter seiner eigenen führte.

Er hielt nicht inne, um die Lage zu erkunden. Zeit war das Wesentliche seiner Sicherheit, Risiken mussten eingegangen werden. Er stürzte aus seinem Loch – um die erste Ecke – um die nächste – und schlängelte sich so vor und zurück, nach Westen arbeitend, bis er schließlich beim Einbiegen in eine beleuchtete Straße mögliche Rettung in zwei herumstehenden Taxis vor einem kleinen Restaurant an der East Side sah, von denen eines gerade abfuhr.

„Taxi!“ rief er atemlos.

Der Chauffeur des anfahrenden Wagens schwenkte zurück zum Bordstein und öffnete die Tür. Aber noch während er einstieg, sah er Little Mick und Lefty Ed in die Straße hinter sich einbiegen. Die Helligkeit dieser Straße passte jedoch schlecht zu der Anonymität, mit der ihre Kunst am sichersten und profitabelsten ausgeübt wird, also stieg Larry ein, ohne dass eine Kugel ihn streifte.

„Forty-Second Street und Broadway“, rief er dem Chauffeur zu, als er die Tür schloss.

Das Auto fuhr los. Als er durch das kleine Fenster zurückblickte, sah er Lefty Ed in das andere Taxi einsteigen und sah Little Mick am Bordstein stehen. Er verstand. Little Mick sollte den Alarm auslösen, während Lefty die Spur verfolgen sollte.

Lass Lefty nur folgen. Zumindest hatte Larry jetzt ein paar Minuten Zeit, um einen Plan zu überdenken, der über die Sicherheit des unmittelbaren Augenblicks hinausging. Er war gut gekleidet, wenn auch etwas nass und beschmutzt; er hatte Geld in seinen Taschen. Was sollte er tun?

Ja, was sollte er tun? Je mehr er darüber nachdachte, desto unausweichlicher wurde seine Situation. Inzwischen hatte Gavegan seinen Alarm ausgesandt; innerhalb weniger Momente würde jeder diensthabende Polizist Anweisungen haben, nach ihm Ausschau zu halten. Er könnte diesen Verbündeten seiner früheren Kumpane vielleicht für die Zeit entgehen, indem er in ein Hotel ginge und dort ein Zimmer nähme; aber in ein Hotel zu gehen, hieße, direkt in die Verhaftung zu laufen. Auf der anderen Seite könnte er der Polizei entgehen, wenn er Zuflucht in einem seiner alten Schlupfwinkel suchte, oder vielleicht bei dem alten Bronson; aber dann kannten seine wütenden Kumpane diese Orte, und einen davon zu betreten, hieße, sich ihrer Rache freiwillig auszuliefern.

Es gab andere Städte – aber wie sollte er dorthin gelangen? Er sah Manhattan für das, was es für einen Mann war, der ein Flüchtling vor der Justiz und der Ungerechtigkeit war: eine Insel, eine Falle, mit nur wenigen Aus- und Einlässen für ihre Millionen: zwei Bahnhöfe – ein paar Fähren – ein paar Brücken – ein paar Tunnel: und an jedem von ihnen Polizisten, die nach ihm Ausschau hielten. Er konnte New York nicht verlassen. Und doch, wie um Himmels willen sollte er hierbleiben?

Er dachte an Maggie. Also wollte sie das Leben voller Glanz, Aufregung und brillanter Abenteuer, nicht wahr? Er fragte sich, wie ihr ein wenig vom echten Leben gefallen würde – so etwas wie dieses?

Als er sich der Forty-Second Street näherte, hatte er immer noch keinen definitiven Plan, der ihm Sicherheit garantieren würde, und Lefty blieb hartnäckig an ihm dran. Eine Idee kam ihm, die ihm zumindest eine Atempause verschaffen und mehr Zeit zum Nachdenken geben würde. Er öffnete die Tür seines Taxis und drückte einen Zehn-Dollar-Schein in die instinktiv bereite Hand seines Fahrers.

„Behalt das Wechselgeld – und fahr einmal um den Central Park herum, verlangsame dabei das Tempo in den hügeligen Kurven auf der Westseite.“

„Alles klar.“

Der Wagen fuhr am Plaza in den Park und raste die glänzende, fast leere Auffahrt hinauf. Larry hielt Wache, mal auf den nachfolgenden Lefty, mal auf die beste Gelegenheit zur Umsetzung seiner Idee – den ganzen Weg die Ostseite hoch und um die Kurve am nördlichen Ende. Als das Auto, jetzt in Richtung Süden, den Hügel nahe der 105. Straße hochfuhr, an deren Scheitelpunkt eine scharfe Kurve mit dicht wachsenden, überhängenden Bäumen war, öffnete Larry die rechte Tür und sagte:

„Zeig mir ein bisschen Geschwindigkeit, Fahrer, sobald du diese Kurve hinter dir hast!“

„Alles klar“, antwortete der Chauffeur.

Das langsamer werdende Auto schmiegte sich an die Innenseite der scharfen Kurve, Larry hielt die Tür offen und wartete auf seinen Moment. In dem Augenblick, als das Taxi die Kurve nahm, war Leftys Wagen aus dem Blickfeld geraten; und in diesem Augenblick sprang Larry vom Trittbrett, schlug die Tür hinter sich zu, landete auf weichem Boden und huschte zwischen die Bäume. Im Schatten kauernd sah er sein Auto wie befohlen davonrasen, und einen Moment später sah er Leftys Wagen, der offensichtlich von diesem offensichtlichen Fluchtversuch überrascht wurde, nach vorne springen, in heißer Verfolgung.

Larry schlüpfte weiter in die Bäume hinein und setzte sich, den Rücken gegen einen Baum. Das war besser. Für den Moment war er sicher.

Er holte tief Luft. Dann kam ihm für einen Moment das, was er in der letzten Stunde durchgemacht hatte, in einem fast amüsanten Licht zurück: als etwas grotesk Unmögliches – sehr ähnlich jenen chaotischen, völlig unrealen Verfolgungsjagden, die mit leichten Variationen von Persönlichkeiten und Kostümen die Haupthandlungen für das Kinodrama in seiner rohen Kindheit waren. Aber obwohl es eine Ähnlichkeit zu geben schien, gab es einen gewaltigen Unterschied. Denn das hier war real! Jeder meinte es ernst!

Wieder dachte er an Maggie. Was würde sie denken, was wäre ihre Einstellung, wenn sie die Wahrheit über ihn wüsste? – die Wahrheit über diejenigen, mit denen sie gegangen war, und das Leben, in das sie eingetreten war? Würde sie sich ihm zuneigen, würde sie ihm helfen?...

Wieder dachte er darüber nach, was er tun sollte. Jetzt, da er eine Gelassenheit gebot, die er während des Stresses seiner Flucht nicht gehabt hatte, prüfte er jeden Aspekt sorgfältiger. Aber die Schlussfolgerungen der Gelassenheit waren dieselben wie die der Aufregung. Er konnte nicht in eines der großen Hotels gehen und in seinem Zimmer bleiben, unerkannt unter Tausenden von Fremden; er konnte kein Asyl in einem seiner alten Schlupfwinkel finden; er wagte es nicht, Manhattan zu verlassen. Er war ein Gefangener, dessen einziges Privileg eine größere, aber höchst unsichere Freiheit war.

Und diese Freiheit wurde durchdringend unbehaglich. Eine Stunde war vergangen, der Boden, auf dem er saß, war nass und kalt, und die neblige Luft nahm eine beunruhigende Verwandtschaft mit dem vergangenen Winter an und machte zitternde Angriffe auf seine Knochen. Bestenfalls, erkannte er, konnte er nicht hoffen, in dieser kultivierten Wildnis über das Tageslicht hinaus sicher zu bleiben. Mit dem Kommen des Morgens wäre er sicherlich die Beute entweder seiner Kumpane oder der Polizei. Und wenn sie ihn nicht aus seinem Versteck treiben würden, würde ihn der einfache menschliche Hunger hinaus auf die offenen Straßen treiben. Wenn er überhaupt etwas tun wollte, musste er es tun, während er noch den mäßigen Schutz der Nacht hatte.

Und dann kam ihm zum ersten Mal die Erinnerung an Hunts schnellen Befehl, den er ihm im Durcheinander der Flucht gegeben hatte, als keine Gedanken die Oberfläche seines Geistes beeindrucken konnten, außer denen des unmittelbaren Augenblicks. „Wenn du in der Falle sitzt, ruf Plaza Neun-Doppel-Null-Eins an und sag ‚Benvenuto Cellini‘.“

Larry hatte keine Ahnung, was diese schnelle Anweisung bedeuten könnte. Und die Chance schien eine geringe, fantastische zu sein, selbst wenn er sicher zu einem öffentlichen Telefon gelangen könnte. Aber es schien seine einzige Chance zu sein.

Er stand auf und schlich, indem er sich so gut wie möglich in den wilderen Regionen des Parks hielt und die Schatten optimal nutzte, wenn er einen Weg oder eine Auffahrt überqueren musste, nach Süden. Er erinnerte sich an eine Apotheke an der 84. Straße und Columbus Avenue, die für seinen Zweck besonders geeignet war, da sie einen Seiteneingang in der 84. Straße hatte und in einer Gegend lag, in der Polizisten selten waren.

Das Glück begünstigte ihn. Schließlich erreichte er die 84. Straße und spähte über die Mauer. Central Park West war praktisch leer von Automobilen, da die Theater ihre Massen noch nicht entlassen hatten und kein Polizist in Sicht war. Er übersprang die Mauer; eine Minute später war er in einer Telefonzelle in der Apotheke, hatte seinen Nickel in den Schlitz geworfen und bat um Plaza Neun-Doppel-Null-Eins.

„Hallo, mein Herr!“ antwortete die sehr korrekte Stimme eines Mannes.

„Benvenuto Cellini“, sagte Larry.

„Bleiben Sie am Apparat, mein Herr“, sagte die Stimme.

Larry blieb am Apparat und wunderte sich. Nach einem Moment fragte dieselbe korrekte Stimme, von wo aus Larry spreche. Larry gab die genaue Information.

„Bleiben Sie genau in der Zelle und reden Sie einfach weiter; sagen Sie, was Ihnen gefällt; die Leitung hier wird offen gehalten“, fuhr die Stimme fort. „Wir werden Sie nicht lange warten lassen, mein Herr.“

Die Stimme verstummte. Larry begann, über Themen des Tages zu plaudern, über erfundene Freunde und Verabredungen, wohl wissend, dass sein Redefluss nicht gehört wurde, es sei denn, die Zentrale „hörte mit“; und auch wissend, dass er für jeden, der in die Glastür seiner Zelle schaute, das absolut unverdächtige Bild eines beschäftigten Mannes abgab. Und während er redete, wuchs sein Staunen. Was würde als Nächstes geschehen? Was hatte es mit dieser Benvenuto-Cellini-Sache auf sich?

Er hatte schon seit fünfzehn Minuten oder länger geredet, als die Glastür der Zelle von außen geöffnet wurde und eine Männerstimme bemerkte:

„Wenn Sie fertig sind, mein Herr, gehen wir.“

Die Stimme war dieselbe, die er am Telefon gehört hatte. Larry legte auf und folgte dem Mann durch die Seitentür, wobei er nur bemerkte, dass er ein schmales, respektvolles Gesicht hatte. Am Bordstein stand eine Limousine, deren Tür der Mann für Larry öffnete. Larry stieg ein.

„Werden Sie verfolgt, mein Herr?“ erkundigte sich der Mann.

„Ich weiß es nicht.“

„Wir sollten sichergehen. Wenn Sie verfolgt werden, werden wir sie abhängen, mein Herr. Wir werden irgendwo anhalten und unsere Nummernschilder wieder wechseln.“

Statt in das unbeleuchtete Innere zu steigen, wie Larry es erwartet hatte, schloss der Mann die Tür, nahm auf dem Sitz neben dem Chauffeur Platz, und der Wagen schoss nach Westen davon und bog auf den Riverside Drive ein.

Man kann in New York die Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreiten, wenn man über die nötige Geschwindigkeit verfügt und die Fähigkeit besitzt, damit davonzukommen. Dieser Wagen hatte beides. Noch nie war Larry innerhalb der New Yorker Stadtgrenzen so schnell gefahren; er wusste, dass jedes verfolgende Taxi weit hinter ihnen zurückbleiben würde. An der Two-Hundred-and-Forty-Fifth Street bog der Wagen in den Van Cortland Park ein und schaltete alle Lichter aus. Zwei Minuten später hielten sie in einem dunklen Abschnitt einer der Nebenstraßen des Parks.

„Wir halten nur eine Minute, mein Herr, um unsere richtigen Nummernschilder anzubringen“, erklärte der Mann, als er die Tür öffnete.

Innerhalb der Minute waren sie schon wieder unterwegs, nun gemächlicher, in der entspannten Art eines Privatwagens, der seinen privaten Angelegenheiten nachgeht – obwohl das Innere des Wagens diskret dunkel blieb und Larry sich vorsichtig in eine Ecke drückte. So fuhren sie über die Grand Boulevards, überquerten erneut den Harlem River und hielten kurz darauf vor einem großen Apartmenthaus in der Park Avenue.

Der Mann öffnete die Tür. „Gehen Sie einfach hinein, mein Herr, als ob Sie hierher gehörten. Der Portier und der Aufzugführer sind informiert.“

Sie mochten informiert sein, Larry war es ganz sicher nicht; und er schoss mit wachsender Verwirrung im Aufzug in das oberste Stockwerk. Der Mann schloss die Tür eines Apartments auf, ließ Larry eintreten, nahm seinen nassen Hut entgegen und geleitete dann den benommenen Larry durch eine Ecke eines schummerig beleuchteten Salons und durch eine weitere Tür.

„Sie sollen hier warten, mein Herr“, sagte der Mann und zog sich leise zurück.

Larry sah sich um. Er nahm nur wenige Einzelheiten wahr, aber er wusste genug über die gehobene Lebensart, um zu erkennen, dass er sich in der Gegenwart von sowohl Geld als auch bestem Geschmack befand. Er bemerkte das Kaminfeuer im breiten Kamin, die bequemen Stühle, die importierten Teppiche auf dem glänzenden Boden, die Bücherregale, die bis zur Decke reichten, und einen eigenwilligen Schreibtisch in einer Ecke, der aus einem anderen Land und einem anderen Jahrhundert zu stammen schien, aber in diesem Zimmer völlig am rechten Platz war.

Auf dem Schreibtisch sah er ein Foto in einem Lederrahmen stehen, das ihm bekannt vorkam. Er ging hinüber und nahm es in die Hand. Tatsächlich, es war bekannt! Es war ein Foto von Hunt: von Hunt, nicht in den schäbigen, unförmigen Kleidern, die er bei der Duchess trug, sondern von Hunt, ausgestattet wie ein Mann, der an ein Zimmer wie dieses gewöhnt war – obwohl in diesem Bild dasselbe starke Kinn, dieselben kämpferischen, gutmütigen Augen zu sehen waren.

Nun, wie und wo passte dieser mittellose, raue Maler hinein –

Doch die benommene Frage, die Larry sich stellte, wurde durch eine Stimme von der Tür unterbrochen – die raue Stimme eines Mannes:

„Wer zum Teufel bist du?“

Larry wirbelte herum. Im Türrahmen stand ein großer, streitlustiger junger Herr von vielleicht vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahren, im Abendanzug, mit gerötetem Gesicht, der sich schwankend am Türrahmen festhielt.

„Ich bitte um Verzeihung“, sagte Larry.

„Und was zum Teufel machst du hier?“, fuhr der kampflustige junge Herr fort.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das sagen könnten“, sagte Larry.

„Versuchst mich hinzuhalten, was?“, erklärte der junge Herr mit finsterer Wichtigtuerei. „Zieh nicht. Musst aus deiner Ecke kommen und kämpfen. Und ich werde dich verprügeln.“

Der junge Mann ging schwankend auf Larry zu und nahm eine Kampfhaltung ein.

„Hände hoch!“, befahl er.

Dies war wahrlich eine Nacht voller seltsamer Abenteuer, dachte Larry. Seine wilde Flucht – sein Kommen an diesen unbekannten Ort – und nun dieser benebelte junge Kerl, der auf einen Kampf mit ihm aus war.

„Lass uns morgen kämpfen“, schlug Larry beschwichtigend vor.

„Hände hoch!“, befahl der andere. „Wenn du nicht weißt, was du hier zu suchen hast, werde ich dir zeigen, was du hier machst!“

Doch er sollte es Larry nicht mehr zeigen, denn während er seine letzten Worte ausstieß und versuchte, sich in einer kauernden Haltung für einen Schlag zu stabilisieren, erklang scharf eine Stimme aus dem Türrahmen – eine Frauenstimme:

„Dick!“

Der junge Mann drehte sich langsam um. Doch Larry hatte sie zuerst gesehen. Er hatte keine Gelegenheit, sie in diesem ersten Moment genauer zu betrachten, außer dass er feststellte, dass sie schlank, jung und exquisit gekleidet war, denn sie schritt direkt auf sie zu.

„Dick, du bist schon wieder betrunken!“, rief sie aus.

„Falsch, Sis“, korrigierte er in einem beleidigten Tonfall. „Es ist derselbe Rausch.“

„Dick, du gehst ins Bett!“

„Aber Sis –“

„Du gehst ins Bett!“

Der junge Mann wankte vor ihrem gebieterischen Blick. „Ganz wie du willst – ganz wie du willst“, murmelte er und ging schwankend in Richtung Tür.

Die junge Frau sah ihm nach und wandte dann ihr besorgtes Gesicht wieder Larry zu. „Es tut mir leid, dass Dick sich Ihnen gegenüber so benommen hat.“

Und bevor Larry antworten konnte, war ihr bewölkter Blick verschwunden. „Sie sind also endlich hier, Mr. Brainard.“ Sie reichte ihm die Hand und lächelte ein Lächeln, das ihn wie durch Magie sofort in eine freundschaftliche Atmosphäre zu hüllen schien.

„Ich bin Miss Sherwood.“ Er bemerkte, dass die schlanke, zulaufende Hand fast die Griffstärke eines Mannes hatte. „Sie müssen mir nichts über sich erzählen“, fügte sie hinzu, „denn ich weiß schon eine Menge – alles, was ich wissen muss: über Sie – und über Maggie Carlisle. Sehen Sie, vor einer Stunde brachte mir ein Bote einen langen Brief, den er über Sie geschrieben hatte.“ Und sie nickte in Richtung des Fotos, das Larry noch immer in der Hand hielt.

„Sie – Sie kennen ihn?“, stammelte Larry.

Sie antwortete mit einem wunderlichen Lächeln: „Ja. Ist er nicht ein großartiger, törichter alter Schatz? Er ist so eine lärmende, prahlerische Persönlichkeit, dass ich ihn Benvenuto Cellini genannt habe – obwohl er weder Lügner noch Dieb ist. Er muss Ihnen erzählt haben, wie ich ihn nannte.“

Das erklärte also dieses Passwort „Benvenuto Cellini“! „Nein, er hat nichts erklärt. Es war keine Zeit dazu.“

„Ich weiß nicht, wo er ist“, fuhr sie fort; „bitte sagen Sie es mir nicht. Ich möchte es nicht wissen, bis er will, dass ich es weiß.“

Larry hatte sie einer schnellen Einschätzung unterzogen. Sie war vielleicht dreißig, blond, mit goldbraunem Haar, das von einem großen Kamm aus geschmiedetem Gold gehalten wurde, mit violettblauen Augen, in einem tief ausgeschnittenen Kleid aus violettem Chiffonsamt und Schuhen aus mattem Gold. Larrys Instinkt sagte ihm, dass sie eine Aristokratin war, ein Vollblut: mit Haltung, mit Weltkenntnis, mit wunderlichem Humor, mit einem gütigen Verständnis für Menschen, mit Stahl in sich und mit einer lächelnden Bereitschaft für fast jede Situation.

„Ich denke, niemand wird Sie finden – zumindest vorerst nicht“, fuhr ihre angenehm modulierte Stimme fort. „Es gibt so viele Dinge, die ich mit Ihnen besprechen möchte. Vielleicht kann ich bei Maggie helfen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich über sie spreche.“ Larry konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand an irgendetwas Anstoß nehmen könnte, das diese brillante Erscheinung möglicherweise sagen würde. „Aber wir verschieben unser Gespräch auf morgen. Es ist spät, und Sie sind nass und kalt, und außerdem hat meine Tante einen ihrer schlechten Anfälle und glaubt, sie braucht mich. Judkins wird sich um Sie kümmern. Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, sagte Larry.

Sie bewegte sich anmutig hinaus – fast schwebte sie, hätte Larry gesagt. Im nächsten Augenblick war der Mann bei ihm, der ihn hierher begleitet hatte, und führte Larry in ein geräumiges Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad. Zehn Minuten später verschwand Judkins mit Larrys Oberbekleidung; und weitere zehn Minuten später, nach einem heißen Bad und eingehüllt in Seidenpyjamas, die Judkins herbeigeschafft hatte, lag Larry in dem weichsten und frischesten Bett, in dem er je gelegen hatte.

Doch der Schlaf kam lange Zeit nicht zu Larry. Er lag da und grübelte über diese goldhaarige, gefasste Miss Sherwood nach. Sie war zweifellos die Frau im Hintergrund von Hunts Leben. Und er grübelte über Hunt nach – wer er wirklich war – was ihn wirklich in dieses seltsame Exil getrieben hatte. Und er grübelte über Maggie nach – was sie wohl tun mochte – was er von diesem seltsamen neuen Standort aus für sie und mit ihr tun könnte. Und er grübelte darüber nach, wie sich seine eigene komplexe Situation auflösen würde.

Und während er noch grübelte, schlief Larry schließlich ein.

KAPITEL XII

Als Larry am nächsten Morgen erwachte, blinzelte er einige verwirrte Augenblicke lang in seinem Schlafzimmer umher, das so ganz anders war als seine Zelle in Sing Sing und so ganz anders als Hunts drunter und drüber gehendes Atelier bei der Duchess, das er mit ihm geteilt hatte, bevor ihm klar wurde, dass dieses große, luftige Zimmer und dieses Wunder von einem Bett, in dem er lag, Realitäten waren und nicht bloß eine Fortsetzung eines Traums von phantastischem und körperlich schmeichelhaftem Reichtum.

Dann blätterte sein Geist eine Seite im Buch seines Lebens zurück, und er lag da und dachte über die Ereignisse des Vorabends nach: die Szene mit Barney und Old Jimmie und Maggie, wie sie ihn alle als Polizeispitzel und Verräter beschimpften, und Maggies trotzigen Aufbruch, um ihre lang erträumte Karriere als Hauptdarstellerin und vielleicht Star in dem zu beginnen, was sie als große und aufregende Abenteuer sah; seine eigene erzwungene und rasende Flucht; seine seltsame Methode, dieses prächtige Apartment zu erreichen; seine Begegnung mit dem gut aussehenden, vom Alkohol benebelten jungen Mann im Abendanzug; seine Begegnung mit der exquisit gekleideten Aristokratin Miss Sherwood, die ihn mit der Gelassenheit und offenen Freundlichkeit einer demokratischen Königin empfangen und ihn sofort ins Bett geschickt hatte.

Seltsam, all diese Dinge! Aber sie waren allesamt Realitäten. Und in dieser neuen Reihe von Umständen, die über Nacht entstanden waren, was sollte er tun?

Er erinnerte sich, dass Miss Sherwood gesagt hatte, dass sie und er an diesem Morgen ihr Gespräch haben würden. Er zog seine Uhr unter dem Kopfkissen hervor. Es war nach neun Uhr. Er sah sich nach Kleidung um, sah aber nur einen Bademantel. Dann erinnerte er sich daran, wie Judkins seine durchnässten Kleidungsstücke mit den Worten „Klingeln Sie nach mir, wenn Sie aufwachen, mein Herr“ weggetragen hatte.

Larry fand einen elektrischen Klingelknopf, der an einer seidenen Kordel über seinem Bett hing. Er drückte den Knopf und wartete. Innerhalb von zwei Minuten öffnete sich die Tür, und Judkins trat ein, beladen mit frischer Kleidung.

„Guten Morgen, mein Herr“, sagte Judkins. „Ihre eigene Kleidung, und einige Hemden und andere Dinge, die ich mir von Mr. Dick geliehen habe. Wie möchten Sie Ihr Bad, mein Herr – heiß oder kalt?“

„Kalt“, sagte der verwirrte Larry.

Judkins verschwand in das große, weiß geflieste Badezimmer, für einige Augenblicke war das Rauschen von spritzendem Wasser zu hören, dann Stille, und Judkins erschien wieder.

„Ihr Bad ist bereit, mein Herr. Ich habe einige von Mr. Dicks Rasiermessern bereitgelegt. Wie bald soll ich Ihnen Ihr Frühstück bringen?“

„In etwa zwanzig Minuten“, sagte Larry.

Genau zwanzig Minuten später brachte Judkins ein Tablett herein und stellte es auf einen Tisch neben einem Fenster, das auf die Park Avenue hinunterblickte. „Miss Sherwood bat mich, Ihnen auszurichten, dass sie Sie um zehn Uhr in der Bibliothek sehen möchte, mein Herr – dort, wo sie Sie letzte Nacht gesehen hat“, sagte Judkins und war lautlos verschwunden.

Frisch rasiert, prickelnd vom Bad, mit dem Gefühl, makellos gekleidet zu sein, wenn auch in teilweise fremden Kleidungsstücken, widmete sich Larry dem Frühstück aus Grapefruit, Omelett, Toast und Kaffee, das auf Sèvres-Porzellan mit Abdeckungen aus altem Silber serviert wurde. In seinen erfolgreicheren Zeiten hatte Larry den besten privaten Service genossen, den die besten Hotels in New York zu bieten hatten; aber deren Bestes war grob und nachlässig im Vergleich zu diesem. Er aß eine Minute oder zwei – dann stand er auf und betrachtete sein sorgfältig gekleidetes Selbst im Ganzkörperspiegel – dann blickte er aus seinem hohen, exklusiven Fenster hinunter auf die Park Avenue mit ihrem Strom von Autos, die ihre Insassen bequem zu ihren Zehn-Uhr-Jobs in der Wall oder Broad Street beförderten – und dann kehrte er zu seinem Frühstück zurück. Das war erstaunlich – verwirrend!

Er war fast fertig mit seinem Omelett, als es an seiner Tür klopfte. In der Annahme, Judkins sei zurückgekehrt, rief er: „Herein“; aber statt Judkins ließ die sich öffnende Tür den streitlustigen jungen Mann in den zerknitterten Abendkleidern der letzten Nacht herein. Jetzt trug er einen seidenen Morgenmantel in einem auffälligen Pfauenblau, seine Füße waren barfuß in Zehenschuhen, sein welliges, gelbliches Haar hatte den zerzausten Effekt einer erst kürzlich erfolgten Trennung von einem Kopfkissen. Eine Zigarette hing aus seinem Mundwinkel.

Larry wollte aufstehen. Aber der junge Mann hielt die Bewegung mit einer Geste gespielter Imperativität auf.

„Bleiben Sie sitzen, edler Herr; ich möchte ein Wort mit Euch wechseln.“ Er ging hinüber und setzte sich auf eine Ecke von Larrys Tisch, einen beschuhten Fuß baumelnd, und betrachtete Larry mit einem prüfenden Blick. „Erlauben Sie mir die Bemerkung, mein Herr“, fuhr er in seiner großen Art fort, „dass Sie aussehen, als könnten Sie jemand sein.“

„Ist es das, was Sie mir sagen wollten, Mr. Sherwood?“, fragte Larry.

Die großartige Art des anderen verschwand und er grinste. „Vergessen Sie das ‚Mr. Sherwood‘, sonst fühle ich mich in meinem eigenen Haus nicht zu Hause“, bettelte er mit humorvoller Schwermut. „Nennen Sie mich Dick. Das tut jeder andere auch. Das ist abgemacht. Nun zum Grund für diesen Besuch zu einer so gottlosen Stunde. Sis war gerade hier und hat an mir herumgehackt. Sagt, ich sei letzte Nacht unhöflich zu Ihnen gewesen. Ich nehme an, das war ich. Ich hatte früh am Abend einige aus meinem privaten Vorrat gehabt; und noch einige mehr in geselligen Manhattan-Spelunken, wo die Prohibition den Fluss des Glücks nicht gestoppt hat, wenn man die Parole kennt. Die kumulative Wirkung haben Sie gesehen und waren ihr Opfer. Ich entschuldige mich, mein Herr.“

„Schon gut, Mr. –“

„Dick ist es, was ich sagte“, unterbrach ihn der andere.

„Dick, dann. Schon gut. Ich verstehe.“

„Danke. Ich nenne Sie zur Abkürzung Old Captain Nemo. Sis hat mir weder Ihren Namen noch irgendetwas über Sie gesagt, und sie sagte, ich dürfe Ihnen keine Fragen stellen. Aber was auch immer Isabel tut, ist meistens zu hundert Prozent richtig. Sie sagte, ich würde Sie wahrscheinlich öfter sehen, also stelle ich mich vor. Sie würden sowieso von jemand anderem alles über mich erfahren, also könnten Sie genauso gut von mir selbst davon erfahren und eine unparteiische und unvoreingenommene Aussage bekommen. Schlau von mir, nicht wahr, ihnen zuvorzukommen?“

Larry ertappte sich dabei, wie er in das gewinnende, unverantwortliche, jungenhafte Gesicht zurücklächelte. „Ich nehme an, schon.“

„Ich schieße Ihnen das ganze Programm auf einmal ab. Name, Richard Livingston Sherwood. Alter, vierundzwanzig, aber es wird behauptet, dass ich das Alter der Vernunft noch nicht erreicht habe. Einer unserer jungen Helden der Lüfte, der half, Frankreich zu retten und die Welt sicher für irgendetwas zu machen, indem er mit seinen Flügeln über das endlose Alkali von Texas flatterte. Beruf, Gentleman-Farmer.“

„Sie ein Farmer!“, rief Larry aus.

„Ein Gentleman-Farmer“, korrigierte Dick. „Der Unterschied zwischen einem Farmer und einem Gentleman-Farmer, Captain Nemo, ist der, dass ein Gentleman-Farmer keinen Profit mit seinen Ernten macht. Nun, meine Freunde sagen, ich verliere eine schreckliche Menge Geld und säe eine schrecklich große Ernte. Und ihnen zufolge, anstatt vernünftige Fruchtfolge zu praktizieren, bin ich ein törichter Ein-Kultur-Farmer – und meine einzige Kultur ist das wilde Leben.“

„Ich verstehe“, sagte Larry.

„Natürlich mache ich auch noch ein kleines bisschen etwas anderes nebenbei. Liebhaberei. Ich bin im Maklergeschäft. Aber mein Hauptgeschäft ist es, mich um die Sherwood-Interessen zu kümmern. Sie sehen, meine Mutter – mein Vater starb zehn Jahre vor ihr – meine Mutter, die vernarrt in die angeborene Überlegenheit des Mannes war, ließ mich die Kontrolle über praktisch alles behalten, und ich mache es so gut, wie es die wichtigere Beschäftigung des Farmens erlaubt. Was die pikante Geschichte meiner Person vervollständigt.“

„Es tut mir leid, dass ich mich nicht revanchieren kann.“

„Schon gut, Captain Nemo. Es ist noch reichlich Zeit – und es macht sowieso keinen Unterschied.“ Trotz seiner leichten Art und seines sorglosen Geplauders hatte Larry das Gefühl, dass Dick ihn die ganze Zeit gemustert hatte; dass dies in der Tat der eigentliche Zweck des gegenwärtigen Besuchs war. Dick sprang auf seine Füße. „Wenn Sie gerade ein bisschen knapp bei Kasse sind, was Klamotten angeht, wie ich verstehe, dass Sie es sind, nun, wir haben etwa die gleiche Größe. Sagen Sie Judkins, was Sie wollen, und lassen Sie sich von ihm reichlich geben. Wie spät ist es bei Ihnen?“

„Gerade zehn Uhr.“

„Bei Kuckuck – Zeit, dass ein Farmer seine Latzhose anzieht und sich an seine taufrische Arbeit macht!“

„Und Zeit für mich, Ihre Schwester zu sehen“, sagte Larry und stand auf.

„Kommen Sie. Ich bin ein guter Seneschall, oder Major Domo, oder was Sie wollen – und ich werde Sie in die Gegenwart ihrer Hoheit geleiten.“

Einen Moment später wurde Larry durch die Bibliothekstür geschoben und Dick kündigte mit feierlichem Ton an:

„Senorita – Mademoiselle – unsere gelassene, verehrte und allerhöchste Schwester Isabel, erlauben Sie uns, unseren neuesten und reizendsten Freund, Captain Nemo, vorzustellen.“

„Dick“, rief Miss Sherwood aus, „geh hier raus und zieh dir etwas an!“

„Hör dir das an!“, beschwerte sich Dick. „Sie redet immer noch mit mir, als wäre ich ihr kleiner Bruder. Als Nächstes wird sie mir befehlen, mich hinter den Ohren zu waschen!“

„Geh raus und schließ die Tür hinter dir!“

Die Antwort war Dicks würdevoller Abgang und das scharfe Schließen der Tür.

„Hat Dick mit Ihnen über sich selbst gesprochen?“, fragte Miss Sherwood.

„Ja.“

„Was hat er gesagt?“

Larry gab den Inhalt der Autobiografie wieder, die Dick freiwillig angeboten hatte.

„Ein Teil davon ist mehr als die Wahrheit, ein Teil weniger als die Wahrheit“, bemerkte Miss Sherwood. „Aber heute Morgen wollten wir ein wirkliches Gespräch über Ihre Angelegenheiten führen, also lassen Sie uns zum Thema kommen.“

Sie hatte ihn zu einem Stuhl neben dem eigenwilligen alten Schreibtisch gewinkt, und sie saßen nun einander gegenüber. Isabel Sherwood sah genauso wie eine vollendete Aristokratin aus wie am Abend zuvor, und zwar mit diesem leichten, wunderlichen Humor und der direkten Art der Person, die ihrer selbst sicher ist; und bei nüchternem, illusionslosem Tageslicht hatte sie nicht weniger Schönheit, als sie ihr in der weicheren Beleuchtung ihrer ersten Begegnung verliehen zu haben schien. Das klare, frische Gesicht mit den violettblauen Augen betrachtete ihn eindringlich. Larry erkannte, dass sie in seine innerste Seele blickte, und er saß schweigend während dieser Einschätzung, von der er erkannte, dass sie das Recht hatte, sie vorzunehmen.

„Mr. Hunt hat mir die wichtigsten Fakten über Sie geschrieben, sicherlich die schlimmsten“, sagte sie schließlich. „Sie müssen mir nichts weiter sagen, wenn Sie es vorziehen, dies nicht zu tun; aber es könnte hilfreich sein, wenn ich mehr von den Details wüsste.“

Larry hatte das Gefühl, dass es keine Information gab, die er dieser klaräugigen, bezaubernden Frau nicht geben wollte; und so erzählte er ihr alles, was seit seiner Rückkehr aus Sing Sing geschehen war, einschließlich seiner Verliebtheit in Maggie, der Natur ihres Konflikts, ihres Aufbruchs in die Wege ihrer Ambitionen.

„Sie stehen sicherlich vor einer Menge schwieriger Probleme.“ Miss Sherwood zählte sie an ihren Fingern ab. „Die Polizei ist hinter Ihnen her – Ihre alten Freunde sind hinter Ihnen her – Sie wagen es nicht, erwischt zu werden. Sie wollen sich reinwaschen – Sie wollen einen geschäftlichen Erfolg erzielen – Sie wollen Maggies gegenwärtige Ambitionen ausrotten und sie von ihren gegenwärtigen Einflüssen entfernen.“

„Das ist die richtige Summe“, sagte Larry.

„Sicherlich eine große Summe! Von allen, welcher ist der wichtigste Punkt?“

Larry überlegte. „Maggie“, gestand er. „Aber Maggie schließt eigentlich alle anderen ein. Um irgendeinen Einfluss auf sie zu haben, muss ich aus der Gewalt der Polizei herauskommen, ich muss ihren Glauben überwinden, dass ich ein Spitzel und ein Verräter bin, und ich muss ihr beweisen, dass ich Erfolg haben kann, indem ich aufrichtig bleibe.“

„Genau so ist es. Und all diese Dinge müssen Sie tun, während Sie ein Flüchtling im Versteck sind.“

„Genau. Oder sie eben nicht tun.“

„Hm!... Das Dringendste, wie ich meine, ist, einen sicheren und dauerhaften Ort zum Verstecken zu haben und eine Arbeit zu haben, die zu einer Gelegenheit führen könnte, sich als Erfolg zu erweisen.“

„Ja.“

„Mr. Hunts 'O.K.' für Sie wäre in jedem Fall ausreichend, und er hat dieses O.K. gegeben“, sagte Miss Sherwood mit ihrer gleichmäßigen Stimme. „Außerdem veranlasst mich mein eigenes Urteilsvermögen dazu, an Ihre Wahrheit und Ihre Aufrichtigkeit zu glauben. Ich habe über die Angelegenheit nachgedacht, seit ich Sie letzte Nacht gesehen habe. Ich bitte Sie daher, hier zu bleiben und das Apartment niemals zu verlassen –“

„Miss Sherwood!“, stieß er hervor.

„Und ein wenig später, wenn wir zu unserem Anwesen auf Long Island gehen, werden Sie mehr Freiheit haben. Fürs Erste werden Sie für die Bediensteten und jede andere Person, die möglicherweise hereinkommen könnte, Mr. Brandon sein, ein Cousin zweiten Grades, der bei uns wohnt; und Ihre Erklärung dafür, niemals nach draußen zu wagen, kann sein, dass Sie sich von einer Operation erholen. Vielleicht können Sie sich einen Plan ausdenken, wie Sie später gelegentlich das Haus verlassen könnten, ohne allzu großes Risiko für sich selbst.“

„Ja. Das Risiko kommt von der Polizei und von einigen meiner alten Freunde und den Gangstern, die sie rekrutiert haben. Solange sie glauben, dass ich in New York bin, werden sie mich jeden Moment suchen. Wenn sie glauben würden, dass ich nicht mehr in New York bin, würden sie alle ihre Wachsamkeit einstellen. Wenn – wenn – Aber vielleicht würden Sie sich nicht darum kümmern wollen, so viel zu tun.“

„Fahren Sie fort.“

„Wären Sie bereit, einen Brief an einen Freund in Chicago zu schreiben und den Freund zu bitten, einen beigefügten, von mir geschriebenen Brief abzuschicken?“

„Sicher.“

„Meine Handschrift wäre verstellt – aber eine Person, die meine Schrift wirklich kennt, würde die versuchte Verstellung durchschauen und sie als meine erkennen. Mein Brief wäre an meine Großmutter adressiert, mit der Bitte, mir meine kürzlich gekauften, eingelösten Pfänder nach Chicago zu schicken. Eine kluge Person, die den Brief liest, wäre sich sicher, dass ich sie bitte, mir meine Kleidung zu schicken.“

„Was soll das bringen?“

„Ein Teil der polizeilichen Suche nach mir wird darin bestehen, mit Hilfe der Postbehörden heimlich alle an meine Großmutter adressierten Briefe zu öffnen. Sie werden diesen Brief über meine Kleidung aufdampfen, ihn dann wieder versiegeln und zustellen lassen. Aber sie werden erfahren haben, dass ich ihnen entkommen bin und in Chicago bin. Sie werden die Jagd hier abbrechen und die Polizei in Chicago telegrafieren. Und natürlich werden die Nachrichten zu meinen alten Freunden durchsickern, und auch sie werden aufhören, in New York nach mir zu suchen.“

„Ich verstehe.“

„Und in einem weiteren, von Ihnen geschriebenen Brief werde ich einen Auftrag mitschicken, der ebenfalls in Chicago aufgegeben werden soll, an einen guten Freund von mir, mit der Bitte, bei der Expressstelle vorbeizugehen, meine Kleidung abzuholen und sie aufzubewahren, bis ich vorbeikomme oder nach ihr schicken lasse. Wenn er hingeht und nach der Kleidung fragt, wird die Polizei in Chicago ihn schnappen und den Auftrag bei ihm finden. Sie werden keinerlei Anklage gegen ihn haben, aber sie werden einen weiteren Beweis dafür haben, dass ich in Chicago oder irgendwo im Mittleren Westen bin. Der Effekt wird definitiv sein, die Suche von New York weg zu verlagern.“

„Ja, ich verstehe“, wiederholte Miss Sherwood. „Fahren Sie fort und tun Sie es; ich werde Ihnen helfen. Aber für den Moment müssen Sie genau hier in der Wohnung bleiben, wie ich sagte. Und später, wenn Sie glauben, dass die Briefe ihre Wirkung getan haben, müssen Sie äußerste Vorsicht walten lassen.“

„Natürlich“, stimmte Larry zu.

„Nun zu Ihrem Start im Geschäftsleben. Ich vermute, dass meine Angelegenheiten in einem sehr schlechten Zustand sind. Die Dinge wurden meinem Bruder überlassen, wie er Ihnen sagte. Ich habe eine Menge Papiere, alle möglichen Konten, die er mir gebracht hat, und er bringt mir noch eine ganze Menge mehr. Ich werde aus ihnen nicht schlau, und ich glaube, mein Bruder ist genauso verwirrt wie ich. Ich glaube, nur ein Experte kann sie verstehen. Mr. Hunt sagt, Sie hätten einen sehr scharfen Verstand für solche Dinge. Ich wünschte, Sie würden die Verantwortung für diese Papiere übernehmen und versuchen, sie in Ordnung zu bringen.“

„Miss Sherwood“, sagte Larry langsam, „Sie kennen mein Vorstrafenregister und riskieren dennoch, mir Ihre Angelegenheiten anzuvertrauen?“

„Nicht, dass ich das Risiko nicht eingehen würde – aber was es auch zu stehlen gibt, irgendjemand anders hat es bereits gestohlen oder wird es stehlen. Ihre Arbeit wird darin bestehen, Diebstähle oder Fehler zu entdecken und Diebstähle oder Fehler zu verhindern, wenn Sie können. Sie sehen, ich übertrage Ihnen keine tatsächliche Kontrolle über stehlbares Eigentum – noch nicht ... Nun, was sagen Sie?“

„Ich kann nur sagen, Miss Sherwood, dass Sie mehr als gut sind, dass ich mehr als dankbar bin und dass ich mein Bestes tun werde!“

Miss Sherwood betrachtete ihn eine lange Zeit nachdenklich. Dann sagte sie: „Ich werde Ihnen noch etwas anderes anvertrauen, denn wenn Sie so klug sind, wie ich glaube, und wenn das Leben Sie so viel gelehrt hat, wie ich denke, glaube ich, dass Sie mir sehr helfen können. Mein Bruder Dick ist wild und leichtsinnig. Ich wünschte, Sie würden ein Auge auf ihn haben und versuchen, ihn im Zaum zu halten, wo Sie können. Das heißt, wenn das keine zu große Aufgabe für Sie ist.“

„Das ist keine Aufgabe – das ist ein Kompliment!“

„Dann wäre das für den Moment alles. Ich sehe Sie in einer Stunde oder zwei wieder, wenn ich einige Dinge bereit habe, die ich Ihnen übergeben kann.“

Zurück in seinem Schlafzimmer schritt Larry triumphierend auf und ab. Er hatte Sicherheit! Und endlich hatte er eine Chance – vielleicht die Chance, nach der er sich gesehnt hatte, durch die er sich letztendlich als Erfolg erweisen würde!...

Er wunderte sich noch mehr über Miss Sherwood. Und wieder über sie und Hunt. Miss Sherwood war klug, anmutig, alles, was sich ein Mann von einer Frau wünschen konnte; und er vermutete, dass hinter ihren humorvollen Anspielungen auf Hunt ein tiefes Gefühl für den großen Maler steckte, der fast wie ein Landstreicher auf dem Dachboden des kleinen Hauses der Duchess lebte. Und Larry wusste, dass Miss Sherwood die einzige Frau in Hunts Leben war; Hunt hatte es so gesagt. Sie waren alles füreinander; sie vertrauten einander. Dennoch gab es einen großen Bruch zwischen den beiden; offensichtlich hatte seine eigene Krise die einzige Kommunikation erzwungen, die seit Monaten zwischen den beiden stattgefunden hatte. Er fragte sich, was dieser Bruch sein könnte und was seine Ursache war.

Und dann begann eine Idee ihre Möglichkeiten zu entfalten. Was für eine großartige Wiedergutmachung, wenn er irgendwie etwas tun könnte, das dazu beitragen würde, diese beiden Menschen, die ihn freundschaftlich unterstützt hatten, wieder zusammenzubringen!...

Aber die meiste Zeit, während er darauf wartete, dass Miss Sherwood ihn wieder zu sich rief, dachte er an Maggie. Ja, wie er Miss Sherwood gesagt hatte, war Maggie das wichtigste Problem seines Lebens: all seine vielen anderen Probleme waren nur insofern wichtig, als sie die Lösung für Maggie förderten oder behinderten. Wo war sie? – was tat sie? – wie sollte er in diesem angenehmen Gefängnis, das er nicht zu verlassen wagte, jemals ihre Verachtung für ihn überwinden und sie jemals von jener gefährlichen Laufbahn abbringen, in der ihre stolze und aufgeregte junge Vision nur das glänzende und profitable Abenteuer der hohen Romanze sah?

KAPITEL XIII

Als Maggie nach der Anprangerung von Larry durch Barney Palmer, ihren Vater und sie selbst als Spitzel und Verräter für immer mit Barney Palmer und ihrem Vater vom Haus der Duchess wegfuhr, war sie die begeisterte Trägerin von so vielen verschiedenen Emotionen, wie sie oft gleichzeitig in einem jungen Mädchen sprudeln und wirbeln. Da war Wut und Verachtung gegenüber Larry: Larry, der schwach eine Karriere aufgegeben hatte, in der er ein Meister war, und der zu diesem Schlechten noch das Schlimmere hinzugefügt hatte, ein Verräter zu sein. Da war das beflügelnde Gefühl, dass sie endlich ihren Abschluss gemacht hatte; dass sie endlich von den tristen und kleinlichen Dingen des Lebens befreit war; dass sie endlich in die große, glänzende Welt hinausritt, in der alles geschah – hinaus in das faszinierende, verwirrende Unbekannte.

Barney und Old Jimmie unterhielten sich miteinander, während das Taxi über die gepflasterten Straßen ruckelte, wobei ihr Gespräch größtenteils aus Verwünschungen gegen Larry Brainard bestand. Aber ihre Worte waren bedeutungslose Klänge für die schweigsame Maggie, deren pulsierende Sinne in diesem Moment in einem aufgeregten Bestreben verschmolzen, die herrlichen Umrisse des Schicksals zu erkennen, dem sie entgegenreiste. Als das Taxi jedoch in den Lafayette Place einbog und nordwärts rollte, wurde ihre Neugier auf das Unbekannte bewusst und artikuliert.

„Wohin fahre ich?“, fragte sie.

„Zuerst einmal in ein nettes, ruhiges Hotel.“ Es war Barney, der antwortete; irgendwie war Barney ganz natürlich in die Position des Anführers gerückt, und ebenso natürlich war ihr Vater in die zweite Reihe zurückgetreten. „Wir haben alles geregelt, Maggie. Zimmer sind reserviert, und eine Begleiterin wartet dort auf dich.“

„Eine Begleiterin!“, rief Maggie aus. „Wofür?“

„Um dir die feinen Punkte der Umgangsformen beizubringen und dir beim Kleiderkauf zu helfen. Sie ist ein erstklassiges Geschöpf, das steht fest. Ich habe eine Anzeige geschaltet und sie aus einem Dutzend Bewerberinnen ausgesucht.“

„Barney!“, hauchte Maggie. Sie schwieg einen verwirrten Moment lang, dann fragte sie: „Was – was werde ich eigentlich tun?“

„Hör zu, Maggie: Ich verrate dir die ganze Idee. Ich hätte es dir früher gesagt, aber es hat sich ziemlich plötzlich entwickelt, und ich hatte keine richtige Gelegenheit, und außerdem wusste ich, dass du ganz dafür sein würdest. Jimmie und ich haben dieses Aktiengeschäft für immer eingestampft – es sei denn, es ergibt sich später eine leichte Chance dafür. Unsere große Idee jetzt ist es, DICH groß rauszubringen!“ Barney glaubte, dass in Maggie noch eine gewisse Bewunderung für Larry oder ein gewisser Einfluss von Larry auf sie lauern könnte, und diese durch die Brillanz seines Angebots vollständig auszumerzen, war der Hauptzweck seiner weiteren schnell gesprochenen Worte. „Dich auf die großartigste Art und Weise groß rauszubringen, Maggie! Eine schöne, kluge Frau, die weiß, wie sie ihren Verstand einsetzt, und die eine kluge Führung hat, kann mehr Geld einbringen, und zwar auf sicherere Weise, als jedes Dutzend Männer! Und ich sage dir, Maggie, ich mache dich zu einem Star!“

„Barney! ... Aber du hast mir nicht gesagt, was genau ich tun soll.“

„Das erste wird nur ein Probelauf sein; es wird helfen, deine Ausbildung abzuschließen. Ich habe es ausgeklügelt, aber ich verrate es dir erst später. Die Hauptsache ist nicht, dich nur für ein einziges Spiel einzusetzen, Maggie, sondern dich so weit fertigzumachen, dass du in Dutzende von Spielen passt – Jahr für Jahr gut bist. Eine große Schauspielerin, die direkt in jede große Rolle schlüpfen kann, die ihr über den Weg läuft. Das ist es, was sich auszahlt! Ich sage dir, Maggie, es gibt kein anderes so gutes, beständiges Geschäft auf Erden wie die richtige Art von Frau. Und genau das wirst du sein!“

Maggie hatte schon oft Ähnliches gehört. Damals war es vage gewesen und hatte eine unbestimmte Zukunft betroffen. Jetzt war sie zu sehr geblendet von diesem Bild naher Ereignisse, das der eifrige Barney zeichnete, um irgendeinen Kommentar abgeben zu können.

„Ich werde bei allem direkt hinter dir stehen, und Jimmie auch“, fuhr Barney in seiner aufregenden Art fort – „aber du wirst die Person sein, die ganz vorne steht und das Geschäft wirklich über die Bühne bringt. Und wir werden uns an Dinge halten, bei denen die Polizei uns nicht berühren kann. Verwickle einen Mann mit Münzen und Position in ein Geschäft mit einer Frau, und er wird niemals einen Mucks von sich geben und mit haufenweise Geld herausrücken. Es gibt Hunderte von Möglichkeiten, das zu machen. Ein starker Punkt bei dir, Maggie, ist, dass du kein polizeiliches Vorstrafenregister hast. Ich auch nicht, obwohl die Polizei mich verdächtigt – aber wie gesagt, ich werde mich so weit wie möglich aus dem Rampenlicht heraushalten. Ich sage dir, Maggie, wir werden großartige Sachen durchziehen! Großartig, sage ich dir!“

Maggie empfand keinen Abscheu gegen das, was Barney gesagt und angedeutet hatte. Wie hätte sie das können, wenn sie seit Beginn ihres Erinnerungsvermögens unter Leuten gelebt hatte, die genau diese Dinge besprachen? Für Maggie schienen sie die natürliche Ordnung zu sein. In diesem Moment war sie mehr von einer faszinierenden Notwendigkeit beschäftigt, die Barneys extravagantes Unterfangen mit sich brachte.

„Aber um so etwas zu tun, brauche ich da nicht Kleidung?“

„Du wirst sie brauchen, und du wirst sie haben! Du wirst eine der tollsten Ausstattungen bekommen, die es je gab. Du wirst Paris dazu bringen, sich seiner selbst zu schämen!“

„Kein Grund, die ganze Kohle für Maggies Kleider zu verpulvern“, warf Old Jimmie ein und sprach zum ersten Mal.

Barney wandte sich ätzend, fast wild an ihn. „Du bist ein verdammt guter Vater, wirklich – zählst die Pfennige bei seiner eigenen Tochter! Ich habe dir gesagt, dass das kein Spiel für kleine Fische ist, und du hast zugestimmt – also vergiss die Idee, dass du bei irgendeinem Spielautomaten-Geschäft dabei bist!“

Old Jimmie empfand körperlichen Schmerz bei dem Gedanken, sich in solch einem Ausmaß von Geld zu trennen. Seine früheren Pläne bezüglich Maggie hatten niemals eine solche Extravaganz vorgesehen. Aber er wurde durch die dominante Kraft hinter Barneys Sarkasmus zum Schweigen gebracht.

„Miss Grierson – sie ist deine Begleiterin – weiß, was Sache ist, wenn es um Kleidung geht“, fuhr Barney zu Maggie fort. „Hier ist der Plan, wie ich ihn ihr übergeben habe. Du bist eine Waise aus dem Westen mit etwas Geld, die als mein Mündel und Jimmies nach New York gekommen ist, und wir wollen, dass du ein paar Dinge lernst. Ihr und allen neuen Leuten, die wir treffen, bin ich dein Cousin und Jimmie ist dein Onkel. Hast du das alles kapiert?“

„Ja“, sagte Maggie.

„Du sollst einen anderen Namen benutzen. Ich habe Margaret Cameron für dich ausgesucht. Wir können dich Maggie nennen, und es wird kein Ausrutscher sein – siehst du? Wenn irgendeiner der Polizisten, die dich kennen, auf dich aufmerksam werden sollte, sag ihnen einfach, dass du deinen eigenen Namen abgelegt hast, um mit deinem alten Leben abzuschließen. Die können dir gar nichts. Und sag ihnen, dass du ein bisschen Geld geerbt hast; deshalb lebst du so nobel. Die können auch deswegen nichts tun. ... Hier steigen wir aus. Habe ein Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer und ein Bad für dich hier gemietet. Aber wir werden dich bald in ein nobleres Hotel verlegen.“

Das Taxi hatte vor einem der unprätentiösen, respektablen Hotels in den Dreißigern, gleich abseits der Fifth Avenue, angehalten, und Maggie folgte den beiden Männern hinein. Dieses Hotel wirkte in seinen Leuten, seiner Einrichtung und seiner Atmosphäre nach dem Ritzmore tatsächlich nüchtern und alltäglich; aber im Ritzmore war sie nur ein Zigarettenmädchen gewesen, eine bezahlte Zuschauerin bei der Fröhlichkeit anderer. Hier war sie ein echter Gast – hier begann ihr großes Leben! Maggies Herz schlug wild.

Oben in ihrem Wohnzimmer stellte Barney sie Miss Grierson vor, dann ging er mit einem vielsagenden Blick auf Old Jimmie, sagte, er würde bald zurückkehren und ließ Old Jimmie zurück. Old Jimmie zog sich in eine Ecke zurück, wandte sich dem Rennsportteil des *Evening Telegram* zu, der zusammen mit dem entsprechenden Abschnitt des *Morning Telegraph* seine einzige Lektüre war, und überließ Maggie der Gesellschaft von Miss Grierson.

Maggie studierte dieses seltsame neue Wesen, ihre bezahlte „Begleiterin“, mit verstohlener Schärfe; und nach wenigen Minuten, obwohl sie schüchtern gehorsam war, wie eine ungebildete Waise aus dem Westen es sein würde, hatte sie keine Angst vor der anderen. Miss Grierson war eine große, flachrückige Frau, die sich auf dem absteigenden Ast des mittleren Alters befand. Sie war wirklich eine „Dame“, in dem selbstmitleidigen und selbstlobenden Sinne, in dem diejenigen, die sich selbst als solche anpreisen, dieses Wort verwenden. Sie war all die sozialen Formen, all die Anstandsregeln. Sie war unterwürfig autokratisch; ihre Stimme war monoton würdevoll und kultiviert; und sie war müde, wozu sie ein Recht hatte, denn sie war seit über einem Vierteljahrhundert in diesem Geschäft, eine damenhafte, bezahlte Tante für rohe junge Mädchen zu sein.

Für das müde, aber praktische Auge von Miss Grierson war dies sicherlich eine junge Frau, an der man viel arbeiten musste, um sie zu einer Dame zu machen. Und obwohl sie müde und so unempfänglich wie ein altes Pferd war, war Miss Grierson gewissenhaft, und sie wollte ihr Bestes geben.

Maggie verschaffte sich einen schnellen Überblick über ihr neues Zuhause. Die Zimmer waren ganz gewöhnliche Hotelzimmer, eingerichtet mit der schäbigen, massenhaften Prätentiösität von zweitklassigen Hotels. Aber sie waren die Essenz von Luxus im Vergleich zu ihrem einen Zimmer bei der Duchess mit seinem Blick auf trostlose Hinterhöfe. Diese Zimmer begeisterten sie. Sie waren ihr erster materieller Beweis dafür, dass sie nun tatsächlich in ihr großes Abenteuer aufgebrochen war.

Maggie aß mit Old Jimmie und Miss Grierson in ihrem Wohnzimmer zu Abend – und aus diesem Abendessen, mittelmäßig und nachlässig und durch den Transport von zwölf Stockwerken aus der Küche abgekühlt, machte Miss Grierson zur Einführung eine feierliche Angelegenheit, fast diagrammartig in ihren lehrreichen Details. Nach dem Abendessen verbrachte Maggie mit Miss Griersons langsamer und formeller Hilfe, die hauptsächlich aus beeindruckend deklamierten Passagen aus ihrem privaten Anstandsbuch bestand, zwei Stunden damit, ihren Koffer und ihren Koffer auszupacken und ihre spärliche Garderobe in die Schubladen der Kommode und des Schminktisches umzupacken; eine Aufgabe, die Maggie, wenn sie sich selbst überlassen geblieben wäre, in zehn Minuten erledigt hätte.

Maggie war in ihrem Schlafzimmer noch mit dieser Aufgabe beschäftigt, als sie Barney ihr Wohnzimmer betreten hörte. „Er ist entkommen“, hörte sie ihn mit leiser Stimme zu Old Jimmie sagen.

Sie schlüpfte schnell aus ihrem Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Etwas Undefinierbares hatte plötzlich in ihr zu pochen begonnen.

„Wer ist entkommen, Barney?“, fragte sie mit gedämpfter Stimme.

Ihr Blick ließ Barney schnell denken. Er war gut im schnellen Denken, dieser Barney. Er entschied sich, die Wahrheit zu sagen – oder einen Teil davon.

„Larry Brainard.“

„Wovor entkommen?“, fragte sie weiter.

„Der Polizei. Sie waren wegen irgendeiner Anklage hinter ihm her. Und einige seiner Kumpane waren auch hinter ihm her. Sie wollten ihn kriegen, weil er Red Hannigan und Jack Rosenfeldt verpfiffen hatte. Beide Parteien waren ungefähr zur gleichen Zeit hinter ihm her. Aber Larry bekam irgendwie einen Tipp und machte sich aus dem Staub.“

„Wann ist das passiert?“

„Muss kurze Zeit passiert sein, nachdem wir alle von der Duchess weggegangen sind.“

„Aber – aber, Barney – woher hast du das so schnell erfahren?“

„Bin einfach Officer Gavegan am Broadway begegnet und er hat es mir erzählt“, log Barney. Er zog es vor, ihr nicht zu sagen, dass er mit Little Mick und Lefty Ed vor Ort gewesen war; denn die dritte Gestalt, die Larry durch die nebligen Schatten ausgemacht hatte, war tatsächlich Barney Palmer gewesen. Barney zog es auch vor, nicht zu sagen, welchen weiteren subtilen Anteil er an den Ursachen für Larrys Flucht gehabt hatte.

„Glaubst du, er – er ist sicher entkommen?“

„Sicher für ein paar Stunden. Gavegan sagte mir, sie hätten ihn bis morgen Mittag geschnappt.“ Barney war sich Maggies Interesse bewusster als Maggie selbst, und er wollte es wieder zerstören oder davon ablenken. „Normalerweise bin ich für den anderen Kerl gegen die Polizei. Aber diesmal bin ich voll für die Bullen. Ich hoffe, sie kriegen Larry – er hat es verdient. Denk daran, dass er ein Spitzel und ein Verräter ist.“

Und schnell wechselte Barney das Thema. „Lass uns weitergehen, Jimmie.“

Er zog Maggie hinaus auf den Flur, um sicherzugehen, dass Miss Grierson nicht mithören würde. „Nun, Maggie“, triumphierte er, „habe ich bisher mein Versprechen gehalten, dich groß rauszubringen?“

„Ja.“

„Natürlich gehen wir am Anfang langsam vor. So muss man große Geschäfte handhaben – vorsichtig. Aber du wirst sicher eine Wucht sein, wenn dich dieser Leichenbestatter da drin erst in erstklassige Kleidung gesteckt hat. Dann wird sich der Vorhang zur eigentlichen Show heben – und es wird eine große Show werden – und du wirst der Hit des Stücks sein!“

Mit diesem Ansporn für Maggies Fantasie verließ Barney sie; und Old Jimmie folgte, wobei er Maggie verstohlen einen kurzen, unsicheren Blick zuwarf.

KAPITEL XIV

Einen Block vom Hotel entfernt trennte sich Barney von Old Jimmie. Eine Zeit lang dachte Barney über seinen Partner nach. Barney hatte schnelle Augen, die durchaus in der Lage waren, zwei Dinge gleichzeitig wahrzunehmen; und während er das aufgeregte Leuchten gesehen hatte, das seine letzten Worte zurück in Maggies Gesicht gebracht hatten, hatte er auch diesen schnellen Blick der Unsicherheit im harten, gerissenen Gesicht von Old Jimmie eingefangen: der Blick von jemandem, der begierig darauf ist, weiterzumachen, sich aber durch seine eigene Eifrigkeit frustriert sieht. Für Barney war es ein rätselhafter, verdächtiger Blick.

Als Barney sich auf den Weg zu einem Hafen der Erfrischung machte, wunderte er sich über Old Jimmie – nicht auf die Art, wie Larry sich über einen Vater gewundert hatte, der seine Tochter zu krummen Wegen erzieht –, sondern er fragte sich, was für ein Mann Old Jimmie unter seiner gerissenen, nachgiebigen, beschwichtigenden Art wirklich war, wie weit man ihm trauen konnte, ob er in diesem Spiel ehrlich war oder ob er sein eigenes, sehr geheimes Spiel spielte. Obwohl er Old Jimmie seit Jahren kannte und mit ihm zusammenarbeitete, war Barney nie in die inneren Kammern des Charakters des älteren Mannes vorgedrungen. Er spürte, dass es dort verborgene Räume und verwinkelte Gänge gab; und so viel stand für ihn fest, dass Old Jimmie hinterlistig und düster war.

Nun, er würde auf der Hut sein, dass Old Jimmie seinem diensteifrigen Diener, Barney Palmer, nichts unterjubelte!

Dies war die Ära der gesetzlichen Prohibition, aber bisher war Barney durch das Vorgehen der Vertreter von Amerikas freien Institutionen in Washington nicht ernsthaft behindert worden, denn Barney kannte sein New York. In einer ehemaligen Kneipe in der Sixth Avenue, die nominell nur die von den weisen Männern der Hauptstadt erlaubten alkoholfreien Getränke verkaufte, lehnte sich Barney entspannt an die Bar und bemerkte: „Gib mir etwas vom Echten, Tim, und vergiss diese Pipette, die der Boss dir letzte Woche gekauft hat.“ Barney trank einen Schluck vom Echten, und dann noch einen, bei deren Bemessung keine Pipette im Spiel gewesen war.

Danach legte er, sichtlich ermutigt, zwei Dollar auf die Theke und ging seines Weges. Sein Weg führte den adretten Barney in drei der lebhaftesten Restaurants im Bereich des Times Square; in diesen hielt Barney jeweils lange genug inne, um mit ein paar Abendgesellschaften nach dem Theater zu sprechen. Denn dies war die Stunde, in der Barney seine sozialen Besuche abstattete; er nahm es mit diesem Punkt sehr genau. Barney war in diesem speziellen Kreis der New Yorker Gesellschaft, der sich aus Leuten zusammensetzte, die ein Interesse am Theater hatten oder glaubten zu haben, aus kostbar gekleideten Frauen, deren Vordergrund ihres Lebens äußerst attraktiv war, deren Hintergrund man jedoch klugerweise besser aus dem Bild heraushielt, und aus begüterten jungen Männern, die sich damit brüsteten, das Leben in vollen Zügen zu genießen, tatsächlich dabei, eine aufstrebende Figur zu werden. Diese sozialen Besuche von einem fröhlichen Tisch zum nächsten, bei denen Barney überall willkommen war – denn hier zeigte Barney nur seine attraktivsten Seiten, seine brillantesten Facetten –, waren in Wahrheit ein sehr wichtiger Teil von Barneys Geschäft.

Wenig später, allein an einem Ecktisch in einem ruhigeren Restaurant, aß Barney sein Abendbrot und machte eine Bestandsaufnahme seiner Aussichten. Er war in einer sehr ausgelassenen Stimmung. Der Whiskey, den er getrunken hatte, hatte seiner Selbstzufriedenheit breite Flügel verliehen; und was er nun aus seiner Teetasse nippte – es war kein Tee, denn Barney stand bei seinem Kellner hier auf dem richtigen Fuß –, dieser Schluck aus der Teetasse verlieh diesen breiten Flügeln einen noch steileren Flugwinkel.

Ja, er hatte es bis jetzt sicherlich geschafft. Und Maggie würde sich zweifellos als Volltreffer erweisen. Diese schönen Frauen, mit denen er geplaudert hatte, während er von Tisch zu Tisch gegangen war, nun, sie wären weniger als Dreck im Vergleich zu Maggie, wenn Maggie erst einmal aufgebrezelt und hergerichtet war und die Bühne bereitet war. Und er war es gewesen, Barney Palmer, der als Erster Maggies verborgene Möglichkeiten entdeckt hatte!

Barney hatte ein Auge für mehr als nur die Oberfläche. Er hatte in der Vergangenheit Frauen benutzt, um viele seiner privateren Geschäfte abzuwickeln (und tat dies zum Teil aus dem Grund, dass die Verwendung von Frauen auf diese Weise überaus „sicher“ war – dies trotz seines heftigen Ausbruchs von spöttischer Verachtung gegenüber Larry, als dieser von Sicherheit gesprochen hatte): einige von ihnen waren professionelle Betrügerinnen, einige skrupellose Schauspielerinnen aus der unteren Liga – solche Frauen, mit denen er gerade in den Restaurants, die er kurz besucht hatte, geplaudert hatte. Doch solche, so erkannte er nun, waren eher BLASEES, eher zu offensichtlich. Sie waren die verblühte Rose. Aber Maggie war frisch, und sobald sie erst einmal richtig zugeritten war, würde sie sein perfektes Instrument sein. Ja, perfekt!

Barneys Pläne schossen weiter in die Höhe. Eines Tages, wenn es genau in seine Pläne passte, würde er Maggie heiraten. Erst vor Kurzem hatte er ihren vollen Reiz erkannt, und noch kürzer war es her, dass er sich für die Ehe entschieden hatte. Diese Entscheidung hatte gewisse Details der Karriere, die Barney für sich entworfen hatte, wesentlich verändert. Barney hatte die Ehe lange Zeit als einen Aktivposten für sich betrachtet; eine wertvolle Ressource, die er in Reserve halten und nicht liquidieren oder kapitalisieren durfte, bis sein eigener Marktwert auf dem Höhepunkt war. Er wusste, dass er gut aussah, ein ausgezeichneter Tänzer war und über den Schliff der Metropole verfügte. Er hatte berechnet, dass irgendwann ein reiches Mädchen, vielleicht aus dem Westen, das die Welt nicht allzu gut kannte, dem Zauber seiner Reize verfallen würde; und er würde sie prompt heiraten, solange sie noch in ihn vernarrt war, bevor sie zu viel über ihn erfahren konnte. Das war Barneys Vorstellung von der Ehe für sich selbst gewesen; was sehr ähnlich ist zu den Vorstellungen, die Tausende von Gentlemen, junge und andere, in diesem weiten Land von uns hegen, die sich selbst weder für Gesetzesbrecher noch für Abenteurer halten.

Aber das war jetzt alles anders. Jetzt war es Maggie, auch wenn Maggie zur Verfolgung ihres gemeinsamen Vorteils möglicherweise zuerst mit einem anderen Mann vor den Traualtar treten müsste. Natürlich mit einem sehr, sehr reichen Mann! Barney hatte diesen Mann bereits im Visier. Er hoffte jedoch, dass sie nicht so weit gehen müssten wie bis zur Ehe. Er war jedoch bereit, seinen richtigen Einsatz abzuwarten. Wie er zu Maggie gesagt hatte, konnte man eine große Sache nicht überstürzen.

Was Larry betraf, so hatte er diese Angelegenheit zweifellos brillant gehandhabt! Er hatte dem, was sich zwischen Larry und Maggie entwickelt hatte, zweifellos einen Riegel vorgeschoben. Und er würde Larry mit der Zeit auch kriegen. Das Schleppnetz war zu groß und zu engmaschig, als dass Larry darauf hoffen könnte, ihm zu entkommen. Das Wort, das er diesem Trottel Gavegan zugesteckt hatte, hatte sicher sein Übriges getan! Und die indirekte Art und Weise, wie er die Polizei auf Red Hannigan und Jack Rosenfeldt aufmerksam gemacht und dann seine Kumpel glauben lassen hatte, Larry habe geplaudert – das war auch ein geschicktes Spiel! Jack und Red würden leicht davonkommen – man konnte ihnen nichts nachweisen; aber der kleine alte Barney Palmer hatte sicherlich sein Köpfchen benutzt, als er die Maschinerie der Polizei und der Unterwelt gegen Larry in Bewegung setzte!

Während andere Gäste des Cafés, insbesondere die Frauen, verstohlene Blicke auf den gutaussehenden, makellos gekleideten, interessant aussehenden Barney warfen, nahm Barney noch eine dieser Mischungen zu sich, die der diskrete Kellner in einer Teetasse servierte. Er hatte eine großartige kleine Arbeit geleistet, darauf konnte man wetten! Kein anderer Mann in New York hätte es besser machen können. Er würde Maggie sicher groß rausbringen! Und dabei würde er das Richtige für sich selbst tun.

Alles schien perfekt in Barneys Welt....

Und während Barney dasaß und über bereits erzielte und unvermeidlich zu erzielende Triumphe triumphierte, lag Maggie in ihrem neuen Bett und träumte ihre eigenen triumphierenden Träume: unbekümmert um das regelmäßige Schnarchen, das aus dem angrenzenden Zimmer herübertönte – denn die exzellente Miss Grierson, die zwar im wachen Zustand jede ihrer Handlungen in perfekter Form halten konnte, hatte leider im unbewussten Zustand nicht mehr Kontrolle über den Ablauf ihrer körperlichen Funktionen als die geringste Wäscherin. Maggies Gedankenspiele kreisten immer wieder um Larry. Sie unterdrückte jegliche Entschuldigungen oder aufkeimende Sehnsüchte nach ihm. Er hatte verdient, was er bekommen hatte. Entgegen seinen Vorhersagen hatte sie bereits einen gewaltigen Schritt in ihre glänzende Zukunft gemacht. Sie würde es ihm zeigen! Ja, sie würde es ihm zeigen! Oh, aber sie würde Dinge bewegen!

Doch während sie so träumte und ein prächtiges Schicksal schmiedete – eine unabhängige, selbstbestimmte junge Frau, so sehr, sehr zuversichtlich in die große Zukunft, die sie durch die Überlegenheit ihres eigenen Willens und ihrer eigenen Fähigkeiten erreichen würde –, kam ihr nicht im Geringsten in den Sinn, dass Barney Palmer Pläne schmiedete, durch die ihr Wille als Nichts gelten sollte und durch die er der Herr über ihr Schicksal sein sollte, und dass der verstohlene, nachgiebige Old Jimmie ebenfalls einen geduldigen Traum träumte, in dem sie lediglich eine Schachfigur sein sollte, die ein lang gehegtes Spiel gewinnen würde.

Und doch waren Maggies Träume, abgesehen von der eigentümlichen Wendung, die das Leben ihnen gegeben hatte, im Grunde genommen nur die gewöhnlichen Träume der Jugend: einer eigensinnigen, selbstbewussten Jugend, der sich erst ein kleiner Teil der Welt eröffnet hat, die in der Tat ihr eigenes Wesen noch nicht halb kennt.

KAPITEL XV

Kein Gefängnis hätte angenehmer sein können – das heißt, kein Gefängnis, aus dem Maggie ausgeschlossen war –, als dieses, in dem Larry nun festgehalten wurde. Er konnte sich frei in der Wohnung bewegen; Dick Sherwood stattete ihn großzügig mit Kleidung aus seinem Überfluss an den besten Stücken aus; Judkins und die anderen Bediensteten behandelten ihn wie das Familienmitglied, als das man ihn ihnen vorgestellt hatte; der lebhafte Dick, mit seiner welpenhaften Freundlichkeit, stellte niemals eine unangenehme Frage und behandelte Larry fast wie einen Kumpel; und die wunderlich lächelnde Miss Sherwood behandelte Larry genau so, wie sie jeden wohlerzogenen Gentleman behandelt hätte, und löste in jedem Detail ihr Versprechen ein, ihm eine Chance zu geben. Tatsächlich hatte Larry noch nie in seinem Leben so gut gelebt.

Was die Tante von Miss Sherwood betraf, eine Schwester der Mutter von Miss Sherwood und eine Gestalt von blasser, geistesabwesender Würde, so hielt sie sich meist in ihrem eigenen Wohnzimmer auf. Sie war eine neue Anhängerin der jüngeren englischen Romanautoren und wurde durch die erstaunliche Fruchtbarkeit, mit der sie ihren Lesetisch immer wieder neu bevölkerten, in ihre Abgeschiedenheit gezwungen. Larry akzeptierte sie mit einer verschwommenen, zerstreuten Höflichkeit, immer begierig darauf, zu den substanzielleren Charakteren ihrer neuesten Lektüre zurückzukehren.

Natürlich machte Miss Sherwood Larry nicht zu ihrem vollständigen Vertrauten. Trotz all ihrer lächelnden, leichten Offenheit wusste er, dass es viele Türen ihres Wesens gab, die sie für ihn niemals aufschloss. Was er sah, war so interessant, dass er nicht anders konnte, als sich für den Rest zu interessieren. Natürlich waren ihm viele Details zugänglich. Sie war eine ausgezeichnete Sportlerin; eine seltene Tänzerin; es gab viele Männer, die sich für sie interessierten; sie aß fast jeden zweiten Abend auswärts bei irgendeiner gesellschaftlichen Veranstaltung, die im Mai spät erblühte (die meisten ihrer Freunde waren bereits in ihren Landhäusern niedergelassen, und sie war nur noch in der Stadt, weil ihr Anwesen auf Long Island aufgrund einer zweimonatigen Verzögerung bei der Fertigstellung der Umbauten, die durch Schwierigkeiten mit den Arbeitern verursacht worden waren, in Unordnung war); sie hatte Käfer studiert; sie hatte ein winziges Vivarium in der Wohnung und hier saß sie und studierte ihre Haustiere mit einem Interesse und einer Geduld, die denen des alten Fabre auf seinem steinigen Bauernhof nicht unähnlich war. Außerdem gab es, wie Larry aus ihren Berichten erfuhr, eine Kindertagesstätte in der East Side, deren Defizitfreiheit ihr zu verdanken war.

Alles in allem war sie eine gesunde, normale, intelligente, nicht selbstaufopfernde Frau, die eindeutig in ihre Zeit gehörte; die dem Leben viel gab und die vom Leben viel nahm.

Oft wünschte Larry, sie würde über Hunt sprechen. Er war neugierig auf Hunt, an den er täglich dachte; und ein solches Gespräch könnte ihm Informationen über den polternden, großherzigen Maler liefern, der bei der Duchess ein Zigeunerleben führte. Aber als die Tage vergingen, erwähnte sie Hunt nie wieder; nicht einmal, um zu fragen, wo er sei oder was er tue. Sie hielt sich sehr strikt an die Bemerkung, die sie in der Nacht gemacht hatte, als Larry hierher kam: „Ich will es nicht wissen, bis er will, dass ich es weiß.“ Und so blieb Hunt für Larry dasselbe unvollständige Bild; der Maler war zweifellos in einer Umgebung wie dieser zu Hause, und er war zu Hause als ein lärmender, hart arbeitender Vagabund bei der Duchess – aber alle riesigen Räume dazwischen waren völlig leer, abgesehen von den skizzenhaften Bemerkungen, die Hunt über sich selbst gemacht hatte.

Larry hatte vermutet, dass verletzter Stolz der Grund für Hunts Verschwinden aus der Welt war, die ihn gekannt hatte. Aber er wusste, dass verletzter Stolz nicht Miss Sherwoods Motiv war, keine Nachforschungen anzustellen. Wut? Nein. Eifersucht? Nein. Eine ihr zugefügte Beleidigung? Nein. Larry ging die Kategorie der gewöhnlichen Motive, der möglichen Ereignisse durch; aber er konnte keines finden, das ihr sehr tiefes und gütiges Gefühl für Hunt mit ihrem Verzicht auf alle Nachforschungen in Einklang bringen würde.

Vom ersten Tag seines Aufenthalts in seinem Zufluchtsort an verbrachte Larry jeden Tag viele Stunden mit den Konten und Dokumenten, die Miss Sherwood ihm ausgehändigt hatte. Es war in der Tat ein Wirrwarr. Ursprünglich hatte das Sherwood-Vermögen aus soliden Immobilienbesitzungen bestanden. Aber jetzt, da Larry die Aufzeichnungen über die Bestände und die verschiedenen Geschäfte vor sich hatte, erfuhr er, dass sich der Charakter des Sherwood-Vermögens stark verändert hatte. Miss Sherwoods Vater hatte die Pflege dieses nüchternen Geschäfts zugunsten spekulativer Investitionen und sogar direkter Glücksspiele mit Aktien vernachlässigt; und Dick, der diese Ader seines Vaters besaß und nicht über die Erfahrung seines Vaters verfügte, hatte und spekulierte sogar noch wilder.

Larry hatte den Markt verfolgt, seit er fast zehn Jahre zuvor in einem Maklerbüro gewesen war, also wusste er, wie die Aktienkurse gewesen waren, und hatte eine ungefähre Vorstellung davon, wie sie jetzt waren. Die Aufzeichnungen und einige der Aktien, die Larry im Safe fand, erinnerten an den Ruf des älteren Sherwood. Er war als ein schwungvoller, wagemutiger Mann bekannt gewesen, der alles kaufen oder verkaufen würde; er war mehrmals Opfer scharfer Händler geworden, einige davon waren durch und durch Trickbetrüger. Beim Studium dieser alten Aufzeichnungen erinnerte sich Larry daran, dass der ältere Sherwood ein Dutzend Jahre zuvor hunderttausend in einem Bergbaugeschäft verloren hatte, an dessen Manipulation Old Jimmie Carlisle mitgewirkt hatte.

Larry fand Hunderte und Aberhunderte von Tausenden an Aktien im Safe, die nur Altpapier waren, und er fand Aufzeichnungen über weitere Hunderttausende in Bankschließfächern, die keinen größeren Wert hatten. Die Immobilien, der solidere und für die männlichen Sherwoods weniger interessante Teil des Vermögens, waren lange Zeit in der Obhut von Agenten gewesen; und da es Larry untersagt war, hinauszugehen und den Zustand und den wahren Wert dieser Bestände zu untersuchen, musste er sich auf die Buchbewertungen und die Berichte und Briefe der Agenten verlassen. Auf der Grundlage dieser Bewertungen schätzte er, dass einige Bestände einen Verlust einbrachten, einige kaum anderthalb Prozent und einige sogar bis zu fünfzehn Prozent. Larry fand viele Beschwerden von Mietern; einige Drohbriefe des Bauamtes wegen Unterlassung angeordneter Umbauten zur Einhaltung neuer Baugesetze; und einige eher oberflächliche Ratschläge und Empfehlungen der Agenten selbst.

Von Miss Sherwood erfuhr Larry, dass die Agenten alte Männer waren, Freunde ihres Vaters seit Jugendtagen; dass sie beide komfortable Vermögen gemacht hatten, die zu vermehren sie keinen Anreiz hatten. Larry beurteilte, dass es keine Unehrlichkeit seitens der Agenten gab, nur Nachlässigkeit und ein bequemes Festhalten an den Methoden ihrer früheren Jahre, als es noch nicht so viel Wettbewerb oder so viele Baugesetze gegeben hatte. Dennoch urteilte Larry, dass es mit den Immobilienbeständen schlecht stand.

Larry mochte die tagelangen Arbeiten daran, obwohl das Wirrwarr umso schlimmer schien, je weiter er vorankam. Es war die Art von Arbeit, für die seine Fähigkeiten ihn befähigten, und dies war seine erste Chance, seine Fähigkeiten bei großen Angelegenheiten auf ehrliche Weise einzusetzen. Bisher war seine Arbeit rein diagnostisch; Heilung, Aufbau, würden erst später kommen – und vielleicht würde Miss Sherwood ihm solche Angelegenheiten nicht anvertrauen. Diese Untersuchung, dieses Überprüfen, barg kein Risiko für sie, wie sie ihm offen gesagt hatte. Das andere würde es: es würde zumindest die teilweise Kontrolle über das Eigentum, den Umgang mit Geldern bedeuten.

Miss Sherwood hatte viele Sitzungen mit ihm; sie war interessiert, aber sie gestand sich hilflos bei dieser Zusammenstellung und Diagnose so vieler Fakten und Zahlen ein. Dick war schnell genug dabei, seine Aktiengeschäfte zu melden, und er war begierig genug darauf, die wahrscheinliche Schwankung dieser oder jener Aktie zu diskutieren; aber als er gebeten wurde, das zu überprüfen, was Larry getan hatte, lehnte er rundweg und gutmütig ab, „in so ein langsames, totes Spiel einzusteigen“.

„Wenn meine salomonische Schwester mit dem zufrieden ist, was du tust, Captain Nemo, dann ist das gut genug für mich“, sagte er dann. „Also vergiss das Zeug, bis ich außer Sichtweite bin. Schieß los, Captain – was glaubst du, was Kupfer machen wird?“

„Ich wünschte, man könnte dich auf einen Operationstisch legen und dir deine Spekulationsader herausschneiden, Dick. Diese Ölaktie, die du neulich gekauft hast – nun, ein Blinder hätte sehen können, dass es eine unseriöse Sache war. Und du wurdest abgeräumt.“

„Oh, die Besten geraten ab und zu an ein schlechtes Geschäft.“

„Ich weiß. Aber ich habe alle deine Geschäfte bis heute tabellarisch erfasst, und in der Summe bist du weit hinten. Lass den Markt lieber ganz in Ruhe, Dick, und hör auf, diese großen Risiken einzugehen.“

„Du musst einige große Risiken eingehen, Captain Nemo“ – Dick hatte an dem Titel festgehalten, den er Larry an dem Morgen, als er gekommen war, um sich zu entschuldigen, leichtfertig verliehen hatte –, „sonst wirst du nie große Gewinne machen. Außerdem will ich etwas für mein Geld erleben. Nur Geld zu bekommen, reicht nicht. Ich will ein bisschen Schwung in meins bringen.“

Larry sah, dass diese Gespräche über die Unklugheit der Spekulation, die er Dick hielt, an sich nicht ausreichten, um eine Veränderung bei Dick zu bewirken. Bloße Worte waren farblos und negativ; etwas Positives wäre erforderlich.

Larry zögerte, bevor er sich an eine andere Angelegenheit wagte, über die er schon lange nachgedacht hatte. „Entschuldige, dass ich das sage, Dick. Aber ein Mann, der versucht, geschäftlich so viel zu erreichen wie du, besonders da es reine Spekulation ist, kann es sich nicht leisten, dreimal pro Woche in Vorstellungen nach dem Theater und an den anderen vier Abenden zu späten Abendessen zu gehen. Zwei oder drei Uhr ist keine Schlafenszeit für einen Geschäftsmann. Und dieser illegal gebrannte Fusel, den du trinkst, wenn du ausgehst, hilft dir auch nicht weiter. Ich weiß, du denkst, ich rede wie eine verknöcherte Großtante – aber trotzdem ist es die nackte Wahrheit, die ich dir erzähle.“

„Natürlich ist das die Wahrheit – und du bist absolut in Ordnung, Captain Nemo.“ Mit einem gutmütigen Lächeln klopfte Dick ihm auf die Schulter. „Aber ich bin auch in Ordnung, und nichts und niemand wird mir wehtun. Muss doch ein bisschen Spaß haben, oder? Was den Fusel angeht, so nutze ich nur die Gunst der Stunde. Bald wird es keine Sonne mehr geben – ich meine keinen Fusel mehr.“

Larry ließ das Thema fallen. In seinen alten, prinzipienlosen Tagen war seine Praxis weitgehend die gewesen, die er Dick vorgeschlagen hatte; so wenig Alkohol wie möglich und so wenig späte Nächte wie möglich. Er hatte seinen ganzen Verstand die ganze Zeit über gebraucht. In dieser Frage der ausgelassenen späten Stunden, wie in der Frage der Spekulation, erkannte Larry, dass Worte allein, wie gut sie auch sein mochten, wenig Wirkung auf den vergnügungssüchtigen, freundlichen, liebenswerten Dick haben würden. Ein Ereignis, eine große Erfahrung, wäre erforderlich, um ihn kurz anzuhalten und ihn zur Vernunft zu bringen.

Während Larry bei dieser Schinderei blieb, geschah etwas mit Larry, dessen er sich damals nicht bewusst war: etwas, das Teil der großen Entwicklung in ihm war, die ihn mit der Zeit weit führen sollte. Ein Trickbetrüger ist im Wesentlichen ein „Sichere-Sache“-Spieler. Es war Larrys Praxis gewesen, bevor ihn das Gesetz zu Fall gebracht hatte, jedes Detail eines Unternehmens, das er zu unternehmen plante, zu studieren, die Psychologie der Individuen zu kennen, mit denen er zu tun hatte, jede erkennbare Unsicherheit zu beseitigen: das war es, was fast alle seine Geschäfte zu „sicheren Sachen“ gemacht hatte. Entziehe einem cleveren Schurken jegliche Absicht oder Neigung zur Schurkerei und lass alle seine anderen Eigenschaften und Praktiken intakt und eifrig, und du hast das Zeug zu einem „Sichere-Sache“-Geschäftsmann: – ein Mann, der andere nicht betrügt und der sorgfältig darauf achtet, dass jeder seiner Schritte solide und zukunftsorientiert ist. Abgesehen von dem damit verbundenen moralischen Element ist der Unterschied zwischen beiden weitgehend ein Unterschied im Prozentsatz: sagen wir der Unterschied zwischen tausend Prozent Gewinn und sechs Prozent Gewinn. Das Element, zu versuchen, eine „sichere Sache“ zu spielen, bleibt bestehen.

Diese Charakterverwandlung unter dem Reiz harter, stetiger Arbeit an einer verwickelten Sache, die den Keim großer konstruktiver Möglichkeiten für jemanden enthielt, war das, was unbewusst mit Larry geschah.

KAPITEL XVI

Die ganze Zeit über war Maggie, und was er wegen ihr tun sollte und wie er es tun sollte, in Larrys Gedanken. Selbst diese Arbeit, die er für Miss Sherwood leistete, tat er auch für Maggie, in der Hoffnung, dass sie ihn auf irgendeine unsichtbare Weise zu ihr und ihr helfen könnte, zu sich selbst zu finden. Es gab Schwierigkeiten genug zwischen ihnen, Gott wusste das; aber von all ihnen präsentierten sich zwei für immer als die wichtigsten: erstens wagte er nicht, offen zu ihr zu gehen; und zweitens wusste er, selbst wenn er es wagte, nicht, wo sie war.

Als er etwa drei Wochen bei den Sherwoods war, entschloss sich Larry zu einer vorläufigen Maßnahme. Zu diesem Zeitpunkt wusste er, dass die Briefe, die von Chicago aus verschickt worden waren, gemäß dem Plan, den er mit Miss Sherwood vereinbart hatte, die beabsichtigte Wirkung hatten. Er wusste, dass man ihn von seinen Feinden in Chicago oder einem anderen westlichen Punkt wähnte und dass New York in Bezug auf ihn nicht auf der Hut war.

Seine vorläufige Maßnahme bestand darin, Maggies Aufenthaltsort ausfindig zu machen, falls möglich. Die Duchess schien ihm die wahrscheinlichste Informationsquelle zu sein. Er wagte es nicht, sie schriftlich danach zu fragen, denn er war sich sicher, dass ihre Post immer noch überprüft wurde. Die sicherste Methode wäre es, das Pfandhaus persönlich aufzusuchen; die Polizei, seine alten Freunde und die Ginger Bucks würden alles andere erwarten, bevor sie erwarteten, dass er zu seiner Großmutter zurückkehrte. Natürlich musste er alle Vorsichtsmaßnahmen treffen.

Nebenbei wurde er zu dieser Methode durch seinen Wunsch angeregt, seine Großmutter und Hunt zu sehen. Er hatte ein oder zwei Ideen, über die er nachgegrübelt hatte und die den Künstler betrafen.

Er wählte eine Nacht, in der ein stetiger, peitschender Regen alle außer dem Limousinenverkehr und den allerwichtigsten Besorgungen von den Straßen vertrieben hatte. Der Regen war eine Entschuldigung für einen langen Regenmantel mit hohem Kragen, der bis unter seine Nase zugeknöpft war, eine Mütze, die er sich tief in die Augen zog, und einen Regenschirm, der ihn vor jedem direkten Blick verbarg. So ausgestattet und gerüstet kam er nach einer Taxifahrt und einem Fußmarsch in die Straße seiner Großmutter. Sie schien genauso menschenleer wie in jener turbulenten Nacht, als er sie verlassen hatte; und bei dieser Gelegenheit sprangen keine Gestalten aus dem Schatten, die schossen und fluchten. Er hatte richtig kalkuliert und erreichte unbehelligt die Tür des Pfandhauses, passierte den ernst blickenden, teilnahmslosen Isaac und betrat den Raum dahinter.

Seine Großmutter saß über ihren Geschäftsbüchern an ihrem Schreibtisch in einer Ecke zwischen ihren Kuriositäten. Hunt, der eine schwarze Pfeife rauchte, benutzte seine unermüdliche rechte Hand für eine rasche Skizze von ihr: eine weitere jener schnellen, mit wenigen Strichen festgehaltenen, lebendigen Charakterstudien, die zu Hunderten in seinem Atelier herumlagen. Die Duchess sah Larry zuerst; und sie begrüßte ihn in derselben überraschungsfreien, emotionslosen Art wie in der Nacht, als er aus Sing Sing zurückgekommen war.

„Guten Abend, Larry“, sagte sie.

„Guten Abend, Großmutter“, erwiderte er.

Hunt sprang auf, stieß dabei einen Stuhl um und drückte Larry die Hand. „Hallo – da ist ja unser verlorener Sohn! Wie geht es dir, Junge?“

„Erstklassig, du alter Farbschmierer. Und dir?“

„Läuft auf allen zwölf Zylindern und nimmt alles im höchsten Gang! Aber sag mal, hör zu, Kleiner: Was ist mit deinen Freunden von der Polizei und diesen schießwütigen Schulkameraden von dir?“

„Habe sie bisher verpasst.“

„Bleib lieber dabei, sie zu verpassen.“ Hunt betrachtete ihn einen Moment lang eindringlich und fragte dann unvermittelt: „Habe nie gehört, ob ja oder nein – aber hast du diese Telefonnummer benutzt, die ich dir gegeben habe?“

„Ja.“

„Hat Miss Sherwood sich um dich gekümmert?“

„Ja.“

„Immer noch da?“

„Ja.“

Wieder schwieg Hunt einen Moment. Larry erwartete Fragen über Miss Sherwood, denn er kannte die Art des Interesses des Malers. Doch Hunt schien ebenso entschlossen, jede persönliche Frage bezüglich Miss Sherwood zu vermeiden, wie sie es bezüglich persönlicher Fragen ihn betreffend gewesen war; denn seine nächste Bemerkung war:

„Junger Mann, hältst du immer noch all diese Gebote ein, die du dir selbst geschrieben hast?“

„Bis jetzt, mein Bester.“

„Halt sie weiter ein, schreib dir noch ein paar dazu, dann hast du einen brandneuen Dekalog. Und wir werden unseren eigenen kleinen Moses haben. Aber in der Zwischenzeit, Junge, was ist die große Idee, hierherzukommen?“

„Zum einen bin ich gekommen, um dich um ein paar deiner Gemälde zu bitten.“

„Meine Gemälde!“ Hunt betrachtete den anderen misstrauisch. „Was zum Teufel willst du mit meinen Gemälden?“

„Sie könnten gute Handtücher abgeben, wenn ich die Farbe abkratzen kann.“

„Ach, hör auf mit dem Varieté-Gequatsche! Ich habe dich gefragt, wozu du meine Gemälde willst. Gib mir eine ehrliche Antwort!“

„In Ordnung – hier ist deine ehrliche Antwort: Ich will deine Gemälde, um sie zu verkaufen.“

„Meine Gemälde verkaufen! Sag mal, versuchst du, etwas noch Komischeres zu sagen?“

„Ich will sie verkaufen. Erinnere dich, ich habe dir einmal gesagt, dass ich sie verkaufen könnte – dass ich alles verkaufen könnte. Überlass sie mir, und dann wirst du schon sehen.“

„Du müsstest verdammt gut darin sein, alles zu verkaufen, um die loszuwerden!“ Ein herausforderndes Funkeln war in Hunts Augen getreten. „Junger Mann, du bist so verdammt frech, dass ich, wenn du Knete hättest, fünftausend wetten würde – zu jeder Quote, die du willst –, dass du nicht einmal eines der Dinger verschenken könntest!“

„Leih mir fünftausend“, entgegnete Larry ruhig, „und ich halte dagegen – unter der Bedingung, dass ich das Bild zu einem Preis verkaufe, der nicht unter dem höchsten Preis liegt, den du jemals für eines deiner ‚hübschen Bilder‘ erhalten hast, die du so gerne verfluchst und die dein Vermögen gemacht haben. Und jetzt hol deine Bilder runter – oder halt den Mund!“

Hunts Kiefer spannte sich an. „Junger Mann, die Wette nehme ich an! Und ich werde dich auch nicht davonkommen lassen – du wirst sie bezahlen müssen! Welche Bilder willst du?“

„Diese junge italienische Frau, die am Bordstein sitzt und ihr Baby stillt – und jedes andere Bild, das du dazu legen willst.“

Hunt stapfte die Treppe hinauf. Als er außer Hörweite war, bemerkte die Duchess leise:

„Weshalb bist du wirklich gekommen, Larry?“

Larry war ein wenig überrascht von der Scharfsichtigkeit seiner Großmutter, aber er versuchte nicht, der Frage auszuweichen, noch dem festen Blick der alten Augen.

„Ich dachte, du wüsstest vielleicht, wo Maggie ist, und ich bin gekommen, um zu fragen.“

„Das habe ich mir gedacht.“

„Weißt du, wo sie ist?“

„Ja.“

„Wo ist sie?“

Die alten Augen ruhten immer noch fest auf ihm. „Ich weiß nicht, ob ich es dir sagen sollte. Ich möchte, dass du vorankommst – und je weniger du mit Maggie zu tun hast, desto besser für dich.“

„Ich möchte es wissen, Großmutter.“

Die Duchess überlegte lange. „Schließlich bist du volljährig – und du musst selbst entscheiden, was das Beste für dich ist. Ich werde es dir sagen. Maggie war neulich hier – schlicht gekleidet –, um ein paar Briefe zu holen, die sie vergessen hatte mitzunehmen und die ich nicht finden konnte. Wir haben uns unterhalten. Maggie wohnt im Grantham unter dem Namen Margaret Cameron. Sie hat dort eine Suite.“

„Eine Suite im Grantham!“, rief Larry erstaunt. „Aber das Grantham ist in der gleichen Klasse wie das Ritzmore, wo sie früher gearbeitet hat – oder das Plaza! Eine Suite im Grantham!“

Und dann zuckte Larry zusammen. „Im Grantham – allein?“

„Nicht allein – nein. Aber es ist nicht das, was dir gerade durch den Kopf geht. Es ist eine Frau, die bei ihr ist; eine bezahlte Gesellschafterin. Und sie leben auf großem Fuß.“

„Was hat Maggie vor?“

„Sie hat es mir nicht gesagt, außer dass sie meinte, der Plan sei ein großer. Sie war ganz aufgeregt deswegen. Wenn du wissen willst, was es genau ist, frag Barney Palmer und Old Jimmie.“

„Barney und Old Jimmie!“, stieß Larry hervor. Und dann: „Barney und Old Jimmie – und eine Suite im Grantham!“

In diesem Moment kam Hunt die Treppe herunter und trug eine in braunes Papier gewickelte Rolle.

„Hier hast du sie, junger Mann“, verkündete er. „Habe sie von den Rahmen gelöst, damit das Zeug handlicher ist. Die italienische Mutter, nach der du gefragt hast – das zweite Bild ist vielleicht eines, das du für deine eigene private Galerie haben möchtest. Ich werde dich mit deinem Bluff nicht durchkommen lassen – und vergiss das nicht!... Duchess, glaubst du nicht, er sollte sich aus dem Staub machen, bevor Gavegan und seine lieben Freunde Wind von seiner Anwesenheit bekommen und die Nachbarschaft aufmischen?“

„Ja“, sagte die Duchess. „Gute Nacht, Larry.“

„Gute Nacht“, sagte er.

Mechanisch nahm er die Rolle mit den Gemälden und schob sie unter seinen Regenmantel; mechanisch schüttelte er die Hände; mechanisch kam er aus dem Pfandhaus; mechanisch traf er alle Vorsichtsmaßnahmen, als er die kleine, vom Regen gepeitschte Straße verließ und in ein Taxi stieg, das er in der Nähe des Cooper Institute erwischte. Sein ganzer Verstand war bei dem, was die Duchess ihm erzählt hatte, und bei einer neuen Idee, die pulsierend zu einem Plan heranwuchs. Maggie und Barney und Old Jimmie! Maggie in einer Suite im Grantham!

Was Larry jetzt tat, als er ins Taxi stieg, hätte er eine Stunde zuvor als sinnlos und leichtsinnig bezeichnet, und zu jeder anderen Stunde hätte ihn sein Urteilsvermögen vielleicht zurückgehalten. Aber gerade jetzt schien er von einer Kraft beherrscht, die größer war als besonnenes Urteilsvermögen – eine Mischung aus vielen Kräften: von plötzlicher Eifersucht, von dem plötzlichen Wunsch, Maggie zu beschützen, von dem plötzlichen Wunsch, sie zu sehen. Also sagte er beim Einsteigen ins Taxi:

„Zum Grantham – schnell!“

KAPITEL XVII

Das Taxi schaukelte die Fourth Avenue hinauf. Doch jetzt, da die Entscheidung gefallen war und er auf dem Weg zu Maggie war, meldete sich ein wenig Vernunft zurück. Es wäre nicht sicher für ihn, offen mit einem Mund voll Fragen ins Grantham zu gehen. Er kannte die Nummer von Maggies Suite nicht. Und Maggie war vielleicht nicht da. Also änderte er seinen Plan leicht. Er rief seinem Fahrer zu:

„Fahr zuerst zum Claridge.“

Fünf Minuten später war das Taxi in der Forty-Fourth Street und Larry stieg aus. Das Schicksal begünstigte ihn in einer Tatsache – oder vielleicht hatte sein Unterbewusstsein seinen Plan auf dieser Tatsache aufgebaut: Es war halb elf, die Theater hielten noch ihre Massen, die Straßen waren leer, die Restaurants waren praktisch unbesetzt. Er ging das geringste Risiko ein.

„Warten Sie auf mich“, befahl er dem Fahrer. „Ich bin in fünf Minuten zurück.“

In weniger als der Hälfte der ersten dieser Minuten hatte Larry sein erstes Ziel erreicht: den abgelegenen Telefonraum hinter dem Grill. Er war unbesetzt, bis auf das Telefonmädchen, das verträumt auf die traurigen, romantischen und sehr schmutzigen Seiten von „St. Elmo“ starrte. Im nächsten Augenblick starrte sie auf etwas anderes – einen Fünf-Dollar-Schein, den Larry in das offene Buch geschoben hatte.

„Das ist, um ein Telefonat zu bezahlen; behalten Sie den Rest“, sagte er schnell. „Sie sollen das Reden übernehmen und genau das sagen, was ich Ihnen sage.“

„Verstanden, General“, sagte das Mädchen und tauchte mit Eifer aus der Romantik in die Realität auf. „Schießen Sie los.“

„Rufen Sie das Hotel Grantham an – sagen Sie, Sie sind ein Florist mit einem Auftrag, Blumen direkt an Miss Margaret Cameron zu liefern – und fragen Sie nach der Nummer ihrer Suite – und halten Sie die Leitung offen.“

Das Mädchen gehorchte prompt. In weniger als einer Minute berichtete sie Larry:

„Sie sagen 1141-1142-1143.“

„Fragen Sie, ob sie da ist. Wenn ja, stellen Sie sie ans Telefon, sagen Sie ihr, ein Ferngespräch wird sie sprechen, aber man will nur mit ihr sprechen, wenn sie allein ist. Verstanden?“

„Klar, Bruder. Das ist nicht das erste Mal, dass ich jemandem aus der Patsche helfe.“

Es gab noch mehr Gefummel mit dem Stecker der Vermittlung, deutliches Umschalten am anderen Ende, mehrere Fragen, und dann fragte das Mädchen: „Ist das Miss Margaret Cameron? Miss Cameron –“ und so weiter, wie Larry es angewiesen hatte.

Die Vermittlung wandte sich an Larry: „Sie sagt, sie ist allein.“

„Sagen Sie ihr, sie soll in der Leitung bleiben, bis Sie bessere Verbindungen haben – der Sturm hat die Leitungen schrecklich gestört – und halten Sie Ihre eigene Leitung offen und lassen Sie sie an ihrem Ende dranbleiben.“

Als Larry hinausging, hörte er, wie seine Anweisungen ausgeführt wurden, während eine geübte Hand den Schein sicher in ihrer Bluse verstaute. Innerhalb von zwei Minuten setzte ihn sein Taxi am Grantham ab; und da er wusste, dass jedes Risiko, das er einging, durch schnelles Handeln ohne verdächtiges Zögern verringert würde, ging er schnurstracks hinein und zu den Aufzügen, wie jemand, der dort zu tun hatte, den Kragen wieder hochgeschlagen, die Mütze tief im Gesicht und sein Gesicht gerade jetzt mit einem Taschentuch bedeckt, das sich auf eine äußerst natürliche Weise um eine schniefende Nase kümmerte.

Mit klopfendem Herzen gelangte er ohne Zwischenfall zu den Türen mit den Nummern 1141, 1142 und 1143. Instinktiv wusste er im Großen und Ganzen, wie die Wohnung beschaffen war: eine Reihe von Zimmern unterschiedlicher Art, die das Hotel einzeln vermieten oder zusammenlegen und als Suite vermieten konnte. Aber welches der drei war der Haupteingang? Er wagte nicht zu zögern, denn die kleinste merkwürdige Handlung könnte die Aufmerksamkeit des Etagenbediensteten im Flur auf ihn ziehen. Also wählte Larry das goldene Mittelmaß und drückte den Perlmuttknopf der 1142.

Die Tür öffnete sich, und vor Larry stand eine große, ältere, imposante Frau in einem streng formellen Abendkleid – ein Kleid, das übrigens seit vielen Jahren zur Ausstattung von Miss Grierson gehörte, um jungen, unerfahrenen Dingen dabei zu helfen, die Kunst, eine Dame zu sein, zu meistern. Larry vermutete sofort, dass dies die „bezahlte Gesellschafterin“ war, von der seine Großmutter gesprochen hatte. In anderen Zeiten hatte Larry Erfahrungen mit diesem Typ gemacht, und bevor Miss Grierson ihn abweisen oder eine Frage stellen konnte, war Larry bereits im Zimmer und die Tür hinter ihm geschlossen – und er war mit der entspanntesten, natürlichsten und höflichsten Art, die man sich vorstellen konnte, eingetreten.

„Sie haben mich erwartet?“, erkundigte sich Larry mit seinem entwaffnenden und absolut gewinnenden Lächeln.

Weder Miss Griersons Geist noch ihr Körper waren auf schnelles Handeln eingestellt. Sie war überrumpelt und doch nicht beleidigt. Da sie ratlos war, griff sie auf das wichtigste Element ihrer Handelsware zurück, ihre stets verlässliche Würde.

„Ich kann nicht sagen, dass ich das tat. Tatsächlich, mein Herr, weiß ich nicht, wer Sie sind.“

„Miss Cameron weiß es – und sie erwartet mich“, erwiderte Larry freundlich. Seine schnellen Augen hatten bemerkt, dass dies ein Wohnzimmer war: ein prunkvolles, gemustertes Ding, das die großen Hotels scheinbar in Hunderterpackungen bestellten. „Wo ist Miss Cameron?“

„Im nächsten Zimmer“, sagte sie und nickte zum Verbindungstür. „Sie ist beschäftigt. Telefoniert. Ein Ferngespräch. Ich bin mir ganz sicher, dass sie Sie nicht erwartet“, fuhr Miss Grierson schwerfällig und umständlich fort, aber mit Höflichkeit, denn dieser junge Mann war gut aussehend und angenehm und gut erzogen und könnte sich als jemand von echter Bedeutung herausstellen. „Wir wollten eigentlich eine Theatergesellschaft mit anschließendem Abendessen haben; aber aufgrund der Unpässlichkeit von Miss Cameron sind wir nicht ins Theater gegangen. Aber sie bestand darauf, das Engagement für das Abendessen beizubehalten, es aber hierher zu verlegen. Außer ihr und mir werden nur ihr Onkel, ihr Cousin und nur ein Gast kommen. Deshalb bin ich mir so sicher, mein Herr, dass sie Sie nicht erwartet.“

„Aber sehen Sie“, lächelte Larry, „ich bin dieser eine Gast.“

Miss Grierson schüttelte ihre sorgfältig frisierte Transformation. „Ich habe den Gast getroffen, der kommt, und ich habe Sie sicherlich nicht getroffen.“

„Dann muss sie zwei von uns eingeladen haben. Wie dem auch sei, ich werde einfach mit ihr sprechen, und wenn ich mich irre und de trop bin, werde ich mich zurückziehen.“ Und ehe Miss Grierson auch nur den Ansatz eines Vorhabens zeigen konnte, weiter einzugreifen, hatte dieser wohlerzogene junge Mann sein entwaffnendes Lächeln aufgesetzt, sich vor ihr verbeugt und war durch die Tür gegangen, die er hinter sich schloss.

Er hielt inne, den Türknauf in der Hand. Maggie stand seitlich zu ihm und hielt ein Telefon in der Hand, den Hörer am Ohr. Sie musste angenommen haben, dass es Miss Grierson war, die so leise eingetreten war, denn sie sah sich nicht um.

„Ja, ich warte immer noch“, sagte sie ungeduldig. „Können Sie diese Verbindung nicht endlich herstellen?“

Larry hatte Maggie nur in dem einfachen, dunklen Kostüm gesehen, das sie bei ihrem täglichen Geschäft, Zigaretten im Ritzmore zu verkaufen, getragen hatte; und einmal, in der Nacht seiner Rückkehr aus Sing Sing, in diesem Zigeunerkostüm, das zwar wirkungsvoll, aber billig und improvisiert war und sie keineswegs aus dem Milieu des alten, schmutzigen Hauses der Duchess hob. Aber Larry war von dieser veränderten Maggie so überrascht, dass er sich für einen Moment nicht von der Tür hätte wegbewegen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Sie war in das schickste, hauchdünne Abendkleid gekleidet, mit dem kurzen Rock, der damals Mode war, mit silbernen Schuhen mit hohen Absätzen; ihre runden Arme, Schultern und ihr Busen waren nackt, ihr üppiges schwarzes Haar in sorgsamer Nachlässigkeit hochgesteckt. Das Kleid war von kirschroter Farbe, und von ihrem Unterarm hing ein großer Fächer aus grünen Federn. In all den Hotels und Theatern von New York hätte man an diesem Abend kaum eine Gestalt finden können, die in ihrer vollendeten und frischen Weiblichkeit auffälliger war. Larry zitterte am ganzen Körper; sein Herz versuchte wild aus seiner Kehle herauszupochen.

Endlich sprach er. Und alles, was er hervorbringen konnte, war:

„Maggie.“

Sie wirbelte herum, und Telefon und Hörer fielen ihr beinahe aus den Händen. Sie wurde blass und starrte ihn an, den Mund offen, die dunklen Augen weit aufgerissen.

„La-Larry!“, flüsterte sie.

„Maggie!“, sagte er erneut.

„La-Larry! Ich dachte, du wärst in Chicago.“

„Ich bin jetzt hier, Maggie – besonders um dich zu sehen.“ Er wusste es nicht, aber seine Stimme war heiser. Er bemerkte, dass sie immer noch das Telefon und den Hörer hielt. „Ich war es, der dieses Ferngespräch veranlasst hat. Aber ich bin stattdessen selbst gekommen. Also kannst du genauso gut auflegen.“

Sie gehorchte und stellte das Gerät auf seinen kleinen Tisch.

„Larry – wo bist du die ganze Zeit gewesen?“

Er war nun bei Bewusstsein genug, um zu bemerken, dass in ihrem Gebaren angespannte Sorge lag. Er frohlockte darüber, trat auf sie zu und nahm ihre Hand.

„Direkt hier in New York, Maggie.“

„Im Versteck?“

„In einem verdammt guten Versteck.“

„Aber, Larry – weißt du nicht, dass es gefährlich für dich ist, rauszukommen? Und ausgerechnet hierher zu kommen?“

„Ich konnte nicht anders. Ich musste dich einfach sehen, Maggie.“

Er hielt immer noch ihre Hand, und es gab einen instinktiven Druck ihrer Finger um seine. Für einen Moment – den Moment, in dem ihr äußeres oder bewussteres Ich vor Überraschung die Vergesslichkeit vergaß – starrten sie einander schweigend und stetig an, Auge in Auge.

Und dann schlichen sich die Dinge, die die Duchess gesagt hatte, wieder in seinen Kopf, und er sagte:

„Maggie, ich bin gekommen, um dich aus all dem hier herauszuholen. Mach dich bereit – lass uns sofort gehen.“

Das brach den Bann. Sie riss sich von ihm los, und augenblicklich war sie wieder die alte Maggie: die Maggie, die ihn in der Nacht seiner Rückkehr aus dem Gefängnis verspottet und herausgefordert hatte, als er seinen neuen Plan verkündet hatte – die Maggie, die ihn als „Verräter“ und „Denunzianten“ verhöhnt hatte, an dem Abend, als sie das Haus der Duchess verlassen hatte, um diese neue Karriere zu beginnen.

„Nein, du wirst mich nicht aus all dem hier rausholen!“, schrie sie ihn an. „Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich nicht deinen Weg gehen werde! Ich habe dir gesagt, dass ich meinen eigenen Weg gehe! Das galt damals, das gilt jetzt, und das wird für immer gelten!“

Die sanftere Stimmung, die ihn beim Anblick von ihr überraschend überkommen und erfüllt hatte, wich nun grimmiger Entschlossenheit. „Doch, du wirst meinen Weg gehen – irgendwann, wenn nicht jetzt! Und jetzt, wenn ich dich dazu zwingen kann!“

Ihre kämpferischen Blicke trafen aufeinander. Doch jetzt sah Larry mehr als nur Maggie. Er nahm auch den Raum in sich auf. Er war eng verwandt mit dem Raum, in dem er Miss Grierson zurückgelassen hatte: prunkvoll, unauffällig und sehr teuer. Er bemerkte einen kleinen Unterschied: einen winzigen Flur, der zum Korridor führte, dessen Innentür nun offen stand.

Aber der größte Unterschied war das, was er über Maggies glatten, weißen Schultern sah: ein Tisch, komplett gedeckt mit Porzellan, Glas und Silber, und arrangiert für fünf Personen.

„Maggie, was ist das für ein Spiel, das du da spielst?“, verlangte er zu wissen.

„Das geht dich gar nichts an!“, sagte sie heftig, aber in leisem Ton – denn beide dachten instinktiv an Miss Grierson im angrenzenden Zimmer. Und dann fügte sie stolz hinzu: „Aber es ist groß! Größer als alles, wovon du jemals geträumt hast! Und du kannst sehen, dass ich es bis jetzt durchziehe – und ich werde es bis zum Ende durchziehen! Vergleiche das mal mit dem billigen Zeug, von dem du geredet hast. Pah!“

„Hör zu, Maggie!“ In seiner Intensität packte er ihren nackten Unterarm. „Das ist ein mieses Geschäft, und wenn du irgendeinen Verstand hättest, wüsstest du das! Glaubst du nicht, dass ich das Layout durchschaue? Barney ist dein Cousin, Old Jimmie ist dein Onkel, diese Dame im nächsten Zimmer und diese Suite und deine schicken Kleider, um einen Schein zu wahren! Und deine Krankheit, die dich nicht ins Theater lassen wollte, ist nur ein Vorwand, damit du, weil du sie nicht völlig enttäuschen wolltest, eine Ausrede hast, das Abendessen hier einzunehmen – und so geschickt eine Person in die Falle einer intimeren Beziehung zu locken. Es ist ein cleveres und erstklassiges Layout. Maggie, was genau ist dein Spiel?“

„Das werde ich dir nicht sagen!“

„Wer ist dieser Mann, der hierher kommt?“

„Das werde ich dir nicht sagen!“

„Ist er der Dumme, den du ausnehmen willst?“

„Das werde ich dir nicht sagen!“

„Du wirst es mir sagen!“, rief er herrisch. „Und du wirst aus all dem hier verschwinden! Hörst du mich? Es mag jetzt gut für dich aussehen. Aber ich sage dir, es hat nur ein Ende! Und das ist ein elendes Ende!“

Sie riss sich aus seinem schmerzhaften Griff und starrte ihn keuchend an – ihre frühere Herausforderung war nun zu egoistischem Zorn geworden.

„Ich lasse mir nicht in mein Leben pfuschen! – du falscher Prediger! – du Verräter, du Denunziant!“, schleuderte sie ihm wahnsinnig entgegen. „Verräter – Denunziant!“, wiederholte sie. „Ich sage dir, ich gehe meinen eigenen Weg – und es ist ein großer Weg – und ich sage dir noch einmal, nichts, was du sagst oder tust, kann mich aufhalten! Wenn ich einen besten Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass es etwas gäbe, das dich davon abhält, dich immer einzumischen – etwas, das dich aus meinem Weg räumt!“

Keuchend hielt sie inne. Ihre angespannte Gestalt, deren Hände sich ballten und wieder öffneten, drückte den Gipfel wütender Herausforderung aus – den Wunsch zu vernichten – den ultimativen Hass. Larry war erstaunt über das Ausmaß, die Tiefe ihrer Leidenschaft. Und so standen sie da, schweigend, außer für ihr schnelles Atmen, Augen starr auf Augen gerichtet, für mehrere Momente.

Und dann ertönte ein Schlüssel im äußeren Schloss des kleinen Flurs. Augenblicklich geschah eine fast unglaubliche Verwandlung bei Maggie. Von einer herrischen, unkontrollierbaren Wut wandelte sie sich in ein weißes, zitterndes Wesen.

„Barney!“, flüsterte sie; und sprang zur Innentür des kleinen Flurs, schloss und verriegelte sie.

Sie wandte Larry ein Gesicht zu, das in seiner Blässe gespenstisch war.

„Barney trägt immer eine Pistole“, flüsterte sie.

Sie hatten gehört, wie sich die äußere Tür mit einem Klicken ihres automatischen Schlosses schloss. Sie hörten nun, wie sich der Knauf der inneren Tür drehte und daran gerüttelt wurde; und dann hörten sie Barney rufen: „Was ist los, Maggie? Lass uns rein.“

Maggie unternahm eine äußerste Anstrengung, um mit kontrollierter Stimme zu antworten:

„Nur eine Minute. Ich bin noch nicht ganz fertig.“

Dann erklang eine zweite Stimme von der anderen Seite der Tür:

„Lass uns nicht zu lange warten, Maggie. Bitte!“

Für Larry hatte diese zweite Stimme etwas entfernt Vertrautes. Doch er versuchte nicht, sie in diesem Moment zuzuordnen: Er war viel zu tief mit seiner eigenen Situation beschäftigt und mit der verwirrenden Veränderung in Maggie.

Sie schob ihre Hand durch seinen Arm. „Oh, La-Larry, warum bist du nur ein solches Risiko eingegangen!“, hauchte sie. Ihr Flüstern war mitleiderregend, bebend vor Angst. „Komm hier entlang!“ und sie zog ihn schnell in den Raum, in dem er Miss Grierson getroffen hatte, und zu der Tür, durch die er eingetreten war.

Maggie öffnete diese Tür. „Sie sind alle im kleinen Flur – ich glaube nicht, dass sie dich sehen werden“, fuhr ihr hastiges, aufgeregtes Flüstern fort. „Nimm nicht die Aufzüge in diesem Korridor, sie sind direkt im Blickfeld. Es gibt Aufzüge gleich um die Ecke. Nimm diese; sie sind sicherer. Leb wohl, Larry – und, oh Larry, geh nie wieder ein solches Risiko ein!“

Damit schob sie ihn hinaus und schloss die Tür.

Larry folgte ihren Anweisungen bezüglich des Aufzugs; er wandte beim Verlassen dieselben Vorsichtsmaßnahmen an, die er beim Kommen genutzt hatte, und zwanzig Minuten später war er zurück in seinem Zimmer im Sherwood-Apartment. Eine Stunde oder länger saß er regungslos da – denkend – denkend: Er stellte sich Fragen, doch in seinem aufgewühlten Zustand von Geist und Gefühlen konnte er nicht lange genug bei einer Frage bleiben, um ihre mögliche Antwort zu durchdenken.

Was genau war das für ein Spiel, in das Maggie verwickelt war? – ein Spiel, das diese Grantham-Kulisse, jene überaus respektable Begleiterin und Maggies Ausstattung als junge Dame von offensichtlichem Reichtum erforderte.

Wessen war diese vage vertraute zweite Stimme? – jene Stimme, die er immer noch nicht zuordnen konnte.

Doch woran er am allermeisten dachte, war etwas ganz anderes. Was hatte diesen schnellen Wandel in Maggie verursacht? – von einer Wut, die sowohl Feuer als auch Granit war, zu jenem blassen, zitternden, flüsternden Mädchen, das ihn so schnell sicher aus seiner Gefahr geführt hatte.

Hin und her, vor und zurück, pendelten diese Fragen. Gegen zwei Uhr stand er auf, den Geist noch immer absorbiert, und begann mechanisch, sich auszuziehen. Dann bemerkte er die Rolle mit Gemälden, die Hunt ihm gegeben hatte. Besser für sie, wenn sie flachgelegt würden. Mechanisch entfernte er Schnur und Papier. Obenauf lag die italienische Mutter, nach der er gefragt hatte. Ein großartiges Gemälde – ein wahrhaft großartiges Gemälde. Mechanisch legte er dieses beiseite, um zu sehen, was das zweite Gemälde war, das Hunt beigelegt hatte. Larry schreckte heftig zusammen und die italienische Mutter flatterte zu Boden.

Das zweite Gemälde war von Maggie; dasjenige, an dem Hunt gearbeitet hatte, als Larry zurückgekommen war: Maggie in ihrer schlichten Arbeitskleidung, die zuversichtlich, siegreich in die Welt blickte; das Gemälde, in dem Hunt, dessen Verstand vor Ideen nur so sprühte, versucht hatte, die Maggie auszudrücken, die sie war, die vielen Maggies, die in ihr steckten, und die Maggie, die noch werden würde.

KAPITEL XVIII

Am nächsten Morgen versuchte Larry, seinen Geist dazu zu zwingen, sich strikt den Angelegenheiten von Miss Sherwood zu widmen. Doch bei diesem Bemühen war er zu weniger als fünfzig Prozent effektiv. Seine Erfahrung der vorangegangenen Nacht war zu aufregend gewesen, zu provokativ für Spekulationen, zu sehr verstrickt mit dem, was er offen als das Hauptinteresse seines Lebens erkannte, als dass er sich mit perfekter und ungestörter Konzentration dem Tagesgeschäft hätte widmen können. Ständig sah er die verwandelte Maggie im cerisefarbenen Abendkleid mit dem Fächer aus grünen Federn – sah ihr aufwendiges Setting in ihrer Suite im Grantham – hörte diese vage vertraute, aber unbestimmbare Stimme vor ihrer Tür – erinnerte sich an die verzweifelte Anstrengung, mit der Maggie so schnell seine Flucht bewirkt hatte.

Diese letzte Angelegenheit verblüffte ihn sehr. Wenn sie so wütend auf ihn war, wie sie erklärt hatte, wenn sie ihn so sehr misstraute, warum hatte sie ihn dann nicht ausgeliefert, als sie ihn in ihrer Gewalt hatte? Könnte es sein, dass sie, trotz ihrer Worte, ein ungestandenes Gefallen an ihm hatte? Er wagte es nicht, sich dies zu glauben.

Immer wieder dachte er an dieses Abenteuer, in dessen Mitte Maggie nun steckte und dessen erfolgreichen Ausgang sie ihm stolz geprahlt hatte. Es war in der Tat etwas Großes, wie sie gesagt hatte; diese Einrichtung im Grantham war der Beweis dafür. Larry konnte nun die allgemeinen Umrisse des Abenteuers erkennen. Es war nichts Originelles an dem, was er wahrnahm; und der Plan, soweit er ihn überblicken konnte, hätte ihn als neuartige Schöpfung des Geistes nicht im Geringsten interessiert, wäre Maggie nicht seine zentrale Figur gewesen und wären Barney und Old Jimmie nicht ihre leitenden Agenten gewesen. Eine hübsche Frau wurde als Köder für einen reichen Mann benutzt, und seine Vernarrtheit in sie sollte ihn dazu bringen, sich von einer großen Summe Geldes zu trennen: eine Variation dieser alten Idee, die tausend Variationen hat – das war der Plan.

Offensichtlich richtete sich das Unternehmen nicht an ein grobes Opfer, dessen Gaumen es erlauben könnte, alles zu schlucken. Wenn irgendein Punkt dies im Wesentlichen bewies, dann war es der Punkt der überaus respektablen Anstandsdame. Maggie wurde als unschuldiges, respektables junges Mädchen präsentiert; und das Opfer, wer auch immer es war, war der Typ Mann, für den nur ein solcher Typ Mädchen einen zwingenden Reiz hätte.

Und dieser Mann – wer war er? Immer wieder versuchte er, die Stimme des Mannes mit ihrer schwach vertrauten Qualität einzuordnen, doch sie wich immer wieder aus wie ein Traum, an den man sich nicht ganz erinnern kann.

Die ganze Sache ließ Larry in sich selbst toben. Dass Maggie auf eine solche Art benutzt wurde! Er beschuldigte Maggie nicht, denn er verstand sie. Außerdem liebte er sie. Sie war jung, stolz, eigensinnig, war dazu erzogen worden, solche Abenteuer als farbenfroh und legitim zu betrachten; und hatte nicht lange genug gelebt, als dass die Erfahrung sie eines Besseren gelehrt hätte. Nein, Maggie war nicht zu beschuldigen. Aber Old Jimmie! Er würde gerne Old Jimmies Hals umdrehen! Aber dann war Old Jimmie Maggies Vater; und allein die Tatsache, dass Old Jimmie Maggies Vater war, würde, wie er wusste, den alten Mann vor seinem Zorn bewahren, selbst wenn er frei wäre, hinauszugehen und zu handeln.

Er verfluchte seine erzwungene Isolation. Wenn er nur frei wäre, hinauszugehen und sein Bestes unter freiem Himmel zu tun! Aber selbst dann hätten seine besten Bemühungen wenig Einfluss auf Maggie – da sie ihn verachtete und misstraute, wie sie es tat, und da sie so entschlossen war, ihren eigenen Weg zu gehen.

Einmal während des Morgens schlich er sich aus der Bibliothek in sein Zimmer und betrachtete das Porträt von Maggie, das Hunt ihm am Abend zuvor gegeben hatte: Maggie, selbstbewusst, eigensinnig, ein schönes Niemand, das die Welt anstarrte; eine Maggie, die tausend mögliche Maggies war. Und während er betrachtete, dachte er an die Wette, die er mit Hunt abgeschlossen hatte, und an seine eigenen eher zerstreuten Pläne diesbezüglich. Er entfernte Maggies Porträt aus der Gemeinschaft des Bildes der italienischen Mutter und versteckte es in seiner Kommode. Was auch immer er bei seinem Versuch tun mochte, sein Versprechen gegenüber Hunt einzulösen, für den Moment würde er Maggies Porträt als sein Privateigentum betrachten. Das Gemälde so zu verwenden, wie er es vage geplant hatte, bevor er überrascht war, es als Maggies Porträt vorzufinden, würde bedeuten, es in anderen Besitz weiterzugeben, wo es öffentlich werden könnte – wo durch einen Zufall die Maggie des billigen Hemdchens des arbeitenden Mädchens mit der reichen Miss Cameron vom Grantham identifiziert werden könnte, sehr zu Maggies Unbehagen und möglicherweise zu ihrer Verstrickung mit der Polizei.

Als Miss Sherwood wenig später in die Bibliothek kam, versuchte Larry, Maggie und alle Angelegenheiten, die sich auf sein Abenteuer der vorangegangenen Nacht bezogen, aus seinem Kopf zu verbannen. Er hatte genug andere Angelegenheiten, die er geschickt zu handhaben versuchte – zum Beispiel Miss Sherwood und Hunt; und als sein geschäftliches Gespräch mit ihr beendet war, bemerkte er:

„Ich habe Herrn Hunt gestern Abend gesehen.“

Er beobachtete sie genau, aber er konnte kein Aufblitzen von Interesse bei Hunts Namen feststellen.

„Sie sind zu Ihrer Großmutter gefahren?“

„Ja.“

„Das war ein sehr großes Risiko, das Sie da eingegangen sind“, tadelte sie ihn. „Ich bin froh, dass Sie sicher zurückgekommen sind.“

Trotz der Störung, die Maggie für seine Gedanken gewesen war, hatte ein Teil seines Gehirns versucht, Pläne zu schmieden, um dieses andere Ziel voranzubringen; also erzählte er nun Miss Sherwood von seiner Wette mit Hunt und dass er ein Bild mitgebracht hatte – er sagte „ein Bild“. Er wollte das unterdrückte Interesse wecken, das jeder am anderen hatte; um die Kluft zu überbrücken oder zu schließen, von der er spürte, dass sie sich zwischen ihnen aufgetan hatte. Also holte er das Bild der italienischen Mutter aus seinem Zimmer. Sie betrachtete es kritisch, aber ohne Anzeichen von Zustimmung oder Ablehnung.

„Was halten Sie davon?“, fragte sie.

„Es ist ein höchst bemerkenswertes Stück Arbeit!“, sagte er nachdrücklich – wünschend, er könnte das Bild von Maggie als zusätzlichen Beweis für seine Meinung einbringen.

Sie machte keinen weiteren Kommentar, und es lag an Larry, das Gespräch am Leben zu erhalten. „Was ist das meiste, das Herr Hunt jemals für ein Gemälde bekommen hat? Ich meine eines von dem, was er als seine ‚hübschen Bilder‘ verflucht?“

„Ich glaube, etwa zweitausend Dollar.“

Das war ein Teil der Informationen, die für Larrys Plan notwendig waren.

„Miss Sherwood, ich werde Sie um einen weiteren Gefallen bitten. In Verbindung mit einer Wette, die ich mit Herrn Hunt gemacht habe. Ich möchte mit einem Kunsthändler sprechen – dem besten, den es gibt. Ich kann nicht gut zu ihm gehen. Können Sie es einrichten, dass er hierher kommt?“

„Ganz einfach. Ich kenne den Mann, der für Ihren Zweck am besten geeignet ist. Ich werde telefonieren, und wenn er in New York ist, wird er Sie heute Nachmittag besuchen.“

„Danke.“

Sie ging los, drehte sich dann aber um. „Erledigen Sie Ihre Geschäfte besser heute mit ihm, wenn Sie können. Wir fahren morgen oder übermorgen aufs Land. Ich habe gerade Nachricht erhalten, dass die Arbeiter endlich aus dem Haus sind; obwohl die Außenanlagen natürlich in schlechtem Zustand sind und wahrscheinlich auch bleiben werden. Bei dieser Arbeitssituation ist es praktisch unmöglich, Leute zu bekommen.“

Larry erinnerte sich an etwas anderes. „Miss Sherwood, erinnern Sie sich, dass ich einmal von einem Mann sprach, mit dem ich mich im Gefängnis angefreundet hatte – Joe Ellison?“

„Ja.“

„Ich habe ihm geschrieben, natürlich unter einem angenommenen Namen, und habe eine Antwort erhalten. Er wird in wenigen Tagen herauskommen. Er ist mit seinen alten Wegen fertig. Ich weiß, er würde nichts lieber mögen als einen ruhigen Ort zum Arbeiten, irgendwo für sich allein. Ich bin sicher, Sie können ihm vertrauen.“

„Wir werden es einrichten, dass er nach Cedar Crest kommt. Oh, denken Sie nicht, dass ich großzügig oder sentimental bin“, unterbrach sie lächelnd, als er anfing, ihr zu danken. „Ich wäre froh, zwei oder drei weitere Ex-Häftlinge auf unserem Anwesen arbeiten zu lassen, wenn ich sie bekommen könnte. Und das würden auch meine Freunde; sie können überhaupt keine Arbeiter mehr bekommen.“

An jenem Nachmittag kam der Kunsthändler. Miss Sherwood stellte Larry ihm als Herrn Brandon, ihren Cousin, vor und ließ dann die beiden Männer allein. Larry schätzte Herrn Graham als einen gerissenen Mann ein, der sein Geschäft verstand und der in seinem speziellen Bereich einen Triumph erzielen wollte. Er entschied, dass der Händler mit einer großen Portion Offenheit behandelt werden musste, und mit etwas hartem Bluffen, das ebenso offen erscheinen musste. Das Geheimnis von Larrys früherem Erfolg war gewesen, Vertrauen und sogar Begeisterung für etwas aufzubauen, das wenig oder keinen Wert hatte. Beim Verkauf einer ehrlichen Sache zu einem ehrlichen Preis war das erste und grundlegende Vorgehen dasselbe: Vertrauen und, wenn möglich, Begeisterung aufzubauen.

Vom Moment der Vorstellung an nahm Larry leise die Manier eines Kunstsammlers an, der sich seiner selbst sehr sicher war; eine Manier, die durch die Kulisse der Sherwood-Bibliothek unterstützt wurde. Er spürte etwas von der alten Begeisterung, wenn Verstand gegen Verstand gemessen wurde, auch wenn dies ein streng ehrenhaftes Unterfangen sein sollte.

„Sie kennen die Arbeit von Herrn Jerome Hunt?“, fragte er.

„Ich habe praktisch seine gesamte Arbeit gehandhabt, seit er angefangen hat zu verkaufen“, antwortete Herr Graham.

„Ich bezog mich auf die Arbeit in seiner jüngsten Manier.“

„Er hat in letzter Zeit keine Arbeit mehr gemacht“, korrigierte Herr Graham.

„Nein?“ Larry nahm die italienische Mutter, die er für diesen Anlass mit Reißzwecken auf ein Zeichenbrett montiert hatte, und stellte sie im vorteilhaftesten Licht auf einen Stuhl. „Da ist eine Kleinigkeit in Herrn Hunts jüngster Manier, die ich kürzlich gekauft habe.“

Herr Graham betrachtete das Gemälde lange und kritisch.

Schließlich bemerkte er:

„Zumindest ist es anders.“

„Anders und besser“, sagte Larry mit seiner ruhigen Bestimmtheit. „So viel besser, dass ich ihm dreitausend Dollar dafür bezahlt habe.“

„Dreitausend!“ Der Händler betrachtete Larry scharf. „Dreitausend dafür?“

„Ja. Und ich betrachte das als ein Schnäppchen.“

Herr Graham war einige Augenblicke lang still. Dann sagte er: „Aus welchem Grund wurde ich hierher gebeten?“

„Ich möchte, dass Sie es übernehmen, dieses Bild zu verkaufen.“

„Für wie viel?“

„Fünftausend Dollar.“

„Fünftausend Dollar!“

„Es ist leicht fünftausend wert“, sagte Larry ruhig.

„Wenn Sie es so hoch einschätzen, warum wollen Sie es dann verkaufen?“

„Ich bin durch den gegenwärtigen Geldmangel unter Druck. Außerdem habe ich ein zweites Bild gesichert, als ich dieses bekam. Dieses zweite Bild werde ich nicht verkaufen. Sie sollten keine Schwierigkeiten haben, dieses hier zu verkaufen“, fuhr Larry fort, „wenn Sie die Sache richtig angehen. Denken Sie daran, wie die Leute wieder angefangen haben, über Gauguin zu reden: darüber, wie er anfing, dort unten auf den Marquesas-Inseln in einer neuen Manier zu malen, wie er ein Bild gegen ein Möbelstück eintauschte oder es für ein paar hundert Francs verkaufte – wobei dieselben Gemälde heute jeweils ein kleines Vermögen wert sind. Kapitalisieren Sie dieses Gauguin-Gerede; ebenso das Gerede über den armen, verrückten Blakeslie. Sie haben eine neue Sensation. Eine ganz für Sie allein.“

„Man kann keine Sensation mit einem Gemälde starten“, bemerkte Herr Graham trocken.

Dies war genau die Bemerkung gewesen, die Larry dem Händler geschickt entlocken wollte.

„Warum, das stimmt!“, rief er aus. Und dann, als ob der Gedanke ihn erst in diesem Moment gekommen wäre: „Warum keine Ausstellung von Gemälden machen, die in seiner neuen Manier entstanden sind? Er hat ein Studio voller Dinge, die genauso charakteristisch sind wie dieses hier.“

Larry fing das Aufleuchten ein, das in die Augen des Händlers trat. Es wurde sofort maskiert.

„Zu spät im Frühjahr für eine Bilderschau. Könnte vor der nächsten Saison keine Ausstellung auf die Beine stellen.“

„Aber warum keine private Vor-Ausstellung zeigen?“, argumentierte Larry – „mit speziellen Einladungen, die an eine kleine, sorgfältig ausgewählte Liste geschickt werden, wobei man ihnen stark vermittelt, dass man ihnen die Chance auf eine erste und exklusive Sicht auf etwas sehr Bemerkenswertes bietet. Die meisten von ihnen werden sich geschmeichelt fühlen und kommen. Und das wird das Gerede starten und das Interesse an Ihrer öffentlichen Ausstellung im Herbst anheizen. Das ist die Idee!“

Wieder gab es das Aufleuchten, schnell maskiert, in den Augen des Händlers. Aber Larry hatte es eingefangen.

„Woher weiß ich, dass dieses Bild hier nicht nur ein Zufall ist? – das einzige dieser Art, das Herr Hunt jemals gemalt hat oder jemals malen wird?“, erkundigte sich Herr Graham vorsichtig. „Sie sagten, Sie hätten ein zweites Bild. Darf ich es sehen?“

Larry zögerte. Aber er glaubte, den Händler fast „verkauft“ zu haben; ein wenig mehr und Herr Graham würde überzeugt sein. Also holte er Maggies Porträt. Der Händler betrachtete es mit einem Gesicht, das er ausdruckslos zu halten versuchte.

„Wie viel ist dieses hier wert?“, fragte er schließlich.

„Es steht nicht zum Verkauf.“

„Es wird mehr Geld einbringen als das andere. Es ist ein interessanteres Subjekt.“

„Deshalb behalte ich es“, sagte Larry. „Ich denke, Sie werden zugeben, Herr Graham, dass dies beweist, dass Herr Hunt jetzt keine Zufälle mehr malt.“

„Sie haben recht.“ Die Maske fiel plötzlich von Herrn Grahams Gesicht; er war nicht mehr nur ein Kunsthändler; er war auch ein Kunstenthusiast. „Hunt hat etwas Kühnes und Frisches getroffen, und ich denke, ich kann ihn groß rausbringen. Ich werde das Schema versuchen, das Sie erwähnt haben. Sagen Sie mir, wo ich ihn finden kann, und ich werde ihn sofort aufsuchen.“

„Dieses Bild muss verkauft sein, bevor ich Ihnen seine Adresse gebe. Es hat keinen Sinn, ihn vorher zu sehen; er würde Sie auslachen und sich nichts anhören. Er ist sauer auf die Welt; denkt, sie versteht ihn nicht. Ein tatsächlicher Verkauf wäre das einzige Argument, das bei ihm Gewicht hätte.“

„In Ordnung – ich werde das Bild selbst kaufen. Hunt und ich hatten ein Zerwürfnis, und ich möchte, dass er den Beweis hat, dass ich an ihn glaube.“ Wieder war Herr Graham der Kunsthändler. „Obwohl ich natürlich nicht die fünftausend zahlen kann, die Sie verlangen. Hunts neue Manier mag einschlagen, und vielleicht auch nicht. Es ist ein großes Glücksspiel.“

„Was werden Sie zahlen?“

„Was Sie dafür bezahlt haben – dreitausend.“

„Das ist ein gewaltiger Abfall von dem, was ich erwartet habe. Wann können Sie es bezahlen?“

„Ich werde Ihnen meinen Scheck durch einen Assistenten schicken, sobald ich wieder in meinem Laden bin.“

„Ich sagte Ihnen, ich sei finanziell in der Klemme – also gehört das Bild Ihnen. Ich werde Ihnen Herrn Hunts gegenwärtige Adresse schicken, sobald ich Ihren Scheck erhalte. Stellen Sie ihn auf 'Bar' aus.“

Als Herr Graham mit der italienischen Mutter gegangen war – es war nun das allerletzte Ende des Nachmittags – fragte sich Larry, ob sein Plan, Hunt aus seiner Einsiedelei zu locken, Erfolg haben würde; und fragte sich, was das Ergebnis wäre, falls überhaupt, auf die Beziehung zwischen Hunt und Miss Sherwood, falls Hunt offen in seine Welt zurückkehren würde als ein gefeierter Erfolg, und mit der veränderten Haltung gegenüber jedem und allem käme, die Anerkennung verleiht.

Doch etwas sollte Larry wenige Minuten später noch mehr zum Staunen bringen. Dick, dieser gewohnheitsmäßige Spätaufsteher, hatte es an diesem Morgen eilig gehabt und konnte nicht mit ihm sprechen. Nun, als er gegen sechs Uhr nach Hause kam, rief Dick fröhlich aus dem Flur:

„Ahoi! Wo bist du vor Anker gegangen, Kapitän Nemo?“

Larry antwortete nicht. Er saß über seinen Papieren wie erstarrt. Er wusste jetzt, wessen Stimme die flüchtig vertraute gewesen war, die er vor Maggies Tür gehört hatte. Es war Dick Sherwoods.

Dick hielt draußen inne, um einige Nachrichten von Judkins entgegenzunehmen, und Larrys Geist raste fieberhaft. Dick Sherwood war das Opfer, das Maggie und Barney und Old Jimmie so vorsichtig und aufwendig zu rupfen versuchten! Es schien ein unmöglicher Zufall. Aber nein, nicht unmöglich, schließlich. Ihr Netz war genau für ein solches Wild ausgelegt worden: ein junger Mann, leicht zu beeindrucken, lebenslustig, mit viel Geld und ohne Bedingungen, die an sein Ausgeben geknüpft waren. Dass Barney seine Bekanntschaft gemacht hatte, war leicht erklärt; Bekanntschaft mit solchen Personen wie Dick zu schließen, war Barneys Spezialität. Was wäre natürlicher, als dass der lebensfrohe, unverantwortliche Dick in diese Falle tappte? – oder dass er in der Tat im Voraus als das ideale Opfer ausgewählt und hineingezogen worden war?

„Hallo da!“, brummte Dick und trat ein. „Warum hast du den Gruß eines Schiffskameraden nicht erwidert?“

„Ich habe dich gehört; aber gerade in diesem Moment addierte ich eine Spalte Zahlen, und ich wusste, dass du hereinschauen würdest.“

In diesem Moment bemerkte Larry das Porträt von Maggie, das von dem Stuhl neben ihm aufblickte. Mit einer Schnelligkeit, die er als mechanische Handlung zu tarnen versuchte, ergriff er das Gemälde und rollte es zusammen, mit der Vorderseite nach innen.

„Was hast du da?“, verlangte Dick zu wissen.

„Nur eine kleine Schmiererei von mir selbst.“

„Also malst du auch. Was kannst du noch? Lass mal sehen.“

„Es ist zu mies. Ich würde dich lieber etwas anderes sehen lassen – obwohl mein ganzes Zeug schlecht ist.“

„Du würdest doch nichts Kleines tun, oder, um diese müdeste Stunde des Tages eines müden Geschäftsmannes aufzuhellen“, beklagte sich Dick. „Ich war heute wirklich ein Geschäftsmann, Kapitän. Habe gearbeitet wie der Teufel – oder ein Engel – wer auch immer härter arbeitet.“

Er zündete sich eine Zigarette an und ließ sich mit einem Seufzer auf die Ecke von Larrys Schreibtisch nieder. Larry betrachtete ihn mit einer seltsameren und widersprüchlicheren Mischung von Gefühlen, als er jemals geglaubt hatte, in sich zu tragen: Fürsorge für Dick – Eifersucht auf ihn – und der Instinkt, Maggie zu beschützen. Letzteres erschien Larry grotesk absurd, in dem Augenblick, als es in ihm hochkochte, aber da war der Instinkt: Behandelte Dick Maggie richtig?

„Wie war die Show gestern Abend, Dick?“

„Mies!“

„Ich dachte, du sagtest, du würdest 'The Jest' sehen. Ich habe gehört, es ist eines der besten Dinge seit Jahren.“

„Oh, ich schätze, die Show ist in Ordnung. Aber die Begleitung war schlecht. Meine Begleitung, meine ich. Die Person, die ich sehen wollte, konnte nicht kommen.“

„Ich hoffe, du hattest eine Party zum Abendessen, die die Enttäuschung wettgemacht hat“, fuhr Larry fort und versuchte geschickt, ihn weiterzuführen.

„Das hatte ich allerdings, Captain!“

Dick ließ sich auf einen Stuhl neben Larry gleiten, legte eine Hand auf Larrys Knie und sagte mit gedämpfter Stimme:

„Captain, ich habe kürzlich ein neues Mädchen kennengelernt – und glauben Sie mir, sie ist ein Volltreffer!“

„Halten Sie sich lieber von diesen Showgirls fern, Dick.“

„Nie wieder! Die Letzte hat mich für mein Leben geheilt. Miss Cameron – Maggie Cameron, wie klingt dieser Name? – ist kein Broadway-Mädchen, Captain. Sie ist nicht einmal ein New Yorker Mädchen.“

„Nein?“

„Sie kommt aus irgendeiner Gegend im Westen. Ihr Vater besaß mehrere große Ranches. Sie sagt, das erkläre ihre Grobheit. Sie grob? Ich sollte wohl meinen, nein! Bessere Manieren als bei ihr findet man hier in New York nicht. Und sie ist hübsch und klug und völlig naiv, was alles in New York betrifft. Obwohl ich sagen muss“, fügte Dick hinzu, „dass ich nicht so begeistert von ihrem Cousin und ihrem Onkel bin. Ich hatte den Cousin das letzte Jahr oder die letzten zwei Jahre ein paar Mal in der Stadt getroffen; er gehört hierher. Die beiden sind die Art von schlechtem Schlag, der in jeder guten Familie mal vorkommt. Sie haben jedoch einen Vorzug: Sie versuchen nicht, sich ihr zu sehr aufzudrängen.“

„Was macht Ihre Miss Cameron in New York?“

„Sie sieht sich die Stadt zum ersten Mal an, bevor sie für den Sommer in einen Ferienort fährt; vielleicht mietet sie irgendwo ein Cottage. Sagen Sie, Captain“ – er lehnte sich näher – „ich wünschte, Sie hätten nicht das Gefühl, dass Sie so fest an dieses Apartment gebunden sind. Ich würde Sie gerne mitnehmen und Ihnen vorstellen.“

Larry konnte sich das Szenario ausmalen, wenn diese unschuldig vorgeschlagene Vorstellung jemals stattfinden würde.

„Ich schätze, für den Moment werde ich auf Ihre Berichte angewiesen sein, Dick.“

„Nun, Sie können mir glauben, dass sie einfach absolut in Ordnung ist!“

Es war Larrys seltsamer Instinkt, Maggie zu beschützen, der ihn zu seiner nächsten Bemerkung veranlasste:

„Sie sind doch nicht etwa nur auf einer Spritztour, oder, Dick?“

Dick errötete. „Nichts dergleichen. Sie ist nicht die Art von Mädchen. Außerdem – ich glaube, es ist etwas Ernstes, Captain.“

Der ehrliche Blick in Dicks Augen, noch mehr als seine Worte, beruhigte Larrys Sorge um Maggie. Kurz darauf ging Dick hinaus und hinterließ Larry ein weiteres Problem in seinem Leben. Er durfte nicht zulassen, dass Maggie etwas zustieß. Er durfte nicht zulassen, dass Dick etwas zustieß. Er musste beide beschützen; er musste etwas tun. Doch was konnte er tun?

Ja, das war wahrlich ein Problem! Er schritt im Zimmer auf und ab, ein weiteres Opfer des alten Dilemmas von geteilter und widersprüchlicher Pflicht.

KAPITEL XIX

In der Nacht von Larrys unerwartetem Besuch im Grantham hatte sich Maggie zusammengerissen und mit Hilfe der imposanten Miss Grierson ihr Bestes gegeben, um als unschuldige Gastgeberin für ihren Pseudo-Cousin Barney, ihren Pseudo-Onkel Old Jimmie und deren Beute, Dick Sherwood, zu fungieren, den sie so vorsichtig verfolgten. Doch als Dick gegangen war und Miss Grierson sich zurückgezogen hatte, um ihrem Schützling einen kleinen Besuch bei ihren Verwandten zu ermöglichen, hatte Barney prompt seine Unzufriedenheit geäußert.

„Was war heute Abend mit dir los, Maggie?“, forderte er. „Du warst nicht in Bestform.“

„Wenn dir nicht gefällt, wie ich es gemacht habe, kannst du dir jemand anderen suchen“, schnauzte Maggie zurück.

„Ach, sei nicht gleich sauer. Wenn ich bei dieser Show Regie führe, ist es wohl meine Sache, dir zu sagen, wie du die Rolle zu spielen hast, und dir zu sagen, wann du den Erfolg des Stücks durch eine schlechte Leistung gefährdest.“

„Vielleicht solltest du dir sofort jemand anderen für meine Rolle suchen.“

Maggies Tonfall und Blick waren unerbittlich. Barney bewegte sich unruhig. Das war das Schlimmste an Maggie: Sie nahm von niemandem Ratschläge an, es sei denn, der Ratschlag deckte sich mit ihren eigenen Wünschen oder erweiterte sie, und heute Abend war sie besonders gereizt. Er beeilte sich, sie zu besänftigen.

„Ich schätze, die Besten von uns haben mal einen schlechten Tag. Es ist alles in Ordnung, es sei denn“ – Barney zögerte, geschäftliche Angst und Eifersucht ergriffen ihn plötzlich – „es sei denn, die Art, wie du dich heute Abend verhalten hast, bedeutet, dass du nicht vorhast, die Sache durchzuziehen?“

„Warum sollte ich sie nicht durchziehen?“

„Kein Grund. Es sei denn, du hast dich heute Abend so verhalten, weil“ – wieder zögerte Barney; wieder trieb ihn Eifersucht an – „weil du auf irgendeine Weise von Larry Brainard gehört hast. Hast du von Larry gehört?“

Maggie begegnete seinem Blick, ohne zu zucken. Sie würde am Morgen die notwendigen Maßnahmen mit Miss Grierson ergreifen, um diese Dame davon abzuhalten, unkluge Dinge zu sagen.

„Ich habe nichts von Larry gehört, und wenn ich es hätte, ginge dich das einen feuchten Kehricht an, Barney Palmer!“

Er beschloss, die verbale Ohrfeige ihres letzten Satzes zu ignorieren. „Nein, ich nehme an, du hast nichts von Larry gehört. Und ich nehme an, keiner von uns wird etwas von ihm hören – nicht für eine lange Zeit. Er hat sich wirklich reingeritten!“

„Das hat er allerdings“, stimmte Old Jimmie zu.

Maggie sagte nichts.

„Mir scheint, wir haben diesen jungen Sherwood am Haken“, sagte Old Jimmie, der während dieses unrentablen Streits ungeduldig geworden war. „Mir scheint, es ist an der Zeit zu klären, wie wir an seine Kohle kommen. Was sagst du, Barney?“

„Dafür ist noch reichlich Zeit, Jimmie. Das ist ein dicker Fisch, und wir müssen absolut sicher sein, dass wir ihn am Haken haben, damit er nicht abkommen kann. Wir müssen hier auf Nummer sicher gehen; es ist das Warten wert, glaub mir. Außerdem sammelt Maggie währenddessen Übung.“

„Mir scheint, wir sollten schnell abkassieren. Damit – damit –“

„Hör mal – glaubst du, du hast noch ein anderes tolles Spiel, bei dem du Maggie einsetzen willst?“

Old Jimmies ausweichender Blick wich Barneys starrem Blick.

„Nein. Aber sie ist meine Tochter, nicht wahr?“

„Ja. Aber wer leitet das hier?“, forderte Barney. Gott sei Dank war Old Jimmie die eine Person, die er nicht wie eine Primadonna behandeln musste!

„Du tust es.“

„Dann halt die Klappe und lass mich es leiten!“

„Du könntest wenigstens sagen, ob du dich entschieden hast, wie du es leiten willst“, beharrte Old Jimmie.

„Wirst du wohl die Klappe halten!“, fuhr Barney ihn an.

Old Jimmie sagte nichts mehr. Und nachdem er seine Vormachtstellung über mindestens einen der beiden behauptet hatte, gab Barney nach und herabließ sich zu einem Gespräch, wobei er sich mit jener selbstbewussten Eleganz in seinem Stuhl zurücklehnte, die ihm geholfen hatte, in den schickeren Restaurants von New York eine zunehmend bekannte Figur zu werden.

Es gehörte nicht zu Barneys Kalkül, weder jetzt noch für die Zukunft, Maggie zur Geliebten irgendeines Mannes zu machen. Nicht, dass Barney von moralischen Bedenken abgehalten wurde. Die Sache war einfach schlechtes Geschäft. Eine solche Frau verdient vergleichsweise wenig; und was noch schlimmer ist, wenn sie es will, behält sie alles für sich. Und Barney wusste in der zynischen Weisheit seiner armen Welt zudem, dass der durchschnittliche Mann, der in diese billige Falle gelockt wird, nachdem die Frau Ja gesagt hat und nachdem die erste kurze Frische ihren Glanz verloren hat, zum Geizhals wird und man für niemanden mehr wirklich Geld von ihm bekommen kann.

„Es ist so: Sobald wir diesen Sherwood-Vogel sicher am Haken haben“, führte Barney mit der Attitüde eines Experten aus und schnippte mit seiner besten Restaurant-Manier die Asche von seiner Zigarette, „können wir das Spiel auf hundert Arten spielen. Aber der Heiratsantrag ist die beste Wette, und es gibt zwei beste Wege, das anzugehen.“

„Welchen sollten wir deiner Meinung nach anwenden, Barney?“, erkundigte sich Old Jimmie.

Doch Barney fuhr fort, als hätte der ältere Mann keine Frage gestellt. „Beide Wege hängen davon ab, dass Sherwood wahnsinnig verliebt ist und dass er mit einem Antrag herausrückt und dabei bleibt. Beim ersten Weg muss Maggie nach dem Antrag zusammenbrechen und gestehen, dass sie mit einem Mann verheiratet ist, den sie nicht liebt und der sie nicht liebt. Dieser Ehemann würde ihr wahrscheinlich die Scheidung gewähren, aber er ist ein gerissener Typ, der auf das Geld aus ist, und wenn er riechen würde, dass sie jemanden mit Geld heiraten will, würde er einen hohen Preis für ihre Freiheit verlangen. Maggie muss weiter gestehen, dass sie eigentlich kein Geld hat und daher hilflos ist. Dann bietet Sherwood an, die Bedingungen dieses brutalen Ehemanns zu erfüllen. Wenn Sherwood darauf hereinfällt, schieben wir einen Scheinehemann vor, der Sherwoods Kohle kassiert – und es wird ein ordentlicher Batzen sein! – und das wird das Letzte sein, was Sherwood jemals von Maggie sieht.“

Old Jimmie nickte. „Wenn es richtig gemacht wird, bringt das immer die Knete ein.“

„Die einzige Frage ist“, fuhr Barney fort, „kann Maggie das durchziehen? Was sagst du, Maggie? Glaubst du, du bist gut genug, um so ein Ding zu drehen?“

Maggie sah dem gut aussehenden Barney direkt in die Augen und dachte in diesem Moment nur an seinen Wunsch, sie zu beherrschen, und an die Herausforderung in seinem Tonfall. Larry und der Appell, den er an sie gerichtet hatte, waren vergessen, ebenso wie Dick Sherwood.

„Alles, was du dir gut genug ausdenken kannst, Barney Palmer, bin ich wohl auch gut genug, um durchzuziehen“, antwortete sie kühl.

Und dann: „Was ist der andere Weg?“, fragte sie.

„Alter Kram. Müsste eine echte Heirat sein. Die Sherwoods sind Leute von Rang, weißt du; eine Schwester, die jemand Wichtiges ist. Nach der Heirat erfährt die Familie die Wahrheit – vielleicht etwas, das viel schlimmer ist als die Wahrheit. Die Familie ist entsetzt. Sie zahlen Maggie eine große Summe für eine Trennung – genau wie so viele entsetzte Familien ihre Schwiegertöchter loswerden, die sie nicht mögen. Welcher der Wege passt dir am besten, Maggie?“

Maggie zuckte gleichgültig mit den Schultern. Es entsprach ihrer gegenwärtigen Stimmung, ihre Haltung beizubehalten, jedem Unternehmen gewachsen zu sein.

„Was gefällt dir am besten, Barney?“, fragte Old Jimmie.

„Der zweite ist sicherer. Aber er dauert länger; und es gäbe Anwaltskosten, die an unseren Gewinnen zehren würden; und dann könnten wir aufgrund der Publicity vielleicht eine Weile warten müssen, bevor es sicher wäre, Maggie wieder einzusetzen. Der erste Plan ist nicht so kompliziert, er geht schnell, und sofort haben wir Maggie frei für andere Operationen. Der erste scheint mir die beste Wette zu sein – aber, wie ich sagte, wir müssen uns noch nicht entscheiden. Wir können die Entwicklungen die tatsächliche Entscheidung für uns treffen lassen.“

Barney fügte nicht hinzu, dass ein weiterer Grund für seine Ablehnung des zweiten Plans darin bestand, dass er nicht wollte, dass Maggie tatsächlich an einen Mann gebunden war. Das war eine Beziehung, die seine Hoffnungen für sich selbst reservierte.

Barneys angeborener Wunsch nach anerkannter Führungsrolle verlangte wieder nach Bestätigung und drängte ihn zu sagen:

„Du siehst, Maggie, wie viel von dir abhängt. Du hast eine Riesenchance für eine Anfängerin. Ich hoffe, du raffst dich ab heute Abend richtig auf und spielst die Möglichkeiten deiner Rolle voll aus.“

„Du kümmerst dich um deinen Teil, und ich kümmere mich um meinen!“, war ihre scharfe Erwiderung.

Barney war für einen Moment verwirrt durch sein zweites Scheitern, Maggie zu dominieren. „Oh, nun, wir wollen nicht streiten“, versuchte er locker zu sagen. „Wir verstehen uns, und wir versuchen beide, dem anderen bei seinem Spiel zu helfen – das ist der Hauptpunkt.“

Die beiden Männer gingen, Jimmie ohne seiner Tochter einen Kuss zum Abschied zu geben. Das überraschte Maggie nicht. Ein Kuss, nicht das Fehlen desselben, wäre das gewesen, was bei Maggie Verwunderung ausgelöst hätte.

Barney ging weg und war im Großen und Ganzen sehr zufrieden damit, wie die Angelegenheit voranschritt und mit seiner Leitung derselben und Maggies. Maggie war zwar eigensinnig, aber das würde er ihr bald austreiben. Er war nun voll und ganz von der Stichhaltigkeit seiner Erklärung für Maggies schlechte Leistung an jenem Abend überzeugt: Sie hatte einfach einen schlechten Tag gehabt.

Was Maggie betraf, so saß sie nach deren Weggang lange wach und dachte nach – und ihre Gedanken kehrten unwiderstehlich zu Larry zurück. Sein Besuch war sehr ablenkend gewesen. Aber sie würde nicht zulassen, dass es ihren Vorsatz beeinflusste. Wenn überhaupt, war sie entschlossener denn je, das zu sein, was sie ihm gesagt hatte, was sie sein würde, um ihm zu beweisen, dass er sie nicht beeinflussen konnte.

Sie versuchte, ihre Gedanken von Larry fernzuhalten, aber sie konnte es nicht. Er war für sie so viele Fragen. Wie war er entkommen? – hatte er sowohl die Polizei als auch alte Freunde abgeschüttelt? Wo war er jetzt? Was machte er? Und wann und wie würde er wieder auftauchen und sich einmischen? – denn Maggie hatte keinen Zweifel, jetzt, da sie wusste, dass er in New York war, dass er wiederkommen würde; und wieder versuchen würde, sie aufzuhalten.

Und da war eine Angelegenheit, die sie ebenso wenig verstand wie Larry, und das war eine weitere ihrer Fragen: Warum war sie in Panik geraten und hatte seine Flucht unterstützt?

Natürlich dachte sie hin und wieder an Dick Sherwood. Sie mochte Dick irgendwie. Aber bisher betrachtete sie ihn genau so, wie ihr Lebensplan ihn ihr präsentiert hatte: als angenehmen Dummkopf, der in einem aufregenden Stück, in dem sie die spannende Hauptrolle spielte, von seinem Geld getrennt werden sollte. Sie tat ihr leid; aber das war Geschäft, und ihr Mitleid würde nicht mit dem kollidieren, was sie tun wollte.

Maggie Cameron war zu dieser Zeit ihres Lebens nicht sehr introspektiv. Sie erkannte nicht, was das, nach anderen Maßstäben, für eine Sache war, die sie da tat. Sie funktionierte lediglich so, wie man ihr beigebracht hatte zu funktionieren. Und wenn eine Veränderung in ihr begann, war sie sich dessen bis dahin völlig unbewusst.

KAPITEL XX

Larrys neues Problem war das schwierigste und heikelste Dilemma seines Lebens – diese geteilte Loyalität: Maggie und die beiden Männer hinter ihr auszubremsen, ohne die Wahrheit über Maggie gegenüber Dick zu enthüllen, Dick zu beschützen, ohne Maggie zu verraten. Es war sicherlich eine anstrengende, verwirrende Situation.

Er hatte nicht die törichte Idee, dass er Maggie durch ihre Entlarvung ändern könnte. Bestenfalls würde er sie lediglich unfähig machen, diesen speziellen Kurs fortzusetzen; er würde ihre Verbitterung und Feindseligkeit ihm gegenüber verstärken. Wie auch immer, nach den Überresten seines alten Kodex wäre das kein faires Spiel – besonders nachdem sie seine Flucht unterstützt hatte, als er in der Falle saß.

Nur in einem Punkt war er sich klar, und darin wurde er mit jeder Stunde sicherer: Was immer er tat, er musste es mit der Idee einer grundlegenden Erwachen in Maggie tun. Sie bei diesem einen Plan lediglich zu vereiteln, würde nur den kleineren Teil seines Problems lösen; Maggie bliebe unverändert, oder wenn sie sich überhaupt änderte, würde die Veränderung in Richtung einer größeren Härte gehen, und sein Hauptproblem würde schwieriger zu lösen sein.

Er erwog viele Wege. Er dachte daran, Maggie wiederzusehen und noch einmal an sie zu appellieren. Das verwarf er, nicht wegen der Gefahr für ihn selbst, sondern weil er wusste, dass Maggie ihn nicht sehen wollte; und wenn er wieder unerwartet bei ihr eindringen würde, würde sie in ihrem eigensinnigen Stolz auf nichts hören, was er sagte. Er dachte daran, Barney und Old Jimmie zu sehen und dem Paar irgendwie so die Furcht Gottes einzujagen, dass sie Maggie aus dem gegenwärtigen Unternehmen zurückziehen würden; aber selbst wenn ihm ein solch riskantes Unterfangen gelänge, bliebe Maggie wieder unverändert. Er dachte daran, Miss Sherwood das versteckte Porträt von Maggie zu zeigen, ihr alles zu erzählen und um ihre Hilfe zu bitten; aber auch das verwarf er, denn es erschien ihm als ein Verrat an Maggie.

Er kam immer wieder auf einen Plan zurück: nicht genau einen Plan, sondern die Idee, auf der der richtige Plan basieren könnte. Wenn er nur geschickt, mit seiner Hand im Verborgenen bleibend, Maggie in eine Situation bringen könnte, in der die Umstände siegreich an ihr bestes Selbst appellieren würden, an ihren latenten Sinn für Ehre – das war die Idee! Aber egal, wie sehr er sich den Kopf zerbrach, Larry konnte in diesem Moment keinen praktikablen Plan entwickeln, dessen Grundlage diese Idee war.

Doch selbst wenn Larry einen brillanten Plan gehabt hätte, wäre es ihm kaum möglich gewesen, sich dessen Ausführung zu widmen, denn zwei Tage nach seinem Besuch bei Maggie im Grantham zogen die Sherwoods in ihr Sommerhaus etwa vierzig Meilen von der Stadt entfernt an der North Shore von Long Island; und Larry war so mit routinemäßigen Pflichten im Zusammenhang mit diesem Umzug beschäftigt, dass er im Moment für wenig anderes Zeit hatte. Cedar Crest war individuell und doch typisch für die besseren Sommerresidenzen auf Long Island. Es war ein langes weißes Gebäude mit vielen Veranden und vielen Flügeln, gelegen auf einer Klippe mit Blick über den Sound, mit einem breiten Streifen seidenen Rasens und darum herum Gärten in ihrer Juni-Pracht, und hinter dem Haus ein paar hundert Morgen Buschkiefern.

Am folgenden Tag, gemäß einem Plan, der zwischen Larry und Miss Sherwood ausgearbeitet worden war, erschien Joe Ellison in Cedar Crest und erhielt das Gärtnergehilfen-Cottage, das abseits auf der Klippe etwa dreihundert Yards östlich des Hauses stand. Er war ein großer, leicht gebeugter, weißhaariger Mann, offenbar einst ein Mann von körperlicher Stärke und dominantem Charakter und mit den äußeren Merkmalen eines Gentlemans, aber jetzt scheinbar nur noch ein Schatten des kraftvollen Mannes in seinen besten Jahren. Tatsächlich war Joe Ellison der größten aller Gefängnisplagen, der Tuberkulose, nur knapp entkommen.

Die Rosen wurden seiner Obhut übergeben. Während einiger weniger kurzer Jahre auf dem Höhepunkt seines Wohlstands hatte er ein kleines Anwesen in New Jersey besessen und während dieser Zeit scheinbar den Landedelmann gegeben. Blumen waren sein Hobby gewesen; daher hätte er keine Arbeit haben können, die ihm mehr zugesagt hätte als diese Wächterschaft über die Rosen. Für sich selbst wünschte er sich nichts Besseres, als das, was von seinem Leben übrig war, in dieser sonnendurchfluteten Privatsphäre und Gemeinschaft mit wachsenden Dingen zu verbringen.

Er drückte Larrys Hand, als sie zum ersten Mal allein im kleinen Cottage waren. „Danke, Larry; ich werde das nicht vergessen“, sagte er. Er sagte wenig anderes. Er verwies nicht auf sein Gefängnisleben oder das, was davor gekommen war. Er hatte Larry nie gefragt, selbst während sie zusammen im Gefängnis waren, nach Larrys früheren Aktivitäten und Bekannten; und er stellte jetzt keine Fragen. Anscheinend war es der Wunsch dieses schweigsamen Mannes, die Gebeine seiner eigenen Vergangenheit begraben zu lassen und die Gräber der Fehler anderer ungestört zu lassen.

Eine zurückhaltende, unaufdringliche Figur, machte er sich schnell an seine Arbeit. Er schien zufrieden, sogar glücklich; und manchmal lag ein weit entfernter, triumphierender Blick in seinen grauen Augen. Miss Sherwood bemerkte dies bei mehreren Gelegenheiten; es verwirrte sie, und sie sprach mit Larry darüber. Larry verstand, was hinter Joes Verhalten lag, und da ihm die Sache nie als Geheimnis erzählt worden war, erzählte er jenen Teil von Joes Geschichte wieder, den er der Duchess vorgetragen hatte: von einem Kind, das unter ehrenhaften Menschen aufgewachsen war, geschützt vor dem Wissen, dass ihr Vater ein Sträfling war – ein Kind, das Joe nie zu sehen erwartete und nicht einmal wusste, wie er es finden sollte.

Joe Ellison wurde zu einer Figur, die Miss Sherwood tief berührte: zufrieden damit, sich in seiner irdischen Obskurität zu beschäftigen, immer träumend und schwelgend in seinem einen großen, tragenden Gedanken – dass er seinem Kind die beste Chance gegeben hatte, die die Umstände erlaubten; dass er sich aus dem Leben seines Kindes entfernt hatte; dass irgendwo da draußen in der Welt sein Kind heranwuchs unter sauberen, anständigen Menschen; dass er nie erwartete, sich seinem Kind zu erkennen zu geben. Die Situation berührte auch Larry zutiefst, wann immer er seinen alten Freund ansah, was in eine freundliche Verbundenheit mit der Erde überging.

Doch während er mit neuen Angelegenheiten in Cedar Crest beschäftigt war, dachte Larry die ganze Zeit an Maggie und besonders an sein eigenes Dilemma bezüglich Maggie und Dick. Aber der richtige Plan wollte in seinem Gehirn immer noch keine Form annehmen. Ein wichtiges Detail fiel ihm jedoch ein, das sofortige Aufmerksamkeit erforderte. Wenn sein Vorgehen bezüglich Hunts Bildern Erfolg hatte, den Maler aus seiner Einsiedelei zu locken, war nichts wahrscheinlicher, als dass Hunt unerwartet auf Maggie in Begleitung von Dick Sherwood treffen würde. Das könnte eine Katastrophe für Larrys noch ungeborenen Plan sein; es musste, wenn möglich, verhindert werden. Eine solche Angelegenheit konnte nicht in einem Brief behandelt werden, da die Polizei die gesamte Post, die an das Haus der Duchess ging, öffnete. Also entschied er sich erneut für einen geheimen Besuch im Haus der Duchess. Er rechnete damit, dass ein solcher Besuch vergleichsweise risikofrei sein würde, da die Polizei und Barney Palmer und die Gangster, die Barney auf seine Spur gesetzt hatte, alle immer noch glaubten, er sei irgendwo im Westen.

Dementsprechend fuhr er einige Nächte, nachdem sie sich in Cedar Crest niedergelassen hatten, mit einem Roadster, den ihm Miss Sherwood zur Verfügung gestellt hatte, nach New York, und nach den notwendigen Vorsichtsmaßnahmen betrat er Hunts Studio. Der Raum war leer geräumt, und Hunt saß inmitten seiner gepackten Sachen und rauchte seine Pfeife.

„Nun, junger Mann“, brummte Hunt, nachdem sie sich die Hände geschüttelt hatten, „du siehst, du hast mich aus meinem glücklichen Zuhause vertrieben.“

„Dann hat Mr. Graham Sie besucht?“

„Ja. Und er hat mir Ihren Vorschlag wegen einer Privatausstellung unterbreitet. Und ich bin darauf hereingefallen. Nun muss ich zurück unter die Leute, die ich einst kannte. Gute Kleidung tragen und mir ein Set standardisierter guter Manieren zulegen. Zur Hölle!“

„Das gefällt Ihnen nicht?“

„Ich nehme an, wenn die Ausstellung ein Erfolg wird, wird es mir gefallen, die Bande anzugrinsen, die dachte, ich könne nicht malen. Darauf können Sie wetten, das wird mir gefallen! Sie, junger Mann – ich nehme an, Sie sind hier, um über mich zu triumphieren und zu versuchen, Ihre fünftausend einzukassieren.“

„Ich triumphiere niemals darüber, einen so leichten Job erledigt zu haben, wie das war. Und ich bin nicht hier, um meine Wette einzutreiben. Was das Geld betrifft, so bin ich hier, um Ihnen welches zu geben.“ Und er reichte Hunt den Scheck, der auf „Bar“ ausgestellt war, den Mr. Graham ihm für die italienische Mutter geschickt hatte.

„Behalten Sie den lieber als Anzahlung für das, was ich Ihnen schulde“, riet Hunt.

„Ich wäre Ihnen lieber, wenn Sie ihn für mich aufbewahrten. Und noch besser, ich würde die Wette lieber zugunsten eines neuen Geschäfts auflösen.“

„Was ist der neue Vorschlag, um mich zu übervorteilen?“

„Sie brauchen eine geschäftliche Kindermädchen. Welche Provision zahlen Sie Händlern?“

„Ich habe diesen Einbrechern vierzig Prozent gezahlt.“

„Das ist zu viel für Nichtstun. Hier ist mein Vorschlag. Geben Sie mir zehn Prozent als Ihr persönlicher Agent, und ich garantiere Ihnen, dass Ihr Gesamtprozentsatz für Provisionen niedriger sein wird als gegenwärtig, und dass Ihre Preise verdoppelt werden. Natürlich kann ich nicht viel ausrichten, solange die Polizei und andere so verdammt an mir interessiert sind, also, wenn Sie annehmen, datieren wir die Vereinbarung einfach auf den Zeitpunkt, an dem ich reingewaschen bin.“

„Einverstanden, Sohn – und wir datieren die Vereinbarung einfach auf den heutigen Moment, A.D.“ Wieder ergriff Hunt Larrys Hand. „Du bist ein feiner Kerl, Larry – und ich gebe dir nicht annähernd genug.“

Das verschaffte Larry die Öffnung, die er sich gewünscht hatte. „Sie können es bei mir gutmachen.“

„Wie?“

„Indem Sie mir bei einem eigenen Vorhaben helfen. Um direkt zum Punkt zu kommen, es geht um Maggie.“

„Maggie?“

„Ich glaube, Sie wissen, was ich für sie empfinde. Sie hat eine falsche Vorstellung von den Dingen, und sie ist darin festgefahren – und Sie wissen, wie temperamentvoll sie ist. Sie ist jetzt draußen in der Welt und versucht, etwas Krummes durchzuziehen, das sie für groß hält. Ich weiß, was es ist. Ich will sie aufhalten und sie verändern. Das ist mein großes Ziel – sie zu verändern. Die einzige Art, wie ich im Moment das, was sie gerade tut, stoppen kann, ist, indem ich sie entlarve. Und nur sehr wenige Leute mit einer falschen Einstellung werden jemals durch bloßes Entlarvtwerden auf den rechten Weg gebracht.“

„Ich glaube, da haben Sie recht, Larry.“

„Was ich will, ist eine Chance, eine andere Methode bei Maggie zu versuchen. Wenn sie richtig angepackt wird, glaube ich, dass sie eine ganz andere Person werden könnte, als sie zu sein scheint – etwas, das uns beide überraschen könnte.“

Hunt nickte. „Deshalb habe ich ihr Bild gemalt. Seit ich sie zum ersten Mal sah, war ich daran interessiert, was aus ihr werden würde. Sie könnte alles werden. Aber wo passe ich da rein?“

„Sie verkehrt in hohen Kreisen. Mir kam der Gedanke, dass Sie ihr begegnen könnten, wenn Sie in Ihre eigene Welt zurückkehren, und in Ihrer Überraschung könnten Sie sie in einer Weise ansprechen, die in ihrer Wirkung einer absichtlichen Entlarvung gleichkäme. Ich wollte Sie warnen und Sie bitten, sie wie eine Fremde zu behandeln.“

„Das ist versprochen. Ich werde sie nicht kennen.“

„Versprechen Sie es erst, wenn Sie den Rest wissen.“

„Was gibt es sonst noch zu wissen?“

„Wer der Dumme ist, den sie versuchen auszunehmen.“ Larry betrachtete den anderen stetig. „Sie kennen ihn. Es ist Dick Sherwood.“

„Dick Sherwood!“, explodierte Hunt. „Sind Sie sicher?“

„Ich war neulich bei Maggie, als Dick zum Abendessen kam; er hat mich nicht gesehen. Außerdem hat Dick mir von ihr erzählt.“

„Wie haben sie Dick überhaupt in die Finger bekommen?“

„Dick ist die einfachste Art von Fisch für zwei so gewiefte Männer wie Barney und Old Jimmie, wenn sie ein cleveres, gut aussehendes Mädchen als Köder haben und wissen, wie sie sie einsetzen müssen. Er ist großzügig, lässt sich leicht beeindrucken, hält sich für einen weltgewandten Mann und ist in Wahrheit sehr leichtgläubig.“

„Haben sie ihn am Haken?“

„Fest und sicher. Es wird nicht ihre Schuld sein, wenn sie ihn nicht an Land ziehen.“

Der Maler betrachtete Larry mit einem harten Blick. Dann fragte er abrupt:

„Haben Sie Miss Sherwood das Bild von Maggie gezeigt, das ich gemalt habe?“

„Nein. Ich hatte meine Gründe.“

„Was haben Sie damit vor?“

„Es behalten und Ihnen Ihren Höchstpreis dafür zahlen, wenn ich das Geld habe.“

„Hm! Miss Sherwood erzählt, was es mit Dick auf sich hat?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich hatte überlegt, es zu tun, dann entschied ich mich dagegen. Aus demselben Grund, den ich Ihnen gerade genannt habe – dass es zur Entlarvung führen könnte und dass eine Entlarvung meine Pläne vereiteln würde.“

„Sie scheinen zu vergessen, dass Ihr Plan Dick in Gefahr lässt. Dick verdient etwas Rücksicht.“

„Und die gewähre ich ihm“, argumentierte Larry. „Ich denke an ihn genauso wie an Maggie. Oder fast genauso. Seine Schwester und seine Freunde haben ihn schon aus einer Menge Schlamassel herausgeholt. Er ist kein Stück klüger oder besser durch diese Art von Hilfe. Und es wird ihm absolut nichts nützen, wenn wieder jemand eingreift und sich um ihn kümmert. Er war ein guter Freund für mich, aber er ist ein lieber Narr. Ich will das so handhaben, dass er einen Stoß bekommt, der ihn aufweckt – ihn dazu bringt, seine Verantwortung ernster zu nehmen – ihn dazu bringt, für sich selbst sorgen zu können.“

„Pah!“, schnaubte Hunt. „Sie haben sich wahrlich ein paar mannshohe Aufgaben ausgesucht: ein erfolgreiches, ehrliches Leben für sich selbst zu führen – der Polizei und Ihren alten Kumpanen einen Schritt voraus zu sein – Maggie dazu zu bringen, die Zehn Gebote zu lieben – mich groß herauszubringen – Dick zu einem besonnenen Bürger zu machen. Noch irgendein kleines Detail, das Sie übernehmen möchten?“

Larry ignorierte den Sarkasmus der Frage. „Einige dieser Dinge werde ich tun“, sagte er zuversichtlich. „Und bei allen, bei denen ich sehe, dass ich scheitern werde, werde ich die Beteiligten warnen. Aber um auf Ihr Versprechen zurückzukommen: Sind Sie bereit, Ihr Versprechen jetzt zu geben, da Sie alle Fakten kennen?“

Hunt zog einen langen Moment an seiner Pfeife. Dann sagte er fast mürrisch:

„Ich nehme an, Sie haben erraten, dass Isabel Sherwood so ziemlich die wichtigste Person auf der Welt für mich ist?“

Das war das Nächste, was Hunt jemals dazu gesagt hatte, dass er Miss Sherwood liebte. Larry nickte.

„Ich habe es mir dort schon verdorben. Angenommen, Sie stolpern und bei Dick geht alles schief. Was wird meine Situation sein, wenn sie erfährt, dass ich die ganze Zeit Bescheid wusste, einfach stillschweigend zugesehen und die Dinge habe geschehen lassen? Sehen Sie, worauf ich mich da einlasse?“

„Ich sehe es“, sagte Larry, und seine Stimmung sank. „Und natürlich kann ich Ihre Entscheidung verstehen, Ihr Versprechen nicht zu geben.“

„Wer hat gesagt, dass ich mein Versprechen nicht geben würde?“, forderte Hunt. „Natürlich gebe ich mein Versprechen! Ich habe nur gesagt, dass der Wetterbericht meines schmerzenden Zehs vorhersagt, dass es deshalb wahrscheinlich ein Gewitter geben wird – und ich möchte, dass Sie Ihr Gehirn benutzen, Sohn, ich möchte, dass Sie Ihr Gehirn benutzen!“

Er richtete seine große, zottelige Gestalt auf und ergriff Larrys Hand. „Du bist in Ordnung, Larry – und ich wünsche dir viel Glück! Und jetzt scher dich zum Teufel hier raus, bevor Gavegan und Casey auf eine Tasse Tee vorbeischauen oder deine alten Freunde mit ihrer Hüftartillerie Zielübungen machen. Ich möchte ein wenig Ruhe, um mein Packen zu beenden.

Und sag mal, Sohn“, fügte er hinzu, als er Larry zur Tür hinausstieß, „fall nicht tot um, wenn du mich das nächste Mal siehst, denn ich werde wahrscheinlich inmitten all der Pracht und Eitelkeit der Fifth Avenue herumlaufen.“

KAPITEL XXI

Larry kam in einer Stimmung hoher Hochstimmung die Treppe von Hunts Atelier hinunter. Durch Hunts Versprechen der Zusammenarbeit hatte er zumindest einen Anfang für seinen noch ungeformten Plan bezüglich Maggie gemacht. Irgendwie würde er den Rest ausarbeiten und durchziehen.

Dann kam Larry Hunts Vorhersage über den Ärger, der durch sein Schweigen entstehen könnte, wieder in den Sinn. Wahrlich, das war eine heikle Situation! – die alle Arten möglicher Katastrophen für ihn selbst wie auch für Hunt enthielt. Er würde äußerst wachsam und vorsichtig sein müssen, sonst würde er sich in schlimmeren Umständen wiederfinden als den gegenwärtigen.

Als er in das kleine Hinterzimmer hinunterkam, saß seine Großmutter über ihren endlosen Abrechnungen, von denen jede einen kleinen Gewinn für sie selbst bedeutete, einige eine kleine Erleichterung für viele, einige eine Tragödie für wenige; und viele waren in Geheimschrift, denn diese repräsentierten Transaktionen von einer Art, die kein Pfandhaus, insbesondere eines, das als Hehler bekannt ist, jemals von diesen mutmaßlichen Wichtigtuern, der Polizei, verstanden wissen will. Als Larry das erste Mal hereingekommen war, hatte sie ihm nur ein unüberraschtes „Guten Abend“ zugeworfen und ihn passieren lassen. Aber nun, als er ihr gute Nacht sagte und sich zum Gehen wandte, sagte sie mit ihrer dünnen, monotonen Stimme:

„Setz dich für eine Minute, Larry. Ich möchte mit dir reden.“

Larry gehorchte. „Ja, Großmutter.“

Aber die Duchess sprach nicht sofort. Sie hielt ihre rotgeränderten, unblinzelnden Augen stetig auf ihn gerichtet. Larry wartete geduldig. Obwohl sie so gefasst und in sich ruhend war, kannte Larry sie gut genug, um zu wissen, dass das, was in ihrem Kopf vorging, von tiefer Bedeutung war, zumindest für sie.

Endlich sprach sie. „Du hast Maggie an dem Abend gesehen, als du von hier weggeeilt bist?“

„Ja, Großmutter. Hast du seitdem von ihr gehört? – oder von Barney oder Old Jimmie?“

Die Duchess schüttelte den Kopf. „Macht es dir etwas aus, mir zu erzählen, was an dem Abend passiert ist – und was Maggie tut?“

Larry erzählte ihr von der Szene in Maggies Suite im Grantham, erzählte von dem Plan, in den Maggie verwickelt war, und von seiner eigenen zusätzlichen Zwangslage. Letzteres ignorierte die Duchess scheinbar.

„Ziemlich genau das, was ich vermutet habe, was sie tun würde“, sagte sie. „Und du hast wieder versucht, sie dazu zu bringen, es aufzugeben?“

„Ja.“

„Und sie hat sich geweigert?“

„Ja.“ Und er fügte hinzu: „Sie hat sich nachdrücklicher als zuvor geweigert.“

Die Duchess studierte ihn einen langen Moment. Dann: „Du versuchst nicht, sie dazu zu bringen, das aufzugeben, nur weil du glaubst, dass es wert ist, sie zu retten. Du magst sie sehr, Larry?“

„Ich liebe sie“, gab Larry zu.

„Das tut mir leid, Larry.“ Nun lag echte Emotion in der alten Stimme. „Ich habe dir gesagt, dass du alles bist, was mir geblieben ist. Und jetzt, wo du endlich den richtigen Weg eingeschlagen hast, möchte ich, dass alles gut mit dir läuft. Alles! Und Maggie wird dir nie helfen, dass die Dinge gut laufen. Deine Liebe zu ihr kann nur Elend und Unglück bedeuten. Du kannst sie nicht ändern.“

Larry brachte die Fragen vor, die er sich in den letzten Tagen so oft gestellt hatte. „Aber warum änderte sich ihre Art so sehr, als sie Barney und die anderen hörte? Warum hat sie mir zur Flucht verholfen?“

„Das war, weil sie dich tief im Inneren wirklich liebt. Das ist das Schlimmste daran: Ihr liebt euch beide.“ Die Duchess nickte langsam mit dem Kopf. „Ihr liebt euch beide. Wenn das nicht wäre, wäre es mir egal, was du versuchst zu tun. Aber ich sage dir noch einmal, du kannst sie nicht ändern. Sie ist sich ihrer selbst zu sicher. Sie wird immer versuchen, dich dazu zu bringen, ihren Weg zu gehen – und wenn du das nicht tust, wirst du niemals ein Lächeln von ihr bekommen. Und weil ihr euch liebt, fürchte ich, wirst du nachgeben und ihren Weg gehen. Das ist es, wovor ich Angst habe. Willst du sie nicht einfach aus deinem Leben streichen, Larry?“

Es war eine ungeheuer lange Rede für die Duchess gewesen. Und Larry erkannte, dass die Emotion dahinter tausendmal stärker war als das, was in der dünnen Stimme der gebeugten, gestiklosen Gestalt zum Ausdruck kam.

„Deinetwegen tut es mir leid, Großmutter. Aber ich kann nicht.“

„Dann ist es nur fair, dir das zu sagen, Larry“, sagte sie in einem gefassteren Ton, der eine Endgültigkeit der Entscheidung ausdrückte, „dass, wenn es jemals etwas gibt, das ich tun kann, um das zu stoppen, ich es tun werde. Denn sie ist schlecht für dich – mit ihrem sturen Geist – und den Ideen, die Old Jimmie ihr eingepflanzt hat – und der Art, wie Old Jimmie sie erzogen hat. Ich werde die Dinge stoppen, wenn ich kann.“

Larry erwiderte nichts. Die Duchess sah ihn noch lange stetig an. Er wusste, dass sie nachdachte; und er fragte sich, was in diesem scharfsinnigen alten Gehirn vorging, als sie bemerkte:

„Übrigens, Larry, ich habe mich gerade an das erinnert, was du mir von dem alten Sing-Sing-Freund erzählt hast – Joe Ellison. Hast du in letzter Zeit von ihm gehört?“

„Er ist draußen und arbeitet dort, wo ich arbeite.“

„Ja? Was macht er?“

„Er arbeitet dort als Gärtner.“

Wieder schwieg sie eine Weile, ihre tief liegenden Augen stetig voller Gedanken. Dann sagte sie:

„Von seinem zwanzigsten bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr kannte ich Joe Ellison gut – besser, als ich dir jemals erzählt habe. Er kannte deine Mutter, als sie ein Mädchen war, Larry. Ich wünschte, du würdest ihn bitten, mich zu besuchen. Sobald er es einrichten kann.“

Larry versprach es. Seine Großmutter sagte nichts mehr über Maggie, und bald darauf wünschte Larry ihr eine gute Nacht und machte sich vorsichtig, stets auf der Hut vor Gefahren, auf den Weg dorthin, wo er seinen Roadster gelassen hatte, und von dort sicher hinaus nach Cedar Crest. Aber die Duchess saß stundenlang genau so, wie er sie zurückgelassen hatte, ihre Abrechnungen unbeachtet, denkend, denkend, nachdenkend über eine völlig unmögliche Möglichkeit, die sich ihr einige Tage zuvor das erste Mal schwach präsentiert hatte. Sie sah nicht, wie die Sache sein konnte; und doch, irgendwie könnte es sein, denn viele seltsame Dinge geschahen in dieser Grenzwelt, in der sie so lange gelebt hatte. Als sie schließlich zu Bett ging, schlief sie wenig; ihre geschäftigen Vermutungen ließen keinen Schlaf zu. Und obwohl sie am nächsten Tag scheinbar wie gewöhnlich in ihrem Laden umherging, dachte sie immer noch nach.

An jenem Abend kam Joe Ellison. Sie begrüßten sich, als hätten sie sich erst gestern das letzte Mal gesehen.

„Guten Abend, Joe.“

„Freut mich dich zu sehen, Duchess.“

Sie reichte ihm eine Schachtel der besten Zigarren, die sie für sein Kommen gekauft hatte, denn sie erinnerte sich an Joe Ellisons einst wählerischen Geschmack bezüglich Tabak. Er zündete sich eine an, und sie verfielen in das leichte Schweigen alter Freunde, wobei sie ihre Freundschaft genau dort wieder aufnahmen, wo sie abgebrochen worden war. Tatsächlich hätte Joe Ellison ihr Schwiegersohn sein können, wäre ihre eigene feste Haltung nicht gewesen. Er hatte ihre Tochter sehr viel besser gekannt, als ihre Worte an Larry am Vorabend angedeutet hatten. Joe kannte sie nicht nur, als sie als Mädchen hier unten war, sondern viel später hatte er erfahren, in welchem Kloster sie zur Schule ging, und dort hatte es heimliche Liebesbezeugungen trotz Klosterregeln und -grenzen gegeben – bis die Duchess erfahren hatte, was vor sich ging. Sie hatte ein direktes, offenes Gespräch mit Joe geführt; die Romanze hatte plötzlich geendet; und später hatte Larrys Mutter woanders geheiratet. Aber die erstickte Romanze hatte keinen Unterschied in der Freundschaft zwischen der Duchess und Joe gemacht; jeder hatte den anderen als anständig erkannt, so wie dieses Wort in ihrer Grenzwelt verstanden wurde.

Für Joe Ellison hatte sich die Duchess seit zwanzig und mehr Jahren kaum verändert. Sie hatte schon damals alt gewirkt; obwohl er als Jugendlicher alte Männer gekannt hatte, die von ihrer Schönheit als junge Frau gesprochen hatten und davon, wie sie unter den leichtsinnigen Geistern jener fernen Zeit Königin gewesen war. Aber für die Duchess war die Veränderung an Joe Ellison erstaunlich. Sie hatte ihn das letzte Mal in seinen mittleren Dreißigern gesehen: schwarzhaarig, gutaussehend, gepflegt in der Kleidung, kraftvoll im Körperbau, dominant, hitzköpfig, furchtlos vor allem Lebendigen, aber mit diesen heißen Eigenschaften, die durch seine Selbstbeherrschung und seine gewohnheitsmäßige Zurückhaltung in eine oberflächliche Erscheinung von unerschütterlicher Gelassenheit gezähmt waren. Und ihn nun dünn, weißhaarig, gebeugt zu sehen, sein altes Feuer scheinbar zu grauer Asche verbrannt – die Duchess, die in ihren Generationen viel gesehen hatte, war fast entsetzt über die Verwandlung.

Zuerst lenkte die Duchess das Gespräch geschickt auf Allgemeinplätze.

„Larry erzählt mir, du bist mit ihm zusammen draußen.“

„Ja“, sagte Joe. „Larry war ein mächtig guter Kumpel.“

„Was wirst du tun, wenn du deine Kraft zurückhast?“

„Dasselbe, was ich jetzt tue – wenn sie mich lassen.“

Und nach einer Pause: „Vielleicht später, wenn ich das nötige Kapital hätte, würde ich gerne eine kleine Gärtnerei gründen. Oder Blumen für den Markt züchten.“

„Gehst also nicht zurück zum alten Ding?“

Joe schüttelte sein weißes Haupt. „Ich bin damit völlig fertig. Blumen sind eine interessantere Sache.“

„Wann immer du bereit bist anzufangen, Joe, kannst du alles Kapital haben, das du willst, von mir. Und es wird dich nichts kosten. Oder wenn du lieber zahlen willst, wird es dich dasselbe kosten wie bei einer Bank – sechs Prozent.“

„Danke. Ich werde daran denken.“ Joe Ellison hätte seine Dankbarkeit nicht stärker zum Ausdruck bringen können.

Die Duchess lenkte das Gespräch nun vorsichtig in die Richtung der Sache, über die sie so ständig nachgedacht hatte.

„Übrigens, Joe, Larry hat mir etwas über dich erzählt, das ich vorher noch nie gehört hatte – dass du verheiratet warst und ein Kind hattest.“

„Ja. Du hast nichts davon gehört, weil ich niemandem davon erzählt habe, als es passierte, und es kam nie heraus.“

„Macht es dir etwas aus, mir davon zu erzählen, Joe?“

Er zog an seiner Perfecto, während er seine Fakten ordnete; und dann hielt er eine der längsten Reden, die Joe Ellison – „Schweigsamer Joe“ hatten ihn einige seiner Freunde früher genannt – jemals gehalten haben soll. Aber es gab einen Grund für die Länge; es war ein Inbegriff der wichtigsten Zeit seines Lebens.

„Ich hatte drei oder vier Jahre lang einen schönen kleinen Landsitz in Jersey. Alles passierte dort. Niemand kannte mich als das, was ich war; sie hielten mich für das, was ich vorgab zu sein, ein kleiner Kapitalist, dessen Geschäfte gelegentliche Reisen erforderten. Nette Nachbarn. Dort habe ich meine Frau kennengelernt. Sie war in jeder Hinsicht wunderbar. Deshalb habe ich diesen Teil meines Lebens vor meinen Kumpanen geheim gehalten; ich hatte Angst, sie könnten ausplaudern, und die Wahrheit würde alles verderben. Meine Frau war eine Waise, Nichte der Witwe eines Maklers, der dort lebte. Sie hat niemals die Wahrheit über mich erfahren. Sie starb, als das Baby geboren wurde. Als das Baby anderthalb Jahre alt war, kam mein großer Zusammenbruch, und ich ging in den Knast. Aber ich wurde nie mit dem Mann in Verbindung gebracht, der in Jersey lebte und plötzlich seinen Pachtvertrag kündigte und wegzog.“

Die Duchess rückte näher zum Kern ihrer Gedanken.

„War das Baby ein Junge oder ein Mädchen, Joe?“

„Mädchen.“

Die Duchess blinzelte nicht einmal. „Wie alt wäre sie mittlerweile?“

„Achtzehn.“

„Wie war ihr Name?“

„Mary – nach ihrer Mutter. Aber natürlich habe ich angeordnet, dass er geändert wird. Ich weiß nicht, wie ihr Name jetzt ist.“

Die Duchess drängte weiter.

„Was wurde aus ihr, Joe?“

Ein Glühen begann in die trüben Augen von Joe Ellison zu kommen. „Ich habe dir gesagt, ihre Mutter war eine wunderbare Frau, und sie hat niemals etwas Schlechtes über mich erfahren. Ich wollte, dass mein Mädchen so aufwächst wie ihre Mutter. Ich wollte, dass sie eine genauso gute Chance hat wie jedes dieser netten Mädchen in Jersey – ich wollte, dass sie niemals von der Sorte erfährt, die ich kenne – ich wollte, dass sie niemals den Makel trägt, zu wissen, dass ihr Vater ein Gauner war – ich wollte, dass sie nicht einmal weiß, wer ihr Vater ist.“

„Wie hast du das angestellt?“

„Ihre Mutter hatte ein kleines Vermögen hinterlassen, etwa fünfundzwanzigtausend – zwölf- oder fünfzehnhundert im Jahr. Ich habe das Geld und das Mädchen meinem besten Kumpel übergeben – und dem anständigsten Kumpel, den ein Mann je hatte – dem einzigen, dem ich von meinem Jersey-Leben erzählen würde. Ich habe ihm gesagt, was er tun soll. Sie war ein schrecklich aufgewecktes kleines Ding; mit anderthalb Jahren, als ich sie das letzte Mal sah, sprach sie schon. Sie sollte unter netten, einfachen Leuten aufwachsen – eine gute Schule besuchen – zu einem netten, einfachen Mädchen heranwachsen. Und vor allem niemals etwas von mir erfahren. Sie sollte glauben, sie sei eine Waise. Und mein Kumpel hat genau das getan, was ich befohlen hatte. Er schrieb mir, wie es ihr erging, bis vor etwa vier Jahren, dann erhielt ich die Nachricht, dass er tot war und dass der Treuhandfonds an eine Anwaltskanzlei übertragen worden war, obwohl mir der Name der Anwälte nicht genannt wurde. Das macht keinen Unterschied, da sie das Geld sowieso bekommt.“

„Wie hieß dein Kumpel, Joe?“

„Jimmie Carlisle.“

Die Duchess war sich sicher gewesen, dass dies der Name sein würde, aber dennoch konnte sie ein Zusammenzucken nicht unterdrücken.

„Was ist los?“, fragte Joe scharf. „Kanntest du ihn?“

„Nicht in jenen Tagen“, sagte die Duchess und fand ihren ruhigen Tonfall wieder. „Obwohl ich ihn später kennenlernte.“ „Übrigens“, fügte sie beiläufig hinzu, „hatte Jimmie Carlisle eigene Kinder?“

„Nicht, bevor ich wegging. Er war nicht einmal verheiratet.“

Nun gab es nicht den geringsten Zweifel mehr im Geist der Duchess. Maggie war tatsächlich Joe Ellisons Tochter.

Joe Ellison fuhr fort, und das Glühen seiner tief liegenden Augen wurde noch verzückter. Er sprach seine Gedanken fast nur vor sich hin, denn seine Freundschaft mit der Duchess war so alt, dass ihre Anwesenheit ihn nicht im Geringsten hemmte. Seine leisen Worte stimmten im Wesentlichen fast mit dem überein, was Larry erzählt hatte – eine Zusammenfassung dessen, was zu seiner einzigen großen Hoffnung und seinem Traum geworden war, dem, was einer Religion am nächsten kam.

„Irgendwo, an einem schönen Ort, wächst mein Mädchen jetzt wie ihre Mutter auf. Rein von allem, was ich war und was ich kannte. Sie muss inzwischen praktisch eine Frau sein. Ich weiß nicht, wo sie ist – es gibt jetzt keinen Weg für mich, das zu erfahren. Und ich will es auch nicht wissen. Und ich will nicht, dass sie jemals etwas über mich erfährt. Ich möchte niemals die Ursache dafür sein, dass sie sich entehrt fühlt oder dass sie aus dem Kreis der Menschen heruntergezogen wird, zu denen sie gehört.“

Die Duchess zeigte kein sichtbares Anzeichen von Bewegung, doch ihre alten Herzenssaiten wurden von dieser angespannten, tiefen Stimme in Schwingung versetzt. Sie hatte einen flüchtigen Impuls, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch in diesem Augenblick war die Duchess ein Wirrwarr aus vielen widersprüchlichen Impulsen, und das Übergewicht ihrer Stärke sprach in diesem Moment dagegen. Also sagte sie nichts.

Ihr Gespräch glitt zurück zu Banalitäten, und bald darauf ging Joe Ellison fort. Die Duchess saß regungslos an ihrem Schreibtisch, wieder nachdenkend – nachdenkend – nachdenkend; und als Joe Ellison wieder in seinem Gärtnerhäuschen in Cedar Crest war und glücklich schlief, saß sie immer noch dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Während ihrer Generationen, in denen sie das Leben von innen betrachtet hatte, hatte sie die Wahrheit über viele seltsame Situationen gesehen, von denen die Welt nur die wildesten Gerüchte oder die respektabelsten Versionen erfahren hatte; doch während der langen Nachtstunden schien ihr dies die seltsamste Situation, die sie je gekannt hatte, vielleicht weil die Angelegenheit sie so sehr berührte. Ein Vater, der mit dem festen Glauben der unumstößlichen Gewissheit glaubte, dass seine Tochter frei von jedem Makel seines eigenen Lebens erzogen worden war, sorgsam aufgezogen unter den Besten der Menschen. In Wirklichkeit war das Mädchen in einer kriminellen Umgebung aufgewachsen, mit kriminellen Ideen, die ihr als normale Ideen eingepflanzt worden waren, und sorgfältig ausgebildet in kriminellen Wegen und Ambitionen. Und weder Vater noch Tochter ahnten etwas von der Wahrheit.

Wahrlich, es war eine seltsame Situation! Eine Situation, die mit allen Arten unvorhersehbarer Ergebnisse geladen war.

Die Duchess verstand nun die unväterliche Gleichgültigkeit, die Old Jimmie für das gewöhnliche Wohlergehen von Maggie gezeigt hatte. Da er nicht ihr Vater war, hatte es ihn nicht gekümmert. Oberflächlich betrachtet muss Jimmie Carlisle zwanzig Jahre zuvor ein weitaus glaubwürdigeres Individuum gewesen sein, um das uneingeschränkte Vertrauen von Joe Ellison zu gewinnen und sein wichtigster Freund zu werden. Sie verstand einen Grund, warum Old Jimmie Maggie immer an den billigsten und niedrigsten Orten untergebracht hatte; seine versteckte Habsucht hatte dadurch über sechzehn Jahre lang etwa tausend Dollar pro Jahr an Treuhandgeldern eingestrichen.

Doch es gab hier ein seltsames Problem, auf das die Duchess zu diesem Zeitpunkt keine Antwort wusste. Wenn Jimmie Carlisle seine Habsucht befriedigen und seinen Freund hintergehen wollte, warum hatte er Maggie nicht gleich zu Beginn in ein Waisenhaus gegeben, wo sie ihm weder zur Last noch zu Kosten gefallen wäre, und somit den Nutzen von jedem Pfennig des Treuhandfonds gehabt? Warum hatte er sich entschieden, sie bei sich zu behalten und sie sorgfältig dazu auszubilden, genau das zu sein, was ihr Vater am wenigsten für sie gewollt hatte? Es musste ein Motiv in dem verstohlenen, gewundenen Geist von Old Jimmie gegeben haben, das nun vielleicht für immer ein Geheimnis bleiben würde.

Natürlich sah sie, oder glaubte sie zu sehen, den Grund für den Bericht über Old Jimmies Tod an Joe Ellison. Dieser Bericht war gesendet worden, um einer Abrechnung zu entgehen.

Während sie durch die Nachtstunden saß, fühlte die Duchess zum ersten Mal, wie Wärme für Maggie in ihr aufstieg. Sie sah Maggie im Licht eines Opfers. Wenn Maggie so erzogen worden wäre, wie ihr Vater es geplant hatte, wäre sie jetzt vielleicht sehr das Mädchen, von dem ihr Vater träumte. Aber Old Jimmie war in das Gefüge der Dinge eingetreten. Ja, die kühne, eigensinnige, selbstbewusste Maggie, darauf bedacht, die Welt auf die Art zu erobern, wie Old Jimmie und später Barney Palmer es sie gelehrt hatten, war in Wirklichkeit nur ein armes, fehlgeleitetes Opfer, das ein weitaus anderes Schicksal hätte haben sollen.

Und nun kam die Duchess zu einem der größten Probleme ihres Lebens. Was sollte sie tun? In Anbetracht der Tatsachen, dass Joe Ellison ein Einsiedlerdasein wünschte und jegliches Gerede über die alten Tage vermeiden wollte, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass er niemals auf den wahren Stand der Dinge stoßen würde. Nur sie und Old Jimmie kannten das Wesentliche der Situation – und sehr wahrscheinlich wusste Jimmie noch nicht, dass der Freund, der ihm einst vertraut hatte, nun ein freier Mann war. Sie fühlte sich, als hielte sie die Fäden des Schicksals in ihren Händen. Sollte sie die Wahrheit sagen?

Sie grübelte lange. Alle ihre Überlegungen wurden nach dem gewichtet, was sie als ihre mögliche Wirkung auf Larry ansah; denn Larry war der eine Mensch, der ihr geblieben war, den sie liebte, und auf ihn waren die Bestrebungen dieser ihrer letzten Jahre gerichtet. Daher waren ihre Gedanken und Argumente kurzsichtig, fast notwendigerweise fadenscheinig. Sie wollte natürlich, dass Gerechtigkeit geschah. Aber am meisten wollte sie das Beste für Larry. Wenn sie die Wahrheit sagte, könnte das zu einer Art vorübergehendem Zusammenbruch in Maggies Haltung führen, der sie und Larry zusammenbringen würde. Das wäre katastrophal. Wenn nicht sofort, dann sicherlich am Ende. Maggie war ein Opfer und verdiente zweifellos Mitleid. Aber andere sollten nicht geopfert werden, nur weil Maggie ein Unrecht erlitten hatte. Sie war zu lange unter der Vormundschaft von Old Jimmie gewesen, und seine Lehren waren nun zu sehr das Fleisch und Blut ihres Wesens, als dass sie sich dauerhaft ändern könnte. Sie könnte sich vorübergehend unter dem Drang einer emotionalen Offenbarung ändern; aber sie würde sicherlich zu ihrem jetzigen Selbst zurückkehren. Daran gab es keinen Zweifel.

Und die Duchess gewichtete andere Überlegungen – alle menschlich, doch alle in gewissem Maße fadenscheinig. Joe Ellison war glücklich in seinem Traum und würde es sein ganzes restliches Leben lang sein. Warum die Wahrheit sagen und seine kostbare Illusion zerstören? – besonders wenn es keine Chance gab, Maggie zu ändern?

Und weiterhin erinnerte sie sich an das schreckliche Temperament, das in der gefassten Haltung von Joe Ellison gelebt hatte. Die Feuer dieses Temperaments konnten noch nicht ganz erloschen sein. Wenn sie die Wahrheit sagte, erzählte, dass Jimmie Carlisle noch am Leben war, könnte das gerade den Abzug einer verheerenden Tragödie betätigen – könnte ein Unglück für alle bedeuten. Was wäre der Nutzen, wenn niemand davon profitiert hätte?

Und so, in der Weisheit ihres alten Kopfes und den Verstrickungen ihres alten Herzens, entschied die Duchess, dass sie niemals etwas sagen würde. Und an dieser liebevollen, menschlichen Entscheidung sollte sie durch die Belastungen der kommenden Zeiten festhalten.

Doch selbst während sie so eine Maßnahme beschloss, um sie beide schachmatt zu setzen, schritt Larry in seinem Zimmer in Cedar Crest auf und ab, und entwickelte endlich aufgeregt den schwer fassbaren Plan, der Maggie zur Vernunft und auch zu ihm bringen sollte; und Maggie, völlig unbewusst dieses neuen Elements, das als potenzieller Faktor in ihr Dasein getreten war, völlig unbewusst, wie weit sie von dem Kurs abgekommen war, der für sie vorgezeichnet worden war, lag wach im Grantham nach einer späten Party, bei der Dick Sherwood ihr Begleiter gewesen war, und triumphierte stolz über die scheinbar nahe Vollendung des Plans, der Larry Brainard zeigen sollte, wie sehr er sich irrte, und der sie als die cleverste Frau ihres Schlages etablieren sollte – besser sogar, als Barney oder Old Jimmie sie glaubten.

Und so strebten getrennte Willen jeweils danach, ihr eigenes Leben und das Leben anderer gemäß ihren eigenen getrennten Plänen zu lenken; wenig bedenkend, wie sehr sie alle in ein gemeinsames Schicksal verstrickt waren; und überhaupt nicht bedenkend an die weitere Saat, die für die Erntezeit des Wirbelsturms ausgesät wurde.

KAPITEL XXII

Nach Larrys vielen Tagen und Nächten des vergeblichen Suchens in seinem Gehirn nach einem Plan, der mit seiner grundlegenden Idee übereinstimmen würde, das ungeahnte andere Selbst von Maggie zu wecken, war der Plan, der ihm schließlich in einem einzigen Moment komplett in all seinen Details einfiel, so einfach und offensichtlich, dass er sich wunderte, dass er die ganze Zeit so klar vor seinen Augen liegen konnte, ohne dass er ihn jemals gesehen hatte. Natürlich war der Plan gefährlich und von zweifelhaftem Ausgang. Das musste er sein, weil er die Reaktionen von temperamentvollen Personen beinhaltete, die sich noch nicht kannten, die keinerlei Vorwissen über die Absicht hinter ihrer neuen Beziehung haben würden; und weil sein Erfolg oder Misserfolg, was auch seinen eigenen vollständigen Misserfolg, den vollständigen Verlust all dessen, was er bis dahin gewonnen hatte, bedeuten konnte, weitgehend von der Wendung der Ereignisse abhing, die er nicht vorhersehen und daher nicht lenken konnte.

Kurz gesagt, sein Plan war es, es so einzurichten, dass Maggie als Gast im Haushalt Sherwood empfangen wurde, dass sie die offene, fraglose Gastfreundschaft (und vielleicht Freundschaft) einer solch liebenswürdigen, hochgestellten, unprätentiösen Frau wie Miss Sherwood erhielt, die so eindeutig eine Einheimische der großen Welt war und keine Einwanderin. Als Freundin von jenen empfangen zu werden, gegen die sie intrigierte, die großzügige, arglose Freundschaft von Miss Sherwood zu haben – wenn irgendetwas in diesem Moment eine Chance hatte, Maggies geblendete Augen für das Böse und den Irrtum dessen zu öffnen, worauf sie sich eingelassen hatte, wenn irgendetwas eine Chance hatte, an die feineren Dinge zu appellieren, von denen er glaubte, dass sie unerkannt oder unterdrückt in Maggie existierten, dann war es das.

Und der beste Teil dieses Plans, seine Wirkung wäre nur in Maggies Selbst. Niemand müsste wissen, dass etwas geschehen war. Es gäbe keine Entlarvung, keine Demütigung.

Natürlich gab es die große Frage, wie man Miss Sherwood dazu bringen sollte, Maggie einzuladen; und ob Miss Sherwood sie überhaupt einladen würde. Und es gab die weitere Frage, ob Maggie die Einladung annehmen würde, falls sie gesendet wurde.

Larry beschloss, sein Vorhaben durch Dick Sherwood zu manipulieren. Spät an jenem Nachmittag, als Dick, gerade aus der Stadt zurückgekehrt, wie es vor dem Abendessen seine Gewohnheit war, in das Büro-Arbeitszimmer schaute, das für Larrys Gebrauch reserviert worden war, fuhr Larry, nach einer geschickten Annäherung an sein Thema, fort:

„Und da ich dir als eine Art Stiefonkel aufgezwungen wurde, gibt es etwas, das ich vorschlagen möchte – falls es nicht so aussieht, als würde ich mich ziemlich gewaltsam in deine Angelegenheiten drängen.“

„Die Tür ist unverschlossen und sperrangelweit offen, Captain“, sagte Dick. „Komm nur herein und nimm den besten Stuhl.“

„Danke. Erinnerst du dich, dass du mir von einer jungen Frau erzählt hast, die du kürzlich getroffen hast? Eine Miss Maggie – Maggie –“

„Miss Cameron“, half Dick nach. „Natürlich erinnere ich mich.“

„Und erinnerst du dich, dass du mir erzählt hast, dass es diesmal etwas Ernstes ist?“

„Und es IST etwas Ernstes!“

„Du hast – entschuldige bitte – sie noch nicht gefragt, ob sie dich heiraten will?“

„Nein. Ich habe versucht, meinen Mut zusammenzunehmen.“

„Hier musst du mich noch einmal entschuldigen, Dick – es ist nicht meine Sache, dir zu sagen, wie deine Beziehungen zu deiner Familie sein sollten – aber hast du es deiner Schwester gesagt?“

„Nein.“ Dick zögerte. „Ich nehme an, das sollte ich. Aber ich hatte noch nicht daran gedacht – bisher. Weißt du –“ Wieder zögerte Dick.

„Ja?“, drängte Larry.

„Da sind ihre Verwandten – dieser Cousin und Onkel. Ich schätze, es muss mein Gedanke an sie gewesen sein, der mich davon abhielt, an das zu denken, was du vorschlägst.“

„Aber du hast mir gesagt, dass sie sich nicht viel eingemischt haben und sich niemals einmischen würden.“ Larry drängte sanft auf seinen Punkt: „Und betrachte es aus Miss Camerons Sicht. Wenn es etwas Ernstes ist und du dich ihr gegenüber so verhältst, hat sie dann nicht gute Gründe, es für seltsam zu halten, dass du sie deiner Familie noch nicht vorgestellt hast?“

„Bei Gott, du hast recht, Captain! Das werde ich sofort in die Wege leiten.“

„Natürlich, Dick“, fuhr Larry fort und tastete sich vorsichtig voran, „du weißt viel besser als ich, wie man solche Dinge anstellt – aber denkst du nicht, es wäre ganz nett, wenn du, wenn du es deiner Schwester sagst, ihr vorschlägst, sie solle Miss Cameron für einen kleinen Besuch hierher einladen? Wenn sie sich schon treffen sollen, weiß ich, dass Miss Cameron, oder jedes Mädchen, es eher als eine Ehre empfinden würde, in deinem eigenen Heim empfangen zu werden, als sich nur in einem großen, banalen Hotel zu treffen.“

„Wieder richtig, Captain! Ich werde es Isabel heute Abend sagen und sie bitten, die Einladung zu schicken – nur bin ich fest gebucht, sofort zurück in die Stadt zu einer kleinen Party zu flitzen, sobald ich einige Dinge zusammenhabe, und ich werde die Nacht im Apartment bleiben. Aber ich werde mich morgen Abend darum kümmern, ganz sicher.“

„Darf ich in der Zwischenzeit nur um einen Gefallen bitten?“

„Einen Gefallen? Ein Dutzend, Captain!“

„Die anderen elf nehme ich später. Im Moment bitte ich nur darum, da du noch nicht um ihre Hand angehalten hast, dass du dich – äh – in keiner Weise weiter festlegst mit Miss Cameron, bis du es deiner Schwester gesagt hast und bis Miss Cameron hier draußen gewesen ist.“

„Oh, jetzt hör aber auf!“, protestierte Dick.

„Ich schlage lediglich vor, dass die Dinge im statu quo bleiben, bis nach dem Besuch von Miss Cameron bei deiner Schwester. Das ist nicht viel von dir verlangt, Dick – und auch nicht für eine sehr lange Zeit.“

„Oh, natürlich werde ich das tun, Captain“, brummte Dick liebevoll. „Du hast mich da, wo ich fast alles tun werde, was du von mir verlangst.“

Doch Dick sprach am folgenden Abend nicht mit seiner Schwester. Am nächsten Morgen erreichte Miss Sherwood die Nachricht von der Krankheit einer Freundin, und sie und ihre Roman-lesende Tante eilten sofort ab zu dem, was sich als eine Woche Abwesenheit herausstellen sollte. Doch diese Verzögerung seines Plans beunruhigte Larry nicht sehr, wie es sonst der Fall gewesen wäre, denn Dick wiederholte sein Versprechen, sich an einer kurzen Leine zu halten, bis er mit seiner Schwester gesprochen hätte. Und Larry glaubte, dass er sich auf Dicks gegebenes Wort verlassen konnte.

Während dieser Woche des Wartens und der notwendigen Untätigkeit konzentrierte sich Larry auf eine andere Phase seines vielschichtigen Plans – sich selbst zu einem geschäftlichen Erfolg zu machen. Wie gesagt, sah er seine Chance dafür in der Abwicklung der Angelegenheiten von Miss Sherwood; und sah sie besonders in einer Idee, die in ihm zu wachsen begonnen hatte, seit ihm durch Aussagen und Briefe der Agenten, die ihm übergeben wurden, das Ausmaß des Sherwood-Grundbesitzes bewusst geworden war und seit er einen Schimmer von deren Zustand bekommen hatte. Seine früheren Streifzüge durch die Stadt hatten in ihm ein Gefühl moderner Sicherheit erzeugt; also begann er nun, fliegende Reisen nach New York in dem schicken Roadster zu machen, den ihm Miss Sherwood zur Verfügung gestellt hatte.

Bei jeder Reise machte Larry schnelle Besuche bei mehreren der Immobilien, bis er schließlich die gesamte Liste abgedeckt hatte, die Miss Sherwood ihm durch die Agenten zur Verfügung gestellt hatte. Seine Untersuchung bestätigte seine Vermutung. Das Eigentum, meist vernachlässigte Apartment- und Mietshäuser, war in fast genauso schlechtem Zustand, egal ob man es vom Standpunkt der Hygiene, des Komforts oder der kalten finanziellen Erträge betrachtete. Die Schuld dafür lag daran, dass die Sherwoods das Eigentum vollständig in die Obhut der Agenten überlassen hatten, und die Agenten, die alt, altmodisch und des Geschäftslebens so müde waren, dass sie fast bereit waren, in den Ruhestand zu gehen, hatten das Eigentum sich selbst überlassen.

Angeregt durch diese schlechten Bedingungen und zu einem gewissen Grad durch die damals kritische Wohnungsnot, mit ihren Berichten über einige Tausende von Familien, die überhaupt keinen Ort zum Bleiben hatten, und einige Tausende von Familien, die gezwungen waren, um des bloßen Schutzes willen zwei- und dreimal so viel zu zahlen, wie sie sich für ein paar ärmliche Zimmer leisten konnten, und mit ihren Berichten über wuchernde Vermieter, begann Larry Notizen für einen Plan zu machen, den er später ausarbeiten wollte – einen Plan, den er vorläufig betitelte: „Vorschläge zur Entwicklung der Immobilienbestände von Sherwood“. Larry, der aus den Stümpfen des Scheckbuchs von Miss Sherwood wusste, was ihr wahrscheinlich gefallen würde, maß dem Service genauso viel Bedeutung bei wie dem Profit. Die Grundlage seines wachsenden Plans waren gute Apartments zu fairen Mieten. Das sah er als den größten öffentlichen Dienst in der gegenwärtigen Krise. Aber die Rendite auf die Investition musste eine angemessene sein. Larry glaubte nicht an Wohltätigkeit, außer in extremen Fällen. Er glaubte, und sein Glaube war aus einer weiten Erfahrung mit vielen Arten von Menschen gewachsen, dass Wohltätigkeit, natürlich in geringerem Ausmaß, genauso definitiv eine Quelle sozialen Übels war wie die damals viel diskutierte Preistreiberei.

In der Zwischenzeit sah er seinen alten Freund, Joe Ellison, jeden Tag; vielleicht rauchte er mit Ellison in seinem Häuschen, nachdem er seine Tagesarbeit unter den Rosen beendet hatte, vielleicht ging er den Hang entlang, der über dem Sound hing, dessen kühles, klares Wasser mit Urlaubsfaulheit an den Kies spritzte. Die beiden Männer sprachen selten, und niemals über die Vergangenheit. Larry war bestens vertraut mit dem tief verwurzelten Wunsch des älteren Mannes, jegliches Gespräch zu vermeiden, das sich auf Taten und Gefährten anderer Tage bezog, und verstand ihn; das war ein Teil seines Lebens und eine Phase der Existenz, die Joe Ellison zu vergessen versuchte, und Larry gab durch sein Schweigen dem Wunsch seines Freundes nach.

An dem Tag nach Joe Ellisons Besuch bei der Duchess hatte Larry eine Notiz von seiner Großmutter erhalten, die natürlich an „Mr. Brandon“ adressiert war. Es bestand keine Gefahr, dass sie Larry schrieb, wenn sie angemessene Vorsichtsmaßnahmen traf: Post, die an Cedar Crest adressiert war, wurde von Post- und Polizeibeamten nicht behelligt; es war nur die Post, die an das Haus der Duchess kam, die die Aufmerksamkeit dieser Herren erhielt.

Die Notiz war eine, die die Duchess, nach jener Nacht des Nachdenkens, die ihr altes Herz so erschüttert hatte, als Notwendigkeit erachtet hatte, wenn ihr Plan, niemals von ihrer Entdeckung von Maggies wahrer Vaterschaft zu erzählen, ein Erfolg werden sollte. Der Hauptteil ihrer Notiz befasste sich mit einer Allgemeinheit, mit der Larry bereits vertraut war: Joes Wunsch, sich von jeglichem Gerede fernzuhalten, das die Taten und die Menschen seiner Vergangenheit betraf. Und dann, in einem nachlässig scheinenden letzten Satz, packte die Duchess den sorgfältig berechneten Inhalt ihrer gesamten Notiz:

„Es mag nicht sehr wichtig sein – aber vermeide es besonders, jemals den bloßen Namen Jimmie Carlisle zu erwähnen. Sie kannten sich früher, und ihre Bekanntschaft ist etwa das Bitterste, an das sich Joe Ellison erinnern muss.“

Natürlich würde er niemals Old Jimmie Carlisle erwähnen, sagte sich Larry, als er die Notiz vernichtete – ohne zu ahnen, dass er bei dieser natürlichen Reaktion auf eine scheinbar natürlichste Bitte ein unbewusster Partner im Plan der warmherzigen, intrigierenden Duchess geworden war.

Es gab ein Detail in Joe Ellisons Verhalten, das Larrys leichte Neugier weckte. Direkt unterhalb eines von Joes Gärten, kaum hundert Meter entfernt, befand sich ein Stück Strand und ein Pavillon, die von den Familien der umliegenden Anwesen gemeinschaftlich genutzt wurden. Die Mädchen und jüngeren Frauen waren gerade von Schulen und Colleges nach Hause gekommen und waren bei Flut immer am Strand. In dieser Zeit sah Larry, wann immer er in Cedar Crest war, Joe, dessen Arbeit anscheinend vergessen war, wie er starr auf die jungen Gestalten hinunterblickte, die in ihren bunten Badeanzügen im Wasser plätscherten oder in ihren schicken Sommerkleidern um den Pavillon herumlungerten.

Dieses Interesse ließ Larry sich wundern, wenn auch sicher nicht sehr ernsthaft. Denn er hatte keine Ahnung, wie tief Joes Interesse war. Er konnte nicht wissen, konnte nicht wissen, dass jene große, starre Gestalt mit ihrer einen absorbierenden Idee an seine Tochter dachte. Er konnte nicht wissen, dass Joe Ellison, emotional gehoben und mit einer hungrigen, entsagungsvollen Zuneigung, die sich zu ihnen allen hin ausstreckte, seine Tochter als genau so ein Mädchen sah wie eines von diesen – einfach, gesund, gut erzogen. Er konnte nicht wissen, dass Joe in gewisser Weise seine Tochter in jeder netten jungen Frau wahrnahm, die er sah.

Die Sonne stand tief, als Miss Sherwood am siebten Tag ihres Besuchs zurückkehrte. Larry befand sich auf der Veranda, als das Auto, das sie brachte, in die weiß geschotterte Kurve der Auffahrt einbog. Es war ein stattlicher, leistungsstarker Roadster. Larry hatte gerade Anstalten gemacht, so behilflich zu sein, wie er nur konnte, als die Gestalt am Steuer – ein Mann – aus dem Wagen sprang und Miss Sherwood beim Aussteigen half. Larry erkannte, dass der Mann Hunt war – ein so anderer Hunt! – und er hatte bereits einen hastigen Rückzug begonnen, als Hunts Stimme ihn zurückrief:

„Du da – warte mal! Ich will ein kleines Pläuschchen mit dir halten.“

Larry hielt inne. Er konnte nicht verhindern, dass er die wenigen Worte aufschnappte, die zwischen Hunt und Miss Sherwood gewechselt wurden.

„Vielen herzlichen Dank“, sagte sie mit ihrer gleichmäßigen Stimme. „Dann kommen Sie also?“

„Ich habe es versprochen, nicht wahr?“

„Dann auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen.“

Sie schüttelten sich freundschaftlich, aber recht förmlich die Hände, und Miss Sherwood wandte sich dem Haus zu. Hunt rief Larry zu:

„Komm her, mein Junge.“

Larry ging zu dem großen Maler hinüber, der neben der wuchtigen Motorhaube seines tief liegenden Wagens stand.

„Bin zufällig dort vorbeigekommen, wo sie war – habe sie nach Hause gebracht –, die Tante folgt in diesem Leichenwagen mit den fünf Fuß dicken Polstern, in dem sie immer fährt“, erklärte Hunt. Und dann: „Nun, ich nehme an, du musst mich mal unter die Lupe nehmen. Beeil dich und bring es hinter dich.“

Larry gehorchte. Hunts wildes Haar war modisch geschnitten, er trug einen eleganten Staubmantel und darunter Flanellhosen vom feinsten Schnitt. Überdies gebärdete er sich, als wären elegante Kleidung und elegante Autos schon immer Teil seiner Ausstattung gewesen.

„Na, junger Mann, schieß los“, befahl er. „Wie sehe ich aus?“

„Wie Salomo in all seiner Pracht. Nein, eher wie der männliche Modeschöpfer der Königin von Saba.“

„Für diese Beleidigung werde ich dich an jedem Telefonmast hochjagen, an dem wir vorbeikommen! Rein in den Wagen, mein Junge, und wir machen eine kleine Weltreise in achtzig Sekunden.“

Larry stieg ein. Sobald sie die Auffahrt verlassen hatten, schoss der Wagen davon, als wolle er sich strikt an Hunts Zeitplan halten. Doch nach einer oder zwei Meilen drosselte Hunt das brüllende Ungeheuer auf ein Konversationstempo.

„Hast du eine der Einladungen zu meiner Ausstellung bekommen?“, fragte er.

„Ja. Vor einigen Tagen. Dieser Händler hat das wirklich großartig aufgezogen.“

„Du musst Graham hypnotisiert haben. Dieser alte Kunst-Pirat gibt dem Motor den vollen Saft – und glaub mir, er erreicht verdammt viel Geschwindigkeit.“ Hunt grinste. „Diese private Vorbesichtigung, die du vorgeschlagen hast, erweist sich als die beste Werbeidee, die Graham jemals in seinem muffigen alten Laden hatte. Wo ich auch hingehe, die Leute reden über das verdammte Ding. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, sowie unverheiratete Personen beiderlei Geschlechts, die Einladungen erhalten haben, kommen – und diejenigen, die keine bekommen haben, versuchen den Verkehrspolizisten an der Forty-Second Street zu bestechen, damit er sie reinlässt.“

Hunt hielt für ein kurzes Kichern inne. „Und ich habe den Spaß meines Lebens mit den Leuten, die immer dachten, ich könne nicht malen, und die jetzt versuchen, sich bei mir einzuschmeicheln, weil sie vermuten, dass ich vielleicht doch malen kann. Was diese Bande völlig verblüfft, ist die Tatsache, dass Graham hat durchsickern lassen, dass ich wahrscheinlich Bündel von Geld mit meiner Malerei verdienen werde. Die Vorstellung, dass jemand mit Malerei Geld verdient – das übersteigt ihren Horizont. Oh, das ist das wahre Leben, Larry!“

Larry wollte ihm gratulieren, wurde aber sofort unterbrochen mit:

„Ich gebe zu, dass ich Maler bin, und das werde ich immer zugeben. Aber diese ganze Sache hier ist allein dein Werk. Wir werden versuchen, das irgendwann wieder gutzumachen. Aber ich habe dich nicht mitgenommen, um verbale Akrobatik über mich selbst zu hören. Ich habe dich gefragt, um zu erfahren, ob du deinen Plan bezüglich Maggie schon ausgearbeitet hast?“

„Ja.“ Und Larry begann, die Einzelheiten seines Entwurfs darzulegen.

„Echte psychologische Arbeit!“, rief Hunt. Und dann: „Sag mal, du bist ein ziemlicher Bühnenregisseur! Oder besser gesagt, ein Dramatiker! Dramatiker, die Ahnung haben, sagen mir, es sei einer ihrer schwierigsten Tricks – alle Hauptfiguren gleichzeitig auf die Bühne zu bringen. Und du hast es so eingefädelt, dass Miss Sherwood, Dick, Maggie, du selbst und der überaus wichtige Ich auftreten – denn vergiss nicht, dass ich hin und wieder bei Cedar Crest vorbeischauen werde.“

„Was mich betrifft“, bemerkte Larry, „werde ich sehr wohl hinter den Kulissen bleiben. Maggie wird mich nie sehen.“

„Nun, hoffen wir, dass du ein guter genug Dramatiker bist, um deine Charaktere so zu lenken, dass sie dir nicht davonlaufen und ein Ende zusammenbrauen, von dem du nie zu träumen gewagt hättest!“

Der Wagen hielt erneut in der Auffahrt und Larry stieg aus.

„Sag mal, Larry“, flüsterte Hunt eifrig, „wer ist dieser große, weißhaarige Mann, der da drüben bei den Rosen arbeitet?“

„Joe Ellison. Das ist der Mann, von dem ich dir erzählt habe, den ich in Sing Sing kennengelernt habe. Erinnerst du dich?“

„Oh, ja! Der Gauner, der sein Baby dazu erzieht, ein anständiger Mensch zu werden. Sag, das ist wirklich ein Charakterkopf! Herrje, ich würde dieses Gesicht liebend gern malen!... Mach’s gut, mein Junge.“

Der Wagen schwenkte in die Auffahrt und brauste davon. Larry ging zur Veranda hinauf. Dick wartete auf ihn und zog ihn aufgeregt in eine Ecke, die von Kletterrosen in einen Winkel für Vertraulichkeiten verwandelt worden war.

„Captain, alter Junge“, sagte er mit leiser, glücklicher Stimme, „ich habe es gerade Sis erzählt. Habe ihr den ganzen Vorschlag unterbreitet, genau wie du es mir gesagt hast. Sie hat es aufgenommen wie ein ganzer Kerl. Deine ganze Idee war hundertprozentig richtig. Sis ist jetzt drin und schreibt die Einladung an Miss Cameron, damit sie übermorgen zu uns kommt.“

Larry hielt sich unwillkürlich am Geländer der Veranda fest. „Ich hoffe, es wird alles zum Besten ausgehen“, sagte er.

„Oh, das wird es – ohne Zweifel!“, rief der jubelnde Dick. „Und, Captain, wenn es so kommt, dann ist das ganz allein dein Verdienst!“

KAPITEL XXIII

Als Miss Sherwoods Einladung Maggie erreichte, waren Barney und Old Jimmie bei ihr. Die beiden hatten viel gegrummelt – wenn auch nicht direkt vor Maggie –, über den scheinbaren Mangel an Fortschritten, die Maggie in der vergangenen Woche gemacht hatte. Barney glaubte fest an das Credo seines Gaunerlebens, dass man zuerst seinen Fisch sicher am Haken haben muss; doch andererseits bestand die Gefahr, wenn man den am Haken hängenden Fisch zu lange im Wasser ließ, dass er sich des Widerhakens entledigte und davon schwamm. Genau das befürchtete Barney in Bezug auf Dick Sherwood. Daher dachte er darüber nach, zu seinem aufgegebenen Plan zurückzukehren, Dick Aktien zu verkaufen. Auf diese Weise könnte er vielleicht an Dicks Geld kommen, wenn auch natürlich nicht so viel und nicht so sicher.

Ein weiterer Punkt, der Barney seit einiger Zeit nicht gefiel, war, dass Larry Brainard noch immer nicht endgültig aus dem Weg geräumt worden war, weder durch die Polizei noch durch jene inoffizielle Truppe, der er Befehle erteilt hatte. Er hatte also allen Grund, sich das Entspannen durch Stirnrunzeln zu erlauben, wenn er nicht gerade öffentlich in Erscheinung trat.

Doch als Maggie nach dem Lesen der Einladung diese zusammen mit einem Zettel von Dick achtlos zu Barney hinüberwarf, ohne ein Wort zu sagen, veränderte sich die Farbe seiner gesamten Welt für diesen Lieblingssohn des Broadway. Die mürrische Trübnis eines gescheiterten Unternehmens verwandelte sich auf magische Weise in ein Nordlicht überlegener Hoffnungen: nein, etwas unendlich Substanzielleres als jedes den Himmel bemalende Leuchten irisierender Farben.

„Maggie, das ist das Wahre! Endlich!“, rief er.

„Was ist es?“, fragte Old Jimmie.

Barney gab ihm den Brief. Jimmie las ihn sich durch und reichte ihn dann zurück, während er langsam den Kopf schüttelte.

„Ich sehe nichts, worüber man sich aufregen könnte“, sagte der ewig zweifelnde, ewig zögerliche Jimmie. „Es ist nur eine Einladung.“

„Ach, zur Hölle!“, stieß der frustrierte Barney angewidert aus. „Wenn man dir eine Staatsanleihe in die Hand drückte, würdest du nur einen Zigarrengutschein sehen! Diese Einladung, zusammen mit diesem Zettel von Dick Sherwood, in dem steht, dass er anrufen und Maggie abholen will, bedeutet, dass der Fisch bereit ist, an Land gezogen zu werden. Versuch mal, wieder zum Leben zu erwachen, Jimmie. Wenn du auch nur das Geringste über die große Gesellschaft wüsstest, wüsstest du, dass man Einladungen zum Kennenlernen der Familie verschickt – das ist die Art, wie diese feinen Leute Dinge erledigen, wenn sie bereit sind, Geschäfte zu machen. Wir sind bereit für den Fang – den großen Schnitt!“

Er wandte sich an Maggie. „Großartig, Maggie. Ich wusste, dass du es schaffen würdest. Natürlich gehst du hin?“

„Natürlich“, antwortete Maggie mit einer Gelassenheit, die ganz ihrem Wesen entsprach.

Ein plötzlicher Zweifel stieg aus diesem Ruhm empor und trübte Barneys meisterlichen Verstand. „Ich weiß nicht“, sagte er langsam. „Es ist eine Sache, einen dieser männlichen feinen Pinkel glauben zu machen, eine Frau sei das Wahre. Und es ist eine ganz andere Sache, das bei einer dieser feinen Damen durchzuziehen. Die haben ein Auge für jedes kleine Detail, und sie kennen den Unterschied zwischen dem echten Artikel und einer Imitation. Ich habe viel über diese Miss Sherwood gehört; man sagt, sie sei eine der klügsten von diesen feinen Leuten. Glaubst du, du kannst in ihr Haus spazieren und sie übertölpeln, Maggie?“

„Natürlich – warum nicht?“, antwortete Maggie, wieder mit jener Gelassenheit, die aus ihrem Stolz genährt wurde, Barney und allen anderen weiszumachen, sie sei jeder Situation gewachsen.

Barneys Lebhaftigkeit kehrte zurück. „Alles klar. Wenn du glaubst, du schaffst das, dann schaffst du das, und der Job ist so gut wie erledigt und wir sind gemachte Leute!“

Als sie mit sich allein war – und mit der imposanten Anständigkeit und großartigen Dummheit von Miss Grierson –, machte Maggie keine Anstalten mehr, den Schein von Zuversicht aufrechtzuerhalten. Ihre gesamten Gedanken kreisten um diese Gelegenheit, die für sie hartnäckig wie eine Bedrohung aussah. Sie versuchte, ihr Selbstvertrauen, auf das sie so stolz war, in einen Zustand konstanter Bereitschaft zu peitschen. Doch die schlichte Tatsache war, dass Maggie, das fehlgeleitete Kind eines gestohlenen Geburtsrechts, deren aufstrebender Geist sich so sehr bemühte, den Traditionen und Konventionen des Zynismus gerecht zu werden, deren junger Ehrgeiz es war, alle möglichen Konkurrenten in dieser Welt, in die sie gestellt worden war, zu überstrahlen und zu übertreffen, die in ihrem Stolz glaubte, so viel vom Leben zu wissen – die schlichte Tatsache war, dass Maggie sich in einem Zustand nahe der Panik befand.

Diese Einladung von Miss Sherwood war eine Prüfung, mit der sie nie gerechnet hatte. Sie hatte die feinen Damen im Hutgeschäft und beim Zigarettenverkauf im Ritzmore beobachtet, als sie ihre Manieren modellierte, und hatte geglaubt, sie sei genauso eine feine Dame wie sie. Doch das war im Abstrakten gewesen. Jetzt stand sie einer Situation gegenüber, die schmerzhaft konkret war – ein echter Test: Sie musste sich in einen engen Kontrast zu einer echten Dame und unter deren genaue Beobachtung begeben, und das im Haus dieser Dame. Und in ihrem ganzen Leben war sie noch kein einziges Mal in einem feinen Haus gewesen! In feinen Hotels, ja – aber feine Hotels waren das allgemeine Zufluchtsort für Metzger, Bäcker, Ladenaufseher, Diebe, feine Pinkel, und jeder erhielt ungefähr die gleiche Aufmerksamkeit; und alles, was sie nun glaubte wirklich gelernt zu haben, waren ein paar Kleinigkeiten wie der Gebrauch von Tafelbesteck und Fingerschalen.

Es kam ihr in den Sinn, dass Barney in seinem Moment des Zweifels vernünftiger gesprochen hatte, als er sich hätte träumen lassen, als er sagte, es sei leichter, einen Mann bezüglich einer Frau zu täuschen, als eine Frau. Wie tragisch wahr das war! Während sie versuchte, in schicken Geschäften zu lernen, eine Dame zu werden, hatte sie gelernt, dass der gelegentliche Mann, der sich in den Laden gewagt hatte, um Frauenkleidung zu kaufen, hoffnungslos unwissend war und alles kaufte, was ihm geschickt untergeschoben wurde, dass es aber unmöglich war, einer Frau, die sich wirklich auskannte, einen minderwertigen, unpassenden oder unmodernen Artikel unterzujubeln.

Und Miss Sherwood war die Art von Frau, die sich wirklich auskannte! Die alles wusste. Könnte sie sich möglicherweise, möglicherweise vor Miss Sherwood als echter Artikel ausgeben?...

Hätte Larry das wirklich reale Elend – denn jeder Zweifel an den eigenen Qualitäten, jede Angst vor der Unfähigkeit, sich in jeder Situation gut zu behaupten, gehören zu den akutesten Qualen einer stolzen Frau – vorhersehen können, das seiner geliebten Maggie durch die wohlmeinende Intrige, an deren verborgenen Fäden er zog, für etwa vierundzwanzig Stunden zugefügt wurde, hätte er vielleicht, aus Liebe zu Maggie, seinen Plan verworfen, noch während er ihn erschuf, und nach einem Mittel gesucht, das weniger Leid verursachte. Doch vielleicht war es ganz gut so, dass Larry es nicht wusste. Vielleicht war es sogar ganz gut, dass er nicht wusste, was seine Großmutter wusste.

Maggies Stolz ließ nicht zu, dass sie dem Risiko auswich; und ihr Instinkt zur Selbsterhaltung diktierte ihr, das Risiko auf ein Minimum zu reduzieren. Also schrieb sie ihre Zusage – Miss Grierson kümmerte sich um die Formulierung ihres Schreibens –, drückte aber ihr Bedauern aus, dass sie nur zur Teezeit kommen könne. Tee zu trinken müsse wohl in etwa das Gleiche sein, überlegte Maggie, egal ob er in einem schicken Hotel oder in einem schicken Landhaus getrunken werde.

Maggies angeborener Scharfsinn legte ihr nahe, ihr einfachstes Sommerkleid zu wählen, da dieses wahrscheinlich die wenigsten Fehler aufwies, und die unschätzbare Dummheit von Miss Grierson half ihr dabei, Korrektheit, wenn auch nicht Originalität, zu erreichen. Als Dick kam, war er von ihrem Aussehen begeistert. Auf dem Weg dorthin war er in seinem Redefluss überschwänglich aufgeregt. Maggie antwortete mit einem einigermaßen vernünftigen Maß, obwohl nur ihre Ohren ihn hörten. Sie war weit aufgeregter als er, und in jedem Moment stieg ihre Aufregung, denn mit jedem Moment raste sie der größten Prüfung ihres Lebens entgegen.

Als sie schließlich durch die Rasenflächen von satinartiger Glätte fuhren und Dick das Auto vor dem langen weißen Haus verlangsamte, das in seiner Schlichtheit prachtvoll war, hatte sich zu Maggies Aufregung eine pochende, eisige Ehrfurcht gesellt. Und dazu kam Bestürzung, als Miss Sherwood ihnen beim Treppensteigen lächelnd entgegenkam und sie willkommen hieß, ohne eine Vorstellung abzuwarten. Maggie murmelte eine Antwort; später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, welche es war. Tatsächlich hatte sie noch nie eine solche Frau getroffen: so vollendet, so graziös, so ungekünstelt, mit einem Funkeln von Humor in ihren braunen Augen; und die reiche Schlichtheit ihres weißen Leinenkleides ließ Maggie bewusst werden, dass ihre eigene vermeintliche Schlichtheit billig und prätentiös wirkte. Hätte Miss Sherwood sie mit Feindseligkeit, Misstrauen oder auch nur kühler Höflichkeit empfangen, wäre die Situation einfacher gewesen; die aufgewühlte Maggie hätte dann ihre eigene große Begabung für Hochmut und Selbstwertgefühl eingesetzt. Doch mit dieser offenen Herzlichkeit empfangen zu werden, auf einer Basis der Gleichheit mit dieser vollendeten Frau – das raubte Maggie für einen Moment die Waffen. Sie hatte in ihren großen Momenten geglaubt, eine Abenteurerin zu sein, deren Gelassenheit und Pläne nichts aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Nun fand sie sich plötzlich als junges Mädchen von achtzehn Jahren wieder, das nicht wusste, was es tun sollte.

Hätte Maggie es nur gewusst, diese plötzliche unbewusste Verwirrung, die sie zu verraten schien, war für ihren Zweck tatsächlich wirkungsvoller, als es die beste bewusste Schauspielerei gewesen wäre. Sie etablierte sie sofort als ein völlig ungekünsteltes Mädchen – einfach, unverdorben, nicht vertraut mit den Formeln und Formalitäten der Welt.

Miss Sherwood, in ihrer leichten Beherrschung der Situation, verbannte Dick mit den Worten: „Lauf eine Weile weg, Dick, und gib uns beiden Frauen eine Chance, uns kennenzulernen.“ Sie hatte Maggies Verlegenheit bemerkt und führte sie in eine Ecke der Veranda, die auf die Gärten und den glitzernden Sound hinabblickte. Sie sprach von den unpersönlichen Schönheiten, die sich vor ihrem Blick ausbreiteten, bis sie urteilte, dass Maggies erstes Flattern nachgelassen hatte; dann wies sie den Weg zu Korbstühlen neben einem Tisch, auf dem offensichtlich Tee serviert werden sollte.

Miss Sherwood akzeptierte Maggie genau für das, was sie zu sein schien; und bald sagte sie mit leiser Stimme, mit ihrer lächelnden, nicht beleidigenden Direktheit:

„Entschuldigen Sie die Freiheit einer älteren Frau, Miss Cameron – aber es wundert mich nicht, dass Dick Sie mag. Sehen Sie, er hat es mir erzählt.“

Wenn Maggie vorher um ihren Einsatz verlegen gewesen war, jetzt hatte sie ihn. Es war Unprätentiösität.

„Aber Miss Sherwood – ich bin so roh“, stammelte sie und spielte ihre Rolle so gut sie konnte. „Im Westen hatte ich nie eine Chance, etwas zu lernen. Nicht so eine Chance wie Ihre Mädchen im Osten.“

„Das macht keinen Unterschied, meine Liebe. Sie sind ein nettes, einfaches Mädchen – das ist es, was zählt!“

„Danke“, sagte Maggie.

„So wenige unserer reichen Mädchen im Osten wissen, was es heißt, einfach zu sein“, fuhr Miss Sherwood fort. „Zu viele sind voller Affektiertheit, Pose und Vorlautheit. Mit zwanzig wissen sie alles, was es zu wissen gibt, sie sind blasé – zynisch – bereit für die Scheidung, bevor sie bereit für die Ehe sind. Im Gegensatz dazu sind Sie so gesund, so erfrischend.“

„Danke“, murmelte Maggie erneut.

Und während die beiden Frauen dort saßen, aus den Extremen des Lebens stammend, aber für den Moment auf der Ebene von Gleichgestellten, und während die Ältere weiterredete, wuchsen in Maggie zwei heftig widersprüchliche Emotionen. Die eine war Triumph. Sie hatte hier gewonnen, genau wie sie gesagt hatte, dass sie gewinnen würde; und gewonnen mit der Person, von der Barney erklärt hatte, sie sei am schwierigsten zu überlisten – eine vollendete Frau von Welt. Wahrlich, das war Triumph!

Die andere Emotion verstand sie nicht so gut. Und in diesem Moment konnte sie sie nicht analysieren. Es war eine unerwartete Bestürzung – eine vage, aber alles durchdringende Übelkeit – ein benommenes Gefühl, dass sie von unbekannten Kräften dorthin getrieben wurde, wo sie nicht wusste, wohin.

Sie hielt an ihrem Gefühl des Triumphs fest. Das war greifbarer und positiver; Triumph war es, was sie zu gewinnen ausgezogen war. Dieses Gefühl des Triumphs war auf seinem Höhepunkt, und sie ruhte in dessen erheiternder Sicherheit, als ein Wagen vor dem Haus hielt und ein großer Mann ausstieg und die Stufen hinaufging. Vom ersten Moment an war ihr seine Haltung irgendwie vertraut, doch erst als Miss Sherwood, die aufgestanden war und ihm entgegenging, ihn als „Mr. Hunt“ begrüßte, erkannte Maggie den gut gekleideten Besucher als den schäbigen, lärmenden Maler, den sie zuletzt bei der Duchess gesehen hatte.

Panik ergriff sie. Miss Sherwood führte ihn dorthin, wo sie saß, und sein erster klarer Blick auf sie würde das Ende bedeuten. Es gab kein Entkommen; sie konnte nur ihr Schicksal erwarten. Und wenn sie als Betrügerin entlarvt wäre und ihr glänzender Sieg dahin wäre, konnte sie sich nur mit so viel Trotz, wie man ihn beim Eingeständnis einer Niederlage annehmen konnte, zurückziehen – und das wäre nicht viel.

Sie starrte Hunt bleich an, der Vernichtung gewärtig. Miss Sherwoods Stimme drang aus unendlicher Ferne zu ihr herüber, als sie sie einander vorstellte. Hunt verbeugte sich mit einem formell höflichen Lächeln und sagte förmlich: „Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Miss Cameron.“

Erst als er und Miss Sherwood saßen und plauderten, erkannte Maggie die ganze Tragweite der erstaunlichen Tatsache, dass er sie nicht erkannt hatte. Das war für sie weitaus aufwühlender, als es eine Wiedererkennung und Entlarvung gewesen wäre; darauf war sie gefasst gewesen, aber nicht auf das, was tatsächlich geschehen war. Sie war sich sicher, dass er sie hätte erkennen müssen; nichts an ihr hatte sich wirklich verändert, außer ihrem Kleid, und nur wenige Wochen waren vergangen, seit er sie täglich bei der Duchess gesehen hatte, seit sie sein Modell gewesen war und er jede Linie und jeden Ausdruck ihres Gesichts mit seinen scharfen Maleraugen studiert hatte.

Und so, während die beiden plauderten und sie eine stolpernde Phrase einwarf, wenn sie sich an sie wandten, saß Maggie Carlisle, Maggie Cameron, Maggie Ellison, jene tapfere und allzu selbstbewusste Abenteurerin, die bis zu diesem Zeitpunkt nie zugegeben hatte, ernsthaft durch ein Problem gestört worden zu sein, schlaff in ihrem Stuhl, ein sehr junges Mädchen tatsächlich, und fragte sich, wie das möglich sein konnte.

KAPITEL XXIV

Nach einer Weile sagte Miss Sherwood etwas über Tee, entschuldigte sich und verschwand im Haus. Maggie sah, dass Hunt Miss Sherwood beobachtete, bis sie sicher im Haus war; dann bemerkte sie, dass er sie stetig ansah; dann sah sie, wie er ein langsames, feierliches Zwinkern ausführte.

Maggie sprang fast aus ihrem Stuhl.

„Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen, Miss Cameron?“, fragte Hunt. „Ich denke, es wird noch eine Weile dauern, bis Miss Sherwood uns zum Tee braucht.“

„Ja – danke“, stammelte Maggie.

Hunt führte sie einen Weg aus weißem Kies hinunter zu einem Kreis von Hiawatha-Rosen, die zu einer anmutigen Moschee geformt waren, die nun zierlich glänzend mit ihrem dichten Überzug aus gelbherzigen roten Blüten war. In diesem Rückzugsort befand sich eine rustikale Bank, und auf diese setzte Hunt sie und nahm neben ihr Platz. Er musterte sie mit den kühlen, direkten, studierenden Augen, die sie an seinen Blick erinnerten, als er sie malte.

„Nun, Maggie“, kommentierte er schließlich, „du spielst deine Rolle, die du dir ausgesucht hast, wahrlich gut, und es scheint, als würdest du damit durchkommen. Ich hatte immer die Idee, dass du etwas Großes bewältigen könntest, wenn du es nur darauf anlegtest. Wie gefällt dir das Leben als feine Gaunerin?“

Sie hatte sein Geplänkel kaum gehört. Sie brauchte ihm keine Fragen über seine Anwesenheit hier zu stellen; seine ungezwungene Haltung hatte ihr von der ersten Sekunde an unbewusst vermittelt, dass ihre frühere, halb verächtliche Einschätzung seiner Person gänzlich falsch gewesen war und dass er sich nun in seinem natürlichen Element befand. Ihre erste Frage zielte direkt auf den Grund ihres Staunens ab.

„Hast du mich nicht erkannt, als du mich zum ersten Mal mit Miss Sherwood gesehen hast?“

„Doch.“

„Warst du nicht überrascht?“

„Nö“, antwortete er mit absichtlicher Einsilbigkeit.

„Warum nicht?“

„Ich war vorgewarnt worden, dass ich dich wahrscheinlich treffen würde – und zwar hier.“

„Hier! Von wem?“

„Auf Anraten meines Anwalts muss ich die Antwort verweigern.“

„Warum hast du Miss Sherwood nicht gesagt, wer ich bin, und mich auffliegen lassen?“

„Weil ich darum gebeten wurde, es nicht zu sagen.“

„Gebeten von wem?“

„Maggie“, zog er in die Länge, „du scheinst ja bei diesem Geschäft mit der feinen Gaunerin gute Fortschritte zu machen – aber ich glaube, du hättest als kriminelle Kreuzverhörerin noch mehr geglänzt. Wie dem auch sei, ich weigere mich, mich weiter verhören zu lassen. Übrigens“, fuhr er gedehnt fort, „wie steht es mit diesen lieben Seelen, Barney und dem alten Jimmie?“

Sie ignorierte seine Frage.

„Bitte! Wer hat dich gebeten, es nicht zu sagen?“

Ein plötzlicher Glanz von gutmütiger Schadenfreude trat in seine Augen. „Stört es dich, wenn ich rauche?“

„Nein.“

Er zog ein silbernes Zigarettenetui heraus und öffnete es. „Leer!“, rief er. „Entschuldige mich bitte kurz, während ich mir aus dem Haus etwas zum Rauchen hole. Ich bin gleich wieder da.“

Ohne ihre Erlaubnis abzuwarten, trat er aus der Laube, und sie hörte seine Schritte auf dem Kiesweg knirschen. Maggie erwartete seine Rückkehr in pulsierender Spannung. Ihre Situation hatte sich zu etwas entwickelt, das alles überstieg, was sie sich je erträumt hatte; sie bebte vor Aufregung darüber, was als Nächstes geschehen könnte. So vertieft war sie in ihr Gefühls- und Gedankenchaos, dass sie nicht einmal die bescheidene Symphonie der hunderte Bienen hörte, die ihre Schätze aus den goldenen Herzen der Rosen zogen; und sie bemerkte auch nicht, zwanzig Meter entfernt am anderen Ende des Weges, die große Gestalt von Joe Ellison inmitten der Rosensträucher, mit einer Heckenschere in der Hand, mit der er die verwelkten Blüten entfernt hatte, wie er sie mit jenem hungrigen, bewundernden, spekulativen Blick betrachtete, mit dem er schon die jungen Frauen am Strand gemustert hatte.

Bald darauf hörte sie Hunts Schritte den Weg heraufkommen. Dann vernahm sie ein zweites Paar. Dick begleitet ihn, dachte sie. Und dann erschien Hunt vor ihr und sagte mit seiner kräftigen Stimme: „Miss Cameron, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Freund, Mr. Brandon, vorzustellen.“ Und dann fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, während er mit der schelmischen Freude eines ausgewachsenen Jungen grinste, der einen Streich spielt: „Dachte, ich sollte die Formalitäten einer Vorstellung erledigen, damit es so aussieht, als hätten Sie sich gerade erst zum ersten Mal getroffen.“ Und damit war er verschwunden.

Maggie war wie durch einen elektrischen Schlag aufgesprungen. Im ersten Moment konnte sie nur starren. Dann brachte sie seinen Namen heraus.

„Larry!“, flüsterte sie. „Du hier?“

„Ja.“

So erstaunt sie auch war, sie hatte sofort das völlige Fehlen von Überraschung bei Larry bemerkt.

„Du bist... du bist nicht überrascht, mich zu sehen?“

„Nein“, sagte er gelassen. „Ich wusste, dass du hier bist. Und schon davor wusste ich, dass du kommen würdest.“

Das war fast zu viel für Maggie. Hunt hatte es gewusst und Larry hatte es gewusst; beides waren Menschen aus ihrem alten Leben, beides die letzten Leute, die sie unter solchen Umständen zu treffen erwartete. Sie konnte ihn nur anstarren – völlig überrumpelt von dieser Begegnung.

Und tatsächlich war es eine seltsam andere Begegnung als das letzte Mal, als sie ihn im Grantham gesehen hatte; seltsam anders als jene früheren Treffen bei der Duchess, als beide noch Maden waren, die sich noch nicht verpuppt hatten. Jetzt, da sie in der Laube standen, wirkten sie wie zwei Wochenendgäste, ganz im Einklang mit dem Ort. Denn, wie Maggie bereits bemerkt hatte, war Larry in seinem gut geschnittenen Flanellanzug ebenso sehr verwandelt wie Hunt.

Es war Larry, der die Stille beendete. „Sollen wir uns setzen?“

Sie sank mechanisch auf die Bank, während sie ihn weiterhin anstarrte.

„Was machst du hier?“, brachte sie hervor.

„Ich gehöre hierher.“

„Hierher gehören?“

„Ich arbeite hier“, erklärte er. „Ich werde ‚Mr. Brandon‘ genannt, aber Miss Sherwood weiß genau, wer ich bin und was ich gewesen bin.“

„Wie lange bist du schon hier?“

„Seit jener Nacht, als Barney und der alte Jimmie dich mitnahmen, um deine neue Karriere zu beginnen – dieselbe Nacht, in der ich vor diesen Gangstern floh, die mich für einen Verräter hielten, und vor Casey und Gavegan.“

„Und die ganze Zeit, während Barney, mein Vater und die Polizei dachten, du würdest dich irgendwo im Westen verstecken, warst du bei den Sherwoods?“

„Ja. Und ich muss versteckt bleiben, bis etwas geschieht, das mich entlastet. Wenn die Polizei oder Barney und seine Freunde erfahren, wo ich bin – du kannst dir denken, was passieren wird.“

Sie nickte.

„Hunt hat mich hierhergebracht“, fuhr er fort zu erklären. „Ich helfe dabei, die geschäftlichen Angelegenheiten der Sherwoods in bessere Ordnung zu bringen. Ich könnte dir genauso gut sagen, Maggie“, fügte er leise hinzu, „dass Dick Sherwood ein sehr guter Freund von mir ist.“

„Dick Sherwood!“, hauchte sie.

„Und ich könnte dir genauso gut sagen“, fuhr er fort, „dass ich seit jener Nacht im Grantham, als ich seine Stimme hörte, wusste, dass Dick der Trottel ist, den du und Barney und der alte Jimmie auszunehmen versucht.“

Sie stand halb auf, und ihre Stimme klang scharf: „Dann hast du mich in einer Falle! Du hast ihnen von mir erzählt?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Nicht so laut, sonst könnten wir Aufmerksamkeit erregen“, warnte er sie. „Ich habe nichts erzählt, weil du die Chance hattest, mich Barney in jener Nacht im Grantham zu verraten. Und du hast mich nicht verraten.“

Sie sank langsam zurück auf die Bank. „Ist das dein einziger Grund?“

„Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Dich zu entlarven würde nur bedeuten, dass du noch härter gegen mich wärst – und härter gegen jeden anderen. Das will ich nicht.“

Sie dachte einen Moment darüber nach. „Dann... wirst du es nicht verraten?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe es nicht vor. Ich möchte, dass du frei entscheiden kannst, was du tun willst – obwohl ich hoffe, dass du dich entscheidest, diese Sache, die du gerade abziehst, nicht durchzuziehen.“

Sie antwortete nicht. Larry hatte bis jetzt beherrscht gesprochen, aber seine nächsten Worte brachen aus ihm hervor.

„Siehst du nicht, in was für eine Lage mich das gebracht hat, Maggie – zu versuchen, gegenüber meinen Freunden, den Sherwoods, ehrlich zu sein und zu versuchen, gegenüber dir ehrlich zu sein?“

Wieder antwortete sie nicht.

„Maggie, du bist zu gut für das, was du da tust – das alles ist ein schrecklicher Fehler!“, rief er leidenschaftlich. Dann besann er sich und sprach gefasster. „Oh, ich weiß, es hat jetzt keinen großen Zweck, mit dir zu reden – während du so über dich denkst – und während du so über mich denkst. Aber du weißt, dass ich dich liebe und dich heiraten will – wenn...“ Er hielt inne.

„Wenn?“, fragte sie fast unwillkürlich.

„Wenn du die Dinge anders siehst – und wenn ich als freier Mann um die Welt reisen kann, nicht als Flüchtling vor Barney und seinen Schlägertypen und der Polizei.“

Wieder schwieg Maggie für einen Moment. Es war, als versuche sie das, was er über seine Liebe zu ihr gesagt hatte, aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen. Wahrlich, das war in der Tat anders als bei ihren früheren Treffen. Zuvor hatte es fast ausnahmslos eine trotzige Haltung, einen Streit, eine Auseinandersetzung gegeben. Jetzt hatte sie kein Verlangen zu streiten.

Schließlich sagte sie mit der Anstrengung, jene beherrschte Person zu sein, die sie sich als Vorbild gesetzt hatte:

„Du scheinst hier deine Chance zu haben, das durchzuziehen, womit du vor mir geprahlt hast. Du erinnerst dich daran, es auf ehrliche Weise zu etwas zu bringen.“

„Ja. Und ich werde es zu etwas bringen – wenn sie mich nur in Ruhe lassen würden.“ Er hielt einen Augenblick inne. „Aber ich mache mir keine Illusionen über die Gegenwart“, fuhr er leise fort. „Ich bin für eine Weile in ruhigem Fahrwasser; ich habe eine Zeit der Sicherheit; und ich nutze diese Chance, um hart zu arbeiten. Aber bald werden die Polizei und Barney und die anderen erfahren, wo ich bin. Dann werde ich diesen ganzen Kampf noch einmal haben – nur dass es beim nächsten Mal härter sein wird.“

Sie war aufgeschreckt und zeigte Interesse. „Glaubst du, dass das wirklich passieren wird?“

„Es ist unvermeidlich. Es gibt kein Entkommen. Wenn schon aus keinem anderen Grund, dann deshalb, weil ich es selbst nicht aushalten werde, auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu sein. Irgendetwas wird passieren, ich weiß nicht was, das mich hinaus in die offene Welt ziehen wird – und dann für mich die Sintflut!“

Er traf diese Vorhersage grimmig. Er war kein Fatalist, aber es war ihm kürzlich klargeworden, dass diese Sache unausweichlich war. Was ihn betraf, wenn diese Zeit kam, würde er den besten Kampf führen, der in ihm steckte.

Er bemerkte den angespannten Ausdruck, der in Maggies Gesicht getreten war, und das veranlasste ihn plötzlich, sich zu ihr zu neigen und zu sagen:

„Maggie, hältst du mich immer noch für einen Spitzel und einen Verräter?“

„Ich...“

Sie brach ab. Sie hatte einen drängenden Impuls, fortzufahren und Larry etwas zu sagen. Eine ganze Menge. Sie war sich nicht bewusst, was diese ganze Menge war. Sie war sich nur des Impulses bewusst. Es herrschte zu großes Aufruhr in ihr, hervorgerufen durch die Anspannung ihres Besuchs bei Miss Sherwood und diese unerwarteten Treffen, als dass irgendein Motiv, ein Impuls oder eine Entscheidung auch nur kurz die Oberhand gewinnen konnte. Und so ließ sie sich während dieser Zeit, in der ihr Gehirn nicht funktionieren wollte, von der Dynamik der Kräfte mitreißen, die zuvor ihre Richtung bestimmt hatten – ihr Stolz, ihr Selbstvertrauen, ihr Ehrgeiz, die Allianz des Glücks zwischen ihr und Barney und dem alten Jimmie.

Sie saßen in diesem Schweigen, als erneut Schritte auf dem Kies zu hören waren und ein Schatten den Boden der Laube verdunkelte.

„Entschuldigung, Larry“, sagte eine Männerstimme.

„Klar. Was gibt es, Joe?“

Vor sich sah Maggie den großen, hageren Mann in Arbeitskleidung, dessen abgenommener breitkrempiger Hut sein weißes Haar enthüllte, den sie ein wenig früher bei der Arbeit zwischen den Blumen bemerkt hatte. Er hielt einen Strauß der erlesensten Exemplare aus den üppigen Rosengärten, deren Stiele als vorübergehender Schutz gegen ihre Dornen mit Ahornblättern umwickelt waren. Er starrte Maggie mit respektvoller, hungriger Bewunderung in seinen trüben Augen an.

„Ich dachte, vielleicht würde sich die junge Dame darüber freuen.“ Er hielt ihr die Rosen hin. Und dann schnell, um eine Ablehnung zuvorzukommen: „Ich habe mehr abgeschnitten, als wir für das Haus verwenden können. Und ich möchte, dass Sie sie haben.“

„Danke“, und Maggie nahm die Blumen entgegen.

Für einen Augenblick hielten sich ihre Blicke. In jeder äußeren Umständlichkeit war das Ereignis alltäglich – dieses Treffen von Vater und Tochter, ohne dass sie voneinander wussten. Es war für Maggie kaum mehr als eine Alltäglichkeit: nur ein großer, weißhaariger Gärtner, der ihr respektvoll Rosen anbot. Und für Joe Ellison war es kaum mehr: nur ein Tribut, hervorgerufen durch sein hungriges Interesse an jedem ansehnlichen Mädchen im ungefähren Alter seiner Tochter.

Am Ende des Augenblicks hatte sich Joe Ellison verneigt und war zurück zu seinen Blumenbeeten gegangen. „Wer ist dieser Mann?“, fragte Maggie und sah ihm nach. „Ich habe noch nie solche Augen gesehen.“

„Wir waren früher Kumpel in Sing Sing“, antwortete Larry. Er fuhr fort, kurz einige Details aus Joe Ellisons Geschichte zu erzählen, ohne auch nur zu ahnen, wie er und Maggie in diese Geschichte verstrickt waren, noch wie sie in deren Entwirrung verwickelt werden sollten. Vielleicht waren sie in dieser Unwissenheit glücklich. Innerhalb der Grenzen dessen, was sie wussten, hielt das Leben bereits genug Probleme und Komplikationen bereit.

Larry hatte gerade seine zusammengefasste Lebensgeschichte beendet, als Dick Sherwood erschien und sie zum Tee auf die Veranda beorderte. Es waren nur sie fünf: Miss Sherwood, Maggie, Hunt, Dick und Larry. Miss Sherwood war so zuvorkommend wie zuvor, und sie hielt Maggies angespannte Art und gelegentliche Verwirrung anscheinend für einen weiteren Beweis ihrer Echtheit. Dick strahlte bei dem Eindruck, den sie auf seine Schwester machte.

Was Maggie betraf, so durchlebte sie den Höhepunkt der Anspannung jenes Nachmittags. Und sie wagte es nicht, ihn zu zeigen. Sie zwang sich zu ihrer besten schauspielerischen Leistung und nippte mit ruhiger Hand an ihrem Tee. Und was ihre Situation noch schwieriger machte, war, dass zwei der Anwesenden, Larry und Hunt, sie mit der bezaubernden Ehrerbietung behandelten, die sie einer charmanten Fremden entgegenbringen würden, obwohl ein Wort von jedem von ihnen das zerbrechliche Gebäude ihrer Täuschung hätte zerstören können.

Endlich war es vorbei, und alles war bereit, damit sie mit Dick in die Stadt zurückfahren konnte. Als Miss Sherwood sie küsste und sie herzlich bat, bald wiederzukommen, schien der letzte Rest ihrer Beherrschung von ihr abzugleiten – aber sie hielt durch. Von Larry und Hunt gelang es ihr, sich in der Art ihrer neuen Bekanntschaft zu verabschieden.

„Ist sie nicht einfach herrlich!“, rief Miss Sherwood aus, als Dick in das Auto gestiegen war und die beiden losgefahren waren.

Larry tat so, als hätte er es nicht gehört. Er fühlte sich dieser Frau gegenüber, die ihm freundschaftlich begegnet war, gefährlich schuldig. Im nächsten Augenblick hatte er Miss Sherwood vergessen, und seine pulsierenden Gedanken galten nur noch Maggie in dem davonrasenden Auto. Sie war von der Erfahrung dieses Nachmittags tief erschüttert worden, das wusste er. Aber was würde die tatsächliche Wirkung seines sorgfältig durchdachten Plans auf sie sein? Würde es so sein, dass sie und Dick gerettet würden? – und er sie schließlich für sich selbst gewinnen würde?

In Anwesenheit von Miss Sherwood versuchte Larry sich so zu verhalten, als wäre nichts weiter geschehen als die angenehme Unterbrechung eines informellen Tees: Aber unter dieser Ruhe warteten all seine Sinne gewissermaßen atemlos auf Neuigkeiten darüber, was in Maggie vorgegangen war und was ihr zustoßen könnte.

KAPITEL XXV

Als Maggie in dem niedrigen Sitz des Roadsters neben dem glücklichen Dick von Cedar Crest davonraste, fühlte sie sich mehr als Kriminelle denn je in ihrem Leben, und als eine Kriminelle, die auf wundersame Weise aus einer ausweglosen Situation entkam.

Über ihre Erleichterung über diese Flucht hinaus wusste sie in diesen ersten Minuten nicht, was sie denken oder fühlen sollte. Zu viel war geschehen, und das Geschehene war alles so anders ausgegangen, als sie es erwartet hatte, als dass sie dieses Chaos der Reaktionen in sich selbst ordnen und die Bedeutung jenes Nachmittagsbesuchs lesen konnte. Es gelang ihr mit großer Anstrengung, die äußeren Extremitäten ihrer Sinne unter Kontrolle zu halten und so mit dem richtigen „Ja“ oder „Nein“ oder „Wirklich“ zu antworten, wenn eine Reaktion von ihr durch Dicks glückliches Geplauder erforderlich war.

In der Nähe von Roslyn bogen sie von der Hauptstraße auf eine wenig befahrene, schattige Straße ab. Dick lenkte unter einen Robinienbaum an den Rand und stellte den Motor ab.

„Warum hältst du an?“, fragte sie in plötzlichem Alarm.

„Damit wir reden können, ohne dass uns eine unverschämte Maschine mit ihrem Lärm unterbricht“, antwortete Dick mit gespielter Leichtigkeit. Und dann mit einer Stimme, die er nicht leicht klingen lassen konnte: „Ich möchte mit dir über... über meine Schwester reden. Ist sie nicht herrlich?“

„Das ist sie!“ Es gab kein Schwanken ihrer Gedanken, als Maggie dies mit Nachdruck sagte.

„Ich bin mächtig froh, dass du sie magst. Sie mochte dich auf jeden Fall. Sie ist meine ganze Familie, und da ihr zwei euch so gut miteinander versteht, hoffe ich... ich hoffe, Maggie...“

Und dann stürzte sich Dick hinein, stotternd, aber ernst. Er erzählte ihr, wie sehr er sie liebte, in alten Phrasen, die sein jungenhafter Eifer vibrierend neu machte. Er liebte sie! Und wenn sie ihn heiraten würde, würde ihr Einfluss ihn dazu bringen, den Halt zu finden, zu dem ihn all seine Freunde gedrängt hatten. Sie würde aus ihm einen Mann machen! Und sie könne sehen, wie sehr es seine Schwester freuen würde. Und er würde sein Bestes tun, um Maggie glücklich zu machen – sein allerbestes!

Die junge Super-Abenteurerin – sie selbst hatte das Wort „Abenteurerin“ geistig benutzt, als sie über sich nachdachte, da es vornehmer und geistig aristokratischer war als die gröberen Wörter, mit denen Barney und der alte Jimmie und ihresgleichen eine weibliche Komplizin bezeichneten – diese junge Super-Abenteurerin, die all das so geschickt eingefädelt und mit dem Besten ihres Verstandes und ihres bewussten Charmes darauf hingearbeitet hatte, wurde von neuer Panik ergriffen, als sie dem eifrigen Strom seiner flehenden Worte lauschte, als sie in die bebende Ernsthaftigkeit seines offenen, blauäugigen Gesichts blickte. Sie wünschte, sie könnte aus der Maschine aussteigen und davonlaufen oder durch die Bodenbretter des Autos versinken. Denn sie mochte Dick wirklich.

„Ich bin... ich bin nicht so gut, wie du denkst“, flüsterte sie. Und dann trieb sie eine unerwartete Kraft in ihr dazu, zu sagen: „Dick, wenn du die Wahrheit wüsstest...“

Er ergriff ihre Schultern. „Ich kenne die ganze Wahrheit über dich, die ich wissen will! Du bist wundervoll, und ich liebe dich! Willst du mich heiraten? Antworte darauf. Das ist alles, was ich wissen will!“

Er hatte das Geständnis gestoppt, das impulsiv zu ihren Lippen gedrungen war. Still, mit aufgerissenen Augen, den Atem stoßweise, saß sie da und starrte ihn an... Und dann blitzte aus dem Teil ihres Gehirns, in dem ihre Ziele gespeichert waren, sowie die Dynamik ihres Stolzes und ihrer Entschlossenheit, die Erkenntnis auf, dass sie gewonnen hatte! Die Sache, die Barney und der alte Jimmie vorbereitet hatten und auf die sie so geschickt hingearbeitet hatte, war endlich erreicht! Sie musste nur „Ja“ sagen, und einer dieser beiden Pläne, die Barney skizziert hatte, konnte sofort in die Tat umgesetzt werden – und es konnte keinen Zweifel am schnellen Erfolg von beiden geben. Dicks eifriges, vertrauensvolles Gesicht war die Garantie dafür, dass von ihm kein Widerstand kommen würde.

Sie fühlte, dass sie auf seltsame Weise in eine Falle geraten war. Ja, was sie angestrebt hatten, hatten sie erreicht! Und doch, in diesem Moment des Gewinnens, als Elemente ihres riesigen Schwindels, fühlte Maggie sich krank und beschämt – fühlte ein rasendes Verlangen, von der ganzen Angelegenheit wegzulaufen. Denn Maggie, zynisch, allzu selbstbewusst und achtzehn, erwies sich in Wahrheit als eine sehr schlechte Abenteurerin.

„Bitte, Maggie“ – seine flehende Stimme unterbrach sie – „willst du mir nicht antworten? Du magst mich doch, oder nicht? – du wirst mich heiraten, oder nicht?“

„Ich mag dich, Dick“, brachte sie hervor – und es war ein kleiner Trost für sie, dass sie so viel der Wahrheit sagte – „aber... aber ich kann dich nicht heiraten.“

„Maggie!“ Es war ein Schrei überraschten Schmerzes, und der Schmerz in seiner Stimme stach ihr akut in die Brust. „Nach der Art, wie du dich mir gegenüber verhalten hast... dachte ich... hoffte ich...“ Er hielt die Anschuldigung, die auf seine Lippen gestiegen war, scharf zurück. „Ich werde diese Antwort nicht als endgültig hinnehmen, Maggie“, sagte er hartnäckig. „Ich werde dir mehr Zeit geben, darüber nachzudenken – mehr Zeit für mich, es zu versuchen. Dann werde ich dich wieder fragen.“

Was Maggies Antwort veranlasste, war eine Mischung aus Impulsen: der Wunsch, und diese gebotene Gelegenheit, zu entkommen; und ein schwaches Wiederaufleben der Dynamik ihres Ziels. Denn bei jemandem wie Maggie mögen die gesetzten Ziele scheinbar überwältigt werden, aber das Sterben fällt schwer.

„Alles klar“, hauchte sie schnell. „Nur bitte bring mich so schnell wie möglich zurück. Ich werde mit meinem... meinem Cousin zu Abend essen, und ich werde sehr spät dran sein.“

Dick fuhr sie in fast vollkommenem Schweigen in die Stadt und ließ sie vor den großen Türen des Grantham zurück, wo es von einem Dutzend Lakaien in purpurner Livree wimmelte. Sie stand einen Moment da und sah ihm nach, wie er davonfuhr. Er war wirklich ein netter Junge – Dick.

Als sie mit dem Aufzug nach oben schoss, dachte sie an ein bisher vergessenes Element der verwirrenden Situation jenes Nachmittags. Barney Palmer! Und Barney war, wie sie wusste, jetzt oben in ihrem Wohnzimmer und wartete ungeduldig auf ihren Bericht über das, was er mit gutem Grund als eine erfolgreiche Erfahrung betrachtete. Wenn sie die Wahrheit sagte – dass Dick ihr einen Antrag gemacht hatte, genau wie sie es geplant hatten – und sie ihn abgelehnt hatte – nun, Barney...!

Sie schien von allen Seiten gefangen zu sein!

Maggie gelangte über ihr Schlafzimmer in ihre Suite. Sie wollte Zeit haben, ihre Sinne zu sammeln, um Barney zu treffen. Als Miss Grierson ihr sagte, dass ihr Cousin immer noch darauf warte, sie zum Abendessen abzuholen, bat sie ihre Begleiterin, Barney mitzuteilen, dass sie kommen würde, sobald sie sich umgezogen habe. Sie verschwendete so viel Zeit, wie sie rechtmäßig konnte, um sich in ein Abendkleid zu werfen, und als sie schließlich ihr Wohnzimmer betrat, war sie in Barneys Augen die gleiche kühle Maggie wie immer.

Barney stand auf, als sie eintrat. Er trug ein elegantes Abendjackett; heutzutage trug Barney das Eleganteste von allem, was Geld beschaffen konnte. Ein Schatten von Ungeduld lag auf seinem Gesicht, aber er wurde sofort durch Maggies gefasste, direkt blickende Schönheit vertrieben.

„Wie ist es mit Miss Sherwood ausgegangen?“, flüsterte er eifrig.

„Gut genug, dass sie mich zum Abschied geküsst und mich angefleht hat, wiederzukommen.“

„Ich muss es dir lassen, Maggie! Du bist wirklich eine erstklassige Schauspielerin – du hast wirklich Klasse!“ Seine dunklen Augen leuchteten bei ihrem Anblick mit einem halben Dutzend verschiedener Freuden: Bewunderung für das, was sie in sich selbst war – Bewunderung für das, was sie gerade erreicht hatte – Vorfreude auf Ergebnisse, viele Ergebnisse – Vorfreude darauf, was sie später einmal in persönlicher Hinsicht für ihn bedeuten würde. „Wenn du es bei einer feinen Dame wie Miss Sherwood so weit bringen kannst, dann schaffst du das bei jedem!“, triumphierte er. „Sobald wir dieses Ding hier erledigt haben, machen wir mit einer großen Sache nach der anderen weiter!“

Und dann kam die Frage, auf die Maggie sich innerlich schon vorbereitet hatte: „Was ist mit Dick Sherwood? Hat er sich endlich zu diesem Heiratsantrag durchgerungen?“

„Nein“, antwortete Maggie gefasst.

„Nein? Warum nicht?“, rief Barney scharf. „Ich dachte, das sei alles, was ihn noch zurückhielt – dass er darauf wartete, dass seine Schwester dich unter die Lupe nimmt und ihr Okay gibt?“

Maggie hatte beschlossen, dass ihre Aura kühler, gleichgültiger Gewissheit die beste Haltung war, die sie in dieser Situation gegenüber Barney einnehmen konnte. Also zuckte sie mit ihren weißen Schultern.

„Woher soll ich wissen, was einen Mann dazu bringt, etwas zu tun, und was ihn davon abhält?“

„Aber schien er weniger an dir interessiert zu sein als vorher?“, hakte Barney nach.

„Nein“, erwiderte Maggie.

„Dann wartet er vielleicht nur darauf, seinen Mut zusammenzunehmen. Er wird dich schon fragen, ganz sicher; da gibt es nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten. Komm, lass uns zu Abend essen. Ich verhungere.“

Auf der Dachterrasse des Grantham wurden sie vorzüglich bedient; denn Barney verstand es, ein Abendessen zu bestellen, und er beherrschte die Kunst – eine alchemistische Mischung aus geschmeidiger Diplomatie und der unausgesprochenen Macht und Entschlossenheit eines Mörders –, mit Oberkellnern und deren Untergebenen umzugehen. Da er sonst nichts weiter zu tun hatte, widmete sich Barney dem Geschäft, das wie ein roter Faden durch all seine Unternehmungen verlief: Maggie den Hof zu machen. Und wenn Barney ein Höfling sein wollte, gab es nur wenige in seinem Stand, die diese Rolle oberflächlich betrachtet besser spielen konnten; und in diesem speziellen Fall hatte er den Vorteil, es ernst zu meinen. Er drängte Maggie die teuersten Häppchen auf, die auf der Speisekarte angepriesen wurden; galant und sehr graziös legte er ihr das grüne, spinnwebartige Tuch, das Maggie als Schutz gegen die Witterung mit aufs Dach gebracht hatte, um die Schultern und nahm es ihr wieder ab, wann immer es die Umstände erforderten; und als er mit ihr die Tanzfläche betrat, wirbelte er sie herum, hüpfte auf und ab und vollführte Schritte mit all dem Geschick eines Meisters der modernen Tanzperversion. Barney war tatsächlich gut genug, um ein Profitänzer zu sein, hätte sein Verlangen ihn nicht zu dem geführt, was ihm als eine aufregendere und profitablere Karriere erschien.

Maggie, die Barneys Argwohn nicht erregen wollte, spielte ihre Rolle ebenso gut wie er seine. Und die meisten anderen Gäste, ein kleiner Teil der wechselnden zwei- oder dreihunderttausend Menschen aus dem Süden und Westen, die New York als den besten aller Sommerurlaubsorte gewählt hatten, starrten auf dieses attraktive Paar mit seinen komplizierten Schritten, die mit solch müheloser und beneidenswerter Genauigkeit im Takt waren, und glaubten aufgeregt, zwei vornehme Exemplare dessen zu sehen, was ihre Heimatzeitungen beharrlich als New Yorks „Four Hundred“ bezeichneten.

Maggie kam mit dem Gefühl in ihr Zimmer zurück, dass sie Barney und ihre zahlreichen anderen Dilemmata für den Moment abgewehrt hatte. Ihr wichtigster Gedanke bei den vielen Ereignissen des Tages war nur gewesen, ihren Gefahren und Schwierigkeiten für den Augenblick zu entkommen; die ganze Zeit über hatte sie gewusst, dass ihr eigentliches Nachdenken, ihre wirklichen Entscheidungen für einen späteren Zeitpunkt bestimmt waren, an dem sie nicht so sehr vom Druck unerwarteter Umstände getrieben wurde. Diese weniger stressige Zeit begann jetzt.

Was sollte sie als Nächstes tun? Was sollten ihre endgültigen Entscheidungen sein? Und was würde in all diesem seltsamen Gären wahrscheinlich als mögliche Kraft gegen sie erwachsen?

Sie wälzte diese Dinge mehrere Tage lang hin und her, während derer Dick sie zweimal besuchte, ihr zweimal einen Antrag machte und zweimal vertröstet wurde. Sie hatte jetzt Ruhe und war die meiste Zeit allein, aber jene Klarheit, die sie erwartet hatte, jene Schnelligkeit und Sicherheit des Zwecks, von der sie immer geglaubt hatte, dass sie ihr unfehlbar eigen sei, wollte sich nicht einstellen.

Sie versuchte, es anders zu gestalten, aber die herausragende Gestalt in ihren Meditationen war Larry. Larry, der sie bei den Sherwoods nicht entlarvt hatte und dessen Einfluss dazu geführt hatte, dass auch Hunt sie nicht entlarvte – Larry, der ohne Täuschung auf vertrautem Fuß bei den Sherwoods stand, wo sie selbst nur durch List empfangen worden war – Larry, ein Flüchtling in Gefahr vor so vielen Feinden, vielleicht doch unverdienten Feinden – Larry, der so aussah, als würde er seinen Prahlereien, durch Ehrlichkeit Erfolg zu erzielen, Taten folgen lassen – Larry, der ihr wieder gesagt hatte, dass er sie liebte. Sie mochte Dick Sherwood – wirklich. Aber Larry – das war etwas anderes.

Und so dachte sie weiter nach, hin- und hergerissen und unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Doch bei den meisten Menschen, die sich in einem Zustand akuter geistiger Verwirrung befinden, wird das, was in der Vergangenheit am deutlichsten war – Instinkt, Denkgewohnheit, Absicht, Tradition – zumindest vorübergehend zum beherrschenden Faktor, einfach durch den Umstand, dass es zuvor machtvoll existiert hat, durch seine relative Stabilität, durch seine Halb-Beständigkeit. Und so war es auch bei Maggie. Sie war an jenem einen Nachmittag fast durch das Wirken von Larrys geheimer Diplomatie gegen sich selbst eingenommen worden. Dann war die natürliche Reaktion gekommen. Und nun, in ihrer Verwirrung, war ihr instinktiver Entschluss, sofern sie überhaupt einen hatte, einfach in der Richtung weiterzugehen, in der sie bisher gegangen war.

Doch am sechsten Tag ihrer Ungewissheit, kurz nachdem Dick sie besucht hatte und sie vorläufig eine Einladung nach Cedar Crest für den folgenden Nachmittag angenommen hatte, brach eine Gefahr, die sie von Anfang an halb gesehen hatte, ohne jede Warnung über sie herein. Sie trat kurz vor ihrer Essenszeit in Form von Barney und Old Jimmie in ihr Wohnzimmer. Die Gesichter beider waren finster.

„Werde diesen hohlen Anstandswauwau von dir los!“, knurrte Barney. „Wir müssen uns mal richtig unterhalten!“

Maggie trat an die Verbindungstür, schickte Miss Grierson mit einer belanglosen Besorgung weg und kehrte zurück.

„Du siehst so freundlich aus, als würdest du für ein neues Foto posieren, Barney. Was verleiht dir diesen süßen Ausdruck?“

„Du lässt dein Comic-Beilagen-Gequatsche gefälligst sofort sein“, warnte er sie. „Wir haben beide den jungen Sherwood vorhin gesehen, als er das Grantham verließ, und er hat uns alles erzählt!“

Das Geplänkel versagte bei Maggie tatsächlich. „Alles?“, rief sie. „Was ist alles?“

„Er hat uns erzählt, dass er dir vor fast einer Woche einen Antrag gemacht hat und dass du ihn abgewiesen hast. Und du hast uns belogen – hast uns herumhocken und unsere Zeit verschwenden lassen – und die ganze Zeit hast du uns hintergangen!“

Jene Besucher aus dem Süden und Westen, besonders die Frauen, die Barney ein paar Nächte zuvor auf dem Dach für den perfekten Höfling gehalten hatten, hätten ihn nicht so geschätzt, wenn sie ihn in diesem Augenblick gesehen hätten. Er packte Maggie an den Handgelenken, und das ganze Böse seines gewalttätigen Wesens funkelte aus seinen kleinen, hellen Augen.

„Verdammt noch mal!“, schrie er. „Jimmie, sie gehört dir, und ein Vater hat das Recht, mit seiner eigenen Tochter zu tun, was er will. Verpass es ihr ordentlich, wenn sie nicht mit der Wahrheit herausrückt!“

Jimmie trat näher an sie heran und entblößte seine gelben Zähne. „Ich habe dir seit deinem fünfzehnten Lebensjahr keine Tracht Prügel mehr verpasst – aber ich schlage dir direkt in die Fresse, wenn du nicht die Wahrheit sagst!“

„Du hörst das!“, knurrte Barney sie an. Er glaubte, dass sein Zorn gerechtfertigt war – wie er es in gewisser Weise auch war. „Denk mal daran, was Jimmie und ich da reingesteckt haben, an Zeit und harter Münze! Wir haben dir deine Chance gegeben, wir haben dich erst zu dem gemacht, was du bist! Und dann, nach all der harten Arbeit und dem Warten und dem vielen Geld, das wir ausgegeben haben, und alles läuft genau so ab, wie wir es uns ausgerechnet haben, da wirfst du uns über Bord – nicht nur dich selbst, sondern auch uns und unsere Rechte! Jetzt sprich Klartext! Sag uns, warum hast du Sherwood abgewiesen, als er dir einen Antrag machte? Und warum hast du mir diese Lüge erzählt, er hätte keinen Antrag gemacht?“

Maggie erkannte, dass sie sich in einer verzweifelten Lage befand, mit diesen beiden entflammten Blicken auf sich gerichtet. Noch nie hatte sie so wenig von einer Tochter-Zuneigung für Old Jimmie empfunden wie in diesem Moment, als sie in sein schmales, hartes, gelb-bezähntes Gesicht sah. Und sie machte sich keine Illusionen über Barney. Er mochte sie lieben, wie sie wusste, dass er es tat; aber das würde ihn nicht in seiner Rücksichtslosigkeit bremsen, wenn er sich hintergangen oder verraten glaubte.

Genau in diesem Moment begann ihr Telefon zu klingeln. Sie wollte darauf zugehen, doch Barneys Griff hielt sie jäh zurück.

„Du wirst mir antworten – nicht irgendeinem verdammten Telefon! Lass es klingeln!“

Die Glocke schrillte ein oder zwei Minuten lang, bevor ihr schrilles Getöse verstummte. Das Klingeln war für Maggie in gewisser Weise ein kurzes Aufatmen, denn es gab ihr zusätzliche Zeit, darüber nachzudenken, was sie tun sollte. Sie erkannte, dass sie Barney in diesem Augenblick nicht glauben lassen durfte, dass sie sich gegen ihn gewandt hatte. Wieder verfiel sie in ihr kühles, selbstbewusstes Auftreten.

„Ihr wollt wissen, warum? Die Antwort ist recht einfach. Ich dachte, ich könnte eine Verbesserung unseres Plans ausprobieren – etwas, das mir vielleicht besser passt.“

„Was ist das?“, forderte Barney barsch.

„Da Miss Sherwood mir so leicht auf den Leim gegangen ist, kam mir der Gedanke, dass sie mir mit Sicherheit auch auf den Leim gehen würde, wenn ich ihr die ganze Wahrheit über mich erzähle. Das heißt, alles außer unserem Plan, Dick für dumm zu verkaufen.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Verstehst du nicht? Wenn sie mir verzeiht, wer ich bin – und ich glaube fast, das würde sie –, und da Dick mich so mag, wie er es tut – nun, da erschien es mir als das Beste für meine Wenigkeit, Dick für immer zu heiraten.“

„Was?“ Obwohl Barneys Stimme leise war, wirkte sie wie ein aufgeschrecktes und wildes Brüllen. „Und uns über Bord werfen?“

„Überhaupt nicht. Wenn ich Dick für immer heirate, hatte ich vor, euch einen Pauschalbetrag zu zahlen oder einen festen Betrag pro Jahr.“

„Nein, das wirst du nicht!“, schrie Barney in demselben dumpfen Brüllen.

„Vielleicht nicht – ich habe mich noch nicht entschieden“, sagte Maggie ruhig. „Ich habe euch nur, wie ihr es von mir verlangt habt, gesagt, warum ich so gehandelt habe. Ich habe Dick abgewiesen und euch belogen, damit ich mehr Zeit habe, über das nachzudenken, was ich wirklich tun will.“

Instinktiv hatte sie darauf gesetzt, Barneys Eifersucht zu wecken, um ihn von der Spur ihrer wirklichen Gedanken abzubringen. Sie hatte Erfolg.

„Ich kann dir sagen, was du tun wirst!“, schleuderte Barney ihr mit wilder Beherrschung entgegen. „Du wirst keine echte Hochzeit mit irgendeinem Dick Sherwood durchziehen! Wenn es eine solche Hochzeit gibt, dann werde ich der Mann sein! Und du wirst genau nach unserem alten Plan weitermachen! Dick wird wieder einen Antrag machen, wenn du ihm nur halbwegs eine Chance gibst. Und wenn er es tut, sagst du 'Ja'! Verstanden? Das ist es, was du tun wirst!“

Es gab keine Sicherheit darin, Barney offen die Stirn zu bieten. Und tatsächlich war das, was er befohlen hatte, das, worauf sie in den wechselnden Strömungen ihrer Gedanken durch die stetige Dynamik ihrer alten Ambitionen und Ziele ohnehin hingesteuert war. Also sagte sie mit ihrer gleichmäßigen Stimme:

„Du verschwendest so viel von deiner guten Energie, Barney, indem du explodierst, wenn es gar nichts zu sprengen gibt. Das ist genau das, was ich beschlossen hatte zu tun. Miss Sherwood hat mich morgen Nachmittag nach Cedar Crest eingeladen, und ich werde hingehen.“

Barney lockerte den Griff, den er um ihre Handgelenke behalten hatte, und der dunkle Ausdruck wich langsam aus seinem Gesicht. „Warum hast du das einem Kerl nicht gleich gesagt?“, brummte er halb. Dann mit grimmigem Enthusiasmus: „Und wenn du zurückkommst, wirst du uns sagen, dass alles geregelt ist!“

„Natürlich – wenn er mich fragt. Und jetzt nehmt euch mal vor, ihr beiden, zu verschwinden. Ihr habt mir Kopfschmerzen bereitet, und ich möchte mich ausruhen.“

„Wir gehen“, sagte Barney. „Aber es gibt vielleicht noch ein paar Punkte, über die wir etwas später heute Abend sprechen wollen. Also ruh dich lieber so gut aus, wie du kannst.“

Doch als sie gegangen waren und sie in der Stille ihrer prätentiösen und charakterlosen Suite zurückgelassen hatten, ruhte Maggie nicht. Sie hatte sich entschieden; sie würde tun, was sie gesagt hatte. Aber in ihr herrschte immer noch dieselbe Verwirrung.

Wieder dachte sie an Larry. Doch sie wollte sich selbst nicht eingestehen, dass ihr eigentliches Motiv für ihre plötzliche Entscheidung, am nächsten Tag nach Cedar Crest zu fahren, die Chance war, ihn zu sehen.

KAPITEL XXVI

Während all dieser Tage wartete Larry auf Nachrichten über das Ergebnis des psychologischen Experiments, das für sein Leben so viel bedeutete. Er hatte nicht erwartet, direkt von Maggie zu hören; aber er hatte darauf gebaut, sofort von Dick zu erfahren, wenn nicht durch Worte, dann entweder durch beredte Niedergeschlagenheit, die Dicks Ablehnung (und Larrys Erfolg) verkünden würde, oder durch überschwängliche Freude, die verkünden würde, dass Maggie ihn erhört hatte. Doch Dicks nüchternes, aber nicht unglückliches Verhalten kündigte Larry keines von beidem an; und die Angelegenheit war zu persönlich, alles in allem zu heikel, als dass Larry Dick nach dem Ergebnis hätte fragen können, egal wie subtil er es auch hätte anstellen können.

Also konnte Larry nur warten – und sich wundern. Die Wahrheit kam Larry nicht in den Sinn; er sah nicht, dass es eine weitere Alternative zu den zwei möglichen Reaktionen geben könnte, die er einkalkuliert hatte. Er bedachte nicht, dass Maggies jugendlicher Eigensinn, ihr Glaube an sich selbst und ihre Wege, eine zu feste Struktur waren, um sofort einem moralischen Schock nachzugeben, wie klug geplant und wie stark er auch sein mochte. Er hielt sich in dieser Zeit nicht vor Augen, dass jede wirkliche Veränderung bei einer so entschlossenen Persönlichkeit wie Maggie, sollte es denn eine Veränderung geben, von einer turbulenten Zeit vorausgegangen und begleitet werden würde, in der sie kaum wüsste, wer sie sei, wo sie sei oder was sie tun würde – und dass am Ende einer solchen Zeit gar keine Veränderung stehen könnte.

Da Maggie zu diesem Zeitpunkt sein Hauptinteresse war, schien es Larry in seinem sicheren Versteck, als würde er nur auf der Stelle treten, und zwar mit Füßen, die vor Ungeduld scharrten. Er hatte das Gefühl, dass er seine eigene Untätigkeit und seine Unkenntnis darüber, was Maggie tat und was mit ihr geschah, nicht mehr lange ertragen konnte. Er konnte nicht in diesem Zufluchtsort bleiben und die Fäden ziehen – sehr lange und zerbrechliche Fäden, und Fäden, die möglicherweise die falschen waren –, für irgendeinen viel längeren Zeitraum. Er hatte das Gefühl, dass er einfach aus dieser prächtigen Sicherheit heraus in die Gefahren zurückkehren musste, vor denen er geflohen war, wo er zumindest den möglichen Vorteil haben könnte, mitten in Maggies Angelegenheiten zu sein, für sie offener zu kämpfen und einen direkteren Einfluss auf sie auszuüben.

Er wusste, dass er früher oder später die Vorsicht beiseite schieben und plötzlich unter seinen Feinden auftauchen würde, es sei denn, etwas Bestimmtes würde sich entwickeln. Aber für diese langsamen, irritierenden Tage hielt er sich nur schwer im Zaum, in der Hoffnung, dass die Dinge zu ihm kommen könnten, dass er nicht hinausgehen müsste, um sie zu suchen.

Er hatte Hunts Porträt von Maggie im Boden seines Koffers nach Cedar Crest gebracht und es in seiner Kommode eingeschlossen aufbewahrt. Während dieser Tage nahm er das Porträt häufiger als bisher heraus und betrachtete in der Sicherheit seines abgeschlossenen Zimmers lange diese scharfsinnige Darstellung ihrer vielen Charaktere. Kein Zweifel: Da war eine mögliche großartige Frau! Und kein Zweifel: Er liebte diese Frau zutiefst!

Während dieser Tage seiner Unwissenheit, während Maggie in der Dunkelheit ihres unerforschten Wesens rang, trieb Larry sich grimmig bei der Arbeit an, der er unter glücklicheren Umständen unter dem unwiderstehlichen Drang purer Freude nachgegangen wäre. Eines Nachmittags legte er Miss Sherwood einen Entwurf für seinen wachsenden Plan zur Entwicklung der Sherwood-Immobilien auf der Basis von guten Wohnungen zu fairen Mieten vor. Er entdeckte, dass sie trotz ihrer großzügigen Spenden eine ähnliche Einstellung zur Wohltätigkeit hatte wie er selbst: dass die einzig vernünftige Wohltätigkeit, abgesehen von denjenigen, die vorübergehend oder dauerhaft behindert oder arbeitsunfähig waren, das Geben von ehrlichen Werten für ehrliche Gegenleistungen sei – und das sei gar keine Wohltätigkeit.

Das Projekt, den nachlässigen Charakter der Sherwood-Immobilien zu reformieren und sogar in geringem Maße New Yorks Wohnungsnot zu lindern, sprach sofort ihre Fantasie und ihren vernünftigen Idealismus an.

„Ein großartiger Plan!“, rief sie aus und betrachtete Larry mit ihren klugen, humorvollen Augen, die nun sehr ernst und durchdringend waren. „Sie haben viel härter gearbeitet, als ich dachte. Und wenn Sie mir die Bemerkung erlauben: Sie haben mehr von der grundlegend menschlichen Vision, die große geschäftliche Unternehmungen haben sollten, als ich gedacht hatte.“

„Danke!“, sagte Larry.

„Das ist ein großartiger Traum“, fuhr sie fort; „aber es wird harte Arbeit erfordern, diesen Traum in die Realität umzusetzen. Wir werden Architekten, Bauunternehmer, hohe Anfangsinvestitionen, Zeit – und ein moderneres und aufmerksameres Management brauchen.“

„Ja, Miss Sherwood.“

Sie sprach einen Moment lang nicht. Ihre durchdringenden Augen, die in tiefem Nachdenken auf ihm geruht hatten, waren noch durchdringender. Schließlich sagte sie:

„Das ist eine große Sache, eine nützliche Sache. Die derzeitigen Agenten möchten von unseren Angelegenheiten entbunden werden, sobald ich Vorkehrungen treffen kann – und ich wüsste nichts Besseres, als dass Dick das, was er gerade tut, aufgibt und in so etwas Konstruktives und Nützliches wie dieses einsteigt. Aber Dick kann das nicht alleine; er ist zu unbeständig und zu unerfahren, um mit einigen der schärferen Geschäftspraktiken fertig zu werden.“

Sie hielt wieder inne und betrachtete ihn noch immer mit diesen wachen Augen, die ihn zu wägen schienen. Schließlich sagte sie, fast abrupt:

„Wollen Sie die Leitung zusammen mit Dick übernehmen? Er mag Sie und respektiert Ihr Urteil; ich bin sicher, Sie würden helfen, ihn zu festigen. Natürlich fehlt Ihnen die praktische Erfahrung, aber Sie können einen praktischen Mann hinzuziehen, der dieses Element liefert. Praktische Erfahrung ist einer der häufigsten Artikel auf dem Markt; Vision und Initiative gehören zu den seltensten – und Sie haben sie. Was sagen Sie dazu?“

Larry konnte nicht sofort etwas sagen. Die Plötzlichkeit ihres Angebots, die Größe seiner Chance, verwirrten ihn für einen Moment. Und seine Verwirrung wurde noch verstärkt durch seine schnelle Erkenntnis eines ganz anderen Elements, das in ihrem offenen Vorschlag enthalten war. Er war jetzt mit dem Unternehmen beschäftigt, dieser Frau, die ihm ihr volles Vertrauen entgegenbrachte, einen gefälschten Artikel, Maggie, unterzuschieben – ein Unternehmen von höchst fragwürdiger Ethik und sehr zweifelhaftem Ausgang. Wenn er ihr Angebot annahm und das Ergebnis dieses Unternehmens eine Katastrophe wäre, was würde Miss Sherwood dann von ihm denken?

Er flüchtete sich in Ausflüchte. „Ich werde gar nicht erst versuchen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihr Angebot schätze, Miss Sherwood. Aber hätten Sie etwas dagegen, wenn ich meine Antwort für den Moment zurückhalte und darüber nachdenke? Wie auch immer, um all das zu tun, was erforderlich ist, muss ich in der Lage sein, offen zu arbeiten – und das kann ich nicht, bis ich meine Verwicklungen mit der Polizei und meinen alten Bekannten gelöst habe.“

So wurde es vereinbart. Miss Sherwood wandte sich einem anderen Thema zu. Die Vorbesichtigung von Hunts Bildern hatte am Vortag begonnen.

„Waren Sie gestern, als Sie in der Stadt waren, in der Ausstellung von Mr. Hunt?“

„Nein“, antwortete er. „Obwohl ich es wollte. Aber Sie wissen ja, dass ich bereits alle Bilder von Mr. Hunt gesehen habe, die Mr. Graham in seiner Galerie hat. Wie war die Eröffnung?“

„Überfüllt mit Gästen. Und da ihnen gesagt worden war, dass die Bilder ungewöhnlich und gut seien, waren die Leute natürlich begeistert.“

„Welche Preise hat Mr. Graham genannt?“

„Er hat gar keine genannt. Er sagte mir, er wolle kein Bild verkaufen oder auch nur einen Preis erwähnen, bis zur öffentlichen Ausstellung. Er ist sehr enthusiastisch. Er glaubt, dass Mr. Hunt bereits gemacht ist – und zwar auf großartige Weise.“

Und dann fügte sie hinzu, wobei ihr ruhiger Blick sehr fest auf Larry ruhte:

„Natürlich ist Mr. Hunt wirklich ein großer Maler. Aber er brauchte einen Anstoß, damit er endlich hinausging und wirklich seine eigene Art von Zeug malte. Und er brauchte jemanden wie Sie, um ihn geschäftlich auf den Weg zu bringen.“

Als sie ging, hinterließ sie bei Larry Gedanken: Gedanken darüber, dass sie sagte, Hunt „brauchte einen Anstoß, damit er endlich hinausging und wirklich seine eigene Art von Zeug malte.“ Konnte sich hinter dieser Bemerkung irgendwo die Erklärung für den Bruch zwischen den beiden verbergen? Larry begann einen Lichtschimmer zu sehen. Es war durchaus möglich, dass Miss Sherwood, auf eine so vollendete und geschickte Weise, dass Hunt ihre Absicht nicht erkannt hatte, ihm selbst diesen Anstoß gegeben oder zumindest zu dessen Kraft beigetragen hatte. Es könnte alles Diplomatie ihrerseits gewesen sein, klug angewandt auf den Mann, den sie verstand und liebte. Ja, das könnte die Erklärung sein. Ja, vielleicht hatte sie auf weniger anstrengende Weise genau das getan, was er unter stressigeren Umständen bei Maggie versuchte: ihn zu seinem Besten anzuspornen, indem sie indirekt auf bestimmte psychologische Reaktionen einwirkte.

An jenem Nachmittag erschien Hunt in Cedar Crest und schaute dort bei Larry vorbei. Der große Maler prahlte in seiner lebensfrohen, jungenhaften Art geradezu mit dem Erfolg seiner Ausstellung. Larry lächelte über den überschäumenden Enthusiasmus des anderen. Hunt war ein Mann, der sich rühmen konnte, ohne jemals auf beleidigende Weise egoistisch zu sein, denn Hunt besaß zu seinen anderen Gaben auch die göttliche Gabe, über sich selbst lachen zu können.

Larry sah hier eine Gelegenheit, sein anderes Ziel voranzubringen: Hunt und Miss Sherwood zusammenzubringen. Und in diesem Augenblick blitzte es ihm auf, dass Miss Sherwoods scheinbar beiläufige Bemerkungen über Hunt überhaupt nicht beiläufig gewesen waren. Vielleicht waren sie sorgfältig durchdacht und mit einer bestimmten Absicht ausgesprochen worden. Vielleicht hatte Miss Sherwood ihn sehr subtil zu ihrem Botschafter ernannt. Sie war klug genug dazu.

„Hör auf, diese selbstverfassten Presseberichte über deine unerreichbare Überlegenheit zu deklamieren“, unterbrach Larry. „Wenn du deinen Atem so verschwendest, wirst du an Land ertrinken. Außerdem habe ich gerade etwas Besseres gehört als diese bloße artikulierte Luft von dir. Besser, weil es von einer Person kam, die bei Sinnen ist.“

„Von wem hast du das gehört?“

„Miss Sherwood.“

„Miss Sherwood! Was hat sie gesagt?“

„Dass du ein wirklich großartiger Maler seist.“

„Hah!“, schnaubte Hunt. „Warum sollte sie das nicht sagen? Ich habe es bewiesen!“

„Hunt“, sagte Larry gelassen, „du bist der größte Maler, den ich je getroffen habe, aber du hast auch den Ruf, der größte aller verdammten Narren zu sein.“

„Was ist das, junger Mann?“

„Du liebst Miss Sherwood, nicht wahr? Zumindest hast du mir das in Worten so gut wie gesagt, und du hast es mir bei jedem Mal, wenn du sie gesehen hast, mit lautstarken Handlungen gezeigt.“

„Nun – was ist, wenn ich das tue?“

„Wenn du die Klarheit der Sicht hättest, die im glasigen Auge eines kaltgekochten Hummers liegt, würdest du sehen, dass sie dasselbe für dich empfindet.“

„Hör mal, Larry“ – die ganze ausgelassene Art war aus Hunts Stimme gewichen, und sie war tief und ein wenig unsicher – „Ich habe nichts dagegen, wenn du mich wegen meiner Person oder meiner Malerei aufziehst, aber scherze nicht mit mir über etwas, das wirklich wichtig ist.“

„Ich scherze nicht. Ich bin sicher, Miss Sherwood empfindet so.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe ein Augenpaar, das nicht zu einem kaltgekochten Hummer gehört. Und wenn ich eine Sache sehe, weiß ich, dass ich sie sehe.“

„Du liegst völlig falsch, Larry. Wenn du gehört hättest, was sie vor weniger als einem Jahr zu mir gesagt hat –“

„Du machst mich müde!“, unterbrach Larry. „Ihr beide seid füreinander geschaffen. Sie wartet darauf, dass du auf sie zukommst und wie ein Mann mit ihr redest – und stattdessen schmollst du in deinem Zelt und murmelst über etwas, von dem du glaubst, sie hätte es vor einem Jahr gedacht oder gesagt! Du bist zu empfindlich; du bist zu stolz; du hast zu wenig Verstand. Es ist eine Million zu eins, dass du dich auf deine gutaussehende, wohlerzogene Weise mit ihr über etwas überworfen hast, das wahrscheinlich nie existiert hat und sicherlich jetzt nicht existiert. Vergiss das alles und geh einfach direkt auf sie zu und frage sie!“

„Larry, wenn ich glauben würde, dass eine Chance besteht, dass du recht hast –“

„Eine einzige Frage wird beweisen, ob ich recht habe!“

Hunt sprach einen Moment lang nicht. „Ich glaube, ich habe meinen Teil daran nie so gesehen, wie du es darstellst, Larry.“ Er stand auf, sein ganzes Wesen gedämpft, doch angespannt. „Ich werde zurück in die Stadt fahren und das alles überdenken.“

Larry folgte ihm eine Stunde später, entschlossen, routinemäßige Geschäfte des Sherwood-Nachlasses zu erledigen. Gegen sieben Uhr abends untersuchte er den derzeitigen Verfall und die zukünftigen Möglichkeiten einer Reihe von Sherwood-Mietshäusern in der West Side, als er aus einem Gebäude kam und in ein anderes gehen wollte, eine feste Hand auf seine Schulter fiel und eine Stimme bemerkte:

„Also, Larry, du bist in New York?“

Larry wirbelte herum. Für einen Moment fühlte er, wie ihm alles Leben entwich. Neben ihm stand Detective Casey, den er zuletzt in der Nacht seiner wilden Flucht gesehen hatte, als Casey einen K.o.-Schlag vorgetäuscht hatte, um Larrys Flucht vor Gavegan zu unterstützen. Jeden anderen Mann, der mit seinen Feinden verbunden war, hätte Larry niedergeschlagen und versucht, ihm zu entkommen. Aber nicht Casey.

„Hallo, Casey. Nun, ich nehme an, du wirst mich einladen, mit dir zu kommen?“

„Wo wolltest du hin?“

„In dieses Haus.“

„Dann lade ich mich selbst ein, mit dir mitzugehen.“

Er drängte Larry schnell vor sich in den Hausflur, der leer war, da alle Mieter beim Abendessen waren. Larry erinnerte sich an die Szene im Büro des stellvertretenden Polizeikommissars Barlow, als der Chef der Detektive verlangt hatte, dass er als Spitzel für Gavegan und Casey arbeite, und an das Verhör und die Drohungen, die mehr als erfüllt worden waren, die darauf gefolgt waren.

„Wirst du mich zuerst ein wenig privat ausfragen, Casey“, fragte er, „und dann Gavegan rufen und mich zu Barlow bringen?“

„Nicht, wenn nicht Gavegan oder jemand anderes dich gesehen und erkannt hat, was sie meiner Meinung nach nicht haben, da ich genau darauf geachtet habe. Und nicht, wenn du selbst nicht hungrig auf einen Besuch im Hauptquartier bist.“

„Wenn ich hungrig bin, ist das ein Appetit, den ich bereit bin warten zu lassen.“

„Du weißt, ich will dich nicht verhaften. Mein Teil daran war ein schmutziger Job, der mir einfach zugeschoben wurde. Du weißt, dass ich weiß, dass du reingelegt und hintergangen wurdest, und dass ich dich nicht einbuchten werde, es sei denn, ich kann nicht anders.“

„Danke, Casey. Du bist zu anständig, um mit Leuten wie Barlow und Gavegan gemeinsame Sache zu machen. Aber wenn es nicht darum ging, mich zu verhaften, warum hast du mich da draußen auf der Straße angehalten?“

„Ich habe gehofft, dass ich dich eines Tages in aller Ruhe treffen könnte. Es gibt einige Dinge, die ich erfahren habe – egal wie –, die ich dir zu deinem eigenen Besten zuspielen wollte.“

„Schieß los, Casey.“

„Erstens habe ich eine Vorahnung, dass es Barney Palmer war, der der Polizei den Tipp über Red Hannigan und Jack Rosenfeldt gegeben hat, und dann unter allen Gaunern verbreitet hat, dass du der Spitzel und Verräter wärst.“

„Ja, das hatte ich mir schon gedacht.“

„Zweitens habe ich die Vorahnung, dass Barlow die Idee, dich zu einem Spitzel zu machen, tatsächlich von Barney Palmer hatte. Barney ist wirklich ein gerissener Kerl, und er hat sich ausgerechnet, was passieren würde. Er wusste, dass du ablehnen würdest, und er wusste, dass Barlow die Hölle unter dir entfesseln würde. Barney hat jeden Zug genau vorhergesehen.“

„Was – was –“ stammelte Larry. „Warum, dann muss Barney –“ Er hielt inne, völlig verblüfft von der Neuheit der Möglichkeit, die gerade in seinem Geist aufgekommen war.

„Du hast es erfasst, Larry“, fuhr Casey fort. „Barney ist ein Polizeispitzel. Ist er schon seit Jahren. Arbeitet direkt für Barlow. Wir sollen nichts darüber wissen. Er hat eine Menge großer Fische ans Messer geliefert. Deshalb ist es sicher für Barney, alles zu tun, was ihm gefällt.“

„Barney ein Polizeispitzel!“ wiederholte Larry in der Benommenheit seines Erstaunens.

„Ich schätze, das sind alle Neuigkeiten, die ich dir geben wollte, Larry, also mache ich mich auf den Weg. Ich wünsche dir Glück – und um Himmels willen, lass dich nicht von uns erwischen. Mach’s gut.“ Und damit schlüpfte Casey aus dem Flur.

Einen Moment lang stand Larry unbeweglich dort, wo Casey ihn zurückgelassen hatte. Dann stieg heftige Entschlossenheit und eine vorsichtige Rücksichtslosigkeit in ihm auf und gewann die Oberhand. Es hatte das gebraucht, was Casey ihm gesagt hatte, um seinem lästigen Warten und Zögern ein Ende zu setzen. Er konnte nicht länger in seinem Versteck bleiben, selbst in Sicherheit, und versuchen, Maggie durch langsames, indirektes Bemühen zu retten. Die Zeit war nun gekommen für ganz andere Methoden. Die Zeit war gekommen, offen herauszutreten, natürlich ohne unnötiges Risiko einzugehen, und es mit seinen Feinden, die auch Maggies wirkliche Feinde waren, obwohl sie sie für ihre Freunde hielt, von Angesicht zu Angesicht auszutragen – um Maggie gegen ihren eigenen Willen zu retten, wenn er sie auf keine andere Weise retten konnte.

Und nachdem er das beschlossen hatte, ging Larry schnell aus dem Hausflur auf die Straße.

KAPITEL XXVII

Auf dem Bürgersteig blickte Larry hastig um sich. Einen halben Block die Straße hinunter war an der Vorderseite einer Apotheke eine blaue Telefonflagge. Eine Minute später befand er sich in einer Telefonzelle in der Apotheke und bat zuerst um das Hotel Grantham und dann die Telefonistin des Grantham, ihn mit Miss Maggie Cameron zu verbinden.

Es gab ein langes Warten. Während er auf Maggies Stimme lauschte, loderte er vor schrecklicher Wut gegen Barney Palmer. Dass Maggie mit einem handfesten Gauner verbunden war, die Vorstellung war schlimm genug gewesen. Aber dass sie unter dem Einfluss des schlimmsten Gauners von allen stand, eines Spitzels, eines gerissenen Verräters an seinen eigenen Freunden – das war mehr, als man unmöglich ertragen konnte! In seiner Wut für Maggie vergaß er für einen Moment die vielen Übel, die Barney ihm selbst angetan hatte. Er dachte an wilde, zusammenhanglose, vage gewaltige Pläne. Zuerst würde er Maggie von Barney und Old Jimmie wegholen – irgendwie. Dann würde er mit diesen beiden abrechnen – wieder durch ein undefiniertes Irgendwie.

Nach einer Weile bemerkte die müde, unpersönliche Stimme der Grantham-Telefonistin an seinem Trommelfell: „Miss Cameron antwortet nicht.“

„Lassen Sie sie bitte ausrufen“, bat er.

Larry konnte natürlich nicht wissen, dass sein Anruf genau der war, der in Maggies Zimmer geklingelt hatte, während Barney und Old Jimmie bei ihr waren, und den Barney ihr barsch verboten hatte entgegenzunehmen. Daher konnte er nicht wissen, dass jeder Versuch, Maggie in diesem Moment telefonisch zu erreichen, vergeblich war.

Als er aus der Zelle kam, nachdem ihn die unpersönliche Stimme informiert hatte, dass Miss Cameron nicht da sei, geschah dies mit der Absicht, Maggie zwischen acht und neun Uhr anzurufen, wenn sie wahrscheinlich vom Abendessen zurückgekehrt wäre, wo er sie nun vermutete. Er wusste, dass Dick Sherwood keine Verabredung mit ihr hatte, denn Dick sollte an jenem Abend in Cedar Crest sein, also hielt er es für fast sicher, dass Maggie später zu Hause und allein sein würde.

Da er anderthalb Stunden nichts anderes zu tun hatte, dachte er an eine Notiz, die er am Morgen mit der Post von der Duchess erhalten hatte, in der sie ihn bat, sie zu besuchen, wenn er das nächste Mal in der Stadt sei. Dreißig Minuten später war er in dem vertrauten Raum hinter dem Pfandleihhaus. Die Duchess fragte ihn, ob er gegessen habe, und auf seine Antwort, dass er dies nicht getan habe und auch nicht wolle, murmelte sie anstatt mit dem Geschäft ihres Briefes fortzufahren etwas und ging in das Pfandleihhaus.

Sie verließ Larry aus dem sehr einfachen Grund, weil sie, da sie ihn nun hier hatte, unsicher war, was sie sagen sollte und wie weit sie gehen sollte. Ohne dass einer von beiden es wusste, wurde ein Faden des Dramas um Larry und Maggie im Gehirn und Herzen der Duchess gesponnen; und er wurde mit Schmerz für sie gesponnen, und in sehr großen Zweifeln. Zwar hatte sie für Larrys Wohlergehen definitiv beschlossen, dass die Tatsachen über Maggies Abstammung niemals durch sie bekannt werden sollten – und da die einzige andere Person, die die Wahrheit sagen konnte, Jimmie Carlisle war und seine Interessen anscheinend alle für das Schweigen sprachen, folgte daraus, dass die Wahrheit niemals durch irgendwen bekannt werden würde. Aber nachdem sie das beschlossen und definitiv und endgültig entschieden hatte, hatte die Duchess begonnen sich zu fragen, ob sie klug entschieden hatte.

Tag und Nacht war dies das Hauptthema ihrer Gedanken gewesen. Konnte sie sich in ihrer Einschätzung von Maggies Charakter und dem, was aus ihr werden könnte, irren? Konnte sie sich in ihrem Glauben irren, dass Larry, wenn er genug Zeit bekäme, seiner Schwärmerei für Maggie entwachsen würde? Und da sie solche Zweifel an diesen beiden Punkten hatte, hatte sie irgendein Recht, und war es das Beste, eine Tatsache zu unterdrücken, die beide Angelegenheiten so schwerwiegend beeinflussen könnte? Sie wusste es nicht. Was sie wollte, war das, was für Larry am besten war – und so hatte sie in ihrer Unsicherheit beschlossen, erneut mit Larry zu sprechen, in der Hoffnung, dass das Gespräch ihre Ungewissheit irgendwie durch Beständigkeit des Zwecks ersetzen könnte.

Bald kehrte sie in den hinteren Raum zurück und in ihrer direkten Art und mit den wenigsten möglichen Worten, die ihr den Ruf einer Frau eingebracht hatten, die niemals sprach und voller seltsamer Geheimnisse steckte, fragte sie Larry, was er in Bezug auf Maggie getan habe. Er erzählte ihr von dem Plan, den er entwickelt hatte, von Maggies Besuch in Cedar Crest, von seiner Unkenntnis über Maggies Reaktionen. Auf all dies antwortete seine Großmutter weder mit einem Wort noch mit einer Veränderung ihres Gesichtsausdrucks. Er fuhr dann fort, ihr von dem zu erzählen, was er gerade von Casey über Barneys Manöver bei seinem Unglück erfahren hatte.

Der alte Kopf nickte. „Ja, Barney ist genau diese Art“, sagte sie in ihrem flachen Monoton.

Und dann kam sie zu dem Grund, warum sie ihn zu sich gerufen hatte. „Wie fühlst du dich jetzt in Bezug auf Maggie?“

„Dasselbe wie vorher.“

„Du liebst sie?“

„Ja – und werde es immer tun“, sagte er fest.

Sie schwieg wieder. Dann: „Was wirst du als Nächstes tun?“

„Die Dinge zwischen ihr und Barney und ihrem Vater beenden. Sie von ihnen wegkriegen.“

Sie stellte keine weiteren Fragen. Larry war so gefestigt, wie ein Mann sein konnte. Aber war Maggie es wert? – das war die große Frage, die noch unbeantwortet blieb.

„Was genau wolltest du von mir, Großmutter?“, fragte er sie schließlich.

„Etwas, von dem ich dachte, dass es sich hätte entwickeln können, was es aber nicht ist.“

Und so ließ sie ihn weggehen, ohne es ihm zu sagen. Und da sie die Dinge zum Besten für ihn gestalten wollte, war sie von denselben Zweifeln geplagt wie zuvor.

Sein Besuch bei seiner Großmutter hatte für Larry keine Bedeutung gehabt, da er keine Ahnung von dem Kampf hatte, der in dieser uralten, unergründlichen Gestalt vor sich ging. Der Besuch hatte für ihn lediglich dazu gedient, eine nervöse, nutzlose Stunde auszufüllen. Seine Wut gegen Barney hatte ihn die ganze Zeit zu sehr in Besitz genommen, als dass er mehr als nur die bloße Oberfläche seines Geistes dem hätte widmen können, was zwischen seiner Großmutter und ihm vorgefallen war. Und als er sie verlassen hatte, stürmte seine Wut über Barneys Verrat und sein ungestümer Wunsch, Maggie von ihren gegenwärtigen Einflüssen wegzureißen, so sehr in ihm, dass sein normalerweise vorsichtiges Urteilsvermögen hinweggeblasen wurde und Rücksichtslosigkeit wie ein Sturm die Kontrolle über ihn übernahm.

Als er das Grantham ein zweites Mal anrief, um neun Uhr, kam ihm Maggies Stimme entgegen:

„Hallo. Wer ist da, bitte?“

„Mr. Brandon.“

Er hörte ein steifes „Oh!“ am anderen Ende der Leitung. „Ich komme gleich vorbei, um dich zu sehen“, sagte er.

„Ich – ich glaube nicht, dass du –“

„Ich bin in zehn Minuten da“, unterbrach Larry die erschrockene Stimme und legte auf.

Er rechnete damit, dass Maggie ihn, nachdem er sie in Cedar Crest verschont hatte, empfangen und zumindest nicht schlechter behandeln würde als einen Feind, mit dem es einen Waffenstillstand für eine halbe Stunde gab. Und tatsächlich, als er an der Tür ihrer Suite klingelte, ließ ihn Maggie selbst in ihr Wohnzimmer. Sie war angespannt und blass, ihr Blick weder freundlich noch unfreundlich.

„Weißt du nicht, welches Risiko du eingehst“, flüsterte sie, als die Tür geschlossen war – „hierher zu kommen, so offen?“

„Die Zeit für Risiken ist gekommen, Maggie“, kündigte er an.

„Aber du warst dort, wo du warst, sicher genug. Warum solche Risiken eingehen?“

„Um deinetwillen.“

„Um meinetwillen?“

„Um dich von diesen Leuten wegzuholen, mit denen du dich eingelassen hast. Dich jetzt wegzuholen.“

Zu einem früheren Zeitpunkt wäre das der Zündfunke für eine Explosion des Trotzes bei ihr gewesen. Aber jetzt sagte sie überhaupt nichts, und das war schon etwas.

„Da ich offen herausgetreten bin, wird alles offen sein. Hör zu, Maggie!“ Der Impuls war plötzlich über ihn gekommen, da sein Plan, Maggie durch ihre psychologischen Reaktionen aufzuwecken, anscheinend gescheitert war, ihr alles zu sagen. „Hör zu, Maggie! Ich werde alle meine Karten auf den Tisch legen und dir jede Karte zeigen, die ich gespielt habe. Du wurdest eingeladen, nach Cedar Crest zu kommen, weil ich es eingefädelt hatte, dass du kommst. Und der Grund, warum ich es eingefädelt hatte, dass du eingeladen wurdest, war, dass ich mir überlegte, dass es dich, wenn du auf so ehrliche, großzügige, arglose Weise von einer Frau wie Miss Sherwood empfangen würdest, vor dem ekeln würde, was du tatest, und du es von dir aus aufgeben würdest. Aber es scheint, ich hatte falsch gedacht.“

„Also – du stecktest dahinter!“, hauchte sie.

„Ich tat es. Obwohl ich es nicht hätte tun können, wenn Dick Sherwood nicht ehrlich in dich verschossen gewesen wäre. Aber jetzt bin ich damit fertig, im Verborgenen zu arbeiten, fertig mit indirekten Methoden. Von nun an liegt alles offen auf dem Tisch, und mit allem geht es direkt zur Sache. Also mach dich bereit. Ich werde dich von Barney und Old Jimmie wegholen.“

Die Erwähnung dieser beiden Namen hatte eine schnelle und magische Wirkung auf sie. Aber anstatt Kampfbereitschaft zu wecken, löste sie eine fast hektische Erregung aus.

„Du musst sofort gehen, Larry. Barney und mein Vater waren vor dem Abendessen hier, und sie haben gerade angerufen, dass sie zurückkommen!“

„Zurückkommen! Das ist das beste Argument, das du für mein Bleiben vorbringen konntest!“

„Aber, Larry – sie haben beide Schlüssel, und Barney trägt immer eine Waffe!“

„Ich bleibe hier, es sei denn, du gehst mit mir. Hör dir noch mehr an, Maggie. Ich habe alle Karten auf den Tisch gelegt. Weißt du, mit was für Leuten du dich eingelassen hast? Ich werde nichts über deinen Vater sagen, denn ich nehme an, du weißt alles, was es zu wissen gibt. Aber Barney Palmer! Er ist die niedrigste Art von Gauner, die atmet. Es gab eine Menge Gerede über Verräter und Polizeispitzel. Nun, der große Verräter, der große Spitzel, ist Barney Palmer!“

„Ich glaube es nicht!“, rief sie unfreiwillig.

„Es ist wahr! Ich habe es aus sicherer Quelle. Barney wollte mich vernichten, weil ich mich entschlossen hatte, das alte Spiel aufzugeben, und weil er mich dir aus dem Weg räumen wollte. Also hat er es so eingefädelt, dass ich wie ein Verräter aussah, und die Gangster auf mich angesetzt. Und er hat Barlow auf die Idee gebracht, mich zu zwingen, ein Spitzel zu sein, und mich dann reingelegt, als ich ablehnte. Es war Barney, der die Dinge so gedreht hat, dass ich ins Gefängnis musste, oder erschossen werden, oder fliehen. Es war Barney Palmer, der Red Hannigan und Jack Rosenfeldt verraten hat und der seine anderen Kumpels verraten hat. Und mit so jemandem hängst du zusammen!“

Sie starrte ihn in entsetzter Halbüberzeugung an. Er blieb still, um seine Wahrheit sacken zu lassen.

Sie standen so, von Angesicht zu Angesicht, als ein Schlüssel im äußeren Schloss der kleinen Diele knarrte, wie bei Larrys erstem Besuch hier. Und wie bei diesem Anlass sprang Maggie schnell vor und schob den Riegel der inneren Tür vor. Dann drehte sie sich um und ergriff Larrys Arm.

„Es ist Barney – ich habe dir gesagt, dass er kommt!“, flüsterte sie. „Oh, warum bist du nicht vorher gegangen? Komm schon!“

Sie versuchte ihn in Richtung ihres Schlafzimmers zu ziehen, durch das sie ihm einst zur Flucht verholfen hatte. Aber diesmal war er nicht zu bewegen.

„Ich bleibe genau hier“, sagte er zu ihr.

Es war das Geräusch eines vergeblichen Versuchs zu hören, das Schloss der inneren Tür zu drehen; dann rief Barneys Stimme: „Was ist los, Maggie? Öffne die Tür.“

Maggie, die immer noch Larrys widerstrebenden Arm umklammerte, stand keuchend in weit aufgerissener Bestürzung da.

„Öffne ihnen die Tür, Maggie“, flüsterte Larry.

„Das werde ich nicht tun!“, flüsterte sie zurück.

„Öffne sie, oder ich tue es“, befahl er.

Ihre Blicke hielten sich noch einen Moment fest, während Barney am Schloss rüttelte. Dann, langsam, zögernd, ihre erstaunten Augen über die Schulter auf ihn gerichtet, ging Maggie hinüber und schloss die Tür auf. Barney trat ein, Old Jimmie direkt hinter ihm.

„Ich sag mal, Maggie, was war die große Idee, uns –“ fing er in grummelndem Ton an, als er Larry direkt hinter ihr sah. Seine Beschwerde brach mitten im Wort ab; er blieb stehen und sein dunkles Gesicht zuckte vor Überraschung.

„Larry Brainard!“, rief er schließlich aus. Old Jimmie, plötzlich angespannt, blinzelte und sagte nichts.

„Hallo, Barney; hallo, Jimmie“, begrüßte Larry seine früheren Verbündeten und legte eine Miene der Freundlichkeit an den Tag. „Es ist lange her, dass wir drei uns getroffen haben. Steht nicht so da in der Tür. Kommt nur rein.“

Barney war scharfsinnig genug, um zu sehen, dass Larrys Augen hell und hart waren, obwohl seine Haltung unbekümmert und sein Tonfall leicht wirkte. Barney machte ein paar Schritte vorwärts, auf alles gefasst, und der alte Jimmie folgte ihm. Maggie beobachtete die drei Männer, ihre mädchenhafte Gestalt war angespannt und sie atmete kaum.

„Wusste nicht, dass du in New York bist“, sagte Barney.

„Nun, ich bin wohl hier“, erwiderte Larry mit seiner bedrohlichen Heiterkeit.

Inzwischen hatte sich Barney von seiner ersten Überraschung erholt. Er hielt es für an der Zeit, seine Überlegenheit geltend zu machen.

„Wie kommst du dazu, mit Maggie hier zu sein?“, fragte er barsch.

„Habe sie heute zufällig auf der Straße gesehen. Habe sie bis zum Grantham verfolgt und bin heute Abend einfach reingeschneit.“

Barneys Tonfall wurde autoritärer, hässlicher. „Wir haben dir vor langer Zeit gesagt, dass wir mit dir fertig sind. Warum also bist du hierhergekommen?“

„Das ist leicht zu beantworten, Barney. Als wir das letzte Mal alle zusammen waren, warst du gekommen, um Maggie mitzunehmen. Dies ist dieselbe Szene, nur dass ich dieses Mal gekommen bin, um Maggie mitzunehmen.“

„Was ist das?“, herrschte Barney ihn an.

Larrys Stimme legte die gespielte Freundlichkeit ab und wurde schneidend hart. „Und damit Maggie mitkommt, habe ich ihr erzählt, was für ein Vogel du bist, Barney Palmer! Oh, ich habe die Wahrheit über dich! Ich habe ihr erzählt, wie du mich reingelegt hast, und dass du mich nur deshalb reinlegen konntest, weil du der Spitzel von Chief Barlow bist.“

Barney wurde so blass, wie es ihm nur möglich war, und sein Mund klappte herunter. „Was – was –“, stammelte er.

„Ich habe ihr erzählt, dass du derjenige bist, der Red Hannigan und Jack Rosenfeldt wirklich verpfiffen hat.“

„Du bist ein verdammter Lügner!“, platzte Barney heraus und zückte augenblicklich eine Automatik unter seinem linken Arm hervor, die er Larry gegen den Bauch stieß. „Nimm das zurück, verdammt noch mal, oder ich puste dich direkt in die Hölle!“

„Barney! – Larry!“, warf Maggie vor angeekeltem Entsetzen dazwischen.

„Das ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste, Maggie“, sagte Larry. Er sah zurück zu Barney. „Oh, ich wusste, dass du irgendwann im Spiel eine Waffe ziehen würdest. Aber du wirst nicht schießen.“

„Das werden wir ja sehen, wenn du das nicht zurücknimmst!“

Larry wurde klar, dass ihn sein heißes Blut in ein gewagtes Unternehmen getrieben hatte, bei dem ihm nur Bluff und das Ausspielen seiner höchsten Trümpfe helfen konnten.

„Du glaubst doch nicht, ich wäre so dumm, hier hereinzukommen, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu treffen“, sagte er verächtlich. „Du wirst nicht schießen, Barney, denn da ich wusste, dass ich dich treffen könnte und du eine Waffe ziehen würdest, habe ich mich kurz bevor ich hier hochkam, von zwei Freunden durchsuchen lassen. Sie werden bezeugen, dass ich nicht bewaffnet war. Sie kennen dich, und zwar so gut, dass sie das Ding in deiner Hand als deine Waffe identifizieren können. Also, egal was Maggie und Jimmie aussagen mögen, das Urteil wird eiskalter Mord lauten und der elektrische Stuhl wird dein Ende sein. Und deshalb weiß ich, dass du nicht schießen wirst. Also kannst du die Waffe genauso gut wegstecken.“

Barney sprach nicht und bewegte sich nicht.

„Ich habe deinen Bluff durchschaut, Barney“, sagte Larry scharf. „Steck die Waffe weg, oder ich nehme sie dir ab!“

Barneys Blick wankte. Die Pistole sank von ihrer Position. Mit einer blitzschnellen Bewegung riss Larry sie Barney aus der Hand.

„Ich glaube, ich nehme sie lieber an mich“, sagte er und ließ sie in eine Tasche gleiten. „Damit ich dich vor Versuchungen bewahre.“

Und dann mit gedämpfter Stimme, die vor Drohung stählte: „Ich bin jetzt zu beschäftigt, um mich um dich zu kümmern, Barney – aber, bei Gott, ich werde mit dir abrechnen für den Dreck, den du mir angetan hast, und ich werde dich als Spitzel und Verräter entlarven!“ Er wirbelte zum alten Jimmie herum. „Und der einzige Grund, warum ich mit dir, Jimmie Carlisle, nachsichtig sein werde, ist, weil du Maggies Vater bist – obwohl du das verrottetste Ding als Vater bist, das Gott je atmen ließ!“

Der alte Jimmie schrumpfte unter Larrys finsterem Blick leicht zusammen, und seine kleinen Augen glänzten vor der Angst einer Ratte, die in die Enge getrieben ist. Aber er sagte nichts.

Larry drehte den beiden Männern den Rücken zu. „Wir sind fertig mit dieser Bande, Maggie. Zieh dir einen Hut und einen Mantel an und lass uns gehen. Wir können jemanden schicken, der deine Sachen holt.“

„Nein, das tust du nicht, Maggie“, knurrte Barney, bevor Maggie sprechen konnte.

Der alte Jimmie machte seine erste entschlossene Bewegung, seit er den Raum betreten hatte. Er huschte schnell an Maggies Seite und packte sie am Arm.

„Du bist meine Tochter und du bleibst bei mir!“, befahl er. „Ich habe dich aufgezogen, und du tust genau das, was ich dir sage! Du gehst nicht mit Larry mit – er lügt über Barney. Du bleibst bei mir!“

„Komm schon, lass uns gehen, Maggie“, wiederholte Larry.

„Du bleibst bei mir!“, wiederholte Jimmie.

So befohlen und angefleht, war Maggie schwindelig vor widersprüchlichen Gedanken und Impulsen, während die drei Männer auf ihr Handeln warteten. Tatsächlich hatte sie keinen klaren Gedanken. Sie erfuhr später nie, was sie in diesem verwirrten Moment zu ihrer Entscheidung brachte: vielleicht war es teilweise ein Fortbestehen ihres Zweifels an Larry, vielleicht teilweise einfach reiner Schwung, vielleicht ihr instinktives Gefühl, dass ihr Platz bei dem Mann war, den sie für ihren Vater hielt.

„Ja, ich bleibe bei dir“, sagte sie zum alten Jimmie.

„Das ist das Signal für dich, aufzubrechen, Larry Brainard!“, fuhr Barney ihn triumphierend an.

Larry wurde plötzlich klar, dass sein Kommen hierher nichts weiter als eine großartige Geste war, zu der ihn sein Zorn angestachelt hatte. Tatsächlich blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehen.

„Ich habe dir die Wahrheit gesagt, Maggie; und du wirst es bereuen, dass du nicht mitgekommen bist – wenn nicht bald, dann ein wenig später.“

Er wandte sich mit einem letzten Schuss an Barney; er konnte den triumphierenden Barney Palmer nicht einfach so davonkommen lassen. „Ich habe dir gesagt, ich habe die Wahrheit über dich, Barney. Hier ist noch mehr davon. Ich weiß genau, was dein Spiel ist, und ich weiß genau, wer dein Opfer ist. Wir werden sehen, ob du damit durchkommst – du Verräter! Gute Nacht, alle zusammen.“

Damit ging Larry hinaus. Der alte Jimmie betrachtete seinen Partner mit Misstrauen.

„Was ist damit, Barney – dass du ein Spitzel und ein Verräter bist?“, verlangte er zu wissen.

„Ich sage dir, das ist alles eine Lüge – eine verdammte Lüge!“, rief Barney mit fieberhaftem Nachdruck.

„Ich hoffe, es ist eine!“, hauchte der alte Jimmie.

Das war ein Thema, von dem Barney wegkommen wollte. „Maggie“, verlangte er, „ist das, was Larry Brainard darüber gesagt hat, wie er hierhergekommen ist, die Wahrheit? – dass er dich auf der Straße gesehen und dann hierher verfolgt hat?“

„Woher soll ich wissen, wo er mich zuerst gesehen hat?“

„Aber ist heute Abend das erste Mal, dass du ihn gesehen hast?“

„Das ist es.“

„Sicher, dass du ihn nicht getroffen hast?“, verlangte Barneys schnelle Eifersucht zu wissen.

„Habe ich nicht.“

„Hat er dir erzählt, wo er herkommt? – wo er sich herumtreibt?“

„Nein.“

Der alte Jimmie unterbrach dieses Verhör.

„Du verschwendest wertvolle Zeit mit diesen Fragen. Barney, ist dir die kalte Tatsache klar, dass es weder für dich noch für uns gut ist, dass Larry Brainard wieder in New York ist und herumstreunt, wie es ihm gefällt?“

„Das kannst du laut sagen!“ Barney sah, dass er vor einer plötzlichen Krise stand, und in der Notwendigkeit schnellen Handelns sprach er, ohne an Maggie zu denken. „Wir müssen uns sofort um ihn kümmern!“

„Der Bande sagen, dass er zurück ist, und sie sich um ihn kümmern lassen?“, schlug der alte Jimmie vor.

Barney überlegte schnell. Wenn Larry von seiner Vereinbarung mit der Polizei wusste, dann sickerte sein Geheimnis vielleicht schon zu anderen durch. Er entschied, dass es für den Moment klüger wäre, sich von diesen alten Freunden und Verbündeten fernzuhalten.

„Nicht die Bande – die Polizei!“, sagte er inspiriert. „Sie sind sowieso hinter ihm her und sind sauer. Alles, was wir tun müssen, ist ihnen einen Tipp zu geben – den Rest erledigen sie!“ Und dann mit der schärferen Betonung eines unmittelbaren Plans: „Wir dürfen keine Minute verlieren. Ich weiß, wo Gavegan um diese Zeit des Abends herumhängt. Komm!“

Mit einem bloßen „Gute Nacht“ zu Maggie eilten die beiden Männer los, um ihre dringende Mission zu erfüllen. Auf sich allein gestellt, sank Maggie in einen Stuhl und überlegte wild die vielen Elemente dieser neuen Situation. Bald kristallisierten sich zwei Gedanken heraus: Ob Larry nun Recht hatte oder nicht, er hatte riskiert, seine Sicherheit für sie aufzugeben – vielleicht hatte er alles, was er gewonnen hatte, für sie aufs Spiel gesetzt. Und nun sollte die Polizei auf ihn angesetzt werden, mit diesem Gavegan an der Spitze der Meute.

Vielleicht führte Maggies weiteres Nachdenken nicht zu kühler, reifer Weisheit – denn ihre Gedanken waren die Handlungen eines panischen Geistes. Irgendwie musste sie Larry vor dieser unmittelbar bevorstehenden Polizei-Jagd warnen! Zweifellos würde Larry irgendwann in dieser Nacht nach Cedar Crest zurückkehren. Man sollte ihm dorthin Nachricht zukommen lassen. Ein Brief war in einer solchen Krise zu unsicher. Natürlich hatte sie eine Einladung, am nächsten Nachmittag nach Cedar Crest zu fahren, und sie könnte ihn dann warnen – aber das könnte zu spät sein. Sie wagte es nicht, anzurufen oder zu telegrafieren – denn das könnte irgendwie gefährliche Aufmerksamkeit auf den genauen Ort lenken, an dem Larry sich versteckte. Außerdem hatte sie einen Instinkt, der unbewusst lange bevor sie überhaupt daran dachte, was sie schließlich tun würde, wirkte, Barney oder den alten Jimmie nicht herausfinden oder auch nur ahnen zu lassen, dass sie Larry gewarnt hatte – noch nicht.

Es schien nichts zu geben, was sie selbst tun konnte. Dann dachte sie an die Duchess. Das war der Ausweg! Die Duchess würde einen Weg wissen, wie man Larry Nachricht zukommen lassen könnte.

Fünf Minuten später, in ihrem schlichtesten Kostüm und Hut, fuhr Maggie in einem Taxi zur Duchess – von wo aus sie erst vor wenigen Monaten ihre große Karriere begonnen hatte.

KAPITEL XXVIII

Der alte Jimmie mochte es nicht, der Polizei öfter zu begegnen, als es unbedingt sein musste, also schlich er sich davon und überließ es Barney Palmer, die Angelegenheit mit Larry allein zu regeln. Barney fand Gavegan genau dort, wo er ihn vermutet hatte: Er verweilte bei seinem späten Abendessen im Café eines berühmten Broadway-Restaurants – ein Lieblingsort einiger Detektive und höherer Beamter des Police Department –, in dem Gavegan in glücklicheren, heute tief betrauerten Tagen all die Heiterkeit hatte trinken können, die er wollte, auf die ständige Einladung des Eigentümers, und wo ihm sogar jetzt bei Gelegenheit ein wenig von der alten Heiterkeit in einer Tasse an Gavgans Tisch gebracht wurde oder in einem Raum darüber serviert wurde, in den er sich nach geflüsterten Anweisungen zurückzuziehen hatte. Der Eigentümer hatte es in alten Zeiten gerne mit der Polizei gehalten; und obwohl seine Bar jetzt legalen Getränken gewidmet war – oder zumindest gaben die entgegenkommenden Bundesbeamten das an –, hielt er es immer noch gerne mit der Polizei.

Gavegan saß an einem Tisch mit einem kleinen Produzenten von Musikshows, dem Barney gelegentlich dabei behilflich gewesen war, das vorherrschende Wesentliche solcher Musik zu beschaffen – nämlich wohlgeformte junge Frauen. Barney nickte Gavegan zu, plauderte ein paar Minuten mit seinem Musical-Freund, während der er Gavegan ein Signal gab, ging dann zur einst überfüllten Bar, die nun in Isolation und den niederen Stand der Softdrinks gesunken war, und bestellte ein Ginger Ale. Erst dann bemerkte er Barlow, den Leiter des Detective Bureau, an einem Ecktisch. Barney gab kein Zeichen der Wiedererkennung, und Barlow kehrte nach einem beiläufigen Blick auf ihn zu seinem Essen zurück.

Barney, allein an einem Ende der Bar, nippte langsam mit einer Art Empörung gegen seinen kicklosen Kauf. Bald war Gavegan neben ihm und hatte bei seinen Versuchen, seine Zigarre an einer Schachtel splitternder Sicherheitsstreichhölzer anzuzünden, die an diesem Ende der Bar standen, höchst überzeugendes Pech.

„Nun, was ist es?“, flüsterte Gavegan aus dem Mundwinkel, der nicht von seiner Zigarre belegt war. Er sah Barney nicht an.

„Schon einen Hinweis auf Larry Brainard?“, flüsterte Barney ebenfalls aus einem Mundwinkel, das Glas an seinen Lippen. Ebenso schien er den Mann neben sich nicht zu bemerken.

„Nee! Immer noch irgendwo im Westen. Diese Chicagoer Penner könnten keinen Gauner fangen, wenn er mit einem Schild auf dem Rücken die State Street entlanggehen würde!“

„Habe Larry Brainard heute Abend gesehen.“

Gavegan hatte Schwierigkeiten, seine Haltung der Nicht-Wahrnehmung seines Bar-Nachbarn aufrechtzuerhalten.

„Wo?“

„Direkt hier in New York.“

„Was! Wo hast du ihn gesehen?“

„Kam aus dem Grantham.“

„Wann?“

„Vor fünfzehn Minuten.“

„Weißt du, wo er hingegangen ist? – wo er sich aufhält? – weißt du sonst noch was?“

„Das ist alles. Dachte, ich sollte es dir so schnell wie möglich mitteilen.“

„Diesmal wird dieser Vogel nicht davonkommen!“, knurrte Gavegan, immer noch flüsternd. „Vierundzwanzig Stunden und er ist im Kühlhaus!“

Schließlich gelang es Gavegan, eine Flamme von einem dieser irritierend splitternden schwedischen Streichhölzer zu bekommen, die in Japan hergestellt wurden. Mit brennender Zigarre ging er zu Barlows Tisch. Er unterhielt sich einen Moment oder zwei mit seinem Chef und ging dann hinaus. Nach einer Minute sah Barney, wie Chief Barlow zum Tresen herüberging. Barney schien diese Bewegung nicht zu bemerken. Barlow hielt ebenfalls neben ihm an, um sich eine Zigarre anzuzünden; und aus dem Mundwinkel des Chefs kam: „Zimmer 613.“

Barlow ging weiter. Bald beendete Barney die trostlose Plackerei des Trinkens und schlenderte hinaus. Fünf Minuten später, nachdem er die gebotene Vorsicht walten ließ, war er in Zimmer 613 und die Tür war verschlossen.

„Was ist das für ein Zeug, das du gerade Gavegan über Larry Brainard erzählt hast?“, verlangte Barlow zu wissen.

Barney gab seine Informationen noch einmal, aber diesmal ausführlicher. Natürlich ließ er jede Erwähnung von Maggie und dem Unternehmen aus, das Larry hatte stören wollen; es war Teil der stillschweigenden Vereinbarung zwischen den beiden, dass Barlow nichts von Barneys beruflichen Aktivitäten erfahren sollte, es sei denn, solches Wissen würde ihm durch Ereignisse oder Personen aufgezwungen, die zu stark waren, um sie zu ignorieren.

„Hat Brainard irgendeinen Hinweis fallen lassen, der uns einen Anhaltspunkt dafür geben könnte, wo er sich versteckt hält?“

Barney erinnerte sich an etwas, das Larry vor einer halben Stunde gesagt hatte, was er für bloßes Prahlen gehalten hatte. „Er sagte, er wisse, dass ich etwas im Schilde führe, und er sagte, er wisse, wer das Opfer sei, das ich reinzulegen plante.“

„Hat er gesagt, wer das Opfer ist?“

„Nein.“

„Wenn Larry Brainard es wirklich wüsste, wen hätte er dann im Sinn haben können?“

Barney zögerte; aber er erkannte, dass dies eine Frage war, die beantwortet werden musste. „Der junge Dick Sherwood, aus der feinen Sherwood-Familie – du weißt schon.“

Barlow verfolgte das Thema nicht weiter. Gemäß seiner Vereinbarung mit Barney waren dessen private Aktivitäten nicht seine Angelegenheit.

„Ich werde mich mit dem Schleppnetz an die Arbeit machen; wir werden Brainard diesmal erwischen“, sagte Barlow. Und dann mit einem grimmigen Blick auf Barney: „Aber Larry Brainard ist nicht das, weswegen ich dich hierher bestellt habe, Palmer. Ich wollte wegen zwei Wörtern mit dir sprechen – und sie dir genau zwischen die Augen sagen.“

„Schieß los, Chef.“

„Erstens: Du bist seit einigen Monaten keinen Cent mehr wert für mich. Du hast mir keinen Gegenwert dafür gegeben, dass ich meine Leute von dir fernhalte. Du hast nicht eine einzige Sache aufgedeckt.“

„Komm schon, Chef – du vergisst Red Hannigan und Jack Rosenfeldt.“

„Kleinkram! Sie sind gegen Kaution auf freiem Fuß, und wenn ihre Fälle vor Gericht kommen, werden sie sie schlagen! Außerdem hast du mir diesen Tipp nicht gegeben, um mir zu helfen; du hast ihn mir gegeben, damit du die Dinge so drehen konntest, dass Larry Brainard bei all seinen alten Freunden in ein schlechtes Licht gerät. Das hast du getan, um dir selbst zu helfen. Halt den Mund! Versuch nicht, es zu leugnen. Ich weiß es!“

Barney versuchte gar nicht erst zu leugnen. Barlow fuhr fort:

„Und die zweite Sache, die ich dir sagen will, und zwar deutlich, ist diese: Du musst etwas liefern! Die bequeme Art, wie du dich bewegst, lässt es so aussehen, als hättest du vergessen, dass ich dich dort habe, wo die Haare lang sind. Junger Mann, du solltest dir besser merken, dass ich dich wegen dieser Gregory-Aktien-Sache fest in der Hand habe – dich und den alten Jimmie Carlisle. Ich habe alle Papiere in einem Bankschließfach und drei Zeugen, die in Sing Sing schmoren. Sag dir das immer wieder! Und sag dir immer wieder, dass ich, wenn du nicht lieferst, eines Tages plötzlich entdecken werde, dass du der Schuldige in dieser Gregory-Affäre bist, und ich werde die Zeugen vorführen, die ich in Sing Sing gebunkert habe.“

Barney bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl. Er kannte das Geschäft, das er gemacht hatte, und mochte es nicht, über die Bedingungen nachzudenken, unter denen er ein lizenzierter Abenteurer war.

„Kein Grund, mich so anzumachen, Chef“, protestierte er. „Sicher erinnere ich mich an alles, was du gesagt hast. Und du wirst nicht mehr lange Grund haben, sauer zu sein. Es wird bald viel los sein.“

„Sieh zu, dass dem so ist! Und sieh zu, dass du keine unsauberen Dinger drehst. Und sieh zu, dass du nicht ausrutschst. Denn wenn du es tust, weißt du, was mit dir passieren wird. Und jetzt verschwinde!“

Barney verschwand, wieder protestierend, dass man ihn nicht scheitern sehen würde. Er war nicht sonderlich beunruhigt durch das, was Barlow gesagt hatte. Immer wieder musste es genau solche Sitzungen geben, und immer wieder musste Barlow genau so Dampf ablassen.

Barneys Erledigung war getan. Die Polizei der Stadt war auf Larrys Spur und sein Anteil an der Sache war und würde unbekannt bleiben. Soweit war alles gut. Er zweifelte nicht an Larrys baldiger Gefangennahme, jetzt, da er wieder in New York war, und jetzt, da die gesamte Polizei prompt gewarnt worden war und hitzig hinter ihm her war, und jetzt, da alle Ausgangswege sofort unter Überwachung stünden, ja mittlerweile standen, und gegen ihn geschlossen waren – und jetzt, da jedes Zufluchtsort der kriminellen Welt nur eine Falle für ihn war. Nein, es gab keinen Zweifel an Larrys baldiger Gefangennahme. Es konnte keinen geben. Und sobald Larry weggesperrt war, würden die Dinge viel besser sein. Barlow würde dafür sorgen, dass Larry keine unerwünschten Dinge erzählte, oder zumindest, dass solches Gerede nicht gehört wurde. Es war nicht gerade angenehm oder sicher, Larry auf freiem Fuß zu haben, frei, die Dinge darüber auszuplaudern, dass Barney ein Spitzel und ein Verräter sei.

Sehr getröstet, wenn auch begierig auf Nachrichten von der Jagd, begann Barney seine abendliche Routine, die fröhlicheren Restaurants zu besuchen. Geschäft ist Geschäft, und ein Mann leidet, wenn er es vernachlässigt. Zwar war dies eine nette Sache, die er da an der Hand hatte; aber das würde bald erledigt sein, und Geschäftsmann Barney wollte bereit sein, zu weiteren Unternehmungen überzugehen.

In der Zwischenzeit hatte eine Sitzung zwischen Maggie und der Duchess stattgefunden. Etwa zu der Zeit, als Barney seine unverblümte Nachricht an Gavegan geflüstert hatte, betrat Maggie, atemlos vor ihrer hektischen Eile, obwohl sie die Reise in einem Taxi gemacht hatte, das vertraute Zimmer hinter dem Pfandleihhaus.

„Guten Abend, Maggie.“ Die Stimme war beiläufig, gleichgültig, obwohl es in diesem Moment keine Person gab, die die Duchess, die über ihre Probleme grübelte, mehr sehen wollte. „Setz dich. Was ist los?“

„Die Polizei weiß, dass Larry in New York ist, und sie sind hinter ihm her!“

„Woher weißt du das?“

Schnell erzählte Maggie von den Ereignissen in ihrem Wohnzimmer und davon, dass Barney und der alte Jimmie aufgebrochen waren, um Gavegan zu warnen. Die Duchess hörte jedes Wort, aber die meisten ihrer Fähigkeiten konzentrierten sich auf eine erneute Untersuchung von Maggie und auf jene Fragen, die sie den ganzen Abend und schon seit vielen Tagen beunruhigt hatten. Gab es etwas Gutes in Maggie? War sie gerechtfertigt, die Wahrheit über Maggies Herkunft länger zu unterdrücken?

„Warum erzählst du mir das alles?“, fragte die Duchess, als Maggie ihre schnelle Erzählung beendet hatte.

„Warum! Ist das nicht klar? Ich will, dass du Larry warnst, dass die Polizei hinter ihm her ist!“

„Warum machst du es nicht selbst?“

„Ich fahre morgen dorthin, wo er ist, aber das könnte zu spät sein.“

Maggie nannte ihre anderen Gründe, so wie sie waren. Die Augen der alten Frau wichen nie von Maggies gerötetem Gesicht ab und zeigten doch nie Interesse.

„Ich dachte, du wärst mit Barney und dem alten Jimmie zusammen“, kommentierte die Duchess. „Warum stellst du dich in dieser Sache gegen sie und versuchst, Larry zu helfen?“

„Was macht es für einen Unterschied, warum ich es tue“, rief Maggie mit fieberhafter Ungeduld, „solange ich versuche, ihm aus dieser Sache zu helfen!“

„Begreifst du nicht“, fuhr die ruhige alte Stimme fort, „dass Larry schon längst wissen muss, dass die Polizei und die ganze alte Bande hinter ihm her sind?“

„Vielleicht weiß er es, vielleicht auch nicht. Trotzdem sollte er es sicher wissen! Der wichtige Punkt ist, wirst du Larry Nachricht zukommen lassen?“

Ein Moment verging und die Duchess sprach nicht. Tatsächlich hatte sie Maggie diesmal nicht gehört, so sehr war sie darauf konzentriert, durch Maggies dunkle, eifrige Augen bis in den Kern von Maggies Wesen zu blicken.

„Wirst du Larry Nachricht zukommen lassen?“, wiederholte Maggie ungeduldig.

Die Duchess kam aus ihrem Arbeitszimmer. Ein plötzlicher Schauer durchlief sie, doch in ihrer Stimme war er nicht zu vernehmen.

„Ja.“

„Sofort?“

„Sobald es etwas nützt, es ihm zu sagen. Und nun solltest du besser schnell in dein Hotel zurückkehren, wenn du nicht willst, dass Barney und Old Jimmie Verdacht schöpfen, was du ausgeheckt hast. Obwohl, warum du dich immer noch an dieses Paar klammerst, wo du doch weißt, was sie sind, ist mir ein Rätsel.“

Sie stand auf. „Warte einen Moment“, sagte sie, als Maggie sich zur Tür wandte. Maggie hielt inne, und für einen weiteren Augenblick spähte die Duchess schweigend tief in Maggies Augen. Dann sagte sie kurz, fast scharf: „In deinem Alter war ich doppelt so hübsch wie du – und doppelt so klug – und ich habe das gleiche Spiel gespielt. Sieh dir an, was ich vom Leben hatte!... Gute Nacht.“ Und abrupt wirbelte die Duchess herum und stieg die Treppe hinauf.

Zwanzig Minuten später war Maggie zurück im Grantham, ohne dass ihr Fehlen bemerkt worden wäre. Obwohl sie wegen Larrys Schicksal bebte, hatte sie die Genugtuung, bei Larrys Großmutter das erreicht zu haben, was sie sich vorgenommen hatte. Sie wusste nicht, konnte nicht wissen, dass das, was sie als ihren Erfolg betrachtete, bedeutungslos war im Vergleich zu dem, was durch ihr spontanes Erscheinen vor der aufgewühlten Duchess tatsächlich erreicht worden war.

KAPITEL XXIX

Als die Duchess in Maggies aufgeregte, flehende Augen geblickt hatte, war ihr in ihrem sorgfältig urteilenden und schmerzlich zögerlichen Geist klar geworden, dass die Chance, dass Larry mit seiner Einschätzung von Maggie recht hatte, bei weit über fünfzig Prozent lag; dass Maggies Neigung zu kriminellen Abenteuern, ihr übersteigertes Selbstvertrauen, all ihr Bravado nur oberflächliche, wenn auch starke Tendenzen waren, die sich durch ihr unglückliches Umfeld entwickelt hatten; dass in dieser zynischen, weltlichen Hülle die lebenswichtigen und formbaren Anlagen einer echten Frau steckten.

Und so hatte die lange beunruhigte Duchess, die ihren Bekannten immer so gefühllos erschienen war wie der staubbedeckte, mottenzerfressene Papagei, der in mumifizierter Abgehobenheit auf ihrem Tresor stand, eine folgenschwere Entscheidung getroffen, die den prickelnden Saft einer großen Krise, einer großen Spannung, durch ihre alten Adern gejagt hatte. Sie hatte versucht, das Schicksal zu lenken. Mit solchen Bemühungen war sie nun fertig. Sie hatte kein Recht, aus Liebe zu Larry die Tatsachen über Maggies Herkunft länger zurückzuhalten. Sie würde nun die Wahrheit sagen und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen.

Aber die Ereignisse – wie würden sie wohl aussehen?

Einen Moment lang war die Duchess versucht gewesen, Maggie die Wahrheit direkt zu sagen. Doch sie hatte sich rechtzeitig besonnen. Diese ganze Angelegenheit war Larrys Angelegenheit, und die Wahrheit gehörte ihm, damit er sie nach eigenem Gutdünken verwenden konnte. Als sie also zu Maggie sagte, sie würde Larry Nachricht zukommen lassen, hatte sie genau diese Wahrheit im Sinn gehabt, und nur in sehr untergeordnetem Maße die Neuigkeit, die Maggie ihr gebracht hatte.

Dies war natürlich eine Wahrheit, die nur mündlich sicher übermittelt werden konnte. Die Duchess erkannte, dass Larry es nicht mehr wagte, zu ihr zu kommen, und dass sie daher irgendwie einen Weg finden musste, zu ihm zu gelangen. Und zwar zu ihm zu gelangen, ohne seinen Aufenthaltsort zu verraten.

Es bestand wenig Aussicht, dass die Polizei ihr Haus durchsuchen oder sie groß belästigen würde. Für den polizeilichen Verstand wäre das Pfandhaus, jetzt, da Larry wusste, dass man wusste, dass er sich in New York aufhielt, offensichtlich der letzte Ort, an dem er Zuflucht suchen oder über den er Geschäfte abwickeln würde. Dennoch hielt es die Duchess für klug, keine Zeit zu verlieren und keine mögliche Vorsichtsmaßnahme zu vernachlässigen. Während Barney also noch bei Chief Barlow war und bevor der allgemeine Befehl bezüglich Larry mehr als nur die verschiedenen Polizeistationen erreicht hatte, war die Duchess, in Umhang, Hut und Schleier, aus ihrem Haus. Einen Häuserblock die Straße hinauf wohnte der Besitzer von zwei oder drei Taxis, über den die Duchess, die in ihrer eigenen Welt fast allwissend war, vieles wusste, von dem der besagte Besitzer wollte, dass es keinesfalls weiter bekannt wurde. Ein paar Sätze mit diesem Herrn, und fünfzehn Minuten später, zusammengekauert im verdunkelten Winkel eines Taxis, rollte sie über die Queensboro Bridge hinaus auf Long Island, auf ihrer Mission, eine Tatsache freizugeben, deren Auswirkungen sie nicht vorhersehen konnte.

Anderthalb Stunden später führte Larry sie zu einer Bank in der duftenden Dunkelheit des Rasens der Sherwoods. Sie hatte „Mr. Brandon“ von einer Telefonzelle in einer Apotheke in Flushing aus angerufen, und Larry hatte in der Nähe des Eingangs zu Cedar Crest auf sie gewartet.

„Was hat dich dazu gebracht, so hierher zu kommen, Großmutter?“, flüsterte Larry erstaunt, als er sich neben sie setzte.

„Dir zu sagen, dass die Polizei hinter dir her ist“, flüsterte sie zurück.

„Das wusste ich schon.“

„Ja, das wusste ich, dass du das wüsstest.“

„Aber woher hast du das erfahren?“

„Maggie hat es mir gesagt.“

„Maggie!“

„Sie kam zu mir, erzählte mir, was gerade bei ihr geschehen war, erzählte mir, wie Barney wegeilte, um die Nachricht an diesen Gavegan zu überbringen, und flehte mich an, dich sofort zu warnen. Sie war schrecklich nervös und aufgewühlt.“

„Maggie hat das getan!“, hauchte er. Sein Herz machte einen Sprung bei ihrer unerwarteten Sorge um ihn. „Maggie hat das getan!“ Und dann: „Es war nicht nötig; sie hätte wissen müssen, dass ich es wüsste.“

„Es war in gewisser Weise ziemlich töricht – aber Maggie war zu aufgeregt, um einen klaren Kopf zu bewahren.“

Seine Großmutter sprach einen Moment lang nicht. „Dass sie die Fassung verlor und kam, zeigt, dass ihr etwas an dir liegt, Larry.“

Er konnte nicht antworten. Dies war in der Tat der klarste Beweis, den Maggie bisher geliefert hatte, dass ihr möglicherweise etwas an ihm liegen könnte.

„Maggie mag in ihrer Aufregung die Fassung verloren haben“, brachte er hervor; „aber, Großmutter, es gab keinen Grund für dich, die Fassung so weit zu verlieren, dass du bis hierher herausgekommen bist, um mir von der Polizei zu erzählen.“

„Ich bin nicht bis hierher herausgekommen, um dir von der Polizei zu erzählen“, antwortete sie. „Ich bin gekommen, um dir etwas anderes zu sagen.“

„Ja?“

„Du bist sicher, dass dir wirklich etwas an Maggie liegt?“

„Das habe ich dir gesagt, als ich heute Abend bei dir war.“

Obwohl die Duchess sich entschieden hatte, blieb der Wunsch, Larry zu schützen, hartnäckig in ihr und machte es ihrer eifersüchtigen Liebe schwer, ein Risiko einzugehen. „Du bist sicher, dass sie sich zum Guten wenden könnte – das heißt, unter besseren Einflüssen?“

„Ich bin sicher, Großmutter.“ Er erinnerte sich, wie Stunden zuvor im Grantham die Forderung von Old Jimmie, sie solle bei ihm bleiben, die Kraft gewesen war, die ihre Entscheidung bestimmt hatte. „Es gäbe keinen Zweifel daran, wenn Old Jimmie nicht wäre, und die Leute, unter denen er sie gehalten hat, und die Ideen, mit denen er sie seit ihrer Kindheit gefüttert hat. Ich glaube nicht, dass sie Liebe für ihren Vater empfindet; aber man sagt, Blut sei dicker als Wasser, und ich schätze, bei ihr ist es nur der übliche Instinkt eines Kindes, zu seinem Vater zu stehen und zu tun, was er sagt. Ja, wenn sie nicht durch Old Jimmie als Vater zurückgehalten und unterdrückt würde, bin ich sicher, sie wäre in Ordnung.“

Die Duchess spürte, dass nun der Moment gekommen war, ihr Geheimnis preiszugeben. Doch trotz ihres festen Vorsatzes, es zu sagen, mussten ihre Worte erzwungen werden, und sie waren stockend, kahl.

„Jimmie Carlisle – ist nicht ihr Vater.“

„Was ist das?“, rief Larry aus.

„Nicht so laut. Ich sagte, Jimmie Carlisle ist nicht ihr Vater.“

„Großmutter!“

„Ihr Vater ist Joe Ellison.“

„Großmutter!“ Er ergriff ihre Hände. „Warum – warum –“ Doch für einen Moment lähmte seine völlige Fassungslosigkeit seine Sprache. „Du – du bist sicher, dass das stimmt?“, brachte er schließlich hervor.

„Ja.“ Sie fuhr fort und erzählte, wie ihr Verdacht geweckt worden war, von ihrem Gespräch mit Joe Ellison, das den Verdacht in Gewissheit verwandelt hatte, von ihrer Theorie über die Motive, die Jimmie Carlisle dazu bewogen hatten, die Anweisungen des Mannes, der Jimmie als seinen vertrautesten Freund betrachtet hatte, so zu verdrehen.

Larry war von diesem Bericht über das Geschehene geradezu erschlagen. Und er war weiter erschlagen, als er die ganze Tragweite dessen erkannte, was die Umstände nun zu sein schienen.

„Gott, denk nur!“, hauchte er. „Maggie versucht, eine große Abenteurerin zu sein, weil sie so erzogen wurde, weil sie glaubt, ihr Vater will, dass sie so ist – und ahnt nichts von der Wahrheit! Und Joe Ellison glaubt, seine Tochter sei ein nettes, einfaches Mädchen, glücklich unwissend über das Leben, von dem er sie zu schützen versuchte – und ahnt nichts von der Wahrheit! Was für eine Situation! Und wenn sie das jemals herausfinden sollten –“

Er brach ab, entsetzt über die Macht und das Ausmaß dessen, was er vage erahnte. Nach einer Weile sagte er mit betäubter, ehrfürchtiger Stimme:

„Sie sollten die Wahrheit erfahren. Aber wie sollen sie darauf kommen?“

„Ich überlasse das alles dir, Larry. Maggie und Joe Ellison sind deine Angelegenheit. Es liegt an dir zu entscheiden, was du für das Beste hältst.“

Larry schwieg einige Momente. „Du weißt das schon eine Weile, Großmutter?“

„Seit einigen Wochen.“

„Warum hast du es mir nicht früher gesagt?“

„Ich hatte Angst, es könnte dich irgendwie näher an Maggie bringen, und das wollte ich nicht“, antwortete sie ehrlich. „Jetzt halte ich etwas mehr von Maggie. Und du hast mir bewiesen, dass ich mich viel mehr auf dein Urteil verlassen kann. Ja, ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum ich hierher gekommen bin, um dir das zu sagen: Du hast mir bewiesen, dass ich dein Urteil respektieren muss. Und was auch immer du tun magst – wegen Maggie oder irgendetwas anderem – das ist für mich in Ordnung.“

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern stand auf. Ihre Stimme, die in den letzten Minuten von Emotionen durchdrungen gewesen war, war nun wieder dieser flache, mechanische Monoton, an den die Bewohner ihrer kleinen Straße gewöhnt waren.

„Ich muss zurück in die Stadt. Gute Nacht.“

Er wollte sie zu ihrem Wagen begleiten, aber sie untersagte es ihm und sagte, es würde die Sache nicht besser machen, wenn er gesehen und womöglich von dem Taxifahrer erkannt würde; und so verließ sie das Gelände allein. Anderthalb Stunden später wurde sie unbemerkt in einer dunklen Seitenstraße in Brooklyn abgesetzt. Von dort aus machte sie sich zu Fuß auf den Weg zur U-Bahn und fuhr nach Hause. Falls die Polizei ihr Fehlen bemerkt hätte und sie befragen sollte, konnte sie die Antwort verweigern oder sagen, sie hätte bis spät bei einer Freundin in Brooklyn Besuch gehabt.

Larry saß lange in der Nacht draußen, nachdem seine Großmutter ihn verlassen hatte. Was sollte er mit dieser erstaunlichen Information anfangen, die ihm zur Verfügung gestellt worden war? Joe Ellison sagen? Oder Maggie sagen? Oder beiden? Oder selbst versuchen, Jimmie Carlisle zu treffen und diesem Verräter an Joe Ellison und diesem Verderber von Maggie die Münze auszuzahlen, die er verdient hatte?

Aber stundenlang war die Situation selbst in ihren vielen Phasen noch zu verwirrend, als dass Larry sich konzentriert Gedanken darüber machen konnte, was ihr Lösungsversuch sein sollte. Erst als die Morgendämmerung begann, matt, wie mit einem langgezogenen Gähnen, aus dem schattigen Sound zu erwachen, war er in der Lage, seinen Geist wirklich klar auf das Problem zu richten, welchen Gebrauch er von diesen Fakten machen sollte, deren Vormund er geworden war. Er entschied sich dagegen, es Joe Ellison zu sagen – zumindest würde er es ihm noch nicht sagen. Er erinnerte sich an die Gerüchte über Joe Ellisons unterdrücktes Temperament, das einem Vulkan glich; wenn Joe Ellison erfahren würde, wie er betrogen worden war, würden sich alle vitalen Kräfte des Mannes augenblicklich in destruktive, rachsüchtige Wut verwandeln, die niemanden verschonen und keinen Preis scheuen würde. Das Ergebnis wäre zweifellos eine Tragödie, niemandem wäre wirklich gedient, und Joe wäre sehr wahrscheinlich wieder im Gefängnis. Wenn er selbst losziehen würde, um Old Jimmie das zu geben, was er verdiente, wäre sein Handeln nur verschossenes Pulver – es würde ebenfalls keinem konstruktiven Zweck dienen. Larry erkannte, dass es nur menschlich ist, dass ein Geschädigter sich Rache wünscht und sie versucht; aber dass Rache in der Ökonomie des Lebens keinen Wert hat, keinem Zweck dient; dass sie eine schlimme Situation meist nur noch schlimmer macht.

Ein ungeheures Unrecht war hier begangen worden, ein Unrecht, das einen bösartigen, schlauen, geduldigen Geist zeigte. Aber wie Larry die Sache schließlich sah, war der Punkt für die erste Überlegung nicht die wertlose Befriedigung, den Schuldigen leiden zu lassen, sondern zu versuchen, den Opfern einen Teil der kostbaren Dinge zurückzugeben, derer sie unbewusst beraubt worden waren.

Und dann hatte Larry das, was ihm wie eine Inspiration vorkam: seine Inspiration war nur ein vernünftiger Gedanke, und das, was die Duchess, obwohl sie ihm den Weg nicht gewiesen hatte, von ihm erwartet hatte. Maggie war die wichtige Person in dieser Situation! – Maggie, deren Leben gerade erst begann und deren Natur er immer noch für formbar hielt! Nicht Joe Ellison oder Old Jimmie Carlisle, die ihr Leben fast gelebt hatten und deren Naturen nun zu dem gefestigt waren, was sie bis zum Ende sein würden. Indem er auf die feineren Elemente in Maggies Charakter einwirkte, war es ihm fast gelungen, jene beste Natur, die in ihr existierte, zur Dominanz zu erwecken. Er würde Maggie unter vier Augen die Wahrheit sagen, und nur ihr, und die Nutzung dieses Wissens allein ihr überlassen. Der Schock dieses Wissens, die Wirkung seiner Enthüllungen auf sie, zusammen mit der Verantwortung, was sie mit dieser Information anfangen sollte, könnten genau die letzten Kräfte sein, die nötig waren, um Maggie dazu zu bringen, sich von allem zu lösen, was sie gewesen war, und hinüberzuschwenken zu allem, was er für möglich hielt.

Ja, das war das Richtige! Und er würde es innerhalb der nächsten zwölf Stunden tun; denn Dick hatte ihm gesagt, dass Maggie am Nachmittag des Tages, der nun aus seinem Schlaf erwachte, wieder nach Cedar Crest kommen würde. Das heißt, er würde es tun, wenn die Polizei oder die Verbündeten seiner einstigen Freunde ihn nicht aufspürten, bevor Maggie kam. Aber davor hatte er keine ernsthafte Angst; er wusste, dass er einen sauberen Abgang vom Grantham gemacht hatte und dass die schlaue Duchess keine Spur hinterlassen hatte, nach der diese Bluthunde des Police Departments sie verfolgen konnten.

Larry versuchte nicht einmal zu schlafen; er wusste, es wäre zwecklos. Zurück in seinem Zimmer saß er und ging die Situation und seine Entscheidung durch. Er kribbelte vor dem Gefühl der enormen Macht, die ihm in die Hände gelegt worden war. Ja, enorm! Aber was würden Maggies Reaktionen sein, in dem Moment, da er es ihr sagte? – was genau würde ihr Weg sein, nachdem sie die Wahrheit kannte?

KAPITEL XXX

Larry zog sich aus, nahm ein Bad, rasierte sich, kleidete sich wieder an und machte sich an die Arbeit. Aber an diesem Tag tat Larry kaum mehr, als geistesabwesend die Handgriffe der Arbeit zu vollziehen. Er war vollkommen erfüllt von der Situation und ihren vielen Fragen, und von der Spannung des Wartens auf Maggie und darauf, wie er es anstellen sollte, sie privat zu sehen.

Das Treffen erwies sich jedoch als kein Problem; denn Maggie, die um vier eintraf, war hauptsächlich wegen Larry gekommen, und sie selbst manövrierte das Zusammentreffen. Während sie auf der Veranda waren, Dick in das Haus gegangen war, um einen neuen Vorrat an Zigaretten zu holen, und Miss Sherwood in einer lebhaften Diskussion mit Hunt war, sagte Maggie:

„Miss Sherwood, ich habe noch nie einen richtigen Blick vom Rand Ihrer Klippe auf den Sound geworfen. Hätten Sie etwas dagegen, wenn Mr. Brandon mir ihn zeigt?“

„Überhaupt nicht. Tee wird erst in einer halben Stunde serviert, also lassen Sie sich Zeit. Lassen Sie sich von Mr. Brandon die Aussicht direkt von der anderen Seite dieser alten Rosenbank zeigen; das ist die beste Aussicht.“

Sie gingen plaudernd mechanisch davon, bis sie auf einer Gartenbank hinter der Rosenbank saßen. Die Rosenbank war eine eher traurige Angelegenheit, denn sie war an dieser exponierten Stelle von einem früheren Gärtner aufgestellt worden, der vergessen hatte, dass die direkten Winde vom Sound her für Rosen unangenehm sind. Sie schirmte die beiden jedoch ab und war weit genug entfernt, so dass normale Töne nicht zum Haus dringen würden.

„Hat deine Großmutter dir Nachricht über die Polizei gegeben?“, fragte Maggie mit unterdrückter Aufregung, sobald sie saßen.

„Ja. Sie kam gegen Mitternacht hierher.“

„Warum bist du dann, während du noch Zeit hattest, nicht weiter weg von New York als hierher gekommen?“

„Wenn ich gefasst werden soll, dann soll ich gefasst werden; in der Zwischenzeit ist dies ein so sicherer Ort wie jeder andere für mich. Außerdem wollte ich noch mindestens ein Gespräch mit dir führen – nach etwas Neuem, das meine Großmutter mir über dich erzählt hat.“

„Etwas Neues über mich?“, echote Maggie, aufgeschreckt von seinem ernsten Ton. „Was?“

„Über deinen Vater“, sagte er und beobachtete aufmerksam die Wirkung seiner Enthüllungen auf sie.

„Was ist mit meinem Vater? Was hat er getan, wovon ich nicht weiß?“

„Du weißt nicht das Geringste, was dein Vater getan hat.“

„Was!“

„Weil du nicht weißt, wer dein Vater ist.“

„Was!“, schnappte sie nach Luft.

„Hör zu, Maggie. Was ich dir sagen werde, mag unglaublich erscheinen, aber du musst es glauben, denn es ist die Wahrheit. Ich kann sehen, dass du Beweise hast, wenn du Beweise willst. Aber du kannst das, was ich dir sage, als absolute Fakten akzeptieren. Du bist von Geburt an eine ganz andere Person, als du glaubst. Dein Vater ist nicht Jimmie Carlisle. Und deine Mutter –“

„Larry!“ Sie umklammerte angespannt seinen Arm.

„Deine Mutter stammte aus einer guten Familie. Ich stelle mir so etwas wie Miss Sherwoods Art vor – wenn auch nicht so reich und nicht mit so einem sozialen Status. Sie starb, als du geboren wurdest. Sie wusste nie, was das Geschäft deines Vaters tatsächlich war; er gab sich als Gentleman vom Land aus. Er war einer der gewieftesten und größten Gauner seiner Zeit, und ein aufrechter Gauner, falls es so etwas gibt.“

„Larry!“, hauchte sie.

„Er hielt diese Seite seines Lebens als Gentleman-Farmer und seine Ehe völlig vor seinen Gaunerbekannten verborgen; das heißt, vor allen bis auf einen, dem er als seinem loyalsten Freund vertraute. Bevor du alt genug warst, dich zu erinnern, wurde er hereingelegt und zu einer zwanzigjährigen Haftstrafe verurteilt.“

„Und er ist – er ist immer noch im Gefängnis?“, flüsterte Maggie.

Larry achtete nicht auf die Unterbrechung. „Er hatte die höchsten Ambitionen für dich. Er wollte, dass du zu einer feinen, einfachen Frau heranwächst wie deine Mutter – so etwas wie Miss Sherwood. Er wollte nicht, dass du jemals die Art von Leben kennenlernst, die er gekannt hatte; und er wollte nicht, dass du durch das Wissen behindert wirst, dass du einen Gauner als Vater hast. Er hatte immer noch das Vermögen deiner Mutter intakt, ein kleines, aber ein ehrliches. Also gab er dich und das Geld in die Hände seines vertrauten Freundes, mit der Anweisung, dass du so erzogen wirst, wie die Mädchen der nettesten Familien erzogen werden, und dass du glaubst, du seiest eine Waise.“

„Dieser Freund von ihm, Larry?“, flüsterte sie angespannt.

„Jimmie Carlisle.“

„O – oh!“

„Ich weiß nicht, welche Motive Jimmie Carlisle für das hatte, was er getan hat. Vielleicht um an dein Geld zu kommen, vielleicht irgendein Groll gegen deinen Vater, den er nicht zeigen konnte, solange dein Vater frei war, denn dein Vater war immer sein Meister. Aber Old Jimmie hat dich genau im Gegensatz zu den Anweisungen erzogen, die er erhalten hatte. Wenn Rache Jimmie Carlisles Motiv war, hätte sein schlaues, feiges Gehirn sich keine diabolischere Rache ausdenken können, eine, die deinem Vater mehr wehtun würde. Bis vor einigen Jahren, als deinem Vater Nachricht geschickt wurde, dass Old Jimmie tot sei, schrieb Jimmie regelmäßig deinem Vater über den Erfolg seines Plans, darüber, wie prächtig du dich entwickelst und wie du mit den besten Leuten zurechtkommst. Und dein Vater – ich kannte ihn im Gefängnis – glaubt jetzt, dass du genau die Art von junger Frau geworden bist, die er geplant hatte.“

„Larry!“, würgte sie mit betäubter Stimme hervor. „Larry!“

„Dein Vater ist jetzt so glücklich, wie es für ihn nur möglich ist, denn er hat jahrelang in dem Glauben gelebt und lebt noch immer darin, dass sein großer Traum, das einzige große Ding, das ihm noch blieb, wahr geworden ist: dass irgendwo draußen in der Welt seine Tochter ist, herangewachsen zu einer netten, einfachen, gesunden jungen Frau, mit einem sauberen, gesunden Leben vor sich. Und obwohl sie das Einzige auf der ganzen Welt für ihn ist, hat er nie vor, sie jemals wiederzusehen, aus Angst, dass sein Sehen ihrer Person irgendwie zu einem Unfall führen könnte, der ihre glückliche Unwissenheit zerstören würde. Maggie, kannst du die ungeheure Bedeutung dessen für deinen Vater begreifen, was er glaubt geschaffen zu haben? Und kannst du den ungeheuren Unterschied zwischen dem Traum, von dem er lebt, und der Realität begreifen?“

Sie war bleich, starrte vor sich hin, war in sich zusammengesunken. Einmal war all der Trotz, das Selbstvertrauen, das Bravado von ihr abgefallen, und sie war nur noch ein entsetztes und verängstigtes junges Mädchen.

Nach einem Moment brachte sie die Frage hervor, die Larry ignoriert hatte: „Ist mein wirklicher Vater – immer noch im Gefängnis?“

„Nein“, antwortete Larry. „Er wurde vor ein paar Monaten entlassen. Er arbeitet jetzt hier auf dem Anwesen.“

„Hier?“ Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen an. „Er ist hier? Ganz in der Nähe?“

„Ja. Er ist einer der Gärtner.“

Sie wich einen Schritt zurück, als hätte sie ein Schlag getroffen, und ließ sich schwer auf eine Bank in der Nähe fallen. Sie atmete stoßweise, und für einen Moment war Larry besorgt, sie könnte in Ohnmacht fallen. „Du möchtest deinen wirklichen Vater sehen?“, fragte er sie.

„Ich glaube – ich möchte einen Blick auf ihn werfen“, hauchte sie.

Larry hatte kurz zuvor Joe Ellison in seinem blauen Overall und dem breiten Strohhut bemerkt, wie er ein Stück weiter oben am Hang ein Beet mit jungen Dahlien säuberte. Er nahm nun Maggies Arm und führte sie in diese Richtung.

„Siehst du den Mann dort, der bei den Dahlien arbeitet? – den Mann, der dir einmal einen Strauß Rosen brachte? Joe Ellison ist sein Name. Er ist der Mann, von dem ich gesprochen habe – dein Vater.“

Er spürte, wie sie für einen Augenblick unter seiner Hand bebte, und hörte, wie ihr Atem in schnellen, krampfhaften Stößen aus ihr herauskam. Er fragte sich gerade, welche Wirkung dieser Höhepunkt seiner Enthüllung auf sie hatte, als sie flüsterte:

„Glaubst du – ich kann mit ihm – mit meinem Vater sprechen?“

„Natürlich. Er mag junge Frauen. Und ich habe dir doch gesagt, dass er und ich enge Freunde waren.“

„Dann – komm mit.“ Sie stand auf, klammerte sich an ihn und zog ihn hinter sich her. Auf halbem Weg zu Joe hauchte sie: „Bitte sag du zuerst etwas. Irgendetwas.“

Er erkannte dies als den Flehruf einer Person, deren Sinne völlig benebelt waren. Hier in Cedar Crest hatte man nie versucht, Joe Ellisons Vergangenheit zu verbergen, und in Larrys Fall hatte es nur jene Verschleierung gegeben, die ihm bei der Flucht vor seinen Gefahren behilflich sein konnte. Und so bemerkte Larry, als Joe Ellison seinen breiten Hut vom weißen Haar nahm und barhäuptig vor ihnen stand:

„Joe, Miss Cameron weiß, wer ich wirklich bin und dass ich in Sing Sing war; und ich habe ihr gerade erzählt, dass wir dort Freunde waren. Außerdem habe ich ihr von deiner Tochter erzählt. Es hat ihr Interesse geweckt und sie hat mich gefragt, ob sie nicht mit dir sprechen könnte, also habe ich sie hergebracht.“

Larry trat beiseite und beobachtete angespannt diese Begegnung zwischen Vater und Tochter. Joe verneigte sich leicht, mit einer würdevollen Anmut, die weder ein Overall noch mehr als fünfzehn Jahre Gefängnis einem Mann nehmen konnten, der in den Jahren seiner frühen und mittleren Mannesreife als Inbegriff eines vollendeten Gentlemans gegolten hatte. Seine grauen Augen wärmten sich auf bei der Anerkennung der jungen Gestalt vor ihm, genau wie Larry sie hatte aufleuchten sehen, wenn sie die jungen Mädchen beobachteten, die sich im Sound vergnügten.

„Es ist sehr zuvorkommend von einer jungen Dame wie Ihnen, Miss Cameron“, sagte er mit einer Stimme von gravitätischer Höflichkeit, „dass Sie genug Interesse an einem alten Mann wie mir haben, um mit ihm sprechen zu wollen.“

Maggie unternahm die größte Anstrengung ihres Lebens, um sich zu beherrschen. „Ich wollte mit Ihnen sprechen wegen einer Sache, von der Mr. Brainard mir erzählt hat – von dem Umstand, dass Sie eine Tochter haben.“

Larry spürte, dass dies eine zu heilige Szene war, als dass er sie stören dürfte. „Würden Sie mich entschuldigen“, sagte er; „ich muss dringend noch ein paar Berechnungen anstellen“ – und er kehrte zu der Bank zurück, auf der sie gesessen hatten, und tat so, als würde er sich mit einem Notizbuch beschäftigen.

Während Larry gesprochen hatte und weggegangen war, hatte Maggie ihren Vater hastig gemustert. Seine grauen Augen waren direkt, im Gegensatz zu Jimmies Verschlagenheit; sein Mund hatte eine feste Freundlichkeit, im Gegensatz zu Jimmies runzliger Schlauheit; seine Haltung war aufrecht und selbstsicher, im Gegensatz zu Jimmies gebeugter, schlurfender Art. Maggie empfand keine plötzliche Tochterliebe für diesen Fremden, der ihr Vater war. Die Aufruhr ihrer Entdeckung erfüllte sie zu sehr, als dass sie eine ausgewachsene Zuneigung hätte zulassen können; aber sie war erschüttert von dem Gefühl des gewaltigen Unterschieds zwischen ihrem vermeintlichen Vater und diesem, ihrem wirklichen Vater.

In der Zwischenzeit hatte ihr Vater gesprochen. Joe wäre gegenüber Männern oder älteren Frauen zurückhaltender gewesen; doch bei diesem Mädchen, das so sehr der Art von Mädchen entsprach, von der er lange geträumt hatte, schwand seine Reserve ohne Widerstand, und an ihre Stelle trat der Wunsch, mit diesem schönen Geschöpf zu sprechen, das aus jener Welt kam, die das große weiße Haus repräsentierte.

„Ich habe eine Tochter, ja“, sagte er. „Aber Larry – Mr. Brainard, sollte ich wohl sagen – hat Ihnen wahrscheinlich alles erzählt, was es zu sagen gibt.“

„Ich würde es gerne von Ihnen selbst hören, bitte – wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Es gibt eigentlich nicht viel zu sagen“, sagte er. „Sie wissen, was ich war und was passiert ist. Als ich ins Gefängnis ging, war meine Tochter zu jung, um sich an mich zu erinnern – nicht einmal zwei Jahre alt. Ich wollte nicht, dass sie jemals in die Art von Leben hineingezogen wird, die die meine gewesen war, oder die Art von Frau wird, zu der ein Mädchen wird, das in dieses Leben gerät. Und ich wollte nicht, dass sie jemals das Stigma und das Hindernis tragen muss, dass sie selbst und die Welt wissen, dass ihr Vater ein Sträfling ist. Sie können das nicht voll und ganz verstehen, Miss Cameron, aber vielleicht können Sie ein wenig nachempfinden, wie beschämt Sie sich fühlen würden und welch ein Hindernis es wäre, wenn Ihr Vater ein Sträfling wäre. Ich hatte einen guten Freund, dem ich vertrauen konnte. Also übergab ich ihm meine Tochter, damit sie ohne Wissen von meiner Existenz aufwächst und jede vernünftige Chance bekommt, die ein anständiges Mädchen haben sollte. Ich glaube, das ist alles, Miss Cameron.“

„Dieser Freund – wie war sein Name?“

„Carlisle – Jimmie Carlisle. Aber sein Name hätte Ihnen nie etwas bedeuten können. Außerdem ist er jetzt tot.“

Maggie zwang sich weiterzumachen. „Ihr Plan – ist er gut ausgegangen? Und Sie – sind Sie glücklich?“

„Ja.“ In der verständnisvollen Atmosphäre, die die Anwesenheit dieses jungen Mädchens für ihn schuf, flossen Joes Gefühle in Worte, freier als jemals zuvor in der Gegenwart eines Menschen. Obwohl er ihr antwortete, ließ er in Wahrheit nur seinem Herzen freien Lauf, seine lange stumme Stimme nutzen, seinen frohlockenden Traum und Glauben aussprechen.

„Irgendwo da draußen in der Welt – ich weiß nicht wo, und ich will es auch gar nicht wissen – ist meine Tochter nun zu einer gesunden, wunderbaren jungen Frau herangewachsen!“, sagte er mit vibrierender Stimme. Das so lange beharrliche Grübeln in der Einsamkeit über seinen sorgfältigen Plan, von dem er glaubte, dass er nicht scheitern konnte, hatte den scharfsinnigen Joe Ellison weniger misstrauisch gemacht, als er es sonst gewesen wäre – vielleicht hatte es ihn in dieser einen Sache ein wenig wunderlich gemacht. „Ich habe meine Tochter vor all dem Schmutz bewahrt, den sie hätte kennenlernen können und der sie hätte beschmutzen, ja sogar herunterziehen können, wenn ich mir nicht rechtzeitig meinen Plan zu ihrem Schutz ausgedacht hätte. Und natürlich bin ich glücklich!“, frohlockte er. „Ich habe das Beste getan, was mir möglich war, das, was ich am allermeisten tun wollte! Statt dessen, was sie hätte werden können, habe ich als Tochter ein so nettes Mädchen wie Sie – ungefähr in Ihrem Alter – obwohl sie natürlich nicht Ihr Geld hat, Ihren sozialen Status, und natürlich nicht ganz die Vorteile, die Sie genossen haben. Natürlich bin ich glücklich!“

„Sie sind – Sie sind sicher, dass sie all das ist?“

Wieder waren seine Worte ebenso sehr eine Feststellung für sich selbst über seinen ständigen Traum wie eine direkte Antwort an Maggie. „Natürlich! Es war genug Geld da – der Plan lag in den Händen eines Freundes, der wusste, wie man so etwas handhabt – sie hat nie etwas anderes als die allerbesten Verhältnisse gekannt – und bis sie vierzehn war, bekam ich regelmäßige Berichte darüber, wie wunderbar sie sich entwickelte. Wissen Sie, mein Freund hatte sie von einer großartigen Familie legal adoptieren lassen, also besteht kein Zweifel, dass alles zum Besten geregelt ist.“

„Und Sie“ – Maggie trieb sich selbst voran – „wollen Sie sie niemals sehen?“

„Natürlich will ich das. Aber ganz am Anfang habe ich die Dinge so eingerichtet, dass ich es nicht konnte; damit ich nicht einmal wüsste, wo sie ist. Ich habe die Versuchung von mir entfernt, verstehen Sie? Begreifen Sie nicht, welche möglichen Folgen es hätte, wenn ich versuchen würde, sie zu sehen? Es könnte etwas passieren, das die Wahrheit ans Licht bringt, und das würde ihr Glück, ihre Karriere ruinieren. Begreifen Sie das nicht?“

Seine grauen Augen, strahlend vor seinem großen Traum, waren fest auf Maggie gerichtet; und doch spürte sie, dass sie weit über sie hinaus auf ein anderes Mädchen starrten... auf sein Mädchen.

„Ich – ich –“ sie schluckte und schwankte und wäre gestürzt, wenn er nicht schnell genug gewesen wäre, um ihren Arm zu fassen.

„Sie sind krank, Miss?“, fragte er besorgt.

„Ich – ich bin es gewesen“, stammelte sie und versuchte, die Kontrolle über ihre Sinne zurückzugewinnen. „Es ist – es ist das – und dass ich nichts gegessen habe – und das Stehen in dieser heißen Sonne. Vielen Dank für das, was Sie mir erzählt haben. Ich – ich sollte besser zurückgehen.“

„Ich werde Ihnen helfen.“ Und sehr sanft, mit einer festen Hand unter ihrem Arm, begleitete er sie zu der Bank, auf der Larry saß und Belanglosigkeiten kritzelte. Dann nahm er seinen Hut ab und kehrte zu seinen Dahlien zurück.

„Nun?“, fragte Larry, als sie allein waren.

„Ich halte es nicht aus, hier zu bleiben und mit diesen Leuten zu reden“, antwortete sie in einem gequälten Flüstern. „Ich muss schnell von hier weg, damit ich nachdenken kann.“

„Darf ich mitkommen?“

„Nein, Larry – ich muss allein sein. Bitte, Larry, bitte geh ins Haus und versuche, einen Telefonanruf für mich vorzutäuschen, der mich sofort zurück nach New York ruft.“

„Alles klar.“ Und Larry eilte davon. Sie saß da, blass, atmete schnell, ihr ganzes Wesen angespannt, und starrte unverwandt auf den Sound hinaus. Fünf Minuten später war Larry zurück.

„Es ist alles geregelt, Maggie. Ich habe es den Leuten gesagt; es tut ihnen leid, dass du gehen musst. Und Dick macht seinen Wagen bereit.“

Sie wandte ihre Augen ihm zu. Er hatte in ihnen noch nie einen solchen Ausdruck gesehen. Sie waren fiebrig, voller benommener, entsetzter Angst. Sie klammerte sich an seinen Arm.

„Du musst versprechen, meinem Vater niemals von mir zu erzählen!“

„Das werde ich nicht. Es sei denn, ich muss es.“

„Aber du darfst nicht! Niemals!“, rief sie verzweifelt. „Er denkt, ich bin – Oh, begreifst du denn nicht? Wenn er erfahren würde, was ich wirklich bin, würde ihn das töten. Er muss seinen Traum behalten. Um seinetwillen darf er es niemals herausfinden, er muss weiterhin das Gleiche von mir denken. Jetzt verstehst du?“

Larry nickte langsam.

Ihre nächsten Worte waren dumpf vibrierend vor erschütterter Ehrfurcht. „Und das bedeutet, dass ich ihn niemals als meinen Vater haben kann! Niemals! Und ich glaube – ich würde – ich würde ihn mir als Vater wünschen! Verstehst du das nicht?“

Wieder nickte Larry. In dieser völlig neuen Phase von ihr, als ein bleiches, erschüttertes, zitterndes Mädchen, empfand Larry ein ergreifendes Mitgefühl für sie, wie es ihn in ihren triumphierenden Momenten nie durchströmt hatte. Tatsächlich eröffnete sich Maggies Situation zu großen menschlichen Problemen, wie weder er noch irgendjemand sonst sie jemals vorhergesehen hatte!

„Da kommt Dick“, flüsterte sie. „Ich muss mein Bestes tun, um mich zusammenzureißen. Leb wohl, Larry.“

Eine Minute später, Larry direkt hinter ihr, überquerte sie den Rasen an Dicks Arm und erklärte ihre Schwäche und Blässe mit dem plötzlichen Schwindel, der sie infolge des fehlenden Essens und des Aufenthalts in der heißen Sonne überfallen hatte.

KAPITEL XXXI

Larry war diesmal weitaus tiefer bewegt, als Maggie mit Dick davonfuhr, als bei jener früheren Gelegenheit, als er versucht hatte, geschickt mit ihren psychologischen Reaktionen zu spielen. Jetzt wusste er, dass ihre ganze Welt erschüttert war; dass ihre Seele betäubt war und taumelte; dass sie mit all ihrer Kraft um eine kurze äußere Fassung kämpfte.

Er liebte sie seit Monaten, aber er hatte sie noch nie so geliebt wie in dieser Stunde, als all ihre künstlichen Verteidigungswälle niedergerissen worden waren und sie nur ein verwirrtes, gequältes Mädchen war, mit genau den Gefühlen und ersten Gedanken, die jedes andere normale Mädchen unter denselben Umständen gehabt hätte. Sein größter Wunsch war es gewesen, bei ihr zu sein, sie zu trösten, ihr zu helfen; aber er erkannte, dass sie mit ihrem Instinkt, eine Weile für sich zu sein, um das alles zu begreifen, um zu versuchen, sich einen Weg aus dem Chaos zu denken, recht gehabt hatte.

Als Maggie außer Sichtweite war, entschuldigte er sich dafür, beim Tee zu fehlen, ließ Hunt und Miss Sherwood auf der Veranda zurück und suchte sein Arbeitszimmer auf. Doch obwohl er den ganzen Tag seine Arbeit vernachlässigt hatte, schenkte er ihr nun keine Beachtung. Er saß an seinem Schreibtisch und dachte an Maggie: versuchte zu ergründen, was sie tun würde. Ihre Situation war so kompliziert durch große Elemente, mit denen sie umgehen musste, dass er nicht vorhersagen konnte, was ihr Weg sein würde. Es war eine erschreckende Lage für eine junge Frau, die im Grunde nur ein sehr junges Mädchen war, ihr allein gegenüberzustehen. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf Nachrichten von ihr zu warten. Und sie hatte nicht einmal gesagt, dass sie ihn jemals wieder etwas hören lassen würde.

Während er über diese Dinge nachdachte, war er aufgestanden und im Zimmer auf und ab gegangen. Einmal hielt er an einem französischen Fenster inne, das sich zu einer seitlichen Veranda öffnete, und sah unter sich, nur ein paar Meter entfernt, Joe Ellison, dessen Interesse an seinen Blumen seinen Arbeitstag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang bestimmte. Joe Ellison hatte winzige Unkräuter herausgezogen, die es wagten, in einem Rosenbeet Fuß fassen zu wollen. Larrys Gedanken blieben einen Moment bei Joe hängen. Hier war zumindest ein zufriedener Mann: einer, der, egal was passierte, in Unkenntnis möglicherweise großer Ereignisse bleiben würde, die ihn persönlich betrafen. Dann verließ Larry das Fenster und kehrte zu seinen Gedanken an Maggie zurück.

Doch Larrys Gedanken sollten nicht lange ausschließlich bei Maggie bleiben. Kurz nach sechs Uhr trat Judkins ein und kündigte an, dass ein Mann an der Tür sei, der eine Nachricht habe. Der Mann hatte sich geweigert hereinzukommen, sagte, er sei nur ein Bote und habe es eilig; und er hatte sich geweigert, Judkins die Nachricht zu geben, mit der Begründung, sie sei mündlich. In der Annahme, dass eine Nachricht von seiner Großmutter oder möglicherweise sogar von Maggie gekommen sei, ging Larry auf die Veranda hinaus. Dort wartete ein unauffälliger Mann auf ihn, den er nicht kannte.

„Mr. Brandon, Sir?“, fragte der Mann.

„Ja. Sie haben eine Nachricht für mich?“

Bevor der Mann antworten konnte, ertönte ein Ruf aus dem Gebüsch jenseits der Auffahrt:

„Pack ihn, Smith! Er ist es!“

Augenblicklich legten sich Smiths stählerne Arme um Larry, drückten seine Ellbogen an seine Seiten, und ein Mann brach aus dem Gebüsch hervor und eilte zum Haus. Instinktiv begann Larry sich zu wehren, aber er hörte auf, als er den Mann erkannte, der die Stufen heraufkam. Es war Gavegan. Larry erkannte, dass er schlau in eine Falle gelockt worden war, dass Widerstand zu nichts führen würde, und im nächsten Moment klickten die Handschellen an seinen Handgelenken.

„Nun, Brainard“, triumphierte Gavegan, „wir haben dich endlich geschnappt!“

„So sieht es aus, Gavegan.“

„Du dachtest, du wärst verdammt schlau, aber ich schätze, jetzt weißt du, dass du absolut nichts bist!“

„Oh, ich wusste, wie schlau du bist, Gavegan“, antwortete Larry trocken, „und dass du mich früher oder später kriegen würdest, wenn ich in der Gegend bliebe.“

Tatsächlich war Larrys Gefangennahme, die ebenso unspektakulär war wie seine Flucht anstrengend gewesen war, keineswegs das Ergebnis von besonderer Cleverness. Larry hatte Barney Palmer am Abend zuvor gesagt, dass er wisse, wer Barneys Opfer war; und Barney hatte diese Information an Chief Barlow weitergegeben. „Verfolge jeden Hinweis; das Glück mag auf deiner Seite sein und einer der Hinweise könnte ans Licht bringen, was du suchst“: – dies ist im Wesentlichen eine ungeschriebene Regel des routinemäßigen Vorgehens, die jene großartigen polizeilichen Lösungen bewirkt, die als mysteriöser dargestellt werden, als das ursprüngliche Geheimnis eigentlich war – denn es ist gut für die Öffentlichkeit zu glauben, dass ihre Polizeibeamten unfehlbar cleverer sind als ihre Kriminellen. Barlow hatte ein wenig routinemäßiges Nachdenken angestellt: Wenn Larry Brainard wusste, dass Dick Sherwood das Opfer war, dann könnte die Überwachung von Dick Sherwood möglicherweise den Aufenthaltsort von Larry Brainard enthüllen. Barlow hatte diesen Tipp an Gavegan weitergegeben. Gavegan hatte vor sich hin gegrummelt, dass es nur eine Chance von tausend zu eins sei; aber das Glück war auf seiner Seite gewesen, und sein gewagter Versuch hatte gewonnen.

Miss Sherwood, mit Hunt hinter ihr, war durch den Lärm der Stimmen auf die Seite der Veranda gelockt worden, wo die vier Männer standen. „Was tun Sie da?“, fragte sie nun scharf in Gavegans Richtung.

„Ich möchte ungern für eine unangenehme Szene sorgen, Miss Sherwood, aber ich muss Ihnen sagen, dass dieser sogenannte Brandon ein wohlbekannter Gauner ist.“ Gavegan genoss nichts mehr, als Menschen mit unangenehmen Fakten in Erstaunen zu versetzen. „Sein richtiger Name ist Brainard; er saß bereits im Gefängnis, und jetzt wird er von der New Yorker Polizei wegen eines schweren Verbrechens gesucht, das er begangen hat.“

„Das wusste ich schon vor langer Zeit“, sagte Miss Sherwood.

„Äh – wie bitte?“, stammelte Gavegan.

„Mr. Brainard hat mir das alles gleich beim ersten Mal erzählt, als ich ihn sah.“

„Hallo, Gavegan“, sagte Hunt und trat vor.

„Nun, ich werd verrückt – wenn du nicht dieser verrückte –“ Wieder versagte Gavegan die Fähigkeit, sich zusammenhängend und zurückhaltend auszudrücken. „Wenn du nicht dieser Maler bist, der bei der Herzogin gewohnt hat!“

„Richtig, Gavegan – wie es sich für einen Detektiv gehört. Und Larry Brainard war damals mein Freund und ist es auch heute noch.“

Miss Sherwood meldete sich wieder scharf zu Wort. „Mr. Gavegan – falls das Ihr Name ist – Sie werden bitte diese albernen Dinger von Mr. Brainards Handgelenken abnehmen.“

Gavegan war darum gebracht worden, für Aufsehen zu sorgen. Diese Demütigung machte ihn vielleicht noch sturer, als er von Natur aus war.

„Tut mir leid, Miss, aber er ist wegen eines begangenen Verbrechens angeklagt und ist ein flüchtiger Straftäter, und das kann ich nicht.“

„Ich bürge für ihn. Nehmen Sie sie ab.“

„Tut mir leid, Ihnen schon wieder widersprechen zu müssen, Miss. Aber er ist ein gefährlicher Mann – er ist schon einmal entkommen. Mein Befehl lautet, kein Risiko einzugehen, das ihm eine weitere Chance zur Flucht geben könnte.“

Miss Sherwood wandte sich an Larry. „Ich werde mit Ihnen in die Stadt fahren, und Mr. Hunt ebenfalls. Ich werde dafür sorgen, dass Sie auf Kaution freikommen und einen guten Anwalt bekommen.“

„Danke, Miss Sherwood“, sagte Larry. „Gavegan, ich schätze, wir können los.“

„Noch nicht ganz, Brainard. Tut mir leid, Miss Sherwood, aber wir haben einen Durchsuchungsbefehl für Ihr Anwesen. Wir wollen uns nur das Zimmer ansehen, das Brainard benutzt hat. Man weiß nie, was für krumme Dinger er gedreht hat. Und um den Durchsuchungsbefehl in Ordnung zu bringen, habe ich ihn in diesem Bezirk ausstellen lassen und einen Bezirksbeamten mitgebracht, um ihn zu vollstrecken. Zeigen Sie ihn der Dame, Smith.“

„Ich habe kein Verlangen, ihn zu sehen, Mr. Gavegan. Ich bin mehr daran interessiert, Sie zu beobachten, während Sie meine Sachen durchwühlen.“ Und nachdem sie Gavegan einen Blick zugeworfen hatte, der ein ungewohntes Rot in den dicken Hals des Beamten steigen ließ und sein quadratisches Gesicht färbte, führte sie den Weg in Larrys Arbeitszimmer. „Dies ist das Zimmer, in dem Mr. Brainard arbeitet“, sagte sie. „Durch diese Tür geht es in sein Schlafzimmer. Alles hier, mit Ausnahme seiner Kleidung, ist mein Eigentum. Ich werde Sie streng dafür verantwortlich machen, falls Sie Unordnung hinterlassen oder Schaden anrichten. Jetzt können Sie anfangen.“

„Geben Sie mir alle Ihre Schlüssel, Brainard“, würgte Gavegan hervor.

Larry übergab sie. Während Miss Sherwood, Hunt und Larry schweigend zusahen, begannen die beiden Männer ihre Untersuchung. Sie begannen mit den Papieren auf Larrys Schreibtisch und in dessen Schubladen; und in seinem ganzen Leben war Gavegan bei einer Durchsuchung nicht so rücksichtsvoll gewesen, wie er es jetzt war, mit Miss Sherwoods blauen Augen, die kalt auf ihm ruhten. Sie schlossen Schränke auf, untersuchten deren Inhalt, schüttelten Bücher aus, begutachteten die Rückseiten von Bildern, hoben Teppiche an; dann gingen sie in Larrys Schlafzimmer. Miss Sherwood machte keine Anstalten, den Beamten in diese privatere Räumlichkeit zu folgen, und die anderen beiden Beobachter blieben bei ihr.

Eine Minute verging. Dann trat Gavegan wieder ein, mit einem verdutzten, halbtriumphierenden Ausdruck auf seinem roten Gesicht, und hielt ein Stück farbbeschichtete Leinwand in der Hand.

„Habe das Ding in Brainards Kommode gefunden. Was zum Teu – ich meine, was hat das hier zu suchen?“

Es gab keinen Augenblick des Zweifels, was das Ding war. Larry zuckte zusammen, Hunt zuckte zusammen, und Miss Sherwood zuckte zusammen. Aber es war Miss Sherwood, die zuerst sprach.

„Warum, das ist ein Porträt von Miss Cameron, im Kostüm! Und gemalt von Mr. Hunt!“ Erstaunt wandte sie sich zuerst an Larry und dann an Hunt. „Wann haben Sie ihr Porträt gemalt, wenn Sie Miss Cameron doch erst kennengelernt haben, als Sie sie hier trafen? Und, Mr. Brainard, wie kommen Sie dazu, Miss Camerons Porträt zu besitzen?“

Es war Gavegan, der prompt das Wort ergriff, und nicht einer der beiden plötzlich in Verlegenheit geratenen Männer. Und Gavegan spürte sofort, dass sich ihm hier eine Chance bot, sich für die Demütigung zu rächen, die sein Selbstwertgefühl gerade erlitten hatte.

„Miss Cameron, gar nichts! Ihr richtiger Name ist Maggie Carlisle, und sie hat früher in einem heruntergekommenen Pfandhaus in der East Side gelebt, das von Brainards Großmutter geführt wurde. Brainard kannte sie von dort, und Mr. Hunt auch.“

„Aber – aber –“, keuchte Miss Sherwood – „sie ist immer hierher gekommen als Maggie Cameron!“

„Ich sage Ihnen, Ihre Maggie Cameron ist Maggie Carlisle!“, sagte Gavegan hämisch. „Ich kenne sie seit Jahren. Ihr Vater ist der alte Jimmie Carlisle, ein berüchtigter Gauner. Und sie steckt momentan selbst mit ihrem Vater und einigen anderen in einem krummen Ding drin. Und Brainard hier war mal in sie verschossen, und ist es wahrscheinlich immer noch, und wenn er sie hierher kommen ließ, ohne Ihnen zu sagen, wer sie ist – nun, ich schätze, Sie kennen die Antwort. Habe ich Ihnen nicht gesagt, Miss, dass ich, wenn man mir eine Chance gibt, etwas gegen diesen Typen Brainard in der Hand haben werde!“

Miss Sherwoods Gesicht war blass, doch von einer grimmigen Anklage gezeichnet, die nur darauf wartete, ein schnelles Urteil zu fällen. „Mr. Hunt, ist es wahr, dass Miss Cameron diese Maggie Carlisle ist, die der Beamte erwähnt, und dass Sie es die ganze Zeit wussten?“

„Ja“, begann der Maler.

„Beschuldigen Sie ihn nicht, Miss Sherwood“, unterbrach ihn Larry. „Er hat es Ihnen nicht gesagt, weil ich ihn als Gefallen für mich darum gebeten habe. Beschuldigen Sie mich für alles.“

Ihr Urteil über Hunt wurde mit kalter Endgültigkeit gefällt, während sie Hunt direkt in die Augen sah: „Was auch immer Mr. Hunts Motive gewesen sein mögen, ich mache ihn ausnahmslos dafür verantwortlich.“

Sie wandte sich Larry zu. Das Gesicht, das er bisher nur in gütiger Stimmung gesehen hatte, war so unerbittlich streng wie das eines Staatsanwalts.

„Wir werden dieser Sache direkt auf den Grund gehen, Mr. Brainard. Auch Sie haben die ganze Zeit gewusst, dass diese Miss Cameron in Wahrheit die Maggie Carlisle ist, von der dieser Beamte spricht?“

„Ja.“

„Und Sie wussten die ganze Zeit, dass sie die Tochter dieses berüchtigten Kriminellen, Old Jimmie Carlisle, ist?“

In Larry stieg der Impuls auf, die neu gelernte Wahrheit über Maggie zu sagen. Doch er erinnerte sich an Maggies Anweisung, dass die Wahrheit niemals bekannt werden dürfe. Er hielt seine Enthüllung gerade noch rechtzeitig zurück.

„Ja.“

„Und ist es wahr, dass Maggie Carlisle selbst das ist, was man einen Gauner nennt? – oder dass sie krumme Neigungen oder Pläne hatte?“

„Es ist so, Miss Sherwood –“

„Eine direkte Antwort, bitte!“

„Ja.“

„Und ist es wahr, wie dieser Beamte vermuten ließ, dass Sie selbst in sie verliebt waren?“

„Ja.“

„Sie sind sich der Schwärmerei meines Bruders für sie bewusst? Dass er sie gebeten hat, ihn zu heiraten?“

„Ja.“

Ihre Stimme klang nun noch schrecklicher für Larry. „Ich habe Sie aufgenommen, um Ihnen eine Chance zu geben. Und Ihr Dank war, dass Sie, obwohl Sie all diese Dinge wussten, geschwiegen und zugelassen haben, dass man mich und meinen Bruder mit einem Betrugsmanöver hintergeht. Und wer weiß, da Sie zugeben, dass Sie das Mädchen lieben, ob Sie nicht von Anfang an ein Partner in dieser Verschwörung waren!“

„Genau das ist der Punkt, Miss!“, warf Gavegan ein.

Larry hatte viele mögliche falsche Wendungen vorhergesehen, die sein Plan nehmen könnte, aber er war entsetzt über die völlige Unerwartetheit des tatsächlichen Unheils. Und doch erkannte er, dass die Beweise Miss Sherwoods Urteil über ihn rechtfertigten. Alles ließ ihn wie einen Undankbaren und einen Betrüger erscheinen.

Für einen Moment war Larry so überwältigt, dass er keinen Versuch machte zu sprechen. Und da Gavegan sich für einmal damit begnügte, sich an seinem Triumph zu weiden, herrschte im Zimmer steife Stille, bis Miss Sherwood mit der kalten Stimme eines Richters sprach, nachdem eine Jury ein Schuldig gesprochen hatte:

„Natürlich, wenn Sie glauben, dass es irgendetwas gibt, das Sie zu Ihrer Verteidigung sagen können, Mr. Brainard, haben Sie jetzt die Gelegenheit dazu.“

„Ich habe viel zu sagen, aber ich kann es Ihnen nicht verübeln, wenn Sie sich weigern, das meiste davon zu glauben“, sagte Larry verzweifelt, während er um das kämpfte, was seine letzte Chance zu sein schien. „Ich habe Maggie Carlisle geliebt. Ich glaubte, sie hätte großartige Qualitäten. Nur war sie von den verdrehten Ideen beherrscht, die Old Jimmie Carlisle ihr eingepflanzt hatte. Ich wollte diese verdrehten Ideen ausrotten und ihre guten Eigenschaften zu ihren bestimmenden machen. Aber sie glaubte mir nicht. Sie hielt mich für einen Schwachkopf, einen Polizeispitzel, einen Verräter. Dann musste ich verschwinden; das wissen Sie alles. Erst als ich mehrere Wochen bei Ihnen war, erfuhr ich, dass sie für einen Betrug gegen Dick benutzt wurde.

Ich dachte daran, es Ihnen oder Dick zu sagen. Aber mein größtes Interesse galt dem Erwachen jener besseren Person, von der ich glaubte, dass sie in ihr steckte; und ich wusste, dass die sichere Folge davon, wenn ich sie vor Ihnen entlarven würde, wäre, dass ich den letzten Rest an Einfluss, den ich bei ihr hatte, verlieren würde und sie direkt zum nächsten Unternehmen ähnlicher Art übergehen würde. Also kam mir die Idee, dass, wenn ich sie nicht entlarven, sondern sie dazu bringen würde, von ihren beabsichtigten Opfern mit aller Höflichkeit empfangen zu werden, die Wirkung auf sie sein würde, dass sie einen Abscheu vor ihrem Tun empfinden und zur Besinnung kommen würde. Ich habe das Mr. Hunt gesagt; deshalb hat er zugestimmt, sie nicht zu verraten. Und ein weiterer Punkt, obwohl dieser für mich ehrlich gesagt nicht so wichtig war: Es schien mir, dass ein guter, harter Stoß genau das sein könnte, was nötig war, damit Dick das Leben ernster nimmt, und ich sah in dieser Angelegenheit eine Chance für Dick, genau diesen Stoß zu bekommen, den er brauchte.

Das ist alles, Miss Sherwood. Außer, dass ich Anzeichen gesehen habe, die mich glauben machen, dass das, was ich für Maggie Carlisle als Folge vorhergesehen hatte, begonnen hat, einzutreten.“

„Unsinn!“, schnaubte Gavegan.

„Ich weiß, dass ein Teil dessen, was er sagt, wahr ist“, warf Hunt ein.

Miss Sherwood ignorierte Hunt und seine Bemerkung. Der Blick kontrollierten Zorns, den sie auf Larry gerichtet hielt, veränderte sich nicht. Larry erkannte, dass seine Aussage äußerst unglaubwürdig geklungen hatte. Miss Sherwood betrachtete in ihrer Empörung nur, dass ihre Güte verraten, ihre Gastfreundschaft geschändet worden war und dass diejenigen, die sie als Freunde akzeptiert hatte, versucht hatten, ihre Familie auf die schlimmste Art zu hintergehen, die sie sich vorstellen konnte; und sie sprach dementsprechend.

„Wenn das das Beste ist, was Mr. Brainard zu seiner Verteidigung vorzubringen hat, Mr. Gavegan, können Sie ihn mitnehmen, und zwar ohne jegliche Einmischung meinerseits. Ich bitte nur darum, dass Sie ihn sofort aus dem Haus schaffen.“

Damit verließ sie den Raum, ohne Hunt oder Larry eines weiteren Blickes zu würdigen. Für einen kurzen Moment herrschte Stille, während Gavegan seinen Triumph genüsslich an dem Anblick seines Gefangenen weidete.

Diese kurze Stille wurde durch ein leises, seltsames Geräusch unterbrochen, wie ein menschlicher Schrei, der schnell unterdrückt wurde und direkt von außerhalb der französischen Fenster zu kommen schien.

„Was war das?“, fragte Larry schnell.

„Ich habe nichts gehört“, sagte Gavegan, dessen Sinne völlig auf seinen Triumph konzentriert waren.

„Ich schon“, sagte Hunt. „Auf der Veranda.“

„Wir werden sehen. Bewachen Sie ihn –“, sagte er zum Bezirksbeamten; und Gavegan folgte Hunt zu den französischen Fenstern und schaute hinaus. „Niemand auf der Veranda und niemand zu sehen“, berichtete er. „Ihr Kerle müsst geträumt haben.“

Er kehrte zurück und trat Larry gegenüber. „Ich schätze, Sie geben zu, Brainard, dass ich Sie dieses Mal endgültig habe.“

„Dann schlage ich vor, dass wir uns auf den Weg zum Hauptquartier machen“, antwortete Larry.

Hunt trat an Larrys Seite. „Ich werde einfach hinter euch hergehen, Larry. Wie auch immer, das scheint hier kein Ort für mich zu sein.“

Einige Minuten später saß Larry neben Gavegan in einem Auto und raste von Cedar Crest in Richtung Stadt. Larrys Gedanken waren die düstersten, die er gehabt hatte, seit er vor Monaten mit seinem großen Traum aus Sing Sing herausgekommen war. Alles, worauf er gebaut hatte, war schiefgelaufen. Er war in den Händen der Polizei, und er wusste, wie hart die Polizei sein würde. Er hatte sich die Feindschaft von Miss Sherwood zugezogen und das verloren, was eine solide Gelegenheit schien, seine Karriere als ehrlicher Mann zu beginnen. Der einzige Punkt seines großen Plans, in dem er nicht völlig gescheitert zu sein schien, war Maggie. Und er wusste nicht, was Maggie tun würde.

KAPITEL XXXII

Als Maggie mit Dick von Cedar Crest wegfuhr – dies geschah eine Stunde, bevor Gavegan wie aus heiterem Himmel über Larry herfiel, und zwei Stunden, bevor er triumphierend mit seinem Gefangenen davonzog – war sie das benommenste und desillusionierteste junge Geschöpf, das jemals voller Zuversicht ausgezogen war, um die Welt zu erobern. Mut, Zuversicht, Geistesgegenwart, all die Eigenschaften, auf die sie stolz gewesen war, waren nun völlig verschwunden, und sie war nur noch eine weiße, schlaffe Gestalt, die weglaufen wollte: eine schwache Gestalt, in der Gedanken wirbelten, die fast zu spasmodisch kraftvoll waren, als dass ein so geschwächtes Gefäß nicht unter ihrer wilden Spannung hätte zerbrechen können: Gedanken an ihren überraschend entdeckten wirklichen Vater – daran, wie sie der reine Widerspruch zum Traum ihres Vaters war – an Larry – an den gerissenen Jimmie Carlisle, den sie bis zum heutigen Tag für ihren Vater gehalten hatte – an Barney Palmer.

Sie war von diesen kreisenden Gedanken so aufgewühlt, dass sie nicht bemerkte, dass Dick das Auto am grünen Straßenrand angehalten hatte, bis er ihre Hand genommen hatte und zu sprechen begann. Der glückliche, geschwätzige, unaufmerksame Dick hatte nichts Außergewöhnliches an ihr bemerkt, außer einer Blässe, die sie als Folge von nichts anderem als ein wenig vorübergehendem Schwindel erklärt hatte. Und so schüttete Dick nun zum zweiten Mal sein Herz vor ihr aus und bat sie, ihn zu heiraten.

„Tu das nicht, Dick – bitte!“, unterbrach sie ihn. „Ich kann dich nicht heiraten! Niemals!“

„Was!“, rief der verblüffte Dick. „Maggie – warum nicht?“

„Ich kann nicht. Das ist endgültig. Und zwing mich jetzt nicht, mit dir zu reden, Dick – bitte! Ich kann nicht!“

Sein Gesicht, das einen Augenblick zuvor noch so frisch und glücklich war, wurde grau und von Schmerz gezeichnet. Aber er lenkte das Auto schweigend zurück auf die Straße.

Sie vergaß ihn völlig in dem, was in ihr vorging. Während sie weiterfuhren, zwang sie sich dazu, darüber nachzudenken, was sie tun sollte. Sie sah sich als Opfer von vielem und als schuldig an vielem. Und dann kam ihr die Inspiration, oder vielleicht war es nur ein hoher Rausch der Verzweiflung, und sie sah, dass die Verantwortung für die gesamte Situation allein bei ihr lag; sie sah es als ihre Pflicht, als die ihr zugewiesene Rolle, zu versuchen, diese verworrene Situation allein zu entwirren, zu versuchen, jedem gegenüber Gerechtigkeit walten zu lassen.

Zuerst einmal, wie sie es Larry gesagt hatte, musste der Traum ihres Vaters von ihr unzerbrochen bleiben. Was auch immer sie tat, sie durfte nichts tun, was möglicherweise ein harter Schlag gegen die Vorstellung von seiner Tochter sein könnte, die die Wurzeln und den Stamm und die blühenden Zweige seines gegenwärtigen Glücks bildeten... Und dann kam eine echte Inspiration! Sie würde sich mit der Zeit zu dem Mädchen machen, für das er sie hielt – seinen Traum zur Wahrheit machen! Sie würde Old Jimmie und Barney loswerden – sich von allem lösen, was mit ihrem früheren Leben zu tun hatte – verschwinden und ein oder zwei Jahre in der Art von Umgebung leben, in der er glaubte, sie untergebracht zu haben – und würde wieder auftauchen und ihn als ihren Vater beanspruchen! Und um seinetwillen sollte er niemals die Wahrheit erfahren. Noch zwei Jahre und er sollte die Wirklichkeit haben, wo er jetzt nur den Traum hatte!

Aber bevor sie frei war, diesen Plan in Angriff zu nehmen, bevor sie aus dem Wissen all derer verschwinden konnte, die sie kannten, gab es eine große Pflicht gegenüber Larry Brainard, die sie erfüllen musste. Er wurde von der Polizei gejagt, er wurde von seinen früheren Kumpanen gejagt. Und er befand sich im Grunde wegen ihr in dieser Zwangslage. Daher war es ihre vorderste Pflicht, Larry Brainard reinzuwaschen.

Ja, das würde sie zuerst tun! Irgendwie!...

Sie überlegte gerade dieses Problem, wie sie Larry reinwaschen konnte, der versucht hatte, sie aufzuwecken, der sie beschützt hatte, der sie liebte, als Dick sein Auto vor dem Grantham verlangsamte und ihr beim Aussteigen half. Als er sich gedämpft verabschiedete und wieder in sein Auto steigen wollte, stieg ein Impuls in ihr auf – ein Impuls dieser anderen Maggie, deren Geburt von solch verwirrenden Gefühlen und Entscheidungen begleitet wurde.

„Dick, würdest du bitte für ein kleines Weilchen hochkommen?“

Drei Minuten später waren sie in ihrem Wohnzimmer. Mit der Mütze in der Hand erwartete Dick im Elend des Schweigens ihre Worte. Ihr Blick war gezeichnet, aber direkt.

„Draußen auf der Straße, Dick, hast du mich gefragt, warum ich dich nicht heiraten kann. Ich habe dich hierher gebeten, um es dir zu sagen.“

„Ja?“, fragte er stumpf.

„Ein Grund ist, dass ich dich zwar mag, aber nicht auf diese Weise mag. Der wichtigere Grund für dich ist, dass ich eine Betrügerin bin.“

„Eine Betrügerin!“, rief er ungläubig.

Es war ihr, als sie das Auto verließ, in den Sinn gekommen, dass der Ort, um ihr neues Leben zu beginnen, darin bestand, richtig anzufangen oder richtig aufzuhören, mit Dick. „Eine Betrügerin“, wiederholte sie – „eine Hochstaplerin. Es gibt keine Maggie Cameron. Ich stamme aus keiner guten Familie aus dem Westen. Ich habe kein Geld. Ich habe immer in New York gelebt – die meiste Zeit unten an der East Side. Ich habe früher in einem Hutgeschäft in der Fifth Avenue gearbeitet. Bis vor drei Monaten habe ich in einem der großen Hotels Zigaretten verkauft.“

„Was macht das schon!“, rief Dick.

„Das ist der schönste Teil dessen, was ich dir zu sagen habe“, fuhr sie unerbittlich fort. „Meine vermeintlichen Verwandten, Jimmie Carlisle und Barney Palmer, sind überhaupt keine Verwandten, sondern zwei gerissene Betrüger. Ich habe mit ihnen unter einer Decke gesteckt und an einem Plan gearbeitet, den sie ausgeheckt haben. Alles, was ich zu sein schien, alles, was ich getan habe, sogar diese teure Wohnung, waren alles Teile dieses Plans. Die Idee dieses Plans war es, irgendeinen reichen Mann um eine Menge Geld zu betrügen – indem ich seine Empfänglichkeit ausnutzte.“

„Maggie!“, japste er.

„Konkreter gesagt war die Idee, irgendeinen reichen Mann dazu zu bringen, sich in mich zu verlieben, ihn dazu zu bringen, mir einen Heiratsantrag zu machen, dann ihn dazu zu bringen, zu gestehen, dass ich bereits verheiratet sei, aber mit einem Mann, der mir die Scheidung gewähren würde, wenn er genug bezahlt bekäme. Der reiche Mann würde dann mit meinem vermeintlichen Ehemann einen Handel abschließen, eine Menge Geld zahlen – wonach Barney, Old Jimmie und ich mit unserer Beute verschwinden würden.“

„Maggie!“, wiederholte er, verblüfft in seinem ungläubigen Staunen. Aber der unerschütterliche Blick, den sie auf ihn richtete, überzeugte ihn, dass sie die Wahrheit sagte. „Wenn das dein Spiel war, warum sagst du es mir dann jetzt? Warum hast du vor einer Woche nicht 'Ja' gesagt, als ich dir einen Antrag machte? Ich wäre auf das Spiel hereingefallen; du hättest Erfolg gehabt.“

Erst in diesem Moment erkannte Maggie die volle Wahrheit; erst dann erkannte sie den soliden Einfluss, den Larry Brainard all diese Monate im Hintergrund ihres Lebens ausgeübt hatte.

„Ich habe es nicht durchgezogen wegen Larry Brainard.“

„Larry Brainard!“ Sein Erstaunen wuchs. „Du kennst Larry Brainard also?“

„Ich kenne ihn seit mehreren Jahren.“

„Und du bist in die Gesellschaft eingeführt worden, und er hat so getan, als würde er dich nicht kennen! Natürlich wusste ich, was Larry Brainard war. Aber steckt er auch mit drin?“

„Nein. Er ist genau das, was du von ihm denkst. Von Anfang an hat er versucht, mich da rauszuhalten. Er war der Grund dafür, dass ich zu deinem Haus gekommen bin; das hat er mir gesagt. Sein Grund, mich dorthin zu bringen, war sein Glaube, dass mein Verhalten, wie ich es bei dir und deiner Schwester erlebt habe, mich meiner selbst schämen und dazu bringen würde, mit dem aufzuhören, was ich tat. Und ich glaube – ich glaube, er hatte recht – teilweise.“

„Und Larry – er ist der Grund, warum du es mir jetzt sagst?“

„Ich glaube schon. Aber es gibt noch andere Gründe.“ Obwohl sie reinen Tisch machte, fühlte sie, dass sie Dick nicht mit dem Geheimnis ihres Vaters vertrauen konnte. „Ich – ich wollte die Dinge klären, soweit ich dafür verantwortlich war. Das ist ein Grund, warum ich es dir sage. Es bestand die Möglichkeit, dass du irgendwann herausfinden könntest, dass Larry mich gekannt hat, und ihn verdächtigen könntest; ich wollte, dass du die Wahrheit darüber weißt, was er wirklich getan hat. Und ich wollte dir die Wahrheit über mich sagen, damit du mich verachtest und vergisst, anstatt vielleicht romantische Illusionen über mich mit dir herumzutragen, nachdem ich weg bin. Und es gibt noch einen Grund. Ich würde es dir gerne sagen – denn du warst alles, was gut für mich ist – wenn es dich nicht beleidigt.“

„Schiess los“, sagte er heiser.

„Barney Palmer hat dich als das Opfer ausgewählt – du wusstest nicht, dass du ausgewählt wurdest –, weil er sagte, dass du ein leichtes Ziel wärst. Dass du die Dinge genau so nahmst, wie sie vorgaben zu sein, und dich nicht darum schertest, was du mit deinem Geld machtest. Dass du dich niemals zu einer verantwortungsbewussten Person entwickeln würdest. Ich erzähle dir das alles, Dick, weil ich nicht will, dass du das bist, wofür Barney dich hielt.“

Dick sackte auf einem Stuhl zusammen, endlich besiegt von dieser kumulativen Enthüllung. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und sein keuchender Atem war krampfhaft von ungesagten Schluchzern. Maggie sah auf den jungen Mann hinab, mit Mitleid, Reue und einer zunehmenden Erkenntnis des weit verbreiteten Leids, das sie verursacht hatte.

„Zu denken, dass das alles schreckliche Vorspiegelung war!“, stöhnte er schließlich. „Dass ich die ganze Zeit nur als junger Narr angesehen wurde, der immer ein Narr bleiben würde!“

Maggie war in ihrem Gefühl der Schuld hilflos, eine Antwort zu geben, die seinen Schmerz lindern würde; und für eine Weile sprach keiner von beiden.

Schließlich stand Dick plötzlich auf. Sein Gesicht war immer noch vom Leiden gezeichnet, aber irgendwie schien es älter geworden zu sein, ohne seine Jugend zu verlieren. Ein neues Leuchten der Entschlossenheit lag in dem direkten Blick, den er auf Maggie richtete.

„Du sagst, du hast mich niemals geliebt?“, verlangte er zu wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich habe dir gesagt, dass ich dich immer gemocht habe.“

„Dass Larry Brainard das tut, was er die ganze Zeit für dich getan hat – das bedeutet doch, dass er dich liebt, oder?“, drängte er weiter.

„Er hat es mir gesagt.“

„Und du liebst ihn?“

„Was macht das für einen Unterschied? – da ich weggehe, sobald ich alles geklärt habe, wofür ich ganz oder teilweise verantwortlich bin.“

„Wenn Larry Brainard dich schon lange kennt, was ist dann mit Barney Palmer und Jimmie Carlisle?“

„Sie kennen mich genauso lange oder noch länger.“

„Dann müsst ihr euch alle gekannt haben?“

„Ja. Vor Jahren hat Larry mit Barney und Jimmie Carlisle gearbeitet.“

„Was war die Einstellung der beiden gegenüber Larry, als er versuchte, sie zu hintergehen, indem er dich dazu brachte, den Plan aufzugeben?“

„Sie hassten ihn. Sie sind – besonders Barney – der Grund für all Larrys Probleme mit der Polizei und mit der alten Clique, mit der er abgeschlossen hat. Larry zu entlasten, das ist das Wichtigste, was ich versuchen werde zu tun.“

„Und da musst du mich dir helfen lassen!“, rief Dick mit plötzlicher Energie. „Larry war ein verdammt guter Freund für mich – er hat versucht, mich auf den richtigen Weg zu bringen – und ich schulde ihm eine Menge. Und ich hätte gerne eine Chance zu zeigen, dass ich diesem Barney Palmer nicht der ewige Narr bleiben werde, für den er mich hielt!“

Maggie war von dieser schnellen Verwandlung überrascht. „Warum – warum, Dick!“, hauchte sie.

„Was ist dein Plan, um Larry zu entlasten?“

„Ich war noch nicht so weit, einen klaren Plan zu haben. Ich hatte nur gerade erst erkannt, dass es einen Plan geben musste. Aber da sie die Polizei auf Larry gehetzt haben, kam mir der Gedanke, dass die Idee hinter jedem Plan sein müsste, dass die Polizei Barney und Jimmie Carlisle tatsächlich schnappt – sie Larry aus dem Weg schafft.“

„Das ist es!“, Dick Sherwood hatte einen Verstand, der, wenn er einen interessanten Anreiz bekam, schnell arbeiten konnte; und er arbeitete jetzt schnell. „Sie planten, mich auszunehmen. Lass uns den Plan benutzen, den du mir skizziert hast – benutze ihn heute Abend. Du kannst ihnen irgendeine Geschichte erzählen, die sofortiges Handeln notwendig erscheinen lässt, und wir kommen heute Abend alle zusammen. Ich werde meine Rolle schon spielen – mach dir keine Sorgen um mich! Ich werde mit einem Bündel Geld kommen, das ich irgendwo auftreibe, und es wird markiertes Geld sein. Wenn es übergeben wird – zack! –, werden ein paar Detektive, die wir postiert haben, um das Geschehen zu beobachten, direkt vortreten und die beiden schnappen!“

Sie war über die bloße Idee von ihm, dem Opfer, nach ihrem Geständnis, mit ihr gemeinsame Sache zu machen, ganz durcheinander. „Warum, Dick“ – stammelte sie – „dass du anbietest, so etwas zu tun!“

„Das schulde ich Larry Brainard“, erklärte er. „Und – und das schulde ich deinem Wunsch, ihm zu helfen, alles geradezubiegen. Also, was ist mit meinem Plan?“

Da er begierig schien, sich darauf einzulassen, schien es ihr insgesamt wunderbar, und das sagte sie ihm auch. Sie besprachen mehrere Minuten lang Einzelheiten, denn es gab viel zu tun und alles musste höchst geschickt erledigt werden. Es wurde vereinbart, dass er um zehn Uhr kommen sollte, wenn die Bühne ganz bereitet wäre.

Als er ging, um sich um seinen Teil des Spiels zu kümmern, schoss Maggie ein vorsorglicher Gedanke durch den Kopf.

„Ruf mich lieber kurz an, bevor du kommst. Es könnte etwas passiert sein, das unsere Pläne ändert.“

„Alles klar – ich rufe an. Bewahre einfach die Nerven.“

Damit eilte er hinaus. Ungefähr zu der Zeit, als er ging, verließ Larry in Handschellen das Cedar Crest an der Seite des stämmigen und triumphierenden Gavegan, in der Überzeugung, dass die Macht, die er auszuüben versucht hatte, nun endgültig am Ende sei. Er war raus aus der Sache. In seiner Niedergeschlagenheit war es ihm nicht vergönnt zu sehen, dass das Größte, was er tun konnte, bereits getan war; dass er die gesamte Maschinerie dessen in Gang gesetzt hatte, was geschehen war und was geschehen würde; dass alle Akteure im weiteren Drama dieser Nacht in erster Linie deshalb so handeln würden, weil sie von ihm dazu angeregt worden waren.

KAPITEL XXXIII

Dicks Abreise ließ Maggie allein über ein kompliziertes und möglicherweise gefährliches Zusammenspiel von Charakteren nachdenken, in dem sie sich selbst die Hauptrolle zugedacht hatte, eine Rolle, die für sie selbst zum Opfergang werden könnte. Sie erkannte schnell, dass Dicks Plan, so klug er auch sein mochte, im zweifelhaften Fall seines Erfolges nur eines der Ereignisse herbeiführen würde, die geschehen mussten, wenn sie vor ihrem Verschwinden reinen Tisch machen wollte.

Dicks Plan war gut; aber er würde nur Barney und Old Jimmie loswerden. Er würde Larry nur von der Gefahr befreien, die sie darstellten; er wäre nur eine Rache an ihnen für das Böse, das sie getan hatten. Und letztlich brachte Rache einen Menschen nur sehr wenig weiter. Selbst im Falle des Erfolgs von Dicks Plan bliebe die ständige Gefahr für Larry durch die polizeiliche Fahndung, die durch Chief Barlows rachsüchtige Entschlossenheit ausgelöst wurde, Larry wieder ins Gefängnis zu schicken, weil er sich geweigert hatte, als Spitzel zu arbeiten; und die ständige Gefahr durch seine einstigen Freunde, die ihn mit tödlichem Hass als Verräter jagten.

Irgendwie musste sie, wenn sie die Dinge für Larry in Ordnung bringen wollte, die Geschehnisse jener Nacht so manövrieren, dass sie Barlows Verfolgungen für immer ausschaltete und die Gefahr für Larry durch seine Freunde und deren Handlanger, die Rache an einem vermeintlichen Verräter wollten, für immer beseitigte.

Maggie dachte fieberhaft nach und spann Dicks Plan weiter. Doch was Maggie tat, war weniger das Ergebnis nüchternen Nachdenkens als die Inspiration einer verzweifelten, schwer bedrängten jungen Frau; aber letztlich ist das, was wir Inspiration nennen, nur Denken, das auf eine unglaublich hohe Geschwindigkeit geschaltet ist. Zuallererst wurde sie diese schwerfällige, ehrfurchtgebietende Statistin los, Miss Grierson, die das empfindliche Bühnengeschehen durch einen würdevollen Auftritt im falschen Moment und mit dem falschen Stichwort völlig ruinieren konnte. Als Nächstes rief sie Chief Barlow im Polizeihauptquartier an. Glücklicherweise für sie war Barlow noch da; denn ein erbitterter Streit, der gerade im Gange war und in der Presse viel Raum einnahm, zwischen ihm und dem Büro des Bezirksstaatsanwalts hielt ihn trotz der autokratischsten und angenehmsten aller Forderungen, denen seiner Essenszeit, lange an seinem Schreibtisch. Ihm nannte Maggie einen falschen Namen und sagte ihm, sie habe höchst wichtige Informationen, die sie sofort mitteilen müsse; worauf er zurückknurrte, sie könne sie geben, wenn sie sofort vorbeikäme.

Als Nächstes rief sie Barney an, der in der Nähe eines Telefons auf Nachrichten über das Ergebnis ihres zweiten Besuchs im Hause von Dick Sherwood gewartet hatte. Barney sagte sie, sie habe die großartigstmöglichen Nachrichten – Nachrichten, die sofortiges Handeln erforderten – und er solle um neun Uhr in ihrer Suite bereit sein, um sofort seinen Teil an dem großen Vorhaben zu spielen, das sich gerade entwickelt habe, und er solle Old Jimmie ausrichten, dass er ihm in wenigen Minuten folgen solle.

Innerhalb von fünfzehn Minuten hatte sie ein Taxi zum Polizeihauptquartier gefahren und sie befand sich in dem Büro, in dem Larry drei Monate zuvor gegrillt worden war, nachdem er die Lizenz zum Stehlen und Betrügen unter der Bedingung abgelehnt hatte, Polizeispitzel zu werden. Barlow, der allein im Raum war, blickte mit einem finsteren Blick von einem geheimen Bericht auf, den er über die Aktivitäten der Detektive im Büro des Bezirksstaatsanwalts beschafft hatte. Obwohl Maggie hübsch und modisch gekleidet war, erhob sich Barlow nicht, noch nahm er die dicke Zigarre aus dem Mund, auf der er verbissen herumgekaut hatte. Es ist die Tradition des Polizeidepartements, der am meisten respektierte Artikel seiner Religion, dass eine Frau, die im Polizeihauptquartier gesehen wird, unter keinen Umständen eine Dame sein kann.

„Na, was liegt dir auf dem Herzen?“, brummte er, ohne sie auch nur zum Hinsetzen aufzufordern.

Plötzlich überkam Maggie – vielleicht entsprungen aus der unbewussten Erinnerung an das, was Larry erlitten hatte – der Impuls, sich die äußerste Demütigung zuzufügen. Also sagte sie:

„Ich bin gekommen, um mich als Spitzel anzubieten.“

„Was ist das?“, rief Barlow erschrocken aus. Es passierte nicht oft, dass eine feine Dame – die natürlich keine feine Dame sein konnte (er wusste nicht, wer Maggie war) – freiwillig mit einem solchen Vorschlag in sein Büro spazierte.

„Ich kann Ihnen echte Informationen über ein großes Ding geben, das gerade vorbereitet wird. Ich kann sogar arrangieren, dass Sie anwesend sind, wenn das Ding durchgezogen wird, und Sie können die Verhaftungen vornehmen.“

„Wer sind die Leute?“, fragte er barsch.

Maggie wusste, dass es fatal wäre, Barney oder Old Jimmie zu erwähnen, falls an dieser Geschichte über Barlows Schutz etwas Wahres dran war. Wieder kam ihr Inspiration, oder unglaublich schnelles Denken, zu Hilfe, und mit sicherer Hand zupfte sie an einem von Barlows empfindlichsten und reagibelsten Nerven.

„Larry Brainard steckt hinter allem. Er hat in den letzten Monaten im Stillen eine Menge Dinge gedreht. Hier können Sie seine ganze Bande kriegen.“

„Larry Brainard!“

Maggie wusste noch nicht, was Larry zugestoßen war, und Gavegan hatte es versäumt, seinen Chef über die Verhaftung zu informieren. Selbst wenn Gavegan es getan hätte, hätte die grobe und vage Art, wie Maggie die Situation geschildert hatte, Barlows Neugier geweckt.

„In Ordnung. Ich werde ein paar meiner guten Männer auf den Fall ansetzen. Wo soll ich sie hinschicken?“

„Ein paar Ihrer guten Männer werden nicht reichen. Ich will nur einen Ihrer guten Männer – und dieser Mann sind Sie selbst.“

„Ich!“, knurrte Barlow. „Was für einen Etagenverkäufer halten Sie mich? Ich habe zu viel zu tun!“

„Zu beschäftigt, um persönlich die Leitung zu übernehmen und persönlich den Ruhm für einen der größten Fälle einzuheimsen, die je über diesen Schreibtisch gegangen sind?“

Maggie hatte nur versucht, seine Eitelkeit zu reizen. Doch ohne es zu wissen, hatte sie auch an etwas anderes in ihm appelliert: seine sehr tiefe Sorge um die feindseligen Aktivitäten des Büros des Bezirksstaatsanwalts. Wenn dieses Mädchen die Wahrheit sagte, dann könnte dies seine Chance sein, eine solche Hingabe an die Pflicht zu zeigen, dass er einen solch sensationellen Fall aufdeckte, der diese Untersuchung des Bezirksstaatsanwalts für die Öffentlichkeit wie eine gottlose Verfolgung erscheinen ließe und den verärgerten Bezirksstaatsanwalt, der sehr empfindlich auf die öffentliche Meinung reagierte, denken ließe, es sei klüger, die ganze Sache fallen zu lassen.

„Woher weiß ich, dass Sie mich nicht an der Nase herumführen? – oder mich von etwas Größerem ablenken wollen? – oder mir ein falsches Spiel spielen?“

„Ich werde die ganze Zeit dort sein, und wenn Ihnen die Entwicklung der Dinge nicht gefällt, können Sie mich verhaften. Ich nehme an, Sie haben irgendein Gesetz mit einer harten Strafe für Verschwörung gegen einen Beamten.“

„Na schön – geben Sie mir den ganzen Stoff und sagen Sie mir, wo ich hinkommen soll“, gab er ungnädig nach.

„Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich sagen werde. Den ganzen wichtigen 'Stoff' bekommen Sie aus erster Hand, wenn Sie anwesend sind, wenn die Sache passiert. Der Ort ist das Hotel Grantham – Zimmer elf-zweiundvierzig – pünktlich um halb neun.“

Dem stimmte Barlow widerwillig zu. Er mag innerlich gejubelt haben, aber er hätte keine äußere Freundlichkeit gezeigt, selbst wenn ein Komitee von Bürgern ihm eine Belohnung von einer Million Dollar und eine gerahmte Anerkennung für seine beispiellosen Dienste überreicht hätte. Barlow wusste nicht, wie man jemandem dankt.

Fünf Minuten nachdem sie das Hauptquartier verlassen hatte, war Maggie im Hinterzimmer des Pfandleihhauses der Duchess, das sie in ihrer schnellen Planung als die nächste Station festgelegt hatte, an der sie halten sollte. Sie verlor keine Zeit, bei der Duchess auf den Punkt zu kommen.

„Red Hannigan ist wirklich der wichtigste von Larrys alten Freunden, die es auf ihn abgesehen haben, nicht wahr?“, fragte sie.

„Ja – auf eine Weise. Ich meine unter denen, die ehrlich glauben, Larry sei zum Spitzel und Verräter geworden. Er hat Larry mehr vertraut als jedem anderen – und jetzt hasst er Larry mehr als jeden anderen. Ziemlich natürlich, da er zwei Monate in den Tombs saß, bevor er Kaution bekommen konnte – weil er denkt, Larry habe ihn verpfiffen.“

„Wie steht er bei seiner Bande da?“

„Niemand steht höher. Sie würden alle sein Wort für alles nehmen.“

„Können Sie ihn sofort finden?“, fragte Maggie atemlos.

Das war eine triviale Frage an die Duchess; da ihr alle Neuigkeiten ihrer schattenhaften Welt auf irgendeine schnelle, obskure Weise zu Ohren kamen.

„Ja. Wenn es nötig ist.“

„Es ist schrecklich nötig! Wenn ich ihn nicht kriegen kann, mag die ganze Sache scheitern!“

„Welche Sache?“, verlangte die Duchess zu wissen.

„Es könnte alles unmöglich töricht klingen!“, rief die aufgeregte, verzweifelte Maggie. „Sie könnten mir das sagen – und mich entmutigen – und ich muss einfach weitermachen! Ich fühle mich eher wie – wie ein Jongleur, der zum ersten Mal versucht, eine Menge neuer Dinge gleichzeitig in der Luft zu halten. Aber ich denke, es gibt eine Chance, dass ich Erfolg haben könnte! Ich sage Ihnen nur eine Sache. Es hat alles mit Larry zu tun. Ich glaube, ich kann Larry helfen.“

„Ich werde Red Hannigan holen“, sagte die Duchess kurz. „Was wollen Sie mit ihm?“

„Er soll zum Hotel Grantham kommen – Zimmer elf-zweiundvierzig – pünktlich um Viertel nach acht!“

„Er wird da sein“, sagte die Duchess.

Es folgte eine wirbelnde Taxifahrt zurück zum Grantham und ein schneller Wechsel in ihre bezauberndste Abendrobe (sie hatte nicht einmal einen Gedanken an das Abendessen verschwendet), um ihre kühne Rolle in dem Drama zu spielen, das sie aufgeregt in ihrem Kopf schrieb und für das sie gerade ihre Besetzung engagiert hatte. Sie brannte vor schrecklicher Anspannung: Würden die anderen Schauspieler ihre Rollen so spielen, wie sie es beabsichtigte? – würde ihr kompliziertes Drama das Ende haben, auf das sie hoffte?

Wäre sie in einer gefassteren, sachlicheren Stimmung gewesen, hätte dieses Stück, das sie inszenierte, wie das plumpeste, unmöglichste Melodram gewirkt – eine Sache, die sowohl zu absurd als auch zu gefährlich war, als dass sie sie hätte riskieren können. Aber Maggie lebte gerade in einer der Höhepunkte ihres Lebens; es war ihr gleichgültig, was mit ihr geschah. Und es sind genau solche Stimmungen, die das, was sonst absurd wäre, verwandeln und zum edel Ernsthaften erheben; die das Unmögliche in das Mögliche verwandeln; genau wie eine erhabene Stimmung oder ein erhabener Geist der primäre Unterschied zwischen Hamlet oder Macbeth oder Lear und irgendeinem der vergessenen Bowery-Melodramen einer nun vergangenen Generation ist, oder war.

Sie war vielleicht zehn nervöse Minuten angezogen, als es klingelte. Sie ließ einen schlanken, aufrechten, gut gekleideten Mann mittleren Alters ein, mit einem mageren, dünnlippigen Gesicht und einem kalten, harten, konservativen Blick: ein Mann von der Art, die man zu Dutzenden in den besseren Hotels von New York sieht, und wenn man sie sieht, denkt man, falls man überhaupt an sie denkt, dass dies hier der gerissene Präsident irgendeiner mittelgroßen Bank ist, der einen Kunden keinen Dollar über seinen festgesetzten Kredit hinaus leihen lässt, oder dass dies hier die schlaue, aber unauffällige Macht hinter irgendeiner großen Industrie des Mittleren Westens ist.

„Ich bin Hannigan“, kündigte er kurz an. „Ich weiß, Sie sind das Mädchen von Old Jimmie Carlisle. Die Duchess sagte mir, Sie wollten mich für etwas Großes. Was ist die Idee?“

„Sie wollen Larry Brainard kriegen, nicht wahr? – oder wer auch immer es war, der Sie verpfiffen hat?“

Ein kurzes Glitzern in den harten, grauen Augen. „Das will ich.“

„Deshalb sind Sie hier. In etwas mehr als einer Stunde, wenn Sie ruhig im Hintergrund bleiben, werden Sie haben, was Sie wollen.“

„Sie haben hier eine prächtige Ausstattung. Was soll abgezogen werden?“

„Es ist nicht das, was ich Ihnen sagen könnte, das Ihnen helfen wird. Es ist das, was Sie hören und sehen.“

„Alles klar“, sagte der dünnlippige Mann. „Ich spare mir die Fragen, da die Duchess mir sagte, ich solle tun, was Sie sagen. Sie ist anständig, auch wenn sie einen Enkel hat, der ein Spitzel ist. Ich nehme an, ich soll außer Sichtweite sein, während das passiert?“

„Ja.“

Im Zimmer gab es zwei geräumige Schränke, wie es in der besseren Klasse moderner Hotels nicht selten ist; und es waren diese beiden Schränke gewesen, die der praktische Ausgangspunkt für Maggies Entwicklung von Dick Sherwoods Vorschlag waren. Zu einem von diesen führte sie Hannigan.

„Sie werden hier außer Sicht sein, und Sie werden jedes Wort mitbekommen.“

Er trat hinein, und sie schloss die Tür. Sie traf auch die Vorsichtsmaßnahme, sie abzuschließen. Sie wollte, dass Hannigan hörte, aber sie wollte kein solches Missgeschick, dass Hannigan herausplatzte und ihr Stück verdarb, wenn es erst die Mitte seiner notwendigen Handlung erreicht hatte.

Barlow kam pünktlich um halb neun. Er brachte Nachrichten, die Maggies fein austarierte Struktur für ein paar Momente fast völlig über den Haufen warfen.

„Ich weiß jetzt, wer Sie sind“, sagte er barsch. „Und ein Teil Ihres Spiels ist kalter Kaffee, bevor Sie anfangen.“

„Warum? – Welcher Teil?“

„Kurz nachdem Sie das Hauptquartier verlassen haben, tauchte Officer Gavegan auf. Er hatte diesen Larry Brainard im Schlepptau – hatte ihn auf Long Island eingesackt.“

Diese Ankündigung erschütterte Maggie; für den Moment schien all ihre anstrengende Planung ihren Zweck verloren zu haben. In ihrem normalen Zustand hätte sie entweder aufgeben oder ihre wahre Absicht verraten können. Aber gerade jetzt, in ihrem übererregten Zustand, in dem sie das Gefühl hatte, verzweifelt für andere zu kämpfen, agierte sie weit über ihrem gewöhnlichen Vermögen; und sie traf Entscheidungen so schnell, dass sie kaum von bewusstem Denken auszugehen schienen. Also sah Barlow, der wachsamer Beobachter von Gesichtern, wie er war, nichts Ungewöhnliches in ihrem Ausdruck oder ihrer Art.

„Was haben Sie mit ihm gemacht?“, fragte sie.

„Habe ihn bei Gavegan gelassen – und bei Casey, der gerade reingekommen war. Zusammen mit Brainard war ein feiner Pinkel namens Hunt, fluchend wie toll. Er schnaubte herum, dass er mit den meisten Richtern per du sei, und schwor, er würde Brainard innerhalb einer Stunde auf Kaution rausholen. Aber was er tut, macht für mich keinen Unterschied. Ihr Vorschlag scheint mir kalter Kaffee zu sein, da ich Brainard bereits habe, und ihn richtig habe. Ich hätte mir nicht die Mühe gemacht, überhaupt hierher zu kommen, außer wegen etwas, das Sie haben fallen lassen über die Kumpane, mit denen er in den letzten Monaten zusammengearbeitet haben könnte.“

„Genau das ist es“, unterbrach sie ihn. „Ich hätte nie gedacht, dass Sie Larry Brainard hier erwischen würden. Wie hätte ich das können, wenn Sie mich kennen, wie Sie sagen, wissen Sie auch, dass er und ich in verschiedenen Lagern sind – gegeneinander kämpfen? Was hier passieren wird, ist etwas, das Ihnen die Leute zeigen wird, mit denen Larry Brainard verstrickt war – das Ihnen die Leute ausliefern wird, die Sie wollen.“

„Aber was soll passieren?“, verlangte Barlow zu wissen.

Darauf antwortete Maggie in einer Weise, die der sehr ähnelte, die sie wenige Minuten zuvor gegenüber Hannigan benutzt hatte. „Ich habe Ihnen unten im Hauptquartier gesagt, dass Sie alles Wichtige erfahren werden, wenn Sie anwesend sind, wenn die Sache tatsächlich passiert. Was ich Ihnen sage, zählt nicht viel – es könnte nicht wahr sein. Es ist das, was Sie selbst sehen und hören, wenn die Dinge beginnen. Sie sollen hier drinnen warten.“ Sie führte ihn zum zweiten großen Schrank und öffnete die Tür.

„Hören Sie mal“, verlangte er, „wollen Sie mir etwas anhängen?“

„Wie könnte ich das, in einem großen Hotel wie diesem? Und selbst wenn ich es versuchen würde, würden Sie mich sicher später dafür bezahlen lassen. Außerdem haben Sie eine Waffe. Bitte gehen Sie schnell rein; ich erwarte die Leute jeden Augenblick. Und machen Sie kein Geräusch, das ihren Verdacht erregen und alles verderben könnte.“

Er trat ein, und sie schloss die Tür. So vorsichtig, dass er es nicht hörte, schloss sie die Tür ab; nicht mehr als im Fall von Hannigan wollte sie, dass Barlow in eine Szene hineinplatzte, bevor sie ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Alles war nun bereit für den Vorhang. Am ganzen Körper zitternd wartete sie auf Barney Palmer, dessen Auftritt ihr Drama eröffnen sollte. Sie blickte auf ihre Armbanduhr, die sie auf dem kleinen lackierten Schreibtisch gelassen hatte. Zehn vor neun. Noch zehn Minuten zu warten. Sie fühlte weit mehr von krankmachender Anspannung als je irgendein junger Dramatiker am Premierenabend seines ersten Stücks. Denn sie war mehr als nur Dramatikerin. In ihrer verzweifelten, überreizten Entschlossenheit hatte Maggie für sich selbst die übermenschliche Rolle der Dea ex machina übernommen. Und in diesen Momenten des angespannten Wartens war sich Maggie, die so fieberhaft alles hasste, was sie gewesen war, überhaupt nicht sicher, ob sie ihre Rolle als Göttin aus der Maschine erfolgreich spielen würde.

Fünf vor neun klingelte es. Sie machte einen kleinen Sprung bei dem Geräusch. Das war Barney. Obwohl Barney im Allgemeinen, wenn er kam, den Hausschlüssel benutzte, den seine angenommene liebe Verwandtschaft und die erörterte Möglichkeit, dass sie ausgegangen sein könnten und ihn so dazu veranlasst hätten, unbequem herumzuwarten, Miss Griersons Anstandssinn weit genug aufgelockert hatte, um ihm zu gestatten, ihn zu besitzen. Die Wahrheit war natürlich, dass Barney den Schlüssel gewollt hatte, damit er jederzeit, wenn es die Notwendigkeit erforderte, privateste Konferenzen mit Maggie abhalten konnte, ohne dass die stoisch gewissenhafte Miss Grierson je erfuhr, was geschehen war, und daher keine gefährlichen Zeugenaussagen machen konnte.

Maggie ging hinüber und öffnete die Tür. Aber statt Barney Palmer war es Larry, der eintrat. Er schloss schnell die Tür hinter sich.

„Larry!“, rief sie erschrocken. „Warum – warum, ich dachte, die Polizei hätte dich!“

„Hatten sie. Aber Hunt war bei mir, und er bekam einen Richter zu fassen, der Hunt die Tombs und das Polizeihauptquartier zum Geschenk gemacht hätte, wenn er sie besessen hätte.“

„Dann bist du auf Kaution draußen?“

„Vor etwa zehn Minuten rausgekommen. Hunt hatte kein Eigentum, das er als Sicherheit hinterlegen konnte, also rief er meine Großmutter an. Sie kam mit einer Armvoll Grundschuldbriefe an. Warum, sie muss in New York so viel Eigentum besitzen wie das Astor Estate.“

„Larry, ich bin so froh!“ Und dann, sich erinnernd, was ihr Plan zufolge jeden Moment beginnen sollte, rief sie bestürzt aus: „Aber, Larry, oh, warum bist du jetzt hierhergekommen!“

„Ich wollte wissen – du verstehst – was du beschlossen hast zu tun, nachdem du von deinem Vater erfahren hast. Und ich wollte dir sagen, dass ich trotz meiner großen Prahlereien dir gegenüber bei jeder Prahlerei versagt zu haben scheine. Punkt eins, die Polizei hat mich. Punkt zwei, da die Polizei mich hat, werden mich meine alten Kumpane höchstwahrscheinlich auch kriegen. Punkt drei, als ich bei Cedar Crest verhaftet wurde, erfuhr Miss Sherwood, dass ich dich schon die ganze Zeit kannte, und glaubt, ich sei Teil einer Verschwörung gewesen, die Familie auszunehmen; also hat sie mich rausgeworfen – und ich habe das verloren, was ich für meine große Chance hielt, mich zu bewähren. Also, siehst du, Maggie, es sieht so aus, als hättest du recht gehabt, als du vorhersagtest, dass ich bei allem, was ich sagte, was ich tun würde, versagen würde.“

„Larry – Miss Sherwood glaubt das!“, hauchte sie. Und dann erinnerte sie sich wieder und ergriff seinen Arm mit plötzlicher Energie. „Larry, du darfst nicht hier bleiben!“

„Warum nicht?“

Ihre Antwort war fast identisch mit einer, die sie am Vorabend gegeben hatte. „Weil Barney Palmer jeden Moment hier sein könnte!“

Seine Antwort war sinngemäß ebenfalls identisch. „Dann bleibe ich genau hier. Es gibt niemanden, den ich so sehr sehen will wie Barney Palmer. Und dieses Mal werde ich es mit ihm ausfechten!“

Maggie war bestürzt über diese unerwartete Wendung, die überhaupt nicht im Gehirn-Manuskript ihres Stücks stand – die tatsächlich drohte, ihr Stück direkt aus ihren Händen zu nehmen. „Bitte geh, Larry!“, rief sie verzweifelt. „Und bitte gib mir eine Chance! Du wirst alles verderben, wenn du bleibst!“

„Ich werde genau hier bleiben“, war seine grimmige Antwort.

Sie erkannte, dass er sich nicht umstimmen ließ. Sie erspähte eine Schranktür hinter ihm und ergriff die Chance, zumindest ein Fragment ihres Dramas zu retten.

„Bleib dann, aber, Larry, bitte gib mir eine Chance, das zu tun, was ich tun will! Bitte!“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihn durch das Zimmer gezerrt und begonnen, den Schrank aufzuschließen. „Warte einfach hier drin – und sei still! Bitte!“

Er nahm ihr den Schlüssel aus den fahrigen Händen, schloss die Tür auf und ließ den Schlüssel in seine Tasche gleiten. „Alles klar – ich gebe dir deine Chance“, versprach er.

Er trat durch die Tür und schloss sie hinter sich, wobei er sich selbst in der Schwärze begrub. Im nächsten Moment traf ihn das grelle Licht einer Taschenlampe im Gesicht und blendete ihn.

„Larry Brainard!“, knirschte eine tiefe Stimme in der Dunkelheit.

Larry konnte nichts sehen, aber diese Stimme war unverkennbar. „Red Hannigan!“, stieß er hervor.

„Ja – du verdammter Verräter! Und ich werde dich hier und jetzt erledigen!“

Das Licht klickte aus, und ein Paar drahtiger Hände schloss sich fast um Larrys Kehle. Doch Larry packte die Handgelenke des älteren Mannes mit einem Griff, den dieser nicht aufbrechen konnte. Es gab ein kurzes Ringen in der Schwärze des Schranks, dann stand der schmächtigere Mann still, während seine Handgelenke in Larrys Händen wie in Fesseln lagen.

„Offenbar hast du keine Knarre bei dir, Red, sonst hättest du das nicht versucht“, bemerkte Larry. „Wie dem auch sei, du hättest in einem großen Hotel nicht mit einem Mord davonkommen können, egal ob du mich erwürgt oder erschossen hättest. Ich verüble es dir nicht, dass du sauer auf mich bist, Red – nur hast du mich völlig falsch eingeschätzt. Aber du und ich sind offensichtlich aus demselben Grund hier: um bei einer Sache dabei zu sein, die draußen im Raum passieren wird. Was sagst du, Red? – lass uns die Feindseligkeiten fürs Erste einstellen. Du hast mich da, wo du mir folgen kannst, und du kannst mich jederzeit kriegen.“

„Darauf kannst du wetten, dass ich dich kriege!“, erklärte Hannigan. Und nach ein paar weiteren Worten wurde ein Waffenstillstand zwischen den beiden Männern im Schrank vereinbart, und schweigend, in höchster Anspannung, standen sie im Dunkeln und warteten auf das, was geschehen würde.

Draußen stand Maggie, jene Amateurdramaturgin, die so verzweifelt versucht hatte, die Ereignisse im Voraus zu planen, diese unerfahrene Deus ex machina, in einer Panik aus Angst und Ungewissheit, wie sie sie noch nie zuvor gekannt hatte.

KAPITEL XXXIV

Doch als Barneys Schlüssel ins Schloss glitt und Barney in einem schicken Dinnerjacket hereinkam, war Maggie wieder sie selbst. Tatsächlich war sie besser als sie selbst, denn ihr kam jene zusätzliche Kraft zu Hilfe, an der sie gerade noch verzweifelt hatte, die manche Menschen durch eine Krisenstunde trägt und die einen Schauspieler gelegentlich über sich selbst hinauswachsen lässt, wenn das Schicksal ihm eine schwierige, aber großartige Rolle gibt, die die große Chance seiner Karriere darstellt.

Und Maggie zeigte jedem, dass sie besser als ihr Bestes war, denn Barney rief in dem Moment, als er neben ihr stand: „Mensch, Maggie, du siehst aus wie die Königin von Saba, wer immer dieses Frauenzimmer auch war! Jeder Kerl würde heute Abend auf dich hereinfallen – und zwar so hart, dass er daran zerbrechen oder pleitegehen würde!“

Doch Barney war zu ungeduldig, um auf eine Antwort zu warten. „Was steckt hinter dem dringenden Anruf, den du losgeschickt hast? Ist schon was passiert?“

„Etwas Großes! Aber setz dich. Es gibt viel zu erzählen. Und ich muss es schnell sagen – bevor mein“ – sie konnte sich nicht dazu durchringen, „Vater“ zu sagen – „bevor Old Jimmie kommt, und Dick.“

„Dann kommt Dick auch?“

„Ja. Die Dinge haben eine Wendung genommen, sodass heute Abend alles losbricht. Aber setz dich, und ich werde dir alles erzählen.“

Sie hatte bemerkt, dass die Tür, hinter der Larry stand und für die er den Schlüssel an sich genommen hatte, einen knappen Zentimeter offen stand. Sie sah nicht verdächtiger aus als jede andere Schranktür, die versehentlich aus dem Schloss gesprungen war, aber durch geschickte Manöver schaffte es Maggie, dass Barney sich mit dem Rücken zu beiden Schränken an den Tisch setzte.

„Schieß los, Maggie“, drängte er.

Der Plan, der sich schnell aus Dick Sherwoods Idee entwickelt hatte, erforderte, dass sie vieles erzählte, was der Wahrheit entsprach, und vieles, was nicht der Wahrheit entsprach, und er erforderte, dass sie mit jeder Fähigkeit und jedem Reiz, den sie besaß, auf Barneys ungeheure Eitelkeit und seine eifersüchtige Bewunderung für sie einwirkte. Sie musste ihn mehr als je zuvor als Kumpan an sich binden; sie musste ihn als Frau mehr als je zuvor begehren lassen. Und in diesem Moment fühlte sie sich auf eine aufregende Weise dieser Vamp-Rolle gewachsen, zu der ihr überreiztes Gerechtigkeitsempfinden sie gezwungen hatte.

„Die Dinge sind großartig gelaufen“, begann sie, kurz angebunden, aber bemüht, in dieser eifrigen Kürze nicht die überzeugende Wirkung zu verlieren, dass sie die absolute Herrin über jedes Unternehmen wäre, dem sie ihr Interesse schenkte. „Dick Sherwood hat mir wieder einen Antrag gemacht, und diesmal habe ich 'Ja' gesagt. Ich sah, dass er zu allem bereit war, also habe ich die Dinge selbst in die Hand genommen. Ich musste, denn ich sah, dass wir schnell handeln mussten, selbst auf das Risiko hin, einen Teil der maximalen Summe zu verlieren, mit der wir gerechnet hatten. Du verstehst, ich erkannte die Gefahr für uns, die darin bestand, dass Larry Brainard plötzlich auftaucht und weiß – so wie er es uns gesagt hat –, wer der Dumme ist, den wir an der Angel haben. Alles könnte jeden Moment durch Larry Brainard passieren, was alles über den Haufen werfen würde. Also habe ich mir überlegt, dass wir schnell kassieren müssen oder riskieren, nie einen Cent zu sehen.“

„Du hast was auf dem Kasten, Maggie“, sagte er bewundernd. „Bleib am Gaspedal.“

„Was ich getan habe, war nur die Durchführung des Plans, den du beschlossen hattest – natürlich schneller und mit ein paar kleinen Änderungen, die die dringende Situation erforderte. Nachdem er mir den Antrag gemacht hat, bin ich wie geplant zusammengebrochen und habe gestanden, dass ich ihn insofern getäuscht habe, als ich bereits verheiratet bin. Verheiratet mit einem Mann, den ich nicht liebe und der mich nicht liebt, der aber ein Geizhals ist und mich nicht gehen lässt, außer er sieht eine Menge Geld für sich dabei. Und ich habe Dick den Rest der Geschichte erzählt, genau so, wie wir es ausgeheckt hatten.“

„Großartige Arbeit, Maggie! Wie hat er es aufgenommen?“

„Genau so, wie wir es uns ausgemalt hatten. Er hatte Mitleid mit mir; es hat seine Gefühle für mich überhaupt nicht verändert. Er würde meinen Mann auszahlen – ihm jeden Preis zahlen, den er will – und damit ich mich nicht länger als nötig an einen solchen Mann gebunden fühlen muss, würde er sofort einen Handel mit ihm abschließen und ihm einen Teil des Geldes sofort auszahlen. Heute Abend, falls er meinen Mann erreichen kann. Und deshalb, Barney, da wir schnell handeln mussten und keine Zeit war, einen anderen Mann zu bringen, den ich als meinen Mann ausgeben konnte, habe ich ihm gestanden, dass ich mit dir verheiratet bin.“

„Mit mir!“, rief Barney.

„Und er kommt in weniger als einer Stunde hierher, mit echtem Geld in den Taschen, um zu sehen, ob er nicht einen Deal mit dir machen kann.“

„Mir!“, rief der überraschte Barney erneut aus. Seine kleinen, perlenartigen Augen glühten sie leidenschaftlich an. „Mensch, du weißt, ich wünschte, ich wäre wirklich mit dir verheiratet, Maggie! Wenn ich das wäre, könntest du wetten, dass mich kein Geld jemals von dir losreißen könnte!“

„Nun, das ist der ganze Plan, Barney. Es liegt an dir, für etwa eine Stunde mein habgieriger, feilschender, liebloser Ehemann zu sein.“

„Ich hatte mich in dieser Rolle nicht gesehen“, wandte er ein. „Ich hatte mir überlegt, dass wir einen neuen Mann als Ehemann bringen würden. Es ist ziemlich gefährlich für mich, Dick die ganze Zeit an der Angel zu haben und dann plötzlich als dein Ehemann aufzutreten – und das Geld zu nehmen.“

„Gefährlich!“ Da war plötzliche Verachtung in ihrer Stimme und in ihren Augen. „Also bist du diese Art von Mann, Barney – ein Feigling! Und feige, nachdem ich Dick gesagt habe, du seist mein Ehemann, und er das Ganze ohne einen Verdacht geschluckt hat! Nun, genau in dieser Minute sagen wir diesen Deal ab – und jeden anderen Deal auch!“

„Oh, sei nicht so schnell mit deinem Temperament, Maggie! Ich sagte nur, es sei gefährlich. Natürlich werde ich es tun.“

Und dann fragte Barney mit einer List, die er zu verbergen versuchte: „Aber warum hast du mich gebeten, Old Jimmie direkt nach mir hier erscheinen zu lassen? Wir brauchen ihn nicht.“

„Was steckt genau hinter dem, was du da sagst, Barney?“, fragte sie scharf.

Er wand sich ein wenig und sagte dann die Wahrheit. „Du liebst deinen Vater nicht allzu sehr, und er liebt dich auch nicht allzu sehr – das weiß ich. Er muss nicht wirklich wissen, wie viel wir Sherwood abknöpfen; wenn er nicht hier wäre, müsste er sich auf unser Wort verlassen, was wir bekommen haben, und wir würden ihm sagen, wir hätten verdammt wenig bekommen. Dann würde das echte Geld fifty-fifty zwischen dir und mir geteilt werden.“

„Ich mag meinen Vater vielleicht nicht lieben, aber er ist zu den gleichen Bedingungen dabei wie du, oder ich bin raus“, erklärte sie. „Ich dachte, du würdest so etwas vorschlagen; das ist ein Grund, warum ich dich gebeten habe, ihn kommen zu lassen. Ein weiterer Grund – und das ist etwas, das ich dir vorhin zu sagen vergessen habe –, als ich zusammenbrach und Dick Sherwood alles gestand, sagte ich Dick, dass Old Jimmie eigentlich mein Vormund sei; und wir waren beide der Meinung, dass er als Zeuge bei jeder Vereinbarung anwesend sein sollte, um meine Interessen zu schützen. Noch ein Grund ist, dass wir, da wir so schnell arbeiten mussten, das Geld am besten sofort in drei Teile teilen und dann jeder von uns heute Abend in eine andere Richtung verschwinden sollte, bevor uns das Pech einholen konnte. Tatsächlich, Barney, ist genau jetzt der Moment, in dem du und ich uns verabschieden.“

Er vergaß seinen Plan, Old Jimmie zu betrügen, angesichts der weitaus größeren Sorge, die ihre letzten Worte in ihm auslösten. Er lehnte sich über den Tisch und versuchte, ihre Hand zu nehmen, ein Versuch, den sie geschickt vereitelte.

„Aber hör zu, Maggie“, fragte er mit heiserer Eifer, „du und ich, wir werden uns bald zusammentun, nicht wahr? Du weißt, was ich meine – einander gehören. Du weißt, wie ich über dich denke!“

Dies war der Hauptpunkt, auf den Maggie hingesteuert hatte. Vor ihr lag die schwierigste Szene von den vielen, die sie geplant hatte, und von deren erfolgreicher Bewältigung der Erfolg von allem abzuhängen schien. Im Inneren bebte sie vor Anspannung und Ungewissheit, doch auf Barney richtete sie kühle, prüfende Augen. In dieser großartigen Gelassenheit, ihrem momentanen Rückzug von ihm, schien sie Barney schöner, begehrenswerter und unentbehrlicher als zu irgendeiner Zeit, seit er damals bei der Duchess entdeckt hatte, dass Maggie ein Glücksgriff war.

„Natürlich weiß ich genau, was du meinst, Barney“, antwortete sie bedächtig, bezaubernd verführerisch in ihrer Art von Überlegenheit. „Ich weiß schon lange, dass du und ich ein echtes Gespräch führen müssten. Bist du bereit für ein offenes Gespräch?“

„So offen, wie du es nur führen kannst!“

„Ich werde mich wahrscheinlich in einen Mann verlieben und ihn heiraten. Das tut jede Frau. Aber wenn ich ihn heirate, dann, weil ich ihn liebe. Aber dass ich einen Mann heirate, heißt nicht, dass ich mit ihm Geschäfte machen werde. Ich werde Liebe nicht mit Geschäft vermischen – es sei denn, der Mann ist die richtige Art von Mann. Natürlich wäre es besser, wenn der Mann, den ich heirate, und der Mann, den ich als Geschäftspartner nehme, derselbe Mann wären – aber ich werde kein Risiko eingehen. Du verstehst mich soweit.“

„Absolut. Und jedes Wort, das du gesagt hast, beweist, dass dein Kopf nicht nur dazu da ist, hübsch auszusehen. Lass mich dir das gleich vorweg sagen – ich bin die richtige Art von Mann!“

„Genau das will ich herausfinden“, fuhr sie mit ihrer Bedächtigkeit fort, mit der Ausstrahlung, sicher auf höchstem Niveau zu sitzen. „Ich weiß jetzt, was ich tun kann. Ich habe es bewiesen. Jetzt mache ich direkt weiter und ziehe große Dinge durch. Du hast mir einmal gesagt, ich hätte das Zeug dazu, die Beste zu sein – und ich weiß jetzt, dass ich es sein kann. Ich weiß, dass ich mich an einen Mann binden muss, und der Mann muss auf seine Weise genauso gut sein wie ich auf meine. Genau da habe ich meine Zweifel, was dich betrifft. Ich sagte, ich würde offen sprechen – und ich sage es dir direkt. Ich weiß nicht, wie gut du bist.“

„Du meinst, du glaubst, ich bin nicht groß genug, um mit dir zu arbeiten?“

„Ich meine genau das, was ich gesagt habe. Ich sagte, dass ich nicht wirklich weiß, wie gut du bist, und dass ich mich nicht an irgendeinen Mann binden werde, außer an den Besten in der Branche. Du hast hier und da große Dinge angedeutet, die du durchgezogen hast, und wie stark du in gewissen Kreisen warst, wo es sich auszahlte, stark zu sein – aber ich weiß wirklich verdammt wenig über dich, Barney. Dieser jetzige Job hat von dir nichts Besonderes verlangt, und die wirklich harte Arbeit habe ich selbst gemacht. Natürlich weiß ich, dass du ein guter Tänzer bist und geschickt mit den Damen umgehst und weißt, wie man einen Dummen aufgabelt und an der Angel hält. Aber das ist alles, was ich weiß. Und es gibt Hunderte von Männern, die in diesen Dingen gut sind. Der Mann, mit dem ich mich zusammentue, muss in vielen anderen Dingen gut sein – und ich muss wissen, dass er gut ist!“

„Gut in welchen anderen Dingen, Maggie?“, fragte er mit unterdrücktem Eifer.

„Er muss gut darin sein, alle möglichen Situationen durchzuziehen. Es ist mir egal, wie er es macht. So geschickt darin, Dinge durchzuziehen, dass niemand je ahnt, dass er der Mann war, der es getan hat. Und er muss in der Lage sein, mir Schutz zu bieten. Du weißt, was ich meine. Eine Frau in dem Spiel, in das ich einsteige, ist absolut erledigt, was große Dinge angeht, sobald sie eine polizeiliche Akte hat. Ich muss einen Mann haben, der in der Lage ist, sich zwischen mich und die Polizei zu stellen. Und ich muss aus vergangenen Leistungen wissen, dass der Mann diese Dinge tun kann. Nur große Worte darüber, was er tun kann, oder Andeutungen darüber, was er getan hat, zählen für mich keinen Pfifferling. Das ist ein einfaches, hartes Geschäft, von dem ich spreche, Barney, und ich will deine Gefühle nicht verletzen, wenn ich dir sage, dass du in keiner Weise dem Mann entsprichst, den ich brauche.“

Es war für Barney schwierig gewesen, sich zurückzuhalten, bis sie fertig war. Zunächst einmal hatte er den ständigen Drang des eitlen Mannes, von seinen Heldentaten zu erzählen, seine Abneigung gegen die Anonymität seiner Cleverness, die ungerechterweise einem anderen Mann zugeschrieben wurde. Und dann hatte Maggie ihn noch geschickter manipuliert, als sie sich vorgestellt hatte.

„Ich bin genau der Mann, den du in jeder Hinsicht brauchst!“, platzte er heraus.

„Das sind nur Worte“, sagte sie ruhig. „Ich sagte, ich müsse etwas mehr als nur Worte haben.“

„Ich stehe bei Chief Barlow ganz oben auf der Liste!“

„Du musst deutlicher werden.“

Barney war jetzt ganz aufgeregt. „Kapierst du nicht, was das bedeutet? Ich wurde noch nie auch nur ein einziges Mal eingesperrt, und doch ziehe ich die ganze Zeit Dinge durch! Und sieh dir an, wie Larry Brainard, von dem die Bande dachte, er sei so clever, reingefallen ist und weggeschickt wurde. Ich schätze, du kennst die Antwort!“

„Wieder muss ich dich bitten, deutlicher zu werden, Barney.“

„Dann ist die Antwort, dass ich die ganze Zeit an einer Verständigung mit Barlow gearbeitet habe. Ich schätze, das ist deutlich!“

„Du meinst“, sagte sie mit ihrer kühlen Stimme, „dass du ein Polizeispitzel für Barlow warst?“

„Sicher! – obwohl ich das Wort nicht mag. Das ist der einzig sichere Weg, im Spiel zu bleiben – eine Verständigung mit der Polizei. Alles, was man tun muss, ist, hier und da der Polizei einen Tipp über irgendeinen Trottel von Kriminellen zu geben: Natürlich muss man geschickt genug sein, damit niemand auf dein Spiel kommt.“

„Das scheint mir kein so starkes Argument zu deinen Gunsten zu sein“, sagte sie nachdenklich.

„Aber verstehst du nicht die Idee? Ich stehe bei Barlow so hoch im Kurs, dass ich mit allem durchkomme, was ich will. Das bedeutet, ich kann dir den Schutz vor der Polizei bieten, von dem du gerade gesprochen hast. Verstehst du?“

„Ja, ich verstehe.“ Wieder sprach sie nachdenklich. „Aber ich habe dir gesagt, dass ich Beweise brauche. Du musst ziemlich große Dinge getan haben, um einen solchen Stand bei Barlow zu haben. Zum Beispiel?“

„Ich könnte dir ein Buch schreiben!“ Er lachte in seinem aufgeregten Stolz. „Du fragst nach einem Beispiel. Ich konnte mich vorhin kaum zurückhalten, als du sagtest, du hättest den jetzigen Deal praktisch alleine durchgezogen und ich hätte fast nichts getan. Warum, Maggie, ich habe nur eine kleine, geschickte Sache getan, ohne die es keinen Deal hätte geben können.“

„Was?“

„Du gibst zu, dass nichts sicher gewesen wäre, wenn Larry Brainard entschlossen gewesen wäre, sich in das einzumischen, was du getan hast?“

„Ja.“

„Nun, ich bin der kleine Kerl, der Larry Brainard so erledigt hat, dass er niemandem mehr schaden konnte!“

„Du hast das getan?“ Zum ersten Mal zeigte Maggie ein echtes Interesse. „Wie?“

„Wie? Du wirst sagen, es war clever, wenn du erfährst wie. Und du wirst sagen, dass ich der Mann bin, den du suchst, wenn es darum geht, eine Situation so durchzuziehen, dass niemand je ahnt, dass ich der Mann war, der es getan hat. Du wirst zugeben, dass es ein harter Job war, Larry Brainard aus dem Spiel zu nehmen, so dass er auch draußen bleibt – denn obwohl ich ihn nicht mag, gebe ich zu, dass Larry ein weiser Vogel ist. Eine Sache, die ich tat, war, Barlow vorzuschlagen, dass er Larry zwingt, ein Polizeispitzel zu werden. Ich wusste, dass Larry sich weigern würde, und ich habe alles andere genau so ausgerechnet, wie es gekommen ist. Ich frage dich, war das nicht clever?“

„Es war sicherlich clever!“, bewunderte Maggie.

„Warte! Das ist nur die Hälfte. Um Larry so zu erledigen, dass er keine Chance hätte, musste ich ihn nicht nur bei den Bullen erledigen, sondern auch bei seinen Kumpels. Also habe ich Barlow einen Tipp über das Ding gegeben, das Red Hannigan und Jack Rosenfeldt durchzogen, und –“

„Larry Brainard hat das also wirklich nicht getan?“

„Nein; das habe ich getan! Hör zu – da ist noch mehr. Ich habe das Wort verbreitet, sodass es aussah wie ein Leck aus dem Polizeidepartement, dass Larry Red Hannigan und Jack Rosenfeldt verraten hatte. Haben seine alten Kumpels angefangen, Larry zu jagen? Na, und ob! Wenn ich das selbst sagen darf, das war saubere Arbeit!“

„Es war wunderbar!“, stimmte Maggie zu.

„Und es gibt noch mehr, Maggie! Erinnerst du dich an die Anklage wegen Raubüberfalls und versuchten Mordes an einem Typen aus Chicago, bei der die Polizei Larry dranhängen will? Das habe ich eingefädelt! Ich bin die Partei, die da verwickelt war. Ich hatte versucht, einen netten kleinen Job ganz für mich alleine durchzuziehen; aber etwas ging schief, gerade als ich dachte, ich würde den Dummen ausnehmen, und ich musste gegenüber diesem Typen aus Chicago grob werden, um von ihm wegzukommen. Ich bin direkt zu Barlow gerannt und habe gesagt, dass hier die Chance ist, Larry etwas anzuhängen. Barlow hat meinen Tipp angenommen. Mein Fuß mag bei dem ursprünglichen Job ausgerutscht sein, aber mein Kopf hat sicher schnell reagiert, und du musst zugeben, dass ich aus einem scheinbaren Misserfolg etwas Größeres gemacht habe, als ein Erfolg gewesen wäre. Und das ist sicherlich eine Leistung!“

„Das ist es sicherlich!“

„Und jetzt, Maggie“ – Barney drängte sie eifrig – „habe ich dir gezeigt, dass ich genau die Art Mann bin, die du sagtest, dass ein Mann sein muss, damit du dich mit ihm zusammentust. Ich habe dir gezeigt, dass ich dir Polizeischutz garantieren kann. Und ich habe dir gezeigt, dass ich in der Lage bin, clevere Situationen durchzuziehen, ohne dass jemand je ahnt, dass ich derjenige war, der sie durchgezogen hat. Ich erfülle all deine Anforderungen! Wie wäre es, wenn wir uns jetzt gleich darauf einigen, uns irgendwo zusammenzutun – Toronto ist die beste Wahl – sagen wir drei Tage, nachdem wir nach dem heutigen Aufräumen abgehauen sind? Lass uns schnell sein, Maggie – bevor Old Jimmie reinkommt. Er ist jeden Moment fällig!“

„Ist das nicht er an der Tür?“, hauchte Maggie.

Beide warteten einen Moment gespannt. Doch obwohl sie es vortäuschte, galt Maggies Interesse nicht der äußeren Tür. Ihre Aufmerksamkeit war, wie in dieser letzten Minute vor schrecklicher Angst, auf diesen einen halben Zentimeter Spalt in der Schranktür hinter Barney gerichtet. Warum hatte sie in ihrer bestürzten Dringlichkeit zugelassen, dass Larry diesen Schrankschlüssel in seinen Besitz brachte? – als ihr Plan doch gewesen war, sowohl Hannigan als auch Barlow gewaltsam hinter den Kulissen zu halten, bis sie ihr Stück zu Ende gespielt hatte. Sie hoffte nun fast gegen alle Hoffnung, dass Hannigan nicht herausstürmen und ruinieren würde, was noch kommen sollte. Da diese Tür unglücklicherweise aufgeschlossen werden musste, gab ihr die Anwesenheit von Larry eine einzige Chance. Vielleicht konnte Larry die größeren Dinge erkennen, die sie anstrebte, und Hannigan irgendwie zurückhalten.

Diese Gedanken gingen ihr nur einen Augenblick durch den Kopf. Barneys Augen wandten sich von der äußeren Tür wieder ihrem Gesicht zu. „Das ist noch nicht Old Jimmie.“

„Nein“, sagten ihre Lippen. Aber ihr Verstand sagte, da der Spalt immer noch einen halben Zentimeter maß: „Larry versteht – er hält Red Hannigan zurück!“

Barney kam schnell auf seine Forderung zurück. „Wie steht’s mit Toronto, Maggie – sagen wir in genau zweiundsiebzig Stunden – das Royal Brunswick Hotel?“

Maggie erkannte, dass sie ihn nicht länger hinhalten konnte, wenn sie ihn für die nächste Stunde in Sicherheit wiegen wollte. Zudem war ihr in ihrer verzweifelten Ernüchterung über sich selbst gleichgültig, was aus ihr wurde oder was die Leute von ihr denken mochten, solange sie dieses Schauspiel bis zum letzten Moment aufrechterhalten konnte.

„Ja“, sagte sie – „wenn wir beide noch dasselbe füreinander empfinden, wenn dieser Abend vorbei ist.“

„Maggie!“, rief er. „Maggie!“ Als er diesmal triumphierend nach ihrer Hand griff, wagte sie es nicht, sie ihm zu verwehren. Und sie empfand einen zusätzlichen Abscheu vor Barneys Liebkosung, weil sie wusste, dass Larry Zeuge davon wurde.

Tatsächlich fiel es Larry schwer, beim Anblick von Maggies Hand in Barneys allzu gierigen Handflächen an sich zu halten; und das, während er zusätzlich den kleinen, zitternden Red Hannigan im Zaum halten musste, dessen Kragen und rechtes Handgelenk er seit drei Minuten fest umklammert hielt. Denn Larry hatte, wie Maggie gehofft hatte, eine Ahnung von Maggies Plan bekommen, und er fühlte sich an das Versprechen gebunden, das sie ihm abgenommen hatte, sie mit allem, was sie vorhatte, fortfahren zu lassen; wenngleich er keine Vorstellung vom Ausmaß ihres Plans hatte und natürlich nichts von der Absicht ihres überreizten Geistes wissen konnte, ihrem Plan durch das, was einer Selbstzerstörung gleichkam, den letzten Schliff zu geben und für alle, die sie kannten, völlig in der Versenkung zu verschwinden.

Eine weitere Minute verging; dann hörte Larry drei eigenartige Glockenzeichen der Außentür – ein deutliches Signal. Maggie beantwortete den Ruf, und Larry sah, wie Old Jimmie eintrat. Es folgte eine schnelle und knappe Konferenz zwischen den dreien, deren Inhalt darin bestand, dass Old Jimmie von den Entwicklungen gegen Dick Sherwood erfuhr, die Maggie kurz zuvor Barney geschildert hatte, zusammen mit Anweisungen an Old Jimmie für seine neue Rolle als Maggies Vormund. Larry schien bei Jimmie Anzeichen von Unbehagen zu bemerken, doch zu allem nickte der ältere Mann nur.

Kurz darauf ertönte ein lautes Klingeln. „Das ist Dick!“, rief Barney flüsternd. „Und verdammt eifrig dazu – das zeigt, dass er noch vor der Zeit da ist, die du festgelegt hast! Lass ihn rein, Maggie.“

Maggie war von dem Klingeln aufgeschreckt, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ. Sie dachte schnell nach. Sie hatte Dick ausdrücklich gebeten, vor seinem Kommen anzurufen. Warum hatte er nicht angerufen? Vielleicht war etwas dazwischengekommen, oder vielleicht war ihm eine Idee gekommen, wie sie ihren Plan ohne einen Anruf verbessern konnten. In beiden Fällen mussten sie und Dick möglicherweise improvisieren und einander geschickt Stichworte zuspielen, wie es erfahrene Schauspieler manchmal tun, ohne dass das Publikum jemals erfährt, dass eine Lücke im Stück geschickt überbrückt wurde.

Maggie stand auf. „Versteht ihr beide, was ihr zu tun habt?“

Beide flüsterten „Ja“. Larry beobachtete, wie Maggie durch den Raum ging, seine ganze Gestalt bebte vor Spannung, was geschehen würde, wenn Dick eintrat. Er war sich sicher, dass hier mehr dahintersteckte, als an der Oberfläche sichtbar war, absolut sicher, dass Maggie nicht beabsichtigte, dass die Sache mit Dick so ausging, wie sie es skizziert hatte. Was konnte Maggie nur vorhaben?, fragte er sich in fieberhaftem Staunen und fand keine Antwort. Denn natürlich wusste Larry nichts von jener wichtigsten Tatsache: dass Maggie tatsächlich ein Geständnis bei Dick abgelegt hatte – nicht das betrügerische Geständnis, von dem sie Barney erzählt hatte –, sondern ein ehrliches und vollständiges Geständnis, und dass sie und Dick infolgedessen kooperierten.

Von seinem Spalt aus konnte Larry die Außentür nicht ganz sehen. Aber nachdem sie die Tür geöffnet hatte, sah er, wie Maggie mit einem unartikulierten Schrei zurückwich, ihr Gesicht plötzlich blass vor erstauntem Schrecken. Und dann erlebte Larry eine der größten Überraschungen seines Lebens – eine Überraschung, die ihn so sehr aus der Fassung brachte, dass er fast seinen Griff um Red Hannigan gelockert hätte. Denn statt Dick trat die große, weißhaarige Gestalt von Joe Ellison in den Raum, und Joes schmales, im Gefängnis erbleichtes Gesicht zitterte vor einer verheerenden Entschlossenheit. Wie um alles in der Welt war Joe hierhergekommen? – und was bedeutete dieser schreckliche Blick?

Aber Larrys Überraschung war nur eine unbedeutende Regung im Vergleich zu der Wirkung des Erscheinens ihres Vaters mit seinem schrecklichen Gesicht auf Maggie. Das Leben schien plötzlich aus ihr zu weichen. Sie erkannte, dass das kluge Spiel, das sie so schnell aufgebaut hatte und auf das sie gezählt hatte, um das Gewirr zu klären, für das sie teilweise verantwortlich war, und um sie rechtzeitig als scheinbare Erfüllung des Traums eines glücklichen und nicht enttäuschten Vaters zurückzubringen – sie erkannte, dass ihr armes, brillantes Spiel ein jähes Ende gefunden hatte, bevor es richtig begonnen hatte, und dass die Kontrolle über die Ereignisse in andere Hände übergegangen war.

KAPITEL XXXV

Beim Eintritt von Joe Ellison statt des erwarteten Dick waren Barney und Old Jimmie erstaunt vom Tisch aufgesprungen. Joe schritt an Maggie vorbei, beachtete seine Tochter kaum und stellte sich den beiden Männern entgegen.

„Ich nehme an, du kennst mich, Jimmie Carlisle!“, sagte Joe mit einer erschreckenden Beherrschung des Tons. „Der Kumpel, dem ich vertraut habe – der Kumpel, dem ich alles überlassen habe – der Kumpel, der mich in jeder Hinsicht hintergangen hat!“

„Joe Ellison!“, keuchte Jimmie, plötzlich so leichenblass wie ein Toter. „Ich – ich wusste nicht, dass du draußen bist.“

„Ich bin draußen, das stimmt. Aber wahrscheinlich gehe ich wieder rein für das, was ich mit dir anstellen werde! Und du da“ – er wandte sich an Barney – „du bist wie ein professioneller Tänzer herausgeputzt, um der Barney Palmer zu sein, von dem ich gehört habe!“

„Was geht es dich an, wer ich bin?“, versuchte Barney zu poltern. „Vielleicht macht es dir nichts aus, dich vorzustellen.“

„Ich bin der Mann, der mit dir und Old Jimmie Carlisle abrechnen wird! Ist das Vorstellung genug? Wenn nicht, dann bin ich Joe Ellison, der Vater dieses Mädchens hier, das ihr Maggie Carlisle und Maggie Cameron nennt, das ihr beide zu einer Kriminellen gemacht habt.“

„Deine Tochter!“, rief Barney fassungslos. „Aber sie ist doch Jimmie Carlisles –“

„Er hat sie immer als solche ausgegeben; das habe ich erfahren. Sprich, Jimmie Carlisle! Wessen Tochter ist dieses Mädchen, das du zu einer Kriminellen gemacht hast?“

„Deine Tochter, Joe“, stammelte Old Jimmie. „Aber was das angeht, dass ich sie zu einer Kriminellen gemacht habe – da bist du – da bist du völlig auf dem Holzweg.“

„Sie ist also keine Kriminelle, und du hast sie nicht zu einer gemacht?“, forderte Joe mit der Ruhe von ungezündetem Dynamit, dessen Lunte sprüht. „Ich habe dir etwa zwölf- oder fünfzehnhundert im Jahr hinterlassen, damit du sie großziehst – als anständiges, respektables Mädchen. Das sind fünfundzwanzig oder dreißig pro Woche. Wenn sie keine Kriminelle ist, wie kann sie dann von fünfundzwanzig die Woche all die schicken Kleider haben, in denen ich sie gesehen habe, und in einer Suite wie dieser leben, die fünfundzwanzig bis fünfzig am Tag kostet? Und wenn sie keine Kriminelle ist, warum ist sie dann mit zwei solchen Kriminellen wie euch unter einer Decke? Und wenn sie keine Kriminelle ist, warum spielt sie dann ein Spiel, um den jungen Dick Sherwood auszunehmen?“

Die beiden Männer zuckten zusammen und wichen bei diesen bohrenden Fragen zurück. „Aber – aber, Joe“, stammelte Old Jimmie, „du hast den Verstand verloren. Sie spielt kein solches Spiel. Sie hat noch nie von einem Dick Sherwood gehört.“

„Hör auf mit deinen Lügen, Jimmie Carlisle!“, befahl Joe schroff. „Wir vier haben hier etwas Wichtigeres zu tun, als Zeit mit Lügen zu verschwenden. Und nur um dir zu beweisen, dass deine Lügen verschwendet sind, lege ich alle meine Karten offen auf den Tisch. Seit ich draußen bin, arbeite ich für die Sherwoods. Larry Brainard arbeitete schon vor mir dort und hat mir meinen Job verschafft. Ich habe dieses Mädchen hier – meine Tochter, die du zu einer Kriminellen gemacht hast – zweimal dort draußen gesehen. Dick Sherwood sollte in sie verliebt sein. Am Ende dieses Nachmittags kamen einige Beamte zu den Sherwoods und verhafteten Larry Brainard. Ich arbeitete draußen, hörte, was geschah, und schlich mich auf die Veranda. Officer Gavegan, der die Leitung hatte, fand ein Gemälde unter Larry Brainards Sachen. Miss Sherwood sagte, es sei ein Bild von Miss Maggie Cameron, die dort zu Besuch war, und ich konnte sehen, dass es das war. Officer Gavegan sagte, es sei ein Bild von Maggie Carlisle, der Tochter von Jimmie Carlisle, und dass sie eine Kriminelle sei. Larry Brainard, in die Enge getrieben, musste zugeben, dass Gavegan recht hatte. Ich habe sofort erraten, wer Maggie Carlisle ist, da sie genau in dem Alter war, in dem mein Mädchen gewesen wäre, und da du nie Kinder hattest. Und so, Jimmie Carlisle, während ich dort draußen vor dem Fenster stand“, schloss die schreckliche Stimme von Joe Ellison, „erfuhr ich zum ersten Mal, dass das Baby, das ich dir anvertraut hatte, damit es anständig aufwächst, und von dem ich glaubte, es sei nun irgendwo glücklich als nettes, anständiges Mädchen, du in Wahrheit als deine eigene Tochter ausgegeben und dazu ausgebildet hast, eine Kriminelle zu sein!“

Old Jimmie wich vor Joes flammenden Augen zurück; sein Mund öffnete sich krampfhaft, aber keine Worte kamen heraus. Es herrschte eine ungeheure Stille im Raum. Im Schrank verstand Larry nun das leise, seltsame Geräusch, das er auf der Veranda der Sherwoods gehört hatte und das Gavegan und Hunt untersucht hatten. Es war der unterdrückte Schrei von Joe Ellison gewesen, als er die Wahrheit erfahren hatte – der Unterschied zwischen seinen Träumen und der Realität. Er konnte sich nicht vorstellen, was dieser Moment für Joe gewesen war: das jähe, unglaubliche Wissen, das sein ganzes Wesen zu zerreißen schien.

Larry hatte den Impuls, an Joes Seite zu treten. Aber genau wie er kurz zuvor das Gefühl gehabt hatte, dass die Szene Maggie gehörte, fühlte er nun, dass diese Situation, die größte in Joes Leben, eindeutig Joe gehörte, fast heiliges Eigentum von Joe war. Außerdem spürte er, dass er im Begriff war, viele Dinge zu erfahren, die ihn rätselhaft erschienen waren. Deshalb hielt er sich zurück und behielt gleichzeitig seinen Griff um Red Hannigan bei.

Während dieses Moments der Stille, in dem Larry sich fragte, was geschehen würde, nahm sein Blick auch die Gestalt von Maggie wahr, deren ganze Handlungs- und Ausdrucksfähigkeit noch immer durch lähmendes Entsetzen erstarrt war. Er verstand zumindest bis zu einem gewissen Grad, was sie durchmachte. Er wusste so viel von ihrem Plan: dass sie beabsichtigt hatte, sich irgendwie von Barney und Old Jimmie zu lösen, und dass sie beabsichtigt hatte, dass ihr Vater weiterhin den Traum hegen sollte, der so lange sein Glück gewesen war. Und nun war ihr Vater bei ihr in Begleitung von Barney und Old Jimmie aufgetaucht, in einer Situation, deren oberflächliche Umstände so waren, dass er das Schlimmste von ihr glauben musste!

Joe wandte sich an den elegant gekleideten Barney. „Dich nehme ich mir zuerst vor, du Möchtegern-Schickimicki, denn Jimmie Carlisle hebe ich mir für den Schluss auf!“, fuhr Joes mahlende Stimme fort. „Ich werde dir den verdammten Hals umdrehen für das, was du meinem Mädchen angetan hast, aber wenn du vorher etwas sagen willst, dann sag es.“

Barneys Reaktion war eine schnelle Bewegung seiner rechten Hand in Richtung seiner linken Achselhöhle. Aber Barney Palmer war, wie fast alle seines Schlages, ein sehr mittelmäßiger Schütze; und er hatte keine Kenntnis von dem Ruf für meisterhafte Schnelligkeit, den Joe Ellison zwanzig Jahre zuvor gehabt hatte. Bevor seine kompakte Automatik halb aus ihrem Holster unter seiner Achselhöhle war, befand sie sich in den Händen von Joe Ellison.

„Ich habe dich für die Art von Ratte gehalten, die du bist, und habe dich beobachtet“, fuhr Joe in seiner gewohnt schrecklichen Verbissenheit fort. „Ich werde dich nicht erschießen, es sei denn, du zwingst mich dazu. Ich werde diesen hübschen Hals von dir umdrehen. Aber zuerst raus mit allem, was du zu deiner Verteidigung zu sagen hast!“

„Ich habe nichts mit dieser Sache zu tun gehabt“, sagte Barney und versuchte, ein kühnes Auftreten vorzutäuschen.

„Du lügst! Ich weiß, dass du in diesem Spiel gegen Dick Sherwood, bei dem du mein Mädchen benutzt hast, der eigentliche Anführer warst!“

„Nun – selbst wenn ich dein Mädchen benutzt habe, habe ich sie nur so benutzt, wie ich sie vorgefunden habe.“

„Du lügst schon wieder! Ich weiß, wie Leute wie du arbeiten: schlau kriminelle Ideen in die Köpfe von Mädchen pflanzen und ihre Fantasie anregen, damit sie mit euch arbeiten. Dein Fall ist abgeschlossen.“ Er wandte sich an seinen einstigen Freund. „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Jimmie Carlisle?“

Old Jimmie glaubte, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte. Er zeigte etwas von dem trotzigen, fast wahnsinnigen Mut eines Feiglings, der erkennt, dass er sich nicht weiter zurückziehen kann.

„Was ich zu sagen habe, Joe Ellison“, knurrte er in einer plötzlichen Wut, die seine gelben Zähne entblößte, „ist, dass ich endlich mit dir quitt bin!“

„Quitt mit mir? Wofür?“

„Dafür, wie du mich neunzehnhunderteins bei dieser Gordon-Sache hintergangen hast. Du hast mir keinen Cent gegeben – sagtest, die Sache sei geplatzt – obwohl ich weiß, dass es eine fette Beute war!“

„Ich habe dir die Wahrheit gesagt. Diese Gordon-Sache war ein Reinfall.“

„Da lügst du! Es war ein voller Erfolg! Und ich wusste, dass du mich auch bei anderen Geschäften um meinen Anteil betrogen hast!“

„Du hast absolut unrecht, Jimmie Carlisle. Aber wenn du das dachtest, warum hast du es nicht damals mit mir ausgetragen?“

„Weil ich wusste, dass du lügen würdest! Du warst ein besserer Redner als ich, und da unsere Truppe immer zu dir hielt, wusste ich, dass ich damals keine Chance gehabt hätte. Aber ich habe mir gedacht, wenn ich die Klappe halte und weiterhin dein Freund bleibe, würde ich meine Chance bekommen, quitt zu werden, wenn ich eine Weile warte. Ich habe gewartet – und ich habe meine Chance sicher bekommen!“

„Fahr fort, Jimmie Carlisle!“

Und Old Jimmie fuhr fort – ein erstaunlich anderer Old Jimmie, sein aufgestautes Böses nun in zitterndem, bösartigem Triumph entfesselt; fuhr fort mit dem fiebrigen Jubel eines verdrehten, pervertierten Geistes, der lange über einem vermeintlichen Unrecht gebrütet hatte, der gierig und lange im Stillen über seine Rache gebrütet hatte und nun endlich seine Chance hat, öffentlich zu triumphieren.

„Als du weggeschickt wurdest, Joe Ellison, und mir deine Tochter mit diesen Anweisungen übergabst, darauf zu achten, dass sie zu einem anständigen Mädchen erzogen wird, begann ich die große Chance zu sehen, auf die ich gewartet hatte. Ich fragte mich: Was ist das Teuerste auf der Welt für Joe Ellison? Die Antwort war: diese Idee, die er von seinem Mädchen bekommen hatte. Ich fragte mich: Was ist der größte Weg, wie ich mit Joe Ellison quitt werden kann? Die Antwort war: Joe Ellison die ganze Zeit, während er im Bau sitzt, glauben zu lassen, dass sein Mädchen so aufwächst, wie er es sich wünscht, und sie doch zu genau dem zu erziehen, was er nicht wollte, dass sie ist. Und genau das habe ich getan!“

„Du – hast – so etwas getan?“, hauchte Joe Ellison, fast ungläubig.

„Genau das habe ich getan!“, fuhr Old Jimmie triumphierend fort. „Es war einfach. Niemand wusste, dass du eine Tochter hast, also habe ich sie als mein eigenes Baby aus einer Ehe ausgegeben, von der ich niemandem erzählt hatte. Ich habe dafür gesorgt, dass sie immer unter Kriminellen lebt, die Dinge so betrachtet, wie Kriminelle es tun, und ohne einen anderen Gedanken aufwächst, als eine Kriminelle zu sein. Ich hatte nie die Absicht, sie selbst zu benutzen, bis sie im letzten Jahr so wie eine gute Darstellerin aussah; und dann war meine Idee, ungeachtet dessen, was Barney Palmer vielleicht geplant hatte, sie nur für ein paar Nummern einzusetzen. Mein Hauptgedanke war immer, wenn du mit deiner großartigen Vorstellung davon, was aus deinem Mädchen geworden ist, herauskommst, dass du plötzlich dein Mädchen siehst und sie als dein Mädchen erkennst und weißt, dass sie eine Kriminelle ist. Dieser Schlag für dich war das große Ding für mich – das, worauf ich geplant und gewartet hatte. Ich hatte nicht erwartet, dass der Knall so kommt; ich hatte nicht erwartet, dabei erwischt zu werden, wenn es passiert. Aber da es passiert ist, nun – da hast du deine Tochter, Joe Ellison! Sieh sie dir an! Sieh dir an, was ich aus ihr gemacht habe! Ich schätze, ich bin quitt, oder?“

„Mein Gott!“, hauchte Joe Ellison und starrte auf das schmale Gesicht, das sich vor triumphierender Bosheit verzog. „Ich hätte nicht gedacht, dass es einen solchen Mann geben kann!“

Er wandte sich langsam an Maggie. Dies war die erste direkte Anerkennung, die er ihr seit seinem Eintritt entgegenbrachte.

„Ich nehme an, du kannst nicht ahnen, was dein So-Sein für mich bedeutet hat“, begann er in einem betäubten Ton, der anklagend scharf wurde, als er fortfuhr. „Aber ich hätte gedacht, dass eine Tochter von mir, mit einer solchen Mutter, mehr instinktiven Sinn gehabt hätte, als sich auf ein solches Spiel mit einem solchen Paar Krimineller einzulassen!“

„Es stimmt – ich bin das gewesen, was du für mich hältst – ich habe mich auf diese Sache gegen Dick Sherwood eingelassen“, antwortete Maggie mit einer Stimme, die zuerst zögerlich war, dann aber schnell in ihrer Eile weiterstolperte, alle Fakten auszuschütten. „Aber – aber Larry Brainard ist hinter mir her gewesen – und schließlich hat er mir klargemacht, wie falsch ich auf dem Weg war. Und dann, heute Nachmittag, bevor ich mit dir sprach, hat mir Larry gesagt, dass du mein leiblicher Vater bist. Als ich die Wahrheit erfuhr – wie ich darum betrogen wurde, etwas anderes zu sein – wie ich genau das Gegenteil von dem war, was du dir gewünscht hattest und von mir geglaubt hattest – habe ich darüber fast genauso gefühlt wie du. Ich – ich habe beschlossen, sofort alles Unrecht wiedergutzumachen, für das ich verantwortlich war – und dann auf eine Weise zu verschwinden, dass dein Traum von mir niemals zerstört wird. Und so – und so habe ich heute Nachmittag, nachdem ich Cedar Crest verlassen hatte, Dick Sherwood die ganze Wahrheit gestanden – über unseren Plan, ihn zu betrügen. Und wie der wirklich großartige Kerl, der er ist, hat Dick Sherwood angeboten, mir dabei zu helfen, die Dinge geradezubiegen, die ich geradebiegen wollte. Besonders Larry Brainard zu entlasten. Und so ist mein Hiersein, so wie du mich vorfindest, Teil eines Plans zwischen Dick Sherwood und mir. Es ist in Wahrheit ein abgekartetes Spiel. Ein abgekartetes Spiel, um Barney Palmer und Jimmie Carlisle zu schnappen.“

„Ein abgekartetes Spiel!“, stießen diese beiden überrascht hervor.

„Warum ein abgekartetes Spiel?“, verlangte ihr Vater zu wissen, ohne dass die anklagende Schärfe aus seiner Stimme gewichen wäre.

„Unser Plan gegen Dick Sherwood war, dass er mir einen Heiratsantrag macht, dann, dass ich gestehe, dass ich eigentlich mit einem gemeinen Mann verheiratet bin, den ich nicht liebe – die Idee war, dass Dick naiv genug wäre, eine große Summe an einen Scheinehemann zu zahlen, und wir drei würden verschwinden, sobald wir Dicks Geld hätten. Dick hat angeboten, den Plan so durchzuziehen, wie Barney Palmer und Jimmie Carlisle ihn ausgeheckt hatten – ihn heute Abend durchzuziehen – und dann, nachdem das Geld übergeben worden wäre, hätten wir einen Kriminalfall gegen sie gehabt. Indem ich ihn daran erinnerte, dass Larry Brainard genau wusste, was wir vorhatten, und alles verderben könnte, wenn wir nicht sofort handelten, habe ich Barney Palmer so weit gebracht, dass er sich als mein Ehemann ausgeben und das Geld nehmen wollte. Dick Sherwood sollte ein wenig später kommen, nachdem er mich zuerst angerufen hatte, mit einem dicken Bündel markierten Geldes.“

Es gab stammelnde Ausrufe von Barney und Old Jimmie, die durch die dominante Schärfe von Joe Ellisons Worten an seine Tochter abgeschnitten wurden:

„Ich glaube, du lügst mich an! Außerdem, selbst wenn du die Wahrheit sagst, ist es eine ziemlich miese Art, wie du dich entschieden hast, die Dinge in Ordnung zu bringen! Siehst du nicht, dass du Dick Sherwood, indem du ihn hierherkommen lässt, um eine solche Rolle zu spielen, mit Sicherheit in eine schmutzige Polizeigeschichte verwickeln würdest, die die Zeitungen des ganzen Landes als Sensation ausschlachten würden? Es ist für jeden klar, dass das kein Weg ist, wie eine Person, die die Dinge wieder gutmachen will, Dick Sherwood benutzen würde. Und deshalb glaube ich, dass du lügst!“

„Ich habe daran gedacht – du hast recht“, sagte Maggie. „Und deshalb wollte ich es nicht tun. Er sollte mich anrufen – ungefähr um diese Zeit – und als er anrief, wollte ich seine Nachricht fälschen. Ich wollte Barney Palmer und Old Jimmie sagen, dass Dick gerade angerufen habe, dass er nicht komme, weil einer der beiden ihm gerade einen Tipp für zehntausend Dollar verkauft habe, dass dies ein krummes Spiel sei. Ich dachte, das hätte einen Streit zwischen den beiden ausgelöst; sie misstrauen einander sowieso. Jeder hätte den anderen beschuldigt, und in ihrem Streit hätten sie wahrscheinlich eine Menge Wahrheit herausgelassen, die sie gegenseitig vollständig entlarvt hätte.“

„Kein schlechter Plan“, kommentierte Joe Ellison. Einen Moment lang versuchte er, tief in seine Tochter hineinzublicken, wobei sich sein entzündetes Gesicht weder in seiner Härte noch in seinem Misstrauen ihr gegenüber entspannte. „Aber da du die gerissene Gaunerin bist, als die ich dich durch deine Arbeit an Dick Sherwood tatsächlich kenne, und da Jimmie Carlisle sagt, er habe dich zur Gaunerin ausgebildet, glaube ich, dass alles, was du mir erzählt hast, nur etwas ist, das du dir im Eifer des Gefechts klug ausgedacht hast – nichts als Lügen.“

„Aber – aber –“

Sie brach unter dem harten, anklagenden Zweifel seines blassen Gesichts ab. Für einen Sekundenbruchteil sprach niemand. Dann begann das Telefon zu läuten.

„Dick!“, hauchte Maggie und machte sich auf den Weg zum Telefon.

„Bleib genau da, wo du bist!“, befahl ihr Vater. „Ich werde das Telefon selbst beantworten und sehen, ob du mich wegen Dick Sherwood belügst!... Nein, wir machen das gemeinsam. Ich halte den Hörer und höre, was er sagt. Du wirst das Reden übernehmen und genau das antworten, was ich dir sage, und du wirst deine Hand fest über die Sprechmuschel halten, während ich dir meine Anweisungen gebe. Ihr beiden“ – an Barney und Old Jimmie gewandt, mit einer bedeutungsvollen Bewegung von Barneys Automatikpistole – „ihr benehmt euch besser, während diese Telefongeschichte läuft.“

Im nächsten Moment hörte Larry – oder besser gesagt, er wurde Zeuge – des seltsamsten Telefongesprächs seiner Erfahrung. Maggie hielt den Hörer, und Joe hatte den Hörer an seinem Ohr, während er die beiden Männer grimmig mit der Automatikpistole im Visier behielt. Maggie hielt gehorsam ihre Handfläche fest über die Sprechmuschel, während Joe ihr kurze, geflüsterte Anweisungen gab, und niemand im Raum außer Joe, nicht einmal Maggie, hatte die leiseste Ahnung davon, was wirklich über die Leitung ging.

Was Larry hörte, waren nicht mehr als ein Dutzend der alltäglichsten Worte der Welt, die sich in die fesselndsten Worte verwandelten, die es gibt. Joe befahl Maggie, mit „Hallo“ in ihrem üblichen Ton zu antworten, was sie tat, und Joe hörte, nachdem er beim ersten Wort, das aus der Leitung kam, eine überraschte Miene gemacht hatte, mit unbeweglichem Gesicht vier oder fünf Sekunden lang zu. Dann nickte er Maggie befehlend zu und sie legte ihre Hand über die Sprechmuschel.

„Frag ihn, wie viel und wann es bezahlt werden soll“, befahl er.

„Wie viel, und wann soll es bezahlt werden?“, wiederholte Maggie.

Wieder hörte Joe einige Momente lang zu; dann befahl er wie zuvor: „Sag ‚Ja‘.“

„Ja“, sagte Maggie.

Eine weitere Wartezeit, dann befahl Joe: „Sag: ‚Ich habe einen viel besseren Plan, der den alten ersetzt.‘“

„Ich habe einen viel besseren Plan, der den alten ersetzt.“

Es folgte eine weitere Wartezeit, dann befahl Joe: „Sag ihm, er darf das wirklich nicht, und sag schnell auf Wiedersehen.“

„Du darfst das wirklich nicht! Auf Wiedersehen!“

In dem Augenblick, als ihr „Auf Wiedersehen“ über ihre Lippen kam, legte Joe den Hörer auf die Gabel und betrachtete die atemlose Maggie. Sein blasses, strenges Gesicht war nicht mehr ganz so unnachgiebig wie zuvor. Nach einer Weile sprach er: „Ich weiß jetzt, dass du das, was du versucht hast zu tun, wirklich satt hattest – dass du dich wirklich von diesen beiden losgesagt hattest – dass du wirklich bei Dick gestanden hast und jetzt alles mit ihm bereinigt ist.“

Das Wort „Vater!“ kämpfte sich erstickt zu ihren Lippen. Doch sie sagte nur:

„Ich bin froh – dass du es weißt.“

„Und du warst scharfsinnig bei deiner Vermutung, was einer dieser beiden tun würde.“ Joe ging zurück zu Barney und Old Jimmie. „Ihr beiden müsst wegen Larry Brainard entsetzlich Angst gehabt haben, dass euer Spiel plötzlich zusammenbricht, und jeder von euch muss versucht haben, für sich selbst ein Stück zu ergattern, bevor er abhaut.“

„Wovon redest du?“, forderte Barney grob.

„Vielleicht rede ich von dir. Aber insbesondere von Jimmie Carlisle. Denn gerade eben sagte Dick Sherwood, als er anrief, dass Jimmie Carlisle ihn vor ein oder zwei Stunden aufgesucht habe, angedeutet habe, dass er viel Geld verlieren werde, wenn er nicht richtig beraten werde, und ihm für fünftausend in bar bestimmte wertvolle Informationen angeboten habe.“

Barney drehte sich zu seinem Partner um. „Du verdammter Dieb!“, knurrte er, angespannt, als wolle er sich auf den anderen stürzen.

Old Jimmie, der grünlich blass geworden war, wich vor Barney zurück, wobei jeder seiner Gesichtsausdrücke seine Schuld verriet. Dann fand Maggie wieder ihre Stimme:

„Und etwa zur gleichen Zeit, als Barney versuchte, Jimmie Carlisle auszutricksen, schlug Barney mir vor, dass wir, sobald wir Dick Sherwoods Geld hätten, Jimmie Carlisle sagen würden, wir hätten nur sehr wenig bekommen, und das echte Geld fifty-fifty nur unter uns beiden aufteilen würden.“

„Du verdammter Dieb!“, knurrte Old Jimmie zurück zu seinem Partner.

Im nächsten Moment gingen Barney und Old Jimmie aufeinander los, schlugen wild um sich und kratzten. Doch im Augenblick darauf hatte Joe Ellison, dessen unterdrückte Wut nun entfesselt war und der über die übermenschliche Kraft seines höchsten Zorns verfügte, die beiden auseinandergerissen.

„Das tut ihr nicht miteinander – dieser Job gehört mir!“, schrie er. Sein rechter Arm schleuderte Barney rückwärts, sodass Barney über sich selbst stolperte und auf dem Boden ausstreckte. Joe packte Old Jimmie am Kragen, und seine rechte Hand verdrehte Jimmies Arm auf schmerzhafte Weise. „Und ich mache zuerst mit dir Schluss, Jimmie Carlisle, für das, was du mir und meinem Mädchen angetan hast! Wäre Larry Brainard nicht gewesen, Jimmie Carlisle, hättest du es geschafft, mein Mädchen zur Gaunerin zu machen! Ich würde dir gerne tausend Jahre Qualen bereiten, du verdammte Ratte – aber das liegt nicht in meiner Macht!“ Seine rechte Hand wechselte blitzschnell von Old Jimmies Arm zu seiner Kehle. „Aber ich werde dir das Rattenleben aus dem Leib würgen! – dein lügendes, hinterhältiges Teufelsleben!“

Old Jimmie wand und drehte sich, während diese langen Finger gnadenlos um seine Kehle geschlossen waren, seine Augen rollten und sein Mund sich zu lautlosen Schreien öffnete. Er wurde tatsächlich geschüttelt, wie eine Ratte geschüttelt werden könnte.

„Nicht! – Nein!“, rief die verzweifelte Maggie und wollte ihren Vater packen, um ihn wegzuziehen. Aber sie wurde aufgehalten, weil ihr Arm von Barney festgehalten wurde.

„Lass Jimmie das ausbaden!“, sagte er ihr grimmig und schleuderte sie in die hinterste Ecke des Raumes. Und grimmig triumphierend über das, was Jimmies Untergang zu sein schien, machte er sich auf den Weg zur Tür, um selbst zu entkommen.

Bis zu dem Moment von Joe Ellisons Ausbruch hatte sich Larry verpflichtet gefühlt, ein bloßer Zuschauer zu bleiben, wo er war: So lang die Zeit ihm auch erschienen war, sie war in Wirklichkeit weniger als eine halbe Stunde vergangen. Er hatte sich anfangs durch sein Versprechen an Maggie gebunden gefühlt, sie ihren Plan ausführen zu lassen; und später durch sein Gefühl, dass diese Situation Joe Ellison gehörte. Doch nun löste diese plötzliche Krise alle diese Verpflichtungen auf. Er sprang aus seinem Versteck, um an dem Drama teilzunehmen, das sich so schnell entfaltete.

KAPITEL XXXVI

Larry fing Barney Palmer ab und wirbelte ihn herum, gerade als die Hand des fliehenden Barney auf der Klinke der Außentür lag.

„Nein, das tust du nicht, Barney Palmer!“, rief er. „Du bleibst schön hier!“

So erschrocken Barney über das Erscheinen seines ärgsten Feindes auch war, verschwendete er keine kostbare Zeit mit bloßen Worten. Er holte zu einem bösartigen Schlag gegen Larry aus, der dazu bestimmt war, dieses Hindernis für seine Freiheit zu beseitigen. Aber der erfahrene Larry ließ den Schlag an seinem Unterarm abgleiten, und da er einen sofortigen Abschluss brauchte, schickte er eine gewaltige Rechte gegen Barneys Kinn. Barney taumelte zurück, fiel in einen zusammengesunkenen Haufen und blieb regungslos liegen.

Larry nahm sich nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, um zu sehen, dass Barney vorübergehend außer Gefecht gesetzt war, dann sprang er auf Joe Ellison zu und versuchte, die tödlichen Griffe zu lösen, die Joe um Old Jimmie hielt.

„Hör auf, Joe – hör auf!“, rief er gebieterisch. „Dass du Jimmie Carlisle umbringst, wird die Dinge nicht verbessern!“

Ohne seine Griffe zu lockern, wandte sich Joe an diesen Störenfried.

„Larry Brainard! Wie bist du hier reingekommen?“

„Ich war die ganze Zeit hier. Aber, Joe – töte Jimmie Carlisle nicht!“

„Halt dich da raus – das ist meine Angelegenheit!“, antwortete Joe wütend. „Wenn du die ganze Zeit hier warst, dann weißt du, was er mir angetan hat und was er meinem Mädchen angetan hat! Du weißt, er verdient es, dass ihm der Hals umgedreht wird – und ich werde ihn ihm umdrehen!“

Larry erkannte, dass Joes Gefühl für die ungeheure Verletzung ihn in seiner Wut für den Moment zu einem Wahnsinnigen gemacht hatte. Nur der stärkste Appell hatte eine Chance, ihn wieder zur Vernunft zu bringen.

„Hör zu, Joe – hör zu!“, schrie er verzweifelt und spannte sich an, um die wütende Kraft des anderen von seinem zerstörerischen Ziel abzuhalten. „Nach dem, was passiert ist, wird jeder erfahren müssen, dass Maggie deine Tochter ist! Verstehst du das, Joe? – jeder wird wissen, dass Maggie deine Tochter ist! Es wird dir nicht helfen, wegen Mordes angeklagt zu werden. Und denk daran, Joe – was wird es für deine Tochter bedeuten, wenn ihr Vater ein Mörder ist?“

„Was sagst du da?“, fragte Joe Ellison benommen.

Larry sah, dass sein Argument den Verstand des anderen durchdrungen hatte. Also machte er weiter und wiederholte, was er gesagt hatte.

„Verstehst du das, Joe? – jeder wird jetzt wissen, dass Maggie deine Tochter ist! Du kannst einfach nicht verhindern, dass sie das jetzt erfahren! Denk daran, wie du über fünfzehn Jahre lang versucht hast, das Beste für sie zu tun! Willst du jetzt das Schlimmste tun, was du tun kannst? Das Schlimmste, was du für Maggie tun kannst, ist, ihren Vater zu einem Mörder zu machen!“

„Ich schätze, das stimmt, Larry“, sagte er heiser. „Danke.“

Er stieß den halb erwürgten Jimmie Carlisle von sich weg. „Du wirst dein Fett schon auf andere Weise wegkriegen!“, sagte er grimmig.

Old Jimmie, der taumelte, hielt sich zur Stütze an der Rückenlehne eines Stuhls fest. Er fühlte zärtlich an seinem Hals und blinzelte Larry, Joe und Maggie zu. Er versuchte nicht, etwas zu sagen. In der Zwischenzeit war Barney wieder zu Bewusstsein gekommen, hatte sich hochgequält und stand nun in der Nähe von Old Jimmie. Ihre Erkenntnis, dass sie das Schicksal der Niederlage teilten, hatte dazu gedient, ein gewisses Gefühl des Bündnisses zwischen den beiden wiederherzustellen.

„Na schön, Larry Brainard“, knurrte Barney, „du hattest ja nichts damit zu tun, dass das hier über die Bühne ging!“

Es war Joe Ellison, der antwortete. „Larry Brainard hatte alles damit zu tun, dass das hier über die Bühne ging. Er hat euch die ganze Zeit von Anfang an geschlagen, auch wenn ihr es vielleicht nicht gewusst habt. Und obwohl er in den letzten Stunden scheinbar aus dem Spiel war, war er die eigentliche Macht hinter allem, was bis zu dieser Minute passiert ist. Also mach dir nichts vor – Larry Brainard hat euch in jedem Punkt geschlagen!“

Ein Gefühl des Triumphs glühte in Larry auf. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er die tierische Befriedigung gewollt hatte, die er empfunden hätte, wenn er diesen beiden – besonders Barney – eine gewaltsame körperliche Strafe zugefügt hätte. Aber er hatte jetzt kein Verlangen mehr nach einer solch leeren Rache.

„Na gut, ich schätze, du hast nichts gegen mich in der Hand“, knurrte Barney sie an, „also werde ich mich mal auf den Weg machen. Komm lieber auch mit, Jimmie.“

Während er sprach, hatte sich eine Gestalt mit der Stille eines schnellen Schattens aus Larrys Versteck bewegt. Ihre dünne Hand packte Barneys Schulter.

„Ich schätze, ich habe etwas gegen dich in der Hand!“, sagte sie.

Barney wirbelte herum. „Red Hannigan!“, keuchte er.

„Ja, Red Hannigan! – du Verräter – du Petzer!“, sagte Red Hannigan. „Ich habe gehört, wie du damit geprahlt hast, Barlows Spitzel zu sein, und ich habe alles andere gehört, womit du vor Joe Ellisons Mädchen geprahlt hast. Ich würde dich jetzt sofort umlegen, wenn ich meinen Ballermann dabei hätte und wenn ich irgendeine Chance auf Flucht hätte. Aber ich werde auf dich aufpassen, und die Gang wird auf dich aufpassen, bis du stirbst – genauso wie du uns auf Larry Brainard angesetzt hast! Egal, was sonst noch mit dir passiert, das wirst du immer als etwas Zusätzliches haben, das auf dich wartet! Und wenn die Zeit gekommen ist, kriegen wir dich!“

So lautlos, wie er aus dem Versteck aufgetaucht war, so lautlos ließ er sich aus dem Raum hinaus. Die finsteren Gesichtszüge von Barney waren zu einem teigigen Weiß verblasst, während Hannigan gesprochen hatte, und nun zitterte die Hand, die versuchte, ein Taschentuch an seine Lippen zu führen, so sehr, dass er kaum sein Gesicht finden konnte. Denn niemand wusste so gut wie Barney Palmer, wie unausweichlich diese Sache war, die bis an sein Lebensende über ihm hängen würde.

Bevor irgendjemand im Raum etwas sagen konnte, kam ein lautes Hämmern von der Innenseite der Tür des anderen Verstecks, das Larry und Red Hannigan nicht benutzt hatten. „Oh, das hatte ich völlig vergessen!“, rief Maggie aus – und in der Tat hatte sie alles vergessen, was nicht unmittelbar mit der Situation zusammenhing.

Sie öffnete die Tür, und Barlow trat heraus.

„Chief Barlow!“, rief der erstaunte Larry, und alle anderen Männer starrten den Kriminalpolizeichef mit gleicher Überraschung an.

„Er ist Teil meines abgekarteten Spiels“, erklärte Maggie in die Runde. „Ich wollte, dass sowohl die Polizei als auch Larrys alte Freunde die Wahrheit aus erster Hand erfahren – und ihn entlasten, bevor ich gehe.“

„War das nicht Red Hannigan, der gerade gesprochen hat?“, waren Barlows erste Worte.

„Ja“, sagte Larry.

Barney und auch Old Jimmie waren beim Erscheinen von Barlow aufgeblüht, als wäre Hilfe gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Doch Barlow wandte Barney ein kaltes Polizeiauge zu.

„Ich habe gehört, wie du damit geprahlt hast, mein Spitzel zu sein. Das ist eine Lüge.“

„Wieso – wieso – Chief –“, stammelte Barney. Er hatte hier auf Hilfe gezählt, wo so lange gegenseitig vorteilhafte Beziehungen bestanden hatten.

„Ich habe gehört, wie du gesagt hast, du hättest meinen Schutz. Das ist eine weitere Lüge. Du hast ein paar Leute verpfiffen, aber ich habe dir nie etwas gegeben.“

Barney schnappte nach Luft bei diesem Satz. Er wusste, wie jeder andere im Raum auch wusste, dass Barlow log. Aber Barlow hatte alle Trümpfe in der Hand. Als rauer und rücksichtsloser Polizeipolitiker machte er es sich zur Aufgabe, immer die höchsten Trümpfe zu halten. So krank im Geiste, wie ein Mann nur sein kann, erkannte Barney, dass Barlow genau das tat, was Barlow immer tat – er schwenkte auf die Seite, die die meisten Beweise hatte und die sich für ihn am vorteilhaftesten erweisen würde. Und Barney erkannte, dass er das vorbestimmte Schicksal aller Spitzel erlitt, die von ihren Mitkriminellen als Spitzel entlarvt werden. Solche Informanten sind zu nichts weiterem zu gebrauchen, und nach dem Polizeikodex müssen sie so streng bestraft werden, dass bei der Öffentlichkeit jeder ungesunde Glaube zerstreut wird, es hätte jemals ein Bündnis zwischen den beiden geben können.

„Ich habe diese junge Dame, die Jimmie Carlisles Tochter zu sein scheint und nun die Tochter dieses alten Joe Ellison zu sein scheint, für ein wenig private Schnüffelei auf eigene Faust benutzt“, fuhr Barlow fort – denn es lag im Instinkt des Mannes, die Konzeption und Führung jeder Idee zu beanspruchen, an deren Entwicklung er beteiligt war. Er sprach in einem schroffen Ton – warum sollte er auch nicht, da er zu einem Publikum sprach, das er allesamt als eine Ansammlung von Gaunern betrachtete? „Durch diesen kleinen Trick, den ich heute Abend abgezogen habe, bin ich hinter deine Machenschaften gekommen, Barney Palmer. Und hinter deine auch, Jimmie Carlisle. Und ich werde euch beide einbuchten.“

Das war zu viel für Barney Palmer. Auch wenn er wusste, dass seine Position als Spitzel, der als solcher bekannt war, hoffnungslos war, brach er völlig zusammen.

„Um Himmels willen, Chief“, platzte er verzweifelt heraus, „du wirst mich doch nicht so behandeln! Du könntest mich da leicht rausholen! Denk an alles, was ich für dich getan habe! Um Himmels willen, Chief – um Himmels willen –“

„Halt den Mund!“, befahl Barlow und ballte eine große Faust.

Erstickt gehorchte Barney. Old Jimmie, so feige er auch war und ohne Barneys Qualität eines Draufgängers, hatte die Situation mit der zuckenden Ruhe dessen akzeptiert, dem schon oft das Schlimmste widerfahren war. „Halt den Mund“, wiederholte Barlow, „und krieg in deine Birne, dass ich euch beide einbuchten werde.“

„Bucht ihr sie wegen dieser Sherwood-Affäre ein?“, fragte Larry.

„Sicher ist sicher. Ich habe alle Beweise, die ich brauche.“

„Aber –“, begann Larry protestierend, als die Türklingel erneut läutete. Maggie öffnete die Tür, und Miss Sherwood trat ein, mit Hunt direkt hinter ihr, und Dick direkt hinter ihm, und Casey und Gavegan folgten den dreien. Alle im Raum waren über dieses Eindringen überrascht, mit der einzigen Ausnahme von Joe Ellison.

„Als Mr. Dick am Telefon von eurem Kommen sprach“, sagte er zu Miss Sherwood, „habe ich euch gebeten, es nicht zu tun.“

Barlow war schnell mit einer Antwort, und die plötzliche Veränderung in seiner Stimme wäre für diejenigen erstaunlich gewesen, die nicht wissen, wie die kleinen großen Männer des Polizeidepartements und andere kleine große Männer ihre Töne ändern können. Er hatte Miss Sherwood sofort erkannt, wie jeder andere, der sich in einflussreichen Kreisen in New York ein wenig auskannte.

„Miss Sherwood, nehme ich an“, sagte er und versuchte eine leichte Verbeugung.

„Ja. Obwohl ich fürchte, ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen.“

„Deputy Barlow, Leiter des Kriminalkommissariats der Polizei“, informierte er sie. „Ganz zu Ihren Diensten.“

„Was genau geht hier vor?“, fragte sie. „Ich weiß einen Teil dessen, was geschehen ist“ – sie wandte sich besonders an Maggie und Larry – „denn Dick hat mich gegen sieben angerufen, und ich bin direkt in die Stadt gefahren. Er hat mir alles erzählt, was er wusste – was ein anderes Licht auf eine Menge Ereignisse warf – und Dick hat gegen neun angerufen, dass ich vorbeikomme. Aber es scheint, dass noch mehr passiert ist.“

„Miss Sherwood, es ist so wie –“, begann Barlow.

„Nur eine Sekunde, Chief“, unterbrach ihn Larry. Larry wusste, was für eine sensationelle Geschichte dies sein würde, so wie sie sich entwickelt hatte – und er wusste im Voraus genau, wie sie von den Zeitungen aufgegriffen und aufgebauscht werden würde. Und Larry wollte keine unangenehme Öffentlichkeit für seine Freunde (drei in diesem Raum versuchten, ein neues Leben zu beginnen), noch für diejenigen, die seine Freunde gewesen waren. „Chief, wollen Sie eine Verhaftung aufgrund einer Anklage vornehmen, die jede Person in diesem Raum in eine sensationelle Geschichte verwickeln wird? Natürlich weiß ich, dass die meisten von uns hier für Sie nichts zählen. Aber warum Miss Sherwood, die in jeder Hinsicht unschuldig ist, in eine Kriminalgeschichte hineinziehen, die dazu dienen wird, sie und jede anständige Person, die darin verwickelt ist, herabzuwürdigen? Außerdem kann es nur eine Verschwörungsanklage sein, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass Sie Ihren Fall nicht beweisen können. Warum also eine Verhaftung vornehmen, die Miss Sherwood mit hineinzieht?“

Barlow hatte einen Verstand, der bei Angelegenheiten, die sein eigenes Interesse betrafen, mit erstaunlicher Schnelligkeit funktionierte. Er erkannte sofort, wie es in Zukunft für ihn zählen könnte, wenn er in der Lage wäre, eine Person von Miss Sherwoods Rang um einen Gefallen zu bitten; und er sprach ohne Zögern:

„Ich weiß nichts über diese Sherwood-Angelegenheit. Wenn mich jemals jemand fragt, werden sie kein Wort von mir hören.“

Auf den Gesichtern von Barney und Old Jimmie machte sich schnelle Erleichterung breit; die jedoch durch die nächste Aussage von Chief Barlow, die nach einer kurzen Atempause folgte, sofort wieder vertrieben wurde:

„Die Hauptsache, die wir wollen, ist, diese beiden Gauner wegzusperren.“ Er wandte sich an Barney und Old Jimmie. „Ich habe gerade erfahren, dass ihr beide die Vögel seid, die ich für diese Gregory-Aktien-Sache brauche. Da habe ich euch fest am Wickel. Das wird euch hundertmal fester halten als jede Verschwörungsanklage. Casey, Gavegan – schafft diese beiden Gauner hier raus.“

Im nächsten Moment hatten Casey und Gavegan den Gefangenen Handschellen angelegt und führten sie hinaus.

„Gut gemacht, Larry“, flüsterte Casey herzlich, als er mit Barney vorbeiging. „Ich wusste, dass du gewinnen würdest, auch wenn es ein Spiel mit Verlängerung werden könnte!“

An der Tür blieb Barlow stehen. „Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht, Miss Sherwood?“

„Ja – soweit ich weiß, Mr. Barlow.“

Wieder wollte Barlow hinausgehen, und wieder drehte er sich um. „Und Sie, Brainard“, sagte er eher widerwillig, „ich glaube, Sie brauchen sich wegen dieser Anklage gegen Sie keine Sorgen zu machen. Sie wird fallen gelassen.“

Und damit folgte Barlow seinen Männern und seinen Gefangenen aus dem Raum.

Dann herrschte für einen Moment Stille. So wie Larry diesen Moment sah und fühlte, war er so groß, dass Worte nur ein stolperndes Versagen dabei wären, ihn auszudrücken. Er selbst war plötzlich frei von allen Wolken und allen Gefahren. Er hatte Erfolg mit dem gehabt, was er mit Maggie versucht hatte. Ein Vater und eine Tochter trafen sich zum ersten Mal im Wissen um ihre Verwandtschaft. Es gab so viel zu sagen, zwischen ihnen allen, das nur gesagt werden konnte, während sich die Seelen entspannten und einander kennenlernten.

Es war ein so angespannter, so gewaltiger Moment, dass er schnell peinlich und antiklimaktisch geworden wäre, wäre da nicht das Taktgefühl von Miss Sherwood gewesen.

„Mr. Brainard“, begann sie in ihrer lächelnden, direkten Art, mit einer Spur von geschäftiger Alltäglichkeit darin, die half, die Spannung zu lösen, „ich möchte mich bei Ihnen für die Art entschuldigen, wie ich Sie heute am späten Nachmittag behandelt habe. Wie ich schon sagte, habe ich gerade mit Dick gesprochen und er hat mir alles erzählt – abgesehen von einigen Dingen, die wir uns vielleicht alle später noch erzählen müssen. Ich war völlig im Unrecht, und Sie waren völlig im Recht. Und die Art, wie Sie die Dinge gehandhabt haben, scheint Dick genau den Schock versetzt zu haben, den Sie als notwendig erachteten, um ihn zu dem Mann zu wecken, der in ihm steckt. Ich bin sicher, wir gratulieren Ihnen alle.“

Sie gab Larry keine Gelegenheit zu antworten. Sie kannte die Gefahr, in einer solch emotionalen Krise wie dieser, bei jedem Nachlassen der Spannung. Also fuhr sie direkt in ihrem geschäftigen Ton von einnehmender Autorität fort.

„Ich schätze, wir haben alle zu viel durchgemacht, um zu reden. Sie kommen alle direkt mit mir nach Hause. Mr. Brainard und Mr. Ellison wohnen dort, ich bin ihre Chefin, und sie müssen mitkommen. Und Sie müssen auch mitkommen, Miss Ellison, wenn Sie mich nicht kränken wollen. Ich akzeptiere kein ‚Nein‘. Außerdem ist Ihr Platz in der Nähe Ihres Vaters. Tragen Sie, was Sie anhaben; in einer halben Minute können Sie genug in eine Tasche packen, das bis morgen reicht. Morgen schicken wir jemanden für den Rest Ihrer Sachen los – was immer Sie haben möchten – und schreiben eine Notiz an Ihre Miss Grierson, um sie auszuzahlen. Sie und Ihr Vater nehmen meinen Wagen“, schloss sie, „Mr. Brainard und Dick fahren in Dicks Wagen, und Mr. Hunt nimmt mich mit.“

Und wie sie befahl, so geschah es.

Fünfzehn Minuten – vielleicht eine halbe Stunde – nachdem er vom Grantham Hotel weggerollt war, herrschte absolute Stille in Miss Sherwoods Limousine, die sie Maggie und ihrem Vater zugewiesen hatte. Maggie war dem emotionalen Zusammenbruch nahe nach allem, was sie durchgemacht hatte; und nun saß sie starr in einer Ecke, fernab von dem dunklen Schatten in der anderen Ecke, der ihr neuentdeckter Vater war, welcher sich so sehr um sie gesorgt hatte, dass er versucht hatte, aus ihrem Gedächtnis jedes Wissen um seine Existenz zu löschen. Sie wollte etwas sagen – etwas tun; sie war zerrissen von einem schmerzlichen Hunger. Aber sie war so erfüllt von pulsierenden Wünschen und Ängsten, dass sie unfähig war, auch nur eines der Millionen Dinge auszudrücken, die in ihr vorgingen.

Und so fuhren sie weiter, dunkle Schatten, fast die halbe Breite des tief gepolsterten Sitzes zwischen ihnen. So waren sie die Jackson Avenue entlanggefahren, fast bis Flushing, als die Stille durch die ersten Worte der Reise gebrochen wurde. Es waren heisere Worte, sehnsüchtig und angstvoll vor ihrem eigenen Klang, und sie wurden von Maggies Vater gesprochen.

„Ich – ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll. Wird – wird Maggie gehen?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Ich – ich bin nicht viel wert“, fuhr die heisere Stimme fort; „aber was du über das Weggehen sagtest – um meinetwillen –, glaubst du, dass du das tun musst?“

„Ich habe – so vieles bei mir verdorben“, brachte sie unter Schluchzen hervor.

„Andere Leute waren schuld“, sagte er. „Und trotz alledem glaube ich, dass du diejenige wirst, die – die ich mir erträumte. Und – und –“

Es folgte ein weiteres erstickendes Schweigen. „Ja?“, regte sie an.

„Ich wollte mich aus deinem Leben heraushalten – um deinetwillen“, fuhr er mit seiner angestrengten, unterdrückten Stimme fort. „Aber – aber wenn du dich nicht für mich schämst, jetzt, wo du alles weißt“ – im Dunkeln schloss sich seine suchende Hand um ihre –, „wünschte ich, du würdest nicht – von mir weggehen, Maggie.“

Und dann fand das wogende, zusammenhanglose Etwas in ihr, das sich die letzte halbe Stunde lang abgemüht hatte, sich auszudrücken, plötzlich seine Stimme in einem einzigen Wort:

„Vater!“, rief sie und schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Maggie!“, schluchzte er und drückte sie an sich.

Den ganzen Weg bis Cedar Crest sagten sie kein weiteres Wort; sie klammerten sich nur im Dunkeln aneinander, schluchzend – die erste wunderbare Umarmung eines Vaters und einer Tochter, die jeweils das gefunden hatten, wovon sie nie erwartet hätten, es jemals zu besitzen.

KAPITEL XXXVII

Es war zehn Uhr am nächsten Morgen in Cedar Crest, und Larry Brainard saß in seinem Arbeitszimmer und ging mechanisch seine Zahlen und Pläne für das Wohnungsbauprojekt Sherwood durch.

Für Larry hatten sich die Stürme der letzten Wochen und der Wirbelsturm der letzten Nacht verzogen. Es herrschte Ruhe im Haus, und durch die offenen Fenster konnte er den breiten Rasen erblicken, der fast in seinem sonnenverwöhnten Grün sang, und weiter entfernt konnte er den Sound friedlich glitzern sehen. Einmal für vielleicht zehn Minuten hatte er die in Arbeitskleidung und mit Strohhut bekleidete Gestalt von Joe Ellison gesehen, die wie gewohnt geschäftig zwischen den Blumen arbeitete. Er hatte seine Augen angestrengt, um einen Blick auf Maggie zu erhaschen, aber er hatte vergeblich Ausschau gehalten.

Trotz allem, was sich am Vorabend im Grantham ereignet hatte, fühlte sich Larry gerade jetzt unruhig und ziemlich verlassen. Sein Frühstück war ihm auf sein Zimmer gebracht worden, und er hatte kein einziges Mitglied der gestrigen Gesellschaft aus dem Grantham mehr gesehen, seit sie sich alle gemäß den Anweisungen von Miss Sherwood aufgeteilt und davongefahren waren; das heißt, er hatte eigentlich niemanden außer Dick gesehen.

Dick hatte seine Hand gepackt, als er neben Dick in den tiefen Sitz des Roadsters geschlüpft war. „Du bist in Ordnung, Captain Nemo! – nur werde ich so dreist sein, dich von jetzt an Larry zu nennen“, hatte Dick gesagt. „Wenn du mich lässt, werden du und ich Kumpels sein.“

Er war in Ordnung, dieser Dick. Dick Sherwood war ein Vollblut.

Und da war noch eine andere Angelegenheit, die ihn erfreut hatte. Die Herzogin hatte ihn an jenem Morgen angerufen, hatte ihm in Worten gratuliert, die so kurz waren, dass sie pflichtbewusst klangen, von denen Larry jedoch erkannte, dass sie das ganze Herz seiner Großmutter enthielten, und hatte gesagt, sie wolle, dass er die Betreuung all ihrer Häuser übernehme – jener, die sie als Kaution für ihn eingesetzt hatte. Wann könne er vorbeikommen, um sie deswegen zu sehen? ... Er verstand diese staubig wirkende, gebeugte, wortkarge Großmutter von ihm jetzt, wie er es zuvor nicht getan hatte. Wenn man bedachte, wie ihr Leben verlaufen war, war auch sie ein Prachtexemplar.

Aber trotz alledem war Larry einsam – hungrig einsam – und voller Zweifel. Miss Sherwood hatte am Abend zuvor recht freundlich mit ihm gesprochen – doch er wusste eigentlich nicht genau, woran er bei ihr war. Und dann – Maggie. Das war das, was ihm jetzt am meisten bedeutete. Sicher, Maggie war sicher aus den Gefahren von außen und innen hervorgegangen; und sie zu einer Sicherheit zu bringen, wie sie ihr nun zuteilwurde, war in diesen Monaten seine Hauptsorge gewesen. Er wollte sie sehen, mit ihr sprechen. Aber er wusste nicht, wie ihre Haltung ihm gegenüber nun sein würde. Er wusste nicht, wie er sie finden sollte. Er war sich nicht einmal sicher, wo sie die Nacht verbracht hatte. Er wollte sie sehen, doch er war voller Angst davor, sie zu sehen. Sie würde nicht feindselig sein, das wusste er; aber sie liebte ihn vielleicht nicht; und im besten Fall wäre ein Treffen unbeholfen, da eine so große Kluft in ihrem Leben zu überbrücken war ...

Er brütete gerade so vor sich hin, als es laut an seine Tür klopfte. Ohne auf seine Aufforderung einzutreten zu warten, wurde die Tür aufgestoßen, und Hunt trat herein, wobei er die Tür weit hinter sich offen ließ. Sein Gesicht war nur ein einziges großes, aufgeregtes Grinsen. Er versetzte Larry einen Schlag auf den Rücken, der diesen fast umgeworfen hätte, zog ihn dann ins Gleichgewicht zurück, indem er seine Hand mit beiden Händen ergriff, und schüttelte sie dann fast ab.

„Larry, mein Sohn“, explodierte der große Maler, „ich habe es gerade getan! Und ich habe es genau so getan, wie du es mir befohlen hast! Habe vergessen, dass Miss Sherwood und ich uns zerstritten hatten, und gemäß deinen Anweisungen bin ich schnurstracks auf sie zugegangen und habe sie gefragt. Und Larry, du alter Hund, du hattest recht! Sie hat ‚Ja‘ gesagt!“

„Du hast Glück, alter Junge!“, rief Larry und erwiderte den Griff des Malers herzlich.

„Und Larry, das ist noch nicht alles. Du hast mir gesagt, ich hätte die klare Sicht eines kalt gekochten Hummers – sagtest, ich sei der größte Narr, der jemals genug Verstand gehabt habe, nicht mit dem falschen Ende eines Regenschirms zu malen. Hast mir so ein kleines Kompliment gemacht.“

„Etwas in der Art“, stimmte Larry zu.

„Nun, Larry, alter Sohn, du hattest wieder recht! Ich war ein noch größerer Narr als alles, was du sagtest. War blinder als einer dieser lackierten Schädel, die manche Leute mit hartem Magen als Briefbeschwerer benutzen. Nachdem sie ‚Ja‘ gesagt hatte, gab sie mir die Hintergrundgeschichte, warum wir uns gestritten hatten. Und rate mal, warum das war?“

„Du willst nicht, dass ich rate. Du willst es mir erzählen. Also schieß los.“

„Larry, wir Männer werden nie wissen, wie klug Frauen wirklich sind!“, Hunt schüttelte den Kopf mit beeindruckendem Nachdruck. „Noch wie sie unsere Natur verstehen – die klugen Frauen – noch wie gut sie wissen, wie sie uns behandeln müssen. Sie gestand mir, dass unser Streit von ihrer Seite von Anfang an sorgfältig geplant war, mit einem bestimmten Ziel vor Augen. Sie sagte mir, sie habe immer geglaubt, ich sei ein großer Maler, wenn ich mich nur von den hübschen Dingen lösen würde, die die Leute wollten und für die sie mir so viel zahlten. Das Problem, wie sie es sah, war, mich dazu zu bringen, mich von so viel leicht verdientem Geld loszusagen und mich ganz den echten Sachen zu widmen. Der einzige Weg, den sie sah, war, mir zu sagen, dass ich nichts Wertvolles malen könne, und das so direkt zu sagen, dass ich glauben musste, dass sie es glaubte – und mich dadurch so wütend zu machen, dass ich alles hinschmeißen und losziehen würde, um ihr zu beweisen, dass ich verdammt noch mal malen konnte! Ich war sicherlich sauer – ich bin abgetaucht, schwörend, dass ich es ihr zeigen würde – und, ach, nun, den Rest kennst du! Sag mir jetzt, kannst du dir etwas Klügeres vorstellen als die Art und Weise, wie sie mich behandelt hat?“

„Das ist ungefähr das, was ich von Miss Sherwood erwarten würde“, kommentierte Larry.

„Entschuldigung“, sagte eine Stimme hinter ihnen. „Ich fand die Tür offen; darf ich hereinkommen?“

Beide Männer drehten sich schnell um. Es war Miss Sherwood, die eintrat.

„Isabel!“, rief der glückliche Maler. „Ich habe Larry hier gerade erzählt – du weißt schon!“

Miss Sherwoods Ton versuchte streng zu sein, und sie versuchte, nicht zu lächeln – und es gelang ihr, einfach sie selbst zu sein.

„Ich bin gekommen, um mit Mr. Brainard geschäftlich zu sprechen. Und ich werde bleiben, um mit Mr. Brainard geschäftlich zu sprechen. Aber ich gebe ihm fünf Sekunden für Glückwünsche – vorausgesetzt, nach Ablauf der fünf Sekunden verlässt Mr. Hunt den Raum.“

Larry gratulierte den beiden; er gratulierte ihnen so herzlich, wie er es für seine noch zweifelhafte Position in dieser Gesellschaft als angemessen empfand. Nach Ablauf der fünf Sekunden schloss Hunt die Tür hinter sich.

„Ich habe ihn immer geliebt – und ich möchte Ihnen danken, Mr. Brainard“, sagte sie mit ihrer einfachen Direktheit. Und bevor Larry irgendeine Antwort geben konnte, wechselte sie das Thema.

„Ich bin wirklich gekommen, um mit Ihnen geschäftlich zu sprechen, Mr. Brainard. Ich hoffe, ich habe meine Haltung Ihnen gegenüber letzte Nacht deutlich genug gemacht. Falls nicht, lassen Sie mich jetzt sagen, dass ich denke, dass Sie sich in jeder Hinsicht bewährt haben – und dass ich Ihnen in jeder Hinsicht vertraue. Was ich jetzt besonders sagen wollte“, fuhr sie geschäftig fort, ohne Larry eine Chance zu geben, seine Wertschätzung herauszustammeln, „ist, dass ich ohne jeden Aufschub mit Ihrem Vorschlag zur Entwicklung der Sherwood-Grundstücke in New York City fortfahren möchte, den wir vor einiger Zeit besprochen haben. Ein früherer Einwand, den Sie erhoben haben, ist nun ausgeräumt: Sie sind entlastet und können offen arbeiten. Ich möchte, dass Sie die Leitung der Angelegenheiten übernehmen, wobei Dick an Ihrer Seite arbeitet. Ich denke, das wird Dicks große Chance sein. Ich habe heute Morgen mit ihm darüber gesprochen, und er ist begierig auf diese Vereinbarung. Ich hoffe, Sie werden das Angebot diesmal nicht ablehnen.“

„Das kann ich nicht – nicht ein solches Angebot“, sagte Larry heiser. „Aber, Miss Sherwood, ich habe nicht erwartet –“

„Dann ist es beschlossene Sache“, unterbrach sie ihn mit ihrem geschäftigen Ton. „Es wird eine Menge Details geben, aber wir werden genug Zeit haben, sie später zu besprechen.“ Sie stand auf. „Es gibt einige Veränderungen hier in Cedar Crest, mit denen ich sofort beginnen möchte und die Sie beaufsichtigen sollen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werden wir uns die Dinge jetzt ansehen.“

Er folgte ihr die geschwungenen, gekiesten Wege entlang. Sie steuerte auf die Klippe zu, aber er hatte keine Ahnung, wohin sie ihn führte, bis eine scharfe Kurve sie fast direkt vor das kleine Häuschen brachte, das in den letzten Wochen Joe Ellisons Zuhause gewesen war.

„Hier fangen wir mit unseren Veränderungen an“, sagte die geschäftsmäßige Miss Sherwood. „Die Tür ist offen, also können wir genauso gut direkt reingehen.“

Sie traten in einen winzigen Eingangsbereich und von dort in ein kleines Wohnzimmer. Der Raum war voller Schnittblumen, aber Larry sah sie nicht einmal. Denn als sie eintraten, sprang Maggie erschrocken von einem Stuhl auf und starrte ihn, blasser als sie jemals zuvor in ihrem Leben gewesen war, an, als wollte sie davonlaufen. Sie stand zitternd und schlank in einem Leinenkleid von sehr einfachen und anmutigen Linien da. Es war Miss Sherwoods Kleid, obwohl Larry das nicht wusste; es war bereits beschlossen worden, dass all diese auffälligen Grantham-Kleider nie wieder getragen werden sollten.

Wieder einmal kam Miss Sherwood einer gewaltigen Situation zu Hilfe, genau wie ihr Taktgefühl am Abend zuvor eine Situation gerettet hatte, die zu groß für Worte gewesen war.

„Natürlich erkennen Sie beide jetzt, dass ich eine Betrügerin bin – dass ich Sie durch niederträchtige Tricks zusammengebracht habe. Da dies nun zugegeben ist, lassen Sie uns fortfahren.“ Sie wandte sich an Larry. „Maggie – wir haben vereinbart, dass ich sie so nennen darf –, Maggie ist letzte Nacht bei mir geblieben. Es gibt zwei Betten in meinem Zimmer. Aber wir haben nicht viel geschlafen. Meistens haben wir geredet. Wenn es irgendetwas gibt, das Maggie mir nicht über sich erzählt hat, kann ich nicht erraten, was es noch zu erzählen gibt. Ihr selbst zufolge ist sie schrecklich. Aber das müssen wir beurteilen; persönlich glaube ich ihr nicht. Sie gestand, dass sie Sie wirklich liebte, aber dass sie nach der Art, wie sie Sie behandelt hatte, natürlich nicht für Sie geeignet war. Was natürlich nur dummes Mädchengeschwätz ist. Ich nehme an, Sie, Mr. Brainard, denken so etwas Ähnliches bezüglich Ihrer eigenen Person. Es ist ebenso Unsinn. Sie lieben sich beide – Sie haben beide viel durchgemacht – nichts Wichtiges steht Ihnen jetzt mehr im Weg – also verschwenden Sie keines Ihrer viel zu kurzen Leben damit, zueinander zu finden.“

Sie holte tief Luft und fuhr fort. „Sie sollten vielleicht wissen, Mr. Brainard, dass Maggie vorerst bei mir wohnen wird – dass sie mir natürlich eine sehr große Last sein wird – und es wird mir ein großer Gefallen sein, wenn Sie sie bald heiraten und mir vom Hals schaffen.“ Und dann bebte die Stimme, die versucht hatte, geschäftig und gleichmäßig zu bleiben, mit einem plötzlichen Schluchzen. „Um Himmels willen, ihr lieben Kinder – seid keine Narren!“

Und damit war sie verschwunden.

Für einen Moment starrte Larry weiter auf Maggies schlanke, zitternde Gestalt. Aber etwas, das einem Wunder nahekam – einem sehr menschlichen Wunder – war gerade geschehen. All diese Zweifel, Ängste, Unentschlossenheiten, unausgesprochenen Wünsche, Qualen der Selbsterniedrigung, die ihr Verständnis und ihr Glück um Wochen und Monate hätten verzögern können, waren durch die scharfsinnige Güte von Miss Sherwood in nichts aufgelöst worden. In einer Minute hatte sie alles gesagt, was sie in Monaten hätten sagen können; es gab nichts mehr zu sagen. Es war nichts mehr von der Vergangenheit zu besprechen. Vor ihnen lag nur die Tatsache dieses unmittelbaren Augenblicks und die Zukunft.

Zitternd, schweigend, ging Larry auf diese zitternde, schweigende Gestalt in Weiß zu. Sie wich nicht zurück. Zitternd nahm er ihre Hände und blickte in ihre dunklen Augen. Sie waren nun voll von fließenden Tränen, aber sie trafen seinen Blick direkt und hielten nichts zurück. Der Ausdruck in ihren Augen beantwortete alles, was er in diesem Moment wissen wollte, denn er zog sie fest in seine Arme. Wortlos, aber mit einem scharfen, krampfhaften Schluchzen, warf sie ihre Arme um seinen Hals – und so einander umschlungen, geschüttelt von heftigem Schluchzen, standen sie, während die Minuten vergingen, ohne dass ein einziges Wort gesprochen wurde. Und so kam es, dass diese beiden, beide Kinder des Sturms, endlich zueinander fanden ...

Kurze Zeit später trat Joe Ellison ahnungslos in den Raum. Als er sah, was er sah, trat er lautlos rückwärts wieder hinaus. Direkt vor seiner Tür stand ein Gartenstuhl. In diesen ließ er sich sinken und verbarg sein schmales Gesicht in den Händen. Seine Gestalt bebte und heiße Tränen brannten durch seine Finger. Denn sein Herz sagte ihm, dass sein großer Traum endlich wahr geworden war.

Public-domain source text from Project Gutenberg, translated into German by AI under our editorial direction. Machine translation of a whole book is not flawless — this exists so you can read a book otherwise closed to you, not as a scholarly edition. How this is made.