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Dracula

by Bram Stoker · in German

Transkribier-Anmerkung

Dieser E-Text basiert auf einer Reproduktion der Originalausgabe von 1897. Alles moderne Material wurde entfernt.

Kursiver Text in der Originalversion wurde zwischen Unterstriche gesetzt (Text); Passagen in Kapitälchen wurden durch Schrägstriche symbolisiert (/Kapitälchen/). Hochgestellte Ziffern wurden zwischen geschweifte Klammern gesetzt ({2}).

Inkonsistenzen bei Bindestrichen und Schreibweise (to-morrow/tomorrow; aerial/aërial usw.) sowie falsch verwendete Ausdrücke in Van Helsings Sprache wurden beibehalten. Eine Reihe offensichtlicher Fehler bei der Interpunktion sowie Inkonsistenzen bei einfachen/doppelten Anführungszeichen wurden stillschweigend entfernt.

Die folgenden typografischen Fehler wurden korrigiert:

# S. vi/vii: Kopfzeilenwort „Page“ wurde von Seite vii auf Seite vi verschoben. # S. vii: „Chapter VXVII“ → „Chapter XVIII“; „Chapter XXI“ → „Chapter XXVII“; „320“ → „324“ # S. 16: „a long“ → „along“ # S. 30: „Wœ“ → „Woe“ # S. 44: „wondow“ → „window“ # S. 43: „that“ → „than“ # S. 58: „number One“ → „number one“ # S. 63: „Hopwood“ → „Holmwood“ # S. 82: „role of paper“ → „roll of paper“ # S. 98: „dreadul“ → „dreadful“ # S. 99: „pounts“ → „pounds“ # S. 112: „Holmmood“ → „Holmwood“ # S. 133: „pharmacopœœia“ → „pharmacopœia“ # S. 147: „do do“ → „to do“ # S. 157: „confortable“ → „comfortable“; „everthing“ → „everything“ # S. 186: „greatful“ → „grateful“ # S. 212: „Arther“ → „Arthur“ # S. 241: „next the Professor“ → „next to the Professor“ # S. 257: „gloated with fresh blood“ → „bloated with fresh blood“ # S. 286: „Rat, rats, rats!“ → „Rats, rats, rats!“ # S. 339: „preceeded“ → „preceded“ # S. 358: „the bit box“ → „the big box“ # S. 380: „they mean fight“ → „they mean to fight“ # S. 384: „respulsive“ → „repulsive“

BÜCHER VOM SELBEN AUTOR.

„Under the Sunset.“ „The Snake’s Pass.“ „The Watter’s Mou’.“ „The Shoulder of Shasta.“

DRACULA

VON

BRAM STOKER

Constable · London

Erstmals veröffentlicht von Archibald Constable and Company, 1897

MEINEM LIEBEN FREUND

HOMMY-BEG

INHALT.

Seite

/Kapitel I./

Jonathan Harkers Tagebuch 1

/Kapitel II./

Jonathan Harkers Tagebuch 15

/Kapitel III./

Jonathan Harkers Tagebuch 28

/Kapitel IV./

Jonathan Harkers Tagebuch 41

/Kapitel V./

Briefe--Lucy und Mina 55

/Kapitel VI./

Mina Murrays Tagebuch 64

/Kapitel VII./

Ausschnitt aus „The Dailygraph“, 8. August 77

/Kapitel VIII./

Mina Murrays Tagebuch 91

/Kapitel IX./

Mina Murrays Tagebuch 106

/Kapitel X./

Mina Murrays Tagebuch 120

/Kapitel XI./

Lucy Westenras Tagebuch 135

/Kapitel XII./

Dr. Sewards Tagebuch 148

/Kapitel XIII./

Dr. Sewards Tagebuch 166

/Kapitel XIV./

Mina Harkers Tagebuch 182

/Kapitel XV./

Dr. Sewards Tagebuch 198

/Kapitel XVI./

Dr. Sewards Tagebuch 212

/Kapitel XVII./

Dr. Sewards Tagebuch 223

/Kapitel XVIII./

Dr. Sewards Tagebuch 237

/Kapitel XIX./

Jonathan Harkers Tagebuch 254

/Kapitel XX./

Jonathan Harkers Tagebuch 267

/Kapitel XXI./

Dr. Sewards Tagebuch 282

/Kapitel XXII./

Jonathan Harkers Tagebuch 297

/Kapitel XXIII./

Dr. Sewards Tagebuch 310

/Kapitel XXIV./

Dr. Sewards Phonographen-Tagebuch, gesprochen von Van Helsing 324

/Kapitel XXV./

Dr. Sewards Tagebuch 339

/Kapitel XXVI./

Dr. Sewards Tagebuch 354

/Kapitel XXVII./

Mina Harkers Tagebuch 372

Wie diese Schriftstücke in eine Reihenfolge gebracht wurden, wird sich beim Lesen offenbaren. Alles Überflüssige wurde beseitigt, sodass eine Geschichte, die beinahe im Widerspruch zu den Möglichkeiten des Glaubens der heutigen Zeit steht, als reine Tatsache hervortreten kann. Es gibt durchweg keine Aussage über vergangene Dinge, bei denen das Gedächtnis täuschen könnte, denn alle gewählten Aufzeichnungen sind absolut zeitgenössisch und werden aus dem Blickwinkel und innerhalb des Wissensbereichs derer wiedergegeben, die sie verfasst haben.

DRACULA.

KAPITEL I.

/Jonathan Harkers Tagebuch./

(In Kurzschrift geführt.)

3. Mai. Bistritz.--Verließ München am 1. Mai um 20.35 Uhr, Ankunft in Wien am frühen nächsten Morgen; hätte um 6.46 Uhr ankommen sollen, aber der Zug hatte eine Stunde Verspätung. Buda-Pesth scheint ein wunderbarer Ort zu sein, nach dem kurzen Blick, den ich vom Zug aus erhaschte, und dem Wenigen, das ich zu Fuß durch die Straßen gehen konnte. Ich fürchtete mich, zu weit vom Bahnhof wegzugehen, da wir spät angekommen waren und so nah wie möglich an der planmäßigen Zeit abfahren wollten. Mein Eindruck war, dass wir den Westen verließen und in den Osten eintraten; die westlichste der prächtigen Brücken über die Donau, die hier von edler Breite und Tiefe ist, führte uns inmitten die Traditionen türkischer Herrschaft.

Wir fuhren ziemlich pünktlich ab und erreichten nach Einbruch der Dunkelheit Klausenburgh. Hier hielt ich für die Nacht im Hotel Royale. Ich aß zum Abendessen, oder besser Abendbrot, ein Huhn, das auf irgendeine Weise mit rotem Pfeffer zubereitet war, was sehr gut schmeckte, aber durstig machte. (Anm.: Rezept für Mina besorgen.) Ich fragte den Kellner, und er sagte, es hieße „Paprikahendl“, und da es ein Nationalgericht sei, müsste ich es überall entlang der Karpaten bekommen können. Ich fand meine geringen Deutschkenntnisse hier sehr nützlich; tatsächlich weiß ich nicht, wie ich ohne sie zurechtkommen sollte.

Da ich in London etwas Zeit zur Verfügung hatte, besuchte ich das British Museum und suchte in den Büchern und Karten der Bibliothek nach Siebenbürgen; mir war der Gedanke gekommen, dass ein gewisses Vorwissen über das Land bei der geschäftlichen Abwicklung mit einem Adligen jenes Landes kaum ohne Bedeutung sein könnte. Ich fand heraus, dass der Bezirk, den er nannte, im äußersten Osten des Landes liegt, genau an den Grenzen von drei Staaten, Siebenbürgen, der Moldau und der Bukowina, inmitten der Karpaten; einer der wildesten und am wenigsten bekannten Teile Europas. Ich konnte keine Karte oder kein Werk ausfindig machen, das den genauen Standort von Schloss Dracula angab, da es von diesem Land bisher keine Karten gibt, die mit unseren eigenen Landkarten des Ordnance Survey vergleichbar wären; aber ich fand heraus, dass Bistritz, der von Graf Dracula genannte Postort, ein ziemlich bekannter Ort ist. Ich werde hier einige meiner Notizen eintragen, da sie mein Gedächtnis auffrischen könnten, wenn ich mit Mina über meine Reisen spreche.

In der Bevölkerung Siebenbürgens gibt es vier verschiedene Nationalitäten: Sachsen im Süden, und mit ihnen vermischt die Walachen, die Nachkommen der Daker sind; Magyaren im Westen; und Szekler im Osten und Norden. Ich begebe mich zu letzteren, die von sich behaupten, von Attila und den Hunnen abzustammen. Dies mag sein, denn als die Magyaren das Land im elften Jahrhundert eroberten, fanden sie die Hunnen dort angesiedelt vor. Ich las, dass jeder bekannte Aberglaube der Welt im Hufeisen der Karpaten versammelt ist, als wäre es der Mittelpunkt eines wie auch immer gearteten phantasievollen Strudels; wenn dem so ist, könnte mein Aufenthalt sehr interessant werden. (Anm.: Ich muss den Grafen alles darüber fragen.)

Ich schlief nicht gut, obwohl mein Bett bequem genug war, denn ich hatte alle möglichen seltsamen Träume. Es gab einen Hund, der die ganze Nacht unter meinem Fenster heulte, was damit zu tun haben könnte; oder es war der Paprika, denn ich musste das ganze Wasser in meiner Karaffe austrinken und war immer noch durstig. Gegen Morgen schlief ich und wurde durch das ununterbrochene Klopfen an meiner Tür geweckt, also schätze ich, dass ich zu dem Zeitpunkt tief geschlafen haben muss. Ich hatte zum Frühstück mehr Paprika und eine Art Brei aus Maismehl, der, wie sie sagten, „Mamaliga“ sei, und mit Hackfleisch gefüllte Auberginen, ein sehr exzellentes Gericht, das sie „Impletata“ nennen. (Anm.: Davon ebenfalls das Rezept besorgen.) Ich musste mich mit dem Frühstück beeilen, denn der Zug fuhr kurz vor acht ab, oder besser gesagt, er hätte es tun sollen, denn nachdem ich um 7.30 Uhr zum Bahnhof geeilt war, musste ich mehr als eine Stunde im Wagen sitzen, bevor wir uns in Bewegung setzten. Es scheint mir, dass die Züge umso unpünktlicher sind, je weiter man nach Osten reist. Wie mögen sie wohl in China sein?

Den ganzen Tag über schienen wir durch ein Land zu bummeln, das voller Schönheit jeder Art war. Manchmal sahen wir kleine Städte oder Schlösser auf den Gipfeln steiler Hügel, wie wir sie aus alten Messbüchern kennen; manchmal fuhren wir an Flüssen und Bächen entlang, die von dem breiten steinigen Rand auf beiden Seiten zu urteilen, großen Überschwemmungen ausgesetzt zu sein schienen. Es erfordert eine Menge Wasser, das stark fließt, um den äußeren Rand eines Flusses sauber zu spülen. An jedem Bahnhof gab es Gruppen von Menschen, manchmal Menschenmengen, und in den verschiedensten Kleidungen. Einige von ihnen waren genau wie die Bauern bei uns zu Hause oder jene, die ich bei der Durchreise durch Frankreich und Deutschland sah, mit kurzen Jacken und runden Hüten und selbstgemachten Hosen; aber andere waren sehr malerisch. Die Frauen sahen hübsch aus, außer wenn man ihnen nahe kam, aber sie waren sehr ungeschickt um die Taille herum. Sie hatten alle weite weiße Ärmel der einen oder anderen Art, und die meisten von ihnen trugen große Gürtel mit einer Menge von Streifen aus irgendetwas, die von ihnen flatterten wie die Kostüme in einem Ballett, aber natürlich mit Unterröcken darunter. Die seltsamsten Gestalten, die wir sahen, waren die Slowaken, die barbarischer sind als der Rest, mit ihren großen Cowboyhüten, den großen sackartigen, schmutzig-weißen Hosen, weißen Leinenhemden und den enormen, schweren Ledergürteln, fast einen Fuß breit, die alle mit Messingnägeln besetzt waren. Sie trugen hohe Stiefel, in die sie ihre Hosen steckten, und hatten langes schwarzes Haar und schwere schwarze Schnurrbärte. Sie sind sehr malerisch, sehen aber nicht einnehmend aus. Auf der Bühne würden sie sofort als irgendeine alte orientalische Räuberbande abgestempelt werden. Sie sind jedoch, wie mir gesagt wurde, sehr harmlos und lassen etwas an natürlicher Selbstbehauptung vermissen.

Es war schon auf der dunklen Seite der Dämmerung, als wir Bistritz erreichten, einen sehr interessanten alten Ort. Da es praktisch an der Grenze liegt – denn der Borgo-Pass führt von dort in die Bukowina –, hatte es ein sehr stürmisches Dasein, und das zeigt es zweifellos. Vor fünfzig Jahren ereignete sich eine Reihe großer Brände, die bei fünf verschiedenen Gelegenheiten schreckliche Verwüstungen anrichteten. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts erlitt es eine dreiwöchige Belagerung und verlor 13.000 Menschen, wobei die Verluste durch den eigentlichen Krieg durch Hunger und Krankheit unterstützt wurden.

Graf Dracula hatte mich angewiesen, in das Hotel Goldene Krone zu gehen, das ich zu meiner Freude als absolut altmodisch empfand, denn natürlich wollte ich so viel wie möglich von den Sitten des Landes sehen. Ich wurde offensichtlich erwartet, denn als ich in die Nähe der Tür kam, stand ich einer freundlich aussehenden älteren Frau in der üblichen Bauerntracht gegenüber – weißes Untergewand mit langer doppelter Schürze, vorne und hinten, aus farbigem Stoff, die fast zu eng für die Schicklichkeit saß. Als ich nahe kam, verneigte sie sich und sagte: „Der Herr Engländer?“ „Ja“, sagte ich, „Jonathan Harker.“ Sie lächelte und gab eine Nachricht an einen älteren Mann in weißen Hemdsärmeln weiter, der ihr zur Tür gefolgt war. Er ging, kehrte aber sofort mit einem Brief zurück:--

„/Mein Freund/,--Willkommen in den Karpaten. Ich erwarte Sie sehnsüchtig. Schlafen Sie gut heute Nacht. Um drei Uhr morgen früh wird die Postkutsche nach Bukowina abfahren; ein Platz darin ist für Sie reserviert. Am Borgo-Pass wird meine Kutsche Sie erwarten und zu mir bringen. Ich vertraue darauf, dass Ihre Reise von London eine glückliche war und dass Sie Ihren Aufenthalt in meinem schönen Land genießen werden.

„Ihr Freund, „/Dracula./“

4. Mai.--Ich fand heraus, dass mein Wirt einen Brief vom Grafen erhalten hatte, in dem er angewiesen wurde, den besten Platz in der Postkutsche für mich zu sichern; aber als ich mich nach Einzelheiten erkundigte, schien er etwas verschlossen zu sein und tat so, als könne er mein Deutsch nicht verstehen. Das konnte nicht stimmen, denn bis dahin hatte er es vollkommen verstanden; zumindest beantwortete er meine Fragen genau so, als ob er es täte. Er und seine Frau, die alte Dame, die mich empfangen hatte, sahen einander auf eine ängstliche Weise an. Er murmelte, dass das Geld in einem Brief geschickt worden sei und dass das alles sei, was er wisse. Als ich ihn fragte, ob er Graf Dracula kenne und mir etwas über sein Schloss sagen könne, bekreuzigten sich sowohl er als auch seine Frau und weigerten sich einfach, weiterzusprechen, indem sie sagten, dass sie überhaupt nichts wüssten. Es war so kurz vor der Abfahrtszeit, dass ich keine Zeit hatte, jemand anderen zu fragen, denn es war alles sehr geheimnisvoll und keineswegs beruhigend.

Kurz bevor ich ging, kam die alte Dame in mein Zimmer und sagte auf sehr hysterische Weise:

„Müssen Sie gehen? Oh! junger Herr, müssen Sie gehen?“ Sie war in einem so erregten Zustand, dass sie den Griff über das Deutsch, das sie konnte, verloren zu haben schien, und es völlig mit einer anderen Sprache vermischte, die ich überhaupt nicht kannte. Ich konnte ihr nur folgen, indem ich viele Fragen stellte. Als ich ihr sagte, dass ich sofort gehen müsse und dass ich mit einer wichtigen Angelegenheit beschäftigt sei, fragte sie erneut:

„Wissen Sie, welcher Tag heute ist?“ Ich antwortete, dass es der vierte Mai sei. Sie schüttelte den Kopf, als sie wieder sagte:

„Oh, ja! Ich weiß das, ich weiß das! Aber wissen Sie, welcher Tag heute ist?“ Als ich sagte, dass ich es nicht verstünde, fuhr sie fort:

„Es ist der Vorabend des St.-Georgs-Tages. Wissen Sie nicht, dass heute Nacht, wenn die Uhr Mitternacht schlägt, alle bösen Dinge der Welt volle Macht haben werden? Wissen Sie, wohin Sie gehen und worauf Sie sich einlassen?“ Sie war in einer so offensichtlichen Not, dass ich versuchte, sie zu trösten, aber ohne Erfolg. Schließlich ging sie auf die Knie und flehte mich an, nicht zu gehen; zumindest einen Tag oder zwei zu warten, bevor ich aufbräche. Es war alles sehr lächerlich, aber ich fühlte mich nicht wohl. Dennoch gab es Arbeit zu erledigen, und ich durfte nichts dazwischenkommen lassen. Ich versuchte daher, sie aufzuheben, und sagte so ernst wie möglich, dass ich ihr dankte, aber meine Pflicht sei zwingend und ich müsse gehen. Sie stand dann auf, trocknete ihre Augen, nahm ein Kruzifix von ihrem Hals und bot es mir an. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn als englischer Kirchenmann wurde mir beigebracht, solche Dinge in gewissem Maße als götzendienerisch zu betrachten, und doch erschien es so unhöflich, eine alte Dame abzuweisen, die es so gut meinte und in einem solchen Gemütszustand war. Sie sah wohl den Zweifel in meinem Gesicht, denn sie legte mir den Rosenkranz um den Hals und sagte: „Um Ihrer Mutter willen“, und verließ das Zimmer. Ich schreibe diesen Teil des Tagebuchs, während ich auf die Kutsche warte, die natürlich Verspätung hat; und das Kruzifix ist immer noch um meinen Hals. Ob es die Angst der alten Dame ist, oder die vielen geisterhaften Traditionen dieses Ortes, oder das Kruzifix selbst, das weiß ich nicht, aber ich fühle mich bei weitem nicht so wohl wie sonst. Sollte dieses Buch jemals Mina erreichen, bevor ich es tue, so möge es meinen Abschiedsgruß überbringen. Da kommt die Kutsche!

5. Mai. Das Schloss.--Das Grau des Morgens ist vorüber, und die Sonne steht hoch über dem fernen Horizont, der gezackt erscheint, ob mit Bäumen oder Hügeln, weiß ich nicht, denn es ist so weit entfernt, dass Großes und Kleines vermischt sind. Ich bin nicht schläfrig, und da ich nicht geweckt werden soll, bis ich erwache, schreibe ich natürlich, bis der Schlaf kommt. Es gibt viele merkwürdige Dinge aufzuschreiben, und damit derjenige, der sie liest, nicht glaubt, ich hätte vor meiner Abreise aus Bistritz zu gut gegessen, lassen Sie mich mein Abendessen genau aufschreiben. Ich aß das, was sie „Räubersteak“ nennen--Stückchen von Speck, Zwiebel und Rindfleisch, gewürzt mit rotem Pfeffer, auf Stöcke aufgereiht und über dem Feuer gebraten, im einfachen Stil des Londoner Katzenfleisches! Der Wein war Goldener Mediasch, der ein seltsames Brennen auf der Zunge verursacht, das jedoch nicht unangenehm ist. Ich hatte nur ein paar Gläser davon und nichts weiter.

Als ich in die Kutsche stieg, hatte der Kutscher seinen Sitz noch nicht eingenommen, und ich sah ihn mit der Wirtin sprechen. Sie sprachen offensichtlich über mich, denn immer wieder sahen sie zu mir, und einige der Leute, die auf der Bank vor der Tür saßen--die sie mit einem Namen belegen, der „Wortträger“ bedeutet--, kamen und hörten zu, und dann sahen sie mich an, die meisten von ihnen mitleidig. Ich konnte eine Menge Wörter hören, die oft wiederholt wurden, seltsame Wörter, denn es gab viele Nationalitäten in der Menge; also holte ich still mein Wörterbuch aus der Tasche und schlug sie nach. Ich muss sagen, sie waren für mich nicht gerade aufmunternd, denn unter ihnen waren „Ordog“--Satan, „pokol“--Hölle, „stregoica“--Hexe, „vrolok“ und „vlkoslak“--beide bedeuten dasselbe, wobei eines slowakisch und das andere serbisch für etwas ist, das entweder Werwolf oder Vampir ist. (Anm.: Ich muss den Grafen nach diesen Aberglauben fragen.)

Als wir starteten, bekreuzigte sich die Menge um die Wirtshaustür, die bis dahin auf eine beachtliche Größe angewachsen war, und zeigte mit zwei Fingern auf mich. Mit einiger Mühe brachte ich einen Mitreisenden dazu, mir zu sagen, was sie meinten; er wollte erst nicht antworten, aber als er erfuhr, dass ich Engländer war, erklärte er, dass es ein Zauber oder Schutz gegen den bösen Blick sei. Das war nicht sehr angenehm für mich, da ich gerade zu einem unbekannten Ort aufbrach, um einen unbekannten Mann zu treffen; aber jeder schien so herzensgut und so bekümmert und so mitfühlend, dass ich nicht anders konnte, als gerührt zu sein. Ich werde den letzten Blick, den ich auf den Wirtshof und seine Menge malerischer Gestalten hatte, niemals vergessen, wie sie sich alle bekreuzigten, während sie um die breite Torauffahrt standen, mit ihrem Hintergrund aus sattem Laub von Oleander und Orangenbäumen in grünen Kübeln, die in der Mitte des Hofes gruppiert waren. Dann ließ unser Kutscher, dessen weite Leinenhosen die gesamte Vorderseite des Bockes bedeckten--“Gotza” nennen sie sie--, seine große Peitsche über seinen vier kleinen Pferden knallen, die nebeneinander liefen, und wir machten uns auf den Weg.

Ich verlor bald den Anblick und die Erinnerung an geisterhafte Ängste in der Schönheit der Szene, als wir entlangfuhren, obwohl ich, hätte ich die Sprache oder besser die Sprachen gekannt, die meine Mitreisenden sprachen, sie vielleicht nicht so leicht hätte abschütteln können. Vor uns lag ein grünes, abfallendes Land voller Wälder und Gehölze, mit hier und da steilen Hügeln, gekrönt von Baumgruppen oder Bauernhäusern, die mit der Giebelseite zur Straße standen. Überall gab es eine verwirrende Fülle von Obstblüten--Apfel, Pflaume, Birne, Kirsche; und als wir vorbeifuhren, konnte ich das grüne Gras unter den Bäumen sehen, übersät mit den herabgefallenen Blütenblättern. Zwischen diesen grünen Hügeln, die sie hier das „Mittel Land“ nennen, verlief die Straße, verlor sich, als sie um die grasige Kurve fegte, oder wurde durch die auslaufenden Enden von Kiefernwäldern verdeckt, die hier und da wie Flammenzungen die Hügelseiten hinabliefen. Die Straße war zerklüftet, aber dennoch schienen wir mit fieberhafter Hast darüber hinwegzufliegen. Ich konnte damals nicht verstehen, was die Eile bedeutete, aber der Kutscher war offensichtlich darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren, um Borgo Prund zu erreichen. Man sagte mir, dass diese Straße im Sommer ausgezeichnet sei, aber dass sie nach den Winterschneefällen noch nicht in Ordnung gebracht worden sei. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich vom allgemeinen Verlauf der Straßen in den Karpaten, denn es ist eine alte Tradition, dass sie nicht in allzu gutem Zustand gehalten werden sollen. Früher ließen die Hospodaren sie nicht reparieren, damit der Türke nicht denken könnte, sie bereiteten sich darauf vor, ausländische Truppen hereinzubringen, und so den Krieg beschleunigen, der ohnehin immer wirklich kurz vor dem Ausbruch stand.

Jenseits der grünen, ansteigenden Hügel des Mittel Landes erhoben sich gewaltige Waldhänge bis zu den hohen Steilhängen der Karpaten selbst. Rechts und links von uns ragten sie auf, wobei die Nachmittagssonne auf sie fiel und all die glorreichen Farben dieses schönen Gebirgszuges hervorhob, tiefes Blau und Violett in den Schatten der Gipfel, Grün und Braun, wo Gras und Fels sich vermischten, und eine endlose Perspektive aus zerklüftetem Fels und spitzen Felsen, bis diese sich selbst in der Ferne verloren, wo die schneebedeckten Gipfel großartig aufragten. Hier und da schienen gewaltige Risse in den Bergen zu sein, durch die wir, als die Sonne zu sinken begann, hin und wieder das weiße Leuchten von herabstürzendem Wasser sahen. Einer meiner Gefährten berührte meinen Arm, als wir um die Basis eines Hügels fegten und den hohen, schneebedeckten Gipfel eines Berges freigaben, der, während wir uns auf unserem schlangenförmigen Weg weiterwandten, direkt vor uns zu liegen schien:--

„Look! Isten szek!“ – „Gottes Sitz!“ – und er bekreuzigte sich ehrfürchtig. Während wir uns auf unserem endlosen Weg weiterwandten und die Sonne hinter uns immer tiefer sank, begannen die Schatten des Abends uns zu umschlingen. Dies wurde dadurch unterstrichen, dass der schneebedeckte Berggipfel noch immer das Abendrot festhielt und in einem zarten, kühlen Rosa zu leuchten schien. Hier und da passierten wir Cszeks und Slowaken, alle in malerischer Tracht, doch mir fiel auf, dass Kropfbildungen schmerzlich verbreitet waren. Am Straßenrand standen viele Kreuze, und während wir vorbeieilten, bekreuzigten sich alle meine Gefährten. Hier und da kniete ein Bauer oder eine Bäuerin vor einem Heiligtum, die sich nicht einmal umdrehten, als wir uns näherten, sondern in der Selbstvergessenheit ihrer Andacht weder Augen noch Ohren für die Außenwelt zu haben schienen. Es gab viele Dinge, die neu für mich waren: zum Beispiel Heuschober in den Bäumen und hier und da sehr schöne Ansammlungen von Hängebirken, deren weiße Stämme wie Silber durch das zarte Grün der Blätter schimmerten. Hin und wieder passierten wir einen Leiterwagen – den gewöhnlichen Bauernkarren mit seinem langen, schlangenartigen Rückgrat, das dazu berechnet ist, sich den Unebenheiten der Straße anzupassen. Darauf saß sicher immer eine ganze Gruppe heimkehrender Bauern, die Cszeks mit ihren weißen und die Slowaken mit ihren farbigen Schaffellen, letztere ihre langen Stäbe mit einer Axt am Ende wie Lanzen tragend. Als der Abend hereinbrach, begann es sehr kalt zu werden, und die zunehmende Dämmerung schien die Düsternis der Bäume – Eiche, Buche und Kiefer – zu einer dunklen Nebelhaftigkeit zu verschmelzen, obwohl in den Tälern, die tief zwischen den Ausläufern der Hügel verliefen, während wir durch den Pass aufstiegen, die dunklen Tannen hier und da vor dem Hintergrund des spät liegenden Schnees hervorstachen. Manchmal, wenn die Straße durch die Kiefernwälder führte, die sich in der Dunkelheit über uns zu schließen schienen, erzeugten große graue Massen, die hier und da die Bäume bedeckten, eine besonders unheimliche und feierliche Wirkung, welche die Gedanken und düsteren Phantasien fortführte, die früher am Abend entstanden waren, als der sinkende Sonnenuntergang die geisterhaften Wolken, die sich in den Karpaten rastlos durch die Täler zu winden scheinen, in seltsame Reliefs tauchte. Manchmal waren die Hügel so steil, dass die Pferde trotz der Eile unseres Kutschers nur langsam vorankommen konnten. Ich wollte aussteigen und sie hinaufgehen, wie wir es zu Hause tun, doch der Kutscher wollte davon nichts hören. „Nein, nein“, sagte er; „Sie dürfen hier nicht zu Fuß gehen; die Hunde sind zu wild!“ und dann fügte er mit etwas hinzu, was er offensichtlich als düsteren Scherz meinte – denn er sah sich um, um das anerkennende Lächeln der anderen zu erhaschen –, „und Sie könnten noch genug von solchen Dingen haben, bevor Sie schlafen gehen.“ Der einzige Halt, den er machte, war eine kurze Pause, um seine Lampen anzuzünden.

Als es dunkel wurde, schien unter den Passagieren eine gewisse Aufregung zu herrschen, und sie redeten ununterbrochen auf ihn ein, als wollten sie ihn zu größerer Geschwindigkeit drängen. Er peitschte die Pferde unbarmherzig mit seiner langen Peitsche und trieb sie mit wilden Rufen der Ermutigung zu weiteren Anstrengungen an. Dann konnte ich durch die Dunkelheit eine Art Fleck aus grauem Licht vor uns sehen, als gäbe es eine Kluft in den Bergen. Die Aufregung der Passagiere wuchs; die verrückte Kutsche schaukelte auf ihren großen Lederfedern und schwankte wie ein Boot, das auf stürmischer See geworfen wird. Ich musste mich festhalten. Die Straße wurde ebener, und wir schienen dahinzufliegen. Dann schienen die Berge auf beiden Seiten näher an uns heranzukommen und auf uns herabzublicken; wir fuhren in den Borgo-Pass ein. Einer nach dem anderen boten mir mehrere Passagiere Geschenke an, die sie mir mit einem Ernst aufdrängten, der kein Nein duldete; diese waren sicherlich von seltsamer und vielfältiger Art, aber jedes wurde in einfachem guten Glauben gegeben, mit einem freundlichen Wort und einem Segen und jener seltsamen Mischung aus bedeutungsvollen Abwehrbewegungen, die ich vor dem Hotel in Bistritz gesehen hatte – das Zeichen des Kreuzes und der Schutz vor dem bösen Blick. Während wir dahinrasten, lehnte sich der Kutscher vor, und auf beiden Seiten spähten die Passagiere, sich über den Rand der Kutsche beugend, begierig in die Dunkelheit. Es war offensichtlich, dass etwas sehr Aufregendes geschah oder erwartet wurde, aber obwohl ich jeden Passagier fragte, wollte mir niemand die geringste Erklärung geben. Dieser Zustand der Aufregung hielt eine Weile an; und schließlich sahen wir vor uns den Pass sich auf der Ostseite öffnen. Über uns hingen dunkle, rollende Wolken, und in der Luft lag das schwere, bedrückende Gefühl von Gewitter. Es schien, als hätte die Gebirgskette zwei Atmosphären getrennt und als wären wir nun in die gewittrige geraten. Ich hielt nun selbst Ausschau nach dem Gefährt, das mich zum Grafen bringen sollte. Jeden Augenblick erwartete ich den Schein von Lampen durch die Schwärze; aber alles war dunkel. Das einzige Licht waren die flackernden Strahlen unserer eigenen Lampen, in denen der Dampf unserer hart angetriebenen Pferde als weiße Wolke aufstieg. Wir konnten nun die sandige Straße weiß vor uns liegen sehen, aber es gab kein Anzeichen eines Fahrzeugs darauf. Die Passagiere wichen mit einem Seufzer der Erleichterung zurück, der meine eigene Enttäuschung zu verspotten schien. Ich überlegte bereits, was ich am besten tun sollte, als der Kutscher, auf seine Uhr schauend, etwas zu den anderen sagte, das ich kaum hören konnte, so leise und mit so tiefer Stimme wurde es gesprochen; ich glaubte, es sei: „Eine Stunde weniger als die Zeit.“ Dann wandte er sich an mich und sagte in einem Deutsch, das schlechter war als mein eigenes:

„Hier ist keine Kutsche. Der Herr wird nicht erwartet, schließlich. Er wird nun nach Bukowina weiterfahren und morgen oder übermorgen zurückkehren; besser übermorgen.“ Während er sprach, begannen die Pferde zu wiehern, zu schnauben und wild zu scheuen, sodass der Kutscher sie bändigen musste. Dann, inmitten eines Chors von Schreien der Bauern und einem allgemeinen Bekreuzigen, fuhr eine Calèche mit vier Pferden hinter uns heran, überholte uns und hielt neben der Kutsche. Ich konnte im Schein unserer Lampen, als die Strahlen darauf fielen, sehen, dass die Pferde kohlschwarz waren und prächtige Tiere. Sie wurden von einem großen Mann mit einem langen braunen Bart und einem großen schwarzen Hut gelenkt, der sein Gesicht vor uns zu verbergen schien. Ich konnte nur den Glanz eines Paares sehr heller Augen sehen, die im Lampenlicht rot schienen, als er sich uns zuwandte. Er sagte zum Kutscher:

„Ihr seid früh heute Abend, mein Freund.“ Der Mann stammelte zur Antwort:

„Der englische Herr hatte es eilig“, worauf der Fremde erwiderte:

„Das ist wohl der Grund, warum Ihr wolltet, dass er nach Bukowina weiterfährt. Ihr könnt mich nicht täuschen, mein Freund; ich weiß zu viel, und meine Pferde sind schnell.“ Während er sprach, lächelte er, und das Lampenlicht fiel auf einen hart aussehenden Mund mit sehr roten Lippen und scharf aussehenden Zähnen, so weiß wie Elfenbein. Einer meiner Gefährten flüsterte dem anderen die Zeile aus Bürgers „Lenore“ zu:

„Denn die Todten reiten schnell.“

Der seltsame Kutscher hörte offensichtlich die Worte, denn er blickte mit einem glänzenden Lächeln auf. Der Passagier wandte sein Gesicht ab, während er gleichzeitig seine zwei Finger ausstreckte und sich bekreuzigte. „Gebt mir das Gepäck des Herrn“, sagte der Kutscher; und mit äußerster Schnelligkeit wurden meine Taschen herausgegeben und in die Calèche geladen. Dann stieg ich von der Seite der Kutsche herab, da die Calèche direkt daneben stand, wobei mir der Kutscher mit einer Hand half, die meinen Arm in einem Griff aus Stahl erfasste; seine Kraft muss ungeheuer gewesen sein. Ohne ein Wort schüttelte er die Zügel, die Pferde drehten sich, und wir fegten in die Dunkelheit des Passes. Als ich zurückblickte, sah ich den Dampf der Pferde der Kutsche im Schein der Lampen und darauf projiziert die Gestalten meiner ehemaligen Gefährten, die sich bekreuzigten. Dann ließ der Kutscher seine Peitsche knallen und rief seinen Pferden zu, und davon fegten sie auf ihrem Weg nach Bukowina.

Als sie in der Dunkelheit versanken, fühlte ich ein seltsames Frösteln, und ein Gefühl der Einsamkeit überkam mich; aber ein Umhang wurde mir über die Schultern geworfen und eine Decke über meine Knie gelegt, und der Kutscher sagte in ausgezeichnetem Deutsch:

„Die Nacht ist kühl, mein Herr, und mein Herr, der Graf, hieß mich, all Eure Sorge zu tragen. Es ist ein Fläschchen Sliwowitz [der Pflaumenschnaps des Landes] unter dem Sitz, falls Ihr ihn braucht.“ Ich nahm keinen, aber es war ein Trost zu wissen, dass er da war, immerhin. Ich fühlte mich ein wenig seltsam und nicht ein wenig verängstigt. Ich glaube, hätte es eine Alternative gegeben, hätte ich sie ergriffen, anstatt diese unbekannte Nachtreise fortzusetzen. Die Kutsche fuhr in hartem Tempo geradeaus, dann machten wir eine vollständige Wende und fuhren eine andere gerade Straße entlang. Es schien mir, als würden wir einfach immer wieder über denselben Boden fahren; und so achtete ich auf einen markanten Punkt und stellte fest, dass dies so war. Ich hätte den Kutscher gerne gefragt, was das alles zu bedeuten habe, aber ich fürchtete mich wirklich davor, denn ich dachte, dass in meiner Lage jeder Protest keine Wirkung gehabt hätte, falls die Absicht bestanden hätte, zu zögern. Nach einer Weile jedoch, da ich neugierig war, wie die Zeit verging, zündete ich ein Streichholz an und schaute bei seinem Schein auf meine Uhr; es war nur wenige Minuten vor Mitternacht. Dies versetzte mir einen gewissen Schock, denn ich nehme an, dass der allgemeine Aberglaube um Mitternacht durch meine jüngsten Erfahrungen noch verstärkt wurde. Ich wartete mit einem krankhaften Gefühl der Ungewissheit.

Dann begann ein Hund irgendwo in einem Bauernhaus weit die Straße hinunter zu heulen – ein langes, qualvolles Wimmern, als wäre es vor Angst. Der Ton wurde von einem anderen Hund aufgenommen, und dann von einem weiteren und noch einem, bis – getragen von dem Wind, der nun sanft durch den Pass seufzte – ein wildes Heulen begann, das aus dem ganzen Land zu kommen schien, so weit die Phantasie es durch die Dunkelheit der Nacht erfassen konnte. Beim ersten Heulen begannen die Pferde zu zerren und zu steigen, aber der Kutscher sprach beruhigend auf sie ein, und sie beruhigten sich, zitterten aber und schwitzten, als kämen sie gerade von einer Flucht aus plötzlicher Angst. Dann, weit entfernt in der Ferne, begann von den Bergen auf beiden Seiten von uns ein lauteres und schärferes Heulen – das von Wölfen –, welches sowohl die Pferde als auch mich auf dieselbe Weise beeinflusste – denn ich war geneigt, aus der Calèche zu springen und zu rennen, während sie wieder stiegen und wild ausschlugen, sodass der Kutscher seine ganze große Kraft aufwenden musste, um sie davon abzuhalten, durchzugehen. Nach wenigen Minuten jedoch gewöhnten sich meine eigenen Ohren an den Klang, und die Pferde wurden so weit ruhig, dass der Kutscher absteigen und vor ihnen stehen konnte. Er tätschelte und beruhigte sie und flüsterte ihnen etwas ins Ohr, wie ich es von Pferdebändigern gehört habe, und zwar mit außerordentlicher Wirkung, denn unter seinen Liebkosungen wurden sie wieder recht lenkbar, auch wenn sie noch zitterten. Der Kutscher nahm wieder seinen Platz ein und, die Zügel schüttelnd, startete er in großem Tempo. Diesmal, nachdem er bis zur anderen Seite des Passes gefahren war, bog er plötzlich in einen schmalen Weg ein, der scharf nach rechts führte.

Bald waren wir von Bäumen eingekesselt, die sich stellenweise direkt über die Fahrbahn wölbten, bis wir wie durch einen Tunnel fuhren; und wieder bewachten uns große, finstere Felsen kühn auf beiden Seiten. Obwohl wir im Schutz waren, konnten wir den aufkommenden Wind hören, denn er stöhnte und pfiff durch die Felsen, und die Äste der Bäume krachten zusammen, während wir vorbeieilten. Es wurde immer kälter, und feiner, pulveriger Schnee begann zu fallen, sodass wir und alles um uns herum bald mit einer weißen Decke bedeckt waren. Der scharfe Wind trug immer noch das Heulen der Hunde mit sich, obwohl dies schwächer wurde, je weiter wir unseren Weg fortsetzten. Das Bellen der Wölfe klang immer näher, als ob sie uns von allen Seiten einkreisten. Ich bekam schreckliche Angst, und die Pferde teilten meine Furcht; aber der Kutscher war nicht im Geringsten beunruhigt. Er drehte immer wieder seinen Kopf nach links und rechts, aber ich konnte durch die Dunkelheit nichts sehen.

Plötzlich, weit zu unserer Linken, sah ich eine schwache, flackernde blaue Flamme. Der Kutscher sah sie im selben Moment; er hielt sofort die Pferde an und sprang zu Boden, wobei er in der Dunkelheit verschwand. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, umso weniger, als das Heulen der Wölfe näher kam; aber während ich mich wunderte, erschien der Kutscher plötzlich wieder, nahm ohne ein Wort seinen Platz ein, und wir setzten unsere Reise fort. Ich glaube, ich muss eingeschlafen sein und ständig von dem Vorfall geträumt haben, denn er schien sich endlos zu wiederholen, und jetzt, wenn ich zurückblicke, ist es wie eine Art schrecklicher Albtraum. Einmal erschien die Flamme so nah an der Straße, dass ich selbst in der Dunkelheit um uns herum die Bewegungen des Kutschers beobachten konnte. Er ging schnell dorthin, wo die blaue Flamme aufstieg – sie musste sehr schwach gewesen sein, denn sie schien den Ort um sie herum überhaupt nicht zu beleuchten – und sammelte ein paar Steine, die er zu einer Vorrichtung formte. Einmal gab es einen seltsamen optischen Effekt: Als er zwischen mir und der Flamme stand, verdeckte er sie nicht, denn ich konnte ihr geisterhaftes Flackern trotzdem sehen. Das erschreckte mich, aber da der Effekt nur von kurzer Dauer war, nahm ich an, dass mich meine Augen täuschten, als ich mich durch die Dunkelheit anstrengte. Dann gab es eine Zeit lang keine blauen Flammen mehr, und wir rasten weiter durch die Düsternis, während das Heulen der Wölfe uns umgab, als ob sie in einem sich bewegenden Kreis folgten.

Schließlich kam eine Zeit, in der der Kutscher sich weiter entfernte, als er es bisher getan hatte, und während seiner Abwesenheit begannen die Pferde schlimmer zu zittern als je zuvor und zu schnauben und vor Angst zu schreien. Ich konnte keinen Grund dafür sehen, denn das Heulen der Wölfe war völlig verstummt; aber genau in diesem Moment erschien der Mond, der durch die schwarzen Wolken segelte, hinter dem gezackten Kamm eines bedrohlichen, kiefernbewachsenen Felsens, und bei seinem Licht sah ich um uns herum einen Ring von Wölfen, mit weißen Zähnen und heraushängenden roten Zungen, mit langen, sehnigen Gliedmaßen und struppigem Fell. Sie waren in der grimmigen Stille, die sie hielt, hundertmal schrecklicher als selbst dann, wenn sie heulten. Ich selbst fühlte eine Art Lähmung vor Angst. Erst wenn ein Mensch sich solchen Schrecken von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, kann er ihre wahre Bedeutung verstehen.

Plötzlich begannen die Wölfe zu heulen, als hätte das Mondlicht eine besondere Wirkung auf sie gehabt. Die Pferde sprangen umher und stiegen und blickten hilflos umher, mit Augen, die sich auf eine Weise rollten, die schmerzlich anzusehen war; aber der lebendige Ring des Schreckens umschloss sie von jeder Seite, und sie mussten zwangsläufig darin bleiben. Ich rief dem Kutscher zu, er solle kommen, denn es schien mir, dass unsere einzige Chance darin bestünde, zu versuchen, durch den Ring auszubrechen und seine Annäherung zu unterstützen. Ich schrie und schlug gegen die Seite der Calèche, in der Hoffnung, durch den Lärm die Wölfe von dieser Seite zu verscheuchen, um ihm eine Chance zu geben, den Wagen zu erreichen. Wie er dorthin kam, weiß ich nicht, aber ich hörte seine Stimme, die sich in einem Ton herrischen Befehls erhob, und als ich in Richtung des Klangs blickte, sah ich ihn auf der Straße stehen. Als er seine langen Arme schwang, als würde er ein ungreifbares Hindernis beiseite fegen, wichen die Wölfe immer weiter zurück. Genau in diesem Moment zog eine schwere Wolke über das Gesicht des Mondes, sodass wir wieder in Dunkelheit waren.

Als ich wieder sehen konnte, stieg der Kutscher in die Calèche, und die Wölfe waren verschwunden. Dies war alles so seltsam und unheimlich, dass eine schreckliche Angst über mich kam, und ich hatte Angst zu sprechen oder mich zu bewegen. Die Zeit schien endlos, während wir unseren Weg fortsetzten, nun in fast völliger Dunkelheit, denn die ziehenden Wolken verdeckten den Mond. Wir stiegen ständig auf, mit gelegentlichen Perioden schnellen Abstiegs, aber im Wesentlichen stiegen wir immer auf. Plötzlich wurde ich mir der Tatsache bewusst, dass der Kutscher dabei war, die Pferde im Innenhof einer riesigen, verfallenen Burg anzuhalten, aus deren hohen, schwarzen Fenstern kein Lichtstrahl drang und deren zerbrochene Zinnen eine gezackte Linie gegen den mondbeschienenen Himmel bildeten.

KAPITEL II.

/Jonathan Harkers Tagebuch/ – Fortsetzung.

5. Mai. – Ich muss eingeschlafen sein, denn wäre ich hellwach gewesen, hätte ich sicherlich das Herannahen an einen solch bemerkenswerten Ort bemerken müssen. In der Düsternis wirkte der Innenhof von beachtlicher Größe, und da mehrere dunkle Wege von ihm unter großen runden Bögen wegführten, schien er vielleicht größer, als er wirklich ist. Ich konnte ihn noch nicht bei Tageslicht sehen.

Als die Calèche anhielt, sprang der Kutscher herunter und hielt seine Hand hin, um mir beim Aussteigen zu helfen. Wieder konnte ich nicht umhin, seine ungeheure Kraft zu bemerken. Seine Hand wirkte tatsächlich wie ein Schraubstock aus Stahl, der meine hätte zerquetschen können, wenn er gewollt hätte. Dann holte er mein Gepäck heraus und stellte es auf den Boden neben mich, als ich nahe an einer großen Tür stand, alt und mit großen Eisennägeln beschlagen, und in einem vorspringenden Türrahmen aus massivem Stein eingesetzt. Ich konnte selbst im fahlen Licht sehen, dass der Stein massiv behauen war, aber dass die Schnitzerei durch Zeit und Wetter stark abgenutzt war. Während ich dastand, sprang der Kutscher wieder auf seinen Platz und schüttelte die Zügel; die Pferde setzten sich in Bewegung, und Wagen und alles verschwanden durch eine der dunklen Öffnungen.

Ich stand schweigend da, wo ich war, denn ich wusste nicht, was ich tun sollte. Von einer Glocke oder einem Klopfer gab es keine Spur; durch diese finsteren Mauern und dunklen Fensteröffnungen war es unwahrscheinlich, dass meine Stimme dringen konnte. Die Zeit, die ich wartete, schien endlos, und ich fühlte, wie Zweifel und Ängste über mich hereinbrachen. In was für eine Art von Ort war ich gekommen und unter was für eine Art von Leuten? Was für eine Art von düsterem Abenteuer war das, auf das ich mich eingelassen hatte? War dies ein gewöhnlicher Vorfall im Leben eines Anwaltsgehilfen, der ausgesandt wurde, um den Kauf eines Anwesens in London einem Ausländer zu erläutern? Anwaltsgehilfe! Mina würde das nicht mögen. Anwalt, – denn kurz vor der Abreise aus London erhielt ich die Nachricht, dass mein Examen erfolgreich war; und ich bin jetzt ein vollwertiger Anwalt! Ich begann mir die Augen zu reiben und mich zu zwicken, um zu sehen, ob ich wach war. Es kam mir alles wie ein schrecklicher Albtraum vor, und ich erwartete, dass ich plötzlich aufwachen und mich zu Hause wiederfinden würde, mit der Morgendämmerung, die durch die Fenster kämpfte, wie ich es hin und wieder am Morgen nach einem Tag harter Arbeit gefühlt hatte. Aber mein Fleisch antwortete auf den Kneiftest, und meine Augen ließen sich nicht täuschen. Ich war tatsächlich wach und inmitten der Karpaten. Alles, was ich jetzt tun konnte, war geduldig zu sein und das Kommen des Morgens abzuwarten.

Gerade als ich zu diesem Schluss gekommen war, hörte ich einen schweren Schritt, der sich hinter der großen Tür näherte, und sah durch die Ritzen den Schein eines herannahenden Lichts. Dann gab es das Geräusch rasselnder Ketten und das Klirren massiver Riegel, die zurückgezogen wurden. Ein Schlüssel wurde mit dem lauten, kreischenden Geräusch langer Nichtbenutzung gedreht, und die große Tür schwang zurück.

Darin stand ein großer alter Mann, glattrasiert bis auf einen langen weißen Schnurrbart, und von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, ohne den geringsten Farbtupfer irgendwo an sich. Er hielt in seiner Hand eine antike Silberlampe, in der die Flamme ohne Zylinder oder Glas irgendeiner Art brannte und lange, zitternde Schatten warf, als sie im Zug der offenen Tür flackerte. Der alte Mann bedeutete mir mit einer höflichen Geste seiner rechten Hand einzutreten und sagte in ausgezeichnetem Englisch, aber mit einer seltsamen Intonation:

„Willkommen in meinem Haus! Treten Sie frei ein und aus eigenem Willen!“ Er machte keine Anstalten, mir entgegenzutreten, sondern stand wie eine Statue, als hätte ihn seine Geste des Willkommens in Stein erstarren lassen. In dem Augenblick jedoch, als ich die Schwelle überschritten hatte, bewegte er sich impulsiv vorwärts, und seine Hand ausstreckend, ergriff er meine mit einer Stärke, die mich zusammenzucken ließ, eine Wirkung, die nicht dadurch gemildert wurde, dass sie so kalt wie Eis schien – eher wie die Hand eines toten als eines lebenden Mannes. Wieder sagte er:

„Willkommen in meinem Haus. Kommen Sie ungehindert. Gehen Sie sicher; und hinterlassen Sie etwas von dem Glück, das Sie mitbringen!“ Die Kraft des Händedrucks ähnelte so sehr derjenigen, die ich bei dem Kutscher bemerkt hatte, dessen Gesicht ich nicht gesehen hatte, dass ich einen Moment lang zweifelte, ob es nicht dieselbe Person war, zu der ich sprach; um sicherzugehen, sagte ich also fragend:

„Graf Dracula?“ Er verneigte sich höflich, als er antwortete:

„Ich bin Dracula; und ich heiße Sie willkommen, Mr. Harker, in meinem Haus. Kommen Sie herein; die Nachtluft ist kühl, und Sie müssen essen und ruhen.“ Während er sprach, stellte er die Lampe auf eine Wandhalterung, trat hinaus und nahm mein Gepäck; er hatte es bereits hineingetragen, bevor ich ihm zuvorkommen konnte. Ich protestierte, doch er bestand darauf:

„Nein, mein Herr, Sie sind mein Gast. Es ist spät, und meine Leute sind nicht verfügbar. Lassen Sie mich selbst für Ihr Wohl sorgen.“ Er bestand darauf, mein Gepäck durch den Gang zu tragen, dann eine große, gewundene Treppe hinauf und durch einen weiteren großen Gang, auf dessen steinernem Boden unsere Schritte schwer hallten. Am Ende stieß er eine schwere Tür auf, und ich war froh, in einem gut beleuchteten Raum zu sehen, in dem ein Tisch für das Abendessen gedeckt war und auf dessen gewaltigem Herd ein großes Holzfeuer flammte und loderte.

Der Graf hielt inne, legte meine Taschen ab, schloss die Tür und durchquerte den Raum, wobei er eine weitere Tür öffnete, die in einen kleinen achteckigen Raum führte, der von einer einzelnen Lampe beleuchtet wurde und anscheinend kein Fenster irgendeiner Art besaß. Nachdem er diesen durchquert hatte, öffnete er eine weitere Tür und bedeutete mir einzutreten. Es war ein willkommener Anblick; denn hier befand sich ein großes Schlafzimmer, gut beleuchtet und gewärmt von einem weiteren Holzfeuer, das ein hohles Rauschen den breiten Schornstein hinaufschickte. Der Graf ließ mein Gepäck drinnen und zog sich zurück, wobei er sagte, bevor er die Tür schloss:

„Sie werden es nach Ihrer Reise nötig haben, sich durch Ihre Toilette zu erfrischen. Ich vertraue darauf, dass Sie alles finden werden, was Sie sich wünschen. Wenn Sie bereit sind, kommen Sie in den anderen Raum, wo Sie Ihr Abendessen vorbereitet finden werden.“

Das Licht, die Wärme und der zuvorkommende Empfang des Grafen schienen alle meine Zweifel und Ängste zerstreut zu haben. Nachdem ich nun meinen normalen Zustand erreicht hatte, entdeckte ich, dass ich halb verhungert war vor Hunger; also machte ich mich hastig frisch und ging in den anderen Raum.

Ich fand das Abendessen bereits gedeckt vor. Mein Gastgeber, der auf einer Seite des großen Kamins stand und sich gegen das Mauerwerk lehnte, machte eine anmutige Handbewegung zum Tisch und sagte:

„Ich bitte Sie, nehmen Sie Platz und essen Sie, wie es Ihnen beliebt. Sie werden mich hoffentlich entschuldigen, dass ich mich Ihnen nicht anschließe; aber ich habe bereits gespeist und ich esse zu Abend nicht.“

Ich reichte ihm den versiegelten Brief, den Mr. Hawkins mir anvertraut hatte. Er öffnete ihn und las ihn ernst; dann reichte er ihn mir mit einem bezaubernden Lächeln zum Lesen. Zumindest eine Stelle darin versetzte mich in freudige Erregung:

„Ich bedauere sehr, dass ein Gichtanfall, an welcher Krankheit ich ein ständiger Leidender bin, mir für einige Zeit jede Reise absolut verbietet; aber ich bin glücklich sagen zu können, dass ich einen geeigneten Stellvertreter senden kann, einen, in den ich alles erdenkliche Vertrauen habe. Er ist ein junger Mann, voller Energie und Talent auf seine eigene Art, und von sehr treuem Wesen. Er ist diskret und schweigsam und ist in meinem Dienst zum Mann herangewachsen. Er wird bereit sein, Ihnen während seines Aufenthalts nach Belieben zu dienen, und wird Ihre Anweisungen in allen Angelegenheiten entgegennehmen.“

Der Graf trat selbst vor und nahm den Deckel von einer Schüssel, und ich stürzte mich sofort auf ein ausgezeichnetes Brathähnchen. Dies, zusammen mit etwas Käse, einem Salat und einer Flasche altem Tokajer, von dem ich zwei Gläser trank, war mein Abendessen. Während ich aß, stellte mir der Graf viele Fragen zu meiner Reise, und ich erzählte ihm nach und nach alles, was ich erlebt hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Abendessen beendet und auf Wunsch meines Gastgebers einen Stuhl ans Feuer gezogen und begonnen, eine Zigarre zu rauchen, die er mir anbot, wobei er sich gleichzeitig entschuldigte, dass er nicht rauche. Ich hatte nun Gelegenheit, ihn zu beobachten, und fand, dass er eine sehr ausgeprägte Physiognomie hatte.

Sein Gesicht war stark – sehr stark – aquilin, mit hohem Rücken der dünnen Nase und eigentümlich gewölbten Nasenlöchern; mit hoher, gewölbter Stirn und spärlich wachsendem Haar an den Schläfen, aber üppig anderswo. Seine Augenbrauen waren sehr massiv, trafen sich fast über der Nase und hatten buschiges Haar, das in seiner Fülle zu locken schien. Der Mund, soweit ich ihn unter dem schweren Schnurrbart sehen konnte, war starr und wirkte eher grausam, mit besonders scharfen weißen Zähnen; diese ragten über die Lippen, deren bemerkenswerte Röte eine erstaunliche Vitalität für einen Mann seines Alters zeigte. Im Übrigen waren seine Ohren blass und an den Spitzen extrem spitz; das Kinn war breit und stark, und die Wangen fest, wenn auch dünn. Der allgemeine Eindruck war der einer außerordentlichen Blässe.

Bisher hatte ich die Handrücken bemerkt, als sie im Feuerschein auf seinen Knien lagen, und sie hatten ziemlich weiß und fein gewirkt; aber als ich sie nun aus der Nähe sah, konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass sie ziemlich grob waren – breit, mit untersetzten Fingern. Seltsamerweise gab es Haare in der Mitte der Handfläche. Die Nägel waren lang und fein und zu einer scharfen Spitze geschnitten. Als der Graf sich über mich beugte und seine Hände mich berührten, konnte ich ein Schaudern nicht unterdrücken. Es mag sein, dass sein Atem faulig war, aber ein schreckliches Gefühl von Übelkeit überkam mich, das ich, egal was ich tat, nicht verbergen konnte. Der Graf, der es offensichtlich bemerkte, wich zurück; und mit einem grimmigen Lächeln, das seine hervorstehenden Zähne mehr als bisher zeigte, setzte er sich wieder auf seine Seite des Kamins. Wir waren beide eine Weile still; und als ich zum Fenster blickte, sah ich den ersten schwachen Schimmer der kommenden Morgendämmerung. Eine seltsame Stille schien über allem zu liegen; aber als ich lauschte, hörte ich, wie aus dem Tal unter uns, das Heulen vieler Wölfe. Die Augen des Grafen leuchteten, und er sagte:

„Hören Sie sie – die Kinder der Nacht. Was für eine Musik sie machen!“ Da er wohl einen Ausdruck auf meinem Gesicht sah, der ihm fremd war, fügte er hinzu:

„Ah, mein Herr, ihr Stadtbewohner könnt euch nicht in die Gefühle des Jägers hineinversetzen.“ Dann stand er auf und sagte:

„Aber Sie müssen müde sein. Ihr Schlafzimmer ist ganz bereit, und morgen werden Sie so lange schlafen, wie Sie wollen. Ich muss bis zum Nachmittag weg sein; also schlafen Sie wohl und träumen Sie wohl!“ Und mit einer höflichen Verbeugung öffnete er selbst die Tür zum achteckigen Raum für mich, und ich betrat mein Schlafzimmer...

Ich bin in einem Meer von Wundern. Ich zweifle; ich fürchte mich; ich denke seltsame Dinge, die ich nicht einmal meiner eigenen Seele zu gestehen wage. Gott behüte mich, wenn auch nur um derer willen, die mir lieb sind!

7. Mai. – Es ist wieder früher Morgen, aber ich habe geruht und die letzten vierundzwanzig Stunden genossen. Ich schlief bis spät in den Tag und wachte von selbst auf. Nachdem ich mich angezogen hatte, ging ich in den Raum, in dem wir zu Abend gegessen hatten, und fand ein kaltes Frühstück vor, wobei der Kaffee heiß gehalten wurde, indem die Kanne auf den Herd gestellt worden war. Auf dem Tisch lag eine Karte, auf der geschrieben stand:

„Ich muss für eine Weile abwesend sein. Warten Sie nicht auf mich. – D.“ Also machte ich mich daran und genoss eine herzhafte Mahlzeit. Als ich fertig war, suchte ich nach einer Glocke, damit ich die Dienerschaft wissen lassen konnte, dass ich fertig sei; aber ich konnte keine finden. Es gibt sicherlich seltsame Mängel im Haus, in Anbetracht der außerordentlichen Beweise von Reichtum, die mich umgeben. Das Tafelgeschirr ist aus Gold und so wunderschön gearbeitet, dass es von immensem Wert sein muss. Die Vorhänge und die Polster der Stühle und Sofas sowie die Behänge meines Bettes sind aus den kostbarsten und schönsten Stoffen und müssen von fabelhaftem Wert gewesen sein, als sie hergestellt wurden, denn sie sind Jahrhunderte alt, wenn auch in ausgezeichnetem Zustand. Ich habe etwas Ähnliches in Hampton Court gesehen, aber dort waren sie abgenutzt, ausgefranst und mottenzerfressen. Aber dennoch gibt es in keinem der Zimmer einen Spiegel. Es gibt nicht einmal einen Toilettenspiegel auf meinem Tisch, und ich musste den kleinen Rasierspiegel aus meiner Tasche holen, bevor ich mich rasieren oder meine Haare bürsten konnte. Ich habe bisher nirgendwo einen Diener gesehen oder ein Geräusch in der Nähe des Schlosses gehört, außer dem Heulen der Wölfe. Als ich meine Mahlzeit beendet hatte – ich weiß nicht, ob ich es Frühstück oder Abendessen nennen soll, denn es war zwischen fünf und sechs Uhr, als ich es einnahm –, sah ich mich nach etwas zu lesen um, denn ich wollte nicht im Schloss herumlaufen, bevor ich nicht um die Erlaubnis des Grafen gebeten hatte. Es gab absolut nichts im Raum, kein Buch, keine Zeitung, nicht einmal Schreibmaterial; also öffnete ich eine andere Tür im Raum und fand eine Art Bibliothek. Die Tür gegenüber meiner versuchte ich, fand sie aber verschlossen.

In der Bibliothek fand ich zu meinem großen Entzücken eine riesige Anzahl englischer Bücher, ganze Regale voll davon, und gebundene Bände von Zeitschriften und Zeitungen. Ein Tisch in der Mitte war übersät mit englischen Zeitschriften und Zeitungen, obwohl keine davon von sehr aktuellem Datum war. Die Bücher waren der unterschiedlichsten Art – Geschichte, Geographie, Politik, politische Ökonomie, Botanik, Geologie, Recht – alles bezogen auf England und englisches Leben, Bräuche und Sitten. Es gab sogar Nachschlagewerke wie das London Directory, die „Red“ und „Blue“ Books, Whitaker’s Almanack, die Army and Navy Lists und – es erfreute mein Herz irgendwie, es zu sehen – die Law List.

Während ich mir die Bücher ansah, öffnete sich die Tür, und der Graf trat ein. Er begrüßte mich herzlich und hoffte, dass ich eine gute Nachtruhe gehabt hätte. Dann fuhr er fort:

„Ich bin froh, dass Sie den Weg hierher gefunden haben, denn ich bin sicher, dass es vieles gibt, das Sie interessieren wird.“ Diese Freunde – und er legte seine Hand auf einige der Bücher – waren gute Freunde für mich, und seit einigen Jahren, seit ich die Idee hatte, nach London zu gehen, haben sie mir viele, viele Stunden Freude bereitet. Durch sie habe ich Ihr großes England kennenlernen dürfen; und es zu kennen, bedeutet, es zu lieben. Ich sehne mich danach, durch die überfüllten Straßen Ihres mächtigen London zu gehen, inmitten des Wirbels und der Eile der Menschheit zu sein, an ihrem Leben, ihrem Wandel, ihrem Tod und allem, was es zu dem macht, was es ist, teilzuhaben. Aber ach! Bis jetzt kenne ich Ihre Zunge nur aus Büchern. Auf Sie, mein Freund, hoffe ich, dass ich sie sprechen lerne.“

„Aber Graf“, sagte ich, „Sie kennen und sprechen Englisch vollkommen!“ Er verneigte sich ernst.

„Ich danke Ihnen, mein Freund, für Ihre allzu schmeichelhafte Einschätzung, aber dennoch fürchte ich, dass ich nur einen kleinen Weg auf der Straße zurückgelegt habe, die ich gehen möchte. Zwar kenne ich die Grammatik und die Wörter, aber dennoch weiß ich nicht, wie ich sie sprechen soll.“

„Tatsächlich“, sagte ich, „Sie sprechen ausgezeichnet.“

„Nicht so“, antwortete er. „Wohl weiß ich, dass, wenn ich mich in Ihrem London bewegen und sprechen würde, es niemanden gäbe, der mich nicht als Fremden erkennen würde. Das ist mir nicht genug. Hier bin ich adlig; ich bin Bojar; das gemeine Volk kennt mich, und ich bin Herr. Aber ein Fremder in einem fremden Land, er ist niemand; die Menschen kennen ihn nicht – und nicht kennen bedeutet, sich nicht für ihn zu interessieren. Ich bin zufrieden, wenn ich wie die anderen bin, sodass niemand anhält, wenn er mich sieht, oder im Sprechen innehält, wenn er meine Worte hört, um zu sagen: ‚Ha, ha! Ein Fremder!‘ Ich bin so lange Herr gewesen, dass ich immer noch Herr sein möchte – oder zumindest, dass kein anderer Herr über mich sein sollte. Sie kommen zu mir nicht nur als Vertreter meines Freundes Peter Hawkins aus Exeter, um mir alles über mein neues Anwesen in London zu erzählen. Sie werden, so hoffe ich, eine Weile hier bei mir ruhen, damit ich durch unser Gespräch die englische Intonation lernen kann; und ich möchte, dass Sie mir sagen, wenn ich einen Fehler mache, selbst den kleinsten, in meiner Sprache. Es tut mir leid, dass ich heute so lange weg sein musste; aber Sie werden, das weiß ich, einem verzeihen, der so viele wichtige Angelegenheiten zu erledigen hat.“

Natürlich sagte ich alles, was ich konnte, über meine Bereitschaft, und fragte, ob ich in diesen Raum kommen dürfe, wann immer ich wollte. Er antwortete: „Ja, sicherlich“, und fügte hinzu:

„Sie können im Schloss überall hingehen, wo Sie möchten, außer dorthin, wo die Türen verschlossen sind, wo Sie natürlich nicht hingehen wollen werden. Es gibt einen Grund, warum alle Dinge so sind, wie sie sind, und würden Sie mit meinen Augen sehen und mit meinem Wissen wissen, würden Sie es vielleicht besser verstehen.“ Ich sagte, ich sei mir dessen sicher, und dann fuhr er fort:

„Wir sind in Transsilvanien; und Transsilvanien ist nicht England. Unsere Wege sind nicht Ihre Wege, und es wird für Sie viele seltsame Dinge geben. Nein, nach dem, was Sie mir bereits von Ihren Erfahrungen erzählt haben, wissen Sie bereits etwas darüber, was für seltsame Dinge hier sein können.“

Dies führte zu viel Konversation. Und da es offensichtlich war, dass er sprechen wollte, wenn auch nur des Sprechens wegen, stellte ich ihm viele Fragen zu Dingen, die mir bereits widerfahren waren oder die mir aufgefallen waren. Manchmal wich er dem Thema aus oder lenkte das Gespräch, indem er vorgab, nicht zu verstehen; aber im Allgemeinen beantwortete er alles, was ich fragte, sehr offen. Dann, als die Zeit verging und ich etwas mutiger geworden war, fragte ich ihn nach einigen der seltsamen Dinge der vorangegangenen Nacht, wie zum Beispiel, warum der Kutscher zu den Orten fuhr, an denen wir die blauen Flammen gesehen hatten. War es wirklich wahr, dass sie anzeigten, wo Gold versteckt war? Er erklärte mir dann, dass man gemeinhin glaubte, dass in einer bestimmten Nacht des Jahres – letzte Nacht, tatsächlich, wenn alle bösen Geister angeblich uneingeschränkte Macht haben – eine blaue Flamme über jedem Ort gesehen wird, an dem Schätze versteckt wurden. „Dass dieser Schatz versteckt wurde“, fuhr er fort, „in der Region, durch die Sie letzte Nacht gekommen sind, daran kann es kaum einen Zweifel geben; denn es war der Boden, um den jahrhundertelang von den Walachen, den Sachsen und den Türken gekämpft wurde. Nun, es gibt kaum einen Fußbreit Boden in dieser ganzen Region, der nicht durch das Blut von Menschen, Patrioten oder Invasoren, bereichert wurde. In alten Tagen gab es aufregende Zeiten, als die Österreicher und die Ungarn in Horden heraufkamen und die Patrioten ihnen entgegenzogen – Männer und Frauen, die Alten und auch die Kinder – und auf ihr Kommen auf den Felsen über den Pässen warteten, damit sie mit ihren künstlichen Lawinen Zerstörung über sie bringen konnten. Wenn der Invasor triumphierte, fand er nur wenig, denn was auch immer da war, war im freundlichen Boden geschützt worden.“

„Aber wie“, sagte ich, „kann es so lange unentdeckt geblieben sein, wenn es einen sicheren Hinweis darauf gibt, wenn die Menschen sich nur die Mühe machen würden zu suchen?“ Der Graf lächelte, und als seine Lippen über sein Zahnfleisch zurückwichen, zeigten sich die langen, scharfen Eckzähne seltsam; er antwortete:

„Weil Ihr Bauer im Herzen ein Feigling und ein Narr ist! Diese Flammen erscheinen nur in einer Nacht. Und in dieser Nacht wird kein Mensch dieses Landes, wenn er es vermeiden kann, vor seine Tür treten. Und, lieber Herr, selbst wenn er es täte, würde er nicht wissen, was er tun soll. Nun, selbst der Bauer, von dem Sie mir erzählen, der den Ort der Flamme markierte, wüsste bei Tageslicht nicht einmal, wo er nach seiner eigenen Arbeit suchen sollte. Sie würden doch, ich wage zu wettern, nicht in der Lage sein, diese Orte wiederzufinden?“

„Da haben Sie recht“, sagte ich. „Ich weiß nicht mehr als die Toten, wo ich überhaupt danach suchen soll.“ Dann drifteten wir zu anderen Angelegenheiten ab.

„Kommen Sie“, sagte er schließlich, „erzählen Sie mir von London und von dem Haus, das Sie für mich beschafft haben.“ Mit einer Entschuldigung für meine Nachlässigkeit ging ich in mein eigenes Zimmer, um die Papiere aus meiner Tasche zu holen. Während ich sie ordnete, hörte ich ein Klappern von Porzellan und Silber im Nebenraum, und als ich hindurchging, bemerkte ich, dass der Tisch abgeräumt und die Lampe angezündet war, denn es war inzwischen tief in der Dunkelheit. Die Lampen waren auch im Arbeitszimmer oder in der Bibliothek angezündet, und ich fand den Grafen auf dem Sofa liegen, wie er, von allen Dingen auf der Welt, einen englischen Bradshaw’s Guide las. Als ich hereinkam, räumte er die Bücher und Papiere vom Tisch; und mit ihm ging ich Pläne und Urkunden und Zahlen aller Art durch. Er interessierte sich für alles und stellte mir eine Unzahl von Fragen über den Ort und seine Umgebung. Er hatte offensichtlich im Voraus alles studiert, was er über das Thema der Nachbarschaft bekommen konnte, denn er wusste am Ende offensichtlich sehr viel mehr als ich. Als ich dies bemerkte, antwortete er:

„Nun, aber, mein Freund, ist es nicht notwendig, dass ich es sollte? Wenn ich dorthin gehe, werde ich ganz allein sein, und mein Freund Harker Jonathan – nein, verzeihen Sie mir, ich verfalle in die Gewohnheit meines Landes, Ihren Nachnamen zuerst zu setzen – mein Freund Jonathan Harker wird nicht an meiner Seite sein, um mich zu korrigieren und mir zu helfen. Er wird in Exeter sein, meilenweit entfernt, wahrscheinlich bei der Arbeit an juristischen Papieren mit meinem anderen Freund, Peter Hawkins. So!“

Wir gingen gründlich das Geschäft des Kaufs des Anwesens in Purfleet durch. Als ich ihm die Fakten mitgeteilt und seine Unterschrift unter die notwendigen Papiere bekommen hatte und einen Brief mit ihnen fertig gemacht hatte, um ihn an Mr. Hawkins zu schicken, begann er mich zu fragen, wie ich auf einen so geeigneten Ort gestoßen sei. Ich las ihm die Notizen vor, die ich zu der Zeit gemacht hatte und die ich hier niederschreibe:

„In Purfleet, an einer Nebenstraße, stieß ich genau auf einen solchen Ort, wie er erforderlich zu sein schien, und wo ein heruntergekommenes Schild anzeigte, dass der Ort zu verkaufen sei. Er ist von einer hohen Mauer aus antiker Struktur umgeben, die aus schweren Steinen gebaut ist und seit einer großen Anzahl von Jahren nicht repariert wurde. Die geschlossenen Tore waren aus schwerer, alter Eiche und Eisen, alles vom Rost zerfressen.

Das Anwesen heißt Carfax, zweifellos eine Verballhornung des alten *Quatre Face*, da das Haus vierseitig ist und mit den Himmelsrichtungen des Kompasses übereinstimmt. Es umfasst insgesamt etwa zwanzig Morgen, die vollständig von der oben erwähnten soliden Steinmauer umgeben sind. Es gibt viele Bäume darauf, die es stellenweise düster machen, und es gibt einen tiefen, dunkel aussehenden Teich oder kleinen See, der offensichtlich von einigen Quellen gespeist wird, da das Wasser klar ist und in einem ansehnlichen Bach abfließt. Das Haus ist sehr groß und stammt aus allen Epochen, ich würde sagen, bis in mittelalterliche Zeiten zurück, denn ein Teil ist aus Stein von immenser Dicke, mit nur wenigen Fenstern hoch oben und schwer mit Eisen vergittert. Es sieht aus wie Teil eines Bergfrieds und befindet sich in der Nähe einer alten Kapelle oder Kirche. Ich konnte es nicht betreten, da ich den Schlüssel für die Tür, die vom Haus dorthin führt, nicht hatte, aber ich habe mit meiner Kodak Ansichten davon von verschiedenen Punkten aus gemacht. Das Haus wurde erweitert, aber auf eine sehr verstreute Weise, und ich kann nur raten, wie viel Boden es bedeckt, was sehr groß sein muss. Es gibt nur wenige Häuser in der Nähe, eines davon ist ein sehr großes Haus, das erst kürzlich erweitert und in eine private Irrenanstalt umgewandelt wurde. Es ist jedoch vom Gelände aus nicht sichtbar.“

Als ich geendet hatte, sagte er:

„Ich bin froh, dass es alt und groß ist. Ich selbst entstamme einer alten Familie, und in einem neuen Haus zu leben, würde mich töten. Ein Haus kann nicht an einem Tag bewohnbar gemacht werden; und schließlich, wie wenige Tage machen schon ein Jahrhundert aus. Ich freue mich, dass es eine Kapelle aus alten Zeiten gibt. Wir siebenbürgischen Adligen lieben es nicht zu denken, dass unsere Gebeine unter den gewöhnlichen Toten liegen könnten. Ich suche nicht nach Heiterkeit oder Frohsinn, nicht nach der hellen Wollust von viel Sonnenschein und sprudelndem Wasser, welche die Jungen und Fröhlichen erfreuen. Ich bin nicht mehr jung; und mein Herz, nach müden Jahren des Klagens um die Toten, ist nicht auf Frohsinn eingestimmt. Überdies sind die Mauern meines Schlosses zerfallen; die Schatten sind zahlreich, und der Wind haucht kalt durch die zerbrochenen Zinnen und Fensteröffnungen. Ich liebe den Schatten und die Finsternis und möchte mit meinen Gedanken allein sein, wann immer ich kann.“

Irgendwie schienen seine Worte und sein Blick nicht zusammenzupassen, oder aber seine Gesichtszüge ließen sein Lächeln bösartig und düster erscheinen.

Bald darauf entschuldigte er sich und verließ mich mit der Bitte, alle meine Papiere zusammenzulegen. Er blieb eine ganze Weile fort, und ich begann, einige der Bücher um mich herum zu betrachten. Eines war ein Atlas, der sich, wie ich feststellte, ganz von selbst bei England aufschlug, als ob diese Karte häufig benutzt worden wäre. Beim Betrachten fand ich an bestimmten Stellen kleine eingekreiste Markierungen, und als ich diese untersuchte, bemerkte ich, dass eine in der Nähe von London an der Ostseite lag, offensichtlich dort, wo sich sein neues Anwesen befand; die beiden anderen waren Exeter und Whitby an der Küste von Yorkshire.

Es war fast eine Stunde vergangen, als der Graf zurückkehrte. „Aha!“, sagte er; „immer noch bei Ihren Büchern? Gut! Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten. Kommen Sie; mir wurde berichtet, dass Ihr Abendessen bereit ist.“ Er nahm mich am Arm, und wir gingen in das nächste Zimmer, wo ich ein ausgezeichnetes Abendessen auf dem Tisch vorfand. Der Graf entschuldigte sich erneut, da er auswärts gegessen hatte, während er außer Haus war. Aber er saß wie am Abend zuvor da und plauderte, während ich aß. Nach dem Abendessen rauchte ich, wie am letzten Abend, und der Graf blieb bei mir, plauderte und stellte stundenlang Fragen zu jedem erdenklichen Thema. Ich spürte, dass es in der Tat sehr spät wurde, aber ich sagte nichts, denn ich fühlte mich verpflichtet, den Wünschen meines Gastgebers in jeder Hinsicht entgegenzukommen. Ich war nicht schläfrig, da der lange Schlaf gestern mich gestärkt hatte; aber ich konnte nicht umhin, jene Kühle zu verspüren, die einen beim Anbruch der Morgendämmerung überkommt, was auf seine Weise dem Umschlagen der Gezeiten gleicht. Man sagt, dass Menschen, die dem Tode nahe sind, im Allgemeinen beim Übergang zur Morgendämmerung oder beim Umschlagen der Gezeiten sterben; jeder, der, wenn er müde und sozusagen an seinen Posten gefesselt ist, diesen Wandel in der Atmosphäre erlebt hat, kann dies wohl glauben. Auf einmal hörten wir den Schrei eines Hahns, der mit übernatürlicher Schrillheit durch die klare Morgenluft nach oben drang; Graf Dracula sprang auf die Füße und sagte:

„Nun, da ist schon wieder der Morgen! Wie nachlässig von mir, Sie so lange aufbleiben zu lassen. Sie müssen Ihre Unterhaltung über mein liebes neues Land England weniger interessant gestalten, damit ich nicht vergesse, wie die Zeit an uns vorüberfliegt“, und mit einer höfischen Verbeugung verließ er mich.

Ich ging in mein eigenes Zimmer und zog die Vorhänge zu, aber es gab wenig zu bemerken; mein Fenster ging auf den Innenhof hinaus; alles, was ich sehen konnte, war der warme, graue, heller werdende Himmel. Also zog ich die Vorhänge wieder auf und habe über diesen Tag geschrieben.

8. Mai. – Ich begann beim Schreiben in diesem Buch zu fürchten, dass ich zu weitschweifig wurde; aber jetzt bin ich froh, dass ich von Anfang an ins Detail gegangen bin, denn es liegt etwas so Seltsames über diesem Ort und allem, was darin ist, dass ich mich des Unbehagens nicht erwehren kann. Ich wünschte, ich wäre sicher hier heraus, oder dass ich niemals gekommen wäre. Es mag sein, dass dieses seltsame Nachtdasein an mir zehrt; aber ich wünschte, das wäre alles! Wenn es jemanden gäbe, mit dem ich reden könnte, könnte ich es ertragen, aber da ist niemand. Ich habe nur den Grafen, mit dem ich sprechen kann, und er! – Ich fürchte, ich bin selbst die einzige lebende Seele an diesem Ort. Lassen Sie mich so prosaisch wie möglich sein, was die Fakten betrifft; das wird mir helfen, durchzuhalten, und die Einbildungskraft darf nicht mit mir durchgehen. Wenn sie es tut, bin ich verloren. Lassen Sie mich sofort sagen, wie es um mich steht – oder zu stehen scheint.

Ich habe nur ein paar Stunden geschlafen, als ich zu Bett ging, und da ich das Gefühl hatte, nicht mehr schlafen zu können, stand ich auf. Ich hatte meinen Rasierspiegel am Fenster aufgehängt und fing gerade an, mich zu rasieren. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und hörte die Stimme des Grafen, die zu mir sagte: „Guten Morgen.“ Ich schreckte zusammen, denn es verblüffte mich, dass ich ihn nicht gesehen hatte, da die Spiegelung des Glases den gesamten Raum hinter mir erfasste. Beim Zusammenzucken hatte ich mich leicht geschnitten, bemerkte es aber in diesem Augenblick nicht. Nachdem ich den Gruß des Grafen erwidert hatte, wandte ich mich wieder dem Spiegel zu, um zu sehen, wie ich mich geirrt haben konnte. Diesmal konnte es keinen Irrtum geben, denn der Mann war ganz nah bei mir, und ich konnte ihn über meine Schulter sehen. Aber es gab keine Spiegelung von ihm im Spiegel! Der ganze Raum hinter mir war zu sehen; aber es gab darin kein Anzeichen eines Menschen, außer mir selbst. Das war erschreckend, und da es zu so vielen seltsamen Dingen hinzukam, begann es jenes vage Gefühl des Unbehagens zu verstärken, das ich immer habe, wenn der Graf in der Nähe ist; aber in diesem Augenblick sah ich, dass der Schnitt ein wenig geblutet hatte und das Blut über mein Kinn rann. Ich legte das Rasiermesser hin und drehte mich dabei halb um, um nach etwas Heftpflaster zu suchen. Als der Graf mein Gesicht sah, loderten seine Augen mit einer Art dämonischer Wut, und er griff plötzlich nach meiner Kehle. Ich wich zurück, und seine Hand berührte die Schnur der Perlen, die das Kruzifix hielten. Das bewirkte eine sofortige Veränderung bei ihm, denn die Wut verging so schnell, dass ich kaum glauben konnte, dass sie je da gewesen war.

„Vorsicht“, sagte er, „geben Sie acht, wie Sie sich schneiden. In diesem Land ist es gefährlicher, als Sie denken.“ Dann ergriff er das Rasiermesser, das er wohl für den Spiegel hielt, und fuhr fort: „Und das ist das elende Ding, das das Unheil angerichtet hat. Es ist ein niederträchtiges Tand der menschlichen Eitelkeit. Weg damit!“ und mit einem Ruck seiner schrecklichen Hand öffnete er das schwere Fenster und schleuderte den Spiegel hinaus, der in tausend Stücke auf den Steinen des weit unter uns liegenden Innenhofs zerschellte. Dann zog er sich wortlos zurück. Es ist sehr ärgerlich, denn ich wüsste nicht, wie ich mich rasieren soll, außer mit meinem Uhrengehäuse oder dem Boden des Rasierbechers, der glücklicherweise aus Metall ist.

Als ich in das Esszimmer ging, war das Frühstück vorbereitet; aber ich konnte den Grafen nirgendwo finden. Also frühstückte ich allein. Es ist seltsam, dass ich den Grafen bisher weder essen noch trinken gesehen habe. Er muss ein sehr eigenartiger Mann sein! Nach dem Frühstück erkundete ich ein wenig das Schloss. Ich ging auf die Treppe hinaus und fand ein Zimmer, das nach Süden blickte. Die Aussicht war großartig, und von dort, wo ich stand, hatte ich jede Gelegenheit, sie zu sehen. Das Schloss liegt genau am Rande eines schrecklichen Abgrunds. Ein Stein, der aus dem Fenster fiele, würde tausend Fuß tief fallen, ohne irgendetwas zu berühren! Soweit das Auge reicht, ist ein Meer aus grünen Baumwipfeln, mit gelegentlichen tiefen Rissen, wo sich ein Abgrund auftut. Hier und da sind silberne Fäden zu sehen, wo sich die Flüsse durch tiefe Schluchten im Wald schlängeln.

Aber ich bin nicht in der Stimmung, Schönheit zu beschreiben, denn nachdem ich die Aussicht gesehen hatte, erkundete ich weiter; Türen, Türen, Türen überall, und alle verschlossen und verriegelt. Nirgendwo außer an den Fenstern in den Schlossmauern gibt es einen Ausgang.

Das Schloss ist ein wahres Gefängnis, und ich bin ein Gefangener!

KAPITEL III.

/Jonathan Harkers Tagebuch/ (Fortsetzung).

Als ich feststellte, dass ich ein Gefangener war, überkam mich eine Art wildes Gefühl. Ich rannte die Treppen auf und ab, probierte jede Tür aus und spähte aus jedem Fenster, das ich finden konnte; aber nach einer Weile überwältigte die Überzeugung meiner Hilflosigkeit alles andere. Wenn ich nach ein paar Stunden zurückblicke, denke ich, dass ich für den Moment wahnsinnig gewesen sein muss, denn ich verhielt mich ähnlich wie eine Ratte in der Falle. Als ich jedoch zu der Überzeugung gelangt war, dass ich hilflos war, setzte ich mich ruhig hin – so ruhig, wie ich jemals etwas in meinem Leben getan habe – und fing an, darüber nachzudenken, was am besten zu tun sei. Ich denke immer noch nach, und bin bisher zu keinem endgültigen Schluss gekommen. Eines ist mir nur sicher: Es hat keinen Zweck, dem Grafen meine Gedanken mitzuteilen. Er weiß genau, dass ich gefangen gehalten werde; und da er es selbst getan hat und zweifellos seine eigenen Gründe dafür hat, würde er mich nur täuschen, wenn ich ihm die Tatsachen voll und ganz anvertrauen würde. Soweit ich sehen kann, wird mein einziger Plan sein, mein Wissen und meine Ängste für mich zu behalten und die Augen offen zu halten. Ich werde, das weiß ich, entweder wie ein Kind von meinen eigenen Ängsten getäuscht, oder aber ich befinde mich in einer verzweifelten Lage; und falls Letzteres der Fall ist, brauche ich, und werde ich, all meinen Verstand brauchen, um hindurchzukommen. Ich war kaum zu diesem Schluss gekommen, als ich die große Tür unten schließen hörte und wusste, dass der Graf zurückgekehrt war. Er kam nicht sofort in die Bibliothek, also ging ich vorsichtig in mein eigenes Zimmer und fand ihn dabei, wie er das Bett machte. Das war seltsam, bestätigte aber nur, was ich die ganze Zeit gedacht hatte – dass es keine Bediensteten im Haus gab. Als ich ihn später durch den Spalt der Türangeln im Esszimmer den Tisch decken sah, war ich mir dessen gewiss; denn wenn er all diese niederen Dienste selbst verrichtet, ist es sicherlich der Beweis, dass niemand sonst da ist, um sie zu tun. Das versetzte mich in Schrecken, denn wenn niemand sonst im Schloss ist, muss es der Graf selbst gewesen sein, der der Kutscher war, der mich hierher gebracht hat. Das ist ein schrecklicher Gedanke; denn wenn dem so ist, was bedeutet es, dass er die Wölfe beherrschen konnte, wie er es tat, indem er nur schweigend seine Hand hob? Wie kam es, dass all die Leute in Bistritz und auf der Kutsche eine solche schreckliche Angst um mich hatten? Was bedeutete das Geben des Kruzifixes, des Knoblauchs, der wilden Rose, der Eberesche? Gott segne diese gute, gute Frau, die mir das Kruzifix um den Hals hängte! Denn es ist ein Trost und eine Stärke für mich, wann immer ich es berühre. Es ist seltsam, dass eine Sache, von der ich gelernt habe, sie mit Missfallen und als götzendienerisch zu betrachten, in einer Zeit der Einsamkeit und Not eine Hilfe sein soll. Liegt es daran, dass im Wesen der Sache selbst etwas steckt, oder ist es ein Medium, eine greifbare Hilfe, um Erinnerungen an Sympathie und Trost zu vermitteln? Irgendwann, wenn es möglich ist, muss ich diese Angelegenheit untersuchen und versuchen, mir darüber klar zu werden. In der Zwischenzeit muss ich alles über Graf Dracula herausfinden, da es mir helfen könnte, es zu verstehen. Heute Nacht mag er vielleicht von sich selbst sprechen, wenn ich das Gespräch in diese Richtung lenke. Ich muss jedoch sehr vorsichtig sein, seinen Verdacht nicht zu wecken.

Mitternacht. – Ich habe ein langes Gespräch mit dem Grafen geführt. Ich stellte ihm ein paar Fragen zur siebenbürgischen Geschichte, und er erwärmte sich wunderbar für das Thema. Wenn er von Dingen und Menschen sprach, und besonders von Schlachten, sprach er, als ob er bei allen zugegen gewesen wäre. Dies erklärte er später damit, dass für einen Bojaren der Stolz seines Hauses und Namens sein eigener Stolz sei, dass ihr Ruhm sein Ruhm sei, dass ihr Schicksal sein Schicksal sei. Wann immer er von seinem Haus sprach, sagte er immer „wir“ und sprach fast im Plural, wie ein König, der spricht. Ich wünschte, ich könnte alles, was er sagte, genau so niederschreiben, wie er es sagte, denn für mich war es höchst faszinierend. Es schien die ganze Geschichte des Landes in sich zu tragen. Er wurde erregt, während er sprach, ging im Zimmer auf und ab, zupfte an seinem großen weißen Schnurrbart und griff nach allem, worauf er seine Hände legte, als wollte er es mit roher Gewalt zerquetschen. Eine Sache sagte er, die ich so genau wie möglich niederschreiben werde; denn sie erzählt auf ihre Weise die Geschichte seiner Rasse:

„Wir Szekler haben ein Recht, stolz zu sein, denn in unseren Adern fließt das Blut vieler tapferer Völker, die wie der Löwe kämpften, um die Herrschaft. Hier, im Strudel der europäischen Völker, trug der ugrische Stamm aus Island den Kampfgeist herbei, den Thor und Wodin ihnen gaben, den ihre Berserker mit solch grausamer Absicht an den Küsten Europas, ja, und auch Asiens und Afrikas zur Schau stellten, bis die Völker glaubten, dass die Werwölfe selbst gekommen seien. Hier fanden sie auch, als sie kamen, die Hunnen, deren kriegerische Wut die Erde wie eine lebendige Flamme überrollt hatte, bis die sterbenden Völker glaubten, dass in ihren Adern das Blut jener alten Hexen floss, die, aus Skythen vertrieben, sich mit den Teufeln in der Wüste gepaart hatten. Narren, Narren! Welcher Teufel oder welche Hexe war jemals so groß wie Attila, dessen Blut in diesen Adern fließt?“ Er hielt seine Arme hoch. „Ist es ein Wunder, dass wir ein eroberndes Volk waren; dass wir stolz waren; dass wir, als die Magyaren, die Langobarden, die Awaren, die Bulgaren oder die Türken ihre Tausenden an unsere Grenzen ergossen, sie zurücktrieben? Ist es seltsam, dass Arpad und seine Legionen das ungarische Vaterland durchzogen und uns hier vorfanden, als er die Grenze erreichte; dass die Honfoglalás dort vollendet wurde? Und als die ungarische Flut nach Osten fegte, wurden die Szekler von den siegreichen Magyaren als Verwandte beansprucht, und uns wurde jahrhundertelang die Bewachung der Grenze des Türkenlandes anvertraut; ja, und mehr als das, die endlose Pflicht der Grenzwache, denn, wie die Türken sagen: ‚Wasser schläft, und der Feind ist schlaflos.‘ Wer nahm freudiger als wir unter den Vier Nationen das ‚blutige Schwert‘ entgegen oder strömte bei seinem kriegerischen Ruf schneller zur Standarte des Königs? Wann wurde jene große Schande meiner Nation getilgt, die Schande von Cassova, als die Fahnen der Walachen und der Magyaren unter dem Halbmond untergingen; wer war es, wenn nicht einer meiner eigenen Rasse, der als Woiwode die Donau überquerte und den Türken auf seinem eigenen Boden schlug? Das war in der Tat ein Dracula! Wehe, dass sein eigener unwürdiger Bruder, als er gefallen war, sein Volk an den Türken verkaufte und die Schande der Sklaverei über sie brachte! War es nicht dieser Dracula, der jenen anderen seiner Rasse inspirierte, der in einem späteren Zeitalter immer und immer wieder seine Truppen über den großen Strom ins Türkenland führte; der, als er zurückgeschlagen wurde, wieder kam, und wieder, und wieder, obwohl er allein von dem blutigen Feld kommen musste, auf dem seine Truppen niedergemetzelt wurden, da er wusste, dass nur er allein letztendlich triumphieren konnte? Sie sagten, er dachte nur an sich selbst. Bah! Was nützen Bauern ohne einen Anführer? Wo endet der Krieg ohne ein Gehirn und ein Herz, um ihn zu führen? Wiederum, als wir nach der Schlacht von Mohács das ungarische Joch abwarfen, waren wir vom Blute Draculas unter ihren Anführern, denn unser Geist konnte es nicht ertragen, dass wir nicht frei waren. Ach, junger Herr, die Szekler – und die Dracula als ihr Herzblut, ihr Gehirn und ihre Schwerter – können sich einer Aufzeichnung rühmen, die Pilzgewächse wie die Habsburger und die Romanows niemals erreichen können. Die kriegerischen Tage sind vorbei. Blut ist ein zu kostbares Ding in diesen Tagen eines ehrlosen Friedens; und der Ruhm der großen Völker ist wie eine Geschichte, die erzählt wurde.“

Es war inzwischen kurz vor Morgen, und wir gingen zu Bett. (Anm.: Dieses Tagebuch scheint entsetzlich wie der Beginn von „Tausendundeiner Nacht“, denn alles muss beim Hahnenschrei abbrechen – oder wie der Geist von Hamlets Vater.)

12. Mai. – Lassen Sie mich mit Tatsachen beginnen – nackte, karge Tatsachen, durch Bücher und Zahlen belegt, an denen es keinen Zweifel geben kann. Ich darf sie nicht mit Erfahrungen vermischen, die auf meiner eigenen Beobachtung oder meiner Erinnerung an sie beruhen müssen. Gestern Abend, als der Graf aus seinem Zimmer kam, begann er damit, mir Fragen zu rechtlichen Angelegenheiten und zur Abwicklung bestimmter Arten von Geschäften zu stellen. Ich hatte den Tag müde über Büchern verbracht und ging, einfach um meinen Geist beschäftigt zu halten, einige der Angelegenheiten durch, in denen ich in Lincoln’s Inn geprüft worden war. Es gab eine gewisse Methode in den Nachforschungen des Grafen, also werde ich versuchen, sie der Reihe nach niederzuschreiben; das Wissen könnte mir irgendwie oder irgendwann nützlich sein.

Zuerst fragte er, ob ein Mann in England zwei Anwälte oder mehr haben könnte. Ich sagte ihm, er könne ein Dutzend haben, wenn er wünschte, aber dass es nicht klug wäre, mehr als einen Anwalt mit einer Transaktion zu betrauen, da immer nur einer handeln könne und ein Wechsel sicherlich seinen Interessen schaden würde. Er schien es vollkommen zu verstehen und fragte weiter, ob es praktische Schwierigkeiten gäbe, einen Mann für sagen wir Bankgeschäfte zu haben und einen anderen für die Schifffahrt, falls örtliche Hilfe an einem Ort weit weg vom Wohnort des Bankanwalts benötigt würde. Ich bat ihn, dies ausführlicher zu erklären, damit ich ihn nicht versehentlich in die Irre führe, also sagte er:

„Ich werde es veranschaulichen. Ihr Freund und meiner, Mr. Peter Hawkins, aus dem Schatten Ihrer schönen Kathedrale in Exeter, die weit von London entfernt ist, kauft für mich durch Sie meine Liegenschaft in London. Gut! Nun lassen Sie mich hier offen sagen, damit Sie nicht denken, es sei seltsam, dass ich die Dienste von jemandem so weit weg von London gesucht habe statt von jemandem, der dort ansässig ist, dass mein Motiv war, dass kein lokales Interesse bedient werden sollte außer meinem Wunsch allein; und da jemand, der in London ansässig ist, vielleicht irgendeine Absicht für sich selbst oder einen Freund verfolgen könnte, ging ich so in die Ferne, um meinen Agenten zu suchen, dessen Arbeit nur meinem Interesse dienen sollte. Nun, nehmen Sie an, ich, der ich viele Geschäfte habe, möchte Waren verschiffen, sagen wir nach Newcastle, oder Durham, oder Harwich, oder Dover, könnte es nicht sein, dass dies leichter getan werden könnte, indem man sie an jemanden in diesen Häfen versendet?“ Ich antwortete, dass dies sicherlich am einfachsten wäre, aber dass wir Anwälte ein System der Vertretung untereinander hätten, sodass lokale Arbeit vor Ort auf Anweisung eines jeden Anwalts erledigt werden könnte, sodass der Mandant, indem er sich einfach in die Hände eines Mannes begibt, seine Wünsche ohne weitere Mühe ausführen lassen könne.

„Aber“, sagte er, „ich könnte die Freiheit haben, mich selbst zu leiten. Ist das nicht so?“

„Natürlich“, antwortete ich; „und dies wird oft von Geschäftsleuten getan, die nicht möchten, dass ihre gesamten Angelegenheiten einer einzigen Person bekannt sind.“

„Gut!“, sagte er und fuhr dann fort, nach den Mitteln für den Versand von Konsignationen und den Formalitäten zu fragen, die durchlaufen werden müssen, und nach allen Arten von Schwierigkeiten, die auftreten könnten, aber durch Voraussicht vermieden werden könnten. Ich erklärte ihm all diese Dinge nach bestem Wissen und Gewissen, und er hinterließ bei mir sicherlich den Eindruck, dass er ein wunderbarer Anwalt geworden wäre, denn es gab nichts, woran er nicht dachte oder was er nicht vorherahnen konnte. Für einen Mann, der niemals im Land gewesen war und der offensichtlich nicht viel im geschäftlichen Sinne tat, waren sein Wissen und sein Scharfsinn wunderbar. Als er sich über diese Punkte, von denen er gesprochen hatte, zufriedengestellt hatte und ich alles so gut wie möglich durch die verfügbaren Bücher verifiziert hatte, stand er plötzlich auf und sagte:

„Haben Sie seit Ihrem ersten Brief an unseren Freund Mr. Peter Hawkins oder an irgendjemanden sonst geschrieben?“ Mit einiger Bitterkeit im Herzen antwortete ich, dass ich dies nicht getan habe, dass ich bislang noch keine Gelegenheit gesehen hätte, Briefe an irgendjemanden zu senden.

„Dann schreiben Sie jetzt, mein junger Freund“, sagte er und legte eine schwere Hand auf meine Schulter; „schreiben Sie an unseren Freund und an jeden anderen; und sagen Sie, wenn es Ihnen beliebt, dass Sie bis in einem Monat bei mir bleiben werden.“

„Wünschen Sie, dass ich so lange bleibe?“, fragte ich, denn mein Herz wurde bei diesem Gedanken kalt.

„Ich wünsche es sehr; nein, ich dulde keinen Widerspruch. Als Ihr Herr, Arbeitgeber, wie auch immer Sie es nennen wollen, vereinbarte, dass jemand in seinem Namen kommen solle, war es ausgemacht, dass allein meine Bedürfnisse zu berücksichtigen seien. Ich habe mich nicht zurückgehalten. Ist es nicht so?“

Was konnte ich tun, außer mich mit einer Verbeugung zu fügen? Es war Mr. Hawkins’ Interesse, nicht meines, und ich musste an ihn denken, nicht an mich selbst; und außerdem lag in der Art und Weise, wie Count Dracula sprach, etwas in seinen Augen und in seinem Gebaren, das mich daran erinnerte, dass ich ein Gefangener war und dass ich, selbst wenn ich es wollte, keine Wahl haben konnte. Der Count sah seinen Sieg in meiner Verbeugung und seine Überlegenheit in der Unruhe meines Gesichts, denn er begann sofort, sie zu nutzen, jedoch auf seine eigene sanfte, unwiderstehliche Art:

„Ich bitte Sie, mein guter junger Freund, dass Sie in Ihren Briefen nicht von anderen Dingen als von geschäftlichen Angelegenheiten sprechen. Es wird Ihre Freunde zweifellos freuen zu wissen, dass es Ihnen gut geht und dass Sie sich darauf freuen, zu ihnen nach Hause zurückzukehren. Ist es nicht so?“ Während er sprach, reichte er mir drei Blätter Briefpapier und drei Umschläge. Sie waren alle aus dem dünnsten ausländischen Flugpostpapier, und als ich sie ansah, dann ihn, und sein stilles Lächeln bemerkte, bei dem die spitzen Eckzähne über der roten Unterlippe lagen, verstand ich so gut, als hätte er es ausgesprochen, dass ich vorsichtig sein sollte, was ich schrieb, denn er würde es lesen können. Also beschloss ich, jetzt nur formelle Notizen zu schreiben, aber an Mr. Hawkins im Geheimen ausführlich zu schreiben, und auch an Mina, denn ihr konnte ich in Kurzschrift schreiben, was den Count vor ein Rätsel stellen würde, falls er es doch zu sehen bekäme. Als ich meine beiden Briefe geschrieben hatte, saß ich ruhig da und las in einem Buch, während der Count mehrere Notizen schrieb und sich beim Schreiben auf einige Bücher auf seinem Tisch bezog. Dann nahm er meine beiden, legte sie zu seinen eigenen und verstaute seine Schreibutensilien; danach, im selben Augenblick, als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, lehnte ich mich vor und betrachtete die Briefe, die mit der Schriftseite nach unten auf dem Tisch lagen. Ich empfand keinerlei Gewissensbisse dabei, denn unter diesen Umständen hatte ich das Gefühl, dass ich mich auf jede erdenkliche Weise schützen müsse.

Einer der Briefe war an Samuel F. Billington, No. 7, The Crescent, Whitby, adressiert; ein anderer an Herr Leutner, Varna; der dritte war an Coutts & Co., London, und der vierte an Herren Klopstock & Billreuth, Bankiers, Buda-Pesth. Der zweite und vierte waren unversiegelt. Ich war gerade dabei, sie mir anzusehen, als ich sah, wie sich die Türklinke bewegte. Ich sank zurück in meinen Sitz, hatte gerade noch Zeit, die Briefe so hinzulegen, wie sie gewesen waren, und mein Buch wieder zur Hand zu nehmen, bevor der Count, noch einen weiteren Brief in der Hand, den Raum betrat. Er nahm die Briefe vom Tisch und frankierte sie sorgfältig, dann wandte er sich an mich und sagte:

„Ich vertraue darauf, dass Sie mir verzeihen, aber ich habe heute Abend noch viel Arbeit im Privaten zu erledigen. Sie werden, so hoffe ich, alles so vorfinden, wie Sie es sich wünschen.“ An der Tür hielt er inne und sagte nach einem Moment des Zögerns:

„Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben, mein lieber junger Freund – nein, lassen Sie mich Sie mit allem Ernst warnen: Sollten Sie diese Räume verlassen, so gehen Sie unter keinen Umständen in einem anderen Teil des Schlosses schlafen. Es ist alt und hat viele Erinnerungen, und für diejenigen, die unklug schlafen, gibt es böse Träume. Seien Sie gewarnt! Sollte Sie jetzt oder jemals der Schlaf übermannen oder dies drohen, dann eilen Sie in Ihre eigene Kammer oder in diese Räume, denn dann wird Ihre Ruhe sicher sein. Aber wenn Sie in dieser Hinsicht nicht vorsichtig sind, dann...“ Er beendete seinen Satz auf eine grausige Weise, indem er mit den Händen eine Bewegung machte, als würde er sie waschen. Ich verstand vollkommen; mein einziger Zweifel war, ob irgendein Traum schrecklicher sein könnte als das unnatürliche, schreckliche Netz aus Düsternis und Geheimnissen, das sich um mich zu schließen schien.

Später. – Ich bestätige die letzten geschriebenen Worte, aber diesmal gibt es keinen Zweifel. Ich werde mich nicht fürchten, an irgendeinem Ort zu schlafen, an dem er nicht ist. Ich habe das Kruzifix über das Kopfende meines Bettes gelegt – ich bilde mir ein, dass meine Ruhe so freier von Träumen ist; und dort soll es bleiben.

Als er mich verließ, ging ich in mein Zimmer. Nach einer Weile, als ich kein Geräusch vernahm, kam ich heraus und stieg die Steintreppe hinauf, bis zu einem Punkt, von dem aus ich in Richtung Süden blicken konnte. Es lag ein gewisses Gefühl von Freiheit in dieser riesigen Weite, auch wenn sie für mich unerreichbar war, verglichen mit der engen Dunkelheit des Innenhofs. Als ich darauf hinausblickte, fühlte ich, dass ich tatsächlich im Gefängnis war, und ich schien einen Hauch frischer Luft zu brauchen, selbst wenn er von der Nacht stammte. Ich beginne zu spüren, wie diese nächtliche Existenz an mir zehrt. Sie zerstört meine Nerven. Ich zucke vor meinem eigenen Schatten zusammen und bin voller schrecklicher Vorstellungen aller Art. Gott weiß, dass es an diesem verfluchten Ort Grund für jede schreckliche Angst gibt! Ich blickte hinaus über die wunderschöne Weite, die in weiches, gelbes Mondlicht gebadet war, bis es fast so hell wie am Tag war. Im sanften Licht verschmolzen die fernen Hügel, und die Schatten in den Tälern und Schluchten wurden von samtiger Schwärze. Die bloße Schönheit schien mich aufzuheitern; es lag Frieden und Trost in jedem Atemzug, den ich tat. Als ich mich aus dem Fenster lehnte, fiel mein Blick auf etwas, das sich ein Stockwerk unter mir und etwas zu meiner Linken bewegte, wo ich, aufgrund der Anordnung der Räume, vermutete, dass die Fenster des Zimmers des Counts hinausgingen. Das Fenster, an dem ich stand, war hoch und tief, mit steinernen Pfosten versehen, und obwohl verwittert, war es noch vollständig; aber es war offensichtlich viele Tage her, seit das Fensterglas dort gewesen war. Ich zog mich hinter das Mauerwerk zurück und schaute vorsichtig hinaus.

Was ich sah, war der Kopf des Counts, der aus dem Fenster kam. Ich sah das Gesicht nicht, aber ich erkannte den Mann am Nacken und an der Bewegung seines Rückens und seiner Arme. Auf jeden Fall konnte ich mich bei den Händen nicht irren, die ich so oft studieren konnte. Zuerst war ich interessiert und etwas amüsiert, denn es ist erstaunlich, wie sehr eine Kleinigkeit einen Mann interessieren und amüsieren kann, wenn er ein Gefangener ist. Doch meine Gefühle wandelten sich in Abscheu und Entsetzen, als ich sah, wie der ganze Mann langsam aus dem Fenster auftauchte und begann, die Schlossmauer über jenem schrecklichen Abgrund hinunterzukriechen, das Gesicht nach unten, während sich sein Umhang wie große Flügel um ihn ausbreitete. Zuerst konnte ich meinen Augen nicht trauen. Ich dachte, es sei ein Streich des Mondlichts, ein seltsamer Effekt von Schatten; aber ich sah weiter hin, und es konnte keine Täuschung sein. Ich sah, wie die Finger und Zehen die Ecken der Steine ergriffen, die durch den Druck der Jahre frei von Mörtel waren, und indem er so jede Vorspringung und Unebenheit nutzte, bewegte er sich mit beträchtlicher Geschwindigkeit abwärts, genau wie eine Eidechse eine Wand entlang kriecht.

Welche Art von Mann ist dies, oder welche Art von Kreatur ist es in der Gestalt eines Menschen? Ich spüre, wie die Angst vor diesem schrecklichen Ort mich überwältigt; ich bin in Angst – in schrecklicher Angst – und es gibt kein Entkommen für mich; ich bin umgeben von Schrecken, an die ich nicht zu denken wage...

15. Mai. – Wieder einmal habe ich gesehen, wie der Count in seiner Eidechsenmanier hinauszog. Er bewegte sich seitwärts abwärts, etwa hundert Fuß weit hinunter und ein gutes Stück nach links. Er verschwand in irgendeinem Loch oder Fenster. Als sein Kopf verschwunden war, lehnte ich mich hinaus, um zu versuchen, mehr zu sehen, aber vergeblich – die Entfernung war zu groß, um einen richtigen Blickwinkel zu ermöglichen. Ich wusste, dass er das Schloss nun verlassen hatte, und dachte daran, die Gelegenheit zu nutzen, mehr zu erkunden, als ich es bisher gewagt hatte. Ich ging zurück in das Zimmer und versuchte mit einer Lampe alle Türen. Sie waren alle verschlossen, wie ich erwartet hatte, und die Schlösser waren vergleichsweise neu; aber ich ging die Steintreppe hinunter in die Halle, durch die ich ursprünglich eingetreten war. Ich fand, dass ich die Riegel leicht genug zurückziehen und die großen Ketten aushaken konnte; aber die Tür war verschlossen, und der Schlüssel war weg! Dieser Schlüssel muss im Zimmer des Counts sein; ich muss beobachten, falls seine Tür unverschlossen sein sollte, damit ich ihn bekommen und fliehen kann. Ich fuhr fort, eine gründliche Untersuchung der verschiedenen Treppen und Gänge vorzunehmen und die Türen zu versuchen, die sich von dort aus öffneten. Ein oder zwei kleine Räume in der Nähe der Halle waren offen, aber es gab dort nichts zu sehen außer alten Möbeln, staubig vor Alter und vom Mottenfraß zerfressen. Schließlich fand ich jedoch eine Tür am oberen Ende einer Treppe, die, obwohl sie verschlossen zu sein schien, unter Druck ein wenig nachgab. Ich versuchte es fester und stellte fest, dass sie nicht wirklich verschlossen war, sondern dass der Widerstand daher rührte, dass die Angeln etwas abgesackt waren und die schwere Tür auf dem Boden ruhte. Hier war eine Gelegenheit, die ich vielleicht nicht wieder haben würde, also strengte ich mich an und zwang sie nach vielen Bemühungen zurück, sodass ich eintreten konnte. Ich befand mich nun in einem Flügel des Schlosses, der weiter rechts als die Räume lag, die ich kannte, und ein Stockwerk tiefer. Von den Fenstern aus konnte ich sehen, dass die Zimmerflucht entlang der Südseite des Schlosses verlief, wobei die Fenster des letzten Raumes sowohl nach Westen als auch nach Süden blickten. Auf letzterer Seite, ebenso wie auf der ersteren, befand sich ein großer Abgrund. Das Schloss war auf der Ecke eines großen Felsens erbaut, sodass es auf drei Seiten absolut uneinnehmbar war, und große Fenster waren dort angebracht, wo Schleuder, Bogen oder Feldschlange nicht hinkonnten, und folglich waren Licht und Komfort, die in einer Position, die bewacht werden musste, unmöglich waren, gewährleistet. Im Westen war ein großes Tal, und dann, weit in der Ferne aufragend, große zerklüftete Gebirgsfestungen, Gipfel auf Gipfel, der steile Fels gespickt mit Vogelbeeren und Dornen, deren Wurzeln in Spalten, Rissen und Klüften des Steins klammerten. Dies war offensichtlich der Teil des Schlosses, der in vergangenen Tagen bewohnt war, denn die Möbel hatten mehr Anschein von Komfort als alles, was ich gesehen hatte. Die Fenster waren ohne Vorhänge, und das gelbe Mondlicht, das durch die Rautenfenster hereinströmte, ermöglichte es, sogar Farben zu sehen, während es den Reichtum an Staub, der auf allem lag, milderte und die Verwüstungen der Zeit und der Motten in gewissem Maße verbarg. Meine Lampe schien im brillanten Mondlicht von geringer Wirkung zu sein, aber ich war froh, sie bei mir zu haben, denn es lag eine schreckliche Einsamkeit in diesem Ort, die mein Herz erkaltete und meine Nerven zittern ließ. Dennoch war es besser, als allein in den Räumen zu leben, die ich durch die Gegenwart des Counts zu hassen begonnen hatte, und nachdem ich versucht hatte, meine Nerven ein wenig zu zügeln, spürte ich, wie eine sanfte Stille über mich kam. Hier sitze ich nun, an einem kleinen Eichentisch, an dem in alten Zeiten möglicherweise eine schöne Dame saß, um mit vielen Gedanken und vielen Errötungen ihren fehlerhaft geschriebenen Liebesbrief zu verfassen, und schreibe in mein Tagebuch in Kurzschrift alles nieder, was geschehen ist, seit ich es das letzte Mal geschlossen habe. Es ist das neunzehnte Jahrhundert auf dem neuesten Stand mit einer Rache. Und doch, wenn mich meine Sinne nicht täuschen, hatten und haben die alten Jahrhunderte ihre eigenen Kräfte, die bloße „Modernität“ nicht töten kann.

Später: der Morgen des 16. Mai. – Gott bewahre meinen Verstand, denn dazu bin ich herabgekommen. Sicherheit und die Gewissheit von Sicherheit sind Dinge der Vergangenheit. Während ich hier weiterlebe, gibt es nur eine Sache, auf die ich hoffen kann: dass ich nicht wahnsinnig werde, falls ich es nicht schon bin. Wenn ich bei Verstand bin, dann ist es sicherlich wahnsinnig machend, zu denken, dass von all den abscheulichen Dingen, die an diesem hasserfüllten Ort lauern, der Count für mich am wenigsten schrecklich ist; dass ich allein von ihm Sicherheit erwarten kann, selbst wenn dies nur ist, solange ich seinem Zweck dienen kann. Großer Gott! Barmherziger Gott! Lass mich ruhig sein, denn auf diesem Weg liegt wahrlich der Wahnsinn. Ich beginne, neue Erkenntnisse über bestimmte Dinge zu gewinnen, die mich verwirrt haben. Bis jetzt wusste ich nie ganz, was Shakespeare meinte, als er Hamlet sagen ließ:

„Meine Tafeln! Schnell, meine Tafeln! Es ziemt sich, dass ich es aufzeichne“, usw.,

denn jetzt, da ich mich fühle, als wäre mein eigenes Gehirn aus den Angeln gehoben oder als wäre der Schock eingetreten, der in seinem Untergang enden muss, wende ich mich zur Ruhe an mein Tagebuch. Die Gewohnheit, genau einzutragen, muss helfen, mich zu beruhigen.

Die geheimnisvolle Warnung des Counts hat mich damals erschreckt; sie erschreckt mich jetzt noch mehr, wenn ich daran denke, denn für die Zukunft hat er einen furchtbaren Halt über mich. Ich werde mich fürchten, das zu bezweifeln, was er sagen mag!

Als ich in mein Tagebuch geschrieben hatte und glücklicherweise Buch und Stift wieder in meine Tasche gesteckt hatte, fühlte ich mich schläfrig. Die Warnung des Counts kam mir in den Sinn, aber ich empfand ein Vergnügen daran, ihr zu missachten. Das Gefühl von Schlaf kam über mich, und damit die Hartnäckigkeit, die der Schlaf als Vorreiter mit sich bringt. Das sanfte Mondlicht beruhigte, und die weite Ausdehnung draußen gab ein Gefühl von Freiheit, das mich erfrischte. Ich beschloss, heute Nacht nicht in die von Düsternis heimgesuchten Räume zurückzukehren, sondern hier zu schlafen, wo einst Damen saßen und sangen und süße Leben führten, während ihre sanften Brüste traurig waren wegen ihrer Männer fernab inmitten erbarmungsloser Kriege. Ich zog eine große Couch aus ihrer Stelle nahe der Ecke, sodass ich, während ich lag, auf die schöne Aussicht nach Osten und Süden blicken konnte, und ohne an den Staub zu denken oder mich um ihn zu sorgen, machte ich mich bereit zum Schlaf.

Ich nehme an, ich muss eingeschlafen sein; ich hoffe es, aber ich fürchte es, denn alles, was folgte, war erschreckend real – so real, dass ich jetzt, hier im breiten, vollen Sonnenlicht des Morgens sitzend, absolut nicht glauben kann, dass es alles Schlaf war.

Ich war nicht allein. Der Raum war derselbe, in keiner Weise verändert, seit ich ihn betreten hatte; ich konnte entlang des Bodens im brillanten Mondlicht meine eigenen Fußspuren sehen, markiert dort, wo ich die lange Ansammlung von Staub aufgewirbelt hatte. Im Mondlicht mir gegenüber waren drei junge Frauen, Damen ihrer Kleidung und Art nach. Ich dachte in diesem Moment, ich müsse träumen, als ich sie sah, denn obwohl das Mondlicht hinter ihnen war, warfen sie keinen Schatten auf den Boden. Sie kamen nahe an mich heran und betrachteten mich einige Zeit und flüsterten dann miteinander. Zwei waren dunkel und hatten hohe, aquiline Nasen, wie der Count, und große, dunkle, durchdringende Augen, die fast rot schienen, wenn man sie mit dem blassen gelben Mond verglich. Die andere war blond, so blond, wie man nur sein kann, mit großen, welligen Massen von goldenem Haar und Augen wie blasser Saphir. Ich schien ihr Gesicht irgendwie zu kennen, und zwar in Verbindung mit einer träumerischen Angst, aber ich konnte mich in diesem Moment nicht erinnern, wie oder wo. Alle drei hatten brillante weiße Zähne, die wie Perlen gegen das Rubin ihrer wollüstigen Lippen leuchteten. Es war etwas an ihnen, das mich beunruhigte, ein Verlangen und gleichzeitig eine tödliche Angst. Ich fühlte in meinem Herzen ein böses, brennendes Verlangen, dass sie mich mit diesen roten Lippen küssen würden. Es ist nicht gut, dies niederzuschreiben, falls es eines Tages Minas Augen erreichen und ihr Schmerz bereiten sollte; aber es ist die Wahrheit. Sie flüsterten miteinander, und dann lachten sie alle drei – ein solch silbriges, musikalisches Lachen, aber so hart, als hätte der Klang niemals durch die Weichheit menschlicher Lippen kommen können. Es war wie die unerträgliche, prickelnde Süße von Wassergläsern, wenn sie von einer geschickten Hand bespielt werden. Das blonde Mädchen schüttelte kokett den Kopf, und die anderen beiden drängten sie. Eine sagte:

„Nur zu! Du bist die Erste, und wir werden folgen; dir gebührt das Recht zu beginnen.“ Die andere fügte hinzu:

„Er ist jung und stark; es gibt Küsse für uns alle.“ Ich lag ruhig da und blickte unter meinen Wimpern in einer Qual von entzückender Vorfreude hervor. Das blonde Mädchen trat vor und beugte sich über mich, bis ich die Bewegung ihres Atems auf mir spüren konnte. Süß war es in gewisser Hinsicht, honigsüß, und es sandte dasselbe Prickeln durch die Nerven wie ihre Stimme, aber mit einer Bitterkeit, die der Süße zugrunde lag, einer bitteren Anstößigkeit, wie man sie bei Blut riecht.

Ich hatte Angst, meine Augenlider zu heben, schaute aber perfekt unter den Wimpern hervor. Das blonde Mädchen ging auf die Knie und beugte sich über mich, geradezu schwelgend. Es war eine bewusste Wollust, die sowohl erregend als auch abstoßend war, und als sie ihren Hals bog, leckte sie tatsächlich wie ein Tier über ihre Lippen, bis ich im Mondlicht die Feuchtigkeit auf den scharlachroten Lippen und auf der roten Zunge glänzen sehen konnte, während sie die weißen, scharfen Zähne umspielte. Tiefer und tiefer senkte sich ihr Kopf, als die Lippen unter die Reichweite meines Mundes und Kinns gerieten und schienen, sich an meine Kehle heften zu wollen. Dann hielt sie inne, und ich konnte das schmatzende Geräusch ihrer Zunge hören, wie sie ihre Zähne und Lippen leckte, und konnte den heißen Atem auf meinem Nacken spüren. Dann begann die Haut meiner Kehle zu prickeln, wie die Haut eines Menschen, wenn die Hand, die sie kitzeln soll, näher kommt – immer näher. Ich konnte die sanfte, schaudernde Berührung der Lippen auf der überempfindlichen Haut meiner Kehle spüren und die harten Abdrücke zweier scharfer Zähne, die sie nur eben berührten und dort verweilten. Ich schloss meine Augen in einer schmachtenden Ekstase und wartete – wartete mit klopfendem Herzen.

Doch in diesem Augenblick durchströmte mich eine andere Empfindung, so schnell wie der Blitz. Ich war mir der Anwesenheit des Counts bewusst und davon, dass er wie in einem Sturm von Wut gehüllt war. Als sich meine Augen unwillkürlich öffneten, sah ich seine starke Hand den schlanken Hals der blonden Frau ergreifen und mit der Kraft eines Riesen zurückziehen, die blauen Augen vor Wut verwandelt, die weißen Zähne vor Zorn mahlend und die blonden Wangen vor Leidenschaft rot glühend. Aber der Count! Niemals hätte ich mir solchen Zorn und solche Wut vorgestellt, selbst bei den Dämonen aus der Grube. Seine Augen leuchteten regelrecht. Das rote Licht in ihnen war unheilvoll, als würden die Flammen des Höllenfeuers hinter ihnen brennen. Sein Gesicht war totenblass, und die Züge waren hart wie gezogene Drähte; die dichten Augenbrauen, die sich über der Nase trafen, wirkten nun wie ein glühender Stab aus weißglühendem Metall. Mit einem heftigen Schwung seines Arms schleuderte er die Frau von sich und bedeutete dann den anderen, als würde er sie zurückschlagen; es war dieselbe herrische Geste, die ich gesehen hatte, wie sie bei den Wölfen angewandt wurde. Mit einer Stimme, die, obwohl leise und fast ein Flüstern, die Luft zu schneiden und dann im Raum zu hallen schien, sagte er:

„Wie wagt ihr es, ihn zu berühren, ihr alle? Wie wagt ihr es, eure Augen auf ihn zu werfen, wenn ich es verboten hatte? Zurück, sage ich euch allen! Dieser Mann gehört mir! Hütet euch davor, euch in ihn einzumischen, oder ihr werdet es mit mir zu tun bekommen.“ Das blonde Mädchen wandte sich mit einem Lachen von anzüglicher Koketterie an ihn, um zu antworten:

„Du selbst hast nie geliebt; du liebst niemals!“ Daraufhin stimmten die anderen Frauen ein, und ein solch freudloses, hartes, seelenloses Lachen hallte durch den Raum, dass es mich beinahe in Ohnmacht fallen ließ, es zu hören; es schien wie das Vergnügen von Unholden. Dann wandte sich der Count, nachdem er mein Gesicht aufmerksam betrachtet hatte, und sagte in einem leisen Flüstern:

„Ja, auch ich kann lieben; ihr selbst könnt es aus der Vergangenheit sagen. Ist es nicht so? Nun, jetzt verspreche ich euch, dass ihr ihn nach Belieben küssen dürft, wenn ich mit ihm fertig bin. Geht jetzt! Geht! Ich muss ihn wecken, denn es gibt Arbeit zu tun.“

„Sollen wir heute Nacht nichts bekommen?“, sagte eine von ihnen mit einem unterdrückten Lachen, während sie auf den Sack deutete, den er auf den Boden geworfen hatte und der sich bewegte, als befände sich etwas Lebendiges darin. Zur Antwort nickte er mit dem Kopf. Eine der Frauen sprang vor und öffnete ihn. Wenn meine Ohren mich nicht täuschten, war ein Keuchen und ein leises Wimmern zu hören, wie von einem halb erstickten Kind. Die Frauen schlossen den Kreis, während ich vor Entsetzen erstarrte; doch als ich hinsah, verschwanden sie, und mit ihnen der schreckliche Sack. Es war keine Tür in ihrer Nähe, und sie hätten nicht an mir vorbeigehen können, ohne dass ich es bemerkt hätte. Sie schienen einfach in den Mondstrahlen zu verblassen und durch das Fenster hinauszugehen, denn ich konnte für einen Moment die dunklen, schattenhaften Gestalten draußen sehen, bevor sie gänzlich entschwanden.

Dann überkam mich das Entsetzen, und ich sank bewusstlos zu Boden.

KAPITEL IV.

JONATHAN HARKERS TAGEBUCH – Fortsetzung.

Ich wachte in meinem eigenen Bett auf. Falls ich nicht geträumt habe, muss der Count mich hierher getragen haben. Ich versuchte, mich in dieser Sache zu vergewissern, konnte aber zu keinem zweifelsfreien Ergebnis kommen. Sicher, es gab gewisse kleine Anzeichen, etwa dass meine Kleider zusammengelegt und beiseitegelegt waren, was nicht meine Gewohnheit ist. Meine Uhr war noch nicht aufgezogen, und ich bin streng daran gewöhnt, sie als Letztes vor dem Schlafengehen aufzuziehen, und viele solcher Details mehr. Aber diese Dinge sind kein Beweis, denn es könnten Anzeichen dafür sein, dass mein Geist nicht wie gewöhnlich war, und aus dem einen oder anderen Grund war ich sicherlich sehr verstört. Ich muss auf Beweise achten. Über eines bin ich froh: Wenn es der Count war, der mich hierher trug und mich auszog, muss er bei seiner Arbeit in Eile gewesen sein, denn meine Taschen sind unberührt. Ich bin sicher, dieses Tagebuch wäre für ihn ein Rätsel gewesen, das er nicht geduldet hätte. Er hätte es genommen oder zerstört. Wenn ich mich in diesem Zimmer umsehe, obwohl es für mich so voller Angst war, ist es jetzt eine Art Zufluchtsort, denn nichts kann schrecklicher sein als jene entsetzlichen Frauen, die darauf warteten – die darauf warten –, mein Blut zu saugen.

18. Mai. – Ich bin hinuntergegangen, um mir das Zimmer bei Tageslicht noch einmal anzusehen, denn ich muss die Wahrheit wissen. Als ich zu dem Türrahmen oben an der Treppe kam, fand ich ihn verschlossen. Er war so gewaltsam gegen den Pfosten geschlagen worden, dass ein Teil des Holzes zersplittert war. Ich konnte sehen, dass der Riegel des Schlosses nicht vorgeschoben war, aber die Tür ist von innen verschlossen. Ich fürchte, es war kein Traum, und muss nach dieser Vermutung handeln.

19. Mai. – Ich bin wahrlich in den Fängen. Letzte Nacht bat mich der Count mit den sanftesten Tönen, drei Briefe zu schreiben: einen, in dem stand, dass meine Arbeit hier fast erledigt sei und ich in wenigen Tagen die Heimreise antreten würde; einen zweiten, dass ich am nächsten Morgen nach dem Datum des Briefes abreisen würde; und einen dritten, dass ich das Schloss verlassen hätte und in Bistritz angekommen sei. Ich hätte mich am liebsten widersetzt, fühlte aber, dass es unter den gegenwärtigen Umständen Wahnsinn wäre, mich offen mit dem Count zu überwerfen, während ich so absolut in seiner Gewalt bin; und eine Weigerung würde nur seinen Verdacht erregen und seinen Zorn entfachen. Er weiß, dass ich zu viel weiß und dass ich nicht leben darf, damit ich nicht gefährlich für ihn werde; meine einzige Chance ist es, meine Möglichkeiten hinauszuzögern. Etwas könnte geschehen, das mir eine Gelegenheit zur Flucht bietet. Ich sah in seinen Augen etwas von jenem aufkeimenden Zorn, der sich manifestierte, als er jene schöne Frau von sich stieß. Er erklärte mir, dass die Postverbindungen spärlich und unsicher seien und dass mein Schreiben jetzt meinen Freunden Sicherheit geben würde; und er versicherte mir mit so viel Nachdruck, dass er die späteren Briefe, die in Bistritz bis zur Fälligkeit zurückgehalten würden, stornieren würde, falls sich die Chance böte, meinen Aufenthalt zu verlängern, dass ein Widerspruch nur neuen Verdacht erregt hätte. Ich tat daher so, als ginge ich auf seine Ansichten ein, und fragte ihn, welche Daten ich auf die Briefe setzen solle. Er rechnete eine Minute lang und sagte dann:

„Der erste sollte den 12. Juni, der zweite den 19. Juni und der dritte den 29. Juni tragen.“

Ich kenne nun die Spanne meines Lebens. Gott stehe mir bei!

28. Mai. – Es gibt eine Chance zur Flucht oder zumindest die Möglichkeit, Nachricht nach Hause zu senden. Eine Bande von Szgany ist zum Schloss gekommen und im Innenhof gelagert. Diese Szgany sind Zigeuner; ich habe Notizen über sie in meinem Buch. Sie sind eigenartig für diesen Teil der Welt, obwohl sie mit den gewöhnlichen Zigeunern in aller Welt verwandt sind. Es gibt Tausende von ihnen in Ungarn und Siebenbürgen, die fast außerhalb jedes Gesetzes stehen. Sie schließen sich in der Regel einem großen Adligen oder Bojaren an und nennen sich nach dessen Namen. Sie sind furchtlos und ohne Religion, abgesehen von Aberglauben, und sie sprechen nur ihre eigenen Varianten der Romani-Sprache.

Ich werde einige Briefe nach Hause schreiben und versuchen, sie dazu zu bewegen, sie zur Post zu bringen. Ich habe bereits durch mein Fenster zu ihnen gesprochen, um eine Bekanntschaft anzubahnen. Sie nahmen ihre Hüte ab und verbeugten sich und machten viele Zeichen, die ich jedoch ebenso wenig verstehen konnte wie ihre gesprochene Sprache...

Ich habe die Briefe geschrieben. Minas Brief ist in Kurzschrift, und ich bitte Mr. Hawkins einfach, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Ihr gegenüber habe ich meine Situation erklärt, jedoch ohne die Schrecken, die ich nur vermuten kann. Es würde sie zu Tode erschrecken und ängstigen, wenn ich ihr mein Herz offenbaren würde. Sollten die Briefe nicht ankommen, dann soll der Count noch nicht mein Geheimnis oder das Ausmaß meines Wissens erfahren...

Ich habe die Briefe gegeben; ich warf sie durch die Gitter meines Fensters mit einem Goldstück und machte, so gut ich konnte, Zeichen, dass sie aufgegeben werden sollten. Der Mann, der sie nahm, drückte sie an sein Herz, verbeugte sich und steckte sie dann in seine Mütze. Mehr konnte ich nicht tun. Ich schlich zurück in das Arbeitszimmer und begann zu lesen. Da der Count nicht hereinkam, habe ich hier geschrieben...

Der Count ist gekommen. Er setzte sich neben mich und sagte mit seiner sanftesten Stimme, als er zwei Briefe öffnete:

„Die Szgany haben mir diese gegeben, um die ich mich natürlich kümmern werde, auch wenn ich nicht weiß, woher sie kommen. Sieh!“ – er muss sie angesehen haben – „einer ist von dir und an meinen Freund Peter Hawkins; der andere“ – hier erblickte er die seltsamen Symbole, als er den Umschlag öffnete, und der finstere Blick trat in sein Gesicht, und seine Augen flammten bösartig auf – „der andere ist ein niederträchtiges Ding, ein Affront gegen Freundschaft und Gastfreundschaft! Er ist nicht unterzeichnet. Nun! Also kann es uns egal sein.“ Und er hielt Brief und Umschlag ruhig in die Flamme der Lampe, bis sie verzehrt waren. Dann fuhr er fort:

„Den Brief an Hawkins – den werde ich natürlich abschicken, da er von dir ist. Deine Briefe sind mir heilig. Verzeih mir, mein Freund, dass ich unwissentlich das Siegel gebrochen habe. Willst du ihn nicht wieder verschließen?“ Er hielt mir den Brief hin und überreichte mir mit einer höflichen Verbeugung einen sauberen Umschlag. Ich konnte ihn nur neu adressieren und ihm schweigend überreichen. Als er das Zimmer verließ, konnte ich hören, wie sich der Schlüssel leise drehte. Eine Minute später ging ich hinüber und probierte es, und die Tür war verschlossen.

Als der Count ein oder zwei Stunden später leise in das Zimmer kam, weckte mich sein Kommen, denn ich war auf dem Sofa eingeschlafen. Er war sehr höflich und sehr heiter in seinem Wesen, und als er sah, dass ich geschlafen hatte, sagte er:

„Also, mein Freund, du bist müde? Geh zu Bett. Dort ist die sicherste Ruhe. Ich mag heute Nacht nicht das Vergnügen haben, zu sprechen, da mir viele Arbeiten anstehen; aber du wirst schlafen, das bitte ich dich.“ Ich ging in mein Zimmer und legte mich schlafen, und seltsamerweise schlief ich ohne zu träumen. Verzweiflung hat ihre eigene Ruhe.

31. Mai. – Heute Morgen, als ich aufwachte, dachte ich, ich würde mich mit etwas Papier und Umschlägen aus meiner Tasche versorgen und sie in meiner Tasche behalten, damit ich schreiben könnte, falls sich eine Gelegenheit böte; aber wieder eine Überraschung, wieder ein Schock!

Jeder Fetzen Papier war verschwunden, und damit alle meine Notizen, meine Memos bezüglich Eisenbahnen und Reisen, mein Kreditbrief, kurz, alles, was mir nützlich sein könnte, wenn ich erst einmal außerhalb des Schlosses wäre. Ich saß da und überlegte eine Weile, und dann kam mir ein Gedanke, und ich durchsuchte meinen Reisekoffer und den Kleiderschrank, in den ich meine Kleider gelegt hatte.

Der Anzug, in dem ich gereist war, war weg, ebenso mein Überzieher und meine Decke; ich konnte nirgendwo eine Spur von ihnen finden. Das sah nach einem neuen Plan der Niedertracht aus...

17. Juni. – Heute Morgen, als ich auf der Bettkante saß und mir den Kopf zerbrach, hörte ich draußen ein Peitschenknallen und das Stampfen und Scharren von Pferdehufen auf dem steinigen Pfad hinter dem Innenhof. Vor Freude eilte ich zum Fenster und sah zwei große Leiterwagen in den Hof fahren, jeder von acht kräftigen Pferden gezogen, und an der Spitze jedes Paares ein Slowake mit seinem breiten Hut, dem großen, nagelbeschlagenen Gürtel, dem schmutzigen Schafsfell und den hohen Stiefeln. Sie hatten auch ihre langen Stäbe in der Hand. Ich rannte zur Tür, in der Absicht, hinunterzugehen und zu versuchen, mich ihnen durch die Haupthalle anzuschließen, da ich dachte, dieser Weg könnte für sie geöffnet worden sein. Wieder ein Schock: Meine Tür war von außen verschlossen.

Dann rannte ich zum Fenster und rief ihnen zu. Sie schauten dumm zu mir herauf und deuteten, aber gerade dann kam der „Hetman“ der Szgany heraus und sagte, als er sie auf mein Fenster deuten sah, etwas, worüber sie lachten. Von nun an konnte keine Anstrengung meinerseits, kein jämmerlicher Schrei oder flehentliches Bitten sie dazu bringen, auch nur zu mir hochzuschauen. Sie wandten sich resolut ab. Die Leiterwagen enthielten große, quadratische Kisten mit Griffen aus dickem Seil; diese waren offensichtlich leer, nach der Leichtigkeit, mit der die Slowaken sie handhabten, und ihrem Widerhall, als sie grob bewegt wurden. Als sie alle abgeladen und zu einem großen Haufen in einer Ecke des Hofes aufgeschichtet waren, erhielten die Slowaken von den Szgany etwas Geld, und nachdem sie zur Glücksbringung darauf gespuckt hatten, gingen sie träge jeder zum Kopf seines Pferdes. Kurz darauf hörte ich das Knallen ihrer Peitschen in der Ferne verklingen.

24. Juni, vor dem Morgen. – Letzte Nacht verließ mich der Count früh und schloss sich in seinem eigenen Zimmer ein. Sobald ich es wagte, rannte ich die Wendeltreppe hinauf und sah aus dem Fenster, das sich nach Süden öffnete. Ich dachte, ich würde auf den Count achten, denn es ist etwas im Gange. Die Szgany sind irgendwo im Schloss untergebracht und verrichten irgendeine Arbeit. Ich weiß es, denn hin und wieder höre ich ein fernes, gedämpftes Geräusch wie von Hacke und Spaten, und was auch immer es ist, es muss dem Zweck irgendeiner ruchlosen Niedertracht dienen.

Ich war etwas weniger als eine halbe Stunde am Fenster, als ich etwas aus dem Fenster des Counts kommen sah. Ich trat zurück und beobachtete aufmerksam, und sah den ganzen Mann herauskommen. Es war ein neuer Schock für mich, festzustellen, dass er den Anzug trug, den ich während meiner Reise hierher getragen hatte, und über seiner Schulter den schrecklichen Sack geschlungen hatte, den ich von den Frauen hatte wegnehmen sehen. Es konnte keinen Zweifel an seinem Vorhaben geben, und noch dazu in meiner Kleidung! Dies ist also sein neuer Plan des Bösen: dass er anderen erlaubt, mich zu sehen, wie sie glauben, damit er sowohl Beweise hinterlassen kann, dass ich in den Städten oder Dörfern beim Posten meiner eigenen Briefe gesehen wurde, als auch dass jede Bosheit, die er begehen mag, von den Einheimischen mir zugeschrieben wird.

Es macht mich wütend, daran zu denken, dass dies so weitergehen kann, während ich hier eingesperrt bin, ein wahrhaftiger Gefangener, aber ohne jenen Schutz des Gesetzes, der sogar das Recht und der Trost eines Kriminellen ist.

Ich dachte, ich würde auf die Rückkehr des Counts warten, und saß lange Zeit hartnäckig am Fenster. Dann begann ich zu bemerken, dass da einige seltsame kleine Punkte in den Mondstrahlen schwebten. Sie waren wie die winzigsten Staubkörner, und sie wirbelten herum und sammelten sich in einer nebelartigen Weise in Gruppen. Ich beobachtete sie mit einem Gefühl der Beruhigung, und eine Art Ruhe überkam mich. Ich lehnte mich in der Fensternische in einer bequemeren Position zurück, sodass ich das tänzelnde Treiben in der Luft besser genießen konnte.

Etwas ließ mich aufschrecken, ein tiefes, jämmerliches Heulen von Hunden irgendwo weit unten im Tal, das meinen Blicken verborgen war. Lauter schien es in meinen Ohren zu klingen, und die schwebenden Staubpartikel schienen beim Klang neue Formen anzunehmen, während sie im Mondlicht tanzten. Ich fühlte, wie ich darum kämpfte, bei irgendeinem Ruf meiner Instinkte aufzuwachen; nein, meine Seele selbst kämpfte, und meine halb erinnerten Sinne versuchten, dem Ruf zu folgen. Ich wurde hypnotisiert! Schneller und schneller tanzte der Staub, und die Mondstrahlen schienen zu beben, während sie an mir vorbei in die Masse der Finsternis dahinter zogen. Mehr und mehr sammelten sie sich, bis sie vage, geisterhafte Formen anzunehmen schienen. Und dann schreckte ich auf, hellwach und bei vollem Bewusstsein, und rannte schreiend von dem Ort weg. Die geisterhaften Formen, die sich allmählich aus den Mondstrahlen materialisierten, waren die der drei gespenstischen Frauen, denen ich verfallen war. Ich floh und fühlte mich einigermaßen sicherer in meinem eigenen Zimmer, wo kein Mondlicht war und wo die Lampe hell brannte.

Als ein paar Stunden vergangen waren, hörte ich etwas im Zimmer des Counts regen, etwas wie einen scharfen Schrei, der schnell unterdrückt wurde; und dann war Stille, tiefe, entsetzliche Stille, die mich erschaudern ließ. Mit pochendem Herzen probierte ich die Tür; aber ich war in meinem Gefängnis eingesperrt und konnte nichts tun. Ich setzte mich hin und weinte einfach.

Während ich dasaß, hörte ich ein Geräusch im Innenhof draußen – den qualvollen Schrei einer Frau. Ich eilte zum Fenster, stieß es auf und spähte zwischen den Gittern hinaus. Dort war tatsächlich eine Frau mit zerzaustem Haar, die ihre Hände über ihr Herz hielt wie jemand, der vom Rennen erschöpft war. Sie lehnte gegen eine Ecke des Torgangs. Als sie mein Gesicht am Fenster sah, warf sie sich vor und schrie mit einer Stimme voller Drohung:

„Monster, gib mir mein Kind!“

Sie warf sich auf die Knie, erhob ihre Hände und rief dieselben Worte in Tönen, die mir das Herz zerrissen. Dann raufte sie sich die Haare, schlug sich auf die Brust und gab sich allen Gewaltausbrüchen überschwänglicher Gefühle hin. Schließlich warf sie sich nach vorne, und obwohl ich sie nicht sehen konnte, konnte ich das Schlagen ihrer nackten Hände gegen die Tür hören.

Irgendwo hoch oben, wahrscheinlich auf dem Turm, hörte ich die Stimme des Counts in seinem rauen, metallischen Flüstern rufen. Sein Ruf schien von weither durch das Heulen der Wölfe beantwortet zu werden. Bevor viele Minuten vergangen waren, ergoss sich ein Rudel von ihnen wie ein aufgestauter Damm, als er befreit wurde, durch den weiten Eingang in den Innenhof.

Es gab keinen Schrei von der Frau, und das Heulen der Wölfe war nur kurz. Nach einer Weile strömten sie einzeln davon und leckten sich die Lefzen.

Ich konnte kein Mitleid mit ihr haben, denn ich wusste nun, was aus ihrem Kind geworden war, und sie war besser tot.

Was soll ich tun? Was kann ich tun? Wie kann ich aus diesem schrecklichen Bann der Nacht, des Trübsals und der Angst entkommen?

25. Juni, Morgen. – Kein Mensch weiß, bis er unter der Nacht gelitten hat, wie süß und wie teuer der Morgen für Herz und Auge sein kann. Als die Sonne heute Morgen so hoch stieg, dass sie die Spitze des großen Torgangs gegenüber meinem Fenster traf, schien mir der helle Fleck, den sie berührte, als sei die Taube aus der Arche dort gelandet. Meine Angst fiel von mir ab, als wäre sie ein dampfartiges Gewand, das sich in der Wärme auflöste. Ich muss irgendeine Art von Aktion unternehmen, solange der Mut des Tages in mir ist. Letzte Nacht ging einer meiner vordatierten Briefe zur Post, der erste jener verhängnisvollen Serie, die sogar die Spuren meiner Existenz von der Erde tilgen soll.

Lass mich nicht daran denken. Handeln!

Es war immer in der Nacht, dass ich belästigt oder bedroht wurde, oder in irgendeiner Weise in Gefahr oder Angst war. Ich habe den Count noch nicht bei Tageslicht gesehen. Kann es sein, dass er schläft, wenn andere wach sind, damit er wach sein kann, während sie schlafen? Wenn ich nur in sein Zimmer gelangen könnte! Aber es gibt keinen möglichen Weg. Die Tür ist immer verschlossen, kein Weg für mich.

Ja, es gibt einen Weg, wenn man es wagt, ihn zu nehmen. Wo sein Körper hingegangen ist, warum sollte nicht ein anderer Körper dorthin gehen? Ich habe ihn selbst aus seinem Fenster kriechen sehen; warum sollte ich ihn nicht nachahmen und durch sein Fenster hineingehen? Die Chancen sind verzweifelt, aber meine Not ist noch verzweifelter. Ich werde es riskieren. Im schlimmsten Fall kann es nur der Tod sein; und der Tod eines Menschen ist nicht der eines Kalbes, und das gefürchtete Jenseits mag mir immer noch offenstehen. Gott stehe mir bei meiner Aufgabe bei! Leb wohl, Mina, falls ich scheitere; leb wohl, mein treuer Freund und zweiter Vater; leb wohl, ihr alle, und zuallerletzt Mina!

Am selben Tag, später. – Ich habe den Versuch unternommen und bin, Gott helfe mir, sicher in dieses Zimmer zurückgekehrt. Ich muss jedes Detail niederschreiben, der Ordnung halber. Ich ging, solange mein Mut frisch war, direkt zum Fenster auf der Südseite und begab mich sofort auf den schmalen Sims aus Stein, der um das Gebäude auf dieser Seite verläuft. Die Steine waren groß und grob behauen, und der Mörtel war im Laufe der Zeit zwischen ihnen herausgewaschen worden. Ich zog meine Stiefel aus und wagte mich auf den verzweifelten Weg. Ich schaute einmal nach unten, um sicherzugehen, dass mich ein plötzlicher Blick in die schreckliche Tiefe nicht überwältigen würde, aber danach hielt ich meine Augen davon fern. Ich kannte die Richtung und Entfernung des Fensters des Counts ziemlich genau und steuerte es so gut ich konnte an, unter Berücksichtigung der verfügbaren Möglichkeiten. Mir war nicht schwindelig – ich nehme an, ich war zu aufgeregt – und die Zeit schien lächerlich kurz, bis ich mich auf dem Fenstersims stehen sah und versuchte, den Rahmen hochzuschieben. Ich war jedoch voller Aufregung, als ich mich bückte und mit den Füßen voran durch das Fenster hineinglitt. Dann sah ich mich nach dem Count um, machte aber zu meiner Überraschung und Freude eine Entdeckung. Das Zimmer war leer! Es war karg möbliert mit seltsamen Dingen, die nie benutzt worden zu sein schienen; die Möbel waren in etwa im gleichen Stil wie die in den südlichen Zimmern und waren mit Staub bedeckt. Ich suchte nach dem Schlüssel, aber er steckte nicht im Schloss, und ich konnte ihn nirgendwo finden. Das Einzige, was ich fand, war ein großer Haufen Gold in einer Ecke – Gold aller Arten, römische, britische, österreichische, ungarische, griechische und türkische Münzen, bedeckt mit einem Staubfilm, als ob es lange in der Erde gelegen hätte. Nichts davon, was ich bemerkte, war weniger als dreihundert Jahre alt. Da waren auch Ketten und Schmuck, einige mit Juwelen besetzt, aber alle waren alt und fleckig.

In einer Ecke des Raumes befand sich eine schwere Tür. Ich versuchte sie zu öffnen, denn da ich den Schlüssel für das Zimmer oder den Schlüssel für die Außentür, die das Hauptziel meiner Suche war, nicht finden konnte, musste ich weitere Nachforschungen anstellen, sonst wären alle meine Bemühungen vergeblich. Sie war offen und führte durch einen steinernen Gang zu einer Wendeltreppe, die steil nach unten ging. Ich stieg hinab und achtete sorgfältig auf meinen Weg, denn die Stufen waren dunkel und wurden nur durch Schießscharten im schweren Mauerwerk beleuchtet. Am Ende befand sich ein dunkler, tunnelartiger Gang, durch den ein tödlicher, kränklicher Geruch drang, der Geruch von alter, frisch umgegrabener Erde. Während ich durch den Gang ging, wurde der Geruch beißender und schwerer. Schließlich stieß ich eine schwere Tür auf, die einen Spalt offen stand, und fand mich in einer alten, verfallenen Kapelle wieder, die offensichtlich als Friedhof gedient hatte. Das Dach war eingebrochen, und an zwei Stellen führten Stufen zu Grüften, aber der Boden war vor Kurzem umgegraben worden, und die Erde befand sich in großen Holzkisten, zweifellos jenen, die von den Slowaken gebracht worden waren. Es war niemand in der Nähe, und ich suchte nach einem weiteren Ausgang, aber es gab keinen. Dann untersuchte ich jeden Zentimeter des Bodens, um keine Möglichkeit auszulassen. Ich stieg sogar in die Grüfte hinab, wo das schwache Licht nur mühsam eindrang, obwohl mich der bloße Gedanke daran in meiner Seele erschütterte. In zwei dieser Grüfte ging ich hinein, sah aber nichts außer Fragmenten alter Särge und Staubansammlungen; in der dritten jedoch machte ich eine Entdeckung.

Dort, in einer der großen Kisten, von denen es insgesamt fünfzig gab, auf einem Haufen frisch ausgehobener Erde, lag der Graf! Er war entweder tot oder schlief – ich konnte es nicht sagen –, denn die Augen waren offen und starr, aber ohne die Glasigkeit des Todes, und die Wangen hatten trotz ihrer Blässe die Wärme des Lebens, und die Lippen waren so rot wie eh und je. Doch es gab kein Anzeichen von Bewegung, keinen Puls, keinen Atem, kein Schlagen des Herzens. Ich beugte mich über ihn und versuchte, irgendein Lebenszeichen zu finden, doch vergebens. Er konnte nicht lange dort gelegen haben, denn der erdige Geruch wäre in wenigen Stunden verflogen. An der Seite der Kiste lag ihr Deckel, der hier und da mit Löchern durchbohrt war. Ich dachte, er könnte die Schlüssel bei sich tragen, aber als ich nachsehen wollte, sah ich die toten Augen, und in ihnen, so tot sie auch waren, einen solchen Ausdruck von Hass, obwohl er sich meiner oder meiner Anwesenheit nicht bewusst war, dass ich von dem Ort floh und, das Zimmer des Grafen durch das Fenster verlassend, wieder die Schlossmauer hinaufkroch. Wieder in meiner eigenen Kammer angelangt, warf ich mich keuchend auf das Bett und versuchte nachzudenken...

29. Juni. – Heute ist das Datum meines letzten Briefes, und der Graf hat Schritte unternommen, um zu beweisen, dass er echt war, denn wieder sah ich ihn das Schloss durch dasselbe Fenster verlassen, und zwar in meiner Kleidung. Als er wie eine Eidechse die Mauer hinunterkroch, wünschte ich, ich hätte ein Gewehr oder eine tödliche Waffe, um ihn vernichten zu können; aber ich fürchte, dass keine von Menschenhand geschmiedete Waffe irgendeine Wirkung auf ihn hätte. Ich wagte nicht zu warten, bis er zurückkehrte, denn ich fürchtete mich davor, diese unheimlichen Schwestern zu sehen. Ich kehrte in die Bibliothek zurück und las dort, bis ich einschlief.

Ich wurde vom Grafen geweckt, der mich so grimmig ansah, wie ein Mann nur aussehen kann, als er sagte:

„Morgen, mein Freund, müssen wir uns trennen. Sie kehren in Ihr schönes England zurück, ich zu einer Arbeit, die ein solches Ende nehmen könnte, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen. Ihr Brief nach Hause wurde abgeschickt; morgen werde ich nicht hier sein, aber alles wird für Ihre Reise bereit sein. Am Morgen kommen die Szgany, die hier ihre eigenen Arbeiten zu verrichten haben, und es kommen auch einige Slowaken. Wenn sie gegangen sind, wird meine Kutsche für Sie kommen und Sie zum Borgo-Pass bringen, um den Postwagen von Bukowina nach Bistritz zu treffen. Aber ich hoffe, dass ich Sie auf Schloss Dracula wiedersehen werde.“ Ich misstraute ihm und beschloss, seine Aufrichtigkeit zu prüfen. Aufrichtigkeit! Es scheint wie eine Entweihung des Wortes, es im Zusammenhang mit einem solchen Monster zu schreiben, also fragte ich ihn direkt:

„Warum kann ich nicht heute Nacht gehen?“

„Weil, lieber Herr, mein Kutscher und meine Pferde auf einer Mission unterwegs sind.“

„Aber ich würde gerne zu Fuß gehen. Ich will sofort weg.“ Er lächelte, ein so sanftes, geschmeidiges, teuflisches Lächeln, dass ich wusste, dass hinter seiner Sanftheit ein Trick steckte. Er sagte:

„Und Ihr Gepäck?“

„Das ist mir egal. Ich kann es ein andermal abholen lassen.“

Der Graf stand auf und sagte mit einer süßen Höflichkeit, die mich die Augen reiben ließ, so echt wirkte sie:

„Sie Engländer haben ein Sprichwort, das mir sehr am Herzen liegt, denn sein Geist ist der, der unsere Bojaren regiert: ‚Den kommenden Gast willkommen heißen, den scheidenden beschleunigen.‘ Kommen Sie mit mir, mein lieber junger Freund. Keine Stunde sollen Sie gegen Ihren Willen in meinem Haus warten, auch wenn ich traurig über Ihre Abreise bin und darüber, dass Sie sie so plötzlich wünschen. Kommen Sie!“ Mit einer stattlichen Würde schritt er, die Lampe in der Hand, vor mir die Treppe hinunter und den Flur entlang. Plötzlich blieb er stehen.

„Hört!“

Ganz in der Nähe ertönte das Heulen vieler Wölfe. Es war fast so, als ob der Klang beim Heben seiner Hand aufsprang, genau wie die Musik eines großen Orchesters unter dem Taktstock des Dirigenten aufzuleben scheint. Nach einer kurzen Pause schritt er in seiner würdevollen Art weiter zur Tür, zog die schweren Riegel zurück, löste die schweren Ketten und begann, sie zu öffnen.

Zu meinem äußersten Erstaunen sah ich, dass sie unverschlossen war. Misstrauisch blickte ich mich überall um, konnte aber keinen Schlüssel irgendeiner Art entdecken.

Als die Tür sich zu öffnen begann, wurde das Heulen der Wölfe draußen lauter und wütender; ihre roten Kiefer mit den klappernden Zähnen und ihre stumpf bekallten Füße, wie sie sprangen, kamen durch die sich öffnende Tür. Ich wusste, dass es zwecklos war, in diesem Moment gegen den Grafen anzukämpfen. Mit solchen Verbündeten an seiner Seite konnte ich nichts tun. Doch die Tür öffnete sich weiter langsam, und nur der Körper des Grafen stand in der Lücke. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass dies der Moment und das Mittel meines Untergangs sein könnte; ich sollte den Wölfen vorgeworfen werden, und zwar auf mein eigenes Drängen hin. Es lag eine teuflische Bosheit in der Idee, die groß genug für den Grafen war, und als letzte Chance rief ich aus:

„Schließen Sie die Tür; ich werde bis zum Morgen warten!“ und verbarg mein Gesicht in meinen Händen, um meine Tränen bitterer Enttäuschung zu verbergen. Mit einem Schwung seines kraftvollen Arms warf der Graf die Tür zu, und die großen Riegel klirrten und hallten durch den Flur, als sie in ihre Plätze zurückfielen.

In Stille kehrten wir in die Bibliothek zurück, und nach ein oder zwei Minuten ging ich auf mein eigenes Zimmer. Das Letzte, was ich von Graf Dracula sah, war, dass er mir seine Hand zuwarf; mit einem roten Licht des Triumphs in seinen Augen und mit einem Lächeln, auf das Judas in der Hölle stolz sein könnte.

Als ich in meinem Zimmer war und mich hinlegen wollte, glaubte ich, ein Flüstern an meiner Tür zu hören. Ich ging leise darauf zu und lauschte. Wenn mich meine Ohren nicht täuschten, hörte ich die Stimme des Grafen:

„Zurück, zurück, an deinen eigenen Platz! Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Warte. Habe Geduld. Die morgige Nacht, die morgige Nacht, gehört dir!“ Es gab ein leises, süßes Kichern, und vor Wut riss ich die Tür auf und sah draußen die drei schrecklichen Frauen, die sich die Lippen leckten. Als ich erschien, fielen sie alle in ein schreckliches Lachen ein und rannten davon.

Ich kam in mein Zimmer zurück und warf mich auf die Knie. Ist das Ende also so nah? Morgen! Morgen! Herr, hilf mir und denen, die mir teuer sind!

30. Juni, Morgen. – Dies könnten die letzten Worte sein, die ich jemals in dieses Tagebuch schreibe. Ich schlief bis kurz vor der Morgendämmerung, und als ich aufwachte, warf ich mich auf die Knie, denn ich beschloss, dass der Tod mich bereit finden sollte, falls er käme.

Endlich spürte ich diese subtile Veränderung in der Luft und wusste, dass der Morgen angebrochen war. Dann kam das willkommene Krähen des Hahns, und ich fühlte, dass ich in Sicherheit war. Mit frohem Herzen öffnete ich meine Tür und rannte den Flur hinunter. Ich hatte gesehen, dass die Tür unverschlossen war, und nun lag die Flucht vor mir. Mit Händen, die vor Eifer zitterten, löste ich die Ketten und zog die massiven Riegel zurück.

Aber die Tür bewegte sich nicht. Verzweiflung ergriff mich. Ich zog und zog an der Tür und rüttelte daran, bis sie, so massiv sie auch war, in ihrem Rahmen klapperte. Ich konnte sehen, dass der Riegel vorgeschoben war. Sie war verschlossen worden, nachdem ich den Grafen verlassen hatte.

Dann überkam mich der wilde Wunsch, diesen Schlüssel um jeden Preis zu bekommen, und ich beschloss auf der Stelle, wieder die Mauer zu erklimmen und in das Zimmer des Grafen zu gelangen. Er mochte mich töten, aber der Tod schien mir jetzt die glücklichere Wahl der Übel zu sein. Ohne zu zögern rannte ich zum Ostfenster und kletterte wie zuvor die Mauer hinunter in das Zimmer des Grafen. Es war leer, aber das hatte ich erwartet. Ich konnte nirgendwo einen Schlüssel sehen, aber der Haufen Gold war noch da. Ich ging durch die Tür in der Ecke, die Wendeltreppe hinunter und durch den dunklen Gang zur alten Kapelle. Ich wusste jetzt nur zu gut, wo ich das Monster finden konnte, das ich suchte.

Die große Kiste stand an derselben Stelle, dicht an der Wand, aber der Deckel war daraufgelegt, nicht festgenagelt, sondern mit den Nägeln bereit an ihren Plätzen, um eingeschlagen zu werden. Ich wusste, dass ich den Körper nach dem Schlüssel durchsuchen musste, also hob ich den Deckel an und lehnte ihn gegen die Wand; und dann sah ich etwas, das meine Seele mit Entsetzen erfüllte. Da lag der Graf, aber es sah aus, als wäre seine Jugend halb erneuert, denn das weiße Haar und der Schnurrbart hatten sich in ein dunkles Eisengrau verwandelt; die Wangen waren fülliger, und die weiße Haut schien darunter rubinrot zu sein; der Mund war roter denn je, denn auf den Lippen waren Tropfen frischen Blutes, die aus den Mundwinkeln sickerten und über Kinn und Hals liefen. Selbst die tiefen, brennenden Augen schienen in geschwollenem Fleisch zu liegen, denn die Lider und die Tränensäcke darunter waren aufgedunsen. Es schien, als wäre die ganze schreckliche Kreatur einfach mit Blut vollgefressen; er lag da wie ein schmutziger Blutegel, erschöpft von seiner Sättigung. Ich schauderte, als ich mich hinunterbeugte, um ihn zu berühren, und jeder Sinn in mir bäumte sich bei der Berührung auf; aber ich musste suchen, sonst war ich verloren. Die kommende Nacht könnte meinen eigenen Körper als Bankett auf ähnliche Weise für diese schrecklichen Drei sehen. Ich tastete den ganzen Körper ab, aber kein Zeichen des Schlüssels konnte ich finden. Dann hielt ich inne und sah den Grafen an. Ein spöttisches Lächeln lag auf dem aufgedunsenen Gesicht, das mich wahnsinnig zu machen schien. Dies war das Wesen, das ich nach London zu bringen half, wo er vielleicht noch jahrhundertelang inmitten seiner Millionen von Menschen seine Blutgier stillen und einen neuen und immer größer werdenden Kreis von Halb-Dämonen erschaffen konnte, um sich an den Hilflosen zu mästen. Der bloße Gedanke machte mich wahnsinnig. Ein schrecklicher Wunsch kam über mich, die Welt von einem solchen Monster zu befreien. Es gab keine tödliche Waffe in der Nähe, aber ich ergriff eine Schaufel, die die Arbeiter benutzt hatten, um die Kisten zu füllen, und hob sie hoch, um mit der Kante nach unten auf das hasserfüllte Gesicht zu schlagen. Doch als ich das tat, drehte sich der Kopf, und die Augen fielen voll auf mich, mit all ihrem Glanz des Basilisken-Schreckens. Der Anblick schien mich zu lähmen, und die Schaufel drehte sich in meiner Hand und glitt vom Gesicht ab, wobei sie nur eine tiefe Wunde über der Stirn hinterließ. Die Schaufel fiel mir aus der Hand über die Kiste, und als ich sie wegzog, verfing sich der Flansch der Klinge am Rand des Deckels, der wieder herüberfiel und das schreckliche Ding vor meinen Augen verbarg. Der letzte Blick, den ich erhaschte, war auf das aufgedunsene Gesicht, blutverschmiert und erstarrt in einem Grinsen der Bosheit, das in der untersten Hölle seinesgleichen hätte finden können.

Ich dachte und dachte, was mein nächster Schritt sein sollte, aber mein Gehirn schien in Flammen zu stehen, und ich wartete, während sich ein Gefühl der Verzweiflung über mich legte. Während ich wartete, hörte ich in der Ferne ein Zigeunerlied, das von fröhlichen Stimmen gesungen wurde und näher kam, und durch ihren Gesang das Rollen schwerer Räder und das Knallen von Peitschen; die Szgany und die Slowaken, von denen der Graf gesprochen hatte, kamen. Mit einem letzten Blick um mich und auf die Kiste, die den abscheulichen Körper enthielt, rannte ich von dem Ort weg und erreichte das Zimmer des Grafen, entschlossen, in dem Moment hinauszustürmen, in dem die Tür geöffnet werden würde. Mit gespannten Ohren lauschte ich und hörte unten das Schleifen des Schlüssels im großen Schloss und das Zurückfallen der schweren Tür. Es musste einen anderen Zugang geben, oder jemand hatte einen Schlüssel für eine der verschlossenen Türen. Dann hörte man das Geräusch vieler stampfender Füße, die in irgendeinem Gang leiser wurden und ein klirrendes Echo heraufschickten. Ich drehte mich um, um wieder zur Gruft hinunterzulaufen, wo ich den neuen Eingang finden könnte; aber in diesem Moment schien ein heftiger Windstoß zu kommen, und die Tür zur Wendeltreppe schlug mit einem Stoß zu, der den Staub von den Türstürzen fliegen ließ. Als ich hinrannte, um sie aufzustoßen, fand ich, dass sie hoffnungslos fest war. Ich war wieder ein Gefangener, und das Netz des Verderbens zog sich enger um mich zusammen.

Während ich schreibe, ist im Gang unter mir ein Geräusch von vielen stampfenden Füßen und das Krachen von Gewichten, die schwer abgesetzt werden, zweifellos die Kisten mit ihrer Fracht aus Erde. Es ist ein Geräusch von Hämmern; es ist die Kiste, die zugenagelt wird. Jetzt kann ich die schweren Füße wieder den Flur entlang stampfen hören, mit vielen anderen müßigen Füßen, die ihnen folgen.

Die Tür ist geschlossen, und die Ketten klappern; es gibt ein Schleifen des Schlüssels im Schloss; ich kann hören, wie der Schlüssel abgezogen wird; dann öffnet und schließt sich eine andere Tür; ich höre das Knarren von Schloss und Riegel.

Hört! Im Hof und auf dem felsigen Weg das Rollen schwerer Räder, das Knallen von Peitschen und der Chor der Szgany, während sie in die Ferne ziehen.

Ich bin allein im Schloss mit diesen schrecklichen Frauen. Pfui! Mina ist eine Frau, und es gibt nichts Gemeinsames. Sie sind Teufel aus der Grube!

Ich werde nicht allein bei ihnen bleiben; ich werde versuchen, die Schlossmauer weiter zu erklimmen, als ich es bisher versucht habe. Ich werde etwas von dem Gold mitnehmen, falls ich es später brauche. Ich finde vielleicht einen Weg aus diesem schrecklichen Ort.

Und dann ab nach Hause! Ab zum schnellsten und nächsten Zug! Weg von diesem verfluchten Ort, von diesem verfluchten Land, wo der Teufel und seine Kinder noch mit irdischen Füßen wandeln!

Zumindest ist Gottes Barmherzigkeit besser als die dieser Monster, und der Abgrund ist steil und hoch. An seinem Fuß kann ein Mensch schlafen – als Mensch. Lebt wohl, alle! Mina!

KAPITEL V.

Brief von Miss Mina Murray an Miss Lucy Westenra.

„9. Mai.

Meine liebste Lucy –

Verzeih meine lange Verzögerung beim Schreiben, aber ich bin einfach mit Arbeit überhäuft worden. Das Leben einer Hilfslehrerin ist manchmal anstrengend. Ich sehne mich danach, bei dir zu sein und am Meer, wo wir gemeinsam frei spazieren gehen und unsere Luftschlösser bauen können. Ich habe in letzter Zeit sehr hart gearbeitet, weil ich mit Jonathans Studien Schritt halten möchte, und ich habe sehr fleißig Stenografie geübt. Wenn wir verheiratet sind, werde ich in der Lage sein, Jonathan nützlich zu sein, und wenn ich gut genug stenografieren kann, kann ich das, was er sagen möchte, auf diese Weise niederschreiben und für ihn auf der Schreibmaschine abtippen, worauf ich auch sehr fleißig übe. Er und ich schreiben manchmal Briefe in Kurzschrift, und er führt ein stenografisches Tagebuch seiner Reisen im Ausland. Wenn ich bei dir bin, werde ich auf die gleiche Weise ein Tagebuch führen. Ich meine nicht eines dieser Tagebücher mit zwei Seiten pro Woche, bei denen der Sonntag in eine Ecke gequetscht ist, sondern eine Art Journal, in das ich schreiben kann, wann immer mir danach ist. Ich nehme nicht an, dass es für andere Leute von großem Interesse sein wird; aber es ist nicht für sie bestimmt. Vielleicht zeige ich es Jonathan eines Tages, wenn darin etwas steht, das es wert ist, geteilt zu werden, aber es ist eigentlich ein Übungsheft. Ich werde versuchen, das zu tun, was ich bei Journalistinnen sehe: Interviews führen, Beschreibungen schreiben und versuchen, mich an Unterhaltungen zu erinnern. Man sagt mir, dass man mit ein wenig Übung alles behalten kann, was an einem Tag passiert oder was man sagen hört. Wie dem auch sei, wir werden sehen. Ich werde dir all meine kleinen Pläne erzählen, wenn wir uns treffen. Ich habe gerade ein paar eilige Zeilen von Jonathan aus Siebenbürgen bekommen. Er ist wohlauf und wird in etwa einer Woche zurückkehren. Ich sehne mich danach, all seine Neuigkeiten zu hören. Es muss so schön sein, fremde Länder zu sehen, ich frage mich, ob wir – ich meine Jonathan und ich – sie jemals gemeinsam sehen werden. Da läutet die Zehn-Uhr-Glocke. Leb wohl.

Deine liebende /Mina./

Erzähle mir alle Neuigkeiten, wenn du schreibst. Du hast mir schon lange nichts mehr erzählt. Ich höre Gerüchte, besonders von einem großen, gutaussehenden Mann mit lockigem Haar???“

Brief, Lucy Westenra an Mina Murray.

„_17, Chatham Street,

Mittwoch._

Meine liebste Mina –

Ich muss sagen, du wirfst mir sehr ungerechterweise vor, eine schlechte Briefschreiberin zu sein. Ich habe dir seit unserem Abschied zweimal geschrieben, und dein letzter Brief war erst dein zweiter. Außerdem habe ich dir nichts zu berichten. Es gibt wirklich nichts, was dich interessieren könnte. Die Stadt ist gerade sehr angenehm, und wir gehen viel in Bildergalerien sowie spazieren und reiten im Park. Was den großen, lockenköpfigen Mann betrifft, so nehme ich an, es ist derjenige, der beim letzten Pop-Konzert bei mir war. Jemand muss offensichtlich Geschichten erzählt haben. Das war Mr. Holmwood. Er besucht uns oft, und er und Mama verstehen sich sehr gut; sie haben so viele gemeinsame Themen. Wir haben vor einiger Zeit einen Mann kennengelernt, der genau der Richtige für dich wäre, wenn du nicht schon mit Jonathan verlobt wärst. Er ist eine ausgezeichnete Partie, da er gutaussehend, wohlhabend und von guter Herkunft ist. Er ist Arzt und wirklich klug. Stell dir vor! Er ist erst neunundzwanzig und hat eine riesige Irrenanstalt unter seiner alleinigen Obhut. Mr. Holmwood hat ihn mir vorgestellt, und er hat uns hier besucht und kommt nun oft. Ich halte ihn für einen der entschlossensten Männer, die ich je gesehen habe, und doch für den ruhigsten. Er scheint absolut unerschütterlich zu sein. Ich kann mir vorstellen, welch wunderbare Macht er über seine Patienten haben muss. Er hat die sonderbare Angewohnheit, einem direkt ins Gesicht zu schauen, als versuche er, die Gedanken zu lesen. Er versucht das sehr oft bei mir, aber ich schmeichle mir, dass er da an der falschen Adresse ist. Das weiß ich von meinem Spiegel. Versuchst du jemals, dein eigenes Gesicht zu lesen? Ich tue es, und ich kann dir sagen, es ist keine schlechte Übung und bereitet dir mehr Mühe, als du dir vorstellen kannst, wenn du es noch nie versucht hast. Er sagt, dass ich für ihn eine interessante psychologische Studie darstelle, und ich denke bescheiden, das tue ich auch. Wie du weißt, interessiere ich mich nicht genug für Kleidung, um die neue Mode beschreiben zu können. Kleidung ist eine Plage. Das ist schon wieder Umgangssprache, aber egal; Arthur sagt das jeden Tag. So, jetzt ist es raus. Mina, wir haben uns alle Geheimnisse anvertraut, seit wir Kinder waren; wir haben zusammen geschlafen und zusammen gegessen; und wir haben zusammen gelacht und geweint; und jetzt, obwohl ich es ausgesprochen habe, möchte ich noch mehr sagen. Oh, Mina, konntest du es nicht erraten? Ich liebe ihn. Ich werde rot, während ich schreibe, denn obwohl ich glaube, dass er mich liebt, hat er es mir noch nicht mit Worten gesagt. Aber, oh Mina, ich liebe ihn; ich liebe ihn; ich liebe ihn! Das tut mir gut. Ich wünschte, ich wäre bei dir, Liebes, wir würden am Kamin sitzen und uns ausziehen, so wie wir es immer taten; und ich würde versuchen, dir zu sagen, was ich fühle. Ich weiß nicht einmal, wie ich das hier an dich schreiben kann. Ich habe Angst aufzuhören, sonst würde ich den Brief zerreißen, und ich will nicht aufhören, denn ich möchte dir so sehr alles erzählen. Lass bald von dir hören und sag mir alles, was du darüber denkst. Mina, ich muss aufhören. Gute Nacht. Segne mich in deinen Gebeten; und, Mina, bete für mein Glück.

„/Lucy./

„P.S. – Ich muss dir wohl nicht sagen, dass dies ein Geheimnis ist. Nochmals gute Nacht.

„L.“

Brief, Lucy Westenra an Mina Murray.

„24. Mai.

„Meine liebste Mina –

„Danke, und danke, und nochmals danke für deinen süßen Brief! Es war so schön, es dir erzählen zu können und dein Mitgefühl zu haben.

„Meine Liebe, es kommt immer alles auf einmal. Wie wahr die alten Sprichwörter sind. Hier bin ich, die im September zwanzig wird, und doch habe ich bis heute noch nie einen Heiratsantrag bekommen, keinen richtigen Antrag, und heute habe ich drei bekommen. Stell dir das vor! /Drei/ Anträge an einem Tag! Ist das nicht schrecklich! Ich empfinde Mitleid, wirklich und wahrhaftig Mitleid, für zwei der armen Kerle. Oh, Mina, ich bin so glücklich, dass ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll. Und drei Anträge! Aber um Himmels willen, erzähl es keinem der Mädchen, sonst würden sie auf alle möglichen extravaganten Ideen kommen und sich verletzt und übergangen fühlen, wenn sie an ihrem ersten Tag zu Hause nicht mindestens sechs bekämen. Manche Mädchen sind so eitel. Du und ich, liebe Mina, die wir verlobt sind und uns bald nüchtern als alte Ehefrauen niederlassen werden, können über Eitelkeit nur lächeln. Nun, ich muss dir von den dreien erzählen, aber du musst es geheim halten, Liebes, vor jedem, außer natürlich Jonathan. Du wirst es ihm sagen, denn ich würde, wenn ich an deiner Stelle wäre, es sicher Arthur sagen. Eine Frau sollte ihrem Ehemann alles erzählen – findest du nicht auch, Liebes? – und ich muss fair sein. Männer mögen es, wenn Frauen, sicherlich ihre Ehefrauen, genauso fair sind wie sie selbst; und Frauen, fürchte ich, sind nicht immer so fair, wie sie sein sollten. Nun, meine Liebe, Nummer eins kam kurz vor dem Mittagessen. Ich habe dir von ihm erzählt, Dr. John Seward, der Mann aus der Irrenanstalt, mit dem starken Kiefer und der guten Stirn. Er war äußerlich sehr kühl, aber dennoch nervös. Er hatte sich offensichtlich auf allerlei Kleinigkeiten vorbereitet und sich an sie erinnert; aber er schaffte es beinahe, sich auf seinen Zylinder zu setzen, was Männer normalerweise nicht tun, wenn sie gelassen sind, und dann, als er ungezwungen erscheinen wollte, spielte er ständig mit einem Skalpell, was mich fast hätte schreien lassen. Er sprach sehr direkt mit mir, Mina. Er sagte mir, wie lieb ich ihm sei, obwohl er mich so wenig gekannt habe, und was sein Leben mit mir an seiner Seite wäre, um ihn zu unterstützen und aufzuheitern. Er wollte mir sagen, wie unglücklich er wäre, wenn ich mich nicht um ihn kümmern würde, aber als er mich weinen sah, sagte er, er sei ein Rohling und wolle mein jetziges Leid nicht noch vergrößern. Dann brach er ab und fragte, ob ich ihn mit der Zeit lieben könnte; und als ich den Kopf schüttelte, zitterten seine Hände, und dann fragte er mit einigem Zögern, ob ich bereits für jemand anderen etwas empfände. Er drückte es sehr nett aus, indem er sagte, er wolle mir mein Vertrauen nicht abringen, sondern es nur wissen, denn wenn das Herz einer Frau frei sei, könne ein Mann Hoffnung haben. Und dann, Mina, fühlte ich es als eine Art Pflicht, ihm zu sagen, dass es da jemanden gibt. Ich habe ihm nur so viel gesagt, und dann stand er auf, und er sah sehr stark und sehr ernst aus, als er meine beiden Hände in seine nahm und sagte, er hoffe, ich würde glücklich werden, und wenn ich jemals einen Freund brauche, solle ich ihn zu meinen besten zählen. Oh, liebe Mina, ich kann nicht aufhören zu weinen; und du musst entschuldigen, dass dieser Brief so verfleckt ist. Einen Heiratsantrag zu bekommen ist ja ganz nett und alles, aber es ist überhaupt keine glückliche Sache, wenn man einen armen Kerl, von dem man weiß, dass er einen ehrlich liebt, weggehen sieht, während er völlig gebrochen aussieht, und man weiß, dass man, egal was er im Moment sagen mag, ganz aus seinem Leben verschwindet. Meine Liebe, ich muss hier jetzt aufhören, ich fühle mich so elend, obwohl ich so glücklich bin.

„Abend.

„Arthur ist gerade gegangen, und ich fühle mich besser als zuvor, also kann ich dir weiter von dem Tag berichten. Nun, meine Liebe, Nummer zwei kam nach dem Mittagessen. Er ist so ein netter Kerl, ein Amerikaner aus Texas, und er sieht so jung und so frisch aus, dass es fast unmöglich erscheint, dass er an so vielen Orten war und solche Abenteuer erlebt hat. Ich empfinde Mitleid mit der armen Desdemona, als sie einen so gefährlichen Strom in ihr Ohr gegossen bekam, selbst von einem schwarzen Mann. Ich nehme an, wir Frauen sind solche Feiglinge, dass wir glauben, ein Mann werde uns vor Ängsten bewahren, und deshalb heiraten wir ihn. Ich weiß jetzt, was ich tun würde, wenn ich ein Mann wäre und wollte, dass ein Mädchen mich liebt. Nein, das weiß ich nicht, denn da war Mr. Morris, der uns seine Geschichten erzählte, und Arthur hat nie welche erzählt, und doch... Meine Liebe, ich greife etwas vor. Mr. Quincey P. Morris fand mich allein. Es scheint, dass ein Mann ein Mädchen immer allein vorfindet. Nein, das stimmt nicht, denn Arthur hat es zweimal versucht, eine Gelegenheit zu finden, und ich habe ihm geholfen, so gut ich konnte; ich schäme mich nicht, das jetzt zu sagen. Ich muss dir im Voraus sagen, dass Mr. Morris nicht immer Umgangssprache spricht – das heißt, er tut es nie gegenüber Fremden oder in deren Gegenwart, denn er ist wirklich gut erzogen und hat exquisite Manieren –, aber er fand heraus, dass es mich amüsierte, ihn amerikanische Umgangssprache sprechen zu hören, und wann immer ich anwesend war und niemand da war, der schockiert sein konnte, sagte er so lustige Dinge. Ich fürchte, meine Liebe, er muss sie alle erfinden, denn sie passen genau zu allem, was er sonst noch zu sagen hat. Aber das ist so eine Art, die Umgangssprache hat. Ich weiß selbst nicht, ob ich jemals Umgangssprache sprechen werde; ich weiß nicht, ob Arthur das mag, da ich ihn noch nie habe eine verwenden hören. Nun, Mr. Morris setzte sich neben mich und sah so glücklich und fröhlich aus, wie er nur konnte, aber ich konnte trotzdem sehen, dass er sehr nervös war. Er nahm meine Hand in seine und sagte so süß:

„„Miss Lucy, ich weiß, ich bin nicht gut genug, um die Schnürsenkel an deinen kleinen Schuhen zu richten, aber ich schätze, wenn du wartest, bis du einen Mann findest, der das ist, dann wirst du dich den sieben jungen Frauen mit den Lampen anschließen, wenn du gehst. Willst du dich nicht an mich hängen und uns gemeinsam die lange Straße hinunterfahren lassen, im Doppelgespann?“

„Nun, er sah so gut gelaunt und so fröhlich aus, dass es gar nicht so schwer schien, ihn abzuweisen wie den armen Dr. Seward, also sagte ich so leichtfertig wie möglich, dass ich nichts vom Anspannen verstünde und dass ich noch gar nicht ans Geschirr gewöhnt sei. Dann sagte er, er habe leichtfertig gesprochen, und er hoffe, dass ich ihm verzeihen würde, wenn er dabei auf eine so ernste, so bedeutsame Gelegenheit für ihn einen Fehler gemacht habe. Er sah wirklich ernst aus, als er das sagte, und ich konnte nicht umhin, mich auch ein bisschen ernst zu fühlen – ich weiß, Mina, du wirst mich für eine schreckliche Flirtin halten –, obwohl ich nicht umhin konnte, eine Art Triumph zu spüren, dass er Nummer zwei an einem Tag war. Und dann, meine Liebe, bevor ich ein Wort sagen konnte, begann er, einen wahren Strom von Liebesbezeugungen auszuschütten und legte sein ganzes Herz und seine Seele zu meinen Füßen. Er sah dabei so aufrichtig aus, dass ich nie wieder glauben werde, dass ein Mann immer nur verspielt und niemals ernst sein kann, nur weil er manchmal fröhlich ist. Ich nehme an, er sah etwas in meinem Gesicht, das ihn bremste, denn er hielt plötzlich inne und sagte mit einer Art männlicher Inbrunst, für die ich ihn hätte lieben können, wenn ich frei gewesen wäre:

„„Lucy, du bist ein ehrlichherziges Mädchen, das weiß ich. Ich wäre nicht hier und würde nicht so zu dir sprechen, wenn ich nicht glaubte, dass du durch und durch aufrichtig bist, bis in die Tiefen deiner Seele. Sag mir, wie ein guter Kerl zum anderen, gibt es jemand anderen, den du liebst? Und wenn es so ist, werde ich dich nie wieder im Geringsten behelligen, sondern, wenn du es zulässt, ein sehr treuer Freund sein.“

„Meine liebe Mina, warum sind Männer so edel, wenn wir Frauen ihrer so wenig wert sind? Da war ich und machte mich fast über diesen großherzigen, wahren Gentleman lustig. Ich brach in Tränen aus – ich fürchte, meine Liebe, du wirst diesen Brief in mehrfacher Hinsicht für sehr schludrig halten – und ich fühlte mich wirklich sehr schlecht. Warum können sie ein Mädchen nicht drei Männer heiraten lassen, oder so viele, wie sie haben möchte, und sich all diesen Ärger ersparen? Aber das ist Ketzerei, und das darf ich nicht sagen. Ich bin froh, dass ich, obwohl ich weinte, in Mr. Morris’ tapfere Augen schauen konnte, und ich sagte ihm ganz direkt:

„„Ja, es gibt jemanden, den ich liebe, obwohl er mir noch nicht einmal gesagt hat, dass er mich liebt.“ Ich hatte recht, so offen mit ihm zu sprechen, denn ein wahres Leuchten trat in sein Gesicht, er streckte beide Hände aus und nahm meine – ich glaube, ich legte sie in seine – und sagte herzlich:

„„Das ist mein tapferes Mädchen. Es lohnt sich mehr, zu spät zu kommen für eine Chance, dich zu gewinnen, als für irgendein anderes Mädchen auf der Welt pünktlich zu sein. Weine nicht, Liebes. Wenn es wegen mir ist, ich bin ein harter Brocken; und ich nehme es aufrecht. Wenn dieser andere Kerl sein Glück nicht kennt, nun, dann sollte er besser bald danach suchen, sonst bekommt er es mit mir zu tun. Kleines Mädchen, deine Ehrlichkeit und dein Mut haben mich zu einem Freund gemacht, und das ist seltener als ein Liebhaber; es ist jedenfalls selbstloser. Meine Liebe, ich werde einen ziemlich einsamen Weg zwischen hier und dem Jenseits vor mir haben. Willst du mir nicht einen Kuss geben? Er wird ein wenig helfen, die Dunkelheit hin und wieder abzuwehren. Du kannst es, weißt du, wenn du willst, denn dieser andere gute Kerl – er muss ein guter Kerl sein, meine Liebe, und ein feiner Kerl, sonst könntest du ihn nicht lieben – hat noch nicht gesprochen.“ Das hat mich völlig für ihn eingenommen, Mina, denn es war tapfer und süß von ihm, und auch edel gegenüber einem Rivalen – nicht wahr? – und er so traurig; also beugte ich mich vor und küsste ihn. Er stand auf, meine beiden Hände in seinen, und als er auf mich herabsah – ich fürchte, ich wurde sehr rot –, sagte er:

„„Kleines Mädchen, ich halte deine Hand, und du hast mich geküsst, und wenn diese Dinge uns nicht zu Freunden machen, dann wird es nie etwas. Danke für deine süße Ehrlichkeit mir gegenüber, und lebe wohl.“ Er drückte meine Hand, nahm seinen Hut und ging geradewegs aus dem Zimmer, ohne sich umzusehen, ohne eine Träne, ohne ein Zittern, ohne ein Zögern; und ich weine wie ein Baby. Oh, warum muss ein Mann wie er unglücklich gemacht werden, wenn es eine Menge Mädchen gibt, die den Boden anbeten würden, auf dem er geht? Ich weiß, ich würde es tun, wenn ich frei wäre – nur will ich nicht frei sein. Meine Liebe, das hat mich völlig aufgewühlt, und ich habe das Gefühl, ich kann nicht sofort von Glück schreiben, nachdem ich dir davon erzählt habe; und ich möchte nicht von Nummer drei erzählen, bis alles glücklich sein kann.

„Immer deine liebende

„/Lucy./

„P.S. – Oh, wegen Nummer drei – ich brauche dir von Nummer drei wohl nicht zu erzählen, oder? Außerdem war alles so verwirrend; es schien nur ein Augenblick von seinem Betreten des Zimmers bis zu dem Moment, als seine Arme um mich waren und er mich küsste. Ich bin sehr, sehr glücklich, und ich weiß nicht, was ich getan habe, um es zu verdienen. Ich muss in der Zukunft nur versuchen zu zeigen, dass ich für all Seine Güte mir gegenüber nicht undankbar bin, da Er mir einen solchen Liebhaber, einen solchen Ehemann und einen solchen Freund gesandt hat.

„Lebe wohl.“

Dr. Sewards Tagebuch.

(Aufgenommen auf Phonograph.)

25. Mai. – Ebbe im Appetit heute. Kann nicht essen, kann nicht ruhen, also Tagebuch stattdessen. Seit meiner Zurückweisung von gestern habe ich ein Gefühl der Leere; nichts auf der Welt scheint wichtig genug, um es zu tun.... Da ich wusste, dass das einzige Heilmittel für so etwas Arbeit ist, ging ich zu den Patienten. Ich suchte mir einen aus, der mir eine Studie von großem Interesse geboten hat. Er ist so sonderbar in seinen Ideen und so anders als der normale Wahnsinnige, dass ich beschlossen habe, ihn so gut wie möglich zu verstehen. Heute schien ich dem Kern seines Geheimnisses näher zu kommen als je zuvor.

Ich befragte ihn ausführlicher als jemals zuvor, um die Fakten seiner Halluzination zu beherrschen. In der Art, wie ich es tat, lag, wie ich jetzt sehe, etwas Grausames. Ich schien ihn auf den Punkt seines Wahnsinns festnageln zu wollen – eine Sache, die ich bei Patienten meide wie den Rachen der Hölle. (Anm.: Unter welchen Umständen würde ich die Grube der Hölle nicht meiden?) _Omnia Romae vernalia sunt._ Die Hölle hat ihren Preis! _verb. sap._ Wenn hinter diesem Instinkt etwas steckt, wird es wertvoll sein, es später genau zurückzuverfolgen, also beginne ich besser damit, also –

R. M. Renfield, ætat 59. – Sanguinisches Temperament; große körperliche Kraft; krankhaft erregbar; Phasen der Schwermut, die in einer fixen Idee enden, die ich nicht ergründen kann. Ich vermute, dass das sanguinische Temperament selbst und der störende Einfluss in einem geistig vollendeten Ende münden; ein möglicherweise gefährlicher Mann, wahrscheinlich gefährlich, wenn uneigennützig. Bei egoistischen Männern ist Vorsicht ein ebenso sicherer Panzer für ihre Feinde wie für sie selbst. Woran ich in diesem Punkt denke, ist: Wenn das Selbst der Fixpunkt ist, ist die Zentripetalkraft mit der Zentrifugalkraft ausgeglichen: Wenn Pflicht, eine Sache usw. der Fixpunkt ist, ist die letztere Kraft vorrangig, und nur ein Unfall oder eine Reihe von Unfällen kann sie ausgleichen.

Brief, Quincey P. Morris an Hon. Arthur Holmwood.

„25. Mai.

„Mein lieber Art,

„Wir haben Geschichten am Lagerfeuer in den Prärien erzählt; und einander die Wunden verbunden, nachdem wir versucht hatten, auf den Marquesas zu landen; und auf die Gesundheit getrunken am Ufer des Titicacasees. Es gibt noch mehr Geschichten zu erzählen, und andere Wunden zu heilen, und eine andere Gesundheit zu trinken. Willst du nicht, dass dies morgen Abend an meinem Lagerfeuer geschieht? Ich zögere nicht, dich zu fragen, da ich weiß, dass eine gewisse Dame zu einer gewissen Dinnerparty eingeladen ist und dass du frei bist. Es wird nur einen anderen geben, unseren alten Kumpel aus Korea, Jack Seward. Er kommt auch, und wir beide wollen unser Weh über dem Weinglas vermischen und aus tiefstem Herzen auf das Wohl des glücklichsten Mannes auf der ganzen weiten Welt trinken, der das edelste Herz gewonnen hat, das Gott geschaffen hat und das es am meisten wert ist, gewonnen zu werden. Wir versprechen dir einen herzlichen Empfang, einen liebevollen Gruß und einen Trinkspruch, der so wahr ist wie deine eigene rechte Hand. Wir werden beide schwören, dich zu Hause zu lassen, wenn du zu tief auf ein gewisses Paar Augen trinkst. Komm!

„Dein, wie immer und ewig, „/Quincey P. Morris./“

Telegramm von Arthur Holmwood an Quincey P. Morris.

„26. Mai.

„Zählt auf mich. Ich überbringe Nachrichten, die eure Ohren zum Klingen bringen werden.

„/Art./“

24. Juli. Whitby. – Lucy traf mich am Bahnhof; sie sah süßer und lieblicher aus als je zuvor, und wir fuhren hinauf zu dem Haus am Crescent, in dem sie ihre Zimmer haben. Dies ist ein reizender Ort. Der kleine Fluss, die Esk, fließt durch ein tiefes Tal, das sich verbreitert, je näher es dem Hafen kommt. Ein großes Viadukt überspannt es mit hohen Pfeilern, durch die die Aussicht irgendwie weiter weg erscheint, als sie tatsächlich ist. Das Tal ist wunderschön grün und so steil, dass man, wenn man sich auf dem Hochland an einer der beiden Seiten befindet, direkt darüber hinwegblickt, es sei denn, man ist nah genug am Rand, um hinunterzusehen. Die Häuser der Altstadt – auf der uns abgewandten Seite – sind alle rot bedacht und scheinen wie wild übereinandergestapelt zu sein, genau wie auf den Bildern, die wir von Nürnberg kennen. Direkt über der Stadt liegt die Ruine der Whitby Abbey, die von den Dänen geplündert wurde und Schauplatz eines Teils von „Marmion“ ist, wo das Mädchen in die Mauer eingemauert wurde. Es ist eine überaus edle Ruine von immenser Größe und voll schöner und romantischer Winkel; es gibt eine Legende, dass eine weiße Frau in einem der Fenster gesehen wird. Zwischen ihr und der Stadt liegt eine weitere Kirche, die Gemeindekirche, um die herum ein großer Friedhof voller Grabsteine ist. Dies ist meiner Meinung nach der schönste Ort in Whitby, denn er liegt direkt über der Stadt und bietet einen umfassenden Blick auf den Hafen und die ganze Bucht hinauf bis dorthin, wo die Landzunge namens Kettleness in das Meer hinausragt. Er fällt so steil zum Hafen hin ab, dass ein Teil des Ufers weggebrochen ist und einige der Gräber zerstört wurden. An einer Stelle ragt ein Teil des Mauerwerks der Gräber über den sandigen Pfad weit unterhalb hinaus. Es gibt Spazierwege mit Bänken an der Seite durch den Kirchhof; die Leute gehen hin und sitzen dort den ganzen Tag lang, betrachten die herrliche Aussicht und genießen die Brise. Ich werde selbst sehr oft hierherkommen und arbeiten. Tatsächlich schreibe ich gerade mit meinem Buch auf dem Knie und lausche dem Gespräch dreier alter Männer, die neben mir sitzen. Sie scheinen den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als hier oben zu sitzen und zu reden.

Der Hafen liegt unter mir, mit einer langen Mauer aus Granit auf der fernen Seite, die sich ins Meer erstreckt und am Ende nach außen krümmt, wobei sich in der Mitte ein Leuchtturm befindet. Eine schwere Ufermauer verläuft außerhalb davon. Auf der nahen Seite bildet die Ufermauer einen entgegengesetzt gekrümmten Ellbogen, und ihr Ende hat ebenfalls einen Leuchtturm. Zwischen den beiden Molen befindet sich eine schmale Öffnung zum Hafen, der sich dann plötzlich weitet.

Es ist schön bei Flut, aber wenn Ebbe ist, flacht es sich bis zur Bedeutungslosigkeit ab, und es ist nur noch der Strom der Esk, der zwischen Sandbänken mit vereinzelten Felsen fließt. Außerhalb des Hafens erhebt sich auf dieser Seite etwa eine halbe Meile lang ein großes Riff, dessen scharfe Kante direkt hinter dem südlichen Leuchtturm ausläuft. Am Ende davon befindet sich eine Boje mit einer Glocke, die bei schlechtem Wetter schwingt und einen klagenden Ton in den Wind hinaussendet. Sie haben hier eine Legende, dass man bei Schiffsverlusten Glocken auf dem Meer hört. Ich muss den alten Mann danach fragen; er kommt gerade diesen Weg entlang ...

Er ist ein komischer alter Mann. Er muss furchtbar alt sein, denn sein Gesicht ist ganz zerfurcht und verdreht wie die Rinde eines Baumes. Er erzählt mir, dass er fast hundert ist und dass er in der grönländischen Fischfangflotte war, als die Schlacht bei Waterloo geschlagen wurde. Er ist, fürchte ich, ein sehr skeptischer Mensch, denn als ich ihn nach den Glocken auf dem Meer und der Weißen Frau an der Abtei fragte, sagte er sehr schroff:

„Ich würde mich nicht damit belasten, Fräulein. Solche Dinge sind längst überlebt. Versteht mich recht, ich sage nicht, dass es sie nie gegeben hat, aber ich sage, dass es sie zu meiner Zeit nicht gab. Sie mögen ganz recht sein für Durchreisende und Ausflügler und dergleichen, aber nicht für ein hübsches junges Mädchen wie Ihr. Diese Fußgänger aus York und Leeds, die immer gepökelten Hering essen und Tee trinken und nach billigem Gagat Ausschau halten, würden alles glauben. Ich frage mich selbst, wer sich die Mühe machen würde, ihnen Lügen aufzutischen – selbst die Zeitungen, die voll von närrischem Geschwätz sind.“ Ich dachte, er wäre ein guter Mensch, um interessante Dinge zu erfahren, also fragte ich ihn, ob er mir etwas über den Walfang in alten Zeiten erzählen würde. Er wollte gerade anfangen, als die Uhr sechs schlug, woraufhin er sich mühsam erhob und sagte:

„Ich muss jetzt heimwärts gehen, Fräulein. Meine Enkelin mag es nicht, warten zu müssen, wenn der Tee bereitsteht, denn ich brauche Zeit, um die Stufen hochzukriechen, da es eine ganze Menge sind; und, Fräulein, ich brauche dringend Magenfüllung, nach der Uhr zu urteilen.“

Er hinkte davon, und ich konnte sehen, wie er sich so gut er konnte die Stufen hinuntereilte. Die Stufen sind eine Besonderheit des Ortes. Sie führen von der Stadt hinauf zur Kirche; es sind Hunderte – ich weiß nicht, wie viele – und sie winden sich in einer zierlichen Kurve nach oben; die Steigung ist so sanft, dass ein Pferd leicht darauf auf- und absteigen könnte. Ich glaube, sie müssen ursprünglich etwas mit der Abtei zu tun gehabt haben. Ich werde auch nach Hause gehen. Lucy war mit ihrer Mutter zu Besuch, und da es nur Pflichtbesuche waren, bin ich nicht mitgegangen. Sie werden inzwischen wieder zu Hause sein.

1. August. – Ich bin vor einer Stunde mit Lucy hierheraufgekommen, und wir hatten ein höchst interessantes Gespräch mit meinem alten Freund und den beiden anderen, die immer kommen und sich zu ihm gesellen. Er ist offensichtlich das Orakel unter ihnen, und ich würde meinen, er muss zu seiner Zeit ein höchst diktatorischer Mensch gewesen sein. Er lässt nichts gelten und fährt jedem über den Mund. Wenn er sie nicht mit Argumenten übertreffen kann, schikaniert er sie und hält ihr Schweigen dann für Zustimmung zu seinen Ansichten. Lucy sah in ihrem weißen Kattunkleid süß aus; sie hat eine wunderschöne Gesichtsfarbe, seit sie hier ist. Ich bemerkte, dass die alten Männer keine Zeit verloren, herbeizukommen und sich in ihre Nähe zu setzen, als wir uns niedersetzten. Sie ist so süß mit alten Leuten; ich glaube, sie haben sich alle auf der Stelle in sie verliebt. Selbst mein alter Mann erlag ihr und widersprach ihr nicht, sondern gab mir stattdessen eine doppelte Portion. Ich brachte ihn auf das Thema der Legenden, und er legte sofort eine Art Predigt los. Ich muss versuchen, sie mir zu merken und aufzuschreiben:

„Es ist alles dummes Geschwätz, von vorn bis hinten; das ist es, und nichts anderes. Diese Verbote und Schreckgespenster und Bar-Guests und Kobolde und alles, was damit zusammenhängt, ist nur dazu gut, Kinder und schwindelige Weiber zum Heulen zu bringen. Es sind nichts als Luftblasen! Sie, und all die Vorzeichen und Warnungen, sind von Pfarrern und üblen Bücherwürmern und Bahnschaffnern erfunden worden, um Halbstarke zu erschrecken und zu verunsichern und die Leute dazu zu bringen, etwas zu tun, wozu sie sonst nicht neigen. Es macht mich zornig, daran zu denken. Warum, sie sind es, die, nicht zufrieden damit, Lügen auf Papier zu drucken und sie von Kanzeln herunter zu predigen, sie auch noch in die Grabsteine meißeln wollen. Seht Euch hier um, wohin Ihr auch wollt; all diese Steine, die ihre Köpfe so gut sie können in ihrem Stolz hochhalten, sind schief – sie fallen einfach um unter der Last der Lügen, die darauf geschrieben stehen: ‚Hier ruht der Körper‘ oder ‚Gewidmet dem Andenken‘, auf allen von ihnen geschrieben, und doch gibt es in fast der Hälfte von ihnen überhaupt keine Körper; und um die Erinnerungen an sie schert sich niemand eine Prise Schnupftabak, geschweige denn, dass sie heilig wären. Lügen allesamt, nichts als Lügen, die eine oder andere Art! Mein Gott, aber das wird ein seltsames Durcheinander am Tag des Jüngsten Gerichts, wenn sie in ihren Totenhemden hier heraufgetorkelt kommen, alle durcheinander und versuchen, ihre Grabsteine mit sich zu schleppen, um zu beweisen, wie gut sie waren; einige von ihnen zitternd und bebend, mit Händen, die so taub und glitschig vom Liegen im Meer sind, dass sie sie nicht einmal festhalten können.“

Ich konnte an der selbstzufriedenen Art des alten Mannes und der Art, wie er sich nach der Zustimmung seiner Kumpane umsah, erkennen, dass er „angab“, also warf ich ein Wort ein, um ihn am Reden zu halten:

„Oh, Mr. Swales, das können Sie doch nicht ernst meinen. Sicherlich sind diese Grabsteine nicht alle falsch?“

„Vielleicht! Da mag ein kleiner Teil nicht falsch sein, außer dort, wo sie die Leute zu gut dastehen lassen; denn es gibt Leute, die denken, eine Suppenschüssel sei wie das Meer, wenn sie nur ihnen gehört. Die ganze Sache ist nur Lüge. Nun schaut her; Ihr kommt hierher als Fremde, und Ihr seht diesen Kirchhof.“ Ich nickte, denn ich hielt es für besser zuzustimmen, obwohl ich seinen Dialekt nicht ganz verstand. Ich wusste, dass es etwas mit der Kirche zu tun hatte. Er fuhr fort: „Und Ihr bildet Euch ein, dass all diese Steine über Leuten stehen, die hier eingebettet sind, ordentlich und sauber?“ Ich stimmte wieder zu. „Dann ist genau das der Punkt, wo die Lüge anfängt. Warum, es gibt Dutzende dieser Grabstätten, die leer sind wie eine alte Tabakdose am Freitagabend.“ Er stieß einen seiner Gefährten an, und sie lachten alle. „Und mein Gott! Wie könnten sie anders sein? Seht Euch den dort an, den hintersten hinter der Totenbahre; lest ihn!“ Ich ging hinüber und las:

„Edward Spencelagh, Kapitän, ermordet von Piraten vor der Küste von Andres, April 1854, im Alter von 30 Jahren.“ Als ich zurückkam, fuhr Mr. Swales fort:

„Wer hat ihn nach Hause gebracht, frage ich mich, um ihn hier einzubetten? Ermordet vor der Küste von Andres! Und Ihr habt Euch eingebildet, sein Körper läge darunter! Warum, ich könnte Euch ein Dutzend nennen, deren Gebeine oben in den grönländischen Meeren liegen“ – er zeigte nach Norden – „oder wo auch immer die Strömungen sie hingetrieben haben mögen. Da sind die Steine um Euch herum. Ihr könnt mit Euren jungen Augen die Kleinschrift der Lügen von hier aus lesen. Dieser Braithwaite Lowrey – ich kannte seinen Vater, verloren in der Lively vor Grönland im Jahr ’20; oder Andrew Woodhouse, ertrunken in denselben Meeren im Jahr 1777; oder John Paxton, ertrunken vor Cape Farewell ein Jahr später; oder der alte John Rawlings, dessen Großvater mit mir segelte, ertrunken im Finnischen Meerbusen im Jahr ’50. Glaubt Ihr, dass all diese Männer zum Ansturm auf Whitby blasen müssen, wenn die Posaune ertönt? Ich habe meine Zweifel daran! Ich sage Euch, wenn sie hier ankamen, würden sie sich so drängeln und schubsen, dass es wie ein Kampf auf dem Eis in alten Zeiten wäre, als wir von Tagesanbruch bis zum Einbruch der Dunkelheit aufeinander losgingen und versuchten, unsere Schnittwunden im Licht des Nordlichts zu verbinden.“ Das war offensichtlich ein lokaler Scherz, denn der alte Mann kicherte darüber, und seine Kumpane stimmten mit Vergnügen ein.

„Aber“, sagte ich, „sicherlich sind Sie nicht ganz korrekt, denn Sie gehen von der Annahme aus, dass alle armen Menschen, oder ihre Seelen, ihre Grabsteine am Tag des Jüngsten Gerichts mitnehmen müssen. Glauben Sie, dass das wirklich notwendig sein wird?“

„Nun, wozu sind denn diese Grabsteine sonst da? Antwortet mir das, Fräulein!“

„Um ihren Verwandten zu gefallen, nehme ich an.“

„Um ihren Verwandten zu gefallen, nehmt Ihr an!“ Das sagte er mit tiefem Hohn. „Wie wird es ihren Verwandten gefallen zu wissen, dass Lügen über sie geschrieben stehen und dass jeder im Ort weiß, dass es Lügen sind?“ Er deutete auf einen Stein zu unseren Füßen, der als Platte hingelegt worden war, auf der die Sitzbank ruhte, nahe dem Rand der Klippe. „Lest die Zeilen auf diesem Grabstein“, sagte er. Die Buchstaben standen für mich von dort, wo ich saß, auf dem Kopf, aber Lucy saß ihnen gegenüber, also beugte sie sich vor und las:

„Gewidmet dem Andenken an George Canon, der in der Hoffnung auf eine glorreiche Auferstehung am 29. Juli 1873 starb, als er von den Klippen bei Kettleness fiel. Dieses Grab wurde von seiner trauernden Mutter für ihren innig geliebten Sohn errichtet. ‚Er war der einzige Sohn seiner Mutter, und sie war eine Witwe.‘ Wirklich, Mr. Swales, ich sehe nichts besonders Komisches daran!“ Sie sprach ihren Kommentar sehr ernst und etwas streng aus.

„Ihr seht nichts Komisches! Ha! ha! Aber das liegt daran, dass Ihr nicht versteht, dass die trauernde Mutter eine Höllenkatze war, die ihn hasste, weil er verkrüppelt war – ein richtiger Krüppel war er – und er hasste sie so sehr, dass er Selbstmord beging, damit sie keine Lebensversicherung bekam, die sie auf ihn abgeschlossen hatte. Er blies sich fast die Oberseite seines Kopfes weg mit einer alten Muskete, die sie hatten, um die Krähen zu verscheuchen. Es waren damals keine Krähen für ihn, denn es brachte ihm die Bremsen und die Fliegen. Auf diese Weise fiel er von den Klippen. Und was die Hoffnung auf eine glorreiche Auferstehung angeht, so habe ich ihn oft selbst sagen hören, dass er hoffte, er würde in die Hölle kommen, denn seine Mutter war so fromm, dass sie sicher in den Himmel kommen würde, und er wollte nicht dorthin, wo sie war. Nun ist dieser Stein nicht jedenfalls“ – er hämmerte mit seinem Stock darauf, während er sprach – „ein Bündel von Lügen? Und wird Gabriel nicht lachen, wenn Geordie keuchend die Stufen heraufkommt mit dem Grabstein auf seinem Buckel balanciert und darum bittet, als Beweisstück zugelassen zu werden!“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber Lucy lenkte das Gespräch ab, indem sie aufstand und sagte:

„Oh, warum haben Sie uns das erzählt? Es ist mein Lieblingssitz, und ich kann ihn nicht verlassen; und nun stelle ich fest, dass ich auf dem Grab eines Selbstmörders sitzen muss.“

„Das wird Euch nicht schaden, meine Schöne; und es macht den armen Geordie vielleicht froh, ein so schmuckes Mädchen auf seinem Schoß sitzen zu haben. Das wird Euch nicht wehtun. Warum, ich sitze hier seit fast zwanzig Jahren hin und wieder, und es hat mir nicht geschadet. Sorgt Euch nicht um die, die unter Euch liegen, oder die da gar nicht liegen! Es wird Zeit für Euch sein, Euch zu fürchten, wenn Ihr seht, wie die Grabsteine alle weglaufen und der Ort so kahl ist wie ein Stoppelfeld. Da ist die Uhr, und ich muss gehen. Meine Empfehlung, meine Damen!“ Und er hinkte davon.

Lucy und ich saßen eine Weile, und es war alles so wunderschön vor uns, dass wir uns an den Händen hielten; und sie erzählte mir noch einmal alles über Arthur und ihre bevorstehende Hochzeit. Das machte mich ein wenig wehmütig, denn ich habe seit einem ganzen Monat nichts mehr von Jonathan gehört.

* * * * *

Am selben Tag. – Ich bin allein hierheraufgekommen, denn ich bin sehr traurig. Es gab keinen Brief für mich. Ich hoffe, dass Jonathan nichts zugestoßen sein kann. Die Uhr hat gerade neun geschlagen. Ich sehe die Lichter, die über die ganze Stadt verstreut sind, manchmal in Reihen, wo die Straßen sind, und manchmal einzeln; sie ziehen sich das Esk-Tal hinauf und verlaufen sich in der Kurve des Tals. Zu meiner Linken wird die Aussicht durch eine schwarze Dachlinie des alten Hauses neben der Abtei abgeschnitten. Die Schafe und Lämmer blöken auf den Feldern hinter mir, und ein Geklapper von Eselshufen ist auf der gepflasterten Straße unterhalb zu hören. Die Kapelle auf der Mole spielt einen rauen Walzer im Takt, und weiter vorne am Kai findet in einer Seitengasse ein Treffen der Heilsarmee statt. Keine der Musikkapellen hört die andere, aber hier oben höre und sehe ich beide. Ich frage mich, wo Jonathan ist und ob er an mich denkt! Ich wünschte, er wäre hier.

Tagebuch von Dr. Seward.

5. Juni. – Der Fall Renfield wird interessanter, je mehr ich den Mann zu verstehen lerne. Er hat bestimmte Eigenschaften sehr stark ausgeprägt: Selbstsucht, Verschwiegenheit und Zielstrebigkeit. Ich wünschte, ich könnte herausfinden, was das Ziel des Letzteren ist. Er scheint einen festen Plan für sich zu haben, aber was es ist, weiß ich noch nicht. Seine rettende Eigenschaft ist die Liebe zu Tieren, obwohl er tatsächlich so merkwürdige Züge darin hat, dass ich manchmal vermute, er sei nur unnatürlich grausam. Seine Haustiere sind von seltsamer Art. Im Moment ist sein Hobby das Fliegenfangen. Er hat zurzeit eine solche Menge, dass ich selbst einschreiten musste. Zu meinem Erstaunen brach er nicht in Wut aus, wie ich erwartet hatte, sondern nahm die Angelegenheit mit einfachem Ernst. Er dachte einen Moment nach und sagte dann: „Darf ich drei Tage haben? Ich werde sie wegräumen.“ Natürlich sagte ich, das würde genügen. Ich muss ihn beobachten.

18. Juni. – Er hat sich jetzt den Spinnen zugewandt und hat einige sehr große Exemplare in einer Schachtel. Er füttert sie ständig mit seinen Fliegen, und die Anzahl der letzteren nimmt merklich ab, obwohl er die Hälfte seines Essens dazu benutzt hat, mehr Fliegen von draußen in sein Zimmer zu locken.

1. Juli. – Seine Spinnen werden jetzt zu einer ebenso großen Belästigung wie seine Fliegen, und heute sagte ich ihm, dass er sie loswerden müsse. Er sah dabei sehr traurig aus, also sagte ich, dass er zumindest einige von ihnen entfernen müsse. Er willigte freudig ein, und ich gab ihm dieselbe Zeit wie zuvor für die Reduzierung. Er widerte mich sehr an, während ich bei ihm war, denn als eine schreckliche Schmeißfliege, vollgefressen mit Aas, in das Zimmer summte, fing er sie, hielt sie triumphierend einige Augenblicke zwischen Daumen und Zeigefinger und steckte sie, bevor ich wusste, was er tun würde, in den Mund und aß sie. Ich schalt ihn deshalb, aber er argumentierte ruhig, dass sie sehr gut und sehr gesund sei; dass sie Leben sei, starkes Leben, und ihm Leben gebe. Das brachte mich auf eine Idee, oder den Ansatz einer solchen. Ich muss beobachten, wie er seine Spinnen loswird. Er hat offensichtlich ein tiefes Problem im Kopf, denn er führt ein kleines Notizbuch, in dem er ständig etwas notiert. Ganze Seiten sind mit Massen von Zahlen gefüllt, meist einzelne Zahlen, die in Gruppen addiert werden, und dann die Summen wieder in Gruppen, als ob er eine Abrechnung „fokussieren“ würde, wie die Buchprüfer sagen.

8. Juli. – Es gibt eine Methode in seinem Wahnsinn, und die rudimentäre Idee in meinem Kopf wächst. Es wird bald eine vollständige Idee sein, und dann, oh, unbewusste Gehirntätigkeit! wirst du deinem bewussten Bruder den Vortritt lassen müssen. Ich hielt mich ein paar Tage von meinem Freund fern, damit ich bemerken konnte, ob es eine Veränderung gab. Die Dinge blieben, wie sie waren, außer dass er sich von einigen seiner Haustiere getrennt und ein neues bekommen hat. Es ist ihm gelungen, einen Spatz zu fangen, und er hat ihn bereits teilweise gezähmt. Sein Mittel zur Zähmung ist einfach, denn die Spinnen haben bereits abgenommen. Diejenigen, die jedoch bleiben, sind gut genährt, denn er bringt immer noch die Fliegen herein, indem er sie mit seinem Essen lockt.

19. Juli. – Wir machen Fortschritte. Mein Freund hat jetzt eine ganze Kolonie von Spatzen, und seine Fliegen und Spinnen sind fast ausgelöscht. Als ich hereinkam, rannte er zu mir und sagte, er wolle mich um einen großen Gefallen bitten – einen sehr, sehr großen Gefallen; und während er sprach, schmeichelte er mir wie ein Hund. Ich fragte ihn, was es sei, und er sagte mit einer Art Entzücken in seiner Stimme und Haltung:

„Ein Kätzchen, ein nettes, kleines, glattes, verspieltes Kätzchen, mit dem ich spielen und das ich lehren und füttern kann – und füttern – und füttern!“ Ich war auf diese Bitte nicht unvorbereitet, denn ich hatte bemerkt, wie seine Haustiere immer größer und lebhafter wurden, aber ich wollte nicht, dass seine hübsche Familie zahmer Spatzen auf die gleiche Weise ausgelöscht wurde wie die Fliegen und die Spinnen; also sagte ich, ich würde mich darum kümmern, und fragte ihn, ob er nicht lieber eine Katze als ein Kätzchen haben wolle. Seine Eifer verriet ihn, als er antwortete:

„Oh, ja, ich möchte eine Katze! Ich habe nur deshalb um ein Kätzchen gebeten, weil ich fürchtete, Ihr würdet mir eine Katze verweigern. Niemand würde mir ein Kätzchen verwehren, nicht wahr?“ Ich schüttelte den Kopf und sagte, dass ich fürchte, es sei im Augenblick nicht möglich, aber dass ich mich darum kümmern würde. Sein Gesicht fiel, und ich konnte darin eine Warnung vor Gefahr erkennen, denn da war ein plötzlicher, grimmiger, seitlicher Blick, der Töten bedeutete. Dieser Mann ist ein unentwickelter homizidaler Wahnsinniger. Ich werde ihn mit seinem jetzigen Verlangen auf die Probe stellen und sehen, wie es sich auswirkt; dann werde ich mehr wissen.

22 Uhr – Ich habe ihn erneut besucht und ihn in einer Ecke kauernd und brütend vorgefunden. Als ich eintrat, warf er sich vor mir auf die Knie und flehte mich an, ihm eine Katze zu geben; dass sein Heil davon abhinge. Ich blieb jedoch hart und sagte ihm, dass er sie nicht haben könne, woraufhin er ohne ein Wort ging und sich in der Ecke, in der ich ihn gefunden hatte, niederließ und an seinen Fingern nagte. Ich werde ihn morgen früh aufsuchen.

20. Juli – Habe Renfield sehr früh besucht, bevor der Pfleger seine Runde machte. Fand ihn auf und ein Lied summend vor. Er breitete seinen Zucker, den er aufbewahrt hatte, im Fenster aus und fing offensichtlich wieder mit dem Fliegenfangen an; und zwar fröhlich und mit einer gewissen Anmut. Ich sah mich nach seinen Vögeln um, und da ich sie nicht sah, fragte ich ihn, wo sie seien. Er antwortete, ohne sich umzudrehen, dass sie alle fortgeflogen seien. Es lagen ein paar Federn im Zimmer herum und auf seinem Kopfkissen ein Blutstropfen. Ich sagte nichts, ging aber und wies den Wärter an, mir zu melden, falls er während des Tages irgendetwas Auffälliges an ihm bemerke.

11 Uhr – Der Pfleger ist gerade zu mir gekommen, um zu sagen, dass Renfield sehr krank gewesen sei und eine ganze Menge Federn erbrochen habe. „Mein Glaube ist, Doktor“, sagte er, „dass er seine Vögel gefressen hat und dass er sie einfach genommen und roh gegessen hat!“

23 Uhr – Ich habe Renfield heute Abend ein starkes Schlafmittel gegeben; genug, um selbst ihn zum Schlafen zu bringen, und nahm sein Notizbuch an mich, um es anzusehen. Der Gedanke, der in letzter Zeit in meinem Gehirn summte, ist nun vollständig und die Theorie bewiesen. Mein homizidaler Wahnsinniger ist von einer besonderen Art. Ich werde eine neue Klassifizierung für ihn erfinden müssen und ihn einen zoophagen (lebensfressenden) Wahnsinnigen nennen; was er begehrt, ist, so viele Leben wie möglich zu absorbieren, und er hat sich darauf eingestellt, dies auf kumulative Weise zu erreichen. Er gab viele Fliegen an eine Spinne und viele Spinnen an einen Vogel und wollte dann eine Katze, um die vielen Vögel zu fressen. Was wären seine späteren Schritte gewesen? Es wäre fast der Mühe wert, das Experiment zu vervollständigen. Es könnte getan werden, wenn es nur einen ausreichenden Grund gäbe. Die Menschen spotteten über Vivisektion, und doch, betrachte man die Ergebnisse heute! Warum nicht die Wissenschaft in ihrem schwierigsten und wichtigsten Aspekt voranbringen – der Kenntnis des Gehirns? Hätte ich auch nur das Geheimnis eines solchen Geistes – hielte ich den Schlüssel zur Fantasie auch nur eines Wahnsinnigen in der Hand –, könnte ich meinen eigenen Wissenschaftszweig auf einen Stand bringen, verglichen mit dem Burdon-Sandersons Physiologie oder Ferriers Gehirnwissen wie nichts wären. Wenn es nur einen ausreichenden Grund gäbe! Ich darf nicht zu viel darüber nachdenken, sonst könnte ich in Versuchung geraten; ein guter Grund könnte bei mir den Ausschlag geben, denn könnte nicht auch ich ein außergewöhnliches Gehirn haben, von Geburt an?

Wie gut der Mann argumentierte; Wahnsinnige tun das immer innerhalb ihres eigenen Rahmens. Ich frage mich, auf wie viele Leben er einen Menschen schätzt, oder ob nur auf eines. Er hat die Rechnung äußerst genau abgeschlossen und heute eine neue Aufzeichnung begonnen. Wie viele von uns beginnen mit jedem Tag unseres Lebens eine neue Aufzeichnung?

Mir scheint es erst gestern gewesen zu sein, dass mein ganzes Leben mit meiner neuen Hoffnung endete und ich wahrlich eine neue Aufzeichnung begann. So wird es sein, bis der Große Buchhalter mich zusammenrechnet und mein Hauptbuch mit einem Saldo zu Gewinn oder Verlust abschließt. Oh, Lucy, Lucy, ich kann nicht zornig auf dich sein, noch kann ich zornig auf meinen Freund sein, dessen Glück dein eigenes ist; aber ich muss nur hoffnungslos warten und arbeiten. Arbeiten! Arbeiten!

Könnte ich nur einen so starken Grund haben wie mein armer verrückter Freund dort, einen guten, selbstlosen Grund, der mich arbeiten ließe, das wäre wahrlich Glück.

/Tagebuch der Mina Murray./

26. Juli – Ich bin besorgt, und es beruhigt mich, mich hier auszudrücken; es ist, als würde man zu sich selbst flüstern und gleichzeitig zuhören. Und es hat auch etwas mit den Kurzschriftzeichen, das es von gewöhnlichem Schreiben unterscheidet. Ich bin unglücklich wegen Lucy und Jonathan. Ich hatte seit einiger Zeit nichts mehr von Jonathan gehört und war sehr beunruhigt; aber gestern schickte mir der liebe Mr. Hawkins, der immer so freundlich ist, einen Brief von ihm. Ich hatte geschrieben und gefragt, ob er etwas gehört habe, und er sagte, das Beiliegende sei gerade eingegangen. Es ist nur eine Zeile, datiert aus dem Schloss Dracula, und besagt, dass er gerade auf dem Heimweg sei. Das ist nicht wie Jonathan; ich verstehe es nicht, und es macht mich unruhig. Dann ist da noch Lucy, die, obwohl sie so wohlauf ist, neuerdings wieder ihre alte Angewohnheit hat, im Schlaf zu wandeln. Ihre Mutter hat mit mir darüber gesprochen, und wir haben beschlossen, dass ich jede Nacht unsere Zimmertür abschließe. Mrs. Westenra hat die Vorstellung, dass Schlafwandler immer auf die Dächer von Häusern und entlang von Klippenrändern gehen und dann plötzlich aufgeweckt werden und mit einem verzweifelten Schrei, der überall widerhallt, in die Tiefe stürzen. Die arme Liebe, sie ist natürlich besorgt um Lucy, und sie erzählt mir, dass ihr Mann, Lucys Vater, die gleiche Angewohnheit hatte; dass er nachts aufstand, sich anzog und hinausging, wenn er nicht aufgehalten wurde. Lucy soll im Herbst heiraten, und sie plant bereits ihre Kleider und wie ihr Haus eingerichtet werden soll. Ich fühle mit ihr, denn ich tue dasselbe, nur dass Jonathan und ich unser Leben auf eine sehr einfache Weise beginnen werden und versuchen müssen, über die Runden zu kommen. Mr. Holmwood – er ist der Honorable Arthur Holmwood, einziger Sohn von Lord Godalming – kommt sehr bald hierher – sobald er die Stadt verlassen kann, denn seinem Vater geht es nicht sehr gut, und ich glaube, die liebe Lucy zählt die Minuten, bis er kommt. Sie möchte ihn zum Sitz auf der Klippe des Kirchhofs führen und ihm die Schönheit von Whitby zeigen. Ich wage zu sagen, dass es das Warten ist, das sie beunruhigt; sie wird ganz die Alte sein, wenn er ankommt.

27. Juli – Keine Nachricht von Jonathan. Ich werde ganz unruhig wegen ihm, obwohl ich nicht weiß, warum ich das sollte; aber ich wünschte wirklich, er würde schreiben, wäre es auch nur eine einzige Zeile. Lucy wandelt mehr denn je, und jede Nacht werde ich durch ihr Umhergehen im Zimmer geweckt. Glücklicherweise ist das Wetter so heiß, dass sie sich nicht erkälten kann; aber dennoch macht sich die Sorge und das ständige Aufgewecktwerden bei mir bemerkbar, und ich werde selbst nervös und schlaflos. Gott sei Dank hält Lucys Gesundheit an. Mr. Holmwood wurde plötzlich nach Ring gerufen, um seinen Vater zu sehen, der ernsthaft erkrankt ist. Lucy grämt sich über die Verschiebung des Wiedersehens, aber es beeinträchtigt ihr Aussehen nicht; sie ist ein wenig fülliger, und ihre Wangen haben ein liebliches Rosenrot. Sie hat dieses blasse Aussehen verloren, das sie hatte. Ich bete, dass es anhalten wird.

3. August – Wieder eine Woche vergangen, und keine Nachricht von Jonathan, nicht einmal an Mr. Hawkins, von dem ich gehört habe. Oh, ich hoffe sehr, er ist nicht krank. Er hätte sicherlich geschrieben. Ich betrachte diesen letzten Brief von ihm, aber irgendwie stellt er mich nicht zufrieden. Er liest sich nicht wie er, und doch ist es seine Handschrift. Da gibt es keinen Irrtum. Lucy ist in der letzten Woche nicht viel im Schlaf gewandelt, aber es liegt eine seltsame Konzentration auf ihr, die ich nicht verstehe; selbst im Schlaf scheint sie mich zu beobachten. Sie probiert die Tür, und da sie sie verschlossen findet, sucht sie im Zimmer nach dem Schlüssel.

6. August – Weitere drei Tage, und keine Nachricht. Diese Ungewissheit wird schrecklich. Wenn ich nur wüsste, wohin ich schreiben oder wohin ich gehen sollte, würde ich mich wohler fühlen; aber niemand hat seit jenem letzten Brief ein Wort von Jonathan gehört. Ich muss nur zu Gott um Geduld beten. Lucy ist aufgeregter als je zuvor, ist aber ansonsten wohlauf. Die letzte Nacht war sehr bedrohlich, und die Fischer sagen, dass uns ein Sturm bevorsteht. Ich muss versuchen, ihn zu beobachten und die Wetterzeichen zu lernen. Heute ist ein grauer Tag, und die Sonne ist, während ich schreibe, in dichten Wolken verborgen, hoch über Kettleness. Alles ist grau – außer dem grünen Gras, das wie Smaragd dazwischen wirkt; grauer, erdiger Fels; graue Wolken, am fernen Rand von einem Sonnenstrahl getönt, hängen über dem grauen Meer, in das sich die Sandbänke wie graue Finger erstrecken. Das Meer wälzt sich mit einem Gebrüll über die Untiefen und die Sandflächen, gedämpft durch die Meernebel, die landeinwärts treiben. Der Horizont verliert sich in einem grauen Dunst. Alles ist Weite; die Wolken sind wie gigantische Felsen aufgetürmt, und über dem Meer liegt ein „Grollen“, das wie ein Vorbote des Untergangs klingt. Dunkle Gestalten sind hier und da am Strand, manchmal halb im Nebel verhüllt, und scheinen „Menschen wie Bäume, die gehen“. Die Fischerboote eilen nach Hause, steigen und fallen in der Dünung, während sie in den Hafen einfahren, sich bis zu den Speigatten neigend. Hier kommt der alte Mr. Swales. Er steuert direkt auf mich zu, und ich kann an der Art, wie er seinen Hut lüftet, sehen, dass er sprechen will....

Ich war ganz berührt von der Veränderung an dem armen alten Mann. Als er sich neben mich setzte, sagte er sehr sanft:

„Ich möchte Euch etwas sagen, mein Fräulein.“ Ich konnte sehen, dass er sich nicht wohl fühlte, also nahm ich seine arme, alte, faltige Hand in meine und bat ihn, offen zu sprechen; also sagte er, während er seine Hand in meiner ließ:

„Ich fürchte, meine Liebe, dass ich Euch mit all den bösen Dingen schockiert haben muss, die ich wochenlang über die Toten und dergleichen gesagt habe; aber ich meinte sie nicht so, und ich möchte, dass Ihr Euch daran erinnert, wenn ich gegangen bin. Wir alten Leute, die wir tüddelig sind und mit einem Fuß hinter dem Grab stehen, mögen nicht gern daran denken, und wir wollen keine Angst davor haben; und deshalb habe ich angefangen, es auf die leichte Schulter zu nehmen, damit ich mein eigenes Herz ein wenig aufheitere. Aber, Gott segne Euch, Fräulein, ich habe keine Angst vor dem Sterben, kein bisschen; nur ich möchte nicht sterben, wenn ich es vermeiden kann. Meine Zeit muss nun nahe sein, denn ich bin alt, und hundert Jahre sind zu viel, als dass ein Mann sie erwarten könnte; und ich bin so nah dran, dass der Alte Mann bereits seine Sense wetzt. Ihr seht, ich kann mir die Angewohnheit nicht auf einmal abgewöhnen, darüber zu scherzen; die Kiefer klappern, wie sie es gewohnt sind. Eines Tages bald wird der Engel des Todes seine Posaune für mich blasen. Aber jammert und weint nicht, meine Liebe!“ – denn er sah, dass ich weinte – „wenn er genau heute Nacht kommen sollte, würde ich mich nicht weigern, seinem Ruf zu folgen. Denn das Leben ist schließlich nur ein Warten auf etwas anderes als das, was wir tun; und der Tod ist alles, worauf wir uns mit Fug und Recht verlassen können. Aber ich bin zufrieden, denn er kommt zu mir, meine Liebe, und er kommt schnell. Er mag kommen, während wir schauen und staunen. Vielleicht ist er in jenem Wind da draußen über dem Meer, der Verlust und Wracks und schwere Not und traurige Herzen mit sich bringt. Seht! Seht!“, rief er plötzlich. „Da ist etwas in jenem Wind und in dem Wirtshaus jenseits, das klingt, aussieht, schmeckt und riecht wie der Tod. Es liegt in der Luft; ich fühle, wie es kommt. Herr, lass mich fröhlich antworten, wenn mein Ruf kommt!“ Er hob seine Arme andächtig und nahm seinen Hut ab. Sein Mund bewegte sich, als ob er betete. Nach ein paar Minuten des Schweigens stand er auf, schüttelte mir die Hand, segnete mich, sagte Lebwohl und humpelte davon. Es hat mich sehr berührt und sehr aufgewühlt.

Ich war froh, als der Küstenwächter mit seinem Fernrohr unter dem Arm vorbeikam. Er blieb stehen, um mit mir zu sprechen, wie er es immer tut, aber die ganze Zeit starrte er auf ein seltsames Schiff.

„Ich kann nicht aus ihr schlau werden“, sagte er; „sie ist eine Russin, dem Anschein nach; aber sie schlingert auf die seltsamste Weise herum. Sie weiß überhaupt nicht, was sie will; sie scheint den Sturm kommen zu sehen, kann sich aber nicht entscheiden, ob sie nach Norden in die offene See laufen oder hier einlaufen soll. Seht da wieder! Sie wird furchtbar seltsam gesteuert, denn sie kümmert sich nicht um die Hand am Ruder; ändert sich mit jedem Windstoß. Wir werden mehr von ihr hören, bevor es morgen diese Zeit ist.“

KAPITEL VII.

/Ausschnitt aus „The Dailygraph“, 8. August./

(Eingeklebt in Mina Murrays Tagebuch.)

Von einem Korrespondenten.

Whitby.

Einer der größten und plötzlichsten Stürme, die je verzeichnet wurden, hat sich gerade hier ereignet, mit Ergebnissen, die sowohl seltsam als auch einzigartig sind. Das Wetter war etwas schwül gewesen, aber nicht in einem Maße, das im Monat August ungewöhnlich wäre. Der Samstagabend war so schön wie nur je bekannt, und die große Schar der Urlauber machte sich gestern auf zu Besuchen der Mulgrave Woods, Robin Hood’s Bay, Rig Mill, Runswick, Staithes und zu den verschiedenen Ausflügen in der Umgebung von Whitby. Die Dampfer Emma und Scarborough machten Ausflüge entlang der Küste, und es gab eine ungewöhnliche Menge an „Trips“ sowohl nach als auch von Whitby. Der Tag war bis zum Nachmittag ungewöhnlich schön, als einige der Tratschtanten, die den Friedhof East Cliff frequentieren und von dieser beherrschenden Anhöhe aus den weiten, im Norden und Osten sichtbaren Meerbogen beobachten, auf ein plötzliches Erscheinen von „Stuten-Schwänzen“ hoch am Himmel im Nordwesten aufmerksam machten. Der Wind wehte damals aus Südwest in dem milden Grad, der in barometrischer Sprache als „Nr. 2: leichte Brise“ eingestuft wird. Der diensthabende Küstenwächter erstattete sofort Meldung, und ein alter Fischer, der seit mehr als einem halben Jahrhundert die Wetterzeichen vom East Cliff aus beobachtet, sagte auf nachdrückliche Weise das Kommen eines plötzlichen Sturms voraus. Der Herannahen des Sonnenuntergangs war so sehr schön, so großartig in seinen Massen herrlich gefärbter Wolken, dass sich auf dem Weg entlang der Klippe im alten Kirchhof eine ganze Ansammlung einfand, um die Schönheit zu genießen. Bevor die Sonne unter die schwarze Masse von Kettleness tauchte, die kühn quer über den westlichen Himmel stand, wurde ihr absteigender Weg von einer Myriade von Wolken in jeder Sonnenuntergangsfarbe gezeichnet – Flammen, Purpur, Pink, Grün, Violett und alle Schattierungen von Gold; mit hier und da Massen, nicht groß, aber scheinbar von absoluter Schwärze, in allen möglichen Formen, so gut umrissen wie kolossale Silhouetten. Die Erfahrung ging den Malern nicht verloren, und zweifellos werden einige der Skizzen des „Präludiums zum Großen Sturm“ im kommenden Mai die Wände der R.A. und R.I. zieren. Mehr als ein Kapitän fasste dann und dort den Entschluss, dass seine „Cobble“ oder sein „Mule“, wie sie die verschiedenen Bootsklassen nennen, im Hafen bleiben würden, bis der Sturm vorüber sei. Der Wind flaute während des Abends gänzlich ab, und um Mitternacht herrschte eine Totenstille, eine schwüle Hitze und jene vorherrschende Intensität, die bei herannahendem Donner auf empfindsame Naturen einwirkt. Es waren nur wenige Lichter auf See zu sehen, denn selbst die Küstendampfer, die normalerweise so eng an der Küste bleiben, hielten sich weit seewärts, und nur wenige Fischerboote waren in Sicht. Das einzige bemerkbare Segel war ein ausländischer Schoner mit allen gesetzten Segeln, der anscheinend nach Westen fuhr. Die Tollkühnheit oder Unwissenheit seiner Offiziere war ein ergiebiges Thema für Kommentare, solange er in Sicht blieb, und es wurden Anstrengungen unternommen, ihm zu signalisieren, angesichts seiner Gefahr die Segel zu kürzen. Bevor die Nacht hereinbrach, sah man ihn mit träge flatternden Segeln, während er sanft auf der wogenden Dünung des Meeres rollte,

„So träge wie ein gemaltes Schiff auf einem gemalten Ozean.“

Kurz vor zehn Uhr wurde die Stille der Luft ganz bedrückend, und die Stille war so ausgeprägt, dass das Blöken eines Schafes im Landesinneren oder das Bellen eines Hundes in der Stadt deutlich zu hören war, und die Kapelle auf dem Pier mit ihrer lebhaften französischen Weise war wie ein Missklang in der großen Harmonie der Stille der Natur. Kurz nach Mitternacht kam ein seltsames Geräusch vom Meer her, und hoch über den Köpfen begann die Luft ein seltsames, schwaches, hohles Dröhnen zu tragen.

Dann brach der Sturm ohne Vorwarnung los. Mit einer Schnelligkeit, die zu jener Zeit unglaublich erschien und die man sich selbst im Nachhinein kaum vorstellen kann, geriet das gesamte Antlitz der Natur in Aufruhr. Die Wellen türmten sich in wachsender Wut auf, eine überragte die andere, bis das vor Kurzem noch spiegelglatte Meer innerhalb weniger Minuten einem brüllenden, verschlingenden Ungeheuer glich. Weißgekrönte Wogen schlugen wahnsinnig auf den flachen Sand ein und rasten die schrägen Klippen hinauf; andere brachen über die Piers und fegten mit ihrer Gischt die Laternen der Leuchttürme hinweg, die sich an den Enden beider Piers des Hafens von Whitby erheben. Der Wind heulte wie Donner und blies mit einer solchen Gewalt, dass selbst starke Männer nur mit Mühe auf den Beinen bleiben oder sich mit grimmigem Griff an den eisernen Stützen halten konnten. Es erwies sich als notwendig, die gesamten Piers von der Menge der Schaulustigen zu räumen, da sich die Zahl der Todesopfer in dieser Nacht sonst um ein Vielfaches erhöht hätte. Um die Schwierigkeiten und Gefahren jener Zeit noch zu vergrößern, zogen Nebelmassen vom Meer landeinwärts – weiße, feuchte Wolken, die auf gespenstische Weise vorüberzogen, so modrig, feucht und kalt, dass es nur wenig Einbildungskraft bedurfte, um zu glauben, die Geister der auf See Verlorenen berührten ihre lebenden Brüder mit den klammen Händen des Todes; und so mancher schauderte, wenn die Schwaden des Meernebels vorbeizogen. Hin und wieder lichtete sich der Nebel, und das Meer konnte für eine gewisse Distanz im Schein der Blitze gesehen werden, die nun dicht und schnell aufeinanderfolgten, gefolgt von solch plötzlichen Donnerschlägen, dass der ganze Himmel über uns unter dem Schock der Schritte des Sturms zu beben schien. Einige der Szenen, die sich so offenbarten, waren von unermesslicher Erhabenheit und fesselndem Interesse – das Meer, das sich zu berghohen Wellen auftürmte, schleuderte mit jeder Woge gewaltige Massen weißen Schaums himmelwärts, nach denen der Sturm zu greifen und sie in den Weltraum zu wirbeln schien; hier und da ein Fischerboot mit einem Fetzen Segel, das wahnsinnig vor dem Windstoss nach Schutz suchte; ab und zu die weißen Flügel eines vom Sturm gepeitschten Seevogels. Auf dem Gipfel des East Cliff war der neue Suchscheinwerfer für Versuche bereit, aber noch nicht erprobt worden. Die dafür zuständigen Offiziere brachten ihn in Betrieb und suchten in den Pausen des hereinbrechenden Nebels die Meeresoberfläche ab. Ein- oder zweimal war sein Einsatz äußerst effektiv, etwa als ein Fischerboot mit der Reling unter Wasser in den Hafen raste und durch die Führung des schützenden Lichts der Gefahr entging, gegen die Piers zu prallen. Als jedes Boot die Sicherheit des Hafens erreichte, erscholl ein Freudenschrei von der Menschenmenge am Ufer, ein Schrei, der für einen Moment den Sturm zu spalten schien und dann in seinem Tosen hinweggefegt wurde. Nach kurzer Zeit entdeckte der Suchscheinwerfer in einiger Entfernung einen Schoner mit gesetzten Segeln, anscheinend dasselbe Schiff, das bereits früher am Abend bemerkt worden war. Der Wind war inzwischen auf Ost gedreht, und ein Schaudern lief durch die Beobachter auf der Klippe, als sie die schreckliche Gefahr erkannten, in der sich das Schiff nun befand. Zwischen ihm und dem Hafen lag das große, flache Riff, auf dem schon so viele gute Schiffe von Zeit zu Zeit ihr Ende fanden, und bei dem Wind, der aus dieser Richtung blies, wäre es völlig unmöglich gewesen, die Hafeneinfahrt zu erreichen. Es war nun fast die Stunde der Flut, aber die Wellen waren so gewaltig, dass in ihren Tälern die Untiefen des Ufers fast sichtbar waren, und der Schoner mit allen gesetzten Segeln raste mit einer solchen Geschwindigkeit, dass er, in den Worten eines alten Seebären, „irgendwo stranden muss, und wenn es in der Hölle wäre.“ Dann kam ein weiterer Stoß Meernebel, stärker als jeder zuvor – eine Masse modrigen Nebels, die sich wie ein graues Leichentuch über alles zu legen schien und den Menschen nur den Gehörsinn ließ, denn das Brüllen des Sturms, das Krachen des Donners und das Dröhnen der gewaltigen Böen drangen durch das feuchte Vergessen noch lauter als zuvor. Die Strahlen des Suchscheinwerfers wurden fest auf die Hafeneinfahrt hinter dem East Pier gerichtet, wo man den Aufprall erwartete, und die Männer warteten atemlos. Der Wind drehte plötzlich auf Nordost, und der Rest des Meernebels schmolz im Windstoß; und dann, mirabile dictu, zwischen den Piers hindurch, von Welle zu Welle springend, während es mit rasender Geschwindigkeit dahinfuhr, fegte der fremde Schoner vor dem Wind, alle Segel gesetzt, und erreichte die Sicherheit des Hafens. Der Suchscheinwerfer folgte ihm, und ein Schaudern lief durch alle, die ihn sahen, denn an das Ruder war eine Leiche gebunden, mit herabhängendem Kopf, der bei jeder Bewegung des Schiffes schrecklich hin und her schwang. Keine andere Gestalt war auf dem Deck zu sehen. Eine große Ehrfurcht überkam alle, als sie erkannten, dass das Schiff wie durch ein Wunder den Hafen gefunden hatte, ungesteuert, außer durch die Hand eines toten Mannes! Doch alles geschah schneller, als es dauert, diese Worte zu schreiben. Der Schoner hielt nicht inne, sondern raste über den Hafen und warf sich auf jene Ansammlung von Sand und Kies, die von vielen Gezeiten und vielen Stürmen in die südöstliche Ecke des Piers gespült worden war, der unter dem East Cliff hervorsticht und örtlich als Tate Hill Pier bekannt ist.

Es gab natürlich einen beträchtlichen Aufprall, als das Schiff auf den Sandhaufen auffuhr. Jeder Mast, jedes Tau und jedes Stag wurde gespannt, und ein Teil des „Top-Geschirrs“ kam krachend herab. Aber, was am seltsamsten war: Im selben Augenblick, als das Ufer berührt wurde, sprang ein riesiger Hund von unten auf das Deck, als wäre er durch den Aufprall hochgeschleudert worden, lief nach vorne und sprang vom Bug auf den Sand. Er hielt direkt auf die steile Klippe zu, wo der Kirchhof so steil über dem Weg zum East Pier hängt, dass einige der flachen Grabsteine – „thruff-steans“ oder „through-stones“, wie sie im Whitby-Dialekt genannt werden – tatsächlich über die Stelle hinausragen, wo die stützende Klippe weggebrochen ist, und verschwand in der Dunkelheit, die jenseits des Fokus des Suchscheinwerfers noch verstärkt zu sein schien.

Es traf sich so, dass in diesem Moment niemand auf dem Tate Hill Pier war, da alle, deren Häuser in unmittelbarer Nähe liegen, entweder im Bett waren oder sich auf den Höhen darüber befanden. So war der diensthabende Küstenwächter an der Ostseite des Hafens, der sofort zu dem kleinen Pier hinunterlief, der Erste, der an Bord kletterte. Die Männer, die den Suchscheinwerfer bedienten, nachdem sie die Hafeneinfahrt ohne Ergebnis abgesucht hatten, richteten das Licht dann auf das führerlose Schiff und ließen es dort. Der Küstenwächter lief nach achtern, und als er neben das Steuer kam, bückte er sich, um es zu untersuchen, und wich sofort zurück, als stünde er unter einem plötzlichen Eindruck. Dies schien die allgemeine Neugier zu wecken, und eine ganze Anzahl von Menschen begann zu laufen. Es ist ein weiter Weg vom West Cliff über die Zugbrücke bis zum Tate Hill Pier, aber Ihr Korrespondent ist ein ziemlich guter Läufer und kam weit vor der Menge an. Als ich jedoch ankam, fand ich bereits eine Menschenmenge auf dem Pier versammelt, die der Küstenwächter und die Polizei nicht an Bord lassen wollten. Durch die Höflichkeit des leitenden Bootsmanns durfte ich als Ihr Korrespondent an Deck klettern und gehörte zu einer kleinen Gruppe, die jenen toten Seemann sah, während er noch an das Ruder gebunden war.

Es war kein Wunder, dass der Küstenwächter überrascht oder gar ehrfürchtig war, denn nicht oft kann ein solcher Anblick zu sehen gewesen sein. Der Mann war einfach mit seinen Händen, die eine über der anderen festgebunden waren, an einer Speiche des Rades befestigt. Zwischen der inneren Hand und dem Holz befand sich ein Kruzifix, die Rosenkranzkette, an der es befestigt war, lag um beide Handgelenke und das Rad, und alles wurde durch die bindenden Schnüre festgehalten. Der arme Kerl mag einmal gesessen haben, aber das Schlagen und Stoßen der Segel hatte durch das Ruder des Rades an ihm gearbeitet und ihn hin und her gezerrt, sodass die Schnüre, mit denen er gefesselt war, das Fleisch bis auf den Knochen geschnitten hatten. Es wurde eine genaue Notiz über den Zustand der Dinge gemacht, und ein Arzt – Chirurg J. M. Caffyn aus 33, East Elliot Place –, der unmittelbar nach mir eintraf, erklärte nach der Untersuchung, dass der Mann schon seit gut zwei Tagen tot sein müsse. In seiner Tasche befand sich eine sorgfältig verkorkte Flasche, leer bis auf eine kleine Papierrolle, die sich als Nachtrag zum Logbuch herausstellte. Der Küstenwächter sagte, der Mann müsse seine Hände selbst zusammengebunden und die Knoten mit seinen Zähnen befestigt haben. Die Tatsache, dass ein Küstenwächter der Erste an Bord war, könnte später im Admiralitätsgericht einige Komplikationen ersparen; denn die Küstenwächter können nicht das Bergungsrecht beanspruchen, das dem ersten Zivilisten zusteht, der ein herrenloses Schiff betritt. Doch schon sind die Zungen der Juristen in Bewegung, und ein junger Jurastudent behauptet lautstark, dass die Rechte des Eigentümers bereits vollständig geopfert seien, da sein Eigentum im Widerspruch zu den Gesetzen der Toten Hand gehalten werde, da das Steuer als Sinnbild, wenn nicht gar als Beweis für delegierten Besitz, in einer toten Hand gehalten wird. Es erübrigt sich zu sagen, dass der tote Steuermann ehrfürchtig von dem Ort entfernt wurde, an dem er bis zum Tode seine ehrenvolle Wache gehalten hatte – eine Standhaftigkeit, so edel wie die des jungen Casabianca – und in das Leichenschauhaus gebracht wurde, um auf die Untersuchung zu warten.

Schon lässt der plötzliche Sturm nach und seine Heftigkeit nimmt ab; die Menschenmengen zerstreuen sich heimwärts, und der Himmel beginnt sich über den Yorkshire Wolds zu röten. Ich werde rechtzeitig für Ihre nächste Ausgabe weitere Details über das herrenlose Schiff senden, das so wundersam im Sturm seinen Weg in den Hafen fand.

Whitby.

9. August. – Die Fortsetzung der seltsamen Ankunft des herrenlosen Schiffes im Sturm gestern Nacht ist fast noch erstaunlicher als die Sache selbst. Es stellt sich heraus, dass der Schoner ein russisches Schiff aus Warna ist und „Demeter“ heißt. Er ist fast vollständig mit Silbersand ballastiert, mit nur einer kleinen Menge Fracht – einer Anzahl großer Holzkisten, die mit Erde gefüllt sind. Diese Fracht war an einen Anwalt in Whitby, Herrn S. F. Billington aus 7, The Crescent, adressiert, der heute Morgen an Bord ging und formell Besitz von den ihm übersandten Waren nahm. Auch der russische Konsul, der für die Charterpartei handelte, nahm formell Besitz von dem Schiff und bezahlte alle Hafengebühren usw. Über nichts anderes wird heute hier gesprochen außer über den seltsamen Zufall; die Beamten des Board of Trade waren äußerst genau darauf bedacht, dass jede Einhaltung der geltenden Vorschriften erfolgte. Da die Angelegenheit ein „neuntägiges Wunder“ werden soll, sind sie offensichtlich entschlossen, dass es keinen Grund für spätere Beschwerden geben soll. Ein großes Interesse herrschte wegen des Hundes, der an Land ging, als das Schiff aufschlug, und nicht wenige Mitglieder der Tierschutzgesellschaft, die in Whitby sehr stark ist, haben versucht, sich mit dem Tier anzufreunden. Zur allgemeinen Enttäuschung war es jedoch nicht zu finden; es scheint völlig aus der Stadt verschwunden zu sein. Es mag sein, dass es erschrocken war und sich auf das Moor begeben hat, wo es sich immer noch voller Angst versteckt. Es gibt einige, die mit Schrecken auf eine solche Möglichkeit blicken, aus Sorge, es könnte später selbst zu einer Gefahr werden, denn es ist offensichtlich ein wildes Tier. Heute früh wurde ein großer Hund, ein Mastiff-Mischling, der einem Kohlenhändler in der Nähe des Tate Hill Pier gehörte, tot auf der Straße gegenüber dem Hof seines Herrn gefunden. Er hatte gekämpft und hatte offensichtlich einen wilden Gegner gehabt, denn seine Kehle war herausgerissen und sein Bauch aufgeschlitzt, als wäre es mit einer wilden Klaue geschehen.

Später. – Durch die Freundlichkeit des Inspektors des Board of Trade durfte ich einen Blick in das Logbuch der „Demeter“ werfen, das bis auf drei Tage vollständig war, aber außer den Tatsachen über die vermissten Männer nichts von besonderem Interesse enthielt. Das größere Interesse gilt jedoch dem Papier, das in der Flasche gefunden wurde und das heute bei der Untersuchung vorgelegt wurde; und eine seltsamere Erzählung als die, die die beiden zusammen entfalten, ist mir nicht untergekommen. Da es kein Motiv für eine Geheimhaltung gibt, darf ich sie verwenden und sende Ihnen dementsprechend eine Abschrift, wobei ich lediglich technische Details der Seemannschaft und die Beiladung weglasse. Es scheint fast so, als hätte den Kapitän eine Art Manie befallen, bevor er richtig in tiefes Wasser gekommen war, und dass sich diese während der Reise beharrlich entwickelt habe. Natürlich muss meine Aussage mit einem Körnchen Salz genommen werden, da ich nach dem Diktat eines Angestellten des russischen Konsuls schreibe, der freundlicherweise für mich übersetzt hat, da die Zeit knapp war.

/Logbuch der „Demeter“./

Warna nach Whitby.

_Geschrieben am 18. Juli, die Dinge sind so seltsam, dass ich von nun an genaue Aufzeichnungen führen werde, bis wir landen._

Am 6. Juli beendeten wir die Ladung, Silbersand und Kisten mit Erde. Mittags setzten wir Segel. Ostwind, frisch. Besatzung, fünf Mann, ... zwei Maate, Koch und ich (Kapitän).

Am 11. Juli bei Morgengrauen in den Bosporus eingelaufen. Von türkischen Zollbeamten betreten. Bakschisch. Alles korrekt. Weiterfahrt um 16 Uhr.

Am 12. Juli durch die Dardanellen. Mehr Zollbeamte und Flaggschiff des Wachgeschwaders. Wieder Bakschisch. Die Arbeit der Beamten war gründlich, aber schnell. Sie wollten uns schnell loswerden. Bei Dunkelheit in den Archipel eingetreten.

Am 13. Juli Kap Matapan passiert. Besatzung unzufrieden wegen irgendetwas. Sie schienen verängstigt, wollten aber nicht offen sprechen.

Am 14. Juli war ich etwas besorgt wegen der Besatzung. Die Männer waren alle stetige Burschen, die schon früher mit mir gesegelt sind. Der Maat konnte nicht herausfinden, was nicht stimmte; sie sagten ihm nur, es gäbe da etwas, und bekreuzigten sich. Der Maat verlor an jenem Tag die Geduld mit einem von ihnen und schlug ihn. Ich erwartete einen heftigen Streit, aber alles blieb ruhig.

Am 16. Juli berichtete der Maat am Morgen, dass einer der Besatzungsmitglieder, Petrofsky, vermisst werde. Konnte es sich nicht erklären. Hatte letzte Nacht die Backbordwache um acht Glocken; wurde von Abramoff abgelöst, ging aber nicht in die Koje. Die Männer waren niedergeschlagener als je zuvor. Alle sagten, sie hätten so etwas erwartet, wollten aber nicht mehr sagen, als dass etwas an Bord sei. Der Maat wurde sehr ungeduldig mit ihnen; befürchtete Ärger.

Am 17. Juli, gestern, kam einer der Männer, Olgaren, in meine Kabine und vertraute mir voller Ehrfurcht an, dass er glaube, ein fremder Mann sei an Bord des Schiffes. Er sagte, während seiner Wache habe er sich hinter dem Deckshaus versteckt, da es ein Regensturm war, als er einen großen, dünnen Mann sah, der keinem der Besatzungsmitglieder glich, der den Niedergang heraufkam, nach vorne über das Deck ging und verschwand. Er folgte vorsichtig, fand aber am Bug niemanden, und die Luken waren alle geschlossen. Er war in einer Panik aus abergläubischer Furcht, und ich fürchte, die Panik könnte sich ausbreiten. Um sie zu beruhigen, werde ich heute das gesamte Schiff sorgfältig von Bug bis Heck durchsuchen.

Später am Tag rief ich die ganze Besatzung zusammen und sagte ihnen, da sie offensichtlich dachten, jemand sei auf dem Schiff, sollten wir von Bug bis Heck suchen. Der erste Maat war wütend; sagte, es sei Dummheit, und solchen törichten Ideen nachzugeben, würde die Männer demoralisieren; sagte, er würde sich verpflichten, sie mit einem Enterhaken aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Ich ließ ihn das Steuer übernehmen, während der Rest eine gründliche Suche begann, alle nebeneinander, mit Laternen; wir ließen keine Ecke ungesucht. Da es nur die großen Holzkisten gab, gab es keine ungeraden Ecken, wo sich ein Mann verstecken konnte. Die Männer waren sehr erleichtert, als die Suche vorbei war, und gingen fröhlich an die Arbeit zurück. Der erste Maat blickte finster, sagte aber nichts.

22. Juli. – Raues Wetter in den letzten drei Tagen, und alle Hände voll zu tun mit den Segeln – keine Zeit, um Angst zu haben. Die Männer scheinen ihre Furcht vergessen zu haben. Maat wieder fröhlich, und alle auf gutem Fuß. Lobte die Männer für die Arbeit bei schlechtem Wetter. Gibraltar passiert und durch die Straße von Gibraltar. Alles in Ordnung.

24. Juli. – Es scheint ein Fluch auf diesem Schiff zu liegen. Schon ein Mann weniger, und wir fahren in den Golf von Biskaya mit wildem Wetter vor uns, und doch ist letzte Nacht ein weiterer Mann verloren gegangen – verschwunden. Wie beim ersten kam er von seiner Wache und wurde nicht mehr gesehen. Die Männer sind alle in Panik vor Angst; sie haben ein Rundschreiben geschickt, in dem sie um eine Doppelwache bitten, da sie Angst haben, allein zu sein. Der Maat ist gewalttätig. Ich fürchte, es wird noch Ärger geben, da entweder er oder die Männer zu Gewalt greifen werden.

28. Juli. – Vier Tage in der Hölle, in einer Art Mahlstrom herumgeworfen, und der Wind ist ein Sturm. Kein Schlaf für niemanden. Die Männer sind alle erschöpft. Weiß kaum, wie ich eine Wache aufstellen soll, da niemand mehr fähig ist. Der zweite Maat bot sich an, zu steuern und Wache zu halten und die Männer ein paar Stunden schlafen zu lassen. Wind lässt nach; die See ist immer noch schrecklich, aber ich fühle es weniger, da das Schiff ruhiger liegt.

29. Juli. – Eine weitere Tragödie. Hatte heute Nacht nur eine einfache Wache, da die Besatzung zu müde für eine doppelte war. Als die Morgenwache an Deck kam, konnte niemand außer dem Steuermann gefunden werden. Schlug Alarm, und alle kamen an Deck. Gründliche Suche, aber niemand gefunden. Wir sind jetzt ohne zweiten Maat, und die Besatzung ist in Panik. Der Maat und ich vereinbarten, von nun an bewaffnet zu sein und auf Anzeichen der Ursache zu warten.

30. Juli. – Letzte Nacht. Freute mich, dass wir England näher kommen. Wetter schön, alle Segel gesetzt. Zog mich erschöpft zurück; schlief tief; wurde vom Maat geweckt, der mir sagte, dass beide Männer der Wache und der Steuermann vermisst würden. Nur ich, der Maat und zwei Mann sind übrig, um das Schiff zu führen.

1. August. – Zwei Tage Nebel, und kein Segel in Sicht. Hatte gehofft, im Ärmelkanal Hilfe signalisieren oder irgendwo einlaufen zu können. Da ich die Segel nicht bedienen kann, muss ich vor dem Wind laufen. Wage nicht, sie zu senken, da ich sie nicht wieder hochziehen könnte. Wir scheinen auf ein schreckliches Ende zuzutreiben. Der Maat ist jetzt demoralisierter als jeder von ihnen. Sein stärkeres Wesen scheint sich innerlich gegen ihn gewandt zu haben. Die Männer sind jenseits der Angst, arbeiten stumpfsinnig und geduldig, entschlossen, das Schlimmste zu erwarten. Sie sind Russen, er ist Rumäne.

2. August, Mitternacht. – Durch einen Schrei aus dem Schlaf geweckt, anscheinend außerhalb meines Bullauges. Konnte im Nebel nichts sehen. Stürzte an Deck und rannte gegen den Maat. Er sagt mir, er habe einen Schrei gehört und sei gerannt, aber keine Spur vom Mann der Wache. Einer mehr weg. Herr, hilf uns! Der Maat sagt, wir müssen die Straße von Dover passiert haben, da er in einem Moment, als sich der Nebel lichtete, North Foreland sah, genau als er den Mann schreien hörte. Wenn dem so ist, sind wir jetzt in der Nordsee, und nur Gott kann uns im Nebel führen, der sich mit uns zu bewegen scheint; und Gott scheint uns verlassen zu haben.

3. August. – Um Mitternacht ging ich, um den Mann am Ruder abzulösen, aber als ich dort ankam, fand ich niemanden vor. Der Wind war stetig, und da wir vor ihm liefen, gab es kein Gieren. Ich wagte es nicht, es zu verlassen, also rief ich nach dem Maat. Nach ein paar Sekunden stürmte er in seiner Unterwäsche an Deck. Er sah wild und ausgemergelt aus, und ich fürchte sehr, dass sein Verstand nachgegeben hat. Er kam nah an mich heran und flüsterte heiser mit dem Mund an meinem Ohr, als ob er fürchtete, die Luft selbst könnte hören: „Es ist hier; ich weiß es jetzt. In der Wache letzte Nacht sah ich Es, wie einen Mann, groß und dünn, und totenblass. Es war im Bug und schaute hinaus. Ich schlich mich hinter Es und gab ihm mein Messer; aber das Messer ging durch Es hindurch, leer wie die Luft.“ Und während er sprach, nahm er sein Messer und stieß es wild in den leeren Raum. Dann fuhr er fort: „Aber Es ist hier, und ich werde es finden. Es ist im Laderaum, vielleicht in einer dieser Kisten. Ich werde sie eine nach der anderen aufschrauben und nachsehen. Du steuere das Ruder.“ Und mit einem warnenden Blick und dem Finger auf den Lippen ging er nach unten. Ein böiger Wind kam auf, und ich konnte das Steuer nicht verlassen. Ich sah ihn mit einem Werkzeugkasten und einer Laterne wieder an Deck kommen und die vordere Luke hinuntergehen. Er ist verrückt, stocknüchtern, wahnsinnig, und es hat keinen Zweck, dass ich versuche, ihn aufzuhalten. Er kann diesen großen Kisten nichts anhaben: Sie sind als „Ton“ deklariert, und daran herumzuziehen ist das Harmloseste, was er tun kann. Also bleibe ich hier, achte auf das Steuer und schreibe diese Notizen. Ich kann nur auf Gott vertrauen und warten, bis sich der Nebel lichtet. Wenn ich dann mit dem Wind, der weht, keinen Hafen ansteuern kann, werde ich die Segel kappen, beidrehen und um Hilfe signalisieren ...

Es ist nun fast alles vorbei. Gerade als ich zu hoffen begann, dass der Maat ruhiger werden würde – denn ich hörte ihn unten im Laderaum an etwas hämmern, und Arbeit tut ihm gut –, kam ein plötzlicher, erschrockener Schrei aus dem Lukenschacht, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, und er kam an Deck gestürmt, als wäre er aus einer Kanone geschossen worden – ein rasender Wahnsinniger, mit rollenden Augen und einem Gesicht, das vor Angst verzerrt war. „Rettet mich! Rettet mich!“, schrie er und blickte dann auf den Nebelschleier um uns herum. Sein Entsetzen schlug in Verzweiflung um, und mit fester Stimme sagte er: „Sie sollten auch mitkommen, Kapitän, ehe es zu spät ist. Er ist da. Ich kenne jetzt das Geheimnis. Das Meer wird mich vor Ihm retten, und das ist alles, was mir bleibt!“ Ehe ich ein Wort sagen oder einen Schritt nach vorn tun konnte, um ihn zu ergreifen, sprang er auf das Schanzkleid und stürzte sich vorsätzlich ins Meer. Ich nehme an, ich kenne das Geheimnis nun auch. Es war dieser Wahnsinnige, der die Männer einen nach dem anderen beseitigt hatte, und nun ist er ihnen selbst gefolgt. Gott steh mir bei! Wie soll ich all diese Schrecken erklären, wenn ich den Hafen erreiche? Wenn ich den Hafen erreiche! Wird das jemals sein?

4. August. – Immer noch Nebel, den der Sonnenaufgang nicht durchdringen kann. Ich weiß, dass Sonnenaufgang ist, weil ich ein Seemann bin; warum sonst, weiß ich nicht. Ich wagte nicht, unter Deck zu gehen, ich wagte nicht, das Steuer zu verlassen; also blieb ich die ganze Nacht hier, und im Dämmerlicht der Nacht sah Ich – Ihn! Gott verzeihe mir, aber der Maat hatte recht, über Bord zu springen. Es ist besser, wie ein Mann zu sterben; gegen ein Sterben wie ein Seemann im tiefblauen Wasser kann niemand etwas einwenden. Doch ich bin Kapitän, und ich darf mein Schiff nicht verlassen. Aber ich werde diesen Unhold oder dieses Monster überlisten, denn ich werde meine Hände an das Steuerrad binden, wenn meine Kraft zu schwinden beginnt, und zusammen mit ihnen werde ich das binden, was Er – Es! – nicht zu berühren wagt; und dann, ob bei gutem oder schlechtem Wind, werde ich meine Seele und meine Ehre als Kapitän retten. Ich werde schwächer, und die Nacht bricht herein. Wenn Er mir wieder ins Gesicht schauen kann, habe ich vielleicht keine Zeit mehr zu handeln... Sollten wir Schiffbruch erleiden, mag diese Flasche vielleicht gefunden werden, und wer sie findet, mag verstehen; wenn nicht, ... nun, dann sollen alle Menschen wissen, dass ich meinem Auftrag treu geblieben bin. Gott und die Heilige Jungfrau und die Heiligen mögen einer armen, unwissenden Seele beistehen, die versucht, ihre Pflicht zu tun....

Natürlich lautete das Urteil auf ungeklärte Weise. Es gibt keine Beweise vorzubringen; und ob der Mann selbst die Morde begangen hat oder nicht, kann nun niemand mehr sagen. Die Leute hier sind fast einhellig der Meinung, der Kapitän sei schlicht ein Held, und ihm soll ein öffentliches Begräbnis zuteilwerden. Es ist bereits arrangiert, dass sein Leichnam mit einem Geleitzug von Booten ein Stück den Esk hinaufgebracht und dann zurück zum Tate Hill Pier und die Abbey-Stufen hinauf getragen wird; denn er soll auf dem Friedhof auf der Klippe beigesetzt werden. Die Eigner von mehr als hundert Booten haben bereits ihre Namen angegeben, da sie ihn zum Grab begleiten möchten.

Vom großen Hund wurde keine Spur gefunden; darüber herrscht große Trauer, denn bei der gegenwärtigen Stimmung in der Öffentlichkeit würde er, so glaube ich, von der Stadt aufgenommen werden. Morgen wird das Begräbnis stattfinden; und so wird dieses weitere „Geheimnis des Meeres“ enden.

/Mina Murrays Tagebuch./

8. August. – Lucy war die ganze Nacht sehr unruhig, und auch ich konnte nicht schlafen. Der Sturm war schrecklich, und als er laut durch die Schornsteine dröhnte, ließ er mich schaudern. Wenn ein scharfer Windstoß kam, klang es wie ein fernes Geschütz. Seltsamerweise wachte Lucy nicht auf; aber sie stand zweimal auf und kleidete sich an. Glücklicherweise wachte ich jedes Mal rechtzeitig auf und brachte es fertig, sie auszuziehen, ohne sie zu wecken, und sie wieder ins Bett zu bringen. Es ist eine sehr sonderbare Sache, dieses Schlafwandeln, denn sobald ihr Wille auf irgendeine physische Weise gehemmt wird, verschwindet ihre Absicht, falls überhaupt eine vorhanden ist, und sie fügt sich fast exakt in den Rhythmus ihres Lebens.

Am frühen Morgen standen wir beide auf und gingen hinunter zum Hafen, um zu sehen, ob in der Nacht etwas geschehen war. Es waren nur sehr wenige Menschen unterwegs, und obwohl die Sonne hell schien und die Luft klar und frisch war, drängten sich die großen, grimmig aussehenden Wellen, die selbst dunkel wirkten, weil der Schaum, der sie krönte, wie Schnee aussah, durch die schmale Hafeneinfahrt – wie ein rücksichtsloser Mann, der sich durch eine Menschenmenge drängt. Irgendwie war ich froh, dass Jonathan letzte Nacht nicht auf See, sondern an Land war. Aber oh, ist er an Land oder auf See? Wo ist er, und wie geht es ihm? Ich werde schrecklich unruhig um ihn. Wenn ich nur wüsste, was zu tun ist, und irgendetwas tun könnte!

10. August. – Das Begräbnis des armen Schiffskapitäns heute war höchst bewegend. Jedes Boot im Hafen schien dort zu sein, und der Sarg wurde von Kapitänen den ganzen Weg vom Tate Hill Pier bis zum Friedhof getragen. Lucy kam mit mir, und wir gingen früh zu unserem alten Sitzplatz, während der Bootskonvoi den Fluss bis zum Viadukt hinauf und wieder zurück fuhr. Wir hatten eine herrliche Aussicht und konnten die Prozession fast den ganzen Weg über verfolgen. Der arme Kerl wurde ganz in der Nähe unseres Platzes zur letzten Ruhe gebettet, sodass wir uns darauf stellten, als die Zeit gekommen war, und alles sehen konnten. Die arme Lucy wirkte sehr mitgenommen. Sie war die ganze Zeit rastlos und unruhig, und ich kann nicht umhin zu glauben, dass ihr nächtliches Träumen ihr zusetzt. Sie ist in einer Hinsicht ganz eigen: Sie will mir gegenüber nicht zugeben, dass es irgendeinen Grund für ihre Unruhe gibt; oder falls es einen gibt, versteht sie ihn selbst nicht. Ein zusätzlicher Grund ist, dass der arme alte Mr. Swales heute Morgen tot auf unserem Sitzplatz gefunden wurde, mit gebrochenem Genick. Er war offensichtlich, wie der Arzt sagte, in einer Art Schreck nach hinten auf den Sitz gefallen, denn auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Angst und Entsetzen, bei dem die Männer sagten, er ließe sie schaudern. Armer, lieber alter Mann! Vielleicht hatte er mit seinen sterbenden Augen den Tod gesehen! Lucy ist so sanft und empfindsam, dass sie Einflüsse stärker spürt als andere Menschen. Gerade eben war sie ganz verstört wegen einer Kleinigkeit, auf die ich nicht viel geachtet habe, obwohl ich selbst sehr an Tieren hänge. Einer der Männer, die oft hierher kommen, um nach den Booten zu schauen, wurde von seinem Hund begleitet. Der Hund ist immer bei ihm. Beide sind ruhige Gesellen, und ich habe den Mann nie zornig gesehen, noch den Hund bellen hören. Während des Gottesdienstes wollte der Hund nicht zu seinem Herrchen kommen, der mit uns auf der Bank saß, sondern blieb ein paar Meter abseits, bellend und heulend. Sein Herr sprach sanft auf ihn ein, dann streng, und dann zornig; aber er wollte weder kommen noch aufhören, Lärm zu machen. Er war in einer Art Raserei, mit wilden Augen, und alle Haare sträubten sich wie bei einem Katzenbuckel, wenn Miez auf dem Kriegspfad ist. Schließlich wurde auch der Mann zornig, sprang herunter und trat nach dem Hund, packte ihn dann am Genick und zerrte ihn halb, halb warf er ihn auf den Grabstein, auf dem die Bank befestigt ist. In dem Moment, als er den Stein berührte, wurde das arme Tier still und begann am ganzen Körper zu zittern. Es versuchte nicht wegzulaufen, sondern kauerte sich zusammen, zitternd und duckend, und war in einem derart erbärmlichen Zustand der Angst, dass ich versuchte, es zu trösten, wenn auch ohne Erfolg. Lucy war ebenfalls voller Mitleid, aber sie versuchte nicht, den Hund zu berühren, sondern sah ihn mit einem gequälten Blick an. Ich fürchte sehr, dass sie eine zu übersensible Natur hat, um ohne Schwierigkeiten durch die Welt zu gehen. Sie wird heute Nacht davon träumen, da bin ich sicher. Die ganze Anhäufung der Dinge – das Schiff, das von einem Toten in den Hafen gesteuert wurde; seine Haltung, an das Steuer gebunden mit einem Kruzifix und Rosenkranz; das bewegende Begräbnis; der Hund, erst rasend und dann in Todesangst – all das wird Stoff für ihre Träume liefern.

Ich glaube, es ist das Beste für sie, körperlich erschöpft ins Bett zu gehen, also werde ich sie für einen langen Spaziergang an den Klippen nach Robin Hood’s Bay und zurück mitnehmen. Dann dürfte sie kaum Neigung zum Schlafwandeln verspüren.

KAPITEL VIII.

/Mina Murrays Tagebuch./

Am selben Tag, 23 Uhr. – Oh, bin ich müde! Wäre es nicht so, dass ich mein Tagebuch zu einer Pflicht gemacht habe, würde ich es heute Abend nicht aufschlagen. Wir hatten einen herrlichen Spaziergang. Lucy war nach einer Weile bester Laune, was, glaube ich, an ein paar lieben Kühen lag, die in einem Feld nahe dem Leuchtturm schnüffelnd auf uns zukamen und uns einen Riesenschreck einjagten. Ich glaube, wir vergaßen alles, außer natürlich die persönliche Angst, und es schien uns den Kopf freizumachen und uns einen neuen Anfang zu ermöglichen. Wir hatten einen erstklassigen „starken Tee“ in Robin Hood’s Bay in einem süßen kleinen, altmodischen Gasthof mit einem Erkerfenster direkt über den mit Seetang bedeckten Felsen des Strandes. Ich glaube, wir hätten die „Neue Frau“ mit unserem Appetit schockiert. Männer sind toleranter, Gott segne sie! Dann wanderten wir nach Hause, mit einigen, oder vielmehr vielen Unterbrechungen zum Ausruhen, und mit unseren Herzen voller ständiger Angst vor wilden Stieren. Lucy war wirklich müde, und wir hatten vor, uns so schnell wie möglich ins Bett zu schleichen. Der junge Vikar kam jedoch herein, und Mrs. Westenra bat ihn, zum Abendessen zu bleiben. Lucy und ich hatten beide einen Kampf mit dem Sandmännchen; ich weiß, es war ein harter Kampf meinerseits, und ich bin ganz heldenhaft. Ich denke, eines Tages müssen sich die Bischöfe zusammensetzen und sich darum kümmern, eine neue Klasse von Vikaren heranzuzüchten, die nicht zu Abend essen, egal wie sehr man sie dazu drängt, und die wissen, wann Mädchen müde sind. Lucy schläft und atmet leise. Sie hat mehr Farbe in den Wangen als sonst und sieht, oh, so süß aus. Wenn Mr. Holmwood sich in sie verliebte, als er sie nur im Salon sah, frage ich mich, was er sagen würde, wenn er sie jetzt sähe. Manche der „Neue Frau“-Schriftstellerinnen werden eines Tages die Idee verbreiten, dass Männer und Frauen sich schlafend sehen dürfen sollten, bevor sie einen Heiratsantrag machen oder annehmen. Aber ich nehme an, die Neue Frau wird sich in Zukunft nicht herablassen anzunehmen; sie wird den Antrag selbst machen. Und ein schönes Stück Arbeit wird sie dabei auch abliefern! Es ist ein kleiner Trost darin. Ich bin heute Abend so glücklich, weil es der lieben Lucy besser zu gehen scheint. Ich glaube wirklich, dass sie das Schlimmste überstanden hat und wir ihre Probleme mit dem Träumen hinter uns haben. Ich wäre ganz glücklich, wenn ich nur wüsste, ob Jonathan.... Gott segne und behüte ihn.

11. August, 3 Uhr morgens. – Wieder das Tagebuch. Kein Schlaf möglich, also kann ich genauso gut schreiben. Ich bin zu aufgeregt, um zu schlafen. Wir haben ein solches Abenteuer erlebt, eine so qualvolle Erfahrung. Ich war eingeschlafen, sobald ich mein Tagebuch geschlossen hatte.... Plötzlich wurde ich hellwach und setzte mich auf, mit einem schrecklichen Gefühl der Angst in mir und einem Gefühl der Leere um mich herum. Das Zimmer war dunkel, sodass ich Lucys Bett nicht sehen konnte; ich schlich hinüber und tastete nach ihr. Das Bett war leer. Ich zündete ein Streichholz an und stellte fest, dass sie nicht im Zimmer war. Die Tür war geschlossen, aber nicht abgeschlossen, wie ich sie hinterlassen hatte. Ich fürchtete, ihre Mutter zu wecken, die in letzter Zeit kränker war als gewöhnlich, also warf ich mir etwas über und machte mich bereit, nach ihr zu suchen. Als ich das Zimmer verließ, kam mir der Gedanke, dass die Kleidung, die sie trug, mir einen Hinweis auf ihre schlafwandelnde Absicht geben könnte. Morgenmantel würde Haus bedeuten; Kleid, draußen. Morgenmantel und Kleid waren beide an ihrem Platz. „Gott sei Dank“, sagte ich mir, „sie kann nicht weit sein, da sie nur in ihrem Nachthemd ist.“ Ich rannte die Treppe hinunter und schaute im Wohnzimmer nach. Nicht da! Dann suchte ich in allen anderen offenen Zimmern des Hauses, mit einer immer größer werdenden Angst, die mein Herz erstarren ließ. Schließlich kam ich zur Haustür und fand sie offen. Sie war nicht sperrangelweit offen, aber die Falle des Schlosses war nicht eingerastet. Die Leute im Haus sind darauf bedacht, die Tür jede Nacht abzuschließen, also fürchtete ich, Lucy müsse hinausgegangen sein, wie sie war. Es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, was geschehen könnte; eine vage, übermächtige Angst verdeckte alle Einzelheiten. Ich nahm ein großes, schweres Tuch und rannte hinaus. Die Uhr schlug eins, als ich auf dem Crescent war, und keine Menschenseele war in Sicht. Ich rannte den North Terrace entlang, konnte aber kein Anzeichen der weißen Gestalt entdecken, die ich erwartete. Am Rande der West Cliff oberhalb des Piers schaute ich über den Hafen zur East Cliff, in der Hoffnung oder Furcht – ich weiß es nicht –, Lucy auf unserem Lieblingsplatz zu sehen. Es war ein heller Vollmond mit schweren, schwarzen, ziehenden Wolken, die die ganze Szene in ein flüchtiges Diorama aus Licht und Schatten tauchten, während sie vorüberzogen. Für einen Augenblick oder zwei konnte ich nichts sehen, da der Schatten einer Wolke die St. Mary’s Church und alles um sie herum verdeckte. Dann, als die Wolke vorbeizog, konnte ich die Ruinen der Abtei zum Vorschein kommen sehen; und als der Rand eines schmalen Lichtstreifens, scharf wie ein Messerschnitt, entlangwanderte, wurden die Kirche und der Friedhof allmählich sichtbar. Was auch immer meine Erwartung war, sie wurde nicht enttäuscht, denn dort, auf unserem Lieblingsplatz, traf das silberne Licht des Mondes eine halb liegende, schneeweiße Gestalt. Das Kommen der Wolke war zu schnell, als dass ich viel hätte sehen können, denn der Schatten legte sich fast unmittelbar wieder über das Licht; aber es kam mir vor, als stünde etwas Dunkles hinter dem Sitz, wo die weiße Gestalt leuchtete, und beuge sich darüber. Was es war, ob Mensch oder Tier, konnte ich nicht sagen; ich wartete nicht auf einen weiteren Blick, sondern flog die steilen Stufen zum Pier hinunter und am Fischmarkt entlang zur Brücke, die der einzige Weg zur East Cliff war. Die Stadt schien wie tot, denn keine Menschenseele sah ich; ich war froh, dass es so war, denn ich wollte keine Zeugen für den Zustand der armen Lucy. Die Zeit und die Entfernung schienen endlos, meine Knie zitterten, und mein Atem ging schwer, als ich die unendlichen Stufen zur Abtei hinaufstieg. Ich muss schnell gegangen sein, und doch schien es mir, als wären meine Füße mit Blei beschwert und als wäre jedes Gelenk in meinem Körper eingerostet. Als ich fast ganz oben war, konnte ich den Sitz und die weiße Gestalt sehen, denn ich war nun nah genug, um sie selbst durch die Schattenphasen hindurch zu erkennen. Es war zweifellos etwas da, lang und schwarz, das sich über die halb liegende weiße Gestalt beugte. Ich rief erschrocken: „Lucy! Lucy!“, und etwas hob einen Kopf, und von dort, wo ich war, konnte ich ein weißes Gesicht und rote, gleißende Augen sehen. Lucy antwortete nicht, und ich rannte weiter zum Eingang des Friedhofs. Als ich eintrat, lag die Kirche zwischen mir und dem Sitz, und für eine Minute oder so verlor ich sie aus den Augen. Als ich wieder Sicht hatte, war die Wolke vorübergezogen, und das Mondlicht schien so brillant, dass ich Lucy halb liegend sehen konnte, mit dem Kopf über die Rückenlehne des Sitzes gelehnt. Sie war ganz allein, und von irgendeinem Lebewesen war weit und breit nichts zu sehen.

Als ich mich über sie beugte, konnte ich sehen, dass sie immer noch schlief. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und sie atmete – nicht leise, wie es bei ihr üblich war, sondern in langen, schweren Atemzügen, als ob sie sich bei jedem Atemzug bemühte, ihre Lungen voll zu bekommen. Als ich ihr nahe kam, hob sie im Schlaf die Hand und zog den Kragen ihres Nachthemds fest um ihren Hals. Während sie das tat, ging ein kleines Schaudern durch sie, als ob sie die Kälte spürte. Ich warf das warme Tuch über sie und zog die Enden fest um ihren Hals, denn ich fürchtete, sie könnte sich die tödliche Kälte der Nachtluft zuziehen, so leicht bekleidet, wie sie war. Ich fürchtete, sie zu plötzlich zu wecken, also befestigte ich das Tuch an ihrem Hals mit einer großen Sicherheitsnadel, um die Hände frei zu haben und ihr helfen zu können; aber ich muss in meiner Angst ungeschickt gewesen sein und sie damit gekniffen oder gestochen haben, denn später, als ihr Atem ruhiger wurde, führte sie die Hand wieder an ihren Hals und stöhnte. Als ich sie sorgfältig eingewickelt hatte, zog ich ihr meine Schuhe an die Füße und begann dann sehr behutsam, sie zu wecken. Zuerst reagierte sie nicht; aber allmählich wurde sie in ihrem Schlaf immer unruhiger, stöhnte und seufzte gelegentlich. Als schließlich die Zeit schnell verging, und aus vielen anderen Gründen, wollte ich sie sofort nach Hause bringen, schüttelte ich sie kräftiger, bis sie schließlich die Augen öffnete und erwachte. Sie schien nicht überrascht, mich zu sehen, da sie natürlich nicht sofort begriff, wo sie war. Lucy wacht immer anmutig auf, und selbst in einem solchen Moment, als ihr Körper von der Kälte erstarrt und ihr Geist einigermaßen entsetzt vom Erwachen in unzulänglicher Kleidung auf einem Friedhof in der Nacht sein musste, verlor sie ihre Anmut nicht. Sie zitterte ein wenig und schmiegte sich an mich; als ich ihr sagte, sie solle sofort mit mir nach Hause kommen, erhob sie sich ohne ein Wort, mit dem Gehorsam eines Kindes. Als wir weitergingen, verletzte der Kies meine Füße, und Lucy bemerkte, dass ich zusammenzuckte. Sie blieb stehen und wollte darauf bestehen, dass ich meine Schuhe nahm; aber ich wollte nicht. Als wir jedoch den Pfad außerhalb des Friedhofs erreichten, wo eine Pfütze vom Sturm zurückgeblieben war, beschmierte ich meine Füße mit Schlamm, indem ich jeden Fuß abwechselnd am anderen rieb, sodass unterwegs niemand, falls wir jemandem begegnen sollten, meine nackten Füße bemerken würde.

Das Glück war uns hold, und wir kamen nach Hause, ohne einer Seele zu begegnen. Einmal sahen wir einen Mann, der nicht ganz nüchtern zu sein schien, eine Straße vor uns entlanggehen; aber wir versteckten uns in einer Tür, bis er in einer Öffnung verschwunden war, wie sie es hier gibt, steile kleine Gassen, oder „Wynds“, wie sie sie in Schottland nennen. Mein Herz klopfte die ganze Zeit so laut, dass ich manchmal dachte, ich würde in Ohnmacht fallen. Ich war voller Sorge um Lucy, nicht nur wegen ihrer Gesundheit, falls sie unter der Kälte leiden sollte, sondern auch um ihren Ruf, für den Fall, dass die Geschichte die Runde machen sollte. Als wir drinnen waren, unsere Füße gewaschen und gemeinsam ein Dankgebet gesprochen hatten, steckte ich sie ins Bett. Bevor sie einschlief, bat – ja flehte – sie mich, kein Wort zu irgendjemandem, auch nicht ihrer Mutter, über ihr Schlafwandler-Abenteuer zu sagen. Ich zögerte zuerst, es zu versprechen; aber beim Gedanken an den Gesundheitszustand ihrer Mutter und daran, wie das Wissen um eine solche Sache sie beunruhigen würde, und auch daran, wie eine solche Geschichte entstellt werden könnte – nein, unweigerlich würde –, falls sie herauskäme, hielt ich es für klüger, es zu tun. Ich hoffe, ich habe das Richtige getan. Ich habe die Tür abgeschlossen, und der Schlüssel ist an meinem Handgelenk festgebunden, also werde ich vielleicht nicht wieder gestört. Lucy schläft tief und fest; der Widerschein der Morgendämmerung steht hoch und weit über dem Meer....

Am selben Tag, Mittag. – Alles geht seinen Gang. Lucy schlief, bis ich sie weckte, und schien sich nicht einmal auf die andere Seite gedreht zu haben. Das Abenteuer der Nacht scheint ihr nicht geschadet zu haben; im Gegenteil, es hat ihr gut getan, denn sie sieht heute Morgen besser aus als seit Wochen. Ich bedauerte zu bemerken, dass meine Ungeschicklichkeit mit der Sicherheitsnadel sie verletzt hatte. Tatsächlich hätte es ernst sein können, denn die Haut an ihrem Hals war durchstochen. Ich muss ein Stück lose Haut erwischt und durchstoßen haben, denn da sind zwei kleine rote Punkte wie Nadelstiche, und am Band ihres Nachthemds war ein Tropfen Blut. Als ich mich entschuldigte und besorgt deswegen war, lachte sie, tätschelte mich und sagte, sie habe es nicht einmal gespürt. Glücklicherweise kann es keine Narbe hinterlassen, da es so winzig ist.

Derselbe Tag, nachts. – Wir haben einen glücklichen Tag verbracht. Die Luft war klar, die Sonne hell und es wehte eine kühle Brise. Wir nahmen unser Mittagessen mit in die Mulgrave Woods; Mrs. Westenra fuhr mit dem Wagen über die Straße, während Lucy und ich den Klippenpfad entlanggingen und uns am Tor wieder mit ihr trafen. Ich selbst war ein wenig traurig, denn ich konnte nicht anders, als zu fühlen, wie vollkommen glücklich es gewesen wäre, wenn Jonathan bei mir gewesen wäre. Aber was soll’s! Ich muss einfach geduldig sein. Am Abend flanierten wir auf der Casino Terrace, hörten gute Musik von Spohr und Mackenzie und gingen früh zu Bett. Lucy wirkt ruhiger, als sie es seit einiger Zeit war, und ist sofort eingeschlafen. Ich werde die Tür abschließen und den Schlüssel wie zuvor sicher verwahren, obwohl ich für heute Nacht keinerlei Schwierigkeiten erwarte.

12. August. – Meine Erwartungen waren falsch, denn in der Nacht wurde ich zweimal durch Lucy geweckt, die versuchte hinauszugehen. Selbst im Schlaf schien sie ein wenig ungeduldig darüber zu sein, die Tür verschlossen vorzufinden, und ging unter einer Art Protest wieder ins Bett. Ich wachte mit der Morgendämmerung auf und hörte die Vögel draußen vor dem Fenster zwitschern. Lucy wachte ebenfalls auf, und ich war froh zu sehen, dass es ihr sogar besser ging als am vorigen Morgen. All ihre alte Fröhlichkeit schien zurückgekehrt zu sein; sie kam herüber, kuschelte sich zu mir und erzählte mir alles über Arthur. Ich erzählte ihr, wie besorgt ich wegen Jonathan sei, und dann versuchte sie, mich zu trösten. Nun, ein wenig ist ihr das gelungen, denn auch wenn Mitgefühl keine Tatsachen ändern kann, so hilft es doch, sie erträglicher zu machen.

13. August. – Ein weiterer ruhiger Tag, und mit dem Schlüssel am Handgelenk wie zuvor ins Bett. Wieder wachte ich in der Nacht auf und fand Lucy aufrecht im Bett sitzend vor, immer noch schlafend, mit dem Finger auf das Fenster deutend. Ich stand leise auf, zog das Rollo beiseite und schaute hinaus. Es war strahlendes Mondlicht, und die sanfte Wirkung des Lichts auf dem Meer und am Himmel – die in einem einzigen, großen, lautlosen Geheimnis verschmolzen – war unbeschreiblich schön. Zwischen mir und dem Mondlicht huschte eine große Fledermaus hin und her und vollführte große, wirbelnde Kreise. Ein- oder zweimal kam sie ganz nah heran, erschrak aber wohl, als sie mich sah, und flatterte über den Hafen hinweg in Richtung der Abtei davon. Als ich vom Fenster zurückkam, hatte Lucy sich wieder hingelegt und schlief friedlich. Sie rührte sich die ganze Nacht nicht mehr.

14. August. – Den ganzen Tag auf der East Cliff gelesen und geschrieben. Lucy scheint sich ebenso sehr in diesen Ort verliebt zu haben wie ich, und es ist schwer, sie davon wegzubekommen, wenn es Zeit ist, zum Mittag-, Tee- oder Abendessen nach Hause zu gehen. Heute Nachmittag machte sie eine komische Bemerkung. Wir waren auf dem Heimweg zum Abendessen und hatten die Spitze der Treppe erreicht, die vom West Pier heraufführt, und blieben, wie wir es meist tun, stehen, um die Aussicht zu genießen. Die untergehende Sonne, tief am Himmel, versank gerade hinter Kettleness; das rote Licht fiel über die East Cliff und die alte Abtei und schien alles in einen wunderschönen rosigen Glanz zu tauchen. Wir schwiegen eine Weile, und plötzlich murmelte Lucy, als ob sie zu sich selbst spräche:

„Wieder seine roten Augen! Sie sind genau dieselben.“ Es war ein so seltsamer Ausdruck, der völlig aus dem Nichts kam, dass er mich ganz aufschreckte. Ich drehte mich ein wenig herum, um Lucy gut sehen zu können, ohne sie anzustarren, und sah, dass sie sich in einem halb traumverlorenen Zustand befand, mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht, den ich mir nicht recht erklären konnte; also sagte ich nichts, sondern folgte ihrem Blick. Sie schien hinüber zu unserer Bank zu schauen, auf der eine dunkle Gestalt allein saß. Ich war selbst ein wenig erschrocken, denn für einen Augenblick schien es, als hätte der Fremde große Augen wie brennende Flammen; doch ein zweiter Blick ließ die Täuschung verfliegen. Das rote Sonnenlicht schien auf die Fenster der St. Mary’s Church hinter unserer Bank, und als die Sonne sank, reichte die Veränderung der Lichtbrechung und -reflexion gerade aus, um es so erscheinen zu lassen, als bewege sich das Licht. Ich lenkte Lucys Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Effekt, und sie kam mit einem Ruck zu sich, doch sie sah dennoch traurig aus; vielleicht dachte sie an jene schreckliche Nacht dort oben. Wir sprechen nie darüber; also sagte ich nichts, und wir gingen nach Hause zum Abendessen. Lucy hatte Kopfschmerzen und ging früh zu Bett. Ich sah, dass sie schlief, und machte selbst noch einen kleinen Spaziergang; ich ging die Klippen in westlicher Richtung entlang und war erfüllt von süßer Traurigkeit, denn ich dachte an Jonathan. Als ich heimkam – es war inzwischen helles Mondlicht, so hell, dass alles gut zu sehen war, obwohl die Vorderseite unseres Teils des Crescent im Schatten lag – warf ich einen Blick hinauf zu unserem Fenster und sah Lucys Kopf, der herausragte. Ich dachte, sie hielte vielleicht Ausschau nach mir, also öffnete ich mein Taschentuch und winkte damit. Sie bemerkte es nicht und machte keinerlei Bewegung. Genau in diesem Moment kroch das Mondlicht um eine Ecke des Gebäudes, und das Licht fiel auf das Fenster. Dort lag ganz deutlich Lucy, ihren Kopf gegen die Seite des Fensterbretts gelehnt, die Augen geschlossen. Sie schlief fest, und neben ihr, auf dem Fensterbrett sitzend, war etwas, das wie ein stattlicher Vogel aussah. Ich hatte Angst, sie könnte sich erkälten, also rannte ich die Treppe hinauf, doch als ich ins Zimmer kam, bewegte sie sich gerade zurück zu ihrem Bett, tief schlafend und schwer atmend; sie hielt ihre Hand an den Hals, als wolle sie ihn vor der Kälte schützen.

Ich weckte sie nicht, sondern deckte sie warm zu; ich habe dafür gesorgt, dass die Tür abgeschlossen und das Fenster sicher verriegelt ist.

Sie sieht so süß aus, wenn sie schläft; aber sie ist blasser als gewöhnlich, und unter ihren Augen liegt ein eingefallener, ausgemergelter Ausdruck, der mir nicht gefällt. Ich fürchte, sie sorgt sich um etwas. Ich wünschte, ich könnte herausfinden, was es ist.

15. August. – Später aufgestanden als gewöhnlich. Lucy war teilnahmslos und müde und schlief weiter, nachdem man uns gerufen hatte. Wir erlebten beim Frühstück eine glückliche Überraschung. Arthurs Vater geht es besser, und er möchte, dass die Hochzeit bald stattfindet. Lucy ist voller stiller Freude, und ihre Mutter ist zugleich froh und traurig. Später am Tag nannte sie mir den Grund. Sie ist betrübt, Lucy als ihre ganz eigene Tochter zu verlieren, ist aber froh, dass sie bald jemanden haben wird, der sie beschützt. Arme, liebe, süße Dame! Sie vertraute mir an, dass sie ihr Todesurteil erhalten hat. Sie hat es Lucy nicht gesagt und mich zur Verschwiegenheit verpflichtet; ihr Arzt hat ihr gesagt, dass sie innerhalb weniger Monate, höchstens, sterben muss, da ihr Herz schwächer wird. Jederzeit, selbst jetzt, wäre ein plötzlicher Schock mit Sicherheit tödlich für sie. Ach, wir waren weise, ihr die Angelegenheit jener schrecklichen Nacht von Lucys Schlafwandeln zu verschweigen.

17. August. – Zwei ganze Tage lang kein Tagebuch. Ich habe nicht das Herz gehabt zu schreiben. Eine Art schattenhafter Schleier scheint sich über unser Glück zu legen. Keine Nachricht von Jonathan, und Lucy scheint schwächer zu werden, während die Stunden ihrer Mutter gezählt sind. Ich verstehe nicht, wie Lucy so dahinschwinden kann. Sie isst gut, schläft gut und genießt die frische Luft; aber währenddessen verblassen die Rosen auf ihren Wangen, und sie wird von Tag zu Tag schwächer und lustloser; nachts höre ich sie keuchen, als ob sie nach Luft schnappt. Ich habe den Schlüssel zu unserer Tür nachts immer an meinem Handgelenk befestigt, doch sie steht auf, geht im Zimmer umher und sitzt am offenen Fenster. Letzte Nacht fand ich sie am Fenster lehnend, als ich aufwachte, und als ich versuchte, sie zu wecken, konnte ich es nicht; sie war in Ohnmacht gefallen. Als es mir gelang, sie wieder zu beleben, war sie schwach wie Wasser und weinte still zwischen langen, schmerzhaften Atemzügen. Als ich sie fragte, wie sie ans Fenster gekommen sei, schüttelte sie den Kopf und wandte sich ab. Ich hoffe inständig, dass ihr Unwohlsein nicht von jenem unglückseligen Stich der Sicherheitsnadel herrührt. Ich habe mir gerade ihren Hals angesehen, als sie schlief, und die winzigen Wunden scheinen nicht verheilt zu sein. Sie sind immer noch offen und, wenn überhaupt, größer als zuvor, und ihre Ränder sind blassweiß. Sie gleichen kleinen weißen Punkten mit roten Zentren. Sollten sie nicht innerhalb eines Tages oder zwei verheilen, werde ich darauf bestehen, dass der Arzt sich darum kümmert.

Brief, Samuel F. Billington & Sohn, Rechtsanwälte, Whitby, an die Firma Carter, Paterson & Co., London.

„17. August.

„Sehr geehrte Herren,

„anbei erhalten Sie die Rechnung über Waren, die per Great Northern Railway versandt wurden. Dieselben sind unverzüglich nach Erhalt am Güterbahnhof King’s Cross an Carfax bei Purfleet auszuliefern. Das Haus ist derzeit leer, aber beiliegend finden Sie die Schlüssel, von denen jeder gekennzeichnet ist.

„Sie werden die Kisten, fünfzig an der Zahl, aus denen die Sendung besteht, bitte in dem teilweise verfallenen Gebäude ablegen, das Teil des Hauses ist und auf der beiliegenden groben Skizze mit ‚A‘ markiert wurde. Ihr Beauftragter wird den Ort leicht erkennen, da es sich um die alte Kapelle des Anwesens handelt. Die Waren gehen mit dem Zug heute Abend um 9.30 Uhr ab und werden morgen Nachmittag um 4.30 Uhr in King’s Cross erwartet. Da unser Klient eine baldmögliche Auslieferung wünscht, wären wir Ihnen verbunden, wenn Sie die Fuhrwerke zum genannten Zeitpunkt in King’s Cross bereitstünden und die Waren unverzüglich an ihren Bestimmungsort brächten. Um Verzögerungen durch etwaige routinemäßige Anforderungen bezüglich der Bezahlung in Ihren Abteilungen zu vermeiden, legen wir einen Scheck über zehn Pfund (£10) bei; um dessen Empfangsbestätigung wir bitten. Sollten die Kosten niedriger ausfallen, können Sie den Restbetrag zurückerstatten; falls sie höher sein sollten, werden wir Ihnen nach Rückmeldung umgehend einen Scheck über die Differenz zukommen lassen. Sie haben die Schlüssel beim Verlassen im Haupteingangsbereich des Hauses zu hinterlassen, wo der Eigentümer sie bei seinem Betreten des Hauses mittels seines Zweitschlüssels an sich nehmen kann.

„Bitte sehen Sie es uns nicht als Überschreitung geschäftlicher Höflichkeit an, wenn wir Sie in jeder Hinsicht zur äußersten Eile drängen.

„Wir sind, sehr geehrte Herren, „Hochachtungsvoll, „/Samuel F. Billington & Sohn./“

Brief, Firma Carter, Paterson & Co., London, an Firma Billington & Sohn, Whitby.

„21. August.

„Sehr geehrte Herren,

„wir bestätigen den Erhalt der £10 und senden Ihnen anbei den Scheck über £1 17s. 9d., den Betrag des Überschusses, wie in der beiliegenden quittierten Rechnung ausgewiesen. Die Waren wurden genau gemäß Anweisung ausgeliefert und die Schlüssel wie angewiesen in einem Paket im Haupteingangsbereich hinterlegt.

„Wir sind, sehr geehrte Herren, „Hochachtungsvoll, „Im Auftrag /Carter, Paterson & Co./“

/Mina Murrays Tagebuch./

18. August. – Ich bin heute glücklich und schreibe, während ich auf der Bank auf dem Friedhof sitze. Lucy geht es sehr viel besser. Letzte Nacht hat sie die ganze Nacht gut geschlafen und mich kein einziges Mal gestört. Die Rosen scheinen bereits auf ihre Wangen zurückzukehren, obwohl sie immer noch traurig blass und bleich aussieht. Wäre sie in irgendeiner Weise anämisch, könnte ich es verstehen, aber das ist sie nicht. Sie ist bei guter Laune und voller Leben und Fröhlichkeit. All die krankhafte Verschlossenheit scheint von ihr abgefallen zu sein, und sie hat mich gerade daran erinnert – als ob ich irgendeine Erinnerung daran bräuchte – an jene Nacht, und dass ich sie hier, auf dieser Bank, schlafend gefunden habe. Während sie mir das erzählte, klopfte sie spielerisch mit dem Absatz ihres Stiefels auf die Steinplatte und sagte:

„Meine armen kleinen Füße haben damals nicht viel Lärm gemacht! Ich wette, der arme alte Mr. Swales hätte mir gesagt, das läge daran, dass ich Geordie nicht wecken wollte.“ Da sie in so mitteilungsfreudiger Stimmung war, fragte ich sie, ob sie in jener Nacht überhaupt geträumt habe. Bevor sie antwortete, legte sich dieser süße, krause Ausdruck auf ihre Stirn, den Arthur – ich nenne ihn so, weil sie es tut – nach eigenen Worten so liebt; und wahrlich, ich wundere mich nicht darüber. Dann fuhr sie in einer Art halben Träumerei fort, als ob sie versuchte, sich daran zu erinnern:

„Ich habe nicht direkt geträumt; aber alles schien real zu sein. Ich wollte nur hier an diesem Ort sein – ich weiß nicht warum, denn ich hatte Angst vor etwas – ich weiß nicht wovor. Ich erinnere mich, obwohl ich wohl geschlafen habe, dass ich durch die Straßen und über die Brücke ging. Ein Fisch sprang, als ich vorbeikam, und ich beugte mich vor, um ihn anzusehen, und ich hörte eine Menge Hunde heulen – die ganze Stadt schien voll von Hunden zu sein, die alle auf einmal heulten –, während ich die Treppen hinaufging. Dann habe ich eine vage Erinnerung an etwas Langes und Dunkles mit roten Augen, genau wie wir es beim Sonnenuntergang sahen, und etwas sehr Süßes und sehr Bitteres, das mich gleichzeitig umgab; und dann schien ich in tiefes grünes Wasser zu sinken, und es gab einen Gesang in meinen Ohren, wie ich gehört habe, dass es bei Ertrinkenden der Fall sei; und dann schien alles von mir zu weichen; meine Seele schien aus meinem Körper zu entweichen und in der Luft umherzuschweben. Ich schien mich zu erinnern, dass einmal der West-Leuchtturm direkt unter mir war, und dann gab es eine Art qualvolles Gefühl, als wäre ich in einem Erdbeben, und ich kam zurück und fand dich, wie du meinen Körper schütteltest. Ich sah, wie du es tatest, bevor ich es spürte.“

Dann fing sie an zu lachen. Es kam mir ein wenig unheimlich vor, und ich lauschte ihr atemlos. Es gefiel mir nicht recht, und ich hielt es für besser, ihre Gedanken nicht bei diesem Thema zu belassen, also wandten wir uns anderen Dingen zu, und Lucy war wieder wie ihr altes Ich. Als wir nach Hause kamen, hatte die frische Brise sie gestärkt, und ihre blassen Wangen waren wirklich rosiger. Ihre Mutter freute sich, als sie sie sah, und wir verbrachten alle einen sehr glücklichen Abend zusammen.

19. August. – Freude, Freude, Freude! wenn auch nicht nur Freude. Endlich Nachrichten von Jonathan. Der liebe Kerl ist krank gewesen; darum hat er nicht geschrieben. Ich habe keine Angst mehr, es zu denken oder auszusprechen, jetzt, da ich es weiß. Mr. Hawkins leitete mir den Brief weiter und schrieb selbst, oh, so freundlich. Ich werde morgen früh abreisen und zu Jonathan fahren, um ihn wenn nötig zu pflegen und ihn heimzuholen. Mr. Hawkins sagt, es wäre keine schlechte Sache, wenn wir dort drüben heiraten würden. Ich habe über den Brief der guten Schwester geweint, bis ich ihn an meiner Brust feucht spüren kann, wo er liegt. Er ist von Jonathan und muss an meinem Herzen liegen, denn er ist in meinem Herzen. Meine Reise ist komplett geplant, und mein Gepäck ist bereit. Ich nehme nur einen Wechsel an Kleidung mit; Lucy wird meinen Koffer nach London bringen und ihn behalten, bis ich nach ihm schicke, denn es könnte sein, dass... Ich darf nicht mehr schreiben; ich muss es mir aufheben, um es Jonathan zu sagen, meinem Ehemann. Der Brief, den er gesehen und berührt hat, muss mich trösten, bis wir uns wiedersehen.

Brief, Schwester Agatha, Krankenhaus von St. Joseph und Ste. Mary, Buda-Pesth, an Miss Wilhelmina Murray.

„12. August.

„Sehr geehrte gnädige Frau,

„ich schreibe auf Wunsch von Mr. Jonathan Harker, der selbst noch nicht stark genug zum Schreiben ist, obwohl er gute Fortschritte macht, Gott, St. Joseph und Ste. Mary sei Dank. Er ist seit fast sechs Wochen in unserer Obhut und litt an einem heftigen Gehirnfieber. Er möchte, dass ich Ihnen seine Liebe übermittle und Ihnen sage, dass ich mit dieser Post in seinem Namen an Mr. Peter Hawkins in Exeter schreibe, um mit pflichtschuldigen Grüßen mitzuteilen, dass er die Verzögerung bedauert und dass all seine Arbeit abgeschlossen ist. Er wird noch einige Wochen Ruhe in unserem Sanatorium in den Hügeln benötigen, wird dann aber zurückkehren. Er möchte, dass ich Ihnen sage, dass er nicht genügend Geld bei sich hat und dass er gerne für seinen Aufenthalt hier bezahlen möchte, damit es anderen, die Hilfe benötigen, nicht daran mangelt.

„Glauben Sie mir, „Ihre, mit Anteilnahme und allen Segenswünschen, „/Schwester Agatha./

„P.S. – Da mein Patient schläft, öffne ich diesen Brief, um Sie noch über etwas anderes zu informieren. Er hat mir alles über Sie erzählt und dass Sie in Kürze seine Frau werden sollen. Alles Gute Ihnen beiden! Er hat einen furchtbaren Schock erlitten – so sagt unser Arzt – und in seinem Delirium waren seine Reden schrecklich; von Wölfen und Gift und Blut; von Geistern und Dämonen; und ich fürchte zu sagen, von was noch. Seien Sie immer vorsichtig mit ihm, damit ihn auf lange Zeit hinaus nichts dieser Art aufregen kann; die Spuren einer solchen Krankheit wie der seinen schwinden nicht leicht dahin. Wir hätten schon lange schreiben sollen, aber wir wussten nichts von seinen Freunden, und er trug nichts bei sich, was irgendjemand hätte verstehen können. Er kam mit dem Zug aus Klausenburg, und dem Stationsvorsteher dort wurde vom Schaffner erzählt, dass er in den Bahnhof gestürmt sei und nach einem Ticket für die Heimat geschrien habe. Da sie an seinem gewaltsamen Gebaren sahen, dass er Engländer war, gaben sie ihm ein Ticket für den entferntesten Bahnhof auf dem Weg dorthin, den der Zug erreichte.

„Seien Sie versichert, dass er gut versorgt ist. Er hat mit seiner Süße und Sanftmut alle Herzen gewonnen. Er ist wahrlich auf dem Weg der Besserung und wird zweifellos in ein paar Wochen wieder ganz der Alte sein. Aber seien Sie aus Sorge um seine Sicherheit vorsichtig mit ihm. Es gibt, so bete ich zu Gott, St. Joseph und Ste. Mary, viele, viele glückliche Jahre für Sie beide.“

Dr. Sewards Tagebuch.

19. August. – Seltsame und plötzliche Veränderung bei Renfield in der letzten Nacht. Gegen acht Uhr begann er aufgeregt zu werden und herumzuschnüffeln, wie ein Hund beim Vorstehen. Der Pfleger war von seinem Verhalten beeindruckt und ermutigte ihn, da er wusste, wie sehr ich mich für ihn interessiere, zum Reden. Normalerweise ist er gegenüber dem Pfleger respektvoll und zeitweise unterwürfig; doch heute Abend, so berichtet mir der Mann, war er recht hochmütig. Er ließ sich herab, überhaupt nicht mit ihm zu sprechen. Alles, was er sagte, war:

„Ich will nicht mit dir reden: Du zählst jetzt nicht mehr; der Meister ist nahe.“

Der Pfleger denkt, es sei eine plötzliche Form von religiösem Wahn, die ihn befallen hat. Wenn dem so ist, müssen wir uns auf stürmische Zeiten gefasst machen, denn ein starker Mann mit gleichzeitigem Mord- und Religionswahn könnte gefährlich sein. Die Kombination ist eine schreckliche. Um neun Uhr besuchte ich ihn selbst. Seine Haltung mir gegenüber war dieselbe wie gegenüber dem Pfleger; in seinem erhabenen Selbstgefühl erschien ihm der Unterschied zwischen mir und dem Pfleger als nichts. Es sieht nach religiösem Wahn aus, und er wird bald glauben, er selbst sei Gott. Diese infinitesimalen Unterscheidungen zwischen Mensch und Mensch sind zu kläglich für ein allmächtiges Wesen. Wie diese Irren sich doch verraten! Der wahre Gott gibt acht, dass kein Spatz vom Himmel fällt; doch der Gott, der aus menschlicher Eitelkeit erschaffen wurde, sieht keinen Unterschied zwischen einem Adler und einem Spatz. Oh, wenn die Menschen doch nur wüssten!

Eine halbe Stunde oder länger wurde Renfield immer aufgeregter. Ich tat nicht so, als würde ich ihn beobachten, aber ich hielt ihn dennoch streng im Auge. Auf einmal trat dieser ausweichende Blick in seine Augen, den wir immer sehen, wenn ein Irrer eine Idee gefasst hat, und damit die ausweichende Bewegung von Kopf und Rücken, die die Anstaltspfleger so gut kennen. Er wurde ganz ruhig, ging hin und setzte sich ergeben auf die Bettkante und starrte mit glanzlosen Augen ins Leere. Ich dachte, ich würde herausfinden, ob seine Apathie echt oder nur vorgetäuscht sei, und versuchte, ihn dazu zu bringen, von seinen Haustieren zu sprechen, einem Thema, das seine Aufmerksamkeit immer zu erregen pflegte. Zuerst gab er keine Antwort, sagte dann aber schließlich mürrisch:

„Scher dich zum Teufel mit ihnen allen! Ich kümmere mich keinen Deut um sie.“

„Was?“, sagte ich. „Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie sich nicht um Spinnen scheren?“ (Spinnen sind derzeit sein Hobby, und das Notizbuch füllt sich mit Spalten kleiner Zahlen.) Darauf antwortete er rätselhaft:

„Die Brautjungfern erfreuen die Augen, die auf das Kommen der Braut warten; doch wenn die Braut naht, dann leuchten die Jungfrauen nicht mehr für die Augen, die erfüllt sind.“

Er wollte sich nicht erklären, sondern blieb die ganze Zeit, die ich bei ihm war, hartnäckig auf seinem Bett sitzen.

Ich bin heute Abend müde und niedergeschlagen. Ich kann nicht anders, als an Lucy zu denken und daran, wie anders alles hätte kommen können. Wenn ich nicht sofort schlafe, dann Chloral, das moderne Morpheus – C{2}HCl{3}O·H_{2}O! Ich muss vorsichtig sein, dass es nicht zur Gewohnheit wird. Nein, heute Abend werde ich nichts davon nehmen! Ich habe an Lucy gedacht, und ich werde sie nicht entehren, indem ich beides vermische. Wenn es sein muss, soll diese Nacht schlaflos bleiben...

Ich bin froh, dass ich den Entschluss gefasst habe; noch froher, dass ich ihn eingehalten habe. Ich hatte mich hin und her gewälzt und die Uhr erst zweimal schlagen hören, als der Nachtwächter zu mir kam, der von der Station heraufgeschickt worden war, um zu sagen, dass Renfield entkommen sei. Ich warf meine Kleidung über und rannte sofort hinunter; mein Patient ist eine zu gefährliche Person, als dass er draußen herumlaufen dürfte. Seine Ideen könnten sich im Umgang mit Fremden gefährlich auswirken. Der Pfleger wartete auf mich. Er sagte, er habe ihn keine zehn Minuten zuvor gesehen, scheinbar schlafend in seinem Bett, als er durch die Beobachtungsöffnung in der Tür geschaut habe. Seine Aufmerksamkeit sei durch das Geräusch des herausgerissenen Fensters geweckt worden. Er rannte zurück und sah seine Füße durch das Fenster verschwinden und hatte sofort nach mir schicken lassen. Er trug nur sein Nachtgewand und kann nicht weit sein. Der Pfleger hielt es für nützlicher, zu beobachten, wohin er gehen würde, als ihm zu folgen, da er ihn aus den Augen verlieren könnte, während er das Gebäude durch die Tür verließ. Er ist ein korpulenter Mann und konnte nicht durch das Fenster gelangen. Ich bin dünn, also stieg ich mit seiner Hilfe aus, allerdings mit den Füßen voran, und da wir nur wenige Fuß über dem Boden waren, landete ich unverletzt. Der Pfleger sagte mir, der Patient sei nach links gegangen und habe eine gerade Linie eingeschlagen, also rannte ich so schnell ich konnte. Als ich durch den Baumgürtel kam, sah ich eine weiße Gestalt die hohe Mauer erklimmen, die unser Gelände von dem des verlassenen Hauses trennt.

Ich rannte sofort zurück und wies den Wächter an, sofort drei oder vier Männer zu holen und mir auf das Gelände von Carfax zu folgen, für den Fall, dass unser Freund gefährlich sein könnte. Ich holte selbst eine Leiter, überquerte die Mauer und sprang auf der anderen Seite hinunter. Ich konnte Renfields Gestalt gerade hinter der Hausecke verschwinden sehen, also rannte ich ihm nach. Auf der Rückseite des Hauses fand ich ihn fest an die alte, eisenbeschlagene Eichentür der Kapelle gepresst. Er sprach, anscheinend zu jemandem, aber ich fürchtete mich, nahe genug heranzugehen, um zu hören, was er sagte, damit ich ihn nicht erschreckte und er davonlief. Einen umherirrenden Bienenschwarm zu jagen ist nichts gegen das Verfolgen eines nackten Wahnsinnigen, wenn ihn der Fluchttrieb gepackt hat! Nach ein paar Minuten jedoch konnte ich sehen, dass er nichts um sich herum wahrnahm, und so wagte ich es, näher an ihn heranzutreten – umso mehr, als meine Männer nun die Mauer überquert hatten und ihn einkesselten. Ich hörte ihn sagen:

„Ich bin hier, um Euren Befehl zu befolgen, Meister. Ich bin Euer Sklave, und Ihr werdet mich belohnen, denn ich werde treu sein. Ich habe Euch lange aus der Ferne verehrt. Jetzt, da Ihr nah seid, erwarte ich Eure Befehle, und Ihr werdet mich nicht übergehen, nicht wahr, lieber Meister, bei Eurer Verteilung der guten Dinge?“

Er ist ohnehin ein egoistischer alter Bettler. Er denkt an die Brote und Fische, selbst wenn er glaubt, in einer Realpräsenz zu sein. Seine Manien bilden eine verblüffende Kombination. Als wir ihn einkesselten, kämpfte er wie ein Tiger. Er ist ungemein stark, und er glich eher einem wilden Tier als einem Menschen. Ich habe noch nie zuvor einen Wahnsinnigen in einem solchen Wutanfall gesehen; und ich hoffe, ich werde es nie wieder tun. Es ist ein Glück, dass wir seine Kraft und seine Gefahr rechtzeitig entdeckt haben. Mit einer Kraft und Entschlossenheit wie der seinen hätte er wilde Arbeit leisten können, bevor er eingesperrt wurde. Er ist jetzt jedenfalls in Sicherheit. Jack Sheppard selbst könnte sich nicht aus der Zwangsjacke befreien, die ihn gefesselt hält, und er ist in der gepolsterten Zelle an die Wand gekettet. Seine Schreie sind manchmal schrecklich, aber die Stille, die darauf folgt, ist noch tödlicher, denn in jeder seiner Wendungen und Bewegungen liegt Mordlust.

Gerade eben sprach er zum ersten Mal zusammenhängende Worte:

„Ich werde geduldig sein, Meister. Es kommt – kommt – kommt!“

Also nahm ich den Hinweis und kam auch. Ich war zu aufgeregt zum Schlafen, aber dieses Tagebuch hat mich beruhigt, und ich habe das Gefühl, dass ich heute Nacht etwas Schlaf finden werde.

KAPITEL IX.

Brief von Mina Harker an Lucy Westenra.

„Buda-Pesth, 24. August.

„Meine liebste Lucy, –

„Ich weiß, du wirst begierig darauf sein, alles zu hören, was geschehen ist, seit wir uns am Bahnhof in Whitby getrennt haben. Nun, meine Liebe, ich bin gut in Hull angekommen, habe das Boot nach Hamburg genommen und dann den Zug hierher. Ich habe das Gefühl, dass ich mich kaum an etwas von der Reise erinnern kann, außer dass ich wusste, dass ich zu Jonathan unterwegs war, und dass ich, da ich etwas Pflege leisten müsste, so viel wie möglich schlafen sollte... Ich fand meinen Liebsten, oh, so dünn und blass und schwach aussehend. Jegliche Entschlossenheit ist aus seinen lieben Augen gewichen, und jene stille Würde, von der ich dir erzählte, dass sie in seinem Gesicht lag, ist verschwunden. Er ist nur noch ein Wrack seiner selbst, und er erinnert sich an nichts, was ihm in der letzten langen Zeit widerfahren ist. Zumindest will er, dass ich das glaube, und ich werde niemals fragen. Er hat einen schrecklichen Schock erlitten, und ich fürchte, es könnte sein armes Gehirn überfordern, wenn er versuchen würde, sich daran zu erinnern. Schwester Agatha, die eine gute Seele und eine geborene Krankenschwester ist, erzählt mir, dass er von schrecklichen Dingen phantasierte, während er nicht bei Sinnen war. Ich wollte, dass sie mir sagt, was es war; aber sie bekreuzigte sich nur und sagte, sie würde es niemals verraten; dass das Gefasel der Kranken die Geheimnisse Gottes seien und dass eine Krankenschwester, wenn sie sie aufgrund ihres Berufs höre, ihr Vertrauen respektieren müsse. Sie ist eine süße, gute Seele, und am nächsten Tag, als sie sah, dass ich bekümmert war, sprach sie das Thema erneut an, und nachdem sie gesagt hatte, dass sie niemals erwähnen könne, wovon mein armer Liebster phantasierte, fügte sie hinzu: ‚So viel kann ich dir sagen, meine Liebe: Es handelte sich nicht um etwas, das er selbst falsch gemacht hat; und du, als seine zukünftige Frau, hast keinen Grund zur Sorge. Er hat dich nicht vergessen oder das, was er dir schuldet. Seine Angst galt großen und schrecklichen Dingen, von denen kein Sterblicher handeln kann.‘ Ich glaube tatsächlich, die gute Seele dachte, ich könnte eifersüchtig sein, mein armer Liebster hätte sich in ein anderes Mädchen verliebt. Der Gedanke, dass ich wegen Jonathan eifersüchtig sein könnte! Und doch, meine Liebe, lass mich flüstern, ich spürte einen Freudenschauer durch mich gehen, als ich wusste, dass keine andere Frau die Ursache für Kummer war. Ich sitze jetzt an seinem Bett, wo ich sein Gesicht sehen kann, während er schläft. Er wacht auf! ... Als er aufwachte, bat er mich um seinen Mantel, da er etwas aus der Tasche nehmen wollte; ich fragte Schwester Agatha, und sie brachte alle seine Sachen. Ich sah, dass sich darunter sein Notizbuch befand, und wollte ihn bitten, es mich ansehen zu lassen – denn ich wusste damals, dass ich vielleicht einen Hinweis auf seine Probleme finden könnte –, aber ich nehme an, er muss meinen Wunsch in meinen Augen gesehen haben, denn er schickte mich zum Fenster und sagte, er wolle für einen Moment ganz allein sein. Dann rief er mich zurück, und als ich kam, hatte er seine Hand auf dem Notizbuch, und er sagte sehr feierlich zu mir: –

„‚Wilhelmina‘ – da wusste ich, dass ihm ernst war, denn er hat mich nie bei diesem Namen genannt, seit er mich gebeten hat, ihn zu heiraten – ‚du weißt, meine Liebe, wie ich über das Vertrauen zwischen Ehemann und Ehefrau denke: Es sollte kein Geheimnis, keine Verheimlichung geben. Ich habe einen großen Schock erlitten, und wenn ich versuche, darüber nachzudenken, was es ist, fühle ich, wie sich mein Kopf dreht, und ich weiß nicht, ob alles wirklich war oder das Träumen eines Wahnsinnigen. Du weißt, ich hatte Gehirnfieber, und das heißt, wahnsinnig zu sein. Das Geheimnis ist hier, und ich möchte es nicht wissen. Ich möchte mein Leben hier aufnehmen, mit unserer Hochzeit.‘ Denn, meine Liebe, wir hatten beschlossen, zu heiraten, sobald die Formalitäten erledigt sind. ‚Bist du bereit, Wilhelmina, meine Unwissenheit zu teilen? Hier ist das Buch. Nimm es und behalte es, lies es, wenn du willst, aber lass es mich niemals wissen; es sei denn natürlich, es käme eine feierliche Pflicht auf mich zu, zu den bitteren Stunden zurückzukehren, ob schlafend oder wachend, bei Verstand oder wahnsinnig, die hier aufgezeichnet sind.‘ Er fiel erschöpft zurück, ich legte das Buch unter sein Kopfkissen und küsste ihn. Ich habe Schwester Agatha gebeten, die Oberin zu bitten, unsere Hochzeit auf heute Nachmittag zu legen, und warte auf ihre Antwort...

„Sie ist gekommen und hat mir gesagt, dass nach dem Kaplan der englischen Missionskirche geschickt wurde. Wir werden in einer Stunde heiraten, oder so bald danach, wie Jonathan aufwacht...

„Lucy, die Zeit ist gekommen und vergangen. Ich fühle mich sehr feierlich, aber sehr, sehr glücklich. Jonathan wachte kurz nach der Stunde auf, und alles war bereit, und er saß im Bett, mit Kissen gestützt. Er antwortete auf sein ‚Ja‘ fest und stark. Ich konnte kaum sprechen; mein Herz war so voll, dass selbst diese Worte mich zu ersticken schienen. Die lieben Schwestern waren so freundlich. Gott möge geben, dass ich sie niemals, niemals vergesse, noch die ernsten und süßen Verantwortungen, die ich auf mich genommen habe. Ich muss dir von meinem Hochzeitsgeschenk erzählen. Als der Kaplan und die Schwestern mich allein mit meinem Ehemann gelassen hatten – oh, Lucy, es ist das erste Mal, dass ich die Worte ‚mein Ehemann‘ geschrieben habe –, mich allein mit meinem Mann gelassen hatten, nahm ich das Buch unter seinem Kissen hervor, wickelte es in weißes Papier, band es mit einem Stück hellblauem Band, das um meinen Hals gewickelt war, und versiegelte es über dem Knoten mit Siegellack, und als mein Siegel benutzte ich meinen Ehering. Dann küsste ich es und zeigte es meinem Mann und sagte ihm, dass ich es so aufbewahren würde, und dann wäre es ein äußeres und sichtbares Zeichen für uns unser ganzes Leben lang, dass wir einander vertrauten; dass ich es niemals öffnen würde, es sei denn, es geschähe um seines eigenen lieben Selbst willen oder um einer strengen Pflicht willen. Dann nahm er meine Hand in seine, und oh, Lucy, es war das erste Mal, dass er die Hand seiner Frau nahm, und sagte, dass es das Teuerste auf der ganzen weiten Welt sei und dass er, wenn nötig, das ganze Vergangene noch einmal durchleben würde, um sie zu gewinnen. Der arme Liebste wollte eigentlich einen Teil der Vergangenheit sagen; aber er kann noch nicht an Zeit denken, und ich werde mich nicht wundern, wenn er anfangs nicht nur den Monat, sondern auch das Jahr durcheinanderbringt.

„Nun, meine Liebe, was konnte ich sagen? Ich konnte ihm nur sagen, dass ich die glücklichste Frau auf der ganzen weiten Welt sei und dass ich ihm nichts zu geben hätte außer mir selbst, meinem Leben und meinem Vertrauen, und dass damit meine Liebe und meine Pflicht für alle Tage meines Lebens einhergingen. Und, meine Liebe, als er mich küsste und mich mit seinen armen, schwachen Händen zu sich zog, war es wie ein sehr feierliches Gelübde zwischen uns...

„Lucy, meine Liebe, weißt du, warum ich dir das alles erzähle? Es ist nicht nur, weil es für mich alles so süß ist, sondern weil du mir sehr teuer warst und bist. Es war mein Vorrecht, deine Freundin und Führerin zu sein, als du aus dem Schulzimmer kamst, um dich auf die Welt des Lebens vorzubereiten. Ich möchte, dass du jetzt, und mit den Augen einer sehr glücklichen Ehefrau, siehst, wohin die Pflicht mich geführt hat; damit du auch in deinem eigenen Eheleben so glücklich sein kannst wie ich. Meine Liebe, Gott der Allmächtige möge geben, dass dein Leben alles ist, was es verspricht: ein langer Tag voller Sonnenschein, ohne rauen Wind, ohne Vergessen der Pflicht, ohne Misstrauen. Ich darf dir keinen Schmerz wünschen, denn das kann niemals sein; aber ich hoffe sehr, dass du immer so glücklich sein wirst, wie ich es jetzt bin. Leb wohl, meine Liebe. Ich werde dies sofort abschicken und dir vielleicht sehr bald wieder schreiben. Ich muss aufhören, denn Jonathan wacht auf – ich muss mich um meinen Ehemann kümmern!

„Deine dich immer liebende „/Mina Harker./“

Brief von Lucy Westenra an Mina Harker.

„Whitby, 30. August.

„Meine liebste Mina, –

„Ozeane voller Liebe und Millionen Küsse, und mögest du bald mit deinem Ehemann in deinem eigenen Zuhause sein. Ich wünschte, du könntest bald genug nach Hause kommen, um hier bei uns zu bleiben. Diese starke Luft würde Jonathan bald wiederherstellen; mich hat sie ganz wiederhergestellt. Ich habe einen Appetit wie ein Kormoran, bin voller Leben und schlafe gut. Du wirst froh sein zu hören, dass ich das Schlafwandeln ganz aufgegeben habe. Ich glaube, ich habe mich eine Woche lang nicht aus meinem Bett bewegt, das heißt, wenn ich nachts erst einmal drin war. Arthur sagt, ich werde dick. Übrigens, ich habe vergessen dir zu erzählen, dass Arthur hier ist. Wir machen solche Spaziergänge und Fahrten, reiten und rudern und spielen Tennis und angeln zusammen; und ich liebe ihn mehr als je zuvor. Er sagt mir, dass er mich mehr liebt, aber das bezweifle ich, denn anfangs sagte er mir, er könne mich nicht mehr lieben, als er es damals tat. Aber das ist Unsinn. Da ist er und ruft nach mir. Also nicht mehr für den Moment von deiner liebenden

„/Lucy./

„P.S. – Mutter lässt grüßen. Sie scheint besser dran zu sein, die Arme.

„P.P.S. – Wir werden am 28. September heiraten.“

Dr. Sewards Tagebuch

20. August. – Der Fall Renfield wird noch interessanter. Er ist jetzt so weit beruhigt, dass es Pausen in seiner Leidenschaft gibt. In der ersten Woche nach seinem Anfall war er ständig gewalttätig. Dann, eines Nachts, gerade als der Mond aufging, wurde er ruhig und murmelte immer wieder vor sich hin: „Jetzt kann ich warten; jetzt kann ich warten.“ Der Pfleger kam, um es mir zu sagen, also rannte ich sofort hinunter, um einen Blick auf ihn zu werfen. Er steckte immer noch in der Zwangsjacke und war in der gepolsterten Zelle, aber der überlaufene Ausdruck war aus seinem Gesicht verschwunden, und seine Augen hatten etwas von ihrer alten flehenden – man könnte fast sagen: „kriecherischen“ – Sanftheit. Ich war mit seinem derzeitigen Zustand zufrieden und ordnete an, ihn zu befreien. Die Pfleger zögerten, führten meine Wünsche aber schließlich ohne Protest aus. Es war eine seltsame Sache, dass der Patient genug Humor hatte, um ihr Misstrauen zu erkennen, denn als er nahe an mich herantrat, sagte er flüsternd, während er sie verstohlen ansah: –

„Sie glauben, ich könnte Euch verletzen! Stellt Euch vor, ich würde Euch verletzen! Die Narren!“

Es war irgendwie beruhigend für das Gefühl, mich selbst in der Vorstellung dieses armen Wahnsinnigen von den anderen getrennt zu wissen; aber trotzdem verstehe ich seinen Gedanken nicht. Soll ich annehmen, dass ich etwas mit ihm gemeinsam habe, sodass wir sozusagen zusammenstehen sollen; oder hat er von mir ein so gewaltiges Gut zu gewinnen, dass mein Wohlergehen für ihn notwendig ist? Das muss ich später herausfinden. Heute Abend will er nicht sprechen. Selbst das Angebot eines Kätzchens oder gar einer ausgewachsenen Katze kann ihn nicht in Versuchung führen. Er sagt nur: „Ich mache mir nichts aus Katzen. Ich habe jetzt mehr, worüber ich nachdenken muss, und ich kann warten; ich kann warten.“

Nach einer Weile verließ ich ihn. Der Pfleger sagt mir, dass er bis kurz vor Sonnenaufgang ruhig war, dann begann er unruhig zu werden und schließlich gewalttätig, bis er schließlich in einen Anfall verfiel, der ihn so erschöpfte, dass er in eine Art Koma fiel.

... Drei Nächte lang ist das Gleiche passiert – den ganzen Tag gewalttätig, dann von Mondaufgang bis Sonnenaufgang ruhig. Ich wünschte, ich könnte einen Hinweis auf die Ursache bekommen. Es schiene fast, als gäbe es einen Einfluss, der kam und ging. Glücklicher Gedanke! Wir werden heute Nacht gesunden Verstand gegen verrückten spielen. Er ist schon einmal ohne unsere Hilfe entkommen; heute Nacht soll er mit ihr entkommen. Wir werden ihm eine Chance geben und die Männer bereithalten, falls sie gebraucht werden...

23. August. – „Das Unerwartete geschieht immer.“ Wie gut kannte Disraeli das Leben! Unser Vogel wollte, als er den Käfig offen fand, nicht fliegen, also waren all unsere subtilen Vorkehrungen umsonst. Jedenfalls haben wir eines bewiesen: dass die Perioden der Ruhe eine angemessene Zeit dauern. Wir werden in Zukunft seine Fesseln jeden Tag für einige Stunden lockern können. Ich habe dem Nachtpfleger befohlen, ihn lediglich in der gepolsterten Zelle einzuschließen, sobald er ruhig ist, bis eine Stunde vor Sonnenaufgang. Der Körper der armen Seele wird die Erleichterung genießen, auch wenn sein Geist sie nicht zu würdigen weiß. Horch! Schon wieder das Unerwartete! Ich werde gerufen; der Patient ist wieder einmal entkommen.

Später. – Ein weiteres nächtliches Abenteuer. Renfield wartete schlau, bis der Pfleger den Raum betrat, um ihn zu kontrollieren. Dann stürmte er an ihm vorbei und raste den Gang hinunter. Ich schickte Nachricht, dass die Pfleger folgen sollten. Wieder gingen wir auf das Gelände des verlassenen Hauses, und wir fanden ihn an derselben Stelle, gegen die alte Kapellentür gepresst. Als er mich sah, wurde er wütend, und hätten die Pfleger ihn nicht rechtzeitig gepackt, hätte er versucht, mich zu töten. Als wir ihn festhielten, geschah etwas Seltsames. Er verdoppelte plötzlich seine Anstrengungen, und dann wurde er plötzlich ruhig. Ich sah mich instinktiv um, konnte aber nichts sehen. Dann fing ich den Blick des Patienten ein und folgte ihm, konnte aber nichts ausmachen, als er in den mondbeschienenen Himmel blickte, außer einer großen Fledermaus, die ihren stillen und geisterhaften Weg nach Westen schlug. Fledermäuse kreisen und flattern normalerweise, aber diese schien geradeaus zu fliegen, als wüsste sie, wohin sie wollte, oder hätte eine eigene Absicht. Der Patient wurde von Augenblick zu Augenblick ruhiger und sagte schließlich: –

„Ihr braucht mich nicht zu fesseln; ich werde ruhig mitgehen!“ Ohne Probleme kamen wir zum Haus zurück. Ich habe das Gefühl, dass in seiner Ruhe etwas Unheilvolles liegt, und werde diese Nacht nicht vergessen...

Lucy Westenras Tagebuch.

Hillingham, 24. August. – Ich muss Mina nachahmen und Dinge aufschreiben. Dann können wir lange Gespräche führen, wenn wir uns erst treffen. Ich frage mich, wann das sein wird. Ich wünschte, sie wäre wieder bei mir, denn ich fühle mich so unglücklich. Letzte Nacht schien ich wieder zu träumen, genau wie in Whitby. Vielleicht ist es der Luftwechsel oder die Rückkehr nach Hause. Es ist alles dunkel und schrecklich für mich, denn ich kann mich an nichts erinnern; aber ich bin voller vager Angst, und ich fühle mich so schwach und erschöpft. Als Arthur zum Mittagessen kam, sah er ganz betrübt aus, als er mich sah, und ich hatte nicht den Mut, fröhlich zu sein. Ich frage mich, ob ich heute Nacht in Mutters Zimmer schlafen könnte. Ich werde eine Ausrede finden und es versuchen.

25. August. – Noch eine schlechte Nacht. Mutter schien sich nicht für meinen Vorschlag zu erwärmen. Sie scheint selbst nicht allzu gesund zu sein, und zweifellos fürchtet sie, mich zu beunruhigen. Ich versuchte wach zu bleiben und hatte eine Zeit lang Erfolg; aber als die Uhr zwölf schlug, weckte es mich aus einem Schlummer, ich muss also eingenickt sein. Es gab eine Art Kratzen oder Flattern am Fenster, aber ich kümmerte mich nicht darum, und da ich mich an nichts weiter erinnere, nehme ich an, dass ich dann eingeschlafen sein muss. Noch mehr schlechte Träume. Ich wünschte, ich könnte mich an sie erinnern. Heute Morgen bin ich schrecklich schwach. Mein Gesicht ist totenblass, und mein Hals schmerzt. Es muss etwas mit meinen Lungen nicht stimmen, denn ich scheine nie genug Luft zu bekommen. Ich werde versuchen, aufzuheitern, wenn Arthur kommt, sonst weiß ich, dass er unglücklich sein wird, mich so zu sehen.

Brief von Arthur Holmwood an Dr. Seward.

„Albemarle Hotel, 31. August.

„Mein lieber Jack, –

„Ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust. Lucy ist krank; das heißt, sie hat keine spezielle Krankheit, aber sie sieht schrecklich aus und wird von Tag zu Tag schlechter. Ich habe sie gefragt, ob es eine Ursache gibt; ich wage es nicht, ihre Mutter zu fragen, denn die arme Dame in ihrem jetzigen Gesundheitszustand in Unruhe über ihre Tochter zu versetzen, wäre verhängnisvoll. Mrs. Westenra hat mir anvertraut, dass ihr Todesurteil gesprochen ist – ein Herzleiden –, obwohl die arme Lucy es noch nicht weiß. Ich bin sicher, dass meine liebe Freundin etwas bedrückt. Ich bin fast verzweifelt, wenn ich an sie denke; sie anzusehen, bereitet mir einen Stich ins Herz. Ich habe ihr gesagt, dass ich dich bitten werde, sie zu untersuchen, und obwohl sie anfangs Bedenken hatte – ich weiß warum, alter Junge –, hat sie schließlich eingewilligt. Es wird eine schmerzliche Aufgabe für dich sein, das weiß ich, alter Freund, aber es geschieht ihr zuliebe, und ich darf nicht zögern, dich zu bitten, und du darfst nicht zögern zu handeln. Du sollst morgen um zwei Uhr zum Mittagessen nach Hillingham kommen, damit bei Mrs. Westenra kein Verdacht aufkommt, und nach dem Essen wird Lucy die Gelegenheit nutzen, mit dir allein zu sein. Ich werde zum Tee kommen, und wir können zusammen fortgehen. Ich bin voller Sorge und möchte mich so bald wie möglich, nachdem du sie gesehen hast, mit dir allein beraten. Versage nicht!

„/Arthur./“

Telegramm, Arthur Holmwood an Seward.

„1. September.

„Bin gerufen worden, um meinen Vater zu sehen, dessen Zustand sich verschlechtert hat. Schreibe gerade. Schreibe mir ausführlich mit der heutigen Post nach Ring. Drahte mir, falls nötig.“

Brief von Dr. Seward an Arthur Holmwood.

„2. September.

„Mein lieber alter Junge, –

„Was den Gesundheitszustand von Miss Westenra betrifft, so beeile ich mich, dir sofort mitzuteilen, dass meiner Meinung nach keinerlei funktionelle Störung oder ein mir bekanntes Leiden vorliegt. Gleichzeitig bin ich mit ihrem Aussehen keineswegs zufrieden; sie ist kläglich anders als bei meinem letzten Besuch. Natürlich musst du bedenken, dass ich keine so gründliche Untersuchung vornehmen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte; gerade unsere Freundschaft bereitet eine kleine Schwierigkeit, die selbst die medizinische Wissenschaft oder Konvention nicht überbrücken kann. Ich werde dir am besten genau sagen, was geschehen ist, und dir überlassen, in gewissem Maße deine eigenen Schlüsse zu ziehen. Ich werde dann sagen, was ich getan habe und zu tun gedenke.

„Ich fand Miss Westenra in scheinbar heiterer Stimmung vor. Ihre Mutter war anwesend, und nach wenigen Sekunden stand für mich fest, dass sie alles in ihrer Macht Stehende versuchte, um ihre Mutter in die Irre zu führen und ihre Sorge zu verhindern. Ich habe keinen Zweifel, dass sie ahnt, wenn sie nicht gar weiß, welche Vorsicht geboten ist. Wir aßen allein zu Mittag, und da wir uns alle bemühten, fröhlich zu sein, erhielten wir als eine Art Belohnung für unsere Mühen einiges an echter Heiterkeit unter uns. Dann ging Mrs. Westenra sich ausruhen, und Lucy blieb bei mir. Wir gingen in ihr Boudoir, und bis wir dort ankamen, blieb ihre Heiterkeit bestehen, denn die Bediensteten gingen ein und aus. Sobald die Tür jedoch geschlossen war, fiel die Maske von ihrem Gesicht, und sie sank mit einem tiefen Seufzer in einen Stuhl und verbarg ihre Augen mit der Hand. Als ich sah, dass ihre gute Stimmung gewichen war, nutzte ich ihre Reaktion sofort für eine Diagnose. Sie sagte sehr liebreizend zu mir: –

„‚Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich es hasse, über mich selbst zu sprechen.‘ Ich erinnerte sie daran, dass das Vertrauensverhältnis eines Arztes heilig sei, du dir aber große Sorgen um sie machtest. Sie begriff sofort, was ich meinte, und klärte diese Angelegenheit mit einem Wort. ‚Erzähl Arthur alles, was du willst. Ich sorge mich nicht um mich selbst, sondern nur um ihn!‘ Ich bin also völlig frei.

„Ich konnte leicht sehen, dass sie etwas blutarm ist, aber ich konnte die üblichen Anzeichen von Anämie nicht feststellen, und durch einen Zufall war ich tatsächlich in der Lage, die Qualität ihres Blutes zu testen, denn als ich ein Fenster öffnete, das klemmte, riss eine Schnur, und sie schnitt sich leicht an dem zerbrochenen Glas in die Hand. Es war an sich eine Kleinigkeit, aber sie bot mir eine offensichtliche Gelegenheit, und ich sicherte mir ein paar Tropfen des Blutes und habe sie analysiert. Die qualitative Analyse ergibt einen völlig normalen Zustand und lässt, wie ich schließe, an sich auf einen kräftigen Gesundheitszustand schließen. In anderen physischen Belangen war ich völlig überzeugt, dass kein Grund zur Besorgnis besteht; da es aber irgendwo eine Ursache geben muss, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es etwas Psychisches sein muss. Sie klagt über Schwierigkeiten bei der befriedigenden Atmung zuweilen und über schweren, lethargischen Schlaf mit Träumen, die sie erschrecken, an die sie sich aber nicht erinnern kann. Sie sagt, dass sie als Kind im Schlaf gewandelt sei und dass die Gewohnheit in Whitby zurückgekehrt sei und sie einmal nachts hinausgegangen sei und zum East Cliff gegangen sei, wo Miss Murray sie fand; aber sie versichert mir, dass die Gewohnheit in letzter Zeit nicht zurückgekehrt sei. Ich bin im Zweifel und habe daher das Beste getan, was ich weiß; ich habe an meinen alten Freund und Lehrer, Professor Van Helsing aus Amsterdam, geschrieben, der so viel über rätselhafte Krankheiten weiß wie jeder andere auf der Welt. Ich habe ihn gebeten, herüberzukommen, und da du mir sagtest, dass alle Kosten zu deinen Lasten gehen sollten, habe ich ihm gegenüber erwähnt, wer du bist und welche Beziehung du zu Miss Westenra hast. Dies, mein lieber Junge, geschieht nur, um deinen Wünschen zu entsprechen, denn ich bin nur zu stolz und glücklich, alles zu tun, was ich für sie tun kann. Van Helsing würde, das weiß ich, aus einem persönlichen Grund alles für mich tun. Egal, aus welchem Grund er also kommt, wir müssen seine Wünsche akzeptieren. Er ist ein scheinbar willkürlicher Mann, aber das liegt daran, dass er besser weiß, wovon er spricht als jeder andere. Er ist Philosoph und Metaphysiker und einer der fortschrittlichsten Wissenschaftler seiner Zeit; und er hat, so glaube ich, einen absolut offenen Geist. Dies, zusammen mit eisernen Nerven, einem Temperament wie das eines Eisbachs, einem unbeugsamen Entschluss, Selbstbeherrschung und einer Toleranz, die von Tugenden zu Segnungen erhoben wurde, und dem gütigsten und wahrhaftigsten Herzen, das schlägt – dies bildet seine Ausrüstung für das edle Werk, das er für die Menschheit tut – ein Werk, das sowohl in der Theorie als auch in der Praxis besteht, denn seine Ansichten sind so weit wie sein alles umfassendes Mitgefühl. Ich erzähle dir diese Fakten, damit du weißt, warum ich solches Vertrauen zu ihm habe. Ich habe ihn gebeten, sofort zu kommen. Ich werde Miss Westenra morgen wiedersehen. Sie soll mich bei den Stores treffen, damit ich ihre Mutter nicht durch eine allzu frühe Wiederholung meines Besuchs beunruhige.

„Für immer dein,

„/John Seward./“

_Brief, Abraham Van Helsing, M.D., D.Ph., D.Litt. usw. an Dr. Seward._

„2. September.

„Mein guter Freund, –

„Als ich deinen Brief erhalten habe, bin ich schon auf dem Weg zu dir. Glücklicherweise kann ich sofort aufbrechen, ohne einem derer, die mir vertraut haben, Unrecht zu tun. Wäre das Schicksal anders, dann wäre es schlimm für jene, die vertraut haben, denn ich komme zu meinem Freund, wenn er mich ruft, um denen beizustehen, die ihm teuer sind. Sag deinem Freund, dass du, als du damals so schnell das Gift der Gangräne aus jener Wunde an dem Messer gesaugt hast, das unser anderer, zu nervöser Freund hat fallen lassen, mehr für ihn getan hast, als sein großes Vermögen es je könnte, als er meine Hilfe wollte und du sie riefst. Aber es ist ein zusätzliches Vergnügen, für ihn, deinen Freund, zu handeln; zu dir komme ich. Halte also Zimmer für mich im Great Eastern Hotel bereit, damit ich in der Nähe bin, und arrangiere es bitte so, dass wir die junge Dame morgen nicht zu spät sehen können, denn es ist wahrscheinlich, dass ich in jener Nacht hierher zurückkehren muss. Aber wenn nötig, werde ich in drei Tagen wiederkommen und länger bleiben, falls es sein muss. Bis dahin lebe wohl, mein Freund John.

„/Van Helsing./“

Brief, Dr. Seward an Hon. Arthur Holmwood.

„3. September.

„Mein lieber Art, –

„Van Helsing ist gekommen und wieder gegangen. Er kam mit mir nach Hillingham und stellte fest, dass Lucys Mutter dank ihrer Diskretion auswärts zu Mittag aß, sodass wir mit ihr allein waren. Van Helsing untersuchte die Patientin sehr sorgfältig. Er wird mir berichten, und ich werde dich beraten, denn natürlich war ich nicht die ganze Zeit anwesend. Er ist, fürchte ich, sehr besorgt, sagt aber, er müsse nachdenken. Als ich ihm von unserer Freundschaft erzählte und wie sehr du mir in dieser Angelegenheit vertraust, sagte er: ‚Du musst ihm alles sagen, was du denkst. Sag ihm, was ich denke, wenn du es erraten kannst, wenn du willst. Nein, ich scherze nicht. Dies ist kein Scherz, sondern Leben und Tod, vielleicht mehr.‘ Ich fragte, was er damit meine, denn er war sehr ernst. Das war, als wir in die Stadt zurückgekehrt waren und er eine Tasse Tee trank, bevor er seine Rückreise nach Amsterdam antrat. Er wollte mir keinen weiteren Hinweis geben. Du darfst nicht böse auf ihn sein, Art, denn seine Zurückhaltung bedeutet lediglich, dass all sein Verstand zu ihrem Besten arbeitet. Er wird sich deutlich genug ausdrücken, wenn die Zeit gekommen ist, sei dir dessen gewiss. Also sagte ich ihm, ich würde einfach einen Bericht über unseren Besuch schreiben, ganz so, als würde ich einen beschreibenden Sonderartikel für den _Daily Telegraph_ verfassen. Er schien es nicht zu bemerken, bemerkte aber, dass der Ruß in London nicht mehr ganz so schlimm sei wie zu der Zeit, als er hier Student war. Ich werde seinen Bericht morgen erhalten, falls er ihn überhaupt erstellen kann. Auf jeden Fall werde ich einen Brief bekommen.

„Nun, zum Besuch. Lucy war heiterer als an dem Tag, als ich sie zum ersten Mal sah, und sah sicherlich besser aus. Sie hatte etwas von dem grässlichen Aussehen verloren, das dich so erschüttert hat, und ihre Atmung war normal. Sie war sehr liebreizend zum Professor (wie sie immer ist) und versuchte, ihn zur Ruhe zu bringen; obwohl ich sehen konnte, dass die arme junge Frau schwer darum kämpfte. Ich glaube, Van Helsing sah es auch, denn ich sah den schnellen Blick unter seinen buschigen Brauen, den ich von früher kannte. Dann begann er, über alles Mögliche zu plaudern, nur nicht über uns selbst und Krankheiten, und mit einer solchen unendlichen Herzlichkeit, dass ich sehen konnte, wie Lucys gespielte Animation in Realität überging. Dann, ohne einen erkennbaren Wechsel, lenkte er das Gespräch sanft auf seinen Besuch und sagte geschmeidig: –

„‚Mein liebes junges Fräulein, ich habe das so große Vergnügen, weil Sie sehr geliebt werden. Das ist viel, meine Liebe, selbst wenn es das gäbe, was ich nicht sehe. Man sagte mir, Sie seien niedergeschlagen und von grässlicher Blässe. Zu ihnen sage ich: „Pouf!“‘ Und er schnippte mit den Fingern in meine Richtung und fuhr fort: ‚Aber Sie und ich, wir werden ihnen zeigen, wie sehr sie sich irren. Wie kann er‘ – und er zeigte auf mich mit demselben Blick und derselben Geste, mit der er mich einst seinem Kurs gegenüber bezeichnete, bei oder vielmehr nach einer besonderen Gelegenheit, an die er mich nicht müde wird zu erinnern – ‚etwas von jungen Damen wissen? Er hat seine Verrückten, mit denen er spielt und die er zurück zum Glück und zu denen bringt, die sie lieben. Es ist viel zu tun, und oh, aber es gibt Belohnungen darin, dass wir solches Glück schenken können. Aber die jungen Damen! Er hat weder Frau noch Tochter, und die Jungen vertrauen sich nicht den Jungen an, sondern den Alten wie mir, die so viele Sorgen und deren Ursachen kennen. Also, meine Liebe, werden wir ihn wegschicken, damit er im Garten eine Zigarette raucht, während Sie und ich ein kleines Gespräch unter uns haben.‘ Ich verstand den Wink und schlenderte umher, und kurz darauf kam der Professor ans Fenster und rief mich hinein. Er sah ernst aus, sagte aber: ‚Ich habe eine sorgfältige Untersuchung vorgenommen, aber es gibt keine funktionelle Ursache. Mit Ihnen stimme ich überein, dass viel Blut verloren wurde; es ist gewesen, aber ist nicht mehr. Aber ihr Zustand ist keineswegs anämisch. Ich habe sie gebeten, mir ihre Zofe zu schicken, damit ich nur ein oder zwei Fragen stellen kann, damit ich nicht Gefahr laufe, etwas zu übersehen. Ich weiß genau, was sie sagen wird. Und doch gibt es eine Ursache; es gibt immer für alles eine Ursache. Ich muss nach Hause zurückkehren und nachdenken. Sie müssen mir jeden Tag ein Telegramm schicken; und wenn es einen Grund gibt, werde ich wiederkommen. Die Krankheit – denn nicht ganz gesund zu sein, ist eine Krankheit – interessiert mich, und die süße junge Liebe, sie interessiert mich auch. Sie bezaubert mich, und für sie, wenn nicht für Sie oder die Krankheit, komme ich.‘

„Wie ich dir sage, wollte er kein Wort mehr sagen, selbst als wir allein waren. Und so, Art, weißt du nun alles, was ich weiß. Ich werde streng wachen. Ich hoffe, dein armer Vater erholt sich. Es muss eine schreckliche Sache für dich sein, mein lieber alter Junge, in einer solchen Lage zwischen zwei Menschen zu stehen, die dir beide so teuer sind. Ich kenne deine Vorstellung von Pflicht gegenüber deinem Vater, und du hast recht, daran festzuhalten; aber falls nötig, werde ich dir Nachricht schicken, damit du sofort zu Lucy kommst; sei also nicht übermäßig besorgt, es sei denn, du hörst von mir.“

Tagebuch von Dr. Seward.

4. September. – Der zoophage Patient hält unser Interesse an ihm weiterhin wach. Er hatte nur einen Ausbruch, und das war gestern zu einer ungewöhnlichen Zeit. Kurz vor dem Zwölfuhrschlag wurde er unruhig. Der Pfleger kannte die Symptome und rief sofort Hilfe herbei. Glücklicherweise kamen die Männer im Laufschritt und waren gerade noch rechtzeitig da, denn beim Schlag von zwölf wurde er so gewalttätig, dass es all ihre Kraft kostete, ihn festzuhalten. Nach etwa fünf Minuten jedoch begann er immer ruhiger zu werden und sank schließlich in eine Art Melancholie, in der er bis jetzt verharrt hat. Der Pfleger sagt mir, seine Schreie während des Anfalls seien wirklich entsetzlich gewesen; ich hatte alle Hände voll zu tun, als ich hineinkam, um mich um einige der anderen Patienten zu kümmern, die durch ihn verschreckt wurden. Tatsächlich kann ich die Wirkung gut verstehen, denn die Geräusche störten selbst mich, obwohl ich ein Stück entfernt war. Es ist jetzt nach der Essenszeit der Anstalt, und mein Patient sitzt immer noch in einer Ecke und grübelt, mit einem dumpfen, mürrischen, bekümmerten Ausdruck in seinem Gesicht, der eher etwas anzudeuten als direkt zu zeigen scheint. Ich kann es nicht ganz verstehen.

Später. – Eine weitere Veränderung bei meinem Patienten. Um fünf Uhr schaute ich nach ihm und fand ihn anscheinend so glücklich und zufrieden, wie er es früher war. Er fing Fliegen und aß sie, und er hielt seine Beute fest, indem er mit den Fingernägeln Kerben in den Rand der Tür zwischen den Polsterwülsten machte. Als er mich sah, kam er herüber und entschuldigte sich für sein schlechtes Benehmen und bat mich auf sehr demütige, kriecherische Weise, wieder in sein Zimmer gelassen zu werden und sein Notizbuch zurückzubekommen. Ich hielt es für gut, ihm nachzugeben; er ist also wieder in seinem Zimmer, mit offenem Fenster. Er hat den Zucker aus seinem Tee auf dem Fensterbrett verteilt und erntet eine reiche Ernte an Fliegen. Er isst sie jetzt nicht mehr, sondern legt sie wie früher in eine Schachtel und untersucht bereits die Ecken seines Zimmers, um eine Spinne zu finden. Ich habe versucht, ihn dazu zu bringen, über die letzten Tage zu sprechen, denn jeder Hinweis auf seine Gedanken wäre mir eine immense Hilfe; aber er wollte nicht darauf eingehen. Für einen Moment oder zwei sah er sehr traurig aus und sagte mit einer Art entrückter Stimme, als würde er es eher zu sich selbst als zu mir sagen: –

„Alles vorbei! Alles vorbei! Er hat mich verlassen. Keine Hoffnung mehr für mich, es sei denn, ich tue es selbst!“ Dann wandte er sich plötzlich entschlossen an mich und sagte: „Doktor, wollen Sie nicht sehr gut zu mir sein und mir ein wenig mehr Zucker geben? Ich glaube, das wäre gut für mich.“

„Und die Fliegen?“, fragte ich.

„Ja! Die Fliegen mögen ihn auch, und ich mag die Fliegen; deshalb mag ich ihn.“ Und es gibt Leute, die so wenig wissen, dass sie glauben, Wahnsinnige würden nicht argumentieren. Ich besorgte ihm einen doppelten Vorrat und ließ ihn als einen so glücklichen Mann zurück, wie es wohl kaum einen anderen auf der Welt gibt. Ich wünschte, ich könnte seinen Geist ergründen.

Mitternacht. – Eine weitere Veränderung bei ihm. Ich war bei Miss Westenra gewesen, die ich viel besser fand, und war gerade zurückgekehrt und stand an unserem Tor und betrachtete den Sonnenuntergang, als ich ihn wieder schreien hörte. Da sein Zimmer auf dieser Seite des Hauses liegt, konnte ich es besser hören als am Morgen. Es war ein Schock für mich, mich von der wunderbaren rauchigen Schönheit eines Sonnenuntergangs über London abzuwenden, mit seinen grellen Lichtern und tintenschwarzen Schatten und all den wunderbaren Tönungen, die auf faulen Wolken ebenso entstehen wie auf fauligem Wasser, und mir all die grimmige Strenge meines eigenen kalten Steingebäudes bewusst zu machen, mit seinem Reichtum an atmendem Elend, und meinem eigenen trostlosen Herzen, das all das ertragen muss. Ich erreichte ihn, gerade als die Sonne unterging, und sah von seinem Fenster aus, wie die rote Scheibe sank. Während sie sank, wurde er weniger rasend; und genau in dem Moment, als sie eintauchte, glitt er aus den Händen, die ihn hielten, als träge Masse auf den Boden. Es ist jedoch erstaunlich, welche intellektuelle Regenerationskraft Wahnsinnige haben, denn innerhalb weniger Minuten stand er ganz ruhig auf und blickte sich um. Ich gab den Pflegern ein Zeichen, ihn nicht festzuhalten, denn ich war gespannt, was er tun würde. Er ging direkt zum Fenster und bürstete die Zuckerkrümel weg; dann nahm er seine Fliegenschachtel, leerte sie draußen aus und warf die Schachtel weg; dann schloss er das Fenster und setzte sich, hinübergehend, auf sein Bett. All das überraschte mich, also fragte ich ihn: „Willst du keine Fliegen mehr halten?“

„Nein“, sagte er; „ich habe diesen ganzen Mist satt!“ Er ist sicherlich ein wunderbar interessantes Studienobjekt. Ich wünschte, ich könnte einen Einblick in seinen Geist oder die Ursache für seine plötzliche Leidenschaft gewinnen. Halt; es könnte doch einen Hinweis geben, wenn wir herausfinden können, warum seine Anfälle heute am helllichten Tag und bei Sonnenuntergang auftraten. Kann es sein, dass es einen bösartigen Einfluss der Sonne zu bestimmten Zeiten gibt, der gewisse Naturen beeinflusst – so wie manchmal der Mond andere beeinflusst? Wir werden sehen.

Telegramm, Seward, London, an Van Helsing, Amsterdam.

„4. September. – Patient heute noch besser.“

Telegramm, Seward, London, an Van Helsing, Amsterdam.

„5. September. – Patient stark verbessert. Guter Appetit; schläft natürlich; gute Stimmung, Farbe kehrt zurück.“

Telegramm, Seward, London, an Van Helsing, Amsterdam.

„6. September. – Schreckliche Verschlechterung. Kommen Sie sofort; verlieren Sie keine Stunde. Ich halte das Telegramm an Holmwood zurück, bis ich Sie gesehen habe.“

KAPITEL X.

Brief, Dr. Seward an Hon. Arthur Holmwood.

„6. September.

„Mein lieber Art, –

„Meine Nachrichten sind heute nicht so gut. Lucy hat sich heute Morgen ein wenig zurückentwickelt. Es gibt jedoch eine gute Sache, die sich daraus ergeben hat: Mrs. Westenra war natürlich besorgt wegen Lucy und hat mich professionell wegen ihr konsultiert. Ich nutzte die Gelegenheit und sagte ihr, dass mein alter Lehrer, Van Helsing, der große Spezialist, mich besuchen käme und dass ich sie gemeinsam mit mir in seine Obhut geben würde; so können wir nun kommen und gehen, ohne sie unangemessen zu beunruhigen, denn ein Schock für sie würde den plötzlichen Tod bedeuten, und dies könnte in Lucys schwachem Zustand verhängnisvoll für sie sein. Wir sind alle von Schwierigkeiten umgeben, mein armer alter Junge; aber so Gott will, werden wir sie alle gut überstehen. Wenn es nötig ist, werde ich schreiben; wenn du also nichts von mir hörst, nimm an, dass ich einfach auf Neuigkeiten warte. In Eile,

„Für immer dein, „/John Seward./“

Tagebuch von Dr. Seward.

7. September. – Das Erste, was Van Helsing zu mir sagte, als wir uns am Liverpool Street trafen, war: –

„Haben Sie unserem jungen Freund, ihrem Liebhaber, etwas gesagt?“

„Nein“, sagte ich. „Ich habe gewartet, bis ich Sie gesehen habe, wie ich es in meinem Telegramm schrieb. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, in dem ich ihm lediglich mitteilte, dass Sie kommen, da es Miss Westenra nicht so gut ging, und dass ich ihn wissen lassen würde, falls es nötig sei.“

„Richtig, mein Freund“, sagte er, „ganz richtig! Besser, er weiß es noch nicht; vielleicht wird er es nie erfahren. Das bete ich; aber wenn es nötig sein sollte, dann soll er alles erfahren. Und mein guter Freund John, lassen Sie mich Sie warnen. Sie haben es mit den Irren zu tun. Alle Menschen sind auf die eine oder andere Weise verrückt; und insofern Sie diskret mit Ihren Irren umgehen, so gehen Sie auch mit Gottes Irren um – dem Rest der Welt. Sie sagen Ihren Irren nicht, was Sie tun, noch warum Sie es tun; Sie sagen ihnen nicht, was Sie denken. So werden Sie das Wissen an seinem Platz bewahren, wo es ruhen kann – wo es seine Artgenossen um sich sammeln und sich vermehren kann. Sie und ich, wir bewahren vorerst das, was wir wissen, hier und hier.“ Er berührte mich am Herzen und an der Stirn und berührte sich dann selbst auf die gleiche Weise. „Ich habe für mich selbst Gedanken für den Augenblick. Später werde ich sie Ihnen darlegen.“

„Warum nicht jetzt?“, fragte ich. „Es könnte etwas nützen; wir könnten zu einer Entscheidung kommen.“ Er blieb stehen, sah mich an und sagte:

„Mein Freund John, wenn der Weizen gewachsen ist, noch bevor er gereift ist – während die Milch seiner Mutter Erde in ihm steckt und der Sonnenschein noch nicht begonnen hat, ihn mit seinem Gold zu bemalen, da pflückt der Landmann die Ähre und reibt sie zwischen seinen rauen Händen, bläst die grüne Spreu fort und sagt zu Ihnen: ‚Sehen Sie! Das ist guter Weizen; er wird eine gute Ernte geben, wenn die Zeit gekommen ist.‘“ Ich sah die Anwendung nicht und sagte ihm das. Zur Antwort griff er herüber, nahm mein Ohr in seine Hand und zog verspielt daran, wie er es vor langer Zeit bei Vorlesungen zu tun pflegte, und sagte: „Der gute Landmann sagt Ihnen das dann, weil er es weiß, aber nicht vorher. Aber Sie finden nicht, dass der gute Landmann seinen gepflanzten Weizen ausgräbt, um zu sehen, ob er wächst; das ist etwas für Kinder, die Landwirtschaft spielen, nicht für jene, die es als das Werk ihres Lebens betrachten. Verstehen Sie jetzt, Freund John? Ich habe meinen Weizen gesät, und die Natur hat ihre Arbeit zu tun, ihn keimen zu lassen; wenn er überhaupt keimt, gibt es ein gewisses Versprechen; und ich warte, bis die Ähre anzuschwellen beginnt.“ Er brach ab, denn er sah offensichtlich, dass ich es verstand. Dann fuhr er fort, und zwar sehr ernst:

„Sie waren schon immer ein sorgfältiger Student, und Ihr Fallbuch war stets voller als das der anderen. Sie waren damals nur Student; jetzt sind Sie Meister, und ich vertraue darauf, dass diese gute Angewohnheit nicht nachgelassen hat. Denken Sie daran, mein Freund, dass Wissen stärker ist als das Gedächtnis, und wir sollten dem Schwächeren nicht vertrauen. Selbst wenn Sie die gute Praxis nicht beibehalten haben, lassen Sie mich Ihnen sagen, dass dieser Fall unserer lieben Miss einer ist, der für uns und andere von solchem Interesse sein kann – wohlgemerkt, ich sage kann –, dass alles andere nicht ins Gewicht fällt, wie Ihr Volk zu sagen pflegt. Notieren Sie es sich also gut. Nichts ist zu klein. Ich rate Ihnen, schreiben Sie sogar Ihre Zweifel und Vermutungen auf. In Zukunft mag es für Sie von Interesse sein zu sehen, wie richtig Sie raten. Wir lernen aus dem Scheitern, nicht aus dem Erfolg!“

Als ich Lucys Symptome beschrieb – dieselben wie zuvor, aber definitiv ausgeprägter –, blickte er sehr ernst, sagte aber nichts. Er nahm eine Tasche mit, in der sich viele Instrumente und Medikamente befanden, „das grausige Zubehör unseres segensreichen Gewerbes“, wie er einmal in einer seiner Vorlesungen die Ausrüstung eines Professors der Heilkunst nannte. Als wir hineingeführt wurden, traf uns Mrs. Westenra. Sie war alarmiert, aber bei weitem nicht so sehr, wie ich erwartet hatte. Die Natur hat in einer ihrer wohltuenden Stimmungen verfügt, dass selbst der Tod ein Gegenmittel für seine eigenen Schrecken hat. Hier, in einem Fall, in dem jeder Schock tödlich sein könnte, sind die Dinge so geordnet, dass aus irgendeinem Grund die Dinge, die nicht persönlich sind – selbst die schreckliche Veränderung bei ihrer Tochter, an der sie so hängt –, sie nicht zu erreichen scheinen. Es ist so ähnlich, wie Mutter Natur um einen Fremdkörper eine Hülle aus unempfindlichem Gewebe bildet, die das, was sie sonst durch Kontakt schädigen würde, vor Übel bewahren kann. Wenn dies ein geordneter Egoismus ist, dann sollten wir innehalten, bevor wir irgendjemanden für das Laster des Egoismus verurteilen, denn es mag tiefere Wurzeln für seine Ursachen geben, als wir wissen.

Ich nutzte mein Wissen über diese Phase der spirituellen Pathologie und stellte die Regel auf, dass sie nicht bei Lucy sein oder nicht mehr als unbedingt nötig an deren Krankheit denken sollte. Sie stimmte bereitwillig zu, so bereitwillig, dass ich erneut die Hand der Natur sah, die um das Leben kämpfte. Van Helsing und ich wurden in Lucys Zimmer geführt. Wenn ich gestern schockiert war, als ich sie sah, so war ich heute entsetzt. Sie war totenblass, kalkweiß; das Rot schien selbst von ihren Lippen und ihrem Zahnfleisch gewichen zu sein, und die Knochen ihres Gesichts traten deutlich hervor; ihr Atem zu sehen oder zu hören war schmerzhaft. Van Helsings Gesicht wurde starr wie Marmor, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen, bis sie sich fast über der Nase berührten. Lucy lag regungslos da und schien nicht die Kraft zu haben, zu sprechen, also waren wir eine Weile alle still. Dann winkte mich Van Helsing zu sich, und wir gingen vorsichtig aus dem Zimmer. In dem Augenblick, als wir die Tür geschlossen hatten, schritt er schnell den Flur entlang zur nächsten Tür, die offen stand. Dann zog er mich schnell mit sich hinein und schloss die Tür. „Mein Gott!“, sagte er; „das ist schrecklich. Es darf keine Zeit verloren gehen. Sie wird aus reiner Mangel an Blut sterben, das nötig ist, um die Herzfunktion so zu erhalten, wie sie sein sollte. Es muss sofort eine Bluttransfusion stattfinden. Sind Sie es oder ich?“

„Ich bin jünger und stärker, Professor. Ich muss es sein.“

„Dann machen Sie sich sofort bereit. Ich hole meine Tasche. Ich bin vorbereitet.“

Ich ging mit ihm nach unten, und als wir gerade gingen, klopfte es an der Haustür. Als wir den Flur erreichten, hatte das Dienstmädchen gerade die Tür geöffnet, und Arthur trat schnell ein. Er stürmte auf mich zu und sagte in einem eifrigen Flüsterton:

„Jack, ich war so besorgt. Ich habe zwischen den Zeilen deines Briefes gelesen und war in einer Qual. Meinem Vater ging es besser, also bin ich hierher geeilt, um selbst nachzusehen. Ist das nicht Dr. Van Helsing? Ich bin Ihnen so dankbar, mein Herr, dass Sie gekommen sind.“ Als der Blick des Professors zum ersten Mal auf ihn fiel, war er über jede Unterbrechung zu einer solchen Zeit verärgert gewesen; aber jetzt, als er seine stämmigen Proportionen in sich aufnahm und das starke junge Mannestum erkannte, das von ihm auszugehen schien, leuchteten seine Augen. Ohne zu zögern sagte er ernst zu ihm, während er ihm die Hand entgegenstreckte:

„Mein Herr, Sie sind rechtzeitig gekommen. Sie sind der Liebhaber unserer lieben Miss. Es steht schlecht um sie, sehr, sehr schlecht. Nein, mein Kind, gehen Sie nicht so.“ Denn er wurde plötzlich blass und ließ sich auf einen Stuhl fallen, fast in Ohnmacht fallend. „Sie sollen ihr helfen. Sie können mehr tun als jeder Lebende, und Ihr Mut ist Ihre beste Hilfe.“

„Was kann ich tun?“, fragte Arthur heiser. „Sagen Sie es mir, und ich werde es tun. Mein Leben gehört ihr, und ich würde den letzten Tropfen Blut in meinem Körper für sie geben.“ Der Professor hat eine stark humorvolle Seite, und ich konnte aus alter Kenntnis eine Spur ihres Ursprungs in seiner Antwort erkennen:

„Mein junger Freund, ich verlange nicht so viel – nicht den letzten!“

„Was soll ich tun?“ Es brannte in seinen Augen, und seine offenen Nasenflügel bebten vor Entschlossenheit. Van Helsing klopfte ihm auf die Schulter. „Kommen Sie!“, sagte er. „Sie sind ein Mann, und einen Mann brauchen wir. Sie sind besser als ich, besser als mein Freund John.“ Arthur sah verwirrt aus, und der Professor fuhr fort, indem er auf freundliche Weise erklärte:

„Die junge Miss ist krank, sehr krank. Sie braucht Blut, und Blut muss sie haben, sonst stirbt sie. Mein Freund John und ich haben uns beraten; und wir sind im Begriff, das durchzuführen, was wir eine Bluttransfusion nennen – von den vollen Adern des einen in die leeren Adern zu übertragen, die sich nach ihm sehnen. John sollte sein Blut geben, da er jünger und stärker ist als ich“ – hier nahm Arthur meine Hand und drückte sie still fest – „aber jetzt, da Sie hier sind, sind Sie besser als wir, ob alt oder jung, die wir so viel in der Welt der Gedanken arbeiten. Unsere Nerven sind nicht so ruhig und unser Blut nicht so hell wie Ihres!“ Arthur wandte sich an ihn und sagte:

„Wenn Sie nur wüssten, wie gerne ich für sie sterben würde, würden Sie verstehen...“

Er hielt inne, mit einem erstickten Ton in seiner Stimme.

„Guter Junge!“, sagte Van Helsing. „In nicht allzu ferner Zeit werden Sie glücklich sein, dass Sie alles für sie getan haben, die Sie lieben. Kommen Sie jetzt und seien Sie still. Sie dürfen sie einmal küssen, bevor es getan ist, aber dann müssen Sie gehen; und Sie müssen auf mein Zeichen hin gehen. Sagen Sie der Madame kein Wort; Sie wissen, wie es mit ihr ist! Es darf keinen Schock geben; jedes Wissen darüber wäre einer. Kommen Sie!“

Wir gingen alle hinauf zu Lucys Zimmer. Arthur blieb auf Anweisung draußen. Lucy drehte den Kopf und sah uns an, sagte aber nichts. Sie schlief nicht, aber sie war schlicht zu schwach, um die Anstrengung aufzubringen. Ihre Augen sprachen zu uns; das war alles. Van Helsing nahm einige Dinge aus seiner Tasche und legte sie auf einen kleinen Tisch außerhalb ihrer Sichtweite. Dann mischte er ein Narkotikum, kam zum Bett und sagte fröhlich:

„Nun, kleine Miss, hier ist Ihre Medizin. Trinken Sie sie aus, wie ein braves Kind. Sehen Sie, ich hebe Sie so hoch, damit das Schlucken leicht fällt. Ja.“ Sie hatte die Anstrengung erfolgreich unternommen.

Es erstaunte mich, wie lange das Medikament brauchte, um zu wirken. Dies markierte tatsächlich das Ausmaß ihrer Schwäche. Die Zeit schien endlos, bis Schlaf in ihren Augenlidern zu flackern begann. Schließlich jedoch begann das Narkotikum seine Wirkung zu entfalten; und sie fiel in einen tiefen Schlaf. Als der Professor zufrieden war, rief er Arthur in das Zimmer und bat ihn, seinen Rock auszuziehen. Dann fügte er hinzu: „Sie können diesen einen kleinen Kuss nehmen, während ich den Tisch herüberbringe. Freund John, helfen Sie mir!“ So sah keiner von uns hin, während er sich über sie beugte.

Van Helsing wandte sich an mich und sagte:

„Er ist so jung und stark und von so reinem Blut, dass wir es nicht defibrinieren müssen.“

Dann führte Van Helsing mit Schnelligkeit, aber mit absoluter Methode die Operation durch. Während die Transfusion voranschritt, schien so etwas wie Leben in die Wangen der armen Lucy zurückzukehren, und durch Arthurs zunehmende Blässe schien die Freude in seinem Gesicht förmlich zu strahlen. Nach einer Weile begann ich unruhig zu werden, denn der Blutverlust machte Arthur zu schaffen, starker Mann, der er war. Es gab mir eine Vorstellung davon, welch schrecklicher Belastung Lucys System unterzogen worden sein musste, dass das, was Arthur schwächte, sie nur teilweise wiederherstellte. Aber das Gesicht des Professors war starr, und er stand mit der Uhr in der Hand und mit seinen Augen bald auf die Patientin, bald auf Arthur gerichtet. Ich konnte mein eigenes Herz schlagen hören. Nach einer Weile sagte er mit sanfter Stimme: „Rühren Sie sich keinen Augenblick. Es ist genug. Sie kümmern sich um ihn; ich werde nach ihr sehen.“ Als alles vorbei war, konnte ich sehen, wie sehr Arthur geschwächt war. Ich verband die Wunde und nahm seinen Arm, um ihn wegzubringen, als Van Helsing sprach, ohne sich umzudrehen – der Mann scheint Augen im Hinterkopf zu haben:

„Der tapfere Liebhaber verdient meiner Meinung nach einen weiteren Kuss, den er gleich bekommen wird.“ Und da er seine Operation nun beendet hatte, richtete er das Kissen am Kopf der Patientin. Während er dies tat, wurde das schmale schwarze Samtband, das sie scheinbar immer um ihren Hals trug, verschlossen mit einer alten Diamantschnalle, die ihr ihr Liebhaber geschenkt hatte, ein wenig nach oben gezogen und zeigte ein rotes Mal an ihrem Hals. Arthur bemerkte es nicht, aber ich konnte das tiefe Zischen des eingezogenen Atems hören, was eine von Van Helsings Arten ist, Emotionen zu verraten. Er sagte in diesem Moment nichts, wandte sich aber an mich und sagte: „Bringen Sie jetzt unseren tapferen jungen Liebhaber nach unten, geben Sie ihm von dem Portwein und lassen Sie ihn eine Weile liegen. Er muss dann nach Hause gehen und sich ausruhen, viel schlafen und viel essen, damit er sich von dem erholt, was er seiner Liebsten so gegeben hat. Er darf nicht hierbleiben. Halt! Einen Moment. Ich darf wohl annehmen, mein Herr, dass Sie auf das Ergebnis gespannt sind. Dann nehmen Sie mit, dass die Operation in jeder Hinsicht erfolgreich ist. Sie haben ihr diesmal das Leben gerettet, und Sie können nach Hause gehen und beruhigt sein, dass alles getan ist, was getan werden kann. Ich werde ihr alles erzählen, wenn sie gesund ist; sie wird Sie nicht weniger lieben für das, was Sie getan haben. Auf Wiedersehen.“

Als Arthur gegangen war, ging ich zurück in das Zimmer. Lucy schlief sanft, aber ihre Atmung war kräftiger; ich konnte sehen, wie sich die Tagesdecke bewegte, als sich ihre Brust hob und senkte. Am Bett saß Van Helsing und betrachtete sie aufmerksam. Das Samtband bedeckte wieder das rote Mal. Ich fragte den Professor flüsternd:

„Was halten Sie von diesem Mal an ihrem Hals?“

„Was halten Sie davon?“

„Ich habe es noch nicht gesehen“, antwortete ich und machte mich sofort daran, das Band zu lösen. Direkt über der äußeren Drosselvene befanden sich zwei Einstiche, nicht groß, aber sie sahen nicht gesund aus. Es gab kein Anzeichen von Krankheit, aber die Ränder waren weiß und abgenutzt, als wären sie durch irgendeine Reibung entstanden. Mir kam sofort der Gedanke, dass diese Wunde, oder was auch immer es war, die Ursache für den offensichtlichen Blutverlust sein könnte; aber ich verwarf die Idee, sobald sie entstanden war, denn so etwas konnte nicht sein. Das ganze Bett hätte mit dem Blut scharlachrot getränkt sein müssen, das das Mädchen verloren haben müsste, um eine solche Blässe zu hinterlassen, wie sie sie vor der Transfusion hatte.

„Nun?“, sagte Van Helsing.

„Nun?“, sagte ich, „ich kann mir keinen Reim darauf machen.“ Der Professor stand auf. „Ich muss heute Nacht nach Amsterdam zurück“, sagte er. „Dort gibt es Bücher und Dinge, die ich brauche. Sie müssen die ganze Nacht hierbleiben, und Sie dürfen sie nicht aus den Augen lassen.“

„Soll ich eine Krankenschwester haben?“, fragte ich.

„Wir sind die besten Krankenschwestern, Sie und ich. Sie halten die ganze Nacht Wache; sehen Sie zu, dass sie gut ernährt wird und dass nichts sie stört. Sie dürfen die ganze Nacht nicht schlafen. Später können wir schlafen, Sie und ich. Ich werde so bald wie möglich zurück sein. Und dann können wir beginnen.“

„Beginnen?“, sagte ich. „Was um Himmels willen meinen Sie?“

„Wir werden sehen!“, antwortete er, während er hinausstürmte. Er kam einen Augenblick später zurück, steckte den Kopf zur Tür herein und sagte mit erhobenem warnenden Finger:

„Denken Sie daran, sie ist Ihre Verantwortung. Wenn Sie sie verlassen und ihr ein Leid geschieht, werden Sie danach nicht mehr ruhig schlafen!“

Tagebuch von Dr. Seward – Fortsetzung.

8. September. – Ich saß die ganze Nacht bei Lucy. Das Betäubungsmittel ließ gegen Abend nach, und sie wachte natürlich auf; sie sah wie ein anderer Mensch aus als vor der Operation. Sogar ihre Stimmung war gut, und sie war voller glücklicher Lebhaftigkeit, aber ich konnte Anzeichen der absoluten Erschöpfung sehen, die sie durchgemacht hatte. Als ich Mrs. Westenra sagte, dass Dr. Van Helsing angeordnet habe, dass ich bei ihr wache, tat sie die Idee fast ab und wies auf die wiedererlangte Kraft und die ausgezeichnete Stimmung ihrer Tochter hin. Ich blieb jedoch fest und traf Vorbereitungen für meine lange Nachtwache. Als ihr Dienstmädchen sie für die Nacht vorbereitet hatte, kam ich herein, nachdem ich in der Zwischenzeit zu Abend gegessen hatte, und nahm einen Platz am Bett ein. Sie machte keinerlei Einwände, sah mich aber dankbar an, wann immer sich unsere Blicke trafen. Nach einer langen Zeit schien sie einzuschlafen, aber mit einer Anstrengung schien sie sich zusammenzureißen und es abzuschütteln. Dies wiederholte sich mehrmals, mit größerer Anstrengung und kürzeren Pausen, während die Zeit verstrich. Es war offensichtlich, dass sie nicht schlafen wollte, also packte ich das Thema sofort an:

„Sie wollen nicht schlafen?“

„Nein; ich habe Angst.“

„Angst davor, zu schlafen! Warum das? Es ist die Wohltat, nach der wir uns alle sehnen.“

„Ach, nicht, wenn Sie wie ich wären – wenn Schlaf für Sie ein Vorbote des Schreckens wäre!“

„Ein Vorbote des Schreckens! Was um Himmels willen meinen Sie damit?“

„Ich weiß es nicht; oh, ich weiß es nicht. Und das ist das Schreckliche. All diese Schwäche kommt im Schlaf über mich; bis ich den bloßen Gedanken daran fürchte.“

„Aber meine liebe junge Frau, Sie können heute Nacht schlafen. Ich bin hier und wache über Sie, und ich kann Ihnen versprechen, dass nichts passieren wird.“

„Ach, ich kann Ihnen vertrauen!“ Ich nutzte die Gelegenheit und sagte: „Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie sofort wecken werde, wenn ich Anzeichen von schlechten Träumen sehe.“

„Werden Sie das? Oh, werden Sie wirklich? Wie gut Sie zu mir sind! Dann werde ich schlafen!“ Und fast bei diesen Worten stieß sie einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und sank zurück in den Schlaf.

Die ganze Nacht über wachte ich bei ihr. Sie rührte sich nie, sondern schlief immer weiter in einem tiefen, ruhigen, lebenspendenden, gesundheitsfördernden Schlaf. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und ihre Brust hob und senkte sich mit der Regelmäßigkeit eines Pendels. Ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht, und es war offensichtlich, dass keine bösen Träume gekommen waren, um ihren Seelenfrieden zu stören.

Am frühen Morgen kam ihr Dienstmädchen, und ich überließ sie ihrer Obhut und ging nach Hause, denn ich war wegen vieler Dinge besorgt. Ich sandte ein kurzes Telegramm an Van Helsing und an Arthur, in dem ich ihnen von dem ausgezeichneten Ergebnis der Operation berichtete. Meine eigene Arbeit, mit ihren vielfältigen Rückständen, nahm den ganzen Tag in Anspruch; es war dunkel, als ich mich nach meinem zoophagen Patienten erkundigen konnte. Der Bericht war gut: Er war den vergangenen Tag und die Nacht über ganz ruhig gewesen. Während ich zu Abend aß, kam ein Telegramm von Van Helsing aus Amsterdam, in dem er vorschlug, dass ich heute Nacht in Hillingham sein sollte, da es gut sein könnte, in der Nähe zu sein, und er teilte mit, dass er mit dem Nachtzug abreise und mich am frühen Morgen treffen werde.

9. September. – Ich war ziemlich müde und erschöpft, als ich in Hillingham ankam. Zwei Nächte lang hatte ich kaum ein Auge zugemacht, und mein Gehirn begann diese Taubheit zu spüren, die die zerebrale Erschöpfung kennzeichnet. Lucy war auf und guter Stimmung. Als sie mir die Hand schüttelte, sah sie mir scharf ins Gesicht und sagte:

„Kein Aufbleiben für Sie heute Nacht. Sie sind erschöpft. Ich bin wieder ganz gesund; wirklich, das bin ich; und wenn jemand aufbleiben muss, dann bin ich es, die mit Ihnen aufbleibt.“ Ich wollte nicht darüber streiten, sondern ging und aß zu Abend. Lucy kam mit mir, und belebt durch ihre charmante Anwesenheit, aß ich ausgezeichnet und trank ein paar Gläser des mehr als vortrefflichen Portweins. Dann nahm mich Lucy mit nach oben und zeigte mir ein Zimmer neben ihrem eigenen, in dem ein gemütliches Feuer brannte. „Nun“, sagte sie, „Sie müssen hier bleiben. Ich werde diese Tür offen lassen und meine auch. Sie können auf dem Sofa liegen, denn ich weiß, dass nichts einen von Ihnen Ärzten dazu bringen würde, ins Bett zu gehen, solange es eine Patientin am Horizont gibt. Wenn ich etwas brauche, werde ich rufen, und Sie können sofort zu mir kommen.“ Ich konnte nicht anders, als zuzustimmen, denn ich war hundemüde und hätte nicht aufbleiben können, selbst wenn ich es versucht hätte. Als sie also ihr Versprechen erneuerte, mich zu rufen, falls sie etwas brauchen sollte, legte ich mich auf das Sofa und vergaß alles um mich herum.

9. September. – Ich fühle mich heute Abend so glücklich. Ich war so elend schwach, dass es sich wie Sonnenschein nach einer langen Zeit von Ostwind aus einem stählernen Himmel anfühlt, wieder denken und mich bewegen zu können. Irgendwie fühlt sich Arthur mir sehr, sehr nah. Ich scheine seine Gegenwart warm um mich herum zu spüren. Ich nehme an, das liegt daran, dass Krankheit und Schwäche selbstsüchtige Dinge sind, die unser inneres Auge und unser Mitgefühl auf uns selbst richten, während Gesundheit und Stärke der Liebe freien Lauf lassen, und in Gedanken und Gefühlen kann er wandern, wohin er will. Ich weiß, wo meine Gedanken sind. Wenn Arthur es nur wüsste! Mein Lieber, mein Lieber, deine Ohren müssen klingen, während du schläfst, so wie meine es tun, während ich wach bin. Oh, die wonnige Ruhe der letzten Nacht! Wie ich geschlafen habe, mit dem lieben, guten Dr. Seward, der über mich wachte. Und heute Nacht werde ich keine Angst haben zu schlafen, da er ganz in der Nähe ist und auf Abruf bereitsteht. Dankt allen dafür, dass sie so gut zu mir sind! Gott sei Dank! Gute Nacht, Arthur.

Tagebuch von Dr. Seward.

10. September. – Ich war mir der Hand des Professors auf meinem Kopf bewusst und schreckte in einer Sekunde hoch. Das ist jedenfalls eines der Dinge, die wir in einer Anstalt lernen.

„Und wie geht es unserer Patientin?“

„Nun, als ich sie verließ, oder besser gesagt, als sie mich verließ“, antwortete ich.

„Kommen Sie, lassen Sie uns nachsehen“, sagte er. Und gemeinsam gingen wir in das Zimmer.

Das Rollo war unten, und ich ging hinüber, um es behutsam hochzuziehen, während Van Helsing mit seinem weichen, katzenartigen Gang zum Bett schritt.

Als ich das Rollo hochzog und das Morgenlicht das Zimmer flutete, hörte ich das leise zischende Einatmen des Professors, und da ich wusste, wie selten das vorkam, durchfuhr mich eine tödliche Angst. Als ich vorbeiging, wich er zurück, und sein Ausruf des Entsetzens „Gott im Himmel!“ bedurfte keiner Bekräftigung durch sein gequältes Gesicht. Er hob die Hand und deutete auf das Bett, und sein eisernes Gesicht war eingefallen und aschfahl. Ich spürte, wie meine Knie zu zittern begannen.

Dort auf dem Bett, scheinbar in Ohnmacht, lag die arme Lucy, noch entsetzlich weißer und ausgemergelter aussehend als je zuvor. Selbst die Lippen waren weiß, und das Zahnfleisch schien sich von den Zähnen zurückgezogen zu haben, wie wir es manchmal bei einer Leiche nach langer Krankheit sehen. Van Helsing hob den Fuß, um vor Zorn aufzustampfen, aber der Instinkt seines Lebens und all die langen Jahre der Gewohnheit standen ihm bei, und er setzte ihn wieder sanft ab. „Schnell!“, sagte er. „Bringen Sie den Brandy.“ Ich flog in das Esszimmer und kehrte mit der Karaffe zurück. Er benetzte die armen weißen Lippen damit, und gemeinsam rieben wir Handfläche, Handgelenk und Herz. Er fühlte ihren Herzschlag und sagte nach einigen Momenten qualvoller Ungewissheit:

„Es ist noch nicht zu spät. Es schlägt, wenn auch nur schwach. Unsere ganze Arbeit ist zunichtegemacht; wir müssen von vorne anfangen. Es gibt hier jetzt keinen jungen Arthur; ich muss mich diesmal an Sie selbst wenden, Freund John.“ Während er sprach, griff er in seine Tasche und holte die Instrumente für die Transfusion hervor; ich hatte meinen Rock ausgezogen und meinen Hemdsärmel hochgekrempelt. An ein Betäubungsmittel war im Augenblick nicht zu denken, und es war auch nicht nötig; und so begannen wir ohne jeden Verzug mit der Operation. Nach einer Weile – es schien auch keine kurze Zeit zu sein, denn das Abfließen des eigenen Blutes, wie bereitwillig es auch gegeben werden mag, ist ein schreckliches Gefühl – hob Van Helsing einen warnenden Finger. „Rühren Sie sich nicht“, sagte er, „aber ich fürchte, dass sie mit wachsender Kraft erwachen könnte; und das würde Gefahr bedeuten, oh, so viel Gefahr. Aber ich werde Vorsorge treffen. Ich werde eine subkutane Morphiuminjektion verabreichen.“ Er fuhr dann schnell und geschickt fort, seine Absicht auszuführen. Die Wirkung auf Lucy war nicht schlecht, denn die Ohnmacht schien subtil in den narkotischen Schlaf überzugehen. Es war mit einem Gefühl persönlichen Stolzes, dass ich sehen konnte, wie ein schwacher Hauch von Farbe in die blassen Wangen und Lippen zurückkehrte. Kein Mann weiß, bis er es erlebt, wie es ist, sein eigenes Lebensblut in die Adern der Frau fließen zu fühlen, die er liebt.

Der Professor beobachtete mich kritisch. „Das wird genügen“, sagte er. „Schon?“, wandte ich ein. „Sie haben Art sehr viel mehr abgenommen.“ Woraufhin er ein trauriges Lächeln aufsetzte, als er antwortete:

„Er ist ihr Liebhaber, ihr Verlobter. Sie haben Arbeit, viel Arbeit, für sie und für andere zu tun; und das Vorhandene wird ausreichen.“

Als wir die Operation beendeten, kümmerte er sich um Lucy, während ich mit den Fingern Druck auf meinen eigenen Schnitt ausübte. Ich legte mich hin, während ich darauf wartete, dass er Zeit für mich fand, denn ich fühlte mich schwach und ein wenig übel. Nach einer Weile verband er meine Wunde und schickte mich nach unten, um mir ein Glas Wein zu holen. Als ich das Zimmer verließ, kam er hinter mir her und flüsterte halb:

„Denken Sie daran, darüber darf nichts gesagt werden. Sollte unser junger Liebhaber unerwartet auftauchen, wie zuvor, kein Wort zu ihm. Es würde ihn sofort erschrecken und auch eifersüchtig machen. Das darf nicht sein. So!“

Als ich zurückkam, sah er mich prüfend an und sagte dann:

„Sie sind nicht viel schlimmer dran. Gehen Sie in das Zimmer und legen Sie sich auf Ihr Sofa und ruhen Sie sich eine Weile aus; dann essen Sie ausgiebig Frühstück und kommen Sie dann zu mir.“

Ich befolgte seine Anweisungen, denn ich wusste, wie richtig und klug sie waren. Ich hatte meinen Teil getan, und nun war meine nächste Pflicht, meine Kräfte zu erhalten. Ich fühlte mich sehr schwach und verlor in der Schwäche etwas von dem Erstaunen über das, was geschehen war. Ich schlief jedoch auf dem Sofa ein und fragte mich immer wieder, wie Lucy eine solch rückläufige Entwicklung machen konnte und wie ihr so viel Blut entzogen werden konnte, ohne dass es irgendwo Spuren gab. Ich glaube, ich muss mein Staunen in meinen Träumen fortgesetzt haben, denn im Schlaf wie im Wachen kehrten meine Gedanken immer wieder zu den kleinen Einstichen in ihrem Hals und dem zerfetzten, erschöpften Aussehen ihrer Ränder zurück – so winzig sie auch waren.

Lucy schlief bis weit in den Tag hinein; und als sie aufwachte, war sie ziemlich wohlauf und stark, wenn auch bei weitem nicht so sehr wie am Tag zuvor. Als Van Helsing nach ihr gesehen hatte, ging er spazieren und ließ mich als Aufsicht zurück, mit strengen Anweisungen, dass ich sie keinen Moment allein lassen dürfe. Ich konnte seine Stimme im Flur hören, wie er nach dem Weg zum nächsten Telegrafenamt fragte.

Lucy unterhielt sich ungezwungen mit mir und schien sich gar nicht bewusst zu sein, dass irgendetwas geschehen war. Ich versuchte, sie zu amüsieren und ihr Interesse wachzuhalten. Als ihre Mutter heraufkam, um nach ihr zu sehen, schien sie keinerlei Veränderung zu bemerken, sagte aber dankbar zu mir:

„Wir schulden Ihnen so viel, Dr. Seward, für alles, was Sie getan haben, aber Sie müssen jetzt wirklich aufpassen, dass Sie sich nicht überarbeiten. Sie sehen selbst blass aus. Sie brauchen eine Frau, die Sie ein bisschen pflegt und sich um Sie kümmert; das brauchen Sie wirklich!“ Als sie das sagte, lief Lucy dunkelrot an, wenn auch nur für einen Moment, denn ihre armen, ausgezehrten Adern konnten einen solch ungewohnten Zustrom zum Kopf nicht lange ertragen. Die Reaktion kam in Form von übermäßiger Blässe, als sie flehende Augen auf mich richtete. Ich lächelte und nickte und legte meinen Finger auf meine Lippen; mit einem Seufzer sank sie zurück in ihre Kissen.

Van Helsing kehrte nach ein paar Stunden zurück und sagte kurz darauf zu mir: „Nun gehen Sie nach Hause, essen Sie viel und trinken Sie genug. Machen Sie sich stark. Ich bleibe heute Nacht hier, und ich werde selbst bei dem kleinen Fräulein sitzen. Sie und ich müssen den Fall bewachen, und wir dürfen niemanden sonst davon wissen lassen. Ich habe schwerwiegende Gründe. Nein, fragen Sie nicht danach; denken Sie, was Sie wollen. Fürchten Sie sich nicht, auch das Unwahrscheinlichste zu denken. Gute Nacht.“

Im Flur kamen zwei der Dienstmädchen auf mich zu und fragten, ob sie oder eine von ihnen nicht bei Miss Lucy sitzen dürften. Sie flehten mich an, es ihnen zu erlauben; und als ich sagte, es sei Dr. Van Helsings Wunsch, dass entweder er oder ich dort säßen, baten sie mich ganz kläglich, beim „ausländischen Herrn“ ein gutes Wort für sie einzulegen. Ich war sehr gerührt von ihrer Güte. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Moment schwach bin, und vielleicht war es Lucys wegen, dass sich ihre Hingabe zeigte; denn immer wieder habe ich ähnliche Beispiele für die Güte von Frauen gesehen. Ich kam rechtzeitig für ein spätes Abendessen zurück; machte meine Runde – alles wohlauf; und notierte dies, während ich auf den Schlaf wartete. Er kommt.

11. September. – Heute Nachmittag fuhr ich nach Hillingham. Traf Van Helsing in ausgezeichneter Stimmung an, und Lucy geht es viel besser. Kurz nachdem ich angekommen war, kam ein großes Paket aus dem Ausland für den Professor. Er öffnete es mit viel Aufhebens – natürlich gespielt – und zeigte ein großes Bündel weißer Blumen.

„Diese sind für Sie, Miss Lucy“, sagte er.

„Für mich? Oh, Dr. Van Helsing!“

„Ja, meine Liebe, aber nicht zum Spielen für Sie. Das sind Medikamente.“ Hier verzog Lucy das Gesicht. „Nein, aber sie sind nicht als Absud oder in ekelhafter Form einzunehmen, also brauchen Sie diese so bezaubernde Nase nicht zu rümpfen, sonst werde ich meinem Freund Arthur zeigen, welche Leiden er ertragen muss, wenn er so viel Schönheit, die er so sehr liebt, sich verzerren sieht. Aha, mein hübsches Fräulein, das bringt die so schöne Nase wieder ganz gerade. Das ist medizinisch, aber Sie wissen nicht, wie. Ich lege sie in Ihr Fenster, ich mache einen hübschen Kranz und hänge ihn Ihnen um den Hals, damit Sie gut schlafen. Oh ja! Sie lassen, wie die Lotusblüte, Ihre Sorgen vergessen. Es riecht so wie das Wasser des Lethe und von jenem Quell der Jugend, den die Konquistadoren in Florida suchten und ihn allzu spät fanden.“

Während er sprach, hatte Lucy die Blumen untersucht und an ihnen gerochen. Jetzt warf sie sie hin und sagte mit halbem Lachen und halbem Ekel:

„Oh, Professor, ich glaube, Sie erlauben sich nur einen Scherz mit mir. Warum, das sind doch nur ganz gewöhnlicher Knoblauch.“

Zu meiner Überraschung stand Van Helsing auf und sagte mit all seiner Strenge, sein eiserner Kiefer fest zusammengepresst und seine buschigen Augenbrauen sich treffend:

„Keine Spielereien mit mir! Ich scherze nie! Es liegt ein grimmiger Zweck in allem, was ich tue; und ich warne Sie, dass Sie mich nicht behindern. Seien Sie vorsichtig, um der anderen willen, wenn schon nicht um Ihrer selbst willen.“ Dann, als er sah, wie die arme Lucy erschrak, was sie auch zurecht sein mochte, fuhr er sanfter fort: „Oh, kleines Fräulein, meine Liebe, fürchten Sie sich nicht vor mir. Ich tue es nur zu Ihrem Besten; aber diese so gewöhnlichen Blumen haben viel Gutes für Sie. Sehen Sie, ich lege sie selbst in Ihr Zimmer. Ich mache selbst den Kranz, den Sie tragen sollen. Aber still! Nichts den anderen verraten, die so neugierige Fragen stellen. Wir müssen gehorchen, und Schweigen ist ein Teil des Gehorsams; und Gehorsam soll Sie stark und gesund in die liebenden Arme bringen, die auf Sie warten. Nun bleiben Sie eine Weile still sitzen. Kommen Sie mit mir, Freund John, und Sie sollen mir helfen, das Zimmer mit meinem Knoblauch zu schmücken, der den ganzen Weg aus Haarlem kommt, wo mein Freund Vanderpool das ganze Jahr über Kräuter in seinen Gewächshäusern züchtet. Ich musste gestern telegrafieren, sonst wären sie nicht hier gewesen.“

Wir gingen in das Zimmer und nahmen die Blumen mit. Die Handlungen des Professors waren sicherlich seltsam und in keiner Pharmakopöe zu finden, von der ich je gehört habe. Zuerst schloss er die Fenster und verriegelte sie sicher; dann nahm er eine Handvoll der Blumen und rieb sie über die ganzen Fensterrahmen, als wolle er sicherstellen, dass jeder Lufthauch, der hereinkommen könnte, mit dem Knoblauchgeruch geschwängert wäre. Dann rieb er mit dem Büschel den gesamten Türpfosten ab, oben, unten und an jeder Seite, und auf die gleiche Weise um den Kamin herum. Es kam mir alles grotesk vor, und schließlich sagte ich:

„Nun, Professor, ich weiß, Sie haben immer einen Grund für das, was Sie tun, aber das rätselt mich doch sehr. Es ist gut, dass wir hier keinen Skeptiker haben, sonst würde er sagen, Sie würden einen Zauber wirken, um einen bösen Geist fernzuhalten.“

„Vielleicht tue ich das!“, antwortete er ruhig, als er begann, den Kranz zu flechten, den Lucy um ihren Hals tragen sollte.

Wir warteten dann, während Lucy ihre Nachttoilette machte, und als sie im Bett lag, kam er und befestigte eigenhändig den Knoblauchkranz um ihren Hals. Die letzten Worte, die er zu ihr sagte, waren:

„Passen Sie auf, dass Sie ihn nicht stören; und selbst wenn sich das Zimmer stickig anfühlt, öffnen Sie heute Nacht weder das Fenster noch die Tür.“

„Ich verspreche es“, sagte Lucy, „und danke Ihnen beiden tausendmal für all Ihre Güte mir gegenüber! Oh, was habe ich getan, um mit solchen Freunden gesegnet zu sein?“

Als wir das Haus in meiner Droschke verließen, die wartete, sagte Van Helsing:

„Heute Nacht kann ich in Frieden schlafen, und Schlaf brauche ich – zwei Nächte auf Reisen, viel Lesen am Tag dazwischen und viel Angst am Tag danach, und eine Nacht ohne ein Augenzwinkern aufbleiben. Morgen früh rufen Sie mich, und wir kommen zusammen, um unser hübsches Fräulein zu sehen, das so viel stärker ist durch meinen ‚Zauber‘, den ich gewirkt habe. Ho! Ho!“

Er schien so zuversichtlich, dass ich, da ich mich an meine eigene Zuversicht zwei Nächte zuvor und das verhängnisvolle Ergebnis erinnerte, Ehrfurcht und vage Angst empfand. Es muss meine Schwäche gewesen sein, die mich zögern ließ, es meinem Freund zu sagen, aber ich spürte es umso mehr, wie ungeweinte Tränen.

KAPITEL XI.

/Tagebuch von Lucy Westenra./

12. September. – Wie gut sie alle zu mir sind! Ich liebe diesen lieben Dr. Van Helsing wirklich. Ich frage mich, warum er wegen dieser Blumen so besorgt war. Er hat mich regelrecht erschreckt, so grimmig war er. Und doch muss er recht gehabt haben, denn ich spüre bereits Trost von ihnen. Irgendwie graut mir heute Nacht nicht davor, allein zu sein, und ich kann ohne Angst einschlafen. Das Flattern draußen vor dem Fenster wird mir nichts ausmachen. Oh, der schreckliche Kampf, den ich in letzter Zeit so oft gegen den Schlaf geführt habe; der Schmerz der Schlaflosigkeit, oder der Schmerz der Angst vor dem Schlaf, mit solch unbekannten Schrecken, die er für mich bereithält! Wie gesegnet sind manche Menschen, deren Leben keine Ängste, keine Sorgen kennen; für die der Schlaf ein Segen ist, der allnächtlich kommt und nichts als süße Träume bringt. Nun, hier bin ich heute Nacht, hoffe auf Schlaf und liege wie Ophelia im Theaterstück mit „jungfräulichen Kränzen und Mädchenstreuungen“. Ich mochte Knoblauch noch nie, aber heute Nacht ist er herrlich! Es liegt Frieden in seinem Geruch; ich spüre schon, wie der Schlaf kommt. Gute Nacht, alle miteinander.

Tagebuch von Dr. Seward.

13. September. – Besuchte das Berkeley und fand Van Helsing wie üblich pünktlich vor. Die vom Hotel bestellte Kutsche wartete bereits. Der Professor nahm seine Tasche, die er jetzt immer bei sich trägt.

Lassen Sie alles genau notieren. Van Helsing und ich kamen um acht Uhr in Hillingham an. Es war ein herrlicher Morgen; der helle Sonnenschein und all das frische Gefühl des frühen Herbstes wirkten wie der Abschluss des jährlichen Werks der Natur. Die Blätter färbten sich in allen möglichen schönen Farben, hatten aber noch nicht begonnen, von den Bäumen zu fallen. Als wir eintraten, trafen wir Mrs. Westenra, die aus dem Vormittagszimmer kam. Sie ist immer eine Frühaufsteherin. Sie begrüßte uns herzlich und sagte:

„Sie werden froh sein zu wissen, dass es Lucy besser geht. Das liebe Kind schläft noch. Ich habe in ihr Zimmer geschaut und sie gesehen, bin aber nicht hineingegangen, damit ich sie nicht störe.“ Der Professor lächelte und sah ganz jubilierend aus. Er rieb sich die Hände und sagte:

„Aha! Ich dachte, ich hätte die Diagnose gestellt. Meine Behandlung schlägt an“, worauf sie antwortete:

„Sie dürfen sich nicht das ganze Verdienst zuschreiben, Doktor. Lucys Zustand heute Morgen ist zum Teil mir zu verdanken.“

„Wie meinen Sie das, gnädige Frau?“, fragte der Professor.

„Nun, ich war in der Nacht wegen des lieben Kindes besorgt und ging in ihr Zimmer. Sie schlief tief und fest – so tief, dass selbst mein Kommen sie nicht weckte. Aber das Zimmer war schrecklich stickig. Überall lagen eine Menge dieser schrecklichen, stark riechenden Blumen herum, und sie hatte tatsächlich einen Strauß davon um den Hals. Ich fürchtete, dass der schwere Geruch für das liebe Kind in ihrem schwachen Zustand zu viel sein würde, also nahm ich sie alle weg und öffnete ein Stück des Fensters, um ein wenig frische Luft hereinzulassen. Sie werden mit ihr zufrieden sein, da bin ich sicher.“

Sie ging in ihr Boudoir, wo sie normalerweise frühstückte. Während sie sprach, beobachtete ich das Gesicht des Professors und sah, wie es aschfahl wurde. Er hatte seine Selbstbeherrschung bewahren können, während die arme Dame anwesend war, denn er kannte ihren Zustand und wusste, wie schädlich ein Schock wäre; er lächelte sie sogar an, als er ihr die Tür aufhielt, damit sie in ihr Zimmer gehen konnte. Aber in dem Augenblick, als sie verschwunden war, zog er mich plötzlich und mit Gewalt in das Esszimmer und schloss die Tür.

Dann sah ich zum ersten Mal in meinem Leben Van Helsing zusammenbrechen. Er hob die Hände über den Kopf in einer Art stummer Verzweiflung und schlug dann die Handflächen in einer hilflosen Weise gegeneinander; schließlich setzte er sich auf einen Stuhl und, die Hände vor das Gesicht legend, begann er zu schluchzen, mit lauten, trockenen Schluchzern, die aus der tiefsten Qual seines Herzens zu kommen schienen. Dann hob er wieder die Arme, als ob er an das ganze Universum appellierte. „Gott! Gott! Gott!“, sagte er. „Was haben wir getan, was hat dieses arme Ding getan, dass wir so schwer bedrängt sind? Gibt es unter uns immer noch ein Schicksal, herabgesandt aus der heidnischen Welt von einst, dass solche Dinge sein müssen, und auf eine solche Weise? Diese arme Mutter, ganz unwissend und im Glauben, es sei das Beste, tut ein solches Ding, dass sie ihre Tochter an Körper und Seele verliert; und wir dürfen es ihr nicht sagen, wir dürfen sie nicht einmal warnen, sonst stirbt sie, und dann sterben beide. Oh, wie wir bedrängt sind! Wie sind alle Mächte der Teufel gegen uns!“ Plötzlich sprang er auf. „Kommen Sie“, sagte er, „kommen Sie, wir müssen sehen und handeln. Teufel oder keine Teufel, oder alle Teufel auf einmal, es spielt keine Rolle; wir bekämpfen ihn trotzdem.“ Er ging zur Flurtür, um seine Tasche zu holen; und gemeinsam gingen wir hinauf zu Lucys Zimmer.

Wieder zog ich das Rollo hoch, während Van Helsing auf das Bett zuging. Diesmal schreckte er nicht zurück, als er auf das arme Gesicht mit der gleichen schrecklichen, wächsernen Blässe wie zuvor blickte. Er trug einen Ausdruck von strenger Traurigkeit und unendlichem Mitleid.

„Wie ich es erwartet hatte“, murmelte er mit diesem zischenden Einatmen von ihm, das so viel bedeutete. Ohne ein Wort ging er hinüber und schloss die Tür ab, und dann begann er, auf dem kleinen Tisch die Instrumente für eine weitere Bluttransfusion auszubreiten. Ich hatte längst die Notwendigkeit erkannt und begonnen, meinen Rock auszuziehen, aber er hielt mich mit einer warnenden Hand auf. „Nein!“, sagte er. „Heute müssen Sie operieren. Ich werde Vorsorge treffen. Sie sind bereits geschwächt.“ Während er sprach, zog er seinen Rock aus und krempelte seinen Hemdsärmel hoch.

Wieder die Operation; wieder das Betäubungsmittel; wieder eine gewisse Rückkehr der Farbe in die aschfahlen Wangen und die regelmäßige Atmung eines gesunden Schlafes. Diesmal schaute ich zu, während Van Helsing sich erholte und ausruhte.

Bald darauf nutzte er die Gelegenheit, Mrs. Westenra zu sagen, dass sie nichts aus Lucys Zimmer entfernen dürfe, ohne ihn zu konsultieren; dass die Blumen von medizinischem Wert seien und dass das Einatmen ihres Duftes ein Teil der Heilmethode sei. Dann übernahm er die Pflege des Falls selbst und sagte, er werde diese Nacht und die nächste wachen und mir Bescheid geben, wann ich kommen solle.

Nach einer weiteren Stunde erwachte Lucy aus ihrem Schlaf, frisch und munter, und scheinbar nicht viel schlimmer dran durch ihre schreckliche Prüfung.

Was bedeutet das alles? Ich fange an mich zu fragen, ob meine lange Gewöhnung an das Leben unter Geisteskranken beginnt, auf mein eigenes Gehirn abzufärben.

17. September. – Vier Tage und Nächte des Friedens. Ich werde wieder so stark, dass ich mich kaum wiedererkenne. Es ist, als hätte ich einen langen Albtraum durchlebt und wäre gerade erst erwacht, um den wunderschönen Sonnenschein zu sehen und die frische Morgenluft um mich herum zu spüren. Ich habe eine vage Halberinnerung an lange, angstvolle Zeiten des Wartens und Fürchtens; Dunkelheit, in der nicht einmal der Schmerz der Hoffnung das gegenwärtige Leid noch schmerzlicher machen konnte; und dann lange Phasen des Vergessens und das Auftauchen zurück ins Leben, wie ein Taucher, der durch eine gewaltige Wassermasse nach oben kommt. Seit Dr. Van Helsing jedoch bei mir ist, scheint all dieses böse Träumen vergangen zu sein; die Geräusche, die mich früher um den Verstand brachten – das Flattern gegen die Fenster, die fernen Stimmen, die mir so nahe schienen, die rauen Töne, die von irgendwoher kamen und mir befahlen, Gott weiß was zu tun – sie alle sind verstummt. Ich gehe jetzt ohne Angst vor dem Schlaf zu Bett. Ich versuche nicht einmal, wach zu bleiben. Ich habe mich sehr an den Knoblauch gewöhnt, und jeden Tag kommt eine ganze Kiste voll für mich aus Haarlem an. Heute Nacht wird Dr. Van Helsing fortgehen, da er für einen Tag in Amsterdam sein muss. Aber ich brauche nicht bewacht zu werden; ich bin gesund genug, um allein gelassen zu werden. Gott sei Dank, um meiner Mutter willen und für den lieben Arthur und all unsere Freunde, die so gütig waren! Ich werde die Veränderung nicht einmal bemerken, denn letzte Nacht hat Dr. Van Helsing einen Großteil der Zeit in seinem Stuhl geschlafen. Ich fand ihn zweimal schlafend vor, als ich erwachte; aber ich hatte keine Angst, wieder einzuschlafen, obwohl die Zweige oder Fledermäuse oder was auch immer fast wütend gegen die Fensterscheiben flatterten.

„The Pall Mall Gazette“, 18. September.

DER ENTLOFENE WOLF.

/Gefährliches Abenteuer unseres Reporters./

Interview mit dem Wärter im Zoologischen Garten.

Nach vielen Erkundigungen und fast ebenso vielen Ablehnungen, und indem ich ständig die Worte „Pall Mall Gazette“ wie eine Art Talisman benutzte, gelang es mir, den Wärter des Abschnitts des Zoologischen Gartens zu finden, zu dem die Wolfsabteilung gehört. Thomas Bilder wohnt in einem der Häuschen in der Umzäunung hinter dem Elefantenhaus und war gerade dabei, sich zum Tee zu setzen, als ich ihn fand. Thomas und seine Frau sind gastfreundliche Leute, älteren Semesters und ohne Kinder, und wenn das Beispiel, das ich von ihrer Gastfreundschaft genoss, der Durchschnitt ist, dann muss ihr Leben recht behaglich sein. Der Wärter wollte sich nicht auf das einlassen, was er „Geschäft“ nannte, bevor das Abendessen nicht vorüber war und wir alle zufrieden waren. Als der Tisch abgeräumt war und er seine Pfeife angezündet hatte, sagte er:

„Nun, mein Herr, Sie können fortfahren und mich fragen, was Sie wollen. Sie werden mich entschuldigen, wenn ich mich weigere, vor den Mahlzeiten über berufliche Themen zu sprechen. Ich gebe den Wölfen und den Schakalen und den Hyänen in unserem ganzen Abschnitt ihren Tee, bevor ich anfange, ihnen Fragen zu stellen.“

„Wie meinen Sie das, ihnen Fragen stellen?“, fragte ich, in der Hoffnung, ihn in eine gesprächige Stimmung zu versetzen.

„Sie mit einem Stock über den Kopf zu hauen ist die eine Art; ihnen die Ohren zu kraulen die andere, wenn feine Herren, die bei Kasse sind, ihren Damen ein bisschen was vorführen wollen. Das Erste – das Schlagen mit dem Stock, bevor ich ihnen ihr Abendessen hinwerfe – macht mir nicht so viel aus; aber ich warte, bis sie sozusagen ihren Sherry und Kaffee hatten, bevor ich es mit dem Ohrenkraulen versuche. Verstehen Sie“, fügte er philosophisch hinzu, „in uns steckt viel von derselben Natur wie in diesen Tieren da. Da kommen Sie an und stellen mir Fragen über mein Geschäft, und ich bin so mürrisch, dass ich Sie, wäre nicht Ihr verdammter halber Pfund, erst hätte zum Teufel jagen müssen, bevor ich geantwortet hätte. Nicht einmal, als Sie mich sarkastisch fragten, ob ich möchte, dass Sie den Aufseher fragen, ob Sie mir Fragen stellen dürfen. Ohne Beleidigung, habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen zur Hölle fahren?“

„Das haben Sie.“

„Und als Sie sagten, Sie würden mich wegen obszöner Sprache melden, da war das ein Schlag mit dem Stock auf meinen Kopf; aber das halbe Pfund hat das wieder in Ordnung gebracht. Ich wollte mich nicht streiten, also wartete ich auf das Futter und tat mit meinem Geheul, wie es die Wölfe, Löwen und Tiger tun. Aber, beim Himmel, jetzt, wo die alte Frau mir ein Stück von ihrem Teekuchen reingeschoben und mich mit ihrer verdammten alten Teekanne durchgespült hat, und ich mir eine angezündet habe, können Sie meine Ohren kraulen, soviel Sie wollen, und werden nicht einmal ein Knurren von mir bekommen. Fahren Sie fort mit Ihren Fragen. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, dieser entlaufene Wolf.“

„Genau. Ich möchte, dass Sie mir Ihre Sicht der Dinge darlegen. Erzählen Sie mir einfach, wie es passiert ist; und wenn ich die Fakten kenne, werde ich Sie bitten zu sagen, was Sie für die Ursache halten und wie Ihrer Meinung nach die ganze Angelegenheit ausgehen wird.“

„Alles klar, der Herr. Das hier ist ungefähr die ganze Geschichte. Dieser Wolf, den wir Bersicker nannten, war einer von drei grauen, die aus Norwegen zu Jamrach kamen, die wir vor vier Jahren von ihm kauften. Er war ein netter, wohlerzogener Wolf, der nie Schwierigkeiten machte, von denen es sich zu reden lohnte. Ich bin mehr darüber überrascht, dass er rauswollte, als bei jedem anderen Tier hier. Aber nun, man kann Wölfen genauso wenig trauen wie Frauen.“

„Hören Sie nicht auf ihn, mein Herr!“, warf Mrs. Tom mit einem fröhlichen Lachen ein. „Er kümmert sich schon so lange um die Tiere, dass er, Gott helfe mir, selbst wie ein alter Wolf geworden ist! Aber es steckt kein Schaden in ihm.“

„Nun, mein Herr, es war etwa zwei Stunden nach der Fütterung gestern, als ich das erste Mal eine Unruhe hörte. Ich bereitete gerade im Affenhaus ein Lager für einen jungen Puma, der krank ist; aber als ich das Jaulen und Heulen hörte, kam ich schnurstracks her. Da riss Bersicker wie ein Wahnsinniger an den Stäben, als wollte er raus. Es waren an dem Tag nicht viele Leute da, und in der Nähe war nur ein Mann, ein großer, dünner Kerl mit einer Hakennase und einem Spitzbart, durch den sich ein paar weiße Haare zogen. Er hatte einen harten, kalten Blick und rote Augen, und ich empfand eine Art Abneigung gegen ihn, denn es schien, als wäre er es, über den sie sich aufregten. Er trug weiße Glacéhandschuhe an den Händen und deutete auf die Tiere und sagte zu mir: ‚Wärter, diese Wölfe scheinen über etwas beunruhigt zu sein.‘“

„‚Vielleicht sind Sie es‘, sagte ich, denn ich mochte das Gehabe nicht, das er an den Tag legte. Er wurde nicht wütend, wie ich gehofft hatte, sondern er lächelte ein irgendwie unverschämtes Lächeln, mit einem Mund voll weißer, scharfer Zähne. ‚Oh nein, sie würden mich nicht mögen‘, sagte er.“

„‚O doch, das würden sie‘, sagte ich und ahmte ihn nach. ‚Sie mögen immer einen Knochen oder zwei, um sich zur Teezeit die Zähne daran zu reinigen, wovon Sie eine ganze Tüte voll haben.‘“

„Nun, es war eine seltsame Sache, aber als die Tiere sahen, dass wir uns unterhielten, legten sie sich hin, und als ich zu Bersicker hinüberging, ließ er mich seine Ohren streicheln wie immer. Dieser Mann kam herüber, und verdammt, wenn er nicht seine Hand reinsteckte und auch die Ohren des alten Wolfs streichelte!“

„‚Vorsicht‘, sagte ich. ‚Bersicker ist schnell.‘“

„‚Macht nichts‘, sagte er. ‚Ich bin an sie gewöhnt!‘“

„‚Sind Sie selbst in der Branche?‘, fragte ich und nahm den Hut ab, denn ein Mann, der mit Wölfen handelt und so weiter, ist ein guter Freund für Wärter.“

„‚Nein‘, sagte er, ‚nicht direkt in der Branche, aber ich habe mehrere zu Haustieren gemacht.‘ Und damit hebt er den Hut so höflich wie ein Lord und geht davon. Der alte Bersicker schaute ihm nach, bis er außer Sicht war, und ging dann in eine Ecke und wollte den ganzen Abend nicht mehr herauskommen. Nun, letzte Nacht, sobald der Mond aufgegangen war, fingen die Wölfe hier alle an zu heulen. Da war nichts, worüber sie hätten heulen können. Es war niemand in der Nähe, außer jemandem, der offensichtlich irgendwo hinter den Gärten in der Park Road einen Hund rief. Ein- oder zweimal ging ich hinaus, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war, und das war es, und dann hörte das Geheul auf. Kurz vor zwölf Uhr warf ich noch einmal einen Blick herum, bevor ich mich zur Ruhe legte, und, beim Kuckuck, als ich vor Bersickers Käfig kam, sah ich die Gitter zerbrochen und verbogen und der Käfig war leer. Und das ist alles, was ich mit Gewissheit weiß.“

„Hat sonst noch jemand etwas gesehen?“

„Einer unserer Gärtner kam um diese Zeit von einer Harmonievorstellung nach Hause, als er einen großen grauen Hund durch die Gartenhecken kommen sah. Zumindest sagt er das; aber ich gebe selbst nicht viel darauf, denn wenn er es tat, hat er gegenüber seiner Frau kein Wort darüber verloren, als er nach Hause kam, und erst nachdem das Entkommen des Wolfs bekannt wurde und wir die ganze Nacht damit verbracht hatten, den Park nach Bersicker abzusuchen, erinnerte er sich daran, etwas gesehen zu haben. Mein eigener Glaube war, dass ihm die Harmonie in den Kopf gestiegen war.“

„Nun, Mr. Bilder, können Sie sich das Entkommen des Wolfs irgendwie erklären?“

„Nun, mein Herr“, sagte er mit einer Art verdächtiger Bescheidenheit, „ich glaube, das kann ich; aber ich weiß nicht, ob Sie mit der Theorie zufrieden wären.“

„Sicher werde ich das. Wenn ein Mann wie Sie, der die Tiere aus Erfahrung kennt, nicht wenigstens einen guten Tipp abgeben kann, wer soll es dann versuchen?“

„Nun dann, mein Herr, ich erkläre es mir so: Es scheint mir, dass dieser Wolf entkam – einfach deshalb, weil er rauswollte.“

An der herzlichen Art, wie sowohl Thomas als auch seine Frau über den Witz lachten, konnte ich sehen, dass er schon früher gedient hatte und dass die ganze Erklärung einfach ein ausgeklügelter Scherz war. Ich konnte mich mit dem werten Thomas nicht im Schlagabtausch messen, aber ich dachte, ich wüsste einen sichereren Weg zu seinem Herzen, also sagte ich:

„Nun, Mr. Bilder, wir betrachten das erste halbe Pfund als abgearbeitet, und dieser Bruder von ihm wartet darauf, beansprucht zu werden, wenn Sie mir gesagt haben, was Ihrer Meinung nach passieren wird.“

„Ganz recht, mein Herr“, sagte er munter. „Sie werden mich entschuldigen, ich weiß, dass ich Sie ein bisschen aufgezogen habe, aber die alte Frau hier hat mir zugezwinkert, was so viel hieß wie: Mach weiter.“

„Ach was!“, sagte die alte Dame.

„Meine Meinung ist diese: Dieser Wolf versteckt sich irgendwo. Der Gärtner, der sich nicht erinnern konnte, sagte, er sei schneller nordwärts galoppiert als ein Pferd laufen könne; aber ich glaube ihm nicht, denn, sehen Sie, mein Herr, Wölfe galoppieren nicht mehr als Hunde, sie sind nicht so gebaut. Wölfe sind feine Sachen für ein Märchenbuch, und ich nehme an, wenn sie in Rudeln auftreten und etwas jagen, das mehr Angst hat als sie selbst, können sie einen Höllenlärm machen und es zerfleischen, was immer es auch ist. Aber, Gott segne Sie, im wirklichen Leben ist ein Wolf nur ein niedriges Geschöpf, nicht halb so schlau wie ein guter Hund; und nicht halb so kampfeslustig. Dieser hier war nicht daran gewöhnt zu kämpfen oder auch nur für sich selbst zu sorgen, und wahrscheinlich versteckt er sich irgendwo in der Nähe des Parks und zittert, und, wenn er überhaupt denkt, fragt er sich, woher er sein Frühstück bekommen soll; oder vielleicht ist er in einen Lichtschacht geraten und sitzt in einem Kohlenkeller. Meine Güte, wird eine Köchin einen Schreck bekommen, wenn sie seine grünen Augen im Dunkeln leuchten sieht! Wenn er kein Futter bekommt, wird er danach suchen müssen, und vielleicht stößt er rechtzeitig auf eine Fleischerei. Wenn nicht, und ein Kindermädchen geht mit einem Soldaten spazieren und lässt den Säugling im Kinderwagen zurück – nun, dann würde es mich nicht wundern, wenn die Volkszählung ein Baby weniger zählt. Das ist alles.“

Ich wollte ihm das halbe Pfund gerade reichen, als etwas gegen das Fenster hüpfte und Mr. Bilders Gesicht vor Überraschung seine natürliche Länge verdoppelte.

„Gott steh mir bei!“, sagte er. „Wenn das nicht der alte Bersicker ist, der von selbst zurückgekommen ist!“

Er ging zur Tür und öffnete sie; ein höchst unnötiges Vorgehen, wie mir schien. Ich habe immer gedacht, dass ein wildes Tier nie so gut aussieht, als wenn ein Hindernis von ausgeprägter Haltbarkeit zwischen uns liegt; eine persönliche Erfahrung hat diese Vorstellung eher verstärkt als verringert.

Letztendlich jedoch geht nichts über die Gewohnheit, denn weder Bilder noch seine Frau dachten mehr über den Wolf nach, als ich über einen Hund denken würde. Das Tier selbst war so friedlich und wohlerzogen wie jener Vater aller Bilderbuchwölfe – Rotkäppchens ehemaliger Freund, während er ihre Gunst im Kostüm suchte.

Die ganze Szene war eine unbeschreibliche Mischung aus Komödie und Pathos. Der böse Wolf, der einen halben Tag lang London gelähmt und alle Kinder der Stadt in ihren Schuhen zittern gelassen hatte, war da in einer Art reuiger Stimmung und wurde wie eine Art wolfsartiger verlorener Sohn empfangen und gehätschelt. Der alte Bilder untersuchte ihn mit der zärtlichsten Sorgfalt von Kopf bis Fuß, und als er mit seinem Reuigen fertig war, sagte er:

„Da, ich wusste, dass der arme alte Kerl in irgendeine Art von Ärger geraten würde; habe ich es nicht die ganze Zeit gesagt? Hier ist sein Kopf ganz zerschnitten und voll mit Glasscherben. Er ist über irgendeine verdammte Mauer geklettert. Es ist eine Schande, dass die Leute ihre Mauern mit zerbrochenen Flaschen krönen dürfen. Das hier kommt dabei heraus. Komm mit, Bersicker.“

Er nahm den Wolf und sperrte ihn in einen Käfig, mit einem Stück Fleisch, das zumindest mengenmäßig den elementaren Bedingungen des gemästeten Kalbes entsprach, und ging, um Bericht zu erstatten.

Ich ging ebenfalls, um über die einzige exklusive Information zu berichten, die heute über den seltsamen Ausbruch im Zoo vorliegt.

Dr. Sewards Tagebuch.

17. September. – Ich war nach dem Abendessen in meinem Arbeitszimmer damit beschäftigt, meine Bücher nachzutragen, die durch den Druck anderer Arbeit und die vielen Besuche bei Lucy schmerzlich in Rückstand geraten waren. Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und mein Patient stürzte herein, sein Gesicht vor Leidenschaft verzerrt. Ich war wie vom Blitz getroffen, denn so etwas wie ein Patient, der aus eigenem Antrieb in das Arbeitszimmer des Aufsehers gelangt, ist so gut wie unbekannt. Ohne einen Augenblick zu zögern, steuerte er direkt auf mich zu. Er hatte ein Tafelmesser in der Hand, und da ich sah, dass er gefährlich war, versuchte ich, den Tisch zwischen uns zu behalten. Er war jedoch zu schnell und zu stark für mich; denn bevor ich mein Gleichgewicht finden konnte, hatte er nach mir geschlagen und mein linkes Handgelenk ziemlich schwer geschnitten. Bevor er jedoch erneut zuschlagen konnte, setzte ich meinen Rechten ein, und er lag auf dem Rücken auf dem Boden. Mein Handgelenk blutete stark, und ein kleines Rinnsal sickerte auf den Teppich. Ich sah, dass mein Freund nicht auf weitere Anstrengungen aus war, und beschäftigte mich damit, mein Handgelenk zu verbinden, während ich die ganze Zeit ein wachsames Auge auf die ausgestreckte Gestalt hatte. Als die Wärter hereinströmten und wir unsere Aufmerksamkeit ihm zuwandten, widerte mich seine Beschäftigung regelrecht an. Er lag auf dem Bauch auf dem Boden und leckte wie ein Hund das Blut auf, das von meinem verwundeten Handgelenk gefallen war. Er war leicht zu bändigen und ging zu meiner Überraschung ganz friedlich mit den Wärtern mit, wobei er immer und immer wieder wiederholte: „Das Blut ist das Leben! Das Blut ist das Leben!“

Ich kann es mir zurzeit nicht leisten, Blut zu verlieren: Ich habe in letzter Zeit zu viel für mein körperliches Wohl verloren, und die lang anhaltende Belastung durch Lucys Krankheit und ihre schrecklichen Phasen zehrt an mir. Ich bin überreizt und müde und brauche Ruhe, Ruhe, Ruhe. Glücklicherweise hat Van Helsing mich nicht gerufen, also muss ich nicht auf meinen Schlaf verzichten; heute Nacht könnte ich nicht gut ohne ihn auskommen.

Telegramm, Van Helsing, Antwerpen, an Seward, Carfax.

(An Carfax, Sussex, gesandt, da kein Bezirk angegeben; wurde mit 22 Stunden Verspätung zugestellt.)

„17. September. – Versäumen Sie nicht, heute Nacht in Hillingham zu sein. Falls nicht die ganze Zeit bewacht wird, besuchen Sie häufig, um sicherzustellen, dass die Blumen wie angeordnet platziert sind; sehr wichtig; versäumen Sie es nicht. Werde nach der Ankunft so schnell wie möglich bei Ihnen sein.“

Dr. Sewards Tagebuch.

18. September. – Gerade auf dem Weg zum Zug nach London. Die Ankunft von Van Helsings Telegramm erfüllte mich mit Bestürzung. Eine ganze Nacht verloren, und ich weiß aus bitterer Erfahrung, was in einer Nacht geschehen kann. Natürlich ist es möglich, dass alles gut ist, aber was mag geschehen sein? Sicherlich lastet ein schreckliches Schicksal auf uns, dass jeder mögliche Zufall uns bei allem, was wir zu tun versuchen, behindern muss. Ich werde diesen Zylinder mitnehmen, und dann kann ich meinen Eintrag auf Lucys Phonograph vervollständigen.

Von Lucy Westenra hinterlassenes Memorandum.

17. September. Nacht. – Ich schreibe dies und hinterlasse es, damit es gesehen werden kann, sodass niemand durch mich in Schwierigkeiten geraten kann. Dies ist eine genaue Aufzeichnung dessen, was heute Nacht geschah. Ich fühle, dass ich vor Schwäche sterbe, und habe kaum die Kraft zu schreiben, aber es muss getan werden, wenn ich darüber sterbe.

Ich ging wie üblich zu Bett, achtete darauf, dass die Blumen wie von Dr. Van Helsing angewiesen platziert waren, und schlief bald ein.

Ich wurde durch das Flattern am Fenster geweckt, das nach dem Schlafwandeln auf der Klippe bei Whitby begonnen hatte, als Mina mich rettete, und das ich nun so gut kenne. Ich hatte keine Angst, aber ich wünschte, Dr. Seward wäre im Nebenzimmer – wie Dr. Van Helsing sagte, er würde es sein –, damit ich ihn hätte rufen können. Ich versuchte einzuschlafen, konnte es aber nicht. Dann kam die alte Angst vor dem Schlaf über mich, und ich beschloss, wach zu bleiben. Widerspenstigerweise wollte der Schlaf kommen, wenn ich ihn nicht wollte; da ich also fürchtete, allein zu sein, öffnete ich meine Tür und rief: „Ist jemand da?“ Es gab keine Antwort. Ich hatte Angst, Mutter zu wecken, und schloss daher meine Tür wieder. Dann hörte ich draußen im Gebüsch eine Art Heulen wie das eines Hundes, aber wilder und tiefer. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus, konnte aber nichts sehen, außer einer großen Fledermaus, die offensichtlich ihre Flügel gegen das Fenster geschlagen hatte. Also ging ich wieder zu Bett, war aber entschlossen, nicht einzuschlafen. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und Mutter sah herein; als sie an meiner Bewegung sah, dass ich nicht schlief, kam sie herein und setzte sich zu mir. Sie sagte zu mir noch süßer und sanfter als gewohnt:

„Ich war unruhig wegen dir, Liebling, und kam herein, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“

Ich fürchtete, sie könnte sich erkälten, während sie dort saß, und bat sie, hereinzukommen und bei mir zu schlafen; also kam sie ins Bett und legte sich neben mich. Sie zog ihren Morgenrock nicht aus, denn sie sagte, sie wolle nur eine Weile bleiben und dann in ihr eigenes Bett zurückgehen. Während sie dort in meinen Armen lag und ich in ihren, kam das Flattern und Schlagen wieder an das Fenster. Sie schreckte auf, war ein wenig verängstigt und rief: „Was ist das?“ Ich versuchte, sie zu beruhigen, was mir schließlich auch gelang, und sie lag still; doch ich konnte hören, wie ihr armes, liebes Herz noch immer schrecklich schlug. Nach einer Weile ertönte wieder das tiefe Heulen draußen im Gebüsch, und kurz darauf gab es einen Krach am Fenster, und eine Menge zerbrochenes Glas wurde auf den Boden geschleudert. Das Rollo schlug durch den Wind, der hereinströmte, zurück, und in der Öffnung der zerbrochenen Scheiben erschien der Kopf eines großen, hageren, grauen Wolfes. Mutter schrie vor Schreck auf, mühte sich in eine sitzende Haltung und klammerte sich wild an alles, was ihr helfen konnte. Unter anderem ergriff sie den Blumenkranz, auf dessen Tragen um meinen Hals Dr. Van Helsing bestanden hatte, und riss ihn von mir herunter. Für ein oder zwei Sekunden saß sie aufrecht, zeigte auf den Wolf, und ein seltsames, schreckliches Gurgeln drang aus ihrer Kehle; dann fiel sie um, als wäre sie vom Blitz getroffen, und ihr Kopf stieß gegen meine Stirn, was mich für einen Moment schwindelig machte. Das Zimmer und alles ringsum schien sich zu drehen. Ich ließ meine Augen starr auf das Fenster gerichtet, aber der Wolf zog seinen Kopf zurück, und eine ganze Myriade kleiner Teilchen schien durch das zerbrochene Fenster hereinzuwehen; sie wirbelten und kreisten umher wie die Staubdämonen, die Reisende beschreiben, wenn ein Simum in der Wüste herrscht. Ich versuchte mich zu regen, doch ein Zauber lag auf mir, und der arme Körper der lieben Mutter, der bereits kalt zu werden schien – denn ihr liebes Herz hatte aufgehört zu schlagen –, drückte mich nieder; und für eine Weile wusste ich von nichts mehr.

Die Zeit schien nicht lang, aber sehr, sehr schrecklich, bis ich wieder zu Bewusstsein kam. Irgendwo in der Nähe läutete eine Totenglocke; die Hunde in der ganzen Nachbarschaft heulten; und in unserem Gebüsch, scheinbar direkt draußen, sang eine Nachtigall. Ich war benommen und betäubt vor Schmerz, Entsetzen und Schwäche, doch der Klang der Nachtigall schien wie die Stimme meiner toten Mutter, die zurückgekehrt war, um mich zu trösten. Die Geräusche schienen auch die Dienstmädchen geweckt zu haben, denn ich konnte ihre nackten Füße draußen vor meiner Tür trippeln hören. Ich rief sie, und sie kamen herein, und als sie sahen, was geschehen war und was da im Bett über mir lag, schrien sie auf. Der Wind fuhr durch das zerbrochene Fenster herein, und die Tür fiel ins Schloss. Sie hoben den Körper meiner lieben Mutter ab und legten sie, mit einem Laken bedeckt, auf das Bett, nachdem ich aufgestanden war. Sie waren alle so verängstigt und nervös, dass ich sie anwies, ins Esszimmer zu gehen und jeweils ein Glas Wein zu trinken. Die Tür flog für einen Augenblick auf und schloss sich wieder. Die Mägde kreischten und gingen dann geschlossen in das Esszimmer; und ich legte die Blumen, die ich noch hatte, auf die Brust meiner lieben Mutter. Als sie fort waren, erinnerte ich mich daran, was Dr. Van Helsing mir gesagt hatte, aber ich wollte sie nicht entfernen, und außerdem wollte ich, dass einige der Bediensteten bei mir blieben. Ich war überrascht, dass die Mägde nicht zurückkamen. Ich rief sie, erhielt aber keine Antwort, also ging ich in das Esszimmer, um nach ihnen zu sehen.

Mein Herz sank, als ich sah, was geschehen war. Alle vier lagen hilflos auf dem Boden und atmeten schwer. Die Sherrykaraffe stand halb voll auf dem Tisch, doch es verbreitete sich ein seltsamer, beißender Geruch. Ich wurde misstrauisch und untersuchte die Karaffe. Sie roch nach Laudanum, und als ich auf dem Anrichte nachsah, fand ich, dass die Flasche, die der Arzt meiner Mutter für sie benutzt – oh! benutzt hatte –, leer war. Was soll ich tun? Was soll ich tun? Ich bin wieder im Zimmer bei Mutter. Ich kann sie nicht verlassen, und ich bin allein, abgesehen von den schlafenden Dienstboten, die jemand betäubt hat. Allein mit den Toten! Ich wage nicht hinauszugehen, denn ich kann das tiefe Heulen des Wolfes durch das zerbrochene Fenster hören.

Die Luft scheint voll von Teilchen zu sein, die im Luftzug vom Fenster schweben und kreisen, und die Lichter brennen blau und schwach. Was soll ich tun? Gott bewahre mich in dieser Nacht vor Schaden! Ich werde dieses Papier an meiner Brust verbergen, wo sie es finden werden, wenn sie kommen, um mich aufzubahren. Meine liebe Mutter ist fort! Es ist Zeit, dass auch ich gehe. Leb wohl, lieber Arthur, falls ich diese Nacht nicht überleben sollte. Gott behüte dich, mein Lieber, und Gott stehe mir bei!

KAPITEL XII.

/Dr. Sewards Tagebuch./

18. September. – Ich fuhr sofort nach Hillingham und kam früh an. Ich ließ meine Droschke am Tor stehen und ging allein die Auffahrt hinauf. Ich klopfte sanft und klingelte so leise wie möglich, denn ich fürchtete, Lucy oder ihre Mutter zu stören, und hoffte, nur einen Dienstboten an die Tür zu bringen. Nachdem ich nach einer Weile keine Antwort erhielt, klopfte und klingelte ich erneut; immer noch keine Antwort. Ich verfluchte die Faulheit der Dienstboten, dass sie zu einer solchen Stunde – denn es war jetzt zehn Uhr – noch im Bett lagen, und so klingelte und klopfte ich wieder, doch ungeduldiger, und immer noch ohne Erfolg. Bisher hatte ich nur den Dienstboten die Schuld gegeben, aber nun begann mich eine schreckliche Furcht zu befallen. War diese Verlassenheit nur ein weiteres Glied in der Kette des Unheils, die sich um uns zu schließen schien? War es tatsächlich ein Haus des Todes, in das ich zu spät gekommen war? Ich wusste, dass Minuten, ja sogar Sekunden des Zögerns für Lucy Stunden der Gefahr bedeuten konnten, falls sie wieder einen dieser schrecklichen Rückfälle erlitten hatte; und ich ging um das Haus herum, um zu versuchen, ob ich durch Zufall irgendwo einen Eingang finden könnte.

Ich konnte keinen Zugang finden. Jedes Fenster und jede Tür war verschlossen und verriegelt, und ich kehrte entmutigt zur Veranda zurück. Als ich das tat, hörte ich das schnelle Trippeln der Hufe eines schnell angetriebenen Pferdes. Sie hielten am Tor, und wenige Sekunden später traf ich Van Helsing, der die Auffahrt herauflief. Als er mich sah, keuchte er:

„Dann waren Sie es, und gerade erst angekommen. Wie geht es ihr? Kommen wir zu spät? Haben Sie mein Telegramm nicht erhalten?“

Ich antwortete so schnell und zusammenhängend wie möglich, dass ich sein Telegramm erst am frühen Morgen erhalten und keine Minute verloren hätte, hierher zu kommen, und dass ich niemanden im Haus dazu bringen konnte, mich zu hören. Er hielt inne und hob den Hut, als er feierlich sagte:

„Dann fürchte ich, wir kommen zu spät. Gottes Wille geschehe!“ Mit seiner üblichen wiedergewonnenen Energie fuhr er fort: „Kommen Sie. Wenn es keinen offenen Weg gibt, hineinzukommen, müssen wir einen schaffen. Zeit ist jetzt alles für uns.“

Wir gingen um die Rückseite des Hauses, wo sich ein Küchenfenster befand. Der Professor nahm eine kleine chirurgische Säge aus seinem Koffer, reichte sie mir und deutete auf die Eisenstangen, die das Fenster schützten. Ich ging sie sofort an und hatte sehr bald drei davon durchtrennt. Dann drückten wir mit einem langen, dünnen Messer den Verschluss der Fensterflügel zurück und öffneten das Fenster. Ich half dem Professor hinein und folgte ihm. Es war niemand in der Küche oder in den Zimmern der Bediensteten, die ganz in der Nähe lagen. Wir prüften alle Räume, während wir hindurchgingen, und fanden im Esszimmer, das durch die Lichtstrahlen durch die Fensterläden schwach beleuchtet war, vier Dienstmädchen, die auf dem Boden lagen. Es gab keinen Grund zu glauben, sie seien tot, denn ihr röchelndes Atmen und der beißende Geruch nach Laudanum im Raum ließen keinen Zweifel an ihrem Zustand. Van Helsing und ich sahen uns an, und als wir weitergingen, sagte er: „Wir können uns später um sie kümmern.“ Dann stiegen wir zu Lucys Zimmer hinauf. Für einen Augenblick blieben wir an der Tür stehen, um zu lauschen, aber wir konnten kein Geräusch vernehmen. Mit bleichen Gesichtern und zitternden Händen öffneten wir die Tür vorsichtig und betraten das Zimmer.

Wie soll ich beschreiben, was wir sahen? Auf dem Bett lagen zwei Frauen, Lucy und ihre Mutter. Letztere lag weiter innen und war mit einem weißen Laken bedeckt, dessen Rand durch den Luftzug des zerbrochenen Fensters zurückgeweht worden war und das verzerrte, weiße Gesicht enthüllte, auf dem ein Ausdruck von Entsetzen erstarrt war. An ihrer Seite lag Lucy mit einem Gesicht, das noch bleicher und verzerrter war. Die Blumen, die um ihren Hals gewesen waren, fanden wir auf der Brust ihrer Mutter, und ihr Hals war entblößt; er zeigte die zwei kleinen Wunden, die wir schon früher bemerkt hatten, die aber entsetzlich weiß und zerfetzt wirkten. Ohne ein Wort beugte sich der Professor über das Bett, sein Kopf berührte fast die Brust der armen Lucy; dann drehte er den Kopf schnell, wie jemand, der lauscht, und aufspringend rief er mir zu:

„Es ist noch nicht zu spät! Schnell! schnell! Bringen Sie den Branntwein!“

Ich eilte nach unten und kam damit zurück, wobei ich darauf achtete, daran zu riechen und zu kosten, damit er nicht ebenfalls betäubt war wie die Sherrykaraffe, die ich auf dem Tisch gefunden hatte. Die Mägde atmeten noch, aber unruhiger, und ich bildete mir ein, dass die Wirkung des Betäubungsmittels nachließ. Ich blieb nicht, um mich zu vergewissern, sondern kehrte zu Van Helsing zurück. Er rieb den Branntwein, wie bei einer anderen Gelegenheit, auf ihre Lippen und ihr Zahnfleisch sowie auf ihre Handgelenke und die Handflächen. Er sagte zu mir:

„Das kann ich tun, alles, was im Augenblick möglich ist. Gehen Sie und wecken Sie diese Mägde. Klatschen Sie ihnen mit einem nassen Handtuch ins Gesicht, und zwar fest. Sorgen Sie dafür, dass sie Hitze und Feuer und ein warmes Bad bereiten. Diese arme Seele ist fast so kalt wie die neben ihr. Sie muss aufgewärmt werden, bevor wir noch etwas tun können.“

Ich ging sofort und fand es wenig schwierig, drei der Frauen zu wecken. Die vierte war nur ein junges Mädchen, und das Mittel hatte bei ihr offensichtlich stärker gewirkt, also hob ich sie auf das Sofa und ließ sie schlafen. Die anderen waren anfangs benommen, aber als die Erinnerung an sie zurückkehrte, weinten und schluchzten sie hysterisch. Ich blieb ihnen gegenüber jedoch streng und ließ sie nicht reden. Ich sagte ihnen, ein Leben sei schlimm genug zu verlieren, und wenn sie zögerten, würden sie Miss Lucy opfern. Also gingen sie, schluchzend und weinend, ihrer Wege, halb angekleidet, wie sie waren, und bereiteten Feuer und Wasser. Glücklicherweise waren die Feuer in Küche und Kessel noch am Leben, und es mangelte nicht an heißem Wasser. Wir besorgten ein Bad, trugen Lucy hinaus, so wie sie war, und legten sie hinein. Während wir damit beschäftigt waren, ihre Gliedmaßen zu reiben, klopfte es an der Haustür. Eines der Dienstmädchen rannte weg, zog hastig noch ein paar Kleidungsstücke an und öffnete. Dann kam sie zurück und flüsterte uns zu, dass ein Herr gekommen sei, der eine Nachricht von Mr. Holmwood überbracht habe. Ich wies sie an, ihm einfach zu sagen, er müsse warten, denn wir könnten jetzt niemanden sehen. Sie ging mit der Nachricht fort, und vollauf mit unserer Arbeit beschäftigt, vergaß ich ihn völlig.

Ich habe in meiner ganzen Erfahrung den Professor noch nie mit einer solchen todernsten Ernsthaftigkeit arbeiten sehen. Ich wusste – wie auch er wusste –, dass es ein Kampf auf Leben und Tod war, und in einer Pause sagte ich ihm das. Er antwortete mir auf eine Weise, die ich nicht verstand, aber mit dem strengsten Ausdruck, den sein Gesicht annehmen konnte:

„Wäre das alles, würde ich hierbleiben, wo wir jetzt sind, und sie in den Frieden hinübergleiten lassen, denn ich sehe kein Licht des Lebens über ihrem Horizont.“ Er fuhr mit seiner Arbeit mit, wenn möglich, erneuerter und noch rasenderer Kraft fort.

Bald begannen wir beide zu spüren, dass die Wärme ihre Wirkung zeigte. Lucys Herz schlug mit dem Stethoskop ein wenig vernehmbarer, und ihre Lungen hatten eine wahrnehmbare Bewegung. Van Helsings Gesicht strahlte fast, und als wir sie aus dem Bad hoben und in ein heißes Laken wickelten, um sie abzutrocknen, sagte er zu mir:

„Der erste Gewinn gehört uns! Schach dem König!“

Wir brachten Lucy in ein anderes Zimmer, das inzwischen vorbereitet worden war, legten sie ins Bett und flößten ihr ein paar Tropfen Branntwein ein. Ich bemerkte, dass Van Helsing ein weiches Seidentaschentuch um ihren Hals band. Sie war noch bewusstlos und war in einem ebenso schlimmen, wenn nicht schlimmeren Zustand, als wir sie je zuvor gesehen hatten.

Van Helsing rief eine der Frauen herein und sagte ihr, sie solle bei ihr bleiben und den Blick nicht von ihr wenden, bis wir zurückkehrten, und winkte mich dann aus dem Zimmer.

„Wir müssen uns beraten, was zu tun ist“, sagte er, während wir die Treppe hinunterstiegen. Im Flur öffnete er die Tür zum Esszimmer, und wir gingen hinein, wobei er die Tür sorgfältig hinter sich schloss. Die Fensterläden waren geöffnet worden, aber die Rollos waren bereits unten, mit jenem Gehorsam gegenüber der Etikette des Todes, den die britische Frau der unteren Klassen stets streng beachtet. Das Zimmer war daher dämmrig dunkel. Es war jedoch hell genug für unsere Zwecke. Van Helsings Strenge war etwas durch einen Ausdruck von Ratlosigkeit gemildert. Er quälte sich offensichtlich mit etwas, also wartete ich einen Augenblick, und er sprach:

„Was sollen wir jetzt tun? Wohin sollen wir uns um Hilfe wenden? Wir brauchen eine weitere Bluttransfusion, und zwar bald, sonst ist das Leben dieses armen Mädchens keine Stunde mehr wert. Sie sind bereits erschöpft; ich bin auch erschöpft. Ich fürchte, diesen Frauen zu vertrauen, selbst wenn sie den Mut aufbrächten, sich dem zu unterziehen. Was sollen wir tun, um jemanden zu finden, der seine Adern für sie öffnet?“

„Was ist eigentlich mit mir?“

Die Stimme kam von dem Sofa auf der anderen Seite des Raumes, und ihr Klang brachte Erleichterung und Freude in mein Herz, denn es war die von Quincey Morris. Van Helsing schreckte bei dem ersten Laut zornig auf, aber sein Gesicht wurde weicher, und ein freudiger Ausdruck trat in seine Augen, als ich rief: „Quincey Morris!“ und mit ausgestreckten Händen auf ihn zueilte.

„Was hat dich hierher geführt?“, rief ich, als sich unsere Hände trafen.

„Ich vermute, Art ist die Ursache.“

Er reichte mir ein Telegramm:

„Habe seit drei Tagen nichts von Seward gehört und bin schrecklich besorgt. Kann nicht weg. Vater ist immer noch im gleichen Zustand. Sende mir Nachricht, wie es Lucy geht. Nicht verzögern. – /Holmwood./“

„Ich glaube, ich kam gerade noch rechtzeitig. Du weißt, du musst mir nur sagen, was zu tun ist.“

Van Helsing schritt vor und ergriff seine Hand, wobei er ihm direkt in die Augen sah, als er sagte:

„Das Blut eines tapferen Mannes ist das Beste auf dieser Erde, wenn eine Frau in Not ist. Sie sind ein Mann, ohne Zweifel. Nun, der Teufel mag gegen uns arbeiten, so viel er kann, aber Gott schickt uns Männer, wenn wir sie brauchen.“

Wieder einmal vollzogen wir diese grausige Operation. Ich bringe es nicht übers Herz, die Einzelheiten zu schildern. Lucy hatte einen schrecklichen Schock erlitten, und er setzte ihr mehr zu als zuvor, denn obwohl reichlich Blut in ihre Adern floss, reagierte ihr Körper nicht so gut auf die Behandlung wie bei den anderen Gelegenheiten. Ihr Kampf zurück ins Leben war etwas Entsetzliches anzusehen und anzuhören. Dennoch verbesserten sich die Tätigkeit von Herz und Lunge, und Van Helsing machte eine subkutane Injektion von Morphin, wie zuvor, und mit guter Wirkung. Ihre Ohnmacht ging in einen tiefen Schlummer über. Der Professor wachte, während ich mit Quincey Morris nach unten ging und eines der Dienstmädchen schickte, um einen der Droschkenkutscher zu bezahlen, die warteten. Ich ließ Quincey, nachdem er ein Glas Wein getrunken hatte, sich hinlegen und sagte der Köchin, sie solle ein gutes Frühstück bereiten. Dann kam mir ein Gedanke, und ich ging zurück in das Zimmer, in dem Lucy nun lag. Als ich leise eintrat, fand ich Van Helsing mit ein oder zwei Blatt Notizpapier in der Hand. Er hatte es offensichtlich gelesen und dachte darüber nach, während er mit der Hand an der Stirn dasaß. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck grimmiger Zufriedenheit, wie bei jemandem, bei dem sich ein Zweifel gelöst hat. Er reichte mir das Papier und sagte nur: „Es fiel aus Lucys Brust, als wir sie zum Bad trugen.“

Als ich es gelesen hatte, stand ich da und sah den Professor an, und nach einer Pause fragte ich ihn: „In Gottes Namen, was hat das alles zu bedeuten? War sie, oder ist sie, wahnsinnig; oder um was für eine schreckliche Gefahr handelt es sich?“ Ich war so verwirrt, dass ich nicht wusste, was ich mehr sagen sollte. Van Helsing streckte die Hand aus, nahm das Papier und sagte:

„Sorgen Sie sich jetzt nicht darum. Vergessen Sie es fürs Erste. Sie werden es zu gegebener Zeit alles erfahren und verstehen; aber das wird später sein. Und nun, was wollten Sie mir sagen?“ Dies brachte mich zurück zu den Tatsachen, und ich war wieder ganz ich selbst.

„Ich wollte über den Totenschein sprechen. Wenn wir nicht richtig und klug handeln, könnte es eine Untersuchung geben, und dieses Papier müsste vorgelegt werden. Ich hoffe, dass wir keine Untersuchung brauchen, denn wenn wir sie hätten, würde sie die arme Lucy sicherlich töten, wenn nicht gar etwas anderes. Ich weiß, und Sie wissen, und der andere Arzt, der sie behandelte, weiß, dass Mrs. Westenra ein Herzleiden hatte, und wir können bestätigen, dass sie daran gestorben ist. Lassen Sie uns den Schein sofort ausfüllen, und ich werde ihn selbst zum Standesamt bringen und weiter zum Bestatter gehen.“

„Gut, oh mein Freund John! Gut gedacht! Wahrlich, Miss Lucy, wenn sie auch traurig ist über die Feinde, die sie bedrängen, so ist sie doch glücklich in den Freunden, die sie lieben. Einer, zwei, drei, alle öffnen ihre Adern für sie, neben einem alten Mann. Ah ja, ich weiß, Freund John; ich bin nicht blind! Ich liebe Sie alle umso mehr dafür! Gehen Sie jetzt.“

Im Flur traf ich Quincey Morris mit einem Telegramm für Arthur, in dem stand, dass Mrs. Westenra gestorben sei; dass auch Lucy krank gewesen sei, es ihr aber nun besser gehe; und dass Van Helsing und ich bei ihr seien. Ich sagte ihm, wohin ich ging, und er drängte mich hinaus, aber als ich gehen wollte, sagte er:

„Wenn du zurückkommst, Jack, darf ich dich unter vier Augen sprechen?“ Ich nickte als Antwort und ging hinaus. Ich fand keine Schwierigkeiten bei der Anmeldung und vereinbarte mit dem örtlichen Bestatter, am Abend zu kommen, um Maß für den Sarg zu nehmen und die Arrangements zu treffen.

Als ich zurückkam, wartete Quincey auf mich. Ich sagte ihm, ich würde ihn sehen, sobald ich wüsste, wie es Lucy gehe, und ging in ihr Zimmer hinauf. Sie schlief noch, und der Professor hatte sich anscheinend nicht von seinem Sitz an ihrer Seite erhoben. Daran, dass er seinen Finger an die Lippen legte, erkannte ich, dass er erwartete, sie würde in Kürze erwachen, und dass er fürchtete, der Natur vorzugreifen. Also ging ich zu Quincey hinunter und nahm ihn mit in das Frühstückszimmer, wo die Rollos nicht heruntergelassen waren und das ein wenig fröhlicher, oder besser gesagt, weniger freudlos war als die anderen Räume. Als wir allein waren, sagte er zu mir:

„Jack Seward, ich möchte mich nirgendwo vordrängen, wo ich kein Recht habe zu sein; aber das ist kein gewöhnlicher Fall. Du weißt, dass ich dieses Mädchen liebte und sie heiraten wollte; aber obwohl das alles vorbei und vergangen ist, kann ich nicht umhin, mich trotzdem um sie zu sorgen. Was stimmt nicht mit ihr? Der Holländer – und er ist ein feiner alter Kerl; das sehe ich –, sagte, als ihr zwei in das Zimmer kamt, dass ihr eine weitere Bluttransfusion brauchtet und dass sowohl du als auch er erschöpft wärt. Nun weiß ich wohl, dass ihr Mediziner *in camera* sprecht und dass ein Mann nicht erwarten darf zu wissen, worüber ihr privat beratschlagt. Aber das hier ist keine gewöhnliche Angelegenheit, und was auch immer es ist, ich habe meinen Teil getan. Ist das nicht so?“

„Das ist so“, sagte ich, und er fuhr fort:

„Ich nehme an, dass sowohl du als auch Van Helsing bereits getan hattet, was ich heute tat. Ist das nicht so?“

„Das ist so.“

„Und ich vermute, Art war auch dabei. Als ich ihn vor vier Tagen bei sich zu Hause sah, sah er seltsam aus. Ich habe seit meiner Zeit auf der Pampa nichts gesehen, das so schnell heruntergekommen ist; ich hatte dort eine Stute, die ich sehr mochte, und sie ging in einer einzigen Nacht zugrunde. Einer dieser großen Fledermäuse, die sie Vampire nennen, hatte sie in der Nacht erwischt, und durch die Sättigung des Tieres und die offene Ader war nicht mehr genug Blut in ihr, um auf den Beinen zu bleiben, und ich musste ihr eine Kugel durch den Kopf jagen, während sie dalag. Jack, wenn du es mir sagen kannst, ohne ein Vertrauensverhältnis zu verletzen: War Arthur der Erste? Ist das nicht so?“ Während er sprach, wirkte der arme Kerl schrecklich beunruhigt. Er befand sich in einer Qual der Ungewissheit bezüglich der Frau, die er liebte, und seine völlige Unkenntnis über das schreckliche Geheimnis, das sie zu umgeben schien, verstärkte seinen Schmerz. Sein Herz blutete förmlich, und es bedurfte all seiner Mannhaftigkeit – und davon besaß er eine königliche Menge –, um nicht zusammenzubrechen. Ich zögerte mit der Antwort, denn ich hatte das Gefühl, nichts verraten zu dürfen, was der Professor geheim halten wollte, doch er wusste bereits so viel und ahnte so viel, dass es keinen Grund gab, ihm die Antwort zu verweigern, also antwortete ich mit denselben Worten: „Das ist so.“

„Und wie lange geht das schon so?“

„Etwa zehn Tage.“

„Zehn Tage! Dann vermute ich, Jack Seward, dass dieses arme, hübsche Geschöpf, das wir alle lieben, innerhalb dieser Zeit das Blut von vier starken Männern in ihre Adern bekommen hat. Mensch, ihr ganzer Körper würde das gar nicht fassen können.“ Dann trat er nah an mich heran und sprach in einem heftigen Halbgeflüster: „Was hat es ihr entzogen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Das“, sagte ich, „ist der Knackpunkt. Van Helsing ist deswegen schlicht verzweifelt, und ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich kann nicht einmal eine Vermutung wagen. Es gab eine Reihe kleiner Umstände, die alle unsere Berechnungen darüber über den Haufen geworfen haben, ob Lucy ordnungsgemäß bewacht wurde. Aber das wird nicht wieder vorkommen. Hier bleiben wir, bis alles gut – oder schlecht – ausgeht.“ Quincey streckte mir seine Hand entgegen. „Zähl mich dazu“, sagte er. „Du und der Holländer werdet mir sagen, was zu tun ist, und ich werde es tun.“

Als sie am späten Nachmittag erwachte, war Lucys erste Bewegung, an ihre Brust zu fassen, und zu meiner Überraschung zog sie das Papier hervor, das Van Helsing mir zum Lesen gegeben hatte. Der umsichtige Professor hatte es dorthin zurückgelegt, wo es herkam, damit sie beim Erwachen nicht beunruhigt würde. Ihr Blick fiel dann auf Van Helsing und auch auf mich, und er hellte sich auf. Dann sah sie sich im Zimmer um, und als sie erkannte, wo sie war, schauderte sie; sie stieß einen lauten Schrei aus und hielt ihre armen, dünnen Hände vor ihr blasses Gesicht. Wir beide verstanden, was das bedeutete – dass sie den Tod ihrer Mutter nun in vollem Umfang begriffen hatte; also versuchten wir, sie so gut es ging zu trösten. Zweifellos linderte das Mitgefühl ihren Schmerz ein wenig, aber sie war in Gedanken und Geist sehr niedergeschlagen und weinte lange Zeit still und schwach vor sich hin. Wir sagten ihr, dass entweder einer von uns oder wir beide nun die ganze Zeit bei ihr bleiben würden, und das schien sie zu trösten. Gegen Einbruch der Dämmerung fiel sie in einen Dämmerschlaf. Hier ereignete sich etwas sehr Seltsames. Noch im Schlaf nahm sie das Papier von ihrer Brust und zerriss es in zwei Teile. Van Helsing trat hinzu und nahm ihr die Stücke ab. Dennoch setzte sie die Bewegung des Zerreißens fort, als befände sich das Material noch immer in ihren Händen; schließlich hob sie die Hände und öffnete sie, als würde sie die Fragmente verstreuen. Van Helsing wirkte überrascht, und seine Brauen zogen sich zusammen, als ob er nachdächte, doch er sagte nichts.

19. September. – Die ganze letzte Nacht über schlief sie unruhig, da sie sich immer fürchtete zu schlafen, und war jedes Mal schwächer, wenn sie daraus erwachte. Der Professor und ich wechselten uns bei der Wache ab, und wir ließen sie keinen Augenblick unbeaufsichtigt. Quincey Morris sagte nichts über seine Absicht, aber ich wusste, dass er die ganze Nacht lang immer wieder um das Haus patrouillierte.

Als der Tag anbrach, zeigte sein durchdringendes Licht die Verwüstungen an der Kraft der armen Lucy. Sie war kaum in der Lage, den Kopf zu drehen, und die wenige Nahrung, die sie zu sich nehmen konnte, schien ihr nicht gutzutun. Zeitweise schlief sie, und sowohl Van Helsing als auch ich bemerkten den Unterschied bei ihr zwischen Schlaf und Wachzustand. Während sie schlief, wirkte sie kräftiger, wenn auch abgezehrter, und ihr Atem war leiser; ihr geöffneter Mund zeigte das blasse Zahnfleisch, das von den Zähnen zurückgewichen war, die dadurch regelrecht länger und schärfer wirkten als gewöhnlich; wenn sie erwachte, veränderte die Sanftheit ihrer Augen offensichtlich den Ausdruck, denn sie wirkte wie sie selbst, wenn auch wie eine Sterbende. Am Nachmittag fragte sie nach Arthur, und wir telegrafierten ihm. Quincey machte sich auf den Weg, um ihn am Bahnhof abzuholen.

Als er ankam, war es fast sechs Uhr, und die Sonne ging voll und warm unter, und das rote Licht strömte durch das Fenster herein und verlieh den blassen Wangen mehr Farbe. Als er sie sah, war Arthur einfach von Gefühlen überwältigt, und keiner von uns konnte sprechen. In den Stunden, die vergangen waren, waren die Anfälle von Schlaf oder der komatöse Zustand, der dafür gehalten wurde, häufiger geworden, sodass die Pausen, in denen eine Unterhaltung möglich war, immer kürzer wurden. Arthurs Anwesenheit schien jedoch wie ein Stimulans zu wirken; sie erholte sich ein wenig und sprach mit ihm lebhafter, als sie es seit unserer Ankunft getan hatte. Auch er riss sich zusammen und sprach so fröhlich er konnte, sodass das Beste aus allem gemacht wurde.

Es ist jetzt fast ein Uhr, und er und Van Helsing sitzen bei ihr. Ich soll sie in einer Viertelstunde ablösen, und ich spreche dies auf Lucys Phonographen. Bis sechs Uhr sollen sie versuchen zu ruhen. Ich fürchte, dass morgen unsere Wache enden wird, denn der Schock war zu groß; das arme Kind kann sich nicht mehr erholen. Gott helfe uns allen.

Brief, Mina Harker an Lucy Westenra.

(Von ihr ungeöffnet.)

„17. September.

Meine liebste Lucy,

es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, seit ich von dir gehört habe, oder vielmehr seit ich geschrieben habe. Du wirst mir, das weiß ich, all meine Fehler verzeihen, wenn du erst mein ganzes Bündel an Neuigkeiten gelesen hast. Nun, ich habe meinen Mann wohlbehalten zurückbekommen; als wir in Exeter ankamen, wartete eine Kutsche auf uns, und darin saß Mr. Hawkins, obwohl er einen Gichtanfall hatte. Er nahm uns mit in sein eigenes Haus, wo für uns alle schöne und komfortable Zimmer bereitstanden, und wir speisten gemeinsam. Nach dem Abendessen sagte Mr. Hawkins:

‚Meine Lieben, ich möchte auf eure Gesundheit und euer Wohlergehen trinken; und möge jeder Segen euch beide begleiten. Ich kenne euch beide von Kindesbeinen an und habe mit Liebe und Stolz gesehen, wie ihr herangewachsen seid. Nun möchte ich, dass ihr euer Zuhause hier bei mir aufschlagt. Mir ist weder Kind noch Kegel geblieben; alle sind fort, und in meinem Testament habe ich euch alles vermacht.‘ Ich weinte, meine liebe Lucy, als Jonathan und der alte Mann sich die Hände reichten. Unser Abend war ein sehr, sehr glücklicher.

Hier sind wir also, eingerichtet in diesem wunderschönen alten Haus, und sowohl von meinem Schlafzimmer als auch vom Wohnzimmer aus kann ich die großen Ulmen des Kathedralfriedhofs sehen, mit ihren mächtigen schwarzen Stämmen, die sich vor dem alten gelben Stein der Kathedrale abheben; und ich kann die Saatkrähen über mir hören, wie sie den ganzen Tag krächzen und krächzen und plaudern und tratschen, ganz nach der Art von Saatkrähen – und Menschen. Ich bin beschäftigt, das muss ich dir nicht sagen, mit dem Einrichten und der Haushaltsführung. Jonathan und Mr. Hawkins sind den ganzen Tag beschäftigt; denn jetzt, da Jonathan ein Partner ist, möchte Mr. Hawkins ihn in alle Kundenangelegenheiten einweihen.

Wie geht es deiner lieben Mutter? Ich wünschte, ich könnte für ein oder zwei Tage in die Stadt laufen, um dich zu sehen, Liebes, aber ich wage es noch nicht, bei so viel Verantwortung auf meinen Schultern; und Jonathan braucht immer noch Fürsorge. Er beginnt wieder etwas Fleisch auf die Rippen zu bekommen, aber er war durch die lange Krankheit schrecklich geschwächt; selbst jetzt schreckt er manchmal plötzlich aus dem Schlaf auf und erwacht ganz zitternd, bis ich ihn wieder zu seiner gewohnten Gelassenheit beruhigen kann. Gott sei Dank werden diese Anlässe jedoch mit den Tagen seltener, und sie werden mit der Zeit ganz verschwinden, so hoffe ich. Und nun, da ich dir meine Neuigkeiten mitgeteilt habe, lass mich nach deinen fragen. Wann werdet ihr heiraten, und wo, und wer wird die Zeremonie vollziehen, und was wirst du tragen, und soll es eine öffentliche oder eine private Hochzeit sein? Erzähl mir alles darüber, Liebes; erzähl mir alles über alles, denn nichts, was dich interessiert, wird mir nicht lieb sein. Jonathan bittet mich, dir seine ‚respektvolle Pflicht‘ auszurichten, aber ich denke nicht, dass das gut genug ist vom Juniorpartner der bedeutenden Firma Hawkins & Harker; und so, wie du mich liebst, und er mich liebt, und ich dich mit allen Modi und Zeitformen des Verbs liebe, sende ich dir stattdessen einfach seine ‚Liebe‘. Lebe wohl, meine liebste Lucy, und alle Segnungen auf dich.

Deine /Mina Harker./“

Bericht von Patrick Hennessey, M.D., M.R.C.S., L.K.Q.CP.I., etc., etc., an John Seward, M.D.

„20. September.

Mein lieber Herr,

gemäß Ihren Wünschen lege ich den Bericht über den Zustand von allem bei, das mir anvertraut wurde... Bezüglich des Patienten Renfield gibt es mehr zu sagen. Er hatte einen weiteren Ausbruch, der ein schreckliches Ende hätte nehmen können, der aber, wie es glücklicherweise geschah, ohne unglückliche Folgen blieb. Heute Nachmittag hielt ein Fuhrwerk mit zwei Männern an dem leeren Haus, dessen Grundstück an unseres angrenzt – das Haus, zu dem der Patient, wie Sie sich erinnern werden, zweimal entlaufen ist. Die Männer hielten an unserem Tor, um den Pförtner nach dem Weg zu fragen, da sie Fremde waren. Ich selbst schaute aus dem Arbeitszimmerfenster und rauchte nach dem Abendessen eine Pfeife, als ich sah, wie einer von ihnen auf das Haus zuging. Als er am Fenster von Renfields Zimmer vorbeiging, begann der Patient ihn von drinnen zu beschimpfen und belegte ihn mit allen schmutzigen Namen, die er über die Lippen bringen konnte. Der Mann, der ein ordentlicher Kerl zu sein schien, begnügte sich damit, ihn aufzufordern, das ‚Maul zu halten, du freches Luder‘, woraufhin unser Mann ihn beschuldigte, ihn zu bestehlen und ermorden zu wollen, und sagte, er würde ihn daran hindern, selbst wenn er dafür hängen müsste. Ich öffnete das Fenster und bedeutete dem Mann, nicht darauf zu achten, also begnügte er sich, nachdem er sich umgesehen und sich ein Bild davon gemacht hatte, in was für einer Art von Haus er gelandet war, mit der Bemerkung: ‚Ach Gott bewahre, Sir, was mir in so einem blöden Irrenhaus gesagt wird, das kümmert mich nicht. Ich bemitleide Sie und den Chef, dass Sie in einem Haus mit solch einem wilden Tier leben müssen.‘ Dann fragte er höflich genug nach dem Weg, und ich sagte ihm, wo das Tor des leeren Hauses sei; er ging weg, gefolgt von Drohungen, Flüchen und Schmähungen unseres Mannes. Ich ging hinunter, um zu sehen, ob ich irgendeinen Grund für seinen Zorn ausmachen konnte, da er normalerweise ein so wohlartiger Mann ist und es außer seinen gewalttätigen Anfällen nie zu so etwas gekommen war. Zu meinem Erstaunen fand ich ihn völlig gefasst und in seiner Art äußerst liebenswürdig vor. Ich versuchte, ihn dazu zu bringen, über den Vorfall zu sprechen, aber er stellte mir beiläufig Fragen darüber, was ich meinte, und ließ mich glauben, dass er sich des Vorfalls überhaupt nicht bewusst war. Es war jedoch, wie ich bedauerlicherweise feststellen muss, nur ein weiteres Beispiel seiner Gerissenheit, denn innerhalb einer halben Stunde hörte ich wieder von ihm. Diesmal war er durch das Fenster seines Zimmers ausgebrochen und rannte die Allee hinunter. Ich rief den Wärtern zu, mir zu folgen, und rannte hinter ihm her, denn ich fürchtete, er führe etwas im Schilde. Meine Angst wurde bestätigt, als ich denselben Karren kommen sah, der zuvor vorbeigefahren war und auf dem einige große Holzkisten lagen. Die Männer wischten sich die Stirn und waren rot im Gesicht, als hätten sie sich körperlich angestrengt. Bevor ich ihn erreichen konnte, stürzte sich der Patient auf sie, zerrte einen von ihnen vom Karren und begann, seinen Kopf gegen den Boden zu schlagen. Hätte ich ihn nicht genau in diesem Moment gepackt, glaube ich, hätte er den Mann auf der Stelle getötet. Der andere Kerl sprang herunter und schlug ihn mit dem Griff seiner schweren Peitsche über den Kopf. Es war ein schrecklicher Schlag; aber das schien ihn nicht zu kümmern; er packte auch ihn und rang mit uns dreien, wobei er uns hin und her zerrte, als wären wir Kätzchen. Sie wissen, dass ich kein Leichtgewicht bin, und die anderen beiden waren stämmige Männer. Zuerst kämpfte er schweigend; aber als wir begannen, ihn zu überwältigen, und die Wärter ihm eine Zwangsjacke anlegten, begann er zu schreien: ‚Ich werde sie vereiteln! Sie sollen mich nicht bestehlen! Sie sollen mich nicht zentimeterweise ermorden! Ich werde für meinen Herrn und Gebieter kämpfen!‘ und all solche zusammenhanglosen Tiraden. Es war mit beträchtlicher Mühe verbunden, ihn zurück ins Haus und in die gepolsterte Zelle zu bringen. Einer der Wärter, Hardy, hat sich einen Finger gebrochen. Ich habe ihn jedoch wieder eingerenkt; es geht ihm gut.

Die beiden Fuhrleute waren zunächst lautstark in ihren Drohungen, Schadenersatzklagen anzustrengen, und versprachen, uns mit allen Strafen des Gesetzes zu belegen. Ihre Drohungen waren jedoch mit einer Art indirekter Entschuldigung für die Niederlage der beiden gegen einen schwächlichen Verrückten vermischt. Sie sagten, wenn sie nicht so viel Kraft beim Tragen und Aufladen der schweren Kisten auf den Karren gelassen hätten, hätten sie mit ihm kurzen Prozess gemacht. Als weiteren Grund für ihre Niederlage gaben sie den außergewöhnlichen Durst an, zu dem sie durch die staubige Natur ihrer Arbeit und die bedauerliche Entfernung eines jeden Vergnügungslokals vom Ort ihrer Tätigkeit gezwungen worden waren. Ich verstand ihre Absicht durchaus, und nach einem starken Glas Grog, oder eher etwas mehr, und mit jeweils einem Sovereign in der Hand machten sie sich über den Angriff lustig und schworen, sie würden jeden Tag einem schlimmeren Verrückten begegnen, nur für das Vergnügen, einen solch ‚blöden, guten Kerl‘ wie Ihren Korrespondenten zu treffen. Ich habe mir ihre Namen und Adressen notiert, falls sie benötigt werden sollten. Sie lauten: Jack Smollet, Dudding’s Rents, King George’s Road, Great Walworth, und Thomas Snelling, Peter Parley’s Row, Guide Court, Bethnal Green. Beide sind bei der Harris & Sons, Transport- und Versandfirma, Orange Master’s Yard, Soho, angestellt.

Ich werde Ihnen jeden Vorfall von Interesse hier melden und Sie sofort telegrafieren, falls etwas von Bedeutung ist.

Glauben Sie mir, mein lieber Herr, Ihr ergebener /Patrick Hennessey./“

Brief, Mina Harker an Lucy Westenra.

(Von ihr ungeöffnet.)

„18. September.

Meine liebste Lucy,

ein so trauriger Schlag hat uns getroffen. Mr. Hawkins ist sehr plötzlich verstorben. Manche mögen es nicht für so traurig für uns halten, aber wir hatten ihn beide so lieb gewonnen, dass es wirklich so scheint, als hätten wir einen Vater verloren. Ich habe weder Vater noch Mutter gekannt, daher ist der Tod des lieben alten Mannes ein echter Schlag für mich. Jonathan ist sehr bedrückt. Es ist nicht nur, dass er tiefe Trauer empfindet für den lieben, guten Mann, der ihm sein ganzes Leben lang ein Freund war und ihn nun am Ende wie seinen eigenen Sohn behandelt hat und ihm ein Vermögen hinterließ, das für Menschen unserer bescheidenen Herkunft Reichtum jenseits der Träume von Gier ist, sondern Jonathan fühlt es noch aus einem anderen Grund. Er sagt, die Menge an Verantwortung, die es ihm auferlegt, macht ihn nervös. Er beginnt an sich selbst zu zweifeln. Ich versuche ihn aufzumuntern, und mein Glaube an ihn hilft ihm, an sich selbst zu glauben. Aber genau hier trifft ihn der schwere Schock, den er erlebt hat, am meisten. Oh, es ist zu hart, dass ein so süßes, einfaches, edles, starkes Wesen wie seines – ein Wesen, das es ihm durch die Hilfe unseres lieben, guten Freundes ermöglichte, in wenigen Jahren vom Angestellten zum Meister aufzusteigen – so verletzt sein sollte, dass das Wesen seiner Stärke dahin ist. Verzeih mir, Liebes, wenn ich dich inmitten deines eigenen Glücks mit meinen Sorgen behellige; aber, meine liebe Lucy, ich muss es jemandem sagen, denn die Anstrengung, gegenüber Jonathan einen tapferen und fröhlichen Anschein zu wahren, zehrt an mir, und ich habe hier niemanden, dem ich mich anvertrauen kann. Ich fürchte mich davor, nach London zu kommen, was wir übermorgen tun müssen; denn der arme Mr. Hawkins hat in seinem Testament verfügt, dass er im Grab seines Vaters beigesetzt werden soll. Da es keinerlei Verwandte gibt, wird Jonathan der Haupttrauernde sein. Ich werde versuchen, zu dir zu kommen, meine Liebste, wenn auch nur für ein paar Minuten. Verzeih mir, dass ich dich beunruhige. Mit allen Segnungen,

Deine liebende /Mina Harker./“

Dr. Sewards Tagebuch.

20. September. – Nur Entschlossenheit und Gewohnheit lassen mich heute Nacht einen Eintrag machen. Ich bin zu elend, zu niedergeschlagen, zu überdrüssig der Welt und allem darin, einschließlich des Lebens selbst, und es wäre mir gleich, wenn ich in diesem Augenblick das Schlagen der Flügel des Todesengels hörte. Und er hat in letzter Zeit jene grimmigen Flügel nicht ohne Grund geschlagen – Lucys Mutter und Arthurs Vater, und nun... Lassen Sie mich mit meiner Arbeit fortfahren.

Ich habe Van Helsing pflichtgemäß bei seiner Wache über Lucy abgelöst. Wir wollten, dass auch Arthur sich ausruht, aber er weigerte sich zunächst. Erst als ich ihm sagte, dass wir ihn tagsüber brauchen würden und dass wir nicht alle vor Erschöpfung zusammenbrechen dürften, damit Lucy nicht leiden müsse, stimmte er zu zu gehen. Van Helsing war sehr gütig zu ihm. „Komm, mein Kind“, sagte er; „komm mit mir. Du bist krank und schwach und hast viel Kummer und viel seelischen Schmerz gehabt, sowie jene Belastung deiner Kräfte, von der wir wissen. Du darfst nicht allein sein; denn allein zu sein heißt, voller Ängste und Alarme zu sein. Komm in das Wohnzimmer, wo ein großes Feuer brennt und es zwei Sofas gibt. Du sollst auf dem einen liegen und ich auf dem anderen, und unser Mitgefühl wird ein Trost füreinander sein, selbst wenn wir nicht sprechen und selbst wenn wir schlafen.“ Arthur ging mit ihm und warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf Lucys Gesicht, das auf dem Kissen lag, fast weißer als der Batist. Sie lag ganz still, und ich sah mich im Zimmer um, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Ich konnte sehen, dass der Professor in diesem Zimmer, wie auch im anderen, seinen Plan mit dem Knoblauch umgesetzt hatte; die gesamten Fensterrahmen rochen danach, und um Lucys Hals, über dem seidenen Taschentuch, das Van Helsing sie behalten ließ, befand sich ein grober Kranz aus denselben wohlriechenden Blumen. Lucy atmete etwas rasselnd, und ihr Gesicht war in seinem schlechtesten Zustand, denn der offene Mund zeigte das blasse Zahnfleisch. Ihre Zähne wirkten im fahlen, unsicheren Licht länger und schärfer, als sie es am Morgen gewesen waren. Insbesondere durch einen Lichteffekt wirkten die Eckzähne länger und schärfer als die übrigen. Ich setzte mich zu ihr, und nach einer Weile bewegte sie sich unruhig. Im selben Augenblick gab es ein dumpfes Flattern oder Schlagen am Fenster. Ich ging leise hinüber und spähte durch die Ecke des Rollos nach draußen. Es war Vollmond, und ich konnte sehen, dass das Geräusch von einer großen Fledermaus stammte, die umherkreiste – zweifellos angezogen vom Licht, obwohl es so schwach war – und immer wieder mit ihren Flügeln gegen das Fenster schlug. Als ich zu meinem Sitzplatz zurückkehrte, stellte ich fest, dass sich Lucy leicht bewegt und die Knoblauchblumen von ihrer Kehle gerissen hatte. Ich ersetzte sie so gut ich konnte und saß da, während ich sie beobachtete.

Bald darauf erwachte sie, und ich gab ihr Nahrung, wie Van Helsing es verordnet hatte. Sie nahm nur wenig zu sich, und dies mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit. Es schien nicht mehr der unbewusste Kampf um Leben und Kraft in ihr zu sein, der ihre Krankheit bisher so sehr gekennzeichnet hatte. Es fiel mir als seltsam auf, dass sie, sobald sie bei Bewusstsein war, die Knoblauchblumen fest an sich drückte. Es war gewiss merkwürdig, dass sie, wann immer sie in diesen lethargischen Zustand mit dem röchelnden Atem verfiel, die Blumen von sich schob; doch sobald sie erwachte, umklammerte sie sie wieder. Es bestand keinerlei Möglichkeit, sich hierin zu täuschen, denn in den langen Stunden, die folgten, hatte sie viele Phasen des Schlafens und Wachens und wiederholte beide Handlungen viele Male.

Um sechs Uhr kam Van Helsing, um mich abzulösen. Arthur war in ein Schlummern gefallen, und er ließ ihn in seiner Barmherzigkeit weiterschlafen. Als er Lucys Gesicht sah, konnte ich das zischende Einziehen seines Atems hören, und er sagte zu mir in einem scharfen Flüsterton: „Ziehen Sie das Rollo hoch; ich will Licht!“ Dann beugte er sich nieder, und während sein Gesicht fast Lucys berührte, untersuchte er sie sorgfältig. Er entfernte die Blumen und hob das seidene Taschentuch von ihrer Kehle. Als er dies tat, wich er zurück, und ich konnte seinen Ausruf „Mein Gott!“ hören, wie er in seiner Kehle erstickte. Ich beugte mich vor und sah ebenfalls hin, und als ich es bemerkte, überkam mich ein seltsamer Schauer.

Die Wunden an der Kehle waren vollständig verschwunden.

Ganze fünf Minuten stand Van Helsing da und betrachtete sie mit seinem strengsten Gesichtsausdruck. Dann wandte er sich an mich und sagte ruhig:

„Sie stirbt. Es wird nun nicht mehr lange dauern. Es wird einen großen Unterschied machen, merken Sie sich das, ob sie bei Bewusstsein stirbt oder im Schlaf. Wecken Sie diesen armen Jungen und lassen Sie ihn kommen, um das Letzte zu sehen; er vertraut uns, und wir haben es ihm versprochen.“

Ich ging in das Esszimmer und weckte ihn. Er war einen Moment lang benommen, aber als er das Sonnenlicht durch die Ritzen der Fensterläden hereinströmen sah, glaubte er, er käme zu spät, und äußerte seine Sorge. Ich versicherte ihm, dass Lucy noch schlief, sagte ihm aber so sanft ich konnte, dass Van Helsing und ich beide fürchteten, das Ende sei nahe. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und sank auf seine Knie neben dem Sofa, wo er vielleicht eine Minute verharrte, das Gesicht in den Händen vergraben, betend, während seine Schultern vor Kummer bebten. Ich nahm ihn bei der Hand und richtete ihn auf. „Komm“, sagte ich, „mein lieber alter Freund, fasse all deine Tapferkeit zusammen; es wird das Beste und Leichteste für sie sein.“

Als wir in Lucys Zimmer kamen, konnte ich sehen, dass Van Helsing mit seiner üblichen Umsicht die Dinge in Ordnung gebracht und alles so angenehm wie möglich gestaltet hatte. Er hatte sogar Lucys Haar gebürstet, sodass es in seinen üblichen sonnigen Wellen auf dem Kissen lag. Als wir das Zimmer betraten, öffnete sie die Augen, und als sie ihn sah, flüsterte sie leise:

„Arthur! Oh, mein Liebster, ich bin froh, dass du gekommen bist!“ Er beugte sich hinab, um sie zu küssen, als Van Helsing ihn zurückwies. „Nein“, flüsterte er, „noch nicht! Halte ihre Hand; das wird sie mehr trösten.“

So nahm Arthur ihre Hand und kniete neben ihr, und sie sah so gut aus wie nie zuvor, mit all den sanften Linien, die der engelhaften Schönheit ihrer Augen entsprachen. Dann schlossen sich allmählich ihre Augen, und sie sank in den Schlaf. Ein Weilchen hob und senkte sich ihre Brust sanft, und ihr Atem ging wie der eines müden Kindes.

Und dann kam unmerklich die seltsame Veränderung, die ich in der Nacht bemerkt hatte. Ihr Atem wurde röchelnd, der Mund öffnete sich, und das blasse Zahnfleisch, zurückgezogen, ließ die Zähne länger und schärfer erscheinen als je zuvor. In einer Art schlafwandelnder, vager, unbewusster Weise öffnete sie die Augen, die nun zugleich stumpf und hart waren, und sagte mit einer sanften, wollüstigen Stimme, wie ich sie nie zuvor von ihren Lippen gehört hatte:

„Arthur! Oh, mein Liebster, ich bin so froh, dass du gekommen bist! Küsse mich!“ Arthur beugte sich begierig vor, um sie zu küssen; doch in diesem Augenblick stürzte sich Van Helsing, der wie ich von ihrer Stimme erschreckt worden war, auf ihn, packte ihn mit beiden Händen am Nacken und zog ihn mit einer Wut und Kraft zurück, die ich ihm nie zugetraut hätte, und schleuderte ihn förmlich fast durch den ganzen Raum.

„Nicht, solange Sie leben!“, sagte er; „nicht für Ihr lebendes Seelenheil und das ihre!“ Und er stand zwischen ihnen wie ein in die Enge getriebener Löwe.

Arthur war so verblüfft, dass er einen Moment lang nicht wusste, was er tun oder sagen sollte; und bevor ihn irgendein Impuls der Gewalt ergreifen konnte, wurde ihm der Ort und der Anlass bewusst, und er stand still und wartete.

Ich ließ meine Augen fest auf Lucy ruhen, ebenso wie Van Helsing, und wir sahen einen Krampf wie von Zorn wie einen Schatten über ihr Gesicht huschen; die scharfen Zähne knirschten aufeinander. Dann schlossen sich ihre Augen, und sie atmete schwer.

Sehr kurz darauf öffnete sie ihre Augen wieder in ihrer ganzen Sanftheit, und ihre arme, blasse, dünne Hand ausstreckend, ergriff sie Van Helsings große, braune Hand; sie zog sie zu sich und küsste sie. „Mein wahrer Freund“, sagte sie mit schwacher Stimme, aber von unsagbarem Pathos, „mein wahrer Freund und seiner! Oh, beschütze ihn und gib mir Frieden!“

„Ich schwöre es!“, sagte er feierlich, neben ihr kniend und seine Hand erhebend, wie jemand, der einen Eid leistet. Dann wandte er sich an Arthur und sagte zu ihm: „Komm, mein Kind, nimm ihre Hand in deine und küsse sie auf die Stirn, und nur ein einziges Mal.“

Ihre Augen begegneten sich anstelle ihrer Lippen; und so nahmen sie Abschied.

Lucys Augen schlossen sich; und Van Helsing, der genau zugeschaut hatte, nahm Arthur am Arm und führte ihn fort.

Und dann wurde Lucys Atem wieder röchelnd, und auf einmal setzte er aus.

„Es ist alles vorbei“, sagte Van Helsing. „Sie ist tot!“

Ich nahm Arthur am Arm und führte ihn in das Wohnzimmer, wo er sich niedersetzte und sein Gesicht mit den Händen bedeckte, schluchzend auf eine Weise, die mich fast zusammenbrechen ließ, als ich es mitansehen musste.

Ich ging zurück in das Zimmer und fand Van Helsing, wie er die arme Lucy betrachtete, und sein Gesicht war strenger als je zuvor. Eine gewisse Veränderung war über ihren Körper gekommen. Der Tod hatte einen Teil ihrer Schönheit zurückgegeben, denn ihre Stirn und ihre Wangen hatten einige ihrer fließenden Linien wiedergewonnen; selbst die Lippen hatten ihre tödliche Blässe verloren. Es war, als ob das Blut, das für die Arbeit des Herzens nicht mehr benötigt wurde, dazu gedient hätte, die Härte des Todes so wenig grausam wie möglich zu machen.

„Wir glaubten, sie stürbe im Schlaf, Und schlief, als sie starb.“

Ich stand neben Van Helsing und sagte:

„Ach, nun gut, arme Seele, sie hat endlich Frieden. Es ist das Ende!“

Er wandte sich an mich und sagte mit ernster Feierlichkeit:

„Nicht so! Ach nein! Nicht so. Es ist erst der Anfang!“

Als ich ihn fragte, was er damit meinte, schüttelte er nur den Kopf und antwortete:

„Wir können vorerst nichts tun. Warten Sie ab und sehen Sie.“

KAPITEL XIII.

/Dr. Sewards Tagebuch/ – Fortsetzung.

Die Beerdigung wurde für den nächsten Tag angesetzt, damit Lucy und ihre Mutter zusammen beigesetzt werden konnten. Ich kümmerte mich um alle schaurigen Formalitäten, und der urbane Bestattungsunternehmer bewies, dass seine Mitarbeiter mit etwas von seiner eigenen unterwürfigen Gewandtheit behaftet – oder gesegnet – waren. Selbst die Frau, welche die letzten Dienste für die Verstorbene verrichtete, bemerkte zu mir in einer vertraulichen, kollegialen Weise, als sie aus der Totenkammer kam:

„Sie gibt eine sehr schöne Leiche ab, mein Herr. Es ist wahrlich ein Privileg, sich um sie zu kümmern. Es ist nicht zu viel gesagt, dass sie unserem Hause Ehre machen wird!“

Ich bemerkte, dass Van Helsing sich nie weit entfernte. Dies war aufgrund des ungeordneten Zustands im Haushalt möglich. Es waren keine Verwandten in der Nähe; und da Arthur am nächsten Tag zurückkehren musste, um an der Beerdigung seines Vaters teilzunehmen, konnten wir niemanden benachrichtigen, der hätte geladen werden sollen. Unter diesen Umständen übernahmen Van Helsing und ich es, die Papiere usw. zu prüfen. Er bestand darauf, Lucys Papiere selbst durchzusehen. Ich fragte ihn warum, denn ich fürchtete, dass er als Ausländer vielleicht nicht ganz mit den englischen gesetzlichen Anforderungen vertraut sein könnte und daher aus Unwissenheit unnötigen Ärger verursachen könnte. Er antwortete mir:

„Ich weiß; ich weiß. Sie vergessen, dass ich ebenso Anwalt wie Arzt bin. Aber das hier ist nicht allein für das Gesetz. Sie wussten das, als Sie den Leichenbeschauer mieden. Ich habe mehr als ihn zu meiden. Es mag Papiere geben, die mehr sind – wie diese hier.“

Während er sprach, nahm er aus seinem Taschenbuch die Notiz, die auf Lucys Brust gelegen hatte und die sie in ihrem Schlaf zerrissen hatte.

„Wenn Sie etwas von dem Anwalt finden, der für die verstorbene Mrs. Westenra tätig ist, versiegeln Sie alle ihre Papiere und schreiben Sie ihm heute Abend. Ich für meinen Teil werde hier im Zimmer und in Miss Lucys altem Zimmer die ganze Nacht wachen und selbst nach dem suchen, was da sein mag. Es ist nicht gut, dass ihre Gedanken in die Hände von Fremden gelangen.“

Ich fuhr mit meiner Arbeit fort und hatte nach einer weiteren halben Stunde den Namen und die Adresse von Mrs. Westenras Anwalt gefunden und ihm geschrieben. Alle Papiere der armen Dame waren in Ordnung; ausdrückliche Anweisungen bezüglich des Bestattungsortes waren gegeben. Ich hatte den Brief kaum versiegelt, als Van Helsing zu meiner Überraschung das Zimmer betrat und sagte:

„Kann ich Ihnen helfen, Freund John? Ich bin frei, und wenn ich darf, gehört mein Dienst Ihnen.“

„Haben Sie gefunden, wonach Sie suchten?“, fragte ich, worauf er antwortete:

„Ich habe nicht nach einer bestimmten Sache gesucht. Ich hoffte nur zu finden, und gefunden habe ich, was es gab – nur einige Briefe und ein paar Notizen und ein Tagebuch, das gerade erst begonnen wurde. Aber ich habe sie hier, und wir werden vorerst nichts darüber sagen. Ich werde diesen armen Jungen morgen Abend sehen, und mit seiner Zustimmung werde ich einige davon verwenden.“

Als wir die Arbeit erledigt hatten, sagte er zu mir:

„Und nun, Freund John, denke ich, dass wir zu Bett gehen können. Wir brauchen Schlaf, Sie und ich, und Ruhe, um uns zu erholen. Morgen werden wir viel zu tun haben, aber für heute Nacht gibt es keinen Bedarf für uns. Ach!“

Bevor wir uns schlafen legten, gingen wir, um nach der armen Lucy zu sehen. Der Bestatter hatte seine Arbeit sicherlich gut gemacht, denn der Raum war in eine kleine *chapelle ardente* verwandelt worden. Es gab eine Fülle schöner weißer Blumen, und der Tod war so wenig abstoßend wie möglich gemacht worden. Das Ende des Leichentuchs war über das Gesicht gelegt; als der Professor sich hinunterbeugte und es sanft zurückschlug, fuhren wir beide bei der Schönheit vor uns zusammen, wobei die hohen Wachskerzen ein ausreichendes Licht boten, um sie wohl zu betrachten. All Lucys Liebreiz war im Tode zu ihr zurückgekehrt, und die Stunden, die vergangen waren, hatten statt Spuren von „des Verfalls verwischenden Fingern“ nur die Schönheit des Lebens wiederhergestellt, bis ich meinen Augen buchstäblich nicht trauen konnte, dass ich eine Leiche betrachtete.

Der Professor blickte streng ernst. Er hatte sie nicht so geliebt wie ich, und es gab keinen Grund für Tränen in seinen Augen. Er sagte zu mir: „Bleiben Sie, bis ich zurückkomme“, und verließ den Raum. Er kehrte mit einer Handvoll wildem Knoblauch zurück, der in der Kiste im Flur wartete, die jedoch noch nicht geöffnet worden war, und legte die Blumen zu den anderen auf und um das Bett. Dann nahm er ein kleines goldenes Kruzifix von seinem Hals, das er unter dem Kragen trug, und legte es über den Mund. Er brachte das Tuch wieder an seinen Platz, und wir gingen weg.

Ich kleidete mich in meinem eigenen Zimmer aus, als er mit einem warnenden Klopfen an die Tür eintrat und sofort zu sprechen begann:

„Morgen möchte ich, dass Sie mir vor Einbruch der Nacht ein Set Obduktionsmesser bringen.“

„Müssen wir eine Obduktion vornehmen?“, fragte ich.

„Ja und nein. Ich möchte operieren, aber nicht so, wie Sie denken. Lassen Sie mich es Ihnen jetzt sagen, aber kein Wort zu einem anderen. Ich möchte ihren Kopf abschneiden und ihr Herz herausnehmen. Ach! Sie, ein Chirurg, und so schockiert! Sie, den ich ohne Zittern von Hand oder Herz Operationen von Leben und Tod habe durchführen sehen, die andere erschaudern lassen. Oh, aber ich darf nicht vergessen, mein lieber Freund John, dass Sie sie geliebt haben; und ich habe es nicht vergessen, denn ich bin es, der operieren wird, und Sie müssen nur helfen. Ich würde es gerne heute Nacht tun, aber für Arthur darf ich nicht; er wird nach der Beerdigung seines Vaters morgen frei sein, und er wird sie sehen wollen – es sehen wollen. Dann, wenn sie für den nächsten Tag bereit im Sarg liegt, werden Sie und ich kommen, wenn alles schläft. Wir werden den Sargdeckel abschrauben und unsere Operation durchführen; und dann alles wieder so herrichten, dass es niemand weiß, außer wir allein.“

„Aber warum das überhaupt tun? Das Mädchen ist tot. Warum ihren armen Körper ohne Not verstümmeln? Und wenn es keine Notwendigkeit für eine Obduktion gibt und nichts damit zu gewinnen ist – kein Nutzen für sie, für uns, für die Wissenschaft, für das menschliche Wissen – warum es tun? Ohne das ist es monströs.“

Zur Antwort legte er seine Hand auf meine Schulter und sagte mit unendlicher Zärtlichkeit:

„Freund John, ich bemitleide Ihr armes, blutendes Herz; und ich liebe Sie umso mehr, weil es so blutet. Wenn ich könnte, würde ich die Last, die Sie tragen, auf mich nehmen. Aber es gibt Dinge, die Sie nicht wissen, die Sie aber wissen werden, und mich dafür segnen werden, dass Sie sie kennen, auch wenn es keine angenehmen Dinge sind. John, mein Kind, Sie sind nun schon viele Jahre mein Freund, und doch, haben Sie mich je ohne guten Grund etwas tun sehen? Ich mag irren – ich bin nur ein Mensch; aber ich glaube an alles, was ich tue. War es nicht aus diesen Gründen, dass Sie nach mir sandten, als das große Unglück geschah? Ja! Waren Sie nicht erstaunt, ja entsetzt, als ich Arthur nicht seine Liebe küssen lassen wollte – obwohl sie im Sterben lag – und ihn mit all meiner Kraft wegzerrte? Ja! Und doch sahen Sie, wie sie mir dankte, mit ihren so schönen sterbenden Augen, ihre Stimme zudem so schwach, und sie küsste meine raue alte Hand und segnete mich? Ja! Und haben Sie nicht gehört, wie ich ihr den Eid schwor, dass sie so dankbar ihre Augen schloss? Ja!

„Nun, ich habe jetzt einen guten Grund für alles, was ich tun möchte. Sie haben mir viele Jahre vertraut; Sie haben mir vor Wochen geglaubt, als es Dinge gab, die so seltsam waren, dass Sie wohl hätten zweifeln können. Glauben Sie mir noch ein wenig, Freund John. Wenn Sie mir nicht vertrauen, dann muss ich sagen, was ich denke; und das ist vielleicht nicht gut. Und wenn ich arbeite – wie ich arbeiten werde, ob Vertrauen oder kein Vertrauen – ohne dass mein Freund mir vertraut, arbeite ich mit schwerem Herzen und fühle mich, oh! so einsam, wenn ich all die Hilfe und den Mut brauche, die es geben kann!“ Er hielt einen Moment inne und fuhr feierlich fort: „Freund John, es liegen seltsame und schreckliche Tage vor uns. Lassen Sie uns nicht zwei sein, sondern eins, damit wir auf ein gutes Ende hinarbeiten. Wollen Sie nicht Vertrauen in mich haben?“

Ich nahm seine Hand und versprach es ihm. Ich ließ meine Tür offen, als er wegging, und sah ihm nach, wie er sein Zimmer betrat und die Tür schloss. Während ich unbeweglich dastand, sah ich eine der Dienstmädchen lautlos den Flur entlanggehen – sie hatte mir den Rücken zugekehrt, sah mich also nicht – und in das Zimmer gehen, in dem Lucy lag. Der Anblick berührte mich. Hingabe ist so selten, und wir sind jenen gegenüber so dankbar, die sie ungebeten denen entgegenbringen, die wir lieben. Hier war ein armes Mädchen, das die Schrecken, die sie natürlicherweise vor dem Tod hatte, beiseite schob, um allein an der Totenbahre der Herrin zu wachen, die sie liebte, damit der arme Ton nicht einsam sei, bis er zur ewigen Ruhe gebettet würde...

Ich muss lange und tief geschlafen haben, denn es war heller Tag, als Van Helsing mich weckte, indem er in mein Zimmer kam. Er kam an mein Bett und sagte:

„Sie brauchen sich wegen der Messer nicht zu sorgen; wir werden es nicht tun.“

„Warum nicht?“, fragte ich. Denn seine Feierlichkeit der Nacht zuvor hatte mich sehr beeindruckt.

„Weil“, sagte er streng, „es zu spät ist – oder zu früh. Sehen Sie!“ Hier hielt er das kleine goldene Kruzifix hoch. „Dies wurde in der Nacht gestohlen.“

„Wie gestohlen“, fragte ich verwundert, „da Sie es jetzt haben?“

„Weil ich es von dem wertlosen Geschöpf zurückbekam, das es stahl, von der Frau, die die Toten und die Lebenden bestahl. Ihre Strafe wird ihr sicher ereilen, aber nicht durch mich; sie wusste nicht ganz, was sie tat, und so, im Nichtwissen, stahl sie nur. Jetzt müssen wir warten.“

Er ging bei diesen Worten weg und ließ mich mit einem neuen Geheimnis zurück, über das ich nachdenken musste, mit einem neuen Rätsel, mit dem ich mich auseinandersetzen musste.

Der Vormittag war eine trübe Zeit, aber am Mittag kam der Anwalt: Mr. Marquand, von Wholeman, Sons, Marquand & Lidderdale. Er war sehr umgänglich und sehr anerkennend für das, was wir getan hatten, und nahm uns alle Sorgen bezüglich der Details ab. Während des Mittagessens erzählte er uns, dass Mrs. Westenra seit einiger Zeit mit einem plötzlichen Herztod gerechnet und ihre Angelegenheiten absolut in Ordnung gebracht habe; er teilte uns mit, dass mit Ausnahme eines bestimmten, mit dem Erbe verbundenen Eigentums von Lucys Vater, das nun, in Ermangelung direkter Nachkommen, an einen entfernten Zweig der Familie zurückfiel, das gesamte Vermögen, Immobilien und persönliches Eigentum, absolut Arthur Holmwood hinterlassen wurde. Als er uns dies mitgeteilt hatte, fuhr er fort:

„Offen gesagt, wir haben unser Bestes getan, um eine solche letztwillige Verfügung zu verhindern, und auf bestimmte Eventualitäten hingewiesen, die ihre Tochter entweder mittellos oder nicht so frei in ihren Handlungen bezüglich einer ehelichen Verbindung lassen könnten, wie sie es sein sollte. Tatsächlich haben wir die Angelegenheit so weit vorangetrieben, dass wir fast in Konflikt gerieten, denn sie fragte uns, ob wir bereit wären, ihre Wünsche zu erfüllen oder nicht. Natürlich hatten wir dann keine Alternative, als zuzustimmen. Wir hatten im Prinzip recht, und in neunundneunzig von hundert Fällen hätten wir durch die Logik der Ereignisse die Richtigkeit unseres Urteils bewiesen. Ehrlich gesagt muss ich jedoch zugeben, dass in diesem Fall jede andere Form der Verfügung die Erfüllung ihrer Wünsche unmöglich gemacht hätte. Denn dadurch, dass sie vor ihrer Tochter starb, wäre letztere in den Besitz des Eigentums gelangt, und selbst wenn sie ihre Mutter nur um fünf Minuten überlebt hätte, wäre ihr Eigentum im Falle, dass es kein Testament gegeben hätte – und ein Testament war in einem solchen Fall eine praktische Unmöglichkeit –, bei ihrem Ableben wie bei einer gesetzlichen Erbfolge behandelt worden. In diesem Fall hätte Lord Godalming, obwohl so ein lieber Freund, keinen Anspruch auf der Welt gehabt; und da die Erben entfernt waren, wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass sie ihre gerechten Rechte aus sentimentalen Gründen gegenüber einer völlig Fremden aufgegeben hätten. Ich versichere Ihnen, meine lieben Herren, ich bin über das Ergebnis erfreut, vollkommen erfreut.“

Er war ein guter Kerl, aber seine Freude über den einen kleinen Teil – an dem er offiziell interessiert war – einer solch großen Tragödie war eine Lektion über die Grenzen des mitfühlenden Verständnisses.

Er blieb nicht lange, sagte aber, er werde später am Tag vorbeischauen und nach Lord Godalming sehen. Sein Kommen war uns jedoch ein gewisser Trost, da es uns versicherte, dass wir keine feindselige Kritik an irgendeiner unserer Handlungen zu fürchten brauchten. Arthur wurde um fünf Uhr erwartet, also besuchten wir kurz vor dieser Zeit die Totenkammer. Es war in der Tat eine solche, denn nun lagen sowohl Mutter als auch Tochter darin. Der Bestatter, seinem Handwerk treu, hatte seine Waren so gut wie möglich zur Schau gestellt, und es herrschte eine mortuarische Stimmung, die unsere Stimmung sofort drückte. Van Helsing ordnete an, dass die frühere Anordnung beibehalten werde, und erklärte, da Lord Godalming sehr bald käme, wäre es für sein Empfinden weniger quälend, alles, was von seiner Verlobten übrig war, ganz allein zu sehen. Der Bestatter schien über seine eigene Dummheit schockiert zu sein und bemühte sich, den Zustand wiederherzustellen, in dem wir sie die Nacht zuvor verlassen hatten, sodass Arthur solche Stöße für sein Empfinden, wie wir sie vermeiden konnten, erspart blieben.

Armer Kerl! Er sah verzweifelt traurig und gebrochen aus; selbst seine stämmige Männlichkeit schien unter der Last seiner schwer geprüften Gefühle ein wenig geschrumpft zu sein. Ich wusste, dass er sehr aufrichtig und hingebungsvoll an seinem Vater gehangen hatte; ihn zu verlieren, und das zu einer solchen Zeit, war ein herber Schlag für ihn. Mir gegenüber war er so herzlich wie eh und je, und Van Helsing gegenüber war er von süßer Höflichkeit; doch ich konnte nicht umhin zu sehen, dass eine gewisse Befangenheit bei ihm lag. Der Professor bemerkte es ebenfalls und bedeutete mir, ihn nach oben zu bringen. Ich tat dies und ließ ihn an der Tür des Zimmers zurück, da ich spürte, dass er ganz allein mit ihr sein wollte; doch er nahm meinen Arm und führte mich hinein, wobei er heiser sagte:

„Du hast sie auch geliebt, alter Freund; sie hat mir alles darüber erzählt, und es gab keinen Freund, der einen näheren Platz in ihrem Herzen hatte als du. Ich weiß nicht, wie ich dir für alles danken soll, was du für sie getan hast. Ich kann noch nicht denken....“

Hier brach er plötzlich zusammen, schlang seine Arme um meine Schultern, legte seinen Kopf an meine Brust und weinte:

„Oh, Jack! Jack! Was soll ich tun? Das ganze Leben scheint mir auf einmal genommen, und es gibt nichts auf der weiten Welt, wofür es sich für mich zu leben lohnt.“

Ich tröstete ihn, so gut ich konnte. In solchen Fällen brauchen Männer nicht viele Worte. Ein Händedruck, das festere Umfassen einer Schulter, ein gemeinsames Schluchzen sind Ausdrucksformen des Mitgefühls, die dem Herzen eines Mannes teuer sind. Ich stand still und schwieg, bis sein Schluchzen verebbte, und dann sagte ich leise zu ihm:

„Komm und sieh sie dir an.“

Gemeinsam gingen wir zum Bett, und ich hob das Batisttuch von ihrem Gesicht. Gott! Wie schön sie war. Jede Stunde schien ihre Lieblichkeit noch zu steigern. Es erschreckte und verblüffte mich ein wenig; und was Arthur betrifft, so begann er zu zittern und wurde schließlich von Zweifeln geschüttelt wie von einem Schüttelfrost. Nach einer langen Pause sagte er schließlich mit einem schwachen Flüstern zu mir:

„Jack, ist sie wirklich tot?“

Ich versicherte ihm traurig, dass dies so sei, und fuhr fort, anzudeuten – denn ich fühlte, dass ein solch schrecklicher Zweifel keinen Augenblick länger als nötig leben sollte –, dass es oft vorkäme, dass sich Gesichter nach dem Tod milderten und sogar ihre jugendliche Schönheit wiedererlangten; dass dies besonders dann der Fall sei, wenn dem Tod ein akutes oder lang anhaltendes Leiden vorausgegangen war. Es schien jeden Zweifel völlig auszuräumen, und nachdem er eine Weile neben der Liege gekniet und sie lange und liebevoll betrachtet hatte, wandte er sich ab. Ich sagte ihm, dass dies der Abschied sein müsse, da der Sarg vorbereitet werden müsse; also kehrte er zurück, nahm ihre tote Hand in seine, küsste sie, beugte sich über sie und küsste ihre Stirn. Er ging weg und blickte dabei voller Zärtlichkeit über seine Schulter zu ihr zurück.

Ich ließ ihn im Wohnzimmer und sagte Van Helsing, dass er Abschied genommen habe; daraufhin ging letzterer in die Küche, um den Sargträgern zu sagen, dass sie mit den Vorbereitungen fortfahren und den Sarg zuschrauben sollten. Als er wieder aus dem Raum kam, erzählte ich ihm von Arthurs Frage, und er antwortete:

„Ich bin nicht überrascht. Gerade eben habe ich selbst für einen Moment gezweifelt!“

Wir speisten alle zusammen, und ich konnte sehen, dass der arme Art versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Van Helsing war während des ganzen Essens schweigsam gewesen, doch als wir unsere Zigarren angezündet hatten, sagte er:

„Lord....“; doch Arthur unterbrach ihn:

„Nein, nein, nicht das, um Gottes willen! Jedenfalls noch nicht. Verzeihen Sie mir, mein Herr: Ich wollte nicht beleidigend sprechen; es ist nur, weil mein Verlust so frisch ist.“

Der Professor antwortete sehr sanft:

„Ich habe diesen Namen nur gebraucht, weil ich im Zweifel war. Ich darf Sie nicht ‚Mr.‘ nennen, und ich habe Sie lieb gewonnen – ja, mein lieber Junge, ich habe Sie lieb gewonnen – als Arthur.“

Arthur hielt seine Hand hin und ergriff die des alten Mannes herzlich.

„Nennen Sie mich, wie Sie wollen“, sagte er. „Ich hoffe, ich darf immer den Titel eines Freundes tragen. Und lassen Sie mich sagen, dass mir die Worte fehlen, um Ihnen für Ihre Güte gegenüber meiner armen Teuren zu danken.“ Er hielt einen Moment inne und fuhr fort: „Ich weiß, dass sie Ihre Güte noch besser verstand als ich; und wenn ich unhöflich war oder es mir in jener Zeit, als Sie so handelten – Sie erinnern sich“ – der Professor nickte – „an etwas mangelte, so müssen Sie mir verzeihen.“

Er antwortete mit einer ernsten Güte:

„Ich weiß, dass es Ihnen damals schwerfiel, mir vollends zu vertrauen, denn einem solchen gewaltsamen Vorgehen zu vertrauen erfordert Verständnis; und ich nehme an, dass Sie mir jetzt nicht vertrauen – dass Sie es nicht können –, denn Sie verstehen noch nicht. Und es mag noch weitere Male geben, in denen ich möchte, dass Sie vertrauen, wenn Sie nicht können – und nicht dürfen – und noch nicht verstehen dürfen. Aber die Zeit wird kommen, da Ihr Vertrauen zu mir ganz und vollständig sein wird und da Sie verstehen werden, als ob das Sonnenlicht selbst durch Sie hindurchschiene. Dann werden Sie mich vom Anfang bis zum Ende segnen, um Ihretwillen, und um der anderen willen, und um ihrer lieben willen, derer ich schwor, sie zu beschützen.“

„Und in der Tat, in der Tat, mein Herr“, sagte Arthur herzlich, „ich werde Ihnen in jeder Hinsicht vertrauen. Ich weiß und glaube, dass Sie ein sehr edles Herz haben, und Sie sind Jacks Freund, und Sie waren der ihrige. Sie sollen tun, was Sie wollen.“

Der Professor räusperte sich ein paar Mal, als wolle er etwas sagen, und sagte schließlich:

„Darf ich Sie jetzt um etwas bitten?“

„Gewiss.“

„Sie wissen, dass Mrs. Westenra Ihnen ihr gesamtes Vermögen hinterlassen hat?“

„Nein, die arme Teure; daran habe ich nie gedacht.“

„Und da es nun alles Ihnen gehört, haben Sie das Recht, damit zu verfahren, wie Sie wollen. Ich möchte, dass Sie mir die Erlaubnis geben, alle Papiere und Briefe von Miss Lucy zu lesen. Glauben Sie mir, es ist keine müßige Neugier. Ich habe ein Motiv, von dem sie, seien Sie gewiss, gebilligt hätte. Ich habe sie alle hier. Ich nahm sie an mich, bevor wir wussten, dass alles Ihnen gehört, damit keine fremde Hand sie berühre – kein fremdes Auge durch Worte in ihre Seele blicke. Ich werde sie behalten, wenn ich darf; selbst Sie dürfen sie noch nicht sehen, aber ich werde sie sicher verwahren. Kein Wort soll verloren gehen; und zur rechten Zeit werde ich sie Ihnen zurückgeben. Es ist eine harte Bitte, die ich an Sie richte, aber Sie werden es tun, nicht wahr, um Lucys willen?“

Arthur sprach offen und herzlich, wie sein altes Ich:

„Dr. Van Helsing, Sie mögen tun, was Sie wollen. Ich fühle, dass ich damit das tue, was meine Teure gebilligt hätte. Ich werde Sie nicht mit Fragen behelligen, bis die Zeit gekommen ist.“

Der alte Professor stand auf, als er feierlich sagte:

„Und Sie haben recht. Es wird Schmerz für uns alle geben; aber es wird nicht nur Schmerz sein, noch wird dieser Schmerz der letzte sein. Wir und auch Sie – Sie am meisten von allen, mein lieber Junge – werden durch das bittere Wasser gehen müssen, bevor wir das süße erreichen. Aber wir müssen tapferen Herzens und selbstlos sein und unsere Pflicht tun, und alles wird gut werden!“

Ich schlief jene Nacht auf einem Sofa in Arthurs Zimmer. Van Helsing ging überhaupt nicht zu Bett. Er ging auf und ab, als patrouilliere er durch das Haus, und war nie außer Sichtweite des Zimmers, in dem Lucy in ihrem Sarg lag, bestreut mit den wilden Knoblauchblüten, die durch den Geruch von Lilien und Rosen einen schweren, betäubenden Gestank in die Nacht sandten.

Mina Harkers Tagebuch.

22. September. – Im Zug nach Exeter. Jonathan schläft.

Es scheint erst gestern gewesen zu sein, dass der letzte Eintrag gemacht wurde, und doch, wie viel liegt dazwischen, in Whitby und der ganzen Welt vor mir, Jonathan weg und keine Nachricht von ihm; und jetzt, verheiratet mit Jonathan, Jonathan ein Anwalt, ein Teilhaber, reich, Herr seines Geschäfts, Mr. Hawkins tot und begraben, und Jonathan mit einem weiteren Anfall, der ihm schaden könnte. Eines Tages wird er mich vielleicht danach fragen. Es wird alles niedergeschrieben. Ich bin eingerostet in meiner Stenografie – man sieht, was unerwarteter Wohlstand aus uns macht –, also mag es gut sein, sie ohnehin mit einer Übung wieder aufzufrischen....

Der Gottesdienst war sehr einfach und sehr feierlich. Es waren nur wir und die Bediensteten dort, ein oder zwei alte Freunde von ihm aus Exeter, sein Londoner Vertreter und ein Herr, der Sir John Paxton, den Präsidenten der Incorporated Law Society, vertrat. Jonathan und ich standen Hand in Hand, und wir fühlten, dass unser bester und liebster Freund von uns gegangen war....

Wir kamen ruhig in die Stadt zurück und nahmen einen Bus zum Hyde Park Corner. Jonathan meinte, es würde mich interessieren, eine Weile in den Row zu gehen, also setzten wir uns; aber es waren nur sehr wenige Leute dort, und es sah traurig und öde aus, so viele leere Stühle zu sehen. Es erinnerte uns an den leeren Stuhl zu Hause; also standen wir auf und gingen die Piccadilly hinunter. Jonathan hielt mich am Arm, so wie er es in alten Tagen tat, bevor ich zur Schule ging. Ich empfand es als sehr unschicklich, denn man kann nicht einige Jahre lang anderen Mädchen Etikette und Anstand beibringen, ohne dass die Pedanterie davon ein wenig auf einen selbst abfärbt; aber es war Jonathan, und er war mein Ehemann, und wir kannten niemanden, der uns sah – und es war uns egal, ob sie es taten –, also gingen wir weiter. Ich betrachtete gerade ein sehr schönes Mädchen in einem großen Wagenradhut, das in einer Viktoria vor Giulianos saß, als ich spürte, wie Jonathan meinen Arm so fest drückte, dass es mir wehtat, und er unter dem Atem sagte: „Mein Gott!“ Ich bin immer besorgt um Jonathan, denn ich fürchte, dass irgendein nervöser Anfall ihn wieder aus der Fassung bringen könnte; also wandte ich mich schnell zu ihm und fragte ihn, was ihn beunruhige.

Er war sehr blass, und seine Augen schienen hervorzutreten, als er halb vor Schrecken und halb vor Staunen einen großen, dünnen Mann mit Hakennase, schwarzem Schnurrbart und spitzem Bart anstarrte, der ebenfalls das hübsche Mädchen beobachtete. Er sah sie so fest an, dass er weder uns noch mich bemerkte, und so hatte ich einen guten Blick auf ihn. Sein Gesicht war kein gutes Gesicht; es war hart, grausam und sinnlich, und seine großen weißen Zähne, die umso weißer wirkten, weil seine Lippen so rot waren, waren wie bei einem Tier zugespitzt. Jonathan starrte ihn weiter an, bis ich fürchtete, er würde es bemerken. Ich befürchtete, er könnte es übel nehmen, er sah so grimmig und garstig aus. Ich fragte Jonathan, warum er so verstört sei, und er antwortete, offenbar in der Annahme, ich wüsste genauso viel darüber wie er: „Siehst du, wer es ist?“

„Nein, mein Lieber“, sagte ich; „ich kenne ihn nicht; wer ist es?“ Seine Antwort schien mich zu schockieren und zu erschüttern, denn sie wurde ausgesprochen, als wüsste er nicht, dass er zu mir, Mina, sprach:

„Es ist der Mann selbst!“

Der arme Teure war offensichtlich von etwas entsetzt – sehr entsetzt; ich glaube, wenn er nicht mich gehabt hätte, an die er sich hätte lehnen und die ihn hätte stützen können, wäre er zusammengesunken. Er starrte weiter; ein Mann kam mit einem kleinen Päckchen aus dem Laden und gab es der Dame, die dann davonfuhr. Der dunkle Mann ließ seine Augen nicht von ihr ab, und als die Kutsche die Piccadilly hinaufzog, folgte er in derselben Richtung und rief eine Droschke. Jonathan schaute ihm nach und sagte, wie zu sich selbst:

„Ich glaube, es ist der Graf, aber er ist jung geworden. Mein Gott, wenn dies wahr ist! Oh, mein Gott! mein Gott! Wenn ich es nur wüsste! wenn ich es nur wüsste!“ Er quälte sich so sehr, dass ich fürchtete, seine Gedanken bei diesem Thema zu halten, indem ich ihm Fragen stellte, also blieb ich still. Ich zog ihn ruhig weg, und er, meinen Arm haltend, kam bereitwillig mit. Wir gingen noch ein Stück weiter und setzten uns dann eine Weile in den Green Park. Es war ein heißer Tag für den Herbst, und es gab einen bequemen Sitzplatz an einem schattigen Ort. Nach ein paar Minuten des Starrens ins Nichts schlossen sich Jonathans Augen, und er fiel ruhig in einen Schlaf, mit dem Kopf auf meiner Schulter. Ich dachte, das sei das Beste für ihn, also störte ich ihn nicht. Nach etwa zwanzig Minuten wachte er auf und sagte ganz munter zu mir:

„Wie, Mina, habe ich geschlafen? Oh, vergib mir, dass ich so unhöflich war. Komm, wir trinken irgendwo eine Tasse Tee.“ Er hatte offensichtlich den dunklen Fremden ganz vergessen, so wie er in seiner Krankheit alles vergessen hatte, woran ihn diese Episode erinnert hatte. Ich mag dieses Verfallen in Vergesslichkeit nicht; es könnte einen Schaden am Gehirn verursachen oder fortbestehen lassen. Ich darf ihn nicht fragen, aus Angst, ich könnte mehr schaden als nützen; aber ich muss irgendwie die Tatsachen seiner Reise ins Ausland erfahren. Die Zeit ist gekommen, fürchte ich, da ich dieses Päckchen öffnen und wissen muss, was geschrieben steht. Oh, Jonathan, ich weiß, du wirst mir verzeihen, wenn ich falsch handle, aber es ist um deinetwillen, mein Lieber.

Später. – Eine traurige Heimkehr in jeder Hinsicht – das Haus leer von der lieben Seele, die so gut zu uns war; Jonathan immer noch blass und schwindelig unter einem leichten Rückfall seines Leidens; und nun ein Telegramm von Van Helsing, wer immer er auch sein mag:

„Sie werden betrübt sein zu hören, dass Mrs. Westenra vor fünf Tagen starb und dass Lucy vorgestern starb. Sie wurden beide heute beigesetzt.“

Oh, welch ein Reichtum an Kummer in wenigen Worten! Die arme Mrs. Westenra! die arme Lucy! Fort, fort, nie wieder zu uns zurückkehrend! Und der arme, arme Arthur, eine solche Süße aus seinem Leben verloren zu haben! Gott helfe uns allen, unsere Sorgen zu tragen.

Dr. Sewards Tagebuch.

22. September. – Es ist alles vorbei. Arthur ist nach Ring zurückgekehrt und hat Quincey Morris mitgenommen. Was für ein feiner Kerl Quincey ist! Ich glaube in meinem tiefsten Inneren, dass er genauso sehr unter Lucys Tod litt wie jeder von uns; aber er trug sich dabei wie ein moralischer Wikinger. Wenn Amerika weiterhin solche Männer hervorbringen kann, wird es in der Tat eine Macht in der Welt sein. Van Helsing liegt und ruht sich aus, um sich auf seine Reise vorzubereiten. Er fährt heute Nacht nach Amsterdam, sagt aber, er kehre morgen Nacht zurück; er wolle nur einige Vorkehrungen treffen, die nur persönlich getroffen werden könnten. Er soll dann bei mir bleiben, wenn er kann; er sagt, er habe Arbeit in London zu erledigen, die ihn einige Zeit in Anspruch nehmen könnte. Armer alter Freund! Ich fürchte, die Anspannung der letzten Woche hat selbst seine eiserne Kraft gebrochen. Während der ganzen Beisetzung, so konnte ich sehen, zwang er sich zu einer schrecklichen Zurückhaltung. Als alles vorbei war, standen wir neben Arthur, der, armer Kerl, von seinem Teil bei der Operation sprach, bei der sein Blut in Lucys Adern übertragen worden war; ich konnte sehen, wie Van Helsings Gesicht abwechselnd weiß und lila wurde. Arthur sagte, er fühle sich seitdem, als ob sie beide wirklich verheiratet wären und sie vor Gott seine Frau sei. Keiner von uns verlor ein Wort über die anderen Operationen, und keiner von uns wird es je tun. Arthur und Quincey gingen zusammen zum Bahnhof, und Van Helsing und ich kamen hierher. In dem Moment, als wir allein in der Kutsche waren, brach er in einen regelrechten hysterischen Anfall aus. Er hat mir gegenüber seitdem bestritten, dass es Hysterie war, und beharrte darauf, es sei nur sein Sinn für Humor gewesen, der sich unter sehr schrecklichen Bedingungen Bahn gebrochen habe. Er lachte, bis er weinte, und ich musste die Vorhänge herunterlassen, damit uns niemand sähe und falsch urteilte; und dann weinte er, bis er wieder lachte; und lachte und weinte zugleich, genau wie eine Frau es tut. Ich versuchte, streng mit ihm zu sein, wie man es in solchen Fällen mit einer Frau ist; aber es hatte keine Wirkung. Männer und Frauen sind so verschieden in der Äußerung nervlicher Stärke oder Schwäche! Als sein Gesicht dann wieder ernst und streng wurde, fragte ich ihn nach seinem Lachen und warum zu einer solchen Zeit. Seine Antwort war auf eine Art charakteristisch für ihn, denn sie war logisch, kraftvoll und geheimnisvoll. Er sagte:

„Ach, du begreifst nicht, Freund John. Denke nicht, dass ich nicht traurig bin, obwohl ich lache. Sieh, ich habe sogar geweint, als mich das Lachen würgte. Aber denke auch nicht, dass ich nur betrübt bin, wenn ich weine, denn das Lachen kommt genauso. Behalte es immer bei dir, dass das Lachen, das an deine Tür klopft und sagt: ‚Darf ich hereinkommen?‘, nicht das wahre Lachen ist. Nein! Es ist ein König, und es kommt, wann und wie es will. Es fragt niemanden; es wählt keine Zeit der Angemessenheit. Es sagt: ‚Ich bin hier.‘ Sieh, zum Beispiel, ich gräme mich zu Tode um dieses so süße junge Mädchen; ich gebe mein Blut für sie, obwohl ich alt und abgenutzt bin; ich gebe meine Zeit, mein Geschick, meinen Schlaf; ich lasse meine anderen Leidenden darben, damit sie alles haben kann. Und doch kann ich an ihrem Grab lachen – lachen, wenn der Ton von der Schaufel des Totengräbers auf ihren Sarg fällt und ‚Puff! Puff!‘ zu meinem Herzen sagt, bis es das Blut von meiner Wange zurücktreibt. Mein Herz blutet für diesen armen Jungen – diesen lieben Jungen, so im Alter meines eigenen Sohnes, wäre ich so gesegnet gewesen, dass er lebte, und mit seinem Haar und seinen Augen dieselben. Da, du weißt jetzt, warum ich ihn so liebe. Und doch, wenn er Dinge sagt, die mein Ehemann-Herz bis ins Mark treffen und mein Vater-Herz sich zu ihm sehnen lassen wie zu keinem anderen Mann – nicht einmal zu dir, Freund John, denn wir sind in den Erfahrungen mehr auf einer Ebene als Vater und Sohn –, selbst in solch einem Augenblick kommt König Lachen zu mir und schreit und brüllt in meinem Ohr: ‚Hier bin ich! Hier bin ich!‘, bis das Blut zurücktanzt und etwas von dem Sonnenschein, den er bei sich trägt, auf meine Wange bringt. Oh, Freund John, es ist eine seltsame Welt, eine traurige Welt, eine Welt voller Elend, und Weh, und Sorgen; und doch, wenn König Lachen kommt, lässt er sie alle zu der Melodie tanzen, die er spielt. Blutende Herzen und trockene Knochen des Kirchhofs und Tränen, die brennen, wenn sie fallen – alle tanzen zusammen zur Musik, die er mit seinem lächelnden Mund macht. Und glaube mir, Freund John, dass es gut und freundlich ist, dass er kommt. Ah, wir Männer und Frauen sind wie Seile, die unter Spannung straff gezogen sind, die uns in verschiedene Richtungen ziehen. Dann kommen Tränen; und wie der Regen auf den Seilen straffen sie uns, bis vielleicht die Spannung zu groß wird und wir zerbrechen. Aber König Lachen kommt wie der Sonnenschein, und er nimmt die Spannung wieder weg; und wir ertragen es, mit unserer Arbeit fortzufahren, was auch immer sie sein mag.“

Ich wollte ihn nicht kränken, indem ich vorgab, seine Idee nicht zu verstehen; aber da ich die Ursache seines Lachens noch nicht verstand, fragte ich ihn. Als er mir antwortete, wurde sein Gesicht ernst, und er sagte in einem ganz anderen Ton:

„Oh, es war die grimmige Ironie von allem – diese so schöne Dame, geschmückt mit Blumen, die so lebendig aussah, bis wir uns einer nach dem anderen fragten, ob sie wirklich tot sei; sie lag in diesem so schönen Marmorhaus auf jenem einsamen Kirchhof, wo so viele ihrer Verwandten ruhen, dort abgelegt mit der Mutter, die sie liebte und die sie liebte; und diese heilige Glocke, die ‚Bim! Bim! Bim!‘ machte, so traurig und langsam; und diese heiligen Männer, mit den weißen Gewändern des Engels, die vorgaben, in Büchern zu lesen, und doch ihre Augen keine Sekunde auf der Seite; und wir alle mit gesenktem Haupt. Und alles wofür? Sie ist tot; so! Ist es nicht so?“

„Nun, beim besten Willen, Professor“, sagte ich, „ich kann in all dem nichts zum Lachen finden. Warum, Ihre Erklärung macht es zu einem schwierigeren Rätsel als zuvor. Aber selbst wenn die Beerdigung komisch war, was ist mit dem armen Art und seinem Kummer? Sein Herz brach einfach.“

„Eben. Sagte er nicht, dass die Transfusion seines Blutes in ihre Adern sie wahrlich zu seiner Braut gemacht habe?“

„Ja, und es war ein süßer und tröstlicher Gedanke für ihn.“

„Ganz recht. Aber da gab es eine Schwierigkeit, Freund John. Wenn das so ist, was ist dann mit den anderen? Ho, ho! Dann ist dieses so süße Mädchen eine Polyandristin, und ich, dessen arme Frau mir tot ist, aber nach dem Gesetz der Kirche lebendig, wenn auch ohne Verstand, alles dahin – sogar ich, der ich treuer Ehemann dieser nun Nicht-mehr-Ehefrau bin, bin Bigamist.“

„Ich sehe auch da nicht, wo der Witz sein soll!“, sagte ich; und ich war ihm nicht besonders gewogen, dass er solche Dinge sagte. Er legte seine Hand auf meinen Arm und sagte:

„Freund John, verzeihen Sie mir, wenn ich Schmerz bereite. Ich zeigte mein Gefühl nicht anderen, wenn es verwunden würde, sondern nur Ihnen, meinem alten Freund, dem ich vertrauen kann. Wenn Sie in mein wahres Herz hätten blicken können, als ich lachen wollte; wenn Sie es hätten tun können, als das Lachen kam; wenn Sie es jetzt tun könnten, da König Lachen seine Krone eingepackt hat und alles, was zu ihm gehört – denn er geht weit, weit fort von mir, und für eine lange, lange Zeit –, vielleicht würden Sie mich dann am allermeisten bemitleiden.“

Ich war von der Zärtlichkeit seines Tons berührt und fragte warum.

„Weil ich Bescheid weiß!“

Und nun sind wir alle zerstreut; und für viele lange Tage wird die Einsamkeit mit brütenden Schwingen über unseren Dächern sitzen. Lucy liegt im Grab ihrer Sippe, einem herrschaftlichen Totenhaus auf einem einsamen Friedhof, weit weg vom wimmelnden London; wo die Luft frisch ist, die Sonne über Hampstead Hill aufgeht und wo wild Blumen von selbst wachsen.

So kann ich dieses Tagebuch beenden; und Gott allein weiß, ob ich jemals ein anderes beginnen werde. Wenn ich es tue, oder wenn ich dies jemals wieder aufschlage, wird es sein, um mich mit anderen Menschen und anderen Themen zu befassen; denn hier am Ende, wo die Romanze meines Lebens erzählt ist, ehe ich zurückgehe, um den Faden meiner Lebensarbeit wieder aufzunehmen, sage ich traurig und ohne Hoffnung:

„/Finis./“

Die „Westminster Gazette“, 25. September.

/Ein Hampstead-Mysterium./

Die Nachbarschaft von Hampstead ist derzeit von einer Reihe von Ereignissen beunruhigt, die auf Wegen parallel zu denen dessen zu verlaufen scheinen, was den Verfassern von Schlagzeilen als „Der Kensington-Horror“, oder „Die stechende Frau“, oder „Die Frau in Schwarz“ bekannt war. Während der vergangenen zwei oder drei Tage sind mehrere Fälle von kleinen Kindern aufgetreten, die von zu Hause wegliefen oder es versäumten, von ihrem Spielen auf der Heath zurückzukehren. In all diesen Fällen waren die Kinder zu jung, um eine halbwegs verständliche Auskunft über sich selbst zu geben, doch der Konsens ihrer Entschuldigungen ist, dass sie bei einer „schönen Dame“ gewesen seien. Es war jedes Mal spät am Abend, wenn sie vermisst wurden, und bei zwei Gelegenheiten wurden die Kinder erst am frühen Morgen des folgenden Tages gefunden. Es wird in der Nachbarschaft allgemein angenommen, dass, da das erste vermisste Kind als Grund für sein Fernbleiben angab, eine „schöne Dame“ habe ihn zu einem Spaziergang eingeladen, die anderen den Ausdruck aufgegriffen und ihn bei Gelegenheit benutzt hätten. Dies ist umso natürlicher, als das Lieblingsspiel der Kleinen derzeit darin besteht, einander mit List wegzulocken. Ein Korrespondent schreibt uns, dass es überaus komisch sei, einige der kleinen Wichte dabei zu beobachten, wie sie vorgeben, die „schöne Dame“ zu sein. Einige unserer Karikaturisten könnten, sagt er, eine Lektion in der Ironie des Grotesken lernen, wenn sie die Wirklichkeit mit dem Bild vergleichen. Es entspricht nur den allgemeinen Prinzipien der menschlichen Natur, dass die „schöne Dame“ die beliebte Rolle bei diesen Darbietungen im Freien sein sollte. Unser Korrespondent sagt naiv, dass selbst Ellen Terry nicht so gewinnend attraktiv sein könnte, wie manche dieser schmutzgesichtigen kleinen Kinder vorgeben – und sich sogar einbilden – zu sein.

Es gibt jedoch möglicherweise eine ernste Seite an der Frage, denn einige der Kinder, tatsächlich alle, die nachts vermisst wurden, sind leicht zerkratzt oder an der Kehle verwundet. Die Wunden scheinen so beschaffen zu sein, wie sie von einer Ratte oder einem kleinen Hund verursacht werden könnten, und obwohl sie individuell nicht von großer Bedeutung sind, würden sie darauf hindeuten, dass das Tier, welches sie zufügt, ein eigenes System oder eine eigene Methode hat. Die Polizei der Abteilung wurde angewiesen, ein scharfes Auge auf umherstreifende Kinder zu haben, besonders wenn sie sehr jung sind, in und um Hampstead Heath, sowie auf jeden streunenden Hund, der dort sein könnte.

„Die Westminster Gazette“, 25. September.

Extraausgabe.

DER HAMPSTEAD-HORROR.

/Ein weiteres Kind verletzt./

Die „Schöne Dame“.

Wir haben soeben die Nachricht erhalten, dass ein weiteres Kind, das letzte Nacht vermisst wurde, erst spät am Morgen unter einem Ginsterbusch auf der Seite von Shooter’s Hill auf Hampstead Heath entdeckt wurde, die vielleicht weniger begangen ist als die anderen Teile. Es weist dieselbe winzige Wunde an der Kehle auf, wie sie in anderen Fällen bemerkt wurde. Es war schrecklich schwach und sah völlig abgemagert aus. Auch es hatte, als es teilweise wieder zu sich kam, die übliche Geschichte zu erzählen, von der „schönen Dame“ weggelockt worden zu sein.

KAPITEL XIV.

/Mina Harkers Tagebuch./

23. September. – Jonathan geht es besser nach einer schlimmen Nacht. Ich bin so froh, dass er viel Arbeit hat, denn das lenkt seine Gedanken von den schrecklichen Dingen ab; und oh, ich bin so froh, dass er jetzt nicht mehr von der Verantwortung seiner neuen Stellung erdrückt wird. Ich wusste, dass er sich selbst treu bleiben würde, und wie stolz bin ich jetzt, zu sehen, wie mein Jonathan auf die Höhe seines Aufstiegs steigt und in jeder Hinsicht mit den Pflichten Schritt hält, die auf ihn zukommen. Er wird den ganzen Tag bis spät weg sein, denn er sagte, er könne nicht zu Hause zu Mittag essen. Meine Hausarbeit ist erledigt, also werde ich sein fremdsprachiges Tagebuch nehmen, mich in meinem Zimmer einschließen und es lesen...

24. September. – Ich hatte gestern Abend nicht den Mut zu schreiben; dieser schreckliche Bericht von Jonathan hat mich so mitgenommen. Armer Schatz! Wie sehr muss er gelitten haben, ob es nun wahr ist oder nur Einbildung. Ich frage mich, ob überhaupt irgendetwas Wahres daran ist. Hat er sein Gehirnfieber bekommen und dann all diese schrecklichen Dinge geschrieben; oder hatte er irgendeinen Grund für all das? Ich vermute, ich werde es nie erfahren, denn ich wage es nicht, das Thema bei ihm anzuschneiden... Und doch dieser Mann, den wir gestern sahen! Er schien sich seiner ganz sicher zu sein... Armer Kerl! Ich nehme an, es war die Beerdigung, die ihn aufgewühlt und seinen Geist auf einen Gedankengang zurückgeworfen hat... Er glaubt selbst an alles. Ich erinnere mich, wie er an unserem Hochzeitstag sagte: „Es sei denn, eine feierliche Pflicht käme über mich, in die bitteren Stunden zurückzukehren, schlafend oder wachend, wahnsinnig oder bei Verstand.“ Es scheint sich durch all das ein Faden der Kontinuität zu ziehen... Dieser furchtbare Graf kam nach London... „Wenn es so wäre, und er käme nach London, mit seinen wimmelnden Millionen.“ ... Es mag eine feierliche Pflicht geben; und wenn sie kommt, dürfen wir nicht davor zurückschrecken... Ich werde vorbereitet sein. Ich werde mir noch in dieser Stunde meine Schreibmaschine holen und mit dem Abschreiben beginnen. Dann werden wir für andere Augen bereit sein, falls nötig. Und wenn es verlangt wird; dann kann vielleicht, wenn ich bereit bin, der arme Jonathan nicht aufgewühlt werden, denn ich kann für ihn sprechen und ihn niemals damit behelligen oder beunruhigen lassen. Wenn Jonathan jemals ganz über die Nervosität hinwegkommt, möchte er mir vielleicht von all dem erzählen, und ich kann ihm Fragen stellen und Dinge herausfinden und sehen, wie ich ihn trösten kann.

Brief von Van Helsing an Mrs. Harker.

„24. September. (Vertraulich.)

„Sehr geehrte gnädige Frau,

„Ich bitte Sie, mein Schreiben zu entschuldigen, da ich insofern Freund bin, als ich Ihnen traurige Nachrichten vom Tod von Miss Lucy Westenra sende. Durch die Güte von Lord Godalming bin ich bevollmächtigt, ihre Briefe und Papiere zu lesen, da ich zutiefst besorgt bin wegen gewisser Angelegenheiten von lebenswichtiger Bedeutung. In ihnen finde ich einige Briefe von Ihnen, die zeigen, welch große Freundinnen Sie waren und wie sehr Sie sie liebten. Oh, Madam Mina, bei dieser Liebe beschwöre ich Sie, helfen Sie mir. Es ist zum Wohle anderer, dass ich bitte – um großes Unrecht wiedergutzumachen und um viele und schreckliche Nöte zu beheben –, die größer sein mögen, als Sie wissen können. Könnte es sein, dass ich Sie sehe? Sie können mir vertrauen. Ich bin ein Freund von Dr. John Seward und von Lord Godalming (der für Miss Lucy Arthur war). Ich muss es vorerst vor allen geheim halten. Ich würde nach Exeter kommen, um Sie sofort zu sehen, wenn Sie mir sagen, dass ich das Privileg habe zu kommen, und wohin und wann. Ich bitte um Ihre Verzeihung, gnädige Frau. Ich habe Ihre Briefe an die arme Lucy gelesen und weiß, wie gut Sie sind und wie Ihr Mann leidet; daher bete ich Sie an, wenn es möglich ist, klären Sie ihn nicht auf, damit es ihm nicht schadet. Nochmals um Ihre Verzeihung und vergeben Sie mir.

„/Van Helsing./“

Telegramm von Mrs. Harker an Van Helsing.

„25. September. – Kommen Sie heute mit dem Zug um Viertel nach zehn, wenn Sie ihn erreichen können. Kann Sie jederzeit sehen, wenn Sie vorsprechen.

„/Wilhelmina Harker./“

/Mina Harkers Tagebuch./

25. September. – Ich kann nicht anders, als mich schrecklich aufgeregt zu fühlen, während die Zeit für den Besuch von Dr. Van Helsing näher rückt, denn irgendwie erwarte ich, dass es einiges Licht auf Jonathans trauriges Erlebnis werfen wird; und da er die arme liebe Lucy während ihrer letzten Krankheit betreute, kann er mir alles über sie erzählen. Das ist der Grund für sein Kommen; es betrifft Lucy und ihr Schlafwandeln und nicht Jonathan. Dann werde ich die wahre Wahrheit also nie erfahren! Wie albern ich bin. Dieses schreckliche Tagebuch bemächtigt sich meiner Fantasie und färbt alles mit etwas von seiner eigenen Farbe. Natürlich geht es um Lucy. Diese Gewohnheit kehrte bei der Armen zurück, und diese schreckliche Nacht auf der Klippe muss sie krank gemacht haben. Ich hatte in meinen eigenen Angelegenheiten fast vergessen, wie krank sie danach war. Sie muss ihm von ihrem Schlafwandel-Abenteuer auf der Klippe erzählt haben und davon, dass ich alles darüber wusste; und jetzt möchte er, dass ich ihm davon erzähle, damit er es verstehen kann. Ich hoffe, ich habe richtig gehandelt, Mrs. Westenra nichts davon zu sagen; ich würde mir niemals verzeihen, wenn irgendeine Tat von mir, wäre sie auch nur eine unterlassene, der armen lieben Lucy Schaden zufügte. Ich hoffe auch, Dr. Van Helsing wird mir keine Vorwürfe machen; ich hatte in letzter Zeit so viel Kummer und Sorge, dass ich das Gefühl habe, ich kann derzeit nicht mehr ertragen.

Ich nehme an, ein Weinen tut uns allen manchmal gut – klärt die Luft, wie es anderer Regen tut. Vielleicht war es das Lesen des Tagebuchs gestern, das mich aufgewühlt hat, und dann ging Jonathan heute Morgen weg, um einen ganzen Tag und eine Nacht von mir fortzubleiben, das erste Mal seit unserer Hochzeit, dass wir getrennt waren. Ich hoffe sehr, der liebe Kerl passt auf sich auf, und dass nichts passiert, was ihn aufwühlen könnte. Es ist zwei Uhr und der Doktor wird bald hier sein. Ich werde nichts von Jonathans Tagebuch sagen, es sei denn, er fragt mich. Ich bin so froh, dass ich mein eigenes Tagebuch abgetippt habe, sodass ich es ihm, falls er nach Lucy fragt, in die Hand drücken kann; das wird viel Fragerei ersparen.

Später. – Er ist gekommen und wieder gegangen. Oh, was für eine seltsame Begegnung, und wie sich da alles in meinem Kopf dreht! Ich fühle mich wie in einem Traum. Kann das alles möglich sein, oder auch nur ein Teil davon? Hätte ich Jonathans Tagebuch nicht zuerst gelesen, hätte ich niemals auch nur eine Möglichkeit akzeptiert. Armer, armer, lieber Jonathan! Wie sehr muss er gelitten haben. Möge der gute Gott geben, dass all dies ihn nicht wieder aufwühlt. Ich werde versuchen, ihn davor zu bewahren; aber es mag ihm sogar ein Trost und eine Hilfe sein – so schrecklich es auch ist und so entsetzlich in seinen Folgen –, mit Gewissheit zu wissen, dass seine Augen und Ohren und sein Gehirn ihn nicht getäuscht haben und dass alles wahr ist. Es mag sein, dass es der Zweifel ist, der ihn verfolgt; dass, wenn der Zweifel beseitigt ist, egal ob wachend oder träumend die Wahrheit bewiesen wird, er zufriedener sein wird und den Schock besser ertragen kann. Dr. Van Helsing muss ein guter Mann sein, ebenso wie ein kluger, wenn er Arthurs Freund ist und Dr. Sewards, und wenn sie ihn den ganzen weiten Weg aus Holland geholt haben, um sich um Lucy zu kümmern. Ich spüre, nachdem ich ihn gesehen habe, dass er gut und freundlich ist und von edler Natur. Wenn er morgen kommt, werde ich ihn nach Jonathan fragen; und dann, so Gott will, mag all dieser Kummer und diese Sorge zu einem guten Ende führen. Früher dachte ich, ich würde gerne das Interviewen üben; Jonathans Freund beim „Exeter News“ sagte ihm, dass das Gedächtnis bei solcher Arbeit alles sei – dass man in der Lage sein müsse, fast jedes gesprochene Wort genau niederzuschreiben, selbst wenn man danach einiges davon verfeinern müsste. Hier war ein seltenes Interview; ich werde versuchen, es wortgetreu aufzuzeichnen.

Es war halb drei Uhr, als das Klopfen kam. Ich nahm meinen Mut à deux mains und wartete. Nach wenigen Minuten öffnete Mary die Tür und kündigte „Dr. Van Helsing“ an.

Ich erhob mich und verbeugte mich, und er kam auf mich zu; ein Mann von mittlerer Größe, kräftig gebaut, mit den Schultern zurückgezogen über einer breiten, tiefen Brust und einem Hals, der so gut auf dem Rumpf ausbalanciert ist wie der Kopf auf dem Hals. Das Gleichgewicht des Kopfes fällt einem sofort als Anzeichen von Denken und Kraft auf; der Kopf ist edel, von guter Größe, breit und groß hinter den Ohren. Das Gesicht, glattrasiert, zeigt ein hartes, quadratisches Kinn, einen großen, entschlossenen, beweglichen Mund, eine gut geformte Nase, eher gerade, aber mit schnellen, empfindlichen Nasenflügeln, die sich zu weiten scheinen, wenn die großen, buschigen Augenbrauen herunterkommen und sich der Mund strafft. Die Stirn ist breit und fein, steigt zuerst fast gerade an und neigt sich dann über zwei Höckern oder Graten, die weit auseinander liegen, nach hinten; eine solche Stirn, dass das rötliche Haar unmöglich darüber fallen kann, sondern natürlich nach hinten und zu den Seiten fällt. Große, dunkelblaue Augen stehen weit auseinander und sind schnell und zärtlich oder streng, je nach der Stimmung des Mannes. Er sagte zu mir:

„Mrs. Harker, nicht wahr?“ Ich verbeugte mich zustimmend.

„Das war Miss Mina Murray?“ Wieder stimmte ich zu.

„Es ist Mina Murray, die ich zu sehen kam, die Freundin von diesem armen lieben Kind Lucy Westenra war. Madam Mina, es ist wegen der Toten, dass ich komme.“

„Sir“, sagte ich, „Sie könnten keinen besseren Anspruch auf mich haben, als dass Sie ein Freund und Helfer von Lucy Westenra waren.“ Und ich reichte ihm meine Hand. Er nahm sie und sagte zärtlich:

„Oh, Madam Mina, ich wusste, dass die Freundin dieses armen Lilienmädchens gut sein muss, aber ich hatte noch zu erfahren...“ Er beendete seinen Satz mit einer höflichen Verbeugung. Ich fragte ihn, worum es ihm ginge, bei mir vorzusprechen, also begann er sofort:

„Ich habe Ihre Briefe an Miss Lucy gelesen. Verzeihen Sie mir, aber ich musste irgendwo anfangen zu fragen, und es gab niemanden, den ich fragen konnte. Ich weiß, dass Sie in Whitby bei ihr waren. Sie führte manchmal ein Tagebuch – Sie brauchen nicht überrascht zu schauen, Madam Mina; es wurde angefangen, nachdem Sie weg waren, und wurde in Nachahmung von Ihnen gemacht – und in diesem Tagebuch zeichnet sie durch Schlussfolgerungen gewisse Dinge auf ein Schlafwandeln zurück, bei dem sie niederschreibt, dass Sie sie gerettet haben. In großer Verwirrung komme ich also zu Ihnen und bitte Sie aus Ihrer vielen Güte, mir alles davon zu erzählen, woran Sie sich erinnern.“

„Ich kann Ihnen, glaube ich, Dr. Van Helsing, alles darüber erzählen.“

„Ah, dann haben Sie ein gutes Gedächtnis für Fakten, für Details? Das ist bei jungen Damen nicht immer so.“

„Nein, Doktor, aber ich habe es damals alles aufgeschrieben. Ich kann es Ihnen zeigen, wenn Sie möchten.“

„Oh, Madam Mina, ich werde dankbar sein; Sie werden mir einen großen Gefallen tun.“ Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn ein wenig zu mystifizieren – ich vermute, es ist etwas vom Geschmack des ursprünglichen Apfels, der immer noch in unseren Mündern bleibt –, also reichte ich ihm das stenografierte Tagebuch. Er nahm es mit einer dankbaren Verbeugung und sagte:

„Darf ich es lesen?“

„Wenn Sie wünschen“, antwortete ich so gesittet, wie ich konnte. Er öffnete es, und für einen Augenblick fiel sein Gesicht ab. Dann stand er auf und verbeugte sich.

„Oh, Sie so kluge Frau!“, sagte er. „Ich wusste längst, dass Mr. Jonathan ein Mann von großer Dankbarkeit war; aber sehen Sie, seine Frau hat all die guten Dinge. Und werden Sie mir nicht so sehr die Ehre erweisen und mir so helfen, es für mich zu lesen? Ach! Ich kenne die Stenografie nicht.“ Bis dahin war mein kleiner Witz vorbei, und ich schämte mich fast; also nahm ich die maschinegeschriebene Kopie aus meinem Arbeitskorb und reichte sie ihm.

„Vergeben Sie mir“, sagte ich: „Ich konnte nicht anders; aber ich hatte gedacht, dass es die liebe Lucy sei, nach der Sie fragen wollten, und damit Sie nicht warten müssten – nicht meinetwegen, sondern weil ich weiß, dass Ihre Zeit kostbar sein muss –, habe ich es für Sie auf der Schreibmaschine niedergeschrieben.“

Er nahm es, und seine Augen glänzten. „Sie sind so gut“, sagte er. „Und darf ich es jetzt lesen? Ich möchte Sie vielleicht einige Dinge fragen, wenn ich gelesen habe.“

„Auf jeden Fall“, sagte ich, „lesen Sie es durch, während ich das Mittagessen bestelle; und dann können Sie mir Fragen stellen, während wir essen.“ Er verbeugte sich und ließ sich in einem Stuhl mit dem Rücken zum Licht nieder und vertiefte sich in die Papiere, während ich mich um das Mittagessen kümmerte, hauptsächlich damit er nicht gestört würde. Als ich zurückkam, fand ich ihn hastig im Zimmer auf und ab gehen, sein Gesicht loderte vor Aufregung. Er eilte auf mich zu und nahm mich bei beiden Händen.

„Oh, Madam Mina“, sagte er, „wie kann ich sagen, was ich Ihnen schulde? Dieses Papier ist wie Sonnenschein. Es öffnet mir das Tor. Ich bin benommen, ich bin geblendet von so viel Licht; und doch rollen jedes Mal Wolken hinter das Licht. Aber das begreifen Sie nicht, können Sie nicht begreifen. Oh, aber ich bin Ihnen dankbar, Sie so kluge Frau. Madam“ – er sagte dies sehr feierlich –, „wenn jemals Abraham Van Helsing für Sie oder die Ihren etwas tun kann, hoffe ich, Sie werden es mich wissen lassen. Es wird Freude und Entzücken sein, wenn ich Ihnen als Freund dienen darf; als Freund, aber alles, was ich jemals gelernt habe, alles, was ich jemals tun kann, soll für Sie und diejenigen sein, die Sie lieben. Es gibt Dunkelheiten im Leben, und es gibt Lichter; Sie sind eines der Lichter. Sie werden ein glückliches Leben und ein gutes Leben haben, und Ihr Mann wird in Ihnen gesegnet sein.“

„Aber Doktor, Sie loben mich zu sehr, und – und Sie kennen mich nicht.“

„Nicht kennen – ich, der ich alt bin und der ich mein Leben lang Männer und Frauen studiert habe; ich, der ich das Gehirn und alles, was ihm angehört und alles, was aus ihm folgt, zu meinem Spezialgebiet gemacht habe! Und ich habe Ihr Tagebuch gelesen, das Sie so gut für mich geschrieben haben und das in jeder Zeile Wahrheit aushaucht. Ich, der ich Ihren so süßen Brief an die arme Lucy über Ihre Heirat und Ihr Vertrauen gelesen habe, Sie nicht kennen! Oh, Madam Mina, gute Frauen erzählen ihr ganzes Leben lang, und bei Tag und bei Stunde und bei Minute, solche Dinge, dass Engel sie lesen können; und wir Männer, die wir wissen wollen, haben in uns etwas von den Augen der Engel. Ihr Mann ist von edler Natur, und Sie sind auch edel, denn Sie vertrauen, und Vertrauen kann nicht sein, wo eine gemeine Natur ist. Und Ihr Mann – erzählen Sie mir von ihm. Ist er ganz gesund? Ist all das Fieber weg, und ist er stark und herzhaft?“ Ich sah hier eine Gelegenheit, ihn nach Jonathan zu fragen, also sagte ich:

„Er hat sich fast erholt, aber er war durch Mr. Hawkins’ Tod sehr mitgenommen.“ Er unterbrach mich:

„Oh ja, ich weiß, ich weiß. Ich habe Ihre letzten zwei Briefe gelesen.“ Ich fuhr fort:

„Ich nehme an, das hat ihn aufgewühlt, denn als wir am vergangenen Donnerstag in der Stadt waren, hatte er eine Art Schock.“

„Ein Schock, und nach Gehirnfieber so bald! Das war nicht gut. Was für eine Art Schock war es?“

„Er glaubte jemanden zu sehen, der ihn an etwas Schreckliches erinnerte, etwas, das zu seinem Gehirnfieber führte.“ Und hier schien mich die ganze Sache mit einer Wucht zu überrollen. Das Mitleid für Jonathan, das Entsetzen, das er erlebt hatte, das ganze furchtbare Geheimnis seines Tagebuchs und die Angst, die seitdem über mir brütete, all das kam in einem Aufruhr auf mich zu. Ich nehme an, ich war hysterisch, denn ich warf mich auf die Knie, hielt ihm die Hände entgegen und flehte ihn an, meinen Mann wieder gesund zu machen. Er nahm meine Hände, half mir auf, ließ mich auf dem Sofa Platz nehmen und setzte sich zu mir; er hielt meine Hand in der seinen und sagte mit – oh, einer solch unendlichen Güte – zu mir:

„Mein Leben ist ein karges und einsames, und so voller Arbeit, dass ich nicht viel Zeit für Freundschaften hatte; aber seit mich mein Freund John Seward hierher gerufen hat, habe ich so viele gute Menschen kennengelernt und so viel Edelmut gesehen, dass ich mehr denn je – und es ist mit meinen fortgeschrittenen Jahren gewachsen – die Einsamkeit meines Lebens spüre. Glauben Sie mir also, dass ich voller Respekt vor Ihnen hierhergekommen bin, und Sie haben mir Hoffnung gegeben – Hoffnung, nicht in dem, wonach ich suche, sondern dass es noch gute Frauen gibt, die das Leben glücklich machen – gute Frauen, deren Leben und deren Wahrheiten eine gute Lehre für die kommenden Kinder sein mögen. Ich bin froh, froh, dass ich Ihnen hier von Nutzen sein kann; denn wenn Ihr Mann leidet, so leidet er innerhalb des Bereichs meines Studiums und meiner Erfahrung. Ich verspreche Ihnen, dass ich gerne alles für ihn tun werde, was ich kann – alles, um sein Leben stark und männlich zu machen, und Ihr Leben zu einem glücklichen. Nun müssen Sie essen. Sie sind überreizt und vielleicht übermäßig besorgt. Ehemann Jonathan würde es nicht gefallen, Sie so blass zu sehen; und was ihm dort nicht gefällt, wo er liebt, ist nicht zu seinem Besten. Deshalb müssen Sie ihm zuliebe essen und lächeln. Sie haben mir alles über Lucy erzählt, und so werden wir jetzt nicht mehr davon sprechen, damit es Sie nicht bedrückt. Ich werde heute Nacht in Exeter bleiben, denn ich möchte über das nachdenken, was Sie mir gesagt haben, und wenn ich nachgedacht habe, werde ich Ihnen Fragen stellen, wenn ich darf. Und dann werden Sie mir auch von den Sorgen Ihres Ehemanns Jonathan erzählen, so weit Sie können, aber noch nicht jetzt. Sie müssen jetzt essen; danach werden Sie mir alles erzählen.“

Nach dem Mittagessen, als wir in das Wohnzimmer zurückkehrten, sagte er zu mir:

„Und nun erzählen Sie mir alles über ihn.“ Als es dazu kam, mit diesem großen, gelehrten Mann zu sprechen, begann ich zu fürchten, er würde mich für eine schwache Närrin halten und Jonathan für einen Wahnsinnigen – dieses Tagebuch ist alles so seltsam – und ich zögerte, weiterzureden. Aber er war so süß und gütig, und er hatte versprochen zu helfen, und ich vertraute ihm, also sagte ich:

„Dr. Van Helsing, was ich Ihnen zu sagen habe, ist so sonderbar, dass Sie weder über mich noch über meinen Mann lachen dürfen. Ich befinde mich seit gestern in einer Art Fieber des Zweifels; Sie müssen gütig zu mir sein und mich nicht für töricht halten, dass ich sogar einige sehr seltsame Dinge halb geglaubt habe.“ Er beruhigte mich sowohl durch seine Art als auch durch seine Worte, als er sagte:

„Oh, meine Liebe, wenn Sie nur wüssten, wie seltsam die Angelegenheit ist, wegen der ich hier bin, wären Sie diejenige, die lachen würde. Ich habe gelernt, den Glauben eines jeden nicht gering zu schätzen, ganz gleich, wie seltsam er sein mag. Ich habe versucht, mir einen offenen Geist zu bewahren; und es sind nicht die gewöhnlichen Dinge des Lebens, die ihn verschließen könnten, sondern die seltsamen Dinge, die außergewöhnlichen Dinge, die Dinge, die einen zweifeln lassen, ob sie wahnsinnig oder bei Sinnen sind.“

„Danke, danke, tausendmal! Sie haben mir eine Last vom Herzen genommen. Wenn Sie es erlauben, werde ich Ihnen ein Papier zum Lesen geben. Es ist lang, aber ich habe es mit der Schreibmaschine abgeschrieben. Es wird Ihnen meine Sorgen und die von Jonathan darlegen. Es ist die Abschrift seines Tagebuchs aus dem Ausland und alles, was geschehen ist. Ich wage nicht, etwas dazu zu sagen; Sie werden selbst lesen und urteilen. Und wenn ich Sie dann sehe, werden Sie vielleicht sehr gütig sein und mir sagen, was Sie denken.“

„Ich verspreche es“, sagte er, als ich ihm die Papiere gab; „ich werde am Morgen, so bald ich kann, kommen, um Sie und Ihren Ehemann zu sehen, wenn ich darf.“

„Jonathan wird um halb zwölf hier sein, und Sie müssen mit uns zu Mittag essen und ihn dann sehen; Sie könnten den schnellen Zug um 3.34 Uhr erwischen, der Sie vor acht in Paddington absetzt.“ Er war überrascht von meinem Wissen über die Züge aus dem Stegreif, aber er weiß nicht, dass ich mir alle Züge von und nach Exeter notiert habe, damit ich Jonathan helfen kann, falls er in Eile ist.

Also nahm er die Papiere mit und ging, und ich sitze hier und denke nach – denke nach, ich weiß nicht worüber.

Brief (persönlich überbracht), Van Helsing an Mrs. Harker.

„25. September, 6 Uhr.

„Liebe Madam Mina,

„Ich habe das so wunderbare Tagebuch Ihres Ehemanns gelesen. Sie können ohne Zweifel schlafen. So seltsam und schrecklich es auch ist, es ist wahr! Ich werde mein Leben darauf verwetten. Für andere mag es schlimmer sein; aber für ihn und Sie gibt es keine Furcht. Er ist ein edler Kerl; und lassen Sie sich aus meiner Erfahrung mit Menschen sagen, dass jemand, der so gehandelt hat wie er, als er diese Mauer hinunter und in jenen Raum ging – ja, und ein zweites Mal ging –, niemand ist, der dauerhaft durch einen Schock geschädigt wird. Sein Verstand und sein Herz sind in Ordnung; das schwöre ich, noch bevor ich ihn überhaupt gesehen habe; also seien Sie beruhigt. Ich werde ihn noch vieles zu anderen Dingen fragen müssen. Ich bin gesegnet, dass ich heute zu Ihnen komme, denn ich habe auf einmal so viel erfahren, dass ich wieder geblendet bin – geblendeter denn je, und ich muss nachdenken.

„Ihr treuester, „Abraham Van Helsing.“

Brief, Mrs. Harker an Van Helsing.

„25. September, 18.30 Uhr.

„Mein lieber Dr. Van Helsing,

„Tausend Dank für Ihren lieben Brief, der mir eine große Last vom Herzen genommen hat. Und doch, wenn es wahr ist, welche schrecklichen Dinge gibt es auf der Welt, und was für eine entsetzliche Sache, wenn dieser Mann, dieses Monster, wirklich in London ist! Ich fürchte mich vor dem Gedanken. Ich habe in diesem Augenblick, während ich schreibe, ein Telegramm von Jonathan erhalten, in dem steht, dass er heute Abend mit dem Zug um 6.25 Uhr von Launceston abreist und um 10.18 Uhr hier sein wird, sodass ich heute Nacht keine Angst haben muss. Wollen Sie daher bitte, anstatt mit uns zu Mittag zu essen, zum Frühstück kommen, um acht Uhr, falls das nicht zu früh für Sie ist? Sie können, wenn Sie es eilig haben, mit dem Zug um 10.30 Uhr abreisen, der Sie bis 2.35 Uhr nach Paddington bringen wird. Antworten Sie nicht darauf, da ich davon ausgehen werde, dass Sie zum Frühstück kommen, falls ich nichts von Ihnen höre.

„Glauben Sie mir, „Ihre treue und dankbare Freundin, „Mina Harker.“

Tagebuch von Jonathan Harker.

26. September. – Ich dachte, ich würde nie wieder in dieses Tagebuch schreiben, aber die Zeit ist gekommen. Als ich gestern Abend nach Hause kam, hatte Mina das Abendessen bereit, und als wir gegessen hatten, erzählte sie mir von Van Helsings Besuch, davon, dass sie ihm die beiden abgeschriebenen Tagebücher gegeben hatte, und wie besorgt sie um mich gewesen war. Sie zeigte mir in des Doktors Brief, dass alles, was ich aufgeschrieben hatte, wahr war. Es scheint einen neuen Menschen aus mir gemacht zu haben. Es war der Zweifel an der Realität der ganzen Sache, der mich umgehauen hatte. Ich fühlte mich machtlos, im Dunkeln und misstrauisch. Aber jetzt, da ich es weiß, habe ich keine Angst, nicht einmal vor dem Grafen. Er ist also doch bei seinem Vorhaben erfolgreich gewesen, nach London zu gelangen, und er war es, den ich gesehen habe. Er ist jünger geworden, und wie? Van Helsing ist der Mann, ihn zu entlarven und zu jagen, wenn er nur annähernd so ist, wie Mina sagt. Wir saßen lange auf und sprachen alles durch. Mina zieht sich gerade an, und ich werde in wenigen Minuten im Hotel anrufen und ihn herüberbringen...

Er war, glaube ich, überrascht, mich zu sehen. Als ich das Zimmer betrat, in dem er sich aufhielt, und mich vorstellte, nahm er mich an der Schulter, drehte mein Gesicht zum Licht und sagte nach einer scharfen Musterung:

„Aber Madam Mina sagte mir, Sie seien krank, Sie hätten einen Schock gehabt.“ Es war so komisch, von diesem gütigen, streng blickenden alten Mann „Madam Mina“ genannt zu hören. Ich lächelte und sagte:

„Ich war krank, ich hatte einen Schock; aber Sie haben mich bereits geheilt.“

„Und wie?“

„Durch Ihren Brief an Mina letzte Nacht. Ich war im Zweifel, und dann nahm alles einen Anschein von Unwirklichkeit an, und ich wusste nicht, was ich glauben sollte, nicht einmal dem Zeugnis meiner eigenen Sinne. Da ich nicht wusste, was ich glauben sollte, wusste ich nicht, was ich tun sollte; also blieb mir nur, weiter in dem zu arbeiten, was bisher die Bahn meines Lebens gewesen war. Die Bahn half mir nicht mehr, und ich misstraute mir selbst. Doktor, Sie wissen nicht, wie es ist, an allem zu zweifeln, sogar an sich selbst. Nein, das wissen Sie nicht; das könnten Sie nicht mit Augenbrauen wie den Ihren.“ Er schien erfreut und lachte, als er sagte:

„So! Sie sind Physiognomiker. Ich lerne hier mit jeder Stunde mehr dazu. Ich komme mit so großem Vergnügen zu Ihnen zum Frühstück; und, oh, mein Herr, Sie werden einem alten Mann das Lob verzeihen, aber Sie sind mit Ihrer Frau gesegnet.“ Ich würde ihm einen Tag lang zuhören können, wie er Mina lobt, also nickte ich einfach und blieb still.

„Sie ist eine der Frauen Gottes, von Seiner eigenen Hand geformt, um uns Männern und anderen Frauen zu zeigen, dass es einen Himmel gibt, den wir betreten können, und dass sein Licht hier auf Erden sein kann. So wahr, so süß, so edel, so wenig egoistisch – und das, lassen Sie mich sagen, ist viel in diesem Zeitalter, das so skeptisch und egoistisch ist. Und Sie, mein Herr – ich habe alle Briefe an die arme Miss Lucy gelesen und einige von ihnen sprechen von Ihnen, also kenne ich Sie seit einigen Tagen durch die Kenntnis anderer; aber ich habe Ihr wahres Selbst seit letzter Nacht gesehen. Sie werden mir Ihre Hand geben, nicht wahr? Und lassen Sie uns Freunde sein für all unser Leben.“

Wir schüttelten uns die Hände, und er war so ernst und so gütig, dass es mir ganz die Kehle zuschnürte.

„Und nun“, sagte er, „darf ich Sie um noch etwas Hilfe bitten? Ich habe eine große Aufgabe zu erfüllen, und am Anfang steht das Wissen. Sie können mir hier helfen. Können Sie mir sagen, was vor Ihrer Reise nach Transsilvanien geschah? Später werde ich vielleicht um mehr Hilfe bitten, und zwar um eine andere Art; aber für den Anfang reicht das.“

„Hören Sie, mein Herr“, sagte ich, „hat das, was Sie tun müssen, mit dem Grafen zu tun?“

„Das hat es“, sagte er feierlich.

„Dann bin ich mit Herz und Seele bei Ihnen. Da Sie mit dem Zug um 10.30 Uhr fahren, werden Sie keine Zeit haben, sie zu lesen; aber ich werde das Bündel Papiere holen. Sie können sie mitnehmen und im Zug lesen.“

Nach dem Frühstück brachte ich ihn zum Bahnhof. Beim Abschied sagte er:

„Vielleicht kommen Sie in die Stadt, wenn ich nach Ihnen sende, und nehmen Sie Madam Mina auch mit.“

„Wir werden beide kommen, wenn Sie wollen“, sagte ich.

Ich hatte ihm die Morgenzeitungen und die Londoner Zeitungen vom Vorabend besorgt, und während wir am Wagenfenster sprachen und darauf warteten, dass der Zug abfuhr, blätterte er sie durch. Sein Blick schien plötzlich etwas in einer davon aufzufangen, „The Westminster Gazette“ – ich erkannte sie an der Farbe – und er wurde ganz weiß. Er las etwas aufmerksam und stöhnte vor sich hin: „Mein Gott! Mein Gott! So bald! so bald!“ Ich glaube nicht, dass er sich in diesem Moment an mich erinnerte. In diesem Augenblick pfiff die Lokomotive, und der Zug setzte sich in Bewegung. Das rief ihn zur Besinnung, er lehnte sich aus dem Fenster, winkte mit der Hand und rief: „Herzliche Grüße an Madam Mina; ich werde schreiben, sobald ich nur kann.“

Dr. Sewards Tagebuch.

26. September. – Wahrlich, es gibt so etwas wie Endgültigkeit nicht. Nicht einmal eine Woche ist es her, seit ich „Finis“ sagte, und doch fange ich hier wieder von vorne an, oder besser gesagt, ich setze die gleiche Aufzeichnung fort. Bis heute Nachmittag hatte ich keinen Grund, an das zu denken, was getan ist. Renfield war im Grunde so gesund geworden, wie er es jemals war. Er war mit seinem Fliegengeschäft bereits weit fortgeschritten; und er hatte auch gerade erst mit dem Spinnengeschäft begonnen; er hatte mir also keine Mühe gemacht. Ich hatte einen Brief von Arthur, der am Sonntag geschrieben wurde, und daraus schließe ich, dass er sich erstaunlich gut hält. Quincey Morris ist bei ihm, und das ist eine große Hilfe, denn er selbst ist ein sprudelnder Quell guter Laune. Quincey schrieb mir auch eine Zeile, und von ihm höre ich, dass Arthur beginnt, etwas von seiner alten Lebenskraft wiederzugewinnen; was sie alle betrifft, so bin ich beruhigt. Was mich selbst betrifft, so machte ich mich mit dem Enthusiasmus, den ich früher dafür hatte, wieder an meine Arbeit, sodass ich mit Fug und Recht hätte sagen können, dass die Wunde, die die arme Lucy bei mir hinterlassen hatte, am Verheilen war. Alles ist jedoch jetzt wieder aufgerissen; und was das Ende sein wird, weiß nur Gott. Ich habe eine Ahnung, dass Van Helsing glaubt, es auch zu wissen, aber er lässt immer nur so viel heraus, wie nötig ist, um die Neugier zu wecken. Er war gestern in Exeter und blieb die ganze Nacht dort. Heute kam er zurück, sprang gegen halb sechs Uhr fast in mein Zimmer und drückte mir die „Westminster Gazette“ von letzter Nacht in die Hand.

„Was halten Sie davon?“, fragte er, als er zurücktrat und die Arme verschränkte.

Ich sah die Zeitung durch, denn ich wusste wirklich nicht, was er meinte; aber er nahm sie mir aus der Hand und wies auf einen Artikel über Kinder hin, die in Hampstead weggelockt wurden. Er sagte mir nicht viel, bis ich zu einer Passage gelangte, in der kleine Einstichwunden an ihren Hälsen beschrieben wurden. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf, und ich sah auf. „Nun?“, sagte er.

„Es ist wie bei der armen Lucy.“

„Und was machen Sie daraus?“

„Einfach, dass es eine gemeinsame Ursache gibt. Was auch immer ihr geschadet hat, hat auch ihnen geschadet.“ Ich verstand seine Antwort nicht ganz:

„Das ist indirekt wahr, aber nicht direkt.“

„Wie meinen Sie das, Professor?“, fragte ich. Ich war ein wenig geneigt, seine Ernsthaftigkeit leicht zu nehmen – denn schließlich helfen vier Tage Ruhe und Freiheit von brennender, quälender Angst, die Lebensgeister wieder zu beleben –, aber als ich sein Gesicht sah, machte es mich nüchtern. Niemals, selbst inmitten unserer Verzweiflung um die arme Lucy, hatte er strenger ausgesehen.

„Sagen Sie es mir!“, sagte ich. „Ich kann keine Meinung dazu äußern. Ich weiß nicht, was ich denken soll, und ich habe keine Daten, auf die ich eine Vermutung stützen könnte.“

„Wollen Sie mir damit sagen, Freund John, dass Sie keinen Verdacht haben, woran die arme Lucy gestorben ist; nicht nach all den Andeutungen, die nicht nur die Ereignisse, sondern auch ich gegeben habe?“

„An nervöser Erschöpfung infolge von großem Blutverlust oder -verlust.“

„Und wie ist das Blut verloren gegangen oder verschwendet worden?“ Ich schüttelte den Kopf. Er trat herüber, setzte sich neben mich und fuhr fort:

„Sie sind ein kluger Mann, Freund John; Sie folgern gut, und Ihr Verstand ist kühn; aber Sie sind zu voreingenommen. Sie lassen weder Ihre Augen sehen noch Ihre Ohren hören, und das, was außerhalb Ihres täglichen Lebens liegt, ist für Sie nicht von Bedeutung. Denken Sie nicht, dass es Dinge gibt, die Sie nicht verstehen können, die aber dennoch sind; dass manche Menschen Dinge sehen, die andere nicht sehen können? Aber es gibt Dinge, alte und neue, die nicht von Menschenaugen betrachtet werden dürfen, weil sie wissen – oder glauben zu wissen –, einige Dinge, die andere Menschen ihnen erzählt haben. Ah, es ist der Fehler unserer Wissenschaft, dass sie alles erklären will; und wenn sie nicht erklärt, dann sagt sie, es gäbe nichts zu erklären. Aber dennoch sehen wir jeden Tag um uns herum das Wachstum neuer Glaubenssätze, die sich selbst für neu halten; und die doch nur die alten sind, die vorgeben, jung zu sein – wie die feinen Damen in der Oper. Ich nehme an, Sie glauben nun nicht an körperliche Übertragung. Nein? Auch nicht an Materialisierung. Nein? Auch nicht an Astralkörper. Nein? Auch nicht an Gedankenlesen. Nein? Auch nicht an Hypnotismus----“

„Doch“, sagte ich. „Charcot hat das ziemlich gut bewiesen.“ Er lächelte, als er fortfuhr: „Dann sind Sie damit zufrieden. Ja? Und natürlich verstehen Sie dann, wie es wirkt, und können dem Geist des großen Charcot folgen – ach, dass er nicht mehr ist! – in die Seele des Patienten, den er beeinflusst. Nein? Dann, Freund John, muss ich annehmen, dass Sie die Tatsache einfach akzeptieren und sich damit zufriedengeben, dass die Verbindung von Prämisse zu Schlussfolgerung eine Leerstelle bleibt? Nein? Dann sagen Sie mir – denn ich bin ein Student des Gehirns –, wie Sie den Hypnotismus akzeptieren und das Gedankenlesen ablehnen. Lassen Sie mich Ihnen sagen, mein Freund, dass es heute Dinge in der Elektrizitätswissenschaft gibt, die von eben jenen Männern, die die Elektrizität entdeckten, als gottlos erachtet worden wären – die selbst nicht lange zuvor als Zauberer verbrannt worden wären. Es gibt immer Geheimnisse im Leben. Warum lebte Methusalem neunhundert Jahre und ‚Old Parr‘ einhundertneunundsechzig, und doch konnte die arme Lucy, mit dem Blut von vier Männern in ihren armen Adern, nicht einmal einen Tag länger leben? Denn hätten sie einen weiteren Tag gelebt, hätten wir sie retten können. Kennen Sie das ganze Geheimnis von Leben und Tod? Kennen Sie die Gesamtheit der vergleichenden Anatomie und können sagen, warum die Eigenschaften von Tieren bei manchen Menschen vorhanden sind und bei anderen nicht? Können Sie mir sagen, warum, wenn andere Spinnen klein und bald sterben, jene eine große Spinne jahrhundertelang im Turm der alten spanischen Kirche lebte und wuchs und wuchs, bis sie beim Heruntersteigen das Öl aller Kirchenlampen trinken konnte? Können Sie mir sagen, warum in den Pampas, ja und anderswo, Fledermäuse vorkommen, die nachts kommen, die Adern von Rindern und Pferden öffnen und ihre Adern leersaugen; wie es auf einigen Inseln der westlichen Meere Fledermäuse gibt, die den ganzen Tag an den Bäumen hängen, die diejenigen, die sie gesehen haben, als riesige Nüsse oder Schoten beschreiben, und die, wenn die Seeleute auf dem Deck schlafen, weil es heiß ist, auf sie herabflattern, und dann – und dann am Morgen tote Männer gefunden werden, bleich, so bleich wie Miss Lucy war?“

„Guter Gott, Professor!“, sagte ich und fuhr auf. „Wollen Sie mir damit sagen, dass Lucy von einer solchen Fledermaus gebissen wurde; und dass ein solches Ding hier in London im neunzehnten Jahrhundert existiert?“ Er winkte mit der Hand, um mich zum Schweigen zu bringen, und fuhr fort:

„Können Sie mir sagen, warum die Schildkröte länger lebt als Generationen von Menschen; warum der Elefant immer weiterlebt, bis er Dynastien gesehen hat; und warum der Papagei niemals stirbt, nur durch den Biss einer Katze oder eines Hundes oder andere Leiden? Können Sie mir sagen, warum Menschen in allen Zeitaltern und an allen Orten glauben, dass es einige wenige gibt, die immer weiterleben, wenn sie dürfen; dass es Männer und Frauen gibt, die nicht sterben können? Wir alle wissen – weil die Wissenschaft die Tatsache verbürgt hat –, dass es Kröten gab, die seit Jahrtausenden in Felsen eingeschlossen waren, in einem so kleinen Loch, das ihn nur seit der Jugend der Welt hielt. Können Sie mir sagen, wie der indische Fakir sich selbst dazu bringen kann zu sterben, und begraben wurde, und sein Grab versiegelt wurde und Getreide darauf gesät wurde, und das Getreide geerntet und geschnitten und wieder gesät und geerntet und geschnitten wurde, und dann kommen Männer und entfernen das unversehrte Siegel, und dort liegt der indische Fakir, nicht tot, sondern er steht auf und geht unter ihnen umher wie zuvor?“ Hier unterbrach ich ihn. Ich wurde verwirrt; er überhäufte meinen Geist so sehr mit seiner Liste der Exzentrizitäten und möglichen Unmöglichkeiten der Natur, dass meine Fantasie entflammt wurde. Ich hatte eine vage Vorstellung, dass er mir eine Lektion erteilte, wie er es früher in seinem Arbeitszimmer in Amsterdam zu tun pflegte; aber er pflegte damals die Sache so zu erklären, dass ich den Gegenstand der Gedanken die ganze Zeit im Kopf haben konnte. Aber jetzt war ich ohne seine Hilfe, doch ich wollte ihm folgen, also sagte ich:

„Professor, lassen Sie mich wieder Ihr Musterschüler sein. Nennen Sie mir die These, damit ich Ihr Wissen anwenden kann, während Sie fortfahren. Im Augenblick wandere ich in meinem Geist von Punkt zu Punkt wie ein Wahnsinniger, und nicht wie ein Zurechnungsfähiger, der einer Idee folgt. Ich fühle mich wie ein Neuling, der im Nebel durch ein Moor stolpert und von einer Grasnarbe zur nächsten springt, im bloßen, blinden Bemühen, weiterzukommen, ohne zu wissen, wohin ich gehe.“

„Das ist ein gutes Bild“, sagte er. „Nun, ich werde es Ihnen sagen. Meine These ist diese: Ich möchte, dass Sie glauben.“

„An was glauben?“

„An Dinge zu glauben, die Sie nicht können. Lassen Sie mich veranschaulichen. Ich hörte einmal von einem Amerikaner, der den Glauben so definierte: ‚Das, was uns befähigt, Dinge zu glauben, von denen wir wissen, dass sie unwahr sind.‘ Ich persönlich folge diesem Mann. Er meinte, dass wir einen offenen Geist haben und nicht zulassen sollen, dass ein kleines bisschen Wahrheit den Ansturm einer großen Wahrheit aufhält, wie ein kleiner Stein einen Eisenbahnwagen. Wir bekommen die kleine Wahrheit zuerst. Gut! Wir behalten sie und schätzen sie; aber dennoch dürfen wir nicht zulassen, dass sie sich selbst für die ganze Wahrheit des Universums hält.“

„Dann wollen Sie, dass ich nicht zulasse, dass irgendeine vorherige Überzeugung die Empfänglichkeit meines Geistes für irgendeine seltsame Angelegenheit beeinträchtigt. Verstehe ich Ihre Lektion richtig?“

„Ah, Sie sind immer noch mein Lieblingsschüler. Es ist es wert, Sie zu lehren. Jetzt, da Sie willens sind zu verstehen, haben Sie den ersten Schritt zum Verständnis getan. Sie denken also, dass diese so kleinen Löcher in den Kehlen der Kinder von demselben gemacht wurden, das auch das Loch bei Miss Lucy machte?“

„Ich nehme es an.“ Er stand auf und sagte feierlich:--

„Dann irren Sie sich. Oh, wäre es doch so! Aber ach! Nein. Es ist schlimmer, weit, weit schlimmer.“

„Um Gottes willen, Professor Van Helsing, was meinen Sie?“ rief ich.

Er warf sich mit einer verzweifelten Geste in einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf den Tisch und bedeckte sein Gesicht mit den Händen, während er sprach:--

„Sie wurden von Miss Lucy gemacht!“

KAPITEL XV.

/Dr. Sewards Tagebuch/--fortgesetzt.

Eine Weile überwältigte mich purer Zorn; es war, als hätte er Lucy zu Lebzeiten ins Gesicht geschlagen. Ich schlug hart auf den Tisch und stand auf, als ich zu ihm sagte:--

„Dr. Van Helsing, sind Sie wahnsinnig?“ Er hob den Kopf und sah mich an, und irgendwie beruhigte mich die Zärtlichkeit seines Gesichts sofort. „Wäre ich es doch nur!“ sagte er. „Wahnsinn wäre leicht zu ertragen im Vergleich zu einer Wahrheit wie dieser. Oh, mein Freund, warum, glauben Sie, bin ich so weit ausgeholt, warum habe ich so lange gebraucht, um Ihnen eine so einfache Sache zu sagen? War es, weil ich Sie hasse und Sie mein ganzes Leben lang gehasst habe? War es, weil ich Ihnen Schmerz zufügen wollte? Wollte ich, nun so spät, Rache für jene Zeit, als Sie mein Leben retteten, und zwar vor einem schrecklichen Tod? Ah nein!“

„Verzeihen Sie mir“, sagte ich. Er fuhr fort:--

„Mein Freund, es war, weil ich sanft sein wollte, als ich es Ihnen eröffnete, denn ich weiß, dass Sie diese so süße Dame geliebt haben. Aber noch immer erwarte ich nicht, dass Sie glauben. Es ist so schwer, sofort irgendeine abstrakte Wahrheit zu akzeptieren, dass wir an der Möglichkeit einer solchen zweifeln mögen, wenn wir immer an das ‚Nein‘ dazu geglaubt haben; es ist noch schwerer, eine so traurige konkrete Wahrheit zu akzeptieren, und zwar von einer solchen wie Miss Lucy. Heute Nacht gehe ich, um es zu beweisen. Wagen Sie es, mit mir zu kommen?“

Das erschütterte mich. Ein Mann beweist nicht gern eine solche Wahrheit; Byron von der Kategorie ausgenommen, Eifersucht.

„Und beweist die Wahrheit selbst, die er am meisten verabscheute.“

Er sah mein Zögern und sprach:--

„Die Logik ist einfach, diesmal keine Logik eines Wahnsinnigen, der von Grasnarbe zu Grasnarbe durch einen nebligen Dunst springt. Wenn es nicht wahr ist, dann wird der Beweis eine Erleichterung sein; schlimmstenfalls wird er nicht schaden. Wenn es wahr ist! Ah, da ist die Angst; doch gerade die Angst sollte meiner Sache helfen, denn in ihr liegt ein gewisses Bedürfnis nach Glauben. Kommen Sie, ich sage Ihnen, was ich vorschlage: erstens, dass wir jetzt losgehen und dieses Kind im Krankenhaus besuchen. Dr. Vincent vom North Hospital, wo laut den Zeitungen das Kind liegt, ist ein Freund von mir, und ich denke auch von Ihnen, seit Sie im Kurs in Amsterdam waren. Er wird zwei Wissenschaftler seinen Fall sehen lassen, wenn er es schon nicht zwei Freunden erlaubt. Wir werden ihm nichts sagen, nur dass wir lernen wollen. Und dann----“

„Und dann?“ Er nahm einen Schlüssel aus seiner Tasche und hielt ihn hoch. „Und dann verbringen wir die Nacht, Sie und ich, auf dem Kirchhof, wo Lucy liegt. Dies ist der Schlüssel, der das Grab verschließt. Ich hatte ihn vom Sargmacher, um ihn Arthur zu geben.“ Mein Herz sank mir in die Brust, denn ich spürte, dass uns eine furchtbare Prüfung bevorstand. Ich konnte jedoch nichts tun, also fasste ich so viel Mut wie möglich und sagte, dass wir uns besser beeilen sollten, da der Nachmittag verging....

Wir fanden das Kind wach vor. Es hatte geschlafen und etwas Nahrung zu sich genommen und war insgesamt auf dem Weg der Besserung. Dr. Vincent nahm den Verband von seinem Hals und zeigte uns die Einstiche. Es gab keinen Zweifel an der Ähnlichkeit mit denen, die an Lucys Hals gewesen waren. Sie waren kleiner, und die Ränder sahen frischer aus; das war alles. Wir fragten Vincent, worauf er sie zurückführte, und er antwortete, es müsse ein Biss irgendeines Tieres gewesen sein, vielleicht eine Ratte; aber er persönlich neige zu der Ansicht, dass es eine der Fledermäuse war, die auf den nördlichen Höhen von London so zahlreich sind. „Unter so vielen harmlosen“, sagte er, „mag es ein wildes Exemplar aus dem Süden einer bösartigeren Art geben. Vielleicht hat ein Seemann eines mitgebracht, und es konnte entkommen; oder sogar aus dem Zoologischen Garten könnte ein junges entlaufen sein, oder eines dort von einem Vampir gezeugt worden sein. Solche Dinge kommen vor, wissen Sie. Erst vor zehn Tagen ist ein Wolf entkommen und wurde, glaube ich, in dieser Richtung aufgespürt. Eine Woche lang spielten die Kinder danach nichts anderes als Rotkäppchen auf der Heide und in jeder Gasse des Ortes, bis diese ‚bloofer lady‘-Angst aufkam, seit der es für sie eine wahre Festzeit ist. Selbst dieses arme kleine Ding, als es heute aufwachte, fragte die Krankenschwester, ob es weggehen dürfe. Als sie ihn fragte, warum er weggehen wolle, sagte er, er wolle mit der ‚bloofer lady‘ spielen.“

„Ich hoffe“, sagte Van Helsing, „dass Sie, wenn Sie das Kind nach Hause schicken, seine Eltern ermahnen, streng auf es zu achten. Diese Lust zum Umherstreifen ist höchst gefährlich; und wenn das Kind noch eine Nacht draußen bliebe, wäre es wahrscheinlich tödlich. Aber in jedem Fall nehme ich an, dass Sie es einige Tage nicht entlassen werden?“

„Sicherlich nicht, mindestens eine Woche lang nicht; länger, wenn die Wunde nicht verheilt ist.“

Unser Besuch im Krankenhaus nahm mehr Zeit in Anspruch, als wir gerechnet hatten, und die Sonne war untergegangen, bevor wir herauskamen. Als Van Helsing sah, wie dunkel es war, sagte er:--

„Es hat keine Eile. Es ist später, als ich dachte. Kommen Sie, lassen Sie uns irgendwohin gehen, wo wir essen können, und dann werden wir unseren Weg fortsetzen.“

Wir speisten im „Jack Straw’s Castle“ zusammen mit einer kleinen Schar von Radfahrern und anderen, die fröhlich lärmten. Gegen zehn Uhr brachen wir vom Gasthaus auf. Es war dann sehr dunkel, und die vereinzelten Lampen machten die Dunkelheit noch größer, sobald wir erst einmal außerhalb ihres individuellen Radius waren. Der Professor hatte offensichtlich den Weg notiert, den wir gehen sollten, denn er ging ohne Zögern weiter; aber was mich betraf, so war ich bezüglich des Ortes völlig verwirrt. Je weiter wir gingen, desto weniger Menschen trafen wir, bis wir schließlich etwas überrascht waren, als wir sogar die Patrouille der berittenen Polizei auf ihrer üblichen vorstädtischen Runde trafen. Endlich erreichten wir die Mauer des Kirchhofs, über die wir kletterten. Mit einiger Mühe – denn es war sehr dunkel, und der ganze Ort kam uns so fremd vor – fanden wir das Westenra-Grab. Der Professor nahm den Schlüssel, öffnete die quietschende Tür und trat höflich, aber völlig unbewusst, einen Schritt zurück, um mich zu bitten, ihm vorauszugehen. Es lag eine köstliche Ironie in dem Angebot, in der Höflichkeit, bei einem solch schrecklichen Anlass den Vortritt zu lassen. Mein Begleiter folgte mir schnell und zog die Tür vorsichtig zu, nachdem er sich vergewissert hatte, dass das Schloss eines war, das zufällt, und kein Schnappschloss. Im letzteren Fall wären wir in einer schlimmen Lage gewesen. Dann kramte er in seiner Tasche, holte eine Streichholzschachtel und ein Stück Kerze heraus und machte sich daran, ein Licht anzuzünden. Das Grab bei Tageslicht, und wenn es mit frischen Blumen geschmückt war, hatte schon grimmig und grausam genug ausgesehen; aber jetzt, einige Tage später, als die Blumen schlaff und tot herabhingen, ihre Weißtöne zu Rost und ihr Grün zu Braun wurden; als die Spinne und der Käfer ihre gewohnte Herrschaft wieder aufgenommen hatten; als zeitverfärbter Stein, mit Staub verkrusteter Mörtel, rostiges, feuchtes Eisen, angelaufenes Messing und trübe Silberplattierung das schwache Glimmen einer Kerze zurückwarfen, war die Wirkung noch trostloser und schäbiger, als man es sich hätte vorstellen können. Es vermittelte unwiderstehlich die Vorstellung, dass das Leben – das tierische Leben – nicht das Einzige war, das vergehen konnte.

Van Helsing ging systematisch an seine Arbeit. Er hielt seine Kerze so, dass er die Sargplatten lesen konnte, und hielt sie so, dass das Sperma in weißen Flecken herabtropfte, die fest wurden, sobald sie das Metall berührten, und so vergewisserte er sich von Lucys Sarg. Ein weiteres Suchen in seiner Tasche, und er holte einen Schraubendreher heraus.

„Was haben Sie vor?“ fragte ich.

„Den Sarg zu öffnen. Sie sollen noch überzeugt werden.“ Sofort begann er, die Schrauben herauszudrehen, und hob schließlich den Deckel ab, was den Bleimantel darunter zum Vorschein brachte. Der Anblick war fast zu viel für mich. Es schien eine ebenso große Beleidigung für die Verstorbene zu sein, wie es gewesen wäre, ihr im Schlaf die Kleidung auszuziehen, während sie noch lebte; ich ergriff tatsächlich seine Hand, um ihn aufzuhalten. Er sagte nur: „Sie werden sehen“, und während er wieder in seiner Tasche kramte, holte er eine winzige Laubsäge hervor. Er stieß den Schraubendreher mit einem schnellen, nach unten gerichteten Stich durch das Blei, was mich zusammenzucken ließ, und machte ein kleines Loch, das jedoch groß genug war, um die Spitze der Säge aufzunehmen. Ich hatte einen Schwall von Gas aus der eine Woche alten Leiche erwartet. Wir Ärzte, die unsere Gefahren studieren mussten, müssen uns an solche Dinge gewöhnen, und ich trat zur Tür zurück. Aber der Professor hielt keinen Moment inne; er sägte ein paar Fuß entlang einer Seite des Bleisargs nach unten, dann quer herüber und die andere Seite hinunter. Er nahm den Rand des losen Flansches, bog ihn zum Fußende des Sarges zurück und hielt die Kerze in die Öffnung, wobei er mir bedeutete, hineinzusehen.

Ich trat näher und sah hinein. Der Sarg war leer.

Es war sicherlich eine Überraschung für mich und versetzte mir einen erheblichen Schock, aber Van Helsing blieb unbewegt. Er war sich nun sicherer denn je seines Bodens und somit ermutigt, bei seiner Aufgabe fortzufahren. „Sind Sie jetzt zufrieden, Freund John?“ fragte er.

Ich spürte, wie alle hartnäckige Streitsucht meines Wesens in mir erwachte, als ich ihm antwortete:

„Ich bin überzeugt, dass Lucys Leiche nicht in diesem Sarg ist; aber das beweist nur eines.“

„Und was ist das, Freund John?“

„Dass sie nicht darin ist.“

„Das ist gute Logik“, sagte er, „soweit sie reicht. Aber wie – wie können Sie erklären, dass sie nicht darin ist?“

„Vielleicht ein Leichenräuber“, schlug ich vor. „Vielleicht haben Leute des Bestatters sie gestohlen.“ Ich spürte, dass ich Torheiten redete, und doch war es der einzige wirkliche Grund, den ich vorschlagen konnte. Der Professor seufzte. „Ach nun!“ sagte er, „wir müssen mehr Beweise haben. Kommen Sie mit mir.“

Er legte den Sargdeckel wieder auf, sammelte alle seine Sachen zusammen und legte sie in die Tasche, blies das Licht aus und steckte auch die Kerze in die Tasche. Wir öffneten die Tür und gingen hinaus. Hinter uns schloss er die Tür und schloss sie ab. Er reichte mir den Schlüssel und sagte: „Wollen Sie ihn behalten? Sie sollten besser versichert sein.“ Ich lachte – es war kein sehr fröhliches Lachen, das muss ich sagen –, während ich ihm bedeutete, ihn zu behalten. „Ein Schlüssel ist nichts“, sagte ich; „es mag Duplikate geben; und wie auch immer, es ist nicht schwierig, ein Schloss dieser Art zu knacken.“ Er sagte nichts, steckte den Schlüssel aber in seine Tasche. Dann sagte er mir, ich solle auf der einen Seite des Kirchhofs Wache halten, während er auf der anderen Wache halten könne. Ich nahm meinen Platz hinter einer Eibe ein und sah seine dunkle Gestalt sich bewegen, bis die dazwischenliegenden Grabsteine und Bäume sie vor meinem Blick verbargen.

Es war eine einsame Mahnwache. Kurz nachdem ich meinen Platz eingenommen hatte, hörte ich eine entfernte Uhr zwölf schlagen, und mit der Zeit kamen eins und zwei. Ich war erstarrt und entnervt und zornig auf den Professor, dass er mich auf einen solchen Auftrag mitgenommen hatte, und auf mich selbst, dass ich mitgekommen war. Ich war zu kalt und zu schläfrig, um scharf zu beobachten, und nicht schläfrig genug, um mein Vertrauen zu verraten; also hatte ich insgesamt eine trostlose, elende Zeit.

Plötzlich, als ich mich umdrehte, glaubte ich, etwas wie einen weißen Streifen zu sehen, der sich zwischen zwei dunklen Eiben auf der Seite des Kirchhofs bewegte, die am weitesten vom Grab entfernt war; gleichzeitig bewegte sich eine dunkle Masse von der Seite des Professors weg und ging eilig darauf zu. Dann bewegte ich mich auch; aber ich musste um Grabsteine und abgezäunte Gräber herumlaufen, und ich stolperte über Gräber. Der Himmel war bedeckt, und irgendwo in der Ferne krähte ein früher Hahn. Ein Stück entfernt, hinter einer Reihe verstreuter Wacholderbäume, die den Pfad zur Kirche markierten, huschte eine weiße, undeutliche Gestalt in Richtung des Grabes. Das Grab selbst war von Bäumen verdeckt, und ich konnte nicht sehen, wohin die Gestalt verschwand. Ich hörte das Rascheln tatsächlicher Bewegung dort, wo ich die weiße Gestalt zuerst gesehen hatte, und als ich hinüberkam, fand ich den Professor, der ein winziges Kind in seinen Armen hielt. Als er mich sah, hielt er es mir entgegen und sagte:--

„Sind Sie jetzt zufrieden?“

„Nein“, sagte ich auf eine Weise, die ich als aggressiv empfand.

„Sehen Sie das Kind nicht?“

„Ja, es ist ein Kind, aber wer hat es hierher gebracht? Und ist es verwundet?“ fragte ich.

„Wir werden sehen“, sagte der Professor, und mit einem Impuls machten wir uns auf den Weg aus dem Kirchhof, wobei er das schlafende Kind trug.

Als wir ein Stück entfernt waren, gingen wir in eine Baumgruppe, zündeten ein Streichholz an und sahen uns die Kehle des Kindes an. Sie war ohne jeden Kratzer oder jede Narbe irgendeiner Art.

„Hatte ich recht?“ fragte ich triumphierend.

„Wir waren gerade noch rechtzeitig da“, sagte der Professor dankbar.

Wir mussten nun entscheiden, was wir mit dem Kind tun sollten, und berieten uns darüber. Wenn wir es zu einer Polizeistation bringen würden, müssten wir Rechenschaft über unsere Bewegungen während der Nacht ablegen; zumindest müssten wir eine Erklärung abgeben, wie wir dazu gekommen waren, das Kind zu finden. Also entschieden wir schließlich, dass wir es zur Heide bringen würden, und wenn wir einen Polizisten kommen hörten, würden wir es dort lassen, wo er es unweigerlich finden würde; wir würden dann unseren Weg nach Hause suchen, so schnell wir konnten. Alles verlief gut. Am Rande der Hampstead Heath hörten wir den schweren Tritt eines Polizisten, und als wir das Kind auf den Pfad legten, warteten und beobachteten wir, bis er es sah, als er seine Laterne hin und her schwenkte. Wir hörten seinen Ausruf des Erstaunens, und dann gingen wir schweigend fort. Durch einen glücklichen Umstand bekamen wir ein Taxi in der Nähe der „Spaniards“ und fuhren in die Stadt.

Ich kann nicht schlafen, also mache ich diesen Eintrag. Aber ich muss versuchen, ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, da Van Helsing mich mittags abholen will. Er besteht darauf, dass ich ihn auf eine weitere Expedition begleite.

27. September.--Es war zwei Uhr, bevor wir eine geeignete Gelegenheit für unseren Versuch fanden. Die Beerdigung, die mittags stattgefunden hatte, war vollständig abgeschlossen, und die letzten Nachzügler der Trauergäste hatten sich träge entfernt, als wir, vorsichtig hinter einer Erlengruppe hervorschauend, sahen, wie der Totengräber das Tor hinter sich abschloss. Wir wussten dann, dass wir bis zum Morgen sicher waren, falls wir das wünschten; aber der Professor sagte mir, dass wir höchstens eine Stunde brauchen würden. Wieder spürte ich dieses entsetzliche Gefühl der Realität der Dinge, in dem jede Anstrengung der Vorstellungskraft fehl am Platz schien; und ich erkannte deutlich die Gefahren des Gesetzes, denen wir uns bei unserer entweihten Arbeit aussetzten. Außerdem fühlte ich, dass es alles so nutzlos war. Empörend es auch war, einen Bleisarg zu öffnen, um zu sehen, ob eine Frau, die fast eine Woche tot war, wirklich tot war, so schien es nun der Gipfel der Torheit, das Grab wieder zu öffnen, wenn wir durch den Beweis unserer eigenen Augen wussten, dass der Sarg leer war. Ich zuckte jedoch mit den Schultern und blieb schweigend, denn Van Helsing hatte eine Art, seinen eigenen Weg zu gehen, egal wer protestierte. Er nahm den Schlüssel, öffnete die Gruft und bedeutete mir wieder höflich, vorauszugehen. Der Ort war nicht so gruselig wie letzte Nacht, aber oh, wie unsäglich armselig sah er aus, als der Sonnenschein hineinströmte. Van Helsing ging zu Lucys Sarg, und ich folgte. Er beugte sich darüber und drückte den Bleiflansch wieder zurück; und dann durchzuckte mich ein Schock aus Überraschung und Bestürzung.

Dort lag Lucy, scheinbar genauso wie wir sie in der Nacht vor ihrer Beerdigung gesehen hatten. Sie war, wenn möglich, strahlender schön denn je; und ich konnte nicht glauben, dass sie tot war. Die Lippen waren rot, nein röter als zuvor; und auf den Wangen war eine zarte Röte.

„Ist das ein Gaukelspiel?“ sagte ich zu ihm.

„Sind Sie jetzt überzeugt?“ sagte der Professor als Antwort, und während er sprach, legte er seine Hand darüber und zog auf eine Weise, die mich schaudern ließ, die toten Lippen zurück und zeigte die weißen Zähne.

„Sehen Sie“, fuhr er fort, „sehen Sie, sie sind sogar schärfer als zuvor. Mit diesem und diesem“ – und er berührte einen der Eckzähne und den darunter – „können die kleinen Kinder gebissen werden. Sind Sie jetzt des Glaubens, Freund John?“ Wieder einmal erwachte streitlustige Feindseligkeit in mir. Ich konnte eine so überwältigende Idee, wie er sie vorschlug, nicht akzeptieren; also sagte ich mit einem Versuch zu argumentieren, für den ich mich schon in diesem Moment schämte:--

„Sie könnte seit letzter Nacht hierher gebracht worden sein.“

„Wirklich? Das ist so, und von wem?“

„Ich weiß es nicht. Irgendjemand hat es getan.“

„Und doch ist sie eine Woche lang tot. Die meisten Menschen würden in dieser Zeit nicht so aussehen.“ Ich hatte keine Antwort darauf, also schwieg ich. Van Helsing schien mein Schweigen nicht zu bemerken; jedenfalls zeigte er weder Verdruss noch Triumph. Er betrachtete aufmerksam das Gesicht der toten Frau, hob die Augenlider und sah auf die Augen, und öffnete wieder die Lippen und untersuchte die Zähne. Dann wandte er sich an mich und sagte:--

„Hier, es gibt eine Sache, die anders ist als alles Aufgezeichnete: hier ist ein doppeltes Leben, das nicht wie das gewöhnliche ist. Sie wurde von dem Vampir gebissen, als sie in einer Trance war, schlafwandelnd – oh, Sie zucken zusammen; Sie wissen das nicht, Freund John, aber Sie werden später alles wissen – und in der Trance konnte er am besten kommen, um mehr Blut zu nehmen. In der Trance starb sie, und in der Trance ist sie auch Un-Tot. So ist es, dass sie sich von allen anderen unterscheidet. Normalerweise, wenn die Un-Toten zu Hause schlafen“ – während er sprach, machte er einen umfassenden Schwung mit seinem Arm, um das zu bezeichnen, was für einen Vampir „Zuhause“ war – „zeigt ihr Gesicht, was sie sind, aber diese so Süße, die war, als sie nicht Un-Tot war, kehrt sie zurück zum Nichts der gewöhnlichen Toten. Es gibt da kein Böses, sehen Sie, und so macht es das schwer, dass ich sie in ihrem Schlaf töten muss.“ Das ließ mein Blut gefrieren, und es begann mir zu dämmern, dass ich Van Helsings Theorien akzeptierte; aber wenn sie wirklich tot war, was war dann das Schreckliche an der Idee, sie zu töten? Er sah zu mir auf und sah offensichtlich die Veränderung in meinem Gesicht, denn er sagte fast freudig:--

„Ah, Sie glauben jetzt?“

Ich antwortete: „Drängen Sie mich nicht zu sehr auf einmal. Ich bin bereit, es zu akzeptieren. Wie werden Sie dieses blutige Werk vollbringen?“

„Ich werde ihr den Kopf abschneiden und ihren Mund mit Knoblauch füllen, und ich werde einen Pfahl durch ihren Körper treiben.“ Es ließ mich schaudern, bei dem Gedanken, den Körper der Frau, die ich geliebt hatte, derart zu verstümmeln. Und doch war das Gefühl nicht so stark, wie ich es erwartet hatte. Ich begann in der Tat vor der Anwesenheit dieses Wesens zu schaudern, dieses Untoten, wie Van Helsing es nannte, und es zu verabscheuen. Ist es möglich, dass Liebe rein subjektiv oder rein objektiv ist?

Ich wartete eine beträchtliche Zeit darauf, dass Van Helsing begann, doch er stand da, wie in Gedanken versunken. Alsbald schloss er den Verschluss seiner Tasche mit einem Schnappen und sagte:--

„Ich habe nachgedacht und bin zu einem Entschluss gekommen, was das Beste ist. Würde ich einfach meiner Neigung folgen, so würde ich jetzt, in diesem Augenblick, das tun, was getan werden muss; aber es gibt andere Dinge, die folgen, und Dinge, die tausendmal schwieriger sind, weil wir sie nicht kennen. Dies hier ist einfach. Sie hat noch kein Leben genommen, obwohl das eine Frage der Zeit ist; und jetzt zu handeln, würde bedeuten, die Gefahr für immer von ihr zu nehmen. Aber dann müssen wir womöglich Arthur mit einbeziehen, und wie sollen wir es ihm sagen? Wenn Sie, der Sie die Wunden an Lucys Hals sahen und die so ähnlichen Wunden bei dem Kind im Krankenhaus sahen; wenn Sie, der Sie den Sarg gestern Nacht leer und heute voll mit einer Frau sahen, die sich nicht verändert hat, außer dass sie eine ganze Woche nach ihrem Tod noch rosiger und schöner ist – wenn Sie von alldem wissen und von der weißen Gestalt letzte Nacht wissen, die das Kind zum Kirchhof brachte, und Sie dennoch mit Ihren eigenen Sinnen nicht daran glaubten, wie kann ich dann von Arthur, der nichts von all dem weiß, erwarten, dass er es glaubt? Er zweifelte an mir, als ich ihn von ihrem Kuss wegzog, als sie im Sterben lag. Ich weiß, er hat mir verziehen, weil ich in einer irrigen Vorstellung Dinge getan habe, die ihn daran hinderten, Abschied zu nehmen, wie er es hätte tun sollen; und er mag denken, dass diese Frau in einer noch irrigeren Vorstellung lebendig begraben wurde; und dass wir sie in dem größten Irrtum von allen getötet haben. Er wird dann argumentieren, dass wir es sind, die Irrenden, die sie durch unsere Vorstellungen getötet haben; und so wird er immer sehr unglücklich sein. Doch er kann sich nie sicher sein; und das ist das Schlimmste von allem. Und er wird manchmal denken, dass die, die er liebte, lebendig begraben wurde, und das wird seine Träume mit dem Grauen dessen bemalen, was sie gelitten haben muss; und wieder wird er denken, dass wir recht haben könnten und dass seine so Geliebte nach alledem ein Untoter war. Nein! Ich habe es ihm einmal gesagt, und seither habe ich viel gelernt. Nun, da ich weiß, dass es alles wahr ist, weiß ich hunderttausendmal mehr, dass er durch die bitteren Wasser gehen muss, um die süßen zu erreichen. Er, der arme Kerl, muss eine Stunde erleben, die ihm das Angesicht des Himmels selbst schwarz werden lässt; dann können wir zum Wohle aller handeln und ihm Frieden schenken. Mein Entschluss steht fest. Lassen Sie uns gehen. Sie kehren heute Nacht in Ihre Anstalt zurück und sehen nach, dass alles wohlbestellt ist. Was mich betrifft, so werde ich die Nacht hier auf diesem Kirchhof auf meine eigene Weise verbringen. Morgen Nacht kommen Sie zu mir ins Berkeley Hotel um zehn Uhr. Ich werde nach Arthur schicken, damit er auch kommt, und auch nach diesem so feinen jungen Mann aus Amerika, der sein Blut gab. Später werden wir alle Arbeit zu tun haben. Ich begleite Sie bis Piccadilly und speise dort, denn ich muss vor Sonnenuntergang wieder hier sein.“

Also schlossen wir das Grab ab und entfernten uns, stiegen über die Mauer des Kirchhofs, was keine große Aufgabe war, und fuhren zurück nach Piccadilly.

_Notiz, die Van Helsing in seinem Reisekoffer im Berkeley Hotel hinterlassen hat, adressiert an John Seward, M.D._

(Nicht zugestellt.)

„27. September.

„Freund John,--

„Ich schreibe dies für den Fall, dass etwas geschehen sollte. Ich gehe allein, um auf jenem Kirchhof Wache zu halten. Es ist mir recht, dass der Untote, Miss Lucy, heute Nacht nicht aufbrechen wird, sodass sie in der morgigen Nacht begieriger sein mag. Daher werde ich einige Dinge anbringen, die sie nicht mag – Knoblauch und ein Kruzifix – und so die Tür der Gruft versiegeln. Sie ist als Untote noch jung und wird darauf achten. Zudem dienen diese Dinge nur dazu, sie am Hinausgehen zu hindern; sie mögen bei ihr nicht ausreichen, um sie am Hineinwollen zu hindern; denn dann ist der Untote verzweifelt und muss den Weg des geringsten Widerstands finden, was immer das auch sein mag. Ich werde die ganze Nacht von Sonnenuntergang bis nach Sonnenaufgang in der Nähe sein, und wenn es etwas gibt, das man lernen kann, werde ich es lernen. Was Miss Lucy betrifft, oder von ihr, so habe ich keine Furcht: aber jener andere, dem sie als Untote angehört, er hat nun die Macht, ihre Gruft aufzusuchen und dort Schutz zu finden. Er ist schlau, wie ich von Mr. Jonathan weiß und von der Art und Weise, wie er uns die ganze Zeit über zum Narren gehalten hat, als er mit uns um Miss Lucys Leben spielte, und wir verloren; und in vielerlei Hinsicht sind die Untoten stark. Er hat immer die Kraft von zwanzig Männern in seinen Händen; selbst wir vier, die wir unsere Kraft für Miss Lucy gaben, auch das ist ihm alles zu eigen. Zudem kann er seinen Wolf herbeirufen und ich weiß nicht, was noch alles. Sollte er also in dieser Nacht dorthin kommen, so wird er mich finden; doch niemand sonst wird es – bis es zu spät ist. Aber es kann sein, dass er den Ort nicht versuchen wird. Es gibt keinen Grund, warum er das sollte; sein Jagdrevier ist voller Wild als der Kirchhof, wo die untote Frau schläft und ein alter Mann wacht.

„Daher schreibe ich dies für den Fall... Nehmen Sie die Papiere, die hierbei liegen, die Tagebücher von Harker und den anderen, und lesen Sie sie, und dann finden Sie diesen großen Untoten und schneiden Sie ihm den Kopf ab und verbrennen Sie sein Herz oder treiben Sie einen Pfahl hindurch, damit die Welt von ihm Ruhe findet.

„Sollte es so kommen, lebe wohl.

„/Van Helsing./“

Dr. Sewards Tagebuch.

28. September.--Es ist wunderbar, was eine gute Nachtruhe für einen tun kann. Gestern war ich fast bereit, Van Helsings monströse Ideen zu akzeptieren; doch nun erscheinen sie mir grell und als Beleidigung des gesunden Menschenverstands. Ich habe keinen Zweifel, dass er das alles glaubt. Ich frage mich, ob sein Verstand irgendwie aus den Fugen geraten sein könnte. Sicherlich muss es eine vernünftige Erklärung für all diese geheimnisvollen Dinge geben. Ist es möglich, dass der Professor es selbst getan haben könnte? Er ist so abnormal klug, dass er, wenn er den Verstand verlöre, sein Vorhaben im Hinblick auf eine fixe Idee auf wunderbare Weise ausführen würde. Ich sträube mich, das zu denken, und in der Tat wäre es ein fast ebenso großes Wunder wie das andere, festzustellen, dass Van Helsing wahnsinnig ist; aber wie dem auch sei, ich werde ihn genau beobachten. Vielleicht erhalte ich etwas Licht auf das Geheimnis.

29. September, morgens.... Letzte Nacht, kurz vor zehn Uhr, kamen Arthur und Quincey in Van Helsings Zimmer; er sagte uns allen, was wir tun sollten, wandte sich aber besonders an Arthur, als ob unser aller Wille in seinem zentriert wäre. Er begann damit, dass er hoffte, wir würden alle mit ihm kommen, „denn“, sagte er, „dort gibt es eine schwere Pflicht zu erfüllen. Sie waren zweifellos überrascht über meinen Brief?“ Diese Frage war direkt an Lord Godalming gerichtet.

„Das war ich. Er hat mich ein wenig aus der Fassung gebracht. Es gab in letzter Zeit so viel Ärger in meinem Haus, dass ich auf weiteren gut verzichten könnte. Ich bin auch neugierig, was Sie damit meinen. Quincey und ich haben darüber gesprochen; aber je mehr wir redeten, desto verwirrter wurden wir, bis ich nun für mich selbst sagen kann, dass ich über die Bedeutung von irgendetwas völlig im Dunkeln tappe.“

„Ich auch“, sagte Quincey Morris lakonisch.

„Oh“, sagte der Professor, „dann sind Sie beide näher am Anfang als Freund John hier, der einen weiten Weg zurücklegen muss, bevor er überhaupt so weit kommt, anzufangen.“

Es war offensichtlich, dass er meine Rückkehr zu meiner alten zweifelnden Geisteshaltung erkannte, ohne dass ich ein Wort sagte. Dann wandte er sich an die anderen beiden und sagte mit tiefer Ernsthaftigkeit:--

„Ich erbitte Ihre Erlaubnis, diese Nacht zu tun, was ich für gut halte. Ich weiß, es ist viel verlangt; und wenn Sie wissen, was ich zu tun gedenke, werden Sie wissen – und erst dann –, wie viel es ist. Darf ich Sie daher bitten, mir im Dunkeln zu versprechen, damit Sie sich hinterher, auch wenn Sie für eine Weile zornig auf mich sein mögen – ich darf mir die Möglichkeit, dass dies so sein könnte, nicht verschweigen –, sich selbst keine Vorwürfe wegen irgendetwas machen.“

„Das ist jedenfalls offen“, warf Quincey ein. „Ich bürge für den Professor. Ich verstehe zwar nicht ganz, worauf er hinaus will, aber ich schwöre, er ist ehrlich; und das reicht mir.“

„Ich danke Ihnen, Sir“, sagte Van Helsing stolz. „Ich habe mir die Ehre erwiesen, Sie als einen vertrauensvollen Freund zu zählen, und eine solche Bestätigung ist mir viel wert.“ Er hielt die Hand hin, die Quincey ergriff.

Dann ergriff Arthur das Wort:--

„Dr. Van Helsing, ich mag es nicht besonders, ‚die Katze im Sack zu kaufen‘, wie man in Schottland sagt, und wenn es etwas ist, bei dem meine Ehre als Gentleman oder mein Glaube als Christ im Spiel ist, kann ich solch ein Versprechen nicht geben. Wenn Sie mir versichern können, dass das, was Sie beabsichtigen, keines von beidem verletzt, dann gebe ich meine Zustimmung sofort; obwohl ich beim besten Willen nicht verstehen kann, worauf Sie hinauswollen.“

„Ich akzeptiere Ihre Einschränkung“, sagte Van Helsing, „und alles, worum ich Sie bitte, ist, dass Sie, falls Sie es für notwendig halten, irgendeine meiner Handlungen zu verurteilen, sie zuerst wohl überlegen und sich vergewissern, dass sie Ihre Vorbehalte nicht verletzt.“

„Einverstanden!“, sagte Arthur; „das ist nur fair. Und nun, da die Vorbesprechungen beendet sind, darf ich fragen, was wir tun sollen?“

„Ich möchte, dass Sie mit mir kommen, und zwar heimlich, zum Kirchhof in Kingstead.“

Arthurs Gesicht fiel, als er auf erstaunte Weise sagte:--

„Wo die arme Lucy begraben liegt?“ Der Professor neigte den Kopf. Arthur fuhr fort: „Und wenn wir dort sind?“

„In die Gruft einzutreten!“ Arthur stand auf.

„Professor, meinen Sie das ernst; oder ist das ein monströser Scherz? Verzeihen Sie, ich sehe, dass Sie es ernst meinen.“ Er setzte sich wieder, aber ich konnte sehen, dass er fest und stolz dasaß, wie jemand, der auf seiner Würde beharrt. Es herrschte Schweigen, bis er wieder fragte:--

„Und wenn wir in der Gruft sind?“

„Den Sarg zu öffnen.“

„Das ist zu viel!“, sagte er und stand wütend wieder auf. „Ich bin bereit, in allen Dingen geduldig zu sein, die vernünftig sind; aber dabei – bei dieser Schändung des Grabes – von jemandem, der...“ Er erstickte förmlich vor Empörung. Der Professor sah ihn mitleidig an.

„Wenn ich Ihnen einen Schmerz ersparen könnte, mein armer Freund“, sagte er, „Gott weiß, ich würde es tun. Aber heute Nacht müssen unsere Füße auf dornigen Pfaden wandeln; oder später, und für immer, müssen die Füße, die Sie lieben, auf Pfaden aus Feuer wandeln!“

Arthur blickte mit starrem, weißem Gesicht auf und sagte:--

„Vorsicht, Sir, nehmen Sie sich in Acht!“

„Wäre es nicht gut, zu hören, was ich zu sagen habe?“, sagte Van Helsing. „Und dann werden Sie zumindest die Grenze meines Vorhabens kennen. Soll ich fortfahren?“

„Das ist fair genug“, warf Morris ein.

Nach einer Pause fuhr Van Helsing fort, sichtlich mit Anstrengung:--

„Miss Lucy ist tot; ist das nicht so? Ja! Dann kann ihr kein Unrecht geschehen. Aber wenn sie nicht tot ist...“

Arthur sprang auf.

„Gott im Himmel!“, rief er. „Was meinen Sie? Gab es ein Missverständnis; wurde sie lebendig begraben?“ Er stöhnte vor Qual, die nicht einmal die Hoffnung lindern konnte.

„Ich habe nicht gesagt, dass sie lebt, mein Kind; ich habe es nicht gedacht. Ich gehe nicht weiter, als zu sagen, dass sie Untot sein könnte.“

„Untot! Nicht lebendig! Was meinen Sie damit? Ist das alles ein Albtraum, oder was ist es?“

„Es gibt Geheimnisse, die Menschen nur erahnen können, die sie von Zeitalter zu Zeitalter vielleicht nur zum Teil lösen können. Glauben Sie mir, wir stehen jetzt am Rande eines solchen. Aber ich bin noch nicht fertig. Darf ich den Kopf der toten Miss Lucy abschneiden?“

„Himmel und Erde, nein!“, rief Arthur in einem Sturm der Leidenschaft. „Nicht um alles in der Welt werde ich irgendeiner Verstümmelung ihres toten Körpers zustimmen. Dr. Van Helsing, Sie fordern mich zu sehr heraus. Was habe ich Ihnen getan, dass Sie mich so quälen müssen? Was hat dieses arme, süße Mädchen getan, dass Sie eine solche Schande über ihr Grab bringen wollen? Sind Sie wahnsinnig, dass Sie solche Dinge aussprechen, oder bin ich wahnsinnig, dass ich sie anhöre? Wagen Sie es nicht, mehr an eine solche Schändung zu denken; ich werde zu nichts, was Sie tun, meine Zustimmung geben. Ich habe die Pflicht, ihr Grab vor Schändung zu schützen; und bei Gott, ich werde es tun!“

Van Helsing erhob sich von dort, wo er die ganze Zeit gesessen hatte, und sagte ernst und streng:--

„Mein Lord Godalming, auch ich habe eine Pflicht zu erfüllen, eine Pflicht gegenüber anderen, eine Pflicht gegenüber Ihnen, eine Pflicht gegenüber den Toten; und bei Gott, ich werde sie erfüllen! Alles, worum ich Sie jetzt bitte, ist, dass Sie mit mir kommen, dass Sie zusehen und zuhören; und wenn Sie, wenn ich später die gleiche Bitte wiederhole, nicht sogar begieriger auf ihre Erfüllung sind als ich, dann – dann werde ich meine Pflicht tun, was immer es mir auch erscheinen mag. Und dann, um dem Wunsch Ihrer Lordschaft nachzukommen, werde ich mich zu Ihrer Verfügung halten, um Ihnen Rechenschaft abzulegen, wann und wo Sie wollen.“ Seine Stimme brach ein wenig, und er fuhr mit einem Akzent voller Mitleid fort:--

„Aber ich beschwöre Sie, gehen Sie nicht im Zorn mit mir. In einem langen Leben voller Taten, die oft nicht angenehm waren und die mir manchmal das Herz zuschnürten, hatte ich nie eine so schwere Aufgabe wie jetzt. Glauben Sie mir, wenn die Zeit für Sie kommt, Ihre Meinung über mich zu ändern, wird ein Blick von Ihnen diese so traurige Stunde hinwegwischen, denn ich würde tun, was ein Mensch tun kann, um Sie vor Kummer zu bewahren. Denken Sie nur nach. Warum sollte ich mir so viel Mühe und so viel Kummer aufladen? Ich bin aus meinem eigenen Land hierher gekommen, um zu tun, was ich an Gutem tun kann; zuerst, um meinem Freund John zu gefallen, und dann, um einer süßen jungen Dame zu helfen, die ich auch lieben lernte. Für sie – ich schäme mich, so viel zu sagen, aber ich sage es in Güte – gab ich, was Sie gaben: das Blut meiner Adern; ich gab es, ich, der ich nicht, wie Sie, ihr Liebhaber war, sondern nur ihr Arzt und ihr Freund. Ich gab ihr meine Nächte und Tage – vor dem Tod, nach dem Tod; und wenn mein Tod ihr auch jetzt noch Gutes tun kann, wenn sie der tote Untote ist, soll sie ihn freiwillig haben.“ Er sagte dies mit einem sehr ernsten, süßen Stolz, und Arthur war sehr davon berührt. Er nahm die Hand des alten Mannes und sagte mit gebrochener Stimme:--

„Oh, es ist schwer, daran zu denken, und ich kann es nicht verstehen; aber zumindest werde ich mit Ihnen gehen und warten.“

KAPITEL XVI.

/Dr. Sewards Tagebuch/--Fortsetzung.

Es war genau Viertel vor zwölf Uhr, als wir über die niedrige Mauer auf den Kirchhof stiegen. Die Nacht war dunkel, mit gelegentlichen Mondlichtstreifen zwischen den Rissen der schweren Wolken, die über den Himmel jagten. Wir blieben irgendwie alle eng zusammen, mit Van Helsing leicht voraus, während er uns den Weg wies. Als wir in die Nähe der Gruft gekommen waren, sah ich Arthur genau an, denn ich fürchtete, die Nähe zu einem Ort, der mit einer so schmerzlichen Erinnerung behaftet war, würde ihn aus der Fassung bringen; doch er hielt sich tapfer. Ich nahm an, dass das Geheimnisvolle des Vorgehens auf irgendeine Weise einen ausgleichenden Effekt auf seinen Kummer hatte. Der Professor schloss die Tür auf, und da er ein natürliches Zögern unsererseits aus verschiedenen Gründen bemerkte, löste er das Problem, indem er zuerst selbst eintrat. Wir anderen folgten, und er schloss die Tür. Dann zündete er eine dunkle Laterne an und zeigte auf den Sarg. Arthur trat zögernd vor; Van Helsing sagte zu mir:--

„Sie waren gestern mit mir hier. War der Körper von Miss Lucy in diesem Sarg?“

„Das war er.“ Der Professor wandte sich an die anderen und sagte:--

„Sie hören; und doch gibt es einen, der nicht mit mir glaubt.“ Er nahm seinen Schraubenzieher und nahm wieder den Deckel des Sarges ab. Arthur sah zu, sehr blass, aber schweigend; als der Deckel entfernt war, trat er vor. Er wusste offensichtlich nicht, dass es ein Bleisarg war, oder hatte jedenfalls nicht daran gedacht. Als er den Riss im Blei sah, stieg ihm das Blut für einen Augenblick in den Kopf, wich aber ebenso schnell wieder zurück, sodass er von einer grässlichen Blässe blieb; er blieb weiterhin stumm. Van Helsing drückte den Bleiflansch zurück, und wir alle blickten hinein und wichen zurück.

Der Sarg war leer!

Mehrere Minuten lang sprach niemand ein Wort. Das Schweigen wurde von Quincey Morris unterbrochen:--

„Professor, ich habe für Sie gebürgt. Ihr Wort ist alles, was ich brauche. Normalerweise würde ich so etwas nicht fragen – ich würde Sie nicht so entehren, indem ich einen Zweifel andeute; aber dies ist ein Rätsel, das jede Ehre oder Unehre übersteigt. Ist das Ihr Werk?“

„Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, dass ich sie weder entfernt noch berührt habe. Was geschah, war dies: Vor zwei Nächten kamen mein Freund Seward und ich hierher – mit gutem Vorsatz, glauben Sie mir. Ich öffnete diesen Sarg, der damals versiegelt war, und wir fanden ihn, wie jetzt, leer. Wir warteten dann und sahen etwas Weißes durch die Bäume kommen. Am nächsten Tag kamen wir bei Tageslicht hierher, und sie lag dort. Nicht wahr, Freund John?“

„Ja.“

„In jener Nacht kamen wir gerade rechtzeitig. Ein weiteres so kleines Kind wurde vermisst, und wir fanden es, Gott sei Dank, unversehrt zwischen den Gräbern. Gestern kam ich vor Sonnenuntergang hierher, denn bei Sonnenuntergang können sich die Untoten bewegen. Ich wartete die ganze Nacht hier, bis die Sonne aufging, aber ich sah nichts. Es war höchstwahrscheinlich, weil ich über die Klammern dieser Türen Knoblauch gelegt hatte, den die Untoten nicht ertragen können, und andere Dinge, die sie meiden. Letzte Nacht gab es keinen Auszug, also nahm ich heute Nacht vor Sonnenuntergang meinen Knoblauch und die anderen Dinge weg. Und so finden wir diesen Sarg leer. Aber haben Sie Geduld mit mir. Soweit ist vieles merkwürdig. Warten Sie mit mir draußen, ungesehen und ungehört, und Dinge, die noch merkwürdiger sind, werden noch geschehen. Also“--hier schloss er die dunkle Blende seiner Laterne--“jetzt nach draußen.“ Er öffnete die Tür, und wir schritten hinaus, er kam als Letzter und schloss die Tür hinter sich ab.

Ach! Aber wie frisch und rein wirkte die Nachtluft nach dem Schrecken jenes Gewölbes. Wie süß war es, die Wolken vorbeijagen zu sehen und die flüchtigen Lichtblicke des Mondscheins zwischen den dahinziehenden Wolkenschleiern – ein Kommen und Gehen wie Freud und Leid im Leben eines Menschen; wie süß war es, die frische Luft zu atmen, die keinen Hauch von Tod und Verwesung an sich hatte; wie menschlich tat es wohl, den rötlichen Schein des Himmels hinter dem Hügel zu sehen und aus der Ferne das dumpfe Tosen zu hören, das das Leben einer großen Stadt kennzeichnet. Jeder von uns war auf seine Weise feierlich gestimmt und überwältigt. Arthur schwieg, und ich konnte sehen, wie er danach rang, den Zweck und den tieferen Sinn dieses Geheimnisses zu begreifen. Ich selbst war einigermaßen geduldig und innerlich schon wieder bereit, meine Zweifel beiseitezuwerfen und Van Helsings Schlussfolgerungen zu akzeptieren. Quincey Morris war phlegmatisch, wie es die Art eines Mannes ist, der alles hinnimmt und es mit kühlem Mut auf sich nimmt, unter Einsatz von allem, was er aufs Spiel setzen kann. Da er nicht rauchen konnte, schnitt er sich ein stattliches Stück Kautabak ab und begann zu kauen. Was Van Helsing betraf, so ging er einer bestimmten Beschäftigung nach. Zuerst nahm er aus seiner Tasche einen Haufen von etwas, das wie dünnes, waffelartiges Gebäck aussah und sorgfältig in eine weiße Serviette eingewickelt war; als Nächstes holte er eine doppelte Handvoll einer weißlichen Substanz hervor, die wie Teig oder Kitt wirkte. Er zerbröselte die Waffel fein und arbeitete sie zwischen seinen Händen in die Masse ein. Diese nahm er dann, rollte sie zu dünnen Streifen und begann, sie in die Ritzen zwischen der Tür und ihrem Rahmen im Grab zu legen. Ich war etwas verwundert darüber und fragte ihn, da ich ganz in seiner Nähe stand, was er da tue. Arthur und Quincey traten ebenfalls näher, da auch sie neugierig waren. Er antwortete:

„Ich verschließe das Grab, damit der Untote nicht eintreten kann.“

„Und wird dieses Zeug, das Sie da angebracht haben, das bewirken?“, fragte Quincey. „Um Himmels willen! Ist das ein Spiel?“

„Das ist es.“

„Was ist das, was Sie da verwenden?“, fragte diesmal Arthur. Van Helsing nahm ehrfürchtig seinen Hut ab, als er antwortete:

„Die Hostie. Ich habe sie aus Amsterdam mitgebracht. Ich besitze einen Ablass.“ Es war eine Antwort, die den Skeptischsten unter uns erschütterte, und wir spürten jeder für sich, dass es angesichts eines solch ernsten Vorhabens des Professors – eines Vorhabens, das sich der für ihn heiligsten Dinge bedienen konnte – unmöglich war, zu misstrauen. In respektvollem Schweigen nahmen wir die uns zugewiesenen Plätze rund um das Grab ein, jedoch verborgen vor den Augen jedes Herannahenden. Ich bemitleidete die anderen, besonders Arthur. Ich selbst war durch meine früheren Besuche in diesem beobachtenden Grauen in die Lehre gegangen; und doch fühlte ich, der ich noch vor einer Stunde die Beweise zurückgewiesen hatte, wie mir das Herz in die Tiefe sank. Niemals sahen Gräber so gespenstisch weiß aus; niemals wirkten Zypressen, Eiben oder Wacholder so sehr als Verkörperung düsterer Trauer; niemals wogte oder rauschte Baum oder Gras so unheilvoll; niemals knarrte ein Ast so geheimnisvoll; und niemals jagte das ferne Hundegeheul ein solch wehklagendes Vorzeichen durch die Nacht.

Es herrschte eine lange Spanne der Stille, eine große, schmerzhafte Leere, und dann ein scharfes „S-s-s-s!“ vom Professor. Er deutete in die Richtung; und tief unten in der Eibenallee sahen wir eine weiße Gestalt hervortreten – eine schemenhafte weiße Gestalt, die etwas Dunkles an ihre Brust drückte. Die Gestalt blieb stehen, und in diesem Augenblick fiel ein Mondstrahl zwischen die Massen der treibenden Wolken und zeigte in erschreckender Deutlichkeit eine dunkelhaarige Frau, gekleidet in die Totenhemden des Grabes. Wir konnten das Gesicht nicht sehen, denn es war über das, was wir als ein hellhaariges Kind erkannten, hinabgebeugt. Es gab eine Pause und einen kurzen, kleinen Schrei, wie ihn ein Kind im Schlaf ausstößt oder ein Hund, wenn er vor dem Feuer liegt und träumt. Wir wollten gerade vorwärtsstürmen, doch die warnende Hand des Professors, die wir sahen, als er hinter einer Eibe stand, hielt uns zurück; und dann, während wir zusahen, bewegte sich die weiße Gestalt wieder vorwärts. Sie war nun nah genug, dass wir sie deutlich sehen konnten, und das Mondlicht hielt an. Mein eigenes Herz wurde kalt wie Eis, und ich konnte das Keuchen Arthurs hören, als wir die Züge von Lucy Westenra erkannten. Lucy Westenra, aber wie verändert. Die Lieblichkeit war in diamantene, herzlose Grausamkeit umgeschlagen, und die Reinheit in wollüstige Zügellosigkeit. Van Helsing trat hervor, und seinem Wink gehorchend, rückten wir alle vor; wir vier stellten uns in einer Reihe vor der Tür des Grabes auf. Van Helsing hob seine Laterne und zog die Blende auf; durch das konzentrierte Licht, das auf Lucys Gesicht fiel, konnten wir sehen, dass die Lippen mit frischem Blut purpurrot waren und dass der Strom über ihr Kinn geronnen war und die Reinheit ihres Leichentuchs aus Leinen befleckt hatte.

Wir schauderten vor Entsetzen. Ich konnte im zitternden Licht sehen, dass selbst Van Helsings eiserne Nerven versagt hatten. Arthur stand neben mir, und hätte ich ihn nicht am Arm gepackt und gestützt, wäre er zusammengebrochen.

Als Lucy – ich nenne das Ding, das vor uns war, Lucy, weil es ihre Gestalt trug – uns sah, wich sie mit einem wütenden Fauchen zurück, wie es eine Katze von sich gibt, wenn sie überrascht wird; dann wanderten ihre Augen über uns hinweg. Lucys Augen in Form und Farbe; aber Lucys Augen unrein und voller Höllenfeuer, anstatt der reinen, sanften Kugeln, die wir kannten. In diesem Moment schlug der Rest meiner Liebe in Hass und Abscheu um; hätte sie damals getötet werden müssen, ich hätte es mit wildem Entzücken getan. Während sie blickte, brannten ihre Augen mit unheiligem Licht, und das Gesicht verzog sich zu einem wollüstigen Lächeln. O Gott, wie ließ es mich schaudern, das zu sehen! Mit einer gleichgültigen Bewegung schleuderte sie, kaltherzig wie ein Teufel, das Kind zu Boden, das sie bis dahin fest an ihre Brust geklammert hatte, während sie über ihm knurrte wie ein Hund über einem Knochen. Das Kind stieß einen scharfen Schrei aus und lag dort wimmernd. Es lag eine Kaltblütigkeit in dieser Tat, die Arthur ein Stöhnen entlockte; als sie mit ausgebreiteten Armen und einem zügellosen Lächeln auf ihn zuging, wich er zurück und verbarg sein Gesicht in den Händen.

Sie schritt jedoch weiter auf ihn zu und sagte mit einer trägen, wollüstigen Anmut:

„Komm zu mir, Arthur. Lass diese anderen und komm zu mir. Meine Arme hungern nach dir. Komm, und wir können zusammen ruhen. Komm, mein Gatte, komm!“

Es lag etwas teuflisch Süßes in ihrem Tonfall – etwas von dem Klirren von Glas, wenn es angeschlagen wird –, das durch die Gehirne selbst derer hallte, die hörten, wie die Worte an einen anderen gerichtet waren. Was Arthur betraf, so schien er unter einem Bann zu stehen; er nahm die Hände vom Gesicht und breitete die Arme weit aus. Sie wollte gerade in sie hineinspringen, als Van Helsing nach vorne stieß und sein kleines goldenes Kruzifix zwischen sie hielt. Sie wich davor zurück und raste mit einem plötzlich verzerrten Gesicht, voller Wut, an ihm vorbei, als wolle sie in das Grab eindringen.

Als sie jedoch nur noch ein oder zwei Fuß von der Tür entfernt war, hielt sie inne, wie von einer unwiderstehlichen Kraft aufgehalten. Dann drehte sie sich um, und ihr Gesicht wurde im klaren Ausbruch des Mondlichts und durch die Lampe sichtbar, die nun nicht mehr unter Van Helsings eisernen Nerven zitterte. Niemals habe ich solch vereitelte Bosheit auf einem Gesicht gesehen; und niemals, so hoffe ich, wird ein solches jemals wieder von sterblichen Augen gesehen werden. Die schöne Farbe wurde leichenblass, die Augen schienen Funken von Höllenfeuer zu sprühen, die Stirn war gefurcht, als wären die Falten des Fleisches die Windungen von Medusas Schlangen, und der liebliche, blutbefleckte Mund verzog sich zu einem offenen Quadrat, wie bei den leidenschaftlichen Masken der Griechen und Japaner. Wenn jemals ein Gesicht den Tod bedeutete – wenn Blicke töten könnten –, dann sahen wir es in diesem Moment.

Und so blieb sie eine volle halbe Minute, die wie eine Ewigkeit erschien, zwischen dem erhobenen Kruzifix und dem heiligen Verschluss ihres Eingangs. Van Helsing brach das Schweigen, indem er Arthur fragte:

„Antworte mir, oh mein Freund! Soll ich in meinem Werk fortfahren?“

Arthur warf sich auf die Knie und verbarg sein Gesicht in den Händen, als er antwortete:

„Tu, was du willst, Freund; tu, was du willst. Es kann nie wieder ein Entsetzen wie dieses geben!“ und er stöhnte im Geiste. Quincey und ich bewegten uns gleichzeitig auf ihn zu und nahmen ihn bei den Armen. Wir konnten das Klicken der sich schließenden Laterne hören, als Van Helsing sie herunterhielt; er trat nahe an das Grab heran und begann, einige der heiligen Symbole, die er dort angebracht hatte, aus den Ritzen zu entfernen. Wir alle schauten voller entsetztem Erstaunen zu, als wir sahen, wie die Frau, als er zurücktrat, mit einem körperlichen Leib, der in diesem Moment so real war wie unser eigener, durch die Lücke schlüpfte, durch die kaum eine Messerklinge gepasst hätte. Wir alle empfanden ein freudiges Gefühl der Erleichterung, als wir sahen, wie der Professor ruhig die Kittstreifen wieder an den Kanten der Tür anbrachte.

Als dies getan war, hob er das Kind auf und sagte:

„Kommt nun, meine Freunde; wir können bis morgen nichts mehr tun. Es gibt mittags eine Beerdigung, also werden wir alle kurz danach hierherkommen. Die Freunde der Toten werden bis zwei Uhr alle fort sein, und wenn der Totengräber das Tor verschließt, werden wir hierbleiben. Dann gibt es noch mehr zu tun; aber nicht wie dieses heute Nacht. Was dieses Kleine angeht, ihm ist nicht viel geschehen, und bis morgen Abend wird es wohlauf sein. Wir werden ihn dort lassen, wo die Polizei ihn finden wird, wie in der anderen Nacht; und dann heimwärts.“ Er trat nahe an Arthur heran und sagte:

„Mein Freund Arthur, du hast schwere Prüfung erfahren; aber später, wenn du zurückblickst, wirst du sehen, wie es notwendig war. Du bist jetzt in den bitteren Wassern, mein Kind. Um diese Zeit morgen wirst du, so Gott will, sie durchquert und von den süßen Wassern getrunken haben; also trauere nicht zu sehr. Bis dahin werde ich dich nicht bitten, mir zu verzeihen.“

Arthur und Quincey kamen mit mir nach Hause, und wir versuchten, uns auf dem Weg gegenseitig aufzumuntern. Wir hatten das Kind in Sicherheit gelassen und waren müde; so schliefen wir alle mit mehr oder weniger wirklichem Schlaf.

29. September, Nacht. – Kurz vor zwölf Uhr holten wir drei – Arthur, Quincey Morris und ich – den Professor ab. Es war seltsam zu bemerken, dass wir alle einhellig schwarze Kleidung angelegt hatten. Natürlich trug Arthur Schwarz, denn er war in tiefer Trauer, aber wir anderen trugen es instinktiv. Wir erreichten den Friedhof um halb zwei und schlenderten umher, um uns der offiziellen Beobachtung zu entziehen, sodass wir, als die Totengräber ihre Arbeit beendet hatten und der Totengräber in dem Glauben, jeder sei gegangen, das Tor verschlossen hatte, den Ort ganz für uns allein hatten. Van Helsing hatte anstelle seiner kleinen schwarzen Tasche eine lange Ledertasche bei sich, ähnlich einer Cricket-Tasche; sie war offensichtlich von beachtlichem Gewicht.

Als wir allein waren und die letzten Schritte draußen auf der Straße verhallen hörten, folgten wir schweigend und wie auf geheißenem Befehl dem Professor zum Grab. Er schloss die Tür auf, und wir traten ein, wobei wir sie hinter uns schlossen. Dann nahm er aus seiner Tasche die Laterne, die er anzündete, sowie zwei Wachskerzen, die er, als sie brannten, durch Schmelzen ihrer Enden auf anderen Särgen befestigte, damit sie genügend Licht zum Arbeiten spendeten. Als er wieder den Deckel von Lucys Sarg hob, schauten wir alle – Arthur zitternd wie Espenlaub – hinein und sahen, dass der Körper dort in all seiner Todes-Schönheit lag. Aber in meinem eigenen Herzen war keine Liebe, nichts als Abscheu vor dem unreinen Ding, das Lucys Gestalt ohne ihre Seele angenommen hatte. Ich konnte sehen, wie selbst Arthurs Gesicht hart wurde, als er hineinsah. Schließlich sagte er zu Van Helsing:

„Ist das wirklich Lucys Körper, oder nur ein Dämon in ihrer Gestalt?“

„Es ist ihr Körper und doch nicht er. Aber warte eine Weile, und du sollst sie sehen, wie sie war und ist.“

Sie wirkte wie ein Albtraum von Lucy, wie sie dort lag; die spitzen Zähne, der blutbefleckte, wollüstige Mund – der einen beim Anblick erschaudern ließ –, die ganze fleischliche und geistlose Erscheinung wirkte wie eine teuflische Verspottung von Lucys süßer Reinheit. Van Helsing begann in seiner Methodik, die verschiedenen Inhalte aus seiner Tasche zu nehmen und für den Gebrauch bereitzulegen. Zuerst nahm er einen Lötkolben und etwas Lötzinn heraus, dann eine kleine Öllampe, die, als sie in einer Ecke des Grabes angezündet wurde, ein Gas ausstieß, das mit einer heißen blauen Flamme brannte; dann seine Operationsmesser, die er griffbereit legte; und zuletzt einen runden Holzpflock, etwa zweieinhalb bis drei Zoll dick und etwa drei Fuß lang. Ein Ende war durch Ankohlen im Feuer gehärtet und zu einer feinen Spitze geschärft. Zu diesem Pflock gehörte ein schwerer Hammer, wie er in Haushalten im Kohlenkeller zum Zerkleinern der Stücke verwendet wird. Auf mich wirken die Vorbereitungen eines Arztes für jede Art von Arbeit anregend und stärkend, aber die Wirkung dieser Dinge auf Arthur und Quincey war eine Art Bestürzung. Beide bewahrten jedoch ihren Mut und blieben schweigend und ruhig.

Als alles bereit war, sagte Van Helsing:

„Bevor wir irgendetwas tun, lasst mich euch dies sagen; es stammt aus der Überlieferung und Erfahrung der Alten und all jener, die die Kräfte der Untoten studiert haben. Wenn sie solche werden, kommt mit der Verwandlung der Fluch der Unsterblichkeit; sie können nicht sterben, sondern müssen Zeitalter um Zeitalter fortfahren, neue Opfer hinzuzufügen und die Übel der Welt zu vermehren; denn alle, die durch das Rauben der Untoten sterben, werden selbst zu Untoten und rauben ihresgleichen. Und so setzt sich der Kreis immer weiter fort, wie die Wellen von einem Stein, der ins Wasser geworfen wurde. Freund Arthur, wenn du jenem Kuss, von dem du weißt, begegnet wärst, bevor die arme Lucy starb; oder auch letzte Nacht, als du deine Arme für sie öffnest, wärst du mit der Zeit, wenn du gestorben wärst, ein Nosferatu geworden, wie sie es in Osteuropa nennen, und würdest alle Zeit mehr von jenen Untoten erschaffen, die uns so mit Entsetzen erfüllen. Die Laufbahn dieser so unglücklichen, lieben Dame hat gerade erst begonnen. Jene Kinder, deren Blut sie saugt, sind noch nicht so sehr im Nachteil; aber wenn sie weiterlebt, als Untote, verlieren sie immer mehr Blut, und durch ihre Macht über sie kommen sie zu ihr; und so saugt sie ihr Blut mit diesem so bösen Mund. Wenn sie aber in Wahrheit stirbt, dann hört alles auf; die winzigen Wunden an den Hälsen verschwinden, und sie gehen zurück zu ihren Spielen, ohne jemals zu wissen, was geschehen ist. Aber das Gesegneteste von allem ist, wenn diese nun Untote dazu gebracht wird, als wahrhaft Tote zu ruhen, dann soll die Seele der armen Dame, die wir lieben, wieder frei sein. Anstatt nachts Bosheit zu wirken und sich durch deren Assimilation tagsüber immer mehr zu erniedrigen, soll sie ihren Platz bei den anderen Engeln einnehmen. Also, mein Freund, wird es eine gesegnete Hand für sie sein, die den Schlag führt, der sie befreit. Dazu bin ich bereit; aber gibt es keinen unter uns, der ein besseres Recht hat? Wird es keine Freude sein, im Stillen der Nacht, wenn der Schlaf nicht kommt, daran zu denken: ‚Es war meine Hand, die sie zu den Sternen sandte; es war die Hand dessen, der sie am meisten liebte; die Hand, die sie von allen selbst gewählt hätte, wäre es ihr gegeben gewesen zu wählen‘? Sagt mir, ob es einen solchen unter uns gibt.“

Wir alle blickten auf Arthur. Er sah auch, was wir alle sahen, die unendliche Güte, die nahelegte, dass seine Hand diejenige sein sollte, die Lucy uns als eine heilige und nicht als eine unheilige Erinnerung zurückgeben würde; er trat vor und sagte mutig, obwohl seine Hand zitterte und sein Gesicht so blass wie Schnee war:

„Mein wahrer Freund, aus dem Grunde meines gebrochenen Herzens danke ich dir. Sag mir, was ich zu tun habe, und ich werde nicht wanken!“ Van Helsing legte eine Hand auf seine Schulter und sagte:

„Braver Junge! Ein Moment Mut, und es ist vollbracht. Dieser Pflock muss durch sie getrieben werden. Es wird eine furchtbare Prüfung – täusche dich nicht darin –, aber es wird nur eine kurze Zeit sein, und du wirst dich dann mehr freuen, als dein Schmerz groß war; aus diesem düsteren Grab wirst du hervorgehen, als würdest du auf Luft gehen. Aber du darfst nicht wanken, wenn du einmal begonnen hast. Denke nur daran, dass wir, deine wahren Freunde, um dich herum sind und dass wir die ganze Zeit für dich beten.“

„Fahr fort“, sagte Arthur heiser. „Sag mir, was ich zu tun habe.“

„Nimm diesen Pflock in deine linke Hand, bereit, die Spitze über das Herz zu setzen, und den Hammer in deine rechte. Dann, wenn wir unser Gebet für die Toten beginnen – ich werde es lesen, ich habe hier das Buch, und die anderen sollen folgen –, schlage in Gottes Namen zu, damit mit den Toten, die wir lieben, alles wohl sei und die Untoten vergehen.“

Arthur nahm den Pflock und den Hammer, und als sein Geist erst einmal auf das Handeln gerichtet war, zitterten oder bebten seine Hände nicht mehr. Van Helsing schlug sein Messbuch auf und begann zu lesen, und Quincey und ich folgten, so gut wir konnten. Arthur setzte die Spitze über das Herz, und als ich hinsah, konnte ich die Delle im weißen Fleisch erkennen. Dann schlug er mit all seiner Kraft zu.

Das Ding im Sarg wand sich; und ein scheußlicher, blutgerinnender Schrei kam aus den geöffneten roten Lippen. Der Körper bebte und zitterte und wand sich in wilden Zuckungen; die scharfen weißen Zähne knirschten zusammen, bis die Lippen zerschnitten waren und der Mund mit purpurnem Schaum verschmiert war. Aber Arthur wankte nicht. Er sah aus wie eine Gestalt des Thor, als sein unzitternder Arm sich hob und senkte und den gnadenbringenden Pflock immer tiefer hineintrieb, während das Blut aus dem durchbohrten Herzen um ihn herum hervorquoll und spritzte. Sein Gesicht war starr, und hohe Pflicht schien durch es hindurchzuleuchten; der Anblick gab uns Mut, sodass unsere Stimmen durch das kleine Gewölbe zu hallen schienen.

Und dann wurden das Winden und Beben des Körpers schwächer, und die Zähne hörten auf zu knirschen und das Gesicht aufzuzucken. Schließlich lag es still. Die schreckliche Aufgabe war vollbracht.

Der Hammer fiel aus Arthurs Hand. Er schwankte und wäre gefallen, hätten wir ihn nicht aufgefangen. Große Schweißtropfen traten auf seine Stirn, und sein Atem kam in abgehackten Stößen. Es war in der Tat eine schreckliche Belastung für ihn gewesen; und wäre er nicht durch mehr als menschliche Erwägungen zu seiner Aufgabe gezwungen worden, hätte er sie niemals durchstehen können. Einige Minuten lang waren wir so mit ihm beschäftigt, dass wir nicht zum Sarg schauten. Als wir es jedoch taten, lief ein Murmeln des überraschten Staunens von einem zum anderen. Wir starrten so begierig, dass Arthur aufstand, denn er hatte auf dem Boden gesessen, und ebenfalls hinsah; und dann brach ein frohes, seltsames Licht über sein Gesicht und vertrieb gänzlich die Dunkelheit des Entsetzens, die darauf gelegen hatte.

Dort im Sarg lag nicht länger das unreine Ding, das wir so gefürchtet und zu hassen gelernt hatten, dass das Werk ihrer Vernichtung als ein Privileg demjenigen überlassen wurde, der am meisten Anspruch darauf hatte, sondern Lucy, wie wir sie in ihrem Leben gesehen hatten, mit ihrem Gesicht von unvergleichlicher Lieblichkeit und Reinheit. Zwar waren dort, wie wir sie im Leben gesehen hatten, die Spuren von Sorge und Schmerz und Verfall; aber diese waren uns alle lieb, denn sie markierten ihre Treue zu dem, was wir kannten. Alle zusammen empfanden wir, dass die heilige Ruhe, die wie Sonnenschein über dem verzehrten Gesicht und Körper lag, nur ein irdisches Zeichen und Symbol der Ruhe war, die für immer herrschen sollte.

Van Helsing kam und legte seine Hand auf Arthurs Schulter und sagte zu ihm:

„Und nun, Arthur, mein Freund, lieber Junge, ist mir nicht vergeben?“

Die Reaktion auf die schreckliche Anspannung kam, als er die Hand des alten Mannes in seine nahm, sie an seine Lippen führte, sie drückte und sagte:

„Vergeben! Gott segne Sie, dass Sie meiner Lieben ihre Seele wiedergegeben haben und mir den Frieden.“ Er legte seine Hände auf die Schulter des Professors, legte den Kopf an dessen Brust und weinte eine Weile still, während wir unbewegt dastanden. Als er den Kopf hob, sagte Van Helsing zu ihm:

„Und nun, mein Kind, darfst du sie küssen. Küsse ihre toten Lippen, wenn du willst, so wie sie es von dir verlangte, wenn sie es wählen könnte. Denn sie ist nun kein grinsender Teufel mehr – nicht länger ein abscheuliches Ding für alle Ewigkeit. Sie ist nicht mehr die Untote des Teufels. Sie ist Gottes wahre Tote, deren Seele bei Ihm ist!“

Arthur beugte sich vor und küsste sie, und dann schickten wir ihn und Quincey aus der Gruft; der Professor und ich sägten das obere Ende des Pfahls ab und ließen die Spitze im Körper stecken. Dann schnitten wir den Kopf ab und füllten den Mund mit Knoblauch. Wir verlöteten den Bleisarg, schraubten den Sargdeckel fest und, unsere Habseligkeiten zusammenpackend, gingen wir fort. Als der Professor die Tür abschloss, gab er Arthur den Schlüssel.

Draußen war die Luft süß, die Sonne schien, und die Vögel sangen, und es schien, als sei die ganze Natur auf eine andere Stimmung eingestimmt. Überall herrschte Freude, Heiterkeit und Frieden, denn wir selbst waren in einer Hinsicht zur Ruhe gekommen, und wir waren froh, wenn auch mit einer gedämpften Freude.

Bevor wir uns entfernten, sagte Van Helsing:

„Nun, meine Freunde, ein Schritt unserer Arbeit ist getan, der für uns selbst der erschütterndste war. Aber es bleibt eine größere Aufgabe: den Urheber all dieses unseres Leids ausfindig zu machen und ihn auszurotten. Ich habe Anhaltspunkte, denen wir folgen können; aber es ist eine lange und schwierige Aufgabe, und es liegt Gefahr und Schmerz darin. Wollt ihr mir nicht alle helfen? Wir haben gelernt zu glauben, wir alle – ist es nicht so? Und da dies so ist, sehen wir nicht unsere Pflicht? Ja! Und geloben wir nicht, bis zum bitteren Ende weiterzumachen?“

Einer nach dem anderen nahmen wir seine Hand, und das Versprechen wurde gegeben. Dann sagte der Professor, als wir weggingen:

„In zwei Nächten sollt ihr euch mit mir treffen und um sieben Uhr zusammen mit Freund John speisen. Ich werde zwei weitere bitten, zwei, die ihr noch nicht kennt; und ich werde bereit sein, all unsere Arbeit darzulegen und unsere Pläne zu entfalten. Freund John, du kommst mit mir nach Hause, denn ich habe viel zu beraten, und du kannst mir helfen. Heute Nacht reise ich nach Amsterdam ab, kehre aber morgen Abend zurück. Und dann beginnt unsere große Suche. Aber zuerst werde ich viel zu sagen haben, damit ihr wisst, was zu tun und zu fürchten ist. Dann soll unser Versprechen einander aufs Neue gegeben werden; denn es liegt eine schreckliche Aufgabe vor uns, und wenn unsere Füße erst einmal am Pflug stehen, dürfen wir nicht zurückweichen.“

KAPITEL XVII.

/Dr. Sewards Tagebuch/ – Fortsetzung.

Als wir im Berkeley Hotel ankamen, fand Van Helsing ein Telegramm vor, das auf ihn wartete:

„Komme mit dem Zug. Jonathan in Whitby. Wichtige Neuigkeiten. – /Mina Harker./“

Der Professor war entzückt. „Ah, diese wundervolle Madam Mina“, sagte er, „eine Perle unter den Frauen! Sie kommt an, aber ich kann nicht bleiben. Sie muss in Ihr Haus gehen, Freund John. Sie müssen sie am Bahnhof abholen. Telegrafieren Sie ihr unterwegs, damit sie vorbereitet ist.“

Als das Telegramm abgeschickt war, trank er eine Tasse Tee; dabei erzählte er mir von einem Tagebuch, das Jonathan Harker während seines Aufenthalts im Ausland geführt hatte, und gab mir eine maschinengeschriebene Kopie davon, ebenso wie von Frau Harkers Tagebuch in Whitby. „Nehmen Sie diese“, sagte er, „und studieren Sie sie gut. Wenn ich zurückgekehrt bin, werden Sie alle Fakten beherrschen, und wir können dann besser in unsere Untersuchung eintreten. Bewahren Sie sie sicher auf, denn in ihnen steckt ein großer Schatz. Sie werden all Ihren Glauben brauchen, selbst Sie, die Sie eine solche Erfahrung wie die von heute gemacht haben.“ Was hier erzählt wird“, er legte beim Sprechen schwer und ernst seine Hand auf das Päckchen mit den Papieren, „kann der Anfang vom Ende für Sie und mich und viele andere sein; oder es könnte das Totengeläut der Untoten sein, die auf Erden wandeln. Lesen Sie alles, ich bitte Sie, mit offenem Geist; und wenn Sie in irgendeiner Weise zu der hier erzählten Geschichte beitragen können, tun Sie es, denn es ist alles von größter Wichtigkeit. Sie haben Tagebuch über all diese so seltsamen Dinge geführt; ist es nicht so? Ja! Dann werden wir all dies zusammen durchgehen, wenn wir uns treffen.“ Er machte sich dann für seine Abreise bereit und fuhr kurz darauf zum Liverpool Street Bahnhof. Ich machte mich auf den Weg nach Paddington, wo ich etwa fünfzehn Minuten vor Einfahrt des Zuges ankam.

Die Menge löste sich nach der geschäftigen Art auf, die für Ankunftsbahnsteige üblich ist; und ich begann mich unwohl zu fühlen, aus Furcht, ich könnte meinen Gast verpassen, als ein süß aussehendes, zierliches Mädchen auf mich zuging und nach einem kurzen Blick sagte: „Dr. Seward, nicht wahr?“

„Und Sie sind Frau Harker!“, antwortete ich sofort; woraufhin sie mir ihre Hand entgegenstreckte.

„Ich erkannte Sie an der Beschreibung der armen, lieben Lucy; aber ...“ Sie hielt plötzlich inne, und ein schnelles Erröten überzog ihr Gesicht.

Das Erröten, das mir selbst die Wangen hinaufstieg, beruhigte uns beide irgendwie, denn es war eine stillschweigende Antwort auf das ihre. Ich holte ihr Gepäck, zu dem eine Schreibmaschine gehörte, und wir nahmen die Untergrundbahn nach Fenchurch Street, nachdem ich meiner Haushälterin ein Telegramm geschickt hatte, sie solle sofort ein Wohn- und Schlafzimmer für Frau Harker vorbereiten.

Zur rechten Zeit kamen wir an. Sie wusste natürlich, dass es sich um eine Irrenanstalt handelte, aber ich konnte sehen, dass sie ein leichtes Schaudern nicht unterdrücken konnte, als wir eintraten.

Sie sagte mir, wenn sie dürfte, würde sie bald in mein Arbeitszimmer kommen, da sie viel zu sagen habe. So bin ich nun hier und beende meinen Eintrag in mein Phonographen-Tagebuch, während ich auf sie warte. Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit, die Papiere anzusehen, die Van Helsing mir hinterlassen hat, obwohl sie offen vor mir liegen. Ich muss sie für irgendetwas interessieren, damit ich Gelegenheit habe, sie zu lesen. Sie weiß nicht, wie kostbar die Zeit ist oder welche Aufgabe wir vor uns haben. Ich muss vorsichtig sein, sie nicht zu erschrecken. Hier ist sie!

/Mina Harkers Journal./

29. September. – Nachdem ich mich frisch gemacht hatte, ging ich in Dr. Sewards Arbeitszimmer. An der Tür hielt ich einen Moment inne, denn ich glaubte, ihn mit jemandem sprechen zu hören. Da er mich jedoch gedrängt hatte, mich zu beeilen, klopfte ich an die Tür, und auf seinen Ruf „Herein!“ trat ich ein.

Zu meiner großen Überraschung war niemand bei ihm. Er war ganz allein, und auf dem Tisch ihm gegenüber stand das, was ich aufgrund der Beschreibung sofort als Phonograph erkannte. Ich hatte noch nie einen gesehen und war sehr interessiert.

„Ich hoffe, ich habe Sie nicht warten lassen“, sagte ich; „aber ich blieb an der Tür stehen, da ich Sie sprechen hörte und dachte, es sei jemand bei Ihnen.“

„Oh“, antwortete er mit einem Lächeln, „ich habe nur mein Tagebuch gesprochen.“

„Ihr Tagebuch?“, fragte ich ihn überrascht.

„Ja“, antwortete er. „Ich führe es darin.“ Während er sprach, legte er seine Hand auf den Phonographen. Ich war ganz aufgeregt deswegen und platzte heraus:

„Warum, das übertrifft sogar die Stenografie! Darf ich es etwas sagen hören?“

„Natürlich“, antwortete er bereitwillig und stand auf, um es zum Sprechen vorzubereiten. Dann hielt er inne, und ein besorgter Blick überzog sein Gesicht.

„Die Sache ist die“, begann er unbeholfen, „ich führe nur mein Tagebuch darin; und da es vollständig – fast vollständig – von meinen Fällen handelt, könnte es unangenehm sein – das heißt, ich meine ...“ Er hielt inne, und ich versuchte, ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen:

„Sie haben geholfen, die liebe Lucy am Ende zu betreuen. Lassen Sie mich hören, wie sie starb; denn alles, was ich über sie erfahren kann, werde ich sehr dankbar sein. Sie war mir sehr, sehr lieb.“

Zu meiner Überraschung antwortete er mit einem entsetzten Blick im Gesicht:

„Ihnen von ihrem Tod erzählen? Nicht um alles in der Welt!“

„Warum nicht?“, fragte ich, denn ein ernstes, schreckliches Gefühl beschlich mich. Wieder hielt er inne, und ich konnte sehen, dass er versuchte, eine Ausrede zu erfinden. Schließlich stammelte er:

„Sehen Sie, ich weiß nicht, wie ich irgendeinen bestimmten Teil des Tagebuchs heraussuchen soll.“ Noch während er sprach, dämmerte ihm eine Idee, und er sagte mit unbewusster Einfachheit, mit einer anderen Stimme und der Naivität eines Kindes: „Das ist wahr, bei meiner Ehre. Indianerehrenwort!“ Ich konnte nicht anders als lächeln, woraufhin er eine Grimasse schnitt. „Da habe ich mich verraten!“, sagte er. „Aber wissen Sie, obwohl ich das Tagebuch seit Monaten führe, ist mir nie in den Sinn gekommen, wie ich irgendeinen bestimmten Teil finden sollte, falls ich ihn nachschlagen wollte?“ In diesem Moment war mein Entschluss gefasst, dass das Tagebuch eines Arztes, der Lucy betreute, etwas zur Summe unseres Wissens über dieses schreckliche Wesen beitragen könnte, und ich sagte mutig:

„Dann, Dr. Seward, sollten Sie mich es für Sie auf meiner Schreibmaschine abschreiben lassen.“ Er wurde von einer geradezu totenblassen Farbe, als er sagte:

„Nein! Nein! Nein! Um alles in der Welt würde ich Sie diese schreckliche Geschichte nicht wissen lassen!“

Es war also schrecklich; meine Intuition war richtig! Einen Moment lang dachte ich nach, und als meine Augen den Raum durchstreiften, unbewusst nach etwas oder einer Gelegenheit suchend, die mir helfen könnte, fielen sie auf den großen Stapel Maschinenschrift auf dem Tisch. Seine Augen fingen den Blick in meinen ein und folgten, ohne dass er es beabsichtigte, ihrer Richtung. Als sie das Paket sahen, begriff er, was ich meinte.

„Sie kennen mich nicht“, sagte ich. „Wenn Sie diese Papiere gelesen haben – mein eigenes Tagebuch und das meines Mannes, das ich ebenfalls abgetippt habe –, werden Sie mich besser kennen. Ich habe nicht gezögert, jeden Gedanken meines eigenen Herzens in diese Sache einzubringen; aber natürlich kennen Sie mich noch nicht; und ich darf nicht erwarten, dass Sie mir so weit vertrauen.“

Er ist sicherlich ein Mann von edler Natur; die arme, liebe Lucy hatte recht mit ihm. Er stand auf und öffnete eine große Schublade, in der eine Anzahl hohler Metallzylinder, die mit dunklem Wachs überzogen waren, ordentlich angeordnet waren, und sagte:

„Sie haben völlig recht. Ich habe Ihnen nicht vertraut, weil ich Sie nicht kannte. Aber jetzt kenne ich Sie; und lassen Sie mich sagen, dass ich Sie schon lange hätte kennen sollen. Ich weiß, dass Lucy Ihnen von mir erzählt hat; sie hat mir auch von Ihnen erzählt. Darf ich die einzige Wiedergutmachung leisten, die in meiner Macht steht? Nehmen Sie die Zylinder und hören Sie sie sich an – das erste halbe Dutzend betrifft mich persönlich, und sie werden Sie nicht entsetzen; dann werden Sie mich besser kennen. Das Abendessen wird bis dahin fertig sein. In der Zwischenzeit werde ich einige dieser Dokumente durchlesen und werde dann besser in der Lage sein, bestimmte Dinge zu verstehen.“ Er trug den Phonographen selbst in mein Wohnzimmer und stellte ihn für mich ein. Jetzt werde ich sicher etwas Angenehmes erfahren; denn es wird mir die andere Seite einer wahren Liebesepisode erzählen, von der ich die eine Seite bereits kenne ...

Dr. Sewards Tagebuch.

29. September. – Ich war so vertieft in dieses wundervolle Tagebuch von Jonathan Harker und das andere seiner Frau, dass ich die Zeit verstreichen ließ, ohne nachzudenken. Frau Harker war nicht unten, als das Dienstmädchen das Abendessen ankündigte, also sagte ich: „Sie ist möglicherweise müde; lassen Sie das Abendessen eine Stunde warten“, und ich arbeitete weiter. Ich war gerade mit Frau Harkers Tagebuch fertig, als sie hereinkam. Sie sah süß und hübsch aus, aber sehr traurig, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Das bewegte mich irgendwie sehr. In letzter Zeit hatte ich Grund zu Tränen, Gott weiß es! Aber die Erleichterung durch sie wurde mir verwehrt; und nun ging der Anblick dieser süßen Augen, aufgehellt durch kürzliche Tränen, direkt in mein Herz. Also sagte ich so sanft wie möglich:

„Ich fürchte sehr, ich habe Sie bedrückt.“

„Oh nein, nicht bedrückt“, antwortete sie, „aber ich war mehr berührt, als ich sagen kann, von Ihrem Kummer. Das ist eine wunderbare Maschine, aber sie ist grausam wahr. Sie erzählte mir in ihren eigenen Tönen die Qual Ihres Herzens. Es war, als würde eine Seele zu Gott dem Allmächtigen schreien. Niemand darf sie jemals wieder gesprochen hören! Sehen Sie, ich habe versucht, nützlich zu sein. Ich habe die Worte auf meiner Schreibmaschine abgeschrieben, und niemand anderes muss nun mehr Ihren Herzschlag hören, wie ich es tat.“

„Niemand muss jemals wissen, wird jemals wissen“, sagte ich leise. Sie legte ihre Hand auf meine und sagte sehr ernst:

„Ach, aber sie müssen!“

„Müssen! Aber warum?“, fragte ich.

„Weil es ein Teil der schrecklichen Geschichte ist, ein Teil vom Tod der armen, lieben Lucy und allem, was dazu führte; weil wir in dem Kampf, den wir vor uns haben, um die Erde von diesem schrecklichen Monster zu befreien, alles Wissen und jede Hilfe brauchen, die wir bekommen können. Ich glaube, dass die Zylinder, die Sie mir gaben, mehr enthielten, als Sie mich wissen lassen wollten; aber ich kann sehen, dass es in Ihren Aufzeichnungen viele Lichter für dieses dunkle Geheimnis gibt. Sie lassen mich doch helfen, nicht wahr? Ich weiß alles bis zu einem gewissen Punkt, und ich sehe schon, obwohl Ihr Tagebuch mich nur bis zum 7. September führte, wie die arme Lucy bedrängt wurde und wie ihr schreckliches Schicksal vollzogen wurde. Jonathan und ich arbeiten Tag und Nacht, seit Professor Van Helsing uns sah. Er ist nach Whitby gegangen, um mehr Informationen zu erhalten, und er wird morgen hier sein, um uns zu helfen. Wir müssen keine Geheimnisse unter uns haben; wenn wir zusammenarbeiten und uns absolut vertrauen, können wir sicher stärker sein, als wenn einige von uns im Dunkeln tappen.“ Sie sah mich so flehend an und bewies gleichzeitig so viel Mut und Entschlossenheit in ihrem Auftreten, dass ich ihren Wünschen sofort nachgab. „Sie sollen“, sagte ich, „tun, was Sie wollen in dieser Angelegenheit. Gott vergebe mir, wenn ich Unrecht tue! Es gibt noch schreckliche Dinge zu erfahren; aber wenn Sie so weit auf dem Weg zu Lucy Tod gereist sind, werden Sie sich nicht damit zufriedengeben, im Dunkeln zu bleiben, das weiß ich. Nein, das Ende – das allerletzte Ende – mag Ihnen einen Schimmer von Frieden geben. Kommen Sie, es gibt Abendessen. Wir müssen einander stark halten für das, was vor uns liegt; wir haben eine grausame und schreckliche Aufgabe. Wenn Sie gegessen haben, werden Sie den Rest erfahren, und ich werde alle Fragen beantworten, die Sie stellen – falls es irgendetwas gibt, das Sie nicht verstehen, obwohl es für uns, die wir dabei waren, offensichtlich war.“

/Mina Harkers Journal./

29. September. – Nach dem Abendessen kam ich mit Dr. Seward in sein Arbeitszimmer. Er brachte den Phonographen aus meinem Zimmer zurück, und ich nahm meine Schreibmaschine. Er platzierte mich in einen bequemen Sessel, stellte den Phonographen so ein, dass ich ihn berühren konnte, ohne aufzustehen, und zeigte mir, wie ich ihn anhalten konnte, falls ich pausieren wollte. Dann setzte er sich sehr rücksichtsvoll auf einen Stuhl, mit dem Rücken zu mir, damit ich so frei wie möglich sein konnte, und begann zu lesen. Ich legte mir die Gabel aus Metall an die Ohren und hörte zu.

Als die schreckliche Geschichte von Lucys Tod und – und allem, was darauf folgte, zu Ende war, sank ich kraftlos in meinen Sessel zurück. Glücklicherweise neige ich nicht zum Ohnmächtigwerden. Als Dr. Seward mich sah, sprang er mit einem entsetzten Ausruf auf, nahm hastig eine Flasche aus einem Schrank und gab mir etwas Brandy, der mich in wenigen Minuten ein wenig wiederherstellte. Mein Gehirn wirbelte nur so, und hätte nicht inmitten der Vielzahl von Schrecken der heilige Lichtstrahl durchgeschienen, dass meine liebe, liebe Lucy endlich in Frieden war, glaube ich nicht, dass ich es ohne eine Szene hätte ertragen können. Es ist alles so wild, mysteriös und seltsam, dass ich es nicht geglaubt hätte, hätte ich nicht Jonathans Erfahrung in Transsilvanien gekannt. So wie es war, wusste ich nicht, was ich glauben sollte, und kam aus meiner Schwierigkeit heraus, indem ich mich um etwas anderes kümmerte. Ich nahm die Abdeckung von meiner Schreibmaschine und sagte zu Dr. Seward:

„Lassen Sie mich das alles jetzt aufschreiben. Wir müssen bereit sein für Dr. Van Helsing, wenn er kommt. Ich habe ein Telegramm an Jonathan geschickt, er solle hierherkommen, wenn er aus Whitby in London eintrifft. In dieser Angelegenheit sind Daten alles, und ich denke, wenn wir unser gesamtes Material bereitlegen und jeden Punkt in chronologischer Reihenfolge bringen, werden wir viel erreicht haben. Sie sagen mir, dass Lord Godalming und Herr Morris auch kommen. Lassen Sie uns in der Lage sein, es ihnen zu sagen, wenn sie kommen.“ Er stellte daraufhin den Phonographen auf ein langsames Tempo, und ich begann, vom Anfang des siebten Zylinders an zu tippen. Ich verwendete Durchschlagpapier und machte so drei Kopien des Tagebuchs, genau wie ich es mit dem Rest getan hatte. Es war spät, als ich fertig war, aber Dr. Seward ging seiner Arbeit nach, seine Patienten zu besuchen; als er fertig war, kam er zurück und setzte sich in meine Nähe, lesend, damit ich mich nicht zu einsam fühlte, während ich arbeitete. Wie gut und rücksichtsvoll er ist; die Welt scheint voll von guten Männern zu sein – auch wenn es Monster in ihr gibt. Bevor ich ihn verließ, erinnerte ich mich daran, was Jonathan in seinem Tagebuch über die Bestürzung des Professors beim Lesen von etwas in einer Abendzeitung am Bahnhof in Exeter notiert hatte; also, da ich sah, dass Dr. Seward seine Zeitungen aufbewahrt, lieh ich mir die Jahrgänge der „Westminster Gazette“ und der „Pall Mall Gazette“ und nahm sie mit auf mein Zimmer. Ich erinnere mich, wie sehr uns „The Dailygraph“ und „The Whitby Gazette“, von denen ich Ausschnitte gemacht hatte, halfen, die schrecklichen Ereignisse in Whitby zu verstehen, als Graf Dracula landete, also werde ich die Abendzeitungen seitdem durchsehen, und vielleicht werde ich etwas neues Licht gewinnen. Ich bin nicht schläfrig, und die Arbeit wird mir helfen, ruhig zu bleiben.

Dr. Sewards Tagebuch.

30. September. – Herr Harker kam um neun Uhr an. Er hatte das Telegramm seiner Frau kurz vor der Abreise erhalten. Er ist ungewöhnlich klug, wenn man nach seinem Gesicht gehen kann, und voller Energie. Wenn sein Journal wahr ist – und wenn man nach den eigenen wundervollen Erfahrungen urteilt, muss es das sein –, ist er auch ein Mann von großem Mut. Dieses zweite Mal in die Gruft hinunterzugehen, war ein bemerkenswertes Stück Wagemut. Nachdem ich seinen Bericht darüber gelesen hatte, war ich darauf vorbereitet, ein gutes Exemplar von einem Mann zu treffen, aber kaum den ruhigen, geschäftsmäßigen Gentleman, der heute hierher kam.

Später. – Nach dem Mittagessen gingen Harker und seine Frau zurück in ihr Zimmer, und als ich vor einer Weile vorbeiging, hörte ich das Klicken der Schreibmaschine. Sie arbeiten hart daran. Frau Harker sagt, dass sie jedes noch so kleine Beweisstück in chronologischer Reihenfolge zusammenfügen. Harker hat die Briefe zwischen dem Empfänger der Kisten in Whitby und den Spediteuren in London, die sie in Empfang nahmen, gefunden. Er liest jetzt das Typoskript seiner Frau von meinem Tagebuch. Ich frage mich, was sie daraus machen. Hier ist er ...

Seltsam, dass es mir nie in den Sinn kam, dass das nächste Haus das Versteck des Grafen sein könnte! Gott weiß, dass wir genug Anhaltspunkte durch das Verhalten des Patienten Renfield hatten! Das Bündel Briefe bezüglich des Kaufs des Hauses lag beim Typoskript. Oh, hätten wir sie doch nur früher gehabt, wir hätten die arme Lucy retten können! Stopp; dort liegt der Wahnsinn! Harker ist zurückgegangen und sortiert wieder sein Material. Er sagt, dass sie bis zum Abendessen eine ganze zusammenhängende Erzählung vorlegen können. Er meint, ich sollte in der Zwischenzeit Renfield sehen, da er bisher eine Art Index für das Kommen und Gehen des Grafen war. Ich sehe das noch kaum, aber wenn ich die Daten habe, werde ich es wohl. Was für eine gute Sache, dass Frau Harker meine Zylinder abgetippt hat! Wir hätten die Daten sonst niemals finden können ...

Ich fand Renfield friedlich in seinem Zimmer sitzend vor, die Hände gefaltet, das Gesicht in ein gütiges Lächeln gekleidet. In diesem Augenblick schien er so geistig gesund wie jeder andere, den ich je gesehen habe. Ich setzte mich und unterhielt mich mit ihm über eine Vielzahl von Themen, die er allesamt ganz natürlich behandelte. Dann sprach er von sich aus davon, nach Hause zu gehen – ein Thema, das er meines Wissens während seines hiesigen Aufenthalts niemals erwähnt hat. Tatsächlich sprach er recht zuversichtlich davon, sofort entlassen zu werden. Ich glaube, hätte ich nicht das Gespräch mit Harker geführt und die Briefe sowie die Daten seiner Ausbrüche gelesen, wäre ich nach einer kurzen Beobachtungszeit bereit gewesen, seine Entlassung zu unterzeichnen. So aber bin ich zutiefst misstrauisch. All diese Ausbrüche waren auf irgendeine Weise mit der Nähe des Grafen verknüpft. Was also bedeutet diese absolute Zufriedenheit? Kann es sein, dass sein Instinkt hinsichtlich des endgültigen Triumphs des Vampirs befriedigt ist? Halt; er selbst ist zoophag, und bei seinen wilden Rasereien vor der Kapellentür des verlassenen Hauses sprach er immer von einem „Meister“. Das alles scheint unsere Vermutung zu bestätigen. Wie dem auch sei, nach einer Weile ging ich; mein Freund ist im Augenblick ein wenig zu gesund, als dass es sicher wäre, ihn mit Fragen allzu tief zu durchleuchten. Er könnte anfangen nachzudenken, und dann –! Also ging ich. Ich traue diesen ruhigen Momenten nicht; daher habe ich dem Pfleger einen Wink gegeben, ihn genau im Auge zu behalten und für den Notfall eine Zwangsjacke bereitzuhalten.

Jonathan Harkers Tagebuch.

29. September, im Zug nach London. – Als ich Herrn Billingtons zuvorkommende Nachricht erhielt, er werde mir jede in seiner Macht stehende Auskunft erteilen, hielt ich es für das Beste, nach Whitby zu fahren und vor Ort die Nachforschungen anzustellen, die ich wünschte. Mein Ziel war es nun, jene entsetzliche Fracht des Grafen bis zu ihrem Zielort in London zurückzuverfolgen. Später werden wir vielleicht in der Lage sein, uns ihrer anzunehmen. Billington Junior, ein netter junger Mann, traf mich am Bahnhof und brachte mich zum Haus seines Vaters, wo man beschlossen hatte, dass ich die Nacht über bleiben müsse. Sie sind gastfreundlich, mit wahrer Yorkshire-Gastfreundschaft: Sie geben einem Gast alles und lassen ihn frei, zu tun, was er will. Sie wussten alle, dass ich beschäftigt war und mein Aufenthalt nur kurz sein würde, und Herr Billington hatte in seinem Büro alle Papiere bezüglich der Warenlieferung der Kisten bereitgelegt. Es versetzte mich beinahe in einen Schock, wieder einen der Briefe zu sehen, die ich auf dem Tisch des Grafen gesehen hatte, bevor ich von seinen diabolischen Plänen wusste. Alles war sorgfältig durchdacht und systematisch sowie präzise ausgeführt worden. Er schien auf jedes Hindernis vorbereitet gewesen zu sein, das sich zufällig seinen Absichten in den Weg hätte stellen können. Um es mit einem amerikanischen Ausdruck zu sagen, er hatte „nichts dem Zufall überlassen“, und die absolute Genauigkeit, mit der seine Anweisungen erfüllt wurden, war lediglich das logische Ergebnis seiner Sorgfalt. Ich sah den Frachtbrief und notierte ihn mir: „Fünfzig Kisten mit gewöhnlicher Erde, zu Versuchszwecken zu verwenden.“ Auch die Kopie des Briefes an Carter Paterson und deren Antwort; von beiden erhielt ich Abschriften. Das war alle Information, die mir Herr Billington geben konnte, also ging ich zum Hafen und sprach mit den Küstenwachen, den Zollbeamten und dem Hafenmeister. Sie alle hatten etwas über die seltsame Ankunft des Schiffes zu sagen, die bereits Eingang in die lokale Überlieferung gefunden hat; doch niemand konnte der einfachen Beschreibung etwas hinzufügen: „Fünfzig Kisten mit gewöhnlicher Erde.“ Ich sprach dann mit dem Bahnhofsvorsteher, der mich freundlicherweise mit den Männern in Verbindung brachte, die die Kisten tatsächlich in Empfang genommen hatten. Ihre Zählung stimmte exakt mit der Liste überein, und sie hatten nichts hinzuzufügen, außer dass die Kisten „verdammt und verflucht schwer“ seien und dass das Umladen eine trockene Arbeit sei. Einer von ihnen fügte hinzu, es sei hart, dass kein Herr „so wie Ihr, Euer Ehren“, da sei, um ihre Mühen in flüssiger Form zu würdigen; ein anderer schob nach, der Durst, der dabei entstanden sei, sei so groß gewesen, dass selbst die verstrichene Zeit ihn nicht vollständig gelöscht habe. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ich vor meiner Abreise dafür Sorge trug, diese Quelle des Vorwurfs für immer und angemessen zu beseitigen.

30. September. – Der Bahnhofsvorsteher war so gut, mir ein Empfehlungsschreiben für seinen alten Kollegen, den Bahnhofsvorsteher in King’s Cross, mitzugeben, sodass ich ihn bei meiner Ankunft am Morgen nach der Ankunft der Kisten fragen konnte. Auch er brachte mich sofort mit den zuständigen Beamten in Verbindung, und ich sah, dass ihre Zählung mit dem ursprünglichen Frachtbrief übereinstimmte. Die Möglichkeiten, sich einen abnormalen Durst zuzulegen, waren hier begrenzt gewesen; ein edler Gebrauch war jedoch von ihnen gemacht worden, und wieder war ich gezwungen, mich mit dem Ergebnis nachträglich zu befassen.

Von dort aus ging ich zur Zentrale von Carter Paterson, wo ich auf äußerste Höflichkeit stieß. Sie suchten den Vorgang in ihrem Tage- und Briefbuch nach und telefonierten sofort mit ihrer Dienststelle in King’s Cross, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Glücklicherweise warteten die Männer, die den Transport durchgeführt hatten, gerade auf Arbeit, und der Beamte schickte sie sofort zu mir herüber; einer von ihnen brachte auch den Frachtbrief und alle Papiere mit, die mit der Auslieferung der Kisten nach Carfax zusammenhingen. Hier fand ich erneut, dass die Zählung exakt übereinstimmte; die Speditionsleute konnten die Kargheit der schriftlichen Worte mit ein paar Details ergänzen. Diese waren, wie ich schnell herausfand, fast ausschließlich mit der staubigen Natur der Arbeit und dem daraus resultierenden Durst der Beteiligten verbunden. Als ich ihnen durch das Medium der Landeswährung die Gelegenheit bot, dieses wohltuende Übel zu einem späteren Zeitpunkt zu löschen, bemerkte einer der Männer:

„Dieses Haus, Herr, ist das sonderbarste, in dem ich je war. Donnerwetter! Da ist seit hundert Jahren nichts mehr angerührt worden. Da war der Staub so dick, dass man hätte darauf schlafen können, ohne sich die Knochen zu verletzen; und der Ort war so vernachlässigt, dass man das alte Jerusalem darin hätte riechen können. Aber die alte Kapelle – die schlug dem Fass den Boden aus, wirklich! Mein Kumpel und ich, wir dachten, wir kämen nie schnell genug da raus. Herrgott, ich würde nicht weniger als ein Pfund pro Minute nehmen, um da nach Einbruch der Dunkelheit zu bleiben.“

Da ich in dem Haus gewesen war, konnte ich ihm das gut glauben; aber wüsste er, was ich weiß, hätte er seine Forderungen wohl höher angesetzt.

Von einer Sache bin ich nun überzeugt: dass alle Kisten, die von Varna auf der Demeter in Whitby ankamen, sicher in der alten Kapelle von Carfax deponiert wurden. Es sollten fünfzig Stück dort sein, es sei denn, einige sind inzwischen entfernt worden – was ich aus Dr. Sewards Tagebuch befürchte.

Ich werde versuchen, den Fuhrmann zu finden, der die Kisten aus Carfax abholte, als Renfield sie angriff. Indem wir dieser Spur folgen, können wir vielleicht eine Menge erfahren.

Später. – Mina und ich haben den ganzen Tag gearbeitet, und wir haben alle Papiere in Ordnung gebracht.

Mina Harkers Tagebuch.

30. September. – Ich bin so froh, dass ich kaum weiß, wie ich mich beherrschen soll. Es ist wohl die Reaktion auf die quälende Angst, die ich hatte: dass diese schreckliche Angelegenheit und das Wiederaufreißen seiner alten Wunde sich nachteilig auf Jonathan auswirken könnten. Ich sah ihn nach Whitby aufbrechen, mit so tapferem Gesicht wie möglich, aber ich war krank vor Sorge. Die Anstrengung hat ihm jedoch gutgetan. Er war noch nie so entschlossen, noch nie so stark, noch nie so voll vulkanischer Energie wie jetzt. Es ist genau so, wie dieser liebe, gute Professor Van Helsing sagte: Er ist von echtem Schrot und Korn, und er blüht unter Belastungen auf, die ein schwächeres Wesen vernichten würden. Er kam voller Leben, Hoffnung und Entschlossenheit zurück; wir haben alles für heute Abend bereit. Ich fühle mich ganz wild vor Aufregung. Ich nehme an, man sollte jedes Wesen bemitleiden, das so gejagt wird wie der Graf. Genau das ist es: Dieses Ding ist nicht menschlich – nicht einmal tierisch. Dr. Sewards Bericht über den Tod der armen Lucy und das, was darauf folgte, zu lesen, reicht aus, um die Quellen des Mitleids im eigenen Herzen vertrocknen zu lassen.

Später. – Lord Godalming und Herr Morris trafen früher ein, als wir erwartet hatten. Dr. Seward war in geschäftlichen Dingen unterwegs und hatte Jonathan mitgenommen, also musste ich sie empfangen. Es war für mich ein schmerzliches Zusammentreffen, denn es brachte all die Hoffnungen der armen, lieben Lucy von vor nur wenigen Monaten zurück. Natürlich hatten sie von Lucy von mir gehört, und es schien, als habe auch Dr. Van Helsing „sehr die Werbetrommel für mich gerührt“, wie Herr Morris es ausdrückte. Die armen Kerle, keiner von ihnen ahnt, dass ich von all den Anträgen weiß, die sie Lucy gemacht haben. Sie wussten nicht recht, was sie sagen oder tun sollten, da sie nicht wussten, wie viel ich wusste; also mussten sie sich an neutrale Themen halten. Ich überdachte die Sache jedoch und kam zu dem Schluss, dass das Beste, was ich tun konnte, wäre, sie über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. Ich wusste aus Dr. Sewards Tagebuch, dass sie bei Lucys Tod – ihrem wirklichen Tod – dabei waren und dass ich keine Angst haben musste, irgendein Geheimnis vorzeitig zu verraten. Also erzählte ich ihnen so gut ich konnte, dass ich alle Papiere und Tagebücher gelesen hatte und dass mein Mann und ich sie, nachdem wir sie mit der Schreibmaschine abgetippt hatten, gerade fertig in Ordnung gebracht hätten. Ich gab jedem von ihnen eine Kopie zum Lesen in der Bibliothek. Als Lord Godalming seine erhielt und sie durchblätterte – es ist ein ziemlicher Stapel geworden –, sagte er:

„Haben Sie das alles geschrieben, Frau Harker?“

Ich nickte, und er fuhr fort:

„Ich sehe nicht ganz, worauf es hinausläuft; aber Sie Leute sind alle so gut und freundlich und haben so ernsthaft und energisch gearbeitet, dass ich nur Ihre Ansichten blind akzeptieren und versuchen kann, Ihnen zu helfen. Ich habe bereits eine Lektion darin erhalten, Fakten zu akzeptieren, die einen Mann bis zur letzten Stunde seines Lebens demütig machen sollten. Außerdem weiß ich, dass Sie meine arme Lucy liebten ...“ Hier wandte er sich ab und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Ich konnte die Tränen in seiner Stimme hören. Herr Morris legte mit instinktivem Taktgefühl für einen Moment eine Hand auf seine Schulter und verließ dann leise den Raum. Ich nehme an, es liegt etwas in der Natur der Frau, das es einem Mann ermöglicht, vor ihr zusammenzubrechen und seine Gefühle von der sanften oder emotionalen Seite auszudrücken, ohne dass er dies als Minderung seiner Männlichkeit empfindet; denn als Lord Godalming sich allein mit mir befand, setzte er sich auf das Sofa und ließ seinen Gefühlen völlig und offen freien Lauf. Ich setzte mich neben ihn und nahm seine Hand. Ich hoffe, er hielt mich nicht für vorlaut, und falls er später jemals daran denkt, wird er hoffentlich nie einen solchen Gedanken haben. Da tue ich ihm Unrecht; ich weiß, er wird es nie – er ist ein zu wahrer Gentleman. Ich sagte zu ihm, denn ich konnte sehen, dass sein Herz brach:

„Ich liebte die liebe Lucy, und ich weiß, was sie für Sie war und was Sie für sie waren. Sie und ich waren wie Schwestern; und nun ist sie fort, wollen Sie mich in Ihrem Kummer nicht wie eine Schwester sein lassen? Ich weiß, welche Sorgen Sie hatten, auch wenn ich deren Tiefe nicht ermessen kann. Wenn Mitgefühl und Mitleid bei Ihrem Leid helfen können, wollen Sie mich dann nicht ein wenig nützlich sein lassen – um Lucys willen?“

Im Nu war der arme, liebe Kerl von Trauer überwältigt. Es schien mir, als fände all das, was er in letzter Zeit schweigend erlitten hatte, auf einmal ein Ventil. Er wurde ganz hysterisch, hob seine offenen Hände und schlug in einer wahren Agonie des Kummers seine Handflächen zusammen. Er stand auf und setzte sich dann wieder, und die Tränen strömten ihm über die Wangen. Ich empfand unendliches Mitleid für ihn und öffnete gedankenlos meine Arme. Mit einem Schluchzen legte er seinen Kopf an meine Schulter und weinte wie ein müdes Kind, während er vor Ergriffenheit bebte.

Wir Frauen haben etwas Mütterliches in uns, das uns über kleinere Dinge erhaben macht, wenn der Muttergeist beschworen wird; ich spürte den Kopf dieses großen, trauernden Mannes an mir ruhen, als wäre es der des Babys, das eines Tages an meiner Brust liegen mag, und ich strich ihm über das Haar, als wäre er mein eigenes Kind. Ich dachte in diesem Moment gar nicht daran, wie seltsam das alles war.

Nach einer Weile hörte sein Schluchzen auf, und er richtete sich mit einer Entschuldigung auf, wenngleich er seine Gefühle nicht verbarg. Er erzählte mir, dass er tagelang und nächtelang – müde Tage und schlaflose Nächte – mit niemandem habe sprechen können, wie ein Mann in seiner Zeit des Kummers sprechen muss. Es gab keine Frau, deren Mitgefühl ihm hätte zuteilwerden können, oder mit der er aufgrund der schrecklichen Umstände, die seinen Kummer umgaben, frei hätte sprechen können. „Ich weiß jetzt, wie ich gelitten habe“, sagte er, während er seine Augen trocknete, „aber ich weiß noch immer nicht – und kein anderer wird es je wissen –, wie viel mir Ihr süßes Mitgefühl heute bedeutet hat. Ich werde es mit der Zeit besser verstehen; und glauben Sie mir, auch wenn ich jetzt nicht undankbar bin, meine Dankbarkeit wird mit meinem Verständnis wachsen. Sie lassen mich doch wie einen Bruder sein, nicht wahr, für unser ganzes Leben – um der lieben Lucy willen?“

„Um der lieben Lucy willen“, sagte ich, als wir uns die Hände reichten. „Ja, und um Ihrer selbst willen“, fügte er hinzu, „denn wenn die Achtung und Dankbarkeit eines Mannes jemals wert sind, gewonnen zu werden, so haben Sie meine heute gewonnen. Sollte die Zukunft Ihnen jemals eine Zeit bringen, in der Sie die Hilfe eines Mannes brauchen, glauben Sie mir, Sie werden nicht vergebens rufen. Gott gebe, dass eine solche Zeit niemals über Sie kommt, um den Sonnenschein Ihres Lebens zu trüben; aber falls sie jemals kommen sollte, versprechen Sie mir, dass Sie mich es wissen lassen.“ Er war so ernst, und sein Kummer war so frisch, dass ich spürte, es würde ihn trösten, also sagte ich:

„Ich verspreche es.“

Als ich den Korridor entlangging, sah ich Herrn Morris aus einem Fenster schauen. Er drehte sich um, als er meine Schritte hörte. „Wie geht es Art?“, sagte er. Dann bemerkte er meine roten Augen und fuhr fort: „Ah, ich sehe, Sie haben ihn getröstet. Der arme Kerl! Er braucht es. Niemand außer einer Frau kann einem Mann helfen, wenn er Herzenskummer hat; und er hatte niemanden, der ihn tröstete.“

Er trug sein eigenes Leid so tapfer, dass mein Herz für ihn blutete. Ich sah das Manuskript in seiner Hand und wusste, dass er, wenn er es läse, erkennen würde, wie viel ich wusste; also sagte ich zu ihm:

„Ich wünschte, ich könnte alle trösten, die unter Herzenskummer leiden. Wollen Sie mich Ihre Freundin sein lassen, und wollen Sie zu mir kommen, um Trost zu suchen, wenn Sie ihn brauchen? Sie werden später wissen, warum ich das sage.“ Er sah, dass ich es ernst meinte, beugte sich vor, nahm meine Hand, führte sie an seine Lippen und küsste sie. Es schien nur ein geringer Trost für eine so tapfere und selbstlose Seele, und impulsiv beugte ich mich vor und küsste ihn. Die Tränen stiegen ihm in die Augen, und seine Kehle schnürte sich für einen Moment zu; er sagte ganz ruhig:

„Kleines Mädchen, diese aufrichtige Freundlichkeit wirst du niemals bereuen, so lange du lebst!“ Dann ging er in das Arbeitszimmer zu seinem Freund.

„Kleines Mädchen!“ – genau die Worte, die er Lucy gegenüber benutzt hatte, und oh, wie sehr bewies er sich als Freund!

KAPITEL XVIII.

/Dr. Sewards Tagebuch./

30. September. – Ich kam um fünf Uhr nach Hause und stellte fest, dass Godalming und Morris nicht nur eingetroffen waren, sondern bereits die Abschrift der verschiedenen Tagebücher und Briefe studiert hatten, die Harker und seine wunderbare Frau angefertigt und zusammengestellt hatten. Harker war noch nicht von seinem Besuch bei den Speditionsleuten zurückgekehrt, über die Dr. Hennessey mir geschrieben hatte. Frau Harker gab uns eine Tasse Tee, und ich kann ehrlich sagen, dass dieses alte Haus zum ersten Mal, seit ich darin wohne, wie ein Zuhause wirkte. Als wir fertig waren, sagte Frau Harker:

„Dr. Seward, darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Ich möchte Ihren Patienten, Herrn Renfield, sehen. Lassen Sie mich ihn doch sehen. Was Sie in Ihrem Tagebuch über ihn geschrieben haben, interessiert mich so sehr!“ Sie sah so bittend und so hübsch aus, dass ich ihr den Wunsch nicht abschlagen konnte, und es gab keinen denkbaren Grund, warum ich es sollte; also nahm ich sie mit. Als ich in das Zimmer ging, sagte ich dem Mann, dass eine Dame ihn gerne sehen möchte; worauf er einfach antwortete: „Warum?“

„Sie besichtigt das Haus und möchte jeden darin sehen“, antwortete ich. „Oh, sehr wohl“, sagte er: „Lassen Sie sie ruhig herein; aber warten Sie einen Moment, bis ich hier aufgeräumt habe.“ Seine Art aufzuräumen war eigenartig: Er verschlang einfach alle Fliegen und Spinnen in den Schachteln, bevor ich ihn aufhalten konnte. Es war ganz offensichtlich, dass er eine Einmischung fürchtete oder eifersüchtig auf sie war. Als er mit seiner ekelhaften Aufgabe fertig war, sagte er fröhlich: „Lassen Sie die Dame herein“ und setzte sich auf die Bettkante, den Kopf gesenkt, aber die Augenlider erhoben, sodass er sie sehen konnte, sobald sie eintrat. Einen Moment lang dachte ich, er könnte eine mörderische Absicht hegen; ich erinnerte mich daran, wie ruhig er gewesen war, kurz bevor er mich in meinem eigenen Arbeitszimmer angegriffen hatte, und ich achtete darauf, so zu stehen, dass ich ihn sofort ergreifen konnte, falls er versuchte, auf sie loszugehen. Sie kam mit einer ungezwungenen Anmut in den Raum, die sofort den Respekt jedes Geisteskranken erzwingen würde – denn Ungezwungenheit ist eine der Eigenschaften, die Wahnsinnige am meisten respektieren. Sie ging lächelnd auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

„Guten Abend, Herr Renfield“, sagte sie. „Sie sehen, ich kenne Sie, denn Dr. Seward hat mir von Ihnen erzählt.“ Er gab keine unmittelbare Antwort, sondern musterte sie intensiv mit einem starren Stirnrunzeln. Dieser Blick wich einem Ausdruck des Staunens, der in Zweifel überging; dann sagte er zu meinem größten Erstaunen:

„Sie sind nicht das Mädchen, das der Doktor heiraten wollte, oder? Das können Sie nicht sein, wissen Sie, denn sie ist tot.“ Frau Harker lächelte süß, als sie antwortete:

„Oh nein! Ich habe einen eigenen Ehemann, mit dem ich verheiratet war, bevor ich Dr. Seward jemals sah oder er mich. Ich bin Frau Harker.“

„Was machen Sie dann hier?“

„Mein Mann und ich sind zu Besuch bei Dr. Seward.“

„Dann bleiben Sie nicht.“

„Aber warum nicht?“ Ich dachte, dass diese Art der Unterhaltung für Frau Harker vielleicht ebenso wenig angenehm sein könnte wie für mich, also schaltete ich mich ein:

„Woher wussten Sie, dass ich jemanden heiraten wollte?“ Seine Antwort war einfach verächtlich, gegeben in einer Pause, in der er seinen Blick von Frau Harker zu mir wandte und ihn sofort wieder zurücklenkte:

„Was für eine eselige Frage!“

„Das sehe ich ganz und gar nicht so, Herr Renfield“, sagte Frau Harker und ergriff sofort Partei für mich. Er antwortete ihr mit ebenso viel Höflichkeit und Respekt, wie er mir gegenüber Verachtung gezeigt hatte:

„Sie werden natürlich verstehen, Frau Harker, dass, wenn ein Mann so geliebt und geehrt wird wie unser Gastgeber, alles, was ihn betrifft, von Interesse für unsere kleine Gemeinschaft ist. Dr. Seward wird nicht nur von seinem Haushalt und seinen Freunden geliebt, sondern sogar von seinen Patienten, die, da einige von ihnen kaum im geistigen Gleichgewicht sind, dazu neigen, Ursachen und Wirkungen zu verzerren. Da ich selbst ein Insasse einer Irrenanstalt bin, komme ich nicht umhin zu bemerken, dass die sophistischen Tendenzen einiger ihrer Insassen zu den Irrtümern des *non causa* und der *ignoratio elenchi* neigen.“ Ich riss bei dieser neuen Entwicklung förmlich die Augen auf. Da war mein eigener Lieblingswahnsinniger – der ausgeprägteste seines Typs, dem ich je begegnet war –, der elementare Philosophie redete und dies mit dem Auftreten eines kultivierten Gentlemans. Ich frage mich, ob es die Anwesenheit von Frau Harker war, die eine Saite in seinem Gedächtnis berührt hatte. Wenn diese neue Phase spontan war oder in irgendeiner Weise ihrem unbewussten Einfluss zuzuschreiben war, muss sie eine seltene Gabe oder Kraft besitzen.

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile; und da er scheinbar völlig vernünftig war, wagte sie, mich bei Beginn fragend ansehend, ihn auf sein Lieblingsthema zu führen. Ich war erneut erstaunt, denn er widmete sich der Frage mit der Unvoreingenommenheit vollkommenster geistiger Gesundheit; er nahm sich sogar selbst als Beispiel, als er bestimmte Dinge erwähnte.

„Nun, ich selbst bin ein Beispiel für einen Mann, der einen seltsamen Glauben hegte. Tatsächlich war es kein Wunder, dass meine Freunde alarmiert waren und darauf bestanden, dass man mich unter Aufsicht stellte. Ich bildete mir früher ein, dass das Leben eine positive und immerwährende Einheit sei und dass man durch den Verzehr einer Vielzahl lebendiger Dinge, ganz gleich, wie niedrig sie auf der Stufenleiter der Schöpfung stünden, das Leben unbegrenzt verlängern könne. Zeitweise hielt ich an diesem Glauben so fest, dass ich tatsächlich versuchte, ein Menschenleben zu nehmen. Der Arzt hier wird mir bestätigen, dass ich bei einer Gelegenheit versucht habe, ihn zu töten, um meine Lebenskräfte durch die Aufnahme seines Lebens in meinen eigenen Körper mittels seines Blutes zu stärken – wobei ich mich natürlich auf den biblischen Ausdruck stützte: ‚Denn das Blut ist das Leben.‘ Obgleich ein Verkäufer eines gewissen Heilmittels diese Binsenwahrheit bis zur Verachtung trivialisiert hat. Nicht wahr, Doktor?“ Ich nickte zustimmend, denn ich war so verblüfft, dass ich kaum wusste, was ich denken oder sagen sollte; es war schwer vorstellbar, dass ich ihn keine fünf Minuten zuvor seine Spinnen und Fliegen hatte verzehren sehen. Als ich auf meine Uhr blickte, sah ich, dass ich zum Bahnhof gehen musste, um Van Helsing abzuholen, also sagte ich Mrs. Harker, dass es Zeit sei zu gehen. Sie kam sofort, nachdem sie freundlich zu Mr. Renfield gesagt hatte: „Auf Wiedersehen, und ich hoffe, ich kann Sie oft unter angenehmeren Umständen für Sie sehen“, worauf er zu meinem Erstaunen erwiderte:

„Auf Wiedersehen, meine Liebe. Ich bete zu Gott, dass ich Ihr süßes Gesicht nie wiedersehe. Möge Er Sie segnen und behüten!“

Als ich zum Bahnhof ging, um Van Helsing abzuholen, ließ ich die Jungen zurück. Der arme Art schien fröhlicher zu sein, als er es seit Lucys erster Erkrankung war, und Quincey ist mehr wie sein eigenes helles Selbst, als er es seit vielen langen Tagen war.

Van Helsing stieg mit der eifrigen Behendigkeit eines Jungen aus der Kutsche. Er sah mich sofort, eilte auf mich zu und sagte:

„Ah, Freund John, wie geht es? Gut? So! Ich war beschäftigt, denn ich komme hierher, um zu bleiben, wenn nötig. Alle Angelegenheiten sind für mich geregelt, und ich habe viel zu erzählen. Madam Mina ist bei euch? Ja. Und ihr so feiner Ehemann? Und Arthur und mein Freund Quincey, sie sind auch bei euch? Gut!“

Während ich zum Haus fuhr, erzählte ich ihm von dem, was geschehen war, und davon, wie mein eigenes Tagebuch durch Mrs. Harkers Vorschlag von Nutzen gewesen war; woraufhin der Professor mich unterbrach:

„Ah, diese wunderbare Madam Mina! Sie hat das Gehirn eines Mannes – ein Gehirn, das ein Mann haben sollte, wenn er sehr begabt ist – und das Herz einer Frau. Der gute Gott hat sie für einen Zweck geschaffen, glauben Sie mir, als Er diese so gute Kombination machte. Freund John, bis jetzt hat das Schicksal diese Frau uns zur Hilfe gemacht; nach heute darf sie mit dieser so schrecklichen Angelegenheit nichts mehr zu tun haben. Es ist nicht gut, dass sie ein so großes Risiko eingeht. Wir Männer sind entschlossen – nein, sind wir nicht verpflichtet? – dieses Monster zu vernichten; aber das ist keine Rolle für eine Frau. Selbst wenn ihr kein Schaden zugefügt wird, mag ihr Herz bei so vielen und so großen Schrecken versagen; und fortan mag sie leiden – sowohl im Wachen, durch ihre Nerven, als auch im Schlaf, durch ihre Träume. Und außerdem ist sie eine junge Frau und noch nicht lange verheiratet; es mag zu gegebener Zeit andere Dinge geben, an die man denken muss, wenn auch nicht jetzt. Sie sagen mir, sie hat alles aufgeschrieben, dann muss sie sich mit uns beraten; aber morgen sagt sie dieser Arbeit auf Wiedersehen, und wir gehen allein.“ Ich stimmte ihm von Herzen zu, und dann erzählte ich ihm, was wir in seiner Abwesenheit gefunden hatten: dass das Haus, das Dracula gekauft hatte, genau das nächste zu meinem eigenen war. Er war verblüfft, und eine große Sorge schien ihn zu befallen. „Oh, dass wir das früher gewusst hätten!“, sagte er, „denn dann hätten wir ihn vielleicht rechtzeitig erreichen können, um die arme Lucy zu retten. Wie dem auch sei, ‚die verschüttete Milch schreit nicht nachher‘, wie Sie sagen. Wir werden nicht daran denken, sondern unseren Weg bis zum Ende gehen.“ Dann verfiel er in ein Schweigen, das anhielt, bis wir mein eigenes Tor passierten. Bevor wir uns für das Abendessen fertig machten, sagte er zu Mrs. Harker:

„Ich habe von meinem Freund John erfahren, Madam Mina, dass Sie und Ihr Mann alle Dinge, die bis zu diesem Augenblick geschehen sind, in genaue Ordnung gebracht haben.“

„Nicht bis zu diesem Augenblick, Professor“, sagte sie impulsiv, „sondern bis heute Morgen.“

„Aber warum nicht bis jetzt? Wir haben bisher gesehen, welches gute Licht all die kleinen Dinge gebracht haben. Wir haben unsere Geheimnisse erzählt, und doch ist niemand, der erzählt hat, deswegen schlechter dran.“

Mrs. Harker begann zu erröten, und während sie ein Papier aus ihrer Tasche nahm, sagte sie:

„Dr. Van Helsing, wollen Sie dies lesen und mir sagen, ob es hinein muss? Es ist mein Bericht von heute. Auch ich habe die Notwendigkeit erkannt, im Augenblick alles, wie belanglos auch immer, aufzuschreiben; aber es steht wenig darin, außer dem, was persönlich ist. Muss es hinein?“ Der Professor las es ernst durch und gab es zurück, während er sagte:

„Es muss nicht hinein, wenn Sie es nicht wünschen; aber beten Sie, dass es das tut. Es kann Ihren Mann nur dazu bringen, Sie noch mehr zu lieben, und uns alle, Ihre Freunde, Sie mehr zu ehren – sowie mehr zu achten und zu lieben.“ Sie nahm es mit einem weiteren Erröten und einem strahlenden Lächeln zurück.

Und so sind nun, bis zu dieser Stunde, alle Aufzeichnungen, die wir haben, vollständig und in Ordnung. Der Professor nahm eine Kopie mit, um sie nach dem Abendessen und vor unserem Treffen, das für neun Uhr festgesetzt ist, zu studieren. Wir anderen haben bereits alles gelesen; wenn wir uns also im Arbeitszimmer treffen, werden wir alle über die Tatsachen informiert sein und können unseren Schlachtplan gegen diesen schrecklichen und geheimnisvollen Feind arrangieren.

Mina Harkers Tagebuch.

30. September. – Als wir uns zwei Stunden nach dem Abendessen, das um sechs Uhr stattgefunden hatte, in Dr. Sewards Arbeitszimmer trafen, bildeten wir unbewusst eine Art Ausschuss oder Komitee. Professor Van Helsing nahm am Kopfende des Tisches Platz, zu dem Dr. Seward ihn wies, als er den Raum betrat. Er ließ mich zu seiner Rechten neben sich sitzen und bat mich, als Schriftführerin zu fungieren; Jonathan saß neben mir. Uns gegenüber waren Lord Godalming, Dr. Seward und Mr. Morris – wobei Lord Godalming neben dem Professor und Dr. Seward in der Mitte saß. Der Professor sagte:

„Ich darf wohl annehmen, dass wir alle mit den Tatsachen vertraut sind, die in diesen Papieren stehen.“ Wir drückten alle unsere Zustimmung aus, und er fuhr fort:

„Dann ist es, denke ich, gut, dass ich Ihnen etwas über die Art des Feindes erzähle, mit dem wir es zu tun haben. Ich werde Ihnen dann etwas über die Geschichte dieses Mannes bekannt geben, die für mich ermittelt wurde. So können wir dann besprechen, wie wir handeln sollen, und unsere Maßnahmen entsprechend treffen.

Es gibt Wesen wie Vampire; einige von uns haben Beweise dafür, dass sie existieren. Selbst wenn wir nicht den Beweis unserer eigenen unglücklichen Erfahrung hätten, geben die Lehren und die Aufzeichnungen der Vergangenheit genug Beweis für vernünftige Menschen. Ich gebe zu, dass ich anfangs skeptisch war. Wäre es nicht so, dass ich mich über lange Jahre darauf trainiert habe, einen offenen Geist zu bewahren, hätte ich nicht glauben können, bis zu der Zeit, als diese Tatsache mir in den Ohren dröhnte. ‚Seht! seht! Ich beweise; ich beweise.‘ Ach! Hätte ich von Anfang an gewusst, was ich jetzt weiß – nein, hätte ich auch nur geahnt, wer er ist – ein so kostbares Leben wäre vielen von uns erspart geblieben, die sie liebten. Aber das ist vorbei; und wir müssen so arbeiten, dass andere arme Seelen nicht zugrunde gehen, während wir retten können. Der Nosferatu stirbt nicht wie die Biene, wenn er einmal sticht. Er ist nur stärker; und da er stärker ist, hat er noch mehr Macht, Böses zu tun. Dieser Vampir, der unter uns ist, ist an sich so stark wie zwanzig Männer; er besitzt eine List, die über das Sterbliche hinausgeht, denn seine List ist das Wachstum von Zeitaltern; er hat immer noch die Hilfsmittel der Nekromantie, was, wie seine Etymologie andeutet, die Weissagung durch die Toten ist, und alle Toten, denen er nahekommen kann, stehen ihm zu Befehl; er ist ein Tier und mehr als ein Tier; er ist ein Teufel in seiner Gefühllosigkeit, und sein Herz ist nicht vorhanden; er kann innerhalb von Grenzen nach Belieben erscheinen, wann und wo und in einer der Formen, die ihm eigen sind; er kann innerhalb seiner Reichweite die Elemente lenken: den Sturm, den Nebel, den Donner; er kann alle niederen Dinge befehligen: die Ratte, die Eule und die Fledermaus – die Motte, den Fuchs und den Wolf; er kann wachsen und klein werden; und er kann zuweilen verschwinden und unbekannt kommen. Wie also sollen wir unseren Kampf beginnen, um ihn zu vernichten? Wie sollen wir seinen Aufenthaltsort finden; und wie können wir ihn, wenn wir ihn gefunden haben, vernichten? Meine Freunde, das ist viel; es ist eine schreckliche Aufgabe, die wir unternehmen, und es mag Konsequenzen geben, die den Mutigen erschaudern lassen. Denn wenn wir in diesem unserem Kampf scheitern, muss er sicherlich gewinnen; und wo enden wir dann? Das Leben ist nichts; ich achte es nicht. Aber hier zu scheitern, ist nicht nur Leben oder Tod. Es ist, dass wir wie er werden; dass wir fortan zu abscheulichen Dingen der Nacht werden wie er – ohne Herz oder Gewissen, die von den Körpern und den Seelen derer zehren, die wir am meisten lieben. Für uns sind die Tore des Himmels für immer verschlossen; denn wer soll sie uns wieder öffnen? Wir gehen für alle Zeit verabscheut von allen; ein Schandfleck auf dem Angesicht von Gottes Sonnenschein; ein Pfeil in der Seite dessen, der für den Menschen starb. Aber wir stehen der Pflicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber; und müssen wir in solchem Fall zurückweichen? Für mich sage ich nein; aber ich bin alt, und das Leben, mit seinem Sonnenschein, seinen schönen Orten, seinem Gesang der Vögel, seiner Musik und seiner Liebe, liegt weit hinter mir. Ihr anderen seid jung. Einige haben Kummer gesehen; aber es gibt noch schöne Tage in petto. Was sagt ihr?“

Während er sprach, hatte Jonathan meine Hand genommen. Ich fürchtete, ach so sehr, dass die entsetzliche Art unserer Gefahr ihn übermannte, als ich seine Hand ausstrecken sah; aber es war Leben für mich, ihre Berührung zu spüren – so stark, so selbstbewusst, so entschlossen. Die Hand eines tapferen Mannes kann für sich selbst sprechen; sie braucht nicht einmal die Liebe einer Frau, um ihre Musik zu hören.

Als der Professor zu Ende gesprochen hatte, sah mein Mann mir in die Augen, und ich ihm; es gab keinen Grund für Worte zwischen uns.

„Ich antworte für Mina und mich“, sagte er.

„Rechnen Sie mit mir, Professor“, sagte Mr. Quincey Morris, wie üblich lakonisch.

„Ich bin bei Ihnen“, sagte Lord Godalming, „um Lucys willen, wenn nicht aus einem anderen Grund.“

Dr. Seward nickte einfach. Der Professor stand auf, legte sein goldenes Kruzifix auf den Tisch und hielt seine Hand auf beiden Seiten aus. Ich nahm seine rechte Hand, und Lord Godalming seine linke; Jonathan hielt meine rechte mit seiner linken und streckte sich zu Mr. Morris hinüber. So schlossen wir alle unsere feierliche Abmachung, als wir uns die Hände reichten. Ich fühlte mein Herz eiskalt, aber es kam mir nicht einmal in den Sinn, mich zurückzuziehen. Wir nahmen unsere Plätze wieder ein, und Dr. Van Helsing fuhr mit einer Art Fröhlichkeit fort, die zeigte, dass die ernsthafte Arbeit begonnen hatte. Sie sollte so ernst und so geschäftsmäßig angegangen werden wie jede andere Transaktion des Lebens:

„Nun, Sie wissen, wogegen wir zu kämpfen haben; aber auch wir sind nicht ohne Stärke. Wir haben auf unserer Seite die Kraft der Vereinigung – eine Kraft, die dem Vampirgeschlecht verwehrt ist; wir haben die Ressourcen der Wissenschaft; wir sind frei zu handeln und zu denken; und die Stunden des Tages und der Nacht gehören uns gleichermaßen. Tatsächlich sind unsere Kräfte, soweit sie reichen, ungehindert, und wir können sie frei nutzen. Wir haben Selbstaufopferung in einer Sache und ein Ziel zu erreichen, das kein egoistisches ist. Diese Dinge sind viel.

Lassen Sie uns nun sehen, wie weit die allgemeinen Kräfte, die gegen uns aufgeboten sind, eingeschränkt sind und wie der Einzelne nicht kann. Kurz gesagt, lassen Sie uns die Grenzen des Vampirs im Allgemeinen und dieses einen im Besonderen betrachten.

Alles, worauf wir uns stützen können, sind Traditionen und Aberglauben. Diese erscheinen auf den ersten Blick nicht viel, wenn es um Leben und Tod geht – nein, um mehr als Leben oder Tod. Doch müssen wir zufrieden sein; erstens, weil wir es müssen – kein anderes Mittel steht uns zur Verfügung – und zweitens, weil diese Dinge – Tradition und Aberglaube – letztlich alles sind. Beruht der Glaube an Vampire für andere nicht darauf – wenn auch nicht, ach! für uns? Vor einem Jahr, wer von uns hätte eine solche Möglichkeit inmitten unseres wissenschaftlichen, skeptischen, sachlichen neunzehnten Jahrhunderts in Betracht gezogen? Wir verspotteten sogar einen Glauben, den wir vor unseren eigenen Augen bestätigt sahen. Nehmen Sie also an, dass der Vampir und der Glaube an seine Grenzen und seine Heilung im Moment auf derselben Basis beruhen. Denn lassen Sie sich sagen, er ist überall bekannt, wo Menschen gewesen sind. Im alten Griechenland, im alten Rom; er blüht in Deutschland überall, in Frankreich, in Indien, sogar auf der Chersones; und in China, so fern von uns in jeder Hinsicht, auch dort ist er, und die Menschen fürchten ihn bis heute. Er ist der Spur des Berserker-Isländers, des teufelsgeborenen Hunnen, des Slawen, des Sachsen, des Magyaren gefolgt. Soweit haben wir also alles, worauf wir handeln können; und lassen Sie sich sagen, dass ein Großteil der Überzeugungen durch das gerechtfertigt ist, was wir in unserer eigenen so unglücklichen Erfahrung gesehen haben. Der Vampir lebt weiter und kann nicht durch das bloße Vergehen der Zeit sterben; er kann gedeihen, wenn er sich vom Blut der Lebenden mästen kann. Mehr noch, wir haben unter uns gesehen, dass er sogar jünger werden kann; dass seine Lebensfunktionen kräftiger werden und sich zu erfrischen scheinen, wenn sein spezielles Nahrungsmittel im Überfluss vorhanden ist. Aber er kann ohne diese Diät nicht gedeihen; er isst nicht wie andere. Selbst Freund Jonathan, der wochenlang mit ihm lebte, hat ihn nie essen sehen, niemals! Er wirft keinen Schatten; er macht im Spiegel keine Reflexion, wie wiederum Jonathan beobachtete. Er hat die Stärke vieler in seiner Hand – bezeugen Sie wiederum Jonathan, als er die Tür gegen die Wölfe schloss, und als er ihm auch von der Postkutsche half. Er kann sich in einen Wolf verwandeln, wie wir aus der Ankunft des Schiffes in Whitby schließen, als er den Hund zerfleischte; er kann als Fledermaus sein, wie Madam Mina ihn am Fenster in Whitby sah, und wie Freund John ihn von diesem so nahen Haus wegfliegen sah, und wie mein Freund Quincey ihn am Fenster von Miss Lucy sah. Er kann im Nebel kommen, den er erschafft – jener edle Kapitän des Schiffes bewies dies; aber nach dem, was wir wissen, ist die Entfernung, die er diesen Nebel machen kann, begrenzt, und er kann nur um ihn selbst herum sein. Er kommt auf Mondstrahlen als elementarer Staub – wie wiederum Jonathan jene Schwestern im Schloss von Dracula sah. Er wird so klein – wir selbst sahen Miss Lucy, ehe sie Frieden fand, durch einen hauchdünnen Spalt an der Grabtür schlüpfen. Er kann, wenn er einmal seinen Weg findet, aus allem herauskommen oder in alles hineingehen, egal wie fest es gebunden oder sogar mit Feuer verschmolzen ist – Lot nennen Sie es. Er kann im Dunkeln sehen – keine kleine Kraft in einer Welt, die zur Hälfte vom Licht verschlossen ist. Ah, aber hören Sie mich zu Ende. Er kann all diese Dinge tun, doch er ist nicht frei. Nein; er ist noch mehr Gefangener als der Sklave der Galeere, als der Verrückte in seiner Zelle. Er kann nicht gehen, wohin es ihn gelüstet; er, der nicht von der Natur ist, muss doch einige Gesetze der Natur befolgen – warum, wissen wir nicht. Er darf nirgendwo zuerst eintreten, es sei denn, es ist jemand aus dem Haushalt da, der ihn bittet zu kommen; obwohl er danach kommen kann, wie es ihm gefällt. Seine Macht endet, wie die aller bösen Dinge, mit dem Kommen des Tages. Nur zu bestimmten Zeiten kann er begrenzte Freiheit haben. Wenn er nicht an dem Ort ist, an den er gebunden ist, kann er sich nur mittags oder bei exaktem Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang verwandeln. Diese Dinge werden uns gesagt, und in dieser unserer Aufzeichnung haben wir Beweise durch Schlussfolgerung. Während er also tun kann, was er will, innerhalb seiner Grenze, wenn er sein Erdenheim, sein Sargheim, sein Höllenheim hat, den ungeweihten Ort, wie wir sahen, als er zum Grab des Selbstmörders in Whitby ging; dennoch kann er sich zu anderen Zeiten nur verwandeln, wenn die Zeit gekommen ist. Es wird auch gesagt, dass er fließendes Wasser nur bei Ebbe oder Flut passieren kann. Dann gibt es Dinge, die ihn so sehr plagen, dass er keine Macht hat, wie der Knoblauch, von dem wir wissen; und was heilige Dinge betrifft, wie dieses Symbol, mein Kruzifix, das sogar jetzt unter uns war, als wir beschlossen, für sie ist er nichts, aber in ihrer Gegenwart nimmt er seinen Platz weit weg und schweigend mit Respekt ein. Es gibt noch andere, von denen ich Ihnen erzählen werde, damit wir sie bei unserer Suche brauchen könnten. Der Zweig der wilden Rose auf seinem Sarg hindert ihn daran, dass er sich nicht davon wegbewegt; eine heilige Kugel, die in den Sarg geschossen wird, tötet ihn, sodass er wahrhaft tot ist; und was den Pflock durch ihn betrifft, kennen wir bereits seinen Frieden; oder der abgeschnittene Kopf, der Ruhe gibt. Wir haben es mit unseren Augen gesehen.

Wenn wir also den Aufenthaltsort dieses Mannes, der er einst war, finden, können wir ihn in seinem Sarg einsperren und ihn vernichten, wenn wir gehorchen, was wir wissen. Aber er ist schlau. Ich habe meinen Freund Arminius von der Universität Buda-Pesth gebeten, seine Aufzeichnungen zu machen; und aus allen Mitteln, die es gibt, erzählt er mir, was er gewesen ist. Er muss in der Tat jener Wojwode Dracula gewesen sein, der seinen Namen gegen den Türken gewann, über den großen Fluss an der Grenze zum Türkenland. Wenn es so ist, dann war er kein gewöhnlicher Mann; denn in jener Zeit und für Jahrhunderte danach wurde er als der schlaueste und der listigste sowie der tapferste der Söhne des ‚Landes jenseits des Waldes‘ bezeichnet. Dieses mächtige Gehirn und diese eiserne Entschlossenheit gingen mit ihm in sein Grab und sind sogar jetzt gegen uns aufgeboten. Die Draculas waren, sagt Arminius, ein großes und edles Geschlecht, obwohl es immer wieder Sprossen gab, von denen ihre Zeitgenossen glaubten, sie hätten Umgang mit dem Bösen gehabt. Sie lernten seine Geheimnisse in der Scholomance, inmitten der Berge über dem Hermannstädter See, wo der Teufel den zehnten Schüler als seinen Tribut fordert. In den Aufzeichnungen stehen solche Wörter wie ‚stregoica‘ – Hexe, ‚ordog‘ und ‚pokol‘ – Satan und Hölle; und in einem Manuskript wird dieser Dracula selbst als ‚Wampyr‘ bezeichnet, was wir alle nur allzu gut verstehen. Es gab aus den Lenden genau dieses Mannes große Männer und gute Frauen, und ihre Gräber machen die Erde heilig, wo allein diese Fäulnis weilen kann. Denn es ist nicht das Geringste ihrer Schrecken, dass dieses böse Ding tief im Guten verwurzelt ist; in Boden, der arm an heiligen Erinnerungen ist, kann es nicht ruhen.“

Während sie sprachen, sah Mr. Morris stetig aus dem Fenster, und er stand nun leise auf und verließ den Raum. Es gab eine kleine Pause, und dann fuhr der Professor fort:

„Und nun müssen wir festlegen, was wir tun. Wir haben hier viele Daten, und wir müssen dazu übergehen, unseren Feldzug zu planen. Wir wissen aus der Untersuchung von Jonathan, dass vom Schloss nach Whitby fünfzig Kisten mit Erde kamen, die alle in Carfax abgeliefert wurden; wir wissen auch, dass zumindest einige dieser Kisten entfernt wurden. Es scheint mir, dass unser erster Schritt sein sollte, festzustellen, ob alle übrigen in dem Haus hinter jener Mauer verbleiben, wo wir heute suchen; oder ob noch mehr entfernt wurden. Wenn letzteres der Fall ist, müssen wir nachverfolgen –“

Hier wurden wir auf sehr erschreckende Weise unterbrochen. Von außerhalb des Hauses ertönte der Knall eines Pistolenschusses; die Fensterscheibe zersplitterte durch eine Kugel, die, vom oberen Teil der Laibung abprallend, gegen die gegenüberliegende Wand des Zimmers schlug. Ich fürchte, ich bin im Grunde meines Herzens feige, denn ich stieß einen Schrei aus. Die Männer sprangen alle auf; Lord Godalming flog zum Fenster und riss den Rahmen hoch. Während er dies tat, hörten wir draußen Mr. Morris’ Stimme:

„Entschuldigung! Ich fürchte, ich habe Sie alarmiert. Ich komme herein und erzähle Ihnen davon.“ Eine Minute später kam er herein und sagte:

„Es war idiotisch von mir, und ich bitte Sie, Mrs. Harker, aufrichtig um Verzeihung; ich fürchte, ich muss Sie schrecklich erschreckt haben. Aber die Sache ist die: Während der Professor sprach, kam eine große Fledermaus und setzte sich auf das Fensterbrett. Ich habe seit den jüngsten Ereignissen einen solchen Abscheu vor diesen verdammten Biestern, dass ich sie nicht ertragen kann, und ich ging hinaus, um einen Schuss auf sie abzugeben, wie ich es in letzter Zeit abends getan habe, wann immer ich eine gesehen habe. Damals hast du mich deswegen immer ausgelacht, Art.“

„Haben Sie sie getroffen?“, fragte Dr. Van Helsing.

„Ich weiß es nicht; ich glaube nicht, denn sie flog in den Wald davon.“ Ohne weiter etwas zu sagen, nahm er Platz, und der Professor fuhr mit seinen Ausführungen fort:

„Wir müssen jede dieser Kisten aufspüren; und wenn wir bereit sind, müssen wir dieses Monster in seinem Versteck entweder gefangen nehmen oder töten; oder wir müssen sozusagen die Erde sterilisieren, sodass er darin keinen Schutz mehr suchen kann. Auf diese Weise können wir ihn am Ende in seiner Menschengestalt zwischen den Stunden von Mittag und Sonnenuntergang finden und uns so mit ihm messen, wenn er am schwächsten ist.

Und nun zu Ihnen, Madam Mina, diese Nacht ist das Ende, bis alles gut wird. Sie sind uns zu kostbar, um ein solches Risiko einzugehen. Wenn wir uns heute Nacht trennen, dürfen Sie keine Fragen mehr stellen. Wir werden Ihnen alles zu gegebener Zeit sagen. Wir sind Männer und können es ertragen; aber Sie müssen unser Stern und unsere Hoffnung sein, und wir werden umso freier handeln können, wenn Sie nicht in der Gefahr sind, in der wir uns befinden.“

Alle Männer, sogar Jonathan, schienen erleichtert; aber es erschien mir nicht gut, dass sie Gefahr auf sich nehmen und vielleicht ihre Sicherheit verringern sollten – da Stärke die beste Sicherheit ist –, nur aus Sorge um mich; aber ihr Entschluss stand fest, und obwohl es eine bittere Pille für mich war, konnte ich nichts sagen, außer ihre ritterliche Fürsorge für mich anzunehmen.

Mr. Morris nahm die Diskussion wieder auf:

„Da wir keine Zeit zu verlieren haben, schlage ich vor, dass wir uns sein Haus sofort ansehen. Zeit ist alles für ihn; und ein schnelles Handeln unsererseits könnte ein weiteres Opfer retten.“

Ich gestehe, dass mir das Herz in die Hose rutschte, als die Zeit zum Handeln so nah rückte, aber ich sagte nichts, denn ich hatte eine noch größere Angst, dass sie mich, wenn ich als Hemmschuh oder Hindernis für ihre Arbeit erschiene, vielleicht ganz aus ihren Beratungen ausschließen würden. Sie sind jetzt nach Carfax aufgebrochen, mit Mitteln, um in das Haus zu gelangen.

Wie Männer nun einmal sind, haben sie mir gesagt, ich solle ins Bett gehen und schlafen; als ob eine Frau schlafen könnte, wenn diejenigen, die sie liebt, in Gefahr sind! Ich werde mich hinlegen und so tun, als würde ich schlafen, damit Jonathan sich bei seiner Rückkehr nicht noch mehr Sorgen um mich macht.

Dr. Sewards Tagebuch

1. Oktober, 4 Uhr morgens – Gerade als wir das Haus verlassen wollten, wurde mir eine dringende Nachricht von Renfield gebracht, er wolle wissen, ob ich ihn sofort sehen könne, da er mir etwas von äußerster Wichtigkeit mitzuteilen habe. Ich sagte dem Boten, er solle ausrichten, dass ich mich am Morgen um seine Wünsche kümmern würde; ich sei in diesem Moment beschäftigt. Der Pfleger fügte hinzu:

„Er scheint sehr inständig zu bitten, Sir. Ich habe ihn noch nie so eifrig gesehen. Ich weiß nicht, ob er nicht einen seiner heftigen Anfälle bekommt, wenn Sie ihn nicht bald sehen.“ Ich wusste, dass der Mann dies nicht ohne Grund gesagt hätte, also sagte ich: „In Ordnung; ich komme jetzt“; und ich bat die anderen, ein paar Minuten auf mich zu warten, da ich zu meinem „Patienten“ gehen müsse.

„Nehmen Sie mich mit, Freund John“, sagte der Professor. „Sein Fall in Ihrem Tagebuch hat mich sehr interessiert, und er hatte auch hin und wieder Bedeutung für unseren Fall. Ich würde ihn sehr gerne sehen, besonders wenn sein Geist verstört ist.“

„Darf ich auch mitkommen?“, fragte Lord Godalming.

„Ich auch?“, sagte Quincey Morris. Ich nickte, und wir gingen alle zusammen den Gang hinunter.

Wir fanden ihn in einem Zustand beträchtlicher Aufregung vor, aber in seiner Sprache und seinem Gebaren weit vernünftiger, als ich ihn je erlebt hatte. Es lag ein ungewöhnliches Verständnis für sich selbst darin, was ganz anders war als alles, was ich je bei einem Geisteskranken angetroffen hatte; und er nahm es als selbstverständlich an, dass seine Argumente bei anderen, die völlig bei Verstand waren, Gehör finden würden. Wir alle vier gingen in das Zimmer, aber keiner der anderen sagte zunächst etwas. Sein Wunsch war, dass ich ihn sofort aus der Anstalt entlasse und ihn nach Hause schicke. Dies untermauerte er mit Argumenten bezüglich seiner vollständigen Genesung und führte seine eigene bestehende Zurechnungsfähigkeit an. „Ich appelliere an Ihre Freunde“, sagte er; „es wird ihnen vielleicht nichts ausmachen, über meinen Fall zu urteilen. Übrigens haben Sie mich nicht vorgestellt.“ Ich war so sehr erstaunt, dass mir die Seltsamkeit, einen Verrückten in einer Anstalt vorzustellen, in diesem Moment gar nicht in den Sinn kam; und außerdem lag eine gewisse Würde im Gebaren des Mannes, so viel von der Gewohnheit der Gleichheit, dass ich die Vorstellung sofort nachholte: „Lord Godalming; Professor Van Helsing; Mr. Quincey Morris aus Texas; Mr. Renfield.“ Er schüttelte jedem von ihnen die Hand und sagte der Reihe nach:

„Lord Godalming, ich hatte die Ehre, Ihren Vater im Windham zu unterstützen; ich bin betrübt, durch Ihr Tragen des Titels zu erfahren, dass er nicht mehr unter uns weilt. Er war ein Mann, der von allen, die ihn kannten, geliebt und geachtet wurde; und in seiner Jugend war er, wie ich gehört habe, der Erfinder eines gebrannten Rum-Punsches, der am Derby-Abend sehr geschätzt wurde. Mr. Morris, Sie sollten stolz auf Ihren großartigen Staat sein. Seine Aufnahme in die Union war ein Präzedenzfall, der in Zukunft weitreichende Auswirkungen haben könnte, wenn der Pol und die Tropen der Treue zu den Sternen und Streifen unterliegen. Die Macht des Vertrages könnte sich noch als ein gewaltiges Werkzeug der Erweiterung erweisen, wenn die Monroe-Doktrin ihren wahren Platz als politische Fabel einnimmt. Was soll ein Mann zu seinem Vergnügen sagen, Van Helsing zu treffen? Sir, ich entschuldige mich nicht dafür, alle Formen konventioneller Präfixe fallen zu lassen. Wenn ein Individuum die Therapeutik durch seine Entdeckung der kontinuierlichen Evolution der Gehirnsubstanz revolutioniert hat, sind konventionelle Formen unangemessen, da sie ihn auf einen von einer Klasse zu beschränken scheinen. Sie, meine Herren, die Sie durch Nationalität, durch Vererbung oder durch den Besitz natürlicher Begabungen dazu geeignet sind, Ihre jeweiligen Plätze in der sich bewegenden Welt einzunehmen, nehme ich zum Zeugen, dass ich genauso zurechnungsfähig bin wie zumindest die Mehrheit der Männer, die sich im vollen Besitz ihrer Freiheiten befinden. Und ich bin sicher, dass Sie, Dr. Seward, als Humanist und Medizinaljurist sowie als Wissenschaftler, es für eine moralische Pflicht halten werden, mich als jemanden zu behandeln, der unter außergewöhnlichen Umständen zu betrachten ist.“ Er brachte diesen letzten Appell mit einer höfischen Überzeugungskraft vor, die nicht ohne ihren eigenen Charme war.

Ich glaube, wir waren alle verblüfft. Ich persönlich war trotz meiner Kenntnis des Charakters und der Geschichte des Mannes der Überzeugung, dass sein Verstand wiederhergestellt sei; und ich verspürte einen starken Impuls, ihm zu sagen, dass ich von seiner Zurechnungsfähigkeit überzeugt sei und mich am Morgen um die notwendigen Formalitäten für seine Entlassung kümmern würde. Ich hielt es jedoch für besser, abzuwarten, bevor ich eine so schwerwiegende Aussage machte, denn ich kannte von früher her die plötzlichen Veränderungen, zu denen dieser spezielle Patient neigte. Also begnügte ich mich damit, eine allgemeine Aussage zu machen, dass er sich sehr schnell zu bessern scheine; dass ich am Morgen ein längeres Gespräch mit ihm führen und dann sehen würde, was ich tun könne, um seinen Wünschen entgegenzukommen. Dies stellte ihn keineswegs zufrieden, denn er sagte schnell:

„Aber ich fürchte, Dr. Seward, dass Sie meinen Wunsch kaum begreifen. Ich wünsche, sofort zu gehen – hier – jetzt – in dieser Stunde – in diesem Moment, wenn ich darf. Die Zeit drängt, und in unserer stillschweigenden Übereinkunft mit dem alten Sensenmann ist sie das Wesen des Vertrages. Ich bin sicher, es ist nur nötig, einem so bewundernswerten Praktiker wie Dr. Seward einen so einfachen und doch so bedeutsamen Wunsch vorzutragen, um seine Erfüllung zu gewährleisten.“ Er sah mich scharf an, und als er das Nein in meinem Gesicht sah, wandte er sich den anderen zu und musterte sie genau. Da er auf keine ausreichende Resonanz stieß, fuhr er fort:

„Ist es möglich, dass ich mich in meiner Annahme geirrt habe?“

„Das haben Sie“, sagte ich offen, aber gleichzeitig, wie ich empfand, brutal. Es gab eine beträchtliche Pause, und dann sagte er langsam:

„Dann nehme ich an, ich muss nur meinen Standpunkt ändern. Lassen Sie mich um dieses Zugeständnis bitten – diese Gunst, dieses Privileg, was Sie wollen. Ich bin bereit, in einem solchen Fall zu flehen, nicht aus persönlichen Gründen, sondern um der anderen willen. Ich bin nicht frei, Ihnen alle meine Gründe zu nennen; aber Sie können mir, ich versichere es Ihnen, abnehmen, dass sie gut, vernünftig und selbstlos sind und aus dem höchsten Pflichtgefühl entspringen. Könnten Sie, mein Herr, in mein Herz schauen, würden Sie die Gefühle, die mich beseelen, voll und ganz billigen. Mehr noch, Sie würden mich zu den besten und treuesten Ihrer Freunde zählen.“ Wieder sah er uns alle scharf an. Ich hatte die wachsende Überzeugung, dass dieser plötzliche Wechsel seiner gesamten intellektuellen Methode nur eine weitere Form oder Phase seines Wahnsinns sei, und beschloss daher, ihn noch ein wenig weitermachen zu lassen, da ich aus Erfahrung wusste, dass er sich, wie alle Geisteskranken, am Ende selbst verraten würde. Van Helsing starrte ihn mit einem Blick von äußerster Intensität an, wobei sich seine buschigen Augenbrauen bei der fixierten Konzentration seines Blickes fast berührten. Er sagte zu Renfield in einem Ton, der mich in diesem Moment nicht überraschte, sondern erst, als ich später darüber nachdachte – denn er war wie einer, der einen Ebenbürtigen anspricht:

„Können Sie nicht offen Ihren wirklichen Grund dafür nennen, dass Sie heute Nacht frei sein möchten? Ich übernehme es, dass, wenn Sie sogar mich zufriedenstellen – einen Fremden, ohne Vorurteile und mit der Gewohnheit, einen offenen Geist zu bewahren –, Dr. Seward Ihnen auf sein eigenes Risiko und auf seine eigene Verantwortung das Privileg gewährt, das Sie suchen.“ Er schüttelte traurig den Kopf, mit einem Ausdruck von tiefem Bedauern im Gesicht. Der Professor fuhr fort:

„Kommen Sie, mein Herr, besinnen Sie sich. Sie beanspruchen das Privileg der Vernunft im höchsten Maße, da Sie versuchen, uns von Ihrer vollständigen Vernünftigkeit zu überzeugen. Sie tun dies, obwohl wir Grund haben, an Ihrem Verstand zu zweifeln, da Sie noch nicht von der medizinischen Behandlung für genau dieses Defizit entlassen sind. Wenn Sie uns nicht bei unserem Bemühen helfen wollen, den klügsten Kurs zu wählen, wie können wir dann die Pflicht erfüllen, die Sie selbst uns auferlegt haben? Seien Sie weise und helfen Sie uns; und wenn wir können, werden wir Ihnen helfen, Ihren Wunsch zu erreichen.“ Er schüttelte immer noch den Kopf, als er sagte:

„Dr. Van Helsing, ich habe nichts zu sagen. Ihr Argument ist vollständig, und wenn ich frei sprechen könnte, würde ich keinen Moment zögern; aber ich bin in dieser Angelegenheit nicht mein eigener Herr. Ich kann Sie nur bitten, mir zu vertrauen. Wenn mir dies verwehrt wird, liegt die Verantwortung nicht bei mir.“ Ich dachte, es sei nun an der Zeit, die Szene zu beenden, die allzu komisch-ernst wurde, also ging ich auf die Tür zu und sagte einfach:

„Kommen Sie, meine Freunde, wir haben Arbeit zu tun. Gute Nacht.“

Als ich jedoch in die Nähe der Tür kam, geschah eine neue Veränderung mit dem Patienten. Er bewegte sich so schnell auf mich zu, dass ich für einen Moment fürchtete, er sei im Begriff, einen weiteren mörderischen Angriff zu verüben. Meine Ängste waren jedoch grundlos, denn er hob flehend seine beiden Hände und brachte sein Anliegen auf bewegende Weise vor. Als er sah, dass gerade die Übersteigerung seiner Gefühle sich gegen ihn auswirkte, indem sie uns mehr in unsere alten Beziehungen zurückversetzte, wurde er noch ausdrucksvoller. Ich warf einen Blick auf Van Helsing und sah meine Überzeugung in seinen Augen gespiegelt; also wurde ich in meinem Auftreten etwas fester, wenn nicht gar strenger, und gab ihm zu verstehen, dass seine Bemühungen erfolglos waren. Ich hatte zuvor etwas von derselben ständig wachsenden Erregung an ihm gesehen, wenn er eine Bitte vorbringen musste, von der er zu diesem Zeitpunkt viel hielt, wie zum Beispiel, als er eine Katze wollte; und ich war darauf gefasst, bei dieser Gelegenheit den Zusammenbruch in dieselbe mürrische Zustimmung zu sehen. Meine Erwartung erfüllte sich nicht, denn als er feststellte, dass sein Flehen nicht erfolgreich sein würde, geriet er in einen ganz verzweifelten Zustand. Er warf sich auf die Knie, hob die Hände, rang sie in klagendem Flehen und ergoss einen Strom von Bitten, während ihm die Tränen über die Wangen rollten und sein ganzes Gesicht und seine Gestalt den tiefsten Gefühlen Ausdruck verliehen:

„Lassen Sie mich Sie anflehen, Dr. Seward, oh, lassen Sie mich Sie anflehen, mich sofort aus diesem Haus zu lassen. Schicken Sie mich weg, wie Sie wollen und wohin Sie wollen; schicken Sie Wärter mit Peitschen und Ketten mit mir; lassen Sie sie mich in einer Zwangsjacke, in Handschellen und Fußfesseln, sogar in ein Gefängnis bringen; aber lassen Sie mich hier heraus. Sie wissen nicht, was Sie tun, wenn Sie mich hier festhalten. Ich spreche aus den Tiefen meines Herzens – meiner Seele. Sie wissen nicht, wem Sie Unrecht tun oder wie; und ich darf es nicht sagen. Wehe mir! Ich darf es nicht sagen. Bei allem, was Ihnen heilig ist – bei allem, was Ihnen teuer ist – bei Ihrer Liebe, die verloren ist – bei Ihrer Hoffnung, die lebt – um des Allmächtigen willen, bringen Sie mich hier heraus und retten Sie meine Seele vor Schuld! Hören Sie mich nicht, Mann? Können Sie nicht verstehen? Werden Sie niemals lernen? Wissen Sie nicht, dass ich jetzt zurechnungsfähig und ernsthaft bin; dass ich kein Verrückter in einem Anfall bin, sondern ein zurechnungsfähiger Mann, der um seine Seele kämpft? Oh, hören Sie mich! Hören Sie mich! Lassen Sie mich gehen! Lassen Sie mich gehen! Lassen Sie mich gehen!“

Ich dachte, je länger dies andauerte, desto wilder würde er werden und so einen Anfall provozieren; also nahm ich ihn bei der Hand und half ihm auf.

„Kommen“, sagte ich streng, „genug davon; wir hatten schon genug. Gehen Sie zu Ihrem Bett und versuchen Sie, sich diskreter zu benehmen.“

Er hielt plötzlich inne und sah mich einige Augenblicke lang aufmerksam an. Dann stand er ohne ein Wort auf, ging hinüber und setzte sich auf die Bettkante. Der Zusammenbruch war gekommen, wie bei früheren Gelegenheiten, genau wie ich erwartet hatte.

Als ich als Letzter unserer Gruppe das Zimmer verließ, sagte er zu mir mit ruhiger, wohlerzogener Stimme:

„Sie werden mir, so hoffe ich, Dr. Seward, die Gerechtigkeit widerfahren lassen, später daran zu denken, dass ich das Meinige getan habe, um Sie heute Abend zu überzeugen.“

KAPITEL XIX.

/Jonathan Harkers Tagebuch./

1. Oktober, 5 Uhr morgens – Ich ging mit der Gruppe zur Suche mit leichtem Herzen, denn ich glaube, ich habe Mina noch nie so absolut stark und gesund gesehen. Ich bin so froh, dass sie zugestimmt hat, sich zurückzuhalten und uns Männer die Arbeit tun zu lassen. Irgendwie war es mir ein Grauen, dass sie überhaupt in diese schreckliche Angelegenheit verwickelt war; aber jetzt, da ihre Arbeit getan ist und es ihrer Energie, ihrem Verstand und ihrer Voraussicht zu verdanken ist, dass die ganze Geschichte so zusammengestellt ist, dass jeder Punkt zählt, kann sie wohl fühlen, dass ihr Teil erledigt ist und sie den Rest von nun an uns überlassen kann. Wir waren, glaube ich, alle ein wenig aufgewühlt durch die Szene mit Mr. Renfield. Als wir von seinem Zimmer kamen, schwiegen wir, bis wir wieder im Arbeitszimmer waren. Dann sagte Mr. Morris zu Dr. Seward:

„Sagen Sie, Jack, wenn dieser Mann nicht bluffte, dann ist er der zurechnungsfähigste Verrückte, den ich je gesehen habe. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, dass er eine ernsthafte Absicht hatte, und wenn das so war, war es ziemlich hart für ihn, keine Chance zu bekommen.“ Lord Godalming und ich schwiegen, aber Dr. Van Helsing fügte hinzu:

„Freund John, Sie verstehen mehr von Geisteskranken als ich, und ich bin froh darüber, denn ich fürchte, wenn es an mir gewesen wäre zu entscheiden, hätte ich ihn vor jenem letzten hysterischen Ausbruch freigelassen. Aber wir leben und lernen, und bei unserer jetzigen Aufgabe dürfen wir kein Risiko eingehen, wie mein Freund Quincey sagen würde. Alles ist am besten, wie es ist.“ Dr. Seward schien ihnen beiden auf eine verträumte Art zu antworten:

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen nicht zustimmen sollte. Wenn dieser Mann ein gewöhnlicher Verrückter gewesen wäre, hätte ich das Risiko auf mich genommen, ihm zu vertrauen; aber er scheint so sehr mit dem Grafen in einer indexartigen Weise verstrickt zu sein, dass ich fürchte, etwas Falsches zu tun, indem ich seinen Launen nachgebe. Ich kann nicht vergessen, wie er mit fast gleicher Inbrunst für eine Katze betete und dann versuchte, mir mit seinen Zähnen die Kehle aufzureißen. Außerdem nannte er den Grafen ‚Herr und Meister‘, und er will vielleicht heraus, um ihm auf irgendeine teuflische Weise zu helfen. Dieses grausige Ding hat die Wölfe und die Ratten und seinesgleichen, um ihm zu helfen, also nehme ich an, dass er nicht davor zurückschreckt, einen respektablen Verrückten zu benutzen. Er schien certainly ernsthaft zu sein, allerdings. Ich hoffe nur, wir haben das Beste getan. Diese Dinge, in Verbindung mit der wilden Arbeit, die wir vor uns haben, tragen dazu bei, einen Mann entmutigen zu lassen.“ Der Professor trat herüber, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte in seiner ernsten, freundlichen Art:

„Freund John, haben Sie keine Furcht. Wir versuchen, unsere Pflicht in einem sehr traurigen und schrecklichen Fall zu tun; wir können nur tun, was wir für das Beste halten. Was haben wir sonst zu hoffen, außer auf das Erbarmen des guten Gottes?“ Lord Godalming hatte sich für ein paar Minuten davongeschlichen, kehrte aber nun zurück. Er hielt eine kleine silberne Pfeife hoch, als er bemerkte:

„Dieser alte Ort mag voller Ratten sein, und falls das so ist, habe ich ein Gegenmittel zur Hand.“ Nachdem wir die Mauer passiert hatten, machten wir uns auf den Weg zum Haus und achteten darauf, in den Schatten der Bäume auf dem Rasen zu bleiben, wenn das Mondlicht hervorbrach. Als wir zur Veranda kamen, öffnete der Professor seine Tasche und holte eine Menge Dinge heraus, die er auf die Stufe legte und in vier kleine Gruppen sortierte, offensichtlich eine für jeden. Dann sprach er:

„Meine Freunde, wir begeben uns in eine schreckliche Gefahr, und wir brauchen Waffen verschiedener Art. Unser Feind ist nicht bloß geistiger Natur. Denken Sie daran, dass er die Kraft von zwanzig Männern hat und dass, obwohl unsere Hälse oder unsere Luftröhren von der gewöhnlichen Sorte sind – und daher zerbrechlich oder zerquetschbar –, seine nicht bloßer Stärke unterworfen ist. Ein stärkerer Mann oder eine Gruppe von Männern, die in allem stärker sind als er, können ihn zu bestimmten Zeiten festhalten; aber sie können ihm dennoch nicht so schaden, wie uns von ihm geschadet werden kann. Wir müssen uns daher vor seiner Berührung schützen. Bewahren Sie dies nahe bei Ihrem Herzen“ – als er sprach, hob er ein kleines silbernes Kruzifix und hielt es mir hin, da ich ihm am nächsten stand –, „legen Sie diese Blumen um Ihren Hals“ – hier überreichte er mir einen Kranz aus verwelkten Knoblauchblüten –, „für andere, weltlichere Feinde, diesen Revolver und dieses Messer; und zur Hilfe bei allem, diese so kleinen elektrischen Lampen, die Sie an Ihrer Brust befestigen können; und für alles, und vor allem zuletzt, dies, was wir nicht unnötig entweihen dürfen.“ Dies war ein Teil einer geweihten Hostie, den er in einen Umschlag steckte und mir reichte. Jeder der anderen wurde ähnlich ausgerüstet. „Nun“, sagte er, „Freund John, wo sind die Dietrichschlüssel? Wenn wir die Tür öffnen können, müssen wir nicht wie bei Miss Lucy durch das Fenster in das Haus einbrechen.“

Dr. Seward versuchte es mit ein oder zwei Dietrichschlüsseln, wobei ihm seine mechanische Geschicklichkeit als Chirurg gute Dienste leistete. Bald hatte er einen passenden gefunden; nach einigem Hin- und Herbewegen gab der Riegel nach und sprang mit einem rostigen Klirren zurück. Wir drückten gegen die Tür, die rostigen Angeln quietschten, und sie öffnete sich langsam. Es war erschreckend ähnlich dem Bild, das mir in Dr. Sewards Tagebuch von der Öffnung von Miss Westenras Grab vermittelt worden war; ich glaube, derselbe Gedanke schien den anderen zu kommen, denn wie auf ein Signal hin wichen sie zurück. Der Professor war der Erste, der sich vorwärts bewegte und durch die offene Tür trat.

„In manus tuas, Domine!“, sagte er und bekreuzigte sich, als er über die Schwelle schritt. Wir schlossen die Tür hinter uns, damit wir, sobald wir unsere Lampen angezündet hätten, nicht etwa Aufmerksamkeit von der Straße auf uns zögen. Der Professor prüfte vorsichtig das Schloss, falls wir es von innen nicht öffnen könnten, sollten wir es eilig haben, hinauszukommen. Dann zündeten wir alle unsere Lampen an und setzten unsere Suche fort.

Das Licht der winzigen Lampen fiel in allerlei seltsamen Formen, während die Strahlen sich kreuzten oder die Undurchsichtigkeit unserer Körper große Schatten warf. Ich konnte das Gefühl, dass noch jemand unter uns war, beim besten Willen nicht loswerden. Ich nehme an, es war die Erinnerung an jene schreckliche Erfahrung in Transsilvanien, die mir durch die düstere Umgebung so eindringlich vor Augen geführt wurde. Ich glaube, das Gefühl war uns allen gemeinsam, denn ich bemerkte, dass die anderen bei jedem Geräusch und jedem neuen Schatten über die Schulter blickten, genau wie ich es selbst tat.

Der ganze Ort war dick mit Staub bedeckt. Der Boden war scheinbar zentimetertief bedeckt, außer dort, wo es frische Fußspuren gab, in denen ich, als ich meine Lampe hinunterhielt, Abdrücke von genagelten Sohlen sehen konnte, wo der Staub festgetreten war. Die Wände waren flauschig und schwer vor Staub, und in den Ecken hingen Massen von Spinnweben, auf denen sich der Staub gesammelt hatte, bis sie wie alte, zerfetzte Lappen aussahen, da das Gewicht sie teilweise heruntergerissen hatte. Auf einem Tisch in der Halle lag ein großer Schlüsselbund, an jedem mit einem zeitvergilbten Etikett. Sie waren schon mehrmals benutzt worden, denn auf dem Tisch befanden sich mehrere ähnliche Risse in der Staubdecke wie jene, die zum Vorschein kamen, als der Professor die Schlüssel anhob. Er wandte sich an mich und sagte:

„Sie kennen diesen Ort, Jonathan. Sie haben Karten davon kopiert, und Sie wissen zumindest mehr als wir. Welcher Weg führt zur Kapelle?“ Ich hatte eine Vorstellung von der Richtung, obwohl ich bei meinem früheren Besuch keinen Zutritt dazu erhalten konnte; also ging ich voran, und nach ein paar falschen Abzweigungen fand ich mich vor einer niedrigen, gewölbten Eichentür wieder, die mit Eisenbändern verstärkt war. „Dies ist der Ort“, sagte der Professor, als er seine Lampe auf einen kleinen Plan des Hauses richtete, der aus dem Dossier meiner ursprünglichen Korrespondenz bezüglich des Kaufs kopiert war. Mit ein wenig Mühe fanden wir den Schlüssel am Bund und öffneten die Tür. Wir waren auf Unangenehmes gefasst, denn als wir die Tür öffneten, schien ein schwacher, übelriechender Hauch durch die Ritzen zu entweichen, aber keiner von uns hatte einen solchen Gestank erwartet, wie wir ihn vorfanden. Keiner der anderen war dem Grafen aus nächster Nähe begegnet, und als ich ihn gesehen hatte, befand er sich entweder im Fastenstadium seines Daseins in seinen Räumen oder, wenn er mit frischem Blut aufgequollen war, in einem verfallenen Gebäude, das dem Freien offenstand; aber hier war der Ort klein und eng, und die lange Nichtbenutzung hatte die Luft abgestanden und faulig gemacht. Es gab einen erdigen Geruch, wie von einem trockenen Miasma, der durch die noch faulere Luft drang. Aber was den Geruch selbst betrifft, wie soll ich ihn beschreiben? Er bestand nicht nur aus all den Übeln der Sterblichkeit und dem stechenden, beißenden Geruch von Blut, sondern es schien, als wäre die Verwesung selbst verwest. Pfui! Es macht mich krank, nur daran zu denken. Jeder Atemzug, den dieses Monster ausgestoßen hatte, schien an dem Ort gehaftet und seine Abscheulichkeit noch verstärkt zu haben.

Unter normalen Umständen hätte ein solcher Gestank unserem Unternehmen ein Ende gesetzt; aber dies war kein gewöhnlicher Fall, und das hohe und schreckliche Ziel, in das wir verwickelt waren, verlieh uns eine Stärke, die über rein physische Überlegungen hinausging. Nach dem unwillkürlichen Zurückweichen, das auf den ersten widerlichen Hauch folgte, machten wir uns alle an unsere Arbeit, als wäre dieser abscheuliche Ort ein Rosengarten.

Wir nahmen eine genaue Untersuchung des Ortes vor, wobei der Professor zu Beginn sagte:

„Das Erste ist zu sehen, wie viele der Kisten übrig geblieben sind; wir müssen dann jedes Loch und jede Ecke und jeden Winkel untersuchen und sehen, ob wir nicht einen Hinweis darauf finden können, was aus dem Rest geworden ist.“ Ein Blick genügte, um zu sehen, wie viele übrig waren, denn die großen Erdkisten waren sperrig, und man konnte sie nicht verkennen.

Es waren nur noch neunundzwanzig von den fünfzig übrig! Einmal erschrak ich, denn als ich sah, wie Lord Godalming sich plötzlich umdrehte und aus der gewölbten Tür in den dunklen Gang dahinter blickte, schaute ich ebenfalls, und für einen Augenblick blieb mein Herz stehen. Irgendwo, aus dem Schatten herausblickend, schien ich die hellen Lichter des bösen Gesichts des Grafen zu sehen, den Nasenrücken, die roten Augen, die roten Lippen, die schreckliche Blässe. Es war nur für einen Moment, denn als Lord Godalming sagte: „Ich dachte, ich hätte ein Gesicht gesehen, aber es waren nur die Schatten“, und seine Untersuchung wieder aufnahm, richtete ich meine Lampe in diese Richtung und trat in den Gang. Es war niemand zu sehen; und da es keine Ecken, keine Türen, keine Öffnung irgendeiner Art gab, sondern nur die massiven Wände des Ganges, konnte es selbst für ihn kein Versteck geben. Ich nahm an, dass die Angst der Fantasie nachgeholfen hatte, und sagte nichts.

Einige Minuten später sah ich, wie Morris plötzlich vor einer Ecke zurückwich, die er gerade untersuchte. Wir alle verfolgten seine Bewegungen mit den Augen, denn zweifellos wuchs in uns eine gewisse Nervosität, und wir sahen eine ganze Masse von Phosphoreszenz, die wie Sterne funkelte. Wir alle wichen instinktiv zurück. Der ganze Ort begann von Ratten zu wimmeln.

Für ein oder zwei Momente standen wir entsetzt da, alle außer Lord Godalming, der anscheinend auf einen solchen Notfall vorbereitet war. Er eilte zu der großen, eisenbeschlagenen Eichentür, die Dr. Seward von außen beschrieben hatte und die ich selbst gesehen hatte, drehte den Schlüssel im Schloss, zog die riesigen Riegel zurück und schwang die Tür auf. Dann nahm er seine kleine silberne Pfeife aus der Tasche und stieß einen tiefen, schrillen Ruf aus. Er wurde von hinter Dr. Sewards Haus mit dem Kläffen von Hunden beantwortet, und nach etwa einer Minute kamen drei Terrier um die Ecke des Hauses geschossen. Unbewusst hatten wir uns alle auf die Tür zubewegt, und als wir uns bewegten, bemerkte ich, dass der Staub stark aufgewühlt worden war: die Kisten, die herausgenommen worden waren, waren auf diesem Weg gebracht worden. Aber selbst in der Minute, die vergangen war, hatte die Zahl der Ratten massiv zugenommen. Sie schienen auf einmal über den ganzen Ort zu schwärmen, bis das Lampenlicht, das auf ihre sich bewegenden dunklen Körper und glitzernden, unheilvollen Augen schien, den Ort wie ein mit Glühwürmchen besetztes Erdreich aussehen ließ. Die Hunde stürmten voran, hielten aber an der Schwelle plötzlich an und knurrten, und dann, gleichzeitig die Nasen hebend, begannen sie auf höchst klägliche Weise zu heulen. Die Ratten vermehrten sich zu Tausenden und bewegten sich hinaus.

Lord Godalming hob einen der Hunde hoch, trug ihn hinein und setzte ihn auf den Boden. In dem Augenblick, als seine Pfoten den Boden berührten, schien er seinen Mut wiederzufinden und stürzte sich auf seine natürlichen Feinde. Sie flohen so schnell vor ihm, dass, bevor er einem Dutzend das Leben ausgeschüttelt hatte, die anderen Hunde, die nun auf die gleiche Weise hineingetragen worden waren, nur noch wenig Beute hatten, bevor die ganze Masse verschwunden war.

Mit ihrem Verschwinden schien es, als wäre eine böse Präsenz gewichen, denn die Hunde tollten herum und bellten fröhlich, während sie plötzliche Vorstöße gegen ihre am Boden liegenden Feinde machten, sie immer wieder umdrehten und mit bösartigen Schüttlern in die Luft warfen. Wir alle schienen wieder aufzuleben. Ob es die Reinigung der tödlichen Atmosphäre durch das Öffnen der Kapellentür war oder die Erleichterung, die wir empfanden, als wir uns im Freien wiederfanden, weiß ich nicht; aber sicherlich schien der Schatten der Angst von uns abzufallen wie ein Gewand, und der Anlass unseres Kommens verlor etwas von seiner grimmigen Bedeutung, obwohl wir in unserem Entschluss um kein Jota nachließen. Wir schlossen die äußere Tür, verriegelten und verschlossen sie, und begannen, die Hunde mitnehmend, unsere Durchsuchung des Hauses. Wir fanden außer Staub in außergewöhnlichen Mengen nichts, und alles blieb unberührt, bis auf meine eigenen Fußspuren, die ich bei meinem ersten Besuch hinterlassen hatte. Kein einziges Mal zeigten die Hunde Anzeichen von Unbehagen, und selbst als wir zur Kapelle zurückkehrten, tollten sie herum, als hätten sie in einem Sommerwald Kaninchen gejagt.

Der Morgen dämmerte im Osten, als wir aus der Vorderfront hervorkamen. Dr. Van Helsing hatte den Schlüssel der Haustür vom Bund genommen und die Tür auf orthodoxe Weise abgeschlossen, wobei er den Schlüssel in seine Tasche steckte, als er fertig war.

„Bis hierhin“, sagte er, „ist unsere Nacht überaus erfolgreich gewesen. Es ist uns kein Schaden zugefügt worden, wie ich befürchtet hatte, und doch haben wir festgestellt, wie viele Kisten fehlen. Mehr als alles andere freue ich mich, dass dieser unser erster – und vielleicht schwierigster und gefährlichster – Schritt vollbracht wurde, ohne unsere süßeste Madam Mina hierher zu bringen oder ihre wachen oder schlafenden Gedanken mit Anblicken, Geräuschen und Gerüchen des Grauens zu beunruhigen, die sie vielleicht nie vergessen könnte. Eine Lektion haben wir auch gelernt, wenn es erlaubt ist, a particulari zu schließen: dass die wilden Tiere, die dem Kommando des Grafen unterstehen, doch selbst nicht empfänglich für seine spirituelle Macht sind; denn sehen Sie, diese Ratten, die auf seinen Ruf kommen würden, so wie er von seiner Burgspitze die Wölfe zu Ihrem Aufbruch und zum Schrei jener armen Mutter zusammenruft – obwohl sie zu ihm kommen, rennen sie kopfüber vor den so kleinen Hunden meines Freundes Arthur davon. Wir haben andere Dinge vor uns, andere Gefahren, andere Ängste; und jenes Monster – es hat heute Nacht nicht zum einzigen oder letzten Mal seine Macht über die Tierwelt benutzt. So sei es, dass es anderswohin gegangen ist. Gut! Es hat uns die Gelegenheit gegeben, in diesem Schachspiel, das wir um den Einsatz menschlicher Seelen spielen, in gewisser Weise ‚Schach‘ zu sagen. Und nun gehen wir nach Hause. Die Morgendämmerung steht unmittelbar bevor, und wir haben Grund, mit unserer Arbeit der ersten Nacht zufrieden zu sein. Es mag bestimmt sein, dass uns noch viele Nächte und Tage folgen werden, wenn auch voller Gefahren; aber wir müssen weitermachen, und vor keiner Gefahr sollen wir zurückweichen.“

Das Haus war still, als wir zurückkehrten, bis auf ein armes Geschöpf, das in einer der entfernten Stationen schrie, und ein tiefes, wimmerndes Geräusch aus Renfields Zimmer. Der arme Unglückliche quälte sich zweifellos, wie es bei Wahnsinnigen üblich ist, mit unnötigen Gedanken an Schmerz.

Ich kam auf Zehenspitzen in unser eigenes Zimmer und fand Mina schlafend, sie atmete so leise, dass ich mein Ohr hinunterhalten musste, um es zu hören. Sie sieht blasser aus als sonst. Ich hoffe, das Treffen heute Nacht hat sie nicht mitgenommen. Ich bin wirklich dankbar, dass sie von unserer zukünftigen Arbeit und sogar von unseren Beratungen ausgeschlossen werden soll. Es ist eine zu große Belastung für eine Frau. Ich dachte das anfangs nicht, aber jetzt weiß ich es besser. Deshalb bin ich froh, dass es beschlossen ist. Es mag Dinge geben, die sie erschrecken würden, wenn sie sie hörte; und doch könnte es schlimmer sein, sie ihr zu verheimlichen, als es ihr zu sagen, wenn sie einmal ahnte, dass etwas verheimlicht wurde. Von nun an soll unsere Arbeit ein versiegeltes Buch für sie sein, zumindest bis zu der Zeit, in der wir ihr sagen können, dass alles vorbei ist und die Erde frei von einem Monster aus der Unterwelt. Ich wage zu sagen, dass es schwierig sein wird, nach einem solchen Vertrauen wie dem unseren zu schweigen; aber ich muss entschlossen sein, und morgen werde ich über die Ereignisse von heute Nacht schweigen und mich weigern, über irgendetwas zu sprechen, das geschehen ist. Ich lege mich auf das Sofa, um sie nicht zu stören.

1. Oktober, später. – Ich nehme an, es war natürlich, dass wir uns alle verschlafen haben, denn der Tag war arbeitsreich und die Nacht hatte überhaupt keine Ruhe. Sogar Mina muss die Erschöpfung gespürt haben, denn obwohl ich schlief, bis die Sonne hoch stand, war ich vor ihr wach und musste zwei- oder dreimal rufen, bevor sie erwachte. Tatsächlich war sie so tief eingeschlafen, dass sie mich für ein paar Sekunden nicht erkannte, sondern mich mit einer Art leerem Entsetzen ansah, wie jemand, der aus einem bösen Traum geweckt wurde. Sie beklagte sich ein wenig darüber, müde zu sein, und ich ließ sie bis später am Tag ruhen. Wir wissen jetzt von einundzwanzig Kisten, die entfernt wurden, und wenn es so ist, dass bei einer dieser Entfernungen mehrere mitgenommen wurden, können wir sie vielleicht alle aufspüren. Das wird natürlich unsere Arbeit immens vereinfachen, und je eher die Angelegenheit erledigt wird, desto besser. Ich werde heute Thomas Snelling aufsuchen.

Dr. Sewards Tagebuch.

1. Oktober. – Es war gegen Mittag, als ich durch den Professor geweckt wurde, der in mein Zimmer trat. Er war fröhlicher und heiterer als sonst, und es ist ganz offensichtlich, dass die Arbeit der letzten Nacht dazu beigetragen hat, einen Teil der grüblerischen Last von seinem Geist zu nehmen. Nachdem er das Abenteuer der Nacht durchgegangen war, sagte er plötzlich:

„Ihr Patient interessiert mich sehr. Könnte es sein, dass ich ihn heute Morgen mit Ihnen besuche? Oder falls Sie zu beschäftigt sind, kann ich allein gehen, wenn es möglich ist. Es ist eine neue Erfahrung für mich, einen Verrückten zu finden, der Philosophie spricht und so vernünftig argumentiert.“ Ich hatte etwas Arbeit zu erledigen, die drängte, also sagte ich ihm, dass ich froh wäre, wenn er allein ginge, da ich ihn dann nicht warten lassen müsste; also rief ich einen Pfleger und gab ihm die notwendigen Anweisungen. Bevor der Professor das Zimmer verließ, warnte ich ihn davor, einen falschen Eindruck von meinem Patienten zu bekommen. „Aber“, antwortete er, „ich möchte, dass er von sich selbst spricht und von seinem Wahn, lebendige Dinge zu verzehren. Er sagte zu Madam Mina, wie ich in Ihrem Tagebuch von gestern sehe, dass er einmal einen solchen Glauben hatte. Warum lächeln Sie, Freund John?“

„Entschuldigen Sie“, sagte ich, „aber die Antwort steht hier.“ Ich legte meine Hand auf das getippte Material. „Als unser vernünftiger und gelehrter Verrückter genau diese Aussage darüber machte, wie er früher Leben verzehrte, war sein Mund tatsächlich noch ekelhaft von den Fliegen und Spinnen, die er kurz vor dem Eintritt von Mrs. Harker in das Zimmer gegessen hatte.“ Van Helsing lächelte seinerseits. „Gut!“, sagte er. „Ihr Gedächtnis ist wahr, Freund John. Ich hätte mich erinnern sollen. Und doch ist es genau diese Schiefheit des Denkens und des Gedächtnisses, die psychische Krankheiten zu einer so faszinierenden Studie macht. Vielleicht gewinne ich mehr Wissen aus der Torheit dieses Verrückten, als ich von der Lehre der Weisesten gewinnen werde. Wer weiß?“ Ich fuhr mit meiner Arbeit fort und war bald mit dem Vorliegenden fertig. Es schien, als sei die Zeit sehr kurz gewesen, aber da war Van Helsing wieder im Arbeitszimmer. „Unterbreche ich?“, fragte er höflich, als er an der Tür stand.

„Keineswegs“, antwortete ich. „Kommen Sie herein. Meine Arbeit ist beendet, und ich bin frei. Ich kann jetzt mit Ihnen kommen, wenn Sie möchten.“

„Es ist unnötig; ich habe ihn gesehen!“

„Nun?“

„Ich fürchte, er schätzt mich nicht sehr hoch ein. Unser Gespräch war kurz. Als ich das Zimmer betrat, saß er auf einem Hocker in der Mitte, mit den Ellbogen auf den Knien, und sein Gesicht war das Bild von mürrischem Unmut. Ich sprach ihn so fröhlich wie möglich an und mit dem Maß an Respekt, das ich aufbringen konnte. Er gab keinerlei Antwort. ‚Kennen Sie mich nicht?‘, fragte ich. Seine Antwort war nicht beruhigend: ‚Ich kenne Sie gut genug; Sie sind der alte Narr Van Helsing. Ich wünschte, Sie würden sich selbst und Ihre idiotischen Gehirntheorien woandershin bringen. Verdammt seien alle dickköpfigen Holländer!‘ Kein Wort mehr wollte er sagen, sondern saß in seiner unversöhnlichen Mürrischkeit da, so gleichgültig gegenüber mir, als ob ich gar nicht im Zimmer gewesen wäre. So schwand für dieses Mal meine Chance, viel von diesem so klugen Verrückten zu lernen; also werde ich, wenn ich darf, gehen und mich mit ein paar glücklichen Worten mit dieser süßen Seele Madam Mina aufheitern. Freund John, es erfreut mich unsagbar, dass sie nicht mehr gequält, nicht mehr beunruhigt werden soll mit unseren schrecklichen Dingen. Obwohl wir ihre Hilfe sehr vermissen werden, ist es so besser.“

„Ich stimme Ihnen von ganzem Herzen zu“, antwortete ich ernst, denn ich wollte nicht, dass er in dieser Angelegenheit schwach würde. „Mrs. Harker ist besser dran, wenn sie herausgehalten wird. Die Dinge sind schlimm genug für uns, alles Männer von Welt, die in unserer Zeit schon in vielen engen Lagen waren; aber es ist kein Ort für eine Frau, und wenn sie in Verbindung mit der Angelegenheit geblieben wäre, hätte es sie mit der Zeit unweigerlich zerstört.“

Also ist Van Helsing gegangen, um sich mit Mrs. Harker und Harker zu beraten; Quincey und Art sind beide unterwegs, um den Spuren bezüglich der Erdkisten nachzugehen. Ich werde meine Arbeit beenden, und wir werden uns heute Nacht treffen.

Mina Harkers Tagebuch.

1. Oktober. – Es ist seltsam für mich, heute so im Dunkeln gelassen zu werden; nach Jonathans vollem Vertrauen über so viele Jahre hinweg mitanzusehen, wie er bestimmten Angelegenheiten offensichtlich ausweicht, und zwar den allerwichtigsten. Heute Morgen schlief ich nach den Strapazen von gestern lange, und obwohl Jonathan auch spät dran war, war er früher wach. Er sprach mit mir, bevor er ausging, nie süßer oder zärtlicher, aber er erwähnte kein Wort von dem, was bei dem Besuch im Haus des Grafen geschehen war. Und doch muss er gewusst haben, wie schrecklich besorgt ich war. Armer, lieber Kerl! Ich nehme an, es muss ihn noch mehr belastet haben als mich. Sie waren sich alle einig, dass es das Beste sei, wenn ich nicht weiter in diese schreckliche Arbeit hineingezogen würde, und ich willigte ein. Aber daran zu denken, dass er mir irgendetwas verschweigt! Und jetzt weine ich wie eine dumme Gans, obwohl ich weiß, dass es von der großen Liebe meines Mannes und von den guten, guten Wünschen dieser anderen starken Männer kommt...

Das hat mir gut getan. Nun, eines Tages wird Jonathan mir alles erzählen; und damit er niemals auch nur für einen Moment denken könnte, ich hätte ihm etwas verheimlicht, führe ich mein Tagebuch wie gewohnt weiter. Dann, falls er an meinem Vertrauen gezweifelt hat, werde ich es ihm zeigen, mit jedem Gedanken meines Herzens für seine lieben Augen niedergeschrieben. Ich fühle mich heute seltsam traurig und niedergeschlagen. Ich nehme an, es ist die Reaktion auf die schreckliche Aufregung.

Letzte Nacht ging ich zu Bett, als die Männer gegangen waren, einfach weil sie es mir gesagt hatten. Ich fühlte mich nicht schläfrig, wohl aber voller verzehrender Angst. Ich dachte immer wieder über alles nach, was geschehen ist, seit Jonathan mich in London besuchte, und es erscheint mir alles wie eine schreckliche Tragödie, bei der das Schicksal unerbittlich auf ein bestimmtes Ende drängt. Alles, was man tut, scheint, ganz gleich wie richtig es sein mag, genau das heraufzubeschwören, was am meisten zu beklagen ist. Wenn ich nicht nach Whitby gefahren wäre, wäre die arme liebe Lucy vielleicht jetzt noch bei uns. Sie hatte nicht angefangen, den Kirchhof zu besuchen, bis ich kam, und wenn sie nicht tagsüber mit mir dorthin gekommen wäre, wäre sie dort nicht im Schlaf gewandelt; und wenn sie nicht nachts und im Schlaf dorthin gegangen wäre, hätte dieses Ungeheuer sie nicht so vernichten können, wie er es tat. Oh, warum bin ich jemals nach Whitby gegangen? Da, schon wieder am Weinen! Ich frage mich, was heute mit mir los ist. Ich muss es vor Jonathan verbergen, denn wenn er wüsste, dass ich an einem einzigen Morgen zweimal geweint habe – ich, die ich nie wegen meiner selbst geweint habe und der er nie eine Träne entlockt hat –, würde sich der liebe Kerl zu Tode sorgen. Ich werde ein tapferes Gesicht machen, und wenn ich mich auch weinerlich fühle, soll er es niemals sehen. Ich nehme an, es ist eine der Lektionen, die wir armen Frauen lernen müssen....

Ich kann mich nicht genau erinnern, wie ich letzte Nacht eingeschlafen bin. Ich erinnere mich, das plötzliche Bellen der Hunde und eine Menge seltsamer Geräusche gehört zu haben, wie Beten in sehr stürmischem Ausmaß, aus Mr. Renfields Zimmer, das irgendwo unter diesem hier liegt. Und dann herrschte Stille über allem, eine Stille, so tief, dass sie mich erschreckte, und ich stand auf und sah aus dem Fenster. Alles war dunkel und still, die schwarzen Schatten, die das Mondlicht warf, schienen voller eines eigenen, stillen Geheimnisses zu sein. Nichts schien sich zu regen, alles wirkte grimmig und starr wie der Tod oder das Schicksal; sodass ein dünner Streifen weißen Nebels, der mit fast unmerklicher Langsamkeit über das Gras auf das Haus zukroch, ein eigenes Empfindungsvermögen und eine eigene Vitalität zu haben schien. Ich glaube, dass die Abschweifung meiner Gedanken mir gut getan haben muss, denn als ich wieder ins Bett kam, spürte ich eine Lethargie, die mich befiel. Ich lag eine Weile, konnte aber nicht recht schlafen, also stand ich auf und sah wieder aus dem Fenster. Der Nebel breitete sich aus und war nun ganz nah am Haus, sodass ich sehen konnte, wie er dicht an der Mauer lag, als würde er sich an die Fenster heranschleichen. Der arme Mann war lauter als je zuvor, und obwohl ich kein Wort unterscheiden konnte, das er sagte, konnte ich in seinen Tönen irgendwie ein leidenschaftliches Flehen seinerseits erkennen. Dann gab es das Geräusch eines Kampfes, und ich wusste, dass die Wärter mit ihm zu tun hatten. Ich war so verängstigt, dass ich ins Bett kroch und die Decken über meinen Kopf zog, während ich mir die Finger in die Ohren steckte. Ich war damals kein bisschen schläfrig, zumindest dachte ich das; aber ich muss eingeschlafen sein, denn außer Träumen erinnere ich mich an nichts bis zum Morgen, als Jonathan mich weckte. Ich glaube, es kostete mich eine Anstrengung und ein wenig Zeit, zu begreifen, wo ich war und dass es Jonathan war, der sich über mich beugte. Mein Traum war sehr eigenartig und fast bezeichnend für die Art und Weise, wie wache Gedanken in Träume übergehen oder darin fortgesetzt werden.

Ich dachte, ich sei eingeschlafen und würde darauf warten, dass Jonathan zurückkäme. Ich war sehr besorgt um ihn und unfähig zu handeln; meine Füße, meine Hände und mein Gehirn waren schwer, sodass nichts im gewohnten Tempo vor sich gehen konnte. Und so schlief ich unruhig und dachte nach. Dann begann mir zu dämmern, dass die Luft schwer, feucht und kalt war. Ich schlug die Decken von meinem Gesicht zurück und stellte zu meiner Überraschung fest, dass alles um mich herum trübe war. Das Gaslicht, das ich für Jonathan angelassen, aber heruntergedreht hatte, kam nur wie ein winziger roter Funke durch den Nebel, der offensichtlich dichter geworden war und in den Raum geströmt war. Dann fiel mir ein, dass ich das Fenster geschlossen hatte, bevor ich zu Bett gegangen war. Ich hätte aufstehen wollen, um mich der Sache zu vergewissern, aber eine bleierne Lethargie schien meine Glieder und sogar meinen Willen zu fesseln. Ich lag still und duldete; das war alles. Ich schloss meine Augen, konnte aber immer noch durch meine Lider sehen. (Es ist wunderbar, welche Streiche unsere Träume uns spielen und wie leicht wir uns Dinge vorstellen können.) Der Nebel wurde immer dichter, und ich konnte nun sehen, wie er hereinkam, denn ich konnte ihn wie Rauch – oder mit der weißen Energie von kochendem Wasser – einströmen sehen, nicht durch das Fenster, sondern durch die Ritzen der Tür. Er wurde immer dichter, bis es schien, als würde er sich zu einer Art Wolkensäule im Raum verdichten, durch deren oberes Ende ich das Licht des Gases wie ein rotes Auge leuchten sehen konnte. Dinge begannen in meinem Gehirn zu wirbeln, genau wie die wolkige Säule nun im Raum wirbelte, und durch all das hindurch kamen die biblischen Worte „eine Wolkensäule am Tag und eine Feuersäule bei Nacht“. War es tatsächlich eine solche geistliche Führung, die mir im Schlaf zuteilwurde? Aber die Säule bestand sowohl aus der Führung des Tages als auch der Nacht, denn das Feuer war in dem roten Auge, das bei dem Gedanken eine neue Faszination für mich gewann; bis sich das Feuer, als ich hinblickte, teilte und durch den Nebel wie zwei rote Augen auf mich herabzuschauen schien; solche, von denen Lucy mir in ihrer vorübergehenden geistigen Verwirrung erzählte, als auf der Klippe das sterbende Sonnenlicht die Fenster der St. Mary’s Church traf. Plötzlich überkam mich das Entsetzen, dass Jonathan jene schrecklichen Frauen auf diese Weise gesehen hatte, wie sie durch den wirbelnden Nebel im Mondlicht Gestalt annahmen, und in meinem Traum muss ich in Ohnmacht gefallen sein, denn alles wurde zu schwarzer Finsternis. Die letzte bewusste Anstrengung, die meine Vorstellungskraft machte, war, mir ein fahlweißes Gesicht zu zeigen, das sich aus dem Nebel über mich beugte. Ich muss vorsichtig sein mit solchen Träumen, denn sie würden den Verstand rauben, wenn es zu viele davon gäbe. Ich würde Dr. Van Helsing oder Dr. Seward bitten, mir etwas zu verschreiben, das mich schlafen ließe, nur fürchte ich, sie zu beunruhigen. Ein solcher Traum würde sich zur jetzigen Zeit nur in ihre Sorgen um mich hineinweben. Heute Nacht werde ich mich sehr bemühen, natürlich zu schlafen. Wenn ich es nicht tue, werde ich sie morgen Nacht bitten, mir eine Dosis Chloral zu geben; das kann mir einmal nicht schaden, und es wird mir eine gute Nachtruhe verschaffen. Die letzte Nacht hat mich mehr ermüdet, als wenn ich überhaupt nicht geschlafen hätte.

2. Oktober, 22 Uhr. – Letzte Nacht habe ich geschlafen, aber nicht geträumt. Ich muss fest geschlafen haben, denn ich wurde nicht durch Jonathans Kommen ins Bett geweckt; aber der Schlaf hat mich nicht erfrischt, denn heute fühle ich mich schrecklich schwach und mutlos. Ich habe den ganzen gestrigen Tag damit verbracht, zu versuchen zu lesen oder mich hinzulegen und zu dösen. Am Nachmittag fragte Mr. Renfield, ob er mich sehen dürfe. Der arme Mann, er war sehr sanft, und als ich ging, küsste er meine Hand und bat Gott, mich zu segnen. Auf irgendeine Weise hat mich das sehr berührt; ich weine, wenn ich an ihn denke. Das ist eine neue Schwäche, vor der ich mich in Acht nehmen muss. Jonathan wäre todunglücklich, wenn er wüsste, dass ich geweint habe. Er und die anderen waren bis zur Essenszeit aus, und sie kamen alle müde nach Hause. Ich tat, was ich konnte, um sie aufzuheitern, und ich nehme an, die Anstrengung tat mir gut, denn ich vergaß, wie müde ich war. Nach dem Abendessen schickten sie mich ins Bett, und sie alle gingen zusammen rauchen, wie sie sagten, aber ich wusste, dass sie einander erzählen wollten, was jedem während des Tages widerfahren war; ich konnte an Jonathans Art sehen, dass er etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Ich war nicht so schläfrig, wie ich hätte sein sollen; also bat ich Dr. Seward, bevor sie gingen, mir ein kleines Opiat irgendeiner Art zu geben, da ich die Nacht zuvor nicht gut geschlafen hatte. Er bereitete mir sehr freundlich einen Schlaftrunk, den er mir gab, und sagte mir, er würde mir nicht schaden, da er sehr mild sei.... Ich habe ihn genommen und warte auf den Schlaf, der sich immer noch fernhält. Ich hoffe, ich habe nichts Falsches getan, denn während der Schlaf beginnt, mit mir zu flirten, kommt eine neue Angst auf: dass ich töricht gewesen sein könnte, mir auf diese Weise die Kraft zum Aufwachen zu nehmen. Ich könnte sie brauchen. Hier kommt der Schlaf. Gute Nacht.

KAPITEL XX.

/Jonathan Harkers Tagebuch./

1. Oktober, Abend. – Ich fand Thomas Snelling in seinem Haus in Bethnal Green, aber unglücklicherweise war er nicht in der Verfassung, sich an irgendetwas zu erinnern. Die bloße Aussicht auf Bier, die mein erwartetes Kommen ihm eröffnet hatte, war zu viel gewesen, und er hatte zu früh mit seinem erwarteten Gelage begonnen. Ich erfuhr jedoch von seiner Frau, die eine anständige, arme Seele zu sein schien, dass er nur der Gehilfe von Smollet sei, der von den beiden Gefährten die verantwortliche Person war. Also fuhr ich nach Walworth und fand Mr. Joseph Smollet zu Hause und in Hemdsärmeln vor, wie er einen späten Tee aus einer Untertasse trank. Er ist ein anständiger, intelligenter Kerl, eindeutig ein guter, verlässlicher Arbeitertyp und mit einem eigenen Kopf auf den Schultern. Er erinnerte sich an alles, was den Vorfall mit den Kisten betraf, und aus einem wunderbaren eselsohrigen Notizbuch, das er aus irgendeinem geheimnisvollen Versteck an seinem Hosensitz hervorholte und das hieroglyphische Einträge in dickem, halb verblasstem Bleistift enthielt, gab er mir die Bestimmungsorte der Kisten. Es waren, sagte er, sechs in der Fuhre, die er von Carfax abholte und in der Chicksand Street 197, Mile End New Town, ablieferte, und weitere sechs, die er in der Jamaica Lane, Bermondsey, ablud. Wenn der Graf also vorhatte, diese grässlichen Zufluchtsorte von sich über London zu verstreuen, waren diese Orte als erste zur Auslieferung gewählt worden, damit er später vollständiger verteilen konnte. Die systematische Art und Weise, wie dies geschah, ließ mich denken, dass er nicht vorhaben konnte, sich auf zwei Seiten Londons zu beschränken. Er war nun im äußersten Osten des nördlichen Ufers, im Osten des südlichen Ufers und im Süden festgesetzt. Der Norden und der Westen waren sicher nie dazu gedacht, aus seinem diabolischen Plan ausgelassen zu werden – ganz zu schweigen von der City selbst und dem wahren Herzen des mondänen Londons im Südwesten und Westen. Ich ging zurück zu Smollet und fragte ihn, ob er uns sagen könne, ob noch weitere Kisten aus Carfax geholt worden seien.

Er antwortete: –

„Nun, Guv’nor, Sie haben mich sehr anständig behandelt“ – ich hatte ihm einen halben Sovereign gegeben – „und ich erzähle Ihnen alles, was ich weiß. Ich habe einen Mann namens Bloxam vor vier Tagen im ‚Hare and Hounds‘ in Pincher’s Alley sagen hören, wie er und sein Kumpel einen selten staubigen Job in einem alten Haus bei Purfleet gehabt hätten. Es gibt nicht viele solcher Jobs wie diesen hier, und ich denke, dass Sam Bloxam Ihnen vielleicht etwas sagen könnte.“ Ich fragte, ob er mir sagen könne, wo ich ihn finden könne. Ich sagte ihm, dass es ihm einen weiteren halben Sovereign wert sei, wenn er mir die Adresse besorgen könne. Also schluckte er den Rest seines Tees hinunter und stand auf, wobei er sagte, dass er sofort mit der Suche beginnen werde. An der Tür blieb er stehen und sagte: –

„Sehen Sie hier, Guv’nor, es hat keinen Sinn, dass ich Sie hier festhalte. Ich finde Sam vielleicht bald, oder auch nicht; aber so oder so ist er heute Abend wahrscheinlich nicht in der Lage, Ihnen viel zu sagen. Sam ist ein seltener Kerl, wenn er anfängt zu saufen. Wenn Sie mir einen Umschlag mit einer Briefmarke geben und Ihre Adresse darauf schreiben können, werde ich herausfinden, wo Sam zu finden ist, und ihn Ihnen heute Abend schicken. Aber Sie sollten morgen früh bald hinter ihm her sein, sonst erwischen Sie ihn vielleicht nicht; denn Sam macht sich sehr früh auf, egal wie viel er am Abend zuvor gesoffen hat.“

Das war alles praktisch, also lief eines der Kinder mit einem Penny los, um einen Umschlag und ein Blatt Papier zu kaufen und das Wechselgeld zu behalten. Als sie zurückkam, adressierte ich den Umschlag und frankierte ihn, und als Smollet mir erneut treu versprochen hatte, die Adresse abzuschicken, sobald sie gefunden sei, machte ich mich auf den Heimweg. Wir sind jedenfalls auf der Spur. Ich bin heute Abend müde und brauche Schlaf. Mina schläft fest und sieht ein wenig zu blass aus; ihre Augen sehen aus, als hätte sie geweint. Arme Liebe, ich zweifle nicht daran, dass es sie quält, im Dunkeln gelassen zu werden, und es mag sie doppelt besorgt um mich und die anderen machen. Aber es ist am besten so, wie es ist. Es ist besser, jetzt auf solche Weise enttäuscht und besorgt zu sein, als dass ihre Nerven gebrochen werden. Die Ärzte hatten vollkommen recht, darauf zu bestehen, dass sie von dieser schrecklichen Angelegenheit ferngehalten wird. Ich muss fest bleiben, denn auf mir muss diese besondere Bürde des Schweigens ruhen. Ich werde unter keinen Umständen jemals das Thema mit ihr anschneiden. Tatsächlich mag es schließlich keine schwere Aufgabe sein, sie selbst ist verschlossen geworden, was das Thema betrifft, und hat seit wir ihr unsere Entscheidung mitgeteilt haben, nicht mehr über den Grafen oder seine Taten gesprochen.

2. Oktober, Abend. – Ein langer, anstrengender und aufregender Tag. Mit der ersten Post erhielt ich meinen adressierten Umschlag mit einem schmutzigen Zettel darin, auf dem mit einem Zimmermannsbleistift in krakeliger Handschrift geschrieben stand: –

„Sam Bloxam, Korkrans, 4, Poters Cort, Bartel Street, Walworth. Arsk for the depite.“

Ich erhielt den Brief im Bett und stand auf, ohne Mina zu wecken. Sie sah schwer, schläfrig und blass aus und keineswegs gut. Ich beschloss, sie nicht zu wecken, aber dass ich, wenn ich von dieser neuen Suche zurückkehren würde, ihre Rückkehr nach Exeter arrangieren würde. Ich glaube, sie wäre in unserem eigenen Zuhause glücklicher, mit ihren täglichen Aufgaben, die sie interessieren, als hier unter uns und in Unwissenheit zu sein. Ich sah Dr. Seward nur für einen Moment und sagte ihm, wohin ich unterwegs sei, mit dem Versprechen, zurückzukommen und den Rest zu erzählen, sobald ich etwas herausgefunden hätte. Ich fuhr nach Walworth und fand mit einiger Mühe Potter’s Court. Mr. Smollets Rechtschreibung führte mich in die Irre, da ich nach Poter’s Court statt nach Potter’s Court fragte. Als ich jedoch den Hof gefunden hatte, hatte ich keine Schwierigkeiten, Corcorans Herberge zu entdecken. Als ich den Mann, der an die Tür kam, nach dem „depite“ fragte, schüttelte er den Kopf und sagte: „Ich kenne ihn nicht. Es gibt niemanden solchen Namens hier; ich habe noch nie in meinem verdammten Leben von ihm gehört. Glaube nicht, dass hier oder irgendwo sonst jemand solcher Art wohnt.“ Ich nahm Smollets Brief heraus, und als ich ihn las, schien es mir, dass mich die Lektion der Rechtschreibung des Namens des Hofes leiten könnte. „Was sind Sie?“, fragte ich.

„Ich bin der Deputy“, antwortete er. Ich sah sofort, dass ich auf der richtigen Spur war; phonetische Rechtschreibung hatte mich wieder in die Irre geführt. Ein Trinkgeld von einer halben Krone stellte das Wissen des Deputy zu meiner Verfügung, und ich erfuhr, dass Mr. Bloxam, der am Vorabend die Reste seines Bieres bei Corcoran ausgeschlafen hatte, um fünf Uhr morgens zu seiner Arbeit nach Poplar aufgebrochen war. Er konnte mir nicht sagen, wo sich der Arbeitsplatz befand, aber er hatte eine vage Vorstellung, dass es eine Art „neuartiges Lagerhaus“ sei; und mit diesem schwachen Hinweis musste ich mich nach Poplar aufmachen. Es war zwölf Uhr, bevor ich irgendeinen befriedigenden Hinweis auf ein solches Gebäude bekam, und diesen erhielt ich in einem Café, wo einige Arbeiter ihr Mittagessen einnahmen. Einer von ihnen deutete an, dass in der Cross Angel Street ein neues „Kühllager“-Gebäude errichtet werde; und da dies der Bedingung eines „neuartigen Lagerhauses“ entsprach, fuhr ich sofort dorthin. Ein Gespräch mit einem mürrischen Pförtner und einem noch mürrischeren Vorarbeiter, die beide mit Landeswährung besänftigt wurden, brachte mich auf die Spur von Bloxam; er wurde gerufen, nachdem ich angedeutet hatte, dass ich bereit sei, seinem Vorarbeiter seinen Tageslohn zu zahlen für das Privileg, ihm einige Fragen in einer privaten Angelegenheit zu stellen. Er war ein kluger Kerl genug, wenn auch rau in Sprache und Auftreten. Als ich versprochen hatte, für seine Informationen zu zahlen, und ihm ein Angeld gegeben hatte, erzählte er mir, dass er zwei Fahrten zwischen Carfax und einem Haus in Piccadilly gemacht und von diesem Haus zu letzterem neun große Kisten – „sehr schwere Dinger“ – mit einem Pferd und Wagen, die er zu diesem Zweck gemietet hatte, gebracht habe. Ich fragte ihn, ob er mir die Nummer des Hauses in Piccadilly nennen könne, worauf er antwortete: –

„Nun, Guv’nor, ich vergesse die Nummer, aber es war nur ein paar Türen von einer großen weißen Kirche oder so etwas in der Art, die nicht lange erbaut war. Es war auch ein staubiges altes Haus, aber nichts gegen die Staubigkeit des Hauses, aus dem wir die verdammten Kisten geholt haben.“

„Wie sind Sie in das Haus gekommen, wenn beide leer waren?“

„Da war die alte Partei, die mich engagiert hat, die im Haus in Purfleet wartete. Er half mir, die Kisten zu heben und sie auf den Lastwagen zu laden. Verflucht, er war der stärkste Kerl, dem ich je begegnet bin, und er ein alter Kerl, mit einem weißen Schnurrbart, so dünn, dass man meinen könnte, er könne keinen Schatten werfen.“

Wie dieser Satz mich durchschauerte!

„Warum, er nahm sein Ende der Kisten auf, als wären sie Pfund Tee, und ich schnaufend und blasend, bevor ich mein Ende überhaupt hochkant stellen konnte – und ich bin auch kein Küken mehr.“

„Wie sind Sie in das Haus in Piccadilly gekommen?“, fragte ich.

„Er war auch dort. Er muss losgefahren sein und war vor mir dort, denn als ich an der Glocke zog, kam er und öffnete die Tür selbst und half mir, die Kisten in die Halle zu tragen.“

„Alle neun?“, fragte ich.

„Ja; es waren fünf in der ersten Ladung und vier in der zweiten. Es war sehr trockene Arbeit, und ich erinnere mich nicht so gut daran, wie ich nach Hause gekommen bin.“ Ich unterbrach ihn: –

„Wurden die Kisten in der Halle gelassen?“

„Ja; es war eine große Halle, und es war sonst nichts darin.“ Ich machte einen weiteren Versuch, die Dinge voranzubringen: –

„Sie hatten keinen Schlüssel?“

„Nie einen Schlüssel oder irgendetwas benutzt. Der alte Herr, er öffnete die Tür selbst und schloss sie wieder, als ich davonfuhr. Ich erinnere mich nicht an das letzte Mal – aber das war das Bier.“

„Und Sie können sich nicht an die Nummer des Hauses erinnern?“

„Nein, mein Herr. Aber Sie werden damit keine Schwierigkeiten haben. Es ist ein hohes Gebäude mit einer Steinfassade mit einem Erker und hohen Stufen bis zur Tür. Ich kenne diese Stufen, da ich die Kisten mit drei Herumtreibern hinaufschleppen musste, die herumkamen, um ein paar Groschen zu verdienen. Der alte Herr gab ihnen Schillinge, und da sie meinten, sie hätten so viel bekommen, wollten sie mehr; aber er packte einen von ihnen an der Schulter und hätte ihn beinahe die Stufen hinuntergeworfen, bis sie alle fluchend davonliefen.“ Ich dachte, dass ich mit dieser Beschreibung das Haus finden könnte, also zahlte ich meinem Freund für seine Auskunft und machte mich auf den Weg nach Piccadilly. Ich hatte eine neue schmerzliche Erfahrung gewonnen: Der Graf konnte, das war offensichtlich, die Erdkisten selbst handhaben. Wenn dem so war, dann war Zeit kostbar; denn nachdem er nun ein gewisses Maß an Verteilung erreicht hatte, konnte er, indem er sich seine Zeit selbst einteilte, die Aufgabe unbeobachtet vollenden. Am Piccadilly Circus stieg ich aus meinem Kabriolett und ging westwärts; hinter dem Junior Constitutional stieß ich auf das beschriebene Haus und war überzeugt, dass dies der nächste der von Dracula eingerichteten Schlupfwinkel war. Das Haus sah aus, als wäre es lange unbewohnt gewesen. Die Fenster waren mit Staub verkrustet und die Fensterläden waren geschlossen. Das gesamte Gebälk war vom Alter geschwärzt, und vom Eisen war die Farbe größtenteils abgeblättert. Es war offensichtlich, dass bis vor kurzem ein großes Ankündigungsschild vor dem Balkon angebracht gewesen war; es war jedoch grob abgerissen worden, wobei die Pfosten, die es gestützt hatten, noch vorhanden waren. Hinter den Geländern des Balkons sah ich einige lose Bretter, deren rohe Kanten weiß aussahen. Ich hätte viel darum gegeben, das Ankündigungsschild intakt sehen zu können, da es vielleicht einen Hinweis auf den Eigentümer des Hauses gegeben hätte. Ich erinnerte mich an meine Erfahrung bei der Untersuchung und dem Kauf von Carfax, und ich konnte nicht anders, als zu fühlen, dass es, wenn ich den früheren Eigentümer finden könnte, vielleicht eine Möglichkeit gäbe, Zugang zu dem Haus zu erhalten.

Es gab zurzeit von der Piccadilly-Seite aus nichts zu erfahren, und es ließ sich nichts tun; also ging ich zur Rückseite, um zu sehen, ob man von dieser Seite aus etwas in Erfahrung bringen konnte. Die Stallungen waren in Betrieb, da die Häuser in Piccadilly größtenteils bewohnt waren. Ich fragte einen oder zwei der Stallburschen und Helfer, die ich dort sah, ob sie mir etwas über das leerstehende Haus sagen könnten. Einer von ihnen sagte, er habe gehört, es sei vor kurzem vermietet worden, aber er könne nicht sagen, an wen. Er sagte mir jedoch, dass bis vor kurzem ein „Zu verkaufen“-Schild angebracht gewesen sei und dass vielleicht Mitchell, Sons & Candy, die Immobilienmakler, mir etwas sagen könnten, da er glaube, sich an den Namen dieser Firma auf dem Schild zu erinnern. Ich wollte nicht zu eifrig erscheinen oder meinen Informanten zu viel wissen oder raten lassen, also bedankte ich mich auf die übliche Weise und schlenderte davon. Es dämmerte bereits, und die Herbstnacht brach herein, also verlor ich keine Zeit. Nachdem ich die Adresse von Mitchell, Sons & Candy in einem Verzeichnis im Berkeley erfahren hatte, war ich bald in ihrem Büro in der Sackville Street.

Der Herr, der mich empfing, war in seinem Gebaren besonders zuvorkommend, aber in gleichem Maße verschlossen. Nachdem er mir einmal mitgeteilt hatte, dass das Haus in Piccadilly – das er während unseres gesamten Gesprächs als „Herrenhaus“ bezeichnete – verkauft sei, betrachtete er mein Anliegen als erledigt. Als ich fragte, wer es erworben habe, öffnete er die Augen ein wenig weiter und hielt ein paar Sekunden inne, bevor er antwortete:

„Es ist verkauft, mein Herr.“

„Verzeihen Sie“, sagte ich mit gleicher Höflichkeit, „aber ich habe einen besonderen Grund, wissen zu wollen, wer es gekauft hat.“

Wieder hielt er länger inne und zog noch mehr die Augenbrauen hoch. „Es ist verkauft, mein Herr“, lautete erneut seine lakonische Antwort.

„Sicherlich“, sagte ich, „haben Sie nichts dagegen, mich das wissen zu lassen.“

„Doch, das habe ich“, antwortete er. „Die Angelegenheiten ihrer Klienten sind in den Händen von Mitchell, Sons & Candy absolut sicher.“ Das war offensichtlich ein Wichtigtuer reinsten Wassers, und es hatte keinen Sinn, mit ihm zu streiten. Ich dachte, es sei am besten, ihm auf seinem eigenen Gebiet zu begegnen, also sagte ich:

„Ihre Klienten, mein Herr, können sich glücklich schätzen, einen so entschlossenen Hüter ihres Vertrauens zu haben. Ich bin selbst ein beruflich tätiger Mann.“ Hier reichte ich ihm meine Karte. „In diesem Fall bin ich nicht von Neugier getrieben; ich handle im Auftrag von Lord Godalming, der etwas über das Anwesen wissen möchte, das, wie er hörte, vor kurzem zum Verkauf stand.“ Diese Worte verliehen der Angelegenheit eine andere Bedeutung. Er sagte:

„Ich würde Ihnen gerne behilflich sein, wenn ich könnte, Mr. Harker, und ganz besonders würde ich gerne seiner Lordschaft behilflich sein. Wir haben einmal eine kleine Angelegenheit für ihn erledigt, als wir einige Räumlichkeiten für ihn mieteten, als er noch der Honourable Arthur Holmwood war. Wenn Sie mir die Adresse seiner Lordschaft geben, werde ich das Haus diesbezüglich konsultieren und werde auf jeden Fall mit der heutigen Post mit seiner Lordschaft kommunizieren. Es wird uns ein Vergnügen sein, wenn wir soweit von unseren Regeln abweichen können, um seiner Lordschaft die gewünschte Information zu geben.“

Ich wollte einen Freund gewinnen und keinen Feind schaffen, also dankte ich ihm, gab die Adresse bei Dr. Seward an und ging. Es war jetzt dunkel, und ich war müde und hungrig. Ich trank eine Tasse Tee bei der Aërated Bread Company und fuhr mit dem nächsten Zug nach Purfleet zurück.

Ich fand alle anderen zu Hause. Mina sah müde und blass aus, aber sie unternahm eine mutige Anstrengung, aufgeweckt und fröhlich zu sein; es zerriss mir das Herz, daran zu denken, dass ich ihr etwas hatte verheimlichen müssen und ihr so Unruhe bereitet hatte. Gott sei Dank wird dies die letzte Nacht sein, in der sie unsere Konferenzen beobachtet und den Stich verspürt, dass wir ihr nicht unser Vertrauen schenken. Es kostete mich all meinen Mut, an dem weisen Entschluss festzuhalten, sie aus unserer grimmigen Aufgabe herauszuhalten. Sie scheint irgendwie versöhnter; oder aber das Thema selbst scheint ihr so zuwider geworden zu sein, dass sie bei jeder zufälligen Anspielung tatsächlich erschaudert. Ich bin froh, dass wir unseren Entschluss rechtzeitig gefasst haben, denn mit einem solchen Gefühl wäre unser wachsendes Wissen eine Qual für sie.

Ich konnte den anderen erst von der Entdeckung des Tages berichten, als wir allein waren; also nahm ich Mina nach dem Abendessen – gefolgt von ein wenig Musik, um auch unter uns den Anschein zu wahren – mit auf ihr Zimmer und ließ sie zu Bett gehen. Das liebe Mädchen war liebevoller zu mir als je zuvor und klammerte sich an mich, als wollte sie mich aufhalten; aber es gab viel zu besprechen, und ich ging weg. Gott sei Dank hat das Aufhören, Dinge zu erzählen, keinen Unterschied zwischen uns gemacht.

Als ich wieder hinunterkam, fand ich die anderen alle um das Kaminfeuer im Arbeitszimmer versammelt. Im Zug hatte ich mein Tagebuch bis zu diesem Punkt geschrieben und las es ihnen einfach vor, als bestes Mittel, damit sie sich über meinen Wissensstand auf den Laufenden halten konnten; als ich fertig war, sagte Van Helsing:

„Das war ein großer Tagewerk, Freund Jonathan. Zweifellos sind wir auf der Spur der fehlenden Kisten. Wenn wir sie alle in diesem Haus finden, dann ist unsere Arbeit fast zu Ende. Aber wenn einige fehlen, müssen wir suchen, bis wir sie finden. Dann werden wir unseren letzten Schlag ausführen und den Schurken in seinen wirklichen Tod jagen.“ Wir saßen eine Weile schweigend da, und plötzlich sprach Mr. Morris:

„Sagen Sie! Wie werden wir in dieses Haus gelangen?“

„Wir sind in das andere hineingekommen“, antwortete Lord Godalming schnell.

„Aber, Art, das ist etwas anderes. Wir haben in Carfax eingebrochen, aber wir hatten die Nacht und einen ummauerten Park, der uns schützte. Es wird eine gewaltige andere Sache sein, in Piccadilly einzubrechen, ob bei Tag oder bei Nacht. Ich gestehe, ich sehe nicht, wie wir hineinkommen sollen, es sei denn, dieser Agentur-Typ kann uns einen Schlüssel irgendeiner Art finden; vielleicht wissen wir mehr, wenn Sie morgen seinen Brief erhalten.“ Lord Godalmings Brauen zogen sich zusammen, und er stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile blieb er stehen und sagte, während er sich von einem zum anderen von uns wandte:

„Quinceys Kopf ist klar. Diese Einbruchsgeschichte wird ernst; wir sind einmal gut davongekommen; aber wir haben jetzt eine seltene Arbeit vor uns – es sei denn, wir finden den Schlüsselkorb des Grafen.“

Da vor dem Morgen kaum etwas getan werden konnte und es zumindest ratsam wäre zu warten, bis Lord Godalming von Mitchells hören würde, beschlossen wir, vor der Frühstückszeit keinen aktiven Schritt zu unternehmen. Eine ganze Weile saßen wir da und rauchten, wobei wir die Angelegenheit unter ihren verschiedenen Gesichtspunkten und Aspekten diskutierten; ich nutzte die Gelegenheit, dieses Tagebuch bis auf den aktuellen Moment zu bringen. Ich bin sehr schläfrig und werde zu Bett gehen...

Nur eine Zeile. Mina schläft fest und ihre Atmung ist regelmäßig. Ihre Stirn ist in kleine Fältchen gelegt, als ob sie sogar im Schlaf nachdenken würde. Sie ist immer noch zu blass, sieht aber nicht mehr so hager aus wie heute Morgen. Morgen wird, so hoffe ich, all das wieder in Ordnung bringen; sie wird in Exeter wieder sie selbst sein. Oh, aber ich bin schläfrig!

Dr. Sewards Tagebuch.

1. Oktober. – Ich bin wieder einmal über Renfield verwirrt. Seine Stimmungen ändern sich so schnell, dass ich es schwierig finde, den Kontakt zu ihnen zu behalten, und da sie immer etwas mehr bedeuten als sein eigenes Wohlergehen, bilden sie ein mehr als interessantes Studium. Heute Morgen, als ich ihn nach seiner Abweisung von Van Helsing besuchte, war sein Auftreten das eines Mannes, der das Schicksal befehligt. Er befehligte tatsächlich das Schicksal – subjektiv. Er kümmerte sich nicht wirklich um die Dinge der bloßen Erde; er war in den Wolken und blickte auf alle Schwächen und Bedürfnisse von uns armen Sterblichen herab. Ich dachte, ich würde die Gelegenheit nutzen und etwas lernen, also fragte ich ihn:

„Was ist mit den Fliegen in dieser Zeit?“ Er lächelte mich auf eine ziemlich überlegene Weise an – ein solches Lächeln, das dem Gesicht von Malvolio gut gestanden hätte –, als er mir antwortete:

„Die Fliege, mein lieber Herr, hat eine markante Eigenschaft: Ihre Flügel sind typisch für die luftigen Kräfte der psychischen Fähigkeiten. Die Alten taten gut daran, als sie die Seele als Schmetterling darstellten!“

Ich dachte, ich würde seine Analogie logisch bis zum Äußersten treiben, also sagte ich schnell:

„Oh, es ist eine Seele, hinter der Sie jetzt her sind, nicht wahr?“ Sein Wahnsinn vereitelte seine Vernunft, und ein verwirrter Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er den Kopf mit einer Entschiedenheit schüttelte, die ich nur selten bei ihm gesehen hatte, und sagte:

„Oh nein, oh nein! Ich will keine Seelen. Leben ist alles, was ich will.“ Hier hellte er sich auf: „Ich bin im Moment ziemlich gleichgültig deswegen. Leben ist völlig in Ordnung; ich habe alles, was ich will. Sie müssen sich einen neuen Patienten suchen, Doktor, wenn Sie Zoophagie studieren wollen!“

Das verwirrte mich ein wenig, also lockte ich ihn weiter:

„Dann befehlen Sie dem Leben; Sie sind ein Gott, nehme ich an?“ Er lächelte mit einer unaussprechlich gütigen Überlegenheit.

„Oh nein! Fern sei es von mir, mir die Eigenschaften der Gottheit anzumaßen. Ich befasse mich nicht einmal mit ihren besonders spirituellen Taten. Wenn ich meine intellektuelle Position darlegen darf: Ich bin, soweit es rein irdische Dinge betrifft, etwas in der Position, die Henoch spirituell einnahm!“ Das war eine Nuss für mich. Ich konnte mich im Moment nicht an Henochs Passung erinnern; also musste ich eine einfache Frage stellen, obwohl ich fühlte, dass ich mich dadurch in den Augen des Wahnsinnigen erniedrigte:

„Und warum Henoch?“

„Weil er mit Gott wandelte.“ Ich konnte die Analogie nicht sehen, wollte es aber nicht zugeben; also kehrte ich zu dem zurück, was er geleugnet hatte:

„Sie kümmern sich also nicht um das Leben und wollen keine Seelen. Warum nicht?“ Ich stellte meine Frage schnell und etwas streng, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Der Versuch glückte; für einen Moment verfiel er unbewusst in seine alte unterwürfige Art, beugte sich tief vor mir und schmeichelte mir tatsächlich, als er antwortete:

„Ich will wirklich, wirklich keine Seelen! Ich will sie nicht. Ich könnte sie nicht gebrauchen, wenn ich sie hätte; sie wären mir von keinerlei Nutzen. Ich könnte sie nicht essen oder...“ Er hielt plötzlich inne, und der alte gerissene Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus, wie ein Windhauch auf der Wasseroberfläche. „Und, Doktor, was das Leben angeht, was ist es schon? Wenn Sie alles haben, was Sie brauchen, und Sie wissen, dass Sie niemals Mangel leiden werden, das ist alles. Ich habe Freunde – gute Freunde – wie Sie, Doktor Seward;“ dies wurde mit einem Blick unaussprechlicher Verschlagenheit gesagt, „ich weiß, dass es mir niemals am Mittel zum Leben fehlen wird!“

Ich glaube, dass er durch die Trübung seines Wahnsinns eine gewisse Feindseligkeit in mir sah, denn er fiel sofort auf die letzte Zuflucht solcher wie ihm zurück – ein hartnäckiges Schweigen. Nach einer kurzen Weile sah ich, dass es für den Moment nutzlos war, mit ihm zu sprechen. Er war mürrisch, und so ging ich weg.

Später am Tag ließ er nach mir rufen. Normalerweise wäre ich nicht ohne besonderen Grund gekommen, aber gerade jetzt bin ich so an ihm interessiert, dass ich gerne eine Anstrengung unternehmen würde. Außerdem bin ich froh über alles, was hilft, die Zeit zu vertreiben. Harker ist aus, um Hinweisen nachzugehen; ebenso Lord Godalming und Quincey. Van Helsing sitzt in meinem Arbeitszimmer und vertieft sich in die Aufzeichnungen, die die Harkers erstellt haben; er scheint zu glauben, dass er durch genaues Wissen aller Details auf einen Hinweis stoßen wird. Er möchte bei der Arbeit nicht ohne Grund gestört werden. Ich hätte ihn gerne mitgenommen, um den Patienten zu sehen, nur dachte ich, dass er nach seiner letzten Abweisung vielleicht nicht wieder hingehen möchte. Es gab auch noch einen anderen Grund: Renfield würde vor einer dritten Person vielleicht nicht so frei sprechen, wie wenn er und ich allein wären.

Ich fand ihn mitten auf dem Boden auf seinem Hocker sitzend vor, eine Pose, die bei ihm im Allgemeinen auf eine gewisse geistige Energie hindeutet. Als ich hereinkam, sagte er sofort, als ob die Frage auf seinen Lippen gewartet hätte:

„Was ist mit Seelen?“ Es war dann offensichtlich, dass meine Vermutung korrekt gewesen war. Unbewusste Gehirntätigkeit leistete ihre Arbeit, selbst bei dem Wahnsinnigen. Ich beschloss, die Angelegenheit zu klären. „Was ist mit ihnen Ihrerseits?“ fragte ich. Er antwortete einen Moment lang nicht, sondern sah sich überall um, auf und ab, als ob er Inspiration für eine Antwort erwarte.

„Ich will keine Seelen!“ sagte er auf eine schwache, entschuldigende Weise. Die Angelegenheit schien an seinem Verstand zu nagen, und so beschloss ich, sie zu nutzen – „grausam zu sein, nur um gütig zu sein.“ Also sagte ich:

„Sie mögen das Leben, und Sie wollen das Leben?“

„Oh ja! aber das ist völlig in Ordnung; darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen!“

„Aber“, fragte ich, „wie sollen wir das Leben bekommen, ohne auch die Seele zu bekommen?“ Das schien ihn zu verwirren, also setzte ich nach:

„Eine schöne Zeit werden Sie einmal haben, wenn Sie da draußen herumfliegen, mit den Seelen von Tausenden von Fliegen und Spinnen und Vögeln und Katzen, die um Sie herum summen und zwitschern und miauen. Sie haben ihre Leben, wissen Sie, und Sie müssen sich mit ihren Seelen abfinden!“ Irgendetwas schien seine Vorstellungskraft zu beeinflussen, denn er steckte seine Finger in die Ohren und schloss seine Augen, wobei er sie fest zusammenkniff, genau wie ein kleiner Junge, dessen Gesicht eingeseift wird. Es lag etwas Erbärmliches darin, das mich berührte; es gab mir auch eine Lektion, denn es schien, als stünde vor mir ein Kind – nur ein Kind, obwohl die Züge abgenutzt waren und der Stoppelbart auf dem Kiefer weiß war. Es war offensichtlich, dass er einen Prozess geistiger Störung durchlief, und da ich wusste, wie seine früheren Stimmungen Dinge interpretiert hatten, die ihm scheinbar fremd waren, dachte ich, ich würde so gut wie möglich in seinen Geist eindringen und ihn begleiten. Der erste Schritt war, Vertrauen wiederherzustellen, also fragte ich ihn und sprach ziemlich laut, damit er mich durch seine geschlossenen Ohren hören würde:

„Möchten Sie etwas Zucker, um Ihre Fliegen wieder heranzuholen!“ Er schien auf einmal aufzuwachen und schüttelte den Kopf. Mit einem Lachen antwortete er:

„Nicht viel! Fliegen sind schließlich armselige Dinger!“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Aber ich will ihre Seelen trotzdem nicht um mich summen haben.“

„Oder Spinnen“, fuhr ich fort.

„Verflucht seien Spinnen! Was nützen Spinnen? Es ist nichts an ihnen zu essen oder“ – er hielt plötzlich inne, als ob er an ein verbotenes Thema erinnert worden wäre.

„So, so!“ dachte ich bei mir, „das ist das zweite Mal, dass er bei dem Wort ‚trinken‘ plötzlich innegehalten hat; was bedeutet das?“ Renfield schien sich selbst bewusst zu sein, einen Fehler gemacht zu haben, denn er fuhr hastig fort, als wollte er meine Aufmerksamkeit davon ablenken:

„Ich halte überhaupt nichts von solchen Dingen. ‚Ratten und Mäuse und solches Kleingetier‘, wie Shakespeare es ausdrückt; ‚Hühnerfutter der Speisekammer‘ könnte man sie nennen. Ich bin über all diese Art von Unsinn hinaus. Sie könnten genauso gut einen Mann bitten, Moleküle mit Stäbchen zu essen, wie zu versuchen, mich für die kleineren Fleischfresser zu interessieren, wenn ich weiß, was vor mir liegt.“

„Ich verstehe“, sagte ich. „Sie wollen große Dinge, in die Sie Ihre Zähne schlagen können? Wie würde es Ihnen gefallen, Elefant zum Frühstück zu essen?“

„Was für einen lächerlichen Unsinn Sie reden!“ Er wurde zu wach, also dachte ich, ich würde ihn hart drängen. „Ich frage mich“, sagte ich nachdenklich, „wie die Seele eines Elefanten wohl aussieht!“

Der gewünschte Effekt wurde erzielt, denn er fiel sofort von seinem hohen Ross und wurde wieder zum Kind.

„Ich will keine Elefantenseele oder überhaupt irgendeine Seele!“ sagte er. Für ein paar Momente saß er niedergeschlagen da. Plötzlich sprang er mit funkelnden Augen und allen Anzeichen intensiver zerebraler Aufregung auf die Füße. „Zur Hölle mit Ihnen und Ihren Seelen!“ schrie er. „Warum plagen Sie mich mit Seelen? Habe ich nicht schon genug, um mich zu sorgen, und zu schmerzen, und mich abzulenken, ohne an Seelen zu denken?“ Er sah so feindselig aus, dass ich dachte, er stünde kurz vor einem weiteren Tobsuchtsanfall, also pfiff ich in meine Pfeife. In dem Augenblick jedoch, als ich dies tat, wurde er ruhig und sagte entschuldigend:

„Verzeihen Sie mir, Doktor; ich habe mich vergessen. Sie brauchen keine Hilfe. Ich bin so besorgt in meinem Geist, dass ich zu Reizbarkeit neige. Wenn Sie nur wüssten, vor welchem Problem ich stehe und an dem ich arbeite, würden Sie mich bemitleiden, und tolerieren, und begnadigen. Bitte legen Sie mir keine Zwangsjacke an. Ich will denken und kann nicht frei denken, wenn mein Körper eingeengt ist. Ich bin sicher, Sie werden das verstehen!“ Er hatte offensichtlich Selbstbeherrschung; als also die Pfleger kamen, sagte ich ihnen, sie sollten sich nicht darum kümmern, und sie zogen sich zurück. Renfield beobachtete, wie sie gingen; als die Tür geschlossen war, sagte er mit beachtlicher Würde und Sanftheit:

„Dr. Seward, Sie waren sehr rücksichtsvoll mir gegenüber. Glauben Sie mir, dass ich Ihnen sehr, sehr dankbar bin!“ Ich hielt es für gut, ihn in dieser Stimmung zu lassen, und so ging ich weg. Es gibt sicherlich etwas über den Zustand dieses Mannes nachzudenken. Mehrere Punkte scheinen das zu bilden, was der amerikanische Interviewer eine „Geschichte“ nennt, wenn man sie nur in die richtige Ordnung bringen könnte. Hier sind sie:

Will „Trinken“ nicht erwähnen.

Fürchtet den Gedanken, mit der „Seele“ von irgendetwas belastet zu sein.

Hat keine Angst, in der Zukunft „Leben“ zu benötigen.

Verachtet die niedrigeren Formen des Lebens gänzlich, obwohl er fürchtet, von deren Seelen heimgesucht zu werden.

Logisch deuten all diese Dinge in eine Richtung! Er hat eine Gewissheit irgendeiner Art, dass er ein höheres Leben erlangen wird. Er fürchtet die Konsequenz – die Last einer Seele. Dann ist es ein menschliches Leben, auf das er hofft!

Und die Gewissheit –?

Barmherziger Gott! Der Graf war bei ihm, und es ist ein neuer Plan des Schreckens im Gange!

Später. – Nach meinem Rundgang ging ich zu Van Helsing und teilte ihm meinen Verdacht mit. Er wurde sehr ernst und bat mich, nachdem er eine Weile über die Angelegenheit nachgedacht hatte, ihn zu Renfield zu führen. Ich tat es. Als wir zur Tür kamen, hörten wir den Verrückten drinnen fröhlich singen, wie er es in der Zeit zu tun pflegte, die nun schon so lange zurückzuliegen scheint. Als wir eintraten, sahen wir mit Erstaunen, dass er seinen Zucker wie früher ausgebreitet hatte; die Fliegen, träge durch den Herbst, begannen summend in das Zimmer zu fliegen. Wir versuchten, ihn dazu zu bewegen, über das Thema unseres früheren Gesprächs zu sprechen, aber er wollte nicht darauf eingehen. Er sang einfach weiter, als wären wir gar nicht anwesend. Er hatte ein Stück Papier erwischt und faltete es zu einem Notizbuch zusammen. Wir mussten genauso unwissend wieder gehen, wie wir gekommen waren.

Sein Fall ist in der Tat merkwürdig; wir müssen ihn heute Nacht beobachten.

Brief von Mitchell, Sons and Candy an Lord Godalming

„1. Oktober.

„Mein Lord,

„Wir sind jederzeit nur zu glücklich, Ihren Wünschen entgegenzukommen. Wir bitten in Bezug auf den Wunsch Ihrer Lordschaft, der durch Mr. Harker in Ihrem Namen geäußert wurde, die folgenden Informationen bezüglich des Kaufs und Verkaufs von Nr. 347, Piccadilly, liefern zu dürfen. Die ursprünglichen Verkäufer sind die Testamentsvollstrecker des verstorbenen Mr. Archibald Winter-Suffield. Der Käufer ist ein ausländischer Adliger, Graf de Ville, der den Kauf selbst abwickelte und den Kaufpreis in Banknoten ‚über den Ladentisch‘ zahlte, wenn Ihre Lordschaft uns diesen vulgären Ausdruck verzeihen mag. Darüber hinaus wissen wir absolut nichts über ihn.

„Wir sind, mein Lord, „Ihre Lordschaft untertänigste Diener, „/Mitchell, Sons & Candy./“

Dr. Sewards Tagebuch.

2. Oktober. – Ich habe letzte Nacht einen Mann auf den Korridor gestellt und ihm gesagt, er solle jedes Geräusch, das er aus Renfields Zimmer hören könnte, genau notieren, und ihm die Anweisung gegeben, mich zu rufen, falls etwas Ungewöhnliches sein sollte. Nach dem Abendessen, als wir uns alle um das Kaminfeuer im Arbeitszimmer versammelt hatten – Mrs. Harker war zu Bett gegangen –, besprachen wir die Versuche und Entdeckungen des Tages. Harker war der Einzige, der ein Ergebnis vorweisen konnte, und wir hegen große Hoffnung, dass sein Hinweis ein wichtiger sein könnte.

Bevor ich zu Bett ging, ging ich zum Zimmer des Patienten und schaute durch die Beobachtungsklappe hinein. Er schlief fest, und seine Brust hob und senkte sich in regelmäßigem Atemzug.

Heute Morgen berichtete mir der diensthabende Mann, dass er kurz nach Mitternacht unruhig gewesen sei und seine Gebete etwas laut vorgetragen habe. Ich fragte ihn, ob das alles sei; er antwortete, das sei alles, was er gehört habe. Es lag etwas so Verdächtiges in seinem Auftreten, dass ich ihn direkt fragte, ob er geschlafen habe. Er leugnete zu schlafen, gab aber zu, eine Weile „gedöst“ zu haben. Es ist zu schlimm, dass man Männern nicht trauen kann, es sei denn, man überwacht sie.

Heute ist Harker unterwegs, um seinem Hinweis nachzugehen, und Art und Quincey kümmern sich um die Pferde. Godalming meint, es sei gut, immer Pferde bereitstehen zu haben, denn wenn wir die Informationen erhalten, die wir suchen, wird keine Zeit zu verlieren sein. Wir müssen die gesamte importierte Erde zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang sterilisieren; so werden wir den Grafen in seinem schwächsten Moment erwischen, ohne dass er einen Zufluchtsort hat, zu dem er fliehen könnte. Van Helsing ist zum British Museum aufgebrochen, um einige Autoritäten über alte Medizin nachzuschlagen. Die alten Ärzte berücksichtigten Dinge, die ihre Nachfolger nicht akzeptieren, und der Professor sucht nach Hexen- und Dämonenheilmitteln, die später nützlich sein könnten.

Manchmal denke ich, wir müssen alle verrückt sein und werden zur Vernunft in Zwangsjacken aufwachen.

Später. – Wir haben uns wieder getroffen. Wir scheinen endlich auf der Spur zu sein, und unsere Arbeit von morgen könnte der Anfang vom Ende sein. Ich frage mich, ob Renfields Ruhe etwas damit zu tun hat. Seine Stimmungen folgten so sehr den Handlungen des Grafen, dass die bevorstehende Vernichtung des Monsters ihm auf irgendeine subtile Weise mitgeteilt werden könnte. Wenn wir nur einen Hinweis darauf bekommen könnten, was in seinem Geist vor sich ging, zwischen dem Zeitpunkt meiner Auseinandersetzung mit ihm heute und seiner Wiederaufnahme des Fliegenfangens, könnte uns das einen wertvollen Anhaltspunkt liefern. Er ist jetzt scheinbar für eine Weile ruhig... Ist er das? – dieser wilde Schrei schien aus seinem Zimmer zu kommen...

Der Pfleger stürmte in mein Zimmer und erzählte mir, dass Renfield irgendwie einen Unfall hatte. Er hatte ihn schreien hören; und als er zu ihm ging, fand er ihn mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegend, ganz blutüberströmt. Ich muss sofort gehen...

KAPITEL XXI.

/Dr. Sewards Tagebuch./

3. Oktober. – Lassen Sie mich mit Genauigkeit alles aufschreiben, was geschehen ist, so gut ich mich daran erinnern kann, seit ich das letzte Mal einen Eintrag gemacht habe. Kein Detail, an das ich mich erinnern kann, darf vergessen werden; in aller Ruhe muss ich fortfahren.

Als ich zu Renfields Zimmer kam, fand ich ihn auf der linken Seite in einer glitzernden Blutlache auf dem Boden liegen. Als ich ihn bewegen wollte, wurde sofort deutlich, dass er einige schreckliche Verletzungen erlitten hatte; es schien keine jener Einheitlichkeit des Zwecks zwischen den Körperteilen zu geben, die selbst den lethargischen Verstand auszeichnet. Als das Gesicht freigelegt war, konnte ich sehen, dass es entsetzlich gequetscht war, als wäre es gegen den Boden geschlagen worden – tatsächlich stammte die Blutlache von den Wunden im Gesicht. Der Pfleger, der neben dem Körper kniete, sagte zu mir, als wir ihn umdrehten: –

„Ich glaube, Sir, sein Rücken ist gebrochen. Sehen Sie, sowohl sein rechter Arm als auch sein Bein und die ganze Seite seines Gesichts sind gelähmt.“ Wie so etwas hatte passieren können, verwirrte den Pfleger über alle Maßen. Er schien völlig fassungslos, und seine Brauen zogen sich zusammen, als er sagte: –

„Ich kann mir die beiden Dinge nicht erklären. Er könnte sein Gesicht so zurichten, indem er seinen eigenen Kopf auf den Boden schlägt. Ich habe einmal eine junge Frau im Eversfield Asyl dabei beobachtet, bevor jemand sie aufhalten konnte. Und ich nehme an, er könnte sich den Rücken gebrochen haben, indem er aus dem Bett gefallen ist, wenn er in einer ungeschickten Haltung gelandet ist. Aber beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, wie beides gleichzeitig passiert sein soll. Wenn sein Rücken gebrochen wäre, könnte er nicht mit dem Kopf schlagen; und wenn sein Gesicht schon vor dem Sturz aus dem Bett so ausgesehen hätte, gäbe es Spuren davon.“ Ich sagte zu ihm: –

„Gehen Sie zu Dr. Van Helsing und bitten Sie ihn, freundlicherweise sofort hierher zu kommen. Ich brauche ihn ohne einen Augenblick Verzug.“ Der Mann rannte davon, und innerhalb weniger Minuten erschien der Professor im Morgenrock und in Pantoffeln. Als er Renfield auf dem Boden liegen sah, betrachtete er ihn einen Moment scharf und wandte sich dann an mich. Ich glaube, er erkannte meinen Gedanken in meinen Augen, denn er sagte sehr leise, offensichtlich für die Ohren des Pflegers bestimmt: –

„Ah, ein trauriger Unfall! Er wird sehr sorgfältige Beobachtung und viel Aufmerksamkeit benötigen. Ich werde selbst bei Ihnen bleiben; aber zuerst werde ich mich anziehen. Wenn Sie hierbleiben, werde ich in wenigen Minuten zu Ihnen stoßen.“

Der Patient atmete nun rasselnd, und es war leicht zu erkennen, dass er eine schreckliche Verletzung erlitten hatte. Van Helsing kehrte mit außerordentlicher Schnelligkeit zurück und trug einen Operationskasten bei sich. Er hatte offensichtlich nachgedacht und seinen Entschluss gefasst; denn fast bevor er den Patienten ansah, flüsterte er mir zu: –

„Schicken Sie den Pfleger weg. Wir müssen allein mit ihm sein, wenn er nach der Operation wieder bei Bewusstsein ist.“ Also sagte ich: –

„Ich glaube, das reicht jetzt, Simmons. Wir haben alles getan, was wir im Moment tun können. Sie sollten Ihren Rundgang machen, und Dr. Van Helsing wird operieren. Lassen Sie mich sofort wissen, wenn irgendwo etwas Ungewöhnliches ist.“

Der Mann zog sich zurück, und wir begannen eine gründliche Untersuchung des Patienten. Die Wunden im Gesicht waren oberflächlich; die eigentliche Verletzung war ein Trümmerbruch des Schädels, der sich bis in die motorische Region erstreckte. Der Professor dachte einen Moment nach und sagte: –

„Wir müssen den Druck verringern und zu normalen Bedingungen zurückkehren, soweit es geht; die Schnelligkeit der Blutergüsse zeigt die schreckliche Natur seiner Verletzung. Die gesamte motorische Region scheint betroffen zu sein. Die Gehirnschwellung wird schnell zunehmen, also müssen wir sofort trepanieren, sonst könnte es zu spät sein.“ Während er sprach, klopfte es leise an der Tür. Ich ging hinüber und öffnete sie und fand draußen auf dem Flur Arthur und Quincey in Schlafanzügen und Pantoffeln; der Erstere sprach: –

„Ich hörte, wie Ihr Mann Dr. Van Helsing rief und ihm von einem Unfall erzählte. Also weckte ich Quincey, oder vielmehr rief ich ihn, da er nicht schlief. Die Dinge bewegen sich in diesen Zeiten zu schnell und zu merkwürdig für einen tiefen Schlaf für uns alle. Ich habe gedacht, dass der morgige Abend die Dinge nicht mehr so sehen wird, wie sie waren. Wir werden zurückblicken müssen – und ein wenig mehr vorausschauen, als wir es bisher getan haben. Dürfen wir hereinkommen?“ Ich nickte und hielt die Tür offen, bis sie eingetreten waren; dann schloss ich sie wieder. Als Quincey die Haltung und den Zustand des Patienten sah und die schreckliche Lache auf dem Boden bemerkte, sagte er leise: –

„Mein Gott! Was ist mit ihm passiert? Armer, armer Teufel!“ Ich berichtete es ihm kurz und fügte hinzu, dass wir erwarteten, dass er nach der Operation das Bewusstsein wiedererlangen würde – zumindest für eine kurze Zeit. Er ging sofort und setzte sich auf die Bettkante, Godalming neben ihm; wir alle beobachteten geduldig.

„Wir werden warten“, sagte Van Helsing, „gerade lange genug, um die beste Stelle für die Trepanation festzulegen, damit wir das Blutgerinnsel am schnellsten und perfekt entfernen können; denn es ist offensichtlich, dass die Blutung zunimmt.“

Die Minuten, in denen wir warteten, vergingen mit erschreckender Langsamkeit. Ich hatte ein schreckliches Sinken in meinem Herzen, und aus Van Helsings Gesicht schloss ich, dass er eine gewisse Angst oder Besorgnis bezüglich dessen empfand, was kommen würde. Ich fürchtete die Worte, die Renfield sprechen könnte. Ich hatte regelrecht Angst zu denken; aber die Überzeugung dessen, was kommen würde, lastete auf mir, wie ich von Männern gelesen habe, die die Totenuhr gehört haben. Das Atmen des armen Mannes kam in ungewissen Stößen. Jeden Augenblick schien es, als würde er die Augen öffnen und sprechen; aber dann folgte ein langer, rasselnder Atemzug, und er fiel zurück in eine tiefergehende Bewusstlosigkeit. So sehr ich auch an Krankenbetten und Tod gewöhnt war, wuchs diese Ungewissheit immer mehr in mir. Ich konnte fast das Schlagen meines eigenen Herzens hören; und das Blut, das durch meine Schläfen pulsierte, klang wie Schläge eines Hammers. Die Stille wurde schließlich qualvoll. Ich sah meine Gefährten nacheinander an und sah an ihren geröteten Gesichtern und feuchten Stirnen, dass sie die gleiche Qual erlitten. Ein nervöses Bangen lag über uns allen, als ob über uns eine schreckliche Glocke mächtig läuten würde, wenn wir es am wenigsten erwarteten.

Endlich kam eine Zeit, in der es offensichtlich war, dass der Patient schnell dem Ende zuging; er könnte jeden Moment sterben. Ich sah zu dem Professor auf und traf seine Augen, die auf meinen fixiert waren. Sein Gesicht war starr, als er sprach: –

„Es ist keine Zeit zu verlieren. Seine Worte könnten viele Leben wert sein; das habe ich gedacht, als ich hier stand. Es mag sein, dass eine Seele auf dem Spiel steht! Wir werden direkt über dem Ohr operieren.“

Ohne ein weiteres Wort führte er die Operation durch. Für einige Augenblicke blieb die Atmung rasselnd. Dann kam ein Atemzug, so lang, dass es schien, als würde er seine Brust aufreißen. Plötzlich öffneten sich seine Augen und fixierten sich in einem wilden, hilflosen Starren. Dies hielt einige Augenblicke an; dann erweichte es sich in eine freudige Überraschung, und ein Seufzer der Erleichterung kam über seine Lippen. Er bewegte sich krampfhaft, und als er das tat, sagte er: –

„Ich werde ruhig sein, Doktor. Sagen Sie ihnen, sie sollen die Zwangsjacke abnehmen. Ich hatte einen schrecklichen Traum, und er hat mich so schwach gemacht, dass ich mich nicht bewegen kann. Was ist mit meinem Gesicht? Es fühlt sich ganz geschwollen an und brennt schrecklich.“ Er versuchte, seinen Kopf zu drehen; aber selbst bei dieser Anstrengung schienen seine Augen wieder glasig zu werden, also legte ich ihn sanft zurück. Dann sagte Van Helsing in einem ruhigen, ernsten Ton: –

„Erzählen Sie uns Ihren Traum, Mr. Renfield.“ Als er die Stimme hörte, hellte sich sein Gesicht trotz der Verstümmelung auf, und er sagte: –

„Das ist Dr. Van Helsing. Wie gut von Ihnen, dass Sie hier sind. Geben Sie mir etwas Wasser, meine Lippen sind trocken; und ich werde versuchen, es Ihnen zu erzählen. Ich habe geträumt“ – er hielt inne und schien in Ohnmacht zu fallen. Ich rief leise nach Quincey: – „Den Brandy – er ist in meinem Arbeitszimmer – schnell!“ Er eilte und kehrte mit einem Glas, der Karaffe Brandy und einer Karaffe Wasser zurück. Wir befeuchteten die ausgetrockneten Lippen, und der Patient erholte sich schnell. Es schien jedoch, dass sein armes verletztes Gehirn in der Zwischenzeit gearbeitet hatte, denn als er wieder ganz bei Bewusstsein war, sah er mich durchdringend mit einer gequälten Verwirrung an, die ich nie vergessen werde, und sagte: –

„Ich darf mich nicht selbst belügen; es war kein Traum, sondern alles eine grausame Realität.“ Dann schweiften seine Augen durch das Zimmer; als sie die beiden Gestalten erblickten, die geduldig auf der Bettkante saßen, fuhr er fort: –

„Wenn ich nicht schon sicher wäre, wüsste ich es von ihnen.“ Für einen Moment schlossen sich seine Augen – nicht vor Schmerz oder Schlaf, sondern freiwillig, als ob er alle seine Fähigkeiten zusammennähme; als er sie öffnete, sagte er hastig und mit mehr Energie, als er bisher gezeigt hatte: –

„Schnell, Doktor, schnell. Ich sterbe! Ich fühle, dass ich nur noch wenige Minuten habe; und dann muss ich zurück zum Tod – oder Schlimmerem! Befeuchten Sie meine Lippen wieder mit Brandy. Ich habe etwas, das ich sagen muss, bevor ich sterbe; oder bevor mein armes, zerquetschtes Gehirn ohnehin stirbt. Danke! Es war jene Nacht, nachdem Sie mich verlassen hatten, als ich Sie anflehte, mich gehen zu lassen. Ich konnte damals nicht sprechen, denn ich fühlte, dass meine Zunge gelähmt war; aber ich war damals, außer in dieser Hinsicht, so bei Verstand wie jetzt. Ich war lange nach Ihrem Weggang in einer Qual der Verzweiflung; es schien Stunden zu dauern. Dann kam ein plötzlicher Friede über mich. Mein Gehirn schien wieder kühl zu werden, und ich erkannte, wo ich war. Ich hörte die Hunde hinter unserem Haus bellen, aber nicht dort, wo Er war!“ Während er sprach, blinzelte Van Helsing nicht einmal, aber seine Hand kam hervor, traf meine und drückte sie fest. Er verriet sich jedoch nicht; er nickte leicht und sagte mit leiser Stimme: „Fahren Sie fort.“ Renfield fuhr fort: –

„Er kam im Nebel zum Fenster herauf, wie ich ihn schon oft zuvor gesehen hatte; aber er war diesmal fest – kein Geist, und seine Augen waren wild wie die eines Mannes, wenn er zornig ist. Er lachte mit seinem roten Mund; die scharfen, weißen Zähne blitzten im Mondlicht, als Er sich umdrehte, um über den Baumgürtel dorthin zurückzublicken, wo die Hunde bellten. Ich wollte ihn zuerst nicht bitten hereinzukommen, obwohl ich wusste, dass er es wollte – genau wie er es die ganze Zeit gewollt hatte. Dann fing er an, mir Dinge zu versprechen – nicht in Worten, sondern indem er sie geschehen ließ.“ Er wurde durch ein Wort des Professors unterbrochen: –

„Wie?“

„Indem er sie geschehen ließ; genau wie er die Fliegen hereinzuschicken pflegte, wenn die Sonne schien. Große, dicke mit Stahl und Saphir auf ihren Flügeln; und große Nachtfalter, in der Nacht, mit Totenkopf auf ihren Rücken.“ Van Helsing nickte ihm zu, während er unbewusst zu mir flüsterte: –

„Der Acherontia atropos der Sphingidae – was Sie den ‚Totenkopfschwärmer‘ nennen!“ Der Patient fuhr ohne Unterbrechung fort.

„Dann fing er an zu flüstern: ‚Ratten, Ratten, Ratten! Hunderte, Tausende, Millionen davon, und jede ist ein Leben; und Hunde, um sie zu fressen, und Katzen auch. Alles Leben! Alles rotes Blut, mit Jahren an Leben darin; und nicht nur summende Fliegen!‘ Ich lachte ihn aus, denn ich wollte sehen, was er tun konnte. Dann heulten die Hunde, weit weg hinter den dunklen Bäumen in Seinem Haus. Er winkte mich zum Fenster. Ich stand auf und sah hinaus, und Er hob seine Hände und schien zu rufen, ohne Worte zu benutzen. Eine dunkle Masse breitete sich über dem Gras aus, kam heran wie die Form einer Feuerflamme; und dann bewegte Er den Nebel nach rechts und links, und ich konnte sehen, dass es Tausende von Ratten waren, deren Augen rot leuchteten – wie Seine, nur kleiner. Er hob seine Hand, und sie blieben alle stehen; und ich dachte, Er schien zu sagen: ‚All diese Leben will ich dir geben, ja, und viele mehr und größere, durch zahllose Zeitalter, wenn du dich niederwirfst und mich anbetest!‘ Und dann schien sich eine rote Wolke, wie die Farbe von Blut, über meine Augen zu schließen; und bevor ich wusste, was ich tat, öffnete ich das Fenster und sagte zu Ihm: ‚Komm herein, Herr und Meister!‘ Die Ratten waren alle weg, aber Er glitt durch das Fenster in das Zimmer, obwohl es nur einen Zoll weit offen war – genau wie der Mond selbst oft durch den kleinsten Spalt hereingekommen ist und in all seiner Größe und Pracht vor mir stand.“

Seine Stimme war schwächer, also befeuchtete ich seine Lippen wieder mit dem Brandy, und er fuhr fort; aber es schien, als hätte sein Gedächtnis in der Zwischenzeit weitergearbeitet, denn seine Geschichte war weiter fortgeschritten. Ich wollte ihn gerade zum Punkt zurückrufen, aber Van Helsing flüsterte mir zu: „Lassen Sie ihn fortfahren. Unterbrechen Sie ihn nicht; er kann nicht zurück, und könnte vielleicht gar nicht mehr fortfahren, wenn er einmal den Faden seines Gedankens verloren hätte.“ Er fuhr fort: –

„Den ganzen Tag wartete ich darauf, von ihm zu hören, aber er schickte mir nichts, nicht einmal eine Schmeißfliege, und als der Mond aufging, war ich ziemlich wütend auf ihn. Als er durch das Fenster hereinglitt, obwohl es geschlossen war, und nicht einmal klopfte, wurde ich wütend auf ihn. Er verspottete mich, und sein weißes Gesicht schaute aus dem Nebel mit seinen roten, leuchtenden Augen hervor, und er benahm sich, als gehörte ihm der ganze Ort und ich wäre niemand. Er roch nicht einmal gleich, als er an mir vorbeiging. Ich konnte ihn nicht halten. Ich dachte, dass irgendwie Mrs. Harker in das Zimmer gekommen sei.“

Die beiden Männer, die auf dem Bett saßen, standen auf und kamen herüber, stellten sich hinter ihn, sodass er sie nicht sehen konnte, aber wo sie besser hören konnten. Sie waren beide still, aber der Professor zuckte zusammen und bebte; sein Gesicht wurde jedoch noch grimmiger und strenger. Renfield fuhr fort, ohne es zu bemerken: –

„Als Mrs. Harker heute Nachmittag kam, um mich zu besuchen, war sie nicht mehr dieselbe; es war wie Tee, nachdem die Teekanne mit Wasser aufgefüllt worden war.“ Hier bewegten wir uns alle, aber niemand sagte ein Wort; er fuhr fort: –

„Ich wusste nicht, dass sie hier war, bis sie sprach; und sie sah nicht gleich aus. Ich mag die blassen Leute nicht; ich mag sie, wenn sie viel Blut in sich haben, und ihres schien ganz herausgeflossen zu sein. Ich habe damals nicht darüber nachgedacht; aber als sie wegging, fing ich an nachzudenken, und es machte mich wütend zu wissen, dass Er ihr das Leben ausgesaugt hatte.“ Ich konnte spüren, wie die anderen bebten, so wie ich; aber wir blieben ansonsten still. „Also, als Er heute Nacht kam, war ich bereit für Ihn. Ich sah den Nebel hereinschleichen und packte ihn fest. Ich hatte gehört, dass Verrückte eine unnatürliche Kraft haben; und da ich wusste, dass ich ein Verrückter bin – zumindest manchmal –, beschloss ich, meine Macht zu nutzen. Ja, und Er spürte es auch, denn Er musste aus dem Nebel kommen, um mit mir zu kämpfen. Ich hielt fest; und ich dachte, ich würde gewinnen, denn ich wollte nicht zulassen, dass Er noch mehr von ihrem Leben nimmt, bis ich Seine Augen sah. Sie brannten in mich hinein, und meine Kraft wurde wie Wasser. Er schlüpfte hindurch, und als ich versuchte, mich an Ihm festzuklammern, hob Er mich hoch und schleuderte mich nieder. Da war eine rote Wolke vor mir und ein Geräusch wie Donner, und der Nebel schien unter der Tür davonzuschleichen.“ Seine Stimme wurde schwächer und sein Atem rasselnder. Van Helsing stand instinktiv auf.

„Wir kennen nun das Schlimmste“, sagte er. „Er ist hier, und wir kennen Sein Ziel. Es mag noch nicht zu spät sein. Lasst uns bewaffnet sein – genau wie wir es neulich Abend waren, aber verliert keine Zeit; es bleibt kein Augenblick zu verlieren.“ Es war nicht nötig, unsere Furcht, ja, unsere Überzeugung in Worte zu fassen – wir teilten sie miteinander. Wir eilten alle und nahmen aus unseren Zimmern die gleichen Dinge mit, die wir bei uns hatten, als wir das Haus des Grafen betraten. Der Professor hatte die seinen bereit, und als wir uns auf dem Korridor trafen, deutete er bedeutungsvoll darauf, als er sagte: –

„Sie verlassen mich nie; und sie sollen es auch nicht tun, bis diese unselige Angelegenheit vorüber ist. Seid auch Ihr klug, meine Freunde. Es ist kein gewöhnlicher Feind, mit dem wir es zu tun haben. Ach! Ach! Dass die liebe Madam Mina leiden muss.“ Er hielt inne; seine Stimme brach, und ich weiß nicht, ob in meinem eigenen Herzen Zorn oder Entsetzen überwog.

Vor der Tür der Harkers blieben wir stehen. Art und Quincey hielten sich zurück, und Letzterer sagte: –

„Sollten wir sie stören?“

„Wir müssen“, sagte Van Helsing grimmig. „Wenn die Tür verschlossen ist, werde ich sie aufbrechen.“

„Könnte sie das nicht furchtbar erschrecken? Es ist ungewöhnlich, in das Zimmer einer Dame einzubrechen!“ Van Helsing sagte feierlich: –

„Sie haben immer recht; aber hier geht es um Leben und Tod. Alle Zimmer sind dem Arzt gleich; und selbst wenn sie es nicht wären, so sind sie mir heute Nacht alle eins. Freund John, wenn ich an der Klinke drehe und die Tür sich nicht öffnet, legen Sie Ihre Schulter dagegen und stoßen Sie; und Ihr auch, meine Freunde. Jetzt!“

Er drehte die Klinke, während er sprach, doch die Tür gab nicht nach. Wir warfen uns dagegen; mit einem Krachen sprang sie auf, und wir fielen fast kopfüber in das Zimmer. Der Professor fiel tatsächlich, und ich sah über ihn hinweg, während er sich von Händen und Knien aufrichtete. Was ich sah, entsetzte mich. Ich spürte, wie sich mein Haar wie Borsten im Nacken aufstellte und mein Herz stillzustehen schien.

Das Mondlicht war so hell, dass es durch das dicke gelbe Rollo im Zimmer hell genug war, um zu sehen. Auf dem Bett neben dem Fenster lag Jonathan Harker, sein Gesicht gerötet, und er atmete schwer wie in einer Betäubung. Auf der nahen Kante des Bettes kniete, nach außen gewandt, die weiß gekleidete Gestalt seiner Frau. An ihrer Seite stand ein großer, hagerer Mann in Schwarz. Sein Gesicht war von uns abgewandt, doch in dem Augenblick, als wir es sahen, erkannten wir alle den Grafen – in jeder Hinsicht, bis hin zur Narbe auf seiner Stirn. Mit der linken Hand hielt er beide Hände von Mrs. Harker fest, die Arme unter voller Spannung von sich gestreckt; seine rechte Hand umklammerte ihren Nacken und zwang ihr Gesicht auf seine Brust. Ihr weißes Nachtgewand war mit Blut beschmiert, und ein dünner Strom rieselte über die nackte Brust des Mannes, die durch sein aufgerissenes Gewand sichtbar wurde. Die Haltung der beiden hatte eine schreckliche Ähnlichkeit mit einem Kind, das die Nase eines Kätzchens in eine Untertasse Milch drückt, um es zum Trinken zu zwingen. Als wir in das Zimmer stürmten, wandte der Graf sein Gesicht, und der höllische Ausdruck, den ich beschrieben gehört hatte, schien hineinzuspringen. Seine Augen flammten rot vor teuflischer Leidenschaft; die großen Nasenflügel der weißen Adlernase weiteten sich und bebten am Rand; und die weißen, spitzen Zähne hinter den vollen Lippen des blutrünstigen Mundes klapperten wie die eines wilden Tieres zusammen. Mit einem Ruck, der sein Opfer wie aus großer Höhe auf das Bett zurückwarf, wandte er sich um und sprang auf uns zu. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Professor bereits auf den Beinen und hielt ihm den Umschlag entgegen, der die Heilige Hostie enthielt. Der Graf hielt plötzlich inne, genau wie die arme Lucy es vor dem Grab getan hatte, und wich zurück. Immer weiter wich er zurück, während wir unsere Kruzifixe erhoben und vorrückten. Das Mondlicht schwand plötzlich, als eine große schwarze Wolke über den Himmel segelte; und als das Gaslicht durch Quinceys Streichholz aufflammte, sahen wir nichts als einen schwachen Dunst. Dieser zog, während wir zusahen, unter der Tür hindurch, die sich durch den Rückstoß ihres Aufbrechens in ihre alte Position zurückgeschwungen hatte. Van Helsing, Art und ich traten an Mrs. Harker heran, die zu diesem Zeitpunkt wieder zu Atem gekommen war und damit einen Schrei ausgestoßen hatte, der so wild, so durchdringend, so verzweifelt war, dass es mir scheint, er werde mir bis an mein Lebensende in den Ohren klingen. Für einige Sekunden lag sie in ihrer hilflosen Haltung und Unordnung. Ihr Gesicht war gespenstisch, mit einer Blässe, die durch das Blut, das ihre Lippen, Wangen und ihr Kinn beschmierte, noch betont wurde; aus ihrem Hals sickerte ein dünner Blutstrom. Ihre Augen waren wahnsinnig vor Entsetzen. Dann hielt sie ihre armen, gequetschten Hände vor das Gesicht, die auf ihrem Weiß den roten Abdruck von des Grafen schrecklichem Griff trugen, und hinter ihnen hervor kam ein tiefes, trostloses Wehklagen, das den schrecklichen Schrei nur wie den raschen Ausdruck eines unendlichen Kummers erscheinen ließ. Van Helsing trat vor und zog behutsam die Bettdecke über ihren Körper, während Art, nachdem er einen Augenblick verzweifelt auf ihr Gesicht geblickt hatte, aus dem Zimmer rannte. Van Helsing flüsterte mir zu: –

„Jonathan ist in einer Betäubung, wie wir sie vom Vampir kennen. Wir können für ein paar Augenblicke nichts für die arme Madam Mina tun, bis sie sich wieder gefasst hat; ich muss ihn wecken!“ Er tauchte das Ende eines Handtuchs in kaltes Wasser und begann damit, ihm ins Gesicht zu schnippen, während seine Frau die ganze Zeit ihr Gesicht in den Händen hielt und auf eine Weise schluchzte, die herzzerreißend anzuhören war. Ich zog das Rollo hoch und schaute aus dem Fenster. Es war viel Mondschein; und als ich hinaussah, konnte ich Quincey Morris über den Rasen laufen und sich im Schatten einer großen Eibe verstecken sehen. Es verwirrte mich zu denken, warum er das tat; doch im selben Augenblick hörte ich Harkers raschen Ausruf, als er zu teilweisem Bewusstsein erwachte, und wandte mich zum Bett. Auf seinem Gesicht lag, wie es wohl sein musste, ein Ausdruck wilder Verwunderung. Er schien einige Sekunden lang benommen, und dann schien das volle Bewusstsein plötzlich über ihn hereinzubrechen, und er fuhr hoch. Seine Frau wurde durch die rasche Bewegung geweckt und wandte sich ihm mit ausgestreckten Armen zu, als wollte sie ihn umarmen; sofort jedoch zog sie sie wieder ein, legte die Ellbogen aneinander, hielt die Hände vor ihr Gesicht und schauerte, bis das Bett unter ihr bebte.

„Im Namen Gottes, was bedeutet das?“, rief Harker aus. „Dr. Seward, Dr. Van Helsing, was ist es? Was ist geschehen? Was ist nicht in Ordnung? Mina, Liebes, was ist es? Was bedeutet dieses Blut? Mein Gott, mein Gott! Ist es so weit gekommen!“, und indem er sich auf seine Knie aufrichtete, schlug er wild seine Hände zusammen. „Guter Gott, hilf uns! Hilf ihr! Oh, hilf ihr!“ Mit einer raschen Bewegung sprang er aus dem Bett und begann, seine Kleidung anzuziehen – der ganze Mann in ihm erwacht bei dem Bedürfnis nach sofortigem Handeln. „Was ist geschehen? Erzählt mir alles darüber!“, rief er, ohne innezuhalten. „Dr. Van Helsing, Sie lieben Mina, ich weiß es. Oh, tun Sie etwas, um sie zu retten. Es kann noch nicht zu weit gegangen sein. Bewachen Sie sie, während ich nach ihm suche!“ Seine Frau sah trotz ihres Entsetzens, ihres Schreckens und ihrer Bedrängnis eine sichere Gefahr für ihn; sofort ihren eigenen Kummer vergessend, packte sie ihn und rief aus: –

„Nein! Nein! Jonathan, du darfst mich nicht verlassen. Gott weiß, ich habe heute Nacht genug gelitten, ohne die Angst, dass er dir schaden könnte. Du musst bei mir bleiben. Bleib bei diesen Freunden, die über dich wachen werden!“ Ihr Ausdruck wurde wahnsinnig, während sie sprach; und als er ihr nachgab, zog sie ihn an die Bettkante, wo er sich niedersetzte, und klammerte sich heftig an ihn.

Van Helsing und ich versuchten, sie beide zu beruhigen. Der Professor hielt sein kleines goldenes Kruzifix hoch und sagte mit wunderbarer Ruhe: –

„Fürchtet Euch nicht, meine Liebe. Wir sind hier; und solange dies nahe bei Euch ist, kann kein böses Ding sich nähern. Ihr seid für heute Nacht sicher; und wir müssen ruhig sein und uns beraten.“ Sie schauerte und schwieg, den Kopf auf die Brust ihres Mannes gesenkt. Als sie ihn hob, war sein weißes Nachtgewand dort mit Blut befleckt, wo ihre Lippen es berührt hatten und wo die dünne offene Wunde an ihrem Hals Tropfen hervorgebracht hatte. In dem Augenblick, als sie es sah, wich sie mit einem tiefen Wehklagen zurück und flüsterte zwischen erstickten Schluchzern: –

„Unrein, unrein! Ich darf ihn nicht mehr berühren oder küssen. Oh, dass es so sein muss, dass ich nun seine ärgste Feindin bin, und diejenige, die er am meisten zu fürchten haben mag.“ Darauf sprach er entschlossen: –

„Unsinn, Mina. Es ist eine Schande für mich, ein solches Wort zu hören. Ich würde es nicht von dir hören wollen; und ich werde es nicht von dir hören. Möge Gott mich nach meinen Verdiensten richten und mich mit noch bittererem Leiden strafen als selbst dieser Stunde, wenn durch irgendeine Tat oder einen Willen meinerseits jemals etwas zwischen uns kommen sollte!“ Er streckte seine Arme aus und schloss sie an seine Brust; und eine Weile lag sie da und schluchzte. Er blickte über ihren geneigten Kopf hinweg zu uns, mit Augen, die feucht über seinen bebenden Nasenflügeln blinzelten; sein Mund war starr wie Stahl. Nach einer Weile wurden ihre Schluchzer weniger häufig und schwächer, und dann sagte er zu mir, wobei er mit einer studierten Ruhe sprach, von der ich fühlte, dass sie seine Nervenkraft bis zum Äußersten beanspruchte: –

„Und nun, Dr. Seward, erzählen Sie mir alles darüber. Zu gut kenne ich die grobe Tatsache; erzählen Sie mir alles, was gewesen ist.“ Ich erzählte ihm genau, was geschehen war, und er hörte mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit zu; doch seine Nasenflügel zuckten und seine Augen loderten, als ich erzählte, wie die rücksichtslosen Hände des Grafen seine Frau in jener schrecklichen und grässlichen Lage gehalten hatten, ihren Mund an der offenen Wunde seiner Brust. Es interessierte mich, selbst in diesem Moment, zu sehen, dass, während das Gesicht von weißer, starrer Leidenschaft krampfhaft über dem geneigten Kopf arbeitete, die Hände zärtlich und liebevoll das zerzauste Haar streichelten. Gerade als ich geendet hatte, klopften Quincey und Godalming an die Tür. Sie traten auf unsere Aufforderung hin ein. Van Helsing sah mich fragend an. Ich verstand ihn so, dass wir die Gelegenheit ihres Kommens nutzen sollten, um, wenn möglich, die Gedanken des unglücklichen Ehepaars von einander und von sich selbst abzulenken; also fragte ich sie, auf mein zustimmendes Nicken hin, was sie gesehen oder getan hätten. Worauf Lord Godalming antwortete: –

„Ich konnte ihn nirgends im Flur oder in einem unserer Zimmer sehen. Ich habe im Arbeitszimmer nachgesehen, aber obwohl er dort gewesen war, war er fort. Er hatte jedoch...“ Er hielt plötzlich inne und blickte auf die arme, zusammengesunkene Gestalt auf dem Bett. Van Helsing sagte ernst: –

„Fahren Sie fort, Freund Arthur. Wir wollen keine Verheimlichungen mehr. Unsere Hoffnung liegt jetzt darin, alles zu wissen. Sprechen Sie frei!“ Also fuhr Art fort: –

„Er war dort gewesen, und obwohl es nur für wenige Sekunden gewesen sein konnte, hat er dort selten gewütet. Das gesamte Manuskript war verbrannt, und die blauen Flammen flackerten zwischen der weißen Asche; die Walzen Ihres Phonographen waren ebenfalls ins Feuer geworfen worden, und das Wachs hatte den Flammen geholfen.“ Hier unterbrach ich ihn. „Gott sei Dank gibt es die andere Kopie im Safe!“ Sein Gesicht leuchtete einen Augenblick auf, fiel aber wieder ab, als er fortfuhr: „Ich rannte dann nach unten, konnte aber kein Anzeichen von ihm sehen. Ich schaute in Renfields Zimmer; aber da war keine Spur außer...!“ Wieder hielt er inne. „Fahren Sie fort“, sagte Harker heiser; also neigte er den Kopf, befeuchtete seine Lippen mit der Zunge und fügte hinzu: „außer dass der arme Kerl tot ist.“ Mrs. Harker hob ihren Kopf, blickte von einem zum anderen von uns, als sie feierlich sagte: –

„Gottes Wille geschehe!“ Ich konnte nicht umhin zu fühlen, dass Art etwas zurückhielt; doch da ich annahm, dass es einen Grund dazu gab, sagte ich nichts. Van Helsing wandte sich an Morris und fragte: –

„Und Sie, Freund Quincey, haben Sie etwas zu berichten?“

„Ein wenig“, antwortete er. „Es mag mit der Zeit viel werden, aber im Augenblick kann ich das nicht sagen. Ich hielt es für gut, wenn möglich zu wissen, wohin der Graf gehen würde, wenn er das Haus verließe. Ich habe ihn nicht gesehen; aber ich sah eine Fledermaus aus Renfields Fenster aufsteigen und nach Westen flattern. Ich erwartete, ihn in irgendeiner Gestalt nach Carfax zurückkehren zu sehen; doch er suchte offensichtlich einen anderen Unterschlupf. Er wird heute Nacht nicht zurückkehren; denn der Himmel färbt sich im Osten rot, und die Morgendämmerung ist nah. Wir müssen morgen arbeiten!“

Er sprach die letzten Worte durch zusammengebissene Zähne. Für eine Zeit von vielleicht ein paar Minuten war es still, und ich konnte mir einbilden, das Schlagen unserer Herzen hören zu können; dann sagte Van Helsing, während er seine Hand sehr zärtlich auf den Kopf von Mrs. Harker legte: –

„Und nun, Madam Mina – arme, liebe, liebe Madam Mina – sagen Sie uns genau, was geschehen ist. Gott weiß, dass ich nicht will, dass Ihr Schmerz leidet; aber es ist notwendig, dass wir alles wissen. Denn nun ist mehr denn je alles Werk schnell und scharf und in tödlichem Ernst zu tun. Der Tag ist nah, der alles beenden muss, wenn es denn sein kann; und nun ist die Chance, dass wir leben und lernen können.“

Die arme, liebe Dame schauerte, und ich konnte die Anspannung ihrer Nerven sehen, als sie ihren Mann enger an sich drückte und ihren Kopf immer tiefer auf seine Brust beugte. Dann hob sie stolz ihren Kopf und streckte Van Helsing eine Hand entgegen, der sie in seine nahm und, nachdem er sich vorbeugte und sie ehrfürchtig küsste, festhielt. Die andere Hand war in der ihres Mannes verschlossen, der seinen anderen Arm schützend um sie gelegt hatte. Nach einer Pause, in der sie offensichtlich ihre Gedanken ordnete, begann sie: –

„Ich nahm das Schlafmittel, das Sie mir so freundlich gegeben hatten, doch lange Zeit wirkte es nicht. Ich schien wacher zu werden, und Myriaden schrecklicher Phantasien begannen sich in meinen Geist zu drängen – alle verbunden mit Tod und Vampiren; mit Blut und Schmerz und Not.“ Ihr Mann stöhnte unwillkürlich, als sie sich ihm zuwandte und liebevoll sagte: „Sei nicht bekümmert, Liebes. Du musst tapfer und stark sein und mir durch die schreckliche Aufgabe helfen. Wenn du nur wüsstest, welche Anstrengung es für mich ist, überhaupt von diesem fürchterlichen Ding zu erzählen, würdest du verstehen, wie sehr ich deine Hilfe brauche. Nun, ich sah, dass ich versuchen musste, dem Medikament mit meinem Willen zu helfen, seine Arbeit zu tun, wenn es mir etwas nützen sollte, also legte ich mich entschlossen schlafen. Wahrlich, der Schlaf muss bald gekommen sein, denn an mehr erinnere ich mich nicht. Jonathan war nicht aufgewacht, als er hereinkam, denn er lag an meiner Seite, als ich mich das nächste Mal erinnere. Es war derselbe dünne, weiße Nebel im Zimmer, den ich schon früher bemerkt hatte. Aber ich vergesse jetzt, ob Sie davon wissen; Sie werden es in meinem Tagebuch finden, das ich Ihnen später zeigen werde. Ich fühlte dasselbe vage Entsetzen, das mich schon früher befallen hatte, und dasselbe Gefühl einer Anwesenheit. Ich wandte mich um, um Jonathan zu wecken, fand aber, dass er so fest schlief, dass es schien, als sei er es gewesen, der das Schlafmittel genommen hatte, und nicht ich. Ich versuchte es, konnte ihn aber nicht wecken. Das verursachte mir große Angst, und ich blickte verängstigt umher. Dann wahrlich sank mein Herz in mir zusammen: Neben dem Bett, als wäre er aus dem Nebel gestiegen – oder besser, als hätte sich der Nebel in seine Gestalt verwandelt, denn er war völlig verschwunden – stand ein großer, hagerer Mann, ganz in Schwarz. Ich kannte ihn sofort aus den Beschreibungen der anderen. Das wächserne Gesicht; die hohe Adlernase, auf die das Licht in einem dünnen, weißen Strich fiel; die gespaltenen, roten Lippen, mit den scharfen, weißen Zähnen dazwischen; und die roten Augen, die ich beim Sonnenuntergang an den Fenstern der St. Mary’s Church in Whitby gesehen zu haben schien. Ich kannte auch die rote Narbe auf seiner Stirn, wo Jonathan ihn geschlagen hatte. Für einen Augenblick stand mein Herz still, und ich hätte geschrien, wäre ich nicht gelähmt gewesen. In der Pause sprach er in einer Art scharfem, schneidendem Flüstern und deutete, während er sprach, auf Jonathan: –

„‚Stille! Wenn du einen Laut von dir gibst, werde ich ihn nehmen und sein Gehirn vor deinen Augen zerschmettern.‘ Ich war entsetzt und zu verwirrt, um etwas zu tun oder zu sagen. Mit einem spöttischen Lächeln legte er eine Hand auf meine Schulter und hielt mich fest, während er mit der anderen meinen Hals entblößte, wobei er sagte: ‚Zuerst eine kleine Erfrischung, um meine Anstrengungen zu belohnen. Du kannst genauso gut still sein; es ist nicht das erste oder zweite Mal, dass deine Adern meinen Durst gelöscht haben!‘ Ich war verwirrt, und seltsamerweise wollte ich ihn nicht hindern. Ich nehme an, es ist ein Teil des schrecklichen Fluches, dass es so ist, wenn seine Berührung auf seinem Opfer liegt. Und oh, mein Gott, mein Gott, erbarme dich meiner! Er legte seine triefenden Lippen an meinen Hals!“ Ihr Mann stöhnte wieder. Sie klammerte sich fester an seine Hand, blickte ihn mitleidig an, als sei er der Verletzte, und fuhr fort: –

„Ich fühlte, wie meine Kraft schwand, und ich war in einer halben Ohnmacht. Wie lange dieses schreckliche Ding dauerte, weiß ich nicht; doch es schien, als müsse eine lange Zeit vergangen sein, bevor er seinen faulen, entsetzlichen, spöttischen Mund wegnahm. Ich sah, wie er mit dem frischen Blut triefte!“ Die Erinnerung schien sie eine Weile zu überwältigen, und sie beugte sich und wäre gesunken, wenn ihr Mann sie nicht mit stützendem Arm gehalten hätte. Mit großer Anstrengung fing sie sich wieder und fuhr fort: –

„Dann sprach er spöttisch zu mir: ‚Und so würdest du, wie die anderen, deinen Verstand gegen meinen spielen lassen. Du würdest diesen Männern helfen, mich zu jagen und mich in meinen Absichten zu vereiteln! Du weißt jetzt, und sie wissen es teilweise schon, und werden es in Kürze in vollem Umfang wissen, was es bedeutet, meinen Weg zu kreuzen. Sie hätten ihre Energien für den Gebrauch näher an der Heimat aufsparen sollen. Während sie ihren Verstand gegen mich spielten – gegen mich, der Nationen befehligte, für sie intrigierte und für sie kämpfte, Hunderte von Jahren bevor sie geboren wurden – habe ich sie untergraben. Und du, ihre Bestgeliebte, bist mir nun Fleisch von meinem Fleisch; Blut von meinem Blut; Verwandte von meiner Verwandten; meine reichhaltige Weinpresse für eine Weile; und wirst später meine Gefährtin und meine Helferin sein. Du sollst wiederum gerächt werden; denn keiner von ihnen wird nicht deinen Bedürfnissen dienen. Aber noch sollst du bestraft werden für das, was du getan hast. Du hast dabei geholfen, mich zu vereiteln; nun sollst du meinem Ruf folgen. Wenn mein Gehirn „Komm!“ zu dir sagt, wirst du über Land oder Meer reisen, um meinen Befehl zu erfüllen; und zu diesem Zweck dies!‘ Damit riss er sein Hemd auf und öffnete mit seinen langen, scharfen Nägeln eine Ader in seiner Brust. Als das Blut herauszuspritzen begann, nahm er meine Hände in eine seiner Hände, hielt sie fest, und mit der anderen packte er meinen Nacken und presste meinen Mund an die Wunde, so dass ich entweder ersticken oder etwas von dem... Oh, mein Gott! Mein Gott! Was habe ich getan? Was habe ich getan, um ein solches Schicksal zu verdienen, ich, die ich versucht habe, alle meine Tage in Sanftmut und Rechtschaffenheit zu wandeln? Gott erbarme dich meiner! Sieh herab auf eine arme Seele in mehr als sterblicher Gefahr; und in Barmherzigkeit erbarme dich derer, denen sie teuer ist!“ Dann begann sie, ihre Lippen zu reiben, als wollte sie sie von der Befleckung reinigen.

Während sie ihre schreckliche Geschichte erzählte, begann der östliche Himmel lebendig zu werden, und alles wurde klarer und klarer. Harker war still und ruhig; doch über sein Gesicht, während die entsetzliche Erzählung weiterging, legte sich ein grauer Ausdruck, der sich im Morgenlicht immer mehr vertiefte, bis, als der erste rote Streifen der kommenden Morgendämmerung aufschoss, das Fleisch sich dunkel vom ergrauenden Haar abhob.

Wir haben vereinbart, dass einer von uns in Rufweite des unglücklichen Paares bleibt, bis wir uns treffen und über das weitere Vorgehen beraten können.

Dessen bin ich mir sicher: Die Sonne geht heute über keinem elenderen Haus im ganzen weiten Kreislauf ihres täglichen Laufs auf.

KAPITEL XXII.

/Jonathan Harkers Tagebuch./

3. Oktober.--Da ich etwas tun muss oder wahnsinnig werde, schreibe ich dieses Tagebuch. Es ist jetzt sechs Uhr, und wir treffen uns in einer halben Stunde im Arbeitszimmer, um eine Kleinigkeit zu essen; denn Dr. Van Helsing und Dr. Seward sind sich einig, dass wir nicht unser Bestes leisten können, wenn wir nicht essen. Unser Bestes wird, Gott weiß es, heute vonnöten sein. Ich muss bei jeder Gelegenheit weiterschreiben, denn ich darf nicht innehalten, um nachzudenken. Alles, ob groß oder klein, muss niedergeschrieben werden; vielleicht können uns am Ende die kleinen Dinge am meisten lehren. Diese Lehre, ob groß oder klein, hätte Mina und mich nirgendwohin führen können, wo es schlimmer wäre als heute. Dennoch müssen wir vertrauen und hoffen. Die arme Mina sagte mir gerade eben, während ihr die Tränen über die lieben Wangen liefen, dass unser Glaube gerade in Sorgen und Prüfungen erprobt wird – dass wir weiter vertrauen müssen; und dass Gott uns bis zum Ende beistehen wird. Das Ende! Oh, mein Gott! Welches Ende?... An die Arbeit! An die Arbeit!

Als Dr. Van Helsing und Dr. Seward von der Besichtigung des armen Renfield zurückkamen, erörterten wir ernsthaft, was zu tun sei. Zuerst berichtete uns Dr. Seward, dass er und Dr. Van Helsing, als sie in das darunterliegende Zimmer hinuntergegangen waren, Renfield auf dem Boden liegend gefunden hatten, in einem einzigen Haufen. Sein Gesicht war völlig gequetscht und zerdrückt, und die Knochen des Halses waren gebrochen.

Dr. Seward fragte den Pfleger, der auf dem Flur Dienst hatte, ob er etwas gehört habe. Er sagte, er habe dagesessen – er gestand ein, halb eingenickt zu sein –, als er laute Stimmen im Zimmer gehört habe, und daraufhin habe Renfield mehrmals laut gerufen: „Gott! Gott! Gott!“ Danach gab es ein Geräusch eines Sturzes, und als er das Zimmer betrat, fand er ihn mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen, genau so, wie die Ärzte ihn gesehen hatten. Van Helsing fragte, ob er „Stimmen“ oder „eine Stimme“ gehört habe, und er sagte, das könne er nicht sagen; anfangs habe es ihm so geschienen, als seien es zwei gewesen, aber da niemand im Zimmer war, könne es nur eine gewesen sein. Er könne beschwören, falls erforderlich, dass das Wort „Gott“ vom Patienten gesprochen wurde. Dr. Seward sagte uns, als wir allein waren, dass er nicht näher auf die Angelegenheit eingehen wolle; die Frage einer Untersuchung müsse in Betracht gezogen werden, und es ginge auf keinen Fall, die Wahrheit vorzubringen, da sie niemand glauben würde. So wie es sei, dachte er, könne er aufgrund der Aussage des Pflegers einen Totenschein wegen eines Unglücksfalls durch einen Sturz aus dem Bett ausstellen. Falls der Leichenbeschauer es verlangen sollte, gäbe es eine formelle Untersuchung, die notwendigerweise zum selben Ergebnis führen würde.

Als die Frage erörtert wurde, was unser nächster Schritt sein sollte, beschlossen wir zuallererst, dass Mina voll eingeweiht werden sollte; dass ihr nichts – ganz gleich wie schmerzhaft – vorenthalten werden dürfe. Sie selbst stimmte der Klugheit dieses Vorgehens zu, und es war erbärmlich, sie so tapfer und doch so betrübt und in einer solchen Tiefe der Verzweiflung zu sehen. „Es darf keine Geheimniskrämerei mehr geben“, sagte sie. „Ach! Wir hatten schon viel zu viel davon. Und außerdem gibt es nichts auf der ganzen Welt, das mir mehr Schmerz bereiten könnte, als ich bereits ertragen habe – als ich jetzt leide! Was auch immer geschehen mag, es muss für mich neue Hoffnung oder neuen Mut bedeuten!“ Van Helsing sah sie starr an, während sie sprach, und sagte plötzlich, aber leise:--

„Aber, liebe Madam Mina, haben Sie keine Angst; nicht um sich selbst, sondern um andere vor Ihnen selbst, nach dem, was geschehen ist?“ Ihr Gesicht verhärtete sich in seinen Zügen, doch ihre Augen leuchteten mit der Hingabe einer Märtyrerin, als sie antwortete:--

„Ach nein! Denn mein Entschluss steht fest!“

„Wozu?“, fragte er sanft, während wir alle sehr still waren; denn jeder von uns hatte auf seine Weise eine vage Vorstellung davon, was sie meinte. Ihre Antwort kam mit direkter Einfachheit, als würde sie schlicht eine Tatsache feststellen:--

„Denn wenn ich an mir selbst ein Anzeichen von Schaden für jemanden, den ich liebe, entdecke – und ich werde scharf darauf achten –, dann werde ich sterben!“

„Sie würden sich nicht selbst töten?“, fragte er heiser.

„Das würde ich; wenn es keinen Freund gäbe, der mich liebte und mir einen solchen Schmerz und eine so verzweifelte Anstrengung ersparen würde!“ Sie sah ihn vielsagend an, während sie sprach. Er saß, doch nun erhob er sich, trat nahe an sie heran und legte seine Hand auf ihr Haupt, während er feierlich sagte:--

„Mein Kind, es gibt jemanden, wenn es zu Ihrem Besten wäre. Für meinen Teil könnte ich es vor Gott verantworten, Ihnen selbst in diesem Augenblick eine solche Euthanasie zu gewähren, wenn es das Beste wäre. Nein, wenn es sicher wäre! Aber, mein Kind...“ für einen Moment schien er erstickt, und ein schweres Schluchzen stieg in seiner Kehle auf; er schluckte es hinunter und fuhr fort:--

„Es gibt hier welche, die zwischen Sie und den Tod treten würden. Sie dürfen nicht sterben. Sie dürfen nicht durch irgendeine Hand sterben; aber am allerwenigsten durch Ihre eigene. Bis der andere, der Ihr süßes Leben befleckt hat, wahrhaft tot ist, dürfen Sie nicht sterben; denn wenn er noch bei den lebendigen Untoten weilt, würde Ihr Tod Sie so machen, wie er ist. Nein, Sie müssen leben! Sie müssen kämpfen und danach streben zu leben, auch wenn der Tod wie eine unsagbare Wohltat erscheinen mag. Sie müssen den Tod selbst bekämpfen, auch wenn er zu Ihnen kommt in Schmerz oder in Freude; bei Tag oder bei Nacht; in Sicherheit oder in Gefahr! Bei Ihrer lebendigen Seele beschwöre ich Sie, dass Sie nicht sterben – nein, auch nicht an den Tod denken –, bis dieses große Übel vorüber ist.“ Die arme Liebe wurde bleich wie der Tod und zitterte und bebte, wie ich einen Treibsand habe zittern und beben sehen, wenn die Flut einsetzt. Wir waren alle stumm; wir konnten nichts tun. Schließlich wurde sie ruhiger, wandte sich ihm zu und sagte süß, aber ach! so betrübt, während sie ihre Hand ausstreckte:--

„Ich verspreche Ihnen, mein lieber Freund, dass ich, wenn Gott mich leben lässt, danach streben werde; bis diese Grausamkeit, wenn es in Seiner guten Zeit sein mag, von mir gewichen ist.“ Sie war so gut und tapfer, dass wir alle spürten, wie unsere Herzen gestärkt wurden, um für sie zu arbeiten und zu ertragen, und wir begannen zu erörtern, was zu tun sei. Ich sagte ihr, dass sie alle Papiere aus dem Safe erhalten solle, sowie alle Papiere oder Tagebücher und Phonographen, die wir fortan benutzen würden; und dass sie die Aufzeichnungen führen solle, wie sie es zuvor getan hatte. Sie war erfreut über die Aussicht, etwas zu tun zu haben – falls man „erfreut“ im Zusammenhang mit einem so düsteren Interesse verwenden kann.

Wie üblich hatte Van Helsing weiter gedacht als jeder andere und war mit einer genauen Ordnung unserer Arbeit vorbereitet.

„Es ist vielleicht gut“, sagte er, „dass wir bei unserem Treffen nach unserem Besuch in Carfax beschlossen haben, mit den Erdkisten, die dort lagen, nichts zu unternehmen. Hätten wir das getan, hätte der Graf unseren Plan erraten müssen und zweifellos Vorkehrungen getroffen, um ein solches Unterfangen in Bezug auf die anderen zu vereiteln; aber jetzt kennt er unsere Absichten nicht. Mehr noch, aller Wahrscheinlichkeit nach weiß er nicht, dass uns eine solche Macht zu Gebote steht, die seine Schlupfwinkel sterilisieren kann, sodass er sie nicht wie früher nutzen kann. Wir sind jetzt so viel weiter in unserem Wissen über ihren Verbleib, dass wir, wenn wir das Haus in Piccadilly untersucht haben, den allerletzten von ihnen aufspüren können. Der heutige Tag also gehört uns; und in ihm ruht unsere Hoffnung. Die Sonne, die heute Morgen über unserem Kummer aufging, behütet uns auf ihrem Lauf. Bis sie heute Abend untergeht, muss jene Bestie die Gestalt bewahren, die sie nun hat. Er ist auf die Grenzen seiner irdischen Hülle beschränkt. Er kann nicht in dünne Luft zerfließen noch durch Risse oder Spalten oder Ritzen verschwinden. Wenn er durch einen Türweg geht, muss er die Tür wie ein Sterblicher öffnen. Und so haben wir diesen Tag, um alle seine Schlupfwinkel aufzuspüren und zu sterilisieren. So werden wir ihn, wenn wir ihn noch nicht gefangen und vernichtet haben, in die Enge treiben, wo das Fangen und das Vernichten mit der Zeit sicher sein wird.“ Hier fuhr ich auf, denn ich konnte mich bei dem Gedanken nicht beherrschen, dass die Minuten und Sekunden, die so kostbar mit Minas Leben und Glück beladen waren, von uns davonflogen, da doch während unseres Redens ein Handeln möglich war. Aber Van Helsing hob warnend die Hand. „Nein, Freund Jonathan“, sagte er, „hierbei ist der schnellste Weg nach Hause der längste, so sagt es Ihr Sprichwort. Wir werden alle handeln, und zwar verzweifelt schnell, wenn die Zeit gekommen ist. Aber bedenken Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach liegt der Schlüssel zur Situation in jenem Haus in Piccadilly. Der Graf mag viele Häuser haben, die er gekauft hat. Von ihnen wird er Kaufurkunden, Schlüssel und andere Dinge haben. Er wird Papier haben, auf dem er schreibt; er wird sein Scheckbuch haben. Es gibt viele Besitztümer, die er irgendwo haben muss; warum nicht an diesem Ort, so zentral, so ruhig, wo er zu jeder Stunde durch das Vorder- oder Hintertor kommt und geht, wenn inmitten des riesigen Verkehrs niemand Notiz davon nimmt. Wir werden dorthin gehen und jenes Haus durchsuchen; und wenn wir erfahren, was es birgt, dann tun wir das, was unser Freund Arthur in seinen Ausdrücken der Jagd ‚die Bauten schließen‘ nennt, und so jagen wir unseren alten Fuchs – so? ist es nicht so?“

„Dann lassen Sie uns sofort gehen“, rief ich, „wir vergeuden die kostbare, kostbare Zeit!“ Der Professor rührte sich nicht, sondern sagte nur:--

„Und wie sollen wir in jenes Haus in Piccadilly gelangen?“

„Auf jede Weise!“, rief ich. „Wir werden einbrechen, wenn es sein muss.“

„Und Ihre Polizei; wo wird sie sein und was wird sie sagen?“

Ich war erschüttert; aber ich wusste, dass er einen guten Grund hatte, wenn er zögern wollte. Also sagte ich so ruhig ich konnte:--

„Warten Sie nicht länger als nötig; Sie wissen, ich bin sicher, unter welcher Folter ich leide.“

„Ach, mein Kind, das tue ich; und wahrlich, es liegt mir fern, Ihre Qual zu vergrößern. Aber bedenken Sie nur, was können wir tun, bis die ganze Welt in Bewegung ist? Dann wird unsere Zeit kommen. Ich habe nachgedacht und nachgedacht, und es scheint mir, der einfachste Weg ist der beste von allen. Nun, wir wollen in das Haus gelangen, aber wir haben keinen Schlüssel; ist es nicht so?“ Ich nickte.

„Nein, nehmen Sie an, Sie wären in Wahrheit der Eigentümer jenes Hauses und könnten dennoch nicht hineingelangen; und denken Sie, Sie hätten kein Gewissen eines Einbrechers, was würden Sie tun?“

„Ich würde einen anständigen Schlosser holen und ihn an die Arbeit setzen, für mich das Schloss zu öffnen.“

„Und Ihre Polizei, sie würde sich einmischen, nicht wahr?“

„Oh, nein! Nicht, wenn sie wüssten, dass der Mann ordnungsgemäß beschäftigt ist.“

„Dann“, er sah mich scharf an, als er sprach, „ist das Einzige, was zweifelhaft ist, das Gewissen des Arbeitgebers und der Glaube Ihrer Polizisten daran, ob dieser Arbeitgeber ein gutes oder ein schlechtes Gewissen hat. Ihre Polizei muss in der Tat eifrige Männer sein und klug – oh, so klug! – darin, das Herz zu lesen, dass sie sich in solche Angelegenheiten einmischen. Nein, nein, mein Freund Jonathan, Sie gehen und nehmen das Schloss von hundert leerstehenden Häusern in diesem Ihrem London oder jeder Stadt der Welt ab; und wenn Sie es so tun, wie solche Dinge richtigerweise getan werden, und zu der Zeit, zu der solche Dinge richtigerweise getan werden, wird sich niemand einmischen. Ich habe von einem Gentleman gelesen, der ein so feines Haus in Ihrem London besaß, und als er für die Sommermonate in die Schweiz ging und sein Haus abschloss, kam irgendein Einbrecher, schlug ein Fenster an der Rückseite ein und gelangte hinein. Dann ging er hin und öffnete die Fensterläden an der Vorderseite und ging vor den Augen der Polizei ein und aus. Dann veranstaltete er eine Auktion in diesem Haus, und machte sie bekannt, und brachte große Aushänge an; und als der Tag kam, verkaufte er durch einen großen Auktionator alle Waren jenes anderen Mannes, der sie besaß. Dann ging er zu einem Bauunternehmer und verkaufte ihm das Haus, wobei er vereinbarte, dass er es innerhalb einer bestimmten Zeit abreißen und alles abtransportieren sollte. Und Ihre Polizei und andere Behörden helfen ihm, wo sie nur können. Und als jener Eigentümer aus seinem Urlaub in der Schweiz zurückkehrte, fand er nur ein leeres Loch dort, wo sein Haus gewesen war. Das war alles en règle; und bei unserer Arbeit werden wir auch en règle sein. Wir werden nicht so früh gehen, dass der Polizist, der dann wenig zu denken hat, es für seltsam halten würde; aber wir werden nach zehn Uhr gehen, wenn viele unterwegs sind und wenn solche Dinge getan würden, wenn wir in der Tat die Eigentümer des Hauses wären.“

Ich konnte nicht anders, als zu sehen, wie recht er hatte, und die schreckliche Verzweiflung auf Minas Gesicht entspannte sich ein wenig; in einem so guten Rat lag Hoffnung. Van Helsing fuhr fort:--

„Wenn wir erst einmal in jenem Haus sind, finden wir vielleicht mehr Hinweise; auf jeden Fall können einige von uns dort bleiben, während die anderen die anderen Orte finden, wo es mehr Erdkisten gibt – in Bermondsey und Mile End.“

Lord Godalming stand auf. „Ich kann hier von Nutzen sein“, sagte er. „Ich werde meine Leute anweisen, Pferde und Kutschen dort bereitzuhalten, wo sie am bequemsten sind.“

„Hören Sie mal, alter Junge“, sagte Morris, „es ist eine großartige Idee, alles bereit zu haben, falls wir zu Pferde unterwegs sein wollen; aber glauben Sie nicht, dass eine Ihrer schnittigen Kutschen mit ihren heraldischen Verzierungen in einer Seitenstraße in Walworth oder Mile End zu viel Aufmerksamkeit für unsere Zwecke erregen würde? Es scheint mir, wir sollten Taxis nehmen, wenn wir nach Süden oder Osten fahren; und sie sogar irgendwo in der Nähe der Gegend lassen, in die wir wollen.“

„Freund Quincey hat recht!“, sagte der Professor. „Sein Kopf ist, was Sie auf einer Ebene mit dem Horizont nennen. Es ist eine schwierige Sache, die wir tun wollen, und wir wollen keine Leute, die uns beobachten, wenn es sich vermeiden lässt.“

Mina nahm ein wachsendes Interesse an allem, und ich war froh zu sehen, dass die Dringlichkeit der Angelegenheiten ihr half, für eine Weile die schreckliche Erfahrung der Nacht zu vergessen. Sie war sehr, sehr blass – fast gespenstisch, und so dünn, dass ihre Lippen zurückgezogen waren und ihre Zähne etwas hervortraten. Ich erwähnte Letzteres nicht, damit es ihr keinen unnötigen Schmerz bereitete; doch es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, wenn ich daran dachte, was mit der armen Lucy geschehen war, als der Graf ihr Blut gesogen hatte. Noch gab es kein Anzeichen dafür, dass die Zähne schärfer wurden; aber die Zeit war noch kurz, und es gab Grund zur Furcht.

Als wir zur Erörterung der Abfolge unserer Bemühungen und der Verteilung unserer Kräfte kamen, gab es neue Quellen des Zweifels. Es wurde schließlich vereinbart, dass wir vor dem Aufbruch nach Piccadilly den unmittelbar in der Nähe befindlichen Schlupfwinkel des Grafen zerstören sollten. Falls er es zu früh herausfinden sollte, wären wir ihm so immer noch einen Schritt voraus bei unserer Arbeit der Vernichtung; und seine Anwesenheit in seiner rein materiellen Gestalt, und zwar in seinem schwächsten Zustand, könnte uns einen neuen Hinweis geben.

Was die Verteilung der Kräfte anging, wurde vom Professor vorgeschlagen, dass wir nach unserem Besuch in Carfax alle das Haus in Piccadilly betreten sollten; dass die beiden Ärzte und ich dort bleiben sollten, während Lord Godalming und Quincey die Schlupfwinkel in Walworth und Mile End finden und zerstören sollten. Es sei möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, drängte der Professor, dass der Graf während des Tages in Piccadilly erscheinen könnte, und dass wir ihn dann und dort bewältigen könnten. Auf jeden Fall könnten wir ihm mit geballter Kraft folgen. Diesem Plan widersprach ich nachdrücklich, soweit es mein eigenes Kommen betraf, denn ich sagte, dass ich beabsichtigte zu bleiben und Mina zu beschützen. Ich dachte, mein Entschluss in dieser Sache stünde fest; aber Mina wollte auf meinen Einwand nicht hören. Sie sagte, es könne eine rechtliche Angelegenheit geben, in der ich nützlich sein könnte; dass unter den Papieren des Grafen ein Hinweis sein könnte, den ich aufgrund meiner Erfahrung in Transylvanien verstehen könnte; und dass, wie es nun einmal sei, alle Kraft, die wir aufbringen könnten, nötig sei, um die außergewöhnliche Macht des Grafen zu bewältigen. Ich musste nachgeben, denn Minas Entschlossenheit war fest; sie sagte, es sei die letzte Hoffnung für sie, dass wir alle zusammenarbeiteten. „Was mich betrifft“, sagte sie, „habe ich keine Angst. Die Dinge waren so schlimm, wie sie nur sein konnten; und was auch immer geschehen mag, es muss ein Element von Hoffnung oder Trost in sich tragen. Geh, mein Mann! Gott kann, wenn Er es will, mich allein ebenso gut behüten wie mit jedem anderen, der bei mir ist.“ Also fuhr ich auf und rief: „Dann lass uns in Gottes Namen sofort gehen, denn wir verlieren Zeit. Der Graf könnte früher nach Piccadilly kommen, als wir denken.“

„Nicht so!“, sagte Van Helsing und hob die Hand.

„Aber warum?“, fragte ich.

„Vergessen Sie“, sagte er mit einem tatsächlichen Lächeln, „dass er letzte Nacht ausgiebig geschwelgt hat und spät schlafen wird?“

Ob ich es vergaß! Werde ich es jemals – kann ich es jemals! Kann irgendeiner von uns jemals diese schreckliche Szene vergessen! Mina kämpfte hart, um ihre tapfere Miene zu bewahren; aber der Schmerz überwältigte sie, und sie nahm ihre Hände vor das Gesicht und schauderte, während sie wimmerte. Van Helsing hatte nicht beabsichtigt, ihre schreckliche Erfahrung in Erinnerung zu rufen. Er hatte sie und ihre Rolle in der Angelegenheit in seinem intellektuellen Eifer einfach aus den Augen verloren. Als ihm klar wurde, was er gesagt hatte, war er entsetzt über seine Gedankenlosigkeit und versuchte, sie zu trösten. „Oh Madam Mina“, sagte er, „liebe, liebe Madam Mina, ach! dass ich, von allen, die Sie so verehren, etwas so Vergessliches hätte sagen können. Diese dummen alten Lippen von mir und dieser dumme alte Kopf verdienen es nicht; aber Sie werden es vergessen, nicht wahr?“ Er beugte sich tief zu ihr herab, während er sprach; sie nahm seine Hand und sagte heiser, während sie ihn durch ihre Tränen ansah:--

„Nein, ich werde es nicht vergessen, denn es ist gut, dass ich mich erinnere; und damit habe ich so viel in meiner Erinnerung an Sie, das süß ist, dass ich es alles zusammennehme. Nun, Sie müssen alle bald gehen. Das Frühstück ist fertig, und wir müssen alle essen, damit wir stark sind.“

Das Frühstück war eine seltsame Mahlzeit für uns alle. Wir versuchten, fröhlich zu sein und uns gegenseitig zu ermutigen, und Mina war die Hellste und Fröhlichste von uns. Als es vorbei war, stand Van Helsing auf und sagte:--

„Nun, meine lieben Freunde, wir ziehen aus zu unserem schrecklichen Unterfangen. Sind wir alle bewaffnet, wie wir es in jener Nacht waren, als wir zum ersten Mal das Versteck unseres Feindes besuchten; bewaffnet gegen geisterhafte wie auch fleischliche Angriffe?“ Wir versicherten es ihm alle. „Dann ist es gut. Nun, Madam Mina, Sie sind hier in jedem Fall bis zum Sonnenuntergang vollkommen sicher; und davor werden wir zurückkehren – falls – wir zurückkehren! Aber bevor wir gehen, lassen Sie mich sehen, dass Sie gegen einen persönlichen Angriff gewappnet sind. Ich selbst habe, seit Sie heruntergekommen sind, Ihre Kammer vorbereitet, indem ich die Dinge platziert habe, von denen wir wissen, damit Er nicht eintreten kann. Nun lassen Sie mich Sie selbst behüten. Auf Ihre Stirn berühre ich dieses Stück der Heiligen Hostie im Namen des Vaters, des Sohnes und----“

Es gab einen furchtbaren Schrei, der uns fast das Herz gefrieren ließ, ihn zu hören. Als er die Hostie auf Minas Stirn legte, hatte sie sie versengt – hatte sich in das Fleisch gebrannt, als wäre sie ein Stück weißglühendes Metall gewesen. Das Gehirn meiner armen Geliebten sagte ihr die Bedeutung dieser Tatsache so schnell, wie ihre Nerven den Schmerz davon empfingen; und beides überwältigte sie so sehr, dass ihre überreizte Natur ihre Stimme in diesem schrecklichen Schrei fand. Aber die Worte zu ihrem Gedanken kamen schnell; der Widerhall des Schreis hatte noch nicht aufgehört in der Luft zu klingen, als die Reaktion eintrat, und sie sank in einer Agonie der Erniedrigung auf die Knie auf den Boden. Ihr schönes Haar über ihr Gesicht ziehend, wie der Aussätzige von einst seinen Mantel, jammerte sie auf:--

„Unrein! Unrein! Selbst der Allmächtige meidet mein besudeltes Fleisch! Ich muss dieses Zeichen der Schande auf meiner Stirn tragen bis zum Jüngsten Tag.“ Sie hielten alle inne. Ich hatte mich in einer Agonie hilfloser Trauer neben sie geworfen und sie fest in meine Arme geschlossen. Für einige Minuten schlugen unsere betrübten Herzen im Gleichtakt, während die Freunde um uns herum ihre Augen abwandten, aus denen still die Tränen rannen. Dann wandte sich Van Helsing um und sagte ernst; so ernst, dass ich nicht umhin konnte zu fühlen, dass er in gewisser Weise inspiriert war und Dinge aussprach, die über ihn selbst hinausgingen:--

„Es mag sein, dass Ihr dieses Zeichen tragen müsst, bis Gott Selbst es für richtig hält, wie Er es sicherlich tun wird, am Jüngsten Tag alle Unrechte der Erde und Seiner Kinder, die Er darauf platziert hat, wiedergutzumachen. Und ach, Madam Mina, meine Teure, meine Teure, mögen wir, die Euch lieben, dort sein, um es zu sehen, wenn jene rote Narbe, das Zeichen von Gottes Wissen um das, was war, vergehen und Eure Stirn so rein hinterlassen wird wie das Herz, das wir kennen. Denn so gewiss wir leben, diese Narbe wird vergehen, wenn Gott es für richtig hält, die Last, die schwer auf uns ruht, zu heben. Bis dahin tragen wir unser Kreuz, wie es Sein Sohn im Gehorsam gegen Seinen Willen tat. Es mag sein, dass wir auserwählte Werkzeuge Seines Wohlgefallens sind und dass wir Seinem Gebot folgen, wie jener andere durch Striemen und Schande; durch Tränen und Blut; durch Zweifel und Ängste und all das, was den Unterschied zwischen Gott und Mensch ausmacht.“

Es lag Hoffnung in seinen Worten und Trost; und sie wirkten auf Resignation hin. Mina und ich empfanden beide so, und gleichzeitig ergriffen wir jeder eine der Hände des alten Mannes, beugten uns darüber und küssten sie. Dann knieten wir alle schweigend zusammen nieder und schworen, einander die Treue zu halten, während wir uns alle an den Händen hielten. Wir Männer gelobten, den Schleier des Kummers vom Haupt derjenigen zu heben, die wir jeder auf seine Weise liebten; und wir beteten um Hilfe und Führung bei der schrecklichen Aufgabe, die vor uns lag.

Dann war es Zeit aufzubrechen. Also nahm ich Abschied von Mina, ein Abschied, den keiner von uns bis an sein Lebensende vergessen wird; und wir brachen auf.

Eines habe ich fest beschlossen: Wenn wir herausfinden, dass Mina am Ende ein Vampir sein muss, dann soll sie nicht allein in jenes unbekannte und schreckliche Land gehen. Ich nehme an, so war es in alten Zeiten, dass ein Vampir viele bedeutete; genau wie ihre abscheulichen Körper nur in geweihter Erde ruhen konnten, so war die heiligste Liebe der Anwerber für ihre grausigen Reihen.

Wir betraten Carfax ohne Schwierigkeiten und fanden alles so vor wie beim ersten Mal. Es war schwer zu glauben, dass inmitten einer so prosaischen Umgebung aus Vernachlässigung, Staub und Verfall irgendein Grund für eine solche Angst bestand, wie wir sie bereits kannten. Hätten wir uns nicht bereits entschlossen und hätten uns nicht schreckliche Erinnerungen angetrieben, hätten wir unsere Aufgabe kaum fortsetzen können. Wir fanden keine Papiere und keinerlei Anzeichen von Nutzung im Haus; und in der alten Kapelle sahen die großen Kisten genauso aus, wie wir sie zuletzt gesehen hatten. Dr. Van Helsing sagte feierlich zu uns, als wir vor ihnen standen:--

„Und nun, meine Freunde, haben wir hier eine Pflicht zu erfüllen. Wir müssen diese Erde sterilisieren, so heilig vor heiligen Erinnerungen, die er für solch abscheulichen Gebrauch aus einem weit entfernten Land gebracht hat. Er hat diese Erde gewählt, weil sie heilig war. So besiegen wir ihn mit seiner eigenen Waffe, denn wir machen sie noch heiliger. Sie war für den Gebrauch des Menschen geheiligt, nun heiligen wir sie für Gott.“ Während er sprach, nahm er einen Schraubenzieher und einen Schraubenschlüssel aus seiner Tasche, und sehr bald wurde der Deckel einer der Kisten aufgestemmt. Die Erde roch muffig und stickig; aber das schien uns irgendwie nicht zu stören, da unsere Aufmerksamkeit auf den Professor konzentriert war. Er nahm ein Stück der Heiligen Hostie aus seiner Schachtel, legte es ehrfürchtig auf die Erde, und nachdem wir den Deckel zugeschlagen hatten, begann er, ihn festzuschrauben, wobei wir ihm bei der Arbeit halfen.

Eine nach der anderen behandelten wir jede der großen Kisten auf dieselbe Weise und ließen sie dem Anschein nach so zurück, wie wir sie vorgefunden hatten; aber in jeder befand sich ein Teil der Hostie.

Als wir die Tür hinter uns schlossen, sagte der Professor feierlich:--

„So viel ist bereits getan. Wenn es sein mag, dass wir bei all den anderen ebenso erfolgreich sein können, dann mag der Sonnenuntergang dieses Abends auf Madam Minas Stirn scheinen, ganz weiß wie Elfenbein und ohne einen Fleck!“

Als wir auf dem Weg zum Bahnhof, um unseren Zug zu erreichen, über den Rasen gingen, konnten wir die Vorderseite des Asyls sehen. Ich schaute eifrig hin und sah Mina im Fenster meines Zimmers. Ich winkte ihr zu und nickte, um zu sagen, dass unsere Arbeit dort erfolgreich abgeschlossen war. Sie nickte zur Antwort, um zu zeigen, dass sie es verstanden hatte. Das Letzte, was ich sah, war, wie sie zum Abschied winkte. Mit schwerem Herzen suchten wir den Bahnhof auf und erreichten gerade noch den Zug, der in den Bahnhof einfuhr, als wir den Bahnsteig erreichten.

Ich habe dies im Zug geschrieben.

Piccadilly, 12.30 Uhr.--Kurz bevor wir Fenchurch Street erreichten, sagte Lord Godalming zu mir:

„Quincey und ich werden einen Schlüsseldienst finden. Du solltest besser nicht mit uns kommen, falls es Schwierigkeiten geben sollte; denn unter den gegebenen Umständen würde es nicht so schlimm erscheinen, wenn wir in ein leeres Haus einbrechen. Aber du bist ein Rechtsanwalt, und die Incorporated Law Society könnte dir sagen, dass du es besser wissen müsstest.“ Ich widersprach, was meine Nichtbeteiligung an jeglicher Gefahr, selbst der des Anstoßes, betraf, aber er fuhr fort: „Außerdem wird es weniger Aufmerksamkeit erregen, wenn wir nicht zu viele sind. Mein Titel wird bei dem Schlüsseldienst und bei jedem Polizisten, der vorbeikommen mag, alles in Ordnung bringen. Du solltest besser mit Jack und dem Professor gehen und im Green Park bleiben, irgendwo in Sichtweite des Hauses; und wenn du siehst, dass sich die Tür öffnet und der Schmied weggegangen ist, dann kommt ihr alle herüber. Wir werden nach euch Ausschau halten und euch hereinlassen.“

„Der Rat ist gut!“, sagte Van Helsing, also sagten wir nichts weiter. Godalming und Morris eilten in einem Taxi davon, wir folgten in einem anderen. An der Ecke der Arlington Street stieg unser Kontingent aus und schlenderte in den Green Park. Mein Herz klopfte, als ich das Haus sah, auf das sich so viel von unserer Hoffnung konzentrierte, wie es grimmig und still in seinem verlassenen Zustand inmitten seiner lebhafteren und gepflegter aussehenden Nachbarn aufragte. Wir setzten uns auf eine Bank in guter Sichtweite und begannen Zigarren zu rauchen, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Die Minuten schienen mit bleiernen Füßen zu vergehen, während wir auf das Kommen der anderen warteten.

Endlich sahen wir eine Droschke vorfahren. Aus ihr stiegen gemächlich Lord Godalming und Morris; und vom Kutschbock stieg ein untersetzter Arbeiter mit seinem aus Binsen geflochtenen Werkzeugkorb herab. Morris bezahlte den Kutscher, der an seine Mütze tippte und davonfuhr. Zusammen stiegen die beiden die Stufen hinauf, und Lord Godalming deutete an, was getan werden sollte. Der Arbeiter zog gemächlich seinen Mantel aus und hängte ihn an eine der Spitzen des Geländers, wobei er etwas zu einem Polizisten sagte, der gerade des Weges kam. Der Polizist nickte zustimmend, und der Mann kniete nieder und stellte seine Tasche neben sich. Nachdem er sie durchsucht hatte, nahm er eine Auswahl an Werkzeugen heraus, die er ordentlich neben sich legte. Dann stand er auf, schaute in das Schlüsselloch, blies hinein und machte eine Bemerkung an seine Auftraggeber. Lord Godalming lächelte, und der Mann hob ein stattliches Schlüsselbund; er wählte einen davon aus und begann, das Schloss zu sondieren, als ob er sich damit vortastete. Nachdem er ein wenig herumgefummelt hatte, probierte er einen zweiten und dann einen dritten. Auf einmal öffnete sich die Tür unter einem leichten Druck von ihm, und er und die beiden anderen betraten den Flur. Wir blieben sitzen; meine eigene Zigarre brannte heftig, aber die von Van Helsing ging völlig aus. Wir warteten geduldig, als wir sahen, wie der Arbeiter herauskam und seine Tasche hereinholte. Dann hielt er die Tür halb offen und stützte sie mit seinen Knien, während er einen Schlüssel an das Schloss anpasste. Diesen übergab er schließlich Lord Godalming, der seinen Geldbeutel herausholte und ihm etwas gab. Der Mann tippte an seine Mütze, nahm seine Tasche, zog seinen Mantel an und ging; keine Seele nahm die geringste Notiz von dem ganzen Vorgang.

Als der Mann endgültig weg war, überquerten wir drei die Straße und klopften an die Tür. Sie wurde sofort von Quincey Morris geöffnet, neben dem Lord Godalming stand und sich eine Zigarre anzündete.

„Der Ort riecht so abscheulich“, sagte Letzterer, als wir hereinkamen. Es roch tatsächlich abscheulich – wie die alte Kapelle in Carfax – und nach unseren früheren Erfahrungen war es für uns klar, dass der Graf den Ort ziemlich frei benutzt hatte. Wir machten uns daran, das Haus zu erkunden, und blieben alle zusammen für den Fall eines Angriffs; denn wir wussten, dass wir es mit einem starken und gerissenen Feind zu tun hatten, und noch wussten wir nicht, ob der Graf sich vielleicht im Haus aufhielt. Im Esszimmer, das hinter dem Flur lag, fanden wir acht Kisten mit Erde. Nur acht Kisten von den neun, die wir suchten! Unsere Arbeit war nicht beendet und würde es niemals sein, bis wir die fehlende Kiste gefunden hätten. Zuerst öffneten wir die Fensterläden des Fensters, das über einen schmalen, mit Steinplatten belegten Hof auf die kahle Fassade eines Stalls blickte, der so gestrichen war, dass er aussah wie die Vorderseite eines Miniaturhauses. Es gab keine Fenster darin, also hatten wir keine Angst, beobachtet zu werden. Wir verloren keine Zeit damit, die Truhen zu untersuchen. Mit den Werkzeugen, die wir mitgebracht hatten, öffneten wir sie eine nach der anderen und behandelten sie so, wie wir jene anderen in der Kapelle behandelt hatten. Es war für uns offensichtlich, dass der Graf derzeit nicht im Haus war, und wir begannen, nach irgendwelchen seiner Habseligkeiten zu suchen.

Nach einem flüchtigen Blick auf den Rest der Räume vom Keller bis zum Dachboden kamen wir zu dem Schluss, dass das Esszimmer alle Habseligkeiten enthielt, die dem Grafen gehören könnten; und so begannen wir, sie eingehend zu untersuchen. Sie lagen in einer Art geordneter Unordnung auf dem großen Esszimmertisch. Da waren Eigentumsurkunden des Hauses in Piccadilly in einem großen Bündel; Urkunden über den Kauf der Häuser in Mile End und Bermondsey; Notizpapier, Umschläge sowie Stifte und Tinte. Alles war in dünnes Einwickelpapier eingewickelt, um es vor Staub zu schützen. Es gab auch eine Kleiderbürste, eine Bürste und einen Kamm sowie einen Krug und eine Waschschüssel – letztere enthielt schmutziges Wasser, das gerötet war, als ob mit Blut. Zuletzt gab es noch einen kleinen Haufen Schlüssel aller Art und Größe, wahrscheinlich die zu den anderen Häusern. Als wir diesen letzten Fund untersucht hatten, nahmen Lord Godalming und Quincey Morris, nachdem sie sich genaue Notizen der verschiedenen Adressen der Häuser im Osten und Süden gemacht hatten, die Schlüssel an einem großen Bund mit sich und machten sich auf, die Kisten an diesen Orten zu vernichten. Der Rest von uns wartet mit der Geduld, die wir aufbringen können, auf ihre Rückkehr – oder das Kommen des Grafen.

KAPITEL XXIII.

/Dr. Sewards Tagebuch./

3. Oktober.--Die Zeit schien schrecklich lang, während wir auf das Kommen von Godalming und Quincey Morris warteten. Der Professor versuchte, unseren Geist aktiv zu halten, indem er ihn die ganze Zeit beanspruchte. Ich konnte seine wohltätige Absicht an den Seitenblicken erkennen, die er von Zeit zu Zeit auf Harker warf. Der arme Kerl ist in einem Elend überwältigt, das erschreckend anzusehen ist. Gestern Nacht war er ein aufrichtiger, glücklich aussehender Mann mit einem starken, jugendlichen Gesicht, voller Energie und mit dunkelbraunem Haar. Heute ist er ein verhärmter, hagerer alter Mann, dessen weißes Haar gut zu den hohlen, brennenden Augen und den von Trauer gezeichneten Linien seines Gesichts passt. Seine Energie ist immer noch intakt; tatsächlich ist er wie eine lebendige Flamme. Das mag noch seine Rettung sein, denn wenn alles gut geht, wird es ihn über die verzweifelte Zeit hinweghelfen; er wird dann auf eine gewisse Art wieder in die Realitäten des Lebens erwachen. Armer Kerl, ich dachte, mein eigenes Leid wäre schlimm genug, aber seines----! Der Professor weiß das nur zu gut und tut sein Bestes, um seinen Geist aktiv zu halten. Was er gesagt hat, war unter den gegebenen Umständen von fesselndem Interesse. Soweit ich mich erinnere, ist es hier:--

„Ich habe alle Papiere, die sich auf dieses Ungeheuer beziehen, immer und immer wieder studiert, seit sie in meine Hände gelangt sind; und je mehr ich studiert habe, desto größer scheint die Notwendigkeit, ihn völlig auszurotten. Überall gibt es Anzeichen seines Vordringens; nicht nur seiner Macht, sondern seines Wissens darum. Wie ich aus den Forschungen meines Freundes Arminius aus Buda-Pesth erfuhr, war er im Leben ein höchst wunderbarer Mann. Soldat, Staatsmann und Alchemist – welch Letzteres die höchste Entwicklung der Wissenschaftserkenntnis seiner Zeit war. Er hatte ein gewaltiges Gehirn, eine Gelehrsamkeit ohnegleichen und ein Herz, das weder Furcht noch Reue kannte. Er wagte es sogar, die Scholomance zu besuchen, und es gab keinen Wissenszweig seiner Zeit, den er nicht erprobte. Nun, bei ihm überdauerten die Gehirnkräfte den physischen Tod; obwohl es scheinen mag, dass das Gedächtnis nicht ganz vollständig war. In einigen Geistesfähigkeiten ist er gewesen und ist er nur ein Kind; aber er wächst, und einige Dinge, die anfangs kindlich waren, haben nun Mannesgröße. Er experimentiert und tut es gut; und wenn wir nicht seinen Weg gekreuzt hätten, wäre er noch – er mag es noch sein, wenn wir versagen – der Vater oder Förderer einer neuen Ordnung von Wesen, deren Weg durch den Tod führen muss, nicht durch das Leben.“

Harker stöhnte und sagte: „Und das alles ist gegen meine Liebste gerichtet! Aber wie experimentiert er? Das Wissen könnte uns helfen, ihn zu besiegen!“

„Er hat die ganze Zeit, seit er gekommen ist, seine Macht erprobt, langsam aber sicher; dieses große Kindergehirn von ihm arbeitet. Gut für uns ist es, dass es noch ein Kindergehirn ist; denn hätte er es gewagt, schon früh bestimmte Dinge zu versuchen, wäre er längst außerhalb unserer Macht gewesen. Wie dem auch sei, er will Erfolg haben, und ein Mann, der Jahrhunderte vor sich hat, kann es sich leisten zu warten und langsam vorzugehen. Festina lente mag wohl sein Motto sein.“

„Ich verstehe nicht“, sagte Harker müde. „Oh, seien Sie deutlicher zu mir! Vielleicht trüben Kummer und Sorge mein Gehirn.“ Der Professor legte seine Hand sanft auf seine Schulter, als er sprach:--

„Ach, mein Kind, ich werde deutlich sein. Seht Ihr nicht, wie dieses Ungeheuer in letzter Zeit experimentell in das Wissen hineingekrochen ist? Wie er den zoophagen Patienten benutzt hat, um seinen Eintritt in das Heim des Freundes John zu bewirken; denn Euer Vampir, obwohl er danach in allem kommen kann, wann und wie er will, muss beim ersten Mal den Eintritt nur dann erzwingen, wenn er von einem Insassen dazu aufgefordert wird. Aber das sind nicht seine wichtigsten Experimente. Sehen wir nicht, wie anfangs all diese so großen Kisten von anderen bewegt wurden? Er wusste damals nicht, dass das so sein musste. Aber die ganze Zeit über wuchs dieses große Kindergehirn von ihm, und er begann zu überlegen, ob er die Kiste nicht selbst bewegen könnte. Also begann er zu helfen; und dann, als er fand, dass dies in Ordnung sei, versuchte er, sie alle allein zu bewegen. Und so schreitet er voran, und er verstreut diese seine Gräber; und niemand außer ihm weiß, wo sie versteckt sind. Er mag beabsichtigt haben, sie tief in der Erde zu vergraben. Solange er sie nur in der Nacht benutzt, oder zu einer Zeit, in der er seine Form ändern kann, sind sie ihm ebenso nützlich; und niemand mag wissen, dass dies seine Verstecke sind! Aber, mein Kind, verzweifelt nicht; dieses Wissen kommt ihm gerade zu spät! Schon sind alle seine Schlupfwinkel bis auf einen für ihn sterilisiert; und vor dem Sonnenuntergang wird dies auch für den letzten so sein. Dann hat er keinen Ort mehr, an den er sich bewegen und verstecken kann. Ich habe heute Morgen gezögert, damit wir sicher sein konnten. Steht für uns nicht mehr auf dem Spiel als für ihn? Warum sollen wir dann nicht noch vorsichtiger sein als er? Nach meiner Uhr ist es eine Stunde, und wenn alles gut geht, sind Freund Arthur und Quincey bereits auf dem Weg zu uns. Heute ist unser Tag, und wir müssen sichergehen, wenn auch langsam, und keine Chance verlieren. Seht! Wir sind zu fünft, wenn die Abwesenden zurückkehren.“

Während er sprach, wurden wir durch ein Klopfen an der Haustür aufgeschreckt, das doppelte Postbotenklopfen des Telegrammboten. Wir bewegten uns alle mit einem Impuls zum Flur, und Van Helsing, der uns die Hand hob, um uns zum Schweigen zu bringen, trat an die Tür und öffnete sie. Der Junge reichte ein Telegramm hinein. Der Professor schloss die Tür wieder und öffnete sie, nachdem er auf die Anschrift geschaut hatte, und las sie laut vor:--

„Haltet Ausschau nach D. Er ist gerade jetzt, 12.45 Uhr, eilig von Carfax gekommen und in Richtung Süden geeilt. Er scheint seine Runde zu machen und will euch vielleicht sehen: Mina.“

Es gab eine Pause, die durch Jonathan Harkers Stimme unterbrochen wurde:--

„Nun, Gott sei Dank, wir werden uns bald treffen!“ Van Helsing wandte sich schnell an ihn und sagte:--

„Gott wird auf Seine eigene Weise und zu Seiner Zeit handeln. Fürchtet Euch nicht und freut Euch noch nicht; denn was wir uns in diesem Augenblick wünschen, könnte unser Untergang sein.“

„Mir ist jetzt alles egal“, antwortete er hitzig, „außer dieses Tier vom Antlitz der Schöpfung zu tilgen. Ich würde meine Seele verkaufen, um es zu tun!“

„Oh, still, still, mein Kind!“, sagte Van Helsing, „Gott kauft keine Seelen auf diese Weise; und der Teufel, obwohl er sie kaufen mag, hält sein Wort nicht. Aber Gott ist barmherzig und gerecht und kennt Euren Schmerz und Eure Hingabe an diese liebe Madam Mina. Denkt Ihr, wie ihr Schmerz verdoppelt würde, wenn sie nur Eure wilden Worte hörte? Fürchtet keinen von uns; wir sind alle dieser Sache ergeben, und der heutige Tag soll das Ende sehen. Die Zeit zum Handeln kommt; heute ist dieser Vampir auf die Kräfte des Menschen beschränkt, und bis zum Sonnenuntergang darf er sich nicht verändern. Er wird Zeit brauchen, um hier anzukommen – seht, es ist zwanzig Minuten nach eins – und es ist noch einige Zeit hin, bis er hierher kommen kann, sei er auch noch so schnell. Was wir hoffen müssen, ist, dass mein Lord Arthur und Quincey zuerst ankommen.“

Etwa eine halbe Stunde nachdem wir Mrs. Harkers Telegramm erhalten hatten, klopfte es leise und entschlossen an der Haustür. Es war nur ein gewöhnliches Klopfen, wie es stündlich von Tausenden von Gentlemen gegeben wird, aber es ließ das Herz des Professors und meines laut schlagen. Wir sahen uns an und bewegten uns gemeinsam in den Flur; jeder von uns hielt seine verschiedenen Waffen bereit – die geistige in der linken Hand, die moralische in der rechten. Van Helsing zog den Riegel zurück und blieb, die Tür halb offen haltend, zurücktreten, wobei er beide Hände für die Aktion bereit hielt. Die Freude unserer Herzen muss sich auf unseren Gesichtern gezeigt haben, als wir auf der Stufe, dicht an der Tür, Lord Godalming und Quincey Morris sahen. Sie kamen schnell herein und schlossen die Tür hinter sich, wobei der Erstere, während sie den Flur entlanggingen, sagte:--

„Es ist alles in Ordnung. Wir haben beide Orte gefunden; sechs Kisten in jedem, und wir haben sie alle vernichtet!“

„Vernichtet?“, fragte der Professor.

„Für ihn!“ Wir schwiegen eine Minute, und dann sagte Quincey:--

„Es gibt nichts zu tun, als hier zu warten. Wenn er jedoch bis fünf Uhr nicht auftaucht, müssen wir aufbrechen; denn es geht nicht, Mrs. Harker nach Sonnenuntergang allein zu lassen.“

„Er wird bald hier sein“, sagte Van Helsing, der in seinem Notizbuch nachgeschlagen hatte. „Nota bene, laut dem Telegramm der gnädigen Frau ist er von Carfax aus nach Süden gezogen; das bedeutet, er wollte den Fluss überqueren, und das konnte er nur bei Gezeitenwechsel, was etwas vor ein Uhr sein sollte. Dass er nach Süden zog, hat für uns eine Bedeutung. Er schöpft bis jetzt nur Verdacht; und er ging von Carfax zuerst an den Ort, an dem er am wenigsten Störung vermuten würde. Sie müssen nur kurze Zeit vor ihm in Bermondsey gewesen sein. Dass er nicht schon hier ist, zeigt, dass er als Nächstes nach Mile End ging. Das hat ihn einige Zeit gekostet; denn er musste dann auf irgendeine Weise über den Fluss gebracht werden. Glauben Sie mir, meine Freunde, wir werden jetzt nicht mehr lange warten müssen. Wir sollten einen Angriffsplan bereithalten, damit wir keine Chance vertun. Still, jetzt ist keine Zeit mehr. Haben Sie alle Ihre Waffen! Seien Sie bereit!“ Er hob mahnend die Hand, während er sprach, denn wir alle konnten hören, wie ein Schlüssel leise in das Schloss der Haustür gesteckt wurde.

Ich konnte nicht anders, als selbst in einem solchen Moment die Art und Weise zu bewundern, wie ein dominanter Geist sich durchsetzte. Bei all unseren Jagdgesellschaften und Abenteuern in verschiedenen Teilen der Welt war Quincey Morris immer derjenige gewesen, der den Handlungsplan entwarf, und Arthur und ich waren es gewohnt, ihm blind zu gehorchen. Nun schien sich die alte Gewohnheit instinktiv zu erneuern. Mit einem schnellen Blick durch den Raum legte er sofort unseren Angriffsplan fest und wies uns ohne ein Wort, nur mit einer Geste, unsere Positionen zu. Van Helsing, Harker und ich standen direkt hinter der Tür, sodass der Professor sie bewachen konnte, wenn sie geöffnet wurde, während wir zwei zwischen den Eintretenden und die Tür traten. Godalming hinter uns und Quincey vorne standen gerade außerhalb des Sichtfelds, bereit, vor das Fenster zu treten. Wir warteten in einer Spannung, die die Sekunden mit albtraumhafter Langsamkeit vergehen ließ. Die langsamen, vorsichtigen Schritte kamen den Flur entlang; der Graf war offensichtlich auf eine Überraschung vorbereitet – zumindest befürchtete er sie.

Plötzlich sprang er mit einem einzigen Satz in den Raum und bahnte sich den Weg an uns vorbei, noch bevor einer von uns eine Hand hätte heben können, um ihn aufzuhalten. Es lag etwas so Pantherhaftes in der Bewegung – etwas so Unmenschliches, dass es uns alle aus dem Schock seines Erscheinens zu reißen schien. Der Erste, der handelte, war Harker, der sich mit einer schnellen Bewegung vor die Tür warf, die in das Zimmer an der Vorderseite des Hauses führte. Als der Graf uns sah, huschte eine schreckliche Art von Knurren über sein Gesicht, das die langen und spitzen Eckzähne entblößte; doch das böse Lächeln wandelte sich ebenso schnell in einen kalten Blick von löwenartiger Verachtung. Sein Ausdruck änderte sich erneut, als wir alle wie auf einen Schlag auf ihn zugingen. Es war schade, dass wir keinen besser organisierten Angriffsplan hatten, denn selbst in diesem Moment fragte ich mich, was wir tun sollten. Ich wusste selbst nicht, ob unsere tödlichen Waffen uns überhaupt etwas nützen würden. Harker wollte die Sache offensichtlich entscheiden, denn er hielt sein großes Kukri-Messer bereit und führte einen heftigen und plötzlichen Hieb gegen ihn aus. Der Schlag war wuchtig; nur die teuflische Schnelligkeit des Zurückspringens rettete den Grafen. Eine Sekunde weniger, und die scharfe Klinge hätte sein Herz durchbohrt. So schnitt die Spitze nur den Stoff seines Mantels und riss eine breite Lücke auf, aus der ein Bündel Banknoten und ein Strom von Gold herausfielen. Der Ausdruck auf dem Gesicht des Grafen war so höllisch, dass ich für einen Moment um Harker fürchtete, obwohl ich sah, wie er das schreckliche Messer für einen weiteren Schlag erneut in die Höhe riss. Instinktiv bewegte ich mich mit einem schützenden Impuls vorwärts und hielt das Kruzifix und die Hostie in meiner linken Hand. Ich spürte eine gewaltige Kraft durch meinen Arm fließen; und es überraschte mich nicht, dass ich das Monster vor einer ähnlichen, spontan von jedem von uns ausgeführten Bewegung zurückweichen sah. Es wäre unmöglich, den Ausdruck von Hass und vereitelter Bösartigkeit – von Zorn und höllischer Wut – zu beschreiben, der über das Gesicht des Grafen kam. Sein wächserner Teint wurde im Kontrast zu seinen brennenden Augen gelblich-grün, und die rote Narbe auf der Stirn zeichnete sich wie eine pulsierende Wunde auf der blassen Haut ab. Im nächsten Augenblick tauchte er mit einer geschmeidigen Bewegung unter Harkers Arm hindurch, bevor dessen Schlag fallen konnte, ergriff eine Handvoll Geld vom Boden, stürmte durch den Raum und warf sich gegen das Fenster. Inmitten des Krachens und Klirrens des fallenden Glases stürzte er in den gepflasterten Hof hinunter. Durch das Geräusch des splitternden Glases konnte ich das „Klingen“ des Goldes hören, als einige der Sovereigns auf das Pflaster fielen.

Wir liefen hinüber und sahen ihn unverletzt vom Boden aufspringen. Er rannte die Stufen hinauf, überquerte den gepflasterten Hof und stieß die Stalltür auf. Dort drehte er sich um und sprach zu uns:

„Ihr denkt, mich täuschen zu können, ihr... mit euren blassen Gesichtern alle in einer Reihe, wie Schafe beim Schlachter. Ihr werdet es noch bereuen, jeder Einzelne von euch! Ihr denkt, ihr hättet mir keinen Ort zum Ausruhen gelassen; aber ich habe noch mehr. Meine Rache hat gerade erst begonnen! Ich erstrecke sie über Jahrhunderte, und die Zeit ist auf meiner Seite. Eure Mädchen, die ihr alle liebt, sind bereits mein; und durch sie werdet ihr und andere noch mein sein – meine Kreaturen, die meinen Befehl ausführen und meine Schakale sein werden, wenn ich mich nähren will. Bah!“ Mit einem verächtlichen Spottlächeln ging er schnell durch die Tür, und wir hörten den rostigen Riegel knarren, als er ihn hinter sich zuschob. Eine Tür dahinter öffnete und schloss sich. Der Erste von uns, der sprach, war der Professor, als wir uns in Richtung Flur bewegten, wohl wissend, wie schwierig es war, ihm durch den Stall zu folgen.

„Wir haben etwas gelernt – viel! Trotz seiner mutigen Worte fürchtet er uns; er fürchtet die Zeit, er fürchtet den Mangel! Denn wenn nicht, warum hat er es so eilig? Sein Ton verrät ihn, oder meine Ohren täuschen mich. Warum nimmt er dieses Geld? Ihr folgt schnell. Ihr seid Jäger von wilden Tieren und versteht es so. Ich für meinen Teil stelle sicher, dass ihm hier nichts von Nutzen sein kann, falls er zurückkehrt.“ Während er sprach, steckte er das verbliebene Geld in seine Tasche; nahm die Eigentumsurkunden aus dem Bündel, so wie Harker sie zurückgelassen hatte, und fegte die restlichen Dinge in den offenen Kamin, wo er sie mit einem Streichholz anzündete.

Godalming und Morris waren in den Hof hinausgeeilt, und Harker hatte sich aus dem Fenster herabgelassen, um dem Grafen zu folgen. Er hatte jedoch die Stalltür verriegelt; und als sie sie aufgebrochen hatten, war keine Spur mehr von ihm zu sehen. Van Helsing und ich versuchten, uns an der Rückseite des Hauses zu erkundigen; aber der Pferdestall war verlassen und niemand hatte ihn weggehen sehen.

Es war jetzt später Nachmittag, und der Sonnenuntergang war nicht mehr weit. Wir mussten erkennen, dass unser Spiel zu Ende war; schweren Herzens stimmten wir dem Professor zu, als er sagte:

„Lassen wir uns zu Madam Mina zurückkehren – arme, arme, liebe Madam Mina. Alles, was wir jetzt tun können, ist getan; und wir können sie dort zumindest beschützen. Aber wir brauchen nicht zu verzweifeln. Es gibt nur noch eine Erdkiste, und wir müssen versuchen, sie zu finden; wenn das getan ist, kann alles noch gut werden.“ Ich konnte sehen, dass er so mutig wie möglich sprach, um Harker zu trösten. Der arme Kerl war völlig zusammengebrochen; hin und wieder stieß er ein leises Stöhnen aus, das er nicht unterdrücken konnte – er dachte an seine Frau.

Mit traurigen Herzen kamen wir zu meinem Haus zurück, wo wir Mrs. Harker antrafen, die uns erwartete und ein Aussehen von Heiterkeit an den Tag legte, das ihrer Tapferkeit und Selbstlosigkeit Ehre machte. Als sie unsere Gesichter sah, wurde ihr eigenes totenblass; für ein oder zwei Sekunden schloss sie die Augen, als befände sie sich in einem stillen Gebet; dann sagte sie fröhlich:

„Ich kann euch allen niemals genug danken. Oh, mein armer Liebling!“ Während sie sprach, nahm sie den grauen Kopf ihres Mannes in ihre Hände und küsste ihn. „Lege deinen armen Kopf hierher und ruhe dich aus. Alles wird noch gut werden, mein Lieber! Gott wird uns beschützen, wenn Er es in Seiner guten Absicht so will.“ Der arme Kerl stöhnte nur. In seinem erhabenen Elend war kein Platz für Worte.

Wir nahmen zusammen eine Art flüchtiges Abendessen ein, und ich glaube, es hat uns alle etwas aufgeheitert. Vielleicht war es die bloße tierische Wärme des Essens für hungrige Menschen – denn niemand von uns hatte seit dem Frühstück etwas gegessen – oder das Gefühl der Kameradschaft mag geholfen haben; jedenfalls waren wir alle weniger elend und sahen den morgigen Tag nicht als völlig hoffnungslos an. Unserem Versprechen treu, erzählten wir Mrs. Harker alles, was geschehen war; und obwohl sie manchmal schneeweiß wurde, wenn Gefahr ihren Mann zu bedrohen schien, und rot, wenn sich seine Hingabe an sie zeigte, hörte sie tapfer und ruhig zu. Als wir zu dem Teil kamen, in dem Harker so leichtsinnig auf den Grafen zugestürmt war, klammerte sie sich an den Arm ihres Mannes und hielt ihn fest, als ob ihr Klammern ihn vor jedem Schaden schützen könnte, der kommen mochte. Sie sagte jedoch nichts, bis die Erzählung beendet und die Angelegenheiten bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt gebracht waren. Dann, ohne die Hand ihres Mannes loszulassen, stand sie unter uns auf und sprach. Oh, dass ich nur eine Vorstellung von der Szene geben könnte; von dieser süßen, süßen, guten, guten Frau in all der strahlenden Schönheit ihrer Jugend und Lebendigkeit, mit der roten Narbe auf ihrer Stirn, derer sie sich bewusst war und die wir mit Zähneknirschen sahen – im Gedenken daran, woher und wie sie kam; ihre liebevolle Güte gegen unseren grimmigen Hass; ihr zarter Glaube gegen all unsere Ängste und Zweifel; und wir, wissend, dass sie, was Symbole betraf, mit all ihrer Güte und Reinheit und ihrem Glauben von Gott verstoßen war.

„Jonathan“, sagte sie, und das Wort klang wie Musik auf ihren Lippen, so voller Liebe und Zärtlichkeit war es, „Jonathan, mein Lieber, und ihr alle, meine wahren, wahren Freunde, ich möchte, dass ihr in dieser ganzen schrecklichen Zeit eines bedenkt. Ich weiß, dass ihr kämpfen müsst – dass ihr zerstören müsst, so wie ihr die falsche Lucy zerstört habt, damit die wahre Lucy fortan leben konnte; aber es ist kein Werk des Hasses. Diese arme Seele, die all dieses Elend verursacht hat, ist der traurigste Fall von allen. Denkt nur daran, welche Freude es sein wird, wenn auch er in seinem schlechteren Teil zerstört wird, damit sein besserer Teil spirituelle Unsterblichkeit erlangen kann. Ihr müsst auch gegen ihn barmherzig sein, auch wenn es eure Hände vielleicht nicht von seiner Zerstörung abhalten mag.“

Während sie sprach, konnte ich sehen, wie sich das Gesicht ihres Mannes verdunkelte und sich zusammenzog, als ob die Leidenschaft in ihm sein Wesen bis auf den Kern schrumpfen ließe. Instinktiv wurde der Druck auf die Hand seiner Frau fester, bis seine Knöchel weiß erschienen. Sie wich dem Schmerz nicht aus, von dem ich wusste, dass sie ihn gelitten haben musste, sondern sah ihn mit Augen an, die flehender waren als je zuvor. Als sie aufhörte zu sprechen, sprang er auf seine Füße und riss seine Hand fast von ihrer, während er sprach:

„Möge Gott ihn mir für nur so lange in meine Hand geben, um das irdische Leben von ihm zu zerstören, auf das wir abzielen. Wenn ich darüber hinaus seine Seele für immer und ewig in die brennende Hölle schicken könnte, würde ich es tun!“

„Oh, stille! oh, stille! im Namen des guten Gottes. Sag solche Dinge nicht, Jonathan, mein Ehemann; sonst wirst du mich mit Angst und Schrecken erdrücken. Denkt nur, mein Lieber – ich habe diesen ganzen langen, langen Tag darüber nachgedacht –, dass... vielleicht... eines Tages... auch ich solches Mitleid brauchen könnte; und dass ein anderer wie du – und mit gleichem Grund für Zorn – es mir verweigern könnte! Oh, mein Mann! mein Mann, wahrlich, ich hätte dir einen solchen Gedanken erspart, wenn es einen anderen Weg gegeben hätte; aber ich bete, dass Gott deine wilden Worte nicht aufbewahrt hat, außer als das herzzerreißende Wehklagen eines sehr liebenden und schwer geplagten Mannes. Oh Gott, lass diese armen weißen Haare als Beweis dafür gelten, was er gelitten hat, der sein ganzes Leben lang kein Unrecht getan hat und über den so viele Sorgen gekommen sind.“

Wir Männer waren jetzt alle in Tränen aufgelöst. Es gab kein Widerstehen, und wir weinten offen. Sie weinte auch, als sie sah, dass ihre süßeren Ratschläge gesiegt hatten. Ihr Mann warf sich neben ihr auf die Knie, legte seine Arme um sie und verbarg sein Gesicht in den Falten ihres Kleides. Van Helsing winkte uns, und wir schlichen aus dem Zimmer und ließen die zwei liebenden Herzen allein mit Gott.

Bevor sie sich zurückzogen, sicherte der Professor das Zimmer gegen jegliches Kommen des Vampirs und versicherte Mrs. Harker, dass sie in Frieden ruhen könne. Sie versuchte, sich zu dieser Überzeugung zu erziehen, und versuchte offensichtlich um ihres Mannes willen, zufrieden zu erscheinen. Es war ein tapferer Kampf; und war, wie ich glaube und denke, nicht ohne Belohnung. Van Helsing hatte eine Glocke in greifbare Nähe gestellt, die jeder von ihnen im Notfall läuten sollte. Als sie sich zurückgezogen hatten, vereinbarten Quincey, Godalming und ich, dass wir aufbleiben, die Nacht unter uns aufteilen und über die Sicherheit der armen geplagten Dame wachen würden. Die erste Wache fiel Quincey zu, also werden wir anderen so bald wie möglich ins Bett gehen. Godalming hat sich bereits hingelegt, denn seine ist die zweite Wache. Jetzt, da meine Arbeit getan ist, werde ich auch ins Bett gehen.

Jonathan Harkers Tagebuch.

3.-4. Oktober, kurz vor Mitternacht. – Ich dachte, der gestrige Tag würde niemals enden. Über mir lag eine Sehnsucht nach Schlaf in einem blinden Glauben, dass ein Erwachen bedeuten würde, die Dinge verändert zu finden, und dass jede Veränderung nun zum Besseren sein müsse. Bevor wir uns trennten, diskutierten wir, was unser nächster Schritt sein sollte, aber wir konnten zu keinem Ergebnis kommen. Alles, was wir wussten, war, dass noch eine Erdkiste übrig war und dass nur der Graf wusste, wo sie war. Wenn er sich entscheidet, verborgen zu bleiben, kann er uns jahrelang täuschen; und in der Zwischenzeit! – der Gedanke ist zu schrecklich, ich wage selbst jetzt nicht, daran zu denken. Das weiß ich: Wenn es jemals eine Frau gab, die vollkommen war, dann ist es mein armer, unrecht behandelter Liebling. Ich liebe sie tausendmal mehr für ihr süßes Mitleid von letzter Nacht, ein Mitleid, das meinen eigenen Hass auf das Monster verächtlich erscheinen ließ. Sicherlich wird Gott nicht zulassen, dass die Welt durch den Verlust eines solchen Geschöpfes ärmer wird. Das ist Hoffnung für mich. Wir treiben jetzt alle dem Riff entgegen, und der Glaube ist unser einziger Anker. Gott sei Dank! Mina schläft, und sie schläft ohne Träume. Ich fürchte, wie ihre Träume aussehen könnten, mit solch schrecklichen Erinnerungen als Grundlage. Sie ist seit dem Sonnenuntergang, soweit ich es sehen konnte, nicht mehr so ruhig gewesen. Dann kam für eine Weile ein Frieden über ihr Gesicht, der wie der Frühling nach den Stürmen des März war. Ich dachte damals, es sei die Sanftheit des roten Sonnenuntergangs auf ihrem Gesicht, aber irgendwie denke ich jetzt, es hatte eine tiefere Bedeutung. Ich selbst bin nicht schläfrig, obwohl ich müde bin – müde bis zum Tod. Jedoch muss ich versuchen zu schlafen; denn es gibt den morgigen Tag, an den man denken muss, und es gibt für mich keine Ruhe, bis...

Später. – Ich muss eingeschlafen sein, denn ich wurde von Mina geweckt, die mit einem erschrockenen Ausdruck auf dem Gesicht im Bett saß. Ich konnte gut sehen, denn wir ließen das Zimmer nicht im Dunkeln; sie hatte eine mahnende Hand auf meinen Mund gelegt, und nun flüsterte sie mir ins Ohr:

„Stille! Es ist jemand auf dem Korridor!“ Ich stand leise auf, überquerte das Zimmer und öffnete vorsichtig die Tür.

Direkt draußen, auf einer Matratze ausgestreckt, lag Mr. Morris, hellwach. Er hob eine mahnende Hand zum Schweigen, als er mir zuflüsterte:

„Stille! Geh zurück ins Bett; es ist alles in Ordnung. Einer von uns wird die ganze Nacht hier sein. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen!“

Sein Blick und seine Geste verboten jede Diskussion, also kam ich zurück und sagte es Mina. Sie seufzte, und tatsächlich stahl sich ein Schatten eines Lächelns über ihr armes, blasses Gesicht, als sie ihre Arme um mich legte und leise sagte:

„Oh, Gott sei Dank für gute, tapfere Männer!“ Mit einem Seufzer sank sie wieder in den Schlaf zurück. Ich schreibe dies, da ich nicht schläfrig bin, obwohl ich es noch einmal versuchen muss.

4. Oktober, Morgen. – Wieder einmal während der Nacht wurde ich von Mina geweckt. Diesmal hatten wir alle gut geschlafen, denn das Grau der heraufziehenden Morgendämmerung machte die Fenster zu scharfen Rechtecken, und die Gasflamme war eher ein Fleck als eine Lichtscheibe. Sie sagte hastig zu mir:

„Geh, ruf den Professor. Ich möchte ihn sofort sehen.“

„Warum?“, fragte ich.

„Ich habe eine Idee. Ich nehme an, sie muss in der Nacht gekommen und gereift sein, ohne dass ich es wusste. Er muss mich vor der Morgendämmerung hypnotisieren, und dann werde ich sprechen können. Geh schnell, Liebster; die Zeit wird knapp.“ Ich ging zur Tür. Dr. Seward ruhte auf der Matratze, und als er mich sah, sprang er auf die Füße.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte er alarmiert.

„Nein“, antwortete ich; „aber Mina möchte Dr. Van Helsing sofort sehen.“

„Ich werde gehen“, sagte er und eilte in das Zimmer des Professors.

Zwei oder drei Minuten später war Van Helsing in seinem Morgenmantel im Zimmer, und Mr. Morris und Lord Godalming waren mit Dr. Seward an der Tür und stellten Fragen. Als der Professor Mina sah, vertrieb ein Lächeln – ein echtes Lächeln – die Sorge aus seinem Gesicht; er rieb sich die Hände, als er sagte:

„Oh, meine liebe Madam Mina, das ist wahrlich eine Veränderung. Siehst du! Freund Jonathan, wir haben unsere liebe Madam Mina heute, wie früher, wieder zurück!“ Dann wandte er sich an sie und sagte fröhlich: „Und was soll ich für Sie tun? Denn zu dieser Stunde wollen Sie mich nicht wegen nichts.“

„Ich möchte, dass Sie mich hypnotisieren!“, sagte sie. „Tun Sie es vor der Morgendämmerung, denn ich spüre, dass ich dann sprechen kann, und zwar frei. Seien Sie schnell, denn die Zeit ist kurz!“ Ohne ein Wort bedeutete er ihr, sich im Bett aufzusetzen.

Er sah sie fest an und begann, mit jeder Hand abwechselnd Bewegungen vor ihr zu machen, vom Oberkopf abwärts. Mina starrte ihn einige Minuten lang fest an, während mein eigenes Herz wie ein Hammer schlug, denn ich fühlte, dass eine Krise bevorstand. Allmählich schlossen sich ihre Augen, und sie saß stocksteif da; nur an dem sanften Heben ihrer Brust konnte man erkennen, dass sie am Leben war. Der Professor machte noch ein paar Bewegungen und hielt dann inne, und ich konnte sehen, dass seine Stirn mit großen Schweißperlen bedeckt war. Mina öffnete die Augen; aber sie schien nicht mehr dieselbe Frau zu sein. Ein ferner Blick lag in ihren Augen, und ihre Stimme hatte eine traurige Träumerei, die neu für mich war. Er hob die Hand, um Stille zu gebieten, und bedeutete mir, die anderen hereinzuholen. Sie kamen auf Zehenspitzen, schlossen die Tür hinter sich und standen am Fußende des Bettes, während sie zusahen. Mina schien sie nicht zu bemerken. Die Stille wurde durch Van Helsings Stimme unterbrochen, die in einem tiefen, gleichmäßigen Ton sprach, der den Strom ihrer Gedanken nicht unterbrechen würde:

„Wo bist du?“ Die Antwort kam neutral:

„Ich weiß es nicht. Der Schlaf hat keinen Ort, den er sein Eigen nennen kann.“

Für mehrere Minuten herrschte Stille. Mina saß starr, und der Professor stand und starrte sie fest an; der Rest von uns wagte kaum zu atmen. Das Zimmer wurde heller; ohne seine Augen von Minas Gesicht zu nehmen, bedeutete mir Dr. Van Helsing, das Rollo hochzuziehen. Ich tat es, und der Tag schien gerade über uns hereinzubrechen. Ein roter Streifen schoss empor, und ein rosiges Licht schien sich im Raum zu verbreiten. Im selben Augenblick sprach der Professor erneut:

„Wo bist du jetzt?“ Die Antwort kam träumerisch, aber zielgerichtet; es war, als würde sie etwas interpretieren. Ich habe sie denselben Ton benutzen hören, wenn sie ihre Stenografie-Notizen las.

„Ich weiß es nicht. Es ist alles fremd für mich!“

„Was siehst du?“

„Ich kann nichts sehen; es ist alles dunkel.“

„Was hörst du?“ Ich konnte die Anspannung in der geduldigen Stimme des Professors wahrnehmen.

„Das Plätschern von Wasser. Es gurgelt vorbei, und kleine Wellen schlagen. Ich kann sie draußen hören.“

„Dann bist du auf einem Schiff?“ Wir sahen uns alle an und versuchten, dem jeweils anderen etwas zu entlocken. Wir hatten Angst, nachzudenken. Die Antwort kam schnell:

„Oh, ja!“

„Was hörst du noch?“

„Das Geräusch von Männern, die über mir stampfen, während sie herumlaufen. Da ist das Knarren einer Kette und das laute Klimpern, wenn die Sperrklinke des Gangspills in das Zahnrad fällt.“

„Was tust du gerade?“

„Ich bin still – oh, so still. Es ist wie der Tod!“ Die Stimme verblasste in einem tiefen Atemzug, als ob jemand schliefe, und die offenen Augen schlossen sich wieder.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen, und wir befanden uns alle im vollen Tageslicht. Dr. Van Helsing legte seine Hände auf Minas Schultern und bettete ihren Kopf sanft auf ihr Kissen. Sie lag einen Augenblick lang wie ein schlafendes Kind da, dann erwachte sie mit einem langen Seufzer und starrte erstaunt auf uns alle, die wir sie umringten. „Habe ich im Schlaf gesprochen?“, war alles, was sie sagte. Sie schien jedoch die Situation zu kennen, ohne dass man es ihr erklären musste; dennoch war sie begierig darauf zu erfahren, was sie gesagt hatte. Der Professor wiederholte das Gespräch, und sie sagte:

„Dann darf keine Sekunde verloren gehen: Es ist vielleicht noch nicht zu spät!“ Mr. Morris und Lord Godalming eilten zur Tür, doch die ruhige Stimme des Professors rief sie zurück:

„Bleiben Sie, meine Freunde. Dieses Schiff, wo immer es auch war, holte den Anker ein, während sie sprach. Es gibt viele Schiffe, die in diesem Augenblick in Ihrem so großen Hafen von London den Anker lichten. Welches davon suchen Sie? Gott sei gedankt, dass wir wieder einen Hinweis haben, auch wenn wir nicht wissen, wohin er uns führen mag. Wir waren etwas blind; blind auf die Art der Menschen, denn wenn wir zurückblicken, sehen wir, was wir hätten sehen können, wenn wir in die Zukunft geblickt hätten – hätten wir sehen können, was wir hätten sehen können! Ach! Aber dieser Satz ist ein Sumpf, nicht wahr? Wir können jetzt wissen, was in des Grafen Geist vorging, als er dieses Geld an sich nahm, obwohl Jonathans so grimmiges Messer ihn in die Gefahr brachte, die selbst er fürchtet. Er plante die Flucht. Hören Sie mich: FLUCHT! Er sah, dass mit nur noch einer Erdkiste und einer Meute von Männern, die wie Hunde hinter einem Fuchs her sind, dieses London kein Ort mehr für ihn war. Er hat seine letzte Erdkiste an Bord eines Schiffes gebracht und verlässt das Land. Er denkt, er könne entkommen, aber nein! Wir folgen ihm. Tally Ho! wie Freund Arthur sagen würde, wenn er seinen roten Rock anzieht! Unser alter Fuchs ist schlau; oh! so schlau, und wir müssen ihm mit List folgen. Ich bin auch schlau und ich glaube, ich kenne seine Gedanken in kurzer Zeit. In der Zwischenzeit können wir ruhen und in Frieden sein, denn es liegen Gewässer zwischen uns, die er nicht überqueren will und die er nicht könnte, wenn er wollte – es sei denn, das Schiff würde das Land berühren, und dann nur bei Flut oder Stillwasser. Sehen Sie, die Sonne ist gerade aufgegangen, und der ganze Tag bis zum Sonnenuntergang gehört uns. Lassen Sie uns baden, uns anziehen und frühstücken, was wir alle brauchen und was wir in Ruhe essen können, da er sich nicht mehr im selben Land mit uns befindet.“ Mina sah ihn bittend an, als sie fragte:

„Aber warum müssen wir ihn weiter suchen, wenn er von uns gegangen ist?“ Er nahm ihre Hand und tätschelte sie, während er antwortete:

„Fragen Sie mich noch nichts. Wenn wir gefrühstückt haben, dann beantworte ich alle Fragen.“ Er wollte nicht mehr sagen, und wir trennten uns, um uns anzuziehen.

Nach dem Frühstück wiederholte Mina ihre Frage. Er sah sie eine Minute lang ernst an und sagte dann voller Kummer:

„Weil wir ihn jetzt mehr denn je finden müssen, meine liebe, liebe Madam Mina, selbst wenn wir ihm bis in die Schlund der Hölle folgen müssen!“ Sie wurde blasser, als sie schwach fragte:

„Warum?“

„Weil“, antwortete er feierlich, „er Jahrhunderte leben kann, und Sie nur eine sterbliche Frau sind. Die Zeit ist jetzt zu fürchten – seit er dieses Zeichen auf Ihre Kehle gesetzt hat.“

Ich war gerade noch rechtzeitig da, um sie aufzufangen, als sie in Ohnmacht fiel.

KAPITEL XXIV.

/Dr. Sewards Phonograph-Tagebuch, gesprochen von Van Helsing./

Dies an Jonathan Harker.

Sie sollen bei Ihrer lieben Madam Mina bleiben. Wir werden uns auf die Suche machen – falls ich es so nennen kann, denn es ist kein Suchen, sondern Wissen, und wir suchen nur Bestätigung. Aber bleiben Sie heute bei ihr und kümmern Sie sich um sie. Das ist Ihre beste und heiligste Aufgabe. Heute kann ihn hier nichts finden. Lassen Sie mich Ihnen sagen, damit Sie wissen, was wir vier bereits wissen, denn ich habe es ihnen erzählt. Er, unser Feind, ist fort; er ist in sein Schloss in Transsilvanien zurückgekehrt. Ich weiß es so genau, als hätte eine riesige Feuerhand es an die Wand geschrieben. Er hat dies auf irgendeine Weise vorbereitet, und diese letzte Erdkiste war bereit, irgendwohin verschifft zu werden. Dafür nahm er das Geld; dafür beeilte er sich zuletzt, damit wir ihn nicht vor Sonnenuntergang erwischten. Es war seine letzte Hoffnung, abgesehen davon, dass er sich in dem Grab verstecken könnte, das er, wie er glaubte, von der armen Miss Lucy offen gehalten bekam, da sie, wie er meinte, ihm ähnlich sei. Aber die Zeit reichte nicht. Als das fehlschlug, machte er sich schnurstracks auf zu seinem letzten Ausweg – seinem letzten Erdwerk, könnte man sagen, wenn ich eine Doppeldeutigkeit wünschte. Er ist schlau, oh, so schlau! Er weiß, dass sein Spiel hier zu Ende war; und so beschloss er, nach Hause zurückzukehren. Er fand ein Schiff, das die Route nahm, die er gekommen war, und er ging darauf. Wir brechen jetzt auf, um herauszufinden, welches Schiff es ist und wohin es fährt; wenn wir das entdeckt haben, kommen wir zurück und erzählen Ihnen alles. Dann werden wir Sie und die arme, liebe Madam Mina mit neuer Hoffnung trösten. Denn es wird Hoffnung sein, wenn Sie darüber nachdenken: dass nicht alles verloren ist. Eben dieses Geschöpf, das wir verfolgen, brauchte Hunderte von Jahren, um es bis nach London zu schaffen; und doch treiben wir ihn an einem einzigen Tag, als wir von seinem Aufenthaltsort erfuhren, in die Flucht. Er ist endlich, obwohl er mächtig ist, viel Leid zuzufügen, und leidet nicht so wie wir. Aber wir sind stark, jeder in seinem Vorsatz; und zusammen sind wir alle noch stärker. Fassen Sie wieder Mut, lieber Ehemann von Madam Mina. Dieser Kampf hat gerade erst begonnen, und am Ende werden wir siegen – so sicher, wie Gott dort oben sitzt, um über seine Kinder zu wachen. Seien Sie also getröstet, bis wir zurückkehren.

/Van Helsing./

Jonathan Harkers Tagebuch.

4. Oktober. – Als ich Mina Van Helsings Nachricht auf dem Phonographen vorlas, hellte sich die arme Frau beträchtlich auf. Allein die Gewissheit, dass der Graf außer Landes ist, hat ihr Trost gegeben; und Trost ist Kraft für sie. Was mich selbst betrifft, so scheint es fast unmöglich, an diese schreckliche Gefahr zu glauben, jetzt, da sie uns nicht mehr unmittelbar gegenübersteht. Selbst meine eigenen furchtbaren Erlebnisse im Schloss Dracula kommen mir wie ein längst vergessener Traum vor. Hier in der frischen Herbstluft, im hellen Sonnenlicht –

Ach! Wie kann ich es bezweifeln! Mitten in meinen Gedanken fiel mein Blick auf die rote Narbe auf der weißen Stirn meiner armen Geliebten. Solange sie bleibt, kann es keinen Unglauben geben. Und danach wird die bloße Erinnerung daran den Glauben kristallklar bewahren. Mina und ich haben Angst, untätig zu sein, also sind wir die Tagebücher immer und immer wieder durchgegangen. Irgendwie scheinen Schmerz und Angst geringer zu werden, auch wenn die Realität jedes Mal größer erscheint. Es manifestiert sich durchweg eine Art leitende Bestimmung, was tröstlich ist. Mina sagt, vielleicht sind wir die Werkzeuge eines höheren Guten. Es mag sein! Ich werde versuchen, so zu denken wie sie. Wir haben noch nicht über die Zukunft gesprochen. Es ist besser, zu warten, bis wir den Professor und die anderen nach ihren Nachforschungen sehen.

Der Tag vergeht schneller, als ich je dachte, dass ein Tag für mich noch einmal vergehen könnte. Es ist jetzt drei Uhr.

Mina Harkers Tagebuch

5. Oktober, 17 Uhr. – Unser Treffen zur Berichterstattung. Anwesend: Professor Van Helsing, Lord Godalming, Dr. Seward, Mr. Quincey Morris, Jonathan Harker, Mina Harker.

Dr. Van Helsing beschrieb, welche Schritte während des Tages unternommen wurden, um herauszufinden, auf welchem Boot und wohin der Graf Dracula geflohen ist:

„Da ich wusste, dass er nach Transsilvanien zurückkehren wollte, war ich sicher, dass er über die Donaumündung oder irgendwo im Schwarzen Meer reisen musste, da er auf diesem Weg gekommen war. Ein trostloses Nichts lag vor uns. Omne ignotum pro magnifico; und so machten wir uns mit schwerem Herzen auf, um herauszufinden, welche Schiffe gestern Nacht in Richtung Schwarzes Meer ausgelaufen sind. Er war auf einem Segelschiff, da Madam Mina von gesetzten Segeln erzählte. Diese sind nicht so wichtig, dass sie in Ihrer Liste der Schifffahrt in der Times auftauchen, und so gehen wir, auf Vorschlag meines Lords Godalming, zu Ihrem Lloyd’s, wo alle Schiffe notiert sind, die auslaufen, wie klein sie auch sein mögen. Dort finden wir, dass nur ein Schiff, das für das Schwarze Meer bestimmt ist, mit der Flut ausgelaufen ist. Es ist die Czarina Catherine, und sie segelt vom Doolittle’s Wharf nach Varna und von dort zu anderen Teilen und die Donau hinauf. ‚Soh!‘ sagte ich, ‚das ist das Schiff, auf dem der Graf ist.‘ Also machen wir uns auf zum Doolittle’s Wharf, und dort finden wir einen Mann in einem Büro aus Holz, das so klein ist, dass der Mann größer wirkt als das Büro. Von ihm erkundigen wir uns nach dem Auslaufen der Czarina Catherine. Er flucht viel, und er hat ein rotes Gesicht und eine laute Stimme, aber er ist trotzdem ein guter Kerl; und als Quincey ihm etwas aus seiner Tasche gibt, das knistert, während er es zusammenrollt und in eine so kleine Tasche steckt, die er tief in seiner Kleidung versteckt hat, ist er ein noch besserer Kerl und unser demütiger Diener. Er kommt mit uns und fragt viele Männer, die rau und hitzköpfig sind; diese sind auch bessere Kerle, wenn sie nicht mehr durstig sind. Sie reden viel von Blut und Blüte und anderen Dingen, die ich nicht verstehe, obwohl ich ahne, was sie meinen; aber dennoch erzählen sie uns alles, was wir wissen wollen.

Sie lassen uns unter anderem wissen, wie gestern Nachmittag gegen fünf Uhr ein Mann in großer Eile kommt. Ein großer Mann, dünn und blass, mit hoher Nase und so weißen Zähnen und Augen, die zu brennen scheinen. Dass er ganz in Schwarz gekleidet ist, außer dass er einen Strohhut trägt, der weder zu ihm noch zur Zeit passt. Dass er sein Geld ausstreut, während er hastig nachfragt, welches Schiff für das Schwarze Meer ausläuft und wohin. Manche brachten ihn zum Büro und dann zum Schiff, wo er nicht an Bord gehen will, sondern am Uferende der Gangway stehen bleibt und verlangt, dass der Kapitän zu ihm kommt. Der Kapitän kommt, als ihm gesagt wird, dass er gut bezahlt wird; und obwohl er zuerst viel flucht, stimmt er den Bedingungen zu. Dann geht der dünne Mann, und jemand sagt ihm, wo man Pferd und Karren mieten kann. Er geht dorthin, und bald kommt er wieder, er fährt den Karren selbst, auf dem eine große Kiste liegt; diese hebt er selbst herunter, obwohl es mehrere braucht, um sie auf einen Karren für das Schiff zu laden. Er redet viel mit dem Kapitän darüber, wie und wo seine Kiste platziert werden soll; aber der Kapitän mag das nicht und flucht ihn in vielen Sprachen an und sagt ihm, wenn er wolle, könne er kommen und sehen, wo sie hinkomme. Aber er sagt ‚Nein‘; dass er noch nicht komme, weil er noch viel zu tun habe. Woraufhin der Kapitän ihm sagt, er solle sich beeilen – mit Blut –, denn sein Schiff werde den Ort – mit Blut – vor der Gezeitenwende verlassen – mit Blut. Dann lächelt der dünne Mann und sagt, natürlich müsse er gehen, wann er es für richtig halte; aber er werde überrascht sein, wenn er so bald gehe. Der Kapitän flucht wieder, polyglott, und der dünne Mann verbeugt sich vor ihm, dankt ihm und sagt, dass er seine Güte soweit strapazieren werde, vor dem Auslaufen an Bord zu kommen. Schließlich sagt ihm der Kapitän, röter als je zuvor und in noch mehr Sprachen, dass er keine Franzosen – mit Blüte an sich und auch mit Blut – in seinem Schiff will – mit Blut auch an ihr. Und so, nachdem er gefragt hat, wo in der Nähe ein Schiff sein könnte, wo er Schiffsformulare kaufen könne, ging er.

Niemand wusste, wo er hinwollte ‚oder zum Teufel‘, wie sie sagten, denn sie hatten an etwas anderes zu denken – nun, wieder mit Blut; denn es wurde bald allen klar, dass die Czarina Catherine nicht wie erwartet auslaufen würde. Ein dünner Nebel begann vom Fluss heraufzukriechen, und er wuchs und wuchs; bis bald ein dichter Nebel das Schiff und alles um es herum einhüllte. Der Kapitän fluchte polyglott – sehr polyglott – polyglott mit Blüte und Blut; aber er konnte nichts tun. Das Wasser stieg und stieg; und er begann zu fürchten, er würde die Flut ganz verpassen. Er war in keiner freundlichen Stimmung, als der dünne Mann gerade bei voller Flut wieder die Gangway heraufkam und fragte, wo seine Kiste verstaut worden sei. Da antwortete der Kapitän, er wünsche, er und seine Kiste – alt und mit viel Blüte und Blut – wären in der Hölle. Aber der dünne Mann war nicht beleidigt, ging mit dem Maat hinunter und sah, wo sie platziert worden war, kam wieder herauf und stand eine Weile im Nebel an Deck. Er muss von selbst weggekommen sein, denn niemand bemerkte ihn. Tatsächlich dachten sie nicht an ihn; denn bald begann der Nebel sich aufzulösen, und alles war wieder klar. Meine Freunde vom Durst und der Sprache, die von Blüte und Blut war, lachten, als sie erzählten, wie die Flüche des Kapitäns sogar seinen üblichen polyglotten Wortschatz übertrafen und noch bildreicher waren, als er bei der Befragung anderer Seeleute, die in jener Stunde den Fluss auf- und abfuhren, feststellte, dass nur wenige von ihnen überhaupt Nebel gesehen hatten, außer dort, wo er um den Kai lag. Wie dem auch sei, das Schiff fuhr mit der Ebbe aus; und war zweifellos bis zum Morgen weit flussabwärts an der Mündung. Sie war bis dahin, als sie uns das erzählten, schon weit auf See.

Und so, meine liebe Madam Mina, ist es, dass wir für eine Zeit ruhen müssen, denn unser Feind ist auf See, mit dem Nebel in seiner Gewalt, auf dem Weg zur Donaumündung. Ein Schiff zu segeln braucht Zeit, mag es auch noch so schnell fahren; und wenn wir aufbrechen, reisen wir an Land schneller, und wir treffen ihn dort. Unsere beste Hoffnung ist, ihn in der Kiste zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu erwischen; denn dann kann er keinen Widerstand leisten, und wir können mit ihm verfahren, wie wir sollten. Es bleiben uns Tage, in denen wir unseren Plan vorbereiten können. Wir wissen alles darüber, wohin er geht; denn wir haben den Eigner des Schiffes gesehen, der uns Frachtbriefe und alle verfügbaren Papiere gezeigt hat. Die Kiste, die wir suchen, soll in Varna entladen und einem Agenten übergeben werden, einem Ristics, der dort seine Beglaubigungsschreiben vorlegen wird; und so wird unser Kaufmannsfreund seinen Teil getan haben. Als er fragt, ob etwas nicht in Ordnung sei, damit er telegraphieren und in Varna Nachforschungen anstellen könne, sagen wir ‚Nein‘; denn was zu tun ist, ist nicht Sache der Polizei oder des Zolls. Es muss allein von uns und auf unsere Weise getan werden.“

Als Dr. Van Helsing geendet hatte, fragte ich ihn, ob es sicher sei, dass der Graf an Bord des Schiffes geblieben sei. Er antwortete: „Wir haben den besten Beweis dafür: Ihr eigenes Zeugnis, als Sie heute Morgen in der hypnotischen Trance waren.“ Ich fragte ihn erneut, ob es wirklich notwendig sei, dass sie den Grafen verfolgen, denn oh! ich fürchte mich davor, dass Jonathan mich verlässt, und ich weiß, dass er sicherlich gehen würde, wenn die anderen gingen. Er antwortete mit wachsender Leidenschaft, anfangs leise. Während er fortfuhr, wurde er jedoch zorniger und nachdrücklicher, bis wir am Ende nicht umhin konnten zu erkennen, worin zumindest ein Teil jener persönlichen Dominanz lag, die ihn so lange zu einem Meister unter Menschen gemacht hatte:

„Ja, es ist notwendig – notwendig – notwendig! Um Ihretwillen zuerst, und dann um der Menschlichkeit willen. Dieses Monster hat bereits viel Schaden angerichtet, in dem engen Rahmen, in dem er sich wiederfand, und in der kurzen Zeit, in der er noch wie ein Körper war, der in der Dunkelheit nach seinem so kleinen Maß tastete und nicht wusste. All dies habe ich diesen anderen erzählt; Sie, meine liebe Madam Mina, werden es im Phonographen meines Freundes John oder in dem Ihres Mannes erfahren. Ich habe ihnen erzählt, wie das Maß, sein eigenes karges Land zu verlassen – karg an Menschen – und in ein neues Land zu kommen, wo das Leben der Menschen wimmelt, bis sie wie die Menge stehenden Getreides sind, das Werk von Jahrhunderten war. Würde ein anderer der Untoten, wie er, versuchen, das zu tun, was er getan hat, vielleicht könnten ihm nicht alle Jahrhunderte der Welt, die gewesen sind oder sein werden, helfen. Bei diesem einen müssen alle Naturkräfte, die okkult und tief und stark sind, auf wunderbare Weise zusammengewirkt haben. Der Ort selbst, an dem er all diese Jahrhunderte gelebt hat, untot, ist voller Seltsamkeiten der geologischen und chemischen Welt. Es gibt tiefe Höhlen und Spalten, die niemand weiß, wohin sie führen. Es gab Vulkane, von denen einige Öffnungen noch immer Wasser mit seltsamen Eigenschaften und Gase aussenden, die töten oder beleben. Zweifellos gibt es in einigen dieser Kombinationen okkulter Kräfte etwas Magnetisches oder Elektrisches, das auf seltsame Weise für das physische Leben wirkt; und in ihm selbst lagen von Anfang an einige große Qualitäten. In einer harten und kriegerischen Zeit wurde gefeiert, dass er mehr Nerven aus Eisen, ein subtileres Gehirn, ein tapfereres Herz hatte als jeder andere Mensch. In ihm haben einige Lebensprinzipien auf seltsame Weise ihr Äußerstes gefunden; und so wie sein Körper stark bleibt und wächst und gedeiht, wächst auch sein Gehirn. All dies ohne jenen diabolischen Beistand, der ihm gewiss ist; denn er muss sich den Mächten beugen, die vom Guten kommen und symbolisch für das Gute sind. Und nun ist dies, was er für uns ist. Er hat Sie infiziert – oh, verzeihen Sie mir, meine Liebe, dass ich so etwas sagen muss; aber es ist zu Ihrem Besten, dass ich spreche. Er infiziert Sie derart, dass Sie, selbst wenn er nichts weiter tut, nur leben müssen – leben auf Ihre eigene alte, süße Weise; und so wird der Tod, der des Menschen allgemeines Los ist und mit Gottes Segen, Sie ihm gleichmachen. Das darf nicht sein! Wir haben zusammen geschworen, dass es nicht sein darf. So sind wir Diener von Gottes eigenem Wunsch: dass die Welt und die Menschen, für die Sein Sohn starb, nicht Monstern überlassen werden, deren bloße Existenz Ihn verunglimpfen würde. Er hat uns erlaubt, bereits eine Seele zu erlösen, und wir ziehen aus wie die alten Kreuzritter, um mehr zu erlösen. Wie sie werden wir gegen den Sonnenaufgang reisen; und wie sie, wenn wir fallen, fallen wir für eine gute Sache.“ Er hielt inne, und ich sagte:

„Aber wird der Graf seine Abfuhr nicht klug hinnehmen? Da er aus England vertrieben wurde, wird er es nicht vermeiden, wie ein Tiger das Dorf, aus dem er gejagt wurde?“

„Aha!“, sagte er, „dein Gleichnis vom Tiger ist gut für mich, und ich werde es übernehmen. Dein Menschenfresser, wie sie in Indien den Tiger nennen, der einmal Menschenblut gekostet hat, kümmert sich um keine andere Beute mehr, sondern streift rastlos umher, bis er ihn bekommt. Dieser, den wir aus unserem Dorf jagen, ist auch ein Tiger, ein Menschenfresser, und er hört niemals auf zu streifen. Nein, er selbst ist nicht der Typ, der sich zurückzieht und fernbleibt. In seinem Leben, seinem lebendigen Leben, überschreitet er die türkische Grenze und greift seinen Feind auf dessen eigenem Boden an; er wird zurückgeschlagen, aber blieb er weg? Nein! Er kommt wieder, und wieder, und wieder. Sieh dir seine Beharrlichkeit und Ausdauer an. Mit dem Kinderverstand, den er besitzt, hat er längst den Gedanken gefasst, in eine große Stadt zu kommen. Was tut er? Er findet den Ort auf der ganzen Welt, der für ihn am meisten verspricht. Dann setzt er sich ganz bewusst hin, um sich auf die Aufgabe vorzubereiten. Er findet in Geduld heraus, wie es um seine Stärke steht und was seine Kräfte sind. Er studiert neue Sprachen. Er lernt neues gesellschaftliches Leben; neue Umgebungen alter Sitten, die Politik, das Recht, die Finanzen, die Wissenschaft, die Gewohnheiten eines neuen Landes und eines neuen Volkes, die entstanden sind, seit er existierte. Der flüchtige Blick, den er hatte, hat nur seinen Appetit angeregt und sein Verlangen geschärft. Nein, es hilft ihm, in seinem Verstand zu wachsen; denn all das beweist ihm, wie recht er von Anfang an mit seinen Vermutungen hatte. Er hat dies allein getan; ganz allein! Von einem verfallenen Grab in einem vergessenen Land aus. Was mag er nicht alles tun können, wenn ihm die größere Welt des Denkens offensteht? Er, der über den Tod lächeln kann, wie wir ihn kennen; der inmitten von Krankheiten gedeihen kann, die ganze Völker ausrotten. Oh! Wenn ein solcher von Gott käme und nicht vom Teufel, welch eine Kraft zum Guten könnte er nicht in dieser alten Welt von uns sein. Aber wir sind verpflichtet, die Welt zu befreien. Unsere Arbeit muss im Stillen geschehen, und unsere Bemühungen alle im Geheimen; denn in diesem aufgeklärten Zeitalter, in dem die Menschen nicht einmal das glauben, was sie sehen, wäre das Zweifeln der Weisen seine größte Stärke. Es wäre zugleich seine Scheide und seine Rüstung, und seine Waffen, um uns zu vernichten, seine Feinde, die wir bereit sind, sogar unsere eigenen Seelen für die Sicherheit einer Person zu riskieren, die wir lieben – für das Wohl der Menschheit und für die Ehre und den Ruhm Gottes.“

Nach einer allgemeinen Diskussion wurde beschlossen, dass für heute Nacht nichts endgültig festgelegt werde; dass wir alle über die Fakten schlafen und versuchen sollten, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Morgen beim Frühstück treffen wir uns wieder, und nachdem wir einander unsere Schlüsse mitgeteilt haben, werden wir über einen bestimmten Handlungsablauf entscheiden.

* * * * *

Ich verspüre heute Nacht einen wunderbaren Frieden und eine wunderbare Ruhe. Es ist, als ob eine quälende Anwesenheit von mir gewichen wäre. Vielleicht...

Meine Vermutung war nicht zu Ende, konnte es nicht sein; denn ich erblickte im Spiegel das rote Mal auf meiner Stirn; und ich wusste, dass ich noch immer unrein war.

Dr. Sewards Tagebuch.

5. Oktober. – Wir erhoben uns alle früh, und ich glaube, dass der Schlaf jedem von uns viel geholfen hat. Als wir uns zum frühen Frühstück trafen, herrschte eine allgemeinere Heiterkeit, als jeder von uns jemals wieder zu erleben gehofft hatte.

Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Widerstandskraft in der menschlichen Natur steckt. Lasse irgendeine hinderliche Ursache, egal welche, auf irgendeine Weise beseitigen – selbst durch den Tod – und wir kehren zu den Grundprinzipien der Hoffnung und des Genusses zurück. Mehr als einmal, als wir um den Tisch saßen, öffneten sich meine Augen vor Staunen, ob die ganzen vergangenen Tage nicht ein Traum gewesen wären. Erst als ich den roten Fleck auf Mrs. Harkers Stirn erblickte, wurde ich in die Realität zurückgeholt. Selbst jetzt, wo ich ernsthaft über die Angelegenheit nachdenke, ist es fast unmöglich zu begreifen, dass die Ursache all unseres Kummers noch existiert. Sogar Mrs. Harker scheint ihren Kummer für ganze Spannen aus den Augen zu verlieren; erst dann und wann, wenn etwas sie daran erinnert, denkt sie an ihre schreckliche Narbe. Wir treffen uns hier in meinem Arbeitszimmer in einer halben Stunde und entscheiden über unser weiteres Vorgehen. Ich sehe nur eine unmittelbare Schwierigkeit, ich weiß es eher durch Instinkt als durch Vernunft: Wir werden alle offen sprechen müssen; und doch fürchte ich, dass Mrs. Harkers Zunge auf irgendeine mysteriöse Weise gelähmt ist. Ich weiß, dass sie ihre eigenen Schlüsse zieht, und nach allem, was geschehen ist, kann ich erahnen, wie brillant und wie wahr sie sein müssen; aber sie will oder kann sie nicht aussprechen. Ich habe dies gegenüber Van Helsing erwähnt, und er und ich werden darüber sprechen, wenn wir allein sind. Ich nehme an, es ist etwas von diesem schrecklichen Gift, das in ihre Adern gelangt ist und nun zu wirken beginnt. Der Graf hatte seine eigenen Absichten, als er ihr das gab, was Van Helsing „die Vampirtaufe des Blutes“ nannte. Nun, es mag ein Gift geben, das sich aus guten Dingen destilliert; in einem Zeitalter, in dem die Existenz von Ptomainen ein Rätsel ist, sollten wir uns über nichts wundern! Eines weiß ich: Wenn mein Instinkt bezüglich der Stille der armen Mrs. Harker richtig ist, dann liegt eine schreckliche Schwierigkeit – eine unbekannte Gefahr – in der Arbeit vor uns. Dieselbe Macht, die ihr Schweigen erzwingt, könnte auch ihr Sprechen erzwingen. Ich wage nicht, weiterzudenken; denn so würde ich in meinen Gedanken eine edle Frau entehren!

Van Helsing kommt etwas früher als die anderen in mein Arbeitszimmer. Ich werde versuchen, das Thema bei ihm anzuschneiden.

Später. – Als der Professor hereinkam, besprachen wir den Stand der Dinge. Ich konnte sehen, dass er etwas auf dem Herzen hatte, das er sagen wollte, aber zögerte, das Thema anzusprechen. Nachdem er ein wenig um den heißen Brei herumgeredet hatte, sagte er plötzlich:

„Freund John, es gibt etwas, das du und ich allein besprechen müssen, zumindest erst einmal. Später müssen wir vielleicht die anderen in unser Vertrauen ziehen“; dann hielt er inne, also wartete ich; er fuhr fort:

„Madam Mina, unsere arme, liebe Madam Mina, verändert sich.“ Ein kalter Schauer lief über mich, als ich sah, wie sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten. Van Helsing fuhr fort:

„Mit der traurigen Erfahrung von Miss Lucy müssen wir dieses Mal gewarnt sein, bevor die Dinge zu weit gehen. Unsere Aufgabe ist nun in Wirklichkeit schwieriger als je zuvor, und dieser neue Ärger macht jede Stunde von äußerster Wichtigkeit. Ich kann die Züge des Vampirs in ihrem Gesicht erkennen. Es ist jetzt nur sehr, sehr gering; aber es ist zu sehen, wenn wir Augen haben, um es zu bemerken, ohne voreingenommen zu sein. Ihre Zähne sind etwas schärfer, und manchmal sind ihre Augen härter. Aber das ist nicht alles, sie schweigt jetzt oft; so war es auch bei Miss Lucy. Sie sprach nicht, selbst als sie das niederschrieb, was später bekannt werden sollte. Nun ist meine Befürchtung diese: Wenn sie durch unsere hypnotische Trance erzählen kann, was der Graf sieht und hört, ist es dann nicht noch wahrer, dass er, der sie zuerst hypnotisiert hat und der von ihrem eigenen Blut getrunken hat und sie von seinem trinken ließ, ihren Geist zwingen sollte, ihm das zu offenbaren, was sie weiß, wenn er es will?“ Ich nickte zustimmend; er fuhr fort:

„Dann müssen wir verhindern, dass dies geschieht; wir müssen sie über unsere Absicht im Unklaren lassen, und so kann sie nicht sagen, was sie nicht weiß. Das ist eine schmerzhafte Aufgabe! Oh! So schmerzhaft, dass es mir das Herz bricht, daran zu denken; aber es muss sein. Wenn wir uns heute treffen, muss ich ihr sagen, dass sie aus einem Grund, über den wir nicht sprechen wollen, nicht mehr an unserem Rat teilnehmen darf, sondern einfach von uns bewacht werden muss.“ Er wischte sich die Stirn, auf die bei dem Gedanken an den Schmerz, den er der armen, bereits so gequälten Seele zufügen musste, reichlich Schweiß getreten war. Ich wusste, dass es ihm ein Trost sein würde, wenn ich ihm sagte, dass auch ich zu demselben Schluss gekommen war; denn zumindest würde es den Schmerz des Zweifels nehmen. Ich teilte es ihm mit, und die Wirkung war, wie ich erwartet hatte.

Es ist nun fast Zeit für unser allgemeines Treffen. Van Helsing ist weggegangen, um sich auf das Treffen und seinen schmerzhaften Teil vorzubereiten. Ich glaube wirklich, seine Absicht ist es, alleine beten zu können.

Später. – Gleich zu Beginn unseres Treffens erlebten Van Helsing und ich eine große persönliche Erleichterung. Mrs. Harker hatte durch ihren Mann eine Nachricht schicken lassen, dass sie sich uns im Moment nicht anschließen würde, da sie es für besser hielt, dass wir frei wären, unsere Schritte zu besprechen, ohne dass ihre Anwesenheit uns in Verlegenheit brächte. Der Professor und ich sahen uns einen Moment lang an, und irgendwie schienen wir beide erleichtert. Ich für meinen Teil dachte, wenn Mrs. Harker die Gefahr selbst erkannte, sei viel Schmerz sowie viel Gefahr abgewendet. Unter diesen Umständen einigten wir uns durch einen fragenden Blick und eine Antwort mit dem Finger auf den Lippen darauf, über unsere Verdachtsmomente zu schweigen, bis wir wieder allein miteinander beraten konnten. Wir gingen sofort zu unserem Schlachtplan über. Van Helsing legte uns zunächst grob die Fakten dar:

„Die Czarina Catherine hat gestern Morgen die Themse verlassen. Es wird bei der schnellsten Geschwindigkeit, die sie jemals erreicht hat, mindestens drei Wochen dauern, bis sie Warna erreicht; aber wir können in drei Tagen auf dem Landweg an denselben Ort reisen. Nun, wenn wir zwei Tage weniger für die Schiffsreise abziehen, aufgrund solcher Wetterbeeinflussungen, von denen wir wissen, dass der Graf sie ausüben kann; und wenn wir einen ganzen Tag und eine ganze Nacht für etwaige Verzögerungen einrechnen, die bei uns auftreten könnten, dann haben wir einen Spielraum von fast zwei Wochen. Um also ganz sicher zu gehen, müssen wir spätestens am 17. von hier abreisen. Dann werden wir auf jeden Fall einen Tag vor der Ankunft des Schiffes in Warna sein und in der Lage sein, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Natürlich werden wir alle bewaffnet sein – bewaffnet gegen böse Dinge, geistige wie körperliche.“ Hier fügte Quincey Morris hinzu:

„Ich verstehe, dass der Graf aus einem Wolfsland kommt, und es kann sein, dass er vor uns dort sein wird. Ich schlage vor, dass wir Winchester-Gewehre zu unserer Bewaffnung hinzufügen. Ich habe ein gewisses Vertrauen in eine Winchester, wenn es Ärger dieser Art gibt. Erinnerst du dich, Art, als wir das Rudel in Tobolsk hinter uns hatten? Was hätten wir damals nicht für einen Repetierer pro Kopf gegeben!“

„Gut!“, sagte Van Helsing. „Winchesters sollen es sein. Quinceys Kopf ist jederzeit klar, aber am meisten, wenn es etwas zu jagen gibt, auch wenn meine Metapher eine größere Beleidigung für die Wissenschaft ist als Wölfe eine Gefahr für den Menschen sind. In der Zwischenzeit können wir hier nichts tun; und da ich glaube, dass Warna keinem von uns vertraut ist, warum nicht früher dorthin gehen? Es dauert genauso lange, hier zu warten wie dort. Heute Nacht und morgen können wir uns bereit machen, und dann, wenn alles gut geht, können wir vier unsere Reise antreten.“

„Wir vier?“, fragte Harker fragend und sah von einem zum anderen von uns.

„Natürlich!“, antwortete der Professor schnell. „Du musst bleiben, um dich um deine so süße Frau zu kümmern!“ Harker schwieg eine Weile und sagte dann mit hohler Stimme:

„Lassen Sie uns morgen über diesen Teil sprechen. Ich möchte mich mit Mina beraten.“ Ich dachte, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für Van Helsing, ihn zu warnen, ihr unsere Pläne nicht zu offenbaren; aber er beachtete es nicht. Ich sah ihn bedeutungsvoll an und hustete. Als Antwort legte er den Finger auf die Lippen und wandte sich ab.

/Jonathan Harkers Tagebuch./

5. Oktober, Nachmittag. – Einige Zeit nach unserem Treffen heute Morgen konnte ich nicht denken. Die neuen Phasen der Dinge lassen meinen Geist in einem Zustand des Staunens, der keinen Raum für aktives Denken lässt. Minas Entschluss, an der Diskussion nicht teilzunehmen, gab mir zu denken; und da ich das Thema nicht mit ihr erörtern konnte, konnte ich nur raten. Ich bin jetzt so weit wie eh und je von einer Lösung entfernt. Auch die Art und Weise, wie die anderen es aufnahmen, hat mich verblüfft; das letzte Mal, als wir über das Thema sprachen, waren wir uns einig, dass es keine Geheimnisse mehr unter uns geben sollte. Mina schläft jetzt, ruhig und süß wie ein kleines Kind. Ihre Lippen sind gewölbt und ihr Gesicht strahlt vor Glück. Gott sei Dank gibt es solche Momente noch für sie.

Später. – Wie seltsam das alles ist. Ich saß da und beobachtete Minas glücklichen Schlaf und kam dem Glücklichsein so nahe, wie ich es wohl jemals sein werde. Als der Abend heraufzog und die Erde ihre Schatten von der tiefer sinkenden Sonne empfing, wurde die Stille des Zimmers für mich immer feierlicher. Plötzlich öffnete Mina ihre Augen und sah mich zärtlich an und sagte:

„Jonathan, ich möchte, dass du mir etwas bei deinem Ehrenwort versprichst. Ein Versprechen, das mir gegeben wurde, aber heilig in Gottes Gehör, und das nicht gebrochen werden darf, selbst wenn ich auf die Knie fallen und dich unter bitteren Tränen anflehen sollte. Schnell, du musst es mir sofort geben.“

„Mina“, sagte ich, „ein solches Versprechen kann ich nicht sofort geben. Ich habe vielleicht kein Recht dazu.“

„Aber, mein Lieber“, sagte sie mit einer solchen spirituellen Intensität, dass ihre Augen wie Polarsterne waren, „ich bin es, die es sich wünscht; und es ist nicht für mich selbst. Du kannst Dr. Van Helsing fragen, ob ich nicht recht habe; wenn er nicht zustimmt, kannst du tun, wie du willst. Nein, mehr noch, wenn ihr alle später zustimmt, bist du von dem Versprechen entbunden.“

„Ich verspreche es!“, sagte ich, und für einen Moment sah sie überglücklich aus; obwohl mir alles Glück für sie durch die rote Narbe auf ihrer Stirn verwehrt war. Sie sagte:

„Versprich mir, dass du mir nichts von den Plänen für den Feldzug gegen den Grafen erzählst. Weder durch ein Wort, noch durch Schlussfolgerungen oder Andeutungen; zu keiner Zeit, während mir dies bleibt!“ und sie zeigte feierlich auf die Narbe. Ich sah, dass es ihr ernst war, und sagte feierlich:

„Ich verspreche es!“ und als ich es sagte, fühlte ich, dass sich in diesem Augenblick eine Tür zwischen uns geschlossen hatte.

Später, Mitternacht. – Mina war den ganzen Abend hell und fröhlich. So sehr, dass alle anderen Mut zu schöpfen schienen, als wären sie etwas von ihrer Heiterkeit angesteckt; als Ergebnis fühlte selbst ich mich, als ob sich das Leichentuch der Trübsal, das auf uns lastet, ein wenig gelüftet hätte. Wir zogen uns alle früh zurück. Mina schläft jetzt wie ein kleines Kind; es ist wunderbar, dass ihr die Fähigkeit zu schlafen inmitten ihres schrecklichen Kummers erhalten bleibt. Gott sei Dank dafür, denn dann kann sie zumindest ihre Sorgen vergessen. Vielleicht kann ihr Beispiel mich beeinflussen, wie es ihre Heiterkeit heute Abend tat. Ich werde es versuchen. Oh! Für einen traumlosen Schlaf.

6. Oktober, Morgen. – Eine weitere Überraschung. Mina weckte mich früh, etwa zur gleichen Zeit wie gestern, und bat mich, Dr. Van Helsing zu holen. Ich dachte, es sei ein weiterer Anlass für Hypnose, und ging ohne zu fragen zum Professor. Er hatte offensichtlich einen solchen Anruf erwartet, denn ich fand ihn in seinem Zimmer angezogen vor. Seine Tür stand einen Spalt breit offen, sodass er das Öffnen unserer Zimmertür hören konnte. Er kam sofort; als er das Zimmer betrat, fragte er Mina, ob die anderen auch kommen dürften.

„Nein“, sagte sie ganz einfach, „es wird nicht notwendig sein. Du kannst es ihnen genauso gut sagen. Ich muss mit euch auf eure Reise gehen.“

Dr. Van Helsing war genauso erschrocken wie ich. Nach einer kurzen Pause fragte er:

„Aber warum?“

„Du musst mich mitnehmen. Ich bin sicherer bei euch, und ihr werdet auch sicherer sein.“

„Aber warum, liebe Madam Mina? Du weißt, dass deine Sicherheit unsere feierlichste Pflicht ist. Wir begeben uns in Gefahr, der du eher ausgesetzt bist oder sein kannst als jeder von uns durch – durch Umstände – Dinge, die geschehen sind.“ Er hielt verlegen inne.

Als sie antwortete, hob sie ihren Finger und zeigte auf ihre Stirn:

„Ich weiß. Deshalb muss ich mit. Ich kann es euch jetzt sagen, während die Sonne aufgeht; vielleicht kann ich es später nicht mehr. Ich weiß, dass ich gehen muss, wenn der Graf es will. Ich weiß, wenn er mir befiehlt, heimlich zu kommen, muss ich durch List kommen; durch irgendein Mittel, um zu täuschen – sogar Jonathan.“ Gott sah den Blick, den sie auf mich richtete, als sie sprach, und wenn es in der Tat einen aufzeichnenden Engel gibt, ist dieser Blick zu ihrer ewigen Ehre vermerkt. Ich konnte nur ihre Hand drücken. Ich konnte nicht sprechen; meine Rührung war zu groß, um sogar die Erleichterung von Tränen zu finden. Sie fuhr fort:

„Ihr Männer seid tapfer und stark. Ihr seid stark in eurer Anzahl, denn ihr könnt dem trotzen, was die menschliche Ausdauer eines Einzelnen brechen würde, der allein Wache halten müsste. Außerdem kann ich von Nutzen sein, da ihr mich hypnotisieren und so erfahren könnt, was selbst ich nicht weiß.“ Dr. Van Helsing sagte sehr ernst:

„Madam Mina, du bist wie immer sehr weise. Du wirst mit uns kommen; und gemeinsam werden wir das erreichen, wofür wir ausziehen.“ Als er gesprochen hatte, ließ mich Minas langes Schweigen sie ansehen. Sie war auf ihr Kissen zurückgefallen und eingeschlafen; sie wachte nicht einmal auf, als ich das Rollo hochzog und das Sonnenlicht hereinließ, das das Zimmer überflutete. Van Helsing bedeutete mir, leise mit ihm zu kommen. Wir gingen in sein Zimmer, und innerhalb einer Minute waren auch Lord Godalming, Dr. Seward und Mr. Morris bei uns. Er erzählte ihnen, was Mina gesagt hatte, und fuhr fort:

„Am Morgen brechen wir nach Warna auf. Wir haben es nun mit einem neuen Faktor zu tun: Madam Mina. Oh, aber ihre Seele ist wahr. Es ist für sie eine Qual, uns so viel zu sagen, wie sie es getan hat; aber es ist vollkommen richtig, und wir sind rechtzeitig gewarnt. Es darf keine Chance verloren gehen, und in Warna müssen wir bereit sein, in dem Augenblick zu handeln, wenn das Schiff eintrifft.“

„Was sollen wir genau tun?“, fragte Mr. Morris lakonisch. Der Professor hielt inne, bevor er antwortete:

„Wir werden zuerst dieses Schiff betreten; dann, wenn wir die Kiste identifiziert haben, legen wir einen Zweig der wilden Rose darauf. Dies werden wir befestigen, denn wenn er dort ist, kann niemand herauskommen; so zumindest besagt es der Aberglaube. Und auf den Aberglauben müssen wir zuerst vertrauen; er war der frühe Glaube des Menschen, und er hat seine Wurzeln noch immer im Glauben. Dann, wenn wir die Gelegenheit bekommen, die wir suchen, wenn niemand in der Nähe ist, um zu sehen, werden wir die Kiste öffnen, und – und alles wird gut sein.“

„Ich werde auf keine Gelegenheit warten“, sagte Morris. „Wenn ich die Kiste sehe, werde ich sie öffnen und das Monster vernichten, selbst wenn tausend Männer zusehen, und wenn ich im nächsten Augenblick dafür ausgelöscht werde!“ Ich drückte instinktiv seine Hand und fand sie so fest wie ein Stück Stahl. Ich glaube, er verstand meinen Blick; ich hoffe es.

„Guter Junge“, sagte Dr. Van Helsing. „Tapferer Junge. Quincey ist ein ganzer Mann, Gott segne ihn dafür. Mein Kind, glaub mir, keiner von uns wird zurückbleiben oder aus irgendeiner Angst zögern. Ich sage nur, was wir tun können – was wir tun müssen. Aber wahrlich, wahrlich, wir können nicht sagen, was wir tun werden. Es gibt so viele Dinge, die passieren können, und ihre Wege und Enden sind so verschieden, dass wir es bis zum Augenblick nicht sagen können. Wir werden alle bewaffnet sein, in jeder Hinsicht; und wenn die Zeit für das Ende gekommen ist, soll es an unserer Bemühung nicht fehlen. Nun lasst uns heute alle unsere Angelegenheiten in Ordnung bringen. Lasst alles, was andere uns liebe Menschen betrifft und die von uns abhängen, vollständig sein; denn keiner von uns kann sagen, was, wann oder wie das Ende sein mag. Was mich betrifft, so sind meine eigenen Angelegenheiten geregelt; und da ich sonst nichts zu tun habe, werde ich Vorkehrungen für die Reise treffen. Ich werde alle Tickets und so weiter für unsere Reise haben.“

Es gab nichts weiter zu sagen, und wir trennten uns. Ich werde nun alle meine irdischen Angelegenheiten regeln und bereit sein für alles, was kommen mag....

Später. – Es ist alles getan; mein Testament ist aufgesetzt und vollkommen abgeschlossen. Mina ist meine Alleinerbin, sollte sie überleben. Sollte dies nicht der Fall sein, dann sollen die anderen, die so gut zu uns gewesen sind, den Rest erhalten.

Es neigt sich nun dem Sonnenuntergang zu; Minas Unruhe lenkt meine Aufmerksamkeit darauf. Ich bin sicher, dass sie etwas auf dem Herzen hat, das der Zeitpunkt des genauen Sonnenuntergangs enthüllen wird. Diese Augenblicke werden für uns alle zu erschütternden Zeiten, denn jeder Sonnenaufgang und jeder Sonnenuntergang eröffnet eine neue Gefahr – einen neuen Schmerz, der jedoch nach Gottes Willen ein Mittel zu einem guten Ende sein mag. Ich schreibe all diese Dinge in das Tagebuch, da meine Liebste sie jetzt nicht hören darf; doch sollte es ihr vergönnt sein, sie jemals wieder zu sehen, so sollen sie bereitliegen.

Sie ruft nach mir.

KAPITEL XXV.

/Dr. Sewards Tagebuch./

11. Oktober, Abend. – Jonathan Harker hat mich gebeten, dies zu notieren, da er sagt, er sei der Aufgabe kaum gewachsen, und er möchte, dass eine genaue Aufzeichnung geführt wird.

Ich glaube, dass keiner von uns überrascht war, als wir gebeten wurden, Mrs. Harker kurz vor dem Zeitpunkt des Sonnenuntergangs aufzusuchen. Wir haben in letzter Zeit gelernt zu verstehen, dass Sonnenaufgang und Sonnenuntergang für sie Zeiten eigentümlicher Freiheit sind; wenn ihr altes Selbst sich manifestieren kann, ohne dass eine beherrschende Kraft sie unterdrückt oder zurückhält oder sie zu Handlungen anstiftet. Diese Stimmung oder dieser Zustand beginnt etwa eine halbe Stunde oder länger vor dem tatsächlichen Sonnenaufgang oder -untergang und dauert an, bis entweder die Sonne hoch steht oder die Wolken noch von den Strahlen glühen, die über den Horizont strömen. Zuerst gibt es eine Art negativen Zustand, als ob ein Band gelöst würde, und dann folgt schnell die absolute Freiheit; wenn die Freiheit jedoch endet, kommt die Rückverwandlung oder der Rückfall schnell, nur eingeleitet durch eine Phase warnender Stille.

Heute Abend, als wir uns trafen, war sie etwas gehemmt und trug alle Zeichen eines inneren Kampfes. Ich schrieb es mir selbst zu, dass sie eine heftige Anstrengung unternahm, sobald sie es konnte. Wenige Minuten jedoch gaben ihr die vollständige Selbstbeherrschung zurück; dann, als sie ihrem Mann bedeutete, sich neben sie auf das Sofa zu setzen, auf dem sie halb lag, ließ sie uns andere die Stühle heranziehen. Sie nahm die Hand ihres Mannes in die ihre und begann:

„Wir sind alle hier zusammen in Freiheit, vielleicht zum letzten Mal! Ich weiß, mein Lieber; ich weiß, dass du immer bei mir sein wirst bis ans Ende.“ Dies galt ihrem Mann, dessen Hand sich, wie wir sehen konnten, um ihre geschlossen hatte. „Am Morgen brechen wir auf zu unserer Aufgabe, und Gott allein weiß, was für jeden von uns bereitgehalten wird. Ihr seid so gut zu mir, mich mitzunehmen. Ich weiß, dass alles, was mutige, ernsthafte Männer für eine arme, schwache Frau tun können, deren Seele vielleicht verloren ist – nein, nein, noch nicht, aber auf jeden Fall auf dem Spiel steht –, ihr tun werdet. Aber ihr müsst bedenken, dass ich nicht so bin wie ihr. Es ist ein Gift in meinem Blut, in meiner Seele, das mich zerstören kann; das mich zerstören muss, wenn uns nicht irgendeine Erleichterung zuteilwird. Oh, meine Freunde, ihr wisst so gut wie ich, dass meine Seele auf dem Spiel steht; und obwohl ich weiß, dass es einen Ausweg für mich gibt, dürft ihr ihn nicht wählen, und ich darf ihn nicht wählen!“ Sie sah uns alle der Reihe nach bittend an, beginnend und endend bei ihrem Mann.

„Was ist dieser Weg?“, fragte Van Helsing mit heiserer Stimme. „Was ist dieser Weg, den wir nicht wählen dürfen – nicht wählen können?“

„Dass ich jetzt sterbe, entweder durch meine eigene Hand oder die eines anderen, bevor das größere Übel vollständig vollbracht ist. Ich weiß, und ihr wisst, dass ihr, wäre ich erst tot, meinen unsterblichen Geist befreien könntet und würdet, so wie ihr es bei meiner armen Lucy getan habt. Wäre der Tod oder die Furcht vor dem Tod das Einzige, was im Wege stünde, würde ich nicht davor zurückschrecken, hier, jetzt, inmitten der Freunde, die mich lieben, zu sterben. Aber der Tod ist nicht alles. Ich kann nicht glauben, dass es Gottes Wille ist, in einem solchen Fall zu sterben, wenn Hoffnung vor uns liegt und eine bittere Aufgabe zu erfüllen ist. Deshalb gebe ich meinerseits hier die Gewissheit ewiger Ruhe auf und gehe hinaus in die Dunkelheit, in der die schwärzesten Dinge sein mögen, die die Welt oder die Unterwelt bereithält!“ Wir alle schwiegen, denn wir wussten instinktiv, dass dies nur ein Vorspiel war. Die Gesichter der anderen waren starr, und Harkers wurde aschfahl; vielleicht ahnte er besser als jeder von uns, was kommen würde. Sie fuhr fort:

„Das ist es, was ich in die Gemeinschaft einbringen kann.“ Ich konnte nicht umhin, die seltsame juristische Formulierung zu bemerken, die sie an einem solchen Ort und mit allem Ernst gebrauchte. „Was werdet ihr jeder von euch geben? Eure Leben, ich weiß“, fuhr sie schnell fort; „das ist leicht für mutige Männer. Eure Leben sind Gottes, und ihr könnt sie Ihm zurückgeben; aber was werdet ihr mir geben?“ Sie blickte wieder fragend umher, wich aber diesmal dem Gesicht ihres Mannes aus. Quincey schien es zu verstehen; er nickte, und ihr Gesicht hellte sich auf. „Dann werde ich euch deutlich sagen, was ich will, denn es darf jetzt keine zweifelhafte Angelegenheit mehr zwischen uns geben. Ihr müsst mir alle versprechen – auch du, mein geliebter Ehemann –, dass ihr mich töten werdet, sollte die Zeit kommen.“

„Wann ist diese Zeit?“ Die Stimme war Quincey’s, aber sie war leise und gepresst.

„Wenn ihr überzeugt sein werdet, dass ich so verändert bin, dass es besser ist, dass ich sterbe, damit ich leben kann. Wenn ich dann im Fleische tot bin, werdet ihr ohne einen Augenblick des Zögerns einen Pfahl durch mich treiben und mir den Kopf abschlagen; oder was auch immer sonst nötig sein mag, um mir Ruhe zu verschaffen!“

Quincey war der Erste, der sich nach der Pause erhob. Er kniete vor ihr nieder, nahm ihre Hand in seine und sagte feierlich:

„Ich bin nur ein rauer Kerl, der vielleicht nicht so gelebt hat, wie ein Mann es sollte, um eine solche Auszeichnung zu verdienen, aber ich schwöre euch bei allem, was mir heilig und teuer ist, dass ich, sollte die Zeit jemals kommen, nicht vor der Pflicht zurückweichen werde, die ihr uns auferlegt habt. Und ich verspreche euch auch, dass ich für Gewissheit sorgen werde, denn wenn ich nur im Zweifel bin, werde ich annehmen, dass die Zeit gekommen ist!“

„Mein wahrer Freund!“, war alles, was sie unter ihren schnell fallenden Tränen sagen konnte, während sie sich vorbeugte und seine Hand küsste.

„Ich schwöre das Gleiche, meine liebe Madam Mina!“, sagte Van Helsing.

„Und ich!“, sagte Lord Godalming, und jeder von ihnen kniete nacheinander vor ihr nieder, um den Eid abzulegen. Ich folgte selbst. Dann wandte sich ihr Mann ihr zu, mit fahlen Augen und einer grünlichen Blässe, die das schneeweiße Haar dämpfte, und fragte:

„Und muss auch ich ein solches Versprechen geben, oh, meine Frau?“

„Auch du, mein Liebster“, sagte sie mit unendlicher Sehnsucht nach Mitleid in Stimme und Augen. „Du darfst nicht zurückweichen. Du bist mir am nächsten und teuersten und die ganze Welt für mich; unsere Seelen sind miteinander verbunden, für alles Leben und alle Zeit. Denke daran, mein Lieber, dass es Zeiten gab, in denen mutige Männer ihre Frauen und ihre Verwandten getötet haben, um sie davor zu bewahren, in die Hände des Feindes zu fallen. Ihre Hände zitterten nicht mehr, nur weil diejenigen, die sie liebten, sie anflehten, sie zu erschlagen. Es ist die Pflicht der Männer gegenüber denen, die sie lieben, in solchen Zeiten schwerer Prüfung! Und oh, mein Lieber, wenn es so sein soll, dass ich den Tod durch irgendeine Hand finden muss, dann lass es durch die Hand dessen sein, der mich am meisten liebt. Dr. Van Helsing, ich habe eure Barmherzigkeit im Fall der armen Lucy nicht vergessen für den, der sie liebte“ – sie hielt inne, mit einem flüchtigen Erröten, und änderte ihre Formulierung – „für den, der das größte Recht hatte, ihr Frieden zu geben. Wenn diese Zeit wieder kommen sollte, zähle ich auf euch, dass ihr es zu einer glücklichen Erinnerung im Leben meines Mannes macht, dass es seine liebende Hand war, die mich aus dem schrecklichen Bann befreite, der auf mir liegt.“

„Wiederum schwöre ich es!“, erklang die sonore Stimme des Professors. Mrs. Harker lächelte, tatsächlich lächelte sie, als sie sich mit einem Seufzer der Erleichterung zurücklehnte und sagte:

„Und nun noch ein Wort der Warnung, eine Warnung, die ihr niemals vergessen dürft: Diese Zeit, falls sie jemals kommt, kann schnell und unerwartet kommen, und in einem solchen Fall dürft ihr keine Zeit verlieren, eure Gelegenheit zu nutzen. Zu einer solchen Zeit könnte ich selbst – nein! wenn die Zeit jemals kommt, werde ich – mit eurem Feind gegen euch verbündet sein.“

„Eine weitere Bitte;“, sie wurde sehr feierlich, als sie das sagte, „sie ist nicht lebenswichtig und notwendig wie die andere, aber ich möchte, dass ihr eine Sache für mich tut, wenn ihr wollt.“ Wir stimmten alle zu, aber niemand sprach; es gab keinen Grund zu sprechen:

„Ich möchte, dass ihr den Begräbnisgottesdienst lest.“ Sie wurde von einem tiefen Stöhnen ihres Mannes unterbrochen; sie nahm seine Hand in ihre, hielt sie über ihr Herz und fuhr fort: „Ihr müsst ihn eines Tages über mir lesen. Was auch immer das Ergebnis all dieses schrecklichen Zustands sein mag, es wird ein süßer Gedanke für alle oder einige von uns sein. Du, mein Liebster, wirst ihn hoffentlich lesen, denn dann wird er für immer mit deiner Stimme in meiner Erinnerung sein – komme, was da wolle!“

„Aber oh, meine Liebste“, flehte er, „der Tod ist fern von dir.“

„Nein“, sagte sie und hob eine warnende Hand. „Ich stehe in diesem Augenblick tiefer im Tod, als läge die Last eines irdischen Grabes schwer auf mir!“

„Oh, meine Frau, muss ich ihn lesen?“, sagte er, bevor er begann.

„Es würde mich trösten, mein Mann!“, war alles, was sie sagte; und er begann zu lesen, als sie das Buch bereitgelegt hatte.

„Wie kann ich – wie könnte irgendjemand – von jener seltsamen Szene erzählen, ihrer Feierlichkeit, ihrer Düsterkeit, ihrer Traurigkeit, ihrem Schrecken; und dabei ihrer Lieblichkeit? Selbst ein Skeptiker, der in allem Heiligen oder Emotionalen nichts als eine Travestie bitterer Wahrheit sehen kann, wäre zu Herzen gerührt gewesen, hätte er diese kleine Gruppe liebender und ergebener Freunde gesehen, wie sie um diese vom Schicksal getroffene und trauernde Dame knieten; oder die zärtliche Leidenschaft der Stimme ihres Mannes gehört, als er, in Tönen, die so von Emotionen gebrochen waren, dass er oft innehalten musste, den einfachen und schönen Gottesdienst für die Bestattung der Toten las. Ich – ich kann nicht weitermachen – Worte – und – St-stimme – v-versagen m-mir!“....

Sie hatte mit ihrem Instinkt recht. So seltsam das alles war, so bizarr es uns, die wir den starken Einfluss zu jener Zeit spürten, im Nachhinein auch erscheinen mag, es tröstete uns sehr; und die Stille, die Mrs. Harkers bevorstehenden Rückfall aus ihrer Seelenfreiheit ankündigte, erschien keinem von uns so voller Verzweiflung, wie wir befürchtet hatten.

Jonathan Harkers Tagebuch.

15. Oktober, Varna. – Wir verließen Charing Cross am Morgen des 12., kamen am selben Abend in Paris an und nahmen die Plätze ein, die für uns im Orient-Express reserviert waren. Wir reisten Tag und Nacht und kamen hier gegen fünf Uhr an. Lord Godalming ging zum Konsulat, um zu sehen, ob ein Telegramm für ihn eingetroffen war, während der Rest von uns in dieses Hotel kam – das Odessus. Die Reise mag Zwischenfälle gehabt haben; ich war jedoch zu begierig, weiterzukommen, um mich darum zu kümmern. Bis die Czarina Catherine in den Hafen einläuft, wird nichts auf der weiten Welt von Interesse für mich sein. Gott sei Dank! Mina ist wohlauf und scheint kräftiger zu werden; ihre Farbe kommt zurück. Sie schläft sehr viel; während der Reise schlief sie fast die ganze Zeit. Vor Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ist sie jedoch sehr wach und aufmerksam; und es ist für Van Helsing zur Gewohnheit geworden, sie zu diesen Zeiten zu hypnotisieren. Zuerst war etwas Anstrengung erforderlich, und er musste viele Bewegungen machen; aber jetzt scheint sie sofort nachzugeben, wie aus Gewohnheit, und es ist kaum eine Aktion nötig. Er scheint die Macht zu haben, in diesen besonderen Augenblicken einfach zu wollen, und ihre Gedanken gehorchen ihm. Er fragt sie immer, was sie sehen und hören kann. Sie antwortet auf das Erste:

„Nichts; alles ist dunkel.“ Und auf das Zweite:

„Ich kann hören, wie die Wellen gegen das Schiff schlagen und das Wasser vorbeirauscht. Segeltuch und Tauwerk spannen sich, und Masten und Rahen knarren. Der Wind ist stark – ich kann ihn in den Wanten hören, und der Bug wirft den Schaum zurück.“ Es ist offensichtlich, dass die Czarina Catherine noch auf See ist und sich auf dem Weg nach Varna beeilt. Lord Godalming ist gerade zurückgekehrt. Er hatte vier Telegramme, jeden Tag eines seit unserer Abreise, und alle mit demselben Inhalt: dass die Czarina Catherine nirgendwo bei Lloyd’s gemeldet worden sei. Er hatte vor der Abreise aus London vereinbart, dass sein Agent ihm jeden Tag ein Telegramm schicken sollte, ob das Schiff gemeldet worden sei. Er sollte eine Nachricht erhalten, selbst wenn sie nicht gemeldet würde, damit er sicher sein konnte, dass am anderen Ende des Drahtes Wache gehalten wurde.

Wir aßen zu Abend und gingen früh zu Bett. Morgen werden wir den Vizekonsul sehen und, wenn wir können, arrangieren, an Bord des Schiffes zu gelangen, sobald es eintrifft. Van Helsing sagt, unsere Chance werde sein, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang an Bord zu gelangen. Der Graf, selbst wenn er die Gestalt einer Fledermaus annimmt, kann das fließende Wasser aus eigenem Willen nicht überqueren und kann daher das Schiff nicht verlassen. Da er es nicht wagt, sich ohne Verdacht – was er offensichtlich vermeiden will – in die Menschengestalt zu verwandeln, muss er in der Kiste bleiben. Wenn wir also nach Sonnenaufgang an Bord kommen können, ist er uns ausgeliefert; denn wir können die Kiste öffnen und uns seiner sicher sein, wie wir es bei der armen Lucy taten, bevor er erwacht. Welche Gnade er von uns erhalten wird, wird nicht viel zählen. Wir glauben, dass wir nicht viel Ärger mit den Beamten oder den Seeleuten haben werden. Gott sei Dank! Dies ist das Land, in dem Bestechung alles erreichen kann, und wir sind gut mit Geld versorgt. Wir müssen nur sicherstellen, dass das Schiff nicht zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang in den Hafen einlaufen kann, ohne dass wir gewarnt werden, und wir werden in Sicherheit sein. Richter Geldbeutel wird diesen Fall regeln, denke ich!

16. Oktober. – Minas Bericht immer noch derselbe: plätschernde Wellen und rauschendes Wasser, Dunkelheit und günstige Winde. Wir sind offensichtlich gut in der Zeit, und wenn wir von der Czarina Catherine hören, werden wir bereit sein. Da sie die Dardanellen passieren muss, werden wir sicher einen Bericht erhalten.

* * * * *

17. Oktober. – Alles ist jetzt ziemlich gut geregelt, denke ich, um den Grafen bei seiner Rückkehr von seiner Reise willkommen zu heißen. Godalming sagte den Reedern, er vermute, dass die an Bord geschickte Kiste etwas enthalten könnte, das einem Freund von ihm gestohlen wurde, und erhielt eine halbe Zustimmung, dass er sie auf eigenes Risiko öffnen dürfe. Der Eigentümer gab ihm ein Papier, das dem Kapitän anwies, ihm jede Erleichterung zu gewähren, auf dem Schiff zu tun, was er wolle, und auch eine ähnliche Autorisierung für seinen Agenten in Varna. Wir haben den Agenten gesehen, der von Godalmings freundlicher Art ihm gegenüber sehr beeindruckt war, und wir sind alle überzeugt, dass alles, was er tun kann, um unsere Wünsche zu unterstützen, getan wird. Wir haben bereits vereinbart, was zu tun ist, falls wir die Kiste öffnen. Wenn der Graf dort ist, werden Van Helsing und Seward ihm sofort den Kopf abschlagen und einen Pfahl durch sein Herz treiben. Morris und Godalming und ich werden ein Eingreifen verhindern, selbst wenn wir die Waffen benutzen müssen, die wir bereithalten werden. Der Professor sagt, dass, wenn wir den Körper des Grafen so behandeln können, er bald darauf zu Staub zerfallen wird. In einem solchen Fall gäbe es keine Beweise gegen uns, falls irgendein Verdacht auf Mord aufkäme. Aber selbst wenn nicht, würden wir zu unserer Tat stehen oder fallen, und vielleicht ist diese Niederschrift eines Tages ein Beweis, der zwischen einige von uns und einen Strick tritt. Was mich betrifft, ich würde die Chance nur allzu dankbar ergreifen, wenn sie sich böte. Wir beabsichtigen, nichts unversucht zu lassen, um unsere Absicht auszuführen. Wir haben mit bestimmten Beamten vereinbart, dass wir sofort durch einen speziellen Boten informiert werden, sobald die Czarina Catherine gesichtet wird.

24. Oktober. – Eine ganze Woche des Wartens. Tägliche Telegramme an Godalming, aber nur die gleiche Geschichte: „Noch nicht gemeldet.“ Minas hypnotische Antwort am Morgen und Abend ist unverändert: plätschernde Wellen, rauschendes Wasser und knarrende Masten.

Telegramm, 24. Oktober.

_Rufus Smith, Lloyd’s, London, an Lord Godalming, z. Hd. H.B.M. Vizekonsul, Varna_

„Czarina Catherine heute Morgen aus Dardanellen gemeldet.“

Dr. Sewards Tagebuch.

24. Oktober. – Wie ich meinen Phonographen vermisse! Ein Tagebuch mit einem Stift zu schreiben, ist mir lästig; aber Van Helsing sagt, ich müsse es. Wir waren heute alle außer uns vor Aufregung, als Godalming sein Telegramm von Lloyd’s erhielt. Ich weiß jetzt, was Männer in der Schlacht fühlen, wenn der Ruf zum Handeln ertönt. Mrs. Harker zeigte als Einzige unserer Gruppe keine Anzeichen von Emotionen. Schließlich ist es nicht seltsam, dass sie es nicht tat; denn wir passten besonders auf, sie nichts darüber wissen zu lassen, und wir alle versuchten, keine Aufregung zu zeigen, wenn wir in ihrer Gegenwart waren. Früher hätte sie es, da bin ich sicher, bemerkt, egal wie sehr wir es versucht hätten zu verbergen; aber in dieser Hinsicht hat sie sich in den letzten drei Wochen stark verändert. Die Lethargie nimmt bei ihr zu, und obwohl sie stark und gesund wirkt und einiges von ihrer Farbe zurückbekommt, sind Van Helsing und ich nicht zufrieden. Wir sprechen oft über sie; wir haben jedoch kein Wort zu den anderen gesagt. Es würde das Herz des armen Harker brechen – sicherlich seine Nervenstärke –, wenn er wüsste, dass wir auch nur einen Verdacht bezüglich des Themas hätten. Van Helsing untersucht, wie er mir sagt, ihre Zähne sehr sorgfältig, während sie sich im hypnotischen Zustand befindet, denn er sagt, solange sie nicht anfangen, sich zu schärfen, gebe es keine aktive Gefahr einer Veränderung bei ihr. Sollte diese Veränderung eintreten, wäre es notwendig, Schritte zu unternehmen!... Wir wissen beide, was diese Schritte sein müssten, obwohl wir unsere Gedanken nicht zueinander erwähnen. Keiner von uns würde vor der Aufgabe zurückschrecken – so schrecklich es auch ist, darüber nachzudenken. „Euthanasie“ ist ein ausgezeichnetes und tröstliches Wort! Ich bin demjenigen dankbar, der es erfunden hat.

Es sind nur etwa 24 Stunden Fahrt von den Dardanellen bis hierher, bei der Geschwindigkeit, mit der die Czarina Catherine von London gekommen ist. Sie sollte daher irgendwann am Morgen ankommen; aber da sie unmöglich früher eintreffen kann, werden wir uns alle früh zur Ruhe begeben. Wir werden um ein Uhr aufstehen, um bereit zu sein.

25. Oktober, Mittag. – Noch keine Nachricht von der Ankunft des Schiffes. Mrs. Harkers hypnotischer Bericht heute Morgen war wie üblich, daher ist es möglich, dass wir jeden Moment Nachrichten erhalten. Wir Männer sind alle im Fieber der Aufregung, außer Harker, der ruhig ist; seine Hände sind kalt wie Eis, und vor einer Stunde fand ich ihn dabei, wie er die Schneide des großen Ghoorka-Messers schärfte, das er jetzt immer bei sich trägt. Es wird ein böses Ende für den Grafen nehmen, wenn die Schneide dieses „Kukri“, geführt von dieser ernsten, eiskalten Hand, jemals seine Kehle berührt!

Van Helsing und ich waren heute etwas besorgt wegen Mrs. Harker. Gegen Mittag verfiel sie in eine Art Lethargie, die uns nicht gefiel; obwohl wir gegenüber den anderen schwiegen, waren wir beide nicht glücklich darüber. Sie war den ganzen Morgen ruhelos gewesen, sodass wir anfangs froh waren zu wissen, dass sie schlief. Als ihr Mann jedoch beiläufig erwähnte, dass sie so tief schlafe, dass er sie nicht wecken könne, gingen wir in ihr Zimmer, um selbst nachzusehen. Sie atmete natürlich und sah so gesund und friedlich aus, dass wir übereinkamen, der Schlaf sei besser für sie als alles andere. Armes Mädchen, sie hat so viel zu vergessen, dass es kein Wunder ist, dass der Schlaf ihr gut tut, wenn er ihr Vergessen bringt.

Später. – Unsere Meinung war gerechtfertigt, denn als sie nach einem erfrischenden Schlaf von einigen Stunden erwachte, schien sie heller und besser als seit Tagen. Bei Sonnenuntergang machte sie den üblichen hypnotischen Bericht. Wo immer er auch im Schwarzen Meer sein mag, der Graf eilt seinem Ziel entgegen. Seinem Verderben, so hoffe ich!

26. Oktober. – Ein weiterer Tag, und keine Nachricht von der Czarina Catherine. Sie müsste mittlerweile hier sein. Dass sie sich noch irgendwo auf der Reise befindet, ist offensichtlich, denn der hypnotische Bericht von Mrs. Harker bei Sonnenaufgang war nach wie vor derselbe. Es ist möglich, dass das Schiff zeitweise wegen Nebels beiliegt; einige der Dampfer, die gestern Abend einliefen, meldeten Nebelbänke sowohl nördlich als auch südlich des Hafens. Wir müssen weiter Ausschau halten, da das Schiff nun jeden Moment gemeldet werden kann.

27. Oktober, Mittag. – Höchst seltsam; noch immer keine Nachricht von dem Schiff, auf das wir warten. Mrs. Harker berichtete gestern Abend und heute Morgen wie üblich: „plätschernde Wellen und rauschendes Wasser“, obwohl sie hinzufügte, dass „die Wellen sehr schwach waren“. Die Telegramme aus London lauteten alle gleich: „kein weiterer Bericht“. Van Helsing ist furchtbar besorgt und sagte mir gerade, er fürchte, der Graf entkomme uns. Er fügte bedeutungsvoll hinzu:

„Diese Lethargie von Madam Mina hat mir nicht gefallen. Seelen und Erinnerungen können während einer Trance seltsame Dinge tun.“ Ich wollte ihn gerade weiter befragen, aber Harker kam in diesem Moment herein, und er hob mahnend die Hand. Wir müssen heute Abend bei Sonnenuntergang versuchen, sie dazu zu bringen, sich im hypnotischen Zustand ausführlicher zu äußern.

28. Oktober. – Telegramm. Rufus Smith, London, an Lord Godalming, z. Hd. H.B.M. Vizekonsul, Varna.

„Czarina Catherine meldete heute um ein Uhr die Einfahrt in Galatz.“

Dr. Sewards Tagebuch.

28. Oktober. – Als das Telegramm eintraf, das die Ankunft in Galatz meldete, glaube ich nicht, dass es für einen von uns ein so großer Schock war, wie man hätte erwarten können. Zwar wussten wir nicht, woher, wie oder wann der Schlag kommen würde, aber ich glaube, wir alle erwarteten, dass etwas Seltsames geschehen würde. Die Verzögerung der Ankunft in Varna ließ uns individuell zufrieden sein, dass die Dinge nicht so verlaufen würden, wie wir erwartet hatten; wir warteten nur darauf zu erfahren, wo die Veränderung eintreten würde. Dennoch war es eine Überraschung. Ich nehme an, dass die Natur auf einer so hoffnungsvollen Grundlage arbeitet, dass wir gegen unser besseres Wissen glauben, die Dinge würden so sein, wie sie sein sollten, und nicht so, wie wir wissen, dass sie sein werden. Der Transzendentalismus ist ein Leuchtfeuer für die Engel, selbst wenn er für den Menschen nur ein Irrlicht ist. Es war eine seltsame Erfahrung, und wir alle nahmen sie unterschiedlich auf. Van Helsing hob für einen Moment die Hände über den Kopf, als ob er beim Allmächtigen Einspruch erheben wollte; aber er sagte kein Wort und stand nach wenigen Sekunden mit streng entschlossenem Gesicht auf. Lord Godalming wurde sehr blass und saß schwer atmend da. Ich selbst war halb benommen und blickte staunend von einem zum anderen. Quincey Morris zog seinen Gürtel mit jener schnellen Bewegung fest, die ich so gut kannte; in unseren alten Wanderjahren bedeutete sie „Handeln“. Mrs. Harker wurde leichenblass, sodass die Narbe auf ihrer Stirn zu brennen schien, aber sie faltete demütig die Hände und blickte betend auf. Harker lächelte – tatsächlich lächelte er –, das dunkle, bittere Lächeln eines Menschen, der ohne Hoffnung ist; doch gleichzeitig widersprach seine Handlung seinen Worten, denn seine Hände suchten instinktiv den Griff des großen Kukri-Messers und ruhten dort. „Wann fährt der nächste Zug nach Galatz?“, fragte Van Helsing uns alle.

„Morgen früh um 6.30 Uhr!“, antworteten wir alle starr vor Staunen, denn die Antwort kam von Mrs. Harker.

„Woher weißt du das um alles in der Welt?“, sagte Art.

„Ihr vergesst – oder vielleicht wisst ihr es nicht, obwohl Jonathan und Dr. Van Helsing es wissen –, dass ich ein Zug-Fanatiker bin. Zu Hause in Exeter pflegte ich immer die Fahrpläne zusammenzustellen, um meinem Mann behilflich zu sein. Ich fand das manchmal so nützlich, dass ich die Fahrpläne jetzt immer studiere. Ich wusste, wenn uns etwas nach Schloss Dracula bringen würde, müssten wir über Galatz oder zumindest durch Bukarest fahren, also habe ich die Zeiten sehr sorgfältig gelernt. Leider gibt es nicht viele zu lernen, da der einzige Zug morgen so fährt, wie ich sagte.“

„Wunderbare Frau!“, murmelte der Professor.

„Können wir keinen Sonderzug bekommen?“, fragte Lord Godalming. Van Helsing schüttelte den Kopf: „Ich fürchte nicht. Dieses Land ist ganz anders als Ihres oder meines; selbst wenn wir einen Sonderzug hätten, würde er wahrscheinlich nicht so schnell ankommen wie unser regulärer Zug. Außerdem haben wir etwas vorzubereiten. Wir müssen nachdenken. Lasst uns nun organisieren. Du, Freund Arthur, geh zum Bahnhof, besorge die Fahrkarten und veranlasse, dass alles bereit ist, damit wir am Morgen fahren können. Du, Freund Jonathan, geh zum Schiffsagenten und lass dir von ihm Schreiben an den Agenten in Galatz aushändigen, mit der Befugnis, das Schiff genauso zu durchsuchen, wie es hier geschah. Quincey Morris, du suchst den Vizekonsul auf und bittest ihn um Unterstützung durch seinen Kollegen in Galatz und alles, was er tun kann, um uns den Weg zu ebnen, damit keine Zeit verloren geht, wenn wir über die Donau sind. John bleibt bei Madam Mina und mir, und wir werden uns beraten. Denn wenn die Zeit lang ist, könnt ihr aufgehalten werden; und es wird nicht darauf ankommen, wann die Sonne untergeht, da ich bei Madam bin, um den Bericht zu empfangen.“

„Und ich“, sagte Mrs. Harker munter und mehr wie ihr altes Selbst, als sie es seit vielen langen Tagen gewesen war, „werde versuchen, in jeder Hinsicht nützlich zu sein und für euch denken und schreiben, wie ich es früher getan habe. Etwas löst sich auf seltsame Weise von mir, und ich fühle mich freier, als ich es in letzter Zeit war!“ Die drei jüngeren Männer sahen in diesem Moment glücklicher aus, als sie die Bedeutung ihrer Worte zu begreifen schienen; aber Van Helsing und ich wechselten einen ernsten und besorgten Blick. Wir sagten jedoch in diesem Augenblick nichts weiter.

Als die drei Männer zu ihren Aufgaben hinausgegangen waren, bat Van Helsing Mrs. Harker, die Kopie der Tagebücher herauszusuchen und ihm den Teil von Harkers Journal auf dem Schloss zu zeigen. Sie ging weg, um es zu holen; als die Tür hinter ihr geschlossen war, sagte er zu mir:

„Wir meinen dasselbe! Sprich es aus!“

„Es gibt eine Veränderung. Es ist eine Hoffnung, die mich krank macht, denn sie könnte uns täuschen.“

„Ganz recht. Weißt du, warum ich sie gebeten habe, das Manuskript zu holen?“

„Nein!“, sagte ich, „es sei denn, um eine Gelegenheit zu haben, mich allein zu sehen.“

„Du hast teilweise recht, Freund John, aber nur teilweise. Ich möchte dir etwas sagen. Und oh, mein Freund, ich gehe ein großes, ein schreckliches Risiko ein; aber ich glaube, es ist richtig. In dem Moment, als Madam Mina jene Worte sagte, die unseren Verstand gleichermaßen anhalten, kam mir eine Eingebung. In der Trance vor drei Tagen sandte der Graf ihr seinen Geist, um ihre Gedanken zu lesen; oder vielmehr nahm er sie mit, um ihn in seiner Erdkiste auf dem Schiff zu sehen, während das Wasser rauschte, so wie es sich bei Sonnenaufgang und -untergang befreit. Er erfuhr damals, dass wir hier sind; denn sie hat in ihrem wachen Leben mit Augen zu sehen und Ohren zu hören mehr zu erzählen als er, der er in seiner Sargkiste verschlossen ist. Jetzt unternimmt er seine größte Anstrengung, uns zu entkommen. Im Moment braucht er sie nicht. Er ist sich mit seinem so großen Wissen sicher, dass sie seinem Ruf folgen wird; aber er schneidet sie ab – entzieht sie, wie er es kann, seiner eigenen Macht, damit sie nicht zu ihm kommt. Ah! Da habe ich Hoffnung, dass unser Menschenverstand, der so lange menschlich war und die Gnade Gottes nicht verloren hat, höher stehen wird als sein Kindesverstand, der seit Jahrhunderten in seinem Grab liegt, der noch nicht zu unserer Statur herangewachsen ist und der nur selbstsüchtig und daher klein handelt. Hier kommt Madam Mina; kein Wort zu ihr über ihre Trance! Sie weiß nichts davon; und es würde sie überwältigen und zur Verzweiflung bringen, gerade wenn wir all ihre Hoffnung, all ihren Mut brauchen; wenn wir am meisten ihr großes Gehirn brauchen, das wie ein menschliches Gehirn geschult ist, aber das einer süßen Frau gehört und eine besondere Kraft besitzt, die der Graf ihr verliehen hat und die er ihr nicht ganz nehmen kann – auch wenn er nicht so denkt. Pst! Lass mich sprechen, und du wirst es erfahren. Oh, John, mein Freund, wir sind in schrecklicher Bedrängnis. Ich fürchte mich, wie ich mich noch nie zuvor gefürchtet habe. Wir können nur dem gütigen Gott vertrauen. Stille! Da kommt sie!“

Ich dachte, der Professor würde zusammenbrechen und hysterisch werden, genau wie damals, als Lucy starb, aber mit großer Anstrengung beherrschte er sich und war von vollkommener nervlicher Ausgeglichenheit, als Mrs. Harker in den Raum huschte, hell und glücklich aussehend und bei der Arbeit ihr Elend scheinbar vergessend. Als sie eintrat, überreichte sie Van Helsing eine Anzahl maschinengeschriebener Seiten. Er sah sie ernst durch, wobei sein Gesicht beim Lesen aufhellte. Dann hielt er die Seiten zwischen Zeigefinger und Daumen und sagte:

„Freund John, für dich, der du bereits so viel Erfahrung hast – und auch für dich, liebe Madam Mina, die du noch jung bist –, hier ist eine Lektion: Fürchtet euch niemals zu denken. Ein Halbgedanke ist oft in meinem Gehirn herumgegeistert, aber ich fürchtete mich, ihn seine Flügel ausbreiten zu lassen. Jetzt, da ich mehr weiß, gehe ich dorthin zurück, woher dieser Halbgedanke kam, und ich stelle fest, dass er gar kein Halbgedanke ist; dass er ein ganzer Gedanke ist, obwohl er noch so jung ist, dass er noch nicht stark genug ist, seine kleinen Flügel zu benutzen. Nein, wie das „hässliche Entlein“ meines Freundes Hans Andersen ist er gar kein Entengedanken, sondern ein großer Schwanengedanken, der edel auf großen Flügeln segelt, wenn die Zeit für ihn gekommen ist, sie zu erproben. Seht, ich lese hier, was Jonathan geschrieben hat:

„Dieser andere seines Stammes, der in einem späteren Zeitalter immer und immer wieder seine Streitkräfte über den Großen Fluss in das Land der Türken brachte; der, wenn er zurückgeschlagen wurde, wieder kam, und wieder, und wieder, obwohl er allein von dem blutigen Feld kommen musste, auf dem seine Truppen niedergemetzelt wurden, da er wusste, dass nur er letztendlich triumphieren konnte.“

„Was sagt uns das? Nicht viel! Nein! Der Kindesverstand des Grafen sieht nichts; deshalb spricht er so frei. Dein Menschenverstand sieht nichts; mein Menschenverstand sah nichts, bis gerade eben. Nein! Aber da kommt ein weiteres Wort von jemandem, der ohne nachzudenken spricht, weil sie auch nicht weiß, was es bedeutet – was es bedeuten könnte. Genauso wie es Elemente gibt, die ruhen, aber wenn sie im Lauf der Natur ihren Weg gehen und sich berühren – dann puff! und es gibt ein Lichtblitz, himmelweit, der blendet und tötet und zerstört; der aber die ganze Erde darunter auf Meilen und Meilen sichtbar macht. Ist es nicht so? Nun, ich werde es erklären. Zunächst, hast du jemals die Philosophie des Verbrechens studiert? ‚Ja‘ und ‚Nein‘. Du, John, ja; denn es ist ein Studium der Geisteskrankheit. Du, nein, Madam Mina; denn das Verbrechen berührt dich nicht – außer das eine Mal. Dennoch arbeitet dein Geist richtig und schließt nicht von einem Einzelfall auf das Allgemeine. Es gibt diese Eigenart bei Kriminellen. Sie ist so beständig, in allen Ländern und zu allen Zeiten, dass selbst die Polizei, die nicht viel von Philosophie versteht, sie empirisch zu erkennen lernt, dass sie da ist. Das ist das Empirische. Der Kriminelle arbeitet immer an einem Verbrechen – das ist der wahre Kriminelle, der zum Verbrechen vorherbestimmt scheint und der kein anderes will. Dieser Kriminelle hat kein vollständiges Menschengehirn. Er ist klug und schlau und einfallsreich; aber er hat nicht die Statur eines Menschen, was das Gehirn betrifft. Er hat in vielerlei Hinsicht ein Kindesgehirn. Nun ist dieser Kriminelle von uns auch zum Verbrechen vorherbestimmt; auch er hat ein Kindesgehirn, und es ist die Art des Kindes, das zu tun, was er getan hat. Der kleine Vogel, der kleine Fisch, das kleine Tier lernen nicht durch Prinzipien, sondern empirisch; und wenn er lernt zu handeln, dann hat er die Grundlage, von der aus er mehr tun kann. ‚Dos mou sto‘, sagte Archimedes. ‚Gib mir einen Drehpunkt, und ich werde die Welt bewegen!‘ Einmal zu handeln, ist der Drehpunkt, durch den ein Kindesgehirn zum Menschengehirn wird; und bis er den Vorsatz hat, mehr zu tun, fährt er jedes Mal fort, dasselbe zu tun, genau wie er es schon früher getan hat! Oh, meine Liebe, ich sehe, dass deine Augen geöffnet sind und dass der Blitzschlag dir die weiten Meilen offenbart“, denn Mrs. Harker begann in die Hände zu klatschen, und ihre Augen funkelten. Er fuhr fort:

„Nun sollst du sprechen. Sag uns zwei trockenen Männern der Wissenschaft, was du mit diesen so hellen Augen siehst.“ Er nahm ihre Hand und hielt sie, während sie sprach. Sein Finger und Daumen schlossen sich um ihren Puls, wie ich instinktiv und unbewusst dachte, als sie sprach:

„Der Graf ist ein Krimineller und vom kriminellen Typus. Nordau und Lombroso würden ihn so klassifizieren, und als Krimineller hat er einen unvollkommen ausgebildeten Geist. Daher muss er in einer schwierigen Lage Zuflucht in der Gewohnheit suchen. Seine Vergangenheit ist ein Anhaltspunkt, und die eine Seite davon, die wir kennen – und zwar von seinen eigenen Lippen –, besagt, dass er ein anderes Mal, als er in einer, wie Mr. Morris sagen würde, ‚engen Lage‘ war, aus dem Land, in das er einzudringen versucht hatte, in sein eigenes Land zurückkehrte und sich von dort aus, ohne sein Ziel zu verlieren, auf einen neuen Versuch vorbereitete. Er kam wieder, besser gerüstet für sein Werk; und gewann. So kam er nach London, um in ein neues Land einzudringen. Er wurde geschlagen, und als alle Hoffnung auf Erfolg verloren war und seine Existenz in Gefahr, floh er über das Meer zurück in seine Heimat; genau wie er früher über die Donau aus dem Land der Türken geflohen war.“

„Gut, gut! Oh, du so kluge Dame!“, sagte Van Helsing enthusiastisch, als er sich vorbeugte und ihre Hand küsste. Einen Augenblick später sagte er zu mir, so ruhig, als ob wir eine Konsultation im Krankenzimmer gehabt hätten:

„Nur zweiundsiebzig; und bei all dieser Aufregung. Ich habe Hoffnung.“ Er wandte sich wieder an sie und sagte mit gespannter Erwartung:

„Aber fahre fort. Fahr fort! Es gibt noch mehr zu sagen, wenn du willst. Hab keine Angst; John und ich wissen es. Ich jedenfalls, und ich werde dir sagen, ob du recht hast. Sprich, ohne Furcht!“

„Ich werde es versuchen; aber ihr werdet mir verzeihen, wenn ich egozentrisch scheine.“

„Nein! Fürchte dich nicht, du musst Egoist sein, denn an dich denken wir.“

„Dann, da er ein Krimineller ist, ist er selbstsüchtig; und da sein Intellekt klein ist und sein Handeln auf Selbstsucht beruht, beschränkt er sich auf einen Zweck. Dieser Zweck ist rücksichtslos. So wie er über die Donau zurückfloh und seine Streitkräfte ihrem Schicksal überließ, so ist er jetzt nur darauf bedacht, in Sicherheit zu sein, unbekümmert um alles andere. So befreit seine eigene Selbstsucht meine Seele ein wenig von der schrecklichen Macht, die er in jener schrecklichen Nacht über mich erlangte. Ich spürte es, oh! Ich spürte es. Gott sei Dank für Seine große Barmherzigkeit! Meine Seele ist freier, als sie seit jener grausamen Stunde war; und alles, was mich verfolgt, ist die Angst, er könnte in irgendeiner Trance oder einem Traum mein Wissen für seine Zwecke genutzt haben.“ Der Professor stand auf:

„Er hat deinen Geist so genutzt; und dadurch hat er uns hier in Varna gelassen, während das Schiff, das ihn trug, durch den einhüllenden Nebel nach Galatz eilte, wo er zweifellos Vorbereitungen getroffen hatte, um uns zu entkommen. Aber sein Kindesverstand sah nur bis dorthin; und es mag sein, dass, wie es immer in Gottes Vorsehung ist, genau das, worauf der Übeltäter am meisten zu seinem selbstsüchtigen Vorteil rechnete, sich als sein größter Schaden erweist. Der Jäger ist in seinem eigenen Netz gefangen, wie der große Psalmist sagt. Denn jetzt, da er glaubt, frei von jeder Spur von uns allen zu sein und uns um so viele Stunden entkommen zu sein, wird sein selbstsüchtiger Kindesverstand ihn in den Schlaf flüstern. Er glaubt auch, da er sich selbst davon abgeschnitten hat, deinen Geist zu kennen, könne es für dich kein Wissen über ihn geben; da irrt er! Jene schreckliche Bluttaufe, die er dir gab, macht dich frei, im Geist zu ihm zu gehen, so wie du es bisher in deinen Zeiten der Freiheit getan hast, wenn die Sonne auf- und untergeht. Zu solchen Zeiten gehst du nach meinem Willen und nicht nach seinem; und diese Kraft zum Guten für dich und andere hast du durch dein Leiden an seinen Händen gewonnen. Dies ist jetzt alles umso wertvoller, als er es nicht weiß, und um sich selbst zu schützen, hat er sich sogar von seinem Wissen über unseren Aufenthaltsort abgeschnitten. Wir jedoch sind nicht alle selbstsüchtig, und wir glauben, dass Gott in all dieser Schwärze und diesen vielen dunklen Stunden bei uns ist. Wir werden ihm folgen; und wir werden nicht zurückweichen; selbst wenn wir uns selbst gefährden, dass wir ihm gleich werden. Freund John, dies war eine große Stunde; und sie hat viel dazu beigetragen, uns auf unserem Weg voranzubringen. Du musst der Schreiber sein und alles aufschreiben, damit du es ihnen geben kannst, wenn die anderen von ihrer Arbeit zurückkehren; dann werden sie wissen, was wir wissen.“

Und so habe ich es geschrieben, während wir auf ihre Rückkehr warten, und Mrs. Harker hat mit ihrer Schreibmaschine alles geschrieben, seit sie uns das Manuskript gebracht hat.

KAPITEL XXVI.

/Dr. Sewards Tagebuch./

29. Oktober. – Dies ist im Zug von Varna nach Galatz geschrieben. Letzte Nacht versammelten wir uns alle kurz vor Sonnenuntergang. Jeder von uns hatte seine Arbeit so gut wie möglich erledigt; was Denken, Bemühen und Gelegenheit betrifft, sind wir für den gesamten Rest unserer Reise und für unsere Arbeit, wenn wir in Galatz ankommen, gerüstet. Als die übliche Zeit herankam, bereitete sich Mrs. Harker auf ihre hypnotische Anstrengung vor; und nach einer längeren und anstrengenderen Bemühung seitens Van Helsings als normalerweise nötig, sank sie in die Trance. Gewöhnlich spricht sie auf einen Hinweis hin; aber diesmal musste der Professor ihr Fragen stellen und sie ziemlich entschlossen stellen, bevor wir etwas erfahren konnten; schließlich kam ihre Antwort:

„Ich kann nichts sehen; wir sind still; es plätschern keine Wellen, nur ein stetiges Wirbeln von Wasser, das leise gegen das Ankertau läuft. Ich kann Männerstimmen hören, die nah und fern rufen, und das Rollen und Knarren von Rudern in den Dollen. Irgendwo wird ein Schuss abgefeuert; das Echo scheint weit weg zu sein. Über uns ist das Trampeln von Füßen, und Seile und Ketten werden mitgeschleift. Was ist das? Da ist ein Lichtschimmer; ich kann spüren, wie die Luft auf mich weht.“

Hier hielt sie inne. Sie war, wie aus einem Impuls heraus, von ihrem Platz auf dem Sofa aufgestanden und hatte beide Hände mit den Handflächen nach oben erhoben, als ob sie ein Gewicht heben würde. Van Helsing und ich sahen uns verständnisvoll an. Quincey hob leicht die Augenbrauen und betrachtete sie aufmerksam, während sich Harkers Hand instinktiv um den Griff seines Kukri schloss. Es gab eine lange Pause. Wir alle wussten, dass die Zeit, in der sie sprechen konnte, verging; aber wir spürten, dass es zwecklos war, etwas zu sagen. Plötzlich setzte sie sich auf, und als sie die Augen öffnete, sagte sie sanft:

„Möchte nicht einer von euch eine Tasse Tee? Ihr müsst alle so müde sein!“ Wir konnten sie nur glücklich machen und stimmten daher zu. Sie machte sich geschäftig daran, Tee zu holen; als sie fort war, sagte Van Helsing:

„Ihr seht, meine Freunde. Er ist nah am Land; er hat seine Erdkiste verlassen. Aber er muss noch an Land gelangen. In der Nacht mag er irgendwo verborgen liegen; aber wenn er nicht an Land getragen wird oder das Schiff nicht anlegt, kann er das Land nicht erreichen. In einem solchen Fall kann er, wenn es Nacht ist, seine Gestalt verändern und an Land springen oder fliegen, wie er es bei Whitby tat. Aber wenn der Tag anbricht, bevor er an Land kommt, dann kann er nicht entkommen, es sei denn, er wird getragen. Und wenn er getragen wird, dann könnten die Zollbeamten entdecken, was die Kiste enthält. Kurz gesagt, wenn er heute Nacht oder vor der Morgendämmerung nicht an Land entkommt, wird der ganze Tag für ihn verloren sein. Wir könnten dann rechtzeitig ankommen; denn wenn er nicht nachts entkommt, werden wir ihn bei Tageslicht stellen, eingekastelt und unserer Gnade ausgeliefert; denn er wagt es nicht, sein wahres Ich zu sein, wach und sichtbar, aus Furcht, entdeckt zu werden.“

Es gab nichts mehr zu sagen, also warteten wir geduldig bis zur Morgendämmerung; zu welcher Zeit wir von Mrs. Harker mehr erfahren könnten.

„Dass wir nur bei dem Gedanken an Ihre Sicherheit, die wir alle so sehr lieben, so viel Mut schöpfen können, ist das größte Lob, das man mir aussprechen könnte. Wir alle werden Ihnen folgen, und unsere Herzen werden bei Ihnen sein, wohin auch immer Sie uns führen, denn wir wissen, dass wir unter dem Schutz Gottes stehen.“

Der Plan wurde sofort gefasst. Wir werden uns aufteilen. Lord Godalming und Jonathan werden mit dem Dampfer den Sereth hinauffahren, da sie auf diese Weise schneller vorankommen als auf dem Landweg. Dr. Seward und Herr Morris werden mit schnellen Pferden den Fluss entlang eilen, um bei Bedarf am Ufer einzugreifen, und Van Helsing und ich werden mit dem Zug nach Veresti fahren und von dort aus zum Borgo-Pass gelangen. Auf diese Weise, wenn Gott es will, werden wir ihn einkreisen, egal welchen Weg er nimmt.

Es ist nun fast Zeit für uns, aufzubrechen. Ich schreibe dies, während ich auf den Wagen warte. Die Vorbereitungen sind in Windeseile getroffen worden. Wir haben unsere Waffen und unsere Entschlossenheit. Die Angst in meinem Herzen weicht der Gewissheit, dass wir das Ende dieses schrecklichen Albtraums erreichen. Möge der Herr uns beistehen.

Jonathan Harkers Tagebuch.

30. Oktober, Nacht. — Ich schreibe dies in Eile. Wir sind auf dem Schiff und machen uns bereit zum Aufbruch. Lord Godalming ist bei mir. Wir haben unsere Ausrüstung bei uns, und der Kapitän des kleinen Dampfers, den wir gechartert haben, ist bereit, bei Sonnenaufgang loszufahren. Wir werden den Sereth hinaufdampfen, so schnell es die Strömung erlaubt. Mina ist bei Van Helsing, und ich bete für ihre Sicherheit. Mein Herz ist schwer bei dem Gedanken, sie verlassen zu müssen, aber sie hat darauf bestanden, dass dies der einzige Weg ist, um ihn zu fassen. Gott schütze uns alle.

Dr. Sewards Tagebuch.

30. Oktober, Nacht. — Quincey und ich sind bereit. Unsere Pferde sind stark und wir haben alles, was wir für die Reise brauchen. Wir werden den Flusslauf im Auge behalten und jeden Ort absuchen, an dem ein Boot anlegen könnte. Wenn der Graf versucht, den Fluss zu verlassen, werden wir ihn finden. Die Spannung ist kaum zu ertragen. Wir hoffen, dass wir morgen, wenn die Sonne untergeht, mehr wissen werden. Wir reiten in die Dunkelheit, aber wir haben das Licht unseres Glaubens bei uns.

Mina Harkers Tagebuch.

31. Oktober. — Sie sind alle fort. Das Hotel ist so still. Van Helsing und ich sind allein. Wir werden morgen früh aufbrechen. Ich habe heute Abend noch einmal meine Aufzeichnungen durchgesehen. Alles scheint klar. Wenn meine Schlussfolgerung richtig ist, wird er versuchen, sein Schloss zu erreichen, bevor die Winterstürme die Wege unpassierbar machen. Er muss dort sein. Er muss. Ich kann ihn fast spüren, wie er dort in seinem Grab liegt, wartend und fürchtend. Morgen beginnt unsere letzte Jagd. Ich bin bereit.

„Unsere liebe Madam Mina ist wieder unsere Lehrerin. Ihre Augen haben gesehen, wo wir blind waren. Jetzt sind wir wieder auf der Spur, und dieses Mal könnten wir Erfolg haben. Unser Feind ist am hilflosesten; und wenn wir ihn bei Tag auf dem Wasser stellen können, wird unsere Aufgabe beendet sein. Er hat einen Vorsprung, doch es ist ihm nicht möglich, sich zu beeilen, da er seinen Kasten nicht verlassen darf, aus Furcht, jene, die ihn tragen, könnten Verdacht schöpfen; für sie wäre Verdacht ein Anlass, ihn in den Strom zu werfen, wo er umkäme. Das weiß er, und das wird er nicht zulassen. Nun, meine Herren, zu unserem Kriegsrat; denn hier und jetzt müssen wir planen, was jeder Einzelne zu tun hat.“

„Ich werde ein Dampfboot besorgen und ihm folgen“, sagte Lord Godalming.

„Und ich Pferde, um am Ufer zu folgen, falls er zufällig an Land geht“, sagte Mr. Morris.

„Gut!“, sagte der Professor, „beides gut. Aber niemand darf allein gehen. Es muss Kraft vorhanden sein, um Kraft zu überwinden, falls nötig; der Slowake ist stark und rau, und er trägt rohe Waffen.“ Alle Männer lächelten, denn sie trugen unter sich ein kleines Arsenal. Mr. Morris sagte:

„Ich habe einige Winchesters mitgebracht; sie sind in einer Menge recht praktisch, und es könnte Wölfe geben. Der Graf, wenn ihr euch erinnert, hat andere Vorsichtsmaßnahmen getroffen; er hat bei anderen Anforderungen gestellt, die Mrs. Harker nicht ganz hören oder verstehen konnte. Wir müssen auf alles gefasst sein.“ Dr. Seward sagte:

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich mit Quincey gehe. Wir sind es gewohnt, zusammen zu jagen, und wir zwei, gut bewaffnet, werden jedem gewachsen sein, der uns in den Weg kommt. Du darfst nicht allein sein, Art. Es könnte notwendig sein, gegen die Slowaken zu kämpfen, und ein zufälliger Stoß – denn ich glaube nicht, dass diese Kerle Schusswaffen tragen – würde all unsere Pläne zunichtemachen. Es darf diesmal keine Zufälle geben; wir werden nicht ruhen, bis des Grafen Kopf und Körper voneinander getrennt sind und wir sicher sind, dass er nicht wiedergeboren werden kann.“ Er sah Jonathan an, während er sprach, und Jonathan sah mich an. Ich konnte sehen, dass der arme Liebe in seinem Inneren hin- und hergerissen war. Natürlich wollte er bei mir sein; aber die Bootsfahrt wäre höchstwahrscheinlich diejenige, die den ... den ... den ... Vampir vernichten würde. (Warum zögerte ich, das Wort zu schreiben?) Er schwieg eine Weile, und während seines Schweigens sprach Dr. Van Helsing:

„Freund Jonathan, dies gilt für dich aus zweierlei Gründen. Erstens, weil du jung und tapfer bist und kämpfen kannst, und alle Energie könnte am Ende nötig sein; und zweitens, weil es dein Recht ist, jenen zu vernichten – das –, was dir und deinen Leuten solches Leid zugefügt hat. Hab keine Angst um Madam Mina; sie wird meine Sorge sein, wenn ich darf. Ich bin alt. Meine Beine sind nicht mehr so schnell im Laufen wie einst; und ich bin nicht gewohnt, so lange zu reiten oder zu verfolgen, wie es nötig sein könnte, oder mit tödlichen Waffen zu kämpfen. Aber ich kann auf andere Weise dienen; ich kann auf andere Weise kämpfen. Und ich kann sterben, wenn es sein muss, genauso wie jüngere Männer. Nun lasst mich sagen, was ich will: während du, mein Lord Godalming, und Freund Jonathan in eurem so schnellen kleinen Dampfboot den Fluss hinauffahrt, und während John und Quincey das Ufer bewachen, wo er möglicherweise an Land gehen könnte, werde ich Madam Mina direkt in das Herz des Landes des Feindes bringen. Während der alte Fuchs in seinem Kasten gefesselt auf dem fließenden Strom treibt, von wo er nicht an Land entkommen kann – wo er es nicht wagt, den Deckel seines Sargkastens zu heben, aus Furcht, seine slowakischen Träger könnten ihn vor Angst dem Verderben überlassen –, werden wir den Weg einschlagen, den Jonathan nahm – von Bistritz über den Borgo-Pass – und unseren Weg zum Schloss Dracula finden. Hier wird Madam Minas hypnotische Kraft sicher helfen, und wir werden unseren Weg finden – der sonst ganz dunkel und unbekannt wäre –, nach dem ersten Sonnenaufgang, wenn wir uns diesem schicksalhaften Ort nähern. Es gibt viel zu tun, und andere Orte müssen geheiligt werden, damit jenes Schlangennest ausgelöscht wird.“ Hier unterbrach ihn Jonathan hitzig:

„Wollen Sie damit sagen, Professor Van Helsing, dass Sie Mina, in ihrem traurigen Zustand und gezeichnet von der Krankheit dieses Teufels, direkt in die Fänge seiner Todesfalle bringen würden? Nicht um alles in der Welt! Nicht für den Himmel oder die Hölle!“ Er war eine Minute lang fast sprachlos und fuhr dann fort:

„Wissen Sie, was das für ein Ort ist? Haben Sie diese schreckliche Höhle höllischer Schande gesehen – wo das Mondlicht selbst von grausamen Gestalten belebt ist und jedes Staubkorn, das im Wind wirbelt, ein verschlingendes Ungeheuer im Embryonalstadium ist? Haben Sie die Lippen des Vampirs auf Ihrer Kehle gespürt?“ Hier wandte er sich mir zu, und als seine Augen auf meine Stirn fielen, warf er mit einem Schrei die Arme in die Höhe: „Oh, mein Gott, was haben wir getan, um diesen Schrecken über uns zu bringen?“ und er sank zusammengebrochen vor Elend auf das Sofa. Die Stimme des Professors, als er in klaren, sanften Tönen sprach, die in der Luft zu vibrieren schienen, beruhigte uns alle:

„Oh, mein Freund, gerade weil ich Madam Mina vor diesem schrecklichen Ort bewahren möchte, will ich dorthin gehen. Gott bewahre mich davor, sie an jenen Ort zu bringen. Es gibt dort Arbeit – wilde Arbeit –, die getan werden muss, die ihre Augen nicht sehen sollen. Wir Männer hier, alle außer Jonathan, haben mit eigenen Augen gesehen, was getan werden muss, bevor dieser Ort gereinigt werden kann. Denkt daran, dass wir in einer schrecklichen Bedrängnis sind. Wenn der Graf uns dieses Mal entkommt – und er ist stark und raffiniert und schlau –, könnte er sich entscheiden, ein Jahrhundert lang zu schlafen; und dann würde unsere Liebe“ – er nahm meine Hand – „mit der Zeit zu ihm kommen, um ihm Gesellschaft zu leisten, und wäre wie jene anderen, die du, Jonathan, gesehen hast. Du hast uns von ihren gierigen Lippen erzählt; du hast ihr höhnisches Lachen gehört, als sie nach dem sich bewegenden Sack griffen, den der Graf ihnen zuwarf. Du schauderst; und das zu Recht. Verzeih mir, dass ich dir so viel Schmerz zufüge, aber es ist notwendig. Mein Freund, ist es nicht eine bittere Notwendigkeit, für die ich, wenn es sein muss, mein Leben gebe? Wenn jemand an diesem Ort bleiben müsste, dann wäre ich es, der gehen müsste, um ihnen Gesellschaft zu leisten.“

„Tun Sie, was Sie wollen“, sagte Jonathan mit einem Schluchzen, das ihn am ganzen Körper schüttelte, „wir sind in den Händen Gottes!“

Später. – Oh, es tat mir gut zu sehen, wie diese tapferen Männer arbeiteten. Wie können Frauen Männer nicht lieben, wenn sie so ernsthaft und so aufrichtig und so tapfer sind! Und es brachte mich auch auf den Gedanken an die wunderbare Macht des Geldes! Was kann es nicht bewirken, wenn es richtig eingesetzt wird; und was könnte es anrichten, wenn es niederträchtig verwendet wird! Ich war so dankbar, dass Lord Godalming reich ist und dass sowohl er als auch Mr. Morris, der ebenfalls viel Geld hat, bereit sind, es so freigebig auszugeben. Denn wenn sie es nicht täten, könnte unsere kleine Expedition nicht so schnell oder so gut ausgerüstet starten, wie es innerhalb der nächsten Stunde geschehen wird. Es sind noch keine drei Stunden vergangen, seit ausgemacht wurde, was jeder von uns zu tun hat; jetzt haben Lord Godalming und Jonathan ein wunderbares Dampfboot, mit Dampf bereit zum Start bei einem Moment der Not. Dr. Seward und Mr. Morris haben ein halbes Dutzend wunderschöne Pferde, gut ausgestattet. Wir haben alle Karten und Hilfsmittel verschiedener Art, die man bekommen kann. Professor Van Helsing und ich fahren heute Nacht mit dem Zug um 11.40 Uhr nach Veresti, wo wir eine Kutsche nehmen wollen, um zum Borgo-Pass zu fahren. Wir nehmen eine gute Menge Bargeld mit, da wir eine Kutsche und Pferde kaufen müssen. Wir werden selbst fahren, denn wir haben niemanden, dem wir in dieser Angelegenheit vertrauen können. Der Professor kennt einige Sprachen recht gut, also werden wir schon zurechtkommen. Wir haben alle Waffen, sogar für mich einen Revolver mit großem Kaliber; Jonathan wäre nicht glücklich, wenn ich nicht wie die anderen bewaffnet wäre. Ach! Ich kann eine Waffe nicht tragen wie die anderen; die Narbe auf meiner Stirn verbietet das. Der liebe Dr. Van Helsing tröstet mich, indem er mir sagt, dass ich vollständig bewaffnet bin, da es Wölfe geben könnte; das Wetter wird jede Stunde kälter, und es gibt Schneegestöber, die als Warnung kommen und gehen.

Später. – Es erforderte all meinen Mut, mich von meinem Liebling zu verabschieden. Vielleicht sehen wir uns nie wieder. Mut, Mina! Der Professor sieht dich scharf an; sein Blick ist eine Warnung. Es darf jetzt keine Tränen geben – es sei denn, Gott lässt sie vor Freude fließen.

Jonathan Harkers Tagebuch.

30. Oktober. Nacht. – Ich schreibe dies im Licht der Ofentür des Dampfboots; Lord Godalming heizt ein. Er ist ein erfahrener Mann in dieser Arbeit, da er jahrelang ein eigenes Boot auf der Themse und ein anderes auf den Norfolk Broads hatte. Was unsere Pläne betrifft, so kamen wir schließlich zu dem Schluss, dass Minas Vermutung richtig war und dass, falls für die Flucht des Grafen zurück zu seinem Schloss ein Wasserweg gewählt wurde, der Sereth und dann die Bistritza an ihrer Einmündung der richtige wäre. Wir nahmen an, dass irgendwo um den 47. Breitengrad nördlicher Breite der Ort für die Überquerung des Landes zwischen dem Fluss und den Karpaten gewählt würde. Wir haben keine Angst, nachts mit guter Geschwindigkeit den Fluss hinaufzufahren; es ist genug Wasser da, und die Ufer sind weit genug voneinander entfernt, um das Fahren selbst im Dunkeln recht einfach zu machen. Lord Godalming sagt mir, ich solle eine Weile schlafen, da es für den Augenblick reicht, wenn einer Wache hält. Aber ich kann nicht schlafen – wie kann ich das bei der schrecklichen Gefahr, die über meinem Liebling schwebt, und ihrem Aufbruch an diesen schrecklichen Ort.... Mein einziger Trost ist, dass wir in den Händen Gottes sind. Nur wegen dieses Glaubens wäre es leichter zu sterben als zu leben und so all dem Ärger zu entkommen. Mr. Morris und Dr. Seward waren schon auf ihrem langen Ritt, bevor wir starteten; sie sollen das rechte Ufer halten, weit genug weg, um auf höherem Gelände zu sein, wo sie eine gute Strecke des Flusses sehen und dem Folgen seiner Kurven ausweichen können. Sie haben für die ersten Etappen zwei Männer dabei, die reiten und ihre Ersatzpferde führen – insgesamt vier, um kein Aufsehen zu erregen. Wenn sie die Männer entlassen, was in Kürze geschehen wird, werden sie selbst auf die Pferde aufpassen. Es könnte notwendig sein, dass wir unsere Kräfte vereinen; falls ja, können sie unsere ganze Gruppe aufnehmen. Einer der Sättel hat einen beweglichen Knauf und kann bei Bedarf leicht für Mina angepasst werden.

Es ist ein wildes Abenteuer, auf dem wir uns befinden. Hier, während wir durch die Dunkelheit rasen, wobei die Kälte vom Fluss aufzusteigen und uns zu treffen scheint; mit all den geheimnisvollen Stimmen der Nacht um uns herum, wird uns alles bewusst. Wir scheinen in unbekannte Orte und unbekannte Wege zu driften; in eine ganze Welt dunkler und schrecklicher Dinge. Godalming schließt die Ofentür....

31. Oktober. – Immer noch in Eile. Der Tag ist angebrochen, und Godalming schläft. Ich halte Wache. Der Morgen ist bitterkalt; die Ofenhitze ist angenehm, obwohl wir dicke Pelzmäntel haben. Bisher sind wir nur an wenigen offenen Booten vorbeigekommen, aber keines von ihnen hatte irgendeinen Kasten oder ein Paket von der Größe desjenigen an Bord, das wir suchen. Die Männer waren jedes Mal erschrocken, wenn wir unsere elektrische Lampe auf sie richteten, und fielen auf die Knie und beteten.

1. November, Abend. – Den ganzen Tag keine Neuigkeiten; wir haben nichts von der Art gefunden, die wir suchen. Wir sind jetzt in die Bistritza gelangt; und wenn wir uns in unserer Vermutung irren, ist unsere Chance vertan. Wir haben jedes Boot untersucht, groß und klein. Heute früh hielt uns eine Besatzung für ein Regierungsboot und behandelte uns entsprechend. Wir sahen darin eine Möglichkeit, die Dinge zu glätten, also besorgten wir bei Fundu, wo die Bistritza in den Sereth fließt, eine rumänische Flagge, die wir nun auffällig hissen. Bei jedem Boot, das wir seitdem untersucht haben, hat dieser Trick funktioniert; wir wurden mit höchster Ehrerbietung behandelt und kein einziges Mal gab es einen Einwand gegen das, was wir zu fragen oder zu tun wünschten. Einige Slowaken erzählen uns, dass ein großes Boot an ihnen vorbeigefahren ist, mit mehr als der üblichen Geschwindigkeit, da es eine doppelte Besatzung an Bord hatte. Das war, bevor sie nach Fundu kamen, also konnten sie uns nicht sagen, ob das Boot in die Bistritza einbog oder weiter den Sereth hinauffuhr. In Fundu konnten wir nichts über ein solches Boot erfahren, also muss sie in der Nacht dort vorbeigefahren sein. Ich bin sehr schläfrig; die Kälte beginnt vielleicht, mir zuzusetzen, und die Natur braucht irgendwann Ruhe. Godalming besteht darauf, dass er die erste Wache hält. Gott segne ihn für all seine Güte gegenüber der armen lieben Mina und mir.

2. November, Morgen. – Es ist heller Tag. Dieser gute Kerl wollte mich nicht wecken. Er sagt, es wäre eine Sünde gewesen, denn ich schlief so friedlich und vergaß mein Leid. Es erscheint mir brutal egoistisch, so lange geschlafen und ihn die ganze Nacht Wache halten lassen zu haben; aber er hatte völlig recht. Ich bin heute Morgen ein neuer Mensch; und während ich hier sitze und ihn schlafen sehe, kann ich alles Notwendige tun, sowohl das Bedienen der Maschine, das Steuern als auch das Wachehalten. Ich kann spüren, dass meine Kraft und Energie zu mir zurückkehren. Ich frage mich, wo Mina jetzt ist, und Van Helsing. Sie sollten am Mittwoch gegen Mittag in Veresti angekommen sein. Es würde sie einige Zeit kosten, die Kutsche und die Pferde zu bekommen; wenn sie also aufgebrochen sind und hart gereist sind, müssten sie jetzt etwa am Borgo-Pass sein. Gott leite und helfe ihnen! Ich habe Angst zu denken, was passieren könnte. Wenn wir nur schneller fahren könnten! Aber wir können nicht; die Maschinen dröhnen und geben ihr Äußerstes. Ich frage mich, wie Dr. Seward und Mr. Morris vorankommen. Es scheinen endlose Ströme zu sein, die von den Bergen in diesen Fluss fließen, aber da keiner von ihnen sehr groß ist – zumindest im Moment, obwohl sie im Winter und wenn der Schnee schmilzt zweifellos schrecklich sind –, sind die Reiter vielleicht nicht auf allzu große Hindernisse gestoßen. Ich hoffe, dass wir sie vor Strasba sehen; denn falls wir bis dahin den Grafen nicht eingeholt haben, könnte es notwendig sein, uns zu beraten, was als Nächstes zu tun ist.

Dr. Sewards Tagebuch.

2. November. – Drei Tage unterwegs. Keine Neuigkeiten, und keine Zeit, sie aufzuschreiben, falls es welche gäbe, denn jeder Moment ist kostbar. Wir hatten nur die für die Pferde nötige Ruhe; aber wir beide ertragen es wunderbar. Diese abenteuerlichen Tage unserer Vergangenheit erweisen sich als nützlich. Wir müssen weiter; wir werden uns nie glücklich fühlen, bis wir das Dampfboot wieder in Sicht haben.

3. November. – Wir hörten in Fundu, dass das Dampfboot die Bistritza hinaufgefahren ist. Ich wünschte, es wäre nicht so kalt. Es gibt Anzeichen für Schnee; und wenn er stark fällt, wird er uns aufhalten. In diesem Fall müssen wir einen Schlitten besorgen und weiterfahren, nach russischer Art.

4. November. – Heute hörten wir, dass das Dampfboot durch einen Unfall aufgehalten wurde, als es versuchte, sich einen Weg durch die Stromschnellen zu bahnen. Die slowakischen Boote kommen gut hoch, mit Hilfe eines Seils und kundigem Steuern. Einige fuhren nur wenige Stunden zuvor hinauf. Godalming ist selbst ein Amateur-Maschinenbauer, und offensichtlich war er es, der das Boot wieder in Schuss brachte. Schließlich kamen sie mit Hilfe von Einheimischen gut durch die Stromschnellen und sind wieder auf der Jagd. Ich fürchte, dass das Boot durch den Unfall nicht besser geworden ist; die Bauern sagen uns, dass es, nachdem es wieder auf ruhigem Wasser war, immer wieder anhielt, solange es in Sicht war. Wir müssen härter denn je vorankommen; unsere Hilfe könnte bald gebraucht werden.

Mina Harkers Tagebuch.

31. Oktober. – Mittags in Veresti angekommen. Der Professor sagt mir, dass er mich heute Morgen im Morgengrauen kaum hypnotisieren konnte und dass alles, was ich sagen konnte, war: „Dunkel und still.“ Er ist jetzt los, um eine Kutsche und Pferde zu kaufen. Er sagt, er werde später versuchen, zusätzliche Pferde zu kaufen, damit wir sie unterwegs wechseln können. Wir haben etwas mehr als 70 Meilen vor uns. Das Land ist lieblich und höchst interessant; wenn nur andere Bedingungen herrschten, wie herrlich wäre es, das alles zu sehen. Wenn Jonathan und ich allein hindurchfahren würden, welch ein Vergnügen wäre das. Anzuhalten und die Menschen kennenzulernen und etwas über ihr Leben zu erfahren, und unsere Sinne und Erinnerungen mit all der Farbe und Bildhaftigkeit des ganzen wilden, schönen Landes und der eigenartigen Menschen zu füllen! Aber, ach! –

Später. – Dr. Van Helsing ist zurückgekehrt. Er hat die Kutsche und die Pferde bekommen; wir sollen zu Abend essen und in einer Stunde aufbrechen. Die Wirtin packt uns einen riesigen Korb mit Proviant; es scheint genug für eine Kompanie Soldaten zu sein. Der Professor ermutigt sie und flüstert mir zu, dass es eine Woche dauern könnte, bis wir wieder anständiges Essen bekommen können. Er war auch einkaufen und hat so eine wunderbare Menge Pelzmäntel und Umhänge und alle Arten von warmen Sachen nach Hause geschickt. Es wird keine Gefahr bestehen, dass uns kalt wird.

* * * * *

Wir werden bald aufbrechen. Ich habe Angst zu denken, was uns zustoßen mag. Wir sind wahrlich in den Händen Gottes. Er allein weiß, was sein mag, und ich bete zu Ihm, mit aller Kraft meiner traurigen und demütigen Seele, dass Er über meinen geliebten Ehemann wachen möge; dass, was auch immer geschehen mag, Jonathan wissen möge, dass ich ihn liebte und ehrte, mehr als ich sagen kann, und dass mein letzter und wahrhaftigster Gedanke immer ihm gelten wird.

KAPITEL XXVII.

/Mina Harkers Tagebuch./

1. November. – Den ganzen Tag sind wir gereist, und zwar mit guter Geschwindigkeit. Die Pferde scheinen zu wissen, dass sie freundlich behandelt werden, denn sie legen ihre Etappe bereitwillig im besten Tempo zurück. Wir hatten nun so viele Wechsel und stellen immer wieder dasselbe fest, dass wir ermutigt sind zu glauben, die Reise werde eine leichte sein. Dr. Van Helsing ist wortkarg; er sagt den Bauern, er habe es eilig nach Bistritz, und bezahlt sie gut für den Austausch der Pferde. Wir bekommen heiße Suppe, Kaffee oder Tee; und weiter geht es. Es ist ein liebliches Land; voller Schönheiten jeder erdenklichen Art, und die Menschen sind tapfer und stark und einfach und scheinen voller netter Eigenschaften zu sein. Sie sind sehr, sehr abergläubisch. Im ersten Haus, in dem wir anhielten, bekreuzigte sich die Frau, die uns bediente, als sie die Narbe auf meiner Stirn sah, und streckte mir zwei Finger entgegen, um den bösen Blick abzuwehren. Ich glaube, sie haben sich die Mühe gemacht, eine Extraportion Knoblauch in unser Essen zu tun; und ich kann Knoblauch nicht ausstehen. Seitdem habe ich darauf geachtet, meinen Hut oder Schleier nicht abzunehmen, und bin so ihrem Verdacht entgangen. Wir reisen schnell, und da wir keinen Kutscher bei uns haben, der Klatsch verbreitet, sind wir dem Gerede voraus; aber ich wage zu behaupten, dass die Angst vor dem bösen Blick uns den ganzen Weg dicht folgen wird. Der Professor scheint unermüdlich; den ganzen Tag wollte er keine Ruhe finden, obwohl er mich für eine lange Spanne schlafen ließ. Zur Zeit des Sonnenuntergangs hypnotisierte er mich, und er sagt, ich hätte wie üblich geantwortet: „Dunkelheit, plätscherndes Wasser und knarrendes Holz“; unser Feind ist also immer noch auf dem Fluss. Ich habe Angst, an Jonathan zu denken, aber irgendwie habe ich jetzt keine Angst mehr um ihn oder um mich selbst. Ich schreibe dies, während wir in einem Bauernhaus darauf warten, dass die Pferde fertig gemacht werden. Dr. Van Helsing schläft. Der arme Liebe, er sieht sehr müde und alt und grau aus, aber sein Mund ist so fest wie der eines Eroberers; selbst im Schlaf ist er voller Entschlossenheit. Wenn wir erst einmal gut unterwegs sind, muss ich ihn ruhen lassen, während ich fahre. Ich werde ihm sagen, dass wir noch Tage vor uns haben und er nicht zusammenbrechen darf, wenn seine Kraft am meisten gebraucht wird.... Alles ist bereit; wir brechen in Kürze auf.

2. November, morgens. – Ich war erfolgreich, und wir wechselten uns die ganze Nacht beim Fahren ab; nun ist der Tag über uns hereingebrochen, hell, wenn auch kalt. Es liegt eine seltsame Schwere in der Luft – ich sage Schwere, weil mir ein besseres Wort fehlt; ich meine, dass sie uns beide bedrückt. Es ist sehr kalt, und nur unsere warmen Pelze halten uns behaglich. Im Morgengrauen hypnotisierte mich Van Helsing; er sagt, ich antwortete: „Dunkelheit, knarrendes Holz und brausendes Wasser“, der Fluss verändert sich also, während sie aufsteigen. Ich hoffe sehr, dass mein Liebling keinem Risiko ausgesetzt sein wird – mehr als nötig; aber wir sind in Gottes Hand.

2. November, nachts. – Den ganzen Tag über unterwegs. Das Land wird wilder, je weiter wir kommen, und die großen Ausläufer der Karpaten, die bei Veresti uns so fern und so niedrig am Horizont erschienen, scheinen uns nun zu umzingeln und sich vor uns aufzutürmen. Wir scheinen beide guten Mutes zu sein; ich glaube, wir bemühen uns beide, den anderen aufzuheitern; indem wir das tun, muntern wir uns selbst auf. Dr. Van Helsing sagt, dass wir bis zum Morgen den Borgo-Pass erreichen werden. Die Häuser sind hier jetzt sehr spärlich, und der Professor sagt, dass die letzten Pferde, die wir bekamen, mit uns weiter müssen, da wir vielleicht nicht in der Lage sein werden zu wechseln. Er bekam zwei zusätzlich zu den zwei, die wir gewechselt haben, sodass wir nun ein einfaches Viergespann haben. Die lieben Pferde sind geduldig und gut, und sie bereiten uns keine Mühe. Wir werden nicht von anderen Reisenden behelligt, und so kann sogar ich fahren. Wir werden den Pass bei Tageslicht erreichen; wir wollen nicht früher ankommen. Also lassen wir es ruhig angehen und gönnen uns abwechselnd eine lange Rast. Oh, was wird uns der morgige Tag bringen? Wir gehen, um den Ort zu suchen, an dem mein armer Liebling so sehr gelitten hat. Gott gewähre, dass wir recht geleitet werden und dass Er geruhen möge, über meinen Mann und diejenigen zu wachen, die uns beiden teuer sind und die in solch tödlicher Gefahr schweben. Was mich betrifft, so bin ich in Seinen Augen nicht würdig. Ach! Ich bin unrein vor Seinen Augen und werde es sein, bis Er geruhen mag, mich vor Seinem Angesicht als eine derjenigen dastehen zu lassen, die Seinen Zorn nicht auf sich geladen haben.

Memorandum von Abraham Van Helsing.

4. November. – Dies an meinen alten und treuen Freund John Seward, M.D., aus Purfleet, London, für den Fall, dass ich ihn nicht mehr sehen sollte. Es mag Aufschluss geben. Es ist Morgen, und ich schreibe an einem Feuer, das ich die ganze Nacht habe brennen lassen – Madam Mina hat mir geholfen. Es ist kalt, kalt; so kalt, dass der graue, schwere Himmel voll von Schnee ist, der, wenn er fällt, den ganzen Winter über liegen bleiben wird, da der Boden hart wird, um ihn aufzunehmen. Es scheint Madam Mina beeinflusst zu haben; sie war den ganzen Tag so schwer im Kopf, dass sie nicht wie sie selbst war. Sie schläft und schläft und schläft! Sie, die sonst so wach ist, hat den ganzen Tag buchstäblich nichts getan; sie hat sogar ihren Appetit verloren. Sie macht keinen Eintrag in ihr kleines Tagebuch, sie, die bei jeder Pause so treu schreibt. Etwas flüstert mir zu, dass nicht alles wohl ist. Wie dem auch sei, heute Abend ist sie mehr vif. Ihr langer Schlaf den ganzen Tag über hat sie erfrischt und wiederhergestellt, denn nun ist sie wieder ganz lieblich und heiter wie eh und je. Bei Sonnenuntergang versuche ich, sie zu hypnotisieren, doch ach! ohne Wirkung; die Kraft ist mit jedem Tag geringer geworden, und heute Abend versagt sie mir gänzlich. Nun, Gottes Wille geschehe – was auch immer er sein mag und wohin auch immer er führen mag!

Nun zum Historischen, denn da Madam Mina nicht in ihrer Stenografie schreibt, muss ich es in meiner umständlichen alten Art tun, damit jeder Tag von uns nicht unaufgezeichnet bleibt.

Wir kamen gestern Morgen kurz nach Sonnenaufgang zum Borgo-Pass. Als ich die Anzeichen der Morgendämmerung sah, machte ich mich bereit für die Hypnose. Wir hielten unsere Kutsche an und stiegen aus, damit es keine Störung gäbe. Ich bereitete ein Lager aus Pelzen, und Madam Mina legte sich hin und ergab sich wie üblich, aber langsamer und für kürzere Zeit als je zuvor, dem hypnotischen Schlaf. Wie zuvor kam die Antwort: „Dunkelheit und das Wirbeln von Wasser.“ Dann erwachte sie, hell und strahlend, und wir setzen unseren Weg fort und erreichen bald den Pass. Zu dieser Zeit und an diesem Ort entbrannte sie ganz vor Eifer; eine neue leitende Kraft war in ihr manifestiert, denn sie zeigte auf eine Straße und sagte:

„Das ist der Weg.“

„Woher weißt du das?“, frage ich.

„Natürlich weiß ich das“, antwortet sie und fügt nach einer Pause hinzu: „Ist mein Jonathan ihn nicht gereist und hat über seine Reise geschrieben?“

Zuerst finde ich das etwas seltsam, aber bald sehe ich, dass es nur einen solchen Nebenweg gibt. Er wird nur wenig benutzt und ist sehr verschieden von der Poststraße von der Bukowina nach Bistritz, die breiter und befestigt und mehr in Gebrauch ist.

So kamen wir diesen Weg hinunter; wenn wir auf andere Wege trafen – nicht immer waren wir sicher, ob es überhaupt Straßen waren, denn sie sind vernachlässigt und es ist leichter Schnee gefallen –, die Pferde wissen es und nur sie allein. Ich lasse ihnen die Zügel, und sie gehen so geduldig weiter. Nach und nach finden wir all die Dinge, die Jonathan in diesem wunderbaren Tagebuch von ihm notiert hat. Dann gehen wir weiter für lange, lange Stunden und Stunden. Zu Beginn sage ich Madam Mina, sie solle schlafen; sie versucht es, und es gelingt ihr. Sie schläft die ganze Zeit; bis ich mich schließlich selbst zu misstrauisch fühle und versuche, sie zu wecken. Aber sie schläft weiter, und ich kann sie nicht wecken, obwohl ich es versuche. Ich möchte es nicht zu sehr versuchen, damit ich ihr nicht schade; denn ich weiß, dass sie viel gelitten hat und Schlaf ihr manchmal alles bedeutet. Ich glaube, ich döse selbst ein, denn plötzlich fühle ich mich schuldig, als hätte ich etwas getan; ich finde mich aufschreckend wieder, mit den Zügeln in der Hand, und die guten Pferde traben weiter, Trott, Trott, wie immer. Ich sehe hinunter und finde Madam Mina immer noch schlafend. Es ist nun nicht mehr weit bis zur Zeit des Sonnenuntergangs, und über dem Schnee fließt das Licht der Sonne in einem großen gelben Strom, sodass wir große lange Schatten werfen, dort, wo das Gebirge so steil ansteigt. Denn wir fahren höher und höher; und alles ist oh! so wild und felsig, als wäre es das Ende der Welt.

Dann wecke ich Madam Mina auf. Diesmal erwacht sie ohne große Mühe, und dann versuche ich, sie in den hypnotischen Schlaf zu versetzen. Aber sie schläft nicht, als wäre ich gar nicht da. Ich versuche es immer wieder, bis ich plötzlich sie und mich im Dunkeln finde; also schaue ich mich um und stelle fest, dass die Sonne untergegangen ist. Madam Mina lacht, und ich drehe mich um und sehe sie an. Sie ist nun ganz wach und sieht so gut aus, wie ich sie seit jener Nacht in Carfax, als wir das Haus des Grafen zum ersten Mal betraten, nicht mehr gesehen habe. Ich bin erstaunt und in diesem Moment nicht ohne Unbehagen; aber sie ist so heiter und zärtlich und rücksichtsvoll mir gegenüber, dass ich jede Furcht vergesse. Ich entzünde ein Feuer, denn wir haben Vorrat an Holz mitgebracht, und sie bereitet das Essen, während ich die Pferde ausspanne und sie, angebunden in einem Unterstand, zum Fressen hinstelle. Dann, als ich zum Feuer zurückkehre, hat sie mein Abendessen bereit. Ich gehe ihr helfen; aber sie lächelt und sagt mir, dass sie bereits gegessen habe – dass sie so hungrig war, dass sie nicht warten wollte. Das gefällt mir nicht, und ich habe ernste Zweifel; aber ich fürchte, sie zu erschrecken, und so schweige ich darüber. Sie hilft mir, und ich esse allein; dann hüllen wir uns in Pelze und legen uns neben das Feuer, und ich sage ihr, sie solle schlafen, während ich Wache halte. Aber bald vergesse ich alles Wachen; und als ich mich plötzlich erinnere, dass ich Wache halte, finde ich sie ruhig daliegend, aber wach, und sie blickt mich mit so hellen Augen an. Einmal, zweimal passiert das Gleiche, und ich bekomme viel Schlaf bis vor dem Morgen. Als ich erwache, versuche ich sie zu hypnotisieren; aber ach! obwohl sie gehorsam die Augen schließt, mag sie nicht schlafen. Die Sonne steigt höher und höher und höher; und dann kommt der Schlaf zu ihr zu spät, aber so schwer, dass sie nicht aufwachen wird. Ich muss sie hochheben und schlafend in die Kutsche legen, nachdem ich die Pferde angespannt und alles bereit gemacht habe. Madam schläft weiter und schläft; und sie sieht in ihrem Schlaf gesünder und röter aus als zuvor. Und das gefällt mir nicht. Und ich habe Angst, Angst, Angst! – Ich habe Angst vor allen Dingen – sogar zu denken; aber ich muss meinen Weg fortsetzen. Der Einsatz, um den wir spielen, ist Leben und Tod, oder mehr als das, und wir dürfen nicht zurückweichen.

5. November, morgens. – Lass mich in allem genau sein, denn obwohl du und ich schon einige seltsame Dinge zusammen gesehen haben, magst du anfangs denken, dass ich, Van Helsing, verrückt bin – dass die vielen Schrecken und die so lange Anspannung der Nerven zuletzt meinen Verstand zerrüttet haben.

Den ganzen gestrigen Tag sind wir gereist, immer näher an die Berge herangekommen und in ein immer wilderes und öderes Land vorgedrungen. Es gibt große, drohende Abgründe und viel herabstürzendes Wasser, und die Natur schien für eine Weile ihr Karneval zu halten. Madam Mina schläft immer noch und schläft; und obwohl ich Hunger hatte und ihn stillte, konnte ich sie nicht wecken – nicht einmal zum Essen. Ich begann zu fürchten, dass der verhängnisvolle Zauber des Ortes auf ihr laste, gezeichnet, wie sie ist, mit jener Vampir-Taufe. „Nun“, sagte ich zu mir selbst, „wenn es so ist, dass sie den ganzen Tag schläft, soll es auch so sein, dass ich in der Nacht nicht schlafe.“ Während wir auf dem rauen Weg fuhren, denn eine Straße von altertümlicher und unvollkommener Art war vorhanden, ließ ich den Kopf sinken und schlief. Wieder erwachte ich mit einem Gefühl von Schuld und vergangener Zeit und fand Madam Mina immer noch schlafend vor, und die Sonne stand tief. Aber alles war tatsächlich verändert; die drohenden Berge schienen weiter weg, und wir waren nahe der Spitze eines steil ansteigenden Hügels, auf dessen Gipfel ein solches Schloss war, wie Jonathan es in seinem Tagebuch beschreibt. Sogleich jauchzte ich und fürchtete mich; denn nun, ob zum Guten oder Schlechten, war das Ende nahe. Ich weckte Madam Mina und versuchte erneut, sie zu hypnotisieren; aber ach! vergeblich bis es zu spät war. Dann, bevor die große Finsternis über uns kam – denn selbst nach Sonnenuntergang reflektierte der Himmel die untergegangene Sonne auf dem Schnee, und alles war für eine Weile in ein großes Zwielicht getaucht –, spannte ich die Pferde aus und fütterte sie in dem Unterstand, den ich finden konnte. Dann machte ich ein Feuer; und in dessen Nähe ließ ich Madam Mina, nun wach und bezaubernder denn je, bequem inmitten ihrer Decken sitzen. Ich bereitete das Essen vor: aber sie wollte nicht essen und sagte lediglich, dass sie keinen Hunger habe. Ich drängte sie nicht, da ich um ihre Unvermögenheit wusste. Aber ich selbst aß, denn ich muss nun stark sein für alles. Dann, von der Furcht vor dem, was sein könnte, erfüllt, zeichnete ich einen Ring, so groß für ihr Wohlbefinden, um den Platz herum, wo Madam Mina saß; und über den Ring gab ich etwas von der Oblate, und ich zerbröselte sie fein, sodass alles wohl bewacht war. Sie saß die ganze Zeit still – so still wie eine Tote; und sie wurde weißer und immer weißer, bis der Schnee nicht blasser war; und kein Wort sprach sie. Aber als ich mich näherte, klammerte sie sich an mich, und ich konnte spüren, dass die arme Seele am ganzen Körper bebte mit einem Zittern, das zu fühlen ein Schmerz war. Ich sagte zu ihr, als sie etwas ruhiger geworden war:

„Willst du nicht zum Feuer herüberkommen?“, denn ich wollte eine Probe davon machen, wozu sie fähig war. Sie erhob sich gehorsam, aber als sie einen Schritt gemacht hatte, hielt sie inne und stand wie vom Schlag getroffen.

„Warum gehst du nicht weiter?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf, kam zurück und setzte sich an ihren Platz. Dann, mit offenen Augen zu mir blickend, als wäre sie aus dem Schlaf erwacht, sagte sie einfach:

„Ich kann nicht!“ und blieb stumm. Ich frohlockte, denn ich wusste, dass das, was sie nicht konnte, niemand von denen, die wir fürchteten, konnte. Obwohl Gefahr für ihren Leib bestehen mochte, war doch ihre Seele sicher!

Plötzlich begannen die Pferde zu schreien und zerrten an ihren Halftern, bis ich zu ihnen kam und sie beruhigte. Als sie meine Hände auf sich spürten, wieherten sie leise wie vor Freude, leckten meine Hände und waren für eine Weile ruhig. Viele Male in der Nacht kam ich zu ihnen, bis die kalte Stunde anbrach, in der alle Natur am tiefsten ist; und jedes Mal war mein Kommen mit ihrer Ruhe verbunden. In der kalten Stunde begann das Feuer zu erlöschen, und ich war im Begriff, hinauszutreten, um es wieder aufzufüllen, denn nun kam der Schnee in fliegenden Böen und mit ihm ein kalter Nebel. Selbst im Dunkeln gab es eine Art Licht, wie es über Schnee immer ist; und es schien, als ob die Schneegestöber und die Nebelschleier Gestalten annahmen wie von Frauen mit nachschleppenden Gewändern. Alles war in toter, grimmiger Stille, nur dass die Pferde wieherten und sich duckten, als ob sie Schrecken vor dem Schlimmsten hätten. Ich begann zu fürchten – schreckliche Ängste; aber dann kam mir das Gefühl der Sicherheit in jenem Ring, in dem ich stand. Ich begann auch zu denken, dass meine Einbildungen von der Nacht und der Düsternis und der Unruhe herrührten, die ich durchlebt hatte, und all der schrecklichen Angst. Es war, als ob meine Erinnerungen an all Jonathans schreckliche Erlebnisse mich täuschten; denn die Schneeflocken und der Nebel begannen sich zu drehen und zu kreisen, bis ich wie einen schemenhaften Blick auf jene Frauen erhaschen konnte, die ihn hätten küssen wollen. Und dann duckten sich die Pferde tiefer und tiefer und stöhnten vor Angst, wie Menschen es vor Schmerz tun. Selbst der Wahnsinn der Angst war nicht so groß bei ihnen, dass sie hätten ausbrechen können. Ich fürchtete um meine liebe Madam Mina, als diese unheimlichen Gestalten näher kamen und um uns kreisten. Ich sah sie an, aber sie saß ruhig und lächelte mich an; als ich zum Feuer treten wollte, um es aufzufüllen, ergriff sie mich und hielt mich zurück und flüsterte, wie eine Stimme, die man im Traum hört, so leise war sie:

„Nein! Nein! Geh nicht hinaus. Hier bist du sicher!“ Ich wandte mich ihr zu und sagte, während ich in ihre Augen blickte:

„Aber du? Um dich fürchte ich mich!“, worauf sie lachte – ein Lachen, leise und unwirklich, und sagte:

„Fürchte dich um mich! Warum um mich fürchten? Niemand ist auf der ganzen Welt sicherer vor ihnen als ich“, und während ich über die Bedeutung ihrer Worte nachdachte, ließ ein Windstoß die Flamme aufspringen, und ich sah die rote Narbe auf ihrer Stirn. Dann, ach! wusste ich es. Hätte ich es nicht gewusst, hätte ich es bald erfahren, denn die wirbelnden Gestalten aus Nebel und Schnee kamen näher, blieben aber immer außerhalb des heiligen Kreises. Dann begannen sie sich zu materialisieren, bis – wenn Gott mir nicht den Verstand geraubt hat, denn ich sah es mit meinen eigenen Augen – dieselben drei Frauen vor mir in Fleisch und Blut standen, die Jonathan im Zimmer sah, als sie seine Kehle hätten küssen wollen. Ich kannte die schwankenden runden Formen, die hellen harten Augen, die weißen Zähne, die rötliche Farbe, die wollüstigen Lippen. Sie lächelten stets die arme liebe Madam Mina an; und als ihr Lachen durch die Stille der Nacht drang, verschlangen sie ihre Arme und zeigten auf sie und sagten in jenen so süßen, klingenden Tönen, die Jonathan als von der unerträglichen Süße der Wassergläser beschrieb:

„Komm, Schwester. Komm zu uns. Komm! Komm!“ In Angst wandte ich mich an meine arme Madam Mina, und mein Herz sprang vor Freude wie eine Flamme auf; denn oh! der Schrecken in ihren süßen Augen, die Abstoßung, das Entsetzen, erzählten meinem Herzen eine Geschichte, die ganz aus Hoffnung bestand. Gott sei Dank, sie war noch nicht eine von ihnen. Ich ergriff etwas von dem Brennholz, das bei mir lag, und während ich ein Stück der Oblate entgegenhielt, schritt ich auf sie zu, in Richtung des Feuers. Sie wichen vor mir zurück und lachten ihr leises, schreckliches Lachen. Ich legte Holz nach und fürchtete sie nicht; denn ich wusste, dass wir innerhalb unserer Schutzkreise sicher waren. Sie konnten sich mir nicht nähern, solange ich so bewaffnet war, noch Madam Mina, solange sie innerhalb des Rings blieb, den sie nicht mehr verlassen konnte, als sie ihn betreten konnten. Die Pferde hatten aufgehört zu stöhnen und lagen still auf dem Boden; der Schnee fiel sanft auf sie, und sie wurden weißer. Ich wusste, dass es für die armen Tiere keinen Schrecken mehr gab.

Und so blieben wir, bis das Rot des Morgengrauens durch das Schneegestöber zu fallen begann. Ich war trostlos und voller Furcht und voller Weh und Schrecken; aber als diese schöne Sonne begann, den Horizont zu erklimmen, war das Leben für mich wieder da. Beim ersten Anbruch des Tages schmolzen die schrecklichen Gestalten im wirbelnden Nebel und Schnee; die Schleier aus transparenter Finsternis bewegten sich weg in Richtung des Schlosses und waren verloren.

Instinktiv, mit dem Kommen des Morgens, wandte ich mich an Madam Mina, in der Absicht, sie zu hypnotisieren; aber sie lag in einem tiefen und plötzlichen Schlaf, aus dem ich sie nicht wecken konnte. Ich versuchte sie durch ihren Schlaf hindurch zu hypnotisieren, aber sie reagierte nicht, überhaupt nicht; und der Tag brach an. Ich fürchte mich noch, mich zu rühren. Ich habe mein Feuer gemacht und die Pferde gesehen; sie sind alle tot. Heute habe ich hier viel zu tun, und ich warte, bis die Sonne hoch steht; denn es mag Orte geben, an denen ich hingehen muss, wo dieses Sonnenlicht, obwohl Schnee und Nebel es verdecken, für mich eine Sicherheit sein wird.

Ich werde mich mit Frühstück stärken, und dann werde ich mich an meine schreckliche Arbeit machen. Madam Mina schläft immer noch; und, Gott sei Dank! sie ist ruhig in ihrem Schlaf....

Jonathan Harkers Journal.

4. November, abends. – Der Unfall mit dem Motorboot ist eine schreckliche Sache für uns gewesen. Nur deswegen hätten wir das Boot schon vor langer Zeit eingeholt; und bis jetzt wäre meine liebe Mina frei gewesen. Ich wage nicht an sie zu denken, draußen auf den Einöden bei jenem schrecklichen Ort. Wir haben Pferde bekommen und folgen der Spur. Ich notiere dies, während Godalming sich fertig macht. Wir haben unsere Waffen. Die Szgany müssen sich in Acht nehmen, wenn sie kämpfen wollen. Oh, wenn nur Morris und Seward bei uns wären. Wir müssen nur hoffen! Wenn ich nicht mehr schreibe, Leb wohl, Mina! Gott segne und behüte dich.

Dr. Sewards Tagebuch.

5. November. – Mit der Morgendämmerung sahen wir vor uns den Leichnam eines Szgany, der vom Fluss her mit ihrem Leiterwagen davonraste. Sie umringten ihn in einem Haufen und eilten davon, als wären sie bedrängt. Der Schnee fällt leicht und es liegt eine seltsame Aufregung in der Luft. Es mag unser eigenes aufgeregtes Gefühl sein, aber die Niedergeschlagenheit ist merkwürdig. Weit weg höre ich das Heulen von Wölfen; der Schnee treibt sie aus den Bergen herunter, und es gibt Gefahren für uns alle, und von allen Seiten. Die Pferde sind fast bereit, und wir brechen bald auf. Wir reiten in den Tod von jemandem. Gott allein weiß, wer, oder wo, oder was, oder wann, oder wie es sein mag....

5. November, Nachmittag. – Ich bin wenigstens bei Verstand. Gott sei Dank für diese Gnade auf jeden Fall, wenngleich es schrecklich war, dies zu beweisen. Als ich Madam Mina schlafend innerhalb des Heiligen Kreises zurückließ, machte ich mich auf den Weg zum Schloss. Der Schmiedehammer, den ich in der Kutsche von Veresti mitgenommen hatte, war nützlich; obwohl alle Türen offen standen, brach ich sie aus den rostigen Angeln, für den Fall, dass irgendeine böse Absicht oder ein böser Zufall sie schließen sollte, sodass ich nach dem Eintreten nicht mehr herauskommen könnte. Jonathans bittere Erfahrung diente mir hier. Dank der Erinnerung an sein Tagebuch fand ich den Weg zur alten Kapelle, denn ich wusste, dass hier meine Arbeit lag. Die Luft war beklemmend; es schien, als läge ein schwefelartiger Dunst in ihr, der mich zuweilen schwindlig machte. Entweder dröhnte es in meinen Ohren, oder ich hörte aus der Ferne das Heulen von Wölfen. Dann dachte ich an meine liebe Madam Mina, und ich war in schrecklicher Bedrängnis. Das Dilemma hielt mich zwischen seinen Hörnern. Sie durfte ich nicht an diesen Ort mitnehmen, sondern ließ sie sicher vor dem Vampir in jenem Heiligen Kreis zurück; und doch, selbst dort wäre der Wolf! Ich beschloss, dass meine Arbeit hier lag und dass wir uns den Wölfen fügen mussten, wenn es Gottes Wille war. Auf jeden Fall war es nur der Tod und danach die Freiheit. So wählte ich für sie. Wäre es nur für mich selbst gewesen, wäre die Wahl leicht gewesen; der Schlund des Wolfes wäre ein besserer Ruheort als das Grab des Vampirs! Also treffe ich meine Wahl, mit meiner Arbeit fortzufahren.

Ich wusste, dass es mindestens drei Gräber zu finden gab – Gräber, die bewohnt sind; also suche ich und suche ich, und ich finde eines von ihnen. Sie lag in ihrem Vampirschlaf, so voller Leben und wollüstiger Schönheit, dass ich erschaudere, als wäre ich gekommen, um einen Mord zu begehen. Ach, ich zweifle nicht daran, dass in alten Zeiten, als es solche Dinge gab, mancher Mann, der sich aufmachte, eine solche Aufgabe wie meine zu erfüllen, schließlich den Mut und dann die Nerven verlor. So zögerte er und zögerte und zögerte, bis die bloße Schönheit und die Faszination der lüsternen Untoten ihn hypnotisiert hatten; und er blieb und blieb, bis der Sonnenuntergang kam und der Vampirschlaf vorüber war. Dann öffnen sich die schönen Augen der lieblichen Frau und blicken voll Liebe, und der wollüstige Mund bietet sich zu einem Kuss dar – und der Mensch ist schwach. Und es bleibt ein weiteres Opfer im Gehege des Vampirs; noch eines, um die grimmigen und grausamen Reihen der Untoten zu vergrößern!

Es geht eine gewisse Faszination von ihr aus, gewiss, wenn ich schon durch die bloße Anwesenheit einer solchen bewegt werde, selbst wenn sie so daliegt, in einem Grab, das von Alter zerfressen und schwer vom Staub der Jahrhunderte ist, wenngleich dieser entsetzliche Geruch vorhanden ist, wie ihn die Lager des Grafen hatten. Ja, ich war bewegt – ich, Van Helsing, mit all meinem Vorsatz und mit meinem Motiv für den Hass – ich war bewegt zu einer Sehnsucht nach Aufschub, die meine Sinne zu lähmen und meine Seele selbst zu verstopfen schien. Es mag sein, dass das Bedürfnis nach natürlichem Schlaf und die seltsame Beklemmung der Luft begannen, mich zu übermannen. Sicher war, dass ich in Schlaf verfiel, den offenen Schlaf eines Menschen, der einer süßen Faszination nachgibt, als ein langes, tiefes Wehklagen durch die schneeberuhigte Luft drang, so voller Schmerz und Mitleid, dass es mich wie der Klang einer Fanfare wachrüttelte. Denn es war die Stimme meiner lieben Madam Mina, die ich hörte.

Dann raffte ich mich wieder zu meiner entsetzlichen Aufgabe auf und fand durch das Aufbrechen von Grabplatten eine andere der Schwestern, die andere, dunkelhaarige. Ich wagte nicht, sie so anzusehen, wie ich es bei ihrer Schwester getan hatte, aus Furcht, ich könnte wieder in ihren Bann geraten; aber ich suchte weiter, bis ich schließlich in einem hohen, großen Grab, als wäre es für jemanden gemacht, der sehr geliebt wurde, jene andere schöne Schwester fand, die ich, wie Jonathan, gesehen hatte, wie sie sich aus den Atomen des Nebels zusammensetzte. Sie war so schön anzusehen, so strahlend schön, so exquisit wollüstig, dass der Instinkt des Mannes in mir, der einen Teil meines Geschlechts dazu aufruft, eine der ihren zu lieben und zu beschützen, meinen Kopf mit neuen Gefühlen wirbeln ließ. Aber Gott sei Dank, jenes Seelenweinen meiner lieben Madam Mina war nicht aus meinen Ohren verklungen; und bevor der Zauber weiter auf mich wirken konnte, hatte ich mich für meine wilde Arbeit gestählt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich alle Gräber in der Kapelle durchsucht, soweit ich es feststellen konnte; und da es in der Nacht nur drei dieser untoten Phantome um uns herum gegeben hatte, nahm ich an, dass es keine aktiven Untoten mehr gab. Es gab noch ein großes Grab, herrschaftlicher als alle anderen; riesig war es und edel proportioniert. Auf ihm stand nur ein Wort:

DRACULA.

Dies war also das untote Heim des König-Vampirs, dem so viele andere verpflichtet waren. Seine Leere sprach beredt dafür, das zu bestätigen, was ich wusste. Bevor ich begann, diese Frauen durch meine schreckliche Arbeit in ihre toten Körper zurückzuführen, legte ich etwas von der Hostie in Draculas Grab und verbannte ihn so für immer aus ihm, als Untoter.

Dann begann meine schreckliche Aufgabe, und ich fürchtete sie. Wäre es nur eine gewesen, wäre es vergleichsweise einfach gewesen. Aber drei! Zweimal mehr anzufangen, nachdem ich bereits eine Gräueltat vollbracht hatte; denn wenn es bei der süßen Miss Lucy schrecklich war, wie wäre es dann bei diesen sonderbaren Wesen, die Jahrhunderte überdauert hatten und die durch das Vergehen der Jahre gestärkt worden waren; die, wenn sie könnten, um ihr faules Leben gekämpft hätten?...

Oh, mein Freund John, aber das war Fleischerarbeit; wäre ich nicht durch Gedanken an die anderen Toten und an die Lebenden gestählt gewesen, über denen ein solches Leichentuch der Angst hing, hätte ich nicht weitermachen können. Ich zittere und zittere noch immer, wenngleich – Gott sei Dank – meine Nerven bis zum Ende durchhielten. Hätte ich nicht die Ruhe im ersten Gesicht gesehen und die Freude, die kurz vor der endgültigen Auflösung darüber huschte, als Erkenntnis, dass die Seele gewonnen war, hätte ich mit meiner Schlächterei nicht weitermachen können. Ich hätte das entsetzliche Kreischen beim Eindringen des Pfahls nicht ertragen können; das Zucken des sich windenden Körpers und die Lippen aus blutigem Schaum. Ich wäre vor Terror geflohen und hätte mein Werk unvollendet gelassen. Aber es ist vorbei! Und die armen Seelen, ich kann sie jetzt bemitleiden und weinen, während ich daran denke, wie sie nun friedlich in ihrem vollen Todesschlaf liegen, für einen kurzen Moment, bevor sie vergehen. Denn, Freund John, kaum hatte mein Messer das Haupt einer jeden abgetrennt, begann der ganze Körper zu schmelzen und zu seinem ureigenen Staub zu zerfallen, als ob der Tod, der schon vor Jahrhunderten hätte eintreten müssen, sich endlich durchgesetzt hätte und sofort und laut sagte: „Ich bin hier!“

Bevor ich das Schloss verließ, habe ich seine Eingänge so befestigt, dass der Graf nie wieder als Untoter dort eintreten kann.

Als ich in den Kreis trat, in dem Madam Mina schlief, erwachte sie aus ihrem Schlaf, und als sie mich sah, schrie sie vor Schmerz auf, dass ich zu viel erlitten hätte.

„Kommen Sie!“ sagte sie, „kommen Sie fort von diesem schrecklichen Ort! Lassen Sie uns gehen, um meinen Mann zu treffen, der, wie ich weiß, auf uns zukommt.“ Sie sah dünn und blass und schwach aus; aber ihre Augen waren rein und leuchteten vor Inbrunst. Ich war froh über ihre Blässe und ihre Krankheit, denn mein Geist war erfüllt von dem frischen Grauen jenes blutroten Vampirschlafs.

Und so gehen wir mit Vertrauen und Hoffnung, und doch voller Furcht, nach Osten, um unsere Freunde zu treffen – und ihn –, von dem Madam Mina mir sagt, sie wisse, dass sie kommen, um uns zu begegnen.

Mina Harkers Tagebuch.

6. November. – Es war später Nachmittag, als der Professor und ich uns in Richtung Osten aufmachten, woher ich wusste, dass Jonathan kommen würde. Wir kamen nicht schnell voran, obwohl der Weg steil bergab führte, denn wir mussten schwere Decken und Umhänge mit uns führen; wir wagten es nicht, der Möglichkeit ins Auge zu sehen, ohne Wärme in der Kälte und dem Schnee zurückzubleiben. Wir mussten auch einen Teil unserer Vorräte mitnehmen, denn wir befanden uns in einer vollkommenen Einöde, und soweit wir durch den Schneefall sehen konnten, gab es nicht einmal ein Anzeichen für eine Behausung. Als wir etwa eine Meile gegangen waren, war ich vom schweren Gehen müde und setzte mich, um auszuruhen. Dann blickten wir zurück und sahen, wo die klare Linie von Draculas Schloss den Himmel durchschnitt; denn wir waren so tief unter dem Hügel, auf dem es stand, dass der Perspektivwinkel der Karpaten weit unter ihm lag. Wir sahen es in all seiner Pracht, tausend Fuß hoch auf dem Gipfel eines steilen Abgrunds thronend, und scheinbar mit einer großen Lücke zwischen ihm und dem Steilhang des benachbarten Berges auf jeder Seite. Es hatte etwas Wildes und Unheimliches an diesem Ort. Wir konnten das ferne Heulen von Wölfen hören. Sie waren weit weg, aber der Klang, auch wenn er gedämpft durch den dämpfenden Schneefall kam, war voller Schrecken. Ich wusste an der Art, wie Dr. Van Helsing umherforschte, dass er versuchte, einen strategischen Punkt zu finden, an dem wir im Falle eines Angriffs weniger exponiert wären. Der raue Weg führte weiterhin abwärts; wir konnten ihn durch den verwehten Schnee verfolgen.

Nach einer Weile gab mir der Professor ein Zeichen, also stand ich auf und schloss mich ihm an. Er hatte einen wunderbaren Platz gefunden, eine Art natürliche Aushöhlung in einem Felsen, mit einem Eingang wie ein Tor zwischen zwei Felsblöcken. Er nahm mich bei der Hand und zog mich hinein: „Sehen Sie!“, sagte er, „hier werden Sie Schutz finden; und wenn die Wölfe kommen, kann ich sie einzeln empfangen.“ Er brachte unsere Felle herein und machte ein behagliches Nest für mich, holte einige Vorräte hervor und nötigte sie mir auf. Aber ich konnte nicht essen; selbst der Versuch war mir widerwärtig, und so sehr ich ihn auch hätte erfreuen wollen, ich konnte mich nicht dazu durchringen. Er sah sehr traurig aus, machte mir aber keine Vorwürfe. Er nahm sein Feldstecher aus dem Etui, stellte sich auf die Spitze des Felsens und begann, den Horizont abzusuchen. Plötzlich rief er aus:

„Sehen Sie! Madam Mina, sehen Sie! Sehen Sie!“ Ich sprang auf und stellte mich neben ihn auf den Felsen; er reichte mir sein Glas und deutete. Der Schnee fiel nun stärker und wirbelte heftig umher, denn ein starker Wind begann zu wehen. Es gab jedoch Zeiten, in denen es Pausen zwischen den Schneegestöbern gab, und ich konnte weit umhersehen. Von der Höhe, auf der wir uns befanden, war es möglich, eine große Entfernung zu überblicken; und weit weg, jenseits der weißen Schneewüste, konnte ich den Fluss sehen, der wie ein schwarzes Band in Windungen und Schleifen lag, während er sich seinen Weg bahnte. Direkt vor uns und nicht weit entfernt – tatsächlich so nah, dass ich mich wunderte, dass wir es vorher nicht bemerkt hatten – kam eine Gruppe berittener Männer eilig daher. Mitten unter ihnen war ein Karren, ein langer Leiterwagen, der bei jeder harten Unebenheit der Straße von einer Seite zur anderen schwang wie der wedelnde Schwanz eines Hundes. Da sie sich so vom Schnee abhoben, konnte ich an der Kleidung der Männer sehen, dass es Bauern oder Zigeuner irgendeiner Art waren.

Auf dem Karren lag eine große quadratische Kiste. Mein Herz sprang auf, als ich sie sah, denn ich spürte, dass das Ende nahte. Der Abend brach nun herein, und ich wusste nur zu gut, dass das Ding, das bis dahin dort eingesperrt war, bei Sonnenuntergang eine neue Freiheit erlangen und in einer der vielen Formen jeder Verfolgung entgehen könnte. In Angst wandte ich mich an den Professor; zu meinem Entsetzen war er jedoch nicht da. Einen Augenblick später sah ich ihn unter mir. Um den Felsen hatte er einen Kreis gezogen, wie wir ihn in der letzten Nacht als Schutz gefunden hatten. Als er ihn vollendet hatte, stand er wieder neben mir und sagte:

„Wenigstens hier werden Sie sicher vor ihm sein!“ Er nahm mir das Glas ab und suchte bei der nächsten Windstille den gesamten Raum unter uns ab. „Sehen Sie“, sagte er, „sie kommen schnell; sie peitschen die Pferde an und galoppieren so hart sie können.“ Er hielt inne und fuhr mit hohler Stimme fort:

„Sie rennen um den Sonnenuntergang. Wir könnten zu spät kommen. Gottes Wille geschehe!“ Ein weiterer blendender Schwall treibenden Schnees kam herab, und die ganze Landschaft war ausgelöscht. Er zog jedoch bald vorüber, und wieder waren seine Gläser auf die Ebene gerichtet. Dann kam ein plötzlicher Schrei:

„Sehen Sie! Sehen Sie! Sehen Sie! Schauen Sie, zwei Reiter folgen schnell, die von Süden heraufkommen. Es müssen Quincey und John sein. Nehmen Sie das Glas. Schauen Sie, bevor der Schnee alles auslöscht!“ Ich nahm es und sah. Die beiden Männer könnten Dr. Seward und Mr. Morris sein. Ich wusste auf jeden Fall, dass keiner von ihnen Jonathan war. Gleichzeitig wusste ich, dass Jonathan nicht weit weg war; als ich mich umsah, erblickte ich auf der Nordseite der kommenden Gruppe zwei weitere Männer, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit ritten. Einer von ihnen war, wie ich wusste, Jonathan, und den anderen hielt ich natürlich für Lord Godalming. Auch sie verfolgten die Gruppe mit dem Karren. Als ich es dem Professor sagte, jubelte er vor Freude wie ein Schuljunge, und nachdem er aufmerksam geschaut hatte, bis ein Schneefall die Sicht unmöglich machte, legte er sein Winchester-Gewehr gegen den Felsblock am Eingang unseres Schutzes bereit. „Sie laufen alle zusammen“, sagte er. „Wenn die Zeit kommt, werden wir die Zigeuner auf allen Seiten haben.“ Ich holte meinen Revolver hervor und legte ihn bereit, denn während wir sprachen, wurde das Heulen der Wölfe lauter und kam näher. Als der Schneesturm einen Moment nachließ, sahen wir wieder nach. Es war seltsam, den Schnee in so dichten Flocken nahe bei uns fallen zu sehen, und dahinter die Sonne, die immer heller schien, während sie zu den fernen Berggipfeln hinabsank. Als ich das Glas überall um uns herum schwenkte, konnte ich hier und da Punkte sehen, die sich einzeln, zu zweit, zu dritt und in größeren Zahlen bewegten – die Wölfe sammelten sich für ihre Beute.

Jeder Augenblick schien eine Ewigkeit, während wir warteten. Der Wind kam nun in heftigen Stößen, und der Schnee wurde mit Wut getrieben, als er in kreisenden Wirbeln über uns hinwegfegte. Zeitweise konnten wir nicht eine Armlänge weit vor uns sehen; aber in anderen Momenten, wenn der hohl klingende Wind an uns vorbeifegte, schien er den Luftraum um uns herum zu klären, sodass wir weit in die Ferne sehen konnten. Wir hatten uns in letzter Zeit so daran gewöhnt, auf Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu achten, dass wir mit ziemlicher Genauigkeit wussten, wann es sein würde; und wir wussten, dass die Sonne bald untergehen würde.

Es war schwer zu glauben, dass es unseren Uhren zufolge weniger als eine Stunde war, die wir in diesem felsigen Unterschlupf warteten, bevor die verschiedenen Gruppen begannen, sich in unserer Nähe zu sammeln. Der Wind kam nun in heftigeren und bittereren Stößen und stetiger aus dem Norden. Er schien die Schneewolken von uns vertrieben zu haben, denn mit nur gelegentlichen Stößen fiel der Schnee. Wir konnten die Einzelpersonen jeder Gruppe, die Verfolgten und die Verfolger, deutlich unterscheiden. Seltsamerweise schienen die Verfolgten nicht zu begreifen oder sich zumindest nicht daran zu stören, dass sie verfolgt wurden; sie schienen jedoch mit verdoppelter Geschwindigkeit zu eilen, als die Sonne tiefer und tiefer auf die Berggipfel sank.

Sie kamen immer näher. Der Professor und ich duckten uns hinter unseren Felsen und hielten unsere Waffen bereit; ich konnte sehen, dass er entschlossen war, sie nicht passieren zu lassen. Alle waren sich unserer Anwesenheit völlig unbewusst.

Plötzlich riefen zwei Stimmen: „Halt!“ Eine war die meines Jonathan, erhoben in einem hohen Ton der Leidenschaft; die andere war Mr. Morris’ starker, entschlossener Ton eines ruhigen Befehls. Die Zigeuner kannten vielleicht die Sprache nicht, aber an dem Ton war nicht zu zweifeln, in welcher Zunge auch immer die Worte gesprochen wurden. Instinktiv zügelten sie, und im selben Augenblick preschten Lord Godalming und Jonathan auf der einen Seite und Dr. Seward und Mr. Morris auf der anderen Seite heran. Der Anführer der Zigeuner, ein prächtig aussehender Kerl, der wie ein Zentaur auf seinem Pferd saß, winkte sie zurück und gab seinen Gefährten mit grimmiger Stimme ein Wort zum Weiterfahren. Sie peitschten die Pferde, die nach vorne sprangen; aber die vier Männer hoben ihre Winchester-Gewehre und befahlen ihnen auf unmissverständliche Weise, anzuhalten. Im selben Moment erhoben sich Dr. Van Helsing und ich hinter dem Felsen und richteten unsere Waffen auf sie. Als sie sahen, dass sie umzingelt waren, zogen die Männer die Zügel an und hielten an. Der Anführer wandte sich ihnen zu und gab ein Wort, worauf jeder Mann der Zigeunergruppe die Waffe zog, die er bei sich trug, Messer oder Pistole, und sich bereit hielt, anzugreifen. Der Kampf begann in einem Augenblick.

Der Anführer warf mit einer schnellen Bewegung seines Zügels sein Pferd nach vorne und deutete erst auf die Sonne – die nun kurz über den Hügelspitzen stand – und dann auf das Schloss, wobei er etwas sagte, das ich nicht verstand. Als Antwort warfen sich alle vier Männer unserer Gruppe von ihren Pferden und stürmten auf den Karren zu. Ich hätte schreckliche Angst haben sollen, Jonathan in einer solchen Gefahr zu sehen, aber der Eifer des Kampfes muss mich ebenso ergriffen haben wie den Rest von ihnen; ich spürte keine Angst, nur ein wildes, aufwallendes Verlangen, etwas zu tun. Als er eine schnelle Bewegung unserer Gruppen sah, gab der Anführer der Zigeuner einen Befehl; seine Männer bildeten augenblicklich einen Kreis um den Karren, in einem undisziplinierten Bestreben, wobei jeder den anderen in seinem Eifer, den Befehl auszuführen, schubste und stieß.

Inmitten dessen konnte ich sehen, dass Jonathan auf der einen Seite des Kreises und Quincey auf der anderen sich einen Weg zum Karren bahnten; es war offensichtlich, dass sie entschlossen waren, ihre Aufgabe zu beenden, bevor die Sonne untergehen würde. Nichts schien sie aufzuhalten oder auch nur zu behindern. Weder die gezückten Waffen oder die blitzenden Messer der Zigeuner vor ihnen, noch das Heulen der Wölfe hinter ihnen schienen auch nur ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Jonathans Ungestüm und die offensichtliche Einzigartigkeit seines Zwecks schienen die vor ihm einzuschüchtern; instinktiv wichen sie zurück und ließen ihn passieren. In einem Augenblick war er auf den Karren gesprungen und hatte mit einer Stärke, die unglaublich erschien, die große Kiste angehoben und über das Rad zu Boden geschleudert. Unterdessen hatte Mr. Morris Gewalt anwenden müssen, um sich seinen Weg durch seine Seite des Zigeunerrings zu bahnen. Während ich die ganze Zeit atemlos Jonathan beobachtet hatte, hatte ich aus dem Augenwinkel gesehen, wie er verzweifelt vorwärts drängte, und hatte gesehen, wie die Messer der Zigeuner blitzten, als er sich einen Weg durch sie bahnte und sie auf ihn einschlugen. Er hatte mit seinem großen Bowie-Messer pariert, und zuerst dachte ich, auch er sei sicher durchgekommen; aber als er neben Jonathan sprang, der inzwischen vom Karren gesprungen war, konnte ich sehen, dass er sich mit der linken Hand an die Seite klammerte und dass das Blut durch seine Finger spritzte. Er zögerte trotz alledem nicht, denn als Jonathan mit verzweifelter Energie ein Ende der Kiste angriff und versuchte, den Deckel mit seinem großen Kukri-Messer aufzuhebeln, griff er das andere Ende wütend mit seinem Bowie-Messer an. Unter den Bemühungen beider Männer begann der Deckel nachzugeben; die Nägel zogen sich mit einem schnellen, kreischenden Geräusch, und die Oberseite der Kiste wurde zurückgeworfen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Zigeuner, da sie sahen, dass sie von den Winchesters gedeckt wurden und den Gnaden von Lord Godalming und Dr. Seward ausgeliefert waren, aufgegeben und leisteten keinen weiteren Widerstand. Die Sonne stand fast unter den Berggipfeln, und die Schatten der ganzen Gruppe fielen lang auf den Schnee. Ich sah den Grafen in der Kiste auf der Erde liegen, von der das rohe Herunterfallen vom Karren etwas über ihn verstreut hatte. Er war totenblass, genau wie ein wächsernes Abbild, und die roten Augen starrten mit dem schrecklichen, rachsüchtigen Blick, den ich nur zu gut kannte.

Als ich hinsah, sahen die Augen die untergehende Sonne, und der Blick des Hasses in ihnen wandelte sich in Triumph.

Doch in demselben Augenblick kam der Schwung und das Aufblitzen von Jonathans großem Messer. Ich schrie auf, als ich sah, wie es die Kehle durchtrennte; während im selben Moment Mr. Morris’ Bowie-Messer sich in das Herz stieß.

Es war wie ein Wunder; doch vor unseren eigenen Augen, und beinahe in der Zeit eines einzigen Atemzugs, zerfiel der ganze Körper zu Staub und verschwand vor unserem Blick.

Ich werde mein Leben lang froh darüber sein, dass selbst in diesem Augenblick der endgültigen Auflösung ein Ausdruck von Frieden auf dem Gesicht lag, wie ich ihn mir niemals hätte vorstellen können.

Das Schloss Dracula hob sich nun vom roten Himmel ab, und jeder Stein seiner zerbrochenen Zinnen zeichnete sich scharf gegen das Licht der untergehenden Sonne ab.

Die Zigeuner, die uns in irgendeiner Weise für das außergewöhnliche Verschwinden des Toten verantwortlich machten, wandten sich ohne ein Wort ab und ritten davon, als ginge es um ihr Leben. Diejenigen, die nicht beritten waren, sprangen auf den Leiterwagen und riefen den Reitern zu, sie nicht im Stich zu lassen. Die Wölfe, die sich in sichere Entfernung zurückgezogen hatten, folgten ihnen auf dem Fuße und ließen uns allein zurück.

Mr. Morris, der zu Boden gesunken war, stützte sich auf seinen Ellbogen und hielt seine Hand fest an seine Seite gepresst; das Blut quoll noch immer durch seine Finger. Ich eilte zu ihm, denn der heilige Kreis hielt mich nun nicht mehr zurück; ebenso taten es die beiden Ärzte. Jonathan kniete hinter ihm und der Verwundete legte seinen Kopf zurück auf seine Schulter. Mit einem Seufzer nahm er, mit einer schwachen Anstrengung, meine Hand in die seine, die unbefleckt war. Er muss die Qual meines Herzens in meinem Gesicht gesehen haben, denn er lächelte mich an und sagte:

„Ich bin nur allzu glücklich, irgendeinen Dienst erwiesen zu haben! Oh, Gott!“, rief er plötzlich, kämpfte sich in eine sitzende Haltung hoch und deutete auf mich, „es war dies wert, zu sterben! Seht! Seht!“

Die Sonne stand nun direkt auf dem Berggipfel, und die roten Strahlen fielen auf mein Gesicht, sodass es in rosiges Licht getaucht war. Mit einem gemeinsamen Impuls sanken die Männer auf ihre Knie, und ein tiefes und inbrünstiges „Amen“ entbrach ihnen allen, als ihre Augen dem Fingerzeig des Sterbenden folgten, während er sprach:

„Nun sei Gott gedankt, dass nicht alles umsonst war! Seht! Der Schnee ist nicht fleckenloser als ihre Stirn! Der Fluch ist vergangen!“

Und zu unserem bitteren Leid starb er mit einem Lächeln und in Stille, ein tapferer Gentleman.

ANMERKUNG.

Vor sieben Jahren gingen wir alle durch das Feuer; und das Glück einiger von uns seit jener Zeit ist, wie wir meinen, den Schmerz, den wir erlitten, wohl wert. Es ist eine zusätzliche Freude für Mina und mich, dass der Geburtstag unseres Sohnes auf denselben Tag fällt, an dem Quincey Morris starb. Seine Mutter hegt, das weiß ich, den geheimen Glauben, dass ein Teil des Geistes unseres tapferen Freundes auf ihn übergegangen ist. Sein Bündel an Namen verbindet unsere kleine Schar von Männern miteinander; aber wir nennen ihn Quincey.

Im Sommer dieses Jahres unternahmen wir eine Reise nach Transsilvanien und begaben uns auf den alten Boden, der für uns so voller lebendiger und schrecklicher Erinnerungen war und ist. Es war beinahe unmöglich zu glauben, dass die Dinge, die wir mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hatten, lebendige Wahrheiten waren. Jede Spur von all dem, was gewesen war, war ausgelöscht. Das Schloss stand wie zuvor, hoch über einer Ödnis emporgeragt.

Als wir nach Hause zurückkehrten, kamen wir auf die alte Zeit zu sprechen – auf die wir alle ohne Verzweiflung zurückblicken konnten, denn Godalming und Seward sind beide glücklich verheiratet. Ich nahm die Papiere aus dem Safe, in dem sie seit unserer so lange zurückliegenden Rückkehr gelegen hatten. Wir waren verblüfft über die Tatsache, dass sich in der ganzen Masse an Material, aus der der Bericht besteht, kaum ein authentisches Dokument befindet; nichts als eine Masse an Schreibmaschinentext, abgesehen von den späteren Notizbüchern von Mina, Seward und mir selbst sowie Van Helsings Memorandum. Wir könnten kaum von irgendjemandem verlangen, selbst wenn wir es wollten, dies als Beweise für eine solch wilde Geschichte zu akzeptieren. Van Helsing fasste alles zusammen, als er sagte, mit unserem Jungen auf seinem Knie:

„Wir wollen keine Beweise; wir bitten niemanden, uns zu glauben! Dieser Junge wird eines Tages wissen, welch tapfere und großartige Frau seine Mutter ist. Schon jetzt kennt er ihre Güte und ihre liebevolle Fürsorge; später wird er verstehen, wie manche Männer sie so sehr liebten, dass sie um ihretwillen viel wagten.“

/Jonathan Harker./

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