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Lady Audley's Secret

by M. E. (Mary Elizabeth) Braddon · in German

KAPITEL I.

LUCY.

Es lag in einer Senke, reich an altem, prachtvollem Baumbestand und üppigen Weiden; man erreichte es durch eine Lindenallee, die zu beiden Seiten von Wiesen gesäumt war, über deren hohe Hecken das Vieh neugierig auf einen herabblickte, wenn man vorüberging, vielleicht in der Verwunderung, was man wohl wolle; denn es gab keinen Durchgang, und wenn man nicht gerade zum Court wollte, hatte man dort überhaupt nichts zu suchen.

Am Ende dieser Allee befand sich ein alter Torbogen und ein Uhrturm mit einer törichten, verwirrenden Uhr, die nur einen Zeiger hatte – und die schnurstracks von einer Stunde zur nächsten sprang – und daher stets in Extremen lebte. Durch diesen Torbogen schritt man direkt in die Gärten von Audley Court.

Vor einem lag ein glatter Rasen, übersät mit Rhododendrongruppen, die hier vollkommener gediehen als irgendwo sonst in der Grafschaft. Zur Rechten lagen die Gemüsegärten, der Fischteich und ein Obstgarten, der von einem trockenen Wassergraben und einer zerfallenen Mauer begrenzt wurde, die an manchen Stellen dicker war, als sie hoch war, und überall von kriechendem Efeu, gelbem Mauerpfeffer und dunklem Moos überwuchert war. Zur Linke befand sich ein breiter, gekiester Weg, auf dem vor Jahren, als der Ort noch ein Kloster war, die stillen Nonnen Hand in Hand gewandelt waren; eine Mauer, die mit Spalierobst gesäumt war und auf der einen Seite von stattlichen Eichen beschattet wurde, welche die flache Landschaft ausschlossen und das Haus samt den Gärten mit einem verdunkelnden Schutz umgaben.

Das Haus lag dem Torbogen gegenüber und nahm drei Seiten eines Vierecks ein. Es war sehr alt und sehr unregelmäßig und weitläufig. Die Fenster waren ungleich; einige klein, einige groß, einige mit schweren steinernen Pfosten und prächtigem Buntglas; andere mit zerbrechlichen Gittern, die bei jedem Windhauch klapperten; wieder andere so modern, dass sie erst gestern hätten hinzugefügt worden sein können. Große Schornsteingruppen ragten hier und da hinter den spitzen Giebeln auf und schienen so vom Alter und langem Dienst zerfallen, dass sie ohne den wilden Efeu, der die Mauern hinaufkroch und selbst über das Dach rankte, sich um sie wand und sie stützte, längst hätten einstürzen müssen. Die Haupttür war in eine Ecke eines Türmchens an einem Winkel des Gebäudes gezwängt, als ob sie sich vor gefährlichen Besuchern verstecke und ein Geheimnis bleiben wolle – eine edle Tür trotz alledem – altes Eichenholz, beschlagen mit großen, viereckigen Eisennägeln und so dick, dass der scharfe Eisenklopfer mit einem dumpfen Ton darauf schlug und der Besucher eine lärmende Glocke läutete, die in einer Ecke inmitten des Efeus baumelte, aus Furcht, das Geräusch des Klopfens könnte die Festung niemals durchdringen.

Ein herrlicher alter Ort. Ein Ort, bei dessen Anblick Besucher in Entzücken gerieten; ein sehnsüchtiges Verlangen verspürend, mit dem Leben abzuschließen und für immer dort zu bleiben, in die kühlen Fischteiche zu starren und die Blasen zu zählen, wenn die Plötzen und Karpfen an die Wasseroberfläche stiegen. Ein Fleckchen, in dem der Friede seine Wohnung aufgeschlagen zu haben schien und seine beruhigende Hand auf jeden Baum und jede Blume legte, auf die stillen Teiche und ruhigen Alleen, die schattigen Winkel der altmodischen Zimmer, die tiefen Fensternischen hinter dem bemalten Glas, die niedrigen Wiesen und die stattlichen Wege – ja, sogar auf den abgestandenen Brunnen, der sich, kühl und geschützt wie alles andere an dem alten Ort, in einem Gebüsch hinter den Gärten verbarg, mit einer untätigen Kurbel, die niemals gedreht wurde, und einem trägen Seil, das so morsch war, dass der Eimer sich davon gelöst hatte und in das Wasser gefallen war.

Ein edler Ort; innen wie außen, ein edler Ort – ein Haus, in dem man sich unwillkürlich verirrte, wenn man je so töricht war, seine Geheimnisse allein ergründen zu wollen; ein Haus, in dem kein Raum mit einem anderen sympathisierte, da jedes Gemach in einem Tangens in ein inneres Gemach abzweigte und durch dieses eine schmale Treppe hinunterführte, die zu einer Tür leitete, welche ihrerseits wieder in genau jenen Teil des Hauses führte, von dem man glaubte, am weitesten entfernt zu sein; ein Haus, das niemals von einem sterblichen Architekten hätte geplant werden können, sondern das Werk jenes guten alten Baumeisters Zeit gewesen sein musste, der Jahr für Jahr einen Raum hinzufügte und einen anderen einriss, einen Schornstein stürzte, der mit den Plantagenets gleichaltrig war, und einen im Stil der Tudors errichtete; ein Stück sächsischer Mauer erschütterte, einen normannischen Bogen hier stehen ließ; eine Reihe hoher, schmaler Fenster in der Regierungszeit der Königin Anne einfügte und ein Esszimmer nach der Mode des hannoverschen Georg I. an ein Refektorium anbaute, das seit der Eroberung bestand, und so in rund elf Jahrhunderten ein Herrenhaus hochzuziehen verstand, wie es sonst nirgends in der Grafschaft Essex anzutreffen war. Natürlich gab es in einem solchen Haus geheime Kammern; die kleine Tochter des jetzigen Eigentümers, Sir Michael Audley, war zufällig auf die Entdeckung einer solchen gestoßen. Ein Brett hatte unter ihren Füßen in dem großen Kinderzimmer, in dem sie spielte, geklappert, und als man darauf aufmerksam wurde, stellte man fest, dass es locker war, und nach dem Entfernen offenbarte es eine Leiter, die zu einem Versteck zwischen dem Boden des Kinderzimmers und der Decke des darunter liegenden Raums führte – ein Versteck, so klein, dass derjenige, der sich dort versteckte, auf allen Vieren hätte kauern oder sich ganz ausstrecken müssen, und doch groß genug, um eine seltsame, altgeschnitzte Eichentruhe zu enthalten, die halb mit Priestergewändern gefüllt war, welche zweifellos in jenen grausamen Tagen versteckt worden waren, als das Leben eines Mannes in Gefahr war, wenn entdeckt wurde, dass er einen römisch-katholischen Priester beherbergte oder in seinem Haus die Messe lesen ließ.

Der breite äußere Wassergraben war trocken und mit Gras bewachsen, und die beladenen Bäume des Obstgartens hingen mit knorrigen, sperrigen Zweigen darüber, die fantastische Schatten auf den grünen Abhang warfen. Innerhalb dieses Grabens befand sich, wie ich sagte, der Fischteich – eine Wasserfläche, die sich über die ganze Länge des Gartens erstreckte und an die eine Allee namens Lindenweg grenzte; eine Allee, die so vor Sonne und Himmel beschattet und durch den dichten Schutz der übergreifenden Bäume so vor Beobachtung abgeschirmt war, dass sie wie ein auserwählter Ort für geheime Treffen oder verstohlene Zusammenkünfte erschien; ein Ort, an dem eine Verschwörung hätte geplant oder ein Liebesschwur mit gleicher Sicherheit hätte besiegelt werden können; und doch war er kaum zwanzig Schritte vom Haus entfernt.

Am Ende dieser dunklen Arkade befand sich das Gebüsch, wo inmitten der verworrenen Zweige und des vernachlässigten Unkrauts das rostige Rad jenes alten Brunnens stand, von dem ich sprach. Er hatte zweifellos zu seiner Zeit gute Dienste geleistet; und geschäftige Nonnen hatten vielleicht mit ihren eigenen feinen Händen das kühle Wasser geschöpft; aber er war nun außer Gebrauch geraten, und kaum jemand in Audley Court wusste, ob die Quelle versiegt war oder nicht. Aber so geschützt die Einsamkeit dieses Lindenwegs auch war, ich bezweifle sehr, dass er je für romantische Zwecke genutzt wurde. Oft in der Kühle des Abends schlenderte Sir Michael Audley mit seiner Zigarre auf und ab, die Hunde an den Fersen und seine hübsche junge Frau an seiner Seite trödelnd; doch nach etwa zehn Minuten wurden der Baronet und seine Begleiterin der raschelnden Linden und des stillen Wassers, das unter den ausgebreiteten Blättern der Seerosen verborgen lag, und der langen grünen Allee mit dem zerbrochenen Brunnen am Ende müde und schlenderten zurück in das Wohnzimmer, wo meine Lady verträumte Melodien von Beethoven und Mendelssohn spielte, bis ihr Ehemann in seinem Lehnstuhl einschlief.

Sir Michael Audley war sechsundfünfzig Jahre alt und hatte drei Monate nach seinem fünfundfünfzigsten Geburtstag eine zweite Frau geheiratet. Er war ein großer Mann, hochgewachsen und kräftig, mit einer tiefen, sonoren Stimme, schönen schwarzen Augen und einem weißen Bart – ein weißer Bart, der ihn gegen seinen Willen ehrwürdig erscheinen ließ, denn er war so aktiv wie ein Junge und einer der besten Reiter der Grafschaft. Seit siebzehn Jahren war er Witwer mit einem einzigen Kind, einer Tochter, Alicia Audley, die nun achtzehn Jahre alt war und keineswegs darüber erfreut war, eine Stiefmutter auf den Court gebracht zu bekommen; denn Miss Alicia hatte seit ihrer frühesten Kindheit in des Vaters Haus geherrscht, die Schlüssel getragen, sie in den Taschen ihrer Seidenschürzen klimpern lassen, sie im Gebüsch verloren, in den Teich fallen lassen und von der Stunde an, da sie in ihre Teenagerjahre trat, allen erdenklichen Ärger wegen ihnen bereitet, und sich daher der aufrichtigen Überzeugung hingegeben, dass sie während der ganzen Zeit den Haushalt geführt habe.

Doch Miss Alicias Zeit war vorbei; und wenn sie nun die Haushälterin um etwas bat, sagte diese ihr, sie werde mit meiner Lady sprechen oder sie werde meine Lady konsultieren, und wenn es meiner Lady gefalle, solle es geschehen. So verbrachte die Tochter des Baronets, die eine ausgezeichnete Reiterin und eine sehr geschickte Künstlerin war, die meiste Zeit draußen, ritt durch die grünen Pfade und zeichnete die Kinder der Landarbeiter, die Knechte, das Vieh und alle Arten von Getier, das ihr in den Weg kam. Sie stellte sich mit trotziger Entschlossenheit gegen jegliche Vertrautheit zwischen ihr und der jungen Frau des Baronets; und so liebenswürdig diese Lady auch war, sie fand es völlig unmöglich, Miss Alicias Vorurteile und Abneigung zu überwinden oder das verwöhnte Mädchen davon zu überzeugen, dass sie ihr kein grausames Unrecht getan habe, indem sie Sir Michael Audley heiratete. Die Wahrheit war, dass Lady Audley, indem sie die Frau von Sir Michael wurde, eine jener scheinbar vorteilhaften Ehen einging, die dazu neigen, auf eine Frau den Neid und den Hass ihres Geschlechts zu ziehen. Sie war als Gouvernante in der Familie eines Chirurgen in dem Dorf nahe Audley Court in die Nachbarschaft gekommen. Niemand wusste etwas über sie, außer dass sie als Antwort auf eine Anzeige gekommen war, die Mr. Dawson, der Chirurg, in der Times aufgegeben hatte. Sie kam aus London; und die einzige Referenz, die sie gab, war eine Dame an einer Schule in Brompton, wo sie einst Lehrerin gewesen war. Aber diese Referenz war so zufriedenstellend, dass keine weitere nötig war, und Miss Lucy Graham wurde vom Chirurgen als Ausbilderin seiner Töchter aufgenommen. Ihre Fertigkeiten waren so glänzend und zahlreich, dass es seltsam erschien, dass sie auf eine Anzeige geantwortet hatte, die solch sehr mäßige Entlohnungsbedingungen bot, wie sie von Mr. Dawson genannt wurden; aber Miss Graham schien mit ihrer Stelle vollkommen zufrieden zu sein, und sie brachte den Mädchen bei, Sonaten von Beethoven zu spielen und nach Creswick aus der Natur zu malen, und ging jeden Sonntag dreimal durch ein langweiliges, abgelegenes Dorf zur bescheidenen kleinen Kirche, so zufrieden, als ob sie keine höheren Bestrebungen auf der Welt hätte, als dies ihr restliches Leben lang zu tun.

Leute, die dies beobachteten, erklärten es damit, dass es Teil ihres liebenswürdigen und sanften Wesens sei, unter allen Umständen stets heiter, glücklich und zufrieden zu sein.

Wo immer sie hinging, schien sie Freude und Helligkeit mit sich zu nehmen. In den Hütten der Armen leuchtete ihr schönes Gesicht wie ein Sonnenstrahl. Sie saß eine Viertelstunde lang da und unterhielt sich mit irgendeiner alten Frau, und war anscheinend ebenso erfreut über die Bewunderung eines zahnlosen Weibes, als hätte sie den Komplimenten eines Marquis gelauscht; und wenn sie davoneilte und nichts hinterließ (denn ihr karges Gehalt bot keinen Spielraum für ihre Wohltätigkeit), brach die alte Frau in senile Entzückungen über ihre Anmut, Schönheit und Freundlichkeit aus, wie sie sie der Frau des Vikars, die sie halb ernährte und bekleidete, niemals entgegenbrachte. Denn sehen Sie, Miss Lucy Graham war mit jener magischen Kraft der Faszination gesegnet, durch die eine Frau mit einem Wort bezaubern oder mit einem Lächeln berauschen kann. Jeder liebte, bewunderte und pries sie. Der Junge, der das fünfriegelige Tor öffnete, das ihr im Weg stand, rannte zu seiner Mutter, um von ihrem hübschen Aussehen und der süßen Stimme zu erzählen, in der sie ihm für den kleinen Dienst dankte. Der Küster der Kirche, der sie in die Kirchenbank des Chirurgen geleitete; der Vikar, der die sanften blauen Augen sah, die sich zu seinem Gesicht erhoben, während er seine einfache Predigt hielt; der Träger vom Bahnhof, der ihr manchmal einen Brief oder ein Paket brachte und der niemals eine Belohnung von ihr erwartete; ihr Arbeitgeber; seine Besucher; ihre Schüler; die Diener; alle, hoch und niedrig, waren sich einig, dass Lucy Graham das süßeste Mädchen sei, das je gelebt habe.

Vielleicht war es das Gerücht davon, das in die stille Kammer von Audley Court drang; oder vielleicht war es der Anblick ihres hübschen Gesichts, das jeden Sonntagmorgen über die hohe Kirchenbank des Chirurgen blickte; wie dem auch sei, es war gewiss, dass Sir Michael Audley plötzlich einen starken Wunsch verspürte, die Gouvernante von Mr. Dawson besser kennenzulernen.

Er musste dem würdigen Arzt nur seinen Wunsch andeuten, damit eine kleine Gesellschaft zusammengestellt wurde, zu der der Vikar und seine Frau sowie der Baronet und seine Tochter eingeladen wurden.

Dieser eine stille Abend besiegelte Sir Michaels Schicksal. Er konnte der zarten Faszination dieser weichen und schmelzenden blauen Augen ebenso wenig widerstehen; der anmutigen Schönheit dieses schlanken Halses und des geneigten Kopfes mit seiner Fülle an herabfallenden flachsblonden Locken; der leisen Musik dieser sanften Stimme; der vollkommenen Harmonie, die jeden Reiz durchdrang und in dieser Frau alles doppelt bezaubernd machte; wie er seinem Schicksal widerstehen konnte! Schicksal! Warum, sie war sein Schicksal! Er hatte nie zuvor geliebt. Was war seine Ehe mit Alicias Mutter anderes gewesen als ein stumpfer, trottender Handel, geschlossen, um ein Gut in der Familie zu halten, das genauso gut außerhalb hätte sein können? Was war seine Liebe für seine erste Frau anderes gewesen als ein armseliger, mitleidiger, schwelender Funke, zu matt, um gelöscht zu werden, zu schwach, um zu brennen? Aber das war Liebe – dieses Fieber, dieses Sehnen, dieses rastlose, unsichere, elende Zögern; diese grausamen Ängste, dass sein Alter ein unüberwindbares Hindernis für sein Glück sei; dieser kranke Hass auf seinen weißen Bart; dieser rasende Wunsch, wieder jung zu sein, mit glänzendem rabenschwarzem Haar und einer schlanken Taille, wie er sie vor zwanzig Jahren hatte; diese wachen Nächte und melancholischen Tage, so herrlich erhellt, wenn er zufällig einen Blick auf ihr süßes Gesicht hinter den Fenstervorhängen erhaschte, während er am Haus des Chirurgen vorbeifuhr; all diese Anzeichen gaben Kunde von der Wahrheit und verrieten nur allzu deutlich, dass Sir Michael Audley im nüchternen Alter von fünfundfünfzig Jahren an dem schrecklichen Fieber namens Liebe erkrankt war.

Ich glaube nicht, dass der Baronet während seiner Werbung ein einziges Mal seinen Reichtum oder seine Stellung als Gründe für seinen Erfolg berechnete. Wenn er sich je an diese Dinge erinnerte, wies er den Gedanken daran mit einem Schaudern zurück. Es schmerzte ihn zu sehr, auch nur einen Moment zu glauben, dass jemand so Schönes und Unschuldiges sich selbst gegen ein prächtiges Haus oder einen guten alten Titel aufwiegen könnte. Nein; seine Hoffnung war, dass, da ihr Leben höchstwahrscheinlich eines der Mühsal und Abhängigkeit gewesen war, und da sie sehr jung war – niemand kannte ihr genaues Alter, aber sie sah kaum mehr als zwanzig aus –, sie vielleicht noch keine Bindung eingegangen war, und dass er, als der Erste, der um sie warb, ihr junges Herz gewinnen und von ihr, durch zärtliche Aufmerksamkeit, durch großzügige Wachsamkeit, durch eine Liebe, die sie an den Vater erinnern sollte, den sie verloren hatte, und durch eine schützende Fürsorge, die ihn für sie notwendig machen sollte, ihr frisches und frühestes Liebesgeständnis und das Versprechen ihrer Hand erhalten könnte. Es war zweifellos ein sehr romantischer Tagtraum; aber dennoch schien er auf einem sehr guten Weg zu sein, verwirklicht zu werden. Lucy Graham schien die Aufmerksamkeit des Baronets keineswegs zu missfallen. Es gab absolut nichts in ihrem Gebaren, das die flachen Kunstgriffe einer Frau verriet, die einen reichen Mann fesseln will. Sie war so sehr an Bewunderung von jedem gewöhnt, hoch und niedrig, dass das Verhalten von Sir Michael nur sehr wenig Eindruck auf sie machte. Zudem war er so viele Jahre Witwer gewesen, dass die Leute den Gedanken aufgegeben hatten, er würde je wieder heiraten. Schließlich jedoch sprach Mrs. Dawson die Gouvernante auf das Thema an. Die Frau des Chirurgen saß im Schulzimmer und war mit Arbeit beschäftigt, während Lucy den letzten Schliff an einige Aquarellskizzen legte, die von ihren Schülern angefertigt worden waren.

„Wissen Sie, meine liebe Miss Graham“, sagte Mrs. Dawson, „ich denke, Sie sollten sich für ein bemerkenswert glückliches Mädchen halten?“

Die Gouvernante hob ihren Kopf aus der gebückten Haltung und starrte ihre Arbeitgeberin verwundert an, während sie eine Flut von Locken zurückwarf. Es waren die wunderbarsten Locken der Welt – weich und federleicht, immer von ihrem Gesicht wegfliegend und einen blassen Heiligenschein um ihren Kopf bildend, wenn das Sonnenlicht durch sie hindurchschien.

„Was meinen Sie, meine liebe Mrs. Dawson?“, fragte sie und tauchte ihren Kamelhaarpinsel in das nasse Aquamarin auf der Palette und balancierte ihn vorsichtig, bevor sie den zarten violetten Streifen einfügte, der den Horizont in der Skizze ihres Schülers erhellen sollte.

„Nun, ich meine, meine Liebe, dass es nur an Ihnen liegt, Lady Audley zu werden und die Herrin von Audley Court.“

Lucy Graham ließ den Pinsel auf das Bild fallen und errötete scharlachrot bis an die Wurzeln ihres blonden Haares; und wurde dann wieder bleich, viel bleicher, als Mrs. Dawson sie je zuvor gesehen hatte.

„Meine Liebe, regen Sie sich nicht auf“, sagte die Frau des Chirurgen beschwichtigend; „Sie wissen, dass niemand von Ihnen verlangt, Sir Michael zu heiraten, wenn Sie nicht wollen. Natürlich wäre es eine großartige Partie; er hat ein glänzendes Einkommen und ist einer der großzügigsten Männer. Ihre Stellung wäre sehr hoch, und Sie wären in der Lage, viel Gutes zu tun; aber, wie ich schon sagte, Sie müssen sich ganz von Ihren eigenen Gefühlen leiten lassen. Nur eines muss ich sagen, und das ist, dass es, wenn Sir Michaels Aufmerksamkeit Ihnen nicht angenehm ist, wirklich kaum ehrenhaft ist, ihn zu ermutigen.“

„Seine Aufmerksamkeit – ihn ermutigen!“, murmelte Lucy, als ob die Worte sie verwirrten. „Bitte, bitte sprechen Sie nicht mit mir, Mrs. Dawson. Ich hatte keine Ahnung davon. Es ist das Letzte, was mir in den Sinn gekommen wäre.“ Sie stützte ihre Ellbogen auf das Zeichenbrett vor sich und faltete ihre Hände über ihr Gesicht, wobei sie einige Minuten lang tief nachzudenken schien. Sie trug ein schmales schwarzes Band um ihren Hals, an dem vielleicht ein Medaillon oder ein Kreuz oder eine Miniatur befestigt war; aber was auch immer das Schmuckstück war, sie hielt es immer unter ihrem Kleid verborgen. Ein oder zwei Mal, während sie schweigend dasaß und nachdachte, nahm sie eine ihrer Hände vom Gesicht und nestelte nervös an dem Band, ergriff es mit einer halb ärgerlichen Geste und drehte es zwischen ihren Fingern hin und her.

„Ich glaube, manche Menschen sind dazu geboren, glücklos zu sein, Mrs. Dawson“, sagte sie nach einer Weile; „es wäre ein viel zu großes Glück für mich, Lady Audley zu werden.“

Sie sagte dies mit so viel Bitterkeit im Ton, dass die Frau des Chirurgen überrascht zu ihr aufblickte.

„Sie glücklos, meine Liebe!“, rief sie aus. „Ich halte Sie für die letzte Person, die so etwas sagen sollte – Sie, ein so fröhliches, glückliches Geschöpf, dass es jedem guttut, Sie zu sehen. Ich bin sicher, ich weiß nicht, was wir tun sollen, wenn Sir Michael uns Sie raubt.“

Nach diesem Gespräch sprachen sie oft über das Thema, und Lucy zeigte nie wieder irgendeine Regärung, wenn die Bewunderung des Baronets für sie erörtert wurde. Es war in der Familie des Chirurgen stillschweigend vereinbart, dass die Gouvernante Sir Michael ruhig akzeptieren würde, sobald er einen Antrag machte; und tatsächlich hätten die einfachen Dawsons es für mehr als Wahnsinn gehalten, wenn ein mittelloses Mädchen ein solches Angebot abgelehnt hätte.

Also, an einem nebligen Augustabend, als Sir Michael im kleinen Wohnzimmer des Chirurgen gegenüber von Lucy Graham an einem Fenster saß, nutzte er die Gelegenheit, während die Familie durch einen Zufall gerade nicht im Raum war, um das Thema anzusprechen, das ihm am Herzen lag. Er machte der Gouvernante in wenigen, aber feierlichen Worten einen Heiratsantrag. Es lag etwas beinahe Rührendes in der Art und dem Ton, mit denen er zu ihr sprach – halb in entschuldigender Weise, da er wusste, dass er kaum erwarten konnte, die Wahl eines schönen jungen Mädchens zu sein, und eher darum betete, dass sie ihn ablehnen möge, selbst wenn sie ihm damit das Herz brechen würde, als dass sie seinen Antrag annehmen sollte, wenn sie ihn nicht liebte.

„Ich glaube kaum, dass es eine größere Sünde gibt, Lucy“, sagte er feierlich, „als die einer Frau, die einen Mann heiratet, den sie nicht liebt. Du bist mir so kostbar, meine Geliebte, dass ich, so sehr mein Herz auch daran hängt und so bitter mir allein der Gedanke an eine Enttäuschung ist, nicht möchte, dass du für irgendein Glück von mir eine solche Sünde begehst. Wenn mein Glück durch eine solche Tat erreicht werden könnte – was nicht der Fall sein kann –, was niemals sein könnte“, wiederholte er eindringlich –, „kann nichts als Elend aus einer Ehe entstehen, die von irgendeinem anderen Beweggrund als Wahrheit und Liebe diktiert wird.“

Lucy Graham sah nicht zu Sir Michael, sondern geradeaus in die neblige Dämmerung und die trübe Landschaft weit hinter dem kleinen Garten. Der Baronet versuchte ihr Gesicht zu erkennen, doch sie hatte ihm ihr Profil zugewandt, und er konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht ergründen. Hätte er es gekonnt, so hätte er einen sehnsüchtigen Blick gesehen, der schien, als wollte er die ferne Dunkelheit durchdringen und in eine andere Welt blicken – weit weg.

„Lucy, hast du mich gehört?“

„Ja“, sagte sie ernst; nicht kalt, oder in irgendeiner Weise, als wäre sie von seinen Worten beleidigt.

„Und deine Antwort?“

Sie wandte ihren Blick nicht von der dunkler werdenden Landschaft ab, sondern blieb einige Augenblicke vollkommen still; dann wandte sie sich ihm mit einer plötzlichen Leidenschaft in ihrem Wesen zu, die ihr Gesicht mit einer neuen und wunderbaren Schönheit erhellte, die der Baronet selbst in der zunehmenden Dämmerung wahrnahm, und sank zu seinen Füßen auf die Knie.

„Nein, Lucy; nein, nein!“, rief er heftig, „nicht hier, nicht hier!“

„Doch, hier, hier“, sagte sie, wobei die seltsame Leidenschaft, die sie aufwühlte, ihre Stimme schrill und durchdringend klingen ließ – nicht laut, aber übernatürlich deutlich; „hier und nirgendwo sonst. Wie gut Sie sind – wie edel und wie großmütig! Sie lieben! Nun, es gibt Frauen, die mir an Schönheit und Güte hundertmal überlegen sind und die Sie herzlich lieben könnten; aber Sie verlangen zu viel von mir! Denken Sie daran, wie mein Leben war; denken Sie nur daran! Von Kindesbeinen an habe ich nichts als Armut gesehen. Mein Vater war ein Gentleman: klug, gebildet, gutaussehend – aber arm – und welch erbärmlicher Wicht die Armut aus ihm machte! Meine Mutter – aber lassen Sie mich nicht von ihr sprechen. Armut – Armut, Prüfungen, Ärger, Demütigungen, Entbehrungen. Sie können das nicht wissen; Sie, die Sie zu jenen gehören, für die das Leben so glatt und einfach ist, Sie können niemals ahnen, was solche wie wir erdulden müssen. Verlangen Sie also nicht zu viel von mir. Ich kann nicht uneigennützig sein; ich kann die Vorteile einer solchen Verbindung nicht ignorieren. Ich kann es nicht, ich kann es nicht!“

Jenseits ihrer Erregung und ihrer leidenschaftlichen Heftigkeit liegt etwas Unbestimmtes in ihrem Wesen, das den Baronet mit einer vagen Unruhe erfüllt. Sie ist immer noch am Boden zu seinen Füßen, mehr kauernd als kniend, ihr dünnes weißes Kleid schmiegt sich um sie, ihr blasses Haar strömt über ihre Schultern, ihre großen blauen Augen glitzern in der Dämmerung, und ihre Hände umklammern das schwarze Band um ihren Hals, als würde es sie erwürgen. „Verlangen Sie nicht zu viel von mir“, wiederholte sie immer wieder; „ich bin seit meiner Kindheit egoistisch gewesen.“

„Lucy – Lucy, sprich offen. Missfalle ich dir?“

„Missfallen? Nein – nein!“

„Aber gibt es jemand anderen, den du liebst?“

Sie lachte laut über seine Frage. „Ich liebe niemanden auf der Welt“, antwortete sie.

Er war froh über ihre Antwort; und doch wirkte diese und das seltsame Lachen auf ihn verstörend. Er schwieg einige Augenblicke und sagte dann mit einer Art Anstrengung:

„Nun, Lucy, ich werde nicht zu viel von dir verlangen. Ich schätze, ich bin ein romantischer alter Narr; aber wenn ich dir nicht missfalle und wenn du niemanden sonst liebst, sehe ich keinen Grund, warum wir nicht ein sehr glückliches Paar abgeben sollten. Ist es abgemacht, Lucy?“

„Ja.“

Der Baronet hob sie in seine Arme und küsste sie einmal auf die Stirn, dann verabschiedete er sich leise und ging schnurstracks aus dem Haus.

Er ging schnurstracks aus dem Haus, dieser törichte alte Mann, weil eine starke Regung in seiner Brust arbeitete – weder Freude noch Triumph, sondern etwas, das beinahe an Enttäuschung grenzte – eine erstickte und ungestillte Sehnsucht, die schwer und dumpf auf seinem Herzen lag, als trüge er eine Leiche in seinem Busen. Er trug die Leiche jener Hoffnung, die beim Klang von Lucys Worten gestorben war. Alle Zweifel, Ängste und zaghaften Bestrebungen waren nun beendet. Er musste sich, wie andere Männer seines Alters, damit begnügen, wegen seines Vermögens und seiner Stellung geheiratet zu werden.

Lucy Graham ging langsam die Treppe hinauf zu ihrem kleinen Zimmer ganz oben im Haus. Sie stellte ihr schwaches Licht auf die Kommode und setzte sich auf den Rand des weißen Bettes, still und weiß wie die Vorhänge, die um sie herum hingen.

„Keine Abhängigkeit mehr, keine Plackerei mehr, keine Demütigungen mehr“, sagte sie; „jede Spur des alten Lebens weggeschmolzen – jeder Hinweis auf meine Identität begraben und vergessen – außer diesen, außer diesen.“

Sie hatte ihre linke Hand nicht von dem schwarzen Band an ihrem Hals genommen. Sie zog es hervor, als sie sprach, und betrachtete den Gegenstand, der daran befestigt war.

Es war weder ein Medaillon, noch eine Miniatur, noch ein Kreuz; es war ein Ring, eingewickelt in ein längliches Stück Papier – das Papier teils beschrieben, teils bedruckt, gelb vor Alter und zerknittert von vielem Falten.

KAPITEL II.

AN BORD DER ARGUS.

Er warf das Ende seiner Zigarre ins Wasser, stützte die Ellbogen auf die Schanzkleidung und starrte nachdenklich auf die Wellen.

„Wie ermüdend sie sind“, sagte er; „blau und grün und opal; opal und blau und grün; natürlich alles ganz schön auf seine Art, aber drei Monate davon sind doch etwas zu viel, besonders –“

Er versuchte nicht, seinen Satz zu beenden; seine Gedanken schienen mitten darin abzuschweifen und ihn tausend Meilen oder so weit fortzutragen.

„Armes kleines Mädchen, wie sie sich freuen wird!“, murmelte er, öffnete sein Zigarrenetui und betrachtete träge dessen Inhalt; „wie erfreut und wie überrascht? Armes kleines Mädchen. Nach dreieinhalb Jahren auch noch; sie wird überrascht sein.“

Er war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren mit einem dunklen, von der Sonne gebräunten Gesicht; er hatte schöne braune Augen, in denen ein träges Lächeln durch die schwarzen Wimpern funkelte, und einen buschigen Bart und Schnurrbart, der den ganzen unteren Teil seines Gesichts bedeckte. Er war groß und kräftig gebaut; er trug einen weiten grauen Anzug und einen Filzhut, der achtlos auf sein schwarzes Haar geworfen war. Sein Name war George Talboys, und er war Passagier der Achterkajüte an Bord des guten Schiffes Argus, das mit australischer Wolle beladen war und von Sydney nach Liverpool segelte.

Es gab nur sehr wenige Passagiere in der Achterkajüte der Argus. Ein älterer Wollhändler, der mit seiner Frau und seinen Töchtern in seine Heimat zurückkehrte, nachdem er in den Kolonien ein Vermögen gemacht hatte; eine dreiunddreißigjährige Gouvernante, die nach Hause fuhr, um einen Mann zu heiraten, mit dem sie seit fünfzehn Jahren verlobt war; die sentimentale Tochter eines wohlhabenden australischen Weinhändlers, die nach England geschickt wurde, um ihre Ausbildung zu beenden, und George Talboys waren die einzigen Passagiere der ersten Klasse an Bord.

Dieser George Talboys war das Leben und die Seele des Schiffes; niemand wusste, wer oder was er war oder woher er kam, aber jeder mochte ihn. Er saß am unteren Ende des Esstisches und half dem Kapitän, die Ehren des freundlichen Mahls zu erweisen. Er öffnete die Champagnerflaschen und trank Wein mit jedem Anwesenden; er erzählte lustige Geschichten und führte das Leben selbst mit einem so freudigen Klang, dass man ein Griesgram hätte sein müssen, um nicht aus reiner Anteilnahme zu lachen. Er war geschickt im Spekulieren und Vingt-et-un und all den lustigen Spielen, die den kleinen Kreis um die Kabinenlampe so tief in unschuldige Unterhaltung versenkten, dass ein Hurrikan über ihnen hätte heulen können, ohne dass sie es gehört hätten; aber er gab freimütig zu, dass er kein Talent für Whist hatte und dass er auf dem Schachbrett einen Springer nicht von einem Turm unterscheiden konnte.

Tatsächlich war Mr. Talboys keineswegs ein allzu gelehrter Gentleman. Die blasse Gouvernante hatte versucht, mit ihm über modische Literatur zu sprechen, aber George hatte nur an seinem Bart gezogen und sie sehr starr angesehen, wobei er gelegentlich sagte: „Ach, ja, beim Jupiter!“ und „Sicherlich, ach!“

Die sentimentale junge Dame, die nach Hause fuhr, um ihre Ausbildung zu beenden, hatte es bei ihm mit Shelley und Byron versucht, und er hatte ihr regelrecht ins Gesicht gelacht, als wäre Poesie ein Witz. Der Wollhändler fühlte ihm in Bezug auf Politik auf den Zahn, aber er schien darin nicht sehr bewandert zu sein; also ließen sie ihn seines Weges gehen, seine Zigarren rauchen, mit den Seeleuten reden, über die Schanzkleidung lehnen, auf das Wasser starren und sich auf seine eigene Art bei allen beliebt machen. Aber als die Argus etwa zwei Wochen von England entfernt war, bemerkte jeder eine Veränderung bei George Talboys. Er wurde rastlos und zappelig; manchmal so fröhlich, dass die Kajüte von seinem Lachen widerhallte; manchmal launisch und nachdenklich. So beliebt er auch bei den Seeleuten war, sie wurden schließlich müde, seine ständigen Fragen nach der voraussichtlichen Zeit des Landgangs zu beantworten. Würde es in zehn Tagen sein, in elf, in zwölf, in dreizehn? War der Wind günstig? Wie viele Knoten in der Stunde machte das Schiff? Dann überkam ihn eine plötzliche Leidenschaft, und er stampfte auf dem Deck auf und rief, sie sei ein klappriges altes Wrack und ihre Besitzer seien Betrüger, sie als die schnell segelnde Argus anzupreisen. Sie sei nicht für den Passagierverkehr geeignet; sie sei nicht geeignet, ungeduldige lebende Wesen mit Herz und Seele zu befördern; sie tauge zu nichts, als mit Ballen dummer Wolle beladen zu werden, die auf dem Meer verrotten könnten, ohne dass es ihnen schadete.

Die Sonne sank hinter die Wellen, als George Talboys an diesem Augustabend seine Zigarre anzündete. Nur noch zehn Tage, hatten ihm die Seeleute an jenem Nachmittag gesagt, und sie würden die englische Küste sehen. „Ich werde mit dem ersten Boot, das uns begrüßt, an Land gehen“, rief er; „ich werde in einer Nussschale an Land gehen. Beim Jupiter, wenn es hart auf hart kommt, werde ich ans Ufer schwimmen.“

Seine Freunde in der Achterkajüte lachten, mit Ausnahme der blassen Gouvernante, über seine Ungeduld; sie seufzte, als sie den jungen Mann beobachtete, wie er sich an den langsamen Stunden rieb, seinen unberührten Wein beiseiteschob, sich rastlos auf dem Kajütensofa hin und her warf, die Niedergangstreppe hinauf- und hinunterrannte und auf die Wellen starrte.

Als der rote Rand der Sonne ins Wasser eintauchte, stieg die Gouvernante die Kajütentreppe hinauf, um an Deck zu spazieren, während die Passagiere unten über ihrem Wein saßen. Sie blieb stehen, als sie zu George kam, und blieb an seiner Seite stehen, um das verblassende Purpur am westlichen Himmel zu beobachten.

Die Dame war sehr ruhig und zurückhaltend, nahm selten an den Vergnügungen in der Achterkajüte teil, lachte nie und sprach nur sehr wenig; aber sie und George Talboys waren während der gesamten Überfahrt ausgezeichnete Freunde gewesen.

„Stört Sie meine Zigarre, Miss Morley?“, sagte er und nahm sie aus dem Mund.

„Keineswegs; bitte hören Sie nicht mit dem Rauchen auf. Ich bin nur heraufgekommen, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Was für ein herrlicher Abend!“

„Ja, ja, das mag sein“, antwortete er ungeduldig; „doch so lang, so lang! Zehn weitere endlose Tage und zehn weitere müde Nächte, bevor wir landen.“

„Ja“, sagte Miss Morley und seufzte. „Wünschen Sie sich die Zeit kürzer?“

„Ob ich das tue?“, rief George. „Wahrlich, das tue ich. Sie etwa nicht?“

„Kaum.“

„Aber gibt es niemanden, den Sie in England lieben? Gibt es niemanden, den Sie lieben und der auf Ihre Ankunft wartet?“

„Ich hoffe es“, sagte sie ernst. Sie schwiegen einige Zeit, er rauchte seine Zigarre mit einer wütenden Ungeduld, als könnte er den Lauf des Schiffes durch seine eigene Rastlosigkeit beschleunigen; sie blickte mit melancholischen blauen Augen in das schwindende Licht – Augen, die zu verblassen schienen vom Starren auf eng bedruckte Bücher und schwierige Handarbeiten; Augen, die vielleicht ein wenig verblasst waren aufgrund von Tränen, die heimlich in der einsamen Nacht vergossen wurden.

„Sehen Sie!“, sagte George plötzlich und zeigte in eine andere Richtung als die, in die Miss Morley blickte, „da ist der Neumond!“

Sie blickte zu der blassen Mondsichel auf, ihr eigenes Gesicht fast ebenso blass und hager.

„Das ist das erste Mal, dass wir ihn sehen.“

„Wir müssen uns etwas wünschen!“, sagte George. „Ich weiß, was ich mir wünsche.“

„Was?“

„Dass wir schnell nach Hause kommen.“

„Mein Wunsch ist, dass wir keine Enttäuschung erleben, wenn wir dort ankommen“, sagte die Gouvernante traurig.

„Enttäuschung!“

Er fuhr zusammen, als wäre er geschlagen worden, und fragte, was sie damit meine, von Enttäuschung zu sprechen.

„Ich meine dies“, sagte sie hastig und mit einer rastlosen Bewegung ihrer dünnen Hände; „ich meine, dass, je näher das Ende der Reise rückt, die Hoffnung in meinem Herzen sinkt; und eine kranke Angst überkommt mich, dass am Ende vielleicht nicht alles gut sein könnte. Die Person, die ich zu treffen gehe, mag sich in ihren Gefühlen mir gegenüber verändert haben; oder er mag alle alten Gefühle bis zum Augenblick des Wiedersehens bewahrt haben und sie dann im Handumdrehen beim Anblick meines armen, wangen Gesichts verlieren, denn ich wurde ein hübsches Mädchen genannt, Mr. Talboys, als ich vor fünfzehn Jahren nach Sydney segelte; oder er mag durch die Welt so sehr verändert sein, dass er egoistisch und habgierig geworden ist, und er mag mich nur wegen meiner Ersparnisse aus fünfzehn Jahren willkommen heißen. Wiederum könnte er tot sein. Er könnte wohlauf gewesen sein, vielleicht bis eine Woche vor unserer Landung, und in dieser letzten Woche könnte er ein Fieber bekommen haben und eine Stunde vor dem Ankern unseres Schiffes im Mersey gestorben sein. Ich denke an all diese Dinge, Mr. Talboys, und spiele die Szenen in meinem Kopf durch und fühle ihre Qual zwanzigmal am Tag. Zwanzigmal am Tag“, wiederholte sie; „warum, ich tue es tausendmal am Tag.“

George Talboys hatte regungslos mit seiner Zigarre in der Hand gestanden und ihr so aufmerksam zugehört, dass sich sein Griff löste, als sie die letzten Worte sprach, und die Zigarre ins Wasser fiel.

„Ich frage mich“, fuhr sie fort, mehr zu sich selbst als zu ihm, „ich frage mich, wenn ich zurückblicke, wie hoffnungsvoll ich war, als das Schiff auslief; ich dachte damals nie an Enttäuschung, sondern malte mir die Freude des Wiedersehens aus, stellte mir die Worte vor, die gesagt würden, die Töne, die Blicke; aber seit diesem letzten Monat der Reise sinkt mein Herz Tag für Tag und Stunde für Stunde, und meine hoffnungsvollen Phantasien verblassen, und ich fürchte das Ende so sehr, als wüsste ich, dass ich nach England fahre, um einer Beerdigung beizuwohnen.“

Der junge Mann änderte plötzlich seine Haltung und wandte sein Gesicht seiner Begleiterin voll zu, mit einem Blick der Alarmierung. Sie sah im blassen Licht, dass die Farbe von seinen Wangen gewichen war.

„Was für ein Narr!“, rief er und schlug mit der geballten Faust gegen die Seite des Schiffes, „was für ein Narr ich bin, mich davon erschrecken zu lassen? Warum kommen Sie und sagen mir solche Dinge? Warum kommen Sie und jagen mir die Sinne aus dem Kopf, wo ich doch direkt nach Hause zu der Frau fahre, die ich liebe; zu einem Mädchen, dessen Herz so wahr ist wie das Licht des Himmels; und bei der ich nicht mehr erwarte, eine Veränderung zu finden, als ich erwarte, morgen eine andere Sonne am Himmel aufgehen zu sehen? Warum kommen Sie und versuchen, mir solche Phantasien in den Kopf zu setzen, wo ich doch nach Hause zu meiner geliebten Frau fahre?“

„Ihrer Frau“, sagte sie; „das ist etwas anderes. Es gibt keinen Grund, warum meine Ängste Sie erschrecken sollten. Ich fahre nach England, um einen Mann wiederzutreffen, mit dem ich vor fünfzehn Jahren verlobt war. Er war damals zu arm zum Heiraten, und als mir eine Stelle als Gouvernante in einer reichen australischen Familie angeboten wurde, überredete ich ihn, mich annehmen zu lassen, damit ich ihn frei und ungebunden ließe, um seinen Weg in der Welt zu machen, während ich ein wenig Geld sparte, um uns zu helfen, wenn wir gemeinsam das Leben begännen. Ich hatte nie vor, so lange wegzubleiben, aber die Dinge sind für ihn in England schlecht gelaufen. Das ist meine Geschichte, und Sie können meine Ängste verstehen. Sie müssen Sie nicht beeinflussen. Mein Fall ist ein Ausnahmefall.“

„Meiner auch“, sagte George ungeduldig. „Ich sage Ihnen, dass meiner ein Ausnahmefall ist: obwohl ich Ihnen schwöre, dass ich bis zu diesem Augenblick keine Angst bezüglich des Ergebnisses meiner Heimreise kannte. Aber Sie haben recht; Ihre Ängste haben nichts mit mir zu tun. Sie waren fünfzehn Jahre weg; in fünfzehn Jahren kann alles Mögliche passieren. Nun sind es erst dreieinhalb Jahre in diesem Monat, seit ich England verlassen habe. Was kann in einer so kurzen Zeit wie dieser schon passiert sein?“

Miss Morley sah ihn mit einem traurigen Lächeln an, sprach aber nicht. Sein fieberhafter Eifer, die Frische und Ungeduld seines Wesens waren ihr so fremd und neu, dass sie ihn halb bewundernd, halb mitleidig ansah.

„Meine hübsche kleine Frau! Meine sanfte, unschuldige, liebevolle kleine Frau! Wissen Sie, Miss Morley“, sagte er mit all seiner alten Hoffnung im Tonfall, „dass ich mein kleines Mädchen schlafend zurückließ, mit ihrem Baby in den Armen und mit nichts als ein paar verwischten Zeilen, um ihr zu sagen, warum ihr treuer Ehemann sie verlassen hatte?“

„Verlassen?“, rief die Gouvernante.

„Ja. Ich war Fähnrich in einem Kavallerieregiment, als ich meinen kleinen Liebling zum ersten Mal traf. Wir waren in einer dummen Hafenstadt stationiert, wo mein Schatz mit seinem schäbigen alten Vater lebte, einem Marineoffizier im Ruhestand mit halbem Sold; ein regelrechter alter Schwindler, arm wie Hiob und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Ich durchschaute all seine flachen Tricks, einen von uns für seine hübsche Tochter zu fangen. Ich sah all die erbärmlichen, verabscheuungswürdigen, offensichtlichen Fallen, die er für uns große Dragoner aufstellte, damit wir hineintappen. Ich durchschaute seine schäbig-noblen Abendessen und den Portwein aus der Kneipe; sein feines Gerede von der Größe seiner Familie; seinen falschen Stolz und seine Unabhängigkeit und die falschen Tränen seiner trüben alten Augen, wenn er von seinem einzigen Kind sprach. Er war ein trunksüchtiger alter Heuchler und war bereit, mein armes, kleines Mädchen an den Meistbietenden zu verkaufen. Zu meinem Glück war ich gerade der Meistbietende; denn mein Vater ist ein reicher Mann, Miss Morley, und da es beiderseits Liebe auf den ersten Blick war, schlossen mein Schatz und ich den Bund. Doch kaum hatte mein Vater gehört, dass ich ein mittelloses kleines Mädchen geheiratet hatte, die Tochter eines betrunkenen alten Leutnants im Ruhestand, schrieb er mir einen wütenden Brief, in dem er mir mitteilte, dass er nie wieder Kontakt mit mir haben würde und dass mein jährliches Taschengeld von meinem Hochzeitstag an aufhören würde.

Da es in einem Regiment wie dem meinen kein Bleiben gab, wo ich nichts als meinen Sold zum Leben hatte und meine hübsche kleine Frau zu versorgen, nahm ich meinen Abschied, in der Hoffnung, dass ich, bevor das Geld aufgebraucht war, sicherlich auf eine andere Erwerbsquelle stoßen würde. Ich nahm meinen Schatz mit nach Italien, und wir lebten dort in großartigem Stil, solange meine zweitausend Pfund reichten; doch als dieser Betrag auf ein paar Hundert oder so zu schrumpfen begann, kehrten wir nach England zurück, und da mein Schatz den Wunsch hatte, in der Nähe dieses anstrengenden alten Vaters von ihr zu sein, ließen wir uns in dem Badeort nieder, in dem er lebte. Nun, sobald der alte Mann hörte, dass ich noch ein paar hundert Pfund übrig hatte, bekundete er ein wunderbares Maß an Zuneigung für uns und bestand darauf, dass wir bei ihm wohnten. Wir willigten ein, immer noch um meinem Schatz zu gefallen, die zu jener Zeit ein besonderes Recht darauf hatte, dass ihr jedes Grillen und jeder Einfall ihres unschuldigen Herzens erfüllt wurde. Wir wohnten tatsächlich bei ihm, und schließlich rupfte er uns aus; doch als ich meine kleine Frau darauf ansprach, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte, sie wolle nicht unfreundlich zu ihrem „armen Papa“ sein. Also brachte der arme Papa unser kleines Geldvermögen in kürzester Zeit durch; und da ich spürte, dass es nun notwendig wurde, sich nach etwas umzusehen, fuhr ich nach London und versuchte, eine Stelle als Bürogehilfe in einem Kaufmannsladen, als Buchhalter, Buchführer oder etwas in dieser Art zu bekommen. Aber ich nehme an, der Stempel eines schweren Dragoners haftete an mir, denn egal was ich tat, ich konnte niemanden dazu bringen, an meine Fähigkeiten zu glauben; und erschöpft und niedergeschlagen kehrte ich zu meinem Schatz zurück, nur um sie dabei vorzufinden, wie sie einen Sohn und Erben für die Armut seines Vaters stillte. Das arme kleine Mädchen war sehr niedergeschlagen; und als ich ihr erzählte, dass meine Londoner Expedition gescheitert war, brach sie völlig zusammen und verfiel in einen Sturm aus Schluchzen und Wehklagen; sie sagte mir, dass ich sie nicht hätte heiraten sollen, wenn ich ihr nichts als Armut und Elend bieten könnte, und dass ich ihr ein grausames Unrecht getan hätte, indem ich sie zu meiner Frau machte. Bei Gott! Miss Morley, ihre Tränen und Vorwürfe machten mich fast wahnsinnig; ich geriet in Wut auf sie, auf mich selbst, auf ihren Vater, auf die Welt und jeden darin und rannte dann aus dem Haus. Ich lief den ganzen Tag in den Straßen umher, halb von Sinnen und mit einer starken Neigung, mich ins Meer zu stürzen, damit mein armes Mädchen frei wäre, eine bessere Partie zu machen. „Wenn ich mich ertränke, muss ihr Vater für sie sorgen“, dachte ich; „der alte Heuchler könnte ihr niemals ein Obdach verweigern; aber solange ich lebe, hat sie keinen Anspruch auf ihn.“ Ich ging hinunter zu einem klapprigen alten Holzsteg, in der Absicht, dort zu warten, bis es dunkel war, und mich dann leise am Ende in das Wasser fallen zu lassen; aber während ich dort saß, meine Pfeife rauchte und geistesabwesend auf die Möwen starrte, kamen zwei Männer herunter, und einer von ihnen begann über die australischen Goldfelder zu sprechen und die großen Dinge, die dort zu erreichen wären. Es stellte sich heraus, dass er in ein oder zwei Tagen in See stechen wollte, und er versuchte, seinen Begleiter zu überreden, sich ihm bei der Expedition anzuschließen.

Ich hörte diesen Männern über eine Stunde lang zu, folgte ihnen auf dem Steg auf und ab, die Pfeife im Mund, und hörte all ihr Gerede. Danach kam ich selbst mit ihnen ins Gespräch und erfuhr, dass in drei Tagen ein Schiff von Liverpool auslaufen würde, mit dem einer der Männer ausreisen wollte. Dieser Mann gab mir alle Informationen, die ich benötigte, und erzählte mir außerdem, dass ein stämmiger junger Bursche, so wie ich einer war, auf den Goldfeldern kaum scheitern könnte. Der Gedanke schoss mir so plötzlich durch den Kopf, dass ich im Gesicht heiß und rot wurde und vor Aufregung an allen Gliedern zitterte. Das war auf jeden Fall besser als das Wasser. Angenommen, ich schlich mich von meinem Schatz davon, ließ sie sicher unter dem Dach ihres Vaters zurück, ging in die neue Welt, machte ein Vermögen und kehrte nach einem Jahr zurück, um es ihr in den Schoß zu legen; denn ich war in jenen Tagen so zuversichtlich, dass ich damit rechnete, in einem Jahr oder so mein Glück zu machen. Ich dankte dem Mann für seine Informationen und schlenderte spät in der Nacht heimwärts. Es war bitteres Winterwetter, aber ich war zu voller Leidenschaft, um Kälte zu spüren, und ich ging durch die stillen Straßen, während der Schnee mir ins Gesicht trieb und eine verzweifelte Hoffnung in meinem Herzen lag. Der alte Mann saß im kleinen Esszimmer und trank Branntwein mit Wasser; und meine Frau war oben, schlief friedlich mit dem Baby an ihrer Brust. Ich setzte mich hin und schrieb ein paar kurze Zeilen, die ihr sagten, dass ich sie nie mehr geliebt hatte als jetzt, wo ich sie scheinbar verließ; dass ich mein Glück in der neuen Welt versuchen wollte und dass ich, falls ich Erfolg hätte, zurückkehren würde, um ihr Reichtum und Glück zu bringen; aber dass ich, falls ich scheitern würde, ihr Gesicht niemals wiedersehen würde. Ich teilte den Rest unseres Geldes – etwas über vierzig Pfund – in zwei gleiche Teile, ließ einen für sie zurück und steckte den anderen in meine Tasche. Ich kniete nieder und betete für meine Frau und mein Kind, wobei ich meinen Kopf auf die weiße Tagesdecke legte, die sie bedeckte. Ich war zu normalen Zeiten kein Mann, der viel betete, aber Gott weiß, dass das ein Gebet von Herzen war. Ich küsste sie einmal und das Baby einmal und schlich dann aus dem Zimmer. Die Esszimmertür war offen, und der alte Mann nickte über seiner Zeitung ein. Er sah auf, als er meinen Schritt auf dem Flur hörte, und fragte mich, wohin ich ginge. „Um auf der Straße eine zu rauchen“, antwortete ich; und da dies eine meiner gewohnten Gewohnheiten war, glaubte er mir. Drei Nächte später war ich auf See, auf dem Weg nach Melbourne – als Passagier in der dritten Klasse, mit dem Werkzeug eines Goldgräbers als Gepäck und etwa sieben Schillingen in der Tasche.

„Und Sie hatten Erfolg?“, fragte Miss Morley.

„Nicht, bevor ich lange nicht mehr an Erfolg geglaubt hatte; nicht, bevor die Armut und ich solche alten Gefährten und Bettgenossen geworden waren, dass ich mich beim Rückblick auf mein früheres Leben fragte, ob dieser schneidige, leichtsinnige, extravagante, luxuriöse, Champagner trinkende Dragoner wirklich derselbe Mann gewesen sein konnte, der in den Wildnissen der neuen Welt auf dem feuchten Boden saß und an einer schimmeligen Kruste nagte. Ich klammerte mich an die Erinnerung an meinen Schatz, und das Vertrauen, das ich in ihre Liebe und Wahrheit hatte, war der eine Schlussstein, der das Gefüge meines früheren Lebens zusammenhielt – der eine Stern, der die tiefe, schwarze Dunkelheit der Zukunft erhellte. Ich war mit schlechten Menschen per Du; ich befand mich inmitten von Aufruhr, Trunkenheit und Ausschweifungen; aber der reinigende Einfluss meiner Liebe bewahrte mich vor allem. Dünn und hager, der halb verhungerte Schatten dessen, was ich einst gewesen war, sah ich mich eines Tages in einem zerbrochenen Stück Spiegelglas und erschrak vor meinem eigenen Gesicht. Aber ich arbeitete mich durch alles hindurch; durch Enttäuschung und Verzweiflung, Rheuma, Fieber, Hunger; direkt an den Toren des Todes arbeitete ich stetig bis zum Ende weiter; und am Ende siegte ich.“

Er war so mutig in seiner Tatkraft und Entschlossenheit, in seinem stolzen Triumph des Erfolgs und in dem Wissen um die Schwierigkeiten, die er überwunden hatte, dass die blasse Gouvernante ihn nur mit staunender Bewunderung ansehen konnte.

„Wie mutig Sie waren!“, sagte sie.

„Mutig!“, rief er mit einem freudigen Lachen; „habe ich nicht für meinen Schatz gearbeitet? Während der ganzen trüben Zeit dieser Bewährungsfrist schien ihre hübsche weiße Hand mich in eine glückliche Zukunft zu winken! Warum, ich habe sie unter meinem elenden Zeltdach an meiner Seite sitzen sehen, mit ihrem Jungen in den Armen, so deutlich, wie ich sie je im einzigen glücklichen Jahr unseres Ehelebens gesehen hatte. Schließlich, an einem trüben, nebligen Morgen, vor gerade einmal drei Monaten, als mich ein nieselnder Regen bis auf die Haut durchnässte, bis zum Hals in Lehm und Schlamm, halb verhungert, entkräftet vom Fieber, steif vor Rheuma, tauchte ein riesiger Klumpen unter meiner Schaufel auf, und ich war in einer Minute der reichste Mann in Australien. Ich fiel auf den nassen Lehm, mit meinem Goldklumpen im Busen meines Hemdes, und weinte zum ersten Mal in meinem Leben wie ein Kind. Ich reiste per Eilpost nach Sydney, machte meine Beute zu Geld, die über 20.000 Pfund wert war, und nahm vierzehn Tage später auf diesem Schiff die Passage nach England; und in zehn Tagen – in zehn Tagen werde ich meinen Schatz sehen.“

„Aber haben Sie in all der Zeit nie Ihrer Frau geschrieben?“

„Nie, bis zur Nacht, bevor ich Sydney verließ. Ich konnte nicht schreiben, als alles so schwarz aussah. Ich konnte nicht schreiben und ihr sagen, dass ich hart mit der Verzweiflung und dem Tod kämpfte. Ich wartete auf besseres Glück, und als das kam, schrieb ich ihr, dass ich fast zeitgleich mit meinem Brief in England sein würde, und gab ihr eine Adresse in einem Kaffeehaus in London, wo sie mir schreiben könnte, um mir mitzuteilen, wo ich sie finden könne, obwohl es kaum wahrscheinlich ist, dass sie das Haus ihres Vaters verlassen hat.“

Danach verfiel er in Gedanken und zog nachdenklich an seiner Zigarre. Seine Begleiterin störte ihn nicht. Der letzte Strahl des Sommertages war erloschen, und nur das fahle Licht der Mondsichel blieb übrig.

Bald darauf warf George Talboys seine Zigarre weg, wandte sich an die Gouvernante und rief abrupt: „Miss Morley, wenn ich nach England komme und höre, dass meiner Frau etwas zugestoßen ist, werde ich tot umfallen.“

„Mein lieber Mr. Talboys, warum denken Sie an solche Dinge? Gott ist sehr gut zu uns; Er wird uns nicht über unsere Kräfte hinaus prüfen. Ich sehe vielleicht alles in einem melancholischen Licht; denn die lange Monotonie meines Lebens hat mir zu viel Zeit gegeben, über meine Sorgen nachzudenken.“

„Und mein Leben war voller Aktion, Entbehrung, Mühsal, wechselnder Hoffnung und Verzweiflung; ich hatte keine Zeit, über die Möglichkeiten nachzudenken, dass meinem Schatz etwas zustoßen könnte. Was für ein blinder, leichtsinniger Narr ich gewesen bin! Drei Jahre und ein halbes und keine Zeile – kein Wort von ihr oder von irgendeinem sterblichen Wesen, das sie kennt. Himmel noch eins! Was mag alles geschehen sein?“

In seiner Aufregung begann er auf dem einsamen Deck schnell auf und ab zu gehen; die Gouvernante folgte ihm und versuchte, ihn zu beruhigen.

„Ich schwöre Ihnen, Miss Morley“, sagte er, „dass ich bis zu dem Augenblick, als Sie heute Abend mit mir sprachen, keinen Schatten von Angst verspürte, und jetzt habe ich diese kränkliche, niederschmetternde Furcht im Herzen, von der Sie vor einer Stunde sprachen. Lassen Sie mich bitte in Ruhe, damit ich auf meine eigene Weise darüber hinwegkomme.“

Sie entfernte sich schweigend von ihm und setzte sich an die Seite des Schiffes, wobei sie hinaus aufs Wasser blickte.

George Talboys ging einige Zeit mit auf die Brust gesenktem Kopf hin und her, ohne nach rechts oder links zu schauen, aber nach einer Viertelstunde kehrte er an die Stelle zurück, an der die Gouvernante saß.

„Ich habe gebetet“, sagte er – „gebetet für meinen Schatz.“

Er sprach mit einer Stimme, kaum lauter als ein Flüstern, und sie sah sein Gesicht im Mondlicht unendlich ruhig.

KAPITEL III.

VERBORGENE RELIKTE.

Dieselbe Augustsonne, die hinter der Wasserfläche untergegangen war, schimmerte rötlich auf dem breiten Zifferblatt der alten Uhr über jenem mit Efeu bewachsenen Torbogen, der in die Gärten von Audley Court führt.

Ein heftiger und purpurner Sonnenuntergang. Die Sprossenfenster und funkelnden Gitter leuchten alle in roter Herrlichkeit; das schwindende Licht flackert auf den Blättern der Linden in der langen Allee und verwandelt den stillen Fischteich in ein Blatt aus poliertem Kupfer; selbst in jene dunklen Winkel aus Dornen und Unterholz, in denen der alte Brunnen verborgen ist, dringt die purpurne Helligkeit in unruhigen Blitzen ein, bis die feuchten Unkräuter und das rostige Eisenrad und das zerbrochene Holzwerk aussehen, als wären sie mit Blut bespritzt.

Das Muhen einer Kuh auf den stillen Wiesen, das Platschen einer Forelle im Fischteich, die letzten Töne eines müden Vogels, das Quietschen von Wagenrädern auf der fernen Straße, das hin und wieder die abendliche Stille unterbrach, ließen die Stille des Ortes nur noch intensiver erscheinen. Es war beinahe bedrückend, diese Dämmerungsstille. Die Ruhe des Ortes selbst wurde durch ihre Intensität schmerzhaft, und man hatte das Gefühl, als müsse irgendwo in diesem grauen, mit Efeu bewachsenen Gebäudehaufen eine Leiche liegen – so todesähnlich war die Stille ringsum.

Als die Uhr über dem Torbogen acht schlug, wurde eine Tür an der Rückseite des Hauses leise geöffnet, und ein Mädchen trat in die Gärten hinaus.

Aber selbst die Anwesenheit eines Menschen durchbrach die Stille kaum; denn das Mädchen schlich langsam über das dichte Gras und verschwand, in die Allee neben dem Fischteich gleitend, im reichen Schutz der Linden.

Sie war vielleicht nicht unbedingt ein hübsches Mädchen; aber ihre Erscheinung war von jener Art, die man gemeinhin als interessant bezeichnet. Interessant vielleicht deshalb, weil in dem blassen Gesicht und den hellgrauen Augen, den kleinen Zügen und den zusammengepressten Lippen etwas lag, das auf eine Fähigkeit zur Unterdrückung und Selbstbeherrschung hindeutete, die bei einer Frau von neunzehn oder zwanzig Jahren nicht häufig ist. Sie hätte hübsch sein können, denke ich, wäre da nicht der eine Fehler in ihrem kleinen ovalen Gesicht gewesen. Dieser Fehler war ein Mangel an Farbe. Nicht ein Hauch von Purpur rötete die wächserne Weiße ihrer Wangen; kein Schatten von Braun milderte die blasse Bedeutungslosigkeit ihrer Augenbrauen und Wimpern; kein Schimmer von Gold oder Kastanienbraun belebte das matte Flachsblond ihres Haares. Selbst ihre Kleidung wurde durch diesen Mangel verdorben. Das blasse Lavendelmuselin verblasste zu einem kränklichen Grau, und das um ihren Hals geknotete Band verschmolz mit demselben neutralen Farbton.

Ihre Figur war schlank und zerbrechlich, und trotz ihrer einfachen Kleidung hatte sie etwas von der Anmut und Haltung einer Dame, aber sie war nur ein einfaches Landmädchen namens Phoebe Marks, das Kindermädchen in der Familie von Mr. Dawson gewesen war und das Lady Audley nach ihrer Heirat mit Sir Michael zu ihrer Zofe gewählt hatte.

Natürlich war dies ein wunderbares Glück für Phoebe, die feststellte, dass sich ihr Lohn verdreifacht hatte und ihre Arbeit im gut geführten Haushalt am Hof erleichtert wurde; und die daher bei ihren engen Freunden ebenso sehr das Objekt des Neids war wie meine Lady selbst in höheren Kreisen.

Ein Mann, der auf dem zerbrochenen Holzwerk des Brunnens saß, schreckte auf, als die Zofe aus dem trüben Schatten der Linden hervortrat und vor ihm inmitten des Unkrauts und Unterholzes stand.

Ich habe bereits erwähnt, dass dies ein vernachlässigter Ort war; er lag inmitten eines niedrigen Gebüschs, verborgen vor dem Rest der Gärten und nur von den Dachfenstern an der Rückseite des Westflügels aus sichtbar.

„Na, Phoebe“, sagte der Mann und schloss ein Klappmesser, mit dem er gerade die Rinde von einem Schwarzdornstock geschnitzt hatte, „du bist so leise und plötzlich auf mich zugekommen, dass ich dachte, du wärst ein böser Geist. Ich bin quer durch die Felder gekommen und hier am Tor beim Wassergraben hereingekommen, und ich habe mich ausgeruht, bevor ich zum Haus hochging, um zu fragen, ob du zurück bist.“

„Ich kann den Brunnen von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen, Luke“, antwortete Phoebe und deutete auf ein offenes Gitter in einem der Giebel. „Ich sah dich hier sitzen und kam herunter, um ein wenig zu plaudern; es lässt sich hier draußen besser reden als im Haus, wo immer jemand zuhört.“

Der Mann war ein großer, breitschultriger, dumm aussehender Bauerntölpel von etwa dreiundzwanzig Jahren. Sein dunkelrotes Haar wuchs tief in seine Stirn, und seine buschigen Brauen trafen sich über einem Paar grünlich-grauer Augen; seine Nase war groß und wohlgeformt, aber der Mund war von grober Form und animalischem Ausdruck. Rosig, rothaarig und stiernackig, war er nicht unähnlich einem der kräftigen Ochsen, die auf den Wiesen rund um den Hof grasten.

Das Mädchen setzte sich leicht auf das Holzwerk an seiner Seite und legte eine ihrer Hände, die in ihrem neuen und bequemen Dienst weiß geworden war, um seinen dicken Hals.

„Freust du dich, mich zu sehen, Luke?“, fragte sie.

„Natürlich freue ich mich, Mädchen“, antwortete er bäurisch und öffnete sein Messer wieder, um an dem Heckenpfahl zu schnitzen.

Sie waren Cousins ersten Grades und waren in der Kindheit Spielkameraden und in der frühen Jugend ein Liebespaar gewesen.

„Du siehst nicht gerade so aus, als ob du dich freuen würdest“, sagte das Mädchen; „du könntest mich ansehen, Luke, und mir sagen, ob du glaubst, dass meine Reise mich verbessert hat.“

„Sie hat keine Farbe in deine Wangen gebracht, mein Mädchen“, sagte er und blickte unter seinen tief herabhängenden Brauen zu ihr auf; „du bist genau so weiß, wie du warst, als du fortgingst.“

„Aber man sagt, Reisen mache die Leute vornehm, Luke. Ich war mit meiner Lady auf dem Kontinent, an allen möglichen merkwürdigen Orten; und du weißt, als ich ein Kind war, lehrten mich die Töchter von Squire Horton, ein wenig Französisch zu sprechen, und ich fand es so schön, sich mit den Leuten im Ausland unterhalten zu können.“

„Vornehm!“, rief Luke Marks mit heiserem Lachen; „wer will schon, dass du vornehm bist, frage ich mich? Ich sicher nicht; wenn du meine Frau bist, wirst du nicht allzu viel Zeit für Vornehmheit haben, mein Mädchen. Französisch auch noch! Verdammt, Phoebe, ich nehme an, wenn wir genug Geld beiseitegelegt haben, um uns eine kleine Farm zu kaufen, wirst du mit den Kühen parleyvoo sprechen?“

Sie biss sich auf die Lippe, als ihr Liebhaber sprach, und sah weg. Er schnitt und hackte weiter an einem groben Griff, den er für den Pfahl fertigte, während er die ganze Zeit leise vor sich hin pfiff und seine Cousine kein einziges Mal ansah.

Eine Zeit lang schwiegen sie, doch nach einer Weile sagte sie, während ihr Gesicht immer noch von ihrem Begleiter abgewandt war:

„Was für eine feine Sache es doch für die ehemalige Miss Graham ist, mit ihrer Zofe und ihrem Kurier zu reisen, mit ihrem Wagen und vier Pferden und einem Ehemann, der glaubt, es gäbe auf der ganzen Erde keinen Ort, der gut genug für sie wäre, um ihren Fuß darauf zu setzen!“

„Ja, es ist eine feine Sache, Phoebe, viel Geld zu haben“, antwortete Luke, „und ich hoffe, das ist dir eine Warnung, mein Mädchen, dein Gehalt zu sparen, bis wir heiraten.“

„Warum, was war sie denn vor erst drei Monaten im Haus von Mr. Dawson?“, fuhr das Mädchen fort, als hätte sie die Rede ihres Cousins nicht gehört. „Was war sie anderes als eine Dienerin wie ich? Sie nahm Lohn und arbeitete für diejenigen, die sie bezahlten, genauso hart oder härter als ich. Du hättest ihre schäbigen Kleider sehen sollen, Luke – abgetragen und geflickt, gestopft, gewendet und gedreht, und doch sahen sie irgendwie immer hübsch an ihr aus. Sie gibt mir hier als Zofe mehr, als sie damals jemals von Mr. Dawson bekam. Warum, ich habe gesehen, wie sie aus dem Salon kam, mit ein paar Goldstücken und ein wenig Silber in der Hand, die der Herr ihr gerade für ihr Quartalsgehalt gegeben hatte; und schau sie dir jetzt an!“

„Kümmer dich nicht um sie“, sagte Luke; „pass auf dich selbst auf, Phoebe; das ist alles, was du zu tun hast. Was würdest du dazu sagen, wenn wir uns später eine Schankwirtschaft zulegen, mein Mädchen? Mit einer Schankwirtschaft lässt sich eine Menge Geld verdienen.“

Das Mädchen saß immer noch mit abgewandtem Gesicht da, die Hände lustlos im Schoß, und ihre blassen grauen Augen waren auf den letzten schmalen purpurnen Streifen gerichtet, der hinter den Baumstämmen ausstarb.

„Du solltest das Innere des Hauses sehen, Luke“, sagte sie; „von außen sieht es baufällig genug aus; aber du solltest die Zimmer meiner Lady sehen – alles Bilder und Vergoldungen und große Spiegel, die vom Boden bis zur Decke reichen. Bemalte Decken auch, die Hunderte von Pfund gekostet haben, sagte die Haushälterin, und alles für sie gemacht.“

„Sie ist ein Glückspilz“, murmelte Luke mit träger Gleichgültigkeit.

„Du hättest sie sehen sollen, als wir im Ausland waren, wie eine Schar von Herren sie umschwärmte; Sir Michael war nicht eifersüchtig auf sie, nur stolz darauf, sie so bewundert zu sehen. Du hättest hören sollen, wie sie lachte und mit ihnen sprach; sie warf ihnen all ihre Komplimente und feinen Redensarten geradezu zurück, als hätten sie sie mit Rosen beworfen. Sie machte jeden, wo immer sie auch war, verrückt nach sich. Ihr Singen, ihr Spielen, ihr Malen, ihr Tanzen, ihr wunderschönes Lächeln und ihre sonnigen Locken! Sie war immer das Stadtgespräch, solange wir an einem Ort blieben.“

„Ist sie heute Abend zu Hause?“

„Nein; sie ist mit Sir Michael auf einer Abendgesellschaft bei den Beeches. Sie haben sieben oder acht Meilen zu fahren, und sie werden nicht vor elf zurück sein.“

„Dann sage ich dir was, Phoebe: Wenn das Innere des Hauses so gewaltig fein ist, würde ich es mir gerne einmal ansehen.“

„Das sollst du dann auch. Mrs. Barton, die Haushälterin, kennt dich vom Sehen, und sie kann nichts dagegen haben, wenn ich dir einige der besten Zimmer zeige.“

Es war fast dunkel, als die Cousins das Gebüsch verließen und langsam zum Haus gingen. Die Tür, durch die sie eintraten, führte in die Dienerschaftshalle, an deren einer Seite sich das Zimmer der Haushälterin befand. Phoebe Marks blieb einen Moment stehen, um die Haushälterin zu fragen, ob sie ihren Cousin durch einige der Zimmer führen dürfe, und nachdem sie die Erlaubnis dazu erhalten hatte, zündete sie an der Lampe im Flur eine Kerze an und winkte Luke, ihr in den anderen Teil des Hauses zu folgen.

Die langen, schwarz getäfelten Eichenkorridore waren im geisterhaften Dämmerlicht nur schwach zu erkennen – das Licht, das Phoebe trug, wirkte wie ein kläglicher Lichtpunkt in den breiten Gängen, durch die das Mädchen ihren Cousin führte. Luke blickte hin und wieder misstrauisch über die Schulter, halb erschrocken über das Knarren seiner eigenen genagelten Stiefel.

„Es ist ein todlangweiliger Ort, Phoebe“, sagte er, als sie aus einem Gang in die Haupthalle traten, die noch nicht beleuchtet war; „ich habe von einem Mord gehört, der hier in alten Zeiten begangen wurde.“

„Morde gibt es in diesen Zeiten genug, was das angeht, Luke“, antwortete das Mädchen und stieg die Treppe hinauf, gefolgt von dem jungen Mann.

Sie führte ihn durch einen großen Salon, reich an Satin und Ormolu, Buhl-Möbeln und eingelegten Kabinetten, Bronzen, Kameen, Statuetten und Nippes, die im dämmrigen Licht glänzten; dann durch ein Vormittagszimmer, das mit Probedrucken wertvoller Gemälde behangen war; durch dieses in ein Vorzimmer, wo sie stehen blieb und das Licht über ihren Kopf hielt.

Der junge Mann starrte mit offenem Mund und aufgerissenen Augen umher.

„Es ist ein seltener feiner Ort“, sagte er, „und muss einen Haufen Geld gekostet haben.“

„Sieh dir die Bilder an den Wänden an“, sagte Phoebe und warf einen Blick auf die Paneele des achteckigen Raumes, die mit Claudes und Poussins, Wouvermans und Cuyps behangen waren. „Ich habe gehört, dass allein diese ein Vermögen wert sind. Dies ist der Eingang zu den Gemächern meiner Lady, der ehemaligen Miss Graham.“ Sie hob einen schweren grünen Stoffvorhang, der vor einem Türrahmen hing, und führte den erstaunten Landmann in ein märchenhaftes Boudoir und von dort in ein Ankleidezimmer, in dem die offenen Türen eines Kleiderschranks und ein Haufen Kleider, die achtlos auf einem Sofa lagen, zeigten, dass es noch genau so war, wie seine Bewohnerin es verlassen hatte.

„Ich muss all diese Dinge wegräumen, bevor meine Lady nach Hause kommt, Luke; du könntest dich hierher setzen, während ich das tue, ich werde nicht lange brauchen.“

Ihr Cousin sah sich in ungelenker Verlegenheit um, verwirrt von der Pracht des Raumes; und nach einigem Überlegen wählte er den massivsten der Stühle, auf dessen äußerster Kante er sich vorsichtig niederließ.

„Ich wünschte, ich könnte dir die Juwelen zeigen, Luke“, sagte das Mädchen; „aber das kann ich nicht, denn sie behält die Schlüssel immer selbst; das ist das Kästchen dort auf dem Schminktisch.“

„Was, das?“, rief Luke und starrte auf das massive Kästchen aus Walnussholz mit Messingeinlagen. „Warum, das ist groß genug, um jedes Stück Kleidung aufzunehmen, das ich besitze!“

„Und es ist so voll wie nur möglich mit Diamanten, Rubinen, Perlen und Smaragden“, antwortete Phoebe, während sie damit beschäftigt war, die raschelnden Seidenkleider zusammenzulegen und sie eines nach dem anderen in die Regale des Kleiderschranks zu legen. Als sie die Rüschen des letzten schüttelte, traf ein klimperndes Geräusch ihr Ohr, und sie steckte ihre Hand in die Tasche.

„Ich glaube es nicht!“, rief sie aus, „meine Lady hat ihre Schlüssel ausnahmsweise in der Tasche gelassen; ich kann dir den Schmuck zeigen, wenn du willst, Luke.“

„Nun, ich kann ihn mir genauso gut ansehen, mein Mädchen“, sagte er, erhob sich von seinem Stuhl und hielt das Licht, während seine Cousine das Kästchen aufschloss. Er stieß einen Schrei des Staunens aus, als er die Ornamente auf weißen Satinkissen glitzern sah. Er wollte die feinen Juwelen berühren, sie herumziehen und ihren Handelswert herausfinden. Vielleicht durchzuckte ihn ein Schmerz der Sehnsucht und des Neids bei dem Gedanken, wie gerne er eines davon genommen hätte.

„Warum, eines dieser Diamantdinge würde uns für den Rest des Lebens versorgen, Phoebe“, sagte er und drehte ein Armband in seinen großen roten Händen hin und her.

„Leg es weg, Luke! Leg es sofort weg!“, rief das Mädchen mit einem Ausdruck von Entsetzen; „wie kannst du nur von solchen Dingen sprechen?“

Er legte das Armband mit einem widerwilligen Seufzer an seinen Platz zurück und setzte dann seine Untersuchung des Kästchens fort.

„Was ist das?“, fragte er nach einer Weile und deutete auf einen Messingknopf im Rahmen des Kästchens.

Er drückte ihn, während er sprach, und ein mit violettem Samt ausgekleidetes Geheimfach sprang aus dem Kästchen hervor.

„Schau dir das an!“, rief Luke, erfreut über seine Entdeckung.

Phoebe Marks ließ das Kleid, das sie gerade zusammengelegt hatte, fallen und ging zum Schminktisch.

„Warum, das habe ich noch nie zuvor gesehen“, sagte sie; „ich frage mich, was da drin ist?“

Es war nicht viel darin; weder Gold noch Edelsteine; nur ein kleiner Wollschuh eines Babys, der in ein Stück Papier gewickelt war, und eine winzige Locke aus hellem, seidigem gelben Haar, offensichtlich vom Kopf eines Babys abgeschnitten. Phoebes Augen weiteten sich, als sie das kleine Päckchen untersuchte.

„Also das ist es, was meine Lady im Geheimfach versteckt“, murmelte sie.

„Es ist ein seltsamer Plunder, um ihn an einem solchen Ort aufzubewahren“, sagte Luke gleichgültig.

Die dünne Lippe des Mädchens krümmte sich zu einem seltsamen Lächeln.

„Du wirst mir bezeugen, wo ich das gefunden habe“, sagte sie und steckte das kleine Päckchen in ihre Tasche.

„Warum, Phoebe, du wirst doch nicht so dumm sein, das mitzunehmen“, rief der junge Mann.

„Ich habe lieber das hier als das Diamantarmband, das du hättest mitnehmen wollen“, antwortete sie; „du sollst das Wirtshaus bekommen, Luke.“

KAPITEL IV.

AUF DER ERSTEN SEITE DER „TIMES“.

Robert Audley galt als Barrister. Als Barrister war sein Name in der Anwaltsliste eingetragen; als Barrister hatte er Kanzleien im Figtree Court, Temple; als Barrister hatte er die vorgeschriebene Anzahl von Abendessen verzehrt, die jene erhabene Prüfung darstellen, durch die der juristische Aspirant zu Ruhm und Reichtum watet. Wenn diese Dinge einen Mann zu einem Barrister machen, dann war Robert Audley definitiv einer. Aber er hatte in all den fünf Jahren, in denen sein Name an einer der Türen im Figtree Court gestanden hatte, weder ein Mandat erhalten, noch versucht, eines zu bekommen, noch überhaupt den Wunsch gehegt, eines zu haben. Er war ein gutaussehender, fauler, unbekümmerter Kerl von etwa siebenundzwanzig Jahren; der einzige Sohn eines jüngeren Bruders von Sir Michael Audley. Sein Vater hatte ihm 400 Pfund im Jahr hinterlassen, die seine Freunde ihm rieten, durch seine Zulassung als Barrister zu vermehren; und da er es nach reiflicher Überlegung für mühsamer hielt, sich den Wünschen dieser Freunde zu widersetzen, als so viele Abendessen zu verzehren und eine Reihe von Kanzleiräumen im Temple zu mieten, wählte er den letzteren Weg und nannte sich schamlos einen Barrister.

Manchmal, wenn das Wetter sehr heiß war und er sich mit der Anstrengung erschöpft hatte, seine deutsche Pfeife zu rauchen und französische Romane zu lesen, schlenderte er in die Temple Gardens und legte sich an einen schattigen Ort, blass und kühl, mit heruntergeklapptem Hemdkragen und einem locker um den Hals gebundenen blauen Seidentuch, und erzählte ernsten Richtern, er habe sich durch Überarbeitung zugrunde gerichtet.

Die verschmitzten alten Richter lachten über die angenehme Fiktion; aber sie waren sich alle einig, dass Robert Audley ein guter Kerl sei; ein großherziger Kerl; auch ein ziemlich neugieriger Kerl, mit einem Fundus an verschmitztem Witz und leisem Humor, verborgen unter seiner gleichgültigen, trödelnden, teilnahmslosen und unentschlossenen Art. Ein Mann, der es nie im Leben zu etwas bringen würde, aber der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Tatsächlich waren seine Kanzleiräume in einen perfekten Hundezwinger verwandelt worden, da er die Gewohnheit hatte, streunende und verirrte Köter mit nach Hause zu bringen, die von seinem Aussehen auf der Straße angezogen wurden und ihm mit unterwürfiger Zuneigung folgten.

Robert verbrachte die Jagdsaison immer bei Audley Court; nicht, dass er als Nimrod hervorgetreten wäre, denn er trabte gemütlich auf einem sanftmütigen, stämmigen Rappen zum Treffpunkt und hielt einen sehr respektvollen Abstand zu den waghalsigen Reitern; wobei sein Pferd genauso gut wie er wusste, dass nichts weiter von seinen Gedanken entfernt war als der Wunsch, bei der Jagdbeute dabei zu sein.

Der junge Mann war ein großer Liebling seines Onkels und wurde keineswegs von seiner hübschen, zigeunerhaften, leichtlebigen, wilden Cousine, Miss Alicia Audley, verachtet. Anderen Männern hätte es scheinen können, dass die Zuneigung einer jungen Dame, die Alleinerbin eines sehr schönen Anwesens war, durchaus kultivierenswert sei, aber Robert Audley kam das nicht in den Sinn. Alicia sei ein sehr nettes Mädchen, sagte er, ein fröhliches Mädchen, ohne Allüren – ein Mädchen unter Tausenden; aber das war der höchste Punkt, zu dem ihn Begeisterung treiben konnte. Der Gedanke, die mädchenhafte Zuneigung seiner Cousine zu seinem Vorteil zu nutzen, kam seinem müßigen Gehirn nie in den Sinn. Ich bezweifle, dass er überhaupt eine korrekte Vorstellung von der Höhe des Vermögens seines Onkels hatte, und ich bin sicher, dass er niemals auch nur einen Moment mit der Möglichkeit rechnete, dass ein Teil dieses Vermögens letztendlich an ihn fallen könnte. Als ihm also eines schönen Frühlingsmorgens, etwa drei Monate vor der Zeit, über die ich schreibe, der Postbote die Hochzeitskarten von Sir Michael und Lady Audley brachte, zusammen mit einem sehr entrüsteten Brief seiner Cousine, in dem sie darlegte, wie ihr Vater gerade eine wachsüße junge Person geheiratet habe, nicht älter als Alicia selbst, mit flachsfarbenen Locken und einem ständigen Kichern; denn ich muss leider sagen, dass Miss Audleys Animus sie dazu brachte, das hübsche musikalische Lachen, das bei der verstorbenen Miss Lucy Graham so sehr bewundert worden war, so zu beschreiben – als diese Dokumente Robert Audley erreichten, lösten sie in der lymphatischen Natur dieses Gentlemans weder Ärger noch Erstaunen aus. Er las Alicias wütenden, kreuz und quer beschriebenen Brief, ohne auch nur das Bernsteinmundstück seiner deutschen Pfeife von seinen behaarten Lippen zu nehmen. Als er die Lektüre des Briefes beendet hatte, den er mit hochgezogenen dunklen Augenbrauen bis zur Mitte seiner Stirn las (übrigens seine einzige Art, Überraschung auszudrücken), warf er diesen und die Hochzeitskarten absichtlich in den Papierkorb, legte seine Pfeife beiseite und bereitete sich auf die Anstrengung vor, über das Thema nachzudenken.

„Ich habe immer gesagt, der alte Knacker würde heiraten“, murmelte er nach einer halben Stunde des Nachsinnens. „Alicia und meine Lady, die Stiefmutter, werden sich in die Haare kriegen. Ich hoffe nur, sie streiten nicht während der Jagdsaison oder sagen sich bei Tisch unangenehme Dinge; Streit verdirbt einem immer die Verdauung.“

Gegen zwölf Uhr am Morgen des Tages nach jener Nacht, in der sich die im letzten Kapitel aufgezeichneten Ereignisse zugetragen hatten, schlenderte der Neffe des Baronets aus dem Temple in Richtung Blackfriars, auf seinem Weg in die City. Er hatte in einer bösen Stunde einem bedürftigen Freund einen Gefallen getan, indem er den alten Namen Audley auf einen Wechsel gesetzt hatte, und da dieser Wechsel vom Aussteller nicht gedeckt worden war, war Robert gezwungen zu zahlen. Zu diesem Zweck schlenderte er den Ludgate Hill hinauf, mit seiner blauen Krawatte, die in der heißen Augustluft flatterte, und von dort zu einem erfrischend kühlen Bankhaus in einem schattigen Hof abseits des Kirchhofs von St. Paul, wo er Vorkehrungen traf, um Konsols im Wert von ein paar hundert Pfund zu verkaufen.

Er hatte dieses Geschäft erledigt und lungerte an der Ecke des Hofes herum, in Erwartung einer günstigen Gelegenheit für eine Droschke, die ihn zurück zum Temple bringen würde, als er fast von einem Mann in seinem eigenen Alter umgerannt wurde, der kopfüber in die schmale Öffnung stürmte.

„Sei so gut und schau, wohin du gehst, mein Freund!“, ermahnte Robert den ungestümen Passanten mild; „du könntest einen Mann warnen, bevor du ihn umwirfst und auf ihm herumtrampelst.“

Der Fremde blieb plötzlich stehen, blickte den Sprecher sehr scharf an und rang dann nach Luft.

„Bob!“, rief er in einem Ton, der das höchste Erstaunen ausdrückte; „ich habe gestern Abend erst nach Einbruch der Dunkelheit britischen Boden betreten, und dass ich dich heute Morgen treffen würde...“

„Ich habe dich schon einmal irgendwo gesehen, mein bärtiger Freund“, sagte Mr. Audley, während er das lebhafte Gesicht des anderen ruhig musterte, „aber ich will verdammt sein, wenn ich mich daran erinnern kann, wann oder wo.“

„Was!“, rief der Fremde vorwurfsvoll. „Du willst doch nicht sagen, dass du George Talboys vergessen hast?“

„Nein, das habe ich nicht!“, sagte Robert mit einer für ihn keineswegs üblichen Betonung; und dann hakte er sich beim Arm seines Freundes ein und führte ihn in den schattigen Hof, wobei er mit seiner alten Gleichgültigkeit sagte: „Und jetzt, George, erzähl uns alles darüber.“

George Talboys erzählte ihm alles darüber. Er erzählte genau die Geschichte, die er zehn Tage zuvor der blassen Gouvernante an Bord der Argus berichtet hatte; und dann, heiß und atemlos, sagte er, dass er zwanzigtausend Pfund oder so in der Tasche habe und dass er sie bei Messrs. —— einzahlen wolle, die schon viele Jahre zuvor seine Bankiers gewesen waren.

„Wenn du mir glaubst, ich habe gerade erst ihr Kontor verlassen“, sagte Robert. „Ich gehe mit dir zurück, und wir erledigen die Angelegenheit in fünf Minuten.“

Sie schafften es tatsächlich, sie in etwa einer Viertelstunde zu erledigen; und dann wollte Robert Audley sofort zum Crown and Scepter in Greenwich oder zum Castle in Richmond aufbrechen, wo sie ein Abendessen einnehmen und über die guten alten Zeiten sprechen könnten, als sie zusammen in Eton waren. Aber George sagte seinem Freund, dass er, bevor er irgendwohin gehe, bevor er sich rasiere oder etwas esse oder sich nach einer Nachtreise von Liverpool mit dem Schnellzug erfrische, in einem bestimmten Kaffeehaus in der Bridge Street, Westminster, anrufen müsse, wo er einen Brief von seiner Frau zu finden erwarte.

Während sie in einer schnellen Droschke durch Ludgate Hill, Fleet Street und den Strand jagten, goss George Talboys seinem Freund all jene wilden Hoffnungen und Träume ins Ohr, die eine solche Herrschaft über sein optimistisches Wesen gewonnen hatten.

„Ich werde eine Villa am Ufer der Themse mieten, Bob“, sagte er, „für meine kleine Frau und mich; und wir werden eine Yacht haben, Bob, alter Junge, und du wirst an Deck liegen und rauchen, während mein Schätzchen auf ihrer Gitarre spielt und Lieder für uns singt. Sie ist in der ganzen Welt wie eine jener, wie hießen sie noch, die den armen alten Ulysses in Schwierigkeiten brachten“, fügte der junge Mann hinzu, dessen klassische Bildung nicht sehr groß war.

Die Kellner im Westminster-Kaffeehaus starrten den hohlwangigen, unrasierten Fremden mit seinen Kleidern im Kolonialstil und seiner stürmischen, aufgeregten Art an; aber er war in seinen militärischen Tagen ein alter Stammgast des Ortes gewesen, und als sie hörten, wer er war, eilten sie, um seinem Wunsch nachzukommen.

Er wollte nicht viel – nur eine Flasche Sodawasser und die Frage, ob an der Bar ein Brief für George Talboys liege.

Der Kellner brachte das Sodawasser, bevor die jungen Männer in einer schattigen Nische in der Nähe des stillgelegten Kamins Platz genommen hatten. Nein, es gab keinen Brief für diesen Namen.

Der Kellner sagte es mit vollkommener Gleichgültigkeit, während er mechanisch den kleinen Mahagonitisch abstaubte.

Georges Gesicht wurde totenblass. „Talboys“, sagte er; „vielleicht hast du den Namen nicht deutlich gehört – T, A, L, B, O, Y, S. Geh und schau noch einmal nach, es muss ein Brief da sein.“

Der Kellner zuckte mit den Schultern, als er den Raum verließ, und kehrte nach drei Minuten zurück, um zu sagen, dass im Briefregal kein Name stehe, der Talboys ähnele. Es gab Brown, und Sanderson, und Pinchbeck; insgesamt nur drei Briefe.

Der junge Mann trank sein Sodawasser schweigend, legte dann seine Ellbogen auf den Tisch und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Es lag etwas in seiner Art, das Robert Audley verriet, dass seine Enttäuschung, so geringfügig sie erscheinen mochte, in Wirklichkeit eine sehr bittere war. Er setzte sich seinem Freund gegenüber, versuchte aber nicht, ihn anzusprechen.

Nach einer Weile blickte George auf, nahm mechanisch eine fettige Times-Zeitung vom Vortag von einem Stapel Journale auf dem Tisch und starrte geistesabwesend auf die erste Seite.

Ich kann nicht sagen, wie lange er leer auf einen Absatz unter der Liste der Todesfälle starrte, bevor sein benommenes Gehirn dessen volle Bedeutung erfasste; aber nach einer beträchtlichen Pause schob er die Zeitung zu Robert Audley hinüber, und mit einem Gesicht, das von seinem dunklen Bronze zu einem kränklichen, kalkartigen gräulichen Weiß gewechselt hatte, und mit einer erschreckenden Ruhe in seiner Art, deutete er mit dem Finger auf eine Zeile, die wie folgt lautete:

„Am 24. d. M., in Ventnor, Isle of Wight, Helen Talboys, im Alter von 22 Jahren.“

KAPITEL V.

DER GRABSTEIN IN VENTNOR.

Ja, da stand es schwarz auf weiß – „Helen Talboys, im Alter von 22 Jahren.“

Als George der Gouvernante an Bord der Argus sagte, wenn er irgendeine schlechte Nachricht von seiner Frau höre, würde er tot umfallen, sprach er in vollkommenem Glauben; und doch, hier waren die schlimmsten Nachrichten, die ihn erreichen konnten, und er saß starr, weiß und hilflos da und starrte dumm auf das schockierte Gesicht seines Freundes.

Die Plötzlichkeit des Schlages hatte ihn betäubt. In diesem seltsamen und verwirrten Geisteszustand begann er sich zu fragen, was geschehen war und warum eine einzige Zeile in der Zeitung „The Times“ eine so schreckliche Wirkung auf ihn haben konnte.

Dann verblasste allmählich selbst dieses vage Bewusstsein seines Unglücks aus seinem Geist, gefolgt von einem schmerzhaften Bewusstsein der äußeren Dinge.

Der heiße Augustsonnenschein, die staubigen Fensterscheiben und schäbig bemalten Jalousien, eine Reihe von fliegenbeklecksten Theaterplakaten an der Wand, die schwarzen und leeren Kamine, ein kahlköpfiger alter Mann, der über dem Morning Advertizer einnickte, der schlurfende Kellner, der ein zerknittertes Tischtuch zusammenlegte, und Robert Audleys gutaussehendes Gesicht, das ihn voller mitfühlender Sorge ansah – er wusste, dass all diese Dinge gigantische Ausmaße annahmen und dann, eines nach dem anderen, in dunkle Flecken verschwammen und vor seinen Augen schwammen. Er wusste, dass es einen großen Lärm gab, als ob ein halbes Dutzend wütender Dampfmaschinen in seinen Ohren rissen und mahlten, und er wusste nichts mehr – außer dass jemand oder etwas schwer zu Boden fiel.

Er öffnete seine Augen bei dem dämmrigen Abend in einem kühlen und schattigen Raum, dessen Stille nur durch das Grollen von Rädern in der Ferne unterbrochen wurde.

Er blickte sich staunend, aber halb gleichgültig um. Sein alter Freund, Robert Audley, saß rauchend an seiner Seite. George lag auf einem niedrigen Eisenbettgestell gegenüber einem offenen Fenster, in dem ein Blumenständer und zwei oder drei Vögel in Käfigen standen.

„Die Pfeife macht dir nichts aus, oder George?“, fragte sein Freund ruhig.

„Nein.“

Er lag eine Zeit lang da und betrachtete die Blumen und die Vögel; ein Kanarienvogel sang einen schrillen Hymnus an die untergehende Sonne.

„Stören dich die Vögel, George? Soll ich sie aus dem Zimmer bringen?“

„Nein; ich höre sie gerne singen.“

Robert Audley klopfte die Asche aus seiner Pfeife, legte das kostbare Meerschaumstück zärtlich auf den Kaminsims und ging in das nächste Zimmer, von wo er bald mit einer Tasse starkem Tee zurückkehrte.

„Nimm das, George“, sagte er, als er die Tasse auf einen kleinen Tisch nahe bei Georges Kopfkissen stellte; „es wird deinem Kopf gut tun.“

Der junge Mann antwortete nicht, blickte aber langsam im Raum umher und dann auf das ernste Gesicht seines Freundes.

„Bob“, sagte er, „wo sind wir?“

„In meinen Kanzleiräumen, lieber Junge, im Temple. Du hast selbst keine Unterkunft, also kannst du genauso gut bei mir bleiben, während du in der Stadt bist.“

George fuhr sich ein oder zwei Mal mit der Hand über die Stirn und sagte dann auf zögerliche Weise leise:

„Diese Zeitung heute Morgen, Bob; was war das?“

„Kümmere dich jetzt nicht darum, alter Junge; trink etwas Tee.“

„Ja, ja“, rief George ungeduldig, richtete sich im Bett auf und starrte mit hohlen Augen um sich. „Ich erinnere mich an alles. Helen! Meine Helen! Meine Frau, mein Liebling, meine einzige Liebe! Tot, tot!“

„George“, sagte Robert Audley und legte seine Hand sanft auf den Arm des jungen Mannes, „du musst bedenken, dass die Person, deren Namen du in der Zeitung gelesen hast, nicht unbedingt deine Frau sein muss. Es mag eine andere Helen Talboys gegeben haben.“

„Nein, nein!“, rief er; „das Alter stimmt mit ihrem überein, und Talboys ist ein so seltener Name.“

„Es könnte ein Druckfehler für Talbot sein.“

„Nein, nein, nein; meine Frau ist tot!“

Er schüttelte Roberts zurückhaltende Hand ab, stieg aus dem Bett und ging direkt zur Tür.

„Wo gehst du hin?“, rief sein Freund aus.

„Nach Ventnor, ihr Grab besuchen.“

„Nicht heute Nacht, George, nicht heute Nacht. Ich werde morgen mit dem ersten Zug selbst mit dir fahren.“

Robert führte ihn zurück zum Bett und zwang ihn sanft, sich wieder hinzulegen. Dann gab er ihm ein Schlafmittel, das ihm von dem Arzt hinterlassen worden war, den sie im Kaffeehaus in der Bridge Street gerufen hatten, als George in Ohnmacht gefallen war.

So fiel George Talboys in einen tiefen Schlaf und träumte, er sei nach Ventnor gefahren, um seine Frau lebend und glücklich zu finden, jedoch faltig, alt und grau, und um seinen Sohn als jungen Mann vorzufinden.

Früh am nächsten Morgen saß er Robert Audley gegenüber in einem Abteil erster Klasse eines Schnellzugs, der durch die hübsche, offene Landschaft in Richtung Portsmouth raste.

Sie landeten in Ventnor unter der brennenden Hitze der Mittagssonne. Als die beiden jungen Männer vom Dampfer kamen, starrten die Leute auf dem Pier auf Georges weißes Gesicht und seinen ungestutzten Bart.

„Was sollen wir tun, George?“, fragte Robert Audley. „Wir haben keinen Anhaltspunkt, um die Leute zu finden, die du treffen willst.“

Der junge Mann sah ihn mit einem mitleiderregenden, verwirrten Ausdruck an. Der große Dragoner war so hilflos wie ein Kind; und Robert Audley, der schwankendste und tatkraftloseste aller Männer, sah sich gezwungen, für einen anderen zu handeln. Er wuchs über sich hinaus und war der Situation gewachsen.

„Wäre es nicht besser, wenn wir in einem der Hotels nach einer Mrs. Talboys fragen, George?“, sagte er.

„Ihr Vater hieß Maldon“, murmelte George; „er hätte sie niemals hierher schicken können, um allein zu sterben.“

Sie sagten nichts weiter; aber Robert ging direkt zu einem Hotel, wo er nach einem Mr. Maldon fragte.

Ja, sagten sie ihm, es gebe einen Gentleman dieses Namens, der in Ventnor logiere, ein Captain Maldon; seine Tochter sei vor Kurzem gestorben. Der Kellner würde gehen und nach der Adresse fragen.

Das Hotel war zu dieser Jahreszeit ein geschäftiger Ort; Menschen eilten ein und aus, und in den Fluren herrschte ein großes Gewusel von Stallburschen und Kellnern.

George Talboys lehnte am Türpfosten, mit fast demselben Gesichtsausdruck wie jenem, der seinen Freund im Westminster-Kaffeehaus erschreckt hatte.

Das Schlimmste war nun bestätigt. Seine Frau, Captain Maldons Tochter, war tot.

Der Kellner kehrte nach etwa fünf Minuten zurück und sagte, dass Captain Maldon im Lansdowne Cottage, Nummer 4, logiere.

Sie fanden das Haus leicht, ein schäbiges Häuschen mit niedrigen Fenstern, das zum Wasser hin ausgerichtet war.

War Captain Maldon zu Hause? Nein, sagte die Vermieterin; er sei mit seinem kleinen Enkel an den Strand gegangen. Würden die Herren hereinkommen und sich ein wenig setzen?

George folgte seinem Freund mechanisch in das kleine vordere Wohnzimmer – staubig, schäbig möbliert und unordentlich, mit den zerbrochenen Spielsachen eines Kindes auf dem Boden verstreut und dem Geruch von abgestandenem Tabak, der an den Musselin-Fenstervorhängen haftete.

„Sieh!“, sagte George und deutete auf ein Bild über dem Kaminsims.

Es war sein eigenes Porträt, gemalt in den alten Dragonertagen. Ein ziemlich gutes Abbild, das ihn in Uniform zeigte, mit seinem Dienstpferd im Hintergrund.

Vielleicht wäre der lebhafteste Mann kaum ein so weiser Tröster gewesen wie Robert Audley. Er brachte kein Wort gegenüber dem vom Schicksal getroffenen Witwer hervor, sondern setzte sich still mit dem Rücken zu George und blickte aus dem offenen Fenster.

Eine Zeit lang wanderte der junge Mann rastlos im Zimmer umher, betrachtete und berührte manchmal die Nippsachen, die hier und da lagen.

Ihr Nähkästchen mit einer unvollendeten Handarbeit; ihr Album voller Auszüge von Byron und Moore, in seiner eigenen krakeligen Handschrift geschrieben; einige Bücher, die er ihr geschenkt hatte, und ein Strauß verwelkter Blumen in einer Vase, die sie in Italien gekauft hatten.

„Ihr Porträt hing früher neben meinem“, murmelte er; „ich frage mich, was sie damit gemacht haben.“

Nach einer Weile sagte er, nach etwa einer Stunde des Schweigens:

„Ich würde gerne die Frau des Hauses sehen; ich würde sie gerne fragen nach...“

Er brach ab und vergrub sein Gesicht in den Händen.

Robert rief die Vermieterin. Sie war eine gutmütige, geschwätzige Person, die an Krankheit und Tod gewöhnt war, denn viele ihrer Mieter kamen zu ihr, um zu sterben.

Sie erzählte alle Einzelheiten der letzten Stunden von Mrs. Talboys; wie sie erst zehn Tage vor ihrem Tod nach Ventnor gekommen war, im letzten Stadium der Schwindsucht; und wie sie Tag für Tag allmählich, aber sicher, unter der tödlichen Krankheit zusammengebrochen war. Ob der Herr ein Verwandter sei?, fragte sie Robert Audley, während George laut schluchzte.

„Ja, er ist der Ehemann der Dame.“

„Was!“, rief die Frau; „derjenige, der sie so grausam verlassen und sie mit ihrem hübschen Jungen ihrem armen alten Vater überlassen hat, wovon Captain Maldon mir oft mit Tränen in seinen armen Augen erzählt hat?“

„Ich habe sie nicht verlassen“, rief George aus; und dann erzählte er die Geschichte seines dreijährigen Kampfes.

„Hat sie von mir gesprochen?“, fragte er; „hat sie von mir gesprochen – am – am Ende?“

„Nein, sie ging so ruhig wie ein Lamm. Sie sagte von Anfang an sehr wenig; aber am letzten Tag kannte sie niemanden mehr, nicht einmal ihren kleinen Jungen oder ihren armen alten Vater, der sich schrecklich aufregte. Einmal fing sie an, wirr zu reden, sprach von ihrer Mutter und davon, welche grausame Schande es sei, sie in einem fremden Ort sterben zu lassen, bis es ganz erbärmlich war, ihr zuzuhören.“

„Ihre Mutter starb, als sie noch ein kleines Kind war“, sagte George. „Dass sie sich an sie erinnern und von ihr sprechen sollte, aber kein einziges Mal von mir.“

Die Frau nahm ihn mit in das kleine Schlafzimmer, in dem seine Frau gestorben war. Er kniete vor dem Bett nieder und küsste zärtlich das Kopfkissen, wobei die Vermieterin weinte.

Während er kniete und vielleicht betete, das Gesicht in diesem bescheidenen, schneeweißen Kissen vergraben, nahm die Frau etwas aus einer Schublade. Sie gab es ihm, als er von seinen Knien aufstand; es war eine lange Haarsträhne, in Seidenpapier gewickelt.

„Ich habe diese abgeschnitten, als sie in ihrem Sarg lag“, sagte sie, „arme Liebe?“

Er drückte die weiche Locke an seine Lippen. „Ja“, murmelte er; „das ist das geliebte Haar, das ich so oft geküsst habe, wenn ihr Kopf auf meiner Schulter lag. Aber damals hatte es immer eine wellige Locke, und jetzt scheint es glatt und gerade zu sein.“

„Es verändert sich bei Krankheit“, sagte die Vermieterin. „Wenn Sie sehen möchten, wo sie sie beigesetzt haben, Mr. Talboys, wird mein kleiner Junge Ihnen den Weg zum Kirchhof zeigen.“

So gingen George Talboys und sein treuer Freund zu dem stillen Ort, wo unter einem Erdhügel, an dem die Stücke frischen Rasens kaum hafteten, jene Ehefrau lag, von deren willkommen heißendem Lächeln George so oft am anderen Ende der Welt geträumt hatte.

Robert ließ den jungen Mann an der Seite dieses frisch aufgeschütteten Grabes zurück und fand, als er nach etwa einer Viertelstunde zurückkehrte, dass er sich kein einziges Mal gerührt hatte.

Er blickte bald auf und sagte, wenn irgendwo in der Nähe ein Steinmetz sei, würde er gerne einen Auftrag erteilen.

Sie fanden den Steinmetz sehr leicht, und während sie inmitten des fragmentarischen Schutts des Hofes des Mannes saßen, schrieb George Talboys mit Bleistift diese kurze Inschrift für den Grabstein seiner toten Frau:

Heilig dem Andenken an HELEN, DIE GELIEBTE EHEFRAU VON GEORGE TALBOYS, „Die dieses Leben verließ am 24. August 18—, im Alter von 22 Jahren, Tief betrauert von ihrem trauernden Ehemann.

KAPITEL VI.

IRGENDWO, IRGENDWO AUS DER WELT.

Als sie zum Lansdowne Cottage zurückkehrten, fanden sie, dass der alte Mann noch nicht zurückgekommen war, also gingen sie zum Strand hinunter, um nach ihm zu suchen. Nach einer kurzen Suche fanden sie ihn, wie er auf einem Haufen Kieselsteine saß, eine Zeitung las und Haselnüsse aß. Der kleine Junge war ein Stück von seinem Großvater entfernt und grub mit einer Holzschaufel im Sand. Das Kreppband um den schäbigen Hut des alten Mannes und das ärmliche schwarze Kleidchen des Kindes gingen George ans Herz. Wohin er auch ging, traf er auf eine neue Bestätigung dieses großen Kummers seines Lebens. Seine Frau war tot.

„Mr. Maldon“, sagte er, als er sich seinem Schwiegervater näherte.

Der alte Mann blickte auf, ließ seine Zeitung fallen und erhob sich mit einer förmlichen Verbeugung von den Kieselsteinen. Sein verblasstes helles Haar war grau durchzogen; er hatte eine eingekniffene Hakennase, wässrige blaue Augen und einen unentschlossenen Mund; er trug seine schäbige Kleidung mit einer Affektation von modischer Vornehmheit; ein Monokel baumelte über seiner fest zugeknöpften Weste, und er trug einen Gehstock in seiner unhandschuhten Hand.

„Großer Gott!“, rief George, „erkennst du mich nicht?“

Mr. Maldon zuckte zusammen und lief heftig rot an, mit einem leicht erschrockenen Blick, als er seinen Schwiegersohn erkannte.

„Mein lieber Junge“, sagte er, „ich tat es nicht; im ersten Moment tat ich es nicht. Dieser Bart macht einen solchen Unterschied. Sie finden doch auch, dass der Bart einen großen Unterschied macht, nicht wahr, mein Herr?“, sagte er und wandte sich an Robert.

„Großer Gott!“, rief George Talboys, „ist das die Art, wie du mich willkommen heißt? Ich komme nach England, um festzustellen, dass meine Frau innerhalb einer Woche, nachdem ich Land betreten habe, gestorben ist, und du fängst an, mir von meinem Bart zu erzählen – du, ihr Vater!“

„Wahr! Wahr!“, murmelte der alte Mann und wischte sich die blutunterlaufenen Augen; „ein trauriger Schock, ein trauriger Schock, mein lieber George. Wenn du nur eine Woche früher hier gewesen wärst.“

„Wenn ich das gewesen wäre“, rief George in einem Ausbruch von Kummer und Leidenschaft, „glaube ich kaum, dass ich sie hätte sterben lassen. Ich hätte mit dem Tod um sie gestritten. Das hätte ich! Das hätte ich! Oh Gott! Warum ist die Argus nicht mit jeder Seele an Bord untergegangen, bevor ich diesen Tag erleben musste?“

Er begann, den Strand auf und ab zu gehen, während sein Schwiegervater hilflos zu ihm aufsah und seine schwachen Augen mit einem Taschentuch rieb.

„Ich habe eine starke Vermutung, dass dieser alte Mann seine Tochter nicht allzu gut behandelt hat“, dachte Robert, während er den Leutnant im Ruhestand beobachtete. „Er scheint aus irgendeinem Grund halb Angst vor George zu haben.“

Während der aufgewühlte junge Mann in einem Fieber aus Reue und Verzweiflung auf und ab ging, rannte das Kind zu seinem Großvater und klammerte sich an die Schöße seines Mantels.

„Komm nach Hause, Opa, komm nach Hause“, sagte es. „Ich bin müde.“

George Talboys wandte sich beim Klang der kindlichen Stimme um und blickte lange und eindringlich auf den Jungen.

Er hatte die braunen Augen und das dunkle Haar seines Vaters.

„Mein Liebling! Mein Liebling!“, sagte George, nahm das Kind in die Arme, „ich bin dein Vater, über das Meer gekommen, um dich zu finden. Wirst du mich lieben?“

Der kleine Kerl stieß ihn weg. „Ich kenne dich nicht“, sagte er. „Ich liebe Opa und Mrs. Monks in Southampton.“

„Georgey hat sein eigenes Temperament, mein Herr“, sagte der alte Mann. „Er wurde verwöhnt.“

Sie gingen langsam zum Cottage zurück, und noch einmal erzählte George Talboys die Geschichte der Desertion, die so grausam erschienen war. Er erzählte auch von den zwanzigtausend Pfund, die er am Tag zuvor auf die Bank gebracht hatte. Er hatte nicht das Herz, Fragen über die Vergangenheit zu stellen, und sein Schwiegervater erzählte ihm nur, dass sie wenige Monate nach seiner Abreise von dem Ort, an dem George sie zurückgelassen hatte, nach Southampton gezogen waren, wo Helen ein paar Klavierschüler bekam und wo sie ziemlich gut zurechtkamen, bis ihre Gesundheit nachließ und sie in die Schwindsucht verfiel, an der sie starb. Wie die meisten traurigen Geschichten war es eine sehr kurze.

„Der Junge scheint dich zu mögen, Mr. Maldon“, sagte George nach einer Pause.

„Ja, ja“, antwortete der alte Mann und strich über das lockige Haar des Kindes; „ja. Georgey mag seinen Großvater sehr.“

„Dann sollte er besser bei dir bleiben. Die Zinsen meines Geldes werden etwa sechshundert Pfund im Jahr betragen. Du kannst hundert davon für Georgeys Ausbildung entnehmen und den Rest ansammeln lassen, bis er volljährig ist. Mein Freund hier wird Treuhänder sein, und wenn er die Verantwortung übernehmen will, werde ich ihn zum Vormund des Jungen ernennen, wobei ich ihm vorerst gestatte, unter deiner Obhut zu bleiben.“

„Aber warum kümmerst du dich nicht selbst um ihn, George?“, fragte Robert Audley.

„Weil ich mit dem allerersten Schiff segeln werde, das Liverpool in Richtung Australien verlässt. Ich werde in den Goldfeldern oder im Hinterland besser aufgehoben sein als hier. Ich bin für ein zivilisiertes Leben von dieser Stunde an verdorben, Bob.“

Die schwachen Augen des alten Mannes funkelten, als George diese Entschlossenheit erklärte.

„Mein armer Junge, ich glaube, du hast recht“, sagte er, „ich glaube wirklich, du hast recht. Die Veränderung, das wilde Leben, das – das –“ Er zögerte und brach ab, als Robert ihn eindringlich ansah.

„Sie haben es sehr eilig, Ihren Schwiegersohn loszuwerden, wie mir scheint, Mr. Maldon“, sagte er ernst.

„Ihn loswerden, lieber Junge! Oh, nein, nein! Aber um seiner selbst willen, mein lieber Herr, um seiner selbst willen, wissen Sie.“

„Ich glaube, um seiner selbst willen wäre es viel besser, wenn er in England bliebe und sich um seinen Sohn kümmerte“, sagte Robert.

„Aber ich sage dir, das kann ich nicht!“, rief George; „jeder Zentimeter dieses verfluchten Bodens ist mir verhasst – ich will davon weglaufen, wie ich aus einem Friedhof weglaufen würde. Ich werde heute Nacht in die Stadt zurückkehren, diese Angelegenheit mit dem Geld morgen früh früh erledigen und ohne einen Moment Verzögerung nach Liverpool aufbrechen. Es wird mir besser gehen, wenn ich die halbe Welt zwischen mich und ihr Grab gelegt habe.“

Bevor er das Haus verließ, schlich er sich zur Vermieterin und stellte ihr noch einige Fragen über seine tote Frau.

„Waren sie arm?“, fragte er, „mussten sie während ihrer Krankheit Geld sparen?“

„Oh, nein!“, antwortete die Frau; „obwohl der Captain schäbig gekleidet ist, hat er immer genug Goldstücke in seinem Geldbeutel. Der armen Dame fehlte es an nichts.“

George war erleichtert darüber, obwohl es ihn verwunderte, woher der betrunkene Leutnant im Ruhestand das Geld für all die Ausgaben der Krankheit seiner Tochter hätte nehmen können.

Aber er war zu sehr von dem Unglück, das ihn ereilt hatte, niedergeschlagen, um über irgendetwas viel nachdenken zu können, also stellte er keine weiteren Fragen, sondern ging mit seinem Schwiegervater und Robert Audley zum Boot, mit dem sie nach Portsmouth übersetzen wollten.

Der alte Mann verabschiedete sich sehr förmlich von Robert.

„Sie haben mich übrigens nicht Ihrem Freund vorgestellt, mein lieber Junge“, sagte er. George starrte ihn an, murmelte etwas Undeutliches und rannte die Leiter zum Boot hinunter, bevor Mr. Maldon seine Bitte wiederholen konnte. Der Dampfer raste durch den Sonnenuntergang davon, und die Umrisse der Insel verschwammen am Horizont, als sie sich dem gegenüberliegenden Ufer näherten.

„Zu denken“, sagte George, „dass ich vor zwei Nächten um diese Zeit nach Liverpool gedampft bin, voller Hoffnung, sie an mein Herz zu drücken, und heute Nacht entferne ich mich von ihrem Grab!“

Das Dokument, das Robert Audley zum Vormund des kleinen George Talboys ernannte, wurde am nächsten Morgen in einer Anwaltskanzlei aufgesetzt.

„Es ist eine große Verantwortung“, rief Robert; „ich, Vormund für irgendjemanden oder irgendetwas! Ich, der ich in meinem Leben noch nie für mich selbst sorgen konnte!“

„Ich vertraue auf dein edles Herz, Bob“, sagte George. „Ich weiß, dass du dich um meinen armen Waisenjungen kümmern wirst und darauf achtest, dass er von seinem Großvater gut behandelt wird. Ich werde nur genug aus Georgeys Vermögen entnehmen, um mich zurück nach Sydney zu bringen, und dann wieder meine alte Arbeit aufnehmen.“

Aber es schien, als sei George dazu bestimmt, selbst der Vormund seines Sohnes zu sein; denn als er Liverpool erreichte, stellte er fest, dass gerade ein Schiff ausgelaufen war und dass es für einen Monat kein anderes geben würde; also kehrte er nach London zurück und legte sich wieder einmal Roberts Gastfreundschaft zur Last.

Der Rechtsanwalt empfing ihn mit offenen Armen; er gab ihm das Zimmer mit den Vögeln und Blumen und ließ ein Bett in seinem Ankleidezimmer für sich selbst aufstellen. Kummer ist so egoistisch, dass George nicht wusste, welche Opfer sein Freund für seinen Komfort brachte. Er wusste nur, dass für ihn die Sonne verdunkelt war und die Geschäfte des Lebens erledigt waren. Er saß den ganzen Tag da, rauchte Zigarren, starrte auf die Blumen und Kanarienvögel und ärgerte sich, dass die Zeit verstrich, damit er weit draußen auf See sein konnte.

Aber gerade als die Stunde für das Auslaufen des Schiffes näher rückte, kam Robert Audley eines Tages herein, voller großer Pläne.

Ein Freund von ihm, ein anderer jener Rechtsanwälte, deren letzter Gedanke einem Prozess gilt, wollte nach St. Petersburg reisen, um den Winter dort zu verbringen, und wollte, dass Robert ihn begleitete. Robert wollte nur unter der Bedingung gehen, dass auch George mitkam.

Lange Zeit wehrte sich der junge Mann; aber als er feststellte, dass Robert auf eine ruhige Art völlig entschlossen war, nicht ohne ihn zu gehen, gab er nach und stimmte zu, sich der Gruppe anzuschließen. Was machte es schon?, sagte er. Ein Ort war für ihn wie der andere; irgendwo raus aus England; was scherte es ihn, wohin?

Das war keine sehr fröhliche Art, die Dinge zu betrachten, aber Robert Audley war vollkommen zufrieden damit, sein Einverständnis gewonnen zu haben.

Die drei jungen Männer brachen unter sehr günstigen Umständen auf und trugen Empfehlungsschreiben an die einflussreichsten Bewohner der russischen Hauptstadt bei sich.

Vor der Abreise aus England schrieb Robert an seine Cousine Alicia und erzählte ihr von seiner beabsichtigten Abreise mit seinem alten Freund George Talboys, den er kürzlich nach Jahren zum ersten Mal wiedergetroffen hatte und der gerade seine Frau verloren hatte.

Alicias Antwort kam mit der nächsten Post und lautete wie folgt:

„MEIN LIEBER ROBERT – Wie grausam von dir, vor der Jagdsaison in das abscheuliche St. Petersburg zu flüchten! Ich habe gehört, dass die Leute in diesem unangenehmen Klima ihre Nasen verlieren, und da deine ziemlich lang ist, würde ich dir raten zurückzukehren, bevor das sehr raue Wetter einsetzt. Was für ein Mensch ist dieser Mr. Talboys? Wenn er sehr angenehm ist, kannst du ihn zum Court mitbringen, sobald du von deinen Reisen zurückkehrst. Lady Audley lässt mich dich bitten, ihr ein Set Zobelfelle zu sichern. Du sollst nicht auf den Preis achten, sondern sicherstellen, dass es die schönsten sind, die zu bekommen sind. Papa ist vollkommen albern wegen seiner neuen Frau, und sie und ich kommen überhaupt nicht miteinander aus; nicht, dass sie mir gegenüber unangenehm wäre, denn was das betrifft, macht sie sich bei jedem beliebt; aber sie ist so rettungslos kindisch und albern.

„Glaube mir, mein lieber Robert.

„Deine liebevolle Cousine,

„ALICIA AUDLEY.“

KAPITEL VII.

NACH EINEM JAHR.

Das erste Jahr von George Talboys' Witwenschaft verging, das tiefe Kreppband um seinen Hut wurde braun und staubig, und als der letzte brennende Tag eines weiteren August verblasste, saß er wie im Jahr zuvor in den ruhigen Kanzleiräumen im Figtree Court und rauchte Zigarren, als der Schrecken seines Kummers neu für ihn war und jeder Gegenstand im Leben, wie unbedeutend oder wichtig er auch sein mochte, mit seinem einen großen Leid durchtränkt schien.

Aber der große ehemalige Dragoner hatte sein Leid um ein Jahr überlebt, und so schwer es auch zu erzählen sein mag, er sah nicht viel schlechter aus dadurch. Der Himmel weiß, welch verschwendete Qualen der Reue und Selbstvorwürfe Georges ehrliches Herz gepeinigt haben mögen, als er nachts wach lag und an die Frau dachte, die er bei der Jagd nach einem Vermögen im Stich gelassen hatte, das sie nie teilen durfte.

Einmal, als sie im Ausland waren, wagte Robert Audley es, ihm zu seiner wiedergefundenen Stimmung zu gratulieren. Er brach in ein bitteres Lachen aus.

„Weißt du, Bob“, sagte er, „dass einige unserer Leute, die in Indien verwundet wurden, nach Hause kamen und die Kugeln noch in sich trugen. Sie sprachen nicht darüber, und sie waren stämmig und herzhaft und sahen vielleicht genauso gut aus wie du oder ich; aber jede Wetteränderung, so gering sie auch war, jede noch so unbedeutende Schwankung der Atmosphäre brachte die alte Qual ihrer Wunden so scharf zurück, wie sie sie auf dem Schlachtfeld je empfunden hatten. Ich habe meine Wunde erhalten, Bob; ich trage die Kugel noch immer, und ich werde sie bis in mein Grab tragen.“

Die Reisenden kehrten im Frühjahr aus St. Petersburg zurück, und George bezog wieder seine Unterkunft in den Zimmern seines alten Freundes, die er nur hin und wieder verließ, um nach Southampton zu fahren und nach seinem kleinen Jungen zu sehen. Er war immer mit Spielzeug und Süßigkeiten beladen, die er dem Kind schenken wollte; doch trotz alledem wollte Georgey nicht recht vertraut mit seinem Papa werden, und das Herz des jungen Mannes wurde schwer, als er zu ahnen begann, dass selbst sein Kind ihm verloren war.

„Was kann ich tun?“, dachte er. „Wenn ich ihn seinem Großvater wegnehme, werde ich ihm das Herz brechen; wenn ich ihn dort lasse, wird er mir ein Fremder werden und sich mehr um diesen betrunkenen alten Heuchler kümmern als um seinen eigenen Vater. Aber was könnte ein unwissender, schwerfälliger Dragoner wie ich schon mit einem solchen Kind anfangen? Was könnte ich ihn lehren, außer Zigarren zu rauchen und den ganzen Tag mit den Händen in den Taschen herumzulungern?“

So kam der Jahrestag jenes 30. August, an dem George die Anzeige vom Tod seiner Frau in der Times gelesen hatte, zum ersten Mal heran, und der junge Mann legte seine schwarze Kleidung und den schäbigen Krepp von seinem Hut ab. Er legte seine trauernden Gewänder in einen Koffer, in dem er ein Bündel Briefe seiner Frau, ihr Porträt und jene Locke aufbewahrte, die ihr nach dem Tod vom Kopf geschnitten worden war. Robert Audley hatte weder die Briefe, noch das Porträt, noch die lange Locke aus seidigem Haar jemals gesehen; auch hatte George nach jenem einen Tag in Ventnor, an dem er die vollständigen Einzelheiten über ihr Ableben erfahren hatte, nie wieder den Namen seiner verstorbenen Frau erwähnt.

„Ich werde heute an meine Cousine Alicia schreiben, George“, sagte der junge Anwalt an eben diesem 30. August. „Weißt du, dass übermorgen der 1. September ist? Ich werde ihr schreiben und ihr mitteilen, dass wir beide für eine Woche zum Jagen hinunter zum Court kommen.“

„Nein, nein, Bob; geh allein; sie wollen mich nicht, und ich würde lieber...“

„Dich in Figtree Court vergraben, ohne Gesellschaft außer meinen Hunden und Kanarienvögeln! Nein, George, das wirst du nicht tun.“

„Aber ich mache mir nichts aus dem Schießen.“

„Und glaubst du etwa, ich mache mir etwas daraus?“, rief Robert mit bezaubernder Naivität. „Mensch, ich kann ein Rebhuhn nicht von einer Taube unterscheiden, und von mir aus könnte es der 1. April sein, statt des 1. September. Ich habe in meinem Leben noch nie einem Vogel etwas zuleide getan, aber ich habe mir schon meine eigene Schulter am Gewicht meines Gewehrs verletzt. Ich fahre nur wegen des Tapetenwechsels, der guten Abendessen und des Anblicks des ehrlichen, hübschen Gesichts meines Onkels nach Essex. Außerdem habe ich diesmal einen weiteren Beweggrund, denn ich möchte dieses blondhaarige Wunder sehen – meine neue Tante. Du kommst mit mir, George?“

„Ja, wenn du es wirklich willst.“

Die ruhige Form, die seine Trauer nach ihrer ersten kurzen Heftigkeit angenommen hatte, ließ ihn so fügsam wie ein Kind gegenüber dem Willen seines Freundes sein; bereit, überallhin zu gehen oder alles zu tun; niemals sich selbst vergnügend oder irgendein Vergnügen anregend, sondern an den Freuden anderer mit einer hoffnungslosen, beklagungslosen, unaufdringlichen Ergebenheit teilnehmend, die seinem einfachen Wesen eigen war. Doch die Rückpost brachte einen Brief von Alicia Audley, in dem stand, dass die beiden jungen Männer nicht im Court empfangen werden könnten.

„Es gibt siebzehn freie Schlafzimmer“, schrieb die junge Dame in einer empörten, flüchtigen Handschrift, „aber trotz alledem, mein lieber Robert, kannst du nicht kommen; denn meine Lady hat sich in den törichten Kopf gesetzt, dass sie zu krank ist, um Gäste zu empfangen (es fehlt ihr nicht mehr als mir), und sie kann keine Herren (große, raue Männer, sagt sie) im Haus haben. Bitte entschuldige dich bei deinem Freund Mr. Talboys und sag ihm, dass Papa erwartet, euch beide in der Jagdsaison zu sehen.“

„Die Allüren und Grazie meiner Lady sollen uns trotzdem nicht aus Essex fernhalten“, sagte Robert, als er den Brief zu einem Anzünder für seine große Meerschaum-Pfeife drehte. „Ich sage dir, was wir tun werden, George: Es gibt einen herrlichen Gasthof in Audley und reichlich Angelmöglichkeiten in der Nachbarschaft; wir fahren dorthin und haben eine Woche lang unseren Sport. Angeln ist viel besser als Schießen; man muss nur auf einem Ufer liegen und auf seine Schnur starren; ich finde zwar nicht, dass man oft etwas fängt, aber es ist sehr angenehm.“

Er hielt den gedrehten Brief an die schwache Glut des Feuers, das im Kamin glimmte, während er sprach, und änderte dann seine Meinung, faltete ihn bedächtig auseinander und glättete das zerknitterte Papier mit der Hand.

„Arme kleine Alicia!“, sagte er nachdenklich; „es ist ziemlich hart, ihren Brief so geringschätzig zu behandeln – ich werde ihn aufbewahren“; woraufhin Mr. Robert Audley den Zettel zurück in seinen Umschlag steckte und ihn später in ein Fach seines Büroschreibtisches schob, das mit „Wichtig“ beschriftet war. Der Himmel weiß, welche wunderbaren Dokumente in diesem speziellen Fach lagen, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie etwas von großem juristischen Wert enthielten. Wenn man dem jungen Anwalt in jenem Moment hätte sagen können, dass eine so einfache Sache wie der kurze Brief seiner Cousine eines Tages ein Glied in jener schrecklichen Beweiskette werden würde, die später in dem einzigen Kriminalfall, mit dem er jemals zu tun haben sollte, langsam geschmiedet werden würde, hätte Mr. Robert Audley vielleicht seine Augenbrauen ein wenig höher gezogen als gewöhnlich.

So verließen die beiden jungen Männer am nächsten Tag London, mit einem Koffer und einer Angelrute nebst Zubehör, und erreichten das weitläufige, altmodische und schnell verfallende Dorf Audley gerade noch rechtzeitig, um ein gutes Abendessen im Sun Inn zu bestellen.

Audley Court lag etwa eine dreiviertel Meile vom Dorf entfernt, wie ich schon sagte, tief unten in einer Mulde, eingeschlossen von üppigem Holzbestand. Man konnte es nur über einen Querweg erreichen, der von Bäumen gesäumt und so gepflegt war wie die Alleen im Park eines Gentleman. Es war ein recht einsamer Ort, selbst in all seiner ländlichen Schönheit, für ein so strahlendes Geschöpf wie die verstorbene Miss Lucy Graham, aber der großzügige Baronet hatte das Innere des grauen alten Herrensitzes in ein kleines Schloss für seine junge Frau verwandelt, und Lady Audley schien glücklich wie ein Kind, das von neuen und kostbaren Spielsachen umgeben ist.

In ihrem besseren Schicksal wie auch in ihren alten Tagen der Abhängigkeit schien sie, wohin sie auch ging, Sonnenschein und Freude mit sich zu bringen. Trotz Miss Alicias unverhohlener Verachtung für die Kindlichkeit und Frivolität ihrer Stiefmutter wurde Lucy besser geliebt und mehr bewundert als die Tochter des Baronets. Eben jene Kindlichkeit besaß einen Charme, dem nur wenige widerstehen konnten. Die Unschuld und Offenheit eines Säuglings strahlte aus Lady Audleys hellem Gesicht und leuchtete aus ihren großen, flüssigen blauen Augen. Die rosigen Lippen, die zierliche Nase, die Fülle der blonden Locken, all das trug dazu bei, ihrer Schönheit den Charakter von extremer Jugend und Frische zu bewahren. Sie gab ein Alter von zwanzig Jahren an, aber es fiel schwer, ihr mehr als siebzehn zuzutrauen. Ihre zierliche Gestalt, die sie liebte in schweren Samt und steife, raschelnde Seide zu kleiden, bis sie wie ein Kind aussah, das für einen Maskenball herausgeputzt war, wirkte so mädchenhaft, als wäre sie gerade erst dem Kinderzimmer entwachsen. All ihre Vergnügungen waren kindisch. Sie hasste Lesen oder Studieren jeglicher Art und liebte die Gesellschaft. Anstatt allein zu sein, vertraute sie sich Phoebe Marks an und lümmelte auf einem der Sofas in ihrem luxuriösen Ankleidezimmer, um ein neues Kostüm für eine bevorstehende Dinnerparty zu besprechen; oder sie saß plaudernd bei dem Mädchen, die Schmuckschatulle neben sich auf den Satinkissen und die Geschenke von Sir Michael auf dem Schoß ausgebreitet, während sie ihre Schätze zählte und bewunderte.

Sie war auf mehreren öffentlichen Bällen in Chelmsford und Colchester erschienen und wurde sofort zur Ballkönigin des Countys erklärt. Zufrieden mit ihrer hohen Stellung und ihrem stattlichen Haus; jeden Eigensinn befriedigt, jede Laune verwöhnt; bewundert und liebkost, wo immer sie hinkam; ihrem großzügigen Ehemann zugetan; reich an einem stattlichen Taschengeld; ohne arme Verwandte, die sie mit Ansprüchen auf ihren Geldbeutel oder ihre Protektion belästigten; es wäre schwer gewesen, im County Essex ein glücklicheres Geschöpf zu finden als Lucy, Lady Audley.

Die beiden jungen Männer trödelten über dem Abendessen im privaten Wohnzimmer des Sun Inn. Die Fenster standen weit offen, und die frische Landluft wehte herein, während sie speisten. Das Wetter war herrlich; das Laub der Wälder hier und da von den ersten, zarten Anzeichen des Herbstes berührt; das gelbe Korn stand noch auf einigen Feldern, auf anderen fiel es gerade unter der glänzenden Sichel; während man in den schmalen Gassen großen, von breitschultrigen Ackerpferden gezogenen Wagen begegnete, die den reichen goldenen Vorrat nach Hause brachten. Für jeden, der während der heißen Sommermonate in London eingesperrt war, liegt im ersten Geschmack des ländlichen Lebens eine Art sinnlicher Entzückung, die kaum zu beschreiben ist. George Talboys empfand dies, und darin erlebte er die größte Annäherung an das Vergnügen, die er seit dem Tod seiner Frau jemals gekannt hatte.

Die Uhr schlug fünf, als sie das Essen beendeten.

„Setz deinen Hut auf, George“, sagte Robert Audley; „sie essen im Court erst um sieben; wir haben Zeit, hinunterzuschlendern und uns den alten Ort und seine Bewohner anzusehen.“

Der Wirt, der mit einer Flasche Wein ins Zimmer gekommen war, blickte auf, als der junge Mann sprach.

„Ich bitte um Verzeihung, Mr. Audley“, sagte er, „aber wenn Sie Ihren Onkel sehen wollen, verlieren Sie nur Ihre Zeit, wenn Sie jetzt zum Court gehen. Sir Michael und meine Lady und Miss Alicia sind alle zu den Rennen oben in Chorley gefahren, und sie werden wahrscheinlich erst gegen acht Uhr zurück sein. Sie müssen hier vorbeikommen, um nach Hause zu gelangen.“

Unter diesen Umständen hatte es natürlich keinen Zweck, zum Court zu gehen, also schlenderten die beiden jungen Männer durch das Dorf, betrachteten die alte Kirche, erkundeten dann die Bäche, in denen sie am nächsten Tag fischen wollten, und vertrieben sich so die Zeit bis nach sieben Uhr. Etwa eine Viertelstunde nach dieser Stunde kehrten sie zum Gasthof zurück, setzten sich an das offene Fenster, zündeten ihre Zigarren an und blickten hinaus auf die friedliche Aussicht.

Wir hören jeden Tag von Morden, die auf dem Land begangen werden. Brutale und heimtückische Morde; langsame, qualvolle Leiden durch Gifte, die von einer verwandten Hand verabreicht wurden; plötzliche und gewaltsame Tode durch grausame Schläge, ausgeführt mit einem Pfahl, der von einer ausladenden Eiche geschnitten wurde, deren jeder Schatten Frieden versprach. In dem County, über das ich schreibe, hat man mir eine Wiese gezeigt, auf der an einem stillen Sommer-Sonntagabend ein junger Bauer das Mädchen ermordete, das ihn geliebt und ihm vertraut hatte; und doch, selbst jetzt, mit dem Makel jener abscheulichen Tat darauf, ist der Anblick des Ortes – Frieden. Es gibt keine Art von Verbrechen, die jemals in den schlimmsten Elendsvierteln um Seven Dials begangen wurde, die nicht auch angesichts jener ländlichen Ruhe vollbracht wurde, die wir trotz allem immer noch mit einer zärtlichen, halb wehmütigen Sehnsucht betrachten und mit Frieden in Verbindung bringen.

Es dämmerte bereits, als Gigs und Chaisen, Dog-Carts und die plumpen Phaetons der Bauern begannen, durch die Dorfstraße und unter den Fenstern des Sun Inn vorbeizuprasseln; tiefer dämmerte es noch, als eine offene Kutsche mit vier Pferden plötzlich unter dem schaukelnden Wirtshausschild anhielt.

Es war Sir Michael Audleys Barouche, die so jäh vor dem kleinen Gasthof zum Stehen kam. Das Geschirr eines der Vorderpferde war in Unordnung geraten, und der vordere Postillion stieg ab, um es in Ordnung zu bringen.

„Warum, das ist mein Onkel“, rief Robert Audley, als die Kutsche hielt. „Ich werde hinunterlaufen und mit ihm sprechen.“

George zündete sich eine weitere Zigarre an und blickte, geschützt durch die Fenstervorhänge, auf die kleine Gesellschaft hinaus. Alicia saß mit dem Rücken zu den Pferden, und er konnte selbst in der Dämmerung erkennen, dass sie eine hübsche Brünette war; aber Lady Audley saß auf der Seite der Kutsche, die am weitesten vom Gasthof entfernt war, und er konnte nichts von dem blondhaarigen Wunder sehen, von dem er so viel gehört hatte.

„Warum, Robert“, rief Sir Michael, als sein Neffe aus dem Gasthof trat, „das ist eine Überraschung!“

„Ich bin nicht gekommen, um Sie im Court zu stören, mein lieber Onkel“, sagte der junge Mann, während der Baronet ihm auf seine herzliche Art die Hand schüttelte. „Essex ist mein Heimat-County, wissen Sie, und um diese Jahreszeit habe ich im Allgemeinen einen Anflug von Heimweh; also sind George und ich für zwei oder drei Tage zum Fischen im Gasthof abgestiegen.“

„George – welcher George?“

„George Talboys.“

„Was, ist er gekommen?“, rief Alicia. „Ich bin so froh; denn ich sterbe vor Neugier, diesen hübschen jungen Witwer zu sehen.“

„Bist du das, Alicia?“, sagte ihr Cousin. „Dann, bei Gott, werde ich rennen und ihn holen und dich sofort mit ihm bekannt machen.“

Nun, so vollständig war die Herrschaft, die Lady Audley auf ihre eigene kindliche, gedankenlose Art über ihren hingebungsvollen Ehemann erlangt hatte, dass der Baronet seine Augen nur sehr selten für längere Zeit von dem hübschen Gesicht seiner Frau abwandte. Als Robert also im Begriff war, den Gasthof wieder zu betreten, bedurfte es nur des geringsten Hochziehens von Lucys Augenbrauen, begleitet von einem bezaubernden Ausdruck der Müdigkeit und des Schreckens, um ihren Mann wissen zu lassen, dass sie nicht von einer Vorstellung bei Mr. George Talboys gelangweilt werden wollte.

„Lass es für heute Abend gut sein, Bob“, sagte er. „Meine Frau ist ein wenig müde nach unserem langen Tag voller Vergnügen. Bring deinen Freund morgen zum Abendessen mit, und dann können er und Alicia sich miteinander bekannt machen. Komm herum und sprich mit Lady Audley, und dann fahren wir nach Hause.“

Meine Lady war so schrecklich ermüdet, dass sie nur süß lächeln und ihrem Neffen durch Heirat eine winzige, behandschuhte Hand entgegenstrecken konnte.

„Sie werden morgen bei uns zu Abend essen und Ihren interessanten Freund mitbringen?“, sagte sie mit leiser und müder Stimme. Sie war die Hauptattraktion der Rennbahn gewesen und war erschöpft von der Anstrengung, das halbe County zu bezaubern.

„Es ist ein Wunder, dass sie dich nicht mit ihrem endlosen Lachen beglückt hat“, flüsterte Alicia, als sie sich über die Kutschentür lehnte, um Robert gute Nacht zu sagen; „aber ich wette, das hebt sie sich für morgen zu deinem Vergnügen auf. Ich nehme an, du bist genauso fasziniert wie alle anderen?“, fügte die junge Dame ziemlich bissig hinzu.

„Sie ist wahrlich ein bezauberndes Geschöpf“, murmelte Robert mit gelassener Bewunderung.

„Oh, natürlich! Nun, sie ist die erste Frau, von der ich je gehört habe, dass du ein ziviles Wort über sie verlierst, Robert Audley. Es tut mir leid festzustellen, dass du nur Wachspuppen bewundern kannst.“

Die arme Alicia hatte schon viele Scharmützel mit ihrem Cousin über jenes Temperament geführt, das es ihm zwar ermöglichte, mit vollkommener Zufriedenheit und stillem Genuss durchs Leben zu gehen, ihn aber gänzlich daran hinderte, auch nur einen Funken Enthusiasmus für irgendein Thema zu empfinden.

„Was sein Verlieben angeht“, dachte die junge Dame manchmal, „ist die Vorstellung absurd. Wenn alle Göttinnen der Erde vor ihm aufgereiht stünden und darauf warteten, dass seine Sultanshoheit das Taschentuch wirft, würde er nur seine Augenbrauen bis zur Mitte seiner Stirn ziehen und ihnen sagen, sie sollen sich darum balgen.“

Doch zum ersten Mal in seinem Leben war Robert beinahe enthusiastisch.

„Sie ist das hübscheste kleine Geschöpf, das du je in deinem Leben gesehen hast, George“, rief er, als die Kutsche davongefahren war und er zu seinem Freund zurückkehrte. „Solche blauen Augen, solche Locken, so ein hinreißendes Lächeln, so eine feenhafte Haube – alles bebend vor Stiefmütterchen und tauigen Pailletten, leuchtend aus einer Wolke von Gaze. George Talboys, ich fühle mich wie der Held eines französischen Romans: Ich verliebe mich in meine Tante.“

Der Witwer seufzte nur und pfiff seine Zigarre heftig aus dem offenen Fenster. Vielleicht dachte er an jene weit zurückliegende Zeit – kaum mehr als fünf Jahre her, tatsächlich; aber für ihn eine Ewigkeit – als er die Frau zum ersten Mal traf, für die er drei Tage zuvor Krepp um seinen Hut getragen hatte. Sie kehrten zurück, all diese alten, unvergessenen Gefühle; sie kamen zurück mit der Szenerie ihres Geburtsortes. Wieder lungerte er mit seinen Offizierskameraden auf dem schäbigen Pier am schäbigen Badeort und lauschte einer trüben Kapelle, deren Kornett eineinhalb Töne zu tief war. Wieder hörte er die alten Opernmelodien, und wieder kam sie auf ihn zugetrippelt, am Arm ihres alten Vaters gelehnt, und gab (mit einer so charmanten, köstlichen, ernst-komischen Verstellung) vor, der Musik zu lauschen und völlig unwissend über die Bewunderung eines halben Dutzend staunender Kavallerieoffiziere zu sein. Wieder kehrte die alte Einbildung zurück, dass sie etwas zu Schönes für diese Erde oder irdische Zwecke sei und dass ihr sich zu nähern bedeutete, in einer höheren Atmosphäre zu wandeln und eine reinere Luft zu atmen. Und seither war sie seine Frau und die Mutter seines Kindes gewesen. Sie lag auf dem kleinen Kirchhof in Ventnor, und erst vor einem Jahr hatte er den Auftrag für ihren Grabstein gegeben. Ein paar langsame, stille Tränen fielen auf seine Weste, als er in dem stillen und dunkel werdenden Zimmer über diese Dinge nachdachte.

Lady Audley war bei ihrer Ankunft zu Hause so erschöpft, dass sie sich für das Abendessen entschuldigte und sich sofort in ihr Ankleidezimmer zurückzog, begleitet von ihrer Zofe Phoebe Marks.

Sie war ein wenig launisch im Umgang mit dieser Zofe – manchmal sehr vertraulich, manchmal ziemlich reserviert; aber sie war eine liberale Herrin, und das Mädchen hatte allen Grund, mit ihrer Stellung zufrieden zu sein.

An diesem Abend war sie trotz ihrer Müdigkeit überaus guter Laune und gab einen lebhaften Bericht von den Rennen und der anwesenden Gesellschaft.

„Ich bin allerdings todmüde, Phoebe“, sagte sie nach einer Weile. „Ich fürchte, ich muss nach einem Tag in der heißen Sonne ein echtes Schreckgespenst sein.“

Auf beiden Seiten des Spiegels, vor dem Lady Audley stand und ihr Kleid öffnete, brannten Kerzen. Sie blickte ihre Zofe voll an, als sie sprach, ihre blauen Augen klar und hell, und die rosigen, kindlichen Lippen zu einem schelmischen Lächeln verzogen.

„Sie sind ein wenig blass, meine Lady“, antwortete das Mädchen, „aber Sie sehen so hübsch aus wie immer.“

„Das ist gut, Phoebe“, sagte sie, warf sich in einen Stuhl und schüttelte ihre Locken in Richtung der Zofe, die mit der Bürste in der Hand bereitstand, das üppige Haar für die Nacht zu richten. „Weißt du, Phoebe, ich habe manche Leute sagen hören, dass du und ich uns ähnlich sehen?“

„Ich habe sie das auch sagen hören, meine Lady“, sagte das Mädchen leise, „aber sie müssen sehr dumm sein, das zu sagen, denn Ihre Ladyschaft ist eine Schönheit, und ich bin ein armer, schlichter Kreatur.“

„Überhaupt nicht, Phoebe“, sagte die kleine Dame großartig; „du bist mir ähnlich, und deine Gesichtszüge sind sehr schön; es ist nur die Farbe, die dir fehlt. Mein Haar ist blassgelb, durchzogen mit Gold, und deines ist aschfahl; meine Augenbrauen und Wimpern sind dunkelbraun, und deine sind fast – ich mag es kaum sagen, aber sie sind fast weiß, meine liebe Phoebe. Dein Teint ist fahl, und meiner ist rosa und rosig. Nun, mit einer Flasche Haarfärbemittel, wie wir sie in den Zeitungen annonciert sehen, und einem Töpfchen Rouge wärst du an jedem Tag genauso gut aussehend wie ich, Phoebe.“

Sie plauderte noch lange so weiter, sprach über hundert verschiedene Themen und machte sich zum Vergnügen ihrer Zofe über die Leute lustig, die sie bei den Rennen getroffen hatte. Ihre Stieftochter kam in das Ankleidezimmer, um ihr gute Nacht zu sagen, und fand Zofe und Herrin lachend über eines der Abenteuer des Tages. Alicia, die niemals vertraulich mit ihren Bediensteten war, zog sich angewidert von der Frivolität meiner Lady zurück.

„Fahr fort, mein Haar zu bürsten, Phoebe“, sagte Lady Audley jedes Mal, wenn das Mädchen im Begriff war, ihre Aufgabe zu beenden, „ich genieße ein Plauderstündchen mit dir wirklich.“

Schließlich, gerade als sie ihre Zofe entlassen hatte, rief sie sie plötzlich zurück. „Phoebe Marks“, sagte sie, „ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust.“

„Ja, meine Lady.“

„Ich möchte, dass du morgen früh mit dem ersten Zug nach London fährst, um eine kleine Besorgung für mich zu erledigen. Du darfst danach einen Tag Urlaub nehmen, da ich weiß, dass du Freunde in der Stadt hast; und ich werde dir eine Fünf-Pfund-Note geben, wenn du tust, was ich will, und für dich behältst, worum es geht.“

„Ja, meine Lady.“

„Sieh zu, dass die Tür dort sicher verschlossen ist, und komm und setz dich auf diesen Hocker zu meinen Füßen.“

Das Mädchen gehorchte. Lady Audley strich mit ihrer molligen, weißen und beringten Hand über das neutral getönte Haar ihrer Zofe, während sie einen Moment lang nachdachte.

„Und nun hör zu, Phoebe. Was ich von dir möchte, ist sehr einfach.“

Es war so einfach, dass es in fünf Minuten erzählt war, und dann zog sich Lady Audley in ihr Schlafzimmer zurück und rollte sich behaglich unter der Eiderdaunendecke zusammen. Sie war ein fröstelndes Geschöpf und liebte es, sich in weiche Hüllen aus Satin und Pelz zu vergraben.

„Küss mich, Phoebe“, sagte sie, während das Mädchen die Vorhänge zurechtrückte. „Ich höre Sir Michaels Schritt im Vorzimmer; du wirst ihm begegnen, wenn du hinausgehst, und du kannst ihm genauso gut sagen, dass du morgen früh mit dem ersten Zug fährst, um mein Kleid für das Abendessen in Morton Abbey bei Madam Frederick zu holen.“

Es war spät am nächsten Morgen, als Lady Audley zum Frühstück hinunterging – nach zehn Uhr. Während sie an ihrem Kaffee nippte, brachte ihr ein Diener ein versiegeltes Päckchen und ein Buch, in das sie sich eintragen sollte.

„Eine telegraphische Nachricht!“, rief sie; denn das bequeme Wort Telegramm war noch nicht erfunden worden. „Was kann nur passiert sein?“

Sie blickte mit weit aufgerissenen, verängstigten Augen zu ihrem Ehemann auf und schien fast davor zurückzuschrecken, das Siegel zu brechen. Der Umschlag war an Miss Lucy Graham bei Mr. Dawson adressiert und war aus dem Dorf nachgeschickt worden.

„Lies es, meine Liebste“, sagte er, „und sei nicht beunruhigt; es mag nichts von Bedeutung sein.“

Es stammte von einer Mrs. Vincent, der Schulleiterin, bei der sie gelebt hatte, bevor sie in die Familie von Mr. Dawson eingetreten war. Die Dame war gefährlich erkrankt und flehte ihre ehemalige Schülerin an, sie zu besuchen.

„Die arme Seele! Sie wollte mir immer ihr Geld hinterlassen“, sagte Lucy mit einem wehmütigen Lächeln. „Sie hat nie von der Veränderung meines Schicksals erfahren. Teurer Sir Michael, ich muss zu ihr.“

„Natürlich musst du das, Liebste. Wenn sie meinem armen Mädchen in ihrer Not gegenüber freundlich war, hat sie einen Anspruch auf ihren Wohlstand, der niemals vergessen werden soll. Setz deine Haube auf, Lucy; wir werden noch rechtzeitig sein, um den Expresszug zu erreichen.“

„Du wirst mit mir kommen?“

„Natürlich, meine Liebste. Glaubst du etwa, ich würde dich allein gehen lassen?“

„Ich war sicher, dass du mit mir kommen würdest“, sagte sie nachdenklich.

„Hinterlässt deine Freundin eine Adresse?“

„Nein; aber sie wohnte immer in Crescent Villa, West Brompton; und zweifellos wohnt sie dort noch immer.“

Lady Audley hatte gerade genug Zeit, um sich hastig Haube und Schal überzuwerfen, bevor sie die Kutsche vor die Tür fahren hörte und Sir Michael am Fuß der Treppe nach ihr rufen hörte.

Ihre Zimmerflucht, wie ich bereits sagte, öffnete sich von einem zum anderen und endete in einem achteckigen Vorzimmer, das mit Ölgemälden behangen war. Selbst in ihrer Eile hielt sie inne, schloss die Tür dieses Zimmers sorgfältig doppelt ab und ließ den Schlüssel in ihre Tasche gleiten. Diese einmal verschlossene Tür schnitt jeglichen Zugang zu den Gemächern meiner Lady ab.

KAPITEL VIII.

VOR DEM STURM.

So wurde das Abendessen in Audley Court verschoben, und Miss Alicia musste noch länger auf eine Einführung bei dem gutaussehenden jungen Witwer, Mr. George Talboys, warten.

Ich fürchte, wenn die nackte Wahrheit gesagt werden soll, lag vielleicht ein wenig Affektiertheit in der Unruhe, die diese junge Dame an den Tag legte, um Georges Bekanntschaft zu machen; aber falls die arme Alicia für einen Moment damit kalkuliert haben sollte, durch dieses zur Schau gestellte Interesse irgendeinen verborgenen Funken Eifersucht in der Brust ihres Cousins zu wecken, dann war sie mit dem Wesen von Robert Audley nicht so vertraut, wie sie es hätte sein können. Träge, gutaussehend und gleichgültig, nahm der junge Barrister das Leben als ein allzu absurdes Missverständnis hin, als dass irgendein Ereignis in seinem törichten Verlauf von einem vernünftigen Mann auch nur einen Augenblick lang ernsthaft betrachtet werden könnte.

Seine hübsche, zigeunerhaft aussehende Cousine hätte hoffnungslos in ihn verliebt sein können; und sie hätte es ihm an jedem der dreihundertfünfundsechzig Tage des Jahres hundertmal am Tag auf irgendeine bezaubernde, umständliche, weibliche Art sagen können; aber hätte sie nicht auf irgendeinen privilegierten 29. Februar gewartet und wäre schnurgerade auf ihn zugegangen mit den Worten: „Robert, möchtest du mich bitte heiraten?“, so bezweifle ich sehr, dass er den Zustand ihrer Gefühle jemals entdeckt hätte.

Wäre er wiederum selbst in sie verliebt gewesen, so stelle ich mir vor, dass die leidenschaftliche Liebe bei ihm ein so vages und schwaches Gefühl gewesen wäre, dass er vielleicht mit einer vagen Ahnung von einer unbehaglichen Empfindung, die Liebe oder Verdauungsstörungen sein mochte, ins Grab gegangen wäre, ohne darüber hinaus das Geringste von seinem Zustand zu wissen.

Es war also nicht der geringste Nutzen, meine arme Alicia, während jener drei Tage, die die beiden jungen Männer in Essex verbrachten, in den Gassen um Audley herumzureiten; es war vergebliche Mühe, diesen hübschen Kavalierhut mit der Feder zu tragen und immer – durch den sonderbarsten aller Zufälle – Robert und seinem Freund zu begegnen. Die schwarzen Locken (ganz anders als Lady Audleys federartige Ringellocken, sondern schwere, dichte Locken, die sich um deinen schlanken, braunen Hals schmiegten), die roten und schmollenden Lippen, die leicht aufgestupste Nase, der dunkle Teint mit seinem hellen, karmesinroten Aufflackern, das immer bereit war, wie ein Signallicht an einem düsteren Himmel aufzublitzen, wenn du plötzlich auf deinen apathischen Cousin stießest – all diese kokette, spitzbübische, brünette Schönheit war an die trüben Augen von Robert Audley verschwendet, und du hättest ebenso gut im kühlen Salon des Court ausruhen können, anstatt unter der heißen September-Sonne deine hübsche Stute zu Tode zu hetzen.

Nun ist das Angeln, außer für den hingebungsvollen Jünger von Izaak Walton, nicht die lebhafteste aller Beschäftigungen; daher ist es vielleicht kaum verwunderlich, dass die beiden jungen Männer (von denen einer durch jene Herzenswunde, die er so still trug, daran gehindert war, an irgendetwas wirklich Freude zu finden, und der andere fast alle Vergnügen als eine Art negative Unannehmlichkeit betrachtete) am Tag nach der Abreise von Lady Audley begannen, des Schattens der Weiden über den sich windenden Bächen um Audley überdrüssig zu werden.

„Figtree Court ist in den langen Ferien nicht gerade fröhlich“, sagte Robert nachdenklich: „aber ich denke, alles in allem ist es besser als das hier; jedenfalls ist es in der Nähe eines Tabakladens“, fügte er hinzu und zog resigniert an einer entsetzlichen Zigarre, die er vom Wirt des Sun Inn bezogen hatte.

George Talboys, der der Essex-Expedition nur aus passivem Gehorsam gegenüber seinem Freund zugestimmt hatte, war keineswegs geneigt, gegen ihre sofortige Rückkehr nach London Einwände zu erheben. „Ich werde froh sein, zurückzukommen, Bob“, sagte er, „denn ich möchte einen Abstecher nach Southampton machen; ich habe den Kleinen seit über einem Monat nicht gesehen.“

Er sprach immer von seinem Sohn als „dem Kleinen“; er sprach immer eher wehmütig als hoffnungsvoll von ihm. Er erklärte dies damit, dass er sich einbildete, das Kind würde nie lernen, ihn zu lieben; und noch schlimmer als diese Einbildung war eine vage Vorahnung, dass er nicht leben würde, um zu sehen, wie sein kleiner Georgey das Mannesalter erreichte.

„Ich bin kein romantischer Mensch, Bob“, sagte er manchmal, „und ich habe in meinem Leben keine einzige Zeile Poesie gelesen, die für mich mehr war als bloße Worte und Geklingel; aber seit dem Tod meiner Frau hat mich das Gefühl beschlichen, ich sei wie ein Mann, der an einem langen, flachen Ufer steht, mit scheußlichen Klippen, die hinter ihm drohend aufragen, und der steigenden Flut, die langsam, aber sicher um seine Füße kriecht. Sie scheint jeden Tag näher und näher zu kommen, diese schwarze, unbarmherzige Flut; nicht mit großem Lärm und gewaltiger Wucht auf mich einstürmend, sondern kriechend, schleichend, stehlend, auf mich zugleitend, bereit, über meinem Kopf zusammenzuschlagen, wenn ich am wenigsten auf das Ende vorbereitet bin.“

Robert Audley starrte seinen Freund in stummem Erstaunen an und sagte nach einer Pause tiefsten Nachdenkens feierlich: „George Talboys, ich könnte das verstehen, wenn du ein schweres Abendessen zu dir genommen hättest. Kaltes Schweinefleisch zum Beispiel, besonders wenn es nicht ganz durchgebraten ist, könnte so etwas hervorrufen. Du brauchst einen Tapetenwechsel, mein lieber Junge; du brauchst die erfrischende Brise von Figtree Court und die lindernde Luft der Fleet Street. Oder warte“, fügte er plötzlich hinzu, „ich hab’s! Du hast die Zigarren unseres Freundes, des Wirts, geraucht; das erklärt alles.“

Sie trafen Alicia Audley auf ihrer Stute etwa eine halbe Stunde, nachdem sie den Entschluss gefasst hatten, am nächsten Morgen früh Essex zu verlassen. Die junge Dame war sehr überrascht und enttäuscht, als sie von der Entscheidung ihres Cousins hörte, und tat genau aus diesem Grund so, als nähme sie die Angelegenheit mit höchster Gleichgültigkeit auf.

„Du wirst Audley sehr bald überdrüssig, Robert“, sagte sie beiläufig; „aber natürlich hast du hier keine Freunde, außer deinen Verwandten im Court; während du in London zweifellos die herrlichste Gesellschaft hast und –“

„Ich bekomme guten Tabak“, murmelte Robert und unterbrach seine Cousine. „Audley ist ein liebenswerter alter Ort, aber wenn man getrocknete Kohlblätter rauchen muss, weißt du, Alicia –“

„Dann reist ihr also wirklich morgen früh?“

„Definitiv – mit dem Expresszug, der um 10.50 Uhr geht.“

„Dann wird Lady Audley eine Einführung bei Mr. Talboys verpassen, und Mr. Talboys wird die Chance verpassen, die hübscheste Frau in ganz Essex zu sehen.“

„Wirklich –“ stammelte George.

„Die hübscheste Frau in Essex hätte bei meinem Freund George Talboys wenig Chancen auf Bewunderung“, sagte Robert. „Sein Herz ist in Southampton, wo er einen kleinen, lockenköpfigen Bengel hat, etwa so hoch wie sein Knie, der ihn ‚den großen Herrn‘ nennt und ihn um Zuckerplätzchen bittet.“

„Ich werde mit der heutigen Abendpost an meine Stiefmutter schreiben“, sagte Alicia. „Sie hat mich in ihrem Brief ausdrücklich gefragt, wie lange ihr bleiben wollt und ob eine Chance besteht, dass sie rechtzeitig zurück ist, um euch zu empfangen.“

Miss Audley nahm beim Sprechen einen Brief aus der Tasche ihrer Reitjacke – eine hübsche, feenhafte Notiz, geschrieben auf glänzendem Papier von einer eigentümlichen, cremefarbenen Tönung.

„Sie schreibt im Nachsatz: ‚Vergiss nicht, meine Frage wegen Mr. Audley und seinem Freund zu beantworten, du flatterhafte, vergessliche Alicia!‘“

„Was für eine hübsche Handschrift sie hat!“, sagte Robert, als seine Cousine den Zettel zusammenfaltete.

„Ja, sie ist hübsch, nicht wahr? Sieh sie dir an, Robert.“

Sie legte den Brief in seine Hand, und er betrachtete ihn einige Minuten lang träge, während Alicia den anmutigen Hals ihrer kastanienbraunen Stute tätschelte, die begierig darauf war, wieder loszukommen.

„Gleich, Atalanta, gleich. Gib mir meine Notiz zurück, Bob.“

„Es ist die hübscheste, koketteste kleine Handschrift, die ich je gesehen habe. Weißt du, Alicia, ich habe keinen großen Glauben an diese Leute, die dich um dreizehn Briefmarken bitten und anbieten, dir zu sagen, was du selbst nie herausfinden konntest; aber bei meinem Wort, ich glaube, wenn ich deine Tante nie gesehen hätte, wüsste ich, wie sie aussieht, dank dieses Zettels. Ja, hier ist alles – die federleichten, golddurchwirkten Flachslocken, die gezeichneten Augenbrauen, die winzige, gerade Nase, das gewinnende, kindliche Lächeln; alles zu erraten in diesen wenigen anmutigen Auf- und Abstrichen. George, schau her!“

Doch der geistesabwesende und düstere George Talboys war den Rand des Grabens entlanggeschlendert und stand da, wie er mit seinem Gehstock auf die Rohrkolben einschlug, ein halbes Dutzend Schritte entfernt von Robert und Alicia.

„Macht nichts“, sagte die junge Dame ungeduldig; denn sie fand an dieser langen Abhandlung über den Brief meiner Lady keineswegs Gefallen. „Gib mir den Brief und lass mich gehen; es ist nach acht, und ich muss ihn mit der heutigen Abendpost beantworten. Komm, Atalanta! Leb wohl, Robert – leb wohl, Mr. Talboys. Eine angenehme Reise in die Stadt.“

Die kastanienbraune Stute galoppierte munter den Weg entlang, und Miss Audley war außer Sicht, bevor jene zwei großen, hellen Tränen, die einen Moment lang in ihren Augen standen, bevor ihr Stolz sie zurückzwang, aus ihrem wütenden Herzen aufstiegen.

„Nur einen einzigen Cousin auf der Welt zu haben“, rief sie leidenschaftlich, „mein nächster Verwandter nach Papa, und dass er sich für mich ungefähr so sehr interessiert wie für einen Hund!“

Durch den reinsten Zufall jedoch fuhren Robert und sein Freund am nächsten Morgen nicht mit dem 10.50-Uhr-Express, denn der junge Barrister erwachte mit solch berstenden Kopfschmerzen, dass er George bat, ihm eine Tasse des stärksten grünen Tees zu schicken, der jemals im Sun zubereitet worden war, und außerdem so freundlich zu sein, ihre Reise auf den nächsten Tag zu verschieben. Natürlich stimmte George zu, und Robert Audley verbrachte den Vormittag in einem abgedunkelten Zimmer mit einer fünf Tage alten Chelmsford-Zeitung, um sich damit zu unterhalten.

„Es liegt nur an den Zigarren, George“, sagte er wiederholt. „Bring mich aus diesem Ort, ohne dass ich dem Wirt begegne; denn wenn dieser Mann und ich uns treffen, wird es Blutvergießen geben.“

Glücklicherweise für den Frieden in Audley war es Markttag in Chelmsford; und der würdige Wirt war in seinem Chaisewagen davon gefahren, um Vorräte für sein Haus zu kaufen – unter anderem vielleicht einen neuen Vorrat genau jener Zigarren, die bei Robert eine so fatale Wirkung gezeigt hatten.

Die jungen Männer verbrachten einen trüben, bummelnden, dummen, nutzlosen Tag; und gegen Einbruch der Dunkelheit schlug Mr. Audley vor, sie sollten zum Court schlendern und Alicia bitten, sie durch das Haus zu führen.

„Es bringt ein paar Stunden um, weißt du, George: und es ist wirklich ein großer Jammer, dich von Audley wegzuzerren, ohne dir das alte Anwesen gezeigt zu haben, das, ich gebe dir mein Ehrenwort, sehr sehenswert ist.“

Die Sonne stand tief am Himmel, als sie eine Abkürzung durch die Wiesen nahmen und über einen Zaunweg in die Allee zum Torbogen abbogen – ein fahlroter, schwer wirkender, unheilvoller Sonnenuntergang und eine totenstille Luft, die die Vögel erschreckte, die Lust zum Singen gehabt hätten, und das Feld einigen nörgelnden Fröschen überließ, die in den Gräben quakten. So still die Atmosphäre auch war, raschelten die Blätter mit jener unheimlichen, zitternden Bewegung, die von keiner äußeren Ursache herrührt, sondern vielmehr ein instinktiver Schauer der schwachen Zweige ist, ahnungsvoll vor einem kommenden Sturm. Jene dumme Uhr, die keinen Mittelweg kannte und immer von einer Stunde zur nächsten sprang, zeigte auf sieben, als die jungen Männer unter dem Torbogen hindurchgingen; aber dennoch war es näher an acht.

Sie fanden Alicia im Lindenweg, wie sie lustlos unter dem schwarzen Schatten der Bäume auf und ab wanderte, von denen hin und wieder ein welkes Blatt langsam zu Boden flatterte.

Seltsamerweise bemerkte George Talboys, der nur sehr selten etwas beobachtete, diesen Ort besonders.

„Das sollte eine Allee auf einem Friedhof sein“, sagte er. „Wie friedlich könnten die Toten unter diesem düsteren Schatten schlafen! Ich wünschte, der Friedhof in Ventnor wäre wie dieser.“

Sie gingen weiter zum verfallenen Brunnen; und Alicia erzählte ihnen eine alte Legende, die mit dem Ort verbunden war – eine düstere Geschichte, wie sie immer an ein altes Haus geknüpft ist, als wäre die Vergangenheit eine einzige dunkle Seite voller Kummer und Verbrechen.

„Wir wollen das Haus sehen, bevor es dunkel wird, Alicia“, sagte Robert.

„Dann müssen wir uns beeilen“, antwortete sie. „Kommt.“

Sie führte sie durch ein offenes französisches Fenster, das einige Jahre zuvor modernisiert worden war, in die Bibliothek und von dort in die Halle.

In der Halle kamen sie an der blassen Zofe meiner Lady vorbei, die verstohlen unter ihren weißen Wimpern zu den beiden jungen Männern hinübersah.

Sie wollten die Treppe hinaufgehen, als Alicia sich umdrehte und das Mädchen ansprach.

„Nachdem wir im Salon gewesen sind, würde ich diesen Herren gerne die Zimmer von Lady Audley zeigen. Sind sie in gutem Zustand, Phoebe?“

„Ja, gnädiges Fräulein; aber die Tür zum Vorzimmer ist verschlossen, und ich vermute, dass meine Lady den Schlüssel mit nach London genommen hat.“

„Den Schlüssel mitgenommen! Unmöglich!“, rief Alicia.

„Wirklich, gnädiges Fräulein, ich glaube, sie hat es getan. Ich kann ihn nicht finden, und er steckte sonst immer in der Tür.“

„Ich muss sagen“, erklärte Alicia ungeduldig, „dass es meiner Lady gar nicht unähnlich ist, diesen törichten Einfall gehabt zu haben. Ich wette, sie hatte Angst, wir könnten in ihre Zimmer gehen, in ihren hübschen Kleidern herumschnüffeln und uns an ihrem Schmuck zu schaffen machen. Es ist sehr ärgerlich, denn die besten Bilder des Hauses sind in diesem Vorzimmer. Da ist auch ihr eigenes Porträt, unvollendet, aber wunderbar ähnlich.“

„Ihr Porträt!“, rief Robert Audley. „Ich würde alles geben, um es zu sehen, denn ich habe nur eine unvollkommene Vorstellung von ihrem Gesicht. Gibt es keinen anderen Weg, um in das Zimmer zu gelangen, Alicia?“

„Einen anderen Weg?“

„Ja; gibt es eine Tür, die durch eines der anderen Zimmer führt, durch die wir in ihres gelangen könnten?“

Seine Cousine schüttelte den Kopf und führte sie in einen Korridor, in dem einige Familienporträts hingen. Sie zeigte ihnen ein mit Wandteppichen ausgekleidetes Zimmer, dessen große Figuren auf der verblassten Leinwand im dämmrigen Licht bedrohlich wirkten.

„Dieser Kerl mit der Streitaxt sieht aus, als wolle er Georges Kopf spalten“, sagte Mr. Audley und zeigte auf einen grimmigen Krieger, dessen erhobener Arm über George Talboys’ dunklem Haar erschien.

„Komm aus diesem Zimmer, Alicia“, fügte der junge Mann nervös hinzu; „ich glaube, es ist feucht oder es spukt. Tatsächlich glaube ich, dass alle Geister das Ergebnis von Feuchtigkeit oder Verdauungsstörungen sind. Du schläfst in einem feuchten Bett – du erwachst plötzlich mitten in der Nacht mit einem kalten Schauer und siehst eine alte Dame in der Hofkleidung der Zeit von George I. am Fußende des Bettes sitzen. Die alte Dame ist Verdauungsstörung, und der kalte Schauer ist ein feuchtes Laken.“

Im Salon brannten Kerzen. Keine neuartigen Lampen waren jemals in Audley Court aufgetaucht. Sir Michaels Zimmer wurden von ehrlichen, dicken, gelb aussehenden Wachskerzen in massiven silbernen Leuchtern und in Wandleuchtern beleuchtet.

Es gab im Salon wenig zu sehen; und George Talboys wurde bald müde, die hübschen, modernen Möbel und ein paar Bilder einiger Akademiemitglieder anzustarren.

„Gibt es hier nicht irgendwo einen Geheimgang, eine alte Eichentruhe oder etwas in der Art, Alicia?“, fragte Robert.

„Natürlich!“, rief Miss Audley mit einer Heftigkeit, die ihren Cousin erschreckte; „natürlich. Warum habe ich nicht früher daran gedacht? Wie dumm von mir, wirklich!“

„Warum dumm?“

„Weil du, wenn es dir nichts ausmacht, auf Händen und Knien zu kriechen, die Gemächer meiner Lady sehen kannst, denn dieser Gang verbindet sich mit ihrem Ankleidezimmer. Sie weiß selbst nichts davon, glaube ich. Wie erstaunt sie wäre, wenn eines Nachts ein schwarzmaskierter Einbrecher mit einer dunklen Laterne durch den Boden steigen würde, während sie vor ihrem Schminkspiegel säße und sich für eine Party das Haar machen ließe!“

„Sollen wir den Geheimgang ausprobieren, George?“, fragte Mr. Audley.

„Ja, wenn du es wünschst.“

Alicia führte sie in das Zimmer, das einst ihr Kinderzimmer gewesen war. Es wurde jetzt nicht mehr benutzt, außer bei sehr seltenen Gelegenheiten, wenn das Haus voller Gäste war.

Robert Audley hob eine Ecke des Teppichs, wie seine Cousine es angewiesen hatte, und legte eine grob ausgeschnittene Falltür im Eichenboden frei.

„Nun hör mir zu“, sagte Alicia. „Du musst dich mit den Händen in den Gang hinunterlassen, der etwa vier Fuß hoch ist; zieh den Kopf ein, geh geradeaus, bis du zu einer scharfen Kurve kommst, die dich nach links führt, und am äußersten Ende findest du eine kurze Leiter unter einer Falltür wie dieser, die du entriegeln musst; diese Tür öffnet sich in den Bodenbelag des Ankleidezimmers meiner Lady, der nur mit einem quadratischen Perserteppich bedeckt ist, den du leicht hochheben kannst. Verstehst du mich?“

„Vollkommen.“

„Dann nimm das Licht; Mr. Talboys wird dir folgen. Ich gebe euch zwanzig Minuten für eure Inspektion der Gemälde – das heißt, etwa eine Minute für jedes – und am Ende dieser Zeit erwarte ich, dass ihr zurückkehrt.“

Robert gehorchte ihr voll und ganz, und George, der seinem Freund unterwürfig folgte, fand sich nach fünf Minuten inmitten der eleganten Unordnung von Lady Audleys Ankleidezimmer wieder.

Sie hatte das Haus in aller Eile für ihre unerwartete Reise nach London verlassen, und die gesamte glitzernde Ausstattung ihrer Toilette lag auf dem marmornen Schminktisch verstreut. Die Atmosphäre des Zimmers war fast erdrückend von dem schweren Duft der Parfüms aus Flakons, deren goldene Verschlüsse nicht wieder aufgesetzt worden waren. Ein Strauß Treibhausblumen welkte auf einem winzigen Schreibtisch. Zwei oder drei elegante Kleider lagen in einem Haufen auf dem Boden, und die offenen Türen eines Kleiderschranks enthüllten die Schätze im Inneren. Schmuck, Haarbürsten mit Elfenbeinrücken und erlesenes Porzellan waren hier und da im Raum verteilt. George Talboys sah sein bärtiges Gesicht und seine große, hagere Gestalt im Spiegel reflektiert und wunderte sich, wie deplatziert er inmitten all dieses weiblichen Luxus wirkte.

Sie gingen vom Ankleidezimmer ins Boudoir und durch das Boudoir in das Vorzimmer, in dem sich, wie Alicia gesagt hatte, etwa zwanzig wertvolle Gemälde befanden, abgesehen vom Porträt meiner Lady.

Das Porträt meiner Lady stand in der Mitte des achteckigen Raumes auf einer Staffelei, bedeckt mit einem grünen Baize-Tuch. Es war eine Laune des Künstlers gewesen, sie genau in diesem Zimmer stehend zu malen und seinen Hintergrund zu einer getreuen Wiedergabe der abgebildeten Wände zu machen. Ich fürchte, der junge Mann gehörte zur präraffaelitischen Bruderschaft, denn er hatte eine ungebührlich lange Zeit mit den Accessoires dieses Bildes verbracht – mit den krausen Locken meiner Lady und den schweren Falten ihres Kleides aus karmesinrotem Samt.

Die beiden jungen Männer betrachteten zuerst die Gemälde an den Wänden und hoben dieses unvollendete Porträt für ein Bonne-Bouche auf.

Zu dieser Zeit war es bereits dunkel; die Kerze, die Robert trug, bildete nur einen einzigen Lichtpunkt, während er umherging und sie nacheinander vor die Bilder hielt. Das breite, kahle Fenster blickte auf den fahlen Himmel, der vom letzten kalten Flackern der Dämmerung gefärbt war. Der Efeu raschelte gegen das Glas mit demselben unheilvollen Schauder, der jedes Blatt im Garten bewegte, ein Vorbote des Sturms, der kommen sollte.

„Dort sind die ewigen weißen Pferde unseres Freundes“, sagte Robert und stand neben einem Wouvermans. „Nicholas Poussin – Salvator – ha – hum! Nun zum Porträt.“

Er hielt inne, die Hand auf dem Baize-Tuch, und wandte sich feierlich an seinen Freund.

„George Talboys“, sagte er, „wir haben nur eine Wachskerze zwischen uns, ein sehr unzureichendes Licht, um ein Gemälde zu betrachten. Ich möchte daher darum bitten, dass Sie uns gestatten, es einzeln zu betrachten; wenn es eine Sache gibt, die unangenehmer ist als eine andere, dann ist es, wenn jemand hinter dem Rücken herumschleicht und über die Schulter späht, während man versucht zu erkennen, woraus ein Bild gemacht ist.“

George trat sofort zurück. Er nahm an dem Bild irgendeiner Dame nicht mehr Anteil als an all den anderen Mühsalen dieser beschwerlichen Welt. Er trat zurück, lehnte die Stirn gegen die Fensterscheiben und blickte hinaus in die Nacht.

Als er sich umdrehte, sah er, dass Robert die Staffelei sehr zweckmäßig arrangiert hatte und dass er sich auf einen Stuhl davor gesetzt hatte, um das Gemälde in aller Ruhe zu betrachten.

Er erhob sich, als George sich umwandte.

„Nun denn, Sie sind an der Reihe, Talboys“, sagte er. „Es ist ein außergewöhnliches Bild.“

Er nahm Georges Platz am Fenster ein, und George setzte sich auf den Stuhl vor der Staffelei.

Ja, der Maler musste ein Präraffaelit gewesen sein. Niemand außer einem Präraffaeliten hätte Haar für Haar jene federartigen Lockenmassen gemalt, mit jedem Schimmer von Gold und jedem Schatten von fahlem Braun. Niemand außer einem Präraffaeliten hätte jedes Attribut dieses zarten Gesichts so übersteigert, um dem blonden Teint eine unheimliche Helligkeit und den tiefblauen Augen ein seltsames, finsteres Leuchten zu verleihen. Niemand außer einem Präraffaeliten hätte diesem hübschen, schmollenden Mund den harten und fast bösen Ausdruck verleihen können, den er auf dem Porträt hatte.

Es war so ähnlich und doch so anders. Es war, als hätte man seltsam gefärbte Feuer vor dem Gesicht meiner Lady entzündet und durch ihren Einfluss neue Linien und neue Ausdrücke hervorgebracht, die man nie zuvor an ihr gesehen hatte. Die Perfektion der Gesichtszüge, die Brillanz der Farben waren da; aber ich nehme an, der Maler hatte seltsame mittelalterliche Ungeheuer kopiert, bis sein Verstand verwirrt war, denn meine Lady hatte in seinem Porträt etwas vom Aspekt eines schönen Dämons.

Ihr karmesinrotes Kleid, wie alles andere in diesem seltsamen Bild übersteigert, hing in Falten um sie her, die wie Flammen aussahen, ihr helles Haupt aus der unheimlichen Farbenmasse hervorlugend wie aus einem lodernden Ofen. Tatsächlich wirkten das karmesinrote Kleid, der Sonnenschein auf dem Gesicht, das in dem gelben Haar gleißende Rotgold, das reife Scharlach der schmollenden Lippen, die leuchtenden Farben jedes Zubehörs des minutiös gemalten Hintergrunds, alles zusammen, um den ersten Eindruck des Gemäldes keineswegs zu einem angenehmen zu machen.

Aber so seltsam das Bild auch war, es konnte keinen großen Eindruck auf George Talboys gemacht haben, denn er saß etwa eine Viertelstunde davor, ohne ein Wort zu sagen – er starrte nur ausdruckslos auf die bemalte Leinwand, den Kerzenständer in seiner starken rechten Hand fest umklammert und den linken Arm schlaff an seiner Seite hängend. Er saß so lange in dieser Haltung, dass Robert sich schließlich umdrehte.

„Wie, George, ich dachte, du wärst eingeschlafen!“

„Das war ich fast.“

„Du hast dir eine Erkältung geholt, weil du in diesem feuchten, mit Wandteppichen behangenen Raum gestanden hast. Merk dir meine Worte, George Talboys, du hast dir eine Erkältung geholt; du bist heiser wie ein Rabe. Aber komm mit.“

Robert Audley nahm seinem Freund die Kerze aus der Hand und schlich durch den Geheimgang zurück, gefolgt von George – sehr still, aber kaum stiller als gewöhnlich.

Sie fanden Alicia im Kinderzimmer, wo sie auf sie wartete.

„Nun?“, fragte sie.

„Wir haben es großartig hinbekommen. Aber das Porträt gefällt mir nicht; es hat etwas Seltsames an sich.“

„Das hat es“, sagte Alicia; „ich habe eine seltsame Vorstellung in diesem Punkt. Ich denke, dass ein Maler manchmal gewissermaßen inspiriert ist und durch den normalen Ausdruck des Gesichts einen anderen Ausdruck sehen kann, der ebenso ein Teil davon ist, wenn er auch für gewöhnliche Augen nicht wahrnehmbar ist. Wir haben meine Lady noch nie so aussehen sehen wie auf diesem Bild; aber ich glaube, dass sie so aussehen könnte.“

„Alicia“, sagte Robert Audley flehend, „sei nicht deutsch!“

„Aber, Robert –“

„Sei nicht deutsch, Alicia, wenn du mich liebst. Das Bild ist – das Bild: und meine Lady ist – meine Lady. Das ist meine Art, die Dinge zu nehmen, und ich bin nicht metaphysisch; bring mich nicht durcheinander.“

Er wiederholte dies mehrmals mit einer Miene des Schreckens, die vollkommen aufrichtig war; und dann, nachdem er sich einen Regenschirm geliehen hatte, falls er vom aufziehenden Sturm überrascht werden sollte, verließ er den Court und führte den passiven George Talboys mit sich fort. Der eine Zeiger der dummen Uhr war auf neun gesprungen, als sie den Torbogen erreichten; aber bevor sie unter dessen Schatten hindurchgehen konnten, mussten sie zur Seite treten, um einer Kutsche Platz zu machen, die an ihnen vorbeiraste. Es war eine Droschke aus dem Dorf, aber Lady Audleys schönes Gesicht lugte aus dem Fenster. So dunkel es auch war, konnte sie die beiden Gestalten der jungen Männer sehen, die sich schwarz gegen das Zwielicht abhoben.

„Wer ist das?“, fragte sie und streckte den Kopf heraus. „Ist das der Gärtner?“

„Nein, meine liebe Tante“, sagte Robert lachend; „es ist Ihr pflichtbewusstester Neffe.“

Er und George blieben beim Torbogen stehen, während die Droschke vor der Tür hielt und die überraschten Diener herauskamen, um ihren Herrn und ihre Herrin zu begrüßen.

„Ich glaube, der Sturm wird sich heute Nacht zurückhalten“, sagte der Baronet und blickte zum Himmel hinauf; „aber morgen werden wir ihn sicherlich haben.“

KAPITEL IX.

NACH DEM STURM.

Sir Michael hatte sich mit seiner Wetterprognose geirrt. Der Sturm hielt sich nicht bis zum nächsten Tag zurück, sondern entlud sich etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht mit schrecklicher Wut über das Dorf Audley.

Robert Audley nahm den Donner und Blitz mit derselben Gelassenheit hin, mit der er alle anderen Übel des Lebens akzeptierte. Er lag auf einem Sofa im Wohnzimmer, las angeblich die fünf Tage alte Chelmsford-Zeitung und ergötzte sich gelegentlich an ein paar Schlucken aus einem großen Becher mit kaltem Punsch. Aber der Sturm hatte eine ganz andere Wirkung auf George Talboys. Sein Freund war erschrocken, als er auf das weiße Gesicht des jungen Mannes blickte, während er gegenüber dem offenen Fenster saß, dem Donner zuhörte und auf den schwarzen Himmel starrte, der von Zeit zu Zeit von gegabelten Streifen stahlblauen Blitzes zerrissen wurde.

„George“, sagte Robert, nachdem er ihn eine Weile beobachtet hatte, „hast du Angst vor dem Blitz?“

„Nein“, antwortete er kurz angebunden.

„Aber, lieber Junge, einige der mutigsten Männer haben Angst davor gehabt. Man kann es kaum eine Furcht nennen: es ist konstitutionell. Ich bin sicher, du hast Angst davor.“

„Nein, habe ich nicht.“

„Aber, George, wenn du dich selbst sehen könntest, weiß und ausgezehrt, mit deinen großen hohlen Augen, die in den Himmel starren, als wären sie auf ein Gespenst fixiert. Ich sage dir, ich weiß, dass du Angst hast.“

„Und ich sage dir, dass ich keine habe.“

„George Talboys, du hast nicht nur Angst vor dem Blitz, sondern du bist wütend auf dich selbst, weil du Angst hast, und auf mich, weil ich dich auf deine Angst hinweise.“

„Robert Audley, wenn du noch ein Wort zu mir sagst, schlage ich dich nieder“, rief George wütend; nachdem er das gesagt hatte, schritt Mr. Talboys aus dem Zimmer und schlug die Tür mit einer Gewalt zu, die das Haus erschütterte. Jene tintenschwarzen Wolken, die die schwüle Erde wie mit einem Dach aus heißem Eisen umschlossen hatten, ergossen in einer plötzlichen Sintflut ihre Schwärze, als George den Raum verließ; aber wenn der junge Mann auch Angst vor dem Blitz hatte, vor dem Regen hatte er sie sicherlich nicht; denn er ging schnurstracks die Treppe hinunter zur Wirtshaustür und hinaus auf die nasse Landstraße. Er ging etwa zwanzig Minuten lang im strömenden Schauer auf und ab, kehrte dann in das Wirtshaus zurück und schritt in sein Schlafzimmer.

Robert Audley traf ihn auf dem Treppenabsatz, das Haar zerzaust um sein weißes Gesicht und die Kleider durchnässt.

„Gehst du ins Bett, George?“

„Ja.“

„Aber du hast kein Licht.“

„Ich brauche keines.“

„Aber sieh dir deine Kleider an, Mann! Siehst du, wie das Wasser an deinen Jackenärmeln herunterläuft? Was um alles in der Welt hat dich dazu gebracht, in einer solchen Nacht hinauszugehen?“

„Ich bin müde und will ins Bett – belästige mich nicht.“

„Du wirst etwas heißen Branntwein mit Wasser trinken, George?“

Robert Audley stellte sich seinem Freund in den Weg, während er sprach, in der Hoffnung, ihn davon abzuhalten, in dem Zustand, in dem er war, ins Bett zu gehen, aber George stieß ihn heftig beiseite, schritt an ihm vorbei und sagte mit derselben heiseren Stimme, die Robert im Court bemerkt hatte:

„Lass mich in Ruhe, Robert Audley, und bleib mir vom Leib, wenn du kannst.“

Robert folgte George in sein Schlafzimmer, aber der junge Mann schlug ihm die Tür vor der Nase zu, sodass nichts anderes übrig blieb, als Mr. Talboys sich selbst zu überlassen, damit er sich so gut er konnte wieder beruhigte.

„Er war gereizt, weil ich seine Angst vor dem Blitz bemerkt hatte“, dachte Robert, während er sich ruhig zur Ruhe begab, gelassen gleichgültig gegenüber dem Donner, der ihn in seinem Bett zu erschüttern schien, und dem Blitz, der launisch um die Rasiermesser in seinem offenen Necessaire spielte.

Der Sturm zog vom ruhigen Dorf Audley ab, und als Robert am nächsten Morgen erwachte, sah er hellen Sonnenschein und einen Blick auf wolkenlosen Himmel zwischen den weißen Vorhängen seines Schlafzimmerfensters.

Es war einer dieser heiteren und lieblichen Morgen, die manchmal auf einen Sturm folgen. Die Vögel sangen laut und fröhlich, das gelbe Korn richtete sich auf den weiten Feldern auf und wogte stolz nach seinem scharfen Kampf mit dem Unwetter, das sein Bestes getan hatte, die schweren Ähren die halbe Nacht hindurch mit grausamem Wind und peitschendem Regen niederzuschlagen. Die Weinblätter, die sich um Roberts Fenster rankten, flatterten mit einem freudigen Rascheln und schüttelten die Regentropfen in Diamantschauern von jedem Zweig und jeder Ranke.

Robert Audley fand seinen Freund am Frühstückstisch auf ihn wartend.

George war sehr blass, aber vollkommen ruhig – wenn nicht sogar fröhlicher als gewöhnlich.

Er schüttelte Robert die Hand mit einer gewissen Herzlichkeit, für die er bekannt gewesen war, bevor ihn die einzige Heimsuchung seines Lebens ereilte und Schiffbruch erleiden ließ.

„Vergib mir, Bob“, sagte er offen, „für meine mürrische Stimmung von letzter Nacht. Du hattest völlig recht mit deiner Behauptung; das Gewitter hat mich aus der Fassung gebracht. Es hatte in meiner Jugend immer dieselbe Wirkung auf mich.“

„Armer alter Junge! Wollen wir mit dem Schnellzug fahren, oder sollen wir hierbleiben und heute Abend mit meinem Onkel zu Abend essen?“, fragte Robert.

„Um die Wahrheit zu sagen, Bob, ich würde lieber beides nicht tun. Es ist ein herrlicher Morgen. Angenommen, wir spazieren den ganzen Tag umher, machen noch eine Runde mit Rute und Schnur und fahren mit dem Zug, der um 6.15 Uhr abends hier abfährt, in die Stadt?“

Robert Audley hätte einer weitaus unangenehmeren Vorschlag als diesem zugestimmt, anstatt sich die Mühe zu machen, seinem Freund zu widersprechen, also wurde die Angelegenheit sofort beschlossen; und nachdem sie ihr Frühstück beendet und ein Abendessen für vier Uhr bestellt hatten, nahm George Talboys die Angelrute über seine breiten Schultern und schritt mit seinem Freund und Gefährten aus dem Haus.

Aber wenn das ausgeglichene Temperament von Mr. Robert Audley von den krachenden Donnerschlägen, die die Grundfesten des Sun Inn erschütterten, ungestört geblieben war, so galt dies nicht für die empfindlicheren Gemütsbewegungen der jungen Frau seines Onkels. Lady Audley gestand, schreckliche Angst vor dem Blitz zu haben. Sie hatte ihr Bettgestell in eine Zimmerecke schieben lassen, und während die schweren Vorhänge dicht um sie herum zugezogen waren, lag sie mit dem Gesicht im Kissen vergraben und zitterte krampfhaft bei jedem Geräusch des Unwetters draußen. Sir Michael, dessen tapferes Herz noch nie Furcht gekannt hatte, zitterte fast für dieses zerbrechliche Geschöpf, das zu schützen und zu verteidigen sein glückliches Vorrecht war. Meine Lady wollte sich nicht dazu bewegen lassen, sich vor fast drei Uhr morgens auszuziehen, als der letzte nachklingende Donnerschlag in den fernen Hügeln verstummt war. Bis zu dieser Stunde lag sie in dem hübschen seidenen Kleid, in dem sie gereist war, zusammengekauert unter der Bettdecke und blickte nur ab und zu mit geängstigtem Gesicht auf, um zu fragen, ob der Sturm vorüber sei.

Gegen vier Uhr sah ihr Ehemann, der die Nacht an ihrem Bett wachend verbracht hatte, sie in einen tiefen Schlaf fallen, aus dem sie fast fünf Stunden lang nicht erwachte.

Aber sie kam um halb zehn Uhr morgens ins Frühstückszimmer, eine kleine schottische Melodie singend, ihre Wangen von einem ebenso zarten Rosa gefärbt wie der blasse Ton ihres Musselin-Morgenkleides. Wie die Vögel und die Blumen schien sie ihre Schönheit und Fröhlichkeit im Morgensonnenschein wiederzugewinnen. Sie trippelte leicht hinaus auf den Rasen, pflückte hier und da eine letzte verbliebene Rosenknospe und ein oder zwei Geranienzweige, kehrte durch das taufeuchte Gras zurück, trällerte lange Kadenzen vor lauter Herzensglück und sah so frisch und strahlend aus wie die Blumen in ihren Händen. Der Baronet fing sie in seinen starken Armen auf, als sie durch das offene Fenster hereinkam.

„Mein Hübsches“, sagte er, „mein Liebling, was für ein Glück, dich wieder als dein eigenes fröhliches Selbst zu sehen! Weißt du, Lucy, als du letzte Nacht einmal durch die dunkelgrünen Bettvorhänge schautest, mit deinem armen, weißen Gesicht und den violetten Rändern um deine hohlen Augen, hatte ich fast Schwierigkeiten, mein kleines Weibchen in diesem verängstigten, gequält aussehenden Geschöpf wiederzuerkennen, das wegen des Sturms schrie. Gott sei Dank für die Morgensonne, die die rosigen Wangen und das helle Lächeln zurückgebracht hat! Ich hoffe bei Gott, Lucy, dass ich dich nie wieder so sehen werde wie letzte Nacht.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, und war dann nur groß genug, um seinen weißen Bart zu erreichen. Sie erzählte ihm lachend, dass sie schon immer ein albernes, ängstliches Geschöpf gewesen sei – ängstlich vor Hunden, ängstlich vor Vieh, ängstlich vor einem Gewitter, ängstlich vor einer rauen See. „Ängstlich vor allem und jedem außer meinem lieben, edlen, gutaussehenden Ehemann“, sagte sie.

Sie hatte den Teppich in ihrem Ankleidezimmer unordentlich vorgefunden und sich nach dem Geheimnis des Geheimganges erkundigt. Sie tadelte Miss Alicia auf spielerische, lachende Weise für ihre Kühnheit, zwei große Männer in die Zimmer meiner Lady einzuführen.

„Und sie hatten die Dreistigkeit, sich mein Bild anzusehen, Alicia“, sagte sie mit gespielter Entrüstung. „Ich fand das Tuch auf dem Boden und den Handschuh eines großen Mannes auf dem Teppich. Schau!“

Sie hielt einen dicken Fahrhandschuh hoch, während sie sprach. Es war Georges, den er beim Betrachten des Bildes fallen gelassen hatte.

„Ich werde zum Sun gehen und diese Jungs zum Abendessen einladen“, sagte Sir Michael, als er den Court für seinen Morgenspaziergang um seine Farm verließ.

Lady Audley huschte im hellen Septembersonnenschein von Zimmer zu Zimmer – setzte sich nun ans Klavier, um eine Ballade oder die erste Seite einer italienischen Bravour zu trällern, oder ließ ihre Finger mit flinken Bewegungen über einen brillanten Walzer laufen – schwebte nun um einen Stand mit Treibhausblumen, betrieb Amateurgärtnerei mit einem Paar märchenhafter, silberbeschlagener Stickscheren – spazierte nun in ihr Ankleidezimmer, um mit Phoebe Marks zu plaudern und ihre Locken zum dritten oder vierten Mal neu ordnen zu lassen; denn die Ringellocken gerieten immer in Unordnung und bereiteten der Zofe meiner Lady nicht wenig Mühe.

Meine liebe Lady schien an diesem besonderen Septembertag vor lauter Lebensfreude rastlos zu sein und unfähig, lange an einem Ort zu bleiben oder sich mit einer Sache zu beschäftigen.

Während sich Lady Audley auf ihre eigene frivole Art amüsierte, schlenderten die beiden jungen Männer langsam am Rande des Baches entlang, bis sie eine schattige Ecke erreichten, wo das Wasser tief und still war und die langen Zweige der Weiden in den Bach hineinhingen.

George Talboys nahm die Angelrute, während Robert sich der Länge nach auf einer Reisedecke ausstreckte, seinen Hut als Sonnenschutz auf der Nase balancierte und in tiefen Schlaf fiel.

Das waren glückliche Fische im Bach, an dessen Ufern Mr. Talboys saß. Sie hätten sich nach Herzenslust mit schüchternen Bissen am Köder dieses Herrn amüsieren können, ohne in irgendeiner Weise ihre Sicherheit zu gefährden; denn George starrte nur ausdruckslos in das Wasser, hielt seine Rute in einer lockeren, lustlosen Hand und hatte einen seltsamen, weit entfernten Blick in den Augen. Als die Kirchenuhr zwei schlug, warf er seine Rute nieder, schritt das Ufer entlang davon und ließ Robert Audley zurück, sein Nickerchen zu genießen, das nach den Gewohnheiten dieses Herrn keineswegs unwahrscheinlich für zwei oder drei Stunden dauern würde. Etwa eine Viertelmeile weiter überquerte George eine rustikale Brücke und schlug den Weg zu den Wiesen ein, die zum Audley Court führten.

Die Vögel hatten den ganzen Morgen so viel gesungen, dass sie vielleicht inzwischen müde geworden waren; das träge Vieh schlief auf den Wiesen; Sir Michael war noch auf seinem morgendlichen Streifzug unterwegs; Miss Alicia war eine Stunde zuvor auf ihrer Fuchsstute davongejagt; die Dienstboten waren alle beim Mittagessen im hinteren Teil des Hauses; und meine Lady war mit einem Buch in der Hand in den schattigen Lindenweg spaziert; so hatte das graue alte Gebäude nie friedlicher ausgesehen als an jenem hellen Nachmittag, als George Talboys über den Rasen ging, um ein sonores Läuten an der robusten, eisenbeschlagenen Eichentür zu vernehmen.

Der Diener, der auf sein Rufen antwortete, sagte ihm, dass Sir Michael aus sei und meine Lady im Lindenweg spazieren gehe.

Er sah ein wenig enttäuscht über diese Nachricht aus, murmelte etwas davon, meine Lady sehen zu wollen oder nach meiner Lady suchen zu wollen (der Diener verstand seine Worte nicht genau) und schritt von der Tür weg, ohne weder Karte noch Nachricht für die Familie zu hinterlassen.

Es war gut eineinhalb Stunden später, als Lady Audley zum Haus zurückkehrte, nicht aus dem Lindenweg kommend, sondern aus genau der entgegengesetzten Richtung, ihr offenes Buch in der Hand tragend und singend, während sie kam. Alicia war gerade von ihrer Stute abgestiegen und stand in der niedrigen, gewölbten Tür, ihren großen Neufundländer an ihrer Seite.

Der Hund, der meine Lady noch nie gemocht hatte, fletschte die Zähne mit einem unterdrückten Knurren.

„Schick dieses schreckliche Tier weg, Alicia“, sagte Lady Audley ungeduldig. „Das Biest weiß, dass ich Angst vor ihm habe, und nutzt meinen Schrecken aus. Und doch nennen sie diese Kreaturen großmütig und edelmütig! Bah, Caesar! Ich hasse dich, und du hasst mich; und wenn du mich im Dunkeln in einem engen Gang treffen würdest, würdest du dich auf meine Kehle stürzen und mich erwürgen, nicht wahr?“

Meine Lady, sicher geborgen hinter ihrer Stieftochter, schüttelte ihr blondes Lockenhaupt gegen das wütende Tier und trotzte ihm boshaft.

„Wissen Sie, Lady Audley, dass Mr. Talboys, der junge Witwer, hier war und nach Sir Michael und Ihnen fragte?“

Lucy Audley hob ihre nachgezogenen Augenbrauen. „Ich dachte, sie kämen zum Abendessen“, sagte sie. „Sicherlich werden wir dann genug von ihnen haben.“

Sie trug einen Haufen wilder Herbstblumen im Rock ihres Musselinkleides. Sie war durch die Felder hinter dem Court gekommen und hatte unterwegs die Heckenblüten gepflückt. Sie lief leichtfüßig die breite Treppe zu ihren eigenen Zimmern hinauf. Georges Handschuh lag auf ihrem Boudoirtisch. Lady Audley läutete heftig die Glocke, und Phoebe Marks erschien. „Räum diesen Unrat weg“, sagte sie scharf. Das Mädchen sammelte den Handschuh, ein paar verwelkte Blumen und zerrissene Papiere, die auf dem Tisch lagen, in ihre Schürze.

„Was hast du den ganzen Vormittag getan?“, fragte meine Lady. „Ich hoffe doch, du hast deine Zeit nicht vertan?“

„Nein, meine Lady, ich habe das blaue Kleid geändert. Es ist auf dieser Seite des Hauses ziemlich dunkel, also nahm ich es mit in mein Zimmer und habe am Fenster gearbeitet.“

Das Mädchen wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie sich umdrehte und Lady Audley ansah, als ob sie auf weitere Befehle warte.

Lucy blickte im selben Moment auf, und die Augen der beiden Frauen trafen sich.

„Phoebe Marks“, sagte meine Lady, ließ sich in einen Lehnstuhl fallen und spielte mit den Wildblumen in ihrem Schoß, „du bist ein gutes, fleißiges Mädchen, und solange ich lebe und im Wohlstand bin, soll es dir niemals an einem treuen Freund oder einem Zwanzig-Pfund-Schein fehlen.“

KAPITEL X.

VERMISST.

Als Robert Audley erwachte, war er überrascht, die Angelrute am Ufer liegen zu sehen, die Schnur träge im Wasser schleifend und den Schwimmer im Nachmittagssonnenschein harmlos auf und ab hüpfend. Der junge Rechtsanwalt brauchte lange, um Arme und Beine in verschiedene Richtungen zu strecken und sich durch solche Gymnastik davon zu überzeugen, dass er den ordnungsgemäßen Gebrauch dieser Gliedmaßen noch besaß; dann gelang es ihm mit großer Mühe, sich vom Gras zu erheben, und nachdem er seine Reisedecke bedächtig so zusammengefaltet hatte, dass sie bequem über der Schulter zu tragen war, schlenderte er davon, um nach George Talboys zu suchen.

Ein- oder zweimal stieß er einen schläfrigen Ruf aus, kaum laut genug, um die Vögel in den Zweigen über seinem Kopf oder die Forellen im Bach zu seinen Füßen zu erschrecken; da er jedoch keine Antwort erhielt, wurde er der Anstrengung müde und trottete weiter, gähnend und immer noch nach George Talboys Ausschau haltend.

Nach einer Weile zog er seine Uhr heraus und war überrascht festzustellen, dass es viertel nach vier war.

„Nun, der egoistische Kerl muss zum Abendessen nach Hause gegangen sein!“, murmelte er nachdenklich; „und doch ist das gar nicht seine Art, denn er denkt selten einmal an seine Mahlzeiten, es sei denn, ich helfe seinem Gedächtnis auf die Sprünge.“

Selbst ein guter Appetit und das Wissen, dass sein Abendessen durch diese Verzögerung höchstwahrscheinlich leiden würde, konnten Mr. Robert Audleys verfassungsmäßige Trödelei nicht beschleunigen, und als er zur Vordertür des „Sun“ hineinschlenderte, schlugen die Uhren fünf. Er erwartete so sehr, George Talboys in dem kleinen Wohnzimmer auf ihn warten zu sehen, dass die Abwesenheit dieses Herrn dem Raum ein trostloses Aussehen zu verleihen schien, und Robert stöhnte laut auf.

„Das ist ja herrlich!“, sagte er. „Ein kaltes Abendessen und niemand, mit dem man es essen kann!“

Der Wirt des „Sun“ kam selbst, um sich für seine verdorbenen Gerichte zu entschuldigen.

„Ein so feines Paar Enten, Mr. Audley, wie Sie sie je gesehen haben, aber bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, weil sie warmgehalten werden mussten.“

„Vergessen Sie die Enten“, sagte Robert ungeduldig; „wo ist Mr. Talboys?“

„Er war nicht mehr hier, Sir, seit Sie heute Morgen zusammen ausgegangen sind.“

„Was!“, rief Robert. „Warum, um Himmels willen, was hat der Mann mit sich angefangen?“

Er ging zum Fenster und sah hinaus auf die breite, weiße Landstraße. Ein mit Heuballen beladener Wagen kroch langsam vorbei, die faulen Pferde und der faule Fuhrmann ließen ihre Köpfe unter dem Nachmittagssonnenschein müde hängen. Eine Schafherde streunte auf der Straße umher, während ein Hund sich in dem Bestreben, sie anständig zusammenzuhalten, in Fieber rannte. Es gab einige Maurer, die gerade von der Arbeit kamen – ein Kesselflicker, der am Straßenrand einige Kessel reparierte; ein Dogcart raste die Straße hinunter und beförderte den Herrn der Audley-Meute zu seinem Abendessen um sieben Uhr; es gab ein Dutzend gewöhnlicher dörflicher Anblicke und Geräusche, die sich zu einer fröhlichen Geschäftigkeit und Verwirrung vermischten; aber es gab keinen George Talboys.

„Von all den außergewöhnlichen Dingen, die mir im Laufe meines ganzen Lebens je passiert sind“, sagte Mr. Robert Audley, „ist dies das wunderlichste!“

Der Wirt, der immer noch anwesend war, riss die Augen auf, als Robert diese Bemerkung machte. Was konnte an der einfachen Tatsache, dass ein Herr zu spät zu seinem Abendessen kam, schon Außergewöhnliches sein?

„Ich werde gehen und nach ihm suchen“, sagte Robert, schnappte sich seinen Hut und ging schnurstracks aus dem Haus.

Aber die Frage war, wo er nach ihm suchen sollte. Er war sicherlich nicht am Forellenbach, also hatte es keinen Zweck, dorthin zurückzukehren, um nach ihm zu suchen. Robert stand vor dem Gasthaus und überlegte, was am besten zu tun sei, als der Wirt ihm nachkam.

„Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, Mr. Audley, dass Ihr Onkel fünf Minuten nachdem Sie weg waren hier anrief und eine Nachricht hinterließ, in der er Sie und den anderen Herrn bat, zum Abendessen in den Court zu kommen.“

„Dann würde es mich nicht wundern“, sagte Robert, „wenn George Talboys zum Court gegangen ist, um meinen Onkel zu besuchen. Es ist nicht seine Art, aber es ist durchaus möglich, dass er es getan hat.“

Es war sechs Uhr, als Robert an die Tür des Hauses seines Onkels klopfte. Er fragte nicht nach der Familie, sondern erkundigte sich sofort nach seinem Freund.

Ja, sagte der Diener, Mr. Talboys war um zwei Uhr oder kurz danach dort gewesen.

„Und seitdem nicht mehr?“

„Nein, seitdem nicht.“

War der Mann sicher, dass Mr. Talboys um zwei Uhr kam? fragte Robert.

Ja, vollkommen sicher. Er erinnerte sich an die Stunde, weil es die Essenszeit der Bediensteten war und er den Tisch verlassen hatte, um Mr. Talboys die Tür zu öffnen.

„Warum, was kann nur aus dem Mann geworden sein?“, dachte Robert, als er dem Court den Rücken kehrte. „Von zwei bis sechs – vier gute Stunden – und kein Lebenszeichen von ihm!“

Hätte es jemand gewagt, Mr. Robert Audley zu sagen, dass er möglicherweise eine starke Zuneigung zu irgendeinem atmenden Geschöpf empfinden könne, hätte dieser zynische Herr seine Augenbrauen in höchster Verachtung über die absurde Vorstellung gehoben. Doch hier war er, aufgeregt und besorgt, verwirrte sein Gehirn mit allerlei Vermutungen über seinen vermissten Freund; und entgegen jeder Eigenschaft seines Wesens lief er schnell.

„Ich bin seit meiner Zeit in Eton nicht mehr schnell gelaufen“, murmelte er, als er über eine der Wiesen Sir Michaels in Richtung des Dorfes eilte; „und das Schlimmste daran ist, dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, wohin ich gehe.“

Hier überquerte er eine weitere Wiese und setzte sich dann auf einen Zauntritt, stützte die Ellbogen auf die Knie, vergrub das Gesicht in den Händen und machte sich ernsthaft daran, die Angelegenheit zu durchdenken.

„Ich hab's“, sagte er nach ein paar Minuten des Nachdenkens; „der Bahnhof!“ Er sprang über den Zauntritt und machte sich auf den Weg in Richtung des kleinen roten Backsteingebäudes.

Kein Zug wurde für die nächste halbe Stunde erwartet, und der Beamte nahm seinen Tee in einem Raum auf der einen Seite des Büros ein, an dessen Tür in großen, weißen Buchstaben „Privat“ stand.

Aber Mr. Audley war zu sehr mit dem einen Gedanken beschäftigt, nach seinem Freund zu suchen, um auf diese Warnung zu achten. Er schritt sofort zur Tür und brachte den Beamten durch das Klappern mit seinem Gehstock gegen das Holz aus seinem Sanktum, schweißgebadet vom heißen Tee und mit dem Mund voller Brot und Butter.

„Erinnern Sie sich an den Herrn, der mit mir nach Audley kam, Smithers?“, fragte Robert.

„Nun, um die Wahrheit zu sagen, Mr. Audley, kann ich das nicht behaupten. Sie kamen mit dem Vier-Uhr-Zug, wenn Sie sich erinnern, und da sind immer eine ganze Menge Fahrgäste.“

„Sie erinnern sich also nicht an ihn?“

„Nicht, dass ich wüsste, Sir.“

„Das ist ärgerlich! Ich möchte wissen, Smithers, ob er seit heute Mittag zwei Uhr eine Fahrkarte nach London genommen hat. Er ist ein großer, breitschultriger junger Kerl mit einem großen braunen Bart. Sie könnten ihn kaum verfehlen.“

„Es waren vier oder fünf Herren, die Fahrkarten für den 3.30-Zug nahmen“, sagte der Beamte eher vage und warf einen besorgten Blick über die Schulter auf seine Frau, die über diese Unterbrechung der Harmonie der Teetafel keineswegs erfreut aussah.

„Vier oder fünf Herren! Aber entsprach einer von ihnen der Beschreibung meines Freundes?“

„Nun, ich glaube, einer von ihnen hatte einen Bart, Sir.“

„Einen dunkelbraunen Bart?“

„Nun, ich weiß es nicht, aber er war so bräunlich.“

„War er grau gekleidet?“

„Ich glaube, es war Grau; sehr viele Herren tragen Grau. Er verlangte die Fahrkarte kurz und knapp, und als er sie hatte, ging er direkt auf den Bahnsteig und pfiff.“

„Das ist George“, sagte Robert. „Danke, Smithers; ich will Sie nicht weiter behelligen. Es ist sonnenklar“, murmelte er, als er den Bahnhof verließ; „er hat einen seiner düsteren Anfälle und ist ohne ein Wort nach London zurückgekehrt. Ich werde Audley selbst morgen früh verlassen; und für heute Abend – nun, ich kann genauso gut zum Court hinuntergehen und die Bekanntschaft der jungen Frau meines Onkels machen. Sie essen erst um sieben; wenn ich über die Felder zurückgehe, bin ich rechtzeitig da. Bob – oder besser Robert Audley – so etwas geht gar nicht; du verliebst dich bis über beide Ohren in deine Tante.“

KAPITEL XI.

DAS MAL AM HANDGELENK MEINER LADY.

Robert fand Sir Michael und Lady Audley im Salon. Meine Lady saß auf einem Klavierhocker vor dem Flügel und blätterte in einigen neuen Musikstücken. Sie drehte sich auf dem drehbaren Sitz und ließ ihre seidenen Rüschen rascheln, als der Name Mr. Robert Audleys angekündigt wurde; dann verließ sie das Klavier und machte ihrem Neffen einen hübschen, spöttisch-zeremoniellen Knicks.

„Vielen Dank für die Zobel“, sagte sie und streckte ihre kleinen Finger aus, die alle glitzerten und funkelten von den Diamanten, die sie daran trug; „vielen Dank für diese wunderschönen Zobel. Wie gütig war es von Ihnen, sie für mich zu besorgen.“

Robert hatte den Auftrag, den er während seiner Russlandreise für Lady Audley ausgeführt hatte, fast vergessen. Sein Geist war so voll von George Talboys, dass er die Dankbarkeit meiner Lady nur mit einer Verbeugung anerkannte.

„Würden Sie es glauben, Sir Michael?“, sagte er. „Dieser törichte Kumpel von mir ist nach London zurückgekehrt und hat mich im Stich gelassen.“

„Mr. George Talboys ist in die Stadt zurückgekehrt?“, rief meine Lady und hob die Augenbrauen. „Was für eine schreckliche Katastrophe!“, sagte Alicia boshaft, „da Pythias, in der Person von Mr. Robert Audley, keine halbe Stunde ohne Damon, gemeinhin bekannt als George Talboys, existieren kann.“

„Er ist ein sehr guter Kerl“, sagte Robert nachdrücklich; „und um die Wahrheit zu sagen, ich bin ziemlich beunruhigt wegen ihm.“

„Beunruhigt wegen ihm!“ Meine Lady war sehr begierig darauf zu erfahren, warum Robert wegen seines Freundes beunruhigt war.

„Ich sage Ihnen warum, Lady Audley“, antwortete der junge Rechtsanwalt. „George hatte vor einem Jahr einen bitteren Schlag durch den Tod seiner Frau erlitten. Er ist über diesen Kummer nie hinweggekommen. Er nimmt das Leben ziemlich ruhig hin – fast so ruhig wie ich – aber er spricht oft sehr seltsam, und manchmal denke ich, dass dieser Kummer eines Tages die Oberhand über ihn gewinnen wird und er etwas Unbesonnenes tun wird.“

Mr. Robert Audley sprach vage, aber alle drei seiner Zuhörer wussten, dass dieses etwas Unbesonnene, auf das er anspielte, jene eine Tat war, für die es keine Reue gibt.

Es gab eine kurze Pause, während der Lady Audley ihre gelben Löckchen mithilfe des Spiegels über dem Konsoltisch ihr gegenüber zurechtmachte.

„Ach je!“, sagte sie, „das ist sehr seltsam. Ich hätte nicht gedacht, dass Männer zu solchen tiefen und dauerhaften Zuneigungen fähig sind. Ich dachte, ein hübsches Gesicht sei für sie so gut wie ein anderes hübsches Gesicht; und dass sie, wenn Nummer eins mit blauen Augen und hellem Haar starb, sich nur nach Nummer zwei mit dunklen Augen und schwarzem Haar umsehen müssten, der Abwechslung halber.“

„George Talboys ist nicht einer dieser Männer. Ich glaube fest daran, dass der Tod seiner Frau ihm das Herz gebrochen hat.“

„Wie traurig!“, murmelte Lady Audley. „Es scheint fast grausam von Mrs. Talboys, zu sterben und ihren armen Ehemann so sehr zu betrüben.“

„Alicia hatte recht, sie ist kindisch“, dachte Robert, als er in das hübsche Gesicht seiner Tante sah.

Meine Lady war bei Tisch sehr bezaubernd; sie gab vor, den vor ihr stehenden Fasan nicht schneiden zu können, und rief Robert zu Hilfe.

„Ich konnte bei Mr. Dawson eine Hammelkeule schneiden“, sagte sie lachend; „aber eine Hammelkeule ist so einfach, und außerdem stand ich damals immer auf.“

Sir Michael beobachtete den Eindruck, den meine Lady auf seinen Neffen machte, mit stolzem Entzücken über ihre Schönheit und ihren Charme.

„Ich bin so froh, mein armes kleines Weibchen wieder bei ihrem üblichen guten Humor zu sehen“, sagte er. „Sie war gestern sehr niedergeschlagen wegen einer Enttäuschung, die sie in London erlebte.“

„Eine Enttäuschung!“

„Ja, Mr. Audley, eine sehr grausame“, antwortete meine Lady. „Ich erhielt neulich am Morgen ein Telegramm von meiner lieben alten Freundin und Lehrerin, in dem sie mir mitteilte, dass sie im Sterben liege und dass ich, wenn ich sie wiedersehen wolle, sofort zu ihr eilen müsse. Die telegrafische Depesche enthielt keine Adresse, und natürlich stellte ich mir aus genau diesem Umstand vor, dass sie in dem Haus wohnen müsse, in dem ich sie vor drei Jahren zurückließ. Sir Michael und ich eilten sofort in die Stadt und fuhren direkt zu der alten Adresse. Das Haus wurde von fremden Leuten bewohnt, die mir keine Nachricht von meiner Freundin geben konnten. Es liegt in einer abgelegenen Gegend, wo es nur sehr wenige Geschäftsleute gibt. Sir Michael erkundigte sich bei den wenigen Läden, die es dort gibt, konnte aber nach einer ungeheuren Mühe nichts finden, was uns zu der gesuchten Information führen könnte. Ich habe keine Freunde in London und hatte daher niemanden, der mir helfen konnte, außer meinem lieben, großzügigen Ehemann, der alles in seiner Macht Stehende tat, aber vergeblich, um den neuen Wohnsitz meiner Freundin zu finden.“

„Es war sehr töricht, die Adresse nicht in das Telegramm zu schreiben“, sagte Robert.

„Wenn Menschen im Sterben liegen, ist es nicht so leicht, an all diese Dinge zu denken“, murmelte meine Lady und blickte Mr. Audley mit ihren sanften blauen Augen vorwurfsvoll an.

Trotz Lady Audleys Charme und trotz Roberts uneingeschränkter Bewunderung für sie konnte der Rechtsanwalt an diesem ruhigen Septemberabend ein vages Gefühl der Unruhe nicht überwinden.

Als er in der tiefen Nische eines Sprossenfensters saß und mit meiner Lady sprach, schweiften seine Gedanken zum schattigen Figtree Court ab, und er dachte an den armen George Talboys, der in dem Zimmer mit den Vögeln und Kanarienvögeln seine einsame Zigarre rauchte.

„Ich wünschte, ich hätte nie Freundschaft für den Kerl empfunden“, dachte er. „Ich fühle mich wie ein Mann, der einen einzigen Sohn hat, dessen Leben schiefgegangen ist. Ich wünschte, ich könnte ihm seine Frau zurückgeben und ihn nach Ventnor schicken, um seine Tage in Frieden zu beenden.“

Dennoch plätscherte das hübsche, musikalische Geplapper meiner Lady so fröhlich und ununterbrochen dahin wie das Rauschen in einem Bach; und dennoch schweiften Roberts Gedanken, ob er wollte oder nicht, zu George Talboys ab.

Er dachte daran, wie er mit dem Nachtzug nach Southampton eilte, um seinen Jungen zu sehen. Er dachte an ihn, wie er ihn oft dabei beobachtet hatte, wie er die Schifffahrtsanzeigen in der Times buchstabierte, auf der Suche nach einem Schiff, das ihn zurück nach Australien bringen würde. Einmal dachte er mit einem Schaudern an ihn, wie er kalt und starr auf dem Grund eines seichten Baches lag, das tote Gesicht dem dunkler werdenden Himmel zugewandt.

Lady Audley bemerkte seine Geistesabwesenheit und fragte ihn, woran er denke.

„George Talboys“, antwortete er schroff.

Sie schauderte leicht nervös.

„Bei meinem Wort“, sagte sie, „Sie machen mich ganz unbehaglich mit der Art, wie Sie von Mr. Talboys sprechen. Man könnte meinen, ihm sei etwas Außergewöhnliches zugestoßen.“

„Gott bewahre! Aber ich kann nicht anders, als mich wegen ihm unruhig zu fühlen.“

Später am Abend bat Sir Michael um etwas Musik, und meine Lady ging zum Klavier. Robert Audley schlenderte ihr zum Instrument nach, um die Blätter ihrer Musik umzublättern; aber sie spielte aus dem Gedächtnis, und die Mühe, die seine Galanterie ihm auferlegt hätte, blieb ihm erspart.

Er brachte ein Paar brennende Kerzen zum Klavier und stellte sie für die hübsche Musikerin zurecht. Sie schlug ein paar Akkorde an und verlor sich dann in eine nachdenkliche Sonate von Beethoven. Es war eines der vielen Paradoxa ihres Charakters, diese Liebe zu düsteren und melancholischen Melodien, so im Gegensatz zu ihrem fröhlichen Wesen.

Robert Audley verweilte an ihrer Seite, und da er nichts zu tun hatte, als die Notenblätter umzublättern, vertrieb er sich die Zeit damit, ihre weiß behandschuhten Hände zu beobachten, die sanft über die Tasten glitten, wobei die Spitzenärmel von ihren anmutigen, gewölbten Handgelenken abfielen. Er betrachtete ihre hübschen Finger einen nach dem anderen; dieser funkelte mit einem Rubinherz; jener war von einer Smaragdschlange umschlungen; und auf allen ein sternenförmiges Glitzern von Diamanten. Von den Fingern wanderten seine Augen zu den runden Handgelenken: das breite, flache Goldarmband an ihrem rechten Handgelenk rutschte über ihre Hand, während sie eine schnelle Passage ausführte. Sie hielt abrupt inne, um es zurechtzurücken; aber bevor sie das tun konnte, bemerkte Robert Audley einen blauen Fleck auf ihrer zarten Haut.

„Sie haben sich am Arm verletzt, Lady Audley!“, rief er. Sie rückte das Armband hastig wieder zurecht.

„Es ist nichts“, sagte sie. „Ich habe das Unglück, eine Haut zu haben, die sich bei der geringsten Berührung blau färbt.“

Sie spielte weiter, aber Sir Michael kam durch den Raum, um sich die Sache mit dem blauen Fleck am hübschen Handgelenk seiner Frau anzusehen.

„Was ist das, Lucy?“, fragte er; „und wie ist das passiert?“

„Wie töricht ihr alle seid, euch wegen etwas so Absurdem den Kopf zu zerbrechen!“, sagte Lady Audley lachend. „Ich bin etwas geistesabwesend und habe mich vor ein paar Tagen damit amüsiert, ein Stück Band so fest um meinen Arm zu binden, dass es einen blauen Fleck hinterließ, als ich es entfernte.“

„Hm!“, dachte Robert. „Meine Lady erzählt kleine, kindliche Notlügen; der blaue Fleck ist jüngeren Datums als ein paar Tage; die Haut hat gerade erst angefangen, ihre Farbe zu ändern.“

Sir Michael nahm das schlanke Handgelenk in seine starke Hand.

„Halte die Kerze, Robert“, sagte er, „und lass uns diesen armen kleinen Arm ansehen.“

Es war nicht ein blauer Fleck, sondern vier schlanke, violette Male, wie sie durch die vier Finger einer kräftigen Hand hätten entstehen können, die das zarte Handgelenk ein wenig zu fest gepackt hatte. Ein eng gebundenes schmales Band hätte zwar einige solcher Spuren hinterlassen können, und meine Lady beteuerte noch einmal, dass es ihrer Erinnerung nach so gewesen sein müsse.

Über einem der schwachen violetten Male war ein dunklerer Fleck, als ob ein Ring, der an einem dieser starken und grausamen Finger getragen wurde, in das zarte Fleisch eingedrückt worden wäre.

„Ich bin sicher, meine Lady muss Notlügen erzählen“, dachte Robert, „denn die Geschichte mit dem Band kann ich nicht glauben.“

Er wünschte seinen Verwandten gegen halb elf Uhr eine gute Nacht und auf Wiedersehen; er wollte mit dem ersten Zug nach London fahren, um George im Figtree Court zu suchen.

„Wenn ich ihn dort nicht finde, werde ich nach Southampton fahren“, sagte er; „und wenn ich ihn dort nicht finde –“

„Was dann?“, fragte meine Lady.

„Dann werde ich denken, dass etwas Seltsames geschehen ist.“

Robert Audley fühlte sich sehr niedergeschlagen, als er langsam zwischen den schattenhaften Wiesen nach Hause ging; noch niedergeschlagener, als er das Wohnzimmer im „Sun Inn“ wieder betrat, wo er und George zusammen gelungert hatten, aus dem Fenster starrten und ihre Zigarren rauchten.

„Zu denken“, sagte er nachdenklich, „dass es möglich ist, sich so sehr um einen Kerl zu sorgen! Aber komme, was wolle, ich werde morgen früh als Erstes in die Stadt fahren, um ihn zu suchen; und eher als mich daran hindern zu lassen, ihn zu finden, werde ich bis ans Ende der Welt gehen.“

„Verzeihen Sie, mein Herr“, sagte er, „aber der Herr, der sich als Thomas Brown eintrug, hinterließ eine Nachricht für einen Freund, falls dieser nach ihm fragen sollte.“

„Eine Nachricht! Wo ist sie?“

„Hier, mein Herr.“

Der junge Mann reichte Robert einen versiegelten Briefumschlag. Robert Audley riss ihn hastig auf. Er enthielt nur ein Blatt Papier, auf dem in Georges flüchtiger Handschrift folgende Zeilen standen:

„Mein lieber Robert, ich konnte es nicht ertragen, mich von dir zu verabschieden. Es wäre nur noch schmerzlicher gewesen. Ich gehe, um mein Glück in der Ferne zu suchen, und werde vielleicht nie wieder nach England zurückkehren. Vergiss mich, alter Freund, oder denke nur an die glücklichen Tage, die wir gemeinsam verbracht haben. Dein immerwährender Freund, George Talboys.“

Robert starrte auf das Papier. Die Handschrift war zweifellos die seines Freundes, doch der Ton des Briefes war so fremd, so weit entfernt von der unbeschwerten Art Georges, dass er unwillkürlich den Kopf schüttelte.

„Es ist seine Handschrift“, murmelte er, „doch sind es nicht seine Worte. Er war nie ein Mann großer Reden, aber das hier klingt, als hätte er es aus einem Roman abgeschrieben.“

Er verließ das Büro und ging ziellos durch die belebten Straßen von Liverpool. Die Gewissheit, dass George Talboys fort war, legte sich wie ein schwerer Stein auf sein Gemüt. Es gab keinen Zweifel mehr: George hatte England verlassen. Das Rätsel seines Verschwindens war gelöst, doch die Art und Weise, wie alles geschehen war, hinterließ in Robert Audleys Seele ein Gefühl von Unbehagen, das er nicht abschütteln konnte.

Er kehrte in sein Hotel zurück, doch die Unruhe trieb ihn weiter um. Er dachte an die Worte des Schwiegervaters, an die Andeutungen über Georges geistigen Zustand, und das Telegraphische Telegramm, das er in Southampton gefunden hatte. Alles ergab ein Bild, das nicht zusammenpasste.

„Ich muss nach London zurückkehren“, beschloss er. „Ich muss alles noch einmal in Ruhe überdenken. Wenn George wirklich nach Australien aufgebrochen ist, wird er sich früher oder später melden. Wenn nicht…“

Er wagte den Gedanken nicht zu Ende zu führen. Er nahm den Abendzug zurück nach London. Während der Fahrt beobachtete er die vorbeiziehende Landschaft, doch seine Gedanken waren bei seinem Freund. Er sah George vor sich, wie er am Ufer des Forellenbachs gelegen hatte, in den Schatten der Weiden, und er fragte sich, ob er jemals wieder ein solches Bild sehen würde.

Als er spät in der Nacht seine Wohnung in Figtree Court erreichte, war es still wie im Grab. Die Kanarienvögel schliefen, und die Luft im Zimmer war abgestanden und kalt. Er zündete eine Kerze an und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er betrachtete den Brief, den er in Liverpool erhalten hatte, noch einmal sehr genau.

Er hielt ihn gegen das Licht. Das Papier war von einfacher Beschaffenheit, wie man es in jedem Schreibwarenladen kaufen konnte. Er untersuchte den Umschlag. Er war mit einer gewöhnlichen Briefmarke frankiert und trug den Stempel des Liverpooler Postamts.

„Es ist alles so ordentlich“, sagte er zu sich selbst. „Vielleicht zu ordentlich. Wenn ein Mann so plötzlich und in so großer Eile aufbricht, wie George es angeblich getan hat, dann schreibt er keine wohlformulierten Abschiedsbriefe.“

Er legte den Brief beiseite und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er fühlte sich müde, tiefer müde, als er es je zuvor in seinem Leben gewesen war. Die Welt um ihn herum schien aus den Fugen geraten, und er selbst, der Mann, der stets den Weg des geringsten Widerstands gesucht hatte, fand sich plötzlich in einem Labyrinth wieder, dessen Ausgang er nicht sehen konnte.

Er schloss die Augen und versuchte, an etwas anderes zu denken, doch die dunklen Augen seines Freundes George Talboys schienen ihn aus der Dunkelheit heraus zu beobachten, fordernd und zugleich vorwurfsvoll.

Er würde schlafen. Vielleicht würde der Morgen Klarheit bringen. Vielleicht würde er morgen aufwachen und feststellen, dass alles nur ein langer, verwirrender Traum gewesen war. Er ging in sein Schlafzimmer, doch bevor er sich niederlegte, hielt er inne und blickte aus dem Fenster auf den dunklen Hof hinunter.

Dort unten, im fahlen Licht der Straßenlaternen, sah er eine Gestalt, die am Eingang des Gebäudes stand. Ein Mann in einem dunklen Mantel, der den Kopf gesenkt hielt. Als Robert Audley die Gardine zur Seite schob, blickte der Mann kurz nach oben.

Es war nur ein flüchtiger Augenblick, doch Robert erkannte das Gesicht nicht. Ehe er sich jedoch besinnen konnte, hatte sich der Fremde in den Schatten der Gasse zurückgezogen und war verschwunden.

Robert Audley starrte noch eine Weile in die Dunkelheit, das Herz klopfte ihm bis zum Halse. „Wer war das?“, fragte er sich. „Und was hat das alles zu bedeuten?“

Er löschte die Kerze und legte sich hin, doch der Schlaf wollte ihn in dieser Nacht nicht finden. Die Stille der Räume war nun von einer neuen, bedrohlichen Qualität, die ihn wach hielt, bis das erste graue Licht des Morgens den Himmel über London färbte.

„Oh, übrigens, Sir“, sagte er, „ich erinnere mich an eines bei diesem Mr. Thomas Brown – er trug den Arm in einer Schlinge.“

Für Robert Audley blieb nichts weiter zu tun, als in die Stadt zurückzukehren. Er betrat am Abend desselben Tages um sechs Uhr wieder seine Räume, vollkommen erschöpft von seiner abermaligen vergeblichen Suche.

Mrs. Maloney brachte ihm sein Abendessen und eine Pinte Wein aus einer Schenke im Strand. Der Abend war rau und kühl, und die Wäscherin hatte ein gutes Feuer im Kamin des Wohnzimmers entfacht.

Nachdem Robert etwa die Hälfte eines Hammelkoteletts gegessen hatte, saß er mit seinem unberührten Wein auf dem Tisch vor sich, rauchte Zigarren und starrte in die Flammen.

„George Talboys ist nie nach Australien gesegelt“, sagte er nach langem und schmerzlichem Nachdenken. „Wenn er am Leben ist, dann ist er noch immer in England; und wenn er tot ist, so ist sein Körper in irgendeinem Winkel Englands verborgen.“

Er saß stundenlang beim Rauchen und Grübeln – Sorgen und düstere Gedanken hinterließen einen dunklen Schatten auf seinem mürrischen Gesicht, den weder das helle Gaslicht noch das rote Lodern des Feuers vertreiben konnten.

Sehr spät am Abend erhob er sich von seinem Stuhl, schob den Tisch beiseite, rollte seinen Schreibtisch zum Kamin, nahm einen Bogen Konzeptpapier hervor und tauchte eine Feder in die Tinte.

Doch nachdem er dies getan hatte, hielt er inne, stützte die Stirn auf die Hand und verfiel wieder in Nachdenken.

„Ich werde eine Aufzeichnung all dessen anfertigen, was sich seit unserer Abreise nach Essex bis heute zugetragen hat, und zwar ganz von Anfang an.“

Er verfasste diese Aufzeichnung in kurzen, losen Sätzen, die er beim Schreiben nummerierte.

Sie lautete wie folgt:

„Journal der Fakten im Zusammenhang mit dem Verschwinden von George Talboys, einschließlich der Fakten, die in keinem offensichtlichen Verhältnis zu diesem Umstand stehen.“

Trotz seines aufgewühlten Geisteszustands war er geneigt, ein wenig stolz auf das offizielle Aussehen dieser Überschrift zu sein. Er saß eine Weile da und betrachtete sie voller Zuneigung, die Federkielspitze im Mund. „Bei meinem Wort“, sagte er, „ich fange an zu glauben, dass ich meinen Beruf hätte weiterverfolgen sollen, anstatt mein Leben so zu vertrödeln, wie ich es getan habe.“

Er rauchte eine halbe Zigarre, bevor er seine Gedanken in die richtige Bahn gelenkt hatte, und begann dann zu schreiben:

„1. Ich schreibe an Alicia und schlage vor, George mit auf das Court zu nehmen.“

„2. Alicia schreibt zurück und erhebt im Namen von Lady Audley Einwände gegen den Besuch.“

„3. Wir fahren trotz dieses Einwands nach Essex. Ich treffe meine Lady. Meine Lady weigert sich, an jenem Abend Bekanntschaft mit George zu machen, unter dem Vorwand der Erschöpfung.“

„4. Sir Michael lädt George und mich für den folgenden Abend zum Essen ein.“

„5. Meine Lady erhält am nächsten Morgen eine telegraphische Depesche, die sie nach London ruft.“

„6. Alicia zeigt mir einen Brief von meiner Lady, in dem sie bittet, ihr mitzuteilen, wann ich und mein Freund, Mr. Talboys, beabsichtigen, Essex zu verlassen. Diesem Brief ist ein Nachsatz angefügt, der obige Bitte bekräftigt.“

„7. Wir besuchen das Court und bitten darum, das Haus zu sehen. Die Gemächer meiner Lady sind verschlossen.“

„8. Wir gelangen mittels eines Geheimgangs, dessen Existenz meiner Lady unbekannt ist, in die besagten Gemächer. In einem der Zimmer finden wir ihr Porträt.“

„9. George ist verschreckt von dem Sturm. Sein Benehmen ist für den Rest des Abends überaus seltsam.“

„10. George ist am nächsten Morgen wieder ganz der Alte. Ich schlage vor, Audley Court umgehend zu verlassen; er zieht es vor, bis zum Abend zu bleiben.“

„11. Wir gehen angeln. George verlässt mich, um zum Court zu gehen.“

„12. Die letzte konkrete Information, die ich in Essex über ihn erhalten kann, stammt vom Court, wo der Diener sagt, er glaube, Mr. Talboys habe ihm gegenüber erwähnt, er wolle im Park nach meiner Lady suchen.“

„13. Ich erhalte am Bahnhof Informationen über ihn, die korrekt sein können oder auch nicht.“

„14. Ich höre in Southampton ein weiteres Mal konkret von ihm, wo er sich laut seinem Schwiegervater am Abend zuvor eine Stunde lang aufgehalten hatte.“

„15. Die telegraphische Nachricht.“

Als Robert Audley diese kurze Aufzeichnung, die er mit großer Bedachtsamkeit und häufigen Pausen zum Nachdenken, Ändern und Radieren angefertigt hatte, abgeschlossen hatte, saß er lange da und betrachtete die beschriebene Seite.

Schließlich las er sie sorgfältig durch, hielt bei einigen der nummerierten Absätze inne und markierte einige davon mit einem Bleistiftkreuz; dann faltete er den Bogen Konzeptpapier, ging zu einem Kabinett auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, schloss es auf und legte das Papier in genau das Fach, in das er Alicias Brief gesteckt hatte – das Fach mit der Aufschrift „Wichtig“.

Nachdem er dies getan hatte, kehrte er in seinen bequemen Sessel am Feuer zurück, schob seinen Schreibtisch beiseite und zündete sich eine Zigarre an. „Es ist von Anfang bis Ende dunkel wie die Mitternacht“, sagte er; „und der Schlüssel zu dem Geheimnis muss entweder in Southampton oder in Essex zu finden sein. Wie dem auch sei, mein Entschluss steht fest. Ich werde zuerst nach Audley Court gehen und in einem engen Umkreis nach George Talboys suchen.“

KAPITEL XIV.

PHOEBES VEREHRER.

„Mr. George Talboys. – Jede Person, die diesen Herrn seit dem 7. d. M. getroffen hat oder die Informationen über ihn besitzt, die nach diesem Datum liegen, erhält eine großzügige Belohnung bei Mitteilung an A.Z., 14 Chancery Lane.“

Sir Michael Audley las die obige Anzeige in der zweiten Spalte der Times, als er zwei oder drei Tage nach Roberts Rückkehr in die Stadt mit meiner Lady und Alicia beim Frühstück saß.

„Roberts Freund ist also immer noch nicht ausfindig gemacht worden“, sagte der Baronet, nachdem er die Anzeige seiner Frau und seiner Tochter vorgelesen hatte.

„Was das betrifft“, erwiderte meine Lady, „kann ich mich nur wundern, dass irgendjemand töricht genug sein kann, nach ihm zu annoncieren. Der junge Mann war offensichtlich von ruhelosem, unstetem Wesen – eine Art Bamfyld Moore Carew des modernen Lebens, den kein Reiz jemals an einem Ort halten konnte.“

Obwohl die Anzeige dreimal hintereinander erschien, maß die Gesellschaft auf dem Court dem Verschwinden von Mr. Talboys nur sehr wenig Bedeutung bei; und nach diesem einen Mal wurde sein Name weder von Sir Michael noch von meiner Lady oder Alicia jemals wieder erwähnt.

Alicia Audley und ihre hübsche Stiefmutter waren nach jenem ruhigen Abend, an dem der junge Rechtsanwalt auf dem Court zu Abend gegessen hatte, keineswegs bessere Freundinnen geworden.

„Sie ist eine eitle, leichtfertige, herzlose kleine Kokette“, sagte Alicia an ihren Neufundländer Caesar gewandt, der der einzige Empfänger der Vertraulichkeiten der jungen Dame war; „sie ist eine geübte und vollendete Kokette, Caesar; und nicht zufrieden damit, ihre gelben Löckchen und ihr albernes Gekicher bei der Hälfte der Männer in Essex einzusetzen, muss sie auch noch meinen dummen Cousin dazu bringen, ihr den Hof zu machen. Ich habe nicht die geringste Geduld mit ihr.“

Als Beweis für diese letzte Behauptung behandelte Miss Alicia Audley ihre Stiefmutter mit einer derart offenkundigen Unverschämtheit, dass Sir Michael sich genötigt sah, seine einzige Tochter zur Rede zu stellen.

„Die arme kleine Frau ist sehr empfindsam, weißt du, Alicia“, sagte der Baronet ernst, „und sie empfindet dein Verhalten aufs Schmerzlichste.“

„Das glaube ich ihr kein Stück, Papa“, antwortete Alicia entschieden. „Du hältst sie für empfindsam, weil sie weiche kleine weiße Hände und große blaue Augen mit langen Wimpern hat und alle möglichen affektierten, fantastischen Allüren, die ihr dummen Männer faszinierend nennt. Empfindsam! Warum, ich habe gesehen, wie sie mit diesen schlanken weißen Fingern grausame Dinge getan hat und über den Schmerz lachte, den sie zufügte. Es tut mir sehr leid, Papa“, fügte sie hinzu, ein wenig besänftigt durch den besorgten Blick ihres Vaters; „obwohl sie sich zwischen uns gedrängt und der armen Alicia die Liebe jenes lieben, großzügigen Herzens geraubt hat, wünschte ich, ich könnte sie deinetwegen mögen; aber ich kann es nicht, ich kann es einfach nicht, und Caesar kann es auch nicht. Sie kam einmal mit geöffneten roten Lippen und hervorblitzenden kleinen weißen Zähnen auf ihn zu und streichelte seinen großen Kopf mit ihrer weichen Hand; aber hätte ich ihn nicht am Halsband festgehalten, er wäre ihr an die Gurgel gegangen und hätte sie erwürgt. Sie mag jeden Mann in Essex bezaubern, aber mit meinem Hund wird sie niemals Freundschaft schließen.“

„Dein Hund wird erschossen“, antwortete Sir Michael wütend, „falls sein bösartiges Temperament Lucy jemals in Gefahr bringt.“

Der Neufundländer rollte seine Augen langsam in die Richtung des Sprechers, als ob er jedes Wort verstanden hätte, das gesagt worden war. Lady Audley betrat in genau diesem Augenblick das Zimmer, und das Tier kauerte sich mit einem unterdrückten Knurren an die Seite seiner Herrin. Es lag etwas in dem Verhalten des Hundes, das, wenn überhaupt, eher von Terror als von Wut zeugte; so unglaublich es auch erscheint, dass Caesar sich vor einer so zerbrechlichen Kreatur wie Lucy Audley fürchten sollte.

So freundlich das Wesen meiner Lady auch war, sie konnte nicht lange auf dem Court leben, ohne Alicias Abneigung gegen sich zu entdecken. Sie erwähnte es nur ein einziges Mal; dann zuckte sie mit ihren anmutigen weißen Schultern und sagte mit einem Seufzer:

„Es erscheint mir sehr hart, dass du mich nicht lieben kannst, Alicia, denn ich war nie daran gewöhnt, mir Feinde zu machen; aber da es nun einmal so zu sein scheint, kann ich es nicht ändern. Wenn wir keine Freunde sein können, lass uns neutral sein. Du wirst doch nicht versuchen, mir zu schaden?“

„Dir schaden!“, rief Alicia; „wie sollte ich dir schaden?“

„Du wirst doch nicht versuchen, mich der Zuneigung deines Vaters zu berauben?“

„Ich bin vielleicht nicht so liebenswürdig wie du, meine Lady, und ich habe vielleicht nicht für jeden Fremden, den ich treffe, das gleiche süße Lächeln und die gleichen hübschen Worte übrig, aber ich bin nicht zu solch verächtlicher Niedertracht fähig; und selbst wenn ich es wäre, so glaube ich, dass du dir der Liebe meines Vaters so sicher bist, dass dich nichts außer deinem eigenen Handeln jemals darum bringen wird.“

„Was bist du doch für ein strenges Geschöpf, Alicia!“, sagte meine Lady und verzog ein wenig das Gesicht. „Ich nehme an, du willst mit alledem andeuten, dass ich hinterlistig bin. Nun, ich kann nicht anders, als die Leute anzulächeln und nett zu ihnen zu sprechen. Ich weiß, ich bin nicht besser als der Rest der Welt; aber ich kann nichts dafür, wenn ich angenehmer bin. Das ist meine Veranlagung.“

Nachdem Alicia somit der Vertrautheit zwischen Lady Audley und sich selbst die Tür vollständig verschlossen hatte und Sir Michael hauptsächlich mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten und sportlichen Vergnügungen beschäftigt war, die ihn von zu Hause fernhielten, war es vielleicht natürlich, dass meine Lady, die von überaus geselligem Wesen war, sich gezwungen sah, für ihre Gesellschaft in hohem Maße auf ihre weißwimperige Zofe angewiesen zu sein.

Phoebe Marks war genau die Art von Mädchen, die gewöhnlich vom Posten der Zofe zur Gesellschafterin befördert wird. Sie besaß gerade genug Bildung, um ihre Herrin zu verstehen, wenn Lucy sich dazu hinreißen ließ, in einer Art intellektueller Tarantella zu toben, bei der ihre Zunge zum Klang ihres eigenen Geklappers verrückt spielte, wie der spanische Tänzer zum Geräusch seiner Kastagnetten. Phoebe verstand genug Französisch, um in die Romane mit gelbem Umschlag hineinzuschnuppern, die meine Lady aus der Burlington Arcade bestellte, und um sich mit ihrer Herrin über die fragwürdigen Themen dieser Romane auszutauschen. Die Ähnlichkeit, welche die Zofe mit Lucy Audley hatte, war vielleicht ein Punkt der Verbundenheit zwischen den beiden Frauen. Man konnte es nicht als eine auffallende Ähnlichkeit bezeichnen; ein Fremder hätte sie beide zusammen sehen und sie dennoch nicht bemerken können. Aber es gab gewisse düstere und schattenhafte Lichter, in denen man, wenn man Phoebe Marks dabei traf, wie sie sanft durch die dunklen Eichengänge des Courts oder unter den verhüllten Alleen im Garten glitt, sie leicht für meine Lady hätte halten können.

Scharfe Oktoberwinde fegten die Blätter von den Linden in der langen Allee und trieben sie in verwelkten Haufen mit einem geisterhaften Rascheln entlang der trockenen Kieswege. Der alte Brunnen musste halb verstopft sein von den Blättern, die um ihn herumwehten und in wirbelnden Kreisen in seine schwarze, zerbrochene Öffnung hineingezogen wurden. Auf dem stillen Busen des Fischteichs verrotteten dieselben verwelkten Blätter langsam und vermischten sich mit den verfilzten Algen, welche die Oberfläche des Wassers verfärbten. Alle Gärtner, die Sir Michael beschäftigen konnte, vermochten den Abdruck der zerstörerischen Hand des Herbstes auf dem Gelände des Courts nicht fernzuhalten.

„Wie ich diesen trostlosen Monat hasse!“, sagte meine Lady, während sie durch den Garten ging und unter ihrem Zobelmantel fröstelte. „Alles verfällt und geht zugrunde, und das kalte Flackern der Sonne beleuchtet die Hässlichkeit der Erde, wie der grelle Schein der Gaslaternen die Falten einer alten Frau beleuchtet. Werde ich jemals alt werden, Phoebe? Wird mein Haar jemals ausfallen, so wie die Blätter von jenen Bäumen fallen, und mich bleich und kahl zurücklassen wie sie? Was soll aus mir werden, wenn ich alt werde?“

Bei diesem Gedanken fröstelte sie mehr, als sie es im kalten Winterwind getan hatte, und hüllte sich so fest in ihren Pelz, dass ihre Zofe Mühe hatte, Schritt zu halten.

„Erinnerst du dich, Phoebe“, sagte sie nach einer Weile, wobei sie ihr Tempo verlangsamte, „erinnerst du dich an jene französische Geschichte, die wir gelesen haben – die Geschichte einer schönen Frau, die ein Verbrechen begangen hatte – ich weiß nicht mehr welches – auf dem Höhepunkt ihrer Macht und Schönheit, als ganz Paris jede Nacht auf ihr Wohl trank und als die Leute vom Wagen des Königs wegliefen, um sich um ihren zu drängen und einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen? Erinnerst du dich, wie sie das Geheimnis dessen, was sie getan hatte, fast ein halbes Jahrhundert lang bewahrte und ihr Alter im Familienschloss verbrachte, geliebt und geehrt von der ganzen Provinz als eine nicht kanonisierte Heilige und Wohltäterin der Armen; und wie, als ihr Haar weiß war und ihre Augen vor Alter fast blind, das Geheimnis durch einen jener seltsamen Zufälle enthüllt wurde, durch die solche Geheimnisse in Romanen immer enthüllt werden, und sie vor Gericht gestellt, für schuldig befunden und dazu verurteilt wurde, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden? Der König, der ihre Farben getragen hatte, war längst tot; der Hof, dessen Stern sie gewesen war, war vergangen; mächtige Beamte und große Richter, die ihr vielleicht hätten helfen können, verrotteten in ihren Gräbern; tapfere junge Kavalier, die für sie gestorben wären, waren auf fernen Schlachtfeldern gefallen; sie hatte das Alter, dem sie angehört hatte, wie einen Traum schwinden sehen; und sie ging zum Scheiterhaufen, gefolgt nur von ein paar unwissenden Landleuten, die all ihre Wohltaten vergaßen und sie als böse Zauberin verspotteten.“

„Ich mag solche düsteren Geschichten nicht, meine Lady“, sagte Phoebe Marks mit einem Schaudern. „Man braucht keine Bücher zu lesen, um in diesem öden Ort Entsetzen zu bekommen.“

Lady Audley zuckte mit den Schultern und lachte über die Offenheit ihrer Zofe.

„Es ist ein öder Ort, Phoebe“, sagte sie, „obwohl man das meinem lieben alten Ehemann gegenüber nicht sagen darf. Obwohl ich die Frau eines der einflussreichsten Männer der Grafschaft bin, weiß ich nicht, ob es mir bei Mr. Dawson nicht fast ebenso gut ging; und doch ist es etwas, Zobel zu tragen, die sechzig Guineen kosten, und tausend Pfund für die Dekoration der eigenen Gemächer ausgegeben zu bekommen.“

Da sie von ihrer Herrin wie eine Gesellschafterin behandelt wurde, die großzügigsten Bezüge erhielt und Vergünstigungen genoss, wie sie vielleicht noch nie eine Zofe zuvor gehabt hatte, war es seltsam, dass Phoebe Marks ihre Stellung aufgeben wollte; doch es war nicht weniger eine Tatsache, dass sie bestrebt war, all die Vorteile von Audley Court gegen die sehr wenig vielversprechenden Aussichten einzutauschen, die sie als Ehefrau ihres Cousins Luke erwarteten.

Der junge Mann hatte es auf irgendeine Weise fertiggebracht, sich an das verbesserte Schicksal seiner Liebsten zu hängen. Er hatte Phoebe niemals Ruhe gelassen, bis sie ihm durch das Eingreifen meiner Lady eine Stelle als Unterstallknecht auf dem Court verschafft hatte.

Er ritt niemals mit Alicia oder Sir Michael aus; doch bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen meine Lady auf dem hübschen kleinen grauen Vollblut saß, das für ihren Gebrauch reserviert war, gelang es ihm, sie auf ihrem Ritt zu begleiten. Er sah schon in der ersten halben Stunde, die sie unterwegs waren, genug, um zu entdecken, dass Lucy Audley, so anmutig sie in ihrem langen blauen Tuchgewand auch aussehen mochte, eine ängstliche Reiterin war und absolut unfähig, das Tier zu beherrschen, das sie ritt.

Lady Audley stellte ihre Zofe zur Rede wegen ihrer Torheit, den ungehobelten Stallknecht heiraten zu wollen.

Die beiden Frauen saßen zusammen am Feuer in Lucys Ankleidezimmer, während der graue Himmel den Oktobernachmittag beschloss und das schwarze Rankenwerk des Efeus die Sprossenfenster verdunkelte.

„Du bist doch sicher nicht in diese unbeholfene, hässliche Kreatur verliebt, oder, Phoebe?“, fragte meine Lady scharf.

Das Mädchen saß auf einem niedrigen Schemel zu Füßen ihrer Herrin. Sie beantwortete die Frage meiner Lady nicht sofort, sondern saß eine Weile da und starrte geistesabwesend in den roten Abgrund des hohlen Feuers.

Schließlich sagte sie, eher so, als hätte sie laut gedacht, anstatt Lucys Frage zu beantworten:

„Ich glaube nicht, dass ich ihn lieben kann. Wir sind von Kindheit an zusammen, und ich habe versprochen, als ich kaum älter als fünfzehn war, dass ich seine Frau werde. Ich wage es nicht, dieses Versprechen jetzt zu brechen. Es gab Zeiten, da hatte ich mir den Satz zurechtgelegt, den ich ihm sagen wollte, um ihm zu erklären, dass ich mein Wort nicht halten konnte; aber die Worte starben auf meinen Lippen, und ich saß da und sah ihn an, mit einem erstickenden Gefühl in der Kehle, das mich nicht sprechen ließ. Ich wage es nicht, mich zu weigern, ihn zu heiraten. Ich habe ihn oft beobachtet, wie er mit seinem großen Klappmesser an einem Heckenpfahl herumschnitzte, bis ich dachte, dass es genau solche Männer wie er sind, die ihre Liebsten an einsame Orte gelockt und sie ermordet haben, weil sie ihr Wort nicht gehalten haben. Als Junge war er immer gewalttätig und rachsüchtig. Ich sah ihn einmal, wie er in einem Streit mit seiner Mutter nach ebendiesem Messer griff. Ich sage Ihnen, meine Lady, ich muss ihn heiraten.“

„Du albernes Mädchen, du wirst nichts dergleichen tun!“, antwortete Lucy. „Du glaubst, er wird dich ermorden, nicht wahr? Glaubst du denn, wenn der Mord in ihm steckt, wärst du als seine Frau sicherer? Wenn du dich ihm widersetzt oder ihn eifersüchtig machst; wenn er eine andere Frau heiraten will oder an irgendein armseliges bisschen Geld von dir herankommen möchte, könnte er dich dann nicht auch ermorden? Ich sage dir, du wirst ihn nicht heiraten, Phoebe. Erstens hasse ich diesen Mann; und zweitens kann ich es mir nicht leisten, dich zu verlieren. Wir geben ihm ein paar Pfund und schicken ihn seiner Wege.“

Phoebe Marks ergriff die Hand meiner Lady und drückte sie krampfhaft.

„Meine Lady – meine gute, freundliche Herrin!“, rief sie heftig, „versuchen Sie nicht, mir hierbei in die Quere zu kommen – bitten Sie mich nicht, ihn zu verärgern. Ich sage Ihnen, ich muss ihn heiraten. Sie wissen nicht, was er für einer ist. Es wird mein Ruin sein und der Ruin anderer, wenn ich mein Wort breche. Ich muss ihn heiraten!“

„Nun gut, Phoebe“, antwortete ihre Herrin, „ich kann dich nicht aufhalten. Da muss wohl irgendein Geheimnis hinter all dem stecken.“ „Das tut es, meine Lady“, sagte das Mädchen, ohne Lucy anzusehen.

„Es wird mir sehr leid tun, dich zu verlieren; aber ich habe versprochen, dir in allen Dingen beizustehen. Was gedenkt dein Cousin zu tun, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn ihr verheiratet seid?“

„Er würde gerne eine Gastwirtschaft übernehmen.“

„Dann soll er eine Gastwirtschaft übernehmen, und je eher er sich zu Tode trinkt, desto besser. Sir Michael speist heute Abend bei einer Junggesellenrunde bei Major Margrave, und meine Stieftochter ist bei ihren Freunden in der Grange. Du kannst deinen Cousin nach dem Abendessen in den Salon bringen, und ich werde ihm sagen, was ich für ihn zu tun gedenke.“

„Sie sind sehr gütig, meine Lady“, antwortete Phoebe mit einem Seufzer.

Lady Audley saß im Schein des Feuers und der Wachskerzen im luxuriösen Salon; die bernsteinfarbenen Damastkissen des Sofas bildeten einen Kontrast zu ihrem dunkelvioletten Samtkleid, und ihr wallendes Haar fiel in einem goldenen Schleier auf ihren Nacken. Überall um sie herum waren die Beweise von Reichtum und Glanz; während der unbeholfene Stallknecht, in seltsamem Kontrast zu all dem und zu ihrer eigenen Schönheit, an seinem sturen Kopf rieb, als meine Lady ihm erklärte, was sie für ihre vertraute Zofe zu tun beabsichtigte. Lucys Versprechungen waren sehr großzügig, und sie hatte erwartet, dass der Mann, so ungehobelt er auch war, auf seine eigene raue Art seine Dankbarkeit ausdrücken würde.

Zu ihrer Überraschung stand er nur da und starrte auf den Boden, ohne ein Wort als Antwort auf ihr Angebot zu äußern. Phoebe stand dicht an seinem Ellenbogen und schien über die Unhöflichkeit des Mannes betrübt.

„Sagen Sie meiner Lady, wie dankbar Sie sind, Luke“, sagte sie.

„Aber ich bin gar nicht so über die Maßen dankbar“, antwortete ihr Liebhaber barsch. „Fünfzig Pfund sind nicht viel, um eine Schankwirtschaft anzufangen. Sie machen hundert daraus, meine Lady?“

„Ich werde gar nichts dergleichen tun“, sagte Lady Audley, während ihre klaren blauen Augen vor Entrüstung blitzten, „und ich wundere mich über Ihre Unverschämtheit, danach zu fragen.“

„Oh, doch, das werden Sie“, antwortete Luke mit einer stillen Unverschämtheit, die eine verborgene Bedeutung hatte. „Sie werden hundert daraus machen, meine Lady.“

Lady Audley erhob sich von ihrem Sitz und blickte dem Mann standhaft ins Gesicht, bis sein entschlossener Blick unter dem ihren sank; dann ging sie geradewegs auf ihre Zofe zu und sagte mit einer hohen, durchdringenden Stimme, die ihr in Momenten intensiver Aufregung eigen war:

„Phoebe Marks, Sie haben es diesem Mann gesagt!“

Das Mädchen fiel vor den Füßen meiner Lady auf die Knie.

„Oh, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir!“, rief sie. „Er hat es aus mir herausgepresst, sonst hätte ich es niemals, niemals erzählt!“

KAPITEL XV.

AUF DER WACHE.

An einem trüben Morgen Ende November, als der gelbe Nebel tief über den flachen Wiesen lag und das geblendete Vieh sich seinen Weg durch die dämmrige Undurchsichtigkeit bahnte und töricht gegen schwarze und blattlose Hecken stieß oder in Gräben stolperte, die in der diesigen Atmosphäre nicht zu unterscheiden waren; als das Kirchendorf braun und schäbig durch das ungewisse Licht ragte; als jeder gewundene Pfad und jede Hüttentür, jeder Giebel und jeder graue, alte Schornstein, jedes Dorfkind und jeder umherstreunende Köter in der Halbdunkelheit seltsam und gespenstisch wirkten, machten sich Phoebe Marks und ihr Cousin Luke auf den Weg durch den Kirchhof von Audley und stellten sich vor einem zitternden Hilfspfarrer ein, dessen Chorrock in feuchten Falten hing, durchnässt vom Morgennebel, und dessen Laune sich nicht dadurch gebessert hatte, dass er fünf Minuten auf Braut und Bräutigam gewartet hatte.

Luke Marks, in seinen schlecht sitzenden Sonntagsstaat gekleidet, sah keineswegs hübscher aus als in seiner Alltagskleidung; doch Phoebe, in einer raschelnden Seide von zartem Grau, die etwa ein halbes Dutzend Mal von ihrer Herrin getragen worden war, sah, wie die wenigen Zuschauer der Zeremonie bemerkten, „ganz wie eine Dame“ aus.

Eine sehr verschwommene und schattenhafte Dame, vage in ihren Umrissen und blass in der Färbung, bei der Augen, Haar, Teint und Kleid in solch blasse und ungewisse Nuancen verschmolzen, dass ein abergläubischer Fremder im trüben Licht des nebligen Novembermorgens die Braut für den Geist einer anderen Braut hätte halten können, die in der Gruft unter der Kirche begraben lag.

Mr. Luke Marks, der Held des Anlasses, dachte wenig an all das. Er hatte die Frau seiner Wahl und das Ziel seines lebenslangen Ehrgeizes gesichert – eine Schankwirtschaft. Meine Lady hatte die fünfundsiebzig Pfund bereitgestellt, die für den Kauf des Geschäftswerts und des Inventars sowie des Vorrats an Bier und Spirituosen eines kleinen Gasthauses im Zentrum eines einsamen kleinen Dorfes nötig waren, das auf dem Gipfel eines Hügels thronte und Mount Stanning genannt wurde. Es war kein sehr hübsches Haus anzusehen; es hatte ein etwas heruntergekommenes, wettergegerbtes Aussehen, da es auf hohem Grund stand und nur von vier oder fünf kahlen und überwachsenen Pappeln geschützt wurde, die zu schnell für ihre Kraft in die Höhe geschossen waren und infolgedessen ein verdorbenes, verlassenes Aussehen hatten. Der Wind hatte mit dem Castle Inn sein eigenes Spiel getrieben und zuweilen grausamen Gebrauch von seiner Macht gemacht. Es war der Wind, der die niedrigen, strohgedeckten Dächer der Nebengebäude und Ställe verbeulte und verbog, bis sie überhingen und nach vorne kippten wie ein Schlapphut, der über der niedrigen Stirn eines Dorfschlägers hängt; es war der Wind, der an den hölzernen Fensterläden vor den schmalen Fenstern rüttelte und klapperte, bis sie zerbrochen und verfallen an ihren rostigen Angeln hingen; es war der Wind, der den Taubenschlag umwarf und die Wetterfahne zerbrach, die unvorsichtigerweise aufgestellt worden war, um die Bewegungen seiner Mächtigkeit anzuzeigen; es war der Wind, der sich über jedes bisschen hölzernes Spalierwerk, jede Kletterpflanze, jeden winzigen Balkon oder irgendeine bescheidene Dekoration lustig machte und sie in seinem höhnischen Zorn zerfetzte und zerstreute; es war der Wind, der moosige Ablagerungen auf der verfärbten Oberfläche der verputzten Wände hinterließ; kurzum, es war der Wind, der den schwankenden Gebäudekomplex zertrümmerte, ruinierte, zerriss und zertrampelte und dann kreischend davonflog, um in seiner zerstörerischen Kraft zu toben und zu triumphieren. Der mutlose Besitzer wurde des langen Kampfes mit diesem mächtigen Feind überdrüssig; also ließ man dem Wind seinen Willen, und das Castle Inn verfiel langsam. Doch trotz alledem, was es von außen erlitt, war es im Inneren nicht weniger wohlhabend. Stämmige Viehtreiber hielten an, um an der kleinen Bar zu trinken; wohlhabende Bauern verbrachten ihre Abende und sprachen Politik in der niedrigen, getäfelten Gaststube, während ihre Pferde eine verdächtige Mischung aus schimmeligem Heu und erträglichen Bohnen in den heruntergekommenen Ställen kauten. Manchmal hielten sogar die Mitglieder der Audley-Jagdgesellschaft an, um im Castle Inn zu trinken und ihre Pferde zu versorgen; während bei einer großen und unvergesslichen Gelegenheit ein Abendessen vom Master of the Hounds für etwa dreißig Herren bestellt worden war und der Besitzer durch die Wichtigkeit der Forderung fast in den Wahnsinn getrieben wurde.

Luke Marks also, der keineswegs mit einem Auge für das Schöne gesegnet war, hielt sich für sehr glücklich, der Wirt des Castle Inn in Mount Stanning zu werden.

Ein Einspänner wartete im Nebel, um Braut und Bräutigam in ihr neues Zuhause zu bringen; und ein paar Dorfbewohner, die Phoebe von Kindesbeinen an kannten, verweilten am Kirchhoftor, um sich von ihr zu verabschieden. Ihre blassen Augen waren noch blasser von den Tränen, die sie vergossen hatte, und den roten Rändern, die sie umgaben. Der Bräutigam war über diese Gefühlsregung verärgert.

„Was heulst du denn, Mädel?“, sagte er grimmig. „Wenn du mich nicht heiraten wolltest, hättest du es mir sagen sollen. Ich werde dich doch nicht umbringen, oder?“

Das Kammermädchen schauderte, als er sie ansprach, und zog ihren kleinen Seidenmantel fest um sich.

„Dir ist kalt in all diesem Prunk“, sagte Luke und starrte ihr teures Kleid ohne Anzeichen von Wohlwollen an. „Warum können sich Frauen nicht ihrem Stand entsprechend kleiden? Seidene Kleider wirst du aus meiner Tasche nicht kriegen, das kann ich dir sagen.“

Er hob das zitternde Mädchen in den Wagen, wickelte einen rauen Mantel um sie und fuhr durch den gelben Nebel davon, gefolgt von einem schwachen Jubel von zwei oder drei Jungen, die sich am Tor versammelt hatten.

Ein neues Dienstmädchen wurde aus London geholt, um Phoebe Marks in der Umgebung meiner Lady zu ersetzen – ein sehr auffälliges Fräulein, das ein schwarzes Satinkleid und rosenfarbene Bänder an ihrer Haube trug und sich bitterlich über die Langeweile in Audley Court beklagte.

Doch das Weihnachtsfest brachte Besucher in das weitläufige alte Herrenhaus. Ein Landjunker und seine dicke Frau belegten das Wandteppichzimmer; fröhliche Mädchen rannten die langen Flure auf und ab, und junge Männer starrten aus den vergitterten Fenstern und hielten Ausschau nach Südwinden und bewölktem Himmel; in den geräumigen alten Ställen gab es keine leere Box; im Hof war eine provisorische Schmiede für das Beschlagen der Jagdpferde eingerichtet worden; kläffende Hunde machten den Ort mit ihrem ständigen Lärm unruhig; fremde Diener drängten sich im Dachgeschoss; und jedes kleine Fenster, das sich unter einem spitzen Giebel verbarg, und jedes Dachfenster im malerischen alten Dach glimmte in der Winternacht mit seinem eigenen Licht, sodass ein verirrter Fremder, der plötzlich auf Audley Court stieß und durch Licht, Lärm und Geschäftigkeit des Ortes in die Irre geführt wurde, leicht in den Fehler des jungen Marlowe hätte verfallen und das gastfreundliche Herrenhaus für ein gutes, altmodisches Gasthaus hätte halten können, wie sie seit der Zeit, als die letzte Postkutsche und stolzierende Pferde ihre letzte melancholische Reise zum Abdecker antraten, von dieser Erde verschwunden sind.

Unter anderen Besuchern kam Mr. Robert Audley zur Jagdsaison nach Essex, mit einem halben Dutzend französischer Romane, einem Zigarrenetui und drei Pfund türkischem Tabak in seinem Reisekoffer.

Die ehrlichen jungen Landjunker, die die ganze Frühstückszeit von Flying Dutchman-Stuten und Voltigeur-Fohlen sprachen; von glorreichen, siebenstündigen Ritten durch drei Grafschaften und einem nächtlichen Ritt von dreißig Meilen nach Hause auf ihren Jagdpferden; und die mit vollem Mund von kaltem Rinderbraten vom gut gedeckten Tisch wegliefen, um sich den Fesselkopf, den verstauchten Vorderarm oder das Fohlen anzusehen, das gerade vom Tierarzt zurückgekommen war, stuften Robert Audley, der über einer Scheibe Brot mit Marmelade trödelte, als eine Person ein, die der Erwähnung überhaupt nicht würdig war.

Der junge Rechtsanwalt hatte ein paar Hunde mitgebracht; und der Landjunker, der fünfzig Pfund für einen Vorstehhund ausgab und ein paar hundert Meilen reiste, um sich ein Gespann Setter anzusehen, bevor er ein Geschäft abschloss, lachte laut über die zwei elenden Köter, von denen einer Robert Audley durch den Chancery Lane und die halbe Länge von Holborn gefolgt war; während sein Gefährte vom Rechtsanwalt vi et armis einem Hausierer abgenommen worden war, der ihn misshandelt hatte. Und da Robert zudem darauf bestand, diese zwei beklagenswerten Tiere unter seinem Lehnstuhl im Wohnzimmer zu haben, sehr zum Ärger meiner Lady, die, wie wir wissen, alle Hunde hasste, betrachteten die Besucher in Audley Court den Neffen des Baronets als eine harmlose Art von Verrückten.

Während anderer Besuche auf dem Anwesen hatte Robert Audley nur schwach versucht, sich an den Sportarten der fröhlichen Gesellschaft zu beteiligen. Er war auf einem ruhigen grauen Pony von Sir Michael über ein halbes Dutzend gepflügter Felder gejuckelt und hatte, atemlos und schnaufend vor der Tür eines Bauernhauses ankommend, seine Absicht bekundet, die Meute an diesem Morgen nicht weiter zu verfolgen. Er war sogar so weit gegangen, sich mit großer Mühe ein Paar Schlittschuhe anzuziehen, um eine Runde auf der gefrorenen Oberfläche des Fischteichs zu drehen, und war beim ersten Versuch kläglich gestürzt, woraufhin er friedlich auf dem Rücken liegen blieb, bis die Umstehenden es für angebracht hielten, ihn aufzuheben. Er hatte bei einer angenehmen morgendlichen Ausfahrt den Rücksitz eines Dog-carts eingenommen, wobei er vehement dagegen protestierte, bergauf gefahren zu werden, und verlangte, dass das Fahrzeug alle zehn Minuten anhielt, um die Kissen zurechtzurücken. Doch in diesem Jahr zeigte er keinerlei Neigung zu diesen Vergnügungen im Freien, und er verbrachte seine Zeit damit, im Wohnzimmer herumzulungern und sich auf seine eigene faule Art bei meiner Lady und Alicia beliebt zu machen.

Lady Audley nahm die Aufmerksamkeiten ihres Neffen in jener anmutigen, halb kindlichen Art entgegen, die ihre Bewunderer so reizvoll fanden; doch Alicia war empört über die Verhaltensänderung ihres Cousins.

„Du warst immer ein armer, lustloser Kerl, Bob“, sagte die junge Dame verächtlich, als sie nach einem Jagdfrühstück, dem Robert ferngeblieben war, da er eine Tasse Tee in Lady Audleys Boudoir vorgezogen hatte, in ihrem Reitkleid ins Wohnzimmer polterte; „aber dieses Jahr weiß ich nicht, was mit dir los ist. Du tust zu nichts anderem gut, als einen Strang Seide zu halten oder Lady Audley Tennyson vorzulesen.“

„Meine liebe, hastige, ungestüme Alicia, sei nicht so heftig“, sagte der junge Mann flehend. „Eine Schlussfolgerung ist kein fünfschieniges Tor; und du musst deinem Urteil nicht die Zügel schießen lassen, so wie du es deiner Stute Atalanta erlaubst, wenn du querfeldein hinter einem unglücklichen Fuchs herjagst. Lady Audley interessiert mich, und die Freunde meines Onkels in der Grafschaft tun das nicht. Ist das eine ausreichende Antwort, Alicia?“

Miss Audley warf ihren Kopf geringschätzig in den Nacken.

„Das ist die beste Antwort, die ich jemals von dir bekommen werde, Bob“, sagte sie ungeduldig; „aber amüsiere dich nur auf deine Art; lümmle den ganzen Tag in einem Lehnstuhl, mit diesen zwei absurden Hunden auf deinen Knien; ruiniere die Fenstervorhänge meiner Lady mit deinen Zigarren und nerve jeden im Haus mit deinem stumpfen, leblosen Gesichtsausdruck.“

Mr. Robert Audley riss bei dieser Tirade seine hübschen grauen Augen so weit wie möglich auf und blickte hilflos zu Miss Alicia.

Die junge Dame ging im Zimmer auf und ab und peitschte mit ihrer Reitgerte gegen den Rock ihres Habits. Ihre Augen funkelten vor Zorn, und ein purpurner Schein brannte unter ihrer klaren braunen Haut. Der junge Rechtsanwalt wusste anhand dieser Symptome sehr wohl, dass seine Cousine in Rage war.

„Ja“, wiederholte sie, „dein stumpfer, lebloser Gesichtsausdruck. Weißt du, Robert Audley, dass du bei all deiner gespielten Liebenswürdigkeit voller Einbildung und Dünkel bist. Du schaust auf unsere Vergnügungen herab; du ziehst die Augenbrauen hoch, zuckst mit den Schultern, lehnst dich in deinem Stuhl zurück und wäschst deine Hände in Unschuld, was uns und unser Vergnügen angeht. Du bist ein egoistischer, herzloser Sybarit –“

„Alicia! Du meine Güte!“

Die Morgenzeitung fiel ihm aus den Händen, und er saß da und starrte schwach auf seine Angreiferin.

„Ja, egoistisch, Robert Audley! Du nimmst halbverhungerte Hunde bei dir auf, weil du halbverhungerte Hunde magst. Du bückst dich und tätschelst den Kopf von jedem nichtsnutzigen Köter in der Dorfstraße, weil du nichtsnutzige Köter magst. Du beachtest kleine Kinder und gibst ihnen ein paar Pfennige, weil es dich amüsiert, das zu tun. Aber du ziehst die Augenbrauen ein Viertelmeter hoch, wenn der arme Sir Harry Towers eine dumme Geschichte erzählt, und starrst den armen Kerl mit deiner faulen Unverschämtheit in Grund und Boden. Was deine Liebenswürdigkeit angeht, du würdest dich eher von einem Mann schlagen lassen und ‚Danke‘ für den Schlag sagen, als dir die Mühe zu machen, ihn zurückzuschlagen; aber für deinen engsten Freund würdest du keinen halben Kilometer Umweg machen. Sir Harry ist zwanzig von dir wert, auch wenn er geschrieben hat, um zu fragen, ob meine Stute Atalanta sich von der Verstauchung erholt hat. Er kann nicht buchstabieren oder die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochziehen; aber er würde für das Mädchen, das er liebt, durch Feuer und Wasser gehen; während du –“

Genau an diesem Punkt, als Robert am meisten darauf vorbereitet war, der Heftigkeit seiner Cousine zu begegnen, und als Miss Alicia dazu ansetzte, ihren stärksten Angriff vorzubringen, brach die junge Dame völlig zusammen und brach in Tränen aus.

Robert sprang aus seinem Lehnstuhl und stieß seine Hunde auf dem Teppich um.

„Alicia, mein Liebling, was ist denn?“

„Es—es—es ist die Feder meines Hutes, die mir in die Augen gekommen ist“, schluchzte seine Cousine; und bevor er die Wahrheit dieser Behauptung prüfen konnte, war Alicia aus dem Zimmer gestürmt.

Robert Audley bereitete sich darauf vor, ihr zu folgen, als er ihre Stimme im Innenhof unten inmitten des Pferdetrampelns und des Lärms von Besuchern, Hunden und Stallburschen hörte. Sir Harry Towers, der aristokratischste junge Sportler in der Nachbarschaft, hatte gerade ihren kleinen Fuß in seine Hand genommen, als sie sich in den Sattel schwang.

„Guter Himmel!“, rief Robert, während er die fröhliche Gruppe von Reitern beobachtete, bis sie unter dem Torbogen verschwanden. „Was soll das alles bedeuten? Wie charmant sie auf ihrem Pferd sitzt! Was für eine hübsche Figur auch, und ein schönes, aufrichtiges, braunes, rosiges Gesicht: aber einen Kerl so anzufallen, ohne den geringsten Grund! Das ist die Folge davon, ein Mädchen zur Jagd mitzunehmen. Sie lernt, alles im Leben so zu betrachten, wie sie ein sechs Fuß hohes Hindernis oder einen Graben betrachtet; sie geht durch die Welt, wie sie querfeldein reitet – geradeaus und über alles hinweg. So ein nettes Mädchen hätte sie auch sein können, wenn sie in Figtree Court erzogen worden wäre! Wenn ich jemals heirate und Töchter habe (was der Himmel für den Fall ausschließen möge!), sollen sie in Paper Buildings erzogen werden, ihre einzige Bewegung im Temple Gardens machen, und sie sollen niemals die Tore verlassen, bis sie heiratsfähig sind, woraufhin ich sie geradewegs über die Fleet Street zur St. Dunstan's Kirche führen und sie in die Hände ihrer Ehemänner übergeben werde.“

Mit solchen Überlegungen vertrieb sich Mr. Robert Audley die Zeit, bis meine Lady wieder das Wohnzimmer betrat, frisch und strahlend in ihrer eleganten Morgenrobe, ihre gelben Locken glänzend von den duftenden Wässern, in denen sie gebadet hatte, und ihr samteinbandenes Skizzenbuch in ihren Armen. Sie stellte eine kleine Staffelei auf einen Tisch am Fenster, setzte sich davor und begann, die Farben auf ihrer Palette zu mischen, während Robert sie aus seinen halb geschlossenen Augen beobachtete.

„Sie sind sicher, dass Sie meine Zigarre nicht stört, Lady Audley?“

„Oh, nein, in der Tat; ich bin an den Geruch von Tabak gewöhnt. Mr. Dawson, der Chirurg, rauchte den ganzen Abend, als ich in seinem Haus wohnte.“

„Dawson ist ein guter Kerl, nicht wahr?“, fragte Robert beiläufig.

Meine Lady brach in ihr hübsches, sprudelndes Lachen aus.

„Der liebste aller guten Menschen“, sagte sie. „Er zahlte mir fünfundzwanzig Pfund im Jahr – stellen Sie sich das nur vor, fünfundzwanzig Pfund! Das machte sechs Pfund fünf pro Vierteljahr. Wie gut ich mich daran erinnere, das Geld erhalten zu haben – sechs schäbige alte Sovereigns und ein kleiner Haufen unordentliches, schmutziges Silber, das direkt aus der Kasse in der Chirurgie kam! Und wie froh ich damals war, es zu bekommen! Während ich jetzt – ich kann nicht anders als lachen, wenn ich daran denke – diese Farben, die ich benutze, kosten eine Guinee pro Stück bei Winsor & Newton – das Karmin und Ultramarin dreißig Schilling. Ich habe Mrs. Dawson neulich eines meiner Seidenkleider geschenkt, und die arme Frau hat mich geküsst, und der Chirurg trug das Bündel unter seinem Mantel nach Hause.“

Meine Lady lachte lange und freudig bei dem Gedanken. Ihre Farben waren gemischt; sie kopierte eine Aquarellskizze einer unmöglich Turnerschen Atmosphäre. Die Skizze war fast fertig, und sie musste nur noch einige entscheidende kleine Details mit den zartesten ihrer Zobelpinsel hinzufügen. Sie bereitete sich zierlich auf die Arbeit vor und schaute seitlich auf das Gemälde.

Während dieser ganzen Zeit waren Mr. Robert Audleys Augen fest auf ihr hübsches Gesicht gerichtet.

„Es ist ein Wandel“, sagte er nach einer so langen Pause, dass meine Lady vergessen haben mochte, wovon sie gesprochen hatte, „es ist ein Wandel! Manche Frauen würden viel tun, um einen solchen Wandel zu erreichen.“

Lady Audleys klare blaue Augen weiteten sich, als sie sie plötzlich auf den jungen Rechtsanwalt richtete. Das winterliche Sonnenlicht, das durch ein Seitenfenster voll auf ihr Gesicht fiel, erleuchtete das Azur dieser wunderschönen Augen, bis ihre Farbe zwischen Blau und Grün zu flackern und zu zittern schien, wie die Opalfarben des Meeres an einem Sommertag. Der kleine Pinsel fiel aus ihrer Hand und überflutete das Gesicht des Bauern unter einem sich ausweitenden Kreis aus Karminrot.

Robert Audley tätschelte zärtlich das zerknitterte Blatt seiner Zigarre mit vorsichtigen Fingern.

„Mein Freund an der Ecke der Chancery Lane hat mir nicht so gute Manillas gegeben wie sonst“, murmelte er. „Falls Sie jemals rauchen, meine liebe Tante (und mir wurde gesagt, dass viele Frauen im Stillen unter der Hand an einem Glimmstängel ziehen), seien Sie sehr vorsichtig bei der Wahl Ihrer Zigarren.“

Meine Lady holte tief Luft, hob ihren Pinsel auf und lachte laut über Roberts Rat.

„Was für ein exzentrischer Mensch Sie sind, Mr. Audley! Wissen Sie, dass Sie mich manchmal verwirren –“

„Nicht mehr, als Sie mich verwirren, liebe Tante.“

Meine Lady räumte ihre Farben und ihr Skizzenbuch weg, setzte sich in die tiefe Nische eines anderen Fensters, in beträchtlicher Entfernung von Robert Audley, und machte sich an ein großes Stück Berlin-Wolle-Stickerei – eine Handarbeit, mit der die Penelopes vor zehn oder zwölf Jahren ihre Findigkeit gern bewiesen – die „Alte Zeit in der Bolton Abbey“.

In der Fensterlaibung dieses Fensters sitzend, war meine Lady durch die ganze Länge des Zimmers von Robert Audley getrennt, und der junge Mann konnte nur hin und wieder einen flüchtigen Blick auf ihr schönes Gesicht erhaschen, umgeben von seiner hellen Aureole aus dunstigem, goldenem Haar.

Robert Audley war eine Woche auf dem Anwesen, doch bisher hatten weder er noch meine Lady den Namen George Talboys erwähnt.

An diesem Morgen jedoch, nachdem die üblichen Gesprächsthemen erschöpft waren, erkundigte sich Lady Audley nach dem Freund ihres Neffen; „Dieser Mr. George – George –“, sagte sie zögernd.

„Talboys“, schlug Robert vor.

„Ja, natürlich – Mr. George Talboys. Ein ziemlich eigenartiger Name übrigens, und sicherlich, allem Anschein nach, eine sehr eigenartige Person. Haben Sie ihn in letzter Zeit gesehen?“

„Ich habe ihn seit dem 7. September letzten Jahres nicht mehr gesehen – dem Tag, an dem er mich schlafend auf den Wiesen auf der anderen Seite des Dorfes zurückließ.“

„Du meine Güte!“, rief meine Lady, „was für ein sehr seltsamer junger Mann dieser Mr. George Talboys doch sein muss! Bitte erzählen Sie mir alles darüber.“

Robert erzählte in wenigen Worten von seinem Besuch in Southampton und seiner Reise nach Liverpool mit ihren unterschiedlichen Ergebnissen, wobei meine Lady sehr aufmerksam zuhörte.

Um diese Geschichte besser erzählen zu können, verließ der junge Mann seinen Stuhl, überquerte das Zimmer und nahm gegenüber von Lady Audley in der Fensterlaibung Platz.

„Und was schließen Sie aus all dem?“, fragte meine Lady nach einer Pause.

„Es ist ein so großes Rätsel für mich“, antwortete er, „dass ich es kaum wage, irgendeine Schlussfolgerung zu ziehen; doch in der Dunkelheit glaube ich, meinen Weg zu zwei Vermutungen ertasten zu können, die mir fast wie Gewissheiten erscheinen.“

„Und diese wären –“

„Erstens, dass George Talboys niemals über Southampton hinausgekommen ist. Zweitens, dass er niemals in Southampton angekommen ist.“

„Aber Sie haben seine Spur dorthin verfolgt. Sein Schwiegervater hat ihn gesehen.“

„Ich habe Grund, an der Aufrichtigkeit seines Schwiegervaters zu zweifeln.“

„Guter Himmel!“, rief meine Lady kläglich. „Was meinen Sie mit all dem?“

„Lady Audley“, antwortete der junge Mann ernst, „ich habe nie als Rechtsanwalt praktiziert. Ich habe mich in die Reihen eines Berufsstandes eingeschrieben, dessen Mitglieder feierliche Verantwortungen tragen und heilige Pflichten zu erfüllen haben; und ich bin vor diesen Verantwortungen und Pflichten zurückgewichen, so wie ich vor all den Mühen dieses beschwerlichen Lebens zurückgewichen bin. Doch manchmal werden wir in genau die Lage gedrängt, die wir am meisten vermieden haben, und ich sah mich in letzter Zeit gezwungen, über diese Dinge nachzudenken. Lady Audley, haben Sie jemals die Theorie der Indizienbeweise studiert?“

„Wie können Sie eine arme kleine Frau nach solch schrecklichen Dingen fragen?“, rief meine Lady aus.

„Indizienbeweise“, fuhr der junge Mann fort, als hätte er die Unterbrechung von Lady Audley kaum gehört – „dieses wunderbare Gewebe, das aus Halmen gesponnen wird, die aus allen Himmelsrichtungen zusammengetragen wurden, und das dennoch stark genug ist, einen Menschen an den Galgen zu bringen. An welchen winzigen Kleinigkeiten kann manchmal das ganze Geheimnis eines ruchlosen Rätsels hängen, das bisher für die Weisesten auf Erden unerklärlich war! Ein Stück Papier, ein Fetzen eines zerrissenen Kleidungsstücks, der Knopf eines Rocks, ein unvorsichtiges Wort von den übervorsichtigen Lippen der Schuld, das Fragment eines Briefes, das Schließen oder Öffnen einer Tür, ein Schatten auf einem Fensterrollo, die Genauigkeit eines Moments, geprüft durch eine von Bensons Uhren – tausend Umstände, so geringfügig, dass sie vom Verbrecher vergessen werden, aber eiserne Glieder in der wunderbaren Kette, die von der Wissenschaft des Detektivs geschmiedet wird; und siehe da! Der Galgen ist errichtet; die feierliche Glocke läutet durch das trostlose Grau des frühen Morgens, das Fallbrett knarrt unter den schuldigen Füßen, und die Strafe für das Verbrechen ist bezahlt.“

Schwache Schatten von Grün und Purpur fielen von den bemalten Wappen in dem Sprossenfenster, an dem sie saß, auf das Gesicht meiner Lady; doch jede Spur der natürlichen Farbe dieses Gesichts war verblasst und hatte ein gespenstisches, aschfahles Grau hinterlassen.

Ruhig in ihrem Stuhl sitzend, den Kopf zurückgelehnt auf die bernsteinfarbenen Damastkissen und die kleinen Hände kraftlos auf ihrem Schoß liegend, war Lady Audley in Ohnmacht gefallen.

„Der Radius wird von Tag zu Tag enger“, sagte Robert Audley. „George Talboys hat Southampton nie erreicht.“

KAPITEL XVI.

ROBERT AUDLEY BEKOMMT SEINEN ABSCHIED.

Die Weihnachtswoche war vorüber, und einer nach dem anderen verließen die Gäste vom Lande Audley Court. Der beleibte Gutsherr und seine Frau verließen das graue, mit Wandteppichen behängte Zimmer und ließen die schwarzbrauigen Krieger, die von der Wand drohten, zurück, damit sie neue Gäste anstarrten und bedrohten oder rachsüchtig in die Leere blickten. Die fröhlichen Mädchen im zweiten Stock packten ihre Koffer und Reisekoffer oder ließen sie packen, und zerknitterte Ballkleider aus Gaze, die frisch nach Audley gebracht worden waren, wurden wieder mit nach Hause genommen. Stolpernde, alte Familienkutschen, deren ungestutzte Fesseln der Pferde von rauerer Arbeit als nur Landstraßen kündeten, wurden auf den breiten Platz vor der grimmigen Eichentür gefahren und mit chaotischen Haufen weiblichen Gepäcks beladen. Hübsche, rosige Gesichter schauten aus den Wagenfenstern, um der Gruppe an der Haustür ein letztes Lebewohl zuzulächeln, während das Gefährt unter dem mit Efeu bewachsenen Torbogen ratterte und polterte. Sir Michael wurde überall gebraucht. Er schüttelte die Hände der jungen Sportler, küsste die Mädchen mit den rosigen Wangen, umarmte manchmal sogar beleibte Matronen, die kamen, um ihm für ihren angenehmen Besuch zu danken; überall heiter, gastfreundlich, großzügig, glücklich und beliebt, eilte der Baronet von Zimmer zu Zimmer, vom Haus zu den Ställen, von den Ställen zum Innenhof, vom Innenhof zum Bogentor, um den scheidenden Gast zu verabschieden.

Die gelben Locken meiner Lady blitzten an diesen geschäftigen Abschiedstagen hierhin und dorthin wie wandernde Sonnenstrahlen. Ihre großen blauen Augen hatten einen hübschen, traurigen Ausdruck, in bezauberndem Einklang mit dem sanften Druck ihrer kleinen Hand und jener freundlichen, wenn auch vielleicht etwas stereotypen Rede, in der sie ihren Besuchern sagte, wie leid es ihr täte, sie zu verlieren, und dass sie nicht wüsste, was sie tun solle, bis sie wieder einmal kämen, um den Hof durch ihre charmante Gesellschaft zu beleben.

Doch so leid es meiner Lady auch sein mochte, ihre Besucher zu verlieren, so gab es doch zumindest einen Gast, dessen Gesellschaft ihr nicht entzogen wurde. Robert Audley zeigte keinerlei Absicht, das Haus seines Onkels zu verlassen. Er habe keine beruflichen Verpflichtungen, sagte er; Figtree Court sei bei heißem Wetter herrlich schattig, aber es gebe dort eine scharfe Ecke, um die der Wind in den Sommermonaten wehe, bewaffnet mit rächendem Rheuma und Influenza. Jeder sei so gut zu ihm auf dem Court, dass er wirklich keine Lust habe, sich zu beeilen.

Sir Michael hatte darauf nur eine Antwort: „Bleib, mein lieber Junge; bleib, mein lieber Bob, so lange du willst. Ich habe keinen Sohn, und du stehst für mich an der Stelle eines solchen. Mach dich bei Lucy beliebt und betrachte den Court als dein Zuhause, solange du lebst.“

Worauf Robert lediglich damit antwortete, dass er die Hand seines Onkels heftig drückte und etwas von „einem prächtigen alten Fürsten“ murmelte.

Es war zu beobachten, dass in der Stimme des jungen Mannes manchmal eine gewisse vage Traurigkeit mitschwang, wenn er Sir Michael „einen prächtigen alten Fürsten“ nannte; ein Schatten von liebevollem Bedauern, der Robert Tränen in die Augen trieb, während er in einer Ecke des Zimmers saß und nachdenklich den weißbärtigen Baronet betrachtete.

Bevor der letzte der jungen Sportler abreiste, verlangte und erhielt Sir Harry Towers ein Gespräch mit Miss Alicia Audley in der Eichenbibliothek – ein Gespräch, bei dem der stämmige junge Fuchsjäger beträchtliche Emotionen zeigte; so viel Emotion sogar und von so echter und ehrlicher Art, dass Alicia regelrecht zusammenbrach, als sie ihm sagte, sie werde ihn für sein wahres und edles Herz für immer achten und respektieren, aber er dürfe sie niemals, niemals, wenn er sie nicht in die grausamste Not stürzen wolle, um mehr als diese Achtung und diesen Respekt bitten.

Sir Harry verließ die Bibliothek durch das französische Fenster, das zum Teichgarten führte. Er schlenderte in jenen Lindenweg, den George Talboys mit einer Allee auf einem Kirchhof verglichen hatte, und focht unter den blattlosen Bäumen den Kampf seines tapferen jungen Herzens aus.

„Was für ein Narr ich bin, dass ich es so empfinde!“, rief er und stampfte mit dem Fuß auf den frostigen Boden. „Ich wusste immer, dass es so kommen würde; ich wusste immer, dass sie hundertmal zu gut für mich war. Gott segne sie! Wie edel und zärtlich sie sprach; wie schön sie aussah mit der purpurnen Röte unter ihrer braunen Haut und den Tränen in ihren großen grauen Augen – fast so hübsch wie an dem Tag, als sie den versunkenen Zaun nahm und mich die Schwanzspitze in ihren Hut stecken ließ, als wir nach Hause ritten! Gott segne sie! Ich kann alles überwinden, solange sie sich nicht für diesen schleimigen Advokaten interessiert. Aber das könnte ich nicht ertragen.“

Dieser schleimige Advokat, mit welcher Bezeichnung Sir Harry auf Mr. Robert Audley anspielte, stand in der Halle und betrachtete eine Karte der Midland Counties, als Alicia nach ihrem Gespräch mit dem fuchsjagenden Baronet mit geröteten Augen aus der Bibliothek kam.

Robert, der kurzsichtig war, hatte seine Augen einen halben Zoll von der Oberfläche der Karte entfernt, als sich die junge Dame ihm näherte.

„Ja“, sagte er, „Norwich liegt in Norfolk, und dieser Narr, der junge Vincent, sagte, es läge in Herefordshire. Ha, Alicia, bist du das?“

Er drehte sich um, um Miss Audley auf ihrem Weg zur Treppe abzufangen.

„Ja“, antwortete sein Cousin kurz angebunden und versuchte, an ihm vorbeizukommen.

„Alicia, du hast geweint.“

Die junge Dame würdigte ihn keiner Antwort.

„Du hast geweint, Alicia. Sir Harry Towers aus Towers Park in der Grafschaft Herts hat dir einen Heiratsantrag gemacht, was?“

„Haben Sie an der Tür gelauscht, Mr. Audley?“

„Habe ich nicht, Miss Audley. Aus Prinzip lehne ich das Lauschen ab, und in der Praxis halte ich es für ein sehr mühsames Unterfangen; aber ich bin Rechtsanwalt, Miss Alicia, und in der Lage, durch Induktion eine Schlussfolgerung zu ziehen. Wissen Sie, was induktiver Beweis ist, Miss Audley?“

„Nein“, antwortete Alicia und sah ihren Cousin an, wie ein hübscher junger Panther seinen waghalsigen Peiniger ansehen könnte.

„Dachte ich mir. Ich wette, Sir Harry würde fragen, ob das eine neue Art von Pferdeball sei. Ich wusste durch Induktion, dass der Baronet dir einen Antrag machen würde; erstens, weil er mit auf der falschen Seite gescheiteltem Haar und einem Gesicht so bleich wie ein Tischtuch herunterkam; zweitens, weil er kein Frühstück essen konnte und seinen Kaffee in die falsche Kehle bekam; und drittens, weil er um ein Gespräch mit dir bat, bevor er den Court verließ. Nun, wie steht es, Alicia? Heiraten wir den Baronet, und soll der arme Cousin Bob der Trauzeuge bei der Hochzeit sein?“

„Sir Harry Towers ist ein edelmütiger junger Mann“, sagte Alicia und versuchte immer noch, an ihrem Cousin vorbeizukommen.

„Aber nehmen wir ihn an – ja oder nein? Werden wir Lady Towers, mit einem prächtigen Anwesen in Hertfordshire, Sommerquartieren für unsere Jäger und einem Vierspänner mit Reitknechten, um uns zu Papas Landsitz in Essex zu fahren? Soll es so sein, Alicia, oder nicht?“

„Was geht Sie das an, Mr. Robert Audley?“, rief Alicia leidenschaftlich. „Was kümmert es Sie, was aus mir wird oder wen ich heirate? Wenn ich einen Schornsteinfeger heiratete, würden Sie nur Ihre Augenbrauen hochziehen und sagen: ‚Gott behüte, sie war schon immer exzentrisch.‘ Ich habe Sir Harry Towers abgewiesen; aber wenn ich an seine großzügige und selbstlose Zuneigung denke und sie mit der herzlosen, faulen, egoistischen, hochmütigen Gleichgültigkeit anderer Männer vergleiche, habe ich große Lust, ihm hinterherzulaufen und ihm zu sagen –“

„Dass du widerrufst und meine Lady Towers wirst?“

„Ja.“

„Dann tu es nicht, Alicia, tu es nicht“, sagte Robert Audley, ergriff das schmale Handgelenk seiner Cousine und führte sie die Treppe hinauf. „Komm mit mir in den Salon, Alicia, meine arme kleine Cousine; meine charmante, ungestüme, alarmierende kleine Cousine. Setz dich hier in dieses Sprossenfenster, und lass uns ernsthaft reden und aufhören zu streiten, wenn wir können.“

Die Cousins hatten den Salon ganz für sich allein. Sir Michael war aus, meine Lady in ihren eigenen Gemächern, und der arme Sir Harry Towers lief auf dem Kiesweg auf und ab, verdunkelt von den flackernden Schatten der blattlosen Äste im kalten Wintersonnenschein.

„Meine arme kleine Alicia“, sagte Robert so zärtlich, als hätte er ein verwöhntes Kind angesprochen, „glaubst du, weil die Leute keine sauren Minen machen, ihr Haar auf der falschen Seite scheiteln oder sich sonst wie wohlmeinende Verrückte benehmen, um die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu beweisen – glaubst du deshalb, Alicia Audley, dass sie nicht genauso empfänglich für die Vorzüge eines lieben, warmherzigen und anhänglichen Mädchens sein können, wie es ihre Nachbarn jemals sein könnten? Das Leben ist, wenn alles gesagt und getan ist, eine so mühsame Angelegenheit, dass es gut ist, seine Segnungen still hinzunehmen. Ich mache kein großes Geheul, weil ich eine Tür weiter von der Ecke der Chancery Lane gute Zigarren bekommen kann und ein liebes, gutes Mädchen als Cousine habe; aber ich bin der Vorsehung nicht weniger dankbar, dass es so ist.“

Alicia riss ihre grauen Augen so weit wie möglich auf und starrte ihren Cousin mit einem verwirrten Blick an. Robert hatte den hässlichsten und magersten seiner Begleithunde aufgehoben und streichelte gelassen die Ohren des Tieres.

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast, Robert?“, fragte Miss Audley sanft.

„Nun ja, ich denke schon“, antwortete ihr Cousin nach reiflicher Überlegung. „Ich glaube, was ich sagen wollte, war dies – heirate den fuchsjagenden Baronet nicht, wenn dir jemand anders lieber ist; denn wenn du nur geduldig bist, das Leben leicht nimmst und versuchst, dich zu bessern, was das Türenknallen, das Hinein- und Herausspringen aus Zimmern, das Reden über Ställe und das Querfeldeinreiten angeht, habe ich keinen Zweifel, dass die Person, die du bevorzugst, einen sehr ausgezeichneten Ehemann für dich abgeben wird.“

„Danke, Cousin“, sagte Miss Audley, wobei sie bis zu den Wurzeln ihres welligen braunen Haares vor hellem, empörtem Erröten dunkelrot wurde; „aber da du die Person, die ich bevorzuge, vielleicht nicht kennst, denke ich, du solltest es besser nicht auf dich nehmen, für ihn zu antworten.“

Robert zog einige Augenblicke nachdenklich an den Ohren des Hundes.

„Nein, sicher“, sagte er nach einer Pause. „Natürlich, wenn ich ihn nicht kenne – ich dachte, ich würde es.“

„Dachtest du das?“, rief Alicia; und die Tür mit einer solchen Gewalt öffnend, dass ihr Cousin schauderte, stürmte sie aus dem Salon.

„Ich sagte nur, ich dachte, ich würde ihn kennen“, rief Robert ihr nach; und dann, als er in einen bequemen Sessel sank, murmelte er nachdenklich: „So ein nettes Mädchen eigentlich, wenn sie nur nicht so stürmisch wäre.“

So ritt der arme Sir Harry Towers von Audley Court davon und sah sehr geknickt und trostlos aus.

Er hatte wenig Freude an der Rückkehr in das stattliche Herrenhaus, das zwischen schützenden Eichen und ehrwürdigen Buchen versteckt lag. Das quadratische Haus aus rotem Backstein, das am Ende einer langen Arkade aus blattlosen Bäumen leuchtete, sollte für immer öde sein, dachte er, da Alicia nicht kommen wollte, um seine Herrin zu sein.

Hundert Verbesserungen, die geplant und überdacht worden waren, wurden nun als nutzlos aus seinem Geist verbannt. Der Jäger, den Jim, der Trainer, für eine Dame zurechtmachte; die zwei Vorstehhundewelpen, die für die nächste Schießsaison aufgezogen wurden; der große schwarze Retriever, der Alicias Sonnenschirm getragen hätte; der Pavillon im Garten, der seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr genutzt wurde, den er aber für Miss Audley hatte restaurieren wollen – all diese Dinge waren nun Eitelkeit und ein Ärgernis des Geistes.

„Was nützt es, reich zu sein, wenn man niemanden hat, der einem hilft, sein Geld auszugeben?“, sagte der junge Baronet. „Man wird nur ein egoistischer Bettler und fängt an, zu viel Portwein zu trinken. Es ist eine harte Sache, dass ein Mädchen ein wahres Herz und solche Ställe, wie wir sie im Park haben, abweisen kann. Es bringt einen irgendwie aus dem Gleichgewicht.“

Tatsächlich hatte diese unerwartete Zurückweisung die wenigen Ideen, die die kleine Summe des Geistes des Baronets ausmachten, sehr durcheinandergebracht.

Er war seit der letzten Jagdsaison, als er sie auf dem Ball der Grafschaft getroffen hatte, verzweifelt in Alicia verliebt. Seine Leidenschaft, die durch die langsame Monotonie eines Sommers genährt worden war, war in den fröhlichen Wintermonaten wieder aufgeflammt, und nur die mauvaise honte des jungen Mannes hatte den Heiratsantrag verzögert. Aber er hatte nie einen Moment daran gedacht, dass er abgewiesen werden würde; er war so an die Schmeicheleien von Müttern gewöhnt, die heiratswillige Töchter hatten, und sogar der Töchter selbst; er war so daran gewöhnt, sich als die führende Persönlichkeit bei einer Versammlung zu fühlen, obwohl die Hälfte der Geistesgrößen des Zeitalters dort gewesen war, und er konnte nur „Haw, sicher!“ und „Bei Jupiter – hm!“ sagen; er war so verwöhnt durch die Schmeicheleien heller Augen, die zu leuchten schienen oder schienen zu leuchten, wenn er sich näherte, dass er, ohne auch nur einen Schatten persönlicher Eitelkeit zu besitzen, doch dazu gekommen war zu denken, er müsse nur dem hübschesten Mädchen in Essex einen Antrag machen, um sich sofort angenommen zu sehen.

„Ja“, sagte er selbstgefällig zu einem bewundernden Satelliten, „ich weiß, ich bin eine gute Partie, und ich weiß, was die Mädels so höflich macht. Sie sind sehr hübsch und sie sind sehr freundlich zu einem Kerl; aber ich mache mir nichts aus ihnen. Sie sind alle gleich – sie können nur die Augen niederschlagen und sagen: ‚Ach, Sir Harry, warum nennen Sie diesen lockigen schwarzen Hund einen Retriever?‘ oder ‚Oh Sir Harry, und hat sich die arme Stute wirklich das Fesselgelenk verstaucht?‘ Ich habe selbst nicht viel Verstand, das weiß ich“, fügte der Baronet entschuldigend hinzu; „und ich will keine geistesstarke Frau, die Bücher schreibt und grüne Brillen trägt; aber verdammt noch mal! Ich mag ein Mädel, das weiß, wovon sie spricht.“

Als Alicia also „Nein“ sagte, oder besser gesagt, jene hübsche Rede über Achtung und Respekt hielt, die wohlerzogene junge Damen für das verhasste einsilbige Wort einsetzen, fühlte Sir Harry Towers, dass das ganze Gebäude der Zukunft, das er so selbstgefällig errichtet hatte, in einen Haufen düsterer Ruinen zerbrach.

Sir Michael drückte ihn herzlich, kurz bevor der junge Mann im Innenhof auf sein Pferd stieg.

„Es tut mir sehr leid, Towers“, sagte er. „Du bist ein so guter Kerl, wie es nur einen gibt, und hättest meiner Tochter einen ausgezeichneten Ehemann abgegeben; aber du weißt, da ist ein Cousin, und ich denke, dass –“

„Sagen Sie das nicht, Sir Michael“, unterbrach ihn der Fuchsjäger energisch. „Ich kann alles überwinden, nur das nicht. Ein Kerl, dessen Hand am Zügel eine halbe Tonne wiegt (warum, er hat dem Cavalier am Tag, als Sie ihn reiten ließen, das Maul zerfetzt, Sir); ein Kerl, der seine Kragen umlegt und Brot mit Marmelade isst! Nein, nein, Sir Michael; es ist eine komische Welt, aber das kann ich von Miss Audley nicht denken. Da muss jemand im Hintergrund sein, Sir; es kann nicht der Cousin sein.“

Sir Michael schüttelte den Kopf, als der abgewiesene Freier davonritt.

„Ich weiß nicht“, murmelte er. „Bob ist ein guter Junge, und das Mädchen könnte es schlechter treffen; aber er hält sich zurück, als ob er nichts für sie übrig hätte. Da ist ein Geheimnis – da ist ein Geheimnis!“

Der alte Baronet sagte dies in jenem halb nachdenklichen Ton, in dem wir über die Angelegenheiten anderer Leute sprechen. Die Schatten der frühen Winterdämmerung, die sich am dichtesten unter der niedrigen Eichendecke der Halle und der malerischen Kurve des Bogeneingangs sammelten, fielen dunkel um seinen stattlichen Kopf; doch das Licht seines Lebensabends, seine schöne und geliebte junge Frau, war bei ihm, und er konnte keine Schatten sehen, wenn sie in der Nähe war.

Sie kam hüpfend durch die Halle, um ihn zu empfangen, und während sie ihre goldenen Locken schüttelte, vergrub sie ihr strahlendes Haupt an der Brust ihres Mannes.

„So, der letzte unserer Gäste ist weg, Liebling, und wir sind ganz allein“, sagte sie. „Ist das nicht schön?“

„Ja, mein Schatz“, antwortete er zärtlich und streichelte ihr helles Haar.

„Außer Mr. Robert Audley. Wie lange wird dieser Neffe von dir noch hierbleiben?“

„So lange er möchte, mein Liebling; er ist immer willkommen“, sagte der Baronet; und dann, als ob er sich besänne, fügte er zärtlich hinzu: „Aber nicht, wenn dir sein Besuch nicht angenehm ist, Liebling; nicht, wenn seine faulen Gewohnheiten oder sein Rauchen oder seine Hunde oder irgendetwas an ihm dir missfällt.“

Lady Audley spitzte ihre rosigen Lippen und blickte nachdenklich zu Boden.

„Das ist es nicht“, sagte sie zögernd. „Mr. Audley ist ein sehr angenehmer junger Mann und ein sehr ehrenwerter junger Mann; aber du weißt, Sir Michael, ich bin eine ziemlich junge Tante für einen solchen Neffen, und –“

„Und was, Lucy?“, fragte der Baronet barsch.

„Die arme Alicia ist ziemlich eifersüchtig auf jede Aufmerksamkeit, die Mr. Audley mir schenkt, und – und – ich denke, es wäre besser für ihr Glück, wenn dein Neffe seinen Besuch beenden würde.“

„Er soll heute Abend gehen, Lucy“, rief Sir Michael. „Ich bin ein blinder, nachlässiger Narr, dass ich nicht früher daran gedacht habe. Mein reizender kleiner Schatz, es war kaum gerecht gegen Bob, den armen Jungen deinen Reizen auszusetzen. Ich weiß, dass er ein so guter und aufrichtiger Kerl ist, wie es nur einen gibt, aber – aber – er soll heute Abend gehen.“

„Aber du wirst nicht zu barsch sein, Liebling? Du wirst nicht unhöflich sein?“

„Unhöflich! Nein, Lucy. Ich habe ihn im Lindenweg rauchen lassen. Ich werde hingehen und ihm sagen, dass er in einer Stunde aus dem Haus sein muss.“

So sagte Sir Michael Audley in jener blattlosen Allee, in deren düsterem Schatten George Talboys an jenem gewittrigen Abend vor dem Tag seines Verschwindens gestanden hatte, seinem Neffen, dass der Court kein Zuhause für ihn sei und dass meine Lady zu jung und hübsch sei, um die Aufmerksamkeiten eines stattlichen Neffen von achtundzwanzig Jahren anzunehmen.

Robert zuckte nur mit den Schultern und hob seine dichten, schwarzen Augenbrauen, als Sir Michael all dies andeutete.

„Ich war meiner Lady gegenüber aufmerksam“, sagte er. „Sie interessiert mich;“ und dann, mit einem Wechsel in seiner Stimme und einer ihm nicht eigenen Emotion, wandte er sich an den Baronet, ergriff seine Hand und rief aus: „Gott bewahre, mein lieber Onkel, dass ich jemals ein so edles Herz wie das Ihre in Bedrängnis bringe! Gott bewahre, dass der geringste Schatten der Unehre jemals auf Ihr geehrtes Haupt fällt – am wenigsten durch mein Zutun.“

Der junge Mann stieß diese wenigen Worte in einer abgehackten und zusammenhanglosen Weise hervor, wie Sir Michael ihn nie zuvor hatte sprechen hören, und dann, den Kopf abwendend, brach er vollends zusammen.

Er verließ das Gericht an jenem Abend, doch er kam nicht weit. Anstatt den Abendzug nach London zu nehmen, ging er schnurstracks auf das kleine Dorf Mount Stanning zu, trat in das sauber gehaltene Gasthaus ein und fragte Phoebe Marks, ob sie ihn mit Zimmern beherbergen könne.

KAPITEL XVII.

IM CASTLE INN.

Das kleine Wohnzimmer, in das Phoebe Marks den Neffen des Baronets geleitete, lag im Erdgeschoss und war nur durch eine Wand aus Latten und Gips von der kleinen Schankstube getrennt, die von dem Gastwirt und seiner Frau genutzt wurde.

Es schien, als hätte der kluge Architekt, der den Bau des Castle Inn überwacht hatte, besonders darauf geachtet, dass nur das zerbrechlichste und fadenscheinigste Material verwendet wurde und dass der Wind, der eine besondere Vorliebe für diesen ungeschützten Fleck hatte, dem Ausleben seiner Launen freien Lauf lassen konnte.

Zu diesem Zweck war erbärmliches Holzwerk statt solidem Mauerwerk verwendet worden; wackelige Decken waren durch zerbrechliche Sparren gestützt, und Balken drohten an jedem stürmischen Abend auf die Köpfe derer unter ihnen herabzufallen; Türen, deren Spezialität es war, niemals zu schließen, aber immer zu knallen; Fenster, konstruiert mit dem eigentümlichen Ziel, den Durchzug hereinzulassen, wenn sie geschlossen waren, und die Luft draußen zu halten, wenn sie geöffnet waren. Die Hand eines Genies hatte dieses einsame Landgasthaus entworfen; und es gab keinen Zoll Holz oder keine Kelle Gips in der gesamten wackeligen Konstruktion, die nicht ihre eigene, spezifische Schwachstelle jedem Angriff ihres unermüdlichen Feindes darbot.

Robert blickte mit einem schwachen Lächeln der Ergebung um sich.

Es war zweifellos eine Veränderung gegenüber dem luxuriösen Komfort von Audley Court, und es war ein recht seltsamer Einfall des jungen Anwalts, dem Herumlungern in dieser trostlosen Dorfwirtschaft den Vorzug vor der Rückkehr in seine gemütlichen Kammern im Figtree Court zu geben.

Doch er hatte seine Lares und Penaten bei sich, in Gestalt seiner deutschen Pfeife, seiner Tabakdose, einem halben Dutzend französischer Romane und seinen zwei missratenen Lieblingshunden, die zitternd vor dem rauchigen kleinen Feuer saßen und hin und wieder kurz und scharf bellten, um auf eine kleine Erfrischung hinzuweisen.

Während Mr. Robert Audley seine neue Unterkunft betrachtete, rief Phoebe Marks einen kleinen Dorfjungen zu sich, der gewöhnlich Besorgungen für sie machte, nahm ihn mit in die Küche und gab ihm eine winzige Notiz, sorgfältig gefaltet und versiegelt.

„Du kennst Audley Court?“

„Ja, Ma’am.“

„Wenn du heute Abend mit diesem Brief dorthin läufst und dafür sorgst, dass er sicher in die Hände von Lady Audley gelangt, gebe ich dir einen Schilling.“

„Ja, Ma’am.“

„Du verstehst? Bitte darum, meine Lady zu sprechen; du kannst sagen, du hast eine Nachricht – keine Notiz, wohlgemerkt – sondern eine Nachricht von Phoebe Marks; und wenn du sie siehst, gib dies in ihre eigene Hand.“

„Ja, Ma’am.“

„Du wirst es nicht vergessen?“

„Nein, Ma’am.“

„Dann mach dich auf den Weg.“

Der Junge wartete nicht auf eine zweite Aufforderung, sondern sauste im nächsten Augenblick die einsame Landstraße entlang, den steilen Abhang hinunter, der nach Audley führte.

Phoebe Marks ging zum Fenster und blickte der schwarzen Gestalt des Jungen nach, die durch den düsteren Winterabend eilte.

„Wenn sein Kommen hier irgendeine böse Bedeutung hat“, dachte sie, „wird meine Lady es wenigstens rechtzeitig erfahren.“

Phoebe selbst brachte das sauber angerichtete Teetablett und die kleine abgedeckte Schüssel mit Schinken und Eiern, die für diesen unerwarteten Besucher zubereitet worden war. Ihr helles Haar war ebenso glatt geflochten, und ihr hellgraues Kleid saß so präzise wie eh und je. Dieselben neutralen Farbtöne beherrschten ihre Person und ihr Gewand; keine auffälligen rosafarbenen Bänder oder raschelnden Seidenkleider verkündeten die wohlhabende Gastwirtsfrau. Phoebe Marks war eine Person, die ihre Individualität niemals verlor. Still und in sich gekehrt schien sie sich in sich selbst zu halten und keinerlei Farbe von der Außenwelt anzunehmen.

Robert betrachtete sie nachdenklich, während sie das Tischtuch ausbreitete und den Tisch näher an den Kamin rückte.

„Das“, dachte er, „ist eine Frau, die ein Geheimnis bewahren könnte.“

Die Hunde blickten etwas misstrauisch auf die stille Gestalt von Mrs. Marks, die sanft durch den Raum glitt, von der Teekanne zur Teedose und von der Dose zum Kessel, der auf dem Herd sang.

„Werden Sie mir meinen Tee einschenken, Mrs. Marks?“, sagte Robert und ließ sich in einen mit Rosshaar bezogenen Armlehnstuhl fallen, der ihn in jeder Richtung so eng umschloss, als wäre er für ihn ausgemessen worden.

„Sie kommen direkt vom Court, Sir?“, sagte Phoebe, während sie Robert die Zuckerdose reichte.

„Ja; ich habe meinen Onkel erst vor einer Stunde verlassen.“

„Und meine Lady, Sir, war sie wohlauf?“

„Ja, ganz wohlauf.“

„So fröhlich und leichtsinnig wie immer, Sir?“

„So fröhlich und leichtsinnig wie immer.“

Phoebe zog sich respektvoll zurück, nachdem sie Mr. Audley seinen Tee gereicht hatte, doch als sie mit der Hand am Türgriff stand, sprach er erneut.

„Sie kannten Lady Audley, als sie noch Miss Lucy Graham war, nicht wahr?“, fragte er.

„Ja, Sir. Ich wohnte bei Mrs. Dawson, als meine Lady dort Gouvernante war.“

„Tatsächlich! War sie lange in der Familie des Chirurgen?“

„Anderthalb Jahre, Sir.“

„Und sie kam aus London?“

„Ja, Sir.“

„Und sie war eine Waise, glaube ich?“

„Ja, Sir.“

„Immer so fröhlich, wie sie jetzt ist?“

„Immer, Sir.“

Robert leerte seine Teetasse und reichte sie Mrs. Marks. Ihre Blicke trafen sich – ein träger Ausdruck in seinen, ein aktiver, forschender Blick in ihren.

„Diese Frau wäre gut im Zeugenstand“, dachte er; „es bräuchte einen geschickten Anwalt, um sie bei einem Kreuzverhör in Verlegenheit zu bringen.“

Er trank seine zweite Tasse Tee aus, schob seinen Teller beiseite, fütterte seine Hunde und zündete seine Pfeife an, während Phoebe das Teetablett hinaustrug.

Der Wind pfiff über das frostige, offene Land und durch die blattlosen Wälder und rüttelte heftig an den Fensterrahmen.

„Es gibt einen dreieckigen Durchzug von diesen beiden Fenstern und der Tür, der nicht gerade zum Komfort dieses Zimmers beiträgt“, murmelte Robert; „und es gibt sicherlich angenehmere Empfindungen, als bis zu den Knien in kaltem Wasser zu stehen.“

Er schürte das Feuer, tätschelte seine Hunde, zog seinen Mantel an, rollte ein wackeliges altes Sofa dicht an den Herd, wickelte seine Beine in seine Reisedecke und streckte sich der ganzen Länge nach auf dem schmalen Rosshaarkissen aus, rauchte seine Pfeife und beobachtete die bläulich-grauen Kränze, die sich zur schmutzigen Decke emporwandten.

„Nein“, murmelte er erneut; „das ist eine Frau, die ein Geheimnis bewahren kann. Ein Anwalt für die Anklage könnte nur sehr wenig aus ihr herausbekommen.“

Ich habe gesagt, dass die Schankstube nur durch eine Wand aus Latten und Gips von dem Wohnzimmer getrennt war, das Robert bewohnte. Der junge Anwalt konnte die zwei oder drei örtlichen Handwerker und ein Paar Bauern lachen und reden hören, während Luke Marks sie aus seinem Vorrat an Spirituosen bediente.

Sehr oft konnte er sogar ihre Worte hören, besonders die des Wirts, denn er sprach mit rauer, lauter Stimme und hatte ein prahlerischeres Auftreten als jeder seiner Kunden.

„Der Mann ist ein Narr“, sagte Robert, als er seine Pfeife niederlegte. „Ich werde später einmal mit ihm reden.“

Er wartete, bis die wenigen Besucher des Castle sich einer nach dem anderen verflüchtigt hatten, und als Luke Marks die Tür hinter dem letzten seiner Kunden verriegelt hatte, schlenderte er leise in die Schankstube, wo der Wirt mit seiner Frau saß.

Phoebe war an einem kleinen Tisch beschäftigt, auf dem ein ordentliches Nähkästchen stand, in dem jede Garnrolle und jedes glänzende Stahlnähzeug an seinem zugewiesenen Platz war. Sie stopfte die groben grauen Strümpfe, die die ungeschickten Füße ihres Mannes zierten, doch sie verrichtete ihre Arbeit so zierlich, als wären es die feinen seidenen Strümpfe meiner Lady gewesen.

Ich sage, dass sie keine Farbe von äußeren Dingen annahm und dass der vage Hauch von Kultiviertheit, der ihr Wesen durchdrang, ihr in der Gesellschaft ihres bäurischen Mannes im Castle Inn ebenso eng anhaftete wie in Lady Audleys Boudoir im Court.

Sie blickte plötzlich auf, als Robert die Schankstube betrat. In ihren hellgrauen Augen lag ein Schatten von Verdruss, der in einen Ausdruck von Besorgnis – nein, vielmehr von fast reinem Entsetzen – überging, als sie von Mr. Audley zu Luke Marks blickte.

„Ich bin für ein kurzes Plauderstündchen hereingekommen, bevor ich zu Bett gehe“, sagte Robert und machte es sich vor dem fröhlichen Feuer bequem. „Hätten Sie etwas gegen eine Zigarre, Mrs. Marks? Ich meine natürlich, dass ich eine rauche“, fügte er erklärend hinzu.

„Überhaupt nicht, Sir.“

„Da wär's ihr wohl grade recht, wenn sie was gegen ein bisschen Tabak hätte“, brummte Mr. Marks, „wo ich und die Kunden den ganzen Tag rauchen.“

Robert zündete seine Zigarre mit einem Streichholz aus vergoldetem Papier an, das Phoebe angefertigt hatte und das den Kaminsims zierte, und nahm ein halbes Dutzend nachdenklicher Züge, bevor er sprach.

„Ich möchte, dass Sie mir alles über Mount Stanning erzählen, Mr. Marks“, sagte er nach einer Weile.

„Dann ist das ziemlich schnell erzählt“, antwortete Luke mit einem harten, kratzenden Lachen. „Von allen öden Löchern, in denen jemals ein Mann einen Fuß gesetzt hat, ist dies wohl das ödeste. Nicht, dass das Geschäft nicht ganz ordentlich abwirft; darüber beklage ich mich nicht; aber ich hätte lieber eine Kneipe in Chelmsford, Brentwood, Romford oder irgendeinem Ort gehabt, wo ein bisschen Leben auf den Straßen ist; und ich hätte sie haben können“, fügte er unzufrieden hinzu, „wenn die Leute nicht so verdammt geizig gewesen wären.“

Während ihr Mann diese Beschwerde mit brummender Stimme vor sich hin murmelte, blickte Phoebe von ihrer Arbeit auf und sprach ihn an.

„Wir haben die Tür zum Brauhaus vergessen, Luke“, sagte sie. „Willst du mit mir kommen und mir helfen, den Riegel vorzuschieben?“

„Die Brahaustür kann für heute Nacht warten“, sagte Mr. Marks; „ich werde mich jetzt nicht bewegen. Ich habe mich für ein gemütliches Rauchen hingesetzt.“

Er nahm währenddessen eine lange Tonpfeife aus einer Ecke des Kamins und begann sie bedächtig zu stopfen.

„Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Brahaustür, Luke“, widersprach seine Frau; „es sind immer Landstreicher unterwegs, und die können leicht reinkommen, wenn der Riegel nicht vorgeschoben ist.“

„Dann geh und schieb den Riegel selbst vor, kannst du das nicht?“, antwortete Mr. Marks.

„Er ist zu schwer, als dass ich ihn heben könnte.“

„Dann lass es bleiben, wenn du dir zu fein bist, dich selbst darum zu kümmern. Du bist plötzlich sehr besorgt wegen dieser Brahaustür. Ich nehme an, du willst nicht, dass ich vor diesem Herrn hier den Mund aufmache, das ist es wohl. Oh, du brauchst mich nicht böse anzusehen, um mich am Sprechen zu hindern! Du steckst immer deine Zunge rein und schneidest mir das Wort ab, bevor ich es halb ausgesprochen habe; aber das lasse ich mir nicht gefallen.“

„Hörst du? Das lasse ich mir nicht gefallen!“

Phoebe Marks zuckte mit den Schultern, faltete ihre Arbeit zusammen, schloss ihr Nähkästchen, verschränkte die Hände im Schoß und saß mit ihren grauen Augen fest auf das stierartige Gesicht ihres Mannes gerichtet.

„Sie wohnen also nicht besonders gerne in Mount Stanning?“, sagte Robert höflich, als wäre er darauf bedacht, das Gespräch zu ändern.

„Nein, tue ich nicht“, antwortete Luke; „und es ist mir egal, wer das weiß; und, wie ich schon sagte, wenn die Leute nicht so verdammt geizig gewesen wären, hätte ich eine Kneipe in einer florierenden Marktstadt haben können, anstatt dieses baufällige alte Ding, wo einem an einem windigen Tag die Haare vom Kopf geweht werden. Was sind fünfzig Pfund, oder was sind hundert Pfund –“

„Luke! Luke!“

„Nein, du wirst mir mit deinem ganzen ‚Luke, Luke‘ nicht den Mund stopfen!“, antwortete Mr. Marks auf den Einwand seiner Frau. „Ich sage noch einmal, was sind hundert Pfund?“

„Nein“, antwortete Robert Audley mit wunderbarer Deutlichkeit und richtete seine Worte an Luke Marks, fixierte dabei aber Phoebe's besorgtes Gesicht. „Was sind in der Tat hundert Pfund für einen Mann, der über die Macht verfügt, die Sie innehaben, oder vielmehr, die Ihre Frau über die betreffende Person innehat.“

Phoebes Gesicht, das ohnehin fast farblos war, schien kaum fähig, blasser zu werden; doch als ihre Augenlider unter Robert Audleys forschendem Blick sanken, trat eine sichtbare Veränderung der blassen Färbung ihres Teints ein.

„Viertel vor zwölf“, sagte Robert und blickte auf seine Uhr.

„Späte Stunden für ein so ruhiges Dorf wie Mount Stanning. Gute Nacht, mein werter Wirt. Gute Nacht, Mrs. Marks. Sie brauchen mir morgen früh erst um neun Uhr mein Rasierwasser zu bringen.“

KAPITEL XVIII.

ROBERT EMPFÄNGT EINEN BESUCHER, DEN ER KAUM ERWARTET HATTE.

Elf Uhr schlug am nächsten Morgen, und Mr. Robert Audley lungerte immer noch über dem wohlgeordneten kleinen Frühstückstisch, mit einem seiner Hunde auf jeder Seite seines Armlehnstuhls, die ihn mit wachsamen Augen und offenen Mäulern betrachteten, in Erwartung des ersehnten Bissens Schinken oder Toast. Robert hatte eine Grafschaftszeitung auf den Knien und unternahm hin und wieder einen schwachen Versuch, die erste Seite zu lesen, die mit Werbeanzeigen für landwirtschaftliche Bestände, Quacksalber-Medizin und anderen interessanten Dingen gefüllt war.

Das Wetter hatte sich geändert, und der Schnee, der sich die letzten Tage schwarz am frostigen Himmel abgezeichnet hatte, fiel in großen, federartigen Flocken gegen die Fenster und lag auf dem kleinen Stück Gartenland draußen aufgetürmt.

Die lange, einsame Straße in Richtung Audley schien von keinem Fuß betreten, als Robert Audley aus dem Fenster auf die winterliche Landschaft blickte.

„Lebhaft“, sagte er, „für einen Mann, der die Faszinationen von Temple Bar gewohnt ist.“

Während er beobachtete, wie die Schneeflocken von Augenblick zu Augenblick dichter und schneller auf die einsame Straße fielen, überraschte es ihn, eine Kutsche langsam den Hügel heraufkommen zu sehen.

„Ich frage mich, welches unglückliche Geschöpf einen zu ruhelosen Geist hat, um an einem Morgen wie diesem zu Hause zu bleiben“, murmelte er, als er zum Armlehnstuhl am Kamin zurückkehrte.

Er hatte sich erst wenige Augenblicke wieder gesetzt, als Phoebe Marks das Zimmer betrat, um Lady Audley anzukündigen.

„Lady Audley! Bitte bitten Sie sie hereinzukommen“, sagte Robert; und dann, als Phoebe das Zimmer verließ, um diese unerwartete Besucherin hereinzuführen, murmelte er zwischen den Zähnen: „Ein falscher Schachzug, meine Lady, und einer, den ich von Ihnen nie erwartet hätte.“

Lucy Audley strahlte an diesem kalten und verschneiten Januarmorgen. Die Nasen anderer Leute werden grob von den scharfen Fingern des grimmigen Eiskönigs angegriffen, aber nicht die meiner Lady; die Lippen anderer Leute werden bleich und blau unter dem eisigen Einfluss des bitteren Wetters, aber das hübsche kleine Knospen-Mündchen meiner Lady behielt seine leuchtendste Farbe und fröhlichste Frische.

Sie war in genau jene Zobelfelle gehüllt, die Robert Audley aus Russland mitgebracht hatte, und trug einen Muff, der dem jungen Mann fast so groß schien wie sie selbst.

Sie wirkte wie eine kindliche, hilflose, puppenhafte kleine Kreatur; und Robert blickte mit einem Anflug von Mitleid auf sie herab, als sie an den Herd trat, bei dem er stand, und ihre winzigen behandschuhten Hände an der Glut wärmte.

„Was für ein Morgen, Mr. Audley!“, sagte sie, „was für ein Morgen!“

„Ja, in der Tat! Warum sind Sie bei solchem Wetter ausgegangen?“

„Weil ich Sie sehen wollte – ganz besonders.“

„Tatsächlich!“

„Ja“, sagte meine Lady mit einer Miene beträchtlicher Verlegenheit, während sie mit dem Knopf ihres Handschuhs spielte und ihn vor Rastlosigkeit fast abriss – „ja, Mr. Audley, ich hatte das Gefühl, dass Sie nicht gut behandelt wurden; dass – dass Sie kurz gesagt Grund zur Beschwerde hatten; und dass Ihnen eine Entschuldigung zustand.“

„Ich wünsche keine Entschuldigung, Lady Audley.“

„Aber Sie haben Anspruch auf eine“, antwortete meine Lady ruhig. „Warum, mein lieber Robert, sollten wir so förmlich zueinander sein? Sie waren sehr bequem in Audley untergebracht; wir waren sehr froh, Sie dort zu haben; aber mein lieber, alberner Ehemann musste sich in den Kopf setzen, dass es für den Seelenfrieden seiner armen kleinen Frau gefährlich sei, einen Neffen von acht- oder neunundzwanzig Jahren zu haben, der in ihrem Boudoir seine Zigarren raucht, und siehe da! Unser angenehmer kleiner Familienkreis ist zerbrochen.“

Lucy Audley sprach mit jener eigentümlichen kindlichen Lebhaftigkeit, die ihr so natürlich schien, während Robert fast traurig auf ihr helles, animiertes Gesicht hinunterblickte.

„Lady Audley“, sagte er, „der Himmel verhüte, dass entweder Sie oder ich jemals Kummer oder Unehre über das großzügige Herz meines Onkels bringen! Besser vielleicht, dass ich nicht mehr im Haus bin – besser vielleicht, dass ich es niemals betreten hätte!“

Meine Lady hatte ins Feuer geschaut, während ihr Neffe sprach, doch bei seinen letzten Worten hob sie plötzlich den Kopf und sah ihn mit einem staunenden Ausdruck voll ins Gesicht – ein ernster, fragender Blick, dessen volle Bedeutung der junge Anwalt verstand.

„Oh, bitte seien Sie nicht beunruhigt, Lady Audley“, sagte er ernst. „Sie haben keinen sentimentalen Unsinn, keine alberne Verliebtheit, entlehnt von Balzac oder Dumas fils, von mir zu befürchten. Die Benchers des Inner Temple werden Ihnen sagen, dass Robert Audley von keiner der Epidemien geplagt wird, deren äußere Anzeichen umgeschlagene Krägen und byronische Krawatten sind. Ich sage, dass ich wünschte, ich hätte das Haus meines Onkels im letzten Jahr niemals betreten; aber ich sage es mit einer weitaus feierlicheren Bedeutung als irgendeiner sentimentalen.“

Meine Lady zuckte mit den Schultern.

„Wenn Sie darauf bestehen, in Rätseln zu sprechen, Mr. Audley“, sagte sie, „dann müssen Sie einer armen kleinen Frau verzeihen, wenn sie es ablehnt, sie zu beantworten.“

Robert gab keine Antwort auf diese Rede.

„Aber sagen Sie mir“, sagte meine Lady mit einem vollkommenen Tonfallwechsel, „was könnte Sie dazu bewogen haben, in diesen trostlosen Ort zu kommen?“

„Neugier.“

„Neugier?“

„Ja; ich empfand ein Interesse an diesem stiernackigen Mann mit dem dunkelroten Haar und den boshaften grauen Augen. Ein gefährlicher Mann, meine Lady – ein Mann, in dessen Gewalt ich nicht sein möchte.“

Eine plötzliche Veränderung trat in Lady Audleys Gesicht ein; das hübsche, rosige Erröten wich aus ihren Wangen und hinterließ sie wächsern weiß, und zornige Blitze leuchteten in ihren blauen Augen auf.

„Was habe ich Ihnen getan, Robert Audley“, rief sie leidenschaftlich – „was habe ich Ihnen getan, dass Sie mich so hassen?“

Er antwortete ihr sehr ernst:

„Ich hatte einen Freund, Lady Audley, den ich sehr liebte, und seit ich ihn verloren habe, fürchte ich, dass meine Gefühle gegenüber anderen Menschen seltsam verbittert sind.“

„Sie meinen den Mr. Talboys, der nach Australien gegangen ist?“

„Ja, ich meine den Mr. Talboys, von dem mir gesagt wurde, er sei nach Liverpool aufgebrochen, mit der Absicht, nach Australien zu gehen.“

„Und Sie glauben nicht, dass er nach Australien gesegelt ist?“

„Das tue ich nicht.“

„Aber warum nicht?“

„Verzeihen Sie mir, Lady Audley, wenn ich es ablehne, diese Frage zu beantworten.“

„Wie Sie wünschen“, sagte sie gleichgültig.

„Eine Woche nachdem mein Freund verschwand“, fuhr Robert fort, „gab ich eine Anzeige in den Zeitungen von Sydney und Melbourne auf, in der ich ihn aufforderte, falls er in einer der Städte sei, als die Anzeige erschien, mir seinen Aufenthaltsort mitzuteilen, und in der ich auch jeden aufforderte, der ihn entweder in den Kolonien oder auf der Überfahrt getroffen hatte, mir Informationen über ihn zu geben. George Talboys verließ Essex, oder verschwand aus Essex, am 6. September letzten Jahres. Ich sollte bis Ende dieses Monats eine Antwort auf diese Anzeige erhalten. Heute ist der 27.; die Zeit rückt sehr nahe.“

„Und wenn Sie keine Antwort erhalten?“, fragte Lady Audley.

„Wenn ich keine Antwort erhalte, werde ich denken, dass meine Befürchtungen nicht unbegründet waren, und ich werde mein Bestes tun, um zu handeln.“

„Was meinen Sie damit?“

„Ah, Lady Audley, Sie erinnern mich daran, wie machtlos ich in dieser Angelegenheit bin. Meinem Freund könnte in diesem Gasthaus das Leben genommen worden sein, und ich könnte ein Jahr lang hier bleiben und am Ende genauso unwissend über sein Schicksal abreisen, als hätte ich die Schwelle nie überschritten. Was wissen wir von den Geheimnissen, die über den Häusern hängen mögen, die wir betreten? Wenn ich morgen in jenes alltägliche, plebejische Haus mit acht Zimmern gehen würde, in dem Maria Manning und ihr Mann ihren Gast ermordeten, hätte ich keine schreckliche Vorahnung dieses vergangenen Grauens. Üble Taten wurden unter den gastfreundlichsten Dächern vollbracht; schreckliche Verbrechen wurden inmitten der schönsten Szenen begangen und haben keine Spur an dem Ort hinterlassen, an dem sie begangen wurden. Ich glaube nicht an Alraunen oder an Blutflecken, die keine Zeit auslöschen kann. Ich glaube eher, dass wir unbewusst in einer Atmosphäre von Verbrechen wandeln und nicht weniger frei atmen. Ich glaube, dass wir in das lächelnde Gesicht eines Mörders blicken und seine ruhige Schönheit bewundern können.“

Meine Lady lachte über Roberts Ernsthaftigkeit.

„Sie scheinen einen ziemlichen Hang zur Erörterung dieser schrecklichen Themen zu haben“, sagte sie ziemlich verächtlich; „Sie hätten ein Kriminalpolizeibeamter werden sollen.“

„Ich denke manchmal, dass ich ein guter geworden wäre.“

„Warum?“

„Weil ich geduldig bin.“

„Aber zurück zu Mr. George Talboys, den wir bei Ihrer wortgewaltigen Diskussion aus den Augen verloren haben. Was, wenn Sie keine Antwort auf Ihre Anzeigen erhalten?“

„Dann werde ich mich für berechtigt halten, den Schluss zu ziehen, dass mein Freund tot ist.“

„Ja, und dann –?“

„Dann werde ich die Habe untersuchen, die er in meinen Räumen hinterlassen hat.“

„Tatsächlich! Und was ist das? Röcke, Westen, lackierte Stiefel und Meerschaumpfeifen, nehme ich an“, sagte Lady Audley lachend.

„Nein; Briefe – Briefe von seinen Freunden, seinen alten Schulkameraden, seinem Vater, seinen Kameraden beim Militär.“

„Ja?“

„Briefe auch von seiner Frau.“

Meine Lady schwieg einige Augenblicke und blickte nachdenklich in das Feuer.

„Haben Sie jemals einen der Briefe gesehen, die die verstorbene Mrs. Talboys geschrieben hat?“, fragte sie nach einer Weile.

„Niemals. Arme Seele! Ihre Briefe werden kaum viel Licht auf das Schicksal meines Freundes werfen. Ich wage zu behaupten, sie schrieb das übliche weibliche Gekritzel. Es gibt nur sehr wenige, die eine so bezaubernde und ungewöhnliche Handschrift haben wie Sie, Lady Audley.“

„Ach, Sie kennen meine Handschrift natürlich.“

„Ja, ich kenne sie in der Tat sehr gut.“

Meine Lady wärmte ihre Hände noch einmal, nahm dann den großen Muff, den sie auf einem Stuhl abgelegt hatte, und schickte sich an, aufzubrechen.

„Sie haben sich geweigert, meine Entschuldigung anzunehmen, Mr. Audley“, sagte sie; „aber ich hoffe, Sie sind dennoch von meinen Gefühlen Ihnen gegenüber überzeugt.“

„Vollkommen überzeugt, Lady Audley.“

„Dann auf Wiedersehen, und lassen Sie mich Ihnen empfehlen, nicht lange an diesem elenden, zugigen Ort zu bleiben, wenn Sie sich nicht einen Rheumatismus mit zurück nach Figtree Court nehmen wollen.“

„Ich werde morgen früh in die Stadt zurückkehren, um mich um meine Briefe zu kümmern.“

„Dann noch einmal auf Wiedersehen.“

Sie hielt ihm ihre Hand hin; er nahm sie locker in die seine. Es wirkte wie eine solch schwächliche kleine Hand, dass er sie mit seinem festen Griff hätte zerquetschen können, wenn er so unbarmherzig hätte sein wollen.

Er begleitete sie zu ihrer Kutsche und beobachtete sie, wie sie davonfuhr, nicht in Richtung Audley, sondern in Richtung Brentwood, das etwa sechs Meilen von Mount Stanning entfernt lag.

Etwa eineinhalb Stunden später, als Robert an der Tür des Gasthauses stand, eine Zigarre rauchte und dem Schnee zusah, der auf die weiß bedeckten Felder gegenüber fiel, sah er den Brougham zurückkehren, diesmal leer, bis vor die Tür des Gasthauses.

„Haben Sie Lady Audley zurück zum Court gebracht?“, sagte er zu dem Kutscher, der angehalten hatte, um nach einem Krug heißem gewürztem Bier zu fragen.

„Nein, mein Herr; ich komme gerade vom Bahnhof Brentwood. Meine Lady ist mit dem 12.40-Uhr-Zug nach London gefahren.“

„In die Stadt?“

„Ja, mein Herr.“

„Meine Lady ist nach London gefahren!“, sagte Robert, als er in das kleine Wohnzimmer zurückkehrte. „Dann werde ich ihr mit dem nächsten Zug folgen; und wenn ich mich nicht sehr irre, weiß ich, wo ich sie finden kann.“

Er packte seine Reisetasche, bezahlte seine Rechnung, band seine Hunde mit ein paar ledernen Halsbändern und einer Kette zusammen und stieg in die rumpelnde Mietkutsche, die das Castle Inn für die Bequemlichkeit von Mount Stanning bereithielt. Er erreichte einen Schnellzug, der um drei Uhr in Brentwood abfuhr, und machte es sich in einer Ecke eines leeren Erste-Klasse-Wagens bequem, in ein paar Reisedecken eingewickelt und, zum leichten Trotz der Autoritäten, eine Zigarre rauchend.

KAPITEL XIX.

DIE SCHRIFT IN DEM BUCH.

Es war genau fünf Minuten nach vier, als Mr. Robert Audley auf den Bahnsteig in Shoreditch trat und gelassen wartete, bis seine Hunde und seine Reisetasche dem diensthabenden Gepäckträger übergeben wurden, der sein Taxi gerufen und die allgemeine Führung seiner Angelegenheiten übernommen hatte, mit jener uneigennützigen Höflichkeit, die einer Klasse von Bediensteten, denen es untersagt ist, den Tribut eines dankbaren Publikums anzunehmen, so unendliche Ehre macht.

Robert Audley wartete mit vollendeter Geduld eine beträchtliche Zeit; aber da der Schnellzug im Allgemeinen ein langer Zug war und da es sehr viele Passagiere aus Norfolk gab, die Gewehre und Vorstehhunde und andere Utensilien kritischer Natur bei sich trugen, dauerte es lange, die Dinge zur Zufriedenheit aller Anspruchsteller zu regeln, und selbst die engelhafte Gleichgültigkeit des Barristers gegenüber weltlichen Angelegenheiten wich fast.

„Vielleicht, wenn jener Herr, der so viel Lärm um einen Vorstehhund mit leberfarbenen Flecken macht, den speziellen Vorstehhund und die Flecken entdeckt hat, die er sucht – was bei dieser glücklichen Zusammenkunft der Ereignisse kaum einzutreten scheint –, werden sie mir mein Gepäck geben und mich gehen lassen. Die niederträchtigen Kreaturen wussten auf den ersten Blick, dass ich dazu geboren bin, ausgenutzt zu werden; und wenn sie mich auf diesem Bahnsteig zu Tode trampeln würden, hätte ich niemals den Mut, eine Klage gegen die Gesellschaft einzureichen.“

Plötzlich schien ihm eine Idee zu kommen, und er überließ den Gepäckträger seinem Kampf um den Besitz seiner Waren und ging zur anderen Seite des Bahnhofs.

Er hörte eine Glocke läuten und, als er auf die Uhr sah, erinnerte er sich daran, dass der Zug nach Colchester um diese Zeit abfuhr. Seit dem Verschwinden von George Talboys hatte er gelernt, was es hieß, ein ernstes Ziel zu haben; und er erreichte den gegenüberliegenden Bahnsteig rechtzeitig, um zu sehen, wie die Passagiere ihre Plätze einnahmen.

Da war eine Dame, die offensichtlich erst gerade am Bahnhof angekommen war; denn sie eilte auf den Bahnsteig in genau dem Moment, als Robert sich dem Zug näherte, und rannte in ihrer Eile und Aufregung fast gegen jenen Herrn.

„Ich bitte um Verzeihung“, begann sie förmlich; dann hob sie ihre Augen von Mr. Audleys Weste, die sich etwa auf der Höhe ihres hübschen Gesichts befand, und rief aus: „Robert, Sie sind schon in London?“

„Ja, Lady Audley; Sie hatten vollkommen recht; das Castle Inn ist ein trostloser Ort, und –“

„Sie sind seiner überdrüssig geworden – ich wusste, dass Sie das würden. Bitte öffnen Sie die Wagentür für mich: der Zug fährt in zwei Minuten ab.“

Robert Audley betrachtete die Frau seines Onkels mit einem ziemlich verwirrten Gesichtsausdruck.

„Was bedeutet das?“, dachte er. „Sie ist ein vollkommen anderes Wesen als die elende, hilflose Kreatur, die vor vier Stunden in dem kleinen Zimmer in Mount Stanning für einen Moment ihre Maske fallen ließ und mich mit ihrem eigenen mitleiderregenden Gesicht ansah. Was ist geschehen, um diesen Wandel zu bewirken?“

Er öffnete die Tür für sie, während er dies dachte, und half ihr, sich auf ihrem Sitz zurechtzusetzen, breitete ihre Pelze über ihre Knie und ordnete den riesigen Samtmantel, in dem ihre schlanke kleine Gestalt fast verborgen war.

„Vielen Dank; wie gut Sie zu mir sind“, sagte sie, als er dies tat. „Sie werden mich für sehr töricht halten, an einem solchen Tag zu reisen, noch dazu ohne das Wissen meines lieben Lieblings; aber ich bin in die Stadt gefahren, um eine sehr schreckliche Hutmacherrechnung zu begleichen, die mein bester aller Ehemänner nicht sehen sollte; denn so nachsichtig er auch ist, er könnte mich für verschwenderisch halten; und ich kann es nicht ertragen, auch nur in seinen Gedanken zu leiden.“

„Der Himmel verhüte, dass Sie das jemals sollten, Lady Audley“, sagte Robert ernst.

Sie sah ihn für einen Moment mit einem Lächeln an, das etwas Herausforderndes in seiner Helligkeit hatte.

„Der Himmel verhüte es in der Tat“, murmelte sie. „Ich glaube nicht, dass ich das jemals werde.“

Die zweite Glocke läutete, und der Zug setzte sich in Bewegung, als sie sprach. Das Letzte, was Robert Audley von ihr sah, war dieses helle, herausfordernde Lächeln.

„Welches Ziel sie auch immer nach London geführt hat, es wurde erfolgreich erreicht“, dachte er. „Hat sie mich durch irgendein weibliches Gaukelspiel überlistet? Werde ich der Wahrheit niemals näherkommen, sondern mein Leben lang von vagen Zweifeln und elenden Verdächtigungen gepeinigt werden, die an mir nagen können, bis ich zum Monomanen werde? Warum kam sie nach London?“

Er stellte sich diese Frage noch immer in Gedanken, als er die Treppe im Figtree Court hinaufstieg, mit einem seiner Hunde unter jedem Arm und seinen Reisedecken über der Schulter.

Er fand seine Räume in ihrer gewohnten Ordnung vor. Die Geranien waren sorgfältig gepflegt worden und die Kanarienvögel hatten sich für die Nacht unter der Abdeckung aus grünem Tuch zurückgezogen, was von der Sorgfalt der ehrlichen Mrs. Maloney zeugte. Robert warf einen flüchtigen Blick durch das Wohnzimmer; dann setzte er die Hunde auf den Kaminvorleger und ging geradewegs in das kleine innere Gemach, das ihm als Ankleidezimmer diente.

Es war in diesem Raum, dass er ausrangierte Reisetaschen, verbeulte Lackkoffer und anderen Plunder aufbewahrte; und es war in diesem Raum, dass George Talboys sein Gepäck gelassen hatte. Robert hob eine Reisetasche von einem großen Koffer und kniete davor, mit einer brennenden Kerze in der Hand, und untersuchte sorgfältig das Schloss.

Dem Anschein nach war es in genau demselben Zustand, in dem George es hinterlassen hatte, als er seine Trauerkleidung ablegte und sie zusammen mit allen anderen Andenken an seine verstorbene Frau in diesem schäbigen Aufbewahrungsort platzierte. Robert bürstete mit seinem Ärmel über den abgenutzten, mit Leder überzogenen Deckel, auf dem die Initialen G. T. mit großen Messingnägeln eingeschlagen waren; aber Mrs. Maloney, die Wäscherin, musste die genaueste aller Hausfrauen gewesen sein, denn weder die Reisetasche noch der Koffer waren staubig.

Mr. Audley schickte einen Jungen aus, um seine irische Bedienung zu holen, und schritt in seinem Wohnzimmer auf und ab, während er ungeduldig auf ihre Ankunft wartete.

Sie kam nach etwa zehn Minuten herein und wartete, nachdem sie ihre Freude über die Rückkehr des „Masters“ zum Ausdruck gebracht hatte, demütig auf seine Befehle.

„Ich habe nur nach Ihnen geschickt, um zu fragen, ob jemand hier war; das heißt, ob sich heute jemand bei Ihnen nach dem Schlüssel meiner Räume erkundigt hat – irgendeine Dame?“

„Eine Dame? Nein, in der Tat, Euer Ehren; es war keine Dame wegen des Schlüssels da; außer es wäre der Schmied gewesen.“

„Der Schmied!“

„Ja; der Schmied, dem Euer Ehren befohlen hat, heute zu kommen.“

„Ich habe einem Schmied befohlen!“ rief Robert aus. „Ich habe eine Flasche französischen Weinbrand im Schrank gelassen“, dachte er, „und Mrs. M. hat sich offensichtlich amüsiert.“

„Sicher, und der Schmied, dem Euer Ehren gesagt hat, er solle nach den Schlössern sehen“, antwortete Mrs. Maloney. „Es ist derjenige, der in einer der kleinen Straßen an der Brücke wohnt“, fügte sie hinzu und gab eine sehr klare Beschreibung des Aufenthaltsortes des Mannes.

Robert hob die Augenbrauen in stummer Verzweiflung.

„Wenn Sie sich setzen und sich beruhigen würden, Mrs. M.“, sagte er – er kürzte ihren Namen aus Prinzip so ab, um unnötige Arbeit zu vermeiden –, „werden wir uns vielleicht nach und nach verstehen können. Sie sagen, ein Schmied war hier?“

„Sicher habe ich das, Sir.“

„Heute?“

„Ganz genau, Sir.“

Schritt für Schritt entlockte Mr. Audley ihr die folgende Information: Ein Schlosser hatte Mrs. Maloney an jenem Nachmittag um drei Uhr aufgesucht und nach dem Schlüssel zu Mr. Audleys Räumen gefragt, damit er nach den Schlössern der Türen sehen könne, die, wie er behauptete, alle reparaturbedürftig seien. Er erklärte, dass er auf Mr. Audleys eigenen Befehl hin handle, der ihm durch einen Brief vom Land übermittelt worden sei, wo der Herr seine Weihnachtsfeiertage verbringe. Mrs. Maloney, die der Wahrheit dieser Aussage glaubte, hatte den Mann in die Räume gelassen, wo er etwa eine halbe Stunde blieb.

„Aber Sie waren bei ihm, während er die Schlösser untersuchte, nehme ich an?“, fragte Mr. Audley.

„Sicher war ich das, Sir, rein und raus, wie man so sagt, die ganze Zeit, denn ich habe diesen Nachmittag die Treppe geputzt, und ich habe die Gelegenheit genutzt, mit dem Scheuern zu beginnen, während der Mann bei der Arbeit war.“

„Oh, Sie waren die ganze Zeit rein und raus. Wenn Sie mir freundlicherweise eine direkte Antwort geben könnten, Mrs. M., wäre ich froh zu wissen, was die längste Zeit war, die Sie draußen waren, während der Schlosser in meinen Räumen war?“

Aber Mrs. Maloney konnte keine direkte Antwort geben. Es könnten zehn Minuten gewesen sein; obwohl sie nicht glaubte, dass es so viel war. Es könnte eine Viertelstunde gewesen sein; aber sie war sicher, dass es nicht mehr war. Es schien ihr nicht mehr als fünf Minuten gewesen zu sein, aber „diese Treppen, Euer Ehren“; und hier verlor sie sich in eine Abhandlung über das Scheuern von Treppen im Allgemeinen und der Treppe vor Roberts Räumen im Besonderen.

Mr. Audley seufzte den müden Seufzer wehmütiger Resignation.

„Schon gut, Mrs. M.“, sagte er; „der Schlosser hatte genug Zeit, alles zu tun, was er tun wollte, da bin ich mir sicher, ohne dass Sie etwas davon gemerkt haben.“

Mrs. Maloney starrte ihren Arbeitgeber mit einer Mischung aus Überraschung und Alarm an.

„Sicher gab es nichts für ihn zu stehlen, Euer Ehren, außer den Vögeln und den Geranien, und –“

„Nein, nein, ich verstehe. Da, das reicht, Mrs. M. Sagen Sie mir, wo der Mann wohnt, und ich werde hingehen und ihn aufsuchen.“

„Aber Sie werden doch erst eine Kleinigkeit essen, Sir?“

„Ich werde den Schlosser aufsuchen, bevor ich esse.“

Er nahm seinen Hut, als er seine Entschlossenheit verkündete, und ging auf die Tür zu.

„Die Adresse des Mannes, Mrs. M.?“

Die Irin wies ihn zu einer kleinen Straße hinter der St. Bride's Church, und dorthin schlenderte Mr. Robert Audley ruhig durch den schlammigen Matsch, den einfache Londoner Schnee nennen.

Er fand den Schlosser und brachte es unter dem Opfer der Krone seines Hutes fertig, durch die niedrige, schmale Türöffnung eines kleinen offenen Ladens einzutreten. Ein Gasstrahl flackerte in dem fensterlosen Schaufenster, und es gab eine sehr fröhliche Gesellschaft in dem kleinen Raum hinter dem Laden; aber niemand reagierte auf Roberts „Hallo!“. Der Grund dafür war hinreichend offensichtlich. Die fröhliche Gesellschaft war so sehr in ihre eigene Heiterkeit vertieft, dass sie taub für alle gewöhnlichen Rufe aus der Außenwelt war; und erst als Robert, weiter in den höhlenartigen kleinen Laden vordringend, so kühn war, die halbverglaste Tür zu öffnen, die ihn von den Feiernden trennte, gelang es ihm, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.

Ein sehr fröhliches Bild der Teniers-Schule bot sich Mr. Robert Audley beim Öffnen dieser Tür.

Der Schlosser, mit seiner Frau und Familie und zwei oder drei dazugestoßenen weiblichen Wesen, saß um einen Tisch gruppiert, der mit zwei Flaschen geschmückt war; keinen vulgären Flaschen jenes farblosen Extrakts der Wacholderbeere, der bei den Massen sehr beliebt war; sondern echtem Port und Sherry – grimmig starkem Sherry, der einen feurigen Geschmack im Mund hinterließ, nussbraunem Sherry – eher unnatürlich braun, wenn überhaupt – und feinem altem Port; keinem kränklichen Jahrgang, der vor übermäßigem Alter verblasst und dünn war: sondern einem reichen, körperreichen Wein, süß und gehaltvoll und von hoher Farbe.

Der Schlosser sprach gerade, als Robert Audley die Tür öffnete.

„Und damit“, sagte er, „lief sie davon, so graziös wie man es sich nur wünschen kann.“

Die ganze Gesellschaft war durch das Erscheinen von Mr. Audley in Verwirrung gestürzt, aber es war zu bemerken, dass der Schlosser mehr verlegen war als seine Gefährten. Er stellte sein Glas so hastig ab, dass er seinen Wein verschüttete, und wischte sich nervös mit dem Handrücken seiner schmutzigen Hand über den Mund.

„Sie waren heute in meinen Räumen“, sagte Robert ruhig. „Lassen Sie sich nicht stören, meine Damen.“ Dies an die Dazugekommenen. „Sie waren heute in meinen Räumen, Mr. White, und –“

Der Mann unterbrach ihn.

„Ich hoffe, Sir, Sie sind so gütig, den Fehler zu übersehen“, stammelte er. „Ich bin sicher, Sir, es tut mir sehr leid, dass es passiert ist. Ich wurde zu den Räumen eines anderen Herrn gerufen, Mr. Aulwin, im Garden Court; und der Name entfiel meinem Gedächtnis; und da ich schon früher kleine Arbeiten für Sie erledigt habe, dachte ich, Sie müssten es sein, der mich heute brauchte; und ich habe bei Mrs. Maloney nach dem Schlüssel gefragt; aber sobald ich die Schlösser in Ihren Räumen sah, sagte ich mir, die Schlösser des Herrn sind nicht defekt; der Herr will nicht alle seine Schlösser repariert haben.“

„Aber Sie blieben eine halbe Stunde.“

„Ja, Sir; denn es war ein Schloss defekt – die Tür am nächsten zur Treppe – und ich habe es abgenommen und gereinigt und wieder angebracht. Ich werde Ihnen für die Arbeit nichts berechnen, und ich hoffe, Sie sind so gütig, den Fehler zu übersehen, der da passiert ist, denn ich bin seit dreizehn Jahren im Geschäft, bis Juli –“

„So etwas ist noch nie zuvor passiert, nehme ich an“, sagte Robert ernst. „Nein, es ist eine durchaus eigenartige Art von Geschäft, die nicht jeden Tag vorkommt. Sie haben sich heute Abend amüsiert, wie ich sehe, Mr. White. Sie haben heute ein gutes Stück Arbeit geleistet, das wette ich – einen glücklichen Treffer gelandet, und Sie geben einen aus, was, eh?“

Robert Audley blickte dem Mann direkt in das schmutzige Gesicht, als er sprach. Der Schlosser war kein schlecht aussehender Kerl, und es gab nichts, wessen er sich in seinem Gesicht hätte schämen müssen, außer dem Schmutz, und das, wie Hamlets Mutter sagt, „ist gewöhnlich“; aber trotz alledem sanken Mr. Whites Augenlider unter der ruhigen Prüfung des jungen Barristers, und er stammelte irgendeine entschuldigende Art von Rede über seine „Missus“ und die Nachbarn seiner Missus und Portwein und Sherry, mit so viel Verwirrung, als ob er, ein ehrlicher Handwerker in einem freien Land, sich vor Robert Audley dafür rechtfertigen müsste, dabei erwischt worden zu sein, wie er sich in seinem eigenen Wohnzimmer amüsierte.

Robert schnitt ihn mit einem gleichgültigen Nicken ab.

„Bitte entschuldigen Sie sich nicht“, sagte er; „ich sehe gerne, wenn sich Leute amüsieren. Gute Nacht, Mr. White, gute Nacht, meine Damen.“

Er hob seinen Hut vor der „Missus“ und den Nachbarn der Missus, die von seiner leichten Art und seinem gutaussehenden Gesicht sehr fasziniert waren, und verließ den Laden.

„Und so“, murmelte er vor sich hin, als er zu seinen Räumen zurückkehrte, „‚mit dem lief sie davon, so graziös wie man es sich nur wünschen kann.‘ Wer war es, der davonlief; und was war die Geschichte, die der Schlosser erzählte, als ich ihn bei diesem Satz unterbrach? Oh, George Talboys, George Talboys, werde ich dem Geheimnis deines Schicksals jemals näherkommen? Komme ich ihm jetzt näher, langsam, aber sicher? Soll der Radius Tag für Tag enger werden, bis er einen dunklen Kreis um das Heim derer zieht, die ich liebe? Wie soll das alles enden?“

Er seufzte müde, als er langsam über die gepflasterten Quadrate im Temple zu seinen eigenen einsamen Räumen zurückging.

Mrs. Maloney hatte ihm jenes Junggesellen-Abendessen bereitet, das, so exzellent und nahrhaft es an sich auch sein mochte, keinen Anspruch auf den besonderen Charme der Neuheit hatte. Sie hatte für ihn ein Hammelkotelett gebraten, das zwischen zwei Tellern auf dem kleinen Tisch nahe dem Feuer vor sich hin nässte.

Robert Audley seufzte, als er sich zu der vertrauten Mahlzeit setzte, und erinnerte sich an den Koch seines Onkels mit einer innigen, bedauernden Trauer.

„Ihre Koteletts à la Maintenon ließen Hammel mehr als Hammel erscheinen; ein sublimiertes Fleisch, das kaum auf irgendeinem weltlichen Schaf gewachsen sein konnte“, murmelte er sentimental, „und Mrs. Maloneys Koteletts sind dazu geneigt, zäh zu sein; aber so ist das Leben – was macht das schon?“

Er schob seinen Teller ungeduldig beiseite, nachdem er ein paar Bissen gegessen hatte.

„Ich habe nie wieder ein gutes Abendessen an diesem Tisch gegessen, seit ich George Talboys verloren habe“, sagte er. „Der Ort scheint so düster, als wäre der arme Kerl im nächsten Zimmer gestorben und niemals fortgebracht worden, um beerdigt zu werden. Wie lange liegt dieser Septembernachmittag zurück, wenn ich darauf zurückblicke – jener Septembernachmittag, an dem ich mich von ihm verabschiedete, lebendig und wohlauf; und ihn so plötzlich und unerklärlich verlor, als ob sich eine Falltür im festen Boden geöffnet hätte und ihn durchgelassen hätte bis zu den Antipoden!“

Mr. Audley erhob sich vom Esstisch und ging hinüber zu dem Schrank, in dem er das Dokument aufbewahrte, das er über George Talboys verfasst hatte. Er schloss die Türen seines Schranks auf, nahm das Papier aus dem Fach, das mit „wichtig“ beschriftet war, und setzte sich an seinen Schreibtisch, um zu schreiben. Er fügte mehrere Absätze zu denen im Dokument hinzu und nummerierte die neuen Absätze genauso sorgfältig, wie er die alten nummeriert hatte.

„Der Himmel stehe uns allen bei“, murmelte er einmal; „soll dieses Papier, an dem kein Anwalt irgendeine Hand angelegt hat, mein erstes Plädoyer sein?“

Er schrieb etwa eine halbe Stunde, legte dann das Dokument in das Fach zurück und schloss den Schrank ab. Als er dies getan hatte, nahm er eine Kerze in die Hand und ging in den Raum, in dem sich seine eigenen Reisetaschen und der Koffer von George Talboys befanden.

Er nahm einen Schlüsselbund aus seiner Tasche und probierte sie einen nach dem anderen aus. Das Schloss des schäbigen alten Koffers war ein gewöhnliches, und beim fünften Versuch ließ sich der Schlüssel leicht drehen.

„Es gäbe für niemanden einen Grund, ein solches Schloss aufzubrechen“, murmelte Robert, als er den Deckel des Koffers hob.

Er leerte ihn langsam von seinem Inhalt, nahm jeden Gegenstand einzeln heraus und legte ihn vorsichtig auf einen Stuhl an seiner Seite. Er behandelte die Dinge mit einer respektvollen Zärtlichkeit, als hätte er den toten Körper seines verlorenen Freundes gehoben. Einen nach dem anderen legte er die sauber gefalteten Trauerkleidungsstücke auf den Stuhl. Er fand alte Meerschaumpfeifen und schmutzige, zerknitterte Handschuhe, die einst frisch vom Pariser Hersteller gekommen waren; alte Theaterzettel, deren größte Buchstaben die Namen von Schauspielern buchstabierten, die längst tot und vergessen waren; alte Parfümflaschen, duftend nach Essenzen, deren Mode vergangen war; ordentliche kleine Päckchen mit Briefen, jedes sorgfältig mit dem Namen des Schreibers versehen; Fragmente alter Zeitungen; und einen kleinen Haufen schäbiger, zerfallener Bücher, von denen jedes in Robert unvorsichtiger Hand in so viele Teile zerfiel wie ein Kartenspiel. Doch inmitten all der Masse an wertlosem Tand, von dem jedes Stück einst seinen eigenen Zweck gehabt hatte, suchte Robert Audley vergeblich nach dem, was er wollte – das Briefbündel, das die verstorbene Ehefrau Helen Talboys dem verschwundenen Mann geschrieben hatte. Er hatte George mehr als einmal auf die Existenz dieser Briefe anspielen hören. Er hatte ihn einmal dabei beobachtet, wie er die verblassten Papiere mit ehrfürchtiger Hand sortierte; und er hatte gesehen, wie er sie, sorgfältig mit einem verblassten Band zusammengebunden, das einst Helen gehört hatte, wieder zwischen die Trauerkleider im Koffer legte. Ob er sie später entfernt hatte oder ob sie seit seinem Verschwinden von anderer Hand entfernt worden waren, war schwer zu sagen; doch sie waren fort.

Robert Audley seufzte müde, als er die Dinge wieder in die leere Kiste zurücklegte, eines nach dem anderen, so wie er sie herausgenommen hatte. Er hielt mit dem kleinen Haufen zerfetzter Bücher in der Hand inne und zögerte einen Moment.

„Ich werde diese hier behalten“, murmelte er, „vielleicht ist in einem von ihnen etwas, das mir weiterhilft.“

Georges Bibliothek war keine sehr glänzende Literatursammlung. Da waren ein altes griechisches Testament und die Eton Latin Grammar; ein französisches Pamphlet über die Säbelübungen der Kavallerie; ein einzelner Band von Tom Jones, dessen eine Hälfte des steifen Ledereinbands nur noch an einem Faden hing; Byrons Don Juan, gedruckt in einer mörderischen Schrift, die wohl zum besonderen Vorteil von Augenärzten und Optikern erfunden worden sein musste; und ein dickes Buch in einem verblassten gold- und karmesinroten Einband.

Robert Audley schloss den Koffer ab und nahm die Bücher unter den Arm. Mrs. Maloney räumte gerade die Überreste seiner Mahlzeit ab, als er in das Wohnzimmer zurückkehrte. Er legte die Bücher beiseite auf einen kleinen Tisch in einer Ecke des Kamins und wartete geduldig, bis die Wäscherin ihre Arbeit beendet hatte. Er war nicht einmal für seinen Meerschaum-Tröster in Stimmung; die gelbblättrigen Romane in den Regalen über seinem Kopf erschienen ihm schal und nutzlos – er schlug einen Band von Balzac auf, doch die goldenen Locken der Frau seines Onkels tanzten und zitterten in einem glitzernden Dunst, gleichermaßen über der metaphysischen Teufelei des Peau de Chagrin wie über den scheußlichen sozialen Schrecken der „Cousine Bette“. Der Band entglitt seiner Hand, und er saß müde da und beobachtete Mrs. Maloney, wie sie die Asche auf dem Herd zusammenkehrte, das Feuer auffüllte, die dunklen Damastvorhänge zuzog, die einfachen Bedürfnisse der Kanarienvögel stillte und im stillgelegten Büro des Angestellten ihre Haube aufsetzte, bevor sie sich von ihrem Arbeitgeber verabschiedete. Als die Tür hinter der Irin ins Schloss fiel, erhob er sich ungeduldig von seinem Stuhl und schritt im Zimmer auf und ab.

„Warum mache ich damit weiter“, sagte er, „wenn ich weiß, dass es mich Schritt für Schritt, Tag für Tag, Stunde für Stunde näher zu jenem Schluss führt, den ich von allen anderen vermeiden sollte? Bin ich an ein Rad gefesselt, und muss ich jede seiner Umdrehungen mitmachen, wohin es mich auch trägt? Oder kann ich mich heute Abend hier hinsetzen und sagen, ich habe meine Pflicht gegenüber meinem verschwundenen Freund erfüllt, ich habe geduldig nach ihm gesucht, aber ich habe vergeblich gesucht? Wäre ich gerechtfertigt, dies zu tun? Wäre ich gerechtfertigt, die Kette, die ich langsam Glied für Glied zusammengefügt habe, an diesem Punkt fallen zu lassen, oder muss ich fortfahren, weitere Glieder an diese verhängnisvolle Kette zu fügen, bis die letzte Niete an ihrem Platz sitzt und der Kreis geschlossen ist? Ich denke und glaube, dass ich das Gesicht meines Freundes nie wieder sehen werde; und dass keine meiner Anstrengungen ihm jemals von Nutzen sein kann. In klareren, grausameren Worten: Ich glaube, er ist tot. Bin ich verpflichtet herauszufinden, wie und wo er starb? Oder soll ich, da ich mich, wie ich glaube, auf dem Weg zu dieser Entdeckung befinde, dem Andenken an George Talboys Unrecht tun, indem ich umkehre oder stehen bleibe? Was soll ich tun? – was soll ich tun?“

Er stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Der eine Zweck, der in seinem gleichgültigen Wesen langsam gewachsen war, bis er mächtig genug wurde, eine Veränderung in eben diesem Wesen zu bewirken, machte ihn zu dem, was er zuvor nie gewesen war – ein Christ; bewusst seiner eigenen Schwäche; bestrebt, auf der strikten Linie der Pflicht zu bleiben; furchtsam, von der gewissenhaften Erfüllung der seltsamen Aufgabe abzuweichen, die ihm auferlegt worden war; und darauf vertrauend, dass eine stärkere Hand als seine eigene ihm den Weg weist, den er gehen sollte. Vielleicht sprach er in jener Nacht sein erstes ernstes Gebet, als er an seinem einsamen Kamin saß und an George Talboys dachte. Als er den Kopf aus dieser langen und stillen Träumerei hob, hatten seine Augen einen hellen, entschlossenen Blick, und jedes Merkmal in seinem Gesicht schien einen neuen Ausdruck zu tragen.

„Zuerst Gerechtigkeit für die Toten“, sagte er; „danach Gnade für die Lebenden.“

Er rollte seinen Lehnsessel an den Tisch, richtete die Lampe und machte sich an die Untersuchung der Bücher.

Er nahm sie eines nach dem anderen zur Hand und sah sie sorgfältig durch, wobei er zuerst auf die Seite blickte, auf der gewöhnlich der Name des Eigentümers steht, und dann nach jedem Stück Papier suchte, das in den Blättern zurückgeblieben sein könnte. Auf der ersten Seite der Eton Latin Grammar war der Name Master Talboys in einer gestochenen, schulmeisterlichen Handschrift geschrieben; das französische Pamphlet hatte ein nachlässiges G.T. mit Bleistift auf dem Umschlag, in Georges großer, schlampiger Kalligrafie: der Tom Jones war offensichtlich an einem Bücherstand gekauft worden und trug eine Inschrift, datiert vom 14. März 1788, die besagte, dass das Buch ein Zeichen des Respekts für Mr. Thos. Scrowton von seinem gehorsamen Diener James Anderley sei; der Don Juan und das Testament waren leer. Robert Audley atmete freier; er war beim vorletzten Buch angelangt, ohne irgendein Ergebnis, und es blieb nur noch der dicke, gold- und karmesinrot gebundene Band zu untersuchen, bevor seine Aufgabe beendet war.

Es war ein Jahrbuch aus dem Jahr 1845. Die Kupferstiche reizender Damen, die in jener Zeit geblüht hatten, waren gelb und mit Schimmel gefleckt; die Kostüme grotesk und fremdartig; die lächelnden Schönheiten verblasst und alltäglich. Selbst die kleinen Verssammlungen (in denen die schwache Kerze des Dichters ihr kränkliches Licht auf die Unklarheiten der Bedeutung des Künstlers warf) hatten einen altmodischen Beiklang; wie Musik auf einer Leier, deren Saiten durch die Feuchtigkeit der Zeit erschlafft sind. Robert Audley blieb nicht stehen, um eine der milden Produktionen zu lesen. Er überflog die Seiten rasch auf der Suche nach einer Notiz oder einem Briefstück, das als Lesezeichen gedient haben könnte. Er fand nichts außer einer hellen Locke aus goldenem Haar, von jenem glitzernden Farbton, der so selten zu sehen ist, außer auf dem Kopf eines Kindes – eine sonnige Locke, die sich so natürlich kräuselte wie die Ranke eines Weinstocks; und die in ihrer Beschaffenheit, wenn nicht in ihrem Farbton, ganz anders war als die weichen, glatten Strähnen, die die Zimmerwirtin in Ventnor George Talboys nach dem Tod seiner Frau gegeben hatte. Robert Audley unterbrach seine Untersuchung des Buches und faltete diese gelbe Locke in ein Blatt Briefpapier, das er mit seinem Siegelring versiegelte und beiseite legte, zusammen mit dem Vermerk über George Talboys und Alicias Brief, in das mit „Wichtig“ beschriftete Fach. Er wollte das dicke Jahrbuch gerade wieder zu den anderen Büchern stellen, als er entdeckte, dass die beiden leeren Blätter am Anfang zusammengeklebt waren. Er war so entschlossen, seine Suche bis zum Äußersten fortzusetzen, dass er sich die Mühe machte, diese Blätter mit dem scharfen Ende seines Papiermessers zu trennen, und er wurde für seine Ausdauer belohnt, indem er auf einem von ihnen eine Inschrift fand. Diese Inschrift bestand aus drei Teilen und war in drei verschiedenen Händen geschrieben. Der erste Absatz war auf das Jahr zurückdatiert, in dem das Jahrbuch veröffentlicht worden war, und besagte, dass das Buch Eigentum einer gewissen Miss Elizabeth Ann Bince sei, die den kostbaren Band als Belohnung für Ordnungsliebe und Gehorsam gegenüber den Autoritäten des Camford House Seminary, Torquay, erhalten hatte. Der zweite Absatz war fünf Jahre später datiert und stammte aus der Hand von Miss Bince selbst, die das Buch als Zeichen unvergänglicher Zuneigung und verblassender Wertschätzung (Miss Bince war offensichtlich von romantischem Temperament) ihrer geliebten Freundin Helen Maldon schenkte. Der dritte Absatz war auf September 1853 datiert und stammte aus der Hand von Helen Maldon, die das Jahrbuch George Talboys gab; und beim Anblick dieses dritten Absatzes veränderte sich das Gesicht von Mr. Robert Audley von seinem natürlichen Farbton zu einer kränklichen, bleiernen Blässe.

„Ich dachte, es würde so sein“, sagte der junge Mann und schloss das Buch mit einem müden Seufzer. „Gott weiß, ich war auf das Schlimmste gefasst, und das Schlimmste ist eingetreten. Ich kann jetzt alles verstehen. Mein nächster Besuch muss in Southampton sein. Ich muss den Jungen in bessere Hände geben.“

KAPITEL XX.

MRS. PLOWSON.

Unter dem Briefbündel, das Robert Audley in Georges Koffer gefunden hatte, befand sich eines, das mit dem Namen des Vaters des vermissten Mannes beschriftet war – des Vaters, der nie ein allzu nachsichtiger Freund für seinen jüngeren Sohn gewesen war und der die Ausrede, die Georges unkluge Heirat bot, gerne genutzt hatte, um den jungen Mann sich selbst zu überlassen. Robert Audley hatte Mr. Harcourt Talboys nie gesehen; aber Georges beiläufige Erzählungen über seinen Vater hatten seinem Freund eine gewisse Vorstellung vom Charakter dieses Herrn vermittelt. Er hatte Mr. Talboys unmittelbar nach dem Verschwinden von George geschrieben und seinen Brief sorgfältig formuliert, in dem er vage die Furcht des Schreibers vor einem unsauberen Spiel in dieser mysteriösen Angelegenheit andeutete; und nach Ablauf mehrerer Wochen hatte er ein formelles Schreiben erhalten, in dem Mr. Harcourt Talboys ausdrücklich erklärte, dass er sich am Hochzeitstag des jungen Mannes von jeglicher Verantwortung für die Angelegenheiten seines Sohnes George losgesagt habe; und dass sein absurdes Verschwinden nur seinem unsinnigen Heiratsprojekt entspräche. Der Verfasser dieses väterlichen Briefes fügte in einem Postskriptum hinzu, dass, falls George Talboys irgendeine niederträchtige Absicht hege, seine Freunde durch dieses angebliche Verschwinden zu beunruhigen und dadurch mit Blick auf finanziellen Vorteil mit ihren Gefühlen zu spielen, er sich im Charakter der Personen, mit denen er es zu tun habe, aufs Gröbste täusche.

Robert Audley hatte diesen Brief mit ein paar empörten Zeilen beantwortet, in denen er Mr. Talboys mitteilte, dass sein Sohn kaum dazu neige, sich zur Förderung irgendeines tiefgreifenden Plans auf die Taschen seiner Verwandten zu verstecken, da er zum Zeitpunkt seines Verschwindens zwanzigtausend Pfund auf dem Konto seiner Bankiers hinterlassen habe. Nachdem er diesen Brief abgeschickt hatte, hatte Robert jeden Gedanken an Unterstützung von dem Mann aufgegeben, der im natürlichen Lauf der Dinge am meisten an Georges Schicksal hätte interessiert sein sollen; aber jetzt, da er feststellte, dass er jeden Tag einen Schritt näher an das Ende rückte, das so dunkel vor ihm lag, kehrte sein Geist zu diesem herzlos gleichgültigen Mr. Harcourt Talboys zurück.

„Ich werde nach Southampton nach Dorsetshire fahren“, sagte er, „und diesen Mann aufsuchen. Wenn er damit zufrieden ist, das Schicksal seines Sohnes für alle, die ihn kannten, zu einem dunklen und grausamen Geheimnis zu machen – wenn er zufrieden damit ist, bis zuletzt ungewiss über das Ende dieses armen Kerls ins Grab zu gehen –, warum sollte ich dann versuchen, den verwickelten Faden zu entwirren, die Teile des schrecklichen Puzzles zusammenzusetzen und die verstreuten Fragmente zu sammeln, die, wenn sie gesammelt sind, ein solch scheußliches Ganzes ergeben könnten? Ich werde zu ihm gehen und ihm meine dunkelsten Zweifel offen darlegen. Es wird an ihm liegen zu sagen, was ich tun soll.“

Robert Audley startete mit einem frühen Schnellzug nach Southampton. Der Schnee lag dick und weiß auf der angenehmen Landschaft, durch die er fuhr; und der junge Barrister hatte sich in so viele Schals und Reisedecken eingewickelt, dass er eher wie ein umherwandelndes Bündel Wollwaren wirkte als wie ein lebendes Mitglied eines gelehrten Berufsstandes. Er blickte düster aus dem beschlagenen Fenster, das durch den Atem von ihm selbst und einem älteren indischen Offizier, der sein einziger Begleiter war, undurchsichtig war, und beobachtete die flüchtige Landschaft, die in ihrem Schneeleichentuch eine gewisse geisterhafte Erscheinung hatte. Er hüllte sich mit einem verdrießlichen Schaudern in die riesigen Falten seiner Reisedecke und war geneigt, sich über das Schicksal zu ärgern, das ihn zwang, an einem erbarmungslosen Wintertag mit einem frühen Zug zu reisen.

„Wer hätte gedacht, dass ich den Kerl so ins Herz schließen könnte“, murmelte er, „oder mich ohne ihn so einsam fühlen würde? Ich habe ein komfortables kleines Vermögen in den Three-per-Cents; ich bin mutmaßlicher Erbe des Titels meines Onkels; und ich kenne ein gewisses liebes kleines Mädchen, von dem ich glaube, dass sie ihr Bestes tun würde, um mich glücklich zu machen; aber ich erkläre, dass ich morgen alles freiwillig aufgeben und mittellos in der Welt stehen würde, wenn dieses Geheimnis zufriedenstellend geklärt werden könnte und George Talboys an meiner Seite stehen könnte.“

Er erreichte Southampton zwischen elf und zwölf Uhr und ging mit dem Schnee, der ihm ins Gesicht trieb, über den Bahnsteig in Richtung Pier und zum unteren Teil der Stadt. Die Uhr der St. Michael's Church schlug zwölf, als er den eigenartigen alten Platz überquerte, auf dem dieses Gebäude steht, und er tastete sich seinen Weg durch die engen Straßen, die zum Wasser hinunterführten.

Mr. Maldon hatte seine schlampigen Hausgötter in einer jener trostlosen Durchgangsstraßen aufgestellt, die spekulative Bauherren gerne auf irgendeinem elenden Stück Ödland an den Rändern einer wohlhabenden Stadt errichten. Brigsome's Terrace war vielleicht einer der trostlosesten Gebäudeblöcke, die jemals aus Ziegel und Mörtel zusammengesetzt wurden, seit der erste Maurer seine Kelle führte und der erste Architekt seinen Plan zeichnete. Der Bauunternehmer, der auf die zehn trostlosen Gefängnishäuser mit acht Zimmern spekuliert hatte, hatte sich hinter der Wohnzimmertür einer benachbarten Taverne erhängt, während die Rohbauten noch unfertig waren. Der Mann, der die Ziegel- und Mörtelskelette gekauft hatte, war durch das Insolvenzgericht gegangen, während die Tapezierer in Brigsome's Terrace noch beschäftigt waren, und hatte seine Decken und sich selbst gleichzeitig gekalkt. Pech und Zahlungsunfähigkeit klebten an den elenden Wohnstätten. Der Gerichtsvollzieher und der Mann des Maklers waren den lärmenden Kindern, die auf dem Ödland vor den Wohnzimmerfenstern spielten, genauso bekannt wie der Metzger und der Bäcker. Zahlungsfähige Mieter wurden zu unheiligen Zeiten durch den Lärm geisterhafter Möbelwagen gestört, die verstohlen in der mondlosen Nacht davonkrochen. Zahlungsunfähige Mieter trotzten offen dem Sammler der Wassergebühren aus ihren Festungen mit zehn Zimmern und existierten wochenlang ohne sichtbare Mittel, um diese notwendige Flüssigkeit zu beschaffen.

Robert Audley blickte mit einem Schaudern um sich, als er vom Wasser her in diese armselige Gegend abbog. Ein Kinderbegräbnis verließ eines der Häuser, als er sich näherte, und er dachte mit einem Schauer des Entsetzens, dass er, wenn der kleine Sarg Georges Sohn enthalten hätte, in gewisser Weise für den Tod des Jungen verantwortlich gewesen wäre.

„Das arme Kind soll keine weitere Nacht in dieser elenden Hütte schlafen“, dachte er, als er an die Tür von Mr. Maldons Haus klopfte. „Er ist das Vermächtnis meines besten Freundes, und es soll meine Aufgabe sein, seine Sicherheit zu gewährleisten.“

Ein schludriges Dienstmädchen öffnete die Tür und blickte Mr. Audley ziemlich misstrauisch an, als sie ihn, sehr durch die Nase sprechend, fragte, was er wohl zu wünschen habe. Die Tür des kleinen Wohnzimmers stand einen Spalt breit offen, und Robert konnte das Klappern von Messern und Gabeln sowie die kindliche Stimme des kleinen George hören, der fröhlich plapperte. Er sagte dem Dienstmädchen, dass er aus London gekommen sei, dass er Master Talboys sehen wolle und dass er sich selbst ankündigen werde; und ohne weiteres Zeremoniell an ihr vorbeigehend, öffnete er die Tür des Wohnzimmers. Das Mädchen starrte ihn entsetzt an, als er dies tat; und als wäre sie von einer plötzlichen und schrecklichen Überzeugung getroffen, warf sie ihre Schürze über den Kopf und rannte hinaus in den Schnee. Sie flitzte über das Ödland, stürzte in eine enge Gasse und holte erst wieder Atem, als sie sich auf der Schwelle einer gewissen Taverne namens Coach and Horses befand, die von Mr. Maldon sehr geschätzt wurde. Die treue Dienerin des Leutnants hatte Robert Audley für einen neuen und entschlossenen Sammler von Armensteuern gehalten – und die Erklärung des Herrn als kunstvolle Fiktion abgetan, die zur Zerstörung von Steuerzahlern erdacht worden war – und war geeilt, um ihrem Herrn rechtzeitig vor der Ankunft des Feindes zu warnen.

Als Robert das Wohnzimmer betrat, war er überrascht, den kleinen George gegenüber einer Frau sitzen zu sehen, die die Ehren eines schäbigen Mahls erwies, das auf einer schmutzigen Tischdecke ausgebreitet und von einem zinnernen Biermaß flankiert wurde. Die Frau erhob sich, als Robert eintrat, und knickste sehr demütig vor dem jungen Barrister. Sie sah etwa fünfzig Jahre alt aus und war in rostige Witwenkleidung gekleidet. Ihr Teint war fade hell, und die zwei glatten Haarsträhnen unter ihrer Haube waren von jenem sonnenlosen, flachsblonden Farbton, der gewöhnlich mit rosa Wangen und weißen Wimpern einhergeht. Sie war vielleicht zu ihrer Zeit eine ländliche Schönheit gewesen, aber ihre Gesichtszüge, obwohl in ihrer Form ziemlich regelmäßig, hatten einen gemeinen, verkniffenen Ausdruck, als wären sie zu klein für ihr Gesicht gemacht worden. Dieser Mangel war besonders an ihrem Mund bemerkbar, der eine offensichtliche Fehlpassform für das Gebiss war, das er enthielt. Sie lächelte, als sie vor Mr. Robert Audley knickste, und ihr Lächeln, das den größten Teil dieses Gebisses aus quadratischen, hungrig aussehenden Zähnen entblößte, trug keineswegs zur Schönheit ihrer äußeren Erscheinung bei.

„Mr. Maldon ist nicht zu Hause, mein Herr“, sagte sie mit einschmeichelnder Höflichkeit; „aber falls es wegen der Wassergebühr ist, bat er mich zu sagen, dass –“

Sie wurde vom kleinen George Talboys unterbrochen, der von dem hohen Stuhl herunterkletterte, auf dem er gehockt hatte, und zu Robert Audley rannte.

„Ich kenne dich“, sagte er; „du bist mit dem großen Herrn nach Ventnor gekommen, und du bist einmal hierher gekommen, und du hast mir etwas Geld gegeben, und ich habe es Großvater gegeben, damit er darauf aufpasst, und Großvater hat es behalten, und das tut er immer.“

Robert Audley nahm den Jungen in seine Arme und trug ihn zu einem kleinen Tisch am Fenster.

„Steh da, Georgey“, sagte er, „ich will dich mir mal genau ansehen.“

Er drehte das Gesicht des Jungen zum Licht und schob mit beiden Händen die braunen Locken von seiner Stirn.

„Du wirst deinem Vater jeden Tag ähnlicher, Georgey; und du wirst auch schon ein ganz schöner Mann“, sagte er; „möchtest du in die Schule gehen?“

„Oh ja, bitte, das möchte ich sehr gerne“, antwortete der Junge eifrig. „Ich bin einmal bei Miss Pevins zur Schule gegangen – Tagesschule, weißt du – um die Ecke in der nächsten Straße; aber ich habe die Masern bekommen, und Großvater wollte mich nicht mehr hingehen lassen, aus Angst, ich könnte wieder die Masern bekommen; und Großvater lässt mich nicht mit den kleinen Jungen auf der Straße spielen, weil sie ungezogene Jungen sind; er sagte Schlingel; aber er sagte, ich dürfe nicht Schlingel sagen, weil das unartig ist. Er sagt ‚Verdammt‘ und ‚Teufel‘, aber er sagt, das darf er, weil er alt ist. Ich werde ‚Verdammt‘ und ‚Teufel‘ sagen, wenn ich alt bin; und ich möchte bitte in die Schule gehen, und ich kann heute gehen, wenn du willst; Mrs. Plowson wird meine Kleider fertig machen, nicht wahr, Mrs. Plowson?“

„Gewiss, Master Georgey, wenn Ihr Großvater es wünscht“, antwortete die Frau und blickte ziemlich unruhig auf Mr. Robert Audley.

„Was in aller Welt ist mit dieser Frau los“, dachte Robert, als er sich von dem Jungen zur blondhaarigen Witwe wandte, die sich langsam auf den Tisch zubewegte, an dem der kleine George Talboys stand und mit seinem Vormund sprach. „Hält sie mich noch immer für einen Steuereintreiber mit feindseligen Absichten gegenüber diesen elenden Habseligkeiten; oder könnte die Ursache für ihr zappeliges Wesen noch tiefer liegen? Das ist jedoch kaum wahrscheinlich; denn welche Geheimnisse Lieutenant Maldon auch haben mag, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Frau Kenntnis davon hat.“

Mrs. Plowson hatte sich bis dahin dicht an den kleinen Tisch herangepirscht und war gerade dabei, einen verstohlenen Angriff auf den Jungen zu starten, als Robert sich scharf umdrehte.

„Was haben Sie mit dem Kind vor?“, sagte er.

„Ich wollte ihn nur mitnehmen, um sein hübsches Gesicht zu waschen und sein Haar zu glätten, mein Herr“, antwortete die Frau in dem einschmeichelndsten Tonfall, in dem sie bisher über die Wassergebühr gesprochen hatte. „Sie sehen ihn nicht von seiner besten Seite, mein Herr, solange sein kostbares Gesichtchen schmutzig ist. Ich werde keine fünf Minuten brauchen, um ihn so sauber wie eine Eins zu machen.“

Sie hatte ihre langen, dünnen Arme um den Jungen geschlungen, als sie sprach, und war offensichtlich im Begriff, ihn leibhaftig davonzutragen, als Robert sie aufhielt.

„Ich sehe ihn lieber so, wie er ist, danke“, sagte er. „Meine Zeit in Southampton ist nicht sehr lang, und ich möchte alles hören, was der kleine Mann mir zu sagen hat.“

Der kleine Mann schlich näher an Robert heran und blickte vertrauensvoll in die grauen Augen des Barristers.

„Ich mag dich sehr“, sagte er. „Ich hatte Angst vor dir, als du früher kamst, weil ich schüchtern war. Ich bin jetzt nicht mehr schüchtern – ich bin fast sechs Jahre alt.“

Robert tätschelte ermutigend den Kopf des Jungen, aber er sah nicht auf den kleinen George; er beobachtete die blondhaarige Witwe, die zum Fenster gegangen war und auf das Stück Brachland hinausblickte.

„Sie sind wegen irgendjemandes ziemlich nervös, gnädige Frau, fürchte ich“, sagte Robert.

Sie lief heftig rot an, als der Barrister diese Bemerkung machte, und antwortete ihm in verwirrter Weise.

„Ich habe nach Mr. Maldon Ausschau gehalten, mein Herr“, sagte sie; „er wird so enttäuscht sein, wenn er Sie nicht sieht.“

„Sie wissen also, wer ich bin?“

„Nein, mein Herr, aber –“

Der Junge unterbrach sie, indem er eine kleine, mit Juwelen besetzte Taschenuhr aus seinem Busen zog und sie Robert zeigte.

„Das ist die Uhr, die mir die hübsche Dame gegeben hat“, sagte er. „Ich habe sie jetzt – aber ich habe sie noch nicht lange, denn der Juwelier, der sie reinigt, ist ein fauler Mann, sagt Großpapa, und behält sie immer so lange; und Großpapa sagt, sie muss wegen der Steuern wieder gereinigt werden. Er bringt sie immer zum Reinigen, wenn es Steuern gibt – aber er sagt, wenn er sie verlieren würde, würde mir die hübsche Dame eine andere geben. Kennst du die hübsche Dame?“

„Nein, Georgey, aber erzähl mir von ihr.“

Mrs. Plowson unternahm einen weiteren Versuch, sich des Jungen zu bemächtigen. Diesmal war sie mit einem Taschentuch bewaffnet und zeigte große Besorgnis über den Zustand der Nase des kleinen George, doch Robert wehrte die gefürchtete Waffe ab und zog das Kind von seiner Peinigerin weg.

„Der Junge wird schon zurechtkommen, gnädige Frau“, sagte er, „wenn Sie so freundlich wären, ihn für fünf Minuten in Ruhe zu lassen. Nun, Georgey, wie wäre es, wenn du dich auf mein Knie setzt und mir alles über die hübsche Dame erzählst?“

Das Kind kletterte vom Tisch auf Mr. Audleys Knie und half seinem Abstieg durch eine sehr ungezwungene Manipulation am Rockkragen seines Vormunds nach.

„Ich erzähle dir alles über die hübsche Dame“, sagte er, „weil ich dich sehr mag. Großpapa hat mir gesagt, ich solle es niemandem erzählen, aber ich erzähle es dir, weißt du, weil ich dich mag und weil du mich zur Schule bringen willst. Die hübsche Dame kam eines Nachts hierher – vor langer Zeit – oh, vor so langer Zeit“, sagte der Junge und schüttelte den Kopf mit einem Gesicht, dessen Feierlichkeit einen ungeheuren Zeitablauf ausdrückte. „Sie kam, als ich noch lange nicht so groß war wie jetzt – und sie kam in der Nacht – nachdem ich ins Bett gegangen war, und sie kam in mein Zimmer, setzte sich auf das Bett und weinte – und sie ließ die Uhr unter meinem Kopfkissen, und sie – Warum schneidest du Grimassen, Mrs. Plowson? Ich darf es diesem Herrn erzählen“, fügte Georgey plötzlich an die Witwe gerichtet hinzu, die hinter Roberts Schulter stand.

Mrs. Plowson murmelte eine verwirrte Entschuldigung, dass sie fürchte, Master George sei lästig.

„Vielleicht warten Sie, bis ich es sage, gnädige Frau, bevor Sie dem kleinen Kerl den Mund verbieten“, sagte Robert Audley scharf. „Eine misstrauische Person könnte bei Ihrem Verhalten denken, dass Mr. Maldon und Sie eine Verschwörung miteinander hätten und dass Sie Angst davor hätten, was das Geschwätz des Jungen ausplaudern könnte.“

Er erhob sich von seinem Stuhl und sah Mrs. Plowson direkt an, als er dies sagte. Das Gesicht der blondhaarigen Witwe war so weiß wie ihre Haube, als sie versuchte, ihm zu antworten, und ihre blassen Lippen waren so trocken, dass sie gezwungen war, sie mit der Zunge zu befeuchten, bevor die Worte herauskamen.

Der kleine Junge befreite sie aus ihrer Verlegenheit.

„Sei nicht böse auf Mrs. Plowson“, sagte er. „Mrs. Plowson ist sehr lieb zu mir. Mrs. Plowson ist Matildas Mutter. Du kennst Matilda nicht. Die arme Matilda hat immer geweint; sie war krank, sie –“

Der Junge wurde durch das plötzliche Erscheinen von Mr. Maldon gestoppt, der auf der Schwelle der Stubentür stand und Robert Audley mit einem halb betrunkenen, halb verängstigten Blick anstarrte, der kaum mit der Würde eines pensionierten Marineoffiziers vereinbar war. Das Dienstmädchen stand atemlos und keuchend direkt hinter ihrem Herrn. Obwohl es noch früh am Tag war, war die Sprache des alten Mannes dick und verwirrt, als er sich heftig an Mrs. Plowson wandte.

„Du bist eine hübsche Kreatur, dich als vernünftige Frau zu bezeichnen?“, sagte er. „Warum bringst du das Kind nicht weg oder wäschst ihm das Gesicht? Willst du mich ruinieren? Willst du mich zerstören? Bring das Kind weg! Mr. Audley, mein Herr, ich freue mich sehr, Sie zu sehen; ich freue mich sehr, Sie in meiner bescheidenen Bleibe zu empfangen“, fügte der alte Mann mit betrunkener Höflichkeit hinzu, ließ sich während des Sprechens auf einen Stuhl fallen und versuchte, seinen unerwarteten Besucher fest zu fixieren.

„Was auch immer die Geheimnisse dieses Mannes sind“, dachte Robert, als Mrs. Plowson den kleinen George Talboys aus dem Zimmer drängte, „diese Frau hat einen nicht unbedeutenden Anteil daran. Was auch immer das Geheimnis sein mag, es wird mit jedem Schritt dunkler und dichter; aber ich versuche vergeblich, mich zurückzuziehen oder auf dem Weg innezuhalten, denn eine stärkere Hand als meine eigene weist den Weg zum unbekannten Grab meines verlorenen Freundes.“

KAPITEL XXI.

DER KLEINE GEORGEY VERLÄSST SEIN ALTES ZUHAUSE.

„Ich werde Ihren Enkel mitnehmen, Mr. Maldon“, sagte Robert ernst, als Mrs. Plowson sich mit ihrem jungen Schützling zurückzog.

Die betrunkene Schwachsinnigkeit des alten Mannes lichtete sich langsam wie der schwere Dunst eines Londoner Nebels, durch den die schwache Sonne nur mühsam zu dringen vermag. Das höchst unsichere Leuchten des Verstandes von Lieutenant Maldon brauchte beträchtliche Zeit, um die dunstigen Dämpfe von Rum und Wasser zu durchdringen; doch das flackernde Licht schimmerte schließlich schwach durch die Wolken, und der alte Mann spannte seinen armen Verstand bis zum Zerreißen an.

„Ja, ja“, sagte er schwach; „nehmen Sie den Jungen seinem armen alten Großvater weg; das habe ich mir immer gedacht.“

„Sie haben immer gedacht, dass ich ihn mitnehmen würde?“, und er untersuchte das halb betrunkene Gesicht mit einem forschenden Blick. „Warum dachten Sie das, Mr. Maldon?“

Die Nebel der Trunkenheit überwältigten für einen Moment das Licht der Nüchternheit, und der Lieutenant antwortete vage:

„Dachte es – weil ich es dachte.“

Als er auf das ungeduldige Stirnrunzeln des jungen Barristers stieß, unternahm er einen weiteren Versuch, und das Licht schimmerte erneut.

„Weil ich dachte, Sie oder sein Vater würden ihn abholen.“

„Als ich das letzte Mal in diesem Haus war, Mr. Maldon, sagten Sie mir, George Talboys sei nach Australien gesegelt.“

„Ja, ja – ich weiß, ich weiß“, antwortete der alte Mann verwirrt und fuhr sich mit seinen zwei wandernden Händen durch das spärliche, schlaffe graue Haar – „ich weiß; aber er hätte zurückkommen können – nicht wahr? Er war rastlos und – und – vielleicht manchmal wunderlich im Kopf. Er hätte zurückkommen können.“

Er wiederholte dies zwei oder drei Mal mit schwacher, murmelnder Stimme; er tastete auf dem mit Gerümpel bedeckten Kaminsims nach einer schmutzig aussehenden Tonpfeife und füllte und zündete sie mit Händen an, die heftig zitterten.

Robert Audley beobachtete diese armen, verdorrten, zitternden Finger, die Tabakkrümel auf den Vorleger fallen ließen und vor Instabilität kaum in der Lage waren, ein Zündholz anzustreichen. Dann ging er ein- oder zweimal im kleinen Raum auf und ab und überließ den alten Mann seinem kurzen Zug an dem großen Tröster.

Plötzlich wandte er sich mit einer dunklen Feierlichkeit in seinem hübschen Gesicht an den Lieutenant im Ruhestand.

„Mr. Maldon“, sagte er langsam, während er die Wirkung jeder Silbe beobachtete, „George Talboys ist nie nach Australien gesegelt – das weiß ich. Mehr noch, er ist nie in Southampton angekommen; und die Lüge, die Sie mir am 8. September letzten Jahres erzählt haben, wurde Ihnen durch die telegraphische Nachricht diktiert, die Sie an jenem Tag erhalten haben.“

Die schmutzige Tonpfeife fiel aus der zitternden Hand und zersplitterte am eisernen Kamingitter, aber der alte Mann unternahm keinen Versuch, eine neue zu finden; er saß da, zitternd an allen Gliedern, und blickte, Gott weiß wie jämmerlich, zu Robert Audley auf.

„Die Lüge wurde Ihnen diktiert, und Sie haben Ihre Lektion wiederholt. Aber Sie haben George Talboys hier am 7. September genauso wenig gesehen, wie ich ihn jetzt in diesem Raum sehe. Sie dachten, Sie hätten die telegraphische Nachricht verbrannt, aber Sie hatten nur einen Teil davon verbrannt – der Rest ist in meinem Besitz.“

Lieutenant Maldon war jetzt vollkommen nüchtern.

„Was habe ich getan?“, murmelte er hoffnungslos. „Oh, mein Gott! Was habe ich getan?“

„Um zwei Uhr am 7. September letzten Jahres“, fuhr die gnadenlose, anklagende Stimme fort, „wurde George Talboys lebend und gesund in einem Haus in Essex gesehen.“

Robert hielt inne, um die Wirkung dieser Worte zu beobachten. Sie hatten keine Veränderung beim alten Mann bewirkt. Er saß immer noch da, zitternd von Kopf bis Fuß, und starrte mit dem starren und festen Blick eines hilflosen Elenden, dessen jeder Sinn allmählich durch Terror betäubt wird.

„Um zwei Uhr an jenem Tag“, bemerkte Robert Audley, „wurde mein armer Freund lebend und gesund in ..., in dem Haus gesehen, von dem ich spreche. Von jener Stunde an bis heute konnte ich nicht in Erfahrung bringen, dass er von irgendeinem lebenden Wesen gesehen wurde. Ich habe solche Schritte unternommen, die zu einer Auskunft über seinen Aufenthaltsort hätten führen müssen, wäre er am Leben. Ich habe dies geduldig und sorgfältig getan – anfangs sogar hoffnungsvoll. Jetzt weiß ich, dass er tot ist.“

Robert Audley war darauf vorbereitet gewesen, eine gewisse Aufregung im Verhalten des alten Mannes zu erleben, aber er war nicht auf die schreckliche Qual, den grässlichen Terror vorbereitet, der das verhärmte Gesicht von Mr. Maldon verzerrte, als er das letzte Wort aussprach.

„Nein, nein, nein, nein“, wiederholte der Lieutenant mit schriller, halb schreiender Stimme; „nein, nein! Um Himmels willen, sagen Sie das nicht! Denken Sie es nicht – lassen Sie mich das nicht denken – lassen Sie mich nicht davon träumen! Nicht tot – alles, nur nicht tot! Vielleicht versteckt gehalten – vielleicht bestochen, sich fernzuhalten; aber nicht tot – nicht tot – nicht tot!“

Er schrie diese Worte laut heraus, wie jemand, der von Sinnen ist, schlug sich mit den Händen auf den grauen Kopf und schaukelte auf seinem Stuhl vor und zurück. Seine schwachen Hände zitterten nicht mehr – sie wurden durch eine krampfhafte Kraft gestärkt, die ihnen eine neue Macht verlieh.

„Ich glaube“, sagte Robert mit derselben feierlichen, unerbittlichen Stimme, „dass mein Freund Essex verließ; und ich glaube, dass er am 7. September letzten Jahres starb.“

Der elende alte Mann, der sich immer noch mit den Händen in seinem dünnen grauen Haar schlug, glitt von seinem Stuhl zu Boden und kroch zu Roberts Füßen.

„Oh! nein, nein – um Himmels willen, nein!“, schrie er heiser. „Nein! Sie wissen nicht, was Sie sagen – Sie wissen nicht, was Ihre Worte bedeuten!“

„Ich kenne ihr Gewicht und ihren Wert nur allzu gut – ebenso gut, wie ich sehe, dass Sie es tun, Mr. Maldon. Gott stehe uns bei!“

„Oh, was tue ich nur? Was tue ich nur?“, murmelte der alte Mann schwach; dann erhob er sich mit Mühe vom Boden, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sagte auf eine Art und Weise, die neu an ihm war und nicht ohne eine gewisse eigene Würde war – jene Würde, die untrennbar mit unsagbarem Elend verbunden sein muss, in welcher Form auch immer es erscheinen mag – er sagte ernst:

„Sie haben kein Recht, hierher zu kommen und einen Mann zu terrorisieren, der getrunken hat und nicht ganz er selbst ist. Sie haben kein Recht dazu, Mr. Audley. Sogar der – der Beamte, mein Herr, der – der –.“ Er stammelte nicht, aber seine Lippen zitterten so heftig, dass seine Worte durch ihre Bewegung in Stücke geschüttelt zu werden schienen. „Der Beamte, wiederhole ich, mein Herr, der einen – Dieb oder einen –.“ Er hielt inne, um seine Lippen abzuwischen und sie, wenn er konnte, durch das Tun zu beruhigen, was ihm nicht gelang. „Einen Dieb oder einen Mörder –“ Seine Stimme erstarb plötzlich bei dem letzten Wort, und nur an der Bewegung dieser zitternden Lippen erkannte Robert, was er meinte. „Warnt ihn, mein Herr, warnt ihn fair, dass er nichts sagen darf, was ihn selbst oder – oder – andere Leute belasten könnte. Das – das – Gesetz, mein Herr, hat dieses Maß an Gnade für einen – einen – verdächtigen Kriminellen. Aber Sie, mein Herr – Sie kommen in mein Haus, und Sie kommen zu einer Zeit, in der – in der – entgegen meinen üblichen Gewohnheiten – die, wie die Leute Ihnen sagen werden, nüchtern sind – Sie die Gelegenheit nutzen, um – mich zu terrorisieren – und das ist nicht recht, mein Herr – das ist –“

Was auch immer er hätte sagen wollen, erstarb in artikulationslosen Keuchen, die ihn zu ersticken schienen, und als er in einen Stuhl sank, ließ er sein Gesicht auf den Tisch fallen und weinte laut. Vielleicht gab es in all den trostlosen Szenen häuslichen Elends, die sich in diesen kargen und trübseligen Häusern abgespielt hatten – in all den kleinen Nöten, den brennenden Schanden, den grausamen Sorgen, den bitteren Schmach, die die Armut als ihren Vater haben – noch nie eine Szene wie diese gegeben. Ein alter Mann, der sein Gesicht vor dem Licht des Tages verbarg und in seinem Elend laut schluchzte. Robert Audley betrachtete das schmerzliche Bild mit einem hoffnungslosen und mitleidigen Gesicht.

„Hätte ich das gewusst“, dachte er, „hätte ich ihn vielleicht verschonen können. Es wäre vielleicht besser gewesen, ihn zu verschonen.“

Der schäbige Raum, der Schmutz, die Verwirrung, die Gestalt des alten Mannes mit seinem grauen Kopf auf der verschmutzten Tischdecke inmitten der durcheinandergebrachten Reste eines elenden Essens, verschwammen vor Robert Audleys Augen, als er an einen anderen Mann dachte, so alt wie dieser, aber, ach! wie grundlegend verschieden in jeder anderen Eigenschaft! der vielleicht nach und nach dazu kommen könnte, dasselbe oder ein noch schlimmeres Leid zu empfinden und vielleicht noch bitterere Tränen zu vergießen. Der Moment, in dem ihm die Tränen in die Augen stiegen und die jämmerliche Szene vor ihm trübten, reichte aus, um ihn nach Essex zurückzubringen und ihm das Bild seines Onkels zu zeigen, der von Qual und Scham getroffen war.

„Warum mache ich damit weiter?“, dachte er; „wie erbarmungslos ich bin und wie unerbittlich ich vorangetrieben werde. Es bin nicht ich selbst; es ist die Hand, die mich immer weiter auf den dunklen Weg winkt, dessen Ende ich nicht zu erträumen wage.“

Er dachte dies und hundertmal mehr als dies, während der alte Mann mit seinem immer noch verborgenen Gesicht dasaß und mit seiner Qual rang, ohne die Kraft zu haben, sie niederzuhalten.

„Mr. Maldon“, sagte Robert Audley nach einer Pause, „ich bitte Sie nicht um Verzeihung für das, was ich über Sie gebracht habe, denn das Gefühl ist stark in mir, dass es früher oder später über Sie gekommen wäre – wenn nicht durch mich, dann durch jemand anderen. Es gibt –“ er hielt einen Moment inne und zögerte. Das Schluchzen hörte nicht auf; es war manchmal leise, manchmal laut, brach mit neuer Heftigkeit hervor oder erstarb für einen Augenblick, aber es hörte nie auf. „Es gibt Dinge, die, wie die Leute sagen, nicht verborgen bleiben können. Ich glaube, dass an diesem alltäglichen Sprichwort Wahrheit steckt, das seinen Ursprung in jener alten weltlichen Weisheit hat, die die Menschen aus Erfahrung und nicht aus Büchern gesammelt haben. Wenn – wenn ich mich damit begnügen würde, meinen Freund in seinem verborgenen Grab ruhen zu lassen, ist es nur wahrscheinlich, dass irgendein Fremder, der den Namen George Talboys nie gehört hat, durch den entferntesten Zufall auf das Geheimnis seines Todes stoßen könnte. Vielleicht morgen; oder in zehn Jahren, oder in einer anderen Generation, wenn die – die Hand, die ihm Unrecht getan hat, so kalt ist wie seine eigene. Wenn ich die Angelegenheit auf sich beruhen lassen könnte; wenn – wenn ich England für immer verlassen und absichtlich vor der Möglichkeit fliehen könnte, jemals auf einen weiteren Hinweis auf das Geheimnis zu stoßen, würde ich es tun – ich würde es gerne, dankbar tun – aber ich kann nicht! Eine Hand, die stärker ist als meine eigene, winkt mich weiter. Ich möchte keinen niederen Vorteil aus Ihnen ziehen, am wenigsten von allen anderen Menschen; aber ich muss weitermachen; ich muss weitermachen. Wenn es eine Warnung gibt, die Sie jemandem geben möchten, geben Sie sie. Wenn das Geheimnis, auf das ich mich Tag für Tag, Stunde für Stunde zubewege, jemanden einbezieht, an dem Sie ein Interesse haben, lassen Sie diese Person fliehen, bevor ich zum Ende komme. Lassen Sie sie dieses Land verlassen; lassen Sie sie alle verlassen, die sie kennen – alle, deren Frieden ihre Bosheit gefährdet hat; lassen Sie sie gehen – sie sollen nicht verfolgt werden. Aber wenn sie Ihre Warnung in den Wind schlagen – wenn sie versuchen, ihre derzeitige Position trotz dessen, was Sie ihnen mitteilen können, beizubehalten – dann sollen sie sich vor mir hüten, denn wenn die Stunde kommt, schwöre ich, dass ich sie nicht verschonen werde.“

Der alte Mann blickte zum ersten Mal auf und wischte sein faltiges Gesicht mit einem zerrissenen seidenen Taschentuch ab.

„Ich erkläre Ihnen, dass ich Sie nicht verstehe“, sagte er. „Ich erkläre Ihnen feierlich, dass ich es nicht verstehen kann; und ich glaube nicht, dass George Talboys tot ist.“

„Ich würde zehn Jahre meines eigenen Lebens geben, wenn ich ihn lebend sehen könnte“, antwortete Robert traurig. „Es tut mir leid für Sie, Mr. Maldon – es tut mir leid für uns alle.“

„Ich glaube nicht, dass mein Schwiegersohn tot ist“, sagte der Lieutenant; „ich glaube nicht, dass der arme Junge tot ist.“

Er versuchte schwach, Robert Audley zu zeigen, dass sein wilder Ausbruch von Qual durch seine Trauer um den Verlust von George verursacht worden war; aber der Vorwand war elend oberflächlich.

Mrs. Plowson betrat erneut das Zimmer und führte den kleinen Georgey, dessen Gesicht mit jenem brillanten Glanz strahlte, den gelbe Seife und Reibung auf dem menschlichen Antlitz hervorrufen können.

„Du meine Güte!“, rief Mrs. Plowson aus, „was hat der arme alte Herr denn nur gehabt? Wir konnten ihn auf dem Flur hören, wie er schrecklich schluchzte.“

Der kleine George schlich zu seinem Großvater und strich mit seiner pummeligen Hand über das nasse und faltige Gesicht.

„Weine nicht, Großpapa“, sagte er, „weine nicht. Du sollst meine Uhr zum Reinigen haben, und der nette Juwelier wird dir das Geld leihen, um den Steuereintreiber zu bezahlen, während er die Uhr reinigt – das macht mir nichts aus, Großpapa. Lass uns zum Juwelier gehen, zum Juwelier in der High Street, weißt du, mit den goldenen Kugeln an seiner Tür, um zu zeigen, dass er aus Lombar – Lombardshire kommt“, sagte der Junge und machte einen Vorstoß in Richtung des Namens. „Komm, Großpapa.“

Der kleine Kerl nahm das mit Juwelen besetzte Spielzeug aus seinem Busen und machte sich auf den Weg zur Tür, stolz darauf, im Besitz eines Talismans zu sein, dessen Nützlichkeit er so oft gesehen hatte.

„In Southampton gibt es Wölfe“, sagte er mit einem eher triumphierenden Nicken zu Robert Audley. „Mein Großpapa sagt, wenn er meine Uhr nimmt, tut er das, um den Wolf von der Tür fernzuhalten. Gibt es bei dir zu Hause Wölfe?“

Der junge Barrister beantwortete die Frage des Kindes nicht, hielt ihn aber auf, als er seinen Großvater zur Tür schleppte.

„Dein Großpapa braucht die Uhr heute nicht, Georgey“, sagte er ernst.

„Warum ist er dann traurig?“, fragte Georgey naiv; „wenn er die Uhr braucht, ist er immer traurig und schlägt sich so auf seine arme Stirn“ – der Junge hielt inne, um mit seinen kleinen Fäusten Pantomime zu machen – „und sagt, dass sie – ich glaube, er meint die hübsche Dame – ihn sehr hart anpackt und dass er den Wolf nicht von der Tür fernhalten kann; und dann sage ich: ‚Großpapa, nimm die Uhr‘; und dann nimmt er mich in seine Arme und sagt: ‚Oh, mein gesegneter Engel! Wie kann ich meinen gesegneten Engel bestehlen?‘ und dann weint er, aber nicht so wie heute – nicht laut, weißt du; nur Tränen, die über seine armen Wangen laufen, nicht so, dass man ihn auf dem Flur hören könnte.“

Robert Audley hörte dem Jungen mit einem Gefühl zu, das er selbst nicht hätte benennen können. Es war eine Mischung aus Mitleid für das unschuldige Kind und einer beklemmenden Vorahnung, die ihn bei jeder neuen Einzelheit über das Leben des alten Maldon und seiner Tochter wie ein Schatten überkam. Er legte seine Hand auf den Kopf des Jungen und strich ihm sanft über das Haar, als wolle er ihn vor dem Wissen bewahren, das in diesem kleinen Zimmer in der Luft lag.

„Du hast also eine Uhr, Georgey?“, fragte er leise, um das Gespräch auf ein weniger schmerzhaftes Gleis zu lenken.

„Ja, eine, die mein Vater mir aus Australien geschickt hat. Sie ist aus Gold, sagt Großpapa, und sie tickt so laut wie ein Herz. Aber ich darf sie nicht oft aus der Schublade nehmen, denn Großpapa sagt, sie sei mein Erbteil, und ich solle sie behalten, bis ich ein Mann bin und keine Stiefel mehr brauche, die an den Zehen kaputtgehen.“

Robert Audley seufzte. Die Vorstellung von dem kleinen Jungen, der zwischen dem betrunkenen, verzweifelten Großvater und der Erinnerung an einen verschollenen Vater aufwuchs, war für ihn kaum zu ertragen. Er sah sich in dem kleinen, ärmlichen Zimmer um. Alles hier roch nach Verfall und nach einer Vergangenheit, die man besser hätte ruhen lassen.

„Und dein Vater, Georgey? Hast du ihn oft gesehen, bevor er nach Australien ging?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich kaum. Er war ein Soldat mit einem glänzenden Säbel, und er hat mich in die Luft geworfen. Aber dann war er eines Tages weg, und meine Mama war traurig, und dann ist sie gestorben. Und jetzt ist er auch weg, wie du gesagt hast. In das Loch in der Erde.“

Robert Audley spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. Es war nicht nur die Tragik der Geschichte, sondern die unerbittliche Kette von Ereignissen, die ihn immer tiefer in ein Netz hineinzog, aus dem er sich nicht mehr befreien konnte. Er war gekommen, um eine Wahrheit zu suchen, doch jede Antwort, die er fand, war wie ein Stein, den er in einen tiefen, dunklen Brunnen warf, ohne je ein Geräusch vom Aufprall zu hören.

„Wir müssen jetzt gehen, Georgey“, sagte er schließlich und stand auf. Seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren, trocken und bestimmt. „Dein Großvater hat seine Ruhe verdient, und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Der Junge sah ihn fragend an, aber er widersprach nicht. Er griff nach Roberts Hand, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, diesem Fremden zu folgen. Als sie das Zimmer verließen, warf Robert einen letzten Blick auf den alten Maldon, der noch immer mit dem Rücken zu ihnen am Fenster stand, die unangezündete Pfeife in der Hand, ein Bild der vollkommenen Resignation. Es gab keinen Abschied. Es gab nur das Schweigen zwischen ihnen, das schwerer wog als jedes ausgesprochene Wort.

Draußen, in der kühlen Luft des Abends, atmete Robert tief ein. Die Stadt wirkte in der Dämmerung wie eine Kulisse, in der jeder Akteur seine Rolle spielte, ohne das ganze Stück zu kennen. Er wusste nun genug, um zu ahnen, dass die Reise nach Dorsetshire nicht nur eine Pflicht war, sondern eine Notwendigkeit. Er würde dem Vater gegenübertreten müssen, diesem Harcourt Talboys, der in seinem stolzen, harten Haus über das Leben und den Tod seines Sohnes geurteilt hatte, ohne den Menschen dahinter zu sehen.

„Und wohin gehen wir jetzt, Mr. Audley?“, fragte der Junge, während sie die unebenen Pflastersteine der Straße hinuntergingen.

„Dorthin, wo du lernen wirst, Georgey“, antwortete Robert Audley. „Dorthin, wo die Welt ein wenig größer ist als dieses Zimmer.“

Der Junge schwieg eine Weile, dann fragte er: „Wird es dort auch jemanden geben, der weint, wenn er traurig ist?“

Robert Audley sah ihn nicht an. „Ich fürchte, Georgey, in dieser Welt ist das Weinen das Einzige, das wir alle lernen müssen, ob wir wollen oder nicht.“

Er wartete einen Moment, in der Hoffnung, sie würde aufblicken, ein Zeichen geben oder den Wunsch äußern, ihn aufzuhalten. Doch sie rührte sich nicht.

Robert Audley verließ das Haus und das Anwesen mit einem schweren Herzen. Der kalte Januarschein der Sonne erschien ihm nun noch trügerischer, die starren Tannen in der Allee wirkten wie stumme Zeugen einer unerbittlichen Kälte, die weit über das Wetter hinausging. Er hatte den Mann, den George seinen Vater nannte, um Hilfe und Rat gebeten, doch er hatte nur die kühle Bestätigung eines Stolzes gefunden, der so tief verwurzelt war, dass selbst das Schicksal eines Sohnes ihn nicht erschüttern konnte.

Er stieg wieder in das klapprige Mietgefährt, das vor dem eisernen Tor wartete. Der Kutscher, der die ganze Zeit über geduldig in der beißenden Kälte ausgeharrt hatte, sah ihn erwartungsvoll an, als er wieder Platz nahm.

„Zurück zum Bahnhof, Sir?“, fragte der Mann.

„Ja“, antwortete Robert kurz. „Zurück zum Bahnhof.“

Während das Gefährt sich in Bewegung setzte und die Räder über den hart gefrorenen Boden holperten, wandte Robert den Kopf noch einmal, um einen letzten Blick auf das rote Backsteinhaus zu werfen. Es stand dort, makellos und unnahbar, mit seinen Fenstern, die in der Sonne funkelten, als hätten sie nie etwas anderes gesehen als Ordnung und Wohlstand. Er dachte an die junge Frau, die dort in einer Welt aus Leinen und Baumwolle, aus algebraisch angeordneten Gartenbeeten und starrer Disziplin gefangen war, und er fragte sich, ob sie in ihrer Stille ebenso leidenschaftslos war wie der Mann, der ihr das Wort verbot.

Sein Entschluss, die Sache auf sich beruhen zu lassen, fühlte sich in diesem Moment wie eine Niederlage an, doch die Kälte, die Harcourt Talboys ausstrahlte, hatte seine Entschlossenheit gelähmt. Wenn der eigene Vater George nicht für tot hielt, wer war er dann, um gegen dieses Urteil anzukämpfen?

Er lehnte sich in die schäbigen Kissen des Wagens zurück und schloss die Augen, während die frostige Landschaft an ihm vorbeizog. Die Eisenbahnschienen würden ihn zurück nach London bringen, in sein ruhiges Leben im Temple, fernab von diesem unerbittlichen Anwesen und der eisigen Gewissheit, die ihn doch nicht losließ. Er hatte getan, was er konnte; er hatte die Wahrheit in den Raum gestellt, und sie war an der Wand aus Eitelkeit abgeprallt, die der Vater um sich errichtet hatte. Doch während der Zug in der Ferne pfiff, spürte er tief in sich, dass der Frieden, den er suchte, nicht so leicht zu finden sein würde.

Er erreichte seine Kammern im Temple in einem Zustand vollkommener Erschöpfung. Das Feuer im Kamin war längst erloschen, und der Raum war von der kalten, staubigen Stille erfüllt, die in den unbewohnten Räumlichkeiten der Juristen so oft anzutreffen ist. Robert warf seinen Mantel auf einen Stuhl und ließ sich in den tiefen Ledersessel fallen, in dem er schon so manche Stunde über den rätselhaften Umständen des Verschwindens seines Freundes gebrütet hatte. Er war müde, doch sein Geist fand keine Ruhe; die Begegnung mit Clara Talboys hallte in ihm nach wie ein Echo, das immer wieder von den Wänden zurückgeworfen wurde.

Drei Tage vergingen, während derer er sich kaum aus dem Haus wagte, als ob er fürchtete, der bloße Anblick der belebten Straßen Londons könnte die geisterhafte Präsenz von George Talboys vertreiben. Er wartete auf den Brief, von dem die Schwester gesprochen hatte, eine Hoffnung, die ihm gleichzeitig ein Anker und eine Fessel war. Am vierten Morgen brachte ihm sein Bediensteter, dessen stoische Miene keinen Anlass zu Fragen gab, einen Brief, der aus Dorset stammte.

Robert erkannte das Siegel und öffnete das Schreiben mit zitternden Händen. Es enthielt zwei Briefe, deren Papier vergilbt und an den Rändern leicht angegriffen war – Zeugen einer Zeit, in der George noch an eine Zukunft geglaubt hatte, die nicht in einem namenlosen Grab enden würde. Er breitete die Dokumente vor sich auf dem Tisch aus, während das fahle Licht des Vormittags durch die hohen, schmutzigen Fenster fiel und die Zeilen erhellte, die er nun mit der Aufmerksamkeit eines Mannes las, der nach dem letzten Strohhalm griff.

Der erste Brief, verfasst in der ungestümen Handschrift eines jungen Mannes, der sein Glück gefunden zu haben glaubte, sprach von einer Liebe, die alle Hindernisse zu überwinden schien. Es war die Stimme eines Menschen, den Robert nur zu gut kannte – frank, treuherzig und von einer beinahe rührenden Unbedarftheit. Robert las die Zeilen mehrfach, wobei er sich jedes Wort einprägte, als könnten sie den Schlüssel zu dem Rätsel bergen, das sein Leben in den letzten Monaten so vollkommen in Beschlag genommen hatte.

Der zweite Brief, geschrieben in Liverpool in jener verhängnisvollen Nacht vor der Abreise nach Australien, trug einen anderen Ton in sich. Er war kühler, bedachter, gezeichnet von dem Schmerz der Trennung und einer dunklen Vorahnung, die Robert beim Lesen einen Schauer über den Rücken laufen ließ. George hatte in diesen Zeilen sein Herz ausgeschüttet, wohl wissend, dass er möglicherweise auf lange Zeit, vielleicht für immer, von den Menschen getrennt sein würde, die ihm etwas bedeuteten.

Robert legte die Briefe beiseite und starrte in die leere Kaminöffnung. Er erkannte nun, dass der Weg, den er beschreiten musste, nicht mehr zu verlassen war. Clara Talboys hatte ihm die Fackel in die Hand gedrückt, und er war nun gezwungen, das Licht in die dunkelsten Winkel einer Vergangenheit zu tragen, die er lieber im Schatten belassen hätte. Er griff nach einem Blatt Papier und begann zu schreiben, wobei sein Entschluss mit jedem Wort, das er zu Papier brachte, fester und unerbittlicher wurde.

„Was für eine angenehme Sache das Leben doch ist“, dachte der Barrister. „Welch unaussprechliche Wohltat – welch überwältigender Segen! Soll ein Mensch doch einmal sein Dasein überschlagen und dabei die Stunden abziehen, in denen er vollkommen glücklich war – wahrhaftig und gänzlich unbeschwert, ohne einen einzigen arrière-pensée, der seinen Genuss hätte trüben können – ohne das winzigste Wölkchen, das die Helligkeit seines Horizonts hätte verdunkeln können. Soll er das tun, und er wird sicherlich in tiefer Bitterkeit der Seele lachen, wenn er die Summe seines Glücks niederschreibt und die jämmerliche Geringfügigkeit des Betrags entdeckt. Er wird sich vielleicht an zehn oder zwölf Tagen in dreißig Jahren seines Lebens erfreut haben. In dreißig Jahren voll trüben Dezembers, stürmischen Märzes, regnerischen Aprils und dunklen Novemberwetters mag es sieben oder acht glorreiche Augusttage gegeben haben, an denen die Sonne in wolkenloser Pracht strahlte und die Sommerbrisen ewigen Balsam hauchten. Wie innig erinnern wir uns an diese einsamen Tage des Vergnügens, wie hoffen wir auf ihre Wiederkehr und versuchen, die Umstände zu planen, die sie so hell gemacht haben; und wir schmieden Pläne, legen fest und diplomatisieren mit dem Schicksal, um eine Erneuerung der erinnerten Freude zu erzwingen. Als ob irgendeine Freude jemals aus solch willkürlichen Bestandteilen zusammengefügt werden könnte! Als ob Glück nicht im Wesentlichen zufällig wäre – ein heller, umherschweifender Vogel, gänzlich unberechenbar in seinen Wanderungen; an einem Sommertag bei uns, und am nächsten für immer entschwunden! Betrachte man zum Beispiel Ehen“, sann Robert, der in dem holprigen Gefährt, für dessen Benutzung er sechs Pence pro Meile zu zahlen hatte, genauso nachdenklich war, als ritte er auf einem Mustang durch die wilde Einsamkeit der Prärien. „Betrachte man die Ehe! Wer will sagen, welches die eine kluge Wahl unter neunhundertneunundneunzig Fehlgriffen sein soll! Wer soll beim ersten Anblick der schleimigen Kreatur entscheiden, welches der eine Aal aus dem riesigen Sack voller Schlangen ist? Jenes Mädchen dort am Bordstein, das darauf wartet, die Straße zu überqueren, sobald mein Wagen vorbeigefahren ist, mag die eine Frau unter allen weiblichen Wesen in diesem riesigen Universum sein, die mich zu einem glücklichen Mann machen könnte. Doch ich fahre an ihr vorbei – bespritze sie mit dem Schlamm meiner Räder, in meiner hilflosen Unwissenheit, in meiner blinden Unterwerfung unter die schreckliche Hand des Schicksals. Wäre dieses Mädchen, Clara Talboys, fünf Minuten später gekommen, hätte ich Dorsetshire in dem Glauben verlassen, sie sei kühl, hart und unweiblich, und hätte diesen Irrtum als festen Bestandteil meines Geistes mit ins Grab genommen. Ich hielt sie für einen stattlichen und herzlosen Automaten; jetzt weiß ich, dass sie eine edle und schöne Frau ist. Was für einen unkalkulierbaren Unterschied dies in meinem Leben machen mag. Als ich jenes Haus verließ, trat ich in den Wintertag mit dem Entschluss, keinen weiteren Gedanken an das Geheimnis von Georges Tod zu verschwenden. Ich sehe sie, und sie zwingt mich weiter auf den abscheulichen Pfad – den krummen Seitenweg der Wachsamkeit und des Misstrauens. Wie kann ich zu dieser Schwester meines toten Freundes sagen: ‚Ich glaube, dass Ihr Bruder ermordet wurde! Ich glaube, ich weiß von wem, aber ich werde keinen Schritt tun, um meine Zweifel auszuräumen oder meine Befürchtungen zu bestätigen‘? Ich kann das nicht sagen. Diese Frau kennt die Hälfte meines Geheimnisses; sie wird sich bald den Rest aneignen, und dann – und dann –“

Die Droschke hielt inmitten von Robert Audleys Meditation an, und er musste den Kutscher bezahlen und sich all der trostlosen Mechanik des Lebens unterwerfen, die dieselbe bleibt, ob wir nun froh oder betrübt sind – ob wir heiraten oder gehängt werden, zur Würde des Lordkanzlers erhoben oder von unseren Kollegen an der Anwaltskammer wegen irgendeines mysteriösen technischen Geflechts von Fehlverhalten ausgeschlossen werden, das für Außenstehende des forum domesticum des Middle Temple ein soziales Rätsel ist.

Wir neigen dazu, über diese grausame Härte in unserem Leben zornig zu sein – über diese unerschütterliche Regelmäßigkeit in den kleineren Rädern und der ärmlichen Mechanik der menschlichen Maschine, die kein Anhalten oder Aufhören kennt, selbst wenn die Triebfeder für immer hohl ist und die Zeiger auf einem zerschlagenen Zifferblatt auf sinnlose Zahlen deuten.

Wer hat nicht im ersten Wahnsinn des Kummers eine vernunftlose Wut gegen die stumme Angemessenheit von Stühlen und Tischen, die steife Rechtwinkligkeit von türkischen Teppichen, die unbeugsame Sturheit der äußeren Apparaturen des Daseins verspürt? Wir wollen gigantische Bäume in einem Urwald ausreißen und ihre riesigen Äste in unserem krampfhaften Griff zerreißen; und das Äußerste, was wir zur Linderung unserer Leidenschaft tun können, ist, einen Lehnstuhl umzuwerfen oder ein paar Schillinge wert von Mr. Copelands Fabrikaten zu zertrümmern.

Irrenhäuser sind groß und nur allzu zahlreich; doch sicherlich ist es seltsam, dass sie nicht noch größer sind, wenn wir daran denken, wie viele hilflose Unglückliche ihre Gehirne gegen diese hoffnungslose Beständigkeit der geordneten Außenwelt schlagen müssen, im Vergleich zu dem Sturm und Gewitter, dem Aufruhr und der Verwirrung im Inneren – wenn wir bedenken, wie viele Geister auf der schmalen Grenze zwischen Vernunft und Unvernunft zittern müssen, heute wahnsinnig und morgen bei Verstand, gestern wahnsinnig und heute bei Verstand.

Robert Audley hatte den Kutscher angewiesen, ihn an der Ecke der Chancery Lane abzusetzen, und er stieg die hell erleuchtete Treppe hinauf, die zum Speisesaal des The London führte, und setzte sich an einen der gemütlichen Tische mit einem verwirrten Gefühl von Leere und Müdigkeit, anstatt irgendeines angenehmen Empfindens gesunden Hungers. Er war in das luxuriöse Speisehaus gekommen, um zu essen, weil es absolut notwendig war, irgendwo etwas zu essen, und es sehr viel leichter war, ein sehr gutes Abendessen von Mr. Sawyer zu bekommen als ein sehr schlechtes von Mrs. Maloney, deren Geist in einem schmalen Kanal von Koteletts und Steaks verlief, nur abwechslungsreich durch kleine Buchten und Ausflüsse in Form von „gebratener Seezunge“ oder „gekochtem Makrelen“. Der aufmerksame Kellner versuchte vergeblich, den armen Robert zu einem angemessenen Verständnis für die Feierlichkeit der Frage nach dem Abendessen zu bewegen. Er murmelte etwas in der Art, dass der Mann ihm bringen könne, was er wolle, und der freundliche Kellner, der Robert als häufigen Gast an den kleinen Tischen kannte, kehrte mit betrübtem Gesicht zu seinem Meister zurück, um zu sagen, dass Mr. Audley aus dem Figtree Court offensichtlich niedergeschlagen sei. Robert aß sein Abendessen und trank ein Glas Mosel; doch er hatte wenig Sinn für die Vortrefflichkeit der Speisen oder den zarten Duft des Weins. Der geistige Monolog ging weiter, und der junge Philosoph der modernen Schule erörterte die beliebte moderne Frage nach der Nichtigkeit von allem und der Torheit, sich allzu viel Mühe zu geben, um auf einer Straße zu wandeln, die nirgendwohin führt, oder ein Werk zu vollenden, das nichts bedeutet.

„Ich akzeptiere die Herrschaft jenes blassen Mädchens mit den statuarischen Gesichtszügen und den ruhigen braunen Augen“, dachte er. „Ich erkenne die Kraft eines Geistes an, der dem meinen überlegen ist, und ich beuge mich ihr und unterwerfe mich ihr. Ich habe die letzten Monate für mich selbst gehandelt und für mich selbst gedacht, und ich bin müde von diesem unnatürlichen Geschäft. Ich bin dem leitenden Prinzip meines Lebens untreu geworden, und ich habe für diese Torheit gebüßt. Ich fand vorletzte Woche zwei graue Haare auf meinem Kopf, und eine unverschämte Krähe hat einen zarten Abdruck ihres Fußes unter meinem rechten Auge hinterlassen. Ja, ich werde auf der rechten Seite alt; und warum – warum sollte das so sein?“

Er schob seinen Teller weg und hob die Augenbrauen, während er auf die Krümel auf dem glänzenden Damast starrte und über die Frage nachgrübelte.

„Was zum Teufel mache ich eigentlich in diesem Theater?“, fragte er sich. „Aber ich bin nun einmal darin und kann nicht heraus; also unterwerfe ich mich lieber dem braunäugigen Mädchen und tue geduldig und treu, was sie mir sagt. Was für eine wunderbare Lösung für das Rätsel des Lebens liegt doch in der Herrschaft des Rockes! Der Mensch könnte in der Sonne liegen, Lotos essen und sich einbilden, es sei ‚immer später Nachmittag‘, wenn seine Frau ihn ließe! Aber sie wird es nicht, Gott segne ihr impulsives Herz und ihren aktiven Geist! Sie weiß es besser. Wer hat jemals gehört, dass eine Frau das Leben so nimmt, wie es genommen werden sollte? Statt es als unvermeidliches Ärgernis zu ertragen, das nur durch seine Kürze erlöst wird, durchschreitet sie es, als wäre es ein Festzug oder eine Prozession. Sie kleidet sich dafür, sie kichert und grinst und gestikuliert dafür. Sie schubst ihre Nachbarn und kämpft um einen guten Platz in diesem trostlosen Marsch; sie drängelt und windet sich, tritt und tänzelt mit dem einzigen Ziel, das Beste aus diesem Elend zu machen. Sie steht früh auf und bleibt lange wach, und sie ist laut und rastlos und lärmend und mitleidlos. Sie schleppt ihren Ehemann zum Lordkanzleramt oder drängt ihn ins Parlament. Sie treibt ihn mit voller Wucht gegen die liebe, träge Maschinerie der Regierung und stößt und schlägt ihn gegen die Räder, Kurbeln, Schrauben und Flaschenzüge; bis ihn irgendjemand, der Ruhe haben will, zu dem macht, was sie wollte, dass er sein soll. Deshalb sitzen unfähige Männer manchmal an hohen Stellen und schieben ihren armen, verwirrten Intellekt zwischen die Dinge, die getan werden müssen, und die Leute, die sie tun könnten, was in der hilflosen Unschuld gut platzierter Unfähigkeit allgemeine Verwirrung stiftet. Die eckigen Männer in den runden Löchern werden von ihren Frauen hineingepusht. Der orientalische Potentat, der erklärte, Frauen seien der Grund allen Unheils, hätte ein wenig weiter gehen und erkennen sollen, warum das so ist. Es liegt daran, dass Frauen niemals faul sind. Sie wissen nicht, was es heißt, ruhig zu sein. Sie sind Semiramiden und Cleopatras und Jeanne d’Arcs, Königin Elisabeths und Katharinen die Zweite, und sie toben in Schlachten, in Mord und Geschrei und Verzweiflung. Wenn sie nicht das Universum in Aufruhr versetzen und mit Hemisphären Ball spielen können, dann machen sie aus häuslichen Maulwurfshügeln Berge von Krieg und Verdruss und soziale Stürme in häuslichen Teetassen. Verbiete ihnen, über die Freiheit der Nationen und das Unrecht der Menschheit zu dozieren, und sie werden sich mit Mrs. Jones über die Form eines Mantels oder den Charakter eines kleinen Dienstmädchens streiten. Sie als das schwächere Geschlecht zu bezeichnen, ist ein scheußlicher Hohn. Sie sind das stärkere Geschlecht, das lautere, das ausdauerndere, das selbstbewussteste Geschlecht. Sie wollen Meinungsfreiheit, Abwechslung in der Beschäftigung, nicht wahr? Sollen sie sie haben. Sollen sie Anwälte, Ärzte, Prediger, Lehrer, Soldaten, Gesetzgeber sein – alles, was sie wollen – aber sollen sie ruhig sein – wenn sie können.“

Mr. Audley fuhr sich mit den Händen durch das dichte, üppige, glatte braune Haar und hob in seiner Verzweiflung die dunkle Masse empor.

„Ich hasse Frauen“, dachte er wild. „Sie sind dreiste, unverschämte, abscheuliche Kreaturen, erfunden zur Belästigung und Zerstörung ihrer Vorgesetzten. Schaut euch diese Angelegenheit mit dem armen George an! Es ist von Anfang bis Ende alles Frauenwerk. Er heiratet eine Frau, und sein Vater verstößt ihn mittellos und ohne Beruf. Er hört vom Tod der Frau und sein Herz bricht – sein gutes, ehrliches, männliches Herz, das eine Million Mal mehr wert ist als die tückischen Klumpen aus Eigennutz und merkantiler Berechnung, die in den Brüsten der Frauen schlagen. Er geht zum Haus einer Frau und wird nie wieder lebend gesehen. Und nun finde ich mich in eine Ecke gedrängt von einer anderen Frau, an deren Existenz ich bis heute nie gedacht habe. Und – und dann“, sann Mr. Audley ziemlich zusammenhanglos, „gibt es da noch Alicia; sie ist auch so ein Ärgernis. Sie möchte, dass ich sie heirate, das weiß ich; und sie wird mich dazu bringen, wage ich zu behaupten, ehe sie mit mir fertig ist. Aber das möchte ich nun wirklich nicht; auch wenn sie ein liebes, aufgewecktes, großzügiges Ding ist, Gott segne ihr armes kleines Herz.“

Robert bezahlte seine Rechnung und gab dem Kellner ein großzügiges Trinkgeld. Der junge Barrister war sehr bereit, sein angenehmes kleines Einkommen unter den Leuten zu verteilen, die ihn bedienten, denn er trug seine Gleichgültigkeit gegenüber allen Dingen im Universum in sich, selbst gegenüber der Angelegenheit von Pfund, Schilling und Pence. Vielleicht war er in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme, da man häufig feststellen kann, dass der Philosoph, der das Leben als eine leere Täuschung bezeichnet, ziemlich scharf bei der Anlage seines Geldes ist und die greifbare Natur von Indienanleihen, spanischen Zertifikaten und ägyptischen Papieren erkennt – im Gegensatz zu der schmerzhaften Ungewissheit eines Ego oder eines Nicht-Ego in der Metaphysik.

Die gemütlichen Zimmer im Figtree Court erschienen Robert Audley an diesem speziellen Abend in ihrer geordneten Stille trostlos. Er hatte keine Lust auf seine französischen Romane, obwohl ein Paket ungelesener Romanzen, komisch und sentimental, das er vor einem Monat bestellt hatte, auf einem der Tische auf sein Vergnügen wartete. Er nahm sein Lieblings-Meerschaum und ließ sich mit einem Seufzer in seinen Lieblingssessel fallen.

„Es ist gemütlich, aber es scheint heute Abend so verflucht einsam zu sein. Wenn der arme George mir gegenüber säße, oder – oder sogar Georges Schwester – sie ist ihm sehr ähnlich – wäre das Dasein ein wenig erträglicher. Aber wenn ein Kerl acht oder zehn Jahre allein gelebt hat, fängt er an, schlechte Gesellschaft zu sein.“

Er brach in Lachen aus, als er seine erste Pfeife zu Ende rauchte.

„Die Idee, dass ich an Georges Schwester denke“, dachte er; „was für ein absurder Idiot ich doch bin!“

Die Post des nächsten Tages brachte ihm einen Brief in einer festen, aber weiblichen Handschrift, die ihm fremd war. Er fand das kleine Päckchen auf seinem Frühstückstisch liegen, neben dem warmen französischen Brötchen, das in eine Serviette eingewickelt war, die von Mrs. Maloneys sorgfältigen, aber etwas schmutzigen Händen stammte. Er betrachtete den Umschlag einige Minuten lang, bevor er ihn öffnete – nicht aus Verwunderung über seine Korrespondentin, denn der Brief trug den Poststempel von Grange Heath, und er wusste, dass es nur eine Person gab, die ihm aus diesem obskuren Dorf schreiben würde, sondern in jener trägen Verträumtheit, die ein Teil seines Charakters war.

„Von Clara Talboys“, murmelte er langsam, während er die klar geformten Buchstaben seines Namens und seiner Adresse kritisch betrachtete. „Ja, von Clara Talboys, ganz bestimmt; ich erkannte eine weibliche Ähnlichkeit mit der Handschrift des armen George; ordentlicher als seine und entschlossener als seine, aber sehr ähnlich, sehr ähnlich.“

Er drehte den Brief um und untersuchte das Siegel, das das vertraute Wappen seines Freundes trug.

„Ich frage mich, was sie mir wohl schreibt?“, dachte er. „Es ist ein langer Brief, wage ich zu vermuten; sie ist die Art von Frau, die einen langen Brief schreiben würde – ein Brief, der mich antreiben, vorwärts treiben, mich aus mir selbst herausreißen wird, daran zweifle ich nicht. Aber das lässt sich nicht ändern – also los geht’s!“

Er riss den Umschlag mit einem resignierten Seufzer auf. Er enthielt nichts als Georges zwei Briefe und ein paar Worte, die auf die Lasche geschrieben waren: „Ich sende die Briefe; bitte bewahren Sie sie auf und schicken Sie sie zurück – C.T.“

Der Brief, der aus Liverpool geschrieben war, verriet nichts über das Leben des Schreibers, außer seinem plötzlichen Entschluss, in eine neue Welt aufzubrechen, um das Vermögen wiederzugewinnen, das in der alten ruiniert worden war. Der Brief, der fast unmittelbar nach Georges Heirat geschrieben wurde, enthielt eine vollständige Beschreibung seiner Frau – eine solche Beschreibung, wie sie ein Mann nur innerhalb von drei Wochen nach einer Liebesheirat schreiben konnte – eine Beschreibung, in der jedes Merkmal minutiös katalogisiert, jede Anmut von Gestalt oder Schönheit des Ausdrucks liebevoll bedacht, jeder Charme ihres Wesens liebevoll dargestellt war.

Robert Audley las den Brief dreimal, bevor er ihn beiseite legte.

„Wenn George gewusst hätte, für welchen Zweck diese Beschreibung dienen würde, als er sie schrieb“, dachte der junge Barrister, „wäre seine Hand sicherlich vor Entsetzen gelähmt gewesen und unfähig, auch nur eine Silbe dieser zärtlichen Worte zu formen.“

KAPITEL XXV.

RÜCKLÄUFIGE UNTERSUCHUNG.

Der trostlose Londoner Januar zog sich in seiner trüben Länge langsam dahin. Die letzten schmalen Aufzeichnungen der Weihnachtszeit waren hinweggefegt, und Robert Audley verweilte immer noch in der Stadt – verbrachte immer noch seine einsamen Abende in seinem stillen Wohnzimmer im Figtree Court – wanderte immer noch lustlos an sonnigen Vormittagen in den Temple Gardens umher, lauschte geistesabwesend dem Geplapper der Kinder, beobachtete untätig ihr Spiel. Er hatte viele Freunde unter den Bewohnern der malerischen alten Gebäude um ihn herum; er hatte andere Freunde weit weg an angenehmen Orten auf dem Land, deren Gästezimmer immer zu Bobs Diensten standen, deren heitere Kamine gemütlich luxuriöse Sessel hatten, die eigens für ihn bestimmt waren. Doch er schien seit dem Verschwinden von George Talboys jede Lust an Geselligkeit, jede Anteilnahme an den Vergnügungen und Beschäftigungen seines Standes verloren zu haben. Ältere Richter ergötzten sich an scherzhaften Bemerkungen über das blasse Gesicht und das launische Wesen des jungen Mannes. Sie deuteten die Wahrscheinlichkeit einer unglücklichen Bindung, einer weiblichen Misshandlung als geheime Ursache der Veränderung an. Sie sagten ihm, er solle guten Mutes sein, und luden ihn zu Abendgesellschaften ein, bei denen „die reizende Frau, mit all ihren Fehlern, Gott segne sie“, von Herren getrunken wurde, die Tränen vergossen, während sie den Trinkspruch ausbrachten, und gegen Ende der Unterhaltung bei ihren Getränken weinerlich und unglücklich waren. Robert hatte keine Neigung zum Weintrinken und Punschmachen. Die einzige Idee seines Lebens war zu seinem Gebieter geworden. Er war der leibeigene Sklave eines düsteren Gedankens – einer schrecklichen Vorahnung. Eine dunkle Wolke lagerte über dem Haus seines Onkels, und es war seine Hand, die das Signal für den Donnerschlag geben sollte, und für den Sturm, der dieses edle Leben ruinieren würde.

„Wenn sie sich nur warnen lassen und davonlaufen würde“, sagte er manchmal zu sich selbst. „Der Himmel weiß, ich habe ihr eine faire Chance gegeben. Warum ergreift sie sie nicht und läuft davon?“

Er hörte manchmal von Sir Michael, manchmal von Alicia. Der Brief der jungen Dame enthielt selten mehr als ein paar knappe Zeilen, die ihn wissen ließen, dass sein Papa wohlauf sei; und dass Lady Audley in sehr hoher Stimmung sei und sich in ihrer üblichen frivolen Art amüsiere, mit ihrer üblichen Missachtung für andere Menschen.

Ein Brief von Mr. Marchmont, dem Schullehrer aus Southampton, informierte Robert, dass es dem kleinen Georgey sehr gut gehe, er aber in seiner Ausbildung zurückliege und noch nicht den intellektuellen Rubikon der zweisilbigen Wörter überschritten habe. Captain Maldon hatte angerufen, um seinen Enkel zu sehen, doch dieses Privileg war ihm gemäß den Anweisungen von Mr. Audley verweigert worden. Der alte Mann hatte außerdem ein Paket mit Gebäck und Süßigkeiten an den kleinen Jungen geschickt, das ebenfalls mit der Begründung abgelehnt worden war, die Esswaren hätten unverdauliche und gallenreizende Wirkungen.

Gegen Ende Februar erhielt Robert einen Brief von seiner Cousine Alicia, der ihn einen Schritt weiter in Richtung seines Schicksals trieb, indem er ihn dazu veranlasste, in das Haus zurückzukehren, aus dem er auf Betreiben der Frau seines Onkels gewissermaßen verbannt worden war.

„Papa ist sehr krank“, schrieb Alicia; „nicht lebensgefährlich krank, Gott sei Dank; aber er ist an sein Zimmer gefesselt durch einen Anfall von leichtem Fieber, das auf eine heftige Erkältung folgte. Komm und sieh ihn dir an, Robert, wenn dir etwas an deinen nächsten Verwandten liegt. Er hat mehrmals von dir gesprochen; und ich weiß, er wird froh sein, dich bei sich zu haben. Komm sofort, aber sag nichts über diesen Brief.

Von deiner dich liebenden Cousine, ALICIA.“

Ein krankes und tödliches Entsetzen durchlief Robert Audleys Herz, als er diesen Brief las – eine vage, aber abscheuliche Angst, die er nicht in eine bestimmte Form zu bringen wagte.

„Habe ich das Richtige getan?“, dachte er in der ersten Agonie dieses neuen Schreckens – „habe ich das Richtige getan, mit der Gerechtigkeit zu spielen; und das Geheimnis meiner Zweifel zu bewahren in der Hoffnung, dass ich diejenigen, die ich liebe, vor Kummer und Schande bewahre? Was soll ich tun, wenn ich ihn krank vorfinde, sehr krank, vielleicht sterbend, sterbend an ihrer Brust! Was soll ich tun?“

Ein Weg lag klar vor ihm; und der erste Schritt dieses Weges war eine eilige Reise nach Audley Court. Er packte seinen Portmanteau, sprang in eine Droschke und erreichte den Bahnhof innerhalb einer Stunde nach Erhalt von Alicias Brief, der mit der Nachmittagspost gekommen war.

Die schwachen Dorflichter flackerten blass durch die zunehmende Dämmerung, als Robert Audley erreichte. Er ließ seinen Koffer beim Bahnhofsvorsteher und ging in gemächlichem Tempo durch die stillen Wege, die zur stillen Einsamkeit des Hofes führten. Die sich wölbenden Bäume streckten ihre blattlosen Äste über seinem Kopf aus, kahl und unheimlich im schummrigen Licht. Ein tiefer, klagender Wind strich über das flache Wiesenland und warf jene rauen Äste hierhin und dorthin gegen den dunkelgrauen Himmel. Sie sahen aus wie die geisterhaften Arme geschrumpfter und verwelkter Riesen, die Robert zum Haus seines Onkels herbeiwinkten. Sie sahen aus wie drohende Phantome in der kühlen Winterdämmerung, die ihm zunickten, er solle seine Reise beschleunigen. Die lange Allee, so hell und angenehm, wenn die duftenden Linden ihre leichten Blüten auf den Pfad streuten und die Blätter der Hundsrose in der Sommerluft schwebten, war entsetzlich kahl und trostlos in der freudlosen Zwischenzeit, die die häuslichen Freuden von Weihnachten von dem blassen Erröten des kommenden Frühlings trennt – eine tote Pause im Jahr, in der die Natur in einem tranceartigen Schlaf zu liegen scheint und auf das wundersame Signal für das Knospen der Blume wartet.

Ein düsteres Vorgefühl schlich sich in Robert Audleys Herz, als er sich dem Haus seines Onkels näherte. Jede Veränderung in der Umrisslinie der Landschaft war ihm vertraut; jede Biegung der Bäume; jede Laune der ungehinderten Zweige; jede Unebenheit in der kahlen Weißdornhecke, die von Zwerg-Rosskastanien, verkümmerten Weiden, Brombeer- und Haselsträuchern durchbrochen wurde.

Sir Michael war dem jungen Mann ein zweiter Vater gewesen, ein großmütiger und edler Freund, ein besonnener und ernsthafter Ratgeber; und vielleicht war das stärkste Gefühl in Roberts Herz seine Liebe zu dem grau bärtigen Baronet. Doch diese dankbare Zuneigung war so sehr ein Teil seiner selbst, dass sie selten einen Ausweg in Worten fand, und ein Fremder hätte nie die Tiefe des Gefühls ergründet, das wie ein tiefer und mächtiger Strom unter der stagnierenden Oberfläche des Charakters des Barristers lag.

Was würde aus diesem Ort werden, wenn mein Onkel sterben sollte?, dachte er und trat näher an das mit Efeu bewachsene Tor und die stillen Wasserbecken, die im Zwielicht kalt und grau schimmerten. Würden andere Menschen in dem alten Haus leben und unter den niedrigen Eichendecken in den vertrauten, wohnlichen Zimmern sitzen?

Diese wunderbare Fähigkeit zur Assoziation, die so sehr mit den innersten Fasern selbst der härtesten Natur verwoben ist, erfüllte die Brust des jungen Mannes mit einem prophetischen Schmerz, als er daran dachte, dass, wie lange es auch dauern mochte, der Tag kommen musste, an dem die Eichenfensterläden für eine Weile geschlossen und der Sonnenschein aus dem Haus ausgesperrt sein würde, das er liebte. Es war ihm sogar schmerzhaft, daran zu denken; wie es immer schmerzhaft sein muss, an den kurzen Pachtvertrag zu denken, den selbst die Größten auf dieser Erde von ihrer Pracht innehaben können. Ist es so verwunderlich, dass manche Wanderer unter den Hecken einschlafen, kaum darum bemüht, sich auf einer Reise abzumühen, die zu keiner bleibenden Stätte führt? Ist es verwunderlich, dass es seit der ersten Verkündung der Lehre Christi auf Erden Weltentsagende gegeben hat? Ist es seltsam, dass es ein geduldiges Ertragen und eine ruhige Ergebenheit gibt, ein stilles Erwarten dessen, was am anderen Ufer des dunkel dahin fließenden Stromes kommen mag? Ist es nicht eher verwunderlich, dass sich überhaupt jemand darum sorgen sollte, um der Größe willen groß zu sein; aus irgendeinem anderen Grund als reiner Gewissenhaftigkeit; der schlichten Treue des Dieners, der fürchtet, seine Talente in ein Tuch einzuwickeln, im Wissen, dass Gleichgültigkeit der Unehrlichkeit nahe verwandt ist? Wenn Robert Audley zur Zeit von Thomas von Kempen gelebt hätte, hätte er sich wahrscheinlich eine schmale Einsiedelei inmitten irgendeiner Waldeinsamkeit gebaut und sein Leben in stiller Nachahmung des vermeintlichen Autors der Nachfolge Christi verbracht. So aber war Figtree Court auf seine Weise eine angenehme Einsiedelei, und für Breviere und Stundenbücher, so schäme ich mich zu sagen, ersetzte der junge Barrister sie durch Paul de Kock und Dumas fils. Doch seine Sünden waren von so rein negativer Art, dass es für ihn sehr leicht gewesen wäre, sie gegen negative Tugenden einzutauschen.

Nur ein einsames Licht war in der langen, unregelmäßigen Fensterreihe sichtbar, die dem Torbogen zugewandt war, als Robert unter dem düsteren Schatten des rauschenden Efeus hindurchging, der in der kalten, klagenden Brise unruhig zitterte. Er erkannte das beleuchtete Fenster als das große Erkerfenster in des Onkels Zimmer. Als er das letzte Mal auf das alte Haus geblickt hatte, war es fröhlich von Besuchern gewesen, jedes Fenster glitzerte wie ein tiefer Stern in der Dämmerung; nun, dunkel und still, blickte es wie irgendein trostloses Baronatshaus tief in einer Waldeinsamkeit auf die Winternacht.

Der Mann, der dem unerwarteten Besucher die Tür öffnete, strahlte auf, als er den Neffen seines Herrn erkannte.

Sir Michael wird durch Ihren Anblick ein wenig aufgemuntert werden, mein Herr, sagte er, während er Robert Audley in die feuerbeleuchtete Bibliothek führte, die durch den leeren Ohrensessel des Baronets auf dem breiten Kaminvorleger verlassen wirkte. Soll ich Ihnen hier etwas zu essen bringen, mein Herr, bevor Sie nach oben gehen?, fragte der Diener. Meine gnädige Frau und Miss Audley haben während der Krankheit meines Herrn früh zu Abend gegessen, aber ich kann Ihnen alles bringen, was Sie wünschen würden, mein Herr.

Ich werde nichts zu mir nehmen, bevor ich meinen Onkel gesehen habe, antwortete Robert hastig; das heißt, wenn ich ihn sofort sehen kann. Er ist doch nicht zu krank, um mich zu empfangen, nehme ich an?, fügte er besorgt hinzu.

Oh nein, mein Herr – nicht zu krank; nur ein wenig niedergeschlagen, mein Herr. Hier entlang, wenn Sie so freundlich sein wollen.

Er führte Robert die kurze Treppe mit den flachen Eichenstufen hinauf in das achteckige Zimmer, in dem George Talboys vor fünf langen Monaten gesessen hatte und geistesabwesend auf das Porträt meiner gnädigen Frau gestarrt hatte. Das Bild war nun fertig und hing am Ehrenplatz gegenüber dem Fenster, inmitten von Claudes, Poussins und Wouvermans, deren weniger brillante Farbtöne durch die lebhafte Farbgebung des modernen Künstlers überstrahlt wurden. Das helle Gesicht blickte aus diesem verworrenen Glanz goldenen Haares, in dem die Präraffaeliten schwelgen, mit einem spöttischen Lächeln hervor, als Robert einen Moment innehielt, um einen Blick auf das wohlbekannte Bild zu werfen. Zwei oder drei Augenblicke später war er durch das Boudoir und das Ankleidezimmer meiner gnädigen Frau gegangen und stand an der Schwelle zu Sir Michaels Zimmer. Der Baronet lag in einem ruhigen Schlaf, sein Arm lag außerhalb der Bettdecke, und seine kräftige Hand war in die zarten Finger seiner jungen Frau geschlungen. Alicia saß in einem niedrigen Sessel neben dem breiten, offenen Kamin, auf dem die riesigen Holzscheite in der frostigen Atmosphäre heftig brannten. Das Innere dieses luxuriösen Schlafzimmers hätte ein eindrucksvolles Bild für den Stift eines Künstlers abgeben können. Die massiven Möbel, dunkel und düster, doch hier und da durch Reste von Vergoldungen und Massen leuchtender Farben aufgelockert und hervorgehoben; die Eleganz jedes Details, bei dem Reichtum dem reinen Geschmack untergeordnet war; und zuletzt, aber am wichtigsten, die anmutigen Gestalten der beiden Frauen und die edle Gestalt des alten Mannes hätten eine würdige Studie für jeden Maler gebildet.

Lucy Audley, mit ihrem unordentlichen Haar als blasser Schleier aus gelbem Gold um ihr nachdenkliches Gesicht, die fließenden Linien ihres weichen Morgenrocks aus Musselin, die in geraden Falten bis zu ihren Füßen fielen und an der Taille von einem schmalen Reif aus Achatgliedern gehalten wurden, hätte als Modell für eine mittelalterliche Heilige dienen können, in einer der winzigen Kapellen, die in den Winkeln und Ecken einer grauen alten Kathedrale verborgen liegen, unverändert durch Reformation oder Cromwell; und welcher heilige Märtyrer des Mittelalters hätte eine heiligere Erscheinung haben können als der Mann, dessen grauer Bart auf der dunklen seidenen Tagesdecke des stattlichen Bettes lag?

Robert hielt an der Schwelle inne, aus Furcht, seinen Onkel zu wecken. Die beiden Damen hatten seinen Schritt gehört, vorsichtig er auch gewesen war, und hoben ihre Köpfe, um ihn anzusehen. Das Gesicht meiner gnädigen Frau, das still den Kranken beobachtete, hatte einen besorgten Ernst gezeigt, der es nur noch schöner machte; doch dasselbe Gesicht verblasste, als es Robert Audley erkannte, verlor seine zarte Helligkeit und wirkte im Lampenlicht erschrocken und bleich.

Mr. Audley!, rief sie mit einer schwachen, zitternden Stimme.

Pst!, flüsterte Alicia mit einer warnenden Geste; Sie werden Papa wecken. Wie gut von Ihnen zu kommen, Robert, fügte sie im selben flüsternden Tonfall hinzu und winkte ihrem Cousin, einen leeren Stuhl in der Nähe des Bettes zu nehmen.

Der junge Mann setzte sich auf den angewiesenen Platz am Fußende des Bettes, gegenüber meiner gnädigen Frau, die dicht neben den Kopfkissen saß. Er blickte lange und eindringlich auf das Gesicht des Schlafenden; noch länger, noch eindringlicher auf das Gesicht von Lady Audley, das langsam seine natürliche Farbe zurückgewann.

Er ist nicht sehr krank gewesen, oder?, fragte Robert im selben Tonfall, in dem Alicia gesprochen hatte.

Meine gnädige Frau beantwortete die Frage.

Oh nein, nicht lebensgefährlich krank, sagte sie, ohne den Blick von dem Gesicht ihres Mannes abzuwenden; aber dennoch waren wir besorgt, sehr, sehr besorgt.

Robert ließ in seiner Musterung dieses bleichen Gesichts nicht nach.

Sie wird mich ansehen müssen, dachte er; ich werde sie dazu bringen, meinen Augen zu begegnen, und ich werde sie lesen, wie ich sie zuvor gelesen habe. Sie soll wissen, wie nutzlos ihre Künste bei mir sind.

Er hielt einige Minuten inne, bevor er wieder sprach. Der gleichmäßige Atem des Schlafenden, das Ticken einer goldenen Taschenuhr am Kopfende des Bettes und das Knistern der brennenden Holzscheite waren die einzigen Geräusche, die die Stille unterbrachen.

Ich zweifle nicht daran, dass Sie besorgt waren, Lady Audley, sagte Robert nach einer Pause, während er die Augen meiner gnädigen Frau fixierte, als sie verstohlen zu seinem Gesicht wanderten. Es gibt niemanden, für den das Leben meines Onkels von größerem Wert sein kann als für Sie. Ihr Glück, Ihr Wohlstand, Ihre Sicherheit hängen gleichermaßen von seinem Fortbestehen ab.

Das Flüstern, mit dem er diese Worte äußerte, war zu leise, um die andere Seite des Zimmers zu erreichen, wo Alicia saß.

Lucy Audleys Augen trafen die des Sprechers mit einem gewissen Triumphglanz in ihrem Leuchten.

Ich weiß das, sagte sie. Wer mich treffen will, muss durch ihn hindurchschlagen.

Sie deutete auf den Schlafenden, während sie sprach, und blickte dabei immer noch Robert Audley an. Sie forderte ihn mit ihren blauen Augen heraus, deren Helligkeit durch den Triumph in ihrem Blick noch verstärkt wurde. Sie forderte ihn mit ihrem stillen Lächeln heraus – einem Lächeln von fataler Schönheit, voller lauernder Bedeutung und geheimnisvollem Sinn – dem Lächeln, das der Künstler in seinem Porträt der Frau von Sir Michael übertrieben hatte.

Robert wandte sich von dem reizenden Gesicht ab und beschattete seine Augen mit seiner Hand; er schob eine Barriere zwischen meine gnädige Frau und sich selbst; einen Schirm, der ihre Durchdringungskraft vereitelte und ihre Neugier herausforderte. Beobachtete er sie immer noch, oder dachte er nach? Und woran dachte er?

Robert saß über eine Stunde am Bett, bevor sein Onkel erwachte. Der Baronet war erfreut über das Kommen seines Neffen.

Es war sehr gut von dir, zu mir zu kommen, Bob, sagte er. Ich habe seit ich krank bin viel an dich gedacht. Du und Lucy müsst gute Freunde sein, weißt du, Bob; und du musst lernen, sie als deine Tante zu betrachten, mein Junge; auch wenn sie jung und schön ist; und – und – du verstehst, eh?

Robert ergriff die Hand seines Onkels, aber er blickte zu Boden, als er antwortete: Ich verstehe Sie wohl, mein Herr, sagte er ruhig; und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich gegen die Reize meiner gnädigen Frau gestählt bin. Das weiß sie ebenso gut wie ich.

Lucy Audley machte eine kleine Grimasse mit ihren hübschen kleinen Lippen. Bah, du alberner Robert, rief sie aus; du nimmst alles au serieux. Wenn ich dachte, du wärst etwas zu jung für einen Neffen, dann nur aus Sorge vor dem törichten Gerede anderer Leute; nicht aus irgendeinem –

Sie zögerte einen Moment und entging einer Schlussfolgerung ihres Satzes durch das rechtzeitige Eingreifen von Mr. Dawson, ihrem früheren Arbeitgeber, der während sie sprach zu seinem abendlichen Besuch den Raum betrat.

Er fühlte den Puls des Patienten; stellte zwei oder drei Fragen; erklärte, dass sich der Baronet stetig erhole; wechselte ein paar belanglose Bemerkungen mit Alicia und Lady Audley und machte sich bereit, das Zimmer zu verlassen. Robert stand auf und begleitete ihn zur Tür.

Ich werde Ihnen zur Treppe leuchten, sagte er, nahm eine Kerze von einem der Tische und zündete sie an der Lampe an.

Nein, nein, Mr. Audley, ich bitte Sie, machen Sie sich keine Umstände, wandte der Arzt ein; ich kenne den Weg sehr gut.

Robert bestand darauf, und die beiden Männer verließen gemeinsam den Raum. Als sie das achteckige Vorzimmer betraten, hielt der Barrister inne und schloss die Tür hinter sich.

Wollen Sie darauf achten, dass die Tür geschlossen ist, Mr. Dawson?, sagte er und deutete auf die, die zur Treppe führte. Ich wünsche ein paar Augenblicke ein privates Gespräch mit Ihnen.

Mit Vergnügen, antwortete der Arzt und kam Roberts Bitte nach; aber wenn Sie wegen Ihres Onkels beunruhigt sind, Mr. Audley, kann ich Sie beruhigen. Es besteht kein Anlass für die geringste Unruhe. Wäre seine Krankheit irgendwie ernst gewesen, hätte ich sofort den Hausarzt telegrafiert.

Ich bin sicher, dass Sie Ihre Pflicht getan hätten, mein Herr, antwortete Robert ernst. Aber ich werde nicht von meinem Onkel sprechen. Ich möchte Ihnen zwei oder drei Fragen über eine andere Person stellen.

In der Tat.

Die Person, die einst als Miss Lucy Graham in Ihrer Familie lebte; die Person, die jetzt Lady Audley ist.

Mr. Dawson blickte mit einem Ausdruck der Überraschung auf seinem ruhigen Gesicht auf.

Verzeihen Sie, Mr. Audley, antwortete er; Sie können kaum erwarten, dass ich Fragen über die Frau Ihres Onkels ohne die ausdrückliche Erlaubnis von Sir Michael beantworte. Ich kann kein Motiv erkennen, das Sie dazu bewegen könnte, solche Fragen zu stellen – kein würdiges Motiv zumindest. Er blickte den jungen Mann streng an, als wollte er sagen: Sie haben sich in die hübsche Frau Ihres Onkels verliebt, mein Herr, und Sie wollen mich zum Vermittler bei irgendeinem treulosen Flirt machen; aber das wird nicht gehen, mein Herr, das wird nicht gehen.

Ich habe die Dame immer als Miss Graham respektiert, mein Herr, sagte er, und ich schätze sie doppelt als Lady Audley – nicht wegen ihrer veränderten Stellung, sondern weil sie die Ehefrau eines der edelsten Männer in der Christenheit ist.

Sie können meinen Onkel oder die Ehre meines Onkels nicht aufrichtiger respektieren als ich, antwortete Robert. Ich habe kein unwürdiges Motiv für die Fragen, die ich zu stellen gedenke; und Sie müssen sie beantworten.

Müssen!, echote Mr. Dawson empört.

Ja, Sie sind der Freund meines Onkels. In Ihrem Haus hat er die Frau getroffen, die jetzt seine Ehefrau ist. Sie nannte sich eine Waise, glaube ich, und erregte sein Mitleid ebenso sehr wie seine Bewunderung. Sie sagte ihm, sie stünde allein auf der Welt, nicht wahr? – ohne Freund oder Verwandten. Das war alles, was ich jemals von ihrer Vorgeschichte erfahren konnte.

Welchen Grund haben Sie, mehr wissen zu wollen?, fragte der Arzt.

Einen sehr schrecklichen Grund, antwortete Robert Audley. Seit einigen Monaten kämpfe ich mit Zweifeln und Verdächtigungen, die mein Leben vergiftet haben. Sie sind jeden Tag stärker geworden; und sie lassen sich nicht durch die alltäglichen Sophistereien und die seichten Argumente beruhigen, mit denen Menschen versuchen, sich selbst zu täuschen, anstatt das zu glauben, was sie von allen Dingen auf Erden am meisten zu glauben fürchten. Ich glaube nicht, dass die Frau, die den Namen meines Onkels trägt, würdig ist, seine Frau zu sein. Ich mag ihr Unrecht tun. Der Himmel gebe, dass es so ist. Aber wenn ich es tue, hat sich die verhängnisvolle Kette der Indizien noch nie so eng um eine unschuldige Person geschlossen. Ich möchte meine Zweifel ausräumen oder – oder meine Befürchtungen bestätigen. Es gibt nur einen Weg, wie ich dies tun kann. Ich muss das Leben der Frau meines Onkels rückwärts verfolgen, minutiös und sorgfältig, von heute Nacht an bis zu einem Zeitraum von vor sechs Jahren. Dies ist der vierundzwanzigste Februar, neunundfünfzig. Ich möchte jedes Dokument ihres Lebens zwischen heute Nacht und dem Februar des Jahres dreiundfünfzig kennen.

Und Ihr Motiv ist ein würdiges?

Ja, ich möchte sie von einem sehr schrecklichen Verdacht befreien.

Der nur in Ihrem Kopf existiert?

Und im Kopf einer anderen Person.

Darf ich fragen, wer diese Person ist?

Nein, Mr. Dawson, antwortete Robert entschieden; ich kann nichts weiter enthüllen, als das, was ich Ihnen bereits gesagt habe. Ich bin in den meisten Dingen ein sehr unentschlossener, schwankender Mann. In dieser Angelegenheit bin ich gezwungen, entschlossen zu sein. Ich wiederhole noch einmal, dass ich die Geschichte des Lebens von Lucy Graham kennen muss. Wenn Sie sich weigern, mir in dem geringen Umfang, der in Ihrer Macht steht, zu helfen, werde ich andere finden, die mir helfen werden. So schmerzhaft es auch werden mag, werde ich meinen Onkel um die Auskunft bitten, die Sie mir vorenthalten würden, anstatt beim ersten Schritt meiner Untersuchung vereitelt zu werden.

Mr. Dawson schwieg einige Minuten.

Ich kann nicht ausdrücken, wie sehr Sie mich erstaunt und beunruhigt haben, Mr. Audley, sagte er. Ich kann Ihnen so wenig über die Vorgeschichte von Lady Audley sagen, dass es reine Sturheit wäre, die geringe Menge an Informationen, die ich besitze, zurückzuhalten. Ich habe die Frau Ihres Onkels immer für eine der liebenswürdigsten Frauen gehalten. Ich kann mich nicht dazu bringen, sie anders zu sehen. Es wäre ein Umstürzen einer der stärksten Überzeugungen meines Lebens, wenn ich gezwungen wäre, sie anders zu sehen. Sie möchten ihr Leben von der heutigen Stunde an rückwärts bis zum Jahr dreiundfünfzig verfolgen?

Das möchte ich.

Sie war seit dem vorletzten Juni mit Ihrem Onkel verheiratet, im Hochsommer siebenundfünfzig. Sie hatte etwas mehr als dreizehn Monate in meinem Haus gelebt. Sie wurde am vierzehnten Mai des Jahres sechsundfünfzig ein Mitglied meines Haushalts.

Und sie kam zu Ihnen –

Aus einer Schule in Brompton, einer Schule, die von einer Dame namens Vincent geleitet wurde. Es war Mrs. Vincents nachdrückliche Empfehlung, die mich dazu bewog, Miss Graham ohne genauere Kenntnis ihrer Vorgeschichte in meine Familie aufzunehmen.

Haben Sie diese Mrs. Vincent gesehen?

Habe ich nicht. Ich inserierte für eine Gouvernante, und Miss Graham antwortete auf meine Anzeige. In ihrem Brief verwies sie mich an Mrs. Vincent, die Inhaberin einer Schule, in der sie damals als Hilfslehrerin wohnte. Meine Zeit ist immer so voll ausgefüllt, dass ich froh war, der Notwendigkeit eines Tagesverlustes zu entgehen, von Audley nach London zu fahren, um mich über die Qualifikationen der jungen Dame zu erkundigen. Ich suchte nach Mrs. Vincents Namen im Adressbuch, fand ihn, schloss daraus, dass sie eine verantwortungsbewusste Person sei, und schrieb ihr. Ihre Antwort war vollkommen zufriedenstellend; Miss Lucy Graham war eifrig und gewissenhaft sowie voll qualifiziert für die Stelle, die ich anbot. Ich akzeptierte diese Referenz und hatte keinen Grund, das zu bereuen, was vielleicht eine Unvorsichtigkeit war. Und nun, Mr. Audley, habe ich Ihnen alles gesagt, was ich in der Lage bin zu sagen.

Wären Sie so freundlich, mir die Adresse dieser Mrs. Vincent zu geben?, fragte Robert und holte sein Notizbuch heraus.

Gewiss; sie wohnte damals in No. 9 Crescent Villas, Brompton.

Ah, natürlich, murmelte Mr. Audley, eine Erinnerung an den letzten September blitzte plötzlich bei ihm auf, als der Chirurg sprach.

Crescent Villas – ja, die Adresse habe ich schon einmal von Lady Audley selbst gehört. Diese Mrs. Vincent hat die Frau meines Onkels Anfang letzten September telegrafiert. Sie war krank – im Sterben, glaube ich – und ließ nach meiner gnädigen Frau schicken; aber sie war aus ihrem alten Haus ausgezogen und war nicht mehr zu finden.

Tatsächlich! Ich habe nie gehört, dass Lady Audley den Umstand erwähnte.

Vielleicht nicht. Es geschah, während ich hier unten war. Danke, Mr. Dawson, für die Informationen, die Sie mir so freundlich und ehrlich gegeben haben. Sie führen mich zweieinhalb Jahre zurück in die Geschichte des Lebens meiner gnädigen Frau; aber ich habe immer noch eine Lücke von drei Jahren zu füllen, bevor ich sie von meinem schrecklichen Verdacht befreien kann. Guten Abend.

Robert schüttelte dem Chirurgen die Hand und kehrte in das Zimmer seines Onkels zurück. Er war etwa eine Viertelstunde weg gewesen. Sir Michael war wieder eingeschlafen, und die liebevollen Hände meiner gnädigen Frau hatten die schweren Vorhänge herabgelassen und die Lampe am Bett gedimmt. Alicia und die Frau ihres Vaters tranken Tee in Lady Audleys Boudoir, dem Zimmer neben dem Vorzimmer, in dem Robert und Mr. Dawson gesessen hatten.

Lucy Audley blickte von ihrer Beschäftigung zwischen den zerbrechlichen Teetassen aus Porzellan auf und beobachtete Robert recht besorgt, als er leise zum Zimmer seines Onkels und wieder zurück zum Boudoir ging. Sie sah sehr hübsch und unschuldig aus, wie sie hinter der anmutigen Gruppe aus zartem Opal-Porzellan und glitzerndem Silber saß. Sicherlich sieht eine hübsche Frau nie hübscher aus, als wenn sie Tee zubereitet. Die weiblichste und häuslichste aller Beschäftigungen verleiht jeder ihrer Bewegungen eine magische Harmonie, jedem ihrer Blicke einen Zauber. Die aufsteigenden Nebel der siedenden Flüssigkeit, in der sie die lindernden Kräuter ziehen lässt, deren Geheimnisse nur ihr allein bekannt sind, hüllen sie in eine Wolke aus duftendem Dampf, durch die sie wie eine gesellschaftliche Fee erscheint, die mit Gunpowder und Bohea mächtige Zauber webt. Am Teetisch herrscht sie allmächtig, unerreichbar. Was wissen Männer von diesem geheimnisvollen Getränk? Man lese, wie der arme Hazlitt seinen Tee zubereitete, und schaudere bei dieser schrecklichen Barbarei. Wie unbeholfen die armen Geschöpfe versuchen, der hexenhaften Vorsitzenden des Teeblatts zu assistieren; wie hoffnungslos sie den Kessel halten, wie ständig sie die zerbrechlichen Tassen und Untertassen oder die schmalen Hände der Priesterin in Gefahr bringen. Den Teetisch abzuschaffen, hieße, die Frau ihres rechtmäßigen Reiches zu berauben. Ein paar schwerfällige Männer unter Ihre Gäste zu schicken, die eine im Zimmer der Haushälterin angerührte Mischung verteilen, hieße, die geselligste und freundlichste aller Zeremonien auf eine formelle Rationenausgabe zu reduzieren. Besser der hübsche Einfluss der Teetassen und Untertassen, anmutig in einer Frauenhand geführt, als alle unangemessene Macht, die dem widerwilligen, härteren Geschlecht an der Spitze der Feder entrissen wurde. Stellen Sie sich alle Frauen Englands auf das hohe Niveau männlicher Intellektualität gehoben vor, erhaben über Krinoline; über Perlenpuder und Mrs. Rachael Levison; darüber, sich die Mühe zu machen, hübsch zu sein; über Teetische und jenen grausam skandalösen und etwas satirischen Klatsch, an dem selbst starke Männer Gefallen finden; und was für ein trostloses, utilitaristisches, hässliches Leben das stärkere Geschlecht doch führen müsste.

Meine gnädige Frau war keineswegs ein starker Geist. Die sternförmigen Diamanten an ihren weißen Fingern blitzten hierhin und dorthin zwischen dem Teegeschirr, und sie beugte ihr hübsches Haupt über die wunderbare indische Teedose aus Sandelholz und Silber, mit so viel Ernst, als ob das Leben keinen höheren Zweck bereithielte als das Aufbrühen von Bohea.

„Sie werden eine Tasse Tee mit uns trinken, Mr. Audley?“, fragte sie und hielt mit der Teekanne in der Hand inne, um zu Robert aufzusehen, der nahe der Tür stand.

„Wenn ich bitten darf.“

„Aber Sie haben vielleicht noch nicht zu Abend gegessen? Soll ich läuten und ihnen sagen, sie sollen Ihnen etwas Substanzielleres bringen als Kekse und durchscheinendes Butterbrot?“

„Nein, danke, Lady Audley. Ich habe zu Mittag gegessen, bevor ich die Stadt verließ. Ich werde Sie um nichts weiter bemühen als um eine Tasse Tee.“

Er setzte sich an den kleinen Tisch und sah hinüber zu seiner Cousine Alicia, die mit einem Buch auf dem Schoß saß und den Anschein erweckte, sehr von dessen Seiten vertieft zu sein. Der helle Teint der Brünetten hatte sein leuchtendes Purpur verloren, und die Lebhaftigkeit des Wesens der jungen Dame war unterdrückt – ohne Zweifel aufgrund der Krankheit ihres Vaters, dachte Robert.

„Alicia, meine Liebe“, sagte der Anwalt nach einer sehr gemächlichen Betrachtung seiner Cousine, „du siehst nicht gut aus.“

Miss Audley zuckte mit den Schultern, würdigte es aber nicht, ihre Augen von ihrem Buch zu erheben.

„Vielleicht nicht“, antwortete sie verächtlich. „Was macht das schon? Ich werde zur Philosophin deiner Schule, Robert Audley. Was macht das schon? Wen kümmert es, ob ich gesund oder krank bin?“

„Was für ein Feuerkopf sie doch ist“, dachte der Anwalt. Er wusste immer, dass seine Cousine wütend auf ihn war, wenn sie ihn mit „Robert Audley“ ansprach.

„Du brauchst einen Kerl nicht gleich anzufahren, nur weil er dir eine höfliche Frage stellt, Alicia“, sagte er vorwurfsvoll. „Was das betrifft, dass sich niemand um deine Gesundheit kümmert, das ist Unsinn. Ich kümmere mich.“ Miss Audley blickte mit einem strahlenden Lächeln auf. „Sir Harry Towers kümmert sich.“ Miss Audley kehrte mit einer gerunzelten Stirn zu ihrem Buch zurück.

„Was liest du da, Alicia?“, fragte Robert nach einer Pause, während der er nachdenklich seinen Tee umgerührt hatte.

„Changes and Chances.“

„Ein Roman?“

„Ja.“

„Von wem ist er?“

„Vom Autor von Follies and Faults“, antwortete Alicia, während sie weiterhin ihre Lektüre des Romans auf ihrem Schoß verfolgte.

„Ist er interessant?“

Miss Audley spitzte den Mund und zuckte mit den Schultern.

„Nicht besonders“, sagte sie.

„Dann denke ich, du könntest bessere Manieren haben, als ihn zu lesen, während dein Cousin ersten Grades dir gegenüber sitzt“, bemerkte Mr. Audley mit einiger Ernsthaftigkeit, „besonders da er nur gekommen ist, um dir einen flüchtigen Besuch abzustatten, und morgen früh wieder fort sein wird.“

„Morgen früh!“, rief meine gnädige Frau und blickte plötzlich auf.

Obwohl der Ausdruck der Freude auf Lady Audleys Gesicht so kurz war wie ein Blitz am Sommerhimmel, blieb er Robert nicht verborgen.

„Ja“, sagte er; „ich werde gezwungen sein, morgen geschäftlich nach London zu fahren, aber ich werde am nächsten Tag zurückkehren, wenn Sie es mir gestatten, Lady Audley, und hier bleiben, bis mein Onkel sich erholt hat.“

„Aber Sie sind doch nicht ernsthaft besorgt um ihn, oder?“, fragte meine gnädige Frau besorgt.

„Sie halten ihn nicht für sehr krank?“

„Nein“, antwortete Robert. „Gott sei Dank glaube ich, dass es nicht den geringsten Anlass zur Sorge gibt.“

Meine gnädige Frau saß einige Augenblicke still da und blickte mit einem hübsch nachdenklichen Gesicht auf die leeren Teetassen – ein Gesicht, das ernst war mit dem unschuldigen Ernst eines sinnenden Kindes.

„Aber Sie waren doch gerade so lange mit Mr. Dawson eingeschlossen“, sagte sie nach dieser kurzen Pause. „Ich war ganz beunruhigt über die Länge Ihrer Unterhaltung. Haben Sie die ganze Zeit über Sir Michael gesprochen?“

„Nein; nicht die ganze Zeit.“

Meine gnädige Frau sah wieder auf die Teetassen hinunter.

„Nun, was konnten Sie Mr. Dawson schon zu sagen haben, oder er Ihnen?“, fragte sie nach einer weiteren Pause. „Sie sind einander fast fremd.“

„Angenommen, Mr. Dawson wollte mich wegen einer Rechtsangelegenheit konsultieren.“

„War es das?“, rief Lady Audley eifrig.

„Es wäre ziemlich unprofessionell, Ihnen das zu sagen, wenn es so wäre, meine gnädige Frau“, antwortete Robert ernst.

Meine gnädige Frau biss sich auf die Lippe und verfiel in Schweigen. Alicia warf ihr Buch beiseite und beobachtete das geistesabwesende Gesicht ihres Cousins. Er sprach ab und zu ein paar Minuten mit ihr, aber es war ihm offensichtlich eine Anstrengung, sich aus seinem Träumen aufzuraffen.

„Bei meinem Wort, Robert Audley, du bist ein sehr angenehmer Begleiter“, rief Alicia schließlich, deren eher begrenzter Vorrat an Geduld durch zwei oder drei dieser erfolglosen Gesprächsversuche völlig erschöpft war. „Vielleicht bist du beim nächsten Mal, wenn du zum Court kommst, so gut und bringst deinen Verstand mit. Nach deinem jetzigen leblosen Erscheinungsbild zu urteilen, sollte ich annehmen, du hättest deinen Intellekt, so gering er auch sein mag, irgendwo im Temple gelassen. Du warst nie einer der Lebhaftesten, aber in letzter Zeit bist du wirklich fast unerträglich geworden. Ich nehme an, du bist verliebt, Mr. Audley, und denkst an das geehrte Objekt deiner Zuneigung.“

Er dachte an Clara Talboys’ erhobenes Gesicht, erhaben in seiner unsagbaren Trauer; an ihre leidenschaftlichen Worte, die ihm noch so klar in den Ohren klangen wie in dem Augenblick, als sie zum ersten Mal ausgesprochen wurden. Wieder sah er sie mit ihren hellen braunen Augen zu ihm aufblicken. Wieder hörte er diese feierliche Frage: „Wirst du oder werde ich den Mörder meines Bruders finden?“ Und er war in Essex; in dem kleinen Dorf, von dem er fest glaubte, dass George Talboys es nie verlassen hatte. Er war an dem Ort, an dem jede Aufzeichnung über das Leben seines Freundes so plötzlich endete, wie eine Geschichte endet, wenn der Leser das Buch zuschließt. Und konnte er sich jetzt aus der Untersuchung zurückziehen, in die er verwickelt war? Konnte er jetzt aufhören? Aus irgendeinem Grund? Nein; tausendmal nein! Nicht mit dem Bild dieses von Trauer gezeichneten Gesichts, das sich in seinen Geist eingeprägt hatte. Nicht mit den Akzenten dieses eindringlichen Appells, die ihm in den Ohren klangen.

KAPITEL XXVI.

SO WEIT UND NICHT WEITER.

Robert verließ Audley am nächsten Morgen mit einem frühen Zug und erreichte Shoreditch kurz nach neun Uhr. Er kehrte nicht in seine Kanzlei zurück, sondern rief eine Droschke und fuhr direkt zu den Crescent Villas, West Brompton. Er wusste, dass er die Dame, die er unter dieser Adresse zu finden hoffte, dort nicht antreffen würde, so wie sein Onkel es einige Monate zuvor nicht getan hatte, aber er dachte, es sei möglich, einen Hinweis auf den neuen Wohnsitz der Lehrerin zu erhalten, trotz des Misserfolgs von Sir Michael.

„Mrs. Vincent lag laut dem Telegramm im Sterben“, dachte Robert. „Wenn ich sie finde, werde ich zumindest herausfinden, ob diese Nachricht echt war.“

Er fand die Crescent Villas nach einiger Mühe. Die Häuser waren groß, aber sie lagen halb eingebettet in das Chaos aus Ziegeln und aufsteigendem Mörtel um sie herum. Neue Terrassen, neue Straßen, neue Plätze führten in hoffnungslose Massen aus Stein und Putz auf jeder Seite. Die Wege waren klebrig von feuchtem Lehm, der die Räder der Droschke verstopfte und die Fesseln des Pferdes begrub. Die Verödungen – jener schreckliche Aspekt von Unvollständigkeit und Unbehagen, der eine neue und unfertige Nachbarschaft durchdringt – hatten ihr trostloses Siegel auf die umliegenden Straßen gedrückt, die um die Crescent Villas herum entstanden waren; und Robert verschwendete vierzig Minuten nach seiner Uhr und eine Stunde und ein Viertel nach der Rechnung des Kutschers damit, durch unbewohnte Straßen und Terrassen zu fahren und zu versuchen, die Villas zu finden, deren Schornsteinspitzen düster und ehrwürdig auf ihn herabblickten, inmitten von Hainen aus jungfräulichem Putz, ungetrübt von Zeit oder Rauch.

Nachdem er jedoch schließlich sein Ziel erreicht hatte, stieg Mr. Audley aus der Droschke, wies den Kutscher an, an einer bestimmten Ecke auf ihn zu warten, und machte sich auf seine Entdeckungsreise.

„Wäre ich ein angesehener Anwalt, könnte ich so etwas nicht tun“, dachte er; „meine Zeit wäre eine Guinee oder so pro Minute wert, und ich wäre im großen Prozess Hoggs gegen Boggs engagiert, der genau heute vor einer speziellen Jury in der Westminster Hall verhandelt wird. So wie es ist, kann ich es mir leisten, geduldig zu sein.“

Er erkundigte sich nach Mrs. Vincent unter der Nummer, die Mr. Dawson ihm gegeben hatte. Das Dienstmädchen, das die Tür öffnete, hatte den Namen dieser Dame noch nie gehört; aber nachdem sie ihre Herrin gefragt hatte, kehrte sie zurück, um Robert zu sagen, dass Mrs. Vincent dort gewohnt habe, aber dass sie zwei Monate vor dem Einzug der jetzigen Bewohner ausgezogen sei, „und die Herrin ist jetzt seit fünfzehn Monaten hier“, fügte das Mädchen nachdrücklich hinzu.

„Aber du kannst mir nicht sagen, wohin sie nach ihrem Auszug von hier ging?“, fragte Robert entmutigt.

„Nein, mein Herr; die Herrin sagt, sie glaubt, die Dame sei bankrottgegangen, und dass sie plötzlich weggegangen sei und nicht wollte, dass ihre Adresse in der Nachbarschaft bekannt werde.“

Mr. Audley fühlte sich wieder einmal am Ende. Wenn Mrs. Vincent den Ort verschuldet verlassen hatte, hatte sie zweifellos ihren Aufenthaltsort peinlich genau verborgen gehalten. Es gab also wenig Hoffnung, ihre Adresse von den Geschäftsleuten zu erfahren; und andererseits war es durchaus möglich, dass einige ihrer schärfsten Gläubiger es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Aufenthaltsort der Schuldnerin ausfindig zu machen.

Er sah sich nach den nächsten Geschäften um und fand einen Bäcker, einen Schreibwarenhändler und einen Obsthändler ein paar Schritte vom Crescent entfernt. Drei leer aussehende, prätentiöse Läden mit Fensterglas und einem hoffnungslosen Hauch von Gentilität.

Er hielt bei dem Bäcker an, der sich als Konditor und Zuckerbäcker bezeichnete und einige Exemplare von versteinertem Biskuitkuchen in Glasflaschen sowie einige hochglänzende Torten, die mit grüner Gaze bedeckt waren, ausstellte.

„Sie muss Brot gekauft haben“, dachte Robert, als er vor dem Bäckerladen überlegte; „und sie wird es wahrscheinlich am praktischsten Ort gekauft haben. Ich versuche es beim Bäcker.“

Der Bäcker stand hinter seinem Tresen und stritt sich mit einer schäbig-vornehmen jungen Frau über die Posten einer Rechnung. Er bemühte sich nicht, Robert Audley zu beachten, bis er den Streit beigelegt hatte, aber er blickte auf, als er die Rechnung quittierte, und fragte den Anwalt, was er wünsche.

„Können Sie mir die Adresse einer Mrs. Vincent sagen, die vor anderthalb Jahren in Nr. 9 Crescent Villas wohnte?“, erkundigte sich Mr. Audley sanft.

„Nein, das kann ich nicht“, antwortete der Bäcker, wobei sein Gesicht sehr rot wurde und er mit unnötig lauter Stimme sprach; „und mehr noch, ich wünschte, ich könnte es. Die Dame schuldet mir über elf Pfund für Brot, und das ist ein bisschen mehr, als ich mir leisten kann zu verlieren. Wenn mir jemand sagen kann, wo sie wohnt, wäre ich ihm sehr verbunden.“

Robert Audley zuckte mit den Schultern und wünschte dem Mann einen guten Morgen. Er spürte, dass die Entdeckung des Aufenthaltsortes der Dame mehr Mühe erfordern würde, als er erwartet hatte. Er hätte nach dem Namen von Mrs. Vincent im Adressbuch der Post suchen können, aber er hielt es für kaum wahrscheinlich, dass eine Dame, die auf so unangenehmem Fuß mit ihren Gläubigern stand, ihnen ein so einfaches Mittel bieten würde, ihren Wohnsitz zu ermitteln.

„Wenn der Bäcker sie nicht finden kann, wie sollte ich sie dann finden?“, dachte er verzweifelt. „Wenn ein entschlossenes, optimistisches, aktives und energisches Geschöpf wie der Bäcker scheitert, diese Angelegenheit zu erledigen, wie kann ein lymphatischer Wicht wie ich hoffen, es zu vollbringen? Wo der Bäcker besiegt wurde, wäre es eine absurde Torheit für mich, Erfolg haben zu wollen.“

Mr. Audley überließ sich diesen düsteren Reflexionen, während er langsam zurück zu der Ecke ging, an der er die Droschke gelassen hatte. Etwa auf halbem Weg zwischen dem Bäckerladen und dieser Ecke wurde er davon abgehalten, als er einen weiblichen Schritt dicht an seiner Seite hörte und eine Frauenstimme ihn bat stehenzubleiben. Er drehte sich um und stand der schäbig gekleideten Frau gegenüber, die er gerade mit dem Bäcker ihre Rechnung hatte begleichen sehen.

„Eh, was?“, fragte er vage. „Kann ich etwas für Sie tun, gnädige Frau? Schuldet Ihnen Mrs. Vincent auch Geld?“

„Ja, mein Herr“, antwortete die Frau mit einem halb vornehmen Gebaren, das der schäbigen Gentilität ihrer Kleidung entsprach. „Mrs. Vincent steht in meiner Schuld; aber das ist es nicht, mein Herr. Ich – ich möchte bitte wissen, was Ihr Geschäft mit ihr sein mag – weil – weil –“

„Sie können mir ihre Adresse geben, wenn Sie wollen, gnädige Frau. Das ist es, was Sie sagen wollen, nicht wahr?“

Die Frau zögerte ein wenig und betrachtete Robert mit einigem Misstrauen.

„Sie haben nichts mit – mit dem Abzahlungsgeschäft zu tun, oder, mein Herr?“, fragte sie, nachdem sie Mr. Audleys Äußeres einige Augenblicke lang gemustert hatte.

„Dem was, gnädige Frau?“, fragte der junge Anwalt und starrte seine Fragestellerin entsetzt an.

„Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, mein Herr“, rief die kleine Frau, als sie sah, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hatte. „Ich dachte, Sie könnten es sein, wissen Sie. Einige der Herren, die für die Abzahlungsläden kassieren, kleiden sich so sehr schick; und ich weiß, dass Mrs. Vincent eine Menge Geld schuldet.“

Robert Audley legte seine Hand auf den Arm der Sprecherin.

„Meine liebe Dame“, sagte er, „ich möchte nichts von den Angelegenheiten der Mrs. Vincent wissen. Weit davon entfernt, mit dem zu tun zu haben, was Sie das Abzahlungsgeschäft nennen, habe ich nicht die leiseste Ahnung, was Sie mit diesem Ausdruck meinen. Sie könnten eine politische Verschwörung meinen; Sie könnten eine neue Art von Steuern meinen. Mrs. Vincent schuldet mir jedoch kein Geld, wie schlecht sie auch bei diesem schrecklich aussehenden Bäcker dastehen mag. Ich habe sie noch nie in meinem Leben gesehen; aber ich möchte sie heute aus dem einfachen Grund sehen, ihr ein paar sehr einfache Fragen über eine junge Dame zu stellen, die einst in ihrem Haus wohnte. Wenn Sie wissen, wo Mrs. Vincent wohnt, und mir ihre Adresse geben, erweisen Sie mir einen großen Gefallen.“

Er nahm sein Visitenkartenetui heraus und reichte der Frau eine Karte, die das Stück Pappe ängstlich prüfte, bevor sie wieder sprach.

„Ich bin sicher, Sie sehen aus und sprechen wie ein Gentleman, mein Herr“, sagte sie nach einer kurzen Pause, „und ich hoffe, Sie entschuldigen, wenn ich misstrauisch wirkte; aber die arme Mrs. Vincent hatte schreckliche Schwierigkeiten, und ich bin die einzige Person in dieser Gegend, der sie ihre Adressen anvertraut hat. Ich bin Schneiderin, mein Herr, und ich habe über sechs Jahre für sie gearbeitet, und obwohl sie mich nicht regelmäßig bezahlt, wissen Sie, mein Herr, gibt sie mir hin und wieder ein wenig Geld auf Abschlag, und ich komme so gut wie möglich zurecht. Darf ich Ihnen also sagen, wo sie wohnt, mein Herr? Sie haben mich doch nicht getäuscht?“

„Bei meiner Ehre, nein.“

„Nun, dann, mein Herr“, sagte die Schneiderin und senkte ihre Stimme, als ob sie glaube, das Pflaster unter ihren Füßen oder die eisernen Geländer vor den Häusern an ihrer Seite könnten Ohren haben, um sie zu hören, „es ist Acacia Cottage, Peckham Grove. Ich habe gestern ein Kleid für Mrs. Vincent dorthin gebracht.“

„Danke“, sagte Robert und notierte die Adresse in seinem Notizbuch. „Ich bin Ihnen sehr verbunden, und Sie können sich darauf verlassen, dass Mrs. Vincent durch mich keinerlei Unannehmlichkeiten erleiden wird.“

Er nahm den Hut ab, verbeugte sich vor der kleinen Schneiderin und kehrte zur Droschke zurück.

„Ich habe den Bäcker jedenfalls geschlagen“, dachte er. „Nun zur zweiten Etappe, rückwärts durch das Leben meiner gnädigen Frau reisen.“

Die Fahrt von Brompton zur Peckham Road war sehr lang, und zwischen Crescent Villas und Acacia Cottage hatte Robert Audley reichlich Zeit zum Nachdenken. Er dachte an seinen Onkel, der schwach und krank im Eichenzimmer im Audley Court lag. Er dachte an die schönen blauen Augen, die über Sir Michaels Schlummer wachten; die weichen, weißen Hände, die seine wachen Momente pflegten; die tiefe, melodische Stimme, die seine Einsamkeit linderte, seine letzten Jahre aufheiterte und tröstete. Was für ein angenehmes Bild es hätte sein können, wenn er es hätte ahnungslos betrachten können, ohne mehr zu sehen als andere, ohne weiter zu schauen, als ein Fremder schauen konnte. Aber mit der schwarzen Wolke, die er darüber brüten sah, was für ein archaischer Hohn, was für eine teuflische Täuschung es doch schien.

Peckham Grove – im Sommer recht angenehm – hat an einem trüben Februartag ein eher trostloses Aussehen, wenn die Bäume kahl und blattlos sind und die kleinen Gärten verlassen wirken. Acacia Cottage trug wenig Anzeichen für die Angemessenheit seiner Namensgebung und bot der Straße seine stuckierten Wände dar, die nur von ein paar dünnen Pappeln geschützt wurden. Aber es kündigte an, dass es Acacia Cottage sei, mittels eines kleinen Messingschildes an einem der Torpfosten, was für den scharfsichtigen Kutscher, der Mr. Audley auf dem Pflaster vor dem kleinen Tor absetzte, ausreichender Hinweis war.

Acacia Cottage stand in der sozialen Stufenleiter weit unter den Crescent Villas, und das kleine Dienstmädchen, das zum niedrigen Holztor kam und mit Mr. Audley verhandelte, war offensichtlich daran gewöhnt, sich unerbittlichen Gläubigern über dieselbe schwache Barriere hinweg zu stellen.

Sie murmelte die bekannte häusliche Fiktion der Ungewissheit bezüglich des Aufenthaltsortes ihrer Herrin; und sagte Robert, dass, wenn er bitte seinen Namen und sein Anliegen nennen würde, sie nachsehen würde, ob Mrs. Vincent zu Hause sei.

Mr. Audley holte eine Karte hervor und schrieb mit Bleistift unter seinen eigenen Namen: „eine Verbindung der verstorbenen Miss Graham.“

Er wies das kleine Dienstmädchen an, seine Karte zu ihrer Herrin zu bringen, und erwartete ruhig das Ergebnis.

Das Dienstmädchen kehrte nach etwa fünf Minuten mit dem Schlüssel zum Tor zurück. Ihre Herrin sei zu Hause, sagte sie zu Robert, als sie ihn einließ, und würde sich freuen, den Herrn zu sehen.

Der quadratische Salon, in den Robert geführt wurde, trug in jedem Stück Schmuck, in jedem Möbelstück, den unverkennbaren Stempel derjenigen Art von Armut, die am unbehaglichsten ist, weil sie niemals stationär ist. Der Handwerker, der sein winziges Wohnzimmer mit einem halben Dutzend Rohrleitungsstühlen, einem Pembroke-Tisch, einer holländischen Uhr, einem winzigen Spiegel, einem Hirten und einer Hirtin aus Porzellan und einem Set knallig lackierter Eisentabletts ausstattet, macht das Beste aus seinem begrenzten Besitz und bringt es im Allgemeinen fertig, ein gewisses Maß an Komfort daraus zu gewinnen; aber die Dame, die die schönen Möbel des Hauses verliert, das sie verlassen muss, und in einer kleineren Behausung mit dem schäbigen Rest kampiert – der bei der Versteigerung ihrer Habe von einem barmherzigen Freund zurückgekauft wurde – trägt einen Aspekt von vornehmer Verödung und geschmacklosem Elend mit sich, der in seiner Erbärmlichkeit kaum von irgendeiner anderen Phase übertroffen werden kann, die Armut annehmen kann.

„Ich danke Ihnen, nein“, unterbrach ihn Robert, „dieses Zimmer ist sehr bequem. Ich brauche nur eine Tasse Tee und ein wenig Ruhe. Ich bin aus London gekommen, um Nachforschungen über eine Person anzustellen, die vor einigen Jahren in Wildernsea gelebt hat, und ich möchte mich morgen früh an die Arbeit machen.“

Der Wirt, ein untersetzter Mann mit dem müden Gesicht eines Menschen, der die meiste Zeit des Jahres damit verbringt, auf Gäste zu warten, die nicht kommen, neigte unterwürfig den Kopf.

„Sehr wohl, mein Herr. Es gibt hier nicht viele Fremde zu dieser Jahreszeit, und ich vermute, ich kenne fast jeden, der sich in den letzten drei oder vier Jahren in Wildernsea aufgehalten hat, besonders wenn es sich um jemanden handelt, der hier eine Weile ansässig war.“

„Es handelt sich um eine junge Dame, die vor etwa sechs oder sieben Jahren hier gelebt hat“, sagte Robert. „Sie war damals noch sehr jung und war mit einem gewissen Kapitän Maldon verheiratet.“

Der Wirt dachte einen Moment nach, während er das Feuer schürte, dessen Flammen nun die dunklen Ecken des riesigen Raumes vertrieben.

„Kapitän Maldon“, wiederholte er. „Ja, ich erinnere mich an den Namen. Ein alter Herr mit einem weißen Schnurrbart und einem sehr stolzen Gang, der aber immer etwas knapp bei Kasse zu sein schien. Er wohnte in einem kleinen Häuschen in der Nähe der Klippen, das heute nicht mehr steht; es wurde bei dem großen Sturm vor zwei Jahren fortgespült. Er hatte eine Tochter, eine sehr schöne junge Dame, mit goldenen Locken und Augen, die einen fast verzauberten, wenn man sie ansah.“

Robert Audley spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. „Das ist sie“, sagte er leise. „Können Sie mir sagen, ob sie hier glücklich war?“

Der Wirt zögerte und blickte auf den Boden. „Glück ist ein großes Wort, mein Herr. Sie war jung und hatte wenig Geld, und ihr Vater war kein einfacher Mann, mit dem man zusammenleben konnte. Sie heiratete einen jungen Herrn – ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern, aber er war ein wohlhabender junger Mann, der sich hier im Hotel einquartierte und oft bei ihnen zu Gast war. Sie wirkten sehr verliebt, aber es hielt nicht lange. Er reiste ab, und sie folgte ihm kurz darauf. Von da an habe ich sie nie wieder gesehen.“

Robert Audley nickte, ohne aufzublicken. Er wollte nicht zu viel fragen, um den Mann nicht misstrauisch zu machen. „Ich werde morgen mehr erfahren“, sagte er. „Ich danke Ihnen für Ihre Auskunft. Ich werde mich jetzt zur Ruhe begeben.“

Der Wirt verließ den Raum, und Robert blieb allein vor dem prasselnden Kaminfeuer zurück. Er fühlte sich wie ein Reisender, der in einem dunklen Labyrinth die erste Spur gefunden hatte, die ihn vielleicht an das Licht führen würde – oder aber tiefer in die Schatten, aus denen es kein Entkommen gab. Er dachte an George Talboys, dessen Leben durch diese Frau zerstört worden war, und an die kalte, berechnende Kälte, die er in den Augen der Lady Audley gesehen hatte. Hier, in dieser öden Stadt am Rande des Meeres, hatte alles begonnen. Hier wollte er die Fäden entwirren, die Helen Talboys zu der Frau gemacht hatten, die nun als Lady Audley den Glanz von Audley Court genoss.

Er löschte die Kerze und legte sich in das Bett, das ihm der Wirt bereitet hatte, doch der Schlaf blieb aus. Das Rauschen der Brandung, das bis in sein Zimmer drang, klang wie ein unaufhörliches Flüstern von Geheimnissen, die das Meer in seinem Schoß verbarg – Geheimnisse, die er nun, gegen den Willen des Schicksals, ans Tageslicht bringen musste.

„Nein, danke“, sagte Robert gleichgültig; „dieses Zimmer scheint für den Moment privat genug zu sein. Wenn Sie mir ein Hammelkotelett und ein Pint Sherry bestellen würden, wäre ich Ihnen verbunden.“

„Sehr wohl, mein Herr.“

„Und ich wäre Ihnen noch mehr verbunden, wenn Sie mir ein paar Minuten Ihrer Zeit für ein Gespräch schenken würden, ehe Sie das tun.“

„Mit sehr großem Vergnügen, mein Herr“, antwortete der Wirt gutmütig. „Wir haben zu dieser Jahreszeit nur sehr wenig Kundschaft, da sind wir nur zu froh, den Herren, die uns besuchen, behilflich zu sein. Jede Auskunft, die ich Ihnen hinsichtlich der Umgebung von Wildernsea und ihrer Sehenswürdigkeiten geben kann“, fügte der Wirt hinzu und zitierte unbewusst einen kleinen Reiseführer über den Badeort, den er an der Bar verkaufte, „würde ich Ihnen nur zu gerne…“

„Aber ich möchte nichts über die Umgebung von Wildernsea wissen“, unterbrach ihn Robert mit einem schwachen Protest gegen die Redseligkeit des Wirtes. „Ich möchte Ihnen ein paar Fragen über einige Leute stellen, die einst hier gelebt haben.“

Der Wirt verneigte sich und lächelte mit einer Miene, die andeutete, dass er bereit wäre, die Lebensgeschichten sämtlicher Einwohner der kleinen Hafenstadt vorzutragen, falls Mr. Audley dies verlangte.

„Wie viele Jahre leben Sie schon hier?“, fragte Robert und nahm sein Notizbuch aus der Tasche. „Wird es Sie stören, wenn ich mir Notizen zu Ihren Antworten mache?“

„Überhaupt nicht, mein Herr“, erwiderte der Wirt mit einem pompösen Genuss der feierlichen und wichtigen Atmosphäre, die dieses Geschäft umgab. „Jede Information, die ich geben kann und die von endgültigem Wert sein könnte…“

„Ja, danke“, murmelte Robert und unterbrach den Redefluss. „Sie leben hier seit…“

„Sechs Jahren, mein Herr.“

„Seit dem Jahr dreiundfünfzig?“

„Seit November des Jahres zweiundfünfzig, mein Herr. Vor dieser Zeit war ich in Hull geschäftlich tätig. Dieses Haus wurde erst im Oktober fertiggestellt, bevor ich einzog.“

„Erinnern Sie sich an einen Leutnant der Marine, der damals, glaube ich, auf halbem Sold war, namens Maldon?“

„Captain Maldon, mein Herr?“

„Ja, gewöhnlich Captain Maldon genannt. Ich sehe, Sie erinnern sich an ihn.“

„Ja, mein Herr. Captain Maldon war einer unserer besten Kunden. Er verbrachte seine Abende stets in diesem Zimmer, obwohl die Wände damals noch feucht waren und wir den Raum erst fast ein Jahr später tapezieren konnten. Seine Tochter heiratete zu Weihnachten im Jahr zweiundfünfzig einen jungen Offizier, der mit seinem Regiment hierher kam. Sie wurden hier getraut, mein Herr, reisten für sechs Monate auf den Kontinent und kamen dann wieder hierher zurück. Aber der Herr lief nach Australien davon und verließ die Dame ein oder zwei Wochen nach der Geburt ihres Kindes. Die Angelegenheit erregte ziemliches Aufsehen in Wildernsea, mein Herr, und Mrs. – Mrs. – ich habe den Namen vergessen…“

„Mrs. Talboys“, schlug Robert vor.

„Gewiss, mein Herr, Mrs. Talboys. Mrs. Talboys wurde von den Leuten in Wildernsea sehr bedauert, wollte ich sagen, denn sie war sehr hübsch und hatte solch gewinnende Art, dass sie bei jedem, der sie kannte, beliebt war.“

„Können Sie mir sagen, wie lange Mr. Maldon und seine Tochter in Wildernsea blieben, nachdem Mr. Talboys sie verlassen hatte?“, fragte Robert.

„Nun – nein, mein Herr“, antwortete der Wirt nach einigem Überlegen. „Ich kann nicht genau sagen, wie lange es war. Ich weiß, dass Mr. Maldon oft hier in diesem Salon saß und den Leuten erzählte, wie schlecht seine Tochter behandelt worden war und wie er von einem jungen Mann getäuscht worden war, in den er so großes Vertrauen gesetzt hatte; aber ich kann nicht sagen, wie lange es dauerte, bis er Wildernsea verließ. Aber Mrs. Barkamb könnte es Ihnen sagen, mein Herr“, fügte der Wirt lebhaft hinzu.

„Mrs. Barkamb.“

„Ja, Mrs. Barkamb ist die Eigentümerin von No. 17 North Cottages, dem Haus, in dem Mr. Maldon und seine Tochter wohnten. Sie ist eine nette, höfliche, mütterliche Frau, mein Herr, und ich bin sicher, sie wird Ihnen alles sagen, was Sie wissen möchten.“

„Danke, ich werde Mrs. Barkamb morgen aufsuchen. Warten Sie – noch eine Frage. Würden Sie Mrs. Talboys wiedererkennen, wenn Sie sie sehen würden?“

„Sicherlich, mein Herr. So sicher, wie ich eine meiner eigenen Töchter wiedererkennen würde.“

Robert Audley notierte die Adresse von Mrs. Barkamb in seinem Notizbuch, aß sein einsames Abendessen, trank ein paar Gläser Sherry, rauchte eine Zigarre und zog sich dann in das Zimmer zurück, in dem für seinen Komfort ein Feuer angezündet worden war.

Bald schlief er ein, erschöpft von der Müdigkeit, die ihn in den letzten zwei Tagen bei der Eile von Ort zu Ort überkommen hatte; doch sein Schlaf war nicht tief, und er hörte das trostlose Stöhnen des Windes über den sandigen Ödlandflächen und die langen Wellen, die monoton an das flache Ufer rollten. Vermischt mit diesen düsteren Geräuschen wiederholten sich die melancholischen Gedanken, die seine freudlose Reise hervorgerufen hatte, in immer gleicher Folge im Chaos seines schlafenden Gehirns und gestalteten sich zu Visionen von Dingen, die niemals auf dieser Erde gewesen waren und niemals sein könnten, die aber eine vage Beziehung zu realen Ereignissen hatten, an die sich der Schlafende erinnerte.

In diesen beunruhigenden Träumen sah er Audley Court, herausgerissen aus den grünen Weiden und den schattigen Hecken von Essex, kahl und schutzlos an jenem trostlosen nördlichen Ufer stehen, bedroht von dem schnellen Ansteigen einer stürmischen See, deren Wellen sich aufzutürmen schienen, um herabzustürzen und das Haus, das er liebte, zu zermalmen. Während die eilenden Wellen immer näher an das stattliche Anwesen heranrollten, sah der Schlafende ein bleiches, sternenhaftes Gesicht, das aus dem silbrigen Schaum herausschaute, und er wusste, dass es meine Lady war, verwandelt in eine Meerjungfrau, die seinen Onkel ins Verderben lockte. Jenseits dieser aufsteigenden See hingen große Wolkenmassen, schwärzer als die schwärzeste Tinte, dichter als die dunkelste Nacht, über dem Blick des Träumenden; doch als er auf den trostlosen Horizont blickte, teilten sich die Sturmwolken langsam, und aus einem schmalen Riss in der Dunkelheit strömte ein Lichtstrahl auf die abscheulichen Wellen, die langsam, sehr langsam zurückwichen und das alte Anwesen sicher und fest verwurzelt am Ufer zurückließen.

Robert erwachte mit der Erinnerung an diesen Traum im Sinn und einem Gefühl körperlicher Erleichterung, als ob ein schweres Gewicht, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, von seiner Brust genommen worden wäre.

Er schlief wieder ein und erwachte erst, als das breite Wintersonnenlicht auf das Fensterrollo schien und die schrille Stimme des Zimmermädchens an seiner Tür verkündete, dass es halb neun Uhr sei. Um Viertel vor zehn hatte er das Victoria Hotel verlassen und bahnte sich seinen Weg entlang des einsamen Bahnsteigs vor einer Reihe schattenloser Häuser, die dem Meer zugewandt waren.

Diese Reihe harter, kompromissloser, quadratisch gebauter Behausungen erstreckte sich bis zum kleinen Hafen, in dem zwei oder drei Handelsschiffe und ein paar Kohlendampfer vor Anker lagen. Jenseits des Hafens ragte grau und kalt am winterlichen Horizont eine trostlose Kaserne auf, die von den Häusern in Wildernsea durch einen schmalen Bach getrennt war, der von einer eisernen Zugbrücke überspannt wurde. Der scharlachrote Rock des Wachpostens, der zwischen zwei Kanonen hin und her ging, die in entlegenen Winkeln vor der Kasernenmauer aufgestellt waren, war der einzige Farbtupfer, der das neutral getönte Bild der grauen Steinhäuser und der bleiernen See belebte.

Auf einer Seite des Hafens erstreckte sich ein langer Steinpier weit hinaus in die grausame Einsamkeit des Meeres, als wäre er eigens für das Wohl eines modernen Timon gebaut worden, der zu menschenfeindlich war, um sich selbst mit der Einsamkeit von Wildernsea zufriedenzugeben, und der bestrebt war, noch weiter von seinen Mitmenschen fortzukommen.

Es war auf diesem Pier, wo George Talboys seine Frau zum ersten Mal unter der glühenden Herrlichkeit eines Sommerhimmels und zur Musik einer lärmenden Blaskapelle getroffen hatte. Es war dort, wo der junge Kornett zum ersten Mal jener süßen Täuschung nachgegeben hatte, jener verhängnisvollen Schwärmerei, die einen so dunklen Einfluss auf sein späteres Leben ausgeübt hatte.

Robert blickte grimmig auf diesen einsamen Badeort – die schäbige Hafenstadt.

„Es ist ein Ort wie dieser“, dachte er, „der den Ruin eines starken Mannes bewirkt. Er kommt hierher, unbeschwert und glücklich, ohne bessere Erfahrung mit Frauen, als man sie bei einer Blumenschau oder auf einem Ball sammeln kann; ohne mehr vertraute Kenntnis von dem Geschöpf, als er von den fernen Satelliten oder den entlegeneren Planeten hat; mit einer vagen Vorstellung, dass sie ein wirbelndes Kreiselspiel in rosa oder blauer Gaze oder ein anmutiger Automat zur Zurschaustellung von Modewaren ist. Er kommt an einen Ort dieser Art, und das Universum ist plötzlich auf etwa ein halbes Dutzend Morgen zusammengeschrumpft; der gewaltige Plan der Schöpfung wird in eine Hutschachtel gequetscht. Die fernen Wesen, die er um sich herum hat schweben sehen, schön und undeutlich, werden ihm direkt unter die Nase gebracht; und bevor er Zeit hat, sich von seiner Verwirrung zu erholen, hey presto, hat die Hexerei begonnen; der magische Kreis ist um ihn gezogen! Die Zauber wirken, die ganze Formel der Zauberei ist in vollem Gange, und das Opfer ist ebenso machtlos zu entkommen wie der Prinz mit den Marmorbeinen in der orientalischen Erzählung.“

Während er so nachsann, erreichte Robert Audley das Haus, das ihm als Wohnsitz von Mrs. Barkamb genannt worden war. Er wurde sofort von einer steifen, älteren Dienerin eingelassen, die ihn in ein Wohnzimmer führte, das so steif und älterlich aussah wie sie selbst. Mrs. Barkamb, eine behagliche Matrone von etwa sechzig Jahren, saß in einem Sessel vor einer hellen Handvoll Feuer im glänzenden Rost. Ein älterer Terrier, dessen schwarz-braunes Fell dicht mit Grau gesprenkelt war, ruhte auf Mrs. Barkambs Schoß. Jeder Gegenstand in dem ruhigen Wohnzimmer hatte einen älterlichen Aspekt von schlichter Behaglichkeit und Präzision, was der Beweis für äußere Ruhe ist.

„Ich würde gerne hier leben“, dachte Robert, „und beobachten, wie das graue Meer langsam über den grauen Sand unter dem stillen, grauen Himmel rollt. Ich würde gerne hier leben und die Perlen meines Rosenkranzes zählen und bereuen und ruhen.“

Er setzte sich auf Einladung der Dame in den Sessel gegenüber von Mrs. Barkamb und legte seinen Hut auf den Boden. Der ältere Terrier stieg vom Schoß seiner Herrin herab, um diesen Hut anzubellen und anderweitig Anstoß daran zu nehmen.

„Sie wollten sicher, mein Herr, eines – seien Sie still, Dash – eines der Cottages mieten“, schlug Mrs. Barkamb vor, deren Geist in einer engen Spur verlief und deren Leben während der letzten zwanzig Jahre eine unveränderliche Abfolge von Hausvermietungen gewesen war.

Robert Audley erklärte den Zweck seines Besuchs.

„Ich komme, um eine einfache Frage zu stellen“, sagte er abschließend, „ich möchte das genaue Datum von Mrs. Talboys' Abreise aus Wildernsea herausfinden. Der Eigentümer des Victoria Hotels informierte mich, dass Sie die wahrscheinlichste Person seien, um mir diese Auskunft zu geben.“

Mrs. Barkamb überlegte einige Augenblicke.

„Ich kann Ihnen das Datum von Captain Maldons Abreise nennen“, sagte sie, „denn er verließ No. 17 in meiner Schuld, und ich habe die ganze Angelegenheit schwarz auf weiß; aber was Mrs. Talboys betrifft…“

Mrs. Barkamb hielt einige Augenblicke inne, bevor sie fortfuhr.

„Sie wissen, dass Mrs. Talboys ziemlich abrupt abreiste?“, fragte sie.

„Diese Tatsache war mir nicht bekannt.“

„Tatsächlich! Ja, sie reiste abrupt ab, die arme kleine Frau! Sie versuchte nach der Flucht ihres Mannes, für sich selbst zu sorgen, indem sie Musikstunden gab; sie war eine sehr brillante Pianistin und hatte, glaube ich, ziemlich Erfolg. Aber ich nehme an, ihr Vater nahm ihr das Geld weg und gab es in den Kneipen aus. Wie dem auch sei, sie hatten eines Nachts ein sehr ernstes Missverständnis; und am nächsten Morgen verließ Mrs. Talboys Wildernsea und ließ ihren kleinen Jungen zurück, der bei einer Amme in der Nachbarschaft war.“

„Aber Sie können mir das Datum ihres Weggangs nicht nennen?“

„Ich fürchte nicht“, antwortete Mrs. Barkamb; „und doch, warten Sie. Captain Maldon schrieb mir an dem Tag, als seine Tochter ging. Er war in sehr großer Not, der arme alte Herr, und er kam bei seinen Sorgen immer zu mir. Wenn ich diesen Brief finden könnte, könnte er datiert sein, wissen Sie – nicht wahr?“

Mr. Audley sagte, dass es nur wahrscheinlich sei, dass der Brief datiert sei.

Mrs. Barkamb zog sich an einen Tisch am Fenster zurück, auf dem ein altmodischer Mahagonischreibtisch stand, der mit grünem Baize ausgekleidet war und an einer Überfülle von Dokumenten litt, die in alle Richtungen herausquollen. Briefe, Quittungen, Rechnungen, Inventare und Steuerunterlagen waren in hoffnungsloser Verwirrung vermischt; und dazwischen machte sich Mrs. Barkamb an die Suche nach Captain Maldons Brief.

Mr. Audley wartete sehr geduldig und beobachtete die grauen Wolken, die über den grauen Himmel segelten, die grauen Schiffe, die auf der grauen See vorbeiglitten.

Nach etwa zehnminütiger Suche und einer Menge Rascheln, Knistern, Falten und Entfalten der Papiere stieß Mrs. Barkamb einen Ausruf des Triumphs aus.

„Ich habe den Brief“, sagte sie; „und es liegt eine Notiz von Mrs. Talboys darin.“

Robert Audleys bleiches Gesicht errötete leuchtend purpurrot, als er seine Hand ausstreckte, um die Papiere entgegenzunehmen.

„Die Personen, die Helen Maldons Liebesbriefe aus Georges Koffer in meinen Kammern gestohlen haben, hätten sich die Mühe sparen können“, dachte er.

Der Brief des alten Leutnants war nicht lang, aber fast jedes zweite Wort war unterstrichen.

„Mein großzügiger Freund“, begann der Schreiber – Mr. Maldon hatte die Großzügigkeit der Dame während seines Aufenthalts in ihrem Haus ziemlich stark auf die Probe gestellt und die Miete selten bezahlt, bis ihm mit der aufdringlichen Anwesenheit des Gerichtsvollziehers gedroht wurde –, „ich bin in den Tiefen der Verzweiflung. Meine Tochter hat mich verlassen! Sie können sich meine Gefühle vorstellen! Wir hatten gestern Abend ein paar Worte über Geldangelegenheiten, ein Thema, das zwischen uns immer unangenehm war, und als ich heute Morgen aufstand, fand ich mich verlassen vor! Das beiliegende Schreiben von Helen wartete auf dem Salontisch auf mich.

„Ihr in Zerstreutheit und Verzweiflung,

„HENRY MALDON.

„NORTH COTTAGES, 16. August 1854.“

Die Notiz von Mrs. Talboys war noch kürzer. Sie begann abrupt wie folgt:

„Ich bin meines Lebens hier überdrüssig und wünsche, wenn ich kann, ein neues zu finden. Ich gehe hinaus in die Welt, losgelöst von jedem Band, das mich an die hasserfüllte Vergangenheit bindet, um ein anderes Zuhause und ein anderes Glück zu suchen. Verzeihen Sie mir, wenn ich gereizt, launisch, wankelmütig war. Sie sollten mir verzeihen, denn Sie wissen, warum ich es war. Sie kennen das Geheimnis, das der Schlüssel zu meinem Leben ist.

„HELEN TALBOYS.“

Diese Zeilen waren in einer Handschrift geschrieben, die Robert Audley nur allzu gut kannte.

Er saß lange Zeit da und grübelte schweigend über den Brief von Helen Talboys nach.

Was war die Bedeutung dieser letzten zwei Sätze – „Sie sollten mir verzeihen, denn Sie wissen, warum ich es war. Sie kennen das Geheimnis, das der Schlüssel zu meinem Leben ist“?

Er zermarterte sich das Gehirn bei dem Versuch, einen Hinweis auf die Bedeutung dieser zwei Sätze zu finden. Er konnte sich an nichts erinnern, noch konnte er sich irgendetwas vorstellen, das ein Licht auf ihre Bedeutung werfen würde. Das Datum von Helens Abreise war laut Mr. Maldons Brief der 16. August 1854. Miss Tonks hatte erklärt, dass Lucy Graham am 17. oder 18. August desselben Jahres in die Schule in Crescent Villas eingetreten sei. Zwischen dem Weggang von Helen Talboys aus dem Badeort in Yorkshire und der Ankunft von Lucy Graham in der Brompton-Schule konnten nicht mehr als achtundvierzig Stunden vergangen sein. Dies bildete vielleicht nur ein sehr kleines Glied in der Kette der Indizienbeweise; aber es war nichtsdestotrotz ein Glied, und es passte sauber an seinen Platz.

„Hörte Mr. Maldon von seiner Tochter, nachdem sie Wildernsea verlassen hatte?“, fragte Robert.

„Nun, ich glaube, er hat von ihr gehört“, antwortete Mrs. Barkamb; „aber ich habe den alten Herrn nach jenem August nicht mehr viel gesehen. Ich war gezwungen, ihn im November zu pfänden, armer Kerl, denn er schuldete mir fünfzehn Monate Miete; und nur durch den Verkauf seiner armseligen kleinen Möbel konnte ich ihn aus meinem Haus bekommen. Wir trennten uns als sehr gute Freunde, trotz der Tatsache, dass ich die Gerichtsvollzieher geschickt hatte; und der alte Herr ging mit dem Kind, das kaum ein Jahr alt war, nach London.“

Mrs. Barkamb hatte nichts weiter zu erzählen, und Robert hatte keine weiteren Fragen. Er erbat die Erlaubnis, die beiden Briefe des Leutnants und seiner Tochter zu behalten, und verließ das Haus mit ihnen in seinem Notizbuch.

Er ging direkt zurück zum Hotel, wo er nach einem Fahrplan fragte. Ein Expresszug nach London verließ Wildernsea um Viertel nach eins. Robert schickte seinen Reisekoffer zum Bahnhof, beglich seine Rechnung und ging auf der Steinterrasse vor dem Meer auf und ab, während er auf die Abfahrt des Zuges wartete.

„Ich habe die Lebensgeschichten von Lucy Graham und Helen Talboys bis zu einem Punkt des Verschwindens zurückverfolgt“, dachte er; „meine nächste Aufgabe ist es, die Geschichte der Frau zu entdecken, die auf dem Kirchhof von Ventnor begraben liegt.“

KAPITEL XXVIII.

IM GRAB VERBORGEN.

Nach seiner Rückkehr aus Wildernsea fand Robert Audley einen Brief seiner Cousine Alicia vor, der in seinen Kammern auf ihn wartete.

„Papa geht es viel besser“, schrieb die junge Dame, „und er ist sehr darauf erpicht, dich im Court zu haben. Aus unerklärlichem Grund hat meine Stiefmutter sich in den Kopf gesetzt, dass deine Anwesenheit äußerst wünschenswert sei, und quält mich mit ihren frivolen Fragen über deine Bewegungen. Also komm bitte ohne Verzug und beruhige diese Leute. Deine dich liebende Cousine, A.A.“

„Meine Lady ist also begierig darauf, meine Bewegungen zu kennen“, dachte Robert Audley, während er grübelnd und rauchend an seinem einsamen Kamin saß. „Sie ist besorgt; und sie befragt ihre Stieftochter in dieser hübschen, kindlichen Art, die einen so bezaubernden Anschein unschuldiger Frivolität hat. Armes kleines Geschöpf; arme unglückliche kleine goldhaarige Sünderin; der Kampf zwischen uns scheint schrecklich unfair zu sein. Warum läuft sie nicht weg, solange noch Zeit ist? Ich habe sie fair gewarnt, ich habe ihr meine Karten gezeigt und bin in dieser Angelegenheit offen genug vorgegangen, Gott weiß es. Warum läuft sie nicht weg?“

Er wiederholte diese Frage immer wieder, während er seine Meerschaumpfeife füllte und leerte und sich in den blauen Dampf seiner Pfeife hüllte, bis er wie ein moderner Magier aussah, der in seinem Laboratorium saß.

„Warum läuft sie nicht weg? Ich würde keine unnötige Schande über dieses Haus bringen, von allen anderen Häusern auf dieser weiten Erde. Ich würde nur meine Pflicht gegenüber meinem verschwundenen Freund tun und gegenüber jenem tapferen und großzügigen Mann, der einer wertlosen Frau sein Vertrauen geschenkt hat. Der Himmel weiß, dass ich keinen Wunsch habe zu bestrafen. Der Himmel weiß, dass ich niemals dazu geboren wurde, der Rächer der Schuld oder der Verfolger der Schuldigen zu sein. Ich möchte nur meine Pflicht tun. Ich werde ihr noch eine Warnung geben, eine vollständige und faire, und dann…“

Seine Gedanken wanderten ab zu jener düsteren Aussicht, in der er keinen Lichtstrahl sah, um die stumpfe, schwarze Dunkelheit zu lindern, die die Zukunft umschloss, seinen Weg auf jeder Seite versperrte und einen dichten Vorhang um und über ihn ausbreitete, den die Hoffnung nicht durchdringen konnte. Er wurde für immer von der Vision des Leidens seines Onkels verfolgt, für immer gequält von dem Gedanken an jenen Ruin und jene Verwüstung, die, da sie durch sein Handeln herbeigeführt würden, in gewisser Weise sein eigenes Werk zu sein schienen. Aber inmitten von allem und durch alles hindurch winkte ihn Clara Talboys mit einer gebieterischen Geste zu dem unbekannten Grab ihres Bruders vorwärts.

„Soll ich nach Southampton hinunterfahren“, dachte er, „und versuchen, die Geschichte der Frau zu entdecken, die in Ventnor starb? Soll ich im Untergrund arbeiten und die erbärmlichen Helfer in dieser schändlichen Verschwörung bestechen, bis ich meinen Weg zu der dreifach schuldigen Hauptperson finde? Nein! Nicht, bevor ich andere Mittel zur Wahrheitssuche versucht habe. Soll ich zu jenem elenden alten Mann gehen und ihn seines Anteils an dem schändlichen Trick beschuldigen, der meiner Meinung nach meinem armen Freund gespielt wurde? Nein; ich werde diesen von Schrecken gezeichneten Wicht nicht mehr quälen, wie ich ihn vor ein paar Wochen gequält habe. Ich werde direkt zu jener Erzverschwörerin gehen und den schönen Schleier abreißen, unter dem sie ihre Bosheit verbirgt, ihr das Geheimnis des Schicksals meines Freundes entreißen und sie für immer aus dem Haus verbannen, das ihre Anwesenheit befleckt hat.“

Er brach am nächsten Morgen früh nach Essex auf und erreichte Audley vor elf Uhr.

So früh es war, war meine Lady ausgegangen. Sie war mit ihrer Stieftochter für eine Einkaufstour nach Chelmsford gefahren. Sie hatte einige Besuche in der Umgebung der Stadt zu machen und würde wahrscheinlich nicht vor der Abendbrotzeit zurückkehren. Sir Michaels Gesundheit hatte sich sehr verbessert, und er würde am Nachmittag nach unten kommen. Würde Mr. Audley in das Zimmer seines Onkels gehen?

Nein; Robert hatte keinen Wunsch, diesen großzügigen Verwandten zu treffen. Was könnte er ihm sagen? Wie könnte er den Weg für das kommende Unglück ebnen? – wie den grausamen Schlag des großen Kummers mildern, der sich für dieses edle und vertrauensvolle Herz vorbereitete?

„Wenn ich ihr das Unrecht verzeihen könnte, das meinem Freund angetan wurde“, dachte Robert, „würde ich sie immer noch verabscheuen für das Elend, das ihre Schuld über den Mann bringen muss, der an sie geglaubt hat.“

Er teilte dem Diener seines Onkels mit, dass er einen Spaziergang ins Dorf machen und vor dem Abendessen zurückkehren werde. Er entfernte sich langsam vom Court und wanderte ziellos und teilnahmslos über die Wiesen zwischen dem Haus seines Onkels und dem Dorf, während ihm der große Kummer und die Verwirrung seines Lebens ins Gesicht geschrieben standen und sich in seinem Gebaren widerspiegelten.

„Ich werde auf den Kirchhof gehen“, dachte er, „und auf die Grabsteine starren. Es gibt nichts, was ich tun könnte, das mich bedrückter machen würde, als ich ohnehin schon bin.“

Er befand sich auf genau jenen Wiesen, durch die er an jenem Tag im September, an dem George Talboys verschwunden war, von Audley Court zum Bahnhof geeilt war. Er blickte auf den Pfad, den er an jenem Tag genommen hatte, und erinnerte sich an seine ungewohnte Eile und das vage Gefühl des Schreckens, das ihn unmittelbar ergriffen hatte, als er seinen Freund aus den Augen verloren hatte.

„Warum überkam mich dieser unerklärliche Schrecken?“, dachte er. „Warum sah ich ein seltsames Geheimnis im Verschwinden meines Freundes? War es eine Vorahnung oder eine Monomanie? Was, wenn ich mich nach allem irre? Was, wenn diese Beweiskette, die ich Glied für Glied konstruiert habe, aus meiner eigenen Torheit gewebt ist? Was, wenn dieses Gebäude aus Schrecken und Verdacht nur eine Ansammlung von Schrullen ist – die nervösen Einbildungen eines hypochondrischen Junggesellen? Mr. Harcourt Talboys sieht keinen Sinn in den Ereignissen, aus denen ich ein schreckliches Geheimnis gemacht habe. Ich lege ihm die einzelnen Glieder der Kette vor, und er kann ihre Passgenauigkeit nicht erkennen. Er ist unfähig, sie zusammenzufügen. Oh, mein Gott, wenn das Elend die ganze Zeit in mir selbst liegen sollte; wenn –“ Er lächelte bitter und schüttelte den Kopf. „Ich habe die Handschrift in meinem Taschenbuch, die der Beweis der Verschwörung ist“, dachte er. „Es bleibt mir, die dunklere Hälfte des Geheimnisses meiner Lady zu entdecken.“

Er mied das Dorf und hielt sich weiterhin auf den Wiesen. Die Kirche lag ein Stück abseits der unregelmäßig verlaufenden High Street, und ein raues Holztor führte vom Kirchhof auf eine breite Wiese, die von einem fließenden Bach begrenzt wurde und in ein grasbewachsenes Tal abfiel, das mit Gruppen von Vieh übersät war.

Robert stieg langsam den schmalen Pfad am Hang hinauf, der zum Tor des Kirchhofs führte. Die stille Tristesse der einsamen Landschaft harmonierte mit seinem eigenen Trübsinn. Die einsame Gestalt eines alten Mannes, der auf ein Drehkreuz am anderen Ende der weiten Wiese zusteuerte, war das einzige menschliche Wesen, das auf der Fläche zu sehen war, über die der junge Rechtsanwalt blickte. Der Rauch, der langsam aus den verstreuten Häusern der langen High Street aufstieg, war das einzige Zeugnis menschlichen Lebens. Das langsame Vorrücken der Zeiger der alten Uhr im Kirchturm war das einzige Zeichen, an dem ein Reisender erkennen konnte, dass der träge Gang des bäuerlichen Lebens im Dorf Audley nicht vollständig zum Stillstand gekommen war.

Ja, es gab noch ein anderes Zeichen. Als Robert das Tor des Kirchhofs öffnete und lustlos in den kleinen umzäunten Bereich schlenderte, wurde er sich der feierlichen Musik einer Orgel bewusst, die durch ein halb geöffnetes Fenster im Turm zu hören war.

Er blieb stehen und lauschte den langsamen Harmonien einer verträumten Melodie, die wie eine spontane Komposition eines versierten Spielers klang.

„Wer hätte geglaubt, dass die Kirche von Audley eine solche Orgel besitzen könnte?“, dachte Robert. „Als ich das letzte Mal hier war, begleitete der Volksschullehrer seine Kinder mit einem primitiven Spiel einfacher Akkorde. Ich hätte nicht gedacht, dass in der alten Orgel so viel Musik steckt.“

Er verweilte am Tor, ohne den trägen Zauber brechen zu wollen, den die monotone Melancholie des Orgelspiels um ihn gewoben hatte. Die Töne des Instruments, die mal zu ihrer vollen Kraft anschwollen, mal zu einer leisen, flüsternden Sanftheit sanken, schwebten durch die neblige Winteratmosphäre auf ihn zu und hatten einen beruhigenden Einfluss, der ihn in seinem Kummer zu trösten schien.

Er schloss das Tor leise und überquerte den kleinen Kiesplatz vor der Kirchentür. Die Tür war – vielleicht vom Organisten – einen Spaltbreit offen gelassen worden. Robert Audley drückte sie auf und trat in die quadratische Vorhalle, von der aus eine steinerne Wendeltreppe zur Orgelempore und zum Glockenstuhl hinaufwand. Mr. Audley nahm seinen Hut ab und öffnete die Tür zwischen der Vorhalle und dem Kirchenschiff. Er schritt leise in das heilige Gebäude, das an Wochentagen einen feuchten, modrigen Geruch ausströmte. Er ging den schmalen Mittelgang hinunter bis zu den Altarschranken und verschaffte sich von diesem Beobachtungspunkt aus einen Überblick über die Kirche. Die kleine Empore lag genau gegenüber, aber die spärlichen grünen Vorhänge vor der Orgel waren fest zugezogen, und er konnte keinen Blick auf den Spieler erhaschen.

Die Musik rollte weiter dahin. Der Organist hatte sich in eine Melodie von Mendelssohn vertieft, eine Weise, deren verträumte Traurigkeit Robert direkt ins Herz traf. Er trödelte in den Winkeln und Ecken der Kirche umher, untersuchte die baufälligen Denkmäler der fast vergessenen Toten und lauschte der Musik.

„Wenn mein armer Freund, George Talboys, in meinen Armen gestorben wäre und ich ihn in dieser stillen Kirche begraben hätte, in einer Ecke der Gruft, über die ich heute schreite, wie viel Seelenqual, Unentschlossenheit und Pein hätte ich mir ersparen können“, dachte Robert Audley, während er die verblassten Inschriften auf Tafeln aus verfärbtem Marmor las. „Ich hätte sein Schicksal gekannt – ich hätte sein Schicksal gekannt! Ach, wie viel hätte das bedeutet. Es ist diese elende Ungewissheit, dieser schreckliche Verdacht, der mein Leben vergiftet hat.“

Er sah auf seine Uhr.

„Halb zwei“, murmelte er. „Ich werde vier oder fünf trostlose Stunden warten müssen, bis meine Lady von ihren morgendlichen Besuchen zurückkehrt – ihren hübschen Besuchen der Ehrerbietung oder Freundlichkeit. Gütiger Himmel! Was für eine Schauspielerin diese Frau ist. Was für eine durchtriebene Betrügerin – was für eine vollendete Täuscherin. Aber sie soll ihre hübsche Komödie unter dem Dach meines Onkels nicht länger spielen. Ich habe lange genug diplomatiert. Sie hat sich geweigert, eine indirekte Warnung anzunehmen. Heute Abend werde ich Klartext reden.“

Die Musik der Orgel verstummte, und Robert hörte das Schließen des Instruments.

„Ich werde einen Blick auf diesen neuen Organisten werfen“, dachte er, „der es sich leisten kann, seine Talente in Audley zu begraben und Mendelssohns feinste Fugen für ein Stipendium von sechzehn Pfund im Jahr zu spielen.“ Er verweilte in der Vorhalle und wartete darauf, dass der Organist die unbeholfene kleine Treppe hinunterstieg. In der ermüdenden Unruhe seines Geistes und mit der Aussicht, die fünf Stunden so gut wie möglich zu überstehen, war Mr. Audley froh, jede Ablenkung seiner Gedanken, wie müßig sie auch sein mochte, zu kultivieren. Daher gab er seiner Neugier bezüglich des neuen Organisten freien Lauf.

Die erste Person, die auf den steilen Steinstufen erschien, war ein Junge in Cordhosen und einem dunklen Leinenkittel, der mit viel unnötigem Klappern seiner genagelten Schuhe die Treppe herunterstolperte und dessen Gesicht von der Anstrengung, den Blasebalg der alten Orgel zu treten, gerötet war. Dicht hinter diesem Jungen kam eine junge Dame, sehr schlicht in ein schwarzes Seidenkleid und einen großen grauen Schal gekleidet, die beim Anblick von Mr. Audley zusammenzuckte und blass wurde.

Diese junge Dame war Clara Talboys.

Von allen Menschen auf der Welt war sie die letzte, die Robert entweder erwartet oder sehen wollte. Sie hatte ihm gesagt, dass sie einige Freunde besuchen wolle, die in Essex lebten; aber das County ist groß, und das Dorf Audley einer der unbedeutendsten und am wenigsten besuchten Orte in seiner gesamten Ausdehnung. Dass die Schwester seines verlorenen Freundes hier sein sollte – hier, wo sie jede seiner Handlungen beobachten und aus diesen Handlungen die geheimen Regungen seines Geistes ableiten konnte, um seine Zweifel bis zu ihrem Objekt zurückzuverfolgen – machte seine Schwierigkeiten zu einer Komplikation, die er niemals hätte vorhersehen können. Es brachte ihn zurück zu jenem Bewusstsein seiner eigenen Hilflosigkeit, in dem er ausgerufen hatte:

„Eine Hand, die stärker ist als meine eigene, winkt mir auf dem dunklen Pfad, der zum unbekannten Grab meines verlorenen Freundes führt.“

Clara Talboys ergriff als Erste das Wort.

„Sie sind überrascht, mich hier zu sehen, Mr. Audley“, sagte sie.

„Sehr überrascht.“

„Ich sagte Ihnen, dass ich nach Essex komme. Ich habe das Haus vorgestern verlassen. Ich war im Begriff aufzubrechen, als ich Ihre telegraphische Nachricht erhielt. Die Freundin, bei der ich wohne, ist Mrs. Martyn, die Frau des neuen Rektors von Mount Stanning. Ich kam heute Morgen hierher, um das Dorf und die Kirche zu sehen, und da Mrs. Martyn mit dem Vikar und seiner Frau einen Schulbesuch machen musste, blieb ich hier und vertrieb mir die Zeit damit, die alte Orgel auszuprobieren. Ich wusste bis zu meiner Ankunft hier nicht, dass es ein Dorf namens Audley gibt. Der Ort ist nach Ihrer Familie benannt, nehme ich an?“

„Ich glaube wohl“, antwortete Robert und wunderte sich über die Gelassenheit der Dame im Gegensatz zu seiner eigenen Verlegenheit. „Ich habe eine vage Erinnerung daran, die Geschichte eines Vorfahren gehört zu haben, der zur Zeit von Edward dem Vierten Audley von Audley genannt wurde. Das Grab innerhalb der Gitter in der Nähe des Altars gehört einem der Ritter von Audley, aber ich habe mir nie die Mühe gemacht, mir seine Taten einzuprägen. Warten Sie hier auf Ihre Freunde, Miss Talboys?“

„Ja; sie wollen hierher zurückkehren, um mich abzuholen, nachdem sie ihre Runde beendet haben.“

„Und Sie fahren heute Nachmittag mit ihnen nach Mount Stanning zurück?“

„Ja.“

Robert stand mit dem Hut in der Hand und blickte geistesabwesend auf die Grabsteine und die niedrige Mauer des Kirchhofs hinaus. Clara Talboys beobachtete sein blasses Gesicht, das unter dem tiefer werdenden Schatten, der schon so lange darauf geruht hatte, hager aussah.

„Sie sind krank gewesen, seit ich Sie das letzte Mal sah, Mr. Audley“, sagte sie mit leiser Stimme, die dieselbe melodische Traurigkeit hatte wie die Töne der alten Orgel unter ihrem Spiel.

„Nein, ich bin nicht krank gewesen; ich war nur bedrängt, ermüdet von hundert Zweifeln und Wirren.“

Während er zu ihr sprach, dachte er:

„Wie viel ahnt sie? Wie viel vermutet sie?“

Er hatte die Geschichte von Georges Verschwinden und seinen eigenen Verdächtigungen erzählt, wobei er nur die Namen derer verschwiegen hatte, die in das Geheimnis verwickelt waren; aber was, wenn dieses Mädchen diese dünne Maskerade durchschauen und selbst entdecken würde, was er ihr vorenthalten wollte.

Ihre ernsten Augen waren auf sein Gesicht gerichtet, und er wusste, dass sie versuchte, die innersten Geheimnisse seines Geistes zu lesen.

„Was bin ich in ihren Händen?“, dachte er. „Was bin ich in den Händen dieser Frau, die das Gesicht meines verlorenen Freundes und das Gebaren der Pallas Athene hat. Sie liest in meiner armseligen, wankelmütigen Seele und reißt mit der Magie ihrer feierlichen braunen Augen die Gedanken aus meinem Herzen. Wie ungleich muss der Kampf zwischen uns sein, und wie kann ich jemals hoffen, gegen die Stärke ihrer Schönheit und ihrer Weisheit zu siegen?“

Mr. Audley räusperte sich, um sich von seiner schönen Begleiterin zu verabschieden und aus der Gefangenschaft ihrer Anwesenheit auf die einsame Wiese außerhalb des Kirchhofs zu entfliehen, als Clara Talboys ihn aufhielt, indem sie genau das Thema ansprach, das er am meisten vermeiden wollte.

„Sie haben versprochen, mir zu schreiben, Mr. Audley“, sagte sie, „falls Sie eine Entdeckung machen sollten, die Sie dem Geheimnis des Verschwindens meines Bruders näher bringt. Sie haben mir nicht geschrieben, und ich nehme daher an, dass Sie nichts entdeckt haben.“

Robert Audley schwieg einige Augenblicke. Wie sollte er diese direkte Frage beantworten?

„Die Kette von Indizien, die das Geheimnis des Schicksals Ihres Bruders mit der Person verbindet, die ich verdächtige“, sagte er nach einer Pause, „besteht aus sehr schwachen Gliedern. Ich glaube, dass ich seit unserem Treffen in Dorsetshire ein weiteres Glied zu dieser Kette hinzugefügt habe.“

„Und Sie weigern sich, mir zu sagen, was Sie entdeckt haben?“

„Nur so lange, bis ich mehr entdeckt habe.“

„Ich dachte Ihrer Nachricht entnehmen zu können, dass Sie nach Wildernsea wollten.“

„Ich war dort.“

„Tatsächlich! Dort haben Sie also eine Entdeckung gemacht?“

„Das habe ich“, antwortete Robert. „Sie müssen bedenken, Miss Talboys, dass die einzige Grundlage, auf der meine Verdächtigungen beruhen, die Identität zweier Personen ist, die keine offensichtliche Verbindung zueinander haben – die Identität einer Person, von der man annimmt, sie sei tot, mit einer, die lebt. Die Verschwörung, deren Opfer Ihr Bruder meiner Meinung nach geworden ist, hängt davon ab. Wenn seine Frau, Helen Talboys, starb, als die Papiere ihren Tod aufzeichneten – wenn die Frau, die auf dem Kirchhof von Ventnor begraben liegt, tatsächlich die Frau war, deren Name auf dem Grabstein eingraviert ist – dann habe ich keinen Fall, dann habe ich keinen Hinweis auf das Geheimnis des Schicksals Ihres Bruders. Ich bin im Begriff, dies auf die Probe zu stellen. Ich glaube, dass ich jetzt in der Lage bin, ein kühnes Spiel zu spielen, und ich glaube, dass ich bald zur Wahrheit gelangen werde.“

Er sprach mit leiser Stimme und mit feierlichem Nachdruck, der die Intensität seiner Gefühle verriet. Miss Talboys streckte ihre unhandschuhte Hand aus und legte sie in seine. Die kalte Berührung dieser schlanken Hand löste einen Schauer durch seinen ganzen Körper aus.

„Sie werden das Schicksal meines Bruders nicht als Geheimnis bestehen lassen, Mr. Audley“, sagte sie ruhig. „Ich weiß, dass Sie Ihre Pflicht gegenüber Ihrem Freund tun werden.“

Die Frau des Rektors und ihre beiden Begleiter betraten den Kirchhof, gerade als Clara Talboys dies sagte. Robert Audley drückte die Hand, die in seiner ruhte, und führte sie an seine Lippen.

„Ich bin ein fauler, nichtsnutziger Kerl, Miss Talboys“, sagte er; „aber wenn ich Ihren Bruder George zu Leben und Glück zurückbringen könnte, würde ich mich sehr wenig um jedes Opfer meiner eigenen Gefühle scheren; ich fürchte nur, das Meiste, was ich tun kann, ist, das Geheimnis seines Schicksals zu ergründen, und um das zu tun, muss ich jene opfern, die mir lieber sind als ich selbst.“

Er setzte seinen Hut auf und eilte durch das Tor, das auf das Feld führte, als Mrs. Martyn an die Vorhalle herantrat.

„Wer ist dieser gutaussehende junge Mann, mit dem ich Sie beim Tête-à-Tête ertappt habe, Clara?“, fragte sie lachend.

„Er ist ein Mr. Audley, ein Freund meines armen Bruders.“

„Tatsächlich! Er ist ein Verwandter von Sir Michael Audley, nehme ich an?“

„Sir Michael Audley!“

„Ja, meine Liebe; die wichtigste Persönlichkeit in der Gemeinde Audley. Aber wir werden in ein oder zwei Tagen am Court vorbeischauen, und Sie werden den Baronet und seine hübsche junge Frau sehen.“

„Seine junge Frau!“, erwiderte Clara Talboys und blickte ihre Freundin ernst an. „Hat Sir Michael Audley also kürzlich geheiratet?“

„Ja. Er war sechzehn Jahre lang Witwer und hat vor etwa anderthalb Jahren eine mittellose junge Gouvernante geheiratet. Die Geschichte ist ganz romantisch, und Lady Audley gilt als die Schönheit des Countys. Aber kommen Sie, meine liebe Clara, das Pony ist es leid, auf uns zu warten, und wir haben einen langen Heimweg vor dem Abendessen.“

Clara Talboys nahm in der kleinen Korbkutsche Platz, die am Haupttor des Kirchhofs wartete, in der Obhut des Jungen, der den Orgelblasebalg getreten hatte. Mrs. Martyn schüttelte die Zügel, und das kräftige kastanienbraune Pony trabte in Richtung Mount Stanning davon.

„Wollen Sie mir mehr über diese Lady Audley erzählen, Fanny?“, sagte Miss Talboys nach einer langen Pause. „Ich möchte alles über sie wissen. Haben Sie ihren Mädchennamen gehört?“

„Ja; sie war eine Miss Graham.“

„Und sie ist sehr hübsch?“

„Ja, sehr, sehr hübsch. Eher eine kindliche Schönheit allerdings, mit großen, klaren blauen Augen und blassgoldenen Locken, die wie ein federartiger Schauer über ihren Hals und ihre Schultern fallen.“

Clara Talboys schwieg. Sie stellte keine weiteren Fragen über meine Lady.

Sie dachte an eine Passage in jenem Brief, den George ihr während ihrer Flitterwochen geschrieben hatte – eine Passage, in der er sagte: „Meine kindliche kleine Frau beobachtet mich, während ich dies schreibe – Ach! wie wünschte ich, du könntest sie sehen, Clara! Ihre Augen sind so blau und so klar wie der Himmel an einem hellen Sommertag, und ihr Haar fällt um ihr Gesicht wie der blasse goldene Heiligenschein, den du um den Kopf einer Madonna auf einem italienischen Bild siehst.“

KAPITEL XXIX.

IM LINDENGANG.

Robert Audley schlenderte auf dem breiten Grasplatz vor dem Court umher, als die Kutsche mit meiner Lady und Alicia unter dem Torbogen hindurchfuhr und an der niedrigen Turmtür hielt. Mr. Audley präsentierte sich rechtzeitig, um den Damen aus dem Fahrzeug zu helfen.

Meine Lady sah sehr hübsch aus in einem zartblauen Häubchen und den Zobeln, die ihr Neffe für sie in St. Petersburg gekauft hatte. Sie schien sehr erfreut zu sein, Robert zu sehen, und lächelte aufs Entzückendste, als sie ihm ihre exquisit behandschuhte kleine Hand reichte.

„Sie sind also wieder bei uns, Ausreißer?“, sagte sie lachend. „Und jetzt, da Sie zurückgekehrt sind, werden wir Sie gefangen halten. Wir lassen ihn nicht wieder davonlaufen, oder, Alicia?“

Miss Audley warf den Kopf hochmütig zurück, was die schweren Locken unter ihrem Reiterhut zum Beben brachte.

„Ich habe nichts mit den Bewegungen eines so unberechenbaren Individuums zu tun“, sagte sie. „Seit sich Robert Audley in den Kopf gesetzt hat, sich wie ein geisterbesessener Held in einer deutschen Erzählung zu benehmen, habe ich aufgegeben, ihn verstehen zu wollen.“

Mr. Audley betrachtete seine Cousine mit einem Ausdruck seriös-komischer Verwirrung. „Sie ist ein nettes Mädchen“, dachte er, „aber sie ist ein Ärgernis. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber sie scheint mir ein größeres Ärgernis zu sein als früher.“

Er zog nachdenklich an seinem Schnurrbart, während er diese Frage erwog. Sein Geist wanderte für einige Augenblicke von dem großen Kummer seines Lebens weg, um bei dieser kleineren Verwirrung zu verweilen.

„Sie ist ein liebes Mädchen“, dachte er; „ein großherziges, lebhaftes, edles englisches Mädchen; und doch –“ Er verlor sich in einem Sumpf aus Zweifel und Schwierigkeiten. Es gab eine Stockung in seinem Geist, die er nicht verstehen konnte; eine Veränderung an ihm selbst, jenseits der Veränderung, die seine Sorge um George Talboys in ihm bewirkt hatte, die ihn mystifizierte und verwirrte.

„Und wo, wenn ich fragen darf, sind Sie die letzten ein oder zwei Tage umhergewandert, Mr. Audley?“, fragte meine Lady, während sie mit ihrer Stieftochter an der Schwelle der Turmtür verweilte und wartete, bis Robert sich dazu bequemen würde, beiseite zu treten und sie passieren zu lassen. Der junge Mann zuckte zusammen, als sie diese Frage stellte, und blickte plötzlich zu ihr auf. Etwas im Aspekt ihrer strahlenden jungen Schönheit, etwas in der kindlichen Unschuld ihres Ausdrucks schien ihn bis ins Mark zu treffen, und sein Gesicht wurde totenblass, als er sie ansah.

„Ich war – in Yorkshire“, sagte er; „in dem kleinen Badeort, in dem mein armer Freund George Talboys zur Zeit seiner Hochzeit lebte.“

Die weiße Veränderung im Gesicht meiner Lady war das einzige Zeichen dafür, dass sie diese Worte gehört hatte. Sie lächelte, ein schwaches, kränkliches Lächeln, und versuchte, an dem Neffen ihres Mannes vorbeizugehen.

„Ich muss mich für das Abendessen fertig machen“, sagte sie. „Ich gehe zu einer Dinner-Party, Mr. Audley; bitte lassen Sie mich hinein.“

„Ich muss Sie bitten, mir eine halbe Stunde zu schenken, Lady Audley“, antwortete Robert mit leiser Stimme. „Ich bin eigens nach Essex gekommen, um mit Ihnen zu sprechen.“

„Worüber?“, fragte meine Lady.

Sie hatte sich von dem Schock, den sie vor wenigen Augenblicken erlitten haben mochte, erholt, und es war in ihrer gewohnten Manier, dass sie diese Frage stellte. Ihr Gesicht drückte eher die gemischte Verwirrung und Neugier eines rätselnden Kindes aus als die ernste Überraschung einer Frau.

„Worüber wollen Sie mit mir sprechen, Mr. Audley?“, wiederholte sie.

„Ich werde es Ihnen sagen, wenn wir allein sind“, sagte Robert und warf einen Blick auf seine Cousine, die ein Stück hinter meiner Lady stand und diesen vertraulichen kleinen Dialog beobachtete.

„Er ist in die Wachspuppen-Schönheit meiner Stiefmutter verliebt“, dachte Alicia, „und ihr zuliebe ist er zu einem solch trostlosen Objekt geworden. Er ist genau die Art von Person, die sich in seine Tante verliebt.“

Miss Audley ging zum Grasplatz und kehrte Robert und meiner Lady den Rücken zu.

„Das absurde Geschöpf wurde bleich wie ein Laken, als er sie sah“, dachte sie. „Er kann also doch lieben. Dieser langsame Klumpen von Trägheit, den er sein Herz nennt, kann, nehme ich an, einmal im Vierteljahrhundert schlagen; aber es scheint, als könne nichts außer einer blauäugigen Wachspuppe es in Gang bringen. Ich hätte ihn schon vor langer Zeit aufgegeben, wenn ich gewusst hätte, dass seine Vorstellung von Schönheit in einem Spielzeugladen zu finden ist.“

Die junge Dame, die diese Gedanken hegte, war Phoebe Marks, die Zofe und Vertraute meiner Lady. Sie stand in der Tür, die vom Ankleidezimmer in das Schlafzimmer führte, und betrachtete mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung den Rücken ihres Herrn, während dieser seine Frau in das Ankleidezimmer geleitete.

„Ich muss mich kurz fassen, Alicia“, sagte Sir Michael, als er seine Tochter mit einem freundlichen Lächeln begrüßte. „Ich bin gerade erst aus Chelmsford zurückgekehrt und muss mich umziehen, bevor das Abendessen serviert wird. Was ist es denn, das dich so in Eile versetzt?“

„Ich wollte nur fragen, ob du morgen mit mir nach Audley Court fährst, Papa. Ich habe seit Tagen kein Wort mehr mit dir gewechselt, und ich habe das Gefühl, als würdest du dich immer weiter von mir entfernen.“

Sir Michael lachte leise und legte seine Hand auf den Kopf seiner Tochter. „Ich mich entfernen? Meine liebe Alicia, du weißt, dass du mir die Liebste auf der Welt bist. Aber die Geschäfte, mein Kind, die Geschäfte! Sie fordern ihren Tribut, und manchmal scheint es, als ließe mir das Leben kaum noch Zeit für die Dinge, die wirklich zählen.“

Während sie sprachen, trat Lady Audley aus dem Ankleidezimmer. Sie hatte sich bereits umgekleidet und trug ein schlichtes, aber elegantes Abendkleid, das ihre zierliche Figur perfekt betonte. Ihr Gesicht war wieder ganz die Maske der unschuldigen Heiterkeit, die Robert Audley so sehr verwirrte. Sie warf Phoebe einen flüchtigen, befehlenden Blick zu, den die Zofe mit einem devoten Knicks erwiderte, bevor sie sich lautlos zurückzog.

„Du siehst heute Abend besonders reizend aus, meine Liebe“, sagte Sir Michael und wandte sich seiner Frau zu.

„Du bist immer so schmeichelhaft, Michael“, antwortete sie mit einem sanften Lächeln. „Aber du solltest Alicia nicht so lange warten lassen, wenn sie dich sprechen will. Ich werde dich im Salon erwarten.“

Sie verließ den Raum mit einer Anmut, die Robert Audley, der am Fenster stand und die Szene beobachtet hatte, erneut innehalten ließ. Er sah ihr nach, und wieder meldete sich das unbestimmte Gefühl in ihm, dass all diese Schönheit und Anmut nur ein dünner Firnis über einem Abgrund aus Dunkelheit waren.

„Was hat dich eigentlich so unruhig gemacht, Robert?“, fragte Sir Michael, als er sich an seinen Neffen wandte. „Du wirkst in letzter Zeit so nachdenklich, so... abwesend.“

Robert zögerte einen Moment. Er blickte auf die geschlossene Tür, hinter der Lady Audley verschwunden war. „Vielleicht ist es nur die Müdigkeit, Onkel. Oder die Last der Dinge, die man manchmal mit sich herumträgt, ohne sie aussprechen zu können.“

„Du solltest dich ausruhen“, sagte Sir Michael wohlwollend. „Morgen werden wir in aller Ruhe über alles sprechen können.“

„Ja“, antwortete Robert leise, „morgen.“

„Ja“, rief meine Lady, „wenn ich auf der Anklagebank säße, könnte ich zweifellos Zeugen vorbringen, um Eure absurde Anschuldigung zu widerlegen. Aber ich sitze nicht auf der Anklagebank, Mr. Audley, und ich ziehe es vor, nichts weiter zu tun, als über Eure lächerliche Torheit zu lachen. Ich sage Euch, dass Ihr wahnsinnig seid! Wenn es Euch beliebt zu behaupten, dass Helen Talboys nicht tot sei und dass ich Helen Talboys sei, so könnt Ihr das tun. Wenn Ihr es vorzieht, an den Orten herumzuwandern, an denen ich gelebt habe, und an den Orten, an denen diese Mrs. Talboys gelebt hat, so müsst Ihr dem Hang Eurer eigenen Neigung folgen, aber ich möchte Euch warnen, dass solche Hirngespinste bisweilen Menschen, die scheinbar ebenso zurechnungsfähig waren wie Ihr selbst, in die lebenslange Gefangenschaft einer privaten Irrenanstalt geführt haben.“

Robert Audley schrak zusammen und wich einige Schritte zwischen dem Unkraut und dem Gestrüpp zurück, als meine Lady dies sagte.

„Sie wäre zu jedem neuen Verbrechen fähig, um sich vor den Konsequenzen des alten zu schützen“, dachte er. „Sie wäre fähig, ihren Einfluss bei meinem Onkel zu nutzen, um mich in eine Irrenanstalt einweisen zu lassen.“

Ich will nicht sagen, dass Robert Audley ein Feigling war, aber ich gebe zu, dass ihn ein Schauer des Entsetzens, etwas, das der Furcht nahekam, bis ins Herz hinein erkaltete, als er sich an die schrecklichen Dinge erinnerte, die von Frauen begangen wurden, seit jenem Tag, an dem Eva erschaffen wurde, um Adams Gefährtin und Gehilfin im Garten Eden zu sein. „Was, wenn die höllische Verstellungskunst dieser Frau stärker sein sollte als die Wahrheit und mich vernichten würde? Sie hatte George Talboys nicht verschont, als er ihr im Wege stand und ihr mit einer bestimmten Gefahr drohte; würde sie ihn verschonen, der ihr mit einer weitaus größeren Gefahr drohte? Sind Frauen barmherzig oder liebevoll oder freundlich im Verhältnis zu ihrer Schönheit und Anmut? Gab es nicht einen gewissen Monsieur Mazers de Latude, der das Unglück hatte, die allumfassende Madame de Pompadour zu beleidigen, der seine jugendliche Indiskretion mit einer lebenslangen Haft büßte; der zweimal aus dem Gefängnis floh, um zweimal wieder in die Gefangenschaft geworfen zu werden; der, im Vertrauen auf die verspätete Großmut seiner schönen Feindin, sich selbst einer unversöhnlichen Furie verriet?“ Robert Audley blickte auf das blasse Gesicht der Frau, die an seiner Seite stand; jenes helle und schöne Gesicht, erleuchtet von sternenblauen Augen, die ein seltsames und sicherlich gefährliches Licht in sich trugen; und als er sich an hundert Geschichten weiblicher Treulosigkeit erinnerte, schauderte er bei dem Gedanken, wie ungleich der Kampf zwischen ihm und der Frau seines Onkels sein könnte.

„Ich habe ihr meine Karten gezeigt“, dachte er, „aber sie hat ihre vor mir verborgen gehalten. Die Maske, die sie trägt, lässt sich nicht abreißen. Mein Onkel würde mich eher für wahnsinnig halten, als sie für schuldig zu erachten.“

Das blasse Gesicht von Clara Talboys – jenes ernste und aufrichtige Gesicht, so verschieden in seinem Wesen von der zerbrechlichen Schönheit meiner Lady – tauchte vor ihm auf.

„Was bin ich für ein Feigling, dass ich an mich selbst oder an meine eigene Gefahr denke“, dachte er. „Je mehr ich von dieser Frau sehe, desto mehr Grund habe ich, ihren Einfluss auf andere zu fürchten; desto mehr Grund, sie weit weg von diesem Haus zu wünschen.“

Er sah sich in der düsteren Dunkelheit um. Der einsame Garten war so still wie ein einsamer Friedhof, eingemauert und versteckt vor der Welt der Lebenden.

„Es war irgendwo in diesem Garten, dass sie George Talboys an dem Tag seines Verschwindens traf“, dachte er. „Ich frage mich, wo sie sich trafen; ich frage mich, wo er in ihr grausames Gesicht blickte und sie ihrer Falschheit bezichtigte?“

Meine Lady, deren kleine Hand leicht auf dem Pfosten gegenüber dem ruhte, an den Robert sich lehnte, spielte mit ihrem hübschen Fuß im hohen Unkraut, behielt aber einen verstohlenen Blick auf das Gesicht ihres Feindes.

„Es wird also ein Duell auf Leben und Tod, meine Lady“, sagte Robert Audley feierlich. „Ihr weigert Euch, meine Warnung anzunehmen. Ihr weigert Euch, davonzulaufen und Eure Bosheit an einem fremden Ort zu bereuen, weit weg von dem großmütigen Gentleman, den Ihr durch Eure falschen Zauberkünste getäuscht und genarrt habt. Ihr zieht es vor, hier zu bleiben und mir zu trotzen.“

„Das tue ich“, antwortete Lady Audley, hob den Kopf und blickte den jungen Rechtsanwalt direkt an. „Es ist nicht meine Schuld, wenn der Neffe meines Mannes wahnsinnig wird und mich zum Opfer seiner Monomanie wählt.“

„So sei es denn, meine Lady“, antwortete Robert. „Mein Freund George Talboys wurde zuletzt gesehen, wie er diese Gärten durch das kleine Eisentor betrat, durch das wir heute Abend gekommen sind. Er wurde zuletzt gehört, wie er nach Euch fragte. Er wurde gesehen, wie er diese Gärten betrat, aber er wurde nie gesehen, wie er sie verließ. Ich glaube, dass er innerhalb der Grenzen dieses Geländes den Tod fand; und dass sein Körper unter stillem Wasser oder in irgendeiner vergessenen Ecke dieses Ortes verborgen liegt. Ich werde eine solche Suche veranlassen, dass dieses Haus dem Erdboden gleichgemacht und jeder Baum in diesen Gärten entwurzelt wird, eher als dass ich daran scheitere, das Grab meines ermordeten Freundes zu finden.“

Lucy Audley stieß einen langen, leisen, klagenden Schrei aus und warf ihre Arme mit einer wilden Geste der Verzweiflung über ihren Kopf, aber sie gab keine Antwort auf die schreckliche Anklage ihres Anklägers. Ihre Arme sanken langsam herab, und sie stand da und starrte Robert Audley an, ihr weißes Gesicht schimmerte durch die Dämmerung, ihre blauen Augen glänzten und waren geweitet.

„Du wirst das niemals erleben“, sagte sie. „Ich werde dich zuerst töten. Warum hast du mich so gequält? Warum konntest du mich nicht in Ruhe lassen? Welchen Schaden habe ich dir jemals zugefügt, dass du dich zu meinem Verfolger machst, meine Schritte belauerst, meine Blicke beobachtest und den Spion für mich spielst? Willst du mich in den Wahnsinn treiben? Weißt du, was es heißt, mit einer Wahnsinnigen zu ringen? Nein“, rief meine Lady mit einem Lachen, „das weißt du nicht, sonst würdest du niemals –“

Sie hielt abrupt inne und richtete sich plötzlich zu ihrer vollen Größe auf. Es war dieselbe Handlung, die Robert bei dem alten, halb betrunkenen Leutnant gesehen hatte; und sie besaß dieselbe Würde – die Erhabenheit des extremen Elends.

„Geht weg, Mr. Audley“, sagte sie. „Ihr seid wahnsinnig, ich sage Euch, Ihr seid wahnsinnig.“

„Ich gehe, meine Lady“, antwortete Robert ruhig. „Ich hätte Eure Verbrechen aus Mitleid für Eure Erbärmlichkeit vergeben. Ihr habt es abgelehnt, meine Gnade anzunehmen. Ich wollte Mitleid mit den Lebenden haben. Ich werde von nun an nur noch meiner Pflicht gegenüber den Toten gedenken.“

Er ging von dem einsamen Brunnen unter dem Schatten der Linden weg. Meine Lady folgte ihm langsam die lange, düstere Allee entlang und über die rustikale Brücke zum Eisentor. Als er durch das Tor trat, kam Alicia aus einer kleinen, halb verglasten Tür, die von einem eichengetäfelten Frühstückszimmer an einer Ecke des Hauses nach draußen führte, und traf ihren Cousin an der Schwelle des Tors.

„Ich habe überall nach dir gesucht, Robert“, sagte sie. „Papa ist in die Bibliothek gekommen und würde sich freuen, dich zu sehen.“

Der junge Mann schreckte beim Klang der frischen, jungen Stimme seiner Cousine zusammen. „Gütiger Himmel!“, dachte er, „können diese beiden Frauen aus demselben Ton sein? Kann dieses offene, großherzige Mädchen, das keinen Impuls ihrer unschuldigen Natur verbergen kann, von demselben Fleisch und Blut sein wie diese elende Kreatur, deren Schatten auf den Pfad neben mir fällt!“

Er blickte von seiner Cousine zu Lady Audley, die in der Nähe des Tors stand und darauf wartete, dass er zur Seite trat und sie passieren ließ.

„Ich weiß nicht, was in deinen Cousin gefahren ist, meine liebe Alicia“, sagte meine Lady. „Er ist so geistesabwesend und exzentrisch, dass er völlig außerhalb meines Verständnisses liegt.“

„In der Tat“, rief Miss Audley aus; „und doch sollte man meinen, nach der Länge Eurer Tête-à-Tête, dass Ihr irgendeine Anstrengung unternommen hättet, ihn zu verstehen.“

„Oh, ja“, sagte Robert ruhig, „meine Lady und ich verstehen uns sehr gut; aber da es spät wird, werde ich Euch einen guten Abend wünschen, meine Damen. Ich werde heute Nacht in Mount Stanning schlafen, da ich dort noch einige Geschäfte zu erledigen habe, und ich werde morgen kommen und meinen Onkel besuchen.“

„Was, Robert“, rief Alicia, „du willst doch sicher nicht gehen, ohne Papa zu sehen?“

„Doch, meine Liebe“, antwortete der junge Mann. „Ich bin ein wenig beunruhigt durch eine unangenehme Angelegenheit, die mich sehr betrifft, und ich möchte meinen Onkel lieber nicht sehen. Gute Nacht, Alicia. Ich werde morgen kommen oder schreiben.“

Er drückte die Hand seiner Cousine, verneigte sich vor Lady Audley und ging unter den schwarzen Schatten des Torbogens davon, hinaus in die stille Allee jenseits des Court.

Meine Lady und Alicia blieben stehen und beobachteten ihn, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

„Was in aller Welt ist mit meinem Cousin Robert los?“, rief Miss Audley ungeduldig, als der Rechtsanwalt verschwand. „Was bedeuten diese absurden Umtriebe? Eine unangenehme Angelegenheit, die ihn beunruhigt, in der Tat! Ich nehme an, die unglückliche Kreatur hat von irgendeinem vom Unglück verfolgten Anwalt ein Mandat aufgezwungen bekommen und versinkt in einen Zustand des Schwachsinns aus einer dunklen Erkenntnis seiner eigenen Unfähigkeit heraus.“

„Hast du jemals den Charakter deines Cousins studiert, Alicia?“, fragte meine Lady nach einer Pause sehr ernst.

„Seinen Charakter studiert! Nein, Lady Audley. Warum sollte ich seinen Charakter studieren?“, sagte Alicia. „Es bedarf nur sehr wenig Studiums, um jemanden davon zu überzeugen, dass er ein fauler, egoistischer Sybarit ist, dem die Welt völlig gleichgültig ist, abgesehen von seinem eigenen Komfort und Behagen.“

„Aber hast du ihn niemals für exzentrisch gehalten?“

„Exzentrisch!“, wiederholte Alicia, während sie ihre roten Lippen zusammenpresste und die Schultern zuckte. „Nun, ja – ich glaube, das ist die Entschuldigung, die man im Allgemeinen für solche Leute vorbringt. Ich nehme an, Bob ist exzentrisch.“

„Ich habe dich noch nie von seinem Vater und seiner Mutter sprechen hören“, sagte meine Lady nachdenklich. „Erinnerst du dich an sie?“

„Ich habe seine Mutter nie gesehen. Sie war eine Miss Dalrymple, ein sehr flottes Mädchen, das mit meinem Onkel durchgebrannte und infolgedessen ein sehr schönes Vermögen verlor. Sie starb in Nizza, als der arme Bob fünf Jahre alt war.“

„Hast du jemals etwas Besonderes über sie gehört?“

„Wie meinst du das mit ‚besonders‘?“, fragte Alicia.

„Hast du jemals gehört, dass sie exzentrisch war – was die Leute ‚sonderbar‘ nennen?“

„Oh, nein“, sagte Alicia lachend. „Meine Tante war eine sehr vernünftige Frau, glaube ich, auch wenn sie aus Liebe geheiratet hat. Aber du musst bedenken, dass sie starb, bevor ich geboren wurde, und ich daher keine große Neugier für sie empfunden habe.“

„Aber du erinnerst dich an deinen Onkel, nehme ich an.“

„Meinen Onkel Robert?“, sagte Alicia. „Oh, ja, ich erinnere mich sehr gut an ihn.“

„War er exzentrisch – ich meine damit, eigenartig in seinen Gewohnheiten, wie dein Cousin?“

„Ja, ich glaube, Robert erbt alle seine Absurditäten von seinem Vater. Mein Onkel drückte dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber seinen Mitmenschen aus wie mein Cousin, aber da er ein guter Ehemann, ein liebevoller Vater und ein gütiger Herr war, hat niemand jemals seine Ansichten in Frage gestellt.“

„Aber er war exzentrisch?“

„Ja; ich nehme an, er galt allgemein als ein wenig exzentrisch.“

„Ah“, sagte meine Lady ernst, „das dachte ich mir. Weißt du, Alicia, dass Wahnsinn öfter vom Vater auf die Tochter und von der Mutter auf die Tochter übertragen wird als von der Mutter auf den Sohn? Dein Cousin, Robert Audley, ist ein sehr gutaussehender junger Mann und, wie ich glaube, ein sehr gutherziger junger Mann, aber er muss beobachtet werden, Alicia, denn er ist wahnsinnig!“

„Wahnsinnig!“, rief Miss Audley entrüstet; „du träumst, meine Lady, oder – oder – du versuchst, mich zu erschrecken“, fügte die junge Dame mit beträchtlicher Beunruhigung hinzu.

„Ich möchte dich nur auf der Hut wissen lassen, Alicia“, antwortete meine Lady. „Mr. Audley mag, wie du sagst, nur exzentrisch sein; aber er hat heute Abend in einer Weise mit mir gesprochen, die mich mit absolutem Entsetzen erfüllt hat, und ich glaube, dass er wahnsinnig wird. Ich werde noch heute Abend sehr ernsthaft mit Sir Michael sprechen.“

„Sprich mit Papa“, rief Alicia; „du wirst Papa doch sicher nicht durch die Andeutung einer solchen Möglichkeit beunruhigen!“

„Ich werde ihn nur auf der Hut wissen lassen, meine liebe Alicia.“

„Aber er wird dir niemals glauben“, sagte Miss Audley; „er wird über eine solche Vorstellung lachen.“

„Nein, Alicia; er wird alles glauben, was ich ihm sage“, antwortete meine Lady mit einem stillen Lächeln.

KAPITEL XXX.

DEN BODEN BEREITEN.

Lady Audley ging vom Garten in die Bibliothek, ein angenehmes, eichengetäfeltes, wohnliches Zimmer, in dem Sir Michael gerne saß, um zu lesen oder zu schreiben oder die Geschäfte seines Anwesens mit seinem Verwalter zu ordnen, einem stämmigen Landsmann, halb Landwirt, halb Anwalt, der einen kleinen Hof ein paar Meilen vom Court entfernt pachtete.

Der Baronet saß in einem geräumigen Lehnstuhl in der Nähe des Herdes. Der helle Schein des Feuers stieg und fiel, blitzte bald auf den polierten Schnitzereien des Bücherschranks aus schwarzer Eiche, bald auf den Gold- und Scharlach-Einbänden der Bücher; flackerte manchmal auf dem athenischen Helm einer marmornen Pallas, manchmal beleuchtete er die Stirn von Sir Robert Peel.

Die Lampe auf dem Lesetisch war noch nicht angezündet worden, und Sir Michael saß im Feuerschein und wartete auf das Kommen seiner jungen Frau.

Es ist mir unmöglich, jemals die Reinheit seiner großmütigen Liebe zu schildern – es ist unmöglich, jene Zuneigung zu beschreiben, die so zärtlich war wie die Liebe einer jungen Mutter zu ihrem Erstgeborenen, so tapfer und ritterlich wie die heldenhafte Leidenschaft eines Bayard für seine Lehnsherrin.

Die Tür öffnete sich, während er an diese innig geliebte Frau dachte, und als er aufblickte, sah der Baronet die schlanke Gestalt im Türrahmen stehen.

„Nun, mein Liebling!“, rief er aus, als meine Lady die Tür hinter sich schloss und auf seinen Stuhl zuging, „ich habe eine Stunde lang an dich gedacht und auf dich gewartet. Wo warst du und was hast du gemacht?“

Meine Lady, die eher im Schatten als im Licht stand, hielt einige Augenblicke inne, bevor sie auf diese Frage antwortete.

„Ich war in Chelmsford“, sagte sie, „einkaufen; und –“

Sie zögerte – und zwirbelte die Bänder ihrer Haube mit einem Ausdruck hübscher Verlegenheit zwischen ihren dünnen weißen Fingern.

„Und was, meine Liebe?“, fragte der Baronet – „was hast du getan, seit du aus Chelmsford zurückgekommen bist? Ich habe vor einer Stunde eine Kutsche vor der Tür halten hören. Es war deine, nicht wahr?“

„Ja, ich bin vor einer Stunde nach Hause gekommen“, antwortete meine Lady mit demselben Ausdruck von Verlegenheit.

„Und was hast du getan, seit du nach Hause gekommen bist?“

Sir Michael Audley stellte diese Frage mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton. Die Anwesenheit seiner jungen Frau machte den Sonnenschein seines Lebens aus; und obwohl er es nicht ertragen konnte, sie an seine Seite zu ketten, betrübte es ihn zu denken, dass sie freiwillig und ohne Not von ihm fernbleiben konnte, um ihre Zeit mit irgendeinem kindischen Geplapper oder einer frivolen Beschäftigung zu vertrödeln.

„Was hast du getan, seit du nach Hause gekommen bist, meine Liebe?“, wiederholte er. „Was hat dich so lange von mir ferngehalten?“

„Ich habe – mit – Mr. Robert Audley – gesprochen.“

Sie zwirbelte immer noch das Band ihrer Haube um ihre Finger.

Sie sprach immer noch mit demselben Ausdruck von Verlegenheit.

„Robert!“, rief der Baronet; „ist Robert hier?“

„Er war vorhin eine Weile hier.“

„Und ist wohl noch hier, nehme ich an?“

„Nein, er ist weggegangen.“

„Weggegangen!“, rief Sir Michael. „Was meinst du damit, mein Liebling?“

„Ich meine, dass dein Neffe heute Nachmittag zum Court gekommen ist. Alicia und ich fanden ihn dabei, wie er in den Gärten herumlungerte. Er blieb bis vor einer Viertelstunde hier und sprach mit mir, und dann eilte er ohne ein Wort der Erklärung davon; abgesehen natürlich von irgendeiner lächerlichen Ausrede wegen Geschäften in Mount Stanning.“

„Geschäfte in Mount Stanning! Warum, welche Geschäfte kann er in diesem abgelegenen Ort schon haben? Er ist also in Mount Stanning schlafen gegangen, nehme ich an?“

„Ja; ich glaube, er hat so etwas in der Art gesagt.“

„Bei meinem Wort“, rief der Baronet, „ich glaube, dieser Junge ist halb wahnsinnig.“

Das Gesicht meiner Lady lag so sehr im Schatten, dass Sir Michael Audley die helle Veränderung, die sich über ihre kränkliche Blässe legte, als er diese sehr alltägliche Bemerkung machte, nicht bemerkte. Ein triumphierendes Lächeln erhellte Lucy Audleys Gesicht, ein Lächeln, das deutlich sagte: „Es kommt – es kommt; ich kann ihn drehen und wenden, wie ich will. Ich kann ihm Schwarz vorhalten, und wenn ich sage, es sei Weiß, wird er mir glauben.“

Doch Sir Michael Audley äußerte mit der Behauptung, der Verstand seines Neffen sei gestört, nur jene alltägliche Redewendung, von der bekannt ist, dass sie nur wenig Bedeutung hat. Der Baronet hatte zwar keine sehr hohe Einschätzung von Roberts Fähigkeiten für die Geschäfte dieses Alltags. Er pflegte seinen Neffen als eine gutmütige Null zu betrachten – einen Mann, dessen Herz von der freigiebigen Natur reichlich mit all den besten Dingen ausgestattet worden war, die die großzügige Göttin zu vergeben hatte, dessen Gehirn aber bei der Verteilung der intellektuellen Gaben etwas übersehen worden war. Sir Michael Audley beging jenen Fehler, der sehr häufig von leichtlebigen, wohlhabenden Beobachtern begangen wird, die keinen Anlass haben, unter die Oberfläche zu blicken. Er verwechselte Faulheit mit Unfähigkeit. Er dachte, weil sein Neffe untätig war, müsse er zwangsläufig dumm sein. Er schloss daraus, dass Robert, wenn er sich nicht auszeichnete, dies deshalb tat, weil er es nicht konnte.

Er vergaß die stummen, ruhmlosen Miltons, die stimmlos und artikulationslos sterben, mangels jener hartnäckigen Beharrlichkeit, jenem blinden Mut, den der Dichter besitzen muss, bevor er einen Verleger finden kann; er vergaß die Cromwells, die die edlen Schiffe des Staates auf einem Meer der Verwirrung flundern und in einem Sturm lärmender Ratlosigkeit untergehen sehen, und die doch machtlos sind, das Steuer zu erreichen; denen es verboten ist, auch nur ein Rettungsboot zu dem sinkenden Schiff hinauszuschicken. Sicherlich ist es ein Fehler, danach zu urteilen, was ein Mensch tun kann, anhand dessen, was er getan hat.

Die Walhalla der Welt ist ein exklusiver Kreis, und vielleicht sind die größten Männer jene, die still und fernab von dem heiligen Portal zugrunde gehen. Vielleicht sind die reinsten und hellsten Geister jene, die vor dem Getümmel der Rennbahn zurückschrecken – dem Tumult und der Verwirrung des Kampfes. Das Spiel des Lebens ist so etwas wie das Spiel Écarté, und es mag sein, dass die allerbesten Karten manchmal im Stapel bleiben.

Meine Lady warf ihre Haube ab und setzte sich auf einen samtbezogenen Fußhocker zu Sir Michaels Füßen. An dieser mädchenhaften Handlung war nichts Studiertes oder Gekünsteltes. Es war für Lucy Audley so natürlich, kindisch zu sein, dass niemand sie anders hätte sehen wollen. Es wäre ebenso töricht gewesen, von dieser bernsteinfarbenen Sirene würdige Zurückhaltung oder weiblichen Ernst zu erwarten, wie sich reiche Bässe inmitten des klaren Diskants des Spielgesangs einer Lerche zu wünschen.

Sie saß da, ihr blasses Gesicht vom Feuerschein abgewandt, und ihre Hände ineinander verschlossen auf der Lehne des Lehnstuhls ihres Mannes. Sie waren sehr unruhig, diese schlanken weißen Hände. Meine Lady verschlang die beringten Finger ineinander, während sie mit ihrem Mann sprach.

„Ich wollte zu dir kommen, weißt du, Liebling“, sagte sie – „ich wollte zu dir kommen, sobald ich nach Hause kam, aber Mr. Audley bestand darauf, dass ich stehen blieb, um mit ihm zu sprechen.“

„Aber worüber, meine Liebe?“, fragte der Baronet. „Was konnte Robert dir zu sagen haben?“

Meine Lady beantwortete diese Frage nicht. Ihr heller Kopf sank auf das Knie ihres Mannes, ihre krausen, gelben Locken fielen ihr über das Gesicht.

Sir Michael hob diesen schönen Kopf mit seinen starken Händen und richtete das Gesicht meiner Lady auf. Der Feuerschein, der auf dieses blasse Gesicht fiel, erhellte die großen, weichen blauen Augen und zeigte sie voller Tränen.

„Lucy, Lucy!“, rief der Baronet, „was bedeutet das? Mein Liebling, mein Liebling! Was ist geschehen, das dich derart betrübt?“

Lady Audley versuchte zu sprechen, aber die Worte starben artikulationslos auf ihren bebenden Lippen. Ein würgendes Gefühl in ihrem Hals schien jene falschen und plausiblen Worte zu ersticken, ihre einzige Rüstung gegen ihre Feinde. Sie konnte nicht sprechen. Die Qual, die sie still in dem düsteren Lindengang erlitten hatte, war zu stark für sie geworden, und sie brach in einen Sturm hysterischen Schluchzens aus. Es war kein vorgetäuschter Schmerz, der ihren schlanken Körper schüttelte und an ihr riss wie ein reißendes Tier, das sie mit seiner schrecklichen Kraft in Stücke gerissen hätte. Es war ein Sturm von echtem Schmerz und Entsetzen, von Reue und Elend. Es war der eine wilde Aufschrei, in dem die schwächere Natur der Frau über die Kunst der Sirene siegte.

So hatte sie ihren schrecklichen Zweikampf mit Robert Audley nicht führen wollen. Das waren nicht die Waffen gewesen, die sie hatte einsetzen wollen; doch vielleicht hätte ihr keine List, die sie hätte ersinnen können, so gut gedient wie dieser eine Ausbruch natürlichen Kummers. Er erschütterte ihren Gatten bis in die Seele. Er verwirrte und entsetzte ihn. Er ließ den starken Verstand des Mannes in hilflose Verwirrung und Ratlosigkeit versinken. Er traf den einen schwachen Punkt im Wesen eines guten Mannes. Er appellierte direkt an Sir Michael Audleys Zuneigung zu seiner Frau.

Ach, der Himmel helfe der zarten Schwäche eines starken Mannes für die Frau, die er liebt! Der Himmel erbarme sich seiner, wenn die schuldige Kreatur ihn getäuscht hat und mit ihren Tränen und Wehklagen kommt, um sich in Selbstaufgabe und Reue zu seinen Füßen zu werfen; ihn mit dem Anblick ihrer Qual quält, sein Herz mit ihrem Schluchzen zerreißt, seine Brust mit ihrem Stöhnen zerfleischt – und ihr Leiden für ihn zu einer großen Qual vervielfacht! Es verzwanzigfacht; es vervielfacht es im Verhältnis zur Leidensfähigkeit eines tapferen Mannes. Der Himmel vergebe ihm, wenn die Waage, wahnsinnig vor jener grausamen Qual, für einen Moment schwankt und er bereit ist, alles zu verzeihen; bereit, diese Unglückliche in den Schutz seiner Arme zu nehmen und das zu vergeben, was die strenge Stimme männlicher Ehre als unverzeihlich einstuft. Erbarmt euch seiner, erbarmt euch seiner! Die größte Reue einer Ehefrau, wenn sie vor der Schwelle des Hauses steht, das sie niemals wieder betreten darf, kommt der Qual des Ehemanns nicht gleich, der das Tor vor jenem vertrauten und bittenden Gesicht verschließt. Der Schmerz der Mutter, die ihre Kinder niemals wiedersehen darf, ist geringer als die Qual des Vaters, der zu jenen Kleinen sagen muss: „Meine Lieblinge, ihr seid von nun an mutterlos.“

Sir Michael Audley erhob sich von seinem Sessel, bebend vor Entrüstung, und bereit, sofort den Kampf mit der Person aufzunehmen, die den Kummer seiner Frau verursacht hatte.

„Lucy“, sagte er, „Lucy, ich bestehe darauf, dass du mir sagst, was und wer dich bedrückt hat. Ich bestehe darauf. Wer auch immer dich beunruhigt hat, soll mir für deinen Kummer Rede und Antwort stehen. Komm, meine Liebe, sag es mir sofort.“

Er setzte sich und beugte sich über die gebeugte Gestalt zu seinen Füßen, während er seine eigene Erregung in dem Wunsch beruhigte, den Kummer seiner Frau zu lindern.

„Sag mir, was es ist, meine Liebe“, flüsterte er zärtlich.

Der heftige Anfall war vorüber, und My Lady blickte auf. Ein funkelndes Licht schimmerte durch die Tränen in ihren Augen, und die Linien um ihren hübschen, rosigen Mund, jene harten und grausamen Linien, die Robert Audley in dem präraffaelitischen Porträt beobachtet hatte, waren im Schein des Feuers deutlich zu sehen.

„Ich bin sehr albern“, sagte sie; „aber er hat mich wirklich ganz hysterisch gemacht.“

„Wer – wer hat dich hysterisch gemacht?“

„Dein Neffe – Mr. Robert Audley.“

„Robert“, rief der Baronet. „Lucy, was meinst du damit?“

„Ich habe dir gesagt, dass Mr. Audley darauf bestand, dass ich in den Lindengang gehe, Liebling“, sagte My Lady. „Er wollte mit mir sprechen, sagte er, und ich ging, und er sagte so schreckliche Dinge, dass –“

„Welche schrecklichen Dinge, Lucy?“

Lady Audley schauderte und klammerte sich mit krampfhaften Fingern an die starke Hand, die liebkosend auf ihrer Schulter geruht hatte.

„Was hat er gesagt, Lucy?“

„Oh, mein lieber Schatz, wie kann ich es dir sagen?“, rief My Lady. „Ich weiß, dass ich dich beunruhigen werde – oder du wirst über mich lachen, und dann –“

„Über dich lachen? Nein, Lucy.“

Lady Audley schwieg einen Moment. Sie saß da und starrte geradeaus in das Feuer, während ihre Finger noch immer um die Hand ihres Mannes geschlossen waren.

„Mein Lieber“, sagte sie langsam, wobei sie hier und da zwischen den Worten zögerte, als würde sie fast davor zurückschrecken, sie auszusprechen, „hast du jemals – ich habe solche Angst, dich zu ärgern – hast du jemals gedacht, Mr. Audley sei ein wenig – ein wenig –“

„Ein wenig was, mein Liebling?“

„Ein wenig von Sinnen?“, stammelte Lady Audley.

„Von Sinnen!“, rief Sir Michael. „Mein liebes Kind, was denkst du dir nur dabei?“

„Du hast doch gerade erst gesagt, Liebling, dass du ihn für halb verrückt hältst.“

„Habe ich das, meine Liebe?“, sagte der Baronet lachend. „Ich erinnere mich nicht daran, es gesagt zu haben, und es war nur eine bloße façon de parler, die absolut nichts bedeutete. Robert mag ein wenig exzentrisch sein – ein wenig dumm vielleicht –, er mag nicht mit Verstand überladen sein, aber ich glaube nicht, dass er genug Verstand für Wahnsinn hat. Ich glaube, es sind im Allgemeinen die großen Intellekte, die aus dem Gleichgewicht geraten.“

„Aber Wahnsinn ist manchmal erblich“, sagte My Lady. „Mr. Audley könnte geerbt haben –“

„Er hat keinen Wahnsinn von der Familie seines Vaters geerbt“, unterbrach ihn Sir Michael. „Die Audleys haben niemals private Irrenanstalten bevölkert oder Irrenärzte ernährt.“

„Und von der Familie seiner Mutter?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Die Leute halten solche Dinge im Allgemeinen geheim“, sagte My Lady ernst. „Es könnte Wahnsinn in der Familie deiner Schwägerin gegeben haben.“

„Das glaube ich nicht, meine Liebe“, erwiderte Sir Michael. „Aber, Lucy, sag mir, was um Himmels willen hat dir diesen Gedanken in den Kopf gesetzt?“

„Ich habe versucht, mir das Verhalten deines Neffen zu erklären. Ich kann es mir auf keine andere Weise erklären. Wenn du die Dinge gehört hättest, die er heute Abend zu mir gesagt hat, Sir Michael, hättest auch du ihn vielleicht für verrückt gehalten.“

„Aber was hat er gesagt, Lucy?“

„Ich kann es dir kaum sagen. Du kannst sehen, wie sehr er mich benommen und verwirrt hat. Ich glaube, er hat zu lange allein in diesen einsamen Temple-Kammern gelebt. Vielleicht liest er zu viel oder raucht zu viel. Du weißt, dass manche Ärzte erklären, Wahnsinn sei nur eine Krankheit des Gehirns – eine Krankheit, der jeder unterworfen ist und die durch bestimmte Ursachen hervorgerufen und durch bestimmte Mittel geheilt werden kann.“

Lady Audleys Augen waren noch immer auf die brennende Kohle im weiten Kamin gerichtet. Sie sprach, als hätte sie ein Thema erörtert, das sie schon oft zuvor besprochen hatte. Sie sprach, als hätten sich ihre Gedanken fast von dem Gatten ihres Mannes entfernt hin zu der allgemeineren Frage des Wahnsinns an sich.

„Warum sollte er nicht verrückt sein?“, fuhr My Lady fort. „Menschen sind jahrelang geistesgestört, bevor ihr Wahnsinn entdeckt wird. Sie wissen, dass sie verrückt sind, aber sie wissen, wie sie ihr Geheimnis bewahren können; und vielleicht bewahren sie es manchmal bis zu ihrem Tod. Manchmal befällt sie ein Anfall, und in einer bösen Stunde verraten sie sich selbst. Sie begehen vielleicht ein Verbrechen. Die schreckliche Versuchung der Gelegenheit überfällt sie; das Messer ist in ihrer Hand und das ahnungslose Opfer an ihrer Seite. Sie mögen den ruhelosen Dämon bezwingen und weggehen und unschuldig an jeder Gewalttat sterben; aber sie können der schrecklichen Versuchung nachgeben – dem furchtbaren, leidenschaftlichen, hungrigen Verlangen nach Gewalt und Entsetzen. Sie geben manchmal nach und sind verloren.“

Lady Audleys Stimme hob sich, als sie diese schreckliche Frage erörterte. Die hysterische Erregung, von der sie sich gerade erst erholt hatte, hatte ihre Wirkung auf sie hinterlassen, doch sie beherrschte sich, und ihr Ton wurde ruhiger, als sie fortfuhr:

„Robert Audley ist verrückt“, sagte sie bestimmt. „Was ist eines der seltsamsten Anzeichen von Wahnsinn – was ist das erste erschreckende Zeichen geistiger Verwirrung? Der Geist wird stationär; das Gehirn stagniert; der gleichmäßige Strom der Reflexion wird unterbrochen; die Denkfähigkeit des Gehirns löst sich in ein Monoton auf. So wie das Wasser eines gezeitenlosen Teichs aufgrund seiner Stagnation verfault, wird der Geist durch Mangel an Aktion trüb und korrupt; und das ständige Nachdenken über ein Thema löst sich in Monomanie auf. Robert Audley ist ein Monomaniker. Das Verschwinden seines Freundes George Talboys hat ihn gegrämt und verwirrt. Er verweilte bei dieser einen Idee, bis er die Fähigkeit verlor, an etwas anderes zu denken. Die eine Idee, ständig betrachtet, verzerrte sich vor seinem geistigen Auge. Wiederhole das gebräuchlichste Wort der englischen Sprache zwanzigmal, und vor der zwanzigsten Wiederholung wirst du dich gefragt haben, ob das Wort, das du wiederholst, wirklich das Wort ist, das du sagen willst. Robert Audley hat über das Verschwinden seines Freundes nachgedacht, bis die eine Idee ihr tödliches und ungesundes Werk vollbracht hat. Er betrachtet ein alltägliches Ereignis mit einem krankhaften Blick und verzerrt es zu einem düsteren Entsetzen, das aus seiner eigenen Monomanie entspringt. Wenn du mich nicht so verrückt machen willst wie ihn, darfst du mich ihn nie wiedersehen lassen. Er erklärte heute Abend, dass George Talboys an diesem Ort ermordet wurde und dass er jeden Baum im Garten ausreißen und jeden Ziegel im Haus abreißen werde, auf der Suche nach –“

My Lady hielt inne. Die Worte starben auf ihren Lippen. Sie war erschöpft von der seltsamen Energie, mit der sie gesprochen hatte. Sie war von einer leichtfertigen, kindlichen Schönheit in eine Frau verwandelt worden, die stark genug war, ihre eigene Sache zu argumentieren und ihre eigene Verteidigung vorzubringen.

„Dieses Haus abreißen?“, rief der Baronet. „George Talboys in Audley Court ermordet! Hat Robert das gesagt, Lucy?“

„Er sagte so etwas in der Art – etwas, das mich sehr erschreckt hat.“

„Dann muss er verrückt sein“, sagte Sir Michael ernst. „Ich bin verwirrt von dem, was du mir erzählst. Hat er das wirklich gesagt, Lucy, oder hast du ihn missverstanden?“

„Ich – ich – glaube nicht, dass ich das habe“, stammelte My Lady. „Du hast gesehen, wie erschrocken ich war, als ich hereinkam. Ich wäre nicht so aufgeregt gewesen, wenn er nicht etwas Schreckliches gesagt hätte.“

Lady Audley hatte sich der stärksten Argumente bedient, mit denen sie ihrer Sache helfen konnte.

„Sicherlich, mein Liebling, sicherlich“, antwortete der Baronet. „Was könnte diesen schrecklichen Einfall in den Kopf des unglücklichen Jungen gesetzt haben? Dieser Mr. Talboys – ein vollkommener Fremder für uns alle – in Audley Court ermordet! Ich werde heute Abend nach Mount Stanning fahren und Robert sehen. Ich kenne ihn, seit er ein Baby war, und ich kann mich in ihm nicht täuschen. Wenn wirklich etwas nicht in Ordnung ist, wird er es vor mir nicht verbergen können.“

My Lady zuckte mit den Schultern.

„Das ist eine ziemlich offene Frage“, sagte sie. „Es ist im Allgemeinen ein Fremder, der als Erster eine psychologische Besonderheit bemerkt.“

Die großen Worte klangen seltsam aus dem rosigen Mund meiner Lady; aber ihre neu gewonnene Weisheit hatte eine gewisse wunderliche Niedlichkeit, die ihren Mann bezauberte und verwirrte.

„Aber du darfst nicht nach Mount Stanning fahren, mein lieber Schatz“, sagte sie zärtlich. „Denk daran, dass du strenge Anweisungen hast, im Haus zu bleiben, bis das Wetter milder ist und die Sonne auf dieses grausame, eisgebundene Land scheint.“

Sir Michael Audley sank mit einem Seufzer der Resignation in seinen geräumigen Sessel zurück.

„Das ist wahr, Lucy“, sagte er; „wir müssen Mr. Dawson gehorchen. Ich nehme an, Robert wird mich morgen besuchen.“

„Ja, Liebling. Ich glaube, er sagte, er würde kommen.“

„Dann müssen wir bis morgen warten, mein Liebling. Ich kann nicht glauben, dass mit dem armen Jungen wirklich etwas nicht stimmt – ich kann es nicht glauben, Lucy.“

„Wie erklärst du dir dann diesen außergewöhnlichen Wahn bezüglich dieses Mr. Talboys?“, fragte My Lady.

Sir Michael schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht, Lucy – ich weiß es nicht“, antwortete er. „Es ist immer so schwer zu glauben, dass irgendeines der Unglücke, die unseren Mitmenschen ständig widerfahren, jemals uns zustoßen wird. Ich kann nicht glauben, dass der Verstand meines Neffen geschädigt ist – ich kann es nicht glauben. Ich – ich werde ihn dazu bringen, hier zu bleiben, Lucy, und ich werde ihn genau beobachten. Ich sage dir, meine Liebe, wenn etwas nicht in Ordnung ist, werde ich es sicher herausfinden. Ich kann mich bei einem jungen Mann, der für mich immer wie mein eigener Sohn war, nicht irren. Aber, mein Liebling, warum hattest du solche Angst vor Roberts wildem Gerede? Es konnte dich nicht betreffen.“

My Lady seufzte jämmerlich.

„Du musst mich für sehr willensstark halten, Sir Michael“, sagte sie mit einer etwas gekränkten Miene, „wenn du dir vorstellst, dass ich diese Art von Dingen gleichgültig hören kann. Ich weiß, dass ich Mr. Audley nie wieder sehen werde.“

„Und das wirst du auch nicht, meine Liebe – das wirst du nicht.“

„Du hast gerade gesagt, du würdest ihn hierher holen“, murmelte Lady Audley.

„Aber das werde ich nicht, mein liebes Mädchen, wenn seine Anwesenheit dich verärgert. Guter Himmel! Lucy, kannst du dir für einen Moment vorstellen, dass ich einen höheren Wunsch habe, als dein Glück zu fördern? Ich werde einen Londoner Arzt wegen Robert konsultieren und ihn herausfinden lassen, ob mit dem einzigen Sohn meines armen Bruders wirklich etwas nicht stimmt. Du wirst nicht belästigt werden, Lucy.“

„Du musst mich für sehr unfreundlich halten, Liebling“, sagte My Lady, „und ich weiß, ich sollte mich nicht von dem armen Kerl ärgern lassen; aber er scheint wirklich irgendeine absurde Vorstellung über mich im Kopf zu haben.“

„Über dich, Lucy!“, rief Sir Michael.

„Ja, Liebling. Er scheint mich auf irgendeine vage Weise – die ich nicht ganz verstehen kann – mit dem Verschwinden dieses Mr. Talboys in Verbindung zu bringen.“

„Unmöglich, Lucy! Du musst ihn missverstanden haben.“

„Ich glaube nicht.“

„Dann muss er verrückt sein“, sagte der Baronet – „er muss verrückt sein. Ich werde warten, bis er zurück in die Stadt geht, und dann jemanden in seine Kammern schicken, um mit ihm zu sprechen. Guter Himmel! Was für eine mysteriöse Angelegenheit das ist.“

„Ich fürchte, ich habe dich beunruhigt, Liebling“, murmelte Lady Audley.

„Ja, meine Liebe, ich bin sehr beunruhigt über das, was du mir erzählt hast; aber es war völlig richtig, dass du offen mit mir über diese schreckliche Angelegenheit gesprochen hast. Ich muss darüber nachdenken, Liebste, und versuchen zu entscheiden, was am besten zu tun ist.“

My Lady erhob sich von dem niedrigen Polsterhocker, auf dem sie gesessen hatte. Das Feuer war heruntergebrannt, und es gab nur noch ein schwaches glühendes Licht im Zimmer. Lucy Audley beugte sich über den Sessel ihres Mannes und drückte ihre Lippen auf seine breite Stirn.

„Wie gut du immer zu mir warst, Liebling“, flüsterte sie sanft. „Du würdest niemals zulassen, dass dich jemand gegen mich beeinflusst, nicht wahr, Liebling?“

„Dich gegen dich beeinflussen?“, wiederholte der Baronet. „Nein, meine Liebe.“

„Weil du weißt, Liebling“, fuhr My Lady fort, „es gibt böse Menschen ebenso wie verrückte Menschen auf der Welt, und es mag einige Personen geben, in deren Interesse es wäre, mir zu schaden.“

„Dann sollten sie es besser nicht versuchen, meine Liebe“, antwortete Sir Michael; „sie würden sich in einer ziemlich gefährlichen Lage wiederfinden, wenn sie es täten.“

Lady Audley lachte laut auf, mit einem fröhlichen, triumphierenden, silberhellen Lachen, das durch den stillen Raum vibrierte.

„Mein eigener lieber Schatz“, sagte sie, „ich weiß, dass du mich liebst. Und jetzt muss ich weglaufen, Liebling, denn es ist nach sieben Uhr. Ich war zum Abendessen bei Mrs. Montford eingeladen, aber ich muss einen Diener mit einer Entschuldigung schicken, denn Mr. Audley hat mich völlig gesellschaftsunfähig gemacht. Ich werde zu Hause bleiben und dich pflegen, Liebling. Du wirst sehr früh ins Bett gehen, nicht wahr, und gut auf dich aufpassen?“

„Ja, Liebling.“

My Lady trieb aus dem Zimmer, um ihre Anweisungen bezüglich der Nachricht zu geben, die an das Haus überbracht werden sollte, in dem sie hätte speisen sollen. Sie hielt einen Moment inne, als sie die Bibliothekstür schloss – sie hielt inne und legte ihre Hand auf ihre Brust, um das schnelle Pochen ihres Herzens zu beruhigen.

„Ich hatte Angst vor dir, Mr. Robert Audley“, dachte sie; „aber vielleicht kommt die Zeit, in der du Grund haben wirst, Angst vor mir zu haben.“

KAPITEL XXXI.

PHÖBES BITTE.

Die Kluft zwischen Lady Audley und ihrer Stieftochter war in den zwei Monaten, die seit der angenehmen Weihnachtszeit in Audley Court vergangen waren, nicht schmaler geworden. Es herrschte kein offener Krieg zwischen den beiden Frauen; es gab nur eine bewaffnete Neutralität, die hin und wieder durch kurze weibliche Scharmützel und flüchtige Wortgefechte unterbrochen wurde. Ich bedauere sagen zu müssen, dass Alicia einen herzhaften Entscheidungskampf dieser stillen und undemonstrativen Entzweiung bei weitem vorgezogen hätte; aber es war nicht sehr einfach, sich mit My Lady zu streiten. Sie hatte sanfte Antworten, um den Zorn abzuwenden. Sie konnte die offene Griesgrämigkeit ihrer Stieftochter bezaubernd anlächeln und fröhlich über die schlechte Laune der jungen Dame lachen. Wäre sie weniger liebenswürdig gewesen, wäre sie in ihrem Wesen Alicia ähnlicher gewesen, hätten die beiden Damen ihre Feindseligkeit vielleicht in einem gewaltigen Streit ausgelebt und wären danach vielleicht liebevoll und freundschaftlich gewesen. Aber Lucy Audley wollte keinen Krieg führen. Sie trug die Summe ihres Missfallens voran und legte sie zu einem stetigen Zinssatz an, bis der Bruch zwischen ihrer Stieftochter und ihr selbst, der jeden Tag ein wenig größer wurde, zu einem großen Abgrund wurde, der von Olivenzweig tragenden Tauben von keiner Seite des Abgrunds aus überquert werden konnte. Es kann keine Versöhnung geben, wo es keinen offenen Krieg gibt. Es muss eine Schlacht geben, eine mutige, stürmische Schlacht, mit wehenden Fahnen und donnernden Kanonen, bevor es friedliche Verträge und enthusiastisches Händeschütteln geben kann. Vielleicht verdankt die Union zwischen Frankreich und England ihre größte Kraft der Erinnerung an Cressy und Waterloo, Navarino und Trafalgar. Wir haben uns gehasst und uns gegenseitig besiegt und uns ausgesprochen, wie es im allgemeinen Sprachgebrauch heißt; und wir können es uns jetzt leisten, uns in die Arme zu fallen und ewige Freundschaft und immerwährende Brüderlichkeit zu geloben. Hoffen wir, dass, wenn das nördliche Yankeedom dezimiert hat und dezimiert worden ist, der polternde Jonathan sich an die Brust seines südlichen Bruders werfen mag, vergebend und vergeben.

Alicia Audley und die hübsche Frau ihres Vaters hatten in dem geräumigen alten Herrenhaus viel Platz für das bequeme Ausleben ihrer Abneigung. My Lady hatte ihre eigenen Gemächer, wie wir wissen – luxuriöse Zimmer, in denen alle denkbaren Eleganzen für den Komfort ihrer Bewohnerin zusammengetragen worden waren. Alicia hatte ihre eigenen Zimmer in einem anderen Teil des großen Hauses. Sie hatte ihre Lieblingsstute, ihren Neufundländer und ihre Zeichenmaterialien, und sie machte sich einigermaßen glücklich. Sie war nicht sehr glücklich, dieses offene, großherzige Mädchen, denn es war kaum möglich, dass sie in der gezwungenen Atmosphäre des Court ganz wohl war. Ihr Vater war verändert; dieser liebe Vater, über den sie einst mit der grenzenlosen Autorität eines verwöhnten Kindes geherrscht hatte, hatte eine andere Herrscherin akzeptiert und sich einer neuen Dynastie unterworfen. Nach und nach machte sich My Ladys kleinliche Macht in diesem engen Haushalt bemerkbar; und Alicia sah, wie ihr Vater allmählich über den Abgrund gelockt wurde, der Lady Audley von ihrer Stieftochter trennte, bis er schließlich ganz auf der anderen Seite des Abgrunds stand und über diesen sich weitenden Graben hinweg kalt auf sein einziges Kind blickte.

Alicia spürte, dass er für sie verloren war. My Ladys strahlendes Lächeln, My Ladys gewinnende Worte, My Ladys leuchtende Blicke und bezaubernde Anmut hatten ihr Werk der Verzauberung getan, und Sir Michael hatte begonnen, seine Tochter als eine etwas eigenwillige und launische junge Person zu betrachten, die sich der Frau, die er liebte, gegenüber entschlossen unfreundlich verhalten hatte.

Die arme Alicia sah all dies und trug ihre Last, so gut sie konnte. Es schien sehr hart, eine gutaussehende, graue Augen habende Erbin zu sein, mit Hunden, Pferden und Dienern zu ihrem Befehl, und doch so allein auf der Welt zu sein, dass sie kein freundliches Ohr kannte, in das sie ihren Kummer ausgießen konnte.

„Wenn Bob zu etwas nütze wäre, hätte ich ihm sagen können, wie unglücklich ich bin“, dachte Miss Audley; „aber ich könnte meine Sorgen genauso gut Caesar erzählen, bei all dem Trost, den ich von Cousin Robert bekäme.“

Sir Michael Audley gehorchte seiner hübschen Krankenpflegerin und ging an diesem rauen Märzabend kurz nach neun Uhr zu Bett. Vielleicht war das Schlafzimmer des Baronets der angenehmste Rückzugsort, den ein Kranker bei solch kaltem und freudlosem Wetter hätte wählen können. Die dunkelgrünen Samtvorhänge waren vor den Fenstern und um das wuchtige Bett gezogen. Das Holzfeuer brannte rötlich auf dem breiten Herd. Die Leselampe war auf einem köstlichen kleinen Tisch in der Nähe von Sir Michaels Kopfkissen angezündet, und ein Stapel Zeitschriften und Zeitungen war von My Ladys eigenen schönen Händen zum Vergnügen des Kranken arrangiert worden.

Lady Audley saß etwa zehn Minuten am Bett und sprach mit ihrem Mann, sprach sehr ernst über diese seltsame und schreckliche Frage – Robert Audleys Wahnsinn; aber nach dieser Zeit stand sie auf und wünschte ihrem Mann eine gute Nacht.

Sie senkte den grünen Seidenschirm vor der Leselampe und stellte ihn sorgfältig für die Ruhe der Augen des Baronets ein.

„Ich werde dich verlassen, Liebling“, sagte sie. „Wenn du schlafen kannst, umso besser. Wenn du lesen möchtest, sind die Bücher und Zeitungen ganz in deiner Nähe. Ich werde die Türen zwischen den Zimmern offen lassen, und ich werde deine Stimme hören, wenn du mich rufst.“

Lady Audley ging durch ihr Ankleidezimmer in das Boudoir, wo sie seit dem Abendessen mit ihrem Mann gesessen hatte.

Jedes Anzeichen weiblicher Kultiviertheit war in dem eleganten Gemach sichtbar. Das Klavier meiner Herrin stand offen, bedeckt mit verstreuten Notenblättern und exquisit gebundenen Sammlungen von Szenen und Fantasien, deren Studium kein Meister hätte verschmähen müssen. Die Staffelei meiner Herrin stand nahe dem Fenster und zeugte in Form einer Aquarellskizze vom Hof und den Gärten von ihrem künstlerischen Talent. Die feenhaften Stickereien aus Spitze und Musselin, regenbogenfarbene Seidenstoffe und zart getönte Wolle meiner Herrin übersäten den luxuriösen Raum, während die Spiegel, von einem kunstfertigen Polsterer geschickt in Winkeln und gegenüberliegenden Ecken platziert, das Ebenbild meiner Herrin vervielfachten und in diesem Abbild das schönste Objekt in der verzauberten Kammer reflektierten.

Inmitten all dieses Lampenlichts, der Vergoldungen, Farben, des Reichtums und der Schönheit setzte sich Lucy Audley auf einen niedrigen Sitz am Kamin, um nachzudenken.

Hätte Mr. Holman Hunt einen Blick in das hübsche Boudoir werfen können, wäre das Bild meiner Ansicht nach auf seinem Geist wie auf einer Fotografie festgehalten worden, um später auf dem Brustbild eines Bischofs zur Verherrlichung der präraffaelitischen Bruderschaft reproduziert zu werden. Meine Herrin in dieser halb liegenden Haltung, den Ellbogen auf ein Knie gestützt und das vollkommene Kinn in ihrer Hand ruhend, die reichen Falten des Gewandes in langen, wogenden Linien von der exquisiten Umrisslinie ihrer Figur herabfallend, und das leuchtende, rosenfarbene Kaminlicht, das sie in einen weichen Schleier hüllte, der nur durch das goldene Glitzern ihres gelben Haares unterbrochen wurde – schön an sich selbst, aber durch die prächtige Umgebung, die den Schrein ihrer Lieblichkeit schmückt, auf verwirrende Weise verschönert. Trinkbecher aus Gold und Elfenbein, gemeißelt von Benvenuto Cellini; Kabinette aus Buhl-Arbeit und Porzellan, die das Monogramm der österreichischen Marie-Antoinette trugen, inmitten von Mustern aus Rosenknospen und Liebesknoten, Vögeln und Schmetterlingen, Amoretten und Schäferinnen, Göttinnen, Höflingen, Landleuten und Milchmädchen; Statuetten aus parischem Marmor und Biskuitporzellan; vergoldete Körbe mit Treibhausblumen; fantastische Kästchen aus indischer Filigranarbeit; zerbrechliche Teetassen aus türkisfarbenem Porzellan, verziert mit Medaillonminiaturen von Louis dem Großen und Louis dem Vielgeliebten, Louise de la Vallière, Athenais de Montespan und Marie Jeanne Gomard de Vaubernier: Kabinettbilder und vergoldete Spiegel, schimmernder Satin und durchsichtige Spitze; alles, was Gold kaufen oder Kunst ersinnen kann, war zusammengetragen worden zur Verschönerung dieses stillen Gemachs, in dem meine Herrin saß und dem Klagen des schrillen Märzwindes lauschte und dem Schlagen der Efeublätter gegen die Fensterrahmen, während sie in die roten Schluchten der brennenden Kohlen blickte.

Ich würde eine sehr abgestandene Predigt halten und auf einer allzu vertrauten Moral herumreiten, wenn ich diese Gelegenheit ergriffe, gegen Kunst und Schönheit zu wettern, nur weil meine Herrin in diesem eleganten Gemach elender war als manche halbverhungerte Näherin in ihrer trostlosen Dachkammer. Sie war elend aufgrund einer Wunde, die zu tief saß, als dass sie durch Pflaster wie Reichtum und Luxus hätte gelindert werden können; doch ihr Elend war von abnormaler Natur, und ich sehe keinen Anlass, die Tatsache ihres Leidens als Argument zugunsten von Armut und Unbehagen gegenüber dem Wohlstand zu nutzen. Die Schnitzereien von Benvenuto Cellini und das Sèvres-Porzellan konnten ihr kein Glück bringen, weil sie deren Bereich längst verlassen hatte. Sie war nicht mehr unschuldig; und die Freude, die wir an Kunst und Lieblichkeit empfinden, da sie eine unschuldige Freude ist, war für sie unerreichbar geworden. Sechs oder sieben Jahre zuvor wäre sie im Besitz dieses kleinen Aladdin-Palastes glücklich gewesen; doch sie war aus dem Kreis der sorglosen, nach Vergnügen suchenden Geschöpfe gewandert, sie war weit fort in ein trostloses Labyrinth aus Schuld und Verrat, Schrecken und Verbrechen geraten, und all die Schätze, die für sie zusammengetragen worden waren, hätten ihr keine andere Freude bereiten können als eine einzige: das Vergnügen, sie in einem Haufen zu ihren Füßen zusammenzuwerfen, sie mit Füßen zu treten und in ihrer grausamen Verzweiflung zu zerstören.

Es gab Dinge, die sie mit einer furchtbaren Freude, einem grauenhaften Frohlocken erfüllt hätten. Hätte Robert Audley, ihr unerbittlicher Feind, ihr unnachgiebiger Verfolger, tot im angrenzenden Zimmer gelegen, sie hätte über seiner Bahre gejubelt.

Welche Freuden hätten Lucrezia Borgia und Catharine de Medici noch empfinden können, nachdem die schreckliche Grenzlinie zwischen Unschuld und Schuld überschritten war und die verlorenen Kreaturen auf der einsamen äußeren Seite standen? Nur schreckliche, rachsüchtige Freuden und verräterische Genüsse blieben diesen unglückseligen Frauen. Mit welch verächtlicher Bitterkeit müssen sie die leichtfertigen Eitelkeiten, die kleinlichen Täuschungen, die geringfügigen Sünden gewöhnlicher Missetäter beobachtet haben. Vielleicht empfanden sie einen grauenhaften Stolz auf die Ungeheuerlichkeit ihrer Bosheit; auf diese „Gottheit der Hölle“, die sie zu den Größten unter den sündigen Geschöpfen machte.

Meine Herrin, die in ihrem einsamen Gemach am Kamin brütete, die großen, klaren blauen Augen auf die gähnenden Abgründe von düsterem Purpur in der brennenden Kohle gerichtet, mag an viele Dinge gedacht haben, die weit entfernt von dem schrecklich stillen Kampf waren, in dem sie sich befand. Sie mag an lange zurückliegende Jahre kindlicher Unschuld gedacht haben, an kindische Torheiten und Eigensinn, an leichtfertige, weibliche Sünden, die auf ihrem Gewissen kaum schwer gewogen hatten. Vielleicht erinnerte sie sich in dieser rückblickenden Träumerei an jene frühe Zeit, in der sie zum ersten Mal in den Spiegel geschaut und entdeckt hatte, dass sie schön war; jene verhängnisvolle frühe Zeit, in der sie begonnen hatte, ihre Lieblichkeit als ein göttliches Recht zu betrachten, als einen grenzenlosen Besitz, der als Ausgleich für alle mädchenhaften Unzulänglichkeiten dienen sollte, als Gegengewicht zu jeder jugendlichen Sünde. Erinnerte sie sich an den Tag, an dem diese feenhafte Gabe der Schönheit sie zuerst gelehrt hatte, selbstsüchtig und grausam zu sein, gleichgültig gegenüber den Freuden und Leiden anderer, kaltherzig und launisch, gierig nach Bewunderung, fordernd und tyrannisch mit jener kleinlichen Tyrannei der Frau, die die schlimmste aller Despotien ist? Spürte sie jede Sünde ihres Lebens bis zu ihrem wahren Ursprung zurück? Und entdeckte sie jene vergiftete Quelle in ihrer eigenen übersteigerten Einschätzung des Wertes eines hübschen Gesichts? Sicherlich, wenn ihre Gedanken so weit den rückwärtigen Strom ihres Lebens entlangwanderten, musste sie in Bitterkeit und Verzweiflung jenes ersten Tages bereut haben, an dem die beherrschenden Leidenschaften ihres Lebens zu ihren Gebieterinnen geworden waren und die drei Dämonen Eitelkeit, Selbstsucht und Ehrgeiz sich die Hände gereicht und gesagt hatten: „Diese Frau ist unsere Sklavin, lasst uns sehen, was aus ihr unter unserer Führung wird.“

Wie klein erschienen diese ersten jugendlichen Fehler, als meine Herrin in dieser langen Träumerei am einsamen Herd darauf zurückblickte! Was für kleine Eitelkeiten, was für kleinliche Grausamkeiten! Ein Triumph über eine Mitschülerin; ein Flirt mit dem Liebhaber einer Freundin; eine Behauptung des göttlichen Rechts, das in blauen Augen und schimmerndem, goldgetöntem Haar investiert war. Aber wie schrecklich hatte sich dieser schmale Pfad zur breiten Heerstraße der Sünde ausgeweitet, und wie schnell waren die Schritte auf dem nun vertrauten Weg geworden!

Meine Herrin wand ihre Finger in ihre losen bernsteinfarbenen Locken und tat, als wollte sie diese von ihrem Kopf reißen. Doch selbst in diesem Moment stummen Verzweiflung behauptete sich die unnachgiebige Herrschaft der Schönheit, und sie ließ das arme, verworrene Glitzern der Ringellocken los, damit sie im fahlen Kaminlicht einen Heiligenschein um ihren Kopf bildeten.

„Ich war nicht böse, als ich jung war“, dachte sie, während sie finster in das Feuer starrte, „ich war nur gedankenlos. Ich habe niemals jemandem Leid zugefügt – zumindest nicht absichtlich. Ob ich jemals wirklich böse war, frage ich mich?“, sinnierte sie. „Meine schlimmsten Bosheiten waren das Ergebnis wilder Impulse, nicht tief angelegter Pläne. Ich bin nicht wie die Frauen, von denen ich gelesen habe, die Nacht für Nacht in der schrecklichen Dunkelheit und Stille lagen, verräterische Taten planten und jeden Umstand eines beschlossenen Verbrechens arrangierten. Ich frage mich, ob sie litten – diese Frauen – ob sie jemals so litten wie...“

Ihre Gedanken wanderten in ein müdes Labyrinth der Verwirrung ab. Plötzlich richtete sie sich mit einer stolzen, trotzigen Geste auf, und ihre Augen glitzerten in einem Licht, das nicht gänzlich vom Feuer reflektiert war.

„Sie sind wahnsinnig, Mr. Robert Audley“, sagte sie, „Sie sind wahnsinnig, und Ihre Einbildungen sind die eines Verrückten. Ich weiß, was Wahnsinn ist. Ich kenne seine Zeichen und Merkmale, und ich sage, dass Sie wahnsinnig sind.“

Sie legte die Hand an den Kopf, als dächte sie an etwas, das sie verwirrte und verstörte und das sie nur schwer mit Ruhe betrachten konnte.

„Wage ich es, ihm zu trotzen?“, murmelte sie. „Wage ich es? wage ich es? Wird er aufhören, jetzt, da er bereits so weit gegangen ist? Wird er aus Furcht vor mir aufhören? Wird er aus Furcht vor mir aufhören, wenn ihn selbst der Gedanke daran, was sein Onkel erleiden muss, nicht aufgehalten hat? Wird ihn irgendetwas aufhalten – außer dem Tod?“

Sie sprach die letzten Worte in einem schrecklichen Flüstern aus; und mit nach vorne gebeugtem Kopf, geweiteten Augen und Lippen, die noch immer so geöffnet waren, wie sie es bei der Äußerung des letzten Wortes „Tod“ gewesen waren, starrte sie leer in das Feuer.

„Ich kann keine schrecklichen Dinge planen“, murmelte sie kurz darauf; „mein Verstand ist nicht stark genug, oder ich bin nicht böse genug oder mutig genug. Wenn ich Robert Audley in jenen einsamen Gärten begegnete, so wie ich...“

Der Strom ihrer Gedanken wurde durch ein vorsichtiges Klopfen an ihrer Tür unterbrochen. Sie stand plötzlich auf, aufgeschreckt durch jedes Geräusch in der Stille ihres Zimmers. Sie stand auf und warf sich in einen niedrigen Sessel nahe dem Feuer. Sie warf ihren schönen Kopf in die weichen Kissen zurück und nahm ein Buch von dem Tisch neben sich. So unbedeutend diese Handlung war, sprach sie doch sehr deutlich. Sie sprach sehr deutlich von immer wiederkehrenden Ängsten – von verhängnisvollen Notwendigkeiten der Geheimhaltung – von einem Geist, der in seinen stillen Qualen immer wachsam für die Bedeutung äußerer Wirkung war. Es sagte deutlicher als alles andere, wie vollkommen eine Schauspielerin meine Herrin durch die schreckliche Notwendigkeit ihres Lebens geworden war.

Das bescheidene Klopfen an der Tür wiederholte sich.

„Herein“, rief Lady Audley in ihrem lebhaftesten Ton.

Die Tür wurde mit jener respektvollen Geräuschlosigkeit geöffnet, die einem gut erzogenen Dienstboten eigen ist, und eine junge Frau, einfach gekleidet und den kalten Märzwind in den Falten ihrer Kleidung tragend, überschritt die Schwelle des Gemachs und verweilte nahe der Tür, darauf wartend, die Erlaubnis zu erhalten, sich den inneren Bereichen des Rückzugsortes meiner Herrin zu nähern.

Es war Phoebe Marks, die blassgesichtige Ehefrau des Wirts vom Mount Stanning.

„Ich bitte um Verzeihung, Mylady, dass ich ohne Erlaubnis eingedrungen bin“, sagte sie; „aber ich dachte, ich könnte es wagen, direkt heraufzukommen, ohne auf eine Erlaubnis zu warten.“

„Ja, ja, Phoebe, natürlich. Nimm deinen Hut ab, du elende, kalt aussehende Kreatur, und setz dich hierher.“

Lady Audley deutete auf die niedrige Ottomane, auf der sie selbst wenige Minuten zuvor gesessen hatte. Die Zofe der Lady hatte oft darauf gesessen, um dem Geplauder ihrer Herrin in den alten Tagen zuzuhören, als sie noch die wichtigste Gefährtin und Vertraute meiner Herrin gewesen war.

„Setz dich hierher, Phoebe“, wiederholte Lady Audley; „setz dich hierher und sprich mit mir; ich bin sehr froh, dass du heute Abend gekommen bist. Ich war schrecklich einsam an diesem trostlosen Ort.“

Meine Herrin schauderte und blickte sich in der hellen Sammlung von Nippes um, als wären das Sèvres und die Bronze, die Buhl-Arbeit und das Ormolu die verfallenden Verzierungen irgendeines Ruinenschlosses gewesen. Die trostlose Erbärmlichkeit ihrer Gedanken hatte sich auf jeden Gegenstand in ihrer Umgebung übertragen, und alle äußeren Dinge nahmen ihre Farbe von jenem müden inneren Leben an, das seinen langsamen Lauf in geheimer Qual in ihrer Brust nahm. Sie hatte die volle Wahrheit gesagt, als sie meinte, sie sei froh über den Besuch ihrer Zofe. Ihre leichtfertige Natur klammerte sich in der Stunde ihrer Angst und ihres Leidens an diesen schwachen Halt. Es gab Gemeinsamkeiten zwischen ihr und diesem Mädchen, das ihr innerlich wie äußerlich glich – wie sie selbst, selbstsüchtig, kalt und grausam, begierig auf das eigene Fortkommen und gierig nach Wohlstand und Eleganz; verärgert über das Los, das ihr beschieden war, und müde von der stumpfen Abhängigkeit. Meine Herrin hasste Alicia für deren offene, leidenschaftliche, großzügige und wagemutige Natur; sie hasste ihre Stieftochter und klammerte sich an dieses blassgesichtige, hellhaarige Mädchen, das sie für weder besser noch schlechter als sich selbst hielt.

Phoebe Marks gehorchte den Befehlen ihrer ehemaligen Herrin und nahm ihren Hut ab, bevor sie sich auf die Ottomane zu Füßen von Lady Audley setzte. Ihre glatten Bänder aus hellem Haar waren vom Märzwind nicht zerzaust; ihr schlichtes, graues Kleid und der Leinenkragen waren so ordentlich gerichtet, wie sie es gewesen wären, hätte sie soeben erst ihre Toilette vollendet.

„Sir Michael geht es hoffentlich besser, Mylady“, sagte sie.

„Ja, Phoebe, viel besser. Er schläft. Du kannst diese Tür schließen“, fügte Lady Audley mit einer Kopfbewegung in Richtung der Verbindungstür zwischen den Zimmern hinzu, die offen gelassen worden war.

Mrs. Marks gehorchte unterwürfig und kehrte dann an ihren Platz zurück.

„Ich bin sehr, sehr unglücklich, Phoebe“, sagte meine Herrin missmutig; „jämmerlich elend.“

„Wegen des... Geheimnisses?“, fragte Mrs. Marks in halbem Flüsterton.

Meine Herrin beachtete diese Frage nicht. Sie fuhr im gleichen klagenden Ton fort. Sie war froh, selbst bei dieser Zofe klagen zu können. Sie hatte so lange über ihre Ängste gebrütet und im Stillen gelitten, dass es eine unsagbare Erleichterung für sie war, ihr Schicksal laut zu beklagen.

„Ich werde grausam verfolgt und schikaniert, Phoebe Marks“, sagte sie. „Ich werde von einem Mann verfolgt und gequält, dem ich nie ein Leid zugefügt habe, dem ich niemals ein Leid zufügen wollte. Mir wird von diesem unerbittlichen Peiniger niemals Ruhe gelassen, und...“

Sie hielt inne und starrte wieder in das Feuer, wie sie es in ihrer Einsamkeit getan hatte. Wieder verloren in den dunklen Verwicklungen von Gedanken, die hierhin und dorthin in einem schrecklichen Chaos aus verängstigter Verwirrung wanderten, konnte sie zu keinem festen Entschluss kommen.

Phoebe Marks beobachtete das Gesicht meiner Herrin und blickte mit blassen, besorgten Augen zu ihrer ehemaligen Herrin auf, die ihre Wachsamkeit nur dann lockerten, wenn Lady Audleys Blick dem ihrer Gefährtin begegnete.

„Ich glaube, ich weiß, wen Sie meinen, Mylady“, sagte die Frau des Gastwirts nach einer Pause; „ich glaube, ich weiß, wer es ist, der so grausam zu Ihnen ist.“

„Oh, natürlich“, antwortete meine Herrin bitter; „meine Geheimnisse sind jedermanns Geheimnisse. Du weißt zweifellos alles darüber.“

„Die Person ist ein Gentleman – nicht wahr, Mylady?“

„Ja.“

„Ein Gentleman, der vor zwei Monaten in das Castle Inn kam, als ich Sie warnte...“

„Ja, ja“, antwortete meine Herrin ungeduldig.

„Ich dachte es mir. Derselbe Gentleman ist heute Abend bei uns, Mylady.“

Lady Audley fuhr von ihrem Sessel auf – fuhr auf, als hätte sie in ihrer verzweifelten Wut etwas Verzweifeltes tun wollen; doch sie sank mit einem müden, nörgelnden Seufzer wieder zurück. Welchen Krieg konnte ein solch schwaches Geschöpf gegen ihr Schicksal führen? Was konnte sie anderes tun, als wie ein gejagter Hase zu winden, bis sie den Weg zurück zum Ausgangspunkt der grausamen Jagd fand, um dort von ihren Verfolgern zertreten zu werden?

„Im Castle Inn?“, rief sie. „Ich hätte es wissen müssen. Er ist dorthin gegangen, um meinem Mann meine Geheimnisse zu entreißen. Dummkopf!“, rief sie und wandte sich plötzlich in einem Anfall von Zorn an Phoebe Marks, „willst du mich vernichten, dass du diese beiden Männer allein gelassen hast?“

Mrs. Marks rang kläglich die Hände.

„Ich bin nicht aus eigenem Willen fortgegangen, Mylady“, sagte sie; „niemand hätte unwilliger sein können, das Haus heute Abend zu verlassen, als ich. Ich wurde hierher geschickt.“

„Wer hat dich hierher geschickt?“

„Luke, Mylady. Sie können nicht sagen, wie hart er zu mir sein kann, wenn ich mich gegen ihn stelle.“

„Warum hat er dich geschickt?“

Die Frau des Gastwirts senkte unter den zornigen Blicken von Lady Audley die Lider und zögerte verwirrt, bevor sie diese Frage beantwortete.

„Ehrlich, Mylady“, stammelte sie, „ich wollte nicht kommen. Ich habe Luke gesagt, dass es zu viel verlangt sei, Sie zu behelligen, erst um diese Gunst zu bitten und dann um jene, und Sie keinen Monat zusammen in Ruhe zu lassen; aber – aber – er hat mich mit seinem lauten, polternden Gerede niedergebrüllt und mich gezwungen zu kommen.“

„Ja, ja“, rief Lady Audley ungeduldig. „Das weiß ich. Ich will wissen, warum du gekommen bist.“

„Nun, wissen Sie, Mylady“, antwortete Phoebe halb widerwillig, „Luke ist sehr verschwenderisch; und alles, was ich ihm auch sage, ich kann ihn nicht dazu bringen, vorsichtig oder beständig zu sein. Er ist nicht nüchtern; und wenn er mit einer Gruppe rauer Landleute trinkt und vielleicht sogar mehr trinkt als sie, ist es nicht wahrscheinlich, dass sein Kopf für Abrechnungen klar sein kann. Wenn es nicht wegen mir gewesen wäre, wären wir schon längst ruiniert; und so hart ich es auch versucht habe, ich konnte den Ruin nicht abwenden. Sie erinnern sich, dass Sie mir das Geld für die Brauereirechnung gegeben haben, Mylady?“

„Ja, ich erinnere mich sehr gut“, antwortete Lady Audley mit einem bitteren Lachen, „denn ich wollte dieses Geld, um meine eigenen Rechnungen zu bezahlen.“

„Ich weiß, dass Sie das wollten, Mylady, und es war sehr, sehr schwer für mich, kommen zu müssen und Sie darum zu bitten, nach allem, was wir zuvor von Ihnen erhalten hatten. Aber das ist nicht das Schlimmste: Als Luke mich hierher schickte, um um diese Hilfe zu betteln, sagte er mir nicht, dass die Miete für Weihnachten noch ausstand; aber das tat sie, Mylady, und sie steht noch immer aus, und – und es ist heute Abend ein Gerichtsvollzieher im Haus, und wir werden morgen versteigert, wenn nicht...“

„Wenn ich nicht eure Miete bezahle, nehme ich an“, rief Lucy Audley. „Ich hätte erraten können, was da kommt.“

„Tatsächlich, tatsächlich, Mylady, ich hätte nicht darum gebeten“, schluchzte Phoebe Marks, „aber er hat mich gezwungen zu kommen.“

„Ja“, antwortete meine Herrin bitter, „er hat dich gezwungen zu kommen; und er wird dich zwingen zu kommen, wann immer es ihm gefällt und wann immer er Geld für die Befriedigung seiner niederen Laster braucht; und du und er seid meine Rentenempfänger, solange ich lebe, oder solange ich Geld zu geben habe; denn ich nehme an, wenn mein Geldbeutel leer und mein Kredit ruiniert ist, werdet ihr beide euch gegen mich wenden und mich an den Meistbietenden verkaufen. Weißt du, Phoebe Marks, dass mein Schmuckkästchen halb geleert wurde, um deine Forderungen zu erfüllen? Weißt du, dass mein Taschengeld, das ich für eine fürstliche Zuwendung hielt, als mein Heiratsvertrag gemacht wurde und als ich eine arme Gouvernante bei Mr. Dawson war, Gott steh mir bei! mein Taschengeld seit einem halben Jahr überzogen ist, um deine Forderungen zu befriedigen? Was kann ich tun, um dich zu besänftigen? Soll ich mein Marie-Antoinette-Kabinett verkaufen oder mein Pompadour-Porzellan, Leroys und Bensons Ormolu-Uhren oder meine Gobelin-gepolsterten Stühle und Ottomanen? Wie soll ich dich als Nächstes zufriedenstellen?“

„Oh, Mylady, Mylady“, rief Phoebe kläglich, „seien Sie nicht so grausam zu mir; Sie wissen, Sie wissen, dass nicht ich es bin, die Sie ausnutzen will.“

„Ich weiß nichts“, rief Lady Audley, „außer dass ich die unglücklichste aller Frauen bin. Lass mich nachdenken“, rief sie und brachte Phoebes tröstende Murmeleien mit einer gebieterischen Geste zum Schweigen. „Halt den Mund, Mädchen, und lass mich über diese Angelegenheit nachdenken, wenn ich kann.“

Sie legte ihre Hände an ihre Stirn, die schlanken Finger fest über ihre Brauen verschränkt, als wollte sie die Tätigkeit ihres Gehirns durch ihren krampfhaften Druck beherrschen.

„Robert Audley ist bei deinem Mann“, sagte sie langsam, mehr zu sich selbst sprechend als zu ihrer Gefährtin. „Diese zwei Männer sind zusammen, und es sind Gerichtsvollzieher im Haus, und dein brutaler Mann ist zweifellos schon jetzt brutal betrunken und brutal eigensinnig und wild in seiner Trunkenheit. Wenn ich mich weigere, dieses Geld zu zahlen, wird seine Wildheit hundertfach zunehmen. Es hat wenig Sinn, diese Angelegenheit zu diskutieren. Das Geld muss bezahlt werden.“

„Aber wenn Sie es bezahlen“, sagte Phoebe eindringlich, „hoffe ich, dass Sie Luke einschärfen, dass es das letzte Geld ist, das Sie ihm jemals geben werden, solange er in diesem Haus bleibt.“

„Warum?“, fragte Lady Audley, ließ ihre Hände auf ihren Schoß fallen und blickte Mrs. Marks fragend an.

„Weil ich möchte, dass Luke das Castle verlässt.“

„Aber warum willst du, dass er geht?“

„Oh, aus so vielen Gründen, Mylady“, antwortete Phoebe. „Er ist nicht geeignet, der Wirt einer Gaststätte zu sein. Das wusste ich nicht, als ich ihn heiratete, sonst hätte ich mich gegen das Geschäft gestellt und versucht, ihn davon zu überzeugen, in die Landwirtschaft zu gehen. Nicht, dass ich annehme, er hätte seine eigenen Vorlieben aufgegeben, denn er ist hartnäckig genug, wie Sie wissen, Mylady. Er ist für sein jetziges Geschäft nicht geeignet. Er ist nach Einbruch der Dunkelheit kaum jemals nüchtern; und wenn er betrunken ist, wird er fast wild und scheint nicht zu wissen, was er tut. Wir hatten schon zwei oder drei Mal mit ihm das Schlimmste knapp abgewendet.“

„Knapp abgewendet!“, wiederholte Lady Audley. „Was meinst du damit?“

„Nun, wir liefen Gefahr, wegen seiner Nachlässigkeit in unseren Betten zu verbrennen.“

„In euren Betten verbrannt durch seine Nachlässigkeit! Wie, wie kam das denn?“, fragte meine gnädige Frau eher teilnahmslos. Sie war zu selbstsüchtig und zu tief in ihre eigenen Sorgen vertieft, um ein großes Interesse an irgendeiner Gefahr zu zeigen, die ihrer ehemaligen Zofe zugestoßen war.

„Sie wissen, was für ein wunderliches altes Gebäude das Castle ist, Mylady; lauter mürbes Holzwerk, verrottete Dachsparren und dergleichen mehr. Die Chelmsford Insurance Company will es nicht versichern, denn sie sagen, wenn das Haus in einer windigen Nacht Feuer fangen würde, würde es wie Zunder abbrennen, und nichts auf der Welt könnte es retten. Nun, Luke weiß das; und der Vermieter hat ihn oft genug davor gewarnt, denn er wohnt ganz in unserer Nähe und hat ein ziemlich scharfes Auge auf alles, was mein Mann so treibt. Aber wenn Luke betrunken ist, weiß er nicht, was er tut, und erst vor einer Woche ließ er eine Kerze in einem der Nebengebäude brennen, und die Flamme erfasste einen der Sparren des schrägen Daches. Wenn ich es nicht entdeckt hätte, als ich das letzte Mal vor dem Schlafengehen durch das Haus ging, wären wir vielleicht alle bei lebendigem Leib verbrannt. Und das ist das dritte Mal, dass so etwas in den sechs Monaten passiert ist, die wir dort wohnen, und da können Sie es mir nicht verübeln, dass ich Angst habe, oder, Mylady?“

Meine gnädige Frau hatte es nicht verübelt; sie hatte überhaupt nicht über die Angelegenheit nachgedacht. Sie hatte diesen alltäglichen Einzelheiten kaum zugehört; warum sollte sie sich um die Gefahren und Nöte dieser geringgeborenen Zofe scheren? Hatte sie nicht ihre eigenen Schrecken, ihre eigenen, die Seele verzehrenden Verwicklungen, die jeden Gedanken beanspruchten, dessen ihr Verstand fähig war?

Sie machte keine Bemerkung zu dem, was Phoebe ihr gerade erzählt hatte; sie begriff kaum, was gesagt worden war, bis einige Augenblicke, nachdem das Mädchen zu sprechen aufgehört hatte, die Worte ihre volle Bedeutung annahmen, so wie manche Worte das tun, nachdem sie gehört wurden, ohne beachtet worden zu sein.

„In euren Betten verbrannt“, sagte die junge Dame schließlich. „Es wäre ein Segen für mich gewesen, wenn dieses kostbare Geschöpf, Ihr Ehemann, noch vor heute Abend in seinem Bett verbrannt wäre.“

Ein lebhaftes Bild war ihr durch den Kopf geschossen, während sie sprach. Das Bild jenes hinfälligen Holzgebäudes, des Castle Inn, reduziert auf ein dachloses Chaos aus Latten und Putz, das Flammen aus seinem schwarzen Schlund spie und brennende Funken in den kalten Nachthimmel schleuderte.

Sie stieß einen müden Seufzer aus, als sie dieses Bild aus ihrem rastlosen Geist verbannte. Sie wäre auch dann nicht besser dran, wenn dieser Feind für immer zum Schweigen gebracht würde. Sie hatte einen anderen und weitaus gefährlicheren Feind – einen Feind, der weder zu bestechen noch abzufinden war, selbst wenn sie so reich wie eine Kaiserin gewesen wäre.

„Ich gebe Ihnen das Geld, um diesen Gerichtsvollzieher fortzuschicken“, sagte meine gnädige Frau nach einer Pause. „Ich muss Ihnen den letzten Sovereign aus meiner Börse geben, aber was macht das schon? Sie wissen ebenso gut wie ich, dass ich es nicht wagen darf, Ihnen den Wunsch abzuschlagen.“

Lady Audley erhob sich und nahm die brennende Lampe von ihrem Schreibtisch. „Das Geld liegt in meinem Ankleidezimmer“, sagte sie; „ich werde es holen.“

„Oh, Mylady“, rief Phoebe plötzlich, „ich habe etwas vergessen; ich war so aufgelöst wegen dieser Angelegenheit, dass ich es ganz vergessen habe.“

„Was ganz vergessen?“

„Einen Brief, der mir mitgegeben wurde, um ihn Ihnen zu bringen, Mylady, kurz bevor ich von zu Hause aufbrach.“

„Was für ein Brief?“

„Ein Brief von Mr. Audley. Er hörte, wie mein Mann erwähnte, dass ich hierher kommen würde, und er bat mich, diesen Brief mitzunehmen.“

Lady Audley stellte die Lampe auf den nächstgelegenen Tisch und hielt ihre Hand aus, um den Brief entgegenzunehmen. Phoebe Marks konnte kaum übersehen, dass die kleine, mit Juwelen besetzte Hand wie ein Blatt zitterte.

„Geben Sie ihn her – geben Sie ihn her“, rief sie; „lassen Sie mich sehen, was er noch zu sagen hat.“

Lady Audley entriss Phoebe den Brief fast in ihrer wilden Ungeduld. Sie riss den Umschlag auf und schleuderte ihn von sich; sie konnte das Blatt Notizpapier in ihrer hastigen Aufregung kaum auseinanderfalten.

Der Brief war sehr kurz. Er enthielt nur diese Worte:

„Sollte Mrs. George Talboys das Datum ihres vermeintlichen Todes, wie es in den öffentlichen Zeitungen und auf dem Grabstein auf dem Kirchhof von Ventnor verzeichnet ist, tatsächlich überlebt haben, und sollte sie in der Person der Dame existieren, die von dem Verfasser dieses Schreibens verdächtigt und beschuldigt wird, so kann es keine große Schwierigkeit bereiten, jemanden zu finden, der fähig und willens ist, sie zu identifizieren. Mrs. Barkamb, die Eigentümerin der North Cottages in Wildernsea, würde zweifellos bereit sein, etwas Licht in diese Angelegenheit zu bringen; entweder um eine Täuschung auszuräumen oder einen Verdacht zu bestätigen.

ROBERT AUDLEY.

3. März 1859.

The Castle Inn, Mount Stanning.“

KAPITEL XXXII.

DAS ROTE LICHT AM HIMMEL.

Meine gnädige Frau zerknüllte den Brief wütend in ihrer Hand und schleuderte ihn in die Flammen.

„Wenn er jetzt vor mir stünde und ich ihn töten könnte“, murmelte sie in einem seltsamen, innerlichen Flüstern, „ich würde es tun – ich würde es tun!“ Sie griff nach der Lampe und eilte in das angrenzende Zimmer. Sie schloss die Tür hinter sich. Sie konnte keinen Zeugen ihrer schrecklichen Verzweiflung ertragen – sie konnte nichts ertragen, weder sich selbst noch ihre Umgebung.

Die Tür zwischen dem Ankleidezimmer meiner gnädigen Frau und dem Schlafzimmer, in dem Sir Michael lag, war offen geblieben. Der Baronet schlief friedlich, sein edles Gesicht im gedämpften Lampenlicht deutlich sichtbar. Sein Atem war leise und regelmäßig, seine Lippen zu einem halben Lächeln gebogen – ein Lächeln zärtlichen Glücks, das er oft trug, wenn er seine wunderschöne Frau betrachtete; das Lächeln eines alles verzeihenden Vaters, der bewundernd auf sein Lieblingskind blickt.

Ein Anflug von weiblichem Empfinden, ein Hauch von Mitleid milderte Lady Audleys Blick, als er auf diese edle, ruhende Gestalt fiel. Für einen Moment wich der schreckliche Egoismus ihres eigenen Elends ihrer mitleidigen Zärtlichkeit für einen anderen. Es war vielleicht letztlich doch nur eine halb-selbstsüchtige Zärtlichkeit, in der das Mitleid mit ihr selbst ebenso stark war wie das Mitleid mit ihrem Ehemann; aber für einmal schweiften ihre Gedanken aus dem engen Gleis ihrer eigenen Schrecken und Sorgen ab, um mit prophetischem Kummer über die kommenden Leiden eines anderen nachzudenken.

„Wenn sie ihn dazu bringen, es zu glauben, wie elend wird er sein“, dachte sie. Aber mit diesem Gedanken vermischte sich ein anderer – es war der Gedanke an ihr liebliches Gesicht, ihr bezauberndes Wesen, ihr schelmisches Lächeln, ihr leises, musikalisches Lachen, das wie ein Geläut silberner Glocken war, die über eine weite Ausdehnung flacher Wiesen und einen plätschernden Fluss an einem nebligen Sommerabend erklangen. Sie dachte an all diese Dinge mit einem flüchtigen Schauer des Triumphs, der stärker war als ihr Schrecken.

Wenn Sir Michael Audley hundert Jahre alt würde, was auch immer er über sie glauben lernen mochte, wie sehr er sie auch verachten mochte, würde er jemals fähig sein, sie von diesen Eigenschaften losgelöst zu sehen? Nein, tausendmal nein. Bis zur letzten Stunde seines Lebens würde sein Gedächtnis sie ihm mit der Lieblichkeit präsentieren, die zuerst seine enthusiastische Bewunderung und seine hingebungsvolle Zuneigung gewonnen hatte. Ihre schlimmsten Feinde konnten sie nicht um jene feenhafte Gabe bringen, die einen so verhängnisvollen Einfluss auf ihren leichtfertigen Geist ausgeübt hatte.

Sie schritt im silbernen Lampenlicht im Ankleidezimmer auf und ab und grübelte über den seltsamen Brief nach, den sie von Robert Audley erhalten hatte. Sie ging eine Zeit lang in diesem monotonen Umherwandern auf und ab, bevor sie ihre Gedanken beruhigen konnte – bevor sie in der Lage war, die verstreuten Kräfte ihres engen Verstandes auf den einen, alles entscheidenden Punkt der Drohung in des Anwalts Brief zu lenken.

„Er wird es tun“, sagte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen – „er wird es tun, es sei denn, ich bringe ihn zuerst in eine Irrenanstalt; oder es sei denn –“

Sie beendete den Gedanken nicht mit Worten. Sie dachte den Satz nicht einmal zu Ende; aber ein neuer und unnatürlicher Impuls in ihrem Herzen schien jede Silbe gegen ihre Brust zu hämmern.

Der Gedanke war dieser: „Er wird es tun, es sei denn, ein seltsames Unheil trifft ihn und bringt ihn für immer zum Schweigen.“ Das rote Blut schoss Lady Audley so plötzlich und flüchtig ins Gesicht wie die flackernde Flamme eines Feuers und erlosch ebenso plötzlich wieder, was sie blasser zurückließ als den Winterschnee. Ihre Hände, die vorher krampfhaft ineinander verschlungen gewesen waren, lösten sich und fielen schwer an ihre Seiten herab. Sie hielt in ihrem raschen Auf- und Abschreiten inne – hielt inne, wie Lots Weib innegehalten haben mag, nach jenem verhängnisvollen Rückblick auf die untergehende Stadt –, während jeder Pulsschlag schwächer wurde, während jeder Blutstropfen in ihren Adern erstarrte, in dem schrecklichen Prozess, der sie von einer Frau in eine Statue verwandeln sollte.

Lady Audley stand etwa fünf Minuten lang in dieser seltsam statuenhaften Haltung still, den Kopf erhoben, die Augen starr geradeaus gerichtet – weit über die enge Grenze ihrer Zimmerwand hinausblickend, in dunkle Fernen von Gefahr und Entsetzen.

Doch nach einer Weile schreckte sie aus dieser starren Haltung fast ebenso abrupt auf, wie sie in sie verfallen war. Sie riss sich aus dieser Halblethargie. Sie ging rasch zu ihrem Frisiertisch, setzte sich davor, schob das Durcheinander von Fläschchen mit goldenen Verschlüssen und zierlichen Porzellandöschen beiseite und betrachtete ihr Spiegelbild in dem großen ovalen Glas. Sie war sehr blass; doch war keine andere Spur von Erregung in ihrem mädchenhaften Gesicht sichtbar. Die Linien ihrer exquisit geformten Lippen waren so schön, dass nur ein sehr genauer Beobachter eine gewisse Starrheit hätte wahrnehmen können, die ihnen fremd war. Sie selbst sah dies und versuchte, diese statuenhafte Unbeweglichkeit wegzulächeln; doch heute Abend weigerten sich die rosigen Lippen, ihr zu gehorchen; sie waren fest verschlossen und nicht länger Sklaven ihres Willens und Vergnügens. Alle latenten Kräfte ihres Charakters konzentrierten sich in diesem einen Merkmal. Sie mochte ihre Augen beherrschen, aber sie konnte die Muskeln ihres Mundes nicht kontrollieren. Sie erhob sich von ihrem Frisiertisch, nahm einen dunklen Samtmantel und eine Haube aus dem Schrank und kleidete sich für einen Spaziergang an. Die kleine Ormolu-Uhr auf dem Kaminsims schlug Viertel nach elf, während Lady Audley mit dieser Tätigkeit beschäftigt war; fünf Minuten später betrat sie wieder das Zimmer, in dem sie Phoebe Marks zurückgelassen hatte.

Die Frau des Gastwirts saß vor dem niedrigen Kaminrost in fast derselben Haltung, in der ihre ehemalige Herrin früher am Abend über diese einsame Feuerstelle gebrütet hatte. Phoebe hatte das Feuer geschürt und ihre Haube und ihr Tuch wieder angelegt. Sie war darauf bedacht, nach Hause zu ihrem brutalen Mann zu kommen, der in ihrer Abwesenheit nur allzu leicht zu irgendeinem Unfug neigte. Sie blickte auf, als Lady Audley den Raum betrat, und stieß einen Ausruf der Überraschung aus, als sie ihre ehemalige Herrin in Wanderkleidung sah.

„Mylady“, rief sie, „Sie gehen doch nicht heute Nacht noch aus?“

„Doch, das werde ich, Phoebe“, antwortete Lady Audley ganz ruhig. „Ich gehe mit Ihnen nach Mount Stanning, um diesen Gerichtsvollzieher zu sehen und ihn selbst zu bezahlen und zu entlassen.“

„Aber, Mylady, Sie vergessen, wie spät es ist; Sie können um diese Zeit nicht mehr ausgehen.“

Lady Audley antwortete nicht. Sie stand da, den Finger leicht auf den Griff der Klingel gelegt, und überlegte ruhig.

„Die Ställe sind immer abgeschlossen und die Männer bis zehn Uhr im Bett“, murmelte sie, „wenn wir zu Hause sind. Es wird einen schrecklichen Aufruhr geben, eine Kutsche bereitzumachen; aber ich nehme an, einer der Bediensteten könnte die Angelegenheit diskret für mich regeln.“

„Aber warum müssen Sie heute Nacht gehen, Mylady?“, rief Phoebe Marks. „Morgen geht es genauso gut. In einer Woche geht es genauso gut. Unser Vermieter würde den Mann mitnehmen, wenn er Ihr Versprechen hätte, die Schuld zu begleichen.“

Lady Audley beachtete diese Unterbrechung nicht. Sie ging hastig in das Ankleidezimmer, warf Haube und Mantel ab und kehrte dann in ihrem einfachen Abendkleid in das Boudoir zurück, wobei die Locken achtlos aus ihrem Gesicht gebürstet waren.

„Nun, Phoebe Marks, hören Sie mir zu“, sagte sie, ergriff das Handgelenk ihrer Vertrauten und sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, aber mit einer gewissen herrischen Miene, die keinen Widerspruch duldete und Gehorsam befahl. „Hören Sie mir zu, Phoebe“, wiederholte sie. „Ich gehe heute Nacht zum Castle Inn; ob es früh oder spät ist, ist für mich von geringer Bedeutung; ich habe mir vorgenommen zu gehen, und ich werde gehen. Sie haben mich gefragt warum, und ich habe es Ihnen gesagt. Ich gehe, damit ich diese Schuld selbst bezahlen kann; und damit ich mich selbst davon überzeugen kann, dass das Geld, das ich gebe, für den Zweck verwendet wird, für den ich es gebe. Es liegt nichts Außergewöhnliches in meinem Handeln. Ich tue, was andere Frauen in meiner Stellung sehr oft tun. Ich unterstütze eine bevorzugte Dienerin.“

„Aber es geht auf zwölf Uhr zu, Mylady“, wandte Phoebe ein.

Lady Audley runzelte ungeduldig die Stirn über diese Unterbrechung.

„Wenn mein Besuch in Ihrem Haus, um diesen Mann zu bezahlen, bekannt werden sollte“, fuhr sie fort, während sie Phoebe weiterhin am Handgelenk hielt, „bin ich bereit, für mein Verhalten einzustehen; aber ich möchte, dass die Angelegenheit diskret behandelt wird. Ich denke, dass ich dieses Haus verlassen kann, ohne von einer lebenden Seele gesehen zu werden, wenn Sie tun, was ich Ihnen sage.“

„Ich werde alles tun, was Sie wünschen, Mylady“, antwortete Phoebe unterwürfig.

„Dann werden Sie mir gleich gute Nacht wünschen, wenn meine Zofe das Zimmer betritt, und Sie werden ihr erlauben, Sie aus dem Haus zu begleiten. Sie werden den Innenhof überqueren und in der Allee auf der anderen Seite des Torbogens auf mich warten. Es mag eine halbe Stunde dauern, bis ich zu Ihnen stoßen kann, denn ich darf mein Zimmer nicht verlassen, bevor alle Bediensteten zu Bett gegangen sind, aber Sie können geduldig auf mich warten, denn was auch kommen mag, ich werde zu Ihnen stoßen.“

Lady Audleys Gesicht war nicht mehr blass. Ein unnatürlicher Glanz leuchtete in ihren großen blauen Augen. Sie sprach mit unnatürlicher Schnelligkeit. Sie hatte durch und durch das Aussehen und die Art einer Person, die dem beherrschenden Einfluss einer überwältigenden Erregung nachgegeben hat. Phoebe Marks starrte ihre ehemalige Herrin stumm vor Verwirrung an. Sie begann zu fürchten, dass meine gnädige Frau den Verstand verlor.

Die Glocke, die Lady Audley läutete, wurde von der adretten Zofe beantwortet, die rosafarbene Bänder, schwarze Seidenkleider und andere Verzierungen trug, die den einfachen Leuten unbekannt waren, die in den guten alten Zeiten, als Dienstboten noch Wolltuch trugen, unter dem Salz saßen.

„Ich wusste nicht, dass es so spät ist, Martin“, sagte meine gnädige Frau in jenem sanften Ton, der ihr immer den willigen Dienst ihrer Untergebenen sicherte. „Ich habe mich mit Mrs. Marks unterhalten und darüber die Zeit vergessen. Ich werde heute Nacht nichts mehr brauchen, Sie können also zu Bett gehen, wann immer Sie möchten.“

„Danke, Mylady“, antwortete das Mädchen, das sehr verschlafen aussah und Mühe hatte, selbst in Anwesenheit ihrer Herrin ein Gähnen zu unterdrücken, denn das Haus Audley hielt normalerweise sehr frühe Zeiten ein. „Ich sollte Mrs. Marks besser hinausbegleiten, Mylady, nicht wahr?“, fragte die Zofe, „bevor ich zu Bett gehe?“

„Oh ja, sicher; Sie können Phoebe hinauslassen. Alle anderen Bediensteten sind also schon im Bett, nehme ich an?“

„Ja, Mylady.“

Lady Audley lachte, als sie auf die Uhr blickte.

„Wir waren schrecklich ausgelassen hier oben, Phoebe“, sagte sie. „Gute Nacht. Sie können Ihrem Mann ausrichten, dass seine Miete bezahlt werden wird.“

„Vielen herzlichen Dank, Mylady, und gute Nacht“, murmelte Phoebe, während sie rückwärts aus dem Zimmer trat, gefolgt von der Zofe.

Lady Audley lauschte an der Tür und wartete, bis die gedämpften Geräusche ihrer Schritte im achteckigen Raum und auf der mit Teppich belegten Treppe verklangen.

„Martin schläft oben im Haus“, sagte sie, „eine halbe Meile von diesem Zimmer entfernt. In zehn Minuten kann ich gefahrlos entkommen.“

Sie ging zurück in ihr Ankleidezimmer und legte zum zweiten Mal Mantel und Haube an. Die unnatürliche Farbe brannte noch immer wie eine Flamme auf ihren Wangen; das unnatürliche Licht glitzerte noch immer in ihren Augen. Die Erregung, unter der sie stand, hielt sie in einem so starken Bann, dass weder ihr Geist noch ihr Körper ein Bewusstsein von Müdigkeit zu haben schienen. Wie wortreich ich auch in meiner Beschreibung ihrer Gefühle sein mag, ich kann niemals einen Bruchteil ihrer Gedanken oder ihres Leidens beschreiben. Sie litt in dieser einen schrecklichen Nacht Qualen, die eng gedruckte Bände von tausend Seiten füllen würden. Sie durchlebte Bände voller Angst, Zweifel und Verwirrung; manchmal wiederholte sie dieselben Kapitel ihrer Qualen immer und immer wieder; manchmal eilte sie durch tausend Seiten ihres Elends ohne eine Pause, ohne einen Moment zum Atemholen. Sie stand am niedrigen Kaminrost in ihrem Boudoir, beobachtete den Minutenzeiger der Uhr und wartete darauf, dass es Zeit für sie wurde, das Haus in Sicherheit zu verlassen.

„Ich werde zehn Minuten warten“, sagte sie, „keinen Augenblick länger, bevor ich mich in mein neues Wagnis begebe.“

Sie lauschte dem wilden Heulen des Märzwindes, der mit der Stille und Dunkelheit der Nacht aufgekommen zu sein schien.

Der Zeiger vollendete langsam seinen unvermeidlichen Weg zu den Ziffern, die besagten, dass die zehn Minuten vergangen waren. Es war genau Viertel vor zwölf, als meine gnädige Frau ihre Lampe in die Hand nahm und leise aus dem Zimmer stahl. Ihr Schritt war so leicht wie der eines anmutigen wilden Tieres, und es bestand keine Gefahr, dass dieser luftige Tritt irgendein Echo auf den mit Teppichen ausgelegten Steinkorridoren und der Treppe wecken würde. Sie hielt nicht eher inne, als bis sie das Vestibül im Erdgeschoss erreichte. Mehrere Türen führten aus dem Vestibül, das wie das Vorzimmer meiner gnädigen Frau achteckig war. Eine dieser Türen führte in die Bibliothek, und es war diese Tür, die Lady Audley leise und vorsichtig öffnete.

Es wäre reiner Wahnsinn gewesen, das Haus heimlich durch einen der Haupteingänge zu verlassen, denn die Haushälterin persönlich überwachte die Verriegelung der großen Türen, vorne wie hinten. Die Geheimnisse der Bolzen, Riegel, Ketten und Glocken, die diese Türen sicherten und für die Sicherheit des Silberzimmers von Sir Michael Audley sorgten, dessen Tür mit Eisenblech ausgekleidet war, waren nur den Bediensteten bekannt, die damit zu tun hatten. Doch obwohl all diese Vorsichtsmaßnahmen an den Haupteingängen zur Zitadelle getroffen wurden, galten ein Holzladen und ein schlanker Eisenriegel, leicht genug, um von einem Kind angehoben zu werden, als ausreichende Sicherung für die halbverglaste Tür, die vom Frühstückszimmer auf den gekiesten Pfad und den glatten Rasen im Innenhof führte.

Durch diesen Ausgang beabsichtigte Lady Audley zu entkommen. Sie konnte leicht den Riegel entfernen und den Laden lösen, und sie konnte es gefahrlos wagen, das Fenster einen Spalt breit offen zu lassen, während sie abwesend war. Es war wenig zu befürchten, dass Sir Michael für einige Zeit erwachen würde, da er in der ersten Nachthälfte einen festen Schlaf hatte und seit seiner Krankheit noch fester schlief als gewöhnlich.

Lady Audley überquerte die Bibliothek und öffnete die Tür des Frühstückszimmers, das mit ihr verbunden war. Dieser letzte Raum war eine der späteren Ergänzungen des Court. Es war ein einfaches, heiteres Zimmer mit hell tapezierten Wänden und hübschen Ahornmöbeln, das von Alicia mehr als von jedem anderen genutzt wurde. Die Utensilien der Lieblingsbeschäftigungen der jungen Dame waren im Zimmer verstreut – Zeichenmaterial, unfertige Handarbeiten, verhedderte Seidenstränge und all die anderen Anzeichen der Anwesenheit eines sorglosen Mädchens; während Miss Audleys Bild – eine hübsche Kreideskizze eines rosenwangigen Wildfangs in Reitkleidung und Hut – über den kuriosen Wedgewood-Verzierungen auf dem Kaminsims hing. Meine gnädige Frau betrachtete diese vertrauten Gegenstände mit spöttischem Hass, der in ihren blauen Augen flammte.

„Wie froh wird sie sein, wenn mich irgendeine Schande ereilt“, dachte sie; „wie sie sich freuen wird, wenn ich aus diesem Haus gejagt werde!“

Lady Audley stellte die Lampe auf einen Tisch in der Nähe des Kamins und ging zum Fenster. Sie entfernte den Eisenriegel und den leichten Holzladen und öffnete dann die Glastür. Die Märznacht war schwarz und mondlos, und ein Windstoß blies ihr entgegen, als sie die Tür öffnete, und erfüllte den Raum mit seinem frostigen Hauch, wobei die Lampe auf dem Tisch erlosch.

„Gleichgültig“, murmelte meine gnädige Frau, „ich hätte sie ohnehin nicht brennend lassen können. Ich werde schon wissen, wie ich durch das Haus finde, wenn ich zurückkomme. Ich habe alle Türen angelehnt gelassen.“

Sie trat rasch auf den glatten Kies hinaus und schloss die Glastür hinter sich. Sie fürchtete, jener tückische Wind könnte die zum Bibliothekszimmer führende Tür zuschlagen und sie so verraten.

Sie befand sich nun im Innenhof, während der kalte Wind ihr entgegenschlug und ihre seidenen Gewänder mit einem schrillen, raschelnden Geräusch um sie wirbelte, wie das Pfeifen einer scharfen Brise in den Segeln einer Yacht. Sie überquerte den Hof und blickte zurück – blickte einen Augenblick zurück auf das Feuerscheinlicht, das zwischen den rosafarbenen Vorhängen ihres Boudoirs schimmerte, und auf den matten Glanz der Lampe hinter den Sprossenfenstern des Zimmers, in dem Sir Michael Audley schlief.

„Mir ist, als würde ich fliehen“, dachte sie; „mir ist, als würde ich heimlich in der tiefsten Nacht fliehen, um mich zu verlieren und vergessen zu werden. Vielleicht wäre es klüger von mir zu fliehen, die Warnung dieses Mannes anzunehmen und für immer seiner Gewalt zu entkommen. Wenn ich fliehen und verschwinden würde, so wie – wie George Talboys verschwand. Aber wohin könnte ich gehen? Was würde aus mir werden? Ich habe kein Geld; meine Juwelen sind keine paar hundert Pfund wert, jetzt, da ich den besten Teil von ihnen losgeworden bin. Was könnte ich tun? Ich müsste in das alte Leben zurückkehren, das alte, harte, grausame, elende Leben – das Leben der Armut, der Erniedrigung, des Verdrusses und der Unzufriedenheit. Ich müsste zurückkehren und mich in jenem langen Kampf aufzehren und sterben – vielleicht so, wie meine Mutter starb!“

Meine gnädige Frau stand einen Augenblick still auf dem glatten Rasen zwischen dem Innenhof und dem Torbogen, das Haupt auf die Brust gesenkt und die Hände ineinander verschlungen, während sie diese Frage in der unnatürlichen Betriebsamkeit ihres Geistes erörterte. Ihre Haltung spiegelte den Zustand dieses Geistes wider – sie drückte Unentschlossenheit und Verwirrung aus. Doch plötzlich vollzog sich ein Wandel in ihr; sie hob den Kopf – hob ihn mit einer Geste des Trotzes und der Entschlossenheit.

„Nein! Mr. Robert Audley“, sagte sie laut mit leiser, klarer Stimme; „ich werde nicht zurückkehren – ich werde nicht zurückkehren. Wenn der Kampf zwischen uns ein Duell auf Leben und Tod sein soll, dann sollst du mich nicht meine Waffe fallen lassen sehen.“

Sie schritt mit festem und raschem Schritt unter den Torbogen. Als sie unter jenem massiven Bogen hindurchging, schien es, als verschwände sie in einem schwarzen Abgrund, der offen gestanden hatte, um sie zu empfangen. Die törichte Uhr schlug zwölf, und der ganze Torbogen schien unter ihren schweren Schlägen zu erbeben, als Lady Audley auf der anderen Seite hervortrat und sich zu Phoebe Marks gesellte, die sehr nahe am Tor des Anwesens auf ihre ehemalige Herrin gewartet hatte.

„Nun, Phoebe“, sagte sie, „es sind drei Meilen von hier bis Mount Stanning, nicht wahr?“

„Ja, meine gnädige Frau.“

„Dann können wir die Strecke in eineinhalb Stunden zurücklegen.“

Lady Audley war nicht stehen geblieben, um dies zu sagen; sie schritt rasch den Alleenweg entlang, ihre bescheidene Begleiterin an ihrer Seite. Zerbrechlich und zart, wie sie aussah, war sie eine sehr gute Fußgängerin. Sie hatte in ihren alten Tagen der Abhängigkeit die Gewohnheit gehabt, lange Spaziergänge über Land mit den Kindern von Mr. Dawson zu unternehmen, und sie machte sich wenig aus einer Entfernung von drei Meilen.

„Dein schöner Ehemann wird wohl für dich aufbleiben, Phoebe?“, sagte sie, als sie ein offenes Feld überquerten, das als Abkürzung von Audley Court zur Landstraße diente.

„Oh ja, meine gnädige Frau; er bleibt sicher auf. Er wird wohl mit dem Mann trinken, möchte ich meinen.“

„Dem Mann! Welchem Mann?“

„Dem Mann, der das Haus in Besitz genommen hat, meine gnädige Frau.“

„Ah, natürlich“, sagte Lady Audley gleichgültig.

Es war seltsam, dass Phoebes häusliche Sorgen ihren Gedanken so fern zu liegen schienen, während sie einen solch außergewöhnlichen Schritt unternahm, um die Dinge im Castle Inn in Ordnung zu bringen.

Die beiden Frauen überquerten das Feld und bogen in die Landstraße ein. Der Weg nach Mount Stanning ging stetig bergauf, und die lange Straße wirkte in der dunklen Nacht schwarz und trostlos; doch meine gnädige Frau schritt mit einem verzweifelten Mut voran, der kein gewöhnlicher Bestandteil ihrer egoistischen, sinnlichen Natur war, sondern eine seltsame Fähigkeit, die aus ihrer großen Verzweiflung geboren wurde. Sie sprach erst wieder zu ihrer Begleiterin, als sie nahe bei den flackernden Lichtern auf der Anhöhe waren. Eines dieser Dorflichter, das rötlich durch einen purpurnen Vorhang schien, markierte das spezifische Fenster, hinter dem Luke Marks wahrscheinlich schläfrig über seinem Getränk saß und auf die Ankunft seiner Frau wartete.

„Er ist nicht zu Bett gegangen, Phoebe“, sagte meine gnädige Frau eifrig. „Aber es brennt kein anderes Licht im Gasthaus. Ich nehme an, Mr. Audley ist im Bett und schläft.“

„Ja, meine gnädige Frau, das nehme ich an.“

„Du bist sicher, dass er heute Nacht im Castle bleiben wollte?“

„Oh ja, meine gnädige Frau. Ich habe dem Mädchen geholfen, sein Zimmer vorzubereiten, bevor ich fortging.“

Der Wind, der überall stürmisch war, war in der Umgebung jener öden Anhöhe, auf der das Castle Inn seine wackeligen Wände erhob, noch schriller und unbarmherziger. Die grausamen Böen tobten wild um jenes gebrechliche Gebäude. Sie trieben ihr Unwesen mit dem zerstörten Taubenschlag, der kaputten Wetterfahne, den lockeren Ziegeln und unförmigen Schornsteinen; sie rüttelten an den Fensterscheiben und pfiffen in den Ritzen; sie verspotteten das schwache Bauwerk vom Fundament bis zum Dach und schlugen, hämmerten und quälten es in ihrem wilden Treiben, bis es vor der Kraft ihres groben Spiels bebte und schwankte.

Mr. Luke Marks hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Tür seines Wohnhauses zu sichern, bevor er sich hinsetzte, um mit dem Mann zu zechen, der seine Habseligkeiten vorläufig in Beschlag genommen hatte. Der Wirt des Castle Inn war ein fauler, sinnlicher Rohling, der keinen höheren Gedanken kannte als eine egoistische Sorge um seine eigenen Vergnügungen und einen giftigen Hass auf jeden, der seinen Trieben im Weg stand.

Phoebe drückte die Tür mit der Hand auf und ging ins Haus, gefolgt von meiner gnädigen Frau. Das Gas flackerte im Schankraum und verrußte die niedrige, verputzte Decke. Die Tür zum Schankstübchen stand halb offen, und Lady Audley hörte das brutale Lachen von Mr. Marks, als sie die Schwelle des Gasthauses überschritt.

„Ich werde ihm sagen, dass Sie da sind, meine gnädige Frau“, flüsterte Phoebe ihrer ehemaligen Herrin zu. „Ich weiß, dass er betrunken sein wird. Sie – Sie werden doch nicht beleidigt sein, meine gnädige Frau, falls er etwas Unhöfliches sagt? Sie wissen, es war nicht mein Wunsch, dass Sie kommen.“

„Ja, ja“, antwortete Lady Audley ungeduldig, „das weiß ich. Was sollte mir seine Unhöflichkeit ausmachen! Lass ihn sagen, was er will.“

Phoebe Marks drückte die Stübchentür auf und ließ meine gnädige Frau im Schankraum direkt hinter ihr zurück.

Luke saß mit seinen plumpen Beinen auf den Herd gestreckt. Er hielt ein Glas Gin-Wasser in der einen Hand und den Schürhaken in der anderen. Er hatte den Schürhaken gerade in einen Haufen schwarzer Kohlen gestoßen und verteilte sie, um ein Feuer zu entfachen, als seine Frau an der Schwelle des Raumes erschien.

Er riss den Schürhaken zwischen den Stäben hervor und machte eine halb betrunkene, halb drohende Bewegung damit, als er sie sah.

„Du hast dich also doch herabgelassen, endlich nach Hause zu kommen, gnädige Frau“, sagte er; „ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr kommen.“

Er sprach mit dicker, betrunkener Stimme und war keineswegs allzu verständlich. Er war bis über beide Ohren in Alkohol versunken. Seine Augen waren trüb und wässrig; seine Hände waren zittrig; seine Stimme war vom Trinken erstickt und gedämpft. Ein Rohling, selbst wenn er am nüchternsten war; ein Rohling, selbst bei seinem besten Benehmen, war er zehnmal brutaler in seiner Trunkenheit, wenn die wenigen Hemmungen, die seine ignorante, alltägliche Brutalität in Schach hielten, in der trägen Rücksichtslosigkeit des Rausches abgeworfen waren.

„Ich – ich habe länger gebraucht, als ich beabsichtigt hatte, Luke“, antwortete Phoebe in ihrem versöhnlichsten Ton; „aber ich habe meine gnädige Frau gesehen, und sie war sehr freundlich, und – und sie wird diese Angelegenheit für uns regeln.“

„Sie war sehr freundlich, ist sie das?“, murmelte Mr. Marks mit einem betrunkenen Lachen; „danke ihr für nichts. Ich kenne den Wert ihrer Freundlichkeit. Sie wäre sicher ungewöhnlich freundlich, wenn sie nicht dazu verpflichtet wäre.“

Der Mann, der das Haus in Besitz genommen hatte und in einen rührseligen und halbbewussten Zustand der Trunkenheit verfallen war, nachdem er etwa ein Drittel des Getränks konsumiert hatte, das Mr. Marks zu sich genommen hatte, starrte nur mit schwachem Erstaunen seinen Wirt und dessen Frau an. Er saß am Tisch. Tatsächlich hatte er sich mit den Ellbogen daran eingehakt, als Schutz davor, unter ihn zu rutschen, und er unternahm schwachsinnige Versuche, seine Pfeife an der Flamme einer herunterbrennenden Talgkerze neben sich anzuzünden.

„Meine gnädige Frau hat versprochen, die Angelegenheit für uns zu regeln, Luke“, wiederholte Phoebe, ohne auf Lukes Bemerkungen zu achten. Sie kannte das eigensinnige Wesen ihres Mannes mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass es schlimmer als nutzlos war, ihn davon abhalten zu wollen, etwas zu tun oder zu sagen, zu dem ihn sein eigener sturer Wille trieb. „Meine gnädige Frau wird es regeln“, sagte sie, „und sie ist heute Nacht hierhergekommen, um sich darum zu kümmern“, fügte sie hinzu.

Der Schürhaken entglitt der Hand des Wirts und fiel klappernd zwischen die Asche auf dem Herd.

„Lady Audley heute Nacht hierhergekommen!“ sagte er.

„Ja, Luke.“

Meine gnädige Frau erschien an der Schwelle der Tür, als Phoebe sprach.

„Ja, Luke Marks“, sagte sie, „ich bin gekommen, um diesen Mann zu bezahlen und ihn seines Weges zu schicken.“

Lady Audley sagte diese Worte in einer seltsamen, halb mechanischen Art; sehr ähnlich, als hätte sie den Satz auswendig gelernt und würde ihn wiederholen, ohne zu wissen, was sie sagte.

Mr. Marks stieß ein unzufriedenes Knurren aus und stellte sein leeres Glas mit einer ungeduldigen Geste auf den Tisch.

„Du hättest das Geld Phoebe geben können“, sagte er, „genau so gut, wie es selbst zu bringen. Wir wollen keine feinen Damen hier oben haben, die ihre kostbaren Nasen in alles hineinstecken und schnüffeln.“

„Luke, Luke!“, ermahnte Phoebe, „wenn meine gnädige Frau so freundlich gewesen ist!“

„Oh, verdammt ihre Freundlichkeit!“, schrie Mr. Marks; „es ist nicht ihre Freundlichkeit, die wir wollen, Mädchen, es ist ihr Geld. Sie wird keinen winselnden Dank von mir bekommen. Was auch immer sie für uns tut, tut sie, weil sie dazu gezwungen ist; und wenn sie nicht dazu gezwungen wäre, würde sie es nicht tun –“

Der Himmel weiß, wie viel mehr Luke Marks noch gesagt hätte, hätte sich meine gnädige Frau nicht plötzlich zu ihm gedreht und ihn durch das unirdische Leuchten ihrer Schönheit zum Schweigen gebracht. Ihr Haar war von ihrem Gesicht weggeblasen worden und hatte sich, da es von leichter, federartiger Beschaffenheit war, zu einer verworrenen Masse ausgebreitet, die ihre Stirn wie eine gelbe Flamme umgab. Es gab noch eine andere Flamme in ihren Augen – ein grünliches Licht, wie es aus den sich wandelnden Pupillen einer wütenden Meerjungfrau hervorblitzen könnte.

„Halt“, rief sie. „Ich bin nicht mitten in der Nacht hierhergekommen, um mir deine Unverschämtheiten anzuhören. Wie hoch ist diese Schuld?“

„Neun Pfund.“

Lady Audley holte ihre Geldbörse hervor – ein Spielzeug aus Elfenbein, Silber und Türkis – und nahm daraus eine Banknote und vier Goldstücke. Sie legte sie auf den Tisch.

„Lass diesen Mann mir eine Quittung für das Geld ausstellen“, sagte sie, „bevor ich gehe.“

Es dauerte einige Zeit, bis der Mann in ein ausreichendes Bewusstsein versetzt werden konnte, um diese einfache Pflicht zu erfüllen, und erst durch das Eintauchen einer Feder in die Tinte und das Drücken derselben zwischen seine plumpen Finger konnte er schließlich dazu gebracht werden, zu begreifen, dass sein Autogramm am unteren Rand der von Phoebe Marks ausgestellten Quittung benötigt wurde. Lady Audley nahm das Dokument, sobald die Tinte trocken war, und wandte sich zum Gehen, um das Stübchen zu verlassen. Phoebe folgte ihr.

„Sie dürfen nicht allein nach Hause gehen, meine gnädige Frau“, sagte sie. „Sie lassen mich doch mitkommen?“

„Ja, ja; du sollst mit mir nach Hause kommen.“

Die beiden Frauen standen in der Nähe der Tür des Gasthauses, als meine gnädige Frau dies sagte. Phoebe starrte ihre Gönnerin verwundert an. Sie hatte erwartet, dass Lady Audley es eilig haben würde, nach Hause zurückzukehren, nachdem sie diese Angelegenheit, die sie sich launenhaft selbst aufgehalst hatte, erledigt hatte; aber dem war nicht so; meine gnädige Frau stand an die Gasthaustür gelehnt und starrte ins Leere, und wieder begann Mrs. Marks zu fürchten, der Kummer habe ihre ehemalige Herrin in den Wahnsinn getrieben.

Eine kleine holländische Uhr im Schankraum schlug zwei, während Lady Audley in dieser unentschlossenen, abwesenden Weise verweilte. Sie schreckte bei dem Klang zusammen und begann heftig zu zittern.

„Ich glaube, ich werde ohnmächtig, Phoebe“, sagte sie; „wo kann ich etwas kaltes Wasser bekommen?“

„Die Pumpe ist in der Waschküche, meine gnädige Frau; ich werde laufen und Ihnen ein Glas kaltes Wasser holen.“

„Nein, nein, nein“, rief meine gnädige Frau und ergriff Phoebes Arm, als diese im Begriff war, für diesen Auftrag wegzulaufen; „ich hole es selbst. Ich muss meinen Kopf in ein Becken mit Wasser tauchen, wenn ich mich vor der Ohnmacht bewahren will. In welchem Zimmer schläft Mr. Audley?“

Es lag etwas so Irrelevantes in dieser Frage, dass Phoebe Marks ihre Herrin entsetzt anstarrte, bevor sie antwortete.

„Es war Nummer drei, das ich vorbereitet habe, meine gnädige Frau – das vordere Zimmer – das Zimmer neben unserem“, antwortete sie nach jener Pause des Erstaunens.

„Gib mir eine Kerze“, sagte meine gnädige Frau. „Ich werde in dein Zimmer gehen und etwas Wasser für meinen Kopf holen; bleib, wo du bist, und sieh zu, dass dieser Rohling von einem Ehemann nicht hinter mir herkommt!“

Sie entriss dem Mädchen die Kerze, die Phoebe angezündet hatte, und lief die wackelige, gewundene Treppe hinauf, die zum engen Korridor im oberen Stockwerk führte. Fünf Schlafzimmer öffneten sich von diesem niedrig-deckigen, stickig riechenden Korridor; die Nummern dieser Zimmer waren durch gedrungene schwarze Ziffern gekennzeichnet, die auf die Türfüllungen gemalt waren. Lady Audley war nach Mount Stanning gefahren, um das Haus zu besichtigen, als sie das Geschäft für den Bräutigam ihrer Dienerin kaufte, und sie kannte sich in dem baufälligen alten Gebäude aus; sie wusste, wo sie Phoebes Schlafzimmer finden konnte, aber sie blieb vor der Tür jenes anderen Zimmers stehen, das für Mr. Robert Audley vorbereitet worden war.

Sie blieb stehen und betrachtete die Nummer an der Tür. Der Schlüssel steckte im Schloss, und ihre Hand sank darauf, als geschähe es unbewusst. Doch kurz darauf begann sie plötzlich wieder zu zittern, so wie sie wenige Minuten zuvor beim Schlag der Uhr gezittert hatte. Sie stand einige Momente zitternd da, die Hand noch immer am Schlüssel; dann trat ein schrecklicher Ausdruck auf ihr Gesicht, und sie drehte den Schlüssel im Schloss um. Sie drehte ihn zweimal, um die Tür doppelt abzuschließen.

Vom Inneren her kam kein Laut; der Bewohner des Zimmers gab kein Zeichen, dass er das unheilvolle Quietschen des rostigen Schlüssels im rostigen Schloss gehört hätte.

Lady Audley eilte in das nächste Zimmer. Sie stellte die Kerze auf den Frisiertisch, warf ihre Haube ab und hängte sie lose über ihren Arm; dann ging sie zum Waschtisch und füllte das Becken mit Wasser. Sie tauchte ihr goldenes Haar in dieses Wasser und stand dann einige Momente in der Mitte des Raumes, wobei sie sich mit einem weißen, ernsten Gesicht umblickte und mit einem eifrigen Blick, der jeden Gegenstand in dem dürftig eingerichteten Zimmer zu erfassen schien. Phoebes Schlafzimmer war sicherlich sehr schäbig eingerichtet; sie war gezwungen gewesen, all die anständigsten Dinge für jene besten Schlafzimmer auszuwählen, die für jeden zufälligen Reisenden reserviert waren, der für eine Übernachtung im Castle Inn anhalten mochte; aber Phoebe Marks hatte ihr Bestes getan, um den Mangel an soliden Möbeln in ihrem Appartement durch eine Überfülle an Vorhängen wettzumachen. Knackige Vorhänge aus billigem Kattun hingen vom Himmelbett; festonierte Draperien aus demselben Material verhüllten das schmale Fenster, schlossen das Tageslicht aus und boten ein angenehmes Refugium für Stämme von Fliegen und räuberische Scharen von Spinnen. Selbst der Spiegel, eine erbärmlich billige Konstruktion, die jedes Gesicht verzerrte, dessen Besitzer die Kühnheit besaß, hineinzublicken, stand auf einem drapierten Altar aus gestärktem Musselin und rosa glasiertem Kaliko und war mit Spitzenrüschen und Strickarbeit verziert.

Meine gnädige Frau lächelte, als sie die Festons und Schnörkel betrachtete, die ihren Augen von überall her entgegenkamen. Sie hatte vielleicht Grund zu lächeln, in Erinnerung an die kostbare Eleganz ihrer eigenen Räume; aber in jenem sardonischen Lächeln lag etwas, das eine tiefere Bedeutung zu haben schien als bloße natürliche Verachtung für Phoebes Dekorationsversuche. Sie ging zum Frisiertisch, glättete ihr nasses Haar vor dem Spiegel und setzte dann ihre Haube auf. Sie war gezwungen, die flammende Talgkerze sehr nah an die Spitzenrüschen um den Spiegel zu stellen; so nah, dass der gestärkte Musselin die Flamme durch eine gewisse Anziehungskraft in seinem zerbrechlichen Gewebe anzuziehen schien.

Phoebe wartete ängstlich an der Gasthaustür auf das Kommen meiner gnädigen Frau. Sie beobachtete den Minutenzeiger der kleinen holländischen Uhr und wunderte sich über die Langsamkeit seines Fortschritts. Es war erst zehn Minuten nach zwei, als Lady Audley die Treppe herunterkam, mit aufgesetzter Haube und noch nassem Haar, aber ohne die Kerze.

Phoebe war sofort besorgt wegen dieser fehlenden Kerze.

„Das Licht, meine gnädige Frau“, sagte sie, „Sie haben es oben gelassen!“

„Der Wind hat es ausgeblasen, als ich Ihr Zimmer verließ“, antwortete Lady Audley ruhig. „Ich habe es dort gelassen.“

„In meinem Zimmer, meine gnädige Frau?“

„Ja.“

„Und es war ganz aus?“

„Ja, sage ich dir; warum beunruhigst du mich wegen deiner Kerze? Es ist nach zwei Uhr. Komm.“

Sie ergriff den Arm des Mädchens und führte sie halb, halb zerrte sie aus dem Haus. Der krampfhafte Druck ihrer schlanken Hand hielt sie so fest, wie es ein eiserner Schraubstock hätte tun können. Der heftige Märzwind schlug die Tür des Hauses zu und ließ die beiden Frauen draußen stehen. Die lange, schwarze Straße lag öde und trostlos vor ihnen, schwach sichtbar zwischen geraden Reihen blattloser Hecken.

Ein Spaziergang von drei Meilen Länge auf einer einsamen Landstraße zwischen zwei und vier Uhr an einem kalten Wintermorgen ist kaum eine angenehme Aufgabe für eine zarte Frau – eine Frau, deren Neigungen zu Bequemlichkeit und Luxus tendieren. Doch meine gnädige Frau eilte die harte, trockene Landstraße entlang und schleifte ihre Begleiterin mit sich, als wäre sie von einer schrecklichen dämonischen Kraft angetrieben, die kein Nachlassen kannte. Mit der schwarzen Nacht über ihnen – mit dem heftigen Wind, der um sie heulte, über eine weite Ausdehnung verborgenen Landes fegte, so blies, als wäre er gleichzeitig aus jeder Himmelsrichtung entstanden, und diese Wanderer zum Mittelpunkt seiner Wildheit machte – gingen die beiden Frauen durch die Dunkelheit den Hügel hinunter, auf dem Mount Stanning stand, entlang einer Meile und einer halben flacher Straße und dann einen weiteren Hügel hinauf, an dessen westlicher Seite Audley Court in jenem geschützten Tal lag, das das alte Haus vor allem Lärm und Trubel der Alltagswelt zu umschließen schien.

Meine gnädige Frau blieb auf dem Gipfel dieses Hügels stehen, um Atem zu holen und ihre Hände auf ihr Herz zu pressen, in der vergeblichen Hoffnung, sie könne dessen grausames Schlagen stillen. Sie waren nun keine dreiviertel Meile mehr vom Anwesen entfernt, und sie waren fast eine Stunde lang gegangen, seit sie das Castle Inn verlassen hatten.

Lady Audley blieb stehen, um sich auszuruhen, das Gesicht noch immer in Richtung ihres Zieles gewandt. Phoebe Marks, die ebenfalls stehen blieb und sehr froh über eine kurze Unterbrechung jener hastigen Reise war, blickte zurück in die ferne Dunkelheit, unter der jene trostlose Zuflucht lag, die ihr so viel Unbehagen bereitet hatte. Und als sie das tat, stieß sie einen schrillen Schrei des Entsetzens aus und krallte sich wild in den Umhang ihrer Begleiterin.

Der Nachthimmel war nicht mehr ganz dunkel. Die dichte Schwärze war durch einen Fleck aus fahlem Licht unterbrochen.

„Meine gnädige Frau, meine gnädige Frau!“, rief Phoebe und zeigte auf diesen fahlen Fleck; „sehen Sie?“

„Ja, Kind, ich sehe“, antwortete Lady Audley und versuchte, die klammernden Hände von ihren Gewändern zu schütteln. „Was ist los?“

„Es ist ein Feuer – ein Feuer, meine gnädige Frau!“

„Ja, ich fürchte, es ist ein Feuer. In Brentwood, höchstwahrscheinlich. Lass mich los, Phoebe; es geht uns nichts an.“

„Ja, ja, meine gnädige Frau; es ist näher als Brentwood – viel näher; es ist in Mount Stanning.“

Lady Audley antwortete nicht. Sie zitterte wieder, vielleicht vor Kälte, denn der Wind hatte ihren schweren Umhang von ihren Schultern gerissen und ihre schlanke Gestalt dem Sturm ausgesetzt.

„Es ist in Mount Stanning, meine gnädige Frau!“, rief Phoebe Marks. „Das Schloss steht in Flammen – ich weiß es, ich weiß es! Ich habe heute Abend an Feuer gedacht, und ich war nervös und unruhig, denn ich wusste, dass dies eines Tages geschehen würde. Es wäre mir gleich, wenn es nur der elende Ort wäre, aber es werden Menschenleben verloren gehen, es werden Menschenleben verloren gehen!“, schluchzte das Mädchen geistesabwesend. „Da ist Luke, zu betrunken, um sich selbst zu helfen, wenn ihm nicht andere helfen; da ist Mr. Audley, der schläft –“

Phoebe Marks hielt bei der Erwähnung von Roberts Namen plötzlich inne, sank auf die Knie, faltete die erhobenen Hände und appellierte wild an Lady Audley.

„Oh, mein Gott!“, rief sie. „Sagen Sie, dass es nicht wahr ist, meine gnädige Frau, sagen Sie, dass es nicht wahr ist! Es ist zu schrecklich, es ist zu schrecklich, es ist zu schrecklich!“

„Was ist zu schrecklich?“

„Der Gedanke, der in meinem Geist ist; der schreckliche Gedanke, der in meinem Geist ist.“

„Was meinst du, Mädchen?“, rief meine gnädige Frau heftig.

„Oh, Gott vergebe mir, wenn ich mich irre!“, keuchte die kniende Frau in abgehackten Sätzen, „und Gott gebe, dass ich es tue. Warum sind Sie zum Schloss gegangen, meine gnädige Frau? Warum waren Sie so darauf versteift, gegen alles zu handeln, was ich sagen konnte – Sie, die so verbittert gegen Mr. Audley und gegen Luke sind und die wussten, dass sie beide unter diesem Dach waren? Oh, sagen Sie mir, dass ich Ihnen ein grausames Unrecht tue, meine gnädige Frau; sagen Sie es mir – sagen Sie es mir! Denn so wahr ein Himmel über mir ist, glaube ich, dass Sie heute Abend mit Absicht an jenen Ort gegangen sind, um ihn in Brand zu stecken. Sagen Sie mir, dass ich mich irre, meine gnädige Frau; sagen Sie mir, dass ich Ihnen ein böses Unrecht tue.“

„Ich werde dir gar nichts sagen, außer dass du eine verrückte Frau bist“, antwortete Lady Audley mit kalter, harter Stimme. „Steh auf, Närrin, Idiotin, Feigling! Ist dein Ehemann ein so kostbares Schnäppchen, dass du dort im Staub kriechen, jammern und stöhnen musst? Was ist Robert Audley für dich, dass du dich wie eine Verrückte aufführst, weil du glaubst, er sei in Gefahr? Woher willst du wissen, dass das Feuer in Mount Stanning ist? Du siehst einen roten Fleck am Himmel und schreist sofort, dass deine eigene elende Hütte in Flammen steht, als gäbe es keinen anderen Ort auf der Welt, der brennen könnte. Das Feuer mag in Brentwood sein oder weiter weg – in Romford oder noch weiter weg, vielleicht auf der östlichen Seite von London. Steh auf, verrückte Frau, geh zurück und kümmere dich um dein Hab und Gut, deinen Ehemann und deinen Untermieter. Steh auf und geh: Ich will dich nicht.“

„Oh! meine gnädige Frau, meine gnädige Frau, vergeben Sie mir“, schluchzte Phoebe; „es gibt nichts, was Sie mir sagen könnten, das hart genug wäre, weil ich Ihnen ein solches Unrecht getan habe, selbst in meinen Gedanken. Ihre grausamen Worte machen mir nichts aus – nichts macht mir etwas aus, wenn ich mich irre.“

„Geh zurück und sieh selbst nach“, antwortete Lady Audley streng. „Ich sage dir noch einmal, ich will dich nicht.“

Sie ging in die Dunkelheit davon und ließ Phoebe Marks auf der harten Straße zurück, wo sie sich in dieser Agonie des Flehens niedergeworfen hatte. Sir Michaels Frau ging auf das Haus zu, in dem ihr Ehemann schlief, während die rote Lohe den Himmel hinter ihr erhellte und nichts als die Schwärze der Nacht vor ihr lag.

KAPITEL XXXIII.

DER ÜBERBRINGER DER NACHRICHT.

Es war sehr spät am nächsten Morgen, als Lady Audley ihr Ankleidezimmer verließ, exquisit gekleidet in ein Morgenkostüm aus zartem Musselin, feinen Spitzen und Stickereien; aber mit einem sehr blassen Gesicht und violetten Schattenhalbkreisen unter ihren Augen. Sie erklärte dieses blasse Gesicht und diese hohlen Augen damit, dass sie in der vergangenen Nacht bis zu einer sehr späten Stunde aufgeblieben sei und gelesen habe.

Sir Michael und seine junge Frau frühstückten in der Bibliothek an einem gemütlichen runden Tisch, der dicht an das lodernde Feuer geschoben war; und Alicia war gezwungen, diese Mahlzeit mit ihrer Stiefmutter zu teilen, wie sehr sie diese Dame auch in der langen Zeit zwischen Frühstück und Abendessen meiden mochte.

Der Märzmorgen war öde und trüb, und ein nieselnder Regen fiel unaufhörlich, verdunkelte die Landschaft und ließ die Ferne verschwimmen. Es gab nur sehr wenige Briefe mit der Morgenpost; die Tageszeitungen trafen erst mittags ein; und da solche Gesprächshilfen fehlten, wurde am Frühstückstisch nur sehr wenig gesprochen.

Alicia blickte auf den nieselnden Regen, der gegen die breiten Fensterscheiben trieb.

„Kein Ausritt heute“, sagte sie; „und keine Aussicht auf Besucher, die uns aufheitern könnten, es sei denn, dieser lächerliche Bob kommt aus Mount Stanning durch die Nässe gekrochen.“

Haben Sie jemals gehört, dass jemand, von dem Sie wussten, dass er tot war, von einer anderen Person, die nichts von seinem Tod wusste, auf eine leichte, lockere Art erwähnt wurde – erwähnt als jemand, der dies oder jenes tut, als jemand, der eine triviale alltägliche Tätigkeit verrichtet –, wenn Sie wissen, dass er vom Angesicht dieser Erde verschwunden ist und sich für immer von allen lebenden Geschöpfen und ihren alltäglichen Beschäftigungen in der schrecklichen Feierlichkeit des Todes getrennt hat? Eine solche beiläufige Erwähnung, so unbedeutend sie auch sein mag, kann einen seltsamen Schmerz durch den Geist schicken. Die unwissende Bemerkung wirkt disharmonisch auf das überempfindliche Gehirn; der König der Schrecken wird durch diese unbewusste Respektlosigkeit entweiht. Gott weiß, welchen verborgenen Grund meine gnädige Frau gehabt haben mag, bei der plötzlichen Erwähnung von Mr. Audleys Namen eine solche Regung zu verspüren, aber ihr blasses Gesicht bleichte zu einem kränklichen Weiß, als Alicia Audley von ihrem Cousin sprach.

„Ja, er wird vielleicht hierher in die Nässe kommen“, fuhr die junge Dame fort, „mit seinem Hut, glatt und glänzend, als wäre er mit einem Stück frischer Butter gebürstet worden, und mit weißen Dämpfen, die aus seinen Kleidern dampfen und ihn wie einen ungeschickten Dschinn aussehen lassen, der gerade aus seiner Flasche gelassen wurde. Er wird hierherkommen und Abdrücke seiner schlammigen Stiefel auf dem ganzen Teppich hinterlassen, und er wird sich in seinem nassen Überzieher auf deinen Gobelin-Wandteppich setzen, meine gnädige Frau; und er wird dich beschimpfen, wenn du widersprichst, und fragen, warum die Leute Stühle haben, auf denen man nicht sitzen darf, und warum du nicht im Figtree Court lebst, und –“

Sir Michael Audley betrachtete seine Tochter mit nachdenklicher Miene, während sie von ihrem Cousin sprach. Sie sprach sehr oft von ihm, verspottete ihn und wetterte gegen ihn in nicht sehr gemessenen Begriffen. Aber vielleicht dachte der Baronet an eine gewisse Signora Beatrice, die einen Gentleman namens Benedick sehr grausam behandelte, die aber vielleicht gleichzeitig von ganzem Herzen in ihn verliebt war.

„Was glaubst du, was Major Melville mir gestern gesagt hat, als er hier war, Alicia?“, fragte Sir Michael nach einer Weile.

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, antwortete Alicia ziemlich verächtlich. „Vielleicht hat er dir gesagt, dass wir bald wieder einen Krieg haben werden, bei Gott, mein Herr; oder vielleicht hat er dir gesagt, dass wir ein neues Ministerium haben werden, bei Gott, mein Herr, weil diese Kerle sich in ein Chaos stürzen, mein Herr; oder dass diese anderen Kerle dies reformieren und jenes kürzen und das andere in der Armee ändern, bis wir, bei Gott, mein Herr, nach und nach gar keine Armee mehr haben werden – nichts als ein Haufen Jungs, mein Herr, vollgestopft bis zu den Augen mit einer Menge sinnlosem Schulmeister-Müll und gekleidet in kurze Uniformjacken und Kalikohelme. Ja, mein Herr, sie kämpfen heute noch in Oudh in Kalikohelmen, mein Herr.“

„Du bist ein unverschämtes Gör, mein Fräulein“, antwortete der Baronet. „Major Melville hat mir nichts dergleichen erzählt; aber er hat mir gesagt, dass ein sehr ergebener Bewunderer von dir, ein gewisser Sir Harry Towers, seinen Wohnsitz in Hertfordshire und seinen Jagdstall verlassen hat und für eine zwölfmonatige Reise auf den Kontinent gegangen ist.“

Miss Audley errötete plötzlich bei der Erwähnung ihres alten Verehrers, fasste sich aber sehr schnell wieder.

„Er ist also auf den Kontinent gegangen?“, sagte sie gleichgültig. „Er hat mir gesagt, dass er das vorhatte – wenn – wenn er nicht alles nach seinem Kopf haben konnte. Der arme Kerl! Er ist ein liebes, gutherziges, dummes Geschöpf und zwanzigmal besser als dieser wandernde, patentierte Kühlschrank, Mr. Robert Audley.“

„Ich wünschte, Alicia, du würdest Bob nicht so gerne verspotten“, sagte Sir Michael ernst. „Bob ist ein guter Kerl, und ich habe ihn so lieb, als wäre er mein eigener Sohn gewesen; und – und – ich habe mich in letzter Zeit sehr unwohl wegen ihm gefühlt. Er hat sich in den letzten Tagen sehr verändert, und er hat sich alle möglichen absurden Ideen in den Kopf gesetzt, und meine gnädige Frau hat mich wegen ihm beunruhigt. Sie glaubt –“

Lady Audley unterbrach ihren Ehemann mit einem ernsten Kopfschütteln.

„Es ist besser, noch nicht zu viel darüber zu sagen“, sagte sie; „Alicia weiß, was ich denke.“

„Ja“, antwortete Miss Audley, „meine gnädige Frau glaubt, dass Bob verrückt wird, aber ich weiß es besser. Er ist überhaupt nicht die Art von Person, die verrückt wird. Wie sollte ein so träger, grabenartiger Verstand wie seiner jemals in ein Sturmgeheul geraten? Er mag sich vielleicht den Rest seines Lebens in einem ruhigen Zustand des Halbtums bewegen, wobei er unvollkommen begreift, wer er ist, wohin er geht und was er tut – aber er wird niemals verrückt werden.“

Sir Michael antwortete nicht darauf. Er war durch sein Gespräch mit meiner gnädigen Frau am Vorabend sehr aufgewühlt gewesen und hatte seitdem stillschweigend über die schmerzliche Frage in seinem Geist debattiert.

Seine Frau – die Frau, die er am meisten liebte und an die er am meisten glaubte – hatte ihm mit allem Anschein von Bedauern und Aufregung ihre Überzeugung von der Verrücktheit seines Neffen mitgeteilt. Er versuchte vergeblich, zu dem Schluss zu kommen, den er am sehnlichsten erreichen wollte; er versuchte vergeblich zu glauben, dass meine gnädige Frau von ihren eigenen Phantasien irregeführt wurde und keine Grundlage für das hatte, was sie sagte. Aber dann blitzte es ihm plötzlich auf, dass dies zu denken bedeutete, zu einem schlimmeren Schluss zu kommen; es bedeutete, den schrecklichen Verdacht von seinem Neffen auf seine Frau zu übertragen. Sie schien von einer tatsächlichen Überzeugung von Roberts Verrücktheit besessen zu sein. Sich vorzustellen, dass sie sich irrte, hieß, sich irgendeine Schwäche in ihrem eigenen Geist vorzustellen. Je länger er über das Thema nachdachte, desto mehr quälte und verwirrte es ihn. Es war nur allzu sicher, dass der junge Mann immer exzentrisch gewesen war. Er war vernünftig, er war einigermaßen klug, er war ehrenhaft und gentlemanlike in seinen Gefühlen, wenn auch vielleicht ein wenig nachlässig in der Ausübung gewisser kleinerer sozialer Pflichten; aber es gab einige leichte Unterschiede, die nicht leicht zu definieren waren, die ihn von anderen Männern seines Alters und seiner Position unterschieden. Dann war es ebenso wahr, dass er sich sehr verändert hatte in der Zeit, die auf das Verschwinden von George Talboys gefolgt war. Er war mürrisch und nachdenklich, melancholisch und geistesabwesend geworden. Er hatte sich von der Gesellschaft ferngehalten, hatte stundenlang dagesessen, ohne zu sprechen; hatte zu anderen Zeitpunkten in Anfällen und Schüben geredet; und hatte sich ungewöhnlich aufgeregt bei der Diskussion von Themen, die anscheinend weit außerhalb der Region seines eigenen Lebens und seiner Interessen lagen. Dann gab es sogar noch eine andere Region, die den Fall meiner gnädigen Frau gegen diesen unglücklichen jungen Mann zu stärken schien. Er war in der häufigen Gesellschaft seiner Cousine Alicia aufgewachsen – seiner hübschen, liebenswürdigen Cousine –, auf die Interesse und, wie man hätte meinen sollen, Zuneigung natürlich als seine passendste Braut hindeuteten. Mehr als das, das Mädchen hatte ihm in der unschuldigen Arglosigkeit einer transparenten Natur gezeigt, dass es ihr zumindest nicht an Zuneigung fehlte; und doch, trotz alledem, hatte er sich ferngehalten und hatte zugelassen, dass andere um ihre Hand anhielten und von ihr abgewiesen wurden, und hatte dennoch kein Zeichen gegeben.

Nun ist Liebe ein so subtiles Wesen, ein so undefinierbares metaphysisches Wunder, dass ihre gebührende Kraft, obwohl sie vom Leidenden selbst sehr grausam empfunden wird, von denjenigen, die ihre Qualen betrachten und sich wundern, warum er das gewöhnliche Fieber so schlecht verträgt, nie klar verstanden wird. Sir Michael argumentierte, dass es, weil Alicia ein hübsches und liebenswürdiges Mädchen war, daher außergewöhnlich und unnatürlich sei, dass Robert Audley sich nicht gebührend in sie verliebt habe. Dieser Baronet, der kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag zum ersten Mal jener einen Frau begegnet war, die von allen Frauen der Welt die Macht hatte, die Pulse seines Herzens zu beschleunigen, wunderte sich, warum Robert das Fieber nicht vom ersten Hauch der Ansteckung an bekam, der ihm entgegenwehte. Er vergaß, dass es Männer gibt, die ihre Wege unversehrt inmitten von Legionen schöner und großzügiger Frauen gehen, um schließlich vor irgendeiner hartherzigen Furie zu erliegen, die das Geheimnis jenes einzigen Liebestranks kennt, der ihn berauschen und verhexen kann. Er hatte vergessen, dass es gewisse Jacks gibt, die durchs Leben gehen, ohne die ihnen von der Nemesis zugedachte Jill zu treffen, und vielleicht als alte Junggesellen sterben, während die arme Jill als alte Jungfer auf der anderen Seite der Trennwand vor sich hin schmachtet. Er vergaß, dass die Liebe, die ein Wahnsinn und eine Geißel und ein Fieber und eine Täuschung und eine Schlinge ist, auch ein Mysterium ist und von jedem nur sehr unvollkommen verstanden wird, außer von dem einzelnen Leidenden, der sich unter ihren Qualen windet. Jones, der wild in Miss Brown verliebt ist und nachts wach liegt, bis er sein bequemes Kopfkissen verabscheut und seine Laken in seinen Qualen zu zwei verdrehten Stofflumpen zerknüllt, als wäre er ein Gefangener und wollte sie zu improvisierten Seilen winden; dieser selbe Jones, der den Russell Square für einen magischen Ort hält, weil seine Göttin dort wohnt, der die Bäume in diesem Gehege und den Himmel darüber grüner und blauer hält als andere Bäume oder den Himmel, und der einen Stich, ja, einen tatsächlichen Stich der gemischten Hoffnung, Freude, Erwartung und des Terrors verspürt, wenn er aus der Guilford Street kommt, die Höhen von Islington herabsteigt, in jene heiligen Gefilde; dieser selbe Jones ist hart und gefühllos gegenüber den Qualen von Smith, der Miss Robinson verehrt und sich nicht vorstellen kann, was der verblendete Kerl an dem Mädchen finden kann. So war es mit Sir Michael Audley. Er betrachtete seinen Neffen als ein Exemplar einer sehr großen Klasse junger Männer und seine Tochter als ein Exemplar einer ebenso umfangreichen Klasse weiblicher Waren und konnte nicht sehen, warum die beiden Exemplare kein sehr respektables Paar abgeben sollten. Er ignorierte all jene infinitesimalen Unterschiede in der Natur, die das bekömmliche Essen des einen Mannes zum tödlichen Gift des anderen machen. Wie schwierig ist es manchmal zu glauben, dass ein Mann so ein liebstes Lieblingsgericht nicht mag. Wenn bei einer Dinnerparty ein sanft aussehender Gast frühen Lachs und Gurken oder grüne Erbsen im Februar ablehnt, stufen wir ihn als armen Verwandten ein, dessen Instinkte ihn vor diesen teuren Tellern warnen. Wenn ein Ratsherr erklären würde, dass er kein grünes Fett mag, würde er als sozialer Märtyrer angesehen werden, ein Marcus Curtius der Tafel, der sich zum Wohl seinesgleichen opferte. Seine Ratskollegen würden an alles glauben, nur nicht an eine häretische Abneigung gegen die städtische Ambrosia der Suppenterrine. Aber es gibt Menschen, die Lachs und Weißfisch und Frühlingsküken und allerlei altbewährte Delikatessen nicht mögen, und es gibt andere Menschen, die exzentrische und verabscheuungswürdige Gerichte bevorzugen, die im Allgemeinen als ekelhaft stigmatisiert werden.

Ach, meine hübsche Alicia, dein Cousin liebte dich nicht! Er bewunderte dein rosiges englisches Gesicht und hatte eine zärtliche Zuneigung zu dir, die sich vielleicht nach und nach zu etwas Warmem genug für die Ehe ausgeweitet hätte, jene alltägliche Trottel-Art der Verbindung, die keine sehr leidenschaftliche Hingabe verlangt, wäre da nicht ein plötzlicher Dämpfer gewesen, den sie in Dorsetshire erhalten hatte. Ja, Robert Audleys wachsende Zuneigung zu seiner Cousine, eine Pflanze von sehr langsamem Wachstum, wie ich gestehen muss, war an jenem bitteren Februartag, an dem er unter den Pinien gestanden und mit Clara Talboys gesprochen hatte, plötzlich verkümmert und gestoppt worden. Seit jenem Tag hatte der junge Mann ein unangenehmes Gefühl, wenn er an die arme Alicia dachte. Er betrachtete sie auf vage Weise als eine Belastung für die Freiheit seiner Gedanken; er hatte eine nachhängende Angst, dass er ihr in irgendeiner stillschweigenden Weise versprochen sei; dass sie eine Art Anspruch auf ihn habe, der ihm das Recht verbot, an eine andere Frau zu denken. Ich glaube, es war das Bild von Miss Audley, das ihm in diesem Licht präsentiert wurde, das den jungen Anwalt zu jenen Ausbrüchen von splenetischer Wut gegen das weibliche Geschlecht trieb, zu denen er zu bestimmten Zeiten neigte. Er war streng ehrenhaft, so ehrenhaft, dass er sich lieber auf dem Altar der Wahrheit und Alicias geopfert hätte, als ihr das geringste Unrecht anzutun, obwohl er dadurch seinen eigenen Komfort und sein Glück hätte sichern können.

„Wenn das arme kleine Mädchen mich liebt“, dachte er, „und wenn sie glaubt, dass ich sie liebe, und durch irgendein Wort oder eine Tat von mir dazu gebracht wurde, das zu glauben, bin ich pflichtschuldigst verpflichtet, sie das bis ans Ende aller Zeiten glauben zu lassen und jedes stillschweigende Versprechen zu erfüllen, das ich vielleicht unbewusst gemacht habe. Ich dachte einmal – ich hatte einmal vor –, ihr nach und nach einen Antrag zu machen, wenn dieses schreckliche Geheimnis um George Talboys geklärt und alles friedlich geregelt wäre – aber jetzt –“

Seine Gedanken wanderten normalerweise an diesem Punkt seiner Reflexionen ab und trugen ihn dorthin, wo er nie hinwollte; trugen ihn zurück unter die Pinien in Dorsetshire und setzten ihn wieder von Angesicht zu Angesicht mit der Schwester seines verschwundenen Freundes, und es war im Allgemeinen eine sehr mühsame Reise, auf der er zu dem Punkt zurückkehrte, von dem er abgewichen war. Es war so schwierig für ihn, sich von dem verkümmerten Gras und den Pinien loszureißen.

„Armes kleines Mädchen!“, dachte er, als er zu Alicia zurückkehrte. „Wie gut von ihr, mich zu lieben, und wie dankbar sollte ich für ihre Zärtlichkeit sein. Wie viele Kerle würden ein solches großzügiges, liebendes Herz für das höchste Geschenk halten, das die Erde ihnen geben könnte. Da ist Sir Harry Towers, der vor Verzweiflung über seine Abweisung vergeht. Er würde mir die Hälfte seines Anwesens, sein ganzes Anwesen, zweimal sein Anwesen geben, wenn er es hätte, um in den Schuhen zu stecken, die ich von meinen undankbaren Füßen zu schütteln wünsche. Warum liebe ich sie nicht? Warum ist es so, dass ich sie zwar für hübsch und rein und gut und wahrhaftig halte, sie aber nicht liebe? Ihr Bild verfolgt mich nie, außer vorwurfsvoll. Ich sehe sie nie in meinen Träumen. Ich wache nie plötzlich mitten in der Nacht auf, mit ihren Augen, die auf mich scheinen, und ihrem warmen Atem auf meiner Wange, oder mit den Fingern ihrer weichen Hand, die sich an meine klammern. Nein, ich bin nicht in sie verliebt, ich kann mich nicht in sie verlieben.“

Er tobte und rebellierte gegen seine Undankbarkeit. Er versuchte, sich zu einer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an seine Cousine zu überreden, aber er scheiterte kläglich, und je mehr er versuchte, an Alicia zu denken, desto mehr dachte er an Clara Talboys. Ich spreche jetzt von seinen Gefühlen in der Zeit, die zwischen seiner Rückkehr aus Dorsetshire und seinem Besuch in Grange Heath verging.

Sir Michael saß nach dem Frühstück an diesem elenden regnerischen Morgen am Kamin der Bibliothek, schrieb Briefe und las die Zeitungen. Alicia schloss sich in ihrem eigenen Zimmer ein, um den dritten Band eines Romans zu lesen. Lady Audley schloss die Tür des achteckigen Vorzimmers ab und wanderte den ganzen Morgen über durch die Zimmerflucht vom Schlafzimmer bis zum Boudoir.

Sie hatte die Tür abgeschlossen, um sich vor der Möglichkeit zu schützen, dass jemand plötzlich hereinkam und sie beobachtete, bevor sie sich dessen bewusst war – bevor sie genug Warnung erhalten hatte, um ihrer Prüfung standhalten zu können. Ihr blasses Gesicht schien noch blasser zu werden, je weiter der Morgen voranschritt. Ein winziger Medizinschrank stand offen auf dem Schminktisch, und kleine Fläschchen mit rotem Lavendel, Salmiakgeist, Chloroform, Chlorodyn und Äther waren verstreut. Einmal hielt meine gnädige Frau vor diesem Medizinschrank inne und nahm die verbleibenden Flaschen heraus, vielleicht halb geistesabwesend, bis sie zu einer kam, die mit einer dicken, dunklen Flüssigkeit gefüllt war und mit „Opium – Gift“ beschriftet war.

Sie spielte lange Zeit mit dieser letzten Flasche; hielt sie gegen das Licht und nahm sogar den Stopfen ab und roch an der krankhaften Flüssigkeit. Aber sie legte sie plötzlich mit einem Schaudern von sich. „Wenn ich könnte!“, murmelte sie, „wenn ich es nur tun könnte! Und doch, warum sollte ich es jetzt tun?“

Sie ballte ihre kleinen Hände, als sie die letzten Worte aussprach, und ging zum Fenster des Ankleidezimmers, das direkt auf jenen von Efeu bewachsenen Torbogen blickte, unter dem jeder hindurchkommen musste, der von Mount Stanning zum Hof kam.

Es gab kleinere Tore in den Gärten, die in die Wiesen hinter dem Hof führten, aber es gab keinen anderen Weg, von Mount Stanning oder Brentwood zu kommen, als durch den Haupteingang.

„Ich weiß nicht, wie ich es tun sollte, oder ob ich es überhaupt tun kann“, sagte sie. „Ich bin keine Mörderin. Ich habe kein Blut an meinen Händen. Ich habe nur... nur...“

Sie hielt inne und sah ihn mit einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung an.

„Sie haben nur versucht, mich zu töten“, sagte Robert ruhig. „Das ist alles. Und ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass dieser Versuch gescheitert ist. Sie sind in die Falle gegangen, die Sie selbst gestellt haben. Sie haben das Feuer gelegt, um den Zeugen zu beseitigen, der Ihr Geheimnis kannte. Aber Sie haben nicht mit der Vorsicht des Mannes gerechnet, den Sie zu vernichten suchten.“

„Ich habe das Feuer nicht gelegt! Ich war nicht in Mount Stanning!“ rief sie, doch ihre Stimme klang hohl und unüberzeugend.

„Sie waren dort“, entgegnete Robert. „Ich habe Sie gesehen. Ich habe Sie am Abend zuvor bei der Frau gesehen, die Sie Ihre ehemalige Dienerin nennen. Ich habe die Zeichen Ihres Zusammenbruchs gesehen, als Sie das Haus verließen. Alles fügt sich zusammen, wie die Teile eines Puzzles, das ich nur zu genau zusammensetzen kann. Wollen Sie, dass ich Sir Michael alles erzähle? Wollen Sie, dass er erfährt, wer seine Frau in Wahrheit ist?“

Lady Audley stand auf. Sie wirkte plötzlich nicht mehr wie die gebrochene Frau, die vor dem Feuer gekniet hatte. Eine eiskalte Ruhe legte sich über ihre Züge.

„Tun Sie es“, sagte sie leise. „Erzählen Sie ihm alles. Zerstören Sie sein Leben, ruinieren Sie seinen Namen, vernichten Sie sein Glück. Es wird Ihnen keinen Sieg verschaffen, Robert Audley. Wenn ich falle, werde ich nicht allein fallen. Denken Sie daran.“

„Ich denke an nichts als an die Wahrheit“, sagte er.

„Die Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert“, flüsterte sie, während sie einen Schritt auf ihn zuging. „Sie haben mich in die Enge getrieben. Sie haben mir keine Wahl gelassen. Wenn dies das Ende ist, so soll es so sein. Aber wisse, dass ich nicht aus Reue oder Furcht spreche, sondern weil das Schicksal selbst gegen mich konspiriert hat.“

Sie trat in den Lichtkreis der Lampen, und ihr Gesicht, das eben noch bleich und gezeichnet von Qualen gewesen war, nahm einen Ausdruck von einer Härte an, die ihn erschauern ließ.

„Sie wollen die Wahrheit?“, fragte sie. „Sie wollen wissen, warum ich das getan habe? Dann hören Sie zu. Aber seien Sie gewarnt: Wenn Sie diese Worte einmal gehört haben, gibt es kein Zurück mehr. Ihr Leben wird nie wieder so sein wie zuvor.“

„Ich bin bereit“, sagte Robert.

Lady Audley atmete tief ein. Ihre Augen funkelten wie die eines gefangenen Tieres, das sich zum letzten Sprung bereit macht.

„Dann hören Sie“, begann sie, und ihre Stimme war nun fest, fast mechanisch. „Es begann nicht in Mount Stanning. Es begann vor langer, langer Zeit, an einem Ort, an den Sie niemals gelangen werden, in einem Leben, das längst unter einer Schicht aus Lügen begraben liegt.“

„Bei dem Feuer letzte Nacht ist kein Leben verloren gegangen. Ich habe leicht geschlafen, meine Dame, denn mein Geist war beunruhigt, wie er es schon lange war, durch das Elend, von dem ich wusste, dass es über diesem Hause lastete. Ich war es, der den Ausbruch des Feuers rechtzeitig entdeckte, um Alarm zu schlagen und das Dienstmädchen sowie den armen, betrunkenen Unglücklichen zu retten, der trotz unserer Bemühungen schwer verbrannt ist und nun in einem bedenklichen Zustand in der Hütte seiner Mutter liegt. Von ihm und seiner Frau erfuhr ich, wer in der tiefen Nacht das Castle Inn besucht hatte. Die Frau war fast von Sinnen, als sie mich sah, und von ihr erfuhr ich die Einzelheiten der letzten Nacht. Der Himmel weiß, welche anderen Geheimnisse von Ihnen sie noch hüten mag, meine Dame, oder wie leicht sie ihr entlockt werden könnten, wenn ich ihre Hilfe wollte, was ich nicht tue. Mein Weg liegt sehr gerade vor mir. Ich habe geschworen, den Mörder von George Talboys der Gerechtigkeit zuzuführen, und ich werde meinen Eid halten. Ich sage, dass mein Freund durch Ihr Handeln den Tod fand. Wenn ich mich manchmal gewundert habe, wie es nur natürlich war, ob ich nicht das Opfer einer schrecklichen Halluzination sei, ob eine solche Alternative nicht wahrscheinlicher sei, als dass eine junge und liebliche Frau zu einem so abscheulichen und verräterischen Mord fähig sein sollte, so ist alles Staunen vorbei. Nach der Gräueltat der letzten Nacht gibt es kein Verbrechen, das Sie begehen könnten, wie ungeheuerlich und unnatürlich es auch sein mag, das mich noch in Erstaunen versetzen könnte. Von nun an müssen Sie mir nicht länger als Frau erscheinen, als eine schuldige Frau mit einem Herzen, das in seiner schlimmsten Bosheit doch noch die verborgene Fähigkeit besitzt, zu leiden und zu fühlen; ich betrachte Sie von nun an als die dämonische Verkörperung eines bösen Prinzips. Aber Sie sollen diesen Ort nicht länger durch Ihre Anwesenheit beschmutzen. Wenn Sie nicht im Beisein des Mannes, den Sie so lange getäuscht haben, bekennen, was und wer Sie sind, und von ihm und mir jene Gnade annehmen, die wir Ihnen womöglich gewähren wollen, werde ich die Zeugen zusammenrufen, die Ihre Identität beschwören werden, und unter der Gefahr jeglicher Schande für mich selbst und diejenigen, die ich liebe, werde ich die gerechte und schreckliche Strafe für Ihr Verbrechen über Sie bringen.“

Die Frau erhob sich plötzlich und stand aufrecht und entschlossen vor ihm, das Haar aus dem Gesicht gestrichen und die Augen funkelnd.

„Holen Sie Sir Michael!“, rief sie; „holen Sie ihn her, und ich werde alles bekennen – einfach alles. Was kümmert es mich? Gott weiß, ich habe hart genug gegen Sie angekämpft und den Kampf geduldig genug geführt; aber Sie haben gesiegt, Mr. Robert Audley. Es ist ein großer Triumph, nicht wahr – ein wunderbarer Sieg? Sie haben Ihren kühlen, berechnenden, eisigen, hellwachen Intellekt für einen edlen Zweck eingesetzt. Sie haben gesiegt – über eine WAHNSINNIGE!“

„Eine Wahnsinnige!“, rief Mr. Audley.

„Ja, eine Wahnsinnige. Wenn Sie sagen, dass ich George Talboys getötet habe, sagen Sie die Wahrheit. Wenn Sie sagen, dass ich ihn verräterisch und abscheulich ermordet habe, lügen Sie. Ich habe ihn getötet, weil ICH WAHNSINNIG BIN! Weil mein Intellekt ein kleines Stück auf der falschen Seite jener engen Grenzlinie zwischen Vernunft und Wahnsinn liegt; weil mein Geist, nie richtig im Gleichgewicht, als George Talboys mich stachelte, wie Sie mich gestachelt haben, und mir Vorwürfe machte und mich bedrohte, völlig das Gleichgewicht verlor, und ich war wahnsinnig! Holen Sie Sir Michael; und holen Sie ihn schnell. Wenn ihm schon eine Sache gesagt werden soll, dann soll ihm alles gesagt werden; er soll das Geheimnis meines Lebens hören!“

Robert Audley verließ das Zimmer, um nach seinem Onkel zu suchen. Er begab sich auf die Suche nach diesem geehrten Verwandten, Gott weiß mit welch schwerer Last von Qual in seinem Herzen, denn er wusste, dass er dabei war, den Tagtraum des Lebens seines Onkels zu zerstören; und er wusste, dass unsere Träume nicht weniger schrecklich zu verlieren sind, nur weil sie niemals die Realitäten waren, für die wir sie gehalten haben. Doch selbst inmitten seines Kummers um Sir Michael musste er sich über die letzten Worte meiner Dame wundern – „das Geheimnis meines Lebens“. Er erinnerte sich an jene Zeilen in dem Brief, den Helen Talboys am Vorabend ihrer Flucht aus Wildernsea geschrieben hatte, die ihn so sehr verwirrt hatten. Er erinnerte sich an diese flehenden Sätze – „Du solltest mir verzeihen, denn du weißt, warum ich so gewesen bin. Du kennst das Geheimnis meines Lebens.“

Er traf Sir Michael in der Halle. Er unternahm keinen Versuch, den Weg für die schreckliche Enthüllung zu ebnen, die der Baronet hören sollte. Er zog ihn nur in die vom Kaminfeuer erleuchtete Bibliothek und sprach ihn dort zum ersten Mal ruhig wie folgt an: „Lady Audley hat Ihnen ein Geständnis zu machen, Sir – ein Geständnis, von dem ich weiß, dass es eine grausamste Überraschung, ein bitterster Kummer sein wird. Aber es ist für Ihre gegenwärtige Ehre und für Ihren zukünftigen Frieden notwendig, dass Sie es hören. Sie hat Sie, das muss ich leider sagen, aufs Niederträchtigste getäuscht; aber es ist nur recht, dass Sie aus ihrem eigenen Mund alle Entschuldigungen hören, die sie für ihre Bosheit vorzubringen hat. Möge Gott Ihnen diesen Schlag erleichtern!“, schluchzte der junge Mann, der plötzlich zusammenbrach; „ich kann es nicht!“

Sir Michael hob seine Hand, als wolle er seinem Neffen befehlen zu schweigen, doch diese gebieterische Hand sank schwach und kraftlos an seiner Seite herab. Er stand in der Mitte des vom Feuer beleuchteten Raumes, starr und unbeweglich.

„Lucy!“, rief er mit einer Stimme, deren Qual wie ein Schlag auf die strapazierten Nerven derer traf, die sie hörten, wie der Schrei eines verwundeten Tieres den Zuhörer schmerzt – „Lucy, sag mir, dass dieser Mann ein Wahnsinniger ist! Sag es mir, meine Liebe, sonst werde ich ihn töten!“

Es lag eine plötzliche Wut in seiner Stimme, als er sich zu Robert umwandte, als hätte er den Ankläger seiner Frau tatsächlich mit der Kraft seines erhobenen Arms zu Boden strecken können.

Doch meine Dame fiel ihm zu Füßen auf die Knie und stellte sich zwischen den Baronet und seinen Neffen, der sich auf die Lehne eines Lehnstuhls stützte und sein Gesicht mit der Hand verbarg.

„Er hat Ihnen die Wahrheit gesagt“, sagte meine Dame, „und er ist nicht wahnsinnig! Ich habe ihn zu Ihnen geschickt, damit ich Ihnen alles bekennen kann. Ich würde Mitleid mit Ihnen haben, wenn ich könnte, denn Sie waren sehr, sehr gut zu mir, viel besser zu mir, als ich es jemals verdient habe; aber ich kann nicht, ich kann nicht – ich kann nichts anderes fühlen als mein eigenes Elend. Ich habe Ihnen vor langer Zeit gesagt, dass ich egoistisch bin; ich bin immer noch egoistisch – egoistischer denn je in meinem Elend. Glückliche, wohlhabende Menschen können vielleicht mit anderen mitfühlen. Ich lache über das Leid anderer; es erscheint so klein im Vergleich zu meinem eigenen.“

Als meine Dame zuerst auf die Knie gefallen war, hatte Sir Michael versucht, sie aufzuheben, und ihr zugeredet; doch während sie sprach, sank er in einen Stuhl ganz in der Nähe der Stelle, auf der sie kniete, und mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf, um jede Silbe dieser schrecklichen Worte aufzufangen, lauschte er, als ob sein ganzes Wesen in diesem einen Gehörsinn aufgegangen wäre.

„Ich muss Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählen, um Ihnen sagen zu können, warum ich zu dem elenden Geschöpf geworden bin, das keine andere Hoffnung hat, als die, dass man ihm erlaubt, wegzulaufen und sich in einem trostlosen Winkel der Erde zu verstecken. Ich muss Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählen“, wiederholte meine Dame, „aber Sie brauchen nicht zu fürchten, dass ich lange dabei verweile. Sie ist nicht so angenehm für mich gewesen, dass ich mich gerne an sie erinnern möchte. Als ich noch ein sehr kleines Kind war, erinnere ich mich, eine Frage gestellt zu haben, die zu stellen nur allzu natürlich war, Gott stehe mir bei! Ich fragte, wo meine Mutter sei. Ich hatte eine vage Erinnerung an ein Gesicht, wie das, das ich jetzt habe, das mich ansah, als ich kaum mehr als ein Baby war; aber ich hatte das Gesicht plötzlich verloren und es seitdem nie wieder gesehen. Sie sagten mir, Mutter sei fort. Ich war nicht glücklich, denn die Frau, die mich betreute, war eine unangenehme Person, und der Ort, an dem wir lebten, war ein einsamer Ort, ein Dorf an der Küste von Hampshire, etwa sieben Meilen von Portsmouth entfernt. Mein Vater, der bei der Marine war, kam nur hin und wieder, um mich zu sehen; und ich war fast ganz der Obhut dieser Frau überlassen, die unregelmäßig bezahlt wurde und ihre Wut an mir ausließ, wenn mein Vater mit der Überweisung ihres Geldes im Rückstand war. Sie sehen also, dass ich schon sehr früh herausfand, was es heißt, arm zu sein.

Vielleicht war es eher die Unzufriedenheit mit meinem trostlosen Leben als irgendein wunderbarer Impuls der Zuneigung, der mich so oft dieselbe Frage nach meiner Mutter stellen ließ. Ich erhielt immer die gleiche Antwort – sie sei fort. Wenn ich fragte, wohin, sagte man mir, das sei ein Geheimnis. Als ich alt genug war, um die Bedeutung des Wortes Tod zu verstehen, fragte ich, ob meine Mutter tot sei, und man sagte mir: ‚Nein, sie ist nicht tot; sie ist krank, und sie ist fort.‘ Ich fragte, wie lange sie schon krank sei, und man sagte mir, dass sie es schon einige Jahre sei, seit ich ein Baby war.

Schließlich kam das Geheimnis ans Licht. Ich quälte meine Pflegemutter eines Tages mit der alten Frage, als die Überweisungen sehr in Rückstand geraten waren und ihre Geduld ungewöhnlich auf die Probe gestellt worden war. Sie geriet in Wut und sagte mir, dass meine Mutter eine Wahnsinnige sei und dass sie in einer Irrenanstalt vierzig Meilen entfernt sei. Kaum hatte sie das gesagt, bereute sie es und sagte mir, dass es nicht die Wahrheit sei und dass ich es nicht glauben oder sagen dürfe, dass sie mir so etwas erzählt habe. Ich fand später heraus, dass mein Vater sie inständig hatte schwören lassen, mir niemals das Geheimnis des Schicksals meiner Mutter zu verraten.

Ich brütete schrecklich über den Gedanken an den Wahnsinn meiner Mutter. Er verfolgte mich Tag und Nacht. Ich malte mir ständig diese wahnsinnige Frau aus, wie sie in einem abscheulichen Gewand, das ihre gequälten Glieder fesselte, in einer Gefängniszelle auf und ab ging. Ich hatte übersteigerte Vorstellungen von der Grausamkeit ihrer Lage. Ich kannte die verschiedenen Grade des Wahnsinns nicht, und das Bild, das mich verfolgte, war das einer verstörten und gewalttätigen Kreatur, die über mich herfallen und mich töten würde, wenn ich in ihre Reichweite käme. Diese Vorstellung wuchs in mir, bis ich mitten in der Nacht schreiend vor Todesangst aus einem Traum erwachte, in dem ich den eiskalten Griff meiner Mutter an meiner Kehle gespürt und ihr Rasen in meinem Ohr gehört hatte.

Als ich zehn Jahre alt war, kam mein Vater, um die Rückstände bei meiner Beschützerin zu begleichen und mich zur Schule zu bringen. Er hatte mich länger in Hampshire gelassen, als er beabsichtigt hatte, weil er dieses Geld nicht aufbringen konnte; also spürte ich auch hier die Bitterkeit der Armut und lief Gefahr, unter groben bäuerlichen Kindern als unwissendes Geschöpf aufzuwachsen, weil mein Vater arm war.“

Meine Dame hielt einen Moment inne, doch nur um Atem zu holen, denn sie hatte schnell gesprochen, als wäre sie begierig, diese verhasste Geschichte zu erzählen und damit fertig zu sein. Sie war immer noch auf den Knien, doch Sir Michael machte keine Anstalten, sie aufzuheben.

Er saß stumm und unbeweglich. Was war das für eine Geschichte, der er da lauschte? Wessen war sie, und wohin sollte sie führen? Es konnte nicht die seiner Frau sein; er hatte ihre einfache Schilderung ihrer Jugend gehört und sie geglaubt, so wie er an das Evangelium geglaubt hatte. Sie hatte ihm eine sehr kurze Geschichte von einem frühen Waisendasein erzählt und eine lange, ruhige, farblose Jugend, die in der konventionellen Abgeschiedenheit eines englischen Internats verbracht worden war.

„Mein Vater kam schließlich, und ich erzählte ihm, was ich entdeckt hatte. Er war sehr ergriffen, als ich von meiner Mutter sprach. Er war nicht das, was die Welt im Allgemeinen einen guten Mann nennt, aber ich erfuhr später, dass er seine Frau sehr innig geliebt hatte und dass er bereitwillig sein Leben für sie geopfert und sich zu ihrem Vormund gemacht hätte, wäre er nicht gezwungen gewesen, durch die Ausübung seines Berufes das tägliche Brot für die wahnsinnige Frau und ihr Kind zu verdienen. Auch hier sah ich also, was für eine bittere Sache es ist, arm zu sein. Meine Mutter, die von einem hingebungsvollen Ehemann hätte gepflegt werden können, wurde der Obhut bezahlter Pflegerinnen überlassen.

Bevor mein Vater mich zur Schule in Torquay schickte, nahm er mich mit, um meine Mutter zu besuchen. Dieser Besuch diente zumindest dazu, die Vorstellung zu zerstreuen, die mich so oft in Angst und Schrecken versetzt hatte. Ich sah keine rasende, in die Zwangsjacke gesteckte Irre, bewacht von eifrigen Wärtern, sondern ein goldhaariges, blauäugiges, mädchenhaftes Geschöpf, das so leichtsinnig schien wie ein Schmetterling und das mit natürlichen Blumen in den gelben Locken auf uns zutänzelte und uns mit strahlendem Lächeln und fröhlichem, unaufhörlichem Geplapper begrüßte.

Aber sie kannte uns nicht. Sie hätte auf die gleiche Weise zu jedem Fremden gesprochen, der die Tore des Gartens um ihr Gefängnis betreten hätte. Ihr Wahnsinn war eine erbliche Krankheit, die von ihrer Mutter, die wahnsinnig gestorben war, auf sie übertragen worden war. Sie, meine Mutter, war bis zur Stunde meiner Geburt geistig gesund gewesen oder hatte zumindest so gewirkt, doch von dieser Stunde an war ihr Intellekt verfallen, und sie war zu dem geworden, was ich vor mir sah.

Ich ging mit dem Wissen darum fort, und mit dem Wissen, dass das einzige Erbe, das ich von meiner Mutter zu erwarten hatte, Wahnsinn war!

Ich ging mit diesem Wissen im Kopf fort und mit noch etwas anderem – einem Geheimnis, das es zu bewahren galt. Ich war erst zehn Jahre alt, doch ich spürte die ganze Schwere dieser Last. Ich sollte das Geheimnis vom Wahnsinn meiner Mutter bewahren; denn es war ein Geheimnis, das mich in meinem späteren Leben nachteilig beeinflussen könnte. Das sollte ich mir merken.

Ich habe mir das gemerkt; und vielleicht war es das, was mich egoistisch und herzlos machte, denn ich nehme an, dass ich herzlos bin. Als ich älter wurde, sagte man mir, ich sei hübsch – wunderschön – lieblich – bezaubernd. Ich hörte all diese Dinge anfangs gleichgültig, doch nach und nach hörte ich ihnen gierig zu und begann zu denken, dass ich trotz des Geheimnisses meines Lebens in der großen Lotterie der Welt erfolgreicher sein könnte als meine Gefährtinnen. Ich hatte das gelernt, was früher oder später jedes Schulmädchen lernt – ich lernte, dass mein endgültiges Schicksal im Leben von meiner Heirat abhing, und ich kam zu dem Schluss, dass ich, wenn ich tatsächlich hübscher war als meine Mitschülerinnen, besser heiraten sollte als jede von ihnen.

Ich verließ die Schule, bevor ich siebzehn Jahre alt war, mit diesem Gedanken im Kopf, und zog an das andere Ende Englands zu meinem Vater, der sich mit seiner halben Pension zur Ruhe gesetzt hatte und sich in Wildernsea niedergelassen hatte, mit der Vorstellung, der Ort sei billig und vornehm.

Der Ort war in der Tat vornehm. Ich war keinen Monat dort, als ich entdeckte, dass selbst das hübscheste Mädchen lange auf einen reichen Ehemann warten könnte. Ich möchte diesen Teil meines Lebens schnell hinter mich bringen. Ich wage zu sagen, dass ich sehr verachtenswert war. Sie und Ihr Neffe, Sir Michael, waren Ihr ganzes Leben lang reich und können es sich sehr wohl leisten, mich zu verachten; aber ich wusste, wie sehr Armut ein Leben beeinflussen kann, und ich blickte mit einer krankhaften Angst auf ein so beeinflusstes Leben. Endlich kam der reiche Freier, der wandernde Prinz.“

Sie hielt einen Moment inne und schauderte krampfhaft. Es war unmöglich, die Veränderungen in ihrem Gesichtsausdruck zu sehen, denn ihr Gesicht war beharrlich zum Boden gebeugt. Während ihres langen Geständnisses hob sie es kein einziges Mal; während ihres langen Geständnisses wurde ihre Stimme kein einziges Mal von einer Träne gebrochen. Was sie zu erzählen hatte, erzählte sie in einem kalten, harten Ton, sehr ähnlich dem Ton, in dem ein Verbrecher, hartnäckig und mürrisch bis zuletzt, einem Gefängniskaplan gebeichtet haben könnte.

„Der wandernde Prinz kam“, wiederholte sie; „er hieß George Talboys.“

Zum ersten Mal seit Beginn des Geständnisses seiner Frau zuckte Sir Michael Audley zusammen. Er begann nun, alles zu verstehen. Eine Menge unbeachteter Worte und vergessener Umstände, die zu unbedeutend für eine Bemerkung oder Erinnerung erschienen waren, blitzten ihm so lebhaft wieder auf, als wären sie die Hauptereignisse seines vergangenen Lebens gewesen.

„Mr. George Talboys war Kornett in einem Dragonerregiment. Er war der einzige Sohn eines reichen Landedelmanns. Er verliebte sich in mich und heiratete mich drei Monate nach meinem siebzehnten Geburtstag. Ich glaube, ich habe ihn so sehr geliebt, wie es in meiner Macht stand, irgendjemanden zu lieben; nicht mehr, als ich Sie geliebt habe, Sir Michael – nicht so sehr, denn als Sie mich heirateten, erhoben Sie mich in eine Position, die er mir niemals hätte geben können.“

Der Traum war zerbrochen. Sir Michael Audley erinnerte sich an jenen Sommerabend, vor fast zwei Jahren, als er zum ersten Mal seine Liebe für Mr. Dawsons Gouvernante erklärt hatte; er erinnerte sich an das kranke, halb schaudernde Gefühl von Reue und Enttäuschung, das ihn damals befallen hatte, und er hatte das Gefühl, als ob es auf irgendeine Weise dunkel die Qual des heutigen Abends vorausgeahnt hätte.

Doch ich glaube nicht, dass er selbst in seinem Elend diese vollkommene und ungemilderte Überraschung empfand, jene völlige Umkehrung der Gefühle, die man verspürt, wenn eine gute Frau von sich selbst abweicht und zu dem verlorenen Geschöpf wird, das ihr Ehemann in Ehren verabscheuen muss. Ich glaube nicht, dass Sir Michael Audley je wirklich an seine Frau geglaubt hatte. Er hatte sie geliebt und bewundert; er war von ihrer Schönheit verhext und von ihren Reizen verwirrt gewesen; doch dieses Gefühl, dass etwas fehlte, dieses vage Gefühl des Verlusts und der Enttäuschung, das ihn an jenem Sommerabend seiner Verlobung befallen hatte, war seitdem mehr oder weniger deutlich bei ihm geblieben. Ich kann nicht glauben, dass ein ehrlicher Mann, wie rein und einfach sein Geist auch sein mag, wie schlicht vertrauensvoll seine Natur auch sein mag, jemals wirklich durch Falschheit getäuscht wird. Unter dem freiwilligen Vertrauen liegt ein unfreiwilliges Misstrauen, das durch keine Willensanstrengung besiegt werden kann.

„Wir haben geheiratet“, fuhr meine Dame fort, „und ich liebte ihn sehr, ganz gut genug, um mit ihm glücklich zu sein, solange sein Geld reichte, und während wir auf dem Kontinent waren, im besten Stil reisten und immer in den besten Hotels abstiegen. Aber als wir nach Wildernsea zurückkehrten und bei Papa lebten, und das ganze Geld weg war, und George finster und elend wurde und immer an seine Sorgen dachte und mich zu vernachlässigen schien, war ich sehr unglücklich, und es schien, als hätte diese feine Ehe mir letztendlich nur ein Jahr voller Vergnügen und Verschwendung beschert. Ich flehte George an, sich an seinen Vater zu wenden, aber er weigerte sich. Ich überredete ihn, zu versuchen, eine Anstellung zu finden, und er scheiterte. Mein Baby wurde geboren, und die Krise, die für meine Mutter tödlich war, trat für mich ein. Ich entkam, aber ich war nach meiner Genesung vielleicht reizbarer, weniger geneigt, den harten Kampf des Lebens zu führen, eher dazu geneigt, mich über Armut und Vernachlässigung zu beklagen. Ich beklagte mich eines Tages, laut und bitterlich; ich warf George Talboys seine Grausamkeit vor, ein hilfloses Mädchen an Armut und Elend gebunden zu haben, und er geriet in Wut über mich und rannte aus dem Haus. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich einen Brief auf dem Tisch an meinem Bett, der mir mitteilte, dass er an die Antipoden ginge, um sein Glück zu suchen, und dass er mich niemals wiedersehen würde, bis er ein reicher Mann wäre.“

„Ich sah dies als ein Verlassenwerden an und grollte ihm bitterlich – ich grollte ihm, indem ich den Mann hasste, der mich ohne jeden Beschützer außer einem schwachen, trunksüchtigen Vater und mit einem Kind, das versorgt werden musste, zurückgelassen hatte. Ich musste hart für meinen Lebensunterhalt arbeiten, und in jeder Stunde der Mühsal – und welche Mühsal ist ermüdender als die stumpfsinnige Sklaverei einer Gouvernante? – erkannte ich ein neues Unrecht, das George Talboys mir angetan hatte. Sein Vater war reich, seine Schwester lebte in Luxus und Anstand, und ich, seine Frau und die Mutter seines Sohnes, war eine Sklavin, die an Bettelarmut und Dunkelheit gekettet war. Die Leute bemitleideten mich, und ich hasste sie für ihr Mitleid. Ich liebte das Kind nicht, denn er war mir als eine Last in die Hände gelegt worden. Der erbliche Makel, der in meinem Blut lag, hatte sich bis zu dieser Zeit noch durch kein einziges Anzeichen oder Merkmal gezeigt; doch zu dieser Zeit wurde ich von Anfällen von Gewalt und Verzweiflung heimgesucht. Ich glaube, dass mein Geist zu dieser Zeit zum ersten Mal sein Gleichgewicht verlor, und zum ersten Mal überschritt ich jene unsichtbare Linie, die den Verstand vom Wahnsinn trennt. Ich habe gesehen, wie meines Vaters Augen voller Entsetzen und Alarm auf mich gerichtet waren. Ich habe erlebt, wie er mich beruhigte, wie man nur Wahnsinnige und Kinder beruhigt, und ich habe mich gegen seine kleinlichen Kniffe aufgelehnt, ich habe sogar seine Nachsicht übel genommen.

Endlich verdichteten sich diese Anfälle von Verzweiflung zu einem verzweifelten Entschluss. Ich beschloss, aus diesem elenden Heim wegzulaufen, das meine Sklaverei aufrechterhielt. Ich beschloss, diesen Vater zu verlassen, der mehr Furcht als Liebe für mich empfand. Ich beschloss, nach London zu gehen und mich in jenem großen Chaos der Menschheit zu verlieren.

Ich hatte eine Anzeige in der Times gesehen, während ich in Wildernsea war, und ich stellte mich bei Mrs. Vincent, der Inserentin, unter einem angenommenen Namen vor. Sie nahm mich an und verzichtete auf alle Fragen nach meiner Vergangenheit. Den Rest wissen Sie. Ich kam hierher, und Sie machten mir ein Angebot, dessen Annahme mich sofort in die Sphäre heben würde, auf die mein Ehrgeiz seit meiner Schulzeit gezielt hatte, als ich zum ersten Mal hörte, dass ich hübsch sei.

Drei Jahre waren vergangen, und ich hatte kein Lebenszeichen meines Mannes erhalten; denn ich argumentierte, dass er, wenn er nach England zurückgekehrt wäre, es geschafft hätte, mich unter jedem Namen und an jedem Ort zu finden. Ich kannte die Energie seines Charakters gut genug, um dies zu wissen.

Ich sagte: ‚Ich habe das Recht zu glauben, dass er tot ist oder dass er möchte, dass ich ihn für tot halte, und sein Schatten soll nicht zwischen mich und mein Glück treten.‘ Ich sagte dies, und ich wurde Ihre Frau, Sir Michael, mit jedem Vorsatz, so gut zu sein, wie es in meiner Natur lag. Die gewöhnlichen Versuchungen, die manche Frauen heimsuchen und ins Verderben stürzen, hatten keinen Schrecken für mich. Ich wäre Ihre treue und reine Frau bis ans Ende der Tage gewesen, selbst wenn ich von einer Legion von Versuchern umgeben gewesen wäre. Die wahnsinnige Torheit, die die Welt Liebe nennt, hatte niemals einen Anteil an meinem Wahnsinn, und hier trafen sich zumindest die Extreme, und das Laster der Herzlosigkeit wurde zur Tugend der Beständigkeit.

Ich war sehr glücklich im ersten Triumph und in der Pracht meiner neuen Stellung, sehr dankbar für die Hand, die mich dazu erhoben hatte. Im Sonnenschein meines eigenen Glücks empfand ich zum ersten Mal in meinem Leben für das Elend anderer. Ich war selbst arm gewesen, und ich war nun reich und konnte es mir leisten, das Elend meiner Nachbarn zu bemitleiden und zu lindern. Ich fand Gefallen an Akten der Güte und Wohltätigkeit. Ich fand die Adresse meines Vaters heraus und schickte ihm anonym große Summen Geldes, denn ich wollte nicht, dass er entdeckte, was aus mir geworden war. Ich nutzte das Privileg, das Ihre Großzügigkeit mir bot, in vollem Umfang aus. Ich verbreitete Glück auf allen Seiten. Ich sah mich geliebt und bewundert, und ich glaube, ich hätte für den Rest meines Lebens eine gute Frau sein können, wenn das Schicksal es mir erlaubt hätte.

Ich glaube, dass mein Geist zu dieser Zeit sein gerechtes Gleichgewicht wiederfand. Ich hatte mich seit dem Verlassen von Wildernsea sehr genau beobachtet; ich hatte mich selbst im Zaum gehalten. Ich hatte mich oft gefragt, während ich im ruhigen Familienkreis des Chirurgen saß, ob Mr. Dawson jemals ein Verdacht jenes unsichtbaren, erblichen Makels gekommen war.

Das Schicksal wollte nicht, dass ich gut bin. Mein Verhängnis zwang mich dazu, ein Unglücksrabe zu sein. Innerhalb eines Monats nach meiner Hochzeit las ich in einer der Zeitungen aus Essex von der Rückkehr eines gewissen Mr. Talboys, eines glücklichen Goldgräbers, aus Australien. Das Schiff war bereits ausgelaufen, als ich den Absatz las. Was war zu tun?

Ich sagte gerade, dass ich die Energie von Georges Charakter kannte. Ich wusste, dass der Mann, der zu den Antipoden gegangen war und ein Vermögen für seine Frau gewonnen hatte, nichts unversucht lassen würde, um sie zu finden. Es war hoffnungslos, sich vor ihm verstecken zu wollen.

Wenn er nicht dazu gebracht werden konnte, zu glauben, dass ich tot war, würde er seine Suche nach mir niemals einstellen.

Mein Gehirn war benommen, als ich an meine Gefahr dachte. Wieder bebte das Gleichgewicht, wieder wurde die unsichtbare Grenze überschritten, wieder war ich wahnsinnig.

Ich fuhr nach Southampton und fand meinen Vater, der dort mit meinem Kind lebte. Sie erinnern sich, wie der Name von Mrs. Vincent als Entschuldigung für diese überstürzte Reise benutzt wurde und wie es eingefädelt wurde, dass ich ohne andere Begleitung als Phoebe Marks fuhr, die ich im Hotel ließ, während ich zum Haus meines Vaters ging.

Ich vertraute meinem Vater das ganze Geheimnis meiner Gefahr an. Er war nicht sehr schockiert über das, was ich getan hatte, denn die Armut hatte vielleicht seinen Sinn für Ehre und Prinzipien abgestumpft. Er war nicht sehr schockiert, aber er war verängstigt, und er versprach, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um mir in meiner schrecklichen Notlage zu helfen.

Er hatte einen Brief erhalten, der von George an mich in Wildernsea adressiert und von dort an meinen Vater weitergeleitet worden war. Dieser Brief war wenige Tage vor dem Auslaufen der Argus geschrieben worden und kündigte das voraussichtliche Datum der Ankunft des Schiffes in Liverpool an. Dieser Brief gab uns daher Daten, nach denen wir handeln konnten.

Wir entschieden uns sofort für den ersten Schritt. Dieser bestand darin, dass am Datum der voraussichtlichen Ankunft der Argus oder einige Tage später eine Anzeige meines Todes in der Times aufgegeben werden sollte.

Doch fast unmittelbar nach dieser Entscheidung sahen wir, dass es furchtbare Schwierigkeiten bei der Durchführung eines solch einfachen Plans gab. Das Datum des Todes und der Ort, an dem ich starb, mussten ebenso bekannt gegeben werden wie der Tod selbst. George würde sofort zu diesem Ort eilen, wie fern er auch sein mochte, wie vergleichsweise unzugänglich er auch sein mochte, und die oberflächliche Lüge würde aufgedeckt werden.

Ich kannte genug von seinem sanguinischen Temperament, seinem Mut und seiner Entschlossenheit, seiner Bereitschaft, gegen alle Hoffnung zu hoffen, um zu wissen, dass er niemals glauben würde, dass ich für ihn verloren war, es sei denn, er sähe das Grab, in dem ich begraben lag, und das Register meines Todes.

Mein Vater war völlig verdutzt und hilflos. Er konnte nur kindische Tränen der Verzweiflung und des Schreckens vergießen. Er war mir in dieser Krise keine Hilfe.

Ich war hoffnungslos bezüglich eines Auswegs aus meinen Schwierigkeiten. Ich begann zu denken, dass ich mich auf die Verkettung der Zufälle verlassen und hoffen musste, dass Audley Court unter anderen dunklen Winkeln der Erde von meinem Mann nicht einmal geträumt würde.

Ich saß mit meinem Vater zusammen, trank Tee mit ihm in seiner elenden Hütte und spielte mit dem Kind, das sich über mein Kleid und meinen Schmuck freute, aber völlig ahnungslos war, dass ich für ihn nur eine Fremde war. Ich hatte den Jungen auf dem Arm, als eine Frau, die ihn betreute, kam, um ihn zu holen, damit sie ihn „ansehnlicher für die Dame“ machen könne, wie sie sagte.

Ich war begierig darauf zu erfahren, wie der Junge behandelt wurde, und ich hielt diese Frau in ein Gespräch verwickelt, während mein Vater über dem Teetisch eingenickt war.

Sie war eine blasse Frau mit sandfarbenem Haar von etwa fünfundvierzig Jahren, und sie schien sehr froh über die Gelegenheit, so lange mit mir sprechen zu dürfen, wie es mir gefiel. Sie hörte jedoch bald auf, von dem Jungen zu sprechen, um mir von ihren eigenen Sorgen zu erzählen. Sie sei in sehr großer Not, sagte sie mir. Ihre älteste Tochter habe ihre Stelle wegen schlechter Gesundheit aufgeben müssen; tatsächlich sagte der Arzt, das Mädchen sei schwindsüchtig; und es sei eine harte Sache für eine arme Witwe, die bessere Tage gesehen habe, eine kranke Tochter sowie eine Familie kleiner Kinder zu versorgen.

Ich ließ die Frau lange Zeit in dieser Weise fortfahren, mir die Leiden des Mädchens, das Alter des Mädchens, die Arzenei des Mädchens, die Frömmigkeit, das Leiden und vieles mehr zu erzählen. Aber ich hörte ihr weder zu, noch beachtete ich sie. Ich hörte sie, aber nur auf eine entfernte Art, wie ich den Verkehr auf der Straße oder das Plätschern des Stroms am Ende derselben hörte. Was waren die Sorgen dieser Frau für mich? Ich hatte meine eigenen Leiden, und schlimmere Leiden, als ihre grobe Natur jemals ertragen müsste. Diese Art von Leuten hatte immer kranke Ehemänner oder kranke Kinder und erwartete von den Reichen, dass ihnen bei ihrer Krankheit geholfen würde. Es war nichts Ungewöhnliches. Ich dachte dies und wollte die Frau gerade mit einem Sovereign für ihre kranke Tochter entlassen, als ein Gedanke mit einer solch schmerzlichen Plötzlichkeit aufblitzte, dass er das Blut in mein Gehirn stürmen ließ und mein Herz zum Schlagen brachte, so wie es nur schlägt, wenn ich wahnsinnig bin.

Ich fragte die Frau nach ihrem Namen. Sie sei eine Mrs. Plowson und betreibe einen kleinen Krämerladen, sagte sie, und laufe nur hin und wieder herein, um nach Georgey zu sehen und sicherzustellen, dass das kleine Dienstmädchen für ihn sorge. Der Name ihrer Tochter sei Matilda. Ich stellte ihr mehrere Fragen über dieses Mädchen Matilda und stellte fest, dass sie vierundzwanzig Jahre alt war, dass sie immer schwindsüchtig gewesen war und dass sie jetzt, wie der Arzt sagte, an einer schnellen Schwindsucht dahinging. Er hatte erklärt, dass sie kaum mehr als vierzehn Tage durchhalten würde.

In drei Wochen sollte das Schiff, das George Talboys trug, in den Mersey einlaufen.

Ich brauche mich nicht bei dieser Angelegenheit aufzuhalten. Ich besuchte das kranke Mädchen. Sie war hell und zierlich. Ihre Beschreibung, nachlässig gegeben, konnte fast genug mit meiner eigenen übereinstimmen, obwohl sie keinerlei Ähnlichkeit mit mir hatte, außer in diesen zwei Einzelheiten. Ich wurde von dem Mädchen als eine reiche Dame empfangen, die ihr einen Dienst erweisen wollte. Ich kaufte die Mutter, die arm und gierig war und die für ein Geschenk an Geld, mehr Geld, als sie jemals zuvor erhalten hatte, zustimmte, sich allem zu unterwerfen, was ich wünschte. Am zweiten Tag nach meiner Einführung bei dieser Mrs. Plowson fuhr mein Vater nach Ventnor hinüber und mietete eine Unterkunft für seine kranke Tochter und deren kleinen Jungen. Am nächsten Morgen brachte er das sterbende Mädchen und Georgey hinüber, der bestochen worden war, sie ‚Mama‘ zu nennen. Sie betrat das Haus als Mrs. Talboys; sie wurde von einem Mediziner in Ventnor als Mrs. Talboys betreut; sie starb, und ihr Tod und ihr Begräbnis wurden unter diesem Namen registriert.

Die Anzeige wurde in die Times gesetzt, und am zweiten Tag nach ihrem Erscheinen besuchte George Talboys Ventnor und bestellte den Grabstein, der in dieser Stunde den Tod seiner Frau, Helen Talboys, bezeugt.“

Sir Michael Audley erhob sich langsam und mit einer steifen, gezwungenen Bewegung, als ob jeder körperliche Sinn durch jenes eine Gefühl des Elends betäubt worden wäre.

„Ich kann nicht mehr hören“, sagte er in einem heiseren Flüstern; „wenn es noch etwas zu sagen gibt, so kann ich es nicht hören. Robert, wie ich verstehe, bist du es, der diese Entdeckung herbeigeführt hat. Ich möchte nichts weiter wissen. Willst du die Pflicht auf dich nehmen, für die Sicherheit und das Wohlergehen dieser Dame zu sorgen, die ich für meine Frau gehalten habe? Ich brauche dich nicht zu bitten, bei allem, was du tust, daran zu denken, dass ich sie sehr teuer und aufrichtig geliebt habe. Ich kann ihr nicht Lebewohl sagen. Ich werde es nicht sagen, bis ich ohne Bitterkeit an sie denken kann – bis ich sie bemitleiden kann, so wie ich jetzt zu Gott bete, dass Er sie in dieser Nacht bemitleide.“

Sir Michael schritt langsam aus dem Zimmer. Er traute sich nicht, jene kauernde Gestalt anzusehen. Er wollte das Geschöpf nicht sehen, das er gehegt hatte. Er ging direkt in sein Ankleidezimmer, klingelte nach seinem Kammerdiener und befahl ihm, einen Koffer zu packen und alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um seinen Herrn mit dem letzten Zug nach London zu begleiten.

KAPITEL XXXV.

DIE STILLE, DIE AUF DEN STURM FOLGT.

Robert Audley folgte seinem Onkel in das Vestibül, nachdem Sir Michael jene wenigen ruhigen Worte gesprochen hatte, die das Totengeläut seiner Hoffnung und Liebe einläuteten. Der Himmel weiß, wie sehr der junge Mann den Anbruch dieses Tages gefürchtet hatte. Er war gekommen; und obwohl es keinen großen Ausbruch der Verzweiflung, keinen Wirbelsturm stürmischer Trauer, keinen lauten Sturm der Angst und Tränen gegeben hatte, schöpfte Robert keinen Trost aus der unnatürlichen Stille. Er wusste genug, um zu wissen, dass Sir Michael Audley mit dem Widerhaken, den seines Neffen Hand ins Ziel geschickt hatte, in seinem gequälten Herzen davonging; er wusste, dass diese seltsame und eisige Ruhe die erste Betäubung eines Herzens war, das von einem so unerwarteten Kummer getroffen wurde, dass es für eine Zeit durch eine leere Erstarrung des Erstaunens fast unfassbar wurde; er wusste, dass, wenn diese dumpfe Stille vorüber wäre, wenn allmählich und eins nach dem anderen jede schreckliche Eigenschaft des Leids des Leidenden erst dunkel erkennbar und dann schrecklich vertraut würde, der Sturm mit verhängnisvoller Wut losbrechen und Stürme von Tränen und grausame Donnerschläge der Qual jenes großzügige Herz zerreißen würden.

Robert hatte von Fällen gehört, in denen Männer im Alter seines Onkels einen großen Kummer ertragen hatten, wie Sir Michael diesen ertragen hatte, mit einer seltsamen Stille; und sie waren von denen weggegangen, die sie hätten trösten wollen und deren Ängste durch diese geduldige Stille gelindert worden waren, nur um unter dem Schlag, der sie zunächst nur betäubt hatte, zu Boden zu fallen und zu sterben. Er erinnerte sich an Fälle, in denen Lähmung und Schlaganfälle Männer so stark wie sein Onkel in der ersten Stunde des schrecklichen Leids getroffen hatten; und er verweilte im lampenhellen Vestibül und fragte sich, ob es nicht seine Pflicht sei, bei Sir Michael zu sein – in seiner Nähe zu sein, für den Fall eines Notfalls, und ihn zu begleiten, wohin auch immer er ging.

Doch wäre es klug, sich diesem grauhaarigen Leidenden in dieser grausamen Stunde aufzudrängen, in der er aus dem einen Wahn eines tadellosen Lebens erwacht war, um zu entdecken, dass er der Betrogene eines falschen Gesichts und der Narr einer Natur gewesen war, die zu kalt berechnend, zu grausam herzlos war, um sich ihrer eigenen Schande bewusst zu sein?

„Nein“, dachte Robert Audley, „ich werde nicht in die Qual dieses verwundeten Herzens eindringen. Es ist Demütigung mit diesem bitteren Kummer vermischt. Es ist besser, er sollte den Kampf allein führen. Ich habe getan, was ich für meine heilige Pflicht hielt, doch ich würde mich kaum wundern, wenn ich mich ihm für immer verhasst gemacht hätte. Es ist besser, er sollte den Kampf allein führen. Ich kann nichts tun, um den Streit weniger schrecklich zu machen. Besser, er wird allein geführt.“

Während der junge Mann mit der Hand auf der Bibliothekstür stand und noch halb zweifelte, ob er seinem Onkel folgen oder in den Raum zurückkehren sollte, in dem er jenes unglücklichere Geschöpf gelassen hatte, das zu entlarven sein Geschäft gewesen war, öffnete Alicia Audley die Tür zum Esszimmer und enthüllte ihm das altmodische holzgetäfelte Zimmer, den langen Tisch, der mit auffälligem Damast bedeckt war und in einem fröhlichen Glanz von Glas und Silber leuchtete.

„Kommt Papa zum Abendessen?“, fragte Miss Audley. „Ich habe so großen Hunger; und der arme Tomlins hat dreimal gemeldet, dass der Fisch verderben wird. Er muss bis jetzt bereits zu einer Art Fischleimsuppe reduziert sein, sollte ich meinen“, fügte die junge Dame hinzu, als sie mit der Zeitung Times in der Hand ins Vestibül trat.

Sie hatte am Kamin gesessen, die Zeitung gelesen und darauf gewartet, dass die Älteren sich ihr am Esstisch anschlossen.

„Oh, Sie sind es, Herr Robert Audley“, bemerkte sie gleichgültig. „Sie speisen natürlich mit uns. Bitte gehen Sie und finden Sie Papa. Es muss fast acht Uhr sein, und wir sollten um sechs Uhr speisen.“

Mr. Audley antwortete seiner Cousine eher streng. Ihre leichtfertige Art rieb ihn auf, und er vergaß in seinem irrationalen Missfallen, dass Miss Audley nichts von dem schrecklichen Drama wusste, das sich so lange direkt vor ihrer Nase abgespielt hatte.

„Ihr Vater hat gerade einen sehr großen Kummer erlitten, Alicia“, sagte der junge Mann ernst.

Das schalkhafte, lachende Gesicht des Mädchens wandelte sich in einem Moment zu einem zärtlich ernsten Blick voller Kummer und Sorge. Alicia Audley liebte ihren Vater sehr.

„Ein Kummer?“, rief sie; „Papa bekümmert! Oh! Robert, was ist passiert?“

„Ich kann dir noch nichts sagen, Alicia“, antwortete Robert mit leiser Stimme.

Er nahm seine Cousine am Handgelenk und zog sie ins Esszimmer, während er sprach. Er schloss die Tür sorgfältig hinter sich, bevor er fortfuhr:

„Alicia, kann ich dir vertrauen?“, fragte er eindringlich.

„Mir vertrauen, was zu tun?“

„Deinem armen Vater unter einem sehr schweren Kummer ein Trost und ein Freund zu sein.“

„Ja!“, rief Alicia leidenschaftlich. „Wie kannst du mir eine solche Frage stellen? Glaubst du, es gibt etwas, das ich nicht tun würde, um irgendeinen Kummer meines Vaters zu lindern? Glaubst du, es gibt etwas, das ich nicht leiden würde, wenn mein Leiden das seine lindern könnte?“

Die Tränen stiegen in die leuchtenden grauen Augen von Miss Audley, während sie sprach.

„Oh, Robert! Robert! Könntest du so schlecht von mir denken, dass du glaubst, ich würde nicht versuchen, meinem Vater in seinem Kummer ein Trost zu sein?“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Nein, nein, meine Liebe“, antwortete der junge Mann ruhig; „ich habe niemals an deiner Zuneigung gezweifelt, ich habe nur an deiner Diskretion gezweifelt. Darf ich mich auf die verlassen?“

„Das kannst du, Robert“, sagte Alicia entschlossen.

„Sehr wohl, dann, mein liebes Mädchen, werde ich dir vertrauen. Dein Vater wird den Court verlassen, zumindest für eine Zeit. Der Kummer, den er gerade erlitten hat – ein plötzliches und unerwartetes Leid, denke daran – hat diesen Ort zweifellos verhasst für ihn gemacht. Er wird fortgehen; aber er darf nicht allein gehen, nicht wahr, Alicia?“

„Allein? Nein! Nein! Aber ich nehme an, meine Lady –“

„Lady Audley wird nicht mit ihm gehen“, sagte Robert ernst; „er ist im Begriff, sich von ihr zu trennen.“

„Für eine Zeit?“

„Nein, für immer.“

„Sich für immer von ihr trennen!“, rief Alicia. „Dann ist dieser Kummer –“

„Ist mit Lady Audley verbunden. Lady Audley ist die Ursache für das Leid deines Vaters.“

Alicias Gesicht, das zuvor bleich gewesen war, errötete tiefrot. Leid, dessen Ursache meine Lady war – ein Leid, das Sir Michael für immer von seiner Frau trennen sollte! Es hatte keinen Streit zwischen ihnen gegeben – es hatte zwischen Lady Audley und ihrem großzügigen Ehemann nie etwas anderes als Harmonie und Sonnenschein gegeben. Dieses Leid musste also sicherlich aus einer plötzlichen Entdeckung entstanden sein; es war zweifellos ein Kummer, der mit Schande verbunden war. Robert Audley verstand die Bedeutung dieses lebhaften Errötens.

„Du wirst anbieten, deinen Vater zu begleiten, wohin auch immer er gehen mag, Alicia“, sagte er. „Du bist seine natürliche Trösterin in einer Zeit wie dieser, aber du wirst ihm in dieser Stunde der Prüfung am besten dienen, indem du jedes Eindringen in seinen Kummer vermeidest. Dein bloßes Nichtwissen über die Einzelheiten dieses Kummers wird eine Sicherheit für deine Diskretion sein. Sag deinem Vater nichts, was du ihm nicht auch vor zwei Jahren hättest sagen können, bevor er eine zweite Frau heiratete. Versuche, ihm das zu sein, was du warst, bevor die Frau im Zimmer dort drüben zwischen dich und die Liebe deines Vaters trat.“

„Das werde ich“, murmelte Alicia, „das werde ich.“

„Natürlich wirst du es vermeiden, Lady Audleys Namen auch nur zu erwähnen. Wenn dein Vater oft schweigt, sei geduldig; wenn es dir manchmal scheint, als würde der Schatten dieses großen Kummers niemals aus seinem Leben weichen, sei weiterhin geduldig; und denke daran, dass es keine bessere Hoffnung auf eine Heilung seines Leids geben kann als die Hoffnung, dass die Hingabe seiner Tochter ihn daran erinnern mag, dass es auf dieser Erde eine Frau gibt, die ihn wahrhaft und rein bis zuletzt lieben wird.“

„Ja – ja, Robert, lieber Vetter, ich werde daran denken.“

Mr. Audley nahm seine Cousine zum ersten Mal, seit er ein Schuljunge gewesen war, in die Arme und küsste ihre hohe Stirn.

„Meine liebe Alicia“, sagte er, „tue dies, und du wirst mich glücklich machen. Ich war in gewissem Maße das Werkzeug, das diesen Kummer über deinen Vater gebracht hat. Lass mich hoffen, dass er kein bleibender ist. Versuche, meinem Onkel das Glück zurückzugeben, Alicia, und ich werde dich inniger lieben, als ein Bruder je eine edelmütige Schwester geliebt hat; und eine geschwisterliche Zuneigung mag am Ende vielleicht doch etwas wert sein, meine Liebe, auch wenn sie sich sehr von Sir Harrys enthusiastischer Verehrung unterscheidet.“

Alicias Kopf war gebeugt und ihr Gesicht ihrem Vetter abgewandt, während er sprach, doch sie hob den Kopf, als er geendet hatte, und blickte ihn voll ins Gesicht mit einem Lächeln, das nur umso strahlender wirkte, da ihre Augen von Tränen gefüllt waren.

„Du bist ein guter Kerl, Bob“, sagte sie; „und ich war sehr töricht und boshaft, dir gegenüber zornig zu sein, weil –“

Die junge Dame hielt plötzlich inne.

„Weil was, meine Liebe?“, fragte Mr. Audley.

„Weil ich albern bin, Vetter Robert“, sagte Alicia rasch; „mach dir nichts daraus, Bob, ich werde alles tun, was du dir wünschst, und es soll nicht meine Schuld sein, wenn mein innigst geliebter Vater seine Sorgen nicht bald vergisst. Ich würde mit ihm bis ans Ende der Welt gehen, armer Liebling, wenn ich dächte, dass er auf dieser Reise Trost finden könnte. Ich werde mich sofort fertig machen. Glaubst du, Papa wird heute Abend fahren?“

„Ja, meine Liebe; ich glaube nicht, dass Sir Michael noch eine weitere Nacht unter diesem Dach bleiben wird, zumindest für eine Weile.“

„Die Postkutsche geht um zwanzig Minuten nach neun“, sagte Alicia; „wir müssen in einer Stunde das Haus verlassen, wenn wir damit reisen wollen. Werde ich dich vor unserer Abreise noch einmal sehen, Robert?“

„Ja, meine Liebe.“

Miss Audley rannte auf ihr Zimmer, um ihre Zofe zu rufen und alle notwendigen Vorbereitungen für die plötzliche Reise zu treffen, von deren endgültigem Ziel sie noch völlig unwissend war.

Sie widmete sich mit Herz und Seele der Erfüllung der Pflicht, die Robert ihr auferlegt hatte. Sie half beim Packen ihrer Koffer und brachte ihre Zofe völlig zur Verzweiflung, indem sie Seidenkleider in die Hutschachteln und Satinschuhe in das Necessaire stopfte. Sie lief in ihren Zimmern umher, sammelte Zeichenmaterial, Notenbücher, Handarbeiten, Haarbürsten, Schmuck und Parfümflakons zusammen, ganz so, als ob sie im Begriff wäre, in ein wildes Land ohne jegliche zivilisierte Hilfsmittel zu segeln. Die ganze Zeit dachte sie an den unbekannten Kummer ihres Vaters und vielleicht ein wenig an das ernste Gesicht und die eindringliche Stimme, die ihr in dieser Nacht ihren Vetter Robert in einem neuen Licht gezeigt hatten.

Mr. Audley ging seiner Cousine nach oben nach und fand den Weg zu Sir Michaels Ankleidezimmer. Er klopfte an die Tür und lauschte, Gott weiß wie angstvoll, auf die erwartete Antwort. Es gab einen Augenblick des Zögerns, in dem das Herz des jungen Mannes laut und schnell schlug, und dann wurde die Tür vom Baronet selbst geöffnet. Robert sah, dass der Kammerdiener seines Onkels bereits fleißig mit den Vorbereitungen für die überstürzte Abreise seines Herrn beschäftigt war.

Sir Michael trat auf den Korridor hinaus.

„Hast du mir noch etwas zu sagen, Robert?“, fragte er ruhig.

„Ich kam nur, um mich zu vergewissern, ob ich dir bei deinen Vorbereitungen behilflich sein kann. Du fährst mit der Postkutsche nach London?“

„Ja.“

„Hast du eine Vorstellung davon, wo du absteigen wirst?“

„Ja, ich werde im Clarendon absteigen; dort kennt man mich. Ist das alles, was du sagen wolltest?“

„Ja; außer, dass Alicia dich begleiten wird?“

„Alicia!“

„Sie konnte unmöglich hier bleiben, weißt du, gerade jetzt. Es wäre das Beste für sie, den Court zu verlassen, bis –“

„Ja, ja, ich verstehe“, unterbrach ihn der Baronet; „aber gibt es keinen anderen Ort, an den sie gehen könnte – muss sie bei mir sein?“

„Sie könnte nirgendwo anders so unmittelbar hin, und sie wäre nirgendwo sonst glücklich.“

„Lass sie mitkommen, dann“, sagte Sir Michael, „lass sie mitkommen.“

Er sprach mit einer fremden, gedämpften Stimme und mit sichtbarer Anstrengung, als wäre es ihm schmerzhaft, überhaupt sprechen zu müssen; als wäre all dieses gewöhnliche Leben ein grausames Martyrium für ihn und würde seinen Kummer so sehr stören, dass es fast schwerer zu ertragen wäre als der Kummer selbst.

„Sehr wohl, mein lieber Onkel, dann ist alles geregelt; Alicia wird um neun Uhr bereit sein zur Abreise.“

„Sehr gut, sehr gut“, murmelte der Baronet; „lass sie mitkommen, wenn sie möchte, armes Kind, lass sie mitkommen.“

Er seufzte schwer, als er in diesem mitleidigen Ton von seiner Tochter sprach. Er dachte daran, wie vergleichsweise gleichgültig er diesem einzigen Kind gegenüber gewesen war, um der Frau willen, die nun in dem von Feuer beleuchteten Zimmer unter ihm eingeschlossen war.

„Ich werde dich vor deiner Abreise noch einmal sehen, Sir“, sagte Robert; „ich lasse dich bis dahin allein.“

„Bleib!“, sagte Sir Michael plötzlich; „hast du es Alicia gesagt?“

„Ich habe ihr nichts gesagt, außer dass du den Court für einige Zeit verlassen wirst.“

„Du bist sehr gut, mein Junge, du bist sehr gut“, murmelte der Baronet mit gebrochener Stimme.

Er streckte seine Hand aus. Sein Neffe nahm sie in beide Hände und drückte sie an seine Lippen.

„Oh, Sir! Wie kann ich mir jemals verzeihen?“, sagte er; „wie kann ich aufhören, mich selbst dafür zu hassen, dass ich diesen Kummer über dich gebracht habe?“

„Nein, nein, Robert, du hast recht gehandelt; ich wünschte, Gott wäre so barmherzig zu mir gewesen, mein elendes Leben vor dieser Nacht zu nehmen; aber du hast recht gehandelt.“

Sir Michael betrat wieder sein Ankleidezimmer, und Robert kehrte langsam in das Vestibül zurück. Er hielt an der Schwelle zu jenem Raum inne, in dem er Lucy zurückgelassen hatte – Lady Audley, alias Helen Talboys, die Ehefrau seines verlorenen Freundes.

Sie lag auf dem Boden, genau an der Stelle, an der sie zu Füßen ihres Ehemannes gekauert hatte, um ihre schuldvolle Geschichte zu erzählen. Ob sie in Ohnmacht gefallen war oder ob sie dort in der vollkommenen Hilflosigkeit ihres Elends lag, war Robert fast gleichgültig. Er ging in das Vestibül hinaus und schickte einen der Diener los, um nach ihrer Zofe zu suchen, jenem eleganten, mit Bändern geschmückten Mädchen, das beim Anblick ihrer Herrin laut vor Verwunderung und Bestürzung war.

„Lady Audley ist sehr krank“, sagte er; „bringt sie auf ihr Zimmer und seht zu, dass sie es heute Nacht nicht verlässt. Ihr werdet so gut sein, in ihrer Nähe zu bleiben, aber sprecht weder mit ihr, noch erlaubt ihr, sich durch Gespräche aufzuregen.“

Meine Lady war nicht ohnmächtig geworden; sie erlaubte dem Mädchen, ihr zu helfen, und erhob sich von dem Boden, auf dem sie gekrochen war. Ihr goldenes Haar fiel in losen, zerzausten Massen über ihren elfenbeinfarbenen Hals und ihre Schultern, ihr Gesicht und ihre Lippen waren farblos, ihre Augen schrecklich in ihrem unnatürlichen Glanz.

„Bring mich weg“, sagte sie, „und lass mich schlafen! Lass mich schlafen, denn mein Gehirn brennt!“

Als sie den Raum mit ihrer Zofe verließ, drehte sie sich um und sah Robert an. „Ist Sir Michael fort?“, fragte sie.

„Er wird in einer halben Stunde abreisen.“

„Es gab keine Todesopfer bei dem Feuer in Mount Stanning?“

„Keine.“

„Das freut mich.“

„Der Wirt des Hauses, Marks, wurde sehr schrecklich verbrannt und liegt in einem bedenklichen Zustand im Haus seiner Mutter; aber er mag sich erholen.“

„Das freut mich – es freut mich, dass kein Leben verloren ging. Gute Nacht, Mr. Audley.“

„Ich werde darum bitten, Euch im Laufe des morgigen Tages für ein halbstündiges Gespräch zu sehen, meine Lady.“

„Wann immer es Euch beliebt. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Sie ging ruhig davon, auf die Schulter ihrer Zofe gestützt, und ließ Robert mit einem Gefühl seltsamer Verwirrung zurück, das für ihn sehr schmerzhaft war.

Er setzte sich an den breiten Kamin, auf dem die roten Glutreste verblassten, und wunderte sich über die Veränderung in diesem alten Haus, das bis zum Tag des Verschwindens seines Freundes für alle, die unter seinem gastfreundlichen Dach Schutz fanden, ein so angenehmes Heim gewesen war. Er saß grübelnd über dem verlassenen Herd und versuchte zu entscheiden, was in dieser plötzlichen Krise zu tun sei. Er saß hilflos und machtlos da, unfähig, einen Handlungsverlauf festzulegen, verloren in einer dumpfen Träumerei, aus der er durch das Geräusch von Kutschenrädern aufgeschreckt wurde, die zum kleinen Türmeingang heraufrollten.

Die Uhr im Vestibül schlug neun, als Robert die Bibliothekstür öffnete. Alicia war gerade mit ihrer Zofe, einem rosigen Landmädchen, die Treppe heruntergekommen.

„Auf Wiedersehen, Robert“, sagte Miss Audley und streckte ihrem Vetter die Hand hin; „auf Wiedersehen, und Gott segne dich! Du kannst mir vertrauen, dass ich auf Papa achte.“

„Da bin ich sicher. Gott segne dich, meine Liebe.“

Zum zweiten Mal in dieser Nacht drückte Robert Audley seine Lippen auf die offene Stirn seiner Cousine, und zum zweiten Mal war die Umarmung eher geschwisterlicher oder väterlicher Natur als das stürmische Unterfangen, das es gewesen wäre, wenn Sir Harry Towers der privilegierte Akteur gewesen wäre.

Es war fünf Minuten nach neun, als Sir Michael die Treppe herunterkam, gefolgt von seinem Kammerdiener, ernst und mit grauem Haar wie er selbst. Der Baronet war blass, aber ruhig und gefasst. Die Hand, die er seinem Neffen gab, war eiskalt, aber er verabschiedete sich mit fester Stimme von dem jungen Mann.

„Ich lege alles in deine Hände, Robert“, sagte er, während er sich wandte, um das Haus zu verlassen, in dem er so lange gelebt hatte. „Ich habe vielleicht noch nicht das Ende gehört, aber ich habe genug gehört. Himmel weiß, ich habe kein Bedürfnis, mehr zu hören. Ich überlasse alles dir, aber du wirst nicht grausam sein – du wirst daran denken, wie sehr ich geliebt habe –“

Seine Stimme brach heiser ab, bevor er den Satz beenden konnte.

„Ich werde in allem an dich denken, Sir“, antwortete der junge Mann. „Ich werde alles zum Besten tun.“

Ein trügerischer Tränenschleier blendete ihn und verdeckte das Gesicht seines Onkels, und eine Minute später war die Kutsche davongefahren, und Robert Audley saß allein in der dunklen Bibliothek, wo nur ein roter Funke zwischen der blassgrauen Asche glühte. Er saß allein, versuchte zu denken, was er tun sollte, und mit der schrecklichen Verantwortung für das Schicksal einer bösen Frau auf seinen Schultern.

„Guter Himmel!“, dachte er; „sicherlich muss dies Gottes Urteil über das zwecklose, schwankende Leben sein, das ich bis zum siebten Tag des letzten September geführt habe. Sicherlich ist mir diese schreckliche Verantwortung aufgezwungen worden, damit ich mich vor einer beleidigten Vorsehung demütigen und bekennen kann, dass ein Mensch sich sein Leben nicht aussuchen kann. Er kann nicht sagen: ‚Ich werde das Dasein leicht nehmen und den elenden, fehlgeleiteten, energischen Geschöpfen aus dem Weg gehen, die so herzlich in der großen Schlacht kämpfen.‘ Er kann nicht sagen: ‚Ich werde in den Zelten bleiben, während der Streit ausgefochten wird, und über die Narren lachen, die in diesem nutzlosen Kampf zertrampelt werden.‘ Er kann dies nicht tun. Er kann nur demütig und voller Furcht das tun, was der Schöpfer, der ihn erschuf, für ihn bestimmt hat. Wenn er eine Schlacht zu schlagen hat, soll er sie treu schlagen; aber wehe ihm, wenn er sich drückt, wenn sein Name auf der mächtigen Musterrolle gerufen wird, wehe ihm, wenn er sich in den Zelten versteckt, wenn das Signal ihn auf den Schauplatz des Krieges ruft!“

Einer der Diener brachte Kerzen in die Bibliothek und entfachte das Feuer neu, aber Robert Audley rührte sich nicht von seinem Platz am Kamin. Er saß, wie er oft in seinen Räumen im Figtree Court gesessen hatte, mit den Ellbogen auf den Armlehnen seines Sessels und dem Kinn auf der Hand.

Doch er hob den Kopf, als der Diener im Begriff war, den Raum zu verlassen.

„Kann ich von hier aus eine Nachricht nach London senden?“, fragte er.

„Sie kann von Brentwood aus gesendet werden, Sir – nicht von hier.“

Mr. Audley sah nachdenklich auf seine Uhr.

„Einer der Männer kann nach Brentwood reiten, Sir, wenn Sie eine Nachricht senden möchten.“

„Ich möchte in der Tat eine Nachricht senden; kannst du das für mich arrangieren, Richards?“

„Natürlich, Sir.“

„Dann kannst du warten, während ich die Nachricht schreibe.“

„Ja, Sir.“

Der Mann brachte Schreibutensilien von einem der Beistelltische und stellte sie vor Mr. Audley.

Robert tauchte eine Feder in die Tinte und starrte ein paar Augenblicke nachdenklich auf eine der Kerzen, bevor er zu schreiben begann.

Die Nachricht lautete wie folgt:

„Von Robert Audley, aus Audley Court, Essex, an Francis Wilmington, aus Paper-buildings, Temple.

„LIEBER WILMINGTON – Wenn Sie einen Arzt kennen, der Erfahrung mit Fällen von Manie hat und dem man ein Geheimnis anvertrauen kann, seien Sie so gut und senden Sie mir seine Adresse per Telegramm.“

Mr. Audley versiegelte dieses Dokument in einem festen Umschlag und überreichte es dem Mann zusammen mit einem Sovereign.

„Sie werden dafür sorgen, dass dies einer vertrauenswürdigen Person übergeben wird, Richards“, sagte er, „und lassen Sie den Mann am Bahnhof auf die Rückantwort warten. Er sollte sie in anderthalb Stunden haben.“

Mr. Richards, der Robert Audley noch in Jacken und mit Umlegkragen gekannt hatte, ging, um seinen Auftrag auszuführen. Gott bewahre uns davor, ihm in den komfortablen Dienstbotenraum des Courts zu folgen, wo die Dienerschaft um das lodernde Feuer saß und die Ereignisse des Tages in völliger Fassungslosigkeit diskutierte.

Nichts hätte weiter von der Wahrheit entfernt sein können als die Spekulationen dieser würdigen Leute. Welchen Hinweis hatten sie auf das Geheimnis jenes feuererleuchteten Zimmers, in dem eine schuldige Frau zu Füßen ihres Herrn gekniet hatte, um die Geschichte ihres sündigen Lebens zu erzählen? Sie wussten nur das, was ihnen der Kammerdiener von Sir Michael über diese plötzliche Reise erzählt hatte. Wie sein Herr so bleich wie ein Leichentuch gewesen sei und mit einer fremden Stimme gesprochen habe, die nicht wie seine eigene geklungen habe, irgendwie, und wie man ihn – Mr. Parsons, den Kammerdiener – mit einer Feder hätte umwerfen können, wenn man gewillt gewesen wäre, ihn mit Hilfe einer so schwachen Waffe zu Boden zu strecken.

Die Klugen des Dienstbotenraums entschieden, dass Sir Michael durch Mr. Robert – sie waren schlau genug, den jungen Mann mit der Katastrophe in Verbindung zu bringen – plötzlich Nachricht erhalten habe – entweder vom Tod eines nahen und lieben Verwandten – die älteren Diener dezimierten die Familie Audley bei dem Versuch, einen wahrscheinlichen Verwandten zu finden – oder von einem alarmierenden Kurssturz bei den Fonds oder dem Zusammenbruch einer Spekulation oder Bank, in die der größte Teil des Geldes des Baronets investiert war. Die allgemeine Neigung ging in Richtung des Bankrotts einer Bank, und jedes Mitglied der Versammlung schien ein düsteres und rabenhaftes Vergnügen an der Vorstellung zu finden, obwohl eine solche Annahme ihren eigenen Ruin bei der allgemeinen Zerstörung jenes großzügigen Haushalts bedeutete.

Robert saß am trostlosen Herd, der selbst jetzt noch trostlos wirkte, als die Flammen eines großen Holzfeuers im weiten Kamin tobten, und lauschte dem leisen Wehklagen des Märzwindes, der um das Haus jammerte und den zitternden Efeu von den Mauern hob, die er schützte. Er war müde und erschöpft, denn man bedenke, dass er an diesem Morgen um zwei Uhr durch den heißen Atem brennender Balken und das scharfe Knistern brennenden Holzes aus dem Schlaf geweckt worden war. Ohne seine Geistesgegenwart und kühle Entschlossenheit wäre Mr. Luke Marks eines schrecklichen Todes gestorben. Er trug immer noch die Spuren der Gefahr der Nacht, denn das dunkle Haar war an einer Seite seiner Stirn versengt, und seine linke Hand war rot und entzündet von der Wirkung der sengenden Atmosphäre, aus der er den Wirt des Castle Inn gezogen hatte. Er war vor Müdigkeit und Aufregung vollkommen erschöpft und fiel in einen schweren Schlaf in seinem Sessel vor dem hellen Feuer, aus dem er erst durch das Eintreten von Mr. Richards mit der Rückantwort geweckt wurde.

Diese Rückantwort war sehr kurz.

„LIEBER AUDLEY – Immer gerne zu Diensten. Alwyn Mosgrave, M.D., 12 Saville Row. Sicher.“

Dies, zusammen mit Namen und Adressen, war alles, was sie enthielt.

„Ich werde morgen früh noch eine Nachricht nach Brentwood schicken müssen, Richards“, sagte Mr. Audley, während er das Telegramm zusammenfaltete. „Ich wäre froh, wenn der Mann sie vor dem Frühstück hinüberreiten könnte. Er soll einen halben Sovereign für seine Mühe erhalten.“

Mr. Richards verbeugte sich.

„Danke, Sir – nicht nötig, Sir; aber wie Sie wünschen, natürlich, Sir“, murmelte er. „Um wie viel Uhr möchten Sie, dass der Mann geht?“

Mr. Audley mochte es, wenn der Mann so früh wie möglich ging, also wurde beschlossen, dass er um sechs Uhr aufbrechen sollte.

„Mein Zimmer ist bereit, nehme ich an, Richards?“, sagte Robert.

„Ja, Sir – Ihr altes Zimmer.“

„Sehr gut. Ich werde sofort zu Bett gehen. Bringen Sie mir ein Glas Brandy mit Wasser, so heiß wie Sie es machen können, und warten Sie auf das Telegramm.“

Diese zweite Nachricht war nur eine sehr eindringliche Bitte an Doktor Mosgrave, Audley Court unverzüglich in einer Angelegenheit von ernster Bedeutung aufzusuchen.

Nachdem er diese Nachricht geschrieben hatte, spürte Mr. Audley, dass er alles getan hatte, was er tun konnte. Er trank seinen Brandy mit Wasser. Er hatte das verdünnte Alkoholgetränk tatsächlich nötig, denn er war durch seine Abenteuer während des Feuers bis auf die Knochen durchgefroren. Er nippte langsam an der blassgoldenen Flüssigkeit und dachte an Clara Talboys, an jenes ernste Mädchen, dessen Bruder nun gerächt war, dessen Bruder Zerstörer nun gedemütigt im Staube lag. Hatte sie von dem Feuer im Castle Inn gehört? Wie hätte sie in einem Ort wie Mount Stanning etwas anderes tun können, als davon zu hören? Aber hatte sie gehört, dass er in Gefahr gewesen war und dass er sich durch die Rettung eines betrunkenen Tölpels ausgezeichnet hatte? Ich fürchte, selbst dort am trostlosen Herd sitzend, unter dem Dach, dessen Hausherr ein Verbannter aus seinem eigenen Haus war, war Robert Audley schwach genug, an diese Dinge zu denken – schwach genug, seine Fantasie zu den düsteren Tannen unter dem kalten Märzhimmel wandern zu lassen und zu den dunkelbraunen Augen, die den Augen seines verlorenen Freundes so ähnlich waren.

KAPITEL XXXVI.

DR. MOSGRAVES RAT.

Meine Lady schlief. Durch jene lange Winternacht schlief sie tief. Verbrecher haben oft so ihren letzten Schlaf auf Erden geschlafen; und wurden am grauen Morgen vom Gefängniswärter, der sie wecken kam, friedlich schlummernd aufgefunden.

Das Spiel war gespielt und verloren. Ich glaube nicht, dass meine Lady eine Karte verschwendet oder das Einheimsen eines Stichs verpasst hatte, den sie unter keinen Umständen hätte machen können; aber die Hand ihres Gegners war zu stark für sie gewesen, und er hatte gewonnen.

Sie sah sich selbst als eine Art Staatsgefangene, um die man sich gut kümmern musste. Eine zweite Eiserne Maske, für die an einem bequemen Ort der Gefangenschaft gesorgt werden musste. Sie gab sich einer dumpfen Gleichgültigkeit hin. Sie hatte hundert Leben innerhalb der letzten Tage ihres Daseins gelebt, und sie hatte ihre Fähigkeit zu leiden erschöpft – zumindest für eine Weile.

Sie aß ihr Frühstück, nahm ihr morgendliches Bad und trat mit parfümiertem Haar und in der exquisitesten, nachlässigsten Morgentoilette aus ihrem luxuriösen Ankleidezimmer. Sie betrachtete sich im Ganzkörperspiegel, bevor sie den Raum verließ. Eine lange Nachtruhe hatte die zarten Rosatöne ihres Teints und den natürlichen Glanz ihrer blauen Augen zurückgebracht. jenes unnatürliche Licht, das am Tag zuvor so schrecklich gebrannt hatte, war verschwunden, und meine Lady lächelte triumphierend, als sie das Spiegelbild ihrer Schönheit betrachtete. Die Tage waren vorbei, in denen ihre Feinde sie mit weißglühenden Eisen hätten brandmarken und die Lieblichkeit hätten verbrennen können, die so viel Unheil angerichtet hatte. Was auch immer sie mit ihr anstellten, sie mussten ihr ihre Schönheit lassen, dachte sie. Im schlimmsten Fall waren sie machtlos, ihr diese zu rauben.

Robert Audley wartete in der Bibliothek. Die Stille des großen, altmodischen Hauses lastete schwer auf ihm, und die flackernden Flammen im Kamin vermochten die düstere Stimmung des Raumes nicht zu vertreiben. Er dachte an die Reise, die vor ihm lag, und an das Ziel, das in der trüben Ferne von Villebrumeuse auf sie wartete. Er hatte sich selbst zur Vollstreckung eines Urteils verurteilt, das kein Gericht der Welt hätte aussprechen können, ohne das Haus Audley in Schande zu stürzen.

Als die Tür sich öffnete, trat sie ein. Sie trug ein schlichtes, dunkles Reisekleid, das sie fast wie eine Witwe erscheinen ließ. Ihr Gesicht war bleich, doch in ihren Augen lag ein Ausdruck von unerschütterlicher Entschlossenheit. Sie hatte ihre Juwelen und ihren Schmuck abgelegt, als ob sie die Eitelkeiten der Welt hinter sich gelassen hätte, bevor sie den Fuß in das Grab setzte, das man für sie vorbereitet hatte.

„Ich bin bereit, Mr. Audley“, sagte sie, und ihre Stimme klang hohl, wie aus einer anderen Welt.

Robert erhob sich und verneigte sich förmlich, doch er wagte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. Er fühlte sich wie ein Henker, der seine Pflicht tat, ohne die innere Überzeugung, dass sie gerecht sei. Er führte sie aus dem Raum, hinaus in den kühlen Abend, wo die Kutsche bereits wartete, um sie zum Bahnhof zu bringen. Die Dunkelheit, die über Audley Court lag, schien eine stumme Zeugin ihres Verrats an der Menschlichkeit zu sein.

Die Reise verlief schweigend. Während die Landschaft in der Dämmerung an ihnen vorbeizog, fragte sich Robert, ob es je eine Rückkehr geben würde. Hatte er das Richtige getan, indem er sie in die Obhut eines Fremden in einem fremden Land übergab? War das, was er tat, eine Rettung vor dem Schafott oder ein Verbrechen, das noch schwerer wog? Lady Audley lehnte sich in die Polster der Kutsche zurück und schloss die Augen. Sie wirkte in diesem Moment so friedlich, so unschuldig, als wäre die Last ihrer Taten von ihr abgefallen, oder als hätte sie sich in eine Welt zurückgezogen, in die kein menschliches Gesetz ihr folgen konnte.

Als sie in London ankamen, war der Trubel des Bahnhofs ein scharfer Kontrast zu der Stille, die sie umgeben hatte. Robert kümmerte sich um ihr Gepäck und ihre Papiere mit einer mechanischen Präzision, die ihm fremd war. Alles an seinem Verhalten war auf Effizienz ausgerichtet, um nicht über die moralische Schwere seines Tuns nachdenken zu müssen. Sie stiegen in den Zug, und während die Lokomotive pfiff und sich in Bewegung setzte, sah Robert ein letztes Mal aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, die sich im Regen spiegelten.

In der Nacht, als der Zug durch die dunklen Ebenen raste, konnte er nicht schlafen. Er saß ihr gegenüber, eingehüllt in seinen Mantel, und beobachtete ihr schmales Profil im schwachen Licht der Deckenlampe. Er fragte sich, ob er jemals wieder ruhig schlafen würde, nachdem er diese Frau in das Vergessen verbannt hatte. Die moralische Last, die er trug, war nun untrennbar mit dem Brief in seiner Tasche verbunden – dem Urteil, das sie in die Mauern von Villebrumeuse einschließen würde, auf dass sie dort verblühe, fernab von den Augen der Welt, die sie so sehr begehrt und so sehr gefürchtet hatte.

Sie warf ihm einen Blick zu, der weder Reue noch Unterwerfung verriet, sondern nur eine unbändige, glühende Verachtung. Ohne ein weiteres Wort trat sie zur Seite und ließ ihn passieren. Als er den Raum verließ, hörte er, wie sie mit einer Heftigkeit, die ihn erschauern ließ, hinter ihm die Tür ins Schloss warf.

Robert Audley durchquerte den Salon und trat wieder in den Vorraum, wo Monsieur Val mit einer Geduld, die an eine geschäftliche Tugend grenzte, auf ihn wartete. Der Franzose verbeugte sich tief, ein Ausdruck professioneller Gelassenheit auf seinem glatten Gesicht.

„Haben Sie alles geregelt, Monsieur?“, fragte er mit einer leisen, fast schmeichelnden Stimme. „Die Dame scheint… von einer sehr lebhaften Verfassung zu sein. Aber keine Sorge, wir sind hier an den Umgang mit solch ungestümen Geistern gewöhnt.“

Robert nickte nur kurz. Sein Kopf dröhnte, und das Echo von My Ladys Worten hallte noch immer in seinen Ohren nach, wie das ferne Grollen eines kommenden Sturms. Die Wahrheit war nun ausgesprochen, doch sie fühlte sich nicht wie eine Erlösung an. Sie war ein schwerer Stein, der ihn tiefer in den Abgrund zog, als er es sich jemals hätte vorstellen können.

„Ja“, antwortete er, und seine eigene Stimme klang ihm fremd und hohl. „Alles ist geregelt. Ich verlasse mich auf Ihre Diskretion und Ihre Obhut, Monsieur Val. Ich werde in Kürze wieder Nachricht von Ihnen erhalten.“

Er wandte sich ab, ohne den Franzosen eines weiteren Blickes zu würdigen, und schritt durch den kühlen, dämmrigen Flur hinaus in die kalte Märznacht. Der graue Hof mit seinen steinernen Pflastersteinen wirkte unter dem fahlen Licht der Lampen noch trostloser als bei seiner Ankunft. Der Kutscher wartete bereits, und Robert stieg in den Wagen, froh, den bedrückenden Mauern der Anstalt den Rücken kehren zu können.

Während der Wagen durch das schwere Tor und auf den Boulevard hinausrollte, lehnte sich Robert in die Polster zurück und schloss die Augen. Er versuchte, sich das Bild von George Talboys ins Gedächtnis zu rufen, wie er ihn gekannt hatte – jung, hoffnungsvoll und voller Leben. Doch statt seiner sah er nur den gähnenden schwarzen Schlund des alten Brunnens, der das Geheimnis der Vergangenheit verschlungen hatte. Er wusste, dass für ihn nun eine Zeit der Buße begann, eine Zeit, in der er mit dem Wissen leben musste, dass er zwar Gerechtigkeit geübt, aber den Preis dafür mit einem Teil seiner eigenen Seele bezahlt hatte. Die Stille der Nacht draußen war nun ebenso unerbittlich wie die Stille, die er in Villebrumeuse zurückgelassen hatte.

„Sie sehen, ich fürchte mich nicht, Ihnen meine Beichte abzulegen“, sagte Helen Talboys; „und zwar aus zwei Gründen. Der erste ist, dass Sie es nicht wagen, sie gegen mich zu verwenden, weil Sie wissen, dass es Ihren Onkel töten würde, mich auf der Anklagebank zu sehen; der zweite ist, dass das Gesetz kein schlimmeres Urteil fällen könnte als dieses: eine lebenslange Verwahrung in einer Irrenanstalt. Sie sehen, ich danke Ihnen nicht für Ihre Gnade, Mr. Robert Audley, denn ich weiß genau, was sie wert ist.“

Sie trat von der Tür zurück, und Robert ging an ihr vorbei, ohne ein Wort, ohne einen Blick.

Eine halbe Stunde später befand er sich in einem der vornehmsten Hotels in Villebrumeuse, saß an einem ordentlich gedeckten Abendbrottisch, unfähig zu essen; unfähig, seinen Geist auch nur für einen Augenblick von dem Bild jenes verlorenen Freundes abzulenken, der im Unterholz von Audley Court tückisch ermordet worden war.

KAPITEL XXXVIII.

VON GEISTERN GEJAGT.

Kein fiebernder Schläfer, der durch einen fremden Traum reist, hat jemals staunender auf eine Welt geblickt, die unwirklich schien, als Robert Audley, während er geistesabwesend auf die flachen Sümpfe und trostlosen Pappeln zwischen Villebrumeuse und Brüssel starrte. Konnte es sein, dass er in das Haus seines Onkels zurückkehrte, ohne die Frau, die dort fast zwei Jahre lang als Königin und Herrin geherrscht hatte? Er fühlte sich, als hätte er My Lady entführt, sie heimlich und im Verborgenen beseitigt und müsse nun Sir Michael Rechenschaft über das Schicksal jener Frau ablegen, die der Baronet so sehr geliebt hatte.

„Was soll ich ihm sagen?“, dachte er. „Soll ich die Wahrheit sagen – die schreckliche, grausame Wahrheit? Nein; das wäre zu grausam. Sein großmütiger Geist würde unter der scheußlichen Enthüllung zusammenbrechen. Doch in seiner Unkenntnis über das Ausmaß der Bosheit dieser elenden Frau mag er vielleicht denken, dass ich hart gegen sie gewesen bin.“

In solchem Grübeln beobachtete Mr. Robert Audley geistesabwesend die freudlose Landschaft vom Sitz des schäbigen Coupés der Postkutsche aus und dachte daran, welch großes Blatt aus seinem Leben gerissen worden war, nun, da die dunkle Geschichte von George Talboys zu Ende war.

Was hatte er als Nächstes zu tun? Eine Menge schrecklicher Gedanken stürmte auf ihn ein, als er sich an die Geschichte erinnerte, die er von den blassen Lippen der Helen Talboys gehört hatte. Sein Freund – sein ermordeter Freund – lag verborgen zwischen den verfallenden Ruinen des alten Brunnens bei Audley Court. Er hatte dort sechs lange Monate gelegen, unbegraben, unbekannt; versteckt in der Dunkelheit des alten Klosterbrunnens. Was war zu tun?

Eine Suche nach den Überresten des Ermordeten einzuleiten, würde unweigerlich eine Untersuchung durch den Coroner nach sich ziehen. Sollte eine solche Untersuchung stattfinden, war es fast unmöglich, dass die Geschichte von My Ladys Verbrechen nicht ans Licht kommen würde. Zu beweisen, dass George Talboys den Tod bei Audley Court fand, hieß so gut wie sicher zu beweisen, dass My Lady das Werkzeug dieses geheimnisvollen Todes gewesen war; denn es war bekannt, dass der junge Mann ihr an dem Tag seines Verschwindens in den Lindenweg gefolgt war.

„Mein Gott!“, rief Robert aus, als ihm das volle Grauen seiner Lage bewusst wurde; „muss mein Freund an dieser ungeweihten Begräbnisstätte ruhen, weil ich die Verfehlungen der Frau, die ihn ermordete, geduldet habe?“

Er spürte, dass es keinen Ausweg aus dieser Schwierigkeit gab. Manchmal dachte er, dass es für seinen toten Freund wenig ausmachte, ob er unter einem Marmordenkmal bestattet lag, dessen handwerkliche Ausführung das Staunen der Welt erregen sollte, oder in jenem dunklen Versteck im Unterholz von Audley Court. Ein anderes Mal überkam ihn plötzliches Entsetzen über das Unrecht, das dem Ermordeten angetan worden war, und er hätte am liebsten die Reise noch schneller angetreten, als der Schnellzug zwischen Brüssel und Paris ihn tragen konnte, in seinem Eifer, das Ende seiner Reise zu erreichen, damit er dieses grausame Unrecht wiedergutmachen konnte.

Er war am Abend des zweiten Tages nach dem, an dem er Audley Court verlassen hatte, in London und fuhr direkt zum Clarendon, um sich nach seinem Onkel zu erkundigen. Er hatte nicht die Absicht, Sir Michael zu sehen, da er noch nicht entschieden hatte, wie viel oder wie wenig er ihm sagen sollte, aber er war sehr darauf bedacht festzustellen, wie der alte Mann den grausamen Schock, den er so kurz zuvor erlitten hatte, verkraftet hatte.

„Ich werde Alicia sehen“, dachte er, „sie wird mir alles über ihren Vater erzählen. Es sind erst zwei Tage vergangen, seit er Audley verlassen hat. Ich kann kaum erwarten, von einer günstigen Veränderung zu hören.“

Doch es war Mr. Audley nicht bestimmt, seine Cousine an jenem Abend zu sehen, denn die Bediensteten im Clarendon sagten ihm, dass Sir Michael und seine Tochter mit der Morgenpost nach Paris abgereist seien, auf dem Weg nach Wien.

Robert war sehr zufrieden, diese Nachricht zu erhalten; sie verschaffte ihm einen willkommenen Aufschub, denn es wäre zweifellos besser, dem Baronet nichts von seiner schuldigen Frau zu erzählen, bis er nach England zurückkehrte, mit ungebrochener Gesundheit und – wie man hoffen konnte – wiederhergestelltem Gemüt.

Mr. Audley fuhr zum Temple. Die Räume, die ihm seit dem Verschwinden von George Talboys trist erschienen waren, waren heute Abend doppelt so trist. Denn das, was nur ein dunkler Verdacht gewesen war, war nun zu einer schrecklichen Gewissheit geworden. Es gab keinen Raum mehr für den blassesten Strahl, das flüchtigste Glimmen der Hoffnung. Seine schlimmsten Befürchtungen waren nur allzu gut begründet gewesen.

George Talboys war von der Frau, die er geliebt und um die er getrauert hatte, grausam und tückisch ermordet worden.

Es warteten drei Briefe in seinen Räumen auf Mr. Audley. Einer war von Sir Michael, und ein anderer von Alicia. Der dritte war in einer Handschrift adressiert, die der junge Anwalt nur allzu gut kannte, obwohl er sie erst einmal zuvor gesehen hatte. Sein Gesicht rötete sich beim Anblick der Aufschrift, und er nahm den Brief in die Hand, vorsichtig und zärtlich, als wäre er ein lebendiges Wesen, das seine Berührung spüren konnte. Er drehte ihn in seinen Händen um und um, betrachtete das Wappen auf dem Umschlag, den Poststempel, die Farbe des Papiers, und steckte ihn dann mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen in den Busen seiner Weste.

„Was für ein elender und gewissenloser Narr ich doch bin!“, dachte er. „Habe ich mein Leben lang über die Torheiten schwacher Männer gelacht, und soll ich am Ende törichter sein als die Schwächsten von ihnen? Das wunderschöne Geschöpf mit den braunen Augen! Warum habe ich sie jemals gesehen? Warum hat meine unerbittliche Nemesis jemals den Weg zu jenem trostlosen Haus in Dorsetshire gewiesen?“

Er öffnete die ersten beiden Briefe. Er war töricht genug, den letzten für einen köstlichen Bissen aufzuheben – ein märchenhaftes Dessert nach den alltäglichen Substanzen eines Abendessens.

Alicias Brief teilte ihm mit, dass Sir Michael seinen Schmerz mit einer solchen beharrlichen Ruhe ertragen habe, dass sie schließlich weit mehr durch seine geduldige Gelassenheit alarmiert war als durch irgendeine stürmische Äußerung der Verzweiflung. In dieser Schwierigkeit hatte sie heimlich den Arzt aufgesucht, der den Haushalt Audley bei allen Fällen schwerer Krankheit betreute, und diesen Herrn gebeten, Sir Michael einen scheinbar zufälligen Besuch abzustatten. Er hatte dies getan und, nachdem er eine halbe Stunde bei dem Baronet geblieben war, Alicia mitgeteilt, dass gegenwärtig keine Gefahr schwerwiegender Folgen durch diesen großen Kummer bestehe, dass es jedoch notwendig sei, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Sir Michael aufzurütteln und ihn, wie widerwillig auch immer, zum Handeln zu bewegen.

Alicia hatte sofort auf diesen Rat hin gehandelt, ihre alte Herrschaft als verwöhntes Kind wieder aufgenommen und ihren Vater an ein Versprechen erinnert, das er gegeben hatte, sie durch Deutschland zu begleiten. Mit beträchtlicher Mühe hatte sie ihn dazu bewogen, dieses alte Versprechen zu erfüllen, und nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte, hatte sie dafür gesorgt, dass sie England so bald wie möglich verließen, und sie teilte Robert abschließend mit, dass sie ihren Vater nicht eher in sein altes Haus zurückbringen würde, bis sie ihn gelehrt habe, die damit verbundenen Sorgen zu vergessen.

Der Brief des Baronets war sehr kurz. Er enthielt ein halbes Dutzend blanko Schecks der Londoner Bankiers von Sir Michael Audley.

„Du wirst Geld benötigen, mein lieber Robert“, schrieb er, „für solche Vorkehrungen, die du für den zukünftigen Komfort der Person für angemessen hältst, die ich deiner Obhut anvertraut habe. Ich brauche dir kaum zu sagen, dass diese Vorkehrungen nicht freigiebig genug sein können. Aber vielleicht ist es gut, wenn ich dir jetzt, zum ersten und einzigen Mal, sage, dass es mein innigster Wunsch ist, niemals wieder den Namen dieser Person zu hören. Ich habe keinen Wunsch, über die Art der Vorkehrungen unterrichtet zu werden, die du für sie treffen magst. Ich bin sicher, dass du gewissenhaft und barmherzig handeln wirst. Ich verlange nicht mehr zu wissen. Wann immer du Geld brauchst, wirst du über mich für jede Summe verfügen, die du benötigen magst; aber du wirst keinen Anlass haben, mir mitzuteilen, für wessen Gebrauch du dieses Geld benötigst.“

Robert Audley atmete einen langen Seufzer der Erleichterung aus, als er diesen Brief faltete. Er entband ihn von einer Pflicht, deren Erfüllung für ihn höchst schmerzhaft gewesen wäre, und entschied für immer sein weiteres Vorgehen in Bezug auf den Ermordeten.

George Talboys musste in seinem unbekannten Grab in Frieden ruhen, und Sir Michael Audley durfte niemals erfahren, dass die Frau, die er geliebt hatte, das rote Mal des Mordes auf ihrer Seele trug.

Robert hatte nur noch den dritten Brief zu öffnen – den Brief, den er in seinen Busen gesteckt hatte, während er die anderen las; er riss den Umschlag auf und behandelte ihn vorsichtig und zärtlich, wie er es zuvor getan hatte.

Der Brief war so kurz wie der von Sir Michael. Er enthielt nur diese wenigen Zeilen:

„LIEBER MR. AUDLEY – Der Pfarrer dieses Ortes war zweimal bei Marks, dem Mann, den Sie bei dem Brand im Castle Inn gerettet haben. Er liegt in einem sehr bedenklichen Zustand im Haus seiner Mutter in der Nähe von Audley Court und es wird nicht erwartet, dass er noch viele Tage lebt. Seine Frau pflegt ihn, und sowohl er als auch sie haben den dringenden Wunsch geäußert, dass Sie ihn sehen sollten, bevor er stirbt. Bitte kommen Sie ohne Verzug.

„Hochachtungsvoll,

„CLARA TALBOYS.

„Mount Stanning Pfarrei, 6. März.“

Robert Audley faltete diesen Brief sehr ehrfürchtig und legte ihn unter jenen Teil seiner Weste, von dem man annehmen konnte, dass er die Gegend seines Herzens bedeckte. Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich in seinen Lieblingssessel, füllte und entzündete eine Pfeife und rauchte sie bis zum Ende, während er nachdenklich auf das Feuer starrte, solange sein Tabak reichte. „Was kann dieser Mann Marks von mir wollen“, dachte der Anwalt. „Er fürchtet sich zu sterben, bevor er vielleicht eine Beichte abgelegt hat. Er möchte mir das erzählen, was ich bereits weiß – die Geschichte von My Ladys Verbrechen. Ich wusste, dass er in das Geheimnis eingeweiht war. Ich war mir dessen sicher, selbst in der Nacht, in der ich ihn zum ersten Mal sah. Er kannte das Geheimnis, und er handelte damit.“

Robert Audley schreckte auf seltsame Weise davor zurück, nach Essex zurückzukehren. Wie sollte er Clara Talboys nun begegnen, da er das Geheimnis um das Schicksal ihres Bruders kannte? Wie viele Lügen müsste er erzählen, oder wie viel Ausflüchte er gebrauchen müsste, um die Wahrheit vor ihr zu verbergen? Doch wäre es Gnade, diese schreckliche Geschichte zu erzählen, deren Wissen einen Schatten auf ihre Jugend werfen und jede Hoffnung auslöschen würde, die sie selbst insgeheim gehegt hatte? Er wusste aus eigener Erfahrung, wie möglich es war, gegen alle Hoffnung zu hoffen, und unbewusst zu hoffen; und er konnte es nicht ertragen, dass ihr Herz durch das Wissen um die Wahrheit so zerbrochen werden sollte, wie seines es gewesen war. „Besser, sie hofft vergeblich bis zuletzt“, dachte er; „besser, sie geht durchs Leben auf der Suche nach einem Hinweis auf das Schicksal ihres verlorenen Bruders, als dass ich ihr diesen Hinweis in die Hand gebe und sage: ‚Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt. Der Bruder, den Sie liebten, wurde in der frühen Blüte seiner Jugend niederträchtig ermordet.‘“

Aber Clara Talboys hatte ihm geschrieben und ihn angefleht, ohne Verzug nach Essex zurückzukehren. Konnte er ihr ihren Wunsch abschlagen, wie schmerzhaft seine Erfüllung auch sein mochte? Und zudem, der Mann lag vielleicht im Sterben und hatte darum gefleht, ihn zu sehen. Wäre es nicht grausam, sich zu weigern zu kommen – eine Stunde unnötig zu verzögern? Er sah auf seine Uhr. Es fehlten nur fünf Minuten an neun. Es gab keinen Zug nach Audley mehr nach der Ipswich-Post, die London um halb neun verließ; aber es gab einen Zug, der Shoreditch um elf verließ und zwischen zwölf und eins in Brentwood hielt. Robert entschied sich, mit diesem Zug zu fahren und die Strecke zwischen Brentwood und Audley zu Fuß zurückzulegen, was über sechs Meilen waren.

Fleet Street war zu dieser späten Stunde still und einsam, und Robert Audley, der in einer Stimmung war, Geister zu sehen, wäre kaum erstaunt gewesen, hätte er Johnsons Zirkel im Schein der Straßenlaternen lärmend nach Westen ziehen sehen oder den blinden John Milton, wie er sich den Weg die Stufen vor Saint Bride’s Church hinuntertastete.

Mr. Audley rief ein Hansom an der Ecke von Farrington Street und wurde rasch über den menschenleeren Smithfield-Markt hinweg und in ein Labyrinth aus schmutzigen Straßen gerüttelt, das ihn auf die weite Pracht des Finsbury Pavement führte.

Das Hansom ratterte den steilen und steinigen Weg zum Bahnhof Shoreditch hinauf und setzte Robert vor den Toren jenes unschönen Tempels ab. Es waren nur sehr wenige Leute, die mit diesem Mitternachtszug reisen wollten, und Robert ging den langen hölzernen Bahnsteig auf und ab und las die riesigen Anzeigen, deren hagerer Schriftzug im schwachen Lampenlicht bleich und gespenstisch wirkte.

Er hatte das Abteil, in dem er saß, ganz für sich allein. Ganz für sich allein, sagte ich? Hatte er nicht kürzlich jene geisterhafte Gesellschaft an seine Seite gerufen, die von allen Begleitungen die hartnäckigste ist? Der Schatten von George Talboys verfolgte ihn, selbst in dem bequemen Erste-Klasse-Abteil, und war hinter ihm, als er aus dem Fenster schaute, und war ihm und der hastenden Lokomotive in jenem Unterholz, auf das der Zug zuraste, noch weit voraus, an der Seite des ungeweihten Verstecks, in dem die sterblichen Überreste des Toten vernachlässigt und unbeachtet lagen.

„Ich muss meinem verlorenen Freund ein anständiges Begräbnis bereiten“, dachte Robert, als der kalte Wind über die flache Landschaft strich und ihn mit einem gefrorenen Hauch traf, der den Lippen des Toten hätte entstammen können. „Ich muss es tun; oder ich werde an einer Panik wie dieser sterben, die mich heute Nacht ergriffen hat. Ich muss es tun; um jeden Preis; mit jedem Risiko. Selbst um den Preis jener Enthüllung, die die verrückte Frau aus ihrem sicheren Versteck zurückholen und auf eine Anklagebank setzen wird.“ Er war froh, als der Zug wenige Minuten nach zwölf in Brentwood hielt.

Es war halb zwei Uhr, als der nächtliche Wanderer das Dorf Audley betrat, und erst da erinnerte er sich daran, dass Clara Talboys versäumt hatte, ihm eine Wegbeschreibung zu geben, wie er das Häuschen finden konnte, in dem Luke Marks lag.

„Es war Dawson, der empfahl, den armen Kerl in das Häuschen seiner Mutter zu bringen“, dachte Robert nach einer Weile, „und ich nehme an, Dawson hat ihn seit dem Brand behandelt. Er wird mir sagen können, wie ich zu dem Häuschen komme.“

Diesem Gedanken folgend, hielt Mr. Audley an dem Haus, in dem Helen Talboys vor ihrer zweiten Heirat gelebt hatte. Die Tür der kleinen Arztpraxis stand einen Spalt breit offen, und drinnen brannte ein Licht. Robert stieß die Tür auf und spähte hinein. Der Chirurg stand an der Mahagonitheke und mischte ein Gebräu in einem Glasmaß, seinen Hut dicht neben sich. So spät es war, war er offensichtlich gerade erst hereingekommen. Das harmonische Schnarchen seines Assistenten ertönte aus einem kleinen Raum innerhalb der Praxis.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, Mr. Dawson“, sagte Robert entschuldigend, als der Chirurg aufblickte und ihn erkannte, „aber ich bin gekommen, um nach Marks zu sehen, von dem ich höre, dass er in einem sehr schlechten Zustand ist, und ich möchte, dass Sie mir den Weg zum Häuschen seiner Mutter sagen.“

„Ich werde Ihnen den Weg zeigen, Mr. Audley“, antwortete der Chirurg, „ich gehe in diesem Augenblick dorthin.“

„Der Mann ist also sehr schlecht dran?“

„So schlecht, dass es nicht schlimmer sein kann. Die Veränderung, die eintreten kann, ist diejenige, die ihn jenseits der Reichweite jedes irdischen Leidens befördern wird.“

„Seltsam!“, rief Robert. „Er schien nicht sehr verbrannt zu sein.“

„Er war nicht sehr verbrannt. Wäre er es gewesen, hätte ich niemals empfohlen, ihn aus Mount Stanning wegzubringen. Es ist der Schock, der die Sache erledigt hat. Er lag die letzten zwei Tage in hohem Fieber; aber heute Nacht ist er viel ruhiger, und ich fürchte, vor morgen Nacht werden wir das Letzte von ihm gesehen haben.“

„Er hat darum gebeten, mich zu sehen, wie mir gesagt wurde“, sagte Mr. Audley.

„Ja“, antwortete der Chirurg beiläufig. „Die Einbildung eines Kranken, ohne Zweifel. Sie haben ihn aus dem Haus gezogen und Ihr Bestes getan, um sein Leben zu retten. Ich nehme an, so grob und bäurisch der arme Kerl auch ist, er denkt viel darüber nach.“

Sie hatten die Praxis verlassen, deren Tür Mr. Dawson hinter sich abgeschlossen hatte. Vielleicht war Geld in der Kasse, denn sicherlich konnte der Dorfapotheker nicht befürchten, dass der dreisteste Hauseinbrecher seine Freiheit auf der Jagd nach Pillen und Kolokynthen, nach Salzen und Sennesblättern aufs Spiel setzen würde.

Der Chirurg wies den Weg die stille Straße entlang und bog bald in eine Gasse ein, an deren Ende Robert Audley den blassen Schimmer eines Lichtes sah; ein Licht, das von der Wache zeugte, die bei den Kranken und Sterbenden gehalten wird; ein bleiches, melancholisches Licht, das immer einen trostlosen Anblick bietet, wenn man es in dieser stillen Stunde zwischen Nacht und Morgen betrachtet. Es schien aus dem Fenster des Häuschens, in dem Luke Marks lag, bewacht von seiner Frau und seiner Mutter.

Mr. Dawson hob die Klinke und ging in den Gemeinschaftsraum des kleinen Anwesens, gefolgt von Robert Audley. Er war leer, aber ein schwaches Talglicht mit gebrochenem Rücken und einem langen, blumenkohlartigen Docht spratzte auf dem Tisch. Der Kranke lag in dem Raum darüber.

„Soll ich ihm sagen, dass Sie hier sind?“, fragte Mr. Dawson.

„Ja, ja, wenn Sie wollen. Aber seien Sie vorsichtig, wie Sie es ihm sagen, wenn Sie glauben, dass die Nachricht ihn aufregen könnte. Ich habe es nicht eilig. Ich kann warten. Sie können mich rufen, wenn Sie denken, dass ich sicher nach oben kommen kann.“

Der Chirurg nickte und stieg leise die schmale Holztreppe hinauf, die zu der oberen Kammer führte.

Robert Audley setzte sich auf einen Windsor-Stuhl am kalten Herd und starrte trostlos um sich. Aber er wurde schließlich durch die leise Stimme des Chirurgen erlöst, der vom oberen Ende der kleinen Treppe heruntersah, um ihm mitzuteilen, dass Luke Marks wach sei und sich freue, ihn zu sehen.

Robert folgte dieser Aufforderung sofort. Er schlich leise die Treppe hinauf und nahm seinen Hut ab, bevor er seinen Kopf neigte, um durch die niedrige Türöffnung der einfachen Bauernkammer zu treten. Er nahm seinen Hut ab in der Gegenwart dieses einfachen Bauern, weil er wusste, dass eine andere und eine schrecklichere Gegenwart in der Nähe des Zimmers schwebte und begierig darauf war, eingelassen zu werden.

Phoebe Marks saß am Fußende des Bettes, ihre Augen fest auf das Gesicht ihres Mannes gerichtet – nicht mit einem sehr zärtlichen Ausdruck im bleichen Licht, sondern mit einer scharfen, verängstigten Besorgnis, die zeigte, dass es das Nahen des Todes selbst war, das sie fürchtete, eher als den Verlust ihres Mannes. Die alte Frau war an der Feuerstelle beschäftigt, Wäsche zu lüften und eine Brühe zuzubereiten, von der es unwahrscheinlich war, dass der Patient sie jemals essen würde. Der Kranke lag da, den Kopf auf Kissen gestützt, sein grobes Gesicht totenblass und seine großen Hände unruhig auf der Bettdecke umherwandernd. Phoebe hatte ihm vorgelesen, denn ein offenes Testament lag zwischen den Arznei- und Lotionsflaschen auf dem Tisch in der Nähe des Bettes. Jeder Gegenstand im Raum war sauber und ordentlich und zeugte von jener feinen Präzision, die schon immer ein herausragendes Merkmal von Phoebe gewesen war.

Die junge Frau erhob sich, als Robert Audley die Schwelle überschritt, und eilte auf ihn zu.

„Lassen Sie mich einen Augenblick mit Ihnen sprechen, mein Herr, bevor Sie mit Luke reden“, sagte sie in einem eifrigen Flüstern. „Bitte lassen Sie mich zuerst mit Ihnen sprechen.“

„Was sagt das Mädel da?“ fragte der Kranke mit einem gedämpften Brüllen, das heiser auf seinen Lippen erstarb. Selbst in seiner Schwäche war er kraftlos wild. Der stumpfe Glanz des Todes legte sich bereits über seine Augen, doch sie beobachteten Phoebe immer noch mit einem scharfen Blick des Missfallens. „Was treibt sie da?“ sagte er. „Ich will kein Komplott und keine Ränkespiele gegen mich. Ich will selbst mit Mr. Audley sprechen; und für alles, was ich getan habe, werde ich geradestehen. Wenn ich Unheil angerichtet habe, will ich versuchen, es wiedergutzumachen. Was sagt sie?“

„Sie sagt gar nichts, mein Schätzchen“, antwortete die alte Frau und ging zum Bett ihres Sohnes, der selbst in dem durch Krankheit bedingten, interessanteren Zustand kein besonders geeigneter Kandidat für eine solch zärtliche Anrede zu sein schien.

„Sie erzählt dem Gentleman nur, wie schlecht es dir ergangen ist, mein Hübscher.“

„Was ich zu sagen habe, werde ich nur ihm sagen, das merk dir“, knurrte Mr. Marks; „und wenn er nicht neulich das für mich getan hätte, würde ich es ihm gewiss nicht erzählen.“

„Sicher nicht, mein Schätzchen“, antwortete die alte Frau beschwichtigend.

Phoebe Marks hatte Mr. Audley aus dem Zimmer auf den schmalen Treppenabsatz oben an der kleinen Treppe geführt. Dieser Absatz war eine Plattform von etwa drei Quadratfuß, und es war das Äußerste, was die beiden bewältigen konnten, ohne sich gegenseitig gegen die weiß getünchte Wand oder die Treppe hinunter zu drücken.

„Oh, mein Herr, ich musste unbedingt mit Ihnen sprechen“, antwortete Phoebe eifrig; „Sie wissen, was ich Ihnen sagte, als ich Sie in der Nacht des Feuers wohlbehalten auffand?“

„Ja, ja.“

„Ich habe Ihnen gesagt, was ich vermutete; was ich immer noch glaube.“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Aber ich habe niemandem außer Ihnen ein Wort darüber gesagt, mein Herr, und ich glaube, dass Luke diese Nacht ganz vergessen hat; ich glaube, das, was vor dem Feuer geschah, ist ihm völlig aus dem Kopf gegangen. Er war betrunken, wissen Sie, als meine Herr—als sie zum Castle kam; und ich glaube, er war durch das Feuer so benommen und verschreckt, dass es ganz aus seinem Gedächtnis verschwunden ist. Er ahnt jedenfalls nicht, was ich ahne, sonst hätte er es irgendwem oder jedem erzählt; aber er ist schrecklich nachtragend gegen meine Herrin, denn er sagt, wenn sie ihm eine Stelle in Brentwood oder Chelmsford verschafft hätte, wäre das nicht passiert. Was ich Sie also bitten wollte, mein Herr, ist, Luke gegenüber kein Wort fallen zu lassen.“

„Ja, ja, ich verstehe; ich werde vorsichtig sein.“

„Meine Herrin hat den Court verlassen, wie ich höre, mein Herr?“

„Ja.“

„Um nie wiederzukommen, mein Herr?“

„Um nie wiederzukommen.“

„Aber sie ist nicht dorthin gegangen, wo man sie grausam behandelt; wo sie schlecht behandelt wird?“

„Nein: Sie wird sehr freundlich behandelt werden.“

„Das freut mich, mein Herr; verzeihen Sie, dass ich Sie mit dieser Frage belästige, mein Herr, aber meine Herrin war eine gütige Herrin zu mir.“

Lukes heisere und schwache Stimme war zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs im kleinen Zimmer zu hören; er fragte wütend, wann „dieses Mädel mit dem Gerede fertig würde“; woraufhin Phoebe sich den Finger auf die Lippen legte und Mr. Audley zurück in das Krankenzimmer führte.

„Ich will dich nicht hierhaben“, sagte Mr. Marks bestimmt, als seine Frau das Zimmer wieder betrat – „ich will dich nicht; du hast keinen Grund zu hören, was ich zu sagen habe – ich will nur Mr. Audley, und ich will mit ihm ganz allein sprechen, ohne dass du an den Türen herumschnüffelst, hörst du? Also kannst du nach unten gehen und dort bleiben, bis du gebraucht wirst; und du kannst Mutter mitnehmen – nein, Mutter kann bleiben, ich werde sie gleich brauchen.“

Die schwache Hand des Kranken deutete auf die Tür, durch die seine Frau sehr unterwürfig verschwand.

„Ich habe nicht den Wunsch, etwas zu hören, Luke“, sagte sie, „aber ich hoffe, du sagst nichts gegen diejenigen, die gut und großzügig zu dir waren.“

„Ich werde sagen, was ich will“, antwortete Mr. Marks grimmig, „und ich lasse mir von dir nichts befehlen. Du bist nicht der Pfarrer, soweit ich weiß; und auch nicht der Anwalt.“

Der Wirt des Castle Inn hatte durch seine Leiden auf dem Sterbebett, so heftig und schnell sie auch waren, keine moralische Wandlung erfahren. Vielleicht drang nun ein schwacher Lichtschimmer, der seinem Leben so fern gewesen war, mühsam durch die dunkle Finsternis der Unwissenheit, die seine Seele verfinsterte. Vielleicht drängte ihn eine halb zornige, halb mürrische Reue zu dem rauen Versuch, ein Leben wiedergutzumachen, das selbstsüchtig, trunken und gottlos gewesen war. Wie dem auch sei, er wischte sich den weißen Mund ab, richtete seine hohlen Augen eindringlich auf Robert Audley und deutete auf einen Stuhl am Bett.

„Sie haben sich im Allgemeinen über mich lustig gemacht, Mr. Audley“, sagte er nach einer Weile, „und Sie haben mich ausgefragt, und Sie haben mich wie ein Gentleman hin- und hergeworfen, bis ich in Ihren Händen nichts oder alles war; und Sie haben mich durchschaut und von innen nach außen gekehrt, bis Sie dachten, Sie wüssten, was ich weiß. Ich hatte keinen besonderen Grund, Ihnen dankbar zu sein, nicht vor dem Feuer im Castle neulich. Aber ich bin Ihnen dafür dankbar. Ich bin Leuten im Allgemeinen vielleicht nicht dankbar, weil die Dinge, die die feinen Leute mir gegeben haben, fast immer die waren, die ich nicht wollte. Sie gaben mir Suppe, Traktate, Flanell und Kohlen; aber, Herr, sie machten so viel Aufhebens darum, dass ich sie am liebsten alle zurückgeschickt hätte. Aber wenn ein Gentleman hingeht und sein eigenes Leben riskiert, um ein besoffenes Biest wie mich zu retten, dann fühlt sich das besoffenste Biest, das es je gab, diesem Gentleman gegenüber dankbar und möchte vor seinem Tod – den er im Gesicht des Arztes sieht, dass er nicht mehr lange zu leben hat – sagen: ‚Danke, mein Herr, ich bin Ihnen verpflichtet.‘“

Luke Marks streckte seine linke Hand aus – die rechte Hand war durch das Feuer verletzt und in Leinen gewickelt – und tastete schwach nach der von Mr. Robert Audley.

Der junge Mann nahm die grobe, aber geschrumpfte Hand in beide seine und drückte sie herzlich.

„Ich brauche keinen Dank, Luke Marks“, sagte er; „ich war sehr froh, Ihnen behilflich sein zu können.“

Mr. Marks sprach nicht sofort. Er lag ruhig auf der Seite und starrte nachdenklich auf Robert Audley.

„Sie waren außerordentlich vernarrt in den Gentleman, der im Court verschwand, nicht wahr, mein Herr?“ sagte er schließlich.

Robert zuckte bei der Erwähnung seines toten Freundes zusammen.

„Sie waren außerordentlich vernarrt in diesen Mr. Talboys, habe ich sagen hören, mein Herr“, wiederholte Luke.

„Ja, ja“, antwortete Robert eher ungeduldig, „er war mein sehr lieber Freund.“

„Ich habe die Diener im Court sagen hören, wie sehr Sie sich aufgegeben haben, als Sie ihn nicht finden konnten. Ich habe den Wirt des Sun Inn sagen hören, wie niedergeschlagen Sie waren, als Sie ihn zuerst vermissten. ‚Wenn die beiden Gentlemen Brüder gewesen wären‘, sagte der Wirt, ‚hätte unser Gentleman‘, womit er Sie meinte, mein Herr, ‚nicht niedergeschlagener sein können, als er den anderen vermisste.‘“

„Ja, ja, ich weiß, ich weiß“, sagte Robert; „ich bitte Sie, sprechen Sie nicht mehr über dieses Thema. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich bedrückt.“

Sollte er ewig vom Geist seines unbestatteten Freundes verfolgt werden? Er war hierhergekommen, um den Kranken zu trösten, und selbst hier wurde er von diesem unerbittlichen Schatten verfolgt; selbst hier wurde er an das geheime Verbrechen erinnert, das sein Leben verdüstert hatte.

„Hören Sie mir zu, Marks“, sagte er eindringlich; „glauben Sie mir, dass ich Ihre dankbaren Worte zu schätzen weiß und sehr froh bin, Ihnen behilflich gewesen zu sein. Aber bevor Sie noch etwas sagen, lassen Sie mich eine sehr feierliche Bitte äußern. Wenn Sie nach mir geschickt haben, damit Sie mir etwas über das Schicksal meines verlorenen Freundes erzählen können, so bitte ich Sie, sich selbst und mir diese schreckliche Geschichte zu ersparen. Sie können mir nichts erzählen, was ich nicht schon weiß. Das Schlimmste, was Sie mir über die Frau sagen können, die einst in Ihrer Gewalt war, wurde mir bereits von ihren eigenen Lippen offenbart. Bitte schweigen Sie also zu diesem Thema; ich sage noch einmal, Sie können mir nichts sagen, was ich nicht weiß.“

Luke Marks betrachtete nachdenklich das ernste Gesicht seines Besuchers, und ein schattenhafter Ausdruck, der fast wie ein Lächeln wirkte, huschte schwach über die hohlen Züge des Kranken.

„Ich kann Ihnen nichts sagen, was Sie nicht wissen?“ fragte er.

„Nichts.“

„Dann hat es keinen Zweck, dass ich es versuche“, sagte der Kranke nachdenklich. „Hat sie es Ihnen erzählt?“ fragte er nach einer Pause.

„Ich muss Sie bitten, Marks, das Thema fallen zu lassen“, antwortete Robert fast streng. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht möchte, dass darüber gesprochen wird. Welche Entdeckungen Sie auch immer gemacht haben, Sie haben daraus Profit geschlagen. Welche schuldhaften Geheimnisse Sie auch immer in Ihren Besitz gebracht haben, Sie wurden dafür bezahlt, zu schweigen. Sie sollten besser bis zum Ende schweigen.“

„Sollte ich das?“ rief Luke Marks in einem eifrigen Flüstern. „Sollte ich wirklich besser bis zum letzten den Mund halten?“

„Ich denke schon, ganz entschieden. Sie haben mit Ihrem Geheimnis gehandelt und wurden dafür bezahlt, es zu bewahren. Es wäre ehrlicher, bei Ihrer Abmachung zu bleiben und es weiterhin zu bewahren.“

„Wäre es das?“ sagte Mr. Marks mit einem grässlichen Grinsen; „aber nehmen wir an, meine Herrin hätte ein Geheimnis und ich ein anderes. Was dann?“

„Was meinen Sie?“

„Nehmen wir an, ich hätte die ganze Zeit über etwas sagen können; und hätte es vielleicht gesagt, wenn ich ein wenig besser behandelt worden wäre; wenn das, was mir gegeben wurde, ein wenig großzügiger gewesen wäre und nicht wie einem Hund zugeworfen, nur damit er nicht beißt. Nehmen wir an, ich hätte etwas sagen können und hätte es getan, wenn nicht das gewesen wäre. Was dann?“

Es war unmöglich, die Grässlichkeit des triumphierenden Grinsens zu beschreiben, das das hohle Gesicht des Kranken erhellte.

„Sein Geist ist verwirrt“, dachte Robert; „ich muss Geduld mit ihm haben, der arme Kerl. Es wäre seltsam, wenn ich nicht Geduld mit einem Sterbenden haben könnte.“

Luke Marks lag einige Augenblicke da und starrte Mr. Audley mit diesem triumphierenden Grinsen im Gesicht an. Die alte Frau, erschöpft vom Wachen an ihrem sterbenden Sohn, war in einen Dösen verfallen und saß da, das spitze Kinn über der Handvoll Feuer nickend, auf der die Brühe, die niemals gegessen werden sollte, noch immer vor sich hin blubberte.

Mr. Audley wartete sehr geduldig, bis es dem Kranken belieben würde zu sprechen. Jedes Geräusch war in dieser toten Stunde der Nacht schmerzlich deutlich. Das Fallen der Asche auf den Herd, das unheilvolle Knistern der brennenden Kohlen, das langsame und schwere Ticken der mürrischen Uhr im Zimmer darunter, das leise Stöhnen des Märzwindes (das die Stimme einer englischen Banshee hätte sein können, die den Wächtern des Sterbenden ihre düstere Warnung entgegenkreischte), das heisere Atmen des Kranken – jedes Geräusch hielt sich von allen anderen fern und wurde zu einer eigenen Stimme, laut mit düsterer Vorbedeutung in der feierlichen Stille des Hauses.

Robert saß da, sein Gesicht in den Händen verborgen, und dachte darüber nach, was aus ihm werden sollte, nun da das Geheimnis um das Schicksal seines Freundes erzählt war und die dunkle Geschichte von George Talboys und seiner gottlosen Frau in der belgischen Irrenanstalt ihr Ende gefunden hatte. Was sollte aus ihm werden?

Er hatte keinen Anspruch auf Clara Talboys; denn er hatte sich entschlossen, das schreckliche Geheimnis, das ihm anvertraut worden war, zu bewahren. Wie also konnte er es wagen, ihr gegenüberzutreten, während er ihr dieses Geheimnis vorenthielt? Wie konnte er jemals in ihre ernsten Augen blicken und ihr dennoch die Wahrheit vorenthalten? Er spürte, dass jede Kraft zur Zurückhaltung vor dem forschenden Blick dieser ruhigen braunen Augen versagen würde. Wenn er dieses Geheimnis tatsächlich bewahren wollte, durfte er sie nie wiedersehen. Es zu enthüllen, würde ihr Leben verbittern. Könnte er ihr aus irgendeinem eigennützigen Motiv diese schreckliche Geschichte erzählen? – oder konnte er glauben, dass sie, wenn er es ihr erzählte, dulden würde, dass ihr ermordeter Bruder ungerächt und vergessen in seinem ungeweihten Grab läge?

Von allen Seiten von Schwierigkeiten bedrängt, die völlig unüberwindlich schienen; sein von Natur aus leichtes Temperament durch die düstere Last verbittert, die er so lange getragen hatte, blickte Robert Audley hoffnungslos in das Leben, das vor ihm lag, und dachte, es wäre besser für ihn gewesen, wäre er in den brennenden Trümmern des Castle Inn umgekommen.

„Wer hätte um mich getrauert? Niemand außer meiner armen kleinen Alicia“, dachte er, „und ihre wäre nur ein April-Kummer gewesen. Hätte Clara Talboys getrauert? Nein! Sie hätte mich nur als ein verlorenes Glied im Geheimnis des Todes ihres Bruders bedauert. Sie hätte nur…“

KAPITEL XXXIX.

WAS DER STERBENDE ZU SAGEN HATTE.

Der Himmel weiß, wohin Mr. Audleys Gedanken gewandert wären, hätte ihn nicht eine plötzliche Bewegung des Kranken aufgeschreckt, der sich in seinem Bett aufrichtete und nach seiner Mutter rief.

Die alte Frau erwachte mit einem Ruck und wandte sich schläfrig genug ihrem Sohn zu.

„Was ist es, Luke, mein Schatz?“ fragte sie beschwichtigend. „Es ist noch nicht Zeit für die Arznei des Arztes. Mr. Dawson sagte, du solltest sie erst zwei Stunden nach seinem Weggang nehmen, und er ist noch keine Stunde fort.“

„Wer hat gesagt, dass ich die Arznei des Arztes wollte?“ rief Mr. Marks ungeduldig. „Ich möchte dich etwas fragen, Mutter. Erinnerst du dich an den siebten September letzten Jahres?“

Robert zuckte zusammen und blickte den Kranken eifrig an. Warum ritt er auf diesem verbotenen Thema herum? Warum bestand er darauf, sich an das Datum von Georges Ermordung zu erinnern? Die alte Frau schüttelte den Kopf in schwacher geistiger Verwirrung.

„Herr, Luke“, sagte sie, „wie kannst du mir solche Fragen stellen? Mein Gedächtnis lässt mich seit acht oder neun Jahren im Stich; und ich war nie eine, die sich an die Tage des Monats oder so etwas erinnert hat. Wie sollte eine arme arbeitende Frau sich an solche Dinge erinnern.“

Luke Marks zuckte ungeduldig mit den Schultern.

„Du bist eine Gute darin, zu tun, was man von dir verlangt, Mutter“, sagte er mürrisch. „Habe ich dir nicht gesagt, dass du dich an diesen Tag erinnern sollst? Habe ich dir nicht gesagt, dass die Zeit kommen könnte, in der du aufgerufen wirst, darüber Zeugnis abzulegen und auf deinen biblischen Eid darüber zu schwören? Habe ich dir das nicht gesagt, Mutter?“

Die alte Frau schüttelte hoffnungslos den Kopf.

„Wenn du das sagst, zweifle ich nicht daran, dass du es getan hast, Luke“, sagte sie mit einem versöhnlichen Lächeln; „aber ich kann mich nicht daran erinnern, mein Schatz. Mein Gedächtnis lässt mich seit neun Jahren im Stich, mein Herr“, fügte sie an Robert Audley gewandt hinzu, „und ich bin nur ein armes Geschöpf.“

Mr. Audley legte seine Hand auf den Arm des Kranken.

„Marks“, sagte er, „ich sage Ihnen noch einmal, Sie haben keinen Grund, sich über diese Angelegenheit Sorgen zu machen. Ich stelle Ihnen keine Fragen, ich habe nicht den Wunsch, etwas zu hören.“

„Aber nehmen wir an, ich möchte etwas sagen“, rief Luke mit fieberhafter Energie, „nehmen wir an, ich fühle, dass ich nicht mit einem Geheimnis auf dem Gewissen sterben kann, und habe absichtlich darum gebeten, Sie zu sehen, damit ich es Ihnen sagen kann; nehmen wir das an, und Sie nehmen nichts als die Wahrheit an. Ich wäre lieber bei lebendigem Leib verbrannt, bevor ich es ihr gesagt hätte.“ Er sprach diese Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen und blickte grimmig drein, als er sie äußerte. „Ich wäre lieber vorher bei lebendigem Leib verbrannt worden. Ich habe sie für ihre hübsche Unverschämtheit bezahlen lassen; ich habe sie für ihre Dünkelhaftigkeit und ihre Allüren bezahlen lassen; ich hätte es ihr niemals gesagt – niemals, niemals! Ich hatte meine Macht über sie und ich habe sie behalten; ich hatte mein Geheimnis und wurde dafür bezahlt; und es gab keine kleine Kränkung, die sie mir oder den Meinen jemals zugefügt hat, die ich ihr nicht zwanzigfach heimgezahlt habe!“

„Marks, Marks, um Himmels willen, seien Sie ruhig“, sagte Robert eindringlich. „Wovon reden Sie? Was ist es, das Sie hätten sagen können?“

„Ich werde es Ihnen sagen“, antwortete Luke und wischte sich den Mund ab. „Gib uns etwas zu trinken, Mutter.“

Die alte Frau goss etwas kühlendes Getränk in einen Becher und brachte es ihrem Sohn.

Er trank es in eifriger Eile, als fühlte er, dass der kurze Rest seines Lebens ein Wettlauf mit dem unerbittlichen Wanderer, der Zeit, sein musste.

„Bleib, wo du bist“, sagte er zu seiner Mutter und deutete auf einen Stuhl am Fußende des Bettes.

Die alte Frau gehorchte und setzte sich sanftmütig Mr. Audley gegenüber.

„Ich werde dir noch eine Frage stellen, Mutter“, sagte Luke, „und ich denke, es wäre seltsam, wenn du sie nicht beantworten könntest. Erinnerst du dich daran, als ich auf Atkinsons Farm arbeitete; bevor ich geheiratet habe, wissen Sie, und als ich hier unten bei Ihnen wohnte?“

„Ja, ja“, antwortete Mrs. Marks triumphierend nickend, „daran erinnere ich mich, mein Lieber. Es war letzten Herbst, gerade als die Äpfel im Obstgarten an unserer Gasse geerntet wurden, und ungefähr zu der Zeit, als du deine neue Weste mit den Zweigen hattest. Ich erinnere mich, Luke, ich erinnere mich.“

Mr. Audley fragte sich, wohin das alles führen sollte und wie lange er noch am Bett des Kranken sitzen müsste, um ein Gespräch zu hören, das für ihn keinen Sinn ergab.

„Wenn du dich an so viel erinnerst, erinnerst du dich vielleicht an mehr, Mutter“, sagte Luke. „Kannst du dich daran erinnern, dass ich eines Abends jemanden mit nach Hause brachte, während die Atkinsons das letzte ihrer Getreide aufstapelten?“

Wieder einmal zuckte Mr. Audley heftig zusammen, und diesmal blickte er eifrig in das Gesicht des Sprechers und lauschte mit einem seltsamen, atemlosen Interesse, das er selbst kaum verstand, dem, was Luke Marks sagte.

„Ich erinnere mich, dass du Phoebe mitgebracht hast“, antwortete die alte Frau mit großer Lebhaftigkeit. „Ich erinnere mich, dass du Phoebe ein paarmal mitgebracht hast, um eine Tasse Tee oder einen kleinen Imbiss zum Abendessen zu nehmen.“

„Unsinn mit Phoebe“, rief Mr. Marks, „wer redet denn von Phoebe? Was ist Phoebe schon, dass sich jemand wegen ihr aufregen sollte? Erinnerst du dich daran, dass ich eines Septemberabends nach zehn Uhr einen Gentleman mit nach Hause brachte; einen Gentleman, der bis auf die Haut nass war und von Kopf bis Fuß mit Schlamm und Matsch, grünem Schleim und schwarzem Dreck bedeckt war, und der den Arm gebrochen hatte und dessen Schulter schrecklich angeschwollen war; und der so ein Objekt war, dass ihn niemand erkannt hätte; einen Gentleman, dem man an einigen Stellen die Kleidung vom Leib schneiden musste und der am Küchenfeuer saß und die Kohlen anstarrte, als wäre er verrückt oder stumpfsinnig geworden, und nicht wusste, wo er war oder wer er war; und der wie ein Baby versorgt, angezogen, getrocknet, gewaschen und mit Löffeln voll Brandy gefüttert werden musste, die man zwischen seine zusammengebissenen Zähne zwingen musste, bevor man etwas Leben in ihn hineinbekam? Erinnerst du dich daran, Mutter?“

Die alte Frau nickte und murmelte etwas davon, dass sie sich an all diese Umstände sehr lebhaft erinnere, jetzt, da Luke sie erwähnte.

Robert Audley stieß einen wilden Schrei aus und sank neben dem Bett des Kranken auf die Knie.

„Mein Gott!“ rief er aus, „ich danke Dir für Deine wunderbaren Gnaden. George Talboys lebt!“

„Warten Sie ein wenig“, sagte Mr. Marks, „seien Sie nicht zu schnell. Mutter, gib uns mal die Blechdose da oben auf dem Regal gegenüber der Kommode herunter, willst du?“

Die alte Frau gehorchte, und nachdem sie zwischen zerbrochenen Teetassen und Milchkännchen, deckellosen Baumwollschachteln aus Holz und einer bunten Ansammlung von Lumpen und Geschirr herumgekramt hatte, brachte sie eine Blechschnupftabakdose mit einem Schiebedeckel zum Vorschein; eine schäbige, schmutzig aussehende Dose.

Robert Audley kniete immer noch am Bett, das Gesicht in seinen gefalteten Händen verborgen. Luke Marks öffnete die Blechdose.

„Es ist kein Geld drin, leider“, sagte er, „oder wenn es welches gewesen wäre, wäre es nicht lange darin geblieben. Aber es ist etwas darin, was Sie vielleicht für ebenso wertvoll halten wie Geld, und das ist es, was ich Ihnen als Beweis dafür geben werde, dass ein besoffenes Biest denjenigen gegenüber dankbar sein kann, die freundlich zu ihm sind.“

Er nahm zwei gefaltete Papiere heraus, die er in Robert Audleys Hände gab.

Es waren zwei Blätter, die aus einem Notizbuch gerissen worden waren, und sie waren mit Bleistift beschrieben, und zwar in einer Handschrift, die Mr. Audley völlig fremd war – eine verkrampfte, steife und doch krakelige Schrift, wie sie ein Pflüger geschrieben haben mochte.

„Ich kenne diese Schrift nicht“, sagte Robert, während er hastig das erste der beiden Papiere entfaltete. „Was hat das mit meinem Freund zu tun? Warum zeigen Sie mir diese?“

„Angenommen, Sie lesen sie erst einmal“, sagte Mr. Marks, „und stellen mir danach Ihre Fragen dazu.“

Das erste Blatt, das Robert Audley entfaltet hatte, enthielt die folgenden Zeilen, geschrieben in jener verkrampften und doch krakeligen Handschrift, die ihm so fremd war:

„MEIN LIEBER FREUND – Ich schreibe Ihnen in einer solchen völligen geistigen Verwirrung, wie sie vielleicht noch kein Mensch zuvor erlitten hat. Ich kann Ihnen nicht sagen, was mir zugestoßen ist, ich kann Ihnen nur sagen, dass etwas geschehen ist, das mich als einen Menschen mit gebrochenem Herzen aus England vertreiben wird, um irgendeinen Winkel der Erde zu suchen, in dem ich unbekannt und vergessen leben und sterben kann. Ich kann Sie nur bitten, mich zu vergessen. Wenn Ihre Freundschaft mir hätte nützen können, hätte ich mich an sie gewandt. Wenn Ihr Rat mir eine Hilfe hätte sein können, hätte ich mich Ihnen anvertraut. Aber weder Freundschaft noch Rat können mir helfen; und alles, was ich Ihnen sagen kann, ist dies: Gott segne Sie für die Vergangenheit und lehre Sie, mich in der Zukunft zu vergessen. G.T.“

Das zweite Papier war an eine andere Person adressiert, und sein Inhalt war kürzer als der des ersten.

„HELEN – Möge Gott Ihnen für das, was Sie heute getan haben, ebenso wahrhaftig gnädig sein und vergeben, wie ich es tue. Ruhen Sie in Frieden. Sie werden nie wieder von mir hören; Ihnen und der Welt gegenüber werde ich von nun an das sein, was Sie heute von mir wünschten. Sie brauchen keine Belästigung durch mich zu fürchten. Ich verlasse England, um nie wiederzukehren.

G.T.“

Robert Audley saß da und starrte in hoffnungsloser Fassungslosigkeit auf diese Zeilen. Sie waren nicht in der vertrauten Handschrift seines Freundes, und doch gaben sie vor, von ihm geschrieben und mit seinen Initialen unterzeichnet zu sein.

Er blickte prüfend in das Gesicht von Luke Marks, in dem Gedanken, dass vielleicht ein übles Spiel mit ihm getrieben wurde.

„Das wurde nicht von George Talboys geschrieben“, sagte er.

„Doch, das wurde es“, antwortete Luke Marks, „es wurde von Mr. Talboys geschrieben, jede Zeile davon. Er schrieb es mit seiner eigenen Hand; aber es war seine linke Hand, denn seine rechte konnte er wegen seines gebrochenen Arms nicht benutzen.“

Robert Audley blickte plötzlich auf, und der Schatten des Misstrauens wich aus seinem Gesicht.

„Ich verstehe“, sagte er, „ich verstehe. Erzählen Sie mir alles; erzählen Sie mir, wie es dazu kam, dass mein armer Freund gerettet wurde.“

„Ich arbeitete letzten September auf Atkinsons Farm“, sagte Luke Marks, „und half dabei, das letzte Getreide einzufahren, und da der kürzeste Weg von der Farm zu Mutter ihrem Häuschen durch die Wiesen hinter dem Court führte, pflegte ich diesen Weg zu nehmen, und Phoebe stand manchmal an der Gartenmauer jenseits des Lindenwegs, um ein Schwätzchen mit mir zu halten, weil sie wusste, wann ich nach Hause kam.

Ich weiß nicht, was Phoebe am Abend des siebten September tat – ich erinnere mich an das Datum, weil Bauer Atkinson mir an diesem Tag meinen gesamten Lohn auf einmal auszahlte und ich eine Quittung für das Geld unterschreiben musste, das er mir gab –, ich weiß nicht, was sie tat, aber sie war nicht am Tor am Lindenweg, also ging ich zur anderen Seite der Gärten und sprang über den trockenen Graben, denn ich wollte sie an jenem Abend unbedingt sehen, da ich am nächsten Tag zur Arbeit auf eine Farm hinter Chelmsford gehen wollte. Die Kirchenuhr von Audley schlug neun, als ich die Wiesen zwischen Atkinson und dem Court überquerte, und es muss etwa Viertel nach neun gewesen sein, als ich in den Küchengarten gelangte.

Ich überquerte den Garten und ging in den Lindenweg; der kürzeste Weg zum Gesindesaal führte mich durch das Gebüsch und am trockenen Brunnen vorbei. Es war eine dunkle Nacht, aber ich kannte mich gut genug aus an dem alten Anwesen, und das Licht im Fenster des Gesindesaals sah durch die Dunkelheit rot und gemütlich aus. Ich war dicht am Rand des trockenen Brunnens, als ich ein Geräusch hörte, bei dem mir das Blut in den Adern gefror. Es war ein Stöhnen – das Stöhnen eines Mannes, der Schmerzen hatte und irgendwo in den Büschen versteckt lag. Ich hatte keine Angst vor Gespenstern und ich hatte im Allgemeinen vor gar nichts Angst, aber es lag etwas in diesem Stöhnen, das mich bis ins Mark erschütterte, und für eine Minute war ich wie vom Donner gerührt und wusste nicht, was ich tun sollte. Aber ich hörte das Stöhnen noch einmal, und dann fing ich an, im Gebüsch zu suchen. Ich fand einen Mann, der unter einer Menge Lorbeerbüsche versteckt lag, und ich dachte zuerst, er führe nichts Gutes im Schilde, und wollte ihn mir greifen, um ihn zum Haus zu bringen, als er mich am Handgelenk packte, ohne vom Boden aufzustehen, mich aber sehr ernst ansah, wie ich an der Art sehen konnte, wie sein Gesicht in der Dunkelheit zu mir gedreht war, und mich fragte, wer ich sei, was ich sei und was ich mit den Leuten im Court zu tun hätte.

Es lag etwas in seiner Art zu sprechen, das mir verriet, dass er ein Gentleman war, obwohl ich ihn nicht kannte und sein Gesicht nicht sehen konnte; und ich beantwortete seine Fragen höflich.

‚Ich will von diesem Ort weg‘, sagte er, ‚ohne dass mich irgendein lebendes Wesen sieht, denken Sie daran. Ich liege hier seit heute um vier Uhr, und ich bin halb tot, aber ich will weg, ohne gesehen zu werden, merken Sie sich das.‘

Ich sagte ihm, das sei leicht genug, aber ich fing an zu denken, dass meine ersten Gedanken über ihn vielleicht doch richtig gewesen waren und er nichts Gutes im Schilde führen könne, wenn er so verdammt leise verschwinden wollte.

‚Können Sie mich an einen Ort bringen, wo ich trockene Kleidung bekomme‘, sagt er, ‚ohne dass es ein halbes Dutzend Leute mitbekommt?‘

Er hatte sich inzwischen in eine sitzende Haltung aufgerichtet, und ich konnte sehen, dass sein rechter Arm schlaff an seiner Seite hing und er Schmerzen hatte.

Ich deutete auf seinen Arm und fragte ihn, was damit sei; aber er antwortete nur ganz leise: ‚Gebrochen, mein Junge, gebrochen. Nicht, dass das viel ausmacht‘, sagt er in einem anderen Ton, mehr zu sich selbst als zu mir. ‚Es gibt gebrochene Herzen ebenso wie gebrochene Gliedmaßen, und die sind nicht so leicht zu heilen.‘

Ich sagte ihm, ich könne ihn zu meiner Mutter ins Häuschen bringen und er könne dort seine Kleidung trocknen und sei willkommen.

‚Kann Ihre Mutter ein Geheimnis bewahren?‘ fragte er.

‚Nun, sie könnte eines gut genug bewahren, wenn sie es sich merken könnte‘, sagte ich ihm; ‚aber Sie könnten ihr heute Abend alle Geheimnisse der Freimaurer, der Waldarbeiter, der Büffel und der Oddfellows erzählen, die es je gab, und morgen früh hätte sie alles wieder vergessen.‘

Er schien damit zufrieden zu sein, und er erhob sich, indem er sich an mir festhielt, denn es schien, als seien seine Gliedmaßen verkrampft, der Gebrauch von ihnen war fast verloren. Ich spürte, als er sich an mich lehnte, dass seine Kleidung nass und schmutzig war.

‚Sie sind doch nicht etwa in den Fischteich gefallen, mein Herr?‘ fragte ich.

Er gab keine Antwort auf meine Frage; er schien sie nicht einmal gehört zu haben. Ich konnte jetzt, da er auf seinen Füßen stand, sehen, dass er ein großer, gut gebauter Mann war, einen Kopf und Schultern größer als ich.

‚Bringen Sie mich zu dem Häuschen Ihrer Mutter‘, sagte er, ‚und besorgen Sie mir trockene Kleidung, wenn Sie können; ich werde Sie für Ihre Mühe gut bezahlen.‘

Ich wusste, dass der Schlüssel meistens im Holztor in der Gartenmauer steckte, also führte ich ihn diesen Weg. Er konnte anfangs kaum gehen, und nur indem er sich schwer auf meine Schulter stützte, gelang es ihm voranzukommen. Ich brachte ihn durch das Tor, ließ es hinter mir unverschlossen und vertraute darauf, dass dies dem Untergärtner, der den Schlüssel verwahrte und ein ziemlich leichtsinniger Kerl war, nicht auffallen würde. Ich brachte ihn über die Wiesen und hierher, immer noch das Dorf meidend, über die Felder, wo zu dieser Nachtzeit kein Mensch uns sehen konnte; und so brachte ich ihn in das Zimmer unten, wo Mutter am Feuer saß und mein Abendessen für mich zubereitete.

Ich setzte den fremden Kerl auf einen Stuhl ans Feuer, und dann sah ich ihn zum ersten Mal richtig an. Ich habe noch nie jemanden in einem solchen Zustand gesehen. Er war voller grüner Feuchtigkeit und Dreck, und seine Hände waren zerkratzt und zerfetzt. Ich zog ihm die Kleidung aus, so gut ich konnte, denn er war wie ein Kind in meinen Händen und saß da und starrte so hilflos wie ein Baby ins Feuer; nur ab und zu stieß er einen langen, schweren Seufzer aus, als ob sein Herz zerspringen wollte. Endlich fiel er in eine Art Dämmerschlaf, ein stumpfsinniges Schlafen, und fing an, über dem Feuer zu nicken, also lief ich los, holte eine Decke, wickelte ihn darin ein und brachte ihn dazu, sich auf das Bett im Zimmer unter diesem hier zu legen. Ich schickte Mutter ins Bett, und ich saß am Feuer und bewachte ihn und hielt das Feuer am Brennen, bis es fast Tag wurde, als er plötzlich mit einem Ruck erwachte und sagte, er müsse sofort, auf der Stelle, gehen.

Ich flehte ihn an, nicht an so etwas zu denken, und sagte ihm, er sei noch lange nicht in der Lage, sich zu bewegen; aber er sagte, er müsse gehen, und er stand auf, und obwohl er schwankte und anfangs kaum zwei Minuten lang sicher stehen konnte, wollte er sich nicht geschlagen geben, und er brachte mich dazu, ihn in seine Kleidung zu stecken, die ich getrocknet und so gut ich konnte gereinigt hatte, während er schlief. Ich schaffte es schließlich, aber die Kleidung war schrecklich ruiniert, und er sah wie ein furchtbarer Anblick aus mit seinem blassen Gesicht und einem großen Schnitt an der Stirn, den ich gewaschen und mit einem Taschentuch verbunden hatte. Er konnte seinen Rock nur anziehen, indem er ihn sich um den Hals knöpfte, denn er konnte den Ärmel nicht über seinen gebrochenen Arm ziehen. Aber er hielt gegen alles stand, obwohl er ab und zu stöhnte; und bei den Kratzern und Prellungen an seinen Händen, dem Schnitt auf seiner Stirn, seinen steifen Gliedern und dem gebrochenen Arm hatte er allen Grund zu stöhnen; und als es heller Tag war, war er angezogen und bereit zu gehen.

‚Was ist die nächste Stadt von hier auf der Londoner Straße?‘ fragte er mich.

Ich sagte ihm, die nächste Stadt sei Brentwood.

‚Sehr wohl‘, sagt er, ‚wenn Sie mit mir nach Brentwood kommen und mich zu einem Chirurgen bringen, der mir den Arm einrenkt, gebe ich Ihnen dafür und für Ihre sonstige Mühe eine Fünf-Pfund-Note.‘

Ich sagte ihm, ich sei bereit und willens, alles zu tun, was er verlangt; und fragte ihn, ob ich nicht gehen und sehen sollte, ob ich mir von einem der Nachbarn einen Karren leihen könnte, um ihn hinüberzufahren, denn ich sagte ihm, es seien gute sechs Meilen Fußweg.

Er schüttelte den Kopf. Nein, nein, nein, sagte er, er wolle nicht, dass irgendjemand etwas von ihm erfahre; er wolle lieber zu Fuß gehen.

Er ging zu Fuß; und er ging wie ein Braver; obwohl ich weiß, dass er bei jedem Schritt, den er auf diesen sechs Meilen tat, Schmerzen litt; aber er hielt durch, so wie er vorher durchgehalten hatte; ich habe in meinem ganzen gesegneten Leben noch nie einen Kerl gesehen, der so durchgehalten hat. Er musste manchmal anhalten und sich gegen ein Tor lehnen, um zu Atem zu kommen; aber er hielt durch, bis wir schließlich in Brentwood ankamen, und dann sagt er: ‚Bringen Sie mich zum nächsten Chirurgen‘, und ich wartete, während er seinen Arm in Schienen legen ließ, was eine verdammt lange Zeit dauerte. Der Chirurg wollte, dass er in Brentwood bleibt, bis es ihm besser geht, aber er sagte, davon könne keine Rede sein, er müsse ohne jede Zeitverzögerung nach London; also machte ihn der Chirurg, so gut es ging, zurecht und band seinen Arm in eine Schlinge.“

Robert Audley fuhr zusammen. Ein Umstand, der mit seinem Besuch in Liverpool zusammenhing, schoss ihm plötzlich wieder ins Gedächtnis. Er erinnerte sich an den Angestellten, der ihn zurückgerufen hatte, um ihm zu sagen, dass es einen Passagier gab, der seine Koje an Bord der Victoria Regia innerhalb einer Stunde nach dem Auslaufen des Schiffes belegt hatte; einen jungen Mann mit dem Arm in einer Schlinge, der sich mit einem gewöhnlichen Namen genannt hatte, den Robert vergessen hatte.

„Als sein Arm verbunden war“, fuhr Luke fort, „sagt er zum Chirurgen: ‚Können Sie mir einen Bleistift geben, um etwas zu schreiben, bevor ich gehe?‘ Der Chirurg lächelt und schüttelt den Kopf: ‚Sie werden mit der Hand heute nichts mehr schreiben können‘, sagt er und deutet auf den Arm, der gerade verbunden worden war. ‚Vielleicht nicht‘, antwortet der junge Kerl, ganz ruhig, ‚aber ich kann mit der anderen schreiben.‘ ‚Kann ich es für Sie schreiben?‘ sagt der Chirurg. ‚Nein, danke‘, antwortet der andere; ‚was ich zu schreiben habe, ist privat. Wenn Sie mir ein paar Umschläge geben können, wäre ich Ihnen dankbar.‘

Daraufhin geht der Chirurg, um die Umschläge zu holen, und der junge Kerl nimmt mit seiner linken Hand ein Notizbuch aus seiner Rocktasche; der Einband war nass und schmutzig, aber das Innere war sauber genug, und er reißt ein paar Blätter heraus und beginnt darauf zu schreiben, wie Sie sehen; und er schreibt schrecklich unbeholfen mit der linken Hand, und er schreibt langsam, aber er bringt es fertig, das zu beenden, was Sie sehen, und dann steckt er die beiden Zettel in die Umschläge, die der Chirurg ihm bringt, und er siegelt sie zu, und er macht ein Bleistiftkreuz auf einen von ihnen und gar nichts auf den anderen: und dann bezahlt er den Chirurgen für seine Mühe, und der Chirurg sagt, ob er noch etwas für ihn tun könne und ob er ihn nicht überreden könne, in Brentwood zu bleiben, bis sein Arm besser sei; aber er sagt nein, nein, das geht nicht; und dann sagt er zu mir: ‚Kommen Sie mit mir zum Bahnhof, und ich gebe Ihnen, was ich versprochen habe.‘

Also ging ich mit ihm zum Bahnhof. Wir waren rechtzeitig da, um den Zug zu erwischen, der um halb neun in Brentwood hält, und wir hatten noch fünf Minuten Zeit. Also nimmt er mich in eine Ecke des Bahnsteigs und sagt: ‚Ich möchte, dass Sie diese Briefe hier für mich zustellen‘, worauf ich sagte, dass ich dazu bereit sei. ‚Sehr wohl‘, sagt er; ‚sehen Sie hier; Sie kennen Audley Court?‘ ‚Ja‘, sage ich, ‚das sollte ich, denn meine Liebste ist dort als Zofe tätig.‘ ‚Wessen Zofe?‘ sagt er. Also erzähle ich ihm: ‚Die meiner Herrin, der neuen Herrin, die Gouvernante bei Mr. Dawson war.‘ ‚Sehr wohl‘, sagt er; ‚dieser Brief hier mit dem Kreuz auf dem Umschlag ist für Lady Audley, aber Sie müssen darauf achten, ihn ihr persönlich in die Hand zu geben; und denken Sie daran, darauf zu achten, dass niemand sieht, wie Sie ihn übergeben.‘ Ich verspreche, das zu tun, und er händigt mir den ersten Brief aus. Und dann sagt er: ‚Kennen Sie Mr. Audley, der der Neffe von Sir Michael ist?‘ und ich sagte: ‚Ja, ich habe von ihm gehört, und ich habe gehört, er sei ein feiner Herr, aber umgänglich und freimütig‘ (denn ich habe sie von Ihnen erzählen hören, wissen Sie)“, fügte Luke klammernd hinzu. ‚‚Nun, sehen Sie hier‘, sagt der junge Kerl, ‚Sie sollen diesen anderen Brief an Mr. Robert Audley geben, der im Sun Inn im Dorf wohnt‘; und ich sage ihm, das sei in Ordnung, da ich das Sun kenne, seit ich ein Baby bin. Also gibt er mir den zweiten Brief, auf dessen Umschlag nichts geschrieben steht, und er gibt mir eine Fünf-Pfund-Note, wie versprochen; und dann sagt er: ‚Guten Tag, und danke für all Ihre Mühe‘, und er steigt in einen Wagen zweiter Klasse; und das Letzte, was ich von ihm sehe, ist ein Gesicht so weiß wie ein Blatt Schreibpapier und ein großes Stück Heftpflaster kreuz und quer auf seiner Stirn.“

„Armer George! Armer George!“

„Ich ging zurück nach Audley und ging direkt zum Sun Inn und fragte nach Ihnen, mit der Absicht, beide Briefe treu zuzustellen, so wahr mir Gott helfe! damals; aber der Wirt sagte mir, dass Sie an jenem Morgen nach London aufgebrochen seien, und er wusste nicht, wann Sie zurückkommen würden, und er kannte den Namen des Ortes nicht, an dem Sie in London wohnten, obwohl er sagte, er glaube, es sei an einem dieser Gerichtshöfe, wie etwa Westminster Hall oder Doctors' Commons oder so etwas in der Art. Also, was sollte ich tun? Ich konnte keinen Brief mit der Post schicken, da ich nicht wusste, wohin ich ihn adressieren sollte, und ich konnte ihn Ihnen nicht persönlich in die Hand geben, und mir war ausdrücklich gesagt worden, niemanden sonst davon wissen zu lassen; also blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten, ob Sie zurückkommen würden, und meine Zeit abzuwarten, um ihn Ihnen zu geben.

Ich dachte, ich würde am Abend zum Court gehen und Phoebe sehen und von ihr herausfinden, wann eine Gelegenheit wäre, ihre Herrin zu sehen, denn ich wusste, dass sie es einrichten könnte, wenn sie wollte. Also ging ich an diesem Tag nicht zur Arbeit, obwohl ich es hätte tun sollen, und ich lungerte herum, bis es fast dämmerte, und dann ging ich zu den Wiesen hinter dem Court, und da fand ich Phoebe tatsächlich, wie sie am Holztor in der Mauer auf mich wartete, um nach mir Ausschau zu halten.

Ich hatte noch nicht lange mit ihr gesprochen, da sah ich, dass etwas mit ihr nicht stimmte, und das sagte ich ihr auch.

‚Nun‘, sagt sie, ‚ich bin heute Abend nicht ganz ich selbst, denn ich hatte gestern eine Aufregung, und ich habe mich noch nicht davon erholt.‘

‚Eine Aufregung‘, sage ich. ‚Du hattest einen Streit mit deiner Herrin, nehme ich an.‘

Sie antwortete mir nicht sofort, aber sie lächelte das seltsamste Lächeln, das ich je gesehen habe, und dann sagt sie:

‚Nein, Luke, es war nichts von der Art; und was mehr ist, niemand könnte freundlicher zu mir sein als meine Herrin. Ich glaube, sie würde fast alles für mich tun; und ich glaube, ob es ein bisschen Vieh und Möbel oder so etwas wäre, oder ob es der gute Ruf eines Pubs wäre, sie würde mir nichts abschlagen, um das ich sie bitte.‘

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, denn erst vor wenigen Tagen hatte sie mir erzählt, ihre Herrin sei egoistisch und verschwenderisch und wir müssten lange warten, bevor wir von ihr bekämen, was wir wollten.

Also sage ich zu ihr: ‚Nun, das kommt aber ziemlich plötzlich, Phoebe‘; und sie sagt: ‚Ja, es ist plötzlich‘; und sie lächelt wieder, genau das gleiche Lächeln wie vorher. Daraufhin drehe ich mich scharf zu ihr um und sage:

‚Ich sage dir, was Sache ist, mein Mädchen, du verheimlichst mir etwas; etwas, das dir gesagt wurde, oder etwas, das du herausgefunden hast; und wenn du glaubst, du könntest dieses Spielchen mit mir versuchen, wirst du merken, dass du dich sehr irrst; und das sei dir eine Warnung.‘

Aber sie lachte es so ab und sagt: ‚Ach, Luke, was könnte dir nur solche Einbildungen in den Kopf gesetzt haben?‘

‚Vielleicht können andere Leute genauso gut Geheimnisse bewahren wie du‘, sagte ich, ‚und vielleicht können andere Leute genauso gut Freunde finden wie du. Es kam gestern ein Gentleman hierher, um deine Herrin zu sehen, nicht wahr – ein großer junger Gentleman mit einem braunen Bart?‘

Anstatt mir wie ein Christ zu antworten, bricht meine Cousine Phoebe in Tränen aus, ringt die Hände und führt sich schrecklich auf, bis ich verdammt noch mal nicht mehr verstehe, was sie vorhat.

Aber nach und nach bekam ich es aus ihr heraus, denn ich wollte mir keinen Unsinn gefallen lassen; und sie erzählte mir, wie sie an der Arbeit am Fenster ihres kleinen Zimmers gesessen hatte, das ganz oben im Haus lag, direkt in einem der Giebel, und über den Lindenweg, das Gebüsch und den Brunnen blickte, als sie meine Herrin mit einem fremden Gentleman spazieren sah, und sie gingen lange Zeit zusammen, bis sie nach einer Weile...“

„Halt!“ rief Robert, „ich kenne den Rest.“

„Nun, Phoebe erzählte mir alles darüber, was sie gesehen hatte, und sie sagte mir, dass sie ihre Herrin fast unmittelbar danach getroffen hätte, und dass etwas zwischen ihnen vorgefallen war, nicht viel, aber genug, um ihre Herrin wissen zu lassen, dass die Dienerin, auf die sie herabsah, etwas herausgefunden hatte, das sie bis an ihr Lebensende in die Gewalt dieser Dienerin bringen würde.

„‚Und sie ist in meiner Gewalt, Luke‘, sagt Phoebe; ‚und sie wird alles auf der Welt für uns tun, wenn wir ihr Geheimnis bewahren.‘

„Sie sehen also, sowohl meine Lady Audley als auch ihre Zofe dachten, dass der Gentleman, den ich sicher mit dem Londoner Zug fortgebracht hatte, tot am Boden des Brunnens läge. Wenn ich den Brief herausgeben würde, kämen sie hinter das Gegenteil, und wenn ich den Brief herausgeben würde, verlören Phoebe und ich die Chance, durch ihre Herrin im Leben voranzukommen.

„Also behielt ich den Brief und behielt mein Geheimnis, und meine Lady behielt das ihre. Aber ich dachte, wenn sie großzügig zu mir wäre und mir das Geld gäbe, das ich brauchte, und zwar freiwillig, würde ich ihr alles erzählen und sie beruhigen.

„Aber das tat sie nicht. Was auch immer sie mir gab, sie warf es mir hin, als wäre ich ein Hund. Wann immer sie mit mir sprach, sprach sie, als könnte sie mit einem Hund sprechen; und einen Hund konnte sie nicht einmal ausstehen. Es gab kein Wort in ihrem Mund, das zu schlecht für mich gewesen wäre; es gab keinen Ruck, den sie ihrem Kopf geben konnte, der zu stolz und verächtlich für mich gewesen wäre; und mein Blut kochte vor Wut auf sie, und ich behielt mein Geheimnis und ließ sie das ihre behalten. Ich öffnete die beiden Briefe und las sie, aber ich konnte mir keinen großen Reim darauf machen, und ich versteckte sie; und kein Wesen außer mir hat sie bis zu dieser Nacht gesehen.“

Luke Marks hatte seine Geschichte beendet und lag ganz ruhig da, erschöpft davon, so lange gesprochen zu haben. Er beobachtete Robert Audleys Gesicht, in der festen Erwartung eines Vorwurfs, einer ernsten Belehrung; denn er hatte ein vages Bewusstsein dafür, dass er Unrecht getan hatte.

Doch Robert belehrte ihn nicht; er hatte keine Neigung zu einer Aufgabe, für die er sich selbst nicht geeignet hielt.

Robert Audley saß bis lange nach Tagesanbruch bei dem Kranken, der kurz nachdem er seine Geschichte beendet hatte, in einen tiefen Schlummer gefallen war. Die alte Frau hatte während des Geständnisses ihres Sohnes behaglich gedöst. Phoebe schlief auf dem Ausziehbett im Zimmer darunter; der junge Barrister war also der einzige Wachende.

Er konnte nicht schlafen; er konnte nur an die Geschichte denken, die er gehört hatte. Er konnte Gott nur für die Errettung seines Freundes danken und beten, dass er in der Lage sein möge, zu Clara Talboys zu gehen und zu sagen: „Dein Bruder lebt noch und wurde gefunden.“

Phoebe kam um acht Uhr die Treppe herauf, bereit, ihren Platz am Krankenbett einzunehmen, und Robert Audley ging fort, um sich ein Bett im Sun Inn zu besorgen. Es war fast dämmrig, als er aus einem langen, traumlosen Schlummer erwachte und sich anzog, bevor er in dem kleinen Wohnzimmer zu Abend aß, in dem er und George wenige Monate zuvor zusammen gesessen hatten.

Der Wirt bediente ihn beim Abendessen und erzählte ihm, dass Luke Marks an diesem Nachmittag um fünf Uhr gestorben sei. „Er ist ziemlich plötzlich gegangen“, sagte der Mann, „aber ganz ruhig.“

Robert Audley schrieb an jenem Abend einen langen Brief, adressiert an Madame Taylor, z. Hd. Monsieur Val, Villebrumeuse; einen langen Brief, in dem er der unglücklichen Frau, die so viele Namen getragen hatte und für den Rest ihres Lebens einen falschen tragen sollte, die Geschichte erzählte, die der sterbende Mann ihm berichtet hatte.

„Es mag ihr ein Trost sein zu hören, dass ihr Mann nicht in seiner Jugend durch ihre böse Hand umgekommen ist“, dachte er, „falls ihre egoistische Seele überhaupt irgendein Gefühl von Mitleid oder Trauer für andere hegen kann.“

KAPITEL XL.

WIEDERGEFUNDEN.

Clara Talboys kehrte nach Dorsetshire zurück, um ihrem Vater mitzuteilen, dass sein einziger Sohn am 9. September nach Australien in See gestochen war und dass es höchstwahrscheinlich sei, dass er noch lebe und zurückkehren werde, um die Vergebung des Vaters zu erbitten, den er nie besonders verletzt hatte; außer in der Angelegenheit, jenen schrecklichen ehelichen Fehler begangen zu haben, der einen so verhängnisvollen Einfluss auf seine Jugend ausgeübt hatte.

Mr. Harcourt-Talboys war vollkommen ratlos. Junius Brutus war nie in eine solche Lage geraten wie diese, und da er keinen Weg sah, aus diesem Dilemma herauszukommen, indem er nach seinem Lieblingsvorbild handelte, war Mr. Talboys gezwungen, einmal in seinem Leben natürlich zu sein und zu gestehen, dass er seit seinem Gespräch mit Robert Audley viel Unbehagen und seelischen Schmerz wegen seines einzigen Sohnes erlitten hatte und dass er von Herzen froh wäre, seinen armen Jungen in seine Arme zu schließen, wann immer er nach England zurückkehren würde. Aber wann würde er wahrscheinlich zurückkehren? Und wie sollte man mit ihm in Verbindung treten? Das war die Frage. Robert Audley erinnerte sich an die Anzeigen, die er in den Zeitungen von Melbourne und Sydney hatte inserieren lassen. Wenn George lebend in eine der beiden Städte zurückgekehrt war, wie kam es dann, dass man nie auf diese Anzeige reagiert hatte? War es wahrscheinlich, dass seinem Freund sein Unbehagen gleichgültig wäre? Aber dann wiederum war es durchaus möglich, dass George Talboys diese Anzeige nicht gesehen hatte; und da er unter einem angenommenen Namen gereist war, hätten weder seine Mitpassagiere noch der Kapitän des Schiffes ihn mit der Person identifizieren können, nach der gesucht wurde. Was war zu tun? Mussten sie geduldig warten, bis George seines Exils müde würde und zu seinen Freunden zurückkehrte, die ihn liebten? Oder gab es irgendwelche Mittel, durch die seine Rückkehr beschleunigt werden könnte? Robert Audley war ratlos! Vielleicht war er in der unbeschreiblichen Erleichterung, die er bei der Entdeckung der Flucht seines Freundes empfunden hatte, unfähig, über die eine Tatsache dieser glücklichen Errettung hinauszublicken.

In dieser Stimmung fuhr er nach Dorsetshire hinunter, um Mr. Talboys einen Besuch abzustatten, der einem wahren Strom großzügiger Impulse nachgegeben und es sogar so weit gebracht hatte, den Freund seines Sohnes einzuladen, die spröde Gastfreundschaft des quadratischen Backsteinhauses zu teilen.

Mr. Talboys hatte nur zwei Empfindungen in Bezug auf die Geschichte von George; die eine war eine natürliche Erleichterung und Freude bei dem Gedanken, dass sein Sohn gerettet worden war, die andere ein ernsthafter Wunsch, dass meine Lady seine Frau gewesen wäre und er so das Vergnügen gehabt hätte, ein warnendes Exempel an ihr zu statuieren.

„Es steht mir nicht zu, Sie zu tadeln, Mr. Audley“, sagte er, „dafür, dass Sie diese schuldige Frau außer Reichweite der Gerechtigkeit geschmuggelt und somit, wie ich sagen darf, mit den Gesetzen Ihres Landes gespielt haben. Ich kann nur anmerken, dass die Dame, wäre sie in meine Hände gefallen, sehr anders behandelt worden wäre.“

Es war Mitte April, als Robert Audley sich wieder unter jenen schwarzen Tannen wiederfand, unter denen seine schweifenden Gedanken seit seiner ersten Begegnung mit Clara Talboys so oft verweilt hatten. Es gab jetzt Primeln und frühe Veilchen in den Hecken, und die Bäche, die bei seinem ersten Besuch hart und frostgebunden wie das Herz von Harcourt Talboys gewesen waren, waren wie dieser Gentleman aufgetaut und liefen munter unter den Schwarzdornbüschen im launischen Aprilsonnenschein.

Robert bekam ein sprödes Schlafzimmer und ein kompromissloses Ankleidezimmer in dem quadratischen Haus zugewiesen, und er erwachte jeden Morgen auf einer Metallfedermatratze, die ihm immer die Vorstellung vermittelte, auf einem Musikinstrument zu schlafen, um die Sonne durch die quadratischen, weißen Jalousien auf sich herabscheinen zu sehen und die beiden lackierten Urnen zu beleuchten, die das Fußende des blauen Eisenbettes schmückten, bis sie wie zwei winzige bronzene Lampen aus der römischen Zeit strahlten. Er eiferte Mr. Harcourt Talboys in der Angelegenheit von Duschbädern und kaltem Wasser nach und kam spröde und bläulich wie dieser Gentleman selbst hervor, als die Uhr im Flur sieben schlug, um den Hausherrn bei seinem Konstitutionsspaziergang vor dem Frühstück unter den Tannen in der steifen Pflanzung zu begleiten.

Aber es gab gewöhnlich eine dritte Person, die an den Konstitutionsspaziergängen teilnahm, und diese dritte Person war Clara Talboys, die an der Seite ihres Vaters ging, schöner als der Morgen – denn der war manchmal trübe und bewölkt, während sie immer frisch und strahlend war – in einem breitkrempigen Strohhut und flatternden blauen Bändern, von denen Mr. Audley ein Viertelzoll als eine stolzere Dekoration erachtet hätte, als sie jemals das Knopfloch eines begünstigten Geschöpfes geziert hatte.

Anfangs waren sie sehr förmlich zueinander und waren nur bei dem einen Thema von Georges Abenteuern vertraut und freundschaftlich; aber nach und nach entstand eine angenehme Vertrautheit zwischen ihnen, und bevor die ersten drei Wochen von Roberts Besuch verstrichen waren, machte Miss Talboys ihn glücklich, indem sie ihn ernsthaft in die Kur nahm und ihn wegen des ziellosen Lebens tadelte, das er so lange geführt hatte, und des geringen Gebrauchs, den er von den Talenten und Möglichkeiten gemacht hatte, die ihm gegeben worden waren.

Wie angenehm war es, von der Frau getadelt zu werden, die er liebte! Wie angenehm war es, sich vor ihr zu erniedrigen und sich selbst herabzusetzen! Wie herrlich war es, solche wunderbaren Gelegenheiten zu bekommen, anzudeuten, dass er, wenn sein Leben durch ein Ziel geheiligt worden wäre, tatsächlich danach hätte streben können, etwas Besseres zu sein als ein müßiger Flaneur auf den glatten Pfaden, die kein besonderes Ziel haben; dass er, gesegnet durch die Bande, die jeder Stunde seines Daseins einen feierlichen Zweck gegeben hätten, tatsächlich den Kampf ernsthaft und unerschrocken hätte kämpfen können. Er schloss meist mit einer düsteren Andeutung, dass es nur wahrscheinlich sei, dass er eines Nachmittags, wenn der Fluss im tiefen Sonnenlicht hell und ruhig sei und die kleinen Kinder zum Tee nach Hause gegangen seien, einfach über den Rand der Temple Gardens in die Tiefe fallen würde.

„Glauben Sie, dass ich französische Romane lesen und milden türkischen Tabak rauchen kann, bis ich siebzig bin, Miss Talboys?“, fragte er. „Glauben Sie, dass nicht ein Tag kommen wird, an dem meine Meerschaumpfeifen verdreckt sind und die französischen Romane ungewöhnlich dumm, und das Leben insgesamt eine solch trostlose Monotonie, dass ich es irgendwie loswerden will?“

Es tut mir leid zu sagen, dass dieser heuchlerische junge Barrister, während er in dieser niedergeschlagenen Weise philosophierte, gedanklich seinen Junggesellenbesitz verkauft hatte, einschließlich aller Publikationen von Michel Levy und eines halben Dutzend solider, silberbeschlagener Meerschaumpfeifen; Mrs. Maloney pensioniert und zwei oder dreitausend Pfund in den Kauf einiger Morgen grünen Gesträuchs und abfallender Rasenflächen investiert hatte, inmitten derer sich ein märchenhaftes Cottage ornée befinden sollte, dessen rustikale Fenster aus Myrthen- und Clematislauben hervorblicken sollten, um sich im purpurnen Busen des Sees zu spiegeln.

Natürlich war Clara Talboys weit davon entfernt, den Sinn dieser melancholischen Klagen zu entdecken. Sie empfahl Mr. Audley, fleißig zu lesen und ernsthaft über seinen Beruf nachzudenken und das Leben im Ernst zu beginnen. Es war eine harte, trockene Art von Existenz, vielleicht, die sie empfahl; ein Leben voller ernsthafter Arbeit und Anwendung, in dem er danach streben sollte, seinen Mitmenschen nützlich zu sein und sich einen Ruf zu erwerben.

„Ich würde all das tun“, dachte er, „und es ernsthaft tun, wenn ich einer Belohnung für meine Mühe gewiss sein könnte. Wenn sie meinen Ruf annehmen würde, wenn er erst einmal errungen wäre, und mich im Kampf durch ihre geliebte Gesellschaft unterstützen würde. Aber was, wenn sie mich wegschickt, um den Kampf zu kämpfen, und irgendeinen grobschlächtigen Landjunker heiratet, während ich den Rücken kehre?“

Da er von Natur aus von schwankender und zögerlicher Veranlagung war, lässt sich nicht sagen, wie lange Mr. Audley sein Geheimnis bewahrt hätte, aus Angst zu sprechen und den Zauber jener Ungewissheit zu brechen, die zwar nicht immer hoffnungsvoll, aber sehr selten völlig hoffnungslos war, wäre er nicht durch den Impuls eines unbewachten Augenblicks zu einem vollständigen Geständnis der Wahrheit gedrängt worden.

Er war fünf Wochen in Grange Heath geblieben und hatte das Gefühl, dass er aus Gründen des Anstands nicht länger bleiben konnte; also hatte er eines schönen Maimorgens seinen Portemanteau gepackt und seine Abreise angekündigt.

Mr. Talboys war nicht die Art von Mann, der leidenschaftliche Klagen über die Aussicht, seinen Gast zu verlieren, von sich gab, aber er drückte sich mit einer kühlen Herzlichkeit aus, die bei ihm als stärkster Beweis der Freundschaft diente.

„Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen, Mr. Audley“, sagte er, „und Sie haben es vorgezogen, in der stillen Routine unseres geordneten Haushalts hinreichend glücklich zu erscheinen; ja, mehr noch, Sie haben sich unseren kleinen häuslichen Vorschriften in einer Weise angepasst, von der ich nicht umhin kann zu sagen, dass ich sie als ein besonderes Kompliment an mich betrachte.“

Robert verneigte sich. Wie dankbar war er für das Glück, das ihn nie verschlafen ließ, wenn die lärmende Glocke läutete, oder ihn über die Reichweite von Uhren hinaus zur Mittagsstunde von Mr. Talboys geführt hatte.

„Ich vertraue darauf, dass, da wir so bemerkenswert gut miteinander ausgekommen sind“, fuhr Mr. Talboys fort, „Sie mir die Ehre erweisen werden, Ihren Besuch in Dorsetshire zu wiederholen, wann immer Sie sich dazu aufgelegt fühlen. Sie werden auf meinen Farmen reichlich Sport finden, und Sie werden von meinen Pächtern jede Höflichkeit und Aufmerksamkeit erfahren, wenn Sie Ihre Flinte mitbringen möchten.“

Robert reagierte sehr herzlich auf diese freundlichen Avancen. Er erklärte, dass es keine irdische Beschäftigung gäbe, die ihm angenehmer sei als das Rebhuhnjagen, und dass er nur zu erfreut wäre, das Privileg, das ihm so freundlich angeboten wurde, wahrzunehmen. Er konnte nicht umhin, zu Clara hinüberzublicken, als er dies sagte. Die perfekten Lider senkten sich ein wenig über die braunen Augen, und der schwächste Hauch eines Errötens erhellte das schöne Gesicht.

Aber dies war der letzte Tag des jungen Barristers im Elysium, und es musste ein trostloser Zwischenraum von Tagen und Nächten und Wochen und Monaten vergehen, bevor der erste September ihm eine Entschuldigung für die Rückkehr nach Dorsetshire geben würde; ein trostloser Zwischenraum, den frisch aussehende junge Junker oder fette Witwer von achtundvierzig Jahren zu seinem Nachteil nutzen könnten. Es war daher kein Wunder, dass er dieser düsteren Aussicht mit mürrischer Verzweiflung entgegensah und an jenem Morgen schlechte Gesellschaft für Miss Talboys war.

Aber am Abend nach dem Essen, als die Sonne im Westen tief stand und Harcourt Talboys in seiner Bibliothek wegen einiger gerichtlicher Angelegenheiten mit seinem Anwalt und einem Pächter eingeschlossen war, wurde Mr. Audley ein wenig angenehmer. Er stand an Claras Seite in einem der langen Fenster des Wohnzimmers und beobachtete, wie die Schatten am Himmel länger wurden und das rosige Licht mit jedem Augenblick rosiger wurde, während die Sonne erstarb. Er konnte nicht umhin, dieses stille Tête-à-Tête zu genießen, obwohl der Schatten des morgigen Expresszuges, der ihn nach London zurückbringen sollte, dunkel über den Pfad seiner Freude ragte. Er konnte nicht umhin, in ihrer Gegenwart glücklich zu sein; die Vergangenheit vergessend, unbekümmert um die Zukunft.

Sie sprachen über das eine Thema, das immer ein verbindendes Band zwischen ihnen war. Sie sprachen von ihrem verlorenen Bruder George. Sie sprach an diesem Abend in einem sehr melancholischen Ton von ihm. Wie könnte sie anders als traurig sein, wenn sie bedachte, dass er – wenn er lebte, und sie war sich dessen nicht einmal sicher – ein einsamer Wanderer war, weit weg von allen, die ihn liebten, und die Erinnerung an ein zerstörtes Leben überallhin mit sich trug.

„Ich kann nicht verstehen, wie Papa so ergeben in die Abwesenheit meines armen Bruders sein kann“, sagte sie, „denn er liebt ihn, Mr. Audley; selbst Sie müssen in letzter Zeit gesehen haben, dass er ihn liebt. Aber ich kann nicht verstehen, wie er sich so ruhig in seine Abwesenheit fügen kann. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich nach Australien gehen, ihn finden und ihn zurückbringen; falls er überhaupt noch unter den Lebenden zu finden wäre“, fügte sie mit leiserer Stimme hinzu.

Sie wandte ihr Gesicht von Robert ab und blickte in den dunkler werdenden Himmel. Er legte seine Hand auf ihren Arm. Er zitterte trotz seiner Bemühungen, und auch seine Stimme zitterte, als er zu ihr sprach.

„Soll ich gehen, um nach Ihrem Bruder zu suchen?“, sagte er.

„Sie!“ Sie wandte den Kopf und sah ihn ernst durch ihre Tränen an. „Sie, Mr. Audley! Glauben Sie, dass ich Sie bitten könnte, ein solches Opfer für mich oder für diejenigen zu bringen, die ich liebe?“

„Und glauben Sie, Clara, dass ich irgendein Opfer für zu groß hielte, wenn es für Sie gebracht würde? Glauben Sie, dass es irgendeine Seereise gibt, die ich ablehnen würde, wenn ich wüsste, dass Sie mich willkommen heißen würden, wenn ich nach Hause käme, und mir dafür danken würden, dass ich Ihnen treu gedient habe? Ich werde vom einen Ende des Kontinents Australien bis zum anderen gehen, um nach Ihrem Bruder zu suchen, wenn Sie wünschen, Clara; und werde niemals lebend zurückkehren, es sei denn, ich bringe ihn mit mir, und werde mein Glück versuchen, welche Belohnung Sie mir für meine Mühe geben werden.“

Ihr Kopf war gesenkt, und es dauerte einige Augenblicke, bis sie ihm antwortete.

„Sie sind sehr gut und großzügig, Mr. Audley“, sagte sie schließlich, „und ich empfinde dieses Angebot zu sehr, als dass ich Ihnen dafür danken könnte. Aber wovon Sie sprechen, könnte niemals sein. Mit welchem Recht könnte ich ein solches Opfer annehmen?“

„Mit dem Recht, das mich für immer und ewig zu Ihrem ergebenen Sklaven macht, ob Sie wollen oder nicht. Mit dem Recht der Liebe, die ich für Sie hege, Clara“, rief Mr. Audley, während er auf die Knie sank – etwas ungeschickt, wie man zugeben muss – und eine weiche kleine Hand, die er halb versteckt in den Falten eines seidenen Kleides gefunden hatte, mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte.

„Ich liebe Sie, Clara“, sagte er, „ich liebe Sie. Sie können nach Ihrem Vater rufen und mich in diesem Augenblick aus dem Haus werfen lassen, wenn Sie wollen; aber ich werde trotzdem fortfahren, Sie zu lieben; und ich werde Sie für immer und ewig lieben, ob Sie wollen oder nicht.“

Die kleine Hand wurde aus der seinen gezogen, aber nicht mit einer plötzlichen oder ärgerlichen Geste, und sie ruhte für einen Augenblick leicht und zitternd auf seinem dunklen Haar.

„Clara, Clara!“, murmelte er mit leiser, flehender Stimme, „soll ich nach Australien gehen, um nach Ihrem Bruder zu suchen?“

Es gab keine Antwort. Ich weiß nicht, wie es ist, aber es gibt kaum etwas Köstlicheres als das Schweigen in solchen Fällen. Jeder Moment des Zögerns ist ein stillschweigendes Geständnis; jede Pause ist eine zärtliche Offenbarung.

„Sollen wir beide gehen, Liebste? Sollen wir als Mann und Frau gehen? Sollen wir zusammen gehen, meine liebe Geliebte, und unseren Bruder gemeinsam zurückbringen?“

Mr. Harcourt Talboys, der eine Viertelstunde später in das beleuchtete Zimmer kam, fand Robert Audley allein vor und musste sich eine Enthüllung anhören, die ihn sehr überraschte. Wie alle selbstgenügsamen Menschen war er einigermaßen blind für alles, was sich direkt vor seiner Nase abspielte, und er hatte fest geglaubt, dass seine eigene Gesellschaft und die spartanische Regelmäßigkeit seines Haushalts die Attraktionen gewesen waren, die Dorsetshire für seinen Gast so reizvoll gemacht hatten.

Er war daher ziemlich enttäuscht; aber er ertrug seine Enttäuschung ziemlich gut und drückte eine gelassene und ziemlich stoische Zufriedenheit über die Wendung aus, die die Dinge genommen hatten.

Also kehrte Robert Audley nach London zurück, um seine Kanzlei im Figtree Court aufzugeben und alle gebührenden Erkundigungen über solche Schiffe einzuholen, die im Monat Juni von Liverpool nach Sydney segelten.

Er hatte bis nach dem Mittagessen in Grange Heath verweilt, und es war in der dämmrigen Zwielichtzeit, als er die schattigen Höfe des Temple betrat und den Weg zu seiner Kanzlei fand. Er traf Mrs. Maloney an, die wie üblich an einem Samstagabend die Treppe schrubbte, und er musste sich seinen Weg inmitten einer Atmosphäre von Seifendampf bahnen, der die Geländer unter seiner Berührung schmierig machte.

„Da sind jede Menge Briefe, Euer Ehren“, sagte die Wäscherin, als sie sich von ihren Knien erhob und sich flach gegen die Wand drückte, um Robert das Vorbeigehen zu ermöglichen, „und da sind einige Pakete, und da ist ein Gentleman, der schon so oft angerufen hat und der heute Abend wartet, denn ich sagte ihm, Sie hätten mir geschrieben, dass Ihre Zimmer gelüftet werden sollen.“

Er öffnete die Tür zu seinem Wohnzimmer und trat ein. Die Kanarienvögel sangen ihr Abschiedslied für die untergehende Sonne, und das schwache, gelbe Licht flackerte auf den Geranienblättern. Der Besucher, wer immer er auch war, saß mit dem Rücken zum Fenster, den Kopf auf die Brust gesenkt. Doch er fuhr empor, als Robert Audley den Raum betrat, und der junge Mann stieß einen lauten Schrei der Freude und Überraschung aus und öffnete seine Arme für seinen verloren geglaubten Freund, George Talboys.

Wir wissen, wie viel Robert zu erzählen hatte. Er berührte leicht und zärtlich das Thema, von dem er wusste, dass es für seinen Freund auf grausame Weise schmerzhaft war; er sprach nur sehr wenig über die elende Frau, die den Rest ihres verruchten Lebens in der stillen Vorstadt der vergessenen belgischen Stadt verbrachte.

George Talboys sprach nur sehr kurz über jenen sonnigen siebten September, an dem er seinen Freund schlafend am Forellenbach zurückgelassen hatte, um seine falsche Frau wegen jener Verschwörung zur Rede zu stellen, die sein Herz beinahe gebrochen hätte.

„Gott weiß, dass von dem Augenblick an, als ich in die schwarze Grube stürzte, wissend um die verräterische Hand, die mich in meinen vermeintlichen Tod geschickt hatte, mein einziger Gedanke der Sicherheit der Frau galt, die mich betrogen hatte. Ich landete auf meinen Füßen auf einem Haufen Matsch und Schlamm, doch meine Schulter war geprellt und mein Arm an der Seite des Brunnens gebrochen. Ich war für einige Minuten betäubt und benommen, aber ich raffte mich mit einer Anstrengung auf, denn ich spürte, dass die Atmosphäre, die ich einatmete, tödlich war. Meine Erfahrungen in Australien halfen mir in meiner Not; ich konnte klettern wie eine Katze. Die Steine, aus denen der Brunnen erbaut war, waren rau und uneben, und ich konnte mich mühsam nach oben arbeiten, indem ich meine Füße in die Fugen der Steine setzte und meinen Rücken bisweilen gegen die gegenüberliegende Seite des Brunnens stemmte, wobei ich mir, so gut ich konnte, mit meinen Händen half, obwohl ein Arm gelähmt war. Es war harte Arbeit, Bob, und es scheint seltsam, dass ein Mann, der sich lange als lebensmüde bezeichnet hatte, sich so viel Mühe gab, sein Leben zu bewahren. Ich glaube, ich habe mehr als eine halbe Stunde gebraucht, um nach oben zu gelangen; ich weiß, die Zeit kam mir wie eine Ewigkeit voller Schmerz und Gefahr vor. Es war mir unmöglich, den Ort vor Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, ohne bemerkt zu werden, also versteckte ich mich hinter einem Lorbeerbusch und legte mich erschöpft und ohnmächtig ins Gras, um auf den Einbruch der Nacht zu warten. Der Mann, der mich dort fand, hat dir den Rest erzählt, Robert.“

„Ja, mein armer alter Freund – ja, er hat mir alles erzählt.“

George war nach alldem nie nach Australien zurückgekehrt. Er war an Bord der Victoria Regia gegangen, hatte aber später seine Koje gegen eine in einem anderen Schiff derselben Eigner getauscht und war nach New York gereist, wo er so lange geblieben war, wie er die Einsamkeit einer Existenz ertragen konnte, die ihn von jedem Freund trennte, den er jemals gekannt hatte.

„Jonathan war sehr freundlich zu mir, Bob“, sagte er; „ich hatte genug Geld, um in meiner eigenen stillen Art recht gut über die Runden zu kommen, und ich hatte vor, mich zu den Goldfeldern Kaliforniens aufzumachen, um mehr zu verdienen, wenn das aufgebraucht war. Ich hätte viele Freunde finden können, wenn ich gewollt hätte, aber ich trug die alte Kugel in meiner Brust; und welches Verständnis konnte ich für Männer aufbringen, die nichts von meinem Kummer wussten? Ich sehnte mich nach dem festen Druck deiner Hand, Bob; der freundschaftlichen Berührung der Hand, die mich durch den dunkelsten Abschnitt meines Lebens geführt hat.“

KAPITEL XLI.

IN FRIEDEN.

Zwei Jahre sind seit jenem Maiabend vergangen, an dem Robert seinen alten Freund fand; und Mr. Audleys Traum von einem Märchenhaus hat sich zwischen Teddington Locks und Hampton Bridge verwirklicht, wo sich inmitten eines kleinen Blätterwaldes ein phantastisches Heim aus rustikalem Holzwerk befindet, dessen Sprossenfenster auf den Fluss hinausgehen. Hier, zwischen den Lilien und dem Schilf am abfallenden Ufer, spielt ein tapferer achtjähriger Junge mit einem Kleinkind, das aus den Armen seiner Pflegerin staunend auf das andere Baby in der violetten Tiefe des stillen Wassers hinunterblickt.

Mr. Audley ist inzwischen ein aufstrebender Mann im Gerichtsbezirk und hat sich in dem großen Prozess wegen Eheversprechensbruchs Hobbs gegen Nobbs hervorgetan und das Gericht durch seine köstlich komische Wiedergabe der amourösen Korrespondenz des treulosen Nobbs zum Beben gebracht. Der gutaussehende, dunkeläugige Junge ist Master George Talboys, der in Eton die Musa ablehnt und nach Kaulquappen im klaren Wasser unter dem ausladenden Schatten jenseits der mit Efeu bewachsenen Mauern der Akademie fischt. Aber er kommt sehr oft zum Märchenhäuschen, um seinen Vater zu besuchen, der dort mit seiner Schwester und deren Ehemann lebt; und er ist sehr glücklich mit seinem Onkel Robert, seiner Tante Clara und dem hübschen Baby, das gerade begonnen hat, auf dem glatten Rasen zu tapsen, der zum Wasser hinabfällt, wo es ein kleines Schweizer Bootshaus und einen Anlegesteg gibt, an dem Robert und George ihre schlanken Ruderboote festmachen.

Andere Leute kommen zum Häuschen nahe Teddington. Ein helles, fröhliches Mädchen und ein grau bärtiger Gentleman, der die Not seines Lebens überstanden und wie ein Christ mit ihr gerungen hat.

Es ist mehr als ein Jahr her, seit ein schwarz umrandeter Brief auf ausländischem Papier bei Robert Audley eintraf, um den Tod einer gewissen Madame Taylor zu verkünden, die friedlich in Villebrumeuse verstorben war, nach einer langen Krankheit, die Monsieur Val als eine maladie de langueur beschreibt.

Ein weiterer Besucher kommt in diesem hellen Sommer des Jahres 1861 zum Häuschen – ein offener, großherziger junger Mann, der das Baby in die Luft wirft, mit Georgey spielt und besonders geschickt im Umgang mit den Booten ist, die nie ungenutzt bleiben, wenn Sir Harry Towers in Teddington ist.

Über dem Schweizer Bootshaus befindet sich ein hübsches rustikales Raucherzimmer, in dem die Herren an Sommerabenden sitzen und rauchen und von wo sie von Clara und Alicia gerufen werden, um Tee zu trinken und Erdbeeren mit Sahne auf dem Rasen zu essen.

Audley Court ist geschlossen, und eine grimmige alte Haushälterin herrscht in dem Anwesen, das einst durch das helle Lachen meiner Dame musikalisch erfüllt war. Ein Vorhang hängt vor dem präraffaelitischen Porträt; und der blaue Schimmel, den Künstler fürchten, breitet sich auf den Wouvermans und Poussins, den Cuyps und Tintorettis aus. Das Haus wird oft neugierigen Besuchern gezeigt, obwohl der Baronet nicht über diese Tatsache informiert ist, und die Leute bewundern die Zimmer meiner Dame und stellen viele Fragen über die hübsche, blondhaarige Frau, die im Ausland starb.

Sir Michael hat keine Lust, an den vertrauten Wohnort zurückzukehren, an dem er einst einen kurzen Traum von unmöglichem Glück träumte. Er bleibt in London, bis Alicia Lady Towers sein wird, dann will er in ein Haus ziehen, das er kürzlich in Hertfordshire erworben hat, an den Grenzen des Anwesens seines Schwiegersohns. George Talboys ist sehr glücklich mit seiner Schwester und seinem alten Freund. Denken Sie daran, er ist noch ein junger Mann, und es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass er nach und nach jemanden finden könnte, der ihn für die Vergangenheit tröstet. Jene dunkle Geschichte der Vergangenheit verblasst Tag für Tag ein wenig mehr, und vielleicht kommt eine Zeit, in der der Schatten, den die Bosheit meiner Dame auf das Leben des jungen Mannes geworfen hat, völlig verschwindet.

Das Meerschaumpfeifen-Set und die französischen Romane wurden einem jungen Templer geschenkt, mit dem Robert Audley in seinen Junggesellentagen befreundet war; und Mrs. Maloney erhält eine kleine Rente, die ihr vierteljährlich für ihre Pflege der Kanarienvögel und Geranien ausgezahlt wird.

Ich hoffe, niemand nimmt Anstoß an meiner Geschichte, weil sie die guten Menschen am Ende alle glücklich und in Frieden zurücklässt. Wenn meine Lebenserfahrung auch nicht sehr lang ist, so war sie doch vielfältig; und ich kann mich getrost dem anschließen, was ein mächtiger König und großer Philosoph erklärte, als er sagte, dass ihn weder die Erfahrung seiner Jugend noch seines Alters jemals gezeigt habe, „dass der Gerechte verlassen sei oder sein Same um Brot betteln müsse.“

ENDE.

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