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Eighty Years and More

by Elizabeth Cady Stanton · in German

ACHTZIG JAHRE UND MEHR

ERINNERUNGEN 1815-1897

ELIZABETH CADY STANTON

„Die Sozialwissenschaft bestätigt, dass der Platz der Frau in der Gesellschaft das Niveau der Zivilisation markiert.“

DIESEN BAND WIDME ICH

SUSAN B. ANTHONY,

MEINER BESTÄNDIGEN FREUNDIN SEIT EINEM HALBEN JAHRHUNDERT.

INHALTSVERZEICHNIS.

KAPITEL

I. KINDHEIT II. SCHULTAGE III. MÄDCHENJAHRE IV. LEBEN IN PETERBORO V. UNSERE HOCHZEITSREISE VI. HEIMWÄRTS VII. MUTTERSCHAFT VIII. BOSTON UND CHELSEA IX. DIE ERSTE FRAUENRECHTSKONVENTION X. SUSAN B. ANTHONY XI. SUSAN B. ANTHONY (Fortsetzung) XII. MEINE ERSTE REDE VOR EINER GESETZGEBENDEN KÖRPERSCHAFT XIII. REFORMEN UND PÖBEL XIV. ANSICHTEN ÜBER EHE UND SCHEIDUNG XV. FRAUEN ALS PATRIOTEN XVI. PIONIERLEBEN IN KANSAS – UNSERE ZEITUNG „THE REVOLUTION“ XVII. LYZEEN UND DOZENTEN XVIII. WESTWÄRTS! XIX. DER GEIST VON '76 XX. DAS SCHREIBEN DER „GESCHICHTE DES FRAUENWAHLRECHTS“ XXI. IM SÜDEN FRANKREICHS XXII. REFORMEN UND REFORMER IN GROSSBRITANNIEN XXIII. FRAU UND THEOLOGIE XXIV. ENGLAND UND FRANKREICH ERNEUT BESUCHT XXV. DER INTERNATIONALE FRAUENRAT XXVI. MEIN LETZTER BESUCH IN ENGLAND XXVII. SECHZIGSTER JAHRESTAG DES JAHRGANGS 1832 – DIE FRAUENBIBEL XXVIII. MEIN ACHTZIGSTER GEBURTSTAG NAMENSREGISTER

VERZEICHNIS DER PORTRÄTS.

Die Autorin, Frontispiz Margaret Livingston Cady Richter Daniel Cady Henry Brewster Stanton Die Autorin und Tochter Die Autorin und Sohn Susan B. Anthony Elizabeth Smith Miller Kinder und Enkelkinder Die Autorin, Mrs. Blatch und Nora Die Autorin, Mrs. Lawrence und Robert Livingston Stanton

ACHTZIG JAHRE UND MEHR.

KAPITEL I.

KINDHEIT.

Das psychische Wachstum eines Kindes wird nicht durch Tage und Jahre beeinflusst, sondern durch die Eindrücke, die vorbeiziehende Ereignisse in seinem Geist hinterlassen. Was für den einen ein plötzliches Erwachen bedeuten und einen Impuls in eine bestimmte Richtung geben mag, der Jahre anhält, kann auf einen anderen keinerlei Eindruck machen. Die Menschen wundern sich, warum die Kinder derselben Familie so weit auseinandergehen, obwohl sie die gleiche häusliche Erziehung, den gleichen Schul- und Kirchenunterricht genossen haben und unter denselben Einflüssen und Umgebungen aufgewachsen sind. Man könnte sich ebenso gut wundern, warum Lilien und Flieder im selben Breitengrad nicht alle dieselbe Farbe und denselben Duft haben. Kinder unterscheiden sich in den urwüchsigen Elementen ihres physischen und psychischen Lebens ebenso sehr wie diese.

Wer kann die Macht pränataler Einflüsse oder die Umgebung eines Kindes in seinen frühesten Jahren abschätzen, die Wirkung eines flüchtigen Wortes oder Anblicks auf den einen, die auf einen anderen keinen Eindruck macht? Das Unglück eines Kindes unter einer bestimmten häuslichen Disziplin ist nicht unvereinbar mit der Zufriedenheit eines anderen unter derselben Disziplin. Das eine, das sich nach weiterem Freiraum sehnt, befindet sich in einem chronischen Zustand der Rebellion; das andere, das leichter zufriedenzustellen ist, akzeptiert die Situation stillschweigend. Alles wird aus einem anderen Blickwinkel betrachtet; alles erhält seine Farbe aus dem Geist des Betrachters.

Ich bin dazu bewegt, das, woran ich mich aus meinen frühen Tagen erinnern kann, das, was ich dachte und fühlte, zurückzurufen, damit Erwachsene ein besseres Verständnis für Kinder haben und mehr für deren Glück und Entwicklung tun können. Ich sehe so viel Tyrannei, die gegenüber Kindern ausgeübt wird, selbst von wohlmeinenden Eltern, und zwar in so vielen verschiedenen Formen – eine Tyrannei, der sich diese Eltern selbst nicht bewusst sind –, dass ich meine Freuden und Leiden in so lebhaften Farben wie möglich malen möchte, in der Hoffnung, etwas tun zu können, um die Schwachen vor den Starken zu schützen. Die Menschen ahnen nie, was in den kleinen Köpfen der Jungen vor sich geht, denn nur wenige Erwachsene neigen zur Selbstbeobachtung, und diejenigen, die unfähig sind, sich an ihre eigenen Gefühle bei Zwang und Enttäuschung zu erinnern, können kein Verständnis für das Leiden von Kindern haben, die das, was sie fühlen, weder beschreiben noch analysieren können. Bei der Verteidigung gegen Ungerechtigkeit sind sie so hilflos wie stumme Tiere. Was für ihre Älteren unbedeutend ist, ist für sie oft eine Quelle großer Freude oder großen Kummers.

Mit mehreren Generationen tatkräftiger, unternehmungslustiger Vorfahren im Rücken begann ich am 12. November 1815, dem Jahr, in dem mein Vater, Daniel Cady, ein angesehener Anwalt und Richter im Staate New York, in den Kongress gewählt wurde, den Kampf des Lebens unter günstigen Umständen. Vielleicht hatte die Aufregung eines politischen Wahlkampfs, an dem meine Mutter das tiefste Interesse nahm, einen Einfluss auf mein pränatales Leben und gab mir den starken Wunsch, den ich schon immer verspürt habe, an den Rechten und Pflichten der Regierung teilzuhaben.

Mein Vater war ein Mann von festem Charakter und unbescholtener Integrität, und doch in einem schmerzlichen Maße sensibel und bescheiden. Es gab nur zwei Orte, an denen er sich wohl fühlte – im Gerichtssaal und an seinem eigenen Kamin. Obwohl sanft und zärtlich, besaß er eine so würdevolle Ruhe und Zurückhaltung im Auftreten, dass wir ihn als Kinder eher mit Furcht als mit Zuneigung betrachteten.

Meine Mutter, Margaret Livingston, eine große, königlich aussehende Frau, war mutig, selbstständig und unter allen Umständen und an allen Orten gelassen. Sie war die Tochter von Colonel James Livingston, der einen aktiven Teil am Revolutionskrieg nahm.

Colonel Livingston war in West Point stationiert, als Arnold den Versuch unternahm, diese Festung in die Hände des Feindes zu verraten. In Abwesenheit von General Washington und seines vorgesetzten Offiziers übernahm er die Verantwortung, auf die „Vulture“ zu feuern, ein verdächtig aussehendes britisches Schiff, das in der Nähe des gegenüberliegenden Ufers des Hudson River vor Anker lag. Es war ein verhängnisvoller Schuss für André, den britischen Spion, mit dem Arnold damals seinen Verrat vollendete. Zwischen Wind und Wasser getroffen, breitete das Schiff seine Segel aus und eilte flussabwärts, wobei es André mit seinen Papieren zurückließ, um gefangen genommen zu werden, während Arnold durch die Linien entkam, bevor sein Verrat vermutet wurde.

Bei der Rückkehr von General Washington nach West Point ließ er meinen Großvater kommen und verwies ihn dafür zurecht, in einer so wichtigen Angelegenheit ohne Befehle gehandelt und sich damit einem Kriegsgericht ausgesetzt zu haben; doch nachdem er dem jungen Offizier die Gefahr einer solchen Selbstherrlichkeit bei gewöhnlichen Gelegenheiten voll und ganz klargemacht hatte, gab er zu, dass ein höchst glücklicher Schuss auf die „Vulture“ abgefeuert worden war, „denn“, sagte er, „wir sind im Moment nicht in der Lage, uns gegen die britischen Streitkräfte in New York zu verteidigen, und die Gefangennahme dieses Spions hat uns gerettet.“

Meine Mutter hatte die militärische Vorstellung von Regierung, aber ihre Kinder waren, wie ihr Großvater, dazu neigt, die Verantwortung für ihre eigenen Handlungen zu übernehmen; so modifizierten die Ahnenmerkmale bei Mutter und Kindern in gewissem Maße die gefährlichen Tendenzen bei jedem Einzelnen.

Unsere Eltern waren so freundlich, nachsichtig und rücksichtsvoll, wie es die puritanischen Ideen jener Tage erlaubten, aber Furcht, eher als Liebe zu Gott und den Eltern gleichermaßen, herrschte vor. Fügt man dazu unsere Schüchternheit im Umgang mit Bediensteten und Lehrern, unsere Angst vor dem allgegenwärtigen Teufel, so wird der Leser sehen, dass unter solchen Bedingungen nichts als ein starker Eigenwille und eine gute Portion Hoffnung und Fröhlichkeit ein gewöhnliches Kind davor hätten bewahren können, zu einer bloßen Nullität zu werden.

Das erste Ereignis, das sich in mein Gedächtnis eingrub, war die Geburt einer Schwester, als ich vier Jahre alt war. Es war ein kalter Januarmorgen, als die stämmige schottische Krankenschwester mich trug, um die kleine Fremde zu sehen, deren Ankunft für viele Wochen danach ein Gegenstand intensiven Interesses für mich war. Das große, angenehme Zimmer mit den weißen Vorhängen und dem hellen Holzfeuer im Kamin, wo Panada, Katzenminze und alle Arten von kleinen Leckereien, die wir probieren durften, warm gehalten wurden, war der Anziehungspunkt für die älteren Kinder. Ich hörte so viele Freunde bemerken: „Wie schade, dass es ein Mädchen ist!“, dass ich eine Art Mitleid für das kleine Baby empfand. Zwar bestand unsere Familie aus fünf Mädchen und nur einem Jungen, aber ich verstand damals noch nicht, dass Mädchen als eine minderwertige Art von Wesen betrachtet wurden.

Um sich eine Vorstellung von meiner Umgebung zu dieser Zeit zu machen, stelle man sich ein zweistöckiges weißes Holzhaus mit einem Flur durch die Mitte, Zimmern auf beiden Seiten und einem großen Hintergebäude mit Grundstücken an der Seite und Rückseite vor, das an den Garten unseres guten presbyterianischen Pfarrers, Rev. Simon Hosack, grenzte, von dem ich in einem anderen Kapitel mehr berichten werde. Unsere bevorzugten Aufenthaltsorte im Haus waren der Dachboden und der Keller. Im ersteren befanden sich Fässer mit Hickorynüssen und auf einem langen Regal große Stücke Ahornzucker und alle Arten von getrockneten Kräutern und Kalmus; Spinnräder, eine Anzahl kleiner weißer Baumwollsäcke, die mit Bündeln gefüllt waren, die in Tinte mit „Seide“, „Baumwolle“, „Flanell“, „Kattun“ usw. beschriftet waren, sowie antike männliche und weibliche Kostüme. Hier knackten wir die Nüsse, knabberten an den scharfen Kanten des Ahornzuckers, kauten ein Lieblingskraut, spielten Ball mit den Säcken, wirbelten die alten Spinnräder, verkleideten uns in die Kleider unserer Vorfahren und warfen einen Blick aus der Vogelperspektive auf die umliegende Landschaft von einem verlockenden Dachlukenloch aus. Dies war verbotenes Gebiet; aber dennoch gingen wir oft heimlich dorthin, was die kleinen Eskapaden nur umso unterhaltsamer machte.

Der Keller unseres Hauses war im Winter mit Fässern voller Äpfel, Gemüse, gesalzenem Fleisch, Apfelwein, Butter, Stampffässern, Waschwannen usw. gefüllt und bot bewundernswerte Winkel zum Versteckspielen. Zwei Talgkerzen warfen bei bestimmten Gelegenheiten ein schwaches Licht auf die Szene. Dieser Keller befand sich auf gleicher Höhe mit einer großen Küche, in der wir Blindekuh und andere Spiele spielten, wenn die Tagesarbeit getan war. Diese beiden Räume sind das Zentrum vieler der fröhlichsten Erinnerungen meiner Kindheitstage.

Ich kann mich an drei farbige Männer erinnern, Abraham, Peter und Jacob, die in unserer Jugend als Hausdiener fungierten. Abwechselnd spielten sie manchmal auf dem Banjo für uns zum Tanzen und hatten wirkliche Freude an unseren Spielen. Sie ruhen nun alle bei „Old Uncle Ned an dem Ort, wo die guten Neger hingehen“. Unsere Krankenschwestern, Lockey Danford, Polly Bell, Mary Dunn und Cornelia Nickeloy – Friede ihrer Asche – waren die einzigen Schatten auf der Heiterkeit dieser Winterabende; denn ihre größte Freude war es, uns schnell ins Bett zu schicken, damit sie ihre Verehrer empfangen oder kurze Besuche in der Nachbarschaft machen konnten. Meine Erinnerung an sie ist mit keinem Gefühl von Dankbarkeit oder Zuneigung vermischt. Als sie in späteren Jahren ihre Meinung über uns äußerten, sagten sie, wir seien eine sehr lästige, eigensinnige, ungehorsame Schar von Kindern gewesen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir in ständigem Aufruhr gegen ihre kleinliche Tyrannei waren. Abraham, Peter und Jacob sahen uns in einem anderen Licht, und ich habe die angenehmsten Erinnerungen an ihre freundlichen Dienste.

Im Winter hatten wir draußen im Haus den Schnee, mit dem wir Statuen bauen und Festungen errichten konnten, und riesige Holzhaufen, die mit Eis bedeckt waren, die wir die Alpen nannten, so schwierig waren sie zu besteigen und hinabzusteigen. Dort kletterten wir stundenlang hinauf und hinunter, wenn wir nicht unterbrochen wurden, was jedoch meistens der Fall war. Es schien mir immer, dass wir auf dem Höhepunkt unserer Begeisterung ausnahmslos zu irgendeiner unangenehmen Pflicht gerufen wurden, was darauf hindeuten mag, dass ich schon früh das Leben im Freien sehr genoss. Theodore Tilton hat den Ort, an dem ich geboren wurde, so beschrieben: „Der Geburtsort ist eine zweitrangige Elternschaft und überträgt Charakter. Johnstown war vor einem halben Jahrhundert berühmter als seither; denn damals war es, obwohl klein, ein bemerkenswertes intellektuelles Zentrum; und jetzt ist es, obwohl groß, eine unbedeutende Industriestadt. Vor der Geburt von Elizabeth Cady war es der stellvertretende Sitz von Sir William Johnson, dem berühmten englischen Unterhändler mit den Indianern. Während ihrer Mädchenjahre war es eine Arena für das intellektuelle Ringen von Kent, Tompkins, Spencer, Elisha Williams und Abraham Van Vechten, die als Anwälte zu den bedeutendsten ihrer Zeit gehörten. Es widmet sich heute hauptsächlich der Herstellung von Stahlfedern und Hirschlederhandschuhen. So ist es, wie Wordsworths früher Stern, in das Licht des gewöhnlichen Tages verblasst. Aber Johnstown bewahrt eine seiner alten Prachten – ein Ruhm, der noch so frisch ist wie bei der Gründung der Welt. Wenn man auf seinen Hügeln steht, blickt man auf ein Land aus emaillierten Wiesen, die südwärts in Richtung Mohawk und nordwärts bis zur Basis jener großartigen Berge verschmelzen, die ‚Gottes Denkmal über dem Grab von John Brown‘ sind.“

Harold Frederics Roman „In the Valley“ enthält viele Beschreibungen dieser Region, die der Natur entsprechen, so wie ich das Mohawk Valley in Erinnerung habe, denn ich kannte es nicht viele Jahre nach den Szenen, die er dort ansiedelt. Bevor ich alt genug war, um die Pracht dieser Landschaft und ihre klassischen Assoziationen in mich aufzunehmen, war Johnstown für mich eine düster aussehende Stadt. Die Mitte der Straßen war mit großen Kopfsteinpflastern gepflastert, über die die Bauernwagen von morgens bis abends ratterten, während die Bürgersteige mit sehr kleinen Kopfsteinpflastern gepflastert waren, über die wir vorsichtig unseren Weg suchten, sodass ein freies und anmutiges Gehen nicht in Frage kam. Die Straßen waren von feierlichen Pappeln gesäumt, von denen ständig kleine gelbe Würmer herabhingen. Neben dem Fürsten der Finsternis fürchtete ich diese Würmer. Sie waren harmlos, aber der Anblick eines solchen ließ mich zittern. So viele Menschen teilten dieses Gefühl, dass die Pappeln alle gefällt und Ulmen an ihrer Stelle gepflanzt wurden. Die Johnstown Academy und die Kirchen waren große quadratische Gebäude, weiß gestrichen, umgeben von denselben düsteren Pappeln, wobei jedes Gebäude eine trübsinnige Glocke hatte, die schien, als würde sie ständig für Schule, Beerdigungen, Kirche oder Gebetstreffen läuten. Neben den Würmern erfüllten mich diese klirrenden Glocken mit der größten Angst; sie erschienen wie so viele Warnungen vor einer ewigen Zukunft. Visionen des Infernos prägten sich meiner kindlichen Fantasie stark ein. Es wurde in jenen Tagen gedacht, dass ein fester Glaube an Hölle und Teufel die größte Hilfe zur Tugend sei. Es machte mich sicherlich sehr unglücklich, wann immer mein Geist über solche Lehren nachdachte, und ich hatte immer meine Zweifel an der Tugend, die auf der Angst vor Strafe basiert.

Vielleicht wird mir ein Wort über mein Aussehen in jenen Tagen verziehen. Mir wurde gesagt, dass ich ein pummeliges kleines Mädchen mit sehr heller Haut, rosigen Wangen, guten Gesichtszügen, dunkelbraunem Haar und lachenden blauen Augen war. Ein Student im Büro meines Vaters, der verstorbene Henry Bayard aus Delaware (ein Onkel unseres kürzlichen Botschafters am Hof von St. James, Thomas F. Bayard), sagte mir eines Tages, nachdem er meine Gesichtszüge sorgfältig studiert hatte, dass ich einen Defekt hätte, den er beheben könne. „Deine Augenbrauen sollten dunkler und dichter sein“, sagte er, „und wenn du mich siehst, sie ein oder zweimal zu rasieren, wirst du viel besser aussehen.“ Ich stimmte zu, und so dünn meine Augenbrauen auch waren, sie schienen etwas Ausdruck gehabt zu haben, denn der Verlust hatte eine höchst eigenartige Wirkung auf mein Aussehen. Jeder, einschließlich des Betreibers selbst, lachte über mein seltsam aussehendes Gesicht, und ich war in den Tiefen der Demütigung während der Zeit, in der meine Augenbrauen wieder nachwuchsen. Es ist kaum notwendig hinzuzufügen, dass ich den jungen Mann das Experiment nie wiederholen ließ, obwohl ich dringend dazu gedrängt wurde.

Ich kann mich nicht erinnern, wie oder wann ich das Alphabet, Wörter aus drei Buchstaben, das Einmaleins, die Himmelsrichtungen, Windpocken, Keuchhusten, Masern und Scharlach bezwang. All diese unglücklichen Vorfälle der Kindheit hinterließen nur wenig Eindruck in meinem Geist. Ich habe jedoch die angenehmsten Erinnerungen an die gute alte Jungfer Maria Yost, die geduldig drei Generationen von Kindern die Grundlagen der englischen Sprache lehrte und uns in die Bilder in „Murrays Spelling-book“ einführte, wo Väterchen Zeit mit seiner Sense und der Bauer, der die Jungen in seinen Apfelbäumen bewarf, in meinem Geist zu vielen ernsten Reflexionen Anlass gaben. Miss Yost war rund und rosig, hatte helles Haar und ein fröhliches Funkeln in ihren blauen Augen, und sie führte uns in sehr einfachen Schritten durch die altmodischen Schulbücher. Die interessanten Lesebücher, die Kinder heute haben, waren vor sechzig Jahren unbekannt. Wir erreichten den Tempel des Wissens nicht auf den blumigen Pfaden der Leichtigkeit, auf denen unsere Nachkommen heute wandeln.

Ich habe immer noch ein perfektes Bild von mir und meinen Schwestern vor Augen, wie wir in den Klassen standen, mit den Zehen an den Rissen im Boden, alle gleich gekleidet in leuchtend rotem Flanell, schwarzen Alpaka-Schürzen und um den Hals eine gestärkte Krause, die sich aufgrund mangelnden Geschicks der Wäscherin oder der Krankenschwester, die sie einnähte, als ständige Quelle des Unbehagens für uns erwies. Ich habe seitdem ausgewachsene Männer gesehen, die unter geringerem Anlass als wir ertrugen, ein Halsband herunterrissen, es in zwei Teile rissen und es in die Winde warfen, verfolgt von den herzzerreißendsten Flüchen. Aber wir wurden streng zurechtgewiesen, wenn wir uns beschwerten, und wenn wir es wagten, unsere kleinen Finger zwischen die zarte Haut und das reizende Leinen zu stecken, wurden unsere Hände geschlagen und die Krause um einen Grad enger neu justiert. Unsere Sonntagskleider waren mit einem schwarzen Zweigmuster und weißen Schürzen aufgelockert. Wir hatten rote Umhänge, rote Kapuzen, rote Fäustlinge und rote Strümpfe. Dass man selbst sechs Monate im Jahr ganz in Rot war, war schlimm genug, aber dieses Kostüm mit drei zu multiplizieren, war in der Tat eintönig. Ich hatte eine solche Abneigung gegen diese Farbe, dass ich regelmäßig zu Beginn jeder Saison rebellierte, wenn neue Kleider gekauft wurden, bis wir schließlich zu einem exquisiten Blauton übergingen. Keine Worte könnten meiner Abneigung gegen diese roten Kleider gerecht werden. Der Abscheu meines Großvaters vor den britischen Rotröcken muss auf mich übergegangen sein. Mein kindlicher Widerwillen, Rot zu tragen, ermöglichte es mir später, die Gefühle einer kleinen Nichte zu begreifen, die alles Erbsengrüne hasste, weil sie einmal den Spruch gehört hatte: „ordentlich, aber nicht auffällig, wie der Teufel sagte, als er seinen Schwanz erbsengrün malte.“ Als ihr also eine Freundin eine Krawatte dieser Farbe brachte, warf sie sie auf den Boden und brach in Tränen aus, indem sie sagte: „Ich könnte das nicht tragen, denn es ist die Farbe des Teufelsschwanzes.“ Ich fühlte mit dem Kind und ließ es gegen den Farbton austauschen, den sie mochte. Obwohl wir die Gründe für die Vorlieben von Kindern nicht immer verstehen können, ist es oft gut, sie zu beachten.

Mir wurde gesagt, dass ich eines Tages nachdenklich aus dem Kinderzimmerfenster blickte, als Mary Dunn, die schottische Krankenschwester, die eine Art Philosophin und eine strenge Presbyterianerin war, sagte: „Kind, woran denkst du; planst du eine neue Form von Unfug?“ „Nein, Mary“, antwortete ich, „ich fragte mich, warum alles, was wir gerne tun, eine Sünde ist und warum alles, was wir nicht mögen, von Gott oder jemandem auf Erden befohlen wird. Ich bin so müde von diesem ewigen Nein! Nein! Nein! In der Schule, zu Hause, überall ist es Nein! Sogar in der Kirche beginnen alle Gebote mit ‚Du sollst nicht‘. Ich nehme an, Gott wird auch im nächsten Leben zu allem Nein sagen, was wir mögen, genau wie du hier.“ Mary war entsetzt über meine Unzufriedenheit mit den Dingen der Zeit und der zukünftigen Ewigkeit und ermahnte mich, die Tugenden des Gehorsams und der Demut zu kultivieren.

Ich erinnere mich gut an die Verzweiflung, die ich in jenen Jahren empfand, als ich die ganze Situation der ständigen Einschränkung und Krüppelung eines Kinderlebens begriff. Ich nehme an, ich fand die passende Sprache, um meine Gedanken auszudrücken, denn Mary Dunn erzählte mir Jahre später, wie unsere Diskussion meine Schwester Margaret aufwühlte, die eine aufmerksame Zuhörerin war. Ich muss unsere Missstände in klaren, unmissverständlichen Begriffen dargelegt haben; denn Margaret rief eines Tages aus: „Ich sage dir, was du tun sollst. Von nun an lass uns handeln, wie wir wollen, ohne zu fragen.“ „Dann“, sagte ich, „werden wir bestraft.“ „Angenommen, wir werden es“, sagte sie, „wir werden auf jeden Fall unseren Spaß gehabt haben, und das ist besser, als das ewige ‚Nein‘ zu beachten und überhaupt keinen Spaß zu haben.“ Ihre Logik schien unwiderlegbar, also handelten wir gemeinsam nach und nach nach ihren Vorschlägen. Da sie weniger Fantasie hatte als ich, betrachtete sie das Leben mit gesundem Menschenverstand und litt nicht unter der Vorwegnahme von Problemen, während meine Sorgen durch unzählige Befürchtungen möglicher Notlagen vervierfacht wurden.

Unser Kinderzimmer, ein großes Zimmer über einem Hintergebäude, hatte drei vergitterte Fenster, die fast bis zum Boden reichten. Zwei davon öffneten sich auf ein sanft geneigtes Dach über einer Veranda. In unseren Nachtgewändern konnten wir an warmen Sommerabenden durch geschicktes Drehen und Komprimieren zwischen den Gittern herauskommen, und dort, gemütlich gegen das Haus gelehnt, konnten wir sitzen und den Mond und die Sterne sowie die Geräusche genießen, die uns von den Straßen erreichen mochten, während die Krankenschwester, die an der Hintertür plauderte, sich vorstellte, wir seien sicher eingeschlafen.

Ich bewahre eine verwirrte Erinnerung daran, oft bestraft worden zu sein für das, was man in jenen Tagen „Trotzanfälle“ nannte. Ich vermute, es waren in Wirklichkeit nur berechtigte Akte der Rebellion gegen die Tyrannei derer, die das Sagen hatten. Ich habe seither oft mit wahrer Befriedigung zugehört, wenn einige unserer Freunde von der eigenmächtigen Art erzählten, wie meine Schwester Margaret und ich uns über alle flüchtigen Befehle und strengen Regeln hinwegsetzten, die man uns als Richtschnur auferlegt hatte. Hätten wir sie befolgt, hätten wir ebenso gut als Mumien einbalsamiert werden können, angesichts all der Freude und Freiheit, die wir in unserer Kindheit genossen. Da damals nur sehr wenig für die Unterhaltung von Kindern getan wurde, waren jene glücklich, die sich gewissenhaft die Freiheit nahmen, sich selbst zu amüsieren.

Ein reizvolles Merkmal unseres Dorfes war ein Wasserlauf namens Cayadutta, der durch das nördliche Ende floss; es war unser Vergnügen, bei niedrigem Wasserstand auf den breiten Schiefersteinen darin umherzulaufen, um hübsche Kieselsteine aufzusammeln. Auch diese Freuden waren verboten, wurden jedoch bei sich bietender Gelegenheit ausgekostet, zumal sich die Philosophie meiner Schwester Margaret als erfolgreich erwies und wir schließlich unsere kindliche Angst vor Strafe überwunden hatten.

Einen Großteil meiner Freiheit verdankte ich zu dieser Zeit dieser Schwester, die später die Ehefrau von Colonel Duncan McMartin aus Iowa wurde. Ich sehe sie noch vor mir, den Hut in der Hand, ihre langen Locken im Wind fliegend, die Nase leicht gestupst, ihre großen dunklen Augen vor Übermut blitzend und ihr kleiner, gerader Mund so ausdrucksstark in seiner Entschlossenheit. Obwohl sie zwei Jahre jünger war als ich, war sie größer und stärker als ich und furchtloser und eigenständiger. Sie war immer bereit aufzubrechen, wenn sich eine Gelegenheit zum Vergnügen bot, und wenn ich zögerte, gab sie mir einen Ruck und sagte nachdrücklich: „Oh, komm schon!“ und los ging es.

Etwa zu dieser Zeit kamen wir auf die Johnstown Academy, wo wir die Bekanntschaft der Töchter des Hotelbesitzers und des County Sheriffs machten. Sie waren ein paar Jahre älter als ich, doch da ich ihnen in all meinen Studien voraus war, glich sich der Altersunterschied einigermaßen aus und wir wurden dicke Freundinnen. Diese Bekanntschaft eröffnete uns zwei neue Quellen des Vergnügens – die Freiheit des Hotels während der „Gerichtswoche“ (ein großes Ereignis im dörflichen Leben) und die Erkundung des Bezirksgefängnisses. Unsere schottische Krankenschwester hatte uns so viele spannende Geschichten von Schlössern, Gefängnissen und Kerkern in der Alten Welt erzählt, dass es einem wahrhaften Besuch in Marias Heimatland gleichkam, die großen Schlüssel und eisernen Türen, die Handschellen und Ketten sowie die Gefangenen in ihren Zellen zu sehen. Wir statteten dem Gefängnis häufige Besuche ab und nahmen regen Anteil am Schicksal der Insassen, die sich sehr über unsere Sympathiebekundungen und unsere Geschenke in Form von Kuchen und Süßigkeiten freuten. Mit der Zeit interessierten wir uns für die Prozesse und Urteile der Gefangenen und gingen zum Gerichtsgebäude, um den Verhandlungen zuzuhören. Manchmal schlüpften wir in das Hotel, in dem die Richter und Anwälte speisten, und halfen unserer kleinen Freundin beim Bedienen. Das Hin- und Herlaufen der Dienstboten, das Rufen der Gäste, das Schelten der Bediensteten in der Küche, das Zuschlagen der Türen, der allgemeine Trubel, der Lärm und das Geklapper – all das verklärte ich in meiner Vorstellung zu einem jener königlichen Feste, die Maria so oft beschrieb. Es als großes Privileg zu betrachten, Teller mit Brot und Butter, Kuchen und Käse tragen zu dürfen, war für mich selbstverständlich. Besonders genoss ich es jedoch, den Gesprächen über das mutmaßliche Schicksal unserer Freunde im Gefängnis zuzuhören. Bei einer Gelegenheit warf ich ein paar Bemerkungen in ein Gespräch zwischen zwei Anwälten ein, woraufhin sich einer von ihnen abrupt an mich wandte und sagte: „Kind, du solltest dich um deine eigenen Angelegenheiten kümmern; bring mir ein Glas Wasser.“ Ich antwortete entrüstet: „Ich bin kein Dienstmädchen; ich bin zum Spaß hier.“

Bei all diesen Eskapaden wurden wir von Peter begleitet, schwarz wie Kohle und sechs Fuß groß. Mir scheint heute, seine Hauptaufgabe bestand darin, unseren Aufenthaltsort herauszufinden, uns zum Abendessen nach Hause zu holen und uns wieder zur Schule zu bringen. Glücklicherweise sprühte er vor Neugier und war nicht abgeneigt, eine Weile dort zu verweilen, wo es etwas Interessantes zu sehen oder zu hören gab, und da wir in seiner Obhut als vollkommen sicher galten, wurden keine Fragen gestellt, wenn wir mit ihm nach Hause kamen. Er war ein kluger Kopf, und dank seiner Diplomatie entgingen wir manch unangenehmer Überwachung. Peter besuchte sehr gerne das Gericht. Alle Anwälte kannten ihn, und wo immer Peter hinging, gingen auch die drei kleinen Mädchen in seiner Obhut mit. So sammelte ich durch die ständigen Besuche im Gefängnis, im Gerichtsgebäude und im Büro meines Vaters einige Vorstellungen von der Gefahr, das Gesetz zu brechen.

Die großen Ereignisse des Jahres waren die Weihnachtsfeiertage, der vierte Juli und das „General Training“, wie die Musterung der Bezirksmiliz damals genannt wurde. Die winterlichen Festtage sind in meiner Erinnerung mit dem Aufhängen von Strümpfen sowie mit Truthähnen, Mince Pies, süßem Apfelwein und Schlittenfahrten im Mondschein verbunden. Meine frühesten Erinnerungen an diese glücklichen Tage, als die Schulen geschlossen, die Bücher beiseitegelegt und ungewöhnliche Freiheiten gewährt wurden, konzentrieren sich auf jene große Kellerküche, auf die ich bereits hingewiesen habe. Dort verbrachten wir viele Winterabende in ungestörtem Vergnügen. Ein großer Kamin mit riesigen Holzscheiten verbreitete Wärme und Heiterkeit. In einer Ecke saß Peter und spielte auf seiner Geige, während unsere jungen Nachbarn mit uns tanzten und fast jeden Abend während der Ferien Blindekuh spielten. Die interessanteste Figur bei diesem Spiel war ein schwarzer Junge namens Jacob (Peters Stellvertreter), der für uns die Dinge lebendig gestaltete, indem er immer ein Auge offen hielt – eine kluge Vorsichtsmaßnahme, um sich vor Gefahr zu schützen und uns auf Trab zu halten. Hickorynüsse, süßer Apfelwein und Olie-koeks (ein holländischer Name für ein frittiertes Gebäck mit Rosinen im Inneren) waren unsere Erfrischungen, wenn eine Pause im Vergnügen eintrat.

Da man annahm, dass St. Nikolaus durch den Schornstein käme, wurden unsere Strümpfe an einen Besenstiel geheckt, der über zwei Stühle vor dem Kamin gelegt wurde. Wir gingen am Weihnachtsabend mit den freudigsten Erwartungen an das, was am nächsten Morgen in unseren Strümpfen sein würde, zu Bett. Das Thermometer in dieser Breitengradzone stand oft zwanzig Grad unter Null, dennoch liefen wir frühmorgens barfuß über die kalten Böden nach unten, um Strümpfe, Besen usw. in das Kinderzimmer zu bringen. Die prächtigen Geschenke, die St. Nikolaus heute verteilt, zeigen, dass auch er mit dem Land gewachsen ist. Die Jungen und Mädchen von 1897 werden lachen, wenn sie vom Inhalt unserer Strümpfe im Jahr 1823 hören. Es gab eine kleine Tüte mit Süßigkeiten, eine mit Rosinen, eine weitere mit Nüssen, einen roten Apfel, einen Olie-koek und einen glänzenden silbernen Vierteldollar in der Fußspitze. Wenn ein Kind während des Jahres irgendwelche eigenwilligen Leistungen vollbracht hatte, was bei mir oft der Fall war, ragte ein langer Stock aus dem Strumpf; wenn es besonders brav gewesen war, erschien ein bebilderter Katechismus oder das Neue Testament, was zeigte, dass der St. Nikolaus jener Zeit entschiedene Ansichten über Disziplin und Ethik vertrat.

Tagsüber machten wir eine Fahrt über die schneebedeckten Hügel und Täler in einem langen roten Holzschlitten. Alle Kinder, die darin Platz fanden, ließen die Wälder mit ihren Liedern und ihrem Lachen widerhallen. Die Schlittenglocken und Peters feine Tenorstimme, die sich dem Chor hinzufügte, schienen, während wir vorbeizogen, den Bauernkindern und allen, denen wir auf der Straße begegneten, ein „Frohe Weihnachten“ zuzusingen.

Nach der Rückkehr nach Hause durften wir als besonderen Weihnachtsgenuss Peters Vorbereitungen für das Abendessen beobachten. Gekleidet in eine weiße Schürze und einen Turban, in der Hand einen Blechkerzenständer in der Größe eines Esstellers mit einer Talgkerze, marschierte er mit würdevollen Schritten in den geräumigen Keller, gefolgt von Jacob und drei kleinen Mädchen in roten Flanellkleidern. Da die Bauern die Zinsen auf ihre Hypotheken in Fässern mit Schweinefleisch, Presskopf, Geflügel, Eiern und Apfelwein bezahlten, waren die Keller für den Winter gut gefüllt, was den Herrn eines Anwesens gegenüber allen Finanzfragen recht gleichgültig machte. Wir hörten in jenen Tagen nichts von Greenbacks, Silbermünzen oder einer Goldwährung. Beladen mit Gemüse, Butter, Eiern und einem prächtigen Truthahn kehrten Peter und sein Gefolge in die Küche zurück. Dort, auf einem großen Bügeltisch sitzend, sahen wir beim Ausnehmen und Braten des Vogels in einem Blechofen vor dem Feuer zu. Jacob schälte das Gemüse, wir alle sangen, und Peter erzählte uns wunderbare Geschichten. Zum Tee machte er Pfannkuchen, die in einer Pfanne mit langem Stiel gebacken wurden, die er wendete, indem er den Teigfladen in die Luft warf und geschickt beim Herunterfallen auffing.

Peter war ein frommer Episkopaler und hatte große Freude daran, den jungen Leuten beim Schmücken der Kirche zu helfen. Er nahm uns mit und zeigte uns, wie man immergrüne Kränze band. Wie bei Marias Lamm, wo immer er hinging, waren wir sicher dabei. Seine Liebe zu uns war grenzenlos und wurde voll erwidert. Er war das einzige Wesen, ob sichtbar oder unsichtbar, vor dem wir keine Angst hatten. Wir gingen am Weihnachtsmorgen mit Peter zum Gottesdienst und saßen mit ihm an der Tür, in dem, was man die „Negerbank“ nannte. Er war das einzige farbige Mitglied der Kirche, und nachdem alle anderen Kommunikanten das Sakrament empfangen hatten, ging er allein zum Altar. Gekleidet in einen neuen blauen Anzug mit vergoldeten Knöpfen sah er aus wie ein Prinz, als er mit erhobenem Haupt den Mittelgang entlangschritt, das großartigste Exemplar von einem Mann in der ganzen Gemeinde; und doch war das Vorurteil gegen die Hautfarbe im Jahr 1823 so stark, dass niemand neben ihm knien wollte. Als er uns bei einer dieser Gelegenheiten verließ, sagte Peter uns allen, wir sollten stillsitzen, bis er zurückkäme; doch kaum war er gegangen, folgte ihm die Jüngste von uns langsam und setzte sich dicht neben ihn. Als er zurückkam und das Kind an der Hand hielt, was muss das für eine Lektion für diese voreingenommene Gemeinde gewesen sein! Als wir das erste Mal gemeinsam die Kirche betraten, öffnete der Küster eine Bank für Weiße für uns und sagte zu Peter, er solle die Kinder des Richters dort lassen. „Oh“, sagte er, „sie werden nicht ohne mich dort bleiben.“ Aber da er nicht eintreten konnte, folgten wir ihm instinktiv auf die Negerbank.

Unser nächstes großes Fest war der Jahrestag der Geburt unserer Republik. Die Feierlichkeiten waren zahlreich und langwierig, sie begannen damals wie heute um Mitternacht mit Freudenfeuern und Kanonenschüssen; während der Tag mit dem Läuten der Glocken, gewaltigem Kanonendonner und einem unaufhörlichen Knallen von Feuerwerkskörpern und Knallfröschen eingeläutet wurde. Dann marschierte eine Prozession aus Soldaten und Bürgern durch die Stadt, eine Rede wurde gehalten, die Unabhängigkeitserklärung verlesen und ein großes Essen unter freiem Himmel unter den Bäumen auf dem Gelände des alten Gerichtsgebäudes gegeben. Jeder Trinkspruch wurde mit dem Donnern von Kanonen angekündigt. Bei diesen Gelegenheiten war Peter in seinem Element und zeigte uns alles, was seiner Meinung nach sehenswert war; aber ich kann nicht sagen, dass ich weder das „General Training“ noch den vierten Juli sehr genoss, denn abgesehen von meiner Angst vor Kanonen und Knallfröschen war ich zutiefst berührt von der Traurigkeit unserer Köchin, deren betrunkener Vater an Feiertagen immer Possen auf der Straße trieb, als zentrale Figur bei allen Spielen der Jungen, sehr zum Leidwesen seiner werten Tochter. Sie weinte bitterlich über die öffentliche Zurschaustellung ihres Vaters und erzählte mir, in welchem Zustand er abends zu seiner Familie nach Hause kommen würde. Ich wäre am liebsten den ganzen Tag bei ihr geblieben, aber die Angst, als Feigling bezeichnet zu werden, zwang mich, diese schwierigen Prüfungen durchzustehen. Da meine Nerven völlig blank lagen, können keine Worte beschreiben, was ich bei diesen Explosionen, ob groß oder klein, litt, sowie unter meinen Ängsten, dass König George und seine Schergen wieder unter uns erscheinen könnten. Ich dachte, wenn er all die schrecklichen Dinge getan hatte, die in der Erklärung von '76 aufgeführt waren, könnte er wiederkommen, unsere Häuser niederbrennen und uns alle auf die Straße jagen. Sir William Johnsons Herrenhaus aus massivem Mauerwerk, düster und bedrohlich, stand noch immer in unserer Nachbarschaft. Ich hatte die Spuren des Tomahawks der Indianer auf den Balustraden gesehen und von den blutigen Taten gehört, die dort begangen worden waren. Für alle Katastrophen der Nation hielt ich König George für verantwortlich. Zu Hause und in der Schule wurden wir dazu erzogen, die Engländer zu hassen. Wenn wir uns daran erinnern, dass an jedem vierten Juli die Unabhängigkeitserklärung mit Nachdruck verlesen wurde und der Redner des Tages all seine glühenden Perioden mit Schmähungen des Mutterlandes abrundete, müssen wir uns über den nationalen Hass auf alles Englische nicht wundern. Unser Patriotismus in jenen frühen Tagen maß sich an unserer Abneigung gegen Großbritannien.

Im September fand das große Ereignis statt, die Musterung der Bezirksmiliz, im Volksmund „Training Day“ genannt. Dann gingen alle zur Rennbahn, um die Truppen zu sehen und das zu kaufen, was die Bauern in ihren Wagen mitgebracht hatten. Es gab eine besondere Art von Lebkuchen und Melassebonbons, mit denen wir bei diesen Gelegenheiten verwöhnt wurden und die in meiner Erinnerung bis heute mit militärischen Paraden und stehenden Heeren verbunden sind.

Andere Freuden waren das Streifen durch die Wälder und das Segeln auf dem Mühlteich. Eines Tages, als keine Jungen in der Nähe waren und mehrere Mädchen ungeduldig auf eine Fahrt auf einem Floß warteten, meldeten meine Schwester und ich uns freiwillig, um die Expedition zu bemannen. Wir handelten immer nach der Annahme, dass wir das, was wir tun sahen, auch selbst tun könnten. Dementsprechend sprangen wir alle auf das Floß, lösten es von seinen Vertäuungen, und los ging es mit der Strömung. Die Navigation auf diesem Mühlteich wurde mit langen Stangen durchgeführt, aber leider konnten wir die Stangen nicht heben, und bald sahen wir, dass wir auf den Damm zutrieben. Wir hatten jedoch die Geistesgegenwart, uns hinzusetzen und uns am Floß festzuhalten. Glücklicherweise fuhren wir richtig herum darüber hinweg und glitten anmutig den Bach hinunter, bis wir von dem stets wachsamen Peter gerettet wurden. Ich habe lange Zeit nichts anderes als diese Reise gehört. Ich wurde der Kapitän der Expedition genannt, und einer der Jungen schrieb einen Aufsatz, den er in der Schule vorlas, in dem er das Abenteuer beschrieb und die Unwissenheit über die Gesetze der Schifffahrt betonte, die die kommandierenden Offiziere an den Tag gelegt hatten. Ich habe bei dieser Darbietung viele Male Tränen vergossen.

KAPITEL II.

SCHULZEIT.

Als ich elf Jahre alt war, ereigneten sich zwei Vorfälle, die den Lauf meines Lebens erheblich veränderten. Mein einziger Bruder, der gerade sein Studium am Union College abgeschlossen hatte, kam nach Hause, um zu sterben. Ein junger Mann von großem Talent und vielversprechend, war er der Stolz des Herzens meines Vaters. Wir spürten früh, dass dieser Sohn einen größeren Platz in den Zuneigungen und Zukunftsplänen unseres Vaters einnahm als die fünf Töchter zusammen. Ich erinnere mich gut daran, wie zärtlich er meinen Bruder in seiner letzten Krankheit betreute, die Seufzer und Tränen, denen er freien Lauf ließ, während er langsam den Flur auf und ab ging, und als der letzte traurige Moment kam und wir alle versammelt waren, um im stillen Sterbezimmer Abschied zu nehmen, wie gebrochen seine Worte waren, als er niederkniete und um Trost und Stütze betete. Ich erinnere mich auch daran, wie ich in das große, abgedunkelte Wohnzimmer ging, um meinen Bruder zu sehen, und den Sarg, die Spiegel und die Bilder ganz in Weiß gehüllt fand und meinen Vater bleich und unbeweglich an seiner Seite sitzen sah. Da er keine Notiz von mir nahm, kletterte ich nach langem Stehen auf seinen Schoß, worauf er mechanisch seinen Arm um mich legte, und während mein Kopf gegen sein schlagendes Herz ruhte, saßen wir beide in Stille da – er in Gedanken an den Zusammenbruch all seiner Hoffnungen durch den Verlust eines geliebten Sohnes, und ich mich fragend, was gesagt oder getan werden könnte, um die Leere in seiner Brust zu füllen. Schließlich stieß er einen tiefen Seufzer aus und sagte: „Oh, meine Tochter, ich wünschte, du wärst ein Junge!“ Ich warf meine Arme um seinen Hals und antwortete: „Ich werde versuchen, alles zu sein, was mein Bruder war.“

Da und dort nahm ich mir vor, nicht mehr so viel Zeit wie bisher dem Spiel zu widmen, sondern zu lernen und danach zu streben, in all meinen Klassen die Beste zu sein und so das Herz meines Vaters zu erfreuen. Den ganzen Tag und bis weit in die Nacht hinein grübelte ich über das Problem des Jungen-Seins nach. Ich dachte, die Hauptsache, um den Jungen gleichzukommen, sei es, gelehrt und mutig zu sein. Also beschloss ich, Griechisch zu lernen und zu lernen, ein Pferd zu beherrschen. Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, schlief ich ein. Meine Vorsätze, anders als viele solcher, die man nachts fasst, verschwanden nicht mit dem kommenden Licht. Ich stand früh auf und beeilte mich, sie in die Tat umzusetzen. Es waren Vorsätze, die niemals vergessen werden sollten – dazu bestimmt, meinen Charakter von Grund auf neu zu formen. Sobald ich angezogen war, eilte ich zu unserem guten Pfarrer, Rev. Simon Hosack, der immer schon früh in seinem Garten arbeitete.

„Doktor“, sagte ich, „wen haben Sie lieber, Jungen oder Mädchen?“

„Nun, Mädchen natürlich; ich würde dich nicht gegen alle Jungen in der Christenheit eintauschen.“

„Mein Vater“, antwortete ich, „bevorzugt Jungen; er wünscht, ich wäre einer, und ich beabsichtige, so nah wie möglich wie einer zu sein. Ich werde reiten lernen und Griechisch studieren. Geben Sie mir jetzt eine Griechischstunde, Doktor? Ich möchte sofort anfangen.“

„Ja, Kind“, sagte er, warf seine Hacke beiseite, „komm in meine Bibliothek und wir beginnen ohne Verzug.“

Er ging voll und ganz auf das Gefühl des Leidens und Kummers ein, das mich ergriff, als ich entdeckte, dass ein Mädchen auf der Waagschale des Seins weniger wog als ein Junge, und er lobte meine Entschlossenheit, das Gegenteil zu beweisen. Die alte Grammatik, die er an der Universität von Glasgow studiert hatte, war bald in meinen Händen, und der griechische Artikel war noch vor dem Frühstück gelernt.

Dann kam das traurige Gepränge des Todes, das Weinen der Freunde, die dunklen Zimmer, die geisterhafte Stille, die Ermahnung an die Lebenden, sich auf den Tod vorzubereiten, das feierliche Gebet, der klagende Gesang, der Leichenzug, die feierliche, läutende Glocke, das Begräbnis. Wie habe ich während dieser traurigen Tage gelitten! Welche seltsamen, undefinierten Ängste vor dem Unbekannten ergriffen mich! Monate danach ging ich in der Dämmerung mit meinem Vater zum frisch aufgeschütteten Grab. In der Nähe standen zwei hohe Pappeln, an eine von denen ich mich lehnte, während mein Vater sich mit ausgestreckten Armen auf das Grab warf, als wolle er sein Kind umarmen. Schließlich kamen die Fröste und Stürme des November und warfen eine eisige Barriere zwischen die Lebenden und die Toten, und wir gingen nicht mehr dorthin.

Während all dieser Zeit setzte ich meine Lektionen im Pfarrhaus fort und machte schnelle Fortschritte. Ich überraschte sogar meinen Lehrer, der mich für fähig hielt, alles zu tun. Ich lernte reiten und auf dem Pferderücken über Zäune und Gräben zu springen. Ich strengte jede Kraft an, in der Hoffnung, eines Tages meinen Vater sagen zu hören: „Nun, ein Mädchen ist schließlich so gut wie ein Junge.“ Aber er sagte es nie. Wenn der Doktor herüberkam, um den Abend bei uns zu verbringen, flüsterte ich ihm ins Ohr: „Sagen Sie meinem Vater, wie schnell ich vorankomme“, und er erzählte es ihm und war verschwenderisch mit seinem Lob. Doch mein Vater schritt nur im Zimmer auf und ab, seufzte und zeigte, dass er sich wünschte, ich wäre ein Junge; und ich, nicht wissend, warum er so empfand, versteckte meine Tränen des Ärgers an der Schulter des Doktors.

Bald darauf begann ich, Latein, Griechisch und Mathematik mit einer Klasse von Jungen in der Academy zu studieren, von denen viele viel älter waren als ich. Drei Jahre lang hielt ein Junge seinen Platz an der Spitze der Klasse, und ich stand immer an zweiter Stelle. In Griechisch wurden zwei Preise ausgeschrieben. Ich kämpfte um einen und erhielt den zweiten. Wie gut erinnere ich mich an meine Freude, als ich diesen Preis entgegennahm. Es gab kein Gefühl von Ehrgeiz, Rivalität oder Triumph über meine Gefährten, noch ein Gefühl der Befriedigung, diese Ehre in Anwesenheit derer zu erhalten, die am Tag der Ausstellung versammelt waren. Ein einziger Gedanke erfüllte meinen Geist. „Jetzt“, sagte ich, „wird mein Vater mit mir zufrieden sein.“ Also rannte ich, sobald wir entlassen waren, den Hügel hinunter, stürmte atemlos in sein Büro, legte das neue griechische Testament, das mein Preis war, auf seinen Tisch und rief aus: „Da, ich habe ihn!“ Er nahm das Buch in die Hand, stellte mir einige Fragen über die Klasse, die Lehrer, die Zuschauer und, offensichtlich erfreut, gab er es mir zurück. Dann, während ich dastand, ihn ansah und darauf wartete, dass er etwas sagte, das zeigen würde, dass er die Gleichheit der Tochter mit dem Sohn anerkannte, küsste er mich auf die Stirn und rief mit einem Seufzer aus: „Ach, du hättest ein Junge sein sollen!“

Meine Freude wandelte sich in Traurigkeit. Ich rannte zu meinem guten Doktor. Er verscheuchte meine bitteren Tränen und tröstete mich mit grenzenlosem Lob und Visionen von zukünftigem Erfolg. Kurz darauf war er durch seine letzte Krankheit an das Haus gefesselt. Er fragte mich an jenem Tag, ob ich nach seinem Ableben das alte Lexikon, das Testament und die Grammatik haben wolle, in denen wir so oft gemeinsam geblättert hatten. „Ja, aber ich hätte lieber, dass du bleibst“, antwortete ich, „denn was soll ich anfangen, wenn du nicht mehr da bist?“ „Oh“, sagte er zärtlich, „ich werde nicht fort sein; mein Geist wird immer bei dir sein und dich in allen Kämpfen des Lebens beobachten.“ Edler, großmütiger Freund! Er hatte auf Erden nur wenig jemandem zu vermachen, doch als die letzte Szene seines Lebens vollendet war und sein Testament eröffnet wurde, da fand sich tatsächlich eine Klausel: „Mein griechisches Lexikon, das Testament, die Grammatik und vier Bände von Scotts Kommentaren vermache ich Elizabeth Cady.“ Ich blicke nie ohne ein Gefühl der Dankbarkeit auf diese Bücher, dass ich in meiner Kindheit mit einem solchen Freund und Lehrer gesegnet war.

Ich kann nach einer Erfahrung von siebzig Jahren wahrhaftig sagen, dass alle Sorgen und Ängste, die Prüfungen und Enttäuschungen meines ganzen Lebens leicht wiegen, wenn man sie mit meinen Leiden in Kindheit und Jugend aufwiegt, die von den theologischen Dogmen herrührten, an die ich aufrichtig glaubte, und von der Düsternis, die alles umgab, was mit dem Namen Religion, der Kirche, dem Pfarrhaus, dem Friedhof und der feierlich läutenden Glocke verbunden war. Alles, was mit dem Tod zu tun hatte, erschien damals unbeschreiblich qualvoll. Der mit einem schwarzen Leichentuch bedeckte Körper wurde auf den Schultern von Männern getragen; die Trauernden trugen Krepp und gingen mit gesenkten Häuptern, während die Nachbarn, die Tränen zu vergießen hatten, dies reichlich taten und ihre traurigsten Mienen aufsetzten. Am Grab folgten die ernsten Mahnungen an die Lebenden und manchmal schreckliche Prophezeiungen über den Zustand der Toten. All dieses Prunkgehabe des Kummers und die Visionen von dem unbekannten Land jenseits des Grabes verfolgten oft meine Mitternachtsträume und überschatteten den Sonnenschein meiner Tage. Das Pfarrhaus mit seinen kahlen Wänden und Böden, seiner verhärmten Herrin und deren blinder Schwester, die eher wie geisterhafte Schatten wirkten als wie Fleisch und Blut; die beiden schwarzen Bediensteten, geplagt von Rheumatismus und verströmend den Geruch eines beißenden Öls, das sie in der vergeblichen Hoffnung benutzten, ihre müden Glieder geschmeidiger zu machen; der betagte Pfarrer, begraben in seiner Bibliothek inmitten modriger Bücher und Papiere – all dies trug nur zur Düsternis meiner Umgebung bei. Die Kirche, die kahl war, ohne Ofen, um uns zu wärmen, ohne Orgel, um unsere Herzen zu erfreuen, ohne Chor, um unsere Lobgesänge harmonisch anzustimmen, entbehrte für den jungen Geist traurigerweise jeglicher Attraktivität. Der Prediger, eingeschlossen in einen achteckigen Kasten hoch über unseren Köpfen, hielt uns über eine Stunde lange Predigten, und der Vorsänger, in einem ähnlichen Kasten unter ihm, intonierte Zeile für Zeile die Psalmen Davids, während die Gemeinde, wie eine Schafherde an den Fersen ihres Hirten, ohne Rücksicht auf Takt oder Ton ihrem Anführer nachstolperte.

Jahre später spalteten die Einführung von Öfen, eines Violoncellos, Wesleys Hymnen und eines Chors die Kirche in zwei Teile. Diese alten schottischen Presbyterianer waren gegen alle Neuerungen, die ihrem Volk Pfade blumiger Leichtigkeit auf dem Weg in den Himmel geboten hätten. Wenn also das Thermometer auf den Johnstown Hills, vierhundert Fuß über dem Mohawk Valley, zwanzig Grad unter Null anzeigte, stapften wir mit Fußwärmern in den Händen durch den Schnee zu den kalten Gastfreundschaften des „Hauses des Herrn“, um dort bis auf die Knochen zu frieren, während wir Predigten über „Prädestination“, „Rechtfertigung durch den Glauben“ und „ewige Verdammnis“ hörten.

Unruhig zu sein oder unter solch feierlichen Umständen einzuschlafen, war ein sicherer Beweis für völlige Verderbtheit und für die Machenschaften des Teufels, der danach strebte, das Herz eines Menschen von Gott und seinen Geboten abzuwenden. Da ich dieser Unzulänglichkeiten und vieler mehr schuldig war, hielt ich mich schon früh für ein leibhaftiges Kind des Bösen und litt unter endlosen Ängsten, er möge eines Nachts kommen und mich als sein Eigentum beanspruchen. Für mich war er eine persönliche, allgegenwärtige Realität, die in einer dunklen Ecke des Kinderzimmers kauerte. Ach! Wie oft habe ich mich aus dem Bett geschlichen und zitternd auf der Treppe gesessen, wo die Flurlampe und der Klang von Stimmen aus dem Wohnzimmer meinen Schrecken einigermaßen mildern konnten. Dank einer robusten Konstitution und überschäumender Lebensfreude konnte ich die Belastung durch diese deprimierenden Einflüsse jahrelang ertragen, bis mein Verstand und mein gesunder Menschenverstand schließlich über meine Einbildungskraft triumphierten. Die Erinnerung an mein eigenes Leiden hat mich davor bewahrt, jemals eine junge Seele mit irgendeinem der Aberglauben der christlichen Religion zu überschatten. Aber es hat viele Veränderungen gegeben, selbst in meiner Heimatstadt, seit jenen dunklen Tagen. Unsere alte Kirche wurde in eine Handschuhfabrik verwandelt, und das fröhliche Summen der Maschinen und die freudigen Gesichter der Männer und Frauen haben die bösen Geister in ihre Verstecke verjagt. Man findet in Johnstown heute wunderschöne Kirchen, geschmückte Friedhöfe und fröhliche Männer und Frauen, die vom Unsinn und den Schrecken der alten Theologien völlig emanzipiert sind.

Ein wichtiges Ereignis in unserem Familienkreis war die Hochzeit meiner ältesten Schwester Tryphena mit Edward Bayard aus Wilmington, Delaware. Er war Absolvent des Union College, ein Klassenkamerad meines Bruders und besuchte oft das Haus meines Vaters. Am Ende seines Studiums kam er mit seinem Bruder Henry nach Johnstown, um Jura zu studieren. Ein ruhiges, abgelegenes kleines Dorf galt als guter Ort, um junge Männer, die ihre Ausbildung abschließen wollten, zu isolieren, da sie dort vor den Versuchungen und ablenkenden Einflüssen großer Städte sicher waren. Zudem machte der Ruf meines Vaters sein Büro zu einem begehrten Anlaufpunkt für Studenten, die darüber hinaus nicht nur ihre Möglichkeiten durch das Lesen von Blackstone, Kent und Story verbesserten, sondern auch, indem sie den Töchtern des Richters den Hof machten. Wir hatten so den Vorteil vieler angenehmer Bekanntschaften aus den führenden Familien des Landes, und auf diese Weise suchten sich schließlich vier der Schwestern höchst würdige Ehemänner aus.

Obwohl Edward Bayard zum Zeitpunkt seiner Heirat erst einundzwanzig Jahre alt war, war er ein großer, voll entwickelter Mann, bemerkenswert gut aussehend, mit kultiviertem literarischem Geschmack und einer tiefen Kenntnis der menschlichen Natur. Herzlich und liebevoll, großzügig bis zur Selbstaufgabe im Geben und Dienen, war er bald ein großer Liebling in der Familie und füllte nach und nach die Lücke, die der Verlust des Bruders und Sohnes in all unseren Herzen hinterlassen hatte.

Mein Vater war so sehr mit den Pflichten seines Berufs beschäftigt, die ihn oft von zu Hause wegriefen, und meine Mutter so müde von den Sorgen einer großen Familie – sie hatte zehn Kinder geboren, von denen zu dieser Zeit jedoch nur fünf überlebten –, dass sie nur allzu bereit waren, ihre Lasten auf jüngere Schultern zu verlagern. Unsere älteste Schwester und ihr Mann wurden daher bald unsere Berater und Ratgeber. Sie wählten unsere Kleidung, Bücher, Schulen und Bekanntschaften aus und lenkten unsere Lektüre und unsere Vergnügungen. So gingen die Zügel der häuslichen Regierung nach und nach in ihre Hände über, und die familiären Verhältnisse wurden in gewisser Weise zugunsten größerer Freiheit für die Kinder erheblich verbessert.

Das Erscheinen von Edward und Henry Bayard war für uns ein unschätzbarer Segen. Mit ihnen kam eine Ära von Picknicks, Geburtstagsfeiern und endlosen Vergnügungen; der Kauf von Bildern, Märchenbüchern, Musikinstrumenten und Ponys sowie häufige Ausflüge mit Gruppen zu Pferd. Frisch vom College machten sie uns den Unterricht in Latein, Griechisch und Mathematik so leicht, dass wir mit wahrem Vergnügen lernten und mehr Freizeit zum Spielen hatten. Henry Bayards Hauptvergnügen waren Spaziergänge, Reiten und das Spielen aller Arten von Spielen, von Mikado bis Schach, mit den drei jüngeren Schwestern, und wir haben oft gesagt, dass die drei Jahre, die er in Johnstown verbrachte, die herrlichsten unserer Mädchenzeit waren.

Unmittelbar nach dem Tod meines Bruders wurde eine Reise geplant, um unsere Großmutter Cady zu besuchen, die in Canaan, Columbia County, etwa zwanzig Meilen von Albany entfernt, lebte. Meine beiden jüngeren Schwestern und ich waren zuvor noch nie außerhalb unseres eigenen Countys gewesen, und allein der Gedanke an eine Reise steigerte unsere Begeisterung auf den höchsten Grad. An einem hellen Septembertag brachen wir auf, verpackt in zwei Kutschen. Wir waren außer uns vor Freude, als wir das Mohawk Valley mit seinem schönen Fluss und seinen vielen Brücken und Fähren hinunterfuhren. Als wir Schenectady erreichten, die erste Stadt, die wir jemals gesehen hatten, hielten wir zum Abendessen im alten Given's Hotel, wo wir beim Anblick der Tapete im Speisesaal, die in leuchtenden Farben die großen Ereignisse der heiligen Geschichte darstellte, alle Fesseln der Schicklichkeit sprengten. Da waren die Patriarchen mit fließenden Bärten und prächtiger Kleidung; Abraham, der Isaak opferte; Joseph mit seinem bunten Rock, der von seinen Brüdern in eine Grube geworfen wurde; Noahs Arche auf einem Ozean aus Wasser; Pharao und sein Heer im Roten Meer; Rebekka am Brunnen und Moses in den Binsen. All diese bedeutenden Persönlichkeiten waren uns vertraut, und sie hier zum ersten Mal in lebendigen Farben zu sehen, machte Schweigen und Essen unmöglich. Wir stürmten im Raum herum und riefen einander zu: „Oh, Kate, sieh mal hier!“, „Oh, Madge, schau mal dort!“, „Sieh den kleinen Moses!“, „Sieh die Engel auf Jakobs Himmelsleiter!“ Unsere Ausrufe kannten keine Grenzen. Die Gäste waren unbeschreiblich amüsiert, während meine Mutter und meine älteren Schwestern gleichermaßen beschämt waren; aber Mr. Bayard, der unser kindliches Staunen und unsere Freude zu schätzen wusste, lächelte und sagte: „Ich werde sie herumführen und ihnen die Bilder zeigen, dann werden sie auch essen können“, was wir schließlich auch taten.

Auf unserem Weg nach Albany waren wir gezwungen, uns endlose Abhandlungen über Manieren und strenge Kritik an unserem Verhalten im Hotel anzuhören, aber wir waren zu glücklich und erstaunt über alles, was wir sahen, um uns selbst einer subjektiven Betrachtung zu unterziehen. Selbst Peter in seiner neuen Livree, der nicht viel mehr gesehen hatte als wir, wahrte, während er aus den Augenwinkeln schielte, eine stille Würde und beschwor uns: „Tut nicht so, als kämt ihr gerade aus dem Wald und hättet noch nie etwas gesehen.“ Es gibt jedoch Zustände in der Kinderseele, in denen Unterdrückung unmöglich ist, wenn der Geist nichts als sein eigenes Vergnügen aufnimmt und wenn selbst der Gehörsinn im Sehsinn verloren geht. Die gesamte Gesellschaft wurde sich dieser Tatsache schließlich bewusst. Kinder sind keine Schauspieler. Wir hatten noch nie etwas wie diese Reise erlebt, und wie konnten wir da anders, als überrascht und erfreut zu sein?

Als wir in Albany einfuhren, der ersten großen Stadt, die wir jemals besucht hatten, riefen wir aus: „Warum, hier ist ja allgemeine Truppenübung!“ Unsere Vorstellungen von Menschenmengen hatten wir von unseren ländlichen Milizparaden. Glücklicherweise gab es im alten City Hotel keine illustrierte Tapete. Aber der Beschluss war gefasst worden, dass auf dem Rest der Reise unsere Mahlzeiten in einem privaten Zimmer serviert werden sollten, mit Peter als Bedienung. Das kam uns wie eine Rückkehr in die Kinderstube vor und war sehr demütigend. Aber das Essen war selbst dort schwierig, da wir die Kapelle vom alten Museum hören konnten, und da unsere Fenster zur Straße gingen, war das ständige Panorama von Menschen und Kutschen, die vorbeizogen, genauso verlockend wie die Bibelszenen in Schenectady. Am Abend spazierten wir herum, um die beleuchtete Stadt zu sehen, in die Schaufenster zu schauen und das Museum zu besuchen. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg nach Canaan, unsere Begeisterung noch immer ungebrochen, obwohl der starke Wunsch geäußert wurde, wir mögen durch die Strapazen des ersten Reisetages etwas gezügelt werden.

Der große Bauernhof mit seinem Vieh, den Schafen, Hühnern, Enten, Truthähnen und Gänsen; seine Meierei, Webstühle und das Spinnrad; seine Früchte und sein Gemüse; die Fahrten durch die großartigen alten Hügel; die gesegnete Großmutter und die vielen Tanten, Onkel und Cousins, die es zu küssen galt – all das hielt uns in einem Wirbel der Aufregung. Unsere Freude sprudelte von selbst über; sie war außerhalb unserer Kontrolle. Nachdem wir eine herrliche Woche in Canaan verbracht hatten, brachen wir auf, sehr zu Peters Missfallen mit einem Neuzugang in unserer Gruppe: einem aufgeweckten, kohlrabenschwarzen Jungen von fünfzehn Lenzen. Peter murrte ständig, dass er schon genug Kinder zu versorgen habe, aber da der Junge gutaussehend und intelligent war, lesen, schreiben, auf der Maultrommel und dem Banjo spielen, singen, tanzen und auf dem Kopf stehen konnte, waren wir von diesem neu gefundenen Schatz verzaubert, der sich später als großer Segen für die Familie erweisen sollte. Auf der Rückreise waren wir weniger lebhaft. Ob dies Peters unermüdlichen Bemühungen zuzuschreiben war, uns im Zaum zu halten, oder ob die Neuheit der Reise ein Stück weit verflogen war, ist schwer zu sagen, aber wir waren offensichtlich nicht mehr so ausgelassen und wurden gebührend für unser gutes Benehmen gelobt.

Als wir zu Hause ankamen und unseren dörflichen Gefährten erzählten, was wir auf unseren ausgedehnten Reisen (nur siebzig Meilen von zu Hause entfernt) gesehen hatten, waren sie voller Staunen, und wir wurden in ihren Augen zu Heldinnen. Danach machten wir häufig Reisen nach Saratoga, zu den Northern Lakes, Utica und Peterboro, aber wir waren nie wieder so völlig aus dem Häuschen wie bei den biblischen Illustrationen im Speisesaal des alten Given's Hotel.

Da das Büro meines Vaters an das Haus angrenzte, verbrachte ich dort viel von meiner Zeit, wenn ich nicht in der Schule war, hörte den Klienten zu, wie sie ihre Fälle darlegten, sprach mit den Studenten und las die Gesetze in Bezug auf Frauen. In unserer schottischen Nachbarschaft hielten viele Männer noch an den alten feudalen Vorstellungen von Frauen und Eigentum fest. Väter vererbten bei ihrem Tod den Großteil ihres Besitzes dem ältesten Sohn, mit der Bestimmung, dass die Mutter bei ihm ein Zuhause haben sollte. Daher war es nicht ungewöhnlich, dass die Mutter, die das gesamte Vermögen in die Familie eingebracht hatte, zu einer unglücklichen Bittstellerin der Freigebigkeit einer ihr missgünstigen Schwiegertochter und eines verschwenderischen Sohnes wurde. Die Tränen und Klagen der Frauen, die wegen rechtlichen Rats zu meinem Vater kamen, rührten mein Herz und lenkten früh meine Aufmerksamkeit auf die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Gesetze. Da die Ausübung des Rechts das Geschäft meines Vaters war, konnte ich nicht genau verstehen, warum er das Leiden dieser Frauen nicht lindern konnte. Um mich aufzuklären, nahm er daher seine Bücher vom Regal und zeigte mir die unerbittlichen Statuten. Die Studenten, die mein Interesse bemerkten, amüsierten sich damit, mir all die schlimmsten Gesetze vorzulesen, die sie finden konnten, worüber ich abwechselnd lachte und weinte. An einem Weihnachtsmorgen ging ich ins Büro, um ihnen unter anderem meine neuen Geschenke, eine Korallenkette und Armbänder, zu zeigen. Sie bewunderten alle den Schmuck und begannen dann, mich mit hypothetischen Fällen von zukünftigem Eigentum aufzuziehen. „Nun“, sagte Henry Bayard, „wenn du zu gegebener Zeit meine Frau sein solltest, würden diese Schmuckstücke mir gehören; ich könnte sie nehmen und wegschließen, und du könntest sie niemals ohne meine Erlaubnis tragen. Ich könnte sie sogar gegen eine Kiste Zigarren eintauschen, und du könntest zusehen, wie sie sich in Rauch auflösen.“

Durch dieses ständige Frotzeln der Studenten und die traurigen Klagen der Frauen war mein Geist schwer verwirrt. Wenn also von Zeit zu Zeit meine Aufmerksamkeit auf diese abscheulichen Gesetze gelenkt wurde, markierte ich sie mit einem Bleistift, und da ich immer mehr von der Notwendigkeit überzeugt war, aktive Schritte gegen diese ungerechten Bestimmungen zu unternehmen, beschloss ich, die erste Gelegenheit zu ergreifen, wenn ich allein im Büro war, sie alle aus den Büchern herauszuschneiden; in der Annahme, mein Vater und seine Bibliothek seien der Anfang und das Ende des Gesetzes. Diese Verstümmelung seiner Bände wurde jedoch nie vollzogen, denn die liebe alte Flora Campbell, der ich meinen Plan zur Linderung der Missstände meines unglücklichen Geschlechts anvertraute, warnte meinen Vater vor dem, was ich zu tun gedachte. Ohne mich wissen zu lassen, dass er mein Geheimnis entdeckt hatte, erklärte er mir eines Abends, wie Gesetze gemacht wurden, welch große Anzahl von Anwälten und Bibliotheken es im ganzen Staat gab und dass es keinen Unterschied für die Lage der Frau machen würde, wenn seine Bibliothek verbrennen sollte. „Wenn du erwachsen bist und in der Lage, eine Rede vorzubereiten“, sagte er, „musst du nach Albany gehen und mit den Gesetzgebern sprechen; erzähle ihnen alles, was du in diesem Büro gesehen hast – das Leid dieser schottischen Frauen, die um ihr Erbe gebracht und von ihren unwürdigen Söhnen abhängig gemacht wurden, und wenn du sie überzeugen kannst, neue Gesetze zu verabschieden, werden die alten ein toter Buchstabe sein.“ So wurde das zukünftige Ziel meines Lebens vorausgeahnt und meine Pflicht von demjenigen deutlich umrissen, der am meisten gegen meine öffentliche Laufbahn war, als ich sie zu gegebener Zeit einschlug.

Bis ich sechzehn Jahre alt war, war ich eine treue Schülerin der Johnstown Academy in einer Klasse mit Jungen. Obwohl ich das einzige Mädchen in den höheren Klassen der Mathematik und der Sprachen war, vermischten sich doch bei unseren Spielen alle Mädchen und Jungen frei miteinander. Beim Wettrennen, Rodeln und Schneeballschlacht machten wir keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Zwar trugen die Jungen die Schulbücher und zogen die Schlitten für ihre Lieblingsmädchen den Hügel hinauf, aber Gleichheit war die allgemeine Grundlage unserer schulischen Beziehungen. Ich wage zu behaupten, dass die Jungen ihre Schneebälle nicht ganz so hart machten, wenn sie die Mädchen bewarfen, noch ihre Gesichter mit derselben Vehemenz wuschen wie die der jeweils anderen, aber es gab keinen öffentlichen Beweis von Parteilichkeit. Wenn jedoch ein Junge zu grob war oder einen Vorteil gegenüber einem Mädchen nutzte, das kleiner war als er selbst, wurde er prompt von seinen Gefährten verprügelt. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz und eine öffentliche Meinung in jener kleinen Welt der Akademie, die es uns ermöglichte, mit größter Freiheit und Harmonie zusammen zu lernen und zu spielen.

Von der Akademie gingen die Jungen meiner Klasse zum Union College in Schenectady. Als diejenigen, mit denen ich fünf Jahre lang gelernt und um Preise gewetteifert hatte, kamen, um sich von mir zu verabschieden, und ich von der Barriere erfuhr, die mich daran hinderte, in ihre Fußstapfen zu treten – „keine Mädchen hier zugelassen“ –, da kannte mein Ärger und meine Demütigung keine Grenzen. Ich erinnere mich noch heute daran, wie stolz und gutaussehend die Jungen in ihren neuen Kleidern aussahen, als sie in die alte Postkutsche sprangen und davonfuhren, und wie einsam ich mich fühlte, als sie fort waren und ich nichts zu tun hatte, denn die Pläne für meine Zukunft waren noch unbestimmt. Wieder einmal spürte ich deutlicher denn je die Demütigung der Unterschiede, die aufgrund des Geschlechts gemacht wurden.

Meine Zeit war nun mit Reiten, dem Studium des Schachspiels und ständigen Zankereien mit den Jurastudenten über die Rechte der Frauen ausgefüllt. Immer wieder ergab sich etwas aus den Erfahrungen des täglichen Lebens oder aus den Büchern, die wir lasen, das uns frische Themen für Argumente lieferte. Sie lasen Passagen aus den britischen Klassikern vor, die genauso aufregend waren wie die Gesetze. Sie erfreuten sich an Auszügen aus Shakespeare, besonders aus „Der Widerspenstigen Zähmung“, einer bewundernswerten Satire für sich auf das alte Common Law Englands. Ich hasste Petruchio, als wäre er ein wirklicher Mann. Der junge Bayard rezitierte mit Inbrunst die berühmte Antwort von Miltons idealer Frau an Adam: „Gott ist dein Gesetz, du meines.“ Auch die Bibel wurde herangezogen. Tatsächlich schien es mir, als lehrte jedes Buch die „göttlich verordnete“ Vormachtstellung des Mannes; aber mein Geist beugte sich nie dieser populären Häresie.

KAPITEL III.

MÄDCHENJAHRE.

Mrs. Willards Seminar in Troy war in meiner Mädchenzeit die Modeschule, und im Winter 1830 fand ich mich dort zusammen mit über einhundert anderen Mädchen als aktive Teilnehmerin an allen Freuden und Leiden jener Anstalt wieder. Als im Familienrat beschlossen wurde, mich an jenen intellektuellen Mekka zu schicken, nahm ich die Ankündigung nicht mit ungeteilter Freude auf, da ich mich bereits auf das Union College festgelegt hatte. Der Gedanke an eine Schule ohne Jungen, die für mich sowohl beim Lernen als auch beim Spielen ein solcher Ansporn gewesen waren, erschien meiner Vorstellungskraft trostlos und nutzlos.

Das bemerkenswerteste Merkmal meiner Reise nach Troy war die Eisenbahn von Schenectady nach Albany, die erste, die jemals in diesem Land verlegt wurde. Die Art und Weise, wie man beim Verlassen der Stadt einen hohen Hügel erklomm, würde Ingenieuren heute als im höchsten Grade töricht erscheinen. Die Personenwagen wurden von einem mit Steinen beladenen Zug hinaufgezogen, der den Hügel hinabfuhr. Der rationalere Weg, durch den Hügel einen Tunnel zu graben oder ihn zu umfahren, war unseren holländischen Vorfahren noch nicht in den Sinn gekommen. Bei jedem Schritt meiner Reise nach Troy hatte ich das Gefühl, meinen Stolz mit Füßen zu treten, und so begann ich meine Internatszeit in einer hoffnungslosen Geistesverfassung. Ich hatte bereits alles gelernt, was dort unterrichtet wurde, außer Französisch, Musik und Tanzen, also widmete ich mich diesen Fertigkeiten. Da ich eine gute Stimme hatte, sang ich gerne zur Gitarrenbegleitung, und da ich ein gutes Rhythmusgefühl besaß, schätzte ich die Harmonie in Musik und Bewegung und fand großen Gefallen am Tanzen. Das große Haus, die Gesellschaft so vieler Mädchen, die Spaziergänge durch die Stadt, die Neuheit von allem ließen das neue Leben erfreulicher erscheinen, als ich erwartet hatte. Sicherlich vermisste ich die Jungen, mit denen ich aufgewachsen war, jahrelang gespielt und später meine intellektuellen Kräfte gemessen hatte, aber da sie nun eine Neuheit darstellten, lag ein neuer Reiz darin, sie gelegentlich zu sehen. Nachdem ich kurze Zeit dort war, hörte ich eines Tages einen Ruf: „Köpfe raus!“ Ich rannte mit den anderen und rief: „Was ist los?“, in der Erwartung, eine Giraffe oder ein anderes Wunder aus Barnums Museum zu sehen. „Nun, siehst du denn nicht die Jungen da?“, sagte eine. „Oh“, erwiderte ich, „ist das alles? Ich habe mein ganz Leben lang Jungen gesehen.“ Wenn wir befreundete Familien in der Stadt besuchten, pflegten wir Bekanntschaft mit deren Söhnen zu schließen, und da alle sozialen Kontakte streng verboten waren, hatte das Wiedersehen mit ihnen einen neuen Reiz. Da es ihnen nicht erlaubt war, uns zu besuchen oder Briefe zu schreiben, es sei denn, sie waren Brüder oder Cousins, hatten wir mit der Zeit eine große Anzahl von Verwandten.

Es war für mich nun von intensivem Interesse, Briefe zu schreiben, Besuche zu empfangen und mich den jungen Männern auf den Straßen für einen Spaziergang anzuschließen, wie ich es nie gekannt hatte, als ich in der Schule und bei unseren täglichen Vergnügungen ständig mit ihnen zusammen war. Eingesperrt mit Mädchen, von denen die meisten älter waren als ich, hörte ich viele Themen diskutieren, an die ich zuvor nie gedacht hatte, und zwar auf eine Weise, von der es besser gewesen wäre, ich hätte sie nie gehört. Die heilsame Zurückhaltung, die im Gespräch zwischen Jungen und Mädchen immer besteht, neigt dazu, sich zu lockern, wenn ein Geschlecht unter sich ist. In all meinem engen Umgang mit Jungen bis zu dieser Zeit kann ich mich an kein Wort oder keine Tat erinnern, die Kritik verdient hätte, aber das Gleiche kann ich nicht von den Mädchen während der drei Jahre sagen, die ich am Seminar in Troy verbrachte. Meine eigene Erfahrung beweist mir, dass es ein schwerer Fehler ist, Jungen und Mädchen auf getrennte Bildungseinrichtungen zu schicken, besonders im empfänglichsten Alter. Der Reiz des anderen Geschlechts fördert gleichermaßen einen gesunden Zustand der intellektuellen und moralischen Fähigkeiten und verleiht beiden eine Entwicklung, die sie allein niemals erreichen können.

Mrs. Willard, die mehrere Monate in Europa verbracht hatte, kehrte erst zurück, als ich schon einige Zeit am Seminar war. Ich erinnere mich gut an ihre Ankunft und die Freude, mit der sie von den Lehrerinnen und Schülerinnen begrüßt wurde, die sie schon früher kannten. Sie war eine prächtig aussehende Frau, damals in ihrer Blüte, und entsprach voll und ganz meiner Vorstellung von einer Königin. Ich bezweifle, dass irgendeine königliche Persönlichkeit in der Alten Welt ihre Verehrer mit mehr Anmut und Würde hätte empfangen können als diese weitberühmte Tochter der Republik. Sie war eine der bemerkenswerten Frauen jener Zeit und leistete eine großartige pädagogische Arbeit für ihr Geschlecht. Sie gewährte einer großen Anzahl vielversprechender Mädchen Stipendien, bildete sie zu Lehrerinnen aus, mit der Bedingung, dass sie, wenn sich die Gelegenheit böte, ihrerseits andere ausbilden sollten.

Ich werde einen Vorfall nie vergessen, der mir viel Unglück bereitete. Ich hatte einen sehr amüsanten Aufsatz geschrieben, in dem ich mein Zimmer beschrieb. Eine Freundin kam gerade zu mir, als ich ihn beendet hatte, und da sie mich bat, ihr daraus vorzulesen, tat ich es. Sie fand ihn sehr schön und schlug einen Austausch vor. Sie sagte, die Zimmer seien alle so ähnlich, dass sie ihn mit einer kleinen Änderung verwenden könne. Da ich sehr empfänglich für Schmeicheleien war, gewann ihr Lob für mein Werk eine schnelle Zustimmung; aber als ich ihre Banalitäten las, bereute ich den Tausch, und noch mehr beim Ausgang der Geschichte.

Diejenigen, die ausgewählt wurden, Aufsätze vorzubereiten, lasen sie vor der ganzen Schule vor. Der Aufsatz meiner Freundin wurde mit großem Gelächter und Beifall aufgenommen. Derjenige, den ich las, fiel nicht nur durch, sondern erschütterte auch mich fast. Sobald ich fertig war, verließ eine der jungen Damen den Raum, kehrte nach wenigen Augenblicken mit ihrem Aufsatzheft zurück und legte es der Lehrerin vor, die an diesem Tag den Vorsitz führte, wobei sie ihr denselben Aufsatz zeigte, den ich gerade vorgelesen hatte. Ich wurde sofort aufgefordert, mich zu erklären, war aber so verblüfft und verwirrt, dass ich nicht sprechen konnte, und ich sah aus wie die Personifizierung der Schuld. Ich erkannte auf einen Blick die verachtenswerte Lage, in der ich mich befand, und fühlte mich, als sei der letzte Tag gekommen, als stünde ich vor dem Richterstuhl und hätte das schreckliche Urteil gehört: „Geht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“ Wie ich von jener Szene in mein eigenes Zimmer entkam, weiß ich nicht. Ich war zu unglücklich für Tränen. Ich saß lange Zeit allein, als ein sanftes Klopfen meine Verräterin ankündigte. Sie schlang ihre Arme liebevoll um mich und küsste mich immer wieder.

„Oh!“, sagte sie, „du bist eine Heldin. Du hast diese schwere Prüfung wie ein Soldat bestanden. Ich hatte solche Angst, als du mit Fragen bedrängt wurdest, dass die ganze Wahrheit herauskommen würde und ich gezwungen wäre, an deiner Stelle zu stehen. Ich bin nicht so tapfer wie du; ich hätte es nicht ertragen können. Jetzt, wo du es hinter dir hast und weißt, wie bitter diese Prüfung ist, versprich mir, dass du mich vor derselben Erfahrung bewahrst. Du bist so gut und edel, ich weiß, du wirst mich nicht verraten.“

In diesem höchsten Moment des Elends und der Schande waren ihre liebevollen Worte und ihre warme Umarmung wie Balsam für meine verletzte Seele, und ich versprach bereitwillig alles, was sie verlangte. Das Mädchen hatte den wachen Punkt meines Charakters durchschaut. Ich liebte Schmeichelei. Durch dieses Mittel bekam sie in erster Linie meinen Aufsatz, verpflichtete mich in zweiter Linie zum Schweigen und verwirrte meine moralische Wahrnehmung so sehr, dass ich es wirklich für lobenswert hielt, sie vor dem zu schützen, was ich erlitten hatte. Ohne mein Zutun kam der Trick jedoch durch eben jene Mittel ans Licht, die sie ergriff, um die Vertuschung sicherzustellen. Nachdem die Aufsätze vorgelesen worden waren, wurden sie zur Korrektur an eine bestimmte Lehrerin übergeben. Miss ---- hatte meinen kopiert und mir das Original zurückgegeben. Ich hatte ihren nicht kopiert, also waren beide in derselben Handschrift – einer mit meinem Namen außen und einer mit dem von Miss ----.

Da ich in der Schule sowohl wegen meiner Leistungen als auch wegen meines Betragens einen guten Ruf hatte, löste mein plötzlicher Sündenfall unendliche Diskussionen aus. Als die Lehrerin die beiden Aufsätze in Miss ----s Handschrift entdeckte, kam sie zu mir, um sich zu erkundigen, wie ich zu einem von Miss ----s Aufsätzen gekommen sei. Sie sagte: „Wo ist derjenige, den du für diesen Tag geschrieben hast?“

Ich nahm ihn aus meiner Mappe und antwortete: „Hier ist er.“

Sie fragte dann: „Hast du ihn aus ihrem Heft kopiert?“

Ich antwortete: „Nein; ich habe ihn selbst geschrieben.“

„Warum hast du dann nicht deinen eigenen vorgelesen?“

„Wir hatten vereinbart zu tauschen“, sagte ich.

„Wusstest du, dass Miss ---- das aus dem Heft eines anderen jungen Mädchens kopiert hatte?“

„Nein, nicht bis ich beschuldigt wurde, es selbst getan zu haben, vor der ganzen Schule.“

„Warum hast du dich nicht sofort verteidigt?“

„Ich konnte nicht sprechen, noch wusste ich, was ich sagen sollte.“

„Warum hast du es zugelassen, eine ganze Woche lang in einer so falschen Position zu bleiben?“

„Ich weiß es nicht.“

„Angenommen, ich hätte das nicht herausgefunden, hattest du vor, zu schweigen?“

„Ja“, antwortete ich.

„Hat Miss ---- dich darum gebeten?“

„Ja.“

Ich war bei dieser Lehrerin sehr beliebt gewesen, aber sie war so angewidert von meiner Dummheit, wie sie meine Schüchternheit nannte, dass sie sagte:

„Wirklich, mein Kind, du hast dich in dieser Angelegenheit nicht so verhalten, als hättest du auch nur einen Funken gesunden Menschenverstand.“

So wenig schätzen Erwachsene in vertrauter Umgebung die Verwirrung der Sinne eines Kindes bei neuen und schwierigen Erfahrungen. Als die arme Miss ---- an der Reihe war, vor der ganzen Schule zu stehen und die Last auf ihre eigenen Schultern zu nehmen, die sie so gerissen auf meine gelegt hatte, vergoss ich bereitwillig die Tränen für sie, die ich für mich selbst nicht aufbringen konnte. Dies war meine erste traurige Lektion über die menschliche Falschheit.

Diese Episode zerstörte leider in gewissem Maße mein Vertrauen in meine Gefährtinnen und machte mich sogar gegenüber denen misstrauisch, die mit anerkennenden Worten zu mir kamen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich alle Dinge so hingenommen, wie sie oberflächlich erschienen. Nun begann ich mich zu fragen, was hinter den sichtbaren Gegebenheiten um mich herum lag. Vielleicht war die Erfahrung nützlich, denn es ist für ein junges Mädchen, das zum ersten Mal völlig auf sich allein gestellt unter Fremden ist, sehr notwendig, Vorsicht bei allem zu lernen, was es sagt und tut. Die Atmosphäre des häuslichen Lebens, in dem alle Masken und Täuschungen abgelegt werden, ist ganz anders als in einer großen Mädchenschule mit den kleinen Eifersüchteleien und Antagonismen, die im täglichen Wettbewerb um Kleidung, Studien, Fertigkeiten und Vergnügungen entstehen.

Das nächste Ereignis in Troy, das meinen Charakter entscheidend beeinflusste, war das Erscheinen des Rev. Charles G. Finney, eines Kanzelredners, der sich als ein Schrecken der menschlichen Seelen als ebenbürtig zu Savonarola erwies. Er hielt eine langwierige Versammlung in der Kirche von Rev. Dr. Beaman ab, die viele meiner Mitschülerinnen besuchten. Das Ergebnis von sechs Wochen unermüdlicher Bemühungen seitens Mr. Finney und seiner Mitstreiter war eine jener intensiven Erweckungszeiten, die wie eine Epidemie über die Stadt und das Seminar hinwegfegten und die Empfänglichsten in ihrer schlimmsten Form befielen. Aufgrund meiner düsteren calvinistischen Erziehung in der alten schottischen presbyterianischen Kirche und meiner lebhaften Vorstellungskraft war ich eines der ersten Opfer. Wir besuchten alle öffentlichen Gottesdienste, neben den täglichen Gebets- und Erfahrungsversammlungen, die im Seminar abgehalten wurden. Unsere Studien traten für die Zeit hinter die wichtigere Pflicht, unsere Seelen zu retten, zurück.

Wenn man sich die Idee von Bekehrung und Erlösung vor Augen führt, wie sie damals verstanden wurde, kann man von unserem heutigen Standpunkt aus leicht erkennen, dass nichts für den jungen Geist verwirrender und zermürbender sein konnte. Die Erweckung war erst einmal in Gang gekommen, und die Erregbarsten saßen bald auf der „anxious seat“ (der Bank der Ängstlichen). Dort lernten wir die völlige Verderbtheit der menschlichen Natur und die schreckliche Gefahr des Sünders, die ewige Verdammnis. Dies wurde so weit ausgeführt, dass selbst das unschuldigste Mädchen sich für ein Ungeheuer der Ungerechtigkeit hielt und sich der ewigen Verdammnis sicher war. Dann wurde Gottes Hass auf die Sünde betont und seine unversöhnliche Haltung gegenüber dem Sünder so gerechtfertigt, dass man sich wie ein elender, hilfloser, verlassener Wurm im Staub fühlte, wenn man versuchte, sich ihm auch nur im Gebet zu nähern.

Nachdem man einen in einen Zustand tiefer Demut gebracht hatte, die einzige Kardinaltugend für jemanden unter Überzeugung, wurde einem in den Tiefen der Verzweiflung gesagt, dass es keiner herkulischen Anstrengung bedürfe, um in einen Engel verwandelt, mit Gott versöhnt zu werden und der endlosen Verdammnis zu entgehen. Der Weg zur Erlösung war kurz und einfach. Wir hatten nichts weiter zu tun, als zu bereuen, zu glauben und unsere Herzen Jesus zu schenken, der immer bereit war, sie anzunehmen. Wie man das alles tun sollte, war die verwirrende Frage. Als ich eines Tages mit Dr. Finney sprach, sagte ich:

„Ich kann nicht verstehen, was ich tun soll. Wenn Sie mir sagen würden, ich solle auf die Spitze des Kirchturms gehen und herunterspringen, würde ich es bereitwillig tun, wenn ich dadurch meine Seele retten könnte; aber ich weiß nicht, wie ich zu Jesus gehen soll.“

„Bereue und glaube“, sagte er, „das ist alles, was du tun musst, um hier und im Jenseits glücklich zu sein.“

„Es tut mir sehr leid“, erwiderte ich, „für alles Böse, das ich getan habe, und ich glaube alles, was Sie mir sagen, und je aufrichtiger ich glaube, desto unglücklicher bin ich.“

Mit der natürlichen Reaktion von Verzweiflung zu Hoffnung bildeten sich viele von uns ein, bekehrt zu sein, beteten und gaben unsere Erfahrungen in den Versammlungen weiter und freuten uns manchmal bei dem Gedanken, dass wir Christen waren – auserwählte Kinder Gottes – anstatt Sünder und Ausgestoßene.

Doch Dr. Finneys schreckliche Anathemen über die Verderbtheit und Tücke des menschlichen Herzens verkürzten bald unsere neugeborenen Hoffnungen. Sein Auftreten auf der Kanzel bei diesen denkwürdigen Gelegenheiten hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich kann ihn jetzt noch sehen, wie seine großen Augen durch die Gemeinde rollen und seine Arme wie bei einer Windmühle in der Luft herumwirbeln. Eines Abends beschrieb er die Hölle und den Teufel und den langen Zug der Sünder, die die Stromschnellen hinuntergerissen wurden, kurz vor dem schrecklichen Sturz in die brennenden Tiefen des flüssigen Feuers unter ihnen, und die jubelnden Scharen in der Unterwelt, die ihnen entgegenkamen, wobei das Geschrei der Teufel durch die gewölbten Bögen widerhallte. Er hielt plötzlich inne, zeigte mit dem Zeigefinger auf die vermeintliche Prozession und rief aus:

„Da, seht ihr sie nicht!“

Ich war so aufgewühlt, dass ich tatsächlich aufsprang und in die Richtung starrte, in die er zeigte, während das Bild vor meinen Augen glühte und mir monatelang in Erinnerung blieb. Ich kann nicht umhin zu sagen, dass, obwohl den intellektuellen, moralischen und spirituellen Gaben des ehrwürdigen Ex-Präsidenten des Oberlin College hoher Respekt gebührt, solches Predigen den Seelen, die er zu retten suchte, unermesslichen Schaden zufügte. Angst vor dem Jüngsten Gericht ergriff meine Seele. Visionen der Verlorenen verfolgten meine Träume. Seelische Qualen erschütterten meine Gesundheit. Freunde fürchteten die Entthronung meiner Vernunft. Aber er war aufrichtig, also Friede seiner Asche! Als ich nach Hause zurückkehrte, weckte ich oft nachts meinen Vater aus seinem Schlaf, damit er für mich betete, aus Furcht, ich könnte vor dem Morgen in den bodenlosen Abgrund geworfen werden.

Um den Strom meiner Gedanken zu ändern, wurde ein Ausflug nach Niagara geplant, und es wurde beschlossen, dass das Thema Religion überhaupt tabuisiert werden sollte. Dementsprechend machte sich unsere Gruppe, bestehend aus meiner Schwester, ihrem Mann, meinem Vater und mir, in unserer privaten Kutsche auf den Weg, und sechs Wochen lang hörte ich nichts über dieses Thema. Etwa zu dieser Zeit veröffentlichten Gall und Spurzheim ihre Werke über Phrenologie, gefolgt von Combes „Constitution of Man“, seiner „Moral Philosophy“ und vielen anderen liberalen Werken, die alle so rational und im Gegensatz zu den alten Theologien standen, dass sie einen tiefen Eindruck auf den Geist meines Schwagers machten. Da wir diese Bücher bei uns hatten und unterwegs lasen und diskutierten, interessierten wir uns alle sehr für die neuen Ideen. So fand ich nach vielen Monaten des müden Umherirrens im intellektuellen Labyrinth von „Sündenfall“, „Erbsünde“, „völliger Verderbtheit“, „Gottes Zorn“, „Satans Triumph“, „Kreuzigung“, „Sühnopfer“ und „Erlösung durch Glauben“ meinen Weg aus der Dunkelheit in das klare Sonnenlicht der Wahrheit. Meine religiösen Aberglauben wichen rationalen Ideen, die auf wissenschaftlichen Fakten beruhten, und in dem Maße, wie ich alles von einem neuen Standpunkt aus betrachtete, wurde ich von Tag zu Tag glücklicher. So wurde mein Geist mit einer herrlichen Reise im Monat Juni, einer völligen Veränderung meiner Lektüre und meines Gedankengangs wieder in seinen normalen Zustand versetzt. Ich betrachte es als eines der größten Verbrechen, die Geister der Jungen mit diesen düsteren Aberglauben zu beschatten und mit der Angst vor dem Unbekannten und dem Unerkennbaren alle ihre Lebensfreude zu vergiften.

Nach den Einschränkungen der Kindheit zu Hause und in der Schule, welch eine Zeit unbändiger Freude und Freiheit kommt uns im Mädchenalter mit dem ersten Geschmack von Freiheit entgegen. Dann wird unsere Individualität in gewissem Maße anerkannt und unsere Gefühle und Meinungen werden konsultiert; dann entscheiden wir, wo und wann wir kommen und gehen, was wir essen, trinken, tragen und tun. Seinem eigenen Geschmack bei der Kleidung zu folgen, zu kaufen, was man mag, und zu tragen, was man wählt, ist für die meisten jungen Leute ein großes Privileg. Nach Belieben auszugehen, zu spazieren, zu reiten, zu fahren, ohne dass jemand uns nein sagt oder unser Recht auf Freiheit in Frage stellt, das ist in der Tat wie eine Geburt in eine neue Welt des Glücks und der Freiheit. Dies ist auch die Zeit, in der die Gefühle uns beherrschen und wir alles im Leben idealisieren; wenn Liebe und Hoffnung die Gegenwart zu einer Ekstase machen und die Zukunft hell vor Erwartung ist.

Dann kommt dieser Traum von Glückseligkeit, der wochen- und monatelang einen Heiligenschein der Herrlichkeit um die gewöhnlichsten Charaktere des Alltags legt und die stärksten und vernünftigsten jungen Männer und Frauen in einen Bann schlägt, dem nur wenige Sterbliche entkommen. Die Zeit, in der die Liebe mit sanften silbernen Tönen ihre ersten Worte der Anbetung flüstert, unsere Anmut und Tugenden Tag für Tag in lebendigen Farben in Poesie und Prosa malt, heimlich immer wieder mit einem Kuss oder einer zärtlichen Umarmung unterbrochen. Welche Würde es der Selbsteinschätzung eines jungen Mädchens verleiht, wenn ein starker Mann sie spüren lässt, dass in ihren Händen sein zukünftiger Friede und sein Glück ruhen! Obwohl diese Zeiten der Trunkenheit einmal für alle kommen mögen, wiederholen sie sich doch selten. Wie oft sehnen wir uns im späteren Leben nach einem weiteren solchen rauschhaften Traum von Glückseligkeit, einer weiteren Zeit der höchsten menschlichen Liebe und Leidenschaft!

Nachdem ich die Schule verlassen hatte, bis zu meiner Heirat, hatte ich die angenehmsten Jahre meines Mädchenalters. Mit häufigen Besuchen bei einem großen Kreis von Freunden und Verwandten in verschiedenen Städten und Gemeinden war die Monotonie des häuslichen Lebens ausreichend durchbrochen, um unsere einfachen Vergnügungen auf dem Land immer herrlich und angenehm zu gestalten. Ein völlig neues Leben eröffnete sich mir nun. Die alte Knechtschaft der Angst vor dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren war gebrochen, und da ich nicht mehr absoluter Autorität unterworfen war, freute ich mich über das Morgengrauen eines neuen Tages der Freiheit in Denken und Handeln.

Mein Schwager, Edward Bayard, zehn Jahre älter als ich, war zu dieser Zeit ein unschätzbarer Segen für mich, besonders da sich mein Geist gerade erst für die Betrachtung all der vielfältigen Probleme des Lebens öffnete. Für mich und meine Schwestern war er ein Begleiter bei all unseren Vergnügungen, ein Lehrer in den höheren Bereichen des Wissens und ein Ratgeber bei all unseren jugendlichen Prüfungen und Enttäuschungen. Er war von metaphysischer Natur und bei der Suche nach der Wahrheit in keiner Weise durch populäre Aberglauben behindert. Er nahm nichts als gegeben hin und ging wie Sokrates umher und stellte Fragen. Nichts erfreute ihn mehr, als eine Schar heller junger Mädchen um sich zu versammeln und ihnen beizubringen, wie man klar denkt und logisch schlussfolgert.

Ein großer Vorteil der Jahre, die meine Schwestern und ich am Troy Seminary verbrachten, war die große Anzahl angenehmer Bekanntschaften, die wir dort machten und von denen viele zu lebenslangen Freundschaften reiften. Von Zeit zu Zeit besuchten uns viele unserer Klassenkameradinnen, und alle genossen gleichermaßen das intellektuelle Fechten, in dem mein Schwager sie schulte. Er sprach mit uns über Recht, Philosophie, politische Ökonomie, Geschichte und Poesie, und gemeinsam lasen wir zahllose Romane. Die langen Winterabende vergingen so angenehm, während Mr. Bayard abwechselnd sprach und uns aus Scott, Bulwer, James, Cooper und Dickens vorlas, deren Werke gerade damals Woche für Woche in Ausgaben erschienen und uns immer an der kritischsten Stelle der Geschichte in Spannung hielten. Unsere Lesungen wurden abgewechselt mit Rezitationen, Musik, Tanzen und Spielen.

Da wir alle lebhafte Bewegung genossen, machten wir selbst bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt lange Spaziergänge und Schlittenfahrten während des Tages, und so vergingen die Wintermonate schnell, während der herrliche Sommer auf jenen blauen Hügeln eine Zeit ungetrübten Vergnügens war. In dieser Jahreszeit standen wir um fünf Uhr morgens auf für einen langen Ausritt durch das schöne Mohawk Valley und über die umliegenden Hügel. Jeder Weg und Pfad in jener Gegend war uns und unseren Ponys so vertraut wie die Bäume den Eichhörnchen, die wir erschreckten, wenn wir an ihren Lieblingsplätzen vorbeigaloppierten.

Ein Teil der Zeit war Margaret Christie, ein junges Mädchen schottischer Abstammung, Mitglied unseres Familienkreises. Sie unterrichtete uns in Französisch, Musik und Tanz. Unsere Tage waren zu kurz für alles, was wir zu tun hatten, denn unsere Zeit war nicht gänzlich dem Vergnügen gewidmet. Wir waren dazu angehalten, unsere Zimmer in Ordnung zu halten, unsere Kleidung zu flicken und anzufertigen sowie unsere eigene Wäsche zu bügeln. Letzteres war eine von meiner Mutter politisch motivierte Forderung, um unsere Wäschelisten so kurz wie möglich zu halten.

Das Bügeln an heißen Sommertagen war eine bittere Prüfung für uns alle; doch Miss Christie, die einen erfinderischen Geist besaß, lehrte uns bald einen Ausweg. Sie faltete und glättete ihre Unterwäsche mit den Händen und setzte sich dann für eine bestimmte Zeit darauf. Wir alle folgten ihrem Beispiel und nutzten so die Stunden, die unseren Französischstunden gewidmet waren, und während wir „Corinne“ und „Télémaque“ lasen, bügelten wir in diesem primitiven Stil unsere Kleidung. Doch für Kleider, Krägen, Manschetten und Taschentücher waren wir gezwungen, das heiße Bügeleisen zu schwingen, weshalb wir mit diesen Gegenständen mit gebotener Sparsamkeit umgingen, und so war das Ziel meiner Mutter erreicht.

Da ich philosophisch genug geworden war, um meine religiösen Erfahrungen ruhig mit meinen Klassenkameradinnen zu besprechen, die mit mir die Erweckungsversammlungen von Finney besucht hatten, kamen wir alle zu demselben Schluss – dass wir keine bemerkenswerte Veränderung durchlebt hatten und dass wir nicht, wie man so sagt, wiedergeboren worden waren, denn wir fanden unsere Vorlieben und Vergnügungen so wie eh und je. Mein Schwager erklärte uns die Natur der Täuschung, die wir alle erlebt hatten, die physischen Bedingungen, die geistigen Prozesse, die kirchlichen Mechanismen, durch die solche Aufregungen geschürt werden, und die Zumutungen, denen leichtgläubige Gemüter notwendigerweise ausgesetzt sind. Da wir alle diese Zeit der Niedergeschlagenheit und Demütigung durchlebt hatten und zeitweise von dem Gefühl bedrückt waren, dass all unser Bekenntnis eitel Heuchelei sei und dass unser letzter Zustand schlimmer sei als unser erster, half er uns, diese Wirkungsweisen des menschlichen Geistes zu verstehen, und versöhnte uns mit dem vernünftigeren Zustand, in dem wir uns nun befanden. Er wurde nie müde, uns Prinzipien zu erläutern und den Nebel zu vertreiben, der sich über junge Gemüter legt, die in einer Atmosphäre des Aberglaubens erzogen wurden.

Wir hatten eine ständige Quelle der Belustigung und des Ärgernisses in den Studenten im Büro meines Vaters. Eine Reihe von ihnen kam ständig frisch von der Universität und voller Einbildung. Begierig darauf, ihre Debattierkünste an Absolventinnen des Troy Seminary zu erproben, hinterfragten sie höflich all unsere Theorien und Behauptungen. Doch dank der Schulung meines Schwagers in Analyse und Logik waren wir jedem von ihnen gewachsen. Nichts erfreute mich mehr als ein langes Argument mit ihnen über die Gleichberechtigung der Frau, die ich durch ein fleißiges Studium der Bücher, die sie lasen, und der Spiele, die sie spielten, zu beweisen versuchte. Ich gestehe, dass ich in jenen Tagen nicht aus Liebe zur Wahrheit oder zu meiner eigenen Entwicklung so viel lernte, sondern um jene jungen Männer dazu zu bringen, meine Gleichheit anzuerkennen. Ich bemerkte bald, dass mein Gegner, nachdem er einige Schachpartien verloren hatte, weniger von männlicher Überlegenheit sprach. Schwester Madge eilte gelegentlich mit einem nachdrücklichen „Unsinn mit diesen Gesetzen, die alle von Männern gemacht wurden! Ich werde niemals eines davon befolgen. Und was die Studenten mit ihrem unverschämten Gerede von Überlegenheit angeht, brauchen sie nur eine solche Erschütterung, wie ich sie dem unangenehmsten von ihnen gestern verpasst habe. Ich lud ihn zu einem Ausritt ein. Er nahm sofort an und sagte, er würde sich sehr freuen, mitzukommen. Dementsprechend sagte ich Peter, er solle das störrischste, am härtesten trabende Kutschpferd im Stall satteln. Auf meinem schnellen Pony montiert, machte ich einen zehn Meilen langen Galopp, so schnell ich konnte, während jenes überlegene Wesen an meinen Fersen klebte und, sobald er Atem fand, danach rief, ich solle anhalten, was ich schließlich tat, und ließ ihn in den Händen von Peter, halb tot in seinem Hotel, wo er mit all seinen wunderbaren männlichen Tugenden mindestens eine Woche lang flachliegen wird. Verschwendet nun eure Argumente nicht an diese Wichtigtuer vom Union College. Nehmt jeden der Reihe nach für die zehn Meilen lange Runde auf ‚Old Boney‘ mit, und sie werden keinen Atem mehr haben, um von der Unterlegenheit der Frau zu schwätzen. Ihr könntet den ganzen Tag mit ihnen streiten, und ihr könntet sie nicht so klein fühlen lassen, wie ich diesen Gecken in einer Stunde fühlen ließ. Ich wusste, ‚Old Boney‘ würde mit mir mithalten, selbst wenn er dabei stürzen würde, und dass mein Begleiter weder anhalten noch absteigen könnte, es sei denn, er würde sich selbst aus dem Sattel werfen.“

„Oh, Madge!“, rief ich aus; „was wirst du sagen, wenn er dir wieder begegnet?“

„Wenn er sich beschwert, werde ich sagen: ‚Sorge beim nächsten Mal, wenn du reitest, dafür, dass du ein Gebiss mit Kinnkette hast, bevor du losreitest.‘ Sicherlich sollte ein Mann wissen, was nötig ist, um ein Pferd zu führen, und nicht erwarten, dass eine Frau es ihm sagt.“

Unser Leben wurde durch die übliche Anzahl von sogenannten Flirts, mehr oder weniger dauerhaft oder vergänglich, weiter variiert und intensiviert, aus denen ich, wie aus meinen religiösen Erfahrungen, in einer vernünftigeren Geistesverfassung hervorging. Wir waren zu sehr in der Gesellschaft von Jungen und jungen Herren gewesen und kannten ihren wahren Charakter zu gut, um das Geschlecht im Allgemeinen zu idealisieren. Zusätzlich zu unseren eigenen Beobachtungen hatten wir den Vorteil der Weisheit meines Schwagers. Da er uns so lange wie möglich vor allen ehelichen Verwicklungen bewahren wollte, enthüllte er ständig das Wesen derer, mit denen er verkehrte, und stellte ihren intellektuellen und moralischen Zustand so kritisch dar, dass es in unseren verehrungsvollsten Stimmungen völlig unmöglich war, irgendeinen der Söhne Adams zu vergöttern.

Doch trotz all unserer eigenen Erfahrungen und trotz aller warnenden Worte der Weisheit derer, die das Leben in seinen vielen Phasen gesehen hatten, traten wir schließlich in den verzauberten Kreis ein, wobei sich bis auf eine alle in den Anwaltsberuf begaben, mit seinen abscheulichen Gesetzen und berüchtigten Urteilen. Und dies, nachdem wir Blackstone, Kent und Story gelesen und den Status der Ehefrau unter dem alten Common Law von England, das zu jener Zeit in den meisten Staaten der Union in Kraft war, gründlich verstanden hatten.

KAPITEL IV.

DAS LEBEN IN PETERBORO.

Das Jahr galt bei uns nie als vollständig ohne einen Besuch in Peterboro, N.Y., dem Zuhause von Gerrit Smith. Obwohl er ein Reformer war und in vielen seiner Ideen sehr radikal, zog er doch als ein Mann von weitreichendem Mitgefühl, Kultur, Reichtum und gesellschaftlicher Stellung viele Freunde mit den konservativsten Ansichten um sich. Er war ein Mann von stattlicher Erscheinung, seltener körperlicher Schönheit, äußerst leutselig und zuvorkommend im Auftreten, und seine Gastfreundschaft war bis zum Äußersten großzügig und wurde allen Gesellschaftsschichten zuteil.

Jedes Jahr besuchten ihn Vertreter des Oneida-Stammes der Indianer. Sein Vater hatte früh große Landstriche von ihnen gekauft, und es gab eine Tradition unter ihnen, dass sie als Gegenwert für die guten Geschäfte des Vaters ein Recht auf die Gastfreundschaft des Sohnes hätten, zusammen mit jährlichen Geschenken an Kleidung und Vorräten. Auch die Sklaven hatten von Gerrit Smith, dem Abolitionisten, gehört und von Peterboro als einem der sicheren Punkte auf der Route nach Kanada. Sein Herrenhaus war in der Tat eine der Stationen auf der „Untergrundbahn“ für Sklaven, die aus der Knechtschaft flohen. Daher fühlten auch sie, dass sie ein Recht auf einen Platz unter seinem schützenden Dach hatten. Bei solchen Gelegenheiten wurden die Scheune und der Küchenboden als Schlafräume für den schwarzen Mann von der südlichen Plantage und den roten Mann aus seiner Heimat im Wald genutzt.

Das geräumige Heim war stets belebt von erlesener Gesellschaft aus jedem Teil des Landes. Dort traf man Mitglieder der Familien der alten niederländischen Aristokratie, die Van Rensselaers, die Van Vechtens, die Schuylers, die Livingstons, die Bleeckers, die Brinkerhoffs, die Ten Eycks, die Millers, die Seymours, die Cochranes, die Biddles, die Barclays, die Wendells und viele andere.

Da die Dame des Hauses, Ann Carroll Fitzhugh, die Tochter eines wohlhabenden Sklavenhalters aus Maryland war, befanden sich oft viele angenehme Südstaatler unter den Gästen. Unsere unmittelbare Verwandtschaft war gut vertreten durch General John Cochrane und seine Schwestern, General Baird und seine Frau aus West Point, die Fitzhughs aus Oswego und Geneseo, die Backuses und Tallmans aus Rochester und die Swifts aus Geneva. Hier traf man sicher Gelehrte, Philosophen, Philanthropen, Richter, Bischöfe, Geistliche und Staatsmänner.

Richter Alfred Conkling, der Vater von Roscoe Conkling, war in seinen späten Jahren häufig in Peterboro zu sehen. Groß und stattlich, nach all den aufgewühlten Szenen des Lebens, finanziellen Verlusten und häuslichem Kummer, pflegte er zu sagen, es gebe keinen Ort auf Erden, der seiner Vorstellung vom Paradies so nahekomme. Der stolze, zurückhaltende Richter war nicht an Zeichen von Zuneigung und zartem Interesse für seine Person gewöhnt, und wenn Gerrit ihn bei beiden Händen nahm und mit seinen sanftesten Tönen „Guten Morgen“ sagte, fragte, wie er geschlafen habe und was er an jenem Tag tun wolle, und Nancy ihn mit gleicher Wärme begrüßte und ihm ein kleines Sträußchen Rosen ans Knopfloch steckte, habe ich Tränen in seinen Augen gesehen. Ihr warmes Mitgefühl und ihre süße Einfachheit des Auftretens ließen die strengsten Naturen schmelzen und machten die Zurückhaltendsten liebenswürdig. Es gab keine andere Atmosphäre von Liebe und Frieden, von Freiheit und guter Laune in keinem anderen Haus, das ich besuchte. Und dies war das allgemeine Zeugnis derer, die Gäste in Peterboro waren. Irgendwo anders hinzugehen, nach einem Besuch dort, war wie ein Abstieg von den göttlichen Höhen in das Tal der Demütigung.

Wie verändert gegenüber den frühen Tagen, als sie als strenge Presbyterianer an alle Lehren Calvins glaubten! Damals herrschte eine unbestimmte Düsternis in ihrem Heim. Ihre Gewissen waren krank. Sie maßen Formen eine solche unangemessene Bedeutung bei, dass sie drei Arten der Taufe durchliefen. Zu einer Zeit las Nancy nichts als die Bibel, sang nichts als Hymnen und spielte nur geistliche Musik. Sie fühlte sich schuldig, wenn sie über ein anderes Thema als Religion sprach. Sie war in jeder Hinsicht eine passende Gefährtin für ihren attraktiven Ehemann. Exquisit verfeinert in Gefühl und Manier, schön in Gesicht und Gestalt, ernst und aufrichtig, sympathisierte sie mit ihm in all seinen Ideen von Religion und Reform. Gemeinsam durchliefen sie jede Stufe theologischer Erfahrung, vom unsicheren Boden des Aberglaubens und der Spekulation bis zum soliden Fundament von Wissenschaft und Vernunft. Die Position der Kirche im Konflikt gegen die Sklaverei, die alle Fragen der kirchlichen Autorität, der Bibelauslegung und der Kirchenzucht aufwarf, erweckte sie zu neuem Denken und breiteren Ansichten über religiöse Themen und befreite sie schließlich vollständig von den alten Dogmen und Formalitäten ihres Glaubens und hob sie in die heitere Atmosphäre, in der sie den Rest ihres Lebens verbrachten. Ihre einzige Tochter, Elizabeth, trug viel zu den Reizen des Familienkreises bei, da sie viele junge Leute um sich scharte. Neben ihrem persönlichen Charme war sie die Erbin eines riesigen Vermögens und hatte viele Verehrer. Der Bevorzugte war Charles Dudley Miller aus Utica, Neffe von Mrs. Blandina Bleecker Dudley, der Gründerin des Albany-Observatoriums. Am Ende seiner Studienzeit hatte Mr. Miller nicht nur die Sprachen, Mathematik, Rhetorik und Logik gemeistert, sondern auch die geheimen Windungen des menschlichen Herzens erlernt. Er verstand die Kunst des Gefallens.

Dies waren die Zeiten, in denen die Frage der Sklaverei Gegenstand hitziger Diskussionen war. In allen benachbarten Städten wurden Konventionen abgehalten, an denen James G. Birney, ein Südstaatler, der seine Sklaven emanzipiert hatte, Charles Stuart aus Schottland und George Thompson aus England, Garrison, Phillips, May, Beriah Greene, Foster, Abby Kelly, Lucretia Mott, Douglass und andere teilnahmen. Hier trafen sich auch John Brown, Sanborn, Morton und Frederick Douglass, um über jene verhängnisvolle Bewegung nach Harper's Ferry zu sprechen. Auch in der Frage des Alkoholverzichts waren die Menschen in Aufruhr. Dr. Cheevers Broschüre „Deacon Giles' Distillery“ wurde weit und breit verbreitet, und da er wegen Verleumdung verklagt wurde, wurde die Frage in den Gerichten ebenso wie an jedem Kaminfeuer diskutiert. Dann kamen die Bewegungen von Father Matthew und den Washingtonianern, und die Position der Kirche in diesen Fragen verschärfte und verbitterte den Konflikt. Dies brachte die Cheevers, die Pierponts, die Delevans, die Nortons und ihre bezaubernden Ehefrauen nach Peterboro. In solch einer Gesellschaft und mit den vielfältigen Diskussionen über jede mögliche Phase des politischen, religiösen und sozialen Lebens verbrachte ich jedes Jahr Wochen. Gerrit Smith war kühl und ruhig in der Debatte, und da er in diesen Fragen in jeder Hinsicht gewappnet war, konnte er es sich leisten, geduldig und fair gegenüber einem Gegner zu sein, ob auf dem Podium oder am Kaminfeuer. Diese anregenden Argumente in Peterboro ließen das soziale Leben anderswo langweilig und fruchtlos erscheinen, und die Jüngsten unter uns spürten, dass die Schlussfolgerungen, die in dieser Schule der Philosophie erreicht wurden, nicht in Frage zu stellen waren. Die Schwestern von General Cochrane beendeten in Streitigkeiten mit ihren niederländischen Cousins in Schenectady und Albany jede Kontroverse mit dem Satz: „Diese Frage wurde in Peterboro ausführlich diskutiert und beigelegt.“

Die Jüngeren setzten die Lektionen über Freiheit und individuelle Rechte, von denen sie so viel hörten, häufig in die Praxis um und befreiten ihre Gehirne von der ständigen Anspannung der Argumentation über Grundprinzipien durch wildeste Heiterkeit beim Tanzen, alle Arten von Spielen und praktische Scherze, die alle Grenzen des Anstands überschritten. Diese Herumtollereien fanden im Allgemeinen bei Mr. Miller statt. Er pflegte scherzhaft zu sagen, dass sie drüben viel von Freiheit redeten, er aber die Göttin unter seinem Dach behalte. Ein denkwürdiges Ereignis, bei dem unsere Begeisterung zwei Stunden lang auf dem Siedepunkt gehalten wurde, muss ich zu beschreiben versuchen, obwohl Worte dem nicht gerecht werden können, da es ein herausragendes schauspielerisches Ereignis war. Selbst die Vorstellungskraft wird dem schlaffen, wehleidigen Aussehen der Akteure in der Schlussszene nicht gerecht. Diese Späße wurden auf rein demokratischer Basis durchgeführt, ohne Rücksicht auf Hautfarbe, Geschlecht oder früheren Knechtschaftsstatus.

Es war ein ziemlich kalter Tag im Monat März, als „Cousin Charley“, wie wir Mr. Miller nannten, einige Männer beaufsichtigte, die einen Holzweg hinter seinem Grundstück legten. Ein halbes Dutzend von uns war zu einem frühen Tee bei dem guten Diakon Huntington eingeladen. Unmittelbar nach dem Abendessen beschlossen Miss Fitzhugh und Miss Van Schaack, ein Nickerchen zu machen, damit sie während des Abends so brillant wie möglich erscheinen konnten. Damit sie nicht zu spät kamen, wie sie es ausnahmslos taten, beschlossen Cousin Lizzie und ich, sie rechtzeitig mit einer großzügigen Besprengung mit kaltem Wasser zu wecken. Vergebens kämpften sie darum, die Decken um sich zu halten; mit gleicher Kraft zogen wir sie weg, und wann immer ein verirrter Finger oder Zeh zum Vorschein kam, setzten wir neue Batterien ein, bis sie einsahen, dass passiver Widerstand aktivem Feindseligkeit weichen musste. Wir waren mit zwei Gießkannen bewaffnet. Sie bewaffneten sich mit zwei großformatigen Spritzen, die zum Besprühen von Kartoffelkäfern verwendet wurden. Mit diesen Waffen nahmen sie die Verfolgung treppab auf. Wir rannten in eine Kammer und hielten die Tür zu. Sie warteten ruhig auf unser Herauskommen. Sobald wir die Tür öffneten, um herauszuspähen, riss Miss Fitzhugh, die groß und stark war, sie weit auf und überschüttete uns mit Verve. Dann flohen sie in eine große Speisekammer, in der mehrere Milchkannen standen.

In diesem Stadium kam Cousin Charley, der das Getöse hörte, uns zu Hilfe. Er schloss sie in der Speisekammer ein und kehrte an seine Arbeit zurück, woraufhin sie das Fenster öffneten und ihn mit Milch überschütteten, während er sie wiederum mit nasser Kleidung bewarf, die in nahegelegenen Wannen einweichte. Da sie nur leicht bekleidet, bis auf die Haut durchnässt waren und der kalte Märzwind um sie pfiff (wir alle trugen zu Beginn Arbeitskleidung), flehten sie uns an, sie herauszulassen, was wir taten, und als Gegenleistung für unsere Freundlichkeit gaben sie uns eine Breitseite Milch ins Gesicht. Cousin Lizzie und ich flohen in die dunkle Kammer, wo sie uns einschlossen. Nach langem, müdem Warten kamen sie, um uns Kapitulationsbedingungen anzubieten. Lizzie stimmte zu, ihre Spritzen mit Milch zu füllen und ihnen unsere Gießkannen voller Wasser zu geben, und ich stimmte zu, Cousin Charley unter mein Fenster zu rufen, bis sie den Inhalt der Spritzen und Kannen über seinem Kopf entleert hatten. Mein Zimmer war im ersten Stock, und Miss Fitzhughs unmittelbar darüber. Zu diesen Bedingungen erlangten wir unsere Freiheit. Dementsprechend öffnete ich vorsichtig das Fenster und rief Charley vertraulich in Flüsterdistanz, als ein Schwall Wasser herunterkam. Als er zurückwich, um hochzuschauen und zu sehen, woher es kam und wer den Angriff ausführte, traf ihn ein Milchstrahl an der Stirn, seine Fersen stießen gegen ein Brett, und er fiel rückwärts, dem Anschein nach niedergeschlagen von einem Milchstrahl. Seine Demütigung wurde mit spöttischem Gelächter empfangen, und selbst die Zimmerleute bei der Arbeit legten ihre Hämmer nieder und stimmten in den Chor ein; aber seine Rache war schnell und setzte dem Ganzen die Krone auf. Kalt und nass, wie wir alle waren, und völlig erschöpft, begannen wir uns auszuziehen und uns für die Teegesellschaft fertig zu machen. Unglücklicherweise hatte ich vergessen, meine Tür abzuschließen, und herein kam Cousin Charley mit einer Quartflasche flüssiger Schuhcreme, die er bereit hielt, um sie über meinem ergebenen Haupt zu entleeren. Ich bettelte so beredt und zitterte so bei der Vorstellung, schwarz gefärbt zu werden, dass er sagte, er würde mich unter einer Bedingung davonkommen lassen, und das war, ihn irgendwie in Miss Fitzhughs Zimmer zu bekommen. Also rannte ich schreiend die Treppe hinauf, als würde ich vom Feind heiß verfolgt, und flehte sie an, mich hereinzulassen. Sie öffnete vorsichtig die Tür, aber als sie Charley hinter mir sah, versuchte sie, sie wieder zuzudrücken. Doch er war zu schnell für sie. Er hatte ein Bein und einen Arm dazwischen; aber in diesem Stadium ihrer Toilette war es unmöglich, ihn hereinzulassen, und dort standen sie, beide gleich stark, fest gestützt, sie auf der einen Seite der Tür und er auf der anderen. Aber die Schuhcreme, da war er entschlossen, sollte sie bekommen; also, ihre wahrscheinliche Position abschätzend, presste er sich mit einer verzweifelten Anstrengung ein wenig weiter hinein und, die Flasche hebend, goss er den Inhalt über ihren Kopf. Die Schuhcreme strömte über ihr Gesicht, das weiße Gewand und ihre Person und ließ sie eher wie eine bronzene Furie aussehen als wie eine von Evas bezauberndsten Töchtern. Ein Yard oder mehr des Teppichs war ruiniert, die Tapete und die Bettwäsche bespritzt, und das arme Opfer war mindestens eine Woche lang nicht gesellschaftsfähig. Charley hatte eine gute Entschuldigung für seine extremen Maßnahmen, denn da wir alle abwechselnd unsere Scherze mit ihm trieben, war es notwendig, uns in einer gewissen Furcht vor Bestrafung zu halten. Dies war nur einer der vielen empörenden Streiche, die wir uns gegenseitig spielten. Uns ein paar Stunden später alle vertieft in eine Anti-Sklaverei- oder Abstinenzversammlung zu sehen, oder in unseren besten Kleidern in hohem Diskurs mit den Philosophen, würde man nie denken, dass wir solcher vollendeten Torheiten fähig gewesen wären. Es war jedoch nur die natürliche Reaktion auf die allgemeine ernste Ausrichtung unserer Gedanken.

Es war auch in Peterboro, dass ich zum ersten Mal jemanden traf, der damals als der eloquenteste und leidenschaftlichste Redner auf der Anti-Sklaverei-Plattform galt, Henry B. Stanton. Er war mit Alvin Stewarts schöner Tochter aus Utica herübergekommen, von der es hieß, er sei mit ihr verlobt; aber da sie kurz darauf Luther R. Marsh heiratete, gab es irgendwo ein Missverständnis. Das Gerücht hatte jedoch seine Vorteile. Da wir ihn als nicht auf dem Heiratsmarkt befindlich betrachteten, waren wir alle viel freier und ungezwungener in unseren Manieren ihm gegenüber, als wir es sonst gewesen wären. Eine Reihe von Anti-Sklaverei-Konventionen wurde in Madison County abgehalten, und dort hatte ich das Vergnügen, ihn zum ersten Mal zu hören. Da ich eine Leidenschaft für Redekunst hatte, war ich tief beeindruckt von seiner Kraft. Er war nicht so glatt und eloquent wie Phillips, aber er konnte sein Publikum sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringen; Letzteres, sagte Phillips selbst, könne er niemals. Mr. Stanton war damals in seiner Blüte, ein gut aussehender, leutseliger junger Mann mit bemerkenswertem Konversationstalent und war zehn Jahre älter als ich, mit dem Vorteil, den diese Anzahl an Jahren notwendigerweise mit sich bringt.

Zwei Kutschen voll Damen und Herren fuhren jeden Morgen los, manchmal zehn Meilen weit, zu einer dieser Versammlungen, und kehrten erst spät in der Nacht zurück. Ich werde diese reizvollen Fahrten über die Hügel im Madison County, die hellen Herbsttage und die bezaubernden Mondscheinnächte niemals vergessen. Der Enthusiasmus der Menschen bei diesen großen Treffen, die mitreißende Redekunst und die luziden Argumente der Redner trugen allesamt dazu bei, diese Tage als einige der schönsten meines Lebens unvergesslich zu machen. Mir schien, als hätte ich noch nie so viel Glück in einen einzigen kurzen Monat gepackt. Ich hatte begonnen, mich für die Themen der Sklaverei-Gegner und der Mäßigkeitsbewegung zu interessieren, und war von den Appellen und Argumenten tief beeindruckt. Ich spürte eine neue Inspiration im Leben und war begeistert von neuen Ideen über individuelle Rechte und die grundlegenden Prinzipien der Regierung, denn die Plattform der Sklaverei-Gegner war die beste Schule, die das amerikanische Volk je hatte, um republikanische Prinzipien und Ethik zu erlernen. Diese Konventionen und die Diskussionen am Kamin meines Cousins zähle ich zu den großen Segnungen meines Lebens.

Eines Morgens, als wir vom Frühstück kamen, schloss sich Mr. Stanton mir auf der Veranda an, wo ich auf und ab ging und die laue Luft und die Schönheit des Laubes genoss. „Da wir keine Versammlungen zur Hand haben“, sagte er, „was halten Sie von einem Ausritt heute Morgen?“ Ich nahm den Vorschlag bereitwillig an, bestellte die Pferde, legte meinen Reitanzug an, und los ging es. Die Straßen waren gut und wir machten einen langen Ritt. Als wir nach Hause zurückkehrten, hielten wir oft an, um die Landschaft und, wer weiß, einander zu bewundern. Als wir langsam durch einen wunderschönen Hain gingen, legte er seine Hand auf den Sattelknauf und machte zu meiner Überraschung eine jener charmanten Offenbarungen menschlicher Gefühle, für die tapfere Ritter immer beredte Worte gefunden haben und denen schöne Damen stets mit gemischten Gefühlen von Vergnügen und Erstaunen zugehört haben.

Ein Ergebnis dieser herrlichen Oktobertage des Jahres 1839 war eine Hochzeit in Johnstown am 10. Mai 1840 und eine Reise in die Alte Welt.

Sechs Wochen dieses bezaubernden Herbstes, der im Altweibersommer mit seiner eigenartig dunstigen Atmosphäre endete, verweilte ich in Peterboro. Im Rückblick erscheint es wie ein schöner Traum. Eine Abfolge von Gästen kam und ging ständig, und ich erinnere mich noch immer an die täglichen Fahrten über jene großartigen alten Hügel, die nun mit Bäumen gekrönt waren, die in reichen Farben prangten – umso reizvoller, da wir wussten, dass nicht mehr viel Zeit blieb, bevor die kalten Winde des November alles verändern würden.

Die früh untergehende Sonne warnte uns, dass die kürzer werdenden Tage unsere Dämmerungsfahrten bald beenden würden, und die Mondscheinnächte waren zu kühl, um lange in den rustikalen Lauben oder schattigen Winkeln draußen zu verweilen. Mit dem besonderen Charme dieser Jahreszeit liegt immer ein Hauch von Traurigkeit in der Natur, und mir erschien es doppelt so, da meine Verlobung keine von ungetrübter Freude und Zufriedenheit war. Unter allen konservativen Familien gab es eine starke Abneigung gegen Abolitionisten und die gesamte Anti-Sklaverei-Bewegung. Allein mit Cousin Gerrit in seiner Bibliothek warnte er mich mit tiefen, feierlichen Tönen, während er meinen Liebsten sehr lobte, dass mein Vater niemals in meine Ehe mit einem Abolitionisten einwilligen würde. Er fühlte sich in der Pflicht, da meine Verlobung unter seinem Dach stattgefunden hatte, sich von jeglicher Verantwortung freizusprechen, indem er mir eine lange Abhandlung über Liebe, Freundschaft, Ehe und all die Fallstricke für die Unbedachten hielt, die ohne gebührende Überlegung eheliche Verbindungen eingingen. Die allgemeinen Prinzipien, die in diesem Gespräch dargelegt wurden, beeindruckten meinen jugendlichen Geist nicht so sehr wie der Vorschlag, es sei besser, meine Verlobung per Brief bekannt zu geben, anstatt zu warten, bis ich nach Hause zurückkehrte, da ich so das heißeste Feuer noch im sicheren Hafen abwehren könne, wo Cousin Gerrit mir helfen könnte, die Schwachstellen in meiner Position zu verteidigen. Also verweilte ich in Peterboro, um den Traum vom Glück zu verlängern und den Konflikt, dem ich entgegenzusehen fürchtete, aufzuschieben.

Doch der Richter verstand den Vorteil unserer Position ebenso gut wie wir und verschwendete keine Munition an uns. Da er über meinen Cousin noch empörter war als über mich, wartete er still, bis ich nach Hause zurückkehrte, wo ich die Tortur eines weiteren Gesprächs durchlief, mit einer weiteren Abhandlung über häusliche Beziehungen aus finanzieller Sicht. Dies waren zwei der verwirrendsten Gespräche, die ich je hatte. Sie schafften es, mir das Gefühl zu geben, dass der Schritt, den ich zu tun gedachte, der folgenreichste und weitreichendste in diesem sterblichen Leben sei. Bisher galten meine Befürchtungen alle dem Tod und der Ewigkeit; nun war das Leben selbst erfüllt von Ängsten und Sorgen um die Möglichkeiten der Zukunft. So haben diese beiden edlen Männer, die alles für mein Glück getan hätten, mein Gewissen tatsächlich überlastet und den süßesten Traum meines Lebens in eine Tragödie verwandelt. Wie wenig starke Männer mit ihrer Logik, Sophisterei und hypothetischen Beispielen die Gewalt einschätzen, die sie den zarten Empfindungen eines Frauenherzens zufügen, wenn sie versuchen, sie ihrem Willen zu unterwerfen! Die Liebe zum Beschützen entartet allzu oft in regelrechte Tyrannei. Glücklicherweise wurden all diese düsteren Bilder einer möglichen Zukunft durch die zärtlichen Briefe in den Hintergrund gedrängt, die mir jede Post brachte, in denen die brillante Wortmalerei einer der eloquentesten Federn dieser Generation die Zukunft für uns beide so hell und schön machte wie den Frühling mit seinem Grün und seinen Blüten der Verheißung.

Doch in Peterboro ereigneten sich immer viele Dinge, die die Gedanken lenkten und neues Interesse an der Menschheit im Allgemeinen weckten. Eines Tages, als ein Grüppchen von uns Mädchen im Salon sang und plapperte, trat Cousin Gerrit ein und sagte mit geheimnisvollem Ton: „Ich habe ein sehr wichtiges Geheimnis, das ich euch erzählen muss, das ihr religiös für vierundzwanzig Stunden für euch behalten müsst.“

Wir verpflichteten uns bereitwillig auf die feierlichste Weise, einzeln und gemeinsam.

„Nun“, sagte er, „folgt mir in den dritten Stock.“

Das taten wir und fragten uns, was das Geheimnis sein mochte. Schließlich öffnete er eine Tür und führte uns in einen großen Raum, in dessen Mitte ein wunderschönes Quadroon-Mädchen von etwa achtzehn Jahren saß. Er wandte sich an sie und sagte:

„Harriet, ich habe alle meine jungen Cousinen mitgebracht, damit sie dich sehen. Ich möchte, dass du aus ihnen gute Abolitionisten machst, indem du ihnen die Geschichte deines Lebens erzählst – was du in der Sklaverei gesehen und erlitten hast.“

Er wandte sich an uns und sagte:

„Harriet ist gerade ihrem Herrn entkommen, der in Syracuse zu Besuch ist, und ist auf dem Weg nach Kanada. Sie wird heute Abend aufbrechen, und ihr werdet vielleicht nie wieder die Gelegenheit haben, ein Sklavenmädchen von Angesicht zu Angesicht zu sehen, also fragt sie alles, was ihr über das System der Sklaverei wissen möchtet.“

Zwei Stunden lang hörten wir der traurigen Geschichte ihrer Kindheit und Jugend zu, in der sie von ihrer ganzen Familie getrennt und mit nur vierzehn Jahren auf einem Markt in New Orleans wegen ihrer Schönheit verkauft wurde. Die Einzelheiten ihrer Geschichte muss ich nicht wiederholen. Das Schicksal solcher Mädchen ist nur allzu gut bekannt, um es erneut durchzugehen. Wir weinten alle zusammen, während sie sprach, und als Cousin Gerrit zurückkehrte, um uns wegzuholen, brauchten wir keine weitere Bildung mehr, um ernsthafte Abolitionisten zu werden.

Als Quäkerin gekleidet, machte sich Harriet in der Dämmerung mit einem von Mr. Smiths treuen Angestellten in einer Kutsche auf den Weg nach Oswego, um von dort den See nach Kanada zu überqueren. Am nächsten Tag waren ihr Herr und die Marshals aus Syracuse ihr in Peterboro auf der Spur und verfolgten sie bis zu Mr. Smiths Anwesen. Er empfing sie recht freundlich, und während er ihnen versicherte, dass sich dort kein Sklave befände, sagte er, es stehe ihnen frei, das Haus und das Gelände gründlich zu durchsuchen. Er lud sie ein, zu bleiben und zu speisen, und hielt sie so lange wie möglich in ein Gespräch verwickelt, da jede Stunde Harriet half, außerhalb ihrer Reichweite zu gelangen; denn obwohl sie ihnen achtzehn Stunden voraus war, befürchteten wir dennoch, dass irgendein Unfall sie verzögert haben könnte. Der Herr war offensichtlich ein Gentleman, denn auf Mr. Smiths Versicherung, dass Harriet nicht dort sei, suchte er nicht, da er das Gefühl hatte, dies nicht tun zu können, ohne den Anschein zu erwecken, sein Wort anzuzweifeln. Er war sichtlich überrascht, einen Abolitionisten so höflich und leutselig zu finden, und es war interessant, sie beim Abendessen ruhig das Problem der Sklaverei diskutieren zu hören, während die öffentliche Stimmung zu dieser Frage weißglühend war. Sie schüttelten sich beim Abschied herzlich die Hände und drückten ein gleiches Interesse an der endgültigen Beilegung dieser nationalen Schwierigkeit aus.

Zur rechten Zeit kehrte der Angestellte mit der guten Nachricht zurück, dass Harriet in Sicherheit bei Freunden in einer guten Anstellung in Kanada war. Mr. Smith veröffentlichte daraufhin einen offenen Brief an den Herrn in der New York Tribune, in dem er sagte: „dass er zweifellos erfreut sein werde zu erfahren, dass seine Sklavin Harriet, an deren Schicksal er so tiefes Interesse nehme, nun eine freie Frau sei, sicher unter dem Schatten des britischen Throns. Ich hatte die Ehre, sie unter meinem Dach zu beherbergen und sie in meiner Kutsche zum Ontariosee zu schicken, nur achtzehn Stunden vor Ihrer Ankunft: daher meine Bereitschaft, Sie mein Anwesen durchsuchen zu lassen.“

Wie die vielfältigen Kombinationen des Kaleidoskops wechselten die Szenen in unserem gesellschaftlichen Leben in Peterboro ständig von ernst zu heiter. Einige Jahre später hatten wir einen überaus ausgelassenen Anlass bei der Hochzeit von Mary Cochrane, der Schwester von General John Cochrane, mit Chapman Biddle aus Philadelphia. Die Feierlichkeiten, die drei Tage lang andauerten, erforderten aufwendigste Vorbereitungen für Frühstück, Abendessen usw., da es in diesem entlegenen Teil des Landes kein Delmonico's gab. Es wurde im Familienrat beschlossen, dass wir genügend kulinarisches Talent unter dem Dach hätten, um das gesamte Menü aus Substanziellen und Delikatessen zuzubereiten, von Suppe und Lachs bis hin zu Kuchen und Cremes. Also wurden begabte Damen und Herren in den Dienst gepresst. Die Fitzhughs hatten alle ein natürliches Talent zum Kochen, und die Erste unter ihnen war Isabella, die Ehefrau eines Marineoffiziers – Leutnant Swift aus Genf –, die alle Autoritäten von Archestratus, einem Dichter in Syracuse, dem berühmtesten Koch unter den Griechen, bis hin zu unserer eigenen Miss Leslie eingehend studiert hatte. Dementsprechend wurde sie zur Managerin des Anlasses gewählt, und jeder wurde die Spezialität zugewiesen, in der sie sich auszuzeichnen behauptete. Diejenigen, die keine Spezialität hatten, waren Assistenten für diejenigen, die eine hatten. In diesem bescheidenen Amt – „allgemeine Assistentin“ – arbeitete ich durchgehend.

Kochen ist eine hohe Kunst. Ein weiser Ägypter sagte vor langer Zeit: „Der Grad an Geschmack und Geschicklichkeit, den eine Nation bei der Zubereitung von Speisen an den Tag legt, kann in sehr erheblichem Maße als proportional zu ihrer Kultur und Verfeinerung betrachtet werden.“ In frühen Zeiten galten nur Männer als fähig, mit Feuer umzugehen, sei es am Altar oder am Herd. Wir lesen in der Heiligen Schrift, dass Abraham Kuchen aus feinem Mehl und ein zartes, gutes Kalb zubereitete, das er zusammen mit Butter und Milch den drei Engeln in den Ebenen von Mamre vorsetzte. Wir erfahren auch vom Mundschenk und vom Oberbäcker als Offiziere im Haushalt des Königs Pharao. Ich möchte meine Leser auf die Würde dieses Berufs aufmerksam machen, den manche junge Frauen zu verachten vorgeben. Die Tatsache, dass Engel essen, zeigt, dass wir in der nächsten Sphäre vielleicht dazu berufen sein könnten, sogar für Cherubim und Seraphim zu kochen. Wie wichtig ist es also, seine Gaben in dieser Richtung zu kultivieren!

Mit solchen Fakten vor uns rührten und stampften, schlugen und mahlten wir, lockten das delikate Fleisch aus Krabben und Hummern und die saftigen Erbsen aus den Schoten und rieben Mais und Kokosnuss mit derselben Fröhlichkeit und Hingabe, mit der wir Mendelssohns „Lieder ohne Worte“ auf dem Klavier spielten, den spanischen Fandango auf unseren Gitarren oder das Menuett, die Polka, Lancers oder den Virginia Reel tanzten.

Während des Tages der Hochzeit war jede Postkutsche überfüllt mit Gästen aus Norden, Süden, Osten und Westen, und als die Dämmerung sich vertiefte, begannen die Kutschen mit Nachbarn und Freunden, die in geringer Entfernung lebten, hereinzurollen, bis Haus und Gelände voll waren. Ein Sohn von Bischof Coxe, der die große und stattliche Schwester von Roscoe Conkling heiratete, vollzog die Zeremonie. Die schöne junge Braut wurde von ihrem Onkel Gerrit weggegeben. Die Glückwünsche, das Festmahl und alles verlief mit angemessenem Anstand auf die übliche Weise. Der beste Beweis für die Exzellenz unserer Speisen war, dass sie alle schnell vor den Augen der Sterblichen verschwanden und jede Hausfrau ein Rezept für irgendetwas wollte.

Da das große Abendessen am nächsten Tag stattfinden sollte, richteten sich unsere Gedanken nun in diese Richtung. Die Verantwortung lastete schwer auf den Köpfen der Hauptakteure, und sie berichteten von unruhigen Träumen und übermäßig frühem Aufstehen. Die liebe Belle Swift war rechtzeitig auf den Beinen und ihre weiße Suppe stand gelassen in einer Blechpfanne auf einem oberen Regal, bevor die Stadtuhr sieben schlug. Hätte sie diese Position nicht so früh eingenommen, wäre sie vielleicht mit höheren Lebensformen in Verbindung gebracht worden als der, in die sie schließlich fiel. Eine andere Künstlerin war ebenfalls früh auf den Beinen, und auf der Suche nach einer Blechpfanne, in der sie ihre kostbare Mischung verstecken konnte, griff sie unwissentlich nach dieser, und die reichhaltige weiße Suppe rollte ihre rabenschwarzen Locken hinunter wie das Öl auf Aarons Bart und hüllte sie in einen Schleier von filmartiger Weiße. Ich hörte das Platschen und den Ausruf der Überraschung und trat genau in dem Moment in die Vorratskammer, als die Erbin des Smith-Anwesens wie eine Statue dastand, Blechpfanne in der Hand, Suppe in den Locken, den Augenbrauen und Wimpern – Kragen, Manschetten und Morgenkleid durchnässt – und Belle in einiger Entfernung sie und die Suppe auf dem Boden ansah, wobei Überraschung und Abscheu in jedem Zug dargestellt waren. Das Tableau war unsagbar komisch, und ich konnte nicht anders, als laut loszulachen; woraufhin Belle sich zu mir umdrehte und mit entrüstetem Ton sagte: „Wenn du seit vier Uhr morgens diese Suppe gemacht hättest, würdest du nicht wie ein lachender Affe dastehen, ohne das geringste Gefühl von Mitleid!“ Die arme Lizzie tat es sehr leid, und sie hätte Tränen vergossen, aber sie konnten diesen Suppenfilm nicht durchdringen. Ich versuchte mich zu entschuldigen, konnte aber nur noch mehr lachen, als ich sah, wie Belle weinte und Lizzie dastand, als hoffe sie, dass die Suppe von ihr abgekratzt und vom Boden aufgesammelt werden könnte, um bei dem Anlass noch ihren Dienst zu tun.

Nach dem Frühstück drängten sich Damen und Herren, alle mit weißen Schürzen, in Esszimmer und Küche, jeder, um die zugeteilte Aufgabe zu erfüllen. George Biddle aus Philadelphia und John B. Miller aus Utica waren in Urlaubsstimmung, unbändig – überall im selben Moment, helfend oder hindernd, je nachdem. Die liebe Belle, die sich nur teilweise von der Katastrophe mit der weißen Suppe erholt hatte, rief Mr. Biddle, um die Eismaschine zu halten, während sie die köstliche Mischung hineingoss, die sie gerade zubereitet hatte. Er hielt sie hoch, ohne sie irgendwo abzustützen, während Belle langsam die Sahne hineingoss. Da die Maschine keine Einkerbungen um die Oberseite oder den Rand hatte, um Daumen und Finger abzustützen, rutschten seine Hände, als sie plötzlich schwerer wurde, und das ganze Ding kippte um, bespritzte die arme Belle und ruinierte ein wunderschönes Paar Gamaschen, auf die sie, da sie sehr hübsche Füße hatte, zu Recht stolz war. In einer anderen Ecke saß Wealthea Backus und rieb etwas Kokosnuss. Während sie sich bei dieser Tätigkeit abmühte, ärgerte John Miller, der sich ausgelassen fühlte, sie auf verschiedene Weise; schließlich zog sie die Reibe über seine Nase, sanft, wie sie beabsichtigte, aber ach! Sie nahm die Haut ab, und Johns Schönheit wurde für den Rest der Feierlichkeiten mit einem schwarzen Pflaster auf diesem markanten Merkmal beeinträchtigt. Man kann sich leicht den Spaß vorstellen, der entstanden sein muss, wo so viele Amateurköche an einem Tisch arbeiteten, mit allerlei kulinarischen Werkzeugen und Zutaten.

Als allgemeine Assistentin wurde ich in den Keller gerufen, wo Mrs. Cornelia Barclay aus New York aus einer Pfanne mit Mehl und Wasser jenes Wunder in der Kuchenabteilung namens Blätterteig entwickelte. Dies, so scheint es, kann nur erreicht werden, wenn das Thermometer unter vierzig Grad liegt und in der Nähe eines Kühlschranks, wo die Mischung kühl gehalten werden kann, bis sie bereit ist, in den Ofen geschoben zu werden. Keine Witze oder Unsinn hier. Mit königlicher Würde wurden Mehl und Wasser sanft zusammengepresst. Hier darf die eine Hand nicht wissen, was die andere tut. Stückchen Butter müssen so geschickt eingefügt werden, dass selbst das Nudelholz sich seiner Arbeit nicht bewusst sein mag. Als die Künstlerin dem exquisiten Zitronenkuchen den letzten Schliff gab, mit einem gemischten Ausdruck von Stolz und Zufriedenheit in ihren klassischen Zügen, befahl sie mir, ihn zum Ofen zu tragen. Auf dem Weg dorthin traf ich Madam Belle. „Lass das nicht fallen“, sagte sie spöttisch. Glücklicherweise tat ich das nicht und kehrte im Triumph zurück, um einen weiteren zu transportieren. Ich wurde dann zu einer Beratung mit dem Komitee für Trinksprüche gerufen, das aus James Cochrane, John Miller und mir selbst bestand. Mr. Miller hatte bereits für jeden Gast einen geschrieben, die wir alle akzeptierten und für sehr gut befanden.

Seltsamerweise entstand aus all diesem Aufruhr und dieser Verwirrung ein ausgezeichnetes Abendessen. Der Tisch mit seinem Silber, Porzellan, Blumen und reichhaltigen Speisen, die Gäste in Satin, Samt, Juwelen, weichen Spitzen und hellen Krawatten, die zusammen alle Farben des Prismas widerspiegelten, sah so schön aus wie der Regenbogen nach einem Gewitter.

Vor zwanzig Jahren machte ich meinen letzten traurigen Besuch an jenem Ort, der so reich an angenehmen Erinnerungen an vergangene Tage war. Ein paar Verwandte und Familienfreunde versammelten sich dort, um unserem edlen Cousin die letzten Zeichen des Respekts zu erweisen. Es war an einem der kältesten Tage des grauen Dezembers, als wir ihn in die gefrorene Erde legten, um ihn nicht mehr zu sehen. Er starb an einem Schlaganfall in New York City, im Haus seiner Nichte, Mrs. Ellen Cochrane Walter, deren Mutter die einzige Schwester von Mr. Smith war. Die Reise von New York nach Peterboro war kalt und trostlos, und das Erklimmen der Hügel von Canastota in einem offenen Schlitten, neunhundert Fuß über dem Tal, bei Temperaturen unter Null vor Sonnenaufgang, ließ die ganze Natur so düster erscheinen wie das traurige Unterfangen, wegen dessen wir gekommen waren.

Draußen vor dem Herrenhaus war alles in seinem winterlichen Gewand kalt und still, und im Inneren war alles totenstill. Die zentrale Figur, das Licht und die Freude dieses Hauses, war für immer verschwunden. Er, der uns seit einem halben Jahrhundert an dieser Schwelle willkommen geheißen hatte, würde uns nicht mehr willkommen heißen. Wir taten, was wir konnten, um die Düsternis zu vertreiben, die sich auf uns alle legte. Wir verstärkten unsere Trauer nicht, indem wir das Haus verdunkelten und uns in schwarzen Krepp hüllten, sondern trugen unsere gewohnten Kleider in gemäßigten Farben und öffneten alle Jalousien, damit der frohe Sonnenschein hereinströmen konnte. Wir hängten das Zimmer, in dem der Sarg stand, mit Kränzen aus Immergrün aus, und darüber flochten wir seine Lieblingsmottos in lebendigen Buchstaben: „Gleiche Rechte für alle!“ „Rettet Kuba jetzt!“ Die religiösen Dienste waren kurz und einfach; der unitarische Geistliche aus Syracuse machte ein paar Bemerkungen, die Kinder aus dem Waisenhaus, an dem er sehr interessiert war, sangen einen passenden Hymnus, und um das Grab herum standen Vertreter der Biddles, der Dixwells, der Sedgwicks, der Barclays und Stantons sowie drei Generationen seiner unmittelbaren Familie. Mit ein paar passenden Worten von General John Cochrane ließen wir unseren geliebten Verwandten allein in seiner letzten Ruhestätte zurück. Zwei Monate später, an seinem Geburtstag, verstarb seine Frau, Ann Carroll Fitzhugh, und wurde an seine Seite gelegt. Ihre Ehe war eine bemerkenswert glückliche Verbindung von über einem halben Jahrhundert, und sie waren bald im ewigen Leben wieder vereint.

KAPITEL V.

UNSERE HOCHZEITSREISE.

Meine Verlobung war eine Zeit des Zweifels und des Konflikts – Zweifel an der Weisheit, eine Mädchenzeit der Freiheit und des Vergnügens gegen etwas zu tauschen, von dem ich nicht wusste, was es war, und Konflikt, weil der Schritt, den ich zu tun gedachte, im Widerspruch zu den Wünschen meiner ganzen Familie stand. Während früher Freunde ständig passende Heiratskandidaten für mich vorschlugen und die eheliche Beziehung in den schillerndsten Farben malten, wurde dieser Zustand nun als von Gefahren und Enttäuschungen umgeben dargestellt, und Männer als die verdorbensten und unzuverlässigsten aller Geschöpfe Gottes. Unter großem Druck löste ich meine Verlobung nach Monaten der Angst und Verwirrung; plötzlich beschloss ich, sie zu erneuern, da Mr. Stanton als Delegierter zur Welt-Anti-Sklaverei-Konvention nach Europa reiste und wir nicht wollten, dass der Ozean zwischen uns rollte.

Am Donnerstag, dem 10. Mai 1840, beschloss ich, den schicksalhaften Schritt zu wagen, ohne die geringste Vorbereitung auf eine Hochzeit oder eine Seereise; doch Mr. Stanton, der den North River heraufkam, wurde auf „Marcy’s Overslaugh“ aufgehalten, einer Untiefe im Fluss, wo Boote häufig stundenlang festsaßen. Diese Verzögerung zwang uns, am Freitag zu heiraten, der gemeinhin als ein höchst unglückseliger Tag gilt. Da wir jedoch fast ein halbes Jahrhundert lang ohne mehr als die üblichen ehelichen Reibereien zusammenlebten, sieben Kinder hatten, von denen bis auf eines alle noch leben und die stets wohlbehütet, gekleidet und ernährt waren und sich eines gesunden Geistes in einem gesunden Körper erfreuen, braucht niemand davor zurückzuschrecken, die Hochzeitszeremonie aus Furcht vor Unglück an einem Freitag zu vollziehen. Der schottische Geistliche, der uns traute, war etwas abergläubisch und flehte uns an, es auf den Samstag zu verschieben; doch da wir zu Beginn der kommenden Woche in See stechen wollten, war das unmöglich. Nachdem dieser Punkt geklärt war, bestand die nächste Schwierigkeit darin, ihn dazu zu bewegen, das Wort „gehorchen“ in der Trauzeremonie wegzulassen. Da ich mich hartnäckig weigerte, jemandem zu gehorchen, mit dem ich glaubte, eine gleichberechtigte Verbindung einzugehen, wurde auch dieser Punkt zugestanden. Ein paar Freunde waren eingeladen, anwesend zu sein, und in einem schlichten weißen Abendkleid wurde ich getraut. Doch der gute Priester rächte sich für die Punkte, die er zugestanden hatte, indem er uns mit einem langen Gebet und einer Abhandlung über die heilige Institution eine volle Stunde lang auf die Folter spannte. Rev. Hugh Maire war ein kleiner, stämmiger Kerl, heftig in Art und Rede, der beim Verkünden des Gesetzes auf die originellste und komischste Weise über den Boden tänzelte. Da Mr. Stanton ihn noch nie zuvor gesehen hatte, war die Stunde für ihn ein ständiger Kampf, sein Gleichgewicht zu bewahren. Ich hatte mehrere Jahre lang unter seinen geistlichen Diensten gesessen und war an seine Rhetorik, seinen Akzent und seine Gesten gewöhnt und daher in der Lage, die Tortur in einer ruhigeren Gemütsverfassung zu überstehen.

Schwester Madge, die mir durch all meine Zweifel und Ängste tapfer zur Seite gestanden hatte, begleitete uns nach New York und brachte uns an Bord des Schiffes. Meine Schwester Harriet und ihr Mann, Daniel C. Eaton, ein Kaufmann in der Stadt New York, waren ebenfalls dort. Er und ich hatten jahrelang bei all unseren Abschieden ein ständiges „Fangen-Spiel“ gespielt, und er hatte geschworen, mich „gefangen“ nach Europa zu schicken. Ich war ebenso entschlossen, dass er das nicht sollte. Dementsprechend lieferte ich mir eine verzweifelte Jagd mit ihm über das ganze Schiff, aber vergebens. Er bekam das letzte „Fangen“ und entkam. Da ich unter den gegebenen Umständen gezwungen war, die Verfolgung mit einem gewissen Grad an Anstand zu führen, und er den Vorteil der Körpergröße, langer Gliedmaßen und des Verzichts auf Röcke hatte, hatte ich wirklich keinerlei Chance. Da die Jagd uns jedoch alle zum Lachen brachte, trug sie dazu bei, die Bitterkeit des Abschieds zu mildern.

Sobald wir auf hoher See waren, schlug ich ein weiteres Kapitel meines Lebens auf, und meine Gedanken wandten sich dem zu, was in der nahen Zukunft lag. James G. Birney, der Kandidat der Sklavereigegner für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten, schloss sich uns in New York an und war ein Mitreisender auf der Montreal nach England. Er und mein Mann waren Delegierte für die Welt-Anti-Sklaverei-Konvention, und beide interessierten sich für meine Erziehung in Sachen Anti-Sklaverei. Sie gaben mir Bücher zu lesen, und während wir Tag für Tag auf dem Deck auf und ab gingen, war diese Frage das Hauptthema unserer Unterhaltung.

Mr. Birney war ein kultivierter Gentleman der alten Schule und in seinem Auftreten und seiner Konversation überaus korrekt und peinlich genau. Ich bemerkte bald, dass er der Meinung war, ich müsse vor der Ankunft in England beträchtlich gezügelt werden. Ich erkannte und verstand schnell, dass seine Kritik an anderen im Allgemeinen und die Richtung seiner Ausführungen über Manieren und Konversation eine nähere Anwendung hatten, als er es mich entdecken lassen wollte, obwohl er hoffte, ich würde davon profitieren. Ich war immer jedem dankbar, der ein Interesse an meiner Verbesserung zeigte, also sagte ich ihm eines Tages lachend, er müsse seine Kritik nicht mehr auf diese umständliche Weise vorbringen, sondern könne mich direkt in die Hand nehmen und so schnell wie möglich aufpolieren. Wenn ich abends nach einer Partie Schach, in der ich vielleicht der Sieger gewesen war, im Salon saß, fühlte ich mich zufrieden und sagte manchmal:

„Nun, was habe ich heute gesagt oder getan, das Anlass zur Kritik gibt?“

Also antwortete er bei einer Gelegenheit auf die graziöseste Weise:

„Sie sind auf einem Stuhl bis zum Mastkorb hinaufgefahren, was ich für sehr unweiblich halte. Ich habe gehört, wie Sie Ihren Mann in Gegenwart von Fremden ‚Henry‘ genannt haben, was in der feinen Gesellschaft nicht zulässig ist. Sie sollten immer ‚Mr. Stanton‘ sagen. Sie haben in diesem Spiel drei Züge zurückgenommen.“

„Du meine Güte!“, antwortete ich, „was für ein Katalog an einem Tag! Ich fürchte, mein Mentor wird an meiner endgültigen Vollkommenheit verzweifeln.“

„Ich hätte mehr Hoffnung“, antwortete er, „wenn Sie meine Zurechtweisungen tiefer zu spüren schienen, aber Sie halten sie offensichtlich für zu unbedeutend, um sich sehr darüber aufzuregen.“

Da er an meinem Mann sogar noch mehr auszusetzen hatte, trösteten wir uns gegenseitig und beschlossen, dass unser Freund ziemlich hyperkritisch sei und dass wir so nahezu perfekt seien, wie Sterbliche für die Abnutzungserscheinungen des gewöhnlichen Lebens sein müssten. Da wir beide mit einem guten Maß an Selbstwertgefühl ausgestattet waren, war weder das Lob noch der Tadel der Menschheit für einen von uns überwältigend. Da die Reise achtzehn Tage dauerte – wir waren auf einem Segelschiff –, hatten wir Zeit, uns etwas zu verbessern oder zumindest alle freundschaftlichen Ratschläge zu überdenken.

Zu dieser Zeit war Mr. Birney sehr in Miss Fitzhugh aus Geneseo verliebt, die er später heiratete. Er litt zeitweise unter großer Niedergeschlagenheit, aber ich konnte ihn immer in eine sonnige Stimmung versetzen, wenn ich ihren Namen erwähnte. Das war ein Thema, dessen er nie müde wurde, und während er sie lobte, war für ihn ein Heiligenschein um mein Haupt sichtbar, und ich war für die Zeit tadellos. Es gab nichts unter unseren Mitreisenden, das die Monotonie der Reise hätte brechen können. Es waren alles stoische Engländer aus der Mittelschicht, die aus verschiedenen Teilen der Welt zurückkehrten, um ihr Heimatland zu besuchen.

Wenn er außer Hörweite war, pflegte Mr. Birney sie gnadenlos zu verspotten; also sagte ich eines Tages, um einen Punkt zu machen, mit großer Feierlichkeit: „Ist es gute Kinderstube, sich über die Schwächen unserer Mitmenschen lustig zu machen, die nicht unsere Vorteile von Bildung und Erziehung hatten?“ Er spürte den Tadel und errötete und kam nie wieder auf dieses Thema zurück. Ich bedaure sagen zu müssen, dass ich froh war, ihn einmal im Unrecht zu finden.

Obwohl ein gewisses Amüsement, auf welche außergewöhnliche Weise ich es auch immer erlangen konnte, für mein Dasein notwendig war, verbrachte ich die meiste Zeit mit Lesen und Reden über diese Frage, da es für wichtig erachtet wurde, dass ich den Status der Anti-Sklaverei-Bewegung in meinem eigenen Land gründlich verstand. Als Ehefrau eines Delegierten zur Weltkonvention empfanden wir es alle als wichtig, dass ich in der Lage sein sollte, alle Fragen zu beantworten, die mir in England zu allen Phasen der Sklavenfrage gestellt werden könnten.

Der Kapitän, ein fröhlicher Kerl, war immer bereit, mich bei meinen Erkundungen in jeden Winkel des Schiffes zu unterstützen. Er bildete sich ein, dass meine Lektüre geschmacklos sei und von den älteren Herren erzwungen werde, also plante er ständig irgendeine Abwechslung und lud mich oft ein, bei ihm zu sitzen und seinen Erfahrungen aus dem Seemannsleben zuzuhören.

Doch alles muss in diesem sterblichen Leben ein Ende finden, und unsere Reise stand kurz vor ihrem Abschluss, als wir an der Südküste Englands bei Windstille festsaßen und nicht mehr als einen Knoten pro Stunde machen konnten. Als wir die ferne Küste in Sicht hatten, kam ein Lotsenboot vorbei und bot an, jeden in sechs Stunden an Land zu bringen. Ich war so entzückt bei dem Gedanken, Land zu erreichen, dass Mr. Stanton und Mr. Birney nach langem Überreden zustimmten, mitzugehen. Dementsprechend wurden wir in einem Lehnstuhl in das Boot hinabgelassen, mit einem Imbiss, bestehend aus einem kalten Huhn, einem Laib Brot und einer Flasche Wein, mit gerade genug Wind, um unser leichtes Fahrzeug unserem Ziel entgegenzutragen. Doch statt sechs Stunden brauchten wir den ganzen Tag, um das Land zu erreichen, und als die Dämmerung hereinbrach und die letzte Brise starb, sagte der Lotse: „Wir sind jetzt zwei Meilen vom Ufer entfernt, aber der einzige Weg, wie Sie heute Nacht dorthin gelangen können, ist mit einem Ruderboot.“

Da wir keine Vorräte mehr hatten und nirgendwo schlafen konnten, waren wir froh, das Ruderboot in Anspruch zu nehmen. Es war eine helle Mondnacht, die Luft mild, das Wasser glatt, und mit zwei stämmigen Ruderern glitten wir schnell dahin. Als Mr. Birney den letzten Abstieg machte und sich setzte, zweifelnd, ob wir das Ufer erreichen würden, wandte er sich an mich und sagte: „Das Weib verführte mich, und ich verließ das gute Schiff.“ Wir erreichten jedoch um Mitternacht das Ufer und landeten in Torquay, einem der schönsten Flecken in jenem Land, und unsere Reise nach Exeter am nächsten Tag führte durch die schönste Landschaft Englands.

Da wir kein Gepäck bei uns hatten, war unsere Festhaltung durch die Zollbeamten kurz, und wir wurden bald zu einem komfortablen kleinen Hotel geführt, das, wie wir am Morgen feststellten, eine Laube aus Rosen war. Ich hatte mir nie etwas so Schönes vorgestellt wie die Fahrt nach Exeter oben auf einer Kutsche mit vier stämmigen Pferden, die mit zehn Meilen pro Stunde trabten. Es war der erste Juni, und das Land war in seiner ganzen Pracht. Das Laub war von einem sanften Grün, die Bäume waren mit Blüten bedeckt und die Sträucher mit Blumen. Die Straßen waren perfekt; der große, gut aussehende Kutscher mit seinen weißen Handschuhen und Zügeln, seinem rosigen Gesicht und seiner erhabenen Haltung und der Postillon in Rot, der in sein Horn stieß, während wir durch jedes Dorf fuhren, ließen die Fahrt wie eine Reise im Märchenland erscheinen. Wir hatten gehört, dass England wie ein Blumengarten sei, aber wir waren völlig unvorbereitet auf einen solchen Reichtum an Schönheit.

In Exeter hatten wir unseren ersten Blick auf eine der großen Kathedralen in der Alten Welt, und wir waren alle zutiefst beeindruckt von ihrer Größe. Es war gerade zur Dämmerungsstunde, als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne durch die Buntglasfenster strömten, die Schatten vertieften und ein geheimnisvolles bernsteinfarbenes Licht über alles warfen. Da der Chor übte, wurde die gesamte Wirkung durch die tiefen Töne der Orgel, die durch das gewölbte Dach hallten, und den Klang menschlicher Stimmen, als ob sie vergeblich versuchten, den riesigen Raum darüber zu füllen, noch verstärkt. Die Neuheit und Feierlichkeit der Umgebung weckten alle unsere religiösen Gefühle und ließen jeden Nerv in unserem Wesen erbeben. Als wären wir vom gleichen Impuls bewegt, eine Weile dort zu verweilen, setzten wir uns alle schweigend hin und warteten darauf, dass etwas den Bann brach, der uns gefangen hielt. Kann man sich über die Macht der katholischen Religion über Jahrhunderte wundern, mit solchen Hilfsmitteln, um die Vorstellungskraft zu einer blinden Anbetung des Unbekannten anzustacheln?

Als wir an jenem Abend im Hotel saßen und etwas lesen wollten, fragten wir den Kellner nach den Tageszeitungen. Da es keinen öffentlichen Tisch oder Salon für Gäste gab, sondern jede Partei ihr eigenes Apartment hatte, brauchten wir ein wenig Abwechslung von der Gesellschaft des jeweils anderen. Nachdem wir sozusagen achtzehn Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten waren, waren wir neugierig zu sehen, ob unser Planet sich immer noch von Westen nach Osten drehte. Bei der Erwähnung von Zeitungen im Plural warf uns der Bedienstete einen Blick der Überraschung zu und sagte, er würde „sie“ holen. Er kehrte zurück und sagte, der Herr in Nr. 4 habe „sie“, aber er sei in fünfzehn Minuten fertig. Dementsprechend brachte er am Ende dieser Zeit die Zeitung, und nachdem wir sie dieselbe Zeit lang gehabt hatten, kam er, um sie zu einer anderen Partei zu bringen. In unserer Unterkunft in London wurde jeden Morgen für eine halbe Stunde eine Zeitung hinterlassen, und dann wurde sie zum nächsten Haus gebracht, wodurch sie mehreren Familien von Lesern diente.

Der nächste Tag brachte uns nach London. Als ich zum ersten Mal unsere Unterkunft in der Queen Street betrat, hielt ich sie für den düstersten Wohnort, den ich je gesehen hatte. Die Ankunft einer Delegation von Damen am nächsten Tag aus Boston und Philadelphia veränderte die Atmosphäre der Einrichtung und erfüllte mich mit entzückenden Vorfreuden auf einige neue und bezaubernde Bekanntschaften, die ich beim Treffen mit Emily Winslow, Abby Southwick, Elizabeth Neal, Mary Grew, Abby Kimber, Sarah Pugh und Lucretia Mott voll verwirklichte. Es hatte eine Spaltung in den amerikanischen Anti-Sklaverei-Reihen gegeben, und Delegierte kamen aus beiden Zweigen, und da sie in unserer Unterkunft gleichermaßen vertreten waren, wurde ich mit der ganzen Kontroverse vertraut. Das wirksame Element, das die Spaltung verursachte, war die Frauenfrage, und da der Garrison-Zweig das Recht der Frauen verteidigte, in den Konventionen zu sprechen und abzustimmen, galt mein ganzes Mitgefühl den Garrisonianern, obwohl Mr. Stanton und Mr. Birney zum anderen Zweig gehörten, den sogenannten politischen Abolitionisten. Für mich gab es keine Frage, die so wichtig war wie die Emanzipation der Frauen von den Dogmen der Vergangenheit, politisch, religiös und sozial. Es erschien mir sehr bemerkenswert, dass Abolitionisten, die das Unrecht an Sklaven so tief empfanden, so vergesslich gegenüber dem gleichen Unrecht an ihren eigenen Müttern, Ehefrauen und Schwestern sein konnten, wo doch beide Klassen nach dem Common Law einen ähnlichen rechtlichen Status einnahmen.

Unser Hauptziel bei dem Besuch Englands zu dieser Zeit war die Teilnahme an der Welt-Anti-Sklaverei-Konvention, die am 12. Juni 1840 in der Freemasons’ Hall in London zusammentrat. Delegierte aller Anti-Sklaverei-Gesellschaften zivilisierter Nationen waren eingeladen, doch als sie eintrafen, wurden diejenigen, die Vereinigungen von Frauen vertraten, zurückgewiesen. Obwohl Frauen Mitglieder der National Anti-Slavery Society waren, daran gewöhnt, in all ihren Konventionen zu sprechen und abzustimmen und einen ebenso aktiven Teil mit Männern am gesamten Anti-Sklaverei-Kampf zu nehmen, und obwohl sie dort als Delegierte von Vereinigungen von Männern und Frauen sowie von solchen, die sich eindeutig auf ihr eigenes Geschlecht bezogen, anwesend waren, wurden sie doch alle gleichermaßen zurückgewiesen, weil sie Frauen waren. Frauen waren nach englischen Vorurteilen zu jener Zeit durch biblische Texte davon ausgeschlossen, gleiche Würde und Autorität mit Männern in allen Reformvereinigungen zu teilen; daher war es für englische Geister vorzüglich unpassend, dass Frauen als gleichberechtigte Mitglieder zu einer Weltkonvention zugelassen wurden. Die Frage wurde einen ganzen Tag lang hitzig debattiert. Mein Mann hielt eine sehr eloquente Rede zugunsten der Zulassung der weiblichen Delegierten.

Wenn wir bedenken, dass Lady Byron, Anna Jameson, Mary Howitt, Mrs. Hugo Reid, Elizabeth Fry, Amelia Opie, Ann Green Phillips, Lucretia Mott und viele bemerkenswerte Frauen, Rednerinnen und Führerinnen in der Society of Friends, alle gezwungen waren, schweigend den maskulinen Plattitüden über die Sphäre der Frau zuzuhören, kann man sich eine Vorstellung von der Empörung unvoreingenommener Freunde machen, und insbesondere von der solcher Frauen wie Lydia Maria Child, Maria Chapman, Deborah Weston, Angelina und Sarah Grimké und Abby Kelly, die ungeduldig auf dieser Seite in schmerzlicher Spannung warteten und zuschauten, um zu hören, wie ihre Delegierten empfangen wurden. Nach meinen eigenen Gefühlen zu urteilen, müssen die Frauen auf beiden Seiten des Atlantiks gedemütigt und beschämt gewesen sein, es sei denn, diese Gefühle wurden durch Verachtung für die flache Argumentationsweise ihrer Gegner und ihre komische Pose und Gestik bei einigen der intensiv ernsten Flüge ihrer Einbildungskraft aufgewogen.

Der klerikale Teil der Konvention war am heftigsten in seinem Widerstand. Die Geistlichen schienen Gott und seine Engel besonders in ihrer Obhut und Bewahrung zu haben und waren in Todesangst, dass die Frauen etwas tun oder sagen könnten, um die himmlischen Heerscharen zu schockieren. Ihre alles stützende Einbildung gab ihnen reichlich die Gewissheit, dass ihre Bewegungen notwendigerweise den Himmlischen, deren Ohren für das Verfahren der Weltkonvention offen waren, alles gefällig sein müssten. Deborah, Hulda, Waschti und Esther hätten die Angemessenheit hinterfragen können, es eine Weltkonvention zu nennen, wenn nur die Hälfte der Menschheit dort vertreten war; aber was waren ihre Meinungen wert im Vergleich zu denen von Rev. A. Harvey, Rev. C. Stout oder Rev. J. Burnet, die mit der Bibel in der Hand die Unterwerfung der Frau argumentierten, die göttlich beschlossen war, als Eva erschaffen wurde.

Einer unserer Vorkämpfer in der Konvention, George Bradburn, ein großer, stämmiger Mann mit einer Stimme wie Donner, der die klerikalen Vertreter um Haupteslänge überragte, fegte all ihre Argumente beiseite, indem er mit ungeheurem Nachdruck erklärte, wenn sie ihm beweisen könnten, dass die Bibel die vollständige Unterwerfung der einen Hälfte der Rasse unter die andere lehre, würde er das Beste, was er für die Menschheit tun könne, darin sehen, jede Bibel im Universum zusammenzubringen und ein großes Freudenfeuer aus ihnen zu machen.

Es war wirklich jämmerlich zu hören, wie engstirnige Fanatiker, die vorgaben, Lehrer und Führer der Menschen zu sein, ihre eigenen Mütter zusammen mit dem Rest der Frauenwelt so grausam zu absoluter Unterwerfung unter den gewöhnlichen maskulinen Typus der Menschheit verurteilten. Ich habe es immer bedauert, dass die Frauen selbst nicht an der Debatte teilgenommen hatten, bevor die Konvention vollständig organisiert war und die Frage der Delegierten geklärt war. Es schien mir damals, und scheint es heute noch, dass alle Delegierten mit Beglaubigungsschreiben von anerkannten Gesellschaften eine Stimme bei der Organisation der Konvention hätten haben sollen, wenn auch mit dem Vorbehalt des späteren Ausschlusses. Wie dem auch sei, die Frauen saßen auf einem niedrigen, mit Vorhängen versehenen Sitz wie ein Kirchenchor und hörten bescheiden den französischen, britischen und amerikanischen Solonen zwölf der längsten Junitage zu, ebenso wie unsere großen Garrison und Rogers auf der Galerie. Sie verachteten eine Konvention, die die Rechte genau jener Frauen ignorierte, die Seite an Seite mit ihnen im Anti-Sklaverei-Konflikt gekämpft hatten. „Nachdem ich so viele lange Jahre“, sagte Garrison, „für die Freiheiten afrikanischer Sklaven gekämpft habe, kann ich an keiner Konvention teilnehmen, die die heiligsten Rechte aller Frauen niederschlägt.“ Nachdem er dreitausend Meilen gereist war, um über das Thema zu sprechen, das seinem Herzen am nächsten lag, teilte er edelmütig das erzwungene Schweigen der zurückgewiesenen Delegierten. Es war ein großer Akt der Selbstaufopferung, der von Frauen niemals vergessen werden sollte.

Thomas Clarkson wurde zum Präsidenten der Konvention gewählt und machte bei der Eröffnung einige Bemerkungen, aber er zog sich bald zurück, da sein Alter und viele Gebrechen alle öffentlichen Anlässe zu belastend machten, und Joseph Sturge, ein Quäker, wurde zum Vorsitzenden ernannt. Als ich neben Mrs. Mott saß, sagte ich:

„Da jetzt ein Quäker den Vorsitz führt, was könnte er tun, wenn der Geist Sie zum Sprechen bewegen sollte?“

„Ach“, antwortete sie, offensichtlich nicht glaubend, dass ein solcher Eventualfall möglich sei, „wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

Sie hatte nicht viel Glauben an die Aufrichtigkeit von Abolitionisten, die zwar wortgewandt die natürlichen Rechte von Sklaven verteidigten, aber die Redefreiheit der Hälfte der Menschen ihrer eigenen Rasse verweigerten. Das war die Konsequenz einer Ansammlung von Philanthropen! Sie wären entsetzt über die Idee gewesen, das Fleisch der anwesenden angesehenen Frauen mit glühenden Eisen zu verbrennen, aber die Kreuzigung ihres Stolzes und Selbstrespekts, die Demütigung des Geistes, schien ihnen eine höchst belanglose Angelegenheit zu sein. Das Vorgehen dieser Konvention war lange Zeit Thema von Diskussionen, in der Öffentlichkeit und privat, und stachelte viele Frauen zu neuen Gedanken und Handlungen an und gab den Anstoß für die Bewegung für die politische Gleichstellung der Frauen sowohl in England als auch in den Vereinigten Staaten.

Als die Konvention vertagt wurde, hörte man von allen Seiten die Bemerkung: „Es ist an der Zeit, dass einige Forderungen für neue Freiheiten für Frauen gestellt werden.“ Als Mrs. Mott und ich Arm in Arm nach Hause gingen und die Vorfälle des Tages kommentierten, beschlossen wir, eine Konvention abzuhalten, sobald wir wieder zu Hause waren, und eine Gesellschaft zu gründen, um die Rechte der Frauen zu verfechten. In der Unterkunft in der Queen Street, wo eine große Anzahl von Delegierten Apartments hatte, waren die Diskussionen bei jeder Mahlzeit hitzig und zeitweise so bitter, dass Mr. Birney schließlich seine Reisetasche packte und friedlichere Quartiere suchte. Nachdem er die Zulassung von Frauen als Delegierte zur Konvention nachdrücklich abgelehnt hatte, war es etwas peinlich, ihnen in den Pausen zwischen den verschiedenen Sitzungen am Tisch und im Salon zu begegnen.

Dies waren die ersten Frauen, denen ich je begegnet war, die an die Gleichberechtigung der Geschlechter glaubten und nicht den populären orthodoxen Glaubensrichtungen anhingen. Die Bekanntschaft mit Lucretia Mott, die eine breit gefächerte, liberale Denkerin in Fragen der Politik, Religion und sämtlicher Reformbestrebungen war, eröffnete mir eine neue Welt des Denkens. Während wir umhergingen, um die Sehenswürdigkeiten Londons zu besichtigen, ergriff ich jede Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Es war zutiefst befriedigend, all das, was ich über Jahre des Zweifels hinweg nur vage gedacht hatte, so frei von anderen Frauen diskutiert zu hören – Frauen zudem von seltener Intelligenz, Bildung und Kultiviertheit. Nachdem ich sechs Wochen lang unter demselben Dach mit Lucretia Mott verbracht hatte, deren Konversation durchweg auf einem hohen Niveau war, hatte ich das Gefühl, sie zu gut zu kennen, um mit den orthodoxen Freunden zu sympathisieren, die sie als gefährliche Frau verurteilten, weil sie bestimmte Dogmen anzweifelte, an die diese fest glaubten.

Da Mr. Birney und mein Ehemann eingeladen waren, in ganz England, Schottland und Irland zu sprechen, und wir durchweg von orthodoxen Freunden bewirtet wurden, hatte ich reichlich Gelegenheit, die allgemeine Stimmung ihnen gegenüber Lucretia Mott kennenzulernen. Sogar Elizabeth Fry schien recht abgeneigt zu sein, dieselbe Luft wie sie zu atmen. Während der sechs Wochen, die viele von uns nach der Konvention in London blieben, waren wir zu einer Reihe von öffentlichen und privaten Frühstücks-, Mittags- und Teegesellschaften eingeladen, und bei diesen Gelegenheiten war es amüsant, Mrs. Frys emsige Bemühungen zu beobachten, Mrs. Mott auf Distanz zu halten. Wenn Mrs. Mott auf dem Rasen war, ging Mrs. Fry ins Haus; wenn Mrs. Mott im Haus war, blieb Mrs. Fry draußen auf dem Rasen. Eines Abends, als wir alle in zwei Salons zusammengedrängt waren und es kein Entkommen gab, machte die Nachricht die Runde, dass Mrs. Fry sich gedrängt fühlte, mit den amerikanischen Delegierten zu beten, woraufhin ein tiefes Schweigen einkehrte. Nach wenigen Augenblicken vernahm man Mrs. Frys Stimme, die das Schisma unter den amerikanischen Freunden beklagte; dass so viele durch falsche Lehren in die Irre geführt worden seien; sie beschwor den Geist alles Guten, ihnen den Irrtum ihres Weges aufzuzeigen und sie wieder in die Herde des großen Hirten unseres Glaubens zu sammeln. Das Gebet war so gezielt gegen die Anhänger von Elias Hicks und insbesondere gegen Lucretia Mott gerichtet, dass ich Lucretia am Ende zuflüsterte, sie solle nun für Mrs. Fry beten, damit ihr die Augen für ihre Engstirnigkeit und Lieblosigkeit geöffnet würden und sie vom Geist in ein höheres Licht geführt werde. „Oh, nein!“, antwortete sie, „ein Gebet dieser Art ist unter den gegebenen Umständen ein unfairer Vorteil, den man gegenüber einer Fremden ausnutzt, aber ich würde es im Haus ihrer Freunde nicht übel nehmen.“

Bei diesen Zusammenkünften trafen wir die führenden Quäkerfamilien und viele andere Philanthropen verschiedener Konfessionen, die an der Anti-Sklaverei-Bewegung interessiert waren. Bei all diesen Anlässen sprach unser edler Garrison äußerst wirkungsvoll, und so hatten unsere englischen Freunde die Gelegenheit, seine Beredsamkeit zu genießen, deren Fehlen bei der Konvention ein so schwerer Verlust gewesen war.

Wir widmeten einen Monat eifrig der Besichtigung Londons und erkundeten pflichtbewusst als Reisende die St. Paul’s Cathedral, das British Museum, den Tower, verschiedene Gefängnisse, Krankenhäuser, Kunstgalerien, Windsor Castle und den St. James’s Palace, die Zoological Gardens, die Schulen und Colleges, die wichtigsten Theater und Kirchen, Westminster Abbey, die Häuser des Parlaments und die Gerichte. Wir hörten die berühmtesten Prediger, Schauspieler und Staatsmänner. Tatsächlich gingen wir bis an die Spitze und an den Boden von allem, von der Kuppel von St. Paul bis zum Tunnel unter der Themse, der gerade ausgehoben wurde. Wir fuhren durch die Parks, segelten die Themse auf und ab und besuchten dann jede Grafschaft in England bis auf vier, in denen wir überall große Versammlungen abhielten, bei denen Mr. Birney und Mr. Stanton die Hauptredner waren. Da wir meist eingeladen wurden, bei Freunden zu wohnen, bot dies eine gute Gelegenheit, die führenden Familien kennenzulernen, wie die Ashursts, die Alexanders, die Priestmans, die Braithwaites und Buxtons, die Gurneys, die Peases, die Wighams aus Edinburgh und die Webbs aus Dublin. Wir verbrachten einige Tage mit John Joseph Gurney in seinem schönen Haus in Norwich. Er war gerade aus Amerika zurückgekehrt, nachdem er eine Reise durch den Süden gemacht hatte. Als er gefragt wurde, wie ihm Amerika gefalle, sagte er: „Mir gefällt alles außer eurem Tortenteig und eurer Sklaverei.“

Bevor wir London verließen, wurde die gesamte amerikanische Delegation, etwa vierzig Personen, eingeladen, bei Samuel Gurney zu speisen. Er und sein Bruder, John Joseph Gurney, waren zu jener Zeit die führenden Bankiers in London. Jemand bemerkte scherzhaft, dass die Juden die führenden Bankiers in London gewesen seien, bis die Quäker sie verdrängt hätten.

Eine der bemerkenswertesten Frauen, die ich zu dieser Zeit in England traf, war Miss Elizabeth Pease. Ich habe nie ein markanteres Gesicht gesehen. Als ich sie vierzig Jahre später auf dem Podium einer großen Versammlung in der Town Hall in Glasgow traf, erkannte ich sie sofort wieder. Sie ist jetzt Mrs. Nichol aus Edinburgh und, obwohl schon auf der schattigen Seite der achtzig, immer noch aktiv in allen Reformen des Tages.

Es überraschte uns anfangs sehr, wenn wir in die Anlagen einiger dieser schönen Quäkerhäuser fuhren, die große Glocke am Pförtnerhaus läuten zu hören und die Anzahl der livrierten Diener auf der Veranda und in den Fluren zu sehen, um dann den Gastgeber in schlichter Kleidung zu treffen und in schlichter Sprache begrüßt zu werden: „Wie geht es dir, Henry?“, „Wie geht es dir, Elizabeth?“. Das klang für mich – eine Fremde in einem fremden Land – besonders süß. Die wohlhabenden englischen Quäker, die wir zu jener Zeit besuchten, waren alles in allem die charmantesten Menschen, die ich je gesehen hatte. Sie waren kultiviert und intelligent in allen Themen, und obwohl sie in einigen Punkten eher konservativ waren, waren sie nicht aggressiv darin, anderen ihre Meinungen aufzudrängen. Ihre Gastfreundschaft war charmant und großzügig, ihre Häuser das Ideal von Komfort und Ordnung, die Küche tadellos, während über allem Frieden herrschte. Die ruhige, sanfte Art und die weichen Töne beim Sprechen sowie die geheimnisvolle Stille in diesen gut geordneten Häusern waren wie die Atmosphäre, die man in einem modernen Kloster findet, wo die gewöhnlichen Pflichten des Tages durch einen magischen Einfluss vollbracht zu werden scheinen.

Bevor wir London verließen, verbrachten wir einen herrlichen Tag im Juni im Haus von Samuel Gurney, umgeben von einem schönen Park, in dem sechshundert Hirsche umherstreiften – stets ein wunderschönes Merkmal der englischen Landschaft. Da die Herzogin von Sutherland und Lord Morpeth gegenüber Mrs. Fry den Wunsch geäußert hatten, einige der führenden amerikanischen Abolitionisten kennenzulernen, wurde vereinbart, dass sie bei dieser Gelegenheit im Wohnsitz ihres Bruders vorsprechen sollten. Kurz nach unserer Ankunft fuhr die Herzogin mit ihrem Bruder und Mrs. Fry in ihrer Staatskarosse mit sechs Pferden und Vorreitern vor das Haus. Mr. Gurney war sichtlich verlegen bei der Aussicht, einen Lord und eine Herzogin unter seinem Dach zu haben. Gestützt auf den Arm von Mrs. Fry wurde die Herzogin uns förmlich einzeln vorgestellt. Mrs. Mott unterhielt sich mit den vornehmen Gästen mit derselben Geläufigkeit und Fassung wie mit ihren eigenen Landsfrauen. Wie besorgt die Engländer auch waren, was sie sagen und tun sollten, die Amerikaner waren alle ganz ungezwungen.

Da Lord Morpeth einige interessante Briefe von der Insel Jamaika vorzulesen hatte, bildeten wir einen Kreis auf dem Rasen, um zuzuhören. England hatte gerade hundert Millionen Dollar für die Befreiung der Sklaven gezahlt, und wir waren alle daran interessiert, das Ergebnis des Experiments zu hören. Der vornehme Gast hatte seinerseits viele Fragen bezüglich der amerikanischen Sklaverei. Wir fanden in England nichts von jener Vorurteilsbehaftung gegenüber der Hautfarbe, die unter der amerikanischen Bevölkerung so tief verwurzelt ist; bei meinem ersten Abendessen in England fand ich mich neben einem Gentleman aus Jamaika wieder, der so schwarz war wie das Pik-Ass. Nach dem Aufbruch der Herzogin wurde das Abendessen angekündigt. Es war ein üppiges Mahl, das höchst geschmackvoll serviert wurde. An jedem Platz standen ein halbes Dutzend Weingläser, aber Abolitionisten waren in jenen Tagen alle Bekehrte zur Mäßigung, und als die Flaschen die Runde machten, gab es ein allgemeines Kopfschütteln und die rechte Hand wurde über die Gläser gestreckt. Unsere englischen Freunde waren erstaunt, dass niemand von uns Wein trank. Mr. Gurney sagte, er habe noch nie einen solchen Anblick gesehen wie vierzig Damen und Herren, die sich zum Abendessen niederließen und niemand davon den Wein kostete. Im Gespräch mit ihm über diesen Punkt sagte er:

„Ich nehme an, eure stillenden Mütter trinken Bier?“

Ich lachte und sagte: „Oh, nein! Wir hätten Angst, die Gehirne unserer Kinder zu benebeln.“

„Keine Gefahr dabei“, sagte er; „wir sind alle hell genug, und dennoch wird für die Mutter mit jedem neugeborenen Kind ein Fass Bier in den Keller gerollt.“

Oberst Miller aus Vermont, einer unserer amerikanischen Delegation, war während des griechischen Unabhängigkeitskrieges bei Lord Byron. Da Lady Byron den Wunsch geäußert hatte, ihn zu sehen, damit ihre Tochter etwas über die letzten Tage ihres Vaters erfahren könne, wurde ein Gespräch arrangiert, und der Oberst lud mich freundlicherweise ein, ihn zu begleiten. Sein Bericht über ihre Bekanntschaft und die vielen edlen Charakterzüge, die Lord Byron zeigte, seine großzügigen Impulse und selbstlosen Handlungen, schienen der Tochter besonders wohltuend zu sein. Es war ein trauriges Gespräch, das hauptsächlich zur Zufriedenheit der Tochter arrangiert wurde, obwohl Lady Byron mit einem schmerzlichen Interesse zuhörte. Da der Oberst ein großer Bewunderer des berühmten Dichters war, stellte er ihn zweifellos im bestmöglichen Licht dar, und seine Schilderung seiner letzten Tage war zutiefst interessant. Lady Byron hatte eine ruhige, zurückhaltende Art, ein trauriges Gesicht und eine tiefe, klagende Stimme, wie jemand, der tiefes Leid erfahren hatte. Ich hatte sie häufig bei der Konvention und bei geselligen Tees gesehen und war ihr vor dieser Gelegenheit bereits persönlich vorgestellt worden. Alles in allem hielt ich sie für eine süße, anziehend aussehende Frau.

Wir hatten auch ein angenehmes Gespräch mit Lord Brougham. Die Philadelphia Anti-Slavery Society sandte ihm ein kunstvoll geschnitztes Tintenfass, gefertigt aus dem Holz der Pennsylvania Hall, die von einem Mob von Sklavereibefürwortern zerstört worden war. Mr. Birney hielt eine äußerst anmutige Rede bei der Überreichung des Erinnerungsstücks, und Lord Brougham war bei der Annahme ebenso erfreut.

Eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten, die wir zu dieser Zeit trafen, war Daniel O’Connell. Er erschien zum ersten Mal bei der Londoner Konvention, wenige Tage nachdem die Frauen zurückgewiesen worden waren. Er zollte den Frauen einen schönen Tribut und sagte, dass er, wenn er bei der Diskussion dieser Frage anwesend gewesen wäre, für deren Zulassung gesprochen und gestimmt hätte. Er war ein großer, wohlgebauter, großartig aussehender Mann und wahrscheinlich einer der wirkungsvollsten Redner, die Irland je hervorgebracht hat. Ich sah ihn bei einer großen Indien-Versammlung in der Exeter Hall, bei der einige der besten Redner aus Frankreich, Amerika und England anwesend waren. Es waren sechs Einheimische aus Indien auf dem Podium, die, da sie nichts von dem Gesagten verstanden, während des gesamten Verlaufs naturgemäß teilnahmslos blieben. Doch in dem Moment, als O’Connell zu sprechen begann, waren sie ganz Aufmerksamkeit, beugten sich vor und beobachteten aufmerksam jede Bewegung. Man konnte fast sagen, was er sagte, durch das Spiel seiner ausdrucksstarken Gesichtszüge, seine wunderbaren Gesten und die Haltung seines ganzen Körpers. Als er fertig war, stimmten die Einheimischen in den allgemeinen Applaus ein. Er besaß die ganze Kraft des Sarkasmus und der Anklage eines Wendell Phillips und fügte dem noch das zarteste Pathos hinzu. Er konnte sein Publikum nach Belieben zum Lachen oder Weinen bringen. Es war ein seltener Anblick, ihn bei einer seiner Repeal-Versammlungen in „Repeal-Stoff“ gekleidet zu sehen. Wir waren in Dublin inmitten dieser Aufregung, als sich die Hoffnungen auf neue Freiheiten für dieses unterdrückte Volk ganz auf O’Connell konzentrierten. Die Begeisterung des Volkes für die Aufhebung der Union (Repeal of the Union) war damals auf dem Siedepunkt. Als ich eines Tages mit dem „Großen Befreier“, wie er genannt wurde, speiste, fragte ich ihn, ob er hoffe, diese Maßnahme durchzusetzen.

„Nein“, sagte er, „aber es ist immer eine gute Politik, das Äußerste zu fordern, dann wird man sicher etwas bekommen.“

Hätte er fünfzig Jahre in die Zukunft blicken und den heutigen Zustand seines unglücklichen Landes sehen können, hätte er gewusst, dass englische Gier und Eigensucht jede Politik zunichtemachen können, wie weise und vorausschauend sie auch sein mag. Die aufeinanderfolgenden Schritte, durch die der irische Handel ruiniert und religiöse Fehden zwischen ihrem Volk ständig neu entfacht und die Nation unterworfen wurde, bilden die dunkelste Seite in der Geschichte Englands. Aber das Volk erwacht endlich zu seiner Pflicht und organisiert zum ersten Mal die englische öffentliche Meinung zugunsten von „Home Rule“. Ich besuchte bei meinem letzten Aufenthalt in England mehrere große, begeisterte Versammlungen, bei denen die radikalsten Äußerungen irischer Patrioten mit langanhaltendem Jubel aufgenommen wurden. Ich vertraue darauf, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem die schöne Smaragdinsel ihr Banner vor den Nationen der Erde entfalten wird, thronend als die Republik-Königin jener nördlichen Meere!

Wir besuchten Wordsworths Haus in Grasmere, inmitten der schönen Seen, aber er war nicht da. Wir sahen jedoch seine Umgebung – die Landschaft, die einige seiner poetischen Träume inspirierte, und die dichten Reihen von Stockrosen in jeder Schattierung und Farbe, die von seiner Veranda zum Tor führten. Der Gärtner erzählte uns, dies sei seine Lieblingsblume. Obwohl sie für sich genommen keine besondere Schönheit besaß, war die wundervolle Kombination königlicher Farben doch in der Tat auffallend und schön. Wir sahen Harriet Martineau in ihrem Landhaus sowie in ihrem Haus in der Stadt. Da wir gezwungen waren, durch ein Hörrohr mit ihr zu sprechen, überließen wir es ihr, den Großteil des Sprechens zu übernehmen. Sie erzählte uns viele amüsante Erfahrungen ihrer Reisen in Amerika, und ihre Kommentare zur Londoner Konvention waren reich und pikant. Sie war keine attraktive Frau, weder in ihrer Art noch in ihrem Erscheinungsbild, obwohl sie von allen, die sie kannten, als groß und gut angesehen wurde.

Wir verbrachten einige Tage bei Thomas Clarkson in Ipswich. Er lebte in einem sehr alten Haus mit langen, verwinkelten Korridoren, umgeben von einem Wassergraben, den wir über eine Zugbrücke überquerten. Er hatte gerade einen Artikel gegen das Kolonisierungsschema geschrieben, den seine Frau uns laut vorlas. Er war so in das Thema vertieft, dass er vergaß, dass der Artikel von ihm selbst geschrieben war, und fuhr mit einem fortlaufenden Beifall mit „Hört! Hört!“ fort, der englischen Art, Zustimmung auszudrücken. Er erzählte uns von den schweren Kämpfen, die er und Wilberforce durchgestanden hatten, um die öffentliche Meinung Englands für die Forderung nach Emanzipation in Jamaika zu wecken. Aber ihre Prüfungen waren mild im Vergleich zu dem, was Garrison und seine Mitstreiter in Amerika erlitten hatten.

Nachdem ich von all diesen Leuten gelesen hatte, war es schwierig zu begreifen, als ich sie Tag für Tag in ihren eigenen Häusern besuchte, dass dies dieselben Personen waren, die ich so lange aus der Ferne verehrt hatte!

KAPITEL VI.

HEIMWÄRTS.

Nachdem wir einen Blick auf die Wunder und die Umgebung Londons geworfen hatten, verbrachten wir einen Monat in Paris. Vor fünfzig Jahren gab es einen größeren Unterschied im allgemeinen Erscheinungsbild der Dinge zwischen Frankreich und England als heute. Dass Länder, die nur wenige Stunden Reise voneinander entfernt sind, so weit auseinandergehen, war für uns eine große Überraschung. Wie sehr sich die Anblicke und Klänge verändert haben! Hier war die alte Diligence, die mit ihren verschiedenen Abteilen und ihrer unbestimmten Anzahl von Pferden, die mit Seil und Leder eingespannt waren, schwerfällig dahinzog, manchmal zwei, manchmal drei nebeneinander und manchmal eines voraus, mit einem Vorreiter, der unaufhörlich auf die armen Tiere einschlug, und dem Kutscher, der schrie und mit seiner Peitsche knallte. Der Aufruhr, die Verwirrung und das Gezänk an jedem Haltepunkt waren überwältigend; die höheren Klassen, Männer wie Frauen gleichermaßen, stürzten sich in die Arme, umarmten und küssten sich, während Kutscher und Stallknechte bei der geringsten Provokation einander alle verleumderischen Adjektive der Sprache entgegenschleuderten, und zwar mit einer solchen Heftigkeit, dass man jeden Moment einen tödlichen Konflikt erwartete. Doch heute, wie vor fünfzig Jahren, erreichten sie diesen Punkt nie. Ihre Auseinandersetzung war und ist rein ein Wortgefecht, das sie, während sie in entgegengesetzte Richtungen davonfuhren, so lange fortsetzten, wie sie sich hören und sehen konnten, mit Drohungen kommender Rache. Eine solche Begegnung zwischen zwei Engländern hätte den Tod des einen oder des anderen bedeutet.

All dies stand in markantem Kontrast zu John Bull und seiner Insel. Dort waren die Menschen so schweigsam, als wären sie taubstumm geboren worden. Die englische Postkutsche war kompakt, sauber und von oben bis unten poliert, die Pferde und das Geschirr glänzend und in Ordnung, der gut gekleidete, würdevolle Kutscher, der selten ein lautes Wort sprach oder seine Peitsche benutzte, blieb an den verschiedenen Stationen auf seinem Sitz, während Stallknechte die Rösser tränkten oder wechselten; der Postbote blies sein Signalhorn, um die Post bereit zu haben, und die zurückhaltenden Passagiere machten keine Bemerkungen über das Geschehende; denn in jenen Tagen fürchteten die Engländer, miteinander zu sprechen, aus Angst, jemanden nicht ihres Standes zu erkennen, während sie mit Fremden und Ausländern nur im Falle äußerster Not sprachen. Der Franzose war durchaus bereit zu reden, aber leider waren wir durch verschiedene Sprachen getrennt. So wollte der Engländer nicht sprechen, der Franzose konnte nicht, und der intelligente, gesprächige amerikanische Fahrer, der über Politik, Religion, nationale Institutionen und sozialen Klatsch referiert, war auf jener Seite des Atlantiks unbekannt. Was der neugierige amerikanische Reisende selbst durch Beobachtung und beharrliches Suchen herausfinden konnte, war ihm willkommen, doch der Brite verschwendete keinen Atem, um Yankees über die Sehenswürdigkeiten oder Gebräuche seines Landes aufzuklären.

Unsere Gruppe bestand aus Miss Pugh, Abby Kimber, Mr. Stanton und mir. Ich hatte viele amüsante Erlebnisse dabei, meine Bedürfnisse kundzutun, wenn ich allein war, da ich das meiste von meinem Französisch vergessen hatte. Zum Beispiel, als ich Tag und Nacht in der Diligence nach Paris reiste, da die Halte kurz waren, war man manchmal darauf angewiesen, etwas zu essen. Eines Nachts, als meine Gefährten alle schliefen, stieg ich aus, um ein Stück Kuchen oder einen Cracker zu bekommen, oder was auch immer ich in dieser Art erhalten konnte, aber aufgrund meines unbeholfenen Gebrauchs der Sprache wurde ich missverstanden. Gerade als die Diligence abfahren sollte und der Ruf, einzusteigen, ertönte, kam der Kellner angerannt mit einem dampfend heißen Teller Bries, nett gebraten. Ich hatte gewartet und mich gewundert, warum es so lange dauerte, ein einfaches Stück Kuchen oder Keks zu bekommen, und siehe da! Ein Stück heißes Fleisch wurde mir angeboten. Ich konnte das zischende Ding weder in die Hand nehmen noch ohne Brot, Messer oder Gabel essen, also eilte ich zum Wagen, während der Mann mich bis zur Tür verfolgte. Ich war verärgert und enttäuscht, während der Rest der Gruppe sich vor Lachen krümmte über den Abschiedsgruß und meinen Versuch, allein zurechtzukommen. Es dauerte eine Weile, bis ich das Letzte von den „Bries“ gehört hatte.

Als wir Paris erreichten, sicherten wir uns einen Kurier, der Englisch sprach, um uns die Sehenswürdigkeiten dieser wunderbaren Stadt zu zeigen. Jeden Morgen war er früh zur Stelle, bei Regen oder Sonnenschein, um unsere Pläne auszuführen, die wir mit Hilfe unseres Reiseführers am Abend zuvor gemacht hatten. Auf diese Weise besuchten wir stetig, Tag für Tag, alle Sehenswürdigkeiten im Umkreis von Meilen und segelten die Seine auf und ab. Der Palast der Tuilerien, mit seinen vielen Verbindungen zu einer langen Reihe mehr oder weniger unglücklicher Könige und Königinnen, war damals in seiner Pracht, und seine weitläufigen und schönen Anlagen waren stets fröhlich mit Scharen glücklicher Menschen. Diese Gärten waren ein großer Anziehungspunkt für Kindermädchen und Kinder und waren mit allerlei neuartigen Geräten zu ihrer Unterhaltung ausgestattet, darunter schöne kleine Kutschen, die von vier Ziegen gezogen wurden, gelenkt von Mädchen oder Jungen, Boote, die durch die Luft segelten, scheinbar angetrieben von Rudern, und Schaukelpferde, die auf Karussells herumflogen, wobei Jungen vergeblich versuchten, einander zu fangen. Kein Volk hat sich je die Mühe gemacht, so viele Unterhaltungen für Kinder zu erfinden wie die Franzosen. Die Menschen genossen es, ständig an der frischen Luft zu sein, Tag und Nacht. Die Parks sind voll von Unterhaltungssuchenden, einige lesen und spielen Spiele, andere nähen, stricken, spielen Musikinstrumente, tanzen, sitzen in Gruppen um Tische, essen, trinken und plaudern fröhlich. Und doch, wenn sie in Kutschen fahren oder abends nach Hause gehen, schließen sie sich ein wie Austern in ihren Schalen. Sie haben die Theorie, dass Nachtluft sehr schädlich sei – im Haus –, obwohl sie bis Mitternacht draußen sitzen. Ich fand diesen selben Aberglauben fünfzig Jahre später in Frankreich wieder vor.

Wir besuchten das Hôtel des Invalides genau in dem Augenblick, als sie den Sarkophag für die Aufnahme der Überreste Napoleons vorbereiteten. Wir wurden Zeugen der wilden Aufregung dieses enthusiastischen Volkes und hörten mit tiefem Interesse den Lobpreisungen der alten Soldaten auf ihren großen Feldherrn zu. Die Damen unserer Gruppe unterhielten sich frei mit ihnen. Sie alle hatten interessante Anekdoten über ihren Anführer zu erzählen. Sie sagten, er schlafe selten länger als vier Stunden, sei ein mäßiger Esser gewesen und habe seine Dienerschaft nur selten gewechselt, da er ein fremdes Gesicht um sich herum hasste. Er liebte das Schachspiel sehr und nahm unaufhörlich Schnupftabak; er redete nur wenig, war ein leichter Schläfer – das Rascheln einer Maus hätte ihn geweckt – und war immer auf der Hut. Sie sagten, in seinen großen Feldzügen habe er allgegenwärtig gewirkt. Ein Schildwache, die auf ihrem Posten einschlief, wachte manchmal auf und fand Napoleon an ihrer Stelle im Dienst vor.

Das Schiff, das Napoleons Überreste zurückbrachte, war die Belle Poule (das schöne Huhn!), die am 30. November 1840 in Cherbourg anlegte. Der Leichnam wurde zur Kirche des Invalides überführt, die an das Grabmal angrenzt. Der Prinz de Joinville brachte den Leichnam von Sankt Helena, und Louis Philippe nahm ihn in Empfang.

Zu jener Zeit hatte jeder Soldat ein kleines Stück Land, das er nach Belieben schmücken konnte und in dem viele Szenen ihrer großen Schlachten dargestellt wurden. Eine stellte Napoleon bei der Überquerung der Alpen dar. Da waren die Kanonen, die Soldaten, Napoleon zu Pferd, die sich alle den steilen Aufstieg hinaufmühten, in Miniatur vollkommen. In einer anderen war Napoleon zu sehen, die Flagge in der Hand, wie er den Angriff über die Brücke von Lodi anführte. In noch einer anderen war Napoleon in Ägypten vor den Pyramiden, wie er unbewegt auf seinem Pferd saß und auf die Sphinx starrte, als wolle er seine unsterblichen Worte an seine Soldaten richten: „Hier blicken vierzig Jahrhunderte auf uns herab.“ Diese Anschauungsunterrichte aus der Vergangenheit sind nun alle verschwunden und das Land wird für prosaischere Zwecke genutzt.

Ich hätte mir, als ich 1840 jenes große Ereignis in Frankreich miterlebte, nicht träumen lassen, dass ich siebenundfünfzig Jahre später ein ähnliches Schauspiel in der Amerikanischen Republik erleben würde, als unsere Nation General Grant ihre letzte Ehre erwies. Es gibt viele Gemeinsamkeiten bei diesen großen Ereignissen. Als Männer waren sie beide aggressiv und selbstbewusst. In seinem Testament drückte Napoleon den Wunsch aus, seine letzte Ruhestätte möge in dem Land und unter dem Volk sein, das er so sehr liebte. Sein Wunsch ist erfüllt. Er ruht in der Hauptstadt der französischen Republik, deren Ufer von den Wassern der Seine umspült werden. General Grant äußerte den Wunsch, in unserer Metropole beigesetzt zu werden, und fügte hinzu: „Wo auch immer ich begraben werde, wünsche ich, dass neben mir Platz für meine Frau ist.“ Auch seine Wünsche sind erfüllt. Er ruht in der Hauptstadt der Amerikanischen Republik, deren Ufer von den Wassern des Hudson umspült werden, und in seinem großartigen Mausoleum ist Platz für seine Frau an seiner Seite.

Mehrere Mitglieder der Society of Friends aus Boston und Philadelphia, die am Welt-Antisklaverei-Kongress in London teilgenommen hatten, schlossen sich unserer Gruppe für eine Reise auf den Kontinent an. Obwohl sie den Krieg ablehnten, zeigten sie alle ein tiefes Interesse an der nationalen Aufregung und den Prunkstücken, die die erwartete Ankunft des Helden von Sankt Helena ankündigten. Da sie alle Militärmäntel aus der Zeit von George Fox trugen, gaben ihnen die Soldaten, in der Annahme, sie gehörten zur Armee irgendeines Landes, überall, wo wir hinkamen, den militärischen Gruß, was sie sehr verärgerte und uns sehr amüsierte.

Beim Rundgang amüsierte uns Miss Pugh, indem sie die Beschreibung dessen, was wir bewunderten, und die historischen Ereignisse, die mit dem jeweiligen Gebäude oder Ort verbunden waren, laut vorlas. Wir drängten sie dazu, sich die Zeit zu nehmen, alles in sich aufzunehmen, was sie sehen konnte, und erst danach nachzulesen; aber nein, eine Geschichte Frankreichs und Galignanis Reiseführer trug sie überall mit sich herum, und während der Rest von uns schaute, bis wir vollkommen zufrieden waren, warf sie einen Blick aus der Vogelperspektive darauf und las die Beschreibung. Liebe kleine Frau! Sie war eine gelehrte Frau, eine gute Historikerin, war über alle Themen und Länder bestens informiert, erwies sich als unschätzbare Reisebegleiterin und konnte mehr von dem erzählen, was wir sahen, als wir alle zusammen.

Bei mehreren Gelegenheiten trafen wir zufällig Louis Philippe, der in einer offenen Kutsche vorbeieilte. Wir empfanden große Befriedigung bei der Erinnerung daran, dass er einst ein Exilant in unserem Land war, wo er seinen Lebensunterhalt mit dem Unterrichten an einer Schule verdiente. Was für eine Ehre für Yankee-Kinder, von einem französischen König die Grundzüge seiner Sprache gelehrt worden zu sein.

Da ich an den puritanischen Sonntag der Zurückhaltung und Feierlichkeit gewöhnt war, empfand ich diesen Tag in Paris als fröhlich und charmant. Als ich das erste Mal an einigen der Feierlichkeiten teilnahm, erwartete ich tatsächlich, vom Blitz getroffen zu werden. Die Bibliotheken, Kunstgalerien, Konzertsäle und Theater waren alle für das Volk geöffnet. Musikkapellen spielten in den Parks, wo ganze Familien mit ihren Lunchpaketen den Tag verbrachten – Ehemänner, Ehefrauen und Kinder auf einem gemeinsamen Ausflug. Die Boote auf der Seine und alle öffentlichen Verkehrsmittel waren überfüllt. Diejenigen, die nur diesen einen Tag für Vergnügungen hatten, schienen entschlossen, das Beste daraus zu machen. Ein wunderbarer Kontrast zu diesem düsteren Tag in London, wo alle Vergnügungsstätten geschlossen waren und nichts für die Menschen geöffnet war außer den Kirchen und den Kneipen. Die Straßen und Häuser, in denen Voltaire, La Fayette, Mme. de Staël, Mme. Roland, Charlotte Corday und andere berühmte Männer und Frauen lebten und starben, wurden uns gezeigt. Wir dachten damals wenig an all die schrecklichen Szenen, die sich in Paris abspielen sollten, noch daran, dass Frankreich aus den Gefahren, die es von allen Seiten bedrängten, als eine Schwesterrepublik hervorgehen würde. Es war eine wunderbare Leistung, dass es ihr gelungen ist, das Königtum unter ihre Füße zu zwingen und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für ihr Volk auszurufen, während Könige und Päpste alle gegen ihr Experiment intrigierten.

Nach einigen Wochen in Frankreich kehrten wir nach London zurück und reisten mehrere Monate lang durch England, Irland und Schottland. Wir besuchten die Schauplätze, die Shakespeare, Burns und Dickens klassisch gemacht hatten. Wir verbrachten einige Tage in Huntingdon, der Heimat von Oliver Cromwell, und besuchten das Anwesen, auf dem er sein frühes Eheleben verbrachte. Während wir dort waren, las uns einer seiner großen Bewunderer einen großartigen Artikel in einer der Zeitschriften vor, geschrieben von Carlyle, der dem „Protektor“, wie sein Freund sagte, seinen wahren Platz in der Geschichte gab. Es war lange Zeit Mode unter Englands Historikern, Cromwell als Fanatiker und Heuchler darzustellen, doch sein Charakter wurde von späteren Autoren rehabilitiert. „Niemals“, sagt Macaulay, „war ein Herrscher so offensichtlich für die Souveränität geboren. Der Becher, der fast alle anderen berauscht hat, machte ihn nüchtern.“

Wir sahen die malerischen Ruinen von Kenilworth Castle, den Geburtsort von Shakespeare, die Häuser von Byron und Mary Chaworth, wanderten durch Newstead Abbey, sahen das Denkmal für den treuen Hund und den großen Speisesaal, in dem Byron und seine Kumpane auf ein Ziel zu schießen pflegten. Es war eine trostlose Gegend. Wir blieben ein oder zwei Tage in Ayr und fuhren zum Geburtsort von Burns. Das alte Haus, das ihm Schutz geboten hatte, stand noch immer dort, aber seine Mauern hallten jetzt von anderen Stimmen wider, und die Felder, auf denen er sich abgemüht hatte, wurden von anderen Händen gepflügt. Wir sahen den Bach und die Ufer, an denen er und Mary zusammen saßen, die alte Steinkirche, in der die Hexen ihre Mitternachtsfeiern abhielten, die zwei Hunde und die Brücke von Ayr. Bei Burns war es, wie bei Sappho, die Liebe, die sein Herz zum Singen erweckte. Ein hübsches Mädchen, das mit ihm auf dem Erntefeld arbeitete, inspirierte seine ersten Versuche im Reimen. Das Leben war für Burns ein langer, harter Kampf. Mit seiner natürlichen Liebe zum Schönen war die schreckliche Niedergeschlagenheit, unter der er aufgrund seiner trostlosen Umgebung litt, unvermeidlich. Das Interesse, das große Männer an ihm nahmen, als sie auf sein Genie aufmerksam wurden, kam zu spät für seine Sicherheit und Ermutigung. In einem Glas Whisky fand er schließlich die Ruhe und Heiterkeit, die er im nüchternen Zustand nie kannte. Armut und Unwissenheit sind die Eltern der Trunksucht, und dieses Laster wird nie unterdrückt werden, solange die Lasten des Lebens nicht von allen gleichermaßen geteilt werden.

Wir sahen Melrose im Mondlicht, verbrachten mehrere Stunden in Abbotsford und verweilten in dem kleinen Sanctum Sanctorum, wo Scott seine unsterblichen Werke schrieb. Es war so klein, dass er die Bücherregale auf allen Seiten erreichen konnte. Wir gingen durch die Gefängnisse, Schlösser und engen Gassen von Edinburgh, wo die Häuser sieben und acht Stockwerke hoch sind, wobei jedes Stockwerk ein paar Fuß hervorsteht, bis sich die Nachbarn gegenüber im obersten Stockwerk leicht die Hände schütteln und miteinander plaudern konnten. Alle Zwischenzeiten von der aktiven Besichtigung verbrachten wir damit, das Leben historischer Persönlichkeiten in Gedichten und Prosa zu lesen, bis unsere Sympathien zu den realen und idealen Charakteren flossen. Lady Jane Grey, Anne Boleyn, Maria Stuart, Ellen Douglas, Jeanie und Effie Deans, Highland Mary, Rebecca die Jüdin, Di Vernon und Rob Roy schienen alle gleichermaßen echte Männer und Frauen zu sein, deren Schatten oder Nachfahren wir auf ihrer heimischen Heide zu treffen hofften.

Hier zwischen den schottischen Seen und Bergen reisten Mr. Stanton und ich zum ersten Mal seit unserer Hochzeit allein, und da wir beide das Gehen genossen, machten wir viele Ausflüge zu Fuß zu Punkten, die auf keine andere Weise erreicht werden konnten. Wir verbrachten einige Zeit in den Grampian Hills, die jedem Schuljungen so vertraut sind, beim Wandern und Reiten auf Eseln. Wir segelten auf Loch Katrine und Loch Lomond auf und ab. Mein Mann schrieb für einige Zeitungen in New York über die gesamte Reise und war bestrebt, genaues Wissen über alles, was wir sahen, zu erlangen; so hatte ich den Vorteil der Informationen, die er sammelte. Auf diesen langen Wanderungen trug ich ein kurzes Kleid, das knapp unter das Knie reichte, aus dunkelblauem Stoff, eine Militärmütze aus demselben Material, die meine Augen beschattete, und ein Paar lange Stiefel, die nach dem männlichen Muster gefertigt waren, das damals allgemein getragen wurde – der bequemste Stil zum Gehen, da der Druck auf den ganzen Fuß gleichmäßig verteilt ist und der Knöchel freies Spiel hat. So ausgerüstet und von meinem guten Schwager früh an lange Wanderungen gewöhnt, fiel es mir nicht schwer, mit meinem Mann Schritt zu halten.

Da wir bei unseren Erkundungen selbstständig und abenteuerlustig waren, gerieten wir gelegentlich in ernste Schwierigkeiten, weil wir uns weigerten, einen Führer zu nehmen. Zum Beispiel beschlossen wir, allein auf den Gipfel des Ben Nevis zu gehen. Es erschien uns als eine unkomplizierte Angelegenheit, einen Berghang auf einer Luftlinie hinaufzugehen, und so starteten wir trotz wiederholter Warnungen unseres Wirts. Wir wussten nichts von Zickzackwegen, um den Felsen, den Quellen und Sümpfen auszuweichen; tatsächlich nahmen wir an, alle Berge seien glatt und trocken wie unsere heimatlichen Hügel, die wir gewohnt waren zu besteigen. Der Vermieter schüttelte den Kopf und lächelte, als wir ihm sagten, wir würden mittags zum Essen zurückkehren, und wir lächelten auch, weil wir dachten, er schätze unsere Gehfähigkeit gering ein. Aber wir waren nicht weit gekommen, da entdeckten wir die Schwierigkeiten, die vor uns lagen. Einige Stellen waren so steil, dass ich mich an den Rockschößen meines Begleiters festhalten musste, während er sich an Felsen und Zweigen festhielt oder sich mit einem schweren Stock abstützte. Als wir auf halbem Weg oben waren, waren wir schweißgebadet, unsere Füße waren klitschnass und wir waren eigentlich zu müde, um weiterzugehen. Aber nachdem wir mit solch höchstem Selbstvertrauen gestartet waren, schämten wir uns, einander unsere Müdigkeit zu gestehen, und noch viel mehr, umzukehren und all die Prognosen des Wirts und seiner Führer zu bestätigen. Also beschlossen wir, weiterzumachen und das zu tun, was wir uns vorgenommen hatten. Mit der Aussicht auf eine großartige Aussicht und eine Stunde köstlicher Ruhe auf dem Gipfel starteten wir mit neuem Mut. Ein stetiger Aufstieg von sechs Stunden brachte uns zum Ziel der Verheißung; unser Aufstieg war vollbracht. Aber ach! Es war unmöglich, dort zu bleiben – der kalte Wind kühlte uns in einer Minute bis auf die Knochen ab. Also warfen wir einen Blick auf die Welt unter uns und eilten die Südseite hinunter, um den Berg zwischen uns und den kalten Nordostwind zu bringen.

Wenn einem die Zähne vor Kälte klappern und der Wind droht, mit der Kleidung Verwüstung anzurichten, ist man nicht in einer günstigen Verfassung, um eine großartige Landschaft zu würdigen. Wie der König von Frankreich mit zweimal zehntausend Mann marschierten wir den Hügel hinauf und dann wieder hinunter. Wir fanden den Abstieg noch schwieriger, da wir ständig Angst hatten auszurutschen, den Halt zu verlieren und bis zum Boden zu rollen. Wir waren müde, hungrig und enttäuscht, und die Angst, das Tal vor Einbruch der Dunkelheit nicht zu erreichen, drückte uns schwer. Keiner gestand dem anderen die Müdigkeit und die Befürchtung, die jeder empfand, aber mit neuem Elan und aufmunternden Worten gingen wir vorsichtig weiter. Wir stießen zufällig auf einen Pfad, der uns ein Stück weit bequem nach unten führte, aber wir verloren ihn und kletterten auf unsere übliche Art und Weise so gut wir konnten hinunter. Um unser Elend noch zu vergrößern, umhüllte uns bald ein dichter schottischer Nebel, sodass wir nur ein kurzes Stück voraussehen konnten, und da wir den Punkt nicht kannten, von dem wir gestartet waren, fürchteten wir, wir könnten weit von unserem Weg abkommen. Auch die heraufziehende Dämmerung machte die Aussicht noch düsterer. Glücklicherweise schickte unser Wirt, der weniger Vertrauen in uns hatte als wir in uns selbst, einen Führer aus, um zu erkunden, und genau in dem Moment, als wir begannen, unsere Gefahr zu erkennen, die Nacht auf dem Berg zu verbringen, und uns das gegenseitig einzugestehen, rief uns der willkommene Führer mit seinem breiten Akzent zu. Sein Schäferhund wies den Weg auf den ausgetretenen Pfad. Da ich kaum stehen konnte, nahm ich den Arm des Führers, und als wir den Boden erreichten, standen zwei Esel bereit, um uns zum Hotel zu bringen.

Wir erholten uns mehrere Tage lang nicht von der Müdigkeit dieser Expedition und machten keine Experimente mehr, fremde Orte ohne Führer zu erkunden. Wir lernten auch, dass Berge nicht so gastfreundlich sind, wie sie scheinen, noch so sanft gewellt, wie sie aus der Ferne aussehen, und dass Führer anderen Zwecken dienen, als nur den Reisenden Geld abzuknöpfen. Wenn wir unter ihrer Führung leicht hinauf und hinunter gegangen wären, hätten wir immer gedacht, wir hätten genauso gut allein gehen können. So gab uns unsere Erfahrung eine gute Lektion in Demut. Wir waren zwölf Stunden zu Fuß unterwegs gewesen, ohne etwas zu essen, als wir endlich das Hotel erreichten. Wir waren nicht in der Stimmung, mit dem Erfolg unseres Ausflugs zu prahlen, und unsere Antworten auf Fragen, wie wir den Tag verbracht hätten, waren kurz.

Da ich des Reisens müde war und mich mit dem Rev. John Scoble, einem Engländer, der Mr. Birney und Mr. Stanton auf ihrer Reise durch das Land begleitete, über die Sphäre der Frau stritt, beschloss ich, einen Monat in Dublin zu verbringen; während die Herren Versammlungen in Cork, Belfast, Waterford, Limerick und anderen Hauptstädten abhielten und die Serie mit einer großen, enthusiastischen Versammlung in Dublin beendeten, bei der O'Connell eine seiner vernichtendsten Reden über die amerikanische Sklaverei hielt; die Unvereinbarkeit einer solchen „Institution“ mit den Prinzipien einer republikanischen Regierung gab seinen Kräften des Sarkasmus vollen Spielraum. Als er einmal einem Sklavenhalter vorgestellt wurde, verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und weigerte sich, einen Mann anzuerkennen, der seine Mitmenschen kaufte und verkaufte. Der Rev. John Scoble war einer der eingebildetsten Männer, die ich je getroffen habe. Seine engen Vorstellungen in Bezug auf Frauen und die Überlegenheit der königlichen und adeligen Klassen in seinem eigenen Land waren für mich so frustrierend, dass ich jeden Tag, den wir in Gesellschaft reisten, immer streitlustiger wurde. Er war schrecklich seekrank bei der Überquerung des Kanals, zu meiner großen Genugtuung. Da er immer mit seinen angesehenen Landsleuten prahlte, schlug ich inmitten eines seiner qualvollsten Krämpfe vor, er solle Trost in der Tatsache finden, dass Lord Nelson bei der kleinsten Provokation immer seekrank war.

Die Armut in Irland war eine ständige Belastung für unsere Empfindungen; Bettler verfolgten unsere Schritte überall, auf der Straße und auf den Landstraßen, kauerten auf den Stufen der Haustür und auf den Bordsteinen und umringten unsere Kutsche, wo und wann immer wir anhielten, um einzukaufen oder einen Besuch abzustatten. Die knochigen Hände und die eingefallenen Augen sowie die aufrichtige Dankbarkeit, die für jeden Penny ausgedrückt wurde, bewiesen, dass ihr Leiden real war. Da meine Mittel begrenzt waren und ich an niemandem vorbeigehen konnte, ließ ich ein Pfund in Pennys umtauschen und steckte sie in eine grüne Tasche, die ich in der Kutsche überallhin mitnahm. Es war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es war alles, was ich tun konnte, um dieses unergründliche Elend zu lindern. Die Armut, die ich überall in der Alten Welt und besonders in Irland sah, war ein verwirrendes Problem für meinen Verstand, aber ich lehnte die Vorstellung ab, dass sie ein notwendiges Glied in der menschlichen Erfahrung sei – dass sie immer gewesen sei und immer sein müsse.

Als wir Tag für Tag in diesem großartigen Phoenix Park von fünfzehnhundert Morgen fuhren, einem der größten Parks, glaube ich, der Welt, stellte ich mir oft die Frage, welches Recht haben die Wenigen, diese Morgen zu einem Vergnügungsgelände zu machen, während die Vielen nirgendwo ihr Haupt hinlegen können, unter Stilen und Brücken kauern, in Lumpen gekleidet sind und sich von Seetang ernähren, ohne Hoffnung in den langsam vergehenden Jahren auf irgendeine Veränderung zum Besseren? Die Verzweiflung, die auf jeder Stirn geprägt war, erzählte die traurige Geschichte ihres Unrechts. Diejenigen, die an solche alltäglichen Erfahrungen gewöhnt sind, wischen Bettler beiseite, als wären sie Fliegen, aber diejenigen, für die solche Anblicke neu sind, können ihr eigenes Gewissen nicht so leicht beruhigen. Jeder, der den vollen Genuss aller Segnungen des Lebens in seinem normalen Zustand hat, empfindet eine gewisse individuelle Verantwortung für die Armut anderer. Wenn die Sympathien nicht durch eine falsche Philosophie abgestumpft sind, fühlt man sich durch seinen eigenen Überfluss getadelt. Ich hörte einmal ein junges Mädchen, das kurz vor seinem Sommerausflug stand, auf die Frage ihrer Großmutter, ob sie alle Kleider habe, die sie brauche, antworten: „Oh ja! Ich war beim Packen von einem ständigen Gefühl der Schuld bedrückt, als ich sah, wie viel ich hatte, während so viele Mädchen nichts Anständiges zum Anziehen haben.“

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit ich auf irischem Boden stand und Tränen des Mitleids über das Elend vergoss, das ich sah, und keine Veränderung zum Besseren ist bisher für dieses unglückliche Volk eingetreten – doch dies war das Land von Burke, Grattan, Shiel und Emmett; das Land, in dem im fünften Jahrhundert das Christentum eingeführt wurde, wobei St. Patrick der Hauptapostel des neuen Glaubens war. Im sechsten Jahrhundert sandte Irland Missionare von seinen Klöstern aus, um Großbritannien und die Nationen Nordeuropas zu bekehren. Vom achten bis zum zwölften Jahrhundert genossen irische Gelehrte einen beneidenswerten Ruf. Tatsächlich war Irland zeitweise das Zentrum der Gelehrsamkeit. Auch die Künste wurden von seinem Volk gepflegt; und die Rundtürme, auf die Reisende noch immer hingewiesen werden, gelten als Überreste der Architektur des zehnten Jahrhunderts. Der Untergang Irlands muss auf andere Ursachen zurückgeführt werden als auf den Charakter des Volkes oder die katholische Religion. Historiker liefern uns Fakten, die englische Unterdrückungen zeigen, die ausreichen, um jede Nation zu zerstören.

Die kurzen, dunklen Novembertage verstärkten in meinen Augen die düsteren Aussichten dieses Volkes und machten den Wechsel zur Sirius der Cunard-Linie, dem ersten regelmäßigen atlantischen Dampfschiff, das den Ozean überquerte, sehr angenehm. Einmal auf dem grenzenlosen Ozean sieht man keine Bettler, keine Anzeichen menschlichen Elends, keine zerfallenden Ruinen riesiger Kathedralenwände, keine Aufzeichnungen über den Untergang mächtiger Nationen, nicht einmal eine Spur der tödlichen Agonie der unzähligen Scharen, die unter ihrem Busen begraben liegen. Byron sagt treffend:

„Die Zeit schreibt keine Falte auf deine azurne Stirn – So wie der Anbruch der Schöpfung sie sah, rollst du jetzt dahin.“

Als wir an Bord der Sirius gingen, hatten wir ernsthafte Zweifel an unserer Sicherheit und der Wahrscheinlichkeit, die andere Seite zu erreichen, da wir nicht das Gefühl hatten, dass Ozeandampfer bereits hinreichend erprobt waren. Doch nach einer Überfahrt von achtzehn Tagen, elf Stunden und fünfzehn Minuten erreichten wir Boston, nachdem wir sechs Stunden in Halifax verbracht hatten. Wir hätten uns kaum träumen lassen, dass sich der Dampfer Sirius von vor fünfzig Jahren jemals zu den prächtigen schwimmenden Palästen von heute entwickeln würde – dreimal so groß und dreimal so schnell. Trotz des Dampfers hatten wir jedoch eine kalte, raue und trostlose Überfahrt, und ich verbinde keine angenehmen Erinnerungen damit. Unsere Mitreisenden verbrachten die meiste Zeit in ihren Kabinen. Unser guter Freund Mr. Birney war zwei Wochen vor uns abgereist, und da Mr. Stanton an seine Koje gefesselt war, war ich auf mich allein gestellt. Meine Hauptbeschäftigung fand ich darin, Romane zu lesen und mit einem britischen Offizier, der auf dem Weg nach Kanada war, Schach zu spielen. Wann immer es möglich war, ging ich mit dem Kapitän an Deck oder saß in einer geschützten Ecke und beobachtete die Wellen. Wir kamen am Tag vor Weihnachten mit der Eisenbahn in New York an. Alles sah hell und fröhlich aus in unseren Straßen. Es schien mir, als sei der Himmel klarer, die Luft erfrischender und das Sonnenlicht strahlender als in jedem anderen Land!

KAPITEL VII.

MUTTERSCHAFT.

Wir fanden meine Schwester Harriet in einem neuen Heim in der Clinton Place (Eighth Street), New York City, das damals so weit außerhalb des Stadtkerns gelegen war, dass Mr. Eatons Freunde ihn ständig fragten, warum er so weit weg vom gesellschaftlichen Zentrum gezogen sei, obwohl sie ihm wenige Monate später folgten. Hier verbrachten wir eine Woche. Ich genoss es besonders, meine kleine Nichte und meinen kleinen Neffen zu sehen, die einzigen Enkelkinder in der Familie. Das Mädchen war das schönste Kind, das ich je gesehen hatte, und der Junge das intelligenteste und unterhaltsamste. Er liebte es sehr, wenn ich ihm das Gedicht von Oliver Wendell Holmes mit dem Titel „The Height of the Ridiculous“ vortrug, was ich viele Male tat, aber er wollte immer die Zeilen sehen, die den Mann vor Lachen fast umgebracht hätten. Eines Tages ging er in mehrere Buchhandlungen und erkundigte sich danach. Ich sagte ihm später, sie seien nie veröffentlicht worden; als Mr. Holmes die Wirkung auf seinen Diener sah, habe er sie unterdrückt, damit sie nicht dieselbe Wirkung auf die Setzer, Herausgeber und Leser der Bostoner Zeitungen hätten. Meine Erklärung stellte ihn nie zufrieden. Ich sagte ihm, er könne ja Mr. Holmes schreiben und um das Privileg bitten, das Originalmanuskript zu lesen, falls es noch existiere oder je existiert habe. Da einer meiner Großneffen genau dasselbe Problem hatte, beschloss ich, mich selbst an Dr. Holmes zu wenden, um diese zweite Generation aufzuklären. Also schrieb ich ihm den folgenden Brief, den er freundlich beantwortete und uns mitteilte, sein „elender Mann“ sei ein Mythos, genau wie die Helden in den „Mother Goose's Melodies“:

„LIEBER DR. HOLMES:

„Ich habe einen kleinen Neffen, dem ich oft ‚The Height of the Ridiculous‘ vortrage, und er fragt ausnahmslos nach den Zeilen, die die verhängnisvolle Wirkung auf Ihren Diener hatten. Er besuchte die meisten Buchhandlungen in New York City, um sie zu finden, und nichts als Ihr eigenes Wort, da bin ich sicher, wird ihn je davon überzeugen, dass der ‚elende Mann‘ nur ein Hirngespinst Ihrer Fantasie ist. Ich versuchte ihn zu besänftigen, indem ich sagte, Sie hätten es nicht gewagt, die Zeilen zu veröffentlichen, aus Furcht, sie könnten eine ähnliche Wirkung auf die Setzer, Herausgeber und Leser der Bostoner Journale haben.

„Wie dem auch sei, er möchte, dass ich Sie frage, ob Sie eine Kopie des Originalmanuskripts aufbewahrt haben oder die Zeilen mit gleicher Kraft wiedergeben könnten. Wenn es nicht zu viel Mühe macht, senden Sie mir bitte ein paar Zeilen dazu, und verpflichten Sie mich damit sehr,

„Hochachtungsvoll,

„ELIZABETH CADY STANTON.“

„MEINE LIEBE MRS. STANTON:

„Ich wünschte, Sie würden Ihrem kleinen Neffen erklären, dass die Geschichte von dem armen Kerl, der vor Lachen fast gestorben wäre, eine Art Traum von mir war und keine wirkliche Begebenheit, ebenso wenig wie die Tatsache, dass eine alte Frau ‚in einem Schuh lebte und so viele Kinder hatte, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte‘, oder dass Jack die Bohnenstange hinaufkletterte und den Riesen fand, der oben drauf wohnte. Sie können ihm erklären, was man unter Fantasie versteht, und so meine jugendlichen Reime in einen Text für einen Vortrag verwandeln, der der Concord School of Philosophy würdig wäre. Ich habe meine Gedichte hier nicht bei mir, aber ich erinnere mich, dass ‚The Height of the Ridiculous‘ mit diesem Vers endete:

„Zehn Tage und Nächte, mit wachem Blick, bewachte ich diesen elenden Mann, und seitdem wage ich niemals mehr, so lustig zu schreiben, wie ich kann.

„Aber sagen Sie Ihrem Neffen, er müsse darüber nicht mehr weinen, als darüber, dass Gänse barfuß gehen und Steinadler keine Schlafmützen tragen. Die Verse stehen in allen Ausgaben meiner Gedichte.

„Glauben Sie mir, liebe Mrs. Stanton,

„Sehr aufrichtig und achtungsvoll der Ihre,

„OLIVER WENDELL HOLMES.“

Nachdem wir die Feiertage in New York City verbracht hatten, machten wir uns in einem „Postschlitten, der die Post der Vereinigten Staaten beförderte“, gezogen von schnittigen Vierergespannen, auf den Weg nach Johnstown, das Hudson River Valley hinauf. Wir brauchten drei Tage bis Albany und übernachteten an verschiedenen Stationen; eine Reise, die heute in drei Stunden bewältigt wird. Das Wetter war klar und kalt, das Schlittenfahren herrlich, die Landschaft großartig und unsere Reisebegleiter überaus unterhaltsam, daher war die Fahrt sehr angenehm. Von Albany nach Schenectady fuhren wir mit der Eisenbahn; dann brachte uns eine weitere Schlittenfahrt von dreißig Meilen nach Johnstown. Meine heimatlichen Hügel, unter zwei Fuß Schnee begraben und von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne getönt, waren ein schöner und vertrauter Anblick. Obwohl ich nur zehn Monate fort gewesen war, kam es mir wie Jahre vor, und ich war überrascht, wie wenige Veränderungen sich seit meinem Weggang ereignet hatten. Mein Vater und meine Mutter, meine Schwestern Madge und Kate, das alte Haus und die Möbel, die Nachbarn – alles sah exakt so aus wie zu dem Zeitpunkt, als ich sie verließ. Ich hatte so viel gesehen und war so ständig unterwegs gewesen, dass ich mich wunderte, dass hier alles stillgestanden hatte. Ich hatte erwartet, von vielen Geburten, Hochzeiten, Todesfällen und gesellschaftlichen Umwälzungen zu hören, doch die Neuigkeiten aus dem Dorf waren bemerkenswert spärlich. Dieser Hunger nach Nachrichten aus der Heimat bei der Rückkehr ist wohl allen Reisenden gemeinsam.

Unsere Koffer ausgepackt, die Garderobe in Schränken und Schubladen geordnet, die Aufregung, Freunde wiederzusehen, verflogen, verbrachten wir einige Zeit damit, Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Mein Mann entschied nach einiger Beratung mit meinem Vater, in dessen Büro einzutreten und mit dem Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Da mich diese Regelung unter dem elterlichen Dach hielt, hatte ich zwei weitere Jahre voller Freude, in denen ich mit meinen Schwestern spazieren ging, fuhr und ritt. Madge und Kate waren mir lieber denn je, da ich die unvermeidliche Trennung in naher Zukunft vor Augen sah. Zu gegebener Zeit heirateten sie und gründeten ihren eigenen Haushalt – Madge im Haus ihres Mannes in der Nähe und Kate in Buffalo. Alle meine Schwestern waren mit ihren Ehen außerordentlich glücklich; ihre Männer waren Männer von stattlicher Erscheinung, liberaler Bildung, hohem moralischen Charakter und ausgeprägtem Können. Dies waren angenehme und gewinnbringende Jahre. Ich widmete sie dem Studium der Rechtswissenschaft, der Geschichte und der politischen Ökonomie, mit gelegentlichen Unterbrechungen, um an der einen oder anderen Mäßigkeits- oder Anti-Sklaverei-Bewegung teilzunehmen.

Eliza Murray und ich hatten Klassen mit farbigen Kindern in der Sonntagsschule. Bei einer Gelegenheit, als ein Fest, eine Ansprache in der Kirche, ein Umzug durch die Straßen und andere öffentliche Darbietungen zur Feier der Sonntagsschule anstanden, erhoben einige engstirnige Fanatiker Einwände dagegen, dass die farbigen Kinder teilnahmen. Sie näherten sich Miss Murray und mir mit überaus überzeugenden Worten über die Klugheit, sie nicht am Umzug zur Kirche teilnehmen zu lassen. Wir sagten: „Oh nein! Es geht nicht an, die Kinder zu enttäuschen. Sie sind alle angezogen, tragen ihre Abzeichen und freuen sich sehr auf die Feierlichkeiten des Tages. Außerdem würden wir uns nicht nach all diesen verabscheuungswürdigen Vorurteilen gegen die Hautfarbe richten.“ Wir waren alle im Gerichtsgebäude versammelt, um uns für den Aufmarsch aufzustellen. Einige waren entschlossen, die farbigen Kinder nach Hause zu schicken, aber Miss Murray und ich hielten unsere kleine Brut wie zwei trotzige Hennen dicht hinter uns, entschlossen, zu siegen oder bei diesem Kampf unterzugehen. Schließlich setzten sich mildere Ratschläge durch, und man einigte sich darauf, dass sie ganz hinten marschieren durften. Wir erhoben keinen Einwand und reihten uns ein, doch als wir die Kirchentür erreichten, wurde sie prompt geschlossen, als das letzte weiße Kind eingetreten war. Wir versuchten es bei zwei anderen Türen, doch alle waren bewacht. Wir vergossen Tränen der Verärgerung und des Mitleids für die armen Kinder, und als sie uns nach dem Grund fragten, warum sie nicht hineindürften, waren wir verlegen und gedemütigt angesichts der Erklärung, die wir ihnen geben mussten. Ich lud sie jedoch zu meinem Vater nach Hause ein, wo Miss Murray und ich ihnen Erfrischungen gaben und sie den Rest des Tages unterhielten.

Die rätselhaften Fragen der Theologie und Armut, die meine Gedanken so sehr beschäftigt hatten, wichen nun der praktischen Frage: „Was macht man mit einem Baby?“ Obwohl Mutterschaft der wichtigste aller Berufe ist – der mehr Wissen erfordert als jedes andere Gebiet menschlicher Angelegenheiten –, wird der Vorbereitung auf dieses Amt nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn wir eine Pflanze von einem Gärtner kaufen, stellen wir ihm viele Fragen zu ihren Bedürfnissen, ob sie am besten in der Sonne oder im Schatten gedeiht, ob sie viel oder wenig Wasser benötigt, welche Grade von Hitze oder Kälte; wenn wir aber zum ersten Mal ein Wesen mit unendlichen Möglichkeiten in unseren Armen halten, in dessen Weisheit das Schicksal einer Nation liegen mag, setzen wir als gegeben voraus, dass die Gesetze, die sein Leben, seine Gesundheit und sein Glück bestimmen, intuitiv verstanden werden, dass es in dieser Hinsicht nichts Neues zu lernen gibt. Dennoch ist dies eine Wissenschaft, der Philosophen bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Eine wichtige Tatsache wurde erst in den letzten zehn Jahren entdeckt und in die Praxis umgesetzt, nämlich dass Kinder müde auf die Welt kommen und nicht hungrig, erschöpft von der gefährlichen Reise. Anstatt das Kind gründlich zu baden, anzuziehen und dabei auf der Streckbank zu halten, während die Krankenschwester eine langwierige Toilette vornimmt und es mit irgendeinem Mittel füttert, dem ein dringend benötigter medizinischer Einfluss zugeschrieben wird, sollten Gesicht, Augen und Mund des Kindes hastig mit warmem Wasser gewaschen und der Rest seines Körpers gründlich eingeölt werden, und dann sollte es in einen weichen Kissenbezug geschlüpft, in eine Decke gewickelt und zum Schlafen gelegt werden. Normalerweise wird es bei richtigen Bedingungen, mit unbedecktem Gesicht in einer kühlen, reinen Atmosphäre, zwölf Stunden schlafen. Dann sollte es gebadet, gefüttert und in ein hochgeschlossenes Hemdchen aus Seide mit langen Ärmeln und eine Decke gekleidet werden, was alles in fünf Minuten erledigt sein könnte. Da Babys in den ersten sechs Wochen die meiste Zeit still liegen, brauchen sie keine Anziehsachen. Ich glaube, die Krankenschwester hat eine ganze Stunde damit verbracht, mein Erstgeborenes zu baden und anzuziehen, das jede einzelne Minute mit einem kläglichen Wimmern protestierte.

Da ich selbst die ersten Schritte an der Schwelle des Lebens nicht kannte, nahm ich an, dieses Vorgehen sei von den besten Autoritäten gebilligt. Ich hatte jedoch nachgedacht, gelesen, beobachtet und hatte ebensowenig Vertrauen in die populären Theorien in Bezug auf Babys wie in irgendein anderes Thema. Ich sah sie überall, die meiste Zeit krank, blass und quengelig, früh sterbend, ohne Freude am Leben. Ich hörte Eltern über müde Tage und schlaflose Nächte klagen, während jedes Kind nacheinander die Spießruten von rotem Ausschlag, Gelbsucht, Keuchhusten, Windpocken, Mumps, Masern, Scharlach und Krämpfen durchlief. Sie alle schienen zu denken, dass diese Heimsuchungen Teil des ewigen Plans seien – dass die Vorsehung eine Art Büchse der Pandora habe, aus der er diese ehrwürdigen Krankheiten am freigebigsten unter jenen verteilte, die er besonders liebte. Nachdem ich die Tortur durchgemacht hatte, ein Kind zu gebären, war ich entschlossen, wenn möglich, es zu behalten, also las ich alles, was ich zu diesem Thema finden konnte. Aber die Literatur zu diesem Thema war ebenso verwirrend und unbefriedigend wie die längeren und kürzeren Katechismen und die Neununddreißig Artikel unseres Glaubens. Ich hatte kürzlich unsere lieben Freunde Theodore und Angelina Grimke-Weld besucht, und sie warnten mich vor Büchern zu diesem Thema. Sie waren von einem Autor so in die Irre geführt worden, der ihnen versicherte, der Magen eines Kindes könne nur einen Esslöffel fassen, dass sie ihr Erstgeborenes beinahe zu Tode gehungert hätten. Obwohl das Kind von Tag zu Tag schwächer wurde und nach einem Monat wie ein kleiner alter Mann aussah, hielten sie dennoch an dem angesehenen Autor fest. Glücklicherweise gingen beide eines Tages aus und ließen das Kind bei Schwester „Sarah“, die dachte, sie würde ein Experiment machen und sehen, was der Magen eines Kindes fassen könne, da sie große Zweifel an der Esslöffel-Theorie hatte. Zu ihrer Überraschung nahm das Baby eine ganze Pint-Flasche Milch zu sich und schlief darauf so süß wie nie zuvor in seiner irdischen Laufbahn. Danach durfte es nehmen, was es wollte, und „der Autor“ wurde über seine Verleumdung des kindlichen Magens informiert.

Also war ich hier wieder völlig auf mich allein gestellt, losgelassen auf den Meeren des Zweifels ohne Karte oder Kompass. Das Leben und Wohlergehen der Menschheit schien an dem dünnen Faden solcher Traditionen zu hängen, die von unwissenden Müttern und Krankenschwestern überliefert wurden. Ein mächtiger Lichtstrahl erhellte die Dunkelheit; es war das Werk von Andrew Combe über die „Kindheit“. Er hatte offensichtlich einige der Erscheinungsformen des Menschen in den ersten Stadien seiner Entwicklung beobachtet und konnte zumindest ebenso viel über Babys erzählen, wie Naturforscher über Käfer und Bienen wussten. Er gab jungen Müttern einige Hinweise, was zu tun sei, die Gründe für bestimmte Vorgehensweisen während des vorgeburtlichen Lebens sowie die richtige Pflege danach. Ich las der Krankenschwester mehrere Kapitel vor. Obwohl sie von ihren zehn Kindern fünf zu Grabe getragen hatte, vertraute sie immer noch zu sehr auf ihre eigene Weisheit und Erfahrung, als dass sie einer neuen Idee, die ihr nahegelegt wurde, viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Unter anderem sagte Combe, dass das Bad eines Kindes durch ein Thermometer reguliert werden sollte, damit es immer die gleiche Temperatur habe. Sie verspottete die Idee und sagte, ihr Ellbogen sei besser als jedes Thermometer, und wenn ich auf dessen Verwendung bestand, hielt sie unweigerlich mit einem spöttischen Lächeln zuerst ihren Ellbogen hinein, um zu zeigen, wie genau er mit dem Thermometer übereinstimmte. Als ich darauf bestand, dass das Kind nicht gewickelt werden sollte, rebellierte sie offen und sagte, sie wolle nicht die Verantwortung übernehmen, ein Kind ohne Wickel zu pflegen. Ich sagte: „Bitte, liebe Krankenschwester, setzen Sie sich und lassen Sie uns miteinander vernünftig reden. Glauben Sie nicht, dass ich mein Urteil über Ihres stelle, mit all Ihrer Erfahrung. Ich versuche lediglich, nach der Meinung eines angesehenen Arztes zu handeln, der sagt, dass nirgends ein Druck auf ein Kind ausgeübt werden sollte; dass die Gliedmaßen und der Körper frei sein sollten; dass es grausam ist, einen Säugling von der Hüfte bis zur Achselhöhle zu wickeln, wie es in Amerika üblich ist; oder sowohl Körper als auch Beine, wie es in Europa getan wird; oder sie an Bretter zu schnallen, wie es von Wilden auf beiden Kontinenten getan wird. Können Sie mir einen guten Grund nennen, Krankenschwester, warum ein Kind gewickelt werden sollte?“

„Ja“, sagte sie nachdrücklich, „ich kann Ihnen ein Dutzend nennen.“

„Ich habe nur nach einem gefragt“, erwiderte ich.

„Nun“, sagte sie nach langem Zögern, „die Knochen eines neugeborenen Säuglings sind weich, wie Knorpel, und wenn man sie nicht fest einwickelt, besteht die Gefahr, dass sie auseinanderfallen.“

„Es scheint mir“, antwortete ich, „Sie haben den stärksten Grund dafür genannt, warum sie sorgfältig vor dem geringsten Druck geschützt werden sollten. Es ist sehr bemerkenswert, dass Kätzchen und Welpen so gut zusammengefügt sind, dass sie keine künstliche Stütze brauchen, und die menschliche Familie gänzlich der Gnade eines Wickels überlassen bleibt. Angenommen, ein Kind würde dort geboren, wo man keinen Wickel bekommen kann, was dann? Nun, ich glaube, dieses Kind wird ohne Wickel intakt bleiben, und wenn ich bereit bin, das Risiko einzugehen, warum sollten Sie sich beschweren?“

„Weil“, sagte sie, „wenn das Kind sterben sollte, würde es meinem Ruf als Krankenschwester schaden. Ich wasche also meine Hände in Unschuld bei all diesen neumodischen Vorstellungen.“

Also wickelte sie das Kind jeden Morgen ein, und ich nahm es ebenso regelmäßig wieder ab. Es wurde seitdem vollständig bewiesen, dass es ein ebenso nutzloses Anhängsel ist wie der Wurmfortsatz. Sie hatte mehrere Tassen mit verschiedenen Kräutermischungen auf dem Kaminsims stehen, bereit für Schlaflosigkeit, Koliken, Verdauungsstörungen usw., die alle verschwanden, wenn sie beim Essen war. Vergeblich sagte ich ihr, dass wir Homöopathen seien und Angst vor allem aus dem Tier-, Pflanzen- oder Mineralreich unterhalb der zweihundertsten Potenz hätten. Ich versuchte, das Hahnemannsche System der Therapie zu erklären, die Philosophie des Prinzips *similia similibus curantur*, aber sie hatte kein Verständnis für Grundprinzipien und verstand meine Ausführungen nicht. Ich sagte ihr, wenn sie den Mund des Babys morgens und abends mit reinem kalten Wasser waschen und ihm tagsüber gelegentlich einen Teelöffel voll zu trinken geben würde, gäbe es keine Gefahr von rotem Ausschlag; wenn sie die Jalousien offen ließe und Luft und Sonnenlicht hereinließe, die Temperatur des Zimmers bei 65 Grad hielte, den Kopf des Kindes unbedeckt ließe, damit es frei atmen könne, aufhörte, es zu schaukeln und zu trotten und solch melancholische Hymnen zu singen wie „Hark, from the tombs a doleful sound!“, würden das Baby und ich beide in der Lage sein, das Kap ohne Wickel zu umschiffen. Ich sagte ihr, dass ich das Kind alle zwei Stunden stillen würde und dass sie ihm in der Zwischenzeit keines ihrer Mittelchen verabreichen dürfe; dass der Magen eines Kindes, da er nach demselben allgemeinen Plan wie unser eigener aufgebaut sei, ebenso Ruhepausen brauche wie wir. Sie sagte, es würde von Koliken geplagt, wenn der Magen eine längere Zeit leer sei, und dass es sicher Rachitis bekäme, wenn es zu ruhig gehalten würde. Ich sagte ihr, wenn das Kind keine Schmerzmittel bekäme, würde die Natur seinen Schlaf und seine Bewegungen regulieren. Sie sagte, sie könne nicht in einem Raum mit 65 Grad Temperatur bleiben, also sagte ich ihr, sie solle im nächsten Zimmer sitzen und die Wärme nach Belieben regulieren; ich würde läuten, wenn ihre Dienste benötigt würden.

Der Leser wird sich zweifellos wundern, dass ich eine solch streitsüchtige Dienerin behielt. Ich konnte keine andere bekommen. Die liebe „Mutter Monroe“, so weise wie sie gut war und so zärtlich wie sie stark, die in unserem Dorf zwei Generationen von Müttern gepflegt hatte, war zu dieser Zeit beschäftigt, und ich war gezwungen, eine Exotin zu nehmen. Ich hatte Mutter Monroe oft bewundernd beobachtet, wie sie das Baby meiner Schwester drehte und wendete. Es lag so friedlich in ihren Händen, als wären sie mit Eiderdaunen ausgekleidet. Sie badete und kleidete es in einfachen Schritten, indem sie das Kind wie einen Pfannkuchen immer wieder umdrehte. Aber sie war so voller Magnetismus menschlicher Liebe und gab dem Kind die ganze Zeit die tröstlichste Versicherung, dass die Operation nur von kurzer Dauer sei, dass der ganze Vorgang für den Beobachter recht unterhaltsam und für das Kind anscheinend angenehm war, obwohl es einen etwas überraschten Blick aufsetzte, als es in rascher Folge einen Überblick über die Decke und den Boden bekam. Dennoch hatte meine Krankenschwester ihre guten Seiten. Sie war sehr angenehm, wenn sie ihren Willen bekam. Sie war sauber und ordentlich und jederzeit bereit, mir zu dienen, bei Tag und bei Nacht. Sie trug keine falschen Zähne, die klapperten, wenn sie sprach, noch Stiefel, die quietschten, wenn sie ging. Sie schnupfte nicht, kaute keine Nelken und sprach nur, wenn man sie ansprach. Unsere Diskussionen über verschiedene Punkte gingen in Abständen weiter, bis es mir gelang, einige Ideen in ihrem Geist zu pflanzen, und als sie mich nach sechs Wochen verließ, gestand sie, dass sie einige wertvolle Lektionen gelernt habe. Da das Baby die meiste Zeit ruhig geschlafen hatte, keine Schreianfälle oder Koliken hatte und ich gut aussah, kam sie natürlich zu dem Schluss, dass reine Luft, Sonnenschein, richtiges Anziehen und regelmäßige Fütterung für Babys notwendiger seien als Kräutertees und beruhigende Sirupe.

Neben der Starrsinnigkeit der Krankenschwester hatte ich auch mit der Unwissenheit der Ärzte zu kämpfen. Als das Kind vier Tage alt war, entdeckten wir, dass das Schlüsselbein verbogen war. Der Arzt wollte Druck auf die Schulter ausüben und befestigte die Bandage um das Handgelenk. „Lassen Sie das“, sagte er, „zehn Tage lang, dann wird alles in Ordnung sein.“ Kurz nachdem er gegangen war, bemerkte ich, dass die Hand des Kindes blau war, was zeigte, dass die Durchblutung behindert wurde. „Das geht auf keinen Fall“, sagte ich; „Schwester, nehmen Sie sie ab.“ „Nein, wirklich nicht“, antwortete sie, „ich werde mich niemals in die Arbeit des Arztes einmischen.“ Also nahm ich sie selbst ab und schickte nach einem anderen Arzt, von dem es hieß, er verstünde mehr von Chirurgie. Er drückte sein großes Erstaunen darüber aus, dass der erste herbeigerufene Arzt einen so strengen Verband angelegt hatte. „Das“, sagte er, „würde bei einem erwachsenen Mann gehen, aber zehn Tage davon bei einem Kind würden es zum Krüppel machen.“ Dennoch tat er fast dasselbe, nur dass er ihn um die Hand statt um das Handgelenk befestigte. Ich sah bald, dass die Fingerspitzen ganz violett waren und dass es ebenso gefährlich wäre, dies zehn Tage lang anzulassen wie das erste. Also nahm ich auch das ab.

„Was für eine Frau!“, rief die Krankenschwester aus. „Was haben Sie vor zu tun?“

„Mir selbst etwas Besseres ausdenken; also stützen Sie mich mit ein paar Kissen ab und geben Sie mir das Baby.“

Sie sah mich entsetzt an und sagte: „Sie sollten besser den Ärzten vertrauen, sonst wird Ihr Kind ein hilfloser Krüppel.“

„Ja“, antwortete ich, „das wäre er, wenn wir einen dieser Verbände hätten anlegen lassen, aber ich habe eine Idee für etwas Besseres.“

„Nun“, sagte ich, teils zu mir selbst und teils zu ihr sprechend, „was wir brauchen, ist ein wenig Druck auf diesen Knochen; genau darauf zielten beide Männer ab. Wie können wir das erreichen, ohne den Arm mit einzubeziehen, das ist die Frage?“

„Ich weiß es bestimmt nicht“, sagte sie, rieb sich die Hände und machte zwei oder drei rasche Runden durch das Zimmer.

„Nun, bringen Sie mir drei Leinenstreifen, vierfach gelegt.“ Ich faltete dann einen, der in Arnikawasser getränkt war, und legte ihn auf das Schlüsselbein, legte zwei andere Bänder, wie ein Paar Hosenträger, über die Schultern, kreuzte sie sowohl vorne als auch hinten und steckte die Enden an der Windel fest, was den nötigen Druck erzeugte, ohne die Durchblutung irgendwo zu behindern. Als ich fertig war, warf sie mir einen Blick wachsenden Vertrauens zu und schien zufrieden, dass alles in Ordnung war. Mehrmals, bei Tag und Nacht, befeuchteten wir die Kompresse und justierten die Bänder neu, bis alle Anzeichen einer Entzündung abgeklungen waren.

Nach zehn Tagen erschienen die beiden Söhne des Äskulap, nahmen ihre Untersuchung vor und sagten, alles sei in Ordnung, woraufhin ich ihnen erzählte, wie schlecht ihre Verbände funktionierten und was ich selbst getan hatte. Sie lächelten einander an, und einer sagte:

„Nun, letztendlich ist der Instinkt einer Mutter besser als die Vernunft eines Mannes.“

„Danke, meine Herren, das hatte nichts mit Instinkt zu tun. Ich habe gründlich nachgedacht, bevor ich sah, wie ich Druck auf die Schulter ausüben konnte, ohne die Durchblutung zu behindern, wie Sie es taten.“

So fühlte ich im höchsten Moment des Lebens einer jungen Mutter, als ich zärtliche Fürsorge und Unterstützung brauchte, die volle Verantwortung für die Beaufsichtigung meines Kindes; doch obwohl ich mir bei jedem Schritt meines eigenen Wissens unsicher war, lernte ich eine weitere Lektion in Sachen Selbstvertrauen. Ich vertraute danach weder Männern noch Büchern absolut, weder in Bezug auf den Himmel da oben noch die Erde da unten, sondern fuhr fort, meinen „Mutterinstinkt“ zu nutzen, falls „Vernunft“ ein zu würdevoller Begriff ist, um ihn auf die Gedanken einer Frau anzuwenden. Mein Rat an jede Mutter ist: Studieren Sie vor allen anderen Künsten und Wissenschaften zuerst das, was sich auf die Säuglingszeit bezieht, da es keinen Bereich menschlichen Handelns gibt, in dem eine solch beklagenswerte Unwissenheit herrscht.

Nach sechs Wochen ging meine Krankenschwester, und ich hatte eine gute Frau an ihrer Stelle, die meine Anweisungen befolgte, und nun entstand eine neue Schwierigkeit aus unerwarteter Richtung. Mein Vater und mein Ehemann bildeten sich ein, das Kind schliefe zu viel. Wenn es nicht wach war, wenn sie es ansehen oder ihren Freunden zeigen wollten, zerrten sie es bei jeder Gelegenheit aus seiner Wiege. Als ich feststellte, dass keiner von beiden in diesem Punkt für Vernunft zugänglich war, schloss ich die Tür ab, und kein noch so beredtes Flehen verschaffte ihnen Zutritt während der Zeit, die ich als heilig für den Schlummer des Babys betrachtete. Mit sechs Monaten wog der Junge dreißig Pfund, ohne bis dahin eine der als unvermeidlich geltenden Krankheiten gehabt zu haben. Dann wurde der stattliche Peter wieder in Anspruch genommen, und in seinen starken Armen verbrachte das Kind viele seiner wachen Stunden. Peter wanderte mit langem, elefantenhaftem Gang langsam durch die Stadt und verweilte besonders an den geschäftigen Handelsplätzen. Peters Neugier war mit den Jahren gewachsen, und wo immer sich eine Menschenmenge um einen Affen und eine Drehorgel, einen Händlerwagen, einen Auktionsstand oder zur Postzeit um das Postamt versammelte, da stand Peter, schwarz wie Kohle, mit dem „schönen Jungen in Weiß“, der auffälligsten Figur in der Menge. Da ich Peter sagte, er solle niemals Kinder das Baby küssen lassen, aus Angst vor einer Krankheit, hielt er es weit oben und erlaubte keine liebevollen Bekundungen außer gegenüber sich selbst.

Meine Lektüre konzentrierte sich zu dieser Zeit auf Hygiene. Ich kam nach vielem Nachdenken und Beobachten zu dem Schluss, dass Kinder niemals weinten, es sei denn, sie fühlten sich unwohl. Ein Professor am Union College, der früher viele meiner Theorien bekämpft hatte, sagte, er habe einem seiner Kinder im Alter von sechs Wochen ein ordentliches Versohlen verabreicht, und es habe ihn danach nie wieder eine Nacht gestört. Ein anderer Salomo erzählte mir, dass eine sehr schwache Opiumzubereitung ein Kind immer ruhig halten und es durch die gefährliche Zeit des Zahnens bringen würde, ohne einen Wellenschlag im häuslichen Leben. Da Kinder nicht sagen können, was ihnen fehlt, und unter vielen Dingen leiden, von denen Eltern keine Ahnung haben, sollte das Weinen des Kindes sie zu einer intelligenten Untersuchung anregen. Es für das Weinen zu versohlen heißt, den Wächter auf dem Turm aus Furcht zum Schweigen zu bringen; beruhigenden Sirup zu geben heißt, den Wächter zu betäuben, während die Übel weitergehen. Eltern mögen dadurch acht Stunden Schlaf für den Moment sichern, aber auf Kosten größerer Probleme in der Zukunft mit kranken und sterbenden Kindern. Tom Moore sagt uns: „Das Herz, das aus Liebe zu einem entbrannt, wird freigebig gegen alle.“ Ich weiß, die Sorge um ein Kind machte mich nachdenklich gegenüber allen. Ich höre jetzt nie ein Kind weinen, ohne das Gefühl zu haben, dass ich verpflichtet bin, den Grund herauszufinden.

Auf meinen ausgedehnten Reisen auf Vortragsreisen in späteren Jahren hatte ich viele abwechslungsreiche Erfahrungen mit Babys. Eines Tages, in den Wagen, weinte ein Kind in meiner Nähe, während die Eltern es abwechselnd schüttelten und schlugen. Erst nahm es der eine mit einem nachdrücklichen Ruck, dann der andere. Schließlich hörte ich den Vater in einem boshaften Ton sagen: „Wenn du nicht aufhörst, werfe ich dich aus dem Fenster.“ Man zögert natürlich, sich zwischen Eltern und Kinder einzumischen, also halte ich mich im Allgemeinen zurück, solange ich die Qual ertragen kann, Zeuge solcher Gräueltaten zu werden, aber schließlich drehte ich mich um und sagte:

„Lassen Sie mich Ihr Kind nehmen und sehen, ob ich herausfinden kann, was ihm fehlt.“

„Ihm fehlt nichts“, sagte der Vater, „außer schlechter Laune.“

Das Kind kam bereitwillig zu mir. Ich tastete überall ab, um zu sehen, ob seine Kleidung irgendwo drückte oder ob irgendwelche Nadeln stachen. Ich nahm ihm den Hut und den Mantel ab, um zu sehen, ob irgendwelche Schnüre in seinen Hals schnitten oder es würgten. Dann blickte ich auf die Füße, und siehe da! Da war das Problem. Die Stiefel waren mindestens eine Nummer zu klein. Ich zog sie aus, und die Strümpfe auch, und fand die Füße eiskalt und die Abdrücke der Strümpfe deutlich auf dem zarten Fleisch gezeichnet. Wir alle kennen die Qualen zu enger Stiefel. Ich rieb die Füße und hielt sie in meinen Händen, bis sie warm waren, woraufhin das arme kleine Ding einschlief. Ich sagte zu den Eltern: „Sie sind junge Leute, wie ich sehe, und dies ist wahrscheinlich Ihr erstes Kind.“ Sie sagten: „Ja.“ „Sie haben nicht die Absicht, grausam zu sein, das weiß ich, aber wenn Sie diese Stiefel aus dem Fenster geworfen hätten, als Sie damit drohten, das Kind hinauszuwerfen, wäre das klüger gewesen. Dieses arme Kind hat gelitten, seit es heute Morgen angezogen wurde.“ Ich zeigte ihnen die Abdrücke auf den Füßen und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass das Kind einschlief, sobald sein Schmerz gelindert war. Die Mutter sagte, sie wisse, dass die Stiefel eng seien, da es schwierig gewesen sei, sie anzuziehen, aber die alten seien zu schäbig für die Reise gewesen und sie hätten keine Zeit gehabt, die anderen zu wechseln.

„Nun“, sagte der Ehemann, „wenn ich gewusst hätte, dass diese Stiefel eng waren, hätte ich sie aus dem Fenster geworfen.“

„Nun“, sagte ich, „lassen Sie mich Ihnen eine Regel geben: Wenn Ihr Kind weint, denken Sie daran, dass es Ihnen so gut es kann sagt, dass etwas wehtut, entweder außen oder innen, und ruhen Sie nicht, bis Sie herausgefunden haben, was es ist. Weder Versohlen, Schütteln noch Schimpfen können Schmerzen lindern.“

Ich habe Frauen gesehen, die mit ihren Babys in die Wagen stiegen, deren Gesichter vollständig mit einem Wolltuch bedeckt waren. Ich habe oft gedacht, ich würde gerne ihre Gesichter für eine Stunde bedecken und sehen, wie sie das ertragen würden. Unter solchen Umständen habe ich, um die Decke zu öffnen, darum gebeten, das Baby sehen zu dürfen, und fand es meist so rot wie eine Bete. Unwissende Krankenschwestern und Mütter haben entdeckt, dass Kinder mit bedeckten Köpfen länger schlafen. Sie wissen nicht warum, noch kennen sie die schädliche Wirkung des Einatmens derselben Luft, die bereits von der Lunge ausgestoßen wurde und mit Kohlensäuregas verunreinigt ist. Dies betäubt das Kind und verlängert den ungesunden Schlummer.

An einem heißen Tag im Monat Mai stieg ich in Cedar Rapids, Iowa, in einen überfüllten Wagen und nahm den einzigen freien Platz neben einem Herrn ein, der wegen eines weinenden Kindes sehr nervös schien. Ich saß kaum, da sagte er:

„Mutter, verstehen Sie etwas von Babys?“

„Oh ja!“, sagte ich lächelnd, „das ist ein Wissensgebiet, auf das ich besonders stolz bin.“

„Nun“, sagte er, „da ist ein Kind, das die meiste Zeit der letzten vierundzwanzig Stunden geweint hat. Was glauben Sie, was ihm fehlt?“

Eine vage Vermutung äußernd, antwortete ich: „Es braucht wahrscheinlich ein Bad.“

Er erwiderte prompt: „Wenn Sie ihm eines geben, stelle ich die notwendigen Mittel zur Verfügung.“

Ich sagte: „Ich werde zuerst sehen, ob das Kind zu mir kommt und ob die Mutter einverstanden ist.“

Ich fand die Mutter nur zu froh, ein paar Minuten Ruhe zu haben, und das Kind zu müde, um sich darum zu kümmern, wer es nahm. Sie gab mir ein Set saubere Kleidung, der Herr breitete sein Wolltuch auf dem Sitz aus und sicherte den gegenüberliegenden für mich und die Badeutensilien. Dann brachte er ein Handtuch, einen Schwamm und eine indische Gummischüssel voller Wasser, und ich gab dem Kind einen ordentlichen Schluck und eine gründliche Waschung. Es streckte sich und schien jeden Schritt des Vorgangs zu genießen, und während ich seine goldenen Locken so sanft wie möglich bürstete, schlief es ein; also deckte ich es mit dem Handtuch und dem Wolltuch zu, da ich es nicht zum Anziehen stören wollte. Die arme Mutter schlief ebenfalls fest, und der Herr war sehr glücklich. Er hatte selbst Kinder und empfand, wie ich, großes Mitleid mit dem armen, hilflosen kleinen Opfer von Unwissenheit und Torheit. Ich bat eine der Damen, es anzuziehen, wenn es aufwachte, da ich den Zug bald verlassen musste. Es schlief die zwei Stunden, die ich blieb – wie viel länger, habe ich nie erfahren.

Ein junger Mann, der den Vorgang beobachtet hatte, stieg an derselben Station aus und sprach mich an:

„Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie kommen und nach meinem Baby sehen würden. Es ist erst einen Monat alt und schreit die ganze Zeit, und meine Frau, die erst sechzehn Jahre alt ist, ist völlig erschöpft davon, und wir beide wissen nicht, was wir tun sollen, also weinen wir alle zusammen, und der Arzt sagt, er wisse nicht, was ihm fehle.“

Also ging ich auf meine Mission der Barmherzigkeit und fand das Kind fest wie eine Trommel bandagiert. Als ich die Nadeln herausnahm und es abwickelte, ploppte es förmlich wie der Korken aus einer Champagnerflasche. Ich rieb seine Brust und seinen Rücken und beruhigte es bald, bis es einschlief. Ich blieb eine lange Zeit und erzählte ihnen, wie man für das Kind und auch für die Mutter sorgen solle. Ich sagte ihnen alles, was mir in Bezug auf Kleidung, Ernährung und reine Luft einfiel. Ich fragte die Mutter, warum sie ihr Kind so bandagierte. Sie sagte, ihre Krankenschwester habe ihr gesagt, es bestehe die Gefahr eines Leistenbruchs, wenn der Unterleib nicht gut bandagiert sei. Ich sagte ihr, dass der einzige Zweck einer Bandage sei, den Nabel für ein paar Tage zu schützen, bis er verheilt sei, und dass dafür lediglich ein vier Zoll großes Stück Leinen nötig sei, gut geölt, viermal gefaltet, mit einem Loch in der Mitte, das darüber gelegt werde. Ich erinnerte mich am nächsten Tag daran, dass ich vergessen hatte, ihnen zu sagen, sie sollten dem Kind Wasser geben, und so telegrafierte ich ihnen: „Gib dem Baby sechsmal am Tag Wasser.“ Ich hörte später von diesem Baby. Es lebte und gedieh, und die Eltern wussten, wie sie die Bedürfnisse des nächsten Kindes versorgen konnten. Der Vater war Telegrafist und hatte viele Freunde – Ritter der Taste – in ganz Iowa. Viele Jahre später, in freien Momenten, riefen diese Ritter diese Eltern über den Draht an und sagten: „Gib dem Baby sechsmal am Tag Wasser.“ So „wiederholten sie die Geschichte und verbreiteten die Wahrheit von Pol zu Pol.“

KAPITEL VIII.

BOSTON UND CHELSEA.

Im Herbst 1843 wurde mein Mann als Anwalt zugelassen und begann die juristische Praxis in Boston bei Herrn Bowles, dem Schwager des verstorbenen General John A. Dix. Dies gab mir die Gelegenheit, viele angenehme Bekanntschaften unter den Anwälten in Boston zu machen und viele der edlen Männer und Frauen unter den Reformern, die ich lange aus der Ferne verehrt hatte, persönlich kennenzulernen. Hier traf ich zum ersten Mal Lydia Maria Child, Abby Kelly, Paulina Wright, Elizabeth Peabody, Maria Chapman und ihre schönen Schwestern, die Misses Weston, Oliver und Marianna Johnson, Joseph und Thankful Southwick und ihre drei aufgeweckten Töchter. Das Zuhause der Southwicks war immer ein Ruhehafen für die Müden, wo sich die Anti-Sklaverei-Heerscharen zu versammeln pflegten und wo man immer sicher sein konnte, jemanden zu treffen, der es wert war, gekannt zu werden. Ihre Gastfreundschaft war bis zum Äußersten großzügig und so grenzenlos, dass sie schließlich buchstäblich aus Haus und Hof gegessen wurden. Hier traf ich auch zum ersten Mal Theodore Parker, John Pierpont, John G. Whittier, Emerson, Alcott, Lowell, Hawthorne, Herrn und Frau Samuel E. Sewall, Sidney Howard Gay, Pillsbury, Foster, Frederick Douglass und, nicht zuletzt, jene edlen Männer Charles Hovey und Francis Jackson, die einzigen Männer, die jemals Geld für die Sache des Frauenwahlrechts hinterließen. Ich traf auch Miss Jackson, später Frau Eddy, die die Hälfte ihres Vermögens, fünfzigtausend Dollar, für denselben Zweck stiftete.

Ich war eine häufige Besucherin im Hause von William Lloyd Garrison. Obwohl er einen langwierigen Kampf in der rauen Außenwelt zu führen hatte, war sein Zuhause immer ein Hafen der Ruhe. Frau Garrison war eine sanftmütige, gewissenhafte Frau, die unter allen Umständen versuchte, das Richtige zu tun. Sie hatte ein gesundes Urteilsvermögen und seltenen gesunden Menschenverstand, war groß und von feiner Gestalt, mit üppigem braunem Haar, großen, zärtlichen blauen Augen, feinen Gesichtszügen und verbindlichem Auftreten. Sie hatten eine außergewöhnlich feine Familie von fünf Söhnen und einer Tochter. Fanny, jetzt die Frau von Henry Villard, dem Financier, war ihr Liebling. Alle Kinder haben in ihren reiferen Jahren die Versprechen ihrer Kindheit erfüllt. Obwohl sie immer in beengten Verhältnissen lebten, waren die Garrisons sehr gastfreundlich. Es war für Herrn Garrison fast unmöglich, einen Freund zu treffen, ohne ihn zu sich nach Hause einzuladen, besonders nach dem Abschluss eines Kongresses.

Ich war eine von zwölf Gästen bei einer seiner spontanen Teegesellschaften. Wir alle nahmen selbstverständlich an, dass seine Frau wüsste, dass wir kommen, und dass ihre Vorbereitungen bereits getroffen seien. Umgeben von einem halben Dutzend Kindern führte sie gerade den letzten Akt der Oper „Wiegenlied“ auf, völlig unbewusst der Invasion im Erdgeschoss. Aber Herr Garrison war jeder Notlage gewachsen, und nachdem er seine Gäste im Salon bequem untergebracht hatte, eilte er in das Kinderzimmer, zog seinen Rock aus und schaukelte das Baby, bis seine Frau die restlichen Kinder versorgt hatte. Dann berieten sie sich wegen des Tees, und als der gute Mann mit dem Korb in der Hand loszog, um die gewünschten Speisen zu besorgen, kam Frau Garrison, nachdem sie eine hastige Toilette gemacht hatte, herunter, um ihre Gäste zu begrüßen. Sie war so umgänglich und gefasst, als wäre alles vorbereitet gewesen. Sie entschuldigte sich weder für das, was am allgemeinen Erscheinungsbild des Hauses fehlte, noch für die Vielfalt des Menüs – es genügte ihr zu wissen, dass Herr Garrison glücklich war, seine Freunde frei einladen zu können. Die spontane Mahlzeit war ausgezeichnet, und wir hatten einen höchst unterhaltsamen Abend. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Frau Garrison mehr wahres Vergnügen hatte, als wenn sie den ganzen Tag mit Vorbereitungen beschäftigt gewesen wäre und erschöpft gewesen wäre, als ihre Gäste ankamen.

Die Anti-Sklaverei-Kongresse und Messen, die jedes Jahr während der Feiertage stattfanden, brachten viele bezaubernde Menschen aus anderen Staaten zusammen und machten Boston zu einem sozialen Zentrum für die Mitstreiter von Garrison und Phillips. Diese Kongresse übertrafen alle Treffen, die ich je besucht hatte; die Reden waren eloquent und die Debatten ernsthaft und kraftvoll. Garrison und Phillips waren in ihrer Blütezeit, und die Sklaverei war eine Frage von nationalem Interesse. Die Halle, in der die Messen unter der Schirmherrschaft von Frau Chapman und ihrer Gefolgschaft abgehalten wurden, war höchst künstlerisch dekoriert. Dort konnte man alles kaufen, was das Herz begehrte, denn englische Freunde, angestachelt durch die Appelle von Harriet Martineau und Elizabeth Pease, pflegten Kisten voller schöner Dinge zu schicken, die aus allen Teilen des östlichen Kontinents gesammelt wurden. Dort konnte man auch ein sehr feines Mittagessen in der Gesellschaft der Literaten von Boston bekommen; denn egal wie gleichgültig viele gegenüber der Sklaverei an sich waren, sie genossen diese Messen, und alle Klassen strömten bis spät in die Nacht dorthin. Es war eine Art Damen-Börse für die Feiertagswoche, wo jede sicher war, ihre Freunde zu treffen. Die Messe und der jährliche Kongress, die aufeinander folgten, steigerten das Interesse an beiden. Ich wurde der Kongresse nie müde, obwohl ich an allen Sitzungen teilnahm, die manchmal bis elf Uhr nachts dauerten. Die feurige Eloquenz der Abolitionisten und die amüsanten Episoden, die sich ereigneten, wenn ein Spinner unterdrückt und auf den Schultern seiner Brüder hinausgetragen wurde, sorgten für genügend Abwechslung im Ablauf, um das Interesse auf einem Höchststand zu halten.

Es gab einen alten Mann, der in Weiß gekleidet war und eine Sense trug; er bildete sich ein, die Personifizierung von „Zeit“ zu sein, wurde jedoch „Vater Lampson“ genannt. Gelegentlich sprudelte er mit irgendeiner prophetischen Vision über, und da er nicht zum Schweigen gebracht werden konnte, wurde er hinausgetragen. Er machte sich gewöhnlich so schlaff wie möglich, was die Schwierigkeit seines Abgangs und die Erheiterung des Publikums noch vergrößerte. Ein Hauch von Heiterkeit erschütterte für einen Moment sogar die Würde des Podiums, wenn Abigail Folsom, eine andere Spinnerin, von der Galerie rief: „Halte nicht inne, mein Bruder, bei der Ordnung deines Gehens, sondern geh.“ Die Abolitionisten experimentierten zu dieser Zeit mit einem freien Podium und erlaubten jedem, so zu sprechen, wie er vom Geist bewegt war, stellten aber bald fest, dass das nicht funktionierte, da diejenigen, die offensichtlich vom Geist des Unfugs bewegt waren, genauso dazu neigten, ihre Schrullen zu verbreiten, wie diejenigen, die vom Geist der Wahrheit bewegt waren.

Die Plattform der Garrisonianer bewahrte sich jedoch außerhalb ihres regulären Programms stets ein gewisses Maß an Freiheit, und obwohl dies zusätzliche Mühe bei der Unterdrückung von Querulanten bedeutete, gewann die Versammlung durch einige gute, spontane Wortbeiträge aus dem Publikum wie auch vom Podium an Begeisterung. Eine Reihe riesiger Massenversammlungen fand in der Faneuil Hall statt, einem großen, trostlosen Ort mit kahlen Wänden und unzähligen schmutzigen Fenstern. Der einzige Versuch einer Verzierung war der amerikanische Adler, der in der Mitte der Galerie mit ausgebreiteten Flügeln und fest aufgesetzten Krallen thronte. Die Vergoldung seines Schnabels war abgewetzt, was ihm, wie Edmund Quincy sagte, das Aussehen verlieh, als habe er einen schlimmen Schnupfen.

Diese alte Halle war durch so viele Erinnerungen an die frühen Tage der Revolution geheiligt, dass sie für die Freiheitsliebenden, die Boston besuchten, eine Art Mekka darstellte. Die dort abgehaltenen Anti-Sklaverei-Versammlungen wurden oft von Mobs gestört, die den begabtesten Redner stundenlang in Schach halten konnten und nur den Liedern der Hutchinson-Familie zuhörten. Obwohl diese Lieder ein komprimierter Auszug der gesamten Anti-Sklaverei-Verfassung und ihrer Satzungen waren, war der Mob unter diesen Freiheitsgesängen so friedlich wie ein Kind unter dem Einfluss eines Schmerzmittels. Welch willkommene und schöne Vision war es, als die vier Brüder in blauem Tuch und weißen, nach Byron-Art umgeschlagenen Kragen, und die kleine Schwester Abby in Seide, zarter Spitze und blauem Band auf dem Podium erschienen, um ihre eigenartigen Freiheitsballaden zu singen! Frisch aus den Hügeln von New Hampshire wirkten sie so stämmig, so kräftig, so rein, so wahrhaftig, dass sie wie die passenden Vertreter aller Kardinaltugenden erschienen, und selbst ein tobender Mob konnte ihrem Einfluss nicht widerstehen. Vielleicht hörte der Mob nach einer ihrer Balladen fünf Minuten lang Wendell Phillips oder Garrison zu, bis dieser ihnen einige direkte Wahrheiten an den Kopf warf, woraufhin wieder alles in Aufruhr geriet. Die nordischen Kaufleute, die ihr Vermögen mit der Baumwolle des Südens machten, die Politiker, die Stimmen wollten, und die Geistlichen, die den Frieden in den Kirchen bewahren wollten, waren alle ebenso sehr gegen die Anti-Sklaverei-Agitation wie die Sklavenhalter selbst. Dies waren die Klassen, die der Mob repräsentierte, obwohl er scheinbar aus Spielern, Schnapshändlern und Demagogen bestand. Jahrelang wurde der Anti-Sklaverei-Kampf im Norden gegen Staatskunst, Priesterherrschaft, die Habgier der besitzenden Klassen und die Ignoranz der Massen geführt, aber trotz all dieser Mächte des Bösen triumphierte er schließlich.

Ich war in Boston zu der Zeit, als Lane und Wright, einige metaphysische Engländer, und unser eigener Alcott ihre berühmten philosophischen Unterhaltungen abhielten, an denen Elizabeth Peabody teilnahm. Ich ging regelmäßig zu ihnen. Ich war ehrgeizig genug, alle Weisheit in mich aufzusaugen, die ich konnte, aber tatsächlich konnte ich bei keiner Sitzung einen intelligenten Bericht über die diskutierten Punkte abgeben. Oliver Johnson fragte mich eines Tages, ob sie mir gefielen. Ich dachte aufgrund eines Funkelns in seinen Augen, dass er glaubte, dies sei nicht der Fall, also gestand ich ihm, dass ich mich schämte zuzugeben, dass ich nicht wüsste, wovon sie sprachen. Er sagte: „Ich auch nicht – nur sehr wenige ihrer Zuhörer wissen es –, also seien Sie nicht überrascht, dass sie für Sie unverständlich sind, und denken Sie nicht geringer von Ihrem eigenen Fassungsvermögen.“

Ich war Herrn Johnson für einige der größten Freuden, die ich in Boston genoss, zu Dank verpflichtet. Er begleitete mich zu einem kompletten Kurs von Theodore Parkers Vorträgen, die in der Marlborough Chapel gehalten wurden. Dies war kurz nachdem der große Prediger seine berühmte Predigt über „Das Bleibende und Vergängliche in der Religion“ gehalten hatte, als er selbst von den Unitariern wegen seiner radikalen Äußerungen geächtet und nicht mehr auf ihren Kanzeln predigen durfte. Seine Vorträge wurden als noch häretischer angesehen als jene Predigt. Er schockierte die orthodoxen Kirchen jener Tage – mehr sogar, als Ingersoll es in unseren Zeiten getan hat.

Die Vorträge waren jedoch so seelenbefriedigend für mich, dass ich über die bitteren Kritiken, die ich hören musste, erstaunt war. Obwohl sie zwei Stunden lang waren, wurde ich nie müde, und als der Kurs endete, sagte ich zu Herrn Johnson:

„Ich wünschte, ich könnte sie noch einmal hören.“

„Nun, das können Sie“, sagte er, „Herr Parker wird sie in Cambridgeport wiederholen, beginnend nächste Woche.“ Dementsprechend gingen wir dorthin und hörten sie mit gleicher Zufriedenheit noch einmal.

Während des Winters in Boston besuchte ich alle Vorträge, Kirchen, Theater, Konzerte sowie Versammlungen zur Mäßigkeit, zum Frieden und zur Gefängnisreform, die ich erreichen konnte. Ich hatte noch nie zuvor in einem so enthusiastisch literarischen und reformfreudigen Umfeld gelebt, und meine geistigen Kräfte wurden auf die höchste Spannung gehalten. Wir gingen für den Sommer nach Chelsea und wohnten bei dem Baptistenprediger, dem ehrwürdigen John Wesley Olmstead, später Herausgeber von The Watchman and Reflector. Er hatte meine Cousine Mary Livingston geheiratet, einen der liebreizendsten, selbstlosesten Charaktere, die ich je kannte. Dort hatte ich die Gelegenheit, einige der führenden Baptistenprediger Neuenglands zu treffen, und da ich zutiefst von Parkers Ideen durchdrungen war, hatten wir viele hitzige Diskussionen über Theologie. Dort traf ich auch Orestes Bronson, einen bemerkenswert belesenen Mann, der jede Phase religiöser Erfahrung durchlaufen hatte, vom völligen Atheismus bis zum Schoß der katholischen Kirche, wo er am Ende seiner Tage, wie ich glaube, Ruhe fand. Er war so willkürlich und dogmatisch, dass die meisten Leute ihn nicht mochten; aber ich schätzte seine Bekanntschaft, da er ein liberaler Denker war und über eine Welt von Informationen verfügte, die er bereitwillig mit denen teilte, die einen gelehrigen Geist besaßen. Da ich mich damals in einem hungrigen, dürstenden Zustand nach Wahrheit auf jedem Gebiet befand, war die Freundschaft eines solchen Mannes für mich ein unschätzbarer Segen. Als ich Jahre später Theodore Parkers Vorträge las, war ich überrascht festzustellen, wie wenig darin enthalten war, das irgendjemanden schockieren könnte – die Mehrheit der denkenden Menschen war über sie hinausgewachsen.

Während ich zwei Jahre in Chelsea lebte, pflegte ich (da sonntags keine öffentlichen Verkehrsmittel fuhren) von der Fähre zur Marlborough Chapel zu laufen, um Herrn Parker predigen zu hören. Es war ein langer Fußweg, über zwei Meilen, und ich war so müde, wenn ich die Kapelle erreichte, dass ich es mir zur Regel machte, während des gesamten einleitenden Gottesdienstes zu schlafen, um für die Predigt frisch zu sein, da der Freund, neben dem ich saß, mich immer rechtzeitig weckte. Eines Sonntags, als mein Freund abwesend war, es ein sehr warmer Tag war und ich ungewöhnlich ermüdet, schlief ich, bis der Küster mich informierte, dass er im Begriff sei, die Türen zu schließen! In einem unvorsichtigen Moment teilte ich diese Tatsache meinen Baptistenfreunden mit. Sie machten sich fortan über die beruhigende Natur von Herrn Parkers Theologie lustig sowie über meinen langen Fußmarsch jeden Sonntag, um im Schatten eines häretischen Altars zu ruhen. Dennoch war der Verlust der Predigt der einzige ärgerliche Teil daran, und ich hatte den Nutzen des Spaziergangs und den erfrischenden Schlummer zur Musik von Herrn Parkers melodischer Stimme und der tief tönenden Orgel.

Frau Oliver Johnson und ich verbrachten zwei Tage in der Brook Farm Community, als sie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands war. Dort traf ich die Ripleys – die, wie ich glaube, das Rückgrat des Experiments waren –, William Henry Channing, Bronson Alcott, Charles A. Dana, Frederick Cabot, William Chase, Frau Horace Greeley, die dort einige Tage verbrachte, und viele andere, deren Namen ich nicht mehr weiß. Hier war eine bezaubernde Familie intelligenter Männer und Frauen, die ihre eigene Farm- und Hausarbeit verrichteten, mit Vorträgen, Lesungen, Musik, Tanz und Spielen, wenn gewünscht; eine Verwirklichung, in gewissem Maße, von Edward Bellamys schöner Vision der gleichen Bedingungen der menschlichen Familie im Jahr 2000. Die Geschichte des Anfangs und des Endes dieses Experiments des gemeinschaftlichen Lebens wurde so oft erzählt, dass ich nur sagen werde, dass sein Scheitern eine schwere Enttäuschung für diejenigen war, die am meisten an seinem Erfolg interessiert waren. Herr Channing sagte mir Jahre später, als er Pastor der unitarischen Kirche in Rochester war, während wir eines Tages durch Mount Hope wanderten, dass er, als die Roxbury-Gemeinschaft aufgelöst wurde und er gezwungen war, zum alten Leben des Wettbewerbs zurückzukehren, froh gewesen wäre, unter dem Rasen begraben zu werden, da das isolierte Zuhause so einsam, still und egoistisch schien, dass die ganze Atmosphäre bedrückend war.

Im Jahr 1843 zog mein Vater nach Albany, um meine Schwager, Herrn Wilkeson und Herrn McMartin, im Anwaltsberuf zu etablieren. Das machte Albany für einige Jahre zum Sammelpunkt der Familie. Dies ermöglichte es mir, mehrere Winter in der Hauptstadt zu verbringen und einen aktiven Teil an der Diskussion über das Married Woman’s Property Bill zu nehmen, das damals im Parlament anhängig war. William H. Seward, Gouverneur des Staates von 1839 bis 1843, empfahl das Gesetz, und seine Frau, eine Frau von seltener Intelligenz, setzte sich in der Gesellschaft dafür ein. Zusammen hatten wir die Gelegenheit, mit vielen Mitgliedern sowohl des Senats als auch der Versammlung in sozialen Kreisen sowie in ihren Ausschusszimmern zu sprechen. Gesetzentwürfe waren von 1836 bis 1848 anhängig, als die Maßnahme schließlich verabschiedet wurde.

Mein zweiter Sohn wurde im März 1844 in Albany geboren, unter günstigeren Vorzeichen als der erste, da ich nun wusste, was mit einem Baby anzufangen sei. Nach der Rückkehr nach Chelsea begannen wir den Haushalt, was mir ein weiteres Kapitel an Erfahrung bot. Ein neues Haus, neu eingerichtet, mit wunderschönem Blick auf die Boston Bay, war alles, was ich mir wünschen konnte. Herr Stanton kündigte mir zu Beginn an, dass sein Geschäft seine ganze Zeit in Anspruch nehmen würde und dass ich die gesamte Leitung des Haushalts übernehmen müsse. Mit zwei guten Dienstmädchen und zwei Babys unter meiner alleinigen Aufsicht war meine Zeit also angenehm ausgefüllt.

Wenn man zum ersten Mal als Herrin über eine Einrichtung eingesetzt wird, hat man dasselbe Gefühl von Stolz und Befriedigung, das ein junger Geistlicher haben muss, wenn er die Leitung seiner ersten Gemeinde übernimmt. Es ist ein stolzer Moment im Leben einer Frau, innerhalb von vier Wänden absolut zu regieren, diejenige zu sein, an die alle Fragen des häuslichen Vergnügens und der Wirtschaft gerichtet werden, und in ihrer Hand jenes kleine Familienbuch zu halten, in dem die täglichen Ausgaben, das Aus- und Eingehen, ordnungsgemäß registriert werden. Ich studierte alles, was mit der Haushaltsführung zu tun hatte, und genoss es sehr. Selbst der Waschtag – jener Tag, den so viele Menschen fürchten – hatte seinen Reiz für mich. Die saubere Kleidung auf den Leinen und auf dem Gras sah so weiß aus und roch so süß, dass es für mich ein schöner Anblick war, ihn zu betrachten. Ich flößte meiner Wäscherin den Ehrgeiz ein, ihre Wäsche weiß aussehen zu lassen und sie früher als unsere Nachbarn herauszuhängen und sie schneller gebügelt und weggeräumt zu haben.

Da Herr Stanton nicht zum Abendessen nach Hause kam, machten wir an den Montagen ein Picknick aus unserer Mittagsmahlzeit, und alle Gedanken und Energien wurden darauf verwendet, das Waschen zu beschleunigen. Kein unnötiges Fegen oder Abstauben, kein Besuch oder Bewirten von Engeln, ohne es zu wissen, an diesem Tag – er wurde der Seifenlauge, den Wäschebeuteln und den Wäscheleinen heilig gehalten. Nur die Kinder hatten keine Abweichung in der Regelmäßigkeit ihres Lebens. Sie hatten ihre Ausfahrten und Spaziergänge, ihre Nickerchen und Rationen, in Menge und Zeit, wie gewohnt. Ich hatte alle am meisten empfohlenen Kochbücher und verbrachte die Hälfte meiner Zeit mit Einmachen, Einlegen und Experimentieren mit neuen Gerichten. Ich verspürte denselben Ehrgeiz, in allen Abteilungen der Kochkunst zu glänzen, wie ich es in der Schule in den verschiedenen Lernbereichen tat. Meine Liebe zu Ordnung und Sauberkeit wurde überallhin getragen, vom Salon bis zur Küche, von der Vordertür bis zur Hintertür. Ich gab einem Mann einen zusätzlichen Schilling, damit er die Holzscheite mit den glatten Enden nach außen stapelte, obwohl ich sie nicht weiß scheuern ließ, wie es unsere niederländischen Großmütter taten. Ich versuchte auch, allem einen künstlerischen Touch zu geben – einschließlich der Kleidung meiner Kinder und Dienstboten. Mein Esstisch war rund, immer mit einem sauberen Tischtuch in einem hübschen Muster und einem Blumen-Mittelstück der jeweiligen Saison gedeckt, mit hübschem Geschirr, sauberem Silber und mit Sorgfalt und Ordnung gedeckt. Ich legte meine Seele in alles und genoss es daher. Ich konnte nie verstehen, wie Hausfrauen sich ausruhen konnten, während rings um ihre Hintertüren Müll lag; Eierschalen, zerbrochenes Geschirr, Blechdosen und alte Schuhe waren auf ihrem Grundstück verstreut; Dienstboten zerlumpt und schmutzig, mit ihren Haaren in Papilloten, und die Küche und das Esszimmer voller Fliegen. Ich habe sogar Künstler gekannt, die gleichgültig gegenüber ihrem persönlichen Erscheinungsbild und ihrer Umgebung waren. Sicherlich ist eine geschmackvoll gekleidete Mutter mit Kind und ein hübsches Zuhause als Rahmen als Bild noch attraktiver als eine häusliche Szene, die an der Wand hängt. Die Liebe zum Schönen kann im Leben ebenso gut illustriert werden wie auf der Leinwand. Es gibt einen solchen Kampf unter Frauen, Künstlerinnen zu werden, dass ich mir wirklich wünschte, einige ihrer Gaben könnten in sauberen, ordentlichen, schönen Heimen illustriert werden.

Unser Haus war angenehm auf den Chelsea Hills gelegen und bot einen schönen Blick auf Boston, den Hafen und die umliegende Landschaft. Dort, auf der oberen Veranda, verbrachte ich einige der glücklichsten Tage meines Lebens und genoss abwechselnd den schönen Ausblick, meine Kinder und meine Bücher. Hier, im Schatten des Bunker Hill Monuments, wurde mein dritter Sohn geboren. Kurz danach kamen Gerrit Smith und seine Frau, um einige Tage bei uns zu verbringen, also wurde dieser Junge, sehr gegen meinen Willen, nach meinem Cousin benannt. Ich glaubte nicht an alte Familiennamen, es sei denn, sie wären besonders wohlklingend. Ich hatte eine Liste schöner Namen für Söhne und Töchter, aus denen ich jeden Neuankömmling benennen wollte; aber bis jetzt war noch keiner auf meiner Liste verwendet worden. Ich setzte jedoch bei Nummer 4 meinen Kopf durch und nannte ihn Theodore, und bis jetzt hat er sich als wahres „Geschenk Gottes“ erwiesen, der alles in seiner Macht Stehende tut, um den Freiheitskampf für die Frau zu kämpfen.

Während des Besuchs meines Cousins dachte ich, ich würde mich an eine kleine, ausgewählte Dinnerparty wagen, bestehend aus dem ehrwürdigen John Pierpont und seiner Frau, Charles Sumner, John G. Whittier und Joshua Leavitt. Ich hatte eine neue Köchin, Rose, deren Speisen sich bisher als köstlich erwiesen hatten, also hatte ich in dieser Hinsicht keine Angst. Aber leider hatte ich ihr bei dieser Gelegenheit eine Flasche Wein für die Puddingsoße und Schlagsahne gegeben, von der sie zu freizügig trank, und daher gab es einige eklatante Fehler im Menü, die äußerst beschämend waren. Da Herr Smith und mein Mann beide gute Redner waren, sagte ich ihnen, sie müssten alle Mängel mit ihrer brillanten Unterhaltung überdecken, was sie auch zu tun versprachen.

Rose hatte alle Merkmale eines guten Dienstboten, phrenologisch und physiologisch. Sie hatte einen großen Kopf mit großen Höckern der Vorsicht und Ordnung, ihre Augen waren groß, sanft und weit auseinanderstehend. Als ich sie wissenschaftlich auswählte, hatte ich meinem Mann mehrmals triumphierend erzählt, was für einen Schatz ich gefunden hatte. Kurz nach dem Abendessen, eines Abends, als ich aus war, hielt sie das Baby, während die Amme ihr Abendessen aß, und verbrannte ihm achtlos den Fuß am Ofen. Dann schlug Herr Stanton vor, dass ich bei der Auswahl der nächsten Köchin besser nicht der Wissenschaft vertrauen sollte, sondern die Familie, bei der sie lebte, nach ihren praktischen Tugenden befragen sollte. Arme Rose! Sie weinte über ihre Verfehlungen, wenn sie nüchtern war, und machte schöne Versprechungen für die Zukunft, aber ich wagte es nicht, ihr zu vertrauen, also trennten wir uns. Der eine Nachteil der Freuden der Haushaltsführung war damals, wie er heute ist, der Mangel an treuen, kompetenten Dienstboten. Die Hoffnung auf genossenschaftliche Haushaltsführung in naher Zukunft gibt uns einige Aussicht auf ein harmonischeres häusliches Leben.

Eines der Bücher in meiner Bibliothek, das ich am höchsten schätze, ist der erste Band von Whittiers Gedichten, veröffentlicht 1838, „Gewidmet Henry B. Stanton als Zeichen der persönlichen Freundschaft des Autors und seines Respekts für die vorbehaltlose Hingabe erhabener Talente an die Sache der Menschlichkeit und Freiheit“. Kurz nach unserer Hochzeit verbrachten wir einige Tage bei unserem begabten Quäker-Dichter auf seiner Farm in Massachusetts.

Ich werde jene glücklichen Junitage nie vergessen; die langen Spaziergänge und Fahrten und Gespräche unter den alten Bäumen über Anti-Sklaverei-Erfahrungen sowie Whittiers Heiterkeit und Empörung, als wir verschiedene Szenen der Anti-Sklaverei-Weltkonvention in London beschrieben. Er lachte maßlos über die Tom-Campbell-Episode. Der arme Kerl! Er hatte an jenem Tag zu viel Wein getrunken, und als Whittiers Verse, die an die Konvention gerichtet waren, vorgelesen wurden, kritisierte er sie scharf und schloss mit den Worten, dass die Seele eines Dichters nicht in ihm stecke. Herr Stanton sprang auf und rezitierte einige von Whittiers mitreißenden Strophen über die Freiheit, was das Publikum elektrisierte, und sich an Campbell wendend, sagte er: „Was sagen Sie dazu?“ „Ah! Das ist echte Poesie“, antwortete er. „Und John Greenleaf Whittier ist ihr Autor“, sagte Herr Stanton.

Ich genoss auch den Morgen- und Abendgottesdienst, wenn die verehrte Mutter die Heilige Schrift las und wir alle unsere Häupter im stillen Gebet neigten. Es herrschte bisweilen eine Atmosphäre von Feierlichkeit, die alles durchdrang, was inmitten so vieler Dinge, die meine höhere Natur ansprachen, erdrückend war. Es lag ein Schatten von Traurigkeit selbst im Lächeln der Mutter und der Schwester, und eine starre Schlichtheit im Haus und seiner Umgebung, ein niedergeschlagener Ausdruck in Whittier selbst, den der Gesang der Vögel, der Sonnenschein und die erfrischende Luft Neuenglands nicht zu vertreiben vermochten, verursacht, wie ich später hörte, durch finanzielle Verlegenheit und Ängste in Bezug auf die zarte Gesundheit der Schwester. Auch sie hatte ein seltenes poetisches Talent, und in ihr fand Whittier nicht nur eine hilfreiche Gefährtin in den praktischen Angelegenheiten des Lebens, sondern eine, die mit ihm in den höchsten Flügen sympathisierte, zu denen seine Muse fähig war. Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden durch den Tod der Schwester nicht lange danach wahr. In seinem letzten Band wurden mehrere ihrer Gedichte veröffentlicht, die den Platz, den die Wertschätzung des Bruders ihnen eingeräumt hat, durchaus verdienen. Whittiers Liebe und Ehrfurcht für seine Mutter und Schwester, die in jedem Wort und Blick so ausgeprägt waren, waren bezaubernde Züge seines häuslichen Lebens. Alle seine Gedichte an unser Geschlecht atmen dieselben zärtlichen, verehrungsvollen Gefühle.

Kurz nach diesem Besuch in Amesbury verbrachte unser edler Freund einige Tage bei uns in Chelsea, nahe Boston. Eines Abends, nachdem wir lange über die unglücklichen Meinungsverschiedenheiten unter den Anti-Sklaverei-Freunden gesprochen hatten, öffnete ich, um die Schatten zu vertreiben, das Klavier und schlug vor, dass wir einige fröhliche Lieder singen sollten. „Oh, nein!“, rief Herr Stanton, „berühre keine Note; du wirst jeden Nerv von Whittiers Körper reizen.“ Es schien mir so natürlich für einen Dichter, Musik zu lieben, dass ich überrascht war zu erfahren, dass es eine Qual für ihn war.

Von unserer oberen Veranda hatten wir einen schönen Blick auf den Hafen von Boston. Als wir dort spät in einer mondhellen Nacht saßen und die Umrisse des Bunker Hill Monuments und die geisterhafte Wirkung der Segel und Masten der im Hafen liegenden Schiffe bewunderten, gingen wir natürlich von der Romantik unserer Umgebung zu der unseres Lebens über. Ich habe oft bemerkt, dass die zurückhaltendsten Menschen dazu neigen, zu einer solchen Stunde vertraulich zu werden. Unter solchen Umständen schlug mir der gute Dichter eine zutiefst interessante Seite seines Lebens auf, eine traurige Romanze von Liebe und Enttäuschung, die vielleicht noch nicht erzählt werden darf, da einige, die an den Ereignissen beteiligt waren, noch unter den Lebenden weilen.

Whittiers Gedichte waren nicht nur einer der wichtigsten Faktoren im Anti-Sklaverei-Krieg und Sieg, sondern sie waren ebenso wirksam bei der Befreiung der Köpfe seiner Generation von den düsteren Aberglauben der puritanischen Religion. Oliver Wendell Holmes sagt in seiner Lobrede auf Whittier, dass sein Einfluss auf das religiöse Denken des amerikanischen Volkes weitaus größer gewesen sei als der eines jeden Kanzelinhabers.

Da die Gesundheit meines Mannes zart war und sich die Winter in Neuengland als zu streng für ihn erwiesen, verließen wir Boston mit vielen Bedauern und suchten ein milderes Klima im Zentrum von New York.

KAPITEL IX.

DIE ERSTE FRAUENRECHTSKONVENTION.

Im Frühjahr 1847 zogen wir nach Seneca Falls. Hier verbrachten wir sechzehn Jahre unseres Ehelebens, und hier wurden unsere anderen Kinder – zwei Söhne und zwei Töchter – geboren.

Gerade als wir bereit waren, Boston zu verlassen, trafen Mr. und Mrs. Eaton mit ihren zwei Kindern aus Europa ein, und wir beschlossen, gemeinsam nach Johnstown zu reisen, da Mr. Eaton aus geschäftlichen Gründen nach New York eilen musste und Mr. Stanton noch einige Monate in Boston bleiben sollte. Im letzten Moment entschied meine Kinderfrau, dass sie ihre Freunde nicht verlassen und so weit wegziehen könne. Dementsprechend brachen meine Schwester und ich mit fünf Kindern und siebzehn Koffern per Bahn nach Albany auf, wo wir über Nacht und einen Teil des nächsten Tages ruhten. Wir hatten eine sehr ermüdende Reise, da wir auf so viele Koffer und Kinder achten mussten, denn die Kinder meiner Schwester bestanden bei jeder Gelegenheit darauf, auf dem Bahnsteig zu stehen, und die jüngeren taten es ihnen gleich. Das hielt uns ständig in Alarmbereitschaft. Wir waren dankbar, als wir wieder sicher im alten Elternhaus in Johnstown landeten, wo wir um Mitternacht ankamen. Da unsere geliebten Eltern keine Vorwarnung von unserer Ankunft erhalten hatten, wurde der ganze Haushalt geweckt, um uns unterzubringen. Doch nun, im sicheren Hafen, inmitten vertrauter Szenen und angenehmer Erinnerungen, war unser Schlaf wahrhaft erquickend. Wie schnell man doch alle Sorgen und Ängste unter dem elterlichen Dach ablegt und wie verloren man sich fühlt, ganz gleich in welchem Alter, wenn die geliebten Menschen für immer fort sind und das Heim der Kindheit nur noch ein Traum der Vergangenheit ist.

Nach ein paar Tagen der Ruhe machte ich mich allein auf den Weg zu meinem neuen Zuhause, recht glücklich über die Verantwortung, ein Haus zu renovieren und alles in Ordnung zu bringen. Ich war bereits mit vielen Menschen und der Umgebung in Seneca Falls vertraut, da meine Schwester, Mrs. Bayard, dort mehrere Jahre gelebt hatte und ich ihr häufig lange Besuche abgestattet hatte. Wir hatten zudem einen regelrechten Anziehungskreis für Reformer im Zentrum von New York. In Rochester waren William Henry Channing, Frederick Douglass, die Anthonys, Posts, Hallowells, Stebbins – einige großartige alte Quäkerfamilien in Farmington – die Sedgwicks, Mays, Mills und Matilda Joslyn Gage in Syracuse; Gerrit Smith in Peterboro und Beriah Green in Whitesboro.

Das Haus, das wir beziehen sollten, war einige Jahre lang geschlossen gewesen und bedurfte vieler Reparaturen, und das Gelände, das fünf Morgen umfasste, war von Unkraut überwuchert. Mein Vater gab mir einen Scheck und sagte mit einem Lächeln: „Du glaubst an die Fähigkeit der Frau, zu handeln und zu wagen; nun mach dich an die Arbeit und bring dein Heim in Ordnung.“ Nach einer genauen Begutachtung des Anwesens und gebührender Beratung mit ein oder zwei Söhnen Adams setzte ich Zimmerleute, Maler, Tapezierer und Gärtner an die Arbeit, baute eine neue Küche und ein Holzhaus und bezog das Heim nach einem Monat. Da ich meine Kinder bei meiner Mutter gelassen hatte, gab es keine Hindernisse für eine vollständige Entfaltung meiner organisatorischen Fähigkeiten. Beim Kauf von Ziegeln, Bauholz, Farbe usw. und beim Aushandeln von Verträgen mit den Arbeitern hielt ich häufig Rücksprache mit Richter Sackett und Mr. Bascom. Letzterer war Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung, die damals in Albany tagte, und da er, wann immer er zu Hause war, zu Fuß vorbeizukommen pflegte, um nach dem Fortschritt meiner Arbeit zu sehen, führten wir lange Gespräche über den Status der Frauen, während wir inmitten von Werkzeug und Hobelspänen auf Kisten saßen. Ich drängte ihn, einen Zusatzartikel zu Artikel II, Abschnitt 3, der Staatsverfassung vorzuschlagen, um das Wort „männlich“ zu streichen, das das Wahlrecht auf Männer beschränkt. Doch obwohl er mir in allem, was ich über die politische Gleichberechtigung der Frauen zu sagen hatte, voll und ganz zustimmte, hatte er nicht den Mut, sich zum Gespött der Versammlung zu machen. Wann immer ich ihn in diesem Punkt in die Enge trieb, lenkte er männerhaft das Gespräch auf die Maler und Zimmerleute. Diese Gespräche hatten jedoch den Effekt, dass er zur ersten Frauenkonvention kam, wo er uns gute Dienste leistete.

In Seneca Falls war mein Leben vergleichsweise einsam, und die Veränderung gegenüber Boston war etwas deprimierend. Dort waren alle meine unmittelbaren Freunde Reformer, ich hatte direkte Nachbarn, ein neues Zuhause mit allen modernen Annehmlichkeiten und gut ausgebildetes Dienstpersonal. Hier lag unser Wohnsitz am Rande der Stadt, die Wege waren sehr oft schlammig und auf dem größten Teil des Weges gab es keine Bürgersteige, Mr. Stanton war häufig außer Haus, ich hatte schlechtes Personal und eine wachsende Zahl von Kindern. Ein Haus und ein Grundstück in Ordnung zu halten, jeden Artikel für den täglichen Gebrauch zu kaufen, die Garderobe von einem halben Dutzend Menschen in angemessenem Zustand zu halten, die Kinder zu Zahnärzten, Schustern und verschiedenen Schulen zu bringen oder Lehrer für zu Hause zu finden – all das zusammen war Arbeit genug, um einen Verstand zu beschäftigen, ebenso wie alle Hände, die ich in den Dienst nehmen konnte. Dann war auch die Neuheit der Hausarbeit verflogen, und vieles, was einst im häuslichen Leben attraktiv war, war nun lästig. Ich hatte so viele Sorgen, dass die Gesellschaft, die ich zur intellektuellen Anregung brauchte, eher eine Prüfung als ein Vergnügen war.

In kurzer Entfernung gab es eine recht große irische Siedlung, und es kamen ständig Beschwerden bei mir an, dass meine Jungen Steine nach ihren Schweinen, Kühen und auf die Dächer ihrer Häuser würfen. Dies erforderte ständige diplomatische Beziehungen bei der Beilegung verschiedener Schwierigkeiten, bei denen ich so erfolgreich war, dass sie mich schließlich zu einer Art Schiedsrichterin in all ihren eigenen Streitereien machten. Wenn ein betrunkener Ehemann seine Frau schlug, liefen die Kinder zu mir. Ich eilte zum Schauplatz des Geschehens, packte Patrick am Kragen und zwang ihn, sehr zu seiner Überraschung und Scham, sich hinzusetzen und zu versprechen, sich zu benehmen. Niemals leistete einer von ihnen den geringsten Widerstand, und mit der Zeit begannen sie alle, mich als eine Person mit Autorität zu betrachten. Ich stärkte meinen Einfluss, indem ich ein gutes Verhältnis pflegte. Ich lieh den Männern Zeitungen zum Lesen und lud ihre Kinder in unser Gelände ein; ich gab ihnen Obst, von dem wir reichlich hatten, sowie die alten Kleider, Bücher und Spielsachen meiner Kinder. Ich war auch ihre Ärztin – mit meiner Schachtel homöopathischer Medikamente kümmerte ich mich bei Krankheit um die Männer, Frauen und Kinder. So wurden die freundschaftlichsten Beziehungen aufgebaut, und in jedem Notfall waren diese armen Nachbarn gute Freunde und immer bereit, mir zu dienen.

Doch ich empfand den Polizeidienst als ziemlich lästig, besonders wenn ich in dunklen Nächten gerufen wurde, um betrunkene Väter davon abzuhalten, ihre schlafenden Kinder zu stören, oder um armen Müttern in den Wehen beizustehen. Ach! Ach! Wer kann die Berge von Kummer und Leid ermessen, die in unerwünschter Mutterschaft in den Wohnstätten von Unwissenheit, Armut und Laster ertragen werden, wo entsetzte Frauen und Kinder die Opfer starker Männer sind, die von Leidenschaft und berauschendem Alkohol in den Wahnsinn getrieben werden?

Bis zu diesem Zeitpunkt war das Leben mit relativer Leichtigkeit dahingeglitten, doch nun stand mir der wahre Kampf bevor. Meine Pflichten waren zu zahlreich und vielfältig, und keine davon war hinreichend belebend oder intellektuell, um meine höheren Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Ich litt unter geistigem Hunger, der, wie ein leerer Magen, sehr deprimierend ist. Ich hatte Bücher, aber keine anregende Kameradschaft. Zu meiner allgemeinen Unzufriedenheit über die Veränderung von Boston kam hinzu, dass ich feststellte, dass Seneca Falls eine Malaria-Region war, und zu gegebener Zeit wurden alle Kinder von Schüttelfrost und Fieber befallen, was unter der damals üblichen homöopathischen Behandlung drei Monate dauerte. Das Dienstpersonal war auf die gleiche Weise betroffen. Sauberkeit, Ordnung, die Liebe zum Schönen und Künstlerischen, alles verblasste im Kampf darum, das zu erreichen, was von Stunde zu Stunde absolut notwendig war. Nun verstand ich, wie nie zuvor, wie Frauen inmitten von allgemeiner Unordnung einfach dasitzen und ruhen konnten. Haushaltsführung war unter solchen Umständen unmöglich, also packte ich unsere Kleider, schloss das Haus ab und begab mich in jenen sicheren Hafen, das Elternhaus, wie ich es von da an bei jedem Unwetter tat.

Ich verstand nun voll und ganz die praktischen Schwierigkeiten, mit denen die meisten Frauen im isolierten Haushalt zu kämpfen hatten, und die Unmöglichkeit der besten Entwicklung der Frau, wenn sie den größten Teil ihres Lebens mit Dienstboten und Kindern in Kontakt war. Fouriers Phalanstère-Gemeindeleben und genossenschaftliche Haushalte hatten eine neue Bedeutung für mich. Emerson sagt: „Eine gesunde Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Fortschritt.“ Die allgemeine Unzufriedenheit, die ich mit dem Anteil der Frau als Ehefrau, Mutter, Hauswirtin, Ärztin und geistige Führerin empfand, die chaotischen Zustände, in die alles ohne ihre ständige Aufsicht verfiel, und der müde, ängstliche Blick der Mehrheit der Frauen bestärkten mich in dem Gefühl, dass einige aktive Maßnahmen ergriffen werden sollten, um die Missstände der Gesellschaft im Allgemeinen und der Frauen im Besonderen zu beheben. Meine Erfahrung auf der Welt-Anti-Sklaverei-Konvention, alles, was ich über den rechtlichen Status der Frauen gelesen hatte, und die Unterdrückung, die ich überall sah, fegten zusammen durch meine Seele, nun intensiviert durch viele persönliche Erfahrungen. Es schien, als hätten sich alle Elemente verschworen, um mich zu einem vorwärts gerichteten Schritt zu drängen. Ich konnte nicht sehen, was zu tun war oder wo ich anfangen sollte – mein einziger Gedanke war eine öffentliche Versammlung für Protest und Diskussion.

In diesem sturmgepeitschten Gemütszustand erhielt ich eine Einladung, den Tag mit Lucretia Mott bei Richard Hunt in Waterloo zu verbringen. Dort traf ich mehrere Mitglieder verschiedener Familien der Freunde, ernsthafte, nachdenkliche Frauen. An diesem Tag ergoss ich den Strom meiner lange angestauten Unzufriedenheit mit solcher Vehemenz und Empörung, dass ich sowohl mich selbst als auch den Rest der Gruppe dazu anspornte, etwas zu wagen und zu tun. Meine Unzufriedenheit muss laut Emerson gesund gewesen sein, denn sie bewegte uns alle zu sofortigem Handeln, und wir beschlossen, dort und auf der Stelle, eine „Frauenrechtskonvention“ einzuberufen. Wir schrieben den Aufruf an jenem Abend und veröffentlichten ihn am nächsten Tag, dem 14. Juli 1848, im Seneca County Courier, wobei wir nur fünf Tage Vorlauf gaben, da die Konvention am 19. und 20. stattfinden sollte. Der Aufruf wurde ohne Unterschriften eingefügt – eigentlich war es nur eine bloße Ankündigung eines Treffens – aber die treibenden Kräfte und Organisatoren waren Lucretia Mott, Mary Ann McClintock, Jane Hunt, Martha C. Wright und ich selbst. Die Konvention, die zwei Tage lang in der methodistischen Kirche abgehalten wurde, war in jeder Hinsicht ein großer Erfolg. Das Haus war bei jeder Sitzung überfüllt, die Reden waren gut, und ein religiöser Ernst zeichnete das gesamte Verfahren aus.

Dies waren die hastigen ersten Schritte der „bedeutendsten Reform, die jemals in die Welt gerufen wurde – der erste organisierte Protest gegen die Ungerechtigkeit, die seit Äonen über dem Charakter und dem Schicksal der einen Hälfte der Menschheit gebrütet hatte.“ Keine Worte könnten unser Erstaunen ausdrücken, als wir wenige Tage später feststellten, dass das, was uns so zeitgemäß, so rational und so heilig erschien, ein Gegenstand für Sarkasmus und Spott für die gesamte Presse der Nation sein sollte. Mit unserer Unabhängigkeitserklärung und den Resolutionen als Text schien es, als ob jeder Mann, der einen Stift führen konnte, eine Predigt über die „Sphäre der Frau“ verfasste. Alle Zeitungen von Maine bis Texas schienen miteinander zu wetteifern, um zu sehen, welche unsere Bewegung am lächerlichsten erscheinen lassen konnte. Die Anti-Sklaverei-Zeitungen standen uns männlich zur Seite, ebenso Frederick Douglass, sowohl auf der Konvention als auch in seiner Zeitung, The North Star, doch so ausgeprägt war die öffentliche Stimme gegen uns, in den Salons, der Presse und von den Kanzeln, dass die meisten der Damen, die an der Konvention teilgenommen und die Erklärung unterzeichnet hatten, eine nach der anderen ihre Namen und ihren Einfluss zurückzogen und sich unseren Verfolgern anschlossen. Unsere Freunde zeigten uns die kalte Schulter und fühlten sich durch das ganze Vorgehen in Schande gebracht.

Hätte ich die leiseste Vorahnung von all dem gehabt, was auf diese Konvention folgen sollte, fürchte ich, hätte ich nicht den Mut gehabt, sie zu riskieren, und ich muss gestehen, dass ich mit Angst und Zittern zustimmte, einen Monat später an einer weiteren in Rochester teilzunehmen. Glücklicherweise schien die erste das gesamte Feuer auf sich gezogen zu haben, und über die zweite wurde nur wenig gesagt. Doch wir hatten den Stein ins Rollen gebracht, und nun wurden in rascher Folge Konventionen in Ohio, Indiana, Massachusetts, Pennsylvania und in der Stadt New York abgehalten und seitdem fast jedes Jahr fortgesetzt.

Die bemerkenswertesten der frühen Konventionen waren die in Massachusetts, an denen Männer wie Garrison, Phillips, Channing, Parker und Emerson teilnahmen. Es war eine von diesen, die zuerst die Aufmerksamkeit von Mrs. John Stuart Mill auf sich zog und aus ihrer Feder jenen fähigen Artikel über „Die Emanzipation der Frau“ in der Westminster Review vom Oktober 1852 hervorbrachte.

Im selben Jahr der Konvention war das Eigentumsgesetz für verheiratete Frauen, das zu einiger Diskussion über die Rechte der Frau in New York geführt hatte, von der Legislative verabschiedet worden. Dies ermutigte die Frauen zum Handeln, da sich natürlich der Gedanke aufdrängte, dass, wenn die Männer, die die Gesetze machten, zu einem weiteren Schritt bereit waren, die Frauen selbst sicherlich ein gewisses Interesse an der Gesetzgebung bekunden sollten. Ernestine L. Rose, Paulina Wright (Davis) und ich hatten Jahre zuvor vor Ausschüssen der Legislative gesprochen und gleiche Eigentumsrechte für Frauen gefordert. Wir hatten viele Jahre lang Petitionen für das Eigentumsgesetz für verheiratete Frauen verteilt, ebenso wie die Anführer der niederländischen Aristokratie, die wünschten, dass ihre lebenslangen Ansammlungen an ihre Töchter und Enkelkinder weitergegeben würden, anstatt in die Hände von verschwenderischen, untüchtigen Schwiegersöhnen zu gelangen. Richter Hertell, Richter Fine und Mr. Geddes aus Syracuse bereiteten zu verschiedenen Zeiten die verschiedenen Gesetzesentwürfe vor und vertraten sie vor der Legislative. Daher waren die auf der Konvention gestellten Forderungen für das lesende und denkende Publikum von New York – dem ersten Bundesstaat, der in dieser Frage handelte – nicht völlig neu. Da New York 1778 der erste Bundesstaat war, der das Wort „männlich“ in seine Verfassung aufnahm, war es nur passend, dass er bei einer liberaleren Gesetzgebung vorangehen sollte. Die Wirkung der Konvention auf meinen eigenen Geist war überaus heilsam. Die Diskussionen hatten meine Vorstellungen über die ersten Schritte zur Emanzipation der Frau geklärt, und die Gelegenheit, mich voll und frei über ein Thema zu äußern, das mir so sehr am Herzen lag, war eine große Erleichterung. Ich glaube, alle Frauen, die an der Konvention teilnahmen, fühlten sich durch die Darlegung ihrer Missstände besser, in dem Glauben, dass der erste Schritt zu ihrer Beseitigung getan worden war.

Bald darauf wurde ich eingeladen, an mehreren Orten in der Nachbarschaft zu sprechen. Eines Abends, im Quäker-Versammlungshaus in Farmington, lud ich wie üblich zu Diskussionen und Fragen ein, als ich fertig war. Wir warteten alle lange Zeit schweigend; schließlich erhob sich ein Mann mittleren Alters mit einem breitkrempigen Hut und antwortete in einem Singsang-Ton: „Alles, was ich dazu zu sagen habe, ist: Wenn eine Henne krähen kann, dann lasst sie krähen“, wobei er „krähen“ mit einer aufsteigenden Betonung auf mehreren Noten der Tonleiter betonte. Die Versammlung endete mit gemischten Gefühlen der Überraschung und Heiterkeit. Ich gestehe, dass ich etwas gekränkt war, dass meine, wie ich glaubte, unwiderlegbaren Argumente so kurz abgefertigt wurden und der ernste Eindruck, den ich auf das Publikum gemacht hatte, so schnell verflogen war. Der gute Mann beabsichtigte keine Respektlosigkeit, wie er mir später sagte. Er brachte das ganze Argument einfach auf den Punkt: „Lass eine Frau tun, was immer sie kann.“

Mit diesen neuen Pflichten und Interessen und einem breiteren Blick auf das menschliche Leben nahmen meine kleinen häuslichen Ärgernisse allmählich einen untergeordneten Platz ein. Nun begann ich, Artikel für die Presse, Briefe an Konventionen in anderen Bundesstaaten und private Briefe an Freunde zu schreiben, um sie zum Nachdenken über diese Frage anzuregen.

Der Pastor der presbyterianischen Kirche, Mr. Bogue, hielt mehrere Predigten über die Sphäre der Frau und kritisierte das Vorgehen der Konventionen in Seneca Falls und Rochester. Elizabeth McClintock und ich machten uns Notizen und antworteten ihm in den Bezirkszeitungen. Allmählich weiteten wir unsere Arbeit aus und griffen unsere Gegner in der New York Tribune an, deren Spalten uns in den frühen Tagen offenstanden, da Mr. Greeley zu jener Zeit einer unserer treuesten Verfechter war.

Bei der Beantwortung aller Angriffe waren wir gezwungen, kanonisches und bürgerliches Recht, Verfassungen, Bibeln, Wissenschaft, Philosophie sowie heilige und profane Geschichte zu studieren. Nun war mein Geist, ebenso wie meine Hände, vollauf beschäftigt, und statt wie bisher darüber zu trauern, was ich durch das Verlassen Bostons verloren hatte, versuchte ich auf jede erdenkliche Weise, das Beste aus dem Leben in Seneca Falls zu machen. Da ich sah, dass aufwendige Erfrischungen viele gesellschaftliche Zusammenkünfte verhinderten, gab ich oft einen Abendempfang ohne solche. Ich sagte den jungen Leuten, wann immer sie ein Tänzchen oder eine fröhliche Zeit wollten, sollten sie unser Haus zu ihrem Treffpunkt machen, und ich würde für Beleuchtung sorgen und ihnen ein Glas Wasser und etwas Kuchen geben. Auf diese Weise hatten wir viele angenehme, zwanglose Zusammenkünfte. Dann gründeten wir, in Nachahmung von Margaret Fullers Gesprächskreisen, einen, der mehrere Jahre Bestand hatte. Wir wählten jede Woche ein Thema aus, über das wir alle lasen und nachdachten; jeder bereitete der Reihe nach einen Aufsatz von zehn Minuten Länge vor.

Diese fanden jeden Samstag abwechselnd in verschiedenen Häusern statt. Wenn wir zusammenkamen, wählten wir einen Vorsitzenden für den Abend, der die Versammlung zur Ordnung rief und den Redner vorstellte. Danach fragte er jedes Mitglied der Reihe nach, was es zu dem Thema gelesen oder gedacht habe, und ob jemand Kritik an dem Aufsatz zu üben habe. Von jedem wurde erwartet, dass er einen Beitrag leistete. Auf diese Weise wurde viel Wissen gewonnen, und viele lebhafte Diskussionen folgten. Alle Damen sowie die Herren führten abwechselnd den Vorsitz und wurden so mit parlamentarischen Regeln vertraut. Der Abend endete mit Musik, Tanz und einer allgemeinen Unterhaltung. Auf diese Weise lasen und dachten wir über ein breites Spektrum von Themen nach und brachten die besten Köpfe der Gemeinde zusammen. Viele junge Männer und Frauen, die nicht zu dem gehörten, was als der erste Kreis angesehen wurde – denn in jedem kleinen Dorf gibt es immer eine kleine Clique, die die Aristokratie bildet –, hatten die Vorteile eines sozialen Lebens, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären. Ich glaube, dass alle, die an diesem Gesprächsklub teilnahmen, von seinem vielen guten Einfluss zeugen würden.

Ich hatte drei recht enge junge Freundinnen im Dorf, die einen Großteil ihrer Freizeit bei mir verbrachten und mein Glück sehr bereicherten: Frances Hoskin, die Leiterin der Mädchenabteilung der Akademie war und mit der ich Politik und Religion diskutierte; Mary Bascom, die gut über die Themen des Tages sprechen konnte, und Mary Crowninshield, die gut Klavier spielte. Da ich Musik sehr liebte, wurde Marys Kommen immer mit Freude begrüßt. Ihre Mutter war ebenfalls eine liebe Freundin von mir, eine Frau von seltener Intelligenz, Kultiviertheit und Gesprächstalent. Sie war eine Schuyler und gehörte zur niederländischen Aristokratie in Albany. Sie starb plötzlich nach kurzer Krankheit. Ich war in ihren letzten Stunden bei ihr und hielt ihre Hand, bis der allmählich verblassende Lebensfunke erlosch. Ihr Sohn ist Kapitän A.S. Crowninshield unserer Marine.

Meine nächsten Nachbarn waren eine sehr angenehme, intelligente Familie mit Söhnen und Töchtern. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Männer dieses Haushalts zum Herrschen neigten. Da die Mutter sehr liebenswürdig und aufopferungsvoll war, fiel es den Töchtern schwer, sich aufzulehnen. Eines Sommers, nach dem allgemeinen Frühjahrsputz, als frische Farbe und Tapeten selbst die Küche für die sommerliche Invasion von Fliegen zu zierlich erscheinen ließen, beschlossen die Königinnen des Haushalts, den düsteren Kochherd in ein geräumiges Holzhaus zu verlegen, wo er in Abwesenheit des Familienoberhauptes eine Woche lang seine Würde bewahrte. Mutter und Töchter waren von der Veränderung begeistert und fragten sich, warum sie das nicht schon früher in den Sommermonaten getan hatten. Doch ihre Freude währte nur kurz. Vater und Söhne standen am ersten Morgen nach seiner Rückkehr früh auf und rückten den Herd wieder an seinen alten Platz. Als die Ehefrau und die Töchter herunterkamen, um ihr Frühstück zuzubereiten (denn sie erledigten ihre ganze Arbeit selbst), waren sie voller Kummer und Enttäuschung. Das Frühstück wurde schweigend eingenommen, die Frauen gedemütigt durch das Gefühl ihrer Hilflosigkeit und die Männer befriedigt durch das Gefühl ihrer Macht. Diese Männer hätten wahrscheinlich alle gesagt: „Das Heim ist die Sphäre der Frau“, obwohl sie sich die Freiheit nahmen, alles in ihrer Sphäre zu regeln.

KAPITEL X. SUSAN B. ANTHONY.

Die Berichte über die Konventionen, die 1848 in Seneca Falls und Rochester, N.Y., abgehalten wurden, erregten die Aufmerksamkeit einer Frau, die dazu bestimmt war, eine überaus wichtige Rolle in der neuen Bewegung zu spielen – Susan B. Anthony, die wegen ihres Mutes und ihrer organisatorischen Fähigkeiten von William Henry Channing scherzhaft der Napoleon unseres Kampfes genannt wurde. Zu dieser Zeit unterrichtete sie an der Akademie in Canajoharie, einem kleinen Dorf im schönen Tal des Mohawk.

Die „Frauenerklärung der Unabhängigkeit“, die von jenen Konventionen ausging, überraschte und amüsierte sie, und sie lachte herzlich über die Neuheit und Anmaßung der Forderung. Doch als sie in den Ferien nach Hause zurückkehrte, war sie überrascht festzustellen, dass ihre nüchternen Quäker-Eltern und ihre Schwester, die an den Versammlungen in Rochester teilgenommen hatten, diese als sehr gewinnbringend und interessant betrachteten und die gestellten Forderungen für angemessen und vernünftig hielten. Sie interessierte sich bereits für die Bestrebungen gegen die Sklaverei und für die Mäßigkeitsbewegung, war ein aktives Mitglied einer Organisation namens „The Daughters of Temperance“ und hatte einige Male bei deren öffentlichen Versammlungen gesprochen. Doch das neue Evangelium der „Frauenrechte“ fand in ihrem Geist eine bereitwillige Resonanz, und von jener Zeit an hat sie ihre besten Kräfte der Emanzipation der Frauen gewidmet.

Da meine Freundin von diesem Zeitpunkt an eng mit meiner Erzählung verbunden ist und darin häufig erscheinen wird, erscheint ein Abriss über sie angemessen.

Lord Bacon hat treffend gesagt: „Wer Frau und Kinder hat, hat der Fortuna Geiseln gegeben; denn sie sind Hemmnisse für große Unternehmungen, seien es tugendhafte oder schädliche. Sicherlich sind die besten Werke und die von größtem Nutzen für die Öffentlichkeit von unverheirateten oder kinderlosen Männern ausgegangen; welche, sowohl in Zuneigung als auch in Mitteln, die Öffentlichkeit geheiratet und mit Gaben bedacht haben.“

Dieses Stück baconianischer Philosophie, in gleicher Weise auf Frauen anwendbar, war vor nicht langer Zeit Gegenstand eines Gesprächs mit einer bemerkenswert begabten Engländerin. Sie war in viele öffentliche Interessen vertieft und hatte gewissenhaft beschlossen, niemals zu heiraten, aus Furcht, die mit der Ehe notwendigerweise verbundenen Sorgen könnten in ihre Zeit und ihre Gedanken eingreifen, zum Nachteil des öffentlichen Wohls. „Wenn nicht“, sagte sie, „einige Frauen sich dem öffentlichen Dienst widmen, wird die Gesellschaft um notwendige Vormünder für die besonderen Bedürfnisse der Schwachen und Unglücklichen beraubt. Es sollte in der säkularen Welt gewisse Orden geben, die in gewissem Maße den großen Schwesternschaften der katholischen Kirche entsprechen, deren Mitgliedern, ebenso frei wie Männern, alle Ämter, bürgerliche wie kirchliche, offenstehen sollten.“ Dass dieses Ideal verwirklicht wird, lässt sich aus der Tatsache schließen, dass außergewöhnliche Frauen in allen Zeitaltern Anführerinnen bei großen Projekten der Wohltätigkeit und Reform waren und dass nun viele darauf warten, nur die Sanktion ihres Jahrhunderts zu erhalten, bereit für weitreichende altruistische Arbeiten.

Die Welt hatte schon immer ihre Vestalinnen, ihre heiligen Frauen, Mütter von Ideen eher als von Menschen; ihre Marias ebenso wie ihre Marthas, die lieber, anstatt geschäftige Hausfrauen zu sein, zu Füßen der göttlichen Weisheit saßen und über die Geheimnisse des Unbekannten nachdachten. Heil Maria Mitchell, Harriet Hosmer, Charlotte Cushman, Alice und Phoebe Cary, Louisa Alcott, Dr. Elizabeth Blackwell, Frances Willard und Clara Barton! Alle Ehre den edlen Frauen, die ihr ernsthaftes Leben den intellektuellen und moralischen Bedürfnissen der Menschheit gewidmet haben!

Susan B. Anthony stammte aus robustem Neuengland-Geschlecht, und es war am Fuße des Old Greylock in South Adams, Massachusetts, wo sie ihren ersten rebellischen Schrei ausstieß. Dort wurden die ersten Babyschritte getan, und in der Dorfschule wurden die ersten Stiche gelernt und das Abc ordnungsgemäß gemeistert. Als fünf Winter über Susans Haupt vergangen waren, kam eine Zeit großer häuslicher Unruhe, und auf ihre kleine Art begriff das Kind die Idee, dass Beständigkeit nicht die Regel des Lebens ist. Die Familie zog nach Battenville, New York, wo Mr. Anthony einer der wohlhabendsten Männer im Washington County wurde. Susan kann sich noch an die stattliche Kälte des großen Hauses erinnern – wie groß die kahlen Zimmer mit ihren gelb gestrichenen Böden im Vergleich zu ihrer eigenen Kleinheit wirkten, und an den Ausblick aus dem Schulzimmer, wo sie so viele Jahre lang mit ihren Brüdern und Schwestern unter Privatlehrern ihre Studien verfolgte.

Mr. Anthony war ein strenger Hicksite-Quäker. In Susans früher Jugend wandte er sich aus Prinzip gegen jede Form leichtfertiger Zerstreuung wie Musik, Tanzen oder das Lesen von Romanen, während Spiele und sogar Bilder als bedeutungslose Luxusgüter angesehen wurden. Solche puritanischen Überzeugungen hätten leicht zu bloßem Heuchlertum ausarten können; aber allem zugrunde lag eine breite und feste Basis von gesundem Respekt für die individuelle Freiheit und ein mutiges Festhalten an der Wahrheit. Er war ein Mann mit guten geschäftlichen Fähigkeiten und ein gründlicher Verwalter seiner weitreichenden und lukrativen Interessen. Er sah, dass Vergeltung und nicht Zufall in der kommerziellen Welt herrschte, und er glaubte an dasselbe gerechte, wenn auch oft strenge Gesetz im Bereich der Moral. Ein solcher Mann war nicht dazu geneigt, demütig auf dem von seiner religiösen Sekte vorgezeichneten Pfad zu wandeln. Er stieß früh vor den Kopf, indem er eine Baptistin zur Frau wählte. Für dieses erste Vergehen wurde er „ausgestoßen“ und konnte nach Quäker-Gepflogenheit nur dann wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden, wenn er sich in einer vollen Versammlung für sein Verbrechen als „reuig“ erklärte. Er war voller frommer Dankbarkeit für die gute Frau an seiner Seite und dazu bestimmt, bis zum Ende für diese Gefährtin, so ruhig, so gerecht, so weitblickend, dankbar zu sein. Er stand in der Versammlung auf und sagte, es tue ihm „leid“, dass die Regeln der Gesellschaft so seien, dass er durch die Heirat mit der Frau, die er liebte, ein Vergehen begangen habe! Er gab zu, dass ihm etwas „leid“ tat, und so wurde er wieder in den Kreis der Gläubigen aufgenommen! Doch sein Glaube hatte in vielen kleineren Punkten der Disziplin zu wanken begonnen. Sein Rock wurde bald ein Anstoß und rief einen weiteren Tadel von jenen hervor, die in konforme Gewänder zugeknöpft waren. Die kleinlichen Formen des Quäkertums begannen für ihn völlig an Bedeutung zu verlieren, und er wurde schließlich ausgestoßen, weil er der Dorfjugend erlaubte, in einem oberen Raum seines Hauses tanzen zu lernen. Man hatte ihn um diesen Gefallen gebeten, mit der Begründung, dass junge Männer in große Versuchung gerieten zu trinken, wenn der Unterricht im Hotel abgehalten würde; und als strenger Mäßigkeitsmann willigte er bereitwillig ein, obwohl seine Prinzipien in Bezug auf das Tanzen es seinen eigenen Söhnen und Töchtern nicht erlaubten, an dem Vergnügen teilzunehmen. Aber die Gesellschaft konnte eine solche Unterscheidung in dem, was sie für Sünde hielt, nicht akzeptieren, ebenso wenig wie einen solchen Kompromiss mit weltlicher Leichtfertigkeit, und so wurde Mr. Anthony nicht mehr in der Versammlung gesehen. Doch in späteren Jahren war er in Rochester ein aufmerksamer Zuhörer von Rev. William Henry Channing.

Die Wirkung all dessen auf Susan ist die interessante Frage. Zweifellos wog sie früh die vergleichenden moralischen Auswirkungen von Röcken, die mit Capes geschnitten waren, und solchen, die es nicht waren, gegeneinander ab, oder von rein quäkerischer ehelicher Liebe und jener, die durch baptistische Zuneigung beeinträchtigt war. Susan hatte eine ernsthafte Seele und ein Gewissen, das zur Morbidität neigte; aber ein starker, ausgeglichener Körper und ein einfaches Familienleben beruhigten ihre allzu aktive moralische Natur und gaben der Welt statt eines religiösen Fanatikers eine aufrichtige, konzentrierte Arbeiterin. Jede häusliche Kunst wurde ihr von ihrer Mutter beigebracht, und so groß war ihre Fähigkeit, dass die Pflicht, die besondere Sorgfalt erforderte, immer in ihre Hände gelegt wurde. Doch immer, inmitten von Schul- und Hausarbeiten, war ihr Tagtraum, dass sie mit der Zeit eine „Hoher-Sitz“-Quäkerin sein könnte. Jeden Sonntag, bis zur Zeit des dritten Ungehorsams, ging Mr. Anthony zum Quäker-Versammlungshaus, etwa dreizehn Meilen von zu Hause entfernt, seine Frau und Kinder begleiteten ihn gewöhnlich, obwohl sie als Nichtmitglieder streng von allen geschäftlichen Diskussionen ausgeschlossen waren. Der Ausschluss war an den hellen Sommertagen sehr angenehm; doch bei einer Gelegenheit im Dezember war es für die siebenjährige Susan entschieden unangenehm. Als die Jalousien am Ende der religiösen Versammlung heruntergelassen wurden und die Nichtmitglieder sich zurückzogen, saß Susan still. Bald sah sie eine dünne alte Dame mit blauen Schutzbrillen vom „hohen Sitz“ herabkommen. Die Quäkerin näherte sich ihr und sagte leise: „Du bist kein Mitglied – du musst hinausgehen.“ „Nein; meine Mutter hat mir gesagt, ich solle nicht in die Kälte hinausgehen“, war die feste Antwort des Kindes. „Ja, aber du musst hinausgehen – du bist kein Mitglied.“ „Aber mein Vater ist Mitglied.“ „Du bist kein Mitglied“, und Susan fühlte, wie der Geist sie bewegte, und fand sich bald in äußerer Kälte wieder. Da Finger und Zehen taub wurden und ein helles Feuer in einem Häuschen gegenüber ihr warm winkte, beschloss die Verbannte aus der Kapelle, säkulare Zuflucht zu suchen. Doch ach! Sie wurde von einem riesigen Hund konfrontiert und entkam nur mit heiler Haut, wenn auch mit cape-loser Jacke. Wir können sicher sein, dass es an jenem Abend am häuslichen Kamin viel Gesprächsstoff gab, und die gute baptistische Ehefrau erklärte, dass kein Kind von ihr wieder die Versammlung besuchen solle, bis es Mitglied geworden sei. Danach wurde Susan auf Wunsch ihres Vaters Mitglied der Quäkerkirche.

Später schlugen bestimmte Überzeugungen in Miss Anthonys Herzen Wurzeln. Ihr Wesen ist in der Tat von aufrichtiger Religiosität. Eine einfache, ernsthafte Quäkerin zu sein, war das Bestreben ihrer Mädchenzeit; doch sie scheute sich davor, die formale Sprache und die schlichte Kleidung anzunehmen. Dunkle Stunden des Konflikts wurden mit all dem verbracht, und sie interpretierte ihre Abneigung als Beweis ihrer Unwürdigkeit. Arme kleine Susan! Wenn wir mit dem Wissen unseres späteren Lebens zurückblicken, deuten wir die Herzensqualen als unbewusste Proteste dagegen, seine freie Seele etikettieren zu lassen, dagegen, seine vernünftige Überzeugung von morgen an irgendeinem Schibboleth des heutigen Glaubens zu prüfen. Wir begrüßen diese Kinderintuition als eine Prophezeiung der kompromisslosen Wahrhaftigkeit der reifen Frau. Susan Anthony wurde schlicht gelehrt, dass sie in das Allerheiligste ihres eigenen Selbst eintreten, sich selbst begegnen und der Offenbarung treu sein müsse. Sie fand zuerst Worte, um ihre Überzeugungen auszudrücken, als sie Rev. William Henry Channing zuhörte, dessen Lehre einen bleibenden spirituellen Einfluss auf sie hatte. Heute ist Miss Anthony eine Agnostikerin. Was die Natur der Gottheit und des Lebens jenseits ihres Horizonts betrifft, so erhebt sie nicht den Anspruch, irgendetwas zu wissen. Jede Energie ihrer Seele konzentriert sich auf die Bedürfnisse dieser Welt. Für sie ist Arbeit Anbetung. Sie hat nicht abseits gestanden, zitternd in den kalten Schatten der Ungewissheit, sondern ist mit der wirbelnden Welt vorangegangen, hat das Gute getan, das ihr zu tun gegeben war, und wurde so in dunkelsten Stunden von einem unerschütterlichen Glauben an die endgültige Vollkommenheit aller Dinge gestützt. Ihr Glaube ist nicht orthodox, aber er ist religiös. Im antiken Griechenland wäre sie eine Stoikerin gewesen; im Zeitalter der Reformation eine Calvinistin; zu Zeiten von König Charles eine Puritanerin; aber in diesem neunzehnten Jahrhundert ist sie, durch die Gesetze ihres Seins, eine Reformerin.

Für die mühsame Arbeit, die auf Miss Anthony wartete, hatten ihr die Jahre des jungen Erwachsenenlebens Vorbereitung gegeben. Ihr Vater machte es sich, obwohl ein wohlhabender Mann, zur Gewissenssache, seine Mädchen ebenso wie seine Jungen zur Selbstversorgung auszubilden. Dementsprechend wählte Susan den Beruf der Lehrerin und machte ihren ersten Versuch während der Sommerferien in einer Schule, die ihr Vater für die Kinder seiner Angestellten eingerichtet hatte. Ihr Erfolg war so bemerkenswert, nicht nur bei der Vermittlung von Wissen, sondern auch als Disziplinarin, dass sie diese Laufbahn fünfzehn Jahre lang stetig verfolgte, mit Ausnahme einiger Monate, die sie in Philadelphia für ihre eigene Ausbildung aufwandte. Von den vielen Schulrebellionen, die sie überwand, ragt eine, prominent in ihrem lächerlichen Aspekt, vor mir auf. Dies war in der Dorfschule in Center Falls im Jahr 1839. Es kursierten dort schlechte Berichte über männliche Lehrer, die von einem gewissen strammen Burschen vertrieben worden waren. Das Gerücht erzählte dann von einem Quäker-Mädchen, das zum Unterrichten kommen würde – ein Quäker-Mädchen mit Friedensgrundsätzen. Der erwartete Tag und Susan kamen. Sie sah für den Barbaren von fünfzehn Jahren sehr sanftmütig aus, also begann er bald mit seinen Späßen. Er wurde auf das Podium gerufen, angewiesen, seine Jacke abzulegen, und erhielt daraufhin mit großem Erstaunen von dem milden Quäker-Mädchen, mit einer Birkenrute, die ruhig, aber präzise eingesetzt wurde, eine Darlegung des *argumentum ad hominem*, basierend auf der *a posteriori*-Methode des Schlussfolgerns. So wich Susan von ihren Prinzipien ab, aber nicht von der Schule.

Doch schon bald störten Konflikte in der Außenwelt unsere junge Lehrerin. Das Einmaleins und die Fibel fesselten ihre Gedanken nicht mehr; größere Fragen begannen ihren Geist zu erfüllen. Um das Jahr 1850 versteckte Susan B. Anthony ihren Rohrstock. Mäßigkeit, Abschaffung der Sklaverei, Frauenwahlrecht – drei schwangere Fragen – stellten sich ihr und forderten ihre Erwägung. Höher und immer höher stiegen ihre Appelle, bis sie beschloss, ihre Energie und ihre Gedanken den brennenden Bedürfnissen der Stunde zu widmen. Aufgrund früher Erfahrungen mit den Behinderungen ihres Geschlechts fand die erste Forderung nach gleichen Rechten für Frauen ein Echo in Susans Herzen. Und obwohl sie anfangs erschrocken war zu hören, dass Frauen sich tatsächlich in einer Konvention getroffen hatten und durch Reden und Resolutionen sich selbst als das Ebenbürtige des Mannes in politischen Rechten erklärt und radikale Änderungen der Staatsverfassungen und des gesamten Systems der amerikanischen Rechtswissenschaft gefordert hatten; überzeugte sie doch die flüchtigste Durchsicht davon, dass diese Ansprüche nur der logische Auswuchs der grundlegenden Theorien unserer Republik waren.

In diesem Stadium ihrer Entwicklung traf ich meine zukünftige Freundin und Mitstreiterin zum ersten Mal. Wie gut erinnere ich mich an den Tag! George Thompson und William Lloyd Garrison hatten eine Anti-Sklaverei-Versammlung in Seneca Falls angekündigt, und Miss Anthony kam, um daran teilzunehmen. Diese Herren waren meine Gäste. Auf dem Heimweg nach dem Vertagen trafen wir Mrs. Bloomer und Miss Anthony an der Straßenecke, die darauf warteten, uns zu begrüßen. Da stand sie mit ihrem guten, ernsthaften Gesicht und ihrem freundlichen Lächeln, gekleidet in grauen Delaine, Hut und alles in derselben Farbe, aufgelockert durch hellblaue Bänder, die Perfektion von Sauberkeit und Nüchternheit. Ich mochte sie gründlich, und warum ich sie nicht sofort mit nach Hause zum Abendessen einlud, weiß ich nicht. Sie wirft mir diese Vernachlässigung vor und hat mir nie verziehen, da sie alles sehen und hören wollte, was sie konnte, von unseren edlen Freunden. Ich nehme an, mein Geist war voll von dem, was ich gehört hatte, oder von meinem bevorstehenden Abendessen, oder dem wahrscheinlichen Verhalten von drei schelmischen Jungen, die eifrig das Gelände erkundet hatten, während ich bei der Versammlung war.

Dass ich reichlich Grund zur Sorge in Bezug auf die philosophischen Experimente hatte, die diese jungen Wilden versuchen könnten, wird der Leser zugeben, wenn er über einige ihrer Leistungen informiert wird. Henry bildete sich ein, im Besitz seltener Erfindungskräfte zu sein (eine familiäre Schwäche seit Generationen), und so machte er einen Rettungsring aus Korken und testete seine Tugenden an seinem Bruder, der etwa achtzehn Monate alt war. Begleitet von einer Schar erwartungsvoller Jungen wurde das Baby in seinem Wagen an das Ufer des Seneca gezogen, ausgezogen, die Schnur aus Korken unter seine Arme gebunden und im Fluss zu Wasser gelassen, wobei der Philosoph und seine Satelliten in einem Ruderboot das Experiment beobachteten. Das Baby, an ein morgendliches Bad in einer großen Wanne gewöhnt, spritzte fröhlich umher und hielt seinen Kopf über Wasser. Er war blau wie Indigo und so kalt wie ein Frosch, als er von seiner besorgten Mutter gerettet wurde. Am nächsten Tag wurde derselbe schikanierte Säugling von einem vorbeikommenden Freund gesehen, wie er auf dem Schornstein, auf der höchsten Spitze des Hauses, saß. Ohne jemanden zu alarmieren, eilte der Freund auf das Hausdach und rettete das Kind. Ein anderes Mal verbündeten sich die drei älteren Brüder und schlossen den vierten, Theodore, im Räucherhaus ein. Glücklicherweise schlug er laut und deutlich Alarm und wurde sicher befreit, woraufhin die drei auf einem Dachboden mit zwei vergitterten Fenstern eingesperrt wurden. Sie traten kurzerhand die Gitter aus und, auf dem Blitzableiter hinunterrutschend, begaben sie sich zur Scheune in die Freiheit. Der jüngste Junge, Gerrit, damals erst fünf Jahre alt, schürfte sich beim Abstieg die Hände auf. Dies ist ein treffendes Beispiel für das stille Glück, das ich in den ersten Jahren der Mutterschaft genoss.

Inmitten solcher berauschenden Szenen schrieben Miss Anthony und ich Ansprachen für Mäßigkeits-, Anti-Sklaverei-, Bildungs- und Frauenrechtskonventionen. Hier schmiedeten wir Resolutionen, Proteste, Appelle, Petitionen, landwirtschaftliche Berichte und verfassungsrechtliche Argumente; denn wir machten es uns zur Gewissenssache, jede Einladung anzunehmen, zu jeder Frage zu sprechen, um das Recht der Frau zu behaupten, dies zu tun. Zu diesem Zweck wechselten wir uns auf den häuslichen Wachtürmen ab, leiteten Vergnügungen, schlichteten Streitigkeiten, schützten die Schwachen vor den Starken und versuchten, gleiche Rechte für alle im Heim wie in der Nation zu sichern. Ich kann mich an so manche harte Begegnung zwischen meiner Freundin und dem jungen Experimentator erinnern. Es ist schön, sich daran zu erinnern, dass er nie eines seiner Opfer ernsthaft verletzte und nur einmal fast sich selbst mit einer Pistole tödlich erschossen hätte. Die Kugel ging durch seine Hand; glücklicherweise verhinderte ein Messingknopf, dass sie sein Herz durchschlug.

Es wird oft von denen, die Miss Anthony am besten kennen, gesagt, dass sie mein guter Engel war, mich immer antrieb und anspornte zu arbeiten, und dass ich ohne ihre Hartnäckigkeit das Wenige, das ich getan habe, nie erreicht hätte. Andererseits wurde gesagt, dass ich die Donnerkeile schmiedete und sie sie abfeuerte. Vielleicht ist das alles in gewissem Maße wahr. Mit den Sorgen einer großen Familie hätte ich mit der Zeit, wie zu viele Frauen, in einem engen Familieneigennutz völlig aufgehen können, hätte meine Freundin nicht ständig neue Felder für missionarische Arbeiten erkundet. Ihre Beschreibung einer Gruppe von Männern auf irgendeinem Podium, die selbstgefällig Fragen entschieden, an denen Frauen ein gleiches Interesse hatten, ohne eine gleiche Stimme zu haben, weckte mich bereitwillig zu dem Entschluss, einen Feuerbrand mitten in ihre Versammlung zu werfen.

Wann immer ich also sah, wie dieses stattliche Quäker-Mädchen über meinen Rasen kam, wusste ich, dass irgendeine glückliche Versammlung der Söhne Adams von einem unserer Appelle oder Resolutionen aufgeschreckt werden würde. Die kleine Reisetasche, vollgestopft mit Fakten, wurde geöffnet, und da hatten wir, was Rev. John Smith und Hon. Richard Roe gesagt hatten: falsche Interpretationen von Bibeltexten, die Statistiken von Frauen, die ihres Eigentums beraubt, aus irgendeinem College ausgeschlossen, für ihre Arbeit zur Hälfte bezahlt wurden, die Berichte über irgendeinen schändlichen Prozess; Ungerechtigkeit genug, um die Gedanken jeder Frau von Strümpfen und Puddings abzulenken. Dann holten wir unsere Stifte heraus und schrieben Artikel für Zeitungen oder eine Petition an die Legislative; verfassten Briefe an die Gläubigen, hier und da; stachelten die Frauen in Ohio, Pennsylvania oder Massachusetts auf; riefen The Lily, The Una, The Liberator, The Standard dazu auf, sich unserer Unrechte ebenso zu erinnern wie derer des Sklaven. Wir trafen uns nie, ohne ein Pronunciamento zu irgendeiner Frage herauszugeben. In Gedanken und Sympathie waren wir eins, und in der Arbeitsteilung ergänzten wir uns genau. Beim Schreiben leisteten wir bessere Arbeit, als jede allein könnte. Während sie langsam und analytisch in der Komposition ist, bin ich schnell und synthetisch. Ich bin die bessere Schreiberin, sie die bessere Kritikerin. Sie lieferte die Fakten und Statistiken, ich die Philosophie und Rhetorik, und zusammen haben wir Argumente vorgebracht, die durch die Stürme langer Jahre unerschüttert geblieben sind; Argumente, die niemand beantwortet hat. Unsere Reden können als das vereinte Produkt unserer beiden Gehirne betrachtet werden.

So völlig eins sind wir, dass in all unseren Verbindungen, immer Seite an Seite auf demselben Podium, kein Gefühl von Neid oder Eifersucht jemals unsere Leben überschattet hat. Wir haben uns in der Kritik aneinander ergangen, wenn wir allein waren, und heftig gestritten, wann immer wir unterschiedlicher Meinung waren, aber in unserer jahrelangen Freundschaft gab es nie den Bruch einer Stunde. Der Welt gegenüber scheinen wir immer übereinzustimmen und spiegeln uns einheitlich wider. Wie Ehemann und Ehefrau hat jede das Gefühl, dass wir in der Öffentlichkeit keine Differenzen haben dürfen. So vereint begannen wir früh, den Staat und die Nation zu überblicken, das zukünftige Feld unserer Arbeiten. Wir lasen mit kritischen Augen die Protokolle des Kongresses und der Legislative, der Generalversammlungen und Synoden, der Konferenzen und Konventionen und entdeckten, dass in allen gleichermaßen die Existenz der Frau völlig ignoriert wurde.

Nacht für Nacht, an einem altmodischen Kamin, planten und entwarfen wir die kommende Agitation; wie, wann und wo jeder eindringende Keil getrieben werden könnte, durch den Frauen anerkannt und ihre Rechte gesichert werden könnten. Schnell stand der Staat in Flammen vor Unruhen in Mäßigkeits- und Lehrerversammlungen, und die Presse verkündete die Nachricht weit und breit, dass plötzlich weibliche Delegierte erschienen seien, die die Zulassung zu Männerversammlungen forderten; dass ihre Rechte Sitzung für Sitzung heftig bestritten worden seien, von liberalen Männern auf der einen Seite, dem Klerus und gelehrten Professoren auf der anderen; eine überwältigende Mehrheit, die die Frauen mit schrecklichen Anathemen und Denunziationen zurückwies. Solche Schlachten wurden in den wichtigsten Städten vieler nördlicher Bundesstaaten immer wieder geschlagen, bis die Bigotterie der Männer in allen Reformen und Berufen gründlich entlarvt war. Um jedes erreichte Recht, ein College zu betreten, einen Beruf zu erlernen, in einer neuen Industrie zu arbeiten oder eine Reformmaßnahme zu befürworten, wurde Zoll für Zoll gekämpft.

Viele derer, die sich heute an all diesen Segnungen erfreuen, sagen selbstgefällig: „Hätten diese Pioniere der Reform ihre Anliegen nur umsichtiger, auf eine damenhaftere Art, in gewählteren Worten und mit einer achtungsvolleren Haltung vorgebracht, dann hätten die Herren sich nicht so ungebührlich verhalten können.“ Ich nenne auf diesen Seiten genügend Merkmale dieser Frauen, der von ihnen geäußerten Gesinnungen, ihrer Bildung, ihrer Abstammung und ihrer Stellung, um aufzuzeigen, dass keine Macht den Vorurteilen und der Bigotterie jener Zeit erfolgreicher hätte begegnen können als jene, die sie so tapfer und beharrlich bekämpften und besiegten.

Miss Anthony trug ihre Fahne der Rebellion zuerst in die staatlichen Lehrerkonventionen und focht dort, fast im Alleingang, den Kampf für die Gleichberechtigung aus. Am Ende des ersten Jahrzehnts hatte sie den Konservatismus gezwungen, sein Terrain so weit preiszugeben, dass Frauen an allen Debatten teilnehmen, Essays vortragen, abstimmen und angesehene Positionen als Funktionärinnen innehaben durften. Sie arbeitete ebenso aufrichtig in der Abstinenzbewegung, bis sie überzeugt war, dass die moralische Kraft der Frau als zivile Akteurin wenig bedeutete, solange sie nicht durch das Wahlrecht gestützt und in staatliches Gesetz gegossen wurde. Sie lässt noch immer keine Gelegenheit aus, die Koedukation und das Verbot alkoholischer Getränke zu verteidigen, und löst jede Schwierigkeit mit dem Refrain „Frauenwahlrecht“, so beharrlich wie das „Nimmermehr“ von Poes Rabe.

KAPITEL XI.

SUSAN B. ANTHONY – Fortsetzung.

Es war im Jahr 1852, als die Anti-Sklaverei-Bewegung durch die eloquenten Lippen von Männern wie George Thompson, Phillips und Garrison erstmals Miss Anthony ihre dringenden finanziellen Nöte verkündete. Auf ihre inspirierten Worte gab sie vier Jahre später die Antwort, indem sie eine fest angestellte Vertreterin der Anti-Sklaverei-Gesellschaft wurde. Für ihre angenommene Sache hat sie stets die kühnsten Forderungen gestellt. In den Abolitionisten-Versammlungen pflegte sie jeder Schicht zu erklären, warum sie die Bewegung finanziell unterstützen sollte; sie forderte die Demokraten ausnahmslos auf, großzügig zu geben, da der Erfolg der Sache es ihnen ermöglichen würde, nicht länger vor der Sklavenmacht in die Knie zu fallen.

Es gibt kaum eine Stadt, wie klein sie auch sein mag, von New York bis San Francisco, die nicht ihre klangvolle Stimme gehört hätte. Wer kann die Anzahl der Reden zählen, die sie auf Podien von Lyzeen, in Kirchen, Schulhäusern, Hallen, Scheunen und unter freiem Himmel gehalten hat, mit einem Holzfuhrwerk oder einem Karren als Rednerpult? Wer kann die vielfältigen Zuhörerschaften und gesellschaftlichen Kreise beschreiben, die sie erheitert und interessiert hat? Jetzt sehen wir sie auf den weit entfernten Prärien, wie sie große Versammlungen von Männern, Frauen und Kindern, die auf rohen Brettern in irgendeinem unfertigen Gebäude sitzen, mit gesundem Menschenverstand unterhält; dann, wie sie in irgendeiner Stadt öffentliche Debatten mit halbwüchsigen Redakteuren und Geistlichen führt; als nächstes, wie sie den Columbia River hinaufsegelt und, in großer Eile, um einen Termin wahrzunehmen, über die rauen Berge von Oregon und Washington holpert; und schließlich, wie sie vor gesetzgebenden Versammlungen, Verfassungskonventionen und Kongressausschüssen mit Senatoren und Richtern über den Buchstaben und den Geist des Verfassungsrechts diskutiert.

Miss Anthonys Redestil ist schnell und vehement. In Debatten ist sie schlagfertig und scharf, und sie ist jeder Notlage gewachsen. Oft wurden wir auf Reisen mit ihr durch den Westen, besonders auf unserer ersten Fahrt nach Kansas und Kalifornien, plötzlich aufgefordert, zu den Frauen an den Bahnhöfen zu sprechen. Erfüllt von Bestürzung, appellierte ich meist an sie, den Anfang zu machen; und ohne das geringste Zögern konnte sie immer fünf Minuten mit einigen passenden Worten füllen und mich mit Gedanken und Mut für meinen Beitrag inspirieren. Den Höhepunkt dieser Anlässe erreichten wir in einer Taubstummenanstalt in Michigan. Ich hatte gerade zu meiner Freundin gesagt: „Es gibt einen Trost beim Besuch dieses Ortes: Wir werden nicht gebeten werden, zu sprechen“, als der Leiter auf uns zukam und sagte: „Meine Damen, die Schüler sind in der Kapelle versammelt und bereit, Sie zu hören. Ich habe versprochen, Sie einzuladen, zu ihnen zu sprechen, sobald ich hörte, dass Sie in der Stadt sind.“ Die Möglichkeit, vor einem solchen Publikum zu sprechen, war für Miss Anthony ebenso neu wie für mich; dennoch schritt sie prompt den Mittelgang zum Podium hinunter, als ob sie eine gewöhnliche Pflicht erfüllte, während ich, halb geistesabwesend vor Angst und mich fragend, durch welchen Prozess ich in Kommunikation mit den Taubstummen treten sollte, widerwillig folgte. Aber die Art und Weise war einfach genug, als sie veranschaulicht wurde. Der Leiter, der an unserer Seite stand, wiederholte in Gebärdensprache, was gesagt wurde, so schnell es ausgesprochen war; und durch Lachen, Tränen und Applaus zeigten die Schüler, dass sie Pathos, Humor und Argumentation voll und ganz zu würdigen wussten.

Eines Nachts, als wir bei McGregor, Iowa, den Mississippi überquerten, saßen wir mitten im Fluss im Eis fest. Das Boot war voll mit Menschen, die hungrig, müde und verdrossen über die Verspätung waren. Einige Herren, mit denen wir uns in den Eisenbahnwaggons unterhalten hatten, begannen den Ruf: „Eine Rede über das Frauenwahlrecht!“ Dementsprechend legten wir mitten auf dem Mississippi, um Mitternacht, unsere Forderungen nach politischer Repräsentation dar und debattierten die Frage des allgemeinen Wahlrechts, bis wir landeten. Unsere Mitreisenden waren recht dankbar, dass wir die vielen Stunden verkürzt hatten, und wir ebenso, dass wir mehrere Bekehrte gewonnen und eine Versammlung direkt auf dem Busen der großen „Mutter der Wasser“ abgehalten hatten. Nur einmal in all diesen Wanderungen wurde Miss Anthony von einer Überraschung getroffen, und zwar, als sie gebeten wurde, zu den Insassen einer Irrenanstalt zu sprechen. „Du meine Güte!“, sagte sie, „es ist schon schwer genug, zu den Vernünftigen zu sprechen! Was könnte ich einem Publikum von Verrückten sagen?“ Ihre Begleiterin, Virginia L. Minor aus St. Louis, erwiderte: „Dies ist ein goldener Moment für dich, die erste Gelegenheit, die du jemals hattest, den Verfassungen zufolge, zu deinen ‚Ebenbürtigen‘ zu sprechen, denn ist nicht das Wahlrecht ‚Idioten, Kriminellen, Wahnsinnigen und Frauen‘ verwehrt?“

Es wurde viel Neugier bezüglich des Liebeslebens von Miss Anthony geäußert; aber wenn sie auch die üblichen Triumphe oder Enttäuschungen ihres Geschlechts genossen oder erlitten haben sollte, so hat sie diese Informationen ihren Biographen bisher nicht anvertraut. Während wenige Frauen aufrichtigere und dauerhaftere Freundschaften oder einen umfangreicheren Briefwechsel mit einem großen Kreis edler Männer hatten, zweifle ich dennoch daran, ob eine von ihnen sich rühmen kann, von ihr irgendeine außergewöhnliche Aufmerksamkeit erhalten zu haben. Sie hat oft scherzhaft gesagt, wenn sie auf diesen Punkt angesprochen wurde, dass sie nicht einwilligen könne, dass der Mann, den sie liebe – beschrieben in der Verfassung als weißer männlicher, eingeborener amerikanischer Bürger, ausgestattet mit dem Recht auf Selbstverwaltung, wählbar für das Amt des Präsidenten der großen Republik –, sein Schicksal in der Ehe mit einer politischen Sklavin und Paria vereine. „Nein, nein; wenn ich mit allen Rechten, Privilegien und Immunitäten einer Bürgerin gekrönt bin, mag ich diese soziale Institution in Betracht ziehen; aber bis dahin muss ich all meine Energien auf die Emanzipation meines eigenen Geschlechts konzentrieren.“ Miss Anthonys Liebesleben hat sich, wie ihre Religion, in beständiger, ernsthafter Arbeit für die Menschen im Allgemeinen manifestiert. Sie war eine wache und liebevolle Tochter, Schwester und Freundin, und diejenigen, die das Pulsieren ihres großen Herzens gespürt haben, wissen, wie warm es für alle schlägt.

Da der Brauch unter verheirateten Frauen schon lange gepflegt wird, die Jahrestage ihres Hochzeitstages zu feiern, ist in den letzten Jahren ganz zu Recht die Initiative ergriffen worden, die großen Ereignisse im Leben alleinstehender Frauen zu ehren. Eng mit ihrem Beruf verbunden, feierte Dr. Harriet K. Hunt aus Boston ihr fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum als Ärztin, indem sie ihren Freunden und Gönnern einen großen Empfang gab, den sie ihre silberne Hochzeit nannte. Aus einem Gefühl für die Heiligkeit ihres Lebenswerkes waren die Bewunderer von Susan B. Anthony bewegt, ihre schnell verfließenden Jahre und die vergangenen Jahrzehnte der Suffragettenbewegung durch Empfänge und Konventionen zu würdigen. Für den glanzvollsten Anlass dieser Art lauteten die Einladungskarten wie folgt:

Die Damen des Woman's Bureau laden Sie zu einem Empfang am Dienstagabend, den 15. Februar, ein, um den fünfzigsten Geburtstag von Susan B. Anthony zu feiern, an dem ihre Freunde die Gelegenheit haben werden, ihre Wertschätzung für ihre langen Dienste zugunsten der Emanzipation der Frau zu zeigen.

Nr. 49 East 23d St., New York,

10. Februar 1870.

Elizabeth B. Phelps,

Anna B. Darling,

Charlotte Beebe Wilbour.

Als Reaktion auf die Einladung waren die Salons des Büros von Freunden überfüllt, die Miss Anthony zu dem glücklichen Ereignis gratulierten; viele brachten wertvolle Geschenke als Ausdruck ihrer Dankbarkeit mit. Unter anderen Geschenken waren eine schöne goldene Uhr und Schecks im Wert von tausend Dollar. Die Gäste wurden mit Musik, Rezitationen, dem Vorlesen vieler pikanter Absagebriefe von angesehenen Persönlichkeiten und witzigen Reimen unterhalten, die von den Cary-Schwestern für diesen Anlass verfasst worden waren. Miss Anthony empfing ihre Gäste mit ihrer gewohnten geradlinigen Einfachheit und drückte in einigen ernsten Worten ihren Dank für die Geschenke und das Lob aus, das auf sie herabregnete. Die Kommentare der führenden Zeitungen am nächsten Tag waren höchst lobend und ebenso heiter wie amüsant. Alle betonten die Tatsache, dass endlich eine Frau aufgestanden war, die mutig genug war, ihr Recht geltend zu machen, alt zu werden und offen zu erklären, dass ein halbes Jahrhundert über ihr Haupt gerollt war.

Von sorgfältig vorbereiteten schriftlichen Reden hat Miss Anthony nur wenige gehalten; aber diese beweisen durch das hohe Lob, das sie hervorriefen, dass sie – entgegen ihrer eigenen gegenteiligen Erklärung – ihre fundierten Gedanken prägnant und effektiv zu Papier bringen kann. Nach ihrem erschöpfenden Plädoyer im Jahr 1880 für einen Sechzehnten Zusatzartikel vor dem Justizausschuss des Senats sprach Senator Edmunds sie an, als sie das Kapitol verließ, und sagte, er habe es versäumt, ihr im Ausschussraum zu sagen, dass sie ein Argument vorgebracht habe, das – ungeachtet seiner persönlichen Gefühle hinsichtlich der erreichten Schlussfolgerungen – unwiderlegbar sei; ein Argument, das, anders als die übliche Redekunst auf Podien bei Anhörungen, für einen Ausschuss von Männern geeignet sei, die in der Rechtskunde geschult sind.

Es war im Jahr 1876, als Miss Anthony in Boston ihren viel kritisierten Vortrag über „Soziale Reinheit“ hielt. Über das Ergebnis war sie sehr besorgt; denn die Intelligenz von Neuengland bildete ihr Publikum, und es beruhigte ihre Herzschläge nicht, ihren verehrten Freund William Lloyd Garrison direkt vor dem Podium sitzen zu sehen. Aber sicherlich verschwand jede Furcht, als sie spürte, wie die Hand des großen alten Abolitionisten die ihre warm drückte, und sie ihn sagen hörte, dass er für niemanden sonst den Mut aufgebracht hätte, sein Krankenbett zu verlassen, und dass er sich durch ihre großartige Rede, an der er weder inhaltlich noch in der Art und Weise das Geringste geändert hätte, voll entschädigt fühlte. Doch in Miss Anthonys privaten Briefwechsel muss man schauen, um Beispiele für ihre effektivsten Schriften zu finden. Oft fehlt ein Verb oder Substantiv, aber man kann den Gedanken immer erfassen und wird ihn stets klar und anregend finden. Es ist ein auffallend eigenartiger Dialekt, der jedoch zuweilen die tiefsten Saiten von Pathos und Humor berührt und, wenn er durch ein großes Ereignis bewegt wird, höchst eloquent ist.

Von der meist verspotteten und gnadenlos verfolgten Frau ist Miss Anthony zur meist geehrten und respektierten der Nation geworden. Man bezeuge das Lob von Presse und Volk und die enthusiastischen Ovationen, die sie bei ihrer Abreise nach Europa im Jahr 1883 erhielt. Niemals wurden wärmere Ausdrücke des Bedauerns über eine Abwesenheit noch aufrichtigere Gebete für eine baldige Rückkehr irgendeinem Amerikaner beim Verlassen seiner heimatlichen Gestade entgegengebracht. Dieses langsame Erwachen für die Art ihrer Dienste zeigt den bleibenden Sinn für Gerechtigkeit in der menschlichen Seele. Nachdem sie den Winter 1882/83 in Washington verbracht hatte, um zu versuchen, die Abstimmung über die Gesetzesvorlage für einen Sechzehnten Zusatzartikel vor dem Kongress voranzutreiben, und den Herbst in einer energischen Kampagne durch Nebraska, wo ein Verfassungszusatz zur Emanzipation der Frauen dem Volk vorgelegt worden war, fühlte sie die dringende Notwendigkeit einer völligen Änderung des Stroms ihrer Gedanken. Dementsprechend segelte sie nach einer der erfolgreichsten Konventionen, die jemals in der Hauptstadt des Landes abgehalten wurden, einer höchst schmeichelhaften Ovation in den geräumigen Salons des Riggs House und einem großen Empfang in Philadelphia nach Europa.

Gesegnet mit perfekter Gesundheit während der gesamten Reise, genoss unsere Reisende unaufhörlich den Anblick des sich ständig wandelnden Meeres und Himmels. Auf die fröhliche Herausforderung des Kapitäns, etwas so Großartiges wie den Ozean zu finden, antwortete sie: „Ja, diese mächtigen Kräfte in der Natur erfüllen mich in der Tat mit Ehrfurcht; aber dieses Schiff, mit tief verborgenen Feuern, mächtigen Maschinen, geräumigen Decks und sich verjüngenden Masten, das wie ein lebendiges Ding über die Wellen schreitet, und alles das Werk des Menschen, beeindruckt einen noch tiefer. Siehe! In der göttlichen schöpferischen Kraft des Menschen erfüllt sich die Prophezeiung: ‚Ihr werdet sein wie Gott!‘“

Auf all ihren Reisen durch Deutschland, Italien und Frankreich war Miss Anthony niemals die bloße Touristin, sondern immer die Humanistin und Reformerin in der Maske der Reisenden. Nur wenige der großen Meisterwerke der Kunst bereiteten ihr wirklichen Genuss. Die scharfe Wertschätzung der Schönheiten von Skulptur, Malerei und Architektur, die man bei einer so tief religiösen Natur erwartet hätte, fehlte, zweifellos verzerrt durch ihre frühe Quäker-Erziehung. Dass ihr das Reisen mehr Schmerz als Freude bereitete, lag vielleicht nicht so sehr daran, dass sie kein Verständnis für ästhetische Schönheit hatte, sondern dass sie schnell die Unendlichkeit menschlichen Elends erfasste; nicht weil ihre Seele nicht die Höhen fühlte, zu denen die Kunst aufgestiegen war, sondern weil sie in jeder Faser bis in die Tiefen vibrierte, in die die Menschheit gefallen war. Als sie eines Tages durch einen prächtigen Palast wanderte, rief sie aus: „Was findest du hier zu bewundern? Wenn es eine Schule von fünfhundert Kindern wäre, die zur Selbstverwaltung erzogen würden, könnte ich es auch bewundern; aber dafür, dass es nur für das Vergnügen eines Mannes steht, sage ich nein!“ In den Räumlichkeiten eines der Gläubigen, im alten Kloster der Certosa in Florenz, liegt auf einem kleinen Tisch ein offenes Buch, in das sich Besucher eintragen. Bei Miss Anthonys Besuch erwiesen sich Feder und Tinte als so wenig vielversprechend, dass ihre gesamte Gruppe diese Gelegenheit ablehnte, sich unsterblich zu machen, aber sie brachte die rebellische Feder dazu, zu schreiben: „Vollkommene Gleichheit für Frauen, zivil, politisch, religiös. Susan B. Anthony, U.S.A.“ Freunde, die das Kloster am nächsten Tag besuchten, berichteten, dass Striche durch diesen häretischen Satz gezogen worden waren.

Während ihres Besuchs im Haus von Mr. und Mrs. Sargent in Berlin verschickte Miss Anthony ganz unschuldig ihre Briefe in den offiziellen Umschlägen unserer Suffragetten-Vereinigung, die die üblichen Mottos trugen: „Keine gerechte Regierung kann ohne die Zustimmung der Regierten gebildet werden“ usw. Nach wenigen Tagen brachte ein Beamter ein großes Paket zurück und sagte: „Solche Gesinnungen dürfen die Post nicht passieren.“ Wahrscheinlich rettete sie nichts vor der Verhaftung als Sozialistin unter den tyrannischen Polizeivorschriften außer der Tatsache, dass sie der Gast des bevollmächtigten Ministers der Vereinigten Staaten war.

Mein Sohn Theodore schrieb über Miss Anthonys Besuch in Paris: „Ich hatte sie zuvor noch nie in der Rolle der Touristin gesehen. Sie schien nur an historischen Monumenten sowie an den Männern und Fragen der Stunde interessiert zu sein. Die Galerien des Louvre hatten wenig Anziehungskraft für sie, aber sie betrachtete mit tiefer Freude Napoleons Grab, Notre Dame und die Ruinen der Tuilerien. Sie war immer bereit, Diskussionen über die politischen Probleme des französischen Volkes, die Aussichten der Republik, die Scheidungsagitation und die Bildung von Frauen zuzuhören. ‚Ich würde lieber Jules Ferry sehen als alle Bilder des Louvre, Luxemburg und Salon‘, bemerkte sie bei Tisch. Ein oder zwei Tage später sah sie Ferry bei Laboulayes Beerdigung. Die drei Dinge, die während ihres Aufenthalts in Paris den tiefsten Eindruck auf Miss Anthony machten, waren wahrscheinlich die Beisetzung von Laboulaye (dem Freund der Vereinigten Staaten und der Frauenbewegung); die ergreifende Jahrestagsdemonstration der Kommunarden auf dem Friedhof Père Lachaise, genau an der Stelle, wo die letzten Verteidiger der Kommune von 1871 rücksichtslos erschossen und in einem gemeinsamen Grab beigesetzt wurden; und eine Frauenrechtsversammlung, die in einem kleinen Saal in der Rue de Rivoli abgehalten wurde, bei der die mutige, weitsichtige Mlle. Hubertine Auchet die treibende Kraft war.“

Während sie auf dem Kontinent war, erlebte Miss Anthony das unglückliche Gefühl, taub und stumm zu sein; zu sprechen und nicht verstanden zu werden, zu hören und nicht zu begreifen, waren für sie bittere Realitäten. Wir können uns vorstellen, in welche Verzweiflung sie geriet, als ihre Quäker-Sprödigkeit einen nachdrücklichen Fluch auf Englisch von einem französischen Beamten mit dem Ausruf begrüßen konnte: „Nun, es klingt gut, jemanden sogar im alten Angelsächsisch fluchen zu hören!“ Nach zwei Monaten erzwungenen Schweigens war sie beschwingt, als sie die Britischen Inseln wieder erreichte, wo sie öffentliche Reden und allgemeine Konversation genießen konnte. Hier war sie die Empfängerin vieler großzügiger gesellschaftlicher Aufmerksamkeiten, und am 25. Mai wurde zu unseren Ehren von der National Association of Great Britain eine große öffentliche Versammlung repräsentativer Persönlichkeiten einberufen, bei der Jacob Bright den Vorsitz führte. Sie sprach über den bildungspolitischen und politischen Status der Frauen in Amerika, ich über ihre religiöse und soziale Stellung.

Bevor ich die Biographie meiner Freundin abschließe, werde ich zwei goldene Fäden in diesem eng gewebten Leben voller Begebenheiten nachzeichnen. Einer der größten Dienste, die Miss Anthony der Sache des Wahlrechts erwies, war die Abgabe einer Stimme bei der Präsidentschaftswahl von 1872, um die Rechte der Frauen unter dem Vierzehnten Zusatzartikel zu testen. Für dieses Vergehen wurde die mutige Frau am Thanksgiving-Tag verhaftet, dem nationalen Feiertag, der uns von den Pilgervätern hinterlassen wurde, die vor den Verfolgungen Englands geflohen waren. Sie beantragte einen Haftbefehl zur Überprüfung der Rechtmäßigkeit ihrer Inhaftierung (Habeas Corpus). Da der Antrag im Januar 1873 rundweg abgelehnt wurde, stellte ihr Anwalt eine Kaution. Als die gewagte Angeklagte zu spät feststellte, dass dies sie nicht nur aus dem Gefängnis fernhielt, sondern auch ihren Fall aus dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, beschloss sie reumütig, weiterzukämpfen und das Äußerste durch eine Entscheidung des United States Circuit Court zu erreichen. Ihr Prozess wurde für die Sitzungsperiode in Rochester im Mai angesetzt. Schnell durchkämmte sie den ganzen Bezirk und legte jedem potenziellen Geschworenen die Stärke ihres Falles dar. Als die Zeit für den Prozess kam, befürchtete der Staatsanwalt das Ergebnis, falls die Entscheidung einer Jury überlassen würde, die aus Miss Anthonys aufgeklärtem Bezirk stammte, und verlegte den Prozess in die Sitzungsperiode des Ontario County im Juni 1873.

Es war nun notwendig, die Bürger eines anderen Bezirks zu unterrichten. Bei dieser Aufgabe erhielt Miss Anthony wertvolle Unterstützung von Matilda Joslyn Gage; und um all diese neuen Ausgaben zu decken, wurde finanzielle Hilfe großzügig und ungefragt von Thomas Wentworth Higginson, Gerrit Smith und anderen Sympathisanten geleistet. Aber jede Anstrengung war vergeblich; vergeblich war der Appell von Miss Anthony an ihre Geschworenen; vergeblich war der moralische Einfluss der führenden Vertreter der Anwaltschaft von Zentral-New York, die den Gerichtssaal füllten, denn Richter Hunt, ohne Präzedenzfall, der ihn stützte, und mit der Erklärung, es handele sich um einen Rechts- und nicht um einen Tatsachenfall, weigerte sich, den Fall der Jury zu übergeben, und behielt sich die endgültige Entscheidung vor. War es nicht eine historische Szene, die sich dort in jenem kleinen Gerichtsgebäude in Canandaigua abspielte? Alle Widersprüche waren in jenem Richter verkörpert, peinlich genau in seinem Auftreten, skrupulös in seiner Kleidung, gewissenhaft in Banalitäten und stumpfsinnig gegenüber großen Prinzipien, treffend beschrieben von Charles O'Conor – „Ein sehr damenhafter Richter“. Betrachten Sie ihn, wie er dort sitzt, alle Feinheiten von Recht und Billigkeit auf seinen Waagschalen der Alten Welt abwägt und schließlich sagt: „Die Gefangene wird aufstehen.“ Woraufhin die Angeklagte aufstand. „Das Urteil des Gerichts lautet, dass Sie eine Geldstrafe von einhundert Dollar und die Kosten der Strafverfolgung zahlen.“ Dann antwortet die widerspenstige Angeklagte: „Wenn es Euer Ehren beliebt, ich werde niemals einen Dollar Ihrer ungerechten Strafe zahlen“, und mehr in demselben Sinne, alles, wozu sie gestanden hat. Der „damenhafte“ Richter hatte einen Einblick in die Entschlossenheit der Gefangenen gewonnen; also, da er sie nicht für alle Ewigkeit einsperren wollte, fügte er sanft hinzu: „Madam, das Gericht wird nicht anordnen, dass Sie inhaftiert werden, bis die Strafe gezahlt ist.“

Es war am 17. Juni, als das Urteil verkündet wurde. Genau an diesem Tag, etwas weniger als ein Jahrhundert zuvor, wurde die tapfere Miliz am Bunker Hill zurückgetrieben – zurück, zurück, fast ausgelöscht; doch die Wahrheit war in ihren Reihen, und die Gerechtigkeit auch. Aber wie endete diese Rebellion schwacher Kolonisten? Die Sache der amerikanischen Frauenbewegung, die in jenem Moment in der Freiheit einer einzigen Person verkörpert war, erlitt am 17. Juni 1873 einen Rückschlag; aber so sicher, wie unsere Helden der Revolution am Ende siegreich waren, so werden die unveräußerlichen Rechte unserer Heldinnen des neunzehnten Jahrhunderts ihre endgültige Rechtfertigung erfahren.

In seiner Rede von 1880 vor der Phi Beta Kappa Society in Harvard sagte Wendell Phillips – was in der Regel wahr ist –, dass „ein Reformer, um gewissenhaft zu sein, frei vom Broterwerb sein muss“. Ich werde Miss Anthonys Konten offenlegen und zeigen, dass diese Reformerin, vielleicht als jene Ausnahme, die die Regel bestätigt, beständig und gewissenhaft verschuldet war. Blättert man in ihren Jahrbüchern, so geben die Seiten bis 1863 ein ordentliches Bild ab. Hier begann die erste herkulische Arbeit. Die Woman’s Loyal League, die dringend Gelder benötigte, war keine eingetragene Vereinigung, also übernahm ihre Sekretärin die Schulden. Die Buchführung wurde hier recht beklagenswert, das Defizit erreichte fünftausend Dollar. Es musste bezahlt werden, und tatsächlich wird es bezahlt werden. Ängstliche, mühevolle Stunden wurden damit verbracht, das Cooper Institute Woche für Woche mit zahlendem Publikum zu füllen, um Männern wie Phillips, Curtis und Douglass zuzuhören, die ihre Dienste zur Verfügung stellten und die Sekretärin aus den Schulden halfen. Schließlich, nach vielen Schwierigkeiten, wurde ihr Kassenbuch von 1863 ehrenvoll zu den Akten gelegt. Im Jahr 1867 können wir von der zweiten herkulischen Arbeit lesen. Zwanzigtausend Flugblätter werden benötigt, um die Wähler von Kansas für das Frauenwahlrecht zu gewinnen. Reisekosten nach Kansas und die Flugblätter lassen die Sollseite die Habenseite um etwa zweitausend Dollar übersteigen. Auf diesen Seiten findet sich die Anerkennung von mehr als tausend Dollar, die durch die Vermittlung von Anzeigen gewonnen wurden, doch kein Wort verliert sich über die müden, heißen Julitage, die in den Straßen von New York verbracht wurden, um dieses Geld zu beschaffen, noch über die bereitwillige Verwendung der Ersparnisse, die durch kleinliche Sparmaßnahmen aus ihrem Gehalt vom Hovey Committee erzielt wurden.

Es wäre für meine tapfere Freundin ein Glück gewesen, wenn die Kassenbücher von 1868, 1869 und 1870 niemals aus den Regalen gekommen wären; denn sie singen und singen, in Tönen von Schulden, bis sich alle in einem gewaltigen Chor von weit mehr als zehntausend Dollar vereinen. Dies waren die Tage der Revolution, der Zeitung, nicht des Krieges, obgleich es für die verschuldete Geschäftsführerin ein Krieg war. Mehrere tausend Dollar zahlte sie mit Geld, das sie durch Vorträge verdiente, und mit Geld, das ihr für den persönlichen Gebrauch gegeben wurde. Ein Erntedankfest war in der Tat eine Zeit, um Dank zu sagen; denn sie erhielt von ihrem Cousin, Anson Lapham, ihren Schuldschein über viertausend Dollar als getilgt zurück. Nach der Beerdigung von Paulina Wright Davis drückte der trauernde Witwer Miss Anthony getilgte Schuldscheine über fünfhundert Dollar in die Hand, auf deren Rückseite die Worte standen: „Im Gedenken an meine geliebte Frau.“ Ein weiterer Schuldschein wurde in Anerkennung ihrer vollkommenen Selbstlosigkeit und bereitwilligen Aufopferung für die Bedürfnisse anderer getilgt. Als sie 1874 damit beschäftigt war, alle Verpflichtungen zu erfüllen, um ihre Schulden zu begleichen, rief sie die plötzliche Krankheit ihrer Mutter nach Hause. Ohne ein egoistisches Bedauern eilte die besorgte Tochter nach Rochester. Als die Genesung sicher war und Miss Anthony kurz davor stand, zu ihren ermüdenden Arbeiten zurückzukehren, gab ihr die Mutter beim Abschied ihren Schuldschein über tausend Dollar, auf den in zittriger Handschrift geschrieben stand: „In gerechter Würdigung des liebevollen Opfers, das gebracht wurde, um mich in schwerer Krankheit zu pflegen.“ Schließlich waren alle Revolution-Schulden bezahlt, außer jenen gegenüber ihrer großzügigen Schwester Mary Anthony, die ihr oft scherzhaft versicherte, sie sei ein geeigneter Fall für das Konkursgesetz.

Es liegt etwas humorvoll Pathetisches im Tod der Revolution – jenem Erstgeborenen von Miss Anthony. Mrs. Laura Curtis Bullard übernahm großzügig die Pflege des schwierigen Kindes und zahlte, um die Adoption rechtlich zu machen, den üblichen Betrag – einen Dollar. In derselben Nacht des Eigentumsübergangs fuhr Miss Anthony mit dem Dollar in der Tasche nach Rochester, nebst dem kleinen Rest an Wechselgeld, das ihr nach dem Kauf ihres Tickets geblieben war. Sie kam sicher an, mit ihren Schulden, aber nichts weiter – ihr war die Tasche gestohlen worden! Oh, Dieb, könntest du nur wissen, welchen Wert an treuer Arbeit du da entwendet hast!

Ab dem Ende des Jahres 1876 zeigten Miss Anthonys Konten günstige Anzeichen auf der Habenseite. Tatsächlich gab es nach fünf Jahren einen soliden Überschuss von mehreren tausend Dollar, die auf Vortragsreisen verdient worden waren. Doch ach! Die Konten werden wieder trüb – tatsächlich schwindet die Habenseite dahin. „The History of Woman Suffrage“ verschlang rücksichtslos jede Spur von Miss Anthonys Bankkonto. Doch 1886 erhielt Miss Anthony durch das Testament von Mrs. Eddy, der Tochter von Francis Jackson aus Boston, vierundzwanzigtausend Dollar für die Woman’s Suffrage Movement, was sie ein weiteres Mal aus den Schulden befreite.

Vergeblich werden Sie in diesen verräterischen Büchern nach Beweisen für persönliche Verschwendung suchen; denn obwohl Miss Anthony es für wahre Sparsamkeit hält, das Beste zu kaufen, ist ihr Geschmack schlicht. Ist es nicht sehr berührend, dass sie niemals ein Buch oder ein Bild für ihr eigenes Vergnügen kaufte? Die kärglichen persönlichen Bilanzen zeigen vier Abweichungen von der Disziplin – Abweichungen, die sie selbst heute noch als rücksichtslose Verschwendung betrachtet –, nämlich: den Kauf zweier preiswerter Broschen, einer dringend benötigten Uhr und eines Paares Manschetten, passend zu einem Klöppelspitzenkragen, den ihr eine Freundin geschenkt hatte. Diejenigen, die sich für Miss Anthonys persönliches Erscheinungsbild interessierten, vertrauten ihr schon vor langer Zeit kein Geld mehr für irgendeinen Schmuck an; denn wie fest auch ihr Vorsatz war, ihrem Wunsch nachzukommen, der Scheck fand ausnahmslos seinen Weg auf die Habenseite jener kleinen Kassenbücher als „Geld, das für die Sache empfangen wurde“. Nun, Leser, Sie wurden zu einer privaten Einsicht in Miss Anthonys finanzielle Aufzeichnungen zugelassen und können ihre Hingabe an eine Idee würdigen. Stimmen Sie mir nicht zu, dass ein „Broterwerber“ ein gewissenhafter Reformer sein kann?

Indem ich diese Skizze der engsten Freundin beende, die ich in den letzten fünfundvierzig Jahren hatte – mit der ich Wochen und Monate unter demselben Dach verbracht habe –, kann ich wahrhaft sagen, dass sie der aufrichtigste, mutigste, opferbereiteste und großmütigste Mensch ist, den ich je gekannt habe. Ich habe gesehen, wie sie von allen Seiten mit den kleinsten Ärgernissen bedrängt, verspottet und falsch dargestellt, verleumdet und verfolgt wurde; ich habe erlebt, wie Frauen sich weigerten, ihre ausgestreckte Hand zu ergreifen; Frauen, denen sie Exemplare von „The History of Woman Suffrage“ schenkte, diese unbeachtet zurückgaben; andere, die es ohne ein Wort des Dankes behielten; wieder andere, die beleidigende Briefe als Antwort auf ihre der liebevollen Versöhnung schrieben. Und doch, unter all den Kreuzfeuern, die eine Reform mit sich bringt, ist ihre Hoffnung nie gesunken, ihr Selbstrespekt nie gewankt, und kein Gefühl von Groll hat ihren Geist überschattet. Oft, wenn ich schwer entmutigt war und dachte, dass der langwierige Kampf eine Verschwendung von Kraft sei, die in anderen Richtungen reich an Leistungen sein könnte, hauchte sie mit ihrem erhabenen Glauben an die Menschheit meiner Seele neue Inspiration ein und sagte: „Mitleid statt Tadel für jene, die uns verfolgen.“ So eng sind unsere Leben, unsere Ziele und Erfahrungen miteinander verwoben, dass wir uns getrennt unvollständig fühlen – vereint jedoch eine solche Stärke der Selbstbehauptung besitzen, dass uns keine gewöhnlichen Hindernisse, Schwierigkeiten oder Gefahren jemals unüberwindbar erscheinen. Wenn ich das Leben von Susan B. Anthony Revue passieren lasse, vergleiche ich sie immer mit der dorischen Säule in der griechischen Architektur; so schlicht, so großartig steht sie da, frei von jedem fremden Schmuck, und stützt ihre eine gewaltige Idee – die Emanzipation der Frau.

Da unsere Einschätzung von uns selbst und unserer Freundschaft etwas von der aus einem objektiven Blickwinkel abweichen mag, gebe ich einen Auszug aus dem wieder, was unser gemeinsamer Freund Theodore Tilton 1868 über uns schrieb:

„Miss Susan B. Anthony, eine bekannte, unermüdliche und lebenslange Fürsprecherin der Mäßigung, der Abschaffung der Sklaverei und der Frauenrechte, ist seit 1851 Mrs. Stantons enge Mitarbeiterin bei reformatorischen Bemühungen. Diese berühmten Frauen sind etwa gleichaltrig, aber von den gegensätzlichsten Charakteren, und illustrieren die Theorie der Ergänzung in der Zuneigung, indem sie füreinander eine Freundschaft von außergewöhnlicher Stärke hegen.

Mrs. Stanton ist eine gute Schreiberin, aber eine schlechte Ausführende; Miss Anthony ist eine gründliche Verwalterin, aber eine schlechte Schreiberin. Beide haben große Gehirne und große Herzen; keine von beiden hat einen egoistischen Ehrgeiz nach Berühmtheit; aber jede wetteifert mit der anderen in einem edlen Enthusiasmus für die Sache, der sie ihr Leben widmen.

Dennoch muss ich, um sie kritisch zu beschreiben, sagen, dass sie, obwohl sie Gegensätze sind, nicht so sehr die Defizite der anderen ergänzen, sondern vielmehr die Exzentrizitäten der anderen verstärken. So stacheln sie oft die Aggressivität der anderen an und verringern gleichzeitig die Diskretion der anderen.

Aber was auch immer die unüberlegten Äußerungen der einen oder die unklugen Methoden der anderen sein mögen, die treibenden Motive beider sind immerzu so weiß wie das Licht. Das Gute, das sie tun, ist Absicht; der Schaden durch Zufall. Diese beiden Frauen, die zusammen in ihren Salons sitzen, sind seit dreißig Jahren fleißige Schmiede aller Arten von Geschossen, von Feuerwerken bis zu Donnerkeilen, und haben diese mit unerwarteter Explosion in die Mitte aller Arten von bildungspolitischen, reformatorischen, religiösen und politischen Versammlungen geschleudert; manchmal zur angenehmen Überraschung und zum halben Willkommen der Mitglieder, öfter zur Verwirrung und Niedergeschlagenheit zahlreicher Opfer; und in einigen markanten Fällen zum Zähneknirschen zorniger Männer. Ich kenne keine zwei hartnäckigeren Brandstifterinnen im ganzen Land. Und sie selbst werden den Vorwurf auch nicht bestreiten. Tatsächlich ist dieses lärmende Paar die zwei Trommelstöcke, die das aufrechterhalten, was Daniel Webster ‚das Rub-a-dub der Agitation‘ nannte.“

KAPITEL XII.

MEINE ERSTE REDE VOR EINER GESETZGEBENDEN KÖRPERSCHAFT.

Frauen waren so lange bereit, eine untergeordnete Stellung sowohl in privaten als auch in öffentlichen Angelegenheiten einzunehmen, dass ein allmählich wachsendes Gefühl der Rebellion unter ihnen die Männer ziemlich verärgerte, und ihre Manifestationen von Feindseligkeit bei öffentlichen Versammlungen waren oft ebenso lächerlich wie demütigend.

Zwar waren jene Herren durchaus bereit, dass Frauen ihren Vereinen und Kirchen beitraten, um die Handarbeit zu verrichten; um den Enthusiasmus bei Messen und Erweckungsversammlungen, Kongressen und Fahnenweihen zu schüren; um einen Dollar pro Person in ihre Schatzkammer zu zahlen für die Ehre, Mitglieder ihrer verschiedenen Organisationen zu sein; um für die Kirche Geld zu erbetteln; um Petitionen von Tür zu Tür zu verteilen; um Kneipen zu besuchen; um mit Schnapsverkäufern zu beten oder ihnen zu trotzen; um zu halbem Preis zu unterrichten und bei staatlichen Lehrerkongressen am Rande des Saals wie so viele Mauerblümchen herumzusitzen; aber sie wollten ihnen nicht erlauben, auf dem Podium zu sitzen, die Versammlung anzusprechen oder für Männer und Maßnahmen zu stimmen.

Diejenigen, die die ersten Lektionen der Menschenrechte von den Lippen von Henry B. Stanton, Samuel J. May und Gerrit Smith gelernt hatten, wollten eine solche Position nicht akzeptieren. Als die Frauen die Mäßigkeitsbewegung verließen, starb alles Interesse an der Frage im Staat allmählich aus, und praktisch wurde in New York fast zwanzig Jahre lang nichts getan. Gerrit Smith unternahm ein oder zwei Versuche in Richtung einer „Anti-Kneipen“-Partei, aber da Frauen nicht wählen konnten, empfanden sie kein Interesse für die Maßnahme, und das Ergebnis war ein Scheitern.

Ich überzeugte Miss Anthony bald davon, dass der Wahlzettel der Schlüssel zur Situation sei; dass wir, wenn wir eine Stimme bei den Gesetzen hätten, auf jedem Podium willkommen wären. Indem ich den intensiven Ernst und religiösen Enthusiasmus dieser großherzigen Frau in diesen Kanal lenkte, spürte ich bald die Kraft meiner Konvertitin, mich für immer zu unermüdlicherer Arbeit anzutreiben. Bald von Herz zu Herz mit stählernen Haken in einer Freundschaft verbunden, die Jahre des Vertrauens und der Zuneigung stetig gestärkt haben, haben wir treu zusammengearbeitet.

Ab dem Jahr 1850 wurden Kongresse in verschiedenen Bundesstaaten abgehalten, und ihre jeweiligen gesetzgebenden Körperschaften wurden ständig belagert; New York wurde von Miss Anthony und anderen gründlich bearbeitet. Appelle, Aufrufe zu Versammlungen und Petitionen wurden in zahlloser Menge verbreitet. 1854 bereitete ich meine erste Rede für die gesetzgebende Körperschaft von New York vor. Das war ein großes Ereignis in meinem Leben. Ich fühlte mich so nervös deswegen, aus Angst, sie könnte dem Anlass nicht gerecht werden, dass Miss Anthony vorschlug, ich solle nach Rochester hinüberfahren und sie dem Rev. William Henry Channing vorlegen, der zu jener Zeit dort predigte. Ich tat dies, und seine Meinung über die Vorzüge meiner Rede war so günstig, dass ich mich ziemlich beruhigt fühlte. Mein Vater war ebenso nervös, als er durch das Albany Evening Journal sah, dass ich im Kapitol sprechen sollte, und bat mich, ihm meine Rede ebenfalls vorzulesen. Dementsprechend hielt ich auf meinem Weg nach Albany in Johnstown an, und spät eines Abends, als er allein in seinem Büro war, trat ich ein und nahm an der gegenüberliegenden Seite seines Tisches Platz. Bei keiner anderen Gelegenheit, weder davor noch danach, war ich verlegener – ein Publikum von einer einzigen Person, und zwar der einen, deren Zustimmung ich am meisten wünschte, deren Missbilligung ich am meisten fürchtete. Ich wusste, dass er die gesamte Bewegung verurteilte und zutiefst betrübt über die aktive Rolle war, die ich übernommen hatte. Daher war mir vollkommen bewusst, dass ich im Begriff war, ein völlig unaufgeschlossenes Publikum anzusprechen. Dennoch begann ich mit einer hartnäckigen Entschlossenheit, meinem Manuskript alle Kraft zu verleihen, die ich konnte, und mich nicht durch zärtliche Appelle oder gegenteilige Kritik entmutigen oder von meinem Zweck abbringen zu lassen. Ich beschrieb die Witwe in den ersten Stunden ihrer Trauer, die den Eingriffen der groben Handlanger des Gesetzes ausgesetzt war, die Inventar der Haushaltsgegenstände aufnahmen, von dem alten Lehnstuhl, in dem ihr geliebter Mensch seinen letzten Atemzug getan hatte, von der alten Uhr in der Ecke, die die Stunde schlug, als er verschied. Ich legte an diesem Punkt alles Pathos, das ich konnte, in meine Stimme und Sprache, und zu meiner intensiven Befriedigung sah ich, wie sich die Augen meines Vaters mit Tränen füllten. Ich kann das Hochgefühl nicht ausdrücken, das ich empfand, in dem Gedanken, dass er nun mit meinen Augen das Unrecht sehen würde, das Frauen unter den Gesetzen erlitten, die er so gut verstand.

Da ich fühlte, dass ich sein Herz berührt hatte, fuhr ich mit neuem Selbstvertrauen fort, und als ich geendet hatte, sah ich, dass er vollkommen magnetisiert war. Mit klopfendem Herzen wartete ich darauf, dass er das Schweigen brach. Er dachte offensichtlich tief über alles nach, was er gehört hatte, und sprach lange Zeit nicht. Ich glaubte, ihm eine neue Welt des Denkens eröffnet zu haben. Er hatte lange den Klagen von Frauen zugehört, aber von den Lippen seiner eigenen Tochter waren sie mit einer tieferen Eindringlichkeit und Kraft gekommen. Schließlich wandte er sich abrupt ab und sagte: „Sicherlich hast du ein glückliches, angenehmes Leben geführt, mit all deinen Wünschen und Bedürfnissen erfüllt; und doch erfüllt mich diese Rede mit Selbstvorwürfen; denn man könnte sich natürlich fragen, wie kann eine junge Frau, zärtlich erzogen, die keine bittere persönliche Erfahrung gemacht hat, die Ungerechtigkeiten ihres Geschlechts so scharf empfinden? Wo hast du diese Lektion gelernt?“ „Ich habe sie hier gelernt“, antwortete ich, „in deinem Büro, als Kind, als ich den Klagen zuhörte, die Frauen dir gegenüber vorbrachten. Diejenigen, die Mitgefühl und Vorstellungskraft haben, um das Leid anderer zu ihrem eigenen zu machen, können leicht alle harten Lektionen des Lebens aus der Erfahrung anderer lernen.“ „Nun, nun!“, sagte er, „du hast deine Punkte klar und stark dargelegt; aber ich denke, ich kann dir sogar noch grausamere Gesetze zeigen als die, die du zitiert hast.“ Er schlug einige Verbesserungen in meiner Rede vor, suchte andere Gesetze heraus, und es war ein Uhr morgens, bevor wir uns gute Nacht küssten. Wie er danach zu der Frage stand, weiß ich nicht, da er nie wieder etwas dafür oder dagegen sagte. Er gab mir von Zeit zu Zeit gerne jede Hilfe, die ich brauchte, um Gesetze nachzuschlagen, und war sehr darauf bedacht, dass alles, was ich der Öffentlichkeit übergab, sorgfältig vorbereitet war.

Miss Anthony druckte zwanzigtausend Exemplare dieser Ansprache, legte sie auf den Schreibtisch jedes Mitglieds der gesetzgebenden Körperschaft, sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat, und auf ihren Reisen in jenem Winter verbreitete sie sie im ganzen Staat. Ich bin glücklich sagen zu können, dass ich mich seitdem nie wieder so um das Schicksal einer Rede gesorgt habe.

Der erste Frauenkongress in Albany wurde zu dieser Zeit abgehalten, und wir hatten danach eine Art Dauerversammlung für zwei Wochen. Es gab mehrere Anhörungen vor beiden Zweigen der gesetzgebenden Körperschaft und eine Folge von Versammlungen in der Association Hall, an denen Phillips, Channing, Ernestine L. Rose, Antoinette L. Brown und Susan B. Anthony teilnahmen. Da wir uns in der Hauptstadt des Staates befanden, wurde an jedem Kaminfeuer diskutiert, während die Kommentare der Presse zahlreich und unterschiedlich waren. Jede kleine Landzeitung hatte etwas Witziges oder Törichtes über den Aufstand der „Starken“ zu sagen. Jene Redakteure, deren Köpfe etwa die Größe eines Apfels hatten, waren am meisten gegen den Aufstand der Frauen, was illustriert, was Sidney Smith vor langer Zeit sagte: „Es gab immer eine Klasse von Männern, die so klein war, dass, wenn Frauen gebildet wären, niemand mehr unter ihnen übrig bliebe.“ Die arme menschliche Natur liebt es, auf etwas herabzusehen!

Hier ist eine Kostprobe der Art und Weise, wie solche Redakteure zu jener Zeit sprachen. Das Albany Register sagt in einem Artikel über „Frauenrechte in der gesetzgebenden Körperschaft“ vom 7. März 1854:

„Während die weiblichen Propagandistinnen der Frauenrechte sich auf die Zurschaustellung kurzer Röcke und langbeiniger Stiefel sowie auf das Abhalten von Versammlungen und Redenschwingen in Konzertsälen beschränkten, waren die Menschen geneigt, sich von ihnen amüsieren zu lassen, so wie sie es durch den Witz des Clowns im Zirkus, oder die Aufführungen von Punch und Judy an Markttagen, oder die Minstrel-Darbietungen von Herren mit geschwärzten Gesichtern, auf Banjos, Tamburin und Knochen, tun. Aber der Witz wird schal. Die Menschen sind dieser Darbietungen überdrüssig und suchen nach einer gesünderen und intellektuelleren Unterhaltung. Das Lächerliche schwindet, und Ekel tritt an die Stelle angenehmer Empfindungen, die aus der Neuartigkeit dieser neuen Phase der Heuchelei und des ungläubigen Fanatismus entsprangen.

Die Menschen beginnen zu fragen, wie weit die öffentliche Meinung diese entweiblichten Frauen sanktionieren oder tolerieren sollte, die aus der wahren Sphäre der Mutter, der Ehefrau und der Tochter heraustreten und, indem sie die Pflichten und das Geschäft der Männer auf sich nehmen, in den öffentlichen Blick treten und durch die Einmischung in die Politik, die rauen Kontroversen und den Handel der Welt, bestehende Institutionen aus den Angeln heben und alle sozialen Beziehungen des Lebens überrennen würden.

Es ist ein melancholischer Rückschluss, dass unter unseren amerikanischen Frauen, die zu besseren Dingen erzogen wurden, solche gefunden werden sollten, die bereit sind, der Führung solcher ausländischen Propagandistinnen wie der geringelten, behandschuhten Exotin Ernestine L. Rose zu folgen. Wir können verstehen, wie ein solcher Mann wie der Rev. Mr. May oder der aalglatte Dr. Channing von ihr dazu verführt werden kann, einer ihrer Jünger zu werden. Sie sind nicht die ersten Instanzen von Verblendung, die schwachköpfige Männer ereilen können, wenn sie in ihrer Hingabe an sie und ihre Lehren ehrlich sind; noch wären sie die ersten Beispiele eines niedrigen Ehrgeizes, der Bekanntheit als Ersatz für wahren Ruhm sucht, wenn sie unehrlich sind. Solche Männer gibt es immer, und, ehrlich oder unehrlich, ihre wahre Position ist die, an den Schürzenbändern irgendeiner starken Frau zu hängen und als seltene Exemplare menschlicher Schlechtigkeit oder menschlicher Schwäche und Torheit ausgestellt zu werden. Aber dass eine gebildete Amerikanerin ihre Jüngerin wird und ihren wahnsinnigen Lehren folgt, ist ein Wunder.“

Wenn wir den Missbrauch und den Spott sehen, denen die besten Männer ausgesetzt waren, weil sie in den frühen Tagen auf unserem Podium standen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass nur so wenige mutig genug waren, unsere Sache in späteren Jahren zu vertreten, sei es auf Kongressen oder in den Hallen der Gesetzgebung.

Nach zwölf weiteren Jahren der Agitation, die auf die Verabschiedung des Eigentumsgesetzes folgte, gestand New York verheirateten Frauen weitere Bürgerrechte zu. Während der Diskussion über diese verschiedenen Gesetzesvorlagen verbreitete Susan B. Anthony Petitionen, sowohl für die bürgerlichen als auch für die politischen Rechte von Frauen, im ganzen Staat, reiste zu allen Jahreszeiten mit Postkutschen, offenen Wagen und Schlitten, und zu Fuß, von Tür zu Tür durch Städte und Orte, wobei sie ihr Äußerstes tat, um Frauen zu einem gewissen Bewusstsein für ihre natürlichen Rechte als menschliche Wesen und für ihre bürgerlichen und politischen Rechte als Bürgerinnen einer Republik zu rütteln. Und während sie ihre Zeit, Kraft und ihr Geld aufwandte, um diese Segnungen für die Frauen des Staates zu sichern, sagten sie ihr barsch, dass sie alle Rechte hätten, die sie wollten, oder schlugen ihr unhöflich die Tür vor der Nase zu; ließen sie draußen stehen, mit der Petition in der Hand, und behandelten sie mit so viel Verachtung, als ob sie Almosen für sich selbst erbitte. Niemand außer denen, die diese Arbeit in den frühen Tagen für die Sklaven und die Frauen taten, kann jemals die Entbehrungen und Demütigungen kennen, die ertragen wurden. Aber es wurde getan, weil es nur durch Petitionen – eine Macht, die scheinbar so ineffizient war – möglich war, dass entrechtete Klassen in den staatlichen und nationalen Räten gehört werden konnten; daher ihre Bedeutung.

Die frivolen Einwände, die einige Frauen gegen unsere Appelle vorbrachten, waren ebenso zum Verzweifeln wie lächerlich. Ihnen jederzeit höflich zu antworten, erforderte eine göttliche Geduld. Bei einer Gelegenheit, nachdem ich vor der Legislative gesprochen hatte, erkundigten sich einige der Damen in abfälligem Ton: „Was machen Sie eigentlich mit Ihren Kindern?“, während sie mir gratulierten. „Meine Damen“, sagte ich, „es dauert nicht länger für mich zu sprechen, als für Sie zuzuhören; was haben Sie mit Ihren Kindern die zwei Stunden gemacht, die Sie hier gesessen haben? Doch um Ihre Frage zu beantworten: Ich verlasse meine Kinder niemals, um nach Saratoga, Washington, Newport oder Europa zu fahren, oder auch nur, um hierher zu kommen. Sie sind in diesem Augenblick bei einer treuen Kinderfrau im Delevan House, und nachdem ich meine Mission erfüllt habe, werden wir alle gemeinsam nach Hause zurückkehren.“

Als meine Kinder die magische Zahl von sieben erreichten, nahm meine gute Fee, Susan B. Anthony, manchmal eines oder zwei von ihnen mit in ihr eigenes stilles Heim, gleich außerhalb von Rochester, wo man auf einer wohlbestellten kleinen Farm ungestörte Ruhe und die erlesensten Früchte der Saison genießen konnte. Das war immer ein sicherer Hafen für meine Freundin, da ihre Familie den Reformen, denen sie ihr Leben widmete, voll und ganz sympathisierte. Ich habe viele angenehme Erinnerungen an meine eigenen flüchtigen Besuche in jenem gastfreundlichen Quäkerhaus und an den weiten, katholischen Geist von Daniel und Lucy Anthony. Welchem Widerstand und Spott ihre Tochter auch anderswo begegnete, sie genoss den standhaften Rückhalt und das Vertrauen ihres eigenen häuslichen Kreises. Ihre treue Schwester Mary, ein Vierteljahrhundert lang eine höchst erfolgreiche Lehrerin an den öffentlichen Schulen von Rochester und eine gute Finanzexpertin, die sich durch ihr Erbe und ihr Gehalt ein Vermögen angespart hatte, nahm zu Hause die doppelte Last auf ihre Schultern, um die sinkenden Jahre ihrer Eltern zu erheitern, damit Susan die öffentliche Arbeit in den Reformen leisten konnte, an denen sie alle gleichermaßen interessiert waren. Nun, da das ernste Werk des Lebens fast vollbracht ist, leben die Schwestern glücklich zusammen und veranschaulichen eines der vielen reizenden Heime alleinstehender Frauen, die sich in letzter Zeit so rasch vermehren.

Miss Anthony, die ein häufiger Gast in meinem Haus war, stand manchmal Wache, wenn ich abwesend war. Die Kinder unseres Haushalts erzählen, dass zu ihren frühesten Erinnerungen das Tableau von „Mutter und Susan“ gehört, wie sie an einem großen, mit Büchern und Papieren bedeckten Tisch saßen, immer schreibend und über die Verfassung redend, unterbrochen von gelegentlichen Besuchen anderer Getreuer. Hierher kamen Elizabeth Oakes Smith, Paulina Wright Davis, Frances Dana Gage, Dr. Harriet Hunt, Rev. Antoinette Brown, Lucy Stone und Abby Kelly, bis all diese Namen den Kindern so geläufig waren wie alltägliche Worte.

Martha C. Wright aus Auburn war ein häufiger Gast im Zentrum der Rebellion, wie mein abgeschiedenes Häuschen auf Locust Hill scherzhaft genannt wurde. Sie brachte in diese Kriegsräte nicht nur ihre eigene Weisheit ein, sondern auch die der Ehefrau und der Schwester von William H. Seward, und manchmal ermutigende Vorschläge des großen Staatsmannes selbst, aus dessen Schriften wir oft großartige und radikale Ansichten schöpften. Auch Lucretia Mott, die gelegentlich Gast bei ihrer Schwester Martha C. Wright war, verlieh vielen dieser wichtigen Beratungen durch ihre Anwesenheit Würde. Sie war durchweg dafür, unsere feurigen Proklamationen abzumildern. Für Miss Anthony und mich gab es in der englischen Sprache keine Worte, die stark genug gewesen wären, um die Empörung auszudrücken, die wir über die lang anhaltende Ungerechtigkeit gegenüber Frauen empfanden. Wir stellten jedoch fest, dass wir uns, nachdem wir uns auf die vehementeste Weise ausgedrückt und unseren Gefühlen damit ein Stück weit Luft gemacht hatten, damit abfinden konnten, die Dokumente in milderen Begriffen herauszugeben. Hätten die Männer des Staates die strengen Verweise, die Anklagen, den Witz, die Ironie und den Sarkasmus gekannt, die dort gesammelt und dann wohlüberlegt in Schubladen gesteckt wurden, um sie durch mildere und überzeugendere Appelle zu ersetzen, sie wären wahrlich dankbar gewesen, dass sie nicht schlimmer davongekommen sind.

Senator Seward verließ häufig Washington, um unsere Nachbarschaft zu besuchen, und zwar das Haus von Richter G.V. Sackett, einem Mann von Wohlstand und politischem Einfluss. Eine der ständigen Anekdoten des Senators bei Tisch, die die reinigende Wirkung von Frauen bei den Wahlen veranschaulichen sollte und die er immer mit großer Begeisterung zu meinem speziellen Besten erzählte, bezog sich auf die Art und Weise, wie die Schwester seiner Frau das Wahlrecht ausübte.

Er sagte: „Da Mrs. Worden die Aufsicht über eine Farm in der Nähe von Auburn hatte, war sie gezwungen, zwei oder drei Männer für deren Bewirtschaftung einzustellen. Es war ihre Gewohnheit, nachdem sie diese hinsichtlich ihrer Fähigkeit, die erforderliche Arbeit zu verrichten, ihres Wissens über Werkzeuge, Pferde, Rinder und Gartenbau geprüft hatte, nach ihrer politischen Einstellung zu fragen. Sie teilte ihnen mit, dass sie, da sie Witwe sei und niemanden habe, der sie vertrete, Republikaner brauche, die für sie abstimmten und ihre politischen Ansichten verträten, und es ergab sich immer, dass die Männer, die ihre Dienste anboten, der Republikanischen Partei angehörten. Ich bemerkte eines Tages zu ihr: ‚Sind Sie sicher, dass Ihre Männer so wählen, wie sie versprechen?‘ ‚Ja‘, antwortete sie, ‚ich überlasse nichts ihrem Ermessen. Ich nehme sie in meiner Kutsche mit bis in Sichtweite der Wahlurnen und übergebe sie der Obhut eines Republikaners, dem man vertrauen kann. Ich sehe nach, dass sie die richtigen Stimmzettel haben, und dann fühle ich mich sicher, dass ich treu vertreten werde, und ich weiß, dass ich im Recht bin, dies zu tun. Ich habe weder Ehemann noch Vater noch Sohn; ich bin für meine eigenen Steuern verantwortlich; bin allen Gesetzen des Staates unterworfen; muss die Strafe für meine eigenen Verbrechen zahlen, falls ich welche begehe; daher habe ich das Recht, gemäß den Prinzipien unserer Regierung, auf Vertretung, und solange es mir nicht gestattet ist, persönlich zu wählen, habe ich das Recht, dies durch einen Stellvertreter zu tun; daher stelle ich Männer ein, um meine Prinzipien zu wählen.‘“

Diese beiden Schwestern, Mrs. Worden und Mrs. Seward, Töchter von Richter Miller, einem einflussreichen Mann, waren Frauen von Bildung und bemerkenswerter natürlicher Intelligenz und an allen fortschrittlichen Ideen interessiert. Sie besaßen seltenen gesunden Menschenverstand und Unabhängigkeit des Charakters, eine große Einfachheit im Auftreten und waren völlig gleichgültig gegenüber den kleinen Künsten der Toilette.

Mir wurde von modischen Frauen oft gesagt, sie lehnten die Frauenrechtsbewegung wegen der Öffentlichkeit eines Kongresses ab, der Unschicklichkeit, von einem Podium aus zu sprechen, und der Qual, den eigenen Namen in den Zeitungen zu sehen. Mehrere Damen machten eines Tages solche Bemerkungen zu mir, als eine Gruppe von uns zusammen in einem der modischen Hotels in Newport saß. Wir hielten zu jener Zeit dort einen Kongress ab, und einige von ihnen waren bei einer der Sitzungen anwesend. „Wirklich“, sagte ich, „meine Damen, Sie überraschen mich; unsere Kongresse sind nicht so öffentlich wie der Ballsaal, in dem ich Sie alle letzte Nacht habe tanzen sehen. Was die Bescheidenheit angeht, so mag es für viele Köpfe eine Frage sein, ob es weniger bescheiden ist, auf einem Podium schlicht gekleidet Worte der Nüchternheit und Wahrheit zu sprechen, als prachtvoll geschmückt, mit bloßen Armen und Schultern, in den Armen fremder Herren zu walzern. Und was die Presse betrifft, so habe ich bemerkt, wie Sie alle in den Zeitungen dieses Morgens mit sichtlicher Befriedigung die persönlichen Komplimente und die vollständigen Beschreibungen Ihrer Kleider beim letzten Ball gelesen haben. Ich vermute, jede von Ihnen hätte sich gekränkt gefühlt, wenn ihr Name in der allgemeinen Beschreibung nicht erwähnt worden wäre. Wenn mein Name erwähnt wird, geschieht es im Zusammenhang mit einer großen Reformbewegung. So erleiden oder genießen wir alle dieselbe Öffentlichkeit – wir werden gleichermaßen verspottet. Weise Männer bedauern und verspotten Sie, und Narren bedauern und verspotten mich – Sie als Opfer von Torheit und Mode, mich als die Repräsentantin vieler der unangenehmen ‚Ismen‘ des Zeitalters, wie sie liberalen Meinungen zu nennen belieben. Es ist amüsant, bei der Analyse von Vorurteilen zu sehen, auf welch schwachem Fundament sie ruhen.“ Und die Damen um mich herum waren so vollständig in die Enge getrieben, dass niemand einen Antwortversuch unternahm.

Ich erinnere mich, eines Abends auf einer Feier im Hause von Minister Seward in Auburn gewesen zu sein, als Mr. Burlingame, Sonderbotschafter Chinas in den Vereinigten Staaten, mit einer chinesischen Delegation zu den Gästen zählte. Sobald das Tanzen begann und junge Damen und Herren, ineinander verschlungen, anfingen, im schwindelerregenden Walzer zu wirbeln, waren diese chinesischen Herren so schockiert, dass sie ihre Gesichter mit ihren Fächern bedeckten, gelegentlich an den Seiten hervorlugten und einander ihr Erstaunen ausdrückten. Sie hielten uns für die unschicklichsten Frauen auf dem Antlitz der Erde. Bescheidenheit und Geschmack sind Fragen der Breitengrade und der Erziehung; je mehr Menschen wissen – je mehr ihre Ideen durch Reisen, Erfahrung und Beobachtung erweitert werden –, desto weniger leicht sind sie schockiert. Die Engstirnigkeit und Bigotterie von Frauen sind das Ergebnis ihres eingegrenzten Denk- und Handlungsspielraums.

Einige Jahre nachdem Richter Hurlbert sein Werk „Human Rights“ veröffentlicht hatte, in dem er das Wahlrecht für Frauen befürwortete, und ich vor der Legislative gesprochen hatte, trafen wir uns auf einer Dinnerparty in Albany. Senator und Mrs. Seward waren dort. Der Senator war bei dieser Gelegenheit sehr fröhlich und machte Richter Hurlbert und mich zum Ziel all seines Spotts über die Frauenrechtsfrage, in den die meisten der Anwesenden einstimmten, sodass wir ziemlich allein dastanden. Sicher, dass wir das Recht auf unserer Seite hatten und die Argumente in unserem Geist klar definiert waren, und da wir beide kühl und beherrscht und an Witz und Sarkasmus jedem von ihnen ebenbürtig waren, kämpften wir gegen den Senator, Zoll für Zoll, bis er ein sehr enges Podium hatte, auf dem er stehen konnte. Mrs. Seward wahrte ein ununterbrochenes Schweigen, während jene Damen, die ihre Lippen öffneten, auf der Seite der Opposition standen, zweifellos in der Annahme, dass Senator Seward die Meinungen seiner Frau vertrat.

Als wir Damen uns vom Tisch zurückzogen, kann man sich meine Verlegenheit leicht vorstellen. Getrennt vom Richter, wäre ich nun eine Stunde lang mit einer Gruppe von Damen zusammen, die offensichtlich Abscheu gegen alle meine am meisten gehegten Meinungen empfanden. Es war das erste Mal, dass ich Mrs. Seward traf, und ich kannte damals die weiten, liberalen Tendenzen ihres Geistes nicht. Welch eine Flut unangenehmer Gedanken stürmte in diesem kurzen Durchgang vom Esszimmer zum Salon durch mich hindurch. Wie gerne wäre ich zur Vordertür hinausgeschlüpft! Aber das war unmöglich, also nahm ich mir vor, so umherzustreifen, als sei ich in mich gekehrt, und die Bücher und Gemälde zu betrachten, bis der Richter erschien; denn ich nahm als gegeben an, dass nach allem, was ich bei Tisch über die politische, religiöse und soziale Gleichheit der Frauen gesagt hatte, keine Dame ein Wort mit mir wechseln würde.

Stellen Sie sich also mein Erstaunen vor, als Mrs. Seward, in dem Moment, als die Salontür hinter uns geschlossen war, sich mir höchst liebevoll näherte und sagte:

„Lassen Sie mich Ihnen für die mutigen Worte danken, die Sie am Esstisch geäußert haben, und für Ihre Rede vor der Legislative, die meine Seele erschütterte, als ich sie immer wieder las.“

Ich war voller Freude und Erstaunen. Als ich mich gefasst hatte, sagte ich: „Ist es möglich, Mrs. Seward, dass Sie mir zustimmen? Warum sind Sie mir dann nicht zu Hilfe gekommen, als ich von Feinden von allen Seiten so bedrängt wurde? Ich nahm an, dass alle Sie Damen feindselig gegenüber jeder meiner Ideen zu dieser Frage eingestellt wären.“

„Nein, nein!“, sagte sie; „ich bin voll und ganz Ihrer Meinung, aber ich bin eine geborene Feiglingin; es gibt nichts, was ich mehr fürchte als Mr. Sewards Spott. Ich würde lieber vor die Mündung einer Kanone treten, als ihm zu begegnen.“ „Ich bin auch Ihrer Meinung“, „Und ich“, sagten zwei oder drei andere, die bei Tisch geschwiegen hatten.

Ich hatte noch nie ein ernsteres, von Herzen kommendes Gespräch als mit diesen Damen. Mrs. Sewards Spontaneität und Ernsthaftigkeit hatten sie alle tief bewegt, und als der Senator erschien, waren die ersten Worte, die er sagte:

„Bevor wir uns trennen, muss ich gestehen, dass ich von Ihnen und dem Richter auf der Grundlage meiner eigenen Prinzipien redlich besiegt wurde“ (denn wir hatten einige seiner radikalsten Äußerungen zitiert). „Sie haben das Argument auf Ihrer Seite, aber Sitte und Vorurteil sind gegen Sie, und sie sind stärker als Wahrheit und Logik.“

KAPITEL XIII.

REFORMEN UND AUFLÄUFE.

Es gab eine kluge Frau unter den vielen in unserem literarischen Kreis von Seneca Falls, der ich mehr als nur eine beiläufige Erwähnung widmen möchte – Mrs. Amelia Bloomer, die drei neuartige Phasen des Frauenlebens vertrat. Sie war stellvertretende Postmeisterin, Herausgeberin einer Reformzeitung, die für Mäßigung und Frauenrechte eintrat, und eine Fürsprecherin des neuen Kostüms, das ihren Namen trug!

Im Jahr 1849 wurde ihr Ehemann zum Postmeister ernannt, und sie wurde seine Stellvertreterin, wurde ordnungsgemäß vereidigt und diente während der Regierung von Taylor und Fillmore in dieser Funktion. Als sie ihre Aufgaben übernahm, wurde die Verbesserung im Erscheinungsbild und der Führung des Amtes allgemein anerkannt. Ein schmucker kleiner Raum, der an das öffentliche Büro angrenzte, wurde zu einer Art Treffpunkt für Damen, wo diejenigen, die aus verschiedenen Teilen der Stadt kamen, zusammenkommen konnten, um über die Nachrichten des Tages zu sprechen und die Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, die Mrs. Bloomer als Herausgeberin der „Lily“ zugingen. Diejenigen, die die kurze Herrschaft einer Frau im Postamt genossen, können leicht bezeugen, welche Leere die Damen des Dorfes empfanden, als Mrs. Bloomers Amtszeit ablief und wieder ein Mann an ihrer Stelle regierte. Dennoch gab sie weiterhin die „Lily“ heraus, und ihr Büro blieb mehrere Jahre lang ein modischer Mittelpunkt. Obwohl sie das Bloomer-Kleid trug, war seine Urheberin Elizabeth Smith Miller, die einzige Tochter von Gerrit Smith. Im Winter 1852 kam Mrs. Miller zu Besuch zu mir nach Seneca Falls, gekleidet in etwas türkischem Stil – kurzer Rock, weite Hosen aus feinem schwarzem Breitstoff; ein spanischer Umhang aus demselben Material, der bis zum Knie reichte; Biberhut mit Federn und dunkle Pelze; insgesamt ein höchst vorteilhaftes Kostüm und überaus bequem zum Gehen bei jedem Wetter. Zu sehen, wie meine Cousine mit einer Lampe in der einen Hand und einem Baby in der anderen leicht und graziös die Treppe hinaufging, während ich mich mit wallenden Gewändern nur mühsam hinaufzog, wobei an Lampe und Baby nicht zu denken war, überzeugte mich sofort davon, dass es bittere Notwendigkeit für eine Reform der Frauenkleidung gab, und ich legte prompt eine ähnliche Kleidung an. Welch unglaubliche Freiheit genoss ich zwei Jahre lang! Wie ein Gefangener, der von seiner Kugel und Kette befreit wurde, war ich immer bereit für einen flotten Spaziergang durch Schneeregen und Regen, um einen Berg zu besteigen, über einen Zaun zu springen, im Garten zu arbeiten und war tatsächlich für jede notwendige Fortbewegung gerüstet.

„Bloomer“ ist heute ein anerkanntes Wort in der englischen Sprache. Da Mrs. Bloomer die „Lily“ hatte, um die Vorzüge des neuen Kleides zu erörtern, griff die Presse das Thema im Allgemeinen auf, und es wurden viele wertvolle Informationen über die physiologischen Folgen der modischen Frauenkleidung gewonnen; die verstümmelnde Wirkung von engen Taillen und langen Röcken, das schwere Gewicht auf den Hüften und hohe Absätze trugen allesamt dazu bei, die Wirbelsäule aus dem Lot zu bringen und den Grundstein für alle Arten von Nervenkrankheiten zu legen. Aber während alle zustimmten, dass eine gewisse Änderung für die Gesundheit der Frauen absolut notwendig sei, verspottete die Presse diejenigen, die bereit waren, das Experiment zu wagen.

Einige vernünftige Frauen in verschiedenen Teilen des Landes nahmen das Kostüm an, und besonders die Ehefrauen von Farmern bewiesen dessen Bequemlichkeit. Es wurde auch von Schlittschuhläuferinnen, Turnerinnen, Touristinnen und in Sanatorien getragen. Aber während die Wenigen seine Vorteile erkannten, verlachten es die Vielen und häuften solchen Spott auf seine Trägerinnen, dass diese bald feststellten, dass die genossene körperliche Freiheit die anhaltende Verfolgung und die kleinlichen Belästigungen, unter denen sie auf Schritt und Tritt litten, nicht aufwogen. In der Öffentlichkeit und im Privaten unverschämt angestarrt zu werden, bewusstes Ziel von Kritik zu sein und von Scharen von Jungen auf der Straße verfolgt zu werden, war alles bis zum Äußersten zermürbend. Ein beliebtes Spottlied, das unsere Peiniger anstimmten, wenn wir uns an öffentlichen Orten zeigten, lautete so:

„Heigh! ho! in Regen und Schnee, Der Bloomer ist jetzt das, was man seh. Zwanzig Schneider machen die Stiche, Zwanzig Frauen tragen die Hosen-Briche. Heigh! ho! in Regen oder Schnee, Der Bloomer ist jetzt das, was man seh.“

Die Sänger waren meist unsichtbar hinter irgendeinem Zaun oder einem Dachfenster. Diejenigen, die das Kleid trugen, können sich an unzählige amüsante und ärgerliche Erlebnisse erinnern. Die Geduld der meisten von uns war nach etwa zwei Jahren erschöpft; aber unsere Anführerin, Mrs. Miller, hielt unter den schwierigsten Umständen fast sieben Jahre lang tapfer an dem Kostüm fest. Während ihr Vater im Kongress war, trug sie es bei vielen modischen Abendessen und Empfängen in Washington. Sie wurde jedoch tapfer von ihrem Ehemann, Colonel Miller, unterstützt, der niemals davor zurückschreckte, seine Frau und ihre Mitstreiterinnen zu begleiten, wie unkünstlerisch ihre Kostüme auch sein mochten. Für große, hager gebaute Frauen mit großen Füßen und für diejenigen, die klein und stämmig waren, war es gleichermaßen schwierig. Mrs. Miller wurde auch durch das tiefe Empfinden ihres Vaters für die Frage der Frauenkleidung ermutigt. Für ihn drehte sich die ganze Revolution in der Stellung der Frau um ihre Kleidung. Der lange Rock war das Symbol ihrer Erniedrigung.

Die Namen derer, die das Bloomer-Kostüm trugen, neben den bereits erwähnten, waren Paulina Wright Davis, Lucy Stone, Susan B. Anthony, Sarah und Angelina Grimke, Mrs. William Burleigh, Celia Burleigh, Charlotte Beebe Wilbour, Helen Jarvis, Lydia Jenkins, Amelia Willard, Dr. Harriet N. Austin und viele Patientinnen in Sanatorien, deren Namen ich nicht nennen kann. Wenn ich auf dieses Experiment zurückblicke, bin ich über die Feindseligkeit der Männer im Allgemeinen gegenüber dem Kleid nicht überrascht, da es für sie sehr unangenehm war, mit denjenigen auszugehen, die es trugen. Die Leute starrten, viele Männer und Frauen machten unhöfliche Bemerkungen, Jungen folgten in Scharen mit Hohn und Gelächter, sodass die begleitenden Herren es als ihre Pflicht empfanden, auf Konfrontationskurs zu gehen, es sei denn, sie hatten genügend Selbstbeherrschung, ihren Weg ungestört fortzusetzen, wie es die Damen selbst taten, ohne die Aufregung, die sie erzeugten, auch nur im Geringsten zu beachten. Aber Colonel Miller überstand die Tortur mit Kühle und hartnäckiger Entschlossenheit, zum Verdruss seiner Bekannten, die dachten, eine seiner Pflichten als Ehemann sei es, das Kostüm seiner Frau vorzuschreiben.

Obwohl wir den Erfolg, den wir uns durch die Popularisierung des Kleides erhofften, nicht erzielten, war die Anstrengung doch nicht umsonst. Wir waren uns wohl bewusst, dass das Kleid nicht künstlerisch war, und obwohl wir viele Änderungen vornahmen, war unser eigener guter Geschmack nie befriedigt, bis wir die weiten Hosen ablegten und geknöpfte Gamaschen annahmen. Nachdem wir das Experiment aufgegeben hatten, fanden wir, dass das Kostüm, in dem Diana die Jägerin dargestellt wird, und dasjenige, das auf der Bühne von Ellen Tree im Stück „Ion“ getragen wurde, künstlerischer und bequemer gewesen wäre. Aber wir, die wir das Experiment gemacht hatten, waren nur allzu glücklich, uns unbeachtet und unbekannt zu bewegen, um noch einmal das Glück von uns und unseren Freunden durch weitere Experimente zu riskieren. Ich habe mich seither nie mehr gewundert, dass die chinesischen Frauen zulassen, dass die Füße ihrer Töchter in eiserne Schuhe gezwängt werden, noch dass die hinduistischen Witwen ruhig auf den Scheiterhaufen gehen; denn groß sind die Strafen derer, die es wagen, den Geboten des Tyrannen Sitte zu widerstehen.

Dennoch wurde die Agitation in milder Form sowohl in England als auch in Amerika fortgesetzt. Lady Harberton stand 1885 an der Spitze einer organisierten Bewegung in London, um den gegabelten Rock einzuführen; Mrs. Jenness Miller bewirkt in diesem Land eine vollständige Revolution bei jedem Kleidungsstück, das zur Garderobe einer Frau gehört; und vernünftige Schuhmacher haben uns endlich einen flachen, quadratischen Absatz an unseren Stiefeln und eine breite Sohle zugestanden, in der sich die fünf Zehen nach Belieben ausbreiten können. Offenbar dämmert endlich ein neuer Tag der körperlichen Freiheit für die am meisten eingeengten und verstümmelten von Evas unglücklichen Töchtern.

Es war während meines Aufenthalts in Seneca Falls und in einer der verzweifeltsten Perioden meines jungen Lebens, dass eines der besten Geschenke der Götter in Form einer guten, treuen Haushälterin zu mir kam. Sie war wahrlich ein Schatz, eine Freundin und Trösterin, eine zweite Mutter für meine Kinder, verstand alle Pflichten des Lebens und trug bereitwillig dessen Bürden. Sie konnte jeden Bereich des häuslichen Lebens ausfüllen und war dreißig Jahre lang die Freude unseres Haushalts. Ohne diese edle, sich aufopfernde Frau wäre ein Großteil meiner öffentlichen Arbeit völlig unmöglich gewesen. Wenn ich durch Wort oder Tat den Lebensweg für eine kämpfende Seele leichter gemacht habe, muss ich mit Recht den mir entgegengebrachten Lobpreis mit meiner kleinen Quäkerfreundin Amelia Willard teilen.

Es gibt zwei Arten von Hausfrauen – die einen, die, wenn es im Bereich des menschlich Möglichen liegt, bekommen, was sie wollen, und die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten dann mit Heiterkeit und Heldenmut hinnehmen; die anderen, die aus einer Art chronischer Trägheit und der Angst, Verantwortung zu übernehmen, alles so hinnehmen, wie sie es vorfinden, wenn auch mit sanften, fortwährenden Klagen. Letztere nennt man liebenswürdige Frauen. Eine solche Frau war die Gattin unseres Kongressabgeordneten im Jahre 1854, und da ich der Sammelbecken all ihrer Sorgen, ob groß oder klein, war, wurde ich ihrer liebenswürdigen Widerstandslosigkeit bald sehr überdrüssig. Unter anderen häuslichen Nöten hatte sie einen Küchenherd, der qualmte und leckte, der weder backen noch braten konnte – ein wertloses Ding –, und für jeden Zweck zu klein. Folglich wurden die Speisen beim Kochen zur Hälfte verdorben, und ein Koch nach dem anderen verließ sie voller Abscheu.

Als sie mir eines Tages von diesen Küchenmissgeschicken berichtete, vergoss sie tatsächlich Tränen, was mein Mitgefühl so sehr erregte, dass ich überrascht ausrief: „Warum kaufen Sie nicht einen neuen Herd?“ Für meinen unbeeinflussten gesunden Menschenverstand schien das die praktischste Lösung zu sein. „Nun“, antwortete sie, „ich habe, um es drastisch auszudrücken, noch nie eine Stopfnadel gekauft, ohne Herrn S. zu fragen, und er hält einen neuen Herd nicht für notwendig.“ „Was“, fragte ich, „versteht er schon von Herden, während er in Washington in seinem bequemen Sessel sitzt? Wenn er ein stumpfes altes Messer mit abgebrochenen Klingen hätte, würde er sich bald ein neues besorgen, um seine Federn und Bleistifte zu spitzen, und wenn er versuchen würde, auf Ihrem alten Herd eine Mahlzeit zu kochen – vorausgesetzt, er wüsste wie –, würde er ihn in der nächsten Stunde vor die Tür setzen. Mein Rat an Sie ist also, noch heute einen neuen zu kaufen!“

„Bewahre!“, sagte sie, „das würde ihn in Wut versetzen; er würde mich in den siebten Himmel sprengen.“ „Nun“, erwiderte ich, „angenommen, er bekäme einen richtigen Wutanfall und würde fünfzehn Minuten lang die verblüffendsten Kraftausdrücke des Wortschatzes verwenden! Was ist das schon im Vergleich zu einem guten Herd an 365 Tagen im Jahr? Legen Sie einfach alles, was er sagen könnte, auf die eine Seite und all die Vorteile, die Sie genießen würden, auf die andere, und Sie werden leicht sehen, dass sein Zorn den Kürzeren ziehen würde.“ Da meine Logik unwiderstehlich war, sagte sie: „Nun, wenn Sie mitkommen und mir bei der Auswahl eines Herdes helfen, denke ich, dass ich die Verantwortung auf mich nehmen werde.“

Wir gingen also in den Eisenwarenladen und wählten den anerkanntesten, größten Herd aus, dazu das beste Kochgeschirr, das beste russische Ofenrohr usw. „Nun“, sagte sie, „ich brauche ebenso dringend einen guten Ofen in meinem Wohnzimmer, und ich hätte gerne, dass die Rohre beider Öfen in Blindöfen darüber führen und so zwei oder drei Zimmer im Obergeschoss für meine Kinder beheizen, damit sie dort spielen können, da sie außer dem Wohnzimmer keinen Platz haben, wo sie immer bei mir sein müssen; aber ich nehme an, es ist nicht das Beste, zu viel auf einmal zu tun.“ „Im Gegenteil“, antwortete ich, „da Ihr Mann wohlhabend ist, sollten Sie jetzt alles besorgen, was Sie wirklich brauchen. Herr S. wird wahrscheinlich über zwei Öfen nicht mehr überrascht sein als über einen, und da Sie ohnehin eine hitzige Szene wegen der Sache erwarten, ist es besser, wenn Sie auch etwas davon haben.“

Also wurden die Öfen und Rohre bestellt, Löcher durch die Decke gebohrt, und am nächsten Tag war alles betriebsbereit. Die Köchin war begeistert von ihrem prächtigen Herd und dem glänzenden Blechgeschirr, dem Teekessel mit Kupferboden und dem Boiler sowie dem warmen Schlafzimmer oben; die Kinder freuten sich über ihre großen Spielzimmer, und die Dame jubelte über den zusätzlichen Komfort und das neugeborene Gefühl der Unabhängigkeit, das man hat, wenn man Verantwortung übernimmt.

Sie erwartete Herrn S. über die Feiertage zu Hause und wurde gelegentlich schwach bei dem Gedanken an das, was sie für eine unangenehme Begegnung fürchtete. In solchen Momenten kam sie, um sich mit mir zu beraten, was sie sagen und tun solle, wenn die Krise einträte. Da ich das Genus homo sowohl auf den göttlichen Höhen der Exaltation als auch in den Tälern der Demütigung studiert hatte, konnte ich einige wertvolle Vorschläge machen.

„Nun“, sagte ich, „wenn Ihr Mann explodiert, wie Sie glauben, dass er es tun wird, sagen oder tun Sie gar nichts; sitzen Sie da und starren Sie mit diesem weit entfernten, traurigen Blick aus dem Fenster, den Frauen so gut vorzutäuschen wissen. Wenn Sie nach Belieben Tränen hervorrufen können, wären ein paar davon nicht verkehrt; ein sanfter Schauer, nicht genug, um Nase und Augen rot zu machen oder Ihrer Schönheit zu schaden. Männer können Schönheit und Tränen nicht widerstehen. Zerstören Sie deren Wirkung niemals durch etwas, das an Schluchzen oder Hysterie grenzt; solche heftigen Äußerungen sind weder fein noch künstlerisch. Eine Szene, in der nur eine Person redet, muss zeitlich begrenzt sein. Kein gewöhnlicher Mann kann fünfzehn Minuten lang bei Weißglut bleiben; wenn sein Opfer nichts sagt, wird er sich bald erschöpfen. Denken Sie daran, jedes Mal, wenn Sie sich verteidigen, geben Sie ihm einen neuen Text, an dem er sich weiter auslassen kann. Wenn Schweigen jemals Gold ist, dann, wenn ein Ehemann einen Wutanfall hat.“

Zur rechten Zeit traf Herr S. ein, beladen mit Weihnachtsgeschenken, und Charlotte kam herüber, um mir zu erzählen, dass sie die Prüfung bestanden habe. Ich werde die Szene so weit wie möglich mit ihren eigenen Worten wiedergeben. „Mein Mann kam gestern, kurz vor dem Abendessen, und da ich ihn erwartete, hatte ich alles in Ordnung. Er schien sehr glücklich, mich und die Kinder zu sehen, und wir hatten eine fröhliche Zeit, betrachteten unsere Geschenke und plauderten über Washington und alles, was seit unserer Trennung geschehen war. Es machte mich inmitten unseres Glücks traurig, daran zu denken, wie bald sich sein Gefühlszustand ändern würde, und ich wünschte mir in meiner Seele, ich hätte die Öfen nicht gekauft. Aber schließlich wurde das Abendessen angekündigt, und ich wusste, dass die Stunde gekommen war. Er rannte nach oben, um seiner Toilette den letzten Schliff zu geben, als siehe da! die glänzenden Öfen und Rohre fielen ihm ins Auge. Er erkundete die oberen Räume und kam die Hintertreppe herunter, warf einen Blick auf den Küchenherd, dann in das Esszimmer und stand einen Moment lang verblüfft vor dem vernickelten ‚Morning Glory‘. Dann rief er aus: ‚Himmel und Erde! Charlotte, was hast du getan?‘ Ich erinnerte mich an das, was Sie mir gesagt hatten, und sagte nichts, sondern blickte stetig aus dem Fenster. Ich rief jedoch keine Tränen hervor, denn mir war eher zum Lachen als zum Weinen zumute; er sah so lächerlich aus, wie er da spastisch herumsprang, wie Popcorn in einer heißen Pfanne, und redete, als hielte er eine Wahlkampfrede über die Korruption der Demokraten. Als er das erste Mal innehielt, um Atem zu holen, sagte ich mit sanftester Stimme: ‚William, das Abendessen wartet; ich fürchte, die Suppe wird kalt.‘ Glücklicherweise war er hungrig, und dieses große zentrale Organ des Lebens und Glücks machte seine Ansprüche geltend, und er nahm seinen Platz am Tisch ein. Ich brach das, was ein unangenehmes Schweigen hätte werden können, und plauderte mit den älteren Kindern über ihre Schularbeiten. Glücklicherweise waren sie spät dran und wussten nicht, was geschehen war, also redeten sie mit ihrem Vater und stellten allmählich sein Gleichgewicht wieder her. Wir hatten ein sehr gutes Abendessen, und ich habe seitdem kein Wort mehr über die Öfen gehört. Ich nehme an, wir werden eine weitere Szene haben, wenn die Rechnung präsentiert wird.“

Einige Jahre später kam Horace Greeley nach Seneca Falls, um über Mäßigkeit zu dozieren. Da er bei uns wohnte, luden wir unter anderem Herrn S. zum Abendessen ein. Das Hauptthema bei Tisch waren die Eigenheiten der Frauen. Herr Greeley erzählte viele amüsante Dinge über seine Frau, von ihren sprunghaften Bewegungen und plötzlichen Entschlüssen, das zu tun und zu wagen, was am unausführbarsten erschien. Vielleicht sagte sie eines Morgens beim Aufstehen: „Ich glaube, ich fahre mit dem nächsten Dampfer nach Europa, Horace. Wirst du heute Fahrkarten für mich, das Kindermädchen und die Kinder besorgen?“ „Nun“, sagte Herr S., „sie muss unserer Gastgeberin etwas ähnlich sein. Jedes Mal, wenn ihr Mann wegfährt, schneidet sie eine Tür oder ein Fenster hinein. Sie haben jetzt nur noch zehn Türen, die sie jede Nacht abschließen müssen.“

„Ja“, sagte ich, „und Ihre eigene Frau, Mrs. S., hat auch den Ruf, einige eigenmächtige Maßnahmen zu ergreifen, wenn Sie in Washington sind.“ Dann erzählte ich die ganze Geschichte unter schallendem Gelächter, genau wie oben beschrieben. Die Szene am Esstisch brachte den Kongressabgeordneten regelrecht zum Beben. Der Gedanke, dass er sich in den Augen von Charlotte so lächerlich gemacht hatte, dass sie nicht einmal eine Träne zu ihrer Verteidigung hervorrufen konnte, gefiel ihm besonders gut. Als er sich weit genug erholt hatte, um zu sprechen, sagte er: „Nun, ich konnte nie verstehen, wie es kam, dass Charlotte plötzlich aus ihrer Unterdrückung hervortrat und eine solch seltene Führungskraft bewies. Nun sehe ich, wem ich den komfortabelsten Teil meines Ehelebens zu verdanken habe. Ich bin Ihnen tausendmal verpflichtet; Sie haben genau das Richtige getan, und sie auch, und sie ist seitdem eine glücklichere Frau. Sie bekommt jetzt, was sie braucht, und ärgert mich nicht mehr mit zehntausend Kleinigkeiten. Wie kann ein Mann wissen, welche Werkzeuge für die Arbeit notwendig sind, die er nie selbst verrichtet? Von allen Mitteln, die die Ausgeglichenheit des Familienlebens stören, kann keines einen alten, kaputten Küchenherd übertreffen!“

Im Winter 1861, kurz nach der Wahl Lincolns, beschlossen die Abolitionisten, eine Reihe von Kongressen in den wichtigsten Städten des Nordens abzuhalten. Alle ihre verfügbaren Redner waren für den aktiven Dienst verpflichtet. Die Republikanische Partei, die durch ihre erklärte Feindseligkeit gegenüber der Ausweitung der Sklaverei die politischen Abolitionisten in ihre Reihen aufgenommen hatte, war mit überwältigender Mehrheit an die Macht gekommen. Daher waren die Garrison-Abolitionisten, die gegen jeden Kompromiss waren, der Meinung, dies sei der günstige Moment, um das Volk auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, diese Partei an ihren erklärten Prinzipien festzuhalten und sie, wenn möglich, ein oder zwei Schritte voranzubringen.

Ich wurde eingeladen, Miss Anthony und Beriah Green an einige Orte im Zentrum von New York zu begleiten. Doch wir stellten bald durch das konzertierte Vorgehen der Republikaner im ganzen Land fest, dass Anti-Sklaverei-Kongresse nicht geduldet würden. So machten Republikaner und Demokraten gemeinsame Sache gegen die Abolitionisten. Der Überfall von John Brown im Jahr zuvor hatte die Politiker des Nordens ebenso eingeschüchtert wie die Sklavenhalter des Südens, und die allgemeine Stimmung war, dass die Diskussion dieser Frage im Norden gänzlich unterdrückt werden sollte.

Von Buffalo bis Albany war unsere Erfahrung dieselbe, nur variiert durch die fruchtbaren Ressourcen der Akteure und ihr Umfeld. Dreißig Jahre Erziehung hatten den Charakter der Mobs im Norden etwas verändert. Sie zerrten keine Männer mehr mit Seilen um den Hals durch die Straßen und sprengten keine Gebetsversammlungen von Frauen mehr; sie bewarfen die Apostel der Reform nicht mehr mit Eiern und Ziegelsteinen und tauchten sie nicht mehr in Fässer mit Teer und Federn, sie füllten einfach die Säle und unterbrachen mit Lachen, Stöhnen, Klatschen und Jubeln wirkungsvoll das Verfahren. So erging es uns während der zwei Tage, die wir versuchten, einen Kongress in der St. James' Hall in Buffalo abzuhalten. Da wir für den Saal bezahlten, amüsierte sich der Mob auf unsere Kosten, und zwar auf mehr als eine Weise. Bei jeder Sitzung nahmen wir zur festgesetzten Zeit unsere Plätze auf dem Podium ein und machten in verschiedenen Stillepausen erneute Versuche zu sprechen. Da dies nicht gelang, saßen wir da und unterhielten uns mit den vielen Freunden, die das Podium und die Vorzimmer füllten. So hatten wir unter uns einen angenehmen Empfang und eine Diskussion über viele Aspekte der Frage, die uns zusammengeführt hatte. Der Mob gewährte uns nicht nur das Privileg, ohne Unterbrechung mit unseren Freunden zu sprechen, sondern ihre eigenen Delegationen kamen von Zeit zu Zeit hinter die Kulissen, um mit uns über das Recht auf freie Rede und die Verfassungsmäßigkeit der Sklaverei zu diskutieren.

Diese Rowdys aus Buffalo wurden von dem ehemaligen Richter Hinson angeführt, unterstützt von jüngeren Mitgliedern der Familien Fillmore und Seymour sowie dem Polizeichef und fünfzig Untergebenen, die freien Zutritt zum Saal hatten, ausdrücklich zum Zweck, unser Recht auf freie Rede zu schützen, die jedoch unter Missachtung der Befehle des Bürgermeisters nicht den geringsten Versuch unternahmen, uns zu verteidigen. In Lockport gab es einen schwachen Versuch in die gleiche Richtung. In Albion waren weder Saal noch Kirche noch Schulhaus zu bekommen, also hielten wir kleine Versammlungen im Speisesaal des Hotels ab. In Rochester war die Corinthian Hall lange vor der angekündigten Stunde bis auf den letzten Platz gefüllt. Dies war ein feinfühliger, scherzhafter Mob. An diesem Punkt schloss sich Aaron Powell uns an. Da er gerade von einem Krankenlager aufgestanden war und blass und abgemagert aussah, bestieg er langsam das Podium. Der Mob nahm sofort seinen erschöpften Blick wahr, und als er sich setzte, stießen sie einen hörbaren, gleichzeitigen Seufzer aus, als wollten sie sagen: Welch eine Erleichterung, zu sitzen! So vollständig spiegelte die zarte Kundgebung den offensichtlichen Zustand von Herrn Powell wider, dass das ganze Publikum in schallendes Gelächter ausbrach. Auch hier waren alle Versuche zu sprechen zwecklos. In Port Byron schnitt eine großzügige Streuung von Cayennepfeffer auf dem Ofen bald alle verfassungsrechtlichen Argumente und Lobeshymnen auf die Freiheit ab.

Und so ging es den ganzen Weg bis nach Albany. Der ganze Staat stand in Flammen durch den Mob-Geist, und aus Boston und verschiedenen Orten in anderen Staaten erreichten uns die gleichen Nachrichten. Da die Legislative tagte und wir in Albany angekündigt waren, beantragte ein radikaler Abgeordneter sarkastisch: „Da Mrs. Stanton und Miss Anthony im Begriff sind, nach Albany zu ziehen, möge die Miliz zum Schutz der Stadt aufgeboten werden.“ Glücklicherweise konnte Albany damals einen demokratischen Bürgermeister vorweisen, einen Mann mit Mut und Gewissen, der sagte, das Recht auf freie Rede dürfe niemals mit Füßen getreten werden, wo er das Recht habe, es zu verhindern. Und großartig wahrte dieser eine entschlossene Mann die Ordnung in seinem Zuständigkeitsbereich. Während aller Sitzungen des Kongresses saß Bürgermeister Thatcher auf dem Podium, seine Polizei an verschiedenen Stellen des Saals und außerhalb des Gebäudes postiert, um die Menge zu zerstreuen, sobald sie sich ansammelte. Wenn ein Mann oder ein Junge zischte oder die geringste Unterbrechung verursachte, wurde er sofort hinausgeworfen. Und der Bürgermeister wahrte nicht nur die Ordnung bei den Versammlungen, sondern eskortierte uns jedes Mal mit einer Kompanie bewaffneter Polizisten zum und vom Delevan House. Am letzten Abend sprach Gerrit Smith von den Stufen des Hotels aus zum Mob, woraufhin sie ihm dreimal hochleben ließen und sich in guter Ordnung zerstreuten.

Als er am Ende des Kongresses ein Dankesvotum für den Bürgermeister vorschlug, äußerte Herr Smith seine Befürchtung, es sei eine schwere Prüfung für ihn gewesen, diesen langwierigen Anti-Sklaverei-Diskussionen zuzuhören. Er lächelte und sagte: „Ich war wirklich tief interessiert und belehrt. Ich gratuliere mir fast dazu, dass ein Kongress dieser Art endlich in meinen Geschäftsbereich gefallen ist; andernfalls wäre ich wahrscheinlich in Unkenntnis vieler wichtiger Fakten und Meinungen geblieben, die ich jetzt verstehe und schätze.“

Während all dies öffentlich vor sich ging, vollzog sich Tag für Tag eine ebenso anstrengende Erfahrung hinter den Kulissen. Miss Anthony hatte maßgeblich dazu beigetragen, einer schwer misshandelten Mutter mit ihrem Kind zur Flucht vor einem Ehemann zu verhelfen, der sie in einer Irrenanstalt eingemauert hatte. Die Ehefrau gehörte zu einer der ersten Familien New Yorks, ihr Bruder war Senator der Vereinigten Staaten, und der Ehemann war ebenfalls ein Mann von Stand; ein großer Kreis von Freunden und Bekannten war am Ergebnis interessiert. Obwohl sie achtzehn Monate lang in einer Irrenanstalt eingesperrt war, bezeugten Mitglieder ihrer eigenen Familie immer wieder, dass sie nicht geistesgestört sei. Miss Anthony, die wusste, dass sie es nicht war, und fest daran glaubte, dass die unglückliche Mutter das Opfer einer Verschwörung war, wollte ihr Versteck nicht preisgeben.

Da das Vertrauen bekannt war, das Miss Anthony in die Weisheit von Herrn Garrison und Herrn Phillips setzte, wurden diese angefleht, ihren Einfluss bei ihr geltend zu machen, damit sie die Flüchtlinge aufgäbe. Briefe und Telegramme, Überredungen, Argumente und Warnungen von Herrn Garrison, Herrn Phillips und dem Senator auf der einen Seite sowie von Lydia Mott, Mrs. Elizabeth F. Ellet und Abby Hopper Gibbons auf der anderen Seite prasselten Tag für Tag auf sie ein; aber Miss Anthony blieb unbeweglich, obwohl sie wusste, dass sie das Gesetz trotzte und verletzte und jeden Moment auf dem Podium verhaftet werden konnte. Wir hatten so viele schlimme Fälle dieser Art erlebt, dass wir in täglicher Beratung beschlossen, dass diese Frau nicht wieder eingefangen werden sollte, wenn es irgendwie zu verhindern war. Für uns schien es eine ebenso zwingende Pflicht zu sein, eine geistig gesunde Mutter, die ihrer kleinen Kinder beraubt und zur Gesellschaft von Wahnsinnigen verdammt worden war, zu schützen und ihr bei der Flucht an einen sicheren Ort zu helfen, wie einem Sklaven bei der Flucht nach Kanada zu helfen. In beiden Fällen wurde ein ungerechtes Gesetz verletzt; in beiden Fällen wurde den vermeintlichen Eigentümern der Opfer die Stirn geboten; daher war die Tat in rechtlicher und moralischer Hinsicht in beiden Fällen dieselbe. Das Ergebnis bewies die Weisheit von Miss Anthonys Entscheidung, da alle, mit denen Mrs. P. jahrelang danach in Kontakt kam, die Meinung äußerten, dass sie vollkommen gesund sei und schon immer gewesen sei. Könnten die dunklen Geheimnisse der Irrenanstalten ans Licht gebracht werden, wären wir schockiert zu erfahren, wie viele rebellische Ehefrauen, Schwestern und Töchter so falschen Bräuchen und barbarischen Gesetzen geopfert werden, die von Männern für Frauen gemacht wurden.

KAPITEL XIV.

ANSICHTEN ÜBER EHE UND SCHEIDUNG.

Die weitverbreitete Diskussion, die wir gerade jetzt über das Thema Ehe und Scheidung führen, erinnert mich an eine ebenso aufregende im Jahr 1860. Ein sehr liberaler Gesetzentwurf, der von Robert Dale Owen in die Legislative von Indiana eingebracht wurde und der mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, regte viel öffentliches Nachdenken über die Frage an und machte diesen Staat zu freiem Boden für unglückliche Ehefrauen und Ehemänner. Ein ähnlicher Gesetzentwurf wurde von Herrn Ramsey in die Legislative von New York eingebracht, der jedoch mit vier Stimmen abgelehnt wurde, hauptsächlich aufgrund des intensiven Widerstands von Horace Greeley. Er und Herr Owen führten eine langwierige Diskussion in der New York Tribune, bei der Herr Owen eindeutig die Oberhand in der Argumentation gewann.

Es hatte unter der holländischen Aristokratie mehrere schwere Fälle von Grausamkeit gegen Ehefrauen gegeben, so dass starker Einfluss zugunsten des Gesetzentwurfs auf die Legislative ausgeübt worden war, aber die Tribune donnerte jeden Morgen in ihrer Leitartikelspalte mit ihren lautesten Schlägen, die durch den Staat hallten. So erbittert war der Widerstand gegen die Scheidung aus irgendeinem Grund, dass nur wenige es wagten, an der Diskussion teilzunehmen. Ich war jahrelang die einzige Frau, die über diese Frage schrieb und sprach. Artikel über Scheidung, die kürzlich von einer Reihe von Frauen in der North American Review veröffentlicht wurden, sind ein Zeichen des Fortschritts und zeigen, dass Frauen es jetzt wagen, offener über die Beziehungen zu sprechen, die sie am tiefsten betreffen.

Meine Gefühle waren schon sehr früh im Leben durch das Leid einer lieben Freundin, bei deren Hochzeit ich eine der Brautjungfern war, bis in die Tiefe bewegt worden. Als ich die Tatsachen ihres Falles hörte, war mein Entschluss über die Weisheit eines liberalen Scheidungsgesetzes fest gefasst. Wir lasen gemeinsam Miltons Essays über die Scheidung und waren von dem Recht und der Pflicht nicht nur zur Trennung, sondern zur absoluten Scheidung vollkommen überzeugt. Während der Gesetzentwurf von New York anstand, wurde ich von Lewis Benedict, einem der Ausschussmitglieder, der den Gesetzentwurf zu betreuen hatte, gebeten, vor der Legislative zu sprechen. Ich nahm dies gerne an, da ich das Gefühl hatte, dies sei eine Gelegenheit, nicht nur meine Freundin bei dem Schritt zu unterstützen, den sie unternommen hatte, sondern auch den Weg für andere unglückliche Ehefrauen zu ebnen, die ihrem Beispiel folgen möchten. Ich dachte nicht an die Verfolgung, die ich mir zuzog, indem ich eine so ehrwürdige Institution angriff. Ich war immer mutig, das zu sagen, was ich als wahr erkannte, aus dem einfachen Grund, dass ich mir niemals Widerstand träumen ließ. Was mir richtig erschien, musste meiner Meinung nach für alle anderen vernünftigen Wesen ebenso klar sein. Daher hatte ich keine Angst vor Anprangerung. Ich war nur überrascht, als ich ihr begegnete, und keine Anzahl von Erfahrungen hat mich bisher gelehrt, die öffentliche Meinung zu fürchten. Was ich vor siebenunddreißig Jahren über Scheidung sagte, scheint ganz im Einklang mit dem zu stehen, was viele heute sagen. Das Problem war nicht, was ich sagte, sondern dass ich es zu früh sagte, bevor die Leute bereit waren, es zu hören. Es mag jedoch sein, dass ich ihnen geholfen habe, sich darauf vorzubereiten; wer weiß?

Als wir anlässlich der für die Anhörung festgesetzten Zeit einen Frauenstimmrechtskongress in Albany abhielten, fügten Ernestine L. Rose und Lucretia Mott ihrerseits kurz ihre Ansichten zu dieser Frage hinzu. Obwohl Mrs. Mott Mrs. Rose und mich gedrängt hatte, in unseren Forderungen so moderat wie möglich zu sein, äußerte sie ganz unbewusst die radikalste Auffassung von allen, indem sie sagte, dass die Ehe eine Frage sei, die jenseits des Bereichs der Gesetzgebung liege und den Parteien selbst überlassen bleiben müsse. Wir zogen Lucretia wegen ihres Radikalismus auf, und einige der Zeitungen kritisierten uns scharf; doch der folgende Brief zeigt, dass sie nicht daran dachte, von ihrer Position abzurücken:

„Roadside, bei Philadelphia,

„30. April '61.

„Meine liebe Lydia Mott:

„Ich wollte Dir, seitdem ich mich von Dir und unseren anderen lieben Freundinnen in Albany verabschiedet habe, schon lange schreiben und habe nur in der Hoffnung gewartet, einen kleinen ‚substanziellen Beitrag‘ zu eurem ordentlichen und wertvollen ‚Depository‘ leisten zu können. Die beiliegenden zwanzig Dollar stammen von unserer weiblichen Anti-Sklaverei-Gesellschaft.

„Ich sehe, dass die Jahresversammlung in New York diesen Frühling nicht stattfinden soll. Schwester Martha ist hier und hatte erwartet, an beiden Jahrestagen teilzunehmen. Aber wir denken jetzt, dass die Frauenrechtsversammlung besser nicht versucht werden sollte, und sie hat in diesem Sinne an Elizabeth C. Stanton geschrieben.

„Ich war sehr zufrieden damit, beim Treffen in Albany gewesen zu sein. Ich bin seitdem auf Folgendes aus einer Rede von Lord Brougham gestoßen, was mich erfreute, da es ebenso radikal ist wie meine in eurem stattlichen Repräsentantenhaus:

„‚Bevor Frauen durch die Gesetze Englands irgendeine Gerechtigkeit erfahren können, muss eine totale Umgestaltung des gesamten Ehesystems erfolgen; denn jeder Versuch, es zu ändern, würde sich als nutzlos erweisen. Die große Charta, die die Vorherrschaft des Gesetzes über das Vorrecht festschreibt, sorgt nur für Gerechtigkeit zwischen Mann und Mann; für die Frau bleibt nichts als das Gewohnheitsrecht, Ansammlungen und Modifikationen des ursprünglichen gotischen und römischen Heidentums, die durch keine Menge an Filtration durch kirchliche Gerichte in christliche Gesetze verwandelt werden könnten. Sie werden von großen Juristen für eines christlichen Volkes unwürdig erklärt; dennoch bleiben sie unverändert.‘

„Elizabeth Stanton wird also sehen, dass ich eine Autorität dafür habe, an die Wurzel des Übels zu gehen.

„Deine,

„LUCRETIA MOTT.“

Diejenigen von uns, die sich in Albany trafen, erörterten die Angelegenheit im Hinblick auf eine freie Diskussion der Scheidungsfrage auf dem kommenden Kongress in New York. Es war die Meinung der Anwesenden, dass dies, da die Gesetze über Ehe und Scheidung für Mann und Frau sehr ungleich waren, ein legitimes Thema für eine Diskussion auf unserem Podium sei; dementsprechend präsentierte ich auf der Jahresversammlung in New York eine Reihe von Resolutionen, zu denen ich über eine Stunde lang sprach. Mir folgte Antoinette L. Brown, die ebenfalls eine Reihe von Resolutionen im Gegensatz zu meinen vorlegte. Ihr antwortete wiederum Ernestine L. Rose. Wendell Phillips erhob sich dann und erklärte auf eindrucksvolle Weise die gesamte Diskussion für irrelevant für unser Podium und beantragte, dass weder die Reden noch die Resolutionen in die Protokolle des Kongresses aufgenommen werden sollten. Da ich Wendell Phillips sehr bewunderte und seine gute Meinung schätzte, war ich überrascht und gedemütigt, mich unter dem Bann seiner Missbilligung wiederzufinden. Mein Gesicht war scharlachrot, und ich zitterte vor gemischten Gefühlen von Zweifel und Angst – Zweifel an der Weisheit meiner Position und Angst, dass der Kongress die gesamte Diskussion zurückweisen könnte. Meine Erregung war so offensichtlich, dass Rev. Samuel Longfellow, ein Bruder des Dichters, der neben mir saß, mir ins Ohr flüsterte: „Nichtsdestotrotz hast du recht, und der Kongress wird dich unterstützen.“

Mr. Phillips sagte, dass, da die Ehe Mann und Frau gleichermaßen betreffe und die Gesetze für beide gleich seien, die Frauen keinen besonderen Grund zur Klage hätten, obwohl ich in meiner Rede viele Gesetze zitiert hatte, um das Gegenteil zu beweisen. Mr. Garrison und Rev. Antoinette L. Brown waren gleichermaßen gegen den Antrag von Mr. Phillips und machten geltend, dass Ehe und Scheidung legitime Gegenstände für eine Diskussion auf unserem Podium seien. Miss Anthony schloss die Debatte. Sie sagte: „Ich hoffe, Mr. Phillips wird seinen Antrag zurückziehen, dass diese Resolutionen nicht in den Protokollen des Kongresses erscheinen sollen. Ich bin mir sehr sicher, dass es jedem parlamentarischen Gebrauch widersprechen würde zu sagen, dass, wenn die Reden, die die Resolutionen stützten und befürworteten, berichtet und im Protokoll veröffentlicht werden, die Resolutionen nicht dort platziert werden sollen. Und was den Punkt angeht, dass diese Frage nicht auf dieses Podium gehört – dem widerspreche ich völlig. Die Ehe war schon immer eine einseitige Angelegenheit, die auf den Geschlechtern höchst ungleich lastet. Durch sie gewinnt der Mann alles; die Frau verliert alles; tyrannisches Gesetz und Begierde herrschen bei ihm absolut; sanfte Unterwerfung und bereiter Gehorsam stehen ihr allein an. Die Frau wurde nie konsultiert; ihr Wunsch wurde nie in Betracht gezogen, was die Bedingungen des Ehevertrags betrifft. Durch Gesetz, öffentliche Meinung und Religion – von der Zeit des Moses bis zum heutigen Tag – wurde die Frau nie anders betrachtet als als ein Stück Eigentum, über das nach dem Willen und Vergnügen des Mannes verfügt wird. Und in dieser Stunde hat sie nach unseren Gesetzbüchern, nach unserer (sogenannten) aufgeklärten christlichen Zivilisation, keinerlei Stimme, um zu sagen, was die Grundlage der Beziehung sein soll. Sie muss die Ehe so akzeptieren, wie der Mann sie anbietet, oder gar nicht.

„Und dann, wieder auf Mr. Phillips eigenem Boden, ist die Diskussion vollkommen in Ordnung, da fast alle Unrechte, über die wir uns beklagen, aus der Ungleichheit der Ehegesetze erwachsen, die die Ehefrau des Rechts auf sich selbst und ihre Kinder berauben; die sie zur Sklavin des Mannes machen, den sie heiratet. Ich hoffe daher, dass die Resolutionen an die Öffentlichkeit gelangen dürfen; dass es einen fairen Bericht über die Ideen geben mag, die hier tatsächlich präsentiert wurden; dass sie nicht der Gnade der weltlichen Presse überlassen bleiben. Ich vertraue darauf, dass der Kongress nicht dafür stimmen wird, die Veröffentlichung dieser Resolutionen mit dem Protokoll zu verbieten.“

Rev. William Hoisington (der blinde Prediger) folgte Miss Anthony und sagte: „Veröffentlicht alles, was ihr hier getan habt, und lasst es die Öffentlichkeit wissen.“

Die Frage wurde dann über den Antrag von Mr. Phillips zur Abstimmung gestellt und abgelehnt.

Da Mr. Greeley beim Kommentieren des Kongresses denselben Standpunkt einnahm wie Mr. Phillips, dass die Gesetze zu Ehe und Scheidung für Mann und Frau gleich seien, antwortete ich ihnen in dem folgenden Brief an die New York Tribune.

„An den Herausgeber der New York Tribune:

„Mein Herr: Auf unserem kürzlichen Nationalen Frauenrechtskongress waren viele überrascht, Wendell Phillips Einwände gegen die Frage von Ehe und Scheidung als irrelevant für unser Podium erheben zu hören. Er sagte: ‚Wir hätten kein Recht, hier andere Gesetze oder Bräuche zu diskutieren als jene, bei denen Ungleichheit für die Geschlechter bestand; die Gesetze über Ehe und Scheidung würden gleichermaßen auf Mann und Frau lasten; er leide ebenso sehr wie sie möglicherweise unter den Unrechten und Missbräuchen einer ungleichen Ehe.‘

„Nun muss es jedem sorgfältigen Denker auffallen, dass ein immenser Unterschied darin liegt, dass der Mann die Gesetze listig und egoistisch für seine eigenen Zwecke gemacht hat. Wer kann von Coke bis Kent eine Klausel des Ehevertrags nennen, in der die Frau den Vorteil hat? Wenn der Mann unter falscher Gesetzgebung leidet, hat er sein Heilmittel in seinen eigenen Händen. Soll der Frau das Recht des Protests gegen Gesetze verwehrt werden, bei denen sie keine Stimme hatte; Gesetze, die die heiligsten Zuneigungen ihres Wesens verletzen; Gesetze, die die Grenzen menschlicher Gesetzgebung überschreiten, und zwar auf einem Kongress, der eigens für den Zweck einberufen wurde, ihre Unrechte zu betrachten? Er könnte ebenso gut gegen einen Protest gegen die Ungerechtigkeit einwenden, eine Frau zu hängen, weil die Todesstrafe gleichermaßen auf Mann und Frau laste.

„Der Vertrag der Ehe ist keineswegs gleich. Das Gesetz erlaubt dem Mädchen, mit zwölf Jahren zu heiraten, während es beim Jungen mehrere Jahre mehr Erfahrung erfordert. Beim Eingehen dieses Pakts gibt der Mann nichts auf, was er vorher besaß, er ist immer noch ein Mann; während die rechtliche Existenz der Frau während der Ehe aufgehoben ist und sie fortan nur in und durch den Ehemann bekannt ist. Sie ist namenlos, mittellos, kinderlos – obwohl sie eine Frau, eine Erbin und eine Mutter ist.

„Blackstone sagt: ‚Der Ehemann und die Ehefrau sind eins, und dieses eine ist der Ehemann.‘ Kanzler Kent sagt in seinen ‚Commentaries‘: ‚Die rechtlichen Auswirkungen der Ehe lassen sich im Allgemeinen aus dem Prinzip des Common Law ableiten, wonach Ehemann und Ehefrau als eine Person angesehen werden und ihre rechtliche Existenz und Autorität während der Dauer der ehelichen Verbindung verloren oder ausgesetzt sind.‘

„Die Ehefrau wird von allen rechtlichen Autoritäten als eine feme covert angesehen, die vollständig sub potestate viri gestellt ist. Sogar ihre moralische Verantwortung geht in ihrem Ehemann auf. Das Gesetz setzt als gegeben voraus, dass die Ehefrau in Angst vor ihrem Ehemann lebt; dass sein Befehl ihr höchstes Gesetz ist; daher ist eine Ehefrau für den Diebstahl, der in Gegenwart ihres Ehemanns begangen wurde, nicht strafbar. Eine unverheiratete Frau kann Verträge abschließen, klagen und verklagt werden, die Rechte an Eigentum genießen, an ihrem Erbe – an ihrem Lohn – an ihrer Person – an ihren Kindern; aber in der Ehe wird sie gesetzlich von allem und jedem natürlichen und bürgerlichen Recht beraubt. Kent sagt weiter: ‚Die Unfähigkeit der Ehefrau, Verträge zu schließen, um sich selbst zu binden, ergibt sich nicht aus einem Mangel an Urteilsvermögen, sondern weil sie eine unauflösliche Verbindung eingegangen ist, durch die sie unter die Macht und den Schutz ihres Ehemanns gestellt wird.‘ Sie ist im Besitz gewisser Rechte, bis sie verheiratet ist; dann sind alle ausgesetzt, um in dem Moment wieder aufzuerleben, in dem der Atem aus dem Körper des Ehemanns entweicht. (Siehe ‚Cowen's Treatise‘, Bd. 2, S. 709.)

„Wenn der Vertrag gleich wäre, woher kommen dann die Begriffe ‚eheliche Macht‘, ‚eheliche Rechte‘, ‚Gehorsam und Zurückhaltung‘, ‚Herrschaft und Kontrolle‘, ‚Macht und Schutz‘ usw. usw.? Es werden viele Fälle angeführt, die die Ausübung einer höchst fragwürdigen Macht über die Ehefrau zeigen, die von den Gerichten gestützt wird. (Siehe ‚Bishop on Divorce‘, S. 489.)

„Die Gesetze zur Scheidung sind ebenso ungleich wie die zur Ehe; ja, weit mehr. Die Vorteile scheinen alle auf einer Seite zu liegen und die Strafen auf der anderen. Im Falle einer Scheidung geht die Ehefrau, wenn der Ehemann nicht die schuldige Partei ist, mittellos aus der Partnerschaft hervor. (Kent, Bd. 2, S. 33; ‚Bishop on Divorce‘, S. 492.)

„In New York und einigen anderen Staaten kann die Ehefrau eines schuldigen Ehemanns nun eine Scheidung in ihrem eigenen Namen beantragen, und die Kosten werden aus dem Vermögen des Ehemanns gedeckt; aber in der Mehrheit der Staaten ist sie immer noch gezwungen, im Namen einer anderen Person zu klagen, da sie keine Mittel zur Zahlung der Kosten hat, selbst wenn sie ihre Tausende in die Partnerschaft eingebracht haben mag. ‚Die Bewilligung von Unterhalt für die unschuldige Ehefrau während des Verfahrens und Geld zur Aufrechterhaltung der Klage wird nicht als ein strenges Recht ihrerseits angesehen, sondern als Ermessenssache des Gerichts.‘ (‚Bishop on Divorce‘, S. 581.)

„‚Viele Juristen‘, sagt Kent, ‚sind der Meinung, dass der Ehebruch des Ehemanns nicht beachtet oder denselben Tadeln unterzogen werden sollte wie der der Ehefrau, weil er kein Beweis für eine so völlige Verderbtheit sei noch ebenso schädlich in seinen Auswirkungen auf die Moral, die gute Ordnung und das Glück des häuslichen Lebens. Montesquieu, Pothier und Dr. Taylor bestehen alle darauf, dass die Fälle von Ehemann und Ehefrau unterschieden werden sollten und dass die Verletzung des Ehegelübdes seitens der Ehefrau die schädlichste sei und die Strafverfolgung auf das Vergehen ihrerseits beschränkt bleiben sollte. ("Esprit des Lois," Bd. 3, 186; "Traité du Contrat de Mariage," Nr. 516; "Elements of Civil Law," S. 254).‘

„Sagen Sie, ‚Dies sind nur die Meinungen von Männern‘? Worauf sonst, frage ich, sind die Hunderte von Frauen angewiesen, die in dieser Stunde vor unseren Gerichten eine Befreiung von belastenden Verträgen fordern? Werden diese heiklen Angelegenheiten nicht gänzlich dem Ermessen der Gerichte überlassen? Werden nicht junge Frauen aus den ersten Familien vor unsere Gerichte gezerrt – in Versammlungen ausschließlich von Männern –, die Richter alle Männer, die Geschworenen alle Männer? Keine wahre Frau ist dort, um sie durch ihre Anwesenheit vor groben und unverschämten Befragungen zu schützen, ihre Missgeschicke zu bemitleiden oder gegen ihr Unrecht zu protestieren?

„Die Rechtspflege hängt weit mehr von den Meinungen bedeutender Juristen ab als allein vom Gesetz, denn das Gesetz ist machtlos, wenn es im Widerspruch zur öffentlichen Meinung steht.

„Beweisen die oben genannten Zitate nicht eindeutig Ungleichheit? Sind nicht Buchstabe und Geist des Ehevertrags auf der Idee der Vorherrschaft des Mannes als Hüter der Tugend der Frau begründet – ihr einziger Beschützer und Ernährer? Außerhalb der Ehe verlangt die Frau in dieser Stunde nichts als das Wahlrecht. Nur in der Ehe muss sie ihr Recht auf Person, Kinder, Eigentum, Lohn, Leben, Freiheit und das Streben nach Glück fordern. Wie können wir alle Gesetze und Bedingungen der Ehe diskutieren, ohne ihr wesentliches Wesen, ihren Zweck und ihr Ziel zu erkennen? Nun, ob die Institution der Ehe menschlich oder göttlich ist, ob sie von kirchlichen Gerichten als unauflöslich oder von bürgerlichen Gerichten als auflösbar angesehen wird, die Frau, die sich in jeder ihrer Phasen gleichermaßen erniedrigt findet, immer das Opfer der Institution, es ist ihr Recht und ihre Pflicht, die Beziehung und den Pakt bis ins Kleinste zu durchleuchten, bis sie die wahre Ursache ihrer falschen Position findet. Wie können wir vor die Gesetzgeber unserer jeweiligen Staaten treten und neue Gesetze oder gar keine Gesetze zur Scheidung fordern, bevor wir eine Vorstellung davon haben, was die wahre Beziehung ist?

„Wir entscheiden die ganze Frage der Sklaverei, indem wir die heiligen Rechte des Individuums festlegen. Wir behaupten, dass der Mensch kein Eigentum an einem anderen Menschen besitzen kann, und lehnen den gesamten Kodex der Gesetze ab, der mit der selbstverständlichen Wahrheit dieser Behauptung im Widerspruch steht.

„Ich frage erneut: Ist es möglich, alle Gesetze einer Beziehung zu diskutieren, ohne die Beziehung selbst zu berühren?

„Mit vorzüglicher Hochachtung,

„Elizabeth Cady Stanton.“

Die Diskussion über die Frage von Ehe und Scheidung nahm eine ganze Sitzung des Kongresses ein und zog heftige Kritik der Presse der Metropolen und des Staates auf uns. So alarmierend waren die Kommentare über das Gesagte, dass ich begann zu fühlen, dass ich versehentlich das Fundament aus dem sozialen System entfernt hatte. Feinde waren schonungslos in ihren Verurteilungen, und Freunde verspotteten das gesamte Vorgehen. Ich wurde ständig um eine Definition der Ehe gebeten und aufgefordert, das häusliche Leben zu beschreiben, wie es wäre, wenn Männer ihre Ehefrauen jeden Weihnachtstag wechselten. Briefe und Zeitungen strömten auf mich ein, stellten alle Arten von absurden Fragen, bis ich oft vor Ärger weinte. So viele Dinge, die ich weder gedacht noch gesagt hatte, wurden mir zugeschrieben, dass ich zeitweise wirklich an meiner eigenen Identität zweifelte.

Im Verlauf der Ereignisse legte sich jedoch die Aufregung, die Erde schien sich wie gewöhnlich um ihre Achse zu drehen, Frauen wurden in den Stand der Ehe gegeben, Kinder wurden geboren, Feuer brannten so hell wie eh und je an den häuslichen Altären, und das Familienleben war dem Anschein nach so stabil wie immer.

Die öffentliche Aufmerksamkeit wurde durch den McFarland-Richardson-Prozess wieder auf dieses Thema gelenkt, bei dem Ersterer Letzteren erschoss, eifersüchtig auf seine Aufmerksamkeit gegenüber seiner Ehefrau. McFarland war ein brutaler, leichtsinniger Ehemann, der die Zuneigung seiner Frau völlig entfremdet hatte, während Mr. Richardson, der lange ein geschätzter Bekannter der Familie gewesen war, die Frau in den dunkelsten Tagen ihres Elends unterstützte. Sie war eine sehr kultivierte, attraktive Frau, und ein großer Kreis warmer Freunde stand ihr durch die erbitterte Prüfung des Prozesses ihres Mannes bei.

Obwohl McFarland nicht leugnete, dass er Richardson getötet hatte, wurde er aufgrund des Plädoyers auf Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen und gleichzeitig zum gesetzlichen Vormund seines Kindes, eines damals zwölfjährigen Jungen, ernannt und ging mit ihm Hand in Hand aus dem Gericht. Was für eine Travestie auf Gerechtigkeit und gesunden Menschenverstand, dass, während ein Mann für so unzurechnungsfähig erklärt wird, dass er für die Tötung eines anderen nicht verantwortlich gemacht werden kann, er dennoch in der Lage sein könnte, das Leben und die Erziehung eines Kindes zu lenken! Und was für eine Beleidigung für jene intelligente Mutter, die zwölf Jahre ihres Lebens seiner Pflege gewidmet hatte, während sein wertloser Vater nicht für die Lebensnotwendigkeiten für sie gesorgt hatte!

Sie heiratete Mr. Richardson auf seinem Sterbebett. Die Zeremonie wurde von Henry Ward Beecher und Rev. O.B. Frothingham vollzogen, während Männer wie Horace Greeley und Joshua Leavitt der feierlichen Handlung beiwohnten. Obwohl kein Schatten jemals den guten Ruf von Mrs. Richardson getrübt hatte, wurde sie im Gericht grob behandelt und ihres Kindes beraubt, obwohl sie bei weitem der am besten geeignete Elternteil war, dem dessen Pflege anvertraut werden konnte.

Da die Empörung unter Frauen allgemein war und in Bezug auf ihre Behandlung auf dem Siedepunkt stand, schlug mir Miss Anthony eines Tages vor, es sei eine goldene Gelegenheit, Frauen eine Lektion über ihre Hilflosigkeit unter dem Gesetz zu erteilen – vollständig in der Macht des Mannes sowohl hinsichtlich ihrer häuslichen Beziehungen als auch ihrer zivilen und politischen Rechte. Dementsprechend beschlossen wir, einige Treffen nur für Frauen abzuhalten, um gegen die Entscheidung dieses Prozesses, die allgemeine Führung des Falles, den Ton der Presse und die Gesetze zu protestieren, die es möglich machten, eine Mutter ihres Kindes zu berauben.

Viele Damen schlossen sich bereitwillig der Bewegung an. Ich wurde eingeladen, die Rede bei diesem Anlass zu halten, und Miss Anthony organisierte zwei große Versammlungen, eine in der Apollo Hall in New York City und eine in der Academy of Music in Brooklyn. Das Ergebnis war alles, was wir uns wünschen konnten. Miss Anthony traf mit wunderbarem organisatorischem Geschick alle Vorbereitungen und nahm die gesamte finanzielle Verantwortung auf ihre eigenen Schultern.

Meine neuesten Gedanken zu dieser Frage äußerte ich im Arena vom April 1894, aus dem ich Folgendes zitiere:

„Es gibt gerade jetzt eine Forderung nach einer Ergänzung der Verfassung der Vereinigten Staaten, die die Gesetze von Ehe und Scheidung in allen Staaten der Union gleich machen soll. Da der Vorschlag einheitlich von jenen kommt, die die gegenwärtigen Scheidungsgesetze für zu liberal halten, können wir folgern, dass das vorgeschlagene nationale Gesetz die gesamte Frage auf eine engere Basis stellen soll, wodurch die Gesetze, die in einem breiteren Geist verabschiedet wurden, gemäß den Bedürfnissen und Erfahrungen in bestimmten Teilen des souveränen Volkes, für null und nichtig erklärt würden. Und hier sollten wir bedenken, dass das weitestmögliche Gesetz die Scheidung für niemanden obligatorisch machen würde, während ein restriktives Gesetz im Gegenteil viele zwingen würde, die vielleicht unter liberaleren Gesetzen geheiratet haben, in unangenehmen Beziehungen zu bleiben.

„Da wir uns in dieser Frage noch im experimentellen Stadium befinden, sind wir nicht qualifiziert, ein perfektes Gesetz zu schaffen, das über ein so weites Gebiet, wie unsere Grenzen es jetzt umfassen, zufriedenstellend funktionieren würde. Ich sehe in dem, was in letzter Zeit von Staatsmännern, Geistlichen, Anwälten und Richtern zu dieser Frage veröffentlicht wurde, keinen Beweis dafür, dass irgendeiner von ihnen genügend über das Thema nachgedacht hat, um einen gut durchdachten Kodex oder eine umfassende Ergänzung der nationalen Verfassung vorzubereiten. Einige sehen es als einen zivilrechtlichen Vertrag an, wenn auch nicht durch die Gesetze anderer Verträge geregelt; einige sehen es als eine religiöse Verordnung – ein Sakrament; einige halten es für eine Beziehung, die vom Staat geregelt werden sollte, andere von der Kirche, und wieder andere meinen, sie sollte gänzlich dem Individuum überlassen bleiben. Mit dieser weiten Divergenz der Meinung unter unseren führenden Köpfen ist es ganz offensichtlich, dass wir für ein nationales Gesetz nicht bereit sind.

„Darüber hinaus, da die Frau der wichtigste Faktor in der ehelichen Beziehung ist, ist ihre Emanzipation der erste Schritt bei der Entscheidung über die Grundlage des Familienlebens. Bevor die öffentliche Meinung zu dieser Frage zu einer Ergänzung der nationalen Verfassung kristallisiert, müssen die Ehefrau und Mutter eine Stimme in der Regierungsgewalt haben und müssen zu diesem großen Problem in den Hallen der Gesetzgebung gehört werden.

„Es gibt viele Vorteile, all diese Fragen, wie jetzt, den Staaten zu überlassen. Lokale Selbstverwaltung erlaubt eher Experimente zu umstrittenen Fragen, die das Ergebnis der Bedürfnisse und Überzeugungen der Gemeinschaft sind. Je kleiner das Gebiet, auf das sich die Gesetzgebung erstreckt, desto biegsamer sind die Gesetze. Indem wir es den Staaten freistellen, in ihren lokalen Angelegenheiten zu experimentieren, können wir die Wirkung verschiedener Gesetze unter variierenden Umständen beurteilen und so ihre vergleichenden Vorzüge lernen. Der Fortschritt, den die Bildung in Amerika erreicht hat, ist der Tatsache zu verdanken, dass wir unser System der öffentlichen Unterweisung in den Händen der lokalen Behörden gelassen haben. Wie anders wäre die Lösung der großen Bildungsfrage der Handarbeit in den Schulen, wenn die Angelegenheit in Washington entschieden werden müsste!“

„Die ganze Nation könnte sich einem Plan verpflichtet sehen, den wenige Jahre als völlig undurchführbar erweisen würden. Die Stadtversammlung ist nicht nur, wie Emerson sagt, ‚die Wiege der amerikanischen Freiheiten‘, sondern sie ist auch die Pflegestätte des Yankee-Experimentierens und der Yankee-Weisheit. England, mit seinem plumpen nationalen Bildungsgesetz, das einen unflexiblen Standard der Gelehrsamkeit sowohl für die hellen Kinder der Industriebezirke als auch für die stumpfen Geister der landwirtschaftlichen Grafschaften festsetzt, sollte uns eine Lehre sein in Bezug auf die Weisheit, staatliche und nationale Regierung voneinander getrennt zu halten.

Bevor wir die gerechten Gründe für eine Scheidung bestimmen können, müssen wir eine klare Vorstellung davon gewinnen, was eine Ehe ausmacht. In einer wahren Beziehung ist das Hauptziel die liebevolle Kameradschaft von Mann und Frau, ihre Fähigkeit zu gegenseitiger Hilfe und zum Glück sowie zur Entfaltung all dessen, was im anderen am edelsten ist. Das zweite Ziel ist der Aufbau eines Heims und einer Familie, eines Ortes der Ruhe, des Friedens und der Geborgenheit, an dem das Kindesleben wie Blumen im Sonnenschein aufblühen kann.

Der erste Schritt, um das Ideal zur Wirklichkeit zu machen, besteht darin, unsere Söhne und Töchter zu den erhabensten Vorstellungen von der Heiligkeit des Ehelebens und der Verantwortung der Elternschaft zu erziehen. Ich möchte, dass sie der Erschaffung eines unsterblichen Wesens zumindest ebenso viel Gedanken widmen, wie der Künstler seiner Landschaft oder seiner Statue widmet. Beobachtet ihn in seinen Stunden der Einsamkeit, wie er tag- und wochenlang mit der großen Natur in all ihren wechselnden Stimmungen Zwiesprache hält, und wenn schließlich sein Traum von Schönheit verwirklicht ist und eine klar definierte Form annimmt, seht, wie geduldig er über lange Monate und Jahre hinweg an Himmel und See, an Baum und Blume arbeitet; und wenn das Werk vollendet ist, bedeutet es ihm mehr Liebe und Leben, mehr Hoffnung und Ehrgeiz als das lebende Kind an seiner Seite, an dessen Empfängnis und vorgeburtliche Entwicklung kein einziger seelenvoller Gedanke verschwendet wurde. Diesem empfänglichen Zeitraum menschlichen Lebens schenken nur wenige Eltern Beachtung; doch genau hier müssen wir beginnen, die Tugenden zu kultivieren, die allein die Welt erlösen können.

Die widersprüchlichen Ansichten, in denen die Frau dargestellt wird, sind ebenso kläglich wie vielfältig. Während das Magnificat der Jungfrau an jedem wiederkehrenden Sabbat in all unseren Kathedralen rund um den Globus gesungen und ihre Mutterschaft von ihren Verehrern gepriesen wird, wird die Mutterschaft für den Rest der Frauenwelt als eine Schwäche, eine Behinderung, ein Fluch, ein Beweis für die göttlich verordnete Unterordnung der Frau bezeichnet. Doch sicherlich sollte die wirkliche Frau einige Charakterzüge und eine Stellung aufweisen, die der idealen Frau, wie sie von Dichtern, Romanautoren und Künstlern porträtiert wird, ähnelt.

Es ist töricht, von der Heiligkeit der Ehe und Mutterschaft zu sprechen, während die Ehefrau praktisch als Untergebene, als Untertanin, als Sklavin betrachtet wird. Wenn man entschieden hat, dass Kameradschaft und gewissenhafte Elternschaft die einzigen wahren Gründe für eine Ehe sind, ist dann nicht, wenn die Beziehung die schlechtesten Eigenschaften beider Parteien hervorbringt oder wenn die häusliche Atmosphäre für Kinder ungesund ist, die eigentliche Daseinsberechtigung der Verbindung hinfällig und die Ehe praktisch annulliert? Sie kann keine heilige Beziehung genannt werden – nein, nicht einmal eine wünschenswerte –, wenn Liebe und gegenseitiger Respekt fehlen. Und lassen Sie uns eine weitere wichtige Tatsache bedenken: Der Mangel an Sympathie und Zufriedenheit bei den Eltern deutet auf eine radikale körperliche Unverträglichkeit hin, was zu schlecht organisierten Nachkommen führt. Wenn also das wahre Ziel der Ehe vereitelt wird, liegt es im Interesse des Staates sowie des betroffenen Individuums, dafür zu sorgen, dass alle derartigen verderblichen Verbindungen rechtlich aufgelöst werden. Insofern also Unverträglichkeit des Temperaments die beiden großen Ziele der Ehe vereitelt, sollte sie der Hauptgrund für eine Scheidung sein.

Der wahre Standpunkt, von dem aus diese Frage zu betrachten ist, ist die individuelle Souveränität, das individuelle Glück. Es wird oft gesagt, dass die Interessen der Gesellschaft vorrangig sind und zuerst berücksichtigt werden müssen. Dies war die römische Idee, die heidnische Idee, dass das Individuum für den Staat gemacht sei. Die zentrale Idee der Barbarei war immer die Familie, der Stamm, die Nation – niemals das Individuum. Aber die große Lehre des Christentums ist das Recht des individuellen Gewissens und Urteils. Der Grund, warum sie die Herzen der Menschen so sehr in ihren Bann zog, war, dass sie lehrte, das Individuum sei primär; der Staat, die Kirche, die Gesellschaft, die Familie seien sekundär. Eine umfassende Betrachtung jeder Frage von menschlichem Interesse zeigt jedoch, dass das höchste Wohl und das Glück des Individuums und der Gesellschaft in dieselbe Richtung weisen.

Die Frage der Scheidung sollte, wie die der Ehe, in ihren heiligsten Beziehungen von den Parteien selbst geregelt werden; weder der Staat noch die Kirche haben irgendein Recht, sich darin einzumischen. Was Eigentum und Kinder betrifft, muss sie als ein ziviler Vertrag betrachtet und geregelt werden. Dann sollte die Verbindung mit mindestens ebenso viel Überlegung und Öffentlichkeit aufgelöst werden, wie sie geschlossen wurde. Es könnte eine Zeremonie und Zeugen geben, um die Würde und Feierlichkeit des Anlasses zu unterstreichen. Wie bei der Quäker-Ehe, die die Parteien selbst vollziehen, könnten die Parteien in diesem Fall, ohne ihre Meinungsverschiedenheiten darzulegen, einfach erklären, dass sie nach mehreren Jahren des Zusammenlebens feststellten, dass sie nicht zueinander passten und unfähig seien, ein glückliches Heim zu führen.

Würde die Scheidung als respektabel angesehen und von der Gesellschaft sowohl als Pflicht als auch als Recht anerkannt, könnten vernünftige Männer und Frauen alle Vorbereitungen, oft sogar die Aufteilung des Vermögens und die Vormundschaft für die Kinder, ebenso zufriedenstellend regeln, wie es vor Gericht geschehen könnte. Wo die Mutter fähig ist, die Kinder zu erziehen, würde ein vernünftiger Vater sie ihrer Obhut überlassen, anstatt sie in die Hände eines Fremden zu legen.

Doch wo die Scheidung nicht respektabel ist, werden Männer, die kein väterliches Gefühl haben, das Kind oft behalten – nicht so sehr zu dessen Wohl oder aus eigener Zuneigung, sondern um die Ehefrau dafür zu bestrafen, dass sie ihn in Schande gebracht hat. Die Liebe zu Kindern ist bei den meisten Männern nicht stark, und sie empfinden wenig Verantwortung ihnen gegenüber. Man sehe nur, wie bereitwillig sie junge Söhne sich selbst überlassen, und wenn das Gesetz sie nicht zur Unterstützung ihrer unehelichen Kinder zwingen würde, würden sie niemals einen zweiten Gedanken an sie verschwenden. Aber auf der Mutterseele ruhen für immer die Sorge und die Verantwortung für das menschliche Leben. Ihre Liebe für das unehelich geborene Kind wird oft durch das unendliche Mitleid intensiviert, das sie angesichts seiner Schande empfindet. Selbst bei den niederen Tieren finden wir, dass das Weibchen immer über den Jungen und Hilflosen brütet.

Die Gründe für eine Scheidung auf körperliche Mängel oder Verfehlungen zu beschränken; die Verfahren öffentlich zu machen; in alle persönlichen Angelegenheiten unglücklicher Männer und Frauen zu schnüffeln; den Schritt als quasi kriminell zu betrachten; die schuldige Partei im Prozess zu bestrafen – all dies wird die gebrechliche menschliche Natur nicht stärken, wird keine glücklichen Heime garantieren, wird Skandale nicht verbannen und die Gesellschaft nicht von Prostitution reinigen.

Nein, nein; der Feind der Ehe, des Staates, der Gesellschaft sind nicht liberale Scheidungsgesetze, sondern die ungesunde Atmosphäre, die im Heim selbst herrscht. Ein gesetzlicher Akt kann aus einer zerbrochenen Familie keine Einheit machen.“

KAPITEL XV.

FRAUEN ALS PATRIOTINNEN.

Am 15. April 1861 rief der Präsident der Vereinigten Staaten fünfundsiebzigtausend Mann Miliz zu den Waffen und berief den Kongress für den 4. Juli ein, als vierhunderttausend Mann gefordert und vierhundert Millionen Dollar bewilligt wurden, um die Rebellion niederzuschlagen.

Diese aufrüttelnden Ereignisse weckten das gesamte Volk und lenkten den Strom ihrer Gedanken in neue Richtungen. Während das Leben der Nation auf dem Spiel stand und die schreckliche Artillerie des Krieges gleichermaßen die Stimmen von Handel, Politik, Religion und Reform übertönte, waren alle Herzen mit bangen Vorahnungen erfüllt, alle Hände waren beschäftigt mit feierlichen Vorbereitungen auf die kommenden schrecklichen Tragödien.

In dieser ereignisreichen Stunde leuchtete der Patriotismus der Frau ebenso inbrünstig und spontan auf wie der des Mannes; und ihre Selbstaufopferung und Hingabe zeigten sich auf ebenso vielfältigen Handlungsfeldern. Während er sich den Tornister umschnallte und auszog, um den Feind zu besiegen, plante sie die Feldzüge, die der Nation den Sieg brachten; kämpfte in den Reihen, wenn sie dies ohne Entdeckung tun konnte; inspirierte die Sanitätskommission; sammelte benötigte Vorräte für die große Armee; stellte Krankenschwestern für die Lazarette bereit; tröstete die Kranken; glättete die Kissen der Sterbenden; schrieb die letzten Liebesbotschaften an die weit Entfernten nieder; und markierte die Ruhestätten, wo die tapferen Männer fielen. Die Arbeit, die Frauen vollbrachten, die Entbehrungen, die sie erlitten, die Zeit und Kraft, die sie in dem Krieg opferten, der drei Millionen Männer zu den Waffen rief, können niemals vollständig gewürdigt werden.

In der Tat können wir getrost sagen, dass es kaum eine loyale Frau im Norden gibt, die nicht etwas zur Unterstützung der Sache beigetragen hat; die nicht Zeit, Arbeit und Geld für das Wohlergehen unserer Soldaten und den Erfolg unserer Waffen geopfert hat. Die Geschichte des Krieges wird niemals vollständig geschrieben sein, wenn die Errungenschaften der Frauen unerwähnt bleiben. Sie tauchen nicht in den offiziellen Berichten auf; sie werden nicht für tapfere Taten in der Zeitung genannt; die Namen von Tausenden sind über die Nachbarschaft hinaus, in der sie lebten, oder die Krankenhäuser, in denen sie mit Liebe arbeiteten, unbekannt; doch gibt es kein Merkmal in unserem Krieg, das uns als Nation mehr zur Ehre gereicht, keines, das aufgrund seiner positiven Neuartigkeit so sehr der Aufzeichnung wert ist.

Während die Masse der Frauen niemals über die Prinzipien philosophiert, die der nationalen Existenz zugrunde liegen, gab es in unserem letzten Krieg solche, die die politische Bedeutung des Kampfes verstanden; den „unaufhaltsamen Konflikt“ zwischen Freiheit und Sklaverei, zwischen nationalen Rechten und Staatsrechten. Sie sahen ein, dass es vergebliche Mühe war, Verbandszeug und Vorräte für die Armee bereitzustellen, während der Krieg nicht nach einer klugen Politik geführt wurde; und während viele Organisationen, aktiv, wachsam und selbstaufopfernd, sich vermehrten, um sich um die materiellen Bedürfnisse der Armee zu kümmern, bildeten diese wenigen sich zu einer Nationalen Loyal League, um gesunde Prinzipien der Regierung zu lehren und dem Gewissen der Nation einzuschärfen, dass die Freiheit für die Sklaven der einzige Weg zum Sieg sei. Da die meisten Frauen an Wohltätigkeitsarbeit und die Linderung äußerer Not gewöhnt waren, war es schwierig, ihren Enthusiasmus für eine Idee zu wecken, sie davon zu überzeugen, für ein Prinzip zu arbeiten. Sie forderten praktische Arbeit, etwas für ihre Hände zu tun; Jahrmärkte und Nähvereine, um Geld für die Familien der Soldaten zu sammeln, Tableaus, Lesungen, Theaterstücke – alles, nur keine Kongresse, um Prinzipien zu diskutieren und Petitionen für die Emanzipation zu verbreiten. Sie konnten nicht sehen, dass der beste Dienst, den sie der Armee erweisen konnten, darin bestand, die Rebellion zu unterdrücken, und dass der effektivste Weg, dies zu erreichen, darin bestand, die Sklaven in Soldaten zu verwandeln. Diese Frauen-Loyal-Liga gab den feierlichen Lektionen des Krieges eine Stimme: Freiheit für alle; nationaler Schutz für jeden Bürger unter unserer Flagge; allgemeines Wahlrecht und allgemeine Amnestie.

Nach Beratung mit Horace Greeley, William Lloyd Garrison, Gouverneur Andrews und Robert Dale Owen beschlossen Miss Anthony und ich, ein Treffen der Frauen im Cooper Institute einzuberufen und eine Frauen-Loyal-Liga zu gründen, um die sofortige Emanzipation und die Einbürgerung der südlichen Sklaven als den schnellsten Weg zur Beendigung des Krieges zu fordern, daher gaben wir in Traktatform den folgenden Aufruf heraus und verbreiteten ihn weitläufig:

„In dieser Krise des Schicksals unseres Landes ist es die Pflicht eines jeden Bürgers, die besonderen Segnungen einer republikanischen Regierungsform zu bedenken und zu entscheiden, welche Opfer an Wohlstand und Leben für ihre Verteidigung und Erhaltung gefordert werden. Die Politik des Krieges, unser ganzes zukünftiges Leben, hängen von einer klar definierten Vorstellung von dem angestrebten Ziel und den immensen Vorteilen ab, die für uns selbst und die gesamte Menschheit durch seine Erreichung gesichert werden sollen. Kein bloßer Parteien- oder Sektionsruf, keine Spitzfindigkeiten des Verfassungs- oder Militärrechts, keine Mottos von List oder Politik sind groß genug, um das große Herz einer Nation inmitten einer Revolution zu berühren. Eine große Idee – wie Freiheit oder Gerechtigkeit – ist notwendig, um das Feuer eines hohen Enthusiasmus zu entfachen und aufrechtzuerhalten.

In dieser Stunde sind das beste Wort und Werk eines jeden Mannes und einer jeden Frau zwingend gefordert. Dem Mann sind nach allgemeinem Konsens das Forum, das Lager und das Feld zugewiesen. Was die rechtmäßige Arbeit der Frau ist und wie sie diese am besten erfüllen kann, ist unseren ernsthaften Beratungen miteinander würdig. Wir haben viele Klagen über den Mangel an Enthusiasmus unter den Frauen des Nordens gehört; aber wenn eine Mutter ihren Sohn auf den Altar ihres Landes legt, verlangt sie ein Ziel, das dem Opfer gleichkommt. Bei der Pflege der Kranken und Verwundeten, beim Stricken von Socken, beim Schaben von Verbandszeug und beim Einkochen von Gelees mögen die Tapfersten und Besten ermüden, wenn die Gedanken nicht im Glauben zu etwas steigen, das jenseits und über alledem liegt. Arbeit ist nur dann Anbetung, wenn ein edler Zweck die Seele erfüllt. Die Frau ist bei der endgültigen Lösung dieses Problems der Selbstverwaltung gleichermaßen interessiert und verantwortlich wie der Mann; daher lasse niemand jetzt als untätiger Zuschauer beiseite stehen. Wenn jede Stunde schwer von Schicksal ist und jede Verzögerung unsere Schwierigkeiten nur verkompliziert, ist es höchste Zeit für die Töchter der Revolution, in feierlicher Ratsversammlung die letzten Testamente der Väter zu entsiegeln, ihr Geburtsrecht auf Freiheit zu ergreifen und es als ein heiliges Treuhandverhältnis für alle kommenden Generationen zu bewahren.

Zu diesem Zweck bitten wir die loyalen Frauen der Nation, sich am Donnerstag, den 14. Mai, in der Kirche der Puritaner (Dr. Cheevers), New York, zu treffen.

Mögen die Frauen jedes Staates zahlreich persönlich oder durch Briefe vertreten sein.

Im Namen des Frauen-Zentralkomitees,

Elizabeth Cady Stanton,

Susan B. Anthony.“

Unter anderen auf dem Treffen verabschiedeten Resolutionen waren die folgenden:

„Beschlossen, dass es niemals einen wahren Frieden in dieser Republik geben kann, bis die zivilen und politischen Rechte aller Bürger afrikanischer Abstammung und aller Frauen praktisch etabliert sind.

Beschlossen, dass es den Frauen der Revolution nicht an Heldenmut und Selbstaufopferung mangelte, und wir, ihre Töchter, sind bereit, in diesem Krieg unsere Zeit, unsere Mittel, unsere Talente und unser Leben, wenn nötig, zu verpfänden, um die endgültige und vollständige Weihe Amerikas an die Freiheit zu sichern.“

Es wurde vereinbart, dass die praktische Arbeit, die getan werden müsse, um die Freiheit für die Sklaven zu sichern, darin bestehe, Petitionen durch alle Nordstaaten zu verbreiten. Monatelang wurden diese Petitionen überall fleißig verbreitet, wie die Unterschriften zeigen – einige auf Zaunpfählen, Pflügen, dem Amboss, der Schusterbank unterzeichnet – von modischen Frauen und solchen aus der Industrie, gleichermaßen im Salon und in der Küche; von Staatsmännern, Professoren an Colleges, Herausgebern, Bischöfen; von Seeleuten, Soldaten und den hart arbeitenden Kindern der Mühsal, die Eisenbahnen und Brücken bauten, Kanäle gruben und in Minen im Inneren der Erde arbeiteten. Petitionen, unterzeichnet von dreihunderttausend Personen, können jetzt in den nationalen Archiven im Kapitol in Washington eingesehen werden. Drei meiner Söhne verbrachten Wochen in unserem Büro im Cooper Institute damit, die Petitionen aus jedem Staat einzeln zusammenzurollen und außen die Anzahl der Namen der darin enthaltenen Männer und Frauen zu vermerken. Wir sandten von Zeit zu Zeit Appelle an den Präsidenten, das Repräsentantenhaus und den Senat, in denen wir auf die Emanzipation und die Verabschiedung der vorgeschlagenen dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Ergänzung der nationalen Verfassung drängten. Während dieser ereignisreichen Monate erhielten wir viele Briefe von Senator Sumner, in denen er sagte: „Senden Sie die Petitionen so schnell wie möglich; sie geben mir Gelegenheiten für Reden.“

Robert Dale Owen, Vorsitzender der Freedman's Commission, war äußerst enthusiastisch bei der Arbeit der Loyal League und kam häufig in unsere Räume, um neue Arten der Agitation vorzuschlagen und uns einen Einblick zu geben, was hinter den Kulissen in Washington vorging. Diejenigen, die speziell in der Frauenwahlrechtsbewegung engagiert waren, setzten ihre Kongresse während des Krieges aus und widmeten ihre Zeit und Gedanken vollständig den vitalen Fragen der Stunde. Da sie die politische Bedeutung des Krieges erkannten, drängten sie auf die Emanzipation der Sklaven als den sicheren, schnellen Weg, den gordischen Knoten der Rebellion zu durchschlagen. Zu diesem Zweck organisierten sie eine nationale Liga und erstellten eine Mammutpetition, die den Kongress drängte, die Verfassung so zu ändern, dass die Existenz der Sklaverei in den Vereinigten Staaten verboten werde. Von ihrem Hauptquartier im Cooper Institute, New York City, sandten sie die Appelle an den Präsidenten, den Kongress und die Öffentlichkeit; Traktate und Petitionsformulare, frankiert von Kongressmitgliedern, wurden wie Schneeflocken von Maine bis Texas verstreut. Jede Woche wurden Treffen abgehalten, bei denen die Politik der Regierung frei diskutiert und gebilligt oder verurteilt wurde.

Dass diese Liga eine zeitgemäße erzieherische Arbeit leistete, zeigt sich in den Briefen von Generälen, Staatsmännern, Herausgebern und Frauen aus den meisten Nordstaaten, die ihre Handlungen und Prinzipien voll und ganz unterstützten. Die Klarheit der denkenden Frauen über die Ursache des Krieges; die wahre Politik bei seiner Führung; ihre Standhaftigkeit bei der Aufrechterhaltung der Prinzipien der Freiheit sind der Betrachtung wert. Mit dieser Liga kooperierten Abolitionisten und Republikaner herzlich. Eine Vortragsreihe wurde zu ihrem Nutzen im Cooper Institute gehalten, von Männern wie Horace Greeley, George William Curtis, William D. Kelly, Wendell Phillips, E.P. Whipple, Frederick Douglass, Theodore D. Weld, Rev. Dr. Tyng und Dr. Bellows. Viele Briefe befinden sich in ihren Akten von Charles Sumner, der ihre Maßnahmen billigte und große Zufriedenheit über die große Anzahl von Emanzipationspetitionen ausdrückte, die in den Kongress gerollt wurden. Auch die republikanische Presse war sehr lobend. Die New York Tribune sagte: „Die Frauen der Loyal League haben große praktische Weisheit gezeigt, indem sie ihre Bemühungen auf ein Thema beschränkten, das wichtigste, das jede Gesellschaft in dieser Stunde anstreben kann, und großen Mut bei der Unternehmung, etwas zu tun, das noch nie zuvor auf der Welt getan wurde, eine Million Namen für eine Petition zu erhalten.“

Die führenden Zeitungen wetteiferten miteinander, die Geduld und Klugheit, die organisatorische Fähigkeit, die Loyalität und den Patriotismus der Frauen der Liga zu loben, und doch waren dies dieselben Frauen, die, wenn sie zivile und politische Rechte, Privilegien und Immunitäten für sich selbst forderten, durchweg als „unweise“, „unüberlegt“, „fanatisch“ und „undurchführbar“ verurteilt worden waren. Während der sechs Jahre, in denen sie ihre eigenen Ansprüche denen der Sklaven des Südens unterordneten und arbeiteten, um das Volk mit Enthusiasmus für die großen Maßnahmen der Republikanischen Partei zu begeistern, wurden sie als „weise, loyal und klarsehend“ hoch geehrt. Aber als die Sklaven emanzipiert waren und diese Frauen verlangten, dass sie bei der Rekonstruktion als Bürger der Republik, gleich vor dem Gesetz, anerkannt würden, verschwanden all diese transzendenten Tugenden wie Tau vor der Morgensonne. Und so ist es immer: Solange die Frau arbeitet, um die Bemühungen des Mannes zu unterstützen und sein Geschlecht über ihr eigenes zu heben, bleiben ihre Tugenden unangefochten; aber wenn sie wagt, Rechte und Privilegien für sich selbst zu fordern, sind ihre Motive, Manieren, Kleidung, ihr persönliches Erscheinungsbild und ihr Charakter Gegenstände für Spott und Verleumdung.

Die Freiheit, siegreich über die Sklaverei auf dem Schlachtfeld, hatte nun mächtigere Feinde in Washington anzutreffen. Die Sklaven befreit, der Herr besiegt, der Süden verwüstet; die beiden Rassen standen einander gegenüber, teilten gleichermaßen die traurigen Ergebnisse des Krieges und wandten sich mit flehenden Blicken an die allgemeine Regierung, als wollten sie sagen: „Wie stehen wir jetzt?“ „Was kommt als Nächstes?“ Fragen, auf die unsere Staatsmänner, geplagt von Gefahren, mit Ängsten um das Leben der Nation, von Parteispaltungen, von persönlicher Niederlage, völlig unvorbereitet waren. Die Rekonstruktion des Südens beinhaltete die Überprüfung der grundlegenden Prinzipien unserer Regierung und die natürlichen Rechte des Menschen. Das Herz der Nation war erschüttert von langwierigen Debatten im Kongress und in den gesetzgebenden Versammlungen der Staaten, auf den Kanzeln und in den öffentlichen Journalen und an jedem Kaminfeuer über diese vitalen Fragen, die schließlich in den drei historischen Verfassungszusätzen ihre endgültige Form annahmen.

Der erste Punkt, seine Emanzipation, geklärt, war der politische Status des Negers als nächster an der Reihe; und zu diesem Zweck wurden verschiedene Vorschläge dem Kongress unterbreitet. Aber die Forderung nach seiner Einbürgerung auf dem breiten Prinzip der natürlichen Rechte war von Schwierigkeiten umgeben, da das logische Ergebnis einer solchen Handlung die Einbürgerung aller geächteten Klassen sein müsste; nicht nur der weißen Frauen des gesamten Landes, sondern auch der Sklavenfrauen des Südens. Obwohl unsere Senatoren und Repräsentanten eine ehrliche Abneigung gegen jede proskriptive Gesetzgebung gegen loyale Frauen hatten, angesichts ihrer vielfältigen und aufopferungsvollen Arbeit während des Krieges, war der einzige Weg, wie sie die verfassungsmäßige Tür weit genug öffnen konnten, um den schwarzen Mann hineinzulassen, die Einführung des Wortes „männlich“ in die nationale Verfassung. Nach der großzügigen Hingabe von Frauen wie Anna Carroll und Anna Dickinson bei der Unterstützung der Politik der Republikaner, sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten, empfanden sie, dass es von dieser Partei schlecht aussehen würde, neue Barrieren auf den Weg der Frau zur Freiheit zu legen. Aber wie konnte der Zusatz ohne das Wort „männlich“ geschrieben werden, war die Frage.

Robert Dale Owen, der sich damals in Washington aufhielt und hinter den Kulissen tätig war, sandte Abschriften der verschiedenen Gesetzesentwürfe an die Funktionäre der Loyal League in New York und berichtete uns von einigen der amüsanten Diskussionen. Eines der Komiteemitglieder schlug „Personen“ anstelle von „Männern“ vor. „Das geht auf keinen Fall“, sagte ein anderer, „damit würde man den Weibern das Stimmrecht geben.“ „Das Stimmrecht für schwarze Männer wird die einzige Belastung sein, die die Republikanische Partei aushalten kann“, sagte ein weiterer. Charles Sumner sagte Jahre später, er habe über neunzehn Seiten Papier beschrieben, um das Wort „männlich“ loszuwerden und dennoch das „Negerstimmrecht“ als Parteiprogramm unangetastet zu lassen; doch es war nicht machbar.

Miss Anthony und ich erkannten als Erste die volle Bedeutung des Wortes „männlich“ im Vierzehnten Verfassungszusatz, und wir schlugen sofort Alarm und versandten Petitionen für einen Verfassungszusatz, um „den Bundesstaaten zu untersagen, irgendeinem ihrer Bürger das Wahlrecht aufgrund des Geschlechts zu entziehen“. Miss Anthony, die das Jahr in Kansas verbracht hatte, machte sich sofort auf den Weg nach New York, als sie den Vorschlag vor dem Kongress sah, das Wort „männlich“ in die nationale Verfassung aufzunehmen, und beeilte sich, die Frauen im Osten auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass die Zeit gekommen war, wieder energische Arbeit für das Stimmrecht der Frau zu beginnen.

Sie verließ Rochester am 11. Oktober, besuchte Martha Wright in Auburn; Phebe Jones und Lydia Mott in Albany; die Damen Rose, Gibbons und Davis in New York City; Lucy Stone und Antoinette Brown Blackwell in New Jersey; Stephen und Abby Foster in Worcester; die Damen Severance, Dall, Nowell, Dr. Harriet K. Hunt, Dr. M. E. Zackesewska sowie die Herren Phillips und Garrison in Boston und drängte sie dazu, sich dem Versand von Protesten an Washington gegen die anstehende Gesetzgebung anzuschließen. Mr. Phillips willigte sofort ein, fünfhundert Dollar aus dem „Jackson Fund“ für den Beginn der Arbeit bereitzustellen. Miss Anthony und ich verbrachten unsere gesamten Weihnachtsferien damit, Briefe zu schreiben und Appelle sowie Petitionen in alle Teile des Landes zu richten, und vor dem Ende der Sitzungsperiode von 1865-66 waren Petitionen mit zehntausend Unterschriften beim Kongress eingegangen.

Einer meiner Briefe lautete wie folgt:

„An den Herausgeber des Standard:

„Mein Herr: Mr. Broomall aus Pennsylvania, Mr. Schenck aus Ohio, Mr. Jenckes aus Rhode Island und Mr. Stevens aus Pennsylvania haben jeweils eine Resolution zur Änderung der Verfassung vor dem Kongress eingebracht.

„Artikel eins, Abschnitt zwei, lautet wie folgt: ‚Repräsentanten und direkte Steuern werden unter den verschiedenen Bundesstaaten, die in dieser Union enthalten sein mögen, gemäß ihrer jeweiligen Anzahl aufgeteilt.‘

„Mr. Broomall schlägt eine Änderung durch das Wort ‚männliche Wahlberechtigte‘ vor; Mr. Schenck, ‚männliche Bürger‘; Mr. Jenckes, ‚männliche Bürger‘; Mr. Stevens, ‚männliche Wähler‘, da Frauen im Laufe der Zeit in den verschiedenen Bundesstaaten zu ‚gesetzlichen Wählern‘ gemacht werden könnten und dann diese Anforderung der Verfassung erfüllen würden. Doch was die anderen Herren betrifft, so könnten weder Zeit noch Anstrengung oder einzelstaatliche Verfassungen uns dazu verhelfen, dies zu erfüllen, es sei denn, man würde durch eine liberale Auslegung des Zusatzes einen Panzerrock, der an der Wahlurne getragen wird, als völlig ausreichend erachten. Mr. Jenckes und Mr. Schenck haben in ihren Gesetzesentwürfen den Anstand, kein Wort über Steuern zu verlieren, vielleicht in dem Gedenken, dass ‚Besteuerung ohne Repräsentation Tyrannei ist‘. Aber Mr. Broomall, obwohl er nicht will, dass wir an den Ehren der Regierung teilhaben, würde uns nur allzu gerne einen Platz bei ihren Lasten sichern; denn während er Repräsentanten nur für ‚männliche Wahlberechtigte‘ zuteilt, gesteht er ‚allen Bewohnern‘ die Rechte, Privilegien und Immunitäten der Besteuerung zu. Großmütiger Abgeordneter!

„Ich möchte die Aufmerksamkeit der Frauen der Nation auf die Tatsache lenken, dass es unter der föderalen Verfassung, so wie sie jetzt existiert, kein einziges Wort gibt, das das Wahlrecht auf eine privilegierte Klasse beschränkt. Dieser Versuch, die Räder der Zivilisation zurückzudrehen, seitens der Republikaner, die behaupten, die liberale Partei zu sein, sollte jede Frau der Nation zur sofortigen Ausübung des einzigen Rechts bewegen, das sie in der Regierung hat: das Recht auf Petition. Zu diesem Zweck hat ein Komitee in New York Tausende von Petitionen versandt, die in jedem Bezirk verbreitet und so bald wie möglich an seinen Abgeordneten in Washington gesendet werden sollten.

„Elizabeth Cady Stanton.

„New York, 2. Januar 1866.“

KAPITEL XVI.

PIONIERLEBEN IN KANSAS – UNSERE ZEITUNG, „THE REVOLUTION“.

Im Jahr 1867 wurde der Vorschlag, das Wahlrecht auf Frauen und farbige Männer auszudehnen, dem Volk des Staates Kansas unterbreitet, und ich wurde unter anderen Rednern aus dem Osten eingeladen, eine Kampagne durch den Staat zu führen. Da die Herbstwahlen bevorstanden, herrschte überall große Aufregung. Das Stimmrecht für farbige Männer war eine republikanische Maßnahme, die die Presse und die Politiker dieser Partei enthusiastisch verfochten.

Da das Frauenstimmrecht keine Parteifrage war, hofften wir, dass alle Parteien die Maßnahme befürworten würden; dass wir endlich einen grünen Fleck auf Erden haben könnten, wo Frauen als Bürgerinnen der Vereinigten Staaten volle Freiheit genießen könnten. Dementsprechend brachen Miss Anthony und ich im Juli mit großen Hoffnungen auf eine überaus erfolgreiche Reise auf, und nach einer ereignislosen Reise von eintausendfünfhundert Meilen erreichten wir den heiligen Boden, auf dem John Brown und seine Söhne geholfen hatten, die Schlachten zu schlagen, die Kansas zu einem freien Staat machten.

Lucy Stone, Mr. Blackwell und Olympia Brown waren uns vorausgegangen und hatten die Kampagne mit großen Versammlungen in allen wichtigen Städten eröffnet. Miss Anthony und ich taten dasselbe. Dann wurde beschlossen, dass wir, da wir bis an die Grenzen des Staates fahren mussten, wo es keine Eisenbahnen gab, Kutschen nehmen und unsere Kräfte durch die Wahl verschiedener Routen einteilen mussten. Ich wurde vom ehemaligen Gouverneur Charles Robinson begleitet. Wir hatten eine niedrige, bequeme Kutsche, die von zwei Maultieren gezogen wurde, in der wir etwa einen Scheffel Flugblätter, zwei Reisetaschen, einen Eimer zum Tränken der Maultiere, einen Korb mit Äpfeln, Crackern und anderen Erfrischungen, die wir unterwegs kaufen konnten, verstauten. Einige Dinge wurden unter der Kutsche aufgehängt, einige hinten aufgeladen und einige unter dem Sitz und zu unseren Füßen untergebracht. Es erforderte großes Geschick, das notwendige Gepäck auf den zugewiesenen Raum zusammenzudrücken. Da wir bis an den äußersten Rand der Zivilisation fuhren, wo immer zwei Dutzend Wähler versammelt werden konnten, bekamen wir einen Vorgeschmack auf das Pionierleben. Wir sprachen in Blockhütten, in Bahnhöfen, unfertigen Schulhäusern, Kirchen, Hotels, Scheunen und unter freiem Himmel.

Ich sprach eines Nachts in einer großen Mühle. Eine einzelne Talgkerze leuchtete wie ein Heiligenschein über meinem Kopf; ein paar Laternen am Rande der Zuhörerschaft machten die Dunkelheit wahrnehmbar; aber alles, was ich von meinem Publikum sehen konnte, war das Weiß ihrer Augen in der trüben Ferne. Die Leute kamen aus einem Umkreis von zwanzig Meilen zu diesen Versammlungen, die entweder morgens, nachmittags oder abends stattfanden, je nachdem, wie es am bequemsten war.

Da die reguläre staatliche Wahl im kommenden November stattfinden sollte, nahm das Interesse von Woche zu Woche zu, bis die Aufregung der Menschen keine Grenzen mehr kannte. Es gab Redner für und gegen jeden Vorschlag, der dem Volk vorlag. Dies führte zu häufigen Debatten über alle allgemeinen Grundsätze der Regierung, und so wurde eine große erzieherische Arbeit geleistet, was einer der Vorteile unserer häufigen Wahlen ist.

Die Freunde des Frauenstimmrechts waren zur Enttäuschung verdammt. Diejenigen im Osten, auf deren Einfluss durch die liberalen Zeitungen sie sich stützten, blieben stumm, und wir erfuhren später, dass sie ihren Einfluss dazu nutzten, die Abolitionisten und Republikaner des Staates zum Schweigen zu bringen, da sie fürchteten, die Diskussion über die Frauenfrage würde die Emanzipation des schwarzen Mannes gefährden. Wir arbeiteten jedoch unermüdlich und hoffnungsvoll und durchschauten das Spiel der Politiker erst gegen Ende der Wahlkampagne, als wir sahen, dass unsere einzige Chance in der Gewinnung der demokratischen Stimmen lag. Dementsprechend wurde George Francis Train, damals ein überaus effektiver und populärer Redner, in den Staat eingeladen, um zu sehen, was getan werden könne, um die Demokraten zu gewinnen. Er wendete bald das Blatt, stärkte die schwachen Republikaner und Abolitionisten und sicherte eine große demokratische Stimmenzahl.

Drei Monate lang arbeiteten wir fleißig, Tag für Tag, und ertrugen alle Arten von Unannehmlichkeiten auf Reisen, beim Essen und beim Schlafen. Da es keine Straßen oder Wegweiser gab, verloren wir oft den Weg. Beim Durchqueren von Canyons und beim Durchwaten von Bächen war es oft so dunkel, dass der Gouverneur gezwungen war, vorauszugehen, um den Weg zu finden, wobei er seinen Mantel auszog, damit ich sein weißes Hemd sehen und langsam hinter ihm herfahren konnte. Obwohl ich scheinbar ruhig und gelassen war, hatte ich große Angst vor diesen nächtlichen Abenteuern, da ich ständig fürchtete, an irgendeinem Hügel umzukippen und ins Wasser gerollt zu werden. Der Gouverneur lobte mich oft für meinen Mut, während ich mir durchaus bewusst war, dass ich vor Angst wie vom Sturm gepeitscht war. Ich bin von Natur aus sehr schüchtern, aber da ich bei starken Gefühlen von Freude oder Schmerz schweige, schreibt man mir in der Stunde der Gefahr Mut zu.

Tage lang konnten wir manchmal an einem öffentlichen Tisch nichts finden, was wir essen konnten. Dann konnten wir beim Durchqueren einer kleinen Siedlung getrocknete Heringe, Cracker, Gummi arabicum und Ulmenrinde kaufen; letztere, so wurde uns gesagt, sei sehr nahrhaft. Wir saßen häufig an einem Tisch mit in Fett schwimmendem Speck, Kaffee ohne Milch, gesüßt mit Sorghum, und Brot oder heißem Gebäck, grün vor Soda, während Gemüse und Obst selten zu sehen waren. Unsere Nächte waren elend, aufgrund der allgemeinen Meinung unter den Pionieren, dass eine bestimmte Art von Insekt in einer jungen Zivilisation notwendigerweise durch die Betten wandern müsse. Eines Nachts, nachdem wir den ganzen Tag über Prärien gereist waren und nichts gegessen hatten, außer dem, was unsere Speisekammer bot, sahen wir in der Ferne ein Licht in einem Häuschen, das uns zuzuwinken schien. Als wir ankamen, stellten wir die übliche Frage – ob wir eine Nachtunterkunft bekommen könnten –, worauf die Antwort zwangsläufig ein herzliches, gastfreundliches „Ja“ war. Ein Blick auf die Räumlichkeiten zeigte mir, wonach ich in Bezug auf nächtliche Begleitung Ausschau halten musste, also sagte ich zum Gouverneur: „Ich werde heute Nacht zugunsten von Ihnen auf die mir angebotenen Annehmlichkeiten verzichten und in der Kutsche schlafen, so wie Sie es so oft tun.“ Ich beharrte trotz aller eindringlichen Überredungsversuche unseres Gastgebers darauf, und nach angemessener Zeit war ich für die Nacht untergebracht, und alles im Haus war still.

Ich war gerade in einen sanften Schlummer gefallen, als ein Chor von ausgeprägtem Grunzen und ein krampfhaftes Schütteln der Kutsche mir die Tatsache offenbarten, dass ich von jenen langnasigen schwarzen Schweinen umgeben war, die für ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit so berühmt sind. Sie hatten entdeckt, dass die Eisenstufen der Kutsche die zufriedenstellendsten Kratzpfosten abgaben, und jedes von ihnen kämpfte um seine Reihe. Dieses Kratzen deutete auf Flöhe hin. Ach!, dachte ich, vor dem Morgen werde ich verschlungen sein. Ich war todmüde und schläfrig, aber ich griff nach der Peitsche und ließ sie träge von einer Seite zur anderen sausen; doch ich stellte bald fest, dass nur ein ständiger und überaus kräftiger Einsatz der Peitsche sie einen Moment lang auf Distanz halten konnte. Ich hatte gehört, dass diese Art von Schwein sehr kampflustig ist, wenn es in seinen Wünschen vereitelt wird, und sie schienen so dringend Erleichterung zu brauchen, dass ich dachte, es bestehe die Gefahr, dass sie in die Kutsche springen und mich angreifen würden. Dieser Gedanke war erschreckender als der an die Flöhe, also beschloss ich, einzuschlafen und sie in Ruhe kratzen zu lassen, wie es ihnen gefiel. Ich hatte eine traurige Nacht und versuchte es nie wieder mit der Kutsche, obwohl ich viele ebenso elende Erfahrungen innerhalb von vier Wänden machte.

Nach einer dieser Versammlungen an der Grenze verbrachten wir eine weitere Nacht bei einer Familie mit zwei Junggesellenbrüdern und zwei ledigen Schwestern. Das Zuhause bestand aus einem großen Raum, der noch nicht verputzt war. Die Einrichtung umfasste einen Kochherd, zwei Doppelbetten in den entlegenen Ecken, einen Tisch, eine Kommode, einen Waschtisch und sechs Holzstühle. Da es spät war, gab es kein Feuer im Herd und keinen Hinweis auf ein Abendessen, also aßen der Gouverneur und ich Äpfel und kauten Ulmenrinde, bevor wir uns zur Ruhe legten, um von bequemen Betten und reich gedeckten Tischen in naher Zukunft zu träumen.

Die Brüder überließen mir ihr Bett, genau so, wie es war. Ich hatte bemerkt, dass es unter solchen Umständen kein zeremonielles Wechseln der Bettwäsche gab, also hatte ich gelernt, alle pingeligen Vorstellungen von individueller Sauberkeit im Keim zu ersticken und das Unvermeidliche zu akzeptieren. Als die Zeit zum Schlafengehen kam, gingen der Gouverneur und die Brüder hinaus, um astronomische Beobachtungen anzustellen oder zu rauchen, wie es der Fall sein mochte, während die Schwestern und ich unsere Abendtoilette machten und uns in den zugewiesenen Ecken einrichteten. Als das erledigt war, machten die stämmigen Söhne Adams ihre Betten mit Fellen und Decken auf dem Boden. Als alles still war und Dunkelheit herrschte, überdachte ich die Situation mit schwerem Herzen, da ich sah, dass ich die ganze Nacht dazu verdammt war, in der Ecke Gefangene zu bleiben, komme, was da wolle. Ich hatte mir gerade zu meiner Anpassungsfähigkeit an die Umstände gratuliert, als ich plötzlich mit einem nachdrücklichen „Was ist das?“ aufschreckte. Eine Stimme aus der Ecke fragte: „Ist Ihr Bett bequem?“ „Oh ja“, antwortete ich, „aber ich dachte, ich hätte eine Maus über meinen Kopf laufen fühlen.“ „Nun“, sagte die Stimme aus der Ecke, „das würde mich nicht wundern. Ich habe in der vergangenen Woche solch ein Quietschen aus dieser Ecke gehört, dass ich zu meiner Schwester sagte, da müsse ein Mausnest in diesem Bett sein.“ Ein Geständnis, das sie wahrscheinlich nicht gemacht hätte, wenn sie nicht halb im Schlaf gewesen wäre. Diese Ankündigung wurde mit unterdrücktem Gelächter vom Boden begrüßt. Aber für mich war das keine Lacheache. Ach! welch ein Ausblick – die ganze Nacht Mäuse über sich laufen zu haben. Aber es gab kein Entkommen. Die Schwestern boten keine Erkundungen an, und in meiner Ermüdungskleidung konnte ich keine Kerze anzünden und selbst welche machen. Das Haus bot keinen Sessel, in dem ich hätte aufrecht sitzen können. Ich konnte nicht auf dem Boden liegen, und das andere Bett war belegt. Glücklicherweise war ich sehr müde und schlief bald ein. Was die Mäuse den Rest der Nacht taten, habe ich nie erfahren, so tief war mein Schlummer. Aber da meine Gesichtszüge intakt und mein Gesichtsausdruck am nächsten Morgen so sanft wie gewöhnlich waren, folgerte ich, dass ihre Eskapaden auf höchst unschuldige und anständige Weise durchgeführt worden waren. Dies sind Beispiele für viele ähnliche Erfahrungen, die wir während der drei Monate dieser ereignisreichen Reisen machten.

Bisher war meine Vorstellung davon, dass das Pionierleben eine Zeit romantischer Freiheit sei. Wenn die langen, weiß bedeckten Wagen, die auf dem Weg in den fernen Westen waren, vorbeizogen, dachte ich an die Neuheit einer sechsmonatigen Reise durch die hellen Frühlings- und Sommertage in einem Haus auf Rädern, Mahlzeiten unter schattigen Bäumen und neben plätschernden Bächen, Schlafen unter freiem Himmel und schließlich ein Zuhause zu finden, wo Land billig, der Boden reich und tief war und wo Getreide, Gemüse, Obst und Blumen bei wenig Mühe reichlich wuchsen. Aber ein paar Monate Pionierleben verdunkelten dauerhaft mein rosiges Ideal vom weiß bedeckten Wagen, den charmanten Picknicks auf dem Weg und dem Paradies am Ende. Ich fand viele dieser Abenteurer in unfertigen Häusern und von Malaria geplagt; in einem Fall sah ich eine Familie von acht Personen, die alle an Schüttelfrost und Fieber litten. Das Haus war eine halbe Meile von dem Quellwasser entfernt, auf das sie angewiesen waren und von dem diejenigen, die dazu am besten in der Lage waren, Tag für Tag das benötigte Elixier zu anderen brachten, die unter dem üblichen Durst litten. Ihre Erzählungen von all den Prüfungen der langen Reise waren in der Tat herzzerreißend.

In einem Fall verließ eine zwölfköpfige Familie ihre komfortable Farm in Illinois, sehr gegen die eindringlichen Proteste der Mutter; sie hatte zehn Kinder, das jüngste ein Baby, das sie damals auf dem Arm hielt. Ihr gesamter irdischer Besitz war in drei Wagen verstaut, und die Farm, die der Mutter gehörte, wurde verkauft, bevor sie ihre lange und gefährliche Reise antraten. Es gab keinen Grund zu gehen, außer dass der Ehemann das Western-Fieber hatte. Ihnen ging es in Illinois auf einer großen Farm innerhalb von zwei Meilen von einem Dorf gut, aber er hatte Visionen von einer Goldgrube nahe der untergehenden Sonne. Dementsprechend brachen sie auf. Am Ende eines Monats starb das Baby. Ein Stück Holz aus der Wiege war alles, was sie hatten, um seine einsame Ruhestätte zu markieren. Mit traurigen Herzen zogen sie weiter, und nach wenigen Wochen, vor Gram um ihr Kind, ihr altes Zuhause, ihre Verwandten und Freunde, starb auch die Mutter. Auch sie wurde einsam auf den weit entfernten Prärien zurückgelassen, und das traurige Schauspiel zog weiter. Ein weiteres Kind teilte bald dasselbe Schicksal, und dann starb ein Gespann Pferde, und ein Wagen mit all den Dingen, die sie am leichtesten entbehren konnten, wurde aufgegeben. Am Ziel angekommen, wurde keiner der goldenen Träume verwirklicht. Die teure Reise, die Kämpfe beim Start unter neuen Umständen und der Verlust der Sparsamkeit und Verwaltung der Mutter machten den Vater so entmutigt und rücksichtslos, dass ein Großteil seines Eigentums verschwendet wurde und seine irdische Laufbahn bald beendet war. Durch die heldenhafte Energie und gute Verwaltung der ältesten Tochter wurde das kleine Erbe mit der Zeit verdoppelt, und die Kinder wurden gut erzogen und in den Grundzügen des Lernens unterwiesen, sodass alle respektable Mitglieder der Gesellschaft wurden. Ihr Rat an alle jungen Leute ist: Wenn Sie im Osten komfortabel etabliert sind, bleiben Sie dort. Es gibt keinen königlichen Weg zu Reichtum und Leichtigkeit, selbst in den westlichen Staaten nicht!

Trotz der Unannehmlichkeiten, die wir im Wahlkampf in Kansas erlitten haben, war ich froh über die Erfahrung. Es gab mir zusätzliches Selbstwertgefühl zu wissen, dass ich solche Entbehrungen und Müdigkeit mit einem hohen Maß an Fröhlichkeit ertragen konnte. Der Gouverneur und ich lachten oft herzlich, während wir geduldig auf unserem Gummi arabicum und unserer Ulmenrinde kauten, wenn wir daran dachten, mit welch sanftem Stimulans wir solche wunderbaren Leistungen als Redner und Reisende vollbrachten. Es war ein Glück, dass unser intensiver Enthusiasmus für das Thema uns die notwendige Inspiration gab, da die Vorräte, die wir unterwegs sammelten, keineswegs belebend genug für einen lang anhaltenden Propagandafeldzug waren.

Ich genoss diese täglichen Fahrten über die weiten Prärien und lauschte den Beschreibungen des Gouverneurs von den frühen Tagen, als die „Bushwhackers und Jayhawkers“ ihre Überfälle auf die Bewohner des jungen freien Staates machten. Der Mut und die Ausdauer der Frauen, umgeben von Gefahren und Unannehmlichkeiten, übertrafen jede Beschreibung. Ich betrachte es als ein großes Privileg, die Bekanntschaft so vieler edler Frauen und Männer gemacht zu haben, die solche Szenen durchlebt und solche Schwierigkeiten überwunden hatten. Sie schienen in einer Atmosphäre zu leben, die weit über ihre Umgebung hinausging. Viele gebildete Familien aus Neuengland, enttäuscht darüber, die viel besprochenen Goldgruben nicht gefunden zu haben, lebten in Blockhütten an einsamen Orten, meilenweit von irgendwelchen Nachbarn entfernt. Aber ich fand Emerson, Parker, Holmes, Hawthorne, Whittier und Lowell in ihren Bücherregalen, um ihre Mußestunden zu erfreuen.

Miss Anthony und ich trösteten uns oft inmitten widriger Winde mit Erinnerungen an die kurze Zeit, die wir unter Mutter Bickerdykes gastfreundlichem Dach in Salina verbrachten. Dort hatten wir saubere, bequeme Betten, köstliche Speisen, und alles war exquisit sauber. Sie unterhielt uns mit ihren Erinnerungen an den Krieg. Mit großer Selbstverleugnung hatte sie ihrem Land in Lager und Lazarett gedient und war bei Shermans Armee auf diesem wunderbaren Marsch zum Meer dabei gewesen, und hier fanden wir sie am Außenposten der Zivilisation, entschlossen, das zu gründen, was Kansas am meisten brauchte – ein gutes Hotel. Aber ach! es war zu gut für diesen Breitengrad und erwies sich als finanzieller Misserfolg. Es war für uns eine Oase in der Wüste, in der wir gerne verweilt hätten, wenn die Opposition zu uns gekommen wäre, um sich bekehren zu lassen. Aber da wir das Evangelium der Gleichheit der Frau in die Landstraßen und Hecken tragen mussten, verließen wir die liebe Mutter Bickerdyke mit tiefem Bedauern. Der Same, der 1867 in Kansas gesät wurde, trägt jetzt seine legitimen Früchte. Es gab keinen Bezirk im Staat, in dem nicht Versammlungen abgehalten oder Flugblätter mit freigebiger Hand verbreitet wurden. Wenn die Freunde unserer Sache im Osten treu gewesen wären und für die Frau getan hätten, was sie für den farbigen Mann taten, glaube ich, dass beide Vorschläge angenommen worden wären; aber mit einer engen Politik, die eine gegen die andere ausspielte, wurden beide besiegt. Eine Politik der Ungerechtigkeit trägt immer ihre eigenen legitimen Früchte im Scheitern.

Doch die Frauen lernten eine wichtige Lektion – nämlich, dass es für die besten Männer unmöglich ist, die Gefühle von Frauen oder die Demütigung ihrer Lage zu verstehen. Als sie uns baten, während des Krieges zu unserem Anliegen zu schweigen und für die Emanzipation der Sklaven zu arbeiten, taten wir dies und widmeten fünf Jahre seiner Befreiung und seinem Wahlrecht. Diesem Vorschlag stimmte meine Freundin, Susan B. Anthony, niemals zu, war aber gezwungen nachzugeben, weil ihr niemand zur Seite stand. Ich war damals überzeugt, dass dies die richtige Taktik sei. Ich bin mir heute ebenso sicher, dass es ein Fehler war, und seither habe ich das Urteil meiner geliebten Susan dem der Welt vorgezogen. Ich habe immer gefunden, dass wir sicher recht haben, wenn wir einer Meinung sind, und dass wir stark sind, wenn wir an einem Strang ziehen. Nachdem wir einen Punkt gemeinsam erörtert und uns vollkommen geeinigt haben, ist unser Glaube an unser gemeinsames Urteil unerschütterlich, und kein noch so großer Spott oder Widerstand hat den geringsten Einfluss, aus welcher Richtung er auch kommen mag.

Gemeinsam hielten wir den Republikanern und Abolitionisten stand, als sie uns zum zweiten Mal die feierlichsten Versprechen gewissenhafter Arbeit für unser Wahlrecht gaben, als die Sklaven über jeden Zweifel erhaben in Sicherheit waren. Sie lösten ihr während des Krieges gegebenes Versprechen niemals ein; daher wollten wir uns, als sie uns im Wahlkampf in Kansas zum Schweigen drängten, keinen Augenblick auf diesen Vorschlag einlassen. Die Frauen erwachten im Allgemeinen zu ihrer Pflicht sich selbst gegenüber. Sie waren einmal getäuscht worden und konnten es nicht wieder werden. Wenn die Anführer in den republikanischen und abolitionistischen Lagern uns täuschen konnten, wem konnten wir dann trauen?

Wieder wurden wir gedrängt, zu unseren Rechten zu schweigen, als der Vorschlag, das Wort „weiß“ aus der Verfassung von New York zu streichen, der Abstimmung des Volkes des Staates unterbreitet wurde – oder vielmehr der Hälfte des Volkes, da Frauen in dieser Angelegenheit keine Stimme hatten. Wieder sagten wir: „Nein, nein, meine Herren! Wenn das ‚weiß‘ aus der Verfassung gestrichen wird, lassen Sie auch das ‚männlich‘ streichen. Die Frauen haben bisher mit dem Neger als geächtete Klassen auf gleichem Boden gestanden, außerhalb des politischen Paradieses; und jetzt, da die Tür offen steht, ist es nur recht und billig, dass wir beide eintreten und alle Früchte der Staatsbürgerschaft genießen. Bisher in der Verfassung mit Idioten, Wahnsinnigen und Verbrechern gleichgestellt, war der Neger der einzige respektable Gefährte, den wir hatten; also bitte trennen Sie uns jetzt nicht für weitere zwanzig Jahre, bevor die verfassungsmäßige Tür wieder geöffnet wird.“

Wir wurden beharrlich gedrängt, all unsere Anstrengungen darauf zu verwenden, das Wort „weiß“ zu streichen und so das Wahlrecht für den farbigen Mann zu sichern, da dies, wie sie sagten, den Weg für uns ebnen würde. Mehrere Herausgeber drohten, dass ihre Zeitungen andernfalls von nun an ihr Bestes tun würden, um jede von uns vorgeschlagene Maßnahme zu Fall zu bringen. Doch wir waren für Überredungskünste wie für Drohungen gleichermaßen taub und hielten es für klüger, für die Frauen zu arbeiten, die immerhin die Hälfte des Volkes des Staates ausmachten, als für eine kleine Zahl farbiger Männer, die, da sie alle Dinge vom selben Standpunkt aus betrachteten wie weiße Männer, eine zusätzliche Kraft gegen uns wären.

Nachdem die Frage in Kansas geklärt war, kehrten wir mit George Francis Train nach New York zurück. Er bot an, alle Kosten für die Reise und die Versammlungen in allen wichtigen Städten auf dem Weg zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass in deren jeweiligen Journalen umfassend und gut über uns berichtet wurde. Nach langwieriger Beratung hielten Miss Anthony und ich es für das Beste, das Angebot anzunehmen, und das taten wir. Die meisten unserer Freunde hielten dies für einen schweren Fehler, doch das Ergebnis erwies sich als das Gegenteil. Mr. Train war damals in seiner Blütezeit – ein großer, stattlicher Mann, ein Gentleman in Kleidung und Auftreten, der weder rauchte, kaute, trank noch schlemmerte. Er war ein wirkungsvoller Redner und Schauspieler, wie eine seiner Reden, die er veranschaulichte, indem er die arme Ehefrau am Waschzuber und den betrunkenen, schwankenden Ehemann nachahmte, deutlich zeigte. Er bot seinem Publikum eher Charakterstudien des täglichen Lebens als Argumente. Er gefiel dem breiten Publikum immer, und selbst die Anspruchsvollsten waren von seinen Karikaturen amüsiert. Da die Zeitungen unseren Versammlungen an jedem Punkt in allen Staaten mehrere Spalten widmeten, war die Agitation weit verbreitet und von großem Wert. Sicher, unsere Freunde fielen von allen Seiten ab, und besonders diejenigen, die wollten, dass wir bei der Frage der Frauenrechte schwiegen, erklärten: „Die Sache ist zu heilig, um von einem solchen Scharlatan wie George Francis Train vertreten zu werden.“ Wir dachten anders darüber, da der Beitritt von Mr. Train die Agitation verdoppelte. Hätten diese anspruchsvollen Damen und Herren sich in Kansas eingesetzt, den Boden besetzt und die „Kriegskassen“ gefüllt, hätte es kein Feld für die Arbeit von Mr. Train gegeben, und wir hätten ihre Dienste angenommen. Da der Boden aber unbesetzt war, hatte er zumindest das Recht eines reformatorischen „Landbesetzers“, die Kardinaltugenden zu kultivieren und eine moralische Ernte einzufahren, wo immer er konnte.

In New York angekommen, ermöglichte uns Mr. Train die Gründung einer Zeitung, die unserer Bewegung einen weiteren Impuls gab. The Revolution, herausgegeben von Susan B. Anthony und redigiert von Parker Pillsbury und mir, bestand zweieinhalb Jahre und wurde dann mit dem New York Christian Enquirer verschmolzen, der von Rev. Henry Bellows, D.D., herausgegeben wurde. Ich betrachte die kurze Zeit, in der ich The Revolution redigierte, als eine der glücklichsten meines Lebens, und ich darf hinzufügen, die nützlichste. Beim Durchsehen der Leitartikel finde ich nur einen, den ich aufrichtig bereue, und das war eine Erwiderung auf Mr. Garrison, die unter großer Provokation geschrieben wurde, aber nicht von mir, und von der mich die Umstände damals daran hinderten, mich zu distanzieren. Wenn ich den Druck bedenke, der auf Miss Anthony und mich ausgeübt wurde, empfinde ich heute, dass unsere Geduld und Nachsicht gegenüber unseren Feinden bei ihren bösartigen Angriffen auf unseren guten Namen, die wir nie beantworteten, in der Tat bewundernswert war.

Wir sagten jederzeit und zu allen anderen Themen genau das, was wir dachten, und bewarben nichts, woran wir nicht glaubten. Keine Anzeigen für Quacksalber-Heilmittel erschienen in unseren Spalten. Einer unserer Angestellten veröffentlichte einmal eine Anzeige für ein Backpulver, die ich erst sah, nachdem das Papier erschienen war; also sagte ich in der nächsten Ausgabe redaktionell, was ich davon hielt. Ich war eines Tages allein im Büro, als ein Mann hereinpolterte. „Wer“, sagte er, „leitet diesen Laden?“ „Sie finden die Namen der Herausgeber und Verleger“, antwortete ich, „auf der Redaktionsseite.“ „Sind Sie eine von ihnen?“ „Das bin ich“, antwortete ich. „Nun, wissen Sie, dass ich zugestimmt habe, zwanzig Dollar für die einmonatige Bewerbung dieses Backpulvers zu zahlen, und dann verurteilen Sie es redaktionell?“ „Ich habe mit der Werbung nichts zu tun; Miss Anthony bezahlt mich dafür, dass ich sage, was ich denke.“ „Haben Sie noch mehr Gedanken über dieses Backpulver zu veröffentlichen?“ „Oh ja“, antwortete ich, „ich habe das Thema noch nicht erschöpft.“ „Dann“, sagte er, „lasse ich die Anzeige herausnehmen. Was ist für das eine Erscheinen zu zahlen?“ „Oh, nichts“, antwortete ich, „da der Leitartikel Ihnen wahrscheinlich mehr geschadet hat, als die Anzeige Ihnen genützt hat.“ Beim Gehen sagte er mit prophetischem Blick: „Ich prophezeie diesem Blatt ein kurzes Leben; die Geschäftswelt basiert auf Quacksalberei, und Sie können ohne sie nicht leben.“ Mit melancholischer Gewissheit antwortete ich: „Ich fürchte, Sie haben recht.“

KAPITEL XVII.

LYZEEN UND DOZENTEN.

Das Lyceum Bureau war eine Zeit lang eine große Besonderheit im amerikanischen Leben. Die drei führenden Büros befanden sich in Boston, New York und Chicago. Die Manager legten mit der Landkarte in der Hand Reisen fest, die je nach Leistungsfähigkeit oder Wille der Redner mehr oder weniger umfangreich waren, und trafen dann mit einem Dutzend oder mehr Opfern in der Hand Vereinbarungen mit den Komitees in verschiedenen Städten, um sie alle in Bewegung zu setzen. Da die Manager der Büros zehn Prozent von dem bekamen, was die Redner verdienten, lag es in ihrem Interesse, die Zeit gut auszufüllen. Daher wurden die Termine ohne die geringste Rücksicht auf den Komfort der Reisenden vereinbart. Bei unseren riesigen Entfernungen war es oft notwendig, Tag und Nacht zu reisen, manchmal mitten in der Nacht umzusteigen und vielleicht eine halbe Stunde oder weniger vor dem Auftritt am Zielort anzukommen und unmittelbar nach dem Verlassen desselben die Reise wieder fortzusetzen. Die Route wurde immer sorgfältig aufgeschrieben, wobei die Zeiten angegeben waren, zu denen die Züge an verschiedenen Punkten abfuhren und ankamen; da jedoch Querzugverbindungen oft nicht klappten, reiste man mit dem Reiseführer in der Hand in einem ständigen Fieber der Angst. Da die Honorare in der Anfangszeit bei ein- bis zweihundert Dollar pro Abend lagen, waren die Redner selbst bestrebt, so viel wie möglich zu erreichen.

1869 gab ich meinen Namen zum ersten Mal beim New York Bureau an und begann am 14. November die langen, ermüdenden Wallfahrten von Maine bis Texas, die zwölf Jahre dauerten; ich sprach jede Saison acht Monate lang, von Oktober bis Juni, ununterbrochen. Das war die Blütezeit des Vortragswesens, als eine lange Liste kluger Männer und Frauen ständig unterwegs war. Anna Dickinson, Olive Logan, Kate Field – später Mrs. Livermore und Mrs. Howe, Alcott, Phillips, Douglass, Tilton, Curtis, Beecher und einige Jahre später General Kilpatrick, mit Henry Vincent, Bradlaugh und Matthew Arnold aus England; diese und viele andere waren Stars des Vortragspodiums.

Einige von uns schafften es gelegentlich, den Sonntag gemeinsam in einem guten Hotel in irgendeiner Stadt zu verbringen, um uns auszuruhen, zu schlemmen und über unsere Freuden und Sorgen zu sprechen, über die langen Reisen, die harte Kost in den Landhotels, die regnerischen Nächte, in denen die Komitees deprimiert waren und versuchten, unsere Honorare zu kürzen; das Gezwungenwerden durch rücksichtslose Leute, im Zug zu reden; die überheizten, schlecht belüfteten Wagen; die Säle, manchmal zu warm, manchmal zu kalt; Babys, die im Publikum weinten; der Regen, der auf das Dach über uns trommelte oder auf das Podium tropfte – das waren alltägliche Erfahrungen. Im Westen belegten Frauen mit Babys ausnahmslos die vorderen Plätze, damit die Kleinen, die nicht verstanden, was man sagte, durch Gesten und wechselnde Mimik amüsiert werden konnten. All diese Dinge, die damals so anstrengend für konzentriertes und enthusiastisches Reden waren, dienten später als Gegenstand amüsanter Unterhaltungen. Wir beschwerten uns einstimmig über den Tee und Kaffee. Mrs. Livermore hatte die Weisheit, einen Spirituskocher mit ihrem eigenen Tee und Kaffee mitzuführen, und versorgte sich so mit den nötigen Stimulanzien für ihre rednerischen Anstrengungen. Die Härten dieser Lyceum-Reisen können nur von denen ermessen werden, die sie erlitten haben. Mit Unfällen bei Zügen und Brücken, mit Überschwemmungen und Schneeblockaden waren die Fallstricke bei einer dieser Kampagnen zahllos.

Als ich einmal in Maquoketa, Iowa, einen Vortrag halten sollte, kam ich gegen Mittag in Lyons an und stellte fest, dass die Straße wegen Schnees blockiert war und tagelang keine Züge fahren würden. „Nun“, sagte ich zum Wirt, „ich muss heute Abend um acht Uhr in Maquoketa sein; haben Sie einen Schlitten, ein Gespann flinker Pferde und einen geschickten Kutscher? Wenn ja, fahre ich querfeldein.“ „Oh ja, gnädige Frau!“, antwortete er, „ich habe alles, was Sie verlangen; aber Sie würden eine sechsstündige Fahrt in diesem beißenden Wind nicht aushalten.“ Da ich in einer Schneeregion gelebt hatte, in der das Thermometer auf zwanzig Grad unter Null fiel, hatte ich keine Angst vor Wind und Verwehungen, also sagte ich: „Machen Sie den Schlitten bereit, ich werde es versuchen.“ Dementsprechend telegrafierte ich dem Komitee, dass ich dort sein würde, und machte mich auf den Weg. Ich war gut eingepackt in einen Pelzmantel und eine Kapuze, ein heißes Eichenbrett unter meinen Füßen und einen dicken Schleier über Kopf und Gesicht. Als der Wirt den letzten Schliff gab, indem er eine große Büffelhaut über alles warf und die beiden Schwänze hinten am Kopf zusammenband, was mich wirksam daran hinderte, meine Hand an meine Nase zu führen, sagte er: „Da, wenn Sie nur ganz still sitzen können, werden Sie in Maquoketa gut ankommen; das heißt, wenn Sie dort ankommen, was ich sehr bezweifle.“ Es war eine lange, harte Fahrt gegen den Wind und durch Verwehungen, aber ich bewegte kaum einen Finger, und als die Uhr acht schlug, fuhren wir in die Stadt ein. Der Saal war warm, und da die Kirchenglocke meine Ankunft angekündigt hatte, war ein großes Publikum versammelt. Da ich erfuhr, dass alle Straßen im Norden von Iowa blockiert waren, machte ich die gesamte Rundreise von Punkt zu Punkt im Schlitten und legte täglich vierzig bis fünfzig Meilen zurück.

Drei Wochen später traf ich im Sherman House in Chicago Mr. Bradlaugh und General Kilpatrick, die auf derselben Route vor mir angekündigt waren. „Nun“, sagte ich, „wo seid ihr Herren gewesen?“ „Wir haben hier darauf gewartet, dass die Straßen geöffnet werden. Wir haben drei Wochen an Terminen verloren“, antworteten sie. Da der General über seine Erfahrungen auf Shermans Marsch zum Meer vortrug, zog ich ihn damit auf, dass er in einem Notfall nicht in der Lage sei, durch den Bundesstaat Iowa zu marschieren. Sie waren sehr erstaunt und etwas beschämt, als ich ihnen von meinen langen, einsamen Fahrten über die Prärien von Tag zu Tag erzählte. Es war das Zeugnis aller Büros, dass die Frauen mehr Müdigkeit ertragen konnten und gewissenhafter waren als die Männer, wenn es darum ging, ihre Termine einzuhalten.

Das Angenehme an diesen Reisen war die große Bildungsarbeit, die für die Menschen geleistet wurde, indem sie Vorträge zu allen vitalen Fragen der Zeit hörten. Wo auch immer wir uns sonntags aufhielten, predigten wir in irgendeiner Kirche; und wo immer ich einen freien Nachmittag hatte, sprach ich allein zu Frauen über Ehe, Mutterschaft und die Gesetze des Lebens und der Gesundheit. Wir machten auch viele bezaubernde Bekanntschaften, die über unsere westliche Welt verstreut waren, und sahen, wie komfortabel und glücklich vernünftige Menschen sein konnten, die unter engsten Umständen lebten, ohne jeglichen Luxus des Lebens. Wenn die meisten Hausfrauen die Hälfte ihrer Kleidung und Möbel loswerden und ihren Nippes ins Stadtmuseum bringen könnten, würde das Leben vereinfacht werden und sie würden anfangen zu begreifen, was Freizeit bedeutet. Wenn ich so viele unserer amerikanischen Frauen sehe, die danach streben, Künstlerinnen zu sein, die aber weder einen guten Laib Brot noch eine schmackhafte Tasse Kaffee zubereiten können, denke ich an das, was Theodore Parker sagte, als Kunst in Boston ein Wahn war: „Die schönen Künste interessieren mich nicht so sehr wie die groben Künste, die ein Volk ernähren, kleiden, beherbergen und trösten. Ich wäre lieber ein großer Mann wie Franklin als ein Michelangelo – nein, hätte ich einen Sohn, würde ich ihn lieber als Mechaniker sehen, wie den verstorbenen George Stephenson in England, als als großen Maler wie Rubens, der nur Schönheit kopierte.“

Eines Tages fand ich im Büro der Revolution eine Einladung, Mrs. Moulton in der Academy of Music zu treffen, wo sie ihre Stimme für das kommende Konzert zugunsten des Woman's Medical College erproben sollte. Und was für eine Stimme – an Kraft, Pathos, Biegsamkeit! Ich habe nie etwas Vergleichbares gehört. Neben ihrer Mutter, Mrs. W.H. Greenough, sitzend, genoss ich gleichermaßen den besorgten Stolz der Mutter und den Triumph der Tochter. Ich spürte, als ich zuhörte, die Wahrheit dessen, was Vieuxtemps sagte, als er sie zum ersten Mal hörte: „Das ist die traditionelle Stimme, auf die die Zeitalter gewartet und gesehnt haben.“ Als Mrs. Moulton einmal ein Lied von Mozart zu Aubers Begleitung sang, fragte jemand Anwesendes: „Was könnte man hinzufügen, um dies vollständiger zu machen?“ Auber blickte zum Himmel und sagte mit einem süßen Lächeln: „Nichts, außer dass Mozart hier hätte sein sollen, um zuzuhören.“ Während ich zusah und zuhörte, dachte ich: „Hier ist ein weiteres Juwel in der Krone des Frauseins, um das Leben aller zu erstrahlen und zu verherrlichen.“ Ich habe einen so intensiven Stolz auf mein Geschlecht, dass die Triumphe der Frau in Kunst, Literatur, Redekunst, Wissenschaft oder Gesang meinen Enthusiasmus wecken wie nichts anderes.

An jenem Tag, hungrig nach begabten Frauen, besuchte ich Alice und Phebe Cary sowie Mary Clemmer Ames, und gemeinsam bereiteten wir dem stolzen weißen Mann eine solche Abfuhr, dass es unseren Seelen guttat und ihm nicht schaden konnte, verschanzt, wie er ist, hinter Glaubensbekenntnissen, Kodizes, Bräuchen und Verfassungen, mit Visier und Brustpanzer der Selbstzufriedenheit und Einbildung. Als die Tribune Jessie Boucheretts Aufsatz über „Überflüssige Frauen“ kritisierte, in dem sie Männern in England empfiehlt auszuwandern, um Platz und Beschäftigung für Frauen zu schaffen, schrieb sie: „Die Vorstellung eines Zuhauses ohne einen Mann darin!“ Beim Besuch der Carys hatte man immer das Gefühl, dass dort ein Zuhause war – ein sehr bezauberndes obendrein – ohne einen Mann darin.

Einmal, als Harriet Beecher Stowe bei Dr. Taylor war, hatte ich die Gelegenheit, ihre Bekanntschaft zu machen. In ihrem Studierzimmer, umgeben von Büchern und Papieren, beendete sie gerade ihre zweite Arbeit über die Familie Byron, und ihre Schwester Catherine bereitete Papiere über ihre pädagogische Arbeit vor, als Vorbereitung auf ein kommendes Treffen der Damen des Schulrats. Die Frauen der Familie Beecher, obwohl die meisten von ihnen Ehefrauen und Mütter waren, hatten alle eine feste Lebensaufgabe außerhalb des Familienkreises und andere Gegenstände von intensivem Interesse neben Ehemännern, Babys, Kochherden und gesellschaftlichen Gesprächen. Catherine sagte, sie sei gegen das Frauenwahlrecht, und wenn sie dächte, dass die geringste Gefahr bestünde, dass wir es bekämen, würde sie heftig dagegen schreiben und reden. Da die Nation aber vor einem solchen Unglück sicher sei, sei sie bereit, das Gerede weitergehen zu lassen, weil die Agitation ihrer Arbeit helfe. „Es ist ziemlich paradox“, sagte ich zu ihr, „dass das Drängen auf ein falsches Prinzip einem wahren helfen kann; aber wenn Sie die Frauen erst einmal alle gründlich gebildet haben, werden sie trotz Ihnen zu den Wahlurnen schreiten und abstimmen.“

Eines Nachts im Zug von New York nach Williamsport, Pennsylvania, fand ich reichlich Zeit, über die persönlichen Eigentümlichkeiten der vielen edlen Frauen nachzudenken, die dieses neunzehnte Jahrhundert schmücken, und als ich sie eine nach der anderen in Amerika, England, Frankreich und Deutschland vor mein geistiges Auge rief, und all das, was sie tun und sagen, wunderte ich mich, dass ein Mann so blind sein konnte, nicht zu sehen, dass die Frau bereits ihren Platz als ebenbürtige Gefährtin des Mannes eingenommen hat. Während die Herren der Schöpfung über ihre Sphäre debattiert und hier und da ihre Kreidestriche gezogen haben, ist die Frau still aus den kargen Feldern herausgetreten, auf denen sie jahrhundertelang grasen musste, und befindet sich nun auf grünen Auen und an stillen Wassern, eine Macht in der Welt des Denkens.

Diese angenehmen Überlegungen wurden unterbrochen, als ich erfuhr, dass ich den falschen Zug genommen hatte und in Harrisburg um zwei Uhr morgens umsteigen musste. Wie schnell änderte der Gedanke, dass ich mein bequemes Bett zu einer so unchristlichen Stunde verlassen musste, die ganze Farbe glorreichen Frauseins und jedes anderen irdischen Segens! Ich überstand die Prüfung jedoch und kam in Williamsport an, als der Tag graute. Ich hatte an jenem Abend ein gutes Publikum im Opernhaus und wurde vielen angenehmen Menschen vorgestellt, die erklärten, sie seien durch meine Ausführungen zum Frauenwahlrecht bekehrt worden. Unter die vielen neuen Juwelen in meiner Krone fügte ich in jener Nacht Richter Bently hinzu.

Im November 1869 verbrachte ich eine Nacht in Philadelphia mit Miss Anthony bei Anna Dickinson – einem gepflegten dreistöckigen Backsteinhaus in der Locust Street. Dieser Zufluchtsort der Ruhe, an den die weltberühmte kleine Frau immer wieder kam, um ihre überbeanspruchten Energien zu erholen, war sehr geschmackvoll eingerichtet, geschmückt mit Stichen, Büchern und Statuen. Ihre Mutter, ihre Schwester und ihr Bruder bildeten den Haushalt – ein angenehmes, kultiviertes Trio. Der Bruder war ein gutaussehender Jüngling mit gutem Urteilsvermögen, der zu weisen Bemerkungen neigte; die Schwester war geistreich, intuitiv und scharf in ihrer Rede; die Mutter, in reiches Quäkerkostüm gekleidet, besaß trotz ihrer fast siebzig Jahre noch große persönliche Schönheit. Sie war intelligent, würdevoll, kultiviert und erinnerte in Art und Erscheinung an Angelina Grimké, wie sie in ihren jüngeren Tagen aussah. Alles im Haus und seine Ausstattung deutete darauf hin, dass es der Wohnsitz von Genie und Bildung war, und obwohl Anna abwesend war, wurde die Gastfreundschaft von ihrer Familie anmutig ausgeübt. Napoleon und Shakespeare schienen Annas Schutzheilige zu sein, die von allen Seiten von der Wand herabblickten. Die Mutter amüsierte uns mit den schweren Prüfungen, die ihr kleines Redetalent den Mitgliedern des Haushalts durch ihre Launen in der Welt des Ruhms bereitet hatte.

Auf dem Weg nach Kennett Square wies uns ein junger Herr auf das Heim von Benjamin West hin, der sich – zum Entsetzen der „Breithüte“ im Allgemeinen – als Landschaftsmaler einen Namen gemacht hatte. Es heißt, zu Beginn seiner Laufbahn habe er den Schwanz einer Katze anstelle eines Pinsels benutzt. Natürlich waren Benjamins erste Versuche heimlich, und er konnte den Pater Familias nicht um Geld für einen Pinsel bitten, ohne dem Spott des guten Mannes zu begegnen. Ob die arme Muschi in der Stunde seiner Not und seines frischen Enthusiasmus zum Opferaltar geführt wurde oder ob er sie am Straßenrand fand, nachdem sie der Natur ihren Tribut gezahlt hatte, konnte unser Informant nicht sagen; es genügte, dass er mit der Zeit einen Pinsel besaß und sich durch die Geschicklichkeit in dessen Gebrauch unsterblich machte. Solche exzentrischen Geister wie Whittier, West und Anna Dickinson beweisen, dass selbst die korrekten, anständigen, perfekten Quäker denselben Schwächen unterworfen sind wie der Rest der menschlichen Familie.

Ich hatte schon lange von den „Progressiven Freunden“ in der Gegend um Longwood gehört; hatte die vielen Rundschreiben gelesen, die sie bei ihren „jährlichen Treffen“ zu jeder Frage herausgaben – zu Krieg, Todesstrafe, Mäßigkeit, Sklaverei, Frauenrechten; hatte erfahren, dass sie sich von der Kleidung, den Gewohnheiten und den Ansichten ihrer Väter abwandten; dass sie den Diensten solcher Weltkinder wie William Lloyd Garrison, Theodore Tilton und Oliver Johnson in einem neuen Versammlungshaus lauschten, das ganz gestrichen und lackiert war, mit Kissen, bequemen Sitzen, Teppichen, Öfen, einem Musikinstrument – verzeih es, Schatten von George Fox – und drei Wandleuchtern mit Vasen auf dem „hohen Sitz“, und, was das Wichtigste von allem war, Männer und Frauen saßen wahllos im ganzen Haus verteilt.

All dies sahen Miss Anthony und ich mit eigenen Augen, und in Begleitung von Sarah Pugh und Chandler Darlington saßen wir zusammen auf dem hohen Sitz und sprachen in der Versammlung der Menschen. Dort trafen wir auch Hannah Darlington und Dinah Mendenhall – Namen, die seit langem in jedem guten Werk bekannt sind – und genossen für die Dauer eines Tages die wonnevolle Heiterkeit jenes irdischen Paradieses. Die Frauen von Kennett Square waren nicht nur für ihre vorbildliche Haushaltsführung berühmt, sondern auch für ihre seltene Bildung in allen Fragen von allgemeinem Interesse.

Im November brach ich wieder zu einer meiner Reisen in den Westen auf, aber ach! genau an dem Tag wurden die Züge umgestellt, und so konnte ich die Anschlüsse nicht erreichen, um meine Verpflichtungen in Saginaw und Marshall wahrzunehmen, und rettete mich in Toledo nur dadurch, dass ich direkt von den Wagen vor das Publikum trat, noch mit dem Staub von vierundzwanzig Stunden Reise an meiner Kleidung. Da ich Saginaw nicht erreichen konnte, fuhr ich direkt nach Ann Arbor und verbrachte drei sehr angenehme Tage damit, alte Freunde zu besuchen, neue zu gewinnen und die Stadt mit ihrer großartigen Universität zu besichtigen. Ich war zum Thanksgiving-Essen im Haus von Mr. Seaman eingeladen, einem hochgebildeten demokratischen Redakteur und Autor von „Progress of Nations“. Eine erlesene Anzahl von Gästen versammelte sich bei dieser Gelegenheit um seine gastfreundliche Tafel, bei der seine Frau mit Würde und Anmut den Vorsitz führte. Das Frauenwahlrecht war das Ziel für den kombinierten Witz und die Satire der Gesellschaft, und nach vier Stunden ununterbrochenem Scharfschießen, Feuerwerk und Gelächter zerstreuten wir uns zu unseren verschiedenen Unterkünften, ziemlich erschöpft von dem Übermaß an Vergnügen.

Ein Herr hatte die moralische Verwegenheit zu behaupten, Männer hätten mehr Ausdauer als Frauen, woraufhin eine Dame bemerkte, sie würde gerne die dreizehnhundert jungen Männer der Universität in stahlverstärkte Korsetts geschnürt sehen, mit Reifröcken, schweren Röcken, Schleppen, hohen Absätzen, Paniers, Chignons und Dutzenden von Haarnadeln, die in ihrer Kopfhaut steckten, Jahr um Jahr im Haus eingesperrt, ohne belebende Bewegung, ohne Hoffnungen, Ziele oder Ambitionen im Leben, und wissen, ob sie das so gut aushielten wie die Mädchen. „Nichts“, sagte sie, „als die Tatsache, dass Frauen wie Katzen neun Leben haben, ermöglicht es ihnen, das gegenwärtige Regime zu überleben, zu dem der Brauch das Geschlecht verdammt.“

Während ich in Ann Arbor war, hielt ich meinen Vortrag über „Unsere Mädchen“ in der neuen methodistischen Kirche – ein großes Gebäude, gut beleuchtet und gefüllt mit einem brillanten Publikum. Die Studenten waren in großer Zahl anwesend und verstärkten die Fäden meines Diskurses mit häufigem und großzügigem Applaus; besonders als ich die Regenten der Universität dazu drängte, ihre Türen für die Töchter des Staates zu öffnen. Es gab damals mehrere großartige Mädchen in Michigan, die sich auf die Aufnahme in die juristische Fakultät vorbereiteten. Da Richter Cooley, einer der Professoren, ein sehr liberaler Mann sowie ein fundierter Jurist war und sich stark dafür einsetzte, das College für Mädchen zu öffnen, hatte ich keinen Zweifel daran, dass sich die Frauen von Michigan bald vor Gericht auszeichnen würden. Manche sagten, die Hauptschwierigkeit für die Zulassung der Mädchen jener Zeit zur Universität sei der Mangel an Raum. Das hätte leicht dadurch behoben werden können, dass man den jungen Männern aus der Fremde gesagt hätte, sie sollten sich in die Colleges ihrer jeweiligen Staaten begeben, damit Michigan seine Töchter ausbilden könne. Da die Frauen einen guten Teil des Eigentums des Staates besaßen und schwer besteuert worden waren, um diese Einrichtung zu bauen und auszustatten, war es nur fair, dass sie an ihren Vorteilen teilhaben sollten.

Die Michigan University mit ihren weitläufigen Anlagen, geräumigen Gebäuden, medizinischen und juristischen Fakultäten, Professorenresidenzen und dem feinsten Labor des Landes war eine Einrichtung, auf die der Staat zu Recht stolz war, und da das Studium kostenlos war, war es die Mühe einer langen, harten Belagerung durch die Mädchen von Michigan wert, dort Zutritt zu erhalten. Ich riet ihnen, ihre Kräfte sofort zu organisieren, ihre Minutengeschütze, Rammböcke, Monitore, Projektile, Bomben, Kanonen, Torpedos und Knallkörper bereitzuhalten und ein lebhaftes Kanonenfeuer aufrechtzuerhalten, bis die würdigen und ehrwürdigen Senioren die Tür öffneten und riefen: „Halt, genug!“

Die Damen von Ann Arbor hatten eine eigene feine Bibliothek, in der sich ihre Clubs einmal pro Woche trafen. Sie hatten gerade eine Wahlrechtsvereinigung gegründet. Mein Besuch endete mit einem angenehmen Empfang, bei dem ich dem Kaplan, mehreren Professoren und vielen Damen und Herren vorgestellt wurde, die bereit waren, die Situation zu akzeptieren. Richter Cooley gab mir einen glühenden Bericht über die Gesetze von Michigan – wie einfach es für Ehefrauen sei, in den Besitz des gesamten Vermögens zu gelangen, dann das Eheband zu lösen und den armen Ehemann mit ihren hilflosen Kindern um ihn herum der Wohltätigkeit der kalten Welt zu überlassen. Ich hörte von einer reichen Dame dort, die ein Testament machte und ihrem Ehemann eine stattliche Leibrente gewährte, solange er ihr Witwer blieb. Es war offensichtlich, dass der arme „weiße Mann“ früher oder später dazu verdammt war, die Tugend der Gesetze, die er für Frauen gemacht hatte, an sich selbst zu erproben. Ich hoffe, um der Menschheit willen, dass er die Unterdrückung nicht mit der dummen Standhaftigkeit ertragen wird, die wir seit sechstausend Jahren an den Tag legen.

In Flint wurde ich von Mr. und Mrs. Jenny bewirtet. Mr. Jenny war ein demokratischer Redakteur, der an Fortschritt glaubte und daran, Frauen in dieser großen Wildnis des Lebens glatte Pfade zu ebnen. Seine Frau war eine bemerkenswerte Frau. Sie rief die Damenbibliotheken in Michigan ins Leben. In Flint hatten sie ein schönes Backsteingebäude und fast zweitausend Bände erlesener Bücher, die der Vereinigung gehörten, und Geld immer in der Kasse. Auch hier hatte ich ein wunderbares Publikum und hielt meinen Vortrag mit dem Titel „Öffne die Tür“.

In Coldwater fand ich trotz des Namens ein warmes, verständnisvolles Publikum. Der Präsident des Lyzeums war ein vernünftiger junger Mann, der nach seinem Abschluss in Ann Arbor beschloss, anstatt bei der Rechtswissenschaft zu hungern, gleichzeitig mit Händen und Verstand zu arbeiten. Wenn alle Männer ihrem legitimen Geschäft nachgehen, Reichtum zu schaffen und die Ressourcen des Landes zu entwickeln, und den bloßen Austausch dem schwächeren Geschlecht überlassen, werden wir nicht so viele überflüssige Frauen auf der Welt haben, die nichts zu tun haben. Es ist offensichtlich, dass die Zeit gekommen ist, den Mann in seinen angemessenen Bereich zu jagen. Auf dem Weg von Chicago traf ich Gouverneur Fairchild und Senator Williams aus Wisconsin. Es war herrlich zu sehen, dass sie im Glauben an das Frauenwahlrecht fest verwurzelt waren. Sie waren treue Leser der „Revolution“, seit Miss Anthony sie im Winter zuvor in Madison dazu gebracht hatte, sie zu abonnieren. Natürlich strahlte ein neuer Glanz der Intelligenz von ihren feinen Gesichtern (denn sie waren bemerkenswert gutaussehende Männer), und es gab einen neuen Punkt in all ihren Worten. Senator Williams befand sich, wie ich, auf einer Vortragsreise. „Mann“ war sein Thema, wofür ich zutiefst dankbar war; denn wenn es irgendwelche Geschöpfe Gottes gibt, die einen Vortrag brauchen, dann ist es dieses, das uns ständig Ratschläge erteilt. Ich dachte an alle Männer, von Vater Gregor bis hin zu Horace Bushnell, die sich den Kopf zerbrochen hatten, um den Bereich der Frau zu beschreiben, und wie kläglich sie dabei gescheitert waren.

Auf meinen gesamten Lyzeumsreisen war ich für das reisende Publikum von großem Nutzen, indem ich die Ventilatoren in den Wagen offen und die Dämpfer in den feurigen Öfen geschlossen hielt, besonders nachts in den Schlafwagen. Wie oft am Tag dachte ich daran, was der heilige Horace Mann seinen dummen Landsleuten einzuhämmern versuchte, dass es, da die Luft vierzig Meilen tief um den Globus reicht, eine nutzlose Sparmaßnahme ist, jeden Kubikfuß Luft öfter als sieben Mal zu atmen! Auch die Babys müssen dankbar sein, dass ich in der Lage war, ihre Missstände zu bezeugen. Viele erhielten durch meine Fürsprache ihren ersten Schluck Wasser und wurden von Wollhauben, Schleiern, engen Bändern unter ihrem Kinn und endlosen Wickelbändern befreit. Es ist eine erschreckende Behauptung, aber wahr, dass ich nur wenige Frauen getroffen habe, die wissen, wie man sich um ein Baby kümmert. Und diese Tatsache veranlasste mich dazu, auf einer Reise vor meinen werten Landsfrauen über „Ehe und Mutterschaft“ zu vortragen, in der Hoffnung, zur Einleitung einer neuen Ära glücklicher, gesunder Babys beizutragen.

Nach vierundzwanzig Stunden im Express fand ich mich in einem angenehmen Zimmer im International Hotel in La Crosse wieder und blickte auf die Große Mutter der Wasser, auf deren kalter Brust das Eis und die Dampfer um die Vorherrschaft kämpften. Jenseits erstreckten sich die schneebedeckten Klippen, die streng auf den Mississippi herabsahen, als wollten sie sagen: „Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter – obwohl träge, bist du aggressiv, drängst dich immer dorthin, wo du nicht sein solltest; doch alle Versuche in diese Richtung sind gleichermaßen eitel; seit Anbeginn der Schöpfung haben wir dir getrotzt, und hier stehen wir heute, ruhig, majestätisch, unbeweglich. Kokettiere in anderen Breitengraden, wie du willst, mit blumigen Ufern und jugendlichen Landungsstegen auf den geschäftigen Märkten des Handels, und untergrabe sie alle mit deinem trügerischen Werben, aber beuge dich in Ehrfurcht, wenn du uns betrachtest. Wir haben keine Augen für deine Schönheit; keine Ohren für dein endloses Lied; unsere Köpfe sind in den Wolken, unsere Herzen kommunizieren mit Göttern; du hast keinen Anteil an den ewigen Problemen der Zeitalter, die unsere Gedanken erfüllen, dein ist die demütige Pflicht, unsere Füße zu waschen und dann weiterzuziehen, eingedenk, in deinem angemessenen Bereich zu bleiben, innerhalb der Ufer, die kluge Geographen für angemessen hielten zu markieren.“

Während ich diesen selbstzufriedenen Hügeln zuhörte und den armen Mississippi beobachtete, der weinte, während er dahineilte, um seinen Kummer in den Tiefen des Ozeans zu verlieren, dachte ich, wie ähnlich die Haltung des Mannes zur Frau sei. Mögen diese stolzen Hügel sich daran erinnern, dass auch sie jahrhundertelang in tiefen Tälern schlummerten, tief, tief unten, als vielleicht der glitzernde Mississippi über ihren Häuptern rollte, und ohne irgendeinen großzügigen Ausbruch, irgendeine Erhebung von Mutter Erde, die wünschte, dass ihre felsigen Söhne ebenso wie ihre anmutigen Töchter das Licht, den Sonnenschein und den Regen genießen könnten – ohne diese Seele der Liebe in der Materie ebenso wie im Geist – könnten diese Klippen und die Söhne Adams sich heute nicht der Höhe rühmen, in der sie sich sonnen. Diejenigen, die Ohren zum Hören haben, vernehmen dumpfe, grollende Geräusche, die Erschütterungen in unserer sozialen Welt ankündigen, die vielleicht bei der nächsten Erhebung die Frau an die Oberfläche bringen könnten; hinauf, hinauf aus düsteren Meerestiefen, dunklen Höhlen und feuchteren Tälern. Die kämpfenden Töchter der Erde werden bald im Sonnenlicht einer höheren Zivilisation wandeln.

Eskortiert von Mr. Woodward, einem Mitglied der Anwaltschaft, widmete ich einen Tag den Sehenswürdigkeiten von La Crosse. Zuerst erkundeten wir das Gerichtsgebäude, ein großes, neues Backsteingebäude, von dessen Kuppel aus wir einen großartigen Blick auf das umliegende Land hatten. Der Gerichtssaal, in dem Gerechtigkeit geübt wird, war groß, sauber, luftig – die Richterbank mit Teppich ausgelegt und mit einem großen, grünen, gepolsterten Stuhl geschmückt, in den ich mich setzte und in meiner Vorstellung Anwälte, Geschworene, Gefangene und das Volk herbeirief und mich fragte, wie ich mich fühlen würde, wenn ich das Todesurteil über einen Mitmenschen fällte oder wie Portia weise die Shylocks unserer Zeit schachmatt setzte. Hier traf ich Richter Hugh Cameron, ehemals aus Johnstown. Er lud uns in sein Allerheiligstes ein, wo wir ein angenehmes Gespräch über unsere Heimatberge, schottische Verbindungen, die Richterschaft und Anwaltschaft von New York und die Gesetze von Wisconsin für Frauen führten. Der Richter, der einen glücklichen Junggesellenstand bewahrt hatte, blickte gelassen auf die aggressiven Bewegungen des Geschlechts, da sein häusliches Glück in keiner Weise beeinträchtigt würde, ob nun die Frau gewählt wurde oder nicht.

Wir besichtigten als Nächstes das Pomeroy-Gebäude, das einen großen, geschmackvoll eingerichteten Saal und eine Druckerei enthielt, in der früher der „La Crosse Democrat“ veröffentlicht wurde. Als ich die Perfektion, Ordnung und den guten Geschmack in allen Vorkehrungen sah und Mr. Hurons Beschreibung des Lebens und der führenden Eigenschaften seines Chefs lauschte, schien es unmöglich, den Ton des „Democrat“ mit dem moralischen Status seines Herausgebers in Einklang zu bringen. Ich habe nie ein vollständigeres Geschäftsgebäude gesehen, und das redaktionelle Allerheiligste sah aus, als könnte es der Wohnsitz der Musen sein. Spiegel, Bilder, Statuen, Bücher, Musik, seltene Kuriositäten und feine Exemplare von Vögeln und Mineralien waren überall. Über dem Tisch des Herausgebers hing ein wunderschönes Gemälde seiner jugendlichen Tochter, deren flachsblondes Haar, blaue Augen und engelsgleiches Gesicht einen Vater zu edleren, reineren Äußerungen hätten inspirieren sollen, als er damals der Welt zu geben pflegte.

Doch Pomeroys gute Taten werden noch lange leben, nachdem seine profanen Worte vergessen sind. Überall in der Einrichtung hingen Karten an auffälligen Stellen, auf denen stand: „Rauchen ist hier strengstens verboten.“ Trinken war ebenfalls allen seinen Angestellten untersagt. Sobald ein Mann dabei ertappt wurde, berauschende Getränke zu konsumieren, wurde er entlassen. Im oberen Stockwerk des Gebäudes befand sich ein großer, angenehmer Raum, hübsch ausgelegt mit Teppichen und möbliert, wo die Angestellten in ihren freien Stunden reden, schreiben, lesen oder sich auf jede vernünftige Weise vergnügen konnten.

Mr. Pomeroy war menschlich und großzügig zu seinen Angestellten, ehrenhaft in seinen geschäftlichen Beziehungen und grenzenlos in seiner Wohltätigkeit gegenüber den Armen. Seine Wohltätigkeit, sein geschäftlicher Anstand und sein öffentlicher Geist wurden von denen, die ihn am besten kannten, hoch gelobt. Dass eine Zeitung nicht immer den Herausgeber widerspiegelt, ist ebenso sehr die Schuld der Gesellschaft wie die des Mannes. Solange das Publikum für grobe Persönlichkeiten, Obszönitäten und Slang bezahlt, werden anständige Zeitungen auf dem Markt überboten. Die Tatsache, dass der „La Crosse Democrat“ in allen Teilen des Landes reißenden Absatz fand, zeigte, dass Mr. Pomeroy den populären Geschmack recht treffend widerspiegelte. Während Scharen die Augen nach oben verdrehten und ihn öffentlich anprangerten, kauften sie seine Zeitung und lasen sie im Privaten.

Ich verließ La Crosse auf einem Dampfer, gerade als die aufgehende Sonne die Hügel beleuchtete und den Mississippi vergoldete. Es war ein herrlicher Morgen, und in Begleitung eines sechzehnjährigen Mädchens, das allein aus einem abgelegenen Teil Kanadas zu einem nördlichen Dorf in Wisconsin gereist war, spazierte ich den größten Teil des Weges nach Winona auf dem Deck und hörte erfreut den Erlebnissen meiner jungen Begleiterin zu. Sie sagte, als sie den Lake Huron überquerte, sei sie die einzige Frau an Bord gewesen, aber die Männer seien so freundlich und höflich gewesen, dass sie bald vergaß, dass sie allein war. Ich fand viele Mädchen, die weite Strecken zurücklegten und noch nie fünf Meilen von zu Hause entfernt waren, mit einer Selbstsicherheit, die bemerkenswert war. Sie alle sprachen in den schmeichelhaftesten Tönen von der Höflichkeit unserer amerikanischen Männer, die sich um ihr Gepäck kümmerten und ihnen Ratschläge zu den besten Routen gaben.

Wenn man sich St. Paul nähert, bei Fort Snelling, wo Mississippi und Minnesota ihre Kräfte vereinen, wird die Landschaft kühn und schön. Die Stadt selbst, die damals mit etwa dreißigtausend Einwohnern prahlte, ist schön gelegen, mit soliden Steinhäusern. In einem dieser bezaubernden Heime fand ich während meines Aufenthalts in der Stadt einen Hafen der Ruhe. Mrs. Stuart, deren Gastfreundschaft ich genoss, war eine Frau von seltenem gesunden Menschenverstand und robuster Gesundheit. Ihr Ehemann, Dr. Jacob H. Stuart, war einer der allerersten Chirurgen, die sich im späten Krieg freiwillig meldeten. Bei der Panik von Bull Run rannte er nicht weg, wie alle anderen, sondern blieb bei den Verwundeten und wurde gefangen genommen, während er einem Rebellen eine Kugel aus dem Kopf operierte. Als er ausgetauscht wurde, gab ihm Beauregard für seine Hingabe an die Sterbenden und Verwundeten seinen Säbel.

Ich hatte das Vergnügen, mehrere der führenden Herren und Damen von St. Paul auf dem Waisen-Basar zu sehen, wohin wir uns alle nach meinem Vortrag begaben, um bei einem reichhaltigen Abendessen über Frauenrechte zu diskutieren. Hier traf ich William L. Banning, den Urheber der Lake Superior and Mississippi Railroad. Er belagerte den Kongress und Kapitalisten ein Dutzend Jahre lang, um diese Straße zu bauen, wurde aber ausgelacht und mit Spott und Verachtung abgewiesen, bis Jay Cooke schließlich so müde von seinem ständigen Kommen wurde, dass er sagte: „Ich werde die Straße bauen, um dich loszuwerden.“

Whittier scheint eine prophetische Vision von der Besiedlung dieser Region gehabt zu haben. Wenn er über den Yankee spricht, sagt er:

„Er schnitzt bei St. Mary’s Falls, Auf seinem beladenen Wagen; Er vermisst die Pictured Rocks, Mit gierigen Augen des Gewinns.

Ich höre die Hacke in der Mine, Den Axtschlag im Tal, Das Geschrei aus der Indianerhütte, Die Glocke der Jesuitenkapelle!

Ich höre den Tritt der Pioniere Von Nationen, die noch werden; Das erste leise Rauschen der Wellen, wo bald Ein menschliches Meer rollen wird.“

Die Eröffnung dieser neuen Auslässe und Reichtumsquellen war ganz der Voraussicht und Beharrlichkeit von Mr. Banning zu verdanken. Die erste Lokomotive, die über einen Teil der Strecke fuhr, war in St. Paul mit angemessenen Zeremonien getauft worden; die amtierende Priesterin war ein wunderschönes Mädchen. Ein Fass Wasser aus dem Pazifik wurde von Mr. Bannings Bruder aus Kalifornien geschickt, und ein kleines Fässchen wurde aus dem Lake Superior für diesen Anlass mitgebracht. Ein Glas wurde in die Hände von Miss Ella B. Banning, der Tochter des Präsidenten, gelegt, die daraufhin die Lokomotive taufte und sprach: „Mit den Wassern des Pazifischen Ozeans in meiner rechten Hand und den Wassern des Lake Superior in meiner linken, beschwöre ich den Genius des Fortschritts, zwei große kommerzielle Systeme der Welt mit einem eisernen Band zu verbinden, und widme diese Lokomotive dem Gebrauch der Lake Superior and Mississippi Railroad und nenne sie William L. Banning.“

Von St. Paul nach Dubuque, da die Boote nicht mehr fuhren, waren eine umständliche Route und eine Nacht voller Unannehmlichkeiten unvermeidlich. Als ich die Hauptstraße nach Chicago bei Clinton Junction verließ, hatte ich das Vergnügen, in einem kleinen Landgasthof bis Mitternacht auf einen Güterzug zu warten. Das war in der Tat trostlos, aber da ich Mrs. Childs Skizzen von Mme. de Staël und Mme. Roland zur Hand hatte, las ich von Napoleons Verfolgungen der einen und Robespierres der anderen, bis mein Zustand im Vergleich erträglich war und das kleine, karg eingerichtete Zimmer mit seinem trüben Feuer und der schwachen Lampe im Vergleich zu jahrelangem Exil aus dem eigenen Vaterland oder der Gefängniszelle und der Guillotine wie ein Paradies erschien. Wie klein wirken unsere gewöhnlichen, belanglosen Prüfungen im Gegensatz zu den Bergen von Kummer, die auf die großen Seelen der Vergangenheit gehäuft wurden! Vertieft in die Zwiesprache mit ihnen kam bald zwölf Uhr und mit ihr der Zug.

Ein stämmiger Sohn Adams geleitete mich zu dem Personenwagen, der voller deutscher Einwanderer war, mit Blechnäpfen, Säuglingen, Taschen und zahllosen Bündeln. Die Lüftungsschlitze waren alle geschlossen, die Öfen glühten, und die Luft war wie in dem Schwarzen Loch von Kalkutta. Nachdem ich also meinen Umhang und meine Tasche auf einem freien Sitzplatz deponiert hatte, stemmte ich die beiden Türen kurzerhand mit einem Holzscheit auf, löschte die Öfen und öffnete mit dem Schürhaken alle Lüftungsschlitze. Doch die himmlische Brise, die mir so wohl tat, hatte auf die schlummernden Exilanten die unglücklichste Wirkung. Paterfamilias fluchte laut; die Gefährtin seiner irdischen Pilgerreise sagte: „Wir müssen nach Norden fahren“, und als der schwere Schleier aus Kohlendioxid sich von den Gesichtern der Kleinkinder hob und der reine Sauerstoff ihre Lungen füllte und sie zu neuem Leben erweckte, stießen sie einen gleichzeitigen Schrei der Freude und Dankbarkeit aus, den ihre Eltern für Todesangst hielten. Insgesamt herrschte ein allgemeiner Aufruhr. Da ich mich leise auf meinen Platz geschlichen und den Kopf zur Ruhe gebettet hatte, blieb ich unbemerkt – die unschuldige Ursache der allgemeinen Reinigung und Verärgerung.

Wir erreichten Freeport um drei Uhr morgens. Da das Depot für Dubuque fast eine halbe Meile auf der anderen Seite der Stadt lag, sagte ich zu einem einsamen alten Mann, der dort zitternd stand, um uns in Empfang zu nehmen: „Wie komme ich zum anderen Bahnhof?“ „Zu Fuß, gnädige Frau.“ „Aber ich kenne den Weg nicht.“ „Es ist niemand da, der Sie begleiten könnte.“ „Wie kommt mein Koffer dorthin?“, fragte ich. „Ich habe einen Esel und einen Karren, um den zu befördern.“ „Dann“, sagte ich, „werden Sie, der Esel, der Koffer und ich gemeinsam fahren.“ Also stieg ich auf den Karren, setzte mich auf den Koffer, und der alte Mann lachte herzlich, während wir im fahlen Morgensternlicht durch den Schlamm jener einsamen Stadt trotteten. Gerade als der Tag graute, tauchte Dubuque mit seinen schroffen Hügeln und der kühnen Landschaft auf. Bald, unter dem Dach von Myron Beach, einem der angesehenen Anwälte des Westens, mit einem guten Frühstück und einem gesunden Nickerchen, waren die Sorgen der Nacht vergessen.

Ich bedauerte festzustellen, dass Mrs. Beach, obwohl aus New York stammend und an dem Ort geboren, an dem der erste Frauenrechtskongress in diesem Land abgehalten wurde, in der Frage des Frauenwahlrechts nicht fest auf dem Boden der Tatsachen stand. Sie schien die Vorstellung zu haben, dass Wählen und Haushalten sich nicht vertragen könnten; doch ich gab zu bedenken, dass, wenn die Nation nur ein wenig von dem bewundernswerten System genießen könnte, mit dem sie und andere Frauen ihre häuslichen Angelegenheiten verwalteten, die Interessen von Uncle Sam besser gewahrt wären. Dies ist genau das, was die Nation heute braucht, und die Frauen müssen aufwachen und erkennen, dass sie im Staat ebenso Pflichten wie Rechte haben. Ein großartiges Publikum begrüßte mich im Opernhaus, und ich trug „Unsere Mädchen“ vor, was viele männliche Sünder zur Reue brachte und einige lethargische femmes coverts zum Aufruhr gegen die bestehende Ordnung aufstachelte.

Von Dubuque aus reiste ich nach Dixon, einer großen Stadt, wo ich eine Reihe angenehmer Menschen traf, doch ich habe einen Grund zur Klage über den Telegrafisten, dessen Fahrlässigkeit, ein geschriebenes und bezahltes Telegramm nach Mt. Vernon zu senden, mich beinahe eine einsame Nacht auf der Prärie gekostet hätte, ungeschützt und unbekannt. Da ich gehört hatte, dass der Schnellzug Sonntagnachmittag abfahre, beschloss ich, diesen zu nehmen, um den ganzen Tag in Mt. Vernon zu haben, bevor ich meine Rede hielt; doch als ich meinen Koffer aufgeben wollte, sagte der Gepäckträger, der Zug halte dort nicht. „Nun“, sagte ich, „geben Sie den Koffer bis zum nächstgelegenen Punkt auf, an dem er hält“, mit dem Entschluss, den Schaffner zu überreden, wenigstens eine Minute lang anzuhalten. Als der Schaffner also seine Runde machte, trug ich mein Anliegen so überzeugend und eloquent wie möglich vor und erzählte ihm, dass ich Freunde telegrafiert hätte, mich abzuholen, usw. Er stimmte freundlicherweise zu und ließ meinen Koffer umleiten. Bei der Ankunft gab es weder Licht noch Geräusch, und da das Depot eine halbe Meile von der Stadt entfernt lag, drängte mich der Schaffner, nach Cedar Rapids weiterzufahren und am nächsten Morgen zurückzukehren, da es Sonntagabend sei, das Depot vielleicht nicht geöffnet würde und ich gezwungen sein könnte, die ganze Nacht in der Kälte auf dem Bahnsteig zu bleiben.

Doch da ich telegrafiert hatte, sagte ich ihm, ich glaube, dass jemand dort sein würde, und ich wolle das Risiko eingehen. Also fuhr der Zug ab und ließ mich ganz allein zurück. Ich konnte die Lichter der fernen Stadt sehen und die dunklen Umrisse zweier großer Mühlen in der Nähe, die auf Dämme und Mühlgräben hindeuteten. Ich hörte auch das ferne Bellen von Hunden und dachte, es könnten auch Wölfe sein; doch kein menschlicher Laut. Der Bahnsteig war hoch und ich sah keinen Weg hinunter, und selbst wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich mich nicht gewagt, hinabzusteigen. Also ging ich um das ganze Gebäude, klopfte an jede Tür und jedes Fenster, rief „John!“, „James!“, „Patrick!“, aber keine Antwort. In ihren besten Kleidern waren sie zweifellos ausgegangen, um Sally zu besuchen, und ich wusste, dass sie lange bleiben würden. Der Nachtwind war kalt. Was konnte ich tun? Die Aussicht, die Nacht dort zu verbringen, erfüllte mich mit Bestürzung. Schließlich dachte ich, ich würde meine stimmlichen Fähigkeiten erproben; also hallte ich so laut ich konnte, in jeder Note der Tonleiter, bis ich heiser war. Endlich hörte ich ein fernes Geräusch, ein lautes Rufen, das ich erwiderte, und so machten wir weiter, bis die Stimme näher kam, und als ich die schweren Schritte eines Mannes ganz in der Nähe hörte, war ich erleichtert. Es stellte sich als der Telegrafist heraus, der im letzten Krieg ein tapferer Soldat gewesen war. Er sagte, dass keine Nachricht aus Dixon eingegangen sei. Er begleitete mich zum Hotel, wo einige Mitglieder des Lyceum-Komitees hereinkamen und herzlich über mein Abenteuer lachten, besonders darüber, dass ich in meiner Not nach James, John und Patrick gerufen hatte, anstatt nach Jane, Ann und Bridget. Sie schienen zu argumentieren, das sei ein Eingeständnis meinerseits von der Überlegenheit des Mannes, doch ich gab zu bedenken, dass, da mein Geschlecht noch nicht in die Würde erhoben worden sei, Depots und Gepäckräume zu beaufsichtigen, es nicht angebracht gewesen wäre, nach Jane und Ann zu rufen.

Mt. Vernon zeichnete sich durch ein sehr blühendes methodistisches College aus, das Jungen wie Mädchen offenstand. Der Präsident und seine Frau waren liberale und fortschrittliche Menschen. Ich speiste mit ihnen in ihrem Haus in der Nähe des Colleges und traf einige junge Damen aus Massachusetts, die als Lehrerinnen an der Einrichtung tätig waren. Alle, die sich bei dieser Gelegenheit um die gesellige Tafel versammelten, waren sich in der Frauenfrage einig. Selbst die ehrwürdige Mutter des Präsidenten schien bei der Erörterung des Themas aufzublühen. Ich trug „Unsere Mädchen“ in der methodistischen Kirche vor und nutzte die Gelegenheit, ihnen dazu zu gratulieren, dass sie das Wort „gehorchen“ aus ihrer Heiratszeremonie gestrichen hatten. Ich hörte die ermutigendsten Berichte über das Experiment, die Geschlechter gemeinsam zu unterrichten. Es war die Regel in allen methodistischen Einrichtungen in Iowa, und ich stellte fest, dass die jungen Herren dies voll und ganz befürworteten.

In Mt. Vernon traf ich auch Mr. Wright, den ehemaligen Secretary of State, der mir mehrere interessante Tatsachen über die Frauen in Iowa mitteilte. Der Staat konnte sich einer Frau rühmen, die eine fähige Anwältin war, Mrs. Mansfield. Mrs. Berry und Mrs. Stebbins waren Notare. Miss Addington war Schulaufsichtsbeamtin im Mitchell County. Sie wurde von einem Parteitag als Gegenkandidatin zu einem Mr. Brown nominiert. Als abgestimmt wurde, siehe da! Es gab ein Unentschieden. Mr. Brown bot an, aus Höflichkeit zurückzutreten, doch sie lehnte ab; also zogen sie das Los, und Miss Addington war die Siegerin. Sie hatte einst einen Auszug der Eigentumstitel aller Ländereien in dem County erstellt, in dem sie lebte, und hatte eine Ernennung zum Amt vom Gouverneur des Staates erhalten, der darum bat, das Dokument auf „L.“ statt auf Laura Addington auszustellen. Er sagte, es sei genug für Iowa, Frauen in solche Ämter zu berufen, ohne dass es in der ganzen Welt bekannt werde. Es tat mir leid, die Geheimnisse des Gouverneurs zu verraten – was ich überall tat –, doch die Sache der Weiblichkeit machte es notwendig.

KAPITEL XVIII.

WESTWÄRTS!

Im Monat Juni 1871 reisten Miss Anthony und ich nach Kalifornien und hielten Wahlrechtsversammlungen in vielen der wichtigsten Städte von New York bis San Francisco, wo wir etwa Mitte Juli ankamen, gerade rechtzeitig, um die trockene, staubige Jahreszeit zu erleben.

Wir verweilten auf dem Weg eine Woche in Salt Lake City. Es war zur Zeit der Godby-Abspaltung, als mehrere hundert Mormonen jenen Teil des Glaubens ihrer Väter abschworen, der Polygamie erlaubte. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hatte gerade ein Urteil gefällt, das die erste Ehefrau und ihre Kinder als die einzigen rechtmäßigen Erben erklärte. Ob diese Entscheidung die Abspaltung beschleunigte, weiß ich nicht; sie gab uns jedoch den Vorteil, alle Argumente für und gegen das System zu hören. Diejenigen, die dagegen waren, sagten, es mache Männer zu Sklaven. Vier Ehefrauen und zwanzig Kinder zu ernähren, war eine schwere Belastung für jeden Ehemann. Die Frauen, die an die Polygamie glaubten, hatten viel zu ihrer Verteidigung zu sagen, besonders im Hinblick auf die Heiligkeit der Mutterschaft während der Zeit der Schwangerschaft und Stillzeit; eine Lektion des Respekts für diesen Zeitraum wird allen Mormonen religiös beigebracht.

Wir waren sehr dankbar für das Privileg, das uns gewährt wurde, zu den Frauen allein im kleineren Tabernakel zu sprechen. Unsere Versammlung begann um zwei Uhr und dauerte bis sieben, was uns fünf Stunden ununterbrochener Unterhaltung ermöglichte. Richter McKeon hatte mich über die jüngsten Urteile und die rechtlichen Aspekte der Fragen informiert und mich gedrängt, sie ihnen vollständig und offen darzulegen, da noch niemand zuvor eine solche Gelegenheit gehabt hatte, zu mormonischen Frauen allein zu sprechen. Also nutzte ich mein Privileg voll aus. Ich gab einen kurzen Abriss der Geschichte der Institution der Ehe in allen Zeiten und Ländern, vom Matriarchat, als die Mutter das Oberhaupt der Familie war und das Eigentum und die Kinder besaß; vom Patriarchat, als der Mann souverän herrschte und die Frau versklavt wurde; von Polyandrie, Polygamie, Monogamie und Prostitution. Wir hatten eine vollständige und freie Diskussion über jede Phase der Frage, und wir waren uns alle einig, dass wir noch weit davon entfernt waren, die ideale Position für die Frau in der Ehe erreicht zu haben, wie zufrieden der Mann auch mit seinen verschiedenen Experimenten sein mochte. Obwohl die mormonischen Frauen, wie alle anderen auch, ihre eigene Religion vehement verteidigen, sind sie doch nicht zufriedener als jede andere Sekte. Alle Frauen sind mit ihrer Position als Unterlegene unzufrieden, und diese Unzufriedenheit nimmt im gleichen Verhältnis zu wie ihre Intelligenz und Entwicklung.

Nach dieser Zusammenkunft wurden die Türen des Tabernakels für unsere Dienste geschlossen, wie wir es erwartet hatten, aber wir hatten eine immense Menge an Wissenschaft, Philosophie, Geschichte und allgemeinen Reflexionen in die fünf Stunden eines so freien Gesprächs gepackt, wie jene Frauen es zuvor noch nie gehört hatten. Da die Abtrünnigen gerade eine neue Halle gebaut hatten, hielten wir dort jeden Tag Versammlungen ab, in denen wir alle vitalen Fragen der Stunde diskutierten; die mormonischen Männer und Frauen beteiligten sich aktiv daran.

Wir besuchten die Feierlichkeiten zum 4. Juli und sahen das riesige Tabernakel bis auf den letzten Platz gefüllt. Die verschiedenen Bundesstaaten der Union wurden durch junge, festlich gekleidete Mädchen vertreten, die schöne Flaggen und Banner trugen. Als diese riesige Menge in unsere nationalen Lieder einstimmte und die tief tönende Orgel die gewaltige Kuppel erfüllte, war die Musik sehr beeindruckend, und der Geist des Patriotismus, der sich überall zeigte, war tief und aufrichtig.

Als ich inmitten dieser einfachen Menschen stand, die so ernsthaft bei ihrem Experiment in Religion und sozialem Leben waren, und an all die Verfolgungen dachte, die sie erlitten hatten, und an alles, was sie in jener öden, weit entfernten Region vollbracht hatten, wo sie tatsächlich „die Wüste wie eine Rose blühen“ ließen, verstand ich wie nie zuvor die Gefahr, sich in die religiösen Vorstellungen eines Volkes einzumischen. Ihr Glaube findet reichlich Autorität in der Bibel, im Beispiel von Gottes auserwähltem Volk. Wenn gelehrte Geistliche die Menschen lehren, dass sie dieses Buch sicher als Wegweiser für ihr Leben nehmen können, müssen sie erwarten, dass sie dem Buchstaben und den spezifischen Lehren folgen, die an der Oberfläche liegen. Der gewöhnliche Geist verallgemeinert nicht und sieht nicht ein, dass dieselben Prinzipien des Handelns nicht für alle Zeiten und Breitengrade taugen. Wenn Frauen verstehen, dass Regierungen und Religionen menschliche Erfindungen sind; dass Bibeln, Gebetbücher, Katechismen und päpstliche Enzykliken allesamt Ausgeburten des menschlichen Gehirns sind, werden sie nicht länger durch die Anweisungen unterdrückt werden, die mit der göttlichen Autorität „So spricht der Herr“ an sie herangetragen werden.

Diese durch und durch demokratische Versammlung im Tabernakel beeindruckte mich mehr als jede andere Feier zum 4. Juli, die ich je besucht habe. Da die meisten mormonischen Familien keine Bediensteten haben, müssen die Mütter ihre Kinder überallhin mitnehmen – in Kirchen, Theater, Konzerte und militärische Paraden – überallhin. Daher wird das leise, klagende Weinen des einzelnen Babys, wenn es in großer Zahl auftritt, zu einem tiefen Monoton, wie die Wellen des Meeres, eine Art Violoncello-Begleitung zu all ihren Festvorstellungen. Es war anfangs etwas anstrengend für mich, meine glühenden Perioden mit einem rhythmischen Wehklagen von allen Seiten der Halle punktiert zu bekommen; aber sobald ich sah, dass es meine Zuhörer nicht ablenkte, erhob ich einfach meine Stimme und wetteiferte mit ein wenig zusätzlicher Vehemenz regelrecht mit den Babys. Als ich diesen Umstand gegenüber einem der Theaterschauspieler kommentierte, antwortete er: „Es ist schlimm genug für Sie, aber ach! Stellen Sie sich mich in einer zarten Todesszene vor, wenn die tiefste Stille unerlässlich ist, und mein letzter Atemzug, meine Abschiedsbotschaft an die Lieben, wird untermalt mit dem freudigen Krähen oder dem ungeduldigen Klagen von fünfzig Babys.“ Ich bemerkte im Tabernakel, dass das Elend der kindlichen Schar in gewissem Maße durch ständige Gaben von kaltem Wasser gelindert wurde, das von vier alten Männern in Eimern herumgetragen wurde.

Die Frage von tiefstem Interesse für uns war zu jener Zeit beim mormonischen Experiment die Ausübung des Wahlrechts durch Frauen. Emeline B. Wells, die Frau des Bürgermeisters der Stadt, schrieb 1894 an einen Kongress in Washington über die vielen Komplikationen, die sich aus den verschiedenen Gesetzesentwürfen im Kongress ergaben, um Frauen dieses Recht zu rauben:

„Frauen haben in Utah vierzehn Jahre lang gewählt, aber weil das kleine Wort ‚männlich‘ immer noch in den Statuten steht, ist keine Frau für ein Amt mit Entlohnung oder Treuhandbefugnis wählbar. In drei aufeinanderfolgenden Legislaturperioden wurden Gesetzesentwürfe verabschiedet, die vorsahen, dass das Wort ‚männlich‘ gestrichen wird; aber jedes Mal hat der Gouverneur des Territoriums, der ein absolutes Vetorecht hat, seine Unterschrift verweigert. Dennoch besuchen Frauen Vorwahlen in den verschiedenen Wahlbezirken und werden als Delegierte gewählt. Sie sind auch Mitglieder der zentralen Komitees der Countys und des Territoriums und sammeln so praktische politische Erfahrung und bereiten sich auf Vertrauenspositionen vor.

Im Jahr 1882 fand ein Konvent statt, um eine Verfassung auszuarbeiten, die dem Volk vorgelegt und dem Kongress der Vereinigten Staaten präsentiert werden sollte. Frauen waren Delegierte bei diesem Konvent, nahmen an allen Beratungen teil und wurden mit gleichen Privilegien in Komitees berufen. Es ist, glaube ich, der erste dokumentierte Fall, in dem Frauen Mitglieder waren und aktiv an einem Verfassungskonvent teilnahmen.

Es ist viel über das Frauenwahlrecht in Wyoming gesagt und geschrieben worden, und das zu Recht; aber meiner bescheidenen Meinung nach hätten die Frauen, wenn Utah auf demselben Stand wie Wyoming gestanden hätte und sie, wie in jenem Territorium, für Ämter wählbar gewesen wären, schon längst in die gesetzgebende Versammlung von Utah gewählt worden sein können.

Es wird allgemein behauptet, dass mormonische Frauen so wählen, wie es ihnen ihre Ehemänner vorschreiben. Ich weise diese Behauptung mit allem Nachdruck zurück. Alle mormonischen Frauen, die wahlberechtigt sind, gehen zur Wahl. Jedes Mädchen, das hier geboren wird, registriert sich, sobald es einundzwanzig Jahre alt ist, und betrachtet dies als eine ebenso große Pflicht wie das Gebet. Unsere Frauen wählen mit derselben Freiheit, die jede Klasse von Menschen bei den gewissenhaftesten Handlungen ihres Lebens auszeichnet.“

Diese verschiedenen Fragen wurden glücklich gelöst, als Utah 1895 ein Bundesstaat wurde. Seine Verfassung gibt Frauen das Recht, bei allen Fragen mitzustimmen, und macht sie für jedes Amt wählbar.

Die Reise über die Rocky Mountains war interessanter und wunderbarer, als ich es mir vorgestellt hatte. Ein schwerer Schauer am Morgen, als wir die Alkaliebenen erreichten, machte die Fahrt durch diese Region, in der Reisende so sehr leiden, recht erträglich. Obwohl wir Kalifornien in seiner heißen, trockenen Jahreszeit erreichten, fanden wir die Atmosphäre in San Francisco herrlich, gefächeert von den sanften Brisen des Pazifiks, abgekühlt durch das Wasser seines großartigen Hafens. Das Golden Gate öffnet in der Tat dem Auge des Reisenden einen der schönsten Häfen der Welt.

Freunde hatten für uns eine Suite im Grand Hotel reserviert, das damals gerade erst eröffnet worden war. Unsere Räume waren ständig mit frischen Blumen geschmückt, die unsere „Wahlrechtskinder“, wie sie sich selbst nannten, uns von Tag zu Tag brachten. So viele brachten Zeichen ihres Wohlwollens – tatsächlich kamen alle unsere Besucher mit Gaben von Früchten und Blumen –, dass nicht nur unsere Apartments, sondern auch die öffentlichen Tische mit seltenen und schönen Exemplaren aller Arten überfüllt waren. Wir sprachen jeden Abend vor vollen Häusern über alle Phasen der Frauenfrage und hatten während des Tages eine Abfolge von Besuchern. Tatsächlich erlebten wir eine Woche lang eine regelrechte Ovation. Da Senator Stanford und seine Frau im selben Hotel wohnten, hatten wir viele angenehme Unterredungen mit ihnen.

Während wir in San Francisco waren, unternahmen wir viele herrliche Segelfahrten im Hafen und Ausflüge an die Küste und kilometerweit entlang des Strandes. Wir verbrachten mehrere Stunden im kleinen Ocean House und beobachteten das Herumtollen der berühmten Robben. Diese waren, wie die großen Bäume, nach angesehenen Staatsmännern benannt. Ein sehr schwarzer Geselle hieß Charles Sumner, zu Ehren seiner Liebe zur schwarzen Rasse; ein anderer, der leicht schielte, wurde Ben Butler genannt; ein stämmiges, rundliches Exemplar, das das Leben philosophisch zu nehmen schien, hieß Senator Davis aus Illinois; ein sehr streitlustiger, der entschlossen schien, seine Mitstreiter ins Meer zu drängen, wurde Secretary Stanton genannt. Grant und Lincoln, auf einem höheren Felsvorsprung, beobachteten gelassen das Treiben der anderen.

Kalifornien stand kurz vor einer wichtigen Wahl, und John A. Bingham aus Ohio und Senator Cole hielten im ganzen Staat Wahlreden für die Republikanische Partei. An mehreren Orten durften wir ihre großen Zelte für unsere Versammlungen nutzen und einige ihrer überzeugenden Argumente, soweit sie auf Frauen anwendbar waren, verwenden. Da Mr. Binghams große Rede die dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Ergänzung zur Verfassung behandelte, verlieh jedes Prinzip, das er darlegte, den Frauen der Nation buchstäblich das Wahlrecht. Ich traf den Staatsmann aus Ohio eines Morgens beim Frühstück, nachdem ich ihn am Abend zuvor gehört hatte. Ich sagte ihm, seine Logik müsse ihn dazu zwingen, für das Frauenwahlrecht einzutreten. Mit einem höchst zynischen Lächeln sagte er, „er sei nicht die Marionette der Logik, sondern der Sklave der praktischen Politik“.

Wir trafen die meisten unserer Mitstreiterinnen in verschiedenen Teilen Kaliforniens. Ich verbrachte einige Tage bei Mrs. Elizabeth B. Schenck, einer der frühesten Pionierinnen der Wahlrechtsbewegung. Sie war eine kultivierte, edle Frau, und ihr kleines Häuschen war ein Juwel an Schönheit und Komfort, umgeben von herrlichen Gärten und einer über drei Meter hohen Hecke aus Fischgeranien, bedeckt mit scharlachroten Blüten. Es wirkte alles mehr wie eine Feenlaube als wie eine menschliche Behausung. Die Windmühlen, die überall in Kalifornien zum Wasserpumpen dienen, bilden ein sehr hübsches Merkmal der Landschaft, ebenso wie ein wichtiges, da die Menschen während der Trockenzeit ihre Gärten bewässern müssen. Im August sind die Hügel so braun wie unsere im Dezember.

Hier traf ich auch zum ersten Mal die Familie von Senator Sargent und besuchte sie in Sacramento City, wo wir am Abend eine Versammlung für das Frauenstimmrecht und am nächsten Tag eine für Frauen allein abhielten. Bei einer ähnlichen Zusammenkunft in San Francisco waren sechshundert Frauen in der Platt’s Hall anwesend. Wir erörterten Ehe, Mutterschaft und das soziale Leben im Allgemeinen. Da wir annahmen, dass nur Frauen anwesend seien, da alle in weiblicher Kleidung erschienen waren, war das Publikum bei seinen Fragen recht freimütig, und ich war es bei meinen Antworten ebenso. Zu unserem Erstaunen erschien am nächsten Morgen ein wörtlicher Bericht über alles Gesagte in einer der führenden Zeitungen, versehen mit äußerst respektvollen Kommentaren. Da ich das, was ich zu solch heiklen Themen zu sagen hatte, stets sorgfältig niederschrieb und vorlas, war die Sprache wohl gewählt und die Darstellung der Fakten und der Philosophie völlig unanfechtbar; da die Informationen daher für Männer ebenso wichtig waren wie für Frauen, bedauerte ich die Veröffentlichung nicht. Im Laufe des Tages kam ein Ausschuss von drei Herren vorbei, um zu erfahren, ob ich einen Vortrag nur für Männer halten würde. Da ich keinen Vortrag vorbereitet hatte, lehnte ich ab, mit dem Versprechen, dies bei meinem nächsten Besuch in Kalifornien zu tun. Die Idee war neuartig, aber ich denke, Frauen könnten auf diesem Weg viel Gutes bewirken.

Meine Leserinnen und Leser können sicher sein, dass so unternehmungslustige Reisende wie Miss Anthony und ich alle Wunder besuchten, die Geysire, die großen Bäume, das Yosemite Valley und die riesigen Bergketten sahen, die sich so übereinander türmten, dass sie wie ein gigantischer Pfad von der Erde zum Himmel wirkten. Wir fuhren die Berghänge hinunter mit Fox, dem berühmten Kutscher; sechzehn Personen in einer offenen Kutsche, gezogen von sechs Pferden, hinunter, hinunter, hinunter, so schnell wir konnten. Ich erwartete, in Stücke gerissen zu werden, doch wir stiegen in einer Stunde sicher von Höhen herab, für deren Aufstieg wir drei gebraucht hatten. Fox hielt die Zügel straff und wirkte so ruhig, als würden wir auf einer Ebene traben, obwohl jeder Unfall, wie eine heiße Achse, ein stolperndes Pferd oder ein Bruch im Geschirr, uns den Berghang hinunter, zweitausend Fuß in den sicheren Untergang, geschickt hätte. Er wusste viele amüsante Anekdoten über Horace Greeleys Reise zu den Geysiren zu erzählen. Der angesehene Journalist war auf die rasante Abfahrt von den Bergen völlig unvorbereitet und flehte Fox an, anzuhalten. Vorne sitzend, unternahm er mehrere Versuche, die Zügel zu ergreifen. Doch Fox versicherte ihm, dies sei die einzig mögliche Art, sicher hinunterzukommen, da die Pferde die Kutsche zwar lenken, aber nicht halten könnten.

In Stockton trafen wir eine Gruppe von Freunden, die gerade vom Yosemite zurückkehrte und uns viele wertvolle Informationen für die Reise gab. Unter anderem wurde mir geraten, an Mr. Hutchins, die dortige Autorität, zu schreiben, damit ein gutes, kräftiges Pferd bereitstünde, um mich den steilen und schmalen Pfad hinunter in das Tal zu bringen. Wir nahmen denselben Kutscher und dieselbe Kutsche, die unsere Freunde als vertrauenswürdig befunden hatten, und brachen früh am Morgen auf. Der Staub und die Hitze machten die Tagereise sehr mühsam, doch die Aussicht, das wunderbare Tal zu sehen, ließ alle Strapazen zur Nebensache werden. Eine recht große Gruppe wartete darauf, ihre Esel und Maultiere zu besteigen, als wir ankamen. Einer der Begleiter, ein Mann, so dünn wie eine Treppenstange, fragte mich, ob ich die Dame sei, die ein kräftiges Pferd bestellt habe; da ich die Stämmigste der Gruppe war, kam er leicht zu diesem Schluss, und so wurde mein Ross prompt herbeigeführt. Doch ich verstand genug von Pferden und vom Reiten, um auf einen Blick zu sehen, dass er mit seinem niedrigen Widerrist und der hohen Kruppe für den Abstieg steiler Berge eine Fehlbesetzung war. Zusätzlich zu seiner Neigung, nach vorne zu kippen, war sein Rücken ungemein breit. Miss Anthony und ich beschlossen, im Herrensitz zu reiten, und hatten dafür Anzüge anfertigen lassen; doch ach! Mein Ross war so breit, dass ich die Steigbügel nicht erreichen konnte, und in dem Moment, als wir begannen abzusteigen, fühlte ich mich, als würde ich über seinen Kopf fallen. Also fiel ich zurück, und als die Gruppe bereits vorausgeeilt war, stieg ich ab, obwohl mein schlanker Führer mir versicherte, es bestehe keine Gefahr, er sei „schon tausendmal hinauf und hinunter gegangen“. Da ich jedoch noch nie dort gewesen war, flößten mir seine wiederholten Erfahrungen keinen Mut ein. Ich beschloss zu laufen. Das, so sagte der Führer, sei unmöglich. „Nun“, sagte ich als Kompromiss, „ich werde so weit laufen, wie ich kann, und wenn ich das Unmögliche erreiche, werde ich dieses schlecht konstruierte Tier versuchen. Ich kann nicht verstehen, was ihr Männer euch dabei gedacht habt, als ihr ein solches Tier für diese Reise ausgewählt habt.“ Und so gingen wir langsam hinunter und stritten über die Frage, ob es besser sei zu reiten oder zu laufen; seinen eigenen Beinen zu vertrauen oder womöglich Tausende von Fuß den Berghang hinunterzustürzen.

Es war ein heißer Augusttag; die Sonne stand im Zenit und schien mit voller Kraft. Mein Blut war vor Anstrengung und Verdruss am Kochen. Abwechselnd rutschend und laufend, an Felsen und Zweigen festhaltend, an jedem Bächlein trinkend, bedeckt mit Staub, triefend vor Schweiß, Röcke, Handschuhe und Schuhe in Fetzen, kämpfte ich mich vier lange Stunden bis zum Ende durch, woraufhin ich mich ins Gras legte und, vollkommen erschöpft, einschlief, nachdem ich den Führer losgeschickt hatte, Mr. Hutchins mitzuteilen, dass ich das Tal erreicht hätte und, da ich weder reiten noch laufen könne, eine Schubkarre oder vier Männer mit einer Decke schicken solle, um mich zum Hotel zu transportieren. Genau an jenem Tag hatte die Mariposa Company den ersten Wagen ins Tal gebracht, der zu gegebener Zeit zu meiner Rettung geschickt wurde. Miss Anthony, die mit einem netten kleinen mexikanischen Pony und einem schmalen Sattel ihren Abstieg mit Anmut und Würde vollbracht hatte, begrüßte mich auf den Stufen des Hotels und lachte maßlos über meine hilflose Lage.

Stunde um Stunde sei vergangen, sagte sie, und es habe ein allgemeines Rätselraten darüber gegeben, was aus mir geworden sei; „aber hast du je solch eine herrliche Landschaft gesehen?“ „Ach!“, antwortete ich, „ich war nicht in der Stimmung für Landschaften. Ich habe ständig auf meine Hände und Füße geachtet, damit mir kein Unglück zustößt.“ Am nächsten Tag war ich zu steif und wund, um einen Finger zu rühren. Doch mit der Zeit erwachte ich für die Herrlichkeit und Größe dieses wunderbaren Tals, von dem keine Beschreibungen oder Gemälde auch nur die geringste Vorstellung vermitteln können. Mit Sunset Cox, dem führenden demokratischen Staatsmann, und seiner Frau unternahmen wir viele angenehme Ausflüge durch das Tal und plauderten am Abend auf der Veranda. Es gab ein ständiges Kommen und Gehen von Menschen, selbst in dieser entlegenen Region, und alle hatten ihre Abenteuer zu berichten. Doch keines glich ganz meinen Erfahrungen.

Wir verbrachten einen Tag im Calaveras Grove, ruhten unter den „großen Bäumen“ und ritten zu Pferde durch den umgestürzten Stamm eines von ihnen. Einige Vandalen sägten eines der prächtigsten Exemplare zwanzig Fuß über dem Boden ab, und darauf bauten die Besitzer des Hotels eine kleine achteckige Kapelle. Das polierte Holz, mit Rinde als Umrandung, ergab einen sehr hübschen Boden. Hier hielten sie oft Sonntagsgottesdienste ab, da sie etwa hundert Menschen Platz bot. Hier erörterten wir auch die Stimmrechtsfrage inmitten dieser majestätischen Bäume, die zweitausend Jahre lang mit den Winden gekämpft hatten und wahrscheinlich noch nie zuvor solch eine Rebellion gehört hatten, wie wir sie an jenem Tag den Töchtern der Erde predigten.

Hier fanden wir wieder unsere angesehenen Staatsmänner verewigt, jeder mit seinem Namensvetter unter diesen stattlichen Bäumen. Wir fragten unseren Führer, ob es welche gebe, die noch nicht vergeben seien; ob wir sie nach Frauen benennen dürften. Da er bereitwillig zustimmte, schrieben wir die Namen eines Dutzend führender Frauen auf Karten und hefteten sie an ihre jeweiligen Bäume. Ob Lucretia Mott, Lucy Stone, Phoebe Couzins und Anna Dickinson immer noch ihre Identität bewahren und antworten, wenn sie von der Göttin Sylvia in jenem majestätischen Hain gerufen werden, weiß ich nicht. Fünfundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und eine neue Generation von Besuchern und Führern hat vielleicht keine Spur unserer Arbeit hinterlassen. Doch wir flüsterten den Bäumen unsere Hoffnungen und Bestrebungen zu, damit sie den Mächten dort oben zugetragen würden, und wir ließen sie unauslöschlich an den Wänden der kleinen Kapelle verewigt; und für sterblichere Augen verteilten wir Flugblätter, wo immer wir hingingen, und machten alle unsere Vergnügungsreisen zu Propaganda für die Emanzipation der Frau.

Auf der Rückreise von Kalifornien fuhr ich direkt von San Francisco nach New York durch. Obwohl es eine lange Reise ohne Unterbrechung war, genoss ich jeden Moment, da ich in Bischof Janes und seiner Tochter äußerst charmante Gefährten fand. Da der Bischof sehr liberale Ansichten vertrat, diskutierten wir die verschiedenen Theologien und alle Phasen der Frauenfrage. Ich werde diese angenehmen Gespräche nie vergessen, während wir Tag für Tag draußen auf dem Bahnsteig saßen und spät in der Nacht im sanften Mondlicht. Wir nahmen jeden Morgen den Faden unserer Debatte dort wieder auf, wo wir ihn am Vorabend hatten fallen lassen. Der Bischof erzählte mir von dem Beschluss, das Wort „gehorchen“ aus der Hochzeitszeremonie zu streichen, den er zwei Jahre zuvor in die methodistische Generalkonferenz eingebracht und mit nur geringem Widerstand durchgesetzt hatte. Alles Lob der methodistischen Kirche! Wenn unsere Mädchen zu einem angemessenen Selbstwertgefühl und lobenswertem Stolz auf ihr Geschlecht erzogen werden, werden sie all diese alten Barbareien der Vergangenheit verspotten, die in irgendeiner Weise auf den unterwürfigen Zustand der Frauen in Staat, Kirche oder Heim hindeuten. Bis die anderen Sekten ihrem Beispiel folgen, hoffe ich, dass unsere Mädchen darauf bestehen, ihre Ehebande von methodistischen Bischöfen knüpfen zu lassen.

Der episkopale Traugottesdienst hält nicht nur am Wort „gehorchen“ fest, sondern hat auch eine höchst demütigende Zeremonie bei der Übergabe der Braut. Ich war nie mehr von seinen abscheulichen und lächerlichen Zügen beeindruckt, als als ich einmal eine große, königlich aussehende Frau, prächtig gekleidet, von einem der kleinsten Priester, die je Chorrock und Talar anlegten, getraut sah, übergeben von dem kleinsten Vormund, der je über das Geschick einer Frau wachte, an den schwächsten, blässlichsten kleinen Bräutigam, der je einen Ehering an einen Brautfinger steckte. Als ich diese Liliputaner um sie herum sah, dachte ich, als der kleine Priester sagte: „Wer gibt diese Frau diesem Mann?“, dass sie die Verantwortung übernehmen und sagen würde: „Ich!“, aber nein! Da stand sie, ruhig, gelassen, als ginge es sie nichts an, während der kleine Vormund, ihre Hand in die des kleinen Bräutigams legend, sagte: „Ich tue es.“ So wurde diese stattliche Frau von diesen drei winzigen Männern herumgereicht, von denen sie alle hätte in ihre Arme nehmen und an ihre jeweiligen Wohnorte tragen können.

Doch die Frauen erwachen allmählich aus der Erniedrigung dieser Zeremonien. Vor nicht allzu langer Zeit, bei einer Hochzeit in höchsten Kreisen, war ein schönes Mädchen von achtzehn Jahren bei dem Wort „gehorchen“ wie stumm geschlagen. Dreimal sprach der Priester es mit Nachdruck und heiliger Salbung aus, jedes Mal langsamer und lauter als zuvor. Obwohl die prachtvollen Salons überfüllt waren, herrschte atemlose Stille. Vater, Mutter und Bräutigam waren in Todesangst. Die Braut stand mit gesenkten Augen sprachlos da. Endlich schloss der Priester langsam sein Buch und sagte: „Die Zeremonie ist beendet.“ Ein flehendes Wort des Bräutigams, und ein leises „gehorchen“ war in der feierlichen Stille zu hören. Der Priester öffnete sein Buch wieder und der Knoten war geknüpft. Die Glückwünsche, das Fest und alles Weitere gingen weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, doch die Lektion blieb im Gedächtnis, und durch diese kurze Pause wurde so manche Rebellin geschaffen.

Ich denke, all diese ehrwürdigen Herren, die auf dem Wort „gehorchen“ im Traugottesdienst bestehen, sollten wegen eines klaren Verstoßes gegen den Dreizehnten Zusatzartikel zur Bundesverfassung, der besagt, dass es innerhalb der Vereinigten Staaten weder Sklaverei noch unfreiwillige Knechtschaft geben darf, abgesetzt werden. Als ich Bischof Janes diese Erfahrungen mitteilte, lachte er herzlich und bat mich, sie jedem Neuankömmling zu wiederholen. Unser kleiner Debattierclub war der Mittelpunkt der Anziehung. Ein Herr fragte mich, ob unsere Frauenstimmrechtsversammlungen genauso unterhaltsam seien. Ich sagte ihm: ja; es gäbe keine Versammlungen in Washington, die so interessant und so gut besucht seien wie unsere.

Da ich etwas Frauenstimmrechtsliteratur in meinem Koffer hatte, verteilte ich Flugblätter an alle ernsthaften Seelen, die mich mit Fragen bestürmten. Wie bei allen anderen Dingen erfordert das Ausstreuen von Flugblättern große Diskretion, damit man sich nicht einer Abfuhr aussetzt. Ich biete niemals einem Mann mit kleinem Kopf und hohen Absätzen an seinen Stiefeln, der das Kinn in die Luft streckt, eines an, weil ich weiß, dass er von Natur aus auf überlegene Frauen eifersüchtig sein wird; auch nicht einer Frau, deren Mund den Ausdruck „Sprödigkeit und Ziererei“ hat, denn ich weiß, sie wird sagen: „Ich habe alle Rechte, die ich will.“ Als ich einige Jahre später eines Tages nach London fuhr, bemerkte ich eine heilige Schwester der Heilsarmee, die schüchtern mehreren Personen an Bord einige Flugblätter anbot; alle lehnten kühl ab, sie anzunehmen. Da ich viel Erfahrung mit den Freuden und Leiden der Propaganda gesammelt hatte, streckte ich meine Hand aus und bat sie, sie mir zu geben. Ich dankte ihr und las sie, bevor ich London erreichte. Es hat mir nicht geschadet und ihr viel Gutes getan, in dem Gedanken, dass sie vielleicht einen neuen Gedanken in meinem Geist gepflanzt haben könnte. Was uns freiwillig gegeben wird, sollten wir, so denke ich, aus allgemeiner Höflichkeit dankbar annehmen.

Während ich wieder einmal die Annehmlichkeiten meines Zuhauses auf den blauen Hügeln von Jersey genoss, entfachte Miss Anthony das Feuer der Freiheit auf den Berggipfeln von Oregon und dem Washington-Territorium. Den ganzen Oktober, November und Dezember 1871 hindurch polterte sie in Postkutschen über raue Straßen, sprach in jedem Weiler, in dem ein Schulhaus zu finden war, und verstreute unsere luftigen Flugblätter in alle vier Winde.

Von 1869 bis 1873 unternahmen Miss Anthony und ich mehrere Reisen durch Iowa, Missouri, Illinois und Nebraska und hielten Versammlungen in den meisten der Hauptstädte ab; ich sprach nachmittags zu Frauen allein über „Ehe und Mutterschaft“. Da Miss Anthony andere dringende Verpflichtungen in Kansas und Nebraska hatte, fuhr ich allein nach Texas und sprach in Dallas, Sherman und Houston, wo ich durch Überschwemmungen zwei Wochen lang aufgehalten wurde und so daran gehindert wurde, nach Austin, Galveston und einige Orte in Louisiana zu reisen, wo ich für Vorträge angekündigt war. Tatsächlich verlor ich alle meine Termine für einen Monat. Es gab jedoch ein schönes Hotel in Houston und viele angenehme Menschen, unter denen ich einige wertvolle Bekanntschaften machte. Neben mehreren öffentlichen Versammlungen hatte ich Gespräche im Salon und verteilte Flugblätter, sodass meine Zeit nicht verloren war.

Da die Überschwemmungen meine Pläne für den Winter über den Haufen geworfen hatten, fuhr ich von Houston direkt über die Iron Mountain Railroad nach New York. Ich erwartete eine eher einsame Reise; aber glücklicherweise traf ich General Baird, den ich kannte, und einige andere Armeeoffiziere, die an der mexikanischen Grenze gewesen waren, um einige Probleme in der „Freihandelszone“ beizulegen. Wir amüsierten uns auf der langen Reise mit Whist und Diskussionen über das Frauenstimmrecht. Wir bemerkten einen verdrießlich aussehenden Geistlichen, offensichtlich von biliösem Temperament, der uns am ersten Tag sehr stetig und missbilligend beäugte, und auf diskrete Weise warnten wir uns gegenseitig, dass er uns zu gegebener Zeit eine Predigt über die Sünde des Kartenspiels halten würde.

Als ich am nächsten Morgen allein saß, setzte er sich an meine Seite und fragte mich, ob ich ihm erlauben würde, seine Meinung zum Kartenspiel zu äußern. Ich sagte: „Oh, ja! Ich glaube voll und ganz an die Redefreiheit.“ „Nun“, sagte er, „ich fasse niemals Karten an. Ich halte sie für eine Erfindung des Teufels, um unvorsichtige Seelen von jedem ernsten Nachdenken über die strengen Pflichten des Lebens und die Realitäten der Ewigkeit abzubringen! Es tat mir leid, Sie mit Ihrem weißen Haar, wahrscheinlich nahe dem Ende Ihrer irdischen Laufbahn, beim Kartenspielen und Reden mit diesen leichtsinnigen Armeeoffizieren zu sehen, die Freude daran haben, ihre Mitmenschen zu töten. Nein! Ich glaube weder an Krieg noch an Kartenspiel; solche Dinge bereiten die Seele nicht auf den Himmel vor.“ „Nun“, sagte ich, „Sie haben mit Ihren Ansichten völlig recht, die Gesellschaft von Armeeoffizieren und alle Kartenspiele abzulehnen. Sie genießen zweifellos Ihre eigenen Gedanken und das Buch, das Sie lesen, mehr als die Unterhaltung dieser Herren und eine Partie Whist. Wir müssen unser Verhalten an unserem eigenen höchsten Ideal ausrichten. Während ich die Notwendigkeit des Krieges beklage, kenne ich in unserer Armee viele der edelsten Typen des Menschseins, deren Bekanntschaft ich sehr schätze. Ich genieße auch alle Spiele, von Schach bis Domino. Es gibt so viel Trauriges und Strenges im Leben, dass wir manchmal die Lasten ablegen und uns unschuldigen Vergnügungen hingeben müssen. Sie sehen also, was von meinem Standpunkt aus klug ist, ist von Ihrem aus unklug. Es tut mir leid, dass Sie alle Vergnügungen ablehnen, da sie zur Gesundheit von Körper und Seele beitragen. Es tut Ihnen leid, dass ich nicht wie Sie denke und mein Leben danach ausrichte. Sie sind sicher, dass Sie recht haben. Ich bin ebenso sicher, dass ich es bin. Daher bleibt in beiden Fällen nichts anderes zu tun, als einander in Ruhe zu lassen und auf den langsamen Prozess der Evolution zu warten, der jedem von uns einen höheren Maßstab verleiht.“ Gerade da fragte mich einer der Offiziere, ob ich bereit für eine Partie Whist sei, und ich entschuldigte mich von der weiteren Diskussion. Ich traf auf meinen Reisen viele dieser schwermütigen Heiligen, die so viel Gedanken an die Ewigkeit und die Rettung ihrer Seelen verschwendeten, dass sie alle Freuden der Zeit verloren, ebenso wie jene süßen Tugenden der Höflichkeit und Nächstenliebe, die sie am besten für gute Werke auf Erden und Glück im Himmel rüsten könnten.

Im Frühjahr fuhr ich nach Nebraska, und Miss Anthony und ich unternahmen wieder eine Westreise, manchmal zusammen und manchmal auf verschiedenen Routen. Ein Verfassungskonvent tagte in Lincoln, und es wurde vorgeschlagen, einen Zusatzartikel einzureichen, um das Wort „männlich“ aus der Verfassung zu streichen. Nebraska wurde im März 1867 ein Staat und wählte „Gleichheit vor dem Gesetz“ zu ihrem Motto. Ihre Territorialgesetzgebung hatte viele Male vorgeschlagene liberale Gesetze für Frauen diskutiert, und ihre Staatsgesetzgebung hatte zweimal Vorschläge für das Frauenstimmrecht geprüft. Ich hatte einen Koffer bei mir, der die Minderheitsberichte des ehrenwerten Benjamin F. Butler als Mitglied des Justizausschusses des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten enthielt, die sich für das Recht der Frau auf Wahl unter dem Vierzehnten Zusatzartikel aussprachen. Als wir den Platte River überquerten, fiel mein Koffer beim Umladen des Gepäcks auf das Boot in den Fluss. Mein Herz stand still bei dem Gedanken an ein solches Schicksal für all diese gewichtigen Argumente. Nachdem der große General sein Leben lang in heißem Wasser gestanden hatte, war es schmerzlich zu denken, dass einige seiner Ausarbeitungen schließlich im kalten Wasser umkommen sollten. Glücklicherweise wurden sie gerettet. In Lincoln angekommen, wurde ich zum Haus des Gouverneurs geleitet, wo ich die Dokumente im Sonnenschein ausbreitete, und sie waren bald bereit, unter den Mitgliedern des Verfassungskonvents verteilt zu werden.

Nachdem ich vor dem Konvent gesprochen hatte, baten mich einige der Mitglieder zu einer Diskussion über die Punkte meiner Rede. Alle Herren waren ernst und respektvoll, mit einer Ausnahme. Ein Mann mit einem ungewöhnlich kleinen Kopf, kleiner Statur und krummen Beinen versuchte, auf meine Kosten witzig und scherzhaft zu sein. Während einer kurzen Pause in der Unterhaltung rückte er seinen Stuhl direkt vor mich und sagte in spöttischem Ton: „Glauben Sie nicht, dass das Beste, was eine Frau tun kann, darin besteht, ihren Teil in der Rolle als Ehefrau und Mutter gut zu erfüllen? Meine Frau hat mir acht wunderschöne Kinder geschenkt; ist das nicht ein besseres Lebenswerk als das Ausüben des Wahlrechts?“

Ich hatte diesen Mann während des gesamten Gesprächs im Auge behalten und gesehen, dass die anderen Mitglieder von seinem Verhalten verärgert waren. Ich beschloss, als der günstige Moment gekommen war, ihm eine Antwort zu geben, die nicht so schnell vergessen werden würde; also antwortete ich prompt auf seine Frage, während ich ihn langsam von Kopf bis Fuß betrachtete: „Ich habe in meinem Leben nur wenige Männer getroffen, die es wert wären, achtmal wiederholt zu werden.“ Die Mitglieder brachen in ein schallendes Gelächter aus, und einer von ihnen klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Da, Söhnchen, du hast gelesen und buchstabiert; du gehst besser.“ Diese Szene wurde in allen Zeitungen von Nebraska verbreitet, und wo immer der kleine Mann hinkam, wurde er gefragt, warum Mrs. Stanton wohl gedacht habe, er sei es nicht wert, achtmal wiederholt zu werden.

Während meines Aufenthalts in Lincoln fand eine Feier zur Eröffnung irgendeiner Eisenbahnstrecke statt. Eine riesige Menschenmenge aus einem Umkreis von vielen Meilen hatte sich zu diesem Anlass versammelt. Die Erfrischungen wurden aufgetragen und unter freiem Himmel wurden Reden gehalten. Die Männer beglückwünschten einander zu den wunderbaren Fortschritten, die der Staat gemacht hatte, seit er 1854 als organisiertes Territorium gegründet worden war. Anfangs gab es nicht den geringsten Hinweis auf die Frauen. Ein Redner sagte: „Dieser Staat wurde von drei Brüdern besiedelt, John, James und Joseph, und aus ihnen ist die große Schar von Menschen hervorgegangen, die uns heute hier begrüßt.“ Ich wandte mich an den Gouverneur und fragte ihn, ob all diese Menschen, wie Minerva, den Gehirnen von John, James und Joseph entsprungen seien. Er drängte mich, diese Frage dem Redner zu stellen; also brachte ich in einer seiner eloquenten Pausen diese Anfrage vor, die mit lautem und lang anhaltendem Jubel begrüßt wurde, zur offensichtlichen Zufriedenheit der anwesenden Frauen. Der nächste Redner achtete gut darauf, Ann, Jane und Mary das gebührende Lob zu zollen, und bei jeder Erwähnung der Mütter von Nebraska reagierte die Menge herzlich.

Beim Ausbringen eines Trinkspruchs auf „die Frauen von Nebraska“ bei den Erfrischungen sagte ich: „Auf das Wohl der Mütter, die auf langen, mühsamen Reisen hierherkamen, dicht gedrängt mit unruhigen Kindern in Siedlerwagen, die tagsüber die Mahlzeiten kochten und nachts die Babys stillten, während die Männer schliefen. Sie verließen ihre komfortablen Häuser im Osten, ertrugen alle Härten des Pionierlebens, erlitten mit den Männern die Angriffe der Dakota-Indianer und die ständige Angst vor wilden Überfällen, Präriebränden und den verheerenden Heuschreckenplagen. Die Prüfungen des Mannes, seine Ängste, seine Verluste – all das lastete doppelt schwer auf der Frau; dennoch schweigt die Geschichte über die Rolle, die die Frau im Grenzlandleben der frühen Siedler spielte. Männer erwähnen ihr Heldentum und ihre göttliche Geduld mit keinem Wort; sie denken nicht an die mentalen oder körperlichen Qualen, die Frauen in den Gefahren der Mutterschaft ertragen, oft ohne Krankenschwester oder Arzt in der höchsten Stunde ihrer Not, indem sie, wie jede Mutter es tut, in die Pforten des Todes gehen, um einem unsterblichen Wesen das Leben zu schenken!“

Als ich in den frühen Tagen durch all diese westlichen Staaten reiste, die Entbehrungen sah, die Frauen erlitten, und den Geschichten vom Leid am Kaminfeuer lauschte, wunderte ich mich, dass Männer jemals die Schuld der Dankbarkeit vergessen konnten, die sie ihren Müttern schuldeten, oder versäumten, ihren Anteil am Wachstum eines großen Volkes zu würdigen. Dennoch haben die Männer von Nebraska den Verfassungszusatz zum Frauenwahlrecht zweimal abgelehnt.

Im Jahr 1874 war Michigan der Mittelpunkt des Interesses für all jene, die an der Frauenwahlrechtsbewegung teilgenommen hatten. Die Legislative legte mit sehr großer Mehrheit den Wählern einen Verfassungszusatz vor, der das Wort „männlich“ streichen und somit die bürgerlichen und politischen Rechte für die Frauen des Staates sichern sollte. Es war eine sehr aktive Kampagne. In allen wichtigen Städten und Gemeinden wurden überfüllte Versammlungen abgehalten. Professor Moses Coit Tyler und eine große Anzahl von Geistlichen predigten jeden Sonntag über das Thema der Stellung der Frau. Die methodistische Konferenz verabschiedete eine Resolution zugunsten des Zusatzes mit einer einstimmigen Abstimmung. Ich war während der intensiven Hitze des Mai und Juni im Staat, sprach jeden Abend vor großem Publikum; am Nachmittag nur zu Frauen und predigte jeden Sonntag von irgendeiner Kanzel. Die Methodisten, Universalisten, Unitarier und Quäker öffneten alle ihre Kirchen für die Apostel des neuen Evangeliums der Gleichberechtigung der Frauen. Wir sprachen in Gefängnissen, Strafanstalten, Anstalten, Bahnhöfen und unter freiem Himmel. Wo auch immer es Ohren gab, die hören konnten, erhoben wir unsere Stimmen, und auf den Flügeln des Windes wurden die frohen Botschaften in die entlegensten Winkel des Staates getragen, und die Stimmen von vierzigtausend Männern am Wahltag zugunsten des Zusatzes waren so viele Zeugnisse für den Wert der geleisteten Bildungsarbeit.

Auf dieser Reise machte ich viele wertvolle Bekanntschaften, mit denen ich lebenslange Freundschaften geschlossen habe. Einen angenehmen Tag verbrachte ich im Haus von Gouverneur Bagley und seiner Frau, zusammen mit einer Gruppe hübscher Kinder. Ich fand den Gouverneur zutiefst an Gefängnisreformen interessiert. Er hatte maßgeblich dazu beigetragen, ein Gesetz zu verabschieden, das den Gefangenen Beleuchtung in ihren Zellen und angenehme Lektüre bis neun Uhr abends gewährte. Seine Vorstellungen davon, wie Gefängnisse sein sollten, wie er sie an jenem Tag darlegte, wurden seitdem in dem großartigen Experiment, das nun erfolgreich in Elmira, New York, erprobt wird, vollständig verwirklicht.

Ich besuchte das Staatsgefängnis in Jackson und sprach vor siebenhundert Männern und Jungen im Alter von siebzehn bis siebzig Jahren. Auf dem Podium neben dem Gefängniskaplan sitzend, sah ich sie zum Essen einmarschieren, und während sie aßen, hatte ich die Gelegenheit, die traurigen, verzweifelten Gesichter vor mir zu studieren. Ich werde niemals den hoffnungslosen Ausdruck eines jungen Mannes vergessen, der gerade zu zwanzig Jahren verurteilt worden war, noch wie sehr ich mich dafür schämte, dass ein Mitglied meines eigenen Geschlechts, das mit zwei Liebhabern spielte, die Eifersucht des einen gegen den anderen geschürt hatte, bis die Tragödie im Tod des einen und der fast lebenslangen Gefangenschaft des anderen endete. Wenn Mädchen in irgendeiner Lebensbeziehung wahrhaftig und durchsichtig sein sollten, dann sicherlich in der Liebe, die die stärksten Leidenschaften umfasst, zu denen die menschliche Natur fähig ist. Als der Kaplan mir die traurige Geschichte erzählte und ich das feine Gesicht und den wohlgeformten Kopf des Gefangenen bemerkte, spürte ich, dass der junge Mann nicht unter den richtigen Einflüssen stand, um die Lektion zu lernen, die er brauchte. Angst, Zwang, Bestrafung sind die männlichen Heilmittel für moralische Schwäche, doch Statistiken zeigen seit Jahrhunderten ihr Scheitern. Warum nicht das System ändern und die Erziehung der moralischen und intellektuellen Fähigkeiten, eine fröhliche Umgebung und inspirierende Einflüsse versuchen? Alles in unserem gegenwärtigen System tendiert dazu, die körperliche Vitalität, das Selbstwertgefühl und den moralischen Ton zu senken und den Kriminellen eher zu verhärten als zu reformieren.

Mein Herz war so schwer, dass ich nicht wusste, was ich zu einer solchen Versammlung der Elenden sagen sollte. Ich fragte den Kaplan, was ich sagen solle. „Einfach, was Ihnen gefällt“, antwortete er. Da ich dachte, sie hätten wahrscheinlich genug von ihren Sünden, ihren Seelen und dem Plan der Erlösung gehört, beschloss ich, ihnen die Nachrichten des Tages zu überbringen. Also erzählte ich ihnen von dem Zusatz zum Frauenwahlrecht, was ich in diesem Staat tat, von meinen amüsanten Begegnungen mit Gegnern, ihren Argumenten, meinen Antworten. Ich erzählte ihnen von den großen Veränderungen, die im Gefängnisleben bewirkt würden, wenn die Mütter der Nation eine Stimme bei den Gebäuden und der Disziplin hätten. Ich erzählte ihnen, was Gouverneur Bagley gesagt hatte, und von der guten Zeit, die kommen würde, wenn Gefängnisse keine Orte der Bestrafung mehr, sondern Schulen der Reform wären. Um ihnen zu zeigen, was Frauen tun würden, um diesen schönen Traum zu verwirklichen, erzählte ich ihnen von Elizabeth Fry und Dorothea L. Dix, von Mrs. Farnhams Experiment in Sing Sing und Louise Michels in Neukaledonien, und zum Schluss sagte ich: „Nun möchte ich, dass alle von Ihnen, die für den Zusatz sind, ihre rechte Hand heben.“ Sie gaben eine einstimmige Abstimmung ab und lachten herzlich, als ich sagte: „Ich wünschte wirklich, Sie könnten alle im November zur Wahl gehen und wir könnten unsere Gegner bis nach der Wahl hier einsperren.“ Ich fühlte mich zufrieden, dass sie eine glückliche Stunde gehabt hatten und dass ich nichts gesagt hatte, um die Gefühle der am meisten vom Unglück Verfolgten zu verletzen. Als sie zu ihren jeweiligen Werkstätten abmarschierten, gingen mein Glaube und meine Hoffnung auf hellere Tage mit ihnen. Dann ging ich durch das ganze Gefängnis. Alles sah oberflächlich sauber und komfortabel aus, aber ein paar Tage später traf ich einen Mann, der gerade freigelassen worden war und fünf Jahre wegen Fälschung dort verbracht hatte. Er erzählte mir das wahre Innere des Systems; von dem elenden, trostlosen Leben, das sie erlitten, und der Brutalität der Wärter. Er sagte, das Gefängnis sei von Mäusen und Ungeziefer befallen, und dass er während der fünf Jahre, die er dort war, keine Nacht in ungestörtem Schlaf gelegen habe. Die Leiden, die im Sommer aufgrund von Luftmangel ertragen wurden, seien unbeschreiblich gewesen. In diesem Gefängnis befanden sich die Zellen in der Mitte des Gebäudes, die Korridore verliefen ringsum an den Fenstern entlang, sodass die Gefangenen keinen Ausblick und keinen direkten Kontakt mit der Luft hatten. Wenn also ein nachlässiger Wärter vergaß, die Fenster nach einem Sturm zu öffnen, japsten die armen Gefangenen in ihren Zellen nach Luft wie Fische auf dem Trockenen. Mein Informant arbeitete in der Matratzenabteilung, über dem Raum, in dem Gefangene bestraft wurden. Er sagte, er könne die Peitsche und die Schreie der Opfer von morgens bis abends hören. „So schwer die Arbeit den ganzen Tag auch ist“, sagte er, „es ist eine gesegnete Erleichterung, aus unseren Zellen zu kommen, über den Hof zu marschieren und einen Blick auf den Himmel zu erhaschen, einen Hauch reiner Luft zu atmen und in den Werkstätten mit anderen menschlichen Seelen in Kontakt zu kommen, denn obwohl wir niemals miteinander sprechen konnten, gab es doch einen verborgenen Strom der Sympathie, der durch einen Blick vermittelt wurde und uns in unserem Elend eins machte.“

Obwohl die Presse des Staates größtenteils zu unseren Gunsten war, gab es doch einige Redakteure, die, da sie keine Argumente hatten, den wenigen Witz, den sie besaßen, in billigem Spott ausübten. In dieser Kampagne sagte ein Redakteur in einer Zeitung in Kalamazoo: „Diese uralte Tochter des Methusalah, Susan B. Anthony, kam gestern auf ihrem Weg zum Treffen in Plainwell durch unsere Stadt, mit einer Haube auf dem Kopf, die aussah, als wäre sie kürzlich aus Noahs Arche gestiegen.“ Miss Anthony verwies oft auf diese Beschreibung ihrer selbst und sagte: „Hätte ich zwanzigtausend Wähler in Michigan vertreten, hätte dieser politische Redakteur weder gewusst noch sich darum geschert, ob ich die älteste oder jüngste Tochter des Methusalah sei, oder ob meine Haube aus der Arche oder von Worth stammte.“

KAPITEL XIX.

DER GEIST VON '76.

Das Jahr 1876 war eines von intensiver Aufregung und mühsamer Aktivität im ganzen Land. Die Erwartung des hundertsten Geburtstages der Republik, der in Philadelphia gefeiert werden sollte, regte den Patriotismus der Menschen zum höchsten Grad der Begeisterung an. Da jeder Staat auf der großen Ausstellung vertreten sein sollte, fügte der lokale Stolz ein weiteres Element zum öffentlichen Interesse hinzu. Außerdem machten alle, die sich die Reise irgendwie leisten konnten, geschäftige Vorbereitungen, um den vierten Juli, den Geburtstag der Republik, inmitten der Schauplätze zu verbringen, an denen 1776 die Unabhängigkeitserklärung herausgegeben, die Regierung eingeweiht und die ersten nationalen Räte abgehalten wurden. Diejenigen, die sich für die politischen Rechte der Frauen interessierten, beschlossen, den Vierten zu einem Tag der Frau zu machen und den Anlass in ihren verschiedenen Orten durch das Halten von Reden und das Verlesen ihrer eigenen Rechteerklärung zu feiern, mit Abendessen und Picknicks in den Stadthallen oder Hainen, je nachdem, was am bequemsten war. Aber viele aus jedem Staat der Union trafen ihre Vorkehrungen, um diese historische Zeit in Philadelphia zu verbringen. Auch aufgrund der großen Anzahl von Ausländern, die herbeiströmten, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen, war diese Stadt bis an ihre äußerste Kapazitätsgrenze gefüllt. Mit der Menschenmenge und der übermäßigen Hitze wurde der Komfort überall der Neugier geopfert.

Die Begeisterung im ganzen Land hatte den Lyceum-Büros einen neuen Impuls gegeben. Wie die Fähren im Hafen von New York, die hierhin und dorthin fuhren und sich gegenseitig kreuzten, war die ganze Liste der Dozenten auf dem Sprung und flog in jede Stadt von San Francisco bis New York. Sobald eine neue Eisenbahn durch ein Dorf mit fünfhundert Einwohnern führte, das mit einem Schulhaus, einer Kirche oder einem Hotel und einem unternehmungslustigen Mann oder einer Frau prahlen konnte, wurde sofort eine Vortragsreihe als Teil der Winterunterhaltung eingeweiht.

Bei einer Gelegenheit wurde ich irrtümlicherweise in eine kleine Stadt eingeladen, um am selben Abend einen Vortrag zu halten, an dem die Christy Minstrels auftreten sollten. Da die Stadt nur eine Halle hatte, wurde vereinbart, dass ich von sieben bis acht Uhr sprechen sollte und die Minstrels den Rest der Zeit haben sollten. Man kann leicht erkennen, dass bei der Vorfreude auf die Minstrels ein Vortrag über ein ernstes Thema nur einen kleinen Platz in den Herzen der Menschen in einer Stadt einnehmen würde, in der sie selten Unterhaltung irgendeiner Art hatten. Die ganze Zeit, während ich sprach, gab es ein Hin und Her hinter den Kulissen, wo die Minstrels sich mit Farben und lockigen Perücken in Afrikaner verwandelten und über die Witze der anderen lachten. Da es ein warmer Abend war und die Fenster offen standen, trug die Heiterkeit der Jungen auf der Straße zum allgemeinen Lärm bei. Unter solchen Umständen war es schwierig, mein Gleichgewicht zu bewahren. Ich wollte über meine eigene komische Lage lachen und beschloss, meine Ansprache zu einem Sammelsurium aus Anekdoten und Geschichten zu machen, wie eine Kette von Perlen, zusammengehalten durch einen feinen Faden aus Argumenten und Illustrationen. In dem Moment, als der Zeiger der Uhr auf acht Uhr stand, setzte die Band ein und kündigte damit an, dass die glückliche Stunde für die Minstrels gekommen war. Denjenigen meines Publikums, die bleiben wollten, wurden Plätze zum halben Preis angeboten; diejenigen, die es nicht wollten, schlüpften hinaus, und die Menge stürmte herein, sodass das Haus bald bis auf den letzten Platz gefüllt war. Ich blieb und genoss die Vorstellung der Minstrels mehr als meine eigene.

Da die Lyceum-Saison von Oktober bis Juni dauerte, kam ich spät in Philadelphia an. Miss Anthony und Mrs. Gage hatten bereits die Qual hinter sich, ein geeignetes Hauptquartier für die National Suffrage Association zu finden. Ich fand sie angenehm untergebracht im Erdgeschoss der Chestnut Street Nr. 1431, mit der Arbeit für den kommenden Monat klar vorgezeichnet. Da es das Jahr war, in dem Kandidaten für das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten nominiert werden sollten, standen die Republikaner und Demokraten kurz vor ihren großen Parteitagen. Daher sollten Briefe an sie geschrieben werden, in denen ein Zusatz zum Frauenwahlrecht in ihren Programmen empfohlen wurde und um Sitze für Frauen bei den Parteitagen gebeten wurde, mit dem Privileg, in eigener Sache gehört zu werden. Auf diese Briefe konzentrierte sich unsere gemeinsame Weisheit, und zwanzigtausend Exemplare von jedem wurden veröffentlicht.

Dann wurde es als überaus angemessen erachtet, eine Erklärung der Rechte der Frau herauszugeben. Tage und Nächte wurden mit diesem Dokument verbracht. Nach vielen Drehungen durch unsere analytische Pinzette, mit einer kritischen Prüfung jedes Wortes und Satzes, wurde es schließlich durch den Konsens der Kompetenten für sehr gut befunden. Tausende wurden zum Druck in Auftrag gegeben und wurden gefaltet, in Umschläge gesteckt, frankiert, adressiert und verteilt. Miss Anthony, Mrs. Gage und ich arbeiteten sechzehn Stunden, Tag und Nacht, drängten jeden, der hereinkam, in den Dienst und trugen spät in der Nacht riesige Bündel zur Post. Mit Versammlungen, Empfängen und einer Folge von Besuchern, die wir alle mit Literatur zum Frauenwahlrecht versorgten, hatten wir das Gefühl, eine großartige Bildungsarbeit geleistet zu haben.

Zu den erfreulichsten Erfahrungen in unserem Hauptquartier gehörten die häufigen Besuche unserer geliebten Lucretia Mott, die von ihrem Landhaus kam und uns Eier, kaltes Hähnchen und feinen Oolong-Tee mitbrachte. Da sie uns eine kleine schwarze Teekanne geschenkt hatte, die sich, wie Merkurs geheimnisvoller Milchkrug, für jeden kommenden Gast von selbst füllte, improvisierten wir oft Mittagessen mit ein paar Freunden. Beim Abschied leistete Lucretia immer einen Beitrag zu unserer geleerten Schatzkammer. Hier hatten wir viele langwierige Diskussionen darüber, welchen Teil wir am vierten Juli an der öffentlichen Feier einnehmen sollten. Wir dachten, es wäre angemessen für uns, unsere Erklärung der Rechte unmittelbar nach der der Väter zu lesen, als eine Anklage gegen sie und ihre männlichen Nachkommen wegen ihrer Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Unsere enthielt ebenso viele Anklagepunkte, und ebenso wichtige, wie jene gegen König George im Jahr 1776. Dementsprechend beantragten wir bei den Behörden, uns Sitze auf der Plattform und einen Platz im Programm der öffentlichen Feier zu gewähren, die in der historischen alten Independence Hall stattfinden sollte. Da General Hawley für die Arrangements des Tages zuständig war, schrieb ich ihm wie folgt:

„Chestnut Street 1431, 1. Juli 1876.

General Hawley.

Verehrter Herr: Als Präsidentin der National Woman's Suffrage Association bin ich autorisiert, Sie um Eintrittskarten für die Plattform in der Independence Hall für die Feier am vierten Juli zu bitten. Wir hätten gerne Sitze für mindestens eine repräsentative Frau aus jedem Staat. Wir bitten Sie auch um die Erlaubnis, unsere Erklärung der Rechte unmittelbar nach Beendigung der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung der Väter verlesen zu dürfen. Obwohl dies kleine Gefallen sind, um die wir als Vertreterinnen der Hälfte der Nation bitten, werden wir Ihnen zu großem Dank verpflichtet sein, falls sie gewährt werden.

Hochachtungsvoll,

Elizabeth Cady Stanton.“

Darauf erhielt ich die folgende Antwort:

„U.S.C.C. Hauptquartier, 2. Juli.

Mrs. Elizabeth Cady Stanton.

Sehr geehrte Dame: Ich sende Ihnen mit Vergnügen ein halbes Dutzend Einladungskarten. Da die Plattform bereits überfüllt ist, ist es unmöglich, die Anzahl der von Ihnen gewünschten Sitze zu reservieren. Ich bedauere mitteilen zu müssen, dass es uns ebenfalls unmöglich ist, zu dieser späten Stunde noch Änderungen am Programm vorzunehmen. Wir sind zeitlich zu sehr gedrängt, um das bereits Vorgeschlagene durchzuführen.

Hochachtungsvoll,

Joseph R. Hawley,

Präsident, U.S.C.C.“

Mit dieser Abfuhr beschlossen Mrs. Mott und ich, dass wir die angebotenen Sitze nicht annehmen, sondern bereit sein würden, unseren eigenen Konvent, der für diesen Tag einberufen war, in der First Unitarian Church zu eröffnen, wo Pfarrer William H. Furness fünfzig Jahre lang gepredigt hatte. Aber einige unserer jüngeren Mitstreiterinnen beschlossen, dass sie die Sitze einnehmen und unsere Erklärung der Rechte präsentieren würden. Sie sagten zu Recht: Frauen werden besteuert, um die Kosten dieser Feier zu bezahlen, und wir haben ein ebenso gutes Recht auf diese Plattform und auf das Gehör der Menschen wie die Männer, und wir werden gehört werden.

Dieser historische vierte Juli dämmerte schließlich herauf, einer der drückendsten Tage dieser heißen Saison. Susan B. Anthony, Matilda Joslyn Gage, Sara Andrews Spencer, Lillie Devereux Blake und Phoebe W. Couzins bahnten sich ihren Weg durch die Massen unter der sengenden Sonne des Independence Square und trugen die Erklärung der Rechte der Frau bei sich. Diese Erklärung war von einer ihrer Mitglieder schön kalligrafiert und von den ältesten und prominentesten Verfechterinnen der Frauenemanzipation unterzeichnet worden. Ihre Eintrittskarten erwiesen sich als „Sesam, öffne dich“ durch die militärischen Barrieren, und wenige Augenblicke vor Beginn der Zeremonien befanden sich diese Frauen innerhalb des Bereichs, von dem die meisten ihres Geschlechts ausgeschlossen waren.

Die Erklärung von 1776 wurde von Richard Henry Lee aus Virginia verlesen, um dessen Familie sich so viel historischer Ruhm rankt. Der Moment, in dem er mit dem Lesen fertig war, wurde als der angemessene Zeitpunkt für die Präsentation der Erklärung der Frau bestimmt. Nicht ganz sicher, wie ihrer Annäherung begegnet werden würde, nicht ganz sicher, ob ihnen in diesem letzten Moment erlaubt werden würde, den Vorsitzenden zu erreichen, erhoben sich diese Damen und machten sich auf den Weg den Mittelgang hinunter. Das Getümmel der Vorbereitungen für die brasilianische Hymne überdeckte ihr Vorrücken. Die ausländischen Gäste sowie die militärischen und zivilen Beamten, die den Raum direkt vor dem Rednerpult füllten, machten höflich Platz, während Miss Anthony die Erklärung dem Vorsitzenden in passenden Worten überreichte. Senator Ferrys Gesicht erblasste, als er sich tief verneigte und wortlos die Erklärung entgegennahm, die somit Teil des Tagesprogramms wurde. Die Damen wandten sich ab und verteilten gedruckte Exemplare, während sie gemessenen Schrittes die Plattform hinuntergingen. Von allen Seiten wurden begierige Hände ausgestreckt, Männer standen auf Sitzen und baten darum, während General Hawley, so herausgefordert und geschlagen in seiner dreisten Verweigerung des Rechts der Frauen, ihre Erklärung zu präsentieren, „Ordnung, Ordnung!“ rief.

Beim Hinausgehen begaben sich diese Damen zu einer Plattform, die für die Musiker vor der Independence Hall errichtet worden war. Hier, im Schatten von Washingtons Statue, hinter ihnen die alte Glocke, die „Freiheit für das ganze Land und alle seine Bewohner“ verkündete, nahmen sie ihre Plätze ein, und vor einer zuhörenden, applaudierenden Menge verlas Miss Anthony die Erklärung der Frau. Während der Verlesung der Erklärung stand Mrs. Gage neben Miss Anthony und hielt einen Regenschirm über ihren Kopf, um ihre Freundin vor der intensiven Hitze der Mittagssonne zu schützen. Und so drückten in derselben Stunde, auf gegenüberliegenden Seiten der alten Independence Hall, die Männer und Frauen ihre Meinungen zu den großen Prinzipien aus, die am Geburtstag der Republik verkündet wurden. Die Erklärung war prachtvoll gerahmt und hängt jetzt im Raum des Vizepräsidenten im Kapitol in Washington.

Diese heldenhaften Damen eilten dann von der Independence Hall zur Kirche, die bereits mit einem erwartungsvollen Publikum gefüllt war, dem sie einen vollständigen Bericht über den Ablauf des Vormittags gaben. Die weltberühmten Hutchinsons waren in ihrer glücklichsten Stimmung anwesend und lockerten die Reden mit passenden Liedern und treffenden Bemerkungen auf. Fünf lange Stunden an jenem heißen Hochsommertag lauschte ein gedrängtes Publikum, von dem viele stehen mussten, mit tiefem Interesse und zerstreute sich schließlich nur widerwillig, wobei alle darin übereinstimmten, dass es eine der eindrucksvollsten und enthusiastischsten Versammlungen war, die sie je besucht hatten.

Während unseres gesamten Bürgerkriegs hatten die Sklaven auf den Plantagen des Südens einen unerschütterlichen Glauben daran, dass der schreckliche Konflikt zur Freiheit für ihre Rasse führen würde. Genauso fühlten die Frauen der Nation während der gesamten geschäftigen Vorbereitungen der Hundertjahrfeier, dass die große nationale Feier nicht ohne das Zugeständnis einiger neuer Freiheiten für sie vorübergehen könne. Daher drängten sie ihre Forderungen an jedem Punkt, bei der Feier zum vierten Juli in den Ausstellungsgebäuden sowie bei den Nominierungsparteitagen der Republikaner und Demokraten; in der Hoffnung, einen Programmpunkt in die Plattformen beider großen politischen Parteien zu bekommen.

Der Frauenpavillon auf dem Gelände der Hundertjahrfeier war ein nachträglicher Einfall, so wie Theologen behaupten, die Frau selbst einer gewesen zu sein. Die Frauen des Landes, nachdem sie fast einhunderttausend Dollar zum Kapital der Hundertjahrfeier beigesteuert hatten, stellten fest, dass für die getrennte Ausstellung ihrer Arbeit keine Vorsorge getroffen worden war. Das Komitee der Hundertjahrfeier, dessen Präsidentin Mrs. Gillespie war, entschied dann, Gelder für die Errichtung eines separaten Gebäudes aufzubringen, das als Frauenpavillon bekannt werden sollte. Es bedeckte einen Morgen Land und wurde mit einem Kostenaufwand von dreißigtausend Dollar errichtet – eine kleine Summe im Vergleich zu dem Geld, das von Frauen aufgebracht und für die anderen Gebäude ausgegeben worden war, ganz zu schweigen von den staatlichen und nationalen Zuwendungen, zu deren Anschwellen die von ihnen erhobenen Steuern maßgeblich beigetragen hatten.

Der Pavillon war keine wirkliche Ausstellung der Kunst von Frauen. Wenige Frauen sind bis heute Eigentümerinnen des Geschäfts, das ihre Industrie maßgeblich rentabel macht. Baumwollfabriken, in denen Tausende von Frauen arbeiten, gehören Männern. Das Schuhgeschäft, in dessen einigen Zweigen Frauen mehr als die Hälfte der Arbeit leisten, befindet sich im Besitz von Männern. Reiche Stickereien aus Indien, Teppiche von flaumiger Weichheit aus der Türkei, das Musselin aus Dhaka, in alter Zeit als „Der gewebte Wind“ bekannt, die Töpferwaren und Majolika der Witwe von P. Pipsen, die Patronen und Briefumschläge von Uncle Sam, Waltham-Uhren, deren feinste mechanische Arbeit von Frauen verrichtet wird, und zehntausend andere Industrien fanden keinen Platz im Pavillon. Der Kommissar der Vereinigten Staaten für Colorado, Meeker, sagte: „Die Arbeit der Frau umfasst drei Viertel der Ausstellung; sie ist über jedes Gebäude verstreut; nimmt man sie weg, gäbe es keine Ausstellung.“

Aber dieser Pavillon leistete der Frau einen guten Dienst, indem er ihre Fähigkeiten als Ingenieurin zeigte. Der Kessel, der die Kraft für den Betrieb der Maschinen lieferte, stand unter der Aufsicht eines jungen kanadischen Mädchens, Miss Allison, die seit ihrer Kindheit Maschinen liebte und viel Zeit in den großen Säge- und Getreidemühlen ihres Vaters verbrachte, die von Maschinen mit zwei- bis dreihundert Pferdestärken angetrieben wurden, die sie manchmal zum Vergnügen bediente. Als ihr Name für den Betrieb der Pavillonmaschinen vorgeschlagen wurde, stieß dies auf viel Widerstand. Es wurde gesagt, dass das Komitee eines Tages den Pavillon in Atome zerblasen finden würde; dass die Ingenieurin ihre Zeit mit dem Lesen von Romanen verbringen würde, statt auf das Manometer zu achten; dass die Idee undurchführbar sei und nicht in Erwägung gezogen werden sollte. Doch Miss Allison bewies ihre Fähigkeiten und die Falschheit dieser Prophezeiungen bald, indem sie ihren Platz im Maschinenraum einnahm und dessen Abläufe mit vollkommener Leichtigkeit leitete. Sechs mechanische Webstühle, auf denen Frauen Teppiche, Gurtbänder, Seiden usw. webten, wurden von dieser Maschine betrieben. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde der Druck von *The New Century for Woman*, einer Zeitung, die von der Kommission der Hundertjahrfeier im Frauengebäude herausgegeben wurde, mit deren Hilfe durchgeführt. Miss Allison erklärte, die Arbeit sei sauberer, angenehmer und unendlich weniger ermüdend als das Kochen über einem Küchenherd. „Seit ich gezwungen bin, meinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagte sie, „war ich nie mit einer Arbeit beschäftigt, die mir so gut gefällt. Schule zu unterrichten ist viel härter, und man wird nicht so gut bezahlt.“ Sie drückte ihre Zuversicht aus, in der Lage zu sein, die Maschinen eines Ozeandampfers zu bedienen, und sagte, dass es Tausende von kleinen Maschinen gebe, die in verschiedenen Teilen des Landes im Gebrauch seien, und kein Grund bestehe, warum Frauen nicht für deren Bedienung angestellt werden sollten – den Beruf des Ingenieurs als regelmäßiges Geschäft ausübend –, wobei eine Maschine weit weniger Aufmerksamkeit erfordere, als von einem Kindermädchen oder einer Mutter einem Kind entgegengebracht wird.

Doch um den Frauenpavillon großartig historisch zu machen, hätten an seinen Wänden der jährliche Protest von Harriet K. Hunt gegen Besteuerung ohne Repräsentation hängen müssen; die rechtlichen Dokumente, die den Smith-Schwestern zugestellt wurden, als ihre Alderney-Kühe beschlagnahmt und verkauft wurden, weil sie sich weigerten, Steuern zu zahlen, während sie nicht vertreten waren; die Papiere, die von der Stadt Worcester für den Zwangsverkauf des Hauses und der Ländereien von Abby Kelly Foster, der Veteranin der Abschaffungsbewegung, ausgestellt wurden, weil sie die Zahlung von Steuern verweigerte und denselben Grund angab, den unsere Vorfahren nannten, als sie sich gegen die Besteuerung auflehnten; ein Modell des Bunker-Hill-Denkmals, dessen Grundstein 1825 von Lafayette gelegt wurde, das aber fast zwanzig Jahre unvollendet blieb, bis die berühmte deutsche Tänzerin Fanny Elssler den Erlös einer öffentlichen Aufführung für diesen Zweck spendete. Mit diesen hätten gerahmte Kopien aller Gesetze ausgestellt werden sollen, die sich ungerecht auf Frauen auswirken – jene, die sie ihres Namens, ihres Einkommens, ihres Eigentums, ihrer Kinder, ihrer Person berauben; ebenso die rechtlichen Dokumente im Fall von Susan B. Anthony, die vor Gericht gestellt und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie ihr Wahlrecht unter dem 14. Zusatzartikel beanspruchte, und die Entscheidung von Richter Miller im Fall von Myra Bradwell, die den nationalen Schutz für die bürgerlichen Rechte der Frau ablehnte; sowie die spätere Entscheidung von Oberrichter Waite vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten gegen Virginia L. Minor, die Frauen den nationalen Schutz für ihre politischen Rechte verweigerte; Entscheidungen zugunsten der Rechte der Einzelstaaten, die die Freiheiten nicht nur aller Frauen, sondern jedes weißen Mannes in der Nation gefährden.

Frauens passendste Beiträge zur Hundertjahrfeier wären diese Proteste, Gesetze und Entscheidungen gewesen, die ihre politische Sklaverei aufzeigen. Aber all dies blieb Räumen außerhalb des Ausstellungsgeländes überlassen, in der Chestnut Street, wo die National Woman's Suffrage Association ihre Flagge hisste, ihre Proteste formulierte und die Erklärung der Rechte der Frauen der Vereinigten Staaten schrieb.

Vielen nachdenklichen Menschen erschien es kleinlich und unvernünftig, dass Frauen sich in diesem freien Land inmitten solch allgemeiner Freudenfeste über Ungerechtigkeit beklagten. Wenn die Mehrheit der Frauen scheinbar glücklich ist, ist es natürlich anzunehmen, dass die Unzufriedenheit der Minderheit das Ergebnis ihrer unglücklichen individuellen Eigenheiten ist und nicht nachteiliger Einflüsse in etablierten Verhältnissen. Aber die Geschichte der Welt zeigt, dass die große Mehrheit in jeder Generation passiv die Bedingungen akzeptiert, in die sie hineingeboren wird, während diejenigen, die größere Freiheiten forderten, immer eine kleine, geächtete Minderheit sind, deren Ansprüche verspottet und ignoriert werden. Von unserem Standpunkt aus würden wir jede chinesische Frau ehren, die das Recht auf ihre Füße und Fortbewegungsfähigkeit beanspruchte; die hinduistischen Witwen, die sich weigerten, den Scheiterhaufen ihrer Ehemänner zu besteigen; die türkischen Frauen, die ihre Masken und Schleier abwarfen und den Harem verließen; die mormonischen Frauen, die ihrem Glauben abschworen und monogame Beziehungen forderten. Warum nicht gleichermaßen die intelligente Minderheit amerikanischer Frauen ehren, die gegen die künstlichen Behinderungen protestieren, durch die ihre Freiheit eingeschränkt und ihre Entwicklung aufgehalten wird? Dass nur wenige unter irgendwelchen Umständen gegen die Ungerechtigkeit lang etablierter Gesetze und Bräuche protestieren, widerlegt nicht die Tatsache der Unterdrückungen, während die Zufriedenheit der vielen, falls sie echt ist, nur ihre Apathie und tiefere Erniedrigung beweist. Dass eine Mehrheit der Frauen der Vereinigten Staaten die Behinderungen, die aus ihrer Entrechtung erwachsen, ohne Protest akzeptiert, ist einfach ein Beweis für ihre Unwissenheit und Feigheit, während die Minderheit, die einen höheren politischen Status fordert, eindeutig ihre überlegene Intelligenz und Weisheit beweist.

Am Ende des 47. Kongresses stellten wir zwei neue Forderungen: Erstens, ein Sonderausschuss, um alle Fragen bezüglich der bürgerlichen und politischen Rechte von Frauen zu prüfen. Wir stellten natürlich die Frage: Da der Kongress einen Sonderausschuss für die Rechte der Indianer hat, warum nicht für die der Frauen? Sind Frauen als Faktor der Zivilisation nicht wichtiger als Indianer? Zweitens baten wir um einen Raum im Kapitol, in dem unser Komitee ungestört tagen konnte, wann immer es dies für angebracht hielt. Obwohl diese Punkte lange debattiert wurden, wurden unsere Forderungen schließlich gewährt. Wir haben jetzt unseren Sonderausschuss und unseren Raum mit „Woman Suffrage“ in goldenen Buchstaben über der Tür. In unserem Kampf, dies zu erreichen, stand unser Vorkämpfer, der dienstälteste Senator aus Massachusetts, tapfer in der Diskussion auf, doch die Opposition verspottete nicht nur die besondere Forderung, sondern alle Versuche, die bürgerlichen und politischen Rechte von Frauen zu sichern. Als Beispiel für die Argumente der Opposition gebe ich wieder, was der Senator aus Missouri sagte. Es ist ein faires Beispiel für alles, was auf dieser Seite der Debatte vorgebracht wurde. Mr. Vests poetische Höhenflüge sind höchst inspirierend:

„Der Senat hat jetzt einundvierzig Ausschüsse mit einer kleinen Armee von Boten und Schreibkräften, von denen die Hälfte, ohne Übertreibung, buchstäblich beschäftigungslos ist. Ich werde nicht vorgeben, die Ausschüsse dieses Gremiums zu spezifizieren, die nicht eine einzige Vorlage, Resolution oder einen Vorschlag irgendeiner Art vor sich liegen haben und seit Monaten auch nicht hatten. Aber, Herr Präsident, von allen Ausschüssen ohne Geschäft, und gewohnheitsmäßig ohne Geschäft, in diesem Gremium gibt es einen, der zweifellos für diese Angelegenheit zuständig sein könnte und ihr vollauf gerecht würde. Ich beziehe mich auf diese höchst respektable und antike Institution, den Ausschuss für revolutionäre Ansprüche. Seit dreißig Jahren ist er ohne Geschäft. Seit dreißig langen Jahren blieb die glatte Oberfläche dieses parlamentarischen Meeres ohne eine einzige Kräuselung. Wenn der Senator aus Massachusetts ein Tribunal für ein ruhiges, gerichtliches Gleichgewicht und Prüfung wünscht – ein Tribunal fern von ‚des Pöbels unedlem Streit‘ – ein Tribunal, das überaus respektabel, würdevoll und einzigartig ist; warum diese Frage nicht an den Ausschuss für revolutionäre Ansprüche senden? Es ist überaus angemessen, dass dieser Gegenstand an diesen Ausschuss geht, denn wenn es einen revolutionären Anspruch in diesem Land gibt, dann ist es der des Frauenwahlrechts. (Gelächter.) Es revolutioniert die Gesellschaft; es revolutioniert die Religion; es revolutioniert die Verfassung und die Gesetze; und es revolutioniert die Meinungen derer unter uns, die so altmodisch sind, zu glauben, dass die legitime und angemessene Sphäre der Frau der Familienkreis ist, als Ehefrau und Mutter, und nicht als Politikerin und Wählerin – jene von uns, die stolz darauf sind zu glauben, dass

Der Frauen edelste Station ist der Rückzug: Ihre schönsten Tugenden fliehen den öffentlichen Anblick; Häuslicher Wert – der zu starkes Licht scheut.

Vor diesem Ausschuss für revolutionäre Ansprüche, warum könnte dieser revolutionärste aller Ansprüche nicht sofortige und volle Aufmerksamkeit erhalten? Mehr als das, wie ich bereits sagte, wenn es ein Tribunal gibt, das ungeteilte Zeit und würdevolle Aufmerksamkeit widmen könnte, ist es dann nicht dieser Ausschuss? Wenn es einen friedlichen Hafen der Ruhe gibt, der niemals durch irgendeine profane Vorlage oder Resolution irgendeiner Art gestört wird, dann ist es der Ausschuss für revolutionäre Ansprüche. Er wird im parlamentarischen Leben durch diesen ekstatischen Vers in Watts’ Hymne beschrieben –

Dort werde ich meine müde Seele baden In Meeren unendlicher Ruhe. Und keine Welle der Sorge soll rollen Über meine friedliche Brust.

Nach allen Naturgesetzen züchtet Stagnation Krankheit und Tod, und was könnte diese höchst ehrwürdige und respektable Institution mehr aufmischen als ein Antrag der ‚stark-gesinnten‘ Frauen mit kurzem Haar und noch kürzeren Röcken, die in ihr würdevolles Reich eindringen und all die Vorzüglichkeit des weiblichen Wahlrechts darlegen. Überdies, falls es diesen Damen jemals in der Vorsehung Gottes gelingen sollte, einen Bericht von diesem Ausschuss zu erhalten, würde dies diese Frage für immer beenden; denn die Öffentlichkeit im Allgemeinen, mich eingeschlossen, würde angesichts dieses Wunders weiblicher Schmeichelei und weiblichen Einflusses sofort kapitulieren, und das Frauenwahlrecht würde verfassungsmäßig und rechtmäßig werden. Mein Herr, ich bestehe darauf, dass aus Respekt vor diesem Ausschuss, aus Respekt vor der Tatsache, dass er diese Art von Kur und Medizin benötigt, dieser ganze Gegenstand dorthin verwiesen werden sollte.“

Dies vermittelt eine recht faire Vorstellung vom Charakter der Argumente, die von unseren Gegnern seit der Einweihung der Bewegung vorgebracht wurden. Aber da es in einer republikanischen Regierung keine Argumente zugunsten einer Aristokratie des Geschlechts gibt, war Spott wirklich die einzige verfügbare Waffe. Nachdem man erklärt hat, „dass keine gerechte Regierung ohne die Zustimmung der Regierten gebildet werden kann“, „dass Besteuerung ohne Repräsentation Tyrannei ist“, ist es schwer zu erkennen, auf welcher Grundlage die Hälfte der Bevölkerung entrechtet wird.

KAPITEL XX.

DAS SCHREIBEN DER „GESCHICHTE DES FRAUENWAHLRECHTS“.

Die vier Jahre nach der Hundertjahrfeier waren geschäftige, glückliche Jahre von vielfältigen Interessen und Beschäftigungen, öffentlich und privat. Söhne und Töchter, die ihr Studium abschlossen und Scharen junger Freunde zu Besuch brachten; die üblichen ehelichen Verwicklungen, mit all ihren Versprechen himmlischer Glückseligkeit, verwoben mit irdischen Zweifeln und Ängsten; Hochzeiten, Reisen nach Europa, geschäftliche Unternehmungen – in diesem Wirbel von Plänen und Projekten waren unsere Köpfe, Herzen und Hände vollauf beschäftigt. Sieben Jungen und Mädchen, die am Kamin tanzten, beschwingt von all den Freuden des Lebens, die sich vor ihnen auftaten, sind genug, um die apathischsten Eltern bei Tag auf den Wachtürmen zu halten und nachts selbst im Traumland ängstlich sein zu lassen. Meine freie Zeit, wenn man sagen kann, dass ich jemals welche hatte, wurde in diesen Tagen sozialen Festlichkeiten gewidmet. Die unvermeidlichen Abendessen, Tees, Picknicks und Tänze mit den Nachbarn auf dem Land kamen alle in schneller Folge. Wir lebten zu dieser Zeit in Tenafly, New Jersey, nicht weit vom Herausgeber der *Sun*, Isaac W. England, entfernt, der ebenfalls sieben Jungen und Mädchen hatte, so voller Übermut wie unsere eigenen. Mrs. England und ich nahmen an all ihren Spielen mit gleichem Eifer teil. Die Jüngsten dachten, der halbe Spaß bestünde darin, unsere Begeisterung bei „Blinde Kuh“, „Fuchs und Gans“ und „Bohnensäckchen“ zu sehen. Es erregt mich noch heute vor Freude, diese Spiele zu sehen!

Mr. England war die Seele der Gastfreundschaft. Er war nie glücklicher, als wenn sein Haus mit Gästen und seine Vorratskammer mit allen Köstlichkeiten der Saison gefüllt war. Obwohl er und Mr. Stanton beide mit jenem würdevollen Journal, der *New York Sun*, verbunden waren, nahmen sie oft an der allgemeinen Heiterkeit teil. Ich lache, während ich schreibe, bei der Erinnerung an all den Übermut, den wir auf den blauen Hügeln von Jersey hatten.

Zusätzlich zu den häuslichen Sorgen, die eine große Familie mit sich brachte, waren Mrs. Gage, Miss Anthony und ich bereits damit beschäftigt, Material für die „Geschichte des Frauenwahlrechts“ zu sammeln. Dies erforderte kein Ende an Korrespondenz. Dann waren meine Vortragsreisen immer noch ein Teil des jährlichen Programms. Auch Washingtoner Konventionen, mit Aufrufen, Appellen, Resolutionen, Reden und Anhörungen vor den Ausschüssen des Kongresses und der gesetzgebenden Versammlungen der Bundesstaaten, all dies kam im Ablauf des Jahres so regelmäßig vor wie Kürbiskuchen zu Thanksgiving, *Plum Pudding* zu Weihnachten und Patriotismus zum Geburtstag Washingtons. Diejenigen, die für Ruhm oder Philanthropie sprechen, sind bei College-Abschlussfeiern und Reden zum vierten Juli immer gefragt, daher wurde ein Großteil von Miss Anthonys Beredsamkeit, wie auch meine eigene, auf diese Weise genutzt.

Am 18. Oktober 1880 gab ich ein spontanes Abendessen. Elizabeth Boynton Harbert, May Wright Thompson (jetzt Sewall), Phoebe W. Couzins und Arethusa Forbes, die von einer Bostoner Konvention zurückkehrten, trafen sich alle zufällig unter meinem Dach. Wir hatten eine sehr fröhliche Zeit, während wir die Vorfälle der Konvention, die Bostoner Sitten und die allgemeine Situation besprachen. Als ich ihnen viele frühe Erinnerungen erzählte, fragten sie, ob ich ein Tagebuch geführt hätte. „Nein“, sagte ich, „keinen Federstrich über die Vergangenheit besitze ich, außer dem, was aus vielen Familienbriefen zusammengetragen werden könnte.“ Sie drängten mich, sofort mit einem Tagebuch zu beginnen; also versprach ich, dies an meinem kommenden Geburtstag zu tun.

Mein großer Kummer an jenem Tag war, dass wir einen neuen Herd einbauten und keine Vorbereitungen für das Abendessen getroffen hatten. Dies brachte das leitende Genie meiner kulinarischen Abteilung völlig durcheinander, da sie uns nicht das üppige Festmahl bieten konnte, von dem sie wusste, dass es bei solchen Anlässen erwartet wurde. Ich versuchte wie üblich, wenn es an Speisen mangelte, so brillant wie möglich im Gespräch zu sein; diskutierte Nirvana, Karma, Reinkarnation und lenkte so die Aufmerksamkeit von den vergänglichen Dingen der Erde auf die Freuden eines kommenden Lebens – kein leichtes Kunststück bei stark-gesinnten Frauen –, aber beim Abschied schienen sie glücklich und erfrischt, und alle versprachen, wiederzukommen.

Aber wir werden uns dort nie wieder treffen, da die alten, vertrauten Eichen und die majestätischen Kastanienbäume in andere Hände übergegangen sind. Fremde Liebende flüstern jetzt ihre Gelübde der Treue und des Vertrauens unter dem Baum, wo eine bezaubernde Hochzeitszeremonie – die meiner Tochter Margaret – an einem hellen Oktobertag vollzogen wurde. Die ganze Natur schien ihr Äußerstes zu tun, um die Schönheit des Anlasses zu erhöhen. Das Grün war brillant von herbstlichen Tönen, die dunstige Mittagssonne verlieh jedem Schatten eine eigentümliche Weichheit – selbst die Vögel und Insekten waren in Stille gehüllt. Als der Hochzeitsmarsch leise und klar aufstieg, führten zwei stattliche Platzanweiser den Weg an; dann eine Gruppe von Vassar-Kommilitoninnen, fröhlich geschmückt in Seiden verschiedener Farben, gefolgt von der Braut und dem Bräutigam. Ein riesiger Bernhardinerhund bildete auf eigene Faust den Schluss der Prozession und hielt mit gemessenem Schritt den Takt. Er nahm seinen Platz in voller Sicht ein und beobachtete abwechselnd den amtierenden Geistlichen, das Brautpaar und die Gäste, als wollte er sagen: „Was bedeutet das alles?“ Niemand benahm sich mit mehr Anstand und niemand sah strahlender aus als er, mit einem Sonnenstrahl auf seinem wunderschönen langen Fell, seinem hellen Messinghalsband und seinem wundervollen Kopf. Bruno erlebte es nicht mehr, wie das alte Zuhause aufgelöst wurde, sondern schläft friedlich dort unter den Kastanienbäumen und nimmt einen großen Platz in vielen unserer schönen Erinnerungen ein.

Am 12. November 1880 wurde ich fünfundsechzig Jahre alt, und meinem Versprechen gemäß begann ich dann mein Tagebuch. Es war ein heller, sonniger Tag, aber der Frostkönig war bei der Arbeit; alle meine prächtigen alten Bäume, die wie Wächter dastanden, um die Grenze meines Anwesens zu markieren, waren ihres Laubes beraubt, und ihre brillanten Farben waren zu einem einheitlichen Braun verblasst; aber die immergrünen Pflanzen und die hohen, ordentlichen Zedern behaupteten sich, und wenn sie mit Schnee bedeckt waren, brachten ihre exquisite Schönheit Tränen in meine Augen. Man braucht inmitten schöner Bäume niemals einsam zu sein.

Meine Gedanken waren bei meinen abwesenden Kindern – Harriot in Frankreich, Theodore in Deutschland, Margaret mit ihrem Mann und Bruder Gerrit auf halbem Weg über den Kontinent und Bob immer noch am College. Ich verbrachte den Tag mit Briefeschreiben und Auf-und-ab-Gehen auf der Veranda und genoss von meinen Fenstern aus einen herrlichen Sonnenuntergang. Allein an Geburtstagen oder Feiertagen neigt man sehr dazu, sich traurigen Rückblicken hinzugeben. Der Gedanke daran, wie viel mehr ich für die perfekte Entwicklung meiner Kinder hätte tun können, als ich erreicht hatte, deprimierte mich. Ich dachte an all die Fehler in meinem eigenen Leben und in ihrer Erziehung. Wenig ist über die Verantwortung des Elternlebens gesagt worden; dementsprechend ist wenig oder nichts getan worden. Ich hatte an jenem Tag solche Visionen von elterlichen Pflichten, dass ich zu dem Schluss kam, dass Eltern niemals die Schuld zurückzahlen könnten, die sie ihren Kindern dafür schulden, dass sie sie in diese Welt des Leidens gebracht haben, es sei denn, sie können ihnen einen gesunden Geist in einem gesunden Körper garantieren und genug von den guten Dingen dieses Lebens, um es ihnen zu ermöglichen, ohne einen ständigen Kampf um die notwendigen Dinge des Daseins zu leben. Ich habe kein Verständnis für die alte Idee, dass Kinder den Eltern eine Schuld der Dankbarkeit für die bloße Tatsache der Existenz schulden, die im Allgemeinen ohne nachzudenken und lediglich für ihr eigenes Vergnügen verliehen wurde. Wie selten hören wir von einer hohen oder heiligen Vorbereitung auf das Amt der Elternschaft! Hier, beim bedeutsamsten Akt des Lebens, wird alles dem Zufall überlassen. Männer und Frauen, intelligent und umsichtig in allen anderen Richtungen, scheinen hier keine Voraussicht walten zu lassen, sondern vererben ihre individuellen und familiären Eigenheiten auf die rücksichtsloseste Weise.

Am 13. November gab die *New York Tribune* den Tod von Lucretia Mott bekannt, die achtundachtzig Jahre alt war. Da ich sie in der Blüte des Lebens gekannt hatte, als alle ihre Fähigkeiten ihren Zenit erreicht hatten, und in der Ruhe des Alters, als ihre Kräfte zu schwinden begannen, erschien ihr Rückzug aus unserer Mitte so schön und natürlich wie das wechselnde Laub von Sommer zu Herbst bei irgendeiner prächtigen alten Eiche, die ich beobachtet und geliebt habe.

Die Ankunft von Miss Anthony und Mrs. Gage am 20. November verbannte alle Familienangelegenheiten aus meinem Geist. Welch eine Planung nun für Bände, Kapitel, Fußnoten, Ränder, Anhänge, Papier und Satz; für Stiche, Titel, Vorwort und Einleitung! Ich hätte nie gedacht, dass die Herausgabe eines Buches die Berücksichtigung solch endloser Einzelheiten erforderte. Wir standen entgeistert vor der Masse an Material, die mit jeder Post höher und höher wuchs, und der Gedanke an all die damit verbundene Lektüre ließ uns fühlen, als läge unser Lebenswerk vor uns. Sechs Wochen stetiger Arbeit den ganzen Tag über, und oft bis Mitternacht, ließen den Stapel an Dokumenten nicht merklich schrumpfen. Vor Ende des Monats hatten wir jedoch unsere Vereinbarungen mit Verlegern und Kupferstechern getroffen und sechs Kapitel im Druck. Als wir begannen, die Korrekturfahnen zu lesen, fühlten wir uns, als sei etwas vollbracht. So arbeiteten wir durch den Winter und weit in den Frühling hinein, ohne jede Abwechslung, abgesehen von der Washingtoner Konvention und gelegentlichen Abendversammlungen in New York City. Wir hatten häufigen Besuch von Freunden, die wir gerne sahen. Hierher kamen Edward M. Davis, Sarah Pugh, Adeline Thompson, Frederick Cabot aus Boston, Dr. William F. Channing und die süße kleine Clara Spence, die für uns einige der schönsten Stücke aus ihrem Repertoire vortrug.

Zudem erhielten wir zahllose Briefe von Freunden und Feinden, einige lobten und einige verurteilten unser geplantes Unterfangen, und obwohl wir viel allein waren, blieben wir mit der Außenwelt in Verbindung. Doch der Ton der Briefe war so widersprüchlich, dass wir, hätten wir uns und unsere Ratgeber nicht sehr gut eingeschätzt, unser Vorhaben aufgegeben und all das wertvolle, gesammelte Material hätten begraben müssen, damit es für immer in Kiefernholzkisten schliefe.

Zu dieser Zeit erhielt ich einen sehr amüsanten Brief vom Rev. Robert Collyer über „literarische Rechtschaffenheit“, in dem er mich neckte, weil ich eine seiner Anekdoten in meiner Skizze über Lucretia Mott verwendet hatte, ohne ihn zu nennen. Ich lachte ihn aus, dass er es für meine Pflicht gehalten hatte, dies zu tun. Ich sagte ihm deutlich, dass er zu einer Klasse von „weißen männlichen Bürgern“ gehöre, die mich aller bürgerlichen und politischen Rechte beraubt hatten; meines Eigentums, meiner Kinder und meiner persönlichen Freiheit; und nun stand es ihm schlecht an, mich zur Rechenschaft zu ziehen, weil ich eine seiner kleinen Anekdoten verwendet hatte, die er zehn zu eins von irgendeiner Frau gestohlen hatte. Ich erklärte ihm, dass ich seine gesamte Klasse als legitime Beute für literarische Diebstähle betrachtete. Dass Frauen besteuert worden waren, um Colleges zu bauen, an denen Männer ausgebildet wurden, und wenn wir einen literarischen Krümel aufheben konnten, der von ihren Festmählern gefallen war, hatten wir sicherlich ein Recht darauf. Darüber hinaus sagte ich ihm, die Pflicht des Mannes in der Welt sei es, zu arbeiten, nach Juwelen zu graben und zu forschen, realen wie idealen, und sie der Frau zu Füßen zu legen, damit sie sie nach Belieben verwenden könne; dass er sich vielmehr geschmeichelt fühlen solle, statt sich zu beklagen, dass er etwas geschrieben habe, das ich für wertvoll hielt. Er antwortete wie der Edelmann, der er ist; empfänglich dafür, eine neue Idee aufzunehmen. Er gab zu, dass er angesichts der Mängel seines gesamten Geschlechts kein Wort zur Anklage zu sagen habe, sondern in Sack und Asche vor meinen Füßen liege und sich wundere, dass er nicht von Anfang an meinen Standpunkt eingenommen hatte.

Nur zweimal in meinem Leben wurde ich beschuldigt, zitiert zu haben, ohne die gebührende Anerkennung zu zollen. Der andere Fall war der von Matilda Joslyn Gage. Ich hatte bei zwei oder drei Gelegenheiten ein Motto von ihr in Autogrammbücher eingetragen, genau wie ich Sentenzen von Longfellow, Lowell, Shakespeare, Moses oder Paulus versandt hatte. Auf langen Vortragsreisen begegneten einem auf Schritt und Tritt zahllose Autogrammbücher, in den Wagen, auf den Bahnhöfen, auf dem Podium, im Hotel und im Omnibus. „Eine Sentenz, bitte“, rufen ein halbes Dutzend Stimmen. Man schreibt hastig für jede eine andere Sentenz. Auf diese Weise verwendete ich unglücklicherweise eine Lieblingssentenz von Matilda. Also sage ich hier und heute meinen Autogramm-Bewunderern, von New York bis San Francisco: Wann immer Ihr lest „Es gibt ein Wort, das süßer ist als Mutter, Heim oder Himmel – dieses Wort ist Freiheit“, denkt daran, es gehört Matilda Joslyn Gage. Ich hoffe nun, dass Robert und Matilda in ihren posthumen Werken sagen werden, dass ich die _amende honorable_ geleistet habe, wie ich es immer zu tun bestrebt bin, wenn Freunde das Gefühl haben, nicht fair behandelt worden zu sein.

Im Mai 1881 erschien der erste Band unserer Geschichte; es war ein Oktavband, der 871 Seiten umfasste, mit gutem Papier, gutem Druck, schönen Stichen und hübsch gebunden. Ich hieß ihn mit demselben Gefühl der Liebe und Zärtlichkeit willkommen wie mein erstgeborenes Kind. Ich empfand das gleiche Vergnügen, ihn loben zu hören, und die gleiche Kränkung, ihn kritisiert zu hören. Der herzlichste Empfang wurde ihm von Rev. William Henry Channing bereitet. Er schrieb uns, er sei so interessant und fesselnd wie ein Roman. Er widmete ihm eine höchst schmeichelhafte Besprechung in einer der Londoner Zeitungen. Auch John W. Forney schrieb eine gute Rezension und sandte einen freundlichen Brief. Mayo W. Hazeltine, einer der fähigsten Kritiker dieses Landes, gab ihm in der *New York Sun* ebenfalls eine sehr sorgfältige und lobende Kritik. Tatsächlich erhielten wir weit mehr Lob und weniger Tadel, als wir erwartet hatten. Wir begannen im Juni mit dem zweiten Band. Beim Lesen des Materials über die Arbeit der Frauen im Krieg fühlte ich, wie wenig unsere Arbeit geschätzt wird. Wer kann all das Leid zusammenrechnen, das die Frauen einer Nation durch den Krieg erleiden? Sie haben all das Elend und keinen der Ruhm; nichts, was ihr müdes Warten und Wachen auf die Lieben mildert, die nicht mehr zurückkehren werden.

Im Frühjahr 1881, um die Monotonie der Arbeit an der Geschichte zu unterbrechen, beschlossen wir, eine Reihe von Konventionen in den Neuengland-Staaten abzuhalten. Wir begannen während der Jahrestagswoche in Boston und hatten mehrere überfüllte, enthusiastische Versammlungen im Tremont Temple. Zusätzlich zu unseren Stimmrechtsversammlungen sprach ich vor den Vereinigungen für freie Religion, moralische Bildung und Vererbungslehre. Alle unsere Redner wohnten im Parker House, und wir hatten eine sehr angenehme Zeit, während wir in unseren freien Stunden beisammensaßen. Wir wurden von Gouverneur Long im State House empfangen. Er hielt eine kurze Rede zugunsten des Frauenstimmrechts als Antwort auf Mrs. Hooker. Wir besuchten auch den Bürgermeister im Rathaus und gingen durch das große Handelsunternehmen von Jordan & Marsh, wo die Angestellten hauptsächlich junge Mädchen sind, die gut ernährt und untergebracht sind und über angenehme Räume mit einer guten Bibliothek verfügen, in der sie abends sitzen und lesen können. Wir besichtigten das Sherborn Reformatory Prison for Women, das vollständig von Frauen geleitet wird. Wir fanden es sauber und komfortabel vor, eher wie ein angenehmes Heim als ein Ort der Bestrafung.

Mrs. Robinson, Miss Anthony und ich wurden eingeladen, mit dem Bird Club zu speisen. Keine andere Frau als ich hatte jemals zuvor diese Ehre gehabt. Ich speiste 1870 mit ihnen, begleitet von „Warrington“ vom *Springfield Republican* und Edwin Morton. Dort traf ich Frank Sanborn zum ersten Mal. Frank Bird nahm im politischen Leben von Massachusetts etwa den gleichen Platz ein, den Thurlow Weed vierzig Jahre lang im Staat New York innehatte. Am Abend hatten wir einen überfüllten Empfang im Hause von Mrs. Fenno Tudor, die einen prächtigen alten Wohnsitz gegenüber dem Common bewohnte, wo wir eine große Versammlung von Bostoner Reformern trafen. Am Decoration Day, dem 30. Mai, fuhren wir nach Providence, wo ich Gast von Dr. William F. Channing war. Wir hatten dort eine sehr erfolgreiche Konvention. Senator Anthony und Ex-Gouverneur Sprague waren im Publikum und drückten hinterher ihre große Freude über alles aus, was sie gehört hatten. Ich predigte am vorangegangenen Sonntagnachmittag in der Kirche von Rev. Frederick Hinckley.

Von Providence eilte ich nach Hause, um meinen Sohn Theodore und seine Braut zu treffen, die gerade aus Frankreich gelandet waren. Wir schmückten unser Haus und unser Gelände mit chinesischen Lampions und Nationalflaggen für ihren Empfang. Da wir keine Zeit hatten, nach New York nach Stoff zu schicken, waren unsere Flaggen – französische und amerikanische – alle aus leuchtend rotem und blauem Kattun gefertigt. Der Effekt war großartig, als sie eintrafen; doch unglücklicherweise zog in der Nacht ein schweres Gewitter auf und durchnässte unsere schönen Flaggen so sehr, dass sie zu farblosen Lappen wurden. Mein kleines Dienstmädchen verkündete mir früh am Morgen, dass „die Franzosen und Amerikaner in der Nacht eine große Schlacht geschlagen hätten und die Veranda mit Blut bedeckt sei“. Dies war eine erschreckende Nachricht für jemanden, der gerade aus tiefem Schlaf erwachte. „Aber Emma!“, sagte ich, „was meinst du damit?“ „Nun“, antwortete sie, „der Regen hat die ganze Farbe aus unseren Flaggen gewaschen, und die Veranda ist mit roten und blauen Wasserströmen bedeckt.“ Als die Morgensonne in all ihrer Pracht erschien und die dunklen Wolken vertrieb, sahen unsere Dekorationen in der Tat blass und schlaff aus und wurden kurzerhand entfernt.

Ich war glücklich überrascht von meiner großen, stattlichen Schwiegertochter Marguerite Berry. Ein gut aussehendes Mädchen von zwanzig Jahren, aufrecht, stark und gesund, bescheiden und angenehm. Sie kann meilenweit laufen, skizziert mit großem Geschick und Schnelligkeit nach der Natur und spricht drei Sprachen. Ich hatte immer zu meinen Söhnen gesagt: „Wenn ihr heiratet, wählt eine Frau mit Rückgrat und gesunden Zähnen; denkt daran, die Zähne zeigen den Zustand der Knochen im Rest des Körpers.“ Als Theodore mir seine Frau vorstellte, sagte er: „Du siehst, ich habe deinen Rat befolgt; ihr Rückgrat ist so gerade, wie es sein sollte, und jeder Zahn in ihrem Kopf ist so gesund wie Elfenbein.“ Dies erinnert mich an einen jungen Mann, der meine Öfen für den Winter aufzustellen pflegte. Er sagte mir eines Tages, er denke ans Heiraten. „Nun“, sagte ich, „vor allem such dir eine Frau mit Rückgrat und gesunden Zähnen.“ Das Ofenrohr in der Hand, wandte er sich mit einem überraschten Blick zu mir und sagte: „Gibt es die etwa auch ohne Rückgrat?“

Im Juli 1881 lasen Miss Anthony und ich unter den Bäumen die großartige Rede von Wendell Phillips vor der Phi Beta Kappa Society an der Harvard University und diskutierten darüber. Diese Gesellschaft hatte oft davon gesprochen, ihn einzuladen, fürchtete aber seine radikalen Äußerungen. Schließlich, in der Hoffnung, die Jahre könnten seine Ansichten gemildert und seine Rede etwas abgemildert haben, wurde eine Einladung ausgesprochen. Die Elite von Boston, die Präsidenten und Professoren von nah und fern waren dort. Ein großes Publikum aus Weisen, Gelehrten und angesehenen Persönlichkeiten aus Staat und Kirche war versammelt. Ein solch konservatives Publikum, so nahm man an, würde diesen Radikalen sicherlich in Schach halten. Ach! Sie waren alle dazu verdammt, ein einziges Mal die nackte Wahrheit über jede lebenswichtige Frage des Tages zu hören. In dem Gedanken, dies könne seine einzige Gelegenheit sein, in konservativen Köpfen etwas liberales Denken zu wecken, schlug er den Grundton jeder Reform an; er verteidigte Arbeitsstreiks, die Nihilisten Russlands, die Prohibition, das Frauenstimmrecht und forderte Reformen in unseren Gefängnissen, Gerichtshöfen und Gesetzgebungshallen. Zur Frauenfrage sagte er:

„Die Sozialwissenschaft bekräftigt, dass der Platz der Frau in der Gesellschaft das Niveau der Zivilisation kennzeichnet. Von ihrer Dämmerung in Griechenland, durch die italienische Verehrung der Jungfrau, die Träume der Ritterlichkeit, die Gerechtigkeit des bürgerlichen Rechts und die Gleichheit der französischen Gesellschaft verfolgen wir ihre allmähliche Anerkennung, während unser Common Law, wie Lord Brougham gestand, in Bezug auf Frauen das Schandmal des christlichen Zeitalters war. Seit vierzig Jahren haben ernsthafte Männer und Frauen, geräuschlos arbeitend, dieses Schandmal abgewaschen, die Gesetzbücher von dreißig Staaten wurden neu gefasst, und die Frau steht heute fast von Angesicht zu Angesicht vor ihrem letzten Anspruch – dem Wahlrecht. Es war ein mühsamer und undankbarer, wenngleich erfolgreicher Kampf. Aber wenn es irgendeine Zuflucht vor jenem grauenhaften Fluch gibt, dem Laster der großen Städte, vor dem die Sozialwissenschaft gelähmt und stumm steht, dann liegt sie in dieser gleichberechtigten Anerkennung der Frauen.

Wenn es in diesem entscheidenden Kampf für das allgemeine Stimmrecht, dem edelsten Vermächtnis unserer Väter an uns und dem größten Vertrauen, das Gott in unsere Hände legt, eine Waffe gibt, die, einmal aus der Rüstkammer genommen, den Sieg sicher macht, dann wird es, wie es in Kunst, Literatur und Gesellschaft geschehen ist, die Berufung der Frau in die politische Arena sein. Die literarische Klasse hat bis vor einem halben Dutzend Jahren keine Notiz von diesem großen Aufstand genommen; außer um ihm jedes Hindernis in den Weg zu legen.

Der erste Blick, den wir auf sächsisches Blut in der Geschichte werfen, ist jene Zeile des Tacitus in seiner ‚Germania‘, die lautet: ‚In allen wichtigen Angelegenheiten beraten sie sich mit ihren Frauen.‘ Jahre später, wenn der robuste sächsische Verstand jüdischen Aberglauben und östliche Vorurteile abgeworfen und wählerische Gelehrsamkeit und zimperliche Mode unter seine Füße gelegt hat, wird irgendein zweiter Tacitus aus dem Tal des Mississippi demjenigen von den sieben Hügeln antworten: ‚In allen wichtigen Fragen beraten wir uns mit unseren Frauen.‘

Wenn die in Kälte und Stille aufgetürmten Alpen das Sinnbild des Despotismus sind, wählen wir freudig den immer rastlosen Ozean für das unsere, nur rein, weil er niemals still steht. Um so gut zu sein wie unsere Väter, müssen wir besser sein. Sie schwiegen ihre Ängste nieder und unterdrückten ihre Vorurteile, indem sie freie Rede und Gleichheit ohne Präzedenzfall in den Akten einführten. Lasst uns zu ihrem Niveau aufsteigen, den Appetit zügeln und Versuchung verbieten, wenn sie große Städte verrotten lässt; lasst uns die Arbeit in ausreichenden Bollwerken gegen jenen Reichtum verschanzen, der ohne die zehnfache Stärke moderner Kapitalgesellschaften die griechischen und römischen Staaten in den Ruin trieb; und mit noch strengerer Anstrengung lasst uns die Frau in das zivile Leben rufen, als Verstärkung für unsere arbeitenden Ränge, in dem Bemühen, unsere Zivilisation zu einem Erfolg zu machen. Sitzt nicht wie die Figur auf unserer Silbermünze und blickt immer rückwärts.

‚Neue Anlässe lehren neue Pflichten, Die Zeit macht altes Gut unzeitgemäß, Sie müssen weiter aufwärts und vorwärts streben, Die mit der Wahrheit Schritt halten wollen. Seht! Vor uns glänzen ihre Wachtfeuer – Wir selbst müssen Pilger sein, Unsere Mayflower zu Wasser lassen und mutig steuern Durch das verzweifelte Wintermeer, Und nicht versuchen, das Portal der Zukunft Mit dem blutverrosteten Schlüssel der Vergangenheit zu öffnen.‘“

Diese Harvard-Rede angesichts von Mode, Bigotterie und Konservatismus – so liberal, so beredt, so mutig – ist ein Vorbild für jeden jungen Mann, der, wie der Redner, seine Talente den besten Interessen der Menschheit widmen möchte, anstatt seinem persönlichen Ehrgeiz nach bloßem weltlichem Erfolg.

Gegen Ende Oktober kehrte Miss Anthony nach einer zweimonatigen Ruhepause zurück, und wir begannen wieder mit der Arbeit am zweiten Band der Geschichte. Da der 2. November Wahltag war, kam die Kutsche der Republikaner, geschmückt mit Flaggen und immergrünen Zweigen, für die Wähler an die Tür. Da ich das Haus besaß und die Steuern zahlte und da keiner der weißen Männer zu Hause war, schlug ich vor, dass ich hinuntergehen und wählen könnte, woraufhin die Herren, die das republikanische Komitee vertraten, mich herzlichst dazu drängten. Begleitet von meiner treuen Freundin, Miss Anthony, stiegen wir in die Kutsche und fuhren zum Wahllokal, das sich in dem Hotel befand, in dem ich normalerweise meine Steuern zahlte. Als wir den Raum betraten, war er von Männern überfüllt. Ich wurde den Wahlhelfern von Charles Everett, einem unserer führenden Bürger, vorgestellt, der sagte: „Mrs. Stanton ist hier, meine Herren, um zu wählen. Da sie Steuerzahlerin ist, bei klarem Verstand und von gesetzlichem Alter, sehe ich keinen Grund, warum sie dieses Bürgerrecht nicht ausüben sollte.“

Die Wahlhelfer waren wie vom Blitz getroffen. Ich glaube, sie hatten Angst, ich würde die Wahlurne in Beschlag nehmen. Einer legte seine Arme darum, mit einer Hand fest über der Öffnung, in die die Stimmzettel gesteckt wurden, und sagte mit einer Mischung aus Überraschung und Mitleid: „Oh nein, gnädige Frau! Nur Männer dürfen wählen.“ Ich erklärte ihm dann, dass gemäß der Verfassung von New Jersey Frauen in New Jersey bis 1801 gewählt hatten, als ihnen die weitere Ausübung des Rechts durch einen willkürlichen Akt der Legislative verboten wurde, und dass der Kongress durch einen kürzlichen Zusatz zur nationalen Verfassung erklärt habe, dass „alle in den Vereinigten Staaten geborenen oder eingebürgerten und ihrer Gerichtsbarkeit unterstehenden Personen Bürger der Vereinigten Staaten und des Staates sind, in dem sie wohnen“ und stimmberechtigt sind. Ich sagte ihnen, dass ich als Bürgerin der Vereinigten Staaten meine Stimme für die Kandidaten für die Ämter der Vereinigten Staaten abgeben wolle. Zwei der Wahlhelfer setzten sich und zogen ihre Hüte über die Augen, ob aus Scham oder Unwissenheit, weiß ich nicht. Der andere hielt an der Urne fest und sagte: „Ich weiß nichts über die Verfassungen, weder die staatliche noch die nationale. Ich habe beide nie gelesen; aber ich weiß, dass in New Jersey zu meiner Zeit keine Frauen gewählt haben, und ich kann Ihren Stimmzettel nicht annehmen.“ Also legte ich meinen Stimmzettel in seine Hand und sagte, dass ich dasselbe Wahlrecht habe wie jeder anwesende Mann, und dass auf ihm die Verantwortung liegen müsse, mir meine Bürgerrechte zu verweigern.

Den ganzen Winter über arbeiteten Miss Anthony und ich fleißig an der Geschichte. Meine Tochter Harriot kam im Februar aus Europa, entschlossen, dass ich mit ihr zurückkehren sollte, da sie ihre Studien noch nicht beendet hatte. Um meine Aufgabe bei der Geschichte zu beschleunigen, ergriff sie das Ruder, bereitete das letzte Kapitel vor und korrigierte die Fahnen, wann immer sich die Gelegenheit bot. Da die Kinder nach allen vier Himmelsrichtungen verstreut waren und mein Mann den Winter in der Stadt verbrachte, beschlossen wir, unser Haus zu vermieten und alle einen Urlaub zu machen. Wir verbrachten einen Monat in New York City, bis zur letzten Stunde mit der Geschichte beschäftigt, mit gelegentlichen Unterbrechungen, um Freunde zu empfangen und zu besuchen. Da ich die Seereise fürchtete, vergingen die Tage zu schnell für mein Vergnügen.

KAPITEL XXI.

IM SÜDEN FRANKREICHS.

Nachdem ich fast zwei Jahre lang fleißig am zweiten Band von „The History of Woman Suffrage“ gearbeitet hatte, sah ich mit Freude einer Ruhepause in der Alten Welt entgegen, jenseits der Reichweite und des Lärms meiner geliebten Susan und der Frauenstimmrechtsbewegung. Am 27. Mai 1892 segelte ich mit meiner Tochter Harriot auf der *Château Léoville* nach Bordeaux. Die vielen Freunde, die uns verabschieden kamen, brachten Früchte und Blumen, Schachteln mit kandiertem Ingwer gegen die Seekrankheit, Empfehlungsschreiben und leichte Lektüre für die Reise mit. Wir hatten alle täglichen und wöchentlichen Zeitungen, weltliche wie religiöse, die neuen Monatszeitschriften und mehrere Romane. Wir dachten, wir würden ein immenses Pensum an Lektüre bewältigen, aber wir taten nur sehr wenig. Essen, Schlafen, Spazierengehen an Deck und das Beobachten des sich ständig verändernden Ozeans sind in etwa alles, womit sich die meisten Menschen beschäftigen wollen. Die Fahrt aus dem Hafen an jenem hellen, warmen Abend war wunderschön, und wir verweilten bis spät in die Nacht im Mondschein an Deck.

Ich schlief in jener Nacht nur wenig, da zwei Katzen ständig in meine Kabine hinein- und herausliefen, und meine Koje so schmal war, dass ich nur in einer Position liegen konnte – so gerade, als läge ich bereits in meinem Sarg. Unter solchen Umständen verbrachte ich die Nacht damit, über alles nachzudenken, was schmerzhaft in meinem ganzen Leben war, und mir all die verschiedenen Katastrophen auszumalen, die meiner Familie in meiner Abwesenheit zustoßen könnten. Es war eine Nacht der strengen Introspektion und intensiven Unzufriedenheit. Ich war froh, als der Morgen graute und ich an Deck gehen konnte. Während des Tages wurde meine Liegestatt um einen Fuß verbreitert, und in der Nacht wurden die Katzen in andere Quartiere verbannt.

Wir hatten eine ruhige, angenehme und ereignislose Reise bis zur letzten Nacht, als das Wetter bei der Annäherung an die französische Küste dunkel und stürmisch wurde. Am nächsten Morgen schob sich unser guter Dampfer langsam und vorsichtig die breite, schlammige Gironde hinauf und setzte uns an den belebten Kais von Bordeaux ab, wo mein Sohn Theodore darauf wartete, uns in Empfang zu nehmen. Als wir uns umwandten, um unserem stämmigen Schiff Lebewohl zu sagen – und zu seinen schwarzen, mit salzigem Schaum besprenkelten Eisenwänden aufblickten –, ergriff uns ein Gefühl tiefer Dankbarkeit, denn sie war ihrem Auftrag treu geblieben und hatte uns sicher aus der Neuen in die Alte Welt über tausende Meilen tückischer See getragen.

Wir verbrachten einen Tag damit, durch Bordeaux zu fahren und einfach die Tatsache zu genießen, nach zwölf Tagen Gefangenschaft auf dem Ozean wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Hafenstädte sind überall auf der Welt ziemlich gleich. Die Wälder aus Masten, die schwer beladenen Fuhrwerke, die faulenzenden Seeleute, die rauen Hafenarbeiter und die schmutzigen Kais sind nicht mehr charakteristisch für Bordeaux als für New York, London und Liverpool. Aber Bordeaux war interessant als Geburtsort von Montesquieu und als Hauptstadt der alten Guienne und Gascogne.

Ich darf jedoch nicht vergessen, einen Unfall zu erwähnen, der sich bei der Landung in Bordeaux ereignete. Wir hatten unzählige Gepäckstücke, einen Kinderwagen, einen Schaukelstuhl, eine Kiste mit „The History of Woman Suffrage“ für ausländische Bibliotheken, dazu die übliche Anzahl an Koffern und Reisetaschen sowie einen Korb, in dem sich viele Dinge befanden, bei denen wir uns nicht entscheiden konnten, ob wir sie mitnehmen oder zurücklassen sollten. In diesen war achtlos eine geladene Pistole geworfen worden. Da der Korb von einem fröhlichen französischen Matrosen mit einem nachdrücklichen Ruck gehandhabt wurde, löste sich ein Schuss und traf den Träger durch die Schulter. Er fiel blutend auf den Kai. Da die Dynamit-Angst gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte, war das allgemeine Entsetzen unbeschreiblich. Jeder Franzose plapperte mit heftigen Gesten aus Leibeskräften, hielt jedoch einen respektvollen Abstand zu dem Korb. Niemand wusste, was die Unruhe verursacht hatte; aber Theodore war entschlossen, eine Untersuchung anzustellen. Er machte sich daran, die Stricke zu lösen und den Inhalt zu untersuchen, und dort fand er die Pistole, aus der er, nach oben gerichtet, zwei weitere Kugeln abfeuerte. „Ach!“ sagte Hattie, „ich habe diese Pistole dort hineingelegt und mir nie träumen lassen, dass sie geladen war.“ Der Verwundete wurde ins Krankenhaus gebracht. Seine Verletzungen waren sehr leicht, aber der Vorfall kostete uns zweitausend Francs und endlose Scherereien. Ich war dankbar, dass die Pistole durch irgendeinen Zufall nicht im Laderaum des Schiffes losgegangen war, das Schiff in Brand gesetzt und möglicherweise dreihundert Menschenleben durch die Unachtsamkeit eines Mädchens geopfert hatte. Wahrlich, wir können beim Gebrauch von Schusswaffen nicht vorsichtig genug sein.

Bordeaux ist eine seltsame alte Stadt mit ihren unzähligen Soldaten und Priestern, die in alle Richtungen spazieren. Die Priester in ihren langen schwarzen Gewändern und großen schwarzen Hüten haben ein feierliches Aussehen; aber die Soldaten, die träge dahingehen oder Gebäude bewachen, die von keinem Lebewesen bedroht zu sein scheinen, sind nutzlos und lächerlich. Die schweren Fuhrwerke und das Geschirr bewegen den ungewohnten Beobachter zu ständigem Mitleid mit den Pferden. Neben allem, was für die Fortbewegung notwendig ist, haben sie eine endlose Anzahl von Verzierungen, die zwei oder drei Fuß über die Köpfe der Pferde hinausragen – Hörner, Glocken, Federn und Quasten. Eines ihrer Fuhrwerke würde so viel wie drei von unseren wiegen, und alle ihre Wagen sind ebenso schwer.

Es war ein heller, kühler Tag, als wir den Zug nach Toulouse nahmen, und wir genossen die herrliche Fahrt durch das Herz der alten Gascogne und des Languedoc. Es war offensichtlich, dass wir im Süden waren, wo die Sonne stark ist, denn obwohl der Sommer kaum begonnen hatte, trug das Land bereits einen braunen Farbton. Aber die schmalen Streifen von wachsendem Getreide, die Hektar von Weinstöcken, die wie junge Johannisbeersträucher aussahen, und die Feigenbäume, die hier und da verstreut waren, wirkten auf das Auge einer aus New York stammenden Person merkwürdig.

Wir kamen an vielen historischen Orten während jener Nachmittagsfahrt das Tal der Garonne hinauf vorbei. In Portets befinden sich die Ruinen des Château de Langoiran, das erbaut wurde, bevor Amerika entdeckt wurde, und wenige Meilen weiter kamen wir in die Gegend der berühmten Weine von Sauternes und Château-Yquem. Saint-Macaire ist eine sehr alte gallorömische Stadt, wo man einem Kirchen, Mauern und Häuser zeigt, die vor fünfzehn Jahrhunderten erbaut wurden. Eine der größten Städte hat eine Geschichte, die typisch für diesen Teil Frankreichs ist, wo Religions- und Eroberungskriege einst an der Tagesordnung waren. Sie wurde von den Goten, Hunnen, Burgundern und Sarazenen so oft eingenommen und wieder verloren, dass niemand die Zahl kennt, und gehörte nacheinander den Königen von Frankreich, den Herzögen von Aquitanien, den Königen von England und den Grafen von Toulouse. Ich frage mich manchmal, ob die Bewohner unserer amerikanischen Städte, deren Wachstum und Entwicklung so frei und ungehindert verliefen wie die eines Lieblingskindes, die Segnungen zu schätzen wissen, die ihnen zuteilwurden. Wie wahr sind die Zeilen von Goethe: „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, das alte, hast keine ruinenartige Schlösser und keine Basalte. Dich stört nicht im Inneren, zu lebendiger Zeit, unnützes Erinnern und vergeblicher Streit!“

Wir fuhren durch Moissac mit seiner berühmten Orgel, einem Geschenk von Mazarin; durch Castelsarrasin, das im achten Jahrhundert von den Sarazenen gegründet wurde; durch Montauban, jene Hochburg der frühen Protestanten, die für ihren religiösen Glauben das Martyrium erlitt; durch Grisolles, das auf einer Römerstraße erbaut wurde, und schließlich erreichten wir im Dämmerlicht des Abends die „Hauptstadt des Südens“, diese Stadt der Gelehrsamkeit – das kuriose, interessante alte Toulouse.

Laura Curtis Bullard sagt in ihrem Porträt über mich in „Our Famous Women“: „Im Jahr 1882 ging Mrs. Stanton nach Frankreich, um ihren Sohn Theodore zu besuchen, und verbrachte drei Monate im Kloster La Sagesse in der Stadt Toulouse.“ Dies ist vollkommen wahr; aber ich habe manchmal versucht zu erraten, was ihre Leser dachten, was ich drei Monate lang in einem Kloster tat. Müde von den Prüfungen und Trübsalen dieser Welt, war ich dorthin gegangen, um mich in der Einsamkeit auf die nächste vorzubereiten? Hatte ich im Alter den Schleier genommen? Oder hatte ich, wie hochkirchliche Anglikaner und Katholiken, dies zu meinem Rückzugsort gemacht? Keineswegs. Meine Tochter wollte Französisch mit Gewinn studieren, mein Sohn lebte in den Bergen gleich in der Nähe, und der Garten von La Sagesse mit seinen großen Bäumen, sauberen Kieswegen und dem kühlen Schatten war der herrlichste Ort.

In diesem religiösen Rückzugsort traf ich von Zeit zu Zeit einige der radikalsten und liberal gesinntesten Bewohner des Südens. Toulouse ist eines der bedeutendsten Universitätszentren Frankreichs und trägt zu Recht den stolzen Titel der „gelehrten Stadt“. Mit zwei angesehenen Fakultätsmitgliedern, dem verstorbenen Dr. Nicholas Joly und Professor Moliner von der juristischen Fakultät, führte ich oft höchst interessante Diskussionen über alle großen Fragen der Stunde. Dass drei Ketzer – ich sollte sagen sechs, denn meine Tochter, mein Sohn und seine Frau schlossen sich oft dem Kreis an – so in vollkommener Sicherheit sitzen und in solch heiligen Räumen auf die unorthodoxeste Weise all die Reformen diskutieren konnten, die sozial, politisch und religiös in den Vereinigten Staaten und in Frankreich nötig sind, um mit dem Zeitgeist in Einklang zu stehen, war ein schlagender Beweis für den Fortschritt, den die Welt in der Redefreiheit gemacht hat. Es gab Zeiten, in denen uns solche Handlungen das Leben gekostet hätten, selbst wenn man uns dabei erwischt hätte, wie wir unsere Ketzereien in der Abgeschiedenheit unserer eigenen vier Wände äußerten. Aber hier, unter den Eichen eines katholischen Klosters, mit den grau gekleideten Schwestern um uns herum, konnten wir die Irrtümer des Katholizismus selbst ohne Furcht und Zittern aufzeigen. Glorreiches neunzehntes Jahrhundert, welche Eroberungen sind dein!

Ich werde nichts über die malerischen Straßen des antiken Toulouse sagen; nichts über die Priester, die dort wie Kinder in einer englischen Stadt wimmeln; nichts über die wunderschön geschnitzten Steinfassaden der alten Herrenhäuser, die einst vom Adel des Languedoc bewohnt wurden, nun aber dem Handel und Gewerbe überlassen sind; nichts über die hoch aufragenden Backsteinkathedralen, deren Äußeres einen an London erinnert und deren Inneres einen in den „prächtigen Osten“ versetzt; nichts über das Kapitol mit seiner Galerie, die reich an Büsten der berühmten Söhne des Südens ist; nichts über das Museum, den öffentlichen Garten und den breiten Fluss, der sich durch alles hindurchschlängelt. Ich muss all diese interessanten Merkmale von Toulouse hinter mir lassen und mich in die Montagne Noire beeilen, wenige Meilen entfernt, wo ich das Landleben des modernen Languedoc sah.

In Jacournassy, dem Landsitz von Mme. Berry, deren Tochter mein Sohn Theodore heiratete, verbrachte ich einen Monat voller Überraschungen. Wie sehr sich alles von Amerika unterschied, und sogar von der Ebene unter uns! Die Bauern, zumindest viele von ihnen, können weder Französisch sprechen noch es verstehen. Ihre Sprache ist ein Patois, das sowohl dem Spanischen als auch dem Italienischen ähnelt, und sie halten mit erstaunlicher Beharrlichkeit daran fest. Ihre landwirtschaftlichen Geräte sind nicht weniger wunderlich als ihre Sprache. Der Pflug ist ein langer Balken mit einer höchst primitiven Schar in der Mitte, einer Kuh an dem einen Ende und einem Jungen am anderen. Das Getreide wird mit einer Sichel geschnitten und mit einem Flegel auf dem Scheunenboden gedroschen, wie in biblischen Zeiten. Dünger wird mit den Händen über die Felder gestreut. Es lag ein gewisses Vergnügen darin, diese altertümlichen Wege zu studieren. Ich erhaschte Einblicke in die vorrevolutionäre Epoche, als der König den Staat regierte und die Adligen das Land besaßen. Hier sah ich wieder, wie nie zuvor, welche riesigen Fortschritte die Welt innerhalb eines Jahrhunderts gemacht hat.

Doch drinnen kehrt man in die moderne Zeit zurück. Der Tisch, die Betten, die Zimmer des Schlosses waren weitgehend dieselben wie in Toulouse und New York City. Die Kochkunst ist jedoch nicht wie unsere, es sei denn, man nähme an, dass Delmonicos Können sich auf alle Häuser auf Manhattan Island erstreckt hätte, was leider nicht der Fall ist. Was für ein bewundernswertes Produkt des französischen Geistes ist die Kochkunst! Von unschätzbarem Wert waren die kulinarischen Lehren von Vatel und seinen Nachfolgern.

Eine der Quellen der Unterhaltung während meines Aufenthalts in Jacournassy war literarischer Natur. Mein Sohn Theodore war damals damit beschäftigt, die Materialien für sein Buch mit dem Titel „The Woman Question in Europe“ zu sammeln, und jede Post brachte Manuskripte und Briefe aus allen Teilen des Kontinents, geschrieben in fast jeder Sprache, die Babel bekannt war. Genau das, was ich durch meine Reise ins Ausland vermeiden wollte, fand ich an der Schwelle, an der ich zur Ruhe kommen wollte. Wir hatten gute Sprachkundige auf dem Schloss, und jedes Dokument erschien schließlich im englischen Gewand, das jedoch oft viel Änderung und Politur benötigte. Dies war mein Teil der Arbeit. So fand ich mich, weit weg im Herzen Frankreichs, hoch oben in der Montagne Noire, umgeben von französischsprachigen Verwandten und Patois sprechenden Bauern, wieder einmal dabei, schlechtes Englisch in das beste zu verwandeln, das ich aufbringen konnte, genau wie ich es so oft in Amerika getan hatte, als Herausgeberin von „The Revolution“ oder beim Bearbeiten des Manuskripts für „The History of Woman Suffrage“. Aber es war Arbeit im Dienste meines Geschlechts; es war Hilfe bei der Entstehung von „The Woman Question in Europe“, und so wurde meine Feder nicht träge und meine Hand nicht müde.

Die Landschaft in der Montagne Noire ist sehr großartig und erinnert an die hoch aufragenden Bergketten rund um das Yosemite-Tal in Kalifornien. In der Ferne liegen die schneebedeckten Pyrenäen, die eine feierliche Schönheit und eine tiefe Einsamkeit erzeugen. Wir pflegten jeden Abend dorthin zu gehen, wo wir den Sonnenuntergang sehen und die wechselnden Schatten im breiten Tal unter uns beobachten konnten. Ein weiteres großes Vergnügen hier war es, die allmähliche Entwicklung meines ersten Enkelkindes, Elizabeth Cady Stanton, zu beobachten, das am 3. Mai 1882 in Paris geboren wurde. Sie war ein prächtiges Kind; obwohl erst drei Monate alt, war ihr Kopf mit dunklem Haar bedeckt, und ihre großen blauen Augen blickten mit intensiver Ernsthaftigkeit unter ihrer wohlgeformten Stirn hervor.

Eines Nachts hatte ich einen schrecklichen Schreck. Ich war die einzige Person, die im Erdgeschoss des Schlosses schlief, und mein Zimmer befand sich am äußersten Ende des Gebäudes, mit der Treppe auf der anderen Seite. Ich war häufig gewarnt worden, meine Fenster nicht offen zu lassen, da jemand hereinkommen könnte. Aber da ich immer bei offenem Fenster schlief, Winter wie Sommer, dachte ich, ich würde das Risiko eingehen, anstatt Nacht für Nacht ein Gefühl des Erstickens zu ertragen. Die Fensterläden waren massiv, und sie zu schließen bedeutete, jegliche Luft auszuschließen, also ließ ich sie etwa einen Fuß weit offen, abgestützt durch einen Eisenhaken. Ein beliebter Aufenthaltsort für einen Esel, der als Haustier gehalten wurde, war unter meinem Fenster, wo er gewöhnlich in tiefem Schweigen geschlafen hatte. Aber in einer herrlichen Mondnacht, wahrscheinlich um mich dazu zu bewegen, mit ihm die exquisite Schönheit unserer Umgebung zu genießen, steckte er seine Nase durch diese Öffnung und stieß eines der langgezogensten, hallendsten I-A aus, das ich je gehört habe. Aus einem tiefen Schlaf aufgeschreckt, war ich so erschrocken, dass ich mich zunächst nicht bewegen konnte. Mein nächster Impuls war, hinauszustürzen und die Familie zu wecken, aber als ich einen dunklen Kopf im Fenster sah, dachte ich, ich würde den schweren Fensterflügel zuschlagen und den Eindringling aufhalten, bevor ich loslief. Doch gerade als ich mich dem Fenster näherte, kündigte ein weiteres qualvolles I-A den harmlosen Charakter meines nächtlichen Besuchers an. Als ich mich aus dem Fenster lehnte, um ihn zu verscheuchen, schüttete ein Herr aus dem Zimmer über mir, in derselben Absicht, einen Eimer Wasser hinunter, den der Esel und ich uns gleichermaßen teilten. Er rannte in einem Eiltempo davon, während ich einen hastigen Rückzug antrat.

Am 20. August kehrte ich nach Toulouse und in unser stilles Kloster zurück. Die Schwestern hießen mich sehr herzlich willkommen, und ich hatte viele angenehme Plaudereien, während ich mit den Priestern und Professoren in den Gärten saß. Mehrmals besuchten meine Tochter und ich das Hochamt in der Kathedrale, die im elften Jahrhundert erbaut wurde. Da es für uns völlig neu war, war es eine höchst unterhaltsame, spektakuläre Aufführung. Mit unseren amerikanischen Vorstellungen von religiöser Andacht schien es uns, als gehörten die Menschen wie auch das Gebäude dem dunklen Mittelalter an. Etwa fünfzig Priester in Mänteln, Gewändern und Umhängen, einige schwarz, einige gelb – mit lamettierten Fransen und Ornamenten –, mit allen Arten von Gesten, Kniebeugen, Verbeugungen, Kniefällen und dem Verbrennen von Weihrauch; mit Gebeten, Ermahnungen und Sakramenten füllten den Altar mit ständiger Bewegung.

Ein großer Mann, in Rot gekleidet, rollte einen großen Korb voll Brot herein, das die Priester mit Kelchen voller Wein an denjenigen vorbeireichten, die am Altar knieten, und zwar hin und her. Mindestens ein halbes Dutzend Mal wurden die Plätze am Altar gefüllt – hauptsächlich mit Frauen. Wir zählten die Männer – nur sieben – und diese waren alt und zittrig, mit einem Fuß im Grab. Die ganze Aufführung war hohl und mechanisch. Die Leute gingen hinein, bekreuzigten sich am Eingang mit Weihwasser und schauten sich, während sie knieten und ihre Gebete sprachen, um, um die Kleidung jedes Neuankömmlings zu mustern, wobei sich ihre Lippen durchgehend bewegten, zufrieden damit, die vorgeschriebene Anzahl von Gebeten in einer bestimmten Zeit herunterzuleiern. Das einzige versöhnliche Element in der gesamten Aufführung war die großartige Musik. Die tieftönende Orgel, deren Klänge durch die hohen Gewölbe hallten, war sehr beeindruckend.

Das Kloster bestand aus drei großen Gebäuden, jedes drei Stockwerke hoch, und einem Wohnsitz für die Priester; dazu eine Kapelle, in der Frauen bei ihrer Andacht zu verschiedenen Zeiten von vier Uhr morgens bis zum Abend gesehen werden konnten. Eingeschlossen innerhalb einer hohen Steinmauer waren wunderschöne Gärten mit Springbrunnen und Schreinen, wo Bilder von verstorbenen Heiligen in Nischen, die mit Kerzen beleuchtet waren, an bestimmten Tagen des Jahres verehrt wurden.

Solches war unsere Umgebung, und unsere Gedanken verweilten natürlich oft bei der Natur und Macht der Religion, die über Jahrhunderte hinweg diese friedlichen Rückzugsorte erbaut und erhalten hatte, wo kultivierte, gelehrte Männer und Frauen von feiner Empfindsamkeit Ruhe vor den Kämpfen der Außenwelt finden konnten. Die Schwestern, die diese große Einrichtung verwalteten, schienen inmitten ihrer strengen und vielfältigen Pflichten glücklich zu sein. Über den Unterstrom ihres Lebens konnte ich nicht urteilen, aber an der Oberfläche schien alles glatt und zufriedenstellend. Sie hatten offensichtlich große Freude an der Gesellschaft der jeweils anderen. Jeden Abend, von sechs bis acht, saßen sie alle im Kreis in den Gärten zusammen, nähten, strickten und plauderten, mit gelegentlichen fröhlichen Gelächtern. Ihre Existenz ist bei weitem nicht so eintönig wie die der meisten Frauen in isolierten Haushalten – besonders der Bauersfrau in ihrem einsamen Heim, meilenweit entfernt von einem Dorf und einem Postamt. Sie unterrichteten eine Schule von fünfzig Waisenmädchen, die im Kloster lebten und für die sie häufig Unterhaltungen veranstalteten. Sie hatten auch einige Pensionärinnen aus der alten Aristokratie Frankreichs, die die Republik hassen und immer noch an ihrem Glauben an Päpste und Könige festhalten. Um sich in der Sprache zu vervollkommnen, ergriff meine Tochter jede Gelegenheit, mit allen zu sprechen, die sie traf, und lernte so die Geheimnisse ihres Innenlebens kennen. Da Schwester Rose Englisch sprach, erfuhr ich von ihr, was ich konnte, bezüglich ihrer Ansichten über Zeit und Ewigkeit. Ich fand, dass ihr Glaube durch die schrecklichen Umwälzungen der Französischen Revolution nicht viel Fortschritt gemacht hatte. Obwohl die Jesuiten aus Frankreich vertrieben wurden und die Bilder der Heiligen, der Jungfrau Maria und Christi von den Wänden ihrer Schulen und Hochschulen verbannt wurden, sind die aufrichtigen Katholiken aufgrund eben dieser Verfolgungen umso ergebener ihrem Glauben.

Theodore, seine Frau und das Baby sowie Mr. Blatch, ein junger Engländer, kamen, um uns zu besuchen. Die Schwestern und Schulkinder zeigten große Freude an dem Baby, und erstere ebenso große Freude an Mr. Blatchs deutlicher Aufmerksamkeit für meine Tochter, da Babys und Werbungen ungewöhnliche Tableaus in einem Kloster waren. Da meine Tochter für einen Universitätsabschluss in Mathematik studierte, ging ich mit ihr zum Lycée, einem trostlosen Raum in einem düsteren alten Gebäude mit nackten Wänden, nackten Böden, baufälligen Schreibtischen und Bänken und einem alten rostigen Ofen. Doch inmitten solcher Umgebung erschien der Professor immer in voller Montur und machte eine stattliche Verbeugung vor seiner Klasse. Ich hatte so viel von den Universitäten Frankreichs gehört, dass ich mir großartige Gebäude ausgemalt hatte, wie die unserer Universitäten; stattdessen fand ich jedoch, dass die Vorlesungen in isolierten Räumen gehalten wurden, hier, da und dort – durchweg trostlos innen wie außen.

Am ersten Tag besuchten wir Professor Depesyrons. Nachdem wir alle unsere Vorkehrungen für Bücher und Vorlesungen getroffen hatten, wandte er sich plötzlich an meine Tochter und, auf die Volants an ihrem Kleid, ihren kecken Hut und einige Blumen im Knopfloch deutend, lächelte er und sagte: „All das, und doch lieben Sie Mathematik?“ Als wir den Hof betraten, auf dem Weg zum Lycée, und uns nach dem Vorlesungssaal des Professors erkundigten, beobachteten uns die Studenten in kleinen Gruppen genau. Derjenige, der uns begleitete, stellte mehrere Fragen und entdeckte an unserem Akzent, dass wir Ausländer waren, eine ausreichende Entschuldigung für die Neuartigkeit unseres Vorgehens. Der Professor empfing uns höchst gnädig und befahl dem Hausmeister, uns Stühle, einen Tisch, Papier und Bleistifte zu bringen.

Dann plauderten wir angenehm, bis die Stunde für seine Vorlesung kam. Da ich nur wenig Interesse an dem Thema hatte und die Probleme in einer fremden Zunge ausgesprochen wurden, hielt ich mein Nachmittagsschläfchen. Es bestand keine Gefahr, den Professor durch solch eine Gleichgültigkeit gegenüber seiner Beredsamkeit zu kränken, da er mit dem Gesicht zur Tafel stand und sie so schnell wie möglich mit Zeichen und Zahlen füllte; dann löschte er sie wieder aus, um sie immer wieder neu zu füllen, ohne eine Unterbrechung in seinen Erklärungen; er sprach so schnell, wie seine Hand sich bewegte. Harriot kämpfte mehrere Tage lang, ihm zu folgen, fand es aber unmöglich, also gaben wir die Jagd nach Kubikzahlen und Quadraten auf, und sie widmete sich ganz dem Studium der Sprache. Dies waren für mich Tage vollkommener Ruhe und Frieden. Alles bewegte sich wie durch Zauberei, keine Eile und Hektik, niemals ein böses oder ungeduldiges Wort wurde gesprochen. Da nur eine oder zwei der Schwestern Englisch sprachen, konnte ich stundenlang ungestört unter den Bäumen lesen. Emerson, Ruskin und Carlyle waren meine gewählten Begleiter.

Wir machten einige angenehme Bekanntschaften unter einigen irischen Familien, die versuchten, von ihrem verminderten Einkommen in Toulouse zu leben. Eine von diesen gab uns einen Abschiedsball. Da mehrere Kompanien der französischen Armee dort stationiert waren, trafen wir eine große Anzahl von Offizieren auf dem Ball. Ich hatte immer angenommen, die Franzosen seien anmutige Tänzer. Ich war ein stiller „Zuschauer in Wien“, also hatte ich die Gelegenheit, das Geschick der verschiedenen Nationalitäten zu vergleichen. Alle gaben zu, dass niemand so leicht und anmutig dahinglitt wie die Amerikaner. Sie schienen sich ohne die geringste Anstrengung zu bewegen, während die Engländer, die Franzosen und die Deutschen sich beim Tanzen abmühten, auf und ab wippten, sprangen und zuckten, außer Atem und mit rotem Gesicht in fünf Minuten. Ein großes Vergnügen, das wir in Toulouse hatten, war die Musik der Militärkapelle in den öffentlichen Gärten, wo wir für einen halben Cent einen Stuhl haben und zwei Stunden lang frische Luft und süße Musik genießen konnten.

Wir gaben im Tivollier Hotel ein Abschiedsessen für einige unserer Freunde. Mit Reden und Trinksprüchen verbrachten wir eine fröhliche Zeit. Professor Joly war der Mittelpunkt des Anlasses. Er war vierzig Jahre lang Lehrer in Frankreich gewesen und gerade in den Ruhestand getreten. Ich überreichte ihm „The History of Woman Suffrage“, und er schrieb eine höchst anerkennende Rezension darüber in einer der führenden französischen Zeitschriften. Jeder Urlaub muss ein Ende haben. Andere Pflichten riefen mich nach England. So nahmen wir, nach einem hastigen Lebewohl an Jacournassy und La Sagesse, an die Black Mountains und Toulouse, an Languedoc und den Süden, eines Tages im Oktober, gerade als die ersten Blätter zu fallen begannen, den Zug und waren nach vierzehn Stunden in Paris. Ich hatte die schöne französische Hauptstadt seit 1840 nicht mehr gesehen. Mein Aufenthalt innerhalb ihrer bezaubernden Mauern war kurz – zu kurz –, und ich erwachte eines Morgens, um mich nach einer Abwesenheit von zweiundvierzig Jahren wieder an den Küsten Englands zu finden, und ehe meine Augen recht offen waren, hieß mich das grimmige alte London wieder willkommen. Aber die vielen glücklichen Stunden, die ich während des Winters 1882-83 im „fröhlichen England“ verbrachte, haben die vier Monate in Languedoc nicht aus meinem Gedächtnis ausgelöscht.

KAPITEL XXII.

REFORMEN UND REFORMER IN GROSSBRITANNIEN.

Als ich im November 1882 in den Nebeln und Dünsten von London eintraf, war die erste Person, die ich nach einer Trennung von vielen Jahren traf, unser verehrter und geliebter Freund William Henry Channing. Die große, anmutige Gestalt war etwas gebeugt; das sanfte, nachdenkliche Gesicht etwas trauriger; die Verbrechen und das Elend der Welt schienen schwer auf seinem Herzen zu liegen. Mit seiner feinen, nervösen Konstitution war die düstere moralische und physische Atmosphäre Londons der letzte Ort auf Erden, an dem dieses schöne Leben hätte enden sollen. Ich fand ihn in ernstem Gespräch mit meiner Tochter und dem jungen Engländer, den sie bald heiraten sollte; er beriet sie nicht nur hinsichtlich der Bedeutung des Schrittes, den sie im Begriff waren zu tun, sondern auch bezüglich der kleineren Punkte, die bei der Zeremonie zu beachten seien. Zur festgesetzten Zeit versammelten sich einige Freunde in der Portland Street Chapel, und als wir zum Altar traten, erschien unser Freund in Chorrock und Talar, sein bleiches, geistvolles Gesicht zarter und schöner als je zuvor. Dies war der letzte Hochzeitsgottesdienst, den er je vollzog, und er war ebenso rührend wie originell. Seine ganze Erscheinung war so sehr im Einklang mit den erlesenen Empfindungen, die er äußerte, dass wir, die wir zuhörten, das Gefühl hatten, für die Dauer der Zeit mit ihm in das Allerheiligste eingetreten zu sein.

Einige Zeit später besuchten Miss Anthony und ich ihn, um unseren Dank für die sehr lobende Rezension auszusprechen, die er über „The History of Woman Suffrage“ geschrieben hatte. Er dankte uns wiederum für die vielen schönen Erinnerungen, die wir auf jenen Seiten wiederaufleben ließen, „aber“, sagte er, „sie haben mich auch mit Entrüstung erfüllt über die wiederholten Beleidigungen, die Frauen entgegengebracht wurden, die sich so ernsthaft um ehrliche Bemühungen zur Hebung der Menschheit bemühten. Ich bin beim Lesen dieser Bände mehr als einmal für mein Geschlecht errötet.“ Wir verweilten lange und sprachen über die Ereignisse, die mit unserem großen Kampf für die Freiheit verbunden waren. Er verweilte mit Zärtlichkeit bei unseren Enttäuschungen und ging tiefer auf die Demütigungen ein, die Frauen erleiden mussten, als jeder andere Mann, den wir je trafen. Seine Ansichten waren ebenso aufgeschlossen für die Demütigung der Frau durch die Herabwürdigung des Geschlechts wie jene, die John Stuart Mill in seinem wunderbaren Werk „The Subjection of Women“ zum Ausdruck brachte. Er interessierte sich brennend für Frances Power Cobbes Bemühungen zur Abschaffung der Vivisektion, und als ich ihn das letzte Mal sah, leitete er eine Versammlung in einem Salon, bei der Dr. Elizabeth Blackwell eine bewundernswerte Rede über Ursache und Heilung des sozialen Übels hielt. Mr. Channing sprach zum Abschluss wunderbar und zollte Dr. Blackwells klarer und prägnanter Zusammenfassung aller in der Frage enthaltenen Schwierigkeiten ein herzliches und verdientes Kompliment.

Da wir in unseren Zeitschriften so viel über englische Reformer gelesen hatten – über die Brights, McLarens, die Taylors; über Lydia Becker, Josephine Butler und Octavia Hill und über ihre großen Demonstrationen mit Lords und Parlamentsmitgliedern als Vorsitzende –, hatten wir uns danach gesehnt, die Akteure jener Szenen mit unseren Rednern auf dieser Seite des Wassers zu vergleichen. Endlich trafen wir sie alle, bei großen öffentlichen Versammlungen und Salon-Treffen, bei Abendessen und Empfängen. Wir hörten ihren öffentlichen Männern im Parlament, vor Gericht und auf der Kanzel zu; den Frauen in ihren verschiedenen Versammlungen; und kamen zu dem Schluss, dass die Amerikaner sie in der Redekunst und der Führung ihrer Versammlungen übertreffen. Eine zögerliche, entschuldigende Art scheint bei allen Fragen die nationale Sitte für ein Einleitungswort zu sein. Sogar ihre fähigsten Männer, die dieses Land besucht haben, wie Kingsley, Stanley, Arnold, Tyndall und Coleridge, wurden alle vom amerikanischen Publikum wegen ihrer elokutionellen Mängel kritisiert. Sie haben keine Redner, die man mit Wendell Phillips, George William Curtis oder Anna Dickinson vergleichen könnte, obwohl John Bright unter seinen Landsleuten seinesgleichen sucht, ebenso wie Mrs. Besant unter den Frauen. Die Frauen sind im Allgemeinen flüssiger als die Männer.

Ich erreichte England rechtzeitig, um an der großen Demonstration in Glasgow teilzunehmen, die die Ausweitung des kommunalen Wahlrechts auf die Frauen Schottlands feierte. Es war ein bemerkenswerter Anlass. Die riesige Halle von St. Andrew war vollgestopft mit Frauen; einige Männer wurden gegen einen halben Crown Eintritt auf die Galerie gelassen. Über fünftausend Menschen waren anwesend. Wenn ein schottisches Publikum gründlich aufgewiegelt ist, kommt nichts an Begeisterung heran. Die Ankunft der Redner auf dem Podium wurde mit dem wildesten Applaus angekündigt; das gesamte Publikum erhob sich, schwenkte die Taschentücher und klatschte in die Hände, und jedes Kompliment, das den Menschen in Schottland gemacht wurde, wurde mit ähnlichen Ausbrüchen bedacht. Mrs. McLaren, eine Schwester von John Bright, führte den Vorsitz und hielt die Eröffnungsrede. Ich hatte bei dieser Gelegenheit die Ehre, zum ersten Mal in der Alten Welt vor einem Publikum zu sprechen. Viele andere sprachen kurz. Es gab zu viele Redner; niemand hatte Zeit, sich bis zum Punkt der Beredsamkeit aufzuwärmen.

Unser System von Konferenzen, die zwei oder drei Tage dauern, mit langen Reden, in denen pointierte und radikale Resolutionen diskutiert werden, ist in England völlig unbekannt. Ihre Versammlungen bestehen aus einer einzigen Sitzung von wenigen Stunden, in die sie alle Redner drängen, die sie herbeirufen können. Sie haben ein paar zahme, gedruckte Resolutionen, über die es keine Meinungsverschiedenheiten geben kann, an die die Namen derjenigen angehängt sind, die sprechen sollen. Jede dieser wird verlesen, und ein paar kurze Reden werden gehalten, die vielleicht einen geringen oder gar keinen Bezug zu den Resolutionen haben, die dann verabschiedet werden. Die letzte ist gewöhnlich eine Danksagung an einen Lord oder ein Mitglied des Unterhauses, das sich herabgelassen hat, den Vorsitz bei der Versammlung zu führen oder etwas für die Maßnahme im Parlament zu tun. Die Königin wird in den meisten Reden zärtlich erwähnt, obwohl sie nie etwas getan hat, um die Billigung der Befürworter des Frauenwahlrechts zu verdienen.

Von Glasgow aus reiste eine ziemlich große Gruppe der Brights und McLarens nach Edinburgh, wo uns der Hon. Duncan McLaren im Newington House im Schatten der Salisbury Crags herzlich willkommen hieß. Diese und die Pentland Hills sind bemerkenswerte Merkmale in der Landschaft, wenn man sich dieser schönen Stadt mit ihren Bergen und Burgen nähert. Wir verbrachten ein paar reizende Tage damit, herumzufahren, alte Freunde zu besuchen und den Status der Frau auf beiden Seiten des Atlantiks zu diskutieren. Hier trafen wir Elizabeth Pease Nichol sowie Jane und Eliza Wigham, die ich nicht mehr gesehen hatte, seit wir 1840 in London gemeinsam in der World's Anti-slavery Convention saßen. Dennoch erkannte ich Mrs. Nichol sofort; ihr stark ausgeprägtes Gesicht vergaß man nicht so leicht.

Ich ging am Sonntag mit der Familie zur Zusammenkunft der Quäker, wo sich eine für diese sittenstrenge Sekte höchst ungewöhnliche Kundgebung ereignete. Man hatte mir gesagt, dass es als durchaus angemessen angesehen würde, wenn ich mich berufen fühlte, einige Bemerkungen zu machen, und gerade als ich einen Eröffnungssatz für einige Gedanken überlegte, die ich darlegen wollte, erhob sich ein Mann in einem entfernten Teil des Hauses und begann mit leiser Stimme, sein Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, die in ihm war. Alle Augen richteten sich auf ihn, als sich plötzlich ein Freund über die Rückseite des Sitzes beugte, ihn an den Rockschößen packte und ihn auf höchst nachdrückliche Weise herunterzog. Der arme Mann vergrub sein Gesicht in den Händen und bewahrte tiefes Schweigen. Ich erfuhr später, dass er ein Langweiler war und der Freund im Hintergrund es für klug hielt, ihn im Keim zu ersticken. Diese Szene verscheuchte alle meine Absichten zu sprechen, aus Furcht, auch ich könnte außerhalb der vorgeschriebenen Grenzen geraten und mit Gewalt unterdrückt werden. Ich speiste an jenem Tag mit Mrs. Nichol in der Huntly Lodge, wo sie der Reihe nach viele unserer amerikanischen Reformer empfangen hatte. Ihre Wände hatten die Stimmen von Garrison, Rogers, Samuel J. May, Parker Pillsbury, Henry C. Wright, Douglass, Remond und einer Schar englischer Philanthropen widerhallen lassen. Obwohl über achtzig Jahre alt, war sie immer noch wach für alle Fragen der Stunde und wie eh und je großzügig in ihrer Gastfreundschaft.

Mrs. Margaret Lucas, deren ganze Seele in der Mäßigkeitsbewegung aufging, begleitete mich von Edinburgh nach Manchester, um bei einer weiteren großen Demonstration in der Town Hall, dem schönsten Gebäude in diesem Distrikt, anwesend zu sein. Es war gerade fertiggestellt worden und war mit seinem Vorzimmer, dem Speisesaal und verschiedenen Räumen für gesellschaftliche Unterhaltungen bei weitem die vollkommenste Halle, die ich in England gesehen hatte. Dort wurde ich von Mrs. Matilda Roby bewirtet, die mir zusammen mit ihrem Ehemann einen höchst gastfreundlichen Empfang bereitete. Sie lud eines Tages mehrere Freunde zum Mittagessen ein, unter anderem Miss Lydia Becker, Herausgeberin des Suffrage Journal in jener Stadt, und den Rev. Mr. Steinthal, der unser Land besucht und auf unserem Podium gesprochen hatte. Das Hauptthema bei Tisch war John Stuart Mill, sein Leben, sein Charakter, seine Schriften und seine Position in Bezug auf die politischen Rechte der Frauen. Am Abend gingen wir, um Ristori in „Königin Elisabeth“ zu sehen. Da ich sie viele Jahre zuvor in Amerika gesehen hatte, war ich überrascht, sie noch so tatkräftig zu finden. Und so wechselten Woche für Woche Wahlrechtsversammlungen, Empfänge, Abendessen, Mittagessen und Theaterbesuche in angenehmer Weise ab.

Am darauffolgenden Sonntag hörten wir in London eine großartige Predigt von Moncure D. Conway und hatten im Anschluss an die Sitzung eine angenehme Unterredung mit ihm und Mrs. Conway. Später verbrachten wir einige Tage in ihrem künstlerischen Heim, das mit Büchern, Bildern und Andenken von lieben Freunden gefüllt war. Ein Billardzimmer mit abgenutzten Queues, Bällen und Tisch – ein recht neuartiger Zusatz zu einem Pfarrhaus – mag zu einem gewissen Teil seine energischen Predigten erklären. Ein Gartenempfang für Mr. und Mrs. Howells gab uns Gelegenheit, den amerikanischen Romanautor umgeben von seinen englischen Freunden zu sehen.

Kurz danach bat mich Mr. Conway, seine Kanzel zu vertreten. Ich ging am Samstagabend sehr nervös wegen meiner Predigt für den nächsten Tag zu Bett, und das Gefühl nahm stetig zu, bis ich das Podium erreichte; aber dort angekommen, lösten sich alle meine Ängste auf, und ich habe es nie mehr genossen zu sprechen als bei jener Gelegenheit, denn ich war so lange von der Erniedrigung der Frau unter dem kanonischen Recht und der kirchlichen Disziplin bedrückt gewesen, dass ich ein Gefühl der Erleichterung empfand, als ich meine Entrüstung ausschütten konnte. Mein Thema war: „Was hat das Christentum für die Frau getan?“, und anhand der Tatsachen der Geschichte zeigte ich deutlich, dass die Frau keiner Form von Religion einen Impuls zur Freiheit verdankte, da alle gleichermaßen ihre Unterlegenheit und Unterwerfung gelehrt haben. Aus einem solchen Zustand können keine erhabenen Tugenden hervorgehen. Welche Höhen an Würde und Reinheit Frauen individuell auch erreicht haben mögen, kann in keiner Weise den Dogmen ihrer Religion zugeschrieben werden.

Mit meinem Sohn Theodore, der sich immer sehr für meine Freunde und meine öffentliche Arbeit interessierte, besuchte ich während meines Aufenthalts in London Mrs. Grey, Miss Jessie Boucherett und Dr. Hoggan, die Essays für „The Woman Question in Europe“ geschrieben hatten; unseren amerikanischen Gesandten (Mr. Lowell), Mr. und Mrs. George W. Smalley und viele andere namhafte Männer und Frauen. Nach Vereinbarung hatten wir eine Stunde mit dem Hon. John Bright in seiner Residenz in Piccadilly. Da sein Foto, zusammen mit seinem Ruhm, Amerika erreicht hatte, waren uns sein feines Gesicht und sein Kopf sowie seine politischen Ansichten recht vertraut. Er empfing uns mit großer Herzlichkeit und bewies ein klares Verständnis und tiefes Interesse an allen amerikanischen Angelegenheiten. Freihandel und Frauenwahlrecht bildeten die Grundlage unserer Unterhaltung; die Literatur unserer jeweiligen Länder und unsere großen Männer und Frauen waren die leichteren Themen des Anlasses. Er war nicht fest in Bezug auf die politischen Rechte der Frauen, aber es ist nicht jedem Mann gegeben, in allen Fragen gleich klar zu sein. Er stimmte 1867 für John Stuart Mills Ergänzung zur Haushaltswahlrechtsvorlage, aber er sagte: „Das war ein persönlicher Gefallen an einen Freund, ohne starke Überzeugungen hinsichtlich der Verdienste dessen, was ich für eine rein sentimentale Maßnahme hielt.“

Wir nahmen an der Versammlung teil, die einberufen worden war, um sich über die Verabschiedung der Married Women's Property Bill zu freuen, die den Frauen Englands 1882 das gab, was wir in vielen Staaten in diesem Land seit 1848 genossen hatten. Mrs. Jacob Bright, Mrs. Scatcherd, Mrs. Elmy und mehrere Parlamentsmitglieder hielten kurze Glückwunschreden an diejenigen, die maßgeblich an der Durchführung der Maßnahme beteiligt waren. Es wurde allgemein zugestanden, dass das Verdienst für diesen Erfolg dem Takt und der Beharrlichkeit von Mrs. Jacob Bright mehr als jeder anderen Person gebührte. Jacob Bright war zu der Zeit Mitglied des Parlaments und stand voll und ganz hinter dem Gesetzesentwurf; und während Mrs. Bright all ihren sozialen Einfluss geltend machte, um ihn bei den Mitgliedern populär zu machen, nutzte ihr Ehemann, der mit parlamentarischen Taktiken gründlich vertraut war, jede Formalität, um den Gesetzentwurf durch das Unterhaus zu bringen. Mrs. Brights Hauptziel bei der Sicherung dieses Gesetzes war es, neben der Etablierung des Rechts, das jeder Mensch auf sein eigenes Eigentum hat, verheiratete Frauen auf eine Ebene mit Witwen und Jungfern zu stellen und sie dadurch zu wahlberechtigten Personen zu machen.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Barn Elms hinaus, um Mr. und Mrs. Charles McLaren zu besuchen. Er war Mitglied des Parlaments, von Geburt und Erziehung Quäker, und hatte die Suffragettenbewegung nach Kräften unterstützt. Seine bezaubernde Frau, die Tochter von Mrs. Pochin, ist der edlen Mutter würdig, die zu den frühesten Anführerinnen in dieser Frage gehörte – sie sprach und schrieb mit Geschick über alle Aspekte des Themas. Barn Elms ist ein prächtiges altes Anwesen, einige Meilen außerhalb von London. Es war die Meierei von Königin Elisabeth und wurde von ihr an Sir Francis Walsingham verschenkt. Seitdem wurde es von vielen namhaften Personen bewohnt. Es existiert als Anwesen seit der Zeit der frühen sächsischen Könige, und der Aufzeichnung über den Verkauf von Barn Elms zur Zeit von König Athelstane existiert noch. Mit seinen gepflegten Rasenflächen, den schönen alten Bäumen, den Blicken hier und da auf die Themse, die sich um seine Ränder windet, und seinem Reichtum an alten Assoziationen ist es in der Tat ein bezaubernder Ort. Unsere Erinnerung an jene Tage wird nicht bis zu den sächsischen Königen zurückreichen, sondern bei dem liberalen Gastgeber und der Gastgeberin, den schönen Kindern und den vielen bezaubernden Bekanntschaften verweilen, die wir an jenem Kaminfeuer trafen. Ich bezweifle, dass irgendeiner der alten Lords und Damen, die unter diesem Dach ihre Gastfreundschaft spendeten, die jetzigen Bewohner in irgendeiner Weise übertraf. Mrs. McLaren, die sich für alle Reformen der Zeit interessiert, ist radikal in ihren Ideen, eine brillante Rednerin und für jemanden, der so jung ist, bemerkenswert gut über alle politischen Fragen informiert.

In Barn Elms traf ich zum ersten Mal Mrs. Fannie Hertz, der ich später viele angenehme Bekanntschaften verdankte. Es heißt, sie kenne mehr bedeutende literarische Leute als jede andere Frau in London. Ich sah sie auch mehrmals bei ihr zu Hause; bei ihren Sonntag-Nachmittag-Empfängen traf ich viele Personen, die ich kennenlernen wollte. Bei einer Gelegenheit fand ich George Jacob Holyoake dort vor, umgeben von mehreren jungen Damen, die alle entschieden die Nihilisten in Russland verteidigten, sowie ihr Recht, ihren Weg in die Freiheit zu planen. Sie zählten eine Dynastie von Zaren als nichts im Gleichgewicht mit den Freiheiten eines ganzen Volkes. Als ich mich dem Kreis anschloss, machte mich Mr. Holyoake darauf aufmerksam, dass er der einzige sei, der friedliche Maßnahmen befürworte. „Nun“, sagte er, „ich habe oft auf Ihrem Podium sagen hören, dass das weibliche Element in der Politik einen dauerhaften Frieden in der Regierung herbeiführen würde, und hier setzen sich alle diese Damen für die schlimmsten Formen der Gewalt im Namen der Freiheit ein.“ „Ach“, sagte ich, „legen Sie ihnen die Verantwortung des Regierens auf ihre Schultern, und sie würden bald so sanft und konservativ werden, wie Sie es zu sein scheinen.“ Er gab uns dann seine Ansichten über die Kooperation, das einzige Heilmittel für viele bestehende Übel, die seiner Meinung nach der nächste Schritt zu einer höheren Zivilisation sein würde.

Dort traf ich auch einige Positivisten, die zwar in religiösen Fragen liberal waren, aber sehr engstirnig in Bezug auf die Sphäre der Frau. Der Unterschied im Geschlecht, der gerade der Grund ist, warum Männer und Frauen in allen Formen der Tätigkeit verbunden sein sollten, ist für sie der stärkste Grund, warum sie getrennt sein sollten. Mrs. Hertz gehört zur Harrison-Schule der Positivisten. Ich ging mit ihr zu einem von Mrs. Orrs Empfängen, wo wir Robert Browning trafen, einen gut aussehenden Mann von siebzig Jahren, mit weißem Haar und Schnurrbart. Er war freimütig, ungezwungen, spielerisch und brillant in der Unterhaltung. Mrs. Orr schien eine sehr pessimistische Sicht auf unser gegenwärtiges Wirkungsfeld zu haben, die Mr. Browning mit poetischer Färbung hoffnungsvoller zu malen versuchte.

Am nächsten Tag speiste ich mit Margaret Bright Lucas in Begleitung von John P. Thomasson, Mitglied des Parlaments, und seiner Frau, und danach gingen wir zum Unterhaus und hatten das Glück, Gladstone, Parnell und Sir Charles Dilke zu hören. Als ich Bradlaugh außerhalb des magischen Kreises sitzen sah, schickte ich meine Karte an ihn, und im Korridor hatten wir eine kurze Unterredung. Ich fragte ihn, ob er glaube, dass er schließlich seinen Sitz bekommen würde. Er antwortete: „Ganz gewiss werde ich das. Ich werde den nächsten Wahlkampf mit einer solchen Agitation eröffnen, dass unsere Politiker zu einer gewissen Berücksichtigung der Veränderungen angeregt werden, die allmählich über das Gesicht der Dinge in diesem Land kommen.“

Der Platz, der den Damen im Unterhaus zugewiesen ist, ist wirklich eine Schande für ein Land, das von einer Königin regiert wird. Dieser dunkle Sitzplatz ist die oberste Galerie, unmittelbar über dem Pult des Sprechers und den Sitzen der Regierung, hinter einem feinen Drahtgeflecht, so dass es völlig unmöglich ist, irgendetwas zu sehen oder zu hören. Die sechzehn Personen, die sich in die vordere Reihe drängen können, indem sie ihre Nasen teilweise durch das offene Netzwerk stecken, können die Befriedigung haben, den Bogenschädel ihrer Herrscher zu sehen und gelegentlich einen Lobgesang auf die Freiheit oder ein irisches Knurren über den Mangel daran zu hören. Mir wurde gesagt, dieses Netzwerk solle verhindern, dass die Mitglieder auf dem Boden durch die Schönheit der Frauen gestört würden. Als ich das hörte, bemerkte ich, dass ich zutiefst dankbar sei, dass unsere amerikanischen Männer nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen seien und dass die Schönheit unserer Frauen nicht von so gefährlicher Art sei. Ich konnte nicht anders, als unsere geräumigen Galerien in jenem prächtigen Kapitol in Washington sowie in unseren großen Staatskapitolen, wo Hunderte von Frauen bequem sitzen und ihre Herrscher sehen und hören können, mit diesen dunklen, schmuddeligen Gebäuden zu vergleichen. Mein Sohn, der einen Sitz auf dem Boden direkt gegenüber der Damengalerie hatte, sagte, er könne unser Aussehen mit nichts anderem als Vögeln in einem Käfig vergleichen. Er konnte den Umriss von niemandem unterscheiden. Alles, was er sehen konnte, war das Bewegen von Federn und Pelzen oder ein helles Band oder eine Blume.

In den Bibliotheken, den Gerichten und dem Oberhaus fand ich viele anregende Gedanken. Es war interessant, an den freskoverzierten Wänden viele historische Szenen zu finden, in denen Frauen eine herausragende Rolle gespielt hatten. Unter anderen gab es Jane Lane, die Charles II. zur Flucht verhalf, und Alice Lisle, die die Flüchtlinge nach der Schlacht von Sedgemoor versteckte. Die sechs Ehefrauen von Heinrich VIII. standen da, ein feierliches Schauspiel, wenn man sich ihres traurigen Schicksals erinnerte. Ach! Ob zum Guten oder zum Schlechten, Frauen müssen immer einen großen Raum in den Tragödien der Welt einnehmen.

Ich verbrachte einige angenehme Stunden in dem Haus, in dem Macaulay seine letzten Lebensjahre verbrachte. Die einst geräumige Bibliothek und das große Bogenfenster mit Blick auf einen wunderschönen Rasen, an dem er Tag für Tag saß und seine glühenden Perioden niederschrieb, übten eine eigentümliche Faszination auf mich aus, wie es die Umgebung von Genies immer tut. Während ich dort stand, dachte ich daran, wie oft er unbewusst jeden Gegenstand fixiert hatte, als er nach Worten suchte, die reich genug waren, um seine Ideen zu vergolden. Das Haus war Eigentum von Mr. und Mrs. Stephen Winckworth, die es auch bewohnten. Es war bei einem ihrer geselligen Sonntags-Tees, dass viele angenehme Erinnerungen an den großen Historiker wachgerufen wurden.

Eine der bemerkenswertesten und umgänglichsten Frauen, die ich traf, war Miss Frances Power Cobbe. Sie kam eines Nachmittags zu Besuch und trank mit mir den Fünf-Uhr-Tee, eine feste Gewohnheit in England. Sie war von mittlerer Größe, korpulent, rosig und kräftig aussehend, mit einem großen, wohlgeformten Kopf, einem starken, glücklichen Gesicht und einer Begabung für seltene Konversationskunst. Ich fühlte mich sehr stark zu ihr hingezogen. Sie war offen und herzlich und in all ihren Ansichten bestimmt. Sie gab uns einen Bericht über ihre Bemühungen, unglückliche Katzen und Hunde aus den Händen der Vivisektoren zu retten. Wir sahen sie auch in ihrem Heim und in ihrem Büro in der Victoria Street. Die vollkommene Ordnung, in der ihre Bücher und Papiere angeordnet waren, und die exquisite Sauberkeit der Räume waren erfrischend anzusehen.

Meine Tochter, die ihre eigenen entschiedenen Meinungen hatte, geriet bald mit Miss Cobbe über die Frage der Vivisektion aneinander. Nachdem wir mehrere deutsche und französische Bücher mit Illustrationen untersucht hatten, die die schreckliche Grausamkeit an Katzen und Hunden zeigten, weitete sie ihre Ausführungen über die Heuchelei und Bosheit dieser Wissenschaftler aus und wandte sich an meine Tochter mit der Frage: „Würden Sie einem dieser Vivisektoren die Hand schütteln?“ „Ja“, sagte Harriot, „ich wäre stolz darauf, Virchow, dem großen deutschen Wissenschaftler, die Hand zu schütteln, wegen seiner Freundlichkeit gegenüber einem jungen amerikanischen Mädchen. Sie bewarb sich bei mehreren Professoren, um in deren Klassen zugelassen zu werden, aber alle lehnten ab, außer Virchow; er stimmte bereitwillig zu und bat seine Studenten, sie mit gebührender Höflichkeit zu behandeln. ‚Wenn sich einer von euch anders verhält‘, sagte er, ‚werde ich mich persönlich beleidigt fühlen.‘ Sie nahm an seinem Unterricht teil und setzte ihr Studium unbehelligt und mit großem Erfolg fort. Nun, würden Sie, Miss Cobbe, sich weigern, einem Ihrer Staatsmänner, Wissenschaftler, Geistlichen, Anwälte oder Ärzte die Hand zu schütteln, die Frauen mit ständigen Demütigungen und Beleidigungen behandeln?“ „Oh, nein!“, sagte Miss Cobbe. „Dann“, sagte Harriot, „schätzen Sie das körperliche Leiden von Katzen und Hunden als folgenschwerer ein als die Demütigung von Menschen. Der Mann, der eine Katze für einen wissenschaftlichen Zweck quält, steht in meinem Urteil nicht so tief auf der Stufenleiter der Wesen wie einer, der seine eigene Tochter irgendeinem grausamen Brauch opfert.“

Da wir gerade Froudes „Life of Carlyle“ lasen, fuhren wir an dem Haus vorbei, in dem Carlyle gelebt hatte, und hielten einen Moment an der Tür inne, durch die die arme Jennie so oft mit schwerem Herzen ein- und ausging. Das Buch gibt ein schmerzhaftes Zeugnis einer großen Seele, die mit Armut und Enttäuschung kämpfte; die Hoffnung auf Erfolg als Autor, so lange aufgeschoben und nie verwirklicht. Sein törichter Stolz auf Unabhängigkeit und Führungsanspruch sowie seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber seinen häuslichen Pflichten und dem Komfort seiner Frau machten das Bild noch düsterer. Die arme Jennie! Geeignet, in jedem Kreis zu glänzen, doch ihr ganzes Eheleben lang zu häuslicher Plackerei verdammt, anstatt zu Verbindungen mit dem großen Mann, für dessen literarische Kameradschaft sie alles geopfert hatte.

Bei einem der Empfänge von Miss Biggs trafen Miss Anthony und ich Mr. Stansfeld, M.P., der sich treu für die Aufhebung des Contagious Diseases Act eingesetzt hatte und damit in gewissem Maße erfolgreich gewesen war. Wir hatten die Ehre einer Unterredung mit Lord Shaftesbury bei einem seiner überfüllten „at homes“ und fanden ihn etwas unsicher hinsichtlich der Weisheit, verheirateten Frauen das Wahlrecht zu gewähren, aus Furcht, den Frieden der Familie zu stören. Ich habe mich oft gefragt, ob Männer bei diesem Einwand erkennen, welch fatales Eingeständnis sie hinsichtlich ihrer Liebe zur Herrschaft machen.

Miss Anthony war am 17. Oktober 1882 bei der großen Liberal Conference in Leeds anwesend, zu der Mrs. Helen Bright Clark, Miss Jane Cobden, Mrs. Tanner, Mrs. Scatcherd und mehrere andere Damen ordnungsgemäß als Delegierte ihrer jeweiligen Liberal Leagues gewählt worden waren. Mrs. Clark und Miss Cobden, Töchter der großen Reformer der Getreidegesetze, sprachen eloquent für die Resolution zur Ausweitung des parlamentarischen Wahlrechts auf Frauen, die von Walter McLaren aus Bradford eingebracht wurde. Als Mrs. Clark ihren leidenschaftlichen Appell für die Anerkennung der politischen Gleichberechtigung der Frau im nächsten Wahlrechtsgesetz vorbrachte, verfiel die riesige Versammlung von sechzehnhundert Delegierten in tiefes Schweigen. Dass eine Tochter in einer so großen repräsentativen Versammlung in Opposition zu ihrem geliebten und geehrten Vater, dem anerkannten Führer jener Partei, auf diese Weise sprach, war ein Akt des Heroismus und der Treue zu ihren eigenen höchsten Überzeugungen, der in der englischen Geschichte fast ohne Parallele ist, und die Wirkung auf das Publikum war ebenso mitreißend wie überraschend. Die Resolution wurde mit großer Mehrheit angenommen. Bei dem Empfang für John Bright an jenem Abend bemerkte Mrs. Clark, als sie sich dem Podium näherte, auf dem ihr edler Vater stand und die Hände vorbeigehender Freunde schüttelte, zu ihrem Ehemann: „Ich frage mich, ob Vater von meiner Rede heute Morgen gehört hat und ob er mir verzeihen wird, dass ich öffentlich anderer Meinung war als er?“ Die Frage wurde bald beantwortet. Als er den ersten Blick auf seine Tochter erhaschte, stieg er herab, drückte ihre Hand liebevoll und küsste sie auf beide Wangen.

Am nächsten Abend wurde der große Quäker-Staatsmann von den bewundernden Tausenden gehört, die sich in die Victoria Hall drängten, während Tausende, die ebenso begierig waren zuzuhören, keine Eintrittskarten erhalten konnten. Es war ein herrlicher Anblick und insgesamt eine äußerst beeindruckende Versammlung des Volkes. Miss Anthony saß mit ihren Freunden auf der Galerie gegenüber der großen Plattform, von wo aus sie einen guten Blick auf das gesamte Publikum hatten. Als John Bright, eskortiert von Sir Wilfrid Lawson, seinen Platz einnahm, erhob sich die riesige Menge, schwenkte Hüte und Taschentücher und brachte mit wildestem Enthusiasmus ein Hoch nach dem anderen zu Ehren des großen Führers aus. Sir Wilfrid Lawson spielte in seinen einleitenden Bemerkungen scherzhaft darauf an, dass die von der Konferenz angenommene Resolution den Ideen des Redners des Abends etwas voraus sei. Das Haus brach in schallendes Gelächter aus, während der Vater des Liberalismus, völlig erschüttert, in die allgemeine Heiterkeit einstimmte.

Doch als schließlich seine Zeit zu sprechen gekommen war und Mr. Bright die vielen Fortschritte aufzählte, die die liberale Partei gemacht hatte, wich er der Frage der Emanzipation der Frauen Englands geschickt aus. Er übersprang die Agitation von 1867 und John Stuart Mills Änderungsantrag, der zu jener Zeit im Unterhaus eingebracht worden war; die Ausweitung des kommunalen Wahlrechts im Jahr 1869; die Beteiligung von Frauen an der Einrichtung von Volksschulen gemäß dem Gesetz von 1870, sowohl als Wählerinnen als auch als Mitglieder von Schulräten; das Married Women's Property Bill von 1882; die große und zunehmende Zahl der Stimmen für die Ausweitung des parlamentarischen Wahlrechts im Unterhaus und die Annahme der Resolution durch jene große Konferenz am Tag zuvor. All diese aufeinanderfolgenden Schritte zur Emanzipation der Frau hatte er sorgfältig vergessen zu erwähnen.

Während unseres Aufenthalts in London besuchten Miss Anthony und ich mehrere enthusiastische Reformversammlungen. Wir hörten Bradlaugh an jenem denkwürdigen Tag am Trafalgar Square zur Eröffnung des Parlaments zu seiner Wählerschaft sprechen, als Gewalt befürchtet wurde und die Parlamentsgebäude von riesigen Menschenmengen umringt waren, zusammen mit Militär und Polizei in großer Zahl, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wir hörten Michael Davitt und Miss Helen Taylor bei einer großen Versammlung in der Exeter Hall; ersteren über Home Rule für Irland, letztere über die Nationalisierung von Land. Die Fakten und Zahlen, die in diesen beiden Vorträgen über die bittere Armut der Menschen und das grausame System, durch das jeder Zentimeter Land von ihren Unterdrückern geraubt worden war, genannt wurden, waren in der Tat erschütternd. Wenige Tage vor unserer Abfahrt machten wir unseren letzten Besuch bei Ernestine L. Rose und fanden unsere edle Mitstreiterin, wenn auch bei zarter Gesundheit, angenehm gelegen im Herzen Londons, so tief interessiert wie eh und je an den Kämpfen der Stunde.

Ein großes Unbehagen in allen englischen Häusern ist das unzureichende Heizsystem. Ein mäßiges Feuer im Kamin ist die einzige Art der Heizung, und sie scheinen sich der Gefahr völlig unbewusst zu sein, eine Tür in einen kalten Flur im Rücken zu öffnen, während die Dienerschaft beim Abendessen mit den verschiedenen Gängen ein- und ausgeht. Da wir Amerikaner unter solchen Umständen schwer geprüft wurden, wurde im Haus meines Schwiegersohns, Mr. Blatch, beschlossen, einen Flurofen anzuschaffen, der nach langer Suche in London gefunden und ordnungsgemäß als präsidierende Gottheit installiert wurde, um der Feuchtigkeit zu trotzen, die all diese efeubewachsenen Wohnstätten durchdringt, sowie der Neuralgie, die ihre Besitzer quält. Was für ein Segen es sich erwies, mehr als alles andere ließ es das alte englische Haus wie ein amerikanisches Zuhause erscheinen! Die herrliche Sommerhitze, die wir in Amerika in den kältesten Jahreszeiten genießen, ist unseren sächsischen Vettern völlig unbekannt. Obwohl viele kamen, um unseren Ofen in vollem Betrieb zu sehen, konnten wir sie nicht dazu überreden, das amerikanische System der Beheizung des ganzen Hauses auf eine gleichmäßige Temperatur zu übernehmen. Sie klammern sich an die Bräuche ihrer Väter mit einer Hartnäckigkeit, die für uns, die wir immer bereit sind, Experimente zu wagen, unbegreiflich ist. Amerikaner beklagen sich bitter über die gleichen Frost-Erfahrungen in Frankreich und Deutschland, und im Gegenzug kritisieren alle Ausländer unsere überheizten Häuser und Vergnügungsstätten.

Während ich eine Versammlung in Birmingham besuchte, wohnte ich bei einem Verwandten von Joseph Sturge, dessen Haus ich vierzig Jahre zuvor besucht hatte. Die Versammlung wurde einberufen, um die Erniedrigung von Frauen unter dem Contagious Diseases Act zu diskutieren. Angeleitet von Josephine Butler waren die Frauen Englands in der Frage seiner Aufhebung zutiefst bewegt und haben diese seither erwirkt. Ich hörte Mrs. Butler bei vielen ihrer gesellschaftlichen Versammlungen sowie bei anderen Gelegenheiten sprechen. Ihr Stil war nicht unähnlich dem, den man bei methodistischen Lagerversammlungen von den am besten Gebildeten jener Sekte hört; ihre Kraft liegt in ihrem tief religiösen Enthusiasmus. In London trafen wir Emily Faithful, die gerade von einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, und wir amüsierten uns sehr über ihre Erfahrungen. Nachdem Miss Anthony und ich viele Jahre in Folge ausgedehnte Reisen durch das ganze Land, von Maine bis Texas, unternommen hatten, konnten wir all ihren Erzählungen leicht den Superlativ hinzufügen.

Es war eine angenehme Überraschung, die große Anzahl von Amerikanern zu treffen, die üblicherweise bei den Empfängen von Mrs. Peter Taylor anwesend waren. Anmutig und schön, in Abendgarderobe, an der Seite ihres Mannes stehend, der sie offensichtlich vergötterte, erschien Mrs. Taylor in ihrem Salon genauso kultiviert, als wäre sie niemals dem öffentlichen Blick ausgesetzt gewesen, während sie einer Wahlrechtsversammlung vorsaß. Mrs. Taylor wird die Mutter der Wahlrechtsbewegung genannt. Die Reform ist nicht in jeder Hinsicht nach ihrem Geschmack verlaufen, noch auf dem, was sie als Grundlage hoher Prinzipien betrachtet. Weder sie noch Mrs. Jacob Bright waren jemals mit dem Gesetzentwurf zufrieden, der das Wahlrecht nur für „Witwen und unverheiratete Frauen“ forderte. Dies Recht „für alle ordnungsgemäß qualifizierten Frauen“ zu fordern, da nur wenige verheiratete Frauen durch den Besitz von Eigentum in eigenem Recht qualifiziert sind, wäre im Wesentlichen dasselbe gewesen, ohne irgendwelche invidiosen Unterscheidungen zu treffen. Mrs. Taylor und Mrs. Bright waren der Meinung, dass verheiratete Frauen, da sie unter dem Gesetz am meisten litten, die Ersten statt die Letzten sein sollten, die das Wahlrecht erhielten. Die anderen, angeführt von Miss Becker, behaupteten, es sei gute Politik, die Forderung für „unverheiratete Frauen und Witwen“ zu stellen und so die „Familieneinheit“ und „männliche Vorherrschaft“ aus der Diskussion auszuschließen; und doch waren dies genau die Punkte, auf denen die Einwände ausnahmslos basierten. Sie behaupteten, wenn „unverheiratete Frauen und Witwen“ das Wahlrecht erhielten, würden sie eine zusätzliche Kraft sein, um verheirateten Frauen ihre Rechte zu sichern. Doch die Geschichte der Vergangenheit gibt uns keine solche Zusicherung. Es ist nicht sicher, dass Frauen gerechter wären als Männer, und eine kleine privilegierte Klasse von Aristokraten hat ihre Mitbürger lange regiert. Die Tatsache, dass die unverheirateten Frauen in der Bewegung einen solchen Gesetzentwurf befürworteten, zeigt, dass man ihnen bei einer Ausweitung nicht trauen konnte. Auch John Stuart Mill war immer gegen den Ausschluss verheirateter Frauen bei der Forderung nach dem Wahlrecht.

Mein Gerechtigkeitssinn wurde durch alles, was ich von den Verfolgungen von Mrs. Besant und Mr. Bradlaugh wegen ihrer Veröffentlichungen über das Recht und die Pflicht der Eltern, die Bevölkerung zu begrenzen, hörte, schwer geprüft. Wer kann den traurigen Zustand der Vielzahl junger Kinder in der Alten Welt betrachten, deren Schicksal es ist, in Unwissenheit und Laster aufzuwachsen – eine wimmelnde, gärende Masse, die niemandem gehört –, ohne die Notwendigkeit einer freien Diskussion der philosophischen Prinzipien zu sehen, die diesen verwickelten sozialen Problemen zugrunde liegen? Auch die Prozesse gegen Foote und Ramsey wegen Blasphemie schienen einer großen Nation im neunzehnten Jahrhundert unwürdig. Man denke an gut ausgebildete Männer von gutem moralischem Ruf, die wegen leichtfertiger Äußerungen über die hebräische Idee von Jehova und den Bericht des Neuen Testaments über die Geburt Jesu in Einzelhaft ins Gefängnis geworfen wurden! Unsere protestantischen Geistlichen zögern nie, die Dogmen und Aberglauben der katholischen Kirche so absurd wie möglich erscheinen zu lassen, und warum sollten diejenigen, die sich einbilden, dem protestantischen Aberglauben entwachsen zu sein, sie nicht ebenso lächerlich machen? Was wahr ist, kann Untersuchung und Spott standhalten.

Ende April, als die Wildblumen in ihrer Pracht standen, kamen Mrs. Mellen und ihre liebenswerte Tochter Daisy zu uns nach Basingstoke, um die Schönheit zu genießen. Da Mrs. Mellen Charles Kingsley kannte und ihn in ihrem Wohnsitz in Colorado beherbergt hatte, verspürte sie den Wunsch, sein früheres Heim zu sehen. Dementsprechend fuhr uns Mr. Blatch an einem hellen Morgen nach Eversley, durch Strathfieldsaye, den Park des Herzogs von Wellington. Dieser prächtige Ort wurde ihm von der englischen Regierung nach der Schlacht von Waterloo geschenkt. Eine hoch aufragende Statue des Herzogs, die man meilenweit sehen kann, steht an einem Eingang. Eine weitere Fahrt von wenigen Meilen brachte uns zur Pfarrkirche von Canon Kingsley, wo er viele Jahre predigte und wo heute alles Sterbliche von ihm begraben liegt. Wir wanderten durch die alte Kirche, zwischen den moosbedeckten Grabsteinen, und in das einst glückliche Heim, das nun still und verlassen war – seine Lieben waren über verschiedene Teile des Globus verstreut. Während wir in der Nähe der letzten Ruhestätte des Autors von „Hypatia“ standen, erschienen seine warnenden Worte für Frauen in einem Brief an John Stuart Mill wie eine Stimme vom Himmel, die mit neuer Inspiration und Kraft sagte: „Dies wird niemals eine gute Welt für Frauen sein, bis der letzte Rest des kanonischen Rechts von der Oberfläche der Erde zivilisiert ist.“

Wir hörten Mr. Fawcett bei einer seiner Wahlkampfveranstaltungen zu seiner Wählerschaft in Hackney sprechen. Im Laufe seiner Bemerkungen erwähnte er mit offensichtlichem Wohlwollen die Trennung von Kirche und Staat als eine der kommenden Maßnahmen und wurde mit lautem Applaus begrüßt. Kurz darauf sprach er vom Frauenwahlrecht als einer weiteren Frage, die eine Prüfung erfordere, doch dies wurde mit Gelächter und Spott aufgenommen, obwohl das Podium mit Anwälten der Maßnahme gefüllt war, unter denen sich die Frau des Redners und ihre Schwester, Dr. Garrett Anderson, befanden. Das Publikum war offensichtlich dafür, sich davon zu befreien, durch Steuern die Kirche zu unterstützen, vergessend, dass Frauen nicht nur besteuert wurden, um eine Kirche zu unterstützen, sondern auch einen Staat, für dessen Verwaltung sie keine Stimme hatten. Mr. Fawcett war kein Redner, sondern ein einfacher, direkter Sprecher. Er machte eine einzige Geste, indem er am Ende all seiner stärksten Behauptungen die rechte geballte Faust in die Handfläche seiner linken Hand schlug, und obwohl er liberaler war als seine Partei, war er bei seinen Wählern sehr beliebt.

Eine angenehme Reise, die ich in England unternahm, ging nach Bristol, um die Misses Priestman und Mrs. Tanner zu besuchen, Schwägerinnen von John Bright. Ich war vierzig Jahre zuvor im Haus ihres Vaters gewesen, daher fühlten wir uns wie alte Freunde. Ich fand sie alle als liberale Frauen, und wir genossen einige Tage zusammen, sprachen über unsere gemeinsamen Kämpfe und bewunderten die wunderschöne Landschaft, für die dieser Teil des Landes berühmt ist. Die Frauen Englands organisierten damals gerade politische Clubs, und ich wurde eingeladen, vor vielen von ihnen zu sprechen. Es gibt einen Ernst des Strebens unter englischen Frauen, der unter den langwierigen Enttäuschungen, die Reformer zwangsläufig erleiden, sehr ermutigend ist. Und die Ordnung in den englischen Häusern unter den wohlhabenden Schichten ist ebenfalls sehr angenehm. Alles geht Jahr für Jahr mit denselben Bediensteten, derselben Umgebung weiter, keine Veränderungen, kein Umzug, nicht einmal Bauarbeiten; in herrlichem Kontrast zu unseren periodischen Umbrüchen, bei denen man nie weiß, wohin man als Nächstes gehen wird oder wie lange unsere Hauptstützen uns zur Seite stehen werden.

Von Bristol ging ich nach Greenbank, um Mrs. Helen Bright Clark zu besuchen. Eines Abends waren ihre Salons überfüllt und ich wurde gebeten, einen Bericht über die Wahlrechtsbewegung in Amerika zu geben. Einige Geistliche befragten mich bezüglich der Position der Bibel zur Frau, woraufhin ich eine ziemliche Darlegung ihrer allgemeinen Prinzipien zugunsten von Freiheit und Gleichheit gab. Da aus jenen Seiten zu jedem Thema zwei unterschiedliche Argumentationslinien gewebt werden können, wählte ich bei dieser Gelegenheit all die günstigsten Texte für die Gerechtigkeit gegenüber der Frau aus und schloss damit, die Grenzen ihrer Autorität darzulegen. Mrs. Clark, obwohl sie die Ansichten, die ich geäußert hatte, voll und ganz teilte, fürchtete, dass meine sehr liberalen Äußerungen einige der strengsten Laien und Geistlichen schockiert haben könnten. „Nun“, sagte ich, „wenn wir, die wir die Absurditäten des alten Aberglaubens sehen, sie niemals anderen gegenüber enthüllen, wie soll die Welt dann irgendeinen Fortschritt in den Theologien machen? Ich befinde mich im Sonnenuntergang des Lebens, und ich fühle es als meine besondere Mission, den Menschen zu sagen, was sie nicht bereit sind zu hören, anstatt abgedroschene Meinungen nachzuplappern.“ Das Ergebnis zeigte die Weisheit, aus meiner eigenen Seele heraus zu sprechen. Zur Überraschung von Mrs. Clark kam der primitive methodistische Geistliche am Sonntagmorgen vorbei, um mich einzuladen, am Nachmittag seine Kanzel zu besetzen und dieselbe Gedankenlinie darzulegen wie am Vorabend. Ich nahm seine Einladung an. Er leitete den Gottesdienst, und ich nahm meinen Text aus Genesis 1, 27, 28, und zeigte, dass Mann und Frau eine gleichzeitige Schöpfung waren, die am Anfang mit gleicher Kraft ausgestattet war.

Nach meiner Rückkehr nach London nahm ich eine Einladung an, eines Nachmittags Tee mit Mrs. Jacob Bright zu trinken, die uns in angeregtem Gespräch jedem eine Tasse Tee gereicht hatte und sich gerade umdrehte, um uns noch etwas mehr anzubieten, als der Tisch und alles andere umkippte – Tee, Brot und Butter, Kuchen, Erdbeeren und Sahne, Silber, Porzellan, in einer einzigen Klumpenmasse. Stille herrschte. Niemand schreckte auf; niemand sagte „Oh!“ Mrs. Bright fuhr mit dem fort, was sie gerade sagte, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen, läutete die Glocke, und als die Bedienung erschien, sagte sie, auf die Trümmer deutend: „Charles, räume das weg.“ Ich war voller Bewunderung für ihre Gelassenheit und zutiefst dankbar, dass wir Amerikaner ein ebenso würdevolles Schweigen bewahrten.

Bei einem großen Empfang, der uns zu Ehren vom National Central Committee in der Princess' Hall gegeben wurde, führte Jacob Bright, M.P., den Vorsitz und hielt eine bewundernswerte Eröffnungsrede, gefolgt von seiner Schwester, Mrs. McLaren, mit einer äußerst schmeichelhaften Willkommensadresse. Auf besonderen Wunsch erläuterte Miss Anthony den industriellen, rechtlichen und politischen Status amerikanischer Frauen, während ich deren erzieherische, soziale und religiöse Verfassung darlegte. John P. Thomasson, M.P., hielt die Abschlussrede, in der er seine Zufriedenheit über unsere Reden und die in beiden Ländern erzielten Fortschritte zum Ausdruck brachte.

Mrs. Thomasson, die Tochter von Mrs. Lucas, gab verschiedene Gesellschaften, Empfänge und Abendessen – einige nur für Damen –, bei denen reichlich Gelegenheit geboten wurde, die Eigenheiten des überlegenen Geschlechts einer kritischen Analyse zu unterziehen, insbesondere in deren Umgang mit Frauen. Die Geduld selbst solch heldenhafter Seelen wie Lydia Becker und Caroline Biggs war angesichts der Ausflüchte der Mitglieder des Unterhauses fast erschöpft. Weh den vielen schönen Versprechen, die gebrochen wurden, den aufgeschobenen Hoffnungen, den Stimmen, auf die man sich voll und ganz verlassen und die man bereits mitgezählt hatte, die in der Stunde der Entscheidung jedoch alle fehlten! Ein einziger Peitschenknall von Mr. Gladstone schlug hundert liberale Abgeordnete in die Flucht – Abgeordnete, deren Ausbildung diese edlen Frauen Jahre gewidmet hatten. Ich besuchte das Unterhaus niemals, ohne zu sehen, wie Miss Becker und Miss Biggs versuchten, einigen der Gesetzgeber die Grundprinzipien einer gerechten Regierung zu erläutern. Wahrlich, ihr göttlicher Glaube und ihre Geduld verdienten ein würdigeres Handeln seitens ihrer angeblichen Vertreter!

Miss Henrietta Müller gab am Vorabend unserer Abreise nach Amerika einen Abschiedsempfang für Miss Anthony und mich, bei dem wir die Gelegenheit hatten, die meisten der angenehmen Bekanntschaften, die wir in London geschlossen hatten, noch einmal zu treffen. Obwohl er für den Nachmittag angekündigt war, empfingen wir tatsächlich den ganzen Tag über Gäste, da viele zur festgesetzten Stunde nicht kommen konnten. Dr. Elizabeth Blackwell frühstückte mit uns; Mrs. Fawcett, Mrs. Saville und Miss Lord waren zum Mittagessen bei uns; kurz darauf Harriet Hosmer und Olive Logan; später Mrs. Peter Taylor, und von drei bis sechs Uhr waren die Salons überfüllt.

Auf der Rückreise von London verbrachte ich meinen Geburtstag, den 12. November 1883, in Basingstoke. Es war ein trauriger Tag für uns alle, da wir wussten, dass es der letzte Tag mit meinen Lieben vor meiner Abreise nach Amerika war. Als ich meiner kleinen Enkelin Nora, die in ihrer Wiege lag, den Abschiedskuss auf die weiche Wange drückte – sie im Morgengrauen und ich im Sonnenuntergang des Lebens –, wurde mir bewusst, wie weit der breite Ozean uns trennen würde. Miss Anthony traf mich in Alderly Edge, wo wir ein paar Tage bei Mr. und Mrs. Jacob Bright verbrachten. Dort trafen wir ihre edlen Schwestern, Mrs. McLaren und Mrs. Lucas, den jungen Walter McLaren und seine reizende Braut Eva Müller, die wir bereits mehrmals auf der Wahlrechtsbühne gehört hatten. Wir zogen sie wegen des Schrittes auf, den sie kürzlich getan hatte, ungeachtet der klugen Abhandlung ihrer Schwester über die Seligkeit des ledigen Lebens. Während wir dort waren, besuchten wir den Geburtsort von Dean Stanley, doch mit seinem Tod waren das Licht und die Freude gewichen. Die alte Kirche, deren Mauern einst seinen Worten widerhallten, und das Haus, in dem er so viele nützliche Jahre verbracht hatte, wirkten traurig und verlassen. Aber der Tag war hell und warm, die Landschaft wunderschön, Kühe und Schafe grasten noch auf den Wiesen, und das Gras war so grün wie im Juni. Dies ist Englands Hauptreiz – es ist für immer grün –, vielleicht als Ausgleich für die vielen bewölkten Tage.

Da unsere guten Freundinnen Mrs. McLaren und Mrs. Lucas beschlossen hatten, uns sicher an Bord der Servia zu bringen, begleiteten sie uns nach Liverpool, wo wir Mrs. Margaret Parker und Mrs. Scatcherd trafen. Ein weiterer Empfang wurde uns im Hause von Dr. Ewing Whittle gegeben. Es wurden mehrere kurze Reden gehalten, und alle Anwesenden machten den scheidenden Gästen mit Worten der Hoffnung und Ermutigung für die gute Sache Mut. Hier wurde erstmals die Weisheit in Erwägung gezogen, einen internationalen Verband zu gründen. Der Vorschlag stieß bei den Anwesenden auf so viel Zustimmung, dass ein Komitee ernannt wurde, um mit Freunden in verschiedenen Nationen zu korrespondieren. Miss Anthony und ich wurden in das Komitee berufen, und obwohl dieses Projekt noch nicht vollständig umgesetzt wurde, bildete die Idee der intellektuellen Zusammenarbeit von Frauen zur Sicherung gleicher Rechte und Möglichkeiten für ihr Geschlecht die Grundlage für den Internationalen Frauenrat, der im März 1888 unter der Schirmherrschaft der National Woman Suffrage Association in Washington, D. C., abgehalten wurde.

Zehn Tage lang auf dem Atlantik hatten wir viele Gelegenheiten, alles, was wir gesehen und gehört hatten, Revue passieren zu lassen. Wenn ich stundenlang an Deck saß, fragte ich mich oft, welche Bedeutung das Gut habe, für das wir so ernsthaft kämpften. Verfolgen wir seit fünfzig Jahren einen Schatten, wenn wir um eine Stimme in der Regierung bitten, unter der wir leben? Geben wir, wenn wir politische Macht suchen, jenen sozialen Thron auf, auf dem, wie man uns sagt, unser Einfluss grenzenlos sei? Nein, nein! Das Wahlrecht ist kein Schatten, sondern eine wesentliche Einheit, die der Bürger zu seinem eigenen Schutz und zum Wohle seines Landes ergreifen und festhalten kann. Eine direkte Macht über die eigene Person und das eigene Eigentum, eine individuelle Meinung, die bei allen Fragen von öffentlichem Interesse zählt, ist besser als indirekter Einfluss, auch wenn dieser noch so weitreichend ist.

Obwohl Einfluss, wie das reine weiße Licht, alles durchdringend ist, wird er oft von vorüberziehenden Wolken und Nächten der Finsternis verdeckt. Wie die Sonnenstrahlen kann er gesund, wohltuend und inspirierend sein, obwohl er manchmal zu direkt für den Komfort, zu schräg für die Wärme oder zu zerstreut für irgendeinen Zweck ist. Aber so wie das Prisma die Strahlen bricht und die brillanten Farben des Lichts offenbart, so offenbart die individuelle Souveränität die Schönheit der repräsentativen Regierung, und so wie das Brennglas die Kraft der Bündelung der Strahlen zeigt, so offenbart die vereinte Kraft der Menge die Schönheit gemeinsamen Handelns zur Durchführung einer großen Maßnahme.

KAPITEL XXIII.

FRAU UND THEOLOGIE.

Als ich im Herbst 1883 aus Europa zurückkehrte, verbrachte ich nach dem Besuch eines großen Kreises von Verwandten und Freunden sechs Wochen bei meiner Cousine, Elizabeth Smith Miller, in ihrem Haus in Geneva am Seneca Lake.

Durch Miss Frances Lord, eine Frau von seltener Bildung und Forschung, hatten meine Tochter und ich Interesse an der Schule der Theosophie gewonnen und lasen „Isis entschleiert“ von Madame Blavatsky, Sinnetts Werke über die „okkulte Welt“ und „The Perfect Way“ von Anna Kingsford. Voll von diesen Ideen interessierte ich bald meine Cousins für das Thema, und wir beschlossen, soweit wie möglich einige dieser östlichen Mysterien zu erforschen, von denen wir so viel gehört hatten. Wir suchten in alle Richtungen nach einem Lotsen, der uns auf den richtigen Kurs bringen könnte. Wir hörten, dass Gerald Massey in New York City weilte und Vorträge über „Den Teufel“, „Geister“ und „böse Geister“ im Allgemeinen hielt, also luden wir ihn ein, uns zu besuchen und eine Vortragsreihe in Geneva zu halten. Aber leider war er krank und konnte uns zu dieser Zeit keine neuen Denkgebiete eröffnen, obwohl wir sehr begierig darauf waren, einen Blick in die unbekannte Welt zu werfen und Zwiesprache mit den Unsterblichen zu halten. Da ich bald darauf mit meiner Tochter, Mrs. Stanton Lawrence, Geneva verließ, wurden unsere okkulten Studien für eine Weile aufgegeben.

Meine Tochter und ich sprachen oft davon, eine Geschichte zu schreiben, wobei sie die Charaktere und ihre Umgebung beschrieb und ich mich um die Philosophie und die Selbstgespräche kümmerte. Da ich keine besonderen Verpflichtungen in Aussicht hatte, beschlossen wir, dass dies der richtige Zeitpunkt für unser Experiment sei. Dementsprechend eilten wir zum Familienanwesen in Johnstown, New York, wo wir völlig allein sein konnten. Freunde von allen Seiten wunderten sich, was uns mitten im Winter dorthin geführt hatte. Aber wir bewahrten unser Geheimnis, machten uns fleißig an die Arbeit, und nach drei Monaten war unsere Geschichte zu unserer vollsten Zufriedenheit fertig. Wir waren uns sicher, dass jeder, der sie lesen würde, zutiefst interessiert sein würde und dass wir leicht einen Verleger finden würden. Wir dachten am frühen Morgen als Erstes an „Unsere Romanze“ und sprachen am späten Abend als Letztes darüber. Aber ach! Freundliche Kritiker, die unsere Geschichte lasen, zeigten ihre Mängel auf, und zu gegebener Zeit gelangten wir zu denselben Schlussfolgerungen, und das unveröffentlichte Manuskript ruht nun in einem Fach meines Schreibtischs. Wir hatten nicht viele Tage, um unsere Enttäuschung zu betrauern, da Madge in ihr westliches Zuhause zurückgerufen wurde und Miss Anthony eintraf, bewaffnet und ausgerüstet mit scheffelweise Dokumenten für den dritten Band der „Geschichte des Frauenwahlrechts“. Den Sommer und Herbst 1884 verbrachten Miss Anthony und ich in Johnstown, wo wir fleißig an der Geschichte arbeiteten und uns nur gelegentlich eine Fahrt, einen abendlichen Spaziergang durch die Stadt oder eine Fahrt in der offenen Straßenbahn gönnten.

Mrs. Devereux Blake hielt zu dieser Zeit eine Reihe von Versammlungen im ganzen Staat New York ab, und wir drängten sie, einige ihrer missionarischen Bemühungen in meiner Heimatstadt einzusetzen, was sie mit gutem Erfolg tat. Da die Schulwahl kurz bevorstand, hatten Miss Anthony und ich mehrere Vorbesprechungen, um die Frauen auf ihre Pflicht als Wählerinnen aufmerksam zu machen und auf die Notwendigkeit, eine Frau als Treuhänderin zu nominieren. Als der Wahltag gekommen war, war der große Saal der Akademie mit Damen und Herren gefüllt. Einige zaghafte Seelen, die hätten dort sein sollen, blieben zu Hause, aus Angst, es könnte einen Krawall geben, aber alles verlief anständig und ordentlich. Der Vorsitzende, Mr. Rosa, hieß die Damen auf sehr schmeichelhafte Weise in ihren neuen Pflichten willkommen. Donald McMartin legte das Gesetz dar, wer bei Schulwahlen wahlberechtigt sei. Mrs. Horace Smith übte das Amt der Wahlhelferin bei dieser Gelegenheit mit Umsicht und Würde aus, und Mrs. Elizabeth Wallace Yost wurde mit einer Mehrheit von sieben Stimmen zur Treuhänderin gewählt. Es ist seltsam, dass intelligente Frauen, von denen man annimmt, dass sie ein gewisses Interesse an der Bildungsfrage haben, so gleichgültig gegenüber der Macht sind, die sie besitzen, um unsere Schulen zu dem zu machen, was sie sein sollten.

Dies war das Jahr des Präsidentschaftswahlkampfs. Die Republikaner und Demokraten hatten jeweils ihre Nominierungskonvente abgehalten, und alle Schichten nahmen an der allgemeinen Aufregung teil. Da in den Reihen der Republikaner große Unzufriedenheit herrschte, gaben wir ein Manifest heraus: „Haltet zur Republikanischen Partei“, nicht weil wir Blaine mehr liebten, sondern Cleveland weniger. Letzterer wurde gewählt, daher war es offensichtlich, dass unsere Bemühungen keinen großen Einfluss auf die Wende der nationalen Politik hatten, obwohl die republikanischen Zeitungen unserem Appell weite Verbreitung verschafften. Dowdens Beschreibung der Bemühungen des Dichters Shelley, eine seiner unterdrückten Broschüren zu verbreiten, erinnerte mich an unsere. Er kaufte scheffelweise leere Flaschen, in die er seine Broschüren steckte; nachdem er sie fest verkorkt hatte, warf er die Flaschen an verschiedenen modischen Badeorten ins Meer, in der Hoffnung, dass sie an Land gespült würden. Wenn er abends durch die Straßen von London ging, steckte er seine Broschüren in die Kapuzen der Mäntel alter Damen, warf sie in Ladeneingänge und ließ sie in Droschken und Omnibussen zurück. Wir verteilten unsere in den Bahnen, legten sie jedem Brief bei, den wir schrieben, oder jeder Zeitung, die wir durch das Land schickten.

Am Abend vor der Wahl sprachen Mr. Stanton und Professor Horace Smith im Gerichtsgebäude von Johnstown und vertraten eher pessimistische Ansichten über die Zukunft der Republik, sollte James G. Blaine besiegt werden. Cleveland wurde gewählt, und wir leben immer noch als Nation und sind in der Lage, die Tausenden von ausländischen Einwanderern zu verdauen, die täglich an unseren Küsten landen. Am Wahlabend saß eine große Gruppe von uns bis zwei Uhr morgens auf, um die Nachrichten zu hören. Mr. Stanton war lange Zeit einer der Redakteure der New York Sun gewesen, und sie schickten ihm bis spät in die Nacht Telegramme von diesem Büro. Die Wahl war jedoch so knapp, dass wir mehrere Tage lang in Spannung gehalten wurden, bevor sie endgültig entschieden war.

Miss Anthony reiste im Dezember 1884 nach Washington ab, und ich machte mich an die Arbeit an einem Artikel für die North American Review mit dem Titel „Was hat das Christentum für Frauen getan?“. Ich vertrat den Standpunkt, dass die Frau keiner Form von Religion die Freiheit verdanke, die sie heute genieße, sondern dass im Gegenteil das religiöse Element in ihrer Natur stets zu ihrer vollständigen Unterwerfung missbraucht worden sei. Bischof Spaulding vertrat in derselben Ausgabe der Review den gegenteiligen Standpunkt, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass er auf meine Punkte einging.

Im Januar 1885 reisten meine Nichte Mrs. Baldwin und ich nach Washington, um an der Jahresversammlung der National Woman Suffrage Association teilzunehmen. Sie fand am 20., 21. und 22. jenes Monats in der unitarischen Kirche statt und verlief ebenso wie der übliche Empfang von Mrs. Spofford im Riggs House mit großem Erfolg. Diese liebe Freundin, eine unserer eifrigsten Mitstreiterinnen, machte die Jahresversammlung immer zu einer Zeit für viele gesellschaftliche Freuden. Das Hauptmerkmal dieser Versammlung war der Versuch, die folgenden Resolutionen zu verabschieden:

„In Anbetracht dessen, dass die in religiöse Glaubensbekenntnisse aufgenommenen Dogmen, die aus dem Judentum stammen und lehren, dass die Frau ein nachträglicher Gedanke bei der Schöpfung war, ihr Geschlecht ein Unglück, die Ehe ein Zustand der Unterordnung und die Mutterschaft ein Fluch, im Widerspruch zum Gesetz Gottes (wie es in der Natur offenbart ist) und zu den Geboten Christi stehen, und

in Anbetracht dessen, dass diese Dogmen ein heimtückisches Gift sind, das die Vitalität unserer Zivilisation untergräbt, die Frau verdirbt und durch sie die Menschheit lähmt; sei es daher

beschlossen, dass wir die christliche Geistlichkeit als Vordenker dazu aufrufen, den grundlegenden Gedanken der Schöpfung zu lehren und durchzusetzen, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, männlich und weiblich, und dass ihnen gleiche Rechte über die Erde gegeben wurden, jedoch keine über den anderen. Und darüber hinaus bitten wir sie um Anerkennung der schriftgemäßen Erklärung, dass es in der christlichen Religion weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Freien gibt, sondern dass alle eins sind in Christus Jesus.“

Als Vorsitzende des Komitees legte ich eine Reihe von Resolutionen vor, die die christliche Theologie – ebenso wie alle anderen Formen von Religion – wegen ihrer erniedrigenden Lehren in Bezug auf die Frau anklagten. Die Mehrheit des Komitees hielt diese für zu stark und zugespitzt, und nach langer Beratung ersetzten sie diese durch die obige, womit sie den Juden in die Schuhe schoben, was ich den Christen zur Last gelegt hatte. Sie glaubten, meine Ideen so mit Zucker überzogen zu haben, dass die Resolutionen ohne Diskussion verabschiedet würden. Aber einige Juden auf der Versammlung wiesen diesen Eindruck von ihrem Glauben prompt zurück und lösten die Diskussion aus, die ich gewünscht hatte, die unsere politischeren Freunde jedoch gerne vermieden hätten.

Seit der Dekadenversammlung in Rochester im Jahr 1878 hatten Matilda Joslyn Gage, Edward M. Davis und ich unermüdlich daran gearbeitet, Frauen dazu zu bewegen, sich ihrer erniedrigten Stellung in der Kirche bewusst zu werden, und zu diesem Zweck auf jeder Jahresversammlung Resolutionen eingebracht. Doch diese wurden entweder unterdrückt oder so abgeändert, dass sie bedeutungslos wurden. Die Resolutionen der Jahresversammlung von 1885, so zahm sie auch sind, gelangten in den Druck und erregten den Zorn der Geistlichkeit. Am darauffolgenden Sonntag hielt Dr. Patton von der Howard University eine Predigt zum Thema „Frau und Skepsis“, in der er unmissverständlich den Standpunkt vertrat, dass Freiheit für die Frau zu Skepsis und Unmoral führe. Er illustrierte seine Position, indem er auf Hypatia, Mary Wollstonecraft, Frances Wright, George Eliot, Harriet Martineau, Mme. Roland, Frances Power Cobbe und Victoria Woodhull verwies. Er beging einen schweren Fehler bei den zuletzt genannten Namen, da Mrs. Woodhull eine gläubige Anhängerin der christlichen Religion war, und sicherlich würde niemand, der mit Miss Cobbes Schriften vertraut ist, sie jemals der Skepsis bezichtigen. Seine Predigt wurde selbst von den Frauen seiner eigenen Gemeinde mit großer Entrüstung aufgenommen. Als er feststellte, welchen Wirbelsturm er ausgelöst hatte, versuchte er, seine Position zu ändern und vieles von dem, was er gesagt hatte, zu erklären. Wir baten ihn, uns die Predigt zur Veröffentlichung zu überlassen, damit wir ihm kein Unrecht tun würden. Da er sich jedoch beim Versuch, seine Rede neu zu formulieren, eklatant widersprach und sich weigerte, uns seine Predigt sehen zu lassen, waren diejenigen, die ihn hörten, von seiner Sophisterei und seinen Ausflüchten abgestoßen.

Dennoch zeigen unsere Bemühungen in dieser Richtung Wirkung. Frauen greifen die Kirche nun auf der ganzen Linie an. Sie fordern ihr Recht, als Pfarrerinnen, Älteste und Diakoninnen ordiniert und als Delegierte in allen kirchlichen Versammlungen zugelassen zu werden. Endlich verlangen sie von der Kirche genau das, was sie seit einem halben Jahrhundert vom Staat verlangen – vollkommene Gleichheit – und die Geistlichkeit als Körperschaft ist ihren Forderungen gegenüber ebenso feindselig eingestellt wie die Staatsmänner.

Auf meinem Weg zurück nach Johnstown verbrachte ich zehn Tage in Troy, wo ich am Sonntagabend in der unitarischen Kirche predigte. Während dieses Besuchs hatten wir zwei Anhörungen im Kapitol in Albany – eine im Senatssaal und eine in der Versammlung vor dem Beschwerdeausschuss. Bei beiden Gelegenheiten sprachen Mrs. Mary Seymour Howell, Mrs. Devereux Blake, Mrs. Caroline Gilkey Rogers und ich vor dem Komitee. Da die Anhörung öffentlich war, war der Saal überfüllt. Es war fast vierzig Jahre her, seit ich meinen ersten Appell im alten Kapitol in Albany gerichtet hatte. Meine Reflexionen waren traurig und entmutigend, als ich dort saß, den Rednern zuhörte und mich daran erinnerte, wie lange wir unsere Appelle vor diesem Gremium Jahr für Jahr vergeblich vorgebracht hatten. Die Mitglieder des Komitees zeigten die gleiche ruhige Miene wie ihre Vorgänger, als wollten sie sagen: „Seid geduldig, liebe Schwestern, die Ewigkeit liegt vor uns; dies ist lediglich eine Frage der Zeit. Was in euren Tagen nicht kommen mag, werden zukünftige Generationen sicherlich besitzen.“ Es ist immer angenehm zu wissen, dass unsere Nachkommen Leben, Freiheit und Glück genießen werden; aber wenn man nach einem Atemzug Freiheit keucht, ist dieser Gedanke nicht befriedigend.

Als ich in meine heimatlichen Hügel zurückkehrte, stellte ich fest, dass die Fastenzeit bereits in vollem Gange war, was ich immer wegen der feierlichen, läutenden Glocken fürchtete, da die Episkopalkirche direkt gegenüber unserer Wohnung lag. Am Sonntag hatten wir die Glocken von sechs Kirchen, die alle zur gleichen Zeit läuteten. Es ist seltsam, wie lange Bräuche fortbestehen, nachdem der ursprüngliche Zweck nicht mehr existiert. In der frühen Zeit, als das Land dünn besiedelt war und die Menschen weit voneinander entfernt lebten, waren Glocken nützlich, um sie zusammenzurufen, wenn ein Gottesdienst stattfand. Aber jetzt, da die Kirchen am Sonntag immer offen sind, jede Gemeinde die Zeit der Gottesdienste kennt und alle Uhren haben, sind Glocken nicht nur nutzlos, sondern für Kranke und nervöse Menschen ein schreckliches Ärgernis. Sollte ich jemals das Glück haben, in einen Stadtrat gewählt zu werden, werden meine ersten Bemühungen auf die Abschaffung der Glocken gerichtet sein.

Um eine meines Geschlechts im schwierigen Beruf der Buchvertreterin zu ermutigen, kaufte ich um diese Zeit Dr. Lords „Beacon Lights of History“ und las den letzten Band, der den Frauen gewidmet war, Heiden und Christen, Heiligen und Sündern. Es ist sehr amüsant, das intellektuelle Winden und Drehen des Autors zu sehen, um zu zeigen, dass niemand gut oder glücklich sein könne, ohne an die christliche Religion zu glauben. Bei der Beschreibung großer Frauen, die keine Christinnen sind, schreibt er all ihre Torheiten und Leiden dieser Tatsache zu. Bei der Beschreibung heidnischer Frauen, die große Tugenden besitzen, schreibt er all ihre Tugenden den Gaben der Natur zu, die es ihnen ermöglichen, sich über den Aberglauben zu erheben. Nachdem er sich über das trostlose Dasein derer ausgelassen hat, die nicht dem christlichen Glauben angehören, schildert er umgehend seine Heilige Theresa, die zwanzig Jahre lang Zweifel und Ängste um das Heil ihrer Seele durchlebt. Die glücklichsten Menschen, die ich gekannt habe, waren diejenigen, die sich keine Sorgen um ihre eigene Seele machten, sondern ihr Äußerstes taten, um das Elend anderer zu lindern.

Im Mai 1885 verließen wir Johnstown und bezogen unser Haus in Tenafly, New Jersey. Es erschien sehr angenehm, nach dem Umherwandern in der Alten und Neuen Welt wieder in meinem eigenen Zuhause zu sein, umgeben von den prächtigen Bäumen, die ich so sehr liebte; die herrlichen Sonnenuntergänge und die funkelnden Glühwürmchen zu sehen; den Ruf der Ziegenmelker zu hören, während die Junikäfer und Mücken draußen gegen die Netze summen, durch die sie nicht eindringen können. Viele Leute beschweren sich über die Mücken in New Jersey, obwohl sie so leicht durch Netze vor allen Türen und Fenstern aus dem Familienkreis ferngehalten werden können. Ich hatte eine lange Veranda, die mit Netzen versehen war, auf der der Familienvater mit seiner Pfeife in Ruhe nachdenken und zu den Sternen schauen konnte.

Der Juni brachte Miss Anthony und eine Kiste mit frischen Dokumenten für eine weitere Arbeitsperiode am dritten Band unserer Geschichte. Wir hatten einen kurzen Besuch von Miss Eddy aus Providence, der Tochter von Mrs. Eddy, die fünfzigtausend Dollar für die Frauenwahlrechtsbewegung spendete, und einer Enkelin von Francis Jackson aus Boston, der ebenfalls ein großzügiges Vermächtnis für unsere Reform hinterließ. Wir fanden Miss Eddy eine bezaubernde junge Frau mit künstlerischem Geschmack. Sie zeigte uns mehrere Federzeichnungen, die sie von einigen unserer Reformer angefertigt hatte und die bewundernswerte Ähnlichkeiten aufwiesen.

Mr. Stantons „Random Recollections“ wurden zu dieser Zeit veröffentlicht und fanden gute Aufnahme. Anlässlich seines achtzigsten Geburtstages (27. Juni 1885) wurde ihm vom Press Club der Stadt New York ein Abendessen gegeben, mit Reden und Trinksprüchen seiner lebenslangen Freunde. Da keine Damen eingeladen waren, kann ich nur aus den Berichten der Tageszeitungen und dem, was ich vom Ehrengast selbst in Erfahrung bringen konnte, schließen, dass es ein sehr interessanter Anlass war.

Als ich eines Tages im Gartenhaus saß, wurde ich Zeuge einer höchst amüsanten Szene. Zwei der Jungen, auf der Suche nach einer Beschäftigung, stießen ein Hornissennest um. Bruno, unser großer Bernhardiner, sah sie herumspringen und dachte, er würde sich dem Spaß anschließen. Die Jungen versuchten, ihn zu verscheuchen, da sie wussten, dass die Hornissen in sein langes Fell gelangen würden, doch Brunos Neugier war größer als seine Vorsicht, und er stürzte sich mitten in den Schwarm, woraufhin er bald vollständig bedeckt war. Das Summen und Stechen trieb den armen Hund bald heulend in die Flucht. In seiner Not rannte er wie üblich zu Amelia in die Küche, wo sie und die Mädchen gerade Marmelade einkochten und bügelten. Als sie die Hornissen sahen, ließen sie Bügeleisen, Löffel, Gläser, einfach alles fallen und stürmten schreiend ins Freie. Ich erkannte die Gefahr rechtzeitig, um sicher ins Haus zu gelangen, bevor Bruno zu mir kam, um Hilfe und Trost zu suchen. Schließlich hielten sie den Wasserschlauch auf ihn, bis er etwas Erleichterung fand; die Mägde, bewaffnet mit Handtüchern, schlugen nach allen Seiten um sich, und die Jungen kämpften tapfer mit immergrünen Zweigen. Ich hatte oft davon gehört, „ein Hornissennest aufzustören“, aber ich hatte noch nie zuvor eine praktische Demonstration seiner Gefahr gesehen. Wenn Bruno tagelang danach irgendetwas summen hörte, rannte er mit höchster Geschwindigkeit zum Haus zurück. Doch trotz dieser gelegentlichen lebhaften Episoden ging es mit Band III stetig voran.

Meine Stimmrechtssöhne und -töchter in allen nördlichen und westlichen Staaten beschlossen, am 12. November 1885 meinen siebzigsten Geburtstag zu feiern, indem sie Versammlungen abhielten oder mir Geschenke und Glückwünsche sandten. Diese Ehrung wurde von Mrs. Elizabeth Boynton Harbert in The New Era angeregt, einer Zeitung, die sie zu jener Zeit herausgab. Der Vorschlag stieß auf ein bereitwilliges Echo. Ich wurde eingeladen, einen Aufsatz über „Die Freuden des Alters“ vor der Stimmrechtsvereinigung in der Stadt New York zu halten. Ich brauchte eine Woche, um sie mir zu überlegen, aber durch die Inspiration von Longfellows „Morituri Salutamus“ war ich fast zu der Überzeugung gelangt, dass „wir alten Leute“ es am besten hätten.

Der Tag wurde mit Telegrammen, Briefen und Expresspaketen eingeleitet, die während der ganzen Woche eintrafen. Aus England, Frankreich und Deutschland kamen Kabelgramme, Geschenke und Glückwunschschreiben, und aus allen Himmelsrichtungen kamen Bücher, Bilder, Silberwaren, Bronzen, kalifornische Decken sowie Körbe mit Früchten und Blumen. Die Lobreden in Prosa und Versen waren so herzlich und zahlreich, dass der Spott und die Kritik von vierzig Jahren so tief begraben wurden, dass ich mich ihrer nicht mehr erinnern werde. Es gibt keine Klasse, die das Lob ihrer Mitmenschen so genießt wie jene, die den Großteil ihres Lebens nur Tadel erfahren hat. Am Abend des 12. hatten wir ein wunderbares Wiedersehen im Haus von Dr. Clemence Lozier, wo ich meinen Aufsatz vortrug, woraufhin Mrs. Lozier, Mrs. Blake, Miss Anthony, „Jenny June“ und einige der jüngeren Bekehrten zu unserer Plattform kurze Lob- und Glückwunschreden hielten, gefolgt von Musik, Rezitationen und Erfrischungen.

Den ganzen Herbst über freuten Miss Anthony und ich uns auf das Frühjahr, in dem wir den dritten und letzten Band unserer Geschichte fertiggestellt zu haben hofften, um so die Arbeit von zehn Jahren zu beenden. Wir hatten weder Zeit noch Sehkraft, um etwas anderes als die unerlässlichen Dokumente für die Geschichte zu lesen. Ich hungerte nach geistiger Nahrung anderer Art.

Im Januar 1886 wurde ich zum Abendessen bei Laura Curtis Bullard eingeladen, um die Romanautorin Mme. Durand (Henri Gréville) kennenzulernen. Sie schien eher eine politisierende als eine ernsthafte Frau von Prinzipien zu sein. Da es für mich oft sehr ungelegen war, angesehene Besucher zu empfangen, die mich während des Winters auf meinem Landsitz treffen wollten, bot Mrs. Bullard großzügig an, sie stets in ihr Haus einzuladen. Sie und ihre gute Mutter haben durch ihre großzügige Gastfreundschaft ihren Teil zu den Reformbewegungen in New York beigetragen.

Als ich damals die Debatten im Kongress über einen vorgeschlagenen Bewilligungsentwurf für ein Denkmal für General Grant las, freute ich mich zu sehen, dass Senator Plumb aus Kansas mutig genug war, seine Meinung dagegen zu äußern. Ich stimme ihm vollkommen zu. Solange ein Großteil unseres Volkes, das die Arbeit der Welt verrichtet, in Dachkammern und Kellern in Unwissenheit, Armut und Laster lebt, ist es die Pflicht des Kongresses, den Überschuss im Staatshaushalt für Zwecke zu verwenden, die diese Mündel des Staates ernähren, kleiden, beherbergen und bilden. Wenn wir ständig Denkmäler für große Männer bauen müssen, sollten es hübsche Wohnblocks für die Armen sein, so wie Peabody sie in London baute. Senator Hoar aus Massachusetts befürwortete das Grant-Denkmal, teilweise um den künstlerischen Geschmack unseres Volkes zu bilden. Wir könnten unseren Geschmack ebenso gut an nützlichen Wohnungen wie an nutzlosen Denkmälern bilden. Sicherlich wären sanitäre Wohnungen und Schulhäuser für die Lebenden passendere Denkmäler für weise Staatsmänner als die reinsten parischen Säulen inmitten der Gräber der Toten.

Die Streiks, Ausschreitungen und die allgemeine Unzufriedenheit der Massen warnen uns, dass wir, auch wenn wir ihre Interessen und unsere Pflichten vergessen und vernachlässigen, dies auf Kosten aller tun. Englische Staatsmänner sind heute mit ihren verwickelten sozialen und industriellen Problemen, die den Thron einer langen Reihe von Königen bedrohen, mit ihrem Latein am Ende. Die drohende Gefahr kann nicht durch oberflächliche Maßnahmen abgewendet werden; es muss eine radikale Änderung in den Beziehungen von Kapital und Arbeit geben.

Im April warnten uns Gerüchte einer häuslichen Invasion, die auf jeder Atlantikbrise herüberwehten, dass unsere Kinder aus England und Frankreich kämen – eine Gruppe von sechs Personen. Glücklicherweise war die letzte Zeile der Geschichte geschrieben, sodass Miss Anthony mit Band III und stapelweise Manuskripten in das friedliche Heim ihrer Schwester Mary nach Rochester floh. Die erwartete Gruppe stach am 26. Mai auf der America von Liverpool aus in See. Nach drei Tagen auf See brach die Kolbenstange, und sie mussten umkehren. Mein Schwiegersohn, W.H. Blatch, war so seekrank und angewidert, dass er in England blieb und zwei Monate später einen neuen Versuch unternahm, wobei er eine schnelle Überfahrt ohne Zwischenfälle hatte. Die Übrigen wurden auf die Germanic umgebucht und erreichten New York am 12. Juni. Verschiedene Teile der Gruppe trafen bis Mitternacht ein. Fünf Personen und zwanzig Gepäckstücke! Die Verwirrung einer solchen Invasion brachte den gleichmäßigen Lauf unserer Tage völlig durcheinander, und es dauerte einige Zeit, bis Leute und Koffer ihre jeweiligen Nischen gefunden hatten. Wie überfüllt es andernorts auch sein mochte, in unseren Herzen war reichlich Platz, und wir waren unsagbar glücklich, unsere Herde wieder um uns zu haben.

Ich hatte schon lange so viele widersprüchliche Meinungen über die Bibel gehört – einige sagten, sie lehre die Emanzipation der Frau, andere ihre Unterwerfung –, dass mir während dieses Besuchs meiner Kinder der Gedanke kam, es wäre gut, jeden biblischen Hinweis auf Frauen in einem kleinen, kompakten Band zu sammeln und zu sehen, auf welcher Seite das Gewicht des Einflusses wirklich lag. Zu diesem Zweck schlug ich vor, ein Komitee kompetenter Frauen zu organisieren, mit einigen lateinischen, griechischen und hebräischen Gelehrten in England und den Vereinigten Staaten, für eine gründliche Revision des Alten und Neuen Testaments, um festzustellen, wie der Status der Frau unter der jüdischen und christlichen Religion wirklich war. Da die Kirche die Bibel bisher so interpretiert hat, dass sie die Unterwerfung der Frau lehre, und keine der Revisionen durch gelehrte Geistliche neues Licht auf die Frage geworfen hat, erschien es mir außerordentlich angemessen und zeitgemäß, dass die Frauen selbst das Buch überprüfen. Da sie nun an vielen Bildungseinrichtungen Theologie studieren, darum bitten, als Predigerinnen, Älteste, Diakoninnen ordiniert und als Delegierte zu Synoden und Generalversammlungen zugelassen zu werden, und dies aus biblischen Gründen verweigert wird, schien es mir an der Zeit, dass Frauen diese schriftlichen Argumente und Autoritäten in Betracht ziehen.

Ein glücklicher Zufall ermöglichte es mir schließlich, mit dieser Arbeit zu beginnen. Während meine Tochter, Mrs. Stanton Blatch, bei mir war, kam unsere Freundin Miss Frances Lord auf unsere dringende Einladung hin nach Amerika, um uns zu besuchen. Sie landete am 4. August 1886 in New York. Da es ein Sonntag war, konnte sie nicht telegrafieren, daher war niemand da, um sie abzuholen, und als wir alle auf der vorderen Veranda saßen und plauderten, fuhr sie plötzlich, zu unserer Überraschung und Freude, vor. Nach ein paar Tagen der Erholung und allgemeinen Gesprächen über aktuelle Ereignisse legte ich das Thema, das mir so am Herzen lag, ihr und meiner Tochter dar. Sie reagierten prompt und herzlich, und wir machten uns sofort an die Arbeit. Ich schrieb an jede Frau, von der ich dachte, dass sie einem solchen Komitee beitreten könnte, und Miss Lord durchforstete die Bibel in wenigen Tagen und markierte jedes Kapitel, das in irgendeiner Weise auf Frauen Bezug nahm. Wir stellten fest, dass die Arbeit nicht so umfangreich sein würde, wie wir uns vorgestellt hatten, da alle Fakten und Lehren in Bezug auf Frauen weniger als ein Zehntel der gesamten Heiligen Schrift ausmachten. Wir kauften einige billige Bibeln, schnitten die Texte aus, klebten sie an den Kopf der Seite und schrieben darunter unsere Kommentare so klar und präzise wie möglich. Wir beabsichtigten keine Predigten oder Aufsätze, sondern kurze Anmerkungen, um „Die Frauenbibel“ so klein wie möglich zu halten.

Miss Lord und ich arbeiteten mehrere Wochen zusammen, und Mrs. Blatch und ich schrieben während des Winters 1887 all unsere Kommentare zum Pentateuch. Aber wir konnten das Komitee nicht bilden, noch konnten wir nach unzähligen Briefen die Frauen dazu bringen, zu verstehen, was wir tun wollten. Ich habe immer noch die Kommentare der wenigen, die reagierten, und die Briefe derer, die ablehnten – ein sehr abwechslungsreiches und amüsantes Bündel von Manuskripten für sich. Einige sagten, die Bibel habe für sie keine besondere Autorität; sie könne, wie die amerikanische Verfassung, so ausgelegt werden, dass sie alles bedeute – Sklaverei, als wir diese „Institution“ schützten, und Freiheit, als sie nicht mehr existierte. Andere sagten, die Sphäre der Frau sei in der Heiligen Schrift klar abgesteckt, und jeder Versuch der Emanzipation sei ein Auflehnen gegen die Vorsehung. Andere sagten, sie betrachteten alle bisher von Männern vorgenommenen Revisionen als Akte des Sakrilegs, und sie hofften sehr, die Frauen würden nicht ihren Einfluss geltend machen, um den Glauben der Menschen an den göttlichen Ursprung des Heiligen Buches zu schwächen, denn wenn Männer und Frauen es in einem Punkt ändern könnten, könnten sie es in allen. Insgesamt war die Korrespondenz entmutigend.

Später interessierte sich Miss Lord sehr für psychische Forschungen, und ich konnte keine weitere Arbeit mehr von ihr bekommen. Und sobald wir den Pentateuch beendet hatten, erklärte Mrs. Blatch, sie werde nicht weitergehen; es sei die trockenste Geschichte, die sie je gelesen habe, und für Frauen am herabwürdigendsten. Meine geliebte Mitarbeiterin, Susan B. Anthony, sagte, sie halte es für eine überflüssige Arbeit; wenn unsere politische Gleichberechtigung anerkannt sei und wir vollwertige amerikanische Bürgerinnen würden, würde sich die Kirche beeilen, ihre Bibeln und Gebetbücher, Glaubensbekenntnisse und Disziplinen auf denselben hohen Stand der Freiheit zu bringen.

Helen Gardener sagte: „Ich halte dies für einen äußerst wichtigen Vorschlag, und wenn Sie und ich jemals lange genug auf derselben Seite des Atlantiks bleiben können, werden wir uns zusammenschließen und die Arbeit erledigen. Tatsächlich habe ich bereits mit den Paulusbriefen begonnen und bin von der Arbeit fasziniert. Die unhaltbaren und unwissenschaftlichen Positionen, die er in Bezug auf Frauen einnimmt, sind sehr amüsant. Obwohl das erste Kapitel der Genesis die gleichzeitige Erschaffung von Mann und Frau lehrt, begründet Paulus die Unterwerfung der Frau mit der Priorität des Mannes und damit, dass die Frau vom Manne sei. Da es eine historische Tatsache ist, dass der Mann, soweit die Geschichte zurückreicht, von der Frau stammt, sollte er dann nicht für immer in Abhängigkeit von ihr stehen? Logisch gesehen müsste er das laut Paulus.“

Ich beriet mich mit mehreren Freunden, wie Dr. William F. Channing, Mr. und Mrs. Moncure D. Conway, Gertrude Garrison, Frederick Cabot und Edward M. Davis, über die Zweckmäßigkeit der Arbeit, und sie waren sich alle einig, dass ein solcher Band, der die Position der Frau unter der jüdischen und christlichen Religion aufzeigt, wertvoll wäre, aber niemand von ihnen hatte Zeit, bei dem Projekt zu helfen. Obwohl ich aufgrund all dieser Entmutigungen meine Arbeit einstellte, gab ich nie die Hoffnung auf, sie eines Tages wieder aufzunehmen, wenn andere meiner Mitarbeiterinnen ihre Bedeutung erkennen und ihre Dienste anbieten würden.

Am 27. Oktober 1886 segelte ich erneut mit meiner Tochter, meiner Pflegerin und meinem Enkelkind nach England. Als wir am frühen Morgen bei klarem Wetter aus dem Hafen fuhren, hatten wir einen schönen Blick auf Bartholdis Statue der Freiheit, die die Welt erhellt. Wir hatten die meiste Zeit warmen, sanften Regen und eine ruhige See, und da wir eine Kabine an Deck hatten, konnten wir die Bullaugen offen lassen und so die ganze Luft bekommen, die wir uns wünschten. Mit Romanen und Briefen, Schach und Whist verging die Zeit angenehm, und am neunten Tag landeten wir in Liverpool.

KAPITEL XXIV.

ENGLAND UND FRANKREICH ERNEUT BESUCHT.

Bei unserer Ankunft in Basingstoke erwarteten uns herzliche Willkommensbriefe von Miss Biggs, Miss Priestman, Mrs. Peter Taylor, Mrs. Priscilla McLaren, Miss Müller, Mrs. Jacob Bright und Mme. de Barrau. Während des Winters verbrachten Mrs. Margaret Bright Lucas, Dr. Kate und Dr. Julia Mitchell, Mrs. Charles McLaren, Mrs. Saville und Miss Balgarnie jeweils ein oder zwei Tage bei uns. Die Abendgarderobe der Damen war für meine kleine Enkelin Nora eine große Überraschung. Sie hatte noch nie nackte Schultern in einem Wohnzimmer gesehen, und auf den ersten Blick konnte sie ihren Augen nicht trauen. Sie machte langsam die Runde durch den Raum, kam immer näher, bis sie den Hals der Dame berührte, um zu sehen, ob er mit einer besonderen Art von Kleidung bedeckt war oder nicht, doch als sie die nackte Haut fand, sagte sie: „Warum, du bist ja gar nicht angezogen, oder? Ich sehe deine Haut!“ Die Szene erinnerte mich an die amüsante Beschreibung in Holmes’ „Elsie Venner“ von den Bemühungen einer jungen Dame, die zwischen zwei alten Herren saß, ihre weißen Schultern zur Schau zu stellen. Der Vikar wollte nicht hinsehen, betete aber stetig, dass er nicht in Versuchung geführt werde; doch der Arzt, mit größerer moralischer Kühnheit, betrachtete die angebotenen Reize absichtlich mit der Brille auf der Nase.

Im Dezember beendeten Hattie und ich Dowdens „Life of Shelley“, das wir zusammen gelesen hatten. Hier finden wir eine sensible, kultivierte Natur, voller edler Absichten, die zu jung ausgesetzt wurde, um allen Notlagen des Lebens zu begegnen, ohne einen liebevollen Mentor, der ihn vor Fehlern bewahrt oder ihm hilft, die Folgen seiner falschen Positionen wiedergutzumachen. Wäre er von ein paar wahren Freunden umgeben gewesen, die hätten schätzen können, was an ihm groß war, und bemitleiden, was schwach war, wäre sein Leben anders verlaufen. Sein Vater war hart, fordernd und unvernünftig; daher hatte er keinen Einfluss. Seine Mutter hatte weder die Weisheit, ihn zu beeinflussen, noch den Mut, ihrem Ehemann Vorwürfe zu machen; und ach! die arme Frau war selbst in einer solchen Knechtschaft gegenüber Konventionen, dass sie einen Jüngling, der sich über alle hinwegsetzte, nicht verstehen konnte.

Wir lasen auch Cotton Morrisons „Service of Man“, von dem ich hoffe, dass er eine neue Inspiration für frische Bemühungen aller zur Erhebung der Menschheit sein wird, und Carnegies „Triumphant Democracy“, das zeigt, welche Macht unser Land auszuüben bestimmt ist und wie gewaltig unser Herrschaftsgebiet ist. Dieses Buch muss jedem amerikanischen Bürger ein Gefühl tieferer Verantwortung als je zuvor geben, seinen Teil gut zu erfüllen. Wir lasen auch Harriet Martineaus Übersetzung der Werke von Auguste Comte und fanden den Teil über die Frau höchst unbefriedigend. Er kritisiert Aristoteles’ Glauben, dass Sklaverei ein notwendiges Element des sozialen Lebens sei, scheint aber die Unterwerfung der Frau in der modernen Zivilisation für eine Angelegenheit ohne Bedeutung zu halten.

Den ganzen Winter über beschäftigten Hattie und ich uns damit, die Bibel zu studieren und die Kommentare von Clark, Scott und Wordsworth (Bischof von Lincoln) zu lesen. Wir fanden nichts Großartiges in der Geschichte der Juden noch in der Moral, die im Pentateuch vermittelt wird. Sicherlich hatten die Verfasser eine sehr niedrige Vorstellung von der Natur ihres Gottes. Sie machen Ihn nicht nur anthropomorph, sondern zum niedrigsten Typus, eifersüchtig und rachsüchtig, der Gewalt mehr liebt als Gnade. Ich kenne keine anderen Bücher, die die Unterwerfung und Erniedrigung der Frau so umfassend lehren. Miriam, die älteste Schwester von Moses und Aaron, ein Genie, eine Prophetin, mit der familiären Begabung für Diplomatie und Regierung, wird aufgrund ihres Geschlechts ständig beiseitegeschoben – ihr wurde nur erlaubt, die Frauen beim Singen und Tanzen anzuführen, weiter nichts. Keine Frau konnte Opfer darbringen oder das heilige Fleisch essen, weil sie nach Ansicht der Juden zu unrein und unheilig war.

Aber was nützt es, sagen manche, den Bräuchen und Lehren eines barbarischen Volkes irgendeine Bedeutung beizumessen? Gar nichts. Aber wenn unsere Bischöfe, Erzbischöfe und ordinierten Geistlichen auf ihren Kanzeln stehen und mit ehrfürchtiger Stimme Auszüge aus dem Pentateuch lesen, lassen sie die Frauen ihrer Gemeinde glauben, dass es wirklich eine göttliche Autorität für ihre Unterwerfung gibt. Im einunddreißigsten Kapitel des Buches Numeri, wenn es um die Beute geht, die von den Midianitern genommen wurde, wird das Vieh wie folgt zusammengefasst: „Fünftausend Schafe, zweiundsiebzigtausend Rinder, einundsechzigtausend Esel und zweiunddreißigtausend Frauen und Mädchen“, von denen Moses sagte, die Krieger dürften sie für sich behalten. Wie schade, dass kein Stead da war, um die Kindfrauen der Midianiter zu beschützen und das auserwählte Volk des Herrn so zu tadeln, wie sie es verdient hatten! Indem wir die Frauen hinter die Schafe, die Rinder und die Esel stellen, erhalten wir eine gute Vorstellung von ihrer relativen Bedeutung auf der Stufenleiter des Seins unter den jüdischen Kriegern. Kein Wunder, dass die hochwürdigsten Bischöfe und Geistlichen der methodistischen Kirche, die an den göttlichen Ursprung und die Autorität des Pentateuchs glauben, Frauen von ihren großen Versammlungen in der amerikanischen Republik im neunzehnten Jahrhundert ausschließen. Angesichts der Tatsache, dass unsere Kinder gelehrt werden, das Buch als göttlichen Ursprungs zu verehren, denke ich, dass wir das Recht haben zu fordern, dass in der nächsten Revision alle derartigen Passagen gestrichen werden, und zu diesem Zweck müssen gelehrte, kompetente Frauen einen gleichberechtigten Platz im Revisionskomitee haben.

Mrs. Margaret Bright Lucas kam im Februar, um ein paar Tage bei uns zu verbringen. Sie war schockiert über viele Texte im Alten Testament, auf die wir sie aufmerksam machten, und sagte: „Hier ist ein heimtückischer Einfluss gegen die Erhebung der Frauen, den nur wenige von uns jemals in Betracht gezogen haben.“ Sie war gerade von einem kurzen Besuch in Amerika zurückgekehrt; sie hatte in zwei Monaten zwei Reisen über den Atlantik gemacht und dreitausend Meilen durch den Kontinent zurückgelegt, und das im Alter von achtundsechzig Jahren. Sie war begeistert von den Frauen, denen sie in den Vereinigten Staaten begegnet war. Da ihr Name bereits auf dem Komitee zur Vorbereitung der „Frauenbibel“ stand, hatten wir ihre herzliche Zustimmung zu diesem Unterfangen.

Im Oktober ging Hattie nach London, um an einem Treffen zur Gründung einer „Woman’s Liberal Federation“ teilzunehmen. Mrs. Gladstone führte den Vorsitz. Die gehaltenen Reden waren schlicht absurd; sie forderten die Frauen auf, sich zu organisieren, um der liberalen Partei zu helfen, die ihnen beharrlich die politischen Rechte verweigert hatte, die sie seit zwanzig Jahren gefordert hatten. Professor Stuart setzte dem Ganzen die Krone der Beleidigung auf, als er als „einen großen Vorteil, Frauen für die liberale Partei werben zu lassen, anführte, dass sie ihre Dienste kostenlos zur Verfügung stellen würden.“ Die Liberalen sahen, welchen Enthusiasmus die „Primrose Dames“ für die Tory-Partei geweckt und damit die Wahl tatsächlich entschieden hatten, und sie beschlossen, eine ähnliche Kraft in ihren Reihen zu nutzen. Aber die ganze Bewegung war eine Beleidigung für die Frauen.

Das eine beherrschende Interesse war also das Jubiläum der Königin. Damen bildeten Vereine, um Gelder zu sammeln, die der Königin zur Verfügung gestellt werden sollten. Jedes kleine Dorf war in Bezirke unterteilt, und verschiedene Damen machten ihre Runden, bettelten an jeder Tür bei Dienstboten und den arbeitenden Massen um Pennys und bei den Wohlhabenden um Pfund. Eine von ihnen stattete uns einen Besuch ab. Sie bat das Dienstmädchen, das die Tür öffnete, die übrige Dienerschaft zu sehen, und bettelte jeden von ihnen um einen Penny an. Dann bat sie darum, die Herrin des Hauses zu sprechen. Meine Tochter kam herunter; doch statt eines Pfundes hielt sie ihr eine Standpauke über die Habsucht der Königin. Als der Fonds ins Leben gerufen wurde, nahmen die Leute an, die Königin würde alles durch großzügige Stiftungen für wohltätige Einrichtungen an das Volk zurückgeben, doch Ihre Majestät schlug vor, Prinz Albert ein Denkmal zu errichten, obwohl er in London bereits eines hatte. „Die Königin“, sagte meine Tochter, „sollte ihr Jubiläum feiern, indem sie ihren Untertanen großzügige Geschenke macht und nicht, indem sie den Armen ihre Pennys abluchst. Die Hälfte ihres weltlichen Besitzes ihrem verarmten Volk zu geben, Irland die Selbstverwaltung zu gewähren oder ihre öffentlichen Schulen unentgeltlich zu machen, wären Taten, die ihres Jubiläums würdig wären; aber denjenigen, die hoffnungslos arm sind, noch einen Cent abzunehmen, ist eine Sünde gegen die leidende Menschheit.“ Die junge Frau erkannte die Lage und sagte: „Ich werde nicht weitergehen. Ich wünschte, ich könnte jeden Penny zurückgeben, den ich von den Bedürftigen genommen habe.“

Die passendsten Denkmäler, die diese Nation errichten kann, sind Schulhäuser und Heime für diejenigen, die die Arbeit der Welt verrichten. Es ist keine Antwort darauf, dass sie an Lumpen und Hunger gewöhnt seien. In dieser Welt des Überflusses hat jeder Mensch ein Recht auf Nahrung, Kleidung, eine menschenwürdige Unterkunft und die Grundlagen der Bildung. „Etwas ist faul im Staate Dänemark“, wenn ein Zehntel der menschlichen Familie, mit Stiefeln und Sporen bekleidet, die Massen in den Untergang reitet. Ich verabscheue die Worte „Königtum“ und „Adel“ sowie alle Ideen und Institutionen, die auf deren Anerkennung basieren. Im April fand die große Versammlung im Hyde Park statt – eine Protestversammlung gegen das irische Zwangsgesetz. Es war ermutigend zu sehen, dass es ein demokratisches ebenso wie ein aristokratisches England gibt. Die Londoner Zeitungen berichteten sehr unterschiedlich über das Treffen. Die Tories sagten, es sei ein Haufen unbedeutender Spinner gewesen. Die Vernunft lehrt uns jedoch, dass man keine große, enthusiastische Versammlung auf die Beine stellen kann, wenn nicht irgendeine Frage ansteht, die das Herz der Menschen berührt. Wer sagt, Irland habe keine Beschwerden, ist gleichermaßen unwissend über die menschliche Natur wie über die Fakten der Geschichte.

Am 14. April reiste ich nach Paris; meine Tochter begleitete mich bis Dover, und mein Sohn holte mich in Calais ab. Es war ein heller, angenehmer Tag, und ich saß an Deck und genoss die Überfahrt, obwohl viele meiner Mitreisenden blass und schlaff waren. Während ich in einem komfortablen Wagen durch die wunderschönen Weizenfelder und Weingärten nach Paris eilte, dachte ich an die alte, schwerfällige Postkutsche, in der wir vierzig Jahre zuvor im Schneckentempo nach Paris gefahren waren. Ich blieb bis Oktober in Paris und habe noch nie sechs Monate gründlicher genossen. Eine meiner größten Freuden war es, die Bekanntschaft meines vierten Sohnes Theodore zu machen. Ich hatte ihn nur wenig gesehen, seit er sechzehn war, da er danach fünf Jahre an der Cornell University und ebenso viele Jahre in Deutschland und Frankreich verbracht hatte. Er hatte bereits zwei Werke veröffentlicht: „The Life of Thiers“ und „The Woman Question in Europe“. Einen Sohn zu haben, der sich für die Frage interessiert, der ich mein Leben gewidmet habe, ist eine Quelle tiefer Befriedigung. Zu sagen, dass ich in ihm alles verwirklicht sehe, was ich mir wünschen könnte, ist das höchste Lob, das eine liebende Mutter geben kann.

Meine erste Erfahrung in einem Apartment, auf einer Ebene zu wohnen, ohne das Treppenauf- und -ablaufen, war ebenso angenehm wie überraschend. Ich hatte keine Vorstellung von dem Komfort und der Bequemlichkeit dieser Art der Haushaltsführung. Unser Apartment in Paris bestand aus einem Salon, einem Esszimmer, einer Bibliothek, einem geräumigen Flur, in dem ein großer amerikanischer Ofen stand, fünf Schlafzimmern, einem Badezimmer und einer Küche sowie einem Balkon, der zweiundfünfzig Fuß lang und vier Fuß breit war. In den ersten Tagen wurde mir schwindelig, wenn ich von diesem Balkon auf die Straße hinunterblickte. Ich fürchtete, die ganze Konstruktion würde nachgeben, so leicht und luftig erschien sie, zwischen Erde und Himmel hängend. Doch mein Vertrauen in ihre Standhaftigkeit und Integrität wuchs von Tag zu Tag, und er wurde mein Lieblingsaufenthaltsort, bot er doch einen großartigen Blick auf die ganze Stadt und die ferne Umgebung.

Es waren so viele Amerikaner in der Stadt und so viele französische Reformer zu sehen, dass ich während meines gesamten Besuchs mittwochnachmittags Empfänge gab. Zu einem unserer „At homes“ kam Mlle. Maria Deraismes, die einzige weibliche Freimaurerin in Frankreich und die beste Rednerin des Landes; ihre Schwester, Mme. Féresse-Deraismes, die an allen Frauenbewegungen teilnimmt; M. Léon Richer, der damals in den Spalten seines energischen Journals aktiv die bürgerlichen und politischen Rechte der Frauen verfocht; Mme. Griess Traut, die sich auf Friedensarbeit spezialisiert hat; Mme. Isabelle Bogelot, die später am Washington Council von 1888 teilnahm und eine führende Persönlichkeit in der Wohltätigkeitsarbeit ist; die verstorbene Mme. Emilie de Morsier, die später die Seele des Internationalen Kongresses von 1889 in Paris war; Mme. Pauline Kergomard, die erste Frau, die Mitglied des Obersten Rates für öffentliches Unterrichtswesen in Frankreich wurde, und die Romanschriftstellerin Mme. Henri Gréville.

Zu den amerikanischen Gästen bei unseren verschiedenen Mittwochsempfängen zählten Herr und Frau John Bigelow, Herr und Frau James G. Blaine, Herr Daniel C. French, der Bildhauer aus Concord; Frau J.C. Ayer, Herr L. White Busbey, einer der Herausgeber des Chicago Inter-Ocean; Pfarrer Dr. Henry M. Field, Charles Gifford Dyer, der Maler und Vater der begabten jungen Violinistin Miss Hella Dyer; der verstorbene Pfarrer Mr. Moffett, damals Konsul der Vereinigten Staaten in Athen, Frau Gouverneur Bagley und ihre Tochter aus Michigan; Grace Greenwood und ihre talentierte Tochter, die jeden mit ihrer melodischen Stimme verzauberte, sowie Miss Bryant, die Tochter des Dichters. Ein Besucher, der uns am meisten interessierte, war der norwegische Schriftsteller und Republikaner Bjornstjorne Bjornson.

Wir hatten einige angenehme Unterredungen mit Frederick Douglass und seiner Frau, einige aufregende Schachpartien mit Theodore Tilton in den angenehmen Apartments des verstorbenen W.J.A. Fuller, Esq., und seiner Tochter, Miss Kate Fuller. Zu dieser Zeit traf ich auch unsere brillante Landsfrau Louise Chandler Moulton. Da ich so viele vertraute Gesichter sah, konnte ich mir leicht einbilden, eher in New York als in Paris zu sein. Ich besuchte mehrere Empfänge und speiste mit Frau Charlotte Beebe Wilbour, wobei ich ihre geschickten Beschreibungen eines Winters auf dem Nil auf ihrer eigenen Dahabie sehr genoss. Ich hörte Père Hyacinthe predigen und traf seine amerikanische Frau bei mehreren Gelegenheiten. Ich unternahm jeden Tag lange Ausfahrten durch die Parks und angenehmen Teile der Stadt. Mit Gartenkonzerten, Opern, Theatern und dem Hippodrom fand ich reichlich Unterhaltung. Ich wurde der letztgenannten Darbietung nie müde – die wunderbare Intelligenz, die dort von den Tieren gezeigt wurde, war jedes Mal, wenn ich hinging, eine neue Überraschung.

Ich besuchte einen Empfang im Elysée-Palast, begleitet von M. Joseph Fabre, damals Abgeordneter und heute Senator. M. Fabre ist der Autor eines Theaterstücks und mehrerer Bände, die Jeanne d’Arc gewidmet sind. Er stellte mich dem Präsidenten und Mme. Jules Grévy vor. Ich wurde auch M. Jules Ferry vorgestellt, dem damaligen Premierminister, der unter anderem sagte: „Ich muss es leider gestehen, aber es ist nur allzu wahr, unsere französischen Frauen sind ihren Schwestern in Amerika weit hinterher.“ Der schöne, große Garten wurde an jenem Abend – es war im Juli – geöffnet, und das feine Orchester der Republikanischen Garde gab unter den großen Bäumen ein herrliches Konzert. Ich traf auch M. Grévys Schwiegersohn, M. Daniel Wilson. Er war damals Abgeordneter und einer der mächtigsten Politiker Frankreichs. Einige Monate später verursachte er den politischen Untergang seines Schwiegervaters. Ich habe eine lebhafte Erinnerung an ihn, weil er Englisch sprechen konnte, da sein Vater ein britischer Untertan gewesen war.

Ich besuchte die Bildergalerien nach fast fünfzig Jahren noch einmal und war beeindruckt von der Tatsache, dass in diesem Zeitraum mehrere Frauen an Ehrenplätzen zugelassen worden waren. Dies war besonders in der Skulpturengalerie des Luxembourg bemerkbar, wo zwei Frauen, Mme. Bertaux und die verstorbene Claude Vignon, Ehefrau von M. Rouvier, beide mit guten Arbeiten vertreten waren – die ersten und einzigen Bildhauerinnen, die für diese Galerie zugelassen wurden.

Bei einem Frühstück, das wir gaben, machte ich die Bekanntschaft von General Cluseret, der in unserem Bürgerkrieg eine Rolle spielte, später Kriegsminister der Pariser Kommune wurde und nun Mitglied der Abgeordnetenkammer ist. Er lernte Englisch, als er in Amerika war, und hatte es nicht ganz vergessen. Er erzählte Anekdoten über Lincoln, Stanton, Sumner, Fremont, Garibaldi, den Grafen von Paris und viele andere berühmte Männer, die er einst kannte, und erwies sich als sehr interessanter Gesprächspartner.

Alte Bücherstände waren für Theodore immer ein Anziehungspunkt, und unter anderem brachte er eines Tages einen vierzehnjährigen Jungen mit nach Hause, dessen Aufgabe es gewesen war, auf die Bücher aufzupassen. Er war ein aufgeweckter, fröhlicher kleiner Kerl französischer und deutscher Abstammung, der Englisch, Französisch und Deutsch sprechen konnte. Er war genau das, was wir gesucht hatten, um Besorgungen zu machen und die Tür zu hüten. Da er von der Idee, zu uns zu kommen, begeistert war, besuchten wir seine Eltern. Wir waren mit ihrem Erscheinungsbild und ihrem Umfeld zufrieden. Wir erfuhren, dass sie Mitglieder der lutherischen Kirche waren, dass der Junge eines der leuchtenden Vorbilder in der Sonntagsschule war und der einzige Punkt unserer Vereinbarung, auf dem sie beharrten, war, dass er regelmäßig die Sonntagsschule besuchen und Zeit haben sollte, seine Lektionen zu lernen.

So begann „Immanuel“ ein neues Leben bei uns, und da wir grenzenloses Vertrauen in die Rechtschaffenheit des Jungen hatten, entschuldigten wir seine Mängel und glaubten eine Zeit lang alles, was er sagte. Doch schon bald fanden wir heraus, dass er in dem Moment, in dem wir das Haus verließen, im Salon war, alle Schubladen durchsuchte, auf dem Klavier spielte oder auf dem Sofa schlief. Obwohl ihm gesagt wurde, er solle den Flurofen niemals berühren, öffnete er alle Züge und machte ihn glühend heiß. Dann gingen wir dazu über, jeden Teil des Apartments außer der Küche abzuschließen. Er amüsierte sich damit, Löcher in die Vorratsregale zu brennen, wenn die Köchin aus dem Haus war, und mit einem Bohrer Löcher in ein schön geschnitztes Brotbrett zu bohren. Eines Tages, als ich ein Gästebett für einen Freund machte, fand ich unter der Matratze unzählige Briefe, von denen man annahm, er habe sie zu verschiedenen Zeiten zur Post gebracht. Wenn wir ihn für seine Streiche zurechtwiesen, sah er uns stetig, aber traurig an, und unmittelbar danach hörten wir ihn den Korridor entlangtanzen und singen: „Safe in the Arms of Jesus.“ Wenn er nur die Hälfte von dem beachtet hätte, was wir ihm sagten, wäre er in unseren Händen sicherer gewesen als in denen seines imaginären Beschützers. Er entpuppte sich als Dieb, als ein durch und durch verlogener Kerl, als tanzender Derwisch, und während unserer gesamten sechswöchigen Erfahrung mit ihm bestand seine Hauptlektüre aus seiner Bibel und seinen Sonntagsschulbüchern. Die Erfahrung war jedoch für Theodore nicht umsonst – er hat seitdem nie wieder einen Jungen vorgeschlagen, und eine treue Tochter Evas herrscht nun an seiner Stelle.

Während des Sommers war ich in den Händen zweier Künstler, Miss Anna Klumpke, die mein Porträt malte, und Paul Bartlett, der meinen Kopf in Ton formte. Um die Prozedur abzukürzen, saß ich manchmal für beide gleichzeitig. Obwohl keiner von beiden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit vollauf zufrieden war, verbrachten wir viele angenehme Stunden zusammen, in denen wir über ihre Kunst, ihre frühen Prüfungen und Künstler im Allgemeinen diskutierten. Jeder hatte gute Plätze im Salon und erhielt in jenem Jahr eine lobende Erwähnung. Es ist traurig zu sehen, wie so viele amerikanische Mädchen und Jungen, die kein Talent für Malerei oder Bildhauerei haben, ihre Tage in Dachkammern, in Einsamkeit und Armut verbringen, mit der vergeblichen Hoffnung, sich auszuzeichnen. Frauen aller Klassen erwachen für die Notwendigkeit, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, aber nur wenige sind bereit, die gewöhnliche nützliche Arbeit zu tun, für die sie geeignet sind. Im Salon wurden in jenem Jahr sechstausend Bilder eingereicht und nur zweitausend angenommen, und viele davon wurden „hochgehängt“.

Es war herrlich, nachts auf unserem Balkon den kleinen Booten mit ihren Lichtern zuzusehen, die die Seine auf und ab fuhren, besonders am Tag des großen jährlichen Festes – dem 14. Juli –, als die ganze Stadt prachtvoll erleuchtet war. Wir fuhren bei mehreren Gelegenheiten um Mitternacht durch die Stadt, um das Leben zu beobachten – Männer, Frauen und Kinder genossen die kühle Brise, und die Restaurants waren alle voll mit Menschen.

Der Sonntag in Paris ist bezaubernd – es ist der Tag für die breite Masse der Menschen. Alle Kunstgalerien, Bibliotheken, Konzertsäle und Gärten stehen ihnen offen. Alle sind in ihren besten Kleidern, beim Spazierengehen, beim Ausfahren oder beim Picknick in den verschiedenen Parks und Gärten; Ehemänner, Ehefrauen und Kinder lachen und unterhalten sich fröhlich miteinander. Die Sitze in den Straßen und Parks sind alle von den arbeitenden Massen besetzt. Die Bänke in ganz Paris – entlang der Bordsteinkanten in jeder Straße und jedem Weg – zeigen die Fürsorge, die dem Komfort der Menschen entgegengebracht wird. Sie sehen Mütter und Kindermädchen mit ihren Babys und Kindern, die sich auf diesen Bänken ausruhen, Arbeiter, die mittags ihre Mahlzeiten essen und dort schlafen, und auch die Drehorgelspieler mit ihren Affen, die es sich bequem machen. In Frankreich sieht man Männer und Frauen überall zusammen; in England torkeln die Männer meist allein umher und kümmern sich mehr um ihre Pfeifen und ihr Bier als um ihre Mütter, Ehefrauen und Schwestern. Das soziale Leben, besonders unter den Armen, ist in Frankreich weitaus natürlicher und harmonischer als in England, weil Frauen sich freier unter die Menschen mischen, sei es im Geschäftlichen oder bei Vergnügungen.

Wenn man direkt von Paris nach London kommt, ist man gezwungenermaßen von der Düsterkeit der letzteren Stadt beeindruckt, besonders bei Nacht. Paris mit seinen elektrischen Lichtern ist überall brillant, während London mit seinen spärlichen Gasflammen, die hier und da mit der Dunkelheit kämpfen, so düster und trostlos ist wie Dorés Bilder von Dantes Inferno. Am Sonntag, wenn die Läden geschlossen sind, vermitteln die Stille und Einsamkeit der Straßen sowie die allgemeine rauchige Schwärze der Gebäude und der Atmosphäre einen melancholischen Eindruck von diesem großen Zentrum der Zivilisation. Nachdem nun entdeckt wurde, dass Rauch genutzt und die Atmosphäre geklärt werden kann, ist es erstaunlich, dass die Behörden diese Entdeckung nicht für sich nutzen, um so Licht, Freude und Sonnenschein in jene Stadt zu bringen und dann den Ruß der Jahrhunderte von ihren geschwärzten Gebäuden zu entfernen.

Nach meiner Rückkehr nach England verbrachte ich einen Tag mit Miss Emily Lord in ihrer Kindergarteneinrichtung. Sie war gerade aus Schweden zurückgekehrt, wo sie sechs Wochen in der Tischlerwerkstatt verbracht hatte, um das schwedische Slöjd-System zu studieren, bei dem Kinder im Alter von zwölf Jahren den Umgang mit Werkzeugen lernen, indem sie Löffel, Gabeln und andere Utensilien herstellen. Miss Lord zeigte uns einige ihrer Arbeiten, die für ihre ersten Versuche recht beachtlich waren. Sie sagte, die Kinder in den höheren Klassen ihrer Schule genössen die Tischlerarbeit ungemein und würden im Umgang mit Werkzeugen sehr geschickt.

Am 1. November 1887 erreichten wir wieder Basingstoke und fanden alles in Ordnung vor. Mein Tagebuch berichtet von einigen Büchern, die ich im Winter las, und was die Autoren über Frauen sagen; eines davon ist „Religio Medici“ von Sir Thomas Browne, M.D., in dem der Autor über viele erhabene Themen philosophiert – Gott, Schöpfung, Himmel, Hölle – und einen einzigen Satz über die Frau gewährt. Über sie sagt er: „Ich war nur einmal verheiratet und preise die Entschlossenheit derer, die niemals zweimal heiraten, nicht dass ich eine zweite Ehe missbillige, noch in allen Fällen die Polygamie, die angesichts der ungleichen Anzahl der Geschlechter vielleicht sogar notwendig sein könnte. Die ganze Welt wurde für den Mann geschaffen, aber der zwölfte Teil des Mannes für die Frau. Der Mann ist die ganze Welt – der Hauch Gottes; die Frau die Rippe und das krumme Stück des Mannes. Ich spreche nicht aus Vorurteil, noch bin ich abgeneigt gegen das süße Geschlecht, sondern bin von Natur aus verliebt in alles Schöne. Ich kann den ganzen Tag ein hübsches Bild betrachten, selbst wenn es nur ein Pferd ist.“

Als ich mich John Paul Friedrich Richter zuwandte, fand ich in seinem Kapitel über Frauen viele ebenso lächerliche Aussagen, vermischt mit viel überschwänglicher Bewunderung. Nachdem ich einige Bände von Richter gelesen hatte, nahm ich mir Heinrich Heine vor, den deutschen Dichter und Schriftsteller. Er sagte: „Oh, die Frauen! Wir müssen ihnen viel verzeihen, denn sie lieben viel und viele. Ihr Hass ist eigentlich nur umgekehrte Liebe. Manchmal schreiben sie uns eine Verfehlung zu, weil sie glauben, auf diese Weise einen anderen Mann beglücken zu können. Wenn sie schreiben, haben sie immer ein Auge auf dem Papier und das andere Auge auf einen Mann gerichtet. Das gilt für alle Schriftstellerinnen außer der Gräfin Hahn Hahn, die nur ein Auge hat.“ John Ruskins Biografie gibt uns einen Einblick in seine Schüchternheit gegenüber dem anderen Geschlecht, als er noch ein junger Mann war. Er war sehr gerne in der Gesellschaft von Mädchen, wusste aber nie, wie er sich ihnen nähern sollte. Er sagte, er „war vollkommen glücklich, ihnen zu dienen, würde sich gerne als Brücke für sie anbieten, damit sie darüber gehen können, als Balken, an dem sie eine Schaukel befestigen könnten – alles, nur nicht mit ihnen zu sprechen.“ Das sind einige der erlesenen Kostproben männlichen Witzes, die ich während meiner winterlichen Lektüre gesammelt habe!

Bei einem Empfang, den mir die Ärztinnen Julia und Kate Mitchell gaben, Schwestern, die in London praktizieren, traf ich Stepniak, den russischen Nihilisten, einen Mann von großartiger Erscheinung und feiner Gesprächsgabe. Er wollte gerade nach Amerika reisen, in der Befürchtung, unsere Regierung könnte einen Auslieferungsvertrag mit Russland schließen, um politische Straftäter zurückzuschicken, da er wusste, dass dieser Vorschlag gemacht worden war. Einige Wochen später besuchte er tatsächlich die Vereinigten Staaten und wurde von einem Senatsausschuss angehört. Er legte den Charakter der nihilistischen Bewegung dar und erklärte, die Nihilisten seien die wahren Reformer, die wahren Liebhaber der Freiheit, die sich für das Wohl des Volkes aufopferten, und doch würden sie als politische Gefangene schlechter behandelt als die unterste Klasse der Kriminellen in den Gefängnissen und Minen Sibiriens.

Ich hatte während dieses Besuchs in London eine sehr unangenehme Unterredung mit Miss Lydia Becker, Miss Caroline Biggs und Miss Blackburn im Metropole über die Auswahl der Delegierten für den Internationalen Frauenrat, der bald in Washington abgehalten werden sollte. Da es in der Wahlrechtsvereinigung einige unüberbrückbare Differenzen gab und sie sich nicht darüber einig werden konnten, wer ihre Delegierte sein sollte, beschlossen sie, überhaupt keine zu entsenden. Ich schrieb sofort an Frau Priscilla Bright McLaren und wies darauf hin, was für eine Schande es wäre, wenn England, mehr als jedes andere Land, nicht im ersten Internationalen Rat vertreten wäre, der jemals von einer Wahlrechtsvereinigung einberufen wurde. Sie antwortete prompt, dass das nicht sein dürfe, und handelte sofort in der Angelegenheit. Durch ihre Bemühungen wurden bald drei Delegierte autorisiert, die verschiedenen Wählergruppen vertraten – Frau Alice Cliff Scatcherd, Frau Ormiston Chant und Frau Ashton Dilke.

Gegen Ende Februar 1888 fuhren wir erneut nach London, um einigen lieben Freunden Abschiedsbesuche abzustatten. Wir verbrachten einige Tage bei Frau Mona Caird, die damals Karl Pearsons Vorlesungen über „Die Frau“ las und ihre Ansichten über die Ehe darlegte, die sie später der Westminster Review mitteilte und die Presse in England wie in Amerika in helle Aufregung versetzte. „Ist die Ehe ein Fehlschlag?“ lieferte lange Zeit die Schlagzeile für unsere Quacksalber-Anzeigen. Frau Caird war eine sehr anmutige, angenehme Frau und in ihrem Wesen und Auftreten so sanft, dass niemand sie für fähig gehalten hätte, solche Donnerkeile auf das leidgeprüfte sächsische Volk zu schleudern.

Wir widmeten einen Tag Prinz Kropotkin, der in Harrow, in den Vororten von London, lebt. Ein Freund von ihm, Herr Lieneff, begleitete uns dorthin. Wir fanden den Prinzen, seine Frau und sein Kind in sehr bescheidenen Verhältnissen vor; keine Teppiche auf den Böden, Bücher und Papiere auf Kiefernholzregalen, Holzstühle und nur das Nötigste zum Leben – mehr nicht. Sie gönnen sich keinerlei Luxus, sondern verwenden alles, was sie entbehren können, für die Veröffentlichung liberaler Meinungen, die in Russland verbreitet werden sollen, und um Nihilisten bei der Flucht aus den Herrschaftsgebieten des Zaren zu helfen. Der Prinz und die Prinzessin wechselten sich darin ab, das Baby – das damals erst ein Jahr alt war – zu halten und zu unterhalten; glücklicherweise schlief es die meiste Zeit, sodass das Gespräch einige Stunden lang ungehindert fließen konnte. Kropotkin erzählte uns von seinen traurigen Gefängniserfahrungen, sowohl in Frankreich als auch in Russland. Er sagte, die Artikelserie von George Kennan im Century sei nicht zu dick aufgetragen, dass das Leid der Männer und Frauen in Sibirien und den russischen Gefängnissen gar nicht übertrieben dargestellt werden könne. Eine der raffinierten Grausamkeiten, die sie an Gefangenen verüben, besteht darin, ihnen niemals zu gestatten, eine menschliche Stimme zu hören. Ein Soldat begleitet stets den Wärter, der das Essen verteilt, um sicherzustellen, dass kein Wort gesprochen wird. Vergeblich stellt der arme Gefangene Fragen, keine Antwort wird jemals gegeben, keine Nachricht aus der Außenwelt jemals übermittelt. Man darf sich wohl fragen, welcher Teufel in Menschengestalt ein solches Gefängnisleben und eine solche Disziplin verordnet hat! Ich frage mich, ob wir in ganz Russland einen Mann finden könnten, der dieses System verteidigen würde, und doch ist jemand für diese schrecklichen Grausamkeiten verantwortlich!

Wir kehrten nach Basingstoke zurück, verbrachten die wenigen verbleibenden Tage damit, Papiere durchzusehen und für die Reise zu packen, und am 4. März 1888 begleitete mich Frau Blatch nach Southampton. Im Zug traf ich meine Reisebegleiterinnen, Frau Gustafsen, Frau Ashton Dilke und Baronin Gripenberg aus Finnland, eine sehr reizende Frau, zu der ich mich stark hingezogen fühlte. Die anderen Delegierten segelten von Liverpool aus. Wir hatten eine stürmische Überfahrt und die meisten Passagiere waren sehr krank. Frau Dilke und ich waren jedoch wohlauf und jeden Tag an Deck, immer bereit, mit einigen Herren, die ebenso viel Glück hatten, Whist und Schach zu spielen. Ich war sehr beeindruckt von Frau Dilkes Güte und ihrer Großzügigkeit im Dienst am Nächsten. Es war eine Dame an Bord mit zwei Kindern, deren Kindermädchen sich in letzter Minute geweigert hatte, sie zu begleiten. Die Mutter war die meiste Zeit der Reise krank, und Frau Dilke tat alles in ihrer Macht Stehende, um sie zu entlasten, indem sie den kleinen Jungen unterhielt, ihm Geschichten erzählte, mit ihm auf dem Deck spazieren ging und den ganzen Tag über auf ihn aufpasste – keine leichte Aufgabe, die man für eine völlig Fremde erfüllt. Die arme kleine Mutter mit einem Baby auf dem Arm muss diese freundliche Aufmerksamkeit sehr geschätzt haben.

Als uns der Lotse vor Sandy Hook entgegenkam, brachte er Nachrichten von dem schrecklichen Schneesturm, den New York gerade erlebt hatte und durch den der gesamte Verkehr mit der Außenwelt praktisch zum Erliegen gekommen war. Der Kapitän holte ihn in den Salon, damit er uns alles darüber erzählte. Die Nachrichten waren so erschütternd, dass wir zuerst dachten, der Lotse mache Witze, aber als er die städtischen Zeitungen vorzeigte, um seine Aussagen zu belegen, lauschten wir dem Gelesenen und seinen Ausführungen mit tiefem Erstaunen. Die zweite Märzwoche des Jahres 1888 wird in der Geschichte der Stürme in der Umgebung von New York unvergesslich bleiben. Der Schnee war stellenweise drei Meter hoch, und die Nebenstraßen waren weder für Kutschen noch für Schlitten passierbar. Ich hatte gehofft, die Stadt würde sich meinen ausländischen Freunden von ihrer besten Seite zeigen, doch sie hatte noch nie schlimmer ausgesehen, mit riesigen Schneehaufen überall, die von schwarzem Staub bedeckt waren.

Ich reiste am Tag nach unserer Ankunft um drei Uhr nach Washington ab, erreichte es um zehn Uhr und fand meine geliebten Freundinnen, Miss Anthony und Frau Spofford, mit offenen Armen und warmen Herzen vor, die mich empfingen. Da sich das Schiff um zwei Tage verspätet hatte, dachten unsere Freunde natürlich, auch wir seien in einen Schneesturm geraten, doch wir hatten nichts davon gespürt; im Gegenteil, die letzten Tage waren die angenehmsten der Reise.

KAPITEL XXV.

DER INTERNATIONALE FRAUENRAT.

Gemäß dem Gedanken an die Durchführbarkeit und Notwendigkeit eines Internationalen Frauenrates, der in einem vorangegangenen Kapitel erwähnt wurde, beschloss man, das vierte Jahrzehnt der Frauenstimmrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten durch die Einberufung eines solchen Rates zu feiern. Auf ihrem neunzehnten Jahreskongress im Januar 1887 beschloss die National Woman Suffrage Association, die volle Verantwortung für die Abhaltung eines Rates zu übernehmen und zu diesem Zweck eine Einladung an alle Frauenvereinigungen in den Gewerben, Berufen und Reformbewegungen sowie an diejenigen, die sich für politische Rechte einsetzen, auszusprechen. Anfang Juni 1887 erging ein Aufruf, einen solchen Rat unter der Schirmherrschaft der National Woman Suffrage Association am 25. März 1888 in Washington, D. C., zusammenzurufen. Die großartige Versammlung von Frauen aus allen Ländern des zivilisierten Erdballs bewies, dass der Aufruf zu einem solchen Rat zur rechten Zeit kam, während die Ordnung und Würde des Verlaufs bewiesen, dass die Frauen des Anlasses würdig waren. Niemand zweifelt heute mehr an der Weisheit dieses ersten Schrittes oder an der zusätzlichen Macht, die Frauen durch den Internationalen Frauenrat in der öffentlichen Meinung gewonnen haben.

Da der Ablauf des Kongresses damals ausführlich und anschaulich in der Woman's Tribune berichtet wurde und da diese Berichte später in Buchform veröffentlicht, von Miss Anthony, Miss Foster und mir revidiert und korrigiert wurden, will ich nur sagen, dass unsere kühnsten Erwartungen hinsichtlich seines Erfolges mehr als erfüllt wurden. Das große Theater war eine ganze Woche lang bis auf den letzten Platz gefüllt, und eine Vielzahl fähiger Frauen sprach, wie von besonderer Inspiration geleitet, über alle lebenswichtigen Fragen der Stunde. Obwohl der Rat von der Stimmrechtsvereinigung einberufen und geleitet wurde, waren dennoch verschiedene andere Gesellschaften vertreten. Miss Anthony war die Finanzierin des Anlasses und brachte zwölftausend Dollar auf, was es ihr ermöglichte, alle Ausgaben der Delegierten in Washington sowie den Druck des Berichts in Buchform zu bestreiten. Sobald ich Washington erreichte, ordnete Miss Anthony an, dass ich pflichtbewusst in meinem eigenen Apartment bleiben und eine Rede für die Vorlage bei den Ausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses sowie eine weitere, als Präsidentin, für die Eröffnung des Rates vorbereiten sollte. Da Frau Spofford uns jedoch ihre Kutsche zur Verfügung stellte, durfte ich jeden Tag eine Stunde oder zwei durch diese großartige Stadt fahren.

Eine der besten Reden auf dem Rat wurde von Helen H. Gardener gehalten. Es war eine Kritik an der Position von Dr. Hammond bezüglich der geringeren Größe und Qualität des weiblichen Gehirns. Da der Doktor niemals die Gelegenheit hatte, die Gehirne der angesehensten Frauen zu untersuchen, und wahrscheinlich nur die von Armen und Kriminellen, war sie der Ansicht, dass er keine Daten habe, auf die er seine Schlussfolgerungen stützen könne. Überdies besaß sie die schriftliche Stellungnahme mehrerer führender Ärzte, dass es vollkommen unmöglich sei, zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirn zu unterscheiden.

Die Anhörung im Kapitol nach dem Treffen des Rates war sehr interessant, da alle ausländischen Delegierten eingeladen wurden, jeweils in der Sprache ihres eigenen Landes zu sprechen; ihre vermeintlichen Repräsentanten in den Hallen der Gesetzgebung anzusprechen, war ein Privileg, das sie zu Hause niemals genossen hatten. Es ist sehr bemerkenswert, dass englische Frauen niemals die Forderung nach einer Anhörung im Unterhaus gestellt haben, noch nicht einmal nach einem anständigen Platz zum Sitzen, wo sie die Debatten hören und die feinen Proportionen der Repräsentanten sehen können. Die Delegierten hatten mehrere glanzvolle Empfänge im Riggs House sowie in den Häusern von Senator Stanford aus Kalifornien und Senator Palmer aus Michigan. Miss Anthony und ich verbrachten jenen Winter zwei Monate in Washington. Eine der großen Freuden unserer jährlichen Kongresse war das Wiedersehen mit unseren Freunden im Riggs House, wo wir die grenzenlose Gastfreundschaft von Herrn und Frau Spofford genossen.

Den Monat Juni verbrachte ich in New York City, wo ich an mehreren Empfängen von Colonel Robert G. Ingersoll teilnahm und den großen Redner und Bilderstürmer an seinem eigenen Kaminfeuer sah, umgeben von seinen Bewunderern, und seine wunderschönen Töchter singen hörte, was allen Zuhörern große Freude bereitete, da sie bemerkenswert schöne Stimmen haben. Eine hat inzwischen geheiratet und verströmt nun ihre reichsten Melodien in der Oper des Wiegenlieds im eigenen Kinderzimmer.

Im Herbst 1888, als Ohio kurz davor stand, einen Verfassungskonvent abzuhalten, schrieb ich auf Bitte der Stimmrechtsvereinigung einen Appell an die Frauen des Staates, ihr Recht zu fordern, Delegierte für einen solchen Konvent zu wählen. Frau Southworth ließ fünftausend Exemplare meines Appells drucken und auf der Ausstellung in Columbus verteilen. Wenn zehn rechtschaffene Männer Sodom hätten retten können, hätten all die brillanten Frauen, die ich in Cleveland traf, Ohio vor der männlichen Vorherrschaft bewahren müssen.

Den Winter 1888/89 sollte ich bei meiner Tochter in Omaha verbringen. Ich erreichte die Stadt rechtzeitig, um die Feierlichkeiten zur Fertigstellung der ersten Brücke zwischen dieser Stadt und Council Bluffs mitzuerleben. Es gab einen großen Festumzug, bei dem alle Industriezweige beider Städte vertreten waren und der sechs Stunden lang vorbeizog. Wir hatten eine gute Position, um das Schauspiel zu verfolgen, und sehr angenehme Begleiter, die uns die Mottos, Symbole und Banner erklärten. Die Brücke bringt die Städte praktisch zusammen, da elektrische Straßenbahnen nun in zehn Minuten von einer zur anderen fahren. Hier sah ich zum ersten Mal die Kabelstraßenbahnen, die ohne sichtbare Antriebsmittel den Berg hinauf und hinunter fuhren.

Da das Unternehmen den ganzen Winter über einen offenen Wagen einsetzte, machte ich meine tägliche Fahrt von neun Meilen darin für fünfzehn Cent. Mein Sohn Daniel, der mich begleitete, saß immer im Inneren des Wagens, während ich auf einem Sitz im Freien blieb. Er amüsierte sich köstlich über die Bemerkungen, die er über diese „seltsame alte Dame, die bei jedem Winterwetter immer draußen fuhr“, hörte. Eines Tages bemerkte jemand laut genug, dass es alle hören konnten: „Es ist offensichtlich, dass diese Frau nicht genug Verstand hat, um bei Regen nach drinnen zu gehen.“ „Gott bewahre!“, sagte der Schaffner, der mich kannte, „diese Frau weiß so viel wie die Königin von England; zu viel, um hier drinnen an einem heißen Ofen zu sitzen.“ Wie wenig verstehen wir die vergleichbare Lage derjenigen, die wir oft kritisieren. Da saß ich und genoss die belebende Luft, die reine, frische Brise, gleichgültig gegenüber dem Schicksal eines alten Mantels und einer Kapuze, die den Atlantik überquert hatten und viele Male von Salzwasser durchnässt worden waren, und bemitleidete die Frauen im Inneren, die von Mikroben belastete Luft einatmeten, die Dutzende von Menschen von Zeit zu Zeit ausgeatmet hatten, und sich ihren modischen Hauben, Mänteln und Kleidern opferten, unter der Hitze des glühend heißen Ofens leidend; und doch bemitleideten sie wiederum mich.

Meinen dreiundsiebzigsten Geburtstag verbrachte ich bei meinem Sohn Gerrit Smith Stanton auf seiner Farm bei Portsmouth, Iowa. Da wir uns einige Jahre nicht gesehen hatten, brauchten wir im Netz des Lebens lange Zeit, um alle Maschen aufzunehmen, die sich seit unserem Abschied gelöst hatten. Ich vertrieb mir die Zeit mit dem Stopfen von Strümpfen und dem Entwerfen von Plänen für einen Anbau an seinem Haus. Doch im Frühjahr kamen mein Sohn und seine Frau zu dem Schluss, dass sie genug von der Einsamkeit des Farmlebens hatten, und wandten ihre Gesichter nach Osten.

Kurz nach meiner Rückkehr nach Omaha kam die Herausgeberin der Woman's Tribune, Frau Clara B. Colby, zu Besuch und aß eines Tages mit uns zu Mittag. Sie kündigte den bevorstehenden Staatskongress an, bei dem ich „die beste Rede meines Lebens“ halten sollte. Sie hatte alle Vorbereitungen zu treffen und lud mich ein, mit ihr herumzufahren, damit sie unterwegs sprechen konnte. Sie mietete das Opernhaus, traf Vorkehrungen im Paxton House für einen Empfang, besuchte alle ihre treuen Mitstreiterinnen, um Begeisterung für die Arbeit zu wecken, und stieg in die Heiligtümer der Redakteure – demokratische wie republikanische –, um sie zu bitten, für den Kongress zu werben und ein gutes Wort für unsere unterdrückte Klasse in unserem Kampf um Emanzipation einzulegen. Sie alle versprachen wohlwollende Notizen und Kommentare, und sie hielten ihre Versprechen. Frau Colby, die Präsidentin der Nebraska Suffrage Association war, eröffnete die Versammlung mit einer fähigen Rede und führte den Vorsitz während der gesamten Zeit mit Takt und Würde.

Auf diesem Kongress wäre ich beinahe in eine unglückliche Erfahrung geraten. Die Dame, die mich in ihrer Kutsche zum Opernhaus brachte, trug das Manuskript meiner Rede bei sich, was ich erst vermisste, als es fast Zeit zum Reden war, woraufhin ich einer Dame, die neben mir saß, sagte, unsere Freundin habe vergessen, mir mein Manuskript zu geben. Sie ging sofort zu ihr und fragte danach. Sie erinnerte sich, es genommen zu haben, aber was sie damit gemacht hatte, wusste sie nicht. Es wurde vermutet, dass sie es beim Aussteigen aus der Kutsche verloren haben könnte. Und siehe da! Sie fanden es in der Gosse liegen. Da der Boden hart gefroren war, war es nicht einmal beschmutzt. Als ich von meinem knappen Entkommen erfuhr, zitterte ich, denn ich hatte keinerlei Gedankengänge für einen spontanen Vortrag vorbereitet. Ich hätte sprechen müssen, als ich an der Reihe war, und wenn ich vom Publikum oder den guten Engeln inspiriert worden wäre, hätte es gut gehen können, oder ich hätte völlig versagen können. Die Moral von dieser Episode ist: Halten Sie an Ihrem Manuskript fest.

Aufgrund der Krankheit meines Schwiegersohns, Frank E. Lawrence, reisten er und meine Tochter nach Kalifornien, um zu sehen, ob die milde Luft von San Diego seine Gesundheit wiederherstellen würde, und so gaben wir den Haushalt in Omaha auf und kehrte ich am 20. April 1889 in Begleitung meines ältesten Sohnes in den Osten zurück und verbrachte den Sommer in Hempstead, Long Island, bei meinem Sohn Gerrit und seiner Frau.

Wir fanden Hempstead als eine ruhige, alte holländische Stadt vor, ungestört von fortschrittlichen Ideen. Hier machte ich die Bekanntschaft von Chauncey C. Parsons und seiner Frau, ehemals aus Boston, die in den meisten Fragen liberale Ansichten vertraten. Frau Parsons und ich besuchten eines der Treffen des Seidl-Clubs auf Coney Island, wo Seidl damals einige populäre Konzerte gab. Der Club bestand aus zweihundert Frauen, zu denen ich eine Stunde lang im Speisesaal des Hotels sprach. Mit den herrlichen Ausblicken auf den Ozean, den großartigen Konzerten und den schönen Frauen verbrachte ich zwei sehr reizende Tage am Meer.

Mein Sohn Henry hatte mir einen Phaeton geschenkt, niedrig und bequem wie eine Wiege, und ich genoss viele Fahrten auf Long Island. Wir fuhren mehrmals zu Bryants Zuhause an der Nordseite, und in meiner Vorstellung sah ich den alten Dichter in den verschiedenen schattigen Winkeln, wie er seine Zeilen der Liebe und des Lobes an die Natur in all ihren wechselnden Stimmungen niederschrieb. Während ich in den dunklen Tagen des November zwischen den vielen bunten, raschelnden Blättern umherging, konnte ich mich leicht in seine Gedanken hineinversetzen, als er diese Zeilen niederschrieb:

„Die melancholischen Tage sind gekommen, die traurigsten des Jahres, Von klagenden Winden, nackten Wäldern und braunen, versengten Wiesen. Gehäuft in den Mulden des Hains liegen die Herbstblätter tot; Sie rascheln im wirbelnden Windstoß und unter dem Schritt des Kaninchens.“

Im September 1889 kam meine Tochter, Frau Stanton Lawrence, in den Osten, um eine Schule für Körperkultur zu besuchen, und meine andere Tochter, Frau Stanton Blatch, kam aus England, um einen unserer belebenden Winter zu genießen. Leider hatten wir statt Schnee Regen und statt Frost Nebel. Dennoch hatten wir ein schönes Wiedersehen in Hempstead. Nach einigen Tagen in und um New York, bei denen wir Freunde besuchten, fuhren wir nach Geneva und verbrachten einige Wochen im Haus meiner Cousine, der Tochter von Gerrit Smith.

Sie und ich waren unser ganzes Leben lang treueste, hingebungsvollste Freundinnen und seit mehr als fünfzig Jahren regelmäßige Korrespondentinnen. Im Familienkreis werden wir oft als „Julius“ und „Johnson“ bezeichnet. Diese wohlklingenden Namen entstanden auf folgende Weise: Als die Christy Minstrels zum ersten Mal auftraten, gingen wir eines Abends hin, um sie zu hören. Als wir nach Hause zurückkehrten, amüsierten wir unsere Älteren mit einer, wie sie sagten, glänzenden Probe. Der Witzbold und der Philosoph des Anlasses hießen jeweils Julius und Johnson; also übernahmen wir ihre Rollen und gaben alle hellen, humorvollen Bemerkungen wieder, die sie gemacht hatten. Am nächsten Morgen, als wir am Frühstückstisch erschienen, sagte Cousin Gerrit Smith mit seiner tiefen, reichen Stimme: „Guten Morgen, Julius und Johnson“, und er behielt es die wenigen Tage bei, die wir gemeinsam in Albany waren. Einer nach dem anderen übernahmen unsere Verwandten die Pseudonyme, und Frau Miller ist seitdem „Julius“ und ich „Johnson“.

Von Geneva fuhren wir nach Buffalo, doch da ich eine schwere Erkältung und ein allgemeines Gefühl der Niedergeschlagenheit hatte, beschloss ich, ins Dansville Sanatorium zu gehen und zu sehen, was Dr. James und Dr. Kate Jackson für mich tun konnten. Ich war sechs Wochen dort und versuchte es mit allen Arten von Abreibungen, Kneifen, Dampfbädern; den schwedischen Bewegungen der Arme, Hände, Beine, Füße; Diät, Massage, Elektrizität, und obwohl es mir gelang, nur fünf Pfund abzunehmen, fühlte ich mich wie ein neuer Mensch. Es ist ein reizvoller Ort – das Heim ist angenehm gelegen und die Landschaft sehr schön. Die Ärzte sind alle umgänglich, und eine fröhliche Atmosphäre durchdringt das gesamte Etablissement.

Da Weihnachten vor der Tür stand, waren die Frauen alle halb verrückt wegen der Geschenke, und während die guten Doktoren James und Kate alles in ihrer Macht Stehende taten, um die nervösen Leiden ihrer Patienten zu heilen, durchkreuzten diese die Behandlung, indem sie bei zweiundzwanzig Grad im Salon saßen und alle möglichen ausgefallenen Muster stickten – manche auf Musselin, manche auf Satin und manche mit farbigen Wollen auf Leinen –, die giftigen Farben einatmend, die Sehnerven überanstrengend, Stunde um Stunde Fäden und Stiche zählend, bis sie völlig erschöpft waren. Ich sprach zu einem armen Opfer über den Irrtum der Weihnachtsgeschenke und darüber, dass sie ihre Gesundheit mit einer solch nutzlosen Beschäftigung schädige. „Was soll ich tun?“, antwortete sie, „ich muss Geschenke machen und kann es mir nicht leisten, sie zu kaufen.“ „Glauben Sie“, sagte ich, „dass irgendeiner Ihrer Freunde ein Geschenk genießen würde, das Sie unter Risiko Ihrer Gesundheit gemacht haben? Ich glaube nicht, dass es ein ‚Muss‘ in dieser Angelegenheit gibt. Ich habe nie das Gefühl, dass ich Geschenke machen muss, und möchte nie welche, besonders nicht von denen, die ein Opfer bringen, um sie zu machen.“ Diese ganze Sitte der Geschenke zu Weihnachten, Neujahr und bei Hochzeiten ist zu einer Plage geworden, einem Stück Heuchelei, das zu keinem Ende von Unglück führt. Ich kenne keinen bemitleidenswerteren Anblick, als eine Frau beim Frivolité-Knüpfen, Stricken, Sticken zu sehen – die Katzen auf die Spitze eines Pantoffels oder Tulpen auf eine Schürze arbeitet. Die Menge an Nervenenergie, die auf diese Weise verschwendet wird, reicht aus, um Engel zum Weinen zu bringen. Die notwendigen Stiche, die in jedem Haushalt gemacht werden müssen, sind wahrlich genug, ohne dass man noch Handarbeiten hinzufügen muss.

Von Dansville aus fuhren meine Töchter und ich nach Washington, um den siebzigsten Geburtstag von Miss Anthony zu feiern, die ihnen immer wie eine zweite Mutter war. Frau Blatch hielt bei der Feier eine Rede, und Frau Lawrence trug etwas vor. Zuerst gab es ein großartiges Abendessen im Riggs House. Der Speisesaal war wunderschön dekoriert; tatsächlich scheuten Herr und Frau Spofford keine Mühe, um den Anlass unvergesslich zu machen. May Wright Sewall war die Zeremonienmeisterin. Sie las die Trinksprüche vor und rief die verschiedenen Redner auf. Phoebe Couzins, die Geistliche Anna Shaw, Isabella Beecher Hooker, Matilda Joslyn Gage, Clara B. Colby, Senator Blair aus New Hampshire und viele andere antworteten. Ich schäme mich zu sagen, dass wir die Feierlichkeiten bis nach zwei Uhr morgens fortsetzten. Miss Anthony, in dunklem Samt und Spitzen gekleidet, sprach zum Abschluss mit großer Rührung. Diejenigen von uns, die dort waren, werden den 15. Februar 1890 nicht so schnell vergessen.

Nachdem ich vor Ausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses gesprochen hatte, hielt ich die Eröffnungsrede auf dem Jahreskongress. Mrs. Stanton Blatch sprach einige Minuten über die Stimmrechtsbewegung in England, woraufhin wir uns beeilten, nach New York zu fahren, und an Bord der Aller gingen, einem der Dampfer des Norddeutschen Lloyd, der nach Southampton bestimmt war. Am Schiff trafen wir Kapitän Milinowski und seine Frau sowie zwei meiner Söhne an, die unsere Ankunft erwarteten. Da wir achtzehn Gepäckstücke hatten, brauchte Mrs. Blatch einige Zeit, um sie zu überprüfen. Mein Phaeton, den wir mitzunehmen beschlossen hatten, füllte sechs Kisten. Eine bequeme Kutsche für zwei Personen ist in England nicht gebräuchlich. Die Dogcarts überwiegen, die unbequemsten Gefährte, die man überhaupt benutzen kann. Warum manche unserer Amerikaner in diesen unbequemen Wagen fahren, ist eine Frage. Ich glaube, es liegt daran, dass sie „so englisch“ sind. Der einzige Grund, warum die Engländer sie benutzen, ist, dass sie billig sind. Die Steuer auf zwei Räder beträgt die Hälfte von der auf vier, und in England sind alle Kutschen steuerpflichtig. Bevor wir Amerikaner Moden übernehmen, nur weil sie englisch sind, sollten wir besser herausfinden, was die raison d'être für ihr Bestehen ist.

Wir hatten eine sehr angenehme, ruhige Überfahrt, ungewöhnlich ruhig für die stürmischen Monate Februar und März. Da ich geschlossene Kabinen nicht mag, blieb ich Tag und Nacht im Damensalon und schlief auf einem Sofa. Nach einer Überfahrt von elf Tagen landeten wir am 2. März 1890 in Southampton. Es war eine wunderschöne mondhelle Nacht und wir hatten eine angenehme Fahrt mit dem kleinen Schlepper zum Kai. Wir erreichten Basingstoke um elf Uhr, fanden die Familie wohlauf und alles in Ordnung vor.

KAPITEL XXVI.

MEIN LETZTER BESUCH IN ENGLAND.

Sobald wir unsere Kutsche zusammengebaut hatten, fuhren Hattie und ich jeden Tag aus, da die Straßen in England das ganze Jahr über in gutem Zustand sind. Wir hatten während des Frühlings herrliches Wetter, aber der Sommer war nass und kalt. Mit Lesen, Schreiben, Fahrten nach London und dem Empfang von Besuchern verflogen die Monate, ohne dass wir die Hälfte der Arbeit erledigten, die wir uns vorgenommen hatten.

Da meine Tochter Mitglied des Albemarle Club war, luden wir zu verschiedenen Zeiten mehrere Freunde ein, dort mit uns zu speisen. Dort hatten wir ein langes Gespräch mit Mr. Stead, dem Herausgeber der Pall Mall Gazette, über seine Position in Bezug auf russische Angelegenheiten, die „Deceased Wife's Sister Bill“ und die Scheidungsgesetze Englands. Mr. Stead ist ein fließender Redner sowie ein guter Schriftsteller. Er ist der Anführer der Bewegung für soziale Reinheit in England. Die Klugheit seines Vorgehens gegenüber Sir Charles Dilke und Mr. Parnell wurde von vielen in Frage gestellt; aber es gibt einen Hauch des religiösen Fanatikers in Mr. Stead, wie in vielen seiner Anhänger.

Es gab mehrere Probleme der Sozialethik, die das englische Volk im Jahre unseres Herrn 1890 tief bewegten. Das eine war Charles Stewart Parnells platonische Freundschaft mit Mrs. O'Shea, und das andere war die Entscheidung des Lordkanzlers im Fall von Mrs. Jackson. Die Kanzel, die Presse und das Volk wetteiferten miteinander, Mr. Parnell als den großen irischen Anführer vom Thron zu stürzen, aber die vereinten Kräfte hatten keinen Erfolg damit, sein Selbstwertgefühl zu zerstören oder ihn aus dem britischen Parlament zu jagen, obwohl sie nach einem mutigen und langwierigen Widerstand seinerseits durchaus Erfolg damit hatten, ihn in das Grab zu hetzen.

Es war jämmerlich zu sehen, wie die Iren selbst, irregeführt durch eine heuchlerische öffentliche Meinung in England, sich gegen ihren großen Anführer wandten, den einzigen, den sie seit einem halben Jahrhundert hatten, der fähig war, die irische Frage Jahr für Jahr im Unterhaus obenauf zu halten. Der Lauf der Ereignisse seit seinem Tod hat die Wahrheit dessen bewiesen, was er ihnen gesagt hatte, nämlich: dass das Interesse, das englische Politiker an der Home-Rule-Frage bekundeten, nicht aufrichtig war und dass die Debatten zu diesem Punkt aufhören würden, sobald er ihnen nicht länger aufgedrängt wurde. Und jetzt, da es ihnen gelungen ist, ihren Anführer zu töten, beginnen sie, ihren Verlust zu begreifen. Die durch das Gären sozialer Meinungen entwickelte Frage wurde prägnant wie folgt formuliert: „Kann ein Mann ein großer Anführer, ein Staatsmann, ein General, ein Admiral, ein gelehrter Oberster Richter, ein vertrauenswürdiger Anwalt oder ein geschickter Arzt sein, wenn er jemals das siebte Gebot gebrochen hat?“

Ich äußerte meine Meinung damals in der Westminster Review bejahend. Mrs. Jacob Bright, Mrs. Ellen Battelle Dietrick aus Boston und Kate Field in ihrem Washington stimmten mir zu. Viele andere Frauen sprachen sich prompt verneinend aus, und zwar mit einer Bitterkeit gegen diejenigen, die die gegenteilige Ansicht vertraten, die bedauerlich war.

Der Fall Jackson war eine lehrreiche Studie, da er andere Fragen der Sozialethik sowie Rechtsfragen aufwarf, die vom Lordkanzler kompetent gelöst wurden. Es scheint, dass der Bräutigam unmittelbar nach der Hochzeit von Mr. und Mrs. Jackson gezwungen war, nach Australien zu gehen. Nach zwei Jahren kehrte er zurück und beanspruchte seine Braut, aber in der Zwischenzeit hatte sie eine wachsende Abneigung verspürt und war entschlossen, nicht mit ihm zu leben. Da sie ihn nicht einmal sehen wollte, entführte er sie mit Unterstützung von Freunden eines Tages, als sie aus der Kirche kam, und brachte sie in sein Haus, wo er sie unter Überwachung hielt, bis ihre Freunde ihn mit einem Habeas-Corpus-Befehl zwangen, sie vor Gericht zu bringen. Die populäre Vorstellung, „basierend auf dem Common Law von England“, war, dass der Ehemann dieses absolute Recht habe. Das untere Gericht hielt im Einklang mit dieser Vorstellung am Recht des Ehemanns fest und wies sie in seine Obhut zurück, aber die Freunde legten Berufung beim höheren Gericht ein und der Lordkanzler hob die Entscheidung auf.

In Bezug auf das so häufig beanspruchte Recht, das Ehemännern die Macht gibt, ihre Frauen zu ergreifen, einzusperren und zu züchtigen, sagte er: „Ich bin der Meinung, dass ein solches Recht gesetzlich nicht existiert. Ich bin der Meinung, dass ein solches Recht niemals gesetzlich existiert hat. Ich sage, dass kein englischer Untertan das Recht hat, einen anderen englischen Untertan einzusperren, ob es seine Frau ist oder nicht.“ Durch diese Entscheidung verließ die Ehefrau das Gericht als freie Frau. Die Verabschiedung des Married Women's Property Bill in England im Jahr 1882 war der erste Schlag gegen die alte Vorstellung der Coverture, die Ehefrauen ihre Eigentumsrechte gab, deren vollen Nutzen sie erst noch erkennen werden, wenn aufgeschlossenere Männer die Gesetze verwalten. Die Entscheidung des Lordkanzlers vom 18. März 1891, die die persönlichen Rechte verheirateter Frauen für verbindlich erklärte, ist ein noch bedeutenderer Schlag, insofern als die Rechte der Person heiliger sind als die Rechte des Eigentums.

Vor einhundert Jahren fällte Lord Chief Justice Mansfield sein berühmtes Urteil im Fall Somerset, „dass kein Sklave auf britischem Boden atmen könne“, und der Sklave verließ das Gericht als freier Mann. Die Entscheidung des Lordkanzlers im Fall Jackson ist weitaus wichtiger, folgenschwerer in ihren Konsequenzen, da sie nicht nur eine Rasse, sondern die Hälfte der gesamten menschlichen Familie betrifft. Von jedem Standpunkt aus ist dies die größte juristische Entscheidung des Jahrhunderts. Wie der große Oberste Richter des letzten Jahrhunderts erhebt sich der Lordkanzler mit einer klareren Sicht als seine Umgebung in eine reinere Atmosphäre des Denkens und rechtfertigt die ewigen Prinzipien der Gerechtigkeit und die Würde des britischen Rechts, indem er alle Gesetze, die Ehefrauen zu leibeigenen Sklavinnen ihrer Männer machen, für veraltet erklärt.

Wie lange wird es in unserer Republik dauern, bis ein Mann aufsteht, der groß genug ist, unsere nationale Verfassung so auszulegen, dass er erklärt, dass Frauen als Bürgerinnen der Vereinigten Staaten nicht von Gesetzen regiert werden können, an deren Entstehung sie keinen Anteil haben? Es sind nicht Verfassungszusätze oder Gesetze, die wir brauchen, sondern Richter am Obersten Gerichtshof, die sich bei der Entscheidung großer Fragen der Menschenrechte von den breiten Prinzipien der Gerechtigkeit leiten lassen statt von Präzedenzfällen. Ein interessantes Merkmal im Prozess des Falls Jackson war, dass sowohl Lady Coleridge als auch die Frau des Lordkanzlers auf der Richterbank saßen und offensichtlich sehr erfreut über die Entscheidung waren.

Es ist schwer zu erklären, dass, während Frauen aus den höchsten Klassen in England das tiefste Interesse an Politik und Gerichtsentscheidungen zeigen, amerikanische Frauen von Wohlstand und Stand völlig gleichgültig gegenüber allen öffentlichen Angelegenheiten sind. Während englische Frauen aktiv an Wahlen teilnehmen, Versammlungen abhalten und in ihren Wahlbezirken werben, sprechen hier selbst die Ehefrauen von Richtern, Gouverneuren und Senatoren nur mit gedämpfter Stimme über politische Bewegungen und scheinen das Gefühl zu haben, dass eine Kenntnis von Gesetzen und Verfassungen sie hoffnungslos entweiblichen würde.

Gegen Ende April fuhr ich mit meiner kleinen Enkelin und ihrem Kindermädchen nach Bournemouth, einem der reizvollsten Badeorte Englands. Wir hatten Zimmer im Cliff House mit Fenstern, die sich zum Balkon öffneten, von wo aus wir einen großartigen Blick auf die Bucht hatten und die Wellen am Ufer branden hören konnten. Während Nora den ganzen Tag mit ihrer Schaufel und ihrem Eimer im Sand spielte, Gräben grub und sie mit Wasser füllte, saß ich auf dem Balkon und las „Diana of the Crossways“ und Björnsons letzten Roman „Gottes Wege“, beide zutiefst interessant. Da alle Charaktere in letzterem ein trauriges Ende finden, konnte ich die Bedeutung des Titels nicht erkennen. Wenn sie auf Gottes Wegen wandelten, hätte ihr Lebensweg erfolgreich sein sollen.

Ich unternahm meinen ersten Ausflug entlang des Strandes in einem Krankenfahrstuhl. Diese Badestühle sind ein großes Merkmal in allen Badeorten Englands. Sie werden von einem Mann oder einem Esel gezogen. Den ersten Tag nahm ich einen Mann, einen alten Seemann, der unaufhörlich von seinen Abenteuern erzählte, alle fünf Minuten anhielt, um sich auszuruhen, all meine angenehmen Träumereien verscheuchte und sich zu einer unerträglichen Plage machte. Am nächsten Tag sagte ich dem Eigentümer, er solle mir einen Mann besorgen, der nicht die ganze Zeit redet. Der Mann, den er mir zur Verfügung stellte, trottete in absolutem Schweigen dahin; er beantwortete nicht einmal meine Fragen. Da ich annahm, er habe den Befehl, tiefes Schweigen zu bewahren, sagte ich nach ein oder zwei Versuchen nichts mehr. Als ich nach Hause zurückkehrte, fragte mich der Eigentümer, wie mir dieser Mann gefalle. „Ach!“, sagte ich, „er war in der Tat schweigsam und wollte nicht einmal eine Frage beantworten noch irgendwohin fahren, wohin ich es ihm sagte; dennoch mochte ich ihn lieber als den gesprächigen Mann.“ Er lachte herzlich und sagte: „Dieser Mann ist taubstumm. Ich dachte, ich gehe sicher, dass Sie sich nicht langweilen.“ Ich stimmte in das Lachen ein und sagte: „Nun, besorgen Sie mir morgen einen Mann, der hören, aber nicht sprechen kann, wenn Sie einen finden, der nach diesem Plan konstruiert ist.“

Bournemouth ist heute bemerkenswert als Grabstätte von Mary Wollstonecraft und den Shelleys. Ich ging, um das Denkmal zu sehen, das kürzlich zu ihrem Gedenken errichtet worden war. Auf einer Seite steht die folgende Inschrift: „William Godwin, Autor von ‚Political Justice‘, geboren am 3. März 1756, gestorben am 7. April 1836. Mary Wollstonecraft Godwin, Autorin von ‚Vindication of the Rights of Women‘, geboren am 27. April 1759, gestorben am 10. September 1797.“ Diese sterblichen Überreste wurden 1851 vom Kirchhof von St. Pancras, London, hierher gebracht. Auf der anderen Seite befinden sich die folgenden Inschriften: „Mary Wollstonecraft Godwin, Tochter von William Godwin und Witwe des verstorbenen Percy Bysshe Shelley, geboren am 30. August 1797, gestorben am 1. Februar 1851. Percy Florence Shelley, Sohn von Percy Shelley und Mary Wollstonecraft, dritter Baronet, geboren am 12. November 1819, gestorben am 5. Dezember 1889.“ In der Christ Church, sechs Meilen von Bournemouth entfernt, befindet sich ein Flachrelief zum Gedenken an den großen Dichter. Er wird dargestellt, triefend vor Seetang, in den Armen des Todesengels.

Als ich stundenlang auf meinem Balkon saß, las und an die Shelleys dachte, die wechselnden Farben der Wolken und die schöne Bucht beobachtete und dem traurigen Monoton der Wellen lauschte, kamen mir diese süßen Zeilen von Whittier in den Sinn:

„Die Wellen knien am Ufer nieder, Wie sich das Menschenknie beugt – Die weißen Locken neigen sich zum Sande, Die Priesterschaft des Meeres!

Der blaue Himmel ist des Tempels Bogen, Sein Querschiff Erde und Luft, Die Musik seines sternenklaren Marsches Der Chor eines Gebets.“

Amerikanische Briefe während dieses Auslandsaufenthalts berichteten von vielen Verlusten, einer nach dem anderen, aus unserem Familienkreis; neun gingen innerhalb von zwei Jahren von uns. Die letzte war meine Schwester Mrs. Bayard, die im Mai 1891 starb. Sie war die Älteste unserer Familie und war immer eine zweite Mutter für ihre jüngeren Schwestern gewesen, und ihr Haus unser zweites Zuhause.

Ende Juni kamen die Frau und die Tochter meines Sohnes Theodore aus Frankreich herüber, um einen Monat bei uns zu verbringen. Lisette und Nora, etwa gleich groß, spielten und stritten sich höchst amüsant miteinander. Sie verbrachten ihre Vormittage im Kindergarten und die Nachmittage mit ihrem Pony, aber an regnerischen Tagen wurde ich in ihren Dienst gepresst, um Puppen anzuziehen und Geschichten zu erzählen. Ich hatte die Genugtuung zu hören, dass ihre Puppen noch nie so hübsch angezogen waren und dass meine Geschichten besser waren als alle in den Büchern. Da ich mir die wunderbaren Schauermärchen ausdachte, während ich sprach, wurde ich oft sehr müde, und manchmal, wenn ich die kleinen Füße kommen hörte, versteckte ich mich, aber sie suchten, bis sie mich fanden. Als mein jüngster Sohn zehn Jahre alt war und selbst lesen konnte, graduierte ich im Geschichtenerzählen, nachdem ich einundzwanzig Jahre lang auf diesem Gebiet geübt hatte. Ich schwor, dass ich in dieser Richtung keinen Atem mehr verschwenden würde, aber das eifrige Gesicht eines Kindes, das um Geschichten bittet, ist zu viel für mich, und mein Schwur wurde oft gebrochen. Die ganze Zeit, die ich in England war, beanspruchte Nora die Dämmerungsstunde, und in Frankreich war Lisette ebenso hartnäckig. Wenn Victor Hugo müde wurde, seinen Enkeln Geschichten zu erzählen, schloss er mit der Geschichte eines alten Herrn, der nach einigen interessanten Erlebnissen seine Abendzeitung nahm und anfing, laut vorzulesen. Die Kinder hörten ein paar Momente zu und schlichen dann einer nach dem anderen aus dem Zimmer. Longfellows alter Herr streckte sich nach vielen aufregenden Szenen in seinem Leben gewöhnlich auf dem Diwan aus und täuschte Schlaf vor. Aber Großmüttern ist es nicht erlaubt, sich mit solchen Geräten zu schützen; von ihnen wird verlangt, dass sie weiterspinnen, bis die Schlafenszeit wirklich gekommen ist.

Am 16. Juli, einem der heißesten Tage der Saison, kamen Mrs. Jacob Bright und Tochter, Herbert Burroughs und Mrs. Parkhurst aus London herunter, und wir saßen draußen, nahmen unser Mittagessen unter den Bäumen ein und diskutierten über Theosophie. Später im Monat fuhren Hattie und ich nach Yorkshire, um Mr. und Mrs. Scatcherd in Morley Hall zu besuchen, und verbrachten dort mehrere Tage. Wir hatten eine langwierige Diskussion über persönliche Rechte. Die eine Seite war gegen jegliche staatliche Einmischung, wie etwa Schulpflicht und den Schutz von Kindern vor grausamen Eltern; die andere Seite war für staatliche Einmischung, die das Individuum beim Genuss von Leben, Freiheit und Glück schützte. Ich nahm die letztere Position ein. Viele Eltern sind nicht geeignet, die Kontrolle über Kinder zu haben, daher sollte der Staat dafür sorgen, dass sie untergebracht, ernährt, gekleidet und ausgebildet werden. Es ist weitaus besser für den Staat, seine Kinder von Anfang an zu guten Bürgern zu machen, als am Ende gezwungen zu sein, sich als Kriminelle um sie zu kümmern.

Während wir im Norden Englands waren, verbrachten wir einige Tage in Howard Castle, dem Sommersitz von Lord und Lady Carlisle und ihren zehn Kindern. Eine so große Familie in den höheren Kreisen ist ungewöhnlich. Da ich Lord und Lady Amberley in Amerika gekannt hatte, als sie 1867 dieses Land besuchten, genoss ich es, andere Mitglieder ihrer Familie kennenzulernen. Lady Carlisle befürwortet das Frauenstimmrecht und spricht häufig öffentlich. Sie ist eine Frau von großer Charakterstärke und sehr großzügigen Impulsen. Sie versucht, ihre Pflicht zu tun, indem sie die guten Dinge des Lebens mit den Bedürftigen teilt. Die Armen aus der Umgebung haben oft Picknicks in ihrem Park, und eine große Anzahl von Kindern aus Industriestädten verbringt auf ihre Kosten Wochen bei ihren Häuschen-Mietern. Lord Carlisle ist Künstler und Gelehrter. Da er ein poetisches Temperament hat und in all seinen Geschmäckern ästhetisch ist, ist Lady Carlisle die Geschäftsführerin des Anwesens. Sie ist eine praktische Frau mit immenser administrativer Fähigkeit. Das Schloss mit seinem geräumigen Speisesaal und den Salons, mit seiner Kapelle, der Bibliothek, den Gemälde- und Statuengalerien, seinem schönen Ausblick, den weitläufigen Gärten und Rasenflächen war einen Besuch wert. Wir haben unseren Besuch sehr genossen und jedes erdenkliche Thema diskutiert.

Als wir nach Basingstoke zurückkehrten, hatten wir einen Besuch von Mrs. Cobb, der Frau eines Parlamentsabgeordneten und Schwägerin von Karl Pearson, dessen Vorlesungen über die Frau ich so sehr genossen hatte. Durch das Lesen seines Werkes „The Ethic of Free Thought“ machte das Matriarchat einen so tiefen Eindruck auf meinen Geist und bewegte mich dazu, eine Abhandlung über das Thema zu schreiben. Leute, die zu diesem Punkt weder gelesen noch nachgedacht haben, bezweifeln die Tatsachen, wie sie von Bachofen, Morgan und Wilkeson dargelegt wurden; aber ihre Wahrheit, so denke ich, kann nicht bezweifelt werden. Sie erscheinen so natürlich in der Kette des logischen Denkens und im Fortschritt der menschlichen Entwicklung. Mrs. Cobb tat einige Tage vor ihrem Besuch bei uns etwas sehr Gutes. Bei einer großen Versammlung, die einberufen wurde, um Mr. Cobbs Wahl zu fördern, sprach John Morley. Er sagte nicht einmal „Meine Damen und Herren“ zu Beginn, noch machte er den geringsten Hinweis auf die Existenz solcher Wesen wie Frauen. Als er fertig war, erhob sich Mrs. Cobb unter großem Jubel und kritisierte seine Rede, wobei sie einige Zitate aus seinen früheren Reden sehr liberaler Art anführte. Das Publikum lachte und jubelte und genoss den Verweis voll und ganz. Am nächsten Tag in seiner Rede erinnerte er sich an seine Landsfrauen und sagte beim Aufstehen: „Meine Damen und Herren.“

Während des August 1891 war ich damit beschäftigt, mich auf meine Seereise vorzubereiten, da ich am 23. August auf der Ems segeln sollte. Obwohl ich in den vorangegangenen zehn Jahren den Ozean sechsmal überquert hatte, fürchtete ich die Reise mehr, als Worte beschreiben können. Die letzten Tage waren voller Traurigkeit beim Abschied von denen, die mir in fremden Ländern so teuer waren – besonders von diesen lockenköpfigen kleinen Mädchen, so aufgeweckt, so hübsch, so gewinnend in all ihrem Wesen. Hattie und Theodore begleiteten mich von Southampton auf dem kleinen Schlepper zum großen Schiff Ems. Es war sehr schwer für uns, das letzte Lebewohl zu sagen, aber wir versuchten alle, so mutig wie möglich zu sein.

Wir hatten eine raue Überfahrt, aber ich war keinen Moment seekrank. Ich war früh am Morgen auf und angezogen und an Deck, wann immer das Wetter es erlaubte. Ich machte viele angenehme Bekanntschaften, mit denen ich Schach und Whist spielte; schrieb Briefe an alle meine Freunde im Ausland, bereit zum Abschicken bei der Landung; las „The Egoist“ von George Meredith und Ibsens Stücke in der Übersetzung meiner Freundin Frances Lord. Ich hatte meine eigene private Stewardess, eine nette deutsche Frau, die Englisch sprechen konnte. Sie gab mir die meisten meiner Mahlzeiten an Deck oder im Damensalon, und nachts öffnete sie das Bullauge zwei- oder dreimal und lüftete unsere Kabine; das machte die Nächte erträglich. Am letzten Abend vor der Landung veranstalteten wir eine Unterhaltung mit Liedern, Rezitationen, Lesungen und Reden. Ich wurde eingeladen, den Vorsitz zu führen und die verschiedenen Darsteller anzukündigen. Wir erreichten Sandy Hook am Abend des 29. August und lagen dort die ganze Nacht, und am nächsten Morgen segelten wir in unseren wunderschönen Hafen, der in den Strahlen der aufgehenden Sonne glänzte.

Da ich das Glück hatte, Kinder in beiden Hemisphären zu haben, fand ich auch hier einen Sohn und eine Tochter vor, die darauf warteten, mich in meiner Heimat willkommen zu heißen. Unsere Hauptaufgabe bestand viele Wochen lang darin, eine einladende Wohnung zu suchen, in der meine Tochter, Mrs. Stanton Lawrence, mein jüngster Sohn Bob und ich unseren Familienaltar aufstellen und gemeinsam unseren neuen Lebenspsalm singen konnten. Nach langem, mühsamem Suchen fanden wir eine Wohnung. Da ich immer in einem großen Haus auf dem Land gelebt hatte, erschienen mir die Räumlichkeiten anfangs recht beengt, doch bald erkannte ich die enorme Ersparnis an Arbeit und Kosten, wenn man nicht mehr Platz hatte, als unbedingt notwendig war, und alles auf einer Ebene lag. Vom Erdgeschoss in einer halben Minute mit einem Aufzug in die Wohnung befördert zu werden, alle Lebensmittel und Brennstoffe durch einen Lastenaufzug im hinteren Bereich in die Küche geliefert zu bekommen und die Räume ohne eigenes Zutun beheizt zu wissen, erschien mir wie die Verwirklichung eines Märchentraums. Mit einem weiten Blick auf den Himmel über mir, den Park und den Boulevard darunter hatte ich ein Gefühl von Freiheit und – dank der kurzen Treppe zum Dach (ein leichter Fluchtweg bei Feuer) – auch von Sicherheit.

Kaum war ich in meinem Adlerhorst fest eingerichtet, wurde ich von Rochester aus von meiner Freundin Miss Anthony gerufen, um einen Termin wahrzunehmen, den sie für mich mit Miss Adelaide Johnson vereinbart hatte, der Künstlerin aus Washington, die Miss Anthony und mich für die Weltausstellung in Marmor verewigen sollte. Ich fand meine Freundin sittsam im Schaukelstuhl ihrer Mutter sitzend, wie sie Tischwäsche und Handtücher für ihr neues Heim säumte, dann wieder mit Metzgern, Bäckern und Lebensmittelhändlern feilschte, Kuchen und Puddings backte und mit Begeisterung von schmackhaften Gerichten und der Schönheit verschiedener Einrichtungsgegenstände sprach, die ihr verschiedene Freunde geschenkt hatten. Alles, was einen an den „Napoleon der Frauenstimmrechtsbewegung“ erinnern konnte, war ein großer Sekretär, bedeckt mit Dokumenten im üblichen Zustand der Unordnung – Miss Anthony konnte ihre Papiere einfach nie in Ordnung halten. Auf der Suche nach einem bestimmten Dokument durchwühlt sie jede Schublade und jedes Fach, obwohl das kleine Spinnrad ihrer Mutter direkt neben ihrem Schreibtisch steht, eine ständige Mahnung an alle häuslichen Tugenden der guten Hausfrau, für die „Ordnung“ von größter Wichtigkeit und „des Himmels erstes Gesetz“ ist. Das Haus war überaus sauber und ordentlich, das Essen appetitlich, die Unterhaltung angenehm und lehrreich und die Atmosphäre herzlich.

Ein Zimmer im angrenzenden Haus war für Miss Johnson und mich reserviert, wo uns ein stabiler Sockel und eine riesige Tonmasse begrüßten. Und dort beobachtete ich fast einen Monat lang die Verwandlung dieses Tons in menschliche Proportionen und Ausdrücke, bis er allmählich die vertrauten Gesichtszüge annahm, die einem selbst so lieb sind. Da ich jeden Tag vier oder fünf Stunden dort saß, wurde ich oft sehr schläfrig, also arrangierte meine Künstlerin eine Reihe kleiner Nickerchen. Wenn sie sah, dass die Krise nahte, sagte sie: „Ich werde jetzt eine Zeit lang am Ohr, an der Nase oder am Haar arbeiten, denn Sie müssen hellwach sein, wenn ich versuche, den Ausdruck einzufangen.“ Ich belohnte sie für ihre Geduld und Nachsicht, indem ich, sobald ich wach war, den intelligentesten und strahlendsten Ausdruck hervorzauberte, dessen ich fähig war. Da Miss Johnson eine bezaubernde, kultivierte Frau mit liberalen Ideen und glänzender Konversationsgabe ist, entlockte sie mir leicht alles, was das Beste in mir war.

Bevor ich Rochester verließ, gaben Miss Anthony und ihre Schwester Mary mir zu Ehren einen Empfang in ihrem Haus. Da einige Professoren und Kuratoren der Universität Rochester anwesend waren, wurde die Frage der Koedukation frei diskutiert, und die Autoritäten wurden gedrängt, die Tore der Universität für die Töchter des Volkes zu öffnen. Es war einigermaßen erschütternd, diese prächtigen Gebäude und Anlagen zu betrachten, während jedes Mädchen in dieser Stadt für eine höhere Bildung ins Ausland gehen musste. Die Ehefrau von Präsident Hill von der Universität hatte ihm gerade Zwillinge geschenkt, ein Mädchen und einen Jungen, und er bemerkte scherzhaft, „wenn der Schöpfer es wagen könne, die Geschlechter in solch enge Beziehungen zu bringen, dann könnten sie seiner Meinung nach auch gefahrlos auf demselben Campus spazieren gehen und denselben Lehrplan verfolgen.“

Miss Anthony und ich fuhren am nächsten Tag nach Geneva, um Mrs. Miller zu besuchen und uns nach Vereinbarung mit Mrs. Eliza Osborne zu treffen, der Nichte von Lucretia Mott und ältesten Tochter von Martha C. Wright. Wir hatten ein fröhliches Treffen erwartet, aber Miss Anthony und ich waren so müde, dass wir zweifellos albern wirkten. In einem Brief an Mrs. Miller fragte Mrs. Osborne später, warum ich „so feierlich“ gewesen sei. Da ich darauf stolz bin, unempfindlich gegen Müdigkeit oder Krankheit zu sein, konnte ich mir keine Schwäche eingestehen, also drehte ich den Spieß in folgendem Brief um:

„New York, 26 West 61st Street,

12. November 1891.

„Liebe Eliza:

„In einem kürzlichen Brief an Mrs. Miller erwähnen Sie mit Blick auf die Zeit, als wir uns zuletzt trafen: ‚Warum war Mrs. Stanton so feierlich?‘, worauf ich antworte: Seit ein alter deutscher Kaiser ein Edikt erließ, das allen Frauen unter seiner Flagge befahl, beim Gehen auf der Landstraße, beim Verkauf von Äpfeln auf dem Marktplatz oder beim Sitzen in den Parks zu stricken, weil ‚die Hände der Frauen beschäftigt sein müssen, um sie von Dummheiten fernzuhalten‘, seit ich das gelesen habe, fühle ich mich ‚feierlich‘, wann immer ich Töchter unserer großen Republik stricken, klöppeln, sticken oder mit einer der zehntausend digitalen Absurditäten beschäftigt sehe, die das Leben der Töchter Evas in so großem Maße ausfüllen.

„In Erwartung von geistreichem Witz, philosophischen Forschungen, historischen Traditionen, wissenschaftlichen Entdeckungen, astronomischen Erkundungen, den Geheimnissen der Theosophie, Handlesekunst, Mentalwissenschaft, den Enthüllungen der unbekannten Welt, in der sich Engel und Teufel versammeln, in Erwartung von Diskussionen über all diese großartigen Themen, beim Treffen mit der ältesten Tochter von David und Martha Wright, der Nichte von Lucretia Mott, der Schwägerin von William Lloyd Garrison, einer königlich aussehenden Frau von fünf Fuß acht Zoll Größe und wohlproportioniert, mit herrlichen schwarzen Augen, die selbst in Kraft und Pathos denen von De Staël nacheifern, kann man sich leicht die Enttäuschung vorstellen, die ich erlebte, als eine solche Frau einen baumwollenen Waschlappen aus ihrer Tasche zog und sogleich mit gesenktem Kopf zu stricken begann. Indem sie ihre Augen auf einen Quadratfuß Stoff fixierte und ihre Gedanken darauf konzentrierte, war es unmöglich, dass die Konversation über das Niveau eines Waschlappens hinausstieg! Es reichte aus, um den ältesten Optimisten ‚feierlich‘ zu stimmen, solch ein Wrack herrlicher Weiblichkeit zu sehen.

„Und noch schlimmer: Sie strickte nicht nur stundenlang ununterbrochen, sondern sie spendete auch die süßesten Worte der Ermutigung einem jungen Mädchen von der Pazifikküste, das Rosenknospen auf einen anderen Lappen stickte – genau jenes Mädchen, das ich aus dem Mahlstrom der Stickerei zu retten versucht hatte, indem ich ihr die unsagbare Torheit aufzeigte, ihre Sehnerven für solch niedere Zwecke zu opfern, wo sie doch vom Schöpfer dazu bestimmt waren, die Planetenwelt zu erforschen, mit Seekarte und Kompass mächtige Schiffe über das Meer zu leiten, die Söhne Adams mit göttlicher Liebe von der Erde in den Himmel zu führen. Denken Sie daran, dass die großen, flehenden Sehnerven und Muskeln, mit denen wir unsere Bewunderung für alles Gute und Herrliche auf Erden und im Himmel ausdrücken, auf einen Baumwollwaschlappen konzentriert werden! Wer kann sich da wundern, dass ich an jenem Tag ‚feierlich‘ war! Ich protestierte an Ort und Stelle qualvoll, aber es verhallte ungehört, und mit zufriedenem Spott strickte Eliza weiter, und die junge Kalifornierin fuhr fort, die Rosenknospen zu machen. Ich starrte ins Leere und weinte, als ich allein war, um meine degenerierte Landsfrau. Ich war an jenem Tag nicht nur ‚feierlich‘, sondern ich bin zutiefst ‚feierlich‘, wann immer ich an diese königliche Frau und jenen Baumwollwaschlappen denke. (Man kann ein ganzes Dutzend dieser nützlichen Gebrauchsgegenstände mit rotem Rand und Fransen für fünfundzwanzig Cents kaufen.) Oh, Eliza, ich beschwöre dich, stricke nicht mehr!

„In Zuneigung,

„Elizabeth Cady Stanton.“

Darauf schickte Mrs. Osborne folgende Antwort:

„Liebe Mrs. Stanton:

„Über Ihr Glossen-Stück, Gegen die Schwesternschaft, die strickt, Oder ihre Finger nützlich macht, Frag ich mich – leugnen Sie es nicht – Ob in Ihrer Erinnerung wohl noch licht Die Art der Lucretia Mott erwacht!

„In rückschauendem, hellem Sinn, Fällt Ihnen liebe Martha Wright nicht in, Ohne ihr Werk oder Stricken? Die Nadeln fliegend in ihrer Hand, An Waschlappen oder Babyband, Oder anderem, passenden Sticken?

„Ich kann nicht glauben, dass sie weniger dachten, Oder der Gesellschaft keine Freude brachten Mit der Unterhaltung Schätzen, Weil sie so die Zeit genutzt, Und nie als Verbrechen es geschätzt, Die Stunden mit Maschen zu ergänzen.

„Sie pflegten gar zu predigen und planen, Die Mode zu verbreiten, dass auch Mann Hätte diese Befriedigung; Statt untätig wie Männer zu sein, Mit nervös-tastenden Fingern allein, Warum nicht Gespräch mit Handlung verbinden?

„Doch als Tochter und Nichte, bin ich stolz Auf jedes Stück, aus Handarbeits-Holz, Das durch mich ist entstanden; Während ich schwelge im sozialen Plausch, Oder lausche dem Klatsch, im Rausch, Bleibt mein Gewinn in den Händen.

„Jener deutsche Kaiser, den Sie verachten, Scheint mir ein Monarch, nach meinen Gedanken, Wert, eine Kolonne zu führen; Ich wette, er konnte arbeiten und sprechen, Und, da keiner sich pflegte zu brechen, War er selten feierlich in seinem Gebaren.

„Ich könnte noch mehr sagen zu diesem Punkt, Doch muss, bevor die Nacht mir winkt, Ihre müßigen Lehren verspotten, Hole Nadel und Garn nun hervor, Und pfeife auf den Schaden, im Chor, Und stricke zu Ende den Strumpf, den flotten.“

KAPITEL XXVII.

SECHZIGSTES JUBILÄUM DER KLASSE VON 1832 – DIE FRAUENBIBEL.

Ich kehrte von Geneva nach New York City zurück, rechtzeitig, um meinen sechsundsiebzigsten Geburtstag mit meinen Kindern zu feiern. Ich war die letzten zwanzig Jahre ständig in Frankreich, England und meinem eigenen Land unterwegs gewesen, hatte so viele Freunde und Korrespondenten und dringende Einladungen, in Clubs und auf Konventionen zu sprechen, dass ich nun beschloss, ein neues Blatt aufzuschlagen und mich in einem Lehnstuhl auszuruhen. Doch eine solch vollständige Veränderung im Leben ließ sich nicht leicht bewerkstelligen. Trotz meines Entschlusses, in Zurückgezogenheit zu leben, ließen meine Tochter und ich uns dazu überreden, dem Botta Club beizutreten, der sich einmal im Monat abwechselnd in den Wohnsitzen von Mrs. Moncure D. Conway und Mrs. Abby Sage Richardson treffen sollte. Obwohl er aus Damen und Herren bestand, erwies er sich als langweilig und wenig gewinnbringend. Da das Thema der Diskussion erst bei jedem Treffen bekannt gegeben wurde, war niemand mit einem wohl durchdachten Gedankengang vorbereitet. Es wurde auch beschlossen, alle Fragen zu vermeiden, bei denen es gravierende Meinungsverschiedenheiten geben könnte. Diese negative Haltung erinnerte mich an ein Buch über Etikette, das ich in meinen jungen Jahren gelesen hatte, in dem Männer gewarnt wurden: „Diskutieren Sie in Anwesenheit von Damen weder Politik, Religion noch soziale Pflichten, sondern beschränken Sie sich auf Kunst, Poesie und abstrakte Fragen, die Frauen nicht verstehen können. Je weniger sie von einem Thema wissen, desto respektvoller werden sie zuhören.“ Dieser Club wurde zu Ehren von Mrs. Botta benannt, ehemals Miss Anne Lynch, deren Salon viele Jahre lang das soziale Zentrum der Literaten von New York war.

Am 16. Januar 1892 hielten wir die jährliche Stimmrechtskonvention in Washington ab und hatten, wie üblich, eine Anhörung vor dem Kongressausschuss. Meine Rede über die „Einsamkeit des Selbst“ wurde gut aufgenommen und im Congressional Record veröffentlicht. Die Woman's Tribune druckte viele Hunderte Exemplare nach, und sie wurde weithin verbreitet.

Trotz meines Entschlusses, mich auszuruhen, sprach ich vor vielen Clubs, schrieb Artikel für Zeitungen und Zeitschriften sowie zwei wichtige Flugblätter, eines über „Straßenreinigung“, ein anderes über die „Sonntagsöffnung der Chicagoer Weltausstellung“. Da der Sonntag der einzige Tag war, an dem die Massen diesen prächtigen Schauplatz mit seinem großen See, dem weitläufigen Park, den künstlichen Kanälen und den schönen Gebäuden besuchen konnten, setzte ich mich nachdrücklich dafür ein, ihn an diesem Tag geöffnet zu lassen. Hunderttausend religiöse Fanatiker forderten den Kongress auf, keine Mittel für diese großartige Ausstellung zu bewilligen, es sei denn, die Veranstalter verpflichteten sich, die Tore am Sonntag zu schließen und diese Vision von Schönheit vor den einfachen Leuten zu verbergen. Glücklicherweise überwog diesmal der Sinn für Gerechtigkeit den religiösen Fanatismus. Ich schickte meine Flugblätter an jedes Mitglied des Kongresses und der einzelstaatlichen Parlamente sowie an die Veranstalter der Ausstellung und machte es bei jeder Gelegenheit zum Gesprächsthema. Der Park und Teile der Ausstellung blieben sonntags geöffnet, aber einige der Maschinen wurden als Zugeständnis an enge christliche Sekten gestoppt.

Im Juni 1892 nahm ich auf eindringliches Bitten von Mrs. Russell Sage an der Einweihung des Gurley Memorial Building teil, das dem Emma Willard Seminary in Troy, New York, gestiftet wurde, und hielt die folgende Ansprache:

„MRS. PRÄSIDENTIN, MITGLIEDER DER ALUMNAE:

„Es ist genau sechzig Jahre her, seit die Klasse von ’32, der ich angehörte, in diesem selben Raum eine Abschlussfeier feierte. Dies war das große Ereignis der Saison für viele Familien im ganzen Staat. Eltern kamen aus allen Himmelsrichtungen; die Elite von Troy und Albany versammelte sich hier. Schulleiter anderer Schulen, angesehene Gesetzgeber und Geistliche kamen alle, um Mädchen lateinische Verse skandieren, Probleme in Euklid lösen und ihre eigenen Aufsätze in einer bunten Versammlung vorlesen zu hören. Eine lange Reihe von Lehrern wartete ängstlich auf den Aufruf ihrer Klassen, und über allem thronte unsere königliche Madame Willard mit herrschaftlicher Anmut und Würde. Zweihundert Mädchen in festlicher Kleidung, weißen Kleidern, leuchtenden Schärpen und Korallenschmuck, mit ihrem lockigen Haar, den rosigen Wangen und funkelnden Augen, huschten hin und her, manche froh, dass sie ihre Prüfung bestanden hatten, manche noch auf Zehenspitzen der Erwartung, manche lachend, manche in Tränen – alles in allem ein wunderschönes und interessantes Bild.

„Konservative glaubten damals wie heute, dass das Ergebnis der höheren Bildung von Mädchen ihre Zartheit und Kultiviertheit zerstören würde. Da die Absolventinnen des Troy Seminary jedoch im späteren Leben nie durch einen Mangel an diesen weiblichen Tugenden auffielen, akzeptierten selbst die Ängstlichsten allmählich die Situation und vertrauten ihre Töchter Mrs. Willard an. Doch diese edle Frau ertrug lange Zeit denselben Spott und dieselbe Verfolgung, wie sie Frauen heute erfahren, die einen Schritt vorwärts auf dem Marsch des Fortschritts machen.

„Ich sehe um mich herum keine der vertrauten Gesichter, die meine Ankunft begrüßten oder beim Abschied Lebewohl sagten. Ich weiß nicht, ob noch eine meiner Klassenkameradinnen lebt. Die Freundschaft mit denen, die ich am besten kannte und liebte, währte nur wenige Jahre, dann trennten sich unsere Lebenswege. Ich wüsste nicht, wo ich heute eine finden könnte, und selbst wenn, würden unsere Ansichten wahrscheinlich in jeder Hinsicht voneinander abweichen, da ich in Breitengrade gewandert bin, die jenseits der vorgeschriebenen Sphäre der Frauen liegen. Ich nehme an, bei vielen von Ihnen ist es ähnlich – die vertrauten Gesichter sind alle fort, fort in das Land der Schatten, und ich hoffe auch des Sonnenscheins, wohin wir bald folgen werden. Und doch, obwohl wir, die wir übrig geblieben sind, Fremde füreinander sind, haben wir dieselben Erinnerungen an die Vergangenheit, an denselben Typ von schelmischen Mädchen und gesetzten Lehrern, wenn auch mit anderen Namen. Dieselben langen, kahlen Flure und Treppen, die Unterrichtsräume mit denselben alten Tafeln und Kreidestücken, die, wie ich annehme, Generation um Generation aus derselben Grube stammten; das Esszimmer mit seinen Säulen, die unangenehm nah an einigen Tischen standen, mit seinem dicken, weißen Geschirr und den Messern mit schwarzem Griff, und Speisen, die uns nie schmeckten, weil wir, fürwahr, Kisten mit Leckereien von zu Hause hatten oder beim Bäcker oder Konditor draußen Kuchen, Kokosnussgebäck, Süßigkeiten und Kaugummi gekauft hatten, alles verboten, aber das trug nur zum Genuss bei. Dort waren auch die Musikzimmer mit ihren alten, gebrauchten Klavieren, einige mit klappernden Tasten und blechernem Klang, auf denen wir eine Stunde lang unsere Tonleitern und Übungen spielen sollten, obwohl wir oft heimlich den ‚Russischen Marsch‘, ‚Napoleon überschreitet den Rhein‘ oder unsere nationalen Weisen spielten, woraufhin Mr. Powell, unser Musiklehrer, ein anmaßender Engländer, ebenso heimlich die Tür öffnete und mit strenger Stimme sagte: ‚Bitte üben Sie die Lektion, die ich Ihnen gerade gegeben habe!‘

„Unsere größte Freude war es, die Regeln zu brechen, aber wir wollten nicht dabei erwischt werden. Da es uns untersagt war, während der Lernstunden mit unseren Nachbarn zu sprechen, kletterte ich häufig auf meine Kommode, um durch ein Rohrloch mit einer Tochter von Richter Howell aus Canandaigua zu sprechen. Wir trafen uns oft später, lachten und sprachen über die alten Tage und bewahrten unsere Freundschaft bis zu ihrem Tod. Einmal, als ich mit Harriet Hudson, einer Schwester von Mrs. John Willard, auf einem Zimmer wohnte, wurde ich zu einer sehr eigenwilligen Tat bewegt. Miss Theresa Lee hatte zur Nachtruhe geläutet und ihre Runden gedreht, wie üblich, um zu sehen, ob die Lichter aus und alles still war, als ich aus meiner Tür spähte und, die Glocke oben an der Treppe in der Nähe sehend, ihr einen Tritt versetzte, woraufhin sie polternd und läutend nach unten rollte. Die Flure waren augenblicklich mit Lehrern und Schülern gefüllt, alle in weißen Gewändern, die fragten, was los sei. Harriet und ich rannten herum und befragten die anderen, und was für einen Spaß wir hatten, heiter-wolkig, Trepp auf, Trepp ab, in den Zimmern der anderen, die Betten auseinandernehmend, die Kleider der Mädchen von einem Zimmer ins andere vertauschend, usw. Die Flurlampen, die schwach brannten, gaben uns gerade genug Licht für alle Arten von Plünderungen, ohne erkannt zu werden, daher die grenzenlose Freiheit, die wir alle für Unfug empfanden. In unserem gesamten Seminarverlauf – und ich war fast drei Jahre dort – hatten wir nie wieder so einen Spaß wie in jener Nacht. Es brauchte alle Lehrer, um die Ordnung wiederherzustellen und uns für die Nacht zu beruhigen. Harriet und mir wurde nie der Verdacht auf irgendwelche Unregelmäßigkeiten angehängt. Unsere schulischen Leistungen waren gut, daher wurde angenommen, dass wir alle Moralvorstellungen widerspiegelten.

„Obwohl wir Fremde sind, haben wir ein verbindendes Band in all diesen Erinnerungen, an unsere aufgeweckten Gefährtinnen, unsere guten Lehrer, die uns durch die Fallstricke von Logik, Rhetorik, Philosophie und Naturwissenschaften führten, und an die edle Frau, die die Institution gründete und deren selbstlose Hingabe an die Sache der Bildung wir hier feiern. Der Name Emma Willard ist uns allen teuer; sie zu kennen hieß, sie zu lieben und zu verehren. Sie war nicht nur gut und begabt, sondern sie war auch eine wunderschöne Frau. Sie hatte eine fein entwickelte Figur, einen wohlgeformten Kopf, klassische Gesichtszüge, überaus umgängliche Manieren und einen tiefen Selbstrespekt (eine seltene Eigenschaft bei Frauen), der ihr in jeder Position eine wahrhaft königliche Würde verlieh. Auf Reisen in der Alten Welt wurde sie überall als eine bedeutende Persönlichkeit wahrgenommen. Und all diese Gaben widmete sie dem ernsthaften Ziel ihres Lebens, der höheren Bildung von Frauen.

„Bei der Eröffnung dieses Seminars konnte sie keine jungen Frauen finden, die in der Lage waren, die höheren Fächer zu unterrichten, daher war ihre erste Notwendigkeit, sich selbst auszubilden. Amos B. Eaton, der hier in Troy Leiter der Rensselaer Polytechnic School für Jungen war, erzählte mir, Mrs. Willard habe bei ihm jedes Fach studiert, das er zu unterrichten imstande war, und gleichzeitig ein Korps von Lehrern und regulären Schülern ausgebildet. Sie nahm jeden Abend Unterricht beim Professor, wenn er Zeit hatte, und studierte die halbe Nacht hindurch die Fächer, die sie am nächsten Tag unterrichten sollte, um so ihren Klassen einen Schritt voraus zu sein. Ihr intensiver Ernst und ihr geistiger Griff, die Leichtigkeit, mit der sie von einem Thema zum anderen wechselte, und ihr beibehaltendes Gedächtnis für jede Regel und jeden Fakt, den er ihr gab, waren für den Professor eine ständige Überraschung.

„Ihren gesamten Urlaub widmete sie der Ausbildung von Lehrern. Sie war die Erste, die das Normalschulsystem vorschlug. In Erinnerung an ihr tiefes Interesse an der Bildung von Frauen können wir sie auf keine würdigere Weise ehren, als ihr besonderes Lebenswerk fortzuführen. Wenn wir uns heute hier die vielen gebildeten Frauen ansehen und versuchen abzuschätzen, was jede in ihrem eigenen Wirkungskreis getan hat, die gegründeten Schulen, die ausgesandten Lehrer, die Inspiration, die Mädchen im Allgemeinen durch die lange Kette von Einflüssen zuteilwurde, die von unserer Alma Mater ausging, können wir uns ein vages Bild von den bedeutsamen und weitreichenden Folgen von Emma Willards Leben machen. Wir haben nicht ihre Schwierigkeiten zu überwinden, ihre Prüfungen zu ertragen, aber die zwingende Pflicht ist jeder von uns auferlegt, das Werk zu vollenden, das sie so erfolgreich begann. Schulen und Hochschulen eines hohen Niveaus stehen Frauen heute überall offen, die öffentliche Meinung heißt sie in jeder Karriere willkommen, die sie sich wünschen, und unsere Arbeit ist es, würdigen Mädchen, die um eine höhere Bildung ringen, durch die Gründung von Stipendien in erstrebenswerten Institutionen in jedem Staat der Union zu helfen. Der passendste Tribut, den wir Emma Willard zollen können, ist es, bei der Schaffung einer Generation von gründlich gebildeten Frauen mitzuwirken.“

Es gibt zwei Arten von Stipendien, die gleichermaßen erstrebenswert sind: ein dauerhaftes, bei dem die Zinsen eines Fonds Jahr für Jahr eine Reihe von Studenten unterstützen, und ein vorübergehendes, um einem würdigen Individuum zu helfen, so wie es ihr Bedarf erfordert. Jemand hat vorgeschlagen, dass diese Vereinigung jungen Mädchen bei ihrer Grundschulbildung helfen sollte. Da unsere öffentlichen Schulen jedoch alle Vorteile für eine gründliche Ausbildung in den Grundlagen des Lernens besitzen und für alle kostenlos sind, sollten unsere Stipendien denjenigen zuteilwerden, deren Fähigkeiten und Ernsthaftigkeit in der Grundstufe unter Beweis gestellt wurden und deren Eignung für eine höhere Bildung vollständig erwiesen ist.

Dies ist die beste Arbeit, die wohlhabende Frauen leisten können, und ich hoffe, dass sie in Zukunft Stipendien für ihr eigenes Geschlecht stiften werden, anstatt Millionen von Dollar an Einrichtungen für Jungen zu geben, wie sie es in der Vergangenheit getan haben. Betrachten wir nach all den Vermächtnissen, die Frauen Harvard hinterlassen haben, wie kleinlich diese Institution in ihrem „Annex“ ihre Töchter behandelt. Ich bat einst eine wohlhabende Dame, ein paar tausend Dollar für die Gründung eines medizinischen Colleges und Krankenhauses für Frauen in New York zu spenden. Sie sagte, vor dem Aussetzen von Vermächtnissen konsultiere sie immer ihren Geistlichen und ihre Bibel. Er sagte ihr, in der Bibel stünde nichts über Colleges für Frauen. Ich sagte: „Sagen Sie ihm, er irrt sich. Wenn er in 2. Chronik 34, 22 nachschlägt, wird er feststellen, dass Josia, der König, die Weisen aussandte, um Hulda, die Prophetin, wegen des Buches der Gesetze zu befragen, das im Tempel entdeckt worden war. Sie fanden Hulda im College in Jerusalem, gründlich informiert über Staatsfragen, während Schallum, ihr Ehemann, der Hüter der Gewänder war. Ich nehme an, seine Aufgabe war es, die königlichen Knöpfe anzunähen.“ Doch trotz dieser biblischen Autorität gab die reiche Dame dreißigtausend Dollar an Princeton und keinen einzigen Cent für die Bildung ihres eigenen Geschlechts.

Von all den Stimmen, die diese Wände seit über einem halben Jahrhundert widerhallen ließen, wie wenige sind geblieben, um die Geschichte der frühen Tage zu erzählen, und wenn wir uns trennen, wie wenige von uns werden sich jemals wiedersehen; aber ich weiß, dass wir einige neue Inspirationen für die Arbeit mitnehmen werden, die noch vor uns liegt. Obwohl viele von uns an Jahren alt sind, können wir doch jung im Herzen bleiben. Frauen, die darauf trainiert sind, all ihre Gedanken auf das Familienleben zu konzentrieren, neigen dazu zu denken – wenn ihre Kinder erwachsen sind, ihre Lieben fort sind, ihre Dienstboten darin geschult sind, die häusliche Maschinerie in Gang zu halten –, dass ihre Arbeit im Leben getan ist, dass niemand mehr ihre Gedanken und Sorge braucht, wobei sie ganz vergessen, dass die Blütezeit des Lebens einer Frau auf der Schattenseite der Fünfzig liegt, wenn die Lebenskräfte, die bisher auf andere Weise verbraucht wurden, im Gehirn gesammelt werden, wenn ihre Gedanken und Gefühle in breitere Kanäle fließen, wenn Philanthropie an die Stelle familiären Egoismus tritt und wenn aus den Tiefen von Armut und Leid das Wehklagen der Menschheit ihren Ohren genauso pathetisch erscheint, wie einst der Schrei ihrer eigenen Kinder.

Oder vielleicht, nachdem die drängenden Sorgen des Familienlebens geendet haben, mag die Frau in sich ein schlummerndes Genie für Kunst, Wissenschaft oder Literatur entdecken, mit dem sie den Lebensabend vergolden kann. Longfellows wunderschönes Gedicht „Morituri Salutamus“, das für einen ähnlichen Anlass wie diesen geschrieben wurde, ist voller Hoffnung und Verheißung für uns alle. Er sagt:

„Etwas bleibt uns noch zu tun oder zu wagen; Auch der älteste Baum mag Früchte tragen. Cato lernte Griechisch mit achtzig; Sophokles Schrieb seinen großartigen Ödipus, und Simonides Trug den Preis für Verse von seinen Standesgenossen davon, Als jeder mehr als vier Jahrzehnte über achtzig Jahren zählte. Und Theophrastus, mit siebzig Jahren, Hatte gerade erst begonnen mit seinen Charakteren der Menschen; Chaucer, in Woodstock bei den Nachtigallen, Schrieb mit sechzig die Canterbury Tales; Goethe in Weimar, bis zuletzt schuftend, Vollendete Faust, als achtzig Jahre vergangen waren. Dies sind wahrlich Ausnahmen; aber sie zeigen, Wie weit der Golfstrom unserer Jugend fließen mag In die arktischen Regionen unseres Lebens, Wo wenig anderes als das Leben selbst überlebt. Denn das Alter ist nicht weniger eine Gelegenheit Als die Jugend selbst, wenn auch in einem anderen Gewand, Und während das Abendrot verblasst, Ist der Himmel erfüllt von Sternen, bei Tage unsichtbar.“

Am 21. Dezember 1892 feierten wir zum ersten Mal den „Tag der Urmütter“. Männer hatten den „Tag der Urväter“ viele Jahre lang gefeiert, aber da Frauen niemals eingeladen wurden, sich an ihren Festlichkeiten zu beteiligen, führte Mrs. Devereux Blake den Brauch ein, dass Frauen ein Abendessen zur Feier dieses Tages abhielten. Mrs. Isabella Beecher Hooker verbrachte zwei Tage bei mir, und gemeinsam besuchten wir das Fest und hielten Reden. Dieser Brauch wird nun jährlich begangen, und die Herren sitzen auf der Empore, genau wie die Damen es bei ähnlichen Anlässen getan hatten.

Mein Sohn Theodore kam im April 1893 aus Frankreich, um die Chicagoer Weltausstellung zu besuchen, und verbrachte den größten Teil des Sommers mit mir in Glen Cove, Long Island, wo mein Sohn Gerrit und seine Frau wohnten. Hier lasen wir Captain Charles Kings Geschichten über das Leben an Militärposten, Sanborns „Biographie von Bronson Alcott“ und Leckys „Geschichte des Rationalismus“.

Hier besuchte ich Charles A. Dana, den Nestor des Journalismus, und seine bezaubernde Familie. Er lebte auf einer wunderschönen Insel in der Nähe von Glen Cove. Sein raffinierter, künstlerischer Geschmack, der sich in seinem Stadthaus in Gemälden, Statuen und seltener Nippesware zeigte, die er auf seinen häufigen Reisen in der Alten Welt gesammelt hatte, drückte sich in seinem Inselheim in der Anordnung einer endlosen Vielfalt von Bäumen, Sträuchern und Blumen aus, durch die man Blicke auf den Sound und die fernen Ufer erhaschen konnte. Man trifft selten einen so begabten Mann wie den verstorbenen Herausgeber der „Sun“. Er war ein Gelehrter, der mehrere Sprachen sprach; ein fähiger Schriftsteller und Redner und ein äußerst geselliger Begleiter im gesellschaftlichen Kreis. Seine Frau und seine Tochter sind kultivierte Frauen. Der Name dieser Tochter, Zoe Dana Underhill, erscheint oft in unseren beliebten Magazinen als Autorin von Kurzgeschichten, die für ihre lebendigen Beschreibungen bemerkenswert sind.

Ich traf Herrn Dana zum ersten Mal 1843 in der Brook-Farm-Gemeinschaft, in jenem brillanten Kreis von Bostoner Transzendentalisten, die hofften, in wenigen Jahren unsere egoistische, konkurrierende Zivilisation in ein Paradies zu verwandeln, in dem alle altruistischen Tugenden Kooperation möglich machen könnten. Aber ach! Das vorhandene Material war nicht plastisch genug für dieses höhere Ideal. Zu gegebener Zeit löste sich die Gemeinschaft auf, und die Mitglieder kehrten in ihre angestammten Sphären zurück. Margaret Fuller, die dort eine häufige Besucherin war, begab sich in die Ehe im sonnigen Italien, William Henry Channing zur Kirche, Bronson Alcott zur Erziehung der Jugend, Frank Cabot in die Welt der Arbeit, Mr. und Mrs. Ripley zur Literatur und Charles A. Dana zur Presse. Herr Dana hatte sehr viel Glück in seinen familiären Beziehungen. Seine Frau, Miss Eunice MacDaniel, und ihre Verwandten sympathisierten mit ihm in all seinen liberalsten Ansichten. Während des Sommers in Glen Cove hatte ich das Vergnügen mehrerer langer Unterhaltungen mit Miss Frances L. MacDaniel und ihrem Bruder Osborne, dessen Frau die Schwester von Herrn Dana ist und die jetzt Miss Prestona Mann bei einem Experiment unterstützt, das dem in Brook Farm ähnelt, in den Adirondacks.

Miss Anthony verbrachte eine Woche mit uns in Glen Cove. Sie kam, um mich anzustacheln, Papiere für jeden Kongress auf der Ausstellung zu schreiben, was ich tat, und sie las sie auf den verschiedenen Kongressen vor und fügte am Ende ihre eigenen starken Worte hinzu. Mrs. Russell Sage kam ebenfalls und verbrachte einen Tag mit uns, um mich zu drängen, ein Papier zu schreiben, das in Chicago beim Emma-Willard-Treffen verlesen werden sollte, was ich tat. Ein paar Tage später erwiderten Theodore und ich ihren Besuch. Wir genossen einige Stunden der Unterhaltung mit Herrn Sage, der dem Emma Willard Seminar in Troy ein sehr großzügiges Geschenk in Form eines Gebäudes gemacht hatte. Diese Schule war eine der ersten (1820) für Mädchen in unserem Staat gegründeten und erhielt auf Empfehlung des Gouverneurs, De Witt Clinton, eine Zuwendung von der New Yorker Legislative. Herr Sage gab uns an jenem Abend eine Beschreibung der Zeit, als sein Büro mit Dynamit in die Luft gesprengt wurde, das von einem Verrückten geworfen worden war, und von seiner knappen Rettung. Wir fanden den großen Finanzier und seine Frau in einem anspruchslosen Häuschen mit einem schönen Ausblick auf das Meer. Obwohl sie über großen Reichtum verfügten, gaben sie ein gutes Beispiel für Einfachheit und Sparsamkeit, dem viele extravagante Menschen gut folgen könnten.

Nachdem sie die Weltausstellung in Chicago besucht und einen Vorlesungskurs in Chautauqua belegt hatte, kehrte meine Tochter, Mrs. Stanton Lawrence, in die Stadt zurück, und sobald unsere Wohnung in Ordnung war, schloss ich mich ihr an. Sie war kürzlich zur Direktorin für körperliche Erziehung am Teachers' College in New York City ernannt worden. Ich besuchte mehrere ihrer Ausstellungen und Vorlesungen, die sehr interessant waren. Sie tut ihr Bestes, um mit richtigen Übungen und gesundheitsfördernder Kleidung einen neuen Typus von Weiblichkeit zu entwickeln.

Meine Zeit verging in diesen Tagen angenehm mit einer Fahrt im Park und einer Stunde im Land der Träume, auch mit dem Lesen von Henry Georges „Fortschritt und Armut“, William Morris über industrielle Fragen, Stevensons Romanen, den „Heavenly Twins“ und „Marcella“, und in der Dämmerung, wenn ich nicht mehr lesen und schreiben konnte, mit dem Spielen und Singen der alten Lieder und Weisen, die ich in meiner Jugend liebte. Am Abend spielten wir Dame und Schach. Ich mag alle Spiele, auch Musik und Romane, daher verfliegen die Tage schnell; ich bin niemals einsam, das Leben ist mir immer sehr süß und voller Interesse.

Der Winter 1893-94 war voller Aufregung, da die Bürger von New York eine verfassunggebende Versammlung abhalten sollten. Dr. Mary Putnam Jacobi versuchte, eine neue Klasse von Männern und Frauen zum Handeln zugunsten eines Zusatzartikels zu bewegen, der Frauen das Wahlrecht gewähren sollte. Appelle wurden durch den ganzen Staat gesandt, Versammlungen wurden in Salons abgehalten und enthusiastische Treffen im Cooper Institute und im Savoy Hotel. Meine Tochter, Mrs. Stanton Blatch, die dieses Land besuchte, nahm einen aktiven Teil an der Kampagne und hielt eine beredte Rede im Cooper Institute. Seltsamerweise bildeten einige der führenden Damen eine starke Partei gegen den vorgeschlagenen Zusatzartikel und ihre eigene Emanzipation. Sie wurden die „Antis“ genannt. Diese oppositionelle Organisation verfolgte dieselbe Strategie für die Kampagne wie diejenigen, die für den Zusatzartikel eintraten. Sie gaben Appelle heraus, verbreiteten Petitionen und hatten Anhörungen vor der Versammlung.

Mrs. Russell Sage, Mrs. Henry M. Sanders, Mrs. Edward Lauterbach, Mrs. Runkle und einige liberale Geistliche taten ihr Äußerstes, um die Einfügung des Zusatzartikels in die vorgeschlagene neue Verfassung zu sichern, aber das Komitee für Wahlrecht der verfassunggebenden Versammlung weigerte sich sogar, den vorgeschlagenen Zusatzartikel einer Abstimmung durch das Volk zu unterziehen, obwohl eine halbe Million unserer intelligentesten und respektabelsten Bürger die Petition unterzeichnet hatten, in der sie dies forderten. Joseph H. Choate und Elihu Root taten ihr Äußerstes, um den Zusatzartikel zu Fall zu bringen, und hatten Erfolg.

Ich verbrachte den Sommer 1894 bei meinem Sohn Gerrit in seinem Haus in Thomaston, Long Island. Balzacs Romane und das „Leben von Thomas Paine“ von Moncure D. Conway, zusammen mit den Monatsmagazinen und Tageszeitungen, waren mein geistiges Nahrungsmittel. Meine Tochter, Mrs. Stanton Lawrence, kehrte im September 1894 aus England zurück, nachdem sie einen angenehmen Besuch bei ihrer Schwester in Basingstoke gemacht hatte. Im Dezember kam Miss Anthony, und wir schrieben den Artikel über das Frauenwahlrecht für die neue Ausgabe der Johnson's Cyclopedia.

Am 3. März 1895 kamen Lady Somerset und Miss Frances Willard, kurz vor ihrer Abreise nach England, um mich zu besuchen. Wir erörterten mein Projekt einer „Frauenbibel“. Sie willigten ein, einem Revisionskomitee beizutreten, aber bevor das Komitee organisiert war, zogen sie ihre Namen zurück, da sie fürchteten, die Arbeit sei zu radikal. Ich wünschte besonders, die Meinungen von Frauen aller Konfessionen zu haben, aber diejenigen, die den orthodoxen Kirchen angehörten, lehnten es ab, dem Komitee beizutreten oder ihre Ansichten zu äußern. Vielleicht fürchteten sie, ihr Glaube könnte durch das helle Licht der Untersuchung gestört werden. Etwa ein halbes Dutzend Mitglieder des Revisionskomitees begann mit mir, „Kommentare zum Pentateuch“ zu schreiben.

Der Hauptgedanke, der während der Jahre 1894 und 1895 in meinem Geist kreiste, war die „Frauenbibel“. Im Gespräch mit Freunden begann ich zu fühlen, dass ich meinen lang gehegten Plan verwirklichen könnte. Dementsprechend begann ich, die Kommentatoren der Bibel zu lesen, und war überrascht zu sehen, wie wenig sie über den größten Faktor der Zivilisation, die Mutter der Rasse, zu sagen hatten, und das Wenige war keineswegs schmeichelhaft. Je mehr ich las, desto intensiver fühlte ich die Bedeutung davon, Frauen davon zu überzeugen, dass die hebräische Mythologie keinen besonderen Anspruch auf einen höheren Ursprung als die der Griechen habe, da sie im Stil weit weniger attraktiv und im Empfinden weniger raffiniert sei. Ihre anstößigen Merkmale wären längst offensichtlich gewesen, hätten sie nicht mit einem Glauben an ihre göttliche Inspiration übertüncht worden. Mehrere Monate lang widmete ich meine ganze Zeit der biblischen Kritik und Kirchengeschichte und fand keine Erklärung für den degradierten Status der Frauen unter allen Religionen und in allen sogenannten „Heiligen Büchern“.

Als Teil I der „Frauenbibel“ schließlich im November 1895 veröffentlicht wurde, erregte sie großes Aufsehen. Einige der Zeitungen in New York City widmeten ihr eine ganze Seite zur Rezension, mit Bildern der Kommentatoren, ihrer Kritiker und sogar des Buches selbst. Die Geistlichkeit verurteilte es als das Werk Satans, obwohl es in Wirklichkeit das Werk von Ellen Battelle Dietrick, Lillie Devereux Blake, Rev. Phebe A. Hanaford, Clara Bewick Colby, Ursula N. Gestefeld, Louisa Southworth, Frances Ellen Burr und mir selbst war. Auszüge daraus und Kritiken der Kommentatoren wurden in Zeitungen in ganz Amerika, Großbritannien und Europa abgedruckt. Eine dritte Auflage erwies sich als notwendig, und schließlich wurde eine Ausgabe in England veröffentlicht. Das Revisionskomitee wurde erweitert und besteht nun aus über dreißig der führenden Frauen Amerikas und Europas.[A]

Den Monat August 1895 verbrachten wir in Peterboro, auf den großartigen Hügeln von Madison County, neunhundert Fuß über dem Tal. Gerrit Smiths schönes altes Herrenhaus steht noch immer, umgeben von prächtigen Bäumen, wo ich in meiner Kindheit gespielt hatte, Eichhörnchen über Rasen und Gärten gejagt und in einem bescheidenen Bach gewatet hatte, der immer noch langsam um das Gelände kriecht. Ich erinnerte mich, als ich auf der Veranda saß, wie einmal, als Frederick Douglass zu Besuch nach Peterboro kam, einige Besucher aus dem Süden eine Notiz an Herrn Smith schrieben und fragten, ob Herr Douglass im Salon und am Esstisch sitzen werde; wenn ja, würden sie während seines Besuchs in ihren eigenen Gemächern bleiben. Herr Smith antwortete, dass seine Besucher von seiner Familie immer als Gleiche behandelt würden, und dies sei auch bei Herrn Douglass der Fall, der als einer der fähigsten Männer angesehen wurde, die unter „der südlichen Institution“ erzogen wurden. Also nahmen diese Damen ihre Mahlzeiten in ihren eigenen Gemächern ein, wo sie die meiste Zeit blieben, und da Herr Douglass seinen Besuch verlängerte, wünschten sie sich zweifellos in ihrem Herzen, sie hätten niemals diese alberne Haltung eingenommen. Der Rest von uns spazierte mit ihm Arm in Arm, spielte Spiele und sang gemeinsam Lieder, wobei er die Begleitung auf der Gitarre spielte. Ich nehme an, wenn unsere voreingenommenen Landsfrauen in einem französischen Salon Dumas vorgestellt worden wären, hätten sie sofort ihre Hauben aufgesetzt und wären weggelaufen.

Allein unter den Bäumen sitzend, erinnerte ich mich an die verschiedenen Generationen, die vergangen waren, die mir alle bekannt waren. Hier hatte ich den Großvater getroffen, Peter Sken Smith, Geschäftspartner von John Jacob Astor. In ihren Geschäften mit den Indianern erwarben sie riesige Landstriche im nördlichen Teil des Staates New York, die der Kern ihres großen Vermögens waren. Ich habe Cousin Gerrit oft über die Zeit klagen hören, die er mit der Verwaltung des Anwesens verlor. Sein Sohn Greene war ein Enthusiast für die Naturwissenschaften und hatte nur wenig Interesse an Vermögensangelegenheiten. Später übernahm sein Enkel, Gerrit Smith Miller, die Last der Verwaltung des Anwesens und widmete sich zusätzlich der Landwirtschaft. Er importierte eine feine Rasse von Holstein-Rindern, die auf mehreren Messen den ersten Preis gewannen. Sein Sohn, der den gleichen Namen trägt, widmet sich wie sein Onkel Greene den Naturwissenschaften; dessen feine Vogelsammlung wurde von seiner Witwe dem Harvard College übergeben.

Die einzige Tochter von Gerrit Smith, Elizabeth Smith Miller, ist eine bemerkenswerte Frau, die viele der Züge ihres edlen Vaters besitzt. Sie verfügt über seltene exekutive Fähigkeiten, wie sich an der Erledigung ihrer umfangreichen Korrespondenz und an der perfekten Ordnung ihres Hauses und ihrer Gärten zeigt. Sie hat viel für die Bildung getan, besonders für die farbige Rasse, indem sie half, Schulen zu gründen und Literatur zu verteilen. Sie abonniert viele der besten Bücher, Zeitschriften und Zeitungen für Freunde, die sie sich nicht selbst kaufen können. Wir können das Gute, das sie auf diesem Weg getan hat, nicht ermessen. Jede Post bringt ihr Briefe aus allen Schichten, von wohltätigen Einrichtungen, Gefängnissen, Plantagen im Süden, Armeeposten und den fernen Prärien. Allen diesen Hilferufen schenkt sie Gehör. Ihre Wohltätigkeiten sind vielfältig und grenzenlos, und ihre Gastfreundschaft gegenüber den Armen wie den Reichen ist zuvorkommend und großzügig. Die Kultiviertheit und der künstlerische Geschmack der Mutter aus dem Süden und die heroischen Tugenden des Vaters sind glücklich in ihrer Tochter vereint. In ihrem wunderschönen Haus am Seneca Lake ist man immer sicher, einige der bezauberndsten Repräsentanten des fortschrittlichen Denkens unserer Zeit zu treffen. Vertreter all dieser Generationen ruhen nun auf dem Friedhof in Peterboro, und als sie im Rückblick vor mir vorüberzogen, schienen sie zu sagen: „Warum verweilst du hier so lange allein?“

Mein Sohn Theodore kam im September 1895 aus Paris an und leistete während der Vorbereitungen für meine Geburtstagsfeier wichtigste Dienste, indem er Briefe beantwortete, mit Reportern sprach und den Organisatoren wertvolle Vorschläge zu vielen Details in den Vorbereitungen machte und mich ermutigte, die Prüfung mit meinem üblichen Heroismus durchzustehen. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so nervös gefühlt und war so ungeeignet für die Rolle, die ich pflichtgemäß zu spielen hatte. Durch das viele Sprechen über viele Jahre war meine Stimme heiser, durch einen schweren Sturz war ich ziemlich lahm, und da Stehen und deutliches Sprechen wichtig für eine anmutige Rhetorik sind, fühlte ich mich wie die Tochter des Königs in Shakespeares Stück „Titus Andronicus“, als rohe Männer, die ihr die Hände abgehackt und die Zunge herausgeschnitten hatten, ihr sagten, sie solle nach Wasser rufen und ihre Hände waschen. Dennoch überlebte ich die Prüfung, wie der Leser im nächsten Kapitel sehen wird.

Nach meiner Geburtstagsfeier war der nächste Anlass von tiefem Interesse für mich der Chicagoer Konvent von 1896, die dort verabschiedete Plattform sowie die Nominierung und die brillante Kampagne von William J. Bryan. Ich hatte lange über Fragen bezüglich des Zolls und der Finanzen nachgedacht, und in den Forderungen der liberalen Demokraten, Populisten, Sozialisten und der arbeitenden Männer und Frauen hörte ich die Fanfarenklänge der kommenden Revolution.

Während des Winters 1895-96 war ich damit beschäftigt, abwechselnd an dieser Autobiographie und der „Frauenbibel“ zu schreiben sowie an Artikeln für Magazine und Zeitschriften zu jedem erdenklichen Thema, von Venezuela und Kuba bis zum Fahrrad. Zu letzterem Thema waren viele zaghafte Seelen sehr bekümmert. Sollten Frauen fahren? Was sollten sie tragen? Was sind „Gottes Absichten“ bezüglich ihrer? Sollten sie am Sonntag fahren? Diese Fragen wurden mit aller Ernsthaftigkeit gestellt. Wir hatten ein Symposium zu diesen Punkten in einer der Tageszeitungen. Für mich war die Antwort auf all diese Fragen einfach – wenn eine Frau fahren konnte, war es offensichtlich „Gottes Absicht“, dass es ihr gestattet sein sollte. Was sie tragen sollte, musste sie selbst entscheiden, was für ihren Komfort und ihre Bequemlichkeit am besten geeignet ist. Diejenigen, die eine Fahrt von ein paar Stunden auf einer guten Straße an der frischen Luft einer engen Kirche und einer langweiligen Predigt vorziehen, haben sicherlich das Recht zu wählen, ob sie bei Bäumen, Blumen und singenden Vögeln in „jenem Tempel, der nicht von Menschenhand gemacht, ewig in den Himmeln ist“, anbeten oder innerhalb von vier Wänden während der Intonation jenes melancholischen Gottesdienstes schlafen, der uns alle, ohne Unterschied von Geschlecht oder Hautfarbe, in die Reihen der „elenden Sünder“ verweist. Möge jede tun, was in ihren eigenen Augen recht erscheint, vorausgesetzt, sie greift nicht in die Rechte anderer ein.

Im Mai 1896 reiste ich erneut nach Genf und stellte fest, dass der Fahrradwahn dort mit all seinen ausgeprägtesten Symptomen Einzug gehalten hatte; Alt und Jung, Professoren, Geistliche und Damen der feinen Gesellschaft sausten alle fröhlich umher, um Geschäftliches zu erledigen, Besuche zu machen oder Ausflüge in entfernte Städte zu unternehmen. Als wir eines Tages die Allee entlangfuhren, zählten wir achtzig Fahrräder, bevor wir das Postamt erreichten. Die alte Hutschachtel, die von unseren Vätern und Söhnen so verabscheut wurde, ist dieser neuen Maschine gewichen, welche unsere Töchter überallhin mitnehmen, sie für jede Reise verpacken, auspacken und neu einstellen. Es war ein großer Segen für unsere Mädchen, da es sie dazu zwang, ihre Selbstständigkeit und ihren mechanischen Erfindungsgeist zu kultivieren, da sie bei Unfällen oft gezwungen sind, das Rad selbst zu reparieren. Unter den Besuchern in Genf waren Mr. Douglass und seine Tochter von der Insel Kuba. Sie berichteten uns sehr traurige Dinge über den trostlosen Zustand der Insel und die verarmte Lage der Bevölkerung. Ich hatte schon lange das Gefühl, dass die Vereinigten Staaten auf irgendeine Weise eingreifen sollten, um diesen grausamen Krieg zu beenden, denn Spanien hat bewiesen, dass es unfähig ist, Ordnung und Frieden wiederherzustellen.

FUSSNOTEN:

[Fußnote A: Teil II der „Frauenbibel“, der das Werk vervollständigt, wird im Januar 1898 erscheinen.]

KAPITEL XXVIII.

MEIN ACHTZIGSTER GEBURTSTAG.

Ohne mein Wissen oder meine Zustimmung traf meine lebenslange Freundin Susan B. Anthony, die es immer mehr zu schätzen weiß, wenn mir eine Ehrung zuteilwird, als wenn sie ihr selbst gilt, Vorkehrungen für die Feier meines achtzigsten Geburtstages am 12. November 1895. Sie zog es vor, dass diese Feier vom National Council of Women geleitet würde, der sich aus einer großen Anzahl von Organisationen zusammensetzt, die jeden Bereich der Frauenarbeit vertreten, obwohl es, da die Emanzipation der Frau mein besonderes Lebenswerk war, angemessener gewesen wäre, wenn die Feier unter der Schirmherrschaft der National Woman’s Suffrage Association stattgefunden hätte.

Mrs. Mary Lowe Dickinson, Präsidentin des National Council of Women, übernahm die finanzielle Verantwortung und die umfangreiche Korrespondenz, die damit verbunden war, und machte die Feier mit seltenem Taktgefühl, Ausdauer und exekutivem Geschick zu einem vollen Erfolg. Um diesen Anlass zu beschreiben, kann ich nicht besser tun, als den Bericht von Mrs. Dickinson, der in The Arena veröffentlicht wurde, auszugsweise wiederzugeben:

„Im Monat Juni 1895 gab der National Council of Women die folgende Einladung heraus:

‚In der Überzeugung, dass der Fortschritt, den Frauen im letzten halben Jahrhundert gemacht haben, durch eine allgemeinere Wahrnehmung ihrer Leistungen gefördert werden kann, schlagen wir vor, in der Stadt New York eine Versammlung zu diesem Zweck abzuhalten. Als passender Zeitpunkt für eine solche Feier wurde der achtzigste Geburtstag von Elizabeth Cady Stanton gewählt. Ihr halbes Jahrhundert Pionierarbeit für die Rechte der Frauen macht ihren Namen zu einer Inspiration für einen solchen Anlass und ihr Leben zu einem passenden Objekt für die Ehrerbietung aller Frauen.

Dieser National Council besteht aus zwanzig Organisationen; diese und alle anderen interessierten Gesellschaften sind eingeladen, in dankbarer Anerkennung der Schuld, die die heutige Generation den Pionierinnen der Vergangenheit schuldet, zusammenzuarbeiten. Durch ihr Interesse an der Emanzipation der Frauen hat der Einfluss von Mrs. Stanton und ihrer Mitstreiterin Miss Anthony alle Bereiche des Fortschritts durchdrungen und sie zu einem gemeinsamen Mittelpunkt gemacht, um den sich alle versammeln können, die an der höheren Entwicklung der Frau interessiert sind.‘

Auf diese Einladung kamen Antworten aus der Alten und der Neuen Welt, die Sympathie für die geplante Feier bekundeten, welche dazu gedacht war, ein großes Prinzip zu unterstreichen, indem sie die Erhabenheit des Charakters aufzeigte, die aus dessen Verkörperung in einer einzigartigen Persönlichkeit hervorgegangen war. Die Welt denkt natürlich zuerst an die Persönlichkeit, bevor sie an das Prinzip denkt. Sie hat zumindest noch so viel unbewusste Höflichkeit bewahrt, eine edle Frau zu ehren, selbst wenn sie eine edle Sache nicht richtig zu begreifen vermag. Diesem Gefühl den angemessenen Ausdruck zu verleihen, alles vage Mitgefühl greifbarer zu machen, das wachsende Gefühl zugunsten der menschlichen Freiheit zu kristallisieren, der Jugend die Gelegenheit zu geben, den Ruhm des Alters zu verehren, den Herzen in Wort und Gesang Ausdruck zu verleihen, war vielleicht der populärste Zweck des Wiedersehens. Mit anderen Worten: Es bot denjenigen, die Mrs. Stanton als eine Königin unter den Frauen verehrten, die Gelegenheit, ihre Ehrfurcht zu zeigen, die Arbeit zu würdigen, die ihr Leben vollbracht hatte, und darin einen Inbegriff des Fortschritts eines Jahrhunderts zu sehen.

Die Feier war auch ein Beispiel für die unverwechselbare Idee des National Council of Women, der darauf abzielt, alle menschlichen Bemühungen anzuerkennen, ohne Gleichförmigkeit der Meinung als Grundlage für die Zusammenarbeit zu fordern. Er beansprucht, auf der Einheit des Dienstes zu handeln, ungeachtet der Unterschiede in Glaubensbekenntnis und Methoden. Die Dinge, die trennen, wichen zurück in die Schatten, wohin sie gehören, und alle Herzen, die mutig genug waren zu denken und zart genug zu fühlen, fanden es leicht, sich in der Ehrerbietung für ein Leben zu vereinen, das ein halbes Jahrhundert des Kampfes gekannt hatte, um die Menschheit aus der Knechtschaft und das Frauentum aus der Schande zu heben.

Dieses Wiedersehen war die erste allgemeine Anerkennung der Schuld, die die Gegenwart der Vergangenheit schuldet. Es war der erste Versuch zu zeigen, in welchem Ausmaß die spätere Entwicklung durch die Freiheit zu denken und zu arbeiten inspiriert und ermöglicht wurde, die in jener früheren Zeit von Frauen wie Lucretia Mott, Lucy Stone, Mrs. Stanton und vielen anderen beansprucht wurde, deren Namen als Synonyme für edlen Dienst an der Rasse stehen. Für diejenigen, die das Wiedersehen unter diesem Gesichtspunkt betrachteten, konnte es nicht anders als inspirierend sein.

Für die Anhängerinnen philanthropischer Arbeit, in die Gesichter von Frauen wie Clara Barton und Mary Livermore zu blicken und ihre Stimmen zu hören; für die Menge, die in den überfüllten Reihen der Literatur eingeschrieben ist, in der lebendigen Gegenwart zu fühlen, was die Literatur Frauen wie Julia Ward Howe schuldet; für die Armee mit dem weißen Band, sich von ihrer einen großen Anführerin der heutigen Zeit abzuwenden, deren Licht, das sich bis zum Horizont ausbreitet, den Ruhm der Anführerinnen des Kreuzzugs der Vergangenheit nicht verdunkelt oder trübt; für Kunstliebhaber und Kunststudenten, Bildhauerinnen wie Harriet Hosmer und Anna Whitney in Erinnerung zu rufen und an die Tage zu denken, als Kunst für Frauen ein versiegeltes Buch war; für die Anhänger der wahrhaft göttlichen Heilkunst, die Blackwell-Schwestern und das Andenken an Mme. Clemence Lozier zu ehren; für die Barmherzigkeit der Chirurgie, die sich im Gesicht von Dr. Cushier offenbart, die uns bewiesen hat, dass Herz des Erbarmens und Hand des Könnens niemals geschieden sein müssen; für Frauen, die ihre Augen erheben, um dem Gesicht von Phebe A. Hanaford und Anna Shaw und anderen Frauen zu begegnen, die heute auf der Kanzel wie auch außerhalb davon das Recht einer Frau nutzen dürfen, bedürftigen Seelen zu dienen; für die oft Leidenden unter ungerechtem Gesetz, Anwältinnen willkommen zu heißen; für die Schar der arbeitenden Frauen, rückblickend die Geschichte von vierhundert Industrien bis zu ihrem Beginn bei den ‚Vier‘ zu lesen und sich daran zu erinnern, dass jede neue Tür sich geöffnet hatte, weil einige Frauen arbeiteten und strebten; für sie alle waren die Übungen Teil eines großen Dankesliedes, wobei jede Phase des Fortschritts ihren eigenen Akkord anschlug und in den Herzen, denen sie teuer war, ihr Echo fand.

Für den Geschichtsstudenten oder denjenigen, der die Zeichen der Zeit lesen kann, hatte dieser Anlass eine so tiefe Bedeutung, dass man davor zurückschreckt, sich zu sehr mit den äußeren Details aufzuhalten. Doch als bloßes Festspiel war es ein höchst inspirierender Anblick und einer Königin wahrhaft würdig. In der Tat, wenn wir den Geist über die Seiten der Geschichte zurückschweifen lassen, welche Königin kam auf einen triumphaleren Thron in den Herzen eines dankbaren Volkes? Welche Frau saß jemals zuvor silbergekrönt, mit Blumen überdacht, umgeben nicht von unterwürfigen Anhängern, sondern von Männern und Frauen, die an ihren Hof den großartigsten Dienst brachten, den sie vollbracht hatten, ihr bestes Denken in Rede und Gesang kristallisiert? Größer als jeder Triumphzug, der jemals einen königlichen Weg durch ein Königreich markierte, war es zu wissen, dass in zwanzig oder mehr Städten, in manch einer Dorfkirche in derselben Nacht festliche Feuer entzündet wurden und die Menge Feiertag hielt, wobei sie als Tribut nicht Gold und Juwelen brachten, sondern edelste Bestrebungen, aufrichtigste Dankbarkeit und höchste Ideale für die Nation und die Rasse.

Das große Treffen war nur ein Glied in einer Kette; doch mit seinen Tausenden von willkommen heißenden Gesichtern, mit seiner Beredsamkeit der Worte, mit seinem Angebot süßesten Gesangs von den Kindern einer Rasse, die einst gebunden, nun aber frei ist, mit seinen bildhaften Einblicken in die alte und die neue Zeit, die in die Nacht hineinblitzten, mit den Stimmen aus der Heimat, die Willkommen, Dankbarkeit und Liebe boten, mit unzähligen Grüßen von den großen, wahren, mutigen Seelen vieler Länder, war es in der Tat ein wunderbarer Tribut, würdig des großen, warmen Herzens einer Nation, die ihn darbot, und würdig der Frau, die so verehrt wurde.

Es schien passend, dass Mme. Antoinette Sterling, die vor zwanzig Jahren ihre wunderbare Stimme mit nach England nahm, wo sie ihr einen einzigartigen Platz in den Herzen der Nation gewann, bei ihrer Rückkehr in ihr Land ihren ersten Dienst dem Frauentum ihrer Heimat erweisen sollte. ‚Ich komme eine Woche früher‘, so hatte sie geschrieben, ‚damit mein erstes Werk in meinem geliebten Amerika für die Frauen getan werden kann. Ich komme als Frau und nicht als Künstlerin, und weil ich so stolz auf das bin, was die Frauen meines Landes erreicht haben.‘ Als sie also aus tiefstem Herzen sang: ‚O rest in the Lord; wait patiently for him!‘, war es kein Wunder, dass es alle lauschenden Herzen zu einer Anerkennung des göttlichen Geheimnisses und der Kraftquelle für alles Wirken zu erheben schien.

Ein bezauberndes Merkmal der Unterhaltung war eine Reihe von Bildern namens ‚Damals und Heute‘, von denen jedes die Veränderung im Zustand der Frau während der letzten fünfzig Jahre veranschaulichte. Und danach leuchteten in der Dämmerung nacheinander die Namen edler Frauen wie Mary Lyon, Maria Mitchell, Emma Willard und viele andere auf, die verstorben sind. Über den Schatten und die Stille brach die Stimme von Mme. Sterling in Tennysons ‚Crossing the Bar‘. Und als dies vorüber war, sang das ganze Publikum wie mit einer Stimme leise ‚Auld Lang Syne‘.

Und nicht zuletzt sollten die Grüße erwähnt werden, die in einem Schauer von Telegrammen und Briefen aus jedem Teil des Landes und viele von jenseits des Meeres eingingen. Diese Äußerungen, nicht nur persönlicher Glückwunsch für Mrs. Stanton, sondern Ausdruck der Freude über den Fortschritt im Leben und Denken der Frau, über die Bedingungen, die bereits so viel besser sind als in der Vergangenheit, und über die Hoffnung für die Zukunft, würden für sich genommen ein höchst interessantes und wunderbares Kapitel bilden. Unter ihnen seien Briefe von Lord und Lady Aberdeen, von Lady Henry Somerset und Frances E. Willard, von Canon Wilberforce und vielen anderen erwähnt, einschließlich einer Adresse von dreißig Mitgliedern der Familie von John Bright, angeführt von seinem Bruder, dem Right Honorable Jacob Bright; eine wunderschön ausgestellte Adresse auf Pergament von der National Woman Suffrage Society of Scotland, eine Adresse von der London Women’s Franchise League und ein Telegramm von der Bristol Women’s Liberal Association; ein Brief von der Frauenrechtsgesellschaft Finnlands, unterzeichnet von ihrer Präsidentin, Baronin Gripenberg aus Helsingfors; Telegramme von den California Suffrage Pioneers; und andere vom Chicago Woman’s Club, von der Toledo and Ohio Woman’s Suffrage Society, vom Sohn des Rev. Dr. William Ellery Channing sowie ein Telegramm und ein Brief von Bürgern und Gesellschaften aus Seneca Falls, New York, begleitet von Blumen und vielen schönen Silberstücken der verschiedenen Gesellschaften. Es gab auch Briefe von Hon. Oscar S. Strauss, ehemaligem Gesandten in der Türkei, Miss Ellen Terry und vielen anderen. Eine Adresse ging von der Women’s Association of Utah ein, begleitet von einer schönen Wahlurne aus Onyx und Silber; und von den Shaker-Frauen aus Mount Lebanon kam eine Ode; ein massiver silberner Liebesbecher von der New York City Suffrage League, der auf dem Podium mit einigen passenden Worten von ihrer Präsidentin, Mrs. Devereux Blake, überreicht wurde.

Hunderte von Organisationen und Gesellschaften, sowohl in diesem Land als auch im Ausland, wünschten, dass ihre Namen als Sympathisanten der Bewegung festgehalten würden. Viele Organisationen waren geschlossen anwesend, und man fühlte sich durch die Vielfalt und Schönheit der Dekorationen ihrer Logen an den venezianischen Karneval erinnert, als die Anwesenden inmitten der seidenen Banner und Blumen auf die Menge unter ihnen hinunterblickten. Der ganze Anlass war in der Tat ein einzigartiges Fest, einzigartig in seiner Darstellung sowie in seinem Zweck, Plan, Charakter und Geist. Keine anwesende Frau konnte umhin, beeindruckt zu sein von dem, was wir den Frauen der Vergangenheit schulden, und insbesondere dieser einen Frau, die der Ehrengast des Anlasses war. Und keine junge Frau konnte wünschen, das Bild dieser gealterten Gestalt zu vergessen, wie sie, auf ihren Stab gestützt, zu der großen Zuhörerschaft von über sechstausend Menschen sprach, wie sie es schon hunderte Male zuvor in gesetzgebenden Hallen getan hatte, und wann immer ihr Wort die öffentliche Stimmung zugunsten der Gerechtigkeit für die ganze Menschheit beeinflussen konnte.‘

Meine Geburtstagsfeier, mit all den Zeugnissen der Liebe und Freundschaft, die ich erhielt, war ein Anlass von solch ernstem Nachdenken und tiefem Empfinden, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Da ich seit einem halben Jahrhundert eher Tadel als Lob gewohnt war, war ich überrascht von einer solchen Manifestation der Zustimmung; ich konnte jede Menge scharfer Kritik mit Gelassenheit ertragen, aber ein solches Ausströmen von Ehrerbietung und Zuneigung bewegte mich zutiefst. Um mich während dieser Woche der Aufregung zu beruhigen, dachte ich viele Male an Michelets weises Motto: „Lass das Wohl und Wehe der Menschheit dir alles sein, ihr Lob und Tadel ohne Wirkung; sei nicht aufgeblasen durch das eine noch niedergeschlagen durch das andere.“

Natürlich ließ ich zu einer solchen Zeit mein Leben Revue passieren, seinen Marsch und Kampf auf den Straßen der Erfahrung, und zählte seine Niederlagen und Siege. Ich erinnere mich, als einige Frauen die erste Versammlung einberiefen, um ihre Benachteiligungen zu diskutieren, sagten unsere konservativen Freunde: „Ihr habt einen großen Fehler begangen, ihr werdet von Maine bis Texas und über das Meer hinaus ausgelacht werden; Gott hat die Grenzen der Sphäre der Frau gesetzt und sie sollte mit ihrer Position zufrieden sein.“ Ihre Prophezeiung bewahrheitete sich mehr als nur; wir wurden von der Presse und der Kanzel sowohl in England als auch in Amerika schonungslos verspottet. Aber heute werden jedes Jahr viele Versammlungen in beiden Ländern abgehalten, um dieselben Ideen zu diskutieren; soziale Bräuche haben sich geändert; Gesetze wurden modifiziert; das kommunale Wahlrecht wurde Frauen in England und einigen ihrer Kolonien gewährt; das Schulwahlrecht wurde Frauen in der Hälfte unserer Staaten gewährt, das kommunale Wahlrecht in Kansas und das volle Wahlrecht in vier Staaten der Union. So wurde das 1848 belächelte Prinzip 1870 in England akzeptiert, und seitdem ist es in Amerika von Jahr zu Jahr langsam fortgeschritten, bis 1896 der vierte Stern auf unserer Flagge aufleuchtete und Idaho seine Frauen wahlberechtigt machte! Jene erste Versammlung, die 1848 als „schwerer Fehler“ angesehen wurde, wird heute als „ein großer Schritt im Fortschritt“ bezeichnet.

Mein nächster Fehler war, als ich als Präsidentin der New York State Woman’s Temperance Association die Verabschiedung eines Gesetzes forderte, das Ehefrauen eine absolute Scheidung wegen der Brutalität und Trunksucht ihrer Ehemänner erlaubte. Ich wandte mich einige Jahre später an die Legislative von New York, als ein ähnlicher Gesetzentwurf anhängig war, sowie an große Zuhörerschaften in mehreren unserer Hauptstädte, und dafür wurde ich schwer angeprangert. Heute können Flüchtlinge aus solchen unheiligen Verbindungen in vielen der westlichen Staaten Freiheit erlangen, und eine aufgeklärte öffentliche Meinung unterstützt Mütter darin, sich zu weigern, einen Appetit weiterzugeben, der mit so vielen bösen Folgen behaftet ist. Dies, das 1860 ebenfalls als „Fehler“ bezeichnet wurde, galt einige Jahre später als „Schritt im Fortschritt“.

Wiederum drängte ich meine Mitstreiterinnen durch Reden, Briefe und Resolutionen als Mittel weitverbreiteter Agitation, dieselben Forderungen an die Kirche zu stellen, die wir bereits an den Staat gestellt hatten. Sie wandten ein: „Das ist zu revolutionär, ein Angriff auf die Kirche würde die Wahlrechtsbewegung schädigen.“ Aber ich stellte beharrlich, wann immer sich die Gelegenheit bot, die Forderung, dass Frauen ordiniert werden sollten, um das Evangelium zu predigen und Ämter als Älteste, Diakoninnen und Treuhänderinnen zu bekleiden. Einige Jahre später wurden einige dieser Vorschläge akzeptiert. Einige Kirchen ordinierten tatsächlich Frauen als Pastorinnen über ihre eigenen Gemeinden, andere wählten Frauen zu Diakoninnen, und einige Kirchen erlaubten Frauen als Delegierte, in ihren Konferenzen zu sitzen. So wurde diese Forderung in gewissem Maße gewürdigt und ein weiterer „Schritt im Fortschritt“ getan.

1882 versuchte ich, ein Komitee zu organisieren, um den Status der Frauen in der Bibel und die Behauptung zu prüfen, dass die hebräischen Schriften das Ergebnis göttlicher Inspiration seien. Es wurde für sehr anmaßend gehalten, dass Frauen, die nicht in Sprachen und Kirchengeschichte bewandert waren, eine solche Arbeit unternehmen sollten. Aber da wir lediglich vorschlugen, das zu kommentieren, was im einfachen Englisch über Frauen gesagt wurde, und feststellten, dass diese Texte nur ein Zehntel des Alten und Neuen Testaments ausmachten, schien es mir kein schwieriges oder gefährliches Unterfangen zu sein. Als jedoch Teil I der „Frauenbibel“ veröffentlicht wurde, gab es erneut eine allgemeine Missbilligung durch Presse und Kanzel und sogar durch die Frauen selbst, die in Resolutionen bei Wahlrechts- und Mäßigkeitsversammlungen zum Ausdruck gebracht wurde. Wie andere „Fehler“ wird auch dieser zu gegebener Zeit als „ein Schritt im Fortschritt“ angesehen werden.

Solche Erfahrungen haben mir Vertrauen in mein Urteilsvermögen gegeben und Geduld mit dem Widerstand meiner Mitstreiterinnen, mit denen ich in so vielen Punkten nicht übereinstimme. Es erfordert heute keinen Mut mehr, das Wahlrecht, Mäßigkeitsgesetzgebung, liberale Scheidungsgesetze zu fordern oder dass Frauen kirchliche Ämter bekleiden – diese Schlachten wurden geschlagen und gewonnen und das Prinzip, das diese Forderungen regelt, wurde zugestanden. Aber es erfordert immer noch Mut, die göttliche Inspiration der hebräischen Schriften hinsichtlich der Position der Frau in Frage zu stellen. Warum sollten die Mythen, Fabeln und Allegorien der Hebräer als heiliger angesehen werden als die der Assyrer und Ägypter, aus deren Literatur die meisten von ihnen abgeleitet wurden? Da ich sehe, dass die religiösen Aberglauben der Frauen ihre Knechtschaft mehr verewigen als alle anderen gegensätzlichen Einflüsse, fühle ich mich gedrängt, meine Forderungen nach Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit in der Kirche ebenso wie im Staat zu wiederholen.

Die Geburtstagsfeier war für mich mehr als ein schönes Festspiel; mehr als ein persönlicher Tribut. Es war das Morgengrauen eines neuen Tages für die Mütter der Rasse! Die harmonische Zusammenarbeit so vieler verschiedener Organisationen mit unterschiedlichen Interessen und Meinungen in einem großen Jubiläum war in der Tat eine himmlische Vision von Frieden und Hoffnung; eine Prophezeiung, dass mit der Erhöhung des Frauentums neues Leben, neues Licht und neue Freiheit für die ganze Menschheit kommen würden.

NAMENSVERZEICHNIS.

* * * * * Aberdeen, Lord und Lady, Addington, Laura, Albert, Prinz, Alcott, A. Bronson, Alcott, Louisa M., Allison, Miss, Amberly, Lord und Lady, Ames, Mary Clemmer, Anderson, Dr. Garrett, André, Major John, Andrews, Gouverneur John A., Anthony, Daniel, Anthony, Senator Henry B., Anthony, Lucy, Anthony, Mary, Anthony, Susan B., Arnold, General Benedict, Arnold, Matthew, Astor, John Jacob, Auchet, Hubertine, Austin, Dr. Harriet N., Ayer, Mrs. J.C.,

Backus, Wealthea, Bagley, Gouverneur, Bagley, Mrs., Baird, General, Baldwin, Elizabeth McMartin, Balgarnie, Miss, Banning, Ella B., Banning, William L., Barclay, Cornelia, Barrau, Caroline de, Bartlett, Paul, Barton, Clara, Bascom, Mr., Bascora, Mary, Bayard, Dr. Edward, Bayard, Henry, Bayard, Thomas F., Bayard, Tryphena Cady, Beach, Myron, Beaman, Rev. Dr., Becker, Lydia, Beecher, Catharine, Beecher, Rev. Henry Ward, Bellamy, Edward, Bellows, Rev. Henry, Benedict, Lewis, Bently, Richter, Berry, Mme., Berry, Marguerite, Berry, Mrs., Bertaux, Mme. Léon, Besant, Annie, Bickerdyke, Mutter, Biddle, Chapman, Biddle, George, Biggs, Caroline, Bigelow, John, Bigelow, Mrs. John, Bingham, John A., Bird, Frank W., Birney, James Gr., Bjornson, Bjornstjerne, Blackburn, Miss, Blackwell, Antoinette Brown, Blackwell, Dr. Elizabeth, Blackwell, H.B., Blaine, Senator James G., Blaine, Mrs. James G., Blair, Senator Henry W., Blake, Lillie Devereux, Blatch, Harriot Stanton, Blatch, Nora Stanton, Blatch, William H., Blavatsky, Mme., Bloomer, Amelia, Bogelot, Isabella, Bogue, Rev. Dr., Bonaparte, Napoleon, Botta, Anne Lynch, Boucherett, Jessie, Bowles, Samuel, Bradburn, George, Bradlaugh, Hon. Charles, M.P., Bradwell, Myra, Bright, Hon. Jacob, M.P., Bright, Mrs. Jacob, Bright, Hon. John, M.P., Broomall, John M., Brougham, Henry, Lord, Brown, Antoinette L., Brown, John, Brown, Olympia, Brown, Mr., Browne, Sir Thomas, M.D., Browning, Robert, Brownson, Orestes A., Bryan, William J., Bryant, Miss, Bryant, William Cullen, Bullard, Laura Curtis, Burlingame, Anson, Burleigh, Celia, Burleigh, Mrs. William, Burnet, Rev. J., Burr, Frances Ellen, Burroughs, Herbert, Busbey, L. White, Bushnell, Horace, Butler, General Benjamin F., Butler, Josephine, Byron, Lady, Byron, Lord,

Cabot, Frederick, Cady, Richter Daniel, Cady, Eleazer, Cady, Margaret Livingston, Caird, Mona, Cameron, Richter Hugh, Carlisle, Lora und Lady, Carlyle, Thomas, Carnegie, Andrew, Carroll, Anna, Cary, Alice, Cary, Phoebe, Channing, Rev. Dr. William Ellery, Channing, Dr. William F., Channing, Rev. William Henry, Chant, Ormiston, Chapman, Maria, Chase, William, Cheever, Rev. George B., Child, Lydia Maria, Choate, Joseph H., Christie, Margaret, Clark, Helen Bright, Clarkson, Thomas, Cleveland, Grover, Clinton, Gouverneur De Witt C, Cluseret, General, Cobb, Mr. und Mrs., Cobbe, Frances Power, Cobden, Jane, Cochrane, James, Cochrane, General John, Cochrane, Mary, Colby, Clara B., Colby, Senator Cornelius, Coleridge, Lady, Collyer, Rev. Robert, Combe, Andrew, Comte, Auguste, Conkling, Richter Alfred, Conkling, Roscoe, Conway, Rev. Moncure D., Conway, Mrs. Moncure D., Cooley, Richter Thomas M., Couzins, Phoebe W., Croly, Jennie C, Crowninshield, Kapitän A.S., Crowninshield, Mary, Cox, S.S., Coxe, Bischof, Curtis, George William, Cushier, Dr., Cushman, Charlotte,

Dana, Charles A., Dana, Eunice MacDaniel, Darling, Anna B., Darlington, Chandler, Darlington, Hannah, Davis, Edward M., Davis, Paulina Wright, Davitt, Michael, Depesyrons, Professor, Deraismes, Mme. Féresse, Deraismes, Maria, Dickinson, Anna E., Dickinson, Mary Lowe, Dietrick, Ellen Battelle, Dilke, Mrs. Ashton, Dilke, Sir Charles, Dix, Dorothy L., Dix, General John A., Douglass, Frederick, Douglass, Mr., Dowden, Professor, Dudley, Blandina Bleecker, Dumas, Alexandre, Durand, Mme. M.E., Dyer, Charles Gifford, Dyer, Hella,

Eaton, Professor Amos B., Eaton, Daniel C, Eaton, Harriet Cady, Eddy, Miss, Eddy, Mrs. Jackson, Edmunds, Senator George F., Eliot, George, Ellet, Elizabeth F., Ellsler, Fanny, Elmy, Mrs., Emerson, Ralph Waldo, England, Isaac W., England, Mrs. Isaac W., Everett, Charles,

Fabre, Senator Joseph, Fairchild, Gouverneur Lucius, Faithful, Emily, Farnham, Mrs., Fawcett, Henry, M.P., Fawcett, Milicent J., Ferry, Jules, Ferry, Senator Thomas W., Field, Rev. Dr. Henry M., Field, Kate, Fine, Richter, Finney, Rev. Charles G., Fitzhugh, Ann Carroll, Fitzhugh, Miss, Folsom, Abigail, Forbes, Arethusa, Forney, John W., Foster, Abby Kelly, Foster, Rachel, Foster, Stephen, Frederic, Harold, Fremont, General John C, French, Daniel C, Frothingham, Rev. O.B., Froude, James Anthony, Fry, Elizabeth, Fuller, Kate, Fuller, Margaret, Fuller, W.J.A., Furness, Rev. William H.,

Gage, Frances Dana, Gage, Matilda Joslyn, Gardener, Helen H., Garibaldi, General G., Garrison, Gertrude, Garrison, William Lloyd, Garrison, Mrs. W.L., Gay, Sidney Howard, Geddes, Mr., George, Henry, Gestefeld, Ursula N., Gibbons, Abby Hopper, Gillespie, Mrs., Gladstone, Right Hon. William E., Gladstone, Mrs. W.E., Godwin, Mary Wollstonecraft, Godwin, William, Grant, General Ulysses S., Greeley, Horace, Greeley, Mrs. Horace, Greene, Beriah, Greenough, Mrs. W.H., Greenwood, Grace, Gréville, Henri, Grévy, Präsident Jules, Grévy, Mme. Jules, Grew, Mary, Grey, Maria G., Grimké, Angelina, Grimké, Sarah, Gripenberg, Baronin Alexandra, Gurney, John Joseph, Gurney, Samuel, Gustafsen, Mrs.,

Hammond, Dr. William A., Hanaford, Rev. Phebe A., Harbert, Elizabeth Boynton, Harberton, Lady, Harvey, Rev. A., Hawley, General Joseph R., Hawthorne, Nathaniel, Hazeltine, Mayo W., Heine, Heinrich, Hertell, Richter, Hertz, Fannie, Hicks, Elias, Higginson, Thomas Wentworth, Hill, Octavia, Hill, Präsident, Hinckley, Rev. Frederick A., Hoar, Senator George F., Hoggan, Dr. Frances E., Hoisington, Rev. William, Holmes, Oliver Wendell, Hooker, Isabella Beecher, Holyoake, George Jacob, Hosack, Rev. Simon, Hoskins, Frances, Hosmer, Harriet, Hovey, Charles, Howe, Julia Ward, Howell, Richter, Howell, Mary Seymour, Howells, William D., Howells, Mrs. William D., Howitt, Mary, Hudson, Harriet, Hugo, Victor, Hunt, Jane, Hunt, Dr. Harriet K., Hunt, Richter Ward, Hunt, Richard, Hurlbert, Richter, Huron, Mr., Hutchinson, Familie, Hutchins, Mr., Hyacinthe, Père,

Ingersoll, Robert G.,

Jackson, Francis, Jackson, Dr. James, Jackson, Dr. Kate, Jackson, Mr. und Mrs., Jackson, Mrs., Jacobi, Dr. Mary Putnam, Jameson, Anna, Janes, Bischof, Jarvis, Helen, Jenckes, Thomas A., Jenkins, Lydia, Jenney, Mr. und Mrs., Johnson, Adelaide, Johnson, Mariana, Johnson, Oliver, Johnson, Sir William, Joly, Professor Nicholas, Jones, Phoebe, June, Jennie,

Kelley, William D., Kelley, Abby, Kennan, George, Kent, Kanzler, Kergomard, Pauline, Kilpatrick, General, Kimber, Abby, King, Kapitän Charles, Kingsford, Anna, Kingsley, Kanonikus Charles, Klumpke, Anna, Krapotkine, Prinz,

Laboulaye, Edouard R.L., LaFayette, Marquis de, Lampson, Pater, Lapham, Anson, Lauterbach, Mrs. Edward, Lawrence, Frank E., Lawrence, Margaret Stanton, Lawson, Sir Wilfrid, Leavitt, Joshua, Lecky, W.E.H., Lee, Richard Henry, Lee, Theresa, Lieneff, Mr., Lincoln, Abraham, Livermore, Mary A., Livingston, Colonel James, Livingston, Margaret, Livingston, Mary, Logan, Olive, Long, Gouverneur John D., Longfellow, Henry W., Longfellow, Rev. Samuel, Lord, Dr., Lord, Emily, Lord, Frances, Louis Philippe, Lowell, James Russell, Lozier, Dr. Clemence S., Lucas, Margaret Bright, Lyon, Mary,

McClintock, Elizabeth, McClintock, Mary Ann, McKeon, Richter, McLaren, Charles, McLaren, Mrs. Charles, McLaren, Hon. Duncan, M.P., McLaren, Priscilla Bright, McLaren, Walter, McMartin, Donald, McMartin, Duncan, McMartin, Margaret Cady, MacDaniel, Eunice, MacDaniel, Frances L., MacDaniel, Osborne, Macaulay, Thomas Babbington, Maire, Rev. Hugh, Mann, Horace, Mann, Prestona, Mansfield, Lord Chief Justice, Mansfield, Mrs. A.A., Marsh, Luther R., Martineau, Harriet, Massey, Gerald, May, Rev. Samuel J., Mellen, Mrs. William, Mendenhall, Dinah, Meredith, George, Michel, Louise, Michelet, Jules, Milinowski, Kapitän Arthur, Mill, John Stuart, Mill, Mrs. John Stuart, Miller, Charles Dudley, Miller, Colonel, Miller, Elizabeth Smith, Miller, Gerrit Smith, Miller, Jenness, Miller, John B., Miller, Richter, Miller, Justizrat Samuel F., Minor, Virginia L., Mitchell, Dr. Julia, Mitchell, Dr. Kate, Mitchell, Professor Maria, Moffett, Rev. Dr., Moliner, Professor, Morley, John, Morpeth, Lord, Morris, William, Morrison, Cotton, Morsier, Emilie de, Morton, Edwin, Mott, Lucretia, Mott, Lydia, Moulton, Louise Chandler, Moulton, Mrs., Müller, Eva, Müller, Henrietta, Murray, Eliza,

Napoleon, Neal, Elizabeth, Nichol, Elizabeth Pease,

O'Connell, Daniel, O'Conor, Charles, Olmstead, Rev. John W., Olmstead, Mary Livingston, Opie, Amelia, Orr, Mrs., Osborne, Eliza W., O'Shea, Mrs. Kitty, Owen, Robert Dale,

Palmer, Senator John M., Parker, Margaret, Parker, Theodore, Parkhurst, Mrs., Parnell, Charles Stewart, Parsons, Chauncey C, Parsons, Mrs. Chauncey C, Patton, Rev. Dr., Peabody, Elizabeth, Pearson, Karl, Pease, Elizabeth, Phelps, Elizabeth B., Phillips, Ann Green, Phillips, Wendell, Pierpont, John, Pillsbury, Parker, Plumb, Senator Preston B., Pochin, Mrs., Pomeroy, "Brick", Powell, Aaron, Powell, Professor, Priestman, Annie, Priestman, Mary, Pugh, Sarah,

Quincy, Edmund,

Ramsey, Mr., Reid, Mrs. Hugo, Remond, Charles, Richer, Léon, Richter, Jean Paul Friedrich, Ripley, George, Ripley, Mrs. George, Richardson, Abby Sage, Ristori, Markgräfin Adelaide, Robinson, Gouverneur Charles, Roby, Matilda, Rogers, Caroline Gilkey, Rogers, Nathaniel P., Roland, Mme., Rosa, Mr., Rose, Ernestine L., Root, Elihu, Rouvier, M., Runkle, Mrs., Ruskin, John,

Sackett, Richter Gerrit V., Sage, Russell, Sage, Mrs. Russell, Sanborn, Frank, Sanders, Mrs. Henry M., Sargent, Senator Aaron A., Sargent, Mrs. Aaron A., Saville, Mrs., Scatcherd, Alice Cliff, Scatcherd, Mr., Schenck, Elizabeth B., Schenck, Robert C, Scoble, Rev. John, Seaman, Mr., Seidl, Professor, Sewall, May Wright, Sewall, Samuel E., Sewall, Mrs. Samuel E., Seward, Gouverneur William H., Seward, Mrs. William H., Shaftesbury, Lord, Shaw, Rev. Anna, Shelley, Percy Bysshe, Shelley, Percy Florence, Smalley, George W., Smith, Ann Carroll Fitzhugh, Smith, Elizabeth Oakes, Smith, Gerrit, Smith, Greene, Smith, Professor Horace, Smith, Mrs. Horace, Smith, Peter Sken, Smith, Sidney, Smith, Schwestern, Somerset, Lady Henry, Southwick, Abby, Southwick, Joseph, Southwick, Thankful, Southworth, Louisa, Spaulding, Bischof, Spence, Clara, Spencer, John C, Spencer, Sarah Andrews, Spofford, Jane Snow, Spofford, Mr., Sprague, Gouverneur William, Staël, Mme. de, Stanford, Senator Leland, Stanley, Dekan, Stansfeld, Mr., M.P., Stanton, Hon. Daniel Cady, Stanton, Edwin M., Stanton, Elizabeth Cady, Enkelin der Autorin, Stanton, Hon. Gerrit Smith, Stanton, Harriot Eaton, Stanton, Henry, Stanton, Hon. Henry Brewster, Stanton, Margaret Livingston, Stanton, Marguerite Berry, Stanton, Robert Livingston, Stanton, Theodore, Stead, William T., Stebbins, Catharine F., Stebbins, Giles, Stebbins, Mrs., Steinthal, Rev. Mr., Stepniak, Sterling, Antoinette, Stevens, Thaddeus, Stevenson, Robert Louis, Stewart, Alvin, Stone, Lucy, Stout, Rev. C., Stowe, Harriet Beecher, Straus, Oscar S., Stuart, Charles, Stuart, Dr. Jacob H., Stuart, Mrs. Jacob H., Stuart, Professor, Sturge, Joseph, Sumner, Charles, Sutherland, Herzogin von, Swift, Isabella, Swift, Leutnant,

Tanner, Mrs., Taylor, Helen, Taylor, Mrs. Peter A., Terry, Ellen, Thacher, Bürgermeister, Thomson, Adeline, Thomasson, Hon. John P., M.P., Thomasson, Mrs. John P., Thompkins, Gouverneur Daniel D., Thompson, George, Thompson, May Wright, Tilton, Theodore, Train, George Francis, Traut, Mme. Griess, Tree, Ellen, Tudor, Mrs. Fenno, Tyler, Professor Moses Coit, Tyng, Dr. Stephen,

Underhill, Zoe Dana,

Van Vechten, Abraham, Vest, Senator George G., Victoria, Königin, Vignon, Claude, Villard, Fanny Garrison, Villard, Henry, Vincent, Henry, Virchow, Professor,

Waite, Oberster Richter Morrison R., Walter, Ellen Cochrane, Walsingham, Sir Francis, "Warrington", Washington, General George, Weed, Thurlow, Weld, Angelina Grimke, Weld, Theodore D., Wellington, Herzog von, Wells, Emeline B., West, Benjamin, Weston, Deborah, Whipple, E.P., Whitney, Anna, Whittier, John G., Whittle, Dr. Ewing, Wigham, Eliza, Wigham, Jane, Wilberforce, Kanonikus, Wilberforce, William, Wilbour, Charlotte Beebe, Wilkeson, Catherine Cady, Wilkeson, Samuel, Willard, Amelia, Willard, Emma, Willard, Frances E., Willard, Mrs. John, Williams, Senator C.G., Williams, Elisha, Wilson, Daniel, Winckworth, Mr. und Mrs. Stephen, Winslow, Emily, Woodhull, Victoria, Wollstonecraft, Mary, Woodward, Mr., Worden, Mrs., Wright, David, Wright, Frances, Wright, Henry C., Wright, Martha C., Wright, Mr., Wright, Paulina,

Yost, Elizabeth W., Yost, Maria,

Zackesewska, Dr. M.E.,

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