DIE GESAMTEN KURZWERKE VON GEORGE MEREDITH
INHALT:
Farina Der Fall von General Ople Die Geschichte der Chloe Das Haus am Strand Der Gentleman von fünfzig Jahren Die Sentimentalisten Vermischte Prosa
FARINA
Von George Meredith
DER WEISSE-ROSEN-CLUB
In jenen strammen Zeitaltern, als die Kaiser den goldenen Becher von Aachen hoch erhoben und, den Ellbogen aufwärts, den grünäugigen Wein der alten Romantik tranken, lebte einen Bogenschuss von den Gebeinen der elftausend Jungfrauen und der drei heiligen Könige entfernt ein wohlhabender Rheinländer namens Gottlieb Groschen, oder, wie es bisweilen geadelt wurde, Gottlieb von Groschen; kein reicherer Kaufmann handelte für den Ruhm seiner alten Mutterstadt, noch schluckte ein geehrterer Bürger unparteiisch roten und weißen Saft unter dem Schatten seines eigenen Feigenbaums.
Weinberge, unter den heißesten Sonnenanbetern des Rheingaus, glänzten in der Aufzählung von Gottliebs Besitzungen; Getreideäcker unterhalb von Köln; Basaltsteinbrüche bei Linz; Mineralquellen im Nassau, ein Vermächtnis der Römer an den Geist und den Unternehmungsgeist des ersten der deutschen Händler. Er hätte jeden Falkenfelsen, samt Eigentümer und allem, von Hattos Turm bis Rheineck aufkaufen können. Lore-ley, die ihre gelben Locken gegen die Nachtwolke kämmte, erblickte alte Gottliebs Flöße, die endlos im Mondlicht durch den eisernen Pass schlichen, den sie oberhalb von St. Goar bevölkert. Eine klagende Schar waren die Frauen seiner Flößer, die dort durch ihre wässrige Musik zu Witwen wurden!
Dieser würdige Bürger von Köln hielt umfangreiche handschriftliche Briefe des Kaisers an ihn gerichtet:
„Mein lieber wohlgeborener Sohn und Untertan, Gottlieb!“ und er verkehrte leicht mit den stolzesten Fürsten des Heiligen Deutschen Reiches. Denn Gottlieb war ein Geldverleiher und ein ehrlicher Mann in einer Person. Er legte für die ergiebigen Ernten des Wuchers aus, ohne die Jahreszeiten mit allzu großer Strenge zu drängen. „Ich säe meinen Samen im Winter“, sagte er, „und hoffe, im Herbst guten Gewinn zu ernten; doch wenn die Ernte karg ausfällt, ist es besser, man lässt sie liegen und den Boden fetten.“
„Die alte Erde ist die klügste Gläubigerin“, fügte er hinzu; „sie drückt niemals die Sonne, sondern nimmt einfach, was sie ihr von Jahr zu Jahr geben kann, und sichert sich so einen guten jährlichen Zins.“
Wenn die Leute Gottlieb also fragten, wie er zu einem solchen Gipfel des Glücks aufgestiegen sei, kniff der alte Kaufmann sein Auge in seinen weisesten Winkel und antwortete verschmitzt: „Weil ich schon immer ein Student der Himmelskörper gewesen bin“; eine Mitteilung, die es nicht versäumte, die Gestirne und Systeme zu Objekten glühender populärer Verehrung in Köln zu machen, wo die Wissenschaft schon längst als alchemistisch galt und es vielleicht immer noch ist.
Selten konnte der Kaiser in das Welschland ziehen, ohne zuvor ernsthaften Rat bei seinem wohlgeborenen Sohn und Untertan Gottlieb einzuholen und seine Truhen zu erleichtern. Wahrlich, der kaiserliche Zeitvertreib wäre ohne ihn zum Erliegen gekommen und der Kaiser wäre verkümmert. Köln hielt seinen illustren Bürger für etwas mehr als einen Menschen. Die Bürger zogen den Hut, wenn er vorbeiging; und schurkische, in Leder gehüllte Straßenjungen starrten ihm mit übernatürlichem Respekt auf ihren hängenden Kinnladen nach, als ob eine Goldmine von großem Umfang durch das ehrfürchtige Wild gewandelt wäre.
Doch für die jungen Männer von Köln hatte er einen höheren Anspruch auf Verehrung als Vater der schönen Margarita, der Weißen Rose von Deutschland; eine edle Jungfrau, ohnegleichen und ein Juwel für Fürsten.
Die Hingabe dieser Jünglinge sollte ihnen einen Namen in der Ritterschaft einbringen. Zu ihren Ehren holten sie sich täglich und nächtlich blaue Flecken und zur Schaustellung verfärbte Gesichter, mit der demütigen Hoffnung, es möchte in ihren Augen Gefallen finden. Die zärtlichen Fanatiker zogen in Banden den Rhein auf und ab und forderten Wegelagerer und das Landvolk mit Stab und Becher auf, die Vorherrschaft ihrer Herrin anzuerkennen. Wer von ihnen in fremde Lande reiste, schrieb nach Hause und prahlte damit, wie oft sein Kopf für die schöne Margarita eingeschlagen worden war; und wenn dies sehr oft geschah, entstand ein Geist des Neides, der ihn bei seiner Rückkehr zwang, seine Tapferkeit an nicht weniger als zwanzig seiner Rivalen zu verifizieren. Keine Schönheitsnarbe zu besitzen, wie die in diesen endlosen Kämpfen erhaltenen Wunden genannt wurden, wurde zum Zeichen der Minderwertigkeit, sodass man vermutete, dass viel freiwillige Verstümmelung stattfand; und um dieses Stück Verrat zu verhindern, wurden Protokolle der Kämpfe aufgenommen und beglaubigt, in denen festgehalten wurde, dass ein gewisser glorreicher Schnitt oder Riss ehrenvoll auf freiem Feld gewonnen wurde; bei welcher Gelegenheit; und von wem; jedes Mitglied des Weiße-Rosen-Clubs bewahrte seine eigene Rolle auf und trug sie an Fest- und Feiertagen stolz in seinem Helm. Fremde, die nach Köln kamen, waren erstaunt über das abscheuliche Aussehen der Jünglinge und glaubten, niemals eine so hässliche Rasse beobachtet zu haben; doch sie mussten den feinen Einfluss der Schönheit auf den Handel zugeben, da der Bierkonsum fast stündlich zunahm. Ganz Bayern konnte es in der Menge, die vertilgt wurde, nicht mit Köln aufnehmen.
Die Hauptmitglieder des Weiße-Rosen-Clubs waren Berthold Schmidt, der Sohn des reichen Goldschmieds; Dietrich Schill, Sohn des kaiserlichen Sattlers; Heinrich Abt, Franz Endermann und Ernst Geller, Söhne führender Bürger, von denen jeder eine ellenlange Rolle in seiner Kappe trug und so entstellt war, dass man keine Inspektion des Dokuments forderte. Sie waren gefährliche Jünglinge, denen man begegnen konnte, denn die Eide, Zeremonien und Widerrufe, die sie von jedem Wanderer unter dem Rang eines Barons verlangten, waren etwas, das nur wenige zufriedenstellend erfüllen konnten, wenn sie Liebhaber einer anderen Frau als der schönen Margarita oder loyale Ehemänner waren; und was niemand außer geschulten Köpfen und Mägen überstehen konnte, egal wie natürlich mannhaft. Der Kapitän des Clubs war derjenige, der am meisten Bier ohne zwischenzeitliches Seufzen trinken konnte und dessen Gesicht die stolzeste Anzahl von Schnitten und Farbmischungen aufwies. Die Kapitänschaft war am meisten zwischen Dietrich Schill und Berthold Schmidt umstritten, die in der Hitze und Beständigkeit des Streits allmählich die Ähnlichkeit mit dem Menschen verloren. „Gute Münze“, prahlten sie zu bedenken, „braucht keinen Stempel.“
Ein Jüngling in Köln hielt gegen die herrschende Tyrannei stand und zog es vor, der Schönheit auf seine eigene Art und in seiner Freizeit zu huldigen. Es war Farina, und Eide wurden gegen ihn über leeren Bierfässern registriert. Ein Axiom des Weiße-Rosen-Clubs legte fest, dass jeder in Margarita verliebt sein müsse, und das Gewissen des Clubs machte sie dreifach misstrauisch gegenüber jenen, die keine Mitglieder waren. Sie hatten den Trost zu wissen, dass Farina arm war, aber dann wurde behauptet, er sei ein Student der Schwarzen Künste, und von einem solchen sei das Schlimmste mit Fug und Recht zu befürchten. Er könnte Margarita verzaubern!
Dietrich Schill wurde vom Club beauftragt, die Weiße Rose selbst zum Thema Farina zu befragen, und eines Nachmittags in der Weinlesezeit, als sie unter den heißen Weinpfählen inmitten von Freundinnen saß und reife Trauben aß, schlenderte Dietrich daher, grinsend, die Kappe in der Hand, mit seiner Rolle, die hinter ihm hergezogen wurde.
„Willst du?“, sagte Margarita und bot ihm eine Traube an.
„Unglücklicher Schurke, der ich bin!“, antwortete Dietrich und gestikulierte eine fuchsgleiche Weigerung; „wenn ich nur einen Gefallen annehme, breche ich den Glauben mit dem Club.“
„Brich ihn, um mir zu gefallen“, sagte Margarita und lächelte boshaft.
Dietrich schnappte nach Luft. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen, ob einer vom Club in der Nähe war, und streckte halb seine Hand aus. Ein spöttisches Lachen veranlasste ihn, sie zurückzuziehen, als wäre er gestochen worden. Die Trauben fielen. Farina war zu Marianas Füßen und bot sie ihr im Gegenzug an.
„Willst du?“, sagte Margarita mit weicherem Nachdruck und einem leichten Überschuss an Blüte auf ihren Wangen.
Farina drückte das violette Bündel an seine Brust und umklammerte sie fest an seinem Herzen, während er weiterhin kniete.
Margaritas Stirn und Busen schienen Reflexionen des strömenden Purpurs dort zu sein. Sie schüttelte ihr Gesicht zum Himmel und täuschte Lachen über das Symbol vor. Ihre Gefährtinnen klatschten in die Hände. Farinas Augen sehnten sich einmal nach ihr, und dann stand er auf und stimmte in die Heiterkeit ein.
Wut half Dietrich, seine Ungeschicklichkeit zu vergessen. Er berührte Farina mit zwei Fingern an der Schulter und murmelte heiser: „Das erlaubt der Club niemals.“
Farina verneigte sich, als wollte er ihm zutiefst für die Regeln des Clubs danken. „Ich bin kein Mitglied, wisst Ihr“, sagte er und schlenderte zu einem Sitz in der Nähe von Margarita.
Dietrich starrte ihm nach. Als Oberhaupt eines Clubs verstand er den Gebrauch von Symbolen. Er hatte eine großartige Gelegenheit verpasst, und Farina hatte sie ergriffen. Farina hatte ihn beraubt.
„Darf ich mit Herrin Margarita sprechen?“, erkundigte sich der Anführer der Weißen Rose mit brüchiger Stimme.
„Sicher, Dietrich! Sprich nur“, sagte Margarita.
„Alleine?“, fuhr er fort.
„Ist das vom Club erlaubt?“, sagte eines der jungen Mädchen mit einem frechen Blick.
Dietrich würdigte dies keiner Antwort, wartete aber auf Margaritas Entscheidung. Sie zögerte eine Sekunde; dann stellte sie sich in ihrer vollen Größe vor ihn; sah ihn stetig an und winkte ihn einige Schritte den Weinpfad hinauf. Dietrich verneigte sich und informierte Farina beim Vorbeigehen, dass der Club ihn für die Beleidigung zur Rechenschaft ziehen würde.
Farina lachte, antwortete aber: „Seht her, ihr vom Club! Biersaufen hat eure Manieren genauso verbessert wie das Kämpfen eure Gesichter verschönert hat. Nur zu; trinkt und kämpft! Aber denkt daran, dass der Kaiser kommt und Gefährten mit ihm, die sich nicht schikanieren lassen werden.“
„Was meinst du?“, rief Dietrich und schwankte auf seinen Feind zu.
„Nicht so laut, Freund“, erwiderte Farina. „Oder wollt Ihr die Mädchen erschrecken? Ich meine dies, dass der Club besser so wenig Anstoß wie möglich erregen und seine Augen so weit offen halten sollte, wie er kann, wenn er Herrin Margarita von Nutzen sein will.“
Dietrich wandte sich mit einem Grunzen ab.
„Nun!“, sagte Margarita.
Sie klopfte mit dem Fuß. Dietrich wurde dem Club untreu und sah sie länger an, als es seine Mission rechtfertigte. Sie war hell wie die Sonnenuntergangsgärten der Goldenen Äpfel. Die Zöpfe ihres gelben Haares waren in Kränzen gebunden, und auf einer Seite ihres Kopfes steckte eine Safran-Krokusblüte mit dem Kelch nach unten. Süße, Gesang und Witz hingen wie Morgentau an ihren traubengefärbten Lippen. Sie trug ein scharlachrotes Mieder mit Bändern aus schwarzem Samt über ihren Schultern. Das mädchenhafte Kleid war aus dünnem blauem Stoff und fiel kurz über ihre fest stehenden Füße, die ordentlich in weißem Leder mit Schnallen steckten. Es gab Zeugnis in ihren Gliedmaßen und der Art, wie sie ihren Hals trug, von einem liebenswürdigen, aber fähigen Drachen, bereit, wenn er geweckt wurde, sich aufzubäumen und die Goldenen Äpfel gegen alle außer dem rechtmäßigen Anspruchsberechtigten zu bewachen. Dennoch hatten ihre Unterlippe und ihr kleines weißes Kinnbällchen einen verträumten Schwung; ihre offenen blauen Augen gingen direkt in den Sprecher: der Drache schlief. Es war ein gefährlicher Charme. „Denn“, sagt der Minnesänger, „welches Ornament bezaubert uns mehr an einer jungen Schönheit als der sanfte Schlummer einer Stärke, die noch nie hervorgerufen wurde und von der sie selbst nichts weiß! Es singt doppelte Dinge in das Herz der Ritterschaft; lockt und warnt uns; wirbt und droht. Es ist wie die Natur, leuchtender Friede, doch die Mutter des Sturms.“
„Es gibt keinen Mann“, ruft Heinrich von der Jungferweide entzückt aus, „der dem Wunsch widerstehen kann, einen süßen Schatz zu gewinnen, vor dem ein Drache schläft. Die Gefahr selbst plappert Verheißung.“
Doch der Drache muss wirklich schlafen, wie bei Margarita.
„Ein Schein-Drache, der Schlaf vortäuscht, hat mehr Jungfrauen zerstört als alle heidnischen Kaiser“, sagt der alte Hans Aepfelmann von Düsseldorf.
Margaritas Fuß klopfte schneller.
„Sprich, Dietrich!“, sagte sie.
Dietrich erklärte dem Club, dass er an dieser Stelle murmelte: „Wir lieben dich.“ Margarita war froh zu glauben, dass er nicht von sich selbst gesprochen hatte. Er informierte sie dann über die Ängste, die der Club hegte, der geschworen hatte, über sie zu wachen und sie zu beschützen, in Bezug auf Farinas Künste.
„Und was fürchtet Ihr?“, sagte Margarita.
„Wir fürchten, süße Herrin, er könnte mit Sathanas im Bunde sein“, antwortete Dietrich.
„Wahrhaftig dann“, sagte Margarita, „ist er von allen Jünglingen in Köln derjenige, der seinem Verbündeten am wenigsten ähnelt.“
Dietrich schluckte und zwinkerte, wie ein Patient, der sich mit verzerrtem Gesicht von einem abscheulichen Trank erholt.
„Wir haben Euch gewarnt, Fräulein Groschen!“, rief er aus. „Es wird nun unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass Ihr nicht gefangen werdet.“
Margarita wurde rot und entgegnete: „Ihr seid freundlich. Aber ich bin ein christliches Mädchen und kein heidnischer Soldan, und ich brauche keine Schar von dunkelhäutigen Wachen an meinen Fersen.“
Daraufhin stürmte sie zu ihren Gefährtinnen zurück und begann, ihren hübschen Mund erneut mit Trauben zu färben.
DAS WORT DES WANDTEPPICHS
Schöne Mädchen wollen ihren Helden in der Geschichte haben. Siegfried war Margaritas Wahl. Sie sang von Siegfried im ganzen Haus. „O die alten Tage Deutschlands, als ein solcher Held wandelte!“, sang sie.
„Und wer Margarita gewinnt“, sinnierte Farina, „glücklicher als Siegfried, hat Brunhild und Chrimhild zusammen in seinen Armen!“
Das Brustbild der jungen Frau krönte eine Kamee, und die Kunstfertigkeit eines geschickten Künstlers aus dem Welschland hatte darauf die Geschichte vom Drachenfels ausgearbeitet. Ihr Busen hob den Kampf auf und ab.
Diese Kamee war ein Nordstern für das deutsche Mannstum, verursachte aber viele keusche Äußerungen des Abscheus von Tante Lisbeth, Gottliebs unverheirateter Schwester, die instinktiv Partei für den Drachen zu ergreifen schien. Sie war eine zerbrechlich gebaute kleine Dame mit einem Gesicht, das den ewigen Geschmack von Zitrone verriet und die im Haushalt ihres Bruders regierte, als die gute Ehefrau verstorben war. Margaritas Robustheit begann Tante Lisbeths versiegelten Vorrat an Tugend zu beunruhigen und zu schockieren.
„Sie muss beobachtet werden, so ein Mädel wie das“, sagte Tante Lisbeth. „Ursula! was für Gliedmaßen sie hat!“
Margarita wurde beobachtet; aber da der Spion weder Feind noch Freund war, wurde nichts gegen sie entdeckt. Dies befriedigte Tante Lisbeth nicht, deren eigenes Misstrauen ihr bester Zeuge war. Sie gab zu, dass Margarita sich gut verstellte.
„Aber“, sagte sie zu ihrer Nichte, „obwohl es gut für ein Mädchen ist, diese Ungezogenheiten nicht in Unverschämtheit zur Schau zu stellen, liegt mir zu viel an dir, um nicht zu sagen – Sei, was du scheinst, meine Kleine!“
„Und das bin ich!“, rief Margarita, sprang auf und überragte sie.
„Sehr gut, meine Nichte“, quiekte Lisbeth; „aber jetzt, da Frau Groschen in Gottes Acker liegt, schuldest du mir Gehorsam, denk daran! Hast du letzte Woche gebeichtet?“
„Von Anfang bis Ende“, antwortete Margarita.
Tante Lisbeth fixierte frommen Vorwurf auf Margaritas Kamee.
„Und trotzdem trägst du das Ding?“
„Warum nicht?“, sagte Margarita.
„Mädchen! wer würde dich bitten, es an einen solchen Ort zu setzen, außer Satan? Oh, du armes verlorenes Kind! dass die Augen der müßigen Jünglinge dorthin gezogen werden! und du zu seiner Schlinge für andere wirst, Margarita! Was war dieser walisische wandernde Gaukler anderes als der böse Feind selbst, vielleicht, du Jungfrau der Sünde! Man sagt, er sei in letzter Zeit in Köln gesehen worden. Er war schwärzlich wie Satan und humpelte auf einem Bein. Guter Meister im Himmel, beschütze uns! es war Satan selbst, ich könnte schwören!“
Tante Lisbeth bekreuzigte Stirn und Brust.
Margarita hatte begonnen, an der Kamee zu spielen, als wollte sie sie abreißen; aber Tante Lisbeths Ende brachte sie zum lauten Lachen.
„Wo ich keinen Schaden sehe, Tante, werde ich denken, dass der gute Gott ist“, antwortete sie; „und wo ich sehe, dass Schaden ist, werde ich denken, dass Satan lauert.“
Ein Grinsen von saurer Verzweiflung ging über Tante Lisbeth. Sie seufzte und schwieg, da sie eines jener sehr schwachen Schilfrohre war, die leicht besiegt und niemals überwunden werden.
„Lass uns mit dem Wandteppich fortfahren, Kind“, sagte sie.
Nun war Margarita ehrgeizig, einen bestimmten Wandteppich zur Übergabe an Kaiser Heinrich bei seinem Einzug in Köln nach seinem letzten Feldzug an der turbanbesetzten Donau fertigzustellen. Das Thema war wieder ihr geliebter Siegfried, der den Drachen auf dem Drachenfels erschlägt. Wann immer Tante Lisbeth in irgendeiner bitteren Jungfräulichkeit schwelgte und von Margaritas offener Mädchenhaftigkeit übertroffen wurde, hängte sie diesen Wandteppich als Flagge des Waffenstillstands auf. Sie arbeiteten stückweise daran, da sie keine Vorrichtungen hatten, es in einem Stück zu tun. Margarita nahm Siegfried und Tante Lisbeth den Drachen. Sie teilten sich den Felsen. Ein schelmisches Glitzern des Rheins in Richtung Nonnenwerth konnte bereits ausgemacht werden, Rolandsbogen hing wie ein Schildwache über der singenden Insel, als eine, die von langem Wachen schwer auf dem Kopf war.
Tante Lisbeth war sehr geübt in dieser Kunst und hatte Margarita unterrichtet. Die kleine Dame lernte sie, zusammen mit vielen anderen gruseligen Angelegenheiten, in der Familie des Pfalzgrafen von Böhmen. Sie sprach gewöhnlich von den Gespenstern von Hollenbogenblitz Schloss beim Vorbeiziehen der Fäden. Das waren düstere Gespenster in Böhmen, die nach Mord und dem Leichenatem der Mitternacht rochen. Sie stießen Geräusche aus, die das Blut gefrieren ließen, und offenbarten Anblicke, die drei Fuß langes Haar versteiften; ja, und es steif hielten!
Margarita setzte sich auf eine Sitzbank am niedrig gewölbten Fenster, und Tante Lisbeth saß ihr gegenüber. Eine Abendsonne strahlte die Strebepfeiler des Doms an und schattierte die Arbeitsrahmen des friedlichen Paares in ein gemäßigtes Licht. Margarita entrollte eine Vorlage, die mit Windungen von verschiedenfarbigen Fäden umhüllt war, und war bald damit beschäftigt, Siegfrieds Helm und Hörner mit Silberfäden zu versehen.
„Ich habe dir von dem Verwalter, dem armen Kraut, erzählt, nicht wahr, Kind?“, erkundigte sich Tante Lisbeth und räusperte sich leise.
„Viele Male!“, sagte Margarita und summte weiter über ihrem Knie
„Ihr Geliebter war ein Baron, Ein Baron so kühn; Sie liebte ihn um Liebe, Er liebte sie um Gold.“
„Er musste es selbst sehen und zufrieden sein“, fuhr Tante Lisbeth fort; „und der heilige Thomas sollte ihn als Beispiel warnen! Armer Kraut!“
„Armer Kraut!“, wiederholte Margarita.
„Der König liebte Wein, und der Ritter liebte Wein, Und sie liebten das Sommerwetter: Sie hätten sich wohl gut lieben können, Wäre nicht eine gewesen, die sie beide liebten.“
„Du kannst wohl sagen, armer Kraut, Kind!“, sagte Tante Lisbeth. „Nun! sein Gesicht war vorher so rot wie der Kiefer dieses Drachen, und danach ging er umher wie ein Hühnerei so weiß. Das war etwas Wunderbares!“ „Das war es!“, stimmte Margarita ein.
„O der König liebte sein rechtmäßiges Weib, Der Ritter eine gesetzlose Dame: Und zehn gegen einen machten läutenden Streit, Unter dem schattigen Wald.“
„Fünfzig gegen einen, Kind!“, sagte Tante Lisbeth: „Du vergisst die Geschichte. Sie ließen Kraut mit ihnen beim schnatternden Festmahl sitzen, als einzigem Sterblichen dort. Die Wände waren voll von Augenhöhlen ohne Augen, aber stattdessen Phosphor, der blau und feucht brannte.“
„Nicht heute Abend, Tante! Es erschreckt mich so“, flehte Margarita, denn sie sah den Schmerz kommen.
„Nacht! wenn es heller Mittag ist, du Ängstliche! Der gute Himmel erbarme sich solcher wie du! Die Schüssel war sieben Fuß lang und vier breit. Kraut maß sie mit seinem Auge und vergaß sie nie. Nicht er! Als der Deckel angehoben wurde, sah er sich dort liegen, gekocht!“
„Ich fühlte mich damals nicht unwohl“, erzählte uns Kraut. „Es schien natürlich.“
„Sein Gesicht, wie es da lag, sagt er, war ganz ruhig, nur ein wenig faltig und schweineartig. Da war das Muttermal an seinem Kinn und die Falte unter seinem linken Augenlid. Nun! der Baron trug auf. Alle Gäste waren gierig nach einem Stück von ihm. Einige riefen nach der Brust; einige nach den Zehen. Es war schaudernd kalt, dazusitzen und das zu hören! Die Baronin sagte: ‚Wange!‘“
„Ah!“, kreischte Margarita, „das kann ich nicht ertragen! Ich will das nicht hören, Tante; ich will nicht!“
„Wange!“, wiederholte Tante Lisbeth und nickte zum Boden.
Margarita hielt sich die Ohren zu.
„Trotzdem, Kraut sagt, selbst da fühlte er nichts Sonderbares. Natürlich war er entsetzt, mit Gespenstern zusammenzusitzen, wie du und ich es wären; aber das erste Zittern war vorbei. Er war in das Bad der Schrecken eingetaucht, und da war er. Ich habe gehört, dass man die Namen der Jungfrau und der Dreifaltigkeit aussprechen muss, während man drei Minuten lang Wasser um sich streut; und wenn man dies ohne Unterbrechung tut, soll alles verschwinden. So sagt man. ‚Oh! lieber Himmel der Barmherzigkeit!‘ sagt Kraut, ‚was ich fühlte, als der Baron sein langes Jagdmesser über meine linke Wange legte!‘“
Hier hob Tante Lisbeth ihre Augen, um in Margaritas Angst zu schwelgen. Sie war sehr missvergnügt darüber, ihre Nichte mit den Ellbogen auf dem Fensterbrett und den Händen um ihren Kopf ruhig auf die Straße starren zu sehen.
Sie sagte streng: „Wo hast du das Lied gelernt, das du zuletzt gesungen hast, Margarita? Sprich, du Mädchen!“
Margarita lachte.
„Die Drossel, die Lerche und die Amsel, Sie lehrten mich singen: Und o dass der Falke sein Auge liehe, Und der Adler seine Schwinge.“
„Ich will diese schamlosen Lieder nicht hören“, rief Tante Lisbeth.
„Denn ich wollte die Länder sehen, die sie sehen, Und sein, wo sie gewesen sind: Es reicht nicht, zu singen Immerzu in ungesehenen Tälern!“
Eine Stimme war zu hören, die ihr applaudierte. „Gut! recht gut! Zwitschere noch einmal, Gretelchen! mein Vögelein!“
Margarita drehte sich um und erblickte ihren Vater im Türrahmen. Sie trippelte auf ihn zu und gab ihm herzlich ihren Kuss zur Begrüßung. Gottlieb blickte auf den Helm Siegfrieds.
„Habe geraten, die Arbeit geht gut voran; du singst heute so leichtfüßig, Grete! Sehr hübsch! Und das ist Drachenfels? Gebeine der Jungfrauen! was für ein kühner Kerl war Siegfried, und ein glücklicher, das ordentlichste Mädel in Deutschland in sich verliebt zu haben. Nun, wir müssen sie schließlich doch mit Siegfried verheiraten, glaube ich! Aha? oder jemandem, der so gut ist wie Siegfried. Also zwitschere weiter, mein Liebling!“
„Tante Lisbeth billigt meine Lieder nicht“, antwortete Margarita und entwirrte einige Silberfäden.
„Tu deines Vaters Befehl, Mädchen!“, sagte Tante Lisbeth.
„Und wenn ich, seinem Befehl folgend, Etwas Schlimmes tun sollte, Stürbe ich lieber vor seinem lieben Angesicht, Als mutwillig nach seinem Willen zu handeln.“
„Da – da“, sagte Tante Lisbeth und streckte ihre Finger aus; „siehst du, Gottlieb, wozu allzu große Nachsicht sie treibt. Kein anderes Mädchen im gesegneten Rheinland, ja selbst in Böhmen nicht, wagte es, solche Worte auszusprechen! – als – ich kann sie nicht wiederholen! – verlange es nicht von mir! – Sie wird noch zu einem fränkischen Mädchen!“
„Was ist das für eine Ballade?“, sagte Gottlieb lächelnd.
„Die Ballade von der heiligen Ottilia; und ihr Geliebter war der Finsternis verkauft. Und sie liebte ihn – liebte ihn – –“
„So wie du Siegfried liebst, Kleine?“
„Mehr, mein Vater; denn sie sah Winkried, und ich habe Siegfried nie gesehen. Ach! hätte ich doch Siegfried gesehen! Macht nichts. Sie liebte ihn; aber sie liebte die Tugend mehr. Und die Tugend ist das Kind Gottes, und der gute Gott verzieh ihr, dass sie Winkried, den Sohn des Teufels, liebte, weil sie die Tugend mehr liebte, und Er rettete sie, als sie hinabgezogen wurde – hinab – hinab – und vor dem Schwefelgestank halb in Ohnmacht fiel – rettete sie und ließ sie, an Haupt und Füßen, auf Engelsflügeln vor aller Augen in Seine Herrlichkeit tragen, als eine Hoffnung für kleine Mädchen.
„Und als ich dachte, ich sei verloren, Fand ich, dass ich gerettet war, Und wurde durch gesegnete Wolken getragen, Wo die Banner der Wonne wehten.“
„Und so glaubst du also auch, dich in Söhne des Teufels verlieben zu können, Mädchen?“, war Tante Lisbeths Kommentar.
„Sieh dir nur Lisbeths Drachen an, kleines Herz! Er ist ihm so ähnlich!“, sagte Margarita zu ihrem Vater.
Der alte Gottlieb zupfte an seinen Beinkleidern und kicherte.
„Sie ist mein Mädchen! Das sieht man“, sagte er, tätschelte sie und keuchte aus seinem Stuhl empor, um zum Drachen hinüberzuwatscheln. Doch Tante Lisbeth drehte den Drachen barsch zur Wand.
„Er ist noch nicht fertig, Gottlieb, und darf nicht angesehen werden“, warf sie ein. „Ich werde nach Holz rufen und nach einem Feuer sehen: Diese Frühlingsabende werden kühl“: und Tante Lisbeth wimmerte davon.
Margarita sang:
„Ich mit meinen Spielgefährten, In Tumult und Unordnung, Sammelten wir Kräuter und Blüten Entlang des Waldsaums.“
„Deiner Mutter Lied, Kind meines Herzens!“, sagte Gottlieb; „aber kränke die gute Lisbeth nicht: sie liebt dich!“
„Und glaubst du, dass sie mich liebt? Und wirst du sagen, es sei wahr? O, und wird sie mich haben, Wenn ich komme, um zu werben?“
„Du springende Rehlein! Du plappernde Elster!“, sagte Gottlieb.
„Sie soll Bänder und Tand haben, Und glänzen wie ein Maimorgen, Wenn wir uns aufmachen zur kleinen Bergkirche, Auf unserem blumigen Brautweg.“
„Das soll sie! Und noch mehr!“, rief Gottlieb. „Aber hör zu, Gretelchen; der Kaiser wird in drei Tagen hier sein. Du Teure! Hätte ich nicht alles für dich zusammengetragen und gehortet, hätte ich jetzt meine Füße auf einem Herdstein, an dem selbst er sich seine Stiefel wärmen könnte. Also bring deine besten Kleider und Juwelen in Ordnung und sieh aus wie du selbst; stolz wie jede andere im Lande. Jetzt noch eine einfache Bürgertochter, Grete; aber so wirst du nicht enden, mein Schmetterling, oder es gibt weder Wert noch Witz in Gottlieb Groschen!“
„Drei Tage!“, rief Margarita aus; „und der Helm ist nicht fertig, und die Wandteppichstücke nicht genäht und verbunden, und das Wasser nicht schattiert. – Oh! Ich muss Tag und Nacht arbeiten.“
„Kind! Ich will kein Arbeiten bei Nacht! Deine rosigen Wangen werden bald vom Lampenlicht ausgesaugt sein, und du wirst nicht besser aussehen als die armen, talgigen Hofschönheiten – ganz zu schweigen von der Gefahr. Dieses alte Haus sah Karl den Großen, wie er den obersten Magistraten seiner Lehnsstadt dort drüben umarmte. Manche schwören, er habe darin geschlafen. Er hat nicht über kleinere Gemächer die Nase gerümpft, als unsere Kaiser sie bewohnen. Keine goldenen Decken mit Gesimschnitzereien, sondern einfache Holzbalken.“
„Wisse, dass die Männer von großem Ruhm, Männer von einfachen Bedürfnissen waren: Nackt legten sie sich vor dem Herrn nieder, Und schliefen auf mächtigen Taten.“
„Gott weiß, dein Vorrat an Balladen ist nicht zu leeren, Grete: so viel soll von dir gesagt werden. Ja; die Zeiten ändern sich: Wir werden degeneriert. Sieh dir die Männer von Linz jetzt an, im Vergleich zu dem, was sie waren! Hätten sie die Jungen von Andernach Kohlstrünke zu ihnen heruntertreiben lassen, ohne etwas zurückzuschleudern? Und warum? Alles nur, weil sie vor diesem Räuber-Ungeheuer Werner Schiss haben, der sich, wann immer er ein zahlungswürdiges Verbrechen begeht, von Laach, gleich bei seiner Feste, Absolution holt. Was mich betrifft, so müssen meine Hölzer und Stoffe stromabwärts kommen und sind zu gut für die Nixen unter dem Rhein, oder glaubst du, ich würde ihn mit einem Zoll anerkennen, den Höllenhund? Donner und Doria! Wenn alte Rechnungen auf seinem Balg beglichen werden könnten!“
Gottlieb wirbelte einen riemenschwingenden Arm in der Luft und stöhnte über Gesetz und Gerechtigkeit. Wohin sollte das alles führen!
Margarita milderte das Thema mit einem Vers:
„Und obgleich, um seinen Feind zu stechen, Süße für die zornige Biene ist, Muss die zornige Biene geschäftig sein, Bevor sie der Süße Süße einheimst.“
Der spöttische Nervenkitzel der Stimme seiner Tochter kitzelte Gottlieb. „Das ist es, Vögelchen! Du und das Sprichwort habt recht. Ich weiß nicht, was besser ist,
„Besser einheimsen Und am Leben bleiben Als Rache wecken Mit dem, was man nimmt.“
Ein Lärm auf dem Domplatz brachte Gottlieb auf die Beine zum Fenster. Es war eine Schar Reiter, die im Harnisch funkelten. Ein Trompeter ritt an der Seite der Truppe, und voran ein Fahnenträger, dessen Brust mit ockerfarbenem Bart verfilzt war, präsentierte den guten Bürgern von Köln hoch erhoben drei braune Falken mit Vögeln in den Schnäbeln auf einem azurblauen, sternenübersäten Feld.
„Heiliges Kreuz!“, rief Gottlieb tief in seiner Kehle; „das Wappen von Werner! Woher hat er das Geld, seine Männer auszustatten? Warum, das ist ein Trotz gegen ganz Köln, direkt vor unserer Nase! Bewahre, dass er mich jetzt besucht! Ruin raucht in der Spur dieses Schurken. Ich habe mich den ganzen Tag abwechselnd heiß und kalt gefühlt.“
Die Reiter kamen gleichgültig in verstreuten Zweier- und Dreiergruppen die Straße entlang, lachten miteinander und suchten sich mit gierigen Augen die Mädchen an den giebelbeschatteten Fenstern aus. Die guten Bürger von Köln sahen sie nicht gerne. Einige kehrten ihnen den Rücken zu und knallten mürrisch ihre Türen zu: andere blickten finster drein und steckten ihre Fäuste in die Taschen: nicht wenige schlichen wie gut verprügelte Köter in die Seitengassen und hasteten mit vorgebeugten Knien davon. Es waren in Wahrheit grausam aussehende Kerle, diese treuen Diener des Räuberbarons Werner von Wernerseck hinter Andernach. Leder, Stahl und Staub kleideten sie von Kopf bis Fuß; groß und schwarz wie Bären; wolfsäugig, fuchsnasig. Sie glänzten tapfer in den fallenden Sonnenstrahlen, und Margarita streckte ihren schönen, geflochtenen gelben Kopf ein wenig über die Schulter ihres Vaters vor, um die ganze Länge der grimmigen Kavalkade zu erfassen. Einer aus der Truppe brauchte nicht lange, um die junge Schönheit zu entdecken. Er zeigte sie kühn einem Kameraden, der seinen Appetit billigte und sie einem dritten wies. Die anderen folgten dem Beispiel, und Margarita war wie vom Schlag getroffen, als sie gewahr wurde, dass all diese hungrigen Augen sich an den ihren labten. Der alte Gottlieb war zu sehr mit seinen eigenen Ängsten beschäftigt, um an sie zu denken, und als er den Kopf ziemlich plötzlich einzog, geschah es mit der düsteren Vorahnung, dass Werners Ziel in Köln direkt das Haus von Gottlieb Groschen war, und zwar zu Zwecken, die nur allzu leicht zu erraten waren.
„Teufelshosen!“, murmelte Gottlieb; „sieh noch einmal hin, Grete, und schau, ob diese Höllentruppe den Weg draußen versperrt.“
Margaritas Wangen waren überströmend von der beleidigten Rose.
„Ich werde sie nicht wieder ansehen, Vater.“
Gottlieb starrte sie an und tätschelte sie dann.
„Ich wünschte, ich wäre ein Mann, Vater!“
Gottlieb lächelte und strich sich über den Bart.
„Oh! Wie ich brenne!“
Und das Mädchen zitterte sichtbar.
„Grete! Achte darauf, so sehr eine Frau zu sein, wie du kannst, und bald wirst du solch Gesindel wie dieses wegfegen können wie Spinnweben, ohne dass dir ein Haar gekrümmt wird.“
Er wurde durch ein heftiges Hämmern an der Haustür aufgeschreckt, und durch einen so frechen Stoß, als würden die Toten gerufen. Tante Lisbeth trat ein und huschte düster durch den Raum, schreiend:
„Wir sind verloren: sie sind über uns her! Lieber der Tod durch eine Ahle! Niemals soll es von mir gesagt werden; niemals! die Ungeheuer!“
Dann, nachdem sie sie ermahnt hatte, jeden Raum im Haus zu verschließen, zu verriegeln, zu verbolzen und zu versperren, setzte sich Tante Lisbeth auf die Kante eines Stuhls und kehrte die Gewohnheiten der Waldohreule um, indem sie schwieg, wenn sie stillsaß.
„Für dich gibt es nichts zu fürchten, Lisbeth“, sagte Gottlieb mit unhöflichem Nachdruck.
„Gottlieb! Erinnerst du dich an das, was bei der Belagerung von Mainz geschah? Und die arme Marthe Herbstblum, die gehofft hatte, so zu sterben, wie sie war; und Dame Altknöpfchen, und Frau Kaltblut, und die alte Bäckerin, Hans Topfs Schwester, allesamt so heilig wie Äbtissinnen, und das hat sie nicht gerettet! Und nichts wird sie vor solchen gottlosen Verschlingern retten.“
Gottlieb war fort, da er schon oft von dem Unglück gehört hatte, das diese dem Untergang geweihten Frauen erlebt hatten.
„Tröste dich, gutes Herz, an meiner Brust“, sagte Margarita und nahm Lisbeth in jenes süße Nest aus Frieden und Standhaftigkeit.
„Margarita! Das ist dein Werk! Habe ich es nicht gesagt – locke sie nicht, denn sie schwärmen zu früh über uns her! Und hier sind sie! Und vielleicht ist in fünf Minuten alles vorbei!
Herr Je! – Was, du lachst! Himmel der Güte, das Mädchen ist entzückt!“
Hier schüttelte ein spöttisches Haha!, begleitet von einem donnernden Schlag an die Tür, das ganze Haus, und wieder zerriss die Trompete mit Wut die Ohren.
Diese Aufforderung, die Tante Lisbeth endgültig erschien, bewirkte eine seltsame Fassung in ihrem Gesicht. Sie war sehr blass, aber sie breitete ihr Kleid anständig aus, als sei die Angst gewichen, und faltete ihre Hände auf ihren Knien.
„Der Wille des Herrn da oben muss geschehen“, sagte sie; „es ist gottlos, sich zu beklagen, wenn wir in die Hand der Philister gegeben werden. Andere sind gemartert worden und waren dennoch annehmbar.“
Zu dieser heldenhaften Rede fügte sie mit kalter Energie hinzu: „Lass sie kommen!“
„Tante“, rief Margarita, „ich höre die Stimme meines Vaters bei diesen Männern. Tante! Ich werde ihn nicht allein lassen. Ich muss zu ihm hinunter. Ihr werdet hier sicher sein. Ich werde zu euch kommen, wenn es Grund zur Beunruhigung gibt.“
Und trotz Tante Lisbeths erstauntem Schrei des Widerspruchs eilte sie davon, um sich wieder zu Gottlieb zu gesellen.
DIE WETTE
Ehe Margarita den Treppenabsatz erreicht hatte, bereute sie ihre Eile und wich zurück. Eingehüllt in einen Donner von Flüchen unterschied sie: „‚Es ist das kleine Mädchen, das wir wollen; lass uns sie grüßen und wieder gehen! Oder setz dir etwas Dickeres auf den Schädel als das, was du jetzt darauf hast, wenn du einen heilen behalten willst, glücklicher Vater!“
„Gottlieb von Groschen bin ich“, antwortete ihr Vater, „und der Kaiser – –“
„‚Ist genauso vernarrt in ein hübsches Mädchen wie wir! Runter mit ihr und kein weiteres Gefasel! Es ist nur für einen Augenblick, alter Maß und Gewicht!“
„Ich sage euch, ihr Schurken, ich kenne euren Herrn, und wenn ihr dafür nicht bestraft werdet, mag ich als Bettler sterben!“, rief Gottlieb, vor Wut springend.
„Mögest du so reich wie ein Abt sterben! Und das wirst du, wenn du sie nicht herunterbringst, denn ich habe geschworen, sie zu sehen; da ist das Ende vom Lied, Mann!“
„Ich werde auch sehen, ob die Gesetze diese Schurkerei erlauben!“, schrie Gottlieb. „Einen friedlichen Bürger beleidigen! In seinem eigenen Haus! Ein Freund eures Kaisers! Gottlieb von Groschen!“
„Groschen? Dann sind wir Cousins! Du würdest doch deine nächsten Verwandten nicht aussperren? Teufelsblitz! Kennst du mich nicht? Pfennig? Von Pfennig! Das hier ist Heller: das ist Zwanziger: Wir alle Vons, jede Seele! Du bist nicht entschlossen? Das hier wird dich scharf machen, mein fröhlicher König Wanst!“
Und Margarita hörte den Schurken treten, als wolle er Schwung für einen Schlag holen. Sie eilte in den Flur und schlüpfte vor ihren Vater, wobei sie zu seinem Angreifer sagte:
„Ihr habt nach mir verlangt! Ich bin hier!“
Ihr Gesicht war farblos, und ihre Stimme schien zwischen einer gespannten Schnur hervorzudringen. Sie stand mit dem linken Fuß ein wenig vorgesetzt, und ihr ganzer Körper bebte und zitterte: ihre Arme waren verschränkt und unter ihrem Busen fest gepresst: ihre Augen zu einem kräftigen Blau geweitet: ihr Mund aschfahl. Ein seltsamer Glanz, wie von unterdrücktem innerem Feuer, flackerte über sie.
„Mein Name ist Schwartz Thier, und so ist auch meine Natur!“, sagte der Kerl mit einem Grinsen; „aber mögen mir nie wieder die Lippen an einem hübschen Mädchen schmecken, wenn ich solch eine junge Schönheit wie diese verletze! Freundlicher Umgang ist mein Lebensplan.“
„Räum mein Haus, dann, Bursche, und hier ist Geld für dich“, sagte Gottlieb und zeigte eine zornig zitternde Handvoll Münzen.
„Pah! Geld! Das Vierzigfache würde meine Wette nicht decken! Und wenn es das täte? Wäre ich nicht entehrt? Für ein Schafherz verspottet? Nein, ich bin kein Dummkopf und lasse mich nicht betrügen. Ich werde mit der jungen Dame sprechen! Stille, da draußen! Alles läuft ordentlich ab“: dies zu seinen Kameraden durch die Tür. „Also, meine schöne Maid! So steht es: Wir haben dich am Fenster gesehen, wie eine frische Rose mit einer goldenen Krone darauf. Hier sind wir armen Kerle gekommen, um den Kaiser willkommen zu heißen. Ich begann dich zu verherrlichen. „Schwartz Thier!“, sagt Henker Rothhals zu mir, „ich wette mit dir, du bekommst innerhalb von zwanzig Minuten, gerechnet ab dem Handschlag, keinen Kuss von diesem feinen Mädchen!“ Abgemacht! war mein Wort, und wir haben unsere Fäuste zusammengeschlagen. Nun, siehst du, das ist aufrichtig! Alles, was ich will, ist, mein Geld nicht zu verlieren und zum Narren gemacht zu werden – ganz abgesehen von diesem zuckersüßen Mund, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt“; und er zog den Handrücken über seine stopplige Kiefer: „Also, komm! Zögere nicht! Kein Schaden für dich, meine Schöne, sondern ein Kompliment, und Schwartz Thier ist dein Freund und alles andere, was du willst, für immer danach. Komm, die Zeit ist so gut wie um.“
Margarita lehnte sich einen Moment an ihren Vater, als hätte sie eine tödliche Krankheit befallen. Dann ihre Hände und Füße verkrampfend, sagte sie in sein Ohr: „Überlass mich meiner eigenen Obhut; geh, hol die Männer, um dich zu schützen“; und befahl Schwartz Thier, die Tür weit zu öffnen.
Als sie sah, dass Gottlieb sie nicht verlassen wollte, faltete sie ihre Hände und flehte ihn an. „Der gute Gott wird mich beschützen! Ich werde diese Männer übertreffen. Sieh, mein Vater! Sie wagen es nicht, mich auf der Straße zu schlagen: dich würden sie ohne Gnade niedermachen. Geh! Was sie in einem Haus wagen, wagen sie nicht auf der Straße.“
Schwartz Thier hatte die Tür geöffnet. Beim Anblick von Margarita stieß die Truppe einen Schrei aus.
„Nun! Auf der Türschwelle, voll im Blick, meine Schöne! Damit sie sehen können, was für ein glücklicher Teufel ich bin – und keine Zweifel haben bezüglich der Übergabe.“
Margarita sah nach hinten. Gottlieb war immer noch da, jedes Glied von ihm bebte wie ein Sumpf unter einer schweren Ferse. Sie rannte zu ihm. „Mein Vater! Ich habe einen Plan, willst du ihn verderben und mich diesem Biest ausliefern? Du kannst nichts tun, nichts! Schütze dich selbst und rette mich!“
„Köln! Heller Tag!“, murmelte Gottlieb, als hätte die Ungeheuerlichkeit seinen Glauben an Tatsachen niedergeschlagen; und er wich langsam zurück.
Margarita schritt zur Türschwelle. Schwartz Thier erwartete sie, den Arm ausgestreckt, und sein grinsendes Gesicht auf die Höhe des Opfers gesenkt. Diese grobe Zurschaustellung von Galanterie sollte ihn teuer zu stehen kommen. Als er gerade dabei war, seinen eisernen Griff sanft um sie zu schließen und im Voraus mit grimmigen Mundwinkeln die Schmeicheleien des Triumphs genoss, schoss Margarita an ihm vorbei durch die Tür und war bereits zwanzig Schritte hinter der Truppe, bevor auch nur einer von ihnen daran dachte, sie zu verfolgen. Beim ersten Hufschlag ergriff Henker Rothhals den Zügel des Reiters und brüllte: „Fair Play für eine faire Wette! Überlass alles dem Thier!“ Der Thier, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, suchte nach dem alten Gottlieb, um ihm einen Schlag von hinten zu verpassen, so wie Margarita es vorhergesehen hatte. Da er ihn nicht zur Hand fand, polterte der Kerl so schnell es sein Harnisch erlaubte heraus und erhaschte einen Blick auf Margarita, die schnell den Domplatz hinauf floh.
„Nur noch fünf Minuten, Schwartz Thier!“, sangen einige aus der Truppe.
„Der Teufel kann sein Geschäft in einer Minute erledigen“, war die Erwiderung, und Schwartz Thier schwang sich auf seinen breitrückigen Renner und stachelte das feine Tier so sehr, dass sie einen Funkenregen aus dem Kiesel schlug.
In einer Minute hielt er vor Margarita an.
„So! Du ziehst es vor, diese Angelegenheit auf dem Platz zu klären.
Gut! mein liebes Schätzchen!“ und er sprang an ihre Seite.
Der Akt der Flucht hatte das Herz des jungen Mädchens mit dem Geist der Flucht berührt. Sie kauerte wie ein erschöpfter Hase unter der Nase des Hundes und bedeckte ihr Gesicht mit ihren beiden Händen. Margarita war kein Fliegengewicht, aber Schwartz Thier hatte sie so leicht in seinem Arm, als hätte er ein Taschentuch hochgeworfen.
„Seht alle zu und seid Zeugen!“, schrie er und hob den anderen Arm.
Henker Rothhals und der Rest der Truppe sahen zu, als sie mit der Kühle von Schiedsrichtern zum Tatort trabten: aber sie wurden Zeugen von etwas anderem als dem, was Schwartz Thier beabsichtigt hatte. Dies war der Anblick eines beachtlichen Stabes, der einen unfreundlichen Heiligenschein über dem Kopf des Thiers wirbelte und mit so ehrlicher Absicht auf ihn niederging, ihn zu verwirren und zu stürzen, dass der Thier seiner Gewalt ohne Gegenrede erlag, und der Platz das Echo von Schlag und Fall zugleich wiedergab. Zur selben Zeit ergriff der Schwingende dieses vernünftigen Stücks Logik Margarita und erhob auf dem Platz einen Schrei, dass alle wahren Männer ihm beistehen sollten, ein Mädchen aus der Gewalt von Briganten und Schändern zu retten. Eine Menge sammelte sich, schien aber den nun von den Reitern gebildeten Kreis als in gewisser Weise verzaubert zu betrachten, denn nur einer, ein schöner, schlanker Jüngling, trat vor und reihte sich neben den Fremden ein.
„Nimm du das Mädchen: Ich halte mich an den Stab“, sagte dieser Letztere und stolperte über seine Rede, als befände er sich in einem fremden Land inmitten alter Wurzeln und Wolfsgruben, die ihm bereits einige seiner Zähne ausgeschlagen hatten und ihn vorsichtig bezüglich der verbleibenden machten.
„Kann es Margarita sein!“, rief der Jüngling, beugte sich zu ihr und rief ihr zu: „Margarita! Fräulein Groschen!“
Sie öffnete ihre Augen, schauderte und sagte: „Ich hatte keine Angst! Bin ich in Sicherheit?“
„In Sicherheit, solange ich lebe, und dieser gute Freund.“
„Wo ist mein Vater?“
„Ich habe ihn nicht gesehen.“
„Und du – wer bist du? Verdanke ich das dir?“
„Oh! Nein! Nein! Mir verdankst du nichts.“
Margarita blickte hastig umher, und zu ihren Füßen lag der Thier mit seinem in Beulen glänzenden Stahlhelm und drei Blutrinnen, die über seine gefleckte Stirn liefen. Sie blickte wieder zu dem Jüngling, und ein Röte der Wiedererkennung verlieh ihren Wangen Leben.
„Ich habe dich nicht erkannt. Verzeih mir. Farina! Welcher Dank kann solch Mut belohnen! Sag mir! sollen wir gehen?“
Der Jüngling beäugte sie einen Augenblick, aber er erholte sich, verschaffte sich einen schnellen Überblick und rief dem Fremden zu, zu folgen und zu helfen, der jungen Maid sicheres Geleit nach Hause zu geben.
Genau da brüllte Henker Rothhals: „Zeit ist um!“ Er erhielt einen Chor der Zustimmung von der Truppe. Sie hatten bisher geduldig ihre Rollen als Zuschauer gespielt, unbeweglich auf ihren Pferden. Der Angriff auf den Thier war alles im Spiel und ein sichtbares Eingreifen des Schicksals zugunsten von Henker Rothhals. Nun brachte sie allgemeine Aufregung in Bewegung, und die scharfen haselnussbraunen Augen des Fremden lasen ihre Absichten richtig, als er seinen furchterregenden Stab zur Vorbereitung auf einen weiteren mächtigen Schwung hob, diesmal defensiv. Rothhals und ein halbes Dutzend andere spornten mit einem Kriegsschrei aus Flüchen ihre Rösser auf einmal an, um ihn niederzureiten. Sie hatten nicht mit der Länge und dem guten Willen der Waffe ihres Gegners gerechnet. Kaum waren sie in Bewegung, da sauste er herum, streifte die Nüstern ihrer Pferde mit einer Präzision, die Übung in diesem Kunststück bewies, und warf zwei aus dem Sattel, Rothhals unter ihnen. Er fiel schwer auf seinen Kopf und zeigte Anzeichen, ebenso kampfunfähig zu sein wie der Thier. Ein Jubel brach aus der Menge hervor, verhallte aber schnell.
Der Vordere ihrer Zahl wurde von einem Kerl der Truppe flach zu Boden geschlagen.
Den heiligen Georg, seinen Schutzheiligen, anrufend, begann der Fremde systematisch, einen freien Ring auf seinem Weg nach vorn zu schaffen. Mehrere der Reiter versuchten einen Hieb mit ihren langen zweihändigen Schwertern gegen seinen Arm, aber die Pferde konnten kein zweites Mal an den Rand des magischen Kreises gebracht werden; und da das Blut dieser Krieger nun gründlich in Wallung war, kamen sie jetzt zu Fuß auf ihn zu. In ihrer Wut hätten sie trotz der Kölner Magistratur kurzen Prozess mit den Dreien gemacht, wären sie nicht durch Rufe von „Werner! Werner!“ aufgehalten worden.
Am südwestlichen Ende des Platzes, den Blick rheinwärts gerichtet, ritt der marodierende Baron in voller Rüstung, Helm und Kettenhemd, mit einem einzelnen Knappen in seinem Rücken. Er war offensichtlich auf die Rauferei aufmerksam geworden und, sei es, weil er seine eigenen Leute erkannte oder weil er sein natürliches Element suchte, eilte er herbei, um daran teilzuhaben, was meist die Rolle des Königs der Tiere bedeutete. Sein erster Ruf galt Schwartz Thier. Die Männer machten Platz, und er erblickte seinen Mann in keinem Zustand, um militärische Antworten zu geben. Er schrie nach Henker Rothhals, und wieder öffneten die Männer stumm ihre Reihen und enthüllten die beiden, die in entgegengesetzte Richtungen ausgestreckt lagen, mit den Füßen zu einem gemeinsamen Punkt geneigt. Der Baron starrte; dann riss er sich den gepanzerten Handschuh ab und stieß ihn sich zwischen die Zähne. Ein rasselndes Gurgeln von Flüchen war alles, was sie hörten, und alsbald brach es hervor:
„Wer war es?“
Margaritas Augen waren geschlossen. Sie öffnete sie, fasziniert von Entsetzen. Es lag eine unirdisch schreckliche und komische Mischung von Tönen in Werners quengeligem Zorn, die dem Geräusch eines klagenden Bären glich, das von hohlbrüstiger Drohung zu gähnendem Jammern anschwoll. Niemals in ihrem Leben hatte Margarita einen solchen Schreck erlitten. Ein halber Lacher brach auf ihren zitternden Lippen hervor. Sie starrte Werner an und wollte gerade umfallen; doch Farinas Arm schlang sich augenblicklich um ihre Taille. Der Fremde nahm ihr Lachen auf, laut und herzlich.
„Was die Frage angeht, wer es war, Herr Baron“, rief er in munterem Ton, „ich bin der Mann! Falls Sie wissen möchten, warum – und das sind Sie sowohl mir als auch sich selbst schuldig –, alles, was ich sagen kann, ist: Der Schwarze Maulkorb da drüben hat seine Quittung dafür bekommen, dass er sich an diesem friedlichen Mädchen hier vergriffen hat, ohne ihre Zustimmung – ein Vergehen, für das man auf meiner grünen Insel, so wette ich bei allen Anwesenden, einen Schlag auf den Schädel als leichte Züchtigung betrachtet“, und er nickte scharf in die Runde. „Was den anderen dort angeht, der aussieht, als hätte ihm schon einmal ein Strick um den Hals gelegen und seinen Dienst versagt, so zählt er das als Lohn für seine Hilfe bei des Teufels Geschäften, wie jeder andere Bursche hier auch, der herkommen und es versuchen mag.“
Werner selbst hätte ihm wahrscheinlich die Arbeit gegeben, die er suchte; aber sein Blick war für einen Augenblick über Margarita geglitten, und der kaum unterdrückte Beifall der Menge bei der Rede des Fremden konnte seinen Zorn diesmal nicht zum Ausbruch bringen.
„Wer ist das Mädchen?“, fragte er laut.
„Fräulein von Groschen“, antwortete Farina.
„Von Groschen! Von Groschen! Die Tochter von Gottlieb Groschen? – Lumpenpack!“, brüllte der Baron, wandte sich an seine Männer, und ein Schlammquell aus schmutzigen Flüchen und Drohungen ergoss sich, der Henker Rothhals, der seine Augen geöffnet hatte, dazu brachte, sie wieder zu schließen, als wäre er bereits an den Ort der Hitze gelangt.
„Leih mir nur deinen Stab, Freund“, rief Werner.
„Ich doch nicht! Schlag sie mit deinem eigenen Holz“, antwortete der Fremde und trat einen Schritt zurück.
Werner zog seine sehnigen Brauen zusammen und schien von den widerstreitenden Gezeiten seines Zorns zerrissen zu werden. Er griff in die Mähne seines Pferdes und riss büschelweise Haare aus, bis das prächtige Tier vor Schmerz stieg.
„Keiner von euch soll diese Nacht überleben, Schurken! Ich werde euch hängen, jeden Sohn einer Hexe! Meine letzten Befehle waren: Ruhig bleiben in der Stadt, ihr Teufelsbrut. Nimm das! Und das!“, wobei er mit dem bloßen Schwert auf sie einschlug. „Fort mit euch und schafft diese beiden Schweine schnell aus den Augen, oder ich schlage ihnen die Köpfe ab und mache kurzen Prozess.“
Die letzte Anweisung entsprang politischem Kalkül, denn am Anfang der Hauptstraße funkelte die Stadtwache, die mit geschulterten Speeren heranmarschierte.
„Fräulein“, sagte Werner mit einer bulligen Verbeugung, „gestatte mir, dich zu deinem Vater zu geleiten.“
Margarita antwortete nicht; sie gab Farina ihre Hand und machte einen Schritt auf den Fremden zu.
Werners Brauen wurden finster.
„Genug, dass ich euch gerettet habe, schönes Kind“, murmelte er heiser. „Dankbarkeit war nie die Gabe einer Frau. Sag deinem Vater, dass ich mich bei ihm für das Verhalten meiner Männer entschuldigen werde.“
Woraufhin der Baron, nachdem er einen Blick voll gemächlicher Verachtung auf die in den letzten Strahlen des Tages heranrückende Wache geworfen hatte, seine riesigen Schultern zu einer Höhe zuckte, die die verschiedenen verächtlichen Schattierungen feudaler Eitelkeit ausdrückte, den einen in Leder gehüllten Arm in die Seite stemmte und mit gemächlichem Schritt davonholperte.
„Amen!“, stieß der Fremde hervor, sich auf seinen Stab stützend. „Es gibt Barone in meiner alten Heimat; aber kein so rohes Vieh in Harnisch.“
Margarita trat vor ihn und nahm seine beiden Hände.
„Sie kommen mit mir zu meinem Vater! Er wird Ihnen danken. Ich kann es nicht. Sie kommen?“
Tränen und ein Schluchzen der Erleichterung brachen aus ihr hervor.
Die Stadtwache hatte beim Anblick von Werners gefürchtetem Rücken das Tempo verdoppelt und kam nun keuchend herbei, während sich der Fremde lächelnd unter einer neuen Flut unschuldiger Liebkosungen beugte. Margarita wurde an die Brust ihres Vaters gezogen.
„Du sollst Rache dafür haben, süßes Kind“, rief der alte Gottlieb in den Pausen seiner Umarmungen.
„Fürchte dich nicht, mein Vater; sie sind bestraft“: und Margarita erzählte die Geschichte von der Tapferkeit des Fremden und erhob ihn zu einem zweiten Siegfried. Die Wache jubelte ihm zu, verfolgte den Baron jedoch nicht.
Der alte Gottlieb grüßte den erstaunten Helden ohne Zögern mit einem Kuss auf beide Wangen.
„Mein bester Freund! Sie haben meine Tochter vor Unwürde bewahrt! Kommen Sie mit uns nach Hause, wenn Sie glauben können, dass dies ein Zuhause ist, wo die Wölfe kommen und uns trotzen und unsere Lieben direkt vor unserer Haustür wegschleppen. Kommen Sie, damit wir Ihnen wenigstens unter einem Dach danken können. Mein kleines Mädchen! Ist sie nicht ein tapferes Kind?“
„Sie ist nichts weniger als die weiße Rose von Deutschland“, sagte der Fremde mit einer guten Verbeugung vor Margarita.
„So wird sie genannt“, rief Gottlieb; „sie ist es wert, ein Mann zu sein!“
„Die Männer wären dann die Verlierer, mehr als sie sich leisten könnten“, erwiderte der Fremde mit einem klingenden Lachen.
„Kommen Sie, guter Freund“, sagte Gottlieb; „Sie brauchen sicher Erfrischung. Beweisen Sie, dass Sie ein wahrer Held sind, durch Ihren Appetit. Wie Karl der Große zu Erzbischof Turpin sagte: ‚Ich habe die Welt erobert, weil die Natur mir einen Magen gab; denn überall ist das Zeichen der Unterwerfung ein armer Magen.‘ Kommen Sie, alle! Ein Tag, der gut endet, trotz allem!“
DER SILBERNE PFEIL
An der Schwelle von Gottliebs Haus hatten sich einige der führenden Bürger von Köln spontan zusammengefunden, um ihm ihr Beileid auszusprechen. Als er in die Nähe kam, erhoben sie ein Geschrei der Beglückwünschung. Stark waren die Ausdrücke der Abscheu und des Ekels über Werners Truppe, in die diese ausgezeichneten Bürger ihre verletzten Gefühle kleideten; denn die Beleidigung für Gottlieb war die Beleidigung für alle. Die Rheinstromsteuern waren ärgerlich genug zu ertragen; aber dass sich die Zügellosigkeit dieser räuberischen Banden bis in die Häuser freier und friedlicher Männer, loyaler Untertanen des Kaisers, erstrecken sollte, war ein Zeichen dafür, dass das Übel von kleinen Stichen zu tiefen Wunden geworden war, wie man so sagte, und nun wie es sich für Bürger des alten Köln gehörte, gemeinsam bekämpft und vernichtet werden musste.
„Hinein! Hinein, ihr alle!“, sagte Gottlieb und breitete sein Lächeln aus, um der Menge gerecht zu werden. „Wir werden drinnen darüber reden. Unterdessen habe ich einen Helden, den ich euch vorstellen möchte: Fleisch und Blut! Keine Münze einer alten Frau und kein Tagtraum eines jungen Mädchens: das Ehrliche, und eine Rarität, meine Herren. All das bei etwas gutem Rheinwein von oberhalb Bacharachs. Hinein, und willkommen, Freunde!“
Gottlieb zog den Fremden mit sich unter die geschnitzten alten Eichenholzportale, und die übrigen paarten sich und traten ehrfürchtig in seinem Gefolge ein. Margarita bildete, um diesen Mangel an Höflichkeit wiedergutzumachen, das Schlusslicht der Prozession. Sie mag einen anderen Grund gehabt haben, denn sie nutzte die Gelegenheit, Farina etwas zuzuflüstern, was Sonne und Wolken in raschen Schüben über sein Gesicht ziehen ließ. Er schien mit stummen Gesten zu widersprechen; aber sie bedeutete ihm mit einer Haltung des Schweigens, das Gespräch zu versiegeln, und er ließ wieder den Kopf hängen. Auf der Türschwelle hielt sie einen Moment inne und ließ nachdenklich das Haupt sinken, als sei sie von einer Erinnerung bewegt. Der Jüngling war einige Schritte geeilt. Margarita sah ihm nach. Seine Arme waren an seine Flanken gestreckt, seine Hände geballt und aus dem Handgelenk angespannt. Er hatte das Aussehen eines Mannes, der gegen die Zurückhaltung einer Kette kämpft, die sich plötzlich Glied für Glied bis zu seiner vollen Kraft löste.
„Farina!“, rief sie und wand ihn mit einem Lauf zurück. „Farina! Du denkst doch nicht, ich sei undankbar? Ich konnte meinem Vater in der Menge nicht sagen, was du für mich getan hast. Er soll es erfahren. Er wird dir danken. Er versteht dich jetzt nicht, Farina. Er wird es. Sieh nicht so traurig aus. Das wollte ich dir sagen.“
So viel drängte auf ihren Geist ein, dass ihr mädchenhaftes Herz widerspenstig wurde und sie warnte, sich in Acht zu nehmen.
Der Jüngling stand da, als lausche er einer Nachtigall der alten Wälder, nachdem der erste süße Druck ihrer Stimme in sein Ohr gedrungen war. Als sie verstummte, blickte er ihr in die Augen. Sie waren nicht mehr tief und ruhig wie Waldseen; das zart leuchtende Blau bebte, wie von einem Funken der Seele des jungen Mädchens, im Schein des nun aufgehenden Mondes.
„Oh, Margarita!“, sagte der Jüngling in Tönen, die zu Seufzern herabsanken: „Was bin ich, dass ich deinen Dank gewinne, selbst wenn es mein Leben für eine solche Gnade wäre!“
Er nahm ihre Hand, und sie zog sie nicht zurück. Zweimal verweilten seine Lippen auf diesen reinen Fingern.
„Margarita: du verzeihst mir: Ich war so lange ohne Hoffnung. Ich habe deine Hand geküsst, liebste von Gottes Engeln!“
Sie hielt sanft die volle weiße Hand in seinem Druck zurück.
„Margarita! Ich habe gedacht, vor dem Tod diese heilige Wonne nie gehabt zu haben. Ich bin im Voraus belohnt für jeden Kummer, der vor dem Tod kommt.“
Sie warf ihm einen Blick von vertrauensvoller Weichheit zu, der für den Jüngling wie das geöffnete Tor zum unschuldigen Garten ihres Herzens war.
„Du verzeihst mir, Margarita? Ich darf dich meine Geliebte nennen? streben, warten, beten, hoffen für dich, mein Stern des Lebens?“
Ihr Gesicht war eine so süße Wohltat!
„Liebste! Ein Wort! – oder sag nichts, sondern bleib und rühre dich nicht. So schön bist du! Oh, könnte ich vor dir knien hier; von dir schwärmen; diese weiße Hand für immer anbeten.“
Die Farbe war aus ihren Wangen gewichen wie ein glückseliges Abendrot, das blasse Fülle am Himmel hinterlässt; und mit klaren, auf ihn gerichteten Brauen, den Busen immer rascher hebend, kämpfte sie gegen den Zauber an, der auf ihr lag, und ließ schließlich ihre Hand los.
„Ich muss gehen. Ich kann nicht bleiben. Dir verzeihen? Wer könnte nicht stolz auf deine Liebe sein! – Leb wohl!“
Sie wandte sich ab, um zu gehen, verweilte aber einen Schritt von ihm entfernt und berührte hastig ihren Busen und jede Hand, als ob sie nach einer Brosche oder einem Ring suche. Dann errötete sie, zog den silbernen Pfeil aus den gesammelten, golddurchwirkten Zöpfen über ihrem Nacken, hielt ihn ihm entgegen und war verschwunden.
Farina klammerte sich an den Schatz und taumelte auf die Straße. Ein halbes Dutzend Nachbarn gruppierte sich bei der Tür.
„Was ist jetzt schon wieder im Haus von Meister Groschen los?“, fragte einer, als er mitten unter sie stürzte.
„Los?“, fragte der vor Freude trunkene Jüngling, griff nach dem Wort und versank in Entzückungen; „Es gab nie solch ein Glück! Ein Paradies ist es drinnen, ein Exil draußen. Aber was für ein Exil! Ein Stern immer am Himmel, um die Straße zu erhellen und den Pfad des Verbannten zu erheitern“; und er lockerte sein Wams und drückte den kalten Schaft an seine Brust.
„Was redest und hüpfst du da, Kerl?“, rief ein anderer: „Kannst du nicht wie ein Christ auf die Frage nach diesen Schreien antworten, du, der du gerade aus dem Haus gekommen bist? Warum, da schreit es jetzt! Es ist eine Frau. Tausend Donner! Es klingt wie die Stimme der Frau Lisbeth. Was kann ihr zustoßen?“
„Vielleicht brennt sie“, wurde kühl zwischen zwei oder drei vorgeschlagen.
„Schade, das alte Haus brennen zu sehen“, bemerkte einer.
„Haus! Die Frau, Mann! Die Frau!“
„Ah!“, antwortete der andere, ein alter Einwohner von Köln, den Kopf schüttelnd, „das Haus ist älter!“
Farina, der nun zu Sinnen kam, hörte Schreie, die er als möglich erkannte im Falle der Tante Lisbeth, die die Bosheit des anderen Geschlechts fürchtete und durch den Einbruch von alten Gottliebs zahlreichen Gästen alarmiert war. Um ihn zu bestätigen, erschien sie bald und hing sich halb aus einem der oberen Fenster und rief verzweifelt die heilige Ursula um Hilfe an. Er dankte der alten Dame im Herzen dafür, dass sie ihm einen Vorwand gab, das Paradies wieder zu betreten; aber bevor selbst die Liebe ihn eilen lassen konnte, wurde Frau Lisbeth ergriffen und gnadenlos aus dem Sichtfeld gezerrt, und er und das rosenrote Zimmer verdunkelten sich gemeinsam.
Farina schritt zweimal zum Rheinstrom; ebenso oft kehrte er zurück. Es war schwer, von ihr entfernt zu sein. Es war schwerer, in der Nähe zu sein und nicht bei ihr. Sein Herz flammte in Eifersucht auf den Fremden. Alles drohte sein schmales, aber hohes Gebäude der Glückseligkeit, das so plötzlich in den Himmel geschossen war, zu stürzen. Er musste sich nur daran erinnern, dass seine Hand auf dem silbernen Pfeil lag, und ein Glanz brach auf seinem Gesicht hervor, und eine Ruhe fiel auf seine Brust. „Es war ein Treuepfand an mich“, dachte der Jüngling. „Sie liebt mich! Sie wollte ihrem aufrichtigen Herzen nicht trauen, es auszusprechen. Oh, großmütiges junges Mädchen! Was bin ich, dass ich es wage, auf einen solchen Preis zu hoffen? Denn ich kann niemals würdig sein. Und sie ist eine, die, wenn sie ihr Herz gibt, es ganz gibt. Kenne ich sie nicht? Wie bezaubernd sie aussah, als sie dem Fremden dankte! Das Blau ihrer Augen, das warm leuchtende Blau, schien auf den schließenden Lidern voll zu werden, wie die Dankbarkeit des Himmels. Ihre Schönheit ist wunderbar. Welches Wunder dann, wenn er sie liebt? Ich sollte ihn für einen Knappen seines Standes halten. Es gibt Knappen von hoher Geburt und von niedriger.“
So sinnierte Farina mit verschränkten Armen und gekreuzten Beinen im Schatten von Margaritas Zimmer. Allmählich fiel er in eine Art dunstigen Schlummer. Die Häuser wurden mit silbernen Pfeilen gebrandmarkt. Der ganze Domstein oben war ein Glitzern, Tanzen und Zittern von ihnen. Am Himmel verwirrte Verwirrung von pfeilartigen Flügen und Stürzen. Farina sah sich im Dienst des Kaisers diese Zeichen beobachten und am nächsten Tag Ruhm und einen Namen für Margarita gewinnen. Ruhm und der Name nun gewonnen, war der alte Gottlieb gerade dabei, sie väterlich zu segnen, als ein grober Schlag ihn aus dem köstlichen Mondtraum weckte.
„Held bei Tag! Hauswächter bei Nacht! Das erzählt eine Geschichte“, sagte eine fröhliche Stimme.
Der Mond schien über den Domplatz und die Straße, und Farina sah den Fremden fest und rötlich vor sich stehen. Er war zunächst versucht, eine solch vertrauliche Handhabung zu übel zu nehmen, aber das Gesicht des Fremden war von jener sanften, ehrlichen Natur, die wie die Sonne überall eine Spiegelung ihrer eigenen Herzlichkeit gewinnt.
„Sie haben recht“, antwortete Farina; „so ist es!“
„Schöne Weine drinnen und ein seltenes junges Mädchen. Sie hat eine Kehle wie eine Nachtigall und mehr Balladen auf Lager als der Geldbeutel eines Pfeifers. Nun, wenn ich nicht eine Frau zu Hause hätte.“
„Sie sind verheiratet?“, rief Farina und ergriff die Hand des Fremden.
„Sicher; und mein Mädel kann sich in Bezug auf tapferes Aussehen ebenso gut behaupten wie die besten deiner deutschen Mädchen hier, glaub mir.“
Farina unterdrückte eine Neigung, einige jener Kapriolen zu vollführen, die heftige Freude auslöst, und nachdem er weg- und zurückgeeilt war, beschloss er, sein Geheimnis dem Fremden zu offenbaren.
„Schau“, sagte er in einem Flüsterton, der die privaten Türen eines Vertrauens öffnet.
Aber der Fremde wiederholte dasselbe Wort noch eindringlicher und lenkte Farinas Augen auf ein Paar dunkler Gestalten, die sich unter dem Dom bewegten.
„Ein Lamm ist in Gefahr, wenn die Wölfe schleichen“, fügte er hinzu: „Es sind jetzt zwei Stunden bis Mitternacht. Ich bezweifle, dass unser Tagewerk beendet ist, bis wir den Schlag hören, Freund.“
„Welches Interesse haben Sie an den Leuten dieses Hauses, dass Sie so über sie wachen?“, fragte Farina.
Der Fremde erstickte ein Lachen in seinem Bart.
„Eine seltsame Frage, wahrlich. Nun, erstens mögen wir gut, wofür wir gute Arbeit geleistet haben. Das zählt für etwas. Zweitens habe ich in diesem Haus Brot gebrochen. Schreib das auf die Rechnung. Drittens; nun! Drittens, zähle alles zusammen, und die Summe ist zu deinen Diensten, junger Herr.“
Farina musterte ihn genau. Es gab keinen Fleck auf seinem Gesicht, in dem List lauern oder Misstrauen sich festbeißen konnte. Er ergriff die Hand des Fremden.
„Sie haben mich gerade Freund genannt. Machen Sie mich zu Ihrem Freund. Schauen Sie, ich wollte sagen: Ich liebe dieses Mädchen! Ich würde für sie sterben. Ich liebe sie schon lange. Diese Nacht hat sie mir ein Zeugnis gegeben, dass meine Liebe nicht vergeblich ist. Ich bin arm. Sie ist reich. Ich bin arm, sagte ich, und fühle mich reicher als der Kaiser mit diesem, das sie mir gegeben hat! Schau, es ist das, was unsere deutschen Mädchen in ihr Haar schieben, dieser silberne Pfeil!“
„Ein sehr hübsches Stück heidnischer Tracht!“, rief der Fremde.
„Dann wollte ich sagen – sagen Sie mir, Freund, einen Weg, um Ehre und Reichtum schnell zu gewinnen; ich kümmere mich nicht darum, bei welch seltenem Risiko. Nur für Reichtum oder hohe Baronage wird ihr Vater sie geben!“
Der Fremde summte in einer Pause kühlen Mitleids an seinem Schnurrbart, wie Ältere es annehmen, wenn junge Männer davon sprechen, die Welt für ihre Geliebten zu erobern: und in Wahrheit ist es eine Ruhe des Geistes, die wohl verdient ist!
„Die Dinge sehen hier zu Hause in Sachen des Mädchens so lebhaft aus, dass ich sagen würde, warte eine Weile und beobachte deine Chance. Aber du bist ein Junge mit Mumm: Ich diene in der Armee des Kaisers, unter meinem Herrn: Der Kaiser wird in drei Tagen hier sein. Wenn du dann diesen Willen hast, zweifle ich wenig, dass du gut unterkommen kannst: aber, schau noch einmal! da braut sich etwas Reifes zusammen. Wahrhaftig, du kannst deine Sporen vielleicht heute Nacht sogar gewinnen; wer weiß? – Beim Leben! Da schließt sich ein großer Kerl diesen beiden Schleichern an.“
„Können Sie in den finsteren Schatten sehen, Herr Knappe?“
„Ja! Dank eurer steirischen Kerker, wo ich eine einjährige Lehrzeit verbrachte:
„Ich lernte, die Ratten und Mäuse zu beobachten Beim Spiel, ohne ein einziges Kerzenende. Sie spielten so gut; sie sangen so schön; Sie nannten mich Kamerad; nannten mich Freund!“
So sagt die Ballade von der Gefangenschaft unseres rotbärtigen Königs. Alles Böse hat ein Gutes:
„Wenn unsere Zehen und Kinne oben sind, Giftpflanzen machen den süßesten Becher“
wie die alten Weiber uns murmeln, wenn wir krank sind. Heigho! Ich wünschte, ich wäre in der kleinen Insel wieder gut zu Hause, auch wenn das gerade ihr Willkommenslied an mich wäre, als Christ, der ich bin.“
„Sagen Sie mir Ihren Namen, Freund“, sagte Farina.
„Guy ist mein Name, junger Mann: Goshawk ist mein Titel. Guy der Habicht! So nannten sie mich in meinem fröhlichen Land. Die Kappe bleibt hängen, wenn sie nicht mehr passt. Damals führte ich den Pfeil und war auf meinem Feind, bevor er eine Feder krümmen konnte. Nun, wie wäre mein Spitzname?
„Eine Änderung so traurig, und eine Änderung so schlimm, Könnte sowohl Christen als auch Heiden zum Seufzen bringen: Änderung ist ein Fluch, denn alles ist zum Schlechteren: Das Alter schleicht heran, und die Jugend fliegt!“
und so weiter, mit dem alten Lied. Aber hier bin ich, und dort drüben ist ein Spiel, das gejagt werden will; also werden wir gerade anfangen, ein wenig an ihnen zu schnüffeln.“
Er überquerte die andere Seite der Straße, und Farina folgte aus dem Mondlicht. Die zwei Gestalten und die größere beobachteten sie offensichtlich; denn auch sie veränderten ihre Position und gingen hinter einem Winkel des Doms vorbei.
„Sagen Sie mir, wie sich die Straßen rund um den Dom kreuzen, Sie kennen die Stadt“, sagte der Fremde und hielt seine Hand hin.
Farina zeichnete mit seinem Finger eine grobe Karte der Straßen auf der Hand des Fremden.
„Gut! So markiert mein Herr immer das Schlachtfeld und lässt mich ihm die Posten des Feindes zeigen. Vorwärts, auf diesem Weg!“
Er wandte sich vom Dom ab, und beide glitten dicht unter den Dachvorsprüngen und den Vordergiebeln der Häuser dahin. Keiner sprach. Farina fühlte, dass er sich in den Händen eines geschickten Anführers befand, und bedauerte nur den Mangel an einer Waffe, um aus dem beabsichtigten Überraschungsmoment Kapital zu schlagen; denn er urteilte klar, dass dies Leute aus Werners Bande auf der Lauer waren. Sie wanden sich durch unzählige Kreuzungen enger Straßen mit unregelmäßig gebauten Häusern, die schief in Reih und Glied standen oder sich neigten, hier eine Hütte mit malerischem Gebälk, dort beinahe ein Herrenhaus mit vergoldeten Wappen, Konsolen und Verzierungen. Öllampen ohne Licht hingen in Abständen an den Ecken, nahe einem blassen Christus am Kruzifix. Über den Durchgängen hingen sie brennend. Die Durchgänge und Gassen waren zu düster und eng, als dass der Mond in seiner hellsten Glut hätte eindringen können; die Straßen hinab konnte ein schmaler Streifen weißen Lichts stehlen: „Alles in allem“, wie die guten Bürger von Köln erklärten, „genug für diese heidnischen Hunde und Söhne der Sünde, die unterwegs sind, wenn Gottes eigene gesegnete Lampe erloschen ist.“ Wenn also Mondschein herrschte, wurde der Schatzkammer von Köln die Ausgabe für Öl erspart, was die Tugendhaften zufriedenstellte.
Nach unaufhörlichem Hin- und Herlaufen, dem Lauschen auf Fußtritte und dem eigenen Entkommen einer Verfolgung, die ihre verdächtigen Bewegungen ausgelöst hatten, gelangten sie an den Rhein. Eine volle Flut von Mondlicht brannte auf dem ritterlichen Fluss in glitzernden Schuppen, Platten und Ringen, während er kopfüber dem Meer entgegenwälzte, unter Fels und Banner alter Ritterschaft und Raubgier hervor. Beide begrüßten den Anblick mit einem Ausbruch von Freude. Der graue Nebel der Niederungen auf der Südseite schimmerte erfreulich für ihre Augen, die aus diesem schläfrigen Gedränge und der Enge der Behausungen kamen; doch der feierliche Glanz des Flusses, der nicht verweilte, achtlos und leidenschaftlich in einer erhabenen Zwiesprache zwischen sich und dem Himmel zur großen Vermählung der Wasser dahinströmte, erschütterte Farinas verliebte Herz zutiefst. Der Jüngling konnte seine Tränen nicht zurückhalten, als hätte ihn ein Zauberstab berührt. Er bebte vor Liebe; und jene zarte Wonne, die uns die mädchenhafte Hoffnung zuerst wie einen silbernen Regen herabregnet, wenn sie die Gestalt einer jungen Schönheit angenommen und uns ihre schöne, flüchtige Hand versprochen hat, umfing ihn zärtlich.
Als sie in die Weiten des Mondlichts hinaustraten, hielt ein Jubelruf des Fremden Farina an.
„Siehst du? Dort auf dem Kai! Das ist genau der, der Größte von den dreien. Beim Himmel! Den werden wir kriegen.“
In einen langen Mantel gehüllt, mit niedriger, spitzer Kappe und Feder, stand die bezeichnete Person. Er schien über den Fluss des Wassers nachzudenken, sich feindlicher Anwesenheit nicht bewusst oder gänzlich ungeachtet dessen. Es lag eine Majestät in seiner Größe und Haltung, die das Vorgehen der beiden gegen ihn vorsichtiger und ehrfürchtiger machte, als ihr erster Impuls es geraten hatte. Sie konnten seine Gesichtszüge nicht erkennen, die hinter voluminösen Falten verborgen waren: alles bis auf ein Paar sehr seltsamer Augen, die, selbst als sie direkt nach unten starrten, mit unruhigem, feurigem Liquid geladen zu sein schienen.
Die beiden waren dicht hinter ihm: Guy der Habicht bereitete sich auf einen jener tödlichen Sprünge auf den Feind vor, die ihm seinen Namen eingebracht hatten. Er fragte Farina stumm, der die Bereitschaft nickte; doch im nächsten Augenblick entwich dem Jüngling ein Schrei der Qual:
„Verloren! Hin! Verloren! Wo ist er? Wo! Der Pfeil! Der silberne Pfeil! Meine Margarita!“
Ehe die Echos seiner Stimme in die Ferne verklungen waren, fanden sie sich allein auf dem Kai wieder.
DIE TALILIEN
„Er öffnete sich wie eine Fledermaus!“, sagte der Fremde.
„Sein Schatten war rot!“, sagte Farina.
„Er war weg wie ein Pfeil!“, sagte der Fremde.
„Oh! Pfand meiner jungen Liebe, wie konnte ich dich verlieren!“, rief der Jüngling, und seine Augen waren von Tränen getrübt.
Guy der Habicht schüttelte ernst seine braunen Locken.
„Bring mir einen Mann, und ich werde mich gegen ihn stellen, wer er auch sei, wie ein Mann; aber dieser Kerl hat einen üblen Geruch und fremdartige Sitten an sich, das hat er! Sein Auge kocht mir den ganzen Rücken hinunter und kribbelt in meinen Fingerspitzen. Jesu, rette uns!“
„Rette uns!“, wiederholte Farina mit dem Echo einer abgestorbenen Seele.
Sie bekreuzigten sich und reinigten den Ort mit heiligen Ausrufen.
„Ich habe ihn endlich gesehen; möge es das letzte Mal sein! Das ist mein Gebet, im Namen der Jungfrau und der Dreifaltigkeit“, sagte Guy. „Und nun lass uns unsere Schritte zurückverfolgen: vielleicht finden wir dieses Tand von dir wieder, aber ich bin für diese Nacht nicht mehr für sterbliche Arbeit geschaffen.“
Belastet von ihrer schwarzen Begegnung zogen die beiden wieder hinter den Dom. Farinas hungrige Blicke verschlangen jeden Fußabdruck ihres Weges. Wo der Mond keine Laterne für ihn hielt, ging er auf die Knie und tastete nach seinem verlorenen Schatz mit der eifrigen Geduld eines Geizhalses voll Qual, wobei er seine Hand langsam über den steinernen Bordstein und zwischen die Zwischenräume der dicht gesäten Feuersteine zog, wie ein scharf fühlender Wurm. Verzweiflung wurde schwer in seiner Brust. An jeder Biegung rief er irgendeinen guten neuen Heiligen an, um ihm zu helfen, und ging alle Sühneopfer durch, die seine Fantasie ihm eingeben und seine religiöse Gelehrsamkeit inspirieren konnte. Nach und nach erreichten sie das Ende der Straße, wo Margarita wohnte. Der Mond neigte sich dem Untergang zu und war blasser, als wäre er von einer Warnung der Morgendämmerung berührt. Kalte Seufzer vom offenen Land zogen durch die Räume der Stadt. Auf gewissen farbigen Giebeln und holzverkreuzten Fronten verweilte das weiße Licht; doch meist waren die Häuser in Dämmerung gehüllt, und Gottliebs Haus war im Zwielicht mit denen seiner Nachbarn verschwommen, ungeachtet seiner größeren Vornehmheit und der alten Pracht seines Fachwerkbaus. Sie beschlossen, dort wieder Stellung zu beziehen, und schritten weiter, Farina mit dem Kopf unter den Schultern und Guy mit der Nase in der Luft, als ob er sich in seinem Geruchssinn unwohl fühlte.
Auf dem Fensterbrett eines gut eingerichteten Domizils stand ein Blumentopf, eine grobe irdene Konstruktion in Form eines Flusskahns, worin einige Maiglöckchen wuchsen, die ihre weißen Glocken über die Seiten hängen ließen.
Der Habicht beäugte sie wehmütig.
„Ich muss an diesen gesegneten Blumen riechen, wenn ich gerettet werden will!“, und er stampfte mit seinem Stab Entschlossenheit auf den Boden.
Bewegt von diesem Ausruf, blickte Farina zu ihnen auf.
„Wie eine Schar von Jungfrauen sehen sie aus, die im Schiff des Lebens dahintreiben!“, sagte er.
Guy begutachtete neugierig Farina und den Blumentopf, zuckte mit den Schultern und stieg mit Hilfe seines Kameraden auf eine Ebene mit ihm, ergriff die Beute und stieg wieder hinab.
„Da“, rief er zwischen langen, luxuriösen Schnuppern, „das jagt ihn eher aus der Nase als alles andere, der Atem einer frischen, mädchenhaften Blume! Ich wurde bis jetzt vom Gestank der Verdammten gequält, der von unter mir aufstieg. Das ist der Weihrauch des Himmels selbst, glaube ich!“
Und Guy inhalierte die Blumen und sprach hübsch zu ihnen.
„Sie haben eine melancholische Süße, Freund“, sagte Farina. „Ich denke an flüsternde Feen, Elfen und Erlkönige, wenn ihr Duft mich durchdringt. Du nicht auch?“
„Nein, und ich hoffe es auch nicht, bis mein Verstand völlig dahin ist“, war die Antwort des Habichts. „Meiner Meinung nach ist es eine ehrliche Blume, und könnte ich dem jungen Mädchen, das sie dort hingestellt hat, einen guten Dienst erweisen, würde ich einen erwiesenen guten Dienst zurückgeben; denn wenn diese Blume heute Nacht nicht den Teufel in meiner Nase bekämpft und besiegt hat, dann ist mein Kopf eine Mispel!“
„Ich weiß kaum, ob ich als gläubiger Christ darauf hören sollte, Freund“, wandte Farina mild ein. „Lilien sind in der Tat Symbole der Heiligen; aber sie sind keine armen Blumen der Erde, da sie verklärt sind, unvergänglich leuchtend. Oh, Kreuz und Leiden! Mit welcher silbernen Heiterkeit umhüllt mich deine Herrlichkeit, wenn ich auf diese schönen Glocken blicke! Ich schaue auf das weiße Meer der Heiligen. Ich bin verliebt in fleischliche Qual und Märtyrertum. Alle Schönheit ist diejenige, die von blass lächelnden Gesichtern getragen wird, in denen die Hoffnung wie eine Krone auf dem Leid sitzt, und das bleiche Ebben des sterblichen Lebens ist die Dämmerung ewiger Freude. Farbloser Friede! Oh, meine Geliebte! So wandelst du für meine Seele bei Nacht auf dem weißen Meer, gekleidet in den geraden Fall deines makellosen jungfräulichen Leinens; die Lilie in deiner Hand tragend und deine Wange an sie lehnend, wo die menschliche Rose zu einer milchigen Blüte von Rot erweicht ist, die Vermählung des Himmels mit der Erde; über dir, mit dir ziehend, ein Kranz aus Saphirsternen, und die Einsamkeit der Reinheit ringsum!“
„Ah!“, seufzte der Habicht, während er seinen Blumentopf wiegte; „der Mond teilt Schläge aus, genau wie die Sonne. Beim Glauben, mondsüchtig und mädchensüchtig in einem! Er wird bald nach seinem Kopf fragen. Dieser Einschlag von Mönch und Minnesänger ist ein sicheres Zeichen. Das ist ihre Art zu lieben in diesem Land: sie werden alle verrückt, sofort. Ich habe nie solche Reden gehört.“
Guy begleitete diese Bemerkungen mit einem mitleidigen Blick auf seinen Gefährten.
„Komm, Herr Liebhaber! Hilf mir, das, was wir uns ausgeliehen haben, seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Beim Blut! Ich verspüre Appetit. Diese Nachtluft nimmt mich im Wind wie ein Rammbock. Ich dachte, ich hätte mir einen soliden Vorrat von vierundzwanzig Stunden an westfälischer Wurst an Meister Groschens Abendbrottisch angefressen. Gutes Zeug, heruntergespült mit vorzüglichem Rheinwein; nennen Sie Ihren Liebfrauenmilch nach meinem Geschmack; obwohl ich, als ich ihn zum ersten Mal probierte, wie ein Bajazzo grimassierte und in meinen Gebeten an Roastbeef und Glo’ster-Ale dachte.“
Der Habicht war gerade dabei, den Topf mit den Maiglöckchen wieder an seinen Platz zu stellen, als ein Schlag von einem kurzen Knüppel, geschickt geworfen, ihn am Nacken traf und zu Boden brachte. Mit ihm fielen die Lilien. Er starrte nach rechts und links und ergriff den zerbrochenen Blumentopf als Wurfgeschoss zur Vergeltung; aber kein Feind war in Sicht, um seine Treffsicherheit zu prüfen.
Die tief gewölbten Türöffnungen zeigten ihre leeren Nischen, die Fenster schliefen.
„Hat mich dieser Jüngling hintergangen?“, dachte der geschlagene Knappe, als er sich ruhig auf seinen Arm stützte. Farina war nirgends in der Nähe.
Guy war schnell beruhigt.
„Bei meiner Treue, nun! Das ist eine feine Sache! Und ein feiner Kerl! Und ein flinker Fuß! Dieser Junge wird es weit bringen! Er wird eines Tages ein Knappe sein. Sieh ihn dir an. Beim Magen von a’Becket! Das ist ein Anblick! Ich würde lieber das sehen, als Meister Groschens Abendbrottisch, der wieder unter Wurst ächzt und einen Fluss von Rüdesheimer führt! Balgt euch nur! Ich werde eine Hand leihen, wenn es die Gelegenheit erfordert; aber die Ehre sollst du haben, Junge, wenn du sie dir verdienen kannst.“
Dieses Anfeuern des Hundes wurde durch eine Verfolgungsjagd die Straße hinauf ausgelöst, bei der der Habicht beobachtete, wie Farina einen stämmigen Flüchtling verfolgte und einfing, der sich mit all seiner Kraft weigerte, zurückgebracht zu werden, und bei jedem zweiten oder dritten seiner Zehenspitzenschritte versuchte, sich gegen den Schwung zu wehren, den Farina an seinem Nacken und an seiner Kleidung bekommen hatte.
„Wer hätte gedacht, dass der Junge so drahtig und temperamentvoll ist, mit seinem weichen Gesicht, den blauen Augen und den schlaffen Locken? Aber eine grüne Wiese hat mehr in sich als mancher schwarze Berg. Heil dir, und gut gemacht! Wenn ich dich zum Ritter schlagen könnte, würde ich es tun: glaub mir!“, und er schüttelte Farina die Hand.
Farina trat bescheiden beiseite und erlaubte dem Habicht, seinem Gefangenen gegenüberzutreten.
„Also, Herr Scheu-im-Dunkeln! Galanter Stich-im-Rücken! Knappe Knüppel und Ritter des edlen Ordens der Quecksilberbeine! Nimm einfach deine Stellung in der Entfernung ein, in der du von mir warst, als du dieses Instrument auf meinen Kopf abgefeuert hast. Bei unserer Lieben Frau! Ich schmerze einen Kratzer, um dich in gleicher Münze zu bezahlen, und es ist ein Glück für dich, dass die Münze klein ist, oder du könntest auf das Gleiche rechnen, glaub mir. Nun, zurück!“
Der Habicht stieß mit dem Knüppel aus, aber der Gefangene zeigte kein Zögern, nachzugeben, und wich etwa fünfzehn Schritt zurück.
„Ich nehme an, er errät, dass ich den dummen Trick noch nie zuvor gemacht habe“, sinnierte Guy, „sonst wäre er nicht so scharf.“ Da er bemerkte, dass Farina sich ebenfalls zur Deckung in eine Linie zurückgezogen hatte, bedeutete Guy ihm, mehr nach rechts auszuweichen, und brüllte: „Egal warum!“
„Nun“, dachte Guy, „wenn ich sicher wäre, ihn zu treffen, würde ich den Redeteil zuerst erledigen; aber da ich das nicht bin – Knüppelschmeißen ist nirgendwo ein ehrenwerter Beruf –, werde ich mir das aufsparen. Der Schurke schrickt nicht zurück. Wir werden sehen, wie lange er standhält.“
Der Habicht machte sein Handgelenk frei, fixierte sein Auge und schwang den Knüppel nachdenklich an einem Ende hin und her. Dann schleuderte er einen gewaltigen Schlag von der Schulter, ruhig, und sah zu, wie er den Gefangenen zu Boden streckte, wie einen Ochsen unter dem Hammer.
„Ein Treffer!“, sagte er und strich sein Handgelenk glatt.
Farina kniete bei dem Körper und hob den Kopf an seine Brust. „Berthold! Berthold!“, rief er; „kein weiteres Leid soll dir zustoßen, Mann! Sprich!“
„Du kennst den Tunichtgut?“, sagte Guy, der herbeischlendert war.
„Es ist Berthold Schmidt, Sohn des alten Schmidt, des großen Goldschmieds von Köln.“
„St. Dunstan war diesmal nicht an seinem Ellbogen!“
„Ein Rivale von mir“, flüsterte Farina.
„Oho!“, und der Habicht stieß ein leises Zischen an seiner Zungenspitze aus. „Nun! Wie ich gesagt hätte, wenn seine Ohren offen gewesen wären: Die Gerechtigkeit hat den Schlag geführt; und einen sanften. Das kommt davon, wenn man einen flüchtigen Schuss abgibt und nicht aufrecht steht. Und das scheint alles zu sein, was man dazu sagen kann. Wo wohnt er?“
Farina zeigte auf das Haus der Lilien.
„Verflucht! Der Hund hat etwas Recht auf seiner Seite. Hui! Dort drüben wohnt er? Er hielt uns für ein paar nächtliche Herumtreiber. Warum nicht aufrichtig herkommen und nach meinem Geschäft fragen?
Eine Blume zu riechen ist keinen Genickbruch wert, noch verdient die Verteidigung deines Anwesens ganz ein Loch im Kopf. Nun, mein Junge, du siehst, was dabei herauskommt, wenn man mit Schlag-und-Lauf-Streichen zu tun hat; und lass dies eine Warnung für dich sein.“
Sie nahmen den Körper bei Kopf und Füßen und legten ihn vor die Tür seines Vaterhauses. Hier kam die Farbe in seine Wangen zurück, und sie wischten die Blutstreifen ab, die ihn befleckten. Guy bewies, dass er zärtlich zu einem gefallenen Feind sein konnte, und Farina zu einem vom Schicksal verfolgten Rivalen. Es war ein Wettstreit, wer die besten Heilmittel oder die bequemsten Stellungen vorschlagen konnte. Einer lieh ein Taschentuch und pflegte ihn; ein anderer lief zum Stadtbrunnen und holte ihm Wasser. Inzwischen war der Mond untergegangen, und der Morgen, grau und strahlenlos, blickte mit stetigerem Auge auf die Hausgiebel und die Straßen hinab. Beide erblickten nun eine Gruppe von Männern, weit unten, vor Gottliebs Haus, die in einer gewissen Ordnung aufgestellt waren. All ihre Barmherzigkeit verließ sie auf einmal.
„Bemächtige dich des Knüppels“, sagte Guy: „Du siehst, er kann Schaden anrichten. Noch mehr Arbeit vor dem Frühstück, und ich muss meiner Wirtin von den Drei Heiligen Königen einen feinen Bericht über mich ablegen!“
Farina erlangte das zerstörerische kleine Instrument zurück.
„Ich bin bereit“, sagte er. „Aber hör! Da ist wenig Arbeit für uns, wie mir scheint. Das sind Kölner Jungs, keine Grunzlaute aus der Wildnis. Es ist der Weiß-Rosen-Club. Immer zu spät für den Dienst.“
Stimmen, die ein Jagdlied sangen, das in jener Zeit beliebt war, schwollen in der klaren Morgenluft an; und nach und nach wurden die Worte deutlich.
Der Kaiser ging auf die Jagd, Auf die Jagd, tra-ra: Mit seinem Signalhorn am frühen Morgen, Trampelte der Kaiser Knospe und Dorn: Tra-ra!
Und der Tau schüttelt sich grün, wenn die Reiter sich aufbäumen, Und tausend Federn flattern vor Angst; Und ein Stich fährt schnell ins Herz des Wildes; Denn der Kaiser ist auf der Jagd, Tra-ra! Ta, ta, ta, ta, Tra-ra, tra-ra, Ta-ta, tra-ra, tra-ra!
Der Besitzer des Knüppels erwachte bei diesen belebenden Tönen und stieß ein schwaches, antwortendes „Tra-ra!“ aus.
„Hör wieder!“, sagte Farina als Antwort auf das Lob des Habichts, dessen Gesicht sich bei der Harmonie überzog.
Der wilde Eber lag grunzend, Grunzend, tra-ra! Und, bumm! kommt der Kaiser, um mich zu jagen? Oder, quiek! das kleine Vöglein, das auf dem Baum hüpft? Tra-ra! O Vöglein, und Eber, und Wild, liegt zahm! Denn ein Mädchen in Blüte, oder eine voll erblühte Dame, Sind die zierlichste Beute, und das windigste Wild, Wenn Kaiser auf die Jagd gehen, Tra-ra! Ha, ha, ha, ha, Tra-ra, tra-ra, Ha-ha, tra-ra, tra-ra!
Die Stimmen verweilten lange auf der letzten Note und ließen sie in einer Waldkadenz sterben.
„Bei Gott! Gut gemacht. Hurra! Tra-ra, ha-ha, tra-ra! Das ist ein Trick, zu dem wir zu Hause nicht halb so lebendig sind“, sagte Guy. „Ich fühle mich diesen deutschen Jungs freundschaftlich verbunden.“
Die Einstellung des Habichts gegenüber deutschen Jungs wurde in diesem Moment hart auf die Probe gestellt durch einen kräftigen Schlag auf die Schulter von einem Ende deutscher Eiche und die Ausrufung, dass er Gefangener der Hand sei, die den Gruß gab, im Namen des Weiß-Rosen-Clubs. Daraufhin wurde ihm sein Stab von einem Dutzend stämmiger junger Burschen entrissen, die ihm keine Zeit ließen, seine berühmte Distanz zur Verteidigung gegen eine Übermacht zu gewinnen; und er und Farina wurden unverzüglich zu der chorisch singenden Gruppe vor Gottlieb Groschens Haus marschiert.
DIE SCHREIBEN
Von allen Bewohnern hatte Gottlieb am meisten mit dem Tag auf den Augenlidern geschlafen, denn Werner hing wie ein Albtraum über ihm. Margarita lag und träumte in Rosarot, und wenn sie auf ihrem seidengepolsterten Sofa wie eine straff gespannte Harfe bebte und sich schläfrig in kleinen Sprüngen und Zuckungen hin und her wälzte, dann deshalb, weil ein Vogel in ihrem Busen lag, der die ganze Nacht keuchte und sang, und der nicht zu stillen war, sondern musikalisch die süßesten geheimen Gedanken eines liebesverzauberten Mädchens äußern wollte. Farinas Hingabe kannte sie; seine Zärtlichkeit erriet sie; seinen Mut hatte sie an jenem Tag bezeugt. Das junge Mädchen, sobald sie fühlte, dass sie würdig lieben konnte, liebte sie mit ihrer ganzen Kraft. Gedämpft und fern kam das Jagdlied unter ihrem Kopfkissen hervor und erweckte verträumte, zarte Kurven in ihrem schönen Gesicht, als es ihren Traum dünner werden ließ, aber nicht verbannte. Tante Lisbeth hörte das Lied ebenfalls und stürzte aus ihrem Bett, um sicherzugehen, dass Tür und Fenster gegen den ausschweifenden Kaiser gesichert waren. Trotz ihrer Prüfungen hatte sie ihr Maß an Schlaf bekommen; aber da sie von einem mystischen mädchenhaften Glauben besessen war, dass in Fällen drohender Gefahr durch Männer das Bett ein Fels der Zuflucht und befestigte Verteidigung sei, kroch sie dorthin zurück und ließ die Sonne ohne sie aufgehen. Gottliebs Stimme konnte sie nicht zu den häuslichen Pflichten wecken, die sie mit solch trübseligem Gesicht zu verrichten liebte. Sie hörte ihn sein Fenster öffnen und mit den Musikern unten in zornigem Ton parlieren.
„Lockvögel!“, murmelte Tante Lisbeth; „sei du wachsam gegen sie, Gottlieb!“
Er ging nach unten und öffnete die Straßentür, woraufhin das Schelten und Schimpfen von Neuem begann.
„Du hast ihnen den Vorteil gegeben, Gottlieb, Bruder mein“, klagte sie; „und der gute Himmel kann nur sagen, was aus solcher Unbedachtheit entstehen mag.“
Eine Stille, brennbar vor dem Schlurfen von Füßen im Flur und auf der Treppe, dröhnte Entsetzen in Tante Lisbeths Kopf.
„Das war genau das Geräusch im linken Flügel von Hollenbogenblitz“, sagte sie: „nur war es damals Nacht und nicht Morgen. Ursula bewahre mich!“
„Warum, Lisbeth! Lisbeth!“, rief Gottlieb von unten. „Komm herunter! Es ist schon fünf Uhr morgens. Hier ist Besuch; und was sollen wir ohne die Frau tun?“
„Ach, Gottlieb! Das ist wie die Männer! Sie bedenken nicht, wie anders es für uns ist!“ – welcher geheimnisvolle Satz, der nur für sich selbst ausgesprochen wurde, eine Bedeutung genoss, die ihm anderswo versagt geblieben wäre.
Tante Lisbeth kleidete sich an und traf Margarita, die herabstieg. Sie tauschten den Morgengruß von jungem Mädchen und alter Frau.
„Geh du voran“, sagte Tante Lisbeth.
Margarita trieb fröhlich voran.
„Mädchen!“, rief Tante Lisbeth, „was ist das für ein Ding in deinem Hinterkopf?“
„Ich habe mir Lieschens Pfeil geliehen, Tante. Meiner hatte einen Unfall.“
„Lieschens Pfeil! Ein Unfall! Nun, darum werde ich mich nach dem Frühstück kümmern, Margarita.“
„Tra-ra, ta-ta, tra-ra, tra-ra“, sang Margarita.
„Der wilde Eber lag grunzend, Grunzend, tra-ra.“
„Ein wahrer und angemessener Schmuck eines Mädchens! Sieh dir meinen an, Kind! Ich trage ihn seit fünfzig Jahren. Möge ich ihn tragen dürfen, bis ich gerufen werde! O Margarita! Spiele nicht mit diesem Symbol.“
„„O Vöglein, und Eber, und Wild, liegt zahm!“
Ich bin so glücklich, Tante.“
„Schöne Zeiten, um glücklich zu sein, Margarita.“
„„Sei glücklich im Frühling, ihr süßen Mädchen alle, Denn des Herbstes Kälte wird früh fallen.““
So singt der Minnesänger, Tante; und
„„Ein Mädchen im winterlichen Blatt Wird ihre eigene Krankheit des Kummers verbreiten.““
Ich liebe die Minnesänger! Liebe, süßmanierierte Männer sind sie! Solche Liebhaber! Und Männer der Taten ebenso wie des Gesangs: Schwert auf der einen Seite und Harfe auf der anderen. Sie kämpfen bis zum Sonnenuntergang und lockern dann ihre Rüstung, um ihrer Geliebten bei Mondschein eine Ballade zuzuwehen, bedeckt mit Flecken der Schlacht, wie sie sind, und müde!“
„Was für ein Mädchen! Minnesänger! Ja; ich kenne Geschichten von diesen Minnesängern. Sie kamen zum Schloss – Margarita, eine Perle deines Kreuzes ist zerbrochen. Ich werde mich darum kümmern. Trage das Perlkreuz, bis ich dieses repariere. Mögest du nie in den Weg von Minnesängern geraten. Sie sind nicht wie Werners Truppe. Sie hämmern nicht an Türen: sie gleiten wie Schlangen ins Haus.“
„Lisbeth! Lisbeth!“, hörten sie Gottlieb ungeduldig rufen.
„Wir kommen, Gottlieb!“ und Margarita hörte sie leise murmeln: „Möge dieser Tag ohne Sorgen und Schande für die Frommen und Keuschen vorübergehen.“
Margarita kannte die Stimme des Fremden, bevor sie die Tür geöffnet hatte, und als sie vor ihn trat, empfing der Held sie mit einem behütenden Gruß.
„Man sieht“, sagte er, „dass es besserer Männer als jener von Werner bedarf, um die Rose von diesen Wangen zu vertreiben.“
Gottlieb drückte die rosige Wange an seine Schulter und tätschelte sie.
„Was meinst du, Grete? Du hast nun vierzig der besten Burschen in Köln eingeschrieben, um dich zu beschützen und Tag und Nacht über das Haus zu wachen. Da! Was könnte eine Pfalzgräfin sich noch wünschen? Und freiwilliger Dienst; alles soll mit einem Lächeln bezahlt werden, das meine Herrin ihnen sicher nicht verwehren wird. Lisbeth, du kennst unseren Freund. Fürchte ihn nicht, gute Lisbeth, und gib uns Frühstück. Nun, süßes Kind, dir werden königliche Ehren zuteil. Ich wette, sie haben schon gute Arbeit geleistet, indem sie diesen untätigen, verträumten Vagabunden, Farina, eingesperrt haben –“
„Ihn? Wofür, mein Vater? Wie konnten sie es wagen! Was hat er getan?“
„Oh, erschrick nicht, mein Feenmädchen! Eine Kleinigkeit von Zerbrechlichem, Kleine! Er versuchte, in Cunigonde Schmidts Kammer einzudringen, und stieß ihren Topf mit Lilien um: weshalb Berthold Schmidt ihn niederschlug, und unser Freund hier, aus reiner Kameradschaft, Berthold niederschlug. Wie dem auch sei, der Haupttäter ist von deiner treuen Wache ins Gefängnis abgeführt worden, dort mag er sich abkühlen. Berthold soll dir die Geschichte selbst erzählen: Er wird zum Frühstück hier sein und deine Befehle entgegennehmen, Frau Oberbefehlshaberin.“
Der Habicht hatte ein Auge auf Margarita geworfen. Ihre Zähne bissen fest auf ihre Unterlippe, und ihre ganze Gestalt wirkte seltsam unbeholfen, so gespalten war sie vor Zorn.
„Als Zeuge des Vorfalls glaube ich, eine klarere Aussage machen zu können, holde Maid“, warf er ein. „Erstens bin ich der Übeltäter. Wir gingen unter dem Fenster des Fräuleins Schmidt vorbei, und ich war es, der hinaufstieg, um die Lilien zu grüßen. Ein Trieb davon steckt in meinem Helm, und hier gestatte man mir, sie einer würdigeren Besitzerin zu überreichen.“
Er bot die Blumen mit einem Lächeln an, und Margarita nahm sie entgegen, strahlend vor Dankbarkeit.
„Unser Freund Berthold“, fuhr er fort, „hielt es für angebracht, mir hinterrücks einen Schlag zu versetzen, und rannte dann zu seinen Kameraden. Er wurde gefasst, und zwar von meinem tapferen jungen Helden, Farina; bezüglich dessen Charakter ich bedauere, dass dein verehrter Vater und ich verschiedener Meinung sind: denn bei der Treue eines Soldaten und ehrlichen Mannes, er ist der Beste unter den feinen Kerlen, die ich bisher in Deutschland getroffen habe, glaub mir. Um die Geschichte kurz zu machen: Ich habe an Berthold für seine Hinterlist Vollstreckung geübt. Er scheint eine Art Hauptmann eines der Trupps zu sein und ist Farina nicht wohlgesonnen; denn die Version des Vorfalls, die du von deinem Vater gehört hast, ist eine kleine Erfindung von Meister Berthold selbst. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schien er ebenso willens, mich unter den kalten Stein zu bringen; aber ein Wort deines guten Vaters änderte den Lauf der Dinge; und da ich dachte, ich könne unserem Freund in Freiheit besser dienen als hinter Gittern, nahm ich die Freiheit an. Pustekuchen! Ich hätte sie ohnehin angenommen, um die Wahrheit zu sagen, denn eure deutschen Verliese sind tödlich fröstelnde, rattige Orte. Also zähle mich nicht als Helden, holde Herrin Margarita, obwohl die Versuchung, in solch süßen Augen als ein solcher zu erscheinen, mich beinahe in die Irre geführt hätte. Und nun, was unser Geschäft in den Straßen zu dieser Stunde betrifft, glaube das Beste von uns.“
„Das werde ich! Das tue ich!“, sagte Margarita.
„Lisbeth! Lisbeth!“, rief Gottlieb. „Frühstück, Schwesterchen! Unser Vorkämpfer verhungert. Er verlangt nach Wurst, Milchbrot, Wein und all deinen seltensten Konfitüren. Eile also, denn die Ehre Kölns steht auf dem Spiel.“
Tante Lisbeth ließ ihre Schlüssel klimpern, und bald lockte dieser Zusammenklang eine Anzahl von Bediensteten mit Platten voll Schweinefleisch, Brötchen aus weißem Weizenbrot, der allgegenwärtigen Wurst, Milch, Wein, Gerstenbrot und Vorräten an Delikatessen im Überfluss herbei, alles funkelnd auf Silber, unterstrichen durch makellos weiße Tischwäsche. Gottlieb erblickte ein so sonniges Blitzen im Gesicht des Habichts bei diesem gastlichen Anblick, dass er das Zeichen zum Angriff gab, ohne auf Berthold zu warten, und sein Gast sofort zulangte und seine Anstrengungen eine volle halbe Stunde lang nach der Kathedralenuhr nicht nachließ, wobei er das Bier mit einem schiefen Blick voll Verachtung und Reue mied und einen wohlgefüllten Gesundheitstrunk in Rheinwein auf alle ausbrachte. Margarita war nachdenklich: Tante Lisbeth auf der Hut. Gottlieb erinnerte sich an Karls des Großen Rat an Erzbischof Turpin und tat sein Bestes, auf Erden einer ihrer herrschenden Gebieter zu bleiben.
„Armer Berthold!“, sagte er. „Es ist ein guter Junge und verdient es, öfter an meinem Tisch zu sitzen. Ich nehme an, die Blumentopf-Angelegenheit hat ihn aufgehalten. Wir wollen auf ihn trinken: nicht wahr, Grete?“
„Trinken Sie auf ihn, lieber Vater! – aber hier ist er, um Ihnen persönlich zu danken.“
Margarita empfand einen Stich Mitleid, als Berthold eintrat. Die bläulichen Flecken seines blauen Flecks vertieften sich um seine Augen und verliehen ihnen ein böses Leuchten, wann immer sie fest fixiert wurden; aber sie wirkten aufrichtig und sprachen von einem Kampf, in dem er sagen konnte, dass er sich als kein Feigling erwies und mit einiger Grausamkeit behandelt wurde. Sie wandte dem Habicht einen stummen Vorwurf zu; lächelte jedoch und liebte ihn sehr, als sie sah, wie er Berthold eine Hand des Willkommens entgegenstreckte und ihm ein brüderliches Glas anbot. Der Sohn des reichen Goldschmieds war damit beschäftigt, das Horoskop seines Glücks in Margaritas Augen zu studieren; aber als Margarita seine Aufmerksamkeit auf Guy lenkte, wandte er sich ihm mit einem Blick des Erstaunens zu, der einem herzlichen Gruß wich.
„Gut gemacht, Berthold, mein tapferer Junge! Alle sind Freunde, die am Tisch sitzen“, sagte Gottlieb. „Jedenfalls an meinem Tisch:
„Ein wackerer Feind, Der den Schlag verzeiht, Der ihm voll und ehrlich galt“,
sagt das Lied; und das Sprichwort nimmt es auf mit: „Ein großmütiger Feind ist ein Freund auf der falschen Seite“; und niemand ist daran schuld, außer der alten Frau Fortuna. Also nun einen Umtrunk auf diese joviale Versöhnung zwischen euch. Lisbeth! Du musst mit trinken.“
Die kleine Frau verneigte sich in melancholischem Gehorsam.
„Warum bist du geflohen und weggelaufen?“, flüsterte Guy Berthold zu.
„Weil ihr zwei gegen einen wart.“
„Zwei gegen einen, Mann! Nun, gibt es in diesem Land von euch kein solches Ding wie Fairplay? Hast du geglaubt, ich hätte das ausgenutzt?“
„Woher sollte ich wissen, wer du bist oder was du tun würdest?“, murmelte Berthold etwas mürrisch.
„Wahrlich nicht, Freund! Also ranntest du los, um dich zu zwanzig gegen zwei zu machen? Aber sei deshalb nicht niedergeschlagen. Ich wollte sagen, dass ich dich zwar aufrichtige Art behandelte, es vielleicht ein wenig streng war, in Anbetracht deiner Jugend: aber ein Beispiel ist alles; und ich muss dich im Vertrauen wissen lassen, dass ich in meinem Leben noch nie einen Lumpen-Knüppel geworfen habe; also, siehst du, ich habe dir alle Chancen gelassen.“
Berthold bewegte seine Lippen zur Antwort; aber der Gedanke an die Gestalt der Niederlage, die er vor Margarita abgab, ließ ihn die Chancen, die zugunsten seiner gestanden hatten, ungünstig einschätzen.
Die Gesundheit wurde getrunken. Tante Lisbeth berührte das rauchig-gelbe Glas mit einer zierlichen Lippe und winkte Margarita, sich zurückzuziehen.
„Der Wandteppich, Kind!“, sagte sie. „Gefährliche Dinge werden nach dem dritten Glas ausgesprochen, das weiß ich, Margarita.“
„Nennst du meinen Vorkämpfer gutaussehend, Tante?“
„Ich wollte gerade mit dir über ihn sprechen, Margarita. Wenn ich mich recht erinnere, hat er raue, gute Gesichtszüge, soweit sie reichen. Ja: aber du, Maid, denkst du an ihn? Ich habe ihn dreimal zwinkern sehen; und das ist, wie wir wissen, eine Angewohnheit derer, die sich verkauft haben. Und was hat die gebrechliche Frauenwelt von einem solch stämmigen Tier zu erwarten?“
„Und oh! sein Harnisch zu schnüren, Und ihn ins Feld zu senden; Ihm zuzutrinken mit dem Kuss, Dem Ritter, der nicht weicht!
Ich bin sicher, er ist zärtlich, Tante. Bemerkst du, wie sanft er hin und wieder aussieht.“
„Du Mädchen! Ja, ich glaube, sie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Zärtlich und sanft! Das ist der Bär auch, wenn du außerhalb seines Baus bist; aber betritt ihn, Maid, und versuche es! Du gute Ursula, bewahre mich vor solch einem Schicksal.“
„Fürchte dich nicht, liebe Tante! Habe keine Angst davor! Außerdem sind es nicht immer die Männer, die schlecht sind. Du darfst Dalila nicht vergessen, und Lots Weib, und Pfalzgräfin Jutta, und die Baronin, die um ein Stück des armen Kraut bat. Aber lass uns arbeiten, lass uns arbeiten!“
Margarita setzte sich vor Siegfried und betrachtete den Helden. Zum ersten Mal bemerkte sie eine Ähnlichkeit in seinen Gesichtszügen mit Farina: dasselbe lange gelbe Haar, das über seine Schultern verstreut war, wie das, das unter Siegfrieds Helm hervorfloss; die blauen Augen, die quadratischen Brauen und die regelmäßigen Konturen. „Das ist ein Wunder“, dachte Margarita. „Und Farina! Es war, um über mich zu wachen, dass er letzte Nacht durch die Straße streifte, mein Liebster! Ist er nicht schön?“ und sie sah Siegfried genauer an.
Tante Lisbeth hatte mit dem Drachen nach ihrer üblichen Methode begonnen und wanderte bald durch skelettartige Hallen der alten Schlossresidenz in Böhmen. Die wollige Zunge des Monsters flößte ihr neue Schrecken ein, und wenn Margarita zugehört hätte, hätte sie gute Ausreden gehabt, den Zustand ihres Liebhabers zu vergessen; aber ihre Stimme verrichtete nur Dienst wie ein Uhrwerk, und ihr Geist war im Gefängnis bei Farina. Sie überlegte lange, wie sie seine Freilassung erwirken könne; und sann so tief nach und rief in so vielen Ausbrüchen von Ungeduld aus, dass Tante Lisbeth ihr Herz für das Mädchen schmelzen fühlte. „Nun“, sagte sie, „das ist eine wohlbekannte Geschichte über die Kurfürstin-Witwe von Bayern, als sie zu Besuch auf das Schloss kam; und, mein liebes Kind, lass es eine Warnung sein. Schrecklich, auch!“ und die kleine Frau schauderte angenehm. „Sie hatte – ich kann dir das sagen, Margarita – ja, sie war ihrem angetrauten Ehemann untreu gewesen. – Du verstehst, Maid; oder, nein! Du verstehst nicht: Ich verstehe es nur teilweise, wohlgemerkt. Untreu, sage ich –“
„Untreu – nicht wahr: fahr fort, liebe Tante“, sagte Margarita und schnappte das Wort auf.
„Ich glaube, sie weiß so viel wie ich!“, stieß Tante Lisbeth hervor; „so sind Mädchen heutzutage. Als ich jung war – oh! dass ein Mädchen damals irgendetwas wusste – oh! das war allgemeine Verwerfung. Niemand dachte daran, es zuzugeben. Wir erröteten und senkten die Augen bei dem bloßen Gedanken. Nun, die Kurfürstin! Sie war – du musst raten. Also verlangte sie um elf Uhr nachts nach ihrem Aufwärmgetränk. Was glaubst du, was das war? Nun, es war Geist darin: um nicht von Muskat, Zitrone und Pfirsichkernen zu sprechen. Sie wollte, dass ich bei ihr sitze, aber ich bat meine Herrin, mich von der unartigen Frau fernzuhalten: und keine Freundin der Hilda von Bayern war Bertha von Böhmen, das kannst du mir glauben. Oh! die Dinge, die sie redete, während sie ihr Aufwärmgetränk trank.
Isentrude saß bei ihr und sagte, es sei fürchterlich! – jenseits von Gotteslästerung! und dass sie wie eine Bibelhexe aussah, die da saß, trank und fluchte und starrte in ihren Nachtkleidern und ihrer Nachthaube. Sie war auf einer Reise nach Ungarn und beanspruchte die Gastfreundschaft des Schlosses auf ihrem Weg dorthin. Beide waren Witwen. Nun, es war Viertel vor zwölf. Die Kurfürstin fiel auf ihr Kissen zurück, wie sie es immer tat, wenn sie das Getränk ausgetrunken hatte. Isentrude deckte sie zu, häufte Holz auf das Feuer, wickelte ihren Morgenmantel um sich und bereitete sich auf den Schlaf vor. Es war Winter, und der Wind heulte an den Türen, ratterte an den Fenstern und schüttelte die Wandteppiche – Herr steh uns bei! Draußen war alles Schnee und nichts als Wald; wie du sahst, als du zu mir dorthin kamst, Gretelchen. Zwölf schlug es. Isentrude döste; aber sie sagt, dass sie nach dem letzten Schlag vor Kälte erwachte. Eine neblige Kühle hing im Raum. Sie sah zur Kurfürstin, die sich nicht bewegt hatte. Das Feuer brannte schwach und schien schwer belastet zu sein: Herr Je! – sie glaubte, ein Geräusch zu hören. Nein. Ganz still! Wie der Himmel sie bewahre, sagt sie, der Geruch in diesem Raum wurde wie ein offenes Grab, klamm verwest. Heilige Jungfrau! Diesmal war sie sicher, ein Geräusch zu hören; aber es schien von beiden Seiten von ihr zu kommen. Da war die große Tür, die zum ersten Treppenabsatz und zum Prunkraum führte; und genau gegenüber war die Vertäfelung des Geheimgangs. Die Geräusche schienen näher zu kommen, als ob Schritt für Schritt, und wurden in jedem Ohr lauter, als sie entsetzt auf dem Marmor des Kamins stand. Sie sah wieder zur Kurfürstin, und deren Augen waren weit offen; aber trotz Isentrudes Rufen wollte sie nicht erwachen. Denk nur! Nun nahm das Geräusch zu und war ein regelmäßiges Stampf-Geknirsch, Stampf-Schraub-Geräusch – das näher und näher kam: Heilige Barmherzigkeit! Die Wohnung war erstickt von Dämpfen. Isentrude machte einen Satz und hüllte sich hinter einen Vorhang des Bettes, gerade als sich die zwei Türen öffneten. Sie konnte durch einen Schlitz im Gewebe sehen und blinzelte mit den Augen, die sie beim Hören des Schreis der Türscharniere fest geschlossen hatte – blinzelte mit den Augen, um einen Blick für einen Moment zu erhaschen – wir sind solch sündige, neugierige Geschöpfe! – Was sie dann sah, sagt sie, werde sie niemals vergessen; noch ich! So wahr sie eine lebende Frau war, da sah sie die zwei toten Prinzen, den Pfalzgrafen von Böhmen und den Kurfürsten von Bayern, Stirn an Stirn am Fußende des Bettes stehen, alle in weißer Rüstung, mit gezogenen Schwertern, und Diener, die Fackeln hielten. Keiner von ihnen sprach. Ihre Visiere waren unten; aber sie kannte sie an ihren Waffen und ihrem Gebaren: beide hochgewachsene, stattliche Erscheinungen, gute Ritter zu ihrer Zeit, und hatten gegen die Ungläubigen gekämpft! Also zeigte einer von ihnen auf das Bett, dann wurde eine Fackel gesenkt, und der Kampf begann. Isentrude sah die Funken fliegen, und der Stahl schlug, bis er zersplittert war; aber sie kämpften weiter, kümmerten sich nicht um Wunden und schnaubten vor Wut, während sie immer heißer wurden. Sie kämpften eine ganze Stunde lang. Das arme Mädchen war so gefressen von dem Anblick, dass sie den Vorhang losließ und völlig ungeschützt inmitten von ihnen stand. Also, um sich zu stützen, ruhte sie ihre Hand auf der Bettkante; und – denk dir, was sie fühlte – eine Hand so kalt wie Eis verschlang ihre, und loslassen konnte sie sie nicht! In diesem Augenblick fiel einer der Prinzen. Es war Böhmen. Bayern steckte sein Schwert in die Scheide und winkte mit der Hand, und die Diener hoben den geschlachteten Geist auf, Füße und Schultern, und trugen ihn zur Tür des Geheimgangs, während Bayern hinterher schritt –“
„Schändlich!“, rief Margarita aus. „Ich werde mit Berthold sprechen, wenn er herunterkommt. Ich höre ihn kommen. Er soll tun, was ich wünsche.“
„Nenne es schrecklich, Grete! Schrecklich war es. Wenn Berthold sitzen und zuhören möchte – Ah! sie ist fort. Ein gutes Mädchen! und von einer Leichtigkeit nur an der Oberfläche.“
Tante Lisbeth hörte Margaritas Stimme, wie sie schnell Berthold ansprach. Seine Antwort war leise und kurz. „Weigert sich, irgendetwas in der Art anzuhören“, interpretierte es Tante Lisbeth. Dann schien er zu flehen, und Margarita stieß kurze Antworten aus. „Ich hoffe, es ist nichts, was eine Maid nicht hören sollte“, rief die kleine Dame mit einem Seufzer aus.
Die Tür öffnete sich, und Lieschen stand am Eingang.
„Für Fräulein Margarita“, sagte sie und hielt einen Brief halb hinaus.
„Gib ihn her“, befahl Tante Lisbeth.
Die Frau zögerte – „Es ist für das Fräulein.“
„Gib ihn her, sage ich dir!“ und Tante Lisbeth ergriff eifrig das Schreiben und unterzog es der Prüfung durch Berührung. Es war schwer und enthielt etwas Hartes. Lange, nachdenkliche Drücke enthüllten seine Form auf dem Papier. Es war ein Pfeil. „Geh!“, sagte sie zu der Frau und begann, sobald sie allein war, bienengleich darüber zu summen und trat schließlich ein. Er enthielt Margaritas Silberpfeil. „Die Kunst dieses Mädchens!“ Und die Schrift sagte:
„SÜSSES FRÄULEIN!
„Bei diesem Pfeil unserer Verlobung beschwöre ich dich, mich in aller Eile vor dem Westtor zu treffen, wo, brennend, dir höchst dringende Nachrichten zu enthüllen, die dem Papier nicht anvertraut werden dürfen, nun wartend, die Heiligen bittend, dein
„FARINA.“
Tante Lisbeth legte Brief und Pfeil in eine Schublade; schloss sie ab; und „dachte es mir doch immer“. Sie stieg die Treppe hinauf, um sich mit Gottlieb zu beraten. Gebrüll von Gelächter begrüßte sie, gerade als sie die Klinke anhob, und sie zog sich beschämt zurück.
Es gab keine Zeit zu verlieren. Farina musste beim Warten auf Margarita erwischt werden, und zwar von Gottlieb oder ihr selbst. Gottlieb schwelgte. „Möge dies eine Warnung für dich sein, Gottlieb“, murmelte Lisbeth, als sie ihren kleinen Körper in Margaritas Pelzmantel hüllte und beschloss, dass sie diejenige sein würde, die Farina in Verlegenheit brachte.
Fünf Minuten später kehrte Margarita zurück. Tante Lisbeth war fort. Dem Drachen fehlte noch immer eine Spitze an seiner gespaltenen Zunge, und ein Strom feuriger Fäden baumelte aus den Kiefern des Monsters. Ein weiterer Brief wurde von Lieschen in den Raum gebracht.
„Für Tante Lisbeth“, sagte Margarita und las die Adresse. „Von wem kann er sein?“
„Sie steht nicht drängend bei deinen Briefen“, sagte die Frau; und informierte Margarita über das vorangegangene Schreiben.
„Du sagst, sie hat einen Pfeil daraus gezogen?“, sagte Margarita mit brennendem Gesicht. „Wer hat diesen gebracht? Sag es mir!“ und nur darauf wartend zu hören, dass es Farinas Mutter war, riss sie den Brief auf und las:
„LIEBSTE LISBETH!
„Deine alte Freundin schreibt dir; sie, die kaum noch Augen hat, um die Worte zu sehen, die sie schreibt. Du weißt, wir sind ein gefallenes Haus, durch das Missfallen des Kaisers an meinem verstorbenen Ehemann. Mein Sohn, Farina, ist mein einziger Halt und erwidert gut die Segnungen, die ich ihm verleihe. Manche nennen ihn untätig: manche halten ihn für zu klug. Ich schwöre dir, Lisbeth, er ist nur gut. Seine Stunden sind der Extraktion von Essenzen gewidmet – keiner schwarzen Magie. Nun ist er in Schwierigkeiten – im Gefängnis. Der Schatten, der seinen toten Vater zerstörte, bedroht ihn. Nun, bei unserer alten Freundschaft, geliebte Lisbeth! lege ein gutes Wort bei Gottlieb ein, dass er für meinen Sohn beim Kaiser plädiere, wenn er kommt –“
Margarita las nicht weiter. Sie ging zum Fenster und sah ihre Wache draußen aufgestellt. Sie warf sich ein Tuch über den Kopf und verließ das Haus durch das Gartentor.
DER MÖNCH
Zu dieser Zeit stand die Sonne hoch über Köln. Die Marktplätze waren überfüllt mit Käufern und Verkäufern, gemischt mit einem umherlungernden Schwarm von Soldaten, für deren durstige Naturen Weinstände hochgezogen worden waren. Barone und Ritter des Reiches, tapfer beritten und dicht gefolgt, strömten stündlich aus Süd- und Norddeutschland nach Köln. Hier stolzierten starrende Schwaben und rundgesichtige Krieger des Ostkönigreichs auf und ab und tätschelten, welche Pferde ihnen über den Weg liefen, aus Mangel an Beschäftigung für ihre Hände. Dort drüben stießen riesige Pommern mit Bartbüschen, die steif und quadratisch vom Kinn abstanden, bergartig unter die friedlichen Einwohner. Abgestiegene Truppler liefen in engen Hosen und weiten, bereit, jedem, der das beste Qualitätsgetränk für diesen feierlichen Schwur bereitstellte, ein Wohlwollen zuzutrinken, und gleichermaßen bereit, mit denen, die es nicht taten, einen Streit anzuzetteln. Es war eine Szene von flammenden Federn, breitkrempigen Mützen, zur Schau gestellten Hosen, blauen und verbeulten Stahlplatten, geschlitzten Wollhosen, Lederleggings, Standarten und herrischen Stiefeln und Schultern. Margarita war zu sehr in Eile in ihrem Geist, um sich einer Unvorsichtigkeit bewusst zu sein; aber ihre Glieder zitterten, und sie beschleunigte instinktiv ihre Schritte. Als sie unter dem Schild der Drei Heiligen Könige stand, wo Farinas Mutter wohnte, sprach sie ein inbrünstiges Dankgebet und atmete frei auf.
„Ich hatte eine Nachricht von Lisbeth erwartet“, sagte Frau Farina; „aber du, gutes Herz! du wirst uns helfen?“
„Alles, was von mir getan werden kann, werde ich tun“, antwortete Margarita; „aber seine Mutter sehnt sich danach, ihn zu sehen, und ich bin gekommen, um ihr Gesellschaft zu leisten.“
Die alte Dame rang die Hände und weinte.
„Hat er eine so gute Freundin gefunden, mein armer Junge! Und glaub mir, liebes Mädchen, er ist nicht unwürdig, denn ein besserer Sohn hat nie gelebt, und guter Sohn, alles gut! Sicher werden wir zu ihm gehen, aber nicht so, wie du bist. Ich werde dich ankleiden. Solche Menschenmengen sind in den Straßen: Ich habe sie heute Morgen früh klappern hören. Ruhe dich aus, liebes Herz, bis ich zurückkehre.“
Margarita hatte Zeit, das einzige Wohnzimmer zu inspizieren, in dem ihr Liebhaber lebte. Es war bepflanzt mit Flaschen, Vasen, Pfeifen und Zylindern, die sich auf Boden, Stuhl und Tisch stapelten. Sie konnte ein leichtes Überraschungsschrecken nicht unterdrücken, denn diese Zurschaustellung zeigte einen Umgang mit verborgenen Dingen und eine Beschwörung verstreuter Geister. Es war dies, was seine Stirn so blass machte und den Kreis seiner Augen dunkler, als es die Jugend erlauben sollte! Sie legte das Gefühl ab und nahm ihr eigenes strahlendes Gesicht wieder an, als Frau Farina wieder erschien, auf ihrem Arm eine Klostertracht und andere Kleidung tragend. Margarita ließ sich in die weißen und schwarzen Gewänder der Entsagung vom Leben kleiden.
„Da!“, sagte die Frau Farina, „und um die Sicherheit zu besiegeln, habe ich einen Wächter gedungen, uns zu begleiten. Er wurde gestern in einem Straßenkampf schwer gezeichnet und in der unteren Etage einquartiert, wo ich ihn pflegte und betreute; er ist dankbar, wie ein Mann es sein sollte – obwohl ich wenig tat, außer mein Äußerstes – und mit ihm an unserer Seite haben wir nichts zu fürchten.“
„Gut“, sagte Margarita, und sie küssten sich und gingen. Der Wächter erwartete sie draußen.
„Kommt, mein Fräulein, und mit Euch die heilige Schwester! Es ist nur ein Katzensprung von hier, und ich bürge dafür, Euch sicher zu bringen, so wahr ich Schwartz Thier heiße! – He? Die gute Schwester fällt ja um. Seht nur! Ich werde sie tragen.“
Margarita gewann ihre Fassung zurück, bevor er dieses Angebot wahr machen konnte.
„Lass uns nur schnell dorthin eilen“, keuchte sie.
Der Thier schritt voran und geleitete sie sicher bis zu dem Gefängnis, in dem Farina gefangen gehalten wurde, nahe einem der äußeren Forts der Stadt.
„Dank ihm und schick ihn fort“, flüsterte Margarita.
„Nein! Er wird warten – nicht wahr, Freund! Wir werden nicht lange brauchen, obwohl es mein Sohn ist, den ich hier besuche“, sagte Frau Farina.
„Bis morgen früh, mein Fräulein! Der Löwe dankte dem, der ihm den Dorn aus der Tatze zog, und der Thier mag schwarz sein, aber er ist nicht undankbar, noch ein schlimmeres Tier als der Löwe.“
Sie traten durch die Tore und ließen ihn zurück.
Die ersten fünf Minuten fand Schwartz Thier Beschäftigung für seine Sinne, indem er die zittrigen, kleingliedrigen Fenster der Nachbarschaft anstarrte. Er hielt daran fest, selbst nachdem jede Neuheit erschöpft war, aus einer intuitiven Furcht vor Langeweile. Es gab nichts zu sehen. Einmal tauchte eine alte Frau aus einer Dachkammer auf und begoss die Feuersteine mit Wasser. Geplagt von der wachsenden Angst vor dem üblen Albtraum des Nichtstun-Könnens, versuchte der Thier, eine amouröse Verbindung zu ihr aufzunehmen. Sie antwortete mit einem entrüsteten Vorstrecken ihres Unterkiefers und verschwand rasch. Es blieb ihm kein anderes Mittel, als sie aus tiefstem Herzen zu verfluchen. Der Thier stampfte mit dem rechten Bein auf, dann mit dem linken, und behielt die alte Frau noch fünf Minuten länger als Ärgernis im Gedächtnis. Als sie vollends vergessen war, gähnte er. Eine andere Gespielin für den Augenblick wurde gesucht, um sie zu umwerben, zu beschimpfen und zu vermissen. Das Gefängnistor lag in einer abgelegenen Straße. Wenige Passanten kamen vorbei, und die, die es taten, drückten sich so gut sie konnten an der wuchtigen, lüstern blickenden Gestalt des müßigen Unruhestifters vorbei, der dort herumlungerte. Der Thier rief zwei oder drei zu sich. Einer rannte davon, ein anderer verbeugte sich, grinste, wünschte ihm freundlich einen guten Tag und tat so, als höre er nichts weiter, da er dringende Geschäfte vorhatte. Der Thier war ein treuer Hund, doch die Versuchung, seinen Auftrag zu verraten und sie zu verfolgen, war mächtig. Er begann ein gleiches Bedürfnis zu verspüren, zu weinen wie zu brüllen. Er summte eine Ballade –
„Ich schwor, ich kriegte meinen Willen, Und meinen Weg mit ihm dazu: Gelernt an der Armbrust, über den Hügeln: Was sagt nun meine Dame dazu?
Gib mir die gute alte Armbrust, am Ende doch, und keine von diesen polternden Puff-und-Knall-Dingern, die dich öfter umhauen als deinen Mann!
Ein Kreuz steht still im Walde noch, Und eins im Kirchhof, grau und alt: Mein Fluch auf den, der seinen Willen hatt’, Und auf den, der seinen Weg bekam, so bald!
Guter Anfang, schlechtes Ende! Ist nicht immer so. ‚Manches Kreuz hat die Armbrust gebaut‘, sagt man. Ich wünschte, ich hätte meine jetzt, um diese alte Frau abzuservieren, oder irgendwen. Ich wette, sie späht von hinter dem Giebel nach mir, oder aus einer Ritze. Sie sind neugierig, die alten Weiber, verflucht seien sie! Und die jungen, was das angeht. Teufel, kein junges Ding hier.
Wenn ich drin bin beim Plündern einer Stadt, Was glaubt ihr, wühl ich auf, was ich gefunden hat? Silber und Gold steck ich reichlich ein, Doch der süße Bissen ist das Mädel unter zwanzig sein.
Ich würde gern dabei sein bei der Plünderung von diesem Köln. Ich würde dieses hübsche Mädchen aufstöbern, um das ich gestern betrogen wurde. Nimm das Gold und Silber, und gib mir die Maid! Ihr Hals ist Silber, ihr Haar ist Gold. Ach! Und ihre Wangen Rosen, und ihr Mund – sag nichts mehr! Ich denke halb, Werner, das hungrige Tier, hat Wolfsaugen auf sie geworfen. Man sagt, er sprach letzte Nacht von ihr. Lass ihn mich nur nicht durchkreuzen. Donnerwetter noch mal! Ich habe noch eine Rechnung mit ihm offen. Er fängt an, meinen Lebensplan zu vergessen.“
Ein Schwarm Tauben über dem blauen Ende der Straße riss den Thier aus diesen Reflexionen. Er gähnte ihnen verzweifelt nach und begann, sich zu strecken und zu schütteln, wobei er seine Lungen mit lautem Getöse durchrüttelte. Als er seine Augen wieder herumwarf, begegneten sie denen eines Mönchs gegenüber, der ihn in durchdringendem Schweigen fixierte. Der Thier hasste Mönche, wie ein wildes Tier das Feuer scheut; aber jetzt war selbst ein Mönch willkommen.
„Hallo!“, rief er heraus.
Der Mönch kam zu ihm herüber.
„Freund!“, sagte er, „die Langeweile lehrt dich Zügellosigkeit. Willst du einen Dienst für eine Nachtarbeit annehmen, bei der die Gefahr gering, der Lohn aber dauerhaft ist?“
„Was das betrifft“, antwortete der Thier, „Gefahr kommt zu mir wie das grüne Holz zum Hirschen, und guter Lohn wurde noch nie in Versprechungen gegeben. Aber ich bin für die nächste Stunde an die Frauen dort drinnen gebunden. Sie sind meine Herren; so wie sie es schon bei harten Kerlen vor mir waren.“
„Ich werde sie aufsuchen und ihre Zustimmung gewinnen“, sagte der Mönch und verließ ihn so.
„Schnelle Sache!“, dachte der Thier und wurde munterer. „Der Baron wird mich heute Nacht nicht brauchen: und was, wenn er es doch tut? Er soll sich aufhängen – obwohl, wenn er das täte, wäre es schade, dass ich nicht dabei bin, um ihm zu helfen.“
Er schritt unter der Mauer bis zu deren äußerstem Ende. Als er zurückkehrte, bemerkte er den Mönch am Tor.
„Ein flinker Bursche!“, dachte der Thier.
„Stelle mir keine Fragen“, begann der Mönch; „sondern halte den Mund und folge mir: die Frauen entbinden dich, und zwar gerne.“
„Das ist nicht mein Lebensplan, nun! Geld her, und dann befehle mir“: und Schwartz Thier stand mit einem Fuß voran und ausgestreckter Hand da.
Ein Hohnlächeln verdunkelte die kalten Züge des Mönchs.
Er ließ eine Hand in eine Seite seines Gewandes über dem Gürtel gleiten und warf einen Beutel mit Münzen hin.
„Nimm es, wenn es in dir liegt, den größeren Segen zu verwirken“, rief er verächtlich.
Der Thier spähte in den Beutel und schien zufrieden.
„Ich folge“, sagte er; „geh voran, guter Vater, und ich werde zum ersten Mal, seit meine Mutter mich losgeworden ist, auf dem Pfad der Heiligkeit sein.“
Der Mönch eilte die Straße hinauf und auf den Marktplatz, unbekümmert um die Haltungen und Verbeugungen der Leute, die stehen blieben, um ihn und seinen hageren Begleiter anzustarren. Als sie den Platz überquerten, erspähte Schwartz Thier den Henker Rothhals, der gerade von einem Weinstand zu Pferde aufbrach, und konnte nicht umhin, ihn zu rufen. Ehe der Mönch Zeit hatte, einen Vorwurf auszusprechen, waren sie tief in einen zweifachen Wechsel von Fragen und Antworten vertieft.
„Wusch!“, rief der Thier, unterbrach eine Mitteilung. „Haben sie sie? Und über den Strom geschwungen? Ich bin dabei für meinen Anteil, oder nennt mich ein Schaf!“
Er winkte dem Mönch zu, ergriff den Zügel des Pferdes und rannte neben seinem berittenen Verbündeten davon, so schwer beschuht, wie er war.
Der Mönch runzelte ihm nach die Stirn und stieß einen harten Seufzer aus.
„Fort!“, rief er, „und das verfluchte Gold mit ihm! Wohl warnte mich eine Stimme, dass solcher Dienst niemals zu kaufen sei!“
Er hielt nicht inne, um zu klagen oder zu bereuen, sondern kehrte mit schnellen Schritten zum Gefängnis zurück und murmelte: „Ich mit dem Gefängnispass für zwei; warum ließ ich mich von diesem Banditen beirren? Sah ich nicht den Jüngling selbst in meine Hände gegeben, ihn, der bei dem Fräulein und der alten Frau war?“
DER RITT UND DAS WETTRENNEN
Spät am Nachmittag ritt ein Reiter in der Livree der Leibwache des Kaisers, trocken und staubig, in Köln ein, mit der Botschaft, dass der Kaiser auf Burg Hammerstein sei, und befahl allen versammelten Rittern, Baronen, Grafen und Fürsten, sich zu versammeln und auf seine Ankunft vorzubereiten, auf einem bestimmten kahlen Stück Land innerhalb von zwei Meilen von Köln, um von dort aus den Zug seines triumphalen Einzugs in die alte Stadt seines Reiches zu verstärken.
Guy der Habicht, breit auf einer flämischen Stute sitzend, und ein Packpferd neben sich, verließ kurz darauf das Hotel der Drei Heiligen Könige und trabte zu Gottliebs Tür.
„Zelte aufschlagen ist jetzt mein Handwerk“, sagte er, als Gottlieb zu ihm herunterkam. „Mein Herr ist beim Kaiser. Ich muss für den Augenblick Lebewohl sagen. Ist das junge Fräulein sichtbar?“
„Weder jung noch alt, guter Freund“, erwiderte Gottlieb mit etwas aufgewühltem Gesicht. „Ich aß allein aus Mangel an Eurer Gesellschaft. Geheime Schreiben kamen, wie ich höre, an jede von ihnen, und beide sind auf Achse. Nun, was haltet Ihr davon, nach der Szene von gestern? – Lisbeth auch!“
„Predigt nach dem alten Text, Meister Groschen; ‚Rechne nie auf die Frauenwelt für eine kluge Tat‘. Aber Lebewohl! Und sagt Fräulein Margarita, dass ich es ihr übel nehme, mir vor dem Abschied nicht ihre Mädchenhand zum Gruß gereicht zu haben. Meine tiefsten Ehrerbietungen an Frau Lisbeth. Ich werde bald wieder bei Euch sitzen und diesen erstklassigen Jahrgang von Euch genießen, oder das Glück ist tot gegen mich.“
So gab Guy, mit einem Händedruck, seinem rundflankigen Tier die Sporen und war schnell auf der rauen Straße aus Köln hinaus.
Er war weder der Erste noch der Letzte der Waffenknechte, die sich beeilten, dem Befehl des Kaisers zu folgen. Eine Reihe von Ross und Fußvolk in schlangengleichen Knoten erstreckte sich entlang des flachen Landes und ließ Farben aufblitzen, lebendiger als die Frühlingswiesen, die ihre Marschroute säumten. Guy, mit einem Nicken für alle und einem Gruß für die Wohlgesinntesten, drängte vorwärts zur Vorhut, bis die Ansammlung ihn zwang, das Schneckentempo der Vorhut anzunehmen, und ihm genug Arbeit gab, seine beiden Pferde davor zu bewahren, mit der Masse zusammengeprallt zu werden. Hin und wieder warf er einen wetterkundigen Blick gen Himmel und wurde bald in einer Meinung bestätigt, die er wiederholt geäußert hatte, dass ‚das erste Nachtlager ein Durchnässer werden würde‘. Im Westen löschte eine schwarze Wolkenbank die Sonne vor ihrer Zeit aus. Nordöstlich leuchteten kahle Felder in Blau, leicht berührt von lose treibenden Streifen und Flocken aus karmesinrotem Dunst. Die Furchen wurden purpurn dunkel, und allmählich umhüllte eine tief hängende, stöhnende Finsternis die ganze Linie und dämpfte das Geräusch von Hufen, Flüchen und Wagenrädern in einem einzigen mürrischen Murmeln.
Guy fühlte sich sehr wie ein zerhackter Wurm, als er sich in der Dämmerung vorwärts wand, von hinten angetrieben und darauf reduziert, hinter dem Haupttross her zu tappen. Häufigen und tiefen Rat holte er sich bei einer treuen Flasche, die an seinem Gürtel hing. Es war kein angenehmer Gedanke, dass der Regen herunterkommen würde, bevor er so etwas wie einen Unterstand für Pferd und Mann errichten konnte. Noch trauriger war die Notwendigkeit, seinen Posten auf fremdem Boden und in der Dunkelheit zu wählen. Er hielt ängstlich Ausschau nach dem Mond und war bald erfreut, ein breites Feuer zu sehen, das ästige Strahlen durch einen Obstgarten auf einem östlichen Hügel funkelte.
„Mein Herr nennt sie Göttin“, sagte Guy wehmütig. „Der Titel ist eigenartig und eher der Stil dieser Ausländer, aber sie mag ihn heute Nacht haben, wenn sie nur den Sturm davon abhält, ihr helles Auge für zwei Stunden zu verhüllen.“
Sie stieg mit einem ahnungsvollen Glanz auf. Streifen dünner, blasser oberer Wolken lehnten Leitern herab, rein wie reines Silber, damit sie zu ihrem höchsten Sitz auf der widerstandslosen Halbkreis-Hälfte des Himmels klettern konnte.
„Mein Entschluss steht fest!“, sagte Guy zu dem zuhörenden Teil seiner selbst. „Hier komme ich raus.“
Durch den klareren Strahl hatte er einen schmalen Pfad entdeckt, der weiß parallel zur allgemeinen Route verlief. Auf Kosten der Dislozierung einer Meile der Kavalkade schlug er ihn ein. Ein Graben musste genommen werden, einige schwere Brachfelder durchquert, und der Weg lag gerade vor ihm. Er begann, über den langsamen Trott und den Mangel an Unternehmungsgeist zu spotten, der die Gefährten, die er zurückgelassen hatte, im Vergleich zum Habicht so schlecht dastehen ließ, doch der Anblick von zwei Reitern vor ihm dämpfte seine Eitelkeit, und um sie nun einzuholen, forderte er seine fette flämische Stute mit ungewohnten Fersenstichen, die sie ausschlagen ließen und mehr Mumm als Schnelligkeit zeigten.
Die Objekte dieser feurigen Jagd wurden sich anfangs nicht bewusst, dass sie verfolgt wurden. Beide ritten mit vermummten Angesichtern und schienen dem Treiben der Welt außerhalb ihrer Meditationen gegenüber zutiefst unaufmerksam zu sein. Aber der Habicht ließ sich nicht abweisen, und durch das abwechselnde Brüllen und Schelten seiner beiden stapfenden Tiere weckte er schließlich den jüngeren der Reiter, der laut nach seinem Gefährten rief: scheinbar ohne Erfolg, denn er musste die Warnung wiederholen. Guy war dicht bei ihnen, als der Jüngling ausrief:
„Vater! heiliger Vater! Das ist Sathanas persönlich!“
Der andere erhob sich und zeigte zitternd auf einen dunklen Punkt in der Ferne, während er ausrief:
„Nicht hier! Nicht hier, sondern dort!“
Guy erkannte die Stimme des ersten Sprechers und rief:
„Halt! Bleibt eine Sekunde stehen! Habt Ihr den Habicht vergessen?“
„Niemals!“, kam die Antwort, „und vergiss Farina nicht!“
Sporen und flinkere Rösser trugen sie außer Hörweite, bevor Guy eine weitere Silbe einwerfen konnte. Farina blickte reumütig auf ihn zurück, doch der Mönch schalt nun seinen Begleiter mit Entrüstung.
„Du Schwacher! Nichts Geringeres als ein Narr! Deinen Namen bei einem solchen Abenteuer wie diesem zu verraten, um die Seele zu retten, bei den Heiligen!“
Farina warf seine Locken zurück und hielt seine Stirn dem Mond entgegen. All der geisterhafte Zorn des Mönchs wurde durch das eine kleine letzte süße Wort seiner Geliebten vereitelt, das in seinen Ohren Musik machte, wann immer Ärger anklang.
„Und hierin“, sagen die alten Schriftsteller, „sind Liebende, die wahrhaft lieben, für ihre Mühsale und Schmerzen wahrhaft entschädigt; in jener Liebe, für die sie leiden, ist immer gegenwärtig, um Leiden abzuwehren, die nicht aus der Liebe entspringen: aber die Untreuen, die der Liebe nicht treu dienen, sind ein Geschlecht, das dem ausgeliefert ist, was immer diese niedere Welt ihnen antun kann, ohne Trost oder Labung ihrer Herrin, der Liebe; da sie ihr nicht alles opfern, wissen sie nicht, sich an ihr zu erfreuen.“
Die Seele eines Liebenden lebt durch jedes Glied von ihm in der Freude eines Ritts im Mondschein. Kummer und Leid sind langsame Siechtümer, die vor der Brise kauern und ihre Naturen fern von schnell bewegten Dingen nähren. Ein wahrer Liebhaber ist nicht eine jener melancholischen Fliegen, die über schlammigen, stagnierenden Tümpeln schießen und irren. Er muss hoch in der großen Luft sein. Er muss alle Saiten des Lebens schlagen. Schnelligkeit ist seine Verzückung. In seinen weiten Armen umfasst er die ganze Gestalt der Schönheit. Adlergleich sind seine Instinkte; taubengleich seine Begierden. Dann ist der schöne Mond die wahre Gegenwart seiner Verlobten im Himmel. So ritt Farina stundenlang in einer silbern verfliegenden Herrlichkeit; während der Mönch wie ein Schatten, streng und schweigend, neben ihm galoppierte. So, sie am Himmel krönend, war die eine Hälfte ganz Liebe und Licht; die andere, Schwärze und übles Vorhaben.
DER KAMPF AUF DEM DRACHENFELS
Nicht der Erde war die Ehre vergönnt, die große Schlacht jener Nacht zu beginnen. Durch einen ausklingenden, bläulich schießenden Mondstrahl erblickte Farina ein gewaltiges Reich der Finsternis, das die Höhlung des Westens füllte, und der Mond wurde bald hinter trägen Fetzen eiserner Wolken ausgelöscht, die sich von der schwingenden Masse des Unheils lösten, als sie schwer im ersten Donnersturm der Bewegung auf die Atmosphäre mahlte.
Das Herz des Jünglings war stark, doch er konnte nicht ohne schneller werdende, schmeichelnde Schläge diese Manifestation unermesslicher Macht betrachten, die schien, als wäre sie mit einem Schlag fähig, die Schöpfung und die Werke der Menschen zu zerstören. Der bloße Anblick des Sturms verlieh dem Abenteuer, in das er verwickelt war und von dem er weder das Ziel kannte noch das Ergebnis vorhersehen konnte, Schrecken. Nun gab es nichts, das ihren Pfad erleuchtete, als solche gegabelten Blitze, die ihnen der Blitz in Abständen zuwarf, hier einen Hügel mit gruppierten Hütten berührend, dort eine Maienblüte, ein Fleckchen Unkraut, einen einzelnen Baum am Wegesrand ins Tageslicht rückend. Plötzlich begegnete ein lebhafteres und kontinuierlicheres Zittern violetten Feuers seinem Spiegelbild auf der Landschaft, und Farina sah den Rhein unter sich.
„In einer solchen Nacht“, dachte er, „kämpfte Siegfried und erschlug den Drachen!“
Ein Lichtstoß, wie aus den Kiefern des besiegten Drachen in seinen Todeszuckungen, machte ihm das Land bekannt, das er durchquerte. Über dem Wasser schimmerte karmesinrot der monstergeplagte Felsen selbst, und jenseits, in der Mitte des Kanals, flach und schwarz zum Strom hin, erstreckte sich die Nonneninsel in klösterlichem Frieden.
„Halt!“, rief der Mönch und gab ein eigentümliches Signal mit einem Pfeifen, auf das er atemlos eine Antwort zu erwarten schien. Sie waren sofort von langgewandeten, verschleierten Gestalten umgeben.
„Nicht zu spät?“, fragte der Mönch sie heiser.
„Noch eine Stunde!“, lautete die Antwort in weichen, klaren Tönen einer Frauenstimme.
„Große Stärke und Tapferkeit, mehr als menschlich, sei mein“, rief der Mönch und stieg ab.
Er ging von ihnen weg; und sie bildeten einen Kreis, während er kniend betete.
Bald kehrte er zurück und führte Farina zu einer Bank, wobei er aus einem Versteck ein Buch und eine Glocke zog, die er in die Hände des Jünglings gab.
„Für deine Seele, kein Wort!“, sagte der Mönch, der in seinen Hals sprach, als er Atem holte. „Nein! Nicht als Antwort an mich! Sei treu, und mehr als irdisches Glück ist dein; denn ich sage dir, ich werde nicht scheitern, da ich Gnade habe, diesen Kampf zu bestehen.“
Daraufhin begann er den Aufstieg zum Drachenfels.
Farina folgte. Er hatte keinen Hinweis auf die Mission des Mönchs, noch auf die Rolle, die er selbst darin spielen sollte. Eine solche Last von Schweigen sammelte sich in seinem fragenden Geist, dass allein der Aufschrei der tobenden Elemente ihn davon abhielt, den Mönch aufzuhalten und das Ende seines Dienstes dort zu fordern. Dieser Aufschrei war genug, um die Rede auf den Lippen eines Sterblichen gefrieren zu lassen. Denn kaum hatten sie Fuß auf den gewundenen Pfad der Felsen gesetzt, als die ganze Rache des Sturms gegen den Berg geschleudert wurde. Riesige Felsbrocken wurden gelockert und rollten von oben herab: Bäume, die mit ihren Wurzeln aus den Spalten gerissen wurden, sausten auf den Windwirbeln: Regengüsse schäumten die eisernen Flanken des Felsens hinab und flogen in grauen Federn gegen die kurzen Pausen der Dunkelheit: der Berg hob sich, bebte und gähnte eine Reihe grässlicher Abgründe.
„Da ist ein Teufel im Spiel“, dachte Farina. Er blickte zurück und bemerkte, dass der Fluss schaurige Abgründe von Wolken über dem Berggipfel spiegelte – ja! und auf dem Gipfel eine flammende Gestalt.
Zwei nervöse Hände hielten den Schrei auf seinem Mund zurück.
„Habe ich dich nicht gewarnt?“, sagte die heisere Stimme des Mönchs. „Ich mag wohl wachen und für dich denken wie für einen Hund. Sei du ebenso treu!“
Er reichte dem Jüngling eine Flasche und hieß ihn trinken. Farina trank und fühlte sich reichlich gestärkt. Der Mönch nahm dann Glocke und Buch.
„Nur eine halbe Stunde“, murmelte er, „für diesen Kampf, der durch Jahrhunderte hallen wird.“
Sich bekreuzigend, schritt er wild aufwärts. Farina sah ihn einmal zurückwinken, und im nächsten Augenblick war er hinter einer Biegung des höchsten Gipfels verschwunden.
Der Wind, der gerade tausend Todesschreie geschrien hatte, war nun auf grausige Weise stumm, obwohl Farina fühlen konnte, wie er Kapuze und Haar hob. In der unnatürlichen Stille empfing sein Ohr Töne eines unten gesungenen Hymnus; mal sinkend, mal schwellend; als ob die Stimmen zwischen Gebet und Inspiration wankten. Farina hielt sich an einem Felsvorsprung fest und richtete seine Augen auf das, was auf der Höhe geschah.
Da war der Mönch in seiner braunen Kapuze und Umhang, gegenüber – wenn er seinen Augäpfeln trauen konnte – der rotglühenden Gestalt des Fürsten der Finsternis.
Bisher hatte noch kein sterblicher Kampf zwischen ihnen stattgefunden. Sie stritten: wütend, es war wahr: dennoch mit der ersten gegenseitigen Hochachtung geübter Logiker. Latein und Deutsch wurden abwechselnd von beiden verwendet. Es erregte Farinas inbrünstige Liebe zum Vaterland, den deutschen Satan sprechen zu hören: aber sein Latein war gut, und seine Beherrschung dieser Zunge bemerkenswert; denn da er, wie üblich, das Schlechteste vom Argument bekam, rächte er sich, indem er einen der Kantikel der Kirche mit einer Pointe parodierte, die seinen Gegner aus dem Konzept brachte und ihn dazu veranlasste, einen Schritt zurückzuweichen und Unterstützung gegen einen solch scharfsinnigen Angriff zu fordern.
„Der Gebrauch einer unerwarteten Waffe in der Kriegführung ist an sich schon ein halber Sieg. Veranlasse deinen Widersacher, sie als ebenbürtig zu dir einzusetzen, und rechne damit, ihn vollständig in die Flucht zu schlagen...“, sagt die alte Militärchronik.
Der Thier verließ den Schankraum, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, und Guy folgte ihm, während Farina, das Herz voller brennender Ungeduld, kaum einen Blick für den Abschied übrig hatte. Sie schwangen sich in die Sättel und ritten in die einsetzende Dämmerung hinein, die die Ufer des Rheins in ein unheimliches, violettes Licht tauchte. Das Tal, das sie nun durchquerten, wirkte wie ein klaffender Schlund, ein Ort, an dem die Schatten der Felsen eine Sprache sprachen, die nur diejenigen verstanden, die das Dunkel fürchteten.
„Die Burg liegt vor uns“, flüsterte der Thier, dessen Stimme nun so heiser klang wie das Knirschen von Kies unter schweren Stiefeln. „Werner weiß nicht, dass er verfolgt wird. Er glaubt sich sicher in seinem Nest, hinter den Mauern, die selbst dem Kaiser trotzen.“
Guy, der Goshawk, legte die Hand an den Griff seines Schwertes und prüfte den Sitz seines Dolches. „Vorsicht ist der beste Gefährte, wenn man in die Höhle des Löwen schleicht“, murmelte er. „Farina, mein Junge, lass deine Träume für einen Augenblick beiseite. Wenn wir den Hof erreichen, wird es keine Zeit mehr für Gebete geben. Nur für die Tat. Bist du bereit, den Stahl sprechen zu lassen?“
Farina nickte, seine Augen fest auf den dunklen Umriss gerichtet, der sich hoch über ihnen gegen den Nachthimmel abzeichnete. „Für sie würde ich mein Leben eintausendmal geben“, antwortete er mit einer Stimme, die so fest war, dass selbst der Thier ihn mit einem kurzen, fast respektvollen Blick bedachte.
Die Pferde schnaubten, als sie den steilen Pfad hinaufstiegen, der zum Eck führte. Jeder Stein, der unter den Hufen aufrollte, schien wie ein Donnerschlag in der Stille der Nacht zu widerhallen. Es gab kein Zurück mehr. Die Rache, das Schicksal und die Liebe waren zu einem einzigen Faden verwoben, der sie geradewegs in das Verderben oder zum Sieg führen musste.
„Halt“, befahl der Thier plötzlich und ließ sein Pferd innehalten. Er lauschte in die Nacht. „Ich höre das Klirren von Eisen. Werner lässt die Wachen wechseln.“
„Dann ist die Zeit der Worte vorbei“, sagte Guy und zog seine Klinge, die im Mondlicht ein kaltes, gefährliches Leuchten von sich gab. „Vorwärts, und möge das Glück den Mutigen hold sein.“
Sie trieben ihre Pferde an, und die Burg des Werner tauchte vor ihnen auf, drohend und finster, ein Monument des Bösen, das darauf wartete, von ihrer Entschlossenheit erschüttert zu werden. Farina spürte, wie das Blut in seinen Adern zu einer heißen Flut wurde; er wusste nicht, was ihn hinter dem Tor erwartete, doch die Ungewissheit war nichts gegen das, was er in den Augen der geliebten Frau zu sehen fürchtete, sollte er zu spät kommen.
In diesem Moment, als sie das äußere Tor erreichten, schlug die Glocke der Burg die Mitternachtsstunde. Ein scharfer, schneidender Laut, der wie ein Omen durch die Luft schnitt. Der Goshawk gab das Signal zum Angriff, und das Schicksal von Werner und seinen Spießgesellen begann sich zu besiegeln.
Farina folgte dem geisterhaften Leuchten durch den schmalen, feuchten Gang, der sich tief in das Fundament des Felsens grub. Die Wände waren von Schweiß und Alter schwarz, und der Boden war mit einer Schicht aus Unrat und dem Moder vergangener Jahrhunderte bedeckt. Die Wasserfrau schwebte voran, ihr Kleid aus silbernem Licht warf einen unheimlichen, zitternden Glanz auf das grobe Mauerwerk. Sie schien die Kälte der Tiefe nicht zu spüren, während Farina, von der Anspannung verzehrt, kaum seinen eigenen Atem hörte.
Sie erreichten eine eiserne Wendeltreppe, die sich wie das Rückgrat eines Ungeheuers in die Höhe wand. Farina hielt inne; er meinte, Stimmen aus dem Inneren der Burg zu hören – ein raues Gelächter, gefolgt von einem wütenden Fluchen. Die Wasserfrau legte ihm einen fingerdünnen Lichtstrahl auf die Lippen, ein Gebot zur absoluten Stille, und begann lautlos die Stufen zu erklimmen. Farina folgte ihr, jeder Muskel seines Körpers bereit, bei der leisesten Gefahr zu explodieren.
Sie gelangten an eine schwere Eichentür, die mit rostigen Eisenbeschlägen versehen war. Ein schwacher Lichtschimmer drang unter dem Türspalt hervor, und durch das Holz hindurch drang das Geräusch eines Schluckens, eines Klirrens von Bechern und das unverkennbare Knarren von Stiefeln auf Stein. Die Wasserfrau trat beiseite und löste sich beinahe in der Dunkelheit auf, wobei sie mit einer Geste auf das Schloss deutete. Farina spürte, wie sein Herzschlag gegen seine Rippen hämmerte wie ein verspätetes Kriegssignal. Er legte die Hand an den Griff, atmete tief ein und stieß die Tür auf, ohne zu wissen, ob er in den Sieg oder in sein Verderben trat.
Der Raum dahinter war groß, von Fackeln spärlich erhellt, deren Rauch sich unter der Decke in schweren Schwaden sammelte. In der Mitte des Saales saß Werner an einem massiven Eichentisch, den Weinbecher erhoben, das Gesicht gerötet von Zorn und Trunkenheit. Um ihn herum gruppierten sich seine Spießgesellen, deren Schatten an den Wänden tanzten, als würden sie sich an der Bosheit ihrer Herren ergötzen. In einer Ecke, an einen Pfeiler gebunden, sah Farina sie – Margarita. Ihr Haupt war gesenkt, ihr Kleid zerfetzt, doch in ihrem Blick, als sie den Kopf hob, lag ein Feuer, das selbst die Dunkelheit dieser Räuberhöhle nicht zu löschen vermochte.
Werner sprang auf, seine Hand griff nach dem Schwert an seiner Seite, das Klirren des Stahls schnitt wie ein Schrei durch die Stille. Farina sah keine Männer mehr, er sah nur noch das Ende einer Qual, die ihn seit Tagen gepeinigt hatte. Mit einem Schrei, der eher aus der Tiefe seiner Seele als aus seiner Kehle kam, stürmte er vor, während die Schatten an den Wänden zu wanken begannen und die Wasserfrau im Hintergrund wie ein Stern verblasste, als hätte sie ihre Mission erfüllt.
Die Dunkelheit, schwer von Erdendunst, bedrückte seine Sinne. Er fühlte die klammen Wände, die sich eng um ihn schlossen. Nicht das schwächste Licht, kein wegweisender Laut war in der Nähe; doch die Dame schritt voran, als kenne sie den Pfad. Sie passierten einen niedrig gewölbten Kerkerraum, wanden sich auf in den Fels gehauenen Treppen empor und gelangten an eine Tür, die sich ihrem Griff fügte und eine Kammer enthüllte, die vom fahlen Schein eines einzelnen Mondstrahls leicht vernebelt war. Farina begriff, dass sie sich über dem Fundament der Burg befanden. Die Wände schimmerten bleich von ritterlichem Harnisch, Panzerhemden, die nach Häuptern gähnten, Brustpanzer aus blauem Stahl, Hellebarden und Handbeile, Beinschienen, Glefen, Eberfedern und polierte, mit Sporen versehene Fersenteile. Er ergriff ein Falchion, das abseits hing, doch die Dame hielt seinen Arm zurück und führte ihn zu einer weiteren Steintreppe, die in einer Art Korridor endete. An dieser Stelle drangen Geräusche von Gelächter und lautem Gelage an sein Ohr. Die Wasserfrau neigte den Kopf, als bemerke sie eine vertraute Stimme, und zog ihn dann zu einer schmalen Schießscharte.
Farina erblickte eine Szene, die ihn zunächst blendete, ihn jedoch, als sie sich vor seinen Augen formte, mit Bestürzung niederschlug. Unter ihnen, auf der Ebene der Kammer, die er verlassen hatte, erstrahlte ein grober Festsaal im Licht eines Dutzends Fackeln, erfüllt vom Dampf von Eberfleisch, Hirschfleisch, Steinkrügen und Hornbechern. Zu Häupten dieser Tafel saß Werner, scharlachrot vor wütendem Schlemmen, und zu seiner Rechten Margarita, bleich wie eine schöne Märtyrerin, die an den Scheiterhaufen gebunden ist. Werners Gefolgsleute füllten die Länge des Saals, stimmten in die Reden des Barons ein und tranken auf ihr eigenes Wohl, wenn es keinen Anlass für ein anderes gab. Farina sah seine Geliebte allein. Sie war gekleidet wie zu der Zeit, als er sich von ihr trennte. Die teure Kamee lag auf ihrer Brust, doch sie hob sich nicht mehr stolz wie ehedem. Ihre Schultern waren nach vorne gebeugt und drückten ihren Busen in seinem Heben zusammen. Sie hätte einen gedemütigten Eindruck gemacht, wäre da nicht die marmorne Strenge ihrer Augen gewesen. Sie waren starr wie Augen, die den Weg des Todes durch alle irdischen Dinge hindurch sehen.
„Nun, ihr Hunde!“, rief der Baron, „auf das Wohl der Nacht! Und bläht eure Lungen, denn ich will kein Katzengejammer hören, wenn Werners Braut der Trinkspruch ist. Mit oder ohne Erlaubnis des Mönchs, sie ist mein. Ja, meine Schöne! Es soll am Morgen rechtens gemacht werden, selbst wenn ich alle Ratten von Laach hier am Nasenring herbeihole. Donner! Keine Respektlosigkeit gegenüber Werners Braut, weder von Papst noch Abt. Nun, singt aus! – Oder wartet! Diese Kerle hier sollen zuerst trinken.“
Er streckte sich und schleuderte einen Becher Wein rechts und links hinter sich, und Farinas Verzweiflung ließ seine Glieder erstarren, als er den Habicht und das Schwartz Thier erkannte, die am Boden festgebunden waren. Ihre Bärte waren bereits von früheren, auf ähnliche Weise dargebrachten Spenden feucht, und sie nahmen dies in mürrischer Stille hin; doch Farina glaubte, unter des Habichts gesenkten Brauen einen flüchtigen Blick der Ermutigung zu bemerken, als Margarita für einen Moment den Kopf halb zu ihm wandte.
„Leckt euch das Maul, ihr Bestien, und sagt nicht, Werner knapse an gutem Labsal in seiner Hochzeitsnacht. Nun“, fuhr der Baron fort, dessen Stimme mit jedem lauteren Wort heiserer wurde: „Kurz und hallend, meine Teufelsbrut: Werner und seine Braut! Und möge sie euch bald einen jungen Baron schenken, der euch in besserer Zucht hält als ich es kann, so sie ihre Pflicht tut, was sie tun wird.“
Der Baron stand auf und hob seinen riesigen Arm, um den Trinkspruch anzustimmen.
„Werner und seine Braut!“
Keine Stimme folgte ihm. Es gab eine plötzliche Andeutung, dass der Ruf erwidert werden sollte; doch sie brach ab und endete in schlurfenden Tönen, als hätte sich die Saaltür vor der Antwort geschlossen.
„Was ist das?“, brüllte der Baron mit jener Stimme eines wilden Tieres im Käfig, an die sich Margarita erinnerte, sie auf dem Domplatz gehört zu haben.
Niemand antwortete.
„Sprecht! Oder ich lasse euch eine Klafter tief im Fels verrotten, ihr Köter!“
„Herr Baron!“, sagte Henker Rothhals eindringlich; „die Sache ist die, dass etwas Unheiliges unter uns ist.“
Der Kelch des Barons flog ihm an den Kopf, noch ehe die Worte verklungen waren.
„Ich werde aus demjenigen, der das sagt, ein unheiliges Ding machen“, und Werner funkelte sie einen nach dem anderen an.
„Dann sage ich es, Herr Baron!“, fuhr Henker Rothhals fort und wischte sich die Stirn: „Der Teufel hat sich endlich gegen Euch gewandt. Seht da oben hin – Ah, jetzt ist es fort; doch wer, der auf dieser Seite sitzt, sah es nicht?“
Der Baron machte einen Sprung und stand auf der Tafel.
„Nun! Will irgendein Halunke hier sich erdreisten, dies zu behaupten?“
Etwas in der grausamen Haltung seines drohenden, beilförmigen Kiefers brachte viele zum Schweigen, die gerade im Begriff waren, die Behauptung zu bestätigen.
„Tritt vor, Henker Rothhals!“
Rothhals ließ ein Jagdmesser seinen Ärmel hinaufgleiten und trat von der Tafel zurück.
„Bestie!“, brüllte der Baron, „ich sagte, ich würde heute Nacht kein Blut vergießen. Ich verschonte einen Verräter und einen Feind----“
„Seht noch einmal hin!“, sagte Rothhals; „wird irgendein Kerl sagen, er habe da nichts gesehen.“
Während alle Köpfe, Werners eingeschlossen, auf die Öffnung gerichtet waren, die sie beobachtete, warf Rothhals unbemerkt sein Messer dem Habicht zu.
Diesmal kamen Antworten auf seine Herausforderung, doch nicht zur Bestätigung. Der Baron sprach mit einer keuchenden Sanftmut.
„Ihr treibt also Euer Spiel mit mir? Ich bin gefährlich, wenn es um solche Spiele geht. Erinnert Ihr Euch an Blass-Gesell? Ich machte ein besseres Biest aus ihm, indem ich ihn zur Prüfung drei Viertel des Weges zur Hölle schickte.“ Mit einem Gebrüll „Nimm das!“ schleuderte er eine breite Klinge, die er bis dahin in seiner rechten Hand verborgen hatte, direkt auf Rothhals. Sie bohrte sich in seine Wange und seinen Kiefer und entlockte ihm einen schrecklichen Schmerzensschrei, als er gegen die Wand sank.
„Da habt Ihr eine Lektion, mich nicht herauszufordern, Kinder!“, sagte Werner, der mit seinen stämmigen Beinen auf der krachenden Tafel auf und ab schritt und seinen monströsen Umfang an Brust und Wanst aufblies. „Lasst ihn eine Weile dort liegen, um zu zeigen, was daraus wird, Werner zu widersetzen!--Feuerteufel! Vor der Baronin, noch dazu!--Etwas Unheiliges ist da? Etwas Unheiliges in seinem Kiefer, meine ich!--Lasst es stecken! Er ist am Ende gegen Fleisch, nicht wahr? Ich werde Euch lehren, für wen er ist!--Wer spricht?“
Alle blieben stumm. Diese Männer waren Tiere, beherrscht von einer mächtigeren Bestie.
Er griff sich an die Kehle und erschütterte die Tafel mit einem Sprung, als er ein zweites Mal eher quiekte als rief: „Wer hat gesprochen?“
Er brauchte nicht erneut zu fragen. In dieser Pause, als der Baron nach seinem Opfer starrte, schwoll ein Lied an, so leise gesungen, dass es fern klang, doch bei dem jede Silbe klar abgerundet war, und ließ ihn in seiner zornigen Haltung erstarren.
„Das Blut der Barone soll zu Eis nun gefrieren, Die Burg soll in Trümmer zerfallen, Wenn ein Liebender taucht in das Wasser dreimal, Das um Werners Eck lässt erschallen.
Um Werners Eck das Wasser nun fließt; Die Haselsträucher beben und zittern: Die Mauern, die Freude und Sonne verdrossen, Erbeben in stürzenden Splittern.
Und bebe vor Ruin, und bebe vor Reu, Du Letzter von Werners Geschlechte! Der Barone Herzen, sie waren so kalt, Die Wasserfrau holt sich das Rechte.
Denn eine Sünde, ein Schandtat geschah, Die das Wasser zu decken vermochte: Und die sie zu tilgen im Wahn sich bemüht, Nur weit sie das Unheil entfachte.
Halt dich bereit, halt dich bereit für den Preis, Behalt deine Brautlust noch hier: Ein Hand hat getaucht in das Wasser dreimal, Die Wasserfrau ist nun bei dir.“
DIE RETTUNG
Der Habicht war auf den Beinen. „Nun, Mädel“, sagte er zu Margarita, „jetzt ist die Zeit!“ Er nahm ihre Hand und führte sie zur Tür. Schwartz Thier schloss hinter ihr auf. Nicht ein Mann im Saal stellte sich ihnen in den Weg. Werners Kopf bewegte sich hinter ihnen her wie der eines Hundes auf der Lauer; doch er war stumm. Die Tür öffnete sich, und Farina trat ein. Er trug ein Bündel Waffen unter dem Arm. Der vertraute Anblick befreite Werners Sinne von dem Bann. Er schrie, den Weg der Gefangenen zu versperren. Seine Männer standen wie Statuen im Saal. Es gab ein Zucken unter ihnen, als ob dieser schreckliche Lärm einen Instinkt des Gehorsams vermittelte, doch mehr nicht. Sie blickten einander an und blieben ruhig.
Der Habicht hatte den Blick auf Werner gerichtet. „Zurück, Mädel!“, sagte er zu Margarita. Sie nahm ein Schwert von Farina und antwortete mit weißen Lippen und blitzenden Augen: „Ich kann kämpfen, Habicht!“
„Und sollst es, wenn nötig; doch überlass es jetzt mir“, erwiderte Guy.
Sein Blick wich nicht von dem Baron. Plötzlich erklang ein Aufschrei von Stahl. Alle wichen zur Seite, und die Kämpfer standen einander auf freiem Boden gegenüber. Farina nahm Margaritas linke Hand und platzierte sie gegen die Wand zwischen das Thier und sich selbst. Werners Männer waren nur zu froh, ihren Herrn den Kampf austragen zu lassen. Die Worte, die Henker Rothhals gesprochen hatte, dass der Teufel ihn verlassen habe, schienen in ihren Köpfen durch das unheimliche Lied bestätigt, von dem jeder Anwesende hätte schwören können, dass er es mit eigenen Ohren vernommen hatte. „Lass ihn sein Glück versuchen und sehen, was ihm beschieden ist“, sagten sie und zuckten die Achseln. Der Kampf fand zwischen Guy, als Margaritas Vorkämpfer, und Werner statt.
Nach Schwartz Thiers Urteil waren die beiden gut aufeinander abgestimmt, und er schätzte ihre unterschiedlichen Qualitäten aus scharfer Erfahrung. „Für kurze Arbeit der Baron, und für zähes Standhalten mein neuer Gefährte!“ Farinas Zusammenfassung zugunsten des Habichts lautete: „Ein tapfereres Herz, härtere Sehnen und eine gute Sache.“ Der Kampf wurde allgemein mit einem fachmännischen Auge betrachtet, und nur wenige Gebete wurden gesprochen. Margarita allein bat dort um Beistand von oben und kniete vor der Jungfrau nieder; doch auch sie wurde durch das Klirren der Waffen und den tödlichen Ernst des Zweikampfs zu wachem Blick geweckt. Sie hatte in ihren Träumen nicht mit Helden geflirtet. Sie war ebenso bereit, Siegfried auf dem blutigen Feld zur Seite zu stehen, wie ihn im seidenen Gemach zu pflegen.
Es war gut, dass ein Frauenherz dort war, um die Anmut und den Glanz der Männlichkeit in der aufrechten Begegnung von Fuß zu Fuß zu würdigen. Für die anderen war es eine bloße Berechnung glücklicher Treffer. Selbst Farina, in seiner Sorge um sie, sah in jeder Haltung und jedem hart hallenden Schlag nur das Aufhellen und Verdunkeln der Aussicht auf Flucht. Margarita war von einer schmerzlichen Erhabenheit erfüllt. In ihren Augen nahm der bestialische Baron nun eine edlere Form und Gestalt an; doch der Habicht nahm die souveräne Erscheinung alter Helden an, die, ob verfolgt oder vom Himmel begünstigt, dennoch ihren Stand behaupteten, eingedenk dessen, aus welchem Stoff sie waren und wer sie erschaffen hatte.
„Niemals“, sagen die alten Schriftsteller mit einer Inbrunst, die ihrem Wissen um die Elemente, aus denen unser Wesen besteht, Ehre macht, „niemals möge uns dieses helle Privileg des fairen Kampfes genommen werden, noch der Vorteil, den man daraus zu ziehen vermag! Mann gegen Mann, oder Tier, das einzeln seinen Boden behauptet, ist eine ebenso feine Entzückung für die Brust wie Schönheit in ihrer sanftesten Stunde. Denn wenn die Frau sich der Lieblichkeit hingibt, wenn sie schmachtet, so tut dies der Mann gewiss in diesen wilden Stimmungen, wenn Stahl und Eisen gegeneinander funkeln, und ihr Atem Feuer ist, und ihre Lippen bleich vor der Spannung der Entschlossenheit; alle ihre Fähigkeiten auf einen Punkt geknotet, und ihre Energien wach wie das Tageslicht, um sich als überlegen zu erweisen, gemäß den Gesetzen und unter dem Segen des Rittertums.“
„Denn alle“, fahren sie fort, den Vergleich zu vertiefen, „mögen die lieblich blühenden Täler unter der blauen Kuppel des Friedens bewundern und sich an ihnen erfreuen; doch nur das seltene, erhabene Herz begreift die schrecklichen Prachten des Sturms und wird von ihnen emporgehoben, wenn Wolke auf Wolke trifft an einem Himmel, schwarz wie das Grab, und der Ruhm wie eine Flamme auf dem Helm des Verderbens thront.“
Eine Weile ließen die Kämpfer ihre Geschicklichkeit spielen, begnügten sich mit listigen Hieben und Streichen der Schwertklinge, wobei Werner zuerst durch einen scharfen Schnitt entlang der Stirn des Habichts Blut fließen ließ. Guy hatte ihm erlaubt, seine Position auf der Tafel zu behaupten, und kämpfte weiterhin gegen sein Gesicht und seinen Hals. Nun zuckte er mit der Hüfte zurück und schwang einen Rundschlag gegen Werners Knie, was diesen mit einem Schnauben vor Schmerz in den Rückzug trieb. Ehe der Baron seinen Stand wieder festigen konnte, war Guy auf der Tafel auf gleicher Höhe mit ihm.
Werner stieß ein vorwurfsvolles Geheul in Richtung seiner Männer aus. Sie waren nicht gewillt, ihn schon zu unterstützen. Sie alle billigten seinen persönlichen Kampf mit dem Schicksal und bewunderten ihn und seine Macht nie mehr als jetzt; doch die Angelegenheit war aufregend, und sie waren nicht die Säulen, um ein einstürzendes Haus zu stützen.
Werner ballte seine beiden Hände um seine wuchtige Glefe und fiel mit schwererer Wut über Guy her. Er wurde einer kleinen weiblichen Wertschätzung, die Margarita ihm entgegenzubringen begann, nicht unwert. Die Stimme der Wasserfrau flüsterte in ihr Herz, dass der Baron gegen sein Schicksal stritt, und das adelt alle lebenden Seelen.
Barhäuptig traten die Kämpfer an, und das Haupt war der Hauptpunkt des Angriffs. Ein Ausweichen vor den Schlägen war für keinen von beiden möglich: parieren oder einstecken; ein falscher Schritt hätte die Niederlage bedeutet. Dies führte auch zur Vorsicht. Mancher doppelte Stampfer des Fußes war zu hören, als jeder seinerseits zurückweichen musste.
„Nicht so sehr auf seinen Kopf, er wird dort die ganze Nacht Prügel einstecken können“, sagte Henker Rothhals in einer Atempause. Schläge waren ziemlich gleichmäßig ausgetauscht worden, doch das Haupt des Barons sah wahrlich am wenigsten verwundbar aus, während Guy mehrere Dellen aufwies, aus denen es reichlich strömte. Doch er sah, in Blick und Haltung, so frisch aus wie zu Beginn, und das ruhige, regelmäßige Heben seiner Brust bildete einen Kontrast zu Werners schnellem Keuchen. Auch sein Lächeln, das jedes Mal wiederkehrte, wenn der Baron nach Atem rang, gab Margarita Mut. Es war kein spöttisches Lächeln, sondern eines von völliger Zuversicht, und es traf seinen Widersacher umso mehr. Als Werner wieder zum Angriff ansetzte – und die Wahl wurde immer ihm überlassen –, spiegelte sich jeder Ausdruck des Habichts in seinen weit geöffneten Augen wider.
Des Barons Spiel war eine rücksichtslose Wut. Es gab nichts daran zu studieren. Guy wurde zum Hauptgegenstand der Spekulation. Er versuchte offensichtlich, seinen Mann zu ermüden.
Er schlug wild, meinten einige. Andere urteilten, dass er ein wahlloser Schläger sei und kein tödliches Ziel im Visier habe. Schwartz Thiers Meinung wurde häufig geäußert. „Zu runder Schlag – runter auf ihn! Hacken – nicht schneiden!“
Guy beharrte auf seiner Art. Nach Schwartz Thiers Meinung zog er sich durch seine Eigenwilligkeit den Schlag zu, der ihn an der linken Schulter traf und ihn beinahe brach. Es war ein gewichtiger Schlag, gefolgt von einem dumpfen Geräusch. Die Schwertklinge glitt an seinem Schulterblatt ab, sonst wäre er wohl kampfunfähig gewesen. Doch Werners Jubel war kurz, und er fand keine Zeit, den Erfolg zu nutzen. Einer der niedersausenden Unterhiebe des Habichts trennte beinahe Werners rechtes Handgelenk, und das Blut spritzte über die Tafel. Er keuchte und schien zu unterliegen, hielt aber dennoch daran fest, wenn auch mit nachlassender Kraft. Nun griff Guy an. Indem er an seinen Rundschlägen festhielt, gewöhnte er Werner daran, den Körper zu schützen, und stand ihm so lebhaft rechts und links gegenüber, dass Werner verwirrt wurde, seine Vorsicht verlor und Boden preisgab. Plötzlich blitzte die Glefe des Habichts in der Luft auf und hackte schnurstracks auf Werners Haupt. Es war ein so geschickter Schlag gegen eine halbherzige Verteidigung, dass der Baron ohne ein Wort direkt auf den Rand der Tafel fiel und dort hängen blieb, mit den Fingern schwach umklammernd.
„Wer versperrt jetzt den Weg?“, sang Guy.
Niemand nahm die Herausforderung an. Der Erfolg kleidete ihn in Schrecken und verlieh ihm riesenhafte Gestalt.
„Dann lebt wohl, ihr lustigen Gesellen alle“, sagte Guy. „Tragt mir dies nicht nach. Ein wenig Pflaster wird den tapferen Baron wieder zurechtbringen.“
Er schritt schwungvoll an den Rand der Tafel und hielt seinen Finger hin, damit Margarita ihm folgen konnte. Sie trat vor. Die Männer steckten ihre Bärte zusammen und murmelten. Sie konnte nicht weiter. Farina winkelte den Ellbogen an und präsentierte die Schwertspitze. Drei der Schurken stritten ihr nun den Weg mit bloßem Stahl. Margarita sah zum Habicht. Er lächelte ruhig und neugierig, während er sich über sein Schwert lehnte und ihr aufmunternd zunickte. Sie machte trotzig einen weiteren Schritt. Ein Kerl streckte die Hand aus, um sie aufzuhalten. Ihr ganzer mädchenhafter Stolz bäumte sich augenblicklich auf. „Was für ein herrliches Mädchen!“, murmelte der Habicht, als er sah, wie ihr Gesicht plötzlich aufleuchtete, sie einen Schritt zurückwich und einen scharfen Schnitt über die Knöchel ihres Angreifers ausführte, und ihn – oder einen von ihnen – mit harten, hellen Augen, wunderbar rachsüchtig, herausforderte, Hand an eine reine Jungfrau zu legen.
„Du hast es abbekommen, Barenleib!“, riefen die anderen, und dann zu Margarita: „Sieh her, junge Herrin! Wir sind arme Schlucker und bitten um ein wenig Lösegeld, und dann scheiden wir als Freunde.“
„Kein Jota!“, verkündete der Habicht von seinem Posten aus.
„Zwei gegen eins, denk daran.“
„Die Chancen stehen für uns“, antwortete der Habicht zuversichtlich.
Sie stellten sich vor der Saaltür auf. Anstatt diese Herausforderung anzunehmen, schritt Guy zu Werner und legte seinen stöhnenden Feind der Länge nach in eine bequemere Lage. Dann hob er Margarita auf die Tafel und rief sie mit dem Ruf „Freie Bahn!“ zusammen. Sie antworteten mit einem mürrischen Schulterzucken und Hohn.
„Schwartz Thier! Rothhals! Farina! Schnallt euch an und macht euch bereit!“, sang Guy.
Er maß die Länge seines Schwertes und hob es. Der Habicht hatte seine Feinde nicht unterschätzt. Er war versucht, sie zu verachten, als er ihre sich allmählich verlängernden Gesichter und Augen bemerkte.
Keiner von ihnen bewegte sich. Alle starrten ihn an, als ob ihr Mark vor Entsetzen gefriere.
„Was ist das?“, rief Guy.
Sie wussten so wenig wie er, doch eine Kraft war hinter ihnen, unwiderstehlich gegen ihre Bemühungen. Die ächzende Eiche glitt auf, schob sie vorwärts, und eine Erscheinung glitt vorbei, so sanft wie das blasse Silber des Mondes. Sie glitt zum Baron, legte ihre Arme um ihn und sang ihm zu. Hätte die Wasserfrau eine eiserne Hand auf all diese Schurken gelegt, sie hätte sie nicht fester binden können, als es die Furcht vor ihrer Gegenwart tat. Der Habicht zog seine schöne Schutzbefohlene durch sie hindurch, gefolgt von Farina, dem Thier und Rothhals. Ein letzter Blick in den Saal zeigte sie noch immer starr wie alte Kathedralenskulpturen, die auf ein weißes Licht an einer kannelierten Säule der Wand starrten.
DER RHEINÜBERGANG
Tief zwischen den schwärzlichen Sandhügeln hinter der Abtei Laach sank der runde rote Mond. Sanfte Streifen von nebligem Gelb stahlen sich durch die Schluchten des Rheinlands. Die Nachtigallen sangen noch immer. Immer näher kam der Mond in die stillen Täler.
Es gibt ein Tal hinter der Burg Hammerstein, einen Ring aus sonnigem Grasland, umsäumt von einem silbern schieferigen Bach und bewacht von vier hohen, gipfelreichen Hügeln, die in vier langen, bewaldeten Ecken zum grasbewachsenen Grund abfallen. Hier, so sagt man, spielen die Elfen und Erdgeister, tanzend in Kreisen mit lachenden Füßen, die den Pilz mästen. Sie hätten jetzt der Tradition Genüge getan, wäre der Ort nicht von einer stämmigen Gruppe Sterblicher besetzt gewesen, bewaffnet mit Stäben. Die Eindringlinge waren schläfrig und lagen auf den Anhöhen. Hin und wieder standen zwei auf, und harte Eichenschläge hallten wider. Wieder waren alle ruhig wie wiederkäuendes Vieh, und das weiße Wasser floss, zufrieden mit der Stille.
Es mag sein, dass die Elfen Unheil unter ihnen brauten; denn die Eichenschläge wurden häufiger. Einer beklagte sich über einen Tritt: ein anderer verlangte Genugtuung für ein Kneifen. „Geh weg“, zog der Beschuldigte in beiden Fällen schläfrig, „zu viel Bier letzte Nacht!“ Innerhalb von drei Minuten zählte die Gesellschaft ein Paar eingeschlagene Köpfe. Der Osten gewann im Himmel über den Westen, und das Zwielicht wurde dünner. Sie begannen, jeder für sich, festzustellen, wen er geknüppelt hatte. Ein Geräusch von etwas, das sich schnell bewegte, machte sie aufmerksam. Ein Rehbock stürmte einen der Hügel hinunter und huschte über das Grasland. Das edle Tier eilte so rasch davon, dass es kaum noch zu erkennen war.
„Sathanas noch einmal!“, murmelten sie und rückten zusammen.
Der Name ging wie ein Losungswort durch ihre Reihen.
„Er ist es diesmal nicht“, riefen die zwei Neuankömmlinge, die aus dem Laubwerk hervorkamen. „Er ist sicher unter Köln – zum Leidwesen aller guten Menschen, die dort leben! Aber kommt! Folgt zum Rhein! Dort drüben gibt es Arbeit für uns, und zwar scharfe Arbeit.“
„Warum“, antworteten etliche, „wir haben heute unsere Herausforderung mit den Burschen aus Leutesdorf und Wied.“
„Seht ihr das?“, sagte der Anführer der anderen und deutete auf eine geschnitzte elfenbeinweiße Rose an seiner Mütze.
„Brüder!“, hob er seine Stimme, „folgt mit Willen, denn die Weiße Rose ist in Gefahr!“
Sofort reihten sie sich ein und folgten eifrig durch die Knospen der jungen Büsche und über Haufen von feuchtem, totem Laub, ein halbstündiges Gehetze, bis sie unter Hammerstein abbogen und vor dem Rhein standen. Ihr Anführer führte den Fluss hinauf und blieb nach einem hastigen Marsch stehen, lockerte seine Kapuze und entkleidete sich.
„Nun“, sagte er und schnallte das Bündel auf seinen Rücken, „lasst mich den Hund wissen, der sich weigert, seinem Anführer zu folgen, wenn die Weiße Rose in Gefahr ist.“
„Lang lebe Dietrich!“, riefen sie. Er ließ sich vom Ufer fallen und watete hinein. Er wurde bald von den übrigen Jünglingen unterstützt, und alle stießen kühn in die Mitte des Stroms.
Niemals hörte die Geschichte von einem edleren Rheinübergang als diesem, der zwischen Andernach und Hammerstein von Mitgliedern des Clubs der Weißen Rose unternommen wurde, das Bündel auf dem Rücken, um die Weiße Rose Deutschlands aus Knechtschaft und Schande zu befreien!
Sie wurden von der reißenden Strömung weit mitgerissen und erreichten keuchend das Ufer. Nachdem sie sich angekleidet hatten, marschierten sie den Pass von Tonnistein hinauf und nahmen einen tiefen Schluck an der Quelle des lieblichen Wassers, das dort für Wanderer offenstand. An den Ausläufern von Laach angekommen, erblickten sie zwei Bauern, die mit dem Rücken zueinander an eine Haselstaude gefesselt waren. Sie befreiten sie, konnten ihnen jedoch kein Wort der Auskunft entlocken, da die Burschen nach einem Gähnen und einem Augenzwinkern auf und davon liefen, die Fersen in der Hand, um sich ihrer Freiheit zu versichern. Am Ufer des Sees erspähte die Bruderschaft eine Gruppe von Jünglingen, die sie begrüßten und in ihre Gemeinschaft aufnahmen.
„Wo ist Berthold?“, fragte Dietrich.
Er war nicht anwesend.
„Umso mehr Ruhm für uns“, sagte Dietrich.
Hier wurde dem Hauptmann ernsthaft die Frage gestellt, ob sie nicht an der Abtei halten und nachdenken sollten, da ein großes Werk in Aussicht stünde.
„Wahrlich“, sagte Dietrich, „auf leerem Magen zu sterben ist heidnisch, und kaltes Blut lässt eine frische Wunde klaffen. Kaiser Conrad sollte gastfreundlich sein, und die Mönche ehren die Zahl. Hier sind wir, neununddreißig an der Zahl; lasst uns gehen!“
Der Westen war dunkelblau vom verblichenen Licht. Das Seewasser wurde grau im Dämmerlicht. Die Abtei stand in Schatten gehüllt. Die Jünglinge hatten bereits begonnen, an die Klostertüren zu hämmern, als sie von der Stimme des Goshawk zu Pferd gerufen wurden. Zu ihrer Verwirrung erblickten sie die Weiße Rose selbst an seiner rechten Seite. Der kleinlaute Dietrich verneigte sich vor seiner süßen Gebieterin.
„Wir kamen, um zu retten“, stammelte er.
Ein Lachen entwich dem Goshawk. „Ihr dachtet, die Dame sei im geisterhaften Vorratskeller eingesperrt; eh!“
Dietrich griff nach seinem Schwert und zog seinen Gürtel enger.
„Der Club duldet keine Scherze mit der Weißen Rose, Herr Fremder.“
Margarita stiftete Frieden. „Ich danke euch allen, gute Freunde. Aber streitet euch nicht, ich bitte euch, mit denen, die mich unter Einsatz ihres Lebens gerettet haben.“
„Unser Dienst ist gleichwertig“, sagte der Goshawk und machte eine ausladende Geste. „Nur sind wir dem Club zuvorgekommen, wofür Farina und ich die gesamte Bruderschaft herzlich um Verzeihung bitten.“
„Farina!“, rief Dietrich. „Dann machen wir einen Gefangenen, anstatt einen Gefangenen zu befreien.“
„Was ist das?“, sagte Guy.
„Dies“, antwortete Dietrich. „Dort ist ein Flüchtling vor zwei Herren: dem Gesetz von Köln und dem Besieger Satans; und alle guten Bürger sind befugt, ihn zurückzubringen, tot oder lebendig.“
„Dietrich! Dietrich! Wagst du es, so über den Mann zu sprechen, der mich gerettet hat?“, rief Margarita.
Dietrich beharrte mürrisch darauf.
„Dann seht!“, sagte die Weiße Rose, die unter der blassen Morgendämmerung errötete; „er soll nicht, er soll nicht mit euch gehen.“
Einer der Clubmitglieder wollte gerade zur Weißen Rose sprechen – ein Verstoß gegen das Privileg des Hauptmanns. Dietrich schlug ihn widerstandslos zu Boden und fuhr fort:
„Es muss geschehen, Schönheit von Köln! Der Mönch, Vater Gregory, erleidet nun Schande und Hohn wegen des Fehlens dieses flüchtigen Zeugen.“
„Genug! Ich gehe!“, sagte Farina.
„Du verlässt mich?“ Margarita blickte ihn sanft vorwurfsvoll an. Müdigkeit und wilde Aufregung hatten ihren Augen eine flüssige Flamme verliehen und eine bezaubernde Dunkelheit um ihre Ränder gezeichnet, die seltsam zu ihrer fülligen Jugend passte. Ihre Züge hatten ein sanftes weißes Leuchten. Sie war weniger strahlend, sah aber nie so bezaubernd aus. Ein Ausdruck süßer menschlicher Trägheit ergriff das Herz der Liebe und löste Aufruhr aus.
„Es ist eine Pflicht“, sagte Farina.
„Dann geh“, winkte sie und hielt ihm die Hand zum Kuss hin. Er hob sie an seine Lippen. Dies wurde vom gesamten Club gesehen.
Als sie mit Farina aufbrachen und Guy sich bereit machte, Einlass in das Kloster zu fordern, fragte Dietrich zufällig, wie es Dame Lisbeth ergehe. Schwartz Thier war dabei und antwortete lachend, er habe die kleine Dame ganz vergessen.
„Wir haben sie versehentlich für dich gehalten, Herrin! Sie war eine, die schreien konnte! In dem Moment, als sie geküsst wurde – stumm wie in einem Kloster. Wir haben sie geküsst, wir alle, nur zum Spaß. Kein Schaden – kein Schaden! Wir hätten sie fallen lassen sollen, als wir merkten, dass wir den alten Vogel statt des jungen hatten, aber wir rechneten mit Lösegeld, versteht Ihr. Sie ist am Eck und klappert, ich wette, wie eine Nuss vom letzten Jahr in der Schale!“
„Lisbeth! Lisbeth! Arme Lisbeth; wir kehren zu ihr zurück. Sofort“, rief Margarita.
„Nicht ihr“, sagte Guy.
„Doch! Ich!“
„Nein!“, sagte Guy.
„Tapferer Goshawk! Bester der Vögel, lass mich gehen!“
„Ohne mich oder Farina niemals! Ich sehe, ich werde jetzt keine Chance mehr bei meiner Herrin haben. Kommt dann, kommt, schöne Unwiderstehliche! Kommt, Jungs. Farina kann alleine zurückreisen. Ihr sollt den Ruhm haben, Dame Lisbeth zu retten.“
„Farina! Vergiss nicht, meinen Vater zu trösten“, sagte Margarita.
Zwischen Margaritas Gesellschaft und Farinas gab es im Geist des Hauptmanns wenig Streit darüber, welche Wahl zu treffen sei. Farina durfte allein nach Köln reisen; und Dietrich, von Margarita verhätschelt und von Guy sanft verspottet, führte den Club von den Laacher Gewässern zur Burg des Raubritters.
DIE RÜCKSCHLÄGE DES SATHANAS
Mönch Gregory schritt auf der Landstraße zwischen dem kaiserlichen Lager und dem leidenden Köln auf und ab. Die Sonne war durch unendliche Wolkenweiten aufgegangen, die ihn in einer Abfolge zurückweichender Hügel und dünnerer Schleier fernhielten, ein Reich hinter dem anderen, bis er feuerlos erschien, wie ein Phantomkönig in einem Phantomland. Die Lerche war in der Brust des Morgens. Die Feldmaus rannte entlang der Furchen. Tau hing rot und grau an den unkrautbewachsenen Ufern und den Bäumen am Wegesrand. Zeitweise hob sich der Nasenflügel des guten Vaters, und er schlug sich an die Brust, in schwermütige Betrachtung verfallend. Kam ein Bürger von Köln vorbei, sank das geisterhafte Haupt in seine Kutte. „Da ist ein schwarzer Rabe!“, sagten viele. Mönch Gregory hörte sie und murmelte: „Du hast mich, Böser! Du hast mich!“
Es war Mittag, als Farina vom Lager heruntergeritten kam.
„Vater“, sagte er, „ich habe dich gesucht.“
„Mein Sohn!“, rief Mönch Gregory mit einer beschwichtigenden Handbewegung, „du hast nicht gut daran getan, mich im Kampf gegen die Zungen des Zweifels allein zu lassen. Antworte mir nicht. Das Mädchen! Und was wog sie in einer solchen Waagschale? – Nicht mehr! Ich bin bestraft. Wohl spricht das alte Sprichwort:
„Hüte dich vor den Rückschlägen des Sathanas!“
Ich, der ich dachte, ihn besiegt zu haben! Eitelkeit hat mich zugrunde gerichtet, in dieser Welt und der nächsten. Ich bin das Opfer des Weihrauchs meiner selbst. Ich höre die Dämonen ihren Chor brüllen: „Hier kommt Mönch Gregory, der sich selbst Bezwinger der Finsternis nannte!“ Im Lager bin ich diskreditiert und ein Spott; in der Stadt werde ich bespuckt, verabscheut. Satan, mein Sohn, kämpft nicht mit seinen Vorderkrallen. Mit seinem Schwanz kämpft er, o Farina! – Hör zu, mein Sohn! Er trat in sein Reich unter uns durch Köln ein, sogar unter den Steinen des Domplatzes, und sein Gestank bleibt abscheulich und fordert die Nasen der Heiligen wie der Unheiligen gleichermaßen heraus. Der Kaiser kann sich ihm nicht nähern; die Bürger sind empört. Oh! Hätte ich in Demut geschwiegen, hätte ich ihn wahrlich besiegt. Aber er gab mir einen leichten Sieg, um mich aufzublähen. Ich werde nicht lange bestehen. Nun bleibt nur dies, mein Sohn; dass du lebendiges Zeugnis von der Wahrheit meiner Aussage ablegst, wie ich es von der Torheit ablege!“
Farina versprach, angesichts aller, er werde seinen Sieg auf dem Drachenfels verkünden und bezeugen.
„Damit ich nicht als Betrüger eingestuft werde!“, fuhr der Mönch fort. „Und wie groß muss die Tugend derer sein, die diesem dunklen Geist begegnen! Tapferkeit nützt nichts. Aber wenn keine Tugend in euch ist, werdet ihr bald mit dem Gift dieses Teufels, dem Weihrauch der Eitelkeit, zum Bersten aufgebläht sein. Wahrlich, mein Sohn, du bist treu; und für diesen Dienst kann ich dich belohnen. Folge mir noch einmal.“
Auf der Straße trafen sie Gottlieb Groschen, der sich zum Lager beeilte. Bestürzung zerknitterte die ehrlichen Backen des alten Kaufmanns. Farina zog vor ihm den Zügel an.
„Eure Tochter ist in Sicherheit, werter Meister Groschen“, sagte er.
„In Sicherheit?“, rief Gottlieb; „wo ist sie, meine Grete?“
Farina erklärte es kurz. Gottlieb breitete seine Arme aus und wollte dem Jüngling danken. Er sah Vater Gregory, und seine ganze Gestalt verengte sich vor Abscheu.
„Seid Ihr in Begleitung dieses pestilenzialischen Tieres, dieses Fluchs von Köln!“
„Der gute Mönch –“, sagte Farina.
„Ihr seid also mit ihm im Bunde, Schurke! Erwartet keinen Dank von mir. Köln, sage ich, ist verflucht! Einmischende Elende! Konntet ihr Satan nicht in Ruhe lassen? Er tat uns nicht weh. Wir waren frei von ihm. Köln, sage ich, ist verflucht! Der Feind der Menschheit wird durch euch zum tödlichen Feind von Köln gemacht.“
So sagend, ging Gottlieb weg.
„Siehst du, mein Sohn“, sagte der Mönch, „sie argumentieren nicht!“
Farina war niedergeschlagen. Er hätte seinerseits die Seele des Bösen gerne als freien Herumtreiber gelassen, um seines hoffnungsvolleren Horizonts willen.
Kein Anflug von Reue begleitete Gottlieb. Der Kaiser hatte ihm ein Lager und eine Ehrenwache für seinen Haushalt zugewiesen, während der Unrat wütete, und dort begrüßte Gottlieb Margarita und Tante Lisbeth am Mittag nach seinem Treffen mit Farina. Die Weiße Rose hatte sich in Laach ausgeruht und blühte wieder auf. Sie und der Goshawk kamen vor dem Club durch die Wälder von Laach getrabt, scheuchten das Wild mit ihrem Lachen auf und ließen den Hasen mit angelegten Ohren durchs ganze Land jagen. Umsonst drohte Dietrich Guy mit den Schrecken des Clubs: Tante Lisbeth bat Margarita vergebens, sie nicht bei den Bediensteten zu lassen. Das fröhliche Paar galoppierte über das Land, sprang über Gräben und übersprang die Deiche, auf und ab an den Ufern, froh wie Morgenfalken, und zog in Andernach in flottem Tempo ein; wo sie in einer Herberge einkehrten, die damals wie heute imstande war, guten Rhein- und Moselwein zu liefern. Hier ließen sie den Mittagsschmaus im Garten für den wütenden Club auftischen und besänftigten ihn bei seiner Ankunft mit Bechern des besten Scharzhofbergers. Nach einer erfrischenden Rast wurden drei Boote gemietet. Auf ihrem Weg zum Fluss begegneten sie einer Prozession von Mönchen, angeführt vom Erzbischof von Andernach, die eine kleine, aus Schwarzdorn geschnitzte und lackierte Christusfigur trugen: Man sagte, sie wirke Wunder und sei ein Geschenk zweier ungarischer Pilger an die gute Stadt.
„Seid ihr auf dem Weg nach Köln?“, fragten die Mönche sie.
„Direkt flussabwärts!“, antworteten sie.
„Sendet dann Gregory, den Besieger der Finsternis, zu uns, damit er weiß, dass es Dankbarkeit auf Erden gibt und Anerkennung für große Taten“, sagten die Mönche.
So fuhren die Reisenden mit Kniebeugen fort und stiegen am Weißen Turm des Erzbischofs in die Boote. Sie trieben unter der Burg Hammerstein und Rheineck hindurch; an Salzig und der Ahr-Mündung; Rolandseck und Nonnenwerth; Drachenfels und Bonn; Hügel grün von jungen Reben; Täler, in denen frisches Laub wehte. Margarita sang, während sie trieben. Uralte Balladen sang sie, die den Goshawk nach Hause seufzen ließen und den Club mit delirierender Liebe für das große alte Wasser erfüllten, das sie vorwärts trieb. Tante Lisbeth war nicht zu bewegen. Sie allein ließ den Kopf hängen. Sie sah Gottlieb nicht ins Gesicht, als er sie umarmte. Auch auf kein Fragen hin wollte sie eine Antwort geben. Von dieser Zeit an war sie mildtätig gegenüber Frauen; und die überschwängliche Fröhlichkeit und Vertrautheit der Männer ihr gegenüber wuchs bald zu Güte und Respekt. Der Drache in Tante Lisbeth war zerstört. Sie widersprach Margaritas Kamee nicht mehr.
Der Goshawk schloss schnell Frieden mit seinem Herrn und genoss das Lob des Kaisers. Dietrich Schill dachte daran, ihn herauszufordern; aber der Club hatte schwerere Geschäfte: und das war, über Berthold Schmidt das Urteil wegen des Verbrechens zu fällen, die Weiße Rose an Werner verraten zu haben. Sie hatten Berthold am Eck gefunden und dort zugestimmt, ihn bleiben zu lassen, bis Lösegeld für seinen verräterischen Körper gezahlt wurde. Berthold wurde in seiner wilden Leidenschaft von Werner ausgetrickst und unterwarf sich nach seiner Freilassung durch Zahlung des Lösegelds dem Urteil des Clubs, das ihn verurteilte, nacheinander gegen sie alle zu kämpfen und dann die Verbannung aus dem Rheinland zu erleiden; der Goshawk legte aus Rücksicht auf seine Schwester Fürsprache bei einem strengeren Tribunal ein.
DER EINZUG IN KÖLN
Sieben Tage blieb Kaiser Heinrich außerhalb von Köln gelagert. Sechsmal in sechs aufeinanderfolgenden Tagen versuchte der Kaiser, die Stadt zu betreten, und wurde vereitelt.
„Bart von Barbarossa!“, sagte der Kaiser, „dies ist die erste Festung, die mir je widerstanden hat.“
Die kriegerischen Bischöfe, Kurfürsten, Pfalzgrafen und Ritter des Reiches schworen alle, es sei keine Schande, dem Dämon nicht gewachsen zu sein.
„Wenn“, sagte der nachdenkliche Kaiser, „wir unten erleiden sollen, was das arme Köln jetzt zu erdulden verurteilt ist, lasst uns bei allem, was schmackhaft ist, Buße tun und umkehren.“
Der Wind, der gerade von Köln herüberwehte, machte die Höflinge ernst. Viele dachten zum ersten Mal an ihre Seelen.
Dies ist zur Ehre von Mönch Gregory aufgezeichnet.
Am siebten Morgen kündigte der Kaiser seine Entschlossenheit an, einen letzten Versuch zu unternehmen.
Es war Morgengrauen, und ein Jüngling stand vor dem Zelt des Kaisers und erbat eine Audienz.
In die Gegenwart des Kaisers geführt, gelang es dem Jüngling, so sagt man, ihn aus seiner Niedergeschlagenheit zu reißen, denn so tapfer er war, fürchtete Kaiser Heinrich das Ergebnis. Sogleich wurde befohlen, die Kavalkade gemäß dem Reskript aufbrechen zu lassen, wobei Kaiser Heinrich den Jüngling zu seiner Rechten behielt. Aber der Jüngling hatte Gelegenheit gefunden, Gottlieb und Margarita zu besuchen, von denen er jeden mit einer eigenartig geformten Flasche ausstattete, die mit einem Destillat gefüllt war.
Als die Spitze der Prozession die Tore von Köln erreichte, zeigten sich Anzeichen des Zögerns.
Kaiser Heinrich befahl das Vorrücken um jeden Preis.
Pfalzgraf Nase, wie ihn die alten Chroniken in ihrem Humor nennen, zweifellos aber ein großer Adliger, führte die Vorhut und schob sich über die Zugbrücke.
Zögern und Anzeichen von Entsetzen zeigten sich in der Versammlung um die Person des Kaisers. Der Kaiser und der Jüngling an seiner Rechten waren munter. Nicht im Geringsten ließen sie die Köpfe hängen! Mehrere der heldenhaften Ritter erbeten die Erlaubnis des Kaisers, zurückzufallen.
„Folgt Pfalzgraf Nase!“, soll der Kaiser gesagt haben.
Groß war das Staunen der Kölner Bürger, Kaiser Heinrich in vollkommener Würde die Hauptstraße zum Dom hinaufreiten zu sehen, während links und rechts von ihm Bischöfe und Kurfürsten unfähig zusammensanken.
Der Kaiser rückte vor, bis an seiner Seite nur noch der Jüngling ritt.
„Dein Name?“, sagte der Kaiser.
Er antwortete: „Ein armer Jüngling, unbesiegbarer Kaiser! Farina werde ich genannt.“
„Deine Belohnung?“, sagte der Kaiser.
Er antwortete: „Die Hand eines Kölner Mädchens, gnädigster Kaiser und Herr!“
„Sie ist dein!“, sagte der Kaiser.
Kaiser Heinrich blickte hinter sich, und unter einer Schar, die sich an die Knäufe ihrer Sättel klammerte und besiegt schwankte, waren nur zwei aufrecht: ein Mädchen und ein alter Mann.
„Das ist sie, unbesiegbarer Kaiser!“, fuhr Farina fort und verneigte sich tief.
„Es soll auf der Stelle arrangiert werden“, sagte der Kaiser.
Ein Wort von Kaiser Heinrich besiegelte Gottliebs Zustimmung.
Er sagte: „Gnädiger Kaiser und Herr! Obwohl ein solcher Jüngling niemals aus sich selbst heraus nach dem Besitz eines Groschen hätte streben können, so ist doch, wenn der Kaiser für ihn bittet, Einwand wie der Fels des Moses, und Zustimmung fließt. Wahrlich, er hat Köln gute Dienste geleistet, und wenn Margarita, meine Tochter, überredet werden kann –“
Der Kaiser sprach sie mit seinen flammenden Brauen an.
Margarita errötete in einem herbstlichen, rosenreifen Einverständnis.
„Eine Ehe, die dort oben registriert ist!“, sagte der Kaiser und zeigte nach oben.
„Ich bin dein“, murmelte Margarita, als Farina sich ihr näherte.
„Besiegle es! Besiegle es!“, sagte der Kaiser in herzlicher guter Laune; „nimm keine Zustimmung von Mann oder Maid ohne ein Siegel entgegen.“
Farina warf den Inhalt einer Flasche in die Luft und küsste seine Geliebte auf die Lippen.
Diese Szene fand in der Nähe der verkohlten Erdkuhle statt, wo der Scheußlichste in sein Reich unter der Erde hinabstieg.
Männer durchzogen nun Köln mit Flaschen und reinigten die Atmosphäre. Es wurde möglich, frei zu atmen.
„Wir Deutschen“, sagte Kaiser Heinrich, als er wieder von seinen Höflingen umringt war, „mögen falsch liegen, wenn wir immer Pfalzgraf Nase folgen; aber dieses Mal sind wir gut geführt worden.“ Woraufhin es unterwürfiges Gelächter gab.
Der Pfalzgraf berief sich auf eine empfindliche Nase.
„Du bist, fürchte ich, nur ein sterblicher Zauderer“, sagte der Kaiser.
„Niemals habe ich mich auf dem Deutschen Feld so erwiesen, Kaiserliche Majestät!“, erwiderte der Pfalzgraf. „Ich rühme mich, dass dieser höllische Dunst mich übermannt.“
„Sogar das müssen wir bekämpfen, seht Ihr!“, rief Kaiser Heinrich aus; „aber kommt alle heute Abend zu einer Hochzeit und nehmt euch Bräute, sobald ihr wollt, ihr alle. Vermehrt euch und gebt uns treue Untertanen in Fülle. Ich zähle Wohlstand nach der Anzahl der Ehen in meinem Reich!“
Der Club der Weißen Rose wurde von Gottlieb zur Hochzeit eingeladen und war darüber in hellem Zorn, bis sie den Kaiser und solch exzellente, deftige deutsche Kost sahen; alsbald entbrannte ein Streit darüber, wer dem Ereignis am meisten Ehre erweisen solle, und dauerte bis zum Morgengrauen: Dietrich Schill war der Mann, da er Wurst in der Länge seines Arms verzehrt und Wein in einer Menge getrunken hatte, die einen St.-Goar-Lachs hätte flößen können; was lange stolz in seiner Familie chronisiert wurde und nun aus den alten, ehrenwerten Aufzeichnungen von Köln ausgegraben ist.
Der Goshawk war Farinas Brautführer, und ein sehr belebender Brautführer war er! Tante Lisbeth saß in einer Ecke und lächelte schwach.
„Kind!“, sagte die kleine Dame zu Margarita, als sie sich beim Abschied küssten, „dein Mut erstaunt mich. Denkst du auch? Weißt du es? Armes, süßes Vögelchen, mit Händen und Füßen ausgeliefert!“
„Ich liebe ihn! Ich liebe ihn, Tantchen! Das ist alles, was ich weiß“, sagte Margarita: „liebe, liebe, liebe ihn!“
„Der Himmel stehe dir bei!“, stieß Tante Lisbeth aus.
„Bete mit mir“, sagte Margarita.
Die beiden knieten am Fuß des Brautbettes und sprachen sehr verschiedene Gebete, aber zum selben Ende. Danach half Tante Lisbeth, die Weiße Rose zu entkleiden, zitterte, erzählte eine traurige Hochzeitsanekdote von der Burg, legte ihre kleine, verschrumpelte Hand auf Margaritas Herz und schrie auf.
„Kind! Es galoppiert!“, rief sie.
„Es ist das Glück“, sagte Margarita, in ihrem Haar stehend.
„Möge es nur anhalten!“, rief Tante Lisbeth aus.
„Das wird es, Tantchen! Ich bin demütig: Ich bin treu“; und das schöne Mädchen raffte den Spitzenbesatz ihres Nachthemds zusammen.
„Schau nicht in den Spiegel“, sagte Lisbeth; „nicht heute Nacht! Schau, wenn du kannst, morgen.“
Sie glättete die Weiße Rose in ihrem Bett, deckte sie zu und küsste sie, sie hinterlassend wie eine Knospe, die auf den Sonnenschein wartet.
SCHLUSSWORT
Der Schatten von Mönch Gregory wurde in Köln nicht mehr gesehen. Er trat in den Kalender ein und rangiert gleich nach St. Antonius. Drei Jahrhunderte lang brüsteten sich die Städte des Rheinlands mit seinen leibhaftigen Besuchen, und der Bezwinger der Finsternis verursachte schreckliche rheinische Fehden.
Der Geschwänzte Höllische wiederholte seinen berühmten Rückschlag an Farina. Der Jüngling erwachte eines Morgens und erblickte Lagerhäuser, die das exakte Muster seiner eigenen hatten, die Flaschen zeigten, die genau wie seine eigenen geformt waren, und einen Farina zur Rechten und Linken von ihm. In einer Woche waren sie verdoppelt. Ein Monat vervierfachte sie. Sie vermehrten sich.
„Ruhm und Reichtum“, sinnierte Farina, „kommen von den Menschen und der Welt: Liebe ist vom Himmel. Wir mögen würdig sein und das Erste verlieren. Wir verlieren nicht die Liebe, es sei denn, wir sind unwürdig. Wollt ihr den wahren Farina kennen? Sucht nach ihm, der unter dem Siegel der Glückseligkeit wandelt; dessen Liebling für immer seine junge, süße Braut ist, die ihn aus Schlingen führt und seine Seele mit himmlischer Frische grundiert. Es gibt keine Heuchelei, die diesen Anblick nachahmen kann. Am wenigsten die Kreaturen der Verdammten! Daran bin ich zu erkennen.“
Sieben Jahre später, als der Goshawk nach Köln kam, um alte Freunde zu sehen und etwas von Gottliebs ältestem Rüdesheimer zu trinken, wurde er von falschen Farinas aufgelauert; und entdeckte den wahren erst zuletzt durch Zufall in den Musikgärten nahe dem Rhein, wo Farina saß, auf der einen Seite Margarita hatte und zu seinen Füßen drei Jungen und ein Mädchen, über die sich beide liebevoll beugten, wie der Elternstock, der seine Traubenbündel im Sommerlicht liebkost.
KAPITEL III
Die Bekanntschaft zwischen Douro Lodge und dem Anwesen der Lady Camper entwickelte sich, wie es die Welt nennt, zu einer gewissen Vertrautheit. Der General war ein häufiger Gast, und Lady Camper ließ sich nun öfter in den Anlagen des Generals blicken, wo sie mit einem spitzen Sonnenschirm bewaffnet umherging, der, wie der General bemerkte, wie ein Ausfallschritt ihres Armes wirkte, bereit, auf alles einzustechen, was ihrem kritischen Blick als Unkraut oder Unordnung erschien. Sie schien die Idee eines englischen Heims, wie der General es sich in seiner Bescheidenheit zurechtgelegt hatte, einer Revision unterziehen zu wollen.
„General“, sagte sie eines Tages, „haben Sie jemals den Gedanken gefasst, dass Ihr Gärtner ein unbewusster Feind Ihres ästhetischen Empfindens ist?“
Der General, der den alten Mann sehr schätzte, weil dieser so treu und pflichtbewusst in seinem Dienst war, verbeugte sich leicht. „Er ist ein Mann von tadelloser Zuverlässigkeit, Lady Camper.“
„Das ist ein Vorzug für einen Soldaten, aber eine Katastrophe für ein Blumenbeet“, entgegnete sie trocken. „Ihre Geranien stehen in einer so militärischen Reihung, dass sie jeden Moment das Feuer eröffnen könnten. Haben Sie keinen Sinn für die malerische Unordnung der Natur?“
Der General war für einen Augenblick sprachlos. Er hatte die Anordnung seiner Blumen immer als ein Zeichen von Ordnung und Wohlstand betrachtet. Er sah seine Tochter an, die jedoch in ein Gespräch mit dem Neffen, Mr. Reginald Roller, vertieft war, der sich gerade über die Mauer lehnte. Es war ein heiterer Nachmittag, und der Anblick von Elizabeth, die in ihrem hellen Kleid wie eine Frühlingsblüte inmitten der peniblen Anordnungen des Gartens stand, erfüllte ihn mit Stolz.
„Vielleicht“, sagte der General und räusperte sich, „könnten wir einige Änderungen vornehmen, wenn es Ihre Zustimmung fände.“
„Meine Zustimmung ist zweitrangig, mein lieber General. Es geht um Ihr eigenes Auge. Haben Sie nie den Wunsch verspürt, Ihr Leben ein wenig... weniger kartografisch zu gestalten?“
Er wusste nicht recht, was sie mit „kartografisch“ meinte, doch der Tonfall war so herausfordernd, dass er sich in seiner Ehre als Gentleman angegriffen fühlte. Er war kein Mann, der sich dem Urteil einer Dame entzog, besonders nicht, wenn sie so bezaubernd und scharfzüngig war wie Lady Camper. Er begann, den Garten nach ihren Anweisungen umzugestalten, und verbrachte Stunden damit, Steine zu verlegen und Pflanzen umzusetzen, wobei er sich ständig fragte, ob er nicht dabei war, sein eigenes Heim zu entwurzeln.
Elizabeth beobachtete diese Entwicklung mit einer Mischung aus Befremden und Amüsement. „Papa“, sagte sie eines Abends, „Sie lassen sich von ihr lenken, als wären Sie ein Rekrut in ihrer Kompanie.“
„Unsinn, mein Kind“, antwortete er und strich sich den silbernen Schnurrbart. „Es ist lediglich eine Frage der Höflichkeit. Eine Dame von ihrem Stand... man kann ihr nicht einfach den Rücken kehren.“
Doch in seinem Herzen wusste er, dass es mehr war. Es war die Faszination für eine Frau, die keine Angst hatte, die Dinge beim Namen zu nennen, und die ihn gleichzeitig aus der wohligen Sicherheit seiner Routine riss. Er fühlte sich, als stünde er auf einem Exerzierplatz, auf dem er die Manöver nicht mehr selbst bestimmte, während Lady Camper als kommandierende Offizierin vom Fenster ihres Hauses aus die Regie führte.
Lady Camper lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch, das in dem eleganten Raum beinahe wie ein Schuss hallte. „Mein lieber General, Sie sind ein vollendeter Höfling, aber in der Liebe – oder was Sie dafür halten – sind Sie ein Stratege, der seine Truppen bereits in die Flucht geschlagen hat, bevor der erste Schuss gefallen ist.“ Sie trat näher an ihn heran, und der General spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte, während er angestrengt versuchte, eine würdevolle Haltung zu bewahren. „Ich habe Sie beobachtet“, fuhr sie fort, ihre Augen fixierten ihn mit einer Intensität, die ihn fast schwindlig machte. „Sie sind wie ein Mann, der in einem Garten voller seltener Gewächse steht und sich fürchtet, eine Blume zu pflücken, aus Sorge, er könnte dabei den Rasen beschädigen.“
Der General räusperte sich. „Ich – ich sage, ich bin stets bedacht, die Etikette zu wahren, meine Gnädigste. Man möchte nicht... man möchte keinesfalls als ein Eindringling erscheinen.“ Er suchte nach den richtigen Worten, doch sein Verstand schien sich in den Ausläufern seiner eigenen Höflichkeit zu verheddern. „Es ist nur so, dass ich die Dinge gerne in geordneten Bahnen weiß, und ich habe das Gefühl, dass wir... nun, dass wir uns auf einem Terrain bewegen, das ich in meinen Dienstjahren nie kartographiert habe.“
„Das ist es, was das Leben interessant macht“, erwiderte Lady Camper, und ein seltsam sanfter Ausdruck trat in ihr Gesicht, der ihn mehr verwirrte als ihre vorherige Strenge. „Man kann nicht immer nach Vorschrift marschieren, General. Manchmal muss man das Risiko eingehen, aus dem Takt zu geraten.“ Sie machte eine Geste, die den gesamten Raum umfasste. „Sie haben mir von Ihrer Tochter erzählt, von Ihrem Garten, von Ihrem Wunsch nach einem ruhigen Leben. Aber haben Sie sich jemals gefragt, ob die Stille, die Sie so sehr schätzen, nicht in Wahrheit eine Form der Kapitulation vor der Welt ist?“
Er sah sie verständnislos an. „Kapitulation? Ich empfinde mein Leben als... als durchaus erfüllt. Ich sage, ich bin ein zufriedener Mann.“ Dennoch hallten ihre Worte in ihm nach wie ein fernes Trommelsignal, das ihn daran erinnerte, dass er vielleicht ein Leben lang nur Stellungen gehalten hatte, anstatt sie zu erobern. „Wenn Sie meinen, dass ich mehr wagen sollte...“
„Ich meine“, unterbrach sie ihn und trat einen Schritt zurück, wodurch sie die Distanz zwischen ihnen wieder vergrößerte, „dass Sie ein Mann sind, der nach einer Führung sucht, obwohl Sie selbst ein Anführer sein könnten. Doch wir wollen den Abend nicht mit philosophischen Exkursen belasten.“ Sie lächelte, ein Lächeln, das gleichermaßen ein Versprechen wie eine Warnung war. „Kommen Sie morgen wieder. Und versuchen Sie, bis dahin Ihre Gedanken zu ordnen – oder, was noch besser wäre, lassen Sie sie einfach beiseite.“
Der General verbeugte sich, tiefer als es die militärische Form verlangte, und verließ das Haus mit einer Mischung aus Erleichterung und einem nagenden Gefühl des Unbehagens. Er hatte den Feldzug begonnen, ohne zu wissen, ob er der Angreifer oder der Belagerte war. Als er durch die nächtliche Straße zu seinem eigenen kleinen Anwesen zurückkehrte, kam ihm sein Haus auf einmal fremd vor. Die Vertrautheit seiner Umgebung, die ihm sonst so viel Sicherheit gab, wirkte plötzlich wie eine Kulisse, die nur darauf wartete, von Lady Camper neu arrangiert zu werden. Er ging in sein Arbeitszimmer, setzte sich in seinen Sessel und starrte in das erlöschende Kaminfeuer. Er war ein General, er war Wilson Ople, er war der Mann der geordneten Verhältnisse – und doch fühlte er sich in diesem Moment wie ein Rekrut, der zum ersten Mal in den Krieg zog, ohne zu wissen, wo der Feind stand.
„Das ist eine neue Idee für mich, meine liebe Generalin“, sagte er. „Sie müssen mir Zeit geben. Menschen in unserem Alter müssen an ihre Gesundheit denken. Natürlich sind wir in gewissem Sinne beide frei, zu tun, was wir wollen. Vielleicht kann ich Ihnen eine Hilfe sein. Meine Vorliebe gilt der absoluten Unabhängigkeit. Und ich wollte von einer anderen Angelegenheit sprechen. Kommen Sie morgen zu mir. Seien Sie nicht verletzt, wenn ich entscheide, dass es besser ist, wenn wir bleiben, wie wir sind.“
Der General verneigte sich. Seine Bemühungen und das Flattern der Flagge seiner schönen Feindin hatten in ihm ein regelrechtes Wiedererwachen männlicher Leidenschaft geweckt, diese Festung einzunehmen. Er sagte trefflich: „Ich habe also das Glück, gnädige Frau, bis morgen hoffen zu dürfen?“
Sie erwiderte: „Ich würde Ihnen keinen Moment des Glücks vorenthalten. Bringen Sie Ihren gesunden Menschenverstand mit, wenn Sie kommen.“
Der General fragte eifrig: „Habe ich Ihrer Ladyship Erlaubnis, früh zu kommen?“
„Beraten Sie sich mit Ihrem Glück“, antwortete sie; und wenn sie ihm in seinem Geist wieder wie ein Rätsel erschien, so war es alles in allem köstlich. Sie gab ihm seine Jugend zurück. Er erzählte Elizabeth an jenem Abend davon; er müsse wirklich anfangen, daran zu denken, sie mit einem würdigen jungen Mann zu verheiraten. „Obwohl“, sagte er mit einem Anflug von freimütiger Trunkenheit, „meine Meinung ist, die Jungen sind heutzutage nicht so lebhaft wie die Alten, sonst wäre ich schon längst belagert worden.“
Den genauen Inhalt des Gesprächs unterließ er es, seiner neugierigen Tochter mit einer sehr ehrenwerten Diskretion mitzuteilen.
KAPITEL IV
Elizabeth kam von einem Galopp um den Park nach Hause zum Frühstück und erhielt beim Vorbeireiten an Lady Campers Toren den Gruß ihres Sonnenschirms. Lady Camper sprach durch die Gitter mit ihr. Es gab kein Anzeichen, das von einer Veränderung oder Wendung in ihrer nachbarlichen Freundlichkeit kündete. Sie bemerkte recht einfach, dass es die Gewohnheit ihres Neffen sei, frühe Galoppritte zu unternehmen, und möglicherweise habe Elizabeth ihn gesehen, denn seine Unterkunft sei in der Nähe; aber sie verlangte keine Antwort. Sie habe eine ziemlich unruhige Nacht verbracht, sagte sie. „Wie geht es dem General?“
„Papa muss fest geschlafen haben, denn er ruft gewöhnlich zu mir durch seine Tür, wenn er hört, dass ich auf bin“, sagte Elizabeth.
Lady Camper nickte freundlich und ging weiter.
Am frühen Morgen war General Ople bereit für die Schlacht. Seine Streitkräfte waren: die Vorfreude auf den Sieg, eine sorgfältig arrangierte Toilette und ein ungewohnter Unternehmungsgeist in Sachen Rede; denn er hatte nicht mehr eine solche Ehrfurcht vor Lady Camper.
„Sie haben gut geschlafen?“, erkundigte sie sich.
„Ausgezeichnet, gnädige Frau.“
„Ja, Ihre Tochter sagt mir, sie habe Sie gehört, als sie morgens an Ihrer Tür vorbeiging, um zu einem Ausritt zu meinem Neffen zu gelangen. Sie sind, nehme ich an, bereit fürs Geschäftliche.“
„Elizabeth?... um zu... treffen...?“ Der Eindruck des Generals von irgendetwas, das außerhalb seiner Emotion lag, war schwach und verging augenblicklich. „Bereit! Oh, sicherlich“; und er fügte ein Kompliment über die frische Morgenröte ihrer Ladyship hinzu.
„Das kann kaum sichtbar sein“, antwortete sie; „ich habe mich noch nicht geschminkt.“
„Geht Ihre Ladyship so früh am Morgen ans Schminken?“
„Rouge. Ich trage Rouge auf.“
„Du meine Güte! Das hätte ich nicht vermutet.“
„Sie haben sehr offen darüber spekuliert, General. Ich erinnere mich, dass Sie versuchten, eine Sommersprosse durch das Rouge zu sehen; aber die Wahrheit ist, ich bin von übernatürlicher Blässe, wenn ich kein Rouge auftrage, also tue ich es. Sie verstehen also, ich habe einen falschen Teint. Nun zum Geschäftlichen.“
„Wenn Ihre Ladyship darauf besteht, es geschäftlich zu nennen. Ich habe wenig zu bieten – mich selbst!“
„Sie haben einen herrschaftlichen Wohnsitz.“
„Das ist er, gnädige Frau, das ist er. Es ist ein Bijou.“
„Ach!“, seufzte Lady Camper niedergeschlagen.
„Es ist ein perfektes Bijou!“
„Erweisen Sie mir den Gefallen, General, das französische Wort nicht so auszusprechen, als würden Sie bei etwas auf Englisch schwören, wie ein Dragoner.“
General Ople zuckte zusammen, gab zu, dass das Wort französisch sei, und entschuldigte sich für seine Aussprache. Ihre Wandelbarkeit war nun wie eine Gewitterwolke über einer Ecke des Schlachtfeldes sichtbar.
„Die Angelegenheit, die wir zu besprechen haben, betrifft die jungen Leute, General.“
„Ja“, durch dies erheitert, stimmte er zu: „Ja, liebe Lady Camper; es ist ein Teil des Geschäftlichen; es ist ein zweitrangiger Teil; es muss diskutiert werden; ich sage, ich unterschreibe im Voraus. Ich darf sagen, dass ich Sie so ehre und achte, wie ich es tue, und sehnlichst auf Ihr Einverständnis hoffe...“
„Sie müssen ein Heim und ein Einkommen haben, General.“
„Ich nehme an, liebste Lady, dass Elizabeth in Ihrem Heim willkommen sein wird. Ich werde Reginald sicherlich niemals aus meinem jagen.“
Lady Camper warf den Kopf zurück. „Dann sind Sie noch nicht wach, oder Sie üben die Kunst, mit offenen Augen zu schlafen! Nun hören Sie mir zu. Ich trage Rouge, habe ich Ihnen gesagt. Ich mag Farbe, und ich mag es nicht, Falten zu sehen oder sie gesehen zu haben. Deshalb trage ich Rouge. Ich erwarte nicht, die Welt hinsichtlich meines Alters so eklatant zu täuschen, und Sie würde ich nicht einen Moment lang täuschen. Ich bin siebzig.“
Die Wirkung dieser edlen Offenheit auf den General war, dass er aus seinem Stuhl in eine sitzende Haltung erhoben wurde, als wäre er in die Luft gesprengt worden.
Ihr Gesichtsausdruck war unerbittlich unbewegt unter seinem abwechselnden Blinzeln und Starren, das sie ihm nahebrachte und in die Ferne schießen ließ, wie bei einem mysteriösen Spielzeug.
„Aber“, sagte sie, „ich bin eine Künstlerin; ich mag das Aussehen von extremem Alter nicht, also verberge ich es, so gut ich kann. Sie sind sehr freundlich, auf die Täuschung einzugehen: eine unschuldige und, wie ich meine, eine angemessene vor der Welt, wenn auch nicht vor dem Gentleman, der mir die Ehre erweist, um meine Hand anzuhalten. Sie wünschen zuerst unsere Geschäfte zu ordnen. Sie achten mich; ich nehme an, Sie meinen so viel, wie junge Leute meinen, wenn sie sagen, sie lieben. Tun Sie das? Lassen Sie uns zu einem Verständnis gelangen.“
„Ich kann“, keuchte der melancholische General, „ich sage, ich kann – ich kann nicht – ich kann Ihrer Ladyship... nicht glauben...“
„Es steht Ihnen frei, mich Angela zu nennen.“
„Ange...“, er versuchte es und fiel beschämt zurück. „Gnädige Frau, ja. Danke.“
„Ach“, rief Lady Camper, „verwenden Sie diese vulgären Abkürzungen der anständigen Sprache nicht in meiner Gegenwart. Ich verabscheue das Wort ‚Danke‘. Es ist für Nichtsnutze geeignet.“
„Du meine Güte, ich habe es mein ganzes Leben lang benutzt“, stöhnte der General.
„Dann sei es für den Rest als verstanden vorausgesetzt, dass Sie darauf verzichten. Um fortzufahren, mein Alter ist...“
„Oh, unmöglich, unmöglich“, jammerte der General beinahe; es gab wirklich einen Riss in seiner Stimme.
„Rückt auf die siebzig zu. Aber ich bin glücklich sagen zu können, dass ich wie Sie keine Krankheit habe. Ich bringe keinen kränklichen Körper in eine Verbindung, die es notwendig macht, den Arzt Tag und Nacht zur Haustür hereinzulassen. Ich glaube, ich könnte meinem Ehemann noch auf einem Feldzug folgen, wenn er ein Krieger anstatt ein Pensionär wäre.“
General Ople zuckte zusammen.
Er war im Begriff, demütig zu sagen: „Als Brigadegeneral...“
„Ja, ja, Sie brauchen einen kommandierenden Offizier, und das habe ich gesehen, und das hat mich dazu veranlasst, über Ihren Vorschlag nachzudenken“, unterbrach sie ihn; während er, ihr Gesicht eingehend studierend, mit dem schmerzlichen Aspekt eines Jünglings, der im mündlichen Examen ein Esel-Gedächtnis peitscht, versuchte, ihre Anzeichen jüngerer Jahre gegen ihr schreckliches Bekenntnis des extrem Alten, des verwelkt Alten, aufzustellen. Wäre das Rouge nicht so offensichtlich gewesen, offensichtlich trotz ihrer Erklärung, sie sei an diesem Morgen noch nicht zu ihrem Pinsel geschritten, hätte er seinen Handschuh hingeworfen, um sie in Sachen ihres Alters herauszufordern. Sie hatte tatsächlich Reize. Ihr Mund hatte einen Reiz; ihre Augen waren lebhaft; ihre Figur, meinetwegen reif, war zumindest voll und gut; sie stand aufrecht, sie hatte einen königlichen Sitz. Sein mentaler Ausruf war: „Was für eine wundervolle Konstitution!“
Durch einen Mangel an Höflichkeit wiederholte er es halb laut vor sich hin; er war schockierend nervös.
„Ja, ich habe eine bessere Gesundheit als manche jüngere Frau“, sagte sie. „Eine gewöhnliche Berechnung würde mir noch zwanzig gute Jahre geben. Ich bin eine Witwe, wie Sie wissen. Und übrigens, Sie haben eine Neigung für Witwen. Nicht wahr? Ich glaubte, von einer Witwe Barcop in dieser Gemeinde gehört zu haben. Protestieren Sie nicht. Ich versichere Ihnen, ich bin eine Fremde gegenüber der Eifersucht. Mein Einkommen...“
Der General hob die Hände.
„Nun denn“, sagte die kühle und in sich ruhende Dame, „bevor ich weitergehe, darf ich Sie fragen, da Sie wissen, was Sie mich zu gestehen zwangen, sind Sie noch immer gleichen Sinnes bezüglich der Ehe? Und einen Moment, General. Ich verspreche Ihnen aufrichtigst, dass Ihr Zurückweichen um einen Schritt, soweit es mich betrifft, meine nachbarlichen und freundschaftlichen Gefühle nicht beeinflussen wird; in keinem Grad. Wollen wir so sein, wie wir waren?“
Lady Camper reichte ihm ihre zierliche Hand.
Er nahm sie respektvoll, untersuchte die aristokratischen und ungeschrumpften Finger und sagte, während er sie küsste: „Ich weiche niemals aus einer Position zurück, es sei denn, ich werde zurückgeschlagen. Lady Camper, ich...“
„Mein Name ist Angela.“
Der General versuchte es wieder: er konnte den Namen nicht aussprechen.
Eine Dame von siebzig Angela zu nennen, ist an sich schon schwierig. Es ist, scheint es, dreimal schwierig auf dem Wege der Werbung.
„Angela!“, sagte sie.
„Ja. Ich sage, es gibt keinen schöneren weiblichen Namen, liebe Lady Camper.“
„Verschonen Sie mich mit dem Wort ‚weiblich‘, solange Sie leben. Sprechen Sie mich mit jenem Namen an, wenn es Ihnen beliebt.“
Der General lächelte. Das Lächeln war zur Beschwichtigung und Süße gedacht. Es wurde ein dreistes Lächeln.
„Es sei denn, Sie wünschen, einen Schritt zurückzutreten“, sagte sie.
„In der Tat, nein. Ich bin glücklich, Lady Camper. Mein Leben ist Ihr. Ich sage, mein Leben ist Ihnen gewidmet, liebe gnädige Frau.“
„Angela!“
General Ople brachte den Namen errötend hervor.
„Das wird genügen“, sagte sie. „Und da ich es für möglich halte, dass man als Künstlerin zu sehr bewundert werden kann, muss ich Sie bitten, meine Jahreszahl geheim zu halten.“
„Bis in den Tod, gnädige Frau“, sagte der General.
„Und nun werden wir eine Runde im Garten drehen, Wilson Ople. Und hüten Sie sich vor einer Sache, für den Anfang, denn Sie sind voller Unkraut, und ich habe die Absicht, ein wenig zu jäten: nennen Sie niemals irgendeinen Ort in meinem Gehör einen herrschaftlichen Wohnsitz, noch lassen Sie mir zu Ohren kommen, dass Sie diese Phrase anderswo verwendet haben. Drücken Sie kein Erstaunen aus. Im Augenblick genügt es, dass ich es nicht mag. Aber dies nur“, fügte Lady Camper hinzu, „dies nur, falls es nicht Ihre Absicht ist, aus Ihrer Position zurückzutreten.“
„Gnädige Frau, meine Lady, ich sagte – häm! – Angela, ich könnte nicht wünschen, zurückzutreten.“
Lady Camper lehnte sich mit einigem Druck auf seinen Arm und bemerkte: „Sie haben eine seltsame Vorliebe für Antiquitäten.“
„Meine liebe Lady, es ist Ihr Geist; ich sage, es ist Ihr Geist: ich sagte, ich bin in Ihren Geist verliebt“, versuchte der General sie und sich selbst zu versichern.
„Oder sind es meine Kräfte als Künstlerin?“
„Ihr Geist, Ihre außerordentlichen Kräfte des Geistes.“
„Nun“, sagte Lady Camper, „ein altgedienter Brigadegeneral ist eine so gute Krücke, wie eine kinderlose alte Großmutter sie haben kann.“
Und als Krücke fand sich General Ople, während er mit der gealterten Frau ihre Anlagen parlierte, benutzt und behandelt.
Die Genauigkeit seiner Wahrnehmungen könnte bezweifelt werden. Er war wie ein Mann, der von einer großen tropischen Frucht benommen ist, die auf das Verlangen seiner Augen reagiert, indem sie ihm auf den Kopf fällt; aber es schien ihm, dass sie bei jedem Schritt, den sie machten, an Bitterkeit zunahm, als wäre sie entschlossen, ihn seine Falten realisieren zu lassen.
Er war sogar so inkonsequent oder erkannte seine Position so wenig, dass er in seinem Herzen Einwand erhob, sich Wilson nennen zu hören.
Es ist wahr, dass sie Wilsonople äußerte, als ob die Namen ein Wort bildeten. Und bei einer zweiten Gelegenheit (als er dazu neigte, sich verletzt zu fühlen) bemerkte sie: „Ich fürchte, Wilsonople, wenn wir offen sprechen sollen, du bist nur ein Narr.“ Er, vielleicht natürlicherweise, erhob Einwand dagegen. Er war jedoch schwindelig und wusste es kaum.
Doch noch einmal änderte sich die magische Frau. Jeder Anschein von Härte und hexenhafter, spitzzüngiger Art verschwand, als sie Adieu sagte.
Der Astronom, der die krustige Zacke und Schlacke des vergrößerten Mondes durch sein Teleskop betrachtet und wieder mit bloßen Augen den sanft strahlenden Mond, wenn die Kraterrücken zart wie Augenbrauen-Striche sind, hat einen ähnlich scharfen Wechsel der Perspektive wie der, der General Ople mystifizierte.
Aber zwischen dem Beobachten eines Himmelskörpers, der nur bei unserer Laune veränderlich ist, und dem Betrachten einer Frau, die immer mit ihrer eigenen schwingt und zittert, wie gewaltig ist da der Unterschied!
Und bedenken Sie, dass diese Frau dabei ist, des einen Ehefrau zu werden! Er hätte glauben können (wenn er nicht voll und ganz gewusst hätte, dass es solche Dinge nicht gibt), er sei in den Händen einer Hexe.
Lady Campers „Adieu“ war vollkommen schön – ein freundliches, herzliches, intimes, vor allem, um sein gegenwärtiges Verlangen zu befriedigen, es war ein damenhaftes Adieu – das Adieu einer zierlichen und eleganten Frau, die kaum ihren Ankerplatz bei vierzig verlassen hatte, um in die fünfziger Jahre zu segeln.
Ach! er hatte ihr Wort darauf, dass sie nicht weniger als siebzig war. Und schlimmer, sie hatte die melancholischsten Anzeichen von Säuerlichkeit und Alter gezeigt, sobald er sich ihr fest und unumstößlich verschworen hatte.
„Der Weg steht Ihnen offen, sich zurückzuziehen“, waren ihre letzten Worte.
„Mein Weg“, antwortete er galant, „ist vorwärts.“
Er wich zurück, während er es sagte, und irgendetwas reizte sie zu einem Lächeln.
KAPITEL V
Es ist eine noble Sache zu sagen, dass Ihr Weg vorwärts ist, und es ziemt sich für einen Mann der Schlachten. General Ople war ein zu loyaler Gentleman, um an irgendeinen anderen Weg zu denken. Dennoch, wenn auch nicht mit Phantasie begabt, konnte er das Gefühl nicht vermeiden, dass er sein Gesicht dem Winter zugewandt hatte. Er fand sich plötzlich wieder, wie er geradewegs in das Herz des Winters ging, und eines beißenden Winters. Denn ihre Ladyship hatte sich als akut beißend erwiesen. Seine kleinen gewohnten Phrasen, gegen die Lady Camper Einwand erhob, darin konnte er keinerlei Schaden sehen. Die Unterhaltung mit ihr in der Privatsphäre des häuslichen Lebens würde niemals das fließende Geschäft sein, das es für andere Männer ist. Es würde ständige Wachsamkeit, Hopser, Sprünge, Stolpern und Entschuldigungen erfordern.
Dies war keine erfreuliche Aussicht.
Auf der anderen Seite war sie die Nichte eines Grafen. Sie war wohlhabend. Sie könnte eine ausgezeichnete Freundin für Elizabeth sein; und sie konnte, wenn sie wollte, sowohl gebieterisch als auch bezaubernd damenhaft sein.
Gut! Aber er war ein Generaloffizier von nicht mehr als fünfundfünfzig, in voller Kraft, und sie eine Frau von siebzig!
Die Aussicht war trostlos. Sie glich einem Ausblick auf die Steppen. Was die Disziplin betrifft, die er zu erwarten hatte, könnte er mit einem rohen Rekruten verglichen werden, und in seinem eigenen Heim!
Wie dem auch sei, sie war eine Frau von Geist. Man würde stolz auf sie sein.
Aber kannte er das Schlimmste von ihr? Eine schreckliche Vorahnung, dass er das Schlimmste von ihr nicht kannte, wälzte einen Ozean von Düsternis auf General Ople, wobei sie einen einsamen Gedanken in der Dunkelheit herauskristallisierte, nämlich, dass er im Begriff war, eine Strafe dafür zu erhalten, dass er sich in einem vergleichsweise frühen Alter, als er noch im Marschtrimm war, vom aktiven Dienst in ein Leben der Muße zurückgezogen hatte. Und der Schatten des Gedankens war, dass er die Strafe verdiente!
Er war mit der Morgendämmerung in seinem Garten. Harte körperliche Betätigung ist das beste Opiat für düstere Reflexionen. Der General beunruhigte seine Tochter, indem er anbot, sie vor dem Frühstück auf ihrem morgendlichen Ausritt zu begleiten. Sie meinte, es würde ihn ermüden. „Ich bin kein Mann von achtzig!“, rief er. Er hätte sich gewünscht, er wäre es gewesen.
Er führte den Weg zum Park, wo sie bald den jungen Rolles erblickten, der sein Pferd zügelte und sie wie ein Späher ausspähte, aber, als er bemerkte, dass er gesehen worden war, im Galopp herankam und den General mit herzlichem Staunen begrüßte.
„Und was ist das, was die Welt sagt, General?“, sagte er. „Aber wir alle applaudieren Ihrem Geschmack. Meine Tante Angela war die schönste Frau ihrer Zeit.“
Der General murmelte in Verwirrung: „Du meine Güte!“ und sah den jungen Mann an, in dem Gedanken, dass er die Zeit nicht gekannt haben konnte.
„Ist alles arrangiert, mein lieber General?“
„Nichts ist arrangiert, und ich bitte – ich sage, ich bitte... Ich kam wegen der frischen Luft und des Tempos heraus...“
Der General ritt wie wild.
Trotz der frischen Luft konnte er beim Frühstück nichts essen. Er war natürlich verpflichtet, sich Lady Camper, aus einfacher Höflichkeit, unmittelbar danach vorzustellen.
Und zuerst, was waren die Phrasen, die er in ihrer Gegenwart zu vermeiden hatte? Er konnte sich nur an den „herrschaftlichen Wohnsitz“ erinnern. Und es war ein herrschaftlicher Wohnsitz, dachte er, als er sich von ihm verabschiedete. Es war einer, ordentlich benannt, um zum Ort zu passen. Lady Camper ist wahrlich eine höchst exzentrische Person!, entschied er aufgrund seiner Erfahrung mit ihr.
Er war ziemlich erstaunt, dass der junge Rolles so gelassen von der Neigung seiner Tante zur Ehe gesprochen hatte; aber vielleicht war ihr genaues Alter den jüngeren Mitgliedern ihrer Familie unbekannt.
Dieser Gedanke erfrischte ihn, indem er die äußerst ehrenhafte Natur von Lady Campers unbehaglichem Geständnis nahelegte.
Er selbst hatte ein unbehagliches Geständnis zu machen. Er würde von seinem Einkommen sprechen müssen. Er lebte bis an die Grenzen davon.
Sie ist eine aufrechte Frau, und ich muss dasselbe sein!, sagte er, glücklicherweise nicht in ihrem Gehör.
Das Thema war einem Mann unangenehm, der in Geldfragen empfindlich war und fühlte, dass seine Klugheit kürzlich dazu verleitet worden war, den Schein zu wahren.
Lady Camper war in ihrem Garten und ruhte unter ihrem Sonnenschirm. Ein Stuhl stand neben ihr, zu dem sie ihn, den Gruß ihres Verehrers erwidernd, winkte.
„Sie haben meinen Neffen Reginald heute Morgen getroffen, General?“
„Kurioserweise, im Park, heute Morgen, vor dem Frühstück, tat ich das, ja. Häm! Ich, ich sage, ich habe ihn getroffen. Hat Ihre Ladyship ihn gesehen?“
„Nein. Der Park ist sehr hübsch am frühen Morgen.“
„Süß hübsch.“
Lady Camper hob den Kopf und sprach mit der Milde einer gesicherten Diktatur: „Sagen Sie das niemals vor mir.“
„Ich füge mich, meine Lady“, sagte der arme, gepeinigte Mann.
„Warum, natürlich tun Sie das. Vulgäre Phrasen müssen erduldet werden, außer wenn unsere Vertrauten schuldig sind, und dann sind wir nicht nur beleidigt, wir sind durch sie kompromittiert. Sie sind immer noch von dem Sinn, in dem Sie mich gestern verließen? Sie sind einen Tag älter. Aber ich warne Sie, das bin ich auch.“
„Ja, meine Lady, wir können nicht, ich sage, wir können die Zeit nicht aufhalten. Durchaus vom gleichen Sinn. Ganz genau.“
„Erweisen Sie mir den Gefallen, niemals ‚Ganz genau‘ zu sagen. Mein Anwalt sagt das. Es stinkt nach der City of London. Und schauen Sie nicht so elend aus.“
„Ich, gnädige Frau? meine liebe Lady!“, strahlte der General in einem Glanz auf, der augenblicklich verblasste.
„Nun“, sagte sie fröhlich, „und Sie sind für die alte Frau?“
„Für Lady Camper.“
„Sie sind verführerisch in Ihren Schmeicheleien, General. Nun denn, wir müssen vom Geschäftlichen sprechen.“
„Meine Angelegenheiten –“ General Ople fing mit aufgewühlter Stirn an; aber Lady Camper hielt ihren Finger hoch.
„Wir werden Ihre Angelegenheiten beiläufig berühren. Nun hören Sie mir zu und rufen Sie nicht aus, bis ich fertig bin. Sie wissen, dass diese beiden Jungen seit einigen Monaten über die Mauer flüstern. Sie haben sich gewohnheitsmäßig auf dem Fluss und im Park getroffen, offenbar mit Ihrer Zustimmung.“
„Meine Lady!“
„Ich sagte nicht mit Ihrer Duldung.“
„Sie meinen meine Tochter Elizabeth?“
„Und meinen Neffen Reginald. Wir haben sie benannt, wenn uns das weiterbringt. Nun, das Ende solcher Treffen ist die Ehe, und je eher, desto besser, wenn sie fortgesetzt werden sollen. Ich würde es vorziehen, wenn sie es nicht täten; ich halte es nicht für gut für junge Soldaten, zu heiraten. Aber wenn sie es tun, ist es sehr sicher, dass ihr Sold keine Familie ernähren kann; und bei einer Ehe zweier gesunder junger Leute müssen wir die Existenz der Familie annehmen. Sie haben zugelassen, dass die Dinge so weit gehen, dass der Junge heiß verliebt ist; ich nehme an, das Mädchen ist es auch. Sie ist ein nettes Mädchen. Ich habe persönlich nichts gegen sie. Aber ich bestehe darauf, dass eine Abfindung für sie gemacht wird, bevor ich meinem Neffen auch nur einen Pfennig gebe. Hören Sie mich aus, denn ich mag keine Geschäfte, und werde froh sein, diese Erklärungen hinter mir zu haben. Reginald hat nichts von sich aus. Er ist der Sohn meiner Schwester, und ich liebte sie und mag den Jungen ziemlich. Er hat derzeit vierhundert Pfund im Jahr von mir. Ich werde es verdoppeln, unter der Bedingung, dass Sie sofort zehntausend überschreiben – nicht weniger; und lassen Sie es Ja oder Nein sein! – um für Ihre Tochter angelegt zu werden und an ihre Kinder zu gehen, unabhängig vom Ehemann – cela va sans dire. Nun können Sie sprechen, General.“
Der General sprach, mit Atem aus den Tiefen geholt:
„Zehntausend Pfund! Hem! Zehn! Hem, offen gestanden – zehn, meine Dame! Das Einkommen eines Mannes – ich bin völlig überrascht. Ich sage, Elizabeths Betragen – obwohl, armes Kind! es ist nur natürlich für sie, einen Gefährten zu suchen, ich meine, einen Gefährten und einen Hausstand anzunehmen, und Reginald ist ein sehr hoffnungsvoller Bursche – ich sagte gerade, sie überfallen mich aus dem Hinterhalt, und ich wünsche ihnen alles Glück der Welt. Und sie ist ein leidenschaftlicher Soldat, und einen Soldaten muss sie heiraten. Aber zehntausend!“
„Es dient dazu, das Glück Ihrer Tochter zu sichern, General.“
„Pfund! meine Dame. Das würde mich eher lähmen.“
„Sie hätten mein Haus, General; Sie hätten die Hälfte, wie die Juristen sagen, meiner Geldbörse; Sie hätten Pferde, Kutschen, Diener; ich errate nicht, was Sie sich noch wünschten.“
„Aber, gnädige Frau – ein Pensionär der Regierung! Ich kann auf vergangene Dienste zurückblicken, ich sage alte Dienste, und ich nehme meine Stellung an. Aber, gnädige Frau, ein Pensionär meiner Ehefrau, der so gut wie nichts zum gemeinsamen Vermögen beisteuert! Ich fürchte, mein Selbstwertgefühl würde, ich sage, würde...“
„Nun, und was würde es tun, General Ople?“
„Ich sagte, mein Selbstwertgefühl als Pensionär meiner Frau, meine Dame. Ich könnte ihr nicht mit leeren Händen entgegentreten.“
„Erwarten Sie etwa, dass ich die Person sein sollte, die Geld auf Ihre Tochter überträgt, um sie vor Missgeschicken zu bewahren? Ein leichtlebiger Ehemann zum Beispiel; denn Reginald ist jung, und niemand kann ahnen, was aus ihm werden wird.“
„Zweifellos haben Ihre Gnaden recht. Wir könnten es für das arme Mädchen mit einer Trennung versuchen. Ich habe keine weibliche Verwandte, aber ich könnte sie an die See zu einer Freundin schicken.“
„General Ople, ich verbiete es Ihnen, sofern Ihnen meine Wertschätzung etwas wert ist, jemals – und ich wiederhole, ich verbiete es Ihnen jemals –, meine Ohren mit diesem Ausdruck ‚Freundin‘ zu quälen!“
Der General blinzelte in einem Zustand aufständischer Demut.
Diese unaufhörlichen Peitschenhiebe konnten nicht anders, als den demütigsten aller Männer zu stechen; und „Freundin“, da war er sich sicher, war ein sehr gebräuchlicher Begriff, der, wie er sicher war, in der allerbesten Gesellschaft verwendet wurde. Er hatte zwar nie gehört, dass Ihre Majestät bei Empfängen von einer Freundin sprach, aber er war sich ganz sicher, dass sie eine hatte; und wenn dem so war, was konnte dann dagegen sprechen, dass ihre Untertanen ihn als Begriff für ihre eigenen Umstände verwendeten?
Er war durch das Verhalten der alten Lady Camper bedrängt und verwirrt, und er nahm sich vor, sie selbst auf inständiges Bitten nicht Angela zu nennen – zumindest nicht an jenem Tag.
Sie sagte: „Sie werden keinerlei Vermögen in das gemeinsame Eigentum einbringen müssen; ich erwarte es weder, noch wünsche ich es. Das Großmütigste, was Sie tun könnten, wäre, Ihrer Tochter alles zu geben, was Sie haben, und zu mir zu kommen.“
„Aber, Lady Camper, wenn ich mich entblöße oder mein Einkommen schmälere – ein Mann im Ermessen seiner Frau, ich sagte, ein Mann auf Gnaden seiner Frau...!“
General Ople sah sich durch seine männliche Würde wirklich dazu gezwungen, diesen Protest in ihrem Namen vorzubringen. Er sah nicht, wie er es hätte vermeiden können; er war mehr ein Beauftragter als ein Vollmachtgeber. „Auf Gnaden meiner Frau“, sagte er noch einmal, doch schlicht wie ein Herold, der Befehle von oben verkündet.
Lady Camper legte die Stirn in zornige Falten. Ein tiefes Blutrot überzog das Rouge und verlieh ihr einen schrecklich stürmischen Ausdruck.
„Der Kongress tagt nun nicht mehr, und der Vertrag ist nicht geschlossen“, war alles, was sie sagte.
Sie erhob sich, verneigte sich vor ihm, „Guten Morgen, General“, und kehrte ihm den Rücken.
Er seufzte. Er war ein freier Mann. Doch dies ließ sich nicht leugnen – ungeachtet des Alters der Dame war sie von stattlicher Erscheinung, und wenn sie zornig aussah, besaß sie eine königliche Miene, die sie über die Zeitrechnung erhob.
Nun wusste er also, dass es noch Schlimmeres gab als das, was er zuvor gekannt hatte. Er war vorschnell, es als das Schlimmste zu bezeichnen. „Jetzt“, sagte er zu sich selbst, „kenne ich das Schlimmste!“
Niemand sollte das jemals sagen. Am wenigsten einer, der Beziehungen zu einer exzentrischen Dame eingegangen ist.
KAPITEL VI
Die Höflichkeit verlangte, dass General Ople nicht den Anschein erwecken durfte, er freue sich über seine Entlassung als Freier, und er sollte zumindest den Anschein wahren, sich auf Abruf eines sinneswandelnden Geistes bereitzuhalten. Er machte sich schuldig, indem er am nächsten Tag früh nach London eilte und bis zum Einbruch der Nacht fernblieb; und dasselbe tat er an den zwei folgenden Tagen. Als er sich an den Logentor-Toren von Lady Camper einfand, versetzte ihn die erstaunliche Nachricht, dass ihre Gnaden auf den Kontinent und nach Ägypten abgereist sei, in Gewissensbisse, die eine konkretere Form in einer Art Ehrfurcht vor ihrer triumphierenden Konstitution annahmen. Er unterließ es, ihr Alter zu erwähnen, denn er war der ehrenhafteste aller Männer, doch eine Gewohnheit der Plauderei bei Tisch drängte ihn dazu, eine Idee, die ihn besucht hatte, auszusprechen und zu wiederholen, nämlich, dass Lady Camper eine jener wunderbaren Frauen sei, die mit brillanten Generälen vergleichbar seien und sich gegen die Belagerung der Zeit durch verschiedene offensive Bewegungen verteidigten. Aus Furcht, nicht verstanden zu werden, angesichts der Seltenheit der Gelegenheiten, bei denen der untersetzte, schlichte Trupp ehrlicher sächsischer Regulärer unter seinem Kommando dazu aufgerufen wurde, eine Idee zu erklären, formulierte er den Satz um. Da es sich jedoch ergab, dass die Regulären seines Wortschatzes nicht zahlreich waren und nicht daran gewöhnt waren, mit Gedanken und Bildern zu arbeiten, trugen seine Wiederholungen eher dazu bei, das Stück Wissen, das er kürzlich erworben hatte, zur Schau zu stellen, als seine Bedeutung verständlicher zu machen. So brauchen wir uns nicht zu wundern, dass seine Bekannten vermuteten, er sei sich im Geheimen eines extremen Ausmaßes bewusst, in dem Lady Camper eine Veteranin sei.
General Ople nahm wieder an den Vergnügungen der Nachbarschaft teil und verbrachte den Winter heiter. In Gerechtigkeit ihm gegenüber muss jedoch gesagt werden, dass das beharrliche Verweilen seines Geistes bei Lady Camper und nicht das festliche Leben, das er führte, die Ursache für seine völlige Unkenntnis über das Unglück seiner Tochter war. Sie lebte bei ihm, und doch erfuhr er erst in anderen Häusern, dass sie unglücklich war. Nach seinem letzten Gespräch mit Lady Camper hatte er Elizabeth über die ruinöse und aberwitzige Summe Geld informiert, die von ihm für eine Abfindung an sie gefordert wurde, und Elizabeth hatte, wie das vernünftige Mädchen, das sie war, sofort geantwortet: „Daran ist gar nicht zu denken, Papa.“
Er hatte auch mit Reginald gesprochen. Der junge Mann verfiel in ein dramatisches Haare-Raufen und einen Zorn mit großen Schritten, der einem verliebten Dragoner nicht schlecht stand. Er beharrte jedoch darauf, dass seine Tante, obwohl eine Exzentrikerin, eine herzlich gute Frau sei. Er schien zu empfinden, wenn er es nicht teilweise andeutete, dass der General die Bedingungen von Lady Camper hätte akzeptieren können. Der junge Offizier war im Douro Lodge nicht länger willkommen, also stattete der General ihm einen Morgenbesuch in seinem Quartier ab und war betrübt, ihn sehr spät frühstücken zu sehen, wie er Eier aufklopfte, die er zu öffnen vergaß – eines der sichersten Zeichen für einen jungen Mann, der tief und fest verliebt ist, wie der General aus Erfahrung wusste – und umgeben von ungelesenen Sportzeitschriften der letzten Wochen, die auf den Tag datierten, als ihn sein Schlag getroffen hatte, so genau, wie die Uhr des Ertrunkenen ihre Minute markiert. Lady Camper war nach Italien gereist und stand in Verbindung mit ihrem Neffen: Reginald war nicht weiter explizit. Seine Beine waren in seiner Verzweiflung sehr prominent, und seine Finger spielten häufig die Rolle stumpfer Kämme; folglich war der General von seiner Leidenschaft für Elizabeth beeindruckt. Das Mädchen, das, wenn es auch oft nachdenklich war, ihn immer mit einem Lächeln ansah und leise „Ja, Papa“ und „Nein, Papa“ sagte, bereitete ihm wenig Sorge hinsichtlich des Zustands ihrer Gefühle. Doch alle sagten jetzt, dass sie unglücklich sei. Mrs. Barcop, die Witwe, erhob ihre Stimme über die anderen. So aufmerksam war sie zu Elizabeth, dass dem General freundlich nahegelegt wurde, jemand werbe durch seine Tochter um ihn. Er starrte die Witwe an. Nun, sie war nicht viel über dreißig; und es war wirklich eigenartig – er hätte lachen können –, der Gedanke an Mrs. Barcop brachte ihn beharrlich dazu, an Lady Camper zu denken. Das heißt, seine verrückte Phantasie kehrte von der Dame von vielleicht fünfunddreißig Jahren zur Dame von siebzig Jahren zurück.
Solches, dachte er, ist Genie bei einer Frau! Von seinen Nachbarn im Allgemeinen war Mrs. Baerens, die Frau eines deutschen Kaufmanns, eine exquisite Pianistin, am ehesten dazu geneigt, ihn dazu zu bringen, über Lady Camper zu sprechen. Sie war eine freundliche, plauderhafte Frau und war bekannt dafür, eine Gouvernante gewesen zu sein, bevor ihre Reize den gastronomischen Gottfried Baerens von seiner Hingabe an den gut bedienten City-Club abzogen, wo er, wie er ausrief (während er sich stets liebevoll seiner Frau zuwandte, wenn er das Kompliment vokalisierte), jedes Bedürfnis, jeden Luxus im Leben gefunden habe, „wie Sie sie nicht außerhalb von London haben können – alles außer dem Weiblichen!“ Mrs. Baerens, eine Dame teutonischer Herkunft, war als dieses Geschlechts unterscheidbar; zumindest war sie nicht männlich. Sie sprach mit großem Respekt von Lady Camper und ihrer Familie und schien den Lobreden des Generals auf Lady Campers Konstitution zuzustimmen. Dennoch glaubte er, sie mustere ihn seltsam.
Eines Aprilmorgens erhielt der General einen Brief mit italienischem Poststempel. Als er ihn mit seiner üblichen ruhigen und glücklichen Neugier öffnete, bemerkte er, dass er aus Federzeichnungen bestand. Und plötzlich sank sein Herz wie ein versenktes Schiff. Er sah sich als das Opfer einer Karikatur.
Die erste Skizze hatte nur malerisch gewirkt, und er vermutete ein geschicktes Spiel der Phantasie eines reisenden Freundes oder vielleicht eine tatsächliche Szene, die leicht übertrieben war. Selbst beim Lesen von „Ein ferner Blick auf die Stadt Wilsonople“ war er nur leicht erleuchtet. Sein Herz schlug noch mit schicklicher Regelmäßigkeit. Aber die zweite und dritte Skizze verrieten die schreckliche Hand. Der ferne Blick auf die Stadt Wilsonople war hübsch mit glitzernden Kuppeln, die sich im folgenden Nahblick als Seifenblasen erwiesen, denn ein Ort extremer Flachheit, umgeben von verrückten, altmodischen Befestigungen, wurde gezeigt; und in der dritten Ansicht, die das Innere darstellte, stand als einziger Wohnort ein Wachhäuschen.
Sehr minutiös gezeichnet, und, ach! mit furchtbarer Genauigkeit, nahm ein militärischer Herr in informeller Kleidung das Häuschen ein. Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, wer gemeint war.
Der General versuchte hartnäckig, ungläubig zu bleiben. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wer ihn Wilsonople genannt hatte.
Aber hier war das Außergewöhnliche, das ihn durch die Nachbarschaft schickte, um nach Ausrufen zu suchen: Auf der vierten Seite war der Umriss einer schönen weiblichen Hand, die eine Feder hielt, wie beim Schattieren, und darunter diese Worte: „Was ich sage, ist, ich sage, ich halte es für außerordentlich unweiblich.“
Nun bedenken Sie die Gefühle des Generals, als er, nachdem er beim Umblättern auf diese vierte Seite genau diese Worte im Mund hatte, als den genauen Ausdruck seiner Gedanken, sie geschrieben entdeckte!
Ein Feind, der die Handlungen unseres Geistes vorwegnimmt, besitzt eine Eigenschaft des bösartigen Göttlichen, die wohl Schrecken einflößen kann. Die Sinne von General Ople wurden vom Anblick einer lodernden Göttin getroffen, die ihn durchdrang, ihn durchschaute und sowohl die Macht als auch den Willen hatte, ihn bloßzustellen und sich für immer lächerlich zu machen.
Die Anmut der Hand widersprach zudem auf verwirrende Weise seiner Verurteilung ihres Verhaltens. Sie war überaus damenhaft, und sie verwickelte ihn in eine verwirrte Mischung aus Moralischem und Materiellem, so groß, wie junge Leute sie zu empfinden pflegen, wenn sie den Versuch machen, sie in einem ihrer Anfälle zu trennen.
Mit einem kleinlichen, bitteren Lachen faltete er den Brief, steckte ihn in seine Brusttasche und machte sich auf den Weg zu einem Spaziergang, hauptsächlich um mit sich selbst darüber zu sprechen. Aber da es ihn völlig in Anspruch nahm, zeigte er ihn dem Rektor, den er traf, und was der Rektor sagte, ist ohne Belang, denn General Ople hörte auf keine Bemerkungen, sondern besuchte nacheinander die Pollingtons, die Goslings, die Baerens und andere, so früh es auch war, und die Herren dieser Häuser waren abwesend, um Schätze zu sammeln; und den Damen überall zeigte er die Skizzen, die er erhalten hatte, wobei er bemerkte, dass Wilsonople ihn selbst bedeute; und da sei er, sagte er und zeigte auf den Kerl mit der Mütze im Wachhäuschen, unverkennbar getroffen. Die Ähnlichkeit war in der Tat bemerkenswert. „Sie ist eine Frau von Genie“, stieß er mit völliger Melancholie hervor. Mrs. Baerens half ihm mit Hilfe einer Lupe, eine Zeile unter dem Wachhäuschen zu lesen, die er für einen bloßen zitternden Strich gehalten hatte; es hieß: Ein herrschaftlicher Wohnsitz.
„Was für Augen sie hat!“, rief der General aus; „Ich sage, es ist mirakulös, was für Augen sie hat in ihrem Alter von... Ich sagte, ich hätte niemals gewusst, dass es Schrift war.“
Er seufzte schwer. Seine schaudernde Empfindlichkeit gegenüber Karikaturen wurde durch eine gewisse offensichtliche Furcht vor der Hand verstärkt, die zuschlug; das Wissen, dass er dieser Frau völlig entblößt war, wehrlos, offen für die Bloßstellung seiner kleinen Launen, Schwächen, Marotten, Unfähigkeiten, in dem, was in seinem Herzen lag, und den Worten, die ihm auf die Zunge kommen würden. Er fühlte sich wie ein von Geistern heimgesuchter Mann.
So tief empfand er den Schlag, dass die Leute fragten, wie er so töricht sein könne, umherzutanzen und Lady Camper bei ihren Bemühungen zu unterstützen, ihn lächerlich zu machen; er spielte die Rollen des Verlegers und Agenten für die furchtbare Karikaturistin. In Wahrheit gab es einen seltsam doppelten Grund für sein Verhalten; er tanzte umher, um Sympathie zu erlangen, er hatte das intensivste Verlangen nach Sympathie, aber mehr als das, oder ebenso sehr, wünschte er, dass die Kräfte seiner Feindin weithin geschätzt würden; erstens, damit er sich selbst entschuldigen konnte, unter ihnen zu zucken, und zweitens, weil eine ehrfürchtige Bewunderung für sie, die durch ein entsprechendes Gefühl in seinem Umfeld vertieft werden sollte, ihm half, luxuriöse Erinnerungen an eine Stunde zu genießen, in der er nahe daran war, sie zu seiner eigenen zu machen – seiner eigenen, in der heiligen abstrakten Kontemplation der Ehe, ohne ihre wahrscheinlichen relativen Bedingungen nach der Zeremonie zu realisieren.
„Ich sage, das ist das wahre Abbild der Hand ihrer Gnaden“, bemerkte er besonders gerne, „ich sage, es ist eine schöne Hand.“
Er trug den Brief in seiner Brieftasche; und da er zu glauben begann, dass sie ihr Schlimmstes getan habe, denn er konnte sich keine erfinderische Bösartigkeit vorstellen, die fähig wäre, das Thema weiter zu verfolgen, sprach er von ihrer Behandlung mit mitleidigem Bedauern, das nicht schlecht angenommen wurde, da es teilweise aufrichtig war.
Zwei Briefe aus Frankreich, einer aus Dijon, der andere aus Fontainebleau, kamen gleichzeitig an; und da der General wusste, dass Lady Camper nach England zurückkehrte, erwartete er, dass sie darauf bedacht sei, sich bei ihm zu entschuldigen. Seine Finger waren nicht so zuversichtlich, denn er zerriss einen der Briefe, um ihn zu öffnen.
Die Stadt Wilsonople war sofort erkennbar. Ebenso der einzige Bewohner.
General Oples kleinliches, bitteres Lachen kehrte zurück, wie der Husten eines Patienten mit schwacher Brust beim Umschlagen unserer Winde nach Osten.
Der Schatten einer gesichtslosen Frau kniet in der Nähe des Wachhäuschens auf dem Boden und weint. Der gesichtslose Schatten eines jungen Mannes zu Pferd ist zu sehen, wie er in Richtung eines Abgrunds galoppiert. Der einzige Bewohner betrachtet sein weitgehend substantielles, fleischiges Gesicht und seine Figur in einem Spiegel.
Als nächstes sehen wir die Flagge Großbritanniens eingeholt; als nächstes entfaltet und von einem Trupp Schatten zum Wachhäuschen getragen. Der Offizier darin sagt: „Ich sage, ich wäre sehr glücklich, sie zu tragen, aber ich kann diesen herrschaftlichen Wohnsitz nicht verlassen.“
Als nächstes wird die Flagge gezeigt, wie sie von Spielzeugkanonen angegriffen wird. Mehrere der Schatten liegen am Boden. „Ich sagte, ich versichere Ihnen, dass nichts als dieser herrschaftliche Wohnsitz mich daran hindert, Sie anzuführen“, sagt der tapfere Offizier.
General Ople zitterte vor protestantischer Empörung, als er sich in einem vergrößerten Wachhäuschen liegen sah, während Abteilungen von Schatten zu ihm eilen, um ihm die Flagge seines Landes zu zeigen, die im Staub schleift; und er wird boshaft dazu gebracht, zu sagen: „Ich verabscheue Verantwortung. Ich sage, ich bin ein leidenschaftlicher Patriot und liebe meine Bequemlichkeiten sehr, aber ich scheue die Verantwortung.“
Der zweite Brief enthielt Szenen zwischen Wilsonople und dem Mond.
Er spricht sie als seine Nachbarin an und erzählt ihr von seinen Triumphen über das Geschlecht.
Er bittet sie, ihn zu informieren, ob sie ein „Weibchen“ sei, damit über sie triumphiert werden könne.
Er eilt zu Fuß an ihrem Fenster vorbei, mit gesenktem Kopf, genau so, wie der General zu gehen pflegte.
Er fährt wütend an einem Maus-Pony vorbei.
Er fällt einen Baum, damit sie hindurch spähen kann.
Dann, aus der Sicht des Mondes, wird Wilsonople, ein Silen, in einem Armlehnstuhl entdeckt, der einem Paar zuzwinkert, deren Lippen zu deutlich schmollen, als dass ein Zweifel an ihren Absichten gehegt werden könnte.
Ein vierter Brief kam an, datiert aus Paris. Dieser illustrierte Wilsonoples Werbung um den Mond und endete mit seinem „Sagen“, auf seine eigene Art: „Trotz ihrer Schminke hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ihr Alter so enorm ist.“
Wie sollte er seine Verlobung mit Lady Mond auflösen? Keinen ihrer Bedingungen zustimmen!
Wenig daran gewöhnt, hinter einem Schleier zu lesen, schärfte der Schmerz des Leidens die Intelligenz des Generals in einem Maße, das ihn in lebhaften Dialogen mit jeder nachfolgenden Skizze unterstützte, oder giftigem Pfeil, der an ihm vorbeisurrte, sobald seine Augen darauf ruhten; und hier sind ein paar Proben:
„Wilsonople informiert den Mond, dass sie ‚süß hübsch‘ sei.
„Er dankt ihr mit ‚Dank‘ für ein hübsches Stück Mond-Grün-Käse.
„Er zeigt auf sie und sagt anscheinend zu jemandem: ‚Meine Freundin.‘
„Er niest ‚Bijou! Bijou! Bijou!‘“
Es waren Kleinigkeiten, aber sie griffen seine Sprechgewohnheiten an; und er begann in jeder frischen Karikatur seiner Person immer alarmierender absurd zu werden.
Er betrachtete sich selbst, wie die Hand der boshaften Frau ihn geformt hatte. Es war ungerecht; es war keine Ähnlichkeit – und doch war es eine! Es blieb ein Winkel der Ähnlichkeit, der den Teig säuerte; von nun an musste er mit diesem quälenden Bild seiner selbst vor Augen umhergehen, anstatt mit dem zufriedenstellenden Reflex des Mannes, der Unheil in seiner Zeit angerichtet hatte und glücklich darüber war, es getan zu haben. Ein solches Ende für einen erobernden Mann war allzu pathetisch.
Der General überraschte sich selbst dabei, wie er bei Nachbarn an den Esstischen lauter als ein Summen mit sich selbst sprach. Er sah sich um und bemerkte, dass die Leute ihn schweigend beobachteten.
KAPITEL VII
Die Rückkehr von Lady Camper war Gegenstand von Spekulationen in der Nachbarschaft, denn die meisten Leute dachten, sie würde aufhören, den General mit ihren aberwitzigen und ungerechtfertigten Federzeichnungen zu verfolgen, wenn sie in so unmittelbarer Nähe lebten; und wie er sich verhalten würde, war die Frage. Diejenigen, die ihn zum Helden machten, waren sicher, dass er sie mit Verachtung behandeln würde. Andere waren unsicher. Er war so schwer getroffen worden, dass es möglich schien, dass er nicht viel Geist zeigen würde.
Er seinerseits hatte eine solche Angst vor der Post entwickelt, dass Lady Campers Rückkehr ihn von seinen morgendlichen Befürchtungen befreite; und er hätte ihr verziehen, obwohl er sich fürchtete, sie zu sehen, wenn sie nur versprochen hätte, ihn in Zukunft in Frieden zu lassen. Er fürchtete, sie zu sehen, wegen der allzu wahrscheinlichen Bereitstellung neuen Stoffes für die Hand ihrer Gnaden. Natürlich konnte er nicht vermeiden, von ihr gesehen zu werden, und das war ein besonderes Elend. Eine herrschaftliche Demut oder ein gesitteter Aspekt, wenn er gesehen wurde, würde, so hoffte er, seine Feindin entwaffnen. Das sollte es, dachte er. Er hatte unerhörte Dinge ertragen. Keiner seiner Freunde und Bekannten wusste, sie konnten nicht wissen, was er erduldet hatte. Es hatte bei ihm Anfälle von Stottern verursacht. Es hatte die Gelassenheit seines Gangs zerstört. Elizabeth hatte ihn informiert, dass er unaufhörlich und laut mit sich selbst rede. Sie, das arme Kind, sah auch blass aus. Sie war offensichtlich besorgt um ihn.
Der junge Rolles, den er ab und zu getroffen hatte, bestand darauf, das gute Herz seiner Tante zu loben. Vielleicht, da sie ihre Rache gesättigt hatte, könnte sie nun zu Frieden geneigt sein, zu Bedingungen höflicher Distanz.
„Ja! arme Elizabeth!“, seufzte der General in Mitleid für die Enttäuschung des armen Mädchens; „arme Elizabeth! sie ahnt kaum, was ihr Vater durchgemacht hat. Armes Kind! Ich sage, sie hat keine Ahnung von meinen Leiden.“
General Ople gab seine Karte an Lady Campers Logentor ab und floh in einem Zustand von Hitzewallungen in seine Residenz, der das Bürsten seines Haares mit harten Bürsten für mehrere Minuten erforderte, um ihn zu trösten und wiederherzustellen.
Er war dazu übergegangen, in seinem Garten zu arbeiten, als Lady Campers Karte eine Stunde nach der Abgabe seiner eigenen zu ihm gebracht wurde; eine angenehme Promptheit, die Anzeichen von Reue zeigte und dem General sofort einige scharfe Sarkasmen über Frauen suggerierte, auf die er in Zitaten in den Zeitungen und von der Kanzel gestoßen war, seinen beiden Hauptinformationsquellen.
Anstatt die Karte an das Dienstmädchen zurückzugeben, steckte er sie in seinen Hut und grub weiter.
Die erste einer Reihe von Briefen, die schamlose, realistische Karikaturen enthielten, wurde ihm am darauffolgenden Nachmittag ausgehändigt. Sie kamen schnell und dicht. Keine eintägige Gnadenfrist wurde ihm gewährt. Niobe unter den Pfeilen der Diana wurde kaum heftiger und tödlicher bedrängt. Die Tödlichkeit des Angriffs lag in der Lächerlichmachung der täglichen Gewohnheiten eines der empfindsamsten Männer, was sein persönliches Erscheinungsbild und die Meinung der Welt betraf. Er hätte die Zeichnungen verbergen können, aber die blauen Flecken hätte er nicht verbergen können, und die Leute fragten den unglücklichen General beständig, was er sage, denn er sprach zu sich selbst, als würde er ihnen etwas zum zehnten Mal wiederholen.
„Ich sage“, sagte er, „ich sage, dass eine Dame, wirklich eine gebildete Dame, da sitzen muss – ich sagte ja, sie muss auf einem Dachboden gesessen haben, um die richtige Ansicht von mir zu haben. Und da sehen Sie – das hat sie getan. Das ist das letzte, das ist die Lieferung vom Nachmittag. Ihre Ladyschaft hat mich korrekt in Bezug auf das Kostüm erfasst, aber ich könnte einer Dame eine solche Skizze nicht zeigen.“
Eine Ansicht des Generals von hinten wurde gezeigt, wie er gerade beim Graben war.
„Ich sage, ich könnte es Damen nicht erlauben, sie zu sehen“, teilte er den Herren mit, denen es gestattet war, sie ungehindert zu betrachten.
„Aber Sie sehen, ich habe keine Fluchtmöglichkeit; ich bin ihr von morgens bis abends ausgeliefert“, sagte der General mit zitternder Zunge, „es sei denn, ich bleibe zu Hause im Haus; und das ist mein Tod, oder es sei denn, ich verlasse den Ort und meinen Pachtvertrag; und ich werde – ich sage, ich werde nirgendwo in England etwas finden, das auch nur annähernd dem Preis oder den Annehmlichkeiten eines solchen Ge-… eine Residenz, die Sie eines Gentlemen würdig nennen würden. Ich nenne es ein Bi… es ist kurz gesagt ein Schmuckstück. Aber ich werde gehen müssen.“
Der junge Rolles bot an, bei seiner Tante Angela zu intervenieren.
Der General sagte: „Da… Ich danke Ihnen sehr. Ich möchte nicht, dass ihre Ladyschaft annimmt, ich sei so empfänglich. Ich weiß kaum“, gestand er kläglich, „was es richtig zu sagen ist und was nicht – was nicht. Ich-ich-ich weiß nie, wann ich nicht wie ein Narr aussehe. Ich eile von Baum zu Baum, um das Licht zu meiden. Mein Appetit ist ernsthaft beeinträchtigt. Ich sage, ich werde gehen müssen.“
Reginald gab ihm zu verstehen, dass die Pfeile ihm folgen würden, sollte er die Flucht ergreifen, denn Lady Camper würde ihm das Weglaufen niemals verzeihen und sei durchaus imstande, ein Buch über die Abenteuer von Wilsonople zu veröffentlichen.
An einem Sonntagnachmittag, als er mit seiner Tochter am Arm durch den Park spazierte, traf General Ople auf Mr. Rolles. Er sah, dass der junge Mann und Elizabeth totenblass waren, und da die bloße Vorstellung von Elend seine Aufmerksamkeit auf sich selbst lenkte, sprach er sie gemeinsam auf das Thema seiner Verfolgung an, ohne einem von beiden eine Chance zu geben, zu Wort zu kommen, bis sie gezwungen waren, sich zu trennen.
Eine Skizze war die Folge, in der ein verwelkter Amor und eine schwindende Psyche zu sehen waren, die durch Wilsonople getrennt wurden, welcher sie gewaltsam mit Polizistenfäusten auseinanderhielt, während er sie höflich und elegant bat, ihm zuzuhören. „Trefft euch“, sagt er ihnen, „so oft ihr wollt, in meiner Gesellschaft, solange ihr mir zuhört“; und das Pathos seines Erscheinungsbildes verlangt hungrig nach einem sympathischen Publikum.
Nun, diese, und nicht die Serie, die das Martyrium des alten Ehepaars an den Toren der Douro Lodge darstellte, deren steife Körper von der Enge einer standesgemäßen Residenz zeugten, diese Skizze war es, die General Ople in seinem Wahnsinn durch den verfolgenden Stich der Bremse auf Mrs. Pollingtons Gartenparty herumreichte. Manche haben gesagt, er hätte seine Tochter nicht verraten dürfen; aber es ist vernünftig anzunehmen, dass er keine Ahnung hatte, dass seine Tochter die Psyche war. Oder falls er sie hatte, war sie undeutlich, aufgrund der Heftigkeit seiner persönlichen Erregung. Angenommen, dies sei die besagte Skizze gewesen; er reichte sie nacheinander zwei oder drei Damen und war zu vernehmen, wie er sich in Abständen in den folgenden Brocken äußerte: „Wie Sie wollen, meine Lady, wie Sie wollen; schlagen Sie, ich sage schlagen Sie; ich ertrage es; ich sage, ich ertrage es. ... Wenn ihre Ladyschaft unversöhnlich ist, sage ich, ich bin ausdauernd. ... Ich könnte gehen, ich sagte, ich könnte verrückt werden, aber solange ich meinen Verstand habe, gehe ich aufrecht, ich gehe aufrecht.“
Mr. Pollington und einige Gentlemen aus der City, die die erneuerten Selbstgespräche des armen Generals hörten, waren von Lady Campers Verhalten angewidert und rieten ihm nachdrücklich, die Gerichte anzurufen.
Er schenkte ihnen abwesend Gehör, aber nachdem er das gesamte Kapitel der Karikaturen hervorgezogen hatte (die er anscheinend in einer Maroquin-Ledertasche in seiner Brusttasche aufbewahrte), sie ihnen unter Kommentaren zeigte und bemerkte: „Es werden mehr kommen, es müssen mehr kommen, ich sage, ich bin sicher, es gibt Dinge, die ich tue, die ihre Ladyschaft entdecken und bloßstellen wird“, lehnte er es ab, Abhilfe oder einfachen Schutz zu suchen; und das erbärmliche Schauspiel bot sich bald darauf, als dieser höfliche Mann Mrs. Barcop über das Wetter zuhörte und zustimmend antwortete: „Es ist heiß. – Wenn Ihre Ladyschaft nur auf Farben verzichten würde. Sehr heiß, wie Sie sagen, gnädige Frau, – ich beklage mich nicht über Feder und Tinte, aber ich würde Farben lieber vermeiden. Und ich nehme an, Sie finden es auch heiß?“
Mrs. Barcop schloss die Augen und seufzte über das Wrack eines stattlichen militärischen Offiziers.
Sie fragte ihn: „Was haben Sie gegen Farben?“
Seine Hand war sofort bei seiner Brusttasche, als er sagte: „Haben Sie nicht gesehen?“ – obwohl er ihr erst vor wenigen Minuten den Inhalt des Pakets gezeigt hatte, einschließlich eines flüchtigen Blicks auf die berühmte Grabungsszene.
Zu diesem Zeitpunkt war der gesamte Bezirk in leidenschaftlicher Anteilnahme mit General Ople. Die Damen drückten, anders als ihre Herren, nicht ihr Erstaunen darüber aus, dass ein Mann zulassen sollte, dass eine Frau ihn in einen Zustand des Halbwahninns treibt; aber ein oder zwei gestanden ihren Ehemännern, dass es eine große Bewunderung für General Ople erfordere, ihn nicht zu verachten, sowohl wegen seiner Empfänglichkeit als auch wegen seiner Geduld. Was die Männer betraf, sie wussten, dass er den Kugeln im brüllenden Schlachtgetümmel getrotzt hatte; sie wussten, dass er Entbehrungen erlitten hatte, nicht nur Kälte, sondern direkten Mangel an Speis und Trank – ein fast unvorstellbarer Horror für diese tapferen täglichen Schlemmer; daher konnten sie ihn nicht gänzlich mit Verachtung betrachten; aber sein Mangel an Verstand war beleidigend, und noch mehr seine Unterwerfung unter die Züchtigung durch eine Frau. Keiner von ihnen hätte sich herabgelassen, das zu spüren. Hätten sie ihr erlaubt zu sehen, dass sie sie stechen konnte? Sie hätten sie ausgelacht. Oder sie hätten sie vor einen Friedensrichter gezerrt.
Es war ein Sonntag im frühen Sommer, als General Ople zum Morgengottesdienst ging, ohne Elizabeth, die unwohl war. Die Kirche war von der rücksichtsvollen, altmodischen Art, mit tauben quadratischen Kirchenstühlen, die es dem Geist erlaubten, sich von der Predigt zu distanzieren oder in aller Ruhe mit den Schwierigkeiten zu ringen, die der Prediger darbot, wie General Ople es oft tat, wobei er sich ein wenig in seine eigene aufrichtige Aufmerksamkeit verliebte, weil er die kniffligen Punkte anpackte und teilweise zuließ, dass der Kampf sichtbar wurde.
Die Kirche war zudem ein Zufluchtsort für ihn. Hierher kam seine Feindin nicht. Er hatte diesen einen Ort der Zuflucht, und er sah fast wieder wie ein glücklicher Mann aus.
Er war in seinen Hut hinein und wieder hinausgegangen, was er gewohnheitsmäßig im Stehen tat, als niemand Geringeres als Lady Camper bis auf ein paar Meter an ihn herantrat. Ihr Kirchenstuhl war voll von armen Leuten, die Anstalten machten, sich zurückzuziehen. Sie bedeutete ihnen, sitzen zu bleiben, und nahm dann ruhig ihren Platz unter ihnen ein, dem General über den Gang hinweg gegenüber.
Während der Predigt hörte man eine leise Stimme, scharf im Gegensatz zum Monoton des Predigers, die folgenden Worte wiederholen: „Ich sage, ich bin nicht sicher, ob ich das überlebe.“ Erhebliches Gemurmel war zudem aus derselben Richtung zu vernehmen.
Nach dem üblichen zeremoniellen Spiel, wenn alle frei waren sich zu bewegen, bei dem niemand als Erster aufstehen wollte, waren Lady Camper und ein Waisenhausjunge die Personen, die den Anfang machten. Aber Lady Camper konnte ihren Kirchenstuhl nicht verlassen, da die Tür klemmte. Sie lächelte, als sie mit ihrer hübschen Hand zwei- oder dreimal versuchte, sie aufzuschütteln. General Ople eilte ihr zu Hilfe. Er zog an der Tür, gab ein andeutungsweises respektvolles Verbeugen und wäre zweifellos abgezogen, hätte Lady Camper, während sie die Höflichkeit anerkannte, ihm nicht ihr Gebetbuch in die Hände gedrückt, damit er es auf den Fersen hinter ihr her trage. Es gab keine Wahl für ihn. Er machte eine Art gleitenden Tanz zurück zu seinem Hut und folgte ihrer Ladyschaft. Da alle Anwesenden begierig darauf waren, das Schauspiel zu bezeugen, wurde der Durchgang von Lady Camper, die das Opfer, den General, hinter sich her schleppte, ohne eine Regung der gut gekleideten Mitglieder der Gemeinde beobachtet, bis der Wunsch sie überwältigte zu sehen, wie Lady Camper sich gegenüber ihrem Fisch verhalten würde, wenn sie ihn erst einmal außerhalb des heiligen Gebäudes hatte.
Niemand hätte sich eine solche Szene vorstellen können. Lady Camper saß in ihrer Kutsche; General Ople hielt ihr Gebetbuch, den Hut in der Hand, an der Kutschenstufe, und er sah aus, als würde er vor den Gittern eines Ofens rösten; denn während er dort stand, zeichnete Lady Camper rasch Umrisse in ein kleines Taschen-Skizzenbuch. Es gibt Hunde, deren Schüchternheit es ihnen schwer macht, menschliche Beobachtung und eine direkte Ansprache selbst durch ihre Herren zu ertragen; und diese lieben, einfachen Hunde wedeln mit dem Schwanz und wenden schwankend die Köpfe ab, als wollten sie einen anflehen, sie nicht so anzustarren und mit ihnen zu reden. General Ople war in Gegenwart des Skizzenbuchs wie das nervöse Tier. Er wäre am liebsten davongelaufen. Er warf einen Blick darauf, sah sich um, wieder darauf und zum Himmel. Die Grausamkeit ihrer Ladyschaft und seine unerklärliche Unterwerfung darunter wurden von der Menge bezeugt.
Die Freunde des Generals gingen sehr langsam. Lady Campers Kutsche raste vorbei, und der General holte sie ein, wobei er sie und sich selbst abwechselnd ansprach. Sie fragten ihn, wo Elizabeth sei, und er antwortete: „Armes Kind, ja! Man sagt mir, sie sei blass, aber ich kann nicht glauben, dass ich so vollkommen, ich sage so vollkommen lächerlich bin, wenn ich die Antworten spreche.“ Er zog ein halbes Dutzend Blätter hervor und zeigte ihnen Skizzen, die Lady Camper in der Kirche gemacht hatte, die ihn beim Hinsetzen und Aufstehen karikierten. Sie hatte sie aus dem Buch gerissen und ihm beim Wegfahren überreicht. „Ich sagte ja, Gottesdienst im gewöhnlichen Sinne wird mir untersagt sein, wenn ihre Ladyschaft...“, sagte der General und mischte kläglich die Skizzenpapierblätter, auf denen er figurierte.
Er machte Mr. und Mrs. Gosling auf dem Weg das folgende seltsame Geständnis: dass er zu seiner Truhe gegangen sei, seinen Schwertgürtel herausgenommen habe, um seinen Umfang zu messen, und festgestellt habe, dass er dünner sei als zu der Zeit, als er den Dienst verließ, was vor seiner Teilnahme an der letzten Levee der vergangenen Saison nicht der Fall gewesen war. Die Schlussfolgerung war also offensichtlich, dass Lady Camper ihn reduziert hatte. Sie hatte ihn so effektiv reduziert wie eine zermürbende Belagerung.
„Aber warum schenken Sie ihr Beachtung? Warum...!“, rief Mr. Gosling aus, ein Gentleman aus der City, dessen Rundung einen Gewehrschuss abgewehrt hätte.
„Dass Sie es zulassen, dass sie Sie so ernsthaft verletzt!“, rief Mrs. Gosling.
„Gnädige Frau, wenn sie meine Frau wäre“, erklärte der General, „würde ich es spüren. Ich sage, es ist die Tatsache daran; ich spüre es, wenn ich für ein menschliches Auge, für irgendein Auge so extrem lächerlich erscheine.“
„Für Lady Campers Auge.“
Er gab zu, dass es das sein könnte. Er hatte nicht daran gedacht, die Schärfe seines Schmerzes dem erbärmlichen Bild zuzuschreiben, das er im Auge dieser speziellen Dame bot. Nein; es war wirklich wahr, kurioserweise wahr: das Auge einer anderen Dame hätte ihn vielleicht in eine Kürbisform verwandeln, alle seine Schwächen fünfzigfach übertreiben können, und er, obwohl es ihm natürlich nicht gefiel, natürlich nicht, hätte dennoch eine gewisse männliche Gleichmut bewahrt. Wie kam es, dass Lady Camper eine solche Macht über ihn hatte? – eine Dame, die siebzig Jahre mit einem Rouge-Döschen oder Farbtopf verbarg! Es war Hexerei in ihrer schlimmsten Form. Er hatte sechs Monate lang auf ihr Geheiß tatsächlich das Leben eines Tieres geführt, in seiner eigenen Achtung degradiert; versengt von jedem Lachen, das er hörte; rennend, verfolgt, eingeholt und gleichsam gezeichnet oder gebrandmarkt, und dann wieder freigelassen, damit sich der Prozess wiederhole.
KAPITEL VIII
Unsere jungen Barbaren haben mit uns leichtes Spiel, wenn sie sich verlieben; sie führen uns wohin sie wollen und interessieren uns für ihre Wünsche, ihre Wehklagen und diese feine Darbietung, ihre Küsse. Aber wenn wir unsere Veteranen beim Schwanken vor ihrem Fall sehen, willigen wir kaum ein, dass sie überhaupt einen Wunsch haben; was einen Kuss betrifft, so schreien wir sie an, falls wir sie auf einem Seitenweg zum heiligen Hain entdecken, wo solche Dinge von den Ehrwürdigen getan werden sollen. Und dieses Stück grober Ungerechtigkeit, um nicht zu sagen Unhöflichkeit, rührt einzig von der unbegründeten Meinung her, dass die Natur nicht dabei sei, als ob es unsere Wertschätzung für die Natur wäre, die uns dazu brächte, sie zu missachten. Sie, in Wahrheit, zeigt sie uns diskret, zivilisiert, in einem anständigen moralischen Aspekt: Ausblicke auf das wirkliche Leben, Ansichten des geistigen Auges werden durch ihre rührenden kleinen Gefühle eröffnet; wohingegen jene rüpelhaften Jugendlichen, die uns anbrüllen und uns bei den Sinnen packen, deutlich beweisen, dass wir nicht besser sind als sie, oder dass wir der Natur nur Aufmerksamkeit schenken, wenn sie uns Angst vor ihr einjagt. Wenn uns an ihr gelegen wäre, sollten wir aufstehen und ihr ehrfürchtig auf ihren gesetzteren Schritten folgen, sie tief in ihren langsameren Schritten studierend. Sie lehrt sie nichts, wenn sie wirbeln. Unsere engsten Lehrer, die wahren Philosophen – kurz gesagt die Geschichtenerzähler – werden mit der Zeit lernen, dass die Natur nicht notwendigerweise immer brüllen muss, und sobald sie das tun, kann man sagen, die Welt sei erleuchtet. In der Zwischenzeit, bei der Betrachtung eines Paares weißer Koteletten, die um ein Paar offensichtlich geschminkter Wangen flattern, seien Sie versichert, dass die Natur dabei ist: nicht jene hektorisierende Wollüstlingin – aber lassen Sie die Jugend ihren Spaß haben. Möge das überlegene Interesse an den Leidenschaften der Gealterten zugestanden werden, und kein Wort soll gegen die Jugend gesagt werden.
Wenn also die Natur dabei ist, wie wurde sie aktiv gemacht? Der Grund für ihren Aufbruch zu diesem letzten Abenteuer ist, dass sie die Person wahrgenommen hat, die die Tugend liefern kann, von der sie aus Erfahrung weiß, dass sie fehlt. So kehren im breiteren Beispiel viele, die weit den Weg hinuntergereist sind, zur Anbetung der Jugend zurück, die sie verloren haben. Manche sind für die anmutige Weltlichkeit des Witzes, von dem sie gerade genug Anteil haben, um ihn zu bewundern. Manche werden von Händen gefesselt, die die Rute schwingen können, der sie in früheren Tagen zu ihrem Schaden entgingen. Im Falle von General Ople war es teils ihre Züchtigung seiner Person, teils ihre Durchdringung; ihre Fähigkeit, die einer wohlhabenden Frau so gut stand, ihre Gleichgültigkeit gegenüber konventionellen Manieren, die einer adlig Geborenen so gut anstand, und mehr als alles andere, ihre Korrektur seiner kleinen Schwächen und Unzulänglichkeiten, trotz seines Missfallens daran, gewannen ihn. Er begann eine Art knabberndes Vergnügen an ihren grotesken Skizzen seiner Person zu empfinden; eine Tendenz, zu den alten zurückzukehren, während er das Eintreffen neuer fürchtete. Man hört alte Herren liebevoll vom Rutenhieb sprechen; und sie sind nicht an Schmerz gebunden, aber das Instrument belebt ihr Gefühl für die Jugend; und General Ople genoss Lady Campers vergangene Umrisse von ihm halb, während er zurückwich. Denn in der Ferne mag das Ende der Peitsche wie eine anhaftende Liebkosung statt eines stechenden Schnellers wirken. Aber dieses feige Schmelzen in seinem Herzen wurde durch einen sehr würdigen Stolz zurechtgewiesen, der zur Unterstützung zu der Verletzung eilte, die sie seinen Andachten und der Beleidigung des heiligen Gebäudes zugefügt hatte. Nachdem er darüber nachgedacht hatte, entschied er, dass er seine Residenz aufgeben müsse; und da es ihm im Lichte der Pflicht erschien, beauftragte er mit unausgesprochener Qual den Immobilienmakler seiner Stadt, seinen Pachtvertrag zu verkaufen oder das Haus möbliert zu vermieten, ohne weiteres Palaver.
Vom Laden des Immobilienmaklers bog er in die Apotheke ab, für ein Tonikum – ein törichtes Vorgehen, denn er hatte durch den Schlag, den er sich gerade selbst versetzt hatte, Stärkung genug erhalten, aber er hatte in letzter Zeit über Tonika nachgedacht, sich bestimmte tapfere Wirkungen davon eingebildet, mit Visionen eines früheren sorglosen Glücks, das sie wahrscheinlich wiederherstellen würden. Also bat er darum, das Tonikum stark zu haben, und er nahm ein Glas davon über dem Tresen.
Fünfzehn Minuten nach dem Trank kam er in Sichtweite seines Hauses, und es betrachtend, hätte er es laut unter Lady Campers Fenstern eine standesgemäße Residenz nennen können, so gewaltsam war sein Aufbegehren. Er sprach unaufhörlich davon, unterließ es aber, es Elizabeth zu sagen, da sie blass aussah, warum seine bescheidenen Vorzüge ihn so berührten. Er sehnte sich nach der Stunde seiner nächsten Dosis und nach einer Karikatur, die folgen sollte, damit er trinken und ihr trotzen konnte. Eine Karikatur stand ihm wirklich zu, dachte er; warum hätte er sonst sein Bijou-Wohnhaus verlassen? Lady Camper schickte jedoch keine. Er musste vierzehn Tage warten, bis eine kam, und das war eher eine Ähnlichkeit, eine hübsche Ähnlichkeit, abgesehen von einer gewissen Unordnung in seiner Kleidung, von der er wusste, dass sie ihm sehr unähnlich war. Dennoch schickte es ihn zum Spiegel, um diesen Prüfer der Fakten als Beweis gegen die Skizze heranzuziehen. Während er dort saß, hörte er das Klopfen des Dienstmädchens an der Tür und die seltsame Nachricht, dass seine Tochter bei Lady Camper sei und Nachricht hinterlassen habe, sie hoffe, er werde sein Versprechen nicht vergessen, zur Gartenparty von Mrs. Baerens zu gehen.
Der General sprang vom Spiegel weg und schrie die abwesende Elizabeth in einem Zorn an, der ihm so fremd war, dass er hastig zurückkehrte, um noch einmal einen Blick auf sich selbst zu werfen, und rief aus voller Kehle: „Ich sage, ich schreibe es einer Verdauung dieses Tonikums zu. Hörst du?“ Das Dienstmädchen antwortete draußen vor der Tür schwach, dass sie es tue, was ihn beunruhigte, denn es schien irgendwo Verwirrung zu geben. Seine Hoffnung war, dass niemand den Namen Lady Camper erwähnen würde, denn der bloße Gedanke an sie verursachte einen Ansturm auf seinen Kopf. „Ich glaube, ich habe einen Anflug von Schlaganfall“, sagte er zum Rektor, der ihn vor den Damen auf Mr. Baerens’ Rasen begrüßte. Er sagte es lächelnd, aber da er ein wenig Anteilnahme wünschte, anstatt des Flüsterns und der bedeutungslosen Hand an seinem geistlichen Band, mit dem der Rektor antwortete, rief er: „Schlaganfall“, und sein Freund schien es dann zu verstehen und verschwand unter den Damen.
Mehrere von ihnen umringten den General, und eine erkundigte sich, ob die Serie fortgesetzt werde. Er zog sein Notizbuch hervor, reichte ihr das neueste und bemerkte die grobe Ungerechtigkeit daran; denn, wie er sie bat zur Kenntnis zu nehmen, skizziere ihn ihre Ladyschaft nun als eine Person, die unaufmerksam in ihrer Kleidung sei, und er bat sie zu beobachten, dass sie ihn mit lose hängender Krawatte gezeichnet habe. „Und das, ich sage das, ist nie von mir bekannt gewesen, seit ich zum ersten Mal die Gesellschaft betrat.“
Die Damen tauschten Blicke tiefer Besorgnis aus; denn die Tatsache war, dass der General ohne Krawatte und ohne Kragen gekommen war, und er schien sich des Umstands nicht bewusst zu sein. Der Rektor hatte ihnen erzählt, dass General Ople in Antwort auf einen Wink, den er bezüglich Krawatten fallen gelassen hatte, eine leichte Befürchtung wegen eines Schlaganfalls geäußert habe; aber seine nachlässige oder nur teilweise Beachtung der Gesetze des Zuknöpfens konnte nichts mit solchen Ängsten zu tun haben. Sie deuteten eher auf eine Störung des Verstandes hin. Elizabeth wurde verurteilt, weil sie ihn allein hatte gehen lassen. Die Situation war wirklich höchst schmerzlich, denn ein Wort zu einem so empfindsamen Mann würde ihn aus Scham und für immer vertreiben; und dennoch, ihn in dem Zustand, verglichen mit seinem natürlichen Selbst, als Vogelscheuche über den Platz paradieren zu lassen, und mit der schrecklichen Angewohnheit, ganz rasend mit sich selbst zu sprechen, war eine schreckliche Alternative. Mrs. Baerens dirigierte schließlich ihren Ehemann auf den General zu, zitternd, als beobachte sie die Operationen eines Fischtorpedos; und andere Damen teilten ihre übermäßige Ängstlichkeit, denn Mr. Baerens hatte die Art und das Aussehen von Artillerie und führte bei dieser Gelegenheit eine Überladung an Pulver mit sich.
Der General neigte sein Ohr Mr. Baerens zu, dessen Deutsch-Englisch und wiederholte Bemerkung: „I am to do it wid delicassy“, seinem Verständnis nicht gerade auf die Sprünge half; und als er endlich hätte erleuchtet werden können, erstarrte er bei dem Anblick, wie Lady Camper mit Elizabeth über den Rasen spazierte. Die große Dame blieb einen Moment neben Mrs. Baerens stehen; sie kam geradewegs auf ihn zu und betrachtete ihn schweigend.
Dann sagte sie: „Ihren Arm, General Ople“, und sie machte mit ihm eine Runde über den Rasen, ohne dabei kaum ein Wort zu verlieren.
Auf ihre Bitte hin begleitete er sie zu ihrer Kutsche. Er nahm gehorsam neben ihr Platz. Er spürte, dass er gerade skizziert wurde, und gebärdete sich wie eine flache Gliederpuppe aus Holz, die beim Ziehen an einer Schnur in die Höhe schnellt.
„Wo haben Sie Ihr Mädchen gelassen, General?“
Bevor er seinen Verstand sammeln konnte, um die Frage zu beantworten, wurde er gefragt:
„Und was haben Sie mit Ihrer Krawatte und Ihrem Kragen gemacht?“
Er berührte seine Kehle.
„Ich bin heute etwas nervös, ich habe Elizabeth vergessen“, sagte er und ließ seine Finger in einer tupfenden Bewegung voller Verwunderung um seinen Hals wandern.
Lady Camper lächelte mit einem triumphierenden Humor auf ihren straff gezogenen Lippen.
Das bestätigte Fehlen von Krawatte und Kragen schien ihn zu ersticken.
„Macht nichts, Sie sind ohne sie ausgegangen“, sagte Lady Camper, „und das ist ein Sieg für mich. Und Sie haben zuerst an Elizabeth gedacht, als ich Sie darauf aufmerksam machte, und das ist ein Sieg für Sie. Es ist ein sehr großer Sieg. Bitte, seien Sie nicht bestürzt, General. Sie haben ein stattliches militärisches Auftreten. Und keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf; ich mag Sie ganz gut so, wie Sie sind. Hier ist meine Hand.“
General Ople verstand ihre letzte Bemerkung. Er drückte die Hand der Dame schweigend, sehr nervös.
„Aber ziehen Sie den Kopf nicht in die Schultern, als gäbe es eine Möglichkeit, das donnernd Offensichtliche zu verbergen“, sagte Lady Camper und versetzte ihn in helle Aufregung, so mit ihrem herzlichen Drücken, ihren gütigen Augen und ihrer eigenwilligen Sprache. „Sie haben den Kragen weggelassen. Nun? Der Kragen ist der fatale letzte Schliff in der Herrenkleidung; er würde sogar Apollo bürgerlich aussehen lassen.“
Ihre Hand lag in seiner: und als er das Spiel ihrer Gesichtszüge beobachtete, funkelte ein Gedanke in General Oples Gehirn auf, der ihn, im Vergessen von Kragen und Karikaturen, ausrufen ließ: „Siebzig? Hat Ihre Ladyschaft siebzig gesagt? Absolut unmöglich! Sie treiben Ihr Spiel mit mir.“
„Wir werden reden, wenn wir dieses Begleitgeräusch der Kutschenräder los sind, General“, sagte Lady Camper.
„Ich werde um die Erlaubnis bitten, Elizabeth holen zu dürfen, gnädige Frau.“
„Richtig gedacht. Holen Sie sie in meiner Kutsche. Und übrigens, Mrs. Baerens war meine alte Musiklehrerin und ist, glaube ich, ein Jahr älter als ich. Sie kann Ihnen sagen, auf welcher Seite der siebzig ich stehe.“
„Ich werde nicht zu fragen brauchen, meine Gnädige“, sagte er und seufzte.
„Dann schicken wir die Kutsche für Elizabeth und klären es gemeinsam, sofort. Ich bin ungeduldig; ja, General, ungeduldig: worauf? Auf Vergebung.“
„Von mir, meine Gnädige?“ Der General atmete tief durch.
„Von wem sonst? Wissen Sie, was das ist? – Ich glaube nicht, dass Sie es wissen. Sie Engländer haben die geringste Erfahrung mit der Menschheit. Ich meine dies: so hart zuzuschlagen, dass man am Ende sein Herz für das Opfer erweicht. Nun, das ist meine Schwäche. Und wir unseres Blutes zügeln unsere Schläge nicht, wenn wir sie für notwendig halten, deshalb übertreiben wir es immer.“
General Ople half Lady Camper aus der Kutsche, die daraufhin sofort losgeschickt wurde, um Elizabeth zu holen.
Er bereitete sich darauf vor, ihr mit einem abwesenden Lächeln von scharfer Aufmerksamkeit zuzuhören.
Sie hatte sich verändert. Sie sprach von Geld. Zehntausend Pfund mussten für seine Tochter angelegt werden. „Und jetzt“, sagte sie, „werden Sie sich daran erinnern, dass Ihnen ein Kragen fehlt.“
Er gab nach. Er erbat sich die Erlaubnis, sich für zehn Minuten zurückzuziehen.
„Einfältigster aller Männer! Was wird Sie bedecken?“, rief sie aus, und indem sie ihm gebieterisch befahl, sich im Wohnzimmer zu setzen, nahm sie eine der berühmten Pistolen in die Hand und sagte: „Wenn ich mich in eine ähnliche Lage bringe und mich ebenfalls dekolletiere, wird Sie das zufriedenstellen? Sie sehen diese mörderischen Waffen. Nun, ich bin eine Feigling. Ich fürchte Schusswaffen. Sie liegen da, um die Welt zu beeindrucken, und ich glaube, das tun sie. Sie haben Sie beeindruckt. Nun, Sie würden niemals daran denken, eine moralische Eigenschaft vorzutäuschen, die Sie nicht besitzen. Aber, alberner, einfältiger Mann, der Sie sind! Sie können sich den Anschein von Reichtum geben, Pferde kaufen, um Ihre Nacktheit zu verbergen, und wenn man Sie an dem Maßstab Ihres scheinbaren Einkommens misst, ziehen Sie es vor, einen kleinlichen Rückzug anzutreten, anstatt sich offen und ehrlich zu verhalten. Ich habe ein wenig übertrieben, aber ich bin nah am Ziel.“
„Ihre Ladyschaft und fehlender Mut!“, rief der General.
„Erfrischen Sie sich, indem Sie darüber nachdenken“, sagte sie. „Und um es Ihnen zu beweisen: Ich war froh, dieses Haus zu nehmen, als ich wusste, dass ich einen tapferen Gentleman als Nachbarn haben würde. Es werden keine Besucher zugelassen, General Ople, also sind Sie nur vor mir mit entblößtem Hals: sitzen Sie ruhig. Eines Tages spekulierten Sie eineinhalb Minuten lang über die Farbe auf meinen Wangen: – ich hatte gesagt, dass ich leicht Sommersprossen bekomme. Ihr Blick bedeutete, dass Sie wegen der Schminke wirklich keine einzige Sommersprosse entdecken konnten. Ich habe Ihnen verziehen, oder auch nicht. Aber als ich bei näherer Bekanntschaft feststellte, dass Sie gegenüber dem Glück Ihrer Tochter genauso gleichgültig waren wie gegenüber ihrem Ruf...“
„Meine Tochter! Ihr Ruf! Ihr Glück!“
General Ople hob die Augen unter einer Woge, wobei er die Ausrufe halb ausstieß.
„So gleichgültig gegenüber ihrem Ruf, dass Sie zuließen, dass ein junger Mann über die Mauer mit ihr sprach und sie nach Verabredung traf: so leichtsinnig gegenüber dem Glück des Mädchens, dass Sie, als ich versuchte, Sie in ihrem Namen zu einem Vertrag zu bewegen, nicht davon abzubringen waren, an sich selbst und Ihre eigene Angelegenheit zu denken. Als ich das herausfand, war ich vielleicht dazu veranlagt, Ihnen etwas von dem zu geben, was meine Schwestern meine Würze zu nennen pflegten. Sie wollten die Verhältnisse Ihres Einkommens nicht ehrlich darlegen und gaben vor, der Frau von siebzig Jahren treu zu sein. Höchst aberwitzig! Könnte irgendeine Karikatur von mir Ihre Skizze Ihrer selbst an Groteskheit übertreffen? Sie sind trotzdem ein tapferer und großmütiger Mann: und ich vermute, es ist mehr Selbsttäuschung als Egoismus – oder extremer Egoismus –, die Sie blind macht. Ein gewisses Maß müssen Sie haben, um ein Mann zu sein. Meine Schminke gefiel Ihnen nicht, noch weniger gefiel Ihnen meine Aufrichtigkeit; Sie waren verärgert über meine Korrekturen Ihrer Redegewohnheiten; Sie waren entsetzt über das Alter von siebzig Jahren, und Sie waren leichtgläubig – General Ople, hören Sie mir zu und denken Sie daran, dass Sie keinen Kragen tragen – Sie waren leichtgläubig gegenüber meiner Aussage über mein hohes Alter, oder Sie wollten es sein, oder wollten so scheinen, weil ich das Fell Ihrer Katze gegen den Strich gebürstet hatte. Und dann, voller Selbstgefälligkeit, nicht an Elizabeth denkend, sondern um sich in der ritterlichen Haltung des Mannes zurückzuziehen, der sein Wort gegenüber der alten Frau hält, nur darauf bestehend, eine gewisse Unabhängigkeit in den gemeinsamen Besitz einzubringen, weil – ich zitiere Sie! und denken Sie daran, Sie haben keinen Kragen an – ‚Sie nicht der Gnade Ihrer Frau ausgeliefert sein könnten‘, brachen Sie mit dem Heiratsantrag in der Geldfrage. Wo war da Ihre Rücksichtnahme für Elizabeth?
„Nun, General, Sie dachten gerne an sich selbst, und ich dachte, ich würde Ihnen dabei helfen. Ich gab Ihnen reichlich Stoff. Ich will nicht sagen, dass ich eine homöopathische Kur beabsichtigte. Aber wenn ich Sie dazu bringe, Ihren Kragen zu vergessen, ist das ein Triumph oder nicht?
„Nein“, fügte Lady Camper hinzu, „es ist kein Triumph für mich, aber es ist einer für Sie, wenn Sie das Beste daraus machen wollen. Ihr Fehler war es, den aktiven Dienst zu quittieren, General, und Ihre Bequemlichkeit zu sehr zu lieben. Es ist der Fehler Ihrer Landsleute. Sie müssen ein Milizregiment oder eine Milizinspektion bekommen. Sie sind zehnmal der Mann, wenn Sie in Bewegung sind. Nun, wollen Sie mir etwa sagen, dass Sie sich für diese Zeichnungen von mir interessiert hätten, wenn Sie marschiert wären?“
„Ich glaube schon, ich sage, ich glaube schon“, bemerkte der General ernst.
„Ich bezweifle es“, sagte sie. „Aber zum Punkt; hier kommt Elizabeth. Wenn Sie nach Ihrer klugen Berechnung nicht viel Geld für sie übrig haben, denken Sie darüber nach, wie dieses Geld Sie geschwächt und auf das Niveau der Menschen hier in unserer Umgebung herabgedrückt hat – die da sind, was? Bewohner von herrschaftlichen Wohnsitzen, ja! Aber was für eine Art Kreatur? Sie haben keinen geistigen Maßstab, kein moralisches Ziel, keine angeborene Ritterlichkeit. Sie wurden schnell einer von ihnen, nur, glücklicherweise für Sie, waren Sie empfänglich für Spott.“
„Elizabeth soll die Hälfte meines Geldes überschrieben bekommen“, sagte der General; „obwohl ich fürchte, es ist nicht viel. Und wenn ich eine Beschäftigung finden kann, meine Gnädige...“
„Etwas Würdigeres als das“, sagte Lady Camper und zeichnete schnell Umrisse auf den Rand eines Buches, und er sah sich selbst, wie er ein Pony auspeitschte; „oder das“, und er zupfte an einem Kohlkopf; „oder das“, und er verneigte sich vor drei Pfosten mit Röcken.
„Die Ähnlichkeit ist exakt“, stöhnte General Ople.
„Sie können sich also vorstellen, dass ich Sie studiert habe“, sagte sie. „Aber es gibt keine wirkliche Ähnlichkeit. Leichte Übertreibungen schaden der Wahrheit mehr als rücksichtslose Verletzungen derselben.
Sie hätten sich nicht im Geringsten um eine Karikatur geschert, wenn Sie nicht die absurde Idee gehegt hätten, einer unserer Eroberer zu sein. Es ist die wahre Tragödie der Bescheidenheit, wenn ein Mann wie Sie solche Vorstellungen hat, mein armer lieber guter Freund. Die Bescheidenen sind am leichtesten berauscht, wenn sie an der Eitelkeit nippen. Und überlegen Sie, ob Sie nicht berauscht waren, denn diese jungen Leute waren elend, und Sie haben es nicht bemerkt, obwohl einer von ihnen bei Ihnen wohnte und das Kind ist, das Sie lieben. So, ich bin fertig. Bitte zeigen Sie Elizabeth ein gutes Gesicht.“
Der General gehorchte, so gut er konnte. Er fühlte sich sehr wie ein Schaf, das gerade geschoren wurde, und als er entlassen wurde, wollte er davonlaufen. Aber kaum war er entkommen, da verspürte er den Wunsch nach einer Wiederholung der Prozedur. „Sie durchschaut mich, sie durchschaut mich“, hörte man ihn zu sich selbst sagen, und am Ende brachte er sich bei, es mit einem geheimen Triumphgefühl zu sagen, denn da es von ihrer Seite ein außergewöhnliches Stück Einsicht war, ihn zu durchschauen, kam ihm der Gedanke, dass er durch das Anerkennen der Wahrheit darüber die Entdeckung neuer Kräfte in der menschlichen Natur machte.
General Ople studierte Lady Camper eifrig auf neue Beweise für ihre Durchdringung der Geheimnisse in seinem Busen; wodurch es geschah, da sie eifrig die beiden verlobten jungen Leute beobachtete, dass er begann, sie ebenfalls zu beobachten, und Gefallen an dem Anblick fand. Ihre Treffen, ihre Abschiede, ihre Ausritte hin und her lieferten ihm Gesprächsthemen. Er hatte bald genug, worüber er sprechen konnte, und früher, wie er sich erinnerte, hatte er noch nie ein Gespräch von einiger Dauer mit Gelassenheit und dem wohltuenden Gefühl der Fülle geführt. Fünftausend Pfund, auf welche Summe Lady Camper ihre Forderung für Elizabeths Mitgift reduzierte, überschrieb er seinem lieben Mädchen gerne und rückte gegenüber ihrer Ladyschaft mit dem Geständnis heraus, dass ein gut angelegtes Vermögen von zwölftausend Pfund sein gesamtes Vermögen umfasste. Sie zuckte mit den Achseln, sie hatte aufgehört, ihn in diese und jene Richtung zu zerren, also waren seine Fesseln angenehm, und er sagte zu sich selbst: „Wenn sie jemals mitten in der Nacht einen Mann brauchen sollte, um sie zu verteidigen!“ Er erwähnte es gegenüber Reginald, der der Bewahrer von Elizabeths Klagen darüber gewesen war, dass ihr Vater allein gelassen, verlassen wurde, und der junge Mann entwarf einen Plan, die große Glocke seiner Tante um Mitternacht läuten zu lassen, was sicherlich zu einem dramatischen Ausgang und der glücklichen Wiederherstellung unserer männlichen Vorherrschaft am Ende dieser Geschichte geführt hätte. Aber er vergaß es in seiner Freude als Bräutigam, bis er beim Hochzeitsfrühstück seine elende offizielle Rede hielt und Elizabeth dazu brachte, über eine Träne zu blinzeln. Als sie im Flur stand, bereit zur Abreise, wurde ein großer Lieferwagen auf der Straße an den Toren der Douro Lodge beobachtet; und dieser, so erklärten die Männer in Gewahrsam, enthalte die Waren und Schnickschnack der Leute, die das Haus für ein Jahr möbliert gemietet hatten und noch an diesem Nachmittag einziehen würden.
„Ich erinnere mich, ich sage jetzt, ich erinnere mich, ich hatte eine Nachricht“, sagte der General fröhlich zu seiner bekümmerten Tochter.
„Aber wohin sollst du gehen, Papa?“, rief das arme Mädchen, den Tränen nahe.
„Ich werde irgendeine Anstellung finden“, sagte er. „Ich sagte ja, ich will sie, ich brauche sie, ich erfordere sie.“
„Du sagst dreimal, was einmal genügt hätte“, sagte Lady Camper und stellte ihm ein paar Fragen, runzelte die Stirn mit einem Lächeln und bot ihm eine Unterkunft im Haus seines Nachbarn an.
„Wirklich, liebste Tante Angela?“, sagte Elizabeth.
„Was kann ich sonst tun, Kind? Ich habe ihn, so scheint es, aus einem herrschaftlichen Wohnsitz vertrieben, und ich muss ihm einen damenhaften geben. Zwar hätte ich ihn lieber auf Abruf gehabt, aber da ich mir immer einen Polizisten im Haus gewünscht habe, kann ich mich genauso gut mit einem Soldaten begnügen.“
„Aber wenn Sie Ihren Ruf verlieren, meine Gnädige?“, sagte Reginald.
„Dann muss ich darauf sehen, dass der General ihn wiederherstellt.“
General Ople beugte sofort sein Haupt über Lady Campers Finger.
„Eine seltsame Sache, die einer einundvierzigjährigen Frau passiert!“, sagte sie zu ihren großen Leuten, und sie ergaben sich mit dem besten Anstand der Welt, während dem General die Ohren kribbelten, bis er sich jünger fühlte als Reginald. Dies, so liefen oder, treffender gesagt, walzten seine Überlegungen, dies ist das Ergebnis des Schminkens! – dass man glauben kann, eine Frau sei jeden Alters, wenn ihre Wangen getönt sind!
Was Lady Camper betrifft, so war sie versehentlich über den Spott des Geredes von einer Hochzeit in einem Lebensalter hinweggehoben worden, das für sie so schrecklich war wie ihre Fiktion von siebzig für General Ople; sie fügte sich, die Dinge mit der Flut gehen zu lassen. Sie war in ihrer ersten Ehe nicht glücklich gewesen, sie hatte die Jagd nach einem idealen Mann aufgegeben, und sie hatte einen gefunden, der sich so stimmen ließ, dass er ihre Ohren nicht beleidigte, wahrscheinlich ein steter Quell der Unterhaltung für ihren Humor, gutmütig, beeindruckbar und vor allem sehr malerisch. Da liegt das Geheimnis von ihr und wie es dazu kam, dass ein einfacher Mann und eine komplexe Frau nach der seltsamsten Trennung zueinanderfanden.
Süß-Susie ist fort, um die Einwilligung ihrer Eltern zu suchen, Und lange müssen die alten Leut’ debattieren, was das wohl bedeut’t. Am Abend jenes glückseligen Maimorgens ließ sie die beiden zurück, Um zu strahlen wie die Blüte, die am Dornenstrauche hängt!
Abgesehen von seinem historischen Wert ist die Ballade für die Dichter unserer Tage, die zu einem mythologischen Griechenland, einem phantasievollen und morbiden Mittelalter oder – bewahre uns davor! – abstrakten Ideen flüchten, um Stoff für ihre Lieder zu finden, ein Beispiel dafür, was getan werden könnte, um unser englisches Leben dichterisch interessant zu gestalten, würden sie nur die Schätze pflücken, die ihnen am Wegesrand dargeboten werden; und da die Natur damals wie heute der Reisepass zur Beliebtheit ist, haben sie sich selbst zuzuschreiben, dass sie nur wenig Halt im Herzen des Volkes finden. Ein lebender einheimischer Herzog ist für die Engländer fünfzig Phöbus Apollos wert, und ein strammes junges Feldmädchen, das von einem Paar Milcheimer zum Stande einer Herzogin aufsteigt, ein romantischerer Gegenstand als Scharen eurer visionären Isolden und Guineveres.
KAPITEL II
Einige Zeit nach der Vermählung stieg seine Gnaden in den Wells ab und erwies sich die Ehre, bei Mr. Beamish vorzusprechen. Er wandte sich an diesen Herrn, der ihm kein Unbekannter war, und teilte ihm den Zweck seines Besuchs mit.
„Mein Herr und mein sehr guter Freund“, sagte er, „lassen Sie mich Sie zuerst bitten, die Strenge Ihres Antlitzes zu mildern, denn wenn ich hier bin, um gegen Ihr Verbot zu verstoßen, werde ich alsbald wieder aufbrechen, um ihm zu entsprechen. Ich könnte in der Tat den Verlust der Leidenschaft für das Spiel beklagen, von der Sie mich wirksam geheilt haben. Ich war damals gegen eine grausamere gewappnet, die einem Menschen keine Atempause lässt, um sein Gelübde auf Besserung abzulegen!“
„Die Krankheit, die nur aus Krisen besteht, fürchte ich“, bemerkte Mr. Beamish.
„Die, mein Herr, wenn sie trockenes Holz ergreift, bis zum letzten Splitter brennt. Es ist nun“, der Herzog stieß ein zärtliches Stöhnen aus, „drei Jahre her, dass ich die Grille hatte, eine Enkelin zu heiraten!“
„Adams Enkelin“, sagte Mr. Beamish heiter. „Es gab kein rechtmäßiges Hindernis für diese Verbindung.“
„Unglücklicherweise keines. Dennoch sollen Sie nicht meinen, ich bereue es. Ein höchst bewundernswertes Geschöpf, Mr. Beamish, eine wahre Göttlichkeit! Und je besser man sie kennt, desto mehr wird sie angebetet. Das ist das Unglück. In meinem Lebensabschnitt, in dem die größeren und die kleineren Organe sich verschworen haben, mir zu sagen, dass ich sterblich bin, muss die Leidenschaft der Liebe als ein Unheil begrüßt werden, obschon man nicht frei von ihr sein möchte, selbst um den Preis der Erneuerung der Jugend. Sie müssen verstehen, dass sie bei einem leicht erwachenden Hang zur Zerstreuung der unschuldigste aller Engel ist. Bisher haben wir gelebt ... Für sie war es eine neue Welt. Aber sie beginnt sie als eine enge zu empfinden. Nein, nein, sie ist meiner Gesellschaft nicht überdrüssig. Ganz im Gegenteil. Aber in ihrem gegenwärtigen Stand ist eine Neigung zu solchen Zusammenkünften, wie Sie sie hier haben, zum Beispiel, wie der Wunsch, an die frische Luft zu gehen: und die gesunden Gewohnheiten meiner Herzogin haben sie nicht daran gewöhnt, eingemauert zu sein. Und kurz gesagt, wir mögen uns noch so sehr hingeben, es nähert sich eine Zeit, in der die Begeisterung, den ganzen Tag als Spielkamerad seiner Frau zu dienen, um Tische zu rennen und vor einem geknoteten Taschentuch durch Korridore zu fliegen, gewaltig nachlässt. Dennoch hat mich die Angst vor einer Trennung von ihr weit über meine Lust hinaus bei diesen Zeitvertreiben gehalten. Nicht, dass ich Müdigkeit eingestehen würde. Ich habe, wie es scheint, einen Geschmack am Nachdenken; ich bin nun sehr geneigt zu lesen und zu meditieren, was ohne Ruhe nicht geschehen kann. Ich mache es mir bequem, und ich erhalte einen Wollknäuel ins Gesicht, und es wird erwartet, dass ich ihn zurückwerfe. Ich füge mich; und dann würden Sie sagen, es sei eine Kinderstube in den Armen. Es wäre sonst das beklagenswerte Schauspiel einer schönen jungen Frau, die gähnt.“
„Erdbeben und Salpeter bedrohen uns weniger schrecklich“, sagte Mr. Beamish.
„Kurz gesagt, sie hat mir das Versprechen abgenommen, dass sie diesen Sommer für einen Monat die Wells besuchen darf, und ich fürchte, ich kann mein gegebenes Wort nicht brechen; ich fürchte, ich kann es nicht.“
„Ganz gewiss würde ich das nicht tun“, sagte Mr. Beamish.
Der Herzog stieß einen Seufzer aus. „Es gibt Gründe, familiäre Gründe, warum ihr meine Begleitung und mein Schutz hier versagt bleiben müssen. Ich habe keinen Wunsch ... in der Tat mein Name, für den Augenblick, bis zu der Zeit, da sie ihre Füße gefunden haben wird ... und es gibt immer einen Preis für so etwas zu zahlen. Ach, Mr. Beamish, Bilder gehören uns, wenn wir sie gekauft und aufgehängt haben; aber wer sichert uns den Besitz eines schönen Werkes der Natur? Ich habe mich in letzter Zeit dem Nachdenken zugewandt, viel und ernsthaft. Ich bin versucht, mich auf die Seite der Geistlichen in den Predigten zu stellen, die ich gelesen habe; das Fleisch ist die Behausung eines rebellischen Teufels.“
„Dem wir in dem Maße widersprechen, in dem wir selbst von ihm befreit werden“, stimmte Mr. Beamish zu.
„Aber diese Manie junger Leute nach Vergnügen, ewigem Vergnügen, ist eines der Wunder. Es wird ihnen nicht leid; sie sind unersättlich.“
„Dort ist der Wasserfall, und dort ist die Klippe. Potentat zu Potentat, Herzog – solange Sie auf meinem Territorium sind, versteht sich. Auf meinem Weg zu einem Gotteshaus kam ich einmal an einem Puritaner vorbei, der sich über einen Schmetterling beschwerte, der hübsch im Freien zur Entweihung des Ruhetages flatterte. ‚Freund‘, sagte ich zu ihm, ‚schlüssig beweisen Sie mir, dass Sie kein Schmetterling sind.‘ Der Griesgram tat nicht mehr, als mich mit dem Anathema seines Gesichts zu beehren.“
„Cousin Beamish, meine Klage über diese jungen Leute ist, dass sie ihr Vergnügen verpassen, während sie es verfolgen. Ich habe meiner Herzogin Vorträge gehalten –“
„Ha!“
„Töricht, ich gebe es zu“, sagte der Herzog. „Aber nehmen Sie einmal an, Sie hätten Ihren Schmetterling gefangen, und Sie könnten ihn weder loslassen noch sich dazu entschließen, seinen Kapriolen zu folgen. Das bringt Sie in Verlegenheit.“
„Junge Leute“, sagte Mr. Beamish, „kommen in diesem armen Reich von mir unter meine Beobachtung – junge und alte. Ich finde sie erstaunlich gleich in ihrer Liebe zum Vergnügen, sie unterscheiden sich hauptsächlich in ihrer Fähigkeit, es zu befriedigen. Das ist keine ungewöhnliche Beobachtung. Die Jungen haben eine Schärfe, die sie abstumpfen möchten; die Alten umgekehrt. Der Schrei der Jungen nach Vergnügen ist eigentlich – ich habe ihre Sprache studiert – ein Schrei nach Lasten. Kurios! Und die Alten schreien, weil sie zu viele auf ihren Schultern haben: was nicht erstaunlich ist. Zwischen ihnen machen sie ein angenehmes Konzert, um sowohl die Ohren zu bezaubern als auch die Schritte des Philosophen zu lenken, dessen Weisheit es ist, ihre Pfade zu meiden.“
„Gut. Aber ich habe Sie um praktischen Rat gebeten, und Sie geben mir einen Essay.“
„Aus dem Grund, Herzog, dass Sie einen Fall vorschlagen, der zum Erhängen einlädt. Sie erwähnen zwei Dinge, die unmöglich zu tun sind. Die Alternative ist ein Strumpfband und der Bettpfosten. Wenn wir an Kreuzungen gekommen sind und wir uns weder für die rechte Hand noch für die linke, weder vorwärts noch rückwärts entscheiden können, zeigt der Zeiger des Schildes, der uns weisen sollte, auf sich selbst und sagt mit Nachdruck: Galgen.“
„Beamish, ich bin verzweifelt. Wenn ich ihr den Besuch verweigere, sehe ich Zwistigkeiten, Tränen, Ballspiele, Herumtoben voraus, kein einziger Tag der Ruhe bleibt mir. Ich könnte in der Tat mit Ihrem Puritaner einer Meinung sein, ganz bestimmt. Wenn ich es erlaube, muss ein so unschuldiges Geschöpf in der Atmosphäre eines Ortes wie diesem einen gewissen Verderb erleiden. Sie sollten wissen, dass der Stand, aus dem ich sie nahm, ... er war bescheiden. Sie war absolut ein Butterblümchen der Felder. Sie hat verschiedene Lehrer gehabt. Sie tanzt ... sie tanzt hübsch, ich könnte sagen bezaubernd. Und so ist sie jetzt darauf aus, ihre Errungenschaften zur Schau zu stellen: so sind die Frauen!“
„Haben Sie von Chloe gehört?“, sagte Mr. Beamish. „Dort haben Sie ein Beispiel für eine junge Dame, die nicht durch diesen Ort verdorben ist – von dem ich nur bemerken möchte, dass er am besten unbesucht bleibt, aber besser gekostet als ersehnt wird.“
„Chloe? Eine Dame, die ihr Vermögen verschwendete, um einen schlecht belohnenden Schurken freizukaufen: Ich erinnere mich, von ihr gehört zu haben. Sie ist noch immer hier? Und ruiniert, natürlich?“
„Im Geldbeutel.“
„Das kann nicht ohne den Verlust des Rufes geschehen.“
„Chloes Fürsprecher wird zugeben, dass sie den Übeln der Unvorsichtigkeit ausgesetzt ist. Umso heller leuchtet ihre angeborene Reinheit, ihre Herzensgüte, ihre Vertrauensseligkeit. Sie ist eine Dame, deren Erhebung in ihrer Erniedrigung glüht.“
„Sie hat, wie ich sehe, ihre Anmut bewahrt“, bemerkte der Herzog mit einem Lächeln.
„Trotz des Verfliegens der Rosen, die nicht die Geduld ihres Herzens hatten. Es ist nun die Lilie, die regiert. Also dann, Chloe soll der Herzogin während ihres Aufenthalts zur Seite gestellt werden, und sollte nicht der Teufel selbst eingreifen, garantiere ich für Ihre Gnaden gegen keinen schlimmeren Schaden als Erfahrung; und das“, fügte Mr. Beamish hinzu, als der Herzog bei diesem furchtbaren Wort die Arme hob, „das soll mild sein. Spielen wird sie; sie wird sicher spielen. Veranschlagen Sie es auf tausend. Wir entwerfen ihr einen Kurs zulässiger Torheiten, und sie spielt, um die tausend allmählich zu verlieren, mit einer so deutlichen Wirkung auf ein eheliches Gewissen, wie wir es hervorbringen können.“
„Tausend“, sagte der Herzog, „wären in der Tat wohlfeil. Ich glaube nun, ich habe eine Beschreibung dieser schönen Chloe erhalten, und zwar von einem Enthusiasten; eine Brünette? elegant in ihrem Benehmen und aus einer guten Grundbesitzerfamilie; obwohl sie es für angemessen hielt, ihren Namen zu verbergen. Und das wird unsere Schwierigkeit sein, Cousin Beamish.“
„Sie war, unter meiner Herrschaft, Miss Martinsward“, fuhr Mr. Beamish fort. „Sie kam sehr jung hierher, und sofort waren ihre Freier Legion. Nach der Art der Frauen wählte sie den schlechtesten unter ihnen; und für den Burschen Caseldy opferte sie das Vermögen, das sie von einem mütterlichen Onkel geerbt hatte. Um ihn aus dem Gefängnis freizukaufen, zahlte sie all seine Schulden; ein Berg von Rechnungen, mit den Anwälten obendrauf – Pelion auf Ossa, um unsere Dichter zu zitieren. Tatsächlich, den Diktaten einer von Großzügigkeit durchdrungenen Seele gehorchend, beging sie die Indiskretion, sich selbst zu entblößen, was den Anstand skandalisierte. Dies geschah unmittelbar nach ihrer Volljährigkeit; und es war der Todesstoß für ihre Beziehungen zu ihrer Familie. Seitdem lebt sie, selbst von Wüstlingen geehrt, verarmt in den Wells. Ich taufte sie Chloe, und Mann oder Frau, der Chloe respektlos begegnet, fliegt. Dass sie das Opfer ihrer großzügigen Veranlagung wurde, konnte ich nicht verhindern; ich kann sie vor den Pfeilen der Bosheit schützen.“
„Sie hat keine Leidenschaft für das Spiel?“, erkundigte sich der Herzog.
„Sie nährt eine Leidenschaft für den Mann, für den sie blutete, unter Ausschluss der anderen Leidenschaften. Sie lebt, und ich glaube, ich darf sagen, dass es das Motiv ihres täglichen Aufstehens und Ankleidens ist, in Erwartung seines Kommens.“
„Er mag tot sein.“
„Der Hund lebt. Und er hat nicht aufgehört, der Schöne Caseldy zu sein, wie man sagt. Unter uns, Herzog, da gibt es Stoff, um ihr Herz zu brechen. Er war der Graf Caseldy an den Spieltischen des Kontinents, und er ist kürzlich Sir Martin Caseldy, niedergelassen auf dem Gut, das sie ihm freigab, um es beim Tod seines Vaters intakt anzutreten.“
„Pah! ein Schurke!“
„Mit einem schwärzeren Brandmal auf sich, jeden Morgen, wenn er über seinen Besitz hinausblickt und sie schmachten lässt! Sie erhält immer noch – ich sage es zur Ehrenrettung unseres Geschlechts – Angebote. Ihre unvergleichlichen Reize von Geist und Person üben die natürliche Herrschaft der Schönheit aus. Aber sie will nichts von ihnen wissen. Ich nenne sie die Schöne Selbstmörderin. Sie ist aus Liebe gestorben; und sie ist ein Geist, ein guter Geist und ein erfreulicher Geist, aber eine Erscheinung, ein Lichtstumpf.“
Der Herzog rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her und drückte die Hoffnung aus, zu hören, dass sie nicht von melancholischer Unterhaltung sei; und ferner, dass sich der Gegenstand ihrer Rede nicht auf Liebe und Liebhaber beschränke, ob glücklich oder unglücklich. Er wünschte, sagte er, dass seine Herzogin mit fröhlicheren Themen unterhalten werde: Liebe sei ein Thema, das er sich selbst vorbehalten wolle. „Dieser Monat!“, sagte er, prophetisch zitternd und stöhnend. „Ich wünschte, dieser Monat wäre vorbei, und wir wären gründlich davon gereinigt.“
Mr. Beamish beruhigte ihn. Der Witz und die Lebhaftigkeit von Chloe seien so berühmt, dass sie als medizinisch gälten, versicherte er; sie werde um ihre Gesellschaft belagert; sie dichte und singe Stegreifverse, sie spiele göttlich Harfe und Cembalo, rühre die Gitarre und tanze, tanze wie der silbrige Mond auf dem Wasser des Mühlteichs. Er schloss mit der Bemerkung, dass sie sowohl menschlich als auch weise, bescheiden und unterhaltsam, tugendhaft und dennoch kein Tartar sei; die beste Gefährtin für Ihre Gnaden, die junge Herzogin. Zudem verpflichtete er sich kühn, die Herzogin während der Dauer ihres Besuchs unter einem Namen zu führen, der einem Maskenspiel gleichkäme, um den Namen seiner Gnaden zu verbergen, während er ihr alle ihrem Rang gebührenden Ehren erweise.
„Sie legen meine Wünsche streng aus“, sagte der Herzog; „alle Ehren, den vordersten Platz, und mein Zorn über jeden Mann oder jede Frau, die ihnen widersprechen!“
„Meinen! wenn es Ihnen beliebt, Herzog“, sagte Mr. Beamish.
„Tausend Entschuldigungen! Ich überlasse es Ihnen, Cousin. Ich könnte nicht in sichereren Händen sein. Ich bin Ihnen herzlich verbunden. Chloe, also. Übrigens, sie hat einen anständigen Respekt vor dem Alter?“
„Sie ist ehrfürchtig veranlagt.“
„Nicht das. Sie ist, das möchte ich fragen, keine leichtfertige Plauderin über die Reize und Vorteile der Jugend?“
„Sie hat einen jungen Verehrer, den ich Alonzo getauft habe, den sie kaum beachtet.“
„Nichts könnte besser sein. Alonzo: h’m! Ein treuer Jüngling?“
„Das Leben ist sein Baum, in den er unablässig die Initialen seiner Angebeteten schnitzt.“
„Sie sollte nicht zu grausam sein. Ich erinnere mich früher: Ich war ... Junge Männer werden, wenn sie lange missachtet werden, ihre Zuneigung übertragen und für die zweite Flamme wärmer sein als für die erste. Ich warne Sie. Er folgt ihr viel? Diese Malereien und Angebereien der Liebenden in der Nähe der unschuldigsten aller Frauen sind ansteckend.“
„Ihre Gnaden werden umso eher nach Hause laufen.“
„Oder davonlaufen! – möge sie mir verzeihen! Ich bin wie ein Jude des Königs Johann, gezwungen, seinen Schatz ohne Sicherheit zu verleihen. Was für eine Welt ist die unsere! Nichts, Beamish, nichts Wünschenswertes wirst du haben, das nicht begehrt wird! Fange einen Preis, und du wirst finden, dass du mit deiner Spezies im Krieg stehst. Du musst von diesem Augenblick an in der Defensive sein. Es gibt kein friedliches Umherziehen auf Erden. Lass es eine schöne junge Frau sein! – Ach!“
Mr. Beamish antwortete ermunternd: „Der Champion im Ringen fordert alle Herausforderer heraus, während er den Gürtel trägt.“
Der Herzog stimmte niedergeschlagen zu. „Wahr; oder er wird herausgefordert, sagen wir. Gibt es irgendeine Geschichte, die wir ihr über diesen Alonzo erzählen könnten? Sie könnten ihn für den Monat verbannen, mein lieber Beamish.“
„Ich begehe kein Unrecht, es sei denn mit ausreichendem Grund. Es ist ein schätzenswerter Jüngling, wie seine Hingabe an eine unvergleichliche Frau zeigt. Ihr seinen Namen und sein Vermögen zu verleihen, ist sein einziger Gedanke.“
„Ich verstehe; ein ausgezeichneter junger Bursche! Ich habe eine beginnende Zuneigung für diesen jungen Alonzo. Sie dürfen meiner Herzogin nicht gestatten, über ihn zu lachen. Ermutigen Sie sie eher, sein Werben zu fördern. Die Albernheit eines jungen Mannes wird kein schlechtes Schauspiel sein. Chloe, also. Sie haben meinen Geist beruhigt, Beamish, und das ist nur eine weitere Verpflichtung, die dem Haufen hinzugefügt wurde; wenn ich also nicht von Bezahlung spreche, dann deshalb, weil ich weiß, dass Sie mich nicht bankrott sehen wollen.“
Der Rest des Zwiegesprächs des Herzogs und Mr. Beamish bezog sich auf das Datum der Ankunft Ihrer Gnaden in den Wells, die Unterkunft, die sie erhalten sollte, und andere kleinere Arrangements, die sich auf ihren Stand und ihren Komfort bezogen; wobei der Herzog beständig bemerkte: „Aber ich überlasse es ganz Ihnen, Beamish“, nachdem er in diesen Punkten präzise Anweisungen gegeben hatte, bis hin zur Spezifizierung der Ladenbesitzer, des Konditors und des Apothekers, die sich in der gegensätzlichen Art ihres Angebots ausgleichen oder aufheben sollten, und des Kurzwarenhändlers und des Juweliers, bei denen sie ihre Einkäufe tätigen sollte. Denn der Herzog hatte eine Erinnerung an schwindlige Läden und an schwindlige Ladenbesitzer obendrein; und es war dadurch, dass er einen Tag lang als solcher diente, dass ein gewisser großer Adliger mit einer eifersüchtig bewachten, schönen Dame, die wie Venus war, zum Sieg kam. „Ich hätte die Göttin herausgefordert!“, rief er und ließ von seiner Begeisterung klagend ab, wie ein schwaches Blasinstrument. „Da sehen Sie also die Klugheit einer Auswahl an Läden. Aber ich überlasse es Ihnen, Beamish.“ Ähnlich wirft sich der große militärische Befehlshaber, nachdem er alles getan hat, was eine sorgfältige Voraussicht zur Sicherung des Sieges nahelegen könnte, der Vorsehung in die Arme, mit der Hoffnung, das Unvorhergesehene und dunkel Mögliche gewogen zu stimmen.
KAPITEL III
Das prachtvolle Gefährt einer Kutsche mit sechs Pferden, mit Lakaien in Scharlach und Grün, trug Beau Beamish an einem sonnigen Tag fünf Meilen weit die Straße entlang, um die junge Herzogin an der Grenze seines Territoriums zu empfangen und sie prunkvoll in die Wells zu geleiten. Chloe saß neben ihm und nahm Anweisungen bezüglich ihrer zukünftigen Pflichten entgegen. Er war an diesem Tag der vollendete Beau, sanft, aber monarchisch, und seine Art zu sprechen hatte Anteil an seiner äußeren Größe. „Spähen Sie den Horizont aus und benachrichtigen Sie mich, falls Sie irgendwo einen Streitwagen ausmachen“, sagte er, als sie auf dem Anstieg eines Hügels mit langem Gefälle hielten, wo der staubige Weg zwischen seinen braunen Hecken versank und sich von trockenen, binsenbewachsenen Mulden zu Kornfeldern auf einer gegenüberliegenden Höhe hinaufschwang, die ihnen direkt in einer Entfernung von etwa dreiviertel Meilen gegenüberstand. Chloe blickte hinaus, während der Beau flüchtig seinen Hut zur Kühlung hob und mit einem Blick auf den schwülen Pfad murmelte: „Es lässt das Auge schwitzen, das zu sehen!“
Nach einer Weile sagte Chloe: „Jetzt weht ein Staub auf. Etwas nähert sich. Jetzt erkenne ich Pferde, jetzt ein Gefährt; und es ist ein Streitwagen!“
Den Vorreitern wurde befohlen, die Hörner zu blasen.
Sowohl Chloe als auch Beau Beamish runzelten die Stirn bei den unordentlichen Tönen der dreifachen Hörner, deren Schallen eine Säure in der Luft erzeugte statt Süße.
„Man möchte sagen, Hunde im Zwinger, die den Mond anheulen!“, sagte der zusammenzuckende Beau. „Doch, wie Sie wissen, sind diese Burschen geübt worden. Ich hatte sie stundenlang auf einer Wiese, gebraten und durchnässt, um sie von ihrer angeborenen Kakophonie zu befreien. Aber sie lieben es, wie sie Speck und Bohnen lieben. Der musikalische Geschmack unseres Volkes befindet sich im Stadium des primitiven Appetits auf Lärm, und danach sind sie gierig.“
„Es wird angenehm sein, es in der Ferne zu hören“, antwortete Chloe.
„Ja, je größer die Distanz, desto angenehmer zu hören. Bewegen sie sich vorwärts?“
„Sie halten an. Da ist ein Kavalier am Fenster. Jetzt zieht er den Hut.“
„Schwungvoll?“
Chloe beschrieb einen Halbkreis in der großen Manier.
Die Augenbrauen des Beau hoben sich. „Göttliche Mächte!“, murmelte er. „Sie ist von Hand zu Hand freigegeben, und auf halbem Weg kommt ein Kavalier. Wir haben nicht mit den Habichten gerechnet. Ich habe es also mit einem Kavalier zu tun! Es bedeutet, meine liebe Chloe, dass ich unverzüglich die Leidenschaft heucheln muss, wenn ich ihm ebenbürtig sein will: nichts Geringeres.“
„Er ist fortgeflogen“, sagte Chloe.
„Wen sie trifft, nachdem sie mich getroffen hat, ist mir gleich“, sagte der Beau und schnippte mit dem Finger. „Aber es gab eine Atempause für Schaden bei einer Dame, die unschuldig wie Eva ist. Bewegt sie sich vorwärts?“
„Der Streitwagen trabt den Hügel hinunter. Er ist zurückgeritten. Sie hat keinen begleitenden Reiter.“
„Sie wurden auf mein Geheiß vor zehn Meilen entlassen, besonders zum Vorteil der kavalierenden Horde, wie es scheint. Im Falle einer Frau, Chloe, ist ein Wimpernschlag ein Versäumnis an Wachsamkeit.“
„Das ist ein Axiom, das für den Harem des Großherrn taugt.“
„Der Großherr könnte uns lehrreiche Lektionen für den Umgang mit dem Geschlecht geben.“
„Misstrauen Sie uns, und es ist eine Kriegserklärung!“
„Vertrauen Sie Ihnen, und der Stöpsel ist aus der Riechflasche.“
„Mr. Beamish, wir sind Frauen, aber wir haben Seelen.“
„Der Wurm im Apfel, dessen rötliche Wange den kleinen Tommy verlockt, den Obstgarten zu berauben, ist ein ebenso gutes Konservierungsmittel.“
„Sie geben zu, dass Männer unsere Feinde sind?“
„Ich behaupte, dass sie das Banner der Tugend tragen.“
„Oh, Mr. Beamish, ich werde vergehen.“
„Ich verbiete es zu meinen Lebzeiten, Chloe, denn ich möchte sterben, indem ich an eine Frau glaube.“
„Keine Schmeicheleien für mich auf Kosten meiner Schwestern!“
„Dann fliehen Sie in eine Einsiedelei; denn alle Schmeichelei geht auf jemandes Kosten, Kind. Es ist ein Essenzextrakt der Menschheit! Davon zu leben, nach der Art einiger Leute, ist schlecht – es ist regelrecht kannibalisch. Aber wir können unsere Taschentücher damit besprenkeln, und das sollten wir, wenn wir unsere Nasen mit einer gewissen Miene liebkosen wollen. Die Gesellschaft, meine Chloe, ist ein Neubeginn auf einer höheren Ebene des wilden Systems; wir müssen unsere Opfer bringen. Wie zum Beispiel, was sagen Sie zu mir neben unseren beschuhten Landjunkern?“
„Hunderte von ihnen, Mr. Beamish!“
„Das ist ein Holocaust an Landjunkern, der dazu herhalten muss, mir als Weihrauch zu dienen, obgleich Sie keine Druidenriten vollzogen und sie in gigantische Weidenkörbe gepackt haben. Seien Sie philosophisch, aber akzeptieren Sie Ihre persönlichen Abgaben. Gewähren Sie uns auch unsere. Ich habe die ernsthafte Absicht, diese junge Herzogin zu bewahren, und ich erwarte, dass meine Aufgabe schwer sein wird. Ich trage das besagte Banner; wahrlich und bußfertig tue ich das. Es ist ein Irrtum des Pöbels, anzunehmen, dass im Rachen des Drachen alles Drache sei.“
„Die Menschen sind seine Reißzähne und Krallen.“
„Ja, aber die Leidenschaft für seinen feurigen Atem liegt in der Frau. Sie will ihren Sprung wagen und ihren Satz machen, sie will und sie will! Und an dem Punkt, wo sie will und sie nicht will, schnappt der Drache zu, und weg ist sie! Wie dem auch sei, es gilt, unsere Butterblumen-Herzogin von eben diesem Punkt fernzuhalten. Ist sie in der Nähe?“
„Ich kann sie sehen“, sagte Chloe.
Beau Beamish bat um eine Beschreibung ihrer Person, und Chloe begann: „Sie ist hinreißend.“
Worauf er kommentierte: „Jede Frau ist auf vierzig Schritte hinreißend, und noch mehr in der Vorstellung.“
„Wunderschönes kastanienbraunes Haar und ein blendender rot-weißer Teint, eingefasst in eine blaue Haube.“
„Ihre Augen?“
„Schmelzendes Blau.“
„Das ist eine englische Hexe!“, rief der Beau und rief mitleidig ihren abwesenden Gemahl an.
Chloes Augen mussten sich nicht mehr anstrengen, um die Züge der schönen Dame zu erkennen, denn die Fenster des Wagens kamen auf dem breiten Plateau des Hügels bündig mit denen des Beau zu stehen. Die Tür seiner Kutsche wurde geöffnet. Er saß aufrecht und richtete seinen privilegierten Blick so lange auf Herzogin Susan, bis sie errötete.
„Ja, gnädige Frau“, sagte er, „ich bin nicht der Erste.“
„Ach, mein Herr!“, sagte sie; „wer sind Sie?“
Der Beau hob bedächtig seinen Hut und verneigte sich. „Derjenige, gnädige Frau, von dessen Annäherung der Herr, der sich an jener Anhöhe von Ihnen verabschiedete, Sie unterrichtet hat.“
Sie blickte arglos über ihre Schulter und auf den Beau, der aus seiner Kutsche stieg. „Ein Herr?“
„Zu Pferde.“
Die Herzogin steckte ihren Kopf aus dem Fenster, getrieben von dem Impuls, die Entfernung zwischen den beiden Hügeln zu messen.
„Niemals!“, rief sie.
„Wie, gnädige Frau, hat er keine Nachricht überbracht, um mich anzukündigen?“, sagte der Beau und wirkte ungehalten.
„Du meine Güte! Sie müssen Mr. Beamish sein“, antwortete sie.
Er legte seinen Hut auf seine Brust und lud sie ein, ihre Kutsche zu verlassen, um neben ihm Platz zu nehmen. Sie stellte die Bedingung: „Wenn Sie wirklich Mr. Beamish sind?“ Er runzelte die Stirn und hob den Kopf, um sie zu überzeugen; doch sie ließ sich nicht beeindrucken, und er wandte sich an Chloe, um seine Identität bestätigen zu lassen. Als sie Chloes Namen hörte, rief die Herzogin aus: „Oh! Da, nun, das reicht, denn Chloe ist hier meine Zofe, und ich weiß, sie ist eine geborene Dame, und wir werden Freunde sein. Reichen Sie mich an Chloe. Und Sie sind Chloe?“, sagte sie, nachdem sie mit einem offenen Schritt von Trittbrett zu Trittbrett der Kutschen gelangt war. „Und es macht Ihnen nichts aus, meine Zofe zu sein? Sie sehen wie ein nettes, freundliches Geschöpf aus. Und ich sehe, Sie sind eine geborene Dame; das weiß ich sofort. Sie sind dunkel, ich bin hell; wir werden zusammenpassen. Und sagen Sie mir – psst! – was für schrecklich lange Augen er hat! Ich werde Sie gleich fragen, was Sie von mir halten. Ich war noch nie zuvor bei den Wells. Ach herrje! Die Kutsche ist abgebogen. Wie weit werden wir die Glocken hören, die sagen, dass ich komme? Ich weiß, dass ich Glocken haben soll. Mr. Beamish, Mr. Beamish! Ich muss mit einer Frau plaudern, und ich habe Ehrfurcht vor Ihnen, mein Herr, das habe ich, aber Männer und Männer, die sehe ich dutzendweise im Palast meines Herzogs, nur um mit ihnen für ein Schnippen meines Fingers zu reden – obwohl sie alt sind, das stimmt –, aber eine Frau, die eine Dame ist und freundlich genug, meine Zofe zu sein, die habe ich noch nicht getroffen, seit ich das Recht habe, eine Krone zu tragen. So, ich werde Chloes Hand halten, das reicht. Sie würden es mir sofort sagen, Chloe, wenn ich nicht nach Ihrem Geschmack gekleidet wäre; nicht wahr, das würden Sie? Was das Redselige angeht, das ist bei mir ein Zeichen dafür, dass ich Menschen mag. Ich weiß manchmal wirklich nicht, was ich meinem Herzog sagen soll. Ich sitze da und denke, es sei so komisch, einen Herzog statt eines Ehemannes zu haben. Sie fahren!“
Die Herzogin lachte über Chloes Lachen. Chloe entschuldigte sich, wurde aber von ihrer Herrin belehrt, dass ihr genau das gefalle.
„Die ersten zwei Jahre“, fuhr sie fort, „konnte ich kaum ein Wort herausbringen. Ich stammelte, ich wurde rot, ich sehnte mich danach, oben in meinem Zimmer zu sein, meine Haare zu bürsten und zu locken, und war bereit, vor jedem zu knicksen. Jetzt fühle ich mich ganz zu Hause, denn ich habe viel Mut – außer vor dem Tod, und vor dem Tod bin ich schlimmer dran als damals, als ich eine einfache Person war, mit einem dummen ‚Ach!‘ in meinen runden Augen und einem Mund wie für ein Ei. Ich frage mich, warum das so ist? Aber ist der Tod nicht schrecklich? Und Skelette!“ Die Herzogin schauderte.
„Es kommt auf das Skelett an“, sagte Beau Beamish, der sich in das Gespräch eingeschaltet hatte. „Ihrem, gnädige Frau, möchte ich lieber nicht begegnen, denn es würde mich in Transzendenzen des Bedauerns über den Verlust des Fleisches stürzen. Ich bin jedoch meinem eigenen begegnet und hatte Grund zur Zufriedenheit mit der Zusammenkunft.“
„Ihrem eigenen Skelett, mein Herr!“, sagte die Herzogin staunend und entsetzt.
„Unzweifelhaft meinem. Ich werde Sie zur Zeugin rufen, indem ich Ihnen von ihm berichte.“
Herzogin Susan sperrte den Mund auf und „Oh, tun Sie das nicht!“, rief sie aus; fügte aber hinzu: „Es ist heller Tag, und ich habe jemanden bei mir schlafen, wenn es dunkel wird“; womit sie Chloe anlächelte, die ihr versprach, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe.
„Ich begegnete meinem Herrn, als ich mich nachts auf den Weg zu meinem Zimmer machte“, sagte der Beau, „entlang eines engen Korridors, wo es unerlässlich war, dass einer von uns den Vortritt ließ; und ich muss gestehen, wir sind uns alle in unseren Knochen so erstaunlich ähnlich, dass ich bereitstand, von ihm Platz zu fordern. Denn zweifellos war der Kerl ein Hindernis, und auf den ersten Blick abstoßend. Ich hielt ihn für jemandes Skelett, den Herold des Todes, mit seinem grinsenden Schädel, den nummerierten Rippen und den außergewöhnlichen Spreizfüßen – kurzum, das ganze ungelenke und zittrige Etwas, auf dem der Mensch erbaut ist und dessen Ebenbild ihn in seinen schwächeren Momenten heimsucht. Ich hatte, um offen zu sein, ein Abendessen bei einigen unserer auserlesensten Witzbolde und Schönheiten durchtanzt. Das ist ein Rezept, um Geister zu beschwören. Nun denn, denke ich, mein lieber Kerl, ich werde dich aufscheuchen; und ohne Gruß drängte ich vorwärts. Gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, er benahm sich in vollem Maße so, wie ich es unter ähnlichen Umständen getan hätte. Er zog sich unter einer Neigung seines Körpers zurück, richtet sich auf und bringt mir eine Verbeugung dar, die genau in der Mitte zwischen Würde und Unterwürfigkeit liegt. Ich trete vor, er tritt zurück, und wieder die Verbeugung, frei von Kriecherei, majestätisch herablassend. Das, denke ich, sind königliche Manieren. Ich hätte ihn für den schwarzen König persönlich halten können, seines Mantels beraubt. Auf meine Seele, er brachte mich zum Erröten.“
„Und das ist alles?“, fragte die Herzogin und verschaffte sich mit einem Seufzer Erleichterung.
„Nun, gnädige Frau“, sagte der Beau, „sehen Sie denn nicht, dass er kein anderer als mein eigener gewesen sein konnte, der sich mit diesem großartigen Gebaren und dieser Anmut verhalten konnte, wenn er von seinem nächsten Verwandten gekränkt wurde? Als er mir meine Tür öffnete und den Vortritt annahm, den ich ihm nun von ganzem Herzen gewährte, erkannte ich sofort sowohl ihn als auch den Tadel, den er mir absichtlich erteilt hatte – oder das Abendessen mit Wein, auf dem ich getanzt hatte, vielleicht sollte ich sagen – und ich versichere Ihnen, dass er durch ein solches Zurschaustellen höchster guter Erziehung das größte Kompliment vermittelte, das je ein Mensch erhalten hat, nämlich die Gewissheit, dass ich auch nach dem Verfall dieses sterblichen Gewandes noch für Urbanität und Eleganz bekannt sein werde. Ja, und mehr, unsterblich, ohne den Ausrutscher, dessen ich mich schuldig machte, als ich den Weinschlauch trug.“
Herzogin Susan fächerte sich Luft zu, um die Verdauung der Anekdote zu unterstützen.
„Nun, es ist keine so schreckliche Geschichte, und ich weiß, dass Sie der große Mr. Beamish sind“, sagte sie.
Er fragte sie, ob der Herr ihm auf dem Hügel ein Zeichen gegeben habe.
„Was kann er mit einem Herrn meinen?“, wandte sie sich an Chloe. „Mein Herzog sagte mir, Sie würden mich empfangen, mein Herr. Und Sie sollen mich beschützen. Und wenn etwas passiert, soll es Ihre Schuld sein.“
„Durchaus“, sagte der Beau. „Ich werde daher eine wachsame Wache halten.“
„Außer mich frei zu lassen. Puh! Ich war so lange eingesperrt. Ich versichere Ihnen, Chloe, ich fühle mich wie ein Festtagskleid, das zum Ausgehen bereit ist, und habe ein wenig Angst, dass es verdirbt. Ich bin ein echtes Kind, mehr als ich war, als mein Herzog mich heiratete. Ich schien mich zu verkriechen und wieder heranzuwachsen, nachdem ich zu Reichtum gekommen war. Und niemand, dem man davon erzählen kann! Stellen Sie sich das vor! Denn man kann mit alten Herren nicht über das reden, was im Herzen vorgeht.“
„Wie steht es mit jungen Herren?“, wurde sie vom Beau gefragt.
Und sie antwortete: „Die finden es von selbst heraus.“
„Nicht, wenn Sie ihnen nicht dabei helfen“, sagte er.
Herzogin Susan ließ ihre Augenlider und ihren Blick halb sinken, als sie ihn mit der einfachen Schüchternheit einer der Gedanken der Natur ansah, die in ihrem Kopf auf den Weiden der Welt erwachten. Die schmelzenden blauen Augen und die Kirschlippe ergaben ein überaus belebendes Bild. „Nun, ich frage mich, ob das wahr ist?“, übertrug sie ihre Verschmitztheit in Sprache.
„Hüten Sie sich vor den Männern mittleren Alters!“, rief er aus.
Sie appellierte an Chloe. „Und ich bin sicher, sie sind die nettesten.“
Chloe stimmte zu, dass sie das seien.
Die Herzogin maß Chloe und den Beau zusammen, mit einem Geist, der schnell alles erfasste, wonach er hungerte.
Sie hätte das angenehme Thema weiterverfolgt, wäre sie nicht darauf hingewiesen worden, hinunter auf die Türme und Dächer der Wells zu blicken, die schläfrig in einer Siesta der sommerlichen Nachmittagssonne strahlten.
Mit einer Ausbreitung ihres seidenen Kleides berührte sie das Gebilde ihres Haares und murmelte zu Chloe: „Ich kann dieses Puder nicht ausstehen. Sie werden sehen, wie ich in einem Reifrock gehe. Ich kann das. Ich habe es zu langsamer Musik getan, bis mein Herzog in die Hände klatschte. Ich bin nichts, wenn ich sitze, verglichen damit, wenn ich auf meinen Füßen stehe. Das liegt daran, dass ich noch keine feine Sprache habe. Ich werde sie haben. Sie scheint zuletzt zu kommen. Also, da ist der Ort. Und wo treffen sich all die großen Leute und prom... ?“
„Sie promenieren dort, wo Sie die Bäume sehen, gnädige Frau“, sagte Chloe.
„Und wo ist es, wo die Damen sitzen und Erdbeertörtchen mit Schlagsahne essen, während die Herren stehen und Komplimente machen?“
Chloe sagte, das sei in einem Laden in der Nähe des Pumpraums.
Herzogin Susan blickte über die Dächer der Häuser, jenseits der staubigen Hecken.
„Oh, und dieses Puder!“, rief sie. „Ich hasse es, nicht in der Mode zu sein und ein Spektakel zu bieten. Aber ich liebe mein eigenes Haar so sehr, und ich habe so viel davon, und ich mag die Farbe, und mein Herzog auch. Nur lassen Sie nicht zu, dass man mich begrabscht. Wenn ich erst einmal anfange, vor Leuten zu erröten, ist mein Mut dahin; mein Singen im Inneren wird erstickt; und ich habe den ganzen Tag eine echte Lerche in mir, bei Regen oder Sonnenschein – psst, alles über Liebe und Vergnügen.“
Chloe lächelte, und Herzogin Susan sagte: „Genau wie ein Vogel, denn ich weiß nicht, was es ist.“
Sie wartete darauf, dass Chloe sagte, sie wisse es.
In diesem Moment ritten zwei berittene Landjunker heran, und die Kutsche hielt an, während Beau Beamish Anweisungen gab, die Kirchenglocken zu läuten und die Kapelle seine Equipage am Anfang der Bad-Allee zu empfangen und ihr vorauszugehen: „zu Ehren der Ankunft Ihrer Gnaden, der Herzogin von Dewlap.“
Er sprach diese Worte laut zu seinen Männern und richtete einen strahlenden Blick auf die Herzogin, sodass sie für einen Moment fasziniert war und nicht auf ihr Gehör achtete; doch bald überkam sie ein Unbehagen; die Anzeichen vermehrten sich, sie biss sich auf die Lippe, und nachdem sie ein- oder zweimal kurz geatmet hatte, sagte sie: „Meinten Sie mich, Mr. Beamish?“
„Sie, gnädige Frau, sind die Person, die wir ‚mit Freude zu ehren‘ wünschen“, antwortete er.
„Herzogin von was?“, verzog sie unruhig das Gesicht, um es zu hören.
„Herzogin von Dewlap“, sagte er.
„Das ist nicht mein Titel, mein Herr.“
„Es ist Ihr Titel auf meinem Territorium, gnädige Frau.“
Sie machte ihre hübsche Nase und Oberlippe hässlich mit einem spöttischen „Dew...! Und in diese Stadt einziehen vor all diesen Leuten als Herzogin von... Oh, nein, werde ich nicht; das werde ich einfach nicht! Rufen Sie diese Männer jetzt zurück, bitte; jetzt, wenn es Ihnen beliebt. Ich bitte Sie, Mr. Beamish! Sie werden mich beleidigen, mein Herr. Ich werde keine Lachnummer sein. Sie werden meinen Herzog beleidigen, mein Herr. Er würde lieber sterben, als meine Gefühle verletzen zu lassen. Da ist all mein Vergnügen verdorben. Ich werde nicht und ich werde nicht als Herzogin dieses dummen Namens in die Stadt einziehen, also rufen Sie sie zurück, rufen Sie sie augenblicklich zurück. Ich weiß, wer ich bin und was ich bin, und ich weiß, was mir zusteht, das tue ich.“
Beau Beamish entgegnete: „Ich auch. Chloe wird Ihnen sagen, dass ich hier der Herr bin.“
„Dann gehe ich nach Hause, das tue ich. Ich werde nicht ausgelacht als große Damen-Närrin. Ich bin eine echte Dame von hohem Rang, und als solche werde ich erscheinen. Was ist eine Herzogin von Dewlap? Man könnte genauso gut Herzogin von Kuhschwanz oder Herzogin von Mopsend sein. Und diese Leute! Aber das werde ich nicht sein. Ich werde mich nicht zum Spielball machen lassen. Ich sehe, wie sie starren! Nein, ich kann mich entscheiden, und ich bitte Sie, Ihre Männer zurückzurufen, oder ich fahre wieder nach Hause.“ Sie murmelte: „Mich lächerlich machen lassen – mich zum Narren halten lassen!“
„Die Kutsche Ihrer Gnaden ist dahinter“, sagte der Beau.
Seine despotische Kühle provozierte sie zu einem Aufschrei und Weinen: Sie wiederholte „Dewlap! Dewlap!“ unter Schluchzen; sie schüttelte die Schultern und verbarg ihr Gesicht.
„Sie sind stolz auf Ihren Titel, nicht wahr, gnädige Frau?“, sagte er.
„Das bin ich.“ Sie nahm ihre Hände vom Gesicht, um ihm stolz zu antworten. „Das bin ich!“ Sie meinte es als eine stärkere Bekräftigung.
„Dann merken Sie sich“, sagte er eindringlich; „ich bin der Freund Ihres Herzogs, und Sie stehen hier unter meiner Obhut. Ich bin Ihr Vormund und Sie sind mein Mündel, und Sie können die Stadt nur unter der Bedingung des Gehorsams mir gegenüber betreten. Nun, merken Sie sich das, gnädige Frau; niemand kann Sie Ihres wirklichen Namens und Titels berauben außer Ihnen selbst. Aber Sie betreten einen Ort, an dem Sie tausend Versuchungen begegnen werden, ihn zu besudeln und womöglich zu verwirken. Seien Sie gewarnt, tun Sie nichts, das dazu führen könnte.“
„Dann darf ich meinen eigenen Titel behalten?“, sagte sie und hellte sich auf.
„Für den Monat Ihres Besuchs sind Sie Herzogin von Dewlap.“
„Ich sage, das werde ich nicht!“
„Sie werden.“
„Niemals, mein Herr!“
„Ich befehle es.“
Sie warf sich mit einem Wehklagen vorwärts an Chloes Busen. „Können Sie denn nichts für mich tun?“, wimmerte sie.
„Es ist unmöglich, Mr. Beamish umzustimmen“, sagte Chloe.
Nach einer Pause, die aus Schluchzen und Seufzen bestand, ließ die Herzogin mit gebrochener Stimme los: „Dann bin ich sicher, ich denke – ich denke, ich hätte lieber sein – sein Skelett getroffen!“
Ihre Aufrichtigkeit kam Witz gleich.
Beau Beamish lachte laut auf. Er applaudierte ihr herzlich, und in der echten Güte einer Bewunderung, die ihn selbst überraschte, erlaubte er sich die Freiheit, ihre Finger zu nehmen und zu küssen. Sie bildete sich ein, es gäbe noch eine Chance für sie, doch er runzelte bei der Erwähnung davon die Stirn.
Während dieser Vorgänge erklang der berauschende Ton der Kapelle; gleichzeitig brach ein Festgeläut der Glocken los; und die Mahnung, ihren Ärger zu verbergen und den Menschen sowohl Stand als auch ein angemessenes Gesicht zu zeigen, verband sich mit der Aufregung über die neuen Szenen und die marschierende Musik, um das akutere Gefühl der Enttäuschung aus Herzogin Susans Geist zu verbannen; so hielt sie sich bald aufrecht und trug ein Gesicht, das offen für jedes Wunder war, empfänglich wie die blaue Seeoberfläche, die hier und da von unbeständigen Brisen gegen eine tiefstehende Sonne gekräuselt wurde.
KAPITEL IV
Es war ein Axiom bei Mr. Beamish, unserem ersten, wenn nicht einzigen philosophischen Beau und einem Gentleman von einigem Nachdenken, dass die geselligen Engländer eine tyrannische Regierung ebenso sehr benötigen, wie die politischen ohne sie auskommen können: und dies erklärte er durch eine Darlegung des Charakters einer Rasse, die die eminente Tugend der individuellen Selbstbehauptung besitzt, welche sie dazu veranlasst, überall dort, wo sie zusammenkommen, auf genügend Ellbogenfreiheit zu bestehen. Da die Gesellschaft jedoch nicht erträglich ist, wo die Geschmeidigkeit des Verkehrs durch ständiges Anstoßen gestört wird, werden die Vorzüge des freien Bürgers bei ihnen zu ihren Nachteilen, sobald ein brüderlicher Kreis gebildet wird, und jene, die ein Beispiel für Zivilisation gegeben haben, das in einem Bereich zu bemerkenswert ist, um der Lobpreisung zu bedürfen, sind im anderen oft dabei zu sehen, wie sie sich am rauen Rand der Barbarei entlangdrängeln. Sie müssen daher dazu gebracht werden, Gesetze zu akzeptieren, die nicht ihre eigenen sind und von extremer Starrheit zeugen.
Hier liegt zudem eine weitere Gefahr; denn die tapferen Geister, die sie im Zustand der Unabhängigkeit auszeichnen, könnten (er sah die melancholische Erfahrung eines späteren Zeitalters voraus) sie in der Unterordnung völlig verlassen, und die glorreiche Ausgelassenheit, die dem Dorfanger angemessen ist, könnte sie selbst an ihren Orten der liberalen Vereinigung verlassen, sollten sie erst einmal von der Autorität gründlich gezähmt sein. Unser „fröhliches England“ wird dann ein England mit langen Gesichtern sein, ein England mit herunterhängenden Kiefern, wie ein Eberkopf, der zum Sprechen eine Zitrone im Maul trägt: gut, um davon zu schmausen, vielleicht; nicht, um damit zu schmausen!
Mr. Beamish schien tatsächlich die Gefahr eines Übergangs vorhergesehen zu haben, über den er nur zu seiner Zeit wachen konnte; und, wie er sagte: „Ich gehe, wie ich kam, in einem Blitz“; er hatte weder Vorfahren noch Nachkommen: er war ein Genie, er wusste sich als Einzelgänger, trotz seiner Bemühungen, Seinesgleichen zu schaffen. Innerhalb seines Bezirks bewirkte er etwas, genug, um ihm Ruhm als einer der fürstlichen Väter unserer häuslichen Zivilisation einzubringen, obwohl wir heute dadurch mehr verloren zu haben scheinen, als wir früher gewannen. Das Jagen des Natürlichen ist immer mit zweifelhaften Gefahren verbunden. Wenn es zurückgaloppiert, laut Sprichwort, dann tut es das mit Volldampf: meistens galoppiert es davon, ganz davon; und dann ist unsere prekäre Abhängigkeit für jede Art von Animation auf das Gehirn angewiesen: wir müssen von unserem Verstand leben, der normalerweise weniger produktiv ist als Land und nicht durch Erbschaft übertragen werden kann.
Ob zu Recht oder zu Unrecht (es gibt Meinungsverschiedenheiten darüber), Mr. Beamish unterdrückte das chthonische Natürliche unter seiner Herrschaft mit eiserner Rute. Die wilde Dirne und der Tölpel hatten keinen Frieden, bis sie öffentliche Nachahmungen der Dame und des Gentlemans gegeben hatten; noch waren die Dame und der Gentleman privilegiert, das zu sein, was er „freie Flaggen“ nannte. Er konnte barmherzig gegenüber der Leidenschaft sein, aber er brüllte das Wort selbst (rauchend aus dem Schwefelsee heraufgeholt) gegen diejenigen, die vorgaben, schamlos schuldig an den kleinen Sünden der Galanterie zu sein. Seine berühmte Anrede an eine Dame, die drohte zu sinken und sich bereits wie ein Schiff in dieser Lage gebärdete: „Nun, gnädige Frau, ich höre, Sie bereiten sich darauf vor, sich in den sehr alten Orden einzuschreiben?“... (er nannte ihn) war eine Unverschämtheit, die ihn in einige Zwietracht mit dem Ehemann der Dame und dem „schurkischen Haushofmeister“, wie er die dritte Partei in diesen Angelegenheiten zu nennen pflegte, verwickelte: dennoch gilt es als erwiesen, dass sie die Dame gerettet hat.
Des Weiteren griff er die Vulgarität von Personen von Stand an, und er hatte zu einer vornehmen Dame, die sich einer deutlichen, ihre Züge nicht verbessernden Verachtung hingab, gesagt, „dass es ihn freuen würde, die Versicherung zu haben, dass es ihr Gesicht sei, das sie der Menschheit präsentiere“: eine Sache – vielleicht hauptsächlich ihm zu verdanken – die heute nicht mehr aussprechbar ist. Als ihn eine Person des weiblichen Geschlechts fragte, warum er seine Verfolgungen besonders auf Frauen richte: „Weil ich eure Schlachten schlage“, sagt er, „und ich finde euch in den Reihen des Feindes.“ Er behandelte sie als Verräterinnen.
Er wurde gleichwohl von einem Geschlecht nachdrücklich unterstützt, das die Abneigung gegen seinen Freund vor einem gewissen Alter durch eine herzliche Anerkennung desselben ausgleicht, sobald es dieses Alter erreicht hat. Eine Phalanx großer Damen verlieh ihm die Schrecken des Olymp für alle, außer den von Natur aus Verwegenen, den Streitlustigen und den unerträglich Stumpfsinnigen; und aus ihrer Mitte schleuderte er Dekrete und Blitze mit gutem Erfolg: natürlich nicht, ohne Gegenraketen zu empfangen, und nicht ohne die nachfolgende Frage, ob das Werk jenes Mannes für das Land vorteilhaft sei, der zwar den bäuerlichen Gutsherrn und seine Brut zähmte, aber um den Preis ihrer animalischen Lebensgeister und ihrer Gabe der Rede; nämlich indem er sie zu Versteinerungen machte. Bei der chirurgischen Operation der Luftröhrenschnittes hängt die erfolgreiche Behandlung des Patienten, wie wir glauben, von der Schnelligkeit und Geschicklichkeit der Einführung der künstlichen Luftröhre ab; und es mag sein, dass unsere unglücklichen Landsleute, als sie von der Quelle ihres Atems abgeschnitten wurden, nicht fein behandelt wurden; oder aber, dass es einen physischen Widerstand in ihnen gegen alles Künstliche gibt und es Natur sein muss oder nichts. Der Streit soll dort belassen werden, wo er steht.
Nun, es zu wagen, eine schöne junge Herzogin von Dewlap zur Schau zu stellen, mit einem Hauch von Schäferin um sich, ungeachtet ihrer erworbenen Kunst, in einem Reifrock angemessen zu schreiten, und vollen Respekt für eine Dame zu fordern, die einen solchen Titel trug und die berauschenden Reize des roten Gartenapfels am Baum neben der Straßenmauer besaß, wenn der Besitzer abwesend ist, war kühn bei Mr. Beamish, grenzte an Tollkühnheit; und selbst er hätte es nicht versucht, wäre er nicht der Unterstützung seiner Phalanx großer Damen versichert gewesen. Diese hatten in der Tat, nachdem sie in das Geheimnis eingeweiht worden waren, zur Bedingung gemacht, dass sie zuerst eine Inspektion der verwandelten Milchmagd vornehmen müssten; und die Begutachtung fiel nicht ungünstig aus. Herzogin Susan kam unbeschadeter aus ihr hervor als ihr Herzog. Sie war sprachlos, und ihr antrainierter Gang und ihr wirklich bewundernswerter Wuchs halfen ihr, die Kritikerinnen ihres Geschlechts zu besänftigen; von denen ihre allzu bereitwillig errötende Unschuld gelobt wurde, mit einem Vorbehalt, der sich in der Bemerkung ausdrückte, sie sei ein ungeheuer schönes Spielzeug für die zweite Kindheit eines Herzogs und hätte niemals aus seinem Kinderzimmer gelassen werden dürfen. Ihre Modistin wurde gebilligt. Der Herzog war ein berüchtigter Kenner weiblicher Reize und würde natürlich für den standesgemäßen Schmuck ihrer Person durch die besten Modistinnen sorgen. Ihr Lächeln war hübsch, ihre Augen waren weich; sie könnte sich als gut erweisen, wenn sie eine Zeit lang gut bewacht würde; aber diese Vorzüge der Frau sind nicht die einer großen Dame, und ihr Titel war ein zu starkes Licht auf ihren Charakter, um ihm bei ihren Kritikern eine faire Chance zu geben. Sie alle empfahlen Puder für ihr Haar und ihre Wangen. Dieser Geruch nach Schäferin könne durch kein anderes Mittel ausgetrieben werden, erklärten sie. Ihr Erröten sei unanständig.
Wahrlich, die Kritiker des feindlichen Geschlechts benahmen sich in einer Weise, die das Erröten wie die Scharen junger Amoretten um Kythere bei ihrer Geburt aus dem Meer aufschwärmen ließ, wenn sie, einige aufsteigend und einige sinkend, wie ihr gelöstes Band flattern und der Luft trotzen, dicht wie Blütenblätter auf dem Hauch des Sommers, ihr Netz für die Welt webend. Herzogin Susan mochte ihre Unfähigkeit, ihre Rötung zu unterdrücken, beklagen; dass das Unrecht von den unverschämten Augen begangen wurde und nicht von ihren kunstlosen Wangen. Ja, aber die Natur, wenn wir diese Männer zähmen wollen, muss eingehüllt und verborgen werden, teilweise erstickt, bei Gelegenheit absolut erstickt. Die natürliche Frau bewegt keinen Fuß, ohne die Erde zu schlagen, um die schreckliche Erscheinung des natürlichen Mannes heraufzubeschwören, der nicht wie sie ist, sondern ein kannibalischer Wilder. Um das Licht zu sein, das führt, ist es ihre Aufgabe, das neblige Gewand einer Idee anzulegen, damit sie als eine Idee in den Köpfen der Männer wohnt, sehr dunkel, sehr mächtig, aber tiefgründig, ungreifbar. Viel Weisheit wurde ihr zu diesem Thema vermittelt, und sie verstand ein wenig und hallte hohl zum Rest, bereit, völlige Fügsamkeit zu zeigen, soweit ihr Verstand bereit war, wach zu sein. Sie befand sich in jenem Stadium der zierlichen, leicht gefärbten Unschuld der Selbstverliebtheit, in dem schöne junge Frauen, die nicht in der Kindheit zur Schule gefangen wurden, es als eine Befleckung ansehen, anders erscheinen zu müssen, als die gesegnete Natur sie gemacht hat, die sie schön gemacht hat und die deshalb sicherlich angebetet zu werden verdient. Die Vorträge der großen Damen und Chloes Ratschläge vermochten sie nicht dazu zu bewegen, den Puderquastenball zu benutzen. Vielleicht genoss sie auch, als die Schüchternheit von ihr abfiel, ihre Unverwechselbarkeit in ihrer Mitte.
Aber die Unverwechselbarkeit einer Herzogin von Dewlap mit dem Haar und den Wangen unserer heimischen Felder war mit Schwierigkeiten behaftet, die Mr. Beamishs Berechnungen überstiegen. Er hatte wahrgenommen, dass sie attraktiv sein würde; er hatte nicht mit der Homogenität ihrer besonderen englischen Reize gerechnet. Eine Schönheit in Rot, Weiß und Blau ist unsere Göttin Venus mit dem Apfel des Paris in der Hand; und nach zwei Besuchen im Pump Room und einem Spaziergang auf den Wegen um das Assembly House hatte sie die gewöhnlichen Gäste der Wells in ihrer Meinung so vollständig in männlich und weiblich gespalten, wie es Mutter Natur in ihrem Geschlecht getan hatte. Und die Männer ließen sich nicht zum Schweigen bringen; sie hatten ihre Göttlichste bestaunt, und es lag an den Frauen, diesem ungesunden Zustand zu erliegen, der so voller Donner war. Ritter und Gutsherren, Militärs und Landleute, gaben ihre Treue links und rechts auf, um sich dieser robusten neuen Erscheinung zu widmen, und zwar auf ihre eigentümliche Weise, mit einem allgemeinen View-halloo und Yoicks, Tally-ho, und weg geht’s, stürmt voran! So beispiellos es in England ist, dass Schönheit die Glut der Fuchsjagd entfacht, Herzogin Susan tat mehr – sie verwandelte alle ihre Anhänger in Jagdhunde; sie waren Wahnsinnige: innerhalb weniger Tage nach ihrem Erscheinen tobten Wetten um sie, und es gab Schlägereien, fröhliche Auslassungen über ihren Charakter in Form von kräftigem Lob, Bezichtigungen der Lüge und bei einer Gelegenheit einen Niederschlag in der Öffentlichkeit, als hätte der Ort nie die polierende Hand von Mr. Beamish gekannt.
Er wurde durch diesen Schlag in große Verlegenheit gestürzt. Obwohl er das Duell so weit wie möglich ablehnte, war eine Schwertangelegenheit dennoch erträglicher als die brutale Faust: und von allen Männern, die sich dessen schuldig machen konnten, wer hätte den jungen Alonzo erwartet, Chloes stillen, bescheidenen Liebhaber! Er war es. Der Fall kam vor Mr. Beamish zu seiner Entscheidung; er musste ein unparteiisches Urteil fällen, und einige Zeit lang, während der Untersuchung der Beweise, erlitt er, wie er uns in seinen Memoiren versichert, eine königliche Qual. Diejenigen, die sie am meisten schätzen, mit dem Schwert der Gerechtigkeit zu treffen, ist das größte Leid, das Könige kennen. Er hätte es getan: er verdiente es zu regieren. Glücklicherweise entlasteten die Beweise gegen den Gentleman, der zu Boden geworfen wurde, Mr. Ralph Shepster, Mr. Augustus Camwell, alias Alonzo, dafür, dass er ihn prompt behandelte, um seinen Mund zu schließen.
Dieser Shepster, ein roher junger Gutsherr, „stinkend“, schreibt Beau Beamish über ihn, „zur einen Hälfte nach dem Boden und zur anderen nach der Stadt“, hatte Chloe in seine vertraulichen Bemerkungen über die Herzogin von Dewlap einbezogen; und der persönliche Respekt, den Mr. Beamish für Chloe hegte, billigte Alonzos Verteidigung ihrer Person so sehr, dass er bei der Urteilsverkündung den Akzent auf den leidenschaftlichen Eifer des jungen Alonzo für Chloe legte, um sogleich die Uneigennützigkeit des Angreifers und den richterlichen Charakter des Urteils zu beweisen: welches lautete, dass Mr. Ralph Shepster die Verbannung zu erleiden habe und das Recht besitze, Genugtuung zu fordern. Der letztere Teil dieses Dekrets trug dazu bei, die Ausführung des ersteren zu bewirken. Shepster lehnte den kalten Stahl ab, nannte es Mord, und war ergiebig in der Logik der Natur zu diesem Thema.
„Weil ein Mann kommt und mich niederschlägt, soll ich zu ihm hingehen und ihn bitten, mich zu durchbohren!“
Sein Kopfschütteln bedeutete, dass er kein solcher Dummkopf sei. Wortgewandt und reich an Veranschaulichungen, wie es niemand so sehr ist wie ein Sohn der Natur, der inspiriert ist, ihre Worte der Weisheit zu sprechen, trotzte er dem Mandat und verweigerte sich der Genugtuung, bis ihn auf die seltsamste Weise Schwärme weißer Federn bedrängten und er zu einem Ziel für eine Verfolgung wurde, die für die Freundschaft seiner Freunde zu anstrengend war. Er floh und wiederholte seine Geschichte, dass er „Beamishs Herzogin“ und Chloe, die sie begleitete, bei einem Stelldichein im South Grove gesehen habe, wo ein dem Kurort unbekannter Gentleman sich den abenteuerlustigen Damen präsentierte und sie zusammen spazieren gingen – eine Geschichte, die mit Kopfnicken endete.
Shepsters Verbannung war einer jener Siege der Gerechtigkeit, zu denen die Menschheit beglückwünscht werden könnte, wenn sie keinen Aufruhr hinterließen. Aber wie ein Junge, der vor seinen Kameraden ausgepeitscht wurde, Angst bei ihnen wecken mag, so gibt es auch Teufelei in der Schule; und überall auf Erden ist eine summarische Strafe, die den Ort nicht reinigt, wahrscheinlich diejenigen zu infizieren, die sie zurücklässt. Die großen Gesetzgeber, Lykurg, Draco, Solon, Beamish, geben bekümmert zu, dass sie ihre Zuflucht zu infernalischen Agenten genommen haben, nachdem sie so ihren Kreis von einem Missetäter gereinigt hatten. Ärzte bekennen dasselbe von ihrer Arznei. Die ausweisende Instanz muss als Nächstes ausgewiesen werden, und es ist ein subtiles Gift, das unsere Geister beeinträchtigt. Herzogin Susan hatte nun den Weihrauch eines Opfers, um ihre Reize zu erhöhen; wie die schatzbeladene spanische Galeone, auf die unsere unternehmungslustigen Leichtschiff-Freibeuter auf ihrer Heimreise aus südamerikanischen Gewässern lauerten, hatte sie den doppelten Reiz, begehrenswert und eine Feindin zu sein. Über sie gewissenhaft zu wachen, war ein zermürbendes Geschäft.
Mr. Beamish sandte nach Chloe, und sie kam sogleich zu ihm. Ihr Blick war merkwürdig; er studierte ihn, während sie sich unterhielten. So sieht jemand aus, der den sicheren Flug eines Pfeils oder die glücklichen Kombinationen einer Intrige beobachtet. Er sagte: „Ich bin kein Inquisitor, Kind“, und wagte zwei oder drei bescheidene Nachforschungen in Bezug auf ihre Herrin. Den Titel, den er Herzogin Susan verpasst hatte, bereute er, wie er gestand, als die Hauptursache für die Agitation seines Herrschaftsgebiets. „Sie wird umworben“, sagte er, „weniger wie eine Zitadelle, auf der eine Flagge weht, als wie ein Gasthaus, in dem die Nachfrage nach Sitzplätzen und einem Humpen groß ist! Das sind unsere Sitten. Doch muss ich zugeben, eine Herzogin von Dewlap ist eine Provokation, und mein ausschließlicher Wunsch, den Namen meines Herrn zu schützen, wird durch die Gefahren, die seine Dame umgeben, korrigiert. Sie ist anders als ich annahm; sie ist, so wollen wir hoffen, eine vortrefflich gute Kreatur, aber zu attraktiv, als dass Zugbrücke und die üblichen Verteidigungsanlagen vernachlässigt werden dürften.“
Chloe begegnete seinem Verhör mit einem bereiten Bericht über die Unschuld und Gutmütigkeit der jungen Herzogin, der Mr. Beamish beruhigte.
„Und du?“ sagte er.
Sie lächelte zur Antwort.
Dieses Lächeln war nicht das gewöhnliche Lächeln; es war eines von eifriger Frohlockung, das, während er sie betrachtete, das Zucken einer neugierigen Spiegelung auf seinen Lippen hervorrief. Ein solches Lächeln heißt uns raten und stachelt uns an zu raten, warnt uns, dass wir brennen, und beschleunigt unser Brennen, und so, wie ein Engel, der uns zu einem himmelschlemmenden Vorgebirge weht, hebt es uns aus uns selbst heraus, um im Universum der Farbe das zu sehen, wofür der Mund nur blasse Rede hat. Das ist die Sprache des wahren Herzens; die Jahre liegen in einem Blick, wie Berg und Tal des dunklen Landes im Blitzlicht aufspringen.
Er hielt inne: er wagte es kaum zu sagen.
Sie nickte.
„Du hast den Mann gesehen, Chloe?“
Ihr Lächeln brach in die harten Linien eines Ekstase nahestehenden Schmerzes auf. „Er ist gekommen; er ist hier; er ist treu; er hat mich nicht vergessen. Ich hatte recht. Ich wusste es! Ich wusste es!“
„Caseldy ist gekommen?“
„Er ist gekommen. Frage nicht. Ihn zu haben! ihn zu sehen! Mr. Beamish, er ist hier.“
„Endlich!“
„Grausam!“
„Nun, Caseldy ist also gekommen! Aber jetzt, Freundin Chloe, solltest du dir bewusst sein, dass der Mann –“
Sie hielt sich die Ohren zu. Während sie dies tat, bemerkte Mr. Beamish einen dicken seidenen Strang, der von einer Hand baumelte. Ein Teil davon war geflochten, und am oberen Ende befand sich ein Knoten. Es glich dem Beginn ihrer Herstellung einer Peitsche: sie schwang ihn hin und her und erlaubte ihm, die Fäden mit den Fingern zu greifen und anzuheben, um ihre Arbeit zu untersuchen. Es gab kein besonderes Kompliment zu machen, also ließ er ihn ohne Bemerkung fallen.
Ihre Gesichter hatten ihren Wunsch ausgedrückt, nichts von ihm über Caseldy zu hören, und ihre Unterwerfung, nichts zu sagen. Ihr Glück war zu groß; sie schien zu bitten, damit an seiner Brust liegen zu dürfen, wie eine übermüdete junge Mutter, die ihr Kind soeben zum ersten Mal von der Amme in die Arme empfangen hat.
KAPITEL V
Indem er Chloe mit seiner üblichen Rücksichtnahme entgegenkam, unterließ es Mr. Beamish, einen Schatten auf ihre neugeborene Freude zu werfen, und selbst in sich selbst daran zu zweifeln, die Sicherheit ihres Fundaments zu bezweifeln. Caseldys Rückkehr in die Wells war zumindest eine gewisse Gewähr für seine Beständigkeit, da sie sich hier zu treffen verabredet hatten, als er und Chloe sich zuletzt trennten. Alles mochte gut werden, obwohl unerklärt blieb, warum er sich nicht früher vorgestellt hatte. Auf die leichteste Nachfrage war Chloes Antwort ein Schauer des Glücks.
Außerdem rechnete Mr. Beamish damit, dass Caseldy ein nützlicher Verbündeter sein würde, um den gebührenden Respekt für Ihre Gnaden die Herzogin von Dewlap durchzusetzen. Also machte er sich fröhlich auf den Weg zu Caseldys Logis, um eine Willkommensbotschaft zu überbringen, und traf auf seinem Weg dorthin Mr. Augustus Camwell, mit dem er ein kurzes Gespräch führte, sehr zu seiner Bewunderung für die Güte und Selbstbeherrschung des verliebten jungen Gentlemans, als dieser von Caseldys und Chloes besserem Glück sprach. Mr. Camwell schien es eilig zu haben.
Caseldy war nicht zu Hause, und Mr. Beamish begab sich zum Logis der Herzogin. Chloe hatte sie abwesend gefunden. Die beiden berieten sich. Mr. Beamish setzte eine ernste Miene auf, bis Chloe den Laden des Konditors erwähnte, denn Herzogin Susan hatte eine Vorliebe für Süßes; sie liebte einen Besuch beim Konditor, dessen Konfitürentörtchen ihr lieber waren als seine berühmteren heißen Hammelfleischpasteten. Der Konditor informierte Mr. Beamish, dass Ihre Gnaden früher als gewöhnlich in seinem Laden gewesen sei, und zwar in Begleitung eines ausländisch aussehenden Gentlemans, der einen Schnurrbart trug. Ihre Gnaden, so sagte der Konditor, habe mehrere Törtchen gegessen, zusammen mit dem Gentleman, der ihm ein Kompliment dafür machte, dass er den Konditor vom Kontinent übertreffe. Mr. Beamish warf einen Blick auf Chloe. Er setzte seine Nachforschungen unten im Pump Room fort, während sie sich im Kaffeehaus der Damen umsah. Als sie sich wieder trafen, gingen sie zum Logis der Herzogin zurück, wo eine Kapelle im Auftrag Ihrer Gnaden auf der Straße spielte; aber die Herzogin war weg und seit ihrem morgendlichen Aufbruch nicht mehr gesehen worden.
„Was für einen Charakter würdest du der Herrin Susan von Dewlap aufgrund deiner persönlichen Bekanntschaft mit ihr geben?“, sagte Mr. Beamish zu Chloe, als sie aus der Tür traten.
Chloe sinnierte und sagte: „Ich würde ‚gut‘ zum unfreundlichsten Vergleich hinzufügen, den du für sie finden könntest.“
„Aber den Vergleich akzeptierend!“ Mr. Beamish nickte und grübelte über den Umstand nach, dass sie bei Herzogin Susan sehr in den Händen der Natur waren, von der man sagen konnte, dass ihr Charakter gut sei, aber umso lebendiger für die Versuchungen, die die Frühlingszeit mit sich bringt. Er verband Chloes Adjektiv mit einer Reihe von Epitheten, die gleichermaßen auf die Natur und auf Frauen anwendbar sind, gemäß den gängigen Vorstellungen, und schloss: „Graf, nennen sie deinen Caseldy in seinem Logis. ‚Der Graf ist aus zum Lüften.‘ Er ist ausgezählt. Ach! Du wirst ihn diesen ‚Grafen‘ ablegen lassen, wenn er dich von hier mitnimmt.“
„Sprich nicht von der Zeit nach diesem Monat“, sagte Chloe so dringend mit einem hastigen Atemzug, dass Mr. Beamish einen forschenden Blick auf sie warf.
Sie beantwortete ihn: „Ist nicht ein Monat voller Helligkeit so viel, wie wir verlangen können?“
Der Beau klatschte sich selbstgefällig die Ellenbogen an die Seiten in philosophischer Eintracht mit ihrem Gefühl.
Am Nachmittag, auf der Parade, gesellte sich Mr. Camwell zu ihnen, inmitten von Gruppen modischer Damen und ihrer Begleiter, die auf ärztliche Verschreibung gelassen für den Appetit schlenderten. Da er die Abwesenheit der Herzogin nicht kommentierte, spielte Mr. Beamish darauf an; woraufhin er erfuhr, dass sie auf den Wiesen sei und schon seit einigen Stunden dort verweile.
„Nicht unbewacht“, antwortete er Mr. Beamish.
„Aha!“, sagte dieser; „wir haben einen Argus!“ und da die Herzogin nicht auf den Höhen war und die Sonnenstrahlen in den Wolken mild waren, stimmte er dem Vorschlag seines jungen Freundes zu, dass sie ihr entgegengehen sollten. Chloe ging mit ihnen, aber ihr Gesicht war voller Verachtung; an den Stilen reichte sie Mr. Beamish ihre Hand; sie richtete kein Wort an Mr. Camwell, und er kannte den Grund. Dennoch bewahrte er seine Haltung soldatischer Resignation zur Erfüllung der Pflicht und hielt seinen Kopf wie ein Gentleman, der unfähig ist, sich die Schande vorzustellen, den Spion gespielt zu haben. Chloe wich vor ihm zurück.
Herzogin Susan war weithin sichtbar, wie sie über eine breite, ungemähte Wiese kam, tirilierend unter einer Lerche, Caseldy in ihrer Begleitung. Sie blieb stehen und sprach zu ihm; dann kam sie vorwärts und rief unschuldig: „Oh, Mr. Beamish, ist das nicht genau das, was ich tun sollte?“
„Nein, gnädige Frau“, sagte er, „Sie hatten meine gegenteiligen Anweisungen.“
„Ach!“, rief sie, „ich dachte, ich sollte jetzt ab und zu auf den Feldern herumlaufen, um meine Einfachheit zu bewahren. Ich weiß, mir wurde das gesagt, und wer es mir gesagt hat!“
Mr. Beamish verneigte sich überschwänglich bei der Vorstellung von Caseldy, dessen Finger er als Zeichen der Wiederaufnahme der Bekanntschaft berührte, und wandte sich lachend an die Herzogin:
„Gnädige Frau, Sie erinnern mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Ich hatte einen jugendlichen Kameraden im zartesten Alter namens Tommy Plumston, und er genoss das Privileg der Vertrautheit mit einem frechen Bengel namens Jimmy Clungeon, mit welchem abenteuerlustigen Wanderer er, entgegen dem Verbot seiner Mutter, das Haus während ihrer Abwesenheit nicht für eine Minute zu verlassen, zu einer Tour durch die Gegend aufbrach, was vielleicht als Folge ihrer Vollständigkeit dazu führte, dass er in einer Entfernung, die auf vier Meilen vom mütterlichen Anwesen geschätzt wurde, seine geliebte Mama mit ausreichender Deutlichkeit wahrnahm, um sicher zu sein, dass sie ihn ebenfalls gesehen hatte. Tommy beriet sich mit Jimmy, und dann stürmte er auf seine runzelnde Mama zu und drückte sich in diesen kunstlosen Worten aus, die ich wiederhole, wie sie gesprochen wurden, um Ihnen den Geschmack des unschuldigen Kindes zu geben: er sagte: ‚Ich finke, ich fachte, ich höre dich mich rufen, Ma! und Jimmy Clungeon, er fachte, er finkt das auch!‘ So sehen Sie, das Paar war in dem Glauben, dass es das Richtige tue. Es gibt eine feine Unterscheidung in den Zeitformen jedes Finken, wo der andere fachte, genug an sich, um dem Statement Aufrichtigkeit zu verleihen.“
Caseldy sagte: „Die Wahrhaftigkeit eines Jungen, der einen Freund namens Clungeon besitzt, ist über jeden Zweifel erhaben.“
Herzogin Susan öffnete ihre Augen. „Vier Meilen von zu Hause! Und was hat seine Mutter mit ihm gemacht?“
„Tommys Mama“, sagte Mr. Beamish, und mit der glänzenden Freiheit jener Zeit, die unter dem Kompromiss des anständigen ‚Pfui!‘ noch auf verträglichem Fuß mit der Natur stand, erklärte er flach das Ding, das sie tat.
„Ich glaube, mein Herr, ich habe Ihre Gestalt dort drüben auf dem Hügel etwa eine Stunde früher erblickt“, sagte Caseldy zu Mr. Camwell.
„Wenn es zu der Zeit war, als Sie aus diesem Wald kamen, mein Herr, dann ist Ihre Vermutung korrekt“, sagte der junge Gentleman.
„Sie sind weitsichtig, mein Herr!“
„Das bin ich, mein Herr.“
„Und so bin ich es auch.“
„Und ich“, sagte Chloe.
„Unsere Chloe wird Sie auf eine Meile genau unterscheiden, und das hat sie getan“, bemerkte Mr. Beamish.
„Man rät auf Zehenspitzen aufgrund eines Verdachts, und wenn man falsch liegt, geht es durch, und wenn man richtig liegt, ist es ein Wunder“, sagte sie und erhob ihre Stimme zu einem Lied, um das Thema zu beenden.
„Ja, ja, Chloe; du hattest also einen Verdacht, du Schelmin, an dem Tag, als wir das Vergnügen hatten, die Herzogin zu treffen, hattest du den?“, beharrte Mr. Beamish.
Herzogin Susan schaltete sich ein. „So ein hübsches Lied! Und du willst sie aufhalten, mein Herr!“
Caseldy nahm die Melodie auf.
„Oh, ihr zwei zusammen!“, rief sie. „Ich liebe es, Musik auf den Feldern zu hören; es ist himmlisch. Kapellen in der Stadt und Stimmen auf den grünen Feldern, sage ich! Könntet ihr nicht bei Chloe mitmachen, Mr.... Graf, mein Herr, bevor wir unter die Leute kommen, hier, wo es alles so schön und still ist. Musik! und mein Herz fängt so an zu klopfen. Singen Sie, Mr. Alonzo?“
„Schlecht“, antwortete der junge Gentleman.
„Aber der Graf kann singen, und Chloe ist ein wahrer Engel, wenn sie singt; und wollen Sie nicht auch, Liebste?“, flehte sie Chloe an, der Caseldy mit einer Verbeugung und einem schwungvollen Handzeichen ein Vorspiel widmete.
Chloes Stimme flog hervor. Caseldys reicher, maskuliner Klang passte dazu. Das Lied war fröhlich; er schnippte in Abständen mit den Fingern nach ausländischer Art, sang aus voller Brust, mit vollen Tönen und einer feinen Lässigkeit, mit dem schnellsten Verständnis für die listigen Modulationen seiner schönen Begleiterin und einem Blick für das Entzücken der Herzogin Susan.
Mr. Beamish und Mr. Camwell applaudierten ihnen.
„Ich weiß nie, was ich sagen soll, wenn ich übervoll bin“, ließ die Herzogin einen Seufzer verlauten. „Und er kann Flöte spielen, Mr. Beamish. Er hat mir versprochen, dass er in das Orchester gehen und ein wenig bei einem Ihrer schönen, abendlichen, herrlichen Konzerte spielen wird, und das wird schön sein – Oh!“
„Er hat es Ihnen versprochen, gnädige Frau, hat er das wirklich?“, sagte der Beau. „War es auf Ihrem Weg zu den Wells, dass er es Ihnen versprach?“
„Auf meinem Weg zu den Wells!“, rief sie leise aus. „Nun, wie könnte mir jemand etwas versprechen, bevor er mich überhaupt gesehen hat? Das nenne ich eine seltsame Sache, um die man eine Person bittet. Nein, heute, während wir spazieren gingen; und ich sollte ihn singen hören, sagte er. Er bewundert seine Chloe so sehr. Nun, kein Wunder, nicht wahr? Sie kann alles; stricken, nähen, singen, tanzen – und reden! Sie ist nie um ein Wort verlegen. Sie lässt ganze Szenen von Dingen um einen herum entstehen, wie in einem Guckkasten, sage ich ihr. Und immer fröhlich. Sie hat keine Minute mit schlechter Laune; und ich bin manchmal wie eine Schüssel abgestandene Milch, nur für Schweine geeignet.
Bei Ihren späten Stunden hier brauche ich morgens sicher ein wenig Aufmunterung, und Chloe zwitschert mir eines ihrer Lieder vor, und ich sage: ‚Da ist mein Vögelchen!‘“
Mr. Beamish fügte hinzu: „Und Sie werden bedenken, dass sie ein Herz hat.“
„Das sollte ich meinen!“, sagte die Herzogin.
„Ein Herz, gnädige Frau!“
„Nun, was denn sonst?“
Nichts anderes, musste der Beau seinem Aussehen nach zugeben, blieb ihm übrig.
Er schien verwirrt über diese Tochter der Natur mit einer Krone; und noch mehr, als sie bemerkte: „Sie wissen ja um ihr Herz, Mr. Beamish.“
Er stimmte zu, denn natürlich wusste er von ihrer lebenslangen Hingabe an Caseldy; aber in ihrem Ton lag eine gewisse Spitzbübigkeit. Er erwartete jedoch nicht, dass eine Frau ihrer Erziehung den Ton vollkommen im Einklang mit den Umständen haben würde. Als er vorsichtig auf Caseldys stattliches Gesicht und seine Figur zu sprechen kam, freute er sich, die Herzogin sagen zu hören: „Das sage ich Chloe auch.“
„Nun“, sagte er, „wir müssen sie als vereint betrachten; sie sind eins.“
Herzogin Susan antwortete: „Das ist es, was ich ihm sage; sie wird alles tun, was Sie wünschen.“
Er wiederholte diese Worte mit einer Zwischenbemerkung und entschied für sich, dass sie einfach albern seien. Sie war eine echte Schäferin von Geburt und Natur, die aufgrund ihrer Einfalt eine strenge Bewachung ihrer Reize erforderte; so las er das Problem; er hatte es beim ersten Anblick auf sie gefasst und kehrte unter dem Einfluss ihrer arglosen Augen immer wieder dazu zurück, obwohl seine Theorien über Männer und Frauen scharfsinnig waren und jener Kavalier, den die weitsichtige Chloe am Kutschenfenster der Herzogin Susan bemerkt hatte, ihn bisweilen beunruhigte. Gewohnheitsmäßig in einer bestimmten Person den Einfaltspinsel zu vermuten, ist der sicherste Weg, manchmal der Betrogene zu sein, wie er nicht als Letzter einen Neuling gewarnt hätte; aber abstrakte Weisheit bedarf eines ungestillten Misstrauens von großer Schärfe, wenn sie wachsam sein soll gegenüber arglosen Augen und unserem voreingenommenen Glauben an deren Arglosigkeit.
„Sie sprechen mit ihm über Chloe?“, sagte er.
Sie antwortete: „Ja, das tue ich. Und er liebt sie so sehr! Ich höre ihm gern zu. Er ist einer der Gentlemen, bei denen ich mich nicht schüchtern fühle.“
Sie erhielt eine kurze Belehrung über die Tugenden der Schüchternheit, die das Geschlecht vor Gefahr bewahrt; wonach er, in der Erwägung, dass die Dame, die sich bei einem bestimmten Kavalier nicht schüchtern fühlt, keine Gefühle geweckt bekommen hat, seinen Platz für Mr. Camwell räumte und dazu überging, Caseldy auf den Zahn zu fühlen.
Dieser Gentleman war mitteilsam offen. Chloe hatte ihn verlassen, und er erzählte, wie er, nach England heimgerufen und gezwungen, einen Streit beizulegen, der einen Prozess androhte, bedauerlicherweise für eine gewisse Zeit davon absehen musste, die Wells zu besuchen, nicht aus Furcht vor den Reizen des Spiels – er hatte die Schwäche des Spielverlangens bezwungen –, sondern weil er es seiner Chloe schuldig zu sein glaubte, ihr mit einem unbeschwerten Gesicht gegenüberzutreten, und er wollte erst die ernsten Belästigungen, die ihn bedrängten, überstanden haben. Aus einem ähnlichen Grund hatte er nicht geschrieben; er wollte sich an ihrer Überraschung weiden. „Und ich hatte meine Belohnung“, sagte er, als ob er die Person gewesen wäre, die durch diese Enthaltsamkeit am meisten gelitten hätte. „Ich fand – das darf ich Ihnen sagen, Mr. Beamish – Liebe in ihren Augen. Von Natur aus göttlich, ist sie eine der Unsterblichen, sowohl im Aussehen als auch in ihrer Beständigkeit.“
Sie kamen auf Herzogin Susan zu sprechen. Caseldy gab widerwillig zu, dass es eine Lieblosigkeit wäre, Chloe während der kurzen verbleibenden Dauer ihres Aufenthalts in den Wells aus ihrem Dienst zu entfernen; und so habe er es nicht vorgeschlagen, sagte er, denn die Herzogin sei ein Kind, eine Unschuldige, keineswegs dumm; aber natürlich habe ihre Verpflanzung von einer niedrigen in eine gehobene Stellung sie benachteiligt.
Mr. Beamish sprach von den Schwierigkeiten seines Postens als Vormund und auch von dem seltsamen Kavalier, den Chloe an ihrem Kutschenfenster gesehen hatte.
Caseldy lächelte und sagte: „Wenn es einen gab – und Chloe ist ziemlich weitsichtig –, können wir kaum erwarten, dass sie es zugibt.“
„Warum nicht, mein Herr, wenn sie dieses Stück Unschuld ist?“, sah sich Mr. Beamish zu der Frage veranlasst.
„Sie fürchtet Sie, mein Herr“, antwortete Caseldy. „Sie haben ihr eine außerordentliche Furcht vor Ihnen eingeflößt.“
„Ich habe das?“, sagte der Beau: Es war sein Bestreben gewesen, diese zu wecken, und er blähte sich etwas auf, eher mit Erleichterung bei dem Gedanken, eine Macht zu besitzen, seine delikate Schülerin zu kontrollieren, als mit unserer Eitelkeit; doch wäre es verwegen zu sagen, dass keine Dosis der letzteren dabei war. Er war ein sehr menschlicher Mann; und er hatte, wie wir gesehen haben, seine Vorstellungen von der Wirkung, die der Eindruck von Furcht auf die Herzen von Frauen hat. Irgendetwas brachte ihn jedenfalls dazu, den Kavalier zu vergessen.
Sie wurden zu den dreien, die vor ihnen gingen, gezogen, durch einen lebhaften Zwist zwischen Chloe und Mr. Camwell.
Herzogin Susan erklärte es in ihrer unverblümten Art: „Sie will, dass er nach Hause geht, und er sagt, das wird er, wenn sie ihm diesen doppelten Strang Seide gibt, mit dem sie herumschwingt, und sie sagt, das wird sie nicht, egal wie lange er sie bittet; also sagt er, er wird nicht gehen, und ich sehe wirklich nicht ein, warum er das sollte; und sie sagt, er mag bleiben, aber ihre Halskette, wie sie sie nennt, bekommt er nicht. Also schnappt Mr. Camwell danach, und Chloe flammt auf. Gnade, kann die die Stirn runzeln! – gegen ihn. Sie runzelt die Stirn nie gegen irgendwen außer ihn.“
Caseldy versuchte, zugunsten von Mr. Camwell zu überreden. Mit dem Mund an Chloes Ohr sagte er: „Gib es ihr; lass den armen Kerl sein Andenken haben; schick ihn damit fort.“
„Ich kann das hören! Und das ist wirklich nett“, rief Herzogin Susan aus.
„Eher eine Art Halskette für ein kleines Schulmädchen“, bemerkte Mr. Beamish; „aber er könnte sie haben, ohne die Entlassung, denn ich kann nicht zustimmen, Alonzo zu verlieren. Nein, gnädige Frau“, nickte er der Herzogin zu.
Caseldy fuhr mit seinem Flüstern fort: „Du kannst doch nicht daran denken, so etwas um deinen Hals zu tragen?“
„In der Tat“, sagte Chloe, „denke ich daran.“
„Nun, welche Mode habt ihr denn hier?“
„Es ist noch keine Mode“, sagte sie.
„Ein seidener Reif wird keinem kostbaren Anhänger, den ich kenne, gut stehen.“
„Ein Beutel mit Staub ist kein sehr kostbarer Anhänger“, sagte sie.
„Oh, ein memento mori!“, rief er.
Und sie antwortete: „Ja.“
Er zog sie wegen ihres Aberglaubens auf und fuhr fort: „Sicherlich, meine Liebe, ist es eine billige Befreiung von einem pestilenzartigen, aufdringlichen Eifersüchtigen. Schlag es ihm in die Hände als einen Abschiedsbrief.“
„Bedrückt dich seine Anwesenheit?“, fragte sie.
„Ich will zugeben, dass es nicht angenehm ist, den Kerl immer hinter uns herlaufen zu haben, mit seinem niedergeschlagenen Blick. Er beobachtet uns jetzt, weil meine Lippen nahe an deiner Wange sind. Er sollte abwesend sein; er ist einer zu viel. Beschleunige seine Reise mit dem Souvenir, um das er bittet.“
„Ich bewahre es für eine eigene Reise auf, die ich vielleicht antreten muss“, sagte Chloe.
„Mit mir?“
„Du wirst folgen; du kannst nicht umhin, mir zu folgen, Caseldy.“
Er spekulierte auf ihre Miene. Sie lächelte zärtlich. „Du bist glücklich, Chloe?“
„Ich habe noch nie solches Glück gekannt“, sagte sie. Der Glanz ihrer Augen bestätigte es.
Er blickte zu Herzogin Susan hinüber, die wie eine Sonnenblume in der Sonne war. Sein Blick verweilte einen Moment. Ihre üppigen und leuchtenden jungen Reize waren die reichste Faszination, auf der ein Auge wie seines verweilen konnte. „Das ist richtig“, sagte er. „Wir werden vollkommen glücklich sein, bis der Monat endet. Und danach? Aber befreie uns von Monsieur le Jeune; wirf ihm diese Kleinigkeit zu; ich erlasse ihm das. Es wird eine Wonne für ihn sein, auf Kosten eines Stücks Seidenfaden für uns. Außerdem, wenn wir ihn hier behalten, um ihn von seiner Leidenschaft zu heilen, könnte es nicht sein – diese Jungs schwenken plötzlich, wie die Winde von Albion, von einem schönen Objekt zum anderen –, auf Kosten der kostbaren und einfachen Dame, die du bewachst? Ich deute nur an. Diese beiden beeinflussen einander, als ob es sein könnte. Sie spricht von ihm. Es soll sein, wie du willst, aber eine Kleinigkeit wie diese, meine Chloe, um ein grünes Auge loszuwerden!“
„Du möchtest sehr, dass er geht?“, sagte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „Der Kerl steht uns im Weg.“
„Du hältst ihn für ein wenig gefährlich für meine unschuldige Dame?“
„Offen gesagt, das tue ich.“
Sie spannte das halb geflochtene Seidenseil in ihren beiden Händen, um die Stärke zu prüfen, machte einen zweiten Knoten und steckte es in ihre Tasche.
Sofort legte sie ihre lebhafteste Spielkameraden-Art an den Tag, in welcher Eigenschaft niemand so bezaubernd sein konnte wie Chloe, denn sie wurde die Kameradin der Männer, ohne ihren Stand unter weisen, süßen Damen einzubüßen, und war wie ein wohlerzogener, sprühender Junge, dem seine bewundernden Senioren bei Ausfällen, Launen und Kämpfen die Führung überlassen haben; aber angenehmer als ein Junge, milderten die sanften Farben ihres Geschlechts ihren ausgelassenen Geist; sie schien die Stellvertreterin ihres Geschlechts zu sein, um den gröberen zu sagen, wo sie sich begegnen konnten, wie auf einer Brücke über dem Strom, der sie trennte, fröhlich zum Austausch des Besten von beiden, unbefeuert und nicht durch Feuer versucht, doch mit all den Elementen, die Feuer brennen lassen, um ihre Herzen zu beleben.
„Glücklich der Mann, der sich diesen lebenslangen Trank gewinnt!“, sagte Mr. Beamish zu Herzogin Susan.
Sie hatte wenig Verständnis für metaphorische Phrasen, aber sie war schnell darin, Gesichter zu lesen; und als sie den Enthusiasmus auf dem Gesicht des Beau mit Caseldys Blick des beunruhigten Staunens und Bedauerns verglich, bemitleidete sie den Liebhaber, der sich bewusst war, nicht den größeren Anteil an der Zuneigung seiner Geliebten zu haben. Als er sie kurz darauf ansah, hätte die warmherzige Frau vor lauter Mitgefühl weinen können, so empfindlich zeigte er sich gegenüber Chloes Vorliebe für den anderen.
KAPITEL VI
An jenem Abend spielte Herzogin Susan am Pharo-Tisch und verlor achthundert Pfund, aus Verzweiflung über den Verlust von zwanzig. Nachdem er sie ermutigt hatte, bis zu diesem Äußersten zu gehen, hielt Caseldy sie auf. Er führte sie gerade aus dem Spielsalon, als ein Paar junger Landjunker vom Schlag der Shepster, mit Wein gestärkt, sie abfing, um ihr ihr Beileid auszusprechen, was sie mit übertriebenen Gesten taten, die als breite Nachahmung der vom Kontinent importierten Höflichkeit gedacht waren, und mit einem sehr süßlichen Herumreiten auf den populären Variationen ihres Vornamens, wobei sie ihren einzigartigen Titel nicht vergaßen: „meine reizende, reizende Wamme!“
Sie war aufgeregt und benommen von ihrer unmittelbaren Erfahrung beim Transfer von Geld und sagte: „Ich weiß wahrlich nicht, was ihr wollt.“
„Ja!“, riefen sie, sich wie Gitarren auf die Brust schlagend und die Haltung des Zupfers am Instrument nachahmend; „sie weiß es. Sie weiß es genau. Die hübsche Susie weiß, was wir wollen.“ Und einer rief süßlich: „Oh!“ und der andere: „Ah!“ in eklatanter Verspottung der ausländischen Sitten, die sie in bäuerlicher Burleske zur Schau stellten – ein selbsttröstender und üblicher Trick des Bauern.
Caseldy war dahinter. Er drängte sich vor und verneigte sich vor ihnen. „Meine Herren, werden Sie mir nennen, was Sie wollen?“
Er sagte es mit einem Blick, der Stahl bedeutete. Es kühlte sie gerade so weit ab, dass er die Herzogin unter den Schutz von Mr. Beamish stellen konnte, der gerade aus einem anderen Raum mit Chloe eintrat; woraufhin sich das Paar rustikaler Böcke zurückzog, um ihr tapferes Blut wieder zu beleben.
Mr. Beamish hatte gesehen, dass es Grund zur Dankbarkeit gegenüber Caseldy gab, zu dem er sagte: „Sie hat verloren?“ und er schien zufrieden, als er die Höhe des Verlustes hörte, und beauftragte Caseldy, die Damen sofort zu ihrer Unterkunft zu begleiten, wobei er bemerkte: „Adieu, Graf!“
„Sie werden feststellen, dass mein ausländischer Titel Ihnen hier nützlich sein wird, nach dem einen oder anderen Gefecht“, lautete die Antwort.
„Keine Gefechte, wenn sie möglichst zu vermeiden sind; obwohl ich bemerke, wie der Geschmack Ihrer Grafschaft unter unseren Landbewohnern einen heilsamen Alarm verbreiten mag, die sich bereitwillig mit Fäusten auf Sie stürzen werden, aber die trickreiche kalte Waffe nicht mögen.“
Mr. Beamish verneigte sich hoheitsvoll, um die Herzogin fortzuschicken.
Caseldy ergriff die Gelegenheit, während er ihr in ihre Sänfte half, zu sagen: „Wir werden die Wahrsagerin nach einem glücklichen Tag für unsere Revanche fragen.“
Sie antwortete: „Oh, sprechen Sie mir nie wieder vom Spielen; ich bin nahe an einer leeren Tasche und habe noch nie so einen sündigen Ort wie diesen gesehen. Ich habe das Gefühl, ich bin in einen Graben gefallen. Und da ist Mr. Beamish, alles steif, wenn er sich vor mir verneigt. Sie lassen Chloe warten, mein Herr.“
„Wo war sie, während wir am Tisch waren?“
„Sicher war sie bei Mr. Beamish.“
„Ah!“, stöhnte er.
„Die arme Seele ist verzweifelt über ihre Verluste heute Nacht“, wandte er sich von der eingesperrten Herzogin an Chloe, um das zu bemerken. „Gönn ihr ein behagliches Weinen und ein paar moralische Maximen.“
„Das werde ich“, sagte sie. „Liebst du mich, Caseldy?“
„Dich lieben? Ich? Dein Eigen? Welche Versicherung hättest du gern?“
„Keine, lieber Freund.“
Hier war eine Frau, die leicht zu täuschen war.
In den Herzen gewisser Männer verringert sich aufgrund einer intellektuellen Verachtung für leichte Opfer die Reue über das Täuschen durch die Leichtigkeit ihrer Aufgabe; und jenes weiche Vertrauen, das Verräter oft, wenn auch nur flüchtig, dazu veranlassen mag, die Reize der schönen Seele, die sie verlassen, neu zu überdenken, veranlasst diese gepanzerten Ritter dazu, mit verdoppeltem Eifer die fruchtbaren Wege des Verrats zu verfolgen. Ihre Gefühle sind zudem warm für ihre Beute; und da sie sich entscheiden, ihr Opfer nach der gegenwärtigen Wärme ihrer Gefühle zu beurteilen, können sie nach Belieben verletzt, ja sogar empört sein über eine Kälte, die nicht einen Verdacht gegen sie weckt. Eifersucht hätte eine Chance, aufzuhalten, denn es ist nicht unmöglich, sie zur erklärten Treue zurückzureizen; aber reine Gleichgültigkeit hat ebenfalls einen stärkeren Halt auf ihnen als ein stumpfes, blindes Vertrauen. Sie hassen die Last, die es auferlegt; der blinde Aspekt ist nur berührend genug, um sie an die Last zu erinnern, und sie hassen sie dafür und für die enorme Anmaßung des Glaubens, dass sie auf ewig an einen solchen Einfaltspinsel gebunden sind. Sie geht mit geschlossenen Augen umher und erwartet nicht zu stolpern, und wenn sie es doch tut, bin ich dann schuld? Der verletzte Mann fragt dies im Laufe seiner Überlegungen.
Er kehrt zu den Verdiensten seines Opfers zurück, aber nur mitleidig, und das Mitleid wird durch den Gedanken erkaltet, dass sie am Ende seinen Weg kreuzen könnte, um ihn zu vereiteln. Da wird er dazu gebracht, über den Preis nachzudenken, den sie ihm rauben könnte; und wenn die eine Frau ein Hindernis ist, leuchtet die andere begehrenswert wie das Leben nach dem Tod; er muss sie haben; er sieht sie im Farbton seines Verlangens nach ihr und das Hindernis in dem seiner Abneigung. Grausamkeit ist nicht mehr als des Mannes Bemühen, das gewünschte Objekt zu gewinnen.
Sie sollte es nicht seiner Vorstellungskraft überlassen, sich auszumalen, dass die Blinden am Ende erwachen könnten, um ihn zu vereiteln. Besser für sie, ihn von sich zu stoßen oder ihn wissen zu lassen, dass sie kämpfen wird, um ihn zu halten. Aber der Stolz einer Liebe, die in der Treue der Liebe gehärtet ist, kann in der Prüfung nicht immer weise sein.
Caseldy ging ein beträchtliches Stück hinter den beiden Sänften. Er sah auf seinem Weg, was kommen würde. Seine zwei jungen Junker waren an Herzogin Susans Tür postiert, als sie ankam, und er erhielt einen Schlag von einem von ihnen, als er ihr den Weg freimachte. Sie zupfte an seiner Hand. „Haben sie dir wehgetan?“, fragte sie.
„Denk heute Nacht daran, dass ich ihnen und dem Himmel dafür danke, mein Liebling“, antwortete er mit einem Druck, der den flüchtigen Moment entzündete, um die nachfolgenden Stunden zu entfachen.
Chloe hatte sich von einem ihrer Träger helfen lassen, herauszuspringen. Sie streckte einen Finger auf die ungebärdigen Eindringlinge aus und rief streng: „Es ist Blut an euch – kommt mir nicht nahe!“ Die erhabenste Ansprache wäre nicht so schlau gewesen, ihren Verstand zu berühren. Sie starrten einander im klaren Mondlicht an. Wer von ihnen hatte Blut an sich? Da sie nicht auf Blut aus waren, sondern auf groben Spaß und etwas, womit sie am nächsten Tag prahlen konnten, gestikulierten sie gemäß den ersten Anweisungen des Tanzmeisters, aus Galanterie, und waren aus Caseldys Weg, als er sich in den Dienst seiner Lehnsherrin stellte. „Beachte sie nicht, Liebster“, sagte sie.
„Nein, nein“, sagte er; und „Was ist das?“ und sein heiserer Akzent und sein zitterndes Umklammern ihres Arms ließen sie das Gefühl des nahenden Todes verspüren.
Oben machte Herzogin Susan eine Anstalt, sie zu umarmen. Beide zitterten. Die Herzogin schrieb ihren Zustand jenen schrecklichen Männern zu. „Was bringt sie dazu, so über mich herzufallen?“, sagte sie.
Und Chloe sagte: „Weil du wunderschön bist.“
„Bin ich das?“
„Du bist es.“
„Ich bin es?“
„Sehr wunderschön; jung und wunderschön; wunderschön in der Knospe. Du wirst lernen, ihnen zu verzeihen, gnädige Frau.“
„Aber, Chloe –“ Die Herzogin schloss den Mund. Aus einer matten Träumerei seufzte sie: „Ich nehme an, ich muss es sein! Mein Herzog – oh, sprich nicht von ihm. Lieber Mann! Er ist schon längst im Bett und schläft tief und fest. Ich frage mich, wie er dazu kam, mich hierher kommen zu lassen.
Ich habe ihn schon geplagt, das weiß ich. Bin ich sehr, sehr wunderschön, Chloe, so dass Männer nicht anders können?“
„Sehr, gnädige Frau.“
„Gut, gute Nacht. Ich möchte ins Bett, und ich kann dich nicht küssen, weil du mich ständig gnädige Frau nennst und mich zu Eiszapfen gefrieren lässt; aber ich habe dich lieb, Chloe.“
„Ich bin sicher, das hast du.“
„Ich bin ganz sicher, dass ich das tue. Ich weiß, ich meine nie etwas Böses. Aber wie wird von uns Frauen erwartet, dass wir uns verhalten? Oh, ich bin unglücklich, ich bin es.“
„Du musst das Spielen lassen.“
„Es ist das! Ich habe mein Geld verloren – das habe ich vergessen. Und ich werde es meinem Herzog beichten müssen, obwohl er mich gewarnt hat. Alte Männer heben ihre Finger – so! Ein Finger: und man vergisst den Anblick nie, niemals. Es ist ein runder Finger, wie der Henkel eines Kruges, und er zeigt nicht auf dich, wenn sie dich belehren, und die Haut ist wie ein alter Mantel auf den Schultern eines Gutsherrn – oder, Chloe! genau wie, wenn man auf den Nagel schaut, eine zerknitterte Tagesdecke vor dem Gesicht einer Leiche. Ich erkläre, es ist genau wie! Ich habe das Gefühl, als ob mir das Reden über Leichen heute Nacht gar nichts ausmacht. Und mein Geld ist weg, und das macht mir nicht viel aus. Ich bin wieder ein wildes Mädchen, hübscher als damals, als das – – er ist ein lieber, netter, guter alter Adliger mit seinem lustigen alten Finger: ‚Susan! Susan!‘ Ich bin nicht schlimmer als andere. Jeder spielt hier; jeder ist überlegen. Nun, du hast doch gespielt, Chloe.“
„Niemals!“
„Ich habe dich sagen hören, du hättest einmal gespielt, und ein höherer Einsatz sei es gewesen, sagtest du, als den irgendjemand je gespielt hat.“
„Nicht Geld.“
„Was dann?“
„Mein Leben.“
„Güte – ja! Ich verstehe. Ich verstehe heute Nacht alles – auch Männer. Also hast du! – Sie sind nicht so schändlich bösartig, Chloe. Weil ich das Schlechte in der menschlichen Natur nicht sehen kann – wenn wir diskret sind, meine ich. Hin und wieder ein Landtanz und ein Spiel, und heim ins Bett und in die Träume. Da ist kein Schaden dabei, das schwöre ich. Und deshalb bist du an diesem Ort geblieben. Gefällt es dir hier, Chloe?“
„Ich bin daran gewöhnt.“
„Aber wenn du mit Graf Caseldy verheiratet bist, gehst du dann?“
„Ja, dann.“
Sie sprach es so freudlos aus, dass Herzogin Susan mit intensiver Herzlichkeit hinzufügte: „Du musst ihn nicht heiraten, liebe Chloe.“
„Noch er mich, gnädige Frau.“
Die Herzogin ergriff sie impulsiv, um sie zu küssen, und sagte, sie würde sich selbst ausziehen, da sie allein sein wolle.
Von jener Nacht an war sie eine entflammte Kreatur.
Das völlige Verschwinden des Heldenpaares, das zuletzt die Verschwörung bildete, seine zarte Schutzbefohlene zu plagen, verschaffte Herrn Beamish eine hohe Meinung von Caseldy als Gehilfen in einem solchen Amt, wie er es innehatte. Sie waren fort, und nichts weiter war von ihnen zu hören. Caseldy beschränkte seine Beobachtungen zu dem Thema auf die Bemerkung, er habe die besten Mittel angewandt, um sich jener Sorte von Taugenichtsen zu entledigen; und ob ihre Seelen entflohen waren oder nur ihre Körper, blieb unbekannt. Doch die Herzogin machte ruhige Spaziergänge mit Caseldy als ihrem Wächter, während Herr Beamish die verbleibenden Tage ihres Besuchs mit der Ungeduld eines Mannes zählte, der Grund hatte, einen Blick auf die Uhr zu werfen. Denn Herzogin Susan war nun nicht mehr recht zu bändigen; sie hatte Anfälle von Aufsässigkeit und sagte offen, ihre Zeit sei knapp, und sie gedenke zu tun, was ihr gefalle, zu gehen, wohin es ihr gefalle, zu spielen, wenn es ihr gefalle, und eine unabhängige Frau zu sein – falls sie so bald weggebracht und in ein Schloss gesperrt werden sollte, das nur eine größere Sänfte war.
Caseldy beteuerte, er sei ebenso hilflos wie der Beau. Er beschrieb auf amüsante Weise das Ärgernis, ihr unaufhörlich auf Schritt und Tritt überallhin folgen zu müssen, und deutete an, sie müsse wohl die Gegend absuchen, um ihren „seltsamen Kavalier“ wiederzufinden, von dem – oder von einem, der auf ihrer Reise zu den Quellen einen halben Tag neben ihrer Kutsche hergeritten war – sie, wie er sagte, eine Art Andeutung fallen gelassen habe. Er klagte darüber, dass es ihm unmöglich sei, eine Stunde in Vertraulichkeit mit seiner Chloe zu verbringen.
„Und ich, der ich gewohnt bin, mich mit ihr zu beraten, sehe zu wenig von ihr“, sagte Herr Beamish. „Ich werde bald gar nichts mehr von ihr sehen, und schon jetzt empfinde ich meinen Verlust.“
Er trug sein Anliegen Herzogin Susan vor: dass sie ständig weite Strecken ausfahre und ihm Chloe entziehe, wenn seine Beschäftigungen ihn daran hinderten, sie zu begleiten; und da er Chloe bald für immer verlieren würde, empfinde er ihre Abwesenheit tief.
Die Herzogin warf ihm rätselhafte Antworten entgegen: „Sie können das alles ändern, Herr Beamish, wenn Sie wollen, und Sie wissen, dass Sie das können. Oh ja, das können Sie. Aber Sie lieben es, ein Schmetterling zu sein, und wenn Sie Damen bleich gemacht haben, sind Sie glücklich: und dort sollen sie dann für Sie hängen und verkümmern. Niemals! – Diesen Stolz besitze ich. Ich mag geplagt werden, aber ich werde niemals für einen Mann in Schwermut und Melancholie versinken.“
Sie bäumte sich vor einem Spiegel auf, worin kein Anzeichen von Blässe zu sehen war.
Herr Beamish grübelte, und er hielt es für klug, mit Caseldy männlich über ihre kindischen Verdächtigungen zu sprechen, damit sie nicht womöglich auf ähnliche Weise den Geist des Liebhabers verwirre.
„Oh, seien Sie unbesorgt, mein lieber Herr, was mich betrifft“, sagte Caseldy. „Aber um die Wahrheit zu sagen, ich glaube, ich kann die Anspielungen Ihrer cremigen Gnaden etwas anders und ebenso klar deuten. Ich meinerseits ziehe die Blassen den Rotwangigen vor und setze meine rechte Hand auf Chloes Treue. Welchen Schaden ich auch immer die gedankenlose Grausamkeit – ich möchte es lieber ein Missgeschick nennen – haben mag, dieser himmlisch gesinnten Frau in unseren kommenden Tagen zuzufügen, niemand soll von mir sagen, ich sei auch nur einen Augenblick der Niedertracht schuldig gewesen, an ihrer Reinheit und Beständigkeit zu zweifeln. Und, mein Herr, ich möchte hinzufügen, dass ich mich auch vollkommen auf Ihre Ehre verlassen könnte.“
Herr Beamish verneigte sich. „Sie tun mir nur Gerechtigkeit. Aber sagen Sie, welche Deutung?“
„Sie begann damit, Sie zu fürchten“, sagte Caseldy, was einen starren Blick hervorrief, dem ein Stirnrunzeln folgte. „Sie bildet sich ein, Sie vernachlässigten sie. Vielleicht hat sie den Verdacht einer Frau, dass Sie es tun, um sie zu prüfen.“
Herr Beamish führte frenetisch seine vielen Beschäftigungen an. „Wie kann ich ihr ständig den Hof machen?“ Dann sagte er „Pah“ und spielte zärtlich mit den Spitzen seiner Manschetten. „Unsinn, Unsinn“, sagte er, „nein, nein: obwohl, wenn es zu einem Kampf zwischen uns käme, könnte ich im Interesse meines alten Freundes, ihres Gemahls, den ich aus Gründen schätze, einen Einfluss geltend machen, der die Ausübung meiner Autorität angenehm machen würde. Bisher habe ich keine wirkliche Notwendigkeit dafür gesehen, und ich beobachte scharf. Ihr Blick ruhte das eine oder andere Mal auf Colonel Poltermore, seiner auf sie. Die Frau ist eine Rose im Juni, mein Herr, und ich vergebe der ganzen Welt dafür, dass sie schaut – und auch dafür, dass sie begehrt. Aber ich habe nichts Ernstes beobachtet.“
„Er ist morgen bei unserem Ausflug zum Leuchtturm dabei“, sagte Caseldy. „Sie bestand darauf, dass sie ihn dabei haben wollte; und wenigstens wird mir das für eine Stunde Urlaub gewähren.“
„Tun Sie mir den Gefallen und erstatten Sie mir Bericht“, sagte Herr Beamish.
Auf diese Weise verpflichtete er Caseldy, ihm Erfindungen zu liefern, und bereitete sich darauf vor, diese zu schlucken. Es war Poltermore und Poltermore, der Colonel hier, der Colonel dort, bis die Jagd so heiß wurde, dass Herr Beamish nicht länger auf das ermüdende Geleier des jungen Herrn Camwell über dessen einziges Thema, die Doppelzüngigkeit von Chloes Verlobtem, hören konnte. Er kam zu ihrer Denkweise und behandelte den jungen Herrn fast so kühl wie sie. Mit der Zeit war er bereit, aus eigener Scharfsinnigkeit zu vermuten, dass der „seltsame Kavalier“ niemand anderes als Colonel Poltermore gewesen sein konnte. Als Caseldy dies andeutete, sagte Herr Beamish: „Ich habe ihn mir vorgemerkt.“ Er fügte in höchst selbstgefälliger Art hinzu: „Bei all Ihrer ausländischen Ausbildung, mein Freund, werden Sie lernen, dass wir Engländer Ihnen in der Kunst, eine Intrige im Dunkeln zu entwirren, nicht so weit nachstehen.“ Worauf Caseldy erwiderte, dass die kontinentale Welt Herrn Beamish wenig lehren könne.
Der arme Colonel Poltermore, wie man ihn bald nannte, war eindeutig ein Opfer der plötzlichen Leutseligkeit von Herzogin Susan. Die Verwandlung eines steifen Militäroffiziers in einen flinken Puck, einen Botenläufer und spritzigen Begleiter, konnte nicht unbemerkt bleiben. Die erste Wirkung ihrer unterscheidenden Herablassung auf diesen unglückseligen Herrn war, dass er zum Verfechter ihrer Ansprüche auf gute Erziehung wurde. Sie habe sie von Natur aus, sie sei die große Dame der Natur, pflegte er gegenüber den adligen Damen des Kreises, in dem er sich bewegte, zu beteuern; und sie gaben zu, dass sie sich in jeder Hinsicht von einer Bürgerlichen unterscheide, die durch Heirat in einen hohen Rang erhoben wurde: sie sei nicht vulgär. Doch sie blieben zweifelhaft hinsichtlich der vollkommenen Einfalt einer jungen Frau, die bei Männern solche Veränderungen bewirkte, dass sie einen der berühmten Eroberer der Zeit zu ihrem aufgeregten, unterwürfigen Diener machte. In raschen Schritten war der Colonel dazu herabgesunken. Wenn er nicht an ihrer Seite war, marschierte er immer mit hastigen Schritten, eilte durch Zimmer und durch Alleen und Haine, bis er sie entdeckt hatte und sich an ihre Fersen geheftet hatte. Und seltsamerweise war der Gegenstand seiner Eifersucht der treue Alonzo! Herr Beamish lachte, als er davon hörte. Die Erregung und das schwindlige Gebaren der Dame klagten Poltermore jedoch eines Grades an Erfolg an, der sofort bekämpft werden musste. Es war die Rede von Herzogin Susans großem Wunsch, der beliebten Wahrsagerin in der Hütte auf der Heide einen Besuch abzustatten, und Herr Beamish legte sein Veto gegen die Expedition ein. Sie hatte ihm gehorcht, indem sie in letzter Zeit vom Spiel abgelassen hatte, also erwartete er voll und ganz, dass seinem Verbot Folge geleistet würde; und außerdem war die Wahrsagerin ein Schelm von einem falschen Astrologen, von dem bekannt war, dass er gewissen zarten Damen Dinge prophezeit hatte, die sie nur allzu sehr zu glauben wünschten, sie seien durch ein außerordentliches Zeichen des Laufs der Planeten durch den Tierkreis vorherbestimmt, was sie dazu verleitete, durch das Beispiel himmlischer Konjunktionen zu sündigen – ein Stück frevlerischer Gottlosigkeit. Der Beau nahm einen hohen Standpunkt in seinen Einwänden gegen das Abenteuer ein. Dennoch fuhr Herzogin Susan. Sie fuhr in den frühen Morgenstunden zur Heide, begleitet von Chloe, Colonel Poltermore und Caseldy. Sie frühstückten anschließend in einem Gasthof, in dem der Mode entsprechend gelegentlich Zigeunermahlzeiten serviert wurden, und sie waren wieder bei den Quellen, sobald die Welt auf den Beinen war. Ihre Überraschung war dann ungeheuer, als Herr Beamish sie mitten in der Versammlung ansprach und erkundigte, ob sie mit dem Bericht über ihr Schicksal zufrieden seien, und noch mehr, als er bewies, dass ihm die Schicksale bekannt waren, die jedem von ihnen unter vier Augen erzählt worden waren.
„Sie, Colonel Poltermore, sollen bis zum zehnten Meilenstein vom Glück begünstigt sein – wo Ihre Kutsche umkippen und Sie für den Rest Ihres Lebens hinken werden.“
„Nicht ganz so schlimm“, sagte der Colonel fröhlich, da ihm viel Besseres mitgeteilt worden war.
„Und Sie, Graf Caseldy, sollen beim Glück alles nach Ihrem Willen haben, nachdem Sie eine Mordtat begangen haben, mit der einzigen Strafe, jede Nacht einen Besuch der Leiche zu erhalten.“
„Geist“, korrigierte ihn Caseldy lächelnd.
„Und Chloe wollte sich nicht die Zukunft vorhersagen lassen, weil sie sie kannte!“ Herr Beamish warf einen väterlichen Blick auf sie. „Und Sie, gnädige Frau“, er zog die Brauen bei der Herzogin zusammen, „erhielten die Mitteilung, dass ‚Alles für die Liebe‘ Sie stürzen wird, wie es Sie erhoben hat, Sie niederdrücken wird, wie es Sie emporgehoben hat, das Festmahl für den Raben-Gentleman liefern wird, das eigentlich dem goldenen Adler gebührt?“
„Nichts dergleichen! Und ich glaube kein Wort von ihren Geschichten“, rief die Herzogin mit brennendem Gesicht.
„Sie leugnen es, gnädige Frau?“
„Ich tue es. Es war nie ein Wort von einem Raben oder einem Adler, das schwöre ich jetzt.“
„Sie leugnen, dass jemals ein Wort von ‚Alles für die Liebe‘ fiel? Sprechen Sie, gnädige Frau.“
„Das Brimborium ihres Gauklers!“, murmelte sie gekränkt. „Als ob ich ihrem Unsinn zugehört hätte!“
„Wagt es die Herzogin von Dewlap, mich der Lüge zu bezichtigen?“, sagte Herr Beamish.
„Das ist nicht mein Titel, und das wissen Sie“, entgegnete sie.
„Was ist das?“, sang der erzürnte Beau. „Was ist das für ein Zeug, das Sie da tragen?“ Er bäumte sich auf und legte die Hand an einen Spitzenbesatz ihres Morgenkleides, riss ihn wütend ab und schwenkte ein Stück davon um sich: und während die Herzogin bei einer Schandtat, die ihr das Mitleid jeder anwesenden Dame sowie die Parteinahme der Herren einbrachte, keuchte und zitterte, warf er die Spitze auf den Boden und zertrat sie, wobei er seine kräftige Stimme über den Aufruhr verständlich machte: „Hören Sie, was sie tut! Es ist ein Verbrechen! Sie trägt den Stoff mit Betty Worcesters gelber Stärke als falsche Antiquität! Und wer es sonst noch trägt, soll es ablegen, bevor die Stadt sagt, wir seien entehrt – wenn ich Ihnen sage, dass Betty Worcester gestern Morgen in Tyburn wegen Mordes gehängt wurde!“
Es gab Schreie.
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, begann die Versammlung zu schmelzen; er stand in der Mitte wie ein Pfahl, um den sich Bänder abwickeln, inmitten eines Durcheinanders von hastenden Kleidern, deren Rauschen und Wirbeln und Treiben wie das von herbstlich verwehten Blättern im aufkommenden Novemberwind war. Die Scharen von Damen machten sich davon, um sich ihrer modischen Imitationsspitzen zu entledigen, die sie gewissermaßen als Helfershelferinnen und Verbündete der blutrünstigen, abscheulichen Kreatur, Mrs. Elizabeth Worcester, ihrer Wohltäterin vom Vortag, die nun am Galgen baumelte, denunzierten.
Jene Damen, die morgens keine Imitationsspitze oder überhaupt keine Spitze trugen, waren über den Beau wegen seiner Entlarvung derer, die es taten, kaum verärgert. Die Herren waren verwirrt durch sein Zurschaustellen kühner Macht. Die beiden Herren, die am ehesten dazu neigten, seine Brutalität gegen Herzogin Susan übel zu nehmen, führten sie in Begleitung von Chloe aus dem Raum.
„Die Frau soll mich aus gutem Grund fürchten“, sagte Herr Beamish zu sich selbst.
KAPITEL VIII
Herr Camwell befand sich im Vorzimmer, als Chloe hinter den beiden aufgebrachten Unterstützern von Herzogin Susan vorbeiging.
„Ich werde heute Abend um acht bei den Tannen auf dem Mount sein“, sagte sie.
„Ich werde dort sein“, antwortete er.
„Fahren Sie Herrn Beamish aufs Land, damit diese Herren Zeit haben, sich abzukühlen.“
Er versprach ihr, dass dies geschehen werde.
Kurz vor der Stunde ihrer Verabredung stand er unter den Tannen und bewunderte den Sonnenuntergang entlang der westlichen Hügelkette, und als Chloe zu ihm stieß, sprach er von der Schönheit der Szene.
„Obwohl nichts beredter Abschied zu sagen scheint“, fügte er mit sinkender Stimme hinzu.
„Wir könnten es jetzt sagen und Freunde sein“, antwortete sie.
„Später als jetzt, glaubst du es für unwahrscheinlich, dass du mir verzeihen könntest, Chloe?“
„In Wahrheit, mein Herr, machen Sie es mir schwer.“
„Ich bin hier geblieben, um Wache zu halten; nicht aus eigenem Vergnügen“, sagte er.
„Herr Beamish ist ein ausgezeichneter Beschützer der Herzogin.“
„Ausgezeichnet; und er ist klug genug gelehrt worden, anzunehmen, dass sie ihn sehr fürchtet; und wenn sie ihn kränkt, führt er seine Jupiter-Schrecklichkeit auf, mit der Wirkung auf eine Frau von natürlichem Geist, die Sie gesehen haben und andere vorhergesehen hatten, dass sie verärgert ist und leichtsinnig wird. Knüpfen Sie einen weiteren Knoten in Ihre Schnur, Chloe.“
Sie sah weg und sagte: „Waren Sie nicht die Ursache? Sie steckten mit jenem Scharlatan von der Heide unter einer Decke, der ihnen heute Morgen die Zukunft vorhersagte. Ich sehe weit, sowohl im Dunkeln als auch im Licht.“
„Aber nicht durch einen Vorhang. Ich war anwesend.“
„Hasserfüllte, hasserfüllte Angelegenheit des Spions! Sie haben ein großes Unheil angerichtet, Herr Camwell. Und wie können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, eine so niederträchtige Rolle zu spielen?“
„Ich habe nur meine Pflicht getan, gnädige Frau.“
„Sie geben vor, es sei Ihre Hingabe an mich! Ich könnte geschmeichelt sein, wenn ich nicht eine so erbärmliche Figur in meinem Dienst sähe. Nun habe ich nur noch vier Tage meines Monats des Glücks übrig, und meine Bitte an Sie ist, lassen Sie mich sie genießen. Ich beschwöre Sie zu gehen. Ganz demütig, aufs Ernsteste bitte ich um Ihr Fortgehen. Gewähren Sie es mir und bleiben Sie nicht, um meine letzten Tage hier zu vergiften. Verlassen Sie uns morgen. Ich werde Ihre guten Absichten anerkennen. Ich gebe Ihnen meine Hand in Dankbarkeit. Adieu, Herr Camwell.“
Er nahm ihre Hand. „Adieu. Ich sehe eine baldige Trennung voraus, und diese liebe Hand ist mein, solange ich sie in meiner halte. Adieu. Es ist ein Wort, das bei einem Abschied wie dem unseren wiederholt werden muss. Wir blasen unser Licht nicht mit einem Atemzug aus: wir lassen es allmählich verblassen, wie den dortigen Sonnenuntergang.“
„Sprechen Sie so“, sagte sie.
„Ach, Chloe, sein Leben hinzugeben! Und es ist Ihr Glück, das ich mehr gesucht habe als Ihre Gunst.“
„Ich glaube es; aber ich mochte die Mittel nicht. Sie verlassen uns morgen?“
„Es scheint mir, dass morgen der Endpunkt ist.“
Ihr Gesicht verdüsterte sich. „Das verrät mir ein sehr ungewisses Versprechen.“
„Du hast dich auf einen Monat des Glücks gefreut – was einen Monat der Täuschung bedeutete. Die Täuschung endet heute Nacht. Du wirst am Morgen erwachen und dein Ende davon sehen. Du hast seit dem Tag seiner Ankunft nie über den Monat hinausgeschaut.“
„Lass ihn nicht genannt werden, ich flehe dich an.“
„Dann willigst du ein, dass eine andere geopfert wird, damit du deinen Zustand der Täuschung eine Stunde länger genießen kannst?“
„Ich bin nicht getäuscht, mein Herr. Ich wünsche mir Frieden und sehne mich danach, und das ist alles, was ich haben möchte.“
„Und du machst sie zu deinem Friedensopfer, der du zu dienen gelobt hast! Allzu sicher sind deine Augen offen gewesen, ebenso wie meine. Knoten für Knoten – ich habe dich beobachtet – wo ist sie? – du hast die Punkte auf dieser seidenen Schnur markiert, wo die Bestätigung eines berechtigten Verdachts zu stark für dich war.“
„Ich tat es, und blieb dennoch heiter?“ Sie wich von ihrer Verachtung zu einem unfreiwilligen „Ach!“ zurück, das ein Schaudern war.
„Du hast den Leichtsinn gespielt, gnädige Frau, und zwar zu gut, um mich zu blenden. Währenddessen hast du zugelassen, dass das Unheil seinen Lauf nahm, anstatt dein verrücktes Wiegenlied stören zu lassen.“
„In der Tat, Herr Camwell, Sie maßen sich zu viel an.“
„Die Zeit und mein Wissen darüber, womit sie schwanger geht, fordern es und entschuldigen es. Du und ich, meine liebe und einzige Liebe auf Erden, stehen außerhalb der gewöhnlichen Regeln. Wir sind zwischen Leben und Tod.“
„Das sind wir immer.“
„Höre weiter auf den Prediger: Wir haben sie dicht bei uns, mit der Frage, welche es morgen sein wird. Du bist dafür, weiterzuschlafen, aber ich sage nein; noch soll diese Ungerechtigkeit des doppelten Verrats begangen werden wegen deines Verlangens, in einer Wiege geschaukelt zu werden. Hör mich an. Das Gift, das du geschluckt hast, um dich selbst zu betrügen, wird den Schock nicht ertragen, der dich morgen mit dem ersten Licht erwartet. Hör diese Vögel! Wenn sie das nächste Mal singen, wirst du hellwach sein, und von mir, und der Anbetung und dem Dienst, die ich dir gewidmet hätte, ich nicht... es ist ein gespenstischer Sonnenuntergang eines Tages, der niemals sein sollte! – wach sein und worauf schauen? Zurück von einer monströsen Niedertracht zu dem elenden Geschöpf, das mit Knoten in einer Schnur dazu gezwinkert hat. Zähle sie dann, und wo wird deine Antwort an den Himmel sein? Ich habe dich darum angefleht, um dich vor jenen Schlägen der Reue zu bewahren; ja, schrecklich!“
„Oh, nein!“
„Schrecklich, sage ich!“
„Sie irren sich, Herr Camwell. Es ist mein Linderungsmittel. Ich zähle meine Gebete daran.“
„Sieh, wie ein dauerhafter Aufenthalt an diesem Ort aus der reinsten Seele unter uns einen Heiden gemacht hat! Hättest du... aber jener Tag sollte mich nicht erleuchten! Anbetungswürdiger in deinen Irrtümern, als andere durch ihre Tugenden, hast du durch den Überfluss der Eigenschaften gesündigt, die Menschen preisen. Oh, du hast eine grenzenlose Großzügigkeit, leider verstrickt mit einem ebenso großen Stolz. Da ist dein Fehler, das ist die Ursache deines Elends. Zu großzügig! zu stolz! Du hast vertraut, und du wirst nicht aufhören zu vertrauen; du hast dir gelobt zu lieben, niemals zu remonstrieren, niemals Zweifel zu zeigen; es ist zu sehr deine Religion, wahrlich selten. Aber bedenke die unerfahrene und allzu törichte gute Kreatur, die auf den Stromschnellen ihrem Verderben entgegensteuert. Ist sie nicht – du wirst es morgen laut hinausschreien – dein Opfer? Du hörst es jetzt in dir.“
„Freund, mein lieber, wahrer Freund“, sagte Chloe mit ihrer tieferen Melodiestimme, „beruhige deinen Geist bezüglich morgen und ihr. Ihre Sicherheit ist gewährleistet. Ich setze mein Leben darauf. Sie wird kein Opfer sein. Im schlimmsten Fall wird sie nur eine Lektion gelernt haben. Also, dann, Adieu! Der Westen hängt wie eine Girlande aus ungegossenen Blumen, vernachlässigt von der Herrin, die sie schmückten. Erinnere dich an die Szene, und dass wir uns hier trennten, und dass Chloe dir das Glück wünschte, das zu schenken ihr nicht in ihrer Macht stand, weil sie aus einer anderen Welt stammte, mit ihrer Geschichte, die bis zum letzten roten Streifen niedergeschrieben war, bevor du sie überhaupt kanntest. Adieu; dieses Mal Adieu für immer!“
Herr Camwell stand ihr im Weg. „Blinde Augen, wenn du willst“, sagte er, „aber du sollst keine blinde Sprache hören. Ich verwirke die geringe Achtung für mich, die ich gehütet habe; hasse mich; lieber von dir gehasst werden, als meine Pflicht zu scheuen! Deine Herzogin ist beim ersten Morgengrauen dieses kommenden Tages fort; so weit ist es gekommen. Ich spreche mit vollem Wissen. Befrage sie.“
Chloe legte eine zögernde Verachtung für ihn in ihre Stimme, so sehr es die heftigen Schläge ihres Herzens erlaubten. „Ich frage Sie, mein Herr, wie Sie zu diesem vollen Wissen kommen, mit dem Sie sich brüsten?“
„Ich habe es; lass das genügen. Nein, ich will ins Detail gehen; seine Kutsche ist für die Zeit bestellt, die ich dir nenne; ihr Dienstmädchen ist bereits an einer Station auf der Fluchtroute.“
„Sie haben ihre Bediensteten auf Ihrer Gehaltsliste?“
„Für die Mine – die Gegenmine. Wir müssen im Schmutz wühlen, um es mit Betrügern aufzunehmen. Sie, gnädige Frau, haben sich entschieden, übermäßig zartbesaitet zu sein, und haben es mir überlassen, grob und, wenn es Ihnen gefällt, abscheulich in meinen Mitteln zu sein, Sie zu verteidigen. Es ist nicht zu spät für Sie, die Dame zu retten, noch zu spät, ihn zur Vernunft der Ehre zu bringen.“
„Ich kann Colonel Poltermore nicht für so ehrlos halten.“
„Armer Colonel Poltermore! Das Amt, das er ausfüllen muss, ist ein altes. Schämen Sie sich nicht, Chloe?“
„Ich habe zu lange zugehört“, antwortete sie.
„Dann, wenn es Ihr Vergnügen ist, gehen Sie.“
Er machte ihr Platz. Sie ging an ihm vorbei. Nachdem sie zwei hastige Schritte im Dämmerlicht der Abenddämmerung getan hatte, blieb sie stehen, hielt sich am Herzen und drehte sich schmerzlich zu ihm um, streckte die Arme aus und ließ sich ergreifen und küssen.
Als er sie um Verzeihung bat, wozu ihn seine lange Gewohnheit des Respekts inmitten von Verzückung und Wiederholungen zwang, sagte sie: „Sie berauben niemanden.“
„Oh“, rief er, „es gibt also eine Belohnung für treue Liebe. Aber bin ich der Mann, der ich vor einer Minute war? Ich habe dich; ich umarme dich; und ich bezweifle, dass ich ich bin. Oder ist es Chloes Geist?“
„Sie ist gestorben und besucht dich.“
„Und wird es wieder tun?“
Chloe konnte vor Mattigkeit nicht sprechen.
Die Intensität des Glücks, das sie ihm schenkte, indem sie stumm an der Stelle verweilte, an der sie war, bezauberte ihre Sinne. Doch so lange hatte der Frost auf ihnen gelegen, dass ihr Erwachen zur Wärme von Spekulationen über den süßen Geschmack dieser Belohnung für ihre Treue zu ihm und den seltsamen Geschmack ihrer eigenen Untreue gegen sich selbst heimgesucht wurde. Und während sie über den kalten Akt der Spekulation nachdachte, während starker Arm und glühender Mund sie an sich drückten, dachte sie, ihre Sinne könnten in Wahrheit tot sein und sie sei ein Geist, der den guten Jüngling zu seinem Trost besuchte. So fühlen sich Geister, dachte sie, und was wir in der Liebe Glück nennen, ist ein Abkommen zwischen Ekstase und Nachgiebigkeit. Ein anderer Gedanke flog wie ein tödlicher Schuss durch sie hindurch: „Nicht so bei jenen beiden! Bei ihnen wird es Ekstase sein, die auf Ekstase trifft; sie werden Glück in gleichen Teilen nehmen und geben.“ Ein Stich der Eifersucht durchfuhr ihren Körper. Sie ließ dessen Scharfsinn dazu dienen, ihre Inbrunst in einem letzten festen Halten an ihrer Brust zu stärken, und sich sanft lösend, sagte sie: „Niemand wird beraubt. Und nun, lieber Freund, versprich mir, dass du Mr. Beamish nicht beunruhigen wirst.“
„Chloe“, sagte er, „hast du mich bestochen?“
„Ich möchte nicht, dass er beunruhigt wird.“
„Die Herzogin, ich habe es dir gesagt--“
„Ich weiß. Aber du hast Chloes Wort, dass sie über die Herzogin wachen und sterben wird, um sie zu retten. Es ist ein Eid. Du hast von einigen Plänen gehört. Ich sage, sie sollen zu nichts führen: Es wird nicht geschehen. Wahrlich, mein Freund, ich bin wach; ich sehe so viel, wie du siehst. Und diese... nachdem ich dort gewesen bin, wo ich war, kannst du annehmen, dass ich ein Bedauern empfinde? Aber sie ist meine liebe und besondere Verantwortung, und wenn sie ein Risiko eingeht, vertrau darauf, dass es keine Katastrophe geben wird; ich schwöre es; also, nun, lebe wohl. Wir speisen heute Abend in Gesellschaft. Sie werden einige von Chloes Versen erwarten, und sie muss einige Minuten lang für sich singen, um das Bett aufzuwühlen, von dem ihre Lieder die Flügel ausbreiten; deshalb werden wir uns trennen, und um ihrer willen meide sie; sei nicht an unserem Tisch, oder im Zimmer, oder irgendwo dort. Ja, du beraubst niemanden“, sagte sie mit einer Stimme, die durch ihr Beben köstlich durch ihn hindurchrollte; „aber ich glaube, ich darf bei Erinnerungen erröten, und ich hätte dich lieber abwesend. Lebe wohl! Ich werde über heute Abend hinaus keinen Gehorsam von dir verlangen. Dein Wort?“
Er gab es in einer Betäubung der Glückseligkeit, und sie floh.
KAPITEL IX
Chloe zog das seidene Band aus ihrem Busen, während sie den düsteren Pfad durch die Furien hinabstieg, und ließ ihre Finger die Anzahl der Knoten entlangwandern. „Ich habe kein Recht zu leben“, sagte sie. Sieben war die Zahl; sieben Jahre hatte sie auf die Rückkehr ihres Geliebten gewartet; sie zählte ihr Alter und vollendete es in Siebenern. Der Fatalismus hatte sie während der Abwesenheit ihres Geliebten gestützt; er hielt sie nun fest umschlungen. Dadurch war es ihr möglich gewesen zu sagen: „Er wird kommen“; und während sie sagte: „Er ist gekommen“, ruhte ihre Berührung auf dem ersten Knoten im Band. Sie hatte keine Kraft, ihre Finger zu verschieben, und der Grund für das Knüpfen des Knotens stand in stumpfen, roten Schriftzeichen vor ihrem Geist, weder lesbar für ihr Auge noch für ihren Verstand, doch ein Wiederaufleben der Stunde, die ihn mit menschlicher Deutlichkeit, wenn auch ohne das Licht des Tages, auf ihre Seele brachte: Sie hatte das Gefühl, das Licht verwirkt zu haben und vielleicht klarer zu sehen. Alles versicherte ihr, dass sie klarer sah als andere; sie sah auch, wann es gut war, aufzuhören zu leben.
Das ihrige war das unglückliche Los einer mit dichterischer Vorstellungskraft Begabten, mit der Frau mitzufiebern, die sie verdrängte, und an der Faszination des Mannes teilzuhaben, der betrog. Bei ihrem ersten Zusammentreffen in ihrer Gegenwart hatte sie gesehen, dass sie keine Fremden waren; sie bemitleidete sie für das Lügen, und als sie schwor, diesen Pfad des Bösen zu vereiteln, tat sie es, um eine jüngere Geschlechtsgenossin zu retten, nicht aus Rivalität. Sie behandelte beide mit einer stolzen Großzügigkeit, die über bloße Sanftmut hinausging. Alles, was an Selbstsucht in ihrer Brust war, löste sich in den Genuss ihres einen Monats gewollter Täuschung auf.
Der Kuss, zu dem sie sich herabgelassen hatte, beraubte niemanden, nicht einmal die Reinheit ihres Körpers, denn als dieser Knoten geknüpft wurde, lieferte sie sich ihrem Ende aus und war zu einem Sack voll Staub geworden. Die anderen Knoten im Band wiesen auf Bestätigungen hin; dieser erste war ein Verdacht, und er war der kostbarere, sie fühlte, dass er mehr eine Gewissheit war; er war aus der dunklen Welt jenseits von uns gekommen, wo alles bekannt ist. Ihr Glaube, dass er von dort gekommen war, wurde durch Zeugnisse genährt, durch den Raum der Schwärze, in dem sie seither gelebt hatte, indem sie ihre letzte Lebenskraft in einer Simulation kindlichen Glücks erschöpfte, was nichts anderes war als die Fortführung ihrer Emotion in jenem Moment von scharfem, saurem Süß – so wie es sein mag, erreichen die Verdammten unter uns ihr Wissen um Freude –, als beim ersten Treffen mit ihrem Geliebten die Wahrnehmung seines Verrats an der Seele, die ihm vertraute, ihr sagte, dass sie gelebt hatte, und ihr das kostbare Reich der Empfindungslosigkeit als ihr Erbe eröffnete.
Sie ließ ihre tragische Demut dankbar zu der Wunde sprechen, die sie tötete. „Wäre es nicht so gewesen, hätte ich ihn nicht gesehen“, sagte sie: -- Ihr Geliebter wäre nicht zu ihr gekommen, wenn nicht aufgrund seiner Verfolgung einer anderen Frau.
Sie verzieh ihm, dass er von diesem schönen Gewächs der Felder angezogen wurde: verzieh ihr ebenso. „Er war, als ich ihn zum ersten Mal sah, ebenso schön für mich. Für ihn hätte ich vielleicht ebenso viel getan.“
Weit weg in einer beleuchteten Halle des Westens erhoben ihre Verwandten die Hände des Vorwurfs. Sie waren winzige Objekte, scharf wahrgenommen als verkleinerte Figuren, in Stahl geschnitten. Das Gefühl konnte nicht sehr warm für sie sein, sie waren so klein, und ein Meer, das sie ertränkt hatte, verlief dazwischen; und dorthin blickend, hatte sie kaum Wärme des Gefühls, außer für einen weißen Rhaiadr, der aus gebrochenen Wolken durch verzweigte Felsen sprang, wo sie als Kind geklettert war und geträumt hatte. Der Traum war damals von den farbenfrohen Tagen, die kommen sollten; nun war sie in ihrem Geist kindlicher, und sie beobachtete, wie das verstreute Wasser breiter wurde, und kostete die Gischt, saß dort, die Szenerie trinkend, ungestört von Hoffnungen wie ein Lamm, nur darin von einem Säugling verschieden, dass sie wusste, sie habe das Leben abgeworfen, um nach Hause zu reisen und erfrischt zu werden. Sie hörte ihre Leute reden; sie waren endlose Plapperer im Wasserfall. Die Wahrheit war bei ihnen, und die Weisheit. Wie konnte sie also vorgeben, irgendein Recht zu leben zu haben? Schon hatte sie keinen Namen mehr; sie war weniger lebendig als ein Grabstein. Denn wer war Chloe? Ihre Familie mochte am Grab von Chloe vorbeigehen, ohne zu weinen, ohne zu moralisieren. Sie hatten ihren Ruin vorhergesehen, sie hatten ihn vorausgesagt, sie lärmten davon in den Wassern, und weiter eilten sie zu den Ebenen, erzählten der Welt von ihrer Prophezeiung und machten das, was noch nicht erzählt war, zu einer leichteren Sache.
Die Lampen in einer unregelmäßig gepunkteten Linie unterhalb des Hügels winkten ihr zu ihrer Aufgabe, als die Fröhlichste derer zu erscheinen, die für den Tag atmen und einen Puls für das Morgen haben.
KAPITEL X
Um Mitternacht endete das große Abendessen zur Feier der Versöhnung von Mr. Beamish und Herzogin Susan, und unter einem sanften, heiteren Himmel nahmen die Damen mit ihrem silberhellen Geplapper der Dankbarkeit für das Vergnügen Chloe in die Arme, um sie zu küssen, was es für ihre Kavalier natürlich machte, auszurufen, Chloe sei glücklicher als alle Sterblichen. Die Herzogin zog es vor, zu Fuß zu gehen. Ihre Stimmung war erregt, und ihre Sprache roch nach ihrer Herkunft, aber die großartige fleischliche Schönheit der Frau glühte, und rufend: „Ich erkläre, ich würde in einer dieser Logen zerplatzen – gerade so, als hättet ihr mich in einen Stall gestellt!“, fächelte sie sich Wind ins Gesicht und breitete prachtvoll ihre kugelförmigen Röcke aus, begleitet von dem besiegten und gefangenen Colonel Poltermore, einem Gentleman, der offensichtlich darauf aus war, schlüpfrige Bemerkungen einzustreuen, um hier eine Prise Pulver, dort ein Streichholz zu dienen. „Bin ich das?“, hörte man sie sagen. Sie stieß gewaltige, tiefbrüstige Seufzer einer Kokette aus, die angefangen hat zu brüllen.
Bald darauf stieß ihre Stimme hervor: „Als ob ich das würde!“ Diese lebhaften Beleuchtungen der Vorgehensweise des Colonels waren eine Weide für die nachfolgenden Gruppen, bestehend aus zwei sehr vornehmen Damen, Caseldy, Mr. Beamish, einem Lord und Chloe.
„Du Mann! Oh!“, entfuhr es der Herzogin. „Was höre ich da? Ich will nicht zuhören; ich kann nicht, ich darf nicht, ich sollte nicht.“
So sagte sie es, doch ihr Kopf neigte sich, sie schenkte ihm ihr sprödes, widerwilliges Ohr, mit völliger Hingabe an die Verführungskünste seines Flüsterns, und der Lord ließ ein Gelächter erschallen. Es war ein Abendessen mit reichlich Wein gewesen, und den Liedern, die aus dem Wein aufsteigen. Die Natur wurde von unseren Mitternachts-Naturalisten entschuldigt.
Die zwei großen Damen, durch die Heftigkeit des Lachens des Adligen ermahnt, beanspruchten Mr. Beamish, sie beim Abschied von Chloe und Herzogin Susan zu begleiten.
Beim momentanen Durcheinander der Paare, das Abschieden in einer Gesellschaft eigen ist, murmelte die Herzogin zu Caseldy:
„Habe ich es gut gemacht?“
Er lobte sie für die Perfektion in ihrem Spiel. „Ich bin um drei an deiner Tür, denk daran.“
„Mein Herz klopft mir bis zum Hals“, sagte sie.
Colonel Poltermore hatte weiterhin das Privileg, sie die wenigen weiteren Schritte zu ihren Unterkünften zu führen.
Caseldy ging neben Chloe und schwieg, bis er sagte: „Falls ich das Thema noch nicht erwähnt habe...“
„Wenn es eine Anspielung auf Geld ist, lass mich heute Nacht nichts davon hören“, antwortete sie.
„Ich kann nur sagen, dass meine Anwälte Anweisungen haben. Aber meine Anwälte können dich nicht mit Dankbarkeit bezahlen. Halte mich in deiner härtesten Beurteilung meines Fehlverhaltens nicht für undankbar. Ich habe dich immer über alle Frauen geschätzt; ich tue es, und ich werde es tun; du stehst zu weit über mir. Ich fürchte, ich bin eine Zusammensetzung aus schlechtem Stoff; ich habe mir auf dem Kontinent keinen besonders guten Namen gemacht; ich beginne mich selbst zu erkennen, und im Vergleich zu dir, liebe Catherine----“
„Du sprichst zu Chloe“, sagte sie. „Catherine ist eine begrabene Person. Sie starb ohne Schmerz. Sie ist inzwischen Staub.“
Der Mann hob seine Brust. „Frauen haben keine Vorstellung von unseren Versuchungen.“
„Du bist von mir für all deine Fehler entschuldigt, Caseldy. Denke immer daran.“
Er seufzte tief. „Ja, du hast das Herz eines Christen.“
Sie antwortete: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es das eines Heiden ist.“
„Was mich betrifft“, erwiderte er, „ich bin Fatalist. Durch mein Leben hindurch habe ich mein Schicksal gesehen. Was sein soll, wird sein; wir können nichts tun.“
„Ich habe von jemandem gehört, der an einer Völlerei starb, die er voraussah, ja, verkündete, als er sich dem letzten gewünschten Bissen hingab“, sagte Chloe.
„Er wurde dazu getrieben.“
„Von innen.“
Caseldy stimmte zu; sein Verstand war getrübt, und eine noch gröbere und groteskere Veranschaulichung hätte ein ernstes Nicken und einen Seufzer von ihm erhalten. „Ja, wir werden von anderen Händen bewegt!“
„Es ist angenehm, das zu denken: und denke es morgen von mir. Willst du!“, sagte Chloe.
Er versprach es herzlich, um sie dazu zu bewegen, dasselbe von ihm zu denken.
Ihre Trennung war in keiner Weise bemerkenswert. Die hübschen Formalitäten wurden an der Tür vollzogen, und das Paar der Gentlemen ging fort.
„Es ist immer noch ganz dunkel“, sagte Herzogin Susan, zum Himmel aufblickend, und sie rannte die Treppe hinauf und sank, über die Schwäche ihrer Beine klagend, in einen Stuhl im Vorzimmer ihres Schlafzimmers, wo Chloe schlief. Dann fragte sie nach der Uhrzeit. Sie konnte ihr unterdrücktes „Oh!“ des schweren Pochen von Minute zu Minute nicht unterdrücken. Plötzlich lief sie mit schnellem Schritt in ihr eigenes Zimmer, sagend, es müsse die Schläfrigkeit sein, die sie so beeinträchtige.
Ihr Schlafzimmer hatte eine Tür zum Wohnzimmer, und von dort, wie auch von Chloes Zimmer, erreichte man den Treppenabsatz, denn das Zimmer verlief parallel zu beiden Schlafgemächern. Sie ging darin auf und ab und riss das Fenster auf, schloss es aber sofort wieder; öffnete und schloss die Tür, kehrte zurück und rief nach Chloe. Sie wollte, dass ihr vorgelesen wurde. Chloe nannte bestimmte beruhigende Bücher. Die Herzogin wählte ein Predigtbuch. „Aber wir sind alle solche schrecklichen Sünder, es ist besser, wir belästigen uns nicht spät in der Nacht.“ Sie verwarf diesen Vorschlag. Chloe schlug Gedichtbände vor. „Nur verstehe ich sie nicht, außer wenn es um Lerchen, Hahnenfuß und Heufelder geht, und das ist kein Trost für eine Frau, die brennt“, war die Antwort.
„Sind Sie fiebrig, Madam?“, sagte Chloe. Und die Herzogin fuhr sie scharf an: „Ja, Madam, das bin ich.“
Sie korrigierte sich mit einem Tonfallwechsel: „Nein, Chloe, nicht fiebrig, nur diese Luft von dir hier ist eine so aufregende Luft, wie der Arzt sagt; und sie ließen mich Wein trinken, und ich habe vor dem Abendessen gespielt -- Oh! mein Geld; ich pflegte zu sagen, ich könnte mehr bekommen, aber jetzt!“, seufzte sie – „aber es gibt Besseres auf der Welt als Geld. Das weißt du, nicht wahr, meine Liebe? Sag es mir. Und ich möchte, dass du glücklich bist; das wirst du noch sehen. Ich wünschte wirklich, wir könnten es alle sein!“ Sie weinte und sprach davon, ein wenig Musik zu benötigen, um sich zu beruhigen.
Chloe streckte die Hand nach ihrer Gitarre aus. Herzogin Susan lauschte einigen Tönen und rief, dass es ihr bis ins Herz gehe und sie verletze. „Alles, was wir sehr mögen, hat einen Zaun und ein Schild gegen Eindringlinge, wegen so vieler Leute auf der Welt“, jammerte sie. „Spiel nicht, leg das Ding weg, bitte, meine Liebe. Du bist die klügste Kreatur, die je jemand getroffen hat; das sagen alle. Ich wünschte, ich---- Schöne Frauen fangen Männer, und kluge Frauen behalten sie: Das habe ich an diesem elenden Ort sagen hören, und es ist eine schöne Aussicht für mich, neben einem Dummkopf! Ich weiß, dass ich einer bin.“
„Der Herzog verehrt Sie, Madam.“
„Armer Herzog! Lass ihn nur sein – schläft so elend mit seinem Mund so, und diesem Kinn eines Babys, als ob er von einer Spielzeugpfeife träumte. Er hätte mich nicht hierher kommen lassen sollen. Sprich von Mr. Beamish. Wie er dich vermissen wird, Chloe!“
„Das wird er“, sagte Chloe traurig.
„Wenn du gehst, meine Liebe.“
„Ich gehe.“
„Warum solltest du ihn verlassen, Chloe?“
„Ich muss.“
„Und dabei macht dich der Gedanke daran unglücklich!“
„Das tut er.“
„Du müsstest nicht, da bin ich sicher.“
Chloe sah sie an.
Die Herzogin wandte den Kopf ab. „Warum kannst du nicht fröhlich sein, wie du es am Abendbrottisch warst, Chloe? Du blühst für ihn auf wie eine Blume, wenn die Sonne über den Hügel springt; du erhebst dich wie eine Lerche im Tau; wie ich es früher tat, als ich an nichts dachte. Oh, der frühe Morgen; und ich bin schläfrig. Was für ein Tier fühle ich mich, mit meiner Pracht, und die Zeit in ein oder zwei Stunden, dass die Vögel singen, und ich bereit, umzufallen. Ich muss gehen und mich ausziehen.“
Sie stürmte auf Chloe zu, küsste sie hastig, erklärte, sie sei völlig tot vor Müdigkeit, und entließ sie. „Ich brauche keine Hilfe, ich kann mich selbst ausziehen. Als ob Susan Barley das nicht für sich selbst tun könnte! Und du kannst deine Tür schließen, ich werde heute Nacht keine Schrecknisse haben, ich bin so müde.“
„Noch ein Kuss“, sagte Chloe zärtlich.
„Ja, nimm ihn“ – die Herzogin lehnte ihre Wange an – „aber ich bin so müde, ich weiß nicht, was ich tue.“
„Es wird nicht auf deinem Gewissen lasten“, antwortete Chloe und küsste sie herzlich.
Mit diesen Worten zog sie sich zurück, und die Herzogin schloss die Tür. Sie schob sofort einen Riegel vor.
„Ich bin zu müde, um zu wissen, was ich tue“, sagte sie zu sich selbst und stand mit geschlossenen Augen da, um gewisse Gedanken zu umarmen, die ihre Brust zum Beben brachten.
Da war das Bett, da war die Uhr. Sie hatte die Wahl, sich hinzulegen und sanft in den Tag hinüberzugleiten, alle Gefahr vorbei. Es schien eine Minute lang süß. Doch bald schien es ein altes, abgenutztes Leben am Ende des Herbstes, kühl, ohne Ziel, wie etwas, das hungrig und zahnlos war. Das Bett, das unschuldigen Schlaf vorschlug, stieß sie ab und trieb sie zur Uhr. Die Uhr war furchtbar: Der Zeiger auf der Stunde, der Finger, der der Minute folgte, befahl ihr, aktiv zu werden, und trieb sie zu sanften Meditationen über das Bett. Sie legte sich angezogen hin, nachdem sie ihr Licht neben die Uhr gestellt hatte, damit sie es nach Belieben sehen konnte, und in der Überlegung, dass es notwendig sei, dass das Bett so aussehe, als sei darauf gelegen worden. Da sie auch bedachte, dass man sie beim Ausziehen herumlaufen hören sollte, stand sie vom Bett auf, um sicherzugehen, dass sie die schuldige Uhr richtig abgelesen hatte. Eine Stunde und zwanzig Minuten! Sie hatte nicht mehr Zeit als das: und es war nicht genug für ihre verschiedenen Vorbereitungen, obwohl es wahr war, dass ihr Dienstmädchen eine Kiste mit den nötigsten Dingen gepackt und mitgenommen hatte; aber die Herzogin musste ihre Schuhe und ihr Kleid wechseln und Verstecken mit den Wechseln ihres Geistes spielen, ein sedierendes Vorspiel für jeden fatalen Schritt bei Frauen ihrer Art, denn so laden sie die Unentschlossenheit ein, ihre Skrupel zu erschöpfen, und lassen dem Blut seinen Lauf. Da sie so wenig Zeit hatte, hielt sie die Sache für entschieden, und mit einiger Erleichterung warf sie sich verzweifelt auf das Bett und legte sich für immer mit ihrem Herzog nieder. Nach einer Weile war ihr Kopf damit beschäftigt, ihn streng zu bewerten, ihn nicht weniger genau einzuschätzen, als es der männliche Moralist, der ihrem Geschlecht gegenüber nachsichtig ist, tun würde. Sie verließ das Bett mit einem Sprung, um ihrem eingebildeten Gebieter zu entkommen; und als ob sie gefühlt hätte, dass er da sei, legte sie sich nicht mehr nieder. Ein ruhiges Leben wie das war flacher für ihre Vorstellung als ein hübsch gebundenes, großes Buch ohne Druck auf den Seiten und ohne Bild. Ihre Betrachtung dessen, im Kontrast zu dem Leben, das ihr die Uhr vor Augen führte, versetzte ihr ganzes System in Aufruhr; sie brannte darauf zu fliehen. Vorsorglich jedoch klopfte sie ein Kissen auf und warf die Bettdecken in eine rechte Unordnung, um die Welt wissen zu lassen, dass ihre Glieder sie gewärmt hatten und dass alles ein Impuls bei ihr gewesen war. Sie begann dann sich zu entkleiden, murmelte zu sich selbst, dass sie jetzt aufhören könne, und jetzt aufhören könne, bei jedem Schritt des Fortschritts zu einem neuen Ankleiden ihrer Person, und moralisierte über ihr seltsames Schicksal im Munde eines Beobachters. „Sie wurde plötzlich über jedermanns Kopf geschossen, und plötzlich ging sie unter.“ Susan flüsterte sich zu: „Aber es war für die Liebe!“ Besessen von der Rosigkeit der Liebe, vollendete sie ihr Werk mit einer Aufmerksamkeit für alles Notwendige, die vollkommener Gelassenheit des Geistes glich. Danach gab es nichts mehr zu tun, außer in einem Stuhl zusammengekauert zu sitzen, ihr Gesicht zu bedecken und das Ticken der Uhr zu zählen, das sagte: Ja – nein; tu – tu nicht; flieh – bleib; flieh – flieh! Es schien ihr, sie höre eine Bewegung. Nun, das mochte wohl sein bei diesem schrecklichen Herzen von ihr!
Chloe schlief, in Frieden um diese Zeit, dachte sie; und wie sie Chloe beneidete! Sie mochte so glücklich sein, wenn es ihr beliebte. Warum nicht? Aber welche Art von Glück war das? Sie verglich es mit dem einer Leiche unter der Erde und schauderte angewidert.
Susan stand vor ihrem Spiegel, um einen Blick auf die Kreatur zu werfen, um die all dieser Aufruhr war, und sie riss ihre Arme hoch zu einem trägen, nicht unlieblichen Gähnen, das in wonnigem Schaudern endete, mit dem Gefühl, dass sich die Arme ihres Geliebten um ihre Taille gewunden hatten und sie genommen hatten, während sie wehrlos war. Denn sicher würden sie das. Sie nahm einen juwelenbesetzten Ring, sein Geschenk, aus ihrer Geldbörse, küsste ihn und zog ihn auf und von ihrem Finger, ihn daran lassend. Nun durfte sie ihn tragen, ohne Angst vor Nachfragen und tugendhaften Augenbrauen. Oh, himmlisch jetzt – wenn es nur eine Stunde später wäre; und hinter galoppierenden Pferden!
Die Uhr war beim schrecklichen Moment. Sie zögerte innerlich und eilte; einmal blieben ihre Füße stecken, und fest sagte sie: „Nein“; aber die Uhr war ihr Gebieter. Die Uhr war ihr Geliebter und ihr Gebieter; und ihr gehorchend, schaffte sie es in das Wohnzimmer, unter dem Vorwand, dass sie lediglich durch das vordere Fenster sehen wolle, ob der Tag anbreche.
Wie gut kannte sie dieses Halblicht des Ebbens der Welle der Dunkelheit.
Es war seltsam genug zu sehen, wie die Häuser ihre Festigkeit vom vergangenen Tag wiedergewannen, statt stiller Felder, schwarzer Hecken und vertrauter Baumumrisse. Die Häuser wirkten nicht wach, sie schienen nur dazustehen, und das Licht war eine Offenbarung der Leere. Susans Herz war gerissen genug, ihrem Herzog die Verschiedenheit der Szene vorzuwerfen, die sie erblickte, von jener des unschuldigen, offenen Landes. Ja, es war der Morgenanbruch an einem gottlosen Ort, den sie niemals hätte besuchen dürfen. Doch wo war er, den sie suchte? Dort! Die umhüllte Gestalt eines Mannes war an der Straßenecke. Er war es. Ihr Herz erstarrte; doch ihre Glieder waren bereit, das Haus abzustreifen, die Luft zu erreichen, zu atmen und (wie ihre Gedanken liefen) in Ohnmacht zu fallen, wohlbehütet. Für ihre Sinne war das Haus ein brennendes Haus, das ihr zuschrie, sie solle entfliehen.
Dennoch schritt sie bedächtig, um in einem dämmrigen Raum trittsicher zu sein; sie tastete sich an der Wand entlang und gelangte zur Tür, wo sie beinahe über einen Fußschemel gestolpert wäre. Hier ließ sie ihr Tastsinn im Stich, denn obwohl sie wusste, dass sie nahe bei der Tür sein musste, stieß sie auf ein Hindernis, das sich nicht wie Holz anfühlte, und die Tür schien weder geschlossen noch offen zu sein. Sie konnte die Klinke nicht finden; etwas hing darüber. Kühl überlegend, bildete sie sich ein, das Ding müsse ein Kleid oder ein Morgenrock sein; es hing schwer herab. Ihre Finger nahmen die Berührung von Seide wahr; sie unterschied eine herabhängende Masse und tastete sehr vorsichtig und mechanisch daran, während sie in ihrer Angst, geräuschlos vorbeizukommen, in sich hineinsagte: „Wenn ich nur die arme Chloe, ausgerechnet sie, wecken sollte!“ Ihre Sorge war, dass die Tür knarren könnte. Bevor ein anderer Schreck ihr Gehirn traf, war die Hand, mit der sie tastete, wie gelähmt, ihr Mund stand offen, ihr Hals schnürte sich zu, der Klos stieg ihr in die Kehle, und die Anstrengung, ihn hinunterzuschlucken und Atem zu schöpfen, hielt sie von akuten Spekulationen ab, während sie erneut tastete, zwickte, an dem Ding zupfte, bereit zu lachen, bereit zu schreien. Über ihrem Kopf, ganz zur Seite, hatte das Ding ein rundes weißes Oberteil. Konnte es eine Hand sein, über die ihr Tastsinn geglitten war? Ein Arm auch! Dies war ein Arm! Sie umklammerte ihn, sich einbildend, er klammere sich an sie. Sie zog daran, um sich von ihm zu befreien, verzweifelt zog sie, und ein Klumpen sank herab, und ein Blitz all der zerrissenen Nerven ihres Körpers verriet ihr, dass ein toter menschlicher Körper auf ihr lag.
Um Viertel vor vier Uhr an einem Hochsommermorgen, wie Mr. Beamish über seinen letzten Anteil an der Geschichte der Chloe berichtet, erscholl eine Frauenstimme in durchdringenden Schmerzenslauten mit drei aufeinanderfolgenden Schreien, die von ihm in dem Augenblick vernommen wurden, als er seine Haustürschwelle verließ, in Befolgung der Vorladung des jungen Mr. Camwell, die jener zehn Minuten zuvor mit großer Dringlichkeit durch den Lakaien des Gentlemans hatte überbringen lassen. Als er die Straße des Hauses erreichte, das von der Herzogin Susan bewohnt wurde, bemerkte er viele Köpfe mit Nachtmützen an den Fenstern, und ein Fenster des betreffenden Hauses war hochgeschoben, aber leer. Sein erster Eindruck beschuldigte das Paar von Gentlemen, die er mit gezogenen Degen in keiner freundschaftlichen Haltung erblickte, einer hässlichen Rauferei, die vermutlich ihre Gnaden oder ihre persönliche Zofe, eine Frau, die zum Schreien fähig war, verschreckt hatte, denn er war sich sicher, dass es nicht Chloe gewesen sein konnte, die am wenigsten dazu neigte, sich dem Gebrauch ihrer Waffen entweder in Schrecken oder in Gefahr hinzugeben. Die Kontrahenten waren Mr. Camwell und Graf Caseldy. Als er sich ihnen näherte, steckte Mr. Camwell seinen Degen ein und sagte, seine Arbeit sei getan. Caseldy war derart von Zorn geschüttelt, dass die Rolle eines Vermittlers gefährlich wurde. Es hatte Stöße zwischen ihnen gegeben, und Caseldy rief laut, dass er das Blut seines Feindes wolle. Die Nachtwache war nirgends zu sehen. Bald jedoch halfen einige Ladenbesitzer und ihre Lehrlinge Mr. Beamish, den Frieden zu wahren, ungeachtet der Wut Caseldys und der Provokationen – „nicht leicht zu ertragen“, sagt der Chronist –, die er dem jungen Camwell bot. Letzterer sagte zu Mr. Beamish: „Ich wusste, dass ich ihm nicht gewachsen sein würde, also schickte ich nach Ihnen“, was bei seinem Freund Erstaunen hervorrief, insofern er von der natürlichen Tapferkeit des Jünglings überzeugt war.
Mr. Beamish war im Begriff, eine Zurechtweisung an beide gleichermaßen zu richten, da er keinerlei Verdacht auf einen anderen Grund für den Alarm hegte als diesen offenkundigen Ausbruch einer Rivalität, die er den Reizen Chloes zugeschrieben hätte, als die Haustür für sie aufschwang und die Zimmerwirtin des Hauses, die Hände weit von sich gestreckt, sie anflehte, zur armen Dame hinaufzulaufen: „Oh, sie ist tot; sie ist tot, tot!“
Caseldy stürzte an ihr vorbei.
„Wie, tot! gute Frau?“, fragte Mr. Beamish sie höchst ungläubig, halb lächelnd.
Sie antwortete unter ihrem Jammern: „Tot durch den Hals; von der Tür weg – Oh!“
Der junge Camwell presste die Stirn, mit einem Ruf an den Namen seines Schöpfers. Als sie das Treppenpodes erreichten, kam Caseldy aus dem Wohnzimmer.
„Welche?“, sagte Camwell zum Ausdruck seines Gesichts.
„Sie!“, sagte der andere.
„Die Herzogin?“, rief Mr. Beamish aus.
Doch Camwell ging in das Zimmer. Er hatte nach dieser Antwort nichts mehr zu fragen.
Die Gestalt, die auf dem Boden ausgestreckt war, war mit einem Laken bedeckt. Der junge Mann fiel in seiner ganzen Länge daneben, und sein Gesicht war nach unten gerichtet.
Mr. Beamish berichtet: „Bis auf diesen Tag, da ich in einem Abstand von fünfzehn Jahren schreibe, habe ich das tragische Frösteln jener Stunde im Blut, und ich erblicke die gehüllte Gestalt der bewundernswertesten aller Frauen, deren Herz von einem treulosen Mann gebrochen wurde, ehe sie ihren Lebensrest der Aufgabe widmete, einen Schwächeren als sich selbst auf dem Abstieg ins Verderben aufzuhalten. Darin war es ihr wohltätig gewährt, den Dienst zu leisten, um den sie durch ihren Tod flehte. Sie starb, um zu retten. In einem letzten Brief, der auf ihrem Nadelkissen gefunden und unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegenüber den hauptsächlich betroffenen Parteien an mich adressiert war, nimmt sie das gesamte Geständnis der unglücklichen Herzogin vorweg. Ja, sie prophezeit: ‚Die Herzogin wird Ihnen wahrheitsgemäß sagen, dass sie genug von der Liebe hat!‘ Diese tatsächlichen Worte wurden mir von der armen Dame täglich wiederholt, bis ihr Gemahl eintraf, um den Trauerzug anzuführen und dabei zu helfen, die zerrüttete Gesundheit seiner Frau wieder in einen Zustand zu pflegen, der sie für die Reise tauglich machen sollte. Mir gegenüber zumindest wiederholte sie beständig: ‚Nicht mehr von der Liebe!‘ An ihrem Verhalten gegenüber ihrem Herzog kann ich beurteilen, dass sie aufrichtig war. Sie sprach davon, Chloes Augen durch sich hindurchgehen zu spüren bei jedem ihrer Worte, an die sie sich erinnerte. Auch war das Ende Chloes nicht weniger wirkungsvoll auf den Verräter. Er war im Zug zu ihrem Grab. Er sprach mit niemandem. Es gibt eine Zeile des Verses mit der Überschrift ‚Meine Gründe zu sterben‘, die zeigt, dass sie besorgt war, die Sicherheit von Mr. Camwell zu gewährleisten:
Ich sterbe, weil mein Herz tot ist, Um eine Seele vor Sünde zu warnen, sterbe ich: Ich sterbe, damit kein Blut vergossen werde, etc.
Sie fürchtete, er würde irgendwo auf der Straße sein, um die Flüchtenden zu stören, und sie kannte ihn, wie er sich in der Tat selbst kannte, als keinem gewachsen, der in den ausländischen Tricks des Stahls geschult war, auch wenn er bereit war, den Weg des Verräters zu bestreiten. Sie erinnert sich an Mr. Camwells Bitte um die verknotete seidene Schnur in ihrem Wunsch, dass sie von ihrem Hals abgeschnitten und ihm gegeben werde.“
Mr. Beamish verfällt in Verse über dem Grab von Chloe. Sie sind von einer Art, die das Gefühl abkühlt. Aber wenn wir einen Mann finden, der gewöhnlich von schnellster Empfänglichkeit für Lächerlichkeit wie auch für das Schickliche ist, unbekümmert um Bloßstellung, können wir über die Wahrhaftigkeit des Gefühls nachdenken, durch die er dazu gezogen wird, seine eigene Deckung zu durchbrechen und in seiner Nacktheit hervorzutreten; etwas von der Zunge des Dichters mag uns durch sein sterbliches Stottern zueilen, selbst wenn wir zugeben müssen, dass ein Zitat Pathos zerstreuen würde.
Der Kauf von Heringen war abgeschlossen, und Mr. Tinman schritt über den Kieselwall zum Haus am Strand. Er war ein recht frisch aussehender Mann mit sächsischem Teint, der aus der Ferne gutmütig wirkte. Dass er bei seinem täglichen Kampf mit dem Wein ein solches Äußeres bewahren konnte, war ein Beweis für große körperliche Vitalität. Sein Tempo war gemächlich, wie es auf Kieselsteinen auch sein musste, wo bei jedem Schritt ein halber verloren geht; zudem war er sich eines allgemeinen Raunens bei seinem Abgang bewusst, das auf eine tadelnde Versammlung hindeutete. Warum sollte er nicht selbst für sich einkaufen? Er verlieh seiner zurückweichenden Gestalt Würde, als Antwort auf das innere Verhör. Der Moment war einer, in dem ein Mann von bewusster Rechtschaffenheit einen Schweif zur rechten Zurschaustellung haben sollte. Philosophen haben auf die Macht des menschlichen Antlitzes aufmerksam gemacht, reine Tugend auszudrücken, doch kaum ist es vorüber, scheint der aufrechte Geist im Inneren hilflos. Die Breite unserer Schultern wird anscheinend dargeboten, damit unsere Kritiker darauf schreiben können. Ein bloßes Gefühl moralischen Wertes leistet schlechte Arbeit, um das Fehlen von Merkmalen auf dem schlichten, flachen Rücken zu ersetzen. Wir stehen darin unter den Tieren. Wie spracherfüllt ist doch ein Hund hinter sich! Jeder hat es bemerkt. Lässt ein Hund von einem feindseligen Kreis ab, so verteidigt ihn sein straffer und wachsamer Schwanz nicht nur, er droht; er ist eine Waffe. Dem Menschen bleibt keine Wahl, als zu wallen und zu sieden oder sich lächerlich zu versteifen. Da er das öffentliche Urteil über sein Einkaufen kannte – denn Männer können hinter ihren Rücken sehen, auch wenn sie nichts haben, womit sie sprechen könnten –, glich Tinman jenen prinzipientreuen Personen, die es ablehnen, für ein „Gott segne Euer Gnaden!“ einer geschwätzigen Bettelfrau zu zahlen, und das Gegenteil davon ernten, nachdem sie vorbeigegangen sind. Er war empfindlich genug, um zu fühlen, dass sein Rücken wie auf einer Schiefertafel bekritzelt wurde. Die einzige Bemerkung, die ihm folgte, war: „Da geht er!“
Er ging zum seewärtigen Tor des Hauses am Strand, das in eine niedrige Feuersteinmauer eingelassen war, wo er von seiner Schwester Martha empfangen wurde, der er den Korb reichte. Anscheinend nannte er die Kosten seines Einkaufs pro Dutzend. Sie berührte den Fisch und drückte die Bäuche der obersten, vielleicht um sie zärtlich nach ihrem Rogen zu befragen. Dann verschwand das Paar aus dem Blickfeld. Kurz darauf verbreiteten Heringe ihre Gerüche durch die Schornsteine von ganz Crikswich, und so viel Eintracht und festliche Einigkeit herrschte unter den Bewohnern.
Das Haus am Strand war, so nimmt man an, wegen der Aussicht auf das Meer dort platziert worden, von der es sich jedoch abgewandt hatte, um über ein Stück Gras und Salzschorf hinweg der Stadt zuzublicken, wie ein quadratischer und verächtlicher Korporal, der eine ewige Inspektion eines tollpatschigen Rekrutentrupps vornahm. Das Meer erfreute es nicht, das Land ebenso wenig. Die Marine Parade, die ihm zur Linken gegenüberlag, beschattete kränkliche Augen unter einem abgewetzten grünen Vordach vor einer Sonne, die nur selten erschien, so wie die Verleumder von alten Jungfern behaupten, diese seien stets auf der Hut vor dem, der nicht kommt. Belle Vue Terrace starrte aus glanzlosen Glasscheiben ohne Zurückhaltung, unbeschämt ob ihres gelben Teints. Ein gähnendes Wirtshaus, das sich neuerdings Hotel nannte, wich einen Schritt zurück. Villen mit Namen von Königtum und blutigen Schlachten beanspruchten fünf Fuß Garten und blähten sich in Erkern neben anderen Villen auf, die sich fest zusammenzogen und zur Aufmerksamkeit eine anständige Geradlinigkeit und unaufdringliche Wohlanständigkeit bevorzugten. Auf einer erhöhten Wiese zur Rechten lag der Crouch. Die Elba-Halle schmiegte sich weiter in Richtung der Klippe zwischen wettergegerbten Zwerghölzern. Kahlheit, Charakterlosigkeit, Leere, Klebrigkeit und Schorfigkeit bildeten den äußeren Ausdruck einer Stadt, in die die Menschen im Sommer vernünftigerweise gerne aus London kamen, denn in Crikswich gab es nichts, was das nackte Streben nach Gesundheit hätte ablenken können. Das Meer warf seine regenerierende Sole dem entschlossen schnuppernden Tier entgegen, das sich mit einem Appetit an seine Mahlzeiten begab, der ihn herzlich lobend über den Ort sprechen ließ, ungeachtet gewisser unverhohlener Schwaden von Abwässern, die von einer offenen Deponie auf der Gemeindewiese kamen, um sich mit der Sole zu vermischen. Die Überlieferung erzählte von einem französischen Ehepaar, das in die Stadt kam, um für einen Monat Quartier zu nehmen, und das am nächsten Tag ein Boot vom Ufer nahm, wobei sie zu einem seefahrenden Veteranen der Küstenwache, den sie wegen des Wetters konsultiert hatten, in ihrem schwachen Englisch sagten: „Es ist besser zis zan zat“, während sie zwischen rauer See und leichenhaftem Land die Achseln zuckten. Und sie wurden nicht wieder gesehen. Ihre Bedeutung kannte niemand. Nachdem sie ihre Rechnung im Logierhaus bezahlt hatten, wurde ihr Verhalten als systematische Verrücktheit abgetan. Engländer kamen nach Crikswich wegen der reinen salzigen Seeluft, und sie erwarteten nicht, dass sie für sie gekocht, hergerichtet und dekoriert wurde. Wenn diese Dinge der Natur angetan werden, hat man nicht mehr die Natur, sondern etwas Französisiertes. Diese Franzosen wollen Neptuns Bart stutzen! Nur warten Sie, und Sie werden sicher Abwechslung in der Natur finden, mehr als Ihnen lieb sein mag. Sie werden sie in Neptun finden. Was sagen Sie zu einem Bruch der Ufermauer und einer Überflutung der aromatischen Grasfläche, die sich vom Haus am Strand bis zu den schwankenden Terrassen, Villen, Hütten und dem durch sein Schild zum Hotel verwandelten Wirtshaus entlang der Front der Stadt erstreckt? Ein solches Ereignis hatte sich einst zugetragen und dem Haus am Strand den schweren Stoß versetzt, den nur der große Neptun in seinem Zorn geben kann. Aber viele Jahre waren vergangen. Buhnen waren errichtet worden, um ihn abzufangen und umzuleiten. Er verrichtete sein winterliches Unheil meist an einer Mühle und den Salzmarschen weiter westlich. Mr. Tinman war immer äußerst eifrig darin gewesen, die Ausgaben der Gelder, die die Stadt erübrigen konnte, für den Schutz des Ufers zu fördern, gleichsam zur Besänftigung oder zum Trotz gegen den Meeresgott. Es gab einen freundlichen Scherz unter den Ratsbrüdern über ihn zu diesem Thema. Er konterte mit dem Scherz, dass das erste, worauf Engländer achten müssten, Englands Verteidigung sei.
Doch es taugt nicht, zu sehr in unseren Friedenszeiten zu schwelgen, für die wir solch prächtige Opfer bringen. Der Frieden, bis auf das Auftreten einer deutschen Blaskapelle, die die Ruhe der Stadt in Abständen störte, hatte den Bewohnern von Crikswich, innen wie außen, die Ähnlichkeit mit seinem vollkommensten Abbild verliehen, zusammen mit, das muss man gestehen, einem Grad an Nervosität, der alltägliche Ereignisse mit einigen der Schrecken des Jüngsten Gerichts behaftete, als eines Nachts, kurz nach dem Verstreichen der Frühlings-Tagundnachtgleiche, etwas geschah.
KAPITEL II
Eine Kutsche hielt mitten im Schein des Kerzenlichts, das unregelmäßig und schwach auf der windigen Schwärze außerhalb der offenen Werkstatt von Crickledon, dem Tischler, gegenüber dem Strand tanzte. Man erkundigte sich nach Mr. Tinmans Haus. Crickledon hörte mit dem Hobeln auf; halb über das Brett gebeugt, brüllte er: „Rechts abbiegen; geradeaus; das können Sie nicht verfehlen.“ Er nickte einem der Kumpane zu, der damit beschäftigt war, seine Arbeit zu beobachten: „Es sei denn, sie wollen Köder für Wittlinge sein. Wer mag wohl für Tinman sein?“ Die Spekulationen von Crickledons Freunden gingen im Kreischen des Hobels unter.
Einer warf einen Blick durch die Tür und bemerkte, dass die Kutsche noch immer dort stand. „Der Herr ist ausgestiegen und zu Fuß gegangen“, sagte Crickledon. Er wurde darüber informiert, dass jemand im Inneren sichtbar sei. „Des Herrn Frau, vielleicht“, sagte er. Seine Freunde frönten ihrem Vorrecht, zu denken, was sie wollten, und es herrschte das übliche Schweigen der Zungen in der Werkstatt. Er lieferte ihnen Geräusch und Bewegung zu ihrer Unterhaltung, und hin und wieder ein wenig Unterhaltung; und die gesetzteren Gemüter, die in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnten, waren es gewohnt, bis zur Abendbrotzeit hereinzukommen und ihm bei der Arbeit zuzusehen, anstatt ihre Zuflucht zu der trüberen und kostspieligeren Aufregung des Wirtshauses zu nehmen.
Crickledon sah vom Messen einer Richtschnur auf. Im Türrahmen stand ein bärtiger Herr, der sich mit dem überraschenden Ausruf ankündigte: „Hier ist ein schöner Schlamassel!“ und hastete, um einem Mann Platz zu machen, der ihnen wohlbekannt war als Ned Crummins, der Gehilfe des Polsterers, auf dessen Rücken ein Möbelstück hing, dessen Zustand er mit einer knappen Kürze des Humors, die literarische Bewunderung verdient, dadurch zur Schau stellte, dass er sich stumm umdrehte, als er eintrat.
„Zertrümmert!“ war der allgemeine Aufschrei.
„Ich bin voll in ihn hineingerannt“, sagte der Herr. „Wer zum Teufel! – keine Knochen gebrochen, das ist immerhin etwas. Der Kerl – da, sehen Sie ihn an: Er ist wie eine Glasschildkröte.“
„Es ist ein Chiffonier-Spiegel“, bemerkte Crickledon und legte einen Finger auf den Stern in der Mitte.
„Der Herr ist voll in mich hineingerannt“, sagte Crummins und stellte den Rahmen auf dem Werkstattboden ab.
„Ich habe noch nie in meinem Leben so einen Schock gehabt“, fuhr der Herr fort. „Beim Himmel, ich hielt ihn für eine Tür: das tat ich wirklich. Eine Art Licht blitzte aus einem Ihrer Häuser hier auf, und in der stockfinsteren Nacht dachte ich, ich sei an der Tür von altem Mart Tinman, und verdammt noch mal, wenn ich nicht hineingerannt wäre – Krach! Aber was zum Teufel machen Sie, man, dass Sie des Nachts einen so großen Spiegel tragen? Und schauen Sie hier, sagen Sie mir; wie kam es, dass Sie mit der Glasseite voran gingen, als Sie das Glas auf dem Rücken hatten?“
„Nun, das ist nicht meine Schuld, das weiß ich“, erwiderte Crummins. „Ich bin so vorsichtig gekommen, wie ein Mann nur kann. Ich wollte gerade zu Master Tinman brüllen: ‚Ich kenne den Weg, keine Sorge‘; denn ich glaube, ich höre ihn aus seinem Haus rufen: ‚Sehen Sie den Weg?‘, und in mich rennt dieser Herr mit aller Macht, und krach geht das Glas. Ich war gerade zehn Schritte von Master Tinmans Tor entfernt und so vorsichtig, ich habe jeden Fuß, den ich setzte, gezählt, das habe ich; ich weiß, dass ich das tat.“
„Warum, ich war es, der rief: ‚Ich kann den Weg beim besten Willen nicht sehen.‘“
„Sie haben mich gehört, Sie Esel!“ erwiderte der bärtige Herr. „Was hatte es für einen Sinn, dass Sie das Glas genau in dem Moment gegen mich drehten, als ich auf Sie zugestürmt kam?“
„Nun, das ist nicht meine Schuld, ich schwöre es“, sagte Crummins. „Der Wind fängt Stimmen in einer stockfinsteren Nacht so ein, man kann nie sagen, ob sie auf der einen oder der anderen Schulter sind. Und wenn ich meinen Platz verlieren soll, ohne dass es meine Schuld ist…“
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, mein Herr, dass ich den Schaden bezahle? Hier“, sagte der Herr und nestelte an seiner Weste, „hier, nehmen Sie diese Karte. Lesen Sie sie.“
Zum ersten Mal während der Szene in der Tischlerwerkstatt schwoll eine gewisse Wichtigtuerei in den Tonfall des Herrn an. Das Überreichen der Karte schien auf ihn zu wirken wie das Trompetensignal vor großen Männern.
„Van Diemen Smith“, verkündete er sich zur Unterstützung von Ned Crummins bei seiner Aufgabe; der traurige Blick des Letzteren beim Empfang der Karte schien ein ungebildetes Gewissen zu verraten.
Eine besorgte weibliche Stimme war dicht neben Mr. Van Diemen Smith zu hören.
„Oh, Papa, gab es einen Unfall? Bist du verletzt?“
„Kein bisschen, Netty; kein bisschen. Nur in der Dunkelheit in einen großen Spiegel gelaufen, das ist alles. Eine Angelegenheit von acht oder zehn Pfund, und das wird uns nicht umhauen. Aber das nenne ich sonderbare Zustände im alten England, wenn man an der Meeresküste im Dunkeln keinen Schritt tun kann, ohne krachend in ein Glas zu stürzen. Und es sieht nach Pech für meinen Besuch bei dem alten Mart Tinman aus.“
„Können Sie“, wandte er sich an die Anwesenden, „mir ein sauberes, gesundes Logierhaus nennen? Ich hatte überlegt, mich mit Sack und Pack auf euren Bürgermeister oder was auch immer er ist – mein alter Schulkamerad – zu stürzen; aber dieser Anfang gefällt mir nicht besonders. Ein paar Schlafzimmer und ein Wohnzimmer; saubere Bettwäsche, gut gelüftet; gutes Essen, gut gekocht; Bezahlung pro Woche im Voraus.“
Der Kiesel, der in tiefes Wasser fällt, spricht von dessen Tiefe durch die verspätete Ankunft von Blasen an der Oberfläche, und ebenso verfolgte die sehr einfache Frage von Mr. Van Diemen Smith ihren Weg der Durchdringung im versammelten Geist in der Tischlerwerkstatt über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg, ohne ein Anzeichen dafür, dass sie den Boden erreicht hätte.
„Können wir nicht sicher in ein Gasthaus gehen? Es muss doch irgendein Hotel geben“, sagte seine Tochter.
„Es gibt gute Unterkunft im Cliff Hotel gleich hier in der Nähe“, sagte Crickledon.
„Aber“, sagte einer seiner Freunde, „wenn Sie nicht so weit gehen wollen, mein Herr, gibt es Master Crickledons eigenes Haus nebenan, und seine Frau vermietet Zimmer, und es gibt keine bessere Köchin an dieser Küste.“
„Warum hat der Mann das dann nicht erwähnt? Hat er Angst, mich aufzunehmen?“ fragte Mr. Smith ein wenig donnernd. „Ich mag in England noch nicht sehr bekannt sein; aber ich sage Ihnen, fragen Sie mal nach dem Weg zu Mr. Van Diemen Smith dort drüben in Australien.“
„Ja, Papa“, unterbrach ihn seine Tochter, „nur musst du bedenken, dass es vielleicht nicht gelegen kommt, uns zu dieser Stunde aufzunehmen – so spät.“
„Das ist es nicht, Miss, um Verzeihung bittend“, sagte Crickledon. „Ich mache es mir zur Regel, niemals mein eigenes Haus zu empfehlen. Das ist es, wo es liegt. Ansonsten sind Sie willkommen, es bei uns zu versuchen.“
„Ich dachte daran, bei meinem alten Schulkameraden einzufallen und die altenglische Gastfreundschaft auf die Probe zu stellen“, sinnierte Mr. Smith. „Aber es ist spät. Ja, und dieses verdammte Glas! Nein, wir bleiben bei Ihnen, Mr. Tischler. Ich werde meine Karte morgen zu Mart Tinman schicken und ihn bei seinem Frühstück aus der Fassung bringen.“
Mr. Van Diemen Smith winkte mit der Hand, damit Crickledon voranging.
Daraufhin blickte Ned Crummins von der Karte auf, die er immer und immer wieder gewendet hatte, mehr und mehr wie jemand, der zu einem verurteilenden Urteil über einen Fisch gelangte.
„Ich kann nicht hingehen und meinem Meister eine Karte statt seines Glases geben“, bemerkte er.
„Ja, das erinnert mich daran; und ich würde gerne wissen, was Sie sich dabei gedacht haben, dieses Glas des Nachts aus Mr. Tinmans Haus wegzubringen“, sagte Mr. Smith. „Wenn ich dafür bezahlen soll, habe ich ein Recht darauf, es zu wissen. Was hat es zu bedeuten, es bei Nacht zu bewegen? Eh, lassen Sie hören. Nacht ist nicht die Zeit, um solche großen Spiegel zu bewegen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da keinen Fall habe.“
„Wenn Sie mit mir zu meinem Meister herüberkommen würden, mein Herr“, sagte Crummins, „vielleicht kann er es erklären.“
Crummins wurde aufgefordert anzugeben, wer sein Meister sei, und er antwortete: „Phippun und Kompanie“; aber Mr. Smith weigerte sich kategorisch, mit ihm zu gehen.
„Aber hier“, sagte er, „ist eine Krone für Sie, denn Sie sind ein höflicher Kerl. Sie werden wissen, wo Sie mich am Morgen finden können; und denken Sie daran, ich werde von Phippun und Kompanie erwarten, dass sie mir eine sehr gute Erklärung für ihren Grund geben, einen großen Spiegel in einer Nacht wie dieser zu bewegen. Da, machen Sie sich davon.“
Das Kronenstück in seiner Hand bewirkte eine freundliche Veränderung in Crummins’ Bereitschaft zur Kommunikation. Crickledon sprach ihn auf das Glas an; zwei oder drei der anderen Anwesenden stupsten ihn an. „Was wollte Mr. Tinman denn damit, dass das Glas so spät am Tag bewegt wurde, Ned? Dein Meister war doch nicht nervös wegen seines Eigentums, oder?“
„Nicht er“, sagte Crummins, und begann seine Unterlippe einzusaugen und seine Augenlider zu bewegen und unruhig dazustehen – glimmende Anzeichen für das Einsetzen der Flut der Erzählung.
Er fing den Blick von Mr. Smith ein, dann blickte er beschämt zu Miss hinüber.
Crickledon sah sein Dilemma. „Sag, was dir obenan liegt, Ned; mach dir nichts daraus, wie du es sagst. Englisch ist Englisch. Mr. Tinman hat nach dir geschickt, damit du das Glas wegholst, nicht wahr?“
„Das hat er“, sagte Crummins.
„Und du bist zu ihm gegangen.“
„Ja, das bin ich.“
„Und er hat dir den Chiffonier-Spiegel auf den Rücken geschnallt.“
„Das hat er getan.“
„Das ist alles klar wie Kloßbrühe. Hat er das Glas gekauft?“
„Nein, er hat es nicht gekauft. Er hat es gemietet.“
Wie wenn Leute bei einem erzwungenen Besuch beim Zahnarzt einen Zahn gezogen bekommen haben und die verbleibenden Übeltäter bereitwilliger der Operation unterzogen werden, sodass eine dichterische Freiheit die Behauptung wagen könnte, sie verlören sie wie Blätter vom Baum, so bot Crummins, der vor dem Sprechen zurückgeschreckt war, nun ganze Sätze hintereinander an, und wie wichtig sie von seinem Stadtgenossen, Mr. Smith, und besonders von Miss Annette Smith erachtet wurden, konnten sie an ihren Ausrufen sehen, bevor sie selbst in den starken Strom des Interesses gezogen wurden.
Und das war die Sache: Tinman hatte den Spiegel für drei Tage gemietet. Ziemlich spät, gleich am ersten Tag der Miete, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, hatte er dringende Befehle an Phippun und Kompanie geschickt, das Glas auf der Stelle aus seinem Haus zu entfernen. Und warum? Weil, wie er behauptete, ein Fehler im Glas sei, der eine unpassende und absurde Spiegelung verursache; und er erwartete in diesem Augenblick die Ankunft eines anderen Chiffonier-Spiegels.
„Schieß los, Ned“, sagte Crickledon.
„Was zum Teufel will er überhaupt mit einem Chiffonier-Spiegel?“, rief Mr. Smith, der den Fluss der Geschichte gefährdete, indem er dem Erzähler vorschlug, er müsse „zurückrudern“, was für ihn gleichbedeutend war mit dem Überspringen eines Abgrunds rückwärts. Glücklicherweise hatte sein Gehirn ein Bild erfasst:
„Mr. Tinman, er steht da in seinem besten Hofstaat-Anzug.“
Mr. Tinmans alter Schulkamerad machte einen Sprung; und kein Wunder.
„Stehend?“, rief er; und da der Akt des Stehens wirklich nicht außergewöhnlich war, fixierte er sich auf den Anzug: „Hofstaat?“
„So hat Mrs. Cavely mir gesagt, es war das, worin er dastand, und so wie ich ihn fand, habe ich ihn verlassen“, sagte Crummins.
„Er steht jetzt darin?“, sagte Mr. Van Diemen Smith mit einem großen Staunen.
Crummins wiederholte stur die Aussage. Viele hätten sie beim Wiederholen ausgeschmückt, aber er war für die nackte, flache Wahrheit.
„Er muss verdammt stolz darauf sein, einen Hofstaat-Anzug zu haben“, sagte Mr. Smith und starrte seine Tochter so glasig an, dass sie lächelte, obwohl sie ungeduldig darauf wartete, zu Mrs. Crickledons Logis zu gehen.
„Oh! da liegt also der Hund begraben?“, warf der Tischler mit einem lustigen Stirnrunzeln bei einem leisen Wort von Ned Crummins ein. „Er übt, oder? Mr. Tinman übt vor dem Spiegel in Vorbereitung darauf, dass er zum Palast in London geht.“
„Er hat mir einen Schilling gegeben“, sagte Crummins.
Crickledon begriff ihn sofort. „Wir werden nicht darüber sprechen, Ned.“
Was hast du gesehen? wurde so vorsichtig nahegelegt.
Der Schilling lag auf Crummins’ Zunge, um seinen Verrat an der geheimen Szene zu zügeln. Aber in der Erinnerung, dass er sie nur durch Zufall beobachtet hatte und dass Mr. Tinman ihn nicht vollständig in sein Vertrauen gezogen hatte, steckte er die Hand in die Tasche, um das Kronenstück zu befühlen, das in Gemeinschaft mit der Münze lag, die es fünfmal vervielfachte, und wurde dazu inspiriert zu denken, er sei frei zu sagen: „Alles, was ich sah, war, als die Tür aufging. Nicht die Haustür. Es war die Wohnzimmertür. Ich sah ihn auf das Glas zugehen und vom Glas zurückgehen. Und als er beim Glas angekommen war, verbeugte er sich, das tat er, und er ging rückwärts, genau so.“
Zweifellos war die Anwesenheit einer Dame der aktive Faktor, der Crummins daran hinderte, seinen Körper ganz zu krümmen und mehr als eine flüchtige Andeutung der Haltung von Mr. Tinman bei seinem Rückzug vor dem Spiegel zu geben. Aber es war ein flüchtiger Blick auf grobe Burleske, und obwohl er von den Männern in der Tischlerwerkstatt mit ziemlicher Nüchternheit aufgenommen wurde, zupfte Annette an ihres Vaters Arm.
Sie konnte ihn nicht zum Gehen bewegen. Dieses Bild seines alten Schulkameraden Martin Tinman, der vor einem Chiffonier-Spiegel übt, um sich im Palast in seinem Hofstaat-Anzug zu präsentieren, schien seine australische Intelligenz zu verblüffen.
„Welches Recht hat er, bei Hofe zu erscheinen?“, erkundigte sich Mr. Van Diemen Smith wie der Ausländer, der er durch das Exil geworden war.
„Mr. Tinman ist der Vogt der Stadt“, sagte Crickledon.
„Und was war sein Einwand gegen das Glas, das ich zerschlagen habe?“
„Er ist ein ziemlich reizbarer Herr“, murmelte Crickledon und wandte sich an Crummins.
Crummins knurrte: „Er sagte, es sei neblig und gebe ihm einen Dreh.“
„Was für ein großer Narr er doch sein muss! eh?“ Mr. Smith warf einen Blick auf Crickledon und die anderen Gesichter, um das Urteil von Tinmans Stadtgenossen über seinen Charakter zu erfahren.
Sie hatten Gründe, anders über Tinman zu denken.
„Er ist kein Narr“, sagte Crickledon.
Ein anderer schüttelte den Kopf. „Scharf bei einem Geschäft.“
„Das ist er“, sagte der Chor.
Mr. Smith wurde darüber informiert, dass Mr. Tinman wahrscheinlich damit enden werde, die halbe Stadt aufzukaufen.
„Dann“, sagte Mr. Smith, „kann er es sich leisten, die Hälfte des Geldes für dieses Glas zu bezahlen, und bezahlen wird er.“
Eine ernste Sicht auf die jüngste Katastrophe wurde durch seine Erklärung dargeboten.
Während eines Gesprächs über die Kosten des Glases, bei dem die Stadtbewohner von Mr. Tinman zu begreifen begannen, dass in der von Crummins bezeugten Szene Stoff für etwa ein Jahr Gelächter steckte, wenn sie ihr Recht auf das Lachen nur ein wenig aufschoben und es in Dosen genossen, bewog Annette ihren Vater, Crickledon seine Bereitschaft zu signalisieren, die Unterkunft zu besichtigen. Kaum hatte er es getan, sagte er: „Was um alles in der Welt hat uns hier so lange warten lassen? Ich habe Hunger, mein Kind; ich möchte zu Abend essen.“
„Das liegt daran, dass du eine Enttäuschung erlebt hast. Ich kenne dich, Papa“, sagte Annette.
„Ja, das mit dem alten Mart Tinman ist ein ziemlicher Dämpfer“, stimmte ihr Vater zu. „Oder aber ich habe mich von dem Schock, das Glas zertrümmert zu haben, noch nicht erholt und lasse es an ihm aus. Aber bei meiner Ehre, er ist mein einziger Freund in England, ich habe keinen einzigen Verwandten, von dem ich wüsste, und wenn man kommt und feststellt, dass der einzige Freund sich wie ein Esel aufführt, dann reicht das, um einen Mann ans Essen und Trinken denken zu lassen.“
Annette murmelte vorwurfsvoll: „Wir können doch kaum sagen, dass er unser einziger Freund in England ist, Papa, oder?“
„Meinst du diesen jungen Kerl? Du verdirbst mir den Appetit, wenn du von ihm redest. Er ist ein Fremder. Ich glaube nicht, dass er einen Pfennig wert ist. Er gibt zu, dass er das ist, was er einen Journalisten nennt.“
Diese letzten Bemerkungen wurden hastig an der Schwelle zu Crickledons Haus ausgetauscht.
„Es sieht nicht vielversprechend aus“, sagte Mr. Smith.
„Ich habe es nicht empfohlen“, sagte Crickledon.
„Warum zum Teufel vermieten Sie dann Ihre Zimmer?“
„Leute, die einmal gekommen sind, kommen wieder.“
„Oh! Ich bin in England“, seufzte Annette freudig und fühlte sich bei einer Eigenschaft, die sie bei Crickledon entdeckt hatte, wie zu Hause.
KAPITEL III
Die Geschichte von dem zerbrochenen Chiwal-Glas und dem Besuch von Tinmans altem Schulkameraden, der gerade aus Australien gekommen war, lag auf manchem Frühstückstisch, bevor Tinman ein Wort davon hörte, und als er es hörte, hatte er keine Zeit für solche Zwischenfälle, denn er las seiner verwitweten Schwester Martha mit beeindruckendem Tonfall, in einer ziemlich hohen Stimmlage und mit einer unterdrückten Erregung vor, die alle äußeren Dinge so heftig aus seinem Geist schüttelte, wie sie seinen Körper erschütterte. Nicht die Wellen draußen, sondern die Maschine im Inneren ist es, die dem klapprigen Dampfer den Stoß und das Beben verleiht und ihn zwingt, durch die Wellen zu schneiden und sie in Gischt zu zerstäuben; und so machte Martin Tinman sich wenig aus dem äußeren Angriff der Visitenkarte von VAN DIEMEN SMITH und ihrer mit Bleistift geschriebenen Zeile: „Ein alter Kumpel von dir, was, Kumpel?“ Selbst die Mitteilung von Phippun & Co. bezüglich des Chiwal-Glases konnte ihn nicht von seiner besonderen Aufgabe ablenken. Es war in der Tat eine öffentliche Pflicht; und das Chiwal-Glas, obwohl es dazu gehörte, war eine private Angelegenheit. Wer das Glas zerbrochen hat, der soll dafür bezahlen, verkündete er – zweifellos in einfacherer Art, da er in seinem Heim ungestört war, aber mit der Gelassenheit eines Erhobenen. Was den Namen VAN DIEMEN SMITH betraf, so kannte er ihn nicht, und so sagte er es sich selbst, während er sich genau an die Identität des alten Kumpels erinnerte, der als einziger Mensch auf die Idee gekommen wäre, „was, Kumpel?“ zu schreiben.
Mr. Van Diemen Smith überreichte die Karte nicht persönlich. „Bei Crickledon’s“, schrieb er und erwartete anscheinend, dass der Stadtvogt zu ihm herüberstürzen würde, ohne zu wissen, wer er war.
Tinman war viel zu beschäftigt. Jeder kann eine klare Handschrift oder Druckbuchstaben lesen, aber bitten Sie jemanden, der kein Kabinettsminister oder Hofbeamter ist, in einem Palast vor einem Thron laut und deutlich vorzulesen. Oh! Das Wesen des Lesens ist im Nu verzerrt, und wie Tinman zu seiner werten Schwester sagte: „Ich kann es, aber ich darf keine Zeit bei der Vorbereitung verlieren.“ Und bei einem erneuten Durchlesen teilte er ihr mit: „Ich muss mich daran gewöhnen.“ Zu diesem Zweck hatte er den Anzug über Nacht angezogen.
Die Artikulation von fehlerfreiem Englisch war sein Ziel. Seine Schwester Martha saß vizeköniglich da, um seine treuen Glückwünsche zur illustren Vermählung entgegenzunehmen, und sie war nachdenklich, weniger nervös als ihr Bruder, da sie nicht ununterbrochen sprechen musste, aber dennoch etwas beunruhigt. Auch sie hatte ihre Aufgabe, und die bestand darin, sich selbst nicht als die Person zu betrachten, die von ihrem bittenden Bruder angesprochen wurde, während sie sich gleichzeitig die gelehrte Ausbildung und die perfekte Kenntnis der Diktion und der Ausspracheregeln aneignete, die in der schrecklichen Stunde des Vortrags der Adresse unweigerlich auf ihn einwirken würden. Es war zudem keine geringe Aufgabe, gezwungen zu sein, bis zum Ende der Adresse zuzuhören, bevor das allererste Wort der Kritik erlaubt war. Sie beschwerte sich nicht direkt über die Wiederholung der Probe: Eine Ermüdung lässt sich ertragen, wenn sie eine Freude ist. Was sie ärgerte, war ihr nachlassendes Gedächtnis für die Einwände, so wie sie sich diese auf ihrem imaginären Hohen Sitz ausmalte; denn, um die schmerzliche Wahrheit zu sagen, in dem Augenblick, als ihr Bruder fertig war, verlor sie völlig ihre Schärfe im Gehör und damit ihre Erinnerung: Es blieb also nichts anderes übrig, als zu sagen: „Ausgezeichnet! Ganz unbedenklich, lieber Martin, ganz:“ so sagte sie es, und zwar nachdrücklich; aber das hinzugefügte Wort „nur“ war auf ihre gerunzelte Stirn geschrieben, und da jede Fähigkeit von Tinmans Geist und Natur in diesem Augenblick angespannt war, fragte er sie gereizt: „Was nun? Was ist jetzt der Fehler?“ Sie versicherte ihm mit Lässigkeit, dass es keinen Fehler gebe. „Das ist nicht deine Art zu reden“, sagte er, und was er sagte, war wahr. Sein Scharfsinn war außergewöhnlich; gewöhnlich bemerkte er nichts.
Nicht nur seine Wahrnehmungen wurden durch die Vorbereitungen für den Tag der großen Pracht beschleunigt – ein Tag eines großen Ofens, durch den man ebenfalls hindurchgehen musste! – er lernte obendrein mit erstaunlicher Geschwindigkeit Englisch. Ein Aussprachewörterbuch lag auf seinem Tisch. Zu diesem eilte er bei einem Hinweis auf eine abweichende Methode, und Streitigkeiten, Überprüfungen und Triumphe auf der einen und der anderen Seite folgten zwischen Bruder und Schwester. In seinem Herzen glaubte der aufgeregte Mann, seine Schwester sei eine irreführende Ratgeberin. Er wagte es nicht, es auszusprechen, er dachte es nur, und vor seiner afrikanischen Reise durch das Wörterbuch hatte er seine Schwester in diesen Punkten für unfehlbar gehalten. Er wagte es nicht, es zu sagen, weil er niemanden sonst kannte, vor dem er üben konnte, und da er vor allem Selbstvertrauen brauchte – Selbstvertrauen und Selbstvertrauen kommt durch Übung – zog er es vor, mit seiner Übung fortzufahren, anstatt absolute Sicherheit bezüglich der Korrektheit zu haben.
Am Mittag kam eine weitere Karte von Mr. Van Diemen Smith mit der Aufschrift: alias Phil R.
„Ist es möglich“, fragte Tinman seine Schwester, „dass Philip Ribstone die Dreistigkeit besessen hat, in dieses Land zurückzukehren? Ich denke“, fügte er hinzu, „ich habe recht, wenn ich jeden, der mir diese Karte schickt, als einen Betrüger behandle.“
Marthas Rat war, dass er die Karte ignorieren sollte.
„Ich bin ernsthaft beschäftigt“, sagte Tinman. Mit einem „Nun denn, Liebe“, nahm er seine Arbeit wieder auf.
Nachrichten waren zwischen Tinman und Phippun ausgetauscht worden; und am Nachmittag erschien Phippun, um die Frage der Bezahlung für das Chiwal-Glas anzusprechen. Er hatte Mr. Van Diemen Smith gesehen, ihn sehr seltsam und ziemlich unpraktisch gefunden. Er sah sich gezwungen, Tinman zu sagen, dass er ihn für das Glas verantwortlich machen müsse; er könne auch kein zweites schicken, bis das erste bezahlt sei. Es schien wirklich so, als wäre Tinman durch die Gewalt der Umstände gezwungen, hinzugehen und seinem alten Freund die Hand zu schütteln. Andernfalls konnte man deutlich sehen, dass der Mann verschwinden könnte: Er könnte jeden Moment verschwinden und einen Rechtsstreit hinterlassen. Andererseits, angenommen, er wäre nach Crikswich gekommen, um um finanzielle Hilfe zu bitten? Freundschaft ist eine gute Sache, und das ist Gastfreundschaft auch, die eine wesentlich englische Angelegenheit ist und folglich eine, von der ein Engländer glauben sollte, dass es seine Pflicht sei, sie auszuüben, aber wir erstrecken sie nicht auf Bettler. Aber sollte ein Bettler uns so nahe kommen, dass er uns ergreift und schwört, er sei einst unser Freund gewesen, wie schüttelt man ihn ab? Tinman sah voraus, dass es eine Angelegenheit von fünf Pfund sein könnte, die den Hunden vorgeworfen werden, vielleicht zehn, wenn man das Glas mitrechnet. Er setzte seinen Hut auf, voller melancholischer Vorahnungen; und es war genau halb sechs Uhr an diesem Frühlingsnachmittag, als er an Crickledons Tür klopfte.
Hätte er auf dem Weg in Crickledons Laden hineingeschaut, hätte er Van Diemen Smith rittlings auf einem Stück Holz gesehen, wie er eine Pfeife rauchte. Van Diemen sah Tinman. Seine Augen zuckten und wurden feucht. Es ist eine beschämende Tatsache, die man ohne Umschweife über ihn festhalten muss. In Wahrheit war der bärtige Kerl im Grunde fast wie eine Frau und war von den Antipoden gekommen, bebend vor dem Wunsch, Martin Tinman auf den Rücken zu klopfen, seine Hand zu drücken, mit ihm durch England zu reisen, ihn einzuladen und in Anwesenheit eines vorbeiziehenden Regiments von Champagner von alten Zeiten zu sprechen. Diese Affäre mit dem Chiwal-Glas hatte seinen Enthusiasmus vorübergehend gedämpft. Das Ausbleiben einer Antwort auf seine doppelte Übermittlung von Karten hatte ihn verletzt; und etwas in Tinmans Aussehen widerte seinen rauen Geschmack an. Aber die wohlbekannten Gesichtszüge erinnerten ihn an die Tage der Jugend. Tinman war sein einziges lebendes Bindeglied zu dem Land, das er als Bezwinger der Welt bewunderte und in dem er sich fantasievoll als Sitz der Vergnügen erfreute, und er konnte das Gefühl einer gewissen Liebe für Tinman nicht ablegen, ohne den Halt an dem Grund zu verlieren, warum er sich so sehnlichst danach gesehnt und so atemlos gereist war, um hierher zurückzukehren. In den Tagen ihrer Jugend war Van Diemen Tinmans herzlicher Geist gewesen, an dem er nippte, um fröhliche Visionen vom Leben und ab und zu ein gutes, ehrliches Glühen der Emotion zu haben. Ob es seltsam war oder nicht, dass der Nippende vergesslich war und der herzliche Geist sich herzlich an jene Zeiten erinnerte, werden wir nicht weiter untersuchen.
Ihr Treffen fand in Crickledons Laden statt. Tinman wurde von Mrs. Crickledon hereingeführt. Seine Stimme klang metallisch in seiner Kehle, und er hatte das Gebaren eines Mannes, der bis zum Gaumen zugeknöpft war, als er von der Karte las und über seine Augenlider blinzelte: „Mr. Van Diemen Smith, nehme ich an.“
„Phil Ribstone, wenn du willst“, sagte der andere, ohne aufzustehen.
„Oh, ah, in der Tat!“ Tinman hustete gemäßigt.
„Ja, lieber Himmel. So ist es. Kommt dir das seltsam vor?“
„Die Namensänderung“, sagte Tinman.
„Aber nicht die Natur!“
„Ah! Bist du schon lange in England?“
„Zeit genug, um nach Helmstone zu laufen und dann hierher. Du hast Glück im Geschäft gehabt, wie ich höre.“
„Danke; so wie es läuft. Denkst du daran, in England zu bleiben?“
„Ich muss mich wegen eines Glases einigen, das ich gestern Abend zerbrochen habe.“
„Ah! Ich habe davon gehört. Ja, ich fürchte, es wird zu einer Einigung kommen müssen.“
„Ich werde die Hälfte des Schadens bezahlen. Du wirst deinen Teil beisteuern müssen.“
Van Diemen lächelte schelmisch.
„Das müssen wir besprechen“, sagte Tinman und lächelte ebenfalls, so wie ein Patient im Bett über den Witz eines Arztes lächeln kann; denn er war, wie Crickledon über ihn gesagt hatte, in praktischen Dingen kein Narr, und Van Diemens Erwähnung der Halbzahlung beruhigte ihn bezüglich der Stellung seines alten Freundes in der Welt und taute ihn sanft auf. „Wirst du heute mit mir zu Abend essen?“
„Ich habe nichts dagegen. Ich habe ein Mädchen bei mir. Erinnerst du dich an die kleine Netty? Sie spaziert draußen am Strand mit einem jungen Kerl namens Fellingham, dessen Bekanntschaft wir auf der Reise gemacht haben, und sie hat uns nicht lange allein gelassen. Willst du sie auch dabei haben? Und ich nehme an, du musst ihn auch einladen. Er ist ein Zeitungsman; ist um die Welt gereist; hat viel gesehen.“
Tinman zögerte. Eine elektrische Idee, Sherry für fünfzehn Schilling pro Dutzend auf seinen Tisch zu stellen anstatt des zeremoniellen Weins für fünfundzwanzig Schilling, half ihm, gastfreundlich zu sagen: „Oh! ah! ja; jeder Freund von dir.“
„Und nun vielleicht schüttelst du meine Faust“, sagte Van Diemen.
„Mit Vergnügen“, sagte Tinman. „Es war deine Namensänderung, weißt du, Philip.“
„Hör mal, Martin. Van Diemen Smith war ein Sträfling und mein Wohltäter. Warum zum Teufel er so an diesem Namen hing, kann ich dir nicht sagen; aber sein letzter Wunsch war, dass ich ihn nehme und weiterführe. Er hinterließ mir sein Vermögen, damit Van Diemen Smith das Leben genießen kann, wie er es nie tat, armer Kerl, als er noch am Leben war. Das Geld wurde ehrlich erworben, durch harte Arbeit in einem Laden. Er hat einmal Böses getan und danach bereut. Aber beim Himmel!“ – Van Diemen sprang auf und dröhnte aus einer breiten Brust – „der Mann war eines der feinsten Herzen, das je geschlagen hat. Das war er! Und ich bin stolz auf ihn. Als er starb, wandten sich meine Gedanken der Heimat zu, dem alten England und dir, Martin.“
„Oh!“ sagte Tinman; und durch Van Diemens Art zu sprechen daran erinnert, dass Herzlichkeit von ihm erwartet wurde, schüttelte er seine Glieder zu einer gewissen Lebhaftigkeit und fuhr fort: „Nun ja, wir müssen alle in unserem Heimatland sterben, wenn wir können. Ich hoffe, du bist in deiner Unterkunft zufrieden?“
„Ich werde dir eines von Mrs. Crickledons Abendessen zum Probieren geben. Du bist so gut wie der Bürgermeister dieser Stadt, wie ich höre?“
„Ich bin der Vogt der Stadt“, sagte Mr. Tinman.
„Du gehst an den Hof, wie mir gesagt wurde.“
„Die Ernennung“, antwortete Mr. Tinman, „wird bald erfolgen. Ich habe noch keinen festgesetzten Tag.“
Auf der großen Hauptstraße des Lebens gibt es Erwartung, und es gibt Erreichung, und es gibt auch Neid. Mr. Tinmans Haltung stand für Erreichung, die Erwartung überschattet und sich im Glas des Neids sonnt, als er von dem festgesetzten Tag sprach. Es war unfreiwillig und natürlich flüchtig, eine augenblickliche Sicht des Geistes.
Er entspannte sich und bat darum, für den Augenblick entschuldigt zu werden, damit er gehen und seine Schwester von den kommenden Gästen benachrichtigen könne.
„Schon gut. Ich nehme an, wir werden uns noch oft sehen“, sagte Van Diemen. Und fast noch bevor das Knarren von Tinmans Absätzen auf der Straße vor dem Laden verklungen war, stellte er Crickledon die komische Frage: „Boxen Sie?“
„Ich mache sie“, antwortete Crickledon.
„Weil ich gerne mal wieder bei etwas mitmischen würde, mein Freund.“
Van Diemen streckte sich und gähnte.
Crickledon empfahl, einen Spaziergang zu machen.
„Das werde ich wohl tun“, sagte der andere und drehte sich abrupt um. „Wie lange arbeiten Sie am Tag?“
„Im Allgemeinen alle Stunden des Lichts“, antwortete Crickledon; „und immer bis zur Essenszeit.“
„Sind Sie gesund und glücklich?“
„Nichts zu beklagen.“
„Guten Appetit?“
„Ziemlich regelmäßig.“
„Sie machen nie Urlaub?“
„Außer sonntags.“
„Sie würden dann gerne arbeiten?“
„Das will ich nicht sagen.“
„Aber Sie sind froh, am Montagmorgen aufzustehen?“
„Es fühlt sich im Laden fröhlicher an.“
„Und Tischlern ist Ihre Freude?“
„Ich glaube, das kann ich sagen.“
Van Diemen schlug sich auf den Schenkel. „Es gibt noch Leben im alten England!“
Crickledon beobachtete ihn, wie er zum Strand ging, um nach seiner Tochter zu suchen, und stellte fest, dass ein Hauch von Soldat in ihm steckte.
KAPITEL IV
Annette Smiths Freude an ihrer Heimat England ließ sie Schönheit und Freundlichkeit überall um sich herum sehen; es legte einen Heiligenschein um das Haus am Strand und versetzte sie bei Tinmans Tisch in Begeisterung, wenn sie das Donnern der Wellen ganz in der Nähe hörte. Sie bildete sich ein, es sei ein höchst angenehmes Abendessen für ihren Vater und Mr. Herbert Fellingham gewesen – besonders für Letzteren, der sehr viel gelacht hatte; und sie war erstaunt, sie beim Frühstück beide über ihren Abend klagen zu hören. Als Antwort darauf rief sie aus: „Oh, ich finde die Lage des Hauses so romantisch!“
„Die Lage des Gastgebers ist es in der Tat“, sagte Mr. Fellingham; „aber ich halte seinen Wein für die unromantischste Flüssigkeit, die ich je probiert habe.“
„Das muss es sein!“ rief Van Diemen, verwirrt von neuartigen Kopfschmerzen. „Der alte Martin wachte nach dem Abendessen ein wenig wie sein altes Ich auf.“
„Er hat maßvoll getrunken“, sagte Mr. Fellingham.
„Ich bin sicher, Sie waren gestern Abend satirisch“, sagte Annette vorwurfsvoll.
„Im Gegenteil, ich sagte ihm, ich hielte ihn für in einer romantischen Lage befindlich.“
„Aber ich hatte ein französisches Mademoiselle als Gouvernante und einen Oxford-Gentleman als Tutor; und ich weiß, dass Sie von Mr. Tinman und seiner Schwester Französisch und Englisch akzeptiert haben, die ich nicht gebilligt hätte.“
„Netty“, sagte Van Diemen, „hat die beste Unterweisung erhalten, die Geld beschaffen konnte; und wenn sie sagt, du warst satirisch, dann kannst du dich darauf verlassen, dass du es warst.“
„Oh, in diesem Fall natürlich!“ erwiderte Mr. Fellingham. „Wer könnte das vermeiden?“
Er hielt sich für berechtigt, seinem bösen satirischen Geist freien Lauf zu lassen, und sprach leichtfertig über den zufälligen Charakter des Buchstaben H in Tinmans Aussprache; darüber, wie er, wie jemandes Hut in einem starken Wind, auf jemandes anderen Kopf herabfiel, und wie seine Wörter umhergingen und sich gegenseitig fragten, wer sie seien und was sie täten, wie sie wild zusammen tanzten und mit den Fingern vor Bedeutung schnippten; und so weiter. Er war respektlos.
Annette blickte zu ihrem Vater und schlug die Augenlider nieder.
Mr. Fellingham bemerkte, dass ihm geboten wurde, auf der Hut zu sein.
Er ging in seinem Spaß einen Schritt weiter; worauf Van Diemen mit einem Stirnrunzeln sagte: „Wenn ich bitten darf!“
Nichts konnte dem widerstehen.
„Verflucht sei der Wein des alten Mart Tinman!“ platzte Van Diemen in der toten Pause heraus. „Mein Kopf ist wie eine Kugel. Ich bin in einer schrecklich schlechten Stimmung. Ich kann kaum sehen. Ich bin gallig.“
Mr. Fellingham riet ihm, sich für eine Stunde hinzulegen, und er ging grummelnd und klagte über Mart Tinmans Ungläubigkeit bezüglich der überragenden Schönheit eines Ortes in Australien namens Gippsland.
Annette vertraute Mr. Fellingham, sobald sie allein waren, die ritterliche Natur ihres Vaters in seinen Freundschaften an und seine Abneigung, eine satirische Bemerkung über seinen alten Schulkameraden zu hören, sobald er verstand, dass es Satire war.
Fellingham entgegnete: „Der Mann ist eine perfekte Burleske. Er ist so eindeutig dazu geschaffen, ausgelacht zu werden wie eine Maske in einer Pantomime.“
„Papa wird das nicht so sehen“, sagte Annette; „und Papa wurde gesagt, dass er nicht als Geschäftsmann ausgelacht werden darf.“
„Schätzen Sie ihn deshalb?“
„Ich bin keine Richterin. Ich bin zu glücklich, in England zu sein, um eine Richterin über irgendetwas zu sein.“
„Sie haben seinen Wein nicht angerührt!“
„Ihr Männer messt dem Wein so viel Bedeutung bei!“
„Man sagt, dass Pulver nach Mr. Tinmans Wein eine gute Sache ist“, bemerkte Mrs. Crickledon, die in das Wohnzimmer gekommen war, um das Frühstücksgeschirr abzuräumen.
Mr. Fellingham lachte schallend; aber Mrs. Crickledon hieß ihn leise zu sein, denn Mr. Van Diemen Smith war gegangen, um seinen armen, schmerzenden Kopf auf sein Kissen zu legen. Annette lief nach oben, um mit ihrem Vater über einen Arzt zu sprechen.
Während ihrer Abwesenheit erhielt Mr. Fellingham das populäre Porträt von Mr. Tinman aus den Lippen von Mrs. Crickledon. Er schlenderte später zum Tischlerladen und versuchte, eine Bestätigung dafür zu bekommen.
„Meine Frau redet zu viel“, sagte Crickledon.
Als er jedoch von einem Gentleman befragt wurde, war er natürlich verpflichtet, im Rahmen seines Wissens zu antworten.
„Was für ein komisches altes Land das ist!“ sagte Mr. Fellingham zu Annette auf ihrem Spaziergang zum Strand.
Sie beschwor ihn, über nichts Englisches zu lachen.
„Das tue ich nicht, ich versichere Ihnen“, sagte er. „Ich liebe das Land auch. Aber wenn man aus dem Ausland zurückkommt und in ihr tägliches Leben eintaucht, ist es schwierig, das wahre Bild des alten Landes, wie man es von außen sieht, beizubehalten, und man muss ein halbes Dutzend großer Namen im Kopf haben, um sich zurechtzufinden. Und die Engländer sind so komisch! Ihr Vater kommt hierher, um seinen alten Freund zu sehen, und fängt an, mit dem Gippsland zu prahlen, das er zurückgelassen hat. Tinman brüstet sich sofort mit Helvellyn, und sie werfen mit Bergen aufeinander, bis es an ihrem ersten gemeinsamen Abend zu Erdbeben und Bruch kommt – sie waren einmal fast handgreiflich geworden.“
„Oh! Sicherlich nicht“, sagte Annette. „Ich habe sie nicht gehört. Sie waren gute Freunde, als Sie ins Wohnzimmer kamen. Vielleicht hat der Wein den armen Papa beeinflusst, wenn es schlechter Wein war. Ich wünschte, Männer würden nie welchen trinken. Wie viel glücklicher sie doch wären.“
„Aber dann gäbe es in England keine geselligen Treffen mehr. Was sollten wir dann tun?“
„Ich weiß, das ist eine höhnische Bemerkung; und Sie waren an Bord des Schiffes fast so begeistert wie ich“, sagte Annette traurig.
„Ganz wahr. Das war ich. Aber sehen Sie, welch wunderliche Geschöpfe wir um uns haben! Tinman, der in seinem Hofstaat-Anzug vor dem Chiwal-Glas übt! Und dieser gute Kerl, der Tischler Crickledon, der sein ganzes Leben lang mit dem Meer vor sich gelebt hat und noch nie in einem Boot war, und er gesteht, dass er nur einmal im Landesinneren war und noch nie eine Eichel gesehen hat!“
„Ich wünschte, ich könnte eine sehen – von einer echten englischen Eiche“, sagte Annette.
„Und nachdem Sie ein paar Monate in England waren, werden Sie sich nach dem Kontinent sehnen.“
„Niemals!“
„Niemals!“, rief Annette aus. „Ich bin mir sicher, dass ich das nicht werde. Mögen mein Papa und ich niemals wieder Verbannte sein! Als ich drei Jahre alt war und nach Australien ging, habe ich das nicht gespürt, aber jetzt wäre es für mich wie der Tod. Oh!“ Annette schauderte, als hätte sie das Frösteln der Verbannten gepackt.
„Auf meine Ehre“, sagte Mr. Fellingham, so leise er es bei dem Wind, der ihm ins Gesicht blies, vermochte, „ich liebe das alte Land zehnmal mehr durch Ihre Liebe dazu.“
„Das ist nicht die Art, wie ich möchte, dass England geliebt wird“, erwiderte Annette.
„Diese Liebe liegt in Ihren Händen.“
Sie schien gleichgültig, als sie dies hörte.
Er hätte erkennen müssen, dass der Weg, sie zu umwerben, darin bestand, ihre Voreingenommenheit durch eine andere Leidenschaft zu beschwichtigen. Er konnte zwar spüren, dass sie sie im Abstrakten adelte, doch ein latenter Groll gegen Tinman wegen dessen Weins, dem er zornig ein ungewohntes Schwindelgefühl im Kopf und eine leichte Reizbarkeit zuschrieb, machte ihn drängend in seinem Wunsch, sie solle sich von Tinman und seiner Schwester durch die scharfe Trennungslinie des Spotts distanzieren.
Annette weigerte sich, über die lächerlichsten Karikaturen von Tinman zu lachen. In ihrer Gegnerschaft trieb sie ihre Einfachheit so weit, zu sagen, sie halte ihn nicht für absurd. Und selbst wenn Mr. Tinman der verwitweten Lady Ray, wie sie gehört hatte, und anderen jungen und mittelalten Damen in der Nachbarschaft einen Antrag gemacht haben sollte – warum sollte er nicht, wenn er heiraten wollte? Wenn er sparsam war, hatte er sicherlich das Recht, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln. Ihre Sorge war lediglich, dass Mr. Tinman und ihr Vater sich wegen der Bezahlung des zerbrochenen Chiwal-Glases in die Haare kriegen könnten: das gab sie ehrlich zu, und Fellingham war so unbesonnen, laut aufzulachen, nicht gerade herzlich.
Annette hielt ihn für unfreundlich satirisch; und seine Gedanken über sie ließen sie zu einem gewöhnlichen Mädchen mit ausdrucksstarken Augen herabsinken.
Sie musste zu ihrem Vater zurückkehren. Mr. Fellingham machte einen Spaziergang auf dem federnden Rasen entlang der Klippen; und „sie ist gewiss ein gewöhnliches Mädchen“, begann er zu reflektieren, mit einem Seitenblick auf die Tatsache, dass seine Meditationen durch Tinmans Vergiftung seiner Galle angeregt wurden. „Ein Mädchen, das die Absurdität von Tinman nicht sieht, muss jeder gewöhnlichen Intelligenz entbehren.“ Nach einer Weile schnupperte er entzückt die feine, scharfe Luft von Erde und Meer und schritt am späten Nachmittag in die Stadt zurück, wobei er über sich selbst spottete in seiner verächtlichen, elenden Empfänglichkeit für biliöse Eindrücke, und Tinman wirklich fast als Ursache seiner Schwäche hasste – vielleicht in der Art, wie der Kriminelle den Detektiv hasst. Er schob es gänzlich auf Tinman, dass sich Annettes Charakterbild in seinem Geist verfärbt hatte; denn trotz der körperlichen Frische, mit der er in ihre Gesellschaft zurückkehrte, war er unfähig, die Vorstellung abzulegen, sie sei gewöhnlich; und mit Bedauern erkannte er, dass er durch seinen Spaziergang nur eine höhere Meinung von sich selbst gewonnen hatte.
Ihr Vater war das Opfer von Migräne und lag stöhnend auf seinem Bett, hauptsächlich betreut von Mrs. Crickledon. Annette musste die Angelegenheit mit Mr. Phippun und Mr. Tinman bezüglich der Bezahlung für das Chiwal-Glas regeln. Sie war beauftragt, im Namen ihres Vaters den halben Preis für das Glas anzubieten; mehr würde er nicht zahlen. Tinman und Phippun saßen mit ihr in Crickledons Hütte, und Mrs. Crickledon brachte zwei Nachrichten von ihrem Kranken herunter, jede bestimmt, mit dem Inhalt, dass er lieber mit allen Waffen des englischen Rechts kämpfen würde, als in diesem Punkt nachzugeben.
Tinman erklärte, es käme absolut nicht in Frage, dass er auch nur einen Pfennig zahle. Phippun schwor, dass er von einem der beiden das Geld erhalten werde.
Annette war natürlich tief bekümmert, und Fellingham vertagte die Diskussion auf den nächsten Tag.
Selbst nach einem solchen Vorgeschmack auf Tinman konnte Annette nicht dazu bewegt werden, sich privat an der Verspottung zu beteiligen. Sie sah gequält aus bei Mr. Fellinghams grausamen Scherzen. Es war ungeheuerlich, fand Fellingham, dass er sich einen zweiten Verweis von Van Diemen Smith zuzog, während sie sich über den Fall des Chiwal-Glases in völliger Übereinstimmung berieten.
„Ich muss Ihnen das sagen, mein Herr“, sagte Van Diemen, „ich mag Sie, aber ich werde offen und ehrlich sein, sonst bin ich des Namens Engländer nicht würdig; und ich mag Sie wirklich, sonst hätte ich Ihnen nicht erlaubt, uns beide hierher zu verfolgen. Sie müssen meinen Freund respektieren, wenn Ihnen mein Respekt am Herzen liegt. So ist es. Da haben Sie es. Jetzt kennen Sie meine Bedingungen.“
„Ich fürchte, ich kann den Vertrag nicht unterzeichnen“, sagte Fellingham.
„Hier ist noch etwas“, sagte Van Diemen. „Ich selbst bin ein frostiger Mensch, wenn ich ein Lachen höre und glaube, das Ziel davon zu kennen. Ich begegne allem, was Sie wollen, außer Spott. Ich kann Verachtung nicht ausstehen. So empfinde ich für einen anderen. Und jetzt wissen Sie Bescheid.“
„Es bremst das Spiel der Fantasie und unterbindet das Ablassen von Dampf“, wandte Fellingham ein. „Ich verspreche, mein Bestes zu tun, aber von allen Männern, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin – Tinman! – der Lächerliche! Bitte verzeihen Sie; aber der Esel und sein Spiegel! Der Spiegel war trüb! Er – so penibel bezüglich seines Spiegelbildes wie ein Dichter bei seinen Versen! Vorwärts, zurück, verbeugen; und ein solcher Mord am Englischen in seiner Gegenwart! Wenn ich dächte, er würde seinen Wein mit ihm nehmen, würde ich ihn wegen Hochverrats verhaften lassen.“
„Sie haben gewählt, und Sie wissen, was Sie am meisten mögen“, sagte Van Diemen und betonte seine Worte – wodurch die unangenehme Pause entsteht, die Falle der Konversation und manchmal der Freundschaft.
So geschah es, dass Mr. Herbert Fellingham einen Tag früher als geplant nach London zurückkehrte, ohne das gesagt zu haben, was er sagen wollte.
KAPITEL V
Einen Monat später, nach einer Nacht mit strengem Frost an der Schwelle zu den wärmeren Frühlingstagen, betrat Mr. Fellingham Crikswich unter einem Himmel von vollkommenem Blau, der in brillantem Einklang mit den grünen Hügeln, den weißen Klippen und dem funkelnden Meer stand, und zweifellos war es die Schönheit vor seinen Augen, die ihn von seinem Irrtum überzeugte, Annette für ein gewöhnliches Mädchen gehalten zu haben. Er war in bloßer Neugier gekommen, um herauszufinden, ob sie eines sei oder nicht. Wer außer einem gewöhnlichen Mädchen würde sich in Crikswich aufhalten wollen, hatte er sich gefragt; und nun war er sich vollkommen sicher, dass kein gewöhnliches Mädchen je auf diese Idee gekommen wäre. Exquisit einfach war sie zweifellos; aber das mag wohl eine Besonderheit bei einer jungen Dame sein, deren Augen ausdrucksstark sind.
Das Geräusch von Sägen lockte ihn zu Crickledons Werkstatt, und der fleißige Tischler brachte ihn bald auf den Lauf der Dinge.
Crickledon deutete auf das Haus am Strand als den Ort, an dem Mr. Van Diemen Smith und seine Tochter wohnten.
„Ach was! Und wie sieht er aus?“, sagte Fellingham.
„Unsere Stadt scheint ihm gut zu tun, Sir.“
„Nun, ich darf wohl nichts mehr sagen, nehme ich an.“ Fellingham zügelte seine Zunge. „Wie haben sie diesen Streit um das Chiwal-Glas beigelegt?“
„Mr. Tinman musste nachgeben.“
„Tatsächlich.“
„Aber“, Crickledon unterbrach die Arbeit, „Mr. Tinman verkaufte ihm eine Wiese.“
„Ich verstehe.“
„Mr. Smith hat hier ein ziemliches Stück Land gekauft. Man erzählt mir, er sei im Begriff, Elba zu erwerben. Er hat das Crouch gekauft. Er und Mr. Tinman sind ständig zusammen unterwegs. Sie sind jetzt drüben in Helmstone. Sie waren in London.“
„Werden sie wahrscheinlich heute zurückkommen?“
„Sicher, würde ich meinen. Mr. Tinman muss morgen in London sein.“
Crickledon blickte auf. Er war nicht der Mann, der raffiniert aussah, aber es gab einen beleuchteten Winkel in seinem Blick, der Fellinghams Erinnerungen wiederbelebte, und dieser platzte heraus:
„Die Adresse? Ich hatte sie halb vergessen. Die ist noch nicht vorbei? Hat er viel geübt?“
„Es sind keine weiteren Gläser mehr zerbrochen.“
„Und wie geht es Ihrer Frau, Crickledon?“
„Sie ist zu Hause, Sir, bereit für ein Gespräch, falls Sie Lust haben, es bei ihr zu versuchen.“
Mrs. Crickledon erwies sich als sehr bereit. „Dieser Tinman“, war ihr Thema. Er hatte ihr die Untermieter weggenommen, und sie kannte seine Ziele. Mr. Smith bereute es, sie verlassen zu haben, das wusste sie, obwohl er es nicht in klaren Worten zu sagen wagte. Sie wusste, dass Miss Smith des ständigen Zusammenseins mit Mrs. Cavely, Tinmans Schwester, überdrüssig war. Sie kam im Allgemeinen einmal am Tag vorbei, nur um Mrs. Cavely zu entkommen, die – bewahre! – keinen Fuß in das Haus einer Häuslerin setzen würde, wo sie nicht bevormunden durfte. Glücklicherweise hatte Miss Smith ihren Vater dazu gebracht, seinen Wein direkt von den Händlern zu beziehen.
„Ein glücklicher Entschluss“, sagte Fellingham; „und einer, der spart.“
Er erfuhr weiter, dass Mr. Smith nächsten Monat das Crouch beziehen würde und dass Mrs. Cavely wie ein Drachen über Miss Smith hing.
„Und dieser alte Tinman, alt genug, um ihr Vater zu sein!“, sagte Mrs. Crickledon.
Sie handelte mit den Blitzen, die Ideen verbinden. Fellingham, obwohl ein Mann und Engländer, war nervös genug, um die Verbindung zu sehen.
„Sie werden zuerst die junge Dame fragen müssen, gnädige Frau.“
„Wenn es nach ihrem Vater geht, wird sie den Kopf dazu neigen; merken Sie sich das“, sagte Mrs. Crickledon mit Nachdruck. „Sie ist eine junge Dame, die für sich selbst denkt, aber sie fängt bei ihrem Vater an, wenn es um Gefühle geht. Und er ist wegen dieses Tinman stockblind geworden.“
Während sie sprachen, erschien Annette.
„Ich habe Sie gesehen“, sagte sie zu Fellingham; fröhlich und offen, auf die gewöhnlichste Art und Weise.
„Werden Sie mit mir am Strand spazieren gehen?“, sagte er.
Sie schlug das Land hinter der Stadt vor, und das war ganz nach seinem Geschmack. Aber es war kein glücklicher Spaziergang. Er hatte beschlossen, dass er sie bewunderte, und die Vorstellung, Tinman als Rivalen zu haben, ärgerte ihn. Er überströmte vor Spott über Tinman, und das war für Annette bedrückend, denn sie sah nicht nur, dass er sich vor ihrem Vater nicht beherrschen würde, sondern er entfachte auch ihren eigenen satirischen Geist im Gegensatz zu den freundlichen Gefühlen ihres Vaters gegenüber seinem alten Schulkameraden.
„Mr. Tinman war äußerst gastfreundlich zu uns“, sagte sie etwas kühl.
„Darf ich Sie fragen, hat er zugestimmt, Unterricht in Benehmen und Aussprache zu erhalten?“
Annette antwortete nicht.
„Wenn Übung den Meister macht, muss er bis jetzt nah am Ziel sein.“
Sie blieb weiterhin schweigsam.
„Ich wette, im häuslichen Leben ist er so liebenswürdig wie gastfreundlich, und es muss eine tägliche Befriedigung sein, ihn in seinem Hofstaat-Anzug zu sehen.“
„Ich habe ihn nicht in seinem Hofstaat-Anzug gesehen.“
„Das ist seine Schüchternheit.“
„Die Leute reden über solche Dinge.“
„Die einfachen Leute skandalisieren die Großen, von denen sie nichts wissen, meinen Sie! Ich bin sicher, das ist wahr, und wenn man an Höfen lebt, muss man sich dessen schmerzlich bewusst sein. Aber was für ein herrlicher Himmel und welches Meer!“
„Nicht wahr?“
Annette echote seine falsche Begeisterung mit einer Offenheit, die ihn zum Schmelzen brachte.
Er schickte sich an, die verlorene Zeit aufzuholen, als das wilde Winken eines Sonnenschirms auf einer Straße zur Rechten, die aus der Stadt kam, Annette dazu veranlasste, stehen zu bleiben und zu sagen: „Ich glaube, das muss Mrs. Cavely sein. Wir sollten ihr entgegengehen.“
Fellingham fragte warum.
„Sie liebt Spaziergänge so sehr“, antwortete Annette mit einem Zahn auf der Lippe.
Fellingham dachte, sie schien das Rennen zu lieben.
Mrs. Cavely gesellte sich atemlos zu ihnen. „Meine Liebe! Das Tempo, das Sie vorlegen!“, rief sie. „Ich habe gesehen, wie Sie losgingen. Ich folgte, ich rannte, ich raste entlang. Ich fürchtete, ich würde Sie nie einholen. Und einen solchen Morgen englischer Landschaft zu verpassen!“
„Ist es nicht himmlisch?“
„Mehr kann man nicht sagen“, bemerkte Fellingham und verbeugte sich.
„Ich bin sicher, ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen, Sir. Genießen Sie Crikswich?“
„Einmal besucht, immer begehrt, wie Venedig, gnädige Frau. Darf ich wagen, mich zu erkundigen, ob Mr. Tinman seine Adresse präsentiert hat?“
„Übermorgen. Der Termin ist mit ihm vereinbart“, sagte Mrs. Cavely, eher offiziell im Ton, „für übermorgen. Er ist aufgeregt, wie Sie sich wohl vorstellen können. Aber Mr. Smith ist eine riesige Entspannung für ihn – genau die Ablenkung, die er brauchte. Wir sind eine Familie geworden, wissen Sie.“
„Tatsächlich, gnädige Frau, das wusste ich nicht“, sagte Fellingham.
Die Mitteilung verlieh seinen weiteren Bemerkungen ein solches satirisches Gift, dass Annette beschloss, ihren Spaziergang zu unterbrechen und ihn für den Tag zu entlassen.
Er besuchte das Haus am Strand nach der Essenszeit, um Mr. Van Diemen Smith zu sehen, als es buchstäblich ein Duell zwischen ihm und Tinman gab; denn Van Diemens Beitrag zum Tisch war Champagner, und der war getrunken worden, aber Tinmans Sherry blieb übrig. Tinman wollte darauf bestehen, dass Fellingham ein Glas nahm. Fellingham parierte ihn mit einer gesetzten Ernsthaftigkeit der Ironie, die für Annette schmerzhaft spürbar war. Van Diemen unterstützte schließlich Tinmans gastfreundliche Absicht, und zu Fellinghams Erstaunen stellte er fest, dass er von diesen beiden Männern die ganze Zeit für jemanden gehalten worden war, der schüchtern vor einem verlockenden Angebot zurückwich, während seine Fechtkünste und das Durchbohren des einen von ihnen Meisterleistungen an Geschick gewesen waren.
Tinman drückte ihm das Glas in die Hand.
„Sie haben etwas verschüttet“, sagte Fellingham.
„Es wird dem Teppich nicht schaden“, sagte Tinman.
„Nicht?“, Fellingham starrte auf den Teppich, als ob er erwartete, dass eine Flamme aufsteigen würde.
Er erzählte dann die Geschichte vom großmütigen Alexander, der den Trank im Hohn auf den Verleumder austrank, um Vertrauen in seinen Freund zu zeigen.
„Alexander – wer war das?“, sagte Tinman, der in seinen historischen Erinnerungen durch das Fehlen des Nachnamens vereitelt wurde.
„General Alexander“, sagte Fellingham. „Alexander Philipson, oder er erklärte, es sei Joveson; und sehr weinliebend. Aber sein Sherry hat ihn schließlich erledigt.“
„Ah! Er hat also zu viel getrunken“, sagte Tinman.
„Von seinem eigenen!“
Annette ermahnte den rachsüchtigen jungen Mann, indem sie sagte: „Wie lange bleiben Sie in Crikswich, Mr. Fellingham?“
Er hatte sich grob danebenbenommen. Aber ein Gegner, der gleichzeitig beleidigend und hilflos ist, provoziert Brutalität. Annette vermied es klugerweise, ihren Vater verstehen zu lassen, dass Satire in der Luft lag; und weder er noch Tinman waren sich dessen genau bewusst: dennoch schrumpften beide unter dem Gefühl eines teuflischen Windstoßes in sich zusammen. Fellingham begleitete sie und bestimmte Juraten am nächsten Tag nach London.
Ja, wenn Sie möchten: Wenn ein Bürgermeister Majestät besucht, ist das ein wichtiger Umstand, und es steht Ihnen frei, ausführlich zu argumentieren, dass es mehr bedeutet als nur den Wunsch seinerseits, seine Schreib- und Lesekraft zu zeigen: Es ist für das Volk voller Trost, als Zurschaustellung auch ihrer Majestät; und es ist eine Ermutigung für Männer, danach zu streben, Bürgermeister, Gerichtsvollzieher oder führende Männer irgendeiner Art zu werden; aber ein Nachdruck in der Berichterstattung darüber – es als einen zu wichtigen Umstand erscheinen zu lassen – wird einem politisch denkenden Volk sicherlich die Andeutung einflüstern, dass Satire in der Luft liegt, und wie sehr sie auch das Privileg schätzen, an die erste Tür des Königreichs zu klopfen und zeremoniell einzutreten, um ihre Schriften zu verlesen, werden sie, wenn sie nicht gerade in einer ihrer Stimmungen für Niederwerfung sind, lachen. Sie werden über den Bericht lachen.
Umso mehr ist es ein Grund, dass wir sie in solchen Zeiten nicht verwöhnen sollten; und ich sage, wehe mir für jeden Bruder der Feder, und einen in gewissem Ansehen, der den Bericht jener Präsentation der Glückwunschadresse von Mr. Bailiff Tinman aus Crikswich verfasste! Herbert Fellingham ließ seinen persönlichen Groll an Tinman aus. Er hätte bedenken sollen, dass es einen anderen als Tinman involvierte, nämlich ein Amt – mit dem das sprunghafte Tier von Zeit zu Zeit verächtlich spielt, wie man meinen könnte, als Trost für seinen Stolz und als Entschädigung für jene Kapriolen der unterwürfigen Anbetung, die uns so stark an die Tage erinnern, die wir durch Mr. Darwins Gläser sehen.
Er hätte den Bericht nicht schreiben sollen. Er sandte ein Kichern über England. Er war so unklug, ein Exemplar der Zeitung, die ihn enthielt, an Van Diemen Smith zu senden. Van Diemen las ihn mit Zufriedenheit. Tinman ebenso. Beide lobten den fähigen jungen Schreiber. Aber sie reichten das Blatt an den Leutnant der Küstenwache weiter, der Tinman fragte, wie ihm das gefalle; und Besucher begannen in Crikswich einzutreffen, die es sich zur Aufgabe machten, nach einem Blick auf den Hauptmann zu fragen; und dann kam eine komische Publikation, ganz im republikanischen Ton der Zeit, mit der Würde des Menschen als Standpunkt, und dem keuchenden Gelächter, das in alten Wortspielen wohnt, um sie zu unterstützen, in Lobpreisung des satirischen Berichts über die berühmte Glückwunschadresse des Bailiffs von Crikswich.
„Annette“, sagte Van Diemen zu seiner Tochter, „du wirst diesen Zeitungskerl nicht mehr ermutigen, hierher zu kommen. Er hatte seine Warnung.“
KAPITEL VI
Eine der schwierigsten Lektionen für schwungvolle junge Männer ist, dass gute Witze nicht immer gute Politik sind. Sie müssen bezahlt werden, wie gute Abendessen, obwohl Abendessen und Witz den Anschein haben, auf Kosten eines anderen gegangen zu sein. Der junge Fellingham wurde von Van Diemen Smith unhöflich behandelt und von Annette mit einer gewissen kalten Reserve; infolgedessen hielt er sie mehr denn je für gewöhnlich. Er schrieb ihr einen Brief voller spielerischer Ermahnung, gefolgt von einem, der an ihre Gefühle appellierte.
Aber sie antwortete auf keinen von beiden. Also fanden seine Besuche in Crikswich ein Ende.
Sollte uns ein Mädchen, das keinen Sinn für Spaß hat, beeindrucken? Ihre ausdrucksstarken Augen, ihre eigenwillige Einfachheit und ihre Begeisterung für England verfolgten Mr. Fellingham; sie wurden durch den Kontrast zu dem, was er um sich herum antraf, heraufbeschworen. Aber soll ein Mädchen, das uns die Aufgabe auferlegen würde, unser Lachen über Tinman zurückzuhalten, sehr vermisst werden? Es könne keine Gemeinschaft zwischen uns geben, dachte Fellingham.
Auf einem Ausflug zu den englischen Seen sah er den Namen Van Diemen Smith in einem Gästebuch und änderte seine Vorstellungen zum Thema Gemeinschaft. Zwischen Bergen, auf dem Meer oder beim Lesen von Geschichte war Annette eine unter Tausenden. Er war zufällig auf einem öffentlichen Ball in Helmstone in der Wintersaison, und wer wirbelte da vor ihm am Arm eines Offiziers vorbei, wenn nicht Annette selbst! Fellingham ließ sich die Chance nicht entgehen, mit ihr zu sprechen. Sie begrüßte ihn fröhlich, und mit der Aufregung des Tanzes in sich sprechend, erschien sie als Fremde zu den ernsten Emotionen, die er bereit war zu hegen. Sie war an den Seen und in Schottland gewesen. Nächsten Sommer wollte sie nach Wales. Alle ihre Erlebnisse waren köstlich. Sie war unersättlich, aber zufrieden.
„Ich wünschte, ich wäre bei Ihnen gewesen“, sagte Fellingham.
„Ich wünschte, Sie wären es gewesen“, sagte sie.
Mrs. Cavely war ihre Anstandsdame auf dem Ball, und es war ihm nicht gestattet, ein längeres Gespräch sitzend mit Annette zu genießen. Was sollte er von einem Mädchen denken, das sich Mrs. Cavely unterordnen konnte und mit einer beliebigen Anzahl von Offizieren tanzte und keine andere Idee hatte, als unaufhörlich durch England zu rennen auf der Suche nach Vergnügen? Ihr Tonfall, als sie sagte: „Ich wünschte, Sie wären es gewesen“, war der eines gewöhnlichsten Wunsches, eindeutig, wenn auch nicht absichtlich anders als seine eigene melodische Tiefe.
Sie gewährte ihm einen Walzer, und er sprach von ihrem Vater und seinen wunderlichen Abschweifungen und Gefühlen, und er hatte ein positives Mögen für Van Diemen, und er sagte dies weise.
Annettes Augen leuchteten auf. „Dann warum besuchen Sie ihn nie? Er hat Elba gekauft. Wir ziehen nach Weihnachten in die Halle. Wir sind derzeit im Crouch. Papa wird sich sicher freuen, Sie willkommen zu heißen. Wissen Sie nicht, dass er niemals einen Freund vergisst oder eine Freundschaft bricht?“
„Das tue ich, und ich liebe ihn dafür“, sagte Fellingham.
Wenn er sich nicht sehr täuschte, belohnte ihn ein sanfter Druck auf die Finger seiner linken Hand.
Das entschied ihn. Es sollte hier angemerkt werden, dass er von Geburt an der Höhere gegenüber Annettes Herkunft war, und das ist das Gefühl eines besseren Blutes, dass die Schmeichelei ihrer warmen Berührung für ihn notwendig war, um über die Unterscheidung hinwegzusehen.
Zwei seiner Besuche in Crikswich resultierten lediglich in Interviews und Gesprächen mit Mrs. Crickledon. Van Diemen und seine Tochter waren in London bei Tinman und Mrs. Cavely, um Möbel für Elba Hall zu kaufen. Mrs. Crickledon hatte keine Skrupel zu sagen, dass Mrs. Cavely beabsichtige, dass ihr Bruder die Halle bewohne, obwohl Mr. Smith ihn beim Kauf überboten hatte. Ihr zufolge hatten Tinman und Mr. Smith ihre Differenzen; denn Mr. Smith war ein sehr freimütiger Gentleman und war dafür bekannt, Tinman Namen zu geben, die kein Mann von Geist ertragen würde, wenn er nicht intrigierte.
Fellingham kehrte nach London zurück, wo er durch die Straßen streifte, die für Möbellager berühmt sind, in der vergeblichen Hoffnung, dem neuen Besitzer von Elba zu begegnen.
Da dies misslang, schrieb er einen Liebesbrief an Annette.
Sie war die Erste. Er hatte ihr gefallen. Die Art, wie sie auf den Gedanken kam, sie könne ihn lieben, war die Überlegung, dass niemand ihr im Wege stand. Der Brief eröffnete ihr eine Welt, die weiter war als Großbritannien.
Fellingham bat sie, falls sie ihm wohlgesonnen sei, ihren Vater auf den Zweck seines Besuchs vorzubereiten. Andernfalls solle sie den Besuch ohne Verzug untersagen und ihn abweisen.
Ein entschlossenes Vorgehen war unumgänglich. Doch Sie haben gesehen, dass sie nicht verliebt war. Sie war nur nicht abgeneigt, sich zu verlieben. Und Fellingham war gerade ein wenig entflammt. Nun achten Sie darauf, was Ereignisse zu entfachen vermögen.
Van Diemen und Tinman, alte Kumpane, die wieder zusammengefunden hatten und beide im Leben erfolgreich waren, hatten dennoch, wie Mrs. Crickledon sagte, ihre Differenzen. Sie begannen mit einem Widerstand gegen Tinmans Ansichten bezüglich der Verwendung städtischer Gelder. Tinman wollte sie stets für die patriotische Verteidigung „unserer Küsten“ aufwenden; während Van Diemen, unter Abscheu auf die städtische Kanalisation deutend, die über den Gemeindeland-Abschnitt am Strand stank, ihn lautstark aufforderte, zuallererst unsere Leben zu bewahren. Dann kaufte Van Diemen überhastet Elba zu einem hohen Schätzwert, und Tinman hatte gehofft, durch Abwarten es zu seiner eigenen Schätzung kaufen und es danach aus freundschaftlicher Rücksichtnahme an seinen Freund für eine freundschaftliche Entschädigung weiterverkaufen zu können. Van Diemen hatte sich der Jagd angeschlossen. Tinman konnte nicht reiten. Sie hatten sich nicht gestritten, aber sie waren wegen dieser und anderer Angelegenheiten aneinandergeraten. Van Diemen bildete sich ein, Tinman sei neidisch auf seinen Wohlstand. Tinman vermutete scharfsinnig, Van Diemen verachte seine Würde. Er erlitt einen Verlust bei einem Geldverleih; und anstatt ihn zu bemitleiden, hatte Van Diemen ihn verhöhnt, weil er Sicherheit für Anlagen mit zehn Prozent Zinsen erwartet hatte. Die Bitterkeit dieses Einschnitts machte Tinman entsetzlich empfindlich gegenüber Tadel an seiner Urteilskraft. In seiner Qual erzählte er seiner Schwester, er sei ruiniert, und sie riet ihm, vor dem Zusammenbruch zu heiraten. Sie wusste, dass er übertrieb, aber sie wiederholte ihren Rat. Sie ging so weit, die Person zu nennen. Dies ist bekannt, weil sie von ihrem Dienstmädchen belauscht wurde, einer Klatschbase von Mrs. Crickledon, der später berühmten „Little Jane“.
Nun hatte Annette ihrem Vater gegenüber schüchtern die Art von Herbert Fellinghams Brief angedeutet und gleichzeitig ihre vollkommene Bereitschaft erklärt, sich seinen Anweisungen zu fügen; und die Ratlosigkeit ihres Vaters war sehr groß, denn Annette hatte die Worte des jungen Mannes auf dem Ball in Helmstone recht leidenschaftlich dramatisiert, was ihn angenehm gekitzelt hatte, und außerdem mochte er den jungen Mann. Andererseits gefiel ihm die Aussicht, seine Tochter zu verlieren, ganz und gar nicht; und er hätte sich gewünscht, dass sie eine Dame von Stand würde. Er spielte auf ihr Recht an, eine hohe Position zu beanspruchen. Annette schreckte vor dieser Aussicht zurück und sagte: „Lass mich niemals einen heiraten, der sich meiner schämen könnte!“
„Das würde ich nicht verdauen“, sagte Van Diemen, der dem derzeitigen Freier geneigter war.
Annette zitterte nun. Sie hatte einen Liebhaber; er war im Anmarsch. Und wenn er nicht kam, spielte das eine Rolle? Nicht so sehr, außer für ihren Stolz. Und wenn er kam, was sollte sie ihm sagen? Sie fühlte sich wie eine Schauspielerin, die in wenigen Minuten auf die Bühne gerufen werden könnte, ohne ihre Rolle zu kennen. Dies war schmerzlich unähnlich der Liebe, und das arme Mädchen fürchtete, es wäre ihre gewissenhafte Pflicht, ihn abzuweisen – natürlich äußerst sanft; und vielleicht, sollte er ungestüm und malerisch sein, genug nachzugeben, um ihn hoffen zu lassen, und so eine glückliche Verschiebung der Frage herbeizuführen. Ihr Vater war in einer benachbarten Stadt in geschäftlichen Dingen mit Mr. Tinman gewesen. Er klopfte um Mitternacht an ihre Tür; und sie, in Angst vor ihr Unbekanntem – vor allem, dass die Stunde der Szene irgendwie geschlagen hatte –, trat zitternd zu ihm hinaus. Er war allein. Sie hielt sich für die kindischste aller Sterblichen, weil sie geglaubt hatte, um Mitternacht gerufen worden zu sein, um ihre Gefühle zu erklären, und bemerkte kaum seine düstere Niedergeschlagenheit. Er bat sie, ihm fünf Minuten zu geben; dann bat er sie um einen Kuss und sagte ihr, sie solle ins Bett gehen und schlafen. Aber Annette hatte gesehen, dass ein großes gegenwärtiges Leid auf ihm lastete, und sie wollte sich nicht schlafen schicken lassen. Sie versprach, geduldig zuzuhören, alles zu ertragen, tapfer zu sein. „Ist es eine schlimme Nachricht aus der Heimat?“, sagte sie und sprach von der alten Heimat, in der sie ihr Herz nicht gelassen hatte und wo sein Geld investiert war.
„Es ist dies, meine liebe Netty“, sagte Van Diemen, während er sich von ihr in ihr Wohnzimmer führen ließ; „wir werden die Küsten Englands verlassen müssen.“
„Dann sind wir ruiniert.“
„Sind wir nicht; der Schurke kann das nicht tun. Wir könnten auf den Kontinent abhauen, oder wir könnten nach Amerika gehen; wir haben Geld. Aber wir können hier nicht bleiben. Ich werde nicht von der Gnade eines anderen Mannes leben.“
„Der Kontinent! Amerika!“, rief die England-Enthusiastin aus. „Oh, Papa, du liebst es doch so sehr, in England zu leben!“
„Nicht so sehr, meine Liebe. Du schon, das weiß ich. Aber ich sehe nicht, wie das zu bewerkstelligen ist. Mart Tinman und ich sind heute und die halbe Nacht lang aneinandergeraten; und er hat die Maske fallen lassen, oder er hat mir etwas die Sicht verdeckt, ich weiß nicht, was von beidem. Ich habe ihn niedergeschlagen.“
„Papa!“
„Ich habe ihn wieder aufgehoben.“
„Oh“, rief Annette, „ist Mr. Tinman verletzt worden?“
„Er hat mich einen Deserteur genannt!“
Annette schauderte.
Sie wusste nicht, was das war, aber der Name öffnete eine Kammer des Schreckens, und sie berührte ihren Vater zaghaft, um ihn ihrer beständigen Liebe zu versichern und ein wenig, um sich selbst seiner substanziellen Identität zu vergewissern.
„Und ich bin einer“, machte Van Diemen das Geständnis in voller Lautstärke. „Ich bin ein Deserteur; ich laufe Gefahr, auf dem Rücken gebrandmarkt zu werden. Und es liegt in Mart Tinmans Macht, mich morgen früh vor den Augen von Crikswich abführen zu lassen, und alles, was ich für mich als Mann und Brite sagen kann, ist: Ich bin nicht vor dem Feind desertiert. Das schwöre ich, das hätte ich niemals getan. Tod, wenn der Tod vor einem liegt; aber deine arme Mutter war eine hübsche Frau, mein Kind, und da – ich konnte nicht in Kasernen weiterleben und sie ungeschützt zurücklassen. Ich kann einer jungen Frau die Geschichte nicht erzählen. Hundert Pfund fielen mir als Erbe zu, wie aus heiterem Himmel in meine Hände, und deine arme Mutter und ich sahen unsere Chance; wir berieten uns und beschlossen, es zu riskieren, und ich ging mit ihr und dir an Bord, und wir fuhren über die Meere, erst zum Schiffbruch, schließlich zum Glück.“
Van Diemen lachte elend. „Sie bemerkten hier auf der Jagd, dass ich einen soldatischen Sitz habe. Ein soldatischer Sitz wird es sein, mit einem Brandzeichen darauf. Ich werde nie wieder gebeten werden, bei einem von ihren Tischen einen soldatischen Sitz einzunehmen. Vielleicht bei Mart Tinman, aus Mitleid, nachdem ich meine Strafe verbüßt habe. Es läuft noch ein Jahr von den zwanzig meiner Dienstzeit. Er weiß es; er hat gerechnet; er hat mich. Aber die schlimmste Neunschwänzige für mich ist die Schande. Von mir sagen zu lassen: ‚Da geht der Deserteur! Er war Gefreiter bei den Carabiniers, und er ist desertiert.‘ Niemand wird sagen: ‚Ja, aber er hielt im Ausland an der Vorstellung von seinem alten Schulkameraden fest, und er kam zurück, liebte ihn und vertraute ihm, und wurde betrogen.‘“
Van Diemen erzeugte einen krampfartigen Husten mit einem Schlag auf seine Brust. Annette weinte.
„So, jetzt geh zu Bett“, sagte er. „Ich wünschte, du wüsstest nicht mehr von unserer Flucht, als du damals wusstest, als ich dich mit deiner armen Mutter auf das Schiff brachte; aber du bist jetzt eine junge Frau, und du musst mir helfen, an ein anderes Durchbrennen zu denken, und welches Gepäck wir auf die Schnelle zusammenkratzen können, denn ich werde hier nicht bei Mart Tinmans Gnade leben.“
Während sie ihre Augen trocknete, um wieder zu weinen, sagte Annette, als sie sprechen konnte: „Wird ihn nichts beruhigen? Ich wollte dich mit allerlei albernen Fragen belästigen, armer lieber Papa; aber ich sehe, ich kann es verstehen, wenn ich mich bemühe. Wird nichts – ist er so sehr böse? Können wir nicht etwas tun, um ihn zu besänftigen? Er hängt an seinem Geld. Er – oh, der Gedanke, England zu verlassen! Papa, es wird dich umbringen; du hängst dein ganzes Herz an England. Wir könnten – ich könnte – könnte ich nicht, glaubst du nicht? – als Friedensstifterin dazwischentreten. Mr. Tinman ist immer sehr höflich zu mir.“
Bei diesen Worten Annettes brach Van Diemen in ein kurzes, wildes Lachen aus. „Aber das liegt weit in der Vergangenheit, Mr. Mart Tinman!“, sagte er. „Du bleibst bei deinem Spiel, das weiß ich; aber du wirst mich geflogen finden, auch wenn ich einen Namen hinterlasse, der stinkt wie dein Gemeindeland hinter mir. Und“, fügte er als kühle Mahnung hinzu, „dieser Name ist der Name meines Wohltäters. Armer alter Van Diemen! Er hielt es für ein sicheres Vermächtnis.“
„Das war es; das ist es! Wir werden bleiben; wir werden nicht ins Exil gehen“, sagte Annette. „Ich werde alles tun. Worum ging es bei dem Streit, Papa?“
„Die Sache ist die, meine Liebe, ich wollte ihm nur zeigen – und seinen Stolz dämpfen –, dass ich durch meine australische Erziehung ein gewitzterer Bursche bin als er in der alten Heimat. Ich habe das Haus am Strand gekauft, während er feilschte, und dann habe ich es ihm mit Gewinn verkauft, als die Stadt aufstrebte – nur damit er es einsieht. Dann explodierte er wegen etwas, das ich über Australien sagte. Ich werde dafür sorgen, dass das Gemeindeland sauber wird. Er soll als mein Mieter im Crouch wohnen, wenn er das Haus am Strand in Gefahr sieht.“
„Papa, ich bin sicher“, wiederholte Annette, „sicher, dass ich Einfluss auf Mr. Tinman habe.“
„Da ziehen sich deine Lippen ganz eng zusammen“, sagte ihr Vater. „Hör nur zu, und sie bilden ein großes O. Der Esel! Er gibt zu, dass du Einfluss hast, und er bietet an, dass er schweigt, wenn du dein Wort gibst, ihn zu heiraten. Ich bin nicht sicher, ob er nicht sagte, innerhalb des Jahres. Ich habe ihm gesagt, er solle zusehen, dass er nicht wieder niedergeschlagen wird. Mart Tinman als mein Schwiegersohn! Das ist ein Kopfstand meiner Erwartungen, so gut wie an den Antipoden zu sein, ohne eine zweite Reise zurück! Ich ließ ihn wissen, dass du verlobt bist.“
Annette starrte ihren Vater mit offenem Mund an, wie er es vorhergesagt hatte; jetzt mit einem kleinen, kühlen Grübchen an einem Mundwinkel, jetzt am anderen – so wie eine Brise den bleiernen Wintersee hier und da kräuselt. Sie konnte seine Bedeutung nicht in ihr Blickfeld bekommen, und sie suchte, durch starres Hinsehen, sie besser zu verstehen; sehr ähnlich, wie wenn eine einsame ledrige Jungfer, die in den Stunden der Dunkelheit in ihr Schlafzimmer geht, erblickt – die Überlieferung sagt uns, sie habe tatsächlich den Fuß eines Einbrechers unter dem Bett erblickt; und siehe! Sie starrt, und, um ihr Entsetzen listig zu mildern, zweifelt sie, kann aber nicht anders, als zu glauben, dass da ein Bein ist, und ein Rumpf, und ein Kopf, und zwei schreckliche Arme, die Pistolen tragen, um zu folgen. Krank vor Angst, sie bebt; sie unterdrückt ihre Beklommenheit; sie hustet, vielleicht singt sie einen oder zwei Takte einer Arie. Wieder hinunterblickend, ist es dreifach schrecklich für sie zu entdecken, dass da kein Fuß ist! Denn wäre er geblieben, hätte man sich einen harmlosen, leeren Stiefel einbilden können. Aber das Zurückziehen hat eine tödliche Bedeutung von animalischem Leben...
Auf ähnliche Weise nahm unsere gepeinigte Annette das Objekt wahr; so begriff sie allmählich die Tatsache, dass sie als Tinmans Braut erbeten wurde, und sie konnte es nicht für glaubwürdig halten. Sie witterte halb, sie ersann ihren Plan zur Flucht vor einer weiteren bloßen Erwähnung davon. Aber als ihr Vater, mit einem Schlurfen, erschreckt durch ihren Gesichtsausdruck, bemerkte: „Hör nicht auf das, was ich sagte, Netty. Ich will ihn nicht schwärzer malen, als er ist“ – da war Annette sicher, dass um sie von Mr. Tinman geworben worden war, und sie bildete sich ein, ihr Vater könnte es in seinem Kopf gewälzt haben, dass dies ein Mittel sei, Tinman zum Schweigen zu bringen, für immer zum Schweigen, in seinem eigenen Interesse.
„Es war nicht wahr, als du zu Mr. Tinman sagtest, ich sei verlobt, Papa“, sagte sie.
„Nein, das weiß ich. Mart Tinman hat nur halb so eine Andeutung gemacht. Komm schon, ich sage! Wo ist der unverheiratete Mann, der nicht gerne ein Mädchen wie dich hätte, Netty! Sie sagen, er sei in einem Umkreis von fünfzehn Meilen überall abgewiesen worden; und er sieht nicht übel aus, auch nicht – er sieht frisch und adrett aus. Aber ich hielt es für das Beste, ihn wissen zu lassen, dass er mich vielleicht bei einer Schwäche erwischen könnte, aber dich nicht. Nun, denk nicht weiter darüber nach, mein Schatz.“
„Nicht, wenn es nicht nötig ist, Papa“, sagte Annette; und wandte ihre vertraute Liebenswürdigkeit an, um ihn zum Schlafengehen zu überreden, als wäre er der Gepeinigte, der gepäppelt werden musste.
KAPITEL VII
Rund unter den Klippen am Meer, nach Süden gerichtet, gibt es im Winter warme Sitzplätze. Die Sonne, die dort an einem Frosttag scheint, hüllt einen ein wie in einen Mantel. Hier war es, dass Mr. Herbert Fellingham Annette fand, einen Kreideblock als ihren Stuhl und einen Hügel aus Kreideschutt, der sie vor dem scharfkantigen Hauch des Ostwinds verteidigte, der nun und dann das glatte blaue Wasser beschattete, schwach, wie Reflexe eines Möwenschwarms.
Man sagt, Säuglinge hätten ihre Ideen, warum also nicht junge Damen? Diejenigen, die in Beschreibungen, die in ihrer Länge komisch sind, von ihren Verwicklungen schreiben, sind nicht gut zu ihnen, indem sie sie als die einfachsten Geschöpfe der Fiktion erscheinen lassen; und die meisten von uns, da bin ich sicher, würden dazu neigen, an sie zu glauben, wenn sie nur ein wenig leichter gezeichnet wären. Diese bekümmerten Regungen unserer jungen Dame aus den wohlhabenden Schichten sind durchaus erwähnenswert. Ihr armes kleines Auge, das so wenig fischartig wie möglich auf das Komplexe starrt, das sie für das Unendliche hält, hat seinen Platz in unserer Geschichte, noch sollten wir alle das Pathos davon vermissen, wäre es nicht so, dass ein so großer Raum für die Entblößung beansprucht wird. So wie es ist, muss man fast eine Schlacht schlagen, um die Welt davon zu überzeugen, dass sie handfeste Gedanken und Gefühle hat, und wahrlich, eine übermenschliche Feinheit ist erforderlich, um sie so darzustellen, dass sie glaubwürdig ist. Selbst dann – da so viel erreicht ist – werden die Tausenden, die an Kapitel von ihr gewöhnt sind, wenn sie sich in der Situation von Annettes befindet, von kurzen Sätzen enttäuscht sein, genau wie ehedem der kontinentale Austernesser beleidigt gewesen wäre, wenn man ihm angeboten hätte, zwei lebende gegen zwei Dutzend tote einzutauschen. Annette befand sich in der großen, entscheidenden Position der englischen erzählenden Prosa. Ich erkenne es an, und dass hierhin die Bächlein fließen, von da der Strom sich ergießt. Aber was war die reine Wahrheit? Sie hatte sich dazu durchgerungen zu denken, sie müsse sich für Tinman opfern, und ihre Ausflüchte gegenüber Herbert, die sich in Tricks von Kälte, abwechselnd mit Tönen des Bedauerns, äußerten, endeten, wie sie begonnen hatten, in einer geheimnisvollen Halb-Verstimmtheit. Sie hatte kaum ein Wort zu sagen. Lassen Sie mich erneut einschreiten, um zu beobachten, dass sie in diesem Moment keine gezielte Absicht hatte, Tinman zu heiraten. Ihrem Geist nach zwangen die Umstände sie dazu, den Gedanken daran in Angriff zu nehmen, und sie sah das Äußerste in einer extremen Ferne, wie diejenigen, die auf Reisen sind, den Tod durch Ertrinken sehen mögen. Dennoch hatte sie die Reise angetreten.
„Jedenfalls habe ich dein Wort darauf, dass du mich nicht missbilligst?“, sagte Herbert.
„Oh! Nein“, seufzte sie. Sie mochte ihn, wie Auswanderer das Land, das sie verlassen.
„Und du hast deine Hand nicht versprochen?“
„Nein“, sagte sie, seufzte aber bei dem Gedanken, dass, wenn sie dazu bewegt werden könnte, sie zu versprechen, kein Wort mehr vom Verlassen Englands die Rede wäre.
„Dann, da du nicht verlobt bist und mich nicht hasst, habe ich eine Chance?“, sagte er, in der halb weinerlichen Frageform einer Orgel, die einen bloßen windigen Abschluss macht.
Der Ozean sandte eine winzige Welle an ihre Füße.
„Ein Tag wie dieser im Winter ist seltener als ein Sommertag“, nahm Herbert ermutigend wieder auf.
Annette antwortete: „Die Leute schimpfen auf unser Klima –“
Aber der Gedanke, aus diesem Klima in die Dunkelheit des Exils gehen zu müssen, mit ihrem Vater, der darunter schlimmer zu leiden hätte als sie selbst, überwältigte sie und brachte ihr die Realität ihres Kummers in der Gestalt von Tinman, der vor ihrer Seele mit der Geschwindigkeit eines Telegrafenmastes am Fenster des vorbeirasenden Zuges vorbeischwamm. Er war vorbei, sobald gesehen, aber er gab ihr ein verzweifeltes Gefühl von Geschwindigkeit.
Sie begann zu spüren, dass dies das Leben im Ernst war.
Und Herbert hätte entschlossener, feuriger sein sollen. Sie brauchte einen starken Willen.
Aber er war nicht auf den Stromschnellen der meisterhaften Leidenschaft. Denn obwohl er in einem gewissen Tempo unterwegs war, geschah dies durch seinen eigenen Antrieb; und ich fürchte, ich muss ihn, mit vielen Entschuldigungen, mit dem Schlittschuhläufer vergleichen – mit dem Schlittschuhläufer auf leichtem, glattem Eis, wohlgemerkt; aber er konnte Drehungen vollführen, während er dahinglitt, und er segelte eher dahin, als dass er stürmte; er war bedacht auf seine Figuren. Manche Liebhaber, ganz ehrliche Liebhaber, kommen nie über dieses kuriose Schlittschuhstadium hinaus; und manche Damen, eine recht stattliche Anzahl in einem nebligen Klima, getäuscht durch ihre gelegentlichen Sprints nach vorn, halten sie für Schiffe auf dem wahren Strom der Liebe. Lassen Sie sie sie halten, und lassen Sie das Rennen weitergehen. Nur wir nehmen wahr, dass sie Schlittschuh laufen; sie rasen über einen glatten Eisboden, und sie können auf ein Signal hin anhalten, mit nur einem halben Yard Scharren auf der Ferse außen. Eis, nicht Feuer noch fallendes Wasser, war ihr Fortbewegungsmittel.
Ob ein Mann sein eigenes Geschlecht enthüllen sollte, ist eine ganz andere Frage. Wenn wir entdeckt werden, sind nicht nur wir erledigt, sondern auch unsere Liebesgeschichten. Jedoch gibt es diesbezüglich nicht viel Grund zur Sorge. Jedes Mitglied der anderen Partei ist auf eigene Rechnung blind.
Für Annette war die Figurenzeichnung Herberts anmutig, aber sie riss sie nicht mit und trug sie nicht; sie berührte sie kaum: Er sprach gut genug, um sie für sich zu bedauern, und nicht warm genug, um sie ihren Kummer um sich selbst vergessen zu lassen.
Herbert konnte von Annette keine Erklärung für die Einzigartigkeit ihres Verhaltens erhalten, und er ging direkt zu ihrem Vater, der eine Zeit lang fast genauso unerklärlich war. Schließlich sagte er:
„Wenn Sie bereit sind, das Land mit uns zu verlassen, können Sie meine Zustimmung haben.“
„Warum das Land verlassen?“, fragte Herbert in natürlichem Erstaunen.
Van Diemen lehnte es ab, es ihm zu sagen.
Aber als er den jungen Mann verblüfft und elend aussehen sah, ging er im Zimmer auf und ab und sagte: „Ich habe nicht geraubt“, und nach weiteren Runden: „Ich habe nicht gemordet.“ Er knurrte in seinem menagerieartigen Trott innerhalb der vier Wände. „Aber ich bin in der Hand eines Mannes. Wird das Ihre Frage beantworten? Sie werden mir sagen, weil ich reich bin, solle ich ihm eine lange Nase drehen. Ich kann es nicht. Ich habe Gefühle. Ich bin in seiner Macht, mich zu verletzen und in Schande zu stürzen. Es ist die Schande – zu meiner Schande sage ich es –, die ich am meisten fürchte. Sie würden meinen Grund verstehen, wenn Sie jemals in einem Regiment gedient hätten. Ich meine, Disziplin – wenn Sie jemals Disziplin gekannt hätten – bei der Polizei, wenn Sie wollen – irgendetwas – irgendwo, wo es das gibt, was wir früher 'Spiny de Cor' nannten. Ich meine, in der Schule. Und ich bin“, sagte Van Diemen, „ein Vollidiot, D. D. Dummkopf, und flach wie ein Pfannkuchen, und durchsichtig wie eine Fensterscheibe. Sie durchschauen mich. Jeder könnte es. Ich kann nicht über meine Bedrängnis reden, ohne mich zu verraten. Was für einen Nutzen habe ich unter euch scharfen Burschen in England?“
Sprache dieser Art, durch ihre Unverständlichkeit, setzte Mr. Herbert Fellinghams scharfe Spekulationen in Gang. Er war gezwungen, sich auf Van Diemens Versicherung zu stützen, dass er weder geraubt noch gemordet habe, um durch den Glauben getröstet zu werden, er sei nicht einst ein berüchtigter Buschräuber, oder ein säumiger Minendirektor, oder irgendeine andere Sache, die ungezogen australisch und känguruhartig ist.
Er saß am Esstisch in Elba, aß wie der Rest der Menschheit und sah währenddessen aus wie ein verhungerter Bettler.
Annette, aus Mitleid über seine Verwirrung, hätte sich gewünscht, dass ihr Vater ihn in ihr Vertrauen zöge. Sie schlug es versteckt vor, und später sprach sie gegenüber ihm als eine umsichtige Maßnahme davon, da Mr. Fellingham herausfinden könnte, in welchem genauen Ausmaß er haftbar sei. Van Diemen schrie; er verriet sich in seiner Schwäche, wie sie es sich nicht hätte vorstellen können. Er war bereit zu gehen, sagte er – auf der Stelle zu gehen, Elba aufzugeben, aus dem alten England zu fliehen: Was er nicht tun konnte, war, seine Landsleute wissen zu lassen, was er war, und danach unter ihnen zu leben. Er erklärte, dass die Tatsache ewig in seinem Geist präsent gewesen sei und ihn verzehre; und Annette erinnerte sich an seine Güte gegenüber den Artilleristen, die westlich von Crikswich an der Küste stationiert waren, obwohl sie sich an kein Zeichen von Reue erinnern konnte. Van Diemen sagte: „Wir haben es mit Martin Tinman zu tun; der hat mich in der Hand, und einer reicht. Wenn mein Geheimnis an einen zweiten Kerl durchsickert, verdopple ich meine Risiken.“ Er ließ sich nicht beibringen, zu sehen, wie der zweite den ersten neutralisieren könnte. Die Besonderheit, wie sich sein Charakter auf ihre Lage auswirkte, bestand darin, dass sie, obwohl sie keine Seele kannte, bei der sie ihr Elend abladen konnte, und viel isolierter dastand als in ihrer australischen Heimat, Fieber und Schüttelfrost in ihrem Blut spürte, wenn sie über die Notwendigkeit nachdachte, England zu verlassen.
Tief war daher ihre Dankbarkeit gegenüber der lieben guten Mrs. Cavely, dass sie einsprang, um zwischen ihrem Vater und Mr. Tinman zu vermitteln. Und mit gutem Grund mochte sie erstaunt sein, den Ursprung ihres jüngsten Streits zu hören.
„Es war“, sagte Mrs. Cavely, „dieses Gippsland.“
Annette rief aus: „Was?“
„Dieses Gippsland von euch, meine Liebe. Dein Vater wird Gippsland preisen, wann immer mein Martin ihn bittet, die Schönheiten unserer Nachbarschaft zu bewundern. Oft genug ist Martin zu mir nach Hause gekommen und hat sich darüber beklagt. Wir hegen nicht den geringsten Zweifel, dass Gippsland ein sehr schöner Ort ist; aber mein Bruder hat seine Vorstellungen von Würde, das musst du wissen, und ich wünschte nur, er wäre mehr an Widerspruch gewöhnt gewesen, das kannst du mir glauben. Er ist von Natur aus ein Lamm. Und, wie er sagt: ‚Warum das eigene Land unterbewerten?‘ Er kann es nicht ertragen, Prahlerei zu hören. Nun! Ich frage dich, liebe Annette, ist er eine so unwichtige Person? Er verlangt, respektiert zu werden, und zwar besonders von seinem liebsten Freund. Und davon zu Schlägen! So sind die Männer eben. Sie fangen wegen Kleinigkeiten an, sie trinken, sie streiten, und einer tut etwas, das ihm leid tut, und einer sagt mehr, als er meint. Alles, was mein Martin wünscht, ist, deinem lieben Vater die Hand zu schütteln, zu vergeben und zu vergessen. Um deine Achtung zu gewinnen, liebe Annette, würde er sich in den Staub werfen. Willst du mir nicht helfen, diese zwei lieben alten Freunde wieder zusammenzubringen? Es ist unvernünftig von deinem lieben Papa, weiterhin von Gippsland zu prahlen, wenn er England so sehr liebt, nicht wahr? Mein Bruder ist in den Augen des Gesetzes die beleidigte Partei. Das ist ganz sicher. Glaubst du etwa, er träumt davon, das auszunutzen? Er wartet zu Hause darauf, dass man ihm sagt, er dürfe deinen Vater besuchen. Rang, Würde, verletzte Gefühle bedeuten ihm nichts im Vergleich zur Freundschaft.“
Annette dachte an den Schlag, der ihn zu Boden gestreckt hatte, und sprach die Wahrheit ihres Herzens, als sie sagte: „Er ist sehr großmütig.“
„Du verstehst ihn.“ Mrs. Cavely drückte ihre Hand. „Wir werden beide zu deinem lieben Vater gehen.“ Sie fügte, nicht ohne einen Schimmer weiblicher Schalkhaftigkeit, hinzu: „Er mag Gippsland bei mir über den Himalaya hinaus loben. Was mein Martin so sehr beanstandete, war, dass überhaupt von Gippsland gesprochen wurde, wenn unsere Seenlandschaft erwähnt wurde. Was mich betrifft, ich weiß, wie Männer es lieben, mit Dingen zu prahlen, die sonst niemand gesehen hat.“
Die beiden Damen gingen gemeinsam zu Van Diemen, der sich erweichen ließ. Er blieb dennoch zurückhaltend. Sein Empfang von Mr. Tinman missfiel seiner Tochter. Annette maß einem Faustschlag die schwärzeste Bedeutung bei. In ihrem Geist loderte er wie ein teuflisches Ereignis, und der Mann, der ihm verzieh, stieg um ein oder zwei Stufen in das Erhabene auf. Das tat er besonders, wenn man bedachte, dass er die Macht hatte, ihren Vater und sie aus dem hell strahlenden England zu verweisen, bevor sie alle Kathedralen und Kirchen, die Meeresküsten und die in gedruckter Poesie genannten Orte gesehen hatte, ganz zu schweigen vom Adel.
„Papa, du warst nicht so freundlich zu Mr. Tinman, wie ich gehofft hatte“, sagte Annette.
„Mart Tinman hat mich in seiner Gewalt, und er wird mich das spüren lassen“, erwiderte ihr Vater düster. „Vielleicht lässt er mich mit dem Oberbefehlshaber davonkommen. Aber er wird eines Tages meinen Ruf ruinieren. Durch ihn werde ich in der Gesellschaft den Kopf hängen lassen.“
Van Diemen ahmte das trostlose Aussehen eines Gehängten nach, in einem jener schnellen Blitze spontaner Wirklichkeitstreue, die aus einem eingeborenen Entsetzen entspringen, das sich nach außen malt.
„Ein Deserteur!“ stammelte er.
Es gelang ihm, die schreckliche Natur dieses Stigmas in Annettes Vorstellungskraft einzuprägen.
Der Gast auf Elba war damit beschäftigt, die Summe seiner eigenen Eindrücke zu addieren und sie durch diesen und jenen neuen Umstand zu dividieren; denn er war völlig im Dunkeln. Er war von der geheimnisvollen Unterredung zwischen Mrs. Cavely und Annette angezogen. Tinmans Kommen und Gehen brachte ihn auf neue Berechnungen. Annette wurde kalt und sichtlich bedrückt durch ihr Bewusstsein davon.
Sie versuchte, diese Stimmungsschwankung zu erklären. „Wir sind eingeladen, morgen im Haus am Strand zu speisen. Ich hätte nicht zugesagt, aber Papa... wir hielten es für eine Pflicht. Natürlich erstreckt sich die Einladung auch auf dich. Wir glauben, dass du es nicht sehr genießt, dort zu speisen. Der Tisch wird hier für dich gedeckt, wenn du es vorziehst.“
Herbert zog es vor, die Kochkünste von Mrs. Crickledon zu testen.
Nun, für echte Durchsichtigkeit ist der Geist, der von einem Verdacht eingenommen ist, unübertroffen; denn wo es kein Tageslicht gibt, geht dieser zumindest mit einer Laterne umher. Herbert bat Mrs. Crickledon, ein Abendessen für ihn zu kochen, und um seinem Fernbleiben vom Tisch des Mr. Tinman die richtige Farbe zu geben, machte er sich zu einem winterlichen Tagesmarsch über die Downs auf – ein so schärfendes Geschäft, wie es jeder junge Kerl, ob stumpf oder scharf, unternehmen mag; ausgezeichnet für Männer der Feder, ob sie nun kreativ sind und produzieren, oder schlachtend und rezensierend; gut also für die dummen Schafe der Literatur und die Metzger. Er setzte sich um halb sieben an Mrs. Crickledons Tisch. Sie war, wie sie ihn zuvor informiert hatte, eine Vierzig-Pfund-im-Jahr-Köchin zur Zeit ihrer Werbung durch Crickledon. Dieser eifrige und ergebene Ehemann hatte seinen ersten Ausflug ins Landesinnere unternommen, um über die Downs zum großen Haus zu gelangen und sie als seine Braut zu holen, beim Tod ihres Herrn, Sir Alfred Pooney, der sie zu Lebzeiten niemals hätte gehen lassen; und an jedem Tag seines Lebens machte dieser Mann dreizehn Teller beim Abendessen schmutzig, nicht mehr, nicht weniger, sondern genau diese Zahl, als ob er glaubte, es bringe Glück. Und wie Crickledon sagte, es war seltsam. Aber es war immer ein Vergnügen, für ihn zu kochen. Mrs. Crickledon konnte es nicht ausstehen, für jemanden zu kochen, der wenig aß. Und als Crickledon sagte, er habe noch nie eine Eichel gesehen, hätte er eine sehen können, wenn er sich im großen Park unter den Eichen umgesehen hätte, an dem Tag, als er kam, um zu heiraten.
„Dann ist es ein ständiges Kompliment an Sie, Mrs. Crickledon, dass er es nicht tat“, sagte Herbert.
Er bemerkte mit der Sentenzhaftigkeit erzwungener Philosophie, dass kein Wein besser sei als schlechter Wein.
Mrs. Crickledon sprach von einer Flasche, die ihre Sommergäste zurückgelassen hatten, die tatsächlich zwei hinterlassen hatten, wobei sie den Wein Krankenwein nannten; und sie und ihr Mann hatten eine am Jahrestag ihres Hochzeitstages im Oktober geöffnet. Er hatte den Geschmack von einer Apotheke, da waren sie sich beide einig; und da kein Freund von ihnen zu mehr als einem Schluck verleitet werden konnte, wurde ihnen geraten, weil er als Stärkungsmittel bezeichnet wurde, ihn unter den Schweinefraß zu mischen, damit er nicht völlig verloren gehe, sondern die Konstitution des Schweins begünstige. Herbert nippte an der verbleibenden Flasche und fand sich in der überlegenen Gesellschaft eines alten Manzanilla wieder und füllte sein Glas nach.
„Nichts, was ich weiß, beweist den Unterschied zwischen feinen Leuten und armen Leuten so sehr wie der Geschmack bei Wein“, sagte Mrs. Crickledon, während sie ihn bewunderte und eine Schüssel mit Koteletts hereinbrachte – mit Sir Alfred Pooneys Lieblingssauce Soubise, worin die Zwiebel zu Recht so zart sein sollte wie die Vorstellung der Liebe in den Gedanken eines Mädchens, auch wenn sie das Element des Geschmacks ausmachte. Etwas von einem solchen Diktum hatte Sir Alfred Pooney seiner Köchin vermittelt, und sie wiederholte es mit der frischen Eleganz solcher süßen Sprüche, wenn sie durch den einfachen Geist übertragen werden:
„Er sagte, ich mag es, wie es wäre, was man das Erröten eines jungen Mädchens bei einem Kuss um die Ecke nennen würde.“
Der epikureische Baronet hatte die Angewohnheit, so zu sprechen.
Herbert trank auf sein Andenken. Er war gut gesättigt; er hatte keine Arbeit zu tun, und er war überschwänglich in seiner Stimmung, wie Mrs. Crickledon wusste, dass ihre Landsleute unter diesen Bedingungen sein sollten und würden. Und plötzlich fuhr er sich mit der Hand über eine Stirn, die so faltig und dunkel war, dass Mrs. Crickledon ausrief: „Herz oder Magen?“
„Oh, nein“, sagte er. „Ich hoffe, ich bin in beidem gesund genug.“
„Dieser alte Tinman führt eines seiner Spiele auf“, bemerkte sie.
„Glauben Sie?“
„Er umwirbt Miss Annette Smith.“
„Pah! Crickledon. Ein Mann in seinem Alter kann nicht ernsthaft daran denken, um ein junges Mädchen anzuhalten.“
„Er ist ein gut gehaltener Mann. Er hat nie ein wildes Leben geführt. Er hatte das Wilde nicht in sich. Und sie mag sich nicht für ihn interessieren. Aber wir hören Dinge durchsickern.“
„Welche Dinge haben Sie durchsickern hören, Crickledon? In einer tiefen Stille kann man Stecknadeln hören; in einem Getümmel kann man Kanonenkugeln hören. Aber ich glaube nicht an belauschtes Gerede.“
„Er wurde gehört, wie er zu Mr. Smith sagte“, fuhr Crickledon fort, und sie senkte ihre Stimme, „er wurde gehört, wie er sagte, es war, als sie sich wegen dieses Streitfalls stritten, und sie gingen ziemlich hart aufeinander los, bevor Mr. Smith ihn schlug und er Mr. Smith diese Wiese verkaufte; er wurde gehört, wie er sagte, es gäbe Schlimmeres als Deportation für Mr. Smith, wenn er nur seinen Finger rührte. Diese Tinmans haben schreckliche Temperamente. Seine alte Mutter starb bösartig, obwohl sie eine sparsame Frau war und nie einem Christen einen Pfennig eine Stunde länger schuldete, als es dauerte, das Geld zu bezahlen. Und der alte Tinman ist genau so einer.“
„Deportation!“ stieß Herbert hervor, „das ist reiner Unsinn, Crickledon. Ich bin sicher, Ihr Mann würde Ihnen das sagen.“
„Es war mein Mann, der mir die Worte brachte“, erwiderte Mrs. Crickledon mit einigem Triumph. „Er sagte mir zwar, ich soll es verschlossen halten: aber dass ich mit Ihnen, einem Freund von Mr. Smith, spreche, wird keinen Schaden anrichten. Er hörte sie unter der Batterie, wegen diesem Streitglas: ‚Und du wirst zahlen‘, sagt Mr. Smith, und ‚Ich nicht‘, sagt der alte Tinman. Mr. Smith sagte, er würde es haben, selbst wenn er einem Sünder ein Sterbebettgeständnis abpressen müsste. Dann schießt der alte Tinman los: ‚Du!‘ sagt er, ‚du‘ – und er stammelte. ‚Mr. Smith‘, sagte mein Mann – und Sie haben noch nie einen Mann so schockiert gesehen wie meinen Mann, als er gezwungen war, sie einander hören zu müssen – Mr. Smith benutzte das Wort verdammt. ‚Sie können lachen, Sir.‘“
„Sie sagen es so vortrefflich, Crickledon.“
„Und dann sagte der alte Tinman: ‚Und ein V. für dich; und wenn ich meinen Finger rühre, ist es ein großes V. auf deinem Rücken.‘“
„Und was sagte Mr. Smith dann?“
„Er sagte, wie ein Mann, der erschossen wird, mein Mann sagt, er sagte: ‚Mein Gott!‘“
Herbert Fellingham sprang vom Tisch auf.
„Sie erzählen mir, Crickledon, Ihr Mann hat das tatsächlich gehört – genau diese Worte? – die Töne?“
„Mein Mann sagt, er hörte ihn sagen: ‚Mein Gott!‘ genau wie ein armer Mann, der erschossen oder erstochen wird. Sie können mit Crickledon sprechen, wenn Sie allein mit ihm sprechen, Sir. Ich sage, Sie sollten es wissen. Denn ich habe bemerkt, dass Mr. Smith seit diesem Tag für mich nie mehr der gleiche unbeschwerte, glückliche Gentleman war, der er war, als wir ihn zuerst kannten. Er wollte, dass ich für ihn auf Elba koche, aber Crickledon meinte, es sei besser, ich sei unabhängig, und Mr. Smith sagte zu mir: ‚Vielleicht haben Sie recht, Crickledon, denn wer weiß, wie lange ich noch unter euch sein werde?‘“
Herbert genoss den Trost des Tabaks in Crickledons Laden. Von dort aus, mit der ihm bestätigten Geschichte, schlenderte er in Richtung des Hauses am Strand.
KAPITEL VIII
Der Mond stand über dem Meer. Küstenschiffe, die zum Schutz vor dem Nordwind in die Bucht gelaufen waren, lagen da, ihre Schatten auf das kalte, glatte Wasser in Richtung Küste geworfen, fast bis zum Rand des Strandes, wo es weder Hauch noch Laut von Wind gab, nur das Lispeln bei den Kieselsteinen.
Mrs. Crickledons Abendessen und der Zustand seines Herzens machten den jungen Fellingham gleichgültig gegenüber einer winterlichen Atmosphäre. Es genügte ihm, dass die Nacht schön war. Er streckte sich auf dem Kies aus, dachte an den Manzanilla und Annette und das feine Aroma, das dem Tabak durch eine trockene, stille Luft im Mondlicht verliehen wurde – und dachte auch an seine Arbeit im Hintergrund, soweit es die geistige Mattigkeit erlaubte. Die Idee, Annette mitzunehmen, um sein erstes Stück im Theater zu sehen, wenn es aufgeführt würde, war sehr beruhigend. Der Strand sah eher wie eine Bühne aus, und das Meer wie ein geisterhaftes Publikum, mit, wenn Sie so wollen, den Breitseiten der schwarzen Segelschiffe vor Anker als Vertreter der Zeitungsbühnen. Annette war ein nettes Mädchen; wenn auch ein wenig gewöhnlich und von niedriger Herkunft, doch süß. Was für ein Thema er aus ihrem Vater machen könnte! „Der Deserteur“ bot eine neue Komplikation. Fellingham skizzierte sie schnell in seiner Fantasie – Van Diemen, als Mitglied des Parlaments von Großbritannien, vom Unterhaus weggeführt, um an der Bank gebrandmarkt zu werden! Was für ein großartiger Fall! Wir haben so wenige intensiv dramatische Positionen im englischen wirklichen Leben, dass der nachdenkliche Autor in diese vernarrt war und ein königliches „Ha!“ ausstieß wie ein Monarch, der seine gut ausgerüsteten Soldaten begutachtete.
„Da sind Sie ja“, sagte Van Diemens Stimme; „ich habe Ihre Pfeife gerochen. Sie sind ein seltsamer Kerl, dass Sie in einer kalten Nacht auf dem Strand herumliegen. Gott! Ich mag Sie deswegen nicht weniger. Das war für die Romantik des Mondes in meinen jungen Tagen.“
„Wo ist Annette?“ sagte Fellingham und sprang auf.
„Meine Tochter? Sie verabschiedet sich von ihrem Zukünftigen.“
„Was ist das?“ Fellingham keuchte. „Guter Himmel, Mr. Smith, was meinen Sie damit?“
„Heben Sie Ihre Pfeife auf, mein Junge. Mädchen wählen, wie es ihnen gefällt, nehme ich an.“
„Ihrem Zukünftigen, sagten Sie, Sir? Was kann das bedeuten?“
„Mein lieber guter junger Mann, machen Sie kein Aufheben. Wir werden alle hier bleiben und uns sehr freuen, Sie von Zeit zu Zeit zu sehen. Die Tatsache ist, ich hätte mich nicht mit Mart Tinman streiten sollen, wie ich es getan habe; ich bin von Natur aus zu hitzköpfig. Die Tatsache ist, ich habe ihn geschlagen, und er hat vergeben. Ich hätte das selbst nicht tun können. Und ich glaube, ich bekomme morgen Kopfschmerzen; bei meiner Seele, das glaube ich. Mart Tinman wollte uns Champagner geben; aber, armer alter Junge, ich habe ihn geschlagen, und ich konnte es nicht wiedergutmachen – sah nicht, wie; und wir reichten uns die Hände über dem Glas – zum Teufel mit dem Glas! – und das Ende vom Lied ist, Netty – sie hat es nicht vorgeschlagen, aber da ich in seinem – ich sage, da ich ihn geschlagen hatte, sie – es war ziemlich feierlich, wenn Sie uns gesehen hätten – sie brach in Tränen aus, und da war Mrs. Cavely, und der alte Mart, und ich als ein ebenso großer Narr – wenn ich nicht ein Schurke bin!“
Fellingham nahm eine mehr als gewöhnliche Wirkung von Tinmans Wein wahr. Er berührte Van Diemen an der Schulter. „Darf ich bitten zu hören, was genau passiert ist?“
„Bei meiner Seele, wir werden alle bequem im alten England leben, und kein Streiten und kein Heimlich-Davonlaufen mehr“, war die dumme Erwiderung. „Außer dass ich nicht genau – ich glaube, Sie sagten ‚genau‘? – ich habe nicht für den alten Mart als meinen – aber er ist ein solider Mann; Mart ist jünger als ich; er ist reich. Er ist öko... er ist öko... Sie wissen schon – mein Gott! Wo ist mein Verstand? – aber er ist aufrichtig – ‚nomisch!“
„Ein ökonomischer Mann“, sagte Fellingham mit gesetzter Ungeduld.
„Mein lieber Sir, ich bin Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung verbunden“, erwiderte Van Diemen. „Da ist sie.“
Annette war aus dem Tor in der Feuersteinmauer gekommen. Sie zuckte leicht zusammen, als sie Herbert sah, den sie für einen Küstenwächter gehalten hatte, sagte sie. Er verbeugte sich. Er hielt den Kopf gesenkt und spähte sie aufdringlich an.
„Es ist die Luft nach dem Champagner“, sagte Van Diemen und forderte seine Lungen auf, sich zu reinigen und ihn aufzurichten. „Ich war im Haus kein bisschen komisch.“
„Die Luft nach Tinmans Champagner!“ sagte Fellingham.
„Es muss wie die Berührung von zwei feindlichen chemischen Elementen sein.“
Annette ging schneller.
Sie stiegen vom Kies auf den spärlich bewachsenen Grasstreifen hinab, der um den salzigen Stadtmüll weiter in Richtung Elba führte. Van Diemen schnupperte und stieß aus: „Ich werde der Trauzeuge bei Mart Tinman in dieser Angelegenheit sein! Sie bleiben bei uns, Mr. – wie ist Ihr Vorname? Bleiben Sie bei uns, so lange Sie wollen. Alte Freunde sind mir die liebsten! Der Witz an der Sache ist, dass Nelson mein Mann war, und doch bin ich zur Kavallerie gegangen. Wenn Sie von chemischen Substanzen sprechen, der alte Mart Tinman war ein Feigling, der sich nie einen Dreck um sein Land geschert hat; und ich darf kein einziges Wort darüber verlieren... da drüben... Australien... Gippsland! Also ging er unter, völlig unter. Sehr leid für das, was wir getan haben. Reuig. Bußfertig.“
„Jetzt spüren wir den Wind ein wenig“, sagte Annette.
Fellingham murmelte: „Erlauben Sie; Ihr Schal weht lose.“
Er legte seine Hände auf ihre Arme, drückte sie zitternd und sagte: „Ein Zeichen! Es ist nicht wahr? Ein Wort! Hassen Sie mich?“
„Vielen Dank, aber mir ist nicht kalt“, antwortete sie und hakte sich bei ihrem Vater ein.
Van Diemen schrie sofort: „Denn wir sind fröhliche Jungen! Denn wir sind fröhliche Jungen! Es ist die Luft nach dem Champagner. Und hänge mich auf“, sagte er, als sie das Gelände von Elba betraten, „wenn ich nicht über mein Eigentum gehe.“
Annette intervenierte; sie stand wie ein Schilfrohr in seinem Weg.
„Nein! Mein Gott! Ich werde sehen, wofür ich Sie verkauft habe!“ rief er. „Ich bin ein Besitzer des Bodens von Alt-England und kümmere mich nicht mehr um den Titel eines Landjunkers als Napoleon Bonaparty. Aber ich sage Ihnen was, Mr. Hubbard: Ihre Mutter war nie so erstaunt über ihren Hund wie der alte Van Diemen, wenn er sich im alten England als Junker bezeichnen hören würde. Und ein Sträfling war er, denn er hat einmal Unrecht getan, aber er hat seine Erlösung erarbeitet. Und der Geruch meines eigenen Eigentums lässt mich meine Beine wieder spüren. Und ich sage Ihnen was, Mr. Hubbard, wie Netty Sie nennt, wenn sie unter vier Augen von Ihnen spricht: Mart Tinmans Vorstellungen von Wein sind so ziemlich wie seine Vorstellungen von gesunden Gerüchen, und wenn ich Vogt von Crikswich bin, passen Sie auf, wird er zwei zu eins gegen sich in unserem Stadtrat finden. Ich liebe mein Land, aber hänge mich auf, wenn ich es nicht reinige –“
Während er dies mit der Aufregung eines hohen Entschlusses sagte, bohrte sich Van Diemen durch ein Gebüsch, und Fellingham sagte zu Annette:
„Habe ich Sie verloren?“
„Ich gehöre meinem Vater“, sagte sie, zog sich zusammen und löste ihre weiblichen Gewänder, um ihm in der kalten, silbern gesprenkelten Dämmerung der Winterwälder nachzutreten.
Van Diemen kam an einen Fischteich.
„Hier seid ihr, ihr jungen Leute!“ sagte er zu dem Paar. „Hier lang, Fellowman. Ich bin jetzt klarer, und ich glaube, ich habe Unsinn geredet. Ich bin aufgeblasen von Geld und habe nicht mehr das Herz, das ich einmal hatte. Ich sage, Fellowman, Fellowbird, Hubbard – wie ist Ihr richtiger Name? – stellen Sie sich einen alten Karpfen vor, der aus diesem Teich gefischt und ins Meer geworfen wird. Das ist Exil! Und wenn das Mädchen nichts dagegen hat, was spielt das für eine Rolle?“
„Mr. Herbert Fellingham, denke ich, möchte zu Bett gehen, Papa“, sagte Annette.
„Miss Smith muss kalt werden“, deutete Fellingham an.
„Hüpft nach drinnen“, erwiderte Van Diemen, und er führte sie wie ein Stier.
Annette war abgeneigt, sie allein im Raucherzimmer zu lassen, und unter dem Vorwand, ihren Vater zu Bett bringen zu wollen, blieb sie bei ihnen, obwohl Herbert einen neuen direkten und heißen Ton an sich hatte, der sie alarmierte, und das mit Recht. Er ahnte in scheußlichen Umrissen, was passiert war. Er figurierte nicht mehr auf sicherem Eis, sondern war verzweifelt angesichts der Aussicht auf einen Verlust für sich selbst und ein Schicksal für Annette, das ihn zwischen Abscheu und Unglauben hin und her warf.
Van Diemen bat ihn, seine Pfeife anzuzünden.
„Ich reise morgen nach London“, sagte Fellingham. „Ich möchte nicht gehen, aus sehr speziellen Gründen; dort kann ich vielleicht von größerem Nutzen sein. Ich habe einen Cousin, der General in der Armee ist, und wenn ich Ihre Erlaubnis habe – wissen Sie, mir scheint alles besser, als dass Sie für Ihren Frieden und Ihr Wohlbefinden davon abhängig sind, dass die Zunge eines Mannes nicht ausplaudert, besonders wenn dieser nicht gerade das beste Temperament hat – wenn ich Ihre Erlaubnis habe –, ohne natürlich Namen zu nennen, werde ich ihn konsultieren.“
Es herrschte Grabesstille.
„Sie wissen, dass Sie mir vertrauen können, mein Herr. Ich liebe Ihre Tochter von ganzem Herzen. Ihre Ehre und Ihre Interessen sind die meinen.“
Van Diemen kämpfte um Fassung.
„Netty, was hast du getan?“, sagte er.
„Es ist unwahr, Papa!“, antwortete sie auf den ungesprochenen Vorwurf.
„Annette hat mir nichts gesagt, mein Herr. Ich habe es gehört. Sie müssen sich mit der Tatsache wappnen, dass es bekannt ist. Was Mr. Tinman bekannt ist, dürfte bei der nächsten Meinungsverschiedenheit ziemlich sicher allgemein bekannt werden.“
„Dieser Schurke Mart!“, murmelte Van Diemen.
„Ich bin sicher, Mr. Tinman hat nicht über Sie gesprochen, Papa“, sagte Annette und wandte ihre Augen von der halb gelähmten Gestalt ihres Vaters zu Herbert, um ihn zu prüfen.
„Nein, aber er hat sich Gehör verschafft, als darüber diskutiert wurde. Wie dem auch sei, es ist bekannt; und das Einzige, was zu tun bleibt, ist, sich dem zu stellen.“
„Ich bin weg. Ich bleibe keinen Tag länger. Ich würde lieber auf dem Kontinent leben“, sagte Van Diemen und schüttelte sich, als bereite er sich auf den Schritt in jene Wüste vor.
„Mr. Tinman war höchst großmütig!“, protestierte Annette unter Tränen.
„Ich will nicht Nein sagen: Ich denke, du wirst getäuscht und leihst ihm deine eigene Großmut“, sagte Herbert. „Kannst du es für großmütig halten, dass er selbst im äußersten Fall mit deinem Vater über die Angelegenheit spricht und davon redet, ihn anzuzeigen? Er hat es getan.“
„Er wurde provoziert.“
„Ein Gentleman zeichnet sich dadurch aus, dass er sich nicht provozieren lässt.“
„Ich bin mit ihm verlobt, und ich kann es nicht hören, wenn gesagt wird, er sei kein Gentleman.“
Den ersten Teil ihres Satzes brachte Annette tapfer hervor; am Ende brach sie zusammen. Sie wollte, dass Herbert die Wahrheit erfuhr, damit er seine Angriffe auf Mr. Tinman einstellte; und sie glaubte, er habe nur die Umstände erraten, in denen sich ihr Vater befand; aber der Vergleich zwischen ihren beiden Verehrern drängte sich ihr nun auf, da der Jüngere in einer so beherrschten, kurzen und gefühlvollen Weise sprach.
Sie musste das Zimmer weinend verlassen.
„Hat Ihre Tochter sich verlobt, mein Herr?“, sagte Herbert.
„Reden Sie morgen mit mir; geben Sie uns nicht auf, falls sie es getan hat – wir wurden in eine Falle gelockt, das ist meine Meinung“, sagte Van Diemen. „Da ist der Teufel in diesem Wein von – Mart Tinmans. Ich spüre es immer noch, und am Morgen wird es noch schlimmer sein. Was kann sie nur an ihm finden? Ich muss das Land verlassen; sie entführen. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht. Es war diese Frau, die Witwe, die Schwester des Kerls. Sie redete, bis sie in Tränen ausbrach – redete von unserer dauerhaften Verbindung. Bei meiner Seele, ich glaube, ich habe Netty noch dazu ermutigt! Ich war in einer milden Stimmung von dem Wein; ganz plötzlich fügt die Frau ihre Hände zusammen! Und ich – ein Mann von Ehre wird mich verachten! – was ich dachte, war: ‚Jetzt ist mein Geheimnis sicher!‘ Sie haben mich ernüchtert, junger Mann. Ich sehe mich selbst, wenn das Ernüchterung ist. Ich frage nicht nach Ihrer Meinung über mich; ich bin ein Deserteur, meiner Fahne untreu, ein Eidbrecher. Bedenken Sie nur dies: Ich war verheiratet, ein einfacher Soldat, verheiratet mit einer hübschen jungen Frau, treu wie Gold; aber sie war hübsch, und wir waren bettelarm, und sie musste tagtäglich die Belästigungen eines Offiziers ertragen. Behalten Sie diese Situation im Gedächtnis ... Die Vorsehung ließ mir hundert Pfund vom Himmel fallen. Genau genommen tauchten sie aus der Erde auf, denn ich erntete sie, kann man sagen, vom Grab eines Verwandten. Reich und arm ist alles in Ordnung, wenn ich reich und du arm bist; und man kann glücklich sein, obwohl man arm ist; aber wo es viele arme junge Frauen gibt, sind viele reiche Männer eine schreckliche Versuchung für sie. Das sagt meine liebe gute Frau, und wäre sie mir erspart geblieben, wäre ich nie in das alte England zurückgekehrt, und Herzensfreude und Herzschmerz hätte ich nicht gekannt. Sie war mein Rückgrat, sie war auch meine Brust-Trösterin. Warum blieb sie bei mir? Weil ich Glauben an sie hatte, als der Anschein gegen sie sprach. Aber sie hat diesem Land die Verletzung ihres Frauenstolzes nie verziehen. Sie werden ein quadratisches Kinn bei Netty bemerkt haben. Das ist ihre Mutter. Und dem werde ich begegnen müssen, falls ich herausfinde, dass Mart Tinman ein falsches Spiel mit mir getrieben hat. Ich bin irgendwie aufgeflogen. Ich werde darüber nachdenken, welchen Kurs ich zwischen jetzt und morgen einschlage. Gute Nacht, junger Herr.“
„Gute Nacht, mein Herr“, sagte Herbert und fügte hinzu: „Ich werde Informationen von den Horse Guards einholen; was das Wissen der Leute hier betrifft, Sie leben nicht viel in der Gesellschaft –“
„Es sind nicht die Gefühle anderer Leute, es sind meine eigenen“, schnitt Van Diemen ihm das Wort ab. „Ich spüre es, wenn es in der Luft liegt; seit Mart Tinman die Sache ausgesprochen hat, fühle ich mich auf der Haut kalt und heiß.“
Er schwang seine brennende Kerze und ging zu Bett, sichtlich getröstet durch die Vorstellung, er sei das Opfer seiner eigenen Gefühle.
Herbert konnte nicht schlafen. Annettes ungeheuerliche Wahl von Tinman gegenüber ihm selbst griff seinen Verstand ständig an und erschütterte ihn. Da war das „quadratische Kinn“, das ihr Vater erwähnte, worüber man nachdenken musste. Es erfüllte ihn mit einer vagen Befürchtung, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass ein junges Mädchen, und ein englisches Mädchen, und ein enthusiastisches junges englisches Mädchen, ohne Gefühl sein könnte; und vorausgesetzt, sie hätte es, wie man muss, gab es keine Angst, dass sie an ihrer abscheulichen Wahl festhalten würde, wenn sie wüsste, dass ihr Vater dagegen war.
KAPITEL IX
Annette mied ihn am nächsten Morgen nicht. Sie mied auch das Thema nicht. Aber sie hatte genau arrangiert, dass sie nicht mehr als ein paar Minuten vor ihrem Vater unten war. Herbert fand, dass Mädchen mit Empfindsamkeit im Vergleich zu ihr tatsächlich gewöhnlich waren. Sie hatte eine wahnwitzige Vorstellung von Adel in Tinman gefasst, die sie für sein Gesicht, seine Figur und seinen Charakter blind machte – ebenso wie für seine Manieren. Er hatte einen Schlag verziehen!
So albern der Wahn auch sein mochte, er kleidete sie in wunderliche Anziehungskraft.
Es war eine Schönheit an ihr, so fest auf moralischer Qualität zu verharren. Obwohl er niedergeschlagen und betäubt war und durch ihre kurzen und positiven Antworten in Hilflosigkeit versetzt wurde, musste Herbert diese außergewöhnliche junge Dame bewundern, die ohne große Schüchternheit von ihrem unpassenden, bestimmten Partner sprach, obwohl seine Bewunderung eine Schärfe hatte, die wie Ironie wirkte. Während sie in Stimmung für Offenheit war, hätte sie ihm sagen sollen, dass sie vor ihrer Entscheidung den Fall der verschiedenen Ansprüche von ihm und Tinman abgewogen und sie gemäß ihrer Vorliebe für den friedlichen Aufenthalt ihres Vaters und ihr selbst in England gelöst hatte. Das hatte sie ein wenig bedauernd getan, wegen des natürlichen Mitgefühls des jungen Mädchens für den jüngeren Mann. Aber der jüngere Mann war ihr in seinem ernsten, direkten Verstand bei seinem Werben zu leicht und luftig erschienen, wie einer ihrer walzenden Offiziere – sehr gut, solange sie den Takt mit ihm schritt, aber nicht kraftvoll genug, um sie von den Füßen zu reißen. Er hatte sich verändert, und jetzt, da er überzeugend geworden war, fürchtete sie, er würde die Gelassenheit stören, mit der sie ihre Entscheidung betrachten wollte und anstrebte. Tinmans Großmut war in ihrer Vorstellung präsent, um sie zu stützen, obwohl sie sich bewusst war, dass Mrs. Cavely ihren Willen überrascht und dazu gebracht hatte, sich ohne Rücksprache mit ihrer klügeren Intelligenz zu ergeben.
„Ich kann Ihnen nicht zuhören“, sagte sie zu Herbert, nachdem sie länger zugehört hatte, als es klug war. „Wenn das, was Sie über Papa sagen, wahr ist, glaube ich nicht, dass er in Crikswich bleiben wird, oder gar in England. Aber ich bin sicher, der alte Freund, von dem wir in Australien so viel zu sprechen pflegten, hat ihn nicht vorsätzlich verraten.“
Herbert hätte sagen müssen: „Sehen Sie uns beide an!“, um in seinem vereitelten Werben fortzufahren; und die bloße Lächerlichkeit des Kontrasts führte ihn dazu, die Torheit und Scham eines solchen Vorschlags zu erkennen.
Van Diemen kam zum Frühstück herunter und sah hager und unruhig aus. „Ich habe meinen Morgenspaziergang nicht gemacht – ich kann nicht ausgehen, um ausgebuht zu werden“, sagte er, rief nach seiner Tochter für Tee, und zwar starkem Tee; und erklärte Herbert, er wisse, dass es schlecht für die Nerven sei, aber es sei ein Gegenmittel gegen schlechten Champagner.
Mr. Herbert Fellingham hatte zuvor eine Einladung im Namen einer seiner Schwestern nach Crikswich erhalten. Ein dumpfer Sinn für echte Klugheit inspirierte ihn dazu, Annette daran zu erinnern. Sie schrieb hübsch an Miss Mary Fellingham, und Herbert hatte eine schwache Freude daran, den Brief mit ihrer Handschrift mitzunehmen.
„Holen Sie sie bald, denn wir werden nicht lange hier sein“, sagte Van Diemen beim Abschied zu ihm. Er drückte eine gewisse Furcht vor seinem nächsten Treffen mit Mart Tinman aus.
Herbert brachte Mary Fellingham schnell nach Elba und ließ sie dort. Die Situation war anscheinend unverändert. Van Diemen sah abgenutzt aus, wie ein Mann, der sich hauptsächlich von seinen Reflexionen ernährt hatte, was sich in seinen wenigen melancholischen Gesprächsfetzen zeigte. Er sagte zu Herbert: „Wie man eine Sache spürt, wenn man entdeckt wird!“ und: „Es taugt nichts für einen Mann mit Herz, Unrecht zu tun!“ Er bezeichnete die zwei Hauptstraßen, auf denen arme Sünder zu einem Gewissen gelangen. Das seine hätte geschlummert, wäre es nicht zur Entdeckung gekommen; und, wie er bemerkte, wäre sein Herz ihn nicht zu Tinman geführt, wäre er nicht in die Gewalt dieses Mannes geraten.
Die Ankunft einer jungen Dame von modischem Aussehen auf Elba war Gegenstand von Überlegungen für Mrs. Cavely. Sie war geneigt zu vermuten, dass es etwas zu bedeuten hatte, und Van Diemens Verhalten gegenüber ihrem Bruder hätte für sich genommen jeden Verdacht erhärtet. Er besuchte das Haus am Strand nicht, er lud Martin nicht zum Abendessen ein, er wurde selten gesehen, und wenn er beim Stadtrat erschien, widersetzte er sich ein- oder zweimal heftig seinem Freund Martin, der zerzaust und in seinen Interessen und seiner Würde zutiefst beleidigt nach Hause kam.
„Hast du eine Veränderung in Annettes Behandlung dir gegenüber bemerkt, mein Lieber?“, erkundigte sich Mrs. Cavely.
„Nein“, sagte Tinman; „keine. Sie schüttelt Hände. Sie erkundigt sich nach meiner Gesundheit. Sie bietet mir meine Tasse Tee an.“
„Ich habe das alles gesehen. Aber vermeidet sie die Privatheit mit dir?“
„Ach was, nein! Warum sollte sie? Ich hoffe, Martha, ich bin ein Mann, dem jedes junge Mädchen in England vertrauen kann.“
„Ich bin sicher, das kannst du, lieber Martin.“
„Sie hat Einwände, den ... den Tag zu nennen“, sagte Martin. „Ich habe sie wissen lassen, dass ich Einwände gegen lange Verlobungen habe. Ich mag ihre neue Begleiterin nicht: Sie sagt, sie sei bei Hofe vorgestellt worden. Ich bezweifle es sehr.“
„Es ist nur, um sich einen Stil zu geben, darauf kannst du dich verlassen. Ich glaube ihr nicht!“, rief Mrs. Cavely mit scharfer persönlicher Bitterkeit.
Bruder und Schwester untersuchten gemeinsam den Court Guide, den sie anlässlich ihrer größten Ausgabe und erfreulichsten Befriedigung gekauft hatten; darin fanden sie sicherlich den Namen von General Fellingham. „Aber er kann nicht mit einem Zeitungsschreiber verwandt sein“, sagte Mrs. Cavely.
Worauf ihr Bruder erwiderte: „Es sei denn, der junge Mann wurde ein Gauner. Ich hasse unproduktive Berufe.“
„Ich hasse ihn, Martin.“ Mrs. Cavely lachte spöttisch: „Ich sollte sagen, ich bemitleide ihn. Es ist mir so klar wie die Sonne am Mittag, er wollte Annette. Deshalb hatte ich es eilig. Wie ich gefürchtet habe, er würde an diesem Abend zu unserem Abendessen kommen! Als ich ihn abwesend sah, hätte ich schreien können, es sei die Vorsehung! Und also sei vorsichtig – bisher wurde alles von Oben für uns getan –, aber sei vorsichtig mit deinem Temperament, lieber Martin. Ich werde die Vereinigung beschleunigen; denn es ist eine Schande für ein Mädchen, einen Mann hinter sich herzuziehen, bis er am Altar alt ist. Temperament, mein Lieber, wenn du nur darüber nachdenkst, ist der Schwachpunkt.“
„Jetzt hat er angefangen, mir mit seinen australischen Weinen zu prahlen!“, stieß Tinman hervor.
„Ertrage es. Ertrage es wie Gippsland. Mein Lieber, du hast die Erwiderung in deinem Herzen: – Ja! Aber hast du einen Hof in Australien?“
„Ha! Und seine australischen Weine kosten doppelt so viel wie meine!“
„Ganz wahr. Wir sind nicht gezwungen, sie zu kaufen, wie ich hoffe. Ich würde es allerdings – ein Dutzend – wenn ich es für nötig hielte, um ihn ruhig zu halten.“
Tinman murmelte weiterhin ärgerlich über die australischen Weine, mit einem Wort der Irritation über Gippsland, während er versprach, auf sein Temperament zu achten.
„Was nützt uns Australien“, fragte er, „wenn es uns kein Geld bringt?“
„Das wird es, mein Lieber“, sagte Mrs. Cavely. „Denk daran, wenn er anfängt, mit seinem Australien zu prahlen. Und obwohl es Sträflingsgeld ist, wie er zugibt –“
„Mit seinem Sträflingsgeld!“, warf Tinman zitternd ein. „Wie lange soll ich noch warten?“
„Verlass dich darauf, dass ich den Tag beschleunige“, sagte Mrs. Cavely. „Gibt es keine andere Belästigung?“
„Wo immer ich kaufen will, überbietet mich dieser Mann und sagt dann, es sei der Mangel an Schneid und Schwung des alten Landes, Dinge großzügig zu erledigen! Ein Mann, der auf die Knie fallen würde, um in England zu bleiben!“, rief Tinman in einem Atemzug und rötete sich vor Anstrengung: „Er muss es vielleicht noch tun. Ich kann Beleidigungen nicht ertragen.“
„Du bist weniger in der Lage, Beleidigungen nach den Ehren zu ertragen“, sagte seine Schwester, in Übereinstimmung mit dem, was sie seit seinem berühmten Besuch in London an ihm beobachtet hatte. „Das muss in der Natur der Sache liegen. Aber Temperament ist gerade jetzt alles. Denke daran, es war durch Beherrschung des Temperaments, und dadurch, dass ihr Vater sich selbst ins Unrecht setzte, dass du Annette in die Hände bekamst. Und ich würde sogar auf Wein verzichten. Denn manchmal, nachdem du ihn hattest, hast du zugegeben, dass er dir nicht bekommen ist. Und ich habe diese Ausbrüche zwischen dir und Mr. Smith – wie er sich nennt – meistens nach Wein bemerkt.“
„Immer die Armen! Die Armen! Geld für die Armen!“, ritt Tinman auf weiteren Beschwerden gegen Van Diemen herum. „Ich sage, Ärzte haben gesagt, der Abfluss auf das Gemeingut sei gesund; es ist ein gesunder Geruch, nahrhaft. Wir hatten ihn schon immer und waren eine gesunde Stadt. Aber das Meer greift an, und ich sage, mein Haus und mein Eigentum sind in Gefahr. Er kauft mein Haus über meinen Kopf hinweg und bietet mir das Crouch an, um zu einer erhöhten Miete darin zu leben. Und dann verkauft er mir mein Haus zu einem erhöhten Preis, und ich kaufe, und dann stimmt er gegen einen Penny für den Schutz des Ufers! Und wir sind wieder im Winter! Als ob er nicht in meiner Macht stünde!“
„Mein Lieber Martin, nach Elba gehen wir, und zwar bald, wenn du dein Temperament zügelst“, sagte Mrs. Cavely. „Du bist ein Engel, dass du mich so darüber sprechen lässt, und es ist nur dieser Mann, der dich reizt. Ich nenne ihn sündhaft prahlerisch.“
„Ich könnte ihn aus einer Kanone schießen, wenn ich es ausspräche, und er weiß es! Er mangelt an gewöhnlicher Dankbarkeit, geschweige denn Respekt“, schnaubte Tinman.
„Aber er hat eine Tochter, mein Lieber.“
Tinman beruhigte sich langsam und krachend.
Seine Hauptbeschwerde gegen Van Diemen war die fehlende Anerkennung seiner Bedeutung durch diesen unkultivierten Australier, der sich der Würden und Auszeichnungen, die wir in unserem Land erreichen, nicht bewusst zu sein schien. Die geldreiche Tochter, die bevorstehende Heirat, für einen wirtschaftlichen Mann, der von jeder Dame in seiner Umgebung abgelehnt wurde, riet ihm, sein Temperament in Unterwerfung unter Martha einzuschließen.
„Bring Annette zum Abendessen zu uns mit“, sagte er, als Martha einen Besuch bei der lieben jungen Kreatur vorschlug.
Martha trank beim Mittagessen ein Glas des Weins ihres Bruders und brach zu der Mission auf.
Annette lehnte es ab, mitgebracht zu werden. Ihre Entschuldigung war ihr Gast, Miss Fellingham.
„Bringen Sie sie auch unbedingt mit – wenn Sie herablassen wollen, bin ich sicher“, sagte Mrs. Cavely zu Mary.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden; ich gehe derzeit nicht aus zum Essen“, sagte die Londoner Dame.
„Ach was! Sind Sie krank?“
„Nein.“
„Nichts in der Familie, wie ich hoffe?“
„Meine Familie?“
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung“, sagte Mrs. Cavely und straffte sich mit einem Spott, der vom strengsten Moralisten verzeihlich ist.
„Kann ich Sie allein sprechen?“, wandte sie sich an Annette.
Miss Fellingham stand auf.
Mrs. Cavely trat ihr entgegen. „Ich kann es nicht erlauben; ich kann nicht daran denken. Ich nehme mir nur ein wenig Freiheit mit einer, die ich meine zukünftige Schwägerin nennen darf.“
„Soll ich mit Ihnen nach draußen kommen?“, sagte Annette in reiner Müdigkeit und unterstützte Mary Fellingham in ihrem Plan, die Widerwärtigkeit dieser Dame und ihres Bruders zu zeigen.
„Nicht, wenn Sie nicht wollen.“
„Ich habe keine Einwände.“
„Ein andermal wird es gehen.“
„Wollen Sie schreiben?“
„Per Post in der Tat!“
Mrs. Cavely stieß ein Lachen aus, das als eigentümlich für die englische Bühne galt.
„Es wäre ein weggeworfener Penny“, sagte Annette. „Ich dachte, Sie könnten einen Boten schicken.“
Der Austausch mit Miss Fellingham hatte ihrer hohen moralischen Auffassung von dem Paar, das das Haus am Strand bewohnte, geschadet. Mrs. Cavely sah es und konnte nicht verbergen, dass es sie schmerzte.
Ihr Rat an ihren Bruder, nachdem sie ihm die beleidigende Szene in lebhaftem Dialog geschildert hatte, war, Van Diemen einen Schrecken einzujagen.
„Ich wünschte, ich hätte dieses Glas Sherry vor dem Aufbruch nicht getrunken“, rief sie, sowohl wild als auch klug. „Es ist am besten nach dem Geschäft. Und diese Gewohnheiten dieser Herren von Ihnen, spät zu essen, bringen mich durcheinander. Ich fürchte, ich habe Temperament gezeigt; aber du, Martin, hättest nicht ein Zehntel von dem ertragen, was ich ertrug.“
„Wie wagst du das zu sagen!“, tadelte ihr Bruder sie empört; und das Haus am Strand umschloss mit Schwierigkeiten einen Sturm zwischen Bruder und Schwester, der glücklicherweise draußen wegen der tobenden Winde nicht gehört wurde.
Dennoch dachte Tinman über Marthas Idee von der Weisheit nach, Van Diemen einen Schrecken einzujagen.
KAPITEL X
Die Engländer sind als ein Volk mit schlechtem Temperament bezeichnet worden, aber das bedeutet, sie nach ihren Äußerungen zu beurteilen; wohingegen eine Untersuchung der Ursachen beweisen könnte, dass sie nicht schlechter gestimmt sind, als dass ein Mann ein schlechter Schläfer ist, der in einem beißenden Bett liegt. Wenn ein kluger Instinkt sie dazu leitet, realistische Erzählungen missbilligen, sollte die realistische Erzählung ihr Erscheinen durch die Entdeckung einer Entschuldigung für die gequälten Seelen rechtfertigen. Einst sangen sie Madrigale, einst tanzten sie auf dem Grün, sie schwelgten in ihren derben Launen, ohne auf das Wortspiel zum Spaß zurückgreifen zu müssen, ein Zurschaustellen von Hunderten nackter Beine zur Fröhlichkeit, ein sentimentales Jammern ganz im Hals für Musik. Beweise sind beschaffbar, dass sie ein künstlich aufgezogenes Volk gewesen sind, das sich vom Genie der Erfinder, Transponierer, Verfälscher ernährt hat, anstatt von den Produkten der Natur, für das letzte halbe Jahrhundert; und es ist unfair, von ihnen zu behaupten, dass sie positiv dies oder jenes seien. Sie sind Experimente. Sie sind die Söhne und Opfer einer verzweifelten Energie, die durch Billigkeit lockt, durch Quantität sättigt, damit sie auf der sozialen Leiter aufsteigen kann, auf Kosten ihres Gewebes. Das Land ist in einem Zustand der Gärung, um aufzusteigen, und der Laden, der die Hälfte ihrer Sterne an ihren sozialen Zenit geschossen hat, ist das, wovon sie sich wahrlich verbrühen würden, um sich reinzuwaschen. Auch ist es in keiner Weise ein verwerfliches Zeichen, dass sie vor dem Titel des Handwerkers fliehen sollten wie vor einem Geschrei. Es ist im Gegenteil der Fleck der Vernunft, der uns recht herzlich hoffen lässt. Energie, auf den moralischen Sinn übertragen, mag sie vielleicht noch klären.
Währenddessen sind dieses Bier, dieser Wein, beide von einer Art, die mehr als die Temperamente eines weniger begabten Volkes getötet haben. Martin Tinman lud Van Diemen Smith ein, den Geschmack eines Weins zu probieren, von dem er sagte, er erwäge ihn „einzulagern“.
Es wurde zuvor auf eine seltsame Wirkung auf die Gemüter von Männern hingewiesen, die wussten, worauf sie sich einließen, wenn sie eine Einladung zum Essen bei Tinman erhielten. Um eines kleinen gesellschaftlichen Treffens willen, koste es, was es wolle, akzeptierten sie es; akzeptierten es mit einem Seufzer, auf halbem Weg zwischen Zukunft und Vergangenheit; so mechanisch, wie menschliche Dinge sein können, wie der gewohnte Ruf des Muslims nach Kismet. Ist nicht von dem kleinen Judenbaby berichtet worden, das an der Brust seiner Mutter in Jerusalem saugt, dass dieser Unschuldige, lange nach der Gefangenschaft, konvulsiv zusammenzucken würde, das Festmahl aufgebend und in die reinste hebräische Wehklage der zähsten der Rassen verfallend, beim vorübergehenden Klang einer babylonischen oder ninivitischen Stimme? Auf eine ähnliche Weise hörten Männer, die nicht ablehnen konnten, tief in dem, was ihnen an Natur geblieben war, auf Tinman; und so tat es auch Van Diemen, der unter der Wirkung des einfachen tierischen Instinkts schwer seufzte.
„Du siehst elend aus“, sagte Tinman, wohl wissend, dass er seinen Freund damit in Schrecken versetzte.
„Ich? Nein, mir geht es gut“, erwiderte Van Diemen. „Ich denke über Umbauten in der Hall vor dem Sommer nach, um Gäste unterzubringen – falls ich hier bleibe.“
„Ich nehme an, du würdest dich nur ungern von Annette trennen.“
„Trennen? Nein, das sollte man meinen. Wer würde das schon tun?“
„Weil ich meine gute Schwester Martha nicht gerne ganz allein in einem Haus so nah am Meer zurücklassen möchte –“
„Warum gehst du nicht in den Crouch, Mann?“
„Danke.“
„Kein Dank nötig, wenn du das Angebot nicht annimmst.“
Sie waren am Eingang von Elba angekommen, wohin Mr. Tinman sich begab, um seine Auserwählte zu sehen. Er fragte, ob Annette zu Hause sei, und hörte zu seinem großen Erstaunen, dass sie für eine Woche nach London gereist war.
Den Groll, der in ihm aufstieg, verbergend, schob er seinen sehr wohl vorbereiteten Plan auf und sagte: „Du musst einsam sein.“
Van Diemen teilte ihm mit, dass dies nur für eine Nacht der Fall sei, da der junge Fellingham kommen werde, um ihm Gesellschaft zu leisten.
„Heute Abend um sechs Uhr also“, sagte Tinman. „Wir sind im Winter nicht sehr modisch.“
„Verdammt noch mal, ich wüsste nicht, wann wir das je waren!“, gab Van Diemen zurück.
„Komm schon, du würdest es aber gerne sein. Du hast deinen Ehrgeiz, Philip, wie andere Männer auch.“
„Achtbar und geachtet – das ist mein Ehrgeiz, Mr. Mart.“
Tinman grinste: „Bei deinem Vermögen!“
„Ja, ich bin reich – an einem zufriedenen Geist.“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass du meinen neuen Jahrgang zu schätzen wissen wirst“, sagte Tinman. „Er ist direkt aus Oporto, sagt mein Weinhändler, auf sein Wort.“
„Was kostet er?“
„Nein, nein, nein. Probier ihn erst. Er ist ziemlich kostspielig.“
Van Diemen war durch diese Ankündigung teilweise beruhigt. „Was nennst du einen hohen Preis?“
„Nun! Über dreißig.“
„Verdopple das, und du hast vielleicht eine Chance.“
„Nun“, rief Tinman, verärgert, „wie kann ein Mann aus Australien etwas von den Preisen für Portwein verstehen? Du kannst deine Vorstellungen einfach nicht von den Preisen der Goldgräber lösen. Du wirkst selbst wie ein berauschendes Getränk auf die Geschäftsleute unserer Stadt. Du hältst dich für fein – ha! ha! Ich wage zu sagen, Philip, ich würde dasselbe tun, wenn ich bei meiner Bank auf deinem Stand wäre. Wir können nicht alle Lords oder Baronets sein.“
Indem er sein Temperament auf diese geschickte Weise zügelte, bändigte er diesen gewohnheitsmäßigen Ausreißer und zog sich aus der Gegenwart seines alten Freundes zurück, um sich in der Gesellschaft der einsamen Martha Luft zu machen.
Annettes Verhalten wurde von der Schwester ebenso bitter kritisiert wie vom Bruder.
„Sie ist zu diesen Fellinghams gegangen; und vielleicht denkt sie daran, uns einen Korb zu geben“, sagte Mrs. Cavely.
„In diesem Fall habe ich kein Erbarmen“, rief ihr Bruder. „Ich habe ertragen“ – er verneigte sich mit einer professionellen spirituellen Demut –, „wie ich sollte, aber es könnte über meine Kräfte gehen. Ich sage, ich habe genug ertragen; und wenn es hart auf hart kommt und ich ihn den Behörden übergebe – ich sage, ich will ihm nichts Böses, aber er hat mich geschlagen. Er hat mich als Jungen geschlagen und er hat mich als Mann geschlagen, und ich sage, ich hege keinen Gedanken an Rache, aber ich kann ihn hier nicht haben; und ich sage, wenn ich ihn aus dem Land zurück in sein Gippsland treibe!“
Martin Tinman bebte vor Rededrang, wahrscheinlich nach dem, was das Reden nährt, wie es bei wütenden Männern so ist.
„Und was? – was dann?“, sagte Martha mit der zärtlichen honigsüßen Art des schwesterlichen Vorwurfs. „Welchen Nutzen erwartest du davon, wenn du dich von deinem Temperament hinreißen lässt, Liebling?“
Tinman gefiel ihre neuerliche Neigung nicht, die Führung in ihren Beratungen an sich zu reißen, und er sagte scharf: „Diesen Nutzen, Martha. Wir werden die Hall zu meinem Preis bekommen und hier die Ersten am Platze sein. Was“, er hob seine Stimme, „was er, ein Deserteur, kein Recht hat, von sich zu behaupten. Was deine Gefühle als alteingesessene Bewohnerin sein mögen, weiß ich nicht, aber ich habe immer zu den Leuten in der Elba Hall aufgesehen, und ich sage, ich mag es nicht, einen Deserteur dort das Geld eines Sträflings verschwenden zu sehen – mit seinem Koch für vierzig Pfund im Jahr und seinem Champagner für siebzig das Dutzend. Das ist der Luxus von Sodom und Gomorra.“
„Das hindert uns nicht daran, dass es dort sehr schön zu speisen ist“, sagte Mrs. Cavely; „und es wird unser Tisch für immer sein, wenn ich ein wenig die Hand im Spiel habe.“
„Du meinst mich, meine Dame“, brüllte Tinman.
„Keineswegs“, hauchte sie in süßem Kontrast. „Du bist gut aussehend, Martin, aber du hast nicht halb so hübsche Augen wie die Person, die ich meine. Ich habe es nie gewagt, davon zu träumen, dich zu führen, Martin. Ich denke an die Leute in Elba.“
„Aber warum diese außergewöhnliche Behandlung meiner Person, Martha?“
„Sie ist ein Kind, dem von diesen Fellinghams der Kopf verdreht wird. Aber sie ist ehrenhaft; sie hat mir geschworen, dass sie ehrenhaft sein würde.“
„Du denkst also, ich könnte ihm genauso gut einen Schrecken einjagen?“, fragte Tinman gierig.
„Eine Art Hinweis; aber sehr sanft, Martin. Sei sanft – beiläufig – als ob du es gar nicht sagen wolltest. Bring ihn auf sein Gippsland. Wenn er dich dann zu Worten reizt, kannst du immer noch zurücklachen und sagen, dass du nach Kew gehen und dir das Farnhaus ansehen willst, und dir all das, so hoch, auf Helvellyn oder den Downs vorstellen willst. Warum“ – Mrs. Cavely ließ am Ende ihrer klugen Ratschläge und Warnungen wie üblich ihrem wahren Charakter freien Lauf – „warum dieser Mann überhaupt nach England zurückgekommen ist, mit seinen Prahlereien über Gippsland, das kann ich beim besten Willen nicht herausfinden. Es ist ein vollkommenes Rätsel.“
„Das ist es“, sagte Tinman mit einer tiefen, nachdenklichen Stimme. Froh darüber, die Rolle einzunehmen, die sie in letzter Zeit ständig für sich beanspruchte, streckte er die Hand aus und sagte: „Aber es mag zu unserem Besten vorherbestimmt gewesen sein, Martha.“
„Wahrhaftig, Liebling“, sagte sie mit einem aufrichtigen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Macht, die ihn auf ihre Art zu denken und zu fühlen gelenkt hatte.
KAPITEL XI
Annette war in die große Metropole gereist, die in kolonialen Vorstellungen als die Sonne der Städte brennt, und war im Begriff, unter der vortrefflichen Schirmherrschaft ihrer neuen Freundin Mary Fellingham und in dichtem Nebel etwas von London zu sehen. Die Dunkelheit beunruhigte sie, und sie hatte auch ein wenig Angst vor Herbert; diese Gefühle veranlassten sie, sich Vorwürfe zu machen, weil sie ihren Vater verlassen hatte.
Als sie Herbert traurig von ihrem Vater sprechen hörte, schlug er freundlich vor, gleich am Tag ihrer Ankunft nach Crikswich zu fahren. Sie dankte ihm und gab ihm einen Vorgeschmack auf Bitterkeit, indem sie seinem Angebot wohlwollend zulächelte; doch da er wollte, dass sie den Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Mann im Lichte eines Bewerbers erkannte und sich zu Herzen nahm, ließ er sie spüren, dass es ihn schwere Überwindung kostete, sofort abzureisen, und überließ es ihr, über sein Beispiel nachzudenken. Mary Fellingham mochte Annette. Sie hielt sie für ein vernünftiges Mädchen mit ungepflegten Empfindungen, das Gegenteil von Tausenden; daher nicht alltäglich; und dass die Empfindungen aufblühten, war an ihrer allmählichen Unwilligkeit zu sehen, über ihre Verlobung mit Mr. Tinman zu sprechen, obwohl ihre Vertrautheit mit Mary täglich wuchs. Sie betrachtete es als ihre Pflicht, den Mann zu einem fernen Zeitpunkt zu heiraten, und empfand noch kein Unglück. Sie hatte sich nur unwohl gefühlt, wenn sie ihren Zukünftigen begrüßen und mit ihm sprechen musste; besonders wenn die Londoner junge Dame anwesend gewesen war. Herberts Abreise befreite sie von dem drückenden Gefühl des Kontrasts. Sie lobte ihn gegenüber Mary für seine außerordentliche Güte gegenüber ihrem Vater und wünschte in ihrem unergründeten Herzen, dass ihr Vater dies noch mehr schätzen möge, als sie es tat.
Herbert fuhr in der Nacht nach Crikswich und hielt bei Crickledon, wo er hörte, dass Van Diemen bei Tinman zu Abend aß.
Crickledon der Tischler ließ bei dem Namen Tinman gewisse trockene Krümmungen wie Miniaturspäne um seine Lippen spielen; aber Herbert fragte vergeblich: „Was ist es diesmal?“, und ging zu Crickledon der Köchin.
Diese Verbindung der beiden Crickledons, männlich und weiblich, war eine ideale, wie arme Frauen sie erträumen; und Männer würden dasselbe tun, wenn sie wüssten, wie arm sie sind. Jeder hatte einen Beruf, jeder war vom anderen unabhängig, jeder stützte das Gebäude. Folglich herrschte gegenseitiger Respekt, wie zwischen zwei Säulen eines Hauses. Jeder sah die Fehler des anderen mit einem verschmitzten Augenzwinkern zur Welt und einem gelegentlichen Austausch von Sarkasmus, der wie ein Stärkungsmittel wirkte, den Verstand sehr kräftigte, ohne die Gewohnheit der Zuneigung zu gefährden. Crickledon die Köchin vertrat ihre eigenen Meinungen und lenkte das öffentliche Verhalten von Crickledon dem Tischler; und wenn er von dem Weg abwich, den sie vorgezeichnet hatte, schrieb sie es der menschlichen Natur zu, der gegenüber sie tolerant war. Er, wenn sie seinem Rat nicht gefolgt war, schrieb es der Natur der Frauen zu. Sie sagte nie, dass sie die Gleichberechtigte ihres Mannes sei; aber der Tischler erkannte stolz an, dass sie so gut wie ein Mann sei, und er ertrug Schwächen, die einer solch hohen Statur abträglich waren, indem er sich beibrachte, eine ordentliche häusliche und allgemeine Führung zu beobachten, die ihm sagte, dass er sicherlich nicht so gut wie eine Frau sei. Herbert hatte seine Freude an ihnen. Die Köchin verwöhnte den Tischler mit geschickten, leckeren und wirtschaftlichen Gerichten; und der Tischler, gehorsam ihren Bitten, hatte versprochen, für den Fall, dass er sie überlebe, dass keine Hände als seine den Sarg für sie machen sollten. „Es ist so schön“, sagte sie, „zu denken, dass der eigene Ehemann die Kiste, in der man liegen wird, aus seiner eigenen Fertigung zusammenfügen wird!“ Wären sie auch nur ein zweifelhaft vereintes Paar gewesen, hätte die Vorfreude der Köchin auf einen bequemen Sarg, das Werk des besten Tischlers in England, sie zusammengehalten; und was eine feine Kochkunst für das Zusammenkitten von Paaren bewirkt, muss denjenigen nicht erzählt werden, die ein oder zwei Kapitel der Naturgeschichte des männlichen Geschlechts gelesen haben.
„Crickledon, meine liebe Seele, dein Mann arbeitet an einem Stück Spaß“, sagte Herbert zu ihr.
„Er würde bei Punch nicht laut lachen, aus Angst vor einer Klage“, erwiderte sie. „Er lacht nie laut, bis er ins Bett geht und die Tür abgeschlossen hat; und wenn er es tut, sagt er ‚Husch!‘ zu mir. Tinman ist nicht schon wieder wieder Vogt, und woher er seinen besten Gerichtsanwaltsanzug hat, das magst du fragen. Er übt darin die ganze Woche ab und zu, nachts, und manchmal mitten am Tag.“
Herbert zog sie wegen ihrer gutgläubigen Klatschsucht auf.
„Es ist die Wahrheit“, erklärte sie. „Ich habe es von dem Hausmädchen, der kleinen Jane, die er mit vier Pfund im Jahr für die ganze Arbeit im Haus bezahlt: ein kluges kleines Ding mit ihren Händen und ihrem Kopf ist sie; und kann schön lesen und schreiben; und sie hat Lust, sie zu verlassen, wenn sie sie nicht befördern. Sie klopfte an und ging hinein, während er in voller Pracht war und seinen Kopf vor seinem Spiegel verbeugte. Und jetzt dreht er den Schlüssel um, und ein Kind könnte wissen, dass er dabei ist.“
„Er kann nicht so ein Esel sein!“
„Und er wurde am Fenster auf der Meerseite gesehen. ‚Wer ist euer Admiral, der im Haus am Strand wohnt?‘, haben Leute gefragt, als sie an Land kamen. Mein Mann hat es gehört. Tinman hat es im Kopf. Er könnte durch die Heirat mit einer vernünftigen Frau geheilt werden, aber er wird bald in seidenen Beinen herumlaufen wollen, wenn er Junggeselle bleibt. Man erzählt mir, seine alte Mutter hier hatte ein Kleid im Wert von zwanzig Pfund; und Prunk ist erblich. Sparen, wie er kann, das ist seine Schwachstelle.“
Herberts Verachtung für Tinman war intensiv; es war die eines jungen und unwissenden Mannes, der wie ein Verschwender in seiner Vorstellungskraft lebt, sich ihrer Bedeutung als Nahrung des Lebens nicht bewusst, und wie notwendig es ist, sich die solidere unter ihnen zur ständigen Ernährung zu greifen, wenn die substanzlosen verschwinden. Das große Ereignis seiner Amtszeit als Vogt war zur Sonne von Tinmans System geworden. Er sonnte sich in ihren Strahlen. Er beabsichtigte, wieder der stolze Beamte zu sein, königlich ausgezeichnet; währenddessen, obwohl er nicht wusste, dass seine Tage stumpfsinnig waren, ächzte er unter der Stumpfsinnigkeit; und da Karren- oder Droschkenpferde, die in der Regel nicht klagen, ihre Ansicht über die Natur des Geschirrs zeigen, wenn sie frei sind, auf einer Weide zu tollen, ist es möglich, dass die Existenz für den trottenden Mann durch einige Minuten der Aufregung in seinem Gerichtsanwaltsanzug erträglich gemacht wurde. Um wirklich auf unseren Erinnerungen zu weiden, sollten wir sie dramatisieren. Es gibt jedoch nur das Zeugnis eines Dienstmädchens und eines Seemanns, die zeigen, dass Tinman es tat, und das sind Zeugen, die aus Klassen stammen, die besonders dazu neigen, den Bogen zu überspannen, und die dazu neigen, kleine Tatsachen zu vergrößern.
Als er die Hall erreichte, fand Herbert das Feuer im Raucherzimmer brennend, und kurz nachdem er sich dort niedergelassen hatte, hörte er Van Diemens Stimme an der Haustür, die Tinman gute Nacht sagte.
„Dank dem Herrn! Da bist du ja“, sagte Van Diemen, als er den Raum betrat. „Das hätte ich nicht hoffen können. Dieser Schurke!“ Er drehte sich zur Tür um. „Er hat mir gedroht und mich dann wieder beschwichtigt. Verflucht sei sein Öl! Es ist brennbar. Und verflucht sei der Portwein, den er einzulagern gedenkt, wie er es nennt. ‚Überlass es der Nachwelt‘, sage ich. ‚Warum?‘, sagt er. ‚Weil die Jungen besser in der Lage sein werden, für sich selbst zu sorgen‘, sage ich, und er besteht auf einer Erklärung. Ich habe sie ihm gegeben. Heraus bricht er wie ein Wespennest. Er mag das, was er gesagt hat, im Zorn gesagt haben. Er schien hinterher reumütig – armer alter Mart! Der Schurke sprach von der Horse Guards und Telegrafendrähten.“
„Schurke, aber mehr noch ein Dummkopf“, sagte Herbert, voller Verachtung. „Fordere ihn heraus, sein Schlimmstes zu tun. Der General sagt mir, sie wären froh, bei den Guards darüber hinwegzusehen, selbst wenn sie alle Fakten hätten. Brandmarken kommt nicht in Frage.“
„Ich schwöre, es wurde zu meiner Zeit getan“, rief Van Diemen, ganz in Flammen.
„Es kommt nicht in Frage. Man könnte dir raten, England für ein paar Monate zu verlassen. Was die Gesellschaft hier betrifft –“
„Wenn ich gehe, gehe ich für immer. Mein Herz ist gebrochen. Ich bin enttäuscht. Ich bin von meinem Freund betrogen worden. Er und ich in den alten Tagen! Was ist aus ihm geworden? Was in aller Welt ändert Männer, die in England bleiben? Es kann nicht das Klima sein. Und hast du meinen Namen vor General Fellingham erwähnt?“
„Sicherlich nicht“, sagte Herbert. „Aber hör mir einen Moment zu, Sir. Warum nicht ein halbes Dutzend Freunde aus der Nachbarschaft zusammenrufen und reinen Tisch machen? Engländer mögen diese Art von Männlichkeit, und sie werden sicher positiv darauf reagieren.“
„Das könnte ich nicht!“, seufzte Van Diemen. „Es ist kein natürliches Gefühl, das ich diesbezüglich habe – ich habe über das Wort gebrütet. Wenn ich einen Albtraum habe, sehe ich Deserteur in Schwefel an der schwarzen Wand geschrieben.“
„Du kannst nicht seinem Erbarmen ausgeliefert bleiben und dich so schikanieren lassen. Er macht dich krank, Sir. Er wird nichts tun, aber er wird dich weiterhin beunruhigen. Ich würde ihn sofort stoppen. Ich würde morgen den Zug nehmen und mich beim Oberbefehlshaber vorstellen. Er ist genau der Mann, der in einer solchen Situation freundlich zu dir sein würde. Der General würde dir die Einführung verschaffen.“
„Das ist eher nach meinem Geschmack; aber nein, ich könnte nicht“, stöhnte Van Diemen in seiner Schwäche. „Geld hat mich entmannt. Ich war früher nicht diese Art von Mensch; und Mart Tinman, der Verräter, auch nicht! Die ganze Welt scheint sich zum Schlechteren zu verändern, und England ist nicht mehr das, was es einmal war.“
„Du lässt dir das von diesem Mann verderben, Sir.“ Herbert erzählte die Geschichte von Mrs. Crickledon über Mr. Tinman und fügte hinzu: „Er ist ein völliger Esel. Ich würde ihm trotzen. Was ich tun würde, wäre, ihn morgen früh wissen zu lassen, dass du nicht beabsichtigst, ihn wiederzusehen. Schlag auf Schlag, das ist das Einzige, was er braucht. Er wird in einer Woche vor dir kriechen.“
„Und du möchtest Annette heiraten“, sagte Van Diemen, während er den Rat genoss, dessen Ursprung und Zweck er so deutlich erkannte.
„Natürlich möchte ich das“, sagte Herbert, dessen Farbe noch offener war als seine Rede.
„Ich sehe ihn nicht als Ehemann für mein Mädchen.“ Van Diemen starrte auf die rote Höhle in der zerfallenden Kohle. „Als ich zuerst kam und ihn als einen gesunden Mann fand, gut aussehend genug für etwas über vierzig, hätte ich sie ihm gerne gegeben, da sie Ja nickte. Jetzt ist meine ganze Angst, dass sie es ernst meint. Auf meine Seele, ich hatte die Vorstellung, der alte Mart sei noch eine Art Junge; der den Mann spielt, weißt du. Aber wie kannst du das verstehen? Ich bildete mir ein, seine Allüren und Steifheit seien aufgesetzt; dachte, ich sähe ihn dahinter wahrhaft brennen. Wer kann das sagen? Er scheint eifersüchtig darauf zu sein, dass ich Eigentum in seiner Heimatstadt kaufe. Irgendetwas bedrückt ihn. Ich hätte ihn niemals schlagen sollen! Da liegt mein Fehler, und ich bereue ihn. Einen Freund schlagen! Ich wundere mich, dass er nicht sofort zur Horse Guards gegangen ist. Ich hätte es an seiner Stelle getan, wenn ich herausgefunden hätte, dass ich ihn nicht verprügeln kann. Ich hätte es zuerst mit Treten versucht.“
„Ja, Schienbeintreten vor dem Verpfeifen“, sagte Herbert, fast ebenso erstaunt wie angewidert von der unverwüstlichen sentimentalen Bindung von Van Diemen an seinen alten Freund.
Martin Tinman erwartete Gutes von dem Schrecken, den er dem Mann nach dem Abendessen eingejagt hatte. Er war zweifellos dem Temperament erlegen, vergaß die reine Politik, die so überaus schwer zu praktizieren ist. Aber er hatte das aufgeschreckte Tier beruhigt; sie hatten sich beim Abschied die Hände geschüttelt, und Tinman hoffte, dass die Woche von Annettes Abwesenheit es ihm ermöglichen würde, ihren Vater zu formen. Dass der junge Fellingham kommen sollte, um Elba zu besuchen, war Mr. Tinman aus dem Gedächtnis entfallen. Es war ärgerlich, diesen Eindringling zu sehen. „Auf jeden Fall ist er nicht bei Annette“, sagte Mrs. Cavely. „Wie lange hat ihr Vater noch Zeit?“
„Fünf Monate“, antwortete Tinman. „Er hätte seine Dienstzeit in fünf Monaten beendet.“
„Und daran zu denken, dass er ein reicher Mann ist, weil er desertiert ist“, warf Mrs. Cavely ein. „Oh! Ich nenne das unmoralisch. Er sollte festgenommen und bestraft werden, um ein Beispiel zum Wohle der Gesellschaft zu sein. Wenn du Zeit verlierst, mein lieber Martin, ist deine Chance vertan. Er windet sich jetzt. Und wenn ich glauben könnte, dass er uns gegenüber diesem jungen Unverschämten, der keinen Pfennig hat, den er nicht durch seine Feder bekommt, schlecht gemacht hat, würde ich sagen, zeige ihn morgen an. Ich sehne mich nach Elba. Ich hasse dieses Haus. Es wird eines Tages verschlungen werden; ich weiß es; ich habe es geträumt. Elba um jeden Preis. Verlass dich darauf, Martin, du bist bei deinen Anträgen wegen des armseligen Hauses, das du bewohnst, gescheitert. Betritt Elba als der Ehemann dieses Mädchens, oder geh dorthin, um es zu besitzen, und die Mädchen werden vor dir kriechen.“
„Du bist eine lächerliche Frau, Martha“, sagte Tinman, ohne zu widersprechen.
Die Mischung aus einer Idee der öffentlichen Pflicht und einem Gefühl von persönlichem Groll ist ein starker Anreiz für die Verfolgung einer strengen Vorgehensweise; und der Schimmer von Eigeninteresse, der hinzukommt, hält den Moralisten nicht von seinem Weg ab. Dennoch hielt sich Tinman zurück. Er liebte den Frieden. Er predigte ihn, er verbreitete ihn. Bei einem Treffen in der Stadt versuchte er, Van Diemens Stimme für ein Votum zugunsten weiterer Gelder zum Schutz „unserer Küsten“ zu gewinnen. Van Diemen lachte ihn aus und sagte ihm, er wolle eine Batterie. „Nein“, sagte Tinman, „ich hatte genug mit Soldaten zu tun.“
„Wie das?“
„Sie könnten vorsichtiger sein. Ich sage, sie könnten lernen, ihre Freunde von ihren Feinden zu unterscheiden.“
„Das ist es, das ist es“, sagte Van Diemen. „Wenn du noch viel mehr sagst, mein Herzlicher, wirst du erleben, dass ich nächste Woche für die Marine Parade und die Belle Vue Terrace gegen dich biete. Ich habe ein geschultes Auge für Immobilien, und diese Stadt kommt in Schwung.“
„Sieh dich erst um, bevor du hier in Land- und Hauseigentum spekulierst“, entgegnete Tinman.
„Das ist es, das ist es“, sagte Tinman. „Du hast ein geschultes Auge für Immobilien, sagst du? Aber du hast kein Auge für die Eigentumsverhältnisse, mein lieber Van Diemen. Wenn du wüsstest, was ich weiß, würdest du vorsichtiger sein. Es ist ein gefährliches Spiel, sich mit jemandem anzulegen, der die lokalen Gegebenheiten kennt.“ Van Diemen lachte, doch es klang nicht besonders fröhlich. „Wir werden sehen, Mart. Wir werden sehen.“
Die Spannung zwischen den beiden Männern war fast greifbar. Annette, die das Gespräch mit zunehmender Sorge verfolgt hatte, trat dazwischen. „Könnten wir nicht einfach über etwas anderes sprechen? Vater, Mr. Tinman, bitte.“ Doch ihre Bitte verhallte ungehört. Tinman war in seinem Element; er liebte die Macht, die er glaubte ausüben zu können, und die bloße Anwesenheit von Van Diemen, der ihn ständig herausforderte, stachelte ihn nur noch mehr an.
Van Diemen ertrug so viel von ihm, dass er sich fragte, ob er noch ein Engländer sein könne. Der Titel „Deserteur“ war seine offene Wunde. Er versuchte, sich die Gewohnheit anzueignen, sich in der Abgeschiedenheit seines Zimmers selbst damit zu stigmatisieren, und er schaffte es, die Gewohnheit des Selbstgesprächs zu etablieren, so dass er von der Dienerschaft gehört wurde, und Annette, bei ihrer Rückkehr, sah sich gezwungen, ihn vor seiner Indiskretion zu warnen. Diese Entwicklung einer neuen Schwäche erbitterte ihn. Eher um seinen Mut durch Trotz zu beweisen, als um Tinmans Ehrgeiz zu vereiteln, der Haupteigentümer von Häusern in Crikswich zu werden, indem er ihn bei der Auktion für den Verkauf von Marine Parade und Belle Vue Terrace überbot, trieb Van Diemen die Preise der Häuser bei der Auktion in die Höhe, und schließlich wurde ihm Belle Vue zugeschlagen. Der Streit war so heftig, dass Annette, gemeinsam mit Mrs. Cavely, aufgefordert wurde, mit ihrer süßesten Anmut zu vermitteln. „Mein Heimatort“, sagte Tinman zu ihr; „es ist mein Heimatort. Ich bin stolz darauf; ich wünsche mir, Eigentum darin zu besitzen, und dein Vater stellt sich mir entgegen. Er stellt sich mir entgegen. Dann sagt er, ich könne es zum Auktionspreis zurückhaben, nachdem er den Preis beinahe verdoppelt hat! Ich habe ertragen – ich wiederhole, ich habe zu viel ertragen.“
„Sollen eure Besitztümer nicht zu einem vereint werden?“, sagte Mrs. Cavely und lächelte mütterlich von Tinman zu Annette.
Er versuchte, ein liebkosendes Auge in ein verzerrtes Gesicht zu legen, und sagte: „Ja, das werde ich beherzigen.“
„Annette wird dich mit ihrer lieben Hand in einem Monat oder spätestens in zwei Monaten segnen“, murmelte Mrs. Cavely voller Zärtlichkeit.
„Wird sie das?“, Tinman brach seinen Körper, um sich zu ihr zu verneigen.
„Oh, das kann ich nicht sagen; bedränge mich nicht. Sei freundlich zu Papa“, fuhr das Mädchen fort und bewegte sich, um zu entkommen.
„Das ist das Wesentliche“, sagte Mrs. Cavely; und fuhr fort, als Annette gegangen war: „Das Wesentliche ist, die nächsten paar Monate zu überstehen, Kindchen, und dann kannst du uns die lange Nase zeigen. Martin, ich würde diesen Mann zwingen, dir Belle Vue unter dem Preis zu verkaufen, den er dafür bezahlt hat, nur um deine Macht zu erproben.“
Tinman war nicht ganz so durchsetzungsfähig. Er erlangte Belle Vue zum Auktionspreis, und seine Leidenschaft für Rache wurde mit Feuer gespitzt, indem ihm dies als Gefallen eines Freundes gewährt wurde.
Der vergiftete Zustand seines Geistes wurde durch einen starken Dezemberwind verstärkt, der an seinen Fensterläden rüttelte und ihn vor dem Zuwachs an Eigentum warnte, das den Elementen ausgesetzt war. Sowohl er als auch seine Schwester schrieben ihre Nervosität dem finsteren Verhalten von Van Diemen zu. Denn das Haus am Strand war nur in fernsten Zeiten vom Meer bedroht worden, und kein Haus auf Erden war besser vor Menschen geschützt – Neptun, in Gestalt eines Küstenwächters, wurde von der Regierung dafür bezahlt, während der Dunkelheit dort zu patrouillieren. Sie hatten nie Ängste gehabt, bevor Van Diemen ankam und sie veranlasste, die dreifache Anzahl ihrer gewöhnlichen Abendessen für Gäste pro Jahr zu geben. Tatsächlich blickte das Haus am Strand vor Van Diemens Ankunft auf Crikswich herab, ohne einen Rivalen, der seine erwartete Herrschaft über den Ort herausforderte, und aus irgendeinem unerklärlichen Grund schien es seinen Bewohnern ein sichereres wie auch ein glücklicheres Wohnhaus gewesen zu sein.
Sie wurden dadurch getröstet, dass Tinman einen geschickten Schachzug vollführte, indem er im Geheimen die Hütten westlich der Stadt kaufte, einschließlich Crickledons Laden, der an die Marine Parade angrenzte. Dann blickten sie vom Haus am Strand auf eine vollständige Fassade ihres Eigentums.
Sie traten in den Monat Februar ein. Es durfte keine Zeit mehr verloren werden, „oder wir wachen auf und müssen feststellen, dass dieser Mann uns zum Narren gehalten hat“, sagte Mrs. Cavely. Tinman erschien in Elba, um ein privates Gespräch mit Annette zu fordern. Sein Hut wurde in die Halle geweht, als sich die Tür für ihn öffnete, und er selbst war froh, von der Tür geschützt zu werden, so heftig war der Sturm. Annette und ihr Vater saßen zusammen. Sie ließen den verlobten Herrn sehr lange warten. Schließlich ging Van Diemen zu ihm und sagte: „Netty wird dich sehen, wenn du unbedingt musst. Ich nehme an, du hast keine Geschäfte mit mir?“
„Nicht heute“, antwortete Tinman.
Van Diemen schritt mit den Händen in den Taschen im Wohnzimmer umher. „Es gibt einen Altersunterschied“, sagte er abrupt, als wäre er begierig, seine Lektion loszuwerden, während er sich daran erinnerte. „Ein Mann über vierzig heiratet ein Mädchen unter zwanzig, er ist über sechzig, bevor sie vierzig ist; er verfällt, wenn sie gerade erst in ihrer Blüte steht. Ich hätte dich niemals schlagen dürfen, das weiß ich. Und du hast manchmal ein so höllisch schlechtes Temperament, und das Alter verbessert das nicht, sagt man; und sie ist erstklassig ausgebildet. Sie achtet genau auf die Grammatik, und das mag ein Mann vielleicht nicht sehr mögen, wenn er Ehemann ist. Triff sie, wenn du musst. Aber sie freundet sich nicht mit der Idee an; das ist die Wahrheit. Altersunterschied und Unvereinbarkeit der Charaktere – wie war das, was Fellingham sagte? – wie zwei Drehorgeln, die den ganzen Tag im Haus verschiedene Melodien spielen.“
„Ich will Mr. Fellinghams Vergleiche nicht hören“, fuhr Tinman ihn an.
„Oh! Er bedeutet dem Mädchen nichts“, sagte Van Diemen. „Sie mag den Gedanken nicht, mich zu verlassen.“
„Mein lieber Philip! Warum sollte sie dich verlassen? Wenn wir Interessen gemeinsam als ein Haushalt haben –“
„Sie sagt, du hast ein so verdammt schlechtes Temperament.“
Tinman fuhr freundlich fort: „Wenn wir vereint sind –“ Doch der schreckliche Vorwurf gegen sein Temperament hielt ihn inne. „Feurig mag ich sein. Annette hat gesehen, dass ich vergebend bin. Ich bin ein Christ. Du hast mich provoziert; du hast mich geschlagen.“
„Ich gebe dir ein paar tausend Pfund in bar, damit die Abmachung hinfällig ist und du das Mädchen nicht belästigst“, sagte Van Diemen.
„Nun“, erwiderte Tinman, „bin ich beleidigt. Ich mag Geld, wie die meisten Männer, die es gemacht haben. Du auch, Philip. Aber ich komme nicht als Bettler zum Werben. Nicht für zehntausend; nicht für zwanzig. Geld kann mir kein Ersatz für den Verlust von Annette sein. Ich sage, ich liebe Annette.“
„Weil“, setzte Van Diemen seine Rede fort, „du uns in diese Verlobung hineingelegt hast, Mart. Du hast mich mit dem Zeug abgefüllt, das du als Wein kaufst, während deine Schwester saß und meinem Mädchen Honig um den Mund schmierte; und sie hat den Trick in einer Minute vollbracht, indem sie Netty überraschte, als ich nur Herz und keinen Verstand hatte; und seitdem kannst du gesehen haben, wie das Mädchen sich von der Ehe abwendet wie meine Wälder vom Wind.“
„Mr. Van Diemen Smith!“, keuchte Tinman; er beherrschte sich. „Du sollst mich nicht provozieren. Meine Einführung deiner Person in dieser Nachbarschaft, meine Schirmherrschaft, beweisen meine Freundschaft.“
„Du wirst ein guter alter Kerl sein, Mart, wenn du deine Hoffnungen auf den Ritterschlag überwunden hast.“
„Mr. Fellingham mag dich gegen meinen Wein einnehmen, Philip. Lass mich dir sagen – ich kenne dich – du hättest nichts dagegen, wenn deine Tochter ‚Lady‘ genannt würde.“
„Mit einem spindeldürren Ehemann, der jeden Abend vor dem Schlafengehen in einem Hofanzug herumhüpft, damit er nicht vergisst, was für ein feiner Kerl er einst war! Du wirst mager davon, Mart, wie eine fünfzig Jahre alte Erinnerung.“
„Du hast mir diesen Tag nie verziehen, Philip!“
„Eifersüchtig, bin ich? Nimm das Geld, gib das Mädchen auf und sieh, was für Freunde wir sein werden. Ich unterstütze deine Käufe, ich mache Werbung für deine Verkäufe. Ich bezahle einen Maler, der dich in deinem Hofanzug malt, und hänge eine Kopie von dir in mein Esszimmer.“
„Annette ist hier“, sagte Tinman, der Ätnas Anzeichen eines Aufstandes gezeigt hatte.
Er bewunderte Annette. Nicht bis in letzter Zeit war Herbert Fellingham ein so wahrer Bewunderer von Annette gewesen wie Tinman. Sie wirkte aufrichtig und kleidete sich preiswert. Aus diesen Gründen war sie das beste Beispiel für die Frauenwelt, das er kannte, und ihre Begeisterung für England hatte auf ihn die sympathische Wirkung, den Rest der Welt zu verdunkeln und ihn mit dem beruhigenden Glauben zu durchschütteln, dass er in seinem Blut und seinem Geburtsort gesegnet sei – Punkte, die ihr Vater, mit seinen Prahlereien über Gippsland und andere Leute, die von Szenen auf dem Kontinent sprachen, manchmal in seinem Geist störte.
„Annette“, sagte er, „ich komme mit der Bitte, privat mit dir zu sprechen.“
„Wenn du es wünschst – ich würde es lieber nicht tun“, antwortete sie.
Tinman hob den Kopf, wie oft in Helmstone, wenn eine beleidigende Ladenbesitzerin ihr Schicksal hören sollte.
Er neigte sich zu ihr. „Ich verstehe. Vor deinem Vater also!“
„Es ist kein angenehmes Stück Arbeit für mich“, brummte Van Diemen, runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern.
„Ich bin gekommen, Annette, um dich zu bitten, zu betteln, flehen – vor einer dritten Person – lachst du, Philip?“
„Die falsche Seite meines Mundes, mein Freund. Und ich sage dir was: Wir steuern auf schwere See zu, und ich bin nicht traurig, dass du mir das Haus am Strand abgenommen hast.“
„Bitte, Mr. Tinman, sprechen Sie sofort, wenn es Ihnen beliebt, und ich werde mein Bestes tun. Papa verärgert Sie.“
„Nein, nein“, antwortete Tinman.
Er begann von Neuem. Van Diemen unterbrach ihn wieder.
„Häng deine Macht über mich, wie du sie nennst, an den Nagel. Eh, alter Mart? Ich bin ein Deserteur. Ich zahle tausend Pfund an die britische Armee, ob sie mich bestrafen oder nicht. Marschier mich morgen ab!“
„Papa, du bist ungerecht, unfreundlich.“ Annette wandte sich unter Tränen an ihn.
„Nein, nein“, sagte Tinman, „ich fühle das nicht. Dein Vater hat mich missverstanden, Annette.“
„Ich bin sicher, das hat er“, sagte sie leidenschaftlich. „Und, Mr. Tinman, ich will treu versprechen, dass ich, solange Sie gut zu meinem lieben Vater sind, meiner Verlobung nicht untreu sein werde, nur wünschen Sie nicht, dass ich einen Tag nenne. Wir werden so sehr gute, liebe Freunde sein, wenn Sie dem zustimmen. Wollen Sie?“
Der verliebte Mann hielt für einen Augenblick inne und entfaltete seine Stimme in einer Klage: „Oh! Annette, wie lange willst du mich hinhalten?“
„Da; du wirst sie zum Weinen bringen!“, sagte Van Diemen. „Jetzt kannst du nach oben laufen, Netty. Beim Kuckuck! Mart Tinman, du hast eine Bassstimme für Liebesangelegenheiten.“
„Annette“, rief Tinman ihr nach und ließ sie umdrehen, als sie gerade gehen wollte. „Ich muss den Tag vor Ende des Winters wissen. Bitte. In freundlicher Berücksichtigung. Meine Arrangements verlangen es.“
„Lass das Mädchen doch gehen“, sagte Van Diemen. „Iss heute Abend mit mir zu Abend, und ich gebe dir einen Wein, der deine Geister belebt, alter Junge.“
„Danke. Wenn ich zu Hause das Abendessen bestellt habe, ich – und mein Wein bekommt MIR“, antwortete Tinman.
„Ich bezweifle es.“
„Du sollst mich nicht provozieren, Philip.“
Sie trennten sich steif.
Mrs. Cavely hatte ihrem Bruder als Antwort auf seine Geschichte von Leid und Zorn unerfreuliche häusliche Neuigkeiten mitzuteilen. Es betraf das undankbare Verhalten ihres kleinen Dienstmädchens Jane, die, wie Mrs. Cavely sagte, „von dieser Frau Crickledon angestachelt“, eine Lohnerhöhung angedeutet hatte.
„Sie wagte es nicht zu sprechen, aber ich sah, was in ihr vorging, als sie einen Teller zerbrach und nicht sagen wollte, dass ihr das leid tue. Ich weiß, sie geht zu Crickledon und bespricht uns. Sie ist eine willige Arbeiterin, aber sie hat kein Herz.“
Tinman war es in seinem Laden in Helmstone gewohnt gewesen – wo der Himmel ihn mit der Schirmherrschaft der Reichen gesegnet hatte, so sichtbar, wie Strahlen überirdischen Lichts in den Illustrationen billiger heiliger Bücher über den Köpfen von Propheten zu sehen sind –, mit willigen Arbeitern umzugehen, die keine Herzen haben. Vor dem Antrag auf eine Lohnerhöhung – und er kannte die Anzeichen, dass sie kommen würde – war seine Methode, zu berechnen, wie viel von ihm verlangt werden könnte, und die geschätzte Summe durch die Ziffer 4 zu teilen; was, da es von einem großzügigen Impuls zu kommen schien und unaufgefordert gewesen war, oft demütig angenommen wurde, und die willige Arbeiterin setzte ihren mageren und hungrigen Lauf in seinem Dienst fort. Die Behandlung passte nicht immer zu seinen männlichen Angestellten. Frauen passte sie; denn sie mögen es nicht, ihre Stimme zu erheben, es sei denn, sie sind in Rage; und wenn man ihnen den Grund für ihr Temperament nimmt, nimmt man ihnen ihre Worte – man macht Küken aus ihnen. Und wie Tinman sagte: „Dankbarkeit erwarte ich nie!“ Warum nicht? Aus dem Grund, dass er die menschliche Natur kannte. Er konnte schockierende Beispiele für die Undankbarkeit der menschlichen Natur aufzeichnen, wie sie ihm während seiner Zeit als Pächter des Ladens in Helmstone offenbart wurden. Von oben gesegnet, hatte ihn die Bosheit der menschlichen Natur von unten zu oft mit Schwefel und Rauch bedampft, als dass seine Erinnerung trüb sein konnte; und obwohl er immer bereit war, sich als ein Beispiel dafür zu bekennen, dass der Himmel obsiegt, konnte er Fälle von skandalgeschwätzigen Ladenmädchen anführen, die entlassen wurden und ihm in der Stadt Schaden zufügten, was persönlich auf ihn als Beweis dafür hinwies, dass die Mächte des Guten und Bösen noch immer in unglücklichem Streit miteinander lagen. Zeugen für Streiks! Zeugen für Revolutionen!
„Sag ihr, wenn sie den Tisch deckt, dass ich ihr aufgrund ihres allgemein guten Betragens fünf Schilling pro Jahr mehr gebe. Füge hinzu“, sagte Tinman, „dass ich keinen Dank wünsche. Es ist für ihre Verdienste – um sie zu belohnen; du verstehst mich, Martha?“
„Durchaus; wenn du es für klug hältst, Martin.“
„Das tue ich. Sie soll der Köchin gegenüber keine Silbe davon erwähnen.“
„Sie wird es tun.“
„Dann behalte die Köchin im Auge.“
Mrs. Cavely versprach, das zu tun. Sie fühlte sich sicher, dass sie fünf Schilling für Undankbarkeit zahlte; und deshalb war es mit Demut, dass sie ihren Irrtum eingestand, als sie, während ihr Bruder nach dem Abendessen an seinem gezuckerten, herben Getränk nippte (in Hingabe an das Dekret des Arztes, dass er ein paar Gläser nehmen sollte, rigoros wie ein sich kasteiender Mönch), ihm die singuläre Wirkung der Lohnerhöhung auf die kleine Jane mitteilte – „Oh, Gnädigste! und ich habe Sie nie darum gebeten!“ Sie informierte ihren Bruder, wie die kleine Jane ihr anvertraut hatte, dass sie „geizig“ genannt würden, und wie die kleine Jane geschworen hatte, dass sie – das willige kleine Ding! – herumlaufen würde, um jeden ihre Güte wissen zu lassen.
„Ja! Ah!“ Tinman sog das Lob in sich auf. „Nein, nein; ich will nicht aufgeblasen werden“, sagte er. „Denk an die Köchin. Ich habe“, fuhr er nachdenklich fort, „selten erlebt, dass mein Plan fehlschlägt. Aber pass auf, ich kündige den Crickledons morgen. Sie sind eine Plage. Außerdem werde ich wahrscheinlich darüber nachdenken, Villen zu errichten.“
„Wie schrecklich der Wind ist!“, rief Mrs. Cavely aus. „Ich würde diesem Mädchen Annette eine weitere Chance geben. Versuche es per Brief.“
Tinman schickte einen Geschäftsbrief an Annette, der eine vage, ungeschäftsmäßige Antwort zurückbrachte. Zwei Tage später berichtete Mrs. Cavely ihrem Bruder von der Anwesenheit von Mr. Fellingham und Miss Mary Fellingham in Crikswich. Auf ihr Diktat schrieb er einen zweiten Brief. Diesmal kam die Antwort von Van Diemen:
„Mein LIEBER MARTIN – Bitte hör auf, mein Mädchen zu belästigen. Sie mag den Gedanken nicht, mich zu verlassen, und meine Erfahrung sagt mir, dass ich nicht mit dir in einem Haus leben könnte. Also, da hast du es. Nimm es freundschaftlich. Ich wollte immer sein, und bin,
Dein Freund,
PHIL.“
Tinman begab sich schnurstracks nach Elba; das heißt, so schnurstracks, wie der Wind es seinen Beinen erlaubte. Van Diemen wurde als abwesend gemeldet; Miss Annette bat darum, entschuldigt zu werden, unter dem Vorwand, sie sei unwohl; und Tinman erfuhr von einer Dinnerparty in Elba an jenem Abend.
Er traf Mr. Fellingham auf der Auffahrt. Der junge Londoner erdreistete sich, Tinmans private Angelegenheiten zu berühren, indem er für die Crickledons plädierte, die, wie er sagte, sehr niedergeschlagen seien wegen der Kündigung, die sie erhalten hatten, das Haus und den Laden zu verlassen.
„Ein andermal“, brüllte Tinman. „Ich kann dich bei diesem Wind nicht hören.“
„Kommen Sie herein“, sagte Fellingham.
„Der Herr des Hauses ist abwesend“, war die schlagfertige Erwiderung, die ihm entgegengebrüllt wurde; und Tinman schwankte davon und genoss es, wie er seinen Wein genoss.
Sein Haus bebte. Er wurde von seiner Schwester in der Gewissheit bestärkt, dass er betrogen worden sei.
Der Prozess, den er für Denken hielt, was die Geißelung seines Gehirns mit jedem Stich war, mit dem eine angeborene Reizbarkeit eine unmittelbare Erinnerung belegen konnte, führte ihn zu dem Schluss, dass er Van Diemen zur Vernunft bringen und Annette dazu bringen müsse, um Gnade zu ihm zu laufen.
Er saß an jenem Abend inmitten des Heulens des Sturms, der Wind pfiff, das Wasser krachte, die Fensterläden ratterten, der Strand wurde verzweifelt weggerissen, als von den weit ausgestreckten Seesternfingern des halb Verschlungenen.
Er wusste kaum, was er schrieb. Der Mann befand sich in einem Zustand persönlicher Angst, brennend vor Empörung über Van Diemen als die Hauptursache seiner Gefahr. Denn um seiner Verfolgung von Annette nachzugehen, hatte er davon abgesehen, nach Helmstone zu fahren, um dort Gelder auf seine Bank einzuzahlen, und was kostbar für das Leben sowie das Leben selbst war, wurde durch diese beiden gefährdet – Annette und ihren Vater –, die, wären sie wahrhaftig gewesen, wären sie ehrlich gewesen, ganz zu schweigen von ehrenhaft, hätten ihm bis jetzt Elba als einen festen und sicheren Wohnsitz geöffnet.
Sein Brief war auf einem großen Umschlag adressiert:
„An den Adjutanten-General,
„HORSE GUARDS.“
Aber falls er jemals bei der Post abgegeben wurde, musste dieses Postamt in London sein; und Tinman ließ den Brief auf seinem Schreibtisch liegen, bis der Morgen ihm Rat bringen würde, an welchen Londoner Freund er ihn unter Umschlag zur Versendung schicken könnte, falls er es so weit treiben würde.
Schlaf war unmöglich. Die schwarze Nacht begünstigte die zerrenden Teufel des Schiffbruchs, und als Tinman durch ein hinteres Fenster über das Meer blickte, sah er mit Bestürzung riesige, turmhohe, geisterweiße Kränze, die schnell auf seiner Ebene heraufzogen und die Dunkelheit erleuchteten, während sie sich mit einem Keuchen in Trümmern über den Kieswall zu seinen Füßen warfen.
Er zog sich aus. Seine Schwester rief ihn, um zu wissen, ob sie in Gefahr seien. Gekleidet in seinen Morgenmantel, schlich er zu ihrer Tür, um ihr heiser entgegenzubrüllen, dass sie die Dienerschaft nicht erschrecken dürfe; und eine feine Qualität in der Erziehung des Paares, die ihnen geholfen hatte, zu gedeihen, eine Form der Selbstbeherrschung, hielt sie in ihren zitternden Ängsten ruhig.
Zur Ablenkung zog Tinman die Schubladen seines Kleiderschranks auf. Sein glitzernder Anzug lag in einer. Und er dachte: „Welche wunderbaren Veränderungen es auf der Welt gibt!“, was bedeutete: zwischen einem Mann, der dem Zorn der Elemente ausgesetzt ist, und derselben Person, die in diesem Anzug, in einem Palast, vor dem Oberhaupt von uns allen aus Pergament liest!
Die Vermutung liegt nahe, dass er es oft zuvor getan haben muss. Die Tatsache ist erwiesen, dass er es in jener Nacht tat. Die daraus gezogene Schlussfolgerung ist, dass es ihm ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit gegeben haben muss.
Auf jeden Fall ist es ganz sicher, dass er den Anzug anzog.
Wahrscheinlich war es ein Werk der Einschmeichelung und der Stufen; ein Fühlen der Seide, ein Anprobieren an einem Bein, dann ein Abgleichen des Gefährten damit. O ihr Revolutionäre! Die ihr keinen Staat, keine Zeremonie und nur eine Ordnung von Beinkleidern wolltet! Dieser Mann muss im Geiste entführt worden sein zur Vergessenheit des Sturms, der seinen mächtigen Nachbarn zu einem größeren und weiteren Sprung geißelte; er muss aus der Betrachtung seiner selbst in seinem Anzug das erhalten haben, was die Rettung aller Menschen, insbesondere seiner Landsleute, sein würde – nämlich Einbildungskraft.
Sicher ist es, wie ich gesagt habe, dass er sich in den Anzug kleidete. Er bedeckte ihn mit seinem Morgenmantel und legte sich so gekleidet auf sein Bett, um auf das Licht des Morgens zu warten, wobei er wahrscheinlich vom Schlaf überrascht wurde, der auf Ermüdung und beruhigte und besänftigte Nerven einwirkte.
KAPITEL XII
Elba lag unter den Abhängen des Hügels geschützter vor Südostwinden als jedes andere Haus in Crikswich. Der Südoster schlug von der Klippe auf einen Martelloturm und das Haus am Strand ab, während Elba zur Ruhe kam, so dass der schlimmste Wind für diese Küste einer der angenehmsten für den Besitzer des Hauses war, und er blickte aus seinem oberen Fenster auf ein Meer aus bröckelnder grauer Kreide, das unermüdlich vom gesichtslosen pfeifenden Sturm gepeitscht wurde, ohne Angst, dass seine erhöhten Grundstücke und Mauern bei Flut den Verwüstungen des Wassers offenstehen würden. Van Diemen hatte keine Ahnung, dass an Land ein Unglück im Gange war, als er sich zum Frühstück setzte. Er erzählte Herbert, dass er letzte Nacht für die armen Kerle auf See gebetet habe. Mary Fellingham und Annette waren begierig darauf, das Frühstück zu beenden und den Hügel zu besteigen, um auf das Meer zu blicken, und da sie von Van Diemen eine Warnung erhielten, nicht zu nah an die Klippe zu gehen, neigten sie dazu, zu denken, er sei ihnen gegenüber unnötig ängstlich.
Bevor sie mit der Mahlzeit halb fertig waren, wurde von großen Breschen im Kies berichtet und davon, dass Wasser das Gemeindeland bedecke. Van Diemen schickte nach seinem Obergärtner, dessen Bericht über den Zustand der Dinge draußen die umfassende Form einer Prophezeiung annahm; er sagte den Fall der Stadt voraus.
„Unsinn; was meinst du damit, John Scott?“, sagte Van Diemen und betrachtete abwechselnd seinen ordentlichen Frühstückstisch und den Mann. „Es sieht noch nicht danach aus, oder?“
„Das Haus am Strand wird keine Stunde länger stehen, mein Herr.“
„Wer sagt das?“
„Es ist jetzt vom Land abgeschnitten, und ringsherum stehen die Wellen masthoch.“
„Mart Tinman?“, rief Van Diemen.
Alle schreckten auf; alle sprangen hoch; und es gab ein wildes Gejage nach Hüten und Umhängen. Dienstmädchen und Männer des Hauses liefen ein und aus und bestätigten die Nachricht von der Überflutung. Manche in Angst um das Schicksal ihrer Verwandten, andere angenehm aufgeregt, froh über die Katastrophe, sofern sie nur die Monotonie durchbrach, denn immerhin war es ein Wechsel der Dämonen.
Der Blick vom äußeren Ufer von Elba bot das Bild von Wasser, das den Platz des Gemeindelandes bis hin zu den Steinen der Marine Parade und Belle Vue bedeckte. Doch aus der Ferne hatte es nicht das Aussehen von wütendem Wasser; die Damen fanden es malerisch, und das Haus am Strand stand fest. Ein zweiter Blick zeigte das Haus völlig isoliert; und als die von Van Diemen angeführte Gruppe eilig in Richtung Stadt schwenkte, erkannten sie schwere Schaumkatarakte, die über den zerstörten Kieswall auf beiden Seiten des Hauses herabstürzten.
„Ei, die Außenmauer ist weggespült“, sagte Van Diemen. „Sind sie in wirklicher Gefahr?“, fragte Annette mit klappernden Zähnen, wobei die Kälte und andere Angelegenheiten in ihrem Herzen für den Moment jene Wärme des Mitgefühls ausschlossen, die sie bald für sie zu empfinden hoffte. Sie war froh, ihren Vater sagen zu hören:
„Oh! Die sind längst im Trockenen. Wir werden sie in der Stadt finden. Und wir werden sie aufnehmen und trösten. Zehn zu eins, dass sie noch nicht gefrühstückt haben. Sie sollen nicht in ein Wirtshaus gehen, solange ich zur Stelle bin.“
Er stürmte voran, dicht gefolgt von Herbert. Die Damen sahen, wie sie unterwegs in den oberen Straßen mit Stadtbewohnern sprachen, und deuteten ihre beschleunigte Gangart nicht als gutes Zeichen. Am oberen Ende der Stadt war Wasser zu sehen, das bereits ein Stück die Hauptstraße hinaufreichte, und als sie diese überquerten, gelangten die Damen zügig unterhalb der alten Kirche – auf deren Turm Schaulustige standen – durch den Kirchhof zu einer hohen Wiese, die zu einer Steinmauer abfiel; diese war zwischen der Wiese und einer Grasböschung oberhalb des Straßenniveaus befestigt, wo nun Salzwasser gegen die Mauer schlug und Gischt aufspritzte. Nicht weniger als hundert Menschen befanden sich auf diesem Feld, unter ihnen Crickledon und seine Frau. Alle beobachteten schweigend das Haus am Strand, das östlich des Feldes lag, vielleicht drei Steinwürfe entfernt. Die Szenerie war wild. Unaufhörlich ergossen sich die Sturzbäche durch die Kiesklüfte, und jeden Augenblick ertönte ein Donnern, und hoch sprang eine Woge, die das Haus überragte und in sich aufnahm.
„Sie sagen mir, Mart Tinman sei im Haus“, brüllte Van Diemen zu Herbert hinüber. Er hörte sich weitere Informationen an und schrie: „Es gibt kein Boot!“
Herbert antwortete: „Das muss ein Irrtum sein, glaube ich; hier sagt Crickledon, er habe vor Sonnenaufgang eine Warnung erhalten und es geschafft, die meisten seiner Sachen wegzubringen, und die Leute dort drüben müssen durch den Lärm rechtzeitig geweckt worden sein, um zu entkommen.“
„Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst“, Van Diemen versuchte, seine Stimme über den Wind zu heben. „Hast du ein Boot gesagt? Aber wo?“
Crickledon, der Zimmermann, gab Herbert ein Zeichen. Sie schritten rasch über das Feld.
„Frauen fühlen ihre Schwäche in solchen Zeiten, mein Lieber“, sagte Mrs. Crickledon zu Annette. „Bei unserer Kleidung und unserer Feigheit scheint es, als wären wir den Männern nicht ebenbürtig, wenn die Winde stark sind.“
Annette drückte ihr gegenüber die Hoffnung aus, dass sie nicht viel Besitz verloren habe. Mrs. Crickledon sagte, sie sei froh, ihr mitteilen zu können, dass sie bei einer Unfallversicherung versichert sei. „Aber“, sagte sie, „ich trauere um den armen Mann Tinman, falls er noch lebt und an Land kommt, um sein Eigentum vom Wasser zerstört vorzufinden. Gott bewahre! Er wollte sich gegen nichts versichern, das weniger gewöhnlich ist als Feuer; und mein Haus und Crickledons Werkstatt sind inzwischen nur noch treibendes Holz; und Marine Parade und Belle Vue werden sicher auch gehen. Und das wird ein hübscher Empfang für ihn, der arme Mann, aus seinen Investitionen.“
Ein Schrei bei einem gewaltigen Schlag einer Woge gegen das dem Untergang geweihte Haus erhob sich vom Feld. Vorder- und Hintertür waren eingebrochen, und die Wucht des Wassers trieb eine kreisrunde Masse durch den Kanal und erschütterte die Mauern.
„Das halte ich nicht aus“, rief Van Diemen.
Annette kam zu spät, um ihn zurückzuhalten. Er rannte über das Feld. Sie wollte gerade hinterherlaufen, als Mrs. Crickledon ihren Arm berührte und sie anflehte: „Mischen Sie sich nicht unter die Männer, sondern lassen Sie sie ihrem Urteil folgen, wenn Zeiten großer Gefahr herrschen, meine Liebe. Wenn jemand schuldig ist, dann ich, weil ich meinen Mann an ein Boot erinnert habe, das hier als Rettungsboot zu Wasser gelassen wurde und nicht taugte, und nun im Schuppen bei der Crouch liegt – dort zurückgelassen, wie ich oft sagte, als wäre es beleidigt. Mein Gott!“
Ein Leintuch war aus einem der Fenster des Hauses am Strand geworfen worden und flatterte als Zeichen der Not lose im Wind.
„Es sieht aus, als wären sie in dem Haus verrückt geworden, dass sie so lange gewartet haben, sich bemerkbar zu machen, die armen Seelen“, sagte Mrs. Crickledon und seufzte.
Sie wurde von allen Seiten versichert, dass bereits zuvor Signale gesehen worden seien, und jemand gab an, dass der Koch von Mr. Tinman sowie Mrs. Cavely bereits an Land seien.
„Es sind seine Möbel, der arme Mann, an denen er hängt: Und nichts geht einem so ans Herz!“, fuhr Mrs. Crickledon fort. „Da geht seine Bettwäsche!“
Das Laken wurde vom Wind fortgewirbelt und weggerissen; aufgebläht und verdoppelt, wie ein Schwarm Wintergänse, die auf den Wolken alphabetische Buchstaben formen, schoss es hierhin und dorthin und breitete sich schließlich auf den Wassern aus, die gegen Marine Parade brandeten.
„Sie können nicht gedacht haben, dass beim Verbleiben eine wirkliche Gefahr bestand“, sagte Annette.
„Mr. Tinman wartete auf die billigste Versicherungsgesellschaft“, bemerkte ein Mann zu Mrs. Crickledon.
„Am wenigsten zahlt man beim Bestatter“, erwiderte sie und stellte sich auf die Zehenspitzen. „Und es bleibt zu hoffen, dass er heute mehr zahlt. Wenn nur diese Mauern nicht einstürzen und die Chance des Bootes zunichtemachen, ihn für weitere Ausgaben zu retten, der arme Mann! Was an Booten letzte Nacht am Strand war, hoch oben und hinter dem Kamm, wie sie waren, sind jetzt Bretter und nur noch für Zimmerleute gut.“
„Die Hälfte unserer Stadt ist hin“, sagte ein alter Mann; und ein anderer folgte ihm in frommem Ton: „Vom Wasser kamen wir, und zum Wasser gehen wir.“
Sie sprachen von früheren Einbrüchen des Meeres, von denen keiner so ernst war wie dieser, der ihnen drohte. Die tapfere Solidität des Hauses am Strand hatte schweren Stürmen widerstanden: Es war ein mutiges Haus. Gott sei Dank waren keine Fischerboote draußen. Vorwiegend wohlhabende Leute würden die Leidtragenden sein – ein Ausnahmefall. Denn es ist die geheimnisvolle und unerklärliche Vorsehung, dass: „Meistens züchtigt der Himmel uns.“
Eine Gruppe aufgeregter Zuschauer zog den Rest des Feldes zu sich. Mrs. Crickledon, am Rande der Menge, berichtete Annette und Miss Fellingham, was vor sich ging. Ein Boot war von der Stadt aus zu Wasser gelassen worden. „Preis sei dem Herrn, da sind nur Küstenwächter drin!“, rief sie aus und entschuldigte sich dafür, dass ihr Herz an ihrem Mann hing.
Annette war ebenso zutiefst dankbar, dass ihr Vater nicht im Boot war.
Sie sahen sich um und sahen Herbert neben sich. Van Diemen war weiter hinten, außer Atem, und reckte den Hals, um einen Blick auf das Boot zu erhaschen, das nun schnell über eine aufgewühlte See dorthin ruderte, wo Tinman selbst wahrgenommen wurde, wie er sie wild herbeiwinkte, halb aus einem der Fenster herausgelehnt.
„Ein Pfund für jeden dieser Burschen, und zwei, wenn sie Mart Tinman trocken an Land bringen; ich habe es versprochen, und sie werden es sich verdienen. Seht nur! Schnell, ihr Halunken!“
Im Osten war ein Teil des Hauses eingestürzt, weggeschmolzen. Wo es stand, direkt unter der Kieslinie, war es jetzt wie ein Bauwerk, das auf einem gepeinigten, überfluteten Riff verfällt. Die ganze Linie war den Wellen preisgegeben.
„Wo ist seine Schwester?“, schrie Annette ihrem Vater zu.
„Sicher an Land; und eine der Frauen bei ihr. Aber Mart Tinman wollte bleiben, der Narr! Um – armer alter Junge! – seine Papiere und Sachen zu retten; und er hat keinen Kopf dafür, sagt mir Martha Cavely. Sie sind jetzt bei ihm! Sie haben ihn drin! Da ist noch jemand? Oh! Es ist ein Mädchen, das nicht gehen wollte und ihn zurückließ. Sie werden zum Feld hier rudern. Tapfere Kerle! – Beim Himmel, warum sind Engländer nicht immer in Gefahr! – eh? Wenn man sehen will, wie sie glänzen!“
„Es ist die kleine Jane“, sagte Mrs. Crickledon, zu der ihr Mann gestoßen war, und jetzt, da sie wusste, dass er nicht mehr in Gefahr war, ließ sie ihre Hand auf ihm ruhen, nur um sich zu beruhigen.
Das Boot hielt eine Minute im Schutz des Hauswracks; dann kam es, als würde es eine kleine Stromschnelle hinunterfahren, auf einer schaumgekrönten Welle herab, zum Jubel der Stadtbewohner.
„Sie sind wohlauf“, sagte Van Diemen und schnaufte, als läge ein Nebel vor seinen Augen. „Sie werden nach Westen rudern, mit dem Wind, und ihn mitten unter uns an Land bringen. Ich erinnere mich, als alter Mart und ich einmal badeten, er war jünger als ich und konnte nicht gut schwimmen, und ich sah, wie er unterging. Es wäre hart gewesen, ihn dreißig Jahre später vor den eigenen Augen ertrinken zu sehen. Da kommen sie. Er ist wohlauf. Er ist in seinem Morgenrock!“
Die Menge machte Platz für Mr. Van Diemen Smith, damit er seinen Freund willkommen heißen konnte. Zwei der Küstenwächter sprangen heraus und halfen ihm auf das trockene Ufer, während Herbert, Van Diemen und Crickledon ihn bei Hand und Arm nahmen und ihn auf die Steinmauer hievten, zur Vorbereitung seines Abstiegs auf das Feld. In dieser exponierten Lage ergriff der Wind, dessen Streiche endlos sind, sobald er einmal aufgekommen ist, Martin Tinmans Morgenrock und blies ihn weit auf, wie zwei heftig schlagende Flügel zu beiden Seiten, und schließlich über seinen Kopf.
Van Diemen wandte ein Paar verdutzte, glanzlose Augen Herbert zu, der einen verschmitzten Blick auf die Damen warf. Tinman war heruntergesprungen. Doch nicht, bevor die Welt, in einem stürmischen Augenblick, einen Blick auf den Hofstaat-Anzug erhascht hatte.
Völlige Ernsthaftigkeit begrüßte ihn aus der Menge.
„Sicher, alter Mart! Und froh, das sagen zu können“, sagte Van Diemen.
„Wir sind so glücklich“, sagte Annette.
„Haus, Möbel, Eigentum, alles, was ich besitze!“, stieß Tinman hervor und zitterte.
„Unsinn, Mann; du brauchst ein heißes Frühstück. Deine Schwester ist schon vorausgegangen – nach Elba. Komm auch du, alter Mann; und wo ist das tapfere kleine Mädchen, das bei dir blieb –“
„War da ein Mädchen?“, sagte Tinman.
„Ja, und da war ein Junge, der helfen wollte.“ Van Diemen zeigte auf Herbert.
Tinman sah hin und fragte mitleiderregend: „Habt ihr Marine Parade und Belle Vue untersucht? Es hängt von der Flut ab!“
„Hier ist die kleine Jane, Sir“, sagte Mrs. Crickledon.
„Reih dich ein“, sagte Van Diemen zur kleinen Jane.
Das Mädchen knickste vor Annette, als Mrs. Crickledon sie vorstellte.
„Martin, du bleibst in meinem Haus; du bleibst in Elba, bis du die Dinge bei dir wieder komfortabel hast, und dann sollst du die Crouch für ein Jahr mietfrei haben. Eh, Netty?“
Annette stimmte ein: „Alles, was wir tun können, alles. Nichts kann zu viel sein.“
Van Diemen lobte die kleine Jane für ihre Hingabe an ihren Herrn.
„Der Herr war so gütig zu mir“, sagte die kleine Jane.
„Nun, marsch; es ist kalt“, gab Van Diemen das Kommando, und Herbert stand etwas niedergeschlagen neben Mary, da er voraussah, dass seine Aussichten in Elba getrübt waren.
„Nun denn, Mart, linkes Bein vor“, Van Diemen hakte sich bei seinem Freund ein.
„Ich muss nachsehen“, Tinman riss sich los und warf einen trostlosen Blick des Abschieds auf das Letzte des Hauses am Strand.
„Du hast noch mich, alter Mart; vergiss das nicht“, sagte Van Diemen.
Tinmans Brust sank. „Ja, ja“, antwortete er. Er war gerührt.
„Und ich habe diesen Kerlen gesagt, wenn sie dich trocken an Land bringen, sollten sie – ich würde ihnen doppelten Lohn zahlen; und ich glaube, sie haben ihr Geld verdient.“
„Ich glaube nicht, dass ich sehr nass bin, ich bin kalt“, sagte Tinman.
„Du kannst nicht verhindern, dass dir kalt ist, also komm mit.“
„Aber, Philip!“ Tinman erhob seine Stimme; „Ich habe alles verloren. Ich habe versucht, ein wenig zu retten. Ich habe hart gearbeitet, ich habe mein Leben riskiert, und alles umsonst.“
Die Stimme der kleinen Jane war zu hören.
„Was ist mit dem Kind?“, sagte Van Diemen.
Annette ging leise auf sie zu.
Doch die kleine Jane wandte sich an ihren Herrn.
„Oh! Wenn ich bitten darf, ich habe es geschafft, im letzten Augenblick etwas zu retten, als das Boot am Fenster war, und wenn ich bitten darf, Sir, alle Bündel sind verloren, aber ich habe ein Papiermesser für Sie gerettet und einen Brief an die Horse Guards, und hier sind sie, Sir.“
Das dankbare kleine Geschöpf zog den quadratischen Brief und das Papiermesser aus ihrem Busen und hielt sie Mr. Tinman hin.
Es war ein Brief von stattlicher Größe, auf dem THE HORSE GUARDS sehr deutlich in Tinmans bester Schönschrift vermerkt war, um seinen rachsüchtigen Geist zu treffen, als sei er ausdrücklich für die Weiterleitung bestimmt, und ihm die Macht zu zeigen, zu verletzen, wenn es ihm beliebte; wie es vielleicht der Fall war.
„Was!“, rief er, ohne klar zu begreifen, wie viel ihre Hingabe für ihn vollbracht hatte.
„Ein Brief an die Horse Guards!“, rief Van Diemen.
„Hier, gib ihn mir“, sagte der Herr der kleinen Jane und ergriff ihn nervös.
„Was steht in diesem Brief?“, fragte Van Diemen. „Lass mich diesen Brief sehen. Sag mir nicht, das sei private Korrespondenz.“
„Mein lieber Philip, teurer Freund, herzlichen Dank; es ist kein Brief“, sagte Tinman.
„Kein Brief! Warum, ich habe die Adresse gelesen, ‚Horse Guards‘. Ich habe es gelesen, als es in deine Hände gelangte. Nun, mein Mann, ein Blick auf diesen Brief, oder nimm die Konsequenzen.“
„Herzlichen Dank für deine Hilfe, lieber Philip, wirklich! Oh! Dies? Oh! Es ist nichts.“ Er zerriss ihn in zwei Hälften.
Sein Gesicht hatte die Farbe der Wintersee, mit einem Kreideanstrich darauf.
„Zerreiß ihn weiter, und ich werde wissen, was ich vom Inhalt zu halten habe“, Van Diemen runzelte die Stirn. „Lass mich sehen, was du gesagt hast. Du hast geschworen, du würdest es tun, und da ist es endlich, wie durch ein Wunder; aber lass mich sehen, und ich werde darüber hinwegsehen, und du sollst trotzdem mein Hausgenosse bleiben. Wenn nicht!----“
Tinman riss weiter.
„Du irrst dich, du irrst dich, du liegst völlig falsch“, sagte er, während er verzweifelt seine Aufgabe fortsetzte, jedes Wort unleserlich zu machen.
Van Diemen stand ihm gegenüber; die Ansammlung von Vorräten an kleinen Verletzungen und Niederträchtigkeiten, die er von diesem Mann erduldet hatte, schwoll unter der Peitsche der endgültigen Zurschaustellung von Verrat an. Er sah so finster aus, dass Annette rief: „Papa!“
„Philip“, sagte Tinman. „Philip! Mein bester Freund!“
„Pooh, du bist ein armer Kerl. Komm mit und frühstücke in Elba, und du kannst in der Crouch schlafen, und gute Nacht. Crickledon“, rief er dem obdachlosen Paar zu, „ihr bleibt in Elba, bis ich euch eine Werkstatt baue.“
Mit diesen Worten ging Van Diemen voran und ging allein. Herbert war gezwungen, mit Tinman zu gehen.
Mary und Annette kamen hinterher, und Mary zwickte Annette so scharf in den Arm, dass sie laut hätte aufschreien müssen, wäre es ihr möglich gewesen, in diesem Moment Schmerz zu empfinden, anstatt einer persönlichen Hochstimmung, die wild über den Zusammenprall von Erstaunen und Entsetzen flog, wie ein Seevogel über die Gischt.
An der ersten stillen Stelle, an die sie kamen, murmelte Mary die Worte: „Die kleine Jane.“
Annette sah sich nach Mrs. Crickledon um, die den Zug abschloss und die kleine Jane an der Hand hielt. Die kleine Jane ging sittsam, mit einem sanften Gesicht. Annette blickte zu Tinman. Ihre aufgeregten Gefühle stiegen ihr fast in einem Schrei des Lachens in die Kehle. Stunden später musste Mary ihr nur „Die kleine Jane“ sagen, um den gleichen Anfall zu erzeugen. Es wälzte ihr Herz und ihre Sinne in einer kopfüber gehenden Woge, schüttelte sie zu brennenden Tränen und schien ihr das wunderbarste Zusammenfließen von Gegensätzen, das je auf dieser Erde bekannt war. Die junge Dame schämte sich ihres Lachens; aber sie war ihm zutiefst zu Dank verpflichtet, denn noch nie wurde ein Geist durch diese wohltuende Übung so klar gemacht.
Ein weiser Mann wird sein Lachen nicht verschwenden, wenn er es vermeiden kann, sondern das Aufwallen desselben so lange wie möglich unterdrücken. Das Sieden des Humors sendet einen lebhaften Geist in den Verstand, während das Überkochen nur eine verschwenderische Ausgabe und die Störung eines klaren Stroms ist: Denn das komische Element ist dir in allen Dingen sichtbar, wenn du nur deinen Geist mit der Wahrnehmung davon aufgeladen hältst, wie ich einen großen Erklärer über ein anderes Thema habe sprechen hören; und er sprach sehr wahr. So betrachtete ich das Geschehen weiterhin mit der Ernsthaftigkeit der Natur selbst, und ich konnte nicht umhin mir einzubilden, und dies mit weniger als unserer üblichen Eigenwilligkeit, wenn wir uns Dinge über die Stimmungen der Natur einbilden, dass die Mutter der Menschen diese Szene mit einem halben Lächeln betrachtete, anders als die einfache Beobachtung jener Kühe, die sich die Fliegen von den Flanken wedelten am Rande der gemähten Wiese und ihrer Espen, gesehen unter dem geschwungenen Dach eines breiten Eichenastes. Abgesehen von dieser glücklichen Aufwärtskrümmung des Astes sind wir von atemlosem Laub umgeben; selbst die Düsternis war heiß; die kleinen Insekten, die Nahrung für Fische sind, versuchten einen Flug und fielen auf die Wasseroberfläche, als ob sie keuchten. Hier und da bequemte sich ein mürrischer Fisch, sie zu nehmen, und ein Kreis breitete sich aus, der von vergangener Aufregung kündete.
Ich hatte dem homerischen Gebrüll des Vikars etwa eine Minute lang zugehört – was jemand das große, tierhafte, brüllende Dröhnen und Rollen des Ilias-Hexameters genannt hat: Es hielt inne wie eine durchtrennte Schnur. Eine der zahlreichen Töchter seines Hauses erschien im Bogen aus weißen Büschelrosen auf der unteren Gartenterrasse und blieb mit einem Ausruf versteinert bei dem außergewöhnlichen Schauspiel stehen, und dann lachte sie laut heraus. Ich hatte bis dahin widerstanden, aber das offene und ausgelassene Lachen der jungen Dame riss mich mit, und auch ich stieß ein Lachen aus und gab mich zu erkennen. Der Vikar, der mich sah, räumte mit einem ebenso lauten Lachen ein, sich seiner absurden Lage bewusst zu sein. Was das schlingelhafte Mädchen betraf, so verfiel sie in eine Reihe von hohen Schreien wie zwanzig Spechte und rief: „Mama, Mama, du siehst aus, als wärst du im Jordan!“
Der Vikar räusperte sich mahnend, denn es war offensichtlich, dass Miss Alice ihre Mutter beleidigte, und ich nehme an, er dachte, es sei genug, wenn einer aus der Familie dies täte.
„Willst du aus dem Jordan herauskommen?“, rief ich.
„Ich bin mit dem Wasser hinreichend getauft“, sagte der hilflose Mann...
„Wahrlich, Mr. Amble“, bemerkte seine Gattin, „Sie können eine Frau belehren, weil sie das Beste aus den Umständen nicht macht; ich hoffe, Sie bedenken, dass Sie es sind, der respektlos ist. Ich kann das nicht länger ertragen. Sie verdienen Mr. Pollingrays Spott.“
Daraufhin warf ich ein: „Ich bitte Sie, gnädige Frau, bilden Sie sich nicht ein, dass Sie von mir etwas anderes als Sympathie erfahren.“ – aber während ich protestierte und den Mund offen hatte, zog mich die schreckliche Miss Alice unerbittlich zum Lachen hin.
„Sie haben Franks neues Boot ausprobiert, Mr. Pollingray, und sie haben es umgeworfen. Oh! Oh!“ und wieder erklang der Spechtchor.
„Alice, ich verlange, dass du sofort gehst und John den Gärtner holst“, sagte die erzürnte Mutter.
„Mama, ich kann mich nicht bewegen; warte eine Minute, nur eine Minute. John ist wegen der Geranien weg. Oh! Schau nicht so ergeben, Papa; du bringst mich um! Mama, komm und nimm meine Hand. Oh! Oh!“
Die junge Dame stemmte ihre Hände in die Taille und wälzte ihren Körper wie eine Besessene.
„Warum kommt ihr nicht durch das Bootshaus herein?“, fragte sie, als sie ihren Anfall unter Kontrolle hatte.
„Ah!“, sagte der Vikar. Ich sah, wie ihn dieser neue Gedanke traf.
„Wie vollkommen absurd Sie sind, Mr. Amble!“, rief seine Frau aus, „wenn Sie wissen, dass das Bootshaus verschlossen ist und dass das Boot unter der Uferbefestigung lag, als Sie mich überredeten, hineinzusteigen.“
Als Alice diese Erklärung des Unfalls hörte, gab sie sich einer unbeherrschbaren Regung hin.
„Siehst du, meine Liebe“, wandte sich der Vikar an seine Frau, „sie kann nichts tun; es ist nutzlos. Wenn uns jemals Geduld geraten wird, dann ist es, wenn uns Unfälle zustoßen, denn dann, da wir nicht verantwortlich sind, wissen wir, dass wir in anderen Händen sind, und es ist unsere Pflicht, vergleichsweise passiv zu sein. Vielleicht darf ich sagen, dass Geduld in jeder Schwierigkeit ein Rettungsring ist. Ich bitte dich, noch immer geduldig zu sein.“
„Mr. Amble, ich werde Sie für töricht halten“, sagte die Gattin mit einem mehr als nachdrücklichen Nicken.
„Meine Liebe, du hast nur zu entscheiden“, war die sanfte Antwort.
Inzwischen hatte Miss Alice den Dämon des Lachens so weit bezwungen, dass sie es wagen konnte, ihre Mutter bis ans Ufer zu rufen und eine rettende Hand auszustrecken. Mrs. Amble watete in Reichweite, ihr Mann folgte ihr. Es wurden Vorkehrungen getroffen, damit Alice ziehen und der Vikar schieben konnte; beides gemäß den Bestimmungen von Mrs. Amble, denn selbst in ihrer äußersten Hilflosigkeit heuchelte sie Herrschaft und Souveränität. Unglücklicherweise geschah es im entscheidenden Moment, dass ich (und ich gebe zu, es war mehr als eine Unachtsamkeit meinerseits, es war eine höchst unüberlegte Tat) – ich geschah es, sage ich, dass ich rief – und dass ich davon absah, Voltaire zu zitieren, ist etwas zu meinen Gunsten:
„Wie um alles in der Welt habt ihr es geschafft, hineinzufallen?“
Es kann keinen Meinungsstreit darüber geben, dass ich meine Neugier hätte zurückhalten können, und möglicherweise kann man mit einiger Berechtigung sagen, dass ich die direkte Ursache für das beispiellose Verhalten meines Freundes war; aber konnte ein sterblicher Mensch ahnen, dass er im selben Augenblick, in dem er seiner Frau bei der Rückkehr aufs trockene Land half, und während sie sich – wenn ich das so ausdrücken darf – bescheiden in seinen Händen befand, sich mit einem Zitat umdrehen würde, das ihn mit dem alten Palinurus verglich, während er gleichzeitig zuließ, dass seine werte und bewundernswerte Last tiefer sank und sich übermäßig auf der Wasseroberfläche ausbreitete, bis ihr der Vorteil der Hilfe ihrer Tochter verloren ging? Ich sah die Folgen meiner Indiskretion entsetzt. Ich hätte den absurden Virgil-Verehrer aufhalten wollen, aber unter Missachtung meiner erhobenen Hand und des abgewandten Kopfes und ungeachtet der Tatsache, dass seine Frau damals buchstäblich von ihm abhängig war, deklamierte der Vikar (und die durchnässende Wirkung, die Latein auf eine Dame in einer solchen Jahreszeit hat, mag man sich vorstellen):
*Vix primos inopina quies laxaverat artus,* *Et super incumbens, cum puppis parte revulsa* *Cumque gubernaclo liquidas projecit in undas.*
Es ist nicht leicht, wenn man die Sprache nicht kennt, auf Latein zu erwidern, selbst wenn der Versuch dazu auf Englisch unternommen wird. Nur sehr wenige, selbst unter den ungebildeten Ohren, können solche antiklimaktischen Schmähungen wie Englisch nach dem klangvollen Latein ertragen. Mrs. Amble unterdrückte jene Gefühle, die ihre Volkssprache vielleicht ausgedrückt hätte. Ich hörte nur ein einziges Stöhnen, das von ihr kam, als sie ununterscheidbar zusammengekauert in den Armen ihres Mannes lag.
„Nicht – *praecipitem*! Ich bin froh, das sagen zu können“, bemerkte mein besinnungsloser Freund weiter und lachte vergnügt, während er seine Aussage mit einer Reihe von Verneinungen bekräftigte. „Nein, nein“; auf eine ihm eigentümliche Weise. „Nein, nein. Wenn ich meine grauen Haare irgendwo pflanze, dann auf trockenem Land: nein. Aber nun, meine Liebe“, kehrte er zu seiner Pflicht zurück; „warum, du bist schon wieder unten. Komm: eins, zwei, und hoch.“
Er hob ein totes Gewicht. Die Leidenschaft für sarkastische Reden lag in der Brust von Mrs. Amble offensichtlich im Krieg mit der allgemeinen Vorsicht; die Vorsicht siegte jedoch. Sie warf ihm einen Blick zu, wie er in den Träumen von Junggesellen die Ehe schrecklich macht, und dann, ihre Energie mit der geleisteten Hilfe verbindend, machte sie einen jener sinnlosen Sprünge der oberen Körperhälfte, die das philosophische Auge mit der Sinnlosigkeit einer Anstrengung schlagen, die nicht auf einer soliden Basis beruht. Aufgrund des Mangels an Abstimmung zwischen ihnen war die impulsive Kraft des Vikars verbraucht, als die seiner Frau ins Spiel kam. Alice packte ihre Mutter tapfer. Der Vikar hatte genug Kraft, um den Abstieg seiner Frau aufzuhalten; aber Alice (sie rühmt sich ihrer Muskeln) hatte nicht die Kraft in der anderen Richtung – und kein Wunder. Es gibt wenige junge Damen, die vierzehn Stein geradewegs eine Uferbefestigung hochziehen könnten.
Mrs. Amble blieb in der Schwebe zwischen den beiden.
„Oh, Mr. Pollingray, wenn Sie nur auf dieser Seite wären, um uns zu helfen“, rief Miss Alice sehr kläglich aus, obwohl ich sehen konnte, dass sie halb wahnsinnig war vor dem inneren Kampf des Lachens über die Eltern und der Sorge um sie.
„Nun, zieh, Alice“, schrie der Vikar.
„Nein, noch nicht“, schrie Mrs. Amble; „ich sinke.“
„Zieh, Alice.“
„Jetzt, Mama.“
„Oh!“
„Schieb, Papa.“
„Ich bin unten.“
„Hoch, gnädige Frau; Jane; Weib, hoch.“
„Sanft, Papa: Abraham, ich werde nicht.“
„Meine Liebe, aber du musst.“
„Und dieser Mann da drüben.“
„Was, Pollingray? Er ist fünfzig.“
Ich ertappte mich dabei, wie ich empört den Pfad entlangging. Selbst jetzt protestiere ich, dass mein Freund sich schlecht benommen hat, obwohl ich ihn in jeder Hinsicht entschuldige; ich entschuldige, ich übergehe die Anordnung; aber warum – was rechtfertigt es, dass ein Mann das Alter eines anderen herausposaunt? Welchem Zweck dient das? Ich nehme an, der Vikar wollte seine Frau beruhigen, nach dem Prinzip (ich habe ihn das formulieren hören), dass die Geschlechter mit fünfzig verschmelzen – womit er, so muss ich annehmen, meint, dass etwas, das gut oder schlecht sein mag und im Allgemeinen albern ist – natürlich bewundere und respektiere ich Bescheidenheit und *pudeur* so sehr wie jeder andere – etwas verloren gegangen ist: eine Anerkennung der Grenzen der Trennung. Es gibt, wenn das eine beklagenswerte Angelegenheit ist, einen Verlust einiger unserer jungen Tricks mit fünfzig. Wir haben aufgehört, leicht zu erröten: und lassen Sie mich Sie bitten, ein Erröten zu definieren. Ist es eine unfreiwillige Wahrheit oder eine treuherzige Lüge? Ich weiß, dass dies wie die Sprache eines Mannes klingen wird, der nicht wenig eifersüchtig auf seine jugendlichen Standesgenossen ist. Ich kann es nur den recht urteilenden Personen überlassen, darüber nachzudenken, ob ein gesunder Mann in seiner Blüte, der genug hat und nicht von Ehrgeiz verflucht ist, auf irgendeine lebende Seele eifersüchtig sein muss.
Ein Schrei von Miss Alice hielt meine rückwärtigen Schritte an. Der Vikar schwankte, um die atmende Hälfte seiner Partnerin zu stützen, während sie wieder festen Boden im Flussbett gewann. Ihr Versuch, die Uferbefestigung zu erklimmen, war gescheitert. Glücklicherweise erblickte ich in diesem Moment Master Franks Boot, das mit dem Boden nach oben gegen eine hervorstehende Schlammbank voller Vergissmeinnicht getrieben war. Ich schaffte es, es zu erreichen und aufzurichten, und nachdem ich eines der Ruder sichergestellt hatte, ruderte ich zur Rettung; doch nicht, bevor ich eine Blume gepflückt hatte, angetrieben von einem Motiv, das ich mir nicht erklären kann. Der Vikar hielt das Boot fest gegen die Uferbefestigung, während ich, unter der unmittelbaren Gefahr, mich ihnen anzuschließen (ich werde den kombinierten Ausdruck von Miss Alices zurückweichenden Augen und den boshaften Mundwinkeln nicht vergessen), die Dame hineinwuchtete, und den Fluss mit ihr. Vom Sitz des Bootes aus stand sie hoch genug, um den Schritt zum Land ohne Gefahr zu bewältigen. Als sie ihren Fuß dort aufgesetzt hatte, nahmen wir alle eine Haltung respektvoller Aufmerksamkeit ein, und der Vikar, der über ein Unglück wie eine Schwalbe bei schönem Wetter hinwegschweben konnte, erkannte die Rückkehr seiner Frau in das Element mit einer Reihe von entschuldigenden Jas und kurzem Husten an.
„Das würde ein gutes Konzert für die Dichter abgeben“, bemerkte er. „Ein Abschied, eine Trennung von Liebenden; ‚selbst wie ein Körper vom Wasser gerissen‘, oder ‚vom Wasser gepflückt‘; eh? Glaubst du – ‚so weine ich um sie, tränenreich auf ihrer Spur‘, ein vortreffliches –“
Aber die empörte Frau, die in jämmerlicher Unbequemlichkeit über ihm triefte, machte eine gebieterische Geste.
„Mr. Amble, werden Sie sofort an Land kommen, ich habe Ihre Dummheit lange genug ertragen. Ich bestehe darauf, dass Sie sich erinnern, mein Herr, dass Sie eine Familie haben, die von Ihnen abhängig ist. Andere Männer mögen diese Torheiten begehen.“
Dies war ein Schlag gegen mich selbst, einen Junggesellen, den die Dame nie dazu überredet hatte, davon zu träumen, seine Freiheit aufzugeben.
„Meine Liebe, ich komme schon“, sagte der Vikar.
„Dann kommen Sie sofort, oder ich werde Sie für idiotisch halten“, erwiderte die Frau.
„Ich habe versucht“, wandte sich der Vikar nun an mich, „durch eine praktische Demonstration zu beweisen, dass Frauen zu ebenso viel Philosophie fähig sind wie Männer, unter jeder plötzlichen und bedrückenden Umwälzung der Umstände.“
„Und wenn Sie einen Hitzschlag bekommen, werden Sie zu Recht bestraft, und ich werde nicht traurig sein, Mr. Amble.“
„Ich komme, meine liebe Jane. Bitte rennen Sie ins Haus und wechseln Sie Ihre Sachen.“
„Nicht, bevor ich sehe, dass Sie aus dem Wasser sind, mein Herr.“
„Du verlierst deine Beherrschung, meine Liebe.“
„Sie würden einen Heiligen dazu bringen, die Beherrschung zu verlieren, Mr. Amble.“
„Es gab heilige Frauen, meine Liebe“, antwortete der Vikar sanft; und wandte sich weiter an mich: „Bis zu diesem Punkt, versichere ich Ihnen, Pollingray, hätte kein Verhalten vorbildlicher sein können als das von Mrs. Amble. Ich hatte sie ins Boot bekommen – ein gutes Boot, ein erstklassiges Boot –, aber als ich selbst einstieg, kenterten wir. Der erste Impuls einer gewöhnlichen Frau wäre gewesen, Vorwürfe zu machen und zu schelten; aber Mrs. Amble erlag nur dem ersten Impuls. Als sie feststellte, dass jeder Versuch, ohne Hilfe das Ufer zu erklimmen, fruchtlos war, stimmte sie zu, geduldig zu warten und das Beste aus den Umständen zu machen; und das tat sie; und sie lernte, es zu genießen. In jedem Knochen steckt Mark. Meine Liebe. Jane, ich habe dich noch nie so bewundert. Ich habe sie geprüft, Pollingray, in Metaphysik. Ich sprach zu ihr von der Oper, die wir zuletzt hörten, ich glaube vor fünfzig Jahren. Und da es für eine Frau weniger erträglich ist, in Trübsal geduldig zu sein – ist die Ehre größer, wenn sie die fleischliche Prüfung überwindet. Insoweit“, der Vikar legte eine sanfte Miene der Entsagung von Ehre an den Tag, „dass ich geneigt bin, jeden männlichen Philosophen für uns überlegen zu halten; wenn Sie einen gefunden haben, ha, ha – wenn Sie einen gefunden haben. O *sol pulcher*! Ich bin bereit zu singen, dass der Tag herrlich war, bis jetzt. *Pulcher ille dies*.“
Mrs. Amble appellierte an mich. „Würde nicht jeder schwören, dass er verrückt ist, wenn er ihn hüfthoch im Wasser stehen sieht und die Sonne auf seiner kahlen Glatze? Ich bin dazu gezwungen, Sie anzuflehen, ihn nicht – obwohl Sie keine eigene Familie haben – nicht zu ermutigen. Es ist amüsant für Sie. Bitte bedenken Sie, dass solche Torheit allzu oft tödlich ist. Zwingen Sie ihn, an Land zu kommen.“
Die Logik des Appells war für den Verstand der Dame zweifellos deutlich sichtbar, auch wenn sie nicht präzise formuliert war. Ich sah, dass ich dazu bestimmt war, der Sündenbock des Tages zu sein, und fuhr demütig fort, es dennoch zu verdienen. Durch einfache Zeichen und bejahendes Nicken und ein ständiges Vorwärtsdrängen des Armes meines Freundes zog ich ihn in das Boot und beförderte ihn von dort auf die Ebene zu seiner Frau, die vielleicht geruht hatte zu verstehen, dass es am besten war, die Arretierung seines abschweifenden Geistes durch irgendeine Bemerkung während der Überfahrt zu vermeiden, und schwieg. Kaum war er auf den Beinen, riss sie ihn fort.
„Den Hut deines Vaters“, rief sie, ihrer Tochter zuflackernd, und strömte den Rasen hinauf in die rosenumrankten Pfade, die nach oben zum Vikarshaus führten. Hinter Rosen verschwand das weinende Paar. Das Letzte, was ich von meinem Freund sah, war ein Schlag seiner Hand auf seinen Kopf in einem vergeblichen Versuch, eine der flüchtigen Ideen zu erhaschen, die durch das schnelle Vorüberziehen von Objekten vor seinem Blick in ihm gesät und durch unnatürliche Eile aus ihm herausgeschüttelt worden waren. Der ehrwürdige Abraham Amble war im Wasser Herr seiner Frau gewesen, aber seine Zeit war um. Er hatte es offensichtlich sehr genossen, und ich verstand nun, warum er sich entschieden hatte, es so lange wie möglich hinauszuzögern. Ihre exzentrischen Charaktere sind nicht selten Liebhaber kleiner List. Es gibt Stunden der Rache selbst für unterdrückte Männer.
Ich ertappte mich dabei, wie ich über den versklavten Zustand eines jeden Benedikt, den ich kenne, seufzte, als mir der Gedanke wie eine Überraschung kam, dass ich mit Alice allein war. Das schöne und angenehme Fräulein machte einen geschickten Abstieg in das Boot, und nachdem sie sich gesetzt hatte, begann sie, das Ruder in der Dolle zu drehen, und sagte: „Haben Sie Lust, mich zu begleiten, um nach dem anderen Ruder und Papas Hut zu sehen, Mr. Pollingray?“ Ich schlug vor: „Werden Sie nicht nasse Füße bekommen? Ich konnte nicht alles Wasser aus dem Boot schöpfen.“
„Oh!“, rief sie und warf den Kopf in den Nacken; „nasse Füße haben jungen Leuten noch nie geschadet.“
Darin lag Stoff für eine mahnende Lektion. Ich gestehe, ich war im Begriff, sie zu erteilen, als sie hinzufügte: „Aber Mr. Pollingray, ich habe wirklich Angst, dass Ihre Füße nass sind! Sie mussten ins Wasser steigen, als Sie das Boot aufrichteten.“
Meine Antwort war, mit so viel Geschick, wie ich mit einer angemessenen Diskretion verbinden konnte, an ihre Seite zu springen. Das Amateurfahrzeug schaukelte bedrohlich, und ich fand mich von dem hübschen Fräulein gegriffen und sie greifend wieder, bis wir mit viel Glück stabilisiert und vor demselben Unglück bewahrt wurden, das ihre Eltern ereilt hatte. Sie lachte und errötete, und wir wankten auseinander.
„Hätten Sie im Wasser Metaphysik mit mir gesprochen, Mr. Pollingray?“
Alice machte sich hier eines dieser unartigen, unschuldigen Gespräche schuldig, die am stärksten nach Eva schmeckten; wenn auch natürlich nach Eva in ihren besten Tagen.
Ich nahm die Ruderleinen, um gegen das Rudern ihres einzelnen Ruders zu steuern, und war Adams genug, um auf die Versuchung zu reagieren: „Ich wäre vielleicht dankbar für Ihre wohlwollende Auslegung gewesen, dass es Metaphysik sei.“
Sie lachte umgangssprachlich, um eine Pause zu füllen. Es war keine Koketterie gewesen: nur die Frau, die unbewusst spielte. Ein Mann ist verpflichtet, sich an das Alter seiner Jahre zu erinnern, wenn dies geschieht, denn ein Veteran von neunzig und ein abgenutzter junger Wüstling werden gleichermaßen dem unterworfen sein, wenn sie die Gesellschaft des anderen Geschlechts nicht meiden. Meine lange robuste Gesundheit und mein perfektes Selbstvertrauen führen anscheinend dazu, dass ich unbewachte Momente habe oder für wechselhafte Eindrücke offen bin. Tatsächlich gibt es Zeiten, in denen ich fürchte, ich habe das Herz eines Jungen, und sicherlich kann man sich nichts Katastrophaleres vorstellen, vorausgesetzt, es sollte jemals für einen Augenblick die vollständige Herrschaft über meinen Kopf erlangen. Das ist die Gefahr eines Mannes, der nüchtern gelebt hat. Wissen wir nie, wann wir sicher sind? Ich bin beim Nachdenken darüber positiv bereit zu sagen, dass, wenn es keinen Narren gibt wie das, was sie einen alten Narren nennen (und ein Mann in seiner Blüte, über den gelacht werden kann, ist der alte Narr der Welt), dann gibt es Weisheit in der Theorie der wilden Haferkörner, und ich werde zu der Denkweise meines Neffen übergehen: das heißt, so weit Master Charles durch sein Handeln sein Denken repräsentiert. Ich werde auf jeden Fall nachsichtiger in meinem Urteil über ihn sein und weniger streng in meinen Ansprachen, denn ich werde keinen Text haben, von dem aus ich predigen kann.
Wir hoben den Hut und das Ruder in einer der kleinen schlammigen Buchten unseres braunen Flusses auf, die ein Amphitheater für Wasserratten bildeten und mit großen Ampferblättern, Brennnesselblüten, Kuckucks-Lichtnelken und anderen Unkräutern behangen waren, für die die gelehrte junge Dame die botanischen Namen nannte. Es war angenehm, sie mit der vollen Autorität absoluten Wissens über ihr Thema sprechen zu hören. Sie hat Intelligenz. Sie ist definitiv zu gut für Charles, es sei denn, er ändert seine Lebensweise.
„Sollen wir weiterrudern?“, fragte sie und setzte ihre Arme an, um das Paar Ruder zu bedienen.
„Sie haben mich in Ihrer Gewalt“, sagte ich, und sie schlug aus. Ihre Gestalt ist überaus anmutig; ich war entzückt von dem gelegentlichen Zusammenpressen ihrer Lippen, während sie ihre Muskeln anstrengte, während sie mir zwischendurch von ihrem Rennen mit einem ihrer großspurigen jüngeren Brüder erzählte, den sie geschlagen hatte. Ich glaube, nur wenn sie sich körperlich anstrengen, haben die Augen junger Mädchen vollkommene Einfachheit – die Einfachheit der Natur im Gegensatz zu jener anderen künstlichen Einfachheit, die sie von ihren Gouvernanten, ihren Müttern und der Bewunderung von Witzlingen lernen. Attraktive Reinheit oder die nette Glasur, absolut nichts zu verstehen, was in einer bösen Welt als unanständig gilt, und was zweifellos sehr nützlich ist, ist nicht nach meinem Geschmack. Französische Mädchen können in der Regel nicht mit unseren englischen in den reineren Anmuten konkurrieren. Sie sind nur dann unvergleichlich, wenn sie als Frauen auf Kunst zurückgreifen.
Alice konnte mich ansehen, während sie ruderte, ohne es für notwendig zu halten, ein Lächeln zu erzwingen oder zu sprechen oder zu kichern und albern zu sein. Ich fühlte mich dem Mädchen gegenüber wie ein Kamerad.
Wir kamen nicht weiter als bis zu Hatchard’s Mühle, wo das Wasser den armen schläfrigen Fluss aus einem Seitenarm speist, und da es den Kopf des Bootes ganz herumdrehte, ließ ich das Boot treiben. Diese Studien über junge Frauen sind ganz gut als Zeitvertreib; aber sie hören bald auf, eine Erholung zu sein. Sie gibt ein angenehmes Bild ab, wenn sie rudert, und besitzt ein musikalisches Lachen. Hin und wieder lässt sie sich zu der schlechten Angewohnheit hinreißen, zu lachen, ohne sich darum zu scheren oder es zu wagen, den Grund dafür zu erklären. Sie ist mäßig gut erzogen. Ich hoffe, dass sie Prinzipien hat. Bestimmte Dinge lernt ein Mann in meinem Alter durch den Umgang mit sehr jungen Menschen, die ihm nützlich sind. Was für eine andere Angelegenheit diese Erde doch für dieses Mädchen sein muss als für mich! Ich wusste es vorher. Und – man bemerke den Unterschied – ich fühle es jetzt.
KAPITEL II
SIE
Papa wird nie aufhören, Unfälle und Abenteuer zu erleben. Wenn er nur ausgeht, um eine halbe Stunde bei einer seiner alten Damen zu sitzen, wie er sie nennt, ist es sicher, dass ihm etwas zustößt, und es ist fast ebenso sicher, dass Mr. Pollingray gerade vorbeikommt und darin verwickelt wird.
Seit Mr. Pollingrays Rückkehr von seinem letzten Wohnsitz auf dem Kontinent habe ich gelernt, ihn zu kennen und zu mögen. Charles ist ungerecht gegen seinen Onkel. Er ist keineswegs die ernste Art von Mann, die ich nach Charles’ Beschreibung erwartet hatte. Er ist äußerst unterhaltsam, und dann versteht er die Welt, und ich höre ihm gerne zu, er ist so unprätentiös und verwendet genau die richtigen Worte. Niemand würde sein Alter nach seinem Aussehen schätzen, und er hat mehr Humor als jeder junge Mann, dem ich zugehört habe.
Aber ich bin überzeugt, dass ich seine Schwäche entdeckt habe. Es ist meine fatale Eigenart, dass ich nicht zehn Minuten mit Menschen zusammen sein kann, ohne irgendeinen Punkt an ihnen zu sehen, an dem sie am empfindlichsten sind. Mr. Pollingray möchte für völlig jugendlich gehalten werden. Er kann jede Menge Anstrengung ertragen; er ist immer frisch und ein reizender Begleiter; aber man kann ihn nicht dazu bringen, auch nur einen Schatten von Erschöpfung zu zeigen oder zuzugeben, dass er jemals wusste, wie es ist, sich geschlagen zu geben. Das ist in Wahrheit so, als würde er vorgeben, übermenschlich zu sein. Ich mag ihn so sehr, dass ich mir wünschte, er wäre erhaben über solche – es ist nichts anderes als – Eitelkeit. Was ist schlimmer? Ein junger Mann, der sich das Gebaren eines Weisen gibt, oder – aber niemand kann Mr. Pollingray einen alten Mann nennen. Er ist ein eingefleischter Junggeselle. Das trifft den Kern. Wenn Charles über ihn sagt, er sei ein „Gentleman in gutem Erhaltungszustand“, meint er das ironisch. Ich bezweifle, ob Charles mit fünfzig etwas dagegen hätte, wenn das Gleiche über Mr. Charles Everett gesagt würde. Mr. Pollingray hat immer auf seine Gesundheit geachtet. Er ist nicht enttäuscht worden. Ich bin sicher, er war immer sehr gut. Aber was auch immer er war, er ist jetzt sehr angenehm, und er spricht nicht zu Frauen, als ob er sie für merkwürdig hielte, und fühlt sich nicht schüchtern, ich meine, verwirrt, wie manche Männer zeigen, dass sie sich fühlen – die guten. Vielleicht fühlte er sich einst so, und deshalb ist er noch frei. Charles’ Angst, dass sein Onkel heiraten könnte, ist höchst unwürdig. Er wird es nie tun, aber warum sollte er nicht? Mama erklärt, er warte auf eine Frau von Verstand, ich kann sie hören: „Verlass dich darauf, eine Frau von Verstand wird Dayton Manor heiraten.“ Sollte jenes gewaltige Ereignis nicht eintreten, wird der arme Charles den Namen Everett in dem von Pollingray untergehen lassen müssen. Mr. Pollingrays Name ist das Schlechteste an ihm. Wenn ich an seinen Namen denke, sehe ich ihn zehnmal älter, als er ist. Meine Gefühle stehen im Einklang mit seinem Stammbaum in Bezug auf das Alter des Namens. Man müsste eine Frau von tiefem Verstand sein, um den Vorteil zu sehen, ihn zu teilen.
„Mrs. Pollingray!“ Sie muss eine Dame mit einer Perücke sein.
Es war, als wir bei Hatchard’s Mühle hinaufruderten, dass ich seine Schwäche zum ersten Mal bemerkte; er sah mich so freundlich an und sprach von seiner Freundschaft für Papa und wie froh er war, endlich hier bei uns in Dayton sesshaft zu sein. Ich wollte als Antwort einen Ausdruck der Zärtlichkeit verwenden und sagte, ich erinnere mich: „Ja, und wir sind auch froh, Patenonkel.“ Ich war erstaunt, dass er so bestürzt aussah, und fuhr fort: „Hast du vergessen, dass du mein Patenonkel bist?“
Er antwortete: „Bin ich das? Oh! Ja – der Name Alice.“
Er sah immer noch unsicher, unbehaglich aus, und ich sagte: „Willst du die Vergangenheit auslöschen und mich von dir stoßen?“
„Nein, sicherlich nicht“; er dachte wohl, er würde mich beruhigen.
Ich sah seine Lippen sich bei den Worten „Ich lösche die Vergangenheit aus“ bewegen, obwohl er sie nicht aussprach. Er errötete förmlich. Ich weiß, welche Art von jungem Mann er gewesen sein muss. Genau die Art von jungem Mann, die Mama sich als Schwiegersohn wünschen würde, und ihre Töchter würden ihn in reinem Gehorsam akzeptieren, wenn sie durch strenge Diät oder Schwindsucht dazu fähig gemacht worden wären.
Er ließ das Boot sofort treiben. Das reichte mir. Es fiel mir damals auf, dass, als Papa zu Mama gesagt hatte (wie er es in jener absurden Situation tat): „Er ist fünfzig“, Mr. Pollingray es wohl über den Fluss hinweg gehört haben musste, denn er ging hastig davon. Er kam zwar mit dem Boot zurück, aber ich habe meine eigenen Ideen. Er ist immer bereit, einen Dienst zu erweisen, aber bei dieser Gelegenheit glaube ich, war es ein nachträglicher Einfall. Ich werde es nicht wagen, ihn wieder „Patenonkel“ zu nennen.
Wenn ich tatsächlich einen Wunsch habe, dann den, blind für die Schwächen der Menschen zu sein. Mein Scharfsinn ist tief verwurzelt. Papa sagt, er habe Mr. Pollingray mit seinem Alter prahlen hören. Wenn dem so ist, hat sich ein Wandel bei ihm vollzogen. Ich kann nicht getäuscht werden. Ich sehe es ständig. Nach meiner unglücklichen Bemerkung mied Mr. Pollingray unser Haus zwei ganze Wochen lang und verneigte sich kaum vor uns, wenn er aus der Kirche kam. Miss Pollingray vergöttert ihn – verwöhnt ihn. Sie sagt, er sei zwanzigmal mehr wert als Charles. Nous savons ce que nous savons, nous autres. Charles ist wild, aber Charles stünde über diesen Kleinlichkeiten. Wie könnte Miss Pollingray die Romantik von Charles’ Wesen begreifen?
Meine Schwester Evelina ist jetzt Mr. Pollingrays Favoritin. Sie könnte nicht Patenonkel zu ihm sagen, wenn sie wollte. Personen, die zu Hause sehr verwöhnt werden, sind immer dabei, sich Favoriten in der Fremde zu suchen. Was mich betrifft, ob sie mich nun loben oder nicht, ich weiß, dass ich alles tun kann, worauf ich meinen Sinn richte. Im Moment entscheide ich mich dafür, leichtfertig zu sein. Ich weiß, dass ich leichtfertig bin. Was dann? Wenn es Spaß in der Welt gibt, soll ich dann nicht darüber lachen? Ich werde sie nach und nach in Erstaunen versetzen. Aber ich werde lachen, solange ich kann. Ich bin sicher, es gibt so viel Elend auf der Welt, es ist ein Gnadenakt, lachen zu können. Mr. Pollingray mag von mir denken, was er will. Wenn Charles mir sagt, dass ich mein Äußerstes tun muss, um seinen Onkel gnädig zu stimmen, kann er nicht meinen, dass ich vom Lachen ablassen soll, denn das wäre heuchlerisch, was ich vielleicht werde, wenn ich alle möglichen Stimmungen durchlaufen habe, und nicht vorher.
Es ist widersinnig anzunehmen, dass ich an die Lebensansichten älterer Menschen gebunden sein soll.
Ich wage zu sagen, dass ich neulich Abend ein wenig zu viel gelacht habe, aber konnte ich es verhindern? Wir hatten eine Dinnerparty. Anwesend waren Mr. Pollingray, Mrs. Kershaw, die Leute von Wilbury (drei), Charles, mein Bruder Duncan, Evelina, Mama, Papa, ich selbst und Mr. und Mrs. (setze sie zuletzt zur Betonung) Romer Pattlecombe. Mrs. Pattlecombe (dieselbe Anzahl von Silben wie Pollingray, und ein „P“ am Anfang) ist einunddreißig Jahre jünger als ihr Ehemann, und sie ist sechsundzwanzig; voller Spaß und macht sich immer über ihn lustig, das sanfteste, freundlichste, gutmütigste alte Ding, das sich nie über irgendetwas aufgeregt hat und es auch nie wird. Mrs. Romer macht nicht nur Spaß, sondern ist Spaß. Wenn man mit ihr ausgelacht hat, kann man über sie lachen. Sie ist das Salz der Gesellschaft in diesen Gegenden. Jemand, während wir nach dem Essen auf dem Rasen saßen, spielte auf das Missgeschick von Papa und Mama an, und Mama, die Mr. Pollingray nie verziehen hat, dass er sie in ihrer lächerlichen Lage gesehen hat, sagte, dass Männer ihrer Meinung nach größere Tratschtanten seien als Frauen. „Das ist unbestreitbar, gnädige Frau“, sagte Mr. Pollingray, er liebt es, sie zu verwirren; „nur erwähnen wir es nie.“
„Es gibt eine Entschuldigung für uns“, sagte Mrs. Romer; „unsere Prüfungen sind so groß, wir brauchen eine Zerstreuung, und deshalb sprechen wir über andere.“
„Nun wirklich“, sagte Charles, „ich glaube nicht, dass Ihre Prüfungen unseren gleichkommen.“
Wofür Papa ihn aufzog und sein Onkel scharf zu ihm war; und Charles, ich weiß es, sprach halb im Ernst, obwohl er versuchte, Mrs. Romer aus der Reserve zu locken: er hat Sorgen.
Davon kamen wir auf einen Vergleich des Leidens, und Mrs. Romer ergriff das Wort. Sie ist eine helle, eher kleine, nervöse Frau mit zarten Händen und Konturen, überaus sympathisch; so sehr, dass sie, während man ihr etwas erzählt, vorweg ein halbes Gesicht macht und bereit ist, vor Lachen zu kreischen oder den Kopf vor tieftraurigem Kummer zu schütteln; und manchmal, wenn man sie in einer Richtung zu weit gehen lässt, tut sie beides. Alle ihre Erzählungen sind mit Auf und Ab ihrer Hände, ihrer Augen, ihres Kinns und ihrer Stimme verbunden. Sie nahm den armen, guten alten Mr. Romer am Revers seines Rocks, tat so, als ob sie ihn in Pose stellte, und sagte: „Da! Nun, es ist ja schön und gut, wenn ihr sagt, dass es in dieser Welt irgendetwas gibt, das dem Leiden einer Frau gleichkommt. Ich erkläre euch, ihr wisst nichts von dem, was wir unglücklichen Frauen erdulden müssen. Es ist schrecklich! Kein männliches Geschöpf kann möglicherweise wissen, welche Qualen ich zu erleiden habe.“
Mama schaffte es geschickt, nachdem sie sie unterbrochen hatte, das Thema abzuwenden. Ich glaube, alle Damen bildeten sich ein, sie seien in Gefahr, aber ich wusste, dass man Mrs. Romer vollkommen vertrauen konnte. Sie hat einen Witz, der gefällt, jusqu’aux ongles, und ihr Sinn für Humor setzt sich nie mit mehr als einem Blick über ihre Diskretion hinweg – niemals mit Vorbereitung.
„Nun“, fuhr sie fort, „lasst mich euch erzählen, welche qualvollen Prüfungen ich durchzumachen habe. Dieser Mann“, sie schaukelte den geduldigen alten Herrn hin und her, „dieser Mann wird mein Tod sein. Er ist völlig frei von jedem Sinn für Anstand. Immer und immer wieder sage ich zu ihm – kann der Schneider diese Hosen von dir nicht kürzen? Ja, Mr. Amble, ihr predigt den Frauen Geduld, aber das ist zu viel für die Ausdauer einer jeden Frau. Nun, versucht euch einmal auszumalen, welch eine Qual es für mich sein muss: er will sich rasieren, und er will diese enorm hohen Hosen tragen, die, wenn sie mit Hosenträgern befestigt sind, hinten bis zum Nacken reichen! Erst gestern Morgen, als ich im Bett lag, konnte ich ihn in seinem Ankleidezimmer sehen. Ich sage euch: Er will sich rasieren, und er will die Zeit zum Rasieren früh wählen, nachdem er diese unermesslich hohen Hosen befestigt hat, die ihn so zu einem Plakat machen. Oh, meine Güte! Mein lieber Romer, ich habe es ihm fünfzigmal gesagt, wenn ich es einmal gesagt habe, meine Güte! Warum kannst du dir nicht anständige Hosen besorgen, wie andere Männer sie tragen? Er hat nur eine Antwort – er ist es gewohnt, diese Hosen zu tragen, und er würde sich in einem anderen Paar nicht zu Hause fühlen. Und was sagt er, wenn ich mich weiter beschwere? Und ich kann nicht anders, als mich weiter zu beschweren, denn es ist nicht nur eine moralische, sondern eine körperliche Qual, den Anblick zu sehen, den er von sich selbst bietet; er sagt: „Meine Liebe, du hättest keinen alten Mann heiraten sollen.“ Was! sage ich zu ihm, muss ein alter Mann altertümliche Hosen tragen? Nein! Nichts wird ihn umstimmen; das sind seine Gewohnheiten. Aber, ihr habt das Schlimmste noch nicht gehört. Der Anblick dieser abscheulichen Hosen, die jede Form an dem Mann völlig zerstören, ist schrecklich genug; aber es ist absolut mehr, als eine Frau ertragen kann, ihn zu sehen – denn er will sich rasieren – erst sein Gesicht mit weißer Seife zu bedecken, mit diesem lächerlichen Mittelstück seiner Hosen, das bis zu seinem Hinterkopf reicht, und dann, ihr könnt euch die Wut und Qual einer Frau vorstellen! die Gestalt hebt ihre Nase bis zur äußersten Spitze. Oh! es ist Erniedrigung! Welchen Respekt kann eine Frau nach diesem Anblick für ihren Ehemann haben? Stellt euch das vor! Und ich habe ihn angefleht, mich zu verschonen. Es ist zwecklos. Ihr spottet über unsere Reifröcke und sagt, dass ihr durch sie behindert werdet, aber ihr Herren seid nicht erniedrigt – oh! unsagbar! – wie ich es jeden Morgen meines Lebens durch dieses grausame Spektakel eines Ehemannes bin.“
Ich habe Mrs. Romers Stil nur schwach skizziert. Evelina, die prüde ist und sie für vulgär hält, weigerte sich zu lachen, aber es kam über mich, als das Bild von „deinem eigenen alten Ehemann“ mit so unwiderstehlich komischer Wirkung, dass ich von Lachkrämpfen überwältigt wurde. Ich verteidige mich nicht. Es war genauso ein Anfall wie jeder andere. Ich tat alles, um ihn zu stoppen. Schließlich rannte ich ins Haus und hinauf in mein Schlafzimmer und versuchte hart, mich zu befreien. Ich bin sicher, ich war ein Beispiel für das Leiden meines Geschlechts. Es hätte für Mrs. Romer kaum schlimmer sein können als für mich. Ich war in inneres Lachen versunken, lange nachdem ich ein ernstes Gesicht bekommen hatte. Am frühen Abend verließ uns Mr. Pollingray.
KAPITEL III
ER
Ich werde von der Faszination eines musikalischen Lachens mitgerissen. Anscheinend bin ich dazu verdammt, es auf meine Kosten zu hören. Wir sind in diesem Leben vor nichts sicher.
Ich habe beschlossen, für den Wahlkreis zu kandidieren. Ein unbeschäftigter Mann ist eine Beute für jeden Haken der Torheit. Sei dein Leben lang Dilettant, und du könntest ebenso gut hoffen, eine moralische Ernte einzufahren, als hättest du Schmetterlinge gejagt. Die Aktivitäten, die durch einen Beruf oder ein bestimmtes Streben entstehen, sind notwendig für das Wachstum des Geistes.
Himmel! Ich ertappe mich dabei, wie der uneheliche Sohn von La Rochefoucauld oder von Vauvenargues zu schreiben. Aber es ist wahr, dass ich fünfzig Jahre alt bin, und ich bin nicht reif. Ich bin irgendwo unterentwickelt.
Die Frage für mich ist, ob diese Entwicklung dadurch erreicht werden soll, dass ich mich einer Tat eklatanter Torheit schuldig mache.
Dans la cinquantaine! Die Reflexion sollte eine Ernsthaftigkeit bei Männern hervorrufen. Eine solche Anzahl von Jahren wird in den Ohren eines Mannes nicht wie Hochzeitsglocken klingen. Ich habe meine Bücher um mich, meine Pferde, meine Hunde, einen zufriedenen Haushalt. Ich bewege mich im Zentrum einer perfekten Maschine, und ich bin unzufrieden. Ich stehe früh auf. Ich verdaue nicht schlecht. Was ist falsch?
Das Unglück meines Falles ist, dass ich Gefahr laufe, anderen zu verraten, was mit mir nicht stimmt, ohne es selbst zu wissen. Irgendeine Frau wird misstrauisch sein und tratschen, weil sie nichts anderes zu tun hat. Mädchen haben erstaunlich scharfe Augen für eine Schwäche bei dem Geschlecht, das sie als überlegen betrachten sollen. Aber ich bin auf der Hut.
Die Tatsache ist offensichtlich: Ich habe das Gefühl, dass ich mehr oder weniger nutzlos gelebt habe. Es ist eine fette Zeit. Es gibt in jedem wohlhabenden Land eine bestimmte Art von Männern, die, da sie über Mittel verfügen und nicht zur Arbeit gezwungen sind, dem moralischen Ideal unterworfen werden. Die meisten von ihnen setzen sich am Ende mit unserem Heinrich dem Sechsten oder Richard dem Zweiten zusammen und philosophieren über Hirten. Nicht besser zu sein als ein einfacher Knecht! Bin ich besser? Erstklassiger Speck und ein gelegentlicher Schluck scharfes Bier stellen ihn zufrieden, und mich tun sie es nicht. Doch ich bin gesund und kann die Nacht durchsitzen und bin bereit, und am morgigen Tag werde ich für den Wahlkreis kandidieren.
Ich gab die Ankündigung, dass ich Gedanken hege, ins Parlament einzutreten, ab, bevor ich den Entschluss zur Hälfte gefasst hatte, gestern auf der Gartenparty meiner Schwester.
„Gilbert!“, rief sie und hob ihre Hände. Eine Frau ist verletzt, wenn du ihr deine Pläne nicht anvertraust, sobald du sie fassen kannst. Sie muss anwesend sein, um bei der Geburt zu assistieren, sonst sind deine Pläne ungeweihte Pläne.
Ich hatte beiläufig am Rande mit meinem Freund Amble gesprochen, dessen Idee es ist, dass die Kirche im Unterhaus nicht mit ausreichender Stärke vertreten ist, und der sofort, wie ich wahrnahm, den Gedanken aufgriff, mich dazu zu bringen, verschiedene Maßnahmen in Verbindung mit Schulen und kirchlichen Stipendien zu fördern, denn seine Augen weiteten sich; er sagte: „Nun, wenn du das tust, kann ich dir einige Dinge nahelegen“, und indem er den üblichen Chor von Jas zu seinem eigenen Verstand hinzufügte, fuhr er geistesabwesend fort: „Pollingray könnte stark bei den Kirchensteuern gemacht werden. Es gibt viel zu tun. Er hat im Ausland gelebt und braucht Schulung in diesen Dingen. Wir brauchen einen Mann. Ja, ja, ja. Es ist eine gute Idee; ein Einfall.“
Meine Schwester jedoch war anderer Meinung. Sie tat mir die Ehre an, mich beiseite zu nehmen.
„Gilbert, warst du eben ernst?“
„Ganz ernst. Ist das nicht meine Eigenart?“
„Nicht bei solchen Gelegenheiten. Ich sah, wie der Gedanke plötzlich über dich kam. Du hast Charles angesehen.“
„Fahre fort: und worauf sah er?“
„Er sah Alice Amble an.“
„Und die junge Dame?“
„Sie sah dich an.“
Ich wurde hier von einer sonderbar hartnäckigen Fliege attackiert und ging mit einem Lachen aus dem Kampf hervor.
„Hatte sie diese Herablassung mir gegenüber? Und aus dem Blick war mein Entschluss geboren, ins Parlament einzutreten? Es ist die Lehre des französischen Vaudevillisten von den großen Ereignissen aus kleinen Ursachen. Der Pantoffel einer Soubrette bringt das Herz eines Königs zu Fall und verändert das Schicksal einer Nation – die Geschichte der Menschheit. Es mag wahr sein. Wenn ich nur aus dem Auge eines kleinen Mädchens ins Parlament geschossen würde!“
Damit nahm ich sie heiter am Arm, ging mit ihr und hatte mich beinahe durch übermäßiges Geschick selbst überlistet. Ich nehme an, wir sind darauf reduziert, klarer das zu sehen, was wir systematisch vor anderen zu verschleiern versuchen. Es ist am besten, mit einem Taschentuch zu wedeln, anstatt einen Vorhang anzunageln. Der Hauptvorteil ist, dass man sich dadurch weiterhin selbst täuschen kann, und zwar aus folgendem Grund: Wenige Gefühle sind vollkommen sachlich; aber wenn sie es halb sind, macht man sie konkret, indem man bewusst versucht, sie entweder zu unterdrücken oder zu verbergen, und man wird doppelt verraten – verraten an das belagernde Auge und an sich selbst. Wenn ein Gefühl zu einer Leidenschaft geworden ist (gnädigerweise möge mir das erspart bleiben!), sind andere Taktiken erforderlich. Bis dahin wirst du dich bereits zu tief verraten haben, um es zu wagen, leichtfertig zu sein: das untersuchende Auge ist sich bewusst, dass es absichtlich abgelenkt wurde: da es einige Dinge weiß, vergewissert es sich des Rests, von dem du es abwendest. Wenn du einen sehr ernsten Fall verbergen willst, musst du ernst darüber sprechen. – Zu dieser Zeit sei nur sicher deiner Stimme, und simuliere eine gewisse Tiefe der sentimentalen Philosophie, und du kannst den Erforscher der Geheimnisse deines Busens noch einmal und für eine lange Zeit verwirren. Zusammenfassend: Sei in den Anfangsstadien einer Schwäche vorsichtig, dass du nicht deine eigene Unruhe zeigst, sonst wird alles vermutet. Sollte die Schwäche zu Fieber werden, lass ein wenig davon sehen, wie ein unbekümmerter Mann, und es wird in Wirklichkeit nichts gedacht werden.
Ich kann das sagen, ich kann das tun; und ist es immer noch möglich, dass ein Nadelstich durch die Gelenke der Rüstung eines Mannes wie mir gedrungen ist?
Elizabeth verließ meine Seite mit der Überzeugung, dass ich ein ebenso rücksichtsvoller Onkel wie ein liebevoller Bruder bin.
Ich sagte zu ihr, apropos: „Ich habe diese beiden beobachtet. Es scheint mir, sie entscheiden Dinge für sich selbst.“
„Ich wollte dich gerade auf sie ansprechen, Gilbert“, sagte sie.
Und ich: „Das Mädchen muss studiert werden. Die Familie ist gut. Während Charles in Wales ist, musst du sie in Dayton haben. Sie lacht ziemlich leer, findest du nicht? aber der Klang hat den richtigen gesunden Ring. Ich werde ihr, solange sie hier ist, so viel Aufmerksamkeit schenken, wie ich kann, aber in der Zwischenzeit muss ich eine eigene Braut haben und mit dem Werben beginnen.“
„Parlament, meinst du“, sagte Elizabeth mit einem offenen und zärtlichen Lächeln. Die Gastgeberin wurde gerufen, um einen neuen Gast zu begrüßen, und sie verließ mich, erfreut über ihre erfolgreiche Anstrengung, meine Bedeutung zu erfassen, und davon absorbiert.
Ich hätte Machiavelli nicht herausgefordert, aber ich wäre dem Florentiner nicht mit Groll begegnet. Ich empfinde dasselbe scharfe Vergnügen an intellektueller Gewandtheit. In mancher Hinsicht ist meine Schwester mir keine schlechte Gegnerin. Sie kann mich in zwölf Schachpartien siebenmal schlagen; aber die fünf gewinne ich nacheinander, denn dann bin ich hellwach. Es gibt natürliche Kunst und künstliche Kunst, und die letztere schlägt die erstere. Glücklicherweise für uns sind Frauen mit der letzten nicht vertraut. Sie mussten erst eine Maske ablegen, bevor sie die Schulung erhielten; wenn sie also auf diese Weise gewappnet sind, wissen wir, womit wir es zu tun haben und welche Waffen einzusetzen sind.
Alice wird, wenn sie überhaupt eine gute Fechterin ist, in mir den gewöhnlichen englischen Gutsherrn erwarten. Ich habe sie an der Taufe gesehen! Es ist unvorstellbar. Sie wird sich einbilden, dass sie mindestens zehnmal raffinierter ist als ich. Wenn ich die Oberhand gewinne – es ist unwahrscheinlich, dass mich das zum Herrn macht. Was geschehen mag, ist, dass sich das Wesen des Mädchens im harten Licht der Vertrautheit als vulgär erweist. Ich lasse Charles für sechs Wochen verreisen; es wird also Zeit genug für die Prüfung sein. Ich sehe ihn erst wieder, wenn er zurückkehrt. Wäre ich zufällig früher gekommen, um ihn zu sehen, und hätte er auf sie angespielt, hätte er mein Gewissen auf seiner Seite gehabt, und das ist es, was ein gewissenhafter Mann tunlichst zu vermeiden sucht.
Ich frage mich, ob meine Freunde mich für denselben Mann halten, den sie vor einem Monat als Gilbert Pollingray kannten? Ich sehe die Veränderung, ich spüre die Veränderung; aber ich habe keine Rückschau, keine Reue, kein Vorausblicken, kein Gefühl: keines für andere, sehr wenig für mich selbst. Man sagt mir, dass ich meine Gewandtheit als Unterhaltungskünstler bei Tisch verliere. Ein silbernes Lachen hat für mich jetzt mehr Reiz als ein gewürzter Witz. Und das ist der Mann, der Frauen kennt und viel zu bescheiden ist, um ein entschiedenes Urteil über irgendeinen ihrer Vorzüge abzugeben. So sehr ich mich auch durchsuche, ich kann nicht sagen, wann die Veränderung begann, worin sie besteht, was mit mir los ist oder welcher Zauber von der Person ausgeht, die das Unheil anrichtet. Sie ist das Ebenbild von Dutzenden Mädchen; lebhaft, braunäugig, braunhaarig, unfein – es ist nicht zu hart, das zu sagen –, ein wenig unfein; halbgebildet, ob schlagfertig, wage ich nicht zu beurteilen. Sie ist zweifellos die Letzte, die ich oder irgendjemand sonst als eine ausgewählt hätte, die mir dieses maßlose Übel zufügt. Ich kenne sie nicht, und ich glaube, ich habe kein Verlangen danach, sie kennenzulernen, und ich dürste nach der Stunde, in der ich sie studieren werde. Ist das nicht das Gift eines Bisses im Blut? Der Zorn der Venus ist keine Fabel. Ich war in meiner Jugend, bevor mir die Familiengüter zufielen, ein eifriger Leser und verachtete das Geschlecht; seither habe ich das Geschlecht spielerisch bewundert; ich habe mit einer Leidenschaft geliebäugelt und gar nichts gelesen, außer zur Zerstreuung: ihr Zorn ist keine Fabel. Man kann so manche mythische Erzählung durch die Tatsachen deuten, die im eigenen Blut liegen. Meine Gefühle lagen in sentimentaler Bindung völlig brach. Ich habe, nehme ich an, damit geprahlt, den Python erschlagen zu haben, und Amor hat mich mit einem Pfeil gestreift. Ich vertraue eher auf mein eigenes Geschick als auf seine Gnade, um einen zweiten aus seinem Köcher zu vermeiden. Ich werde dieses Mädchen verstehen, selbst wenn ich mich für sechs Monate einer engen Vertrautheit mit ihr unterziehen muss. An der Eleganz ihrer Bewegungen besteht kein Zweifel. Charles kann genauso gut seine Reise antreten und uns nächstes Jahr wiedersehen. Ja, ihre Bewegungen sind (oder werden) anmutig sein. In einem Jahr wird sie die volleren Töne und die Poesie der Weiblichkeit erworben haben. Vielleicht wird dann auch ihr Lächeln verweilen, anstatt nur aufzublitzen. Ich habe unendlich lieblichere Frauen gekannt als sie. Eine habe ich gekannt! Aber lassen wir sie. Louise und ich haben längst Adieu gesagt.
KAPITEL IV
SIE
Da bin ich nun, untergebracht im Dayton Manor House, hierher gebracht zu dem ausdrücklichen Zweck (so hat mir Charles geschrieben), studiert zu werden, damit man sehen kann, ob ich es wert bin, bei einer erhabenen zukünftigen Gelegenheit – möglicherweise – ein Mitglied (ach, so viel zu murmeln!) dieser großen Familie zu werden. Hätte ich es gewusst, als ich von zu Hause aufbrach, hätte ich das Verschnüren meiner Koffer rückgängig gemacht. Wenn es beliebt, ich übernehme das Packen, nicht das Verschnüren. Ich muss üben, höflich zu sein, sonst werde ich diese guten Leute noch entsetzen.
Ich bin zutiefst gekränkt. Ich bin sehr, sehr wütend. Ich werde meine Launen zeigen. Tatsächlich habe ich sie bereits gezeigt. Mr. Pollingray muss mich für eine Gans halten, und das tut er auch. Verehrter Herr, ich denke, Sie sind im Recht. Wenn irgendwer vorgibt zu erraten, wie, dann habe ich Namen, die zu dieser Person passen. Ich bin eine Närrin, eine Äffin, und wohlgemerkt, ich nenne mich selbst diese schlimmen Dinge, weil ich Schlimmeres verdiene. Ich bin leichtfertig, ich glaube, ich bin herzlos. Charles ist fort, und ich verspüre keinen Schmerz. Die Wahrheit ist, ich hielt mich für überaus durchdringend, und es war meine Eitelkeit, die in einen Spiegel blickte. Ich sah etwas, das auf mein Nicken und meine Begrüßungen antwortete, und – aber ich schäme mich so und bin so reuig, dass ich anfangen könnte, Käfer zu sammeln. Ich kann den Kopf nicht heben.
Mr. Pollingray ist ein so anderer Mann als der, den ich mir vorgestellt hatte! Wie dieser aussah, habe ich inzwischen ganz vergessen. Ich erinnere mich nur allzu genau daran, was der elende Rater war. Ich bin nun drei Wochen in Dayton, und wenn meine Schwestern mich wiedererkennen, wenn ich ins Pfarrhaus zurückkehre, dann sind sie keine klugen Jungfrauen. Was mich betrifft, ich weiß, dass ich Mrs. Romer Pattlecombe immer hassen werde, und dass ich der guten Frau gegenüber ungerecht bin, aber ich hasse sie, und ich halte die Geschichten für schockierend und frage mich ernsthaft, was ich daran hätte finden können, worüber man lachen könnte. Ich werde viele Jahre lang nie wieder lachen. Vielleicht, wenn ich eine alte Frau bin, mag ich es. Ich wünschte, die Zeit wäre schon gekommen. Alle jungen Leute erscheinen mir so hilflos albern. Ich gehöre im Moment dazu und habe keine Hoffnung, dass ich anders erscheinen könnte. Die Jungen sind eine Menge – ein Schwarm kleiner Fische. Ihre Älteren sind die Auserwählten der Welt.
Am Morgen des Tages, an dem ich von zu Hause nach Dayton aufbrechen sollte, eine Strecke von acht Meilen, schaute ich beim Ankleiden aus dem Fenster – es war halb acht – und sah Mr. Pollingrays Diener zu Pferd, wie er einen entzückenden kleinen, runden, pummeligen, schwarzen Cob den Weg entlangführte, was mein Herz mit einem gewaltigen Sprung der Sehnsucht hüpfen ließ, darauf zu sitzen und über die Downs davonzureiten. Und dann kam das Dienstmädchen mit einem Brief an meine Tür:
„Mr. Pollingray bittet seine Patentochter, als Gegenleistung für ihr rücksichtsvolles Benehmen und die offizielle Ersparnis seiner Umstände das beiliegende kleine Tier anzunehmen: Stockmaß 14 Hände, Alter 3 ½ Jahre; ist jagderfahren, trittsicher und wird wahrscheinlich der beste Springer der Grafschaft sein.“
Ich flog die Treppe hinunter. Ich stürmte aus dem Haus zu meinem Schatz, küsste seine Nase und strich über seine Mähne. Ich konnte meine Finger nicht von ihm lassen. Pferde sind den allerbesten und schönsten Frauen so ähnlich, wenn man sie liebt. Sie zeigen ihr Vergnügen so sehr, wenn sie gestreichelt werden. Sie biegen den Hals, scharren mit den Hufen und schauen stolz drein. Sie nehmen deine Schmeicheleien wie Sonnenschein auf und sind wunderbar darin. Ich küsste meinen Schönen und spähte auf seine schwarz gesprenkelte Haut, die wie Allingborough Heath in der Abenddämmerung ist. Der Geruch seines neuen Sattels und des Zaumleders war für mich süßer als ein Garten. Der Mann überreichte mir eine große Reitpeitsche mit Silberbeschlag. Ich sehnte mich danach, aufzuspringen und bis Mitternacht zu reiten.
Dann kamen Mama und Papa heraus, lasen die Notiz und schauten auf meinen lieben kleinen Cob, und meine Schwestern sahen ihn und küssten mich, denn sie sind keine neidischen Mädchen. Das Bedauerlichste war, dass wir keinen Reitgewohnheit in der Familie hatten. Ich war bereit, alles Mögliche zu tragen. Ich wäre lieber als Vogelscheuche geritten, als gar nicht. Aber Mama versprach mir, dass in zwei Tagen ein Reitkleid nach Dayton geschickt werden würde, und ich musste mein Lieblingstier wieder von dort abführen lassen, wo es hergekommen war. Ich hatte kein Leben mehr, bis ich ihm folgte. Ich hätte glauben können, er sei ein Märchenprinz, der mich verzaubert hatte. Ich nannte ihn Prinz Leboo, weil er schwarz und gut war. Ich verzeihe jedem, der von erster Liebe spricht, nach dem, was ich mit Prinz Leboo erlebt habe.
Was Papa von dem Geschenk hielt, weiß ich nicht, aber ich weiß sehr wohl, was Mama dachte: Und ich meinerseits dachte alles, was nicht ausdrücklich das einschloss, denn ich konnte mir einen solchen Eigennutz bei jemandem, der so großzügig wie Mr. Pollingray ist, nicht vorstellen. Aber ich kam mit einem Gefühl von arrogantem Stolz nach Dayton, das meinen Manieren Sicherheit, wenn auch keine Leichtigkeit verlieh. Ich dankte Mr. Pollingray herzlich, aber auf eine Weise, die ihn spüren ließ, dass es sich zwischen uns um eine Pferdeangelegenheit handelte. „Sie geben, ich registriere den Dank, und damit ist es gut.“
„Er hält mich für eine Närrin! Eine Närrin!“
„Mein Reitkleid“, sagte ich, „folgt mir nach. Ich hoffe, wir werden einige gemeinsame Ausritte machen.“
„Viele“, erwiderte Mr. Pollingray, und seine Verbeugung blähte mich mit Vorstellungen von meiner Herablassung auf.
Und weil Miss Pollingray (Königin Elisabeth nennt er sie) halb traurig aussah, deutete ich es –! Ich schreibe nicht auf, wofür ich es deutete.
Seht die größte Närrin aller weiblichen Geschöpfe, die von Mr. Pollingray durch das Haus geführt wird. Er zeigte mir die Familienbilder.
„Ich bin keine Kennerin der Malerei, Mr. Pollingray.“
„Sie werden lernen, die Vorzüge dieser Werke zu sehen.“
„Ich fürchte nicht, selbst wenn ich sie jahrelang studieren würde.“
„Vielleicht haben Sie dazu noch Gelegenheit.“
„Oh! Das ist mehr, als ich erwarten kann.“
„Sie werden nach und nach Intelligenz für solche Themen entwickeln.“
Ein dumpfer, entfernter Schlag traf mich bei dieser Bemerkung; aber ich achtete nicht darauf.
Er führte mich durch die Gärten und das Anwesen. Der große John Methlyn Pollingray pflanzte diese Bäume und entwarf das Haus, und der Blumengarten spricht noch immer von seinem Werk; aber er ist nicht mein Herr, und folglich konnte ich die Verehrung seiner drei Urenkel nicht teilen. Es gibt hohe Tannen- und Buchenwälder und eine lange, ansteigende, schmale Wiese dazwischen, durch die ein Bach in ständigen Kaskaden fließt. Es ist die Art von Szenerie, die ich liebe, denn sie hat eine waldige Erhabenheit und Abgeschiedenheit, die mich zum Nachdenken anregt und mich zu einem besseren Mädchen macht. Aber was ich sagte, war: „Ja, es ist der Ort von allen, um sich dort für den Abend des Lebens niederzulassen.“
„Sie könnten sich jetzt nicht dazu entschließen?“, sagte Mr. Pollingray.
„Jetzt?“ Mein Gesichtsausdruck muss ein Bild gewesen sein.
„Sie fühlen sich berufen, einen solchen Wohnsitz am Morgen Ihres Lebens abzulehnen?“
Er ließ nicht davon ab, mich anzusehen, während er sprach, und ich fühlte mich wie etwas, das scharlachrot verwelkt.
Ich bin überzeugt, dass er mich durchschaute, während sein Gesicht poliertes Messing war. Meine Selbstbeherrschung kehrte zurück, denn mein Stolz ließ sich nicht so schnell vertreiben.
„Bitte bringen Sie mich zu den Ställen“, bat ich; und dort war ich zu Hause. Dort sah ich meinen Prinz Leboo und überschüttete ihn mit tausend Liebkosungen.
„Er kennt mich schon“, sagte ich.
„Dann ist er mir einige Grade voraus“, sagte Mr. Pollingray.
Ist eine kalte Sektion des eigenen Charakters nicht ein grausames Vorgehen? Und ich denke auch, dass eine Form der Gastfreundschaft wie diese, bei der ich eingeladen bin, in aller Ruhe analysiert zu werden, sowohl gemein als auch niederträchtig ist. Ich wurde freundlich behandelt und bin dankbar, aber ich sage immer noch (auch wenn ich mich vielleicht dadurch verbessert habe), es ist unfair.
Um fortzufahren: Die Stunde des Abendessens kam. Die Atmosphäre seines eigenen Hauses scheint Mr. Pollingray zu begünstigen, wie bestimmte Böden und Lagen andere begünstigen. Er ging zwischen uns in das Esszimmer, die Hände auf dem Rücken, und unterhielt sich mit uns beiden so leicht und glatt, heiter – natürlich und angenehm –, wie es kein junger Mann nachahmen könnte! Man spürt kaum den Wechsel des Zimmers. Wir waren nur zu dritt bei Tisch, aber an Unterhaltung fehlte es nicht. Mr. Pollingray ist ein bewundernswerter Gastgeber; er spricht selbst gerade genug und hilft einem, selbst zu sprechen. Was mich tröstet, ist, dass es ihm wahres Vergnügen bereitet, einen gesunden Appetit zu sehen. Junge Männer, das weiß ich mit Sicherheit, mögen es nie ganz, wenn wir so menschlich sind. Ah! Was ist richtig? Ich möchte den Glauben an unser edleres Wesen, den Charles hat, nicht verlieren. Aber ist es edler? Jemand, der länger auf der Welt gelebt hat, sollte es besser wissen, und Mr. Pollingray billigt Natürlichkeit in allem. Ich habe nun seit mehreren Monaten mit Charles’ Augen gesehen; so vorbehaltlos, dass ich zaghaft werde, wenn ich davon träume, dem Urteil eines anderen zu vertrauen. Es ist jedoch eine Tatsache, dass ich bei Charles nicht ganz natürlich bin.
Jeden Tag zieht Mr. Pollingray aus Ehrerbietung gegenüber seiner Schwester Abendgarderobe an. Wenn junge Männer diese guten Gewohnheiten hätten, würden sie unseren Respekt gewinnen und weniger früh ihr eigenes Selbstwertgefühl verlieren.
Nach dem Abendessen sang ich. Dann las uns Mr. Pollingray einen amüsanten Aufsatz vor und zog sich in seine Bibliothek zurück. Miss Pollingray saß da und erzählte mir von ihrem Bruder und ihrem Neffen – für den Mr. Pollingray anfängt, Gäste zu empfangen und in die Gesellschaft einzutreten. Charles’ daraufhin erhaltener Brief erklärte das „Gäste empfangen“. Ich konnte es zu der Zeit nicht begreifen.
„Das Haus war jahrelang geschlossen oder wurde von uns selten länger als einen Monat im Jahr bewohnt. Mr. Pollingray zieht Frankreich vor. Alle seine Verbindungen, ich kann sagen, seine Sympathien, liegen in Frankreich. In letzter Zeit scheint er sich ein wenig verändert zu haben; aber von der Normandie bis zur Touraine und Dauphiné – wir hatten dort drüben ein dreieckiges Zuhause. Tatsächlich haben wir es immer noch. Ich bin mir nie sicher bei meinem Bruder.“
Während Miss Pollingray sprach, waren meine Augen auf eine Vidal-Kreidezeichnung geheftet, zart mit Pastellfarben koloriert, von einer ausländischen Dame – ich hätte schwören können, dass sie Französin war – jung, ganz mädchenhaft, ich bezweifle, dass sie älter als ich war.
„Sie ist hübsch, nicht wahr?“, sagte Miss Pollingray.
„Sie ist fast wunderschön“, rief ich aus, und Miss Pollingray, die meine Neugier bemerkte, war so freundlich, mich nicht lange auf die Folter zu spannen.
„Das ist die Marquise de Mazardouin – geborene Louise de Riverolles. Sie werden andere Porträts von ihr im Haus sehen. Dies ist das jugendlichste von allen, wenn ich von einem absehe, das ein Baby darstellt und ihre Initialen trägt.“
Ich erinnerte mich, eine Ähnlichkeit der Gesichtszüge bei einigen Porträts in den verschiedenen Zimmern bemerkt zu haben. Mein Verlangen, sie wieder anzusehen, war wie ein plötzlicher Flammenstrahl in mir. Es gab keine Chance, sie vor dem Morgen zu sehen; also versprach ich mir, von dem Gesicht vor mir zu träumen, und döste durch ein Gespräch mit meiner Gastgeberin, bis ich die Augen, das Haar und den allgemeinen Umriss der Französin, wie ich hoffte, genau in meinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Kaum war ich auf dem Weg ins Bett, war alles verblasst. Die Qual, dieses Gesicht heraufzubeschwören, war unvorstellbar. Ich lag da, wälzte mich hin und her und vertrieb meinen Schlaf, aber nach und nach kehrten meine Gedanken zu Mr. Pollingray zurück, und dann, wie mit Geheimtinte, die man an die Hitze hält, erblickte ich sie wieder; aber lebhaft, so wie sie gewesen sein muss, als sie dem Künstler Modell saß. Das Haar war von Natur aus gekräuselt, wellte sich dreimal über der Stirn, war sauber von den Schläfen zurückgebürstet, zeigte die kleinen Ohren und war hinten locker zu einem Knoten gebunden. Ihre Augenbrauen waren dick und dunkel, aber weich; fließende Brauen; weitaus schöner, meiner Meinung nach, als jeder gezogene Bogen. Dunkle Augen, und voll, nicht hervorstehend. Ich finde wenig Ausdruck innerer Empfindung in sehr hervorstehenden Augen. Im Gegenteil, sie scheinen eine fischartige Abhängigkeit des Blicks von dem zu haben, was außerhalb liegt, und zeigen fischige Tiefen, falls überhaupt welche vorhanden sind. Zum Beispiel sind meine Augen eher hervorstehend, und ich bin nur die kleine Närrin – aber die französische Dame ist mein Thema. Madame la Marquise, Ihre Augen sind für mich süßer als die der Himmelsbewohner. Ich habe noch nie zuvor solche Aufrichtigkeit und unberührte Unschuld in Augen gesehen. Nehmen Sie das Kompliment der pauvre Anglaise an. Haben Sie Unheil mit ihnen angerichtet? Hat Vidals zarte Skizze Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen? Ihre Lippen und Ihr Kinn und Ihr Hals ruhen in solch mädchenhafter Anmut, dass, wenn es jemals mein Glück sein sollte, Sie zu sehen, Sie für mich nicht gealtert sein werden!
Ich schlief und träumte von ihr.
Am Morgen fühlte ich mich sicher, dass sie oft gesagt hatte: „Mon cher Gilbert“, zu Mr. Pollingray. Hatte er jemals gesagt: „Ma chère Louise?“ Er könnte gesagt haben: „Ma bien aimée!“, denn es war ein Gesicht, das geliebt werden wollte.
Meine Gefühlsveränderung ihm gegenüber datiert von jenem Morgen. Er war mir zuvor als ein Mann erschienen, der so viel älter war. Ich nahm nun in ihm eine Jugendlichkeit wahr, die über bloße körperliche Kraft hinausging. Ich konnte ihn nicht von meinen Träumen der Nacht lösen. Er besteht darauf, mich mit den Begriffen unserer „offiziellen“ Beziehung anzusprechen, als ob er es zu einem Prinzip unseres Umgangs machte.
„Nun, und ist Ihr Gottvater dazu da, Ihnen zu Ihrer ruhigen Erholung zu gratulieren?“, war seine Begrüßung.
Ich antwortete dumm: „Oh, ja, danke“, und hätte Welten für den Mut gegeben, auf Französisch zu antworten, aber ich misstraute meinem Akzent. Beim Frühstück bot sich die Gelegenheit, oder besser gesagt, die Entschuldigung für einen Versuch. Sein französischer Diener, Francois, bedient ihn beim Frühstück. Mr. Pollingray und seine Schwester baten auf Französisch um Dinge, und als ob er einen Mangel an Höflichkeit fürchtete, fragte mich Mr. Pollingray, ob ich Französisch könne.
„Ja, ich kenne es; das heißt, ich verstehe es“, stotterte ich. „Allons, nous parlerons français“, sagte er. Aber ich schüttelte den Kopf und blieb wie eine dumme Stumme.
Ich wurde gegen Ende der Mahlzeit dazu verleitet, ein paar französische Worte hervorzubringen. Ich war vollkommen beschämt. Mr. Pollingray hat die französische Art, zu beteuern, dass man beim Sprechen so gut wie perfekt sei. Ich weiß, wie absurd das geklungen haben muss. Aber ich spürte seine Güte und dankte ihm in meinem Herzen demütig. Ich glaube jetzt, dass ein Aufenthalt in Frankreich einen Engländer nicht verschlechtert. Mr. Pollingray hat, wenn er in seinem eigenen Haus ist, die besten Eigenschaften beider Länder. Er ist heiter, und ja, während er mich studiert, studiere ich ihn. Wer von uns beiden wird den anderen zuerst kennen? Er war Papas Studienfreund – Papas Junior natürlich, und unendlich viel mehr Papas Junior jetzt. Ich beobachte diese Schwäche bei ihm, ich meine, sein Festhalten an der Jugendlichkeit, immer weniger; aber ich sehe es, ich kann nicht ganz im Irrtum sein. Die Wahrheit ist, ich beginne zu fühlen, dass ich es nicht wagen kann, meinem unfehlbaren Urteil zu misstrauen, sonst werde ich gar kein Vertrauen mehr in mich selbst haben.
Nach dem Frühstück wurde ich Miss Pollingray übergeben, mit dem Hinweis, dass ich ihn erst zum Abendessen wiedersehen würde.
„Gilbert ist bestrebt, die Gesellschaft seiner englischen Nachbarn zu pflegen, jetzt, da er sich, wie er meint, wirklich unter ihnen niedergelassen hat“, bemerkte sie zu mir. „In seinem Alter ist der Wunsch, nützlich zu sein, fast eine Krankheit. Aber er kümmert sich um die Armen, und das ist mehr als eine Beschäftigung, es ist eine Tugend.“
Ihre Sprache ist in der Konstruktion der Sätze gelegentlich französisch geworden.
„Mais oui“, sagte ich schüchtern, und da ich mit ihr allein war, wurde ich durch ihr Lächeln nicht zurückgewiesen, zumal sie mich dazu ermutigte.
„Ich werde“, sagte sie zu mir, „im September hier einen Monde von Franzosen sehen.“ Also soll die Geschichte meiner Person vervollständigt oder im September fortgesetzt werden. Ich konnte Miss Pollingray nicht dazu bringen, mir deutlich zu sagen, ob Madame la Marquise zu den Gästen zählen werde. Aber ich weiß, dass sie keine Witwe ist. In diesem Fall hat sie einen Ehemann. In diesem Fall, wie lautet die Geschichte ihrer Beziehungen zu Mr. Pollingray? Es muss eine Geschichte geben. Er würde sicher nicht so viele Porträts von ihr im Haus haben (und sie reisen mit ihm, wohin er auch geht), wenn sie für ihn nur ein hübsches Gesicht wäre. Ich kann es nicht verstehen. Sie waren häufige, ständige Besucher auf den Gütern des jeweils anderen in Frankreich; immer zusammen. Vielleicht ein Mann in Mr. Pollingrays Alter, oder vielleicht M. le Marquis – und hier verliere ich mich. Französische Sitten sind so anders als unsere. Eines weiß ich mit Gewissheit: Meinem Engländer kann kein Vorwurf gemacht werden. Ich lese vollkommene Rechtschaffenheit in seinem Gesicht. Ich würde bei ihm den Anker werfen. Er muss ein schreckliches Unglück erlebt haben.
Mama hielt ihr Versprechen, meinen Reitanzug und Hut pünktlich zu schicken, aber ich war weit über all die Wünsche hinausgeeilt, die ich mir bei meiner Abreise von zu Hause gemacht hatte, und ich fürchtete meinen Ausritt mit Mr. Pollingray halb. Das war, bevor ich Charles’ Brief erhalten hatte, der mich den Zweck meiner Einladung hierher wissen ließ. Ich brauche manchmal einen krankhaften Stolz, um mich bei der Arbeit zu halten. Ich nehme an, ich ritt angemessen, denn Mr. Pollingray lobte meinen Sitz im Sattel. Ich weiß, dass ich reiten kann oder den „Atem eines Pferdes wie meines eigenen“ spüren kann – wie er es nennt. Dennoch hätte er keinen langweiligeren Begleiter haben können. Meine Konversation bestand nur aus Ja und Nein, als ginge sie an einem Paar Krücken wie ein elender Krüppel. Ich war gedemütigt und verärgert. Die ganze Zeit versuchte ich, auf die französische Dame zu lenken, und ich konnte nicht mit einer einzigen Frage beginnen. Er scheint die Vergangenheit in jeder Hinsicht wirklich gelöscht zu haben, außer dass er mich seine Patentochter nennt. Sein Gerede drehte sich um die englischen Armen und die Vegetation und Papas Güte gegenüber seinen alten Damen in der Gemeinde Ickleworth und Mängel in meiner Erziehung, die von mir anerkannt wurden, mich aber in meinem niedergedrückten Zustand wahrscheinlich nicht aufbauen würden. Der Ritt war wunderschön. Wir ritten die Länge eines zwölf Meilen langen Höhenrückens zwischen Ickleworth und Hillford, über hohe Gemeindeflächen, mit riesigen Ausblicken auf beiden Seiten, und durch Buchenwälder, Eichenwälder und mit Ginster bewachsene Täler und Hügel, die mit Wacholder und Eiben gesprenkelt waren – alte Picknickplätze von mir, aber Mr. Pollingrays frische Freude an der Landschaft ließ sie neu und seltsam erscheinen. Heimwärts durch das Tal.
Am nächsten Tag schloss sich Miss Pollingray uns an, sie trug einen feutre gris und grüne Federn, was überaus seltsam aussah, bis man sich daran gewöhnt hatte. Ihr Haar hat entschiedene graue Strähnen, und das, und die Nase wie Königin Elisabeth, und der feutre gris! – aber sie ist so freundlich, dass ich nicht einmal im Herzen lächeln konnte. Es ist sonderbar, dass Mr. Pollingray, der nur drei Jahre jünger als sie ist, mindestens zwanzig Jahre jünger aussieht – mindestens. Sein Schnurrbart und Bart haben die Farbe einer Getreidegarbe, und seine blauen Augen, die darüber leuchten, erinnern mich an den Sommer. Das beschreibt ihn. Er ist der Sommer und ist noch nicht in seinen Herbst gefallen. Miss Pollingray half mir, ein wenig zu sprechen. Sie versuchte, die Begeisterung ihres Bruders für unsere Landschaft zu zügeln, und pries das französische paysage. Er lachte sie aus, denn als sie in Frankreich waren, war sie es, die zu sagen pflegte: „Es gibt hier nichts wie England!“ Miss Fool ritt zwischen ihnen, aufmerksam auf das Klingeln der Glöckchen an ihrer Kappe: „Ja“ und „Nein“ auf jemandes Befehl, zur Unzeit und zur rechten Zeit.
Danke, Charles, für deinen Brief! Ich fing an zu glauben, meine Einladung nach Dayton sei unerklärlich, als dieser Brief ankam. Ich kann es nur für eine unwürdige Niedertracht halten, ein Mädchen in eine Falle zu locken, um sie ohne eine Warnung zu studieren. Ich ging auf mein Zimmer, nachdem ich ihn gelesen hatte, und schrieb zur Antwort, bis die Frühstücksglocke läutete. Ich nahm meine Beschäftigung eine Stunde später wieder auf und schrieb bis ein Uhr. Insgesamt fünfzehn Seiten Schreiben, die ich sorgfältig faltete und an Charles adressierte; den Umschlag versiegelte, frankierte und vernichtete. Ich ging zu Bett. „Nein, ich werde heute nicht ausreiten, ich habe Kopfschmerzen!“ Ich wiederholte dies etwa ein halbes Dutzend Mal vor niemandem, der an die Tür klopfte, und als schließlich jemand klopfte, versuchte ich, es einmal zu wiederholen, aber da ich die Nachricht hatte, dass Mr. Pollingray besonders meine Gesellschaft bei einem Ritt wünsche, stand ich unterwürfig auf und weinte. Diese Demütigung machte mein Temperament wild. Mr. Pollingray beobachtete mein Gesicht und notierte es in seinem Notizbuch. „Ein wildes Gemüt“ oder, nein, „Ein ungezähmtes kleines Rebellenkind“; denn er hat Hoffnungen auf mich. Er hatte die Grausamkeit, dies zu sagen.
„Was ich bin, werde ich bleiben“, sagte ich.
Er teilte mir mit, dass es für mich vollkommen natürlich sei, dies zu denken; und auf meine Erwiderung, dass Personen sich selbst am besten kennen sollten: „In meinem Alter vielleicht“, sagte er und fügte hinzu: „Ich kann nicht sehr zuversichtlich von meiner Kenntnis meiner selbst sprechen.“
„Dann halten Sie uns für nichts Besseres als Marionetten, Mr. Pollingray.“
„Wenn wir eine frühe Ausbildung in der Gewohnheit der Selbstbeherrschung verpasst haben, ma filleule.“
„Merci, mon parrain.“
Er lachte. Mein Französisch, vermute ich.
Ich beschloss, wenn er mich studieren wollte, würde ich ihm helfen.
„Ich kann mich beherrschen, wenn ich will, aber nur, wenn ich will.“
Das schien mir eine ganz vernünftige Rede, bis ich merkte, dass er nach etwas suchte, das zur Erklärung folgen sollte, und als ich meine Bedeutung durchleuchtete, sah ich, dass es Temperament war, und wurde wütender und fuhr fort:
„Die Art von jungen Leuten, die eine solche wunderbare Selbstbeherrschung haben, sind nicht die angenehmsten.“
„Nein“, sagte er; „sie enttäuschen uns. Wir erwarten Torheit von den Jungen.“
Ich schloss meine Lippen. Prinz Leboo wusste, dass er gehen musste, und ein guter Galopp versöhnte mich mit den Umständen. Dann wurde ich dazu gebracht, kleine Ginsterbüsche und Gräben zu springen, was man nicht vorgeben kann, ohne einen guten Anschein von Fröhlichkeit zu erwecken; denn während man das Risiko eines Sturzes eingeht, ist man gezwungen, fröhlich und heiter auszusehen, zumindest tue ich das. Mit finsterer Miene zu fallen, wird niemals gehen. Ich hatte keinen Sturz. Mein galanter Leboo ließ mein Herz vor Liebe zu ihm hüpfen, obwohl Mühlsteine daran gebunden waren. Ich mag verärgert sein, wenn ich beginne, aber ich reite ein schlechtes Temperament bald aus. Und er gehört mir! Ich bin Charles gegenüber sicherlich unbeständig, denn ich denke fünfzigmal mehr an Leboo. Außerdem gibt es noch keine Verlobung zwischen Charles und mir. Ich muss erst von Mr. und Miss Pollingray für würdig befunden werden: zwei Paar Augen und Ohren, über denen ich eine feierlich flaumige Eule sitzen sehe, die ihre Berichte über mich studiert. Es ist eine sehr unfreundliche Prüfung, der man eine unerfahrene junge Frau unterzieht. Sie war hart konzipiert und wird rücksichtslos ausgeführt. Ich würde lauter klagen – in Schreien –, wenn ich sagen könnte, dass ich unglücklich sei; aber jeden Abend schaue ich aus meinem Fenster, bevor ich zu Bett gehe, und sehe die langen Fälle des jungen Flusses durch die Wiese und die dunklen Wälder, die das Haus vor Schaden zu bewahren scheinen: Ich träume von dem alten Bewohner, seinen Vorfahren und den vielen, vielen Frühlingen, in denen die Wildblumen in diesen Wäldern geblüht und die Nachtigallen dort gesungen haben. Und ich fühle, dass es für mich nie ein Zuhause wie Dayton geben wird.
KAPITEL V
ER
Seit zwanzig Jahren meines Lebens habe ich das Phantom der schönsten Frau umarmt, die jemals geatmet hat. Ich habe mich ihren Launen unterworfen, ich habe ihre Füße verehrt, ich habe, glaube ich, ihr Prinzip gestärkt. Ich habe in meiner Hingabe alles getan, außer ihren religiösen Glauben anzunehmen. Und ich bin, wie ich vor einiger Zeit vertraute, erwacht und habe erkannt, dass diese zwanzig Jahre eine Periode bloßen sentimentalen Zeitvertreibs waren, vollkommen nutzlos, fruchtlos, es sei denn, wie es möglich ist, dass es mich vor anderen Torheiten bewahrt hat. Aber es war eine Torheit an sich. Kann die Natur eines Menschen zu standhaft sein? Die Frage, ob eine Prise Frivolität nicht eine Schutzmaßnahme sein könnte, ist oft vor mir aufgetaucht. Die Wahrheit, so muss ich lernen zu denken, ist, dass meine geistige Kraft nicht dem Maß meiner idealen oder sentimentalen Auffassung und meiner angeborenen Anhänglichkeit gewachsen ist. Ich bin in eine der Gruben eines wohlmeinenden, aber müßigen Mannes gefallen. Die Welt erkennt die Existenz eines reinen Platonismus in der Liebe nicht an. Ich selbst kann kaum auf diese zwanzig Jahre amatorischer Unterwürfigkeit mit vollem Verständnis der Rolle zurückblicken, die ich in ihnen gespielt habe. Und doch würde ich nicht bereitwillig die erhabene Bewunderung von Louise für meine Beständigkeit aufgeben: ebenso wenig bereitwillig, wie ich ihre Reinheit gefährdet hätte. Ich klammere mich an die Vergangenheit wie an etwas, in dem ich mich wohl verdient gemacht habe, obwohl ich kaum mit ihr zufrieden bin. Nach unseren englischen Vorstellungen kenne ich meinen Namen. Englische Vorstellungen sind jedoch nicht in allen Dingen zu akzeptieren, ebenso wenig wie die flache Erklärung einer Tatsache sie in all ihren Zusammenhängen entwickeln wird. Wenn unsere englische Gesellschaft zu einer hohen Zivilisation fortgeschritten sein wird, wird sie weniger expansiv darin sein, die höheren Dummheiten anzuprangern. Unter uns ist ein Großteil des sozialen Urteils von Bodge über die Beziehungen von Männern zu Frauen die stereotypisierte Meinung des Landes. Es gibt hier das Diktum für einen Mann, der eine Frau verehrt, die einem Ehemann gehört. Wenn er sie lange verehrt hat und weiß, dass er von ihr in Unschuld des Herzens bevorzugt wird; wenn er das Problem gelöst hat, der Herr ihres Busens zu sein, ohne sie niederträchtig dazu degradieren zu wollen, seine Mätresse zu sein; werden die Beinamen, die ihn in unserer Volkssprache charakterisieren, wahrscheinlich umso weniger schmeichelhaft sein. Politisch sind wir das selbstbewussteste Volk auf Erden und sozial die offensten Tiere. Der Terrorismus unserer sozialen Gesetze ist außerordentlich nützlich, denn ohne ihn könnten solche offenen Tiere, wie wir es sind, in schlimme Exzesse verfallen. Ich urteile eher nach den abstrakten Beweisen als nach den Beispielen, die unsere schönen Ehefrauen verblüfften Ausländern im Ausland geben.
Louise schreibt, dass ihr Mann gelähmt ist. Der Marquis de Mazardouin kostet endlich seine Sterblichkeit. Ich erinnere mich an den Tag, als er sie heiratete. Sie sagt, dass er sich priesterlichem Rat zugewandt hat, und wie eine Frau lobt sie ihn dafür. Es ist das eine Ding, das ich nicht getan habe, um ihr zu gefallen. Sie erwartet sein Ableben. Sollte sie frei sein – was dann? Mein Herz schlägt bei dem Gedanken nicht schneller. Es liegen zwanzig Jahre darauf, und sie machen eine große Last aus. Aber ich habe den Wunsch, dass sie zu uns herüberkommt. Die alte Torheit könnte mich vor der neuen retten. Nicht, dass ich weiter von der Angst verfolgt würde, dass ich hier in unmittelbarer Gefahr bin. Ich habe eine angemessene Herrschaft über mein junges Fräulein etabliert. „Nous avons changé de rôle“. Alice ist unterworfen; sie lacht schwach, beginnt bewusst zu werden – eine Tatsache, die zu bedauern ist, wenn ich das Wachstum der Kreatur bremsen wollte. Das Mädchen hat ein großes Fassungsvermögen. Sie hat ihre Zuneigung eindeutig nicht auf Charles konzentriert, sodass das Gewissen eines Mannes beruhigt sein könnte, wenn – wenn er sich entschied, das zu missachten, was der Anständigkeit geschuldet ist. Aber warum beuge ich mich, wenn ich es bestreite, der Meinung der Welt bezüglich des Altersunterschieds zwischen Ehemann und Ehefrau? Ich kenne unzählige Fälle eines alten Ehemannes, der eine junge Frau glücklich macht. Mein Freund, Dr. Galliot, heiratete sein Mündel, und er hatte die beste Ehefrau aller Männer meiner Bekanntschaft. Sie veröffentlicht seit seinem Tod seine gelehrten Manuskripte. Das ist ein Extremfall, denn er war fünfundvierzig Jahre älter als sie und stand kahl am Altar. Der alte General Althorpe heiratete Julia Dahoop und könnte, abgesehen von seiner absurden Eifersucht auf sie, als Beweis dafür angeführt werden, dass die gewöhnlichen Berechnungen nicht das Joch auf dem Nacken eines Menschen sein dürfen, der ernsthaft danach strebt, einen passenden Partner zu heiraten, wenn auch spät im Leben. Aber was sind fünfzig Jahre? Sie markieren den Höhepunkt der Existenz eines gesunden Mannes. Er hat bis dahin die Welt gesehen, kann entscheiden und sich niederlassen und ist – um den Jargon der Klatschbasen zu verwenden – faktisch wählbarer als ein junger Mann, selbst für ein junges Mädchen. Und kann nicht eine faire und frische Belohnung zu Recht als die Krone einer tugendhaften Laufbahn beansprucht werden?
Ich sage all das, doch mein wirkliches Gefühl ist, als wäre ich kahl wie Dr. Galliot und eifersüchtig wie General Althorpe. Denn mit meiner gründlichen Selbsterkenntnis hätte ich mich, wäre ich wie einer von ihnen, nicht der Gnade einer jungen Frau oder der Welt ausgeliefert. Noch würde ich mich, so wie ich bin und mich kenne, nicht der Gnade von Alice Amble ausliefern. Als meine filleule das erste Mal nach Dayton fuhr, hatte sie einige singulär kühne Ideen. Diese lebhaften jungen weiblichen Wahrnehmungen und ungezähmten Vorstellungen sind verzweifelte Dinge, denen man begegnen kann. Es gibt nichts, das außerhalb ihrer Reichweite liegt. Unsere Sicherheit vor ihnen liegt in der Tatsache, dass sie immer zu viel sehen und zu wild phantasieren; sodass sie mit ein wenig Hilfe von uns gelehrt werden können, sich selbst zu misstrauen; und wenn sie sich erst einmal selbst misstraut haben, brauchen wir sie danach nicht mehr zu fürchten: ihre übernatürliche Vitalität ist verschwunden. Ich glaube, meine hübsche Alice ist jetzt in diesem Zustand. Sie verlässt uns morgen. Im Herbst werden wir sie wieder bei uns haben, und Louise wird sie mitleidig betrachten. Ich wünsche, dass sie sich begegnen. Es wird für das englische Mädchen kaum fair sein, aber wenn ich in die Bresche zwischen ihnen trete, werde ich keine geringe Menge an schlafendem landschaftlichem Gefühl heraufbeschwören. Auch die Betrachtung des Kontrasts mag mich vor beiden bewahren: wie der logische Esel mit den zwei Heubündeln auf beiden Seiten von ihm.
KAPITEL VI
SIE
Ich bin zu Hause. Es gab noch nie jemanden, der sich in seinem Zuhause so fremd fühlte. Es ist noch keinen Monat her, dass ich meine Schwestern verlassen habe, und ich erinnere mich kaum daran, dass ich sie kenne. Sie alle, und sogar Papa, scheinen an solche kleinlichen Dinge zu denken. Sie beschweren sich, dass ich ihnen nichts erzähle. Was habe ich zu erzählen? Mein Prinz! Mein eigener Leboo, wenn ich mit dir im Stall liegen könnte, dann würde ich mich rundum glücklich fühlen! Das heißt, wenn ich einschlafen könnte. Evelina erklärt, wir seien nicht acht Meilen von Dayton entfernt. Mir scheint, ich bin acht Millionen Meilen entfernt und werde mein ganzes Leben lang auf einer müden Straße unterwegs sein, um nur für einen langen sonnigen Tag wieder dorthin zu gelangen. Und es könnte regnen, wenn ich schließlich dort ankäme! Meinen Kummer kennt niemand. Niemand weiß etwas!
Am Abend vor meiner Abreise erwies mir Miss Pollingray die Ehre, mich in mein Schlafzimmer zu begleiten. Sie sprach mich forschend auf Charles an; aber sie verlangte keine kompromittierenden Antworten. Sie ist nicht für frühe Ehen, also möchte sie nur wissen, auf welchem Fuß wir stehen: dem von Freunden. Ich versicherte ihr, wir seien einfach Freunde. „Es ist die festeste Basis einer Zuneigung“, sagte sie; und ich sah nicht gehetzt aus.
Aber ich erreichte mein Ziel. Ich brachte sie dazu, von der schönen Marquise zu sprechen. Das ist die Geschichte. Mr. Pollingray ging als sehr junger Mann, und vergleichsweise arm, mit guten Empfehlungen nach Frankreich und sah dort Louise de Riverolles und verliebte sich in sie. Sie erwiderte seine Leidenschaft. Wenn er eingewilligt hätte, seiner Religion abzuschwören und mit ihr zu beten, hätte Madame de Riverolles, ihre Mutter, auf ihr Flehen gehört. Aber Gilbert blieb fest. Mr. Pollingray, meine ich, weigerte sich, seinen Glauben aufzugeben. Ihre Mutter mischte sich folglich nicht ein, und Monsieur de Riverolles, ihr Vater, gab sie dem Marquis de Marzardouin, einem roue jungen Edelmann, unermesslich reich und schockierend ausschweifend. Und sie heiratete ihn. Nein, ich kann französische Mädchen nicht verstehen. Tun, was ich will, es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie Louise, einen anderen liebend, sich in brautlichen Schmuck hüllen konnte, zum Altar gehen und die Ehegelübde ablegen konnte. Nicht einmal, wenn die Verdammnis gedroht hätte, hätte ich mich unterworfen. Ich habe das Gefühl, dass Mr. Pollingray zumindest ein Jahr lang Groll gegen ein solches Verhalten hätte zeigen sollen; und doch bewundere ich ihn für seine sofortige großzügige Vergebung ihr gegenüber. Es war väterlich. Sie wurde mit sechzehn verheiratet. Seine Vergebung war die Frucht seiner wenigen Jahre Vorsprung, sagte Miss Pollingray, deren Meinung über die Marquise ich nicht ergründen kann. Auf jeden Fall sind sie seitdem wahre und warme Freunde, die ständig Besuche austauschen. Deshalb ist Mr. Pollingray in diesen langen Jahren französischer als englisch gewesen.
Miss Pollingray schloss, indem sie mich fragte, was ich von der Geschichte halte. Ich sagte: „Es ist sehr seltsam, französische Sitten sind so anders als unsere. Ich wage zu sagen... ich hoffe..., vielleicht... tatsächlich scheint Mr. Pollingray jetzt glücklich zu sein.“ Ihre Vorstellung von meinem Verstand muss die sein, dass er von der Sorte Schulmädchen ist – ein perfektes Gefäß für unbestimmte Eindrücke.
„Ah!“, sagte sie. „Gilbert hat sein Herz bis jetzt zu Asche verbrannt.“
Ich schlief mit diesem Satz in meinem Gehirn ein. Am Morgen stand ich auf und kleidete mich, träumend. Als ich den Griff meiner Tür drehte, um zum Frühstück hinunterzugehen, drehte ich mich plötzlich in einem Anfall von Tränen um. Es war so erbärmlich zu denken, dass er zwanzig Jahre lang in einer langsamen Qual bei ihr gewartet haben sollte, sein Herz verbrennend, ohne einen Vorwurf oder eine Klage. Ich sah ihn, ich sehe ihn immer noch, wie einen Märtyrer.
„Einige Leute“, sagte Miss Pollingray, „erlaubten sich, Böses über die eifrige Hingabe meines Bruders an eine verheiratete Frau zu denken. Es gibt keinen Makel an seinem Charakter oder an dem der Person, die Gilbert liebte.“
Ich würde es im Angesicht der Verleumdung glauben. Ich würde an meinem Glauben an ihn festhalten, wenn ich ertränke.
Ich betrachte diese zwanzig Jahre als einfach nichts, wenn er sich entscheidet, sie so zu haben. Er hat einbalsamiert in einer heiligen Zuneigung gelebt. Kein Wunder, dass er sich immer noch jugendlich fühlt. Er ist berechtigt zu fühlen, dass seine Zukunft vor ihm liegt.
Keine Menge an Schwämmen würde die Flecken von meinen schrecklichen roten Augenlidern entfernen. Ich schlich mich auf meinen Platz am Frühstückstisch, ohne zu wissen, dass eines der Dienstmädchen einen Brief von Charles in meine Hand gesteckt hatte und dass ich ihn geöffnet hatte und ihn offen hielt. Der Brief, wie ich später herausfand, teilte mir mit, dass Charles einen Befehl von seinem Onkel erhalten hat, in Geschäftsangelegenheiten auf Mr. Pollingrays Anwesen in der Dauphiné zu reisen. Ich bin nicht traurig, dass sie angenommen haben sollten, ich sei töricht genug, bei dem Gedanken zu weinen, dass Charles den Kanal überquert. Sie haben es sich eingebildet, das weiß ich; denn nach einer Weile flüsterte Miss Pollingray: „Les absents n’auront pas tort, cette fois, n’est-ce-pas?“ Und Mr. Pollingray war grausam sanft: ein Anschein von „Ich würde solche Emotionen nicht stören“; und ich verstärkte ihre Täuschungen, so sehr ich konnte: es gab keinen anderen Weg, mein Pantomime-Gesicht zu erklären. Warum sollte er sich einbilden, ich hätte so schrecklich gelitten? Er sprach mit einer aufgeregten Fröhlichkeit, die mich natürlich entlasten sollte, aber es gab keine Rechtfertigung dafür, dass er mich für eine liebeskranke Art von niedergeschlagenem Balladenmädchen hielt. Es veranlasste ihn auch, eine Manier anzunehmen – wie man sie nennt, kann ich mir nicht vorstellen: zärtlicher Respekt, frostige Achtung, alles, was den Druck deiner Hand mit den Fingerspitzen begleitet und dazugehört. Er sagte so zärtlich Auf Wiedersehen, dass ich seinen Ärmel geküsst hätte. Die Anstrengung, mich zurückzuhalten, machte mich wie einen Eiszapfen. Oh! adieu, mon parrain!
ASTRAEA: Er ist der einzige, der sich nicht mit den üblichen Waffen bewaffnet. Er ist ein Mann, der den Frieden sucht.
LYRA: Und der ihn in dir sucht?
ASTRAEA: Er hat die seltene Gabe, sich nicht selbst im Spiegel der anderen zu betrachten. Er ist, wenn man so will, ein Zuschauer, der sich versehentlich auf die Bühne verirrt hat.
LYRA: Und der Professor?
ASTRAEA: Der Professor sieht in mir nur ein Kapitel seines eigenen Buches. Ich bin für ihn keine Frau, sondern ein Sinnbild, eine Zierde für seine akademische Kanzel. Er liebt die Idee der Witwe Towers, aber er würde die lebendige Astraea, die ab und zu lacht, wenn sie nicht sollte, vermutlich als eine störende Fußnote in seinem Werk empfinden.
LYRA: Du bist grausam, wenn du das sagst. Und doch so köstlich. Hast du heute schon die Signale gesehen? Die Damenwelt ist in heller Aufregung. Sie hängen an seinen Lippen, als würde er das Geheimnis des ewigen Lebens verkünden, dabei ordnet er nur das Leben in Schubladen.
ASTRAEA: Wenn sie wüssten, dass ich manchmal, wenn er am feierlichsten spricht, an etwas vollkommen Banales denke – an den Garten, an die Hecken, oder daran, wie wunderbar es wäre, wenn ein plötzlicher Regenguss diese ganze erhabene Versammlung auseinandertreiben würde.
LYRA: Das ist es, was sie an dir fürchten. Die Ironie. Sie ist wie ein kleiner Stich, der den Ballon ihrer Wichtigkeit zum Platzen bringt.
ASTRAEA: Ich will nicht stechen. Ich will nur atmen.
LYRA: Dann lass uns gehen, bevor der Professor seine nächste Vorlesung über die Stille hält. Ich habe heute genug von der Welt der Männer gehört. Lass uns in den Park. Vielleicht finden wir dort jemanden, der nichts beweisen muss.
ASTRAEA: Und Arden?
LYRA: Oh, lass den armen Kerl bei Onkel Homeware. Wenn er den Test besteht, wird er vielleicht der Einzige sein, der zu dir durchdringt, ohne eine Rede zu halten.
(Sie gehen gemeinsam in den tieferen Teil des Gartens.)
ASTRAEA: Ich teile diese Meinung nicht. Er ist derjenige, der den Gefühlen, die ich hege, am wenigsten Respekt entgegenbringt. Ich bitte dich, verschone mich mit seiner Erwähnung, so wie du es von deinem Ehemann sagst. Er besitzt diese erbärmliche Einbildung, die Männer eigen ist und sie glauben lässt, eine Frau müsse notwendigerweise für das bloße Eingeständnis ihrer Leidenschaft empfänglich sein. Er ist für Argumente nicht mehr zugänglich. Es ist ihm unmöglich zu begreifen, dass eine Frau einen Geist haben kann, der über die Bedingungen ihres Geschlechts erhaben ist. Eine Frau hat ihm zufolge kein Lebensideal, außer dem eines Balls, den man in die Luft wirft und in einem Becher auffängt. Lass ihn beiseite... Wir Geschöpfe sind zur Ehe verdammt, und wenn wir sie meiden, sind wir gewissermaßen verkrüppelt. Er ist in seiner Sichtweise auf uns grob irdisch. Wir sind unfähig, einen Schritt im Denken oder Handeln zu tun, es sei denn, wir unterwerfen uns und nehmen einen Ehemann. Das ist seine Argumentation. Natur! Natur! Ich muss mir immer wieder von der Natur erzählen lassen! Wir müssen über der Natur stehen, sage ich ihm, oder wir werden weit unter ihr stehen. Er zählt zu unseren klugen jungen Männern; und er kann amüsant sein. Soweit genügt er den Anforderungen; und er hat eine angenehme Stimme. Ich nehme an, er ist ein guter Junge für Onkel Homeware. Mädchen mögen ihn. Warum richtet er seine Aufmerksamkeit nicht auf eine von ihnen? Warum auf mich? Wir verschwenden unsere Zeit damit, von ihm zu sprechen... Das Geheimnis dabei ist, dass er keine Ehrfurcht besitzt. Die Ehe, die er so anpreist, ist bloß eine bequeme Vereinbarung für zwei Menschen, um unter dem Gebot der Natur zusammenzuleben. Ehrfurcht vor dem Stand der Ehe ist ihm unbekannt. Wie soll ich mein Gefühl erklären? Ich werde zum Schweigen verdammt. Höre auf, von ihm zu sprechen... Er ist das Opfer seiner Beredsamkeit – seine Leidenschaft, nennt er das. Ich brauche mich ihm nur anzuvertrauen, und – ich werde eine der verheirateten Frauen der Welt sein! Worte sind zwecklos. Wie soll ich ihn erkennen lassen, dass ich es bin, die den Stand der Ehe respektiert, indem sie ablehnt; nicht er, indem er ständig drängt. Einmal verheiratet, für immer verheiratet. Witwe ist nur ein Begriff. Wenn Frauen sich gegenüber ihm behaupten, so wie ich es getan habe, werden sie mehr geschätzt werden. Ich habe Widerstand geleistet und gesiegt. Es tut mir leid, dass ich die Meinung deines Favoriten nicht teile.
LYRA: Meine?
ASTRAEA: Du hast warm von ihm gesprochen.
LYRA: Warm, war es das?
ASTRAEA: Dir ist kein Vorwurf zu machen, meine Liebe: Er hat ein gewinnendes Wesen.
LYRA: Ich halte ihn für einen anständigen jungen Kerl, klug genug; gutaussehend auch.
ASTRAEA: Oh, er sieht gut aus.
LYRA: Und er hat Köpfchen, dem Ruf nach.
ASTRAEA: Für die Arbeit der Welt, ja.
LYRA: Nicht romantisch.
ASTRAEA: Romantische Ideen sind für verträumte Simpelei.
LYRA: Amazonen lehnen sie ab.
ASTRAEA: Lache über mich. Die Hälfte meiner Zeit lache ich über mich selbst. Ich würde meinen Stolz zurückgewinnen, wenn ich mich zu einem Schritt entschließen könnte. Ich bin stark genug, um Widerstand zu leisten; ich habe nicht die Kraft, mich zu bewegen.
LYRA: Ich sehe die Sphinx von Ägypten!
ASTRAEA: Und die ganze Zeit bin ich eine Fabrik für Schießpulver in diesem ruhigen, altmodischen Sabbatkreis aus lieben, guten Seelen mit ihren stereotypen Einwürfen und ihrem Orchester der Begeisterungen; ihren feingliedrigen Empfindlichkeiten: der Freude, die sie in ihrer allgemeinen Übereinstimmung über alle erschaffenen Dinge finden. Für sie ist es erholsam. Mich stachelt es an, vor Räumen und Stühlen und Betten und Häusern zu fliehen. Ich schlafe kaum ein paar Stunden. Dann hinaus in die frühe Morgenluft, fort mit den Vögeln; ich kenne kein anderes Vergnügen.
LYRA: Krankenhausarbeit zur Abwechslung: zivil oder militärisch. Ersteres beinhaltet den Assistenzarzt: letzteres den dankbaren Leutnant.
ASTRAEA: Nicht, wenn eine Frau widerstehen kann... Ich begegne dem panzergeschützt.
LYRA: Was sagt die Dame dazu?
ASTRAEA: Seufzt über mich! Es macht einen nur ein wenig wahnsinnig, das zu hören.
LYRA: Wenn wir fühlen, dass wir die Kraft von Riesen haben, und uns geheißen wird, dazusitzen und zu lächeln! Du solltest ihr gegenüber einige unserer alten, süß-unschuldigen Gartenflüche herausposaunen – „Nelke! Dame!“ Das brachte sie früher dazu, auf ihrem Sitz zu tanzen. – „Aber, liebste Dame, es ist ein ebenso natürlicher Impuls für Frauen, diese Erleichterung zu haben, wie für Männer; und die Natur muss raus, Begonie! Das muss sie!“ Wir liefen das ganze Buch der Botanik für teuflische Beschimpfungen durch. Ich glaube wahrhaftig, unser Fehlverhalten führte dazu, dass wir dem guten Mann am Altar als das richtige Korrektiv übergeben wurden. Und du warst die schlimmste Übeltäterin.
ASTRAEA: War ich das? Ich könnte es jetzt sein, obwohl ich ein so verändertes Geschöpf bin.
LYRA: Du genießt die Studien mit deinem Spiral, komm!
ASTRAEA: Professor Spiral ist der einzige ehrliche Gentleman hier. Er zollt meinen Prinzipien Tribut. Ich bin nie von ihm belästigt worden: keine albernen Anspielungen oder Seitenblicke – du weißt schon, der Hund am verbotenen Knochen.
LYRA: Ein großer Redner.
ASTRAEA: Das ist er. Du fixierst dich auf die kleinsten seiner Gaben. Er ist intellektuell und moralisch überlegen.
LYRA: Lob dieser Art lässt mich eher dazu neigen, seine Unterlegenen zu bevorzugen. Er fraß sich gierig an deinen Weihrauchwolken satt. Ich hustete und scharrte auf dem Kies; ganz vergeblich; er klopfte nach immer mehr.
ASTRAEA: Professor Spiral ist ein Denker; er ist ein Weiser. Er gibt den Frauen, was ihnen gebührt.
LYRA: Und er ist auch ein Junggeselle – oder folglich.
ASTRAEA: Wenn du willst, kannst du so verspielt mit mir sein, wie die Lyra unserer Mädchenjahre es zu sein pflegte. Meine Liebe, meine Liebe, wie froh bin ich, dich hier zu haben! Du erinnerst mich daran, dass ich einst ein Herz hatte. Es wird wieder schlagen, wenn du an meiner Seite bist, und ich werde von dir Schutz erwarten. Eine neuartige Bitte von meiner Seite. Vor Belästigung, meine ich. Es hat meinen Charakter völlig verändert. Manchmal habe ich Angst, daran zu denken, was ich war, damit ich nicht plötzlich herumtolle und Pirouetten drehe und „Nelke!“ rufe. Da ist die Glocke. Wir dürfen nicht zu spät kommen, wenn der Professor sich herablässt, an den Mahlzeiten teilzunehmen.
LYRA: Das klingt gesund beim Professor.
ASTRAEA: Arm in Arm, meine Lyra.
LYRA: Noch kein Pluriel!
(Sie betreten das Haus, und die Zeit wechselt zum Abend desselben Tages. Der Schauplatz ist immer noch der Garten.)
SZENE VI
ASTRAEA, ARDEN
ASTRAEA: Verzeih mir, wenn ich dich nicht gut höre.
ARDEN: Ich werde dich nicht einmal für barbarisch halten.
ASTRAEA: Das bin ich. Ich bin das Ziel der Jagd.
ARDEN: Der Jäger durchstreift dann den Wald, und nicht du.
ASTRAEA: In jedem Augenblick bin ich gezwungen zu rennen, Oder mich zur Wehr zu setzen: Wie kann ich anders Als barbarisch sein? Du bist die Ursache.
ARDEN: Nein: Der Himmel, der dich schön machte, ist die Ursache.
ASTRAEA: Sag, die Erde, die dir Instinkte gab. Bring mich herunter Zu Instinkten! Wenn ich zufällig eine Weile mit Unserem Professor spreche, erscheinst du in Eile, Mit lautem Geschrei, um den fehlenden Hasen wieder zu sichten. Weg mit den Ideen! Alles, was göttlich ist, flieht! Ich muss daran denken, wie jung du bist.
ARDEN: Du hast nur vier Jahre zu mir aufzuschauen, Anstatt vierzig!
ASTRAEA: Sir?
ARDEN: Das ist mein Unglück! Und schlimmer noch, jung, liebe ich wie ein junger Mann. Könnte ich doch das Feuer löschen, ich könnte Die Jugendlichkeit verbergen, die dich so sehr kränkt.
ASTRAEA: Ich wünschte, du würdest es. Ich wünsche es inständig.
ARDEN: Unmöglich. Ich brenne.
ASTRAEA: Du solltest nicht brennen.
ARDEN: Es ist mehr als ich. Es ist Feuer. Es bezwingt den Willen. Du würdest nicht sagen „ich sollte nicht“, wenn du Feuer kennen würdest. Es ergreift. Es verschlingt.
ASTRAEA: Trockenes Holz.
ARDEN: Kalter Verstand! Wie kalt du sein kannst! Aber sei kalt, denn süß Musst du sein. Und deine Augen sind mein: mit ihnen Sehe ich mich selbst: unwürdig, den Platz zu usurpieren, Den ich einen Moment innehabe. Während ich schaue, Habe ich mein Glück.
ASTRAEA: Du solltest höher schauen.
ARDEN: Durch dich zum Höchsten. Nur durch dich! Durch dich Ist das Ziel, das ich erreichen mag, sichtbar, Und ich habe die Kraft, davon zu träumen, es zu gewinnen. Du bist der Bogen, der den Pfeil beschleunigt: du Das Glas, das die Ferne nahe bringt. Meine Welt Ist leuchtend durch dich, rein himmlisch, Aber sie hängt am äußeren Blatt der Rose, Nicht neben ihrem Herzen. Astraea! meine eigene Geliebte!
ASTRAEA: Wir können ausgezeichnete Freunde sein. Und ich habe Fehler.
ARDEN: Nenne sie: Ich hungere danach, mehr zu lieben.
ASTRAEA: Ich schwanke sehr beständig: Ich habe Keine Festigkeit des Gefühls oder des Blickes. Ich habe keinen Mut: Ich kann oft vom Wagnis träumen: Wenn ich erwache, bin ich in Furcht. Ich bin unbeständig wie ein Schmetterling, Und flach wie ein Bach mit kleinen Fischen! Seltsame kleine Fische, die das Netz des kleinen Jungen locken, Aber bei einer Berührung sofort abtauchen! Ich gehöre jedem, Und niemandem! Ich bin eitel. Lob meiner Schönheit nistet in meinen Ohren. Die Lerche wirbelt damit empor; die Nachtigall Schluchzt blutend; die Blumen nicken; ich könnte einem Dichter glauben, selbst wenn er mich ins Gesicht lobte.
ARDEN: Nie hatte ein Dichter eine so göttliche Quelle, Aus der er trinken konnte!
ASTRAEA: Habe ich dir mehr zum Lieben gegeben?
ARDEN: Mehr! Du hast mir deinen inneren Geist gegeben, Wo das Gewissen in den Gewändern der Gerechtigkeit Licht So heiter scharf schießt, dass in solchem Licht Schöne Kinder, ich, der ich neu strafbar an der Erde bin, Wie dein Freund Osier sagt, einen Fleck zeigen könnten. Serafine könnten es! Mehr zum Lieben? Oh! diese lieben Fehler Führen dich zu mir wie Truppen lachender Mädchen Mit Girlanden. Die ganze Angst ist, dass du spielst, Indem du sie vortäuschst.
ASTRAEA: Zu welchem Zweck?
ARDEN: Kann ich das erraten?
ASTRAEA: Ich denke, du bist derjenige, der die Note eines Spielers hat. Mein Gehör ist geschärft, und wenn du sprichst, Klingen zwei Stimmen, obwohl du leidenschaftlich sprichst. Dein Osier-Zitat klingt falsch. Hüte dich! Warum warst du heute Morgen von unserem Treffpunkt abwesend?
ARDEN: Ich war auf dem Weg und traf Deinen Onkel Homeware.
ASTRAEA: Ah!
ARDEN: Er liebt dich.
ASTRAEA: Er liebt mich: Er hat es nie verstanden. Er liebt mich als ein Geschöpf der Herde; Ein wenig weißer als manche andere. Ja; er liebt mich, wie Männer lieben; nicht um zu erheben; Nicht um Glauben zu haben; nicht um zu vergeistigen. Für ihn bin ich eine Frau und eine Witwe, Eine aus der Herde, nicht markiert außer durch ein Brandzeichen. Er sagte es! – Du gibst es zu! Du hast gelernt, Seinen Irrtum zu teilen, und irrst dich fatal.
ARDEN: Auf wessen Rat ging ich zu ihm?
ASTRAEA: Auf wessen? Verfolgung, die unaufhörlich schien: Verfolgung. Außerdem habe ich mich seitdem verändert: Ich verändere mich; ich verändere mich; Es ist nur zu wahr, dass ich mich verändere. Ich könnte dich besser achten, Würdest du dich ändern. Und hättest du die edlen Worte heute Morgen Aus dem Mund unseres Professors gehört, wärst du verändert, oder erhoben Über Liebesgedanken, Liebesgerede, und Flammen und Flattern, Hoch wie ewige Schneefelder. Was sagte er sonst, Mein Onkel Homeware?
ARDEN: Dass du nicht frei wärst: Und dass er uns riet, unseren Verstand zu gebrauchen.
ASTRAEA: Aber ich bin frei! Frei, für immer frei zu sein! Meine Freiheit hält mich frei! Er riet uns? Ich bin nicht Teil einer Verschwörung. Ich plane keinen Zwist mit meinem gegenwärtigen Leben. Wer das tut, kann ich nicht als meinen Freund ansehen. Nicht frei? Du kennst mich wenig. Wäre ich angekettet, Für die Freiheit würde ich die Freiheit verkaufen An den, der mir zur Befreiung verhilft. Aber da ich vollkommene Freiheit besitze...
ARDEN: Nein.
ASTRAEA: Guter Herr, Du hältst mich auf?
ARDEN: Vollkommene Freiheit?
ASTRAEA: Vollkommen!
ARDEN: Nein!
ASTRAEA: Bin ich wach? Was blendet mich?
ARDEN: Filamente, Die zartesten, die je um ein Gehirn gewoben wurden Aus den Nebeln des Gehirns, von dem kleinen Geist namens Phantasie. Ein Hauch würde sie zerstreuen; aber dieser eine Hauch Muss von Beseelung kommen. Wenn das Herz Wie ein gefrorenes Meer ist, spinnt das Gehirn Netze.
ASTRAEA: Das ist sehr seltsam! Ich verstehe. Du übersetzt geschickt. Ich höre in Versen Die Prosa meines Onkels Homeware. Er hat diese Vorstellungen. Alte Männer maßen sich an, uns zu lesen.
ARDEN: Junge Männer dürfen das. Du starrst auf ein Ideal, das dich reflektiert, Muss ich sagen, wunderschön? Doch es reflektiert Weniger Schönheit, als die Dame, die ich liebe, Ausatmet, ausstrahlt. Schau dich selbst in mir an. Was schadet es zu starren? Du bist diese Blume, Du bist jener Geist. Aber der Geist, genährt Mit der Substanz der Blume, nimmt all ihre Blüte an! Und wo in Geistern ist die Blüte der Blume?
ASTRAEA: Das ist sehr seltsam. Du hast einen Ton, Der sich völlig verändert hat.
ARDEN: Du wünschtest eine Veränderung. Um dir zu zeigen, wie Ich dich lese...
ASTRAEA: Oh! nein, nein. Das bedeutet Sezierung. Ich habe nie davon gehört, Charakter zu lesen, Was nicht Sezierung bedeutete. Erspare mir das. Ich bin eigensinnig, gewalttätig, launisch, schwach, Gewunden in einem Netz meines eigenen Spinnrads, Eine Sternguckerin, ein Band im Wind...
ARDEN: Ein Banner im Wind! Und mich führst du, Und wirst es tun! Zumindest folge ich, bis ich gewinne.
ASTRAEA: Unterlass es, ich beschwöre dich.
ARDEN: Ich habe Deine Hand in meiner gehabt.
ASTRAEA: Einmal.
ARDEN: Einmal! Einmal! war es; einmal, war das Herz lebendig, Sprang, um das Eis zu brechen. Oh! einmal, war ein Ja, Das über den frostigen Mai lachte wie des Frühlings Rückkehr. Sag, dass du terrorisiert bist: Du wagst nicht zu schmelzen. Du magst mich; du könntest mich lieben; aber es zu wagen, Fordert mehr als Mut. Verehrung, Freunde, Selbstanbetung, was oft Selbstmisstrauen ist, Versperren dir den guten Weg und machen einen Traum Zu einer Festung und einem Gefängnis.
ASTRAEA: Verändert! Du hast dich verändert, Wahrlich. Als du so kühn meine Hand ergriffst, Schien es ein knabenhafter Streich, knabenhaft getan. Ich wunderte mich über Professor Spirals Wahl Von dir als Beispiel, und unsere Hoffnung. Jetzt wirst du gefährlich. Du musst nachgedacht haben, Und einige Dinge sprichst du wahr – außer „terrorisiert“. Es mag schmeichelhaft für die süße Selbstliebe sein, Mich als terrorisiert zu betrachten. – Es ist meine eigene Seele, Mein Herz, mein Verstand, alles, was ich für das Heiligste halte, Nicht die Furcht vor anderen, die mich heißt, fernzubleiben. Wer terrorisiert mich? Wer könnte das? Freunde? Niemals! Die Welt? Ebenso wenig. Terrorisiert!
ARDEN: Verzeih mir.
ASTRAEA: Ich könnte erwidern: Respektiere mich. Wenn ich liebte, Wenn ich so treulos sein könnte zu lieben, Glaubst du, ich würde nicht lieber meine Schande Zur Buße ausposaunen, als Freunde verweilen zu lassen, Getäuscht durch das Bild einer, die dem Übermenschlichen gelobt ist, Die nun zum Gespött der Welt für Dinge geworden ist, die zu menschlich sind.
ARDEN: Du würdest deine Liebe erklären?
ASTRAEA: Ich sagte, meine Schande. Die Frau, die die Witwe ist, ist gefangen, Gefangen in den Schlingen! Weg mit den Witwen! – Oh! Ich höre Männer es rufen.
ARDEN: Aber es gibt keine Schande Für mich darin, zu lieben: Darum darf ich nehmen Deine Freunde zum Zeugen? Ihnen sagen, dass mein Stolz In der Liebe zu dir liegt?
ASTRAEA: Das wird bald bringen Die Stille, die zwischen uns beiden sein sollte, Und mir eher Frieden geben.
ARDEN: Und du stimmst zu?
ASTRAEA: Um des Friedens und der Stille willen stimme ich zu. Du solltest gewarnt sein, dass du sie grausam Stören wirst. Aber es ist das Beste. Du solltest gewarnt sein, Dein Plädoyer wird hoffnungslos sein. Aber es ist das Beste. Du hast meine volle Zustimmung. Wäge deine Handlungen gut ab, Du kannst nicht ruhen, wo du diesen Bolzen ausgeworfen hast. Nimm dir das zu Herzen, und du wirst gehegt, geschätzt, Unter ihnen sein: Sie sind achtungswerte Damen, Die wärmsten Freunde; obwohl du denken magst, sie schweben Zu hochmütig für dein Maß an strengem Sinn (Und als der Schüler meines Onkels Homeware, Sir, In Weltlichkeit, tust du das), sie haben einen gerechten Geist: Wenn du sie erst kennst, wird deine Verbannung dich schmerzen. Ich würde solche Risiken nicht eingehen. Du wirst beleidigen, Nahe daran sein, sie zu kränken; und sie in Unruhe versetzen, Wie sie es nicht von dir verdient haben. Aber ich, In Anbetracht dessen, dass ich nichts auf den Waagschalen bin, Die du ausbalancierst, stimme ich voll und ganz und notwendigerweise Zu. Wenn du es abgewogen hast, lass es mich hören. Mein Onkel Homeware schreitet in Eile diesen Weg. Wir haben lange gesprochen, und in voller Sicht!
SCENE VII
ASTRAEA, ARDEN, HOMEWARE
HOMEWARE: Astraea, Kind! Du, Arden, tritt beiseite. Ja, wenn sie ein Mädchen wäre, könntest du zuerst sprechen, Aber da sie eine Witwe ist, muss sie ihre Zunge finden. Astraea, sie erwarten dich. Stell den Fakt klar, Sobald du befragt wirst, furchtlos. Eröffne die Schlacht mit Artillerie.
ASTRAEA: Was ist los, Onkel Homeware?
HOMEWARE (den Fuchs spielend): Was? Nun, wir haben eure netten Vorbereitungen Den halben Abend von den Fenstern aus beobachtet. Nun lauf hinein. Ihre Geduld ist am Ende, und, wie ich sagte, Fahr das Geschütz aus und gib sofort Feuer. Deine Tanten Virginia und Winifred, Zusammen mit Lady Oldlace, sind die Senatorinnen, Die Dame für Hunde. Sie tragen furchterregende Brauen, Aber erschrick nicht, mein süßes Küken, Und sag ihnen, Onkel Homeware unterstützt deine Wahl, Bei Anwalt und Priestern! bei Altar, Quelle, Und Testament!
ASTRAEA: Meine Wahl! Was habe ich gewählt?
HOMEWARE: Sie fragt? Du hörst sie, Arden? – was und wen!
ARDEN: Sicherlich, Sir!... Himmel! hast du...
HOMEWARE: Sicherlich ist der alte Fuchs, In allem, was ich gelesen habe, weiser als der junge: Und wenn es ein Spiel gibt, das der Fuchs spielen kann, Spielt der alte Fuchs am listigsten.
ASTRAEA: Warum Fuchs? Oh! Onkel, Du lässt mein Herz vor deinem Geheimnis schlagen; Ich habe Rätsel nie geliebt. Warum sitzen sie da, Erwarten mich und sehen schrecklich aus?
HOMEWARE: Es wird von einem alten Volk berichtet, Das Idole verehrte, dass an einem Tag Sein Idol vor ihnen auf dem Boden zerschlug.
ASTRAEA: War je eine so lächerliche Geschichte!
HOMEWARE: Um die begleitenden Feuer zur Rechenschaft zu ziehen, Saßen ihre Ältesten sofort...
ASTRAEA: Gibt es kein Gebet, Das dich bewegen wird, Onkel Homeware?
HOMEWARE: Patentochter, Diesen Gentleman habe ich dir Als Ehemann vorgeschlagen.
ASTRAEA: Arden! Wir sind verloren.
ARDEN: Astraea! Unterstütze ihn! Obwohl ich seinen Plan nicht kannte, Versetzt es mich in den mittleren Himmel. Wäre es doch Nicht du, sondern ich, der den Schock trägt. Meine Liebe! Wir verloren, rufst du; du verbindest mich mit dir verloren! Die Wahrheit springt aus deinem Herzen: und lass sie leuchten, Um uns an unserem brillanten Schlachttag zu leuchten Und Sieg.
ASTRAEA: Wer hat mich verraten!
HOMEWARE: Wer verraten? Deine Stimme, deine Augen, dein Schleier, dein Messer und deine Gabel; Deine zehnfache Verehrung deines Witwentums; Wie der, der sieht, dass er die Flagge aufgeben muss, Umarmt sie schwörend! stroh-erstickend. Um vernünftig zu sein: Du hast diesen Gentleman geschickt, Ihn an mich verweisend...
ASTRAEA: Und das ist falsch. Alles ist falsch. Ihr habt konspiriert. Ich bin entehrt. Aber du wirst lernen, dass du irrtümlich geurteilt hast. Ich bin nicht das schwache Geschöpf, das du dir vorstellst. Zwischen deiner Vision vom Ziel des Lebens und ihrer, Die mich gleich befragen wird, klammere ich mich An ihre als Licht: und deine halte ich für eine Höhle, Wo Seelen kein Wachstum haben können.
HOMEWARE: Aber als wir den Punkt Der Händedrücke berührten, war es doch die richtige Zeit, An Hochzeitsbande zu denken?
ASTRAEA: Arden, adieu!
(Sie stürmt ins Haus.)
SCENE VIII
ARDEN, HOMEWARE
ARDEN: Adieu! sagte sie. Bei ihr ist dieses Wort endgültig.
HOMEWARE: Seltsam! Wie junge Leute Worte wie Wolken blasen Auf Winden, mal fair, mal faul, und wie es ihnen beliebt, Sollten sie dennoch die Schicksale an sie binden.
ARDEN: Sie ist verwundet, Verwundet bis ins Mark!
HOMEWARE: Desto schneller unser Erfolg: denn kurz Davon, fühlen diese Damen, die für alles fühlen, Nichts.
ARDEN: Deine Absicht war freundlich, Lieber Sir, aber du hast mich ruiniert.
HOMEWARE: Gute Nacht. (Geht.)
ARDEN: Doch sie sagte, wir sind verloren, in ihrer Überraschung.
HOMEWARE: Guten Morgen. (Kehrt zurück.)
ARDEN: Ich nehme an, ich bin verpflichtet (Wenn ich sehen könnte, worüber ich froh sein sollte!) Dir zu danken, Sir.
HOMEWARE: Schau hart, aber gib keinen Dank. Ich fand mein Mädchen absteigend auf der Straße Der halsbrecherischen Koketterie und versperrte ihr den Weg. Entweder überspringt sie die Stange, oder sie muss zurück. Das bedeutet, sie heiratet dich oder sagt Lebewohl. (Geht wieder.)
ARDEN: Jetzt ist sie unter ihnen. (Blickt zum Fenster.)
HOMEWARE: Jetzt sieht sie ihren Verstand.
ARDEN: Es ist mein Schicksal, das sie jetzt entscheidet!
HOMEWARE: Es gibt jetzt Spannung auf Erden und um die Sphären.
ARDEN: Sie ist jetzt mein: mein! oder ich bin dem Untergang geweiht.
HOMEWARE: Der Ehering oder der Koffer jetzt!
ARDEN: Lache, wie du willst, Luft! Ich schäme mich nicht, Zu lieben und es zuzugeben.
HOMEWARE: So zeigen es die Symptome. Richtig, junger Mann, und beweist eine gute Zucht. Es zu fördern ist eine Pflicht gegenüber der Menschheit, Und ich habe meinen Stoß gegeben. Aber erinnere dich: Das alte Ilion wurde nicht an einem Tag erobert. (Er betritt das Haus.)
ARDEN: Zehn Jahre! Wenn ich sie am Ende gewinnen darf!
VORHANG
Eine große Rede kann ein Beruhigungsmittel sein Ein männlicher Verehrer ist nur einen Zoll von einem Wunder entfernt Über der Natur, sage ich ihm, oder wir werden weit unter ihr stehen Wie in jeder großen Redekunst! Der Schlüssel dazu ist das Pathos Vom Altar zurückkehrend, um zu entdecken, dass sie sich angekettet hat Cupido mit gestutzten Flügeln ist ein zerstörerischer Parasit Ein Übermaß an Verdienst ist ein Kapitalverbrechen in der Moral Seine Vorstellung von der Ehe ist, die Frau in Gewahrsam zu nehmen Ich bin ein verstimmtes Instrument, ich schwinge nicht bereitwillig Ich mag ihn, ich mag ihn natürlich, aber ich möchte atmen Ich, die den Stand der Ehe achte, indem ich mich weigere Liebe und Krieg wurden verglichen – beide erfordern Strategie Frieden, ich flehe darum, für die vom Ehemann heimgesuchte Ehefrau In einer Lebensphase wird ein Mann zu gefräßig beständig Jämmerliche Einbildung bei Männern Sie freuen sich über ihre gemeinsame Übereinkunft Selbstanbetung, die oft Selbstmisstrauen ist Misstraut allen jungen Männern und den meisten jungen Frauen Ihr Götzenbild vor ihnen auf den Boden geschleudert Wäre ich angekettet, für Freiheit würde ich Freiheit verkaufen Eine Frau, die von ihrem Ideal zur groben Realität des Mannes herabsteigt Deine Hingabe verlangt einen gewaltigen Tausch
VERSCHIEDENE PROSA
INHALT:
EINFÜHRUNG ZU W. M. THACKERAYS „DIE VIER GEORGES“ EINE PAUSE IM STREIT. ZUGESTÄNDNIS AN DEN KELTEN. LESLIE STEPHEN. KORRESPONDENZ VOM KRIEGSSCHAUPLATZ IN ITALIEN BRIEFE, DIE VOM KRIEGSSCHAUPLATZ IN ITALIEN AN DIE ‚MORNING POST‘ GESCHRIEBEN WURDEN.
EINFÜHRUNG ZU W. M. THACKERAYS „DIE VIER GEORGES“
WILLIAM MAKEPEACE THACKERAY wurde am 18. Juli 1811 in Kalkutta geboren, als einziges Kind von Richmond und Anne Thackeray. Den Hauptteil seiner Bildung erhielt er an der Charterhouse, wie wir zu unserem Vorteil wissen. Von dort ging er nach Cambridge, wo er von Februar 1829 bis irgendwann im Jahr 1830 blieb. Den Zitaten und Anspielungen nach zu urteilen, war sein Lieblingsklassiker Horaz, der Auserwählte des achtzehnten Jahrhunderts und im Allgemeinen die Stimme seiner Philosophie in einem wohlhabenden Land. Seine Reise aus Indien gewährte ihm einen Blick auf Napoleon auf der felsigen Insel. In jungen Jahren verneigte er sich ehrfürchtig vor Goethe von Weimar; was ihn jedoch nicht davon abhielt, seine Spuren an der Kränklichkeit von Werther zu hinterlassen.
Er war aus einer äußerst empfänglichen Natur und einem gebietenden gesunden Menschenverstand erbaut. Er war zudem ein ruhiger Beobachter, der „die Ernte eines stillen Auges“ besaß. Aus dieser Kombination mit der Flut von Themen, die in seinem Geist zur Beurteilung gebracht wurden, entstand der vorherrschende Humor, die erzwungene Neigung zur Satire, die eigentümliche kritische Possenhaftigkeit, die in seinen Werken bemerkenswert ist. Seine Parodien, selbst jene, die bis zur Burleske getrieben sind, sind ein Ausdruck von Kritik und wirkungsvoller als die ernste Methode, während sie selten die Grenze der Gerechtigkeit überschreiten. Die „Novels by Eminent Hands“ verfälschen die Originale, die sie übertreiben, nicht. „Sieyes ein Abbé, jetzt ein grausamer Leibgardist“ dehnt das Gesicht des ausgelassenen irischen Romanschriftstellers, ohne ihn zu entstellen; und der geheimnisvolle Besucher des palastartigen Herrenhauses in der Holywell Street deutet Möglichkeiten in der orientalischen Vorstellungskraft des bedeutenden Staatsmannes an, der sich herabließ, die Tatsache durch Fiktion zu erobern. Thackerays Haltung in seinen großen Romanen ist die des gelassen-urbanen Vortragenden, auf Augenhöhe mit einem ausgewählten Publikum, sicher, zu interessieren, über das Bedürfnis hinaus, aufzuregen. Die langsame Bewegung der Erzählung besitzt eine Anmut des Stils, die wie der Tanz des Minuet de la Cour bezaubert: Es ist die Klarheit eines Addison, gewürzt mit dem Salz einer lebendigen Volkssprache; und so groß ist die Wahrscheinlichkeit und der Dialog, dass sie aus dem Mund lebendiger Sprecher zu kommen scheinen. Als auf diese Weise die Charaktere von Vanity Fair herangewachsen waren, wurde ihr Autor zu Recht als einer der Schöpfer unserer Literatur geschätzt; er nahm sofort den Platz ein, den er behalten wird. Mit diesem großen Buch und mit Esmond und The Newcomes gab er der englischen Belletristik einen Namen, der bedeutend, einzigartig und geliebt ist.
Vorwürfe des Zynismus sind gegen alle Satiriker üblich, Thackeray musste sie ertragen. Die soziale Welt, die er betrachtete, zeigte ihm keine Helden, nur hier und da eine schlichte gute Seele, der er auf die unhysterische Art eines englischen Vaters, der einem Sohn auf den Kopf klopft, zugetan war. Er beschrieb seine Welt, wie ein genauer Beobachter sie sah, er konnte nicht unehrlich sein. Keine Seite seiner Bücher offenbart Bosheit oder ein höhnisches Lächeln über die Menschheit. Er wurde durch die Szenen um ihn herum zur satirischen Aufgabe getrieben. Es muss den Moralisten im Satiriker geben, wenn die Satire treffen soll. Der Schlag wird abgeschwächt und die Kunst verletzt, wenn er in den Vordergrund tritt. Aber er wird immer nach vorne drängen, und Thackeray zügelte ihn so gut er konnte, wie ein gutmütiger Polizist. Thackeray mag den Frommen zynisch erschienen sein, indem er ihn von einem Platz auf der Kanzel unter Gemeinden vieler verurteilter Sünder fernhielt. Dass der Moralist ihn besetzt und gedonnert hätte, wenn er uns den vierten der Georges präsentiert hätte, sehen wir, wenn wir lesen, wie er die Bitten einer solch verführerischen Persönlichkeit nach der satirischen Rute zurückwies.
Da er selbst eines der männlichsten, freundlichsten menschlichen Geschöpfe war, war es die Liebe zu seiner Kunst, die ihn der Fehlinterpretation aussetzte. Er leistete zu seiner Zeit treue Dienste. Wenn die schlechten Manieren, die er geißelte, heute in gewissem Maße abgenommen haben, zahlen wir eine Schuld zurück, wenn wir uns daran erinnern, dass wir ihm viel verdanken, und wenn das, was unheilbar scheint, bei uns bleibt, wird ein fortwährendes Lesen seiner Werke zumindest helfen, es zu bekämpfen.
EINE PAUSE IM STREIT--1886
Unsere „Eriniad“, oder Balladenepos der Emanzipation der Schwesterinsel, schließt ihren ersten Fytte für den Sänger, und zwar mit dem Ergebnis, das jene Engländer, die etwas Kenntnis von ihren Mitmenschen haben, voraussahen. Es gibt ausreichende Gründe, warum die Tories immer in der Lage sein sollten, zusammenzuhalten, aber lassen wir ihnen das Verdienst des Zusammenhalts und der Unterordnung unter die Kontrolle. Obwohl sie für ihre eigenen Ziele arbeiteten, gewannen sie die Wertschätzung ihrer Verbündeten, was für sie in den folgenden Kämpfen zählen wird. Ihre Anführer scheinen gesehen zu haben, was für die gegnerische Partei nicht deutlich wahrnehmbar war – dass das Auseinanderbrechen der Liberalen das dauerhafte Abwandern der alten Whigs bedeutet, was die Etablierung einer mächtigen Kraft gegen den Radikalismus mit einem Hauptschlachtruf an das Land einläutet. Sie besitzen taktische Scharfsinnigkeit. Wenn sie etwas zu stolz auf ihren Sieg erscheinen, dann nur, weil sie, wie es sich für sie gehört, nicht nach vorne blicken. Sich über den Gewinn eines Tages zu freuen, ohne klare Aussichten auf den nächsten zu haben, ist kindisch genug. Jeder Tory-Sieg, so lässt sich sagen, ist kaum mehr als eine Pause im Streit, außer wenn das radikale Spiel „die Whigs auszuspielen“ gespielt wird, und die Tories sind nun durch ihre Eingliederung der Letzteren fest daran gebunden, von den heftigen Sprüngen und Kehrtwendungen der Derby-Disraeli-Periode abzusehen. Sie sind durch die neue Kombination so schwer belastet, dass ihr Hans-guck-in-die-Luft, Lord Randolph, wie ein gewöhnlicher Wachtposten im Dienst stehen und seine natürliche Größe messen lassen muss. Sie müssen, unter der Annahme ihres Amtsantritts, selbst um ihre eigenen Wähler zufriedenzustellen, einen Plan vorlegen. Ihre Mehrheit im Haus wird ihn erzwingen.
In diesem Maße ist Mr. Gladstone also nicht besiegt worden. Die von ihm entfachte Frage wird niemals erlöschen, bis der brennbare Stoff zu Asche geworden ist. Aber persönlich trifft er auf eine scharfe Abfuhr. Die Tories mögen darüber gut Hurra schreien. Die Radikalen müssen es zugeben und auf die Gründe dafür hinweisen. Zwischen den Feinden eines Mannes und seinen Freunden entsteht ein grobes Gemälde seines Charakters, das nicht ohne Ähnlichkeit mit der endgültigen Zusammenfassung ist, wenn auch ohne den zu Recht feinen historischen Touch für bestimmte Merkmale. Auf der einen Seite wird er als „Ein-Mann-Macht“ beschimpft; auf der anderen für seine wunderbare Intuition des Volkswillens gelobt. Man kann glauben, dass er kaum diktatorisch marschieren möchte, und ganz sicher war seine Ägyptenpolitik von Schritt zu Schritt ein Missverstehen des Willens des englischen Volkes. Er zog in diesen Wahlkampf, wobei der Finger Ägyptens nicht ineffektiv ein zweites Mal gegen ihn erhoben wurde. Dennoch liest er sein Englisch; er hat auch die fatale Tendenz, Gesetzesentwürfe in der Art eines Jupiters hervorzubringen, der schwanger mit Minerva ist. Er erkannte die Notwendigkeit und das Ergebnis der Notwendigkeit; definierte klar, was kommen musste, und machte sich, mit einem höheren Motiv als der Eitelkeit, der ihn seine Feinde beschuldigen, wenn auch nicht mit solch hohem Rat wie die Weisheit an seinem Ohr, allein an die Arbeit, produzierte den ganzen Entwurf allein und übergab ihn dann seinem Kabinett zur Verdauung, zu sehr in die Sache verliebt, die er gelegt und ausgebrütet hatte, um irgendeine ernsthafte Zergliederung ihres Rahmens zuzulassen. Daher der Bruch. Er arbeitete für die Zukunft, produzierte einen Entwurf für die Zukunft und ist in der Gegenwart gestrandet. Wahrscheinlich kann er nur aus dem Impuls seines Enthusiasmus heraus arbeiten, einsam. Es ist eine Art, Menschen in ihre Schöpfungen überheblich verliebt zu machen. Die Folge wird wahrscheinlich sein, dass Irland sein volles Maß an Gerechtigkeit erhält, um sein Verlangen früher zu stillen, als es von einem vereinigten liberalen Kabinett bekommen hätte, aber zu Kosten sowohl für Irland als auch für England. Währenddessen werden wir ein Unterhaus haben, das unfähig ist, öffentliche Geschäfte zu führen; die Kaufleute, denen die Times pathetisches Beileid für den Verlust ihrer Saison aussprach, werden mehr als eine verlieren; und wir werden spüren, dass wir einen Feind in unserer Mitte haben, bis ein Volk, das langsam denkt, den Rat seiner angeborenen Großzügigkeit eingeholt hat, um der großzügigsten Rasse auf Erden zu vertrauen.
ZUGESTÄNDNIS AN DEN KELTEN--1886
Die Dinge sind außerhalb eines Ameisenhügels ruhig, bis der Stock hineingesteckt wurde. Mr. Gladstones Gesetzentwurf zur Unterstützung einer weiseren Regierung Irlands hat unsere geschäftigen Bürger auf dem Schutt in gegensätzlichen Schwärmen hervorgebracht, und was auch immer gegen ein Gesetz gesagt werden mag, das grob mit vielen sensiblen Interessen umgeht, man fragt sich, ob etwas weniger gewaltsam Beeindruckendes das fleißige England dazu bewegt hätte, diese Frage endlich in den Sinn zu nehmen, als eine Angelegenheit zur Regelung. Der liberale Anführer hat sie auf den Punkt gebracht; und mutwillig, in der Art eines Fußgänger-Demagogen, denken manche; sicherlich zur Beunruhigung der Bequemen und der kurzsichtigen Geschäftigen, die es vorziehen, mit einer Krankheit im Körper weiterzuleben, anstatt sich überhaupt rühren zu lassen. Sie können, wie wir sehen, eine positive Wahlverweigerung aussprechen; doch selbst sie, nach den achtzig und mehr Jahren unserer häuslichen Verwirrung, angesichts der achtzig und mehr Mitglieder, die sich für Home Rule verpflichtet haben, wurden zu aufgeregten Anfragen bezüglich Maßnahmen bewegt – jenseits des anstößigen Gesetzes. Wie sehr wir darunter leiden, den eitlen Weihrauch des Wortes „praktisch“ zu schnuppern, ist Verachtung der Vorsorge! Viele der Maßnahmen, die jetzt als Antwort auf den unruhigen Ruf nach ihnen als bessere Alternative zur Korrektur durch Waffengewalt vorgeschlagen werden, sind vernünftig und gerecht. Vor zehn Jahren, oder zu einem späteren Zeitpunkt vor Mr. Parnells Triumph in der Zahl seiner Anhänger, hätten sie eine Grundlage für die Beschwichtigung des unruhigen Landes gebildet. Die Einrichtung von Grafschaftsräten, die Abschaffung des verhassten Castle, so etwas wie die Einrichtung eines königlichen Wohnsitzes in Dublin, hätten das Werk gut begonnen. Materiell und sentimental waren dies die richtigen Schritte. Sie werden jetzt zu spät vorgeschlagen. Sie werden als kleine Zugeständnisse angesehen, unzureichend und lästig. Die niederen und die höheren Elemente in der Bevölkerung sind durch den Enthusiasmus von Männern verschmolzen, die sich in voller Stärke auf einer Straße, unter einer Flagge, auf den Fersen eines vertrauten Führers marschierend finden; und sie werden nicht länger mit Brocken abgespeist werden. Kleine Zugeständnisse sind Zeichen von Schwäche für die Unzufriedenen; sie stacheln den Appetit an, sie schließen keine Brüche. Wenn unser Ziel, wie wir sagen hören, darin besteht, die Iren zu beschwichtigen, werden wir ihnen das Parlament geben müssen, das ihr Anführer verlangt. Es hätte einmal viel weniger sein können; es kann zu einem tosenden, vielleicht verzweifelten Ringen um noch mehr aufgestachelt werden. Nationen zahlen sibyllinische Preise aus Mangel an Voraussicht. Mr. Parnells Bedingungen sind in Mr. Gladstones Gesetzentwurf enthalten, dem er und seine Bande zugestimmt haben. Der eine Punkt für ihn ist das gesetzgebende Parlament, damit Irland sich zivil regieren kann; und vor der Welt als Repräsentant seines Landes stehend, richtet er sich an ein applaudierendes Publikum, wenn er das völlige Versagen Englands bei diesem Regierungsgeschäft als zumindest einen logischen Grund für die Forderung anführt. England hat zugegeben, versagt zu haben; die Welt sagt es, das Land gibt es zu. Wir haben versagt, und nicht, weil der sogenannte Sachse unfähig ist, den Kelten zu verstehen, sondern aufgrund unseres Systems der Herrschaft durch Parteien, das für uns gut genug ist, das aber ständig eine wechselnde Hand an den Zügeln hält und das Geschrei einlädt, das es zu besänftigen hat. Die Iren – und die Engländer auch in gewissem Maße – wurden gelehrt, dass Brüllen in seinen verschiedenen Formen der Trick ist, um die Ohren der Minister zu öffnen. Wir haben sie durch Reizung dazu ermutigt, es zu praktizieren, bis es zu einer Gewohnheit geworden ist, einem erblichen Beruf bei ihnen. Minister haben ihrerseits defensiv die Künste der Verführung übernommen, variiert durch den Einsatz der Polizei. Wir gewöhnten uns an Zeiten des irischen Fiebers. Die Erschöpfung, die darauf folgte, nannten wir Ruhe und hofften, dass sie Früchte tragen würde. Aber wir pflanzten nicht. Die Partei im Amt richtete ihre Aufmerksamkeit auf das, was oberste Priorität hatte und dringend war – auf das, was sie trat. Obwohl wir, wie allgemein anerkannt, mit einer Krankheit im Körper lebten, die in Intervallen ausbrach, eine nationale Entstellung, die immer eine Gefahr darstellte, beschränkte sich die ministerielle Idee, sie zum Zweck der Heilung aufzuhalten, vor der Verabschiedung von Mr. Gladstones wohlgemeintem Landgesetz auf die gelegentliche Entsendung von Kommissionen; und kurz gesagt, wir betrachten durch die Geschichte die irische Krankheit als eine Form der britischen konstitutionellen Gicht. Das Parlament berührte die Iren nur, wenn die Iren als Virus aktiv waren. Unsere späteren Wechsel von Schmeichelei und Unterdrückung tragen schmerzliche Ähnlichkeit mit dem nervösen Anfall von rachitischen Reitern, die Kompromisse mit ihren Reisezielen schließen, damit sie im Sattel bleiben können. Die Schmeichelei war töricht, wenn ein Ziel im Blick war; die Unterdrückung ineffizient. Um effizient zu unterdrücken, müssen wir ein Gewissen ersticken, das uns alter Ungerechtigkeit beschuldigt, und vergessen, dass wir der Freiheit geschworen haben. Die Rufe, die wir nach Cromwell oder Bismarck gehört haben, beweisen die Existenz einer ungeduldigen Fraktion in unserer Mitte, die eher dazu geeignet ist, die Halsbänder jener Herren zu tragen, die sie anrufen, als eine Stimme in die Wahlurne zu werfen. Was die prominenten Politiker betrifft, die ihre Rivalen teilweise aufgrund einer stillschweigenden Billigung dieser Rufe verdrängt haben, werden wir sehen, wie sie die Räte eines regierenden Volkes erleuchten. Sie sind weiser als die bellenden Hunde. Cromwell und Bismarck sind große Namen; aber das Schikanieren Irlands hat es nicht geregelt, und ein Posen zu germanisieren und es Frieden zu nennen, wird nur in der deutschen Zunge ein Echo finden. Posen ist der Fehler eines Meistergeistes, der zu sehr dazu neigt, auf Hindernisse einzuschlagen. Er hat jedoch den Hammer. Kann man ihn sich in englischen Händen vorstellen? Das tapferere Beispiel für die Bewältigung monströser politischer Aufgaben ist Cavour, und er hätte für eine Befriedung nicht auf die eiserne Methode oder das Bajonett hingedeutet. Cavour forderte zur Debatte heraus; er hatte Glauben an den aktiven Intellekt, und das ist die Sache, für die Staatsmänner beten sollten, die dauerhafte Erfolge verbuchen wollen. Die Iren führen, das ist wahr, kein Argument kühl. Mr. Parnell und seine fünfundachtzig haben den konservativen Anführer und seine Anhängerschaft im Unterhaus nicht mit der Ernsthaftigkeit platonischer Disputanten getroffen. Aber sie haben eine logische Position, die den besten Argumenten gleichkommt. Sie sind Vertreter, würden sie sagen, eines Landes, das von uns zugegebenermaßen schlecht regiert wird; und sie haben den Gesetzentwurf des besiegten Ministers als endgültig akzeptiert. Seine Bestimmungen sind ihre Friedensbedingungen. Sie bieten als Gegenleistung für diese Wohltat an, die Last, unter der wir gestöhnt haben, von unseren Schultern zu nehmen. Wenn wir antworten, dass wir sie für unaufrichtig halten, beschuldigen wir diese dreifach akkreditierten Vertreter des irischen Volkes, Heuchler und gerissene Verschwörer zu sein; und viele in England, beeinflusst von den Waffen, die sie benutzt haben, um zu ihrer gegenwärtigen Stärke zu gelangen, denken das auch; vergessend, dass unsere Stumpfheit gegenüber ihren ständigen Appellen sie zu den extremeren Auswegen der Agitation zwang. Dennoch wird kaum bestritten werden, dass diese Männer Irland lieben; und sie haben sich durch ihre Handlungen nicht als wahnsinnig erwiesen. Sie der Verschwörung zur Trennung zu verdächtigen, deutet auf die Vermutung hin, dass sie weder Herzen noch Verstand haben. Für Irland ist Trennung sofortiger Ruin. Es wäre eine sehr kurze Reise für diese Verschwörer, bevor das Schiff unterginge. Die lebenswichtige Notwendigkeit der Union für beide Länder, offensichtlich für das schwächere der beiden, ist ihnen bekannt; und wenn wir nicht unsere Verärgerung des wilden Gesellen wieder aufnehmen, der der Kelte durch einen solchen Prozess werden kann, haben wir keine rationalen Gründe, ihn oder mit ihm als einen Verrückten zu behandeln. Er hat neben seinen Leidenschaften auch scharfen Verstand; und seine Leidenschaften können durch wohlwollende Anziehung gelenkt werden. Dies ist eine Sprache, die vom siegreichen Feind verspottet wird; dennoch spricht sie aus, was die Welt, und sogar das unruhige Amerika, über den irischen Kelten denkt. Mehr davon auf unserer Seite des Kanals wäre nützlich. Die Vorstellung, dass er die Engländer hasst, kommt von seinem fiebrigen Reiben gegen das Geschirr Englands, und wenn er seinen Fiebern unterliegt, ist er in seinen Schreien und Taten ungezügelt. Das gehört zu seiner Natur. Natürlich, wenn wir keinen Glauben an die Tugenden von Freundlichkeit und Vertrauen haben – keinen in Bezug auf den Iren –, zeigen wir ihm seinen Standpunkt, und wir fordern das Ergebnis heraus. Denn die einzige Alternative ist deutlicher Antagonismus, eine Form von Krieg. Mr. Gladstones Gesetzentwurf hat uns an diese definitive Linie gebracht. Da Irland ihm seine Zustimmung gegeben hat, schwörend, dass es dies in gutem Glauben tut und keine geringere Menge akzeptieren wird, ist Frieden nur zu haben, wenn wir den Iren Vertrauen entgegenbringen; wir vertrauen ihnen oder wir zerquetschen sie. Zwischenwege sind nur die Fortsetzung unserer hässlichen Zappeleien im Sumpf; und so zweifelhaft wir die Wahl auf beiden Seiten auch sehen, ein entscheidender Schritt nach rechts oder links wird uns der Welt nicht so beschmutzt, uns selbst nicht so elend ineffizient zeigen, wie wir in dieser Sitzung eines neuen Parlaments erscheinen. Mit seinen fünfundachtzig kann Mr. Parnell, abgesehen von externen Operationen, ob rechtmäßig oder nicht, als eine Art Regenwurm im Haus agieren. Lassen Sie Journalisten Ereignisse beobachten und aufzeichnen: Wenn Mr. Gladstone Humor hat, werden sie noch von Zeit zu Zeit ein eigentümliches Lächeln auf seinem geschlossenen Mund bemerken, wenn der fremde Körper innerhalb des Hauses, von dem er es bis zum Tag eines wärmeren Verständnisses zwischen Iren und Engländern entlastet hätte, um seiner Würde und Fähigkeit zur Geschäftsführung willen, unsere Maschinerie lähmt. Ein geschickt gehandhabter, kohärenter Körper inmitten der flüssigen Gruppen wird spürbar machen, dass Irland eine Nation ist, so natürlich abhängig sie auch sein muss. Wir haben es mit Kräften in der Politik zu tun, und die große Mehrheit der irischen Nationalisten in Irland hat sie zu einer Kraft gemacht.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass Mr. Matthew Arnold in seinen Befürchtungen hinsichtlich der Gefahren, die uns von einem Dubliner Unterhaus drohen könnten, recht hat. Die Erklärungen und neuartigen oder extremen Theorien ließen sich fast im Voraus niederschreiben. Ich meinerseits würde eine größere Gefahr in der vertrauten Haltung der englischen Metropolenpresse und der Öffentlichkeit gegenüber einem Experiment sehen, das sie missbilligen und zu fürchten neigen: die zynischen Kommentare, die Zitate in Anführungszeichen, das mitleidige Achselzucken, die kalte Ironie, das derbe Geplänkel, das drohende Knurren, das scharfe Zuschnappen, die Gelächtersalven. Den Franzosen der Jungen Republik, die man damals noch nicht als anstößig empfand, wurden einige dieser sorglosen Bagatellen übersetzt, und sie fühlten sich gestochen. Wir haben Deutschland ab und zu damit bedacht, bevor Deutschland zur ersten Macht in Europa wurde. Bevor Amerika sich als der größte unter den Riesen erwies, die nicht in Stücke gehen, hatte es, wie die Amerikaner vergebens vergessen, ohne es zu erwähnen, eine Reihe von Peitschenhieben eingesteckt. Es ist gut, Manieren zu lernen, ohne dass sie uns aufgezwungen werden. Es gibt verschiedene Wege, das Experiment zu Fall zu bringen. Wenn das Experiment jedoch versucht wird, sollten wir – in Anbetracht dessen, dass unser Wohlergehen davon abhängt, dass es nicht so scheitert, wie wir gescheitert sind – uns darauf vorbereiten, es herzlich zu beginnen und herzlich zu unterstützen. Nachdenkliche politische Geister betrachten die Maßnahme als einen Rückschritt; doch da sie nur eine Aussicht darauf bietet, dass eine von den Home Rulers akzeptierte Maßnahme es den Iren und Engländern möglicherweise ermöglichen wird, gemeinsam voranzuschreiten, scheint sie das Wagnis eher wert zu sein, als einen Kurs der aussichtslosen Zwietracht zu verfolgen! Was auch immer wir tun oder unterlassen, es birgt jetzt seine offensichtlichen Gefahren, und da dies unmittelbar bevorsteht, mag es die größere von ihnen erscheinen; aber wenn eine Abwägung der Bedingungen es diktiert und das Gewissen es billigt, ist das klügere Vorgehen, das Unerprobte zu versuchen. Unsere Aussichten waren übernatürlich schwarz, mit einer enormen Zunahme an Gefahren, als sich der Urheber unserer Spezies wagemutig aus der Haltung der ‚quatre pattes‘ erhob. Wir meinen, dass wir durch seine Verwegenheit nicht verloren haben. In Zuständen des Zweifels unter drängenden Elementen ist der Instinkt, der zu mutigem Handeln drängt, neben dem männlicheren vermutlich auch der richtige.
LESLIE STEPHEN--1904
Als jene edle Schar gelehrter und fröhlicher Wanderer, die Sunday Tramps, unterwegs war, mit Leslie Stephen an ihrer Spitze, gab es Unterhaltungen, die die Anwesenheit eines Stenografen zu einer Wohltat für das Land gemacht hätten. Eine Pause trat ein bei der Prüfung der Taschenuhr und der Ordnance-Karte des Anführers unter der westlichen Sonne, und es blieb Zeit für den Marsch querfeldein, um den letzten Zug zu erreichen, der in London ein Abendessen bot – um den Preis eines Laufs durch Hecken, über Gräben und Zäune, vorbei an Verboten gegen Hausfriedensbruch, unter dem Verdacht, für ernstere Übeltäter auf der Flucht gehalten zu werden. Der Chef der Tramps hatte ein wunderbares berechnendes Auge bei der Beobachtung von Entfernungen und der Beschaffenheit des Landes, wie er durch seine Entdeckung unerprobter Pässe in den höheren Alpen bewies, und er hatte kein Erbarmen mit kurzatmig hinterherhechelnden Begleitern. Ich habe oft über diesen lebenslangen Studenten und philosophischen Kopf gesagt, dass in ihm das Zeug zu einem großen militärischen Befehlshaber steckte. Er wäre dem Waffenberuf nicht abgeneigt gewesen, wenn man ihn früh für den Dienst gewonnen hätte, ungeachtet seines Abscheus vor Blutvergießen. Er besaß einen hohen, ruhigen Mut, war in einer zweifelhaften Lage nicht aus der Fassung zu bringen und würde zuversichtlich den Ausweg wählen, den er für den besseren hielt. Wir müssen nicht beklagen, dass er von der Soldatenlaufbahn abgekommen ist, obwohl England, wie das Land in letzter Zeit gelernt hat, sich nicht vieler in Uniform rühmen kann, die Führungsqualitäten besitzen. Sein literarisches Werk wird von seinem Leutnant der Tramps rezensiert werden, einem der fähigsten Schriftsteller! --[Frederic W. Maitland.]-- Die Erinnerung daran bleibt bei uns als die tiefgründigste und nüchternste Kritik, die wir in unserer Zeit hatten. Der einzige Stachel darin war eine harmlose humorvolle Ironie, die ab und zu hervorkroch, um sich wie ein pelziges Jungtier zu wälzen, oder wie das gelegentliche Kräuseln auf einem See bei grauem Wetter. Wir haben nichts mehr, das dem gleicht.
Man könnte leicht in die Grube der Lobhudelei fallen, wenn man seine persönlichen und literarischen Qualitäten aufzählt. Es stünde nicht im Widerspruch zum Temperament und den Merkmalen eines so ausgeglichenen Geistes. Er, der Ausgeglichene, ob bei Verurteilung oder Lobpreisung. Unser Verlust eines solchen Mannes ist groß, denn in seinem Gehirn steckte Arbeit, und die Hand war aktiv bis kurz vor dem Zeitpunkt, als sein Atem aufhörte. Der Verlust für seine Freunde kann nur durch eine Vorstellungskraft ersetzt werden, die ihn neben sie herbeizaubert. Das wird keine Aufgabe für diejenigen sein, die ihn gut genug kannten, um seine Sicht der Dinge so zu sehen, wie sie sind, und seinen Ausdruck dafür wiederzubeleben. Bei ihnen wird er weiterleben, trotz des Wortes Lebewohl.
KORRESPONDENZ VOM KRIEGSCHAUPLATZ IN ITALIEN
BRIEFE AN DIE MORNING POST VOM KRIEGSCHAUPLATZ IN ITALIEN VON UNSEREM KORRESPONDENTEN
FERRARA, 22. Juni 1866.
Bevor dieser Brief London erreicht, werden die Kanonen sowohl das Echo des alten Flusses Po als auch das des klassischen Mincio geweckt haben. Die gesamte Truppenmacht von etwa 110.000 Mann, mit der Cialdini den Übergang des erstgenannten Flusses erzwingen will, ist bereits am rechten Ufer des Po konzentriert und wartet ängstlich darauf, dass die letzte Stunde von morgen schlägt und der Befehl zum Handeln gegeben wird. Der Telegraf wird Ihre Leser bereits darüber informiert haben, dass gemäß der Mitteilung, die General Lamarmora am Dienstagabend an das österreichische Hauptquartier sandte, die vom General vor Beginn der Feindseligkeiten festgelegten drei Tage am 23. Juni um Mitternacht ablaufen werden.
Cialdinis Hauptquartier ist seit Mittwochmorgen in dieser Stadt eingerichtet, und der berühmte General, in den das vierte Korps, das er befehligt, und die ganze Nation so großes Vertrauen setzen, hat seine gesamten Kräfte auf vergleichsweise engem Raum konzentriert und ist bereit zum Handeln. Ich glaube daher, dass das rechte Ufer des Po bis morgen durch mehrere Pontonbrücken mit dem Festland der Polesine verbunden sein wird, was Cialdinis corps d’armee ermöglichen wird, den Fluss zu überqueren, und, wie jeder hier hofft, ihn trotz jeder Verteidigung, die die Österreicher leisten mögen, zu überqueren.
Auf meinem Weg in diese alte Stadt traf ich gestern Abend General Cadogan und zwei preußische Offiziere höherer Ränge, die sich inzwischen dem Hauptquartier von Viktor Emanuel in Cremona angeschlossen haben müssen; falls nicht, sind sie inzwischen woandershin versetzt worden, weiter an der Front, in Richtung der Linie des Mincio, an der, dem Anschein nach, das erste, zweite und dritte italienische corps d’armee operieren soll. Der englische General und die beiden oben genannten preußischen Offiziere sollen dem Stab des Königs folgen, der erste als englischer Kommissar, die beiden anderen in gleicher Funktion, ihnen im Rang überlegen.
Man hat mir hier erzählt, dass Cialdini vor seinem Aufbruch aus Bologna eine allgemeine Beratung der Kommandeure der sieben Divisionen abhielt, aus denen sein schlagkräftiges corps d’armee besteht, und dass er ihnen sagte, dass der Fluss trotz der Streitkräfte, die der Feind am linken Ufer des Po zwischen dem Punkt, der Stellata gegenüberliegt, und Rovigo massiert hat, von seinen Truppen überquert werden müsse, ungeachtet der Opfer, die diese wichtige Operation erfordere. Cialdini ist ein Mann, der sein Wort zu halten weiß, und aus diesem Grund habe ich keinen Zweifel, dass er tun wird, wozu er sich bereits entschlossen hat. Ich bin daher zuversichtlich, dass, bevor zwei oder drei Tage vergangen sind, diese 110.000 italienischen Soldaten, oder ein großer Teil von ihnen, das für die Italiener heilige Land Venetien betreten haben werden.
Sobald der Fluss Po von Cialdinis corps d’armee überquert ist, wird er kühn in die Polesine vordringen und sich der Straße bemächtigen, die von Rovigo nach Este und Padua führt. Ein Blick auf die Karte wird Ihren Lesern zeigen, wie sich etwa zwanzig oder dreißig Meilen von der erstgenannten Stadt entfernt eine Hügelkette, die Colli Euganei genannt wird, vom letzten Ausläufer der Julischen Alpen in der Nähe von Vicenza bis sanft abfallend zum Meer hin erstreckt. Da diese Linie gute Positionen bietet, um den Vormarsch einer Armee zu bestreiten, die den Po bei Lago Scuro oder an einem anderen Punkt unweit davon überquert, ist anzunehmen, dass die Österreicher dort Widerstand leisten werden, und ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn Cialdinis erste Schlacht, falls sie vom Feind angenommen wird, auf diesem vergleichsweise schmalen Gelände stattfinden würde, das zwischen Montagnana, Este, Terradura, Abano und Padua liegt. Es ist unmöglich anzunehmen, dass Cialdinis corps d’armee, da es so groß ist, dazu bestimmt ist, den Po nur an einem Punkt des Flusses unterhalb seines Laufs zu überqueren: Es ist äußerst wahrscheinlich, dass ein Teil davon ihn an irgendeinem Punkt oberhalb überqueren sollte, zwischen Revere und Stellata, wo der Fluss an zwei oder drei Stellen nur 450 Meter breit ist. Sollte der italienische General – geschützt durch das gewaltige Feuer der schlagkräftigen Artillerie, über die er verfügt – bei diesen zweifachen Operationen Erfolg haben, könnten die Österreicher, die die Linie der Colli Euganei verteidigen, leicht von den italienischen Truppen umgangen werden, die den Fluss unterhalb von Lago Scuro überquert hätten. Natürlich sind dies bloße Vermutungen, denn niemand, wie Sie sich vorstellen können, außer dem König, Cialdini selbst, Lamarmora, Pettiti und Menabrea, ist mit dem Plan des bevorstehenden Feldzugs vertraut. Im Hauptquartier von Cialdini gab es heute das Gerücht, dass die Österreicher in großer Zahl in der Polesine versammelt seien, insbesondere in Rovigo, einer kleinen Stadt, die sie in letzter Zeit stark befestigt haben, mit der offensichtlichen Absicht, dem Übergang über den Po entgegenzutreten, falls Cialdini ihn bei oder in der Nähe von Lago Scuro versuchen sollte. Um Rovigo herum gibt es große Landstriche mit Sümpfen und Feldern, die von Gräben und Bächen durchschnitten sind, welche, obwohl sie aufgrund der Trockenheit der Jahreszeit [nicht] – wie man vor zwei Wochen allgemein glaubte – leicht überflutet werden können, doch die Operationen, die die Österreicher unternehmen könnten, um den Vormarsch des vierten italienischen corps d’armee aufzuhalten, wohl unterstützen könnten. Der Widerstand gegen das Unternehmen von Cialdini mag seitens der Österreicher sehr stark sein, aber ich bin fast sicher, dass er durch den Eifer der italienischen Truppen und durch das Geschick ihres illustren Anführers überwunden werden wird.
Wie ich Ihnen oben sagte, wurde die Kriegserklärung am Abend des 19. von Oberst Bariola, dem Unterchef des Generalstabs, der von Herzog Luigi von Sant’ Arpino, dem Ehemann der liebenswürdigen Witwe von Lord Burghersh, begleitet wurde, einem österreichischen Major zur Weiterleitung an Graf Stancowick, den österreichischen Gouverneur von Mantua, übergeben. Der Herzog ist der älteste Sohn von Prinz San Teodoro, einem der wohlhabendsten Adligen von Neapel. Trotz seiner hohen Stellung und seiner familiären Bindungen trat der Herzog von Sant’ Arpino, der in der Londoner Modewelt wohlbekannt ist, als Freiwilliger in die italienische Armee ein und wurde zum Ordonnanzoffizier bei General Lamarmora ernannt. Die Wahl eines solchen Gentlemans für die Mission, von der ich spreche, wurde anscheinend mit Absicht getroffen, um den Österreichern zu zeigen, dass der neapolitanische Adel ebenso sehr an der nationalen Bewegung interessiert ist wie die Mittel- und Unterschichten des Königreichs, das einst so schrecklich von den Bourbonen regiert wurde. Der Herzog von Sant’ Arpino ist nicht der einzige neapolitanische Adlige, der seit Ausbruch des Krieges mit Österreich in die italienische Armee eingetreten ist. Um Ihnen die Bedeutung zu zeigen, die diesem pronunciamiento der neapolitanischen Adligen beigemessen werden muss, erlauben Sie mir, Ihnen hier eine kurze Liste der Namen derer zu geben, die sich als einfache Soldaten in den Kavallerieregimentern der regulären Armee eingeschrieben haben: Der Herzog von Policastro; der Graf von Savignano Guevara, der älteste Sohn des Herzogs von Bovino; der Herzog d’Ozia d’Angri, der 1860 emigriert war und vor sechs Monaten nach Neapel zurückkehrte; Marquis Rivadebro Serra; Marquis Pisicelli, dessen Familie Neapel 1860 aus Anhänglichkeit an Franz II. verlassen hatte; zwei Carraciolos aus der historischen Familie, aus der der unglückliche neapolitanische Admiral dieses Namens stammte, dessen Kopf Lord Nelson besser nicht der Grausamkeit der Königin Caroline geopfert hätte; Prinz Carini, der Repräsentant einer illustren Familie aus Sizilien, ein Neffe des Marquis del Vasto; und Pescara, ein Nachkomme jenes großen Generals Karls V., dem der stolze Franz I. von Frankreich in der Schlacht von Pavia sein Schwert übergeben und sich ergeben musste. Neben diesen neapolitanischen Adligen, die sich in letzter Zeit als einfache Soldaten eingeschrieben haben, kann sich die italienische Armee, die jetzt an den Ufern des Po und des Mincio lagert, zweier Colonnas, eines Prinzen von Somma, zweier Barone Renzi, eines Acquaviva, des Herzogs von Atri, zweier Capece, zweier Prinzen Buttera usw. rühmen. Um zur Mission von Oberst Bariola und dem Herzog von Sant’ Arpino zurückzukehren, füge ich einige Details hinzu, die mir heute Morgen von einem Gentleman erzählt wurden, der gestern Abend Cremona verließ und sie aus einer zuverlässigen Quelle hatte. Der Bote von General Lamarmora war angewiesen worden, von Cremona aus in das kleine Dorf Le Grazie weiterzureisen, das an der Linie des Mincio die österreichisch-italienische Grenze markiert.
Am rechten Ufer des Mantua-Sees stand im Jahr 1340 eine kleine Kapelle mit einem wundertätigen Gemälde der Madonna, das von den Leuten des Ortes ‚Santa Maria delle Grazie‘ genannt wurde. Die Bootsleute und Fischer des Mincio, die, wie sie sagten, oft durch die Madonna vor dem sicheren Tod gerettet worden waren – die damals so berühmt war wie die moderne Dame von Rimini, gefeiert für das erstaunliche Kunststück, mit den Augen zu zwinkern –, beschlossen, ihr eine würdigere Bleibe zu errichten.
Daraus entstand das Santuario delle Grazie. Hier, wie in Loretto und anderen heiligen Orten Italiens, findet ein Jahrmarkt statt, auf dem unter einer großen Zahl weltlicher Dinge Rosenkränze, heilige Bilder und andere wundertätige Objekte verkauft werden und erstaunliche Wohltaten zu geringsten Kosten erlangt werden sollen. Da das Santuario della Madonna delle Grazie einen weit verbreiteten Ruf genießt, strömen die Stummen, Tauben, Blinden und Lahmen – kurzum, Menschen, die mit allen Arten von Gebrechen behaftet sind – während des Marktes dorthin, und sie fehlen auch an den anderen Tagen des Jahres nicht. Die Kirche von Le Grazie ist eine der merkwürdigsten Italiens. Nicht dass ihre Architektur bemerkenswert wäre, denn es ist ein italienisches gotisches Bauwerk im einfachsten Stil. Aber der ornamentale Teil des Innenraums ist höchst eigentümlich. Die Wände des Gebäudes sind mit einer doppelten Reihe von lebensgroßen Wachsfiguren bedeckt, die eine Schar von Kriegern, Kardinälen, Bischöfen, Königen und Päpsten darstellen, die – so geht die Geschichte – vorgaben, während ihres irdischen Daseins eine wunderbare Gnade empfangen zu haben. Unter der großen Reihe illustrer Persönlichkeiten gibt es nicht wenige bescheidenere Individuen, deren Geschichte (wenn Sie sie glauben wollen) durch die gemalten Inschriften darunter getreu erzählt wird. Es gibt sogar einen Sträfling, der im Moment des Erhängtwerdens die allmächtige Madonna um Beistand anflehte, woraufhin der Galgenbalken augenblicklich zerbrach und der würdige Individuum der Gesellschaft zurückgegeben wurde – ein sehr zweifelhafter Nutzen alles in allem. Als Oberst Bariola und der Herzog von Sant’ Arpino an diesem Ort ankamen, der nur fünf Meilen von Mantua entfernt ist, wurde ihre Kutsche natürlich vom Kommissar der österreichischen Polizei angehalten, dessen Pflicht es war, die Grenze zu bewachen. Nachdem sie ihm mitgeteilt hatten, dass sie eine Depesche an den Militärgouverneur von Mantua oder an einen von ihm entsandten Offizier zu übergeben hätten, schickte der Kommissar sofort einen berittenen Gendarmen nach Mantua. Kaum waren zwei Stunden vergangen, fuhr eine Kutsche in das Dorf Le Grazie, aus der ein österreichischer Major der Infanterie stieg und sich in eine Holzhütte begab, wo die beiden italienischen Offiziere warteten. Oberst Bariola, der an der österreichischen Militärschule von Wiener Neustadt ausgebildet wurde und 1848 regulär aus dem österreichischen Dienst ausschied, machte den neu angekommenen Major mit seiner Mission vertraut, die darin bestand, die versiegelte Depesche dem kommandierenden General von Mantua zu übergeben und dafür eine ordnungsgemäße Quittung entgegenzunehmen. Die Depesche war an Erzherzog Albrecht, den Oberbefehlshaber der österreichischen Südarmée, adressiert, z. Hd. des Gouverneurs von Mantua. Nachdem der Major die Quittung ausgehändigt hatte, traten die drei Boten in ein höfliches Gespräch ein, währenddessen Oberst Bariola die Gelegenheit ergriff, den Herzog vorzustellen, wobei er absichtlich darauf Wert legte, dass er einer der illustresten Familien Neapels angehöre. Es traf sich, dass der österreichische Major auch in derselben Schule ausgebildet worden war, in der Oberst Bariola erzogen wurde – ein Umstand, an den ihn der österreichische Offizier selbst erinnerte. Kaum waren drei Stunden seit der Ankunft der beiden italienischen Kriegsboten in Le Grazie an der österreichischen Grenze vergangen, waren sie bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier in Cremona, wo während der Nacht das Gerücht kursierte, dass Lamarmora ein Telegramm aus Verona erhalten habe, in dem Erzherzog Albrecht die Herausforderung annahm. Viktor Emanuel, den ich gestern in Bologna sah, traf am Morgen um zwei Uhr in Cremona ein, aber inzwischen muss das Hauptquartier seiner Majestät weiter in Richtung Front, in Richtung des Oglio, verlegt worden sein. Ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn das italienische Hauptquartier bis morgen entweder in Piubega oder Gazzoldo eingerichtet wäre, wenn nicht gar direkt in Goito, einem Dorf, das, wie Sie wissen, die italienisch-österreichische Grenze am Mincio markiert. Die gesamte erste, zweite und dritte italienische corps d’armee sind inzwischen auf jenem vergleichsweise engen Raum konzentriert, der zwischen der Position von Castiglione, Delle Stiviere, Lorrato und Desenzano am Gardasee und Solferino auf der einen Seite; Piubega, Gazzoldo, Sacca, Goito und Castellucchio auf der anderen Seite liegt. Sollen diese drei corps d’armee angreifen, wenn sie das Donnern von Cialdinis Artillerie am rechten Ufer des Po hören? Sind sie dazu bestimmt, den Übergang des Mincio entweder bei Goito oder bei Borghetto zu erzwingen? Oder sind sie dazu bestimmt, Verona einzuschließen, Peschiera zu stürmen und Mantua zu belagern? Das ist mehr, als ich Ihnen sagen kann, denn, ich wiederhole es, die Absichten der italienischen Führer sind in einen Schleier gehüllt, den bisher niemand – die Österreicher eingeschlossen – durchdringen konnte. Eines ist jedoch sicher, und zwar dieses: Wenn die Uhr von Viktor Emanuel die letzte Minute der zweiundsiebzig Stunden markiert, die durch die am Mittwoch von Oberst Bariola dem österreichischen Major in Le Grazie übergebene Erklärung festgelegt wurden, wird das schöne Land, in dem Vergil geboren und Tasso gefangen gehalten wurde, in eine dicke Wolke aus dem Rauch von Hunderten und Aberhunderten von Kanonen gehüllt sein. Hoffen wir, dass Gott auf der Seite des Rechts und der Gerechtigkeit steht, das in diesem bevorstehenden und erbitterten Kampf zweifellos auf italienischer Seite liegt.
CREMONA, 30. Juni 1866.
Das Telegramm wird Sie bereits über die Konzentration der italienischen Armee unterrichtet haben, deren Hauptquartier seit Dienstag von Redondesco nach Piadena verlegt wurde, nachdem der König die benachbarte Villa von Cigognolo als seinen Wohnsitz gewählt hatte. Die Konzentrationsbewegungen der königlichen Armee begannen am Morgen des 27., also drei Tage nach dem blutigen fait d’armes vom 24., das, je nach den Interessen und Leidenschaften der Berichterstatter auf unterschiedliche Weise erzählt und kommentiert, für viele Menschen immer noch ein Rätsel bleibt. Am Ende dieses Briefes werden Sie sehen, dass ich einen kurzen Satz zitiere, mit dem ein österreichischer Major, der jetzt Kriegsgefangener ist, die Ergebnisse des erbitterten Kampfes jenseits des Mincio beschrieb. Dieser Offizier ist einer der wenigen Überlebenden eines Regiments österreichischer Freiwilliger, Ulanen, von denen er selbst zwei Schwadronen befehligte. Die von diesem Offizier abgegebene Erklärung war vollkommen explizit und vermittelt die genaue Vorstellung von der Tapferkeit, die die Italiener in jenem schrecklichen Kampf an den Tag legten. Diejenigen, die dazu neigen, die Vorteile, die die Österreicher am vergangenen Sonntag errangen, zu überschätzen, dürfen nicht vergessen, dass, wenn Lamarmora es für angemessen gehalten hätte, auf dem Halten der Positionen von Valeggio, Volta und Goito zu beharren, die Österreicher ihn nicht hätten daran hindern können. Es scheint, als habe der österreichische Oberbefehlshaber diese Meinung geteilt, denn nachdem seine Armee unter schrecklichen Opfern die Positionen von Monte Vento und Custozza eingenommen hatte, schien es keineswegs so, als hätten die Österreicher damals Anzeichen dafür gegeben, ein aktiveres Kriegssystem einzuführen. Es ist die Aufgabe eines Befehlshabers, dafür zu sorgen, dass nach einem Sieg die Früchte desselben nicht verloren gehen, und aus diesem Grund wird der Feind verfolgt und schikaniert, und es wird ihm keine Zeit zur Neuorganisierung gelassen. Nichts davon geschah nach dem 24. – nichts wurde von den Österreichern getan, um solche Ergebnisse zu sichern. Die Grenze, die die beiden Herrschaftsgebiete trennt, ist heute dieselbe wie am Vorabend der Kriegserklärung. In Goito, in Monzambano und in den anderen Dörfern der äußersten Grenze erfüllen die italienischen Behörden immer noch ihre Pflichten. Nichts hat sich an diesen Orten geändert, außer dass hin und wieder eine österreichische Kavallerieabteilung plötzlich auftaucht, mit dem einzigen Ziel, die Bewegungen der italienischen Armee zu beobachten. Eine dieser Abteilungen, bestehend aus vier Schwadronen des württembergischen Husarenregiments, war heute Morgen um sechs Uhr am rechten Ufer des Mincio vorgerückt, traf auf die vierte Schwadron der italienischen Lancieri di Foggia, wurde zurückgeschlagen und war gezwungen, sich in Unordnung in Richtung Goito und Rivolta zurückzuziehen. In diesem ungleichen Gefecht zeichneten sich die italienischen Lanciers sehr aus, machten einige österreichische Husaren zu Gefangenen und töteten einige weitere, unter denen sich ein Offizier befand. Der gleiche Zustand herrscht in Rivottella, einem kleinen Dorf am Ufer des Gardasees, etwa vier Meilen von den am weitesten vorgeschobenen Befestigungen von Peschiera entfernt. Dort, wie auch anderswo, rückten einige österreichische Abteilungen vor, um die Bewegungen der Garibaldini zu beobachten, die das hügelige Gelände besetzt halten, das sich von Castiglione, Eseuta und Castel Venzago nach Lonato, Salò und Desenzano sowie zu den Gebirgspässen von Caffaro erstreckt. Am letztgenannten Ort gerieten die Garibaldini am Morgen des 28. mit den Österreichern aneinander, und erstere gingen siegreich aus dem Gefecht hervor. Wäre das fait d’armes vom 24., oder die Schlacht von Custozza, wie Erzherzog Albrecht sie nennt, ein großer Sieg für die Österreicher gewesen, warum sollte die kaiserliche Armee in solch einer Untätigkeit verharren? Die einzige Schlussfolgerung, zu der wir kommen müssen, ist einfach diese, dass die österreichischen Verluste so groß waren, dass der Oberbefehlshaber der Armee dazu veranlasst wurde, vorsichtig in der Defensive zu handeln. Wir sind jetzt darüber informiert, dass die Kavallerieangriffe, die die österreichischen Ulanen und die ungarischen Husaren am 24. bei Villafranca gegen die italienischen Reiter der Regimenter Aosta und Alessandria zu bestehen hatten, für erstere so fatal waren, dass eine ganze Division der Kaiser-Kavallerie neu organisiert werden muss, bevor sie wieder ins Feld geschickt werden kann.
Das Regiment der Haller-Husaren und zwei der freiwilligen Ulanen wurden bei jenem schrecklichen Angriff fast vernichtet. Um Ihnen eine Vorstellung von diesem Kavalleriegefecht zu geben, genügt es zu sagen, dass Oberst Vandoni an der Spitze des von ihm befehligten Aosta-Regiments während des kurzen Zeitraums von vier Stunden vierzehn Mal angriff. Die freiwilligen Ulanen des Kaiser-Regiments hatten bereits den Gedanken aufgegeben, das von dem Bataillon gebildete Karree zu durchbrechen, in dessen Mitte Prinz Humbert von Savoyen stand, als sie plötzlich von der leichten Kavallerie aus Alessandria angegriffen und buchstäblich in Stücke gehauen wurden, ungeachtet der langen Lanzen, die sie trugen. Diese Waffe und die weite Uniform, die sie tragen, lassen sie den Kosaken vom Don ähneln. Es gibt einen Umstand, der, wenn ich mich nicht irre, noch nicht von den Zeitungen veröffentlicht wurde, und er ist folgender: Am 25. fand ein Gefecht an einem Ort nördlich von Roverbella statt, zwischen dem italienischen Regiment Novara-Kavallerie und einem Regiment ungarischer Husaren, dessen Name nicht bekannt ist. Dieses Regiment wurde von den Italienern so gründlich in die Flucht geschlagen, dass es bis Villafranca verfolgt wurde und zwei Schwadronen verlor, die hors de combat gesetzt wurden, während das Regiment Novara nur vierundzwanzig berittene Männer verlor. Ich halte es für richtig, dies zu erwähnen, denn es beweist, dass die italienische Armee am Tag nach der blutigen Angelegenheit vom 24. immer noch ein Kavallerieregiment hatte, das bei Villafranca operierte, einem Dorf, das fünfzehn Kilometer von der italienischen Grenze entfernt lag. Ein Bericht, der hier sehr glaubwürdig ist, erklärt, warum die italienische Armee nicht die Vorteile nutzen konnte, die sie aus der Aktion vom 24. hätte ziehen können. Es scheint, dass die Befehle, die in der vorangegangenen Nacht vom italienischen Hauptquartier erteilt wurden, und insbesondere die mündlichen Anweisungen, die Lamarmora und Pettiti den Stabsoffizieren der verschiedenen Armeekorps gaben, von diesen Offizieren entweder vergessen oder missverstanden wurden. Diejenigen, die an Durando, den Kommandeur des ersten Korps, gesandt wurden, scheinen wie folgt gelautet zu haben: Dass er in Richtung Castelnuovo hätte marschieren sollen, ohne jedoch an der Aktion teilzunehmen. Durando, so wird allgemein behauptet, hatte sich strikt an die aus dem Hauptquartier gesandten Befehle gehalten, aber es scheint, dass General Cerale sie zu wörtlich nahm. Nachdem ihm befohlen worden war, auf Castelnuovo zu marschieren, und er feststellte, dass das Dorf stark von den Österreichern gehalten wurde, die seine Division mit einem gewaltigen Feuer empfingen, nahm er sofort an der Aktion teil, anstatt sich auf die Reserve des ersten Korps zurückzuziehen und neue Anweisungen abzuwarten. Wenn dies wirklich der Fall war, ist es offensichtlich, dass Cerale glaubte, der Marschbefehl, den er erhalten hatte, impliziere, dass er angreifen und Castelnuovo in Besitz nehmen sollte, falls dieses Dorf, wie es tatsächlich der Fall war, bereits vom Feind besetzt worden sein sollte. Indem ich diese Tatsache erwähne, fühle ich mich verpflichtet zu bemerken, dass ich dies unter dem vollkommensten Vorbehalt schreibe, denn es würde mir sehr leid tun, General Cerale anzuklagen, einen so wichtigen Befehl missverstanden zu haben.
Ich sehe, dass einer Ihrer führenden Zeitgenossen glaubt, es wäre für den König oder Lamarmora unmöglich zu sagen, welches Ergebnis sie von ihrem schlecht konzipierten und noch schlechter ausgeführten Versuch erwarteten. Das Ergebnis, das sie erwarteten, ist, glaube ich, klar genug; sie wollten das Viereck durchbrechen und ihre Vereinigung mit Cialdini herstellen, der bereit war, in der Nacht des 24. den Po zu überqueren. Dass der Versuch schlecht konzipiert und noch schlechter ausgeführt war, hat weder Ihr Zeitgenosse noch die breite Öffentlichkeit derzeit das Recht zu schlussfolgern, denn niemand kennt bisher mehr als nur unvollkommen die Details des schrecklichen Kampfes. Was jedoch sicher ist, ist, dass General Durando, als er erkannte, dass die Cerale-Division verloren war, alles tat, was er konnte, um ihr zu helfen. Da dies fehlschlug, wandte er sich an seine beiden Adjutanten und sagte kühl zu ihnen:
„Nun, meine Herren, es ist Zeit für Sie, sich zurückzuziehen, denn ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die eine rein persönliche ist – die Pflicht zu sterben.“ Bei diesen Worten galoppierte er an die Front und positionierte sich etwa zwanzig Schritte von einem Bataillon österreichischer Scharfschützen entfernt, die den Hügel hinaufstiegen. In weniger als fünf Minuten wurde sein Pferd unter ihm getötet, und er wurde an der rechten Hand verwundet. Ich brauche kaum hinzuzufügen, dass seine Adjutanten nicht davor zurückschreckten, Durandos Schicksal zu teilen. Sie folgten tapfer ihrem General, und einer, der Marquis Corbetta, wurde am Bein verwundet; der andere, Graf Esengrini, bekam sein Pferd unter sich erschossen. Ich besuchte Durando, der sich jetzt in Mailand befindet, vorgestern. Obwohl ich ihm ein Fremder war, empfing er mich sofort, und als er von der Aktion vom 24. sprach, sagte er nur: „Ich habe die Befriedigung, meine Pflicht getan zu haben. Ich erwarte ruhig das Urteil der Geschichte.“
Angenommen, der Argumentation halber, dass General Cerale die Befehle, die er erhalten hatte, missverstanden habe und dass er durch die Beschleunigung seiner Bewegung das gesamte Durando-Korps in denselben Fehler hineingezogen habe – angenommen, sage ich, dies sei die richtige Version, so kann man leicht die Tatsache erklären, dass keine der beiden streitenden Parteien bisher in der Lage ist, die Aktion vom 24. klar zu beschreiben. Warum haben weder die eine noch die andere die gesamten Kräfte, die ihnen zur Verfügung gestanden hätten, eingesetzt und zur Aktion gebracht? Warum so viele Teilgefechte in großer Entfernung voneinander? Mit einem Wort, warum dieser Mangel an Einheit, der meiner Meinung nach das herausragende Merkmal jenes blutigen Kampfes bildete? Ich mag mich sehr irren, aber ich bin der Meinung, dass weder der italienische Oberbefehlshaber noch der österreichische Erzherzog in der Nacht des 23. den Gedanken hegte, am 24. eine Schlacht zu liefern. Dort, und nur dort, liegt das ganze Geheimnis der Angelegenheit. Der völlige Mangel an Einheitlichkeit des Handelns seitens der Italiener sicherte den Österreichern nicht den Sieg, aber die Chance, Lamarmoras Versuch, das Viereck zu durchbrechen, unmöglich zu machen. Das kann niemand leugnen; aber andererseits, wenn die italienische Armee ihr Ziel nicht erreichte, war das Scheitern – dank der Tapferkeit, die sowohl die Soldaten als auch die Generäle an den Tag legten – weit davon entfernt, ein katastrophales oder irreparables zu sein. Die Italiener kämpften von drei Uhr morgens bis neun Uhr abends wie Löwen und zeigten ihren Feinden und Europa, dass sie ihr Land zu verteidigen wissen und dass sie des edlen Unternehmens würdig sind, das sie unternommen haben.
Aber lassen Sie mich nun eine der markantesten Episoden jenes denkwürdigen Tages festhalten. Es war fünf Uhr nachmittags, als General Bixio, dessen Division eine erhöhte Position unweit von Villafranca hielt, von drei starken österreichischen Brigaden angegriffen wurde, die gleichzeitig auf drei verschiedenen Straßen hervorgebrochen waren, unterstützt von zahlreicher Artillerie. Ein Offizier des österreichischen Stabes, der ein weißes Taschentuch schwenkte, wurde gesehen, wie er auf die Front von Bixios Position zugaloppierte und ihn, sobald er in Gegenwart dieses Generals war, zur Kapitulation aufforderte. Diejenigen, die Bixio nicht persönlich kennen, können sich keine Vorstellung von dem Eindruck machen, den diese kühne Forderung auf ihn gemacht haben muss. Mir wurde erzählt, dass sein Gesicht, als er das Wort „Kapitulation“ hörte, plötzlich bleich wurde, dann wie Purpur errötete, und er den österreichischen Boten anstarrte und sagte: „Major, wenn Sie es wagen, noch einmal das Wort Kapitulation in meiner Gegenwart auszusprechen, sage ich Ihnen – und Bixio hält immer sein Wort –, dass ich Sie sofort erschießen lasse.“ Kaum hatte der österreichische Offizier den General erreicht, der ihn gesandt hatte, als Bixio, seine Division rasch bewegend, mit solcher Ungestüm auf die österreichische Kolonne fiel, die den Hügel hinaufstieg, dass sie durcheinander ins Tal geworfen wurde, was die größte Verwirrung unter ihrer Reserve verursachte. Bixio selbst führte seine Männer und griff zusammen mit seinen Adjutanten, Cavaliere Filippo Fermi, Graf Martini und Oberst Malenchini, allesamt Toskaner, den Feind tatsächlich an. Mir wurde erzählt, dass Garibaldi beim Hören dieser Episode sagte: „Ich bin überhaupt nicht überrascht, denn Bixio ist der beste General, den ich gemacht habe.“ Sobald der Feind zurückgeschlagen war, erhielt Bixio den Befehl, so zu manövrieren, dass er die Rückzugsbewegung der Armee deckte, die sich ordnungsgemäß und langsam auf den Mincio zurückzog. Unterstützt durch das Zusammenwirken der schweren Kavallerie unter dem Kommando von General Graf de Sonnaz, deckte Bixio den Rückzug und besetzte während der Nacht Goito, eine Position, die er bis zum Abend des 27. hielt.
Infolge der Konzentrationsbewegung der italienischen Armee, die ich zu Beginn dieses Briefes erwähnte, hält das vierte Armeekorps (Cialdinis) immer noch die Linie des Po. Wenn ich richtig informiert bin, wurde das Dekret zur Bildung des vierten Armeekorps gestern vom König unterzeichnet. Dieses Korps ist das von Garibaldi und ist etwa 40.000 Mann stark. Ein Offizier, der gerade aus Mailand zurückgekehrt ist, sagte mir heute Morgen, dass er die Gelegenheit gehabt habe, mit den österreichischen Gefangenen zu sprechen, die von Mailand in die Festung Finestrelle im Piemont geschickt wurden. Unter ihnen war ein Offizier eines Ulanenregiments, der ganz den Anschein erweckte, einer aristokratischen Familie aus Österreichisch-Polen anzugehören. Als er gefragt wurde, ob er glaube, Österreich habe am 24. wirklich die Schlacht gewonnen, antwortete er: „Ich weiß nicht, ob die Illusionen der österreichischen Armee so weit gehen, sie dazu zu veranlassen, zu glauben, sie habe einen Sieg errungen – ich glaube es nicht. Wer Österreich liebt, kann jedoch nicht wünschen, dass sie solche Siege erringen, denn es sind Siege des Pyrrhus!“
Es gibt in Verona ein Element in den österreichischen Kriegsräten, das wir nicht verstehen, das aber ihren Operationen in dieser gegenwärtigen Phase des Feldzugs einen ebenso unsicheren und schwankenden Charakter verleiht, wie er während des Feldzugs von 1859 bestand. Am Freitag sind sie noch jenseits des Mincio, und am Samstag dampft ihre kleine Flotte auf dem Gardasee bis Desenzano hinauf und eröffnet das Feuer gegen diese wehrlose Stadt und ihren Bahnhof, während zwei Bataillone Tiroler Scharfschützen das Gebäude besetzen. Am Sonntag ziehen sie sich zurück, aber gestern früh überqueren sie den Mincio bei Goito und Monzambano und beginnen, zwei Brücken über denselben Fluss zu schlagen, zwischen dem letztgenannten Ort und den Mühlen von Volta. Gleichzeitig errichten sie Batterien bei Goito, Torrione und Valeggio und schieben ihre Erkundungsabteilungen von Husaren bis nach Medole, Castiglione delle Stiviere und Montechiara vor, wobei dieser letztgenannte Ort nur zwanzig Meilen von Brescia entfernt ist. Bevor diese Nachricht mich heute Morgen hier erreichte, war ich eher geneigt zu glauben, dass sie Verstecken spielten, in der Hoffnung, dass die Führer der italienischen Armee durch das Spiel verleitet würden, den allzu überhasteten Angriff auf das Viereck ein zweites Mal zu wiederholen. Diese Nachricht, die ich aus einer zuverlässigen Quelle habe, hat jedoch meine frühere Meinung geändert, und ich beginne zu glauben, dass der österreichische Erzherzog wirklich beschlossen hat, aus den Festungen des Vierecks herauszukommen, und tatsächlich beabsichtigt, den Krieg genau auf den Schlachtfeldern zu beginnen, auf denen sein kaiserlicher Cousin am 24. Juni 1859 geschlagen wurde. Es mag sein, dass die teilweisen Katastrophen, die Benedek in Deutschland erlitten hat, die österreichische Regierung dazu bestimmt haben, ein aktiveres Kriegssystem gegen Italien anzuordnen, oder, wie hier allgemein geglaubt wird, dass die Organisation des Kommissariats bei der Armee, die Erzherzog Albrecht befehligt, nicht perfekt genug war, um eine aktivere und offensivere Aktion zu ermöglichen. Wie dem auch sei, die Tatsache ist, dass die Nachrichten, die hier aus verschiedenen Teilen der oberen Lombardei eingegangen sind, seitens der Österreicher die Absicht zu erkennen scheinen, ihre Gegner anzugreifen.
Gestern, während das friedliche Dorf Gazzoldo – fünf italienische Meilen von Goito entfernt – noch in die Stille der Nacht gehüllt war, wurde es von 400 Husaren besetzt, zur großen Bestürzung der Bevölkerung, die durch das Galoppieren ihrer unerwarteten Besucher aus dem Schlaf gerissen wurde. Der Sindaco, oder Bürgermeister des Dorfes, der der Apotheker des Ortes ist, wurde, wie ich höre, gewaltsam aus seinem Haus geholt und gezwungen, die Österreicher auf der Straße nach Piubega und Redondesco zu eskortieren. Dieser würdige Magistrat, der anscheinend nicht mit genügend Mut ausgestattet war, um zumindest ein halber Held zu sein, war so sehr erschrocken, dass er krank wurde und sich immer noch in einem sehr prekären Zustand befindet. Diese Überfälle werden nicht immer ungestraft begangen, denn letzte Nacht, unweit von Guidizzuolo, fanden sich zwei Schwadronen italienischer leichter Kavallerie – Cavalleggieri di Lucca, wenn ich richtig informiert bin – an einer plötzlichen Biegung der Straße, die von dem letztgenannten Dorf nach Cerlongo führt, fast von Angesicht zu Angesicht mit vier Schwadronen Ulanen wieder. Die Italiener gaben, ohne ihre Feinde zu zählen, ihren Pferden die Sporen und fielen wie ein Donner auf die Österreicher, die nach einem Kampf, der mehr als eine halbe Stunde dauerte, in die Flucht geschlagen wurden und fünfzehn Mann hors de combat sowie zwölf Gefangene auf dem Boden zurückließen.
Während Scharmützel dieser Art im flachen Gelände der Lombardei stattfinden, das zwischen dem Mincio und der Chiese liegt, wurde eine entschiedenere Aktion von dem österreichischen Korps eingeleitet, das im italienischen Tirol und im Veltlin stationiert ist. Vor ein paar Tagen glaubte man allgemein, dass die Mission dieses Korps nur darin bestünde, Garibaldi entgegenzutreten, sollte er versuchen, diese Alpenpässe zu erzwingen. Aber jetzt hören wir plötzlich, dass die Österreicher bereits Meister von Caffaro, Bagolino, Riccomassino und Turano sind, welche Punkte sie befestigen. Diese Tatsache erklärt die letzten Bewegungen, die Garibaldi in diese Richtung gemacht hat. Aber während die Österreicher ihre Truppen in den Tiroler Alpen zusammenziehen, breitet sich die Revolution schnell in den südlicheren Bergen des Friaul und Cadorre aus und bedroht so die Flanke und den Rücken ihrer Armee in Venetien. Diese revolutionäre Bewegung mag noch keine großen Ausmaße angenommen haben, aber da sie die Wirkung eines von vornherein vorgeschlagenen Plans ist, könnte sie wirklich imposant werden, umso mehr, als die Reihen jener italienischen Patrioten täglich durch zahlreiche Deserteure und widerspenstige Männer der venetischen Regimenter der österreichischen Armee angeschwollen werden.
Obwohl der Hauptteil der Österreicher immer noch zwischen Peschiera und Verona konzentriert zu sein scheint, würde es mich nicht wundern, wenn sie den Mincio entweder heute oder morgen überqueren würden, mit dem Ziel, die Höhen von Volta, Cavriana und Solferino zu besetzen, die sowohl durch ihre Lage als auch durch die Beschaffenheit des Bodens an sich Festungen sind. Angenommen, die italienische Armee sollte sich für ein Handeln entscheiden – und es gibt allen Grund zu der Annahme, dass dies der Fall sein wird –, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir, da wir bereits eine zweite Schlacht bei Custozza hatten, eine zweite bei Solferino haben könnten.
Dass im italienischen Hauptquartier etwas beschlossen wurde, das die Vorwärtsbewegung der Armee beschleunigen könnte, schließe ich aus der Tatsache, dass die ausländischen Militärkommissare im italienischen Hauptquartier, die nach dem 24. Juni gegangen waren, um die Muße ihres Lagerlebens in Cremona zu verbringen, plötzlich in Torre Malamberti aufgetaucht sind, einer Villa, die dem Marquis Araldi gehört, wo Lamarmoras Stab untergebracht ist. Ein noch wichtigeres Ereignis ist die Anwesenheit von Baron Ricasoli, den ich gestern Abend auf dem Weg hierher traf. Der Präsident des Rates kam aus Florenz und fuhr, nachdem er einige Stunden in der Villa von Cicognolo angehalten hatte, wo Viktor Emanuel und das königliche Haus wohnen, nach Torre Malamberti, um mit General Lamarmora und Graf Pettiti zu konferieren. Die Anwesenheit des Barons im Hauptquartier ist ein zu wichtiges Ereignis, als dass es von Leuten übersehen werden könnte, deren Aufgabe es ist, den Lauf der Ereignisse in diesem Land zu beobachten. Und es sollte bedacht werden, dass Baron Ricasoli auf seinem Weg zum Hauptquartier einige Stunden in Bologna anhielt, wo er eine lange Unterredung mit Cialdini hatte. Und das ist noch nicht alles; denn die wichtigste Tatsache, die ich heute berichten muss, ist, dass, während ich schreibe (fünf Uhr morgens), drei Korps der italienischen Armee den Oglio an verschiedenen Punkten überqueren – alle drei handeln zusammen und sind auf jedes Vorkommnis vorbereitet. Diese reconnaissance en force kann, wie Sie sehen, in eine reguläre Schlacht münden, sollten die Österreicher den Mincio mit dem Hauptteil ihrer Armee im Laufe der letzten Nacht überquert haben. Sie sehen, dass die Luft um mich herum genug nach Pulver riecht, um die Erwartung von Ereignissen zu rechtfertigen, die wahrscheinlich einen großen Einfluss auf die Sache des Rechts und der Gerechtigkeit ausüben werden – die Sache Italiens.
MARCARIA, 3. Juli, Abend.
Murrays Reiseführer erspart mir die Mühe, Ihnen zu schildern, wie dieses kleine und schmutzige Nest Marcaria aussieht. Der Fluss Oglio fließt genau nach Süden, nicht weit vom Dorf entfernt, und durchschneidet die Straße, die von Bozzolo nach Mantua führt. Er liegt etwa sieben Meilen von Castellucchio entfernt, einer Stadt, die seit dem Frieden von Villafranca die italienische Grenze in Niederlombardei markierte. Auf diesen letztgenannten Ort marschierte heute Morgen die elfte Division der Italiener unter dem Kommando von General Angioletti, der noch vor einem Monat Marineminister im Kabinett Lamarmoras war. Angiolettis Division des zweiten Korps sollte im Falle eines Angriffs von der vierten und achten unterstützt werden, die den Oglio bei Gazzuolo vier Stunden bevor die elfte von dem Ort, von dem ich jetzt schreibe, aufgebrochen war, überquert hatten. Zwei weitere Divisionen bewegten sich ebenfalls in schräger Linie vom Oberlauf des oben genannten Flusses, überquerten ihn auf einer Pontonbrücke und waren angewiesen, ihre Verbindungen mit Angiolettis Division zur Linken aufrechtzuerhalten, während die achte und vierte ihre rechte Flanke bilden sollten. Diese fünf Divisionen bildeten die Vorhut des Hauptheeres der italienischen Armee. Ich bin nicht in der Lage, Ihnen die genaue Linie mitzuteilen, der die vom Oglio aus vorrückende Armee gefolgt ist, aber mir wurde gesagt, dass man, um die Möglichkeit einer Wiederholung der Fehler, die bei der Aktion vom 24. geschahen, zu vermeiden, die drei Korps d'armée angewiesen habe, so zu marschieren, dass sie im Falle eines Aufeinandertreffens mit dem Feind eine kompakte Masse bilden könnten. Entgegen allen Erwartungen durfte Angiolettis Division Castellucchio betreten und besetzen, ohne einen Schuss abzugeben. Als ihre Vorhut den Weiler Ospedaletto erreichte, wurde ihr mitgeteilt, dass die Österreicher Castellucchio während der Nacht verlassen hätten, wobei sie einige Husaren zurückließen, die sich ihrerseits nach Mantua zurückzogen, sobald sie die Kavallerie sahen, die Angioletti zur Erkundung sowohl des Umlandes als auch des Ortes Castellucchio ausgesandt hatte.
Soeben ist hier die Nachricht eingetroffen, dass General Angioletti seine Vorposten bis nach Rivolta auf seiner linken Flanke und noch weiter an seiner Front in Richtung Curtalone vorschieben konnte. Obwohl die Entfernung von Rivolta nach Goito nur fünf Meilen beträgt, konnte Angioletti, wie mir berichtet wurde, nicht feststellen, ob die Österreicher den Mincio mit starken Kräften überquert hatten.
Welche Rolle sowohl Cialdini als auch Garibaldi in dem großen Ringen spielen werden, kann niemand sagen. Es ist jedoch sicher, dass diese beiden populären Anführer nicht untätig bleiben werden und dass eine Schlacht, sollte sie geschlagen werden, die Ausmaße eines fast unerhörten Gemetzels annehmen wird.
GENERALQUARTIER DER ITALIENISCHEN ARMEE, TORRE MALIMBERTI, 7. Juli 1866.
Während der österreichische Kaiser sich zu Füßen des Herrschers von Frankreich wirft – ich wollte fast schreiben, des Schiedsrichters von Europa –, scheinen Italien und seine tapfere Armee die Vorstellung, Venetien als Geschenk einer neutralen Macht zu erhalten, verächtlich zurückzuweisen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Stimmung seit der Bekanntgabe des österreichischen Vorschlags durch den Moniteur eine des Erstaunens und sogar der Empörung ist, soweit es Italien selbst betrifft. Man hört nichts als derartige Äußerungen, in welcher italienischen Stadt man sich auch befinden mag, und die italienische Armee ist natürlich darauf bedacht, dass man ihr nicht nachsagt, sie gebe ihre Aufgabe auf, wenn die Österreicher davon sprechen, sie geschlagen zu haben, ohne zu beweisen, dass sie sie ebenfalls schlagen kann. Es gibt hohe Ehrengründe, die kein Soldat oder General jemals aus humanitären oder politischen Gründen beiseitelegen würde, und mit diesen Erwägungen befindet sich die italienische Armee seit dem 24. Juni vollkommen im Einklang. Auch die Art und Weise, wie der Kaiser den lang umstrittenen Punkt aufzugeben wählte, indem er Italien ignorierte und Frankreich als Partei in der venezianischen Frage anerkannte, erzeugte unter den Italienern große Empörung, deren Zeitungen allesamt erklären, dass dem Land eine neue Beleidigung zugefügt worden sei. Dies ist der Stand der öffentlichen Meinung hier, und sofern durch einen vorzeitigen Waffenstillstand und einen hastigen Friedensvertrag nicht die größten Vorteile erzielt werden, wird es wahrscheinlich dabei bleiben, was nicht zur völligen Sicherheit der öffentlichen Ordnung in Italien beiträgt. Selbstverständlich richten sich alle Augen auf die Villa Pallavicini, zwei Meilen von hier, wo der König darüber zu entscheiden hat, ob er den Rat des französischen Kaisers annimmt oder ablehnt – zwei Entscheidungen, die mit erheblichen Schwierigkeiten und nicht geringer Gefahr behaftet sind. Der König wird den Rat seiner Minister eingeholt haben, darüber hinaus wird derjenige Preußens erbeten und wahrscheinlich auch erteilt worden sein. Die Angelegenheit mag in kürzester Zeit so oder so entschieden werden oder sich über Tage hinziehen, um der öffentlichen Beunruhigung und den Ängsten Zeit zu geben, abzuklingen. In der Zwischenzeit sieht es so aus, als hätten der König und seine Generäle sich entschlossen, das Geschenk nicht anzunehmen. Ein Angriff auf den Brückenkopf von Borgoforte auf der rechten Seite des Po begann am 5. um halb vier Uhr morgens unter der unmittelbaren Leitung von General Cialdini. Das angreifende Korps war das des Herzogs von Mignano. Den ganzen gestrigen Tag über war das Geschütz in Torre Malamberti zu hören, ebenso wie heute Morgen zwischen zehn und elf Uhr. Borgoforte ist eine Festung auf der linken Seite des Po, die eine Brücke über diesen Fluss schlägt, deren rechtes Ende von einem starken Brückenkopf geschützt wird, dem Ziel des gegenwärtigen Angriffs. Dieses Werk kann als zum Viereck gehörig betrachtet werden, da es nur ein vorgeschobener Teil der Festung Mantua ist, welche, auf ihren Rücken gestützt, mit Borgoforte durch eine Militärstraße verbunden ist, die auf der Seite Mantuas von der Festung Pietolo gedeckt wird. Die Entfernung zwischen Mantua und Borgoforte beträgt nur elf Kilometer. Der Brückenkopf ist auf den Po geworfen; seine Struktur ist neueren Datums, und er besteht aus einem zentralen Teil und zwei Flügeln, die Rocchetta beziehungsweise Bocca di Ganda genannt werden. Die hier vorhandene Schleuse ist in das Werk der Rocchetta eingeschlossen.
Seit ich Ihnen meinen letzten Brief schrieb, war Garibaldi gezwungen, von dem Plan abzulassen, Bagolino, Sant’ Antonio und Monte Suello in seinen Besitz zu bringen, nachdem er es in einem vierstündigen Kampf mit einer ganzen österreichischen Brigade zu tun hatte, die von Ulanen, Scharfschützen (fast ein Bataillon) und zwölf Artilleriegeschützen unterstützt wurde. Diese Stellungen wurden später vom Feind geräumt und von Garibaldis Freiwilligen besetzt. In diesem Gefecht erhielt der General eine leichte Wunde am linken Bein, deren Art jedoch so unbedeutend ist, dass einige Tage ausreichen werden, damit er seine aktiven Pflichten wieder aufnehmen kann. Es scheint, dass die Waffen der Österreicher denen der Garibaldiner weit überlegen waren, deren Gewehre einen sehr schlechten Dienst leisteten. Der Verlust der Letzteren belief sich auf etwa 100 Gefallene und 200 Verwundete, Zahlen, bei denen die Offiziere einen großen Anteil ausmachen, da sie während des gesamten Kampfes, beim Stürmen und beim Anspornen ihrer Kameraden, stets an der Spitze ihrer Männer waren. Kapitän-Adjutant-Major Battino, ehemals von der regulären Armee, starb, von drei Kugeln getroffen, während er mit dem ersten Regiment auf die Österreicher zustürmte. Nachdem sie die Linie am Caffaro, die sie nach dem Gefecht von Lodrone wieder besetzt hatten – infolge dessen die Garibaldiner sich wegen der Konzentration nach der Schlacht von Custozza zurückziehen mussten –, aufgegeben hatten, haben sich die Österreicher in die Festung Lardara zurückgezogen, zwischen die Berge Stabolfes und Tenara, womit sie den Weg nach Tione und Trient im italienischen Tirol decken. Das dritte Regiment der Freiwilligen litt am meisten, da zwei seiner Kompanien die Hauptlast des schrecklichen österreichischen Feuers aus formidablen Stellungen zu tragen hatten. Ein weiteres Gefecht fand fast zur gleichen Zeit im Val Camonico statt, d. h. nördlich des Caffaro und der Rocca d’Anfo, Garibaldis Stützpunkt. Dieses Gefecht wurde in gleichen Proportionen geführt, wobei die Italiener einen ihrer tapfersten und besten Offiziere in der Person von Major Castellini verloren, einem Mailänder, Kommandeur des zweiten Bataillons der lombardischen Bersaglieri. Obwohl diese und Major Caldesis Bataillon von Vezza zurückweichen mussten, wurde eine starke Position in der Nähe von Edalo genommen, während im Rücken ein Regiment Breno sicher hielt.
Obwohl Baron Ricasoli erst vor zwei Tagen im Hauptquartier weilte, wurde er plötzlich per Telegramm aus Florenz zurückgerufen und ist, wie ich höre, soeben eingetroffen. Dies ist zweifellos auf die neuen Komplikationen zurückzuführen, insbesondere da in einem vom Baron geleiteten Ministerrat über den gegenwärtigen Stand der Dinge abgestimmt wurde, wobei die Art der Abstimmung noch unbekannt ist. Wie Sie in England sehr wohl wissen, hat Italien großes Vertrauen in Ricasoli, dessen Verhalten, stets fern von Unterwürfigkeit gegenüber dem französischen Kaiser, der Nation gefallen hat. Er gilt in diesem Augenblick als der richtige Mann am richtigen Platz, und mit der großen Kenntnis, die er über Italien und die Italiener besitzt, und mit der Zusammenarbeit eines solch ehrlichen Mannes wie General Lamarmora, kann Italien sowohl gegen Freunde als auch gegen Feinde als sicher bezeichnet werden.
Nach dem, was ich heute Morgen bei meiner Rückkehr von der Front sah, vermute ich, dass morgen etwas, und vielleicht etwas Neues, versucht werden wird. Bisher hatte der vorgeschlagene Waffenstillstand keinen Einfluss auf die Anordnungen im Hauptquartier und brachte die Stimme der Kanonen nicht zum Schweigen. Inmitten von Gerüchten, Hoffnungen und Befürchtungen wurde der Wunsch Italiens, den Krieg fortzusetzen, von seinen vertrauten Anführern bislang befolgt.
HAUPTQUARTIER DES ERSTEN ARMEEKORPS,
PIADENA, 8. Juli 1866.
Während ich beginne, Ihnen zu schreiben, besteht kein Zweifel daran, dass eine Bewegung nicht nur im Hauptquartier geplant ist, sondern tatsächlich für heute vorgesehen ist und dass sie wahrscheinlich gegen die österreichischen Stellungen bei Borgoforte am linken Ufer des Po gerichtet sein wird. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Brückenkopf auf der rechten Seite des Flusses nur von den Geschützen des Generals, des Herzogs von Mignano, angegriffen worden. Es ginge nun im Gegenteil darum, die Verbindungen zwischen Borgoforte und Mantua zu kappen, indem man den unteren Teil des Landes um die letztere Festung besetzt, auf die Valli Veronesi vorrückt und das Viereck nach Venetien hin umgeht. Während wir also auf weitere Nachrichten warten, die uns sagen werden, ob dieser Plan zur Ausführung gebracht wurde und ob er weiterverfolgt wird, ungeachtet der Existenz von Mantua und Borgoforte an seinen Flanken, ist bereits eine große Tatsache festgestellt: dass der von Kaiser Napoleon vorgeschlagene Waffenstillstand nicht angenommen wurde und dass der Krieg fortgesetzt werden soll. Die Österreicher mögen sich in ihren Festungen einschließen oder sogar so entgegenkommend sein, dem König den unbestrittenen Besitz derselben zu überlassen, indem sie auf derselben Linie zurückweichen, auf der ihre Gegner vorrücken; die Verfolgung, wenn nicht das Ringen, der Krieg, wenn nicht die Schlacht, wird von den Italienern fortgeführt werden. In Torre Malamberti, wo sich das Hauptquartier befindet, sah man gestern eine endlose Reihe von Generaloffizieren in alle Richtungen eilen. Ich traf den König, die Generäle Brignone, Gavone, Valfre und Menabrea innerhalb weniger Minuten nacheinander, und Prinz Amadeus, der sich vollständig von seiner Wunde erholt hat, war telegraphisch herbeigerufen worden und wird heute in Cremona eintreffen. Es sind keine präzisen Informationen über die Absichten der Österreicher zu erlangen, aber es bleibt für die italienische Armee und für das Ansehen ihrer Generäle zu hoffen, dass man jetzt mehr über sie weiß, als man am Vorabend des berühmten 24. Juni und an dessen Morgen wusste. Der Heroismus der Italiener an jenem denkwürdigen Tag übertrifft jede mögliche Vorstellung, die man sich machen kann, so wie er auch alle Erwartungen des Landes übertraf. Lassen Sie mich Ihnen einige wenige von vielen heldenhaften Taten berichten, die erst ans Licht kommen, wenn man Gelegenheit hat, mit denen zu sprechen, die Augenzeugen waren, da sie kein Gegenstand vergrößerter Regimentsbefehle oder bislang wohlverdienter Ehrungen sind. Italienische Soldaten scheinen zu denken, die Armee habe nur ihre Pflicht getan und dass sie, wo immer Italiener kämpfen mögen, stets den gleichen Mut und die gleiche Standhaftigkeit zeigen werden. Kapitän Biraghi aus Mailand, der zum Generalstab gehörte, hatte mitten in der Schlacht einen Befehl von General Lamarmora für General Durando erhalten und war auf dem schnellsten Weg zum ersten Armeekorps, das sich langsam vor den überlegenen Streitkräften des Feindes und vor der weit überlegenen Anzahl seiner Geschütze zurückzog, als er, während er unter einem wahren Hagel von Kartätschen und Granaten stand, plötzlich einem österreichischen Kavallerieoffizier gegenüberstand, der auf den italienischen Ordonnanzoffizier gelauert hatte. Der Österreicher feuert seinen Revolver auf Biraghi ab und verwundet ihn am Arm. Unbeirrt greift Biraghi ihn an und bringt ihn zur Umkehr; dann, die Verfolgung aufnehmend, wirft er ihn aus dem Sattel, bekommt aber sein eigenes Pferd unter sich erschossen. Biraghi befreit sich, tötet seinen Gegner und springt auf dessen Pferd. Auch dieses wird jedoch im selben Augenblick von einer Kanonenkugel getroffen, sodass der tapfere Kapitän zu Fuß zurückkehren muss, blutend und kaum noch fähig zu gehen. Wenn man von Heldentum, von unnachahmlicher Ausdauer und Seelenstärke spricht, was halten Sie von einem Mann, dem der Arm durch eine Granate völlig weggerissen wurde und der dennoch fest wie ein Fels im Sattel bleibt und seine Batterie weiter befehligt, bis der Blutverlust – und der Blutverlust allein – ihn schließlich zu Boden streckt, tot! So war es bei einem Neapolitaner – Major Abate von der Artillerie – und sein Name ist den Ruhm eines ganzen Heeres, eines ganzen Krieges wert; und findet vielleicht nur einen würdigen Gefährten in dem eines Offiziers des achtzehnten Bataillons der Bersaglieri, der, auf einen österreichischen Fahnenträger zustürmend, ihm die Standarte mit der linken Hand entreißt, sich diese von einem in der Nähe stehenden österreichischen Offizier sauber abhacken lässt und sofort mit der rechten zugreift, bis seine eigenen Soldaten ihn mit seiner Trophäe wegtragen! Klingt das nicht wie wiederholte griechische Geschichte – sieht es nicht so aus, als wären die tapferen Männer der alten Zeit wiedergeboren und die alten Taten erneuert worden, um vom italienischen Heldentum zu künden? Ein anderer Bersagliere – ein Toskaner namens Orlandi Matteo, der zu jenem heldenhaften fünften Bataillon gehörte, das gegen ganze Brigaden, Regimenter und Bataillone kämpfte und 11 von seinen 16 Offizieren sowie etwa 300 von seinen 600 Mann verlor – Orlandi war bereits verwundet, als er, eine österreichische Fahne bemerkend, eine große Anstrengung unternimmt, auf den Offizier zustürmt, ihn tötet, die Fahne ergreift und sie, fast sterbend, seinem Leutnant übergibt. Er liegt jetzt auf einer Station des San-Domenico-Hospitals in Brescia, und alle, die von seiner Tapferkeit erfahren haben, werden inständig hoffen, dass er überlebt, um als einer der vielen bezeichnet zu werden, die sich an jenem Tag mit Ruhm bedeckten. Wenn es traurig ist, von dem Tod so vieler patriotischer und tapferer Soldaten auf dem Schlachtfeld zu lesen, so ist es noch trauriger zu erfahren, dass nicht wenige von ihnen vom Feind barbarisch ermordet wurden, und zwar zu einem Zeitpunkt, als sie harmlos waren, da sie verwundet am Boden lagen. Der sizilianische Oberst Stalella, ein Schwiegersohn des Senators Castagnetto und ein mutiger Mann unter den mutigsten, wurde von einer Kugel ins Bein getroffen und von seinem Pferd geworfen, während er seine Männer dazu anspornte, die Österreicher zurückzuschlagen, die in großen Massen auf seine ausgedünnte Kolonne drängten. Obwohl sich das Regiment im Rückzug befand, sandte es einige Männer aus, um ihn wegzubringen, doch kaum war er auf eine Trage gelegt worden, musste er wieder abgesetzt werden, da zehn oder zwölf Ulanen herbeigaloppierten und die Männer zwangen, sich in einem Gebüsch zu verstecken. Als die Ulanen den Oberst erreichten und sahen, wie er vor Schmerzen am Boden lag, stießen sie ihm alle ihre Lanzen in den Körper.
Ist das nicht mutwillige Grausamkeit – eine Grausamkeit, ja, eine unerhörte Grausamkeit, die kein Wilder besitzt? Dennoch sind dies Tatsachen, und niemand aus Verona und Wien wird es jemals wagen, sie zu leugnen, denn sie sind ebenso bekannt, wie es bekannt war und gesehen wurde, dass die Ulanen und viele der österreichischen Soldaten betrunken waren, als sie zu kämpfen begannen, und dass sie, als sie aus den Zügen stiegen, mit ihren Rationen und mit Rum versorgt wurden und dass sie ohne ihre Brotbeutel kämpften. Dies ist die Wahrheit, und nichts darüber hinaus wurde zur Ehre der Italiener behauptet, sei es zur Schande oder zum Verdienst ihrer Feinde; sodass sie, während sie bestreiten, österreichische Gefangene schlecht zu behandeln, bereit sind zu erklären, dass ihre eigenen in Verona gut behandelt werden, ohne daran zu denken, zu verleumden und zu diffamieren, wie es die Wiener Zeitungen getan haben.
Heute Morgen traf Prinz Amadeus in Cremona ein, wo ihm von der Bevölkerung und der Nationalgarde ein spontaner und herzlicher Empfang bereitet wurde. Er begab sich sofort auf dem kürzesten Weg zum Hauptquartier, sodass sein Wunsch, wieder an der Front zu sein, wenn etwas unternommen würde, erfüllt wurde. Dieser tapfere junge Mann und sein würdiger Bruder, Prinz Humbert, haben den Beifall ganz Italiens gewonnen, das zu Recht stolz darauf ist, seinen König und seine Prinzen unter den Vordersten auf dem Schlachtfeld zu wissen.
Ich habe soeben aus einer äußerst verlässlichen Quelle erfahren, dass die Österreicher die Brücke von Borghetto am Mincio vermint haben, sodass, sollte sie gesprengt werden, die einzigen zwei, die von Goito und Borghetto, zerstört wären und die Italiener gezwungen wären, stattdessen provisorische zu errichten. Ich höre auch, dass die venezianischen Städte ohne jede Garnison sind und dass höchstwahrscheinlich alle Streitkräfte in zwei Linien massiert sind, eine von Peschiera nach Custozza und die andere hinter der Etsch.
Sie werden wahrscheinlich bis jetzt wissen, dass die Garnison von Wien am 3. nach Prag beordert worden war. Die Nachrichten, die wir aus Preußen erhalten, sind im Großen und Ganzen ermutigend, insofern als der stark gefürchtete Waffenstillstand von König Wilhelm zurückgewiesen wurde. Manche Leute hier denken, dass Frankreich nicht zu hart mit Italien verfahren wird, weil es sein Wort gegenüber seinem Verbündeten gehalten hat, und dass die Hauptlast des französischen Zorns oder Missfallens von Preußen getragen werden muss. Das ist das Mindeste, was sie erwarten kann, wie Sie wissen!
Es ist wahrscheinlich, dass ich Ihnen bis morgen mehr über den italienisch-österreichischen Krieg von 1866 schreiben kann.
GONZAGA, 9. Juli 1866.
Ich schreibe Ihnen aus einer Villa, nur eine Meile von Gonzaga entfernt, die der Familie der Grafen Arrivabene aus Mantua gehört. Die Besitzer haben sie seit 1848 nie wieder betreten, und nur das Kriegsglück hat sie dazu gebracht, ihren schönen Sitz der Aldegatta wiederzusehen, der, so ist für sie zu hoffen, niemals wieder aufgegeben wird. Es ist, wie Sie sehen, "Mutatum ab illo". Vorwärts sind sie also gezogen, die exilierten Patrioten! Vorwärts wird die Nation ziehen, die sie ihr Eigen nennt! Der Wunsch eines jeden, der zurückbleiben muss, ist, dass die Armee, dass die Freiwilligen, dass die Flotte alle zusammenarbeiten und dass sie alle zusammen auf venezianischem Boden landen, um eine große Schlacht zu suchen, um der Armee den Ruhm zurückzugeben, den sie verdient, und dem Land die Ehre, die es besitzt. Der König ist dazu aufgerufen, das edel gegebene Wort zu halten, Novara zu rächen und damit auch den neuen beleidigenden österreichischen Vorschlag. Alles, so heißt es, sei bereit. Die Armee soll zahlreich sein; wenn zahlreich und tapfer zu sein bedeutet, den Sieg zu verdienen, dann sollen die italienischen Generäle beweisen, wozu italienische Soldaten würdig sind. Wenn sie kämpfen werden, wird das Land sie mit den kühnsten Entschlüssen unterstützen – das Land wird eine Diskussion akzeptieren, wann immer die Regierung, nachdem sie alle Ängste zerstreut hat, verkündet, dass der Krieg fortgesetzt werden soll, bis der Sieg auf Italiens Schild geschrieben steht.
Da ich nicht weit von Borgoforte entfernt bin, bin ich in der Lage, mehr zu erfahren, als mir die bloße Stimme der Kanonen verraten kann, und so werde ich Ihnen einige Einzelheiten über den Angriff auf den Brückenkopf geben, der, wie ich Ihnen in einem meiner früheren Briefe mitteilte, am 4. begann. In Borgoforte befanden sich etwa 1500 Österreicher, und in der Nacht vom 5. auf den 6. unterhielten sie von ihren vier befestigten Werken aus ein hinreichend gut aufrechterhaltenes Feuer, dessen Zweck es war, den Feind daran zu hindern, seine Geschütze in Stellung zu bringen. Dieses Feuer verursachte jedoch keinerlei Schaden, und die Italiener konnten ihre Batterien aufstellen. Am frühen 6. begann das Feuern entlang der gesamten Linie, wobei die italienischen 16-Pfünder als erste das Feuer eröffneten. Der rechte Flügel der Italiener wurde von Oberst Mattei, der linke von Oberst Bangoni befehligt, der hervorragende Arbeit leistete, während der andere Flügel nicht so erfolgreich war. Die schwersten Geschütze waren aufgrund eines jener Zwischenfälle, die immer dann eintreten, wenn man sie am wenigsten erwartet, noch nicht eingetroffen, sodass die 40-Pfünder erst später am Tag gegen die Forts eingesetzt werden konnten. Der an den Werken angerichtete Schaden war für den Moment nicht groß, doch hatte man den Vorteil gewonnen, die Stärke der feindlichen Positionen zu ergründen und den richtigen Weg für ihren Angriff zu finden. Die Artilleristen arbeiteten mit großer Energie und wurden erst durch einen unerwarteten Befehl, der gegen zwei Uhr nachmittags von General Cialdini eintraf, zum Aufhören gezwungen. Der Angriff wurde jedoch am folgenden Tag wiederaufgenommen, und der Zustand der Forts Monteggiana und Rochetta kann als prekär bezeichnet werden. Als ein Zeichen der Zeit, und insbesondere der berechtigten Ungeduld, die in Italien hinsichtlich der allgemeinen Richtung der Armeebewegungen herrscht, mag es nicht ohne Bedeutung sein, festzustellen, dass die italienische Presse begonnen hat, gegen das Dunkel zu protestieren, in das alles gehüllt ist, während die Zeit, die seit dem 24. Juni bereits verstrichen ist, deutlich von Untätigkeit zeugt. Es wird bemerkt, dass das bittere Geschenk Österreichs, die venezianischen Provinzen, und das verdächtige Vermittlungsangebot Frankreichs Italien in einem weitaus besseren Zustand hätten vorfinden müssen, sowohl was seine politische als auch seine militärische Lage betrifft. Italien befindet sich im Gegenteil in genau demselben Zustand wie zu dem Zeitpunkt, als Erzherzog Albrecht nach Wien telegrafierte, dass ein großer Erfolg über die italienische Armee erzielt worden sei. Dies sind Tatsachen, und wie stark und achtenswert die Gründe auch sein mögen, so besteht kein Zweifel daran, dass eine außerordentliche Verzögerung bei der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten eingetreten ist und dass die derzeit geplanten Operationen vollkommen geheimnisvoll sind. Hin und wieder dringt etwas nach außen, was nur dazu dient, das anschließende Ausbleiben von Nachrichten immer rätselhafter zu machen. Vorerst ist der erste offizielle Bericht über das unglückliche Gefecht vom 24. Juni veröffentlicht worden und wird dementsprechend ängstlich durchgesehen und eingehend studiert. Es ist eine allgemeine Bemerkung, dass es keiner großen militärischen Kenntnisse bedarf, um zu erkennen, dass ein zu großes Vertrauen in vermeintliche Tatsachen gesetzt wurde und dass das Nachgeben gegenüber Spekulationen und Ideen die Verschwendung so vieler kostbarer Blutopfer verursachte. Die Vorsicht, die die nachfolgenden Bewegungen der Österreicher kennzeichnete, mag durch die Auswirkungen der Maßnahmen ihrer Gegner verursacht worden sein, aber die italienischen Befehlshaber hätten die Verantwortung vermeiden müssen, dem Feind die Wahl der Bewegung zu überlassen.
Es ist klar, dass es zur Besserung der Dinge nicht ausreicht, großzügige und patriotische Rufe auszustoßen, und dass gezeigt werden muss, dass die Kraft des Körpers keineswegs von der Kraft des Geistes übertroffen wird. Es ist auch klar, dass viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn es größere Beweise für Intelligenz seitens derjenigen gegeben hätte, die die Bewegung leiteten.
Die Lage ist nach wie vor sehr ernst. Ein Waffenstillstand, wie General von Gablenz sich herablassen konnte, ihn von den Preußen zu erbitten, wurde verweigert, aber ein anderer, den ihnen der Kaiser der Franzosen zu akzeptieren geraten hat, könnte schließlich Tatsache werden. Für Italien könnte dann auch die rein venezianische Frage beigelegt sein, während die italienische, die nationale Frage, die Frage nach Recht und Ehre, die die Armee so sehr schätzt, weiterhin ihrer Lösung harrte.
GONZAGA, 12. Juli 1866.
Reisen gilt im Allgemeinen als beschwerlich, aber mit und durch Brigaden, Divisionen und Armeekorps zu reisen, kann ich bestätigen, ist beschwerlicher, als es normalerweise angenehm ist. Es ist nicht so, dass italienische Offiziere oder italienische Soldaten in irgendeiner Weise dazu neigen, einem Steine in den Weg zu legen; aber sie haben, zu Ihrem Unglück, die unvermeidlichen Wagen mit den unvermeidlichen Fuhrmännern bei sich, von denen beide ausreichen, um Ihr Blut gefrieren zu lassen, selbst wenn das Barometer sehr hoch steht. Bei ihrer Trägheit, bei ihrer Anzahl und dem Staub, den sie aufwirbelten, dachte ich wirklich, sie würden mich in den Wahnsinn treiben, bevor ich auf meinem Weg von Torre Malamberti Casalmaggiore erreichte. Ich brach vom erstgenannten Ort um drei Uhr morgens bei herrlichem Wetter auf, das mich, der Tradition treu, während meiner gesamten Reise begleitete. Durch San Giovanni in Croce fahrend, wohin das Hauptquartier von General Pianell verlegt worden war, wandte ich mich nach rechts in Richtung des Po und begann eine Vorstellung von der ermüdenden Art der Reise zu bekommen, die ich bis Casalmaggiore vor mir hatte. Auf beiden Seiten des Weges lagerten noch einige Regimenter der Nachhutdivision, und während ich vorbeifuhr, war es höchst interessant zu sehen, wie geschäftig sie damit waren, ihren ‚rancio‘ zu kochen, ihre Waffen zu polieren und das Beste aus ihrer Zeit zu machen. Die Offiziere standen gemächlich herum, starrten mich an und musterten mich, in der Annahme, wie ich dachte, dass ich mit irgendeiner Rolle im Schicksal ihres Landes reiste. Hier und da machten sich einige Soldaten, die gerade die Lazarette von Brescia und Mailand verlassen hatten, auf den Weg zu ihren Einheiten und schüttelten ihren Kameraden die Hand, von denen sie nur Krankheit oder das Kriegsglück getrennt hatten. Sie schienen froh zu sein, ihr altes Zelt, ihre alte Trommel, ihren alten Fahnenunteroffizier und auch die Flagge wiederzusehen, die sie in die Schlacht getragen hatten und um keinen Preis hatten erobern lassen. Ich darf hier en passant erwähnen, dass im ersten Teil des Tages von Custozza nicht weniger als sechs Flaggen vom Feind erbeutet und anschließend beim Rückzug zurückgelassen wurden, während von den Italienern nur eine einzige für einige Minuten an ein Regiment verloren ging, als sie schnell wieder zurückerobert wurde. Diese Tatsache allein sollte ausreichen, um die Tapferkeit zu belegen, mit der die Soldaten am 24. kämpften, und die Tapferkeit, mit der sie kämpfen werden, wenn ihnen, wie sie es sich sehnlichst wünschen, eine neue Gelegenheit gegeben wird.
Solange ich nur Truppen begegnet war, die entweder marschierten oder am Straßenrand lagerten, ging alles gut, aber bald fand ich mich inmitten einer endlosen Schlange von Wagen und dergleichen wieder, die den militärischen und zivilen Tross der marschierenden Armee bildeten. Dann war so viel Geduld nötig, um nicht aus seinem Wagen zu springen und die Carrettieri zu züchtigen, da sie beharrlich keinen Platz machten und gegenüber den Bitten taub wie ein Stein blieben. Wenn man mit einem fertig war, hatte man es mit einem anderen zu tun, und man findet sie alle so eigensinnig und egoistisch, wie sie von einem Ende der Welt bis zum anderen sind, sei es auf der Straße nach Casalmaggiore oder im High Holborn. Von Zeit zu Zeit schienen die Dinge gut voranzugehen, und man glaubte sich frei von weiteren Sorgen, aber man erkannte seinen Irrtum bald, als ein riesiger Munitionswagen direkt in deinen Weg geriet, als sich ein Rad im anderen verfing und der unerschütterliche Signor Carrettiere offensichtlich Gefallen an einer neuen Gelegenheit für Stillstand, Untätigkeit, Trägheit und Schlaf fand. Ich kam bald zu dem Schluss, dass Italien nicht frei sein würde, wenn die Österreicher vertrieben wären, denn dass ein anderer und ein furchtbarerer Feind – ein Feind der Gesellschaft und des Komforts, der Menschen und Pferde, der Menschheit im Allgemeinen – noch geschlagen, vertrieben, vernichtet werden müsste, in Gestalt des Carrettiere. Wenn du ihn beschäftigst, bestiehlt er dich fünfzigmal; wenn du willst, dass er schnell fährt, wird er das Tier sicher ganz am Gehen hindern; wenn du, was noch schlimmer ist, gar nicht an ihn denkst oder gerade von ihm geplündert wurdest, wird er sich nicht einen Zentimeter bewegen, um dir einen Gefallen zu tun. Sicherlich ist die Cholera nicht die einzige Pestilenz, von der ein Land heimgesucht werden kann; und sollte Cialdini jemals nach Wien gehen, könnte er Novara und das Spielberg rächen, indem er die Carrettieri der gesamten Armee mit sich nimmt.
Endlich kam Casalmaggiore in Sicht, und als das Glück und die Fuhrmänner es erlaubten, erreichte ich es. Es war an der Zeit! Kein eisenbeschlagener Jakob hätte eine weitere zweistündige Reise in solcher Gesellschaft ertragen können. In Casalmaggiore bog ich ab. Es gab glücklicherweise zwei Wege, und es bedurfte nicht des geringsten Grundes oder des kleinsten Arguments, um mich denjenigen wählen zu lassen, den mein Cauchemar nicht gewählt hatte. Sie überquerten den Fluss bei Casalmaggiore. Ich fuhr natürlich zu demselben Zweck woanders hin. Jeder Ort war gut genug – so dachte ich zumindest damals. Neue Abenteuer, neues Elend erwarteten mich – irgendein Carrettiere hatte wohl erraten, dass ich weder ein Freund von ihm noch von der ganzen Bande war, und hatte die Jattatura über mich gebracht.
Ich stieg nach vierstündiger Fahrt im Colombina ab, um den Pferden Zeit zum Ausruhen zu geben. Der Albergo della Colombina war eine große Enttäuschung, denn es gab dort nichts zu essen. Ich beschloss, höchst geduldig zu warten, ganz im Gegensatz zu einigen Kavallerieoffizieren, die, ganz mit Staub bedeckt und offensichtlich so hungrig und durstig wie nur möglich, anfingen, nach Herzenslust zu fluchen. Nach einer Stunde wurden einige Eier und etwas Salame, eine Art Wurst, gebracht und schnell verzehrt. Ein junger Leutnant des dreißigsten Infanterieregiments der Brigade Pisa nahm mir gegenüber Platz, und wir waren bald in ein Gespräch vertieft. Er war mitten im schlimmsten Teil der Schlacht von Custozza gewesen und war dem Gefangenwerden durch ein Wunder entgangen. Er erzählte mir, wie sie, als sein Regiment auf die Position Monte Croce vorrückte, die er mir praktisch als die Form eines englischen Puddings beschrieb, von Batterien sowohl an den Flanken als auch von vorne beschossen wurden. Der Leutnant fügte jedoch eher verächtlich hinzu, dass sie sich nicht einmal vor ihnen verneigten, wie es Sitte zu sein scheint – das heißt, sich hinzulegen –, da die Österreicher sehr schlecht feuerten. Das Kreuzfeuer wurde jedoch so gewaltig, dass ein Befehl gegeben werden musste, an der Straße unten zu bleiben, um nicht vernichtet zu werden. Der Angriff wurde geführt, die gesamte Reihe der Positionen wurde eingenommen und auch stundenlang gehalten, bis die unfehlbare Regel von drei gegen einen, unterstützt durch Batterien, Kartätschen und Kanister, sie zum Rückzug zwang, was sie langsam und in Ordnung taten. Damals sagte ihr Brigadekommandeur, Generalmajor Rey de Villarey, der, obwohl gebürtig aus Mentone, es vorgezogen hatte, bei seinem König zu bleiben, anstatt nach der Abtretung zu den Franzosen überzulaufen, zu seinem Sohn, der auch sein Adjutant war, in seinem Dialekt: ‚Nun, mein Sohn, wir müssen beide sterben‘, und mit einem Spornstoß war er bald vor der Linie und auf dem Hügel, wo ihn drei Kugeln fast gleichzeitig trafen und töteten. Das Pferd seines Sohnes stürzte beim Folgen, sein Leben wurde verschont. Mein Leutnant war in diesem Moment so von Hunger und Erschöpfung überwältigt, dass er hinfiel und für tot gehalten wurde. Er war es jedoch nicht und hatte genug Leben, um nach Ende des Gefechts die österreichischen Jäger vorbeiziehen und sich wieder auf ihre ursprünglichen Positionen zurückziehen zu hören, wo ihre Infanterie lag, ohne auch nur einen Moment daran zu denken, die Italiener zu verfolgen. Vier seiner Soldaten – alles Neapolitaner –, die er nach ihm suchen hörte, näherten sich, während die Kugeln noch ringsum zischten; und sobald er ihnen ein Zeichen gab, traten sie heran und trugen ihn auf ihren Schultern zurück dorthin, wo die Überreste des Regiments waren. Es ist höchst anerkennenswert für die italienische Einheit, einen alten piemontesischen Offizier die Rekruten der neuen Provinzen loben zu hören, und der Leutnant erzählte mit Freude, dass ein anderer Neapolitaner im Gefecht neben ihm stand und so schnell er konnte feuerte, als eine Granate in seiner Nähe explodierte; er warf ihr einen verächtlichen Blick zu und versuchte nicht einmal, sich vor der Jattatura zu retten.
Der tapfere Leutnant musste leider schließlich gehen, und ich war vieler interessanter Geschichten und der Gesellschaft eines tapferen Mannes beraubt. Ich machte mich also auf den Weg nach Viadana, wo ich den Po zu überqueren gedachte, dessen linkem Ufer die Straße nun parallel zum Strom folgte. In Viadana fand ich jedoch keine Brücke, da das Militär das, was existierte, erst am Tag zuvor abgerissen hatte, und so musste ich mich nach Informationen umsehen. Als ich unter den Arkaden umherging, die man in fast allen Dörfern dieser Gegend findet, fiel mir ein antikes und schönes Kunstwerk auf – denn das war es –, ein venezianischer Spiegel aus Murano. Er hing an der Wand im Inneren des Stoffladens des Dorfes und wurde mir bereitwillig von dem Besitzer gezeigt, der den Stolz, den er beim Besitz empfand, nicht verbarg. Es war einer jener Spiegel, die man heute selten findet, die einst in den Schlössern und Palästen der alten Fürsten so zahlreich waren. Er wirkte so tief und wahr, und der vergoldete Rahmen war so leicht und von solcher Reinheit und Eleganz, dass es all meiner Entschlossenheit bedurfte, ihn nicht zu kaufen, obwohl ein Geschäft nicht sehr leicht zustande gekommen wäre. Der Spiegel musste jedoch aufgegeben werden, da Dosalo, der nächste Punkt zum Überqueren des Po, noch sieben Meilen entfernt war. Inzwischen war die Sonne in ihrer ganzen Kraft hervor, und die Hitze war keineswegs angenehm. Dann war da noch Staub, als ob die Carrettieri zu Hunderten vorbeigefahren wären, so dass die Hitze fast unerträglich war. Endlich wurde die Fähre bei Dosalo erreicht, der Weg dorthin wurde eingeschlagen, und der Wagen sollte, so dachte ich, sofort eingeschifft werden, als man entdeckte, dass eine Ochsenherde den Vorrang hatte; und so musste ich warten. Dies unter einer solchen Sonne, an einem schattenlosen Ufer und mit der Aussicht, mindestens zwei Stunden dort bleiben zu müssen, war keineswegs angenehm. Es dauerte drei Viertelstunden, die Ochsen auf das Boot zu laden, es dauerte eine halbe Stunde, sie auf das andere Ufer zu bringen, und eine weitere Stunde, um die Fähre zurückzubekommen. Das Panorama vom Ufer aus war herrlich, der Po erschien in all der gewaltigen Macht seiner Wasser, und als man mit dem Glas die Ochsen und Bäume am anderen Ufer betrachtete, schienen sie in alle Farben des Regenbogens gekleidet zu sein, als gehörten sie zu einer anderen Welt. Mehrere Bauern warteten in meiner Nähe auf das Boot, sprachen über den Krieg und die Österreicher und schworen, sie würden, wenn möglich, einige von letzteren vernichten. Ich gab ihnen das Glas zum Durchschauen, und ich bildete mir ein, dass sie noch nie eines gesehen hatten, denn sie hielten es für höchst wunderbar, zu erkennen, wie spät es am Luzzara-Turm war, drei Meilen in gerader Linie auf der anderen Seite. Auch der Revolver war Gegenstand großer Bewunderung, und sie drehten, betasteten und starrten ihn immer wieder an, als könnten sie nicht begreifen, wie die Patronen hineinkamen. Einer dieser Bauern spielte jedoch den Großen vor den anderen, und einmal auf das Thema Geschichte gekommen, erzählte er allen, die zuhören wollten, wie er auf St. Helena gewesen sei, das genau in der Mitte von Moskau liege, wo es so sehr kalt gewesen sei, dass seine Nase so groß wie sein Kopf geworden sei. Der arme Mann vermischte offensichtlich die Geschichte einer Nacht mit der der nächsten, eine Geschichte, die er wahrscheinlich vom alten Sindaco gehört hatte, der gleichzeitig der Schullehrer, der Notar und die höchste Gemeindebehörde am Ort ist.
Ich fuhr schließlich mit ihnen auf der Fähre los. Während der Überquerung kamen sie auf die Priester zu sprechen und waren sich alle, um es milde auszudrücken, einig, extrem wenig von ihnen zu halten, und unterschieden sich nur darin, welche Strafe sie ihnen gerne auferlegen würden.
Auf der Seite, wo wir landeten, lagen Haufen von Munitionsfässern für das Korps, das Borgoforte belagerte. Andere wurden auf Wagen von meinen Freunden, den Carrettieri, transportiert, von denen es beschlossen war, dass ich sie noch einige Zeit nicht loswerden würde. Als ich in Guastalla eintrat, fand ich nur wenige Artillerieoffiziere, die offensichtlich für das verantwortlich waren, was wir unterwegs transportieren sahen. Guastalla ist eine nette kleine Stadt, die sehr stolz auf ihre Statue von Herzog Ferrante Gonzaga ist, und die Croce Rossa ist ein nettes kleines Gasthaus, das stolz auf einen gewandten jungen Kellner sein kann, der tatsächlich entdeckte, dass es besser sei, wenn ich bis zum nächsten Morgen bliebe, da ich nach Luzzara weiterwollte, das einige Meilen entfernt lag. Ich befolgte seinen Rat nicht und war bald unter dem Tor von Luzzara, einem sehr netten kleinen Ort, einst einer der vielen Besitze, wo die Gonzagas einen Hof, einen Palast und ein Schloss hatten. Das Wappen über dem Torbogen ist noch zu sehen und wäre keiner Beachtung wert, wenn nicht wegen eines bemerkenswerten Terrakotta-Werks, das einen Kranz aus Pinien und Pinienblättern in einem wunderbaren Erhaltungszustand darstellt. Das Ganze ist so künstlerisch angeordnet und so natürlich, dass man es für eines von Luca della Robbias Werken halten könnte. Luzzara hat auch einen großen Turm, den ich in der Ferne von Dosalo aus gesehen hatte, und der einzige Albergo am Ort bietet Ihnen ein ausgezeichnetes italienisches Abendessen. Der Wein könnte einen der größten Bewunderer von Sherry erfreuen, und wenn man Ihnen auch keine Federbetten gibt, so sind die Betten zumindest sauber, wie die Zimmer selbst. Da es hier zu dunkel wurde, beschloss ich zu bleiben, ein Entschluss, der mir die Gelegenheit gab, einen der schönsten Sonnenuntergänge zu sehen, die ich je gesehen habe. Als ich vom Albergo aus blickte, konnte ich eine Abstufung der Farben sehen, vom Purpurrot bis zum tiefsten Meeresblau, die wie ein riesiges Zelt aus dem dunklen Grün der Bäume und Felder aufstiegen, hier und da mit kleinen weißen Häusern mit ihren roten Dächern gesprenkelt, während vorne der Luzzara-Turm majestätisch in der Dämmerung aufragte. Als die Stunde später wurde, vertieften sich die Farben, und das untere Ende des riesigen Vorhangs verschwand allmählich, während die Sterne und Planeten hoch oben zu leuchten begannen. Ein Bauer sang auf einem nahe gelegenen Feld, und die Kirchenglocken läuteten in der Ferne. Beides schien wunderbar miteinander zu harmonieren. Es war eine Szene von großer Lieblichkeit.
Um vier Uhr morgens war ich auf, und kurz darauf auf der Straße nach Reggiolo und dann nach Gonzaga. Hier wird die Vegetation üppiger, und jeder Zentimeter Boden trägt zur ungeheuren Weite des Ganzen bei. Die Natur ist hier in voller Vollkommenheit, und da sogar der Telegrafendraht gemächlich von Baum zu Baum herabhängt, anstatt auf Pfählen zu stecken, spürt man, dass der romantische Aspekt des Ortes zu schön ist, um beeinträchtigt zu werden. Alles ist Frieden, Schönheit und Glück, alles offenbart einem, dass man in Italien ist.
In Gonzaga, das noch vor wenigen Tagen den Österreichern gehörte, hängt aus jedem Fenster die italienische Trikolore. Während sich die früheren Herren zurückzogen, rückten die neuen vor; und als eine Abteilung der Monferrato-Lanzenreiter die alte Schlossstadt betrat, schien die Freude der Bewohner fast an Delirium zu grenzen. Die Lanzenreiter zogen jedoch bald ab. Die Flagge bleibt allein.
11. Juli.
Cialdini begann am 8. den Po zu überqueren und setzte an drei Punkten über, d.h. Carbonara, Carbonarola und Follonica. Er begann um drei Uhr morgens und hatte das Überqueren auf den beiden ersten Pontonbrücken gegen Mitternacht am 9. beendet. Die bei Follonica errichtete Brücke war bis sieben Uhr morgens am 10. noch intakt, aber die Truppen sowie der militärische und zivile Tross, die verblieben waren, folgten dem Po, ohne nach Stellata überzusetzen, in der vermuteten Richtung auf Ponte Lagoscuro.
Gestern um sieben Uhr morgens und bis elf Uhr wurden hier in Richtung Legnano, meiner Meinung nach gegen die Etsch zu, Geschütze gehört. Das Feuer war lebhaft und von solcher Art, dass man vermuten konnte, eine Schlacht sei geschlagen worden. Vielleicht haben die Österreicher bei Legnano auf Cialdini gewartet oder sie haben den Übergang über die Etsch bestritten. Rovigo wurde von den Österreichern in der Nacht vom 9. auf den 10. aufgegeben. Sie haben die Festungen von Rovigo und Boara in die Luft gesprengt, den Brückenkopf an der Etsch zerstört und alle Brücken niedergebrannt. Sie versuchen nun vielleicht, sich auf der linken Seite dieses Flusses bis Legnano zu halten, um unter den Schutz des Vierecks zu gelangen; in diesem Fall wäre der Zusammenstoß, sollte Cialdini den Fluss rechtzeitig überqueren können, fast unvermeidlich und ein Grund für das gestrige Feuer. Sie könnten auch mit der Eisenbahn nach Padua fahren, womit sie Cialdini zwischen sich und dem Viereck hätten. Auf jeden Fall, wenn dieser General schnell ist, oder wenn sie nicht gemäß möglicher Anweisungen zu schnell für ihn sind, ist ein Zusammenstoß kaum zu vermeiden.
Baron Ricasoli hat Florenz in Richtung des Lagers verlassen, und es kursieren alle möglichen Gerüchte über den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen, da diese unverkennbar zu existieren scheinen. Die Meinungen sind, so glaube ich, in den hohen Räten der Krone geteilt, und das Land ist immer noch begierig darauf, das Ergebnis dieses Zustands zu erfahren. Ein glänzender Sieg durch Cialdini könnte in diesem Moment so manche Schwierigkeit lösen. So wie es ist, wird der Krieg überall geführt, außer zur See, denn Garibaldis Streitkräfte rücken langsam im italienischen Tirol vor, während die Österreicher hinter den Mauern von Landaro und Ampola auf sie warten. Die Vorposten der Garibaldiner befanden sich nach den neuesten Nachrichten in der Nähe von Darso.
Die Nachrichten aus Preußen sind nach wie vor widersprüchlich; während die italienische Presse einstimmig mit dem Land fordert, dass Cialdini vorrücken, den Feind treffen, bekämpfen und wenn möglich in die Flucht schlagen sollte. Italiens Wünsche sind ganz bei ihm.
NOALE, BEI TREVISO, 17. Juli 1866.
Von Lusia aus folgte ich der Division des Generals Medici nach Motta, wo ich sie verließ, jedoch nicht ohne Bedauern, da man nicht leicht bessere Gefährten finden könnte, so freundlich waren die Offiziere und jovial die Männer. Sie lagern jetzt um Padua und werden morgen nach Treviso marschieren, wo die italienischen leichten Reiter bereits angekommen sind, wenn ich danach urteile, dass sie Noale am 15. verlassen haben. Von rechts höre ich, dass die Vorposten bis Mira an der Brenta, zwanzig Kilometer von Venedig selbst entfernt, vorgedrungen sind und dass das erste Armeekorps sich gegenüber von Chioggia konzentrieren soll. Dieses Korps ist von Ferrara direkt auf Rovigo marschiert, welches die Vorwärtsbewegung des vierten, oder Cialdinis Corps d’armée, von Soldaten geleert hatte. General Pianell hat immer noch das Kommando darüber, und Generalmajor Cadalini, ehemals an der Spitze der Brigade Siena, ersetzt ihn im Kommando seiner früheren Division. General Pianell hat den tapferen Prinzen Amadeus unter sich, der sich vollständig von seiner Brustwunde erholt hat und auf den die Brigade der lombardischen Grenadiere stolzer denn je ist. Sie könnten sich keinen geschickteren Kommandeur, keinen besseren Vorgesetzten und keinen tapfereren Soldaten wünschen. So werden die Truppen, die am 24. Juni kämpften, in der zweiten Linie gehalten, während die noch frischen Divisionen unter Cialdini als erste so schnell sie können vorrücken. Dies ist jedoch von keinem Nutzen. Die italienischen Vorposten an der Piave haben diese noch nicht überquert, aus dem Grund, dass sie Abstände zu ihren Regimentern einhalten müssen, werden dies aber tun, sobald diese näher an den Fluss herankommen. Wäre dies nicht immer so im regulären Kriegswesen, könnten sie das Land jenseits der Piave auf viele Meilen durchstreifen, ohne auch nur den Schatten eines Österreichers zu sehen. Für den einfachen Gemeinen, der nichts von diplomatischen Verwicklungen und politischen Erwägungen weiß, bedeutet dieser plötzliche Rückzug ein fast ebenso plötzliches Zurückweichen, weil er sich erinnert, dass dieses Manöver sowohl den Angriffen auf Solferino als auch auf Custozza durch die Österreicher vorausging. Für den Offizier jedoch bedeutet es nichts anderes als den festen Wunsch, sich der italienischen Armee nicht mehr zu stellen, und so ist es für ihn eine Quelle der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. Er kann den Gedanken nicht ertragen, dass eine weitere Schlacht unwahrscheinlich ist, und man mag ihm verzeihen, wenn er nicht in der besten Stimmung ist, wenn dieses Thema zur Sprache kommt. Dies gilt nicht nur für die Offiziere, sondern auch für die Freiwilligen, die ihre Heimat und den Komfort ihres häuslichen Lebens verlassen haben, nicht um bei Paraden vorgeführt zu werden, sondern um gegen den Feind geschickt zu werden. Es gibt Hunderte davon in der regulären Armee – besonders in der Kavallerie, und die Aosta-Lanzenreiter sowie das Regiment der Guides bestehen zur Hälfte aus ihnen. Hört man ihnen zu, dürfte es nicht den geringsten Zweifel oder Zögern geben, den Isonzo zu überqueren und auf Wien zu marschieren. Möge der Himmel ihre Wünsche erfüllt sehen, denn wenn sie nicht durch schiere Gewalt erdrückt wird, ist Italien fest entschlossen, den Krieg in das Land des Feindes zu tragen.
Die Entscheidungen der französischen Regierung werden hier mit großer Besorgnis erwartet, und es finden sich nicht wenige Männer, die voraussagen, sie würden für Italien ungünstig ausfallen. Dennoch fällt es jedem schwer zu glauben, dass der französische Kaiser die Dinge auf die Spitze treiben und die vielen Schwierigkeiten, mit denen Europa bereits zu kämpfen hat, noch vergrößern wird.
Heute kursierte bei der Offiziersmesse das Gerücht, die Österreicher hätten Legnano, eine der vier Festungen des Vierecks, aufgegeben. Ich schenke dem derzeit nicht viel Glauben, aber es ist nicht unwahrscheinlich, da wir von der Wiener Regierung viele seltsame Dinge erwarten können. Es wäre für sie viel besser gewesen, da Erzherzog Albrecht in lobenden Worten vom König, seinen Söhnen und seinen Soldaten sprach, während er von der Aktion vom 24. berichtete, direkt mit Italien zu verhandeln und sich so den Frieden und vielleicht die Freundschaft von ihr zu sichern. Aber die Männer, die jahrelang so despotisch über italienische Untertanen geherrscht haben, können sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass Italien sich endlich zu einer Nation erhoben hat, und sie nutzen sogar hinterlistig eine Gelegenheit, um ihr neue Beleidigungen ins Gesicht zu schleudern. Man kann leicht erkennen, dass der alte Geist noch immer nach dem Reich strebt; dass die alte Verachtung immer noch versucht, die Italiener geringzuschätzen; und dass an den alten Metternich-Ideen immer noch sehnsüchtig festgehalten wird. Verdient dies nicht eine weitere Lektion? Braucht dies nicht ein weiteres Sadowa, um für immer Ruhe zu geben? Ja; und es liegt an Italien, dies zu tun. Wenn dem so ist, dann lass nur Cialdinis Armee in Ruhe, und der Tag mag nahe sein, an dem der König dem Land verkünden kann, dass die Aufgabe erfüllt ist.
Ein Gespräch über den gegenwärtigen Stand der politischen Angelegenheiten und über die besondere Lage Italiens ist das einzige Thema, das in einem Brief aus dem Lager erwähnenswert ist. Alles andere steht still, und die Bewegungen der feinen Armee, über die Cialdini jetzt verfügt, etwa 150.000 Mann, sind nicht mehr voller Interesse. Sie mögen vielleicht einige in Bezug auf einen Angriff auf Venedig haben, weil österreichische Soldaten sie immer noch besetzt halten und gezwungen sein werden zu kämpfen, wenn sie angegriffen werden. Es ist zu hoffen, sollte dies der Fall sein, dass der schönen Königin der Adria eine Szene der Verwüstung erspart bleibt und dass kein neuer Haynau gefunden wird, um die Taten von Brescia und Vicenza zu erneuern.
Der König ist noch nicht eingetroffen, und es erscheint wahrscheinlich, dass er noch einige Zeit nicht kommen wird, bis nämlich der Tag für die italienischen Truppen kommt, ihren triumphalen Einzug in die Stadt der Dogen zu halten.
Die Hitze ist weiterhin intensiv, und dies erklärt die Langsamkeit beim Vordrücken. Bisher ist keine Krankheit aufgetreten, und es bleibt zu hoffen, dass die Truppen gesund bleiben, da Krankheit die Moral viel mehr auf die Probe stellt als ein halbes Dutzend Custozzas.
P.S. – Ich hatte mit dem Schreiben geendet, als ein Offizier in das Gasthaus stürzte, in dem ich absteige, und mir mitteilte, er habe gerade gehört, dass eine italienische Patrouille auf der Straße außerhalb des Dorfes auf eine österreichische getroffen sei und diese in die Flucht geschlagen habe. Dies mag wahr sein oder nicht, aber es war höchst merkwürdig zu sehen, wie erfreut jeder bei dem Gedanken war, dass sie ‚sie‘ endlich gefunden hatten. Sie scherten sich nicht viel um das Ergebnis des Gefechts, das, wie ich sagte, als günstig gemeldet worden war. Alles, worum sie sich scherten, war, dass sie nahe am Feind waren. Man kann nicht an einer Armee verzweifeln, die von solchem Geist beseelt ist. Man würde bei der Freude, die das Gesicht der Soldaten erhellt, denen man jetzt begegnet, meinen, dass ein Sieg für die italienischen Waffen verkündet worden sei.
DOLO, BEI VENEDIG, 20. Juli 1866.
Ich kehrte gestern Abend von Noale nach Padua zurück, und spät in der Nacht erhielt ich in meinem Quartier die Mitteilung, dass in Richtung Venedig Kanonen zu hören seien. Es war damals schwarz wie in Dantes Hölle, und es regnete und stürmte mit Gewalt – einer jener italienischen Stürme, die alle irdischen und himmlischen Elemente der Schöpfung zu erwecken scheinen. Es gab keine andere Wahl, als sich in den Sattel zu schwingen und zu versuchen, die Front zu erreichen. Niemand, der es nicht versucht hat, kann sich vorstellen, was für eine Arbeit es ist, auf einer Straße, auf der ein ganzes Corps d’armée mit enormem Kriegsmaterial in einer pechschwarzen Nacht marschiert, seinen Weg zu finden. Dies ist jedoch, was Ihr Sonderkorrespondent tun musste. Glücklicherweise stieß ich, kaum dass ich bis Ponte di Brenta vorgedrungen war, auf einen Offizier aus Cialdinis Stab, der dasselbe Ziel hatte, nämlich Dolo. Während wir unter einem anhaltenden Regenschauer die Straße entlangfuhren, unsere Augen hin und wieder geblendet von den hellen, schlangengleichen Blitzen, stießen wir auf ein Bataillon oder eine Schwadron, die vorsichtig vorrückte, da es für sie wie für uns unmöglich war, zwischen der Straße und den Gräben zu unterscheiden, die sie flankieren, denn alle Orientierungspunkte, die unseren Führern bei Tageslicht so vertraut waren, lagen in einer einzigen toten Ebene der Schwärze. So kam es, dass mein Begleiter und ich, nachdem wir in Gräben hinein- und herausgestolpert waren, nachdem wir die Köpfe unserer Pferde gegen einen Munitionswagen oder eine Gruppe von Soldaten gestoßen hatten, die unter einem großen Baum Schutz suchten, uns nach dreistündigem Ritt in diesem Dorf Dolo wiederfanden. Zu dieser Zeit hatte der Sturm in seiner Heftigkeit stark nachgelassen, und der Donner war nur noch hier und da in einer solchen Entfernung schwach zu hören, dass wir das Grollen der Geschütze deutlich vernehmen konnten. Unsere Pferde konnten kaum durch den klebrigen schwarzen Schlamm gelangen, in den sich der weiße, erstickende Staub der vorangegangenen Tage durch eine Nacht Regen verwandelt hatte. Wir machten uns jedoch auf den Weg zum Pfarrhaus des Dorfes, denn wir hatten bereits beschlossen, den Kirchturm zu besteigen, um einen Blick auf das umliegende Land und wenn möglich ein besseres Gehör für die Geschütze zu bekommen. Nach ein paar Worten mit dem Küster – einem überzeugten Italiener, wie er uns sagte – stiegen wir die Leiter des Kirchturms hinauf. Auf der hölzernen Plattform angekommen, konnten wir das Donnern der Geschütze deutlicher hören, das wie die Breitseiten eines großen Schiffes klang. Waren es die Geschütze von Persanos lange inaktiver Flotte, die einige der befestigten Vorposten von Brondolo oder Chioggia angriffen? Waren die Geschütze die eines österreichischen Kriegsschiffes, das ein italienisches Panzerschiff angegriffen hatte; oder waren sie die ‚Affondatore‘, die erst vor einem Monat die Themse verlassen hatte, und beschossen Triest? Um die Wahrheit zu sagen, obwohl wir geduldig zwei lange Stunden auf dem Kirchturm von Dolo warteten, waren weder ich noch mein Begleiter in der Lage, eines dieser Probleme zu lösen, als wir wieder hinabstiegen. Wir dachten jedoch damals und denken immer noch, dass es die Geschütze der italienischen Flotte waren, die ein österreichisches Fort angegriffen hatten.
CIVITA VECCHIA, 22. Juli 1866.
Seit der Abfahrt des alten Hospitalschiffs ‚Gregeois‘ aus diesem Hafen vor etwa einem Jahr war kein französisches Kriegsschiff mehr in Civita Vecchia stationiert; doch am Mittwochmorgen warf die Dampfschaluppe ‚Catinat‘ mit 180 Mann Anker im Hafen, und der Kommandant nahm unmittelbar nach dem Ausschiffen den Zug nach Rom und setzte sich mit dem französischen Botschafter in Verbindung. Ich weiß nicht, ob die päpstliche Regierung dieses Schiff angefordert hatte oder ob die Entsendung eine spontane Aufmerksamkeit seitens des französischen Kaisers war, aber auf jeden Fall hat seine Ankunft für Seine Heiligkeit eine Quelle der Freude bedeutet, da man nie weiß, was in unruhigen Zeiten wie den gegenwärtigen geschehen kann, und es ist immer gut, einen gesicherten Rückzugsort zu haben.
Gestern wurde in diesem Hafen sowie in Neapel bekannt gegeben, dass Ankünfte aus Marseille bis auf Weiteres einer Quarantäne von fünfzehn Tagen unterzogen würden, da die Cholera an letzterem Ort aufgetreten sei. Ein Segelschiff, das im Laufe des Tages aus Marseille ankam, musste die Waren, die es für Civita Vecchia mitführte, auf Lastkähne vor dem Lazarett entladen, wo die gelbe Flagge über ihnen gehisst wurde. Dieses Schiff verließ Marseille fünf Tage vor der Ankündigung der Quarantäne, während die ‚Prince Napoleon‘ der Gesellschaft von Valery, ein Passagier- und Frachtdampfer, der Marseille nur einen Tag vor deren Ankündigung verlassen hatte, heute Morgen zur freien Praxis zugelassen wurde. Nur wenige Reisende werden jetzt auf dem Seeweg hierher kommen.
MARSEILLE, 24. Juli.
Da wir in Italien in letzter Zeit an beinahe stündliche Bulletins über den Fortschritt der Feindseligkeiten gewöhnt waren, ist es ein schwieriger Zustand, plötzlich von allen Nachrichten abgeschnitten zu sein, indem man sich sechsunddreißig Stunden lang an Bord eines Dampfers befindet, ohne einen Hafen anzulaufen, wie es bei meiner Reise von Civita Vecchia an Bord der ‚Prince Napoleon‘ der Fall war. Aber obwohl Telegramme fehlten, waren Diskussionen über den Lauf der Ereignisse an Bord unter den Passagieren im Gange, die in Neapel und Civita Vecchia zugestiegen waren, darunter eine beachtliche Anzahl französischer und belgischer Priester, die von einer Pilgerreise nach Rom zurückkehrten, gut versehen mit Rosenkränzen und vom Papst gesegneten Kettchen sowie Faksimiles der Ketten des heiligen Petrus. Nicht viel Sympathie für die italienische Sache wurde von diesen Herren oder den wenigen französischen und deutschen Reisenden gezeigt, die zusammen mit drei oder vier Neapolitanern die Gesellschaft auf dem Achterdeck bildeten; und unser korsischer Kapitän machte sich nicht die Mühe, seine Verachtung für die zögerliche Vorgehensweise der italienischen Flotte bei Ancona zu verbergen. Wir wissen, dass der preußische Minister, M. d’Usedom, kürzlich in Ferrara nachdrückliche Vorstellungen gegen die Langsamkeit gemacht hat, mit der die italienischen See- und Landstreitkräfte vorgingen, während ihre Verbündeten, die Preußen, bereits nahe vor den Toren Wiens standen; und das Gespräch eines preußischen Herrn an Bord unseres Dampfers, der mit dieser Gesandtschaft in Verbindung stand, deutete deutlich auf die Enttäuschung hin, die man in Berlin über die eher ineffektive Art des Ablenkungsmanövers empfand, das von der Armee und Marine Viktor Emanuels in Venetien und an der Küste von Istrien durchgeführt wurde. Er schrieb seinem Minister sogar einen Ausdruck zu, der weder für die Zukunftsaussichten Italiens als Ergebnis ihres Bündnisses mit Preußen noch für die Treue der Letzteren bei der Ausführung der Bedingungen desselben sehr schmeichelhaft war. Ich weiß nicht, ob dieser Herr beabsichtigte, seine Anekdote cum grano salis zu nehmen, aber ich habe ihn sicherlich so verstanden, dass er gegenüber dem Minister die mangelnde Tatkraft und das Fehlen von Erfolg beklagt habe, die die Operationen der italienischen Verbündeten Preußens begleiteten, worauf Seine Exzellenz erwiderte: ‚C’est bien vrai. Ils nous ont trompés; mais que voulez-vous y faire maintenant? Nous aurons le temps de les faire égorger après.‘
Es ist schwer anzunehmen, dass von Seiten Preußens eine vorgefasste Absicht bestünde, die bisher – wenn auch ohne sehr glänzenden Erfolg – von der italienischen Regierung zur Unterstützung des Bündnisses gebrachten Opfer damit zu vergelten, dass man eigene separate Bedingungen mit Österreich trifft und Italien anschließend der Rache des Letzteren aussetzt, aber dies wäre sicherlich der Schluss, der aus dem gerade zitierten Gespräch zu ziehen wäre.
Erst bei der Ankunft im Hafen von Marseille jedoch manifestierte sich die volle Feindseligkeit der meisten meiner Mitreisenden gegenüber Italien und den Italienern. Ein Seemann, der erste Mann, der an Bord kam, bevor wir ausschifften, wurde sofort wegen Nachrichten bedrängt, und er gab sie tatsächlich als nichts Geringeres aus als die mehr oder weniger vollständige Vernichtung der italienischen Flotte durch die der Österreicher. Bei dieser erstaunlichen Nachricht brach der Preuße in ein Gebrüll der Entrüstung aus. ‚Narren! Dummköpfe! Miserables! Zur See von einer unterlegenen Streitmacht geschlagen! Ist das die Art, wie sie Venedig durch Waffengewalt zurückerobern wollen? Wenn sie Venetien jemals zurückgewinnen, dann durch das Blut unserer Brandenburger und Pommern und nicht durch ihr eigenes.‘ Während dieser Tirade hüpfte ein kleiner alter Belgier in Schwarz, mit der Kette des heiligen Petrus am Knopfloch als Uhrenkette, davon, um die erfreuliche Nachricht einer Gruppe seiner geistlichen Mitreisenden mitzuteilen, wobei er ekstatisch kreischte:
‚Rosses, Messieurs! Ces blagueurs d’Italiens ont été rossés par mer, comme ils avaient été rossés par terre.‘ Woraufhin die hochwürdigen Herren einander mit Kopfnicken, Augenzwinkern, Lächeln und etlichen inbrünstigen Händedrücken gratulierten. Dieselben Demonstrationen hätten zweifellos auch die neapolitanischen Passagiere gemacht, wenn sie der bourbonischen Fraktion angehört hätten, aber sie waren zufällig ehrliche Händler mit Korallen- und Lavakästchen für den Pariser Markt, und daher blieben sie nur stumm und entsetzt über die verhängnisvolle Nachricht, mit Augen und Mündern so weit offen wie möglich. Ich war kaum in meinem Hotel angekommen, als ich nach der neuesten Pariser Zeitung fragte, worauf mir die ‚France‘ gereicht wurde und ich bis zu einem gewissen Grad eine Bestätigung des von dem Seemann berichteten Desasters der italienischen Flotte erhielt, wenn auch nicht ganz in denselben erschreckenden Ausmaßen.
Bevor ich das Thema meiner Mitreisenden an Bord der ‚Prince Napoleon‘ verlasse, muss ich eine Anekdote erwähnen, die mir von einem russischen oder deutschen Herrn, der mir erzählte, er sei in Neapel niedergelassen, über den Zustand des Brigantismus erzählt wurde. Er beklagte sich über die Gefahren, denen er bei gelegentlichen Fahrten in einer Postkutsche von Neapel nach Foggia in geschäftlichen Angelegenheiten begegnet war; und dann, von der Dreistigkeit der Briganten im Allgemeinen sprechend, erzählte er mir, dass er im letzten Jahr mit eigenen Augen bei hellem Tag zwei Briganten durch die Straßen von Neapels habe spazieren sehen, mit Nachrichten von gefangenen Individuen an ihre Verwandten, in denen die Summen genannt wurden, die für ihre Lösegelder gefordert wurden. Sie waren unbewaffnet und in der üblichen Bauernkleidung, und wann immer sie bei einem der Häuser ankamen, an die sie zu diesem Zweck adressiert waren, hielten sie an und öffneten ein Taschentuch, das einer von ihnen in der Hand trug, und nahmen ein Ohr heraus, wobei sie prüften, ob der Zettel daran mit der Adresse des Hauses oder dem Namen des Bewohners übereinstimmte. Es waren sechs Ohren im Taschentuch, alle mit den Namen der ursprünglichen Besitzer versehen, die nach und nach an ihre Familien in Neapel ausgegeben wurden, um eine prompte Zahlung der geforderten Lösegelder zu stimulieren. Auf meine Frage, wie es komme, dass die Polizei solche schamlosen Operationen nicht bemerke, sagte mir mein Informant, dass der Anführer vor der Ankunft dieser Briganten-Gesandten in der Stadt stets an die Polizeibehörden schreibe und sie davor warne, sie zu behindern, da die Boten stets von Spitzeln der Bande in Zivil verfolgt würden, die sofort jede Belästigung melden würden, der sie bei der Erfüllung ihrer heiklen Mission begegnen könnten, und das unfehlbare Ergebnis einer solchen Belästigung wäre zuerst die Hinrichtung aller als Lösegeldgeiseln gehaltenen Personen; und als Nächstes die summarische Hinrichtung mehrerer Mitglieder der Gendarmerie und Polizeikräfte, die in verschiedenen Scharmützeln von den Briganten gefangen genommen und als Kriegsgefangene gehalten würden.
Solche Dreistigkeit würde unglaublich erscheinen, wenn wir nicht in letzter Zeit von so vielen ähnlichen Fällen gehört und gelesen hätten.
Ein höchst zweifelhafter Nutzen Amerikaner erinnern sich nachsichtig, ohne es zu erwähnen Wie es sich für sie geziemt, blicken sie nicht voraus Vorwürfe des Zynismus werden gegen alle Satiriker erhoben Der vierte der Georges Hier und da eine schlichte gute Seele, der er zugetan war Heilige Bilder und andere wundertätige Gegenstände werden verkauft Es ist gut, Manieren zu lernen, ohne dass sie uns aufgezwungen werden Männer, die sich über alle Maßen in ihre Schöpfungen verlieben Der Moralist im Satiriker muss vorhanden sein, wenn die Satire treffen soll Keine Seite seiner Bücher offenbart Bosheit oder ein spöttisches Grinsen Geringfügige Zugeständnisse sind Zeichen der Schwäche für die Unzufriedenen Staatsmann, der sich herabließ, die Wirklichkeit durch Fiktion zu erobern Die soziale Welt, die er betrachtete, zeigte ihm keine Helden Die Erschöpfung, die darauf folgte, nannten wir Ruhe Das Ausstoßen großzügiger und patriotischer Schreie ist nicht ausreichend Wir vertrauen ihnen oder wir zermalmen sie Wir gewöhnten uns an Perioden irischen Fiebers
ÜBER DIE IDEE DER KOMÖDIE UND DEN GEBRAUCH DES KOMISCHEN GEISTES
Gute Komödien sind solch seltene Erzeugnisse, dass es uns trotz des Reichtums unserer Literatur an komischen Elementen nicht lange aufhalten würde, die englische Liste durchzugehen. Wenn sie auf die Probe gestellt werden, die ich vorschlage, werden sich sehr angesehene Komödien als ihres Ranges unwürdig erweisen, wie die Damen an Artus’ Hof, als sie der Feuerprobe des Mantels unterzogen wurden.
Es gibt einfache Gründe, warum der komische Dichter keine häufige Erscheinung ist und warum der große komische Dichter ohne Gleichen bleibt. Eine Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen ist erforderlich, in der Ideen kursieren und die Wahrnehmung geschärft ist, damit er mit Stoff und Publikum versorgt werden kann. Die Halbbarbarei bloß alberner Gemeinschaften und fieberhafte emotionale Perioden stoßen ihn ab; ebenso ein Zustand ausgeprägter sozialer Ungleichheit der Geschlechter; auch kann derjenige, dessen Aufgabe es ist, den Geist anzusprechen, dort nicht verstanden werden, wo es nicht ein mäßiges Maß an intellektueller Aktivität gibt.
Darüber hinaus erfordert es mehr als Lebhaftigkeit, eine höchst subtile Feinheit, um den Geist durch Lachen zu berühren und zu entzünden. Das muss ein angeborenes Geschenk des komischen Dichters sein. Die Substanz, mit der er handelt, wird ihm eine erschreckende Zurschaustellung der Hand des Färbers zeigen, wenn es ihm daran fehlt. Die Menschen sind bereit, sich geistreichen Schlägen auf Rücken, Brust und Seiten hinzugeben; nur nicht auf den Kopf: und genau dort zielt er hin. Er muss subtil sein, um einzudringen. Eine entsprechende Schärfe muss vorhanden sein, um ihn willkommen zu heißen. Die Notwendigkeit dieser beiden Bedingungen erklärt, warum wir ihn über Jahrhunderte hinweg im Singular zählen.
„C’est une étrange entreprise que celle de faire rire les honnêtes gens“, sagt Molière; und die Schwierigkeit des Unternehmens kann nicht überschätzt werden.
Dann wiederum ist er von Feinden rechts und links bedrängt, von einem Charakter, der dem tragischen und dem lyrischen Dichter oder gar den Philosophen unbekannt ist.
Wir haben auf dieser Welt Männer, die Rabelais als Agelasten bezeichnen würde; das heißt Nicht-Lacher; Männer, die in dieser Hinsicht wie tote Körper sind, die nicht bluten, wenn man sie sticht. Der alte graue Felsblock, der seine Wanderung vom Fels ins Tal beendet hat, lässt sich ebenso leicht wieder den Berg hinaufrollen wie diese Männer zum Lachen bringen. Kein Zusammenstoß von Umständen in unserem sterblichen Dasein schlägt für sie einen Funken. Es ist nur ein Schritt vom Agelastischen zum Misogelastischen, und der [griechischer Text, der nicht wiedergegeben werden kann], der Lachen-Hasser, lernt bald, seine Abneigung als moralischen Einwand zu würdigen.
Wir haben eine andere Klasse von Männern, die sich gerne als Antagonisten der Vorgenannten betrachten und die wir Hypergelasten nennen können; die exzessiven Lacher, die immer lachen, die wie die Klöppel einer Glocke sind, die von einer Brise, einer Grimasse geläutet werden können; die so lose zusammengefügt sind, dass ein Augenzwinkern sie erschüttert.
„... C’est n’estimer rien qu’estimer tout le monde“,
und über alles zu lachen bedeutet, kein Verständnis für das Komische der Komödie zu haben.
Keiner dieser verschiedenen Bereiche von Nicht-Lachern und Über-Lachern würde durch das Lesen von The Rape of the Lock oder den Besuch einer Aufführung von Le Tartuffe unterhalten werden. In Bezug auf die Bühne haben sie in unserem Land die Form und den Titel von Puritanern und Bacchanaliern angenommen. Denn obwohl die Bühne kein öffentliches Ärgernis mehr ist und Shakespeare auf ihr wiederbelebt wurde, um ihr Adel zu verleihen, haben wir sie noch nicht ganz über den Streit dieser beiden Parteien erhoben. Unser Sprechen über das Thema Komödie wird dem einen fast als libertäres Vorgehen erscheinen, während der andere denken wird, dass das ernsthafte Sprechen darüber uns in einen gewaltsamen Gegensatz zum Gegenstand bringt.
Komödie, das müssen wir zugeben, war nie eine der am meisten geehrten Musen. Sie war in ihrem Ursprung, kurz vor dem Schlachten, der lauteste Ausdruck der geringen Zivilisation der Menschen. Das Licht der Athene über dem Haupt des Achilles beleuchtet die Geburt der griechischen Tragödie. Aber die Komödie rollte schreiend unter dem göttlichen Schutz des Sohnes des Weinkrugs herein, wie Dionysos sich bei Aristophanes selbst ausrufen lässt. Unser zweiter Charles war der Gönner, von ähnlicher Güte, unserer Komödie der Sitten, die ähnlich als kämpferische Vorstellung begann, unter der Lizenz, den Puritaner zu verspotten und zu beleidigen, und hier und da bacchanalisch über das aristophanische Beispiel hinausging: schlimmer, insofern eine zynische Liederlichkeit abscheulicher ist als offener Schmutz. Ein bedeutender Franzose urteilt nach der Qualität einiger Stoffe, die für das Lachen von Männern und Frauen, die bei einem athenischen komischen Stück saßen, zusammengetragen wurden, dass sie wenig Feinheit in anderen Angelegenheiten gehabt haben konnten, wenn sie so wenig bei der Wahl ihrer Unterhaltung hatten. Vielleicht rechnet er nicht genügend mit der regulierten Freiheit der offenen Sprache, die dem Fest des Gottes eigen ist und vom komischen Dichter als sein unveräußerliches Recht beansprucht wird, oder mit der Tatsache, dass es ein Fest in einer Zeit der Freiheit war, in einer Stadt, die daran gewöhnt war, dem kühnsten Ausdruck beider Seiten eines Falles Gehör zu schenken. Wie dem auch sei, es kann keine Frage sein, dass die Männer und Frauen, die bei der Aufführung von Wycherleys Country Wife saßen, das Erröten verlernt hatten. Unsere Beharrlichkeit bei nationalen Eindrücken hat seitdem dazu geführt, dass das Wort Theater das puritanische Nervensystem wie ein satanisches Instrument reizt; genau wie man Anti-Papisten kannte, für die Smithfield nach einem unheimlichen Rauch duftete, als hätten sie eine spätere Erinnerung an den Ort als die brüllenden Herden. Erb-Puritanismus in Bezug auf die Bühne findet sich bis heute in vielen Familien, die sich keineswegs durch arrogante Frömmigkeit auszeichnen. Er ist als Macht im Beruf der Moral völlig abgeklungen; aber es ist ein Irrtum, ihn für ausgestorben zu halten, und auch ungerecht zu vergessen, dass er einst guten Grund hatte, unsere öffentlichen Vorstellungen zu hassen, zu meiden und zu tadeln.
Wir werden uns etwa dort wiederfinden, wo uns der komische Geist platzieren würde, wenn wir in mittlerer Entfernung zwischen den eingefleischten Gegnern und den Trommel-und-Pfeifen-Anhängern der Komödie stehen: „Comme un point fixe fait remarquer l’emportement des autres“, wie Pascal sagt. Und gäbe es mehr in dieser Position, würde das komische Genie gedeihen.
Unsere englische Vorstellung von einer Komödie der Sitten könnte im Bild einer zerzausten Landpriestertochter dargestellt werden -- sagen wir Hoyden, die Tochter von Sir Tunbelly Clumsy, die, wenn sie zu Hause war, „niemals ihrem Vater außer beim Essen grüner Stachelbeeren ungehorsam war“ -- die sich in eine lackierte Stadt-Dame verwandelt; mit einem lauten Lachen und einem trippelnden Schritt; die verrückte Ahnin einer erklärbar gefallenen Nachfahrin. Sie macht ungeheuer viel Aufhebens und ist pünktlich schlagfertig in ihrer Rede, immer in Aufregung, um der Stumpfheit zu entkommen, so wie man sagt, dass die Hunde an den Ufern des Nils beim Trinken am fließenden Fluss dem Krokodil ausweichen. Wenn das Monster sie erwischt, wie es manchmal geschieht, peitscht sie ihn zu Schaum, sodass diejenigen, die Stumpfheit nur als etwas Schwerfälliges kennen, ihn in dieser leichten und luftigen Form nicht wiedererkennen werden.
Wenn sie durch ihre fünf Akte gefrolockt hat, um Sie mit der Information zu überraschen, dass Mr. Aimwell durch einen plötzlichen Tod in der Welt außerhalb der Szenen zum Lord Aimwell bekehrt wurde und die Dame im Licht des Tages heiraten kann, ist es das Verdienst ihrer lebhaften Natur, dass sie nicht erwartet, dass Sie sie als Farce bezeichnen. Fünf ist Würde mit einer schleppenden Robe; wohingegen ein, zwei oder drei Akte kurze Röcke wären und erniedrigend. Hausbesitzern wurde geraten, dem Schuss auf einen Einbrecher im Dunkeln das Werfen der Pistole hinterher folgen zu lassen, damit, wenn die Kugel verfehlt, die Waffe treffen und dem Schurken versichern kann, dass er sie hat. Die Spitze ihres Witzes wird auf diese Weise durch das Klappern ihrer Zunge ergänzt, und zwar effektiv, dem Zeugnis ihrer Bewunderer zufolge. Ihr Witz ist zugleich, wie Dampf in einer Maschine, die treibende Kraft und die Warnpfeife ihres kopflosen Laufs; und er verschwindet wie die Spur von Dampf, wenn sie ihre Endstation erreicht hat, ohne das Gehirn jemals danach zu beunruhigen; ein Verdienst, das er mit gutem Wein teilt, zur Freude der Bacchanalier. Was diesen Witz betrifft, so ist er kriegerisch. In den geschicktesten Händen ist er wie das Schwert des Kavaliers in der Mall, schnell gezückt bei geringstem Anlass, und für einen ähnlichen Zweck -- zu verwunden. Gewöhnlich ist seine Haltung völlig pugilistisch; zwei stumpfe Fäuste, die sich gegenseitig zusetzen. Wenn er harmlos ist, wie wenn das Wort „Narr“ vorkommt oder Anspielungen auf den Stand des Ehemannes, hat er den Klang des Schlages von Harlekins Stab auf den Clown und ist im gleichen Maße erheiternd. Glauben Sie, dass müßiges, leeres Lachen die wünschenswerteste Erholung ist, und bedeutende Komödie wird im Vergleich dazu blass und flach erscheinen. Unsere populäre Vorstellung würde von der skulptierten Gruppe des Lachens getroffen, das sich beide Seiten hält, während die Komödie ihn zur Kitzelung boxt. Was eine Bedeutung angeht, so vertritt sie die Ansicht, dass sie nicht dazu beiträgt, lustig zu sein: Sie könnten genauso gut Kanonen auf einer Rennyacht tragen. Moral ist eine Duenna, die man austricksen muss. Das war die Ansicht des essayistischen Kenners zur englischen Komödie, der sagte, dass das Ende einer Komödie oft der Beginn einer Tragödie wäre, wenn der Vorhang sich wieder für die Darsteller heben würde. In jenen alten Tagen wurde die weibliche Bescheidenheit durch einen Fächer geschützt, hinter dem, und er war von einer bequemen halbkreisförmigen Breite, die im Theater anwesenden Damen sich bei einem Zeichen des Anstands zurückzogen, um verstohlen schielend, oder mit der Option, so zu spähen, durch ein hübsch gefranstes Ösenloch im verdeckenden Bogen zu gucken.
„Ego limis specto sic per flabellum clanculum.“ – TERENZ.
Dieser Fächer ist die Flagge und das Symbol der Gesellschaft, die uns unsere sogenannte Komödie der Sitten oder Komödie der Sitten der Südseeinsulaner unter städtischem Furnier gibt; und was die komische Idee betrifft, so ist sie leer wie die Maske ohne das Gesicht dahinter.
Elia, dessen Humor sich darin gefiel, eine Galeone aus Paradoxien zu Wasser zu lassen und sie so weit wie möglich wehen zu lassen, beklagt das Aussterben unserer künstlichen Komödie, wie ein Dichter, der über die verschwundene Pracht von Kleopatras Nilbarke seufzt; und die Gelassenheit seines Plädoyers für eine Sache, die selbst in seiner Zeit zum Zuchthaus verurteilt war, ist eine neuartige Wirkung des Lächerlichen. Als der Realismus jener „fiktiven, halb geglaubten Personen“, wie er sie nennt, aufhörte zu wirken, waren sie anstößige Gesellschaft, unstreichelbar wie Marionetten. Ihre Künste sind starr nackt und wirken nun wie ein geschminktes Gesicht, das nach warmen Stunden des Tanzes im Morgenlicht betrachtet wird. Wie konnten die Lurewells und die Plyants jemals für ihre Genialität in der Bosheit gelobt werden? Kritiker, scheinbar nüchtern und von hohem Ruf, hielten ihre flachen Schurkereien der Welt zur Bewunderung vor. Diese Lurewells, Plyants, Pinchwifes, Fondlewifes, Miss Prue, Peggy, Hoyden, alle außer der charmanten Milamant, sind tot wie die Kleider vom letzten Jahr in der Garderobe einer modischen feinen Dame, und es muss eine außergewöhnlich verkommene Zofe unserer Zeit sein, die sie mit dem Wunsch ansehen würde, in ihrem Abbild zu erscheinen. Ob die Puppenschau von Punch und Judy unsere Straßenjungen dazu inspiriert, bei einem Streit sofort zu ihren Fäusten zu greifen, nach der Art jedes einzelnen Akteurs in dieser öffentlichen Unterhaltung, der in den Besitz des Knüppels gelangt, ist fraglich: es wurde angedeutet; und wütende Moralisten haben den nationalen Geschmack für Geschichten über Verbrechen auf den Geruch von Blut in unseren Kinderliedern zurückgeführt. Es wird jedenfalls kaum bestritten werden, dass es ungesund für Männer und Frauen ist, sich so zu sehen, wie sie sind, wenn sie nicht besser sind, als sie sein sollten: und sie werden sich, wenn sie sich in ihren Manieren verbessert haben, nicht viel darum scheren, sich so zu sehen, wie sie einst waren. Das kommt vom Realismus in der komischen Kunst; und es ist nicht öffentliche Laune, sondern die Folge eines besseren Zustands. Dasselbe von einem Unmoralischen kann von realistischen Darstellungen einer vulgären Gesellschaft gesagt werden.
Die Franzosen machen eine kritische Unterscheidung in ce qui remue von ce qui émeut -- das, was aufwühlt, von dem, was mit Emotion berührt. In der realistischen Komödie ist es ein unaufhörliches Remuage -- keine Ruhe, nur geschäftige Figuren und kein Gedanke. Mit Ausnahme von Congreves Way of the World, das auf der Bühne scheiterte, gab es nichts, was unsere Komödie aufgrund ihrer Vorzüge am Leben erhalten hätte; weder mit all ihrem Realismus wahre Porträtkunst noch viel zitierfähigen Spaß noch Idee; weder Salz noch Seele.
Die Franzosen haben eine Schule der stattlichen Komödie, zu der sie zur Erneuerung fliegen können, wann immer sie von ihr abgekommen sind; und dass sie eine solche Schule haben, ist hauptsächlich der Grund, warum sie, wie John Stuart Mill betonte, Männer und Frauen genauer kennen als wir. Molière folgte der horazischen Vorschrift, die Sitten seines Zeitalters zu beobachten und seinen Charakteren die Farbe zu geben, die ihnen zu der Zeit angemessen war. Er malte nicht in rohem Realismus. Er ergriff seine Charaktere fest für den zentralen Zweck des Stücks, prägte sie in der Idee und generalisierte sie durch leichtes Anheben und Mildern des Studienobjekts (wie im Fall des Ex-Hugenotten, Herzog de Montausier, für die Studie des Misanthropen und, laut St. Simon, des Abbé Roquette für Tartuffe) so, dass es dauerhaft menschlich wurde. Zugegeben, dass es für menschliche Wesen natürlich ist, in der Gesellschaft zu leben, und Alceste ist ein unvergängliches Merkmal eines solchen, obwohl er in leichtem Umriss gezeichnet ist, ohne jede gewaltsame menschliche Färbung. Unsere englische Schule hat die Gesellschaft nicht klar imaginiert; und von dem Geist, der über versammelten Männern und Frauen schwebt, hat sie nichts imaginiert. Die Kritiker, die sie für ihre Direktheit loben und dafür, dass sie uns die Situationen nahebringt, wie sie bewundernd sagen, können Molières Komödie nicht missbilligen, die an den individuellen Geist appelliert, das Soziale wahrzunehmen und daran teilzuhaben. Wir haben großartige Tragödien, wir haben die schönsten poetischen Stücke, und wir haben literarische Komödien, die passend angenehm zu lesen und gelegentlich zu sehen sind. Unter literarischen Komödien verstehe ich Komödien klassischer Inspiration, die hauptsächlich von Menander und der griechischen Neuen Komödie durch Terenz stammen; oder aber Komödien von der persönlichen Konzeption des Dichters, die kein Vorbild im Leben hatten und humorvolle Übertreibungen sind, glücklich oder anders. Dies sind die Komödien von Ben Jonson, Massinger und Fletcher. Massingers Justice Greedy können wir alle auf einen Typus zurückführen, „mit fettem Kapaun gefüttert“, den es gegeben hat und geben wird; und er wäre komisch, wie Panurge komisch ist, aber nur ein Rabelais könnte ihn mit echter Animation in Bewegung setzen. Wahrscheinlich wäre Justice Greedy für das Publikum einer Landbude und für einige unserer Freunde komisch. Wenn wir unseren jugendlichen Geschmack an der Darstellung von Charakteren verloren haben, die zusammengesetzt wurden, um zu einem Typus zu passen, fällt es uns schwer, den Mechanismus eines zivilen Lächelns bei seiner Aufzählung seiner Gerichte zusammenzusetzen. Etwas Ähnliches lässt sich von Bobadil sagen, der „beim Fuß des Pharao“ schwört; mit einem Vorbehalt, denn er ist dazu gebracht, sich schneller zu bewegen und zu handeln. Das Komische bei Jonson ist eine gelehrte Erdachtheit des Komischen; das bei Massinger eines Moralisten.
Shakespeare ist ein Quell von Charakteren, die mit dem komischen Geist gesättigt sind; mit mehr von dem, was wir Blut-Leben nennen werden, als irgendwo außerhalb Shakespeares zu finden ist; und sie sind von dieser Welt, aber sie sind von der Welt, die durch Fantasie und durch große poetische Fantasie für unsere Umarmung erweitert wurde. Sie sind, sozusagen -- ich drücke es aus, um meinem jetzigen Vergleich gerecht zu werden -- Kreaturen der Wälder und Wildnisse, nicht in ummauerten Städten, nicht gruppiert und getönt, um eine komische Zurschaustellung der engeren Welt der Gesellschaft zu verfolgen. Jaques, Falstaff und sein Regiment, die abwechslungsreiche Truppe der Clowns, Malvolio, Sir Hugh Evans und Fluellen -- wunderbare Waliser! -- Benedict und Beatrice, Dogberry und die übrigen sind Gegenstände einer speziellen Studie im poetisch Komischen.
Seine Komödie des unglaublichen Imbroglio gehört zur literarischen Sektion. Man kann sich vorstellen, dass es eine natürliche Ähnlichkeit zwischen ihm und Menander gab, sowohl im Schema als auch im Stil seiner leichteren Stücke. Hätte Shakespeare in einer späteren und weniger emotionalen, weniger heroischen Zeit unserer Geschichte gelebt, hätte er sich vielleicht dem Malen von Sitten ebenso wie der Menschheit zugewandt. Euripides hätte wahrscheinlich in der Zeit Menanders, als Athen versklavt, aber wohlhabend war, seine Hand der Komposition romantischer Komödie geliehen. Er inspirierte sicherlich dieses feine Genie.
Politisch wird es als Unglück für Frankreich angesehen, dass ihre Adligen zum Hof von Louis Quatorze drängten. Es war ein Segen für den komischen Dichter. Er hatte diese lebhafte Quecksilberwelt der animalischen Leidenschaften, die riesigen Anmaßungen, die gelassenen Absurditäten unter seinen Augen in voller Aktivität; lärmende Quacksalber und schnappende Betrogene, Heuchler, Posierer, Extravagante, Pedanten, rosarote Damen und verrückte Grammatiker, sonettierende Marquises, hochfliegende Mätressen, schlicht denkende Mägde, ineinander verschlungen wie an einem Webstuhl, lärmend wie auf einem Jahrmarkt. Ein einfach bürgerlicher Kreis wird das nicht liefern, denn die Mittelklasse muss den brillanten, leichtfertigen, unabhängigen Oberstand als Ansporn und Vorbild haben; andernfalls ist sie wahrscheinlich innerlich stumpf sowie äußerlich korrekt. Doch obwohl der König Molière gegenüber wohlwollend war, verdanken wir es nicht dem französischen Hof, dass wir seine unvergleichlichen Studien der Menschheit in der Gesellschaft haben. Zur Unterhaltung des Hofes wurden die Ballette und Farcen geschrieben, die dem Pöbel der oberen wie dem Pöbel der unteren Klasse lieber sind als intellektuelle Komödie. Das französische Bürgertum von Paris war schnell genug und durch Bildung aufgeklärt, um große Werke wie Le Tartuffe, Les Femmes Savantes und Le Misanthrope willkommen zu heißen, Werke, die gefährliche Unternehmungen für die populäre Intelligenz waren, große Schiffe, die auf Strömen zu Wasser gelassen wurden, die zu Untiefen führen. Der Tartuffe kam als feindliches Schiff in Sicht; es beleidigte nicht Dieu mais les dévots, wie der Prinz de Condé die Kabale erklärte, die dagegen für den König erhoben wurde.
Die Femmes Savantes ist ein ausgezeichnetes Beispiel für den Nutzen der Komödie, die Welt zu lehren, was ihr fehlt. Die Farce der Précieuses verspottete den monströsen romantischen Jargon, der durch bestimmte berühmte Romane populär gemacht wurde, und machte ihm ein Ende. Die Komödie der Femmes Savantes enthüllte die spätere und weniger offensichtliche, aber feinere komische Absurdität eines exzessiven Purismus in Grammatik und Diktion und die Tendenz, in Präzision idiotisch zu sein. Die Franzosen hatten die Last dieses neuen Unsinns gefühlt; aber sie mussten die Komödie mehrmals sehen, bevor sie in ihrem Leiden dadurch getröstet wurden, die Ursache dafür enthüllt zu sehen.
Der Misanthrope wurde noch kühler aufgenommen. Molière hielt ihn für tot. „Ich kann ihn nicht verbessern, und sicherlich werde ich das niemals“, sagte er. Es ist einer der französischen Titel zur Ehre, dass diese quintessenzielle Komödie des Gegensatzes von Alceste und Célimène letztendlich verstanden und applaudiert wurde. In allen Ländern stellt die Mittelklasse das Publikum, das, im Kampf mit der Welt und mit einem guten Stand in diesem Kampf, die Welt am besten kennt. Sie mag die egoistischste sein, aber das ist eine Frage, die uns in Sophisterei führt. Gebildete Männer und Frauen, die nicht den Rahm des Lebens abschöpfen und an den Pflichten hängen, aber den härteren Schlägen entgehen, sind scharfsinnige und ausgeglichene Beobachter. Molière ist ihr Dichter.
In England gibt es eine große Gruppe dieser Schicht, weder puritanisch noch bacchantisch, die einen sentimentalen Einwand dagegen hegt, sich dem Studium der wirklichen Welt zu stellen. Sie nimmt eine ablehnende Haltung ein, wenn deren Wahrheiten erniedrigend erscheinen: Wenn ihnen die Tatsachen nicht unmittelbar aufgezwungen werden, ergreifen sie den Stolz der Ungläubigkeit. Sie leben in einer dunstigen Atmosphäre, die sie für eine ideale halten. Humoristische Schriften dulden sie, vielleicht billigen sie sie sogar, wenn diese sich mit Pathos vermengen, um die Gefühle zu erschüttern und zu erheben. Sie billigen die Satire, denn sie riecht, wie der Schnabel des Geiers, nach Aas, das sie selbst nicht sind. Doch vor der Komödie haben sie eine schaudernde Angst, denn die Komödie hüllt sie in die elende Schar der Welt ein, drängt sie mit uns allen in eine unedle Gleichheit zusammen und kann von keiner erhabenen Varietät als Geißel und Besen benutzt werden. Ja, eine erhabene Varietät zu sein bedeutet, unter den ruhigen, neugierigen Blick des komischen Geistes zu treten und daraufhin untersucht zu werden, was man ist. Unter ihnen sieht man Männer und sehr viele gebildete Frauen. Man kann sie an einer Lieblingsphrase unterscheiden: „Sicherlich sind wir nicht so schlecht!“ und der Bemerkung: „Wenn das die menschliche Natur ist, so bewahre uns davor!“ als ob das möglich wäre: Doch im eigentlichen Paradies der eigensinnigen Leute, die nicht sehen wollen, nimmt der Ausruf die rettende Gnade an.
Doch wenn Sie sie fragen, ob sie gesunden Menschenverstand missbilligen, schwören sie, dass sie das nicht tun. Und wenn man gebildete Frauen fragt, ob es ihnen gefällt, auf einer intellektuellen Ebene mit Männern gezeigt zu werden, antworten sie, dass dem so sei; viele von ihnen beanspruchen diese Stellung. Nun, die Komödie ist der Quell des gesunden Menschenverstandes; und zwar nicht weniger vollkommen gesund wegen ihres Funkelns: und die Komödie hebt Frauen in eine Position, die ihnen freien Spielraum für ihren Witz bietet, wie sie ihn gewöhnlich zeigen, wenn sie ihn haben, auf der Seite des gesunden Menschenverstandes. Je höher die Komödie, desto bedeutender ist die Rolle, die sie darin genießen. Dorine im Tartuffe ist der verkörperte gesunde Menschenverstand, obwohl sie offenkundig ein Dienstmädchen ist. Célimène ist die unbestrittene Herrin desselben Attributs im Menschenfeind; als Frau klüger als Alceste als Mann. In Congreves The Way of the World stellt Millamant Mirabel, die lebhafteste männliche Figur der englischen Komödie, in den Schatten.
Aber diese beiden hinreißenden Frauen, so wortgewandt und gewählt in ihrer Sprache, die mit Männern fechten und deren Deckung durchbrechen, sind herzlos! Ist es nicht vorzuziehen, das hübsche Dummchen zu sein, die passive Schönheit, das anbetungswürdige Bündel von Launen, sehr weiblich, sehr sympathisch, aus der romantischen und sentimentalen Fiktion? Unsere Frauen werden gelehrt, das zu glauben. Die Agnès aus der École des femmes sollte ein Lehrstück für Männer sein. Die Heldinnen der Komödie sind wie Frauen von Welt, nicht notwendigerweise herzlos, nur weil sie klarsehend sind: Sie erscheinen den sentimental Erzogenen nur deshalb so, weil sie ihren Verstand gebrauchen und keine umherirrenden Schiffe sind, die nach einem Kapitän oder Lotsen rufen. Die Komödie ist eine Zurschaustellung ihres Kampfes mit den Männern und jenes der Männer mit ihnen: Und da beide, so unterschiedlich sie auch sein mögen, auf ein Objekt blicken, nämlich das Leben, muss die allmähliche Ähnlichkeit ihrer Eindrücke sie zu einer gewissen Übereinstimmung führen. Der komische Dichter wagt es, uns Männer und Frauen zu zeigen, die zu dieser gegenseitigen Ähnlichkeit gelangen; er will damit sagen, dass ihre Geister sich ähnlicher werden, je näher sie im sozialen Leben zusammenrücken; genau wie der Philosoph die Ähnlichkeit von Junge und Mädchen erkennt, bis das Mädchen in das Kinderzimmer abgeführt wird. Philosoph und komischer Dichter sind Vettern in dem Blick, den sie auf das Leben werfen: Und sie sind gleichermaßen unbeliebt bei unseren eigensinnigen Engländern aus der dunstigen Region und dem Ideal, das nicht gestört werden darf.
So verlieren wir aus Mangel an Unterweisung in der komischen Idee ein großes Publikum aus unserer gebildeten Mittelklasse, von dem wir erwarten sollten, dass es die Komödie unterstützt. Der Sentimentale ist ihr ebenso abgeneigt wie der Puritaner und der Bacchant.
Unsere Traditionen sind unglücklich. Der öffentliche Geschmack liegt bei den müßigen Lachern und neigt immer noch dazu, ihnen zu folgen. Es lässt sich durch eine Analyse von Wycherleys Plain Dealer zeigen, einer plumpen Prosaadaption des Menschenfeinds, vollgestopft mit Brocken von Realismus in einem vulgarisierten Thema, um den englischen Appetit zu treffen, dass wir darin den Grundton der Komödie unserer Bühne haben. Es ist Molière travestiert, mit dem Huf am Fuß und Haaren an der spitzen Ohrspitze. Und wie schwierig es für Schriftsteller ist, sich aus schlechten Traditionen zu lösen, ist bemerkenswert, wenn wir Goldsmith finden, der über eine ernste Beherrschung des Komischen in der Erzählung verfügte, eine elegante Farce als Komödie produzierte; und Fielding, der ein Meister des Komischen sowohl in der Erzählung als auch im Dialog war, der sich in der Farce nicht einmal dem Vorzeigbaren näherte.
Diese schlechten Traditionen der Komödie beeinflussen uns nicht nur auf der Bühne, sondern auch in unserer Literatur und lassen sich bis in unser soziales Leben verfolgen. Sie sind der Grund für die schweren Moralisierungen, von denen wir ermüdet werden, über das Leben als Komödie und die Komödie als ein Luder, wenn populäre Schriftsteller, sich ihrer schöpferischen Erschöpfung bewusst, in einem modischen Zynismus schlagkräftig sein wollen: Perversionen der Idee des Lebens und der gebührenden Achtung vor der Gesellschaft, die wir der Brutalität entrissen haben und höher führen möchten. Solche stereotypen Bilder werden von den Ängstlichen und Sensiblen, ebenso wie von den Saturninen, ganz ernst genommen; denn nicht viele blicken mit ihren eigenen Augen in die Welt, noch weniger haben die Gewohnheit, für sich selbst zu denken. Das Leben, das wissen wir nur zu gut, ist keine Komödie, sondern etwas seltsam Vermischtes; noch ist die Komödie eine niederträchtige Maske. Der korrumpierte Import aus Frankreich war schädlich; eine edle Unterhaltung, die verdorben wurde, um dem elenden Geschmack eines schurkischen Zeitalters zu entsprechen; und die späteren Nachahmungen davon, teilweise ihres Gifts entleert und anständig gemacht, wurden trotz ihres Spaßes durch das ständige Wiederkehren derselben Situationen langweilig, was am Fehlen origineller Studien und an der Kraft der Konzeption lag. Szene 5, Akt 2 des Menschenfeinds wird, zweifellos wegen der Tatsache, dass wir keinen Stoff für originelle Studien produzierten, nacheinander von Wycherley, Congreve und Sheridan wiederholt, und da es aus zweiter Hand ist, haben wir es zynisch dargeboten – oder so ist der Ton; in der Art „unter der Treppe“. Die Komödie, so behandelt, mag als eine Version des gewöhnlichen weltlichen Verständnisses unseres sozialen Lebens akzeptiert werden; zumindest in Übereinstimmung mit den gängigen Diktaten darüber. Die Epigramme lassen sich machen; aber es ist nicht lehrreich, sondern tendiert eher dazu, einen Bärendienst zu erweisen. Die Komödie, wenn sie gerecht behandelt wird, wie Sie sie bei Molière finden, den wir so tollpatschig misshandelten, die Komödie Molières wirft keinen schändlichen Reflex auf das Leben. Sie ist in erster Linie tief konzipiert, und daher kann sie nicht unrein sein. Meditieren Sie über diese Aussage. Nie hat ein Mensch eine so schreiende Geißel gegen das Laster geschwungen, doch seine vollendete Selbstbeherrschung wird während der Anwendung nicht erschüttert. Tartuffe und Harpagon werden in der Tat dazu gebracht, sich selbst und ihre Klasse, die falschen Pietisten und die wahnsinnig Habgierigen, zu peitschen. Molière hat sie nur in Bewegung gesetzt. Er entblößt die Torheit bis auf die Haut, zeigt den Betrug der Kreatur und begnügt sich damit, ihr bessere Kleidung anzubieten, mit der Lektion, die Chrysale Philaminte und Bélise liest. Er konzipiert rein und er schreibt rein, in der einfachsten Sprache, im einfachsten französischen Vers. Die Quelle seines Witzes ist klare Vernunft: Es ist ein Quell dieses Bodens; und er entspringt, um Vernunft, gesunden Menschenverstand, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit zu verteidigen; niemals zu einem eignen Zweck. Der Witz ist von einem so durchdringenden Geist, dass er ein Wortspiel mit Bedeutung und Interesse belebt. Seine Moral hängt nicht wie ein Schwanz herab oder predigt von einem Charakter aus, der unaufhörlich mit einem Auge auf das Publikum schielt, wie in neueren realistischen französischen Stücken: sondern sie liegt im Herzen seines Werkes, pochend mit jedem Pulsieren einer organischen Struktur. Wenn das Leben mit der Komödie Molières verglichen wird, liegt in diesem Vergleich kein Skandal.
Congreves The Way of the World ist eine Ausnahme von unseren anderen Komödien, seinen eigenen eingeschlossen, kraft der bemerkenswerten Brillanz des Schreibens und der Figur der Millamant. Die Komödie hat keine Idee darin, außer der abgestandenen, dass die Welt nun einmal so geht; und sie schließt mit der müden Entdeckung eines Dokuments zu einer bequemen Zeit für das Fallen des Vorhangs. Eine Handlung war bei Congreve ein nachträglicher Einfall. Mit Hilfe eines hölzernen Bösewichts (Maskwell), der selbst dem flachsten Auge als Galgenvogel markiert ist, bekommt er in The Double-Dealer eine Art Handlung zustande. Sein The Way of the World könnte The Conquest of a Town Coquette genannt werden, und Millamant ist ein perfektes Porträt einer Kokette, sowohl in ihrem Widerstand gegen Mirabel als auch in der Art ihrer Kapitulation, und auch in ihrer Zunge. Der Witz ist hier nicht so hervorstechend wie in bestimmten Passagen von Love for Love, wo Valentine Wahnsinn vortäuscht oder seinem Vater antwortet oder Mrs. Frail sich an der Harmlosigkeit von Wunden für die Tugend einer Frau erfreut, wenn sie „sie vor der Luft schützt“. In The Way of the World erscheint er in seiner Schlagfertigkeit weniger vorbereitet und ist im charakteristischeren Stil der Sprecher weiter verbreitet. Hier jedoch, wie auch anderswo, ist sein berühmter Witz wie ein grober Fechter, der sich nicht schämt, Fallen für seine Zurschaustellung zu stellen, transparent gereizt auf den Weg zwischen bestimmten gewöhnlichen Wörtern und dem Pulvermagazin der Unanständigkeiten, die abgefeuert werden sollen. Vergleichen Sie den Witz von Congreve mit dem von Molière. Der des Ersten ist eine Toledo-Klinge, scharf und wunderbar geschmeidig für Stahl; zum Duellieren geschmiedet, rastlos in der Scheide, weil sie so hübsch ist, wenn sie daraus hervorkommt. Um zu glänzen, muss sie einen Gegner haben. Molières Witz ist wie ein fließender Bach mit unzähligen frischen Lichtern bei jeder Biegung des Waldes, durch den er sich seinen Weg bahnt. Er läuft nicht auf der Suche nach Hindernissen, um über sie Lärm zu machen; aber wenn totes Laub und niedere Substanzen entlang des Laufs aufgehäuft werden, wird sein natürlicher Gesang gesteigert. Ohne Anstrengung und ohne blendende Blitze der Leistung ist er voller Heilung, der Witz der guten Erziehung, der Witz der Weisheit.
„Echter Humor und wahrer Witz“, sagt Landor, „erfordern einen gesunden und aufnahmefähigen Geist, der immer ein ernster ist. Rabelais und La Fontaine werden von ihren Landsleuten als Rêveurs bezeichnet. Wenige Männer waren ernster als Pascal. Wenige Männer waren witziger.“
Das Zitat eines so großen Geistes wie Pascal auf unseren Landsmann anzuwenden, wäre unfair. Congreve besaß eine gewisse Geistessundheit; an Aufnahmefähigkeit, in dem von Landor beabsichtigten Sinne, hatte er wenig. Wenn man ihn nach seinem Witz beurteilt, so vollbrachte er einige glückliche Stöße, und wenn man ihn für echt hält, ist es ein Oberflächenwitz, der weder aus der Tiefe aufsteigt noch aus einer Quelle fließt.
„On voit qu’il se travaille à dire de bons mots.“
Er treibt das arme abgenutzte Wort „Narr“ so grausam auf den Markt für Witz wie jeder seiner Konkurrenten. Hier ist ein Beispiel, das zur Lobpreisung erhoben wurde:
WITWOUD: Er hat mir einen Brief von dem Narren, meinem Bruder, gebracht, usw.
MIRABEL: Ein Narr und Ihr Bruder, Witwoud?
WITWOUD: Ja, ja, mein Halbbruder. Mein Halbbruder ist er; nichts Näheres, auf meine Ehre.
MIRABEL: Dann ist es möglich, dass er nur ein halber Narr ist.
Durch offensichtliche Vorbereitung. Dies ist eine Art Witz, an die man sich erinnert, in der Schule von einem brillanten Außenseiter gehört zu haben; vielleicht sich selbst eines etwas späteren Datums schuldig gemacht zu haben. Es war zweifellos ein Feuerwerk intellektueller Art für den bäuerlichen Landjunker, der nach London kam, um ins Theater zu gehen und Manieren zu lernen.
Wo Congreve alle seine englischen Rivalen übertrifft, ist seine literarische Kraft und eine für ihn eigentümliche Prägnanz des Stils. Er hatte ein korrektes Urteilsvermögen, ein korrektes Gehör, Schnelligkeit der Veranschaulichung in einem engen Rahmen, in Momentaufnahmen des Offensichtlichen am Offensichtlichen und eine wortreiche Sprache. Er trifft den Mittelweg eines feinen Stils und eines natürlichen im Dialog. Er ist zugleich präzise und wortgewandt. Wenn Sie jemals über Stil nachgedacht haben, werden Sie anerkennen, dass dies eine bedeutende Errungenschaft ist. Darin ist er ein Klassiker und würdig, ein Maß mit Molière zu schreiten. The Way of the World kann auf einen ersten Blick flüssig vorgelesen werden, so sicher treffen die Akzente der nachdrücklichen Bedeutung das Auge, gezwungen durch die Knackigkeit und den raffinierten Schliff der Sätze. Sie müssen sie nicht überfliegen, bevor Sie sich ihm anvertrauen; er wird Sie sicher tragen. Sheridan imitierte ihn, war aber weit davon entfernt, ihn zu übertreffen. Der Fluss des Boudoir-Billingsgate bei Lady Wishfort ist unübertroffen in der Kraft und Schärfe der Zunge. Es spinnt sich dahin mit einem letzten Klang, wie die Stimme der Natur in Wut, und ist in der Tat pikante Beredsamkeit der erhabenen Fischweibern.
Millamant ist eine bewundernswerte, fast liebenswerte Heldin. Es ist ein Stück Genie eines Schriftstellers, die Art und Weise, wie eine Frau spricht, ihr Wesen porträtieren zu lassen. Sie spüren ihre Anwesenheit in jeder Zeile ihres Sprechens. Die Bedingungen mit ihrem Geliebten im Hinblick auf die Ehe, die Zartheit ihrer feinen Dame und die leichten Ausflüchte der feinen Dame vor Unanständigkeit, kokette Mienen und das Spielen mit Unentschlossenheit, was bei einem gewöhnlichen Dienstmädchen Schüchternheit wäre, bis sie sich unterwirft, „zu einer Ehefrau zu schrumpfen“, wie sie sagt, bilden ein Bild, das im Rahmen lebt und in Harmonie mit Mirabels Beschreibung von ihr steht:
„Da kommt sie, bei meinem Glauben, mit vollen Segeln, mit ausgebreitetem Fächer und ihren Wimpeln draußen und einem Schwarm von Narren als Begleitung.“
Und nach einer Unterredung:
„An dich denken! An einen Wirbelwind zu denken, auch wenn er in einem Wirbelwind wäre, wäre ein Fall von stetigerer Betrachtung, eine wahre Geistesruhe und ein Anwesen.“
Es liegt eine Bildhaftigkeit in ihrer Stimme, als Millamant und keine andere, wenn sie von Mrs. Fainall ermutigt wird, Mirabel zu nehmen, die „sicher ist, dass sie Lust auf ihn hat“:
MILLAMANT: Bist du das? Ich glaube, ich habe – und der schreckliche Mann sieht aus, als ob er das auch glaubt, usw.
Man hört die Töne und sieht den Entwurf und die Farbe der ganzen Szene beim Lesen.
Célimène steht Millamant in Lebendigkeit nach. Ein Hauch von bezaubernder Skurrilität schwebt über den Anmutsformen dieser komischen Heldin, wie das lebhafte Gesprächsspiel eines schönen Mundes.
Aber an Witz ist sie keine Rivalin von Célimène. Was sie äußert, trägt zu ihrer persönlichen Hexerei bei und ist nicht weiter erinnerungswürdig. Sie ist ein aufflackerndes Porträt und ein Typus der höheren Damen, die nicht denken, nicht jener, die es tun. Da sie eine Klasse repräsentiert, ist es daher eine niedrigere Klasse, in dem Maße, wie eine von Gainsboroughs lebensgroßen aristokratischen Frauen unter der bleibenden Eindrücklichkeit eines schönen venezianischen Kopfes steht.
Millamant Seite an Seite mit Célimène ist ein Beispiel dafür, wie weit die realistische Malerei eines Charakters getrieben werden kann, um unsere Gunst zu gewinnen; und wo sie zu kurz greift. Célimène ist ein weiblicher Geist in Bewegung, bewaffnet mit einem unbändigen Witz; mit scharfsinnigen, klaren Augen für die Welt und einem sehr ausgeprägten Wissen, dass sie zur Welt gehört und sich darin am wohlsten fühlt. Sie fühlt sich zu Alceste hingezogen durch ihre Achtung vor seiner Ehrlichkeit; sie kann nicht umhin zu sehen, wo der gesunde Menschenverstand des Mannes krank ist.
Rousseau diskutiert in seinem Brief an D’Alembert über den Menschenfeind den Charakter von Alceste, als ob Molière ihn als absolutes Beispiel für Menschenfeindlichkeit aufgestellt hätte; während Alceste nur ein Menschenfeind des Kreises ist, in dem er sich befindet: Er hat einen berührenden Glauben an die Tugend, die auf dem Lande wohnt, und eine kritische Liebe zur süßen Einfalt. Er ist auch nicht die Hauptperson der Komödie, der er einen Namen gibt. Er ist nur passiv komisch. Célimène ist der aktive Geist. Während er anklagt und schimpft, ist ihr die Prüfung auferlegt, das Beste aus ihm zu machen und sich selbst zu kontrollieren, so sehr eine witzige Frau, die eifrig umworben wird, es kann. Indem sie ihn schätzt, gesteht sie praktisch ihre Fehlerhaftigkeit ein, und sie ist eher bereit, ihm entgegenzukommen, als er bereit ist, sich einen Zentimeter zu biegen: Nur ist sie une âme de vingt ans, die Welt ist angenehm, und wenn die vergoldeten Fliegen des Hofes albern sind, haben kompromisslose Fanatiker auch ihre lächerlichen Seiten. Kann sie das Leben, das sie angenehm machen, für einen Mann aufgeben, der sich nicht vom gesunden Menschenverstand seiner Klasse leiten lässt; und der darauf besteht, sich in ein Extrem zu stürzen – was in ihren Augen einem Selbstmord gleichkommt –, um ein anderes zu vermeiden? Das ist die komische Frage des Menschenfeinds. Warum will er nicht weiterhin reibungslos mit der Welt verkehren, besänftigt durch die Schmeichelei ihrer geheimen und wirklich aufrichtigen Vorliebe für ihn, und seine Rache in Satire darauf nehmen, wie sie es von ihrem eigenen nicht sehr hohen Standard aus tut, und nach und nach von seinem erhabeneren aus tun wird?
Célimène ist Weltlichkeit: Alceste ist Unweltlichkeit. Es bedeutet nicht ganz Selbstlosigkeit; und das wird von ihrem scharfen Verstand erkannt. Dennoch ist er eine sehr ungewöhnliche Figur in ihrem Kreis, und sie achtet ihn, l’homme aux rubans verts, „der sie manchmal ablenkt, aber öfter schrecklich verärgert“, wie sie über ihn sagen kann, wenn ihre satirische Zunge auf der Flucht ist. Unglücklicherweise weigert sich die Seele der Wahrheit in ihm, die ihre Achtung gewinnt, sich zähmen, schweigen oder verdachtslos sein zu lassen, und ist das ständige Hindernis für ihre gute Eintracht. Er ist jene melancholische Person, der Kritiker aller außer sich selbst; intensiv empfindlich für die Fehler anderer, von ihnen verwundet; verliebt in seine eigene zweifelsfreie Ehrlichkeit und in sein Ideal der einfacheren Lebensform, die ihr angemessen ist: Eigenschaften, die den Satiriker ausmachen. Er ist ein Jean-Jacques des Hofes. Sein Vorschlag an Célimène, als er ihr vergibt, dass sie ihm in die Flucht vor der Menschheit folgen solle, und sein Wahn der Abscheu vor ihr bei ihrer Weigerung, sind ganz in der Stimmung von Jean-Jacques. Er ist ein unausführbares Geschöpf von unschätzbarer Tugend; aber Célimène mag fühlen, dass die Flucht mit ihm in die Wüste: Das heißt vom Hof aufs Land,
„Où d’être homme d’honneur on ait la liberté“,
sie wahrscheinlich die Begleiterin eines hungernden Satirikers finden wird, wie jene arme Prinzessin, die mit dem Diener davonlief, und als beide im Wald hungrig waren, befohlen wurde, ihm Fleisch zu geben. Sie ist eine fieffée coquette, die sich an ihrem Witz und ihren Reizen erfreut und sich durch ihre Neigung zu Alceste inmitten ihrer vielen anderen Liebhaber auszeichnet; nur findet sie es schwer, sie abzuschneiden – welche Frau mit einer Entourage tut das nicht? – und wenn die Enthüllung ihres unartigen Witzes sie unter ihren Tadel gebracht hat, wird sie das Äußerste tun, was sie kann: Sie wird ihre Hand der Ehrlichkeit geben, aber sie kann die Weltlichkeit nicht ganz aufgeben. Sie wäre unklug, wenn sie es täte.
Die Fabel ist dünn. Unsere scharfsinnigen Erfinder von Handlungen würden in den Umrissen keinen Hinweis auf das Leben sehen. Das Leben der Komödie liegt in der Idee. Wie beim Singen der Feldlerche außer Sichtweite muss man den Vogel lieben, um dem Gesang aufmerksam zu lauschen, so muss man in diesem höchsten Flug der komischen Muse die reine Komödie herzlich lieben, um den Menschenfeind zu verstehen: Man muss für die Idee der Komödie empfänglich sein. Und um die Komödie zu lieben, muss man die wirkliche Welt kennen und Männer und Frauen gut genug kennen, um nicht zu viel von ihnen zu erwarten, obwohl man immer noch auf das Gute hoffen darf.
Menander schrieb eine Komödie namens Misogynes, die als sein berühmtestes Werk gilt. Dieser Frauenfeind ist laut dem erhaltenen Fragment ein verheirateter Mann, der die Frauen aus Hass auf seine Ehefrau hasst. Er verallgemeinert sein Urteil über sie, ausgehend vom Beispiel dieses beklagenswerten Anhangs seines Schicksals, und scheint im Wettstreit mit ihr den Kürzeren gezogen zu haben, was dem Ergebnis in der Realität der feinen Gesellschaft entspricht. Er scheint es auch verdient zu haben, was ebenso wahrheitsgetreu sein mag wie die Vorlage. Wir können jedoch nicht sagen, ob die Ehefrau eine gute Fürsprecherin ihres Geschlechts war, oder wie weit Menander in diesem Fall das Bild der Frau aus dem Schlamm hob, in den sie durch die komischen Dichter, oder vielmehr die satirischen Dramatiker der mittleren Periode der griechischen Komödie vor ihm und der Neuen Komödie gestürzt worden war, die ihren Witz hauptsächlich dem Missbrauch und, zur Abwechslung, dem Lobpreis der außerhäuslichen Damen von zweifelhaftem Ruf widmeten. Menander idealisierte sie, ohne sie absichtlich zu erheben. Er verspottete eine gewisse Thais, und seine Thais im Eunuchus des Terenz ist weder beruflich attraktiv noch abstoßend; sein Porträt der beiden Andrierinnen, Chrysis und ihre Schwester, ist an Zärtlichkeit nirgends zu übertreffen. Doch der Zustand der ehrlichen Frauen seiner Zeit erlaubte nicht die Handlungsfreiheit und das fechterische Dialektspiel einer Célimène, und folglich liegt es unter unserem Maßstab der reinen Komödie.
Sainte-Beuve beschwört den Geist Menanders herauf und sagt: Um meinetwillen liebt Terenz. Durch die Liebe zu Terenz sind die Modernen in der Lage, Menander zu lieben; und was von Terenz erhalten ist, hat uns anscheinend nicht das Beste vom Freund Epikurs gegeben. Der „Entsetzte Liebhaber“ und „Das geschorene Mädchen“ haben einen vielversprechenden Klang für Szenen der Eifersucht und ein allzu herrisches Zurschaustellen herrschaftlicher Autorität, die zu Reue führen, von der Art, wie sie maßlosen Männern bekannt ist, die sich einbildeten, sie kämpften mit dem Schwächeren, wie die Fragmente andeuten.
Von den sechs Komödien des Terenz leiten sich vier von Menander ab; zwei, die Hecyra und der Phormio, von Apollodorus. Diese beiden sind in komischer Handlung und der eigentümlichen Süße Menanders der Andria, den Adelphi, dem Heautontimorumenos und dem Eunuchus unterlegen: aber Phormio ist ein schwungvollerer und amüsanterer geselliger Schmarotzer als der Gnatho der letztgenannten Komödie. Es gab zahlreiche Rivalen, von denen wir so gut wie nichts wissen – außer durch die Zitate von Athenaeus und Plutarch und den griechischen Grammatikern, die sie anführten, um einen Lehrsatz zu stützen – in dieser wie in den vorangegangenen Perioden der Komödie in Athen, denn Menanders Stücke gehen in die vielen Dutzende, und sie wurden nur achtmal mit dem Preis gekrönt. Der Lieblingsdichter der Kritiker, in Griechenland wie in Rom, war Menander; und wenn ihn auch hier und da einige seiner Rivalen an komischer Kraft übertrafen und ihn im Wettbewerb durch eine Angemessenheit an den Anlass ausstachen, die zuvor auf ähnliche Weise das Genie des Aristophanes bei den Wolken und den Vögeln um seinen gebührenden Lohn gebracht hatte, so war seine Position als Haupt der komischen Dichter seines Zeitalters unangefochten. Plutarch zerrt Aristophanes sehr unnötigerweise in einen Vergleich mit ihm, zur Verwirrung des älteren Dichters. Ihre Ziele, die Materie, mit der sie sich befassten, und die Zeiten waren völlig ungleich. Aber es ist kein Wunder, dass Plutarch, der in einer Zeit schrieb, als die athenische Schönheit des Stils das Entzücken seiner Gönner war, Menander am höchsten einstufte. In welchem Grad der Treue Terenz Menander kopierte, ob, wie er von der Passage in den Adelphi sagt, die von Diphilos übernommen wurde, verbum de verbo in den lieblicheren Szenen – die Beschreibung der letzten Worte der sterbenden Andrierin und ihres Begräbnisses zum Beispiel –, bleibt mutmaßlich. Für uns teilt Terenz mit seinem Meister das Lob einer Annehmlichkeit, die wie elysische Rede ist, ausgeglichen und stets gnädig; wie das Gesicht der jungen Schwester der Andrierin:
‘Adeo modesto, adeo venusto, ut nihil supra.’
Das berühmte ‚flens quam familiariter‘, dessen treueste Wiedergabe in harscher Prosa hoffnungslos scheitert, um die traurige Vertraulichkeit eines jungen Mädchens auszudrücken, das ihre Schwester und liebste Freundin verloren hat und nur noch ihren Liebhaber hat; ‚sie wandte sich und warf sich an seine Brust, weinend, als wäre sie zu Hause‘: das sagt uns unser Instinkt muss griechisch sein, wenn auch im Griechischen kaum feiner. Bestimmte Zeilen des Terenz zeigen, im Vergleich mit den Originalfragmenten, dass er sie ausschmückte; aber sein Geschmack war zu exquisit, als dass er sein Genie etwas anderem hätte widmen können als der ehrlichen Übersetzung solcher Stücke wie dem obigen. Menander also; mit ihm, durch die Verwandtschaft der Sympathie, Terenz; und Shakespeare und Molière haben diese schöne Durchsichtigkeit der Sprache: und das Studium der komischen Dichter wäre zu empfehlen, wenn auch nur deswegen.
Ein eigenartiges schlimmes Schicksal ereilte die Schriften Menanders. Was wir von ihm bei Terenz haben, wurde wahrscheinlich ausgewählt, um die gebildeten Römer zu erfreuen; und es ist ein romantisches Stück mit einer komischen Intrige, das in zwei Fällen, der Andria und dem Eunuchus, dadurch gewonnen wurde, dass ein Paar seiner Originale in eines zusammengerollt wurde. Die Titel einiger der verlorenen Stücke deuten auf den komisch erhellenden Charakter hin; ein Selbstmitleidiger, ein Selbstzüchtiger, ein Übellauniger, ein Abergläubischer, ein Ungläubiger usw. weisen auf suggestive häusliche Themen hin.
Terenz schickte Manuskriptübersetzungen aus Griechenland, die Schiffbruch erlitten; er, der den Schatz hätte wiederherstellen können, starb auf dem Heimweg. Die Eiferer von Byzanz vollendeten das Werk der Zerstörung. So haben wir die vier Komödien des Terenz, die sechs von Menander zählen, mit ein paar Skizzen von Handlungen – eine davon, der Thesaurus, führt einen Geizhals ein, den wir gerne mit Harpagon verglichen hätten – und eine Vielzahl kleiner Fragmente sentenzhafter Art, geeignet zum Zitieren. Genug bleibt übrig, um seine Größe spürbar zu machen.
Ohne andere Komödienschreiber abzuwerten, denke ich, man kann sagen, dass Menander und Molière allein besonders als komische Dichter der Gefühle und der Idee dastehen. In jedem von ihnen gibt es eine Auffassung des Komischen, die bis zum Schmerz verfeinert, wie bei Menedemus im Heautontimorumenos und im Menschenfeind. Menander und Molière haben bisher die Haupttypen für die Komödie geliefert. Micio und Demea aus den Adelphi, mit ihren entgegengesetzten Ansichten über die richtige Erziehung der Jugend, sind immer noch lebendig; die Sganarelles und Arnolphes der Schule der Männer und der Schule der Frauen sind nicht alle begraben. Tartuffe ist der Vater der Heuchler; Orgon der der Betrogenen; Thraso der der Prahlhänse; Alceste der der „Manlys“; Davus und Syrus der der intriganten Kammerdiener, der Scapins und Figaros. Damen, die in den Reichen von Rosa-Pink schweben, deren Sprache die nickenden Federn intellektueller Einbildung trägt, sind auf Philaminte und Bélise aus den Femmes Savantes zurückzuführen: und die beißenden witzigen Frauen haben die Zunge der Célimène. Der Grund ist, dass diese beiden Dichter das Leben idealisierten: das Fundament ihrer Typen ist real und im Lebendigen, aber sie malten mit spiritueller Kraft, was das Solide in der Kunst ist.
Die idealistische Auffassung der Komödie verleiht dem komischen Genie Weite und Möglichkeiten zum Wagemut und hilft, die Schwierigkeiten zu lösen, die sie schafft. Wie soll zum Beispiel ein Publikum versichert werden, dass ein offensichtlicher und monströser Betrogener tatsächlich getäuscht wird, ohne ein absoluter Narr zu sein? Im Tartuffe schlägt der Ton der hohen Komödie an, wenn Orgon bei seiner Rückkehr nach Hause vom ausgezeichneten Appetit seines Idols hört. „Le pauvre homme!“, ruft er aus. Ihm wird gesagt, dass seine liebe Frau unwohl gewesen sei. „Et Tartuffe?“, fragt er, ungeduldig, ihn erwähnen zu hören, sein Geist erfüllt vom Gedanken an Tartuffe, verrückt vor Zärtlichkeit, und wieder gurrt er: „Le pauvre homme!“ Es ist der Schrei einer Mutter voll mitleidigem Entzücken bei der Erzählung einer Amme über die Heldentaten der tierischen Gier ihres geliebten Säuglings. Nach diesem Meisterstreich des Komischen glaubt man nicht nur an Orgons rosige Voreingenommenheit, man teilt sie mit ihm durch komische Sympathie und kann dem Beispiel, das er von der erhabenen Menschlichkeit des Tartuffe gibt, mit nicht mehr als einem Zittern der Lachmuskeln zuhören:
‘Un rien presque suffit pour le scandaliser, Jusque-là, qu’il se vint l’autre jour accuser D’avoir pris une puce en faisant sa priere, Et de l’avoir tuée avec trop de colère.’
Und sie auch noch zu zornig getötet zu haben! Molière zu übersetzen ist, wie eine Melodie zu summen, die man von einem versierten Geiger der reinen Töne ohne Schnörkel hat spielen hören.
Orgon, der erwacht und in Madame Pernelle einen weiteren Betrogenen findet, ungläubig gegenüber den Enthüllungen, die endlich seine eigenen benebelten Augen geöffnet haben, ist eine Szene des doppelten Komischen, belebt durch den Zauber, der zuvor auf den Geist gewirkt wurde. Da fühlen wir die Kraft der Schöpfung des Dichters; und im scharfen Licht dieser plötzlichen Wendung ist die Menschlichkeit lebendiger als jede realistische Arbeit es machen kann.
Die italienische Komödie gibt viele Hinweise für einen Tartuffe; aber sie sind bei Boccaccio ebenso zu finden wie in Machiavellis Mandragola. Der Frate Timoteo aus diesem Stück ist nur ein sehr öliger Mönch, der gefällig eine Intrige mit kirchlichen Sophistereien (um das mildeste Wort zu gebrauchen) gegen Bezahlung unterstützt. Frate Timoteo hat eine feine italienische priesterliche Pose.
DONNA: Credete voi, che’l Turco passi questo anno in Italia?
F. TIM.: Se voi non fate orazione, sì.
Priesterliche Arroganz und Salbung, und Tricksereien und Kasuistiken können nicht gemalt werden, ohne dass wir eine Ähnlichkeit in der langen italienischen Galerie entdecken. Goldoni skizzierte die venezianischen Sitten des Verfalls der Republik mit einem französischen Stift und war im Stil ein italienischer Scribe.
Die spanische Bühne ist reicher an solchen Komödien wie jener, die die Idee des Lügners an Corneille lieferte. Aber man muss sich zwingen zu glauben, dass dieser Lügner seine Ader nicht forciert, wenn er Lüge auf Lüge häuft. Es gibt keinen vorhergehenden Touch, um den Geist zur Leichtgläubigkeit zu gewinnen. Die spanische Komödie ist im Allgemeinen in scharfen Umrissen, wie von Skeletten; in schneller Bewegung, wie von Marionetten. Die Komödie könnte von einer Truppe des Corps de Ballet aufgeführt werden; und in der Erinnerung an das Lesen löst sie sich in ein animiertes Schlurfen von Füßen auf. Es ist in der Tat etwas anderes als die wahre Idee der Komödie. Wo die Geschlechter getrennt sind, wachsen Männer und Frauen, wie die Portugiesen es nennen, affaimados voneinander, ausgehungert; und alle tragischen Elemente sind auf der Bühne. Don Juan ist ein komischer Charakter, der Seelen davonfliegen lässt: noch versöhnt der Humor des Brechens eines Dutzend Frauenherzen die komische Muse mit dem Vergießen von Blut.
Deutsche Versuche der Komödie erinnern einen lebhaft an Heines Bild seines Landes im Tanz des Atta Troll. Lessing versuchte sich daran, mit ernüchternder Wirkung auf die Leser. Die Absicht, den umgekehrten Effekt zu erzielen, ist gerade sichtbar, und darin, wie die fülligen Anmuten des armen alten Pyrenäenbären, der sich auf seinem rechten und linken Hinterbein ausbalanciert und dreht, besteht der Spaß. Jean Paul Richter gibt die beste Ausgabe des deutschen Komischen im Kontrast von Siebenkäs mit seiner Lenette. Ein Licht des Komischen ist in Goethe; genug, um die prächtige Figur des Mannes zu vervollständigen, aber nicht mehr.
Das deutsche literarische Lachen, wie das zeitlich abgestimmte Erwachen ihres Barbarossa in den Höhlungen des Untersbergs, ist selten und eher monströs – niemals ein Lachen von Männern und Frauen im Einklang. Es stammt aus unraffinierter abstrakter Phantasie, grotesk oder grimmig oder grob, wie die eigentümlichen Launen ihrer kleinen Erdgeister. Spirituelles Lachen haben sie noch nicht erreicht: Sentimentalität überfällt sie im Flug. Hier und da zeigt ein Volkslied oder Märchen eine nationale Begabung für derbes tierisches Lachen; und wir sehen, dass die Literatur darauf aufgebaut ist, was insofern hoffnungsvoll ist; aber um es zu genießen, um in die Philosophie des breiten Grinsens einzudringen, das zwischen dem Schädel und dem Embryo zu zögern scheint und seine Vollendung in der Breite durch das Ziehen zweier quadratischer Finger an den Mundwinkeln erreicht, muss man die Hilfe des ‚guten Rheinweins‘ haben und zudem von unvermischtem deutschen Blut sein. Diese dreifach-holländische Schwerfälligkeit des komischen Geistes schließt von sich aus die Idee der Komödie aus, und die arme Stimme, die den Frauen im deutschen häuslichen Leben zugestanden wird, erklärt das Fehlen komischer Dialoge, die das Leben in jenem Land reflektieren. Ich werde im zweiten Teil dieses Vortrags wieder davon sprechen.
Nach Osten hin haben Sie totales Schweigen der Komödie unter einem Volk, das intensiv für Lachen empfänglich ist, wie die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht bezeugen werden. Wo der Schleier über den Gesichtern der Frauen liegt, kann man keine Gesellschaft haben, ohne die die Sinne barbarisch sind und der komische Geist in die Rinnsteine der Grobheit getrieben wird, um seinen Durst zu löschen. Araber sind in dieser Hinsicht schlimmer als Italiener – viel schlimmer als Deutsche; genau in dem Maße, wie ihr System, Frauen zu behandeln, schlechter ist.
M. Saint-Marc Girardin, der exzellente französische Essayist und Meister des kritischen Stils, erzählt von einer Unterhaltung, die er einst mit einem arabischen Gentleman über das Thema der unterschiedlichen Handhabung dieser schwierigen Geschöpfe im Orient und im Okzident hatte: und der Araber sprach in Lob der vielen guten Ergebnisse der größeren Freiheit, die westliche Damen genießen, und des Charmes, sich mit ihnen zu unterhalten. Er wurde gefragt, warum seine Landsleute keine Maßnahmen ergriffen, ihnen etwas von dieser Art von Freiheit zu gewähren. Er sprang im Nu aus seiner Individualität heraus und versetzte sich in die Gefühle seiner Rasse, indem er vom Gipfel einer prächtigen Einbildung mit gespielter Demut der Manier antwortete: „IHR könnt sie ohne Erregung betrachten – aber WIR!“... Und nach dieser zutiefst komischen Interjektion fügte er mit tiefem Ton hinzu: „Das bloße Gesicht einer Frau!“ Unser Repräsentant gemäßigter Ansichten stimmte sittsam zu, dass der arabische Stolz auf Entflammbarkeit auf der Prüderie des Schleiers als zivilisierendem Medium seiner Rasse bestehen müsse.
Es hat Spaß in Bagdad gegeben. Aber es wird niemals Zivilisation geben, wo Komödie nicht möglich ist; und das kommt von einem gewissen Grad an sozialer Gleichheit der Geschlechter. Ich zitiere den Araber nicht, um den schläfrigen Osten zu ermahnen und zu stören; eher damit kultivierte Frauen erkennen, dass die komische Muse eine ihrer besten Freundinnen ist. Sie sind blind für ihre Interessen, wenn sie die Reihen der Sentimentalisten anschwellen lassen. Mögen sie mit ihrer klarsten Sicht im Ausland und zu Hause schauen. Sie werden sehen, dass dort, wo sie keine soziale Freiheit haben, die Komödie abwesend ist: wo sie häusliche Lasttiere sind, ist die Form der Komödie primitiv: wo sie einigermaßen unabhängig, aber unkultiviert sind, tritt aufregendes Melodram an ihre Stelle und eine sentimentale Version von ihnen. Doch das Komische wird herauskommen, wie sie wüssten, wenn sie einigen der privaten Gespräche von Männern zuhörten, deren Geist nicht von der komischen Muse gelenkt wird: wie der sentimentale Mann zu seinem Erstaunen ebenfalls wüsste, wenn er auf ähnliche Weise eine Lektion erhalten könnte. Aber wo Frauen auf dem Weg zu einem gleichberechtigten Fuß mit Männern sind, an Errungenschaften und an Freiheit – in dem, was sie für sich selbst gewonnen haben und was ihnen durch eine faire Zivilisation gewährt wurde –, dort, und nur darauf wartend, aus dem Leben auf die Bühne oder den Roman oder das Gedicht transplantiert zu werden, blüht die reine Komödie, und ist, wie sie ihnen helfen würde zu sein, der süßeste der Zeitvertreibe, der weiseste der entzückenden Begleiter.
Nun, um uns in der gegenwärtigen Zeit umzusehen, denke ich, wird anerkannt werden, dass wir bei der Vernachlässigung der Kultivierung der komischen Idee die Hilfe eines mächtigen Hilfsmittels verlieren. Sie sehen, wie die Torheit ständig in neue Gestalten gleitet, in einer Gesellschaft, die Reichtum und Muße besitzt, mit vielen Launen, vielen seltsamen Leiden und seltsamen Ärzten. Reichlich gesunder Menschenverstand ist in der Welt, um sie zurückzudrängen, wenn sie vorgibt, zu herrschen. Aber der Erstgeborene des gesunden Menschenverstands, das wachsame Komische, das der Geist des nachdenklichen Lachens ist, das sie bereitwillig am Anfang auslöschen würde, dient nicht als öffentlicher Anwalt.
Sie werden die Neigung des gesunden Menschenverstands bemerkt haben, unter dem Druck eines hartnäckigen Stücks von Leichtsinn ungeduldig und ärgerlich zu werden. Das ist ein Zeichen für das Fehlen oder zumindest für den Schlummer der komischen Idee. Denn die Torheit ist die natürliche Beute des Komischen, bekannt für sie in all ihren Transformationen, in jeder Verkleidung; und es ist mit der hüpfenden Freude des Falken über dem Reiher, des Hundes hinter dem Fuchs, dass sie sie jagt, niemals verärgernd, niemals ermüdend, sicher, sie zu haben, ihr keine Ruhe lassend.
Verachtung ist ein Gefühl, das von komischer Intelligenz nicht gehegt werden kann. Was ist es anderes als eine Entschuldigung dafür, untätig, persönlich hochmütig oder bequem engstirnig zu sein, nicht vollkommen menschlich? Wenn wir nicht heucheln, wenn wir sagen, dass wir die Torheit verachten, schließen wir das Gehirn. Es gibt eine verächtliche Haltung in Gegenwart der Torheit, die bei komischer Wahrnehmung an Narrheit teilhat: und Ärger ist nicht viel weniger töricht als Verachtung. Der Kampf, den wir führen müssen, ist Essenz gegen Essenz. Niemand zweifle an der Fortsetzung, wenn diese Emanation dessen, was am festesten in uns ist, gestartet wird, um die Tochter der Unvernunft und des Sentimentalismus niederzuschlagen: da dies die Abstammung der Torheit ist, wenn sie respektabel ist.
Unser modernes System, sie zu bekämpfen, ist zu lange defensiv und wird bei Angriffen zu mühsam mit konkreten Kriegsmaschinen durchgeführt. Sie hat Zeit, hinter Befestigungen zu kommen. Sie ist bereit, eine Belagerung auszuhalten, bevor der schwer bewaffnete Wissenschaftler und der Verfasser des Leitartikels oder aufwendigen Essays ihre großen Kanonen geladen haben. Es sollte bedacht werden, dass sie Reize für die Menge hat; und eine englische Menge, die sieht, wie sie einen tapferen Kampf führt, wird halb in sie verliebt sein, sicherlich bereit, ihr ein Hoch zuzurufen. Wohlwollende Spenden unterstützen sie dabei, ihren eigenen Wissenschaftler, ihr eigenes Sprachrohr in der Presse anzuheuern. Wenn sie letztendlich verstoßen und gestürzt wird, kann sie einen Finger auf Lücken in unseren Reihen strecken. Sie kann sagen, dass sie eine Armee befehligte und Männer verführte, von denen wir dachten, sie seien nüchterne und sichere Männer, als ihre Leutnants zu agieren. Wir erfahren ziemlich düster, nachdem sie ihre Laterne aufblitzen ließ, dass wir in unserer Mitte fähige Männer haben und Männer mit Geist, für die es keinen Polarstern in der intellektuellen Navigation gibt. Die Komödie oder das komische Element ist das Spezifikum für das Gift der Täuschung, während die Torheit vom Zustand des Dampfes zur substanziellen Form übergeht.
O für einen Hauch von Aristophanes, Rabelais, Voltaire, Cervantes, Fielding, Molière! Dies sind Geister, die, wenn man sie gut kennt, kommen werden, wenn ihr ruft. Sie werden feststellen, dass schon die Anrufung von ihnen auf Sie wirkt wie eine renovierende Luft – der Südwest, der von der See kommt, oder ein Ruf in den Alpen.
Niemand würde sich anmaßen zu sagen, dass es uns an Spaßmachern mangelt. Sie sind im Überfluss vorhanden, und die Organisation, die ihre Maschinerie darauf richtet, sie im Gefolge des Leitartikels und der populären Stimmung abzufeuern, ist gut.
Aber das Komische unterscheidet sich von ihnen dadurch, dass es den Verstand zum Lachen anspricht; und der träge Verstand braucht etwas Training, um darauf zu reagieren, sei es im öffentlichen Leben oder im Privaten, und besonders wenn die Gefühle erregt sind.
Der Sinn für das Komische ist durch die Gewohnheit des Wortspiels und der Verwendung humoristischer Phrasen stark abgestumpft: die Angewohnheit, Johnsonianische Polysyllaba zu verwenden, um das unendlich Kleine zu behandeln. Und es mag in der Tat humorvoll sein, einer Art, doch es wird den Punkt verfehlen, indem es zu sehr darum herumgeht.
Ein gewisser französischer Herzog Pasquier starb vor einigen Jahren in sehr hohem Alter. Er war in seinen späteren Jahren bis zu seinem Tod der ehrwürdige Herzog Pasquier gewesen. Es gab einen Bericht über Herzog Pasquier, dass er ein Mann von tiefem Egoismus war. Daher entstand ein Argument, das warm verteidigt wurde, über die übermäßige Selbstsucht derjenigen, die in einer Welt voller Sorgen, Handlungsaufforderungen und zahlloser Pflichten ihre Kräfte für das Leben an sich sparen. Kann es möglich sein, so hieß es, dass ein wahrhaft großzügiges Herz bis zum Alter von hundert Jahren weiter schlägt? Herzog Pasquier war nicht ohne seine Verteidiger, die ihn mit der Eiche des Waldes verglichen – ein ehrwürdiger Vergleich.
Die Auseinandersetzung wurde auf beiden Seiten mit Geist und Ernst geführt, hier und da aufgehellt durch lebhafte Anflüge des polysyllabischen Spielerischen, die einen an das ernste Verfolgen ihres Vergnügens durch schwänzende Jungen erinnerten, die sich sicher sind, dass sie sich außerhalb des Blickfeldes ihres Meisters befinden, und sich dann und wann in einer Nachahmung desselben ergehen. Und man darf wohl annehmen, dass die komische Idee schlief, während sie sie nicht überblickte! Es lief schließlich darauf hinaus, dass entweder Herzog Pasquier eine Schande für unsere Menschlichkeit war, weil er so lange am Leben hing, oder dass er sie durch einen solch hartnäckigen Widerstand gegen den Feind ehrte. Wie jemand, der sich in einem Labyrinth verirrt hat und froh ist, am Eingang wieder herauszukommen, lief das Argument darauf hinaus, mit seinem Anfang zu enden.
Nun stellen Sie sich einen Meister des Komischen vor, der dieses Thema behandelt, und insbesondere das Argument darüber. Stellen Sie sich eine aristophanische Komödie über DEN HUNDERTJÄHRIGEN vor, mit chorischen Lobgesängen auf einen heldenhaften frühen Tod und ebensolchen auf eine hartnäckige Lebenskraft, wobei der Dichter über den Chor lacht; und die große Streitfrage im Dialog, welches das exakte Alter sei, in dem ein Mann sterben sollte, auf die Minute genau, damit er den Respekt seiner Mitmenschen bewahre, gefolgt von einem systematischen Versuch, mit einem zähen Schiffsseil von der einen Partei und einer Reihe von Gähnern von der anderen eine genaue Messung der Lebensausdauer des Veteranen und unserer Kapazität, IHN zu ertragen, in parallelen Linien vorzunehmen, mit gewaltigem Zerren auf beiden Seiten.
Würde die komische Sicht der Diskussion nicht sie und die Disputanten erhellen wie ein Blitz? Es gibt Fragen, genau wie Personen, die nur das Komische angemessen berühren kann.
Aristophanes hätte wahrscheinlich den alten Baum bekränzt, mit der tröstlichen Bemerkung an die hageren Reihen der lang erwarteten Erben des Hundertjährigen, dass sie erleben dürfen, wie segensreich es ist, aus einem starken Geschlecht zu stammen. Die Pfeile seines Spotts wären hauptsächlich auf die Disputanten gezielt gewesen. Denn der einzige Grund für das Argument war der Charakter des alten Mannes, und Sophisten braucht es nicht, um zu beweisen, dass wir sehr bald zu viel von einer schlechten Sache haben können. Ein Hundertjähriger provoziert nicht notwendigerweise die komische Idee, noch tut es die Leiche eines Herzogs. Sie wird nicht in der Ordnung der Natur provoziert, es sei denn, wir lenken ihre eindringliche Aufmerksamkeit auf einen Umstand, mit dem wir unsere privaten Interessen oder unsere spekulative Verwirrung vermischt haben. Die Stumpfheit, die für das Komische unempfänglich ist, hat das Privileg, es zu erwecken; und das Legen eines stumpfen Fingers auf Angelegenheiten des menschlichen Lebens ist die sicherste Methode, elektrische Verbindungen mit einer Batterie des Lachens herzustellen – wo die komische Idee vorherrschend ist.
Doch wenn die komische Idee bei uns vorherrschte und wir einen Aristophanes hätten, um sie zu spitzen und zu beflügeln, dann würden wir die Luft von Athen atmen. Schwätzer, die sich jetzt wie öffentliche Brunnen über uns ergießen, würden auf der Straße unterbrochen und stünden blinzelnd da, stumm wie Briefkästen, in deren Schlund Briefe gesteckt werden. Wir würden den Inkubus abschütteln, unseren schrecklichen Vertrauten – von manchen Langeweile genannt –, den zu verabscheuen wir gerade noch lebendig genug sind, den zu vereiteln wir jedoch niemals flink genug sind. Es gäbe eine helle und positive, klare hellenische Wahrnehmung von Tatsachen. Die Dünste der Unvernunft und des Sentimentalismus würden fortgeblasen, bevor sie produktiv werden könnten. Wo wären Pessimist und Optimist? Sie hätten auf jeden Fall ein geschrumpftes Publikum. Doch möglicherweise wäre der Wechsel der Despoten, von gutmütiger alter Stumpfheit zu scharfkantiger Intelligenz, die von Natur aus gnadenlos ist, mehr, als wir ertragen könnten. Der Bruch des Bandes zwischen stumpfsinnigen Leuten, der darin besteht, dass sie brüderlich übereinkommen, dass ihnen etwas zu klug und eine Nummer zu groß ist, ist nicht leicht zu nehmen; denn so dünn das Band auch scheinen mag, es kommt einem Zement gleich, der ein festes Gefüge von dichter Kohäsion bildet, was in der Einschätzung des Staatsmannes sehr wünschenswert ist.
Ein politischer Aristophanes, der seine lyrische bacchische Lizenz nutzte, erwies sich für das politische Athen als zu viel. Ich würde nicht verlangen, ihn wiederzubeleben, aber dass das scharfe Licht eines Geistes wie seinem bei uns sein könnte, um hin und wieder auf öffentliche Angelegenheiten, öffentliche Themen zu treffen, damit sie schwungvoller dahinrollen.
Er hasste mit der Leidenschaft des Politikers den Sophisten, der die Einfachheit des Denkens korrumpierte, den Dichter, der die Reinheit des Stils zerstörte, den Demagogen, das „sägezähnige Ungeheuer“, das, wie er glaubte, den Pöbel betrog, und er behauptete sich gegen sie durch die Kraft des Lachens, bis Geldstrafen, die Beschneidung seiner komischen Lizenz im Chor und schließlich der Ruin Athens, das die Kosten für den Chor nicht mehr tragen konnte, ihn vollständig auf den Dialog warfen und ihn unter das Gesetz brachten. Nach der Katastrophe muss der Dichter, der stets auf die Männer von Marathon und Salamis zurückgeblickt hatte, gefühlt haben, dass er es vorhergesehen hatte; und dass er weise war, als er für den Frieden plädierte und militärische Geckerei verspottete, und das spitzfindige alte Geschöpf Demus, das können wir zugeben. Er hatte die Gabe des gesunden Menschenverstandes des komischen Dichters – was nicht immer politische Intelligenz einschließt; doch seine politische Tendenz hob ihn über die Neigung der Alten Komödie zur lärmenden Farce. Er beschimpfte Sokrates, aber Xenophon, der Schüler des Sokrates, rettete durch seine geschulte Rhetorik die Zehntausend. Aristophanes könnte sagen, dass, wenn seine Warnungen befolgt worden wären, es kein solches Söldner-Expeditionsheer der Griechen unter Kyros gegeben hätte. Athen jedoch war auf einem Erdrutsch, es fiel; niemand konnte es aufhalten. Zurückzublicken, die alten Zeiten aufrechtzuerhalten, war ein höchst natürlicher Konservatismus, und fruchtlos. Die Aloe hatte geblüht. Ob richtig oder falsch in seiner Politik und seinen Kritiken, und unter Berücksichtigung der Instrumente, auf denen er spielte, und des Publikums, das er gewinnen musste, gibt es eine Idee in seinen Komödien: es ist die Idee der guten Bürgerschaft.
Es ist unwahrscheinlich, dass er wiederbelebt wird. Er steht, wie Shakespeare, als ein Unerreichbarer. Swift sagt über ihn mit einem liebevollen Glucksen:
„Was aber den komischen Aristophanes betrifft, Ist der Hund zu witzig und zu profan.“
Aristophanes war „profan“, unter satirischer Anleitung, im Gegensatz zu seinen Rivalen Kratinos, Phrynichos, Ameipsias, Eupolis und anderen, wenn man ihm glauben darf, die in ihrem außergewöhnlichen Jahrmarkt des Tages der Komödie einander und jeden anderen mit absoluter Herzlichkeit niederschlugen, wie er es tat, aber auf kleines Wild zielten und bestimmte Frauen hervorzerren, was er nicht tat. Er ist eine Ansammlung vieler Männer, alle von einer gewissen Größe. Wir können uns eine Vorstellung seiner Kräfte machen, wenn wir Rabelais auf Hudibras setzen, ihn mit der Liedhaftigkeit von Shelley heben, ihm eine Ader von Heinrich Heine geben und ihn mit dem Mantel der Anti-Jakobiner bedecken, und (damit auch etwas Irisches in ihm steckt) einen Schuss Grattan hinzufügen, bevor er in Bewegung gerät.
Doch solche Bemühungen, einen Großen durch die Einverleibung von Kleineren zu konzipieren, sind vergeblich und schreien nach Entschuldigung. Wenn man sich Wilkes als Hauptdarsteller in einem Land vorstellt, das unter einem befederten Lamachus ständig in den Krieg stürzt, mit Feinden, die das Land periodisch bis vor die Tore Londons in Brand stecken, und einen Samuel Foote von erstaunlichem Genie, der ihn mit Spott angreift, denke ich, dass dies eine Vorstellung von dem Konflikt gibt, in den Aristophanes verwickelt war. Dieser lachende Kahlkopf, wie er sich selbst nennt, war ein titanischer Pamphletist, der das Lachen als seine politische Waffe benutzte; ein Lachen ohne Skrupel, das Lachen des Herkules. Er war gewappnet mit Witz, wie mit dem Knoblauch, von dem er spricht, den er den Kampfhähnen gab, damit sie besser kämpfen. Und er war ein lyrischer Dichter von ätherischer Feinheit, mit dem heimatlichen Gesang eines fröhlichen Nationaldichters, und ein Dichter von solchem Gefühl, dass die komische Maske manchmal nicht breiter ist als ein Tuch auf einem Gesicht, um die ernsten Züge unserer gemeinsamen Ähnlichkeit zu zeigen. Er ist nicht wiederzubeleben; aber wenn seine Methode studiert würde, würde etwas von dem Feuer in ihm zu uns kommen, und wir könnten wiederbelebt werden.
Allgemein betrachtet, ist die englische Öffentlichkeit am ehesten mit dieser ursprünglichen aristophanischen Komödie im Einklang, in der das Komische durch das Groteske überboten wird, Ironie den Witz zuspitzt und Satire ein nacktes Schwert ist. Sie haben die Basis des Komischen in sich: eine Wertschätzung des gesunden Menschenverstandes. Sie missbilligen das Gegenteil herzlich. Sie haben ein sattes Lachen, wenn auch nicht das *gros rire* des Galliers, der *gros sel* wirft, noch das mental verdauende Lachen des kultivierten Franzosen. Und wenn sie nun, wie ein Monarch mit einer Truppe von Zwergen, zu viele Possenreißer haben, die das Wörterbuch herumkicken, um sie reflektieren zu lassen, dass sie stumpfsinnig sind, schauen sie gelegentlich, wie der nachdenkliche Monarch, der sich selbst mit einer Idee einer Idee seiner selbst überrascht, danach aus. Und sie neigen dazu, in den Spiegel zu schauen. Sie müssen sehen, dass ihnen etwas fehlt. Wie viel selbst die bessere Ordnung von ihnen erträgt, ohne einen Gedanken an die Verteidigung, wenn die Person, die sie peinigt, vor Satire geschützt ist, lesen wir in den *Memoirs of a Preceding Age*, wo die vulgär-tyrannische Gastgeberin eines großen Hauses die Gäste mischte und sie wie ein Kartenspiel spielte, mit ihrer genauen Einschätzung der Stärke jedes Einzelnen, die auf sie gedruckt war: und dieses Haus blieb weiterhin das beliebteste in England; noch erschien die Dame jemals gedruckt oder auf den Brettern als der komische Typus, der sie war.
Es wurde vermutet, dass sie die Bedeutung des Lebens in der Gesellschaft noch nicht geistig erfasst haben; denn wer ist fröhlicher, witziger auf den Feldern und als Entdecker, Kolonisatoren, Waldläufer? Sie sind glücklich in rauer Übung und auch in vollkommener Ruhe. Der Zwischenzustand, wenn sie aufgefordert werden, miteinander zu reden, über andere Dinge als Geschäftsangelegenheiten oder ihre Steckenpferde, enthüllt sie mit einem seltsamen Ausdruck von Leere, als wäre es die Höhle eines fehlenden Auges. Das Komische entspringt im sozialen Leben beständig, und es bedrückt sie, weil es nicht wahrgenommen wird.
So bittet bei einer Dinnerparty einer der Gäste, der sich zufällig bei einer Bestattungsgesellschaft eingeschrieben hat, die anderen höflich, ihre Namen als Anteilseigner einzutragen, wobei er sich über die Vorteile auslässt, die ihnen im Falle ihres sehr möglichen baldigen Todes erwachsen, die Wohltuendkeit des Ortes, die Eignung des Bodens für einen schnellen Verzehr ihrer Überreste usw.; und sie trinken Traurigkeit von dem unpassenden Mann und bekommen Verdauungsstörungen, da sie ihn nicht in einem scharf definierten Licht sehen, das sie dazu auffordern würde, das Komische an ihm zu kosten. Oder es wird erwähnt, dass ein neu gewähltes Mitglied unseres Parlaments seine Ankunft bei der Prominenz durch die Veröffentlichung eines Buches über Taxipreise feiert, das einer geliebten verstorbenen weiblichen Verwandten gewidmet ist, und der Kommentar dazu ist das Wort „Tatsächlich“. Aber nur als Kontrast, wenden Sie sich einer nicht ungewöhnlichen Szene von gestern auf dem Jagdfeld zu, wo ein brillanter junger Reiter, nachdem er sich das Schlüsselbein gebrochen hat, sehr bald darauf gegen ärztliches Verbot, halb mit Schienen zusammengeflickt, zum entferntesten Treffpunkt seiner Nachbarschaft trabt, sicher, seinem Arzt zu entkommen, der die erste Person ist, der er begegnet. „Ich kam hierher, absichtlich um Sie zu meiden“, sagt der Patient. „Ich kam hierher, absichtlich um mich um Sie zu kümmern“, sagt der Arzt. Sie reiten los und kommen zu einem angeschwollenen Bach. Der Patient überspringt ihn geschickt: der Arzt fällt hinein. Das ganze Feld ist lebendig mit dem herzlichsten Genuss über jeden Vorfall und jedes Gegenlicht darauf; und stumpfsinnig wäre der Mann genannt worden, der bei der Heimreise kein Wort darüber zu sagen gewusst hätte.
In unserer Prosaliteratur hatten wir entzückende komische Schriftsteller. Neben Fielding und Goldsmith gibt es Miss Austen, deren Emma und Mr. Elton direkt in eine Komödie spazieren könnten, wäre die Handlung für sie arrangiert. Galts vernachlässigte Romane haben einige Charaktere und Züge von scharfem Komödiantentum. In unserer poetischen Literatur ist das Komische zart und anmutig über die Berührung von Italienisch und Französisch hinaus. Im Allgemeinen jedoch zeichnen sich die englischen Auserwählten durch Satire aus, und sie sind noble Humoristen. Die nationale Veranlagung ist für hartes Zuschlagen, mit einer moralischen Absicht, es zu sanktionieren; oder für eine rosige, manchmal eine *larmoyante* Herzlichkeit, nicht unmännlich in ihrem Grenzüberschreiten zur Zärtlichkeit, und mit einer singulären Anziehungskraft für Dickköpfigkeit, um sie mit Eselsohren und den schönsten waldartigen Heiligenscheinen zu schmücken. Aber das Komische ist ein anderer Geist.
Sie können Ihre Kapazität für komische Wahrnehmung einschätzen, indem Sie in der Lage sind, die Lächerlichkeit derer zu entdecken, die Sie lieben, ohne sie weniger zu lieben: und mehr noch, indem Sie in der Lage sind, sich selbst ein wenig lächerlich in lieben Augen zu sehen und die Korrektur zu akzeptieren, die ihr Bild von Ihnen vorschlägt.
Jeder eines liebevollen Paares mag bereit sein, wie wir sagen, für den anderen zu sterben, doch unwillig, das angenehme Wort im richtigen Moment zu äußern; aber wenn die Geister schnell genug wären, damit sie wahrnehmen, dass sie sich in einer komischen Situation befinden, wie es liebevolle Paare sein müssen, wenn sie streiten, würden sie nicht auf den Mond oder den Kalender oder eine Dorine warten, um die Flut der zärtlichen Gefühle zurückzubringen, dass sie Hände und Lippen verbinden sollten.
Wenn Sie die Lächerlichkeit entdecken und Ihre Freundlichkeit davon erkaltet, schlüpfen Sie in den Griff der Satire.
Wenn Sie es vorziehen, statt mit einer satirischen Rute über die lächerliche Person herzufallen, damit sie sich windet und laut schreit, sie unter einer Halb-Liebkosung zu stechen, durch die sie in ihrer Qual ungewiss gemacht wird, ob tatsächlich etwas sie verletzt hat, sind Sie eine Maschine der Ironie.
Wenn Sie rings um ihn herum lachen, ihn taumeln lassen, ihn herumrollen, ihm einen Klaps geben und eine Träne auf ihn fallen lassen, seine Ähnlichkeit mit Ihnen und Ihre mit Ihrem Nächsten zugeben, ihn so wenig schonen, wie Sie ihn meiden, ihn so sehr bemitleiden, wie Sie ihn entblößen, dann ist es ein Geist des Humors, der Sie bewegt.
Das Komische, das der wahrnehmende, ist der regierende Geist, der diese Kräfte des Lachens erweckt und ihnen ein Ziel gibt, aber er ist nicht mit ihnen zu verwechseln: er umschließt eine dünnere Form von ihnen, unterscheidet sich von der Satire dadurch, dass er nicht scharf in die zuckenden Empfindsamkeiten eindringt, und vom Humor dadurch, dass er sie nicht tröstet und zudeckt oder ihnen eine breitere als die Reichweite dieser geschäftigen Welt anzeigt.
Fieldings *Jonathan Wild* stellt einen Fall dieser besonderen Unterscheidung dar, wenn jener Mann von eminenter Größe auf die Ungerechtigkeit eines Prozesses hinweist, bei dem die Verurteilung durch zwölf Männer der gegnerischen Partei herbeigeführt wurde; denn es ist nicht satirisch, es ist nicht humorvoll; dennoch ist es immens komisch, einen schuldigen Schurken protestieren zu hören, dass seine eigene „Partei“ eine Stimme im Gesetz haben sollte. Es öffnet eine Allee in die Schlussfolgerungen von Schurken. Und das Komische wird nicht aufgehoben, selbst wenn wir annehmen sollten, dass Jonathan seinem Humor freien Lauf lässt. Ich mag dies geträumt oder es mir suggeriert haben, denn beim Nachschlagen in *Jonathan Wild* finde ich es nicht.
Wenden Sie den Fall auf den Mann von tiefem Witz an, der seiner Verurteilung durch die gegnerische Partei immer gewiss ist, und dann hört es auf, komisch zu sein, und wird satirisch.
Der Blick von Fielding auf Richardson ist im Wesentlichen komisch. Seine Methode, den sentimentalen Schriftsteller zu korrigieren, ist eine Mischung aus dem Komischen und dem Humorvollen. Parson Adams ist eine Schöpfung des Humors. Aber sowohl die Konzeption als auch die Darstellung von Alceste und von Tartuffe, von Célimène und Philaminte sind rein komisch, an den Intellekt gerichtet: es gibt keinen Humor in ihnen, und sie erfrischen den Intellekt, den sie anregen, ihre Komödie zu entdecken, durch die Kraft des Kontrasts, den sie zwischen sich selbst und der weiseren Welt um sie herum bieten; das heißt, der Gesellschaft oder jener Ansammlung von Geistern, aus denen der komische Geist seinen Ursprung hat.
Byron hatte glänzende Kräfte des Humors und die poetischste Satire, von der wir ein Beispiel haben, die bisweilen zu harter Ironie verschmilzt. Er hatte keinen starken komischen Sinn, sonst hätte er keine antisoziale Position eingenommen, die dem Komischen direkt entgegengesetzt ist; und in seiner Philosophie, von Philosophen beurteilt, ist er aufgrund dieses Mangels eine komische Figur. „Sobald er philosophirt ist er ein Kind“, sagt Goethe über ihn. Carlyle sieht ihn in diesem komischen Licht, behandelt ihn auf humorvolle Weise.
Der Satiriker ist ein moralischer Agent, oft ein sozialer Aasfresser, der auf einem Vorrat an Galle arbeitet.
Der Ironiker ist das eine oder das andere, je nach seinem Eigensinn. Ironie ist der Humor der Satire; sie mag wild sein wie bei Swift, mit einem moralischen Ziel, oder gesetzt, wie bei Gibbon, mit einem bösartigen. Die geckenhafte Ironie, die danach lechzt, gesehen zu werden, und die Ironie, die schielt, damit Sie ihre Absicht nicht missverstehen, sind Fehlschläge in der satirischen Anstrengung, die sich die Schätze der Mehrdeutigkeit anmaßt.
Der Humorist von geringerer Ordnung ist ein erfrischender Lacher, der den Gefühlen Ton gibt und manchmal zulässt, dass die Gefühle zu viel für ihn werden. Aber der Humorist von hohem Rang hat eine Umarmung von Kontrasten jenseits der Reichweite des komischen Dichters.
Herz und Verstand lachen über Don Quijote, und dennoch brüten Sie über ihm. Die Gegenüberstellung von Ritter und Knappe ist eine komische Konzeption, die Opposition ihrer Naturen höchst humorvoll. Sie sind so verschieden wie die beiden Hemisphären zur Zeit des Kolumbus, doch berühren sie sich und sind durch Lachen in eins gebunden. Die großen Ziele und ständigen Missgeschicke des Ritters, seine ritterliche Tapferkeit, die an absurden Objekten ausgeübt wird, sein gesunder Menschenverstand auf der Landstraße der verrücktesten Expeditionen; das Mitleid, das er aus dem Spott herausreißt, und die bewundernswerte Figur, die er bewahrt, während er durch das frenetisch Groteske und Burleske, das ihn angreift, stolziert, sind in den erhabensten Stimmungen des Humors, die das tragische Gefühl mit der komischen Erzählung verschmelzen.
Der Schlag des großen Humoristen ist weltumspannend, mit Lichtern der Tragödie in seinem Lachen.
Wenn wir einen lebenden Großen, wenn auch nicht schöpferischen, Humoristen nehmen, um unsere Beschreibung zu leiten: der Schädel von Yorick ist in unseren Zeiten des Festes in seinen Händen; er sieht Visionen vom primitiven Menschen, der unter den prächtigen Gewändern des Zeremoniells ungeheuerlich herumtänzelt. Unsere Seelen müssen in Flammen stehen, wenn wir Feierlichkeit tragen, wenn wir nicht auf seinen scharfsinnigsten Nerv drücken wollen. Endliches und Unendliches blitzen bei ihm von einem zum anderen, was ihm einen zweischneidigen Gedanken verleiht, der phasenweise aus seinen friedlichsten Zeilen hervorlugt, wie die Laterne des Feuerwächters bei Fenstern, der nachts seine Runden geht. Das Benehmen und die Aufführungen der Menschen in der Gesellschaft sind für ihn, durch den lebhaften Vergleich mit ihrer Sterblichkeit, grotesker als respektabel. Aber fragen Sie sich selbst: Ist er immer auf seine Gerechtigkeit hin verlässlich? Er wird geradewegs wie der entsandte Adler zurück zu Jove zum wahren Helden fliegen. Er wird auch einen ebenso entschlossenen schnellen Abstieg auf den Mann seiner willkürlichen Wahl machen, den wir nicht als einen wahren unterscheiden können. Diese gewaltige Kraft von ihm, aus den Gefühlen und dem Intellekt in Vereinigung aufgebaut, mangelt oft an Proportion und an Diskretion. Humoristen, die die Geschichte oder die Gesellschaft berühren, sind dazu geneigt, launisch zu sein. Sie neigen, wie im Fall von Sterne, dazu, sentimental zu sein; denn bei ihnen sind die Gefühle primär, wie bei Sängern. Die Komödie hingegen ist eine Interpretation des allgemeinen Geistes und ist aus diesem Grund notwendigerweise im Zaum gehalten. Die Franzosen legen betonten Wert auf *mesure et goût*, und sie geben zu, wie viel sie Molière dafür schulden, dass er sie in einfacher Gerechtigkeit und Geschmack geführt hat. Wir können sie viele Dinge lehren; sie können uns in diesem lehren.
Dies ist der Grund, warum die englische Komödie, wie zum Beispiel die von Congreve, so brillant und doch so wenig „komisch“ im Sinne der geistigen Haltung ist; sie ist ein Funkensprühen der Sprache, kein Aufleuchten des Geistes. Die englischen Dramatiker haben sich fast durchweg auf die Satire oder die Farce zurückgezogen oder auf eine Mischung aus beidem, wobei sie die höhere Komödie – die das Leben als ein Ganzes betrachtet, das sich durch den Verstand ordnen lässt – gänzlich vernachlässigt haben. Wir besitzen einen Reichtum an komischen Charakteren, doch fehlt uns das komische Korrelat, das sie in eine Ordnung fügt, die den Geist zur Heiterkeit anregt. Wir lachen über die Exzentriker, doch wir betrachten sie nicht als Teil eines größeren, wohlgeordneten Ganzen, das durch unser eigenes Vernunftvermögen reflektiert wird.
Das komische Genie verlangt nach einem Publikum, das bereit ist, den Spiegel nicht nur auf den Nächsten, sondern auf sich selbst zu richten. Es bedarf einer gewissen sozialen Reife, um zu erkennen, dass die Lächerlichkeit eines anderen oft ein Echo unserer eigenen, wohlverborgenen Schwächen ist. Die Engländer, mit ihrer Vorliebe für das Individuelle und ihrer Abneigung gegen alles, was das Selbstgefühl einschränken könnte, wehren sich instinktiv gegen eine Kraft, die das Ich als bloßen Bestandteil eines gesellschaftlichen Organismus betrachtet. Wir bevorzugen das Lachen, das aus dem Bauch kommt, über dasjenige, das aus dem Kopf entspringt, weil ersteres uns als Individuen bestätigt, während letzteres uns dazu zwingt, unsere eigene Bedeutung in Frage zu stellen.
Dennoch ist es diese geistige Komödie, die uns vor der Verknöcherung schützt. Wo sie fehlt, wird das Leben entweder zu einer Ansammlung von isolierten Schrullen oder zu einem Schlachtfeld für den Eifer der Moralisten. Ein Volk, das die Komödie verachtet oder sie nicht zu würdigen weiß, wird unweigerlich zu einer nationenweiten Ernsthaftigkeit neigen, die, sobald sie aus dem Gleichgewicht gerät, ins Groteske oder Barbarische abgleitet. Wenn wir also den Blick auf die Welt richten, sollten wir stets nach jenem hellen, distanzierten Lächeln suchen, das uns daran erinnert, dass wir nicht die Zentren des Universums sind, sondern Teilnehmer an einem unendlich komplexen, oft absurden, aber stets bedeutsamen gesellschaftlichen Schauspiel.
Die Aufgabe der Komödie besteht somit darin, uns unsere eigene Menschlichkeit in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit vor Augen zu führen, ohne dabei in die Bitterkeit der Satire oder die Leere der bloßen Unterhaltung zu verfallen. Sie ist das sanfte Korrektiv, der feine Pinselstrich, der die Karikatur wieder in ein Porträt verwandelt. Wer dieses Licht zu nutzen versteht, wird feststellen, dass der Weg durch das Leben weniger beschwerlich ist, da er von einer Heiterkeit begleitet wird, die nicht aus der Ignoranz, sondern aus dem tiefen Verständnis für die Unzulänglichkeiten unseres Daseins entspringt. Das ist die letzte Lektion, die uns der Geist der Komödie erteilt: Dass wir uns selbst mit einer Mischung aus Mitleid und Ironie betrachten lernen, und dass wir in dieser Haltung erst wahrlich zivilisiert werden.
Ich weiß nicht, ob die Fliege im Bernstein von besonderem Nutzen ist, aber die komische Idee, die in eine Komödie eingeschlossen ist, macht sie allgemein wahrnehmbarer und tragbarer, und das ist ein Vorteil. Es ist für die Menschen von Vorteil, die Lehren der Komödie in Versammlungen aufzunehmen, denn es belebt den Verstand; und für Schriftsteller ist es nützlich, denn sie müssen ein klares Schema haben, und selbst wenn sie keine Idee zu präsentieren haben, müssen sie beweisen, dass sie das Publikum dazu gebracht haben, ihnen Modell zu sitzen, bevor es sich hinsetzt, um das Bild zu betrachten. Und das Schreiben für die Bühne wäre ein Korrektiv für einen allzu verkrusteten gelehrten Stil, in den manche Großen bisweilen verfallen. Es hält kleinere Schriftsteller bei einem festen Plan und beim Englischen. Viele von ihnen, die nun einen überfüllten Markt anschwellen lassen, beim Verfassen von Romanen, in Pun-Manufakturen und im Journalismus; befestigt an der Maschinerie, die verderbliche Materie auf ein Publikum presst, das gierig schluckt und stöhnt; könnten sich mit Ermutigung dem Studium der Kunst in der Literatur widmen. Unsere Kritiker scheinen von der Eigentümlichkeit unseres Publikums fasziniert zu sein, so wie die Welt es ist, wenn unser Tiergarten einen neuen Import von Bedeutung erhält und der Appetit der Kreatur ehrfürchtig konsultiert wird. Sie bestehen auf der Popularität eines Schriftstellers, bevor sie viel mehr tun, als die Position von Schiedsrichtern einzunehmen, um sein Scheitern oder seinen Erfolg aufzuzeichnen. Nun liefert das Schwein die beliebtesten Gerichte, aber es gilt nicht als das am meisten geehrte Tier, es sei denn beim Häusler. Unser Publikum könnte sicherlich dazu gebracht werden, anderes, vielleicht feineres Fleisch zu probieren. Es hat einen guten Geschmack bei Liedern. Es könnte im Großen und Ganzen ebenso gerecht gelehrt werden, und das umso eher, wenn die Sicht des Häuslers auf das Festmahl aufhört, die demütige unserer Literaturkritiker zu sein, um diese Fähigkeit zur feinen Auswahl auf den Bereich der Materie auszudehnen, die Gelächter hervorruft.
Fußnoten:
{1} Ein Vortrag, gehalten an der London Institution, 1. Februar 1877.
{2} Der Realismus in der Schriftstellerei wird in THE OLD BACHELOR auf eine solche Spitze getrieben, dass Ehemann und Ehefrau sich mit schwachsinnigen ehelichen Beinamen belegen.
{3} Tallemant des Reaux zeigt in seinem groben Porträt des Herzogs das Fundament des Charakters von Alceste.
{4} Siehe Tom Jones, Buch VIII, Kapitel I, für Fieldings Meinung über unsere Komödie. Aber er drückt es einfach aus; nicht als eine Übung in der quasi-philosophischen Lächerlichkeit.
{5} Femmes Savantes:
BELISE: Veux-tu toute la vie offenser la grammaire?
MARTINE: Qui parle d’offenser grand’mere ni grand-pere?’
Das Wortspiel wird in aller Aufrichtigkeit aus dem Mund einer Bäuerin vorgetragen.
{6} Maskwell scheint nach dem Modell von Jago geschnitzt worden zu sein, wie von der Hand eines unternehmungslustigen Bengels. Er apostrophiert wiederholt seine „Erfindung“. „Dank meiner Erfindung.“ Er stößt auf eine Erfindung und sagt: „War es mein Gehirn oder die Vorsehung? egal welches.“ Es ist egal welches, aber es war nicht sein Gehirn.
{7} Imaginary Conversations: Alfieri und der Jude Salomon.
{8} Terenz gefiel den rauen, alten, konservativen Römern nicht; sie mochten Plautus lieber, und die wiederkehrende Erwähnung des vetus poeta in seinen Prologen, der ihn mit der schroffen kritischen Sicht auf seine Produktionen plagte, hat am Ende eine komische Wirkung auf den Leser.
{9} Der Ausruf von Lady Booby, als Joseph sich verteidigt: „DEINE TUGEND! Ich werde sie niemals überleben!“ usw., ist ein weiteres Beispiel. -- Joseph Andrews. Ebenso der von Miss Mathews in ihrer Erzählung an Booth: „Aber so sind die Freundschaften von Frauen.“ -- Amelia.
LESEZEICHEN DES ETEXT-HERAUSGEBERS FÜR DIE PG-KURZWERKE VON MEREDITH:
Ein weiser Mann wird sein Lachen nicht verschwenden, wenn er es vermeiden kann Eine Frau ist verletzt, wenn man ihr seine Pläne nicht anvertraut Ein großmütiger Feind ist ein Freund auf der falschen Seite Ein sehr zweifelhafter Vorteil Eine große Rede kann ein Beruhigungsmittel sein Ein männlicher Anhänger ist nur einen Zoll von einem Wunder entfernt Über der Natur, sage ich ihm, oder wir werden weit unter ihr sein Ein Gegner, der gleichzeitig beleidigend und hilflos ist, provoziert Brutalität Alle sind Freunde, die am Tisch sitzen Jede Schmeichelei geht auf jemandes Kosten Amerikaner erinnern sich vergebend, ohne es zu erwähnen Wie es sich für sie gehört, schauen sie nicht voraus Wie in jeder großen Redekunst! Der Schlüssel dazu ist das Pathos Zurück vom Altar, um zu entdecken, dass sie sich angekettet hat Sei, was du scheinst, mein Kleines Sei philosophisch, aber akzeptiere deine persönlichen Forderungen Das Bett war ein Fels der Zuflucht und befestigte Verteidigung Aber ich überlasse es dir Kann glauben, eine Frau sei jeden Alters, wenn ihre Wangen getönt sind Lässt ihn populär abwägen Anschuldigungen des Zynismus sind gegen alle Satiriker üblich Eine höfliche Zunge und rosige Lächeln versüßen sogar sauren Wein Amor mit gestutzten Flügeln ist ein zerstörerischer Parasit Gefährliche Dinge werden nach dem dritten Glas geäußert Ausgezeichnet dadurch, dass er sich nicht provozieren lässt Misstraue uns, und es ist eine Kriegserklärung Exzentrisches Verhalten bei Kleinigkeiten Überall ist das Abzeichen der Unterwerfung ein armer Magen Das Übermaß an einem Verdienst ist ein Kapitalverbrechen in der Moral Aufgeregt, froh über eine Katastrophe, wenn sie nur die Monotonie tötete Gesicht, das den ewigen Geschmack von Zitrone verrät Vierter der Georges Im Allgemeinen bemerkte er nichts Gentleman in einem guten Erhaltungszustand Gute Witze sind nicht immer gute Politik Dankbarkeit war nie die Gabe einer Frau Glück in der Liebe ist ein Spiel zwischen Ekstase und Nachgiebigkeit Hier und da eine schlichte gute Seele, der er zugetan war Seine Vorstellung von der Ehe ist die Ingewahrsamnahme der Frau Heilige Bilder und andere wunderwirkende Objekte werden verkauft Ich, der ich den Stand der Ehe respektiere, indem ich mich weigere Ich lege Wert darauf, niemals mein eigenes Haus zu empfehlen Ich mag ihn, ich mag ihn natürlich, aber ich möchte atmen Ich bin ein disharmonisches Instrument, ich schwinge nicht leicht mit Wenn ich nicht von Bezahlung spreche Den üblichen Chor der Jasager zu seinem eigenen Geist beisteuern In jeder Schwierigkeit ist Geduld ein Rettungsring Ihrer Privilegien frönend, zu denken, was sie mochten Säuglinge sollen ihre Ideen haben, warum nicht auch junge Damen? Intellektuelle Verachtung leichter Betrogener Unentschlossenheit einladen, ihre Skrupel zu erschöpfen Ist nicht ein Monat der Helligkeit so viel, wie wir verlangen können? Es war schwerer, in der Nähe zu sein und nicht eng Es ist gut, Manieren zu lernen, ohne dass sie uns aufgezwungen werden Wusste, dass mein Freund einer der zerstreutesten Männer war Leihe ihm deine eigene Großzügigkeit Liebe und Krieg wurden verglichen -- Beide erfordern Strategie Liebend in diesem Land: sie werden alle verrückt, sofort Männer prahlen gerne mit Dingen, die sonst niemand gesehen hat Männer, die über alle Maßen in ihre Schöpfungen verliebt sind Bescheidene Menschen sind am leichtesten berauscht, wenn sie an Eitelkeit nippen Muss der Moralist im Satiriker sein, wenn Satire treffen soll Die Natur ist nicht notwendigerweise immer brüllend Ungezogen australisch und känguruhartig Verlass dich niemals auf die Frauenwelt für einen weisen Akt Keine Schmeichelei für mich auf Kosten meiner Schwestern Keine Seite seiner Bücher offenbart Bosheit oder ein spöttisches Grinsen Nicht verliebt -- Sie war nur nicht abgeneigt, verliebt zu sein Nichts Wünschenswertes wirst du haben, das nicht begehrt wird Nur in der Sprache der Auktionatoren zu beschreiben Frieden, ich bete, für die von Ehemännern geplagte Ehefrau Lebensabschnitt eines Mannes wird zu gefräßig beständig Kleine Zugeständnisse sind Zeichen der Schwäche für die Unzufriedenen Jämmerliche Einbildung bei Männern Primitiver Appetit auf Lärm Entzücken der Vergesslichkeit Freuend, dass sie in ihrer gemeinsamen Übereinstimmung sind Respektierte das Gemüse noch mehr, als er die Blume schätzte Reich und arm ist alles in Ordnung, wenn ich reich und du arm bist Selbstweihrauch Selbstanbetung, die oft Selbstmisstrauen ist Sie scheint ehrlich, und das ist das Meiste, worauf wir bei Mädchen hoffen können Sie versuchte, durch hartes Hinsehen, es besser zu verstehen Sie könnte sich als gut erweisen, wenn sie eine Zeit lang gut bewacht wird Sie begann zu fühlen, dass dies das Leben im Ernst war Sie handelte mit den Blitzen, die Ideen verbinden Zeichen, dass das Übel von Stichen zu Stößen gelangt war So werden große Taten beurteilt, wenn die Gefahr vorüber ist (so einfach) Sanfter Schlummer einer Kraft, die noch nie geweckt wurde Erspare mir das Wort „Weibchen“, solange du lebst Staatsmann, der sich herabließ, die Tatsache durch Fiktion zu erobern Sich sonnend im Spiegel des Neids Verdächtigt alle jungen Männer und die meisten jungen Frauen Misstrauen war ihr bester Zeuge Süßer Schatz, vor dem ein schlafender Drache liegt Wenn man ihr etwas erzählt, macht sie in Erwartung ein halbes Gesicht Das, was feine Kochkunst für die Zementierung von Paaren tut Das Intrikate, das sie für das Unendliche hält Die soziale Welt, die er betrachtete, zeigte ihm keine Helden Die Alternative ist ein Strumpfband und der Bettpfosten Die daraus resultierende Erschöpfung nannten wir Ruhe Die Milde der gesicherten Diktatur Ihr Idol vor ihnen auf den Boden geworfen Sie verpassen ihr Vergnügen bei der Verfolgung desselben Diese Manie junger Leute nach Vergnügen, ewigem Vergnügen Warf ihn von Abstoßung zu Unglauben und so zurück Zwei Hauptstraßen, auf denen arme Sünder zum Gewissen kommen Die Äußerung großmütiger und patriotischer Rufe reicht nicht aus Wir gewöhnten uns an Perioden irischen Fiebers Wir mögen gut, wofür wir gute Arbeit geleistet haben Wir vertrauen ihnen oder wir zermalmen sie Schwache Schilfrohre, die leicht besiegt und niemals überwunden werden Ein schwacher Magen ist sicherlich fleischlich tugendhafter als ein voller Wäre ich angekettet, für Freiheit würde ich Freiheit verkaufen Wenn wir unsere Veteranen zu ihrem Fall schwanken sehen Wenn du mit ihr fertig gelacht hast, kannst du über sie lachen Gewinnt überall ein Spiegelbild seiner eigenen Güte zurück Verstand, der normalerweise weniger produktiv ist als Land Frau, die von ihrem Ideal zur groben Realität des Mannes herabsteigt Deine Hingabe verlangt einen enormen Austausch