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Library of the World's Best Mystery and Detective Stories

by Unknown · in German

DIE BIBLIOTHEK DER WELTBESTEN KRIMI- UND DETEKTIVGESCHICHTEN

HERAUSGEGEBEN VON JULIAN HAWTHORNE

Einhunderteine Kriminalgeschichten Von berühmten Autoren aus Ost und West

In sechs Bänden

New York The Review of Reviews Company

1907

AMERIKANISCH :: FRANZÖSISCH, ITALIENISCH USW. ENGLISCH: SCHOTTISCH :: DEUTSCH, RUSSISCH USW. ENGLISCH: IRISCH :: ORIENTALISCH: MODERNE MAGIE

MAUPASSANT VOLTAIRE MILLE ALARCÓN ADAM CAPUANA ERCKMANN-CHATRIAN APULEIUS BALZAC PLINIUS DER JÜNGERE

Inhaltsverzeichnis

HENRI RENÉ ALBERT GUY DE MAUPASSANT (1850-93). Die Halskette Der Mann mit den blassen Augen Ein unbequemes Bett Geister Angst Das Geständnis Der Horla

PIERRE MILLE. Das Wunder von Zobéide

VILLIERS DE L'ISLE ADAM. Die Folter durch Hoffnung

ERCKMANN-CHATRIAN (1822-99)--(1826-90). Das Ohr der Eule Das unsichtbare Auge Die Wasser des Todes

HONORÉ DE BALZAC (1799-1850). Melmoth versöhnt Der Rekrut

JEAN FRANÇOIS MARIE AROUET DE VOLTAIRE (1694-1778). Zadig der Babylonier

PEDRO DE ALARCÓN. Der Nagel

LUIGI CAPUANA (1839-00). Die Aussage

LUCIUS APULEIUS (Zweites Jahrhundert). Das Abenteuer der drei Räuber

PLINIUS DER JÜNGERE (Erstes Jahrhundert). Brief an Sura

Französische--Italienische--Spanische--Lateinische Kriminalgeschichten

HENRI RENÉ ALBERT GUY DE MAUPASSANT

Die Halskette

Sie war eines jener hübschen und bezaubernden Mädchen, die manchmal, wie durch einen Fehler des Schicksals, in eine Beamtenfamilie hineingeboren werden. Sie hatte keine Mitgift, keine Erwartungen, keine Mittel, um von einem reichen und vornehmen Mann gekannt, verstanden, geliebt und geheiratet zu werden; und so ließ sie sich mit einem kleinen Beamten im Ministerium für öffentlichen Unterricht verheiraten.

Sie kleidete sich schlicht, weil sie sich nicht gut kleiden konnte, war aber so unglücklich, als wäre sie aus ihrem eigentlichen Stand herabgefallen; denn bei Frauen gibt es weder Kaste noch Rang; Schönheit, Anmut und Charme ersetzen Familie und Geburt. Natürliche Feinheit, Instinkt für das Elegante, geistige Gewandtheit sind die einzige Hierarchie und machen aus Frauen des Volkes die Ebenbürtigen der allergrößten Damen.

Sie litt unablässig, da sie sich für alle Feinheiten und allen Luxus geschaffen fühlte. Sie litt unter der Armseligkeit ihrer Wohnung, dem jämmerlichen Anblick der Wände, den abgenutzten Stühlen, der Hässlichkeit der Vorhänge. All diese Dinge, die eine andere Frau ihres Standes niemals bemerkt hätte, quälten sie und machten sie zornig. Der Anblick der kleinen bretonischen Bäuerin, die ihre bescheidene Hausarbeit verrichtete, weckte in ihr verzweifelte Reue und zerstreute Träume. Sie dachte an die stillen Vorzimmer, die mit orientalischen Wandteppichen behangen und von hohen Bronzekandelabern beleuchtet waren, und an die zwei großen Diener in Kniebundhosen, die in den großen Sesseln schliefen, schläfrig gemacht von der schweren Wärme des Warmluftofens. Sie dachte an die langen Salons, die mit antikem Seidenstoff ausgekleidet waren, an die feinen Möbel, die unschätzbare Kuriositäten trugen, und an die koketten, parfümierten Boudoirs, die für Gespräche um fünf Uhr mit intimen Freunden gemacht waren, mit berühmten und begehrten Männern, um deren Aufmerksamkeit alle Frauen beneiden und die sie alle begehren.

Wenn sie sich zum Abendessen vor den runden Tisch setzte, der mit einem drei Tage alten Tischtuch bedeckt war, ihrem Ehemann gegenüber, der die Suppenschüssel aufdeckte und mit entzücktem Blick erklärte: „Ah, der gute Pot-au-feu! Ich kenne nichts Besseres als das“, dachte sie an feine Diners, an glänzendes Silberbesteck, an Wandteppiche, die die Wände mit antiken Gestalten und seltsamen Vögeln bevölkerten, die inmitten eines Märchenwaldes flogen; und sie dachte an köstliche Gerichte, die auf wunderbaren Tellern serviert wurden, und an die geflüsterten Galanterien, denen man mit sphinxhaftem Lächeln lauscht, während man das rosa Fleisch einer Forelle oder die Flügel eines Rebhuhns isst.

Sie hatte keine Kleider, keinen Schmuck, nichts. Und sie liebte nichts als das; sie fühlte sich dafür geschaffen. Sie hätte so gerne gefallen, beneidet, bezaubernd und begehrt sein wollen.

Sie hatte eine Freundin, eine ehemalige Schulkameradin aus dem Kloster, die reich war und die sie nicht mehr besuchen mochte, weil sie so sehr litt, wenn sie zurückkam.

Doch eines Abends kehrte ihr Ehemann mit triumphierender Miene nach Hause zurück und hielt einen großen Umschlag in der Hand.

„Da“, sagte er, „hier ist etwas für dich.“

Sie riss das Papier hastig auf und zog eine gedruckte Karte hervor, die folgende Worte trug:

„Der Minister für öffentlichen Unterricht und Mme. Georges Ramponneau bitten Herrn und Frau Loisel um die Ehre ihrer Anwesenheit im Palais des Ministeriums am Montagabend, den 18. Januar.“

Anstatt erfreut zu sein, wie ihr Ehemann gehofft hatte, warf sie die Einladung mit Verachtung auf den Tisch und murmelte:

„Was soll ich denn damit anfangen?“

„Aber meine Liebe, ich dachte, du würdest dich freuen. Du gehst nie aus, und das ist eine so gute Gelegenheit. Ich hatte schreckliche Mühe, sie zu bekommen. Jeder will hin; es ist sehr exklusiv, und sie geben nicht viele Einladungen an Beamte aus. Die ganze offizielle Welt wird dort sein.“

Sie sah ihn mit gereiztem Blick an und sagte ungeduldig:

„Und was soll ich deiner Meinung nach anziehen?“

Daran hatte er nicht gedacht; er stammelte:

„Nun, das Kleid, das du im Theater trägst. Es sieht meiner Meinung nach sehr gut aus.“

Er hielt inne, verstört, als er sah, dass seine Frau weinte. Zwei große Tränen liefen langsam von ihren Augenwinkeln zu ihren Mundwinkeln herab. Er stammelte:

„Was ist denn? Was ist denn los?“

Doch mit einer gewaltsamen Anstrengung hatte sie ihren Schmerz besiegt und antwortete mit ruhiger Stimme, während sie sich die nassen Wangen abwischte:

„Nichts. Nur, ich habe kein Kleid und kann daher nicht zu diesem Ball gehen. Gib deine Karte einem Kollegen, dessen Frau besser ausgestattet ist als ich.“

Er war verzweifelt. Er fuhr fort:

„Komm, lass uns sehen, Mathilde. Was würde ein passendes Kleid kosten, das du auch bei anderen Gelegenheiten tragen könntest, etwas ganz Schlichtes?“

Sie überlegte einige Sekunden, stellte ihre Berechnungen an und fragte sich auch, welche Summe sie verlangen könnte, ohne bei dem sparsamen Beamten eine sofortige Ablehnung und einen erschrockenen Ausruf hervorzurufen.

Schließlich antwortete sie zögernd:

„Ich weiß es nicht genau, aber ich denke, ich könnte mit vierhundert Francs auskommen.“

Er war ein wenig blass geworden, weil er genau diesen Betrag beiseitegelegt hatte, um sich im nächsten Sommer eine Flinte zu kaufen und sich mit einigen Freunden, die dort sonntags Lerchen schossen, auf der Ebene von Nanterre ein wenig Jagdvergnügen zu gönnen.

Doch er sagte:

„Alles klar. Ich gebe dir vierhundert Francs. Und versuche, ein hübsches Kleid zu bekommen.“

Der Tag des Balls rückte näher, und Mme. Loisel schien traurig, unruhig, ängstlich. Ihr Kleid war jedoch fertig. Ihr Ehemann sagte eines Abends zu ihr:

„Was ist denn los? Komm, du bist in den letzten drei Tagen so sonderbar gewesen.“

Und sie antwortete:

„Es ärgert mich, keinen einzigen Schmuck, keinen einzigen Stein, nichts zum Anziehen zu haben. Ich werde wie eine Arme aussehen. Ich würde fast lieber gar nicht gehen.“

Er fuhr fort:

„Du könntest Naturblumen tragen. Das ist zu dieser Jahreszeit sehr schick. Für zehn Francs bekommst du zwei oder drei prächtige Rosen.“

Sie war nicht überzeugt.

„Nein; es gibt nichts Demütigerendes, als unter anderen Frauen, die reich sind, arm auszusehen.“

Doch ihr Ehemann rief:

„Wie dumm du bist! Geh und besuch deine Freundin Mme. Forestier und bitte sie, dir etwas Schmuck zu leihen. Du bist gut genug mit ihr bekannt, um das zu tun.“

Sie stieß einen Freudenschrei aus:

„Es stimmt. Daran habe ich gar nicht gedacht.“

Am nächsten Tag ging sie zu ihrer Freundin und erzählte ihr von ihrer Not.

Mme. Forestier ging zu einem Kleiderschrank mit Glastür, nahm ein großes Schmuckkästchen heraus, brachte es zurück, öffnete es und sagte zu Mme. Loisel:

„Such dir etwas aus, meine Liebe.“

Sie sah zuerst einige Armbänder, dann eine Perlenkette, dann ein venezianisches Kreuz, Gold und Edelsteine von bewundernswerter Arbeit. Sie probierte den Schmuck vor dem Spiegel an, zögerte, konnte sich nicht entschließen, sich von ihnen zu trennen, sie zurückzugeben. Sie fragte immer wieder:

„Hast du nicht noch mehr?“

„Nun ja. Sieh mal. Ich weiß nicht, was dir gefällt.“

Plötzlich entdeckte sie in einem schwarzen Satinkästchen eine prächtige Diamantenhalskette, und ihr Herz begann mit maßlosem Verlangen zu schlagen. Ihre Hände zitterten, als sie sie nahm. Sie legte sie sich um den Hals, über ihrem hochgeschlossenen Kleid, und blieb in Ekstase beim Anblick ihrer selbst verloren.

Dann fragte sie zögernd, von Angst erfüllt:

„Kannst du mir die leihen, nur die?“

„Aber ja, natürlich.“

Sie warf sich ihrer Freundin an den Hals, küsste sie leidenschaftlich und floh dann mit ihrem Schatz.

* * * * *

Der Tag des Balls kam. Mme. Loisel hatte großen Erfolg. Sie war hübscher als alle anderen, elegant, anmutig, lächelnd und vor Freude außer sich. Alle Männer sahen sie an, fragten nach ihrem Namen, bemühten sich, vorgestellt zu werden. Alle Attachés des Kabinetts wollten mit ihr walzern. Sie wurde sogar vom Minister selbst bemerkt.

Sie tanzte wie berauscht, leidenschaftlich, von Vergnügen betrunken, vergaß alles im Triumph ihrer Schönheit, im Ruhm ihres Erfolges, in einer Art Glückswolke, die aus all dieser Ehrerbietung, all dieser Bewunderung, all diesen geweckt Wünschen und diesem Gefühl des vollkommenen Sieges bestand, das dem Herzen einer Frau so süß ist.

Sie ging gegen vier Uhr morgens. Ihr Mann schlief seit Mitternacht in einem kleinen verlassenen Vorzimmer mit drei anderen Herren, deren Frauen sich sehr amüsierten.

Er warf ihr die Umhänge über die Schultern, die er mitgebracht hatte, bescheidene Umhänge des Alltagslebens, deren Armseligkeit mit der Eleganz des Ballkleides kontrastierte. Sie spürte dies und wollte entfliehen, um nicht von den anderen Frauen bemerkt zu werden, die sich in kostbare Pelze einhüllten.

Loisel hielt sie zurück.

„Warte ein bisschen. Du wirst dich draußen erkälten. Ich werde eine Droschke rufen.“

Doch sie hörte nicht auf ihn und stieg hastig die Treppe hinunter. Als sie auf der Straße waren, fanden sie keine Droschke; und sie begannen nach einer zu suchen, wobei sie den Droschkenkutschern nachriefen, die sie in der Ferne vorbeifahren sahen.

Sie gingen verzweifelt und vor Kälte zitternd in Richtung Seine. Schließlich fanden sie am Kai eine jener alten, nächtlichen Droschken, die, als ob sie sich schämten, ihr Elend bei Tage zu zeigen, rund um Paris erst nach Einbruch der Dunkelheit zu sehen sind.

Sie brachte sie zu ihrer Tür in der Rue des Martyrs, und traurig stiegen sie wieder nach Hause hinauf. Alles war für sie zu Ende. Und er dachte daran, dass er um zehn Uhr im Ministerium sein musste.

Sie legte vor dem Spiegel die Umhänge ab, die ihre Schultern bedeckt hatten, um sich noch einmal in all ihrer Pracht zu sehen. Doch plötzlich stieß sie einen Schrei aus. Sie trug die Halskette nicht mehr um den Hals!

Ihr Ehemann, bereits halb entkleidet, fragte:

„Was ist mit dir?“

Sie drehte sich wie wahnsinnig zu ihm um:

„Ich habe – ich habe – ich habe die Halskette von Mme. Forestier verloren.“

Er stand verstört auf.

„Was! – wie? – Unmöglich!“

Und sie suchten in den Falten ihres Kleides, in den Falten ihres Umhangs, in ihren Taschen, überall. Sie fanden sie nicht.

Er fragte:

„Bist du sicher, dass du sie noch anhattest, als du den Ball verlassen hast?“

„Ja, ich habe sie im Vestibül des Palais gespürt.“

„Aber wenn du sie auf der Straße verloren hättest, hätten wir sie fallen hören müssen. Sie muss in der Droschke sein.“

„Ja. Wahrscheinlich. Hast du seine Nummer notiert?“

„Nein. Und du, hast du sie nicht bemerkt?“

„Nein.“

Sie starrten sich fassungslos an. Schließlich zog Loisel sich an.

„Ich werde zu Fuß zurückgehen“, sagte er, „über die ganze Strecke, die wir genommen haben, um zu sehen, ob ich sie nicht finde.“

Und er ging hinaus. Sie saß in ihrem Ballkleid auf einem Stuhl, ohne die Kraft, ins Bett zu gehen, überwältigt, ohne Feuer, ohne einen Gedanken.

Ihr Mann kam gegen sieben Uhr zurück. Er hatte nichts gefunden.

Er ging zum Polizeipräsidium, zu den Zeitungsredaktionen, um eine Belohnung auszusetzen; er ging zu den Droschkenunternehmen – überallhin, wohin ihn der leiseste Verdacht auf Hoffnung trieb.

Sie wartete den ganzen Tag in demselben Zustand wahnsinniger Angst vor dieser schrecklichen Katastrophe.

Loisel kehrte nachts mit eingefallenem, blassem Gesicht zurück; er hatte nichts entdeckt.

„Du musst an deine Freundin schreiben“, sagte er, „dass du den Verschluss ihrer Halskette zerbrochen hast und dass du sie reparieren lässt. Das wird uns Zeit geben, uns umzusehen.“

Sie schrieb nach seinem Diktat.

Nach einer Woche hatten sie alle Hoffnung verloren.

Und Loisel, der um fünf Jahre gealtert war, erklärte:

„Wir müssen überlegen, wie wir diesen Schmuck ersetzen können.“

Am nächsten Tag nahmen sie das Kästchen, das ihn enthalten hatte, und gingen zu dem Juwelier, dessen Name darin stand. Er schlug in seinen Büchern nach.

„Ich war es nicht, Madame, der diese Halskette verkauft hat; ich muss lediglich das Etui geliefert haben.“

Dann gingen sie von Juwelier zu Juwelier, auf der Suche nach einer Kette wie der anderen, ihre Erinnerungen befragend, beide krank vor Ärger und Angst.

Sie fanden in einem Geschäft im Palais Royal eine Diamantenschnur, die ihnen genau wie die erschien, die sie suchten. Sie war vierzigtausend Francs wert. Sie könnten sie für sechsunddreißig bekommen.

Also baten sie den Juwelier, sie noch drei Tage nicht zu verkaufen. Und sie machten einen Handel, dass er sie für vierunddreißigtausend Francs zurückkaufen würde, falls sie die andere vor Ende Februar fänden.

Loisel besaß achtzehntausend Francs, die ihm sein Vater hinterlassen hatte. Den Rest würde er leihen.

Er lieh sich Geld, bat den einen um tausend Francs, einen anderen um fünfhundert, hier fünf Louisdor, dort drei Louisdor. Er stellte Schuldscheine aus, ging ruinöse Verpflichtungen ein, handelte mit Wucherern und der ganzen Sippe der Geldverleiher. Er verpfändete sein ganzes restliches Leben, riskierte seine Unterschrift, ohne überhaupt zu wissen, ob er sie einlösen könnte; und geängstigt von den kommenden Qualen, von dem schwarzen Elend, das über ihn hereinbrechen sollte, von der Aussicht auf all die körperlichen Entbehrungen und all die moralischen Foltern, die er erleiden würde, ging er los, um die neue Halskette zu holen, und legte sechsunddreißigtausend Francs auf den Ladentisch des Kaufmanns.

Als Mme. Loisel die Halskette zurückbrachte, sagte Mme. Forestier mit kühler Miene zu ihr:

„Du hättest sie früher zurückbringen sollen, ich hätte sie brauchen können.“

Sie öffnete das Kästchen nicht, wie es ihre Freundin so sehr befürchtet hatte. Wenn sie die Vertauschung bemerkt hätte, was hätte sie gedacht, was hätte sie gesagt? Hätte sie Mme. Loisel nicht für eine Diebin gehalten?

Mme. Loisel kannte nun das schreckliche Dasein der Bedürftigen. Sie fügte sich jedoch ganz plötzlich mit Heldentum in ihr Schicksal. Diese schreckliche Schuld musste bezahlt werden. Sie würde sie bezahlen. Sie entließen ihr Dienstmädchen; sie zogen um; sie mieteten eine Dachkammer unter dem Dach.

Sie lernte, was schwere Hausarbeit bedeutete und die abscheulichen Sorgen der Küche. Sie wusch das Geschirr und benutzte ihre rosigen Fingernägel an den fettigen Töpfen und Pfannen. Sie wusch die schmutzige Wäsche, die Hemden und die Geschirrtücher, die sie auf einer Leine trocknete; sie brachte jeden Morgen den Abfall auf die Straße und trug das Wasser hinauf, wobei sie auf jedem Treppenabsatz nach Luft schnappte. Und wie eine Frau aus dem Volk gekleidet, ging sie zum Obsthändler, zum Lebensmittelhändler, zum Metzger, den Korb am Arm, feilschend, beleidigt, ihr elendes Geld Sou um Sou verteidigend.

Jeden Monat mussten sie einige Schuldscheine einlösen, andere erneuern, mehr Zeit gewinnen.

Ihr Mann arbeitete abends daran, die Rechnungen einiger Kaufleute ins Reine zu schreiben, und spät in der Nacht kopierte er oft Manuskripte für fünf Sous pro Seite.

Und dieses Leben dauerte zehn Jahre.

Nach zehn Jahren hatten sie alles bezahlt, alles, mit den Wucherzinsen und den Anhäufungen des Zinseszinses.

Mme. Loisel sah nun alt aus. Sie war zu der Frau verarmter Haushalte geworden – stark und hart und rau. Mit struppigem Haar, schiefen Röcken und roten Händen sprach sie laut, während sie den Boden mit großen Schwüngen von Wasser wusch. Aber manchmal, wenn ihr Mann im Büro war, setzte sie sich ans Fenster und dachte an jenen fröhlichen Abend von früher, an jenen Ball, auf dem sie so schön und so gefeiert gewesen war.

Was wäre geschehen, wenn sie diese Halskette nicht verloren hätte? Wer weiß? Wer weiß? Wie seltsam und wechselhaft das Leben ist! Wie wenig braucht es, damit wir verloren gehen oder gerettet werden!

Doch eines Sonntags, als sie einen Spaziergang in den Champs Élysées machte, um sich von der Arbeit der Woche zu erholen, erblickte sie plötzlich eine Frau, die ein Kind führte. Es war Mme. Forestier, immer noch jung, immer noch schön, immer noch bezaubernd.

Mme. Loisel war bewegt. Sollte sie sie ansprechen? Ja, sicher. Und jetzt, da sie bezahlt hatte, wollte sie ihr alles erzählen. Warum nicht?

Sie ging auf sie zu.

„Guten Tag, Jeanne.“

Die andere, erstaunt, von dieser schlichten Hausfrau vertraulich angesprochen zu werden, erkannte sie überhaupt nicht und stammelte:

„Aber – Madame! – ich weiß nicht – Sie müssen sich geirrt haben.“

„Nein. Ich bin Mathilde Loisel.“

Ihre Freundin stieß einen Schrei aus.

„Oh, meine arme Mathilde! Wie du dich verändert hast!“

„Ja, ich habe harte Tage hinter mir, seit ich dich gesehen habe, elende Tage – und das wegen dir!“

„Wegen mir? Wieso das?“

„Erinnerst du dich an die Diamantenhalskette, die du mir geliehen hast, um sie auf dem Ministerball zu tragen?“

„Ja. Nun?“

„Nun, ich habe sie verloren.“

„Was meinst du? Du hast sie mir zurückgebracht.“

„Ich habe dir eine andere zurückgebracht, die genau so aussah. Und dafür haben wir zehn Jahre lang bezahlt. Du kannst verstehen, dass das für uns nicht einfach war, für uns, die wir nichts hatten. Endlich ist es vorbei, und ich bin sehr froh.“

Mme. Forestier war stehengeblieben.

„Du sagst, dass du eine Diamantenhalskette gekauft hast, um meine zu ersetzen?“

„Ja. Du hast es also nie bemerkt! Sie waren sich sehr ähnlich.“

Und sie lächelte mit einer Freude, die stolz und naiv zugleich war.

Mme. Forestier, tief bewegt, nahm ihre beiden Hände.

„Oh, meine arme Mathilde! Aber meine Halskette war aus Glaspaste. Sie war höchstens fünfhundert Francs wert!“

Der Mann mit den blassen Augen

Monsieur Pierre Agénor De Vargnes, der Untersuchungsrichter, war das genaue Gegenteil eines Spaßvogels. Er war die Würde, die Beständigkeit, die Korrektheit in Person. Als gesetzter Mann war er völlig unfähig, sich, auch nur in seinen Träumen, irgendetwas schuldig zu machen, das auch nur entfernt an einen Scherz erinnerte. Ich kenne niemanden, mit dem er verglichen werden könnte, außer vielleicht dem derzeitigen Präsidenten der Französischen Republik. Ich denke, es ist nutzlos, die Analogie weiterzuführen, und nachdem ich dies gesagt habe, wird man leicht verstehen, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief, als Monsieur Pierre Agénor de Vargnes mir die Ehre erwies, eine Dame zu mir zu schicken.

Gegen acht Uhr eines Morgens im letzten Winter, als er das Haus verließ, um zum Palais de Justice zu gehen, überreichte ihm sein Diener eine Visitenkarte, auf der gedruckt stand:

DOKTOR JAMES FERDINAND, _Mitglied der Medizinischen Akademie, Port-au-Prince, Ritter der Ehrenlegion._

Unten auf der Karte stand mit Bleistift geschrieben:

Von Lady Frogère.

Monsieur de Vargnes kannte die Dame sehr gut, eine sehr angenehme Kreolin aus Haiti, die er in vielen Salons getroffen hatte, und andererseits, obwohl der Name des Doktors keine Erinnerungen in ihm weckte, erforderten allein sein Rang und seine Titel, dass er ihm eine Audienz gewährte, wie kurz sie auch sein mochte. Obwohl er es eilig hatte, das Haus zu verlassen, wies Monsieur de Vargnes daher den Diener an, seinen frühen Besucher hereinzubitten, ihm aber zuvor zu sagen, dass sein Herr sehr in Eile sei, da er zu den Gerichten müsse.

Als der Doktor eintrat, konnte er trotz seiner üblichen Unerschütterlichkeit eine Bewegung der Überraschung nicht unterdrücken, denn der Doktor bot jene seltsame Anomalie, ein Neger vom reinsten, schwärzesten Typ zu sein, mit den Augen eines Weißen, eines Mannes aus dem Norden, blassen, kalten, klaren, blauen Augen, und seine Überraschung nahm zu, als er nach einigen Worten der Entschuldigung für seinen ungelegenen Besuch mit einem rätselhaften Lächeln hinzufügte:

„Meine Augen überraschen Sie, nicht wahr? Ich war sicher, dass sie das tun würden, und um die Wahrheit zu sagen, ich bin hierhergekommen, damit Sie sie sich gut ansehen und niemals vergessen können.“

Sein Lächeln und seine Worte, noch mehr als sein Lächeln, schienen die eines Wahnsinnigen zu sein. Er sprach sehr leise, mit jener kindlichen, lispelnden Stimme, die für Neger eigentümlich ist, und seine geheimnisvollen, beinahe drohenden Worte klangen infolgedessen umso mehr, als würden sie aufs Geratewohl von einem Mann geäußert, der seinen Verstand verloren hatte. Doch sein Blick, der Blick dieser blassen, kalten, klaren, blauen Augen, war gewiss nicht der eines Wahnsinnigen. Er drückte deutlich Drohung aus, ja, Drohung, sowie Ironie und vor allem unerbittliche Grausamkeit, und ihr Blick war wie ein Blitzschlag, den man niemals vergessen konnte.

„Ich habe“, pflegte Monsieur de Vargnes zu sagen, wenn er darüber sprach, „die Blicke vieler Mörder gesehen, aber in keinem von ihnen habe ich je eine solche Tiefe des Verbrechens und eine solche unverschämte Sicherheit im Verbrechen beobachtet.“

Und dieser Eindruck war so stark, dass Monsieur de Vargnes glaubte, er sei das Opfer einer Halluzination, zumal der Arzt, als er von seinen Augen sprach, mit einem Lächeln und in seinen kindlichsten Tönen fortfuhr: „Natürlich, Monsieur, Sie können nicht verstehen, was ich Ihnen sage, und ich muss Sie um Verzeihung bitten. Morgen werden Sie einen Brief erhalten, der Ihnen alles erklären wird, aber zuallererst war es notwendig, dass ich Ihnen einen guten, einen sorgfältigen Blick auf meine Augen werfen ließ, meine Augen, die ich selbst bin, mein einziges und wahres Selbst, wie Sie sehen werden.“

Mit diesen Worten und einer höflichen Verbeugung ging der Arzt hinaus und hinterließ Monsieur de Vargnes überaus überrascht und einer solchen Unsicherheit preisgegeben, dass er zu sich selbst sagte:

„Ist er bloß ein Wahnsinniger? Der grimmige Ausdruck und die verbrecherische Tiefe seines Blickes werden vielleicht lediglich durch den außergewöhnlichen Kontrast zwischen seinem grimmigen Ausdruck und seinen blassen Augen verursacht.“

Und in diese Gedanken versunken, ließ Monsieur de Vargnes unglücklicherweise einige Minuten verstreichen, und dann dachte er plötzlich bei sich:

„Nein, ich bin das Opfer keiner Halluzination, und dies ist kein Fall eines optischen Phänomens. Dieser Mann ist offensichtlich ein schrecklicher Verbrecher, und ich habe meine Pflicht gänzlich versäumt, indem ich ihn nicht selbst sogleich verhaftet habe, gesetzeswidrig, selbst auf die Gefahr meines Lebens hin.“

Der Richter rannte die Treppe hinunter, um den Arzt zu verfolgen, doch es war zu spät; er war verschwunden. Am Nachmittag suchte er Madame Frogère auf, um sie zu fragen, ob sie ihm irgendetwas über die Angelegenheit sagen könne. Sie kannte den Negerarzt jedoch nicht im Geringsten und konnte ihm sogar versichern, dass er eine fiktive Persönlichkeit sei, denn da sie mit den höheren Kreisen in Hayti wohlvertraut war, wusste sie, dass die Medizinische Akademie in Port-au-Prince keinen Arzt dieses Namens unter ihren Mitgliedern hatte. Als Monsieur de Vargnes beharrte und Beschreibungen des Arztes gab, wobei er insbesondere seine außergewöhnlichen Augen erwähnte, begann Madame Frogère zu lachen und sagte:

„Sie haben es gewiss mit einem Schwindler zu tun gehabt, mein lieber Monsieur. Die Augen, die Sie beschrieben haben, sind sicherlich die eines Weißen, und das Individuum muss geschminkt gewesen sein.“

Beim Nachdenken erinnerte sich Monsieur de Vargnes, dass der Arzt nichts von einem Neger an sich hatte außer seiner schwarzen Haut, seinem krausen Haar und Bart und seiner Art zu sprechen, die leicht nachgeahmt werden konnte, aber nichts von einem Neger, nicht einmal den charakteristischen, wiegenden Gang. Vielleicht war er nach alledem nur ein Spaßvogel, und den ganzen Tag über flüchtete sich Monsieur de Vargnes in diese Ansicht, die seine Würde als Mann von Rang zwar etwas verletzte, aber seine Skrupel als Magistrat beruhigte.

Am nächsten Tag erhielt er den versprochenen Brief, der ebenso wie die Adresse aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben bestand. Er lautete wie folgt:

„MONSIEUR: Doktor James Ferdinand existiert nicht, aber der Mann, dessen Augen Sie gesehen haben, existiert, und Sie werden seine Augen sicherlich wiedererkennen. Dieser Mann hat zwei Verbrechen begangen, für die er keinerlei Reue empfindet, aber da er Psychologe ist, fürchtet er, eines Tages der unwiderstehlichen Versuchung zu erliegen, seine Verbrechen zu gestehen. Sie wissen besser als jeder andere (und das ist Ihr mächtigstes Hilfsmittel), mit welch gebieterischer Gewalt Kriminelle, besonders intellektuelle, diese Versuchung empfinden. Jener große Dichter, Edgar Poe, hat Meisterwerke zu diesem Thema geschrieben, die die Wahrheit exakt ausdrücken, aber er hat versäumt, das letzte Phänomen zu erwähnen, das ich Ihnen mitteilen werde. Ja, ich, ein Krimineller, empfinde einen schrecklichen Wunsch, dass jemand von meinen Verbrechen erfährt, und wenn dieses Bedürfnis befriedigt ist, mein Geheimnis einem Vertrauten offenbart wurde, werde ich in Zukunft ruhig sein und von diesem Dämon der Perversität befreit sein, der uns nur einmal versucht. Nun! Das ist jetzt geschehen. Sie sollen mein Geheimnis haben; von dem Tag an, an dem Sie mich an meinen Augen wiedererkennen, werden Sie versuchen herauszufinden, woran ich schuldig bin und wie ich schuldig war, und Sie werden es entdecken, da Sie ein Meister Ihres Berufes sind, der Ihnen übrigens die Ehre eingebracht hat, von mir ausgewählt worden zu sein, um das Gewicht dieses Geheimnisses zu tragen, das nun von uns und von uns beiden allein geteilt wird. Ich sage wohlüberlegt: von uns beiden allein. Sie könnten tatsächlich niemandem die Realität dieses Geheimnisses beweisen, es sei denn, ich würde es gestehen, und ich fordere Sie heraus, mein öffentliches Geständnis zu erlangen, so wie ich es Ihnen gestanden habe, ohne Gefahr für mich selbst.“

Drei Monate später traf Monsieur de Vargnes auf einer Abendgesellschaft Monsieur X----, und auf den ersten Blick, und ohne das geringste Zögern, erkannte er an ihm genau jene sehr blassen, sehr kalten und sehr klaren blauen Augen, Augen, die man unmöglich vergessen konnte.

Der Mann selbst blieb vollkommen ungerührt, sodass Monsieur de Vargnes gezwungen war, zu sich selbst zu sagen:

„Wahrscheinlich bin ich in diesem Augenblick das Opfer einer Halluzination, oder aber es gibt zwei Augenpaare auf der Welt, die sich vollkommen gleichen. Und solche Augen! Kann das möglich sein?“

Der Magistrat leitete Nachforschungen über sein Leben ein, und er entdeckte Folgendes, was alle seine Zweifel ausräumte.

Fünf Jahre zuvor war Monsieur X---- ein sehr armer, aber sehr brillanter Medizinstudent gewesen, der, obwohl er nie seinen Doktortitel erlangte, bereits durch seine mikrobiologischen Forschungen aufgefallen war.

Eine junge und sehr reiche Witwe hatte sich in ihn verliebt und ihn geheiratet. Sie hatte ein Kind aus erster Ehe, und innerhalb von sechs Monaten starben zuerst das Kind und dann die Mutter an Typhus, und so hatte Monsieur X---- ein großes Vermögen geerbt, formgerecht und ohne jeden möglichen Streitfall. Jedermann sagte, er habe die beiden Patienten mit äußerster Hingabe gepflegt. Waren diese beiden Tode nun die zwei Verbrechen, die in seinem Brief erwähnt wurden?

Aber dann musste Monsieur X---- seine beiden Opfer mit den Mikroben des Typhus vergiftet haben, die er geschickt in ihnen gezüchtet hatte, um die Krankheit unheilbar zu machen, selbst durch die hingebungsvollste Pflege und Aufmerksamkeit. Warum nicht?

„Glauben Sie das?“, fragte ich Monsieur de Vargnes.

„Absolut“, antwortete er. „Und das Schrecklichste daran ist, dass der Schurke recht hat, wenn er mich herausfordert, ihn zu einem öffentlichen Geständnis seines Verbrechens zu zwingen, denn ich sehe kein Mittel, ein Geständnis zu erlangen, absolut keines. Für einen Augenblick dachte ich an Magnetismus, aber wer könnte diesen Mann mit jenen blassen, kalten, hellen Augen magnetisieren? Mit solchen Augen würde er den Magnetiseur zwingen, sich selbst als den Schuldigen anzuzeigen.“

Und dann sagte er mit einem tiefen Seufzer:

„Ach! Früher hatte die Justiz etwas Gutes an sich!“

Und als er meine fragenden Blicke sah, fügte er mit fester und vollkommen überzeugter Stimme hinzu:

„Früher hatte die Justiz die Folter zu ihrer Verfügung.“

„Beim Wort genommen“, antwortete ich mit all dem unbewussten und einfachen Egoismus eines Autors, „ist es ganz sicher, dass ohne die Folter diese seltsame Geschichte zu keinem Schluss kommen wird, und das ist sehr bedauerlich, was die Erzählung betrifft, die ich daraus machen wollte.“

Ein unbequemes Bett

Eines Herbstes war ich zur Jagdsaison bei Freunden in einem Schloss in der Picardie zu Gast.

Meine Freunde liebten praktische Scherze, so wie alle meine Freunde. Ich lege keinen Wert darauf, andere Menschen zu kennen.

Als ich ankam, bereiteten sie mir einen fürstlichen Empfang, der sogleich Misstrauen in meiner Brust erregte. Wir hatten eine prächtige Jagd. Sie umarmten mich, sie schmeichelten mir, als ob sie erwarteten, sich auf meine Kosten köstlich zu amüsieren.

Ich sagte mir:

„Pass auf, alter Frettchen! Sie haben etwas für dich in Vorbereitung.“

Während des Abendessens war die Heiterkeit exzessiv, eigentlich viel zu groß. Ich dachte: „Das sind Leute, die sich doppelt vergnügen, und anscheinend ohne Grund. Sie müssen in Gedanken schon auf einen guten Spaß aus sein. Sicherlich soll ich das Opfer des Scherzes werden. Achtung!“

Den ganzen Abend über lachte jeder auf übertriebene Weise. Ich roch einen praktischen Scherz in der Luft, wie ein Hund das Wild riecht. Aber was war es? Ich war wachsam, unruhig. Ich ließ kein Wort, keinen Sinn und keine Geste entgehen. Jeder erschien mir als ein Gegenstand des Verdachts, und ich betrachtete sogar die Gesichter der Bediensteten mit Misstrauen.

Die Stunde zum Schlafengehen schlug, und der ganze Haushalt kam, um mich auf mein Zimmer zu geleiten. Warum? Sie riefen mir zu: „Gute Nacht.“ Ich betrat das Zimmer, schloss die Tür und blieb stehen, ohne einen einzigen Schritt zu tun, die Wachskerze in der Hand.

Ich hörte Lachen und Flüstern auf dem Flur. Zweifellos spionierten sie mich aus. Ich warf einen Blick auf die Wände, die Möbel, die Decke, die Behänge, den Boden. Ich sah nichts, was den Verdacht rechtfertigte. Ich hörte Personen draußen vor meiner Tür sich bewegen. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie durch das Schlüsselloch schauten.

Ein Gedanke kam mir in den Sinn: „Meine Kerze könnte plötzlich ausgehen und mich in der Dunkelheit lassen.“

Dann ging ich zum Kaminsims und zündete alle Wachskerzen an, die darauf standen. Danach warf ich einen weiteren Blick um mich, ohne irgendetwas zu entdecken. Ich schritt mit kurzen Schritten voran und untersuchte vorsichtig das Zimmer. Nichts. Ich prüfte jeden Gegenstand, einen nach dem anderen. Immer noch nichts. Ich ging zum Fenster. Die Fensterläden, große hölzerne Läden, waren offen. Ich schloss sie mit großer Sorgfalt und zog dann die Vorhänge, riesige Samtvorhänge, und stellte einen Stuhl davor, um nichts von außen fürchten zu müssen.

Dann setzte ich mich vorsichtig hin. Der Sessel war solide. Ich wagte es nicht, mich ins Bett zu legen. Jedoch verging die Zeit; und ich kam schließlich zu dem Schluss, dass ich lächerlich war. Wenn sie mich ausspionierten, wie ich annahm, mussten sie, während sie auf den Erfolg des Scherzes warteten, den sie für mich vorbereitet hatten, über meine Angst enorm gelacht haben. Also beschloss ich, schlafen zu gehen. Aber das Bett sah besonders verdächtig aus. Ich zog an den Vorhängen. Sie schienen sicher zu sein. Dennoch bestand Gefahr. Vielleicht würde ich von oben eine kalte Dusche erhalten, oder vielleicht würde ich in dem Moment, in dem ich mich ausstreckte, mit meiner Matratze durch den Boden sinken. Ich suchte in meinem Gedächtnis nach all den praktischen Scherzen, die ich je erlebt hatte. Und ich wollte nicht erwischt werden. Ach! Sicherlich nicht! Sicherlich nicht! Da besann ich mich plötzlich auf eine Vorsichtsmaßnahme, die ich für äußerst wirksam halte: Ich ergriff die Seite der Matratze behutsam und zog sie ganz langsam zu mir herüber. Sie kam mit, gefolgt von dem Laken und dem Rest der Bettwäsche. Ich schleppte all diese Gegenstände mitten in das Zimmer, gegenüber der Eingangstür. Ich machte mein Bett so gut ich konnte in einiger Entfernung von dem verdächtigen Bettgestell und der Ecke, die mich mit solcher Angst erfüllt hatte. Dann löschte ich alle Kerzen und schlüpfte tastend unter die Bettdecke.

Mindestens eine weitere Stunde blieb ich wach und schreckte bei jedem kleinsten Geräusch zusammen. Alles schien ruhig im Schloss. Ich schlief ein.

Ich muss schon lange in einem tiefen Schlaf gelegen haben, aber plötzlich wurde ich durch den Sturz eines schweren Körpers, der direkt auf meinen eigenen Körper fiel, aufgeschreckt, und gleichzeitig erhielt ich auf mein Gesicht, meinen Hals und meine Brust eine brennende Flüssigkeit, die mich ein Geheul vor Schmerz ausstoßen ließ. Und ein schreckliches Geräusch, als ob ein mit Tellern und Geschirr beladenes Anrichte hinuntergefallen wäre, drang an meine Ohren.

Ich fühlte mich unter dem Gewicht ersticken, das mich erdrückte und mich daran hinderte, mich zu bewegen. Ich streckte meine Hand aus, um herauszufinden, was die Natur dieses Gegenstandes war. Ich fühlte ein Gesicht, eine Nase und Schnurrbart. Dann holte ich mit aller Kraft aus und schlug gegen dieses Gesicht. Aber ich erhielt sogleich einen Hagel von Schlägen, der mich direkt aus den durchnässten Laken springen ließ und in meinem Nachthemd auf den Flur stürmte, dessen Tür ich offen fand.

O Staunen! Es war heller Tag. Das Geräusch brachte meine Freunde eilig in das Zimmer, und wir fanden, über meinem improvisierten Bett ausgestreckt, den bestürzten Kammerdiener, der, während er mir meine morgendliche Tasse Tee brachte, über dieses Hindernis in der Mitte des Bodens gestolpert war und auf seinen Bauch gefallen war, wobei er unfreiwillig mein Frühstück über mein Gesicht verschüttete.

Die Vorsichtsmaßnahmen, die ich beim Schließen der Fensterläden und beim Schlafen in der Mitte des Zimmers getroffen hatte, hatten nur das Zwischenspiel herbeigeführt, das ich zu vermeiden versucht hatte.

Ach! Wie sie alle an diesem Tag lachten!

Geister

Gerade zu der Zeit, als das Konkordat in seinem blühendsten Zustand war, ging ein junger Mann aus einer wohlhabenden und hoch angesehenen bürgerlichen Familie zum Büro des Polizeichefs in P---- und bat um seine Hilfe und seinen Rat, die ihm sogleich zugesichert wurden.

„Mein Vater droht, mich zu enterben“, begann der junge Mann dann, „obwohl ich niemals gegen die Gesetze des Staates, der Moral oder seiner väterlichen Autorität verstoßen habe, lediglich deshalb, weil ich seine blinde Ehrerbietung gegenüber der katholischen Kirche und ihren Dienern nicht teile. Aus diesem Grunde betrachtet er mich nicht bloß als Freigeist, sondern als einen vollkommenen Atheisten, und ein treuer alter Diener von uns, der sehr an mir hängt und der zufällig das Testament meines Vaters sah, erzählte mir im Vertrauen, dass er sein gesamtes Eigentum den Jesuiten vermacht habe. Ich halte das für höchst verdächtig und fürchte, dass die Priester bei meinem Vater schlecht über mich gesprochen haben. Bis vor weniger als einem Jahr lebten wir sehr ruhig und glücklich zusammen, aber seit er so viel mit dem Klerus zu tun hat, ist unser häuslicher Friede und unser Glück am Ende.“

„Was Sie mir erzählt haben“, antwortete der Beamte, „ist so wahrscheinlich wie bedauerlich, aber ich sehe nicht, wie ich mich in die Angelegenheit einmischen kann. Ihr Vater ist im Vollbesitz all seiner geistigen Kräfte und kann über sein gesamtes Eigentum verfügen, genau wie es ihm gefällt. Ich halte Ihren Protest auch für verfrüht; Sie müssen warten, bis sein Testament rechtlich wirksam werden kann, und dann können Sie die Hilfe der Justiz anrufen; ich bedaure, dass ich nichts für Sie tun kann.“

„Ich glaube, Sie werden es können“, antwortete der junge Mann; „denn ich glaube, dass hier ein sehr geschicktes Stück Betrug betrieben wird.“

„Wie? Bitte erklären Sie sich deutlicher.“

„Als ich ihm gestern Abend Vorhaltungen machte, verwies er auf meine verstorbene Mutter und versicherte mir schließlich mit einer Stimme von tiefster Überzeugung, dass sie ihm häufig erschienen sei und ihm mit allen Qualen der Verdammten gedroht habe, wenn er seinen Sohn, der von Gott abgefallen sei, nicht enterbe und sein gesamtes Eigentum der Kirche vermache. Nun, ich glaube nicht an Geister.“

„Ich auch nicht“, antwortete der Polizeidirektor; „aber ich kann auf diesem gefährlichen Boden nicht gut etwas unternehmen, wenn ich nichts weiter als Aberglauben vorzuweisen habe. Sie wissen, wie die Kirche seit dem Konkordat mit Rom all unsere Angelegenheiten regelt, und wenn ich diese Angelegenheit untersuche und keine Ergebnisse erziele, riskiere ich meinen Posten. Es wäre etwas ganz anderes, wenn Sie irgendwelche Beweise für Ihre Verdächtigungen anführen könnten. Ich leugne nicht, dass ich es gerne sehen würde, wenn die klerikale Partei, die, wie ich fürchte, der Ruin Österreichs sein wird, einen vernichtenden Schlag erhielte; versuchen Sie daher, diesem Geschäft auf den Grund zu gehen, und dann werden wir noch einmal darüber sprechen.“

Etwa ein Monat verging, ohne dass man von dem jungen Freigeist hörte; aber dann kam er eines Abends plötzlich, offensichtlich in einem Zustand großer Erregung, und sagte ihm, er sei in der Lage, den priesterlichen Betrug, den er erwähnt habe, aufzudecken, wenn die Behörden ihn dabei unterstützen würden. Der Polizeidirektor verlangte weitere Informationen.

„Ich habe eine Reihe wichtiger Hinweise erhalten“, sagte der junge Mann. „Erstens hat mein Vater mir gestanden, dass meine Mutter ihm nicht in unserem Haus erschien, sondern auf dem Friedhof, wo sie begraben liegt. Meine Mutter war viele Jahre lang schwindsüchtig, und ein paar Wochen vor ihrem Tod ging sie in das Dorf S----, wo sie starb und begraben wurde. Zusätzlich dazu fand ich durch unseren Diener heraus, dass mein Vater das Haus bereits zweimal spät in der Nacht in Begleitung von X----, dem Jesuitenpriester, verlassen hat und dass er bei beiden Gelegenheiten erst am Morgen zurückkehrte. Jedes Mal war er nach seiner Rückkehr bemerkenswert unruhig und niedergeschlagen und ließ drei Messen für meine verstorbene Mutter lesen. Er erzählte mir auch gerade eben, dass er heute Abend geschäftlich verreisen müsse, aber unmittelbar nachdem er mir das gesagt hatte, sah unser Diener den Jesuiten aus dem Haus gehen. Wir können daher annehmen, dass er beabsichtigt, heute Abend den Geist meiner verstorbenen Mutter erneut zu befragen, und dies wäre eine ausgezeichnete Gelegenheit, um dieser Angelegenheit auf die Spur zu kommen, wenn Sie nicht davor zurückschrecken, sich der mächtigsten Macht im Reich entgegenzustellen, um eines solch unbedeutenden Individuums willen wie meiner selbst.“

„Jeder Bürger hat das gleiche Recht auf den Schutz des Staates“, antwortete der Polizeidirektor; „und ich glaube, dass ich oft genug gezeigt habe, dass es mir nicht an Mut fehlt, meine Pflicht zu erfüllen, wie ernst die Konsequenzen auch sein mögen; aber nur sehr junge Männer handeln ohne Aussicht auf Erfolg, da sie von ihren Gefühlen mitgerissen werden. Als Sie das erste Mal zu mir kamen, war ich gezwungen, Ihr Gesuch um Unterstützung abzulehnen, aber heute sind Ihre Aktien gestiegen. Es ist jetzt acht Uhr, und ich erwarte Sie in zwei Stunden hier in meinem Büro. Im Augenblick haben Sie lediglich den Mund zu halten; alles andere ist meine Angelegenheit.“

Sobald es dunkel war, stiegen vier Männer in eine geschlossene Kutsche im Hof des Polizeibüros und fuhren in Richtung des Dorfes S----; ihre Kutsche fuhr jedoch nicht in das Dorf ein, sondern hielt am Rande eines kleinen Waldes in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier stiegen alle vier aus; es waren der Polizeidirektor, begleitet von dem jungen Freigeist, einem Polizeiwachtmeister und einem gewöhnlichen Polizisten, der jedoch in Zivil gekleidet war.

„Das Erste, was wir tun müssen, ist, den Ort sorgfältig zu untersuchen“, sagte der Polizeidirektor: „es ist elf Uhr und die Geisterbeschwörer werden nicht vor Mitternacht eintreffen, also haben wir Zeit, uns umzusehen und unsere Maßnahmen zu treffen.“

Die vier Männer gingen zum Friedhof, der am Ende des Dorfes, nahe dem kleinen Wald, lag. Alles war totenstill, und keine Menschenseele war zu sehen. Der Küster saß offensichtlich in der Gastwirtschaft, denn sie fanden die Tür seines Hauses verschlossen, ebenso wie die Tür der kleinen Kapelle, die inmitten des Friedhofs stand.

„Wo ist das Grab Ihrer Mutter?“, fragte der Polizeidirektor; aber da nur wenige Sterne sichtbar waren, war es nicht leicht, es zu finden, doch schließlich gelang es ihnen, und der Polizeidirektor sah sich in der Nachbarschaft um.

„Die Position ist für uns nicht sehr günstig“, sagte er schließlich; „hier ist nichts, nicht einmal ein Strauch, hinter dem wir uns verstecken könnten.“

Doch genau in diesem Augenblick sagte der Polizist, er habe versucht, durch die Tür oder das Fenster in die Hütte des Küsters zu gelangen, und dass ihm dies schließlich gelungen sei, indem er eine Fensterscheibe zerbrach, die mit Papier ausgebessert worden war, und dass er sie geöffnet und sich in den Besitz des Schlüssels gebracht habe, den er nun dem Polizeidirektor brachte.

Seine Pläne waren sehr schnell gefasst. Er ließ die Kapelle öffnen und ging mit dem jungen Latitudinarier hinein; dann wies er den Polizeiwachtmeister an, die Tür hinter sich abzuschließen, den Schlüssel wieder dorthin zu legen, wo er ihn gefunden hatte, und das Fenster der Küsterhütte sorgfältig zu schließen. Schließlich traf er Vorkehrungen für den Fall, dass etwas Unvorhergesehenes geschehen sollte, woraufhin der Wachtmeister und der Polizist den Friedhof verließen und sich in einiger Entfernung vom Tor, jedoch diesem gegenüber, in einen Graben legten.

Kaum hatte die Uhr halb zwölf geschlagen, hörten sie Schritte in der Nähe der Kapelle, woraufhin der Polizeidirektor und der junge Latitudinarier zum Fenster gingen, um den Beginn der Exorzismen zu beobachten, und da die Kapelle in völlige Dunkelheit gehüllt war, glaubten sie, sehen zu können, ohne gesehen zu werden; doch die Dinge entwickelten sich anders, als sie erwartet hatten.

Plötzlich drehte sich der Schlüssel im Schloss, und sie hatten kaum Zeit, sich hinter den Altar zu begeben, bevor zwei Männer eintraten, von denen einer eine dunkle Laterne trug. Der eine war der Vater des jungen Mannes, ein älterer Mann aus dem Mittelstand, der sehr unglücklich und niedergeschlagen wirkte, der andere der Jesuitenpater K----, ein großer, hagerer, knochiger Mann mit einem blassen, gelblichen Gesicht, in dem zwei große graue Augen unruhig unter buschigen schwarzen Brauen leuchteten. Er zündete die Kerzen an, die auf dem Altar standen, und begann eine Requiem-Messe zu lesen; während der alte Mann auf den Altarstufen kniete und ihm assistierte.

Als es vorüber war, nahm der Jesuit das Evangelienbuch und den Weihwasserwedel und schritt langsam aus der Kapelle, während ihm der alte Mann folgte, mit einem Weihwasserbecken in der einen und einer Kerze in der anderen Hand. Dann verließ der Polizeidirektor sein Versteck und schlich, sich bückend, um nicht gesehen zu werden, zum Kapellenfenster, wo er vorsichtig in die Hocke ging, und der junge Mann folgte seinem Beispiel. Sie blickten nun direkt auf das Grab seiner Mutter.

Der Jesuit, gefolgt von dem abergläubischen alten Mann, schritt dreimal um das Grab herum, dann blieb er davor stehen und las im Schein der Kerze einige Stellen aus dem Evangelium; dann tauchte er den Weihwasserwedel dreimal in das Weihwasserbecken und besprengte das Grab dreimal; dann kehrten beide zur Kapelle zurück, knieten mit dem Gesicht zum Grab davor nieder und begannen laut zu beten, bis der Jesuit schließlich in einer Art wilder Ekstase aufsprang und dreimal mit schriller Stimme rief:

„Exsurge! Exsurge! Exsurge!“[1]

[1] Stehe auf!

Kaum war das letzte Wort des Exorzismus verklungen, als dichter, blauer Rauch aus dem Grab aufstieg, der sich rasch zu einer Wolke auswuchs und die Umrisse eines menschlichen Körpers anzunehmen begann, bis schließlich eine große, weiße Gestalt hinter dem Grab stand und mit der Hand herbeiwinkte.

„Wer bist du?“, fragte der Jesuit feierlich, während der alte Mann zu weinen begann.

„Als ich lebte, hieß ich Anna Maria B----“, antwortete der Geist mit hohler Stimme.

„Wirst du alle meine Fragen beantworten?“, fuhr der Priester fort.

„Soweit ich kann.“

„Bist du noch nicht durch unsere Gebete und all die Messen, die wir für deine Seele gelesen haben, aus dem Fegefeuer erlöst worden?“

„Noch nicht, aber bald, bald werde ich es sein.“

„Wann?“

„Sobald dieser Gotteslästerer, mein Sohn, bestraft worden ist.“

„Ist das nicht bereits geschehen? Hat dein Ehemann seinen verlorenen Sohn nicht enterbt und die Kirche an seiner Stelle zu seiner Erbin eingesetzt?“

„Das ist nicht genug.“

„Was muss er außerdem tun?“

„Er muss sein Testament bei den Justizbehörden als seinen letzten Willen hinterlegen und den Verworfenen aus seinem Haus jagen.“

„Bedenke wohl, was du sagst; muss dies wirklich geschehen?“

„Es muss, sonst muss ich noch viel länger im Fegefeuer schmachten“, antwortete die Grabesstimme mit einem tiefen Seufzer; doch im nächsten Moment schrie sie vor Entsetzen auf:

„Oh! Guter Gott!“ und der Geist rannte so schnell er konnte davon. Ein schriller Pfiff ertönte, dann ein zweiter, und der Polizeidirektor legte seine Hand auf die Schulter des Exorzisten mit der Bemerkung:

„Sie sind verhaftet.“

Unterdessen hatten der Polizeiwachtmeister und der Polizist, die auf den Friedhof gekommen waren, den Geist gefangen und herbeigezogen. Es war der Küster, der ein fließendes weißes Gewand angelegt hatte und eine Wachsmaske trug, die, wie der Sohn erklärte, eine verblüffende Ähnlichkeit mit seiner Mutter hatte.

Bei der Verhandlung wurde bewiesen, dass die Maske sehr geschickt nach einem Porträt der Verstorbenen gefertigt worden war. Die Regierung ordnete an, die Angelegenheit so geheim wie möglich zu untersuchen, und überließ die Bestrafung von Pater K---- den geistlichen Behörden, was in einer Zeit, in der Priester außerhalb der Zuständigkeit der zivilen Behörden standen, eine Selbstverständlichkeit war; und man braucht wohl kaum zu erwähnen, dass er es während seiner Haft in einem Kloster in einem wild- und forellenreichen Teil des Landes sehr bequem hatte.

Das einzig wertvolle Ergebnis der amüsanten Geistergeschichte war, dass sie eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn herbeiführte, und Ersterer empfand infolge der Erscheinung tatsächlich einen so tiefen Respekt vor Priestern und deren Geistern, dass er – kurz nachdem seine Frau das Fegefeuer ein letztes Mal verlassen hatte, um mit ihm zu sprechen – zum Protestantismus konvertierte.

Angst

Nach dem Abendessen gingen wir an Deck. Vor uns lag das Mittelmeer ohne eine Welle und schimmerte im Mondlicht. Das große Schiff glitt dahin und warf eine lange Schlange aus schwarzem Rauch in den sternenbesäten Himmel. Hinter uns schäumte das blendend weiße Wasser, das vom schnellen Fortschritt des schweren Schiffes aufgewühlt und vom Propeller geschlagen wurde, schien sich zu winden und strahlte so viel Helligkeit aus, dass man es als kochendes Mondlicht hätte bezeichnen können.

Wir waren sechs oder acht Leute, schweigend vor Bewunderung und den Blick auf das ferne Afrika gerichtet, wohin wir unterwegs waren. Der Kommandant, der mit uns eine Zigarre rauchte, nahm unvermittelt das beim Abendessen begonnene Gespräch wieder auf.

„Ja, ich hatte damals Angst. Mein Schiff lag sechs Stunden lang auf jenem Felsen, vom Wind gepeitscht und mit einem großen Loch in der Bordwand. Zum Glück wurden wir gegen Abend von einem englischen Kohlendampfer aufgegriffen, der uns sichtete.“

Dann ergriff ein großer Mann mit sonnenverbranntem Gesicht und ernstem Gebaren, einer jener Männer, die offensichtlich unbekannte und ferne Länder bereist haben, deren ruhiges Auge in seinen Tiefen etwas von den fremden Szenen zu bewahren scheint, die es beobachtet hat – ein Mann, von dem man überzeugt ist, dass er von Mut durchdrungen ist –, zum ersten Mal das Wort.

„Sie sagen, Kommandant, dass Sie Angst hatten. Ich erlaube mir, Ihnen zu widersprechen. Sie irren sich in der Bedeutung des Wortes und in der Art der Empfindung, die Sie erlebt haben. Ein energischer Mann hat niemals Angst in Gegenwart einer dringenden Gefahr. Er ist aufgeregt, erregt, voller Beklemmung, aber Angst ist etwas ganz anderes.“

Der Kommandant lachte und antwortete: „Bah! Ich versichere Ihnen, dass ich Angst hatte.“

Dann wandte sich der Mann mit dem gebräunten Gesicht mit Bedacht an uns:

„Erlauben Sie mir, es zu erklären. Angst – und die mutigsten Männer können Angst empfinden – ist etwas Schreckliches, ein grausames Gefühl, eine Art Zersetzung der Seele, ein schrecklicher Krampf von Gehirn und Herz, dessen bloße Erinnerung ein Schaudern vor Qual hervorruft; aber wenn man tapfer ist, empfindet man sie weder unter Beschuss noch in Gegenwart eines sicheren Todes noch angesichts einer bekannten Gefahr. Sie entsteht unter gewissen abnormalen Bedingungen, unter gewissen mysteriösen Einflüssen in Gegenwart einer vagen Bedrohung. Wirkliche Angst ist eine Art Reminiszenz an fantastisches Entsetzen der Vergangenheit. Ein Mann, der an Geister glaubt und sich einbildet, im Dunkeln ein Gespenst zu sehen, muss Angst in all ihrem Grauen empfinden.

Was mich betrifft, so wurde ich vor etwa zehn Jahren am helllichten Tag und noch einmal in einer Dezembernacht letzten Winter von Angst überwältigt.

Dennoch habe ich viele Gefahren durchlebt, viele Abenteuer, die den Tod zu versprechen schienen. Ich war oft in Schlachten. Ich wurde von Dieben für tot zurückgelassen. In Amerika wurde ich als Aufständischer zum Tode durch den Strang verurteilt, und vor der Küste Chinas wurde ich von Deck eines Schiffes ins Meer geworfen. Jedes Mal, wenn ich glaubte, verloren zu sein, entschied ich mich sofort für mein Handeln, ohne Reue oder Schwäche.

Das ist keine Angst.

Ich habe sie in Afrika gespürt, und doch ist sie ein Kind des Nordens. Das Sonnenlicht verscheucht sie wie den Nebel. Bedenken Sie diese Tatsache, meine Herren. Unter den Orientalen hat das Leben keinen Wert; Resignation ist natürlich. Die Nächte sind klar und leer von dem düsteren Geist der Unruhe, der in kühleren Landen das Gehirn heimsucht. Im Orient kennt man Panik, aber nicht Angst.

Nun denn! Hier ist der Vorfall, der mir in Afrika widerfuhr.

Ich durchquerte die großen Sandwüsten südlich von Ouargla. Es ist eine der merkwürdigsten Gegenden der Welt. Sie haben den festen, zusammenhängenden Sand der endlosen Meeresstrände gesehen. Nun, stellen Sie sich den Ozean selbst inmitten eines Sturms in Sand verwandelt vor. Stellen Sie sich ein stilles Unwetter mit bewegungslosen Wogen aus gelbem Staub vor. Sie sind hoch wie Berge, diese unebenen, abwechslungsreichen Wogen, die sich genau wie entfesselte Wellen erheben, aber noch größer und geschichtet wie gewässerter Seide. Auf diesem wilden, stillen und bewegungslosen Meer ergießen sich die zehrenden Strahlen der tropischen Sonne unbarmherzig und direkt. Man muss diese Streifen aus glühender Asche erklimmen, auf der anderen Seite wieder hinabsteigen, wieder klettern, klettern, klettern ohne Halt, ohne Ruhe, ohne Schatten. Die Pferde husten, sinken auf die Knie und rutschen die Flanken dieser bemerkenswerten Hügel hinunter.

Wir waren ein Paar Freunde, gefolgt von acht Spahis und vier Kamelen mit ihren Treibern. Wir sprachen nicht mehr, überwältigt von Hitze, Müdigkeit und einem Durst, wie ihn diese brennende Wüste hervorgerufen hatte. Plötzlich stieß einer unserer Männer einen Schrei aus. Wir hielten alle inne, überrascht von einem ungelösten Phänomen, das nur Reisenden in diesen wegosen Einöden bekannt ist.

Irgendwo, in unserer Nähe, aus einer unbestimmbaren Richtung, wirbelte eine Trommel, die mysteriöse Trommel des Sandes. Sie schlug deutlich, mal mit größerer Resonanz und mal schwächer, setzte aus, um dann ihr unheimliches Wirbeln wieder aufzunehmen.

Die Araber, verängstigt, starrten einander an, und einer sagte in seiner Sprache: ‚Der Tod ist über uns.‘ Während er sprach, fiel mein Begleiter, mein Freund, fast ein Bruder, von seinem Pferd, mit dem Gesicht voran in den Sand, überwältigt von einem Sonnenstich.

Und zwei Stunden lang, während ich vergeblich versuchte, ihn zu retten, erfüllte diese geheimnisvolle Trommel meine Ohren mit ihrem monotonen, unterbrochenen und unverständlichen Klang, und ich fühlte, wie die Angst, die wirkliche Angst, die abscheuliche Angst, in Gegenwart dieses geliebten Leichnams, in diesem von der Sonne versengten Loch, umgeben von vier Sandbergen und zweihundert Meilen von jeder französischen Siedlung entfernt, meine Knochen ergriff, während das Echo unsere Ohren mit diesem wütenden Trommelschlag peinigte.

An jenem Tag begriff ich, was Angst war, aber seitdem habe ich eine andere und noch lebhaftere Erfahrung gemacht –“

Der Kommandant unterbrach den Sprecher:

„Ich bitte um Entschuldigung, aber was war das für eine Trommel?“

Der Reisende antwortete:

„Ich kann es nicht sagen. Niemand weiß es. Unsere Offiziere werden oft von diesem seltsamen Geräusch überrascht und führen es im Allgemeinen auf das Echo zurück, das durch einen Hagel von Sandkörnern erzeugt wird, die vom Wind gegen die trockenen und spröden Blätter von Unkraut geweht werden, denn es wurde immer bemerkt, dass das Phänomen in der Nähe von kleinen Pflanzen auftritt, die von der Sonne verbrannt und hart wie Pergament sind. Dieser Klang scheint auf seinem Weg durch die Sandtäler ins Unermessliche vergrößert, vervielfältigt und angeschwollen zu sein, und die Trommel könnte daher als eine Art akustische Fata Morgana betrachtet werden. Nichts weiter. Aber das wusste ich erst später.

Ich komme zu meinem zweiten Beispiel.

Es war letzten Winter in einem Wald im Nordosten Frankreichs. Der Himmel war so bedeckt, dass die Nacht zwei Stunden früher hereinbrach als gewöhnlich. Mein Führer war ein Bauer, der neben mir den schmalen Pfad entlangging, unter dem Gewölbe der Tannen, durch das der Wind in seiner Wut heulte. Zwischen den Baumwipfeln sah ich die flüchtigen Wolken, die sich zu beeilen schienen, als wollten sie einem Objekt des Schreckens entkommen. Manchmal beugte sich der ganze Wald bei einem heftigen Windstoß mit einem Ächzen vor Schmerz in dieselbe Richtung, und eine Kälte überkam mich, trotz meines schnellen Schrittes und meiner schweren Kleidung.

Wir wollten im Haus eines alten Wildhüters zu Abend essen und schlafen, das nicht viel weiter entfernt war. Ich war zur Jagd ausgegangen.

Mein Führer hob manchmal die Augen und murmelte: ‚Hässliches Wetter!‘ Dann erzählte er mir von den Leuten, bei denen wir die Nacht verbringen sollten. Der Vater hatte zwei Jahre zuvor einen Wilderer getötet und war seitdem düster und benahm sich, als wäre er von einer Erinnerung verfolgt. Seine beiden Söhne waren verheiratet und lebten bei ihm.

Die Dunkelheit war tief. Ich konnte weder vor noch um mich herum etwas sehen, und die Masse der überhängenden, ineinander verschlungenen Bäume rieb aneinander und erfüllte die Nacht mit einem unaufhörlichen Flüstern. Endlich sah ich ein Licht, und bald klopfte mein Begleiter an eine Tür. Scharfe Frauenstimmen antworteten uns, dann fragte eine Männerstimme, eine erstickte Stimme: ‚Wer da?‘ Mein Führer nannte seinen Namen. Wir traten ein und erblickten ein denkwürdiges Bild.

Ein alter Mann mit weißem Haar, wilden Augen und einem geladenen Gewehr in den Händen erwartete uns mitten in der Küche, während zwei stämmige Jünglinge, mit Äxten bewaffnet, die Tür bewachten. In den düsteren Ecken unterschied ich zwei Frauen, die mit dem Gesicht zur Wand knieten.

Die Angelegenheit wurde erklärt, und der alte Mann stellte sein Gewehr an die Wand, während er gleichzeitig befahl, ein Zimmer für mich vorzubereiten. Dann, als die Frauen sich nicht rührten: ‚Sehen Sie, Monsieur‘, sagte er, ‚heute vor zwei Jahren habe ich einen Mann getötet, und letztes Jahr kam er zurück, um mich heimzusuchen. Ich erwarte ihn heute Nacht wieder.‘

Dann fügte er in einem Ton hinzu, der mich lächeln ließ:

‚Und deshalb sind wir ein wenig aufgeregt.‘

Ich beruhigte ihn so gut ich konnte, froh, an jenem speziellen Abend angekommen zu sein und dieses abergläubische Entsetzen zu erleben. Ich erzählte Geschichten und schaffte es fast, den ganzen Haushalt zu beruhigen.

Nahe dem Kamin schlief ein alter Hund, mit Schnurrbart und fast blind, den Kopf zwischen den Pfoten, so ein Hund, der einen an Menschen erinnert, die man gekannt hat.

Draußen peitschte der tobende Sturm gegen das kleine Haus, und plötzlich sah ich durch eine kleine Glasscheibe, eine Art Guckfenster in der Nähe der Tür, in einem hellen Blitz, wie eine ganze Masse von Bäumen vom Wind zerpeitscht wurde.

Trotz meiner Bemühungen wurde mir klar, dass Terror diese Leute ergriff, und jedes Mal, wenn ich aufhörte zu sprechen, lauschten alle Ohren auf entfernte Geräusche. Verärgert über diese törichten Ängste wollte ich mich gerade zur Ruhe begeben, als der alte Wildhüter plötzlich von seinem Stuhl sprang, sein Gewehr ergriff und wild stammelte: ‚Da ist er, da ist er! Ich höre ihn!‘ Die beiden Frauen sanken wieder in der Ecke auf die Knie und verbargen ihre Gesichter, während die Söhne die Äxte ergriffen. Ich wollte gerade versuchen, sie noch einmal zu besänftigen, als der schlafende Hund plötzlich erwachte, den Kopf hob, den Hals streckte, mit trüben Augen ins Feuer blickte und eines jener klagenden Heulen ausstieß, bei denen Reisenden in der Dunkelheit und Einsamkeit auf dem Land die Schauer über den Rücken laufen. Alle Augen waren nun auf ihn gerichtet, als er sich auf die Vorderpfoten erhob, als wäre er von einer Vision heimgesucht, und anfing, etwas Unsichtbares, Unbekanntes und zweifellos Schreckliches anzuheulen, denn er sträubte sich am ganzen Körper. Der Wildhüter rief mit fahlem Gesicht: ‚Er wittert ihn! Er wittert ihn! Er war da, als ich ihn tötete.‘ Die beiden Frauen begannen verängstigt im Chor mit dem Hund zu wimmern.

Trotz meiner selbst liefen mir kalte Schauer über den Rücken. Diese Vision des Tieres zu einer solchen Zeit und an einem solchen Ort, inmitten dieser aufgeschreckten Menschen, war etwas Furchtbares mitanzusehen.

Dann heulte der Hund eine Stunde lang, ohne sich zu rühren; er heulte, als wäre er in den Qualen eines Albtraums; und Angst, schreckliche Angst überkam mich. Angst vor was? Wie soll ich das sagen? Es war Angst, und das ist alles, was ich weiß.

Wir blieben bewegungslos und bleich, in Erwartung, dass etwas Entsetzliches geschehen würde. Unsere Ohren waren gespannt und unsere Herzen schlugen laut, während uns das leiseste Geräusch erschreckte. Dann begann das Tier, im Raum umherzugehen, an den Wänden zu schnüffeln und ständig zu knurren. Seine Manöver machten uns verrückt! Da ergriff der Landmann, der mich dorthin geführt hatte, in einem Wutanfall den Hund, trug ihn zu einer Tür, die in einen kleinen Hof führte, und stieß ihn hinaus.

Das Geräusch war verstummt, und wir waren in eine noch schrecklichere Stille versunken. Dann zuckten wir plötzlich alle zusammen. Jemand glitt an der Außenmauer entlang in Richtung Wald; dann schien er mit zitternder Hand die Tür abzutasten; dann war zwei Minuten lang nichts zu hören, und wir verloren fast den Verstand. Dann kehrte er zurück, tastete wieder an der Wand entlang und kratzte leicht an der Tür, wie es ein Kind mit seinen Fingernägeln tun könnte. Plötzlich erschien ein Gesicht hinter dem Glas des Guckfensters, ein weißes Gesicht mit Augen, die wie die von Raubkatzen leuchteten. Ein Geräusch war zu hören, ein undeutliches, klagendes Murmeln.

Dann gab es einen gewaltigen Lärm in der Küche. Der alte Wildhüter hatte geschossen, und die beiden Söhne stürzten sofort vor und verbarrikadierten das Fenster mit dem großen Tisch, den sie mit dem Buffet verstärkten.

Ich schwöre Ihnen, dass mich beim Knall des Gewehrschusses, den ich nicht erwartet hatte, eine solche Qual in Herz, Seele und Körper packte, dass ich fühlte, wie ich fallen würde, wie ich vor Angst sterben würde.

Wir blieben bis zum Morgengrauen dort, unfähig uns zu bewegen, kurzum, ergriffen von einer unbeschreiblichen Taubheit des Gehirns.

Niemand wagte es, die Barrikade zu entfernen, bis ein dünner Lichtstrahl durch einen Spalt im hinteren Zimmer erschien.

Am Fuß der Mauer und unter dem Fenster fanden wir den alten Hund tot liegen, seinen Schädel von einer Kugel zerschmettert.

Er war aus dem kleinen Hof entkommen, indem er ein Loch unter einem Zaun gegraben hatte.“

Der dunkelbärtige Mann schwieg, dann fügte er hinzu:

„Und doch habe ich in jener Nacht keinerlei Gefahr bestanden, aber ich würde lieber noch einmal all die Stunden durchleiden, in denen ich den schrecklichsten Gefahren gegenüberstand, als die eine Minute, in der das Gewehr auf den bärtigen Kopf im Fenster abgefeuert wurde.“

Die Beichte

Marguerite de Thérelles lag im Sterben. Obwohl sie erst sechsundfünfzig war, wirkte sie wie mindestens fünfundsiebzig. Sie keuchte, blasser als die Laken, geschüttelt von entsetzlichem Zittern, das Gesicht verzerrt, die Augen hohl, als ob sie etwas Schreckliches gesehen hätte.

Ihre ältere Schwester Suzanne, sechs Jahre älter, schluchzte auf den Knien neben dem Bett. Ein kleiner Tisch, der nah an die Liege der Sterbenden herangezogen und mit einem Tuch bedeckt war, trug zwei brennende Kerzen; der Priester wurde jeden Augenblick erwartet, um die letzte Ölung und die Kommunion zu spenden, die das Letzte sein sollten.

Die Wohnung hatte diesen unheilvollen Aspekt, diese Atmosphäre hoffnungsloser Abschiede, die den Kammern der Sterbenden eigen ist. Arzneiflaschen standen auf den Möbeln herum, Wäsche lag in den Ecken, von Fuß oder Besen beiseitegeschoben. Selbst die in Unordnung geratenen Stühle schienen erschrocken, als ob sie, im wahrsten Sinne des Wortes, davongelaufen wären. Der Tod, der Formidable, war da, verborgen, wartend.

Die Geschichte der beiden Schwestern war sehr anrührend. Sie wurde weit und breit zitiert; sie hatte viele Augen zum Weinen gebracht.

Suzanne, die Ältere, war einst unsterblich in einen jungen Mann verliebt gewesen, der auch in sie verliebt war. Sie waren verlobt und warteten nur noch auf den für den Ehevertrag festgesetzten Tag, als Henry de Lampierre plötzlich starb.

Die Verzweiflung des jungen Mädchens war schrecklich, und sie schwor, dass sie niemals heiraten würde. Sie hielt ihr Wort. Sie legte Witwentracht an, die sie nie wieder ablegte.

Dann kam ihre Schwester, ihre kleine Schwester Marguérite, die erst zwölf Jahre alt war, eines Morgens, um sich in die Arme der Älteren zu werfen, und sagte: „Große Schwester, ich will nicht, dass du unglücklich bist. Ich will nicht, dass du dein ganzes Leben lang weinst. Ich werde dich niemals verlassen, niemals, niemals! Ich – ich werde auch niemals heiraten. Ich werde bei dir bleiben, immer, immer, immer!“

Suzanne, gerührt von der Hingabe des Kindes, küsste sie, glaubte ihr aber nicht.

Doch auch die Kleine hielt ihr Wort, und trotz des Flehens ihrer Eltern, trotz der Bitten der Älteren heiratete sie nie. Sie war hübsch, sehr hübsch; sie wies manchen jungen Mann ab, der sie wahrhaftig zu lieben schien; und sie wich ihrer Schwester nicht mehr von der Seite.

* * * * *

Sie lebten ihr ganzes Leben lang zusammen, ohne jemals auch nur ein einziges Mal getrennt zu sein. Sie gingen Seite an Seite, untrennbar vereint. Aber Marguérite wirkte immer traurig, bedrückt, melancholischer als die Ältere, als hätte ihr erhabenes Opfer vielleicht ihren Geist gebrochen. Sie alterte schneller, hatte schon mit dreißig Jahren weißes Haar und schien, oft leidend, von irgendeinem geheimen, zehrenden Kummer geplagt.

Nun sollte sie als Erste sterben.

Seit gestern konnte sie nicht mehr sprechen. Sie hatte nur bei den ersten Schimmern der Morgendämmerung gesagt:

„Geh und hol Monsieur le Curé, der Augenblick ist gekommen.“

Und sie war seitdem auf dem Rücken liegen geblieben, von Krämpfen geschüttelt, ihre Lippen bewegten sich, als würden schreckliche Worte aus ihrem Herzen aufsteigen, ohne den Weg nach draußen zu finden, ihr Blick wahnsinnig vor Angst, schrecklich anzusehen.

Ihre Schwester, zerrissen von Schmerz, weinte heftig, die Stirn auf den Bettrand gestützt, und wiederholte immer wieder:

„Margot, meine arme Margot, mein kleines Kind!“

Sie hatte sie immer „Kleines Kind“ genannt, so wie die Jüngere sie immer „Große Schwester“ genannt hatte.

Schritte waren auf der Treppe zu hören. Die Tür öffnete sich. Ein Chorknabe erschien, gefolgt von einem alten Priester im Chorrock. Sobald sie ihn erblickte, setzte sich die Sterbende mit einem Schaudern auf, öffnete die Lippen, stammelte zwei oder drei Worte und begann mit ihren Nägeln am Laken zu kratzen, als hätte sie ein Loch hineinmachen wollen.

Der Abbé Simon trat näher, nahm ihre Hand, küsste ihre Stirn und sagte mit sanfter Stimme:

„Gott verzeihe dir, mein Kind; hab Mut, der Augenblick ist nun gekommen, sprich.“

Dann stammelte Marguérite, am ganzen Körper zitternd, ihr ganzes Lager mit nervösen Bewegungen erschütternd:

„Setz dich, Große Schwester ... hör zu.“

Der Priester beugte sich zu Suzanne, die noch immer am Fußende des Bettes lag. Er hob sie auf, setzte sie in einen Lehnstuhl und, während er die Hand jeder der Schwestern in eine seiner eigenen nahm, sprach er:

„Herr, mein Gott! Verleih ihnen Kraft, lass Deine Barmherzigkeit über sie kommen.“

Und Marguérite begann zu sprechen. Die Worte kamen einzeln aus ihrer Kehle, rau, mit scharfen Pausen, als wären sie sehr schwach.

* * * * *

„Verzeihung, Verzeihung, Große Schwester; oh, vergib! Wenn du wüsstest, wie ich mein Leben lang Angst vor diesem Augenblick hatte ...“

Suzanne stammelte durch ihre Tränen:

„Dir was vergeben, kleines Kind? Du hast mir alles gegeben, alles geopfert; du bist ein Engel ...“

Doch Marguérite unterbrach sie:

„Still, still! Lass mich sprechen ... halte mich nicht auf. Es ist schrecklich ... lass mich alles sagen ... bis zum bitteren Ende, ohne zu zucken. Hör zu. Du erinnerst dich ... du erinnerst dich ... an Henry ...“

Suzanne zitterte und sah ihre Schwester an. Die Jüngere fuhr fort:

„Du musst alles hören, um es zu verstehen. Ich war zwölf Jahre alt, erst zwölf Jahre alt; du erinnerst dich gut, nicht wahr? Und ich war verwöhnt, ich tat alles, was ich wollte! Du erinnerst dich sicher, wie sie mich verwöhnten? Hör zu. Das erste Mal, als er kam, hatte er Lackstiefel an. Er stieg bei der großen Treppe vom Pferd und bat um Entschuldigung für seine Kleidung, aber er kam, um Papa Neuigkeiten zu bringen. Du erinnerst dich, nicht wahr? Sag nichts – hör zu. Als ich ihn sah, war ich völlig hingerissen, ich fand ihn so sehr schön; und ich blieb die ganze Zeit, während er sprach, in einer Ecke des Salons stehen. Kinder sind seltsam ... und schrecklich. Oh ja ... ich habe von all dem geträumt.

Er kam wieder ... mehrmals ... ich betrachtete ihn mit allen meinen Augen, mit meiner ganzen Seele ... ich war groß für mein Alter ... und sehr viel wissender, als jeder dachte. Er kam oft wieder ... ich dachte nur an ihn. Ich sagte ganz leise:

‚Henry ... Henry de Lampierre!‘

Dann sagten sie, dass er dich heiraten würde. Es war ein Kummer; oh, Große Schwester, ein Kummer ... ein Kummer! Ich weinte drei Nächte lang, ohne zu schlafen. Er kam jeden Tag wieder, am Nachmittag, nach seinem Mittagessen ... du erinnerst dich, nicht wahr? Sag nichts ... hör zu. Du hast ihm Kuchen gemacht, die er mochte ... mit Mehl, mit Butter und Milch. Oh, ich weiß genau wie. Ich könnte sie noch heute backen, wenn es nötig wäre. Er aß sie mit einem Bissen, und ... und dann trank er ein Glas Wein, und dann sagte er: ‚Es ist köstlich.‘ Du erinnerst dich, wie er das immer sagte?

Ich war eifersüchtig, eifersüchtig! Der Moment deiner Hochzeit rückte näher. Es waren nur noch zwei Wochen. Ich wurde verrückt. Ich sagte mir: ‚Er wird Suzanne nicht heiraten, nein, das lasse ich nicht zu! Ich bin es, die er heiraten wird, wenn ich erwachsen bin. Ich werde niemals jemanden finden, den ich so sehr liebe.‘ Aber eines Nachts, zehn Tage vor dem Vertrag, hast du mit ihm bei Mondschein vor dem Schloss einen Spaziergang gemacht ... und dort ... unter der Tanne, unter der großen Tanne ... hat er dich geküsst ... geküsst ... dich in seinen beiden Armen gehalten ... so lange. Du erinnerst dich, nicht wahr? Es war wahrscheinlich das erste Mal ... ja ... Du warst so blass, als du in den Salon zurückkamst.

Ich hatte euch beide gesehen; ich war da, im Gebüsch. Ich war wütend! Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich euch beide umgebracht!

Ich sagte mir: ‚Er wird Suzanne nicht heiraten, niemals! Er wird niemanden heiraten. Ich wäre zu unglücklich.‘ Und plötzlich begann ich ihn schrecklich zu hassen.

Dann, weißt du, was ich getan habe? Hör zu. Ich hatte gesehen, wie der Gärtner kleine Kugeln machte, um fremde Hunde zu töten. Er zerstampfte eine Flasche mit einem Stein und tat das Glaspulver in eine kleine Fleischkugel.

Ich nahm eine kleine Medizinflasche, die Mama hatte; ich zerschlug sie mit einem Hammer, und ich versteckte das Glas in meiner Tasche. Es war ein glitzerndes Pulver ... Am nächsten Tag, sobald ihr die kleinen Kuchen gemacht hattet ... schnitt ich sie mit einem Messer auf und tat das Glas hinein ... Er aß drei davon ... ich auch, ich aß einen ... die anderen sechs warf ich in den Teich. Die beiden Schwäne starben drei Tage später ... Erinnerst du dich? Oh, sag nichts ... hör zu, hör zu. Ich, ich allein bin nicht gestorben ... aber ich war immer krank. Hör zu ... Er ist gestorben – das weißt du gut ... hör zu ... das, das ist nichts. Es ist danach, später ... immer ... das Schlimmste ... hör zu.

Mein Leben, mein ganzes Leben ... welche Qual! Ich sagte mir: ‚Ich werde meine Schwester niemals verlassen. Und in der Stunde des Todes werde ich ihr alles sagen ...‘ Da! Und seitdem habe ich immer an diesen Moment gedacht, in dem ich dir alles sagen würde. Nun ist er gekommen. Es ist schrecklich. Oh ... Große Schwester!

Ich habe immer gedacht, morgens und abends, bei Nacht und bei Tag: ‚Irgendwann muss ich ihr das sagen ...‘ Ich habe gewartet ... Welche Qual! ... Es ist getan. Sag nichts. Jetzt habe ich Angst ... habe Angst ... oh, ich habe Angst. Wenn ich ihn wiedersehen werde, bald, wenn ich tot bin. Ihn wiedersehen ... denk nur daran! Der Erste! Vor dir! Ich werde mich nicht trauen. Ich muss ... ich werde sterben ... ich will, dass du mir verzeihst. Ich will es ... ich kann nicht losgehen, um ihn zu treffen, ohne das. Oh, sag ihr, sie soll mir verzeihen, Monsieur le Curé, sag es ihr ... ich flehe Sie an, tun Sie es. Ich kann nicht ohne das sterben ...“

* * * * *

Sie schwieg und blieb keuchend liegen, während sie weiterhin mit ihren verkümmerten Nägeln am Laken kratzte.

Suzanne hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen und bewegte sich nicht. Sie dachte an den, den sie so lange hätte lieben können! Was für ein schönes Leben sie hätten zusammen führen können! Sie sah ihn noch einmal in jener entschwundenen, vergangenen Zeit, in jener alten Vergangenheit, die für immer ausgelöscht war. Der geliebte Tote – wie sie einem das Herz zerreißen! Oh, dieser Kuss, sein einziger Kuss! Sie hatte ihn in ihrer Seele verborgen. Und danach nichts, nichts mehr ihr ganzes Leben lang!

* * * * *

Plötzlich richtete sich der Priester auf und rief mit kräftiger, vibrierender Stimme:

„Mademoiselle Suzanne, Ihre Schwester stirbt!“

Da öffnete Suzanne ihre Hände, zeigte ihr tränendurchweichtes Gesicht, warf sich auf ihre Schwester und küsste sie mit aller Kraft, während sie stammelte:

„Ich verzeihe dir, ich verzeihe dir, kleines Kind.“

Der Horla oder Moderne Gespenster

8. Mai. Was für ein herrlicher Tag! Ich habe den ganzen Vormittag damit verbracht, im Gras vor meinem Haus zu liegen, unter der riesigen Platane, die es bedeckt und das Ganze beschattet und schützt. Ich mag diese Gegend und ich liebe es, hier zu leben, weil ich durch tiefe Wurzeln mit ihr verbunden bin, tiefgründige und zarte Wurzeln, die einen Menschen mit dem Boden verbinden, auf dem seine Vorfahren geboren wurden und starben, die ihn an das binden, was die Leute denken und was sie essen, an die Bräuche wie an die Speisen, an lokale Ausdrücke, die eigentümliche Sprache der Bauern, an den Geruch des Bodens, der Dörfer und der Atmosphäre selbst.

Ich liebe mein Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Von meinen Fenstern aus kann ich die Seine sehen, die an meinem Garten vorbeifließt, auf der anderen Seite der Straße, fast durch mein Grundstück hindurch, die große und breite Seine, die nach Rouen und Havre fließt und die mit Booten bedeckt ist, die hin und her fahren.

Links, dort drüben, liegt Rouen, diese große Stadt mit ihren blauen Dächern unter ihren gotischen Spitzentürmen. Sie sind zahlreich, zierlich oder breit, überragt von der Turmspitze der Kathedrale und voller Glocken, die an schönen Morgen durch die blaue Luft klingen und mir ihren süßen und fernen Eisenglockenklang senden; ihren metallischen Klang, den die Brise in meine Richtung trägt, mal stärker und mal schwächer, je nachdem, ob der Wind stärker oder leichter weht.

Was für ein köstlicher Morgen das war!

Gegen elf Uhr fuhr eine lange Reihe von Booten, gezogen von einem Dampfschlepper, so groß wie eine Fliege, der kaum puffte, während er seinen dicken Rauch ausstieß, an meinem Tor vorbei.

Nach zwei englischen Schonern, deren rote Flagge zum Himmel flatterte, kam ein prächtiger brasilianischer Dreimaster; er war vollkommen weiß und wunderbar sauber und glänzend. Ich grüßte ihn, ich weiß kaum warum, außer dass der Anblick des Schiffes mir große Freude bereitete.

12. Mai. Ich habe seit einigen Tagen einen leichten fiebrigen Anfall und fühle mich krank, oder besser gesagt, ich fühle mich niedergeschlagen.

Woher kommen diese geheimnisvollen Einflüsse, die unser Glück in Entmutigung und unser Selbstvertrauen in Misstrauen verwandeln? Man könnte fast sagen, dass die Luft, die unsichtbare Luft, voll von unerkennbaren Kräften ist, deren geheimnisvolle Anwesenheit wir ertragen müssen. Ich wache in bester Stimmung auf, mit dem Drang zu singen. Warum? Ich gehe ans Wasser, und plötzlich, nach einem kurzen Spaziergang, kehre ich elend nach Hause zurück, als ob dort ein Unglück auf mich wartete. Warum? Ist es ein kalter Schauer, der über meine Haut lief, meine Nerven erschütterte und mich niedergeschlagen machte? Ist es die Form der Wolken, oder die Farbe des Himmels, oder die Farbe der umgebenden Objekte, die so wandelbar sind, die meine Gedanken trübten, während sie an meinen Augen vorbeizogen? Wer kann das sagen? Alles, was uns umgibt, alles, was wir sehen, ohne es zu betrachten, alles, was wir berühren, ohne es zu wissen, alles, was wir handhaben, ohne es zu fühlen, alles, dem wir begegnen, ohne es deutlich zu unterscheiden, hat eine schnelle, überraschende und unerklärliche Wirkung auf uns und unsere Organe und durch sie auf unsere Ideen und auf unser Herz selbst.

Wie tiefgründig ist doch das Geheimnis des Unsichtbaren! Wir können es nicht ergründen mit unseren elenden Sinnen, mit unseren Augen, die nicht wahrnehmen können, was entweder zu klein oder zu groß, zu nah oder zu weit von uns entfernt ist; weder die Bewohner eines Sterns noch eines Wassertropfens ... mit unseren Ohren, die uns täuschen, denn sie übertragen uns die Schwingungen der Luft in sonoren Noten. Es sind Feen, die das Wunder vollbringen, diese Bewegung in Geräusch zu verwandeln, und durch diese Metamorphose die Musik gebären, die die stumme Regung der Natur musikalisch macht ... mit unserem Geruchssinn, der schwächer ist als der eines Hundes ... mit unserem Geschmackssinn, der kaum das Alter eines Weins unterscheiden kann!

Oh! Wenn wir doch nur andere Organe hätten, die andere Wunder zu unseren Gunsten vollbringen würden, wie viele neue Dinge könnten wir um uns herum entdecken!

16. Mai. Ich bin krank, eindeutig! Ich war letzten Monat so wohlauf! Ich habe Fieber, schreckliches Fieber, oder besser gesagt, ich befinde mich in einem Zustand fiebriger Entnervung, die meinen Geist genauso leiden lässt wie meinen Körper. Ich habe unaufhörlich dieses schreckliche Gefühl einer Gefahr, die mich bedroht, diese Befürchtung eines kommenden Unglücks oder eines nahenden Todes, dieses Vorgefühl, das zweifellos ein Anfall einer noch unbekannten Krankheit ist, die im Fleisch und im Blut keimt.

18. Mai. Ich komme gerade davon zurück, meinen Arzt zu konsultieren, denn ich konnte nicht mehr schlafen. Er stellte fest, dass mein Puls hoch, meine Augen erweitert, meine Nerven stark angespannt waren, aber keine alarmierenden Symptome. Ich muss eine Kur mit Brausebädern und Kaliumbromid machen.

25. Mai. Keine Veränderung! Mein Zustand ist wirklich sehr eigenartig. Wenn der Abend herannaht, ergreift mich ein unbegreifliches Gefühl der Unruhe, gerade als ob die Nacht eine schreckliche Bedrohung für mich verbergen würde. Ich esse schnell zu Abend und versuche dann zu lesen, aber ich verstehe die Worte nicht und kann die Buchstaben kaum unterscheiden. Dann gehe ich in meinem Salon auf und ab, bedrückt von einem Gefühl diffuser und unwiderstehlicher Angst, die Angst vor dem Schlaf und die Angst vor meinem Bett.

Gegen zehn Uhr gehe ich auf mein Zimmer. Sobald ich drin bin, schließe ich doppelt ab und schiebe den Riegel vor: Ich habe Angst – wovor? Bis heute hatte ich vor nichts Angst – ich öffne meine Schränke und schaue unter mein Bett; ich lausche – ich lausche – worauf? Wie seltsam ist es, dass ein einfaches Unwohlsein, ein behinderter oder gesteigerter Kreislauf, vielleicht die Reizung eines Nervenstrangs, eine leichte Stauung, eine kleine Störung in den unvollkommenen und zarten Funktionen unserer lebendigen Maschinerie, den fröhlichsten Menschen in einen melancholischen verwandeln und aus dem Mutigsten einen Feigling machen kann! Dann gehe ich zu Bett und warte auf den Schlaf, wie ein Mann auf den Scharfrichter warten könnte. Ich erwarte sein Kommen mit Grauen, mein Herz schlägt und meine Beine zittern, während mein ganzer Körper unter der Wärme der Bettdecken schauert, bis zu dem Moment, in dem ich plötzlich einschlafe, wie man sich in einen Teich mit stehendem Wasser stürzen würde, um sich zu ertränken. Ich spüre nicht mehr, wie dieser tückische Schlaf über mich kommt, wie ich es früher tat, der mir nahe ist und mich beobachtet, der mich am Kopf packen, meine Augen schließen und mich vernichten wird.

Ich schlafe – lange – zwei oder drei Stunden vielleicht – dann ein Traum – nein – ein Albtraum ergreift mich. Ich fühle, dass ich im Bett liege und schlafe – ich fühle es und ich weiß es – und ich fühle auch, dass jemand in meine Nähe kommt, mich ansieht, mich berührt, auf mein Bett steigt, auf meiner Brust kniet, meinen Hals zwischen seine Hände nimmt und ihn zudrückt – ihn mit aller Kraft zudrückt, um mich zu erwürgen.

Ich kämpfe, gebunden von jener schrecklichen Machtlosigkeit, die uns in unseren Träumen lähmt; ich versuche zu schreien – aber ich kann nicht; ich will mich bewegen – ich kann nicht; ich versuche, mit den gewaltsamsten Anstrengungen und außer Atem, mich umzudrehen und dieses Wesen abzuschütteln, das mich erdrückt und erstickt – ich kann nicht!

Und dann, plötzlich, wache ich auf, erschüttert und schweißgebadet; ich zünde eine Kerze an und stelle fest, dass ich allein bin, und nach dieser Krise, die jede Nacht auftritt, schlafe ich schließlich ein und schlummere ruhig bis zum Morgen.

2. Juni. Mein Zustand hat sich verschlimmert. Was ist nur mit mir los? Das Bromid hilft mir nicht, und die Brausebäder haben keinerlei Wirkung. Manchmal, um mich zu ermüden, obwohl ich schon müde genug bin, mache ich einen Spaziergang im Wald von Roumare. Ich dachte anfangs, dass die frische, helle und weiche Luft, durchdrungen vom Duft der Kräuter und Blätter, neues Blut in meine Adern bringen und meinem Herzen neue Energie verleihen würde. Ich bog in eine breite Schneise im Wald ein und bog dann in Richtung La Bouille ab, durch einen schmalen Pfad, zwischen zwei Reihen überaus hoher Bäume, die ein dickes, grünes, fast schwarzes Dach zwischen den Himmel und mich legten.

Ein plötzlicher Schauer durchlief mich, kein kalter Schauer, sondern ein Schauer der Qual, und so beschleunigte ich meine Schritte, unruhig, allein im Wald zu sein, töricht und ohne Grund verängstigt von der tiefen Einsamkeit. Plötzlich schien es mir, als würde ich verfolgt, als ob jemand direkt hinter meinen Fersen ginge, ganz dicht, ganz dicht bei mir, nah genug, um mich zu berühren.

Ich drehte mich plötzlich um, aber ich war allein. Ich sah nichts hinter mir außer der geraden, breiten Schneise, leer und gesäumt von hohen Bäumen, schrecklich leer; auf der anderen Seite erstreckte sie sich ebenfalls, bis sie sich in der Ferne verlor, und sah genauso aus, schrecklich.

Ich schloss meine Augen. Warum? Und dann begann ich, mich sehr schnell auf einer Ferse zu drehen, genau wie ein Kreisel. Ich fiel fast hin und öffnete meine Augen; die Bäume tanzten um mich herum und die Erde schwankte; ich musste mich hinsetzen. Dann, ah! Ich wusste nicht mehr, wie ich hergekommen war! Was für eine seltsame Idee! Was für eine seltsame, seltsame Idee! Ich wusste es nicht im Geringsten. Ich machte mich nach rechts auf den Weg und gelangte zurück in die Allee, die mich mitten in den Wald geführt hatte.

3. Juni. Ich hatte eine schreckliche Nacht. Ich werde für einige Wochen verreisen, denn zweifellos wird mich eine Reise wieder aufbauen.

2. Juli. Ich bin zurückgekehrt, völlig geheilt, und hatte obendrein eine überaus reizvolle Reise. Ich war am Mont Saint-Michel, den ich vorher noch nicht gesehen hatte.

Welch ein Anblick, wenn man so wie ich gegen Ende des Tages in Avranches ankommt! Die Stadt steht auf einem Hügel, und man brachte mich in den öffentlichen Garten am Rande der Stadt. Ich stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Eine außerordentlich große Bucht erstreckte sich vor mir, so weit meine Augen reichten, zwischen zwei Hügeln, die sich im Nebel verloren; und mitten in dieser riesigen gelben Bucht, unter einem klaren, goldenen Himmel, erhob sich ein eigenartiger Hügel, düster und spitz inmitten des Sandes. Die Sonne war gerade verschwunden, und unter dem noch flammenden Himmel zeichnete sich der Umriss dieses fantastischen Felsens ab, der auf seinem Gipfel ein fantastisches Monument trägt.

Bei Tagesanbruch ging ich hin. Die Flut war niedrig, wie sie es in der Nacht zuvor gewesen war, und ich sah, wie diese wunderbare Abtei vor mir aufragte, als ich mich ihr näherte. Nach stundenlangem Gehen erreichte ich die gewaltige Felsmasse, die die kleine Stadt stützt, überragt von der großen Kirche. Nachdem ich die steile und schmale Straße hinaufgestiegen war, betrat ich das wunderbarste gotische Gebäude, das jemals auf Erden für Gott erbaut wurde, so groß wie eine Stadt, voller niedriger Räume, die unter gewölbten Dächern begraben zu sein scheinen, und hoch aufragender Galerien, die von zierlichen Säulen gestützt werden.

Ich betrat dieses gigantische Granitjuwel, das so leicht wie ein Stück Spitze ist, bedeckt mit Türmen, mit schlanken Glockentürmen, zu denen Wendeltreppen hinaufführen, und das seine seltsamen Köpfe erhebt, die mit Chimären, Teufeln, fantastischen Tieren und monströsen Blumen gespickt sind und die durch fein gemeißelte Bögen miteinander verbunden sind, bei Tag zum blauen Himmel und bei Nacht zum schwarzen.

Als ich den Gipfel erreicht hatte, sagte ich zu dem Mönch, der mich begleitete: „Vater, wie glücklich müssen Sie hier sein!“ Und er antwortete: „Es ist sehr windig, Monsieur.“ Und so begannen wir zu reden, während wir die steigende Flut beobachteten, die über den Sand lief und ihn mit einem stählernen Panzer bedeckte.

Und dann erzählte mir der Mönch Geschichten, all die alten Geschichten, die zu diesem Ort gehören, Legenden, nichts als Legenden.

Eine davon hat mich tief beeindruckt. Die Landleute, jene, die zum Mornet gehören, behaupten, dass man nachts im Sand Gespräche hören könne und dann das Blöken zweier Ziegen, eine mit starker, die andere mit schwacher Stimme. Ungläubige erklären, das sei nichts weiter als der Schrei der Seevögel, der gelegentlich Ähnlichkeit mit Blöken und bisweilen mit menschlichem Jammern habe; aber verspätete Fischer schwören, sie seien einem alten Hirten begegnet, dessen Kopf sie niemals sehen konnten, da er von seinem Umhang bedeckt war, wie er zwischen zwei Gezeiten auf den Dünen um die kleine Stadt herumwanderte, die so weit abseits der Welt liegt, und wie er einen Ziegenbock mit einem Männergesicht und eine Ziege mit einem Frauengesicht vor sich herführte und begleitete, beide mit weißem Haar; und sie redeten ununterbrochen, stritten in einer seltsamen Sprache und hörten dann plötzlich auf zu sprechen, um aus Leibeskräften zu blöken.

„Glauben Sie das?“, fragte ich den Mönch. „Ich weiß es kaum“, antwortete er, und ich fuhr fort: „Wenn es neben uns noch andere Wesen auf dieser Erde gibt, wie kommt es, dass wir das nicht schon seit so langer Zeit wissen, oder warum haben Sie sie nicht gesehen? Wie kommt es, dass ich sie nicht gesehen habe?“ Er antwortete: „Sehen wir den hunderttausendsten Teil dessen, was existiert? Sehen Sie hier; da ist der Wind, der die stärkste Kraft der Natur ist, der Menschen niederschlägt, Gebäude einbläst, Bäume entwurzelt, die See zu Wasserbergen auftürmt, Klippen zerstört und große Schiffe auf die Brandung wirft; der Wind, der tötet, der pfeift, der seufzt, der brüllt – haben Sie ihn jemals gesehen, und können Sie ihn sehen? Er existiert dennoch.“

Ich schwieg angesichts dieser einfachen Argumentation. Dieser Mann war ein Philosoph oder vielleicht ein Narr; ich konnte nicht genau sagen, was von beidem, also hielt ich den Mund. Was er gesagt hatte, hatte ich oft selbst gedacht.

3. Juli. Ich habe schlecht geschlafen; sicherlich gibt es hier einen fiebrigen Einfluss, denn mein Kutscher leidet unter demselben wie ich. Als ich gestern nach Hause zurückkehrte, bemerkte ich seine sonderbare Blässe und fragte ihn: „Was fehlt dir, Jean?“ „Es ist so, dass ich niemals Ruhe finde und meine Nächte meine Tage auffressen. Seit Ihrer Abreise, Monsieur, liegt ein Fluch auf mir.“

Die anderen Bediensteten sind jedoch alle wohlauf, aber ich habe große Angst, selbst noch einmal einen Anfall zu bekommen.

4. Juli. Ich bin definitiv wieder befallen; denn meine alten Albträume sind zurückgekehrt. Letzte Nacht spürte ich jemanden, der sich auf mich lehnte und mit seinem Mund mein Leben zwischen meinen Lippen heraussog. Ja, er sog es aus meinem Hals, wie es ein Blutegel getan hätte. Dann stand er gesättigt auf, und ich erwachte, so zerschlagen, erdrückt und vernichtet, dass ich mich nicht bewegen konnte. Wenn das noch ein paar Tage so weitergeht, werde ich sicherlich wieder abreisen.

5. Juli. Habe ich den Verstand verloren? Was geschehen ist, was ich letzte Nacht sah, ist so seltsam, dass mein Kopf umherirrt, wenn ich daran denke!

Wie ich es jeden Abend tue, hatte ich meine Tür verschlossen, und da ich durstig war, trank ich ein halbes Glas Wasser, und ich bemerkte zufällig, dass die Wasserflasche bis zum geschliffenen Glasstopfen voll war.

Dann ging ich zu Bett und verfiel in einen meiner schrecklichen Schlafzustände, aus denen ich nach etwa zwei Stunden durch einen noch schrecklicheren Schock geweckt wurde.

Stellen Sie sich einen schlafenden Mann vor, der ermordet wird und mit einem Messer in der Brust erwacht, der in der Kehle röchelt, blutüberströmt, der nicht mehr atmen kann und sterben wird und absolut nichts davon versteht – so war es.

Nachdem ich wieder zu Besinnung gekommen war, hatte ich wieder Durst, also zündete ich eine Kerze an und ging zu dem Tisch, auf dem meine Wasserflasche stand. Ich hob sie hoch und neigte sie über mein Glas, aber nichts kam heraus. Sie war leer! Sie war vollkommen leer! Zuerst konnte ich es überhaupt nicht begreifen, und dann wurde ich plötzlich von einem so schrecklichen Gefühl gepackt, dass ich mich setzen musste, oder vielmehr fiel ich in einen Stuhl! Dann sprang ich mit einem Satz auf, um mich umzusehen, und dann setzte ich mich wieder, überwältigt von Erstaunen und Furcht, vor die durchsichtige Kristallflasche! Ich starrte sie mit fixierten Augen an, versuchte zu mutmaßen, und meine Hände zitterten! Jemand hatte das Wasser getrunken, aber wer? Ich? Ich ohne jeden Zweifel. Es konnte sicher nur ich sein! In diesem Fall war ich ein Schlafwandler. Ich lebte, ohne es zu wissen, jenes doppelte geheimnisvolle Leben, das uns daran zweifeln lässt, ob es nicht zwei Wesen in uns gibt oder ob ein fremdes, unerkennbares und unsichtbares Wesen in solchen Momenten, wenn unsere Seele in einem Zustand der Erstarrung ist, unseren gefangenen Körper belebt, der diesem anderen Wesen gehorcht, so wie er uns selbst gehorcht, und mehr noch als er uns gehorcht.

Oh! Wer wird meine schreckliche Qual verstehen? Wer wird die Erregung eines Mannes verstehen, der geistig gesund, hellwach, voller gesundem Menschenverstand ist und der voller Entsetzen auf die Reste eines wenig Wassers blickt, das verschwunden ist, während er schlief, durch das Glas einer Wasserflasche? Und ich blieb dort, bis es Tag wurde, ohne es zu wagen, wieder ins Bett zu gehen.

6. Juli. Ich werde wahnsinnig. Wieder ist der gesamte Inhalt meiner Wasserflasche während der Nacht getrunken worden – oder vielmehr, ich habe ihn getrunken!

Aber bin ich das? Bin ich das? Wer könnte es sein? Wer? Oh! Gott! Werde ich wahnsinnig? Wer wird mich retten?

10. Juli. Ich habe gerade einige überraschende Prüfungen hinter mir. Definitiv bin ich wahnsinnig! Und doch! –

Am 6. Juli, bevor ich zu Bett ging, stellte ich etwas Wein, Milch, Wasser, Brot und Erdbeeren auf meinen Tisch. Jemand trank – ich trank – alles Wasser und ein wenig von der Milch, aber weder der Wein, noch das Brot noch die Erdbeeren wurden angerührt.

Am 7. Juli wiederholte ich dasselbe Experiment mit denselben Ergebnissen, und am 8. Juli ließ ich das Wasser und die Milch weg, und nichts wurde angerührt.

Zuletzt stellte ich am 9. Juli nur Wasser und Milch auf meinen Tisch, wobei ich darauf achtete, die Flaschen in weißen Musselin einzuwickeln und die Stopfen festzubinden. Dann rieb ich meine Lippen, meinen Bart und meine Hände mit Bleistiftmine ein und ging zu Bett.

Ein unwiderstehlicher Schlaf ergriff mich, dem bald ein schreckliches Erwachen folgte. Ich hatte mich nicht bewegt, und meine Laken waren nicht beschmutzt. Ich stürzte zum Tisch. Der Musselin um die Flaschen war unversehrt; ich löste das Band, zitternd vor Angst. Alles Wasser war getrunken worden, und ebenso die Milch! Ach! Großer Gott! –

Ich muss sofort nach Paris aufbrechen.

12. Juli. Paris. Ich muss in den letzten Tagen den Verstand verloren haben! Ich muss das Spielzeug meiner entnervten Einbildungskraft sein, es sei denn, ich bin wirklich ein Schlafwandler oder ich bin unter die Macht eines dieser Einflüsse geraten, deren Existenz erwiesen ist, die aber bisher unerklärlich waren, die man Suggestion nennt. Auf jeden Fall grenzte mein Geisteszustand an Wahnsinn, und vierundzwanzig Stunden in Paris reichten aus, um mich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Gestern, nachdem ich einige Geschäfte erledigt und einige Besuche abgestattet hatte, die mir frische und belebende geistige Luft einhauchten, beendete ich meinen Abend im Théâtre Français. Ein Stück von Alexandre Dumas dem Jüngeren wurde aufgeführt, und sein aktiver und kraftvoller Geist vollendete meine Heilung. Sicherlich ist Einsamkeit gefährlich für aktive Geister. Wir brauchen Menschen um uns, die denken und reden können. Wenn wir lange Zeit allein sind, bevölkern wir den Raum mit Phantomen.

Ich kehrte entlang der Boulevards in exzellenter Stimmung in mein Hotel zurück. Inmitten des Gedränges der Menge dachte ich, nicht ohne Ironie, an meine Schrecken und Vermutungen der vorangegangenen Woche, denn ich glaubte, ja, ich glaubte, dass ein unsichtbares Wesen unter meinem Dach lebte. Wie schwach unser Kopf ist und wie schnell er erschrickt und in die Irre geht, sobald wir von einer kleinen, unverständlichen Tatsache getroffen werden.

Anstatt mit diesen einfachen Worten zu schließen: „Ich verstehe es nicht, weil mir die Ursache entgeht“, stellen wir uns sofort schreckliche Geheimnisse und übernatürliche Mächte vor.

14. Juli. Fest der Republik. Ich ging durch die Straßen, und die Knaller und Flaggen amüsierten mich wie ein Kind. Dennoch ist es sehr töricht, an einem festgelegten Datum durch Regierungsdekret fröhlich zu sein. Das Volk ist eine dumme Schafherde, mal stetig geduldig, mal in grausamer Revolte. Sag ihm: „Amüsiert euch“, und es amüsiert sich. Sag ihm: „Geht und kämpft mit eurem Nachbarn“, und es geht und kämpft. Sag ihm: „Wählt den Kaiser“, und es wählt den Kaiser, und dann sag ihm: „Wählt die Republik“, und es wählt die Republik.

Diejenigen, die es lenken, sind ebenfalls dumm; aber anstatt Menschen zu gehorchen, gehorchen sie Prinzipien, die nur dumm, steril und falsch sein können, gerade deshalb, weil sie Prinzipien sind, das heißt Ideen, die als sicher und unveränderlich angesehen werden, in dieser Welt, in der man sich von nichts sicher ist, da das Licht eine Illusion ist und das Geräusch eine Illusion ist.

16. Juli. Ich sah gestern einige Dinge, die mich sehr beunruhigten.

Ich speiste bei meiner Cousine Madame Sablé, deren Ehemann Oberst des 76. Jägerregiments in Limoges ist. Es waren zwei junge Frauen dort, von denen eine einen Mediziner geheiratet hatte, Dr. Parent, der sich sehr den Nervenkrankheiten widmet und den außergewöhnlichen Erscheinungen, zu denen im Moment Experimente in Hypnose und Suggestion Anlass geben.

Er berichtete uns ausführlich über die enormen Ergebnisse, die von englischen Wissenschaftlern und den Ärzten der medizinischen Schule in Nancy erzielt wurden, und die Tatsachen, die er anführte, erschienen mir so seltsam, dass ich erklärte, ich sei vollkommen ungläubig.

„Wir sind“, erklärte er, „im Begriff, eines der wichtigsten Geheimnisse der Natur zu entdecken, ich meine, eines ihrer wichtigsten Geheimnisse auf dieser Erde, denn es gibt sicherlich solche, die in den Sternen, dort oben, von einer anderen Art von Bedeutung sind. Seit der Mensch denkt, seit er fähig ist, seine Gedanken auszudrücken und aufzuschreiben, fühlt er sich einem Geheimnis nahe, das für seine groben und unvollkommenen Sinne undurchdringlich ist, und er bemüht sich, den Mangel an Kraft seiner Organe durch die Anstrengungen seines Intellekts zu ergänzen. Solange dieser Intellekt noch in seinem elementaren Stadium blieb, nahmen diese Kontakte mit unsichtbaren Geistern Formen an, die zwar alltäglich, aber erschreckend waren. Daraus entsprang der Volksglaube an das Übernatürliche, die Legenden von wandernden Geistern, von Feen, von Gnomen, Gespenstern, ich könnte sogar die Legende von Gott sagen, denn unsere Vorstellungen vom Werkmeister-Schöpfer, aus welcher Religion sie auch immer zu uns herabgekommen sein mögen, sind sicherlich die mittelmäßigsten, die dümmsten und die inakzeptabelsten Erfindungen, die jemals dem verängstigten Gehirn irgendwelcher menschlichen Kreaturen entsprungen sind. Nichts ist wahrer als das, was Voltaire sagt: ‚Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, aber der Mensch hat es ihm sicherlich heimgezahlt.‘“

„Aber seit etwas mehr als einem Jahrhundert scheinen die Menschen eine Vorahnung von etwas Neuem zu haben. Mesmer und einige andere haben uns auf eine unerwartete Spur gebracht, und besonders in den letzten zwei oder drei Jahren sind wir zu wirklich überraschenden Ergebnissen gelangt.“

Meine Cousine, die ebenfalls sehr ungläubig ist, lächelte, und Dr. Parent sagte zu ihr: „Möchten Sie, dass ich versuche, Sie in Schlaf zu versetzen, Madame?“ „Ja, sicherlich.“

Sie setzte sich in einen Lehnstuhl, und er begann sie fixiert anzusehen, um sie zu faszinieren. Ich fühlte mich plötzlich etwas unwohl, mit klopfendem Herzen und einem würgenden Gefühl in meiner Kehle. Ich sah, dass Madame Sablés Augen schwer wurden, ihr Mund zuckte und ihre Brust sich hob, und nach zehn Minuten schlief sie.

„Stellen Sie sich hinter sie“, sagte der Arzt zu mir, und so nahm ich einen Platz hinter ihr ein. Er legte eine Visitenkarte in ihre Hände und sagte zu ihr: „Das ist ein Spiegel; was sehen Sie darin?“ Und sie antwortete: „Ich sehe meinen Cousin.“ „Was tut er?“ „Er zwirbelt seinen Schnurrbart.“ „Und jetzt?“ „Er nimmt eine Fotografie aus seiner Tasche.“ „Wessen Fotografie ist es?“ „Seine eigene.“

Das war wahr, und diese Fotografie war mir am selben Abend im Hotel gegeben worden.

„Was ist seine Haltung auf diesem Porträt?“ „Er steht aufrecht mit seinem Hut in der Hand.“

So sah sie auf dieser Karte, auf diesem Stück weißer Pappe, als hätte sie es in einem Spiegel gesehen.

Die jungen Frauen waren erschrocken und riefen: „Das ist genug! Genug, genug!“

Aber der Arzt sagte autoritär zu ihr: „Sie werden morgen früh um acht Uhr aufstehen; dann werden Sie Ihren Cousin in seinem Hotel besuchen und ihn bitten, Ihnen fünftausend Francs zu leihen, die Ihr Ehemann von Ihnen verlangt, und die er verlangen wird, wenn er seine kommende Reise antritt.“

Dann weckte er sie auf.

Auf dem Rückweg zu meinem Hotel dachte ich über diese merkwürdige Sitzung nach und wurde von Zweifeln bestürmt, nicht was den absoluten und zweifellosen guten Glauben meiner Cousine betraf, denn ich kannte sie, seit sie ein Kind war, so gut, als wäre sie meine eigene Schwester gewesen, sondern was einen möglichen Trick des Arztes betraf. Hatte er vielleicht nicht einen Spiegel in seiner Hand versteckt gehalten, den er der jungen Frau im Schlaf zeigte, zur gleichen Zeit, als er das mit der Karte tat? Professionelle Taschenspieler tun Dinge, die ebenso sonderbar sind.

Also ging ich nach Hause und zu Bett, und heute Morgen, gegen halb neun, wurde ich von meinem Diener geweckt, der zu mir sagte: „Madame Sablé hat darum gebeten, Sie sofort zu sehen, Monsieur“, also kleidete ich mich hastig an und ging zu ihr.

Sie setzte sich in einer gewissen Aufregung, mit den Augen auf den Boden gerichtet, und ohne ihren Schleier zu lüften, sagte sie zu mir: „Mein lieber Cousin, ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten.“ „Worum geht es, Cousine?“ „Ich mag es Ihnen nicht sagen, und doch muss ich es. Ich brauche unbedingt fünftausend Francs.“ „Was, Sie?“ „Ja, ich, oder vielmehr mein Mann, der mich gebeten hat, sie für ihn zu beschaffen.“

Ich war so verblüfft, dass ich meine Antworten stammelte. Ich fragte mich, ob sie sich nicht wirklich mit Doktor Parent über mich lustig gemacht hatte, ob es nicht nur eine sehr gut gespielte Farce war, die vorher ausgeheckt worden war. Als ich sie jedoch aufmerksam betrachtete, verschwanden meine Zweifel. Sie zitterte vor Kummer, so schmerzhaft war dieser Schritt für sie, und ich war mir sicher, dass ihre Kehle voller Schluchzer war.

Ich wusste, dass sie sehr reich war, und so fuhr ich fort: „Was! Hat Ihr Mann keine fünftausend Francs zu seiner Verfügung! Kommen Sie, denken Sie nach. Sind Sie sicher, dass er Sie beauftragt hat, mich darum zu bitten?“

Sie zögerte einige Sekunden, als ob sie eine große Anstrengung unternehmen würde, ihr Gedächtnis zu durchsuchen, und dann antwortete sie: „Ja ... ja, ich bin mir ganz sicher.“ „Er hat Ihnen geschrieben?“

Sie zögerte wieder und dachte nach, und ich erriet die Qual ihrer Gedanken. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie für ihren Mann fünftausend Francs von mir leihen sollte. Also log sie. „Ja, er hat mir geschrieben.“ „Wann, bitte? Sie haben mir gestern nichts davon erwähnt.“ „Ich habe seinen Brief heute Morgen erhalten.“ „Können Sie ihn mir zeigen?“ „Nein; nein ... nein ... er enthielt private Angelegenheiten ... Dinge, die zu persönlich für uns sind ... Ich habe ihn verbrannt.“ „Also macht Ihr Mann Schulden?“

Sie zögerte wieder und murmelte dann: „Ich weiß es nicht.“ Daraufhin sagte ich unverblümt: „Ich habe im Moment keine fünftausend Francs zu meiner Verfügung, meine liebe Cousine.“

Sie stieß eine Art Schrei aus, als hätte sie Schmerzen, und sagte: „Oh! oh! Ich flehe Sie an, ich flehe Sie an, sie für mich zu beschaffen ...“

Sie wurde erregt und faltete ihre Hände, als ob sie zu mir beten würde! Ich hörte, wie ihre Stimme den Ton änderte; sie weinte und stammelte, schikaniert und beherrscht von dem unwiderstehlichen Befehl, den sie erhalten hatte.

„Oh! oh! Ich bitte Sie ... wenn Sie wüssten, was ich leide ... ich brauche sie heute.“

Ich hatte Mitleid mit ihr: „Sie werden sie nachher haben, ich schwöre es Ihnen.“ „Oh! danke! danke! Wie gütig Sie sind!“

Ich fuhr fort: „Erinnern Sie sich, was gestern Abend bei Ihnen zu Hause geschah?“ „Ja.“ „Erinnern Sie sich, dass Doktor Parent Sie in Schlaf versetzt hat?“ „Ja.“ „Oh! Sehr wohl dann; er hat Ihnen befohlen, heute Morgen zu mir zu kommen, um fünftausend Francs zu leihen, und in diesem Moment gehorchen Sie dieser Suggestion.“

Sie überlegte einige Momente und antwortete dann:

„Aber da es mein Mann ist, der sie braucht ...“

Eine ganze Stunde lang versuchte ich sie zu überzeugen, aber es gelang mir nicht, und als sie gegangen war, ging ich zum Arzt. Er war gerade dabei, auszugehen, und er hörte mir mit einem Lächeln zu und sagte: „Glauben Sie jetzt?“ „Ja, ich kann nicht anders.“ „Lassen Sie uns zu Ihrer Cousine gehen.“

Sie döste bereits auf einem Sofa, überwältigt von Müdigkeit. Der Arzt fühlte ihren Puls, betrachtete sie einige Zeit mit einer zum Auge erhobenen Hand, das sie nach und nach unter der unwiderstehlichen Kraft dieses magnetischen Einflusses schloss, und als sie schlief, sagte er:

„Ihr Mann benötigt die fünftausend Francs nicht mehr! Sie müssen also vergessen, dass Sie Ihren Cousin gebeten haben, sie Ihnen zu leihen, und wenn er Sie darauf anspricht, werden Sie ihn nicht verstehen.“

Dann weckte er sie auf, und ich holte eine Brieftasche heraus und sagte: „Hier ist das, worum Sie mich heute Morgen gebeten haben, meine liebe Cousine.“ Aber sie war so überrascht, dass ich es nicht wagte, darauf zu bestehen; dennoch versuchte ich, sie an den Umstand zu erinnern, aber sie leugnete es energisch, dachte, dass ich mich über sie lustig mache, und verlor am Ende fast die Beherrschung.

* * * * *

Da! Ich bin gerade zurückgekommen, und ich konnte kein Mittagessen zu mir nehmen, denn dieses Experiment hat mich vollkommen verstört.

19. Juli. Viele Leute, denen ich das Abenteuer erzählt habe, haben mich ausgelacht. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Der Weise sagt: Vielleicht?

21. Juli. Ich speiste in Bougival und verbrachte dann den Abend auf einem Bootsmannsball. Definitiv hängt alles von Ort und Umgebung ab. Es wäre der Gipfel der Torheit, auf der île de la Grenouillière an das Übernatürliche zu glauben ... aber auf dem Gipfel des Mont Saint-Michel? ... und in Indien? Wir stehen schrecklich unter dem Einfluss unserer Umgebung. Ich werde nächste Woche nach Hause zurückkehren.

30. Juli. Ich bin gestern in mein eigenes Haus zurückgekehrt. Alles läuft gut.

2. August. Nichts Neues; es ist herrliches Wetter, und ich verbringe meine Tage damit, der Seine beim Fließen zuzusehen.

4. August. Streit unter meinen Bediensteten. Sie behaupten, dass nachts die Gläser in den Schränken zerbrechen. Der Diener beschuldigt die Köchin, die die Näherin beschuldigt, die die anderen beiden beschuldigt. Wer ist der Schuldige? Ein kluger Mensch, der das sagen könnte.

6. August. Diesmal bin ich nicht wahnsinnig. Ich habe gesehen ... ich habe gesehen ... ich habe gesehen!... Ich kann nicht länger zweifeln ... Ich habe es gesehen!...

Ich spazierte um zwei Uhr inmitten meiner Rosenbüsche im vollen Sonnenlicht ... in dem von Herbstrosen gesäumten Gang, die allmählich zu welken beginnen. Als ich stehen blieb, um eine Géant de Bataille zu betrachten, die drei prächtige Blüten trug, sah ich deutlich, wie sich der Stängel einer der Rosen in meiner Nähe bog, als hätte ihn eine unsichtbare Hand gebogen, und dann brach, als hätte diese Hand ihn gepflückt! Dann hob sich die Blume, folgte der Kurve, die eine Hand beschrieben hätte, um sie zum Mund zu führen, und sie blieb in der durchsichtigen Luft hängen, ganz allein und bewegungslos, ein schrecklicher roter Fleck, drei Meter von meinen Augen entfernt. In meiner Verzweiflung stürzte ich mich darauf, um sie zu ergreifen! Ich fand nichts; sie war verschwunden. Dann wurde ich von einer wütenden Zorneswut gegen mich selbst gepackt, denn es ist einem vernünftigen und ernsthaften Mann nicht gestattet, solche Halluzinationen zu haben.

Aber war es eine Halluzination? Ich drehte mich um, um nach dem Stängel zu suchen, und fand ihn sofort unter dem Strauch, frisch abgebrochen, zwischen zwei anderen Rosen, die am Zweig geblieben waren, und kehrte dann mit sehr verstörtem Gemüt nach Hause zurück; denn ich bin mir jetzt sicher, so sicher, wie ich mir des Wechsels von Tag und Nacht bin, dass in meiner Nähe ein unsichtbares Wesen existiert, das von Milch und Wasser lebt, das Gegenstände berühren, sie nehmen und ihre Plätze verändern kann; das folglich mit einer materiellen Natur ausgestattet ist, obwohl es für unsere Sinne nicht wahrnehmbar ist, und das wie ich unter meinem Dach lebt....

7. August. Ich habe ruhig geschlafen. Er trank das Wasser aus meiner Karaffe, aber störte meinen Schlaf nicht.

Ich frage mich, ob ich wahnsinnig bin. Als ich gerade eben in der Sonne am Flussufer spazieren ging, kamen Zweifel an meinem eigenen Verstand in mir auf; keine vagen Zweifel, wie ich sie bisher hatte, sondern präzise und absolute Zweifel. Ich habe Verrückte gesehen, und ich habe einige gekannt, die durchaus intelligent, klar, sogar in allen Belangen des Lebens scharfsichtig waren, außer in einem Punkt. Sie sprachen klar, bereitwillig, tiefgründig über alles, wenn plötzlich ihre Gedanken auf die Klippen ihres Wahnsinns stießen und dort in Stücke brachen, zerstreut wurden und in diesem wütenden und schrecklichen Meer untergingen, voller tosender Wellen, Nebel und Böen, das man Wahnsinn nennt.

Ich würde sicherlich denken, dass ich verrückt sei, absolut verrückt, wenn ich mir meines Zustandes nicht bewusst wäre, ihn nicht vollkommen kennen würde, wenn ich ihn nicht durch eine Analyse mit vollkommenster Klarheit ergründen würde. Ich wäre in der Tat ein vernünftiger Mann, der unter einer Halluzination litte. Eine unbekannte Störung muss in meinem Gehirn ausgelöst worden sein, eine jener Störungen, die die Physiologen der heutigen Zeit zu notieren und genau zu fixieren versuchen, und diese Störung muss einen tiefen Abgrund in meinem Geist und in der Ordnung und Logik meiner Ideen verursacht haben. Ähnliche Phänomene treten in den Träumen auf, die uns durch die unwahrscheinlichsten Phantasmagorien führen, ohne uns in Erstaunen zu versetzen, weil unser Prüfapparat und unser Kontrollsinn eingeschlafen sind, während unsere Vorstellungskraft erwacht und arbeitet. Ist es nicht möglich, dass eine der unmerklichen Tasten des Gehirn-Klaviers in mir gelähmt wurde? Manche Menschen verlieren infolge eines Unfalls die Erinnerung an Eigennamen, an Verben, an Zahlen oder einfach an Daten. Die Lokalisierung aller Gedankenpartikel ist heutzutage bewiesen; was wäre also daran überraschend, dass meine Fähigkeit, die Unwirklichkeit gewisser Halluzinationen zu kontrollieren, vorübergehend zerstört sein sollte!

Ich dachte an all das, während ich am Wasser entlangging. Die Sonne schien hell auf den Fluss und machte die Erde entzückend, während sie meinen Blick mit Liebe zum Leben erfüllte, für die Schwalben, deren Gewandtheit in meinen Augen immer entzückend ist, für die Pflanzen am Flussufer, deren Rauschen eine Freude für meine Ohren ist.

Nach und nach ergriff mich jedoch ein unerklärliches Gefühl des Unbehagens. Es war mir, als würde mich eine unbekannte Kraft betäuben und aufhalten, mich daran hindern, weiterzugehen, und mich zurückrufen. Ich verspürte diesen schmerzlichen Wunsch zurückzukehren, der einen bedrückt, wenn man einen geliebten Kranken zu Hause gelassen hat und einen das Vorgefühl ergreift, dass es ihm schlechter geht.

Ich kehrte daher wider Willen zurück, in der Gewissheit, dass ich schlechte Nachrichten vorfinden würde, einen Brief oder ein Telegramm. Es war jedoch nichts, und ich war überraschter und unruhiger, als hätte ich eine weitere fantastische Vision gehabt.

8. August. Ich habe gestern einen schrecklichen Abend verbracht. Er zeigt sich nicht mehr, aber ich fühle, dass er in meiner Nähe ist, mich beobachtet, mich ansieht, mich durchdringt, mich beherrscht und furchterregender ist, wenn er sich so versteckt, als wenn er seine ständige und unsichtbare Anwesenheit durch übernatürliche Phänomene kundtun würde. Dennoch habe ich geschlafen.

9. August. Nichts, aber ich habe Angst.

10. August. Nichts; was wird morgen geschehen?

11. August. Immer noch nichts; ich kann mit dieser Angst, die über mir hängt, und diesen Gedanken in meinem Kopf nicht zu Hause bleiben; ich werde fortgehen.

12. August. Zehn Uhr abends. Den ganzen Tag habe ich versucht fortzugehen, und ich war dazu nicht in der Lage. Ich wollte diesen einfachen und leichten Akt der Freiheit vollziehen – ausgehen, in meine Kutsche steigen, um nach Rouen zu fahren – und ich habe es nicht tun können. Was ist der Grund?

13. August. Wenn man von gewissen Krankheiten befallen wird, scheinen alle Quellen unseres physischen Wesens gebrochen, alle unsere Energien zerstört, alle unsere Muskeln erschlafft, unsere Knochen so weich wie unser Fleisch und unser Blut so flüssig wie Wasser geworden zu sein. Ich erlebe das in meinem moralischen Wesen auf eine seltsame und bedrückende Weise. Ich habe keine Kraft mehr, keinen Mut, keine Selbstbeherrschung, noch irgendeine Macht, meinen eigenen Willen in Bewegung zu setzen. Ich habe keine Macht mehr, irgendetwas zu wollen, aber jemand tut es für mich und ich gehorche.

14. August. Ich bin verloren! Jemand besitzt meine Seele und regiert sie! Jemand befiehlt alle meine Handlungen, alle meine Bewegungen, alle meine Gedanken. Ich bin in mir selbst nichts mehr, nichts als ein versklavter und verängstigter Zuschauer all der Dinge, die ich tue. Ich möchte ausgehen; ich kann nicht. Er will es nicht, und so bleibe ich zitternd und geistesabwesend in dem Lehnstuhl sitzen, in dem er mich hält. Ich möchte nur aufstehen und mich aufraffen, um zu denken, dass ich noch Herr meiner selbst bin: Ich kann nicht! Ich bin an meinen Stuhl gefesselt, und mein Stuhl haftet so am Boden, dass keine Kraft uns bewegen könnte.

Dann plötzlich muss ich, ich muss in den hintersten Teil meines Gartens gehen, um ein paar Erdbeeren zu pflücken und sie zu essen, und ich gehe dorthin. Ich pflücke die Erdbeeren und ich esse sie! Oh! mein Gott! mein Gott! Gibt es einen Gott? Wenn es einen gibt, befreie mich! rette mich! steh mir bei! Verzeihung! Mitleid! Gnade! Rette mich! Oh! welche Leiden! welche Qual! welches Entsetzen!

15. August. Sicherlich ist dies die Art und Weise, wie meine arme Cousine besessen und beeinflusst wurde, als sie kam, um sich fünftausend Francs von mir zu leihen. Sie stand unter der Macht eines fremden Willens, der wie eine andere Seele, wie eine andere parasitäre und herrschende Seele in sie eingedrungen war. Geht die Welt unter?

Aber wer ist er, dieses unsichtbare Wesen, das mich beherrscht? Dieses unerkennbare Wesen, dieser Wanderer einer übernatürlichen Rasse?

Unsichtbare Wesen existieren also! Wie kommt es dann, dass sie sich seit Anbeginn der Welt noch nie auf eine solche Weise manifestiert haben, wie sie es bei mir tun? Ich habe noch nie etwas gelesen, das dem ähnelt, was in meinem Haus vor sich geht. Oh! Wenn ich es doch nur verlassen könnte, wenn ich doch nur fortgehen und fliehen könnte, um niemals zurückzukehren, wäre ich gerettet; aber ich kann nicht.

16. August. Es gelang mir heute, für zwei Stunden zu entkommen, wie ein Gefangener, der die Tür seines Kerkers zufällig offen findet. Ich fühlte plötzlich, dass ich frei war und dass er weit weg war, und so gab ich den Befehl, die Pferde so schnell wie möglich einzuspannen, und ich fuhr nach Rouen. Oh! Wie herrlich, einem Mann, der einem gehorchte, sagen zu können: „Fahr nach Rouen!“

Ich ließ ihn vor der Bibliothek anhalten, und ich bat sie, mir die Abhandlung von Dr. Herrmann Herestauss über die unbekannten Bewohner der antiken und modernen Welt zu leihen.

Dann, als ich in meine Kutsche stieg, wollte ich sagen: „Zum Bahnhof!“, aber stattdessen schrie ich – ich sagte nicht, sondern ich schrie – mit so lauter Stimme, dass alle Passanten sich umdrehten: „Nach Hause!“ und ich fiel auf das Polster meiner Kutsche zurück, überwältigt von seelischer Qual. Er hatte mich entdeckt und wieder Besitz von mir ergriffen.

17. August. Oh! Welche Nacht! welche Nacht! Und doch scheint es mir, dass ich mich freuen sollte. Ich habe bis ein Uhr morgens gelesen! Herestauss, Doktor der Philosophie und Theogonie, schrieb die Geschichte und die Manifestation all jener unsichtbaren Wesen, die um den Menschen schweben oder von denen er träumt. Er beschreibt ihren Ursprung, ihre Herrschaftsbereiche, ihre Macht; aber keines von ihnen gleicht dem, das mich heimsucht. Man könnte sagen, dass der Mensch, seit er denkt, ein neues Wesen geahnt und gefürchtet hat, das stärker ist als er selbst, sein Nachfolger in dieser Welt, und dass er, da er es in seiner Nähe spürte und die Natur dieses Meisters nicht vorhersehen konnte, in seinem Schrecken die ganze Rasse verborgener Wesen erschuf, vage Phantome, die aus der Furcht geboren wurden.

Nachdem ich also bis ein Uhr morgens gelesen hatte, setzte ich mich ans offene Fenster, um meine Stirn und meine Gedanken in der ruhigen Nachtluft abzukühlen. Es war sehr angenehm und warm! Wie hätte ich früher eine solche Nacht genossen!

Es gab keinen Mond, aber die Sterne schleuderten ihre Strahlen in den dunklen Himmel. Wer bewohnt diese Welten? Welche Formen, welche Lebewesen, welche Tiere sind dort drüben? Was wissen diejenigen, die in diesen fernen Welten Denker sind, mehr als wir? Was können sie mehr als wir? Was sehen sie, was wir nicht kennen? Wird nicht eines von ihnen eines Tages den Raum durchqueren und auf unserer Erde erscheinen, um sie zu erobern, so wie die Nordmänner früher das Meer überquerten, um schwächere Völker als sich selbst zu unterjochen?

Wir sind so schwach, so unbewaffnet, so unwissend, so klein, wir, die wir auf diesem Schlammpartikel leben, das sich in einem Wassertropfen dreht.

Ich schlief ein, während ich so in der kühlen Nachtluft träumte, und dann, nachdem ich etwa eine Dreiviertelstunde geschlafen hatte, öffnete ich meine Augen, ohne mich zu bewegen, geweckt von einem mir unbekannten verwirrten und seltsamen Gefühl. Zuerst sah ich nichts, und dann schien es mir plötzlich, als ob sich eine Seite eines Buches, das auf meinem Tisch offen geblieben war, von selbst umblätterte. Kein Hauch von Luft war durch mein Fenster hereingekommen, und ich war überrascht und wartete. Nach etwa vier Minuten sah ich, ich sah, ja ich sah mit meinen eigenen Augen, wie sich eine andere Seite hob und auf die anderen fiel, als hätte ein Finger sie umgeblättert. Mein Lehnstuhl war leer, schien leer, aber ich wusste, dass er dort war, er, und auf meinem Platz saß, und dass er las. Mit einem wütenden Sprung, dem Sprung eines wütenden wilden Tieres, das seinen Dompteur ausweiden will, durchquerte ich mein Zimmer, um ihn zu ergreifen, zu erwürgen, zu töten!... Aber bevor ich ihn erreichen konnte, stürzte mein Stuhl um, als wäre jemand vor mir davongelaufen ... mein Tisch schwankte, meine Lampe fiel herunter und erlosch, und mein Fenster schloss sich, als wäre irgendein Dieb überrascht worden und in die Nacht geflohen, wobei er es hinter sich schloss.

Er war also davongelaufen: er hatte Angst gehabt; er, Angst vor mir!

Also ... also ... morgen ... oder später ... eines Tages ... werde ich ihn in meinen Klauen halten und ihn zu Boden drücken können! Beißen und erwürgen Hunde nicht gelegentlich ihre Herren?

18. August. Ich habe den ganzen Tag nachgedacht. Oh! ja, ich werde ihm gehorchen, seinen Impulsen folgen, all seine Wünsche erfüllen, mich demütig, unterwürfig, feige zeigen. Er ist der Stärkere; aber eine Stunde wird kommen....

19. August. Ich weiß ... ich weiß ... ich weiß alles! Ich habe gerade Folgendes in der Revue du Monde Scientifique gelesen: „Eine kuriose Nachricht erreicht uns aus Rio de Janeiro. Wahnsinn, eine Epidemie des Wahnsinns, die mit jenem ansteckenden Wahnsinn verglichen werden kann, der die Völker Europas im Mittelalter befiel, wütet in diesem Augenblick in der Provinz San-Paulo. Die verängstigten Bewohner verlassen ihre Häuser, verlassen ihre Dörfer, geben ihr Land auf, indem sie sagen, dass sie verfolgt, besessen, wie menschliches Vieh regiert werden von unsichtbaren, wenn auch greifbaren Wesen, einer Art Vampir, die sich von ihrem Leben ernähren, während sie schlafen, und die zudem Wasser und Milch trinken, ohne andere Nahrung zu berühren.

Professor Dom Pedro Henriques ist in Begleitung mehrerer medizinischer Gelehrter in die Provinz San-Paulo gereist, um den Ursprung und die Manifestationen dieses überraschenden Wahnsinns vor Ort zu studieren und dem Kaiser solche Maßnahmen vorzuschlagen, die ihm am geeignetsten erscheinen, der wahnsinnigen Bevölkerung die Vernunft zurückzugeben.“

Ah! Ah! Ich erinnere mich jetzt an diesen schönen brasilianischen Dreimaster, der am 8. Mai letzten Jahres vor meinen Fenstern vorbeizog, als er die Seine hinaufuhr! Ich fand, er sah so hübsch aus, so weiß und hell! Dieses Wesen war an Bord, kam von dort, wo seine Rasse entsprang. Und es sah mich! Es sah mein Haus, das ebenfalls weiß war, und es sprang vom Schiff an Land. Oh! Gütiger Himmel!

Jetzt weiß ich es, ich kann es erahnen. Die Herrschaft des Menschen ist vorbei, und er ist gekommen. Er, den beunruhigte Priester exorzierten, den Zauberer in dunklen Nächten heraufbeschworen, ohne ihn jedoch erscheinen zu sehen, dem die Ahnungen der vergänglichen Herren der Welt all die monströsen oder graziösen Formen von Gnomen, Geistern, Genien, Feen und Hausgeistern liehen. Nach den groben Vorstellungen der primitiven Furcht sahen ihn klarer blickende Menschen deutlicher voraus. Mesmer erahnte ihn, und vor zehn Jahren entdeckten Ärzte genau die Natur seiner Macht, noch bevor er sie selbst ausübte. Sie spielten mit jener Waffe ihres neuen Herrn, der Herrschaft eines geheimnisvollen Willens über die menschliche Seele, die versklavt worden war. Sie nannten es Magnetismus, Hypnotismus, Suggestion ... was weiß ich? Ich habe gesehen, wie sie sich wie unverschämte Kinder mit dieser schrecklichen Macht amüsierten! Wehe uns! Wehe dem Menschen! Er ist gekommen, der ... der ... wie nennt er sich ... der ... ich bilde mir ein, dass er mir seinen Namen zuschreit und ich höre ihn nicht ... der ... ja ... er schreit ihn mir zu ... ich höre zu ... ich kann nicht ... wiederholen ... es ... Horla ... ich habe gehört ... der Horla ... es ist er ... der Horla ... er ist gekommen!...

Ah! der Geier hat die Taube gefressen, der Wolf hat das Lamm gefressen; der Löwe hat den Büffel mit den scharfen Hörnern verschlungen; der Mensch hat den Löwen mit einem Pfeil, mit einem Schwert, mit Schießpulver getötet; aber der Horla wird aus dem Menschen das machen, was wir aus dem Pferd und dem Ochsen gemacht haben: sein Eigentum, seinen Sklaven und seine Nahrung, allein durch die Macht seines Willens. Wehe uns!

Aber nichtsdestotrotz lehnt sich das Tier manchmal auf und tötet den Menschen, der es unterjocht hat.... Ich würde auch gerne ... ich werde es können ... aber ich muss ihn kennen, ihn berühren, ihn sehen! Gelehrte sagen, dass die Augen der Tiere, da sie sich von unseren unterscheiden, nicht so unterscheiden wie wir ... Und mein Auge kann diesen Neuankömmling, der mich unterdrückt, nicht unterscheiden.

Warum? Oh! Jetzt erinnere ich mich an die Worte des Mönchs auf dem Mont Saint-Michel: „Können wir den hunderttausendsten Teil dessen sehen, was existiert? Schauen Sie hier; da ist der Wind, der die stärkste Kraft in der Natur ist, der Menschen umwirft, Gebäude niederbläst, Bäume entwurzelt, das Meer in Wasserberge erhebt, Klippen zerstört und große Schiffe auf die Klippen wirft; der Wind, der tötet, der pfeift, der seufzt, der brüllt – haben Sie ihn jemals gesehen, und können Sie ihn sehen? Er existiert trotzdem!“

Und ich dachte weiter: meine Augen sind so schwach, so unvollkommen, dass sie nicht einmal harte Körper unterscheiden, wenn sie so durchsichtig wie Glas sind!... Wenn ein Glas ohne Zinnfolie hinter sich meinen Weg versperren würde, würde ich hineinlaufen, genau wie ein Vogel, der in ein Zimmer geflogen ist, bricht sich den Kopf an den Fensterscheiben. Tausend Dinge täuschen ihn zudem und führen ihn in die Irre. Wie wäre es also überraschend, dass er einen frischen Körper nicht wahrnehmen kann, der vom Licht durchquert wird?

Ein neues Wesen! Warum nicht? Es musste sicherlich kommen! Warum sollten wir die letzten sein? Wir unterscheiden es nicht, wie all die anderen, die vor uns erschaffen wurden. Der Grund ist, dass seine Natur vollkommener, sein Körper feiner und vollendeter ist als unserer, dass unserer so schwach, so ungeschickt konzipiert ist, belastet mit Organen, die immer müde sind, immer unter Spannung stehen wie zu komplizierte Schlösser, das wie eine Pflanze und wie ein Tier lebt, das sich mit Schwierigkeiten von Luft, Kräutern und Fleisch ernährt, eine Tiermaschine, die eine Beute von Krankheiten, von Missbildungen, von Verfall ist; kurzatmig, schlecht reguliert, einfach und exzentrisch, genial schlecht gemacht, eine grobe und eine delikate Arbeit, der Umriss eines Wesens, das intelligent und großartig werden könnte.

Wir sind nur wenige, so wenige auf dieser Welt, von der Auster bis zum Menschen. Warum sollte es nicht noch eines geben, wenn die Zeit einmal abgelaufen ist, die die aufeinanderfolgenden Erscheinungen von all den verschiedenen Arten trennt?

Warum nicht noch eines? Warum nicht auch andere Bäume mit riesigen, prächtigen Blumen, die ganze Regionen beduften? Warum nicht andere Elemente außer Feuer, Luft, Erde und Wasser? Es gibt vier, nur vier, jene Nährväter verschiedener Wesen! Wie schade! Warum sind sie nicht vierzig, vierhundert, viertausend! Wie arm ist alles, wie klein und elend! Geizig gegeben, trocken erfunden, ungeschickt gemacht! Ah! der Elefant und das Flusspferd, welche Anmut! Und das Kamel, welche Eleganz!

Aber der Schmetterling, werden Sie sagen, eine fliegende Blume! Ich träume von einem, der so groß wie hundert Welten sein sollte, mit Flügeln, deren Form, Schönheit, Farben und Bewegung ich nicht einmal ausdrücken kann. Aber ich sehe ihn ... er flattert von Stern zu Stern, erfrischt sie und beduftet sie mit dem leichten und harmonischen Hauch seines Fluges!... Und die Menschen dort oben schauen ihm zu, wie er in einer Ekstase des Entzückens vorüberzieht!...

* * * * *

Was ist mit mir los? Es ist er, der Horla, der mich heimsucht und der mich an diese törichten Dinge denken lässt! Er ist in mir, er wird meine Seele; ich werde ihn töten!

19. August. Ich werde ihn töten. Ich habe ihn gesehen! Gestern setzte ich mich an meinen Tisch und tat so, als würde ich sehr eifrig schreiben. Ich wusste ganz genau, dass er um mich herumschleichen würde, ganz nah bei mir, so nah, dass ich ihn vielleicht berühren, ihn ergreifen könnte. Und dann!... dann hätte ich die Kraft der Verzweiflung; ich hätte meine Hände, meine Knie, meine Brust, meine Stirn, meine Zähne, um ihn zu erwürgen, ihn zu zerquetschen, ihn zu beißen, ihn in Stücke zu reißen. Und ich lauerte auf ihn mit all meinen überreizten Organen.

Ich hatte meine zwei Lampen und die acht Wachskerzen auf meinem Kaminsims angezündet, als ob ich ihn bei diesem Licht hätte entdecken können.

Mein Bett, mein altes Eichenbett mit seinen Säulen, war mir gegenüber; zu meiner Rechten war der Kamin; zu meiner Linken die Tür, die sorgfältig verschlossen war, nachdem ich sie einige Zeit offengelassen hatte, um ihn anzulocken; hinter mir war ein sehr hoher Kleiderschrank mit einem Spiegel darin, der mir jeden Tag dazu diente, meine Toilette zu machen, und in dem ich die Gewohnheit hatte, mich von Kopf bis Fuß zu betrachten, jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging.

Also tat ich so, als würde ich schreiben, um ihn zu täuschen, denn auch er beobachtete mich, und plötzlich spürte ich, war ich mir gewiss, dass er mir über die Schulter las, dass er da war, mein Ohr fast berührte.

Ich stand so schnell auf, mit ausgestreckten Händen, dass ich beinahe gestürzt wäre. Eh! nun?... Es war so hell wie am Mittag, aber ich sah mich nicht im Glas!... Es war leer, klar, tief, voller Licht! Aber meine Gestalt spiegelte sich nicht darin wider ... und ich, ich stand direkt davor! Ich sah das große, klare Glas von oben bis unten, und ich betrachtete es mit unsicheren Augen; und ich wagte nicht vorzutreten; ich wagte es nicht, eine Bewegung zu machen, während ich doch vollkommen spürte, dass er da war, dass er mir aber wieder entwischen würde, er, dessen ungreifbarer Körper mein Spiegelbild in sich aufgenommen hatte.

Wie erschrocken ich war! Und dann begann ich plötzlich, mich durch einen Nebel in den Tiefen des Spiegels zu sehen, in einem Nebel wie durch eine Wasserschicht; und es schien mir, als ob dieses Wasser langsam von links nach rechts flösse und meine Gestalt mit jedem Augenblick klarer machte. Es war wie das Ende einer Sonnenfinsternis. Was auch immer mich verbarg, schien keine klar definierten Umrisse zu besitzen, sondern eine Art undurchsichtige Transparenz, die allmählich klarer wurde.

Endlich konnte ich mich vollständig erkennen, so wie ich es jeden Tag tue, wenn ich mich betrachte.

Ich hatte es gesehen! Und das Entsetzen darüber blieb bei mir und lässt mich selbst jetzt noch schaudern.

20. August. Wie könnte ich es töten, da ich es nicht zu fassen bekam? Gift? Aber es würde sehen, wie ich es unter das Wasser mischte; und dann, hätten unsere Gifte irgendeine Wirkung auf seinen ungreifbaren Körper? Nein ... nein ... kein Zweifel daran.... Dann?... dann?...

21. August. Ich ließ einen Schmied aus Rouen kommen und bestellte bei ihm Eisenläden für mein Zimmer, so wie manche Privathotels in Paris sie im Erdgeschoss haben, aus Angst vor Dieben, und er wird mir auch eine ähnliche Tür machen. Ich habe mich als Feigling ausgegeben, aber das ist mir gleich!...

10. September. Rouen, Hotel Continental. Es ist getan; ... es ist getan ... aber ist er tot? Mein Geist ist vollkommen erschüttert von dem, was ich gesehen habe.

Nun, gestern also, nachdem der Schlosser die Eisenläden und die Tür angebracht hatte, ließ ich alles bis Mitternacht offen, obwohl es kühl wurde.

Plötzlich spürte ich, dass er da war, und Freude, wahnsinnige Freude, bemächtigte sich meiner. Ich stand leise auf und ging einige Zeit nach rechts und links, damit er nichts ahnen würde; dann zog ich meine Stiefel aus und schlüpfte nachlässig in meine Hausschuhe; dann befestigte ich die Eisenläden und ging schnell zurück zur Tür, schloss sie doppelt mit einem Vorhängeschloss ab und steckte den Schlüssel in meine Tasche.

Plötzlich bemerkte ich, dass er sich unruhig um mich herum bewegte, dass er seinerseits erschrocken war und mir befahl, ihn herauszulassen. Ich hätte beinahe nachgegeben, tat es aber noch nicht, doch ich lehnte mich gegen die Tür und öffnete sie einen Spalt, gerade genug, um rückwärts hinauszugehen, und da ich sehr groß bin, berührte mein Kopf den Türsturz. Ich war mir sicher, dass er nicht hatte entkommen können, und ich schloss ihn ganz allein, ganz allein ein. Welches Glück! Ich hatte ihn fest. Dann rannte ich die Treppe hinunter; im Salon, der unter meinem Schlafzimmer lag, nahm ich die beiden Lampen und goss das ganze Öl auf den Teppich, die Möbel, überall hin; dann zündete ich es an und floh, nachdem ich die Tür sorgfältig doppelt verschlossen hatte.

Ich ging und versteckte mich unten im Garten in einem Lorbeergebüsch. Wie lange es dauerte! Wie lange es dauerte! Alles war dunkel, still, bewegungslos, kein Lufthauch und kein Stern, sondern schwere Wolkenbänke, die man nicht sehen konnte, die aber auf meiner Seele lasteten, oh! so schwer.

Ich betrachtete mein Haus und wartete. Wie lange es dauerte! Ich begann schon zu glauben, dass das Feuer von selbst ausgegangen sei oder dass er es gelöscht hätte, als eines der unteren Fenster unter der Gewalt der Flammen nachgab und eine lange, weiche, schmeichelnde Schicht roter Flamme die weiße Wand hinaufstieg und sie bis zum Dach küsste. Das Licht fiel auf die Bäume, die Zweige und die Blätter, und ein Schauder der Angst durchdrang auch sie! Die Vögel erwachten; ein Hund begann zu heulen, und es kam mir vor, als bräche der Tag an! Fast unmittelbar darauf zersplitterten zwei weitere Fenster, und ich sah, dass der ganze untere Teil meines Hauses nichts weiter als ein schrecklicher Schmelzofen war. Aber ein Schrei, ein schrecklicher, schriller, herzzerreißender Schrei, ein Frauenschrei, ertönte durch die Nacht, und zwei Dachfenster wurden geöffnet! Ich hatte die Dienstboten vergessen! Ich sah die vor Entsetzen erstarrten Gesichter und ihre verzweifelt winkenden Arme!...

Dann, überwältigt von Entsetzen, lief ich zum Dorf und schrie: "Hilfe! Hilfe! Feuer! Feuer!" Ich traf einige Leute, die bereits zum Ort des Geschehens kamen, und ich ging mit ihnen zurück, um nachzusehen!

Zu dieser Zeit war das Haus nichts weiter als ein schrecklicher und großartiger Scheiterhaufen, ein monströser Scheiterhaufen, der das ganze Land erhellte, ein Scheiterhaufen, auf dem Menschen verbrannten und auf dem auch er verbrannte, Er, Er, mein Gefangener, jenes neue Wesen, der neue Herr, der Horla!

Plötzlich stürzte das ganze Dach zwischen den Wänden ein, und ein Vulkan aus Flammen schoss in den Himmel. Durch alle Fenster, die sich zu diesem Schmelzofen hin öffneten, sah ich die Flammen schießen, und ich dachte, dass er dort sei, in jenem Ofen, tot.

Tot? vielleicht?... Sein Körper? War nicht sein Körper, der transparent war, unzerstörbar durch solche Mittel, die die unseren töten würden?

Wenn er nicht tot war?... Vielleicht hat nur die Zeit Macht über jenes unsichtbare und gefürchtete Wesen. Warum dieser transparente, unkenntliche Körper, dieser Körper, der einem Geist angehört, wenn auch er Übel, Gebrechen und vorzeitige Vernichtung fürchten musste?

Vorzeitige Vernichtung? Alles menschliche Entsetzen entspringt daraus! Nach dem Menschen der Horla. Nach dem, der jeden Tag, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick, durch jeden Unfall sterben kann, kam der, der nur zu seiner eigenen bestimmten Stunde und Minute sterben sollte, weil er die Grenzen seiner Existenz erreicht hatte!

Nein ... nein ... ohne jeden Zweifel ... er ist nicht tot. Dann ... dann ... muss ich mich wohl selbst töten!

FUßNOTE.--Diese Geschichte ist eine tragische Erfahrung und Prophezeiung. Es war der Wahnsinn, der der Welt den vollendetsten Kurzgeschichtenschreiber, den Autor dieser Erzählung, raubte; und selbst bevor sein Wahnsinn übermächtig wurde, beklagte sich de Maupassant darüber, dass er von seinem Doppelgänger heimgesucht werde – von einer Vision eines anderen Selbst, das ihn konfrontierte und bedrohte. Er hatte das Leben mit höchster Geschwindigkeit geführt; diese Halluzination war das Ergebnis.

Die medizinische Wissenschaft definiert in solchen Fällen "ein Bild der Erinnerung, das sich in seiner Intensität vom Normalen unterscheidet" – das heißt, eine fixe Idee, so beharrlich und wachsend, dass sie dem Denker vollkommen real erscheint.

--HERAUSGEBER.

PIERRE MILLE

Das Wunder der Zobéide

Immer weise und umsichtig beiseite schiebend, schob Zobéide vorsichtig die Myrtenzweige beiseite und spähte hindurch, um zu sehen, wer die Personen waren, die am Brunnen im kühlen Schatten der Mauer aus rosa Sandstein sprachen. Und als sie sah, dass es nur der Reverend John Feathercock, ihr Herr und Gebieter, war, der wie üblich mit Mohammed-si-Koualdia im Gespräch war, ging sie offen, aber langsam auf sie zu.

Als sie ganz nah war, blieb sie stehen, und nach dem Licht, das in ihren tiefschwarzen Augen spielte, hätte man meinen können, dass sie sicherlich mit größter Aufmerksamkeit zuhörte. Aber die Wahrheit ist, dass sie mit all ihrem kleinen Gehirn, mit all ihrem Mund und mit all ihrem Magen nach dem gelben und wohlriechenden Fruchtfleisch einer Melone verlangte, die aufgeschnitten und auf den Tisch neben zwei hohen Gläsern gestellt worden war, die halb mit schneeweißem Sorbet gefüllt waren. Denn Zobéide war eine Schildkröte der gewöhnlichen Art, wie man sie im Gras auf allen Wiesen rund um die Stadt Damaskus findet.

Während sie wartete, setzte Mohammed seine Geschichte fort:

"Und, wie ich dir sage, o Ehrwürdiger, der du an Tugenden reich bist, dieser Löwe, der noch in der Nähe von Tabariat lebt, war früher ein starker Löwe, ein wunderbarer Löwe, ein Löwe unter Löwen! Noch heute kann er ein Kamel mit einem einzigen Schlag seiner Tatze töten, und dann, wenn er seine Reißzähne in das Rückgrat des toten Tieres stößt, es mit einer einzigen Bewegung seines Halses auf seine Schultern werfen. Aber leider, nachdem er eines Tages bei der Jagd eine Ziege zur Strecke gebracht hatte, indem er einfach den Hauch seiner Nüstern auf sie blies, war der Löwe von Stolz aufgebläht und rief: 'Es gibt keinen Gott außer Gott, aber ich bin so stark wie Gott. Lasst ihn es anerkennen!' Allah, der ihn hörte, Allah, der Allmächtige, sagte mit lauter Stimme: 'O Löwe von Tabariat, versuche nun, deine Beute wegzutragen!' Dann grub der Löwe seine großen Zähne fest in das Rückgrat des Tieres, direkt unter die Ohren, und versuchte, es sich auf den Rücken zu werfen. Onallahi! Es war, als hätte er versucht, den Berg Libanon zu heben, und sein rechtes Bein fiel gelähmt zu Boden. Und die Stimme Allahs hielt ihn weiterhin fest und verkündete: 'Löwe, niemals mehr sollst du eine Ziege töten!' Und so ist es bis zum heutigen Tag geblieben: der Löwe von Tabariat hat noch immer all seine alte Kraft, Kamele wegzutragen, aber er kann selbst einem neugeborenen Zicklein niemals das geringste Leid zufügen. Die Ziegen der Herden tanzen nachts vor ihm, verhöhnen ihn ins Gesicht, und seit jenem Augenblick ist sein rechtes Bein immer steif und lahm gewesen."

"Mohammed", sagte Reverend Mr. Feathercock verächtlich, "das sind Geschichten, die nur für Babys taugen."

"Wie denn!" antwortete Mohammed-si-Koualdia. "Weigerst du dich zu glauben, dass Gott in der Lage ist, alles zu tun, was er wünscht, dass die Welt selbst nur ein ewiger Traum Gottes ist und dass Gott folglich diesen Traum nach Belieben ändern kann? Bist du ein Christ, wenn du die Macht des Allmächtigen leugnest?"

"Ich bin ein Christ", antwortete der Geistliche mit einem Anflug von Verlegenheit; "aber schon seit langem sind wir gezwungen zuzugeben, wir Pastoren der zivilisierten Kirche des Abendlandes, dass Gott nicht in der Lage wäre, ohne sich selbst Lügen zu strafen, die Ordnung der Dinge zu ändern, die er bei der Erschaffung des Universums festgelegt hat. Wir betrachten den Glauben an Wunder als einen Aberglauben, den wir den Mönchen der Kirchen von Rom und Russland überlassen müssen, und auch euren Muslimen, die in Unkenntnis der Wahrheit leben. Und um euch diese Wahrheit zu lehren, bin ich hier in euer Land gekommen, und gleichzeitig, um gegen den schädlichen politischen Einfluss zu kämpfen, den eben diese römischen und griechischen Mönche ausüben, von denen ich gerade sprach."

"Indem ich den Namen Allahs anrufe", antwortete Mohammed mit tiefer Feierlichkeit, "und kraft des Schlüsselbeins des mächtigen Salomo, kann ich große Wunder vollbringen. Siehst du diese Schildkröte vor uns? Ich werde bewirken, dass sie jeden Tag um die Breite eines Fingers wächst!"

Bei diesen Worten machte er eine plötzliche Bewegung mit dem Fuß in Richtung Zobéide, und Zobéide zog prompt ihren Kopf in ihren Panzer zurück.

"Du behauptest, ein solches Wunder vollbringen zu können!" sagte der Geistliche spöttisch. "Du, Mohammed, ein in Sünde versunkener Mann, ein Muslim, den ich betrunken gesehen habe!"

"Ich war betrunken", antwortete Mohammed ruhig, "aber nicht so betrunken wie andere."

"Du hältst dich also für fähig, die Macht Allahs zu erzwingen!" fuhr Mr. Feathercock fort, wobei er die Unterbrechung missachtete.

"Ich könnte es ohne die geringste Schwierigkeit tun", sagte Mohammed.

Er nahm Zobéide in die Hand und hob sie auf den Tisch. Die erschrockene Schildkröte hatte wieder ihren Kopf eingezogen. Nichts war zu sehen außer den schwarz umrandeten goldenen Quadraten ihres Panzers vor dem Hintergrund von saftigem Melonenfleisch. Mohammed sang:

"_Du selbst bist ein Wunder, o Schildkröte! Denn dein Kopf ist der Kopf einer Schlange, dein Schwanz der Schwanz einer Wasserratte, deine Knochen sind Vogelknochen und deine Hülle ist aus Stein; und doch kennst du die Liebe, wie sie von Menschen gekannt wird. Und aus deinen Eiern, o Steinschildkröte, gehen andere Schildkröten hervor_.

"_Du selbst bist ein Wunder, o Schildkröte! Denn man würde sagen, du seiest eine Schale, nichts als eine Schale, und siehe! du bist ein Tier, das isst. Iss von dieser Melone, o Schildkröte, und wachse diese Nacht um die Länge meines Nagels, wenn Allah es erlaubt!_

"_Und wenn du um die Breite eines Fingers gewachsen bist, o Schildkröte, iss weiter von dieser Melone oder von ihrer Schwester, einer anderen Melone, und wachse weiter um die Breite eines Fingers, bis du die Größe einer Moschee erreicht hast. Du selbst bist ein Wunder, o lebendige Schale! Volle noch ein Wunder voll, wenn Allah es erlaubt, wenn Allah es erlaubt!_"

Zobéide, beruhigt durch die Monotonie seiner Stimme, beschloss schließlich, aus ihrem Panzer herauszukommen. Zuerst zeigte sie die Spitze ihrer kleinen hornigen Nase, dann ihre schwarzen Augen, ihren flach zulaufenden Schwanz und schließlich ihre starken kleinen krallenbewehrten Füße. Als sie die Melone sah, machte sie eine zustimmende Geste und begann zu essen.

"Nichts auf der Welt wird geschehen!" bemerkte der Reverend John Feathercock eher zweifelnd.

"Warte und sieh", antwortete Mohammed ernst. "Ich werde morgen wiederkommen!"

Am nächsten Morgen kehrte er zurück, maß Zobéide mit seinen Fingern und erklärte:

"Sie ist gewachsen!"

"Bildest du dir ein, du kannst mich glauben machen, so etwas sei wahr?" rief Mr. Feathercock besorgt.

"Es steht im Koran geschrieben", antwortete Mohammed: "'Ich schwöre bei dem rosigen Glanz, der die Luft erfüllt, wenn die Sonne untergeht, bei den Schatten der Nacht und beim Licht des Mondes, dass ihr alle euch verändern werdet, an Substanz und an Größe!' Allah hat sich manifestiert; die Größe dieser Schildkröte hat sich verändert. Sie wird sich weiter verändern. Miss sie selbst, und du wirst sehen."

Mr. Feathercock maß Zobéide tatsächlich und musste zugeben, dass sie in der Tat um die Breite eines Fingers gewachsen war. Er wurde nachdenklich.

So wuchs Zobéide von Tag zu Tag an Größe, Kraft und Appetit. Zuerst war sie nur so groß wie eine Untertasse gewesen und hatte jeden Tag nur ein paar Unzen Nahrung zu sich genommen. Dann erreichte sie die Größe eines Desserttellers, dann eines Suppentellers. Mit ihrem starken Schnabel konnte sie die Schale einer Melone mit einem Schlag spalten; deutlich konnte man das Geräusch ihrer schweren Kiefer hören, während sie das süße Fruchtfleisch der Früchte zermalmte, die sie liebte und die sie in großen Mengen verschlang. In einer Woche war sie so gewaltig gewachsen, dass sie so groß wie eine Fleischplatte war. Der Reverend Mr. Feathercock wagte sich nicht mehr in die Nähe dieses Ungeheuers, aus dessen Augen ein Blick von Teufelei zu glänzen schien. Und immer und ewig, scheinbar von einem ewigen Hunger verzehrt, fraß das Ungeheuer.

Die Mitglieder von Mr. Feathercocks Gemeinde hörten, dass er in seinem Haus eine Schildkröte hielt, die im Namen Allahs verzaubert worden war und nicht durch die Kraft der abendländischen Gottheit: Dies erwies sich als alles andere als hilfreich für die evangelikale Arbeit des Geistlichen. Er selbst aber weigerte sich stetig und hartnäckig, an das Wunder zu glauben, obwohl Mohammed-si-Koualdia seit dem Tag, an dem er den Zauber heraufbeschworen hatte, keinen Fuß mehr in das Haus gesetzt hatte. Er blieb außerhalb des Grundstücks, saß an der Tür eines kleinen Cafés, in Meditation oder Träume versunken, und konsumierte Haschisch in großen Mengen. Nach einiger Zeit gelang es Mr. Feathercock, sich selbst davon zu überzeugen, dass das, was er erlebte, nichts weiter als ein vollkommen einfaches und natürliches Phänomen sei, vielleicht bisher nicht gut verstanden und gänzlich der außerordentlich günstigen Wirkung von Melonenmark auf die körperliche Entwicklung von Schildkröten zuzuschreiben. Er beschloss, Zobéides Versorgung mit Melonen zu unterbinden.

Schließlich kam ein Tag, an dem Mohammed, berauscht von Haschisch, Hakem, Mr. Feathercocks Diener, vom Markt mit einem großen Bund frischem Gemüse zurückkehren sah. Er erhob sich majestätisch, wenn auch mit durch die Droge verzerrten Zügen, und folgte dem Jungen mit hastigen Schritten.

"Elender!" rief er Mr. Feathercock zu. "Armseliger Wurm, du hast versucht, den Zauber zu brechen! Freue dich also, denn es ist dir gelungen und er ist gebrochen. Aber lass Verzweiflung auf den Fersen deines Entzückens folgen, denn er ist auf eine Weise gebrochen, von der du nicht träumst. Von nun an wird deine Schildkröte von Tag zu Tag schwinden!"

Der Reverend Mr. Feathercock versuchte zu lachen, aber er fühlte sich nicht ganz glücklich. Sonntags, bei den Gottesdiensten, betrachteten ihn die wenigen gläubigen Seelen, die in seiner Gemeinde verblieben waren, mit Argwohn. Im englischen Konsulat sprach man sehr deutlich und erklärte ihm wenig mitfühlend, dass jeder, der sich mit einem Mann wie Mohammed-si-Koualdia anfreunde und sich mit solchem Gesindel "wahllos" mische, nichts als Schaden davon erwarten dürfe.

Zobéide, als sie zum ersten Mal mit dem frischen, feuchten Grün konfrontiert wurde, zeigte die tiefste Verachtung dafür. Zweifellos zog sie Melonen vor. Mr. Feathercock applaudierte seinem eigenen Scharfsinn. "Sie hat zu viel gefressen; das war das ganze Problem", sagte er sich. "Und das war es, was sie so bemerkenswert wachsen ließ. Wenn sie weniger frisst, wird sie wahrscheinlich nicht mehr so sehr wachsen. Und wenn sie zufällig sterben sollte, werde ich sie los sein. Was auch immer kommt, es wird zum Besten sein."

Aber am nächsten Tag gab Zobéide das Schmollen auf und begann sehr folgsam, das Grün zu fressen, und als der Junge Hakem ihr das nächste Bündel brachte, sagte er schlitzohrig:

"Effendi, sie wird kleiner!"

Der Geistliche versuchte mit den Schultern zu zucken, aber es war unmöglich, sich selbst die Tatsache zu verbergen – Zobéide war definitiv geschrumpft! Und innerhalb einer Stunde wusste ganz Damaskus, dass Zobéide geschrumpft war. Als Mr. Feathercock zum Barbier ging, sagte der griechische Friseur zu ihm: "Sir, Ihre Schildkröte ist keine gewöhnliche Schildkröte!" Als er Mrs. Hollingshead besuchte, eine Dame, die immer brennend an allen Themen interessiert war, die sie nicht verstand, und die sie mit einer wunderbaren Freiheit diskutierte, sagte sie zu ihm: "Lieber Herr, Ihre Schildkröte. Wie aufregend muss es sein, sie beim Schrumpfen zu beobachten! Ich komme sicherlich selbst, um sie zu sehen." Als er in das anglikanische Waisenhaus ging, zeichneten alle kleinen Syrer, alle kleinen Araber, alle kleinen Armenier, alle kleinen Juden Schildkröten in ihre Übungshefte, Schildkröten jeder Größe und jeder Art, die großen hinter den kleinen herlaufend, den Schwanz der einen im Maul der anderen, was eine endlose Schlange bildete. Und auf der Straße riefen die Eseltreiber, die Wasserträger, die Fischhändler, die Verkäufer von gebratenem Fleisch, von gebackenem Brot, von Bohnen, von Sahne alle: "Mister Schildkröte, Mister Schildkröte! Versuchen Sie unsere Waren. Kaufen Sie etwas für Ihr armes, stures Tier, das dahinsiecht!"

Und in der Tat schrumpfte die Schildkröte weiter. Sie wurde wieder so groß wie ein Suppenteller, dann wie ein Dessertteller, dann wie eine Untertasse, bis schließlich eines Morgens nichts mehr da war als ein kleines rundes Ding, winzig, zerbrechlich, durchscheinend, ein Fleck etwa so groß wie die Uhr einer Dame, fast unsichtbar am Fuß des Brunnens. Und am nächsten Tag – ach! am nächsten Tag war nichts mehr da, absolut nichts, weder Schildkröte noch der Schatten einer Schildkröte, oder mehr Spur von einer Schildkröte als von einem Elefanten auf dem ganzen Grundstück!

Mohammed-si-Koualdia hatte aufgehört, Haschisch zu nehmen, weil er davon gesättigt war. Aber er blieb den ganzen Tag lang, zusammengekauert an der Tür des kleinen Cafés direkt gegenüber dem Haus des Geistlichen, seine Augen über alle Maßen vergrößert, in ein Gesicht von der Farbe des Todes gesetzt, was ihm das Aussehen eines wahrhaften Zauberers verlieh. In diesem Moment kehrte der Reverend Mr. Feathercock von einem Besuch beim englischen Konsul zurück, der zu ihm kalt gesagt hatte:

"Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, dass Sie sich zum Narren gemacht haben oder, wie ein Franzose sagen würde, den Esel gespielt haben, um sich selbst schreien zu hören. Das Beste, was Sie tun können, ist, sich irgendwo anders eine Gemeinde zu suchen."

Der Reverend John Feathercock nahm den Rat mit Ehrerbietung an und nahm den Zug nach Bayreuth. Am selben Abend begab sich Mohammed-si-Koualdia in das Haus eines gewissen Antonio, Dolmetscher und öffentlicher Schreiber, und trug ihm auf, den folgenden Brief ins Französische zu übersetzen, den er auf Arabisch diktierte. Danach brachte er diesen Brief zu Pater Stephen, dem Prior des Klosters der griechischen Hierosolymiten:

"Möge der Himmel Eure Wangen mit den Farben der Gesundheit bemalen, verehrungswürdigster Vater, und möge das Glück in Eurem Herzen regieren! Ich habe die Ehre, Euch mitzuteilen, dass der Reverend John Feathercock soeben nach Bayreuth abgereist ist, dass er jedoch auf seine Koffer die Adresse einer Stadt namens Liverpool hat schreiben lassen, die, wie ich informiert wurde, im Königreich England liegt; und zudem deutet alles auf die Annahme hin, dass er niemals zurückkehren wird. Daher wage ich zu hoffen, dass Ihr mir den zweiten Teil der Belohnung, die Ihr vereinbart habt, zusenden werdet, sowie ein großzügiges Geschenk für Hakem, den Kammerdiener von Mr. Feathercock, der jeden Tag eine neue Schildkröte zum Haus des Geistlichen trug und die alte unter seinem Mantel wieder fortbrachte.

Ich bitte Euch zudem, Euren Freunden mitzuteilen, dass ich bei mir fünfundfünfzig Schildkröten zu außergewöhnlich niedrigen Preisen zum Verkauf habe, alle von unterschiedlicher Größe, von denen die letzte und kleinste nicht größer ist als die Taschenuhr einer europäischen Huri. Ich habe mir unendliche Mühe gegeben, sie zu finden, und sie haben mir dazu gedient, zu beweisen, mit welch exquisiter Sorgfalt Allah die Glieder der kleinsten Seiner Geschöpfe formt und ihre Körper mit den feinsten Mustern schmückt."

VILLIERS DE L'ISLE ADAM

Die Folter durch Hoffnung

Vor vielen Jahren, als der Abend hereinbrach, machte sich der verehrungswürdige Pedro Arbuez d'Espila, sechster Prior der Dominikaner von Segovia und dritter Großinquisitor von Spanien, gefolgt von einem fra redemptor und angeführt von zwei Vertrauten des Heiligen Offiziums, letztere mit Laternen in der Hand, auf den Weg zu einem unterirdischen Kerker. Der Riegel einer massiven Tür knarrte, und sie traten in ein stinkendes in-pace, wo das schwache Licht zwischen den in der Mauer befestigten Ringen eine blutverschmierte Streckbank, ein Kohlenbecken und einen Krug enthüllte. Auf einem Haufen Stroh saß, beladen mit Fesseln und den Hals von einem eisernen Halseisen umschlossen, ein ausgemergelter Mann von unbestimmbarem Alter, bekleidet mit Lumpen.

Dieser Gefangene war kein Geringerer als Rabbi Aser Abarbanel, ein Jude aus Aragonien, der – angeklagt wegen Wuchers und mitleidloser Verachtung für die Armen – seit mehr als einem Jahr täglich gefoltert worden war. Doch "seine Blindheit war so dicht wie seine Haut", und er hatte sich geweigert, seinem Glauben abzuschwören.

Stolz auf eine Abstammung, die Tausende von Jahren zurückreichte, stolz auf seine Vorfahren – denn alle Juden, die den Namen verdienen, sind eitel auf ihr Blut –, stammte er talmudisch von Othoniel ab und folglich von Ipsiboa, der Frau des letzten Richters von Israel, ein Umstand, der seinen Mut inmitten unaufhörlicher Folter gestärkt hatte. Mit Tränen in den Augen bei dem Gedanken an diese entschlossene Seele, die die Erlösung zurückwies, näherte sich der verehrungswürdige Pedro Arbuez d'Espila dem bebenden Rabbi und wandte sich wie folgt an ihn:

"Mein Sohn, freue dich: Deine Prüfungen hier unten sind bald zu Ende. Wenn ich angesichts solch einer Starrsinnigkeit gezwungen war, mit tiefem Bedauern die Anwendung großer Strenge zu erlauben, so hat meine Aufgabe der brüderlichen Zurechtweisung ihre Grenzen. Du bist der Feigenbaum, der, nachdem er so oft keine Früchte getragen hat, schließlich verdorrte, aber Gott allein kann über deine Seele urteilen. Vielleicht wird die Unendliche Barmherzigkeit im letzten Moment auf dich scheinen! Wir müssen es hoffen. Es gibt Beispiele dafür. Schlaf also heute Nacht in Frieden. Morgen wirst du in das Auto da fé aufgenommen: das heißt, du wirst dem quémadero ausgesetzt, den symbolischen Flammen des Ewigen Feuers: es brennt, wie du weißt, nur aus der Ferne, mein Sohn; und der Tod lässt mindestens zwei Stunden (oft drei) auf sich warten, wegen der nassen, geeisten Verbände, mit denen wir die Köpfe und Herzen der Verurteilten schützen. Ihr werdet dreiundvierzig sein. In der letzten Reihe platziert, wirst du Zeit haben, Gott anzurufen und Ihm diese Taufe durch das Feuer darzubringen, die die des Heiligen Geistes ist. Hoffe auf das Licht und ruhe."

Mit diesen Worten, nachdem er seinen Begleitern ein Zeichen gegeben hatte, den Gefangenen zu entfesseln, umarmte ihn der Prior zärtlich. Dann war der fra redemptor an der Reihe, der mit leiser Stimme den Juden um Verzeihung dafür anflehte, was er ihn hatte erleiden lassen, um ihn zu erlösen; dann küssten ihn die beiden Vertrauten schweigend. Nach dieser Zeremonie blieb der Gefangene einsam und verwirrt in der Dunkelheit zurück.

* * * * *

Rabbi Aser Abarbanel, mit spröden Lippen und einem vom Leiden gezeichneten Gesicht, starrte zunächst mit leeren Augen auf die geschlossene Tür. Geschlossen? Das Wort weckte unbewusst eine vage Vorstellung in seinem Geist, die Vorstellung, dass er für einen Augenblick das Licht der Laternen durch einen Spalt zwischen der Tür und der Wand gesehen hatte. Eine krankhafte Idee der Hoffnung, der Schwäche seines Gehirns geschuldet, rührte sein ganzes Wesen auf. Er schleppte sich auf die sonderbare Erscheinung zu. Dann, ganz sanft und vorsichtig, schob er einen Finger in den Spalt und zog die Tür zu sich heran. Wunderbar! Durch einen außergewöhnlichen Zufall hatte der Vertraute, der sie schloss, den riesigen Schlüssel einen Augenblick gedreht, bevor sie gegen die Steineinfassung schlug, sodass der rostige Riegel nicht in das Loch eingedrungen war und die Tür wieder in ihren Angeln rollte.

Der Rabbi wagte einen Blick nach draußen. Mit Hilfe einer Art leuchtender Dämmerung unterschied er zunächst einen Halbkreis aus Mauern, die von gewundenen Treppen unterbrochen waren; und ihm gegenüber, oben auf fünf oder sechs Steinstufen, eine Art schwarzes Portal, das sich in einen riesigen Korridor öffnete, von dem von unten nur die ersten Bögen sichtbar waren.

Sich flach ausstreckend, kroch er zur Schwelle. Ja, es war wirklich ein Korridor, aber von endloser Länge. Ein fahles Licht erhellte ihn: Lampen, die an der gewölbten Decke hingen, erhellten in Abständen den trüben Farbton der Atmosphäre – die Ferne war in Schatten gehüllt. Nicht eine einzige Tür erschien auf der ganzen Länge! Nur auf einer Seite, der linken, ließen schwer vergitterte Schießscharten, die in die Mauern eingelassen waren, ein Licht ein, das wohl das des Abends sein musste, denn purpurne Streifen ruhten in Abständen auf den Steinplatten des Bodens. Was für eine schreckliche Stille! Doch dort, am fernen Ende dieses Durchgangs, könnte eine Tür in die Freiheit sein! Die schwankende Hoffnung des Juden war hartnäckig, denn sie war die letzte.

Ohne zu zögern, wagte er sich auf die Platten, blieb dicht unter den Schießscharten und versuchte, sich mit der Schwärze der langen Mauern zu vereinen. Er kam langsam voran, schleppte sich auf der Brust dahin und unterdrückte den Schmerzensschrei, wenn eine rohe Wunde einen stechenden Schmerz durch seinen ganzen Körper sandte.

Plötzlich erreichte das Geräusch eines sich nähernden sandalenbesohlten Fußes seine Ohren. Er bebte heftig, Angst erstickte ihn, seine Sicht trübte sich. Nun, es war vorbei, zweifellos. Er drückte sich in eine Nische und wartete, halb leblos vor Entsetzen.

Es war ein Vertrauter, der vorbeieilte. Er ging schnell vorbei und hielt in seiner geballten Hand ein Folterinstrument – eine schreckliche Gestalt – und verschwand. Die Spannung, die der Rabbi ertragen hatte, schien die Lebensfunktionen ausgesetzt zu haben, und er lag fast eine Stunde lang unfähig, sich zu bewegen. Aus Angst vor vermehrten Qualen, falls er gefasst würde, dachte er daran, in seinen Kerker zurückzukehren. Doch die alte Hoffnung flüsterte in seiner Seele jenes göttliche Vielleicht, das uns in unseren schwersten Prüfungen tröstet. Ein Wunder war geschehen. Er konnte nicht länger zweifeln. Er begann, in Richtung der Chance auf Flucht zu kriechen. Erschöpft von Leiden und Hunger, zitternd vor Schmerz, drängte er vorwärts. Der grabesähnliche Korridor schien sich geheimnisvoll zu verlängern, während er, immer noch vorwärts gehend, in das Dunkel starrte, wo es einen Ausweg geben musste.

Oh! Oh! Er hörte wieder Schritte, doch diesmal waren sie langsamer, schwerer. Die weißen und schwarzen Gestalten zweier Inquisitoren erschienen, die aus der Dunkelheit dahinter auftauchten. Sie unterhielten sich mit leisen Stimmen und schienen ein wichtiges Thema zu diskutieren, denn sie gestikulierten heftig.

Bei diesem Anblick schloss Rabbi Aser Abarbanel die Augen: Sein Herz schlug so heftig, dass es ihn fast erstickte; seine Lumpen waren feucht vom kalten Schweiß der Todesangst; er lag regungslos an der Wand, den Mund weit offen, unter den Strahlen einer Lampe, und betete zum Gott Davids.

Genau ihm gegenüber hielten die beiden Inquisitoren unter dem Licht der Lampe inne – zweifellos aufgrund eines Zwischenfalls im Verlauf ihrer Argumentation. Der eine starrte, während er seinem Gefährten zuhörte, den Rabbi an! Und unter diesem Blick – dessen Mangel an Ausdruck der unglückliche Mann zunächst nicht bemerkte – glaubte er wieder zu spüren, wie die brennenden Zangen sein Fleisch versengten; er sollte wieder eine lebende Wunde sein. Ohnmächtig, atemlos, mit flatternden Augenlidern, schauderte er bei der Berührung der wallenden Robe des Mönchs. Doch – seltsame, aber natürliche Tatsache – der Blick des Inquisitors war offensichtlich der eines Mannes, der zutiefst in seine beabsichtigte Antwort vertieft war, in das versunken, was er hörte; seine Augen waren starr – und schienen den Juden anzusehen, ohne ihn zu sehen.

Tatsächlich setzten die beiden düsteren Gestalten nach wenigen Minuten langsam ihren Weg fort, immer noch mit leisen Stimmen sprechend, in Richtung des Ortes, von dem der Gefangene gekommen war; ER WAR NICHT GESEHEN WORDEN! Inmitten der schrecklichen Verwirrung der Gedanken des Rabbis schoss die Idee durch sein Gehirn: "Kann ich schon tot sein, dass sie mich nicht gesehen haben?" Ein abscheulicher Eindruck riss ihn aus seiner Lethargie: Als er auf die Wand blickte, gegen die sein Gesicht gepresst war, glaubte er zwei wilde Augen zu sehen, die ihn beobachteten! Er warf den Kopf in plötzlichem Entsetzen zurück, sein Haar sträubte sich förmlich! Doch nein! Nein. Seine Hand tastete über die Steine: Es war das Spiegelbild der Augen des Inquisitors, das noch in seinen eigenen verblieben war und von zwei Stellen an der Wand reflektiert worden war.

Vorwärts! Er musste sich zu jenem Ziel beeilen, von dem er (absurd, zweifellos) glaubte, es sei die Erlösung, in Richtung der Dunkelheit, von der er nun kaum dreißig Schritte entfernt war. Er drängte schneller vorwärts auf seinen Knien, die Hände weit ausgestreckt, schleppte sich mühsam dahin und trat bald in den dunklen Teil dieses schrecklichen Korridors ein.

Plötzlich spürte der arme Wicht einen Hauch kalter Luft auf den Händen, die auf den Platten ruhten; er kam von unter der kleinen Tür, zu der die beiden Wände führten.

Oh, Himmel, wenn sich diese Tür nur nach außen öffnen würde. Jeder Nerv im Körper des elenden Flüchtlings bebte vor Hoffnung. Er untersuchte sie von oben bis unten, obwohl er ihre Umrisse in der umgebenden Dunkelheit kaum unterscheiden konnte. Er fuhr mit der Hand darüber: kein Riegel, kein Schloss! Eine Klinke! Er fuhr auf, die Klinke gab dem Druck seines Daumens nach: die Tür schwang lautlos vor ihm auf.

"HALLELUJA!", murmelte der Rabbi in einem Anflug von Dankbarkeit, als er auf der Schwelle stehend den Anblick vor sich erblickte.

Die Tür hatte sich in die Gärten geöffnet, über denen sich ein sternenklarer Himmel wölbte, in den Frühling, die Freiheit, das Leben! Sie enthüllte die benachbarten Felder, die sich zu den Sierren hin erstreckten, deren geschwungene blaue Linien sich vom Horizont abhoben. Dort drüben lag die Freiheit! Oh, entkommen! Er würde die ganze Nacht durch die Zitronenhaine reisen, deren Duft ihn erreichte. Einmal in den Bergen und er war in Sicherheit! Er atmete die köstliche Luft ein; die Brise belebte ihn, seine Lungen weiteten sich! Er fühlte in seinem schwellenden Herzen das Veni foràs des Lazarus! Und um noch einmal dem Gott zu danken, der ihm diese Gnade erwiesen hatte, breitete er die Arme aus und hob die Augen zum Himmel. Es war eine Ekstase der Freude!

Dann glaubte er den Schatten seiner Arme auf sich zukommen zu sehen – glaubte, dass er diese schattenhaften Arme spürte, wie sie ihn umschlossen, umarmten – und dass er zärtlich an jemandes Brust gedrückt wurde. Eine hohe Gestalt stand tatsächlich direkt vor ihm. Er senkte die Augen – und blieb regungslos, nach Luft ringend, benommen, mit starren Augen, förmlich sabbernd vor Entsetzen.

Grauen! Er befand sich in der Umklammerung des Großinquisitors selbst, des verehrungswürdigen Pedro Arbuez d'Espila, der ihn mit tränenden Augen ansah, wie ein guter Hirte, der sein verlorenes Lamm gefunden hatte.

Der dunkel gekleidete Priester drückte den unglücklichen Juden so leidenschaftlich an sein Herz, dass die Ränder des mönchischen Haarhemdes die Brust des Dominikaners rieben. Und während Aser Abarbanel mit hervortretenden Augen in der Umarmung des Asketen nach Luft schnappte, vage begreifend, dass _alle Phasen dieses verhängnisvollen Abends nur eine im Voraus arrangierte Folter waren, die der_ HOFFNUNG, murmelte der Großinquisitor mit einem Akzent rührender Vorwürfe und einem Blick der Bestürzung in sein Ohr, wobei sein Atem ausgedörrt und brennend vom langen Fasten war:

"Was, mein Sohn! Am Vorabend, vielleicht, der Erlösung – wolltest du uns verlassen?"

ERCKMANN-CHATRIAN

Das Ohr der Eule

Am 29. Juli 1835 stellte sich Kasper Boeck, ein Hirte aus dem kleinen Dorf Hirschwiller, mit seinem großen Filzhut im Nacken, seiner Tasche aus faserigem Sackleinen an der Hüfte und seinem großen falben Hund an den Fersen gegen neun Uhr abends im Haus des Bürgermeisters Petrus Mauerer vor, der gerade mit dem Abendessen fertig war und ein kleines Glas Kirschwasser zur Verdauung nahm.

Dieser Bürgermeister war ein langer, dünner Mann und trug einen buschigen grauen Schnurrbart. Er hatte in den Armeen des Erzherzogs Karl gedient. Er war von froher Gemütsart und regierte das Dorf, wie man sagt, mit dem Finger und mit der Rute.

"Herr Bürgermeister", rief der Hirte sichtlich aufgeregt.

Doch Petrus Mauerer runzelte, ohne das Ende seiner Rede abzuwarten, die Stirn und sagte:

"Kasper Boeck, fang damit an, deinen Hut abzunehmen, bring deinen Hund aus dem Zimmer, und dann sprich deutlich, verständlich, ohne zu stammeln, damit ich dich verstehen kann."

Hierauf leerte der Bürgermeister, der in der Nähe des Tisches stand, in aller Ruhe sein kleines Glas und wischte sich gleichgültig seinen großen grauen Schnurrbart ab.

Kasper brachte seinen Hund hinaus und kam mit abgenommenem Hut zurück.

"Nun!", sagte Petrus, als er sah, dass er schwieg, "was ist passiert?"

"Es passiert, dass der Geist wieder in den Ruinen von Geierstein erschienen ist!"

"Ha! Ich bezweifle es. Du hast ihn selbst gesehen?"

"Sehr deutlich, Herr Bürgermeister."

"Ohne deine Augen zu schließen?"

"Ja, Herr Bürgermeister – meine Augen waren weit offen. Es war reichlich Mondschein."

"Welche Form hatte er?"

"Die Form eines kleinen Mannes."

"Gut!"

Und sich einer Glastür zur Linken zuwendend:

"Katel!", rief der Bürgermeister.

Eine alte Dienstmagd öffnete die Tür.

"Herr?"

"Ich gehe spazieren – auf den Berghang – warte bis zehn Uhr auf mich. Hier ist der Schlüssel."

"Ja, Herr."

Dann nahm der alte Soldat sein Gewehr vom Haken über der Tür, prüfte die Zündung und hängte es sich über die Schulter; dann wandte er sich an Kasper Boeck:

"Geh und sag dem Feldhüter, er soll mich auf dem Stechpalmenpfad treffen, und sag ihm hinter der Mühle. Dein Geist muss ein Plünderer sein. Aber wenn es ein Fuchs ist, werde ich eine schöne Mütze daraus machen, mit langen Ohrenklappen."

Meister Petrus Mauerer und der demütige Kasper gingen dann hinaus. Das Wetter war herrlich, die Sterne zahllos. Während der Hirte an die Tür des Feldhüters klopfte, tauchte der Bürgermeister in die Holunderbüsche ein, in einer kleinen Gasse, die sich hinter der alten Kirche wand.

Zwei Minuten später holten Kasper und Hans Goerner, den Hirschfänger an der Seite, durch Laufen Meister Petrus auf dem Stechpalmenpfad ein.

Alle drei machten sich gemeinsam auf den Weg zu den Ruinen von Geierstein.

Diese Ruinen, die zwanzig Gehminuten vom Dorf entfernt sind, scheinen unbedeutend genug zu sein; sie bestehen aus den Graten einiger baufälliger Mauern, vier bis sechs Fuß hoch, die sich zwischen den Dornenbüschen erstrecken. Archäologen nennen sie die Aquädukte des Seranus, das römische Lager von Holderlock oder Überreste von Theoderich, ganz nach ihrer Fantasie. Das Einzige an diesen Ruinen, das bemerkenswert sein könnte, ist eine Treppe zu einer Zisterne, die in den Fels gehauen ist. Innerhalb dieser Wendeltreppe, anstatt konzentrischer Kreise, die sich bei jeder vollen Drehung winden, werden die Windungen weiter, während sie fortschreiten, auf eine Weise, dass der Boden der Grube dreimal so groß ist wie die Öffnung. Ist es eine architektonische Laune, oder hat ein vernünftiger Grund eine solch seltsame Konstruktion bestimmt? Es ist für uns wenig wichtig. Das Ergebnis war, in der Zisterne jenes vage Nachhallen zu verursachen, das jeder hören kann, wenn er eine Muschel an sein Ohr legt, und Sie auf Schritte auf dem Kiespfad, Murmeln der Luft, Rascheln der Blätter und sogar entfernte Worte aufmerksam zu machen, die von Leuten gesprochen werden, die am Fuß des Hügels vorbeigehen.

Unsere drei Gestalten folgten dann dem Pfad zwischen den Weinbergen und Gärten von Hirschwiller.

"Ich sehe nichts", pflegte der Bürgermeister zu sagen und rümpfte spöttisch die Nase.

"Ich auch nicht", wiederholte der Feldhüter und ahmte den Ton des anderen nach.

"Es ist unten im Loch", murmelte der Hirte.

"Wir werden sehen, wir werden sehen", erwiderte der Bürgermeister.

Auf diese Weise kamen sie nach einer Viertelstunde an die Öffnung der Zisterne. Wie ich bereits sagte, war die Nacht klar, durchsichtig und vollkommen still.

Der Mond malte, soweit das Auge reichte, eine jener nächtlichen Landschaften in bläulichen Linien, übersät mit schlanken Bäumen, deren Schatten wie mit einem schwarzen Stift gezeichnet schienen. Der blühende Dornbusch und Ginster parfümierten die Luft mit einem ziemlich scharfen Geruch, und die Frösche eines benachbarten Sumpfes sangen ihre ölige Hymne, unterbrochen von Stille. Doch all diese Details entgingen unseren guten Landleuten; sie dachten an nichts anderes, als den Geist zu fassen.

Als sie die Treppe erreicht hatten, blieben alle drei stehen und lauschten, dann starrten sie in die dunklen Schatten. Nichts erschien – nichts regte sich.

"Der Teufel!", sagte der Bürgermeister, "wir haben vergessen, ein Stück Kerze mitzubringen. Steig hinunter, Kasper, du kennst den Weg besser als ich – ich folge dir."

Bei diesem Vorschlag wich der Hirte prompt zurück. Hätte er auf seine Neigungen gehört, wäre der arme Mann geflüchtet; sein jämmerlicher Gesichtsausdruck ließ den Bürgermeister in Gelächter ausbrechen.

"Nun, Hans, da er nicht hinuntergehen will, zeig mir den Weg", sagte er zum Wildhüter.

"Aber, Herr Bürgermeister", sagte dieser, "Sie wissen sehr wohl, dass Stufen fehlen; wir würden riskieren, uns den Hals zu brechen."

"Was ist dann zu tun?"

"Ja, was ist zu tun?"

"Schicken Sie Ihren Hund", antwortete Petrus.

Der Hirte pfiff seinem Hund, zeigte ihm die Treppe, drängte ihn – aber er wollte die Risiken genauso wenig eingehen wie die anderen.

In diesem Moment kam dem Feldhüter eine glänzende Idee.

"Ha! Herr Bürgermeister", sagte er, "wenn Sie Ihr Gewehr drinnen abfeuern würden."

"Beim Wort", rief der andere, "Sie haben recht, wir werden zumindest einen Blick erhaschen."

Und ohne zu zögern näherte sich der würdige Mann der Treppe und legte sein Gewehr an.

Doch durch den akustischen Effekt, auf den ich bereits hingewiesen habe, hatte der Geist, der Plünderer, das Individuum, das sich tatsächlich in der Zisterne befand, alles gehört. Die Idee, einen Schuss zu stoppen, kam ihm nicht gerade amüsant vor, denn mit einer schrillen, durchdringenden Stimme rief er:

"Halt! Nicht schießen – ich komme."

Dann sahen sich die drei Funktionäre an und lachten leise, und der Bürgermeister, der sich wieder über die Öffnung beugte, rief grob:

"Mach schnell, du Schurke, oder ich schieße! Mach schnell!"

Er spannte sein Gewehr, und das Klicken schien den Aufstieg der mysteriösen Person zu beschleunigen; sie hörten, wie er einige Steine hinunterrollte. Dennoch dauerte es noch eine weitere Minute, bevor er erschien, da die Zisterne sechzig Fuß tief war.

Was machte dieser Mann in solch tiefer Dunkelheit? Er musste ein großer Verbrecher sein! So dachten zumindest Petrus Mauerer und seine Akolythen.

Endlich konnte man im Dunkeln eine vage Form erkennen, dann langsam, nach und nach, kam ein kleiner Mann, höchstens viereinhalb Fuß groß, gebrechlich, zerlumpt, das Gesicht verhärmt und gelb, das Auge glänzend wie das einer Elster und das Haar verwirrt, heraus und rief:

"Mit welchem Recht kommt ihr, um meine Studien zu stören, elende Kreaturen?"

Dieser grandiose Apostroph stimmte kaum mit seinem Kostüm und seiner Physiognomie überein. Entsprechend antwortete der Bürgermeister empört:

"Versuch zu zeigen, dass du ehrlich bist, du Schelm, oder ich werde damit beginnen, eine Zurechtweisung zu verabreichen."

"Eine Zurechtweisung!", sagte der kleine Mann, sprang vor Wut auf und richtete sich unter der Nase des Bürgermeisters auf.

"Ja", antwortete der andere, der jedoch nicht versäumte, den Mut des Pygmäen zu bewundern; "wenn du die Fragen nicht zufriedenstellend beantwortest, die ich dir stellen werde. Ich bin der Bürgermeister von Hirschwiller; hier sind der Feldhüter, der Hirte und sein Hund. Wir sind stärker als du – sei klug und sag mir friedlich, wer du bist, was du hier machst und warum du dich nicht bei hellem Tageslicht zu zeigen wagst. Dann werden wir sehen, was mit dir zu geschehen hat."

"All das geht dich nichts an", antwortete der kleine Mann mit seiner brüchigen Stimme. "Ich werde nicht antworten."

"In diesem Fall, vorwärts, marsch", befahl der Bürgermeister, der ihn fest am Nacken packte; "du wirst im Gefängnis schlafen."

Der kleine Mann wand sich wie ein Wiesel; er versuchte sogar zu beißen, und der Hund schnupperte an seinen Waden, als er, völlig erschöpft, nicht ohne eine gewisse Würde sagte:

"Lassen Sie los, mein Herr, ich ergebe mich der Übermacht – ich gehöre Ihnen!"

Der Bürgermeister, dem es nicht gänzlich an gutem Benehmen fehlte, wurde ruhiger.

"Versprichst du es?", sagte er.

"Ich verspreche es!"

"Sehr wohl – geh voran."

Und so kam es, dass der Bürgermeister in der Nacht des 29. Juli 1835 einen kleinen rothaarigen Mann gefangen nahm, der aus der Höhle von Geierstein hervorkam.

Bei der Ankunft in Hirschwiller eilte der Feldhüter, um den Schlüssel des Gefängnisses zu holen, und der Landstreicher wurde eingesperrt und doppelt verschlossen, den äußeren Riegel und das Vorhängeschloss nicht zu vergessen.

Jeder konnte sich nun von seinen Strapazen erholen, und Petrus Mauerer ging zu Bett und träumte bis Mitternacht von diesem sonderbaren Abenteuer.

Am nächsten Tag, gegen neun Uhr, begab sich Hans Goerner, der Feldhüter, nachdem ihm befohlen worden war, den Gefangenen für eine weitere Untersuchung zum Rathaus zu bringen, mit vier stämmigen Draufgängern zum kühlen Verlies. Sie öffneten die Tür, alle neugierig darauf, das Irrlicht zu betrachten. Aber stellen Sie sich ihr Erstaunen vor, als sie ihn mit seiner Krawatte an den Fenstergittern hängend sahen! Einige sagten, er habe sich noch gewunden; andere, er sei bereits steif gewesen. Wie dem auch sei, sie rannten zu Petrus Mauerers Haus, um ihn von der Tatsache in Kenntnis zu setzen, und was sicher ist, ist, dass der kleine Mann bei der Ankunft des Letzteren seinen letzten Atemzug getan hatte.

Der Friedensrichter und der Arzt von Hirschwiller nahmen die Katastrophe förmlich zu Protokoll; dann begruben sie den Unbekannten auf einer Wiese und das war das Ende!

Nun, etwa drei Wochen nach diesen Vorfällen, besuchte ich meinen Cousin Petrus Mauerer, dessen nächster Verwandter ich war und folglich sein Erbe. Dieser Umstand erhielt eine enge Bekanntschaft zwischen uns aufrecht. Wir waren beim Abendessen und sprachen über gleichgültige Dinge, als der Bürgermeister die vorangegangene kleine Geschichte erzählte, so wie ich sie gerade berichtet habe.

"Das ist seltsam, Cousin", sagte ich, "wirklich seltsam. Und du hast keine weiteren Informationen über den Unbekannten?"

"Keine."

"Und du hast nichts gefunden, das dir einen Hinweis auf seine Absichten geben könnte?"

"Absolut nichts, Christian."

"Aber was hat er eigentlich in der Zisterne gemacht? Wovon hat er gelebt?"

Der Bürgermeister zuckte mit den Schultern, füllte unsere Gläser wieder auf und antwortete mit:

"Auf dein Wohl, Cousin."

"Auf deines."

Wir schwiegen einige Minuten. Es war mir unmöglich, den abrupten Abschluss des Abenteuers zu akzeptieren, und ich dachte trotz meiner selbst mit einiger Melancholie an das traurige Schicksal gewisser Menschen, die wie das Gras auf dem Feld in dieser Welt erscheinen und verschwinden, ohne die geringste Erinnerung oder das geringste Bedauern zu hinterlassen.

"Cousin", fuhr ich fort, "wie weit mag es von hier zu den Ruinen von Geierstein sein?"

"Höchstens zwanzig Minuten zu Fuß. Warum?"

"Weil ich sie sehen möchte."

"Du weißt, dass wir eine Sitzung des Gemeinderats haben und dass ich dich nicht begleiten kann."

"Oh! Ich finde sie auch alleine."

"Nein, der Feldhüter wird dir den Weg zeigen; er hat nichts Besseres zu tun."

Und mein währhafter Cousin klopfte gegen sein Glas und rief seinen Diener:

"Katel, geh und finde Hans Goerner – er soll sich beeilen und bis zwei Uhr hier sein. Ich muss los."

Der Diener ging hinaus und der Feldhüter ließ nicht lange auf sich warten.

Er wurde angewiesen, mich zu den Ruinen zu führen.

Während der Bürgermeister gravitätisch zum Sitzungssaal des Gemeinderats schritt, stiegen wir bereits den Hügel hinauf. Hans Goerner deutete mit einer Handbewegung auf die Reste des Aquädukts. Im selben Moment nahmen die felsigen Rippen des Plateaus, die blauen Fernen des Hundsrücks, die traurigen, zerfallenden Mauern, bedeckt mit düsterem Efeu, das Läuten der Glocke von Hirschwiller, die die Honoratioren zur Ratsversammlung rief, der Feldhüter, der keuchend nach den Brombeersträuchern griff – in meinen Augen einen traurigen und ernsten Beigeschmack an, für den ich keine Erklärung fand: Es war die Geschichte des Gehängten, die die Aussicht in fahle Farben tauchte.

Die Zisternentreppe kam mir mit ihrer eleganten Spirale äußerst kurios vor. Die Büsche, die in den Spalten bei jedem Schritt hervorstachen, das verlassene Aussehen der Umgebung, alles harmonierte mit meiner Traurigkeit. Wir stiegen hinab, und bald sandte uns nur noch der leuchtende Punkt der Öffnung, der sich mehr und mehr zusammenzuziehen und die Form eines Sterns mit gebogenen Strahlen anzunehmen schien, sein fahles Licht. Als wir den Boden der Zisterne erreichten, bot sich uns ein herrlicher Anblick all dieser Stufen, die von oben beleuchtet wurden und ihre Schatten mit wunderbarer Präzision abgrenzten. Ich hörte dann das Summen, von dem ich bereits sprach: Die riesige Granitmuschel hatte so viele Echos wie Steine!

"Ist seit dem kleinen Mann niemand mehr hier unten gewesen?", fragte ich den Feldhüter.

"Nein, mein Herr. Die Bauern haben Angst. Sie bilden sich ein, dass der Gehängte zurückkehren wird."

"Und du?"

"Ich – oh, ich bin nicht neugierig."

"Aber der Friedensrichter? Seine Pflicht war es doch, zu –"

"Ha! Was hätte er denn am Eulenohr zu suchen gehabt?"

"Sie nennen das hier das Eulenohr?"

"Ja."

"Das kommt ziemlich gut hin", sagte ich und hob die Augen. "Dieses umgekehrte Gewölbe bildet den Pavillon ganz gut; die Unterseite der Stufen bildet die Abdeckung des Tympanons, und die Windung der Treppe die Cochlea, das Labyrinth und das Vestibül des Ohrs. Das ist die Ursache des Murmelns, das wir hören: Wir befinden uns im hinteren Teil eines kolossalen Ohrs."

"Das ist sehr wahrscheinlich", sagte Hans Goerner, der meine Beobachtungen nicht verstanden zu haben schien.

Wir machten uns wieder auf den Weg nach oben, und ich hatte die ersten Stufen erstiegen, als ich spürte, wie etwas unter meinem Fuß zerbrach; ich blieb stehen, um zu sehen, was es sein könnte, und bemerkte in diesem Moment ein weißes Objekt vor mir. Es war ein zerrissenes Blatt Papier. Was das harte Objekt betraf, das ich hatte zermalmen spüren, so erkannte ich es als eine Art glasierte Tonkrugscherbe.

"Aha!", sagte ich zu mir selbst; "das könnte die Geschichte des Bürgermeisters aufklären."

Ich schloss mich Hans Goerner an, der nun am Rande der Grube auf mich wartete.

"Nun, mein Herr", rief er, "wohin möchten Sie gehen?"

"Setzen wir uns erst einmal ein wenig. Wir werden gleich sehen."

Ich setzte mich auf einen großen Stein, während der Feldhüter seine Falkenaugen über das Dorf schweifen ließ, um zu sehen, ob sich zufällig unbefugte Personen in den Gärten befanden. Ich untersuchte sorgfältig die glasierte Vase, von der nur noch Splitter übrig waren. Diese Fragmente hatten das Aussehen eines mit Wolle ausgekleideten Trichters. Es war mir unmöglich, ihren Zweck zu erkennen. Dann las ich das Stück eines Briefes, der in einer lockeren, flüssigen und festen Handschrift geschrieben war. Ich schreibe ihn hier unten, Wort für Wort, ab. Er scheint auf die andere Hälfte des Blattes zu folgen, nach der ich vergebens in der ganzen Ruine suchte:

"Mein mikra-akustisches Hörrohr hat somit den doppelten Vorteil, die Intensität der Töne unendlich zu vervielfältigen und sie in das Ohr einzuführen, ohne dem Beobachter die geringste Unannehmlichkeit zu bereiten. Sie hätten sich niemals vorstellen können, lieber Meister, welchen Charme man empfindet, wenn man diese Tausenden von unmerklichen Geräuschen wahrnimmt, die an einem schönen Sommertag in einem riesigen Murmeln verschmelzen. Die Hummel hat ihren Gesang ebenso wie die Nachtigall, die Honigbiene ist der Sänger der Moose, die Grille ist die Lerche des hohen Grases, die Made ist der Zaunkönig – sie hat nur ein Seufzen, aber das Seufzen ist melodisch!

Diese Entdeckung übertrifft unter dem Gesichtspunkt des Gefühls, das uns im universellen Leben leben lässt, an Bedeutung alles, was ich dazu sagen könnte.

Nach so viel Leid, Entbehrungen und Müdigkeit, wie glücklich macht es, die Früchte all seiner Arbeit zu ernten! Wie die Seele zum göttlichen Urheber all dieser mikroskopischen Welten aufsteigt, deren Pracht uns offenbart wird! Wo sind nun die langen Stunden der Angst, des Hungers, der Verachtung, die uns zuvor überwältigten? Vorbei, mein Herr, vorbei! Tränen der Dankbarkeit benetzen unsere Augen. Man ist stolz darauf, durch Leiden neue Freuden für die Menschheit errungen und zu ihrer geistigen Entwicklung beigetragen zu haben. Aber wie groß, wie bewundernswert auch immer die ersten Früchte meines mikra-akustischen Hörrohrs sein mögen, sie begrenzen nicht dessen Vorteile. Es gibt positivere, materiellere, die sich in Zahlen ausdrücken lassen.

Genau wie das Teleskop zur Entdeckung von Myriaden von Welten führte, die ihre harmonischen Revolutionen im unendlichen Raum vollziehen – so wird auch mein mikra-akustisches Hörrohr den Sinn für das Unhörbare über alle möglichen Grenzen hinaus erweitern. So werden mich, mein Herr, die Zirkulation des Blutes und der Flüssigkeiten des Körpers nicht aufhalten; Sie werden sie mit der Ungestümheit von Wasserfällen fließen hören; Sie werden sie so deutlich wahrnehmen, dass es Sie erschrecken wird; die geringste Unregelmäßigkeit des Pulses, das kleinste Hindernis, ist frappierend und erzeugt die gleiche Wirkung wie ein Fels, gegen den die Wellen eines Wildbachs prallen!

Es ist zweifellos ein immenser Sieg in der Entwicklung unseres Wissens über Physiologie und Pathologie, aber das ist nicht der Punkt, den ich betonen möchte. Wenn Sie Ihr Ohr auf den Boden legen, mein Herr, können Sie die Mineralquellen in unermesslichen Tiefen entspringen hören; Sie können ihr Volumen, ihre Strömungen und die Hindernisse, auf die sie treffen, beurteilen!

Wollen Sie weiter gehen? Betreten Sie ein unterirdisches Gewölbe, das so konstruiert ist, dass es eine Menge lauter Geräusche sammelt; dann hören Sie nachts, wenn die Welt schläft, wenn nichts mit den inneren Geräuschen unseres Erdballs verwechselt wird – hören Sie zu!

Mein Herr, alles, was ich Ihnen im gegenwärtigen Moment sagen kann – denn inmitten meines tiefen Elends, meiner Entbehrungen und oft meiner Verzweiflung bleiben mir nur wenige lichte Augenblicke, um meine geologischen Beobachtungen zu verfolgen – alles, was ich bestätigen kann, ist, dass das Brodeln der Glühwürmchen, die Explosionen siedender Flüssigkeiten, etwas Erschreckendes und Erhabenes ist, das nur mit dem Eindruck des Astronomen verglichen werden kann, dessen Glas Tiefen von grenzenlosem Ausmaß auslotet.

Dennoch muss ich gestehen, dass diese Eindrücke weiter studiert und methodisch klassifiziert werden sollten, damit daraus endgültige Schlüsse gezogen werden können. Ebenso, sobald Sie geruht haben werden, lieber und edler Meister, die kleine Summe für die Verwendung in Neustadt zu übermitteln, wie ich erbat, um meine ersten Bedürfnisse zu befriedigen, werden wir sehen, wie wir zu einer Verständigung hinsichtlich der Einrichtung von drei großen unterirdischen Observatorien gelangen können, eines im Tal von Catania, ein anderes in Island, dann ein drittes in Capac-Uren, Songay oder Cayembé-Uren, dem tiefsten der Kordilleren, und folglich..."

Hier brach der Brief ab.

Ich ließ meine Hände fassungslos sinken. Hatte ich die Konzeptionen eines Idioten gelesen – oder die Inspirationen eines Genies, die verwirklicht worden waren? Was soll ich sagen? Was soll ich denken? Dieser Mann also, dieses elende Geschöpf, das am Boden eines Baus wie ein Fuchs lebte, vor Hunger starb, hatte vielleicht eine jener Inspirationen gehabt, die das Höchste Wesen auf die Erde sendet, um zukünftige Generationen zu erleuchten!

Und dieser Mann hatte sich aus Abscheu und Verzweiflung erhängt! Niemand hatte auf sein Flehen geantwortet, obwohl er nur um eine Kruste Brot im Austausch für seine Entdeckung bat. Es war schrecklich. Lange, lange saß ich da und träumte, dankte dem Himmel dafür, meine Intelligenz auf die Bedürfnisse des gewöhnlichen Lebens begrenzt zu haben – dafür, nicht den Wunsch gehabt zu haben, mich zu einem überlegenen Menschen in der Gemeinschaft der Märtyrer zu machen. Schließlich nahm es der Feldhüter, der mich mit festem Blick und offenem Mund sah, als Wagnis, mich an der Schulter zu berühren.

"Herr Christian", sagte er, "sehen Sie – es wird spät – der Bürgermeister muss von der Ratssitzung zurückgekommen sein."

"Ha! Das stimmt", rief ich und zerknüllte das Papier, "kommen Sie."

Wir stiegen den Hügel hinab.

Mein währhafter Cousin begegnete mir mit lächelndem Gesicht an der Schwelle seines Hauses.

"Nun! Nun, Christian, hast du also keine Spur von dem Schwachkopf gefunden, der sich erhängt hat?"

"Nein."

"Das dachte ich mir. Er war irgendein Verrückter, der aus Stefansfeld oder von irgendwoher entkommen war – Bei Gott, er hat gut daran getan, sich aufzuhängen. Wenn man zu nichts nütze ist, ist das der einfachste Weg."

Am folgenden Tag verließ ich Hirschwiller. Ich werde niemals zurückkehren.

Das unsichtbare Auge

Um diese Zeit (sagte Christian), arm wie eine Kirchenmaus, suchte ich Zuflucht im Dachgeschoss eines alten Hauses in der Minnesängerstraße in Nürnberg und baute mein Nest in der Ecke der Bodenkammer.

Ich war gezwungen, über meinem Strohlager zu arbeiten, um das Fenster zu erreichen, aber dieses Fenster befand sich im Giebel, und die Aussicht von dort war großartig, da sich sowohl Stadt als auch Land vor mir ausbreiteten.

Ich konnte die Katzen sehen, die gravitätisch in den Dachrinnen spazierten; die Störche, deren Schnäbel mit Fröschen gefüllt waren, die ihren gefräßigen Jungen Nahrung brachten; die Tauben, die aus ihren Schlägen sprangen, die Schwänze wie Fächer ausgebreitet, und über den Straßen schwebten.

Am Abend, wenn die Glocken die Welt zum Angelus riefen, lauschte ich mit den Ellbogen auf dem Rand des Daches ihrem melancholischen Geläut; ich beobachtete die Fenster, wie sie eines nach dem anderen beleuchtet wurden; die braven Bürger, die ihre Pfeifen auf den Gehwegen rauchten; die jungen Mädchen in ihren roten Röcken, mit ihren Krügen unter den Armen, lachend und plaudernd um den Brunnen "Sankt Sebalt". Unmerklich verblasste dies alles, die Fledermäuse begannen ihren schnellen Lauf, und ich zog mich in süßem Frieden und in Ruhe auf meine Matratze zurück.

Der alte Kuriositätenhändler Toubac kannte den Weg zu meiner kleinen Bleibe genauso gut wie ich und hatte keine Angst, die Leiter hinaufzusteigen. Jede Woche hob sein hässliches Gesicht, geschmückt mit einer rötlichen Mütze, die Falltür, seine Finger griffen den Rand, und er rief mit nasaler Stimme:

"Nun, nun, Meister Christian, hast du etwas?"

Worauf ich antwortete:

"Komm herein. Warum zum Teufel kommst du nicht rein? Ich bin gerade dabei, eine kleine Landschaft fertigzustellen, und du musst mir sagen, was du davon hältst."

Dann erhob sich sein großer Rücken, der sich zu verlängern schien, bis zum Dach, und der gute Mann lachte lautlos.

Ich muss Toubac Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er feilschte nie mit mir über Preise; er kaufte alle meine Gemälde für fünfzehn Gulden, eines wie das andere, und verkaufte sie für je vierzig wieder. "Das war ein ehrlicher Jude!"

Ich begann, Gefallen an dieser Art der Existenz zu finden und ihr Tag für Tag neue Reize abzugewinnen.

Gerade zu dieser Zeit wurde die Stadt Nürnberg durch ein seltsames und geheimnisvolles Ereignis bewegt. Nicht weit von meinem Dachfenster, ein wenig nach links, stand das Gasthaus Boeuf-Gras, eine alte Herberge, die im ganzen Land sehr geschätzt wurde. Drei oder vier Wagen, beladen mit Säcken oder Fässern, standen immer vor der Tür, wo die bäuerlichen Fuhrmänner auf dem Weg zum Markt gewöhnlich anhielten, um ihren Morgenschluck Wein zu nehmen.

Der Giebel des Gasthauses zeichnete sich durch seine eigentümliche Form aus. Er war sehr schmal, spitz und an zwei Seiten zackig geschnitten, wie eine Säge. Die Schnitzereien waren seltsam grotesk, ineinander verschlungen und verzierten die Gesimse und umgaben die Fenster; aber die bemerkenswerteste Tatsache war, dass das gegenüberliegende Haus genau dieselben Skulpturen, dieselben Ornamente wiedergab; sogar das Wirtshausschild, mit seinem Pfosten und der eisernen Spirale, war exakt kopiert.

Man hätte meinen können, dass diese beiden alten Häuser einander spiegelten. Hinter dem Gasthaus befand sich jedoch eine große alte Eiche, deren düstere Blätter die Steine des Daches verdunkelten, während sich das andere Haus scharf gegen den Himmel abhob. Um die Beschreibung zu vervollständigen, war dieses alte Gebäude so still und trostlos, wie das Gasthaus Boeuf-Gras laut und belebt war.

Auf der einen Seite ging eine Menge fröhlicher Trinker ständig ein und aus, sang, trippelte, ließ ihre Peitschen knallen; auf der anderen herrschte tiefe Stille.

Vielleicht schien sich die schwere Tür ein- oder zweimal am Tag von selbst zu öffnen, um einer kleinen alten Frau den Ausgang zu ermöglichen, mit einem Rücken, der fast einen Halbkreis bildete, einem Kleid, das eng um ihre Hüften saß, einem riesigen Korb an ihrem Arm und einer Hand, die sich gegen ihre Brust krampfte.

Es schien mir, dass ich auf einen Blick, als ich sie betrachtete, ein ganzes Dasein von guten Werken und frommen Betrachtungen sah.

Die Physiognomie dieser alten Frau hatte mich mehr als einmal beeindruckt: ihre kleinen grünen Augen, die lange, dünne Nase, die riesigen Blumensträuße auf ihrem Tuch, das mindestens hundert Jahre alt sein musste, das verwelkte Lächeln, das ihre Wangen zu einer Kokarde zusammenzog, die Spitze ihrer Haube, die bis zu ihren Augenbrauen herabhing – all das war fantastisch und interessierte mich sehr. Warum lebte diese alte Frau in diesem großen, verlassenen Haus? Ich wollte das Geheimnis erforschen.

Eines Tages, als ich auf der Straße stehen blieb und ihr mit den Augen folgte, drehte sie sich plötzlich um und warf mir einen Blick zu, dessen schrecklichen Ausdruck ich nicht zu malen weiß; sie machte drei oder vier scheußliche Fratzen und ließ dann, ihren gelähmten Kopf auf ihre Brust sinken lassend, ihren großen Schal eng um sich ziehen und schritt langsam auf die schwere Tür zu, hinter der ich sie verschwinden sah.

"Sie ist eine alte Närrin!", sagte ich zu mir selbst, in einer Art Erstarrung. Meiner Treu, es war der Gipfel der Torheit von mir, mich für sie zu interessieren!

Wie dem auch sei, ich würde ihre Fratze gerne noch einmal sehen; der alte Toubac würde mir gerne fünfzehn Gulden geben, wenn ich sie für ihn malen könnte.

Ich muss gestehen, dass mich diese Scherze nicht vollständig beruhigten.

Der scheußliche Blick, den mir die alte Hexe zugeworfen hatte, verfolgte mich überall. Mehr als einmal, als ich die fast senkrechte Leiter zu meinem Dachboden hinaufstieg und fühlte, wie sich meine Kleidung an einer Stelle verfing, zitterte ich von Kopf bis Fuß, in der Vorstellung, die alte Ausgestoßene klammere sich an meine Rockschöße, um mich zu vernichten.

Toubac, dem ich dieses Abenteuer erzählte, war weit davon entfernt, darüber zu lachen; im Gegenteil, er nahm eine ernste und feierliche Miene an.

"Meister Christian", sagte er, "wenn die alte Frau dich will, nimm dich in Acht! Ihre Zähne sind klein, spitz und von wunderbarer Weiße, und das ist in ihrem Alter nicht natürlich. Sie hat ein 'böses Auge'. Kinder fliehen vor ihr, und die Leute von Nürnberg nennen sie 'Fledermausse'."

Ich bewunderte den klaren, klugen Verstand des Juden, und seine Worte gaben mir zu denken.

Mehrere Wochen vergingen, während derer ich Fledermausse oft begegnete, ohne dass es zu alarmierenden Folgen kam. Meine Ängste lösten sich auf, und ich dachte nicht mehr an sie.

Aber ein Abend kam, an dem ich, während ich sehr fest schlief, von einer seltsamen Harmonie geweckt wurde. Es war eine Art Vibration, so süß, so melodisch, dass das Flüstern der Brise in den Blättern nur eine vage Vorstellung von ihrem Reiz geben kann.

Lange Zeit lauschte ich aufmerksam, mit weit geöffneten Augen, und hielt den Atem an, um keine Note zu verlieren. Schließlich blickte ich zum Fenster und sah zwei Flügel gegen das Glas flattern. Ich dachte zuerst, es sei eine Fledermaus, die sich in meinem Zimmer verfangen hatte; aber als der Mond in diesem Augenblick aufging, sah ich die Flügel eines prächtigen Nachtfalters auf seiner leuchtenden Scheibe abgebildet. Ihre Schwingungen waren oft so schnell, dass sie nicht unterschieden werden konnten; dann ruhten sie, ausgebreitet auf dem Glas, und ihre zerbrechlichen Fasern kamen wieder zum Vorschein.

Diese neblige Erscheinung, die inmitten der allgemeinen Stille kam, öffnete mein Herz für alle süßen Gefühle. Es schien mir, dass eine luftige Sylphe, von einer Ahnung meiner Einsamkeit berührt, mich besucht hatte, und diese Vorstellung rührte mich fast zu Tränen.

"Sei ruhig, süße Gefangene, sei ruhig", sagte ich; "dein Vertrauen soll nicht missbraucht werden. Ich werde dich nicht gegen deinen Willen festhalten. Kehr zurück zum Himmel und zur Freiheit." Dann öffnete ich mein kleines Fenster. Die Nacht war ruhig, und Millionen von Sternen funkelten am Himmel. Einen Moment lang betrachtete ich dieses erhabene Schauspiel, und Worte des Gebets und des Lobpreises kamen mir ganz natürlich über die Lippen; aber urteilen Sie über mein Erstaunen, als ich die Augen senkte und einen Mann sah, der am Querbalken des Schildes des Boeuf-Gras hing, das Haar zerzaust, die Arme steif, die Beine zu einem Punkt verlängert, und der seine gigantischen Schatten bis auf die Straße warf!

Die Unbeweglichkeit dieser Gestalt unter den Strahlen des Mondes war schrecklich. Ich fühlte, wie meine Zunge erstarrte, meine Zähne aufeinanderbissen. Ich war im Begriff, vor Entsetzen aufzuschreien, als mein Blick durch eine unbegreifliche, geheimnisvolle Anziehungskraft nach unten fiel und ich verschwommen die alte Frau unterschied, die an ihrem Fenster inmitten dunkler Schatten kauerte und den Toten mit einer Miene diabolischer Zufriedenheit betrachtete.

Dann überkam mich ein Schwindel des Entsetzens. Alle meine Kräfte verließen mich, und als ich zur Wand meines Dachbodens zurückwich, sank ich zusammen und wurde besinnungslos.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Schlaf des Todes andauerte. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, sah ich, dass es heller Tag war. Die Nebel der Nacht waren bis in meine Mansarde gedrungen und hatten ihren frischen Tau auf meinem Haar abgelagert, und das wirre Gemurmel der Straße stieg zu meiner kleinen Behausung empor. Ich schaute hinaus. Der Bürgermeister und sein Sekretär standen an der Tür des Gasthofs und blieben dort lange Zeit; Scharen von Menschen kamen und gingen, hielten inne, um hineinzusehen, und setzten dann ihren Weg fort. Die braven Frauen aus der Nachbarschaft, die vor ihren Türen kehrten, schauten aus der Ferne zu und unterhielten sich ernst miteinander.

Endlich kam eine Bahre aus dem Gasthof, und auf dieser Bahre ein Körper, der mit einem Leinentuch bedeckt war, getragen von zwei Männern. Sie stiegen auf die Straße hinab, und die Kinder, die auf dem Weg zur Schule waren, liefen hinter ihnen her.

Alle Leute wichen zurück, während sie vorwärtsschritten.

Das Fenster gegenüber war noch immer offen; das Ende eines Seils schwebte vom Querbalken herab.

Ich hatte nicht geträumt. Ich hatte tatsächlich den Nachtfalter gesehen; ich hatte den Gehängten gesehen, und ich hatte Fledermausse gesehen.

An jenem Tag stattete mir Toubac einen Besuch ab, und als seine große Nase in Höhe des Bodens erschien, rief er aus:

„Meister Christian, haben Sie nichts zu verkaufen?“

Ich hörte ihn nicht. Ich saß auf meinem einzigen Stuhl, die Hände auf meine Knie gefaltet und die Augen starr vor mich gerichtet.

Toubac, überrascht von meiner Unaufmerksamkeit, wiederholte mit lauterer Stimme:

„Meister Christian, Meister Christian!“ Dann stieg er über die Schwelle, trat vor und schlug mir auf die Schulter.

„Nun, nun, was ist denn los?“

„Ah, sind Sie es, Toubac?“

„Eh, parbleu! Ich sollte es meinen; sind Sie krank?“

„Nein, ich denke nur nach.“

„Worüber denken Sie beim Teufel nach?“

„Über den Mann, der gehängt wurde.“

„Oh, oh!“, rief der Kuriositätenhändler. „Sie haben ihn also gesehen? Der arme Junge! Was für eine sonderbare Geschichte! Der dritte an derselben Stelle.“

„Wie – der dritte?“

„Ah, ja! Ich hätte Sie warnen sollen; aber es ist noch nicht zu spät. Es wird sicherlich einen vierten geben, der dem Beispiel der anderen folgen wird. Il n'y a que le premier pas qui coûte.“

Während er dies sagte, nahm Toubac auf der Ecke meiner Truhe Platz, schlug seine Streichholzschachtel an, zündete seine Pfeife an und blies mit nachdenklicher Miene drei oder vier kräftige Rauchwolken aus.

„Mein Treu“, sagte er, „ich bin nicht furchtsam; aber wenn ich die volle Erlaubnis hätte, die Nacht in dieser Kammer zu verbringen, würde ich es sehr vorziehen, anderswo zu schlafen.

Hören Sie, Meister Christian. Vor neun oder zehn Monaten stieg ein braver Mann aus Tübingen, ein Großhändler für Pelze, im Gasthof Boeuf-Gras ab. Er verlangte nach dem Abendessen; er aß gut; er trank gut; und wurde schließlich in jenes Zimmer im dritten Stock geführt – es wird das Grüne Zimmer genannt. Nun, am nächsten Morgen fand man ihn am Querbalken des Wirtshausschildes hängend.

Nun, das mochte für einmal angehen; da gab es nichts zu sagen.

Jede ordnungsgemäße Untersuchung wurde angestellt, und der Fremde wurde am Ende des Gartens beerdigt. Aber, sehen Sie, etwa sechs Monate später traf ein braver Soldat aus Neustadt ein; er hatte seinen endgültigen Abschied erhalten und freute sich bei dem Gedanken, in sein Heimatdorf zurückzukehren. Den ganzen Abend über, während er seine Weingläser leerte, sprach er voller Zuneigung von seiner kleinen Cousine, die darauf wartete, ihn zu heiraten. Endlich wurde dieser große Monsieur auf sein Zimmer geführt – das Grüne Zimmer – und in derselben Nacht bemerkte der Nachtwächter, der die Straße Minnesänger hinunterging, etwas, das am Querbalken hing; er hob seine Laterne, und siehe da! Es war der Soldat, mit seinem endgültigen Abschied in einer Schleife an seiner linken Hüfte und seinen Händen, die an der Naht seiner Hose zusammengenommen waren, als ob er auf Parade stünde.

‚Wahrlich, das ist außergewöhnlich!‘, rief der Bürgermeister; ‚da hat der Teufel seine Hände im Spiel.‘ Nun, die Kammer wurde viel besucht; die Wände wurden neu verputzt, und der Tote wurde nach Neustadt geschickt.

Der Standesbeamte schrieb diese Randbemerkung:

‚Gestorben an Schlaganfall.‘

Ganz Nürnberg war empört gegen den Gastwirt. Es gab in der Tat viele, die ihn zwingen wollten, seinen eisernen Querbalken abzunehmen, unter dem Vorwand, dass er den Menschen gefährliche Ideen einflöße; aber Sie können mir glauben, dass der alte Michael Schmidt sich für diesen Vorschlag nicht empfänglich zeigte.

‚Dieser Querbalken‘, sagte er, ‚wurde hier von meinem Großvater angebracht; er trägt das Schild des Boeuf-Gras seit einhundertfünfzig Jahren, von Vater zu Sohn; er schadet niemandem, nicht einmal den Heuwagen, die darunter durchfahren, denn er ist dreißig Fuß über ihnen. Wer ihn nicht mag, kann den Kopf zur Seite wenden und ihn nicht ansehen.‘

Nun, allmählich beruhigte sich die Stadt, und mehrere Monate lang erschütterte sie kein neues Ereignis. Unglücklicherweise kehrte ein Student aus Heidelberg, der zur Universität zurückkehrte, vorgestern im Gasthof Boeuf-Gras ein und bat um Unterkunft. Er war der Sohn eines Dieners des Evangeliums.

Wie konnte irgendjemand annehmen, dass der Sohn eines Pastors auf die Idee kommen könnte, sich am Querbalken eines Wirtshausschildes aufzuhängen, weil ein großer Monsieur und ein alter Soldat dies getan hatten? Wir müssen zugeben, Meister Christian, dass die Sache nicht wahrscheinlich war; diese Gründe wären mir oder Ihnen nicht ausreichend erschienen.“

„Genug, genug!“, rief ich; „das ist zu schrecklich! Ich sehe ein furchtbares Geheimnis, das in all dem steckt. Es ist nicht der Querbalken; es ist nicht das Zimmer –“

„Was! Verdächtigen Sie den Gastwirt, den ehrlichsten Mann der Welt, der zu einer der ältesten Familien in Nürnberg gehört?“

„Nein, nein; Gott bewahre mich davor, ungerechten Verdächtigungen nachzugehen! Aber vor mir tut sich ein Abgrund auf, in den ich kaum zu blicken wage.“

„Sie haben recht“, sagte Toubac, erstaunt über die Heftigkeit meiner Erregung. „Wir wollen von anderen Dingen sprechen. Apropos, Meister Christian, wo ist unsere Landschaft von ‚Saint Odille‘?“

Diese Frage brachte mich zurück in die Welt der Realitäten. Ich zeigte dem alten Mann das Gemälde, das ich gerade fertiggestellt hatte. Die Angelegenheit war bald abgeschlossen, und Toubac, sehr zufrieden, stieg die Leiter hinab und flehte mich an, nicht mehr an den Studenten aus Heidelberg zu denken.

Ich hätte den Rat meines guten Freundes gerne befolgt; aber wenn sich der Teufel erst einmal in unsere Angelegenheiten einmischt, ist es nicht leicht, sich seiner zu entledigen.

In meinen einsamen Stunden spielten sich all diese Ereignisse mit furchtbarer Deutlichkeit in meinem Geist ab.

„Diese alte Elende“, sagte ich mir, „ist die Ursache von alledem; sie allein hat diese Verbrechen erdacht und vollzogen. Aber mit welchen Mitteln? Hat sie allein auf List zurückgegriffen, oder hat sie die Intervention unsichtbarer Mächte erlangt?“ Ich schritt in meinem Versteck auf und ab. Eine innere Stimme rief: „Nicht umsonst hat die Vorsehung es dir gestattet, Fledermausse zu sehen, wie sie die Qualen ihres Opfers betrachtete. Nicht umsonst kam die Seele des armen jungen Mannes in Gestalt eines Nachtfalters, um dich zu wecken. Nein, nein; all dies war nicht zufällig, Christian. Der Himmel legt dir eine schreckliche Mission auf. Wenn du sie nicht erfüllst, dann zittere, dass du selbst in die Hände der alten Mörderin fällst! Vielleicht bereitet sie in diesem Augenblick im Dunkeln ihre Schlingen vor.“

Während mehrerer Tage verfolgten mich diese scheußlichen Bilder ohne Unterlass. Ich verlor meinen Schlaf; es war mir unmöglich, irgendetwas zu tun; mein Pinsel fiel mir aus der Hand; und, schrecklich zu bekennen, ich ertappte mich manchmal dabei, wie ich mit einer Art von Gefälligkeit den Querbalken betrachtete. Endlich konnte ich es nicht mehr ertragen, und eines Abends stieg ich die Leiter hinab und versteckte mich hinter der Tür von Fledermausse, in der Hoffnung, ihr fatales Geheimnis zu überraschen.

Von da an verging kein Tag, an dem ich nicht unterwegs war, der alten Elenden folgte, sie beobachtete, ausspionierte, sie nie aus den Augen verlor; aber sie war so schlau, hatte einen so feinen Geruch, dass sie, ohne auch nur den Kopf zu drehen, wusste, dass ich hinter ihr war.

Dennoch tat sie so, als bemerke sie dies nicht; sie ging zum Markt, zum Metzger, wie jede brave, einfache Frau, nur dass sie ihre Schritte beschleunigte und wirre Worte murmelte.

Gegen Ende des Monats sah ich, dass es mir unmöglich war, mein Ziel auf diese Weise zu erreichen, und diese Überzeugung machte mich unsagbar traurig.

„Was kann ich tun?“, sagte ich mir. „Die alte Frau errät meine Pläne; sie ist auf der Hut; jede Hoffnung verlässt mich. Ah! alte Hexe, du glaubst wohl, mich schon am Ende deines Seils zu sehen.“ Ich stellte mir ständig diese Frage: „Was kann ich tun? was kann ich tun?“ Endlich kam mir eine leuchtende Idee. Meine Kammer lag über dem Haus von Fledermausse; aber es gab auf dieser Seite kein Fenster. Ich hob geschickt einen Schieferstein an, und keine Feder könnte meine Freude beschreiben, als das ganze alte Gebäude so vor mir enthüllt wurde. „Endlich habe ich dich!“, rief ich; „du kannst mir jetzt nicht mehr entkommen; von hier aus kann ich alles sehen, was vorgeht – deine Gänge, deine Kommen, deine Künste und Schlingen. Du wirst dieses unsichtbare Auge nicht vermuten – dieses wache Auge, das das Verbrechen im Moment seines Aufblühens überraschen wird. Oh, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit! Sie schreitet langsam; aber sie kommt an.“

Nichts konnte düsterer sein als das Versteck, das sich nun vor mir ausbreitete – ein großer Innenhof, dessen große Steinplatten mit Moos bedeckt waren; in einer Ecke ein Brunnen, bei dessen stehendem Wasser man schauderte; eine Treppe, bedeckt mit alten Muschelschalen; am anderen Ende eine Galerie mit hölzerner Balustrade, an der etwas altes Leinen und das Inlett einer alten Strohmatratze hingen; im ersten Stock, zur Linken, deutete die steinerne Abdeckung eines Abwasserkanals auf die Küche hin; zur Rechten blickten die hohen Fenster des Gebäudes auf die Straße; dann ein paar Töpfe mit trockenen, welken Blumen – alles war rissig, düster, feucht. Nur ein oder zwei Stunden am Tag konnte die Sonne diesen scheußlichen Ort durchdringen; danach ergriffen die Schatten Besitz; dann fiel der Sonnenschein auf die verrückten Wände, den wurmstichigen Balkon, das stumpfe und angelaufene Glas und auf den Wirbel von Atomen, die in ihren goldenen Strahlen schwebten, von keinem Hauch Luft gestört.

Ich hatte diese Beobachtungen und Reflexionen kaum beendet, als die alte Frau eintrat, gerade vom Markt zurückgekehrt. Ich hörte das Quietschen ihrer schweren Tür. Dann erschien sie mit ihrem Korb. Sie schien ermüdet – fast außer Atem. Die Spitze ihrer Haube fiel ihr auf die Nase. Mit einer Hand ergriff sie das Geländer und stieg die Treppe hinauf.

Die Hitze war unerträglich, erstickend; es war genau einer jener Tage, an denen alle Insekten – Grillen, Spinnen, Mücken usw. – alte Ruinen mit ihren seltsamen Geräuschen zum Erklingen bringen.

Fledermausse überquerte die Galerie langsam, wie ein altes Frettchen, das sich zu Hause fühlt. Sie blieb mehr als eine Viertelstunde in der Küche, kehrte dann zurück, breitete ihr Leinen aus, nahm den Besen und fegte einige Strohhalme auf dem Boden weg. Endlich hob sie den Kopf und wandte ihre kleinen grünen Augen in jede Richtung, suchend, sorgfältig untersuchend.

Konnte sie durch irgendeine seltsame Intuition etwas ahnen? Ich weiß es nicht; aber ich ließ den Schieferstein vorsichtig herunter und gab meine Beobachtung für diesen Tag auf.

Am Morgen erschien Fledermausse beruhigt. Ein Winkel Licht fiel auf die Galerie. Im Vorbeigehen fing sie eine Fliege im Flug und präsentierte sie zart einer Spinne, die sich in einer Ecke des Daches niedergelassen hatte. Diese Spinne war so aufgebläht, dass ich sie trotz der Entfernung von Runde zu Runde herabsteigen sah, dann an einem feinen Netz entlanggleiten, wie ein Tropfen Gift, ihre Beute aus den Händen der alten Hexe ergreifen und schnell wieder hinaufsteigen sah. Fledermausse betrachtete sie sehr aufmerksam, mit halb geschlossenen Augen; dann nieste sie und sagte zu sich selbst mit höhnischem Ton: „Gott segne dich, Schöne; Gott segne dich!“

Ich beobachtete sechs Wochen lang und konnte nichts über die Macht von Fledermausse entdecken. Manchmal saß sie auf einem Hocker und schälte ihre Kartoffeln, dann hängte sie ihr Leinen auf das Geländer.

Manchmal sah ich sie spinnen; aber sie sang nie, wie brave, gute alte Frauen es zu tun pflegen, deren zitternde Stimmen sich gut mit dem Summen des Rades vermischen.

Tiefe Stille herrschte immer um sie herum; sie hatte keine Katze – diese geschätzte Gesellschaft alter Frauen – nicht einmal ein Spatz kam, um unter ihrem Dach zu ruhen. Es schien, als ob die ganze belebte Natur vor ihrem Blick zurückwich. Die aufgeblähte Spinne allein erfreute sich ihrer Gesellschaft.

Ich kann jetzt nicht begreifen, wie meine Geduld diese langen Stunden der Beobachtung ertragen konnte: nichts entging mir; nichts war eine Sache der Gleichgültigkeit. Beim leisesten Geräusch hob ich meinen Schieferstein; meine Neugier war grenzenlos, unersättlich.

Toubac beschwerte sich sehr.

„Meister Christian“, sagte er, „wie in aller Welt vertreiben Sie sich die Zeit? Früher haben Sie jede Woche etwas für mich gemalt; jetzt werden Sie nicht einmal in einem Monat mit einem Stück fertig. Oh, ihr Maler! ‚Faul wie ein Maler‘ ist ein gutes, weises Sprichwort. Sobald ihr ein paar Kreuzer besitzt, steckt ihr die Hände in die Taschen und geht schlafen!“

Ich gestehe, dass ich begann, den Mut zu verlieren – ich hatte beobachtet, spioniert und nichts entdeckt. Ich sagte mir, dass die alte Frau nicht so gefährlich sein könne, wie ich vermutet hatte; dass ich ihr vielleicht durch meine Verdächtigungen Unrecht getan hatte; kurz gesagt, ich begann, Entschuldigungen für sie zu finden. An einem schönen Nachmittag, mit dem Auge an meinem Beobachtungsposten fixiert, gab ich mich diesen wohlwollenden Reflexionen hin, als sich plötzlich die Szene änderte: Fledermausse durchquerte die Galerie mit der Schnelligkeit eines Blitzes. Sie war nicht mehr dieselbe Person; sie war aufrecht, ihre Kiefer waren zusammengepresst, ihr Blick starr, ihr Hals gestreckt; sie schritt mit großen Schritten, ihre grauen Locken flatterten hinter ihr.

„Oh, endlich“, sagte ich mir, „etwas kommt, Achtung!“ Aber, ach! die Schatten des Abends senkten sich auf das alte Gebäude, die Geräusche der Stadt erloschen, und Stille herrschte.

Ermüdet und enttäuscht legte ich mich auf mein Bett, als ich, meine Augen in Richtung meines Dachfensters werfend, sah, dass das Zimmer gegenüber erleuchtet war. So! ein Reisender bewohnte das Grüne Zimmer – tödlich für Fremde.

Nun waren alle meine Ängste wieder erwacht; die Aufregung von Fledermausse war erklärt – sie witterte ein neues Opfer.

Kein Schlaf für mich in dieser Nacht; das Rascheln des Strohs, das Nagen der Mäuse unter dem Boden verursachten mir nervöse Schüttelfrost.

Ich stand auf und lehnte mich aus meinem Fenster; ich lauschte. Das Licht im Zimmer gegenüber war erloschen. In einem dieser Momente stechender Angst, ich kann nicht sagen, ob es Täuschung oder Realität war, glaubte ich, die alte Elende ebenfalls wachen und lauschen zu sehen.

Die Nacht verging, und das graue Morgenlicht kam an meine Fenster; allmählich stiegen das Geräusch und die Bewegungen der Straße zu meiner Mansarde empor. Gepeinigt von Müdigkeit und Erregung schlief ich ein, aber mein Schlummer war kurz, und gegen acht Uhr hatte ich meinen Beobachtungsposten wieder eingenommen.

Es schien, als sei die Nacht für Fledermausse so unruhig und stürmisch gewesen wie für mich. Als sie die Tür zur Galerie öffnete, sah ich, dass eine leichenblasse Blässe ihre Wangen und ihren dünnen Hals bedeckte; sie trug nur ihre Chemise und einen wollenen Rock; ein paar Locken rötlich-grauen Haares fielen auf ihre Schultern. Sie schaute mit einem verträumten, abwesenden Blick in Richtung meines Verstecks, aber sie sah nichts; sie dachte an andere Dinge.

Plötzlich stieg sie hinab und ließ ihre alten Schuhe am Fuß der Stufen stehen. „Ohne Zweifel“, dachte ich, „sie geht nachsehen, ob die Tür unten gut verschlossen ist.“

Ich sah sie hastig wieder hinaufsteigen, drei oder vier Stufen auf einmal nehmend – es war schrecklich.

Sie stürzte in das benachbarte Zimmer, und ich hörte etwas wie das Herunterfallen des Deckels einer großen Truhe; dann erschien Fledermausse auf der Galerie und schleppte eine Gliederpuppe hinter sich her, und diese Puppe war gekleidet wie der Heidelberger Student.

Mit überraschender Geschicklichkeit hängte die alte Frau dieses scheußliche Objekt an einen Balken des Schuppens, stieg dann schnell in den Innenhof hinab, um es zu betrachten. Ein Ausbruch sardonischen Lachens entwich ihren Lippen; sie stieg wieder hinauf, dann stieg sie wieder hinab wie eine Wahnsinnige, und jedes Mal stieß sie neue Schreie und neue Lachanfälle aus.

Ein Geräusch war in der Nähe der Tür zu hören, und die alte Frau sprang vor, nahm die Puppe ab und trug sie fort; dann, über die Balustrade gelehnt, mit ihrem verlängerten Hals, ihre Augen blitzend, lauschte sie angestrengt. Das Geräusch verlor sich in der Ferne, die Muskeln ihres Gesichts entspannten sich, und sie holte tief Luft. Es war nur eine Kutsche gewesen, die vorbeigefahren war.

Die alte Elende war erschrocken.

Sie kehrte nun in das Zimmer zurück, und ich hörte die Truhe schließen. Diese seltsame Szene verwirrte alle meine Vorstellungen. Was bedeutete diese Puppe? Ich wurde aufmerksamer als je zuvor.

Fledermausse verließ nun das Haus mit ihrem Korb am Arm. Ich folgte ihr mit meinen Augen, bis sie um die Ecke der Straße bog. Sie hatte wieder die Miene einer zitternden alten Frau angenommen, machte kleine Schritte und drehte von Zeit zu Zeit ihren Kopf teilweise herum, um aus dem Augenwinkel zurückzuspähen.

Fledermausse war volle fünf Stunden abwesend. Ich selbst ging, ich kam, ich meditierte. Die Zeit schien unerträglich. Die Sonne erhitzte den Schiefer des Daches und versengte mein Gehirn.

Nun sah ich am Fenster den braven Mann, der das fatale Grüne Zimmer bewohnte; er war ein tapferer Bauer aus Nassau, mit einem großen dreieckigen Hut, einer scharlachroten Weste und einem lachenden Gesicht; er rauchte seine Ulmer Pfeife in aller Ruhe und schien nichts Böses zu fürchten.

Ich verspürte ein starkes Verlangen, ihm zuzurufen: „Guter Mann, seien Sie auf der Hut! Lassen Sie sich nicht von der alten Elenden in die Falle locken; misstrauen Sie sich selbst!“ aber er hätte mich nicht verstanden. Gegen zwei Uhr kehrte Fledermausse zurück. Das Geräusch ihrer Tür hallte durch das Vestibül. Dann allein, ganz allein, betrat sie den Hof und setzte sich auf die innere Stufe der Treppe; sie stellte ihren Korb vor sich ab und zog zuerst einige Kräuterpakete heraus, dann Gemüse, dann eine rote Weste, dann einen dreieckigen Hut, einen Mantel aus braunem Samt, Hosen aus Plüsch und grobe wollene Strümpfe – die komplette Tracht des Bauern aus Nassau.

Einen Moment lang fühlte ich mich betäubt; dann flammten Flammen vor meinen Augen auf.

Ich erinnerte mich an jene Abgründe, die mit einer unwiderstehlichen Kraft locken; jene Brunnen oder Gruben, die die Polizei schließen musste, weil Menschen sich hineinstürzten; jene Bäume, die gefällt worden waren, weil sie den Menschen die Idee einflößten, sich aufzuhängen; jene Ansteckung von Selbstmorden, von Raubüberfällen, von Morden, in gewissen Epochen, durch verzweifelte Mittel; jene seltsame und subtile Verlockung des Beispiels, die dich gähnen lässt, weil ein anderer gähnt, leiden lässt, weil du einen anderen leiden siehst, dich selbst töten lässt, weil du andere dich töten siehst – und meine Haare sträubten sich vor Entsetzen.

Wie konnte diese Fledermausse, diese niedere, schäbige Kreatur, ein so tiefes Gesetz der menschlichen Natur abgeleitet haben? wie hatte sie die Mittel gefunden, dieses Gesetz zum Profit oder zur Befriedigung ihrer blutrünstigen Instinkte zu nutzen? Das konnte ich nicht begreifen; es übertraf meine wildesten Vorstellungen.

Aber als ich länger über dieses unerklärliche Geheimnis nachdachte, beschloss ich, das fatale Gesetz gegen sie selbst zu wenden und die alte Mörderin in ihr eigenes Netz zu ziehen.

So viele unschuldige Opfer riefen nach Rache!

Ich fühlte mich auf dem richtigen Weg.

Ich ging zu allen Gebrauchtkleiderhändlern in Nürnberg und kehrte am Nachmittag in den Gasthof Boeuf-Gras zurück, mit einem riesigen Paket unter meinem Arm.

Nichel Schmidt kannte mich seit langer Zeit; seine Frau war dick und gutaussehend; ich hatte ihr Porträt gemalt.

„Ah, Meister Christian“, sagte er, während er meine Hand drückte, „welch glücklicher Umstand bringt Sie hierher? Was verschafft mir das Vergnügen, Sie zu sehen?“

„Mein lieber Monsieur Schmidt, ich verspüre ein vehementes, unersättliches Verlangen, im Grünen Zimmer zu schlafen.“

Wir standen an der Schwelle des Gasthofs, und ich zeigte auf das Zimmer. Der brave Mann sah mich misstrauisch an.

„Fürchten Sie nichts“, sagte ich; „ich habe nicht den Wunsch, mich aufzuhängen.“

„À la bonne heure! À la bonne heure! Denn offen gesagt, das würde mir Schmerz bereiten; ein Künstler von solchem Verdienst! Wann wünschen Sie das Zimmer, Meister Christian?“

„Heute Abend.“

„Unmöglich! Es ist belegt!“

„Monsieur kann es sofort beziehen“, sagte eine Stimme direkt hinter mir, „ich werde nicht im Wege sein.“

Wir drehten uns voller Überraschung um; der Bauer aus Nassau stand vor uns, mit seinem Dreispitz und seinem Bündel am Ende seines Spazierstocks. Er hatte gerade die Geschichte seiner drei Vorgänger im Grünen Zimmer erfahren und zitterte vor Wut.

„Zimmer wie Ihres!“ rief er stotternd; „aber es ist mörderisch, Leute dort unterzubringen – es ist ein Attentat! Sie verdienten es, auf der Stelle auf die Galeeren geschickt zu werden!“

„Gehen Sie – gehen Sie – beruhigen Sie sich“, sagte der Gastwirt; „das hat Sie nicht daran gehindert, gut zu schlafen.“

„Zum Glück habe ich abends meine Gebete gesprochen“, sagte der Bauer; „ohne das, wo wäre ich da?“ Und er zog sich zurück, die Hände gen Himmel erhoben.

„Nun“, sagte Nichel Schmidt verdattert, „das Zimmer ist frei, aber ich beschwöre Sie, spielen Sie mir keinen bösen Streich.“

„Es wäre ein schlimmerer Streich für mich selbst als für Sie, Monsieur.“

Ich gab mein Bündel bei den Bediensteten ab und ließ mich vorerst bei den Zechenden nieder. Seit langer Zeit hatte ich mich nicht mehr so ruhig und glücklich gefühlt. Nach so vielen Zweifeln und Unruhen berührte ich das Ziel. Der Horizont schien sich aufzuklären, und es hatte den Anschein, als reichte mir eine unsichtbare Macht die Hand. Ich zündete meine Pfeife an, stützte meinen Ellbogen auf den Tisch, den Wein vor mir, und lauschte dem Chor aus dem „Freischütz“, gespielt von einer Truppe Zigeuner aus dem Schwarzwald. Die Trompeten, das Rufen und Schreien der Jagd, die Oboen versetzten mich in eine vage Träumerei, und als ich mich hin und wieder aufraffte, um auf die Uhr zu schauen, fragte ich mich ernsthaft, ob all das, was mir widerfahren war, nicht ein Traum sei. Doch der Nachtwächter kam, um uns aufzufordern, den Saal zu verlassen, und bald stiegen andere und feierlichere Gedanken in meiner Seele auf, und in tiefer Meditation folgte ich der kleinen Charlotte, die mir mit einer Kerze zu meinem Zimmer voranging.

Wir stiegen die Treppe in den dritten Stock hinauf. Charlotte gab mir die Kerze und deutete auf die Tür.

„Dort“, sagte sie und stieg hastig hinab.

Ich öffnete die Tür. Das Grüne Zimmer war wie jedes andere Gasthauszimmer. Die Decke war sehr niedrig, das Bett sehr hoch. Mit einem Blick erkundete ich das Innere und glitt dann zum Fenster.

Im Hause der Fledermausse war nichts zu sehen; nur in einem entfernten Raum brannte ein schwaches Licht. Jemand hielt Wache. „Das ist gut“, sagte ich und schloss den Vorhang. „Ich habe alle Zeit, die ich brauche.“

Ich öffnete mein Bündel, setzte eine Frauenhaube mit herabhängender Spitze auf; dann stellte ich mich vor einen Spiegel, nahm einen Pinsel und malte mir Falten ins Gesicht. Das dauerte fast eine Stunde. Dann legte ich das Kleid und ein großes Tuch an, und ich fürchtete mich tatsächlich vor mir selbst. Es schien mir, als blicke mich Fledermausse aus dem Spiegel an.

In diesem Augenblick rief der Nachtwächter: „Elf Uhr!“ Ich ergriff die Gliederpuppe, die ich in meinem Bündel mitgebracht hatte, und hüllte sie in ein Kostüm, das exakt jenem entsprach, das der alte Wicht trug. Dann öffnete ich den Vorhang.

Gewiss, nach allem, was ich von Fledermausse gesehen hatte, von ihrer teuflischen List, ihrer Vorsicht, ihrer Gewandtheit, konnte sie mich keineswegs überraschen; und doch hatte ich Angst. Das Licht, das ich in der Kammer bemerkt hatte, war immer noch unbeweglich und warf nun seine gelben Strahlen auf die Gliederpuppe des Bauern aus Nassau, die in der Ecke des Bettes kauerte, den Kopf auf die Brust hängend, den Dreispitz tief ins Gesicht gezogen, die Arme schlaff herabfallend, und das ganze Bild von absoluter Verzweiflung.

Die Schatten, mit teuflischer Kunst gelenkt, ließen nichts als die allgemeine Wirkung des Gesichts erkennen. Die rote Weste und die sechs runden Knöpfe schienen einzig in der Dunkelheit zu glänzen. Doch die Stille der Nacht, die vollkommene Reglosigkeit der Figur, der erschöpfte, klagende Ausdruck waren wohl dazu angetan, einen Betrachter mit einer seltsamen Macht in ihren Bann zu ziehen. Was mich betrifft, so war ich, obwohl vorgewarnt, bis auf die Knochen erstarrt.

Wie wäre es da erst dem armen, einfachen Bauern ergangen, wenn er unvorbereitet überrascht worden wäre? Er wäre völlig niedergeschlagen gewesen. Verzweifelt hätte er jede Selbstbeherrschung verloren, und der Geist der Nachahmung hätte den Rest getan.

Kaum hatte ich den Vorhang bewegt, als ich Fledermausse auf der Lauer hinter ihrem Fenster sah. Sie konnte mich nicht sehen. Ich öffnete mein Fenster sacht; das Fenster gegenüber wurde geöffnet! Dann schien ihre Gliederpuppe sich langsam zu erheben und vor mir aufzutauchen. Auch ich schob meine Gliederpuppe vor, und während ich meine Fackel mit der einen Hand ergriff, öffnete ich mit der anderen schnell die Fensterläden. Und nun standen die alte Frau und ich uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Von plötzlichem Schrecken getroffen, hatte sie ihre Gliederpuppe fallen lassen!

Wir starrten einander mit fast gleichem Entsetzen an. Sie streckte ihren Finger aus – ich streckte meinen aus. Sie bewegte ihre Lippen – ich bewegte meine. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und stützte sich auf ihren Ellbogen. Ich ahmte sie nach.

All die Schrecken dieser Szene zu beschreiben, wäre unmöglich. Es grenzte an Verwirrung, Wahnsinn, Delirium. Es war ein Todeskampf zwischen zwei Willen; zwischen zwei Intelligenzen; zwischen zwei Seelen – jede wollte die andere vernichten; und in diesem Kampf war ich im Vorteil – ihre Opfer rangen mit mir.

Nachdem ich einige Sekunden lang jede Bewegung von Fledermausse nachgeahmt hatte, zog ich ein Seil unter meinem Rock hervor und befestigte es am Querbalken.

Die alte Frau starrte mich mit offenem Mund an. Ich legte mir das Seil um den Hals; ihre Pupillen weiteten sich, leuchteten auf; ihr Gesicht verzerrte sich.

„Nein, nein!“, sagte sie mit pfeifender Stimme.

Ich verfolgte sie mit der Unbeweglichkeit eines Henkers.

Dann schien Wut von ihr Besitz zu ergreifen.

„Alter Narr!“, rief sie, sich aufrichtend, und ihre Hände krampften sich um den Querbalken. „Alter Narr!“ Ich gab ihr keine Zeit, weiter meine Lampe auszublasen. Ich bückte mich wie ein Mann, der einen kräftigen Sprung machen will, und während ich meine Gliederpuppe ergriff, legte ich ihr das Seil um den Hals und stürzte sie in die Tiefe.

Ein schrecklicher Schrei hallte durch die Straße, und dann Stille, die ich zu spüren meinte. Schweiß badete meine Stirn. Ich lauschte lange. Nach einer Viertelstunde hörte ich weit, sehr weit weg die Stimme des Nachtwächters, der rief: „Bewohner von Nürnberg, Mitternacht, die Mitternacht schlägt!“

„Nun ist die Gerechtigkeit befriedigt!“, rief ich, „und drei Opfer sind gerächt. Verzeih mir, o Herr!“

Etwa fünf Minuten nach dem Ruf des Nachtwächters sah ich Fledermausse, angezogen, angelockt von meiner Gliederpuppe (ihrem genauen Abbild), aus dem Fenster springen, das Seil um den Hals, und hängen bleiben am Querbalken.

Ich sah den Schatten des Todes durch ihren Körper wogen, während der Mond, ruhig, schweigend, majestätisch, den Gipfel des Daches überflutete und seine kalten, blassen Strahlen auf dem alten, zotteligen, abscheulichen Haupt ruhten.

Gerade so, wie ich den armen jungen Studenten aus Heidelberg gesehen hatte, sah ich nun Fledermausse.

Am Morgen erfuhr ganz Nürnberg, dass der alte Wicht sich selbst erhängt hatte, und dies war das letzte Ereignis dieser Art in der Straße Minnesänger.

Die Wasser des Todes

Die warmen Mineralwässer von Spinbronn, gelegen im Hundsrück, einige Meilen von Pirmesens, genossen früher einen prächtigen Ruf. Alle, die in Deutschland von Gicht oder Steinleiden geplagt wurden, begaben sich dorthin; das wilde Aussehen der Gegend schreckte sie nicht ab. Sie logierten in hübschen Häuschen am Kopf des Engpasses; sie badeten in der Kaskade, die in großen Schaumschleiern von den Felsengipfeln herabstürzte; sie tranken täglich ein oder zwei Karaffen Mineralwasser, und der Arzt des Ortes, Daniel Hâselnoss, der seine Rezepte in einer großen Perücke und einem kastanienbraunen Rock verteilte, hatte eine ausgezeichnete Praxis.

Heute figurieren die Wasser von Spinbronn nicht mehr im „Codex“;[1] in diesem armen Dorf sieht man niemanden mehr außer ein paar elenden Holzfällern, und, traurig zu sagen, Dr. Hâselnoss ist fort!

[1] Eine Sammlung von Rezepten, die von der Pariser Fakultät gebilligt wurden.

All dies resultierte aus einer Reihe sehr seltsamer Katastrophen, von denen mir der Advokat Brêmer aus Pirmesens neulich erzählte.

Sie müssen wissen, Meister Frantz (sagte er), dass die Quelle von Spinbronn aus einer Art Höhle entspringt, etwa fünf Fuß hoch und zwölf oder fünfzehn Fuß breit; das Wasser hat eine Wärme von siebenundsechzig Grad Celsius; es ist salzhaltig. Was die Höhle betrifft, so ist sie von außen vollständig mit Moos, Efeu und Buschwerk bedeckt, ihre Tiefe ist unbekannt, da die heißen Ausdünstungen jeden Zutritt verhindern.

Dennoch, seltsamerweise, bemerkte man schon früh im letzten Jahrhundert, dass Vögel der Umgebung – Drosseln, Tauben, Falken – mitten im Flug darin verschlungen wurden, und man wusste nie, welchem geheimnisvollen Einfluss man diese Besonderheit zuschreiben sollte.

Im Jahr 1801, auf dem Höhepunkt der Saison, aufgrund eines Umstands, der bis heute unerklärt ist, wurde die Quelle ergiebiger, und die Badenden, die unten auf dem grünen Rasen spazieren gingen, sahen ein menschliches Skelett, weiß wie Schnee, aus der Kaskade fallen.

Sie können ermessen, Meister Frantz, wie groß der allgemeine Schrecken war; man dachte natürlich, dass in den letzten Jahren in Spinbronn ein Mord begangen worden sei und dass der Körper des Opfers in die Quelle geworfen wurde. Aber das Skelett wog nicht mehr als ein Dutzend Franken, und Hâselnoss schlussfolgerte, dass es wohl mehr als drei Jahrhunderte im Sande gelegen haben müsse, um in einen solchen Zustand der Austrocknung zu geraten.

Diese sehr plausible Argumentation hielt eine Schar von Gästen, die bei dem Gedanken, das salzhaltige Wasser getrunken zu haben, außer sich waren, nicht davon ab, vor Ende des Tages abzureisen; diejenigen, die am schlimmsten unter Gicht und Steinleiden litten, trösteten sich. Doch da der Überlauf anhielt, wurde in den folgenden Tagen der gesamte Unrat, Schlamm und Detritus, den die Höhle enthielt, ausgespien; ein wahrer Knochenberg kam vom Berg herab: Skelette von Tieren aller Art – von Vierfüßern, Vögeln und Reptilien –, kurzum, alles, was man sich als am schrecklichsten vorstellen konnte.

Hâselnoss veröffentlichte eine Broschüre, in der er darlegte, dass all diese Knochen aus einer vorsintflutlichen Welt stammten: dass es sich um fossile Knochen handelte, die sich dort während der allgemeinen Sündflut in einer Art Trichter angesammelt hatten – das heißt, viertausend Jahre vor Christus, und dass man sie folglich als nichts anderes als Steine betrachten könne und es unnötig sei, sich zu ekeln. Aber seine Arbeit hatte die Gichtkranken kaum beruhigt, als eines schönen Morgens die Leiche eines Fuchses, dann die eines Falken mit all seinen Federn aus der Kaskade fiel.

Es war unmöglich festzustellen, dass diese Überreste vor der Sintflut datierten. Wie dem auch sei, der Abscheu war so groß, dass jeder sein Bündel schnürte und anderswohin ging, um das Wasser zu nehmen.

„Wie infam!“, riefen die schönen Damen – „wie schrecklich! Also daher kam die Heilkraft dieser Mineralwässer! Oh, es wäre besser, an der Gicht zu sterben, als ein solches Mittel fortzusetzen!“

Nach einer Woche blieb in Spinbronn nur noch ein großer Engländer zurück, der Gicht in den Händen wie auch in den Füßen hatte und sich als Sir Thomas Hawerburch, Commodore, anreden ließ; er brachte ein großes Gefolge mit, ganz dem Brauch eines britischen Untertanen in einem fremden Lande entsprechend.

Diese Persönlichkeit, groß und dick, mit blühendem Teint, aber mit einfach vor Gicht verknoteten Händen, hätte Skelettsuppe getrunken, wenn sie sein Gebrechen geheilt hätte. Er lachte herzlich über die Flucht der anderen Leidenden und ließ sich im schönsten Chalet zum halben Preis nieder, wobei er kundtat, den Winter in Spinbronn verbringen zu wollen.

* * * * *

(Hier nahm der Advokat Brêmer langsam eine reichliche Prise Schnupftabak, als wollte er seine Erinnerungen beschleunigen; er schüttelte seine Spitzenmanschetten mit den Fingerspitzen und fuhr fort:)

* * * * *

Fünf oder sechs Jahre vor der Revolution von 1789 war ein junger Arzt aus Pirmesens namens Christian Weber nach San Domingo gegangen, in der Hoffnung, sein Glück zu machen. Er hatte tatsächlich einige hunderttausend Franken in der Ausübung seines Berufes angehäuft, als der Sklavenaufstand ausbrach.

Ich brauche Sie nicht an die barbarische Behandlung zu erinnern, der unsere unglücklichen Landsleute auf Haiti ausgesetzt waren. Dr. Weber hatte das Glück, dem Massaker zu entkommen und einen Teil seines Vermögens zu retten. Dann reiste er durch Südamerika und insbesondere durch Französisch-Guayana. 1801 kehrte er nach Pirmesens zurück und ließ sich in Spinbronn nieder, wo Dr. Hâselnoss ihm sein Haus und die verwaiste Praxis überließ.

Christian Weber brachte eine alte Negerin namens Agatha mit: eine schreckliche Kreatur mit flacher Nase und Lippen so groß wie Ihre Faust, und ihr Kopf war in drei Kopftücher von messerscharfen Farben gewickelt. Diese arme alte Frau liebte Rot; sie hatte Ohrringe, die bis auf ihre Schultern reichten, und die Bergbewohner aus dem Hundsrück kamen aus sechs Meilen Entfernung angereist, um sie anzustarren.

Was Dr. Weber betrifft, so war er ein großer, hagerer Mann, der ausnahmslos in einem himmelblauen Gehrock mit Fischschwanzschößen und Reithosen aus Hirschleder gekleidet war. Er trug einen Hut aus biegsamem Stroh und Stiefel mit leuchtend gelben Stulpen, an deren Vorderseite zwei silberne Quasten hingen. Er sprach wenig; sein Lachen glich einem Nervenanfall, und seine grauen Augen, gewöhnlich ruhig und nachdenklich, leuchteten bei dem kleinsten Anzeichen von Widerspruch mit sonderbarem Glanz. Jeden Morgen machte er eine Runde um den Berg, ließ sein Pferd aufs Geratewohl traben und pfiff immer die gleiche Melodie, irgendein Negerlied. Zuletzt hatte dieser Sonderling aus Haiti eine Menge Schachteln voller merkwürdiger Insekten mitgebracht – einige schwarz und rötlich-braun, so groß wie Eier; andere klein und schimmernd wie Funken. Er schien mehr Wert auf sie zu legen als auf seine Patienten, und hin und wieder, wenn er von seinen Ausritten zurückkam, brachte er eine Menge Schmetterlinge mit, die er an seinen Hutrand gesteckt hatte.

Kaum hatte er sich in Hâselnoss’ großem Haus niedergelassen, als er den Hinterhof mit fremdartigen Vögeln bevölkerte – Berber-Gänsen mit scharlachroten Wangen, Perlhühnern und einem weißen Pfau, der gewöhnlich auf der Gartenmauer thronte und sich die Bewunderung der Bergbewohner mit der Negerin teilte.

Wenn ich mich in diese Einzelheiten verliere, Meister Frantz, dann deshalb, weil sie meine frühe Jugend heraufbeschwören; Dr. Christian war gleichzeitig mein Cousin und mein Vormund, und gleich bei seiner Rückkehr nach Deutschland war er gekommen, um mich zu holen und in seinem Haus in Spinbronn unterzubringen. Die schwarze Agatha flößte mir auf den ersten Blick einiges Entsetzen ein, und ich gewöhnte mich nur mit erheblicher Mühe an dieses phantastische Antlitz; aber sie war so eine gute Frau – sie verstand es so gut, gewürzte Pasteten zu machen, sie summte solch seltsame Lieder mit kehligem Klang, schnippte mit den Fingern und hielt den Takt mit einem schweren Schlurfen, dass ich sie schließlich in tiefe Freundschaft schloss.

Dr. Weber war von Natur aus eng mit Sir Thomas Hawerburch vertraut, da dieser den einzigen seiner Kundschaft repräsentierte, der damals in Erscheinung trat, und ich bemerkte schon bald, dass diese beiden Exzentriker lange Unterredungen miteinander führten. Sie unterhielten sich über mysteriöse Angelegenheiten, über die Übertragung von Fluiden, und pflegten gewisse sonderbare Zeichen auszutauschen, die einer oder der andere auf seinen Reisen aufgeschnappt hatte – Sir Thomas im Orient und mein Vormund in Amerika. Das machte mich sehr stutzig. Wie Kinder so sind, lauerte ich immer darauf, was sie vor mir zu verbergen schienen; doch da ich schließlich verzweifelte, etwas zu entdecken, fasste ich den Entschluss, Agatha zu befragen, und die arme alte Frau gab, nachdem sie mich hatte schwören lassen, nichts darüber zu sagen, zu, dass mein Vormund ein Zauberer sei.

Im Übrigen übte Dr. Weber einen sonderbaren Einfluss auf den Geist dieser Negerin aus, und diese Frau, die gewöhnlich so fröhlich und immer bereit war, sich über nichts zu amüsieren, zitterte wie Espenlaub, wenn die grauen Augen ihres Herrn sie zufällig trafen.

All dies, Meister Frantz, scheint keinen Bezug zu den Quellen von Spinbronn zu haben. Aber warten Sie, warten Sie – Sie werden sehen, durch welch seltsames Zusammentreffen von Umständen meine Geschichte damit verbunden ist.

Ich sagte Ihnen, dass Vögel in die Höhle stürzten, und sogar andere und größere Kreaturen. Nach der endgültigen Abreise der Gäste erinnerten sich einige der alten Dorfbewohner daran, dass ein junges Mädchen namens Louise Müller, das mit seiner gebrechlichen alten Großmutter in einer Hütte am Abhang lebte, vor einem halben Jahrhundert plötzlich verschwunden war. Sie war ausgegangen, um Kräuter im Wald zu suchen, und seitdem gab es keine Nachrichten mehr von ihr, außer dass einige Tage später einige Holzfäller, die vom Berg herabstiegen, ihre Sichel und ihre Schürze ein paar Schritte von der Höhle entfernt gefunden hatten.

Von diesem Moment an war es für jeden offensichtlich, dass das Skelett, das aus der Kaskade gefallen war, über das Hâselnoss solch feine Reden geschwungen hatte, kein anderes als das von Louise Müller war. Das arme Mädchen war zweifellos durch den geheimnisvollen Einfluss, der fast täglich schwächere Wesen überwältigte, in den Schlund gezogen worden!

Was konnte dieser Einfluss sein? Niemand wusste es. Doch die Einwohner von Spinbronn, abergläubisch wie alle Bergbewohner, behaupteten, der Teufel lebe in der Höhle, und der Schrecken verbreitete sich in der ganzen Region.

* * * * *

Nun, an einem Nachmittag Mitte Juli 1802 unternahm mein Cousin eine neue Klassifizierung der Insekten in seinen Schachteln. Er hatte am vorangegangenen Nachmittag einige ziemlich kuriose Exemplare erbeutet. Ich war bei ihm, hielt die brennende Kerze mit der einen Hand und mit der anderen eine Nadel, die ich rotglühend machte.

Sir Thomas, der auf einem Stuhl saß, der gegen die Fensterbank gelehnt war, die Füße auf einem Schemel, beobachtete uns bei der Arbeit und rauchte seine Zigarre mit verträumter Miene.

Ich stand bei Sir Thomas Hawerburch hoch im Kurs, und ich begleitete ihn jeden Tag in seinem Wagen in die Wälder. Es machte ihm Spaß, mich Englisch plappern zu hören, und er wollte, wie er sagte, aus mir einen vollkommenen Gentleman machen.

Nachdem die Schmetterlinge etikettiert waren, öffnete Dr. Weber schließlich die Schachtel mit den größten Insekten und sagte:

„Gestern habe ich einen prächtigen Hirschkäfer erbeutet, den großen _Lucanus cervus_ aus den Eichen des Harzes. Er hat diese Besonderheit – die rechte Zange teilt sich in fünf Zweige. Es ist ein seltenes Exemplar.“

Gleichzeitig reichte ich ihm die Nadel, und während er das Insekt durchstach, bevor er es auf dem Kork fixierte, stand Sir Thomas, der bis dahin ungerührt geblieben war, auf, näherte sich einer Schachtel und begann, die Spinnenkrabbe aus Guayana mit einem Gefühl des Entsetzens zu betrachten, das sich deutlich auf seinem dicken, zinnoberroten Gesicht abzeichnete.

„Das ist sicherlich“, rief er, „das schrecklichste Werk der Schöpfung. Der bloße Anblick – es lässt mich schaudern!“

In der Tat breitete sich eine plötzliche Blässe auf seinem Gesicht aus.

„Bah!“, sagte mein Vormund, „all das ist nur ein Vorurteil aus der Kindheit – man hört seine Amme schreien – man hat Angst – und der Eindruck bleibt haften. Aber wenn Sie die Spinne mit einem starken Mikroskop betrachten würden, wären Sie erstaunt über die Feinheit ihrer Gliedmaßen, über ihre bewundernswerte Anordnung und sogar über ihre Eleganz.“

„Es widert mich an“, unterbrach ihn der Commodore barsch. „Pouah!“

Sie hatte sich in seinen Fingern gedreht.

„Oh! Ich weiß nicht warum“, erklärte er, „Spinnen haben mir immer das Blut in den Adern gefrieren lassen!“

Dr. Weber fing an zu lachen, und ich, der ich die Gefühle von Sir Thomas teilte, rief aus:

„Ja, Cousin, du solltest dieses scheußliche Biest aus der Schachtel nehmen – es ist ekelhaft – es verdirbt den ganzen Rest.“

„Kleiner Dummkopf“, sagte er, die Augen funkelnd, „was lässt dich danach schauen? Wenn es dir nicht gefällt, dann scher dich irgendwohin.“

Offensichtlich hatte er sich beleidigt gefühlt; und Sir Thomas, der damals vor dem Fenster stand und den Berg betrachtete, drehte sich plötzlich um, nahm mich bei der Hand und sagte zu mir in einer Weise voll Wohlwollen:

„Dein Vormund, Frantz, legt großen Wert auf seine Spinne; wir mögen die Bäume lieber – das Grün. Komm, lass uns einen Spaziergang machen.“

„Ja, geh“, rief der Doktor, „und komm um sechs Uhr zum Abendessen zurück.“

Dann seine Stimme erhebend:

„Nichts für ungut, Sir Hawerburch.“

Der Commodore antwortete lachend, und wir stiegen in den Wagen, der immer vor der Haustür des Hauses wartete.

Sir Thomas wollte selbst fahren und schickte seinen Diener weg. Er ließ mich neben sich auf dem gleichen Sitz Platz nehmen, und wir machten uns auf den Weg nach Rothalps.

Während der Wagen langsam den sandigen Pfad hinauffuhr, ergriff eine unbesiegbare Traurigkeit Besitz von meinem Geist. Sir Thomas seinerseits war ernst. Er bemerkte meine Traurigkeit und sagte:

„Du magst keine Spinnen, Frantz, und ich ebenso wenig. Aber Gott sei Dank gibt es in diesem Land keine gefährlichen. Die Spinnenkrabbe, die dein Hauslehrer in seiner Kiste hat, stammt aus Französisch-Guayana. Sie bewohnt die großen, sumpfigen Wälder, die von warmen Dünsten und sengenden Ausdünstungen erfüllt sind; diese Temperatur ist für ihr Leben notwendig. Ihr Netz, oder vielmehr ihre riesige Schlinge, hüllt ein ganzes Gebüsch ein. Darin fängt sie Vögel, wie unsere Spinnen Fliegen fangen. Aber vertreibe diese ekelhaften Bilder aus deinem Sinn und trink einen Schluck von meinem alten Burgunder.“

Dann wandte er sich um, hob die Abdeckung des Rücksitzes und zog aus dem Stroh eine Art Kürbisflasche, aus der er mir einen vollen Becher in einen Lederpokal goss.

Als ich getrunken hatte, kehrte meine gute Laune zurück, und ich begann über meinen Schreck zu lachen.

Der Wagen wurde von einem kleinen Ardenner Pferd gezogen, dünn und nervös wie eine Ziege, das den beinahe senkrechten Pfad hinaufkletterte. Tausende von Insekten summten in den Büschen. Zu unserer Rechten, in hundert oder mehr Schritten Entfernung, erstreckten sich unter uns die düsteren Ausläufer der Rothalp-Wälder, deren tiefe Schatten, von Dornen und fauligem Gestrüpp erstickt, hier und da eine lichtdurchflutete Öffnung zeigten. Zu unserer Linken stürzte der Bach von Spinbronn herab, und je höher wir stiegen, desto mehr färbten sich seine im Abgrund schwebenden silbrigen Bahnen azurblau, und ihr Beckenklang verdoppelte sich.

Ich war von diesem Schauspiel gefesselt. Sir Thomas, der sich in den Sitz zurücklehnte, die Knie so hoch wie sein Kinn, gab sich seinen gewohnten Träumereien hin, während das Pferd, sich mit den Füßen abmühend und den Kopf als Gegengewicht zum Wagen auf die Brust hängend, sich festhielt, als hinge es an der Felsflanke. Bald jedoch erreichten wir eine weniger steile Stelle: den Aufenthaltsort der Rehböcke, umgeben von zitternden Schatten. Ich verlor immer den Kopf, und meine Augen dazu, in einer unermesslichen Perspektive. Beim Erscheinen der Schatten wandte ich den Kopf und sah die Höhle von Spinbronn in unmittelbarer Nähe. Die sie umschließenden Nebel waren von einem großartigen Grün, und der Bach, der sich vor dem Fall über ein Bett aus schwarzem Sand und Kieselsteinen ausbreitet, war so klar, dass man ihn für gefroren gehalten hätte, wären nicht blasse Dünste über seine Oberfläche gezogen.

Das Pferd hatte soeben von selbst angehalten, um zu verschnaufen; Sir Thomas erhob sich und ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen.

„Wie ruhig alles ist!“, sagte er.

Dann, nach einem Augenblick des Schweigens:

„Wenn du nicht hier wärst, Frantz, würde ich sicherlich in dem Becken baden.“

„Aber, Commodore“, sagte ich, „warum nicht baden? Ich täte gut daran, in der Nachbarschaft herumzuspazieren. Auf dem nächsten Hügel ist eine große Lichtung voller Walderdbeeren. Ich werde hingehen und welche pflücken. Ich bin in einer Stunde zurück.“

„Ha! Das würde ich gerne, Frantz; das ist eine gute Idee. Dr. Weber behauptet, dass ich zu viel Burgunder trinke. Es ist notwendig, den Wein mit Mineralwasser auszugleichen. Dieses kleine Sandbett gefällt mir.“

Dann, nachdem er beide Füße auf den Boden gesetzt hatte, band er das Pferd an den Stamm einer kleinen Birke und winkte mit der Hand, als wollte er sagen:

„Du kannst gehen.“

Ich sah ihn sich auf das Moos setzen und seine Stiefel ausziehen. Als ich mich entfernte, drehte er sich um und rief:

„In einer Stunde, Frantz.“

Das waren seine letzten Worte.

Eine Stunde später kehrte ich zur Quelle zurück. Das Pferd, der Wagen und die Kleider von Sir Thomas allein trafen auf meine Augen. Die Sonne ging unter. Die Schatten wurden lang. Kein Vogelgesang unter dem Laub, kein Summen eines Insekts im hohen Gras. Eine Stille wie der Tod blickte auf diese Einsamkeit herab! Die Stille erschreckte mich. Ich kletterte auf den Felsen, der die Höhle überblickt; ich schaute nach rechts und nach links. Niemand! Ich rief. Keine Antwort! Der Klang meiner Stimme, von den Echos wiederholt, erfüllte mich mit Furcht. Die Nacht senkte sich langsam herab. Ein vages Gefühl des Grauens bedrückte mich. Plötzlich fiel mir die Geschichte von dem jungen Mädchen ein, das verschwunden war; und ich begann rennend abzusteigen; aber als ich vor der Höhle ankam, hielt ich inne, ergriffen von unerklärlichem Entsetzen: Beim Werfen eines Blicks in die tiefen Schatten der Quelle hatte ich zwei unbewegliche rote Punkte erblickt. Dann sah ich lange Linien, die sich auf seltsame Weise inmitten der Finsternis krümmten, und das in einer Tiefe, in die noch nie ein menschliches Auge gedrungen war. Die Angst verlieh meinem Sehvermögen und all meinen Sinnen eine unerhörte Schärfe der Wahrnehmung. Einige Sekunden lang hörte ich sehr deutlich die abendliche Klage einer Grille am Rande des Waldes, das Bellen eines Hundes in weiter Ferne, sehr weit im Tal. Dann begann mein Herz, das einen Augenblick lang von der Erregung zusammengepresst war, wütend zu schlagen, und ich hörte nichts mehr!

Dann einen schrecklichen Schrei ausstoßend, floh ich und ließ das Pferd und den Wagen zurück. In weniger als zwanzig Minuten, über die Felsen und das Gebüsch setzend, erreichte ich die Schwelle unseres Hauses und rief mit erstickter Stimme:

„Lauft! Lauft! Sir Hawerburch ist tot! Sir Hawerburch ist in der Höhle –!“

Nach diesen Worten, gesprochen im Beisein meines Hauslehrers, der alten Frau Agatha und zwei oder drei Personen, die an diesem Abend vom Doktor eingeladen worden waren, fiel ich in Ohnmacht. Ich habe seitdem erfahren, dass ich eine ganze Stunde lang im Delirium phantasierte.

Das ganze Dorf hatte sich auf die Suche nach dem Commodore gemacht. Christian Weber hatte sie zur Eile angetrieben. Um zehn Uhr abends kam die ganze Menge zurück und brachte den Wagen, und in dem Wagen die Kleider von Sir Hawerburch. Sie hatten nichts entdeckt. Es war unmöglich, zehn Schritte in der Höhle zu tun, ohne zu ersticken.

Während ihrer Abwesenheit warteten Agatha und ich, in der Kaminecke sitzend. Ich, unzusammenhängende Worte des Schreckens heulend; sie, mit auf den Knien gefalteten Händen, die Augen weit offen, von Zeit zu Zeit zum Fenster gehend, um zu sehen, was vorging, denn vom Fuß des Berges aus konnte man Fackeln in den Wäldern flackern sehen. Man konnte heisere Stimmen in der Ferne hören, die einander in der Nacht riefen.

Beim Herannahen ihres Herrn begann Agatha zu zittern. Der Doktor trat hastig ein, blass, die Lippen zusammengepresst, Verzweiflung auf seinem Gesicht geschrieben. Ein Dutzend Holzfäller folgte ihm tumultartig, in großen Filzhüten mit breiten Krempen – dunkle Gesichter –, die Asche von ihren Fackeln schüttelnd. Kaum war er in der Halle, schienen die funkelnden Augen meines Hauslehrers nach etwas zu suchen. Er erblickte die Negerin, und ohne dass ein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde, begann die arme Frau zu weinen:

„Nein! Nein! Ich will nicht!“

„Und ich verlange es“, antwortete der Doktor in hartem Ton.

Man hätte sagen können, dass die Negerin von einer unbesiegbaren Macht ergriffen worden war. Sie schauderte von Kopf bis Fuß, und als Christian Weber ihr eine Bank zeigte, setzte sie sich mit leichenhafter Steifheit.

Alle Umstehenden, Zeugen dieses schockierenden Schauspiels, gute Leute mit primitiven und groben Sitten, aber voller frommer Gefühle, bekreuzigten sich, und ich, der ich damals nicht einmal dem Namen nach von der schrecklichen magnetischen Kraft des Willens wusste, begann zu zittern, glaubend, dass Agatha tot sei.

Christian Weber näherte sich der Negerin und machte eine schnelle Streichbewegung über ihre Stirn:

„Bist du da?“, sagte er.

„Ja, Meister.“

„Sir Thomas Hawerburch?“

Bei diesen Worten schauderte sie erneut.

„Siehst du ihn?“

„Ja – ja“, keuchte sie mit erstickter Stimme, „ich sehe ihn.“

„Wo ist er?“

„Dort oben – im hinteren Teil der Höhle – tot!“

„Tot!“, sagte der Doktor, „wie?“

„Die Spinne – Oh! die Spinnenkrabbe – Oh! –“

„Beherrsche deine Aufregung“, sagte der Doktor, der ganz blass war, „erzähle uns klar –“

„Die Spinnenkrabbe hält ihn an der Kehle – er ist dort – im hinteren Teil – unter dem Felsen – von Netzen umwunden – Ah!“

Christian Weber warf einen kalten Blick auf seine Gehilfen, die, sich drängend, mit den Augen aus den Höhlen, aufmerksam zuhörten, und ich hörte ihn murmeln:

„Es ist schrecklich! schrecklich!“

Dann fuhr er fort:

„Du siehst ihn?“

„Ich sehe ihn –“

„Und die Spinne – ist sie groß?“

„Oh, Meister, niemals – niemals habe ich eine so große gesehen – nicht einmal an den Ufern des Mocaris – noch im Tiefland von Konanama. Sie ist so groß wie mein Kopf –!“

Es gab ein langes Schweigen. Alle Anwesenden sahen einander an, ihre Gesichter fahl, ihre Haare standen zu Berge. Christian Weber allein schien ruhig; nachdem er mehrmals mit der Hand über die Stirn der Negerin gefahren war, fuhr er fort:

„Agatha, erzähle uns, wie der Tod über Sir Hawerburch kam.“

„Er badete im Becken der Quelle – die Spinne sah ihn von hinten, mit seinem nackten Rücken. Sie war hungrig, sie hatte lange gefastet; sie sah ihn mit seinen Armen auf dem Wasser. Plötzlich kam sie wie ein Blitz hervor und legte ihre Fangzähne um den Hals des Commodores, und er schrie: ‚Oh! oh! mein Gott!‘ Sie stach zu und floh. Sir Hawerburch sank in das Wasser und starb. Dann kehrte die Spinne zurück und umgab ihn mit ihrem Netz, und er trieb sanft, sanft zum hinteren Teil der Höhle. Sie zog am Netz. Jetzt ist er ganz schwarz.“

Der Doktor wandte sich an mich, der ich den Schock nicht mehr spürte, und fragte:

„Ist es wahr, Frantz, dass der Commodore baden ging?“

„Ja, Vetter Christian.“

„Um welche Zeit?“

„Um vier Uhr.“

„Um vier Uhr – es war sehr warm, nicht wahr?“

„Oh, ja!“

„Es ist zweifellos so“, sagte er und schlug sich an die Stirn. „Das Ungeheuer konnte ohne Furcht herauskommen –“

Er sprach ein paar unverständliche Worte aus, und dann, in Richtung der Bergler blickend:

„Meine Freunde“, rief er, „daher kam diese Menge an Trümmern – von Skeletten –, die unter den Badenden Schrecken verbreiteten. Das ist es, was euch alle ruiniert hat – es ist die Spinnenkrabbe! Sie ist dort – verborgen in ihrem Netz – ihre Beute im hinteren Teil der Höhle erwartend! Wer kann die Zahl ihrer Opfer nennen?“

Und voller Wut ging er voran und rief:

„Reisig! Reisig!“

Die Holzfäller folgten ihm, laut rufend.

Zehn Minuten später fuhren zwei große, mit Reisig beladene Wagen langsam den Hang hinauf. Eine lange Schlange von Holzfällern, die Rücken doppelt gekrümmt, folgte, eingehüllt in die düstere Nacht. Mein Hauslehrer und ich gingen voran, die Pferde an den Zügeln führend, und der melancholische Mond beleuchtete vage diesen Leichenzug. Von Zeit zu Zeit quietschten die Räder. Dann fielen die Karren, durch die Unebenheiten des steinigen Weges angehoben, mit einem schweren Ruck wieder in die Spur.

Als wir uns der Höhle näherten, auf dem Spielplatz der Rehböcke, hielt unser Zug an. Die Fackeln wurden angezündet, und die Menge rückte auf den Abgrund zu. Das klare Wasser, das über den Sand lief, spiegelte die bläuliche Flamme der harzigen Fackeln wider, deren Strahlen die Spitzen der schwarzen Tannen enthüllten, die sich über den Felsen neigten.

„Dies ist der Ort zum Abladen“, sagte dann der Doktor. „Es ist notwendig, den Eingang der Höhle zu versperren.“

Und es war nicht ohne ein Gefühl des Schreckens, dass jeder die Pflicht übernahm, seine Befehle auszuführen. Das Reisig fiel von den Wagenladungen. Ein paar Pfähle, die vor der Öffnung der Quelle in den Boden geschlagen wurden, verhinderten, dass das Wasser sie fortspülte.

Gegen Mitternacht war der Eingang der Höhle vollständig geschlossen. Das darüber laufende Wasser verteilte sich zu beiden Seiten auf dem Moos. Das oberste Reisig war vollkommen trocken; dann versorgte sich Dr. Weber mit einer Fackel und entzündete selbst das Feuer. Die Flammen liefen von Zweig zu Zweig mit einem wütenden Knistern und sprangen bald gen Himmel, Wolken von Rauch vor sich herjagend.

Es war ein seltsames und wildes Schauspiel, der große Haufen mit zitternden Schatten, der auf diese Weise beleuchtet wurde.

Diese Höhle spie schwarzen Rauch aus, unaufhörlich erneuert und ausgespien. Ringsum standen die Holzfäller, düster, unbeweglich, erwartungsvoll, ihre Augen auf die Öffnung gerichtet; und ich, obwohl vor Angst von Kopf bis Fuß zitternd, konnte meinen Blick nicht abwenden.

Es war ein gutes Viertelstündchen, das wir warteten, und Dr. Weber begann ungeduldig zu werden, als ein schwarzes Objekt mit langen, hakenförmigen Krallen plötzlich im Schatten erschien und sich zur Öffnung stürzte.

Ein Schrei ertönte um den Scheiterhaufen.

Die Spinne, von den glühenden Kohlen zurückgetrieben, kehrte in ihre Höhle zurück. Dann, zweifellos vom Rauch erstickt, griff sie erneut an und sprang mitten in die Flammen. Ihre langen Beine krümmten sich. Sie war so groß wie mein Kopf und von einem violetten Rot.

Einer der Holzfäller, fürchtend, sie könnte aus dem Feuer springen, warf seine Axt nach ihr, und zwar mit solch gutem Ziel, dass im selben Augenblick das Feuer um sie herum mit Blut bedeckt war. Aber bald schlugen die Flammen heftiger über ihr zusammen und verzehrten den schrecklichen Zerstörer.

* * * * *

Das, Meister Frantz, war das seltsame Ereignis, das den guten Ruf zerstörte, den die Gewässer von Spinbronn ehemals genossen. Ich kann die skrupulöse Genauigkeit meiner Darstellung beglaubigen. Aber was eine Erklärung betrifft, so wäre es mir unmöglich, sie zu geben. Gleichzeitig erlauben Sie mir zu sagen, dass es mir nicht absurd erscheint, zuzugeben, dass eine Spinne unter dem Einfluss einer durch Thermalquellen erhöhten Temperatur, die die gleichen Bedingungen für Leben und Entwicklung bietet wie die sengenden Klimate Afrikas und Südamerikas, eine fabelhafte Größe erreichen könnte. Es war diese gleiche extreme Hitze, die die erstaunliche Üppigkeit der antediluvianischen Schöpfung erklärt!

Wie dem auch sei, mein Hauslehrer, urteilend, dass es nach diesem Ereignis unmöglich sein würde, die Gewässer von Spinbronn wiederherzustellen, verkaufte das Haus an Hâselnoss zurück, um mit seiner Negerin und seinen Sammlungen nach Amerika zurückzukehren. Ich wurde in Pension nach Straßburg geschickt, wo ich bis 1809 blieb.

Die großen politischen Ereignisse der Epoche, die dann die Aufmerksamkeit Deutschlands und Frankreichs in Anspruch nahmen, erklären, warum die Angelegenheit, von der ich Ihnen soeben erzählt habe, völlig unbemerkt blieb.

HONORÉ DE BALZAC

Melmoth bekehrt[1]

Dem Herrn General Baron de Pommereul, ein Zeichen der Freundschaft zwischen unseren Vätern, die in ihren Söhnen fortlebt.

DE BALZAC.

Es gibt eine besondere Art der menschlichen Natur, die im sozialen Königreich durch einen Prozess gewonnen wird, der dem des Gärtnerhandwerks im Pflanzenreich analog ist, nämlich durch das Treibhaus – eine Art Hybride, die weder aus Samen noch aus Stecklingen gezogen werden kann. Dieses Produkt ist als der Kassierer bekannt, ein anthropomorphes Gewächs, begossen durch religiöse Lehre, erzogen in der Furcht vor der Guillotine, beschnitten durch das Laster, um im dritten Stock mit einer achtbaren Ehefrau an seiner Seite und einer uninteressanten Familie zu gedeihen. Die Zahl der Kassierer in Paris muss für den Physiologen immer ein Problem bleiben. Ist es bisher jemandem gelungen, die Glieder der Proportionsrechnung korrekt anzugeben, in der der Kassierer als die Unbekannte x figuriert? Wo findet man den Mann, der mit Reichtum lebt wie eine Katze mit einer gefangenen Maus? Dieser Mann soll, zur weiteren Qualifikation, in der Lage sein, sieben oder acht Stunden am Tag während sieben Achteln des Jahres hinter einem Eisengitter eingesperrt zu sitzen, auf einem Stuhl mit Rohrgeflecht in einem Raum, der so eng ist wie die Kajüte eines Leutnants an Bord eines Kriegsschiffes. Ein solcher Mann muss in der Lage sein, der Ankylose der Knie- und Hüftgelenke zu trotzen; er muss eine Seele haben, die über der Gemeinheit steht, um gemein zu leben; er muss durch den ständigen Umgang mit Geld jeden Gefallen daran verlieren. Verlangen Sie dieses besondere Exemplar von jeder beliebigen Konfession, jedem Bildungssystem, jeder Schule oder Institution, und wählen Sie Paris, diese Stadt der feurigen Proben und Filiale der Hölle, als Boden, in den dieser Kassierer gepflanzt werden soll. So sei es. Konfessionen, Schulen, Institutionen und Moralsysteme, alle menschlichen Regeln und Vorschriften, große und kleine, werden eine nach der anderen so ziemlich das Gesicht zeigen, das ein enger Freund Ihnen zuwendet, wenn Sie ihn bitten, Ihnen tausend Franken zu leihen. Mit einem schmerzerfüllten Herunterhängen des Kiefers deuten sie auf die Guillotine, so wie Ihr besagter Freund Ihnen die Adresse des Geldverleihers geben und Sie auf eines der hundert Tore hinweisen wird, durch die ein Mensch zur letzten Zuflucht der Mittellosen gelangt.

[1] Für die Erzählung „Melmoth der Wanderer“ und eine Beschreibung von Balzacs Schuld gegenüber deren Autor siehe Band III, Seite 161. – HERAUSGEBER.

Doch die Natur hat ihre Launen bei der Erschaffung eines menschlichen Geistes; sie gönnt sich den Spaß und bringt hin und wieder ein paar ehrliche Leute hervor, und ab und zu einen Kassierer.

Weshalb jene Rasse von Korsaren, die wir mit dem Titel Bankiers beehren, jene Herrschaften, die eine Lizenz erwerben, für die sie tausend Kronen zahlen, so wie der Freibeuter seine Kaperbriefe erwirbt, diese seltenen Produkte der Ausbrütung der Tugend in solchem Ansehen halten, dass sie sie in Käfigen in ihren Kontoren einsperren, so wie Regierungen auf eigene Kosten Exemplare seltsamer Tiere beschaffen und unterhalten.

Wenn der Kassierer eine Vorstellungskraft oder ein feuriges Temperament besitzt; wenn er, wie es selbst dem vollkommensten Kassierer bisweilen passieren mag, seine Frau liebt und diese Frau ihres Loses überdrüssig wird, Ambitionen hat oder nur etwas Eitelkeit in ihrem Wesen besitzt, ist der Kassierer verloren. Durchsuchen Sie die Chroniken der Kontore. Sie werden keinen einzigen Fall finden, in dem ein Kassierer eine „Position“ erreichte, wie es genannt wird. Sie werden auf die Strafkolonien geschickt; sie gehen in fremde Länder; sie vegetieren in einem zweiten Stock in der Rue Saint-Louis inmitten der Marktgärten des Marais. Eines Tages, wenn die Kassierer von Paris ein Gefühl für ihren wirklichen Wert bekommen, wird man kaum noch einen Kassierer für Geld bekommen können. Dennoch ist es sicher, dass es Leute gibt, die zu nichts anderem taugen, als Kassierer zu sein, so wie die Neigung einer bestimmten Art von Geist unvermeidlich zum Gaunertum führt. Aber, o Wunder unserer Zivilisation! Die Gesellschaft belohnt Tugend im Alter mit einem Einkommen von hundert Louis, einer Wohnung im zweiten Stock, ausreichend Brot, gelegentlich neuen Bandana-Taschentüchern, einer älteren Ehefrau und deren Nachkommen.

So viel zur Tugend. Aber für den entgegengesetzten Weg, ein wenig Kühnheit, eine Fähigkeit, sich auf der Luvseite des Gesetzes zu halten, wie Turenne Montecuculli ausmanövrierte, und die Gesellschaft wird den Diebstahl von Millionen sanktionieren, den Dieb mit Bändern überschütten, ihn mit Ehren vollstopfen und ihn mit Rücksichtnahme ersticken.

Die Regierung arbeitet zudem harmonisch mit diesem zutiefst unlogischen Vernunftwesen – der Gesellschaft – zusammen. Die Regierung erhebt eine Konskription unter der jungen Intelligenz des Königreichs im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren, eine Konskription frühreifer Kraft. Große Fähigkeiten werden vorzeitig durch übermäßige Kopfarbeit erschöpft, bevor sie zur Auswahl vorgelegt werden. Gärtner sortieren und wählen Samen auf ähnliche Weise aus. Zu diesem Prozess zieht die Regierung professionelle Talentschätzer hinzu, Männer, die Gehirne prüfen können wie Experten Gold in der Münzstätte. Fünfhundert solcher Köpfe, entflammt von Hoffnung, werden jährlich von dem fortschrittlichsten Teil der Bevölkerung eingereicht; und von diesen nimmt die Regierung ein Drittel, steckt sie in Säcke, die Écoles genannt werden, und schüttelt sie drei Jahre lang zusammen. Obwohl jede dieser jungen Pflanzen eine enorme produktive Kraft repräsentiert, werden sie, sozusagen, zu Kassierern gemacht. Sie erhalten Anstellungen; die Mannschaft der Ingenieure besteht aus ihnen; sie werden als Artilleriehauptleute eingesetzt; es gibt keinen (subalternen) Rang, den sie nicht anstreben könnten. Wenn diese Männer, die Auslese der Jugend der Nation, gemästet mit Mathematik und vollgestopft mit Wissen, schließlich das Alter von fünfzig Jahren erreicht haben, haben sie ihre Belohnung und erhalten als Preis für ihre Dienste die Wohnung im dritten Stock, die Frau und Familie und all die Annehmlichkeiten, die das Leben für die Mittelmäßigkeit versüßen. Wenn aus dieser Rasse von Betrogenen einige fünf oder sechs Genies entkommen, die die höchsten Gipfel erklimmen, ist das nicht wunderbar?

Dies ist eine genaue Darstellung der Beziehungen zwischen Talent und Rechtschaffenheit einerseits und Regierung und Gesellschaft andererseits in einem Zeitalter, das sich für fortschrittlich hält. Ohne diese einleitende Erklärung würde ein kürzlich erfolgter Vorfall in Paris unwahrscheinlich erscheinen; aber vorangestellt mit dieser Zusammenfassung der Situation, wird er vielleicht einige nachdenkliche Aufmerksamkeit von Geistern finden, die fähig sind, die wirklichen wunden Punkte unserer Zivilisation zu erkennen, einer Zivilisation, die seit 1815 eher vom Geist des Gewinns als von Prinzipien der Ehre bewegt wird.

Die Geschichte, die wir zu erzählen haben, beginnt mit einem dieser Ereignisse, die, wenn sie in den Zeitungen nicht unter der Rubrik „Verschiedenes“ vergraben wären, als Beweis für die moralische Verderbtheit unserer Zeit dienen könnten.

Gegen fünf Uhr an einem trüben Herbstnachmittag saß der Kassierer eines der größten Bankhäuser von Paris noch immer an seinem Schreibtisch und arbeitete im Licht einer Lampe, die schon seit einiger Zeit brannte. Dem Handelsbrauch entsprechend befand sich das Kontor in der dunkelsten Ecke des niedrig gedeckten und keineswegs geräumigen Zwischengeschosses, am äußersten Ende eines Ganges, der nur durch entlehntes Licht erhellt wurde. Die Bürotüren entlang dieses Korridors, jede mit ihrem Schild versehen, verliehen dem Ort das Aussehen eines Badehauses. Um vier Uhr hatte der stoische Pförtner pflichtgemäß verkündet: „Die Bank ist geschlossen.“ Und zu dieser Stunde waren die Abteilungen verlassen, die Post versandt, die Angestellten hatten sich entfernt. Die Ehefrauen der Teilhaber erwarteten ihre Liebhaber; die beiden Bankiers speisten mit ihren Mätressen. Alles war in Ordnung.

Der Ort, an dem die Geldschränke in Eisenblech eingelassen waren, befand sich direkt hinter dem kleinen Kabinett, in dem der Kassierer zu tun hatte. Zweifellos war er gerade dabei, seine Bücher auszugleichen. Die offene Front gab den Blick frei auf einen Tresor aus gehämmertem Eisen, der dank der Wissenschaft des modernen Erfinders so ungeheuer schwer war, dass Diebe ihn nicht hätten entwenden können. Die Tür öffnete sich nur auf Wunsch derer, die das Passwort kannten. Das Buchstabenschloss war ein Wächter, der sein Geheimnis für sich behielt und nicht bestochen werden konnte; das geheimnisvolle Wort war eine geniale Verwirklichung des „Sesam, öffne dich!“ aus Tausendundeiner Nacht. Aber selbst das war noch nichts. Ein Mensch mochte das Passwort entdecken; doch wenn er nicht das letzte Geheimnis des Schlosses kannte, die ultima ratio dieses goldbewachenden Drachens der mechanischen Wissenschaft, so feuerte es eine Donnerbüchse auf seinen Kopf ab.

Die Tür des Raumes, die Wände des Raumes, die Fensterläden in dem Raum, kurzum der ganze Ort, war mit Eisenblech von einem Drittel Zoll Dicke ausgekleidet, das hinter der dünnen Holzvertäfelung verborgen war. Die Läden waren geschlossen, die Tür war verriegelt. Wenn jemals ein Mensch darauf vertrauen konnte, dass er absolut allein war und keine entfernte Möglichkeit bestand, von neugierigen Blicken beobachtet zu werden, dann war dieser Mann der Kassierer des Hauses Nucingen und Kompanie in der Rue Saint-Lazare.

Dementsprechend herrschte in jener Eisenhöhle tiefstes Schweigen. Das Feuer im Ofen war erloschen, aber der Raum war erfüllt von jener lauen Wärme, die die stumpfe Benommenheit und das übelkeitserregende Unwohlsein eines Morgens nach einer Orgie hervorruft. Der Ofen ist ein Mesmerist, der keine geringe Rolle bei der Verwandlung von Bankangestellten und Pförtnern in einen Zustand der Idiotie spielt.

Ein Raum mit einem Ofen ist eine Retorte, in der die Kraft starker Männer verdampft, ihre Vitalität erschöpft und ihr Wille geschwächt wird. Regierungsämter sind Teil eines großen Plans zur Herstellung der Mittelmäßigkeit, die für die Aufrechterhaltung eines Feudalsystems auf pekuniärer Basis notwendig ist – und Geld ist das Fundament des Gesellschaftsvertrags. (Siehe Les Employés.) Die mephitischen Dämpfe in der Atmosphäre eines überfüllten Raumes tragen nicht unwesentlich zu einer allmählichen Verschlechterung der Intelligenz bei; das Gehirn, das die größte Menge Stickstoff abgibt, erstickt auf lange Sicht die anderen.

Der Kassierer war ein Mann von fünfundvierzig Jahren oder in etwa diesem Alter. Als er am Tisch saß, fiel das Licht einer Moderatorlampe voll auf seinen kahlen Schädel und den glitzernden Kranz aus eisgrauem Haar, der ihn umgab – diese Kahlheit und die runden Konturen seines Gesichts ließen seinen Kopf wie eine Kugel erscheinen. Sein Teint war ziegelrot, ein paar Falten hatten sich um seine Augen gesammelt, doch er besaß die glatten, fleischigen Hände eines korpulenten Mannes. Sein blauer Gehrock, ein wenig abgewetzt und verschlissen, sowie die Falten und der Glanz seiner Hose, Spuren harten Gebrauchs, die keine Kleiderbürste zu entfernen vermag, würden bei einem oberflächlichen Beobachter den Eindruck erwecken, hier handele es sich um einen sparsamen und rechtschaffenen Menschen, der philosophisch oder aristokratisch genug sei, um schäbige Kleidung zu tragen. Doch leider ist es leicht, knauserige Menschen zu finden, die sich in den wichtigsten Dingen des Lebens als schwach, verschwenderisch oder inkompetent erweisen.

Der Kassierer trug das Band der Ehrenlegion im Knopfloch, denn er war zu Zeiten des Kaisers Major der Dragoner gewesen. M. de Nucingen, der vor seiner Zeit als Bankier Unternehmer war, hatte damals Grund gehabt, die ehrenhafte Gesinnung seines Kassierers zu kennen, der seinerzeit eine hohe Stellung innehatte. Dem Major waren Schicksalsschläge widerfahren, und der Bankier zahlte ihm aus Achtung fünfhundert Franken im Monat. Der Soldat war im Jahr 1813 Kassierer geworden, nachdem er von einer Wunde genesen war, die er bei Studzianka während des Rückzugs aus Moskau erlitten hatte, gefolgt von sechs Monaten erzwungenen Müßiggangs in Straßburg, wohin mehrere Offiziere auf Befehl des Kaisers transportiert worden waren, damit sie fachgerechte Pflege erhielten. Dieser Offizier, namens Castanier, ging mit dem Ehrengrad eines Oberst und einer Pension von zweitausendvierhundert Franken in den Ruhestand.

In zehn Jahren hatte der Kassierer den Soldaten vollständig ausgelöscht, und Castanier flößte dem Bankier ein solches Vertrauen ein, dass er an den Geschäften beteiligt wurde, die im Privatbüro hinter seinem kleinen Kontor abgewickelt wurden. Der Baron selbst hatte durch eine Geheimtreppe Zugang dazu. Dort wurden geschäftliche Angelegenheiten entschieden. Es war der Raum, in dem Vorschläge gesiebt wurden; die geheime Ratskammer, in der die Berichte des Geldmarktes analysiert wurden; von dort wurden zirkuläre Wechsel ausgegeben; und schließlich wurden dort das Hauptbuch und das Journal, das die Arbeit aller Abteilungen zusammenfasste, aufbewahrt.

Castanier hatte eigenhändig die Tür geschlossen, die zu einer Treppe führte, welche in den Salon der beiden Bankiers im ersten Stock ihres Hotels führte. Danach hatte er sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt und betrachtete einen Moment lang eine kleine Sammlung von Akkreditiven, die auf das Haus Watschildine in London ausgestellt waren. Dann hatte er die Feder ergriffen und die Unterschrift des Bankiers auf jedem einzelnen nachgeahmt. Nucingen schrieb er und betrachtete die gefälschten Unterschriften kritisch, um zu sehen, welche die perfekteste Kopie zu sein schien.

Plötzlich blickte er auf, als hätte ihn eine Nadel gestochen. „Du bist nicht allein!“, schien eine unheilverkündende Stimme in seinem Herzen zu rufen; und in der Tat sah der Fälscher einen Mann am kleinen Gitterfenster des Kontors stehen, einen Mann, dessen Atem so geräuschlos war, dass er gar nicht zu atmen schien. Castanier schaute hin und sah, dass die Tür am Ende des Ganges weit offen stand; der Fremde musste auf diesem Weg eingetreten sein.

Zum ersten Mal in seinem Leben empfand der alte Soldat ein Gefühl der Angst, das ihn mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen auf den Mann vor ihm starren ließ; und übrigens war das Erscheinen der Erscheinung alarmierend genug, selbst wenn es nicht von den geheimnisvollen Umständen eines so plötzlichen Eintritts begleitet worden wäre. Die gewölbte Stirn, die harte Färbung des langen, ovalen Gesichts deuteten ebenso deutlich wie der Schnitt seiner Kleidung darauf hin, dass der Mann ein Engländer war, der seine Heimatinseln verströmte. Man musste nur den Kragen seines Überrocks betrachten, das voluminöse Halstuch, das die zerknitterten Rüschen einer Hemdbrust erstickte, die so weiß war, dass sie den unveränderlichen bleiernen Farbton eines unbewegten Gesichts hervorhob, und die dünne rote Linie der Lippen, die gemacht schienen, um das Blut von Leichen zu saugen; und man konnte sofort auf die schwarzen Gamaschen schließen, die bis zum Knie zugeknöpft waren, und das halb puritanische Kostüm eines wohlhabenden Engländers, der für einen Ausflug gekleidet war. Der unerträgliche Glanz in den Augen des Fremden erzeugte einen lebhaften und unangenehmen Eindruck, der durch die starren Konturen seiner Gesichtszüge nur noch vertieft wurde. Das ausgetrocknete, abgemagerte Wesen schien einen nagenden Gedanken in sich zu tragen, der ihn verzehrte und nicht besänftigt werden konnte.

Er musste seine Nahrung so schnell verdaut haben, dass er zweifellos ununterbrochen essen konnte, ohne dass seine Gesichtsfarbe oder seine Züge sich veränderten. Ein Fass Tokajer Wein aus dem Nachlass hätte kein Zögern in jenem durchdringenden Blick verursacht, der die innersten Gedanken der Menschen las, noch den gnadenlosen Verstand entthront, der immer bis zum Grund der Dinge vorzudringen schien. Es lag etwas von der grausamen und ruhigen Majestät eines Tigers in ihm.

„Ich bin gekommen, um diesen Wechsel einzulösen, mein Herr“, sagte er. Castanier spürte, wie die Töne seiner Stimme jeden Nerv mit einem heftigen Schock erschütterten, ähnlich dem einer elektrischen Entladung.

„Der Tresor ist geschlossen“, sagte Castanier.

„Er ist offen“, sagte der Engländer und sah sich im Kontor um. „Morgen ist Sonntag, und ich kann nicht warten. Der Betrag beläuft sich auf fünfhunderttausend Franken. Sie haben das Geld dort, und ich muss es haben.“

„Aber wie sind Sie hereingekommen, mein Herr?“

Der Engländer lächelte. Dieses Lächeln erschreckte Castanier. Kein Wort hätte vollständiger oder kategorischer antworten können als diese spöttische und imperiale Krümmung der Lippen des Fremden. Castanier wandte sich ab, nahm fünfzig Pakete, von denen jedes zehntausend Franken in Banknoten enthielt, und reichte sie dem Fremden, wofür er im Gegenzug einen vom Baron de Nucingen akzeptierten Wechsel erhielt. Eine Art krampfhaftes Zittern überlief ihn, als er einen roten Schimmer in den Augen des Fremden sah, als diese auf die gefälschte Unterschrift auf dem Akkreditiv fielen.

„Es ... es bedarf Ihrer Unterschrift ...“, stammelte Castanier und gab den Wechsel zurück.

„Geben Sie mir Ihre Feder“, antwortete der Engländer.

Castanier reichte ihm die Feder, mit der er gerade die Fälschung begangen hatte. Der Fremde schrieb John Melmoth, dann gab er das Stück Papier und die Feder an den Kassierer zurück. Castanier betrachtete die Handschrift und bemerkte, dass sie in östlicher Manier von rechts nach links geneigt war, und Melmoth verschwand so geräuschlos, dass Castanier, als er wieder aufblickte, einen Ausruf ausstieß, teils weil der Mann nicht mehr da war, teils weil er ein seltsames, schmerzhaftes Gefühl verspürte, wie es sich unsere Fantasie als eine Wirkung von Gift vorstellen könnte.

Die Feder, die Melmoth berührt hatte, sandte dieselbe Übelkeit erregende Hitze durch ihn, die ein Brechmittel erzeugt. Aber es schien Castanier unmöglich, dass der Engländer sein Verbrechen erraten haben könnte. Sein inneres Unbehagen schrieb er dem Herzklopfen zu, das nach landläufiger Meinung sicher unmittelbar auf einen solchen „Schreck“, wie der Fremde ihm versetzt hatte, folgen musste.

„Der Teufel soll ihn holen; ich bin sehr dumm. Die Vorsehung wacht über mich; denn wäre dieser Kerl morgen wiedergekommen, um nach meinen Herrschaften zu sehen, wäre es um mich geschehen!“, sagte Castanier und verbrannte die missglückten Fälschungsversuche im Ofen.

Er steckte den Wechsel, den er mitnehmen wollte, in einen Umschlag und nahm sich fünfhunderttausend Franken in französischen und englischen Banknoten aus dem Tresor, den er abschloss. Dann brachte er alles in Ordnung, zündete eine Kerze an, blies die Lampe aus, nahm seinen Hut und Regenschirm und ging gelassen, wie üblich, hinaus, um einen der beiden Schlüssel des Tresorraums in Abwesenheit des Barons bei Madame de Nucingen abzugeben.

„Sie haben Glück, M. Castanier“, sagte die Frau des Bankiers, als er ihr Zimmer betrat; „wir haben am Montag einen Feiertag; Sie können aufs Land fahren oder nach Soizy.“

„Madame, wären Sie so freundlich, Ihrem Mann zu sagen, dass der Wechsel auf Watschildine, der überfällig war, gerade präsentiert wurde? Die fünfhunderttausend Franken sind bezahlt; ich werde also erst am Dienstagmittag wiederkommen.“

„Auf Wiedersehen, mein Herr; ich hoffe, Sie werden eine angenehme Zeit haben.“

„Gleichfalls, Madame“, antwortete der alte Dragoner, als er hinausging. Er warf bei diesen Worten einen Blick auf einen jungen Mann, der damals in der vornehmen Gesellschaft wohlbekannt war, einen M. de Rastignac, der als Madame de Nucingens Liebhaber galt.

„Madame“, bemerkte letzterer, „der alte Herr sieht mir so aus, als ob er vorhätte, Ihnen einen bösen Streich zu spielen.“

„Pah! Unmöglich; er ist zu dumm.“

„Piquoizeau“, sagte der Kassierer, als er in das Zimmer des Pförtners trat, „was hat Sie dazu gebracht, jemanden nach vier Uhr heraufzulassen?“

„Ich habe seit vier Uhr hier in der Tür meine Pfeife geraucht“, sagte der Mann, „und niemand hat die Bank betreten. Es ist auch niemand hinausgegangen, außer den Herrschaften ...“

„Sind Sie sich ganz sicher?“

„Ja, auf mein Wort und meine Ehre. Halt, doch, um vier Uhr kam der Freund von M. Werbrust, ein junger Bursche von der Firma du Tillet & Co. aus der Rue Joubert.“

„Schon gut“, sagte Castanier und eilte davon.

Das Übelkeit erregende Gefühl der Hitze, das er verspürt hatte, als er die Feder zurücknahm, kehrte mit größerer Intensität zurück. „Mille diables!“, dachte er, während er sich seinen Weg über den Boulevard de Gand bahnte, „habe ich nicht die richtigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen? Lass sehen! Zwei volle Tage, Sonntag und Montag, dann ein Tag der Ungewissheit, bevor sie anfangen, nach mir zu suchen; insgesamt drei Tage und vier Nächte Aufschub. Ich habe ein Paar Pässe und zwei verschiedene Verkleidungen; reicht das nicht aus, um den cleversten Detektiv auf eine falsche Fährte zu locken? Am Dienstagmorgen werde ich in London eine Million Franken abheben, bevor auch nur der leiseste Verdacht aufgekommen ist. Meine Schulden hinterlasse ich meinen Gläubigern, die ein ‚P‘ auf die Wechsel setzen werden, und ich werde für den Rest meiner Tage als Conte Ferraro bequem in Italien leben. Ich war bei ihm, als er starb, der arme Kerl, im Sumpf von Zembin, und ich werde in seine Haut schlüpfen... Mille diables! Die Frau, die mir folgen soll, könnte ihnen einen Hinweis geben! Dass ein alter Haudegen wie ich so vernarrt ist, sich an einen Weiberrock zu binden! ... Warum sie mitnehmen? Ich muss sie zurücklassen. Ja, ich könnte mich dazu entschließen; aber – ich kenne mich – ich wäre dumm genug, für sie zurückzukehren. Dennoch kennt niemand Aquilina. Soll ich sie mitnehmen oder zurücklassen?“

„Du wirst sie nicht mitnehmen!“, rief eine Stimme, die Castanier mit Übelkeit erregender Angst erfüllte. Er drehte sich ruckartig um und sah den Engländer.

„Der Teufel steckt dahinter!“, rief der Kassierer laut.

Melmoth war inzwischen an seinem Opfer vorbeigegangen; und wenn Castaniers erster Impuls gewesen war, einen Streit mit einem Mann anzufangen, der seine eigenen Gedanken las, so war er doch von gegensätzlichen Gefühlen so zerrissen, dass das unmittelbare Ergebnis eine vorübergehende Lähmung war. Als er seinen Weg fortsetzte, verfiel er wieder in jenes Fieber der Unentschlossenheit, das diejenigen befällt, die von Leidenschaft so mitgerissen werden, dass sie bereit sind, ein Verbrechen zu begehen, aber nicht genug Charakterstärke besitzen, um es für sich zu behalten, ohne dabei entsetzlich zu leiden. Obwohl Castanier also beschlossen hatte, die Früchte eines Verbrechens zu ernten, das bereits halb vollzogen war, zögerte er, seine Pläne auszuführen. Für ihn, wie für viele Männer mit gemischtem Charakter, bei denen Schwäche und Stärke gleichermaßen vorhanden sind, entscheidet die geringste Kleinigkeit, ob sie weiterhin ein untadeliges Leben führen oder aktiv kriminell werden. In den riesigen Massen von Männern, die in Napoleons Armeen eingeschrieben waren, gab es viele, die wie Castanier den rein physischen Mut besaßen, der auf dem Schlachtfeld gefordert wurde, denen es jedoch an dem moralischen Mut fehlte, der einen Mann im Verbrechen ebenso groß macht, wie er in der Tugend hätte sein können.

Das Akkreditiv war so abgefasst, dass er sofort nach seiner Ankunft fünfundzwanzigtausend Pfund bei der Firma Watschildine, den Londoner Korrespondenten des Hauses Nucingen, abheben konnte. Das Londoner Haus war bereits über den bevorstehenden Wechsel informiert worden; er hatte ihnen selbst geschrieben. Er hatte einen Agenten (den er aufs Geratewohl ausgewählt hatte) angewiesen, seine Passage auf einem Schiff zu buchen, das Portsmouth mit einer wohlhabenden englischen Familie an Bord verlassen sollte, die nach Italien reiste, und das Passagegeld war auf den Namen des Conte Ferraro gezahlt worden. Die kleinsten Details des Plans waren durchdacht worden. Er hatte die Angelegenheiten so arrangiert, dass die Suche, die nach ihm angestellt werden würde, nach Belgien und in die Schweiz abgelenkt wurde, während er selbst auf dem englischen Schiff war. Dann, wenn Nucingen sich einbilden mochte, er sei auf der Spur seines ehemaligen Kassierers, hoffte besagter Kassierer als Conte Ferraro in Neapel in Sicherheit zu sein. Er hatte beschlossen, sein Gesicht zu entstellen, um sich noch vollständiger zu verkleiden, und mittels einer Säure die Narben von Pocken nachzuahmen. Doch trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen, die ihn eigentlich hätten absichern müssen, quälte ihn sein Gewissen; er hatte Angst. Das gleichmäßige und friedliche Leben, das er so lange geführt hatte, hatte die Moral des Lagers verändert. Sein Leben war bisher fleckenlos; er konnte es nicht ohne einen Stich beschmutzen. So gab er sich zum letzten Mal all den Einflüssen seines besseren Selbst hin, das sich energisch zur Wehr setzte.

„Pah!“, sagte er schließlich an der Ecke des Boulevards und der Rue Montmartre, „ich werde nach dem Theater heute Abend eine Droschke nehmen und nach Versailles fahren. Eine Postkutsche wird bei meinem alten Quartiermeister für mich bereitstehen. Er würde mein Geheimnis bewahren, selbst wenn ein Dutzend Männer bereitstünden, ihn niederzuschießen. Die Chancen stehen, soweit ich sehe, alle zu meinen Gunsten; also werde ich meine kleine Naqui mitnehmen, und ich werde gehen.“

„Du wirst nicht gehen!“, rief der Engländer, und der seltsame Klang seiner Stimme trieb dem Kassierer alles Blut zurück ins Herz.

Melmoth stieg in einen Tilbury, der auf ihn wartete, und wurde so schnell davon gewirbelt, dass Castanier, als er aufblickte, seinen Feind einige hundert Schritte von sich entfernt sah, und bevor ihm überhaupt in den Sinn kam, dem Mann den Rückzug abzuschneiden, war der Tilbury schon weit auf dem Boulevard Montmartre unterwegs.

„Nun, bei meinem Wort, da ist etwas Übernatürliches dabei!“, sagte er zu sich selbst. „Wenn ich dumm genug wäre, an Gott zu glauben, würde ich denken, Er habe den heiligen Michael auf meine Fährte gesetzt. Angenommen, der Teufel und die Polizei würden mich gewähren lassen, wie es ihnen gefällt, nur um mich im richtigen Moment zu schnappen? Hat jemals jemand so etwas gesehen! Aber was soll's, das ist Wahnsinn ...“

Castanier ging die Rue du Faubourg-Montmartre entlang und verlangsamte sein Tempo, als er sich der Rue Richer näherte. Dort, im zweiten Stock eines Gebäudekomplexes, der auf einige Gärten blickte, lebte die unbewusste Ursache von Castaniers Verbrechen – eine junge Frau, die in der Gegend als Mme. de la Garde bekannt war. Eine kurze Geschichte gewisser Ereignisse aus dem vergangenen Leben des Kassierers muss erzählt werden, um diese Fakten zu erklären und ein vollständiges Bild der Krise zu geben, in der er der Versuchung nachgab.

Mme. de la Garde sagte, sie sei eine Piemontesin. Niemand, nicht einmal Castanier, kannte ihren wirklichen Namen. Sie war eines jener jungen Mädchen, die durch bittere Not, durch die Unfähigkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder durch die Angst vor dem Verhungern dazu getrieben werden, auf ein Gewerbe zurückzugreifen, das die meisten von ihnen verabscheuen, viele mit Gleichgültigkeit betrachten und nur wenige aufgrund ihrer Veranlagung ausüben. Doch am Rande des Abgrunds der Prostitution in Paris hatte das junge Mädchen von sechzehn Jahren, schön und rein wie die Madonna, Castanier getroffen. Der alte Dragoner war zu grob und einfach, um in der Gesellschaft Fuß zu fassen, und er war es leid, nachts den Boulevard auf und ab zu gehen und die Art von Eroberungen zu machen, die dort durch Gold erzielt wurden. Seit einiger Zeit hatte er den Wunsch, eine gewisse Regelmäßigkeit in ein unregelmäßiges Leben zu bringen. Er war beeindruckt von der Schönheit des armen Kindes, das zufällig in seine Arme gespült worden war, und sein Entschluss, sie aus dem Leben auf der Straße zu retten, war halb wohlwollend, halb eigennützig, wie es bei den Gedanken der besten Menschen oft der Fall ist. Die gesellschaftlichen Bedingungen vermischen Elemente des Bösen mit dem Antrieb zur natürlichen Herzensgüte, und die Mischung der Motive, die den Absichten eines Mannes zugrunde liegen, sollte nachsichtig beurteilt werden. Castanier besaß gerade genug Klugheit, um sehr scharfsinnig zu sein, wenn seine eigenen Interessen auf dem Spiel standen. Also beschloss er, in beiderlei Hinsicht ein Philanthrop zu sein, und machte sie zunächst zu seiner Mätresse.

„Hey! Hey!“, sagte er zu sich selbst in seiner soldatischen Art, „ich bin ein alter Wolf, und ein Schaf soll mich nicht zum Narren halten. Castanier, mein Bester, bevor du einen Hausstand gründest, erkunde erst einmal den Charakter des Mädchens ein wenig und schau, ob sie eine beständige Sorte ist.“

Diese unregelmäßige Verbindung gab dem Piemonteser einen Status, der der Respektabilität unter jenen, die die Welt nicht anzuerkennen pflegt, am nächsten kam. Im ersten Jahr nahm sie den Kampfnamen Aquilina an, eine der Figuren aus Venice Preserved, die sie zufällig gelesen hatte. Sie bildete sich ein, der Kurtisane in Gesicht und allgemeiner Erscheinung zu gleichen, sowie in einer gewissen Frühreife von Herz und Verstand, derer sie sich bewusst war. Als Castanier feststellte, dass ihr Leben so wohlgeordnet und tugendhaft war, wie es für einen sozialen Gesetzlosen möglich ist, äußerte er den Wunsch, dass sie wie Ehemann und Ehefrau leben sollten. So nahm sie den Namen Mme. de la Garde an, um sich, so eng es die Pariser Gebräuche erlauben, den Bedingungen einer wirklichen Ehe anzunähern. Tatsächlich haben viele dieser unglücklichen Mädchen eine feste Vorstellung: als respektable bürgerliche Frauen angesehen zu werden, die ein eintöniges Leben der Treue zu ihren Ehemännern führen; Frauen, die ausgezeichnete Mütter, Buchhalterinnen des Haushalts und Flickerinnen der Haushaltswäsche wären. Diese Sehnsucht entspringt einem so lobenswerten Gefühl, dass die Gesellschaft es in Betracht ziehen sollte. Aber die Gesellschaft, unverbesserlich wie eh und je, wird sicherlich darauf beharren, die verheiratete Frau als eine Korvette zu betrachten, die durch ihre Flagge und Papiere ordnungsgemäß autorisiert ist, ihren eigenen Kurs zu fahren, während die Frau, die in allem außer dem Namen eine Ehefrau ist, aufgrund des Fehlens eines Dokuments eine Piratin und eine Gesetzlose ist. Ein Tag kam, an dem Mme. de la Garde sich gerne „Mme. Castanier“ genannt hätte. Der Kassierer war darüber verstört.

„Du liebst mich also nicht genug, um mich zu heiraten?“, sagte sie.

Castanier antwortete nicht; er war in seine Gedanken versunken. Das arme Mädchen ergab sich ihrem Schicksal. Der ehemalige Dragoner war verzweifelt. Naquis Herz erweichte beim Anblick seines Kummers; sie versuchte ihn zu trösten, aber was konnte sie tun, wenn sie nicht wusste, was ihn plagte? Als Naqui sich entschloss, das Geheimnis zu erfahren, obwohl sie ihn nie fragte, gestand der Kassierer wehmütig die Existenz einer Mme. Castanier. Diese rechtmäßige Ehefrau, tausendmal verflucht, lebte auf bescheidene Weise in Strasbourg auf einem kleinen Anwesen dort; er schrieb ihr zweimal im Jahr und hielt das Geheimnis ihrer Existenz so gut verborgen, dass niemand ahnte, dass er verheiratet war. Der Grund für diese Verschwiegenheit? Wenn sie vielen Militärs bekannt ist, die in eine ähnliche Lage geraten könnten, ist es vielleicht der Mühe wert, die Geschichte zu erzählen.

Ihr wahrer Soldat (wenn es hier erlaubt ist, das Wort zu verwenden, das in der Armee einen Mann bezeichnet, der dazu bestimmt ist, als Hauptmann zu sterben) ist eine Art Leibeigener, ein Teil seines Regiments, ein im Grunde einfaches Geschöpf, und Castanier war von der Natur dazu bestimmt, ein Opfer der Listen von Müttern mit erwachsenen Töchtern zu werden, die zu lange auf ihren Händen geblieben waren. Es war in Nancy, während einer jener kurzen Ruhepausen, als die kaiserlichen Armeen nicht im aktiven Dienst im Ausland standen, dass Castanier das Pech hatte, einer jungen Dame etwas Aufmerksamkeit zu schenken, mit der er auf einem Ridotto tanzte, der provinzielle Name für die Unterhaltungen, die oft vom Militär für die Stadtbewohner gegeben wurden, oder umgekehrt, in Garnisonsstädten. Ein Plan, den tapferen Hauptmann in die Ehe zu locken, wurde sofort in Gang gesetzt, einer jener Pläne, durch die Mütter sich Komplizen in einem menschlichen Herzen sichern, indem sie alle seine Antriebsfedern berühren, während sie alle ihre Freunde in Mitverschwörer verwandeln. Wie alle Menschen, die von einer Idee besessen sind, spannen diese Damen alles in den Dienst ihres großen Projekts, indem sie langsam ihre Netze ausarbeiten, ähnlich wie der Ameisenlöwe seinen Trichter im Sand aushebt und am Boden auf sein Opfer lauert. Angenommen, niemand verirrt sich nach alledem in dieses sorgfältig konstruierte Labyrinth? Angenommen, der Ameisenlöwe stirbt vor Hunger und Durst in seiner Grube? Solche Dinge können geschehen, aber wenn ein unvorsichtiges Geschöpf einmal hineingerät, kommt es nie wieder heraus. Alle Drähte, an denen gezogen werden konnte, um den Hauptmann zum Handeln zu bewegen, wurden ausprobiert; es wurde an die geheimen eigennützigen Motive appelliert, die in solchen Fällen immer ins Spiel kommen; sie arbeiteten an Castaniers Hoffnungen und an den Schwächen und der Eitelkeit der menschlichen Natur. Unglücklicherweise hatte er die Tochter vor ihrer Mutter gelobt, als er sie nach einem Walzer zurückbrachte, ein kleines Gespräch folgte, und dann eine Einladung auf die natürlichste Art der Welt. Einmal in das Haus eingeführt, war der Dragoner geblendet von der Gastfreundschaft einer Familie, die ihr wahres Vermögen hinter einem Schein sorgsamer Sparsamkeit zu verbergen schien. Er wurde von allen Seiten geschickt geschmeichelt, und jeder pries zu seinem Vorteil die verschiedenen Schätze, die dort zur Schau gestellt wurden. Ein gut getimtes Abendessen, serviert auf Silber, das von einem Onkel geliehen war, die Aufmerksamkeit, die ihm die einzige Tochter des Hauses entgegenbrachte, der Klatsch der Stadt, ein wohlhabender Unterleutnant, der den Boden unter seinen Füßen wegzuziehen drohte – all die unzähligen Fallen, kurzum, des provinziellen Ameisenlöwen wurden für ihn aufgestellt, und zwar so erfolgreich, dass Castanier fünf Jahre später sagte: „Bis heute weiß ich nicht, wie es dazu kam!“

Der Dragoner erhielt fünfzehntausend Francs mit der Dame, die nach zwei Jahren Ehe zur hässlichsten und folglich launischsten Frau auf Erden wurde. Glücklicherweise hatten sie keine Kinder. Der helle Teint (aufrechterhalten durch ein spartanisches Regime), die frische, leuchtende Farbe in ihrem Gesicht, die von einer einnehmenden Bescheidenheit sprach, wurde von Flecken und Pickeln übersät; ihre Figur, die so gerade geschienen hatte, wurde krumm, der Engel wurde zu einem misstrauischen und zänkischen Geschöpf, das Castanier in den Wahnsinn trieb. Dann bekam das Vermögen Flügel. Schließlich ließ der Dragoner, der die Frau, die er geheiratet hatte, nicht mehr erkannte, sie auf einem kleinen Anwesen in Strasbourg zurück, bis zu der Zeit, da es Gott gefallen sollte, sie zu sich zu nehmen, um das Paradies zu schmücken. Sie war eine jener tugendhaften Frauen, die aus Mangel an anderer Beschäftigung das Leben eines Engels mit Klagen ermüden würden, die beten, bis (wenn ihre Gebete im Himmel erhört werden) sie die Geduld des Allmächtigen erschöpfen müssen, und die alles Schlechte über ihre Ehemänner in taubenartigem Murmeln bei einer Partie Boston mit ihren Nachbarn sagen. Als Aquilina von all diesen Sorgen erfuhr, hielt sie noch liebevoller zu Castanier und machte ihn so glücklich, indem sie mit der Erfindungsgabe einer Frau die Vergnügungen variierte, mit denen sie sein Leben füllte, dass sie ganz unbewusst die Ursache für den Untergang des Kassierers war.

Wie viele Frauen, die von Natur aus dazu bestimmt scheinen, alle Tiefen der Liebe auszuloten, war Mme. de la Garde uneigennützig. Sie verlangte weder Gold noch Schmuck, dachte nicht an die Zukunft, lebte ganz für die Gegenwart und die Freuden der Gegenwart. Sie akzeptierte teuren Schmuck und Kleider, die Kutsche, nach der sich Frauen ihres Standes so sehr sehnten, als eine Harmonie mehr im Bild des Lebens. Es lag absolut keine Eitelkeit in ihrem Wunsch, sich nicht von einer besseren Seite zu zeigen, sondern schöner auszusehen, und zudem konnte keine Frau fröhlicher ohne Luxus leben. Wenn ein Mann von großzügigem Wesen (und Militärs sind meist von diesem Schlag) einer solchen Frau begegnet, empfindet er eine Art Erbitterung darüber, ihr an Großzügigkeit unterlegen zu sein. Er hat das Gefühl, er könnte eine Postkutsche überfallen, um Geld für sie zu beschaffen, wenn er nicht genug für ihre Launen hat. Er wird ein Verbrechen begehen, wenn er so groß und edel in den Augen einer Frau oder seines speziellen Publikums sein kann; so ist das Wesen des Mannes. Ein solcher Liebhaber ist wie ein Spieler, der in seinen eigenen Augen entehrt wäre, wenn er nicht die Summe zurückzahlte, die er sich von einem Kellner in einem Spielhaus geliehen hat; aber er wird vor keinem Verbrechen zurückschrecken, wird seine Frau und Kinder ohne einen Pfennig zurücklassen und rauben und morden, wenn er nur mit vollem Geldbeutel an den Spieltisch kommen kann und seine Ehre unter den Besuchern jenes verhängnisvollen Aufenthaltsortes unbefleckt bleibt. So war es bei Castanier.

Er hatte damit begonnen, Aquilina in einer bescheidenen Wohnung im vierten Stock unterzubringen, wobei die Möbel von einfachster Art waren. Aber als er die Schönheit und die großen Qualitäten des Mädchens sah, als er unbeschreibliches und ungeahntes Glück mit ihr erlebt hatte, begann er sie abgöttisch zu lieben und sehnte sich danach, sein Idol zu schmücken. Dann war Aquilinas Toilette so komisch unpassend für ihre ärmliche Bleibe, dass es für beide offensichtlich geboten war, umzuziehen. Der Wechsel verschlang fast alle Ersparnisse Castaniers, denn er stattete sein häusliches Paradies mit all der Verschwendung aus, die einer Geliebten zuteilwird. Eine hübsche Frau muss alles Hübsche um sich haben; die Einheit des Reizes bei der Frau und ihrer Umgebung hebt sie aus ihrem Geschlecht hervor. Dieses Gefühl der Homogenität ist zwar Beobachtern häufig entgangen, ist aber instinktiv in der menschlichen Natur; und der gleiche Antrieb führt dazu, dass sich ältere Jungfern mit trostlosen Relikten der Vergangenheit umgeben. Aber die schöne Piemonteserin musste die neuesten und aktuellsten Moden haben, und alles, was am feinsten und hübschesten an Stoffen für Behänge, an Seiden oder Schmuck, an feinem Porzellan und anderen spröden und zerbrechlichen Waren war. Sie verlangte nichts; aber wenn sie eine Wahl treffen sollte, wenn Castanier sie fragte: „Welches gefällt dir?“, antwortete sie: „Nun, das hier ist das Schönste!“ Die Liebe rechnet niemals die Kosten, und Castanier nahm daher immer das „Schönste“.

Als der Standard erst einmal gesetzt war, gab es kein Zurück mehr; alles im Haushalt musste in Übereinstimmung sein, von der Wäsche, dem Silber und Kristall über tausendundein Posten an Ausgaben bis hin zu den Töpfen und Pfannen in der Küche. Castanier hatte vorgehabt, „die Dinge einfach zu halten“, wie man so sagt, aber er fand sich allmählich immer tiefer verschuldet. Eine Ausgabe zog die andere nach sich. Die Uhr verlangte nach Kerzenleuchtern. In den dekorativen Rosten mussten Feuer angezündet werden, aber die Vorhänge und Behänge waren zu frisch und zart, um durch Ruß verschmutzt zu werden, also mussten sie durch patentierte und aufwendige Kamine ersetzt werden, die garantiert keinen Rauch abgaben, neueste Erfindungen der Leute, die geschickt darin sind, einen Prospekt zu entwerfen. Dann fand es Aquilina so schön, barfuß auf dem Teppich in ihrem Zimmer herumzulaufen, dass Castanier überall weiche Teppiche verlegen lassen musste, nur um das Vergnügen zu haben, mit Naqui zu spielen. Ein Badezimmer wurde ebenfalls für sie gebaut, alles nur, damit sie es bequemer hatte.

Ladenbesitzer, Handwerker und Fabrikanten in Paris haben eine mysteriöse Begabung, ein Loch im Geldbeutel eines Mannes zu vergrößern. Sie können auf Anfrage den Preis von nichts nennen; und da der Anfall von Sehnsucht keinen Aufschub duldet, werden Bestellungen im fahlen Licht eines ungefähren Kostenvoranschlags erteilt. Dieselben Leute schicken die Rechnungen nie sofort, sondern überhäufen den Käufer mit Möbeln, bis ihm der Kopf schwirrt. Alles ist so hübsch, so bezaubernd; und jeder ist zufrieden.

Ein paar Monate später sind die zuvorkommenden Möbelhändler verwandelt und tauchen wieder auf in Gestalt alarmierender Summen auf Rechnungen, die die Seele mit ihrem schrecklichen Lärm erfüllen; sie brauchen dringend das Geld; sie stehen, wie man sagen könnte, am Rande des Bankrotts, ihre Tränen fließen, es ist herzzerreißend, sie zu hören! Und dann – öffnet sich der Abgrund und gibt dicht gedrängte Kolonnen von Zahlen preis, die zu viert marschieren; während sie in Wirklichkeit hätten unschuldig zu dritt erscheinen sollen.

Bevor Castanier auch nur eine Ahnung davon hatte, wie viel er ausgegeben hatte, hatte er dafür gesorgt, dass Aquilina eine Kutsche von einem Mietstall hatte, wenn sie ausging, anstatt eines Taxis. Castanier war ein Feinschmecker; er stellte einen ausgezeichneten Koch ein; und Aquilina, um ihm zu gefallen, erledigte selbst die Einkäufe von Frühobst und Gemüse, seltenen Delikatessen und exquisiten Weinen. Aber da Aquilina nichts Eigenes hatte, waren diese ihre Geschenke, so kostbar durch den Gedanken, den Takt und die Liebenswürdigkeit, die sie veranlassten, nicht weniger ein Aderlass für Castaniers Geldbeutel; er mochte es nicht, wenn seine Naqui ohne Geld war, und Naqui konnte kein Geld in ihrer Tasche behalten. So war der Tisch ein schwerer Ausgabenposten für einen Mann mit Castaniers Einkommen. Der ehemalige Dragoner war gezwungen, zu verschiedenen Mitteln zu greifen, um an Geld zu gelangen, denn er konnte sich nicht dazu durchringen, auf dieses herrliche Leben zu verzichten. Er liebte die Frau zu sehr, um sich den Launen der Geliebten zu widersetzen. Er war einer jener Männer, die aus Selbstliebe oder aus Charakterschwäche einer Frau nichts abschlagen können; falsche Scham überwältigt sie, und sie riskieren lieber den Ruin, als die Eingeständnisse zu machen: „Ich kann nicht...“ „Meine Mittel erlauben es nicht...“ „Ich kann mir das nicht leisten...“

Als Castanier daher sah, dass er, wenn er aus dem Abgrund der Schulden, in den er gestürzt war, herauskommen wollte, sich von Aquilina trennen und von Brot und Wasser leben musste, war er so unfähig, ohne sie auszukommen oder seine Lebensgewohnheiten zu ändern, dass er seine Reformpläne täglich auf den nächsten Tag verschob. Die Schulden drängten, und er begann damit, Geld zu leihen. Seine Position und sein früherer Charakter flößten Vertrauen ein, und dies nutzte er aus, um ein System zu entwickeln, Geld zu leihen, wann immer er es brauchte. Dann, als die Gesamtsumme der Schulden schnell anstieg, nahm er seine Zuflucht zu jenen kaufmännischen Erfindungen, die als Akzeptwechsel bekannt sind. Diese Art von Wechsel stellt keine Waren oder andere erhaltene Werte dar, und der erste Indossant zahlt den genannten Betrag für die zuvorkommende Person, die ihn akzeptiert. Diese Art von Betrug wird toleriert, weil es unmöglich ist, sie zu entdecken, und außerdem ist es ein imaginärer Betrug, der nur dann real wird, wenn die Zahlung letztendlich verweigert wird.

Als es schließlich offensichtlich unmöglich war, noch länger zu leihen, sei es, weil die Höhe der Schulden nun so stark angestiegen war, oder weil Castanier nicht in der Lage war, die hohe Zinslast für die genannten Geldsummen zu zahlen, sah der Kassierer den Bankrott vor sich. Bei der Entdeckung dieser Tatsache entschied er sich für einen betrügerischen Bankrott anstelle eines gewöhnlichen Scheiterns und zog ein Verbrechen einer Ordnungswidrigkeit vor. Er beschloss, nach Art des berühmten Kassierers der Königlichen Schatzkammer das wohlverdiente Vertrauen zu missbrauchen und die Zahl seiner Gläubiger zu erhöhen, indem er ein letztes Darlehen über die Summe aufnahm, die ausreichte, um ihn für den Rest seiner Tage im Ausland in Wohlstand zu halten. All dies hatte er, wie gesehen wurde, vorbereitet.

Aquilina wusste nichts von den lästigen Sorgen dieses Lebens; sie genoss ihr Dasein, wie manche Frau es tut, ohne nachzufragen, woher das Geld kam, so wie andere Leute ihre Butterbrote essen, ohne von einem unruhigen Geist der Neugier nach dem Anbau und Wachstum des Weizens geplagt zu werden; aber so wie die Arbeit und die Fehlkalkulationen der Landwirtschaft auf der anderen Seite des Bäckerofens liegen, so liegen unter dem ungeschätzten Luxus vieler Pariser Haushalte unerträgliche Ängste und exorbitante Mühsal.

Während Castanier die Qual der Anspannung ertrug und seine Gedanken voll von der Tat waren, die sein ganzes Leben verändern sollte, lag Aquilina luxuriös zurückgelehnt in einem großen Lehnstuhl am Kamin und vertrieb sich die Zeit damit, mit ihrer Zofe zu plaudern. Wie es in solchen Fällen oft vorkommt, war die Zofe zur Vertrauten der Herrin geworden, nachdem Jenny sich erst vergewissert hatte, dass die Vormachtstellung ihrer Herrin über Castanier vollständig war.

„Was sollen wir heute Abend tun? Léon scheint entschlossen zu sein zu kommen“, sagte Mme. de la Garde, während sie ein leidenschaftliches Schreiben las, das auf einem zartgrauen Notizpapier verfasst war.

„Da ist der Herr!“, sagte Jenny.

Castanier kam herein. Aquilina, keineswegs aus der Fassung gebracht, zerknüllte den Brief, nahm ihn mit der Zange und hielt ihn in die Flammen.

„Das ist es also, was du mit deinen Liebesbriefen machst, nicht wahr?“, fragte Castanier.

„Oh, Gott, ja“, sagte Aquilina; „ist das nicht der beste Weg, sie sicher aufzubewahren? Außerdem sollte Feuer zum Feuer gehen, so wie Wasser zum Fluss strebt.“

„Du redest, als wäre es ein wirklicher Liebesbrief, Naqui...“

„Nun, bin ich nicht hübsch genug, um solche zu erhalten?“, sagte sie und hielt ihre Stirn zum Kuss hin. Es lag eine Sorglosigkeit in ihrem Auftreten, die jedem Mann, der weniger blind war als Castanier, gesagt hätte, dass es nur eine Art eheliche Pflicht war, dem Kassierer diese Freude zu bereiten; aber Gewohnheit und Alltag hatten Castanier an den Punkt gebracht, an dem Scharfsichtigkeit für die Liebe nicht mehr möglich ist.

„Ich habe für heute Abend eine Loge im Gymnase genommen“, sagte er; „lass uns früh zu Abend essen, dann müssen wir nicht in Eile essen.“

„Geh und nimm Jenny mit. Ich bin die Theaterstücke leid. Ich weiß nicht, was heute Abend mit mir los ist; ich würde lieber hier am Feuer bleiben.“

„Komm trotzdem mit, Naqui; ich werde nicht mehr lange hier sein, um dich zu langweilen. Ja, Quiqui, ich werde heute Nacht aufbrechen, und es wird eine Weile dauern, bis ich wieder zurückkomme. Ich überlasse alles deiner Obhut. Wirst du dein Herz auch für mich behalten?“

„Weder mein Herz noch irgendetwas anderes“, sagte sie; „aber wenn du wieder zurückkommst, wird Naqui immer noch Naqui für dich sein.“

„Nun, das ist Offenheit. Du würdest mir also nicht folgen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Eh! Warum, wie kann ich den Liebhaber verlassen, der mir so süße kleine Briefchen schreibt?“, fragte sie und zeigte mit einem spöttischen Lächeln auf das geschwärzte Stück Papier.

„Ist etwas Wahres daran?“, fragte Castanier. „Hast du wirklich einen Liebhaber?“

„Wirklich!“, rief Aquilina; „und hast du dir nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, mein Lieber? Zunächst einmal bist du fünfzig Jahre alt. Dann hast du genau das Gesicht, um es auf einen Obststand zu stellen; wenn die Frau versuchen würde, dich als Kürbis zu verkaufen, würde ihr niemand widersprechen. Du schnaufst und bläst wie eine Robbe, wenn du die Treppe hochkommst; dein Bauch hebt und senkt sich wie der Diamant auf der Stirn einer Frau! Es ist ziemlich klar, dass du bei den Dragonern gedient hast; du bist ein sehr hässlich aussehender alter Mann. Schnickschnack. Wenn du Lust hast, meinen Respekt zu behalten, empfehle ich dir, diesen Eigenschaften nicht noch Schwachsinn hinzuzufügen, indem du dir einbildest, dass ein Mädchen wie ich sich mit deiner asthmatischen Liebe zufrieden geben wird und nicht nach Jugend und gutem Aussehen und Vergnügen zur Abwechslung Ausschau hält...“

„Aquilina! Du lachst doch, oder?“

„Oh, sehr wohl; und lachst du etwa nicht auch? Hältst du mich für eine Närrin, dass du mir erzählst, du würdest weggehen? ‚Ich werde heute Nacht aufbrechen!‘“, sagte sie und ahmte seinen Tonfall nach. „Unsinn! Würdest du so reden, wenn du wirklich von deiner Naqui weggehen würdest? Du würdest weinen, wie der Dummkopf, der du bist!“

„Wenn ich nun gehe, folgst du mir?“, fragte er.

„Sag mir zuerst, ob diese Reise von dir ein schlechter Scherz ist oder nicht.“

„Ja, im Ernst, ich gehe.“

„Nun, dann bleibe ich, im Ernst. Eine gute Reise, mein Junge! Ich werde warten, bis du zurückkommst. Ich würde lieber Abschied vom Leben nehmen als Abschied von meinem lieben, gemütlichen Paris...“

„Willst du nicht mit nach Italien, nach Neapel, und dort ein angenehmes Leben führen – ein köstliches, luxuriöses Leben, mit diesem dicken alten Griesgram von dir, der schnauft und bläst wie eine Robbe?“

„Nein.“

„Undankbares Mädchen!“

„Undankbar?“, rief sie und erhob sich. „Ich könnte dieses Haus in diesem Moment verlassen und nichts weiter mitnehmen als mich selbst. Ich werde dir alle Schätze gegeben haben, die ein junges Mädchen geben kann, und etwas, das nicht jeder Tropfen in deinen Adern und meinen mir jemals zurückgeben kann. Wenn ich auf irgendeine Weise, zum Beispiel durch den Verkauf meiner Hoffnung auf die Ewigkeit, mein früheres Ich zurückgewinnen könnte, Körper wie Seele (denn ich habe vielleicht meine Seele erlöst), und rein wie eine Lilie für meinen Liebhaber sein könnte, würde ich nicht eine Sekunde zögern! Welche Art von Hingabe hat meine belohnt? Du hast mich untergebracht und ernährt, so wie man einem Hund Futter und eine Hütte gibt, weil er ein Schutz für das Haus ist, und er Tritte einstecken kann, wenn wir schlechter Laune sind, und uns die Hände lecken kann, sobald es uns beliebt, nach ihm zu rufen. Und wer von uns beiden wird der Großzügigere gewesen sein?“

„O! liebes Kind, siehst du denn nicht, dass ich scherze?“, erwiderte Castanier. „Ich unternehme eine kurze Reise; ich werde nicht allzu lange fortbleiben. Aber komm mit mir ins Gymnase; ich werde kurz vor Mitternacht aufbrechen, nachdem ich Zeit hatte, mich von dir zu verabschieden.“

„Du armes Ding! Du reist also wirklich ab, nicht wahr?“, sagte sie. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf an ihr Mieder.

„Du erstickst mich ja!“, rief Castanier, während sein Gesicht in Aquilinas Busen vergraben war. Die junge Frau wandte sich um, um Jenny ins Ohr zu flüstern: „Geh zu Léon und sag ihm, er solle erst um ein Uhr kommen. Wenn du ihn nicht findest und er während des Abschieds hier auftaucht, behalte ihn in deinem Zimmer. – Nun“, fuhr sie fort, ließ Castanier los und zwickte ihn in die Nasenspitze, „mach dir nichts draus, du schönster aller Seehunde. Ich werde heute Abend mit dir ins Theater gehen. Aber alles zu seiner Zeit; lass uns zu Abend essen! Es gibt ein nettes kleines Abendessen für dich – genau das, was du magst.“

„Es fällt mir sehr schwer, mich von einer Frau wie dir zu trennen!“, rief Castanier aus.

„Nun denn, warum gehst du dann?“, fragte sie.

„Ach! Warum? Warum? Wenn ich anfangen würde, die Gründe zu erklären, müsste ich dir Dinge sagen, die dir beweisen würden, dass ich dich fast bis zum Wahnsinn liebe. Ach! Wenn du deine Ehre für mich geopfert hast, so habe ich meine für dich verkauft; wir sind quitt. Ist das Liebe?“

„Was soll das alles?“, sagte sie. „Komm, versprich mir jetzt, dass du mich auch dann noch wie ein Vater lieben würdest, wenn ich einen Liebhaber hätte; das wäre Liebe! Komm, versprich es sofort und gib mir die Hand darauf.“

„Ich würde dich umbringen“, und Castanier lächelte, als er das sagte.

Sie setzten sich an den Abendbrottisch und gingen von dort zum Gymnase. Als der erste Teil der Vorstellung vorüber war, kam es Castanier in den Sinn, sich einigen seiner Bekannten im Haus zu zeigen, um jeden Verdacht bezüglich seiner Abreise zu zerstreuen. Er ließ Mme. de la Garde in der Eckloge zurück, wo sie gemäß ihrer bescheidenen Gewohnheit saß, und ging im Foyer auf und ab. Er war noch nicht viele Schritte gegangen, als er den Engländer sah, und mit einer plötzlichen Rückkehr des krankhaften Hitzegefühls, das ihn schon einmal durchschauert hatte, und des Schreckens, den er bereits verspürt hatte, stand er Melmoth von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

„Fälscher!“

Bei diesem Wort sah sich Castanier nach den Leuten um, die sich um sie herum bewegten. Er glaubte, Erstaunen und Neugier in ihren Augen zu sehen, und in dem Wunsch, diesen Engländer sofort loszuwerden, hob er die Hand, um ihn zu schlagen – und fühlte seinen Arm von einer unsichtbaren Kraft gelähmt, die seine Stärke raubte und ihn an den Fleck festnagelte. Er ließ zu, dass der Fremde ihn am Arm nahm, und sie gingen wie zwei Freunde gemeinsam in den Künstlerraum.

„Wer ist stark genug, mir zu widerstehen?“, sagte der Engländer zu ihm. „Weißt du nicht, dass alles hier auf Erden mir gehorchen muss, dass es in meiner Macht steht, alles zu tun? Ich lese die Gedanken der Menschen, ich sehe die Zukunft und ich kenne die Vergangenheit. Ich bin hier, und ich kann auch woanders sein. Zeit und Raum und Entfernung bedeuten mir nichts. Die ganze Welt steht mir zu Gebote. Ich habe die Macht zu ständigem Genuss und dazu, Freude zu schenken. Ich kann durch Mauern sehen, verborgene Schätze entdecken und meine Hände mit ihnen füllen. Paläste entstehen auf mein Nicken hin, und mein Architekt macht keine Fehler. Ich kann alle Länder zum Blühen bringen, ihr Gold und ihre Edelsteine aufhäufen und mich mit schönen Frauen und immer neuen Gesichtern umgeben; alles beugt sich meinem Willen. Ich könnte an der Börse spielen, und meine Spekulationen wären unfehlbar; aber ein Mann, der die Horte finden kann, die Geizhälse in der Erde verborgen haben, braucht sich nicht um Aktien zu sorgen. Fühle die Kraft der Hand, die dich packt; armer Wicht, zur Schande verdammt! Versuche, den Arm aus Eisen zu beugen! Versuche, das Herz aus Diamant zu erweichen! Flieh vor mir, wenn du es wagst! Du würdest meine Stimme in den Tiefen der Höhlen unter der Seine hören; du könntest dich in den Katakomben verstecken, aber würdest du mich dort nicht sehen? Meine Stimme könnte durch das Grollen des Donners gehört werden, meine Augen leuchten so hell wie die Sonne, denn ich bin Luzifers Ebenbürtiger!“

Castanier hörte die schrecklichen Worte und fühlte keinen Protest noch Widerspruch in sich selbst. Er ging Seite an Seite mit dem Engländer und hatte nicht die Macht, ihn zu verlassen.

„Du bist mein; du hast soeben ein Verbrechen begangen. Ich habe endlich den Gefährten gefunden, den ich gesucht habe. Hast du Lust, dein Schicksal zu erfahren? Aha! Du bist hierhergekommen, um ein Theaterstück zu sehen, und du wirst ein Stück sehen – nein, zwei. Komm. Stell mich Mme. de la Garde als einen deiner besten Freunde vor. Bin ich nicht deine letzte Hoffnung auf Rettung?“

Castanier kehrte, gefolgt von dem Fremden, in seine Loge zurück; und dem Befehl, den er gerade erhalten hatte, folgend, beeilte er sich, Melmoth Mme. de la Garde vorzustellen. Aquilina schien keineswegs überrascht zu sein. Der Engländer lehnte es ab, auf den vorderen Plätzen Platz zu nehmen, und Castanier war wieder bei seiner Geliebten; dem leisesten Wunsch des Mannes musste Folge geleistet werden. Das letzte Stück sollte beginnen, denn damals gaben kleine Theater nur drei Stücke. Einer der Schauspieler hatte das Gymnase in Mode gebracht, und an diesem Abend sollte Perlet (der fragliche Schauspieler) in einem Vaudeville namens Le Comédien d'Étampes spielen, in dem er vier verschiedene Rollen verkörperte.

Als sich der Vorhang hob, streckte der Fremde seine Hand über das vollbesetzte Haus aus. Castaniers Schrei des Entsetzens erstarb, denn die Wände seiner Kehle schienen zusammenzukleben, als Melmoth auf die Bühne zeigte und der Kassierer wusste, dass das Stück auf den Wunsch des Engländers hin geändert worden war.

Er sah den Tresorraum der Bank; er sah Baron de Nucingen in einer Besprechung mit einem Polizeibeamten von der Präfektur, der ihn über Castaniers Verhalten informierte und erklärte, dass der Kassierer mit Geldern aus dem Tresor geflohen sei, wobei er die Geschichte mit der gefälschten Unterschrift erzählte. Die Information wurde schriftlich festgehalten; das Dokument unterzeichnet und ordnungsgemäß an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

„Glauben Sie, wir sind rechtzeitig?“, fragte Nucingen.

„Ja“, sagte der Polizeibeamte; „er ist im Gymnase und schöpft keinerlei Verdacht.“

Castanier zappelte auf seinem Stuhl und tat, als wolle er das Theater verlassen, aber Melmoths Hand lag auf seiner Schulter, und er war gezwungen dazubleiben und zuzuschauen; die scheußliche Macht des Mannes erzeugte eine Wirkung wie die eines Albtraums, und er konnte kein Glied regen. Ja, der Mann selbst war der Albtraum; seine Anwesenheit lastete schwer auf seinem Opfer wie eine vergiftete Atmosphäre. Als der elende Kassierer sich umdrehte, um den Engländer um Gnade anzuflehen, begegnete er jenen lodernden Augen, die elektrische Ströme entluden, welche ihn durchdrangen und wie Stahlpfeile durchbohrten.

„Was habe ich dir getan?“, sagte er in seiner niedergeworfenen Hilflosigkeit und atmete schwer wie ein Hirsch am Wasser. „Was willst du von mir?“

„Sieh!“, rief Melmoth.

Castanier sah auf die Bühne. Die Szene hatte sich geändert. Das Stück schien zu Ende zu sein, und Castanier sah sich selbst, wie er mit Aquilina aus der Kutsche stieg; doch als er den Innenhof des Hauses in der Rue Richer betrat, änderte sich die Szene plötzlich erneut, und er sah sein eigenes Haus. Jenny plauderte am Kamin im Zimmer ihrer Herrin mit einem Unteroffizier eines Linienregiments, das damals in Paris stationiert war.

„Er geht also, ja?“, sagte der Sergeant, der einer wohlhabenden Familie anzugehören schien; „Ich kann glücklich sein und es mir gut gehen lassen! Ich liebe Aquilina zu sehr, um ihr zu erlauben, dieser alten Kröte zu gehören! Ich selbst werde Mme. de la Garde heiraten!“, rief der Sergeant.

„Alte Kröte!“, murmelte Castanier kläglich.

„Da kommen Herr und Herrin; versteck dich! Bleib, geh hier hinein, Monsieur Léon“, sagte Jenny. „Der Herr wird nicht lange hierbleiben.“

Castanier sah zu, wie der Sergeant sich in Aquilinas Kleidern in ihrem Ankleidezimmer versteckte. Fast unmittelbar darauf erschien er selbst auf der Bildfläche und verabschiedete sich von seiner Geliebten, die sich in „Beiseitesprüchen“ an Jenny über ihn lustig machte, während sie ihm die süßesten und zärtlichsten Worte ins Ohr flüsterte. Sie weinte mit der einen Seite ihres Gesichts und lachte mit der anderen. Das Publikum verlangte eine Zugabe.

„Verfluchtes Geschöpf!“, schrie Castanier aus seiner Loge.

Aquilina lachte, bis ihr die Tränen in die Augen traten.

„Gütiger Himmel!“, rief sie, „wie komisch Perlet als Engländerin ist!... Warum lachst du nicht? Jeder andere im Haus lacht. Lach doch, Liebling!“, sagte sie zu Castanier.

Melmoth brach in Lachen aus, und der unglückliche Kassierer schauderte. Das Lachen des Engländers zerriss ihm das Herz und folterte sein Gehirn; es war, als hätte ein Chirurg seinen Schädel mit einem glühenden Eisen angebohrt.

„Lachen! Lachen sie etwa?“, stammelte Castanier.

Er sah weder die vornehme englische Dame, die Perlet mit solch lächerlicher Wirkung spielte, noch hörte er das Englisch-Französisch, das das Haus mit Brüllgelächter erfüllt hatte; stattdessen sah er sich selbst, wie er aus der Rue Richer eilte, auf dem Boulevard eine Droschke herbeirief und mit dem Kutscher handelte, ihn nach Versailles zu bringen. Dann änderte sich die Szene erneut. Er erkannte den ärmlichen Gasthof an der Ecke der Rue de l'Orangerie und der Rue des Récollets, der von seinem alten Quartiermeister geführt wurde. Es war zwei Uhr morgens, die vollkommenste Stille herrschte, niemand war da, um seine Bewegungen zu beobachten. Die Postpferde wurden vor die Kutsche gespannt (sie stammte aus einem Haus in der Avenue de Paris, in dem ein Engländer wohnte, und war auf den Namen des Fremden bestellt worden, um keinen Verdacht zu erregen). Castanier sah, dass er seine Wechsel und Pässe bei sich hatte, stieg in die Kutsche und fuhr los. Doch an der Barriere sah er zwei Gendarmen, die auf die Kutsche warteten. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr ihm, doch Melmoth warf ihm einen Blick zu, und wieder erstarb der Ton in seiner Kehle.

„Behalte die Bühne im Auge und sei still!“, sagte der Engländer.

Im nächsten Moment sah Castanier sich in das Gefängnis der Conciergerie geworfen; und im fünften Akt des Dramas mit dem Titel Der Kassierer sah er sich selbst, wie er nach drei Monaten zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Wieder entfuhr ihm ein Schrei. Er wurde auf dem Place du Palais-de-Justice zur Schau gestellt, und der Scharfrichter brannte ihn mit einem glühenden Eisen. Dann kam die allerletzte Szene; inmitten von etwa sechzig Sträflingen im Gefängnishof von Bicêtre wartete er darauf, dass ihm die Eisen an die Glieder geschmiedet wurden.

„Ach du meine Güte! Ich kann nicht mehr lachen!...“, sagte Aquilina. „Du bist sehr feierlich, lieber Junge; was kann denn nur los sein? Der Herr ist gegangen.“

„Ein Wort unter uns, Castanier“, sagte Melmoth, als das Stück zu Ende war und der Platzanweiser Mme. de la Gardes Umhang festband.

Der Korridor war überfüllt, und eine Flucht war unmöglich.

„Also gut, was gibt es?“

„Keine menschliche Macht kann dich davon abhalten, Aquilina nach Hause zu bringen und als Nächstes nach Versailles zu fahren, um dort verhaftet zu werden.“

„Wie das?“

„Weil du dich in einer Hand befindest, die ihren Griff niemals lockern wird“, erwiderte der Engländer.

Castanier sehnte sich nach der Macht, ein Wort auszusprechen, das ihn aus der Zahl der lebenden Menschen auslöschen und in die tiefsten Abgründe der Hölle verbergen sollte.

„Angenommen, der Teufel würde ein Gebot auf deine Seele abgeben, würdest du sie ihm nicht jetzt im Austausch für die Macht Gottes geben? Ein einziges Wort, und diese fünfhunderttausend Francs wären wieder im Tresor des Baron de Nucingen; dann kannst du deinen Kreditbrief zerreißen, und alle Spuren deines Verbrechens wären ausgelöscht. Obendrein hättest du Gold im Überfluss. Du glaubst vielleicht an gar nichts? Nun, wenn all das eintritt, wirst du zumindest an den Teufel glauben.“

„Wenn das nur möglich wäre!“, sagte Castanier freudig.

„Der Mann, der all das tun kann, gibt dir sein Wort, dass es möglich ist“, antwortete der Engländer.

Melmoth, Castanier und Mme. de la Garde standen draußen auf dem Boulevard, als Melmoth seinen Arm hob. Ein Sprühregen fiel, die Straßen waren schlammig, die Luft war schwül, eine dichte Dunkelheit lag über ihnen; doch in einem Augenblick, als der Arm ausgestreckt wurde, war Paris von Sonnenlicht erfüllt; es war hoher Mittag an einem hellen Julitag. Die Bäume waren mit Blättern bedeckt; ein doppelter Strom fröhlicher Ausflügler schlenderte unter ihnen. Verkäufer von Süßholzwasser riefen ihre kühlen Getränke aus. Prächtige Kutschen rollten entlang der Straßen an ihnen vorbei. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem Kassierer, und bei diesem Schrei legten sich Regen und Dunkelheit wieder über den Boulevard.

Mme. de la Garde war in die Kutsche gestiegen. „Beeil dich doch, Liebling!“, rief sie; „entweder steig ein oder bleib draußen. Wirklich, du bist heute Abend so langweilig wie abgestandenes Wasser –“

„Was muss ich tun?“, fragte Castanier Melmoth.

„Möchtest du meinen Platz einnehmen?“, erkundigte sich der Engländer.

„Ja.“

„Sehr wohl, dann werde ich in wenigen Augenblicken bei dir zu Hause sein.“

„Übrigens, Castanier, du bist etwas aus dem Gleichgewicht“, bemerkte Aquilina. „Da ist irgendetwas im Busch; du warst während des ganzen Stücks ganz schwermütig und nachdenklich. Brauchst du etwas, das ich dir geben kann, mein Lieber? Sag es mir.“

„Ich warte, bis wir zu Hause sind, um zu wissen, ob du mich liebst.“

„Da brauchst du nicht bis dahin zu warten“, sagte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Da!“, sagte sie, während sie ihn umarmte, leidenschaftlich dem Anschein nach, und ihn mit den schmeichelnden Liebkosungen überhäufte, die wie eine Bühnennummer für eine Schauspielerin zum Geschäft ihres Lebens gehörten.

„Woher kommt die Musik?“, fragte Castanier.

„Was kommt als Nächstes? Denk nur, dass du jetzt Musik hörst!“

„Himmlische Musik!“, fuhr er fort. „Die Klänge scheinen von oben zu kommen.“

„Was? Du hast dich immer geweigert, mir eine Loge bei den Italiens zu geben, weil du Musik nicht ausstehen konntest, und jetzt wirst du plötzlich musikverrückt? Verrückt – das bist du! Die Musik ist in deinem eigenen Dickschädel, du alter Wirrkopf!“, fuhr sie fort, während sie seinen Kopf in ihre Hände nahm und ihn auf ihrer Schulter hin und her wiegte. „Sag mir jetzt, alter Mann; ist es nicht das Quietschen der Räder, das in deinen Ohren singt?“

„Hör nur, Naqui! Wenn die Engel Musik für Gott den Allmächtigen machen, dann muss es solch eine Musik sein, die ich mit jeder Pore in mich aufsauge, anstatt sie nur zu hören. Ich weiß nicht, wie ich dir davon erzählen soll; sie ist so süß wie Honigwasser!“

„Nun, natürlich haben sie im Himmel Musik, denn die Engel auf allen Bildern haben Harfen in ihren Händen. Er ist verrückt, bei meinem Wort!“, sagte sie zu sich selbst, als sie Castaniers Haltung sah; er sah aus wie ein Opiumesser in einer glückseligen Trance.

Sie erreichten das Haus. Castanier, absorbiert von dem Gedanken an alles, was er gerade gehört und gesehen hatte, wusste nicht, ob er es glauben sollte oder nicht; er war wie ein Betrunkener und völlig unfähig, zusammenhängend zu denken. Er kam wieder zu sich in Aquilinas Zimmer, wohin er durch die vereinten Anstrengungen seiner Geliebten, des Pförtners und Jenny gestützt worden war; denn er war ohnmächtig geworden, als er aus der Kutsche stieg.

„Er wird in Kürze hier sein! O, meine Freunde, meine Freunde!“, rief er und warf sich verzweifelt in die Tiefe eines tiefen Sessels am Kamin.

Jenny hörte die Klingel, als er das sagte, und ließ den Engländer ein. Sie kündigte an, dass „ein Herr gekommen sei, der eine Verabredung mit dem Herrn habe“, als Melmoth plötzlich erschien und tiefe Stille folgte. Er sah den Pförtner an – der Pförtner ging; er sah Jenny an – und Jenny ging ebenfalls.

„Madame“, sagte Melmoth, sich an Aquilina wendend, „mit Ihrer Erlaubnis werden wir ein dringendes Geschäft abschließen.“

Er nahm Castaniers Hand, Castanier erhob sich, und die beiden Männer gingen in den Salon. Es gab kein Licht im Raum, aber Melmoths Augen erleuchteten die dichteste Dunkelheit. Der Blick dieser seltsamen Augen hatte Aquilina wie gebannt zurückgelassen; sie war hilflos, unfähig, auch nur einen Gedanken an ihren Liebhaber zu verschwenden; zudem glaubte sie, er sei sicher in Jennys Zimmer, während ihre frühe Rückkehr die Zofe überrascht hatte und sie den Offizier im Ankleidezimmer versteckt hatte. Es war alles genau so geschehen wie in dem Drama, das Melmoth seinem Opfer vorgeführt hatte. Augenblicke später wurde die Haustür heftig zugeschlagen, und Castanier erschien wieder.

„Was fehlt dir?“, rief die entsetzte Aquilina.

Es gab eine Veränderung im Aussehen des Kassierers. Eine seltsame Blässe überzog sein einst blühendes Gesicht; es trug den eigentümlich finsteren und steinernen Ausdruck des mysteriösen Besuchers. Das düstere Leuchten seiner Augen war unerträglich, das wilde Licht darin schien zu versengen. Der Mann, der so gutmütig und freundlich ausgesehen hatte, war plötzlich tyrannisch und stolz geworden. Die Kurtisane dachte, Castanier sei dünner geworden; eine schreckliche Majestät lag auf seiner Stirn; es war, als hauche ein Drache einen bösartigen Einfluss aus, der auf den anderen wie eine drückende, schwere Atmosphäre lastete. Einen Moment lang wusste Aquilina nicht, was sie tun sollte.

„Was ist in diesen wenigen Minuten zwischen dir und diesem diabolisch aussehenden Mann vorgefallen?“, fragte sie schließlich.

„Ich habe ihm meine Seele verkauft. Ich fühle es; ich bin nicht mehr derselbe. Er hat mein Ich genommen und mir seine Seele dafür gegeben.“

„Was?“

„Du würdest es überhaupt nicht verstehen.... Ach! Er hatte recht“, fuhr Castanier fort, „der Teufel hatte recht! Ich sehe alles und weiß alle Dinge. – Du hast mich betrogen!“

Aquilina wurde vor Entsetzen kalt. Castanier zündete eine Kerze an und ging in das Ankleidezimmer. Das unglückliche Mädchen folgte ihm in betäubter Verwirrung, und groß war ihr Erstaunen, als Castanier die Kleider, die dort hingen, beiseite schob und den Sergeant enthüllte.

„Komm heraus, mein Junge“, sagte der Kassierer; und indem er Léon an einem Knopf seines Überrocks nahm, zog er den Offizier in sein Zimmer.

Die Piemontesin, hager und verzweifelt, hatte sich in ihren Lehnstuhl geworfen. Castanier setzte sich auf ein Sofa am Kamin und ließ Aquilinas Liebhaber in stehender Position.

„Sie waren beim Militär“, sagte Léon; „ich bin bereit, Ihnen Genugtuung zu geben.“

„Du bist ein Dummkopf“, sagte Castanier trocken. „Ich habe keinen Anlass zu kämpfen. Ich könnte dich mit einem Blick töten, wenn ich den Sinn danach hätte. Ich sage dir, wie es ist, Bürschchen; warum sollte ich dich töten? Ich sehe einen roten Strich um deinen Hals – die Guillotine wartet auf dich. Ja, du wirst auf dem Place de Grève enden. Du bist Eigentum des Scharfrichters! Es gibt kein Entkommen für dich. Du gehörst zu einer Vendita der Carbonari. Du verschwörst dich gegen die Regierung.“

„Das hast du mir nicht erzählt“, rief die Piemontesin und wandte sich an Léon.

„Du weißt also nicht, dass der Minister heute Morgen beschlossen hat, eure Gesellschaft zu zerschlagen?“, fuhr der Kassierer fort. „Der Procureur-Général hat eine Liste mit euren Namen. Ihr seid verraten worden. Sie sind gerade in diesem Moment damit beschäftigt, die Anklageschrift zu verfassen.“

„Dann warst du es, der ihn verraten hat?“, rief Aquilina, und mit einem heiseren Laut in ihrer Kehle wie das Knurren einer Tigerin erhob sie sich; sie schien, als wollte sie Castanier in Stücke reißen.

„Du kennst mich zu gut, um das zu glauben“, entgegnete Castanier. Aquilina war von seiner Kälte betäubt.

„Woher wusstest du es dann?“, murmelte sie.

„Ich wusste es nicht, bis ich in den Salon ging; jetzt weiß ich es – jetzt sehe und weiß ich alle Dinge und kann alle Dinge tun.“

Der Sergeant war von Staunen überwältigt.

„Nun denn, rette ihn, rette ihn, Liebster!“, rief das Mädchen und warf sich Castanier zu Füßen. „Wenn dir nichts unmöglich ist, so rette ihn! Ich werde dich lieben, ich werde dich anbeten, ich werde deine Sklavin sein und nicht deine Geliebte. Ich werde deinen wildesten Launen gehorchen; du sollst mit mir tun, was du willst. Ja, ja, ich werde dir mehr geben als Liebe; du sollst die Hingabe einer Tochter haben, ebenso wie ... Rodolphe! Warum willst du mich nicht verstehen! Wie heftig meine Leidenschaften auch sein mögen, ich werde für immer dein sein! Was soll ich sagen, um dich zu überzeugen? Ich werde Vergnügen erfinden ... Ich ... Großer Gott! Einen Augenblick! Was immer du von mir verlangen wirst – mich aus dem Fenster zu stürzen zum Beispiel –, du brauchst nur ein Wort zu sagen: ‚Léon!‘, und ich werde mich in die Hölle stürzen. Ich würde jede Folter ertragen, jeden Schmerz des Leibes oder der Seele, alles, was du mir auch antun magst!“

Castanier hörte sie gleichgültig an. Als einzige Antwort deutete er mit einem teuflischen Lachen auf Léon.

„Die Guillotine wartet auf ihn“, wiederholte er.

„Nein, nein, nein! Er soll dieses Haus nicht verlassen. Ich werde ihn retten!“, schrie sie. „Ja, ich werde jeden töten, der nur einen Finger an ihn legt! Warum willst du ihn nicht retten?“, schrie sie laut; ihre Augen glühten, ihr Haar war gelöst. „Kannst du ihn retten?“

„Ich kann alles.“

„Warum rettest du ihn nicht?“

„Warum?“, brüllte Castanier, und seine Stimme ließ die Decke erbeben. „Eh! Es ist meine Rache! Böses zu tun, ist mein Handwerk!“

„Sterben?“, sagte Aquilina; „muss er sterben, mein Geliebter? Ist das möglich?“

Sie sprang auf, riss einen Stilett aus einem Korb, der auf der Kommode stand, und ging auf Castanier zu, der zu lachen begann.

„Du weißt sehr wohl, dass Stahl mich jetzt nicht mehr verletzen kann ...“

Aquilinas Arm sank plötzlich wie eine gerissene Harfensaite herab.

„Hinaus mit dir, mein guter Freund“, sagte der Kassierer und wandte sich an den Sergeant, „und geh deiner Wege.“

Er streckte die Hand aus; der andere spürte Castaniers überlegene Macht und konnte nicht anders, als zu gehorchen.

„Dieses Haus gehört mir; ich könnte den Polizeikommissar rufen lassen, wenn ich wollte, und dich als einen Mann ausliefern, der sich in meinen Räumen versteckt hat, aber ich will dich lieber gehen lassen; ich bin ein Teufel, ich bin kein Spitzel.“

„Ich werde ihm folgen!“, sagte Aquilina.

„Dann folge ihm“, erwiderte Castanier. „Hier, Jenny ...“

Jenny erschien.

„Sag dem Pförtner, er soll ihnen eine Droschke rufen. – Hier, Naqui“, sagte Castanier und zog ein Bündel Banknoten aus der Tasche; „du sollst nicht wie eine Bettlerin von einem Mann gehen, der dich immer noch liebt.“

Er hielt ihr dreihunderttausend Francs hin. Aquilina nahm die Scheine, warf sie auf den Boden, spie darauf und zertrat sie in einer Raserei der Verzweiflung.

„Wir werden dieses Haus zu Fuß verlassen“, rief sie, „ohne einen Pfennig deines Geldes. – Jenny, bleib, wo du bist.“

„Guten Abend!“, antwortete der Kassierer, während er die Noten wieder aufhob. „Ich bin von meiner Reise zurückgekehrt. – Jenny“, fügte er hinzu und sah das verblüffte Dienstmädchen an, „du scheinst mir ein gutes Mädchen zu sein. Du hast jetzt keine Herrin mehr. Komm her. Heute Abend wirst du einen Herrn haben.“

Aquilina, die sich nirgends sicher fühlte, ging sofort mit dem Sergeant zum Haus einer ihrer Freundinnen. Doch alle Bewegungen Léons wurden argwöhnisch von der Polizei überwacht, und nach einiger Zeit wurden er und drei seiner Freunde verhaftet. Die ganze Geschichte lässt sich in den Zeitungen jener Tage nachlesen.

* * * * *

Castanier spürte, dass er eine geistige wie auch eine körperliche Wandlung durchlaufen hatte. Der alte Castanier existierte nicht mehr – der Junge, der junge Lothario, der Soldat, der seinen Mut bewiesen hatte, der in eine Ehe gelockt worden war und sich Illusionen beraubt sah, der Kassierer, der leidenschaftliche Liebhaber, der um Aquilinas willen ein Verbrechen begangen hatte. Sein innerstes Wesen hatte sich plötzlich behauptet. Sein Gehirn hatte sich geweitet, seine Sinne hatten sich entwickelt. Seine Gedanken umfassten die ganze Welt; er sah alle Dinge der Erde, als wäre er auf eine hohe Zinnen über der Welt erhoben worden.

Bis zu jenem Abend im Theater hatte er Aquilina bis zur Raserei geliebt. Eher als sie aufzugeben, hätte er die Augen vor ihren Untreuen verschlossen; und nun war all diese blinde Leidenschaft vergangen, wie eine Wolke in der Sonne verschwindet.

Jenny war entzückt, die Stellung und das Vermögen ihrer Herrin zu erben, und tat in allem den Willen des Kassierers; doch Castanier, der die innersten Gedanken der Seele lesen konnte, entdeckte das eigentliche Motiv, das dieser rein körperlichen Hingabe zugrunde lag. Er amüsierte sich jedoch mit ihr wie ein boshaftes Kind, das gierig den Saft der Kirsche saugt und den Kern wegwirft. Am nächsten Morgen, beim Frühstück, als sie fest davon überzeugt war, eine Dame und die Herrin des Hauses zu sein, sprach Castanier einen nach dem anderen die Gedanken aus, die ihren Geist erfüllten, während sie ihren Kaffee trank.

„Weißt du, was du denkst, Kind?“, sagte er lächelnd. „Ich werde es dir sagen: ‚Also all diese schönen Rosenholzmöbel, nach denen ich mich so gesehnt habe, und die hübschen Kleider, die ich früher anprobiert habe, gehören jetzt mir! Alles zu einfachen Bedingungen, die Madame ablehnte, ich weiß nicht warum. Meine Güte! Wenn ich in einer Kutsche herumfahren, Juwelen und hübsche Dinge haben, eine Loge im Theater besitzen und etwas auf die hohe Kante legen könnte! Mit mir sollte er ein Leben in Saus und Braus führen, dass es ihn umbrächte, wenn er nicht stark wie ein Türke wäre! Ich habe noch nie so einen Mann gesehen!‘ – War das nicht genau das, was du gedacht hast?“, fuhr er fort, und etwas in seiner Stimme ließ Jenny erblassen. „Nun ja, Kind; du würdest es nicht aushalten, und ich schicke dich zu deinem eigenen Besten fort; du würdest bei dem Versuch zugrunde gehen. Komm, lass uns als gute Freunde auseinandergehen“, und er entließ sie kühl mit einer sehr kleinen Geldsumme.

Der erste Gebrauch, den Castanier sich versprochen hatte, von der schrecklichen Macht zu machen, die er zum Preis seines ewigen Glücks erkauft hatte, war die vollkommene und vollständige Befriedigung all seiner Begierden.

Er brachte zuerst seine Angelegenheiten in Ordnung, beglich bereitwillig sein Konto bei M. de Nucingen, der einen würdigen Deutschen fand, um ihn zu ersetzen, und beschloss dann ein Gelage, das den glanzvollsten Tagen des Römischen Reiches würdig war. Er stürzte sich so leichtfertig in die Ausschweifungen, wie Belsazar von einst zu jenem letzten Fest in Babylon gegangen war. Wie Belsazar sah er klar durch seine Gelage hindurch eine leuchtende Hand, die sein Verderben in Feuerlettern zeichnete, nicht an den engen Wänden des Festsaals, sondern über den riesigen Räumen des Himmels, die der Regenbogen überspannt. Sein Fest war wahrlich keine Orgie, die auf die Grenzen eines Banketts beschränkt war, denn er verschwendete alle Kräfte von Seele und Körper, indem er alle Vergnügungen der Erde erschöpfte. Der Tisch war gewissermaßen die Erde selbst, die Erde, die unter seinen Füßen bebte. Er war das letzte Fest des leichtsinnigen Verschwenders, der alle Vorsicht in den Wind geschlagen hat. Der Teufel hatte ihm den Schlüssel zum Speicher menschlicher Vergnügungen gegeben; er hatte seine Hände gefüllt und wieder gefüllt, und er näherte sich rasch dem Boden. In einem Augenblick hatte er alles gefühlt, was diese enorme Macht vollbringen konnte; in einem Augenblick hatte er sie ausgeübt, erprobt, war ihrer überdrüssig geworden. Was bis dahin die Summe menschlicher Wünsche gewesen war, wurde zu nichts. So oft geschieht es, dass mit dem Besitz die weite Poesie des Verlangens enden muss und das Besessene selten das ist, wovon wir träumten.

Unter Melmoths Allmacht lauerte dieser tragische Antiklimax so vieler Leidenschaften, und nun offenbarte sich die Nichtigkeit der menschlichen Natur seinem Nachfolger, dem unendliche Macht das Nichts als Mitgift brachte.

Um Castaniers seltsame Lage klar zu verstehen, muss man bedenken, wie plötzlich diese Revolutionen des Denkens und Fühlens herbeigeführt worden waren; wie schnell sie aufeinandergefolgt waren; und es ist schwer, davon eine Vorstellung zu vermitteln denen, die niemals die Gefängnismauern von Zeit, Raum und Entfernung durchbrochen haben. Sein Verhältnis zur Außenwelt hatte sich mit der Erweiterung seiner Fähigkeiten völlig verändert.

Wie Melmoth selbst konnte Castanier in wenigen Augenblicken über die fruchtbaren Ebenen Indiens reisen, auf den Schwingen der Dämonen über afrikanische Wüstenflächen fliegen oder die Oberfläche der Meere überfliegen. Dieselbe Einsicht, die die innersten Gedanken anderer lesen konnte, konnte auf einen Blick die Natur jedes materiellen Objekts erfassen, so wie er gewissermaßen alle Geschmäcker gleichzeitig auf seiner Zunge auffing. Er nahm sein Vergnügen wie ein Despot; ein Axthieb fällte den Baum, damit er seine Früchte essen konnte. Die Übergänge, die Wechsel, die Freude und Schmerz messen und das menschliche Glück abwechslungsreich gestalten, existierten für ihn nicht mehr. Er hatte seine Begierden so vollständig gesättigt, dass das Vergnügen die Grenzen des Vergnügens überschreiten musste, um einen Gaumen zu kitzeln, der von Sättigung abgestumpft und plötzlich über jedes Maß wählerisch geworden war, sodass gewöhnliche Vergnügungen zuwider wurden. Im Bewusstsein, dass er nach Belieben der Herr aller Frauen war, die er begehren konnte, und wissend, dass seine Macht unwiderstehlich war, interessierte es ihn nicht, sie auszuüben; sie waren seinen unausgesprochenen Wünschen, seinen extravagantesten Launen gefügig, bis er einen schrecklichen Durst nach Liebe verspürte und Liebe verlangte, die über ihre Kraft hinausging, sie zu geben.

Die Welt verweigerte ihm nichts außer Glauben und Gebet, die lindernde und tröstende Liebe, die nicht von dieser Welt ist. Er wurde gehorcht – es war eine schreckliche Lage.

Die Ströme von Schmerz, Vergnügen und Gedanken, die seine Seele und seinen Körper erschütterten, hätten den stärksten Menschen überwältigt; doch in ihm steckte eine Lebenskraft, die den Kräften der Empfindungen entsprach, die ihn überfielen. Er fühlte in sich eine vage Unermesslichkeit des Verlangens, die die Erde nicht befriedigen konnte. Er verbrachte seine Tage auf ausgebreiteten Schwingen und sehnte sich danach, die leuchtenden Felder des Raums zu anderen Sphären zu durchqueren, die er aus der Ferne durch intuitive Wahrnehmung kannte, ein klares und hoffnungsloses Wissen. Seine Seele vertrocknete in ihm, denn er hungerte und dürstete nach Dingen, die weder getrunken noch gegessen werden können, nach denen er sich jedoch sehnen musste. Seine Lippen brannten wie Melmoths vor Verlangen; er lechzte nach dem Unbekannten, denn er wusste alles.

Der Mechanismus und der Plan der Welt waren ihm offensichtlich, und ihr Funktionieren interessierte ihn nicht mehr; er verbarg den tiefen Hohn nicht lange, der aus einem Menschen von außergewöhnlichen Kräften eine Sphinx macht, die alles weiß und nichts sagt und alle Dinge mit unbewegter Miene betrachtet. Er verspürte nicht den geringsten Wunsch, sein Wissen anderen Menschen mitzuteilen. Er war reich mit allem Reichtum der Welt, mit einer Anstrengung konnte er den Globus umrunden, und Reichtum und Macht waren bedeutungslos für ihn. Er fühlte die schreckliche Melancholie der Allmacht, eine Melancholie, die Satan und Gott durch die Ausübung unendlicher Macht auf geheimnisvolle Weise lindern, die nur ihnen allein bekannt ist. Castanier hatte nicht wie sein Meister die unauslöschliche Energie des Hasses und der Bosheit; er fühlte, dass er ein Teufel war, aber ein Teufel, dessen Zeit noch nicht gekommen war, während Satan in alle Ewigkeit ein Teufel ist und, da er ohne Erlösung verdammt ist, es liebt, die Welt wie einen Misthaufen mit seiner dreizackigen Gabel aufzuwühlen und darin die Pläne Gottes zu vereiteln. Doch Castanier hatte zu seinem Unglück noch eine Hoffnung.

Wenn er sich in einem Augenblick von einem Pol zum anderen bewegen konnte wie ein Vogel, der unruhig in seinem Käfig von einer Seite zur anderen hüpft, sah er, als er wie der Vogel sein Gefängnis durchquert hatte, die weite Unermesslichkeit des Raums dahinter. Diese Vision des Unendlichen ließ ihn für immer unfähig, die Menschheit und ihre Angelegenheiten so zu sehen, wie andere Menschen sie sahen. Die sinnlosen Toren, die sich nach der Macht des Teufels sehnen, messen ihre Wünschbarkeit von einem menschlichen Standpunkt aus; sie sehen nicht, dass sie mit der Macht des Teufels auch seine Gedanken annehmen werden und dass sie dazu verdammt sein werden, als Menschen unter Geschöpfen zu bleiben, die sie nicht mehr verstehen werden. Der Nero, der der Geschichte unbekannt ist und davon träumt, Paris zu seinem privaten Vergnügen in Brand zu stecken, wie eine Ausstellung eines brennenden Hauses auf den Brettern eines Theaters, ahnt nicht, dass Paris für ihn, wenn er diese Macht hätte, so wenig interessant werden würde wie ein Ameisenhaufen am Straßenrand für einen vorübergehenden Passanten. Der Kreis der Wissenschaften war für Castanier so etwas wie ein Logogriph für einen Mann, der den Schlüssel dazu nicht kennt. Könige und Regierungen waren in seinen Augen verachtenswert. Sein großes Gelage war gewissermaßen ein bedauerlicher Abschied von seinem Leben als Mensch gewesen. Die Erde war ihm zu eng geworden, denn die höllischen Gaben enthüllten ihm die Geheimnisse der Schöpfung – er sah die Ursache und sah ihr Ende voraus. Er war von allem ausgeschlossen, was Menschen in allen Sprachen unter der Sonne „Himmel“ nennen; er konnte nicht mehr an den Himmel denken.

Dann verstand er den Blick auf dem Gesicht seines Vorgängers und das Austrocknen des Lebens im Inneren; dann wusste er alles, was mit der vereitelten Hoffnung gemeint war, die in Melmoths Augen aufblitzte; auch er kannte den Durst, der jene roten Lippen verbrannte, und die Qual eines ständigen Kampfes zwischen zwei Naturen, die zu riesiger Größe herangewachsen waren. Sogar jetzt könnte er noch ein Engel sein, und er wusste, dass er ein Teufel war. Sein Schicksal war das eines süßen und sanften Geschöpfes, das die Bosheit eines Zauberers in einer unförmigen Gestalt eingesperrt hat, es durch einen Pakt gefangen haltend, sodass der Wille eines anderen es aus seiner verhassten Hülle befreien muss.

So wie eine Täuschung nur den Eifer steigert, mit dem ein Mensch von wirklich großer Natur das Unendliche des Gefühls im Herzen einer Frau erforscht, so erwachte Castanier und fand, dass eine Idee wie ein Gewicht auf seiner Seele lag, eine Idee, die vielleicht der Schlüssel zu höheren Sphären war. Die Tatsache, dass er sein ewiges Glück vertauscht hatte, führte ihn dazu, über die Zukunft derer nachzudenken, die beten und glauben. Am Morgen nach seinem Gelage, als er in den nüchternen Besitz seiner Macht gelangte, fühlte er sich durch diese Idee wie ein Gefangener; er kannte die Last des Leids, die Dichter, Propheten und große Orakel des Glaubens uns mit solch mächtigen Worten dargelegt haben; er spürte die Spitze des Flammenschwerts, die in seine Seite drang, und eilte auf der Suche nach Melmoth. Was war aus seinem Vorgänger geworden?

Der Engländer lebte in einem Herrenhaus in der Rue Férou, nahe Saint-Sulpice – ein düsterer, dunkler, feuchter und kalter Wohnsitz. Die Rue Férou selbst ist eine der trostlosesten Straßen in Paris; sie hat eine Nordausrichtung wie alle Straßen, die im rechten Winkel zum linken Ufer der Seine liegen, und die Häuser passen zum Standort. Als Castanier auf der Schwelle stand, fand er, dass die Tür selbst, wie das gewölbte Dach, mit Schwarz behangen war; Reihen brennender Kerzen leuchteten hell, als läge ein König auf dem Staatsbett; und ein Priester stand auf jeder Seite eines Katafalks, der dort errichtet worden war.

„Es ist nicht nötig zu fragen, warum Sie gekommen sind, mein Herr“, sagte der alte Hausmeister zu Castanier; „Sie sind unserem armen, lieben Herrn, der von uns gegangen ist, so ähnlich. Aber wenn Sie sein Bruder sind, so kommen Sie zu spät, um sich von ihm zu verabschieden. Der gute Herr ist vorgestern Nacht gestorben.“

„Wie ist er gestorben?“, fragte Castanier einen der Priester.

„Beruhigen Sie sich“, sagte ein alter Priester; er hob, während er sprach, teilweise das schwarze Tuch, das den Katafalk bedeckte.

Castanier, der ihn betrachtete, sah eines jener Gesichter, die der Glaube erhaben gemacht hat; die Seele schien aus jeder Linie zu leuchten, Licht und Wärme für andere Menschen bringend, entzündet durch die unfehlbare Nächstenliebe im Inneren. Dies war Sir John Melmoths Beichtvater.

„Ihr Bruder hat ein Ende gefunden, das die Menschen beneiden können und das die Engel freuen muss. Wissen Sie, welche Freude im Himmel über einen Sünder herrscht, der Buße tut? Seine Tränen der Reue, durch die Gnade geweckt, flossen ohne Unterlass; der Tod allein hielt sie auf. Der Heilige Geist wohnte in ihm. Seine brennenden Worte, voll lebendigen Glaubens, waren des Prophetenkönigs würdig. Wenn ich im Laufe meines Lebens noch nie eine schrecklichere Beichte gehört habe als aus den Lippen dieses irischen Edelmannes, so habe ich auch nie solch inbrünstige und leidenschaftliche Gebete gehört. Wie groß auch immer das Maß seiner Sünden gewesen sein mag, seine Reue hat den Abgrund bis zum Überlaufen gefüllt. Die Hand Gottes war sichtbar über ihm ausgestreckt, denn er war völlig verändert, es lag eine solche himmlische Schönheit auf seinem Gesicht. Die harten Augen wurden durch Tränen gemildert; die resonante Stimme, die bei denen, die sie hörten, Schrecken verbreitete, nahm die zarten und mitfühlenden Töne derer an, die selbst durch tiefe Demütigung gegangen sind. Er erbaute diejenigen, die seine Worte hörten, so sehr, dass manche, die sich hingezogen gefühlt hatten, das Schauspiel eines christlichen Todes zu sehen, auf die Knie fielen, während er von himmlischen Dingen sprach und von der unendlichen Herrlichkeit Gottes, und Dank und Lobpreis an Ihn richteten. Wenn er seiner Familie keinen weltlichen Reichtum hinterlässt, so kann keine Familie einen größeren Segen besitzen als diesen, den er sicherlich für sie errungen hat: eine Seele unter den Seligen, die über Sie alle wachen und Sie auf den Weg in den Himmel leiten wird.“

Diese Worte machten einen so lebhaften Eindruck auf Castanier, dass er augenblicklich aus dem Haus zur Kirche Saint-Sulpice eilte, einem Befehl des Schicksals gehorchend, wie man es nennen könnte. Melmoths Reue hatte ihn verblüfft.

Zu jener Zeit, an bestimmten Vormittagen in der Woche, pflegte ein für seine Beredsamkeit berühmter Prediger Konferenzen abzuhalten, in deren Verlauf er die Wahrheiten des katholischen Glaubens für die Jugend einer Generation demonstrierte, die von einer anderen Stimme, die nicht weniger beredt war als seine eigene, als gleichgültig in Glaubensfragen erklärt wurde. Die Konferenz war wegen Melmoths Begräbnis auf eine spätere Stunde verschoben worden, daher kam Castanier gerade an, als der große Prediger die Beweise für eine künftige Existenz des Glücks mit all dem Charme der Beredsamkeit und Kraft des Ausdrucks zusammenfasste, die ihn berühmt gemacht haben. Die Samen der göttlichen Lehre fielen auf einen Boden, der für sie vorbereitet war im alten Dragoner, in den der Teufel geschlüpft war. In der Tat, wenn es ein Phänomen gibt, das durch Erfahrung gut belegt ist, ist es dann nicht das spirituelle Phänomen, das gemeinhin „der Glaube des Bauern“ genannt wird? Die Stärke des Glaubens variiert umgekehrt mit dem Maß an Gebrauch, den ein Mensch von seinen Vernunftkräften gemacht hat. Einfache Leute und Soldaten gehören zur Klasse der Unvernünftigen. Diejenigen, die unter dem Banner des Instinkts durch das Leben marschiert sind, sind weit eher bereit, das Licht zu empfangen, als Geister und Herzen, die von den Sophistereien der Welt übermüdet sind.

Castanier hatte das südländische Temperament; er war als sechzehnjähriger Junge in die Armee eingetreten und war der französischen Flagge gefolgt, bis er fast vierzig Jahre alt war. Als einfacher Soldat hatte er Tag und Nacht gekämpft, Tag für Tag, und pflichtbewusst zuerst an sein Pferd und dann an sich selbst gedacht. Während er seine militärische Lehrzeit absolvierte, hatte er daher nur wenig Muße, über das Schicksal des Menschen nachzudenken, und als er Offizier wurde, hatte er an seine Männer zu denken. Er war von Schlachtfeld zu Schlachtfeld gefegt worden, aber er hatte nie darüber nachgedacht, was nach dem Tod kommt. Das Leben eines Soldaten erfordert nicht viel Nachdenken. Diejenigen, die die hohen politischen Ziele und die Interessen von Nation und Nation nicht verstehen können; die politische Pläne ebenso wenig wie Feldzugspläne begreifen und die Wissenschaft des Taktikers nicht mit der des Verwaltungsbeamten verbinden können, sind dazu verurteilt, in einem Zustand der Unwissenheit zu leben; der bäuerlichste Bauer im rückständigsten Bezirk Frankreichs ist kaum schlimmer dran. Solche Männer wie diese tragen die Hauptlast des Krieges, leisten passiven Gehorsam gegenüber dem Gehirn, das sie leitet, und schlagen die Männer nieder, die ihnen gegenüberstehen, wie der Holzfäller Holz im Wald fällt. Auf heftige körperliche Anstrengung folgen Zeiten der Trägheit, in denen sie den Verschleiß reparieren. Sie kämpfen und trinken, kämpfen und essen, kämpfen und schlafen, damit sie umso besser harte Schläge austeilen können; die Kräfte des Geistes werden in diesem turbulenten Daseinskreislauf nicht sehr beansprucht, und der Charakter ist so einfach wie zuvor.

Wenn Männer, die auf dem Schlachtfeld solch eine Energie gezeigt haben, in das gewöhnliche zivile Leben zurückkehren, scheinen die meisten von ihnen, die nicht in hohe Ränge aufgestiegen sind, keine neuen Ideen erworben zu haben und weder die Begabung noch die Fähigkeit zu besitzen, neue Ideen zu erfassen. Zur größten Verwunderung einer jüngeren Generation sind diejenigen, die unsere Armeen so glorreich und so schrecklich gemacht haben, so einfach wie Kinder und so schwerfällig wie ein Schreiber in seiner schlechtesten Form, und der Hauptmann einer donnernden Schwadron ist kaum geeignet, das Tagebuch eines Kaufmanns zu führen. Alte Soldaten dieser Art, die sich also nie bemüht haben, ihre Vernunft zu gebrauchen, handeln nach ihren stärksten Impulsen. Castaniers Verbrechen war eine jener Angelegenheiten, die so viele Fragen aufwerfen, dass ein Moralist, um darüber zu debattieren, nach einer „Diskussion nach Klauseln“ verlangen könnte, um einen parlamentarischen Ausdruck zu gebrauchen.

Die Leidenschaft hatte zu dem Verbrechen geraten; die grausam unwiderstehliche Macht weiblicher Zauberkünste hatte ihn dazu getrieben, es zu begehen; kein Mensch kann von sich sagen: „Das werde ich niemals tun“, wenn eine Sirene in den Kampf eingreift und ihre Zauber über ihn wirft.

So fiel das Wort des Lebens auf ein Gewissen, das gerade erst für die Wahrheiten der Religion erwacht war, welche die Französische Revolution und die Soldatenlaufbahn Castanier hatten vernachlässigen lassen. Die feierlichen Worte: „Du wirst für alle Ewigkeit glücklich oder unglücklich sein!“ machten einen umso schrecklicheren Eindruck auf ihn, weil er die Erde erschöpft und wie einen unfruchtbaren Baum geschüttelt hatte; weil seine Wünsche alles bewirken konnten, sodass es genügte, dass ihm irgendein Fleck auf Erden oder im Himmel verwehrt blieb, und er sogleich an nichts anderes mehr dachte. Wäre es erlaubt, solch große Dinge mit gesellschaftlichen Torheiten zu vergleichen, so war Castaniers Lage nicht unähnlich der eines Bankiers, der, da er feststellt, dass seine allmächtigen Millionen ihm keinen Zutritt zur Gesellschaft des Adels verschaffen können, sein Herz darauf setzen muss, in diesen Kreis einzutreten, und alle gesellschaftlichen Privilegien, die er bereits erworben hat, sind in seinen Augen nichts mehr wert, sobald er entdeckt, dass ein einziges fehlt.

Hier stand ein Mann, mächtiger als alle Könige der Erde zusammengenommen; ein Mann, der wie Satan mit Gott selbst ringen konnte; er lehnte an einer der Säulen in der Kirche Saint-Sulpice, niedergedrückt von den Gefühlen und Gedanken, die ihn bedrängten, und versunken in den Gedanken an eine Zukunft, denselben Gedanken, der Melmoth verschlungen hatte.

„Er war sehr glücklich, Melmoth!“, rief Castanier. „Er starb in der sicheren Gewissheit, dass er in den Himmel kommen würde.“

In einem Augenblick war die größtmögliche Veränderung in den Vorstellungen des Kassierers bewirkt worden. Seit einigen Tagen war er ein Teufel gewesen, nun war er nichts weiter als ein Mensch; ein Abbild des gefallenen Adam, der heiligen Tradition, die in allen Kosmogonien verkörpert ist. Doch während er so zum Menschsein geschrumpft war, bewahrte er einen Keim von Größe; er war in das Unendliche eingetaucht gewesen. Die Macht der Hölle hatte die göttliche Macht offenbart. Er dürstete nach dem Himmel, wie er nie nach den Vergnügungen der Erde gedürstet hatte, die so schnell erschöpft sind. Die Genüsse, die der Teufel verspricht, sind nur die Genüsse der Erde in größerem Maßstab, aber für die Freuden des Himmels gibt es keine Grenzen. Er glaubte an Gott, und der Zauber, der ihm die Schätze der Welt gab, war ihm nun nichts mehr; die Schätze selbst erschienen ihm so verächtlich wie Kieselsteine für einen Bewunderer von Diamanten; sie waren nur Tand im Vergleich zu den ewigen Herrlichkeiten des anderen Lebens. Ein Fluch lag, so dachte er, auf allen Dingen, die aus dieser Quelle zu ihm kamen. Er lotete dunkle Tiefen schmerzvoller Gedanken aus, während er dem für Melmoth abgehaltenen Gottesdienst lauschte. Das Dies irae erfüllte ihn mit Ehrfurcht; er empfand die ganze Größe jenes Schreis einer reuigen Seele, die vor dem Thron Gottes zittert. Der Heilige Geist, wie eine verzehrende Flamme, durchdrang ihn, wie Feuer Stroh verzehrt.

Die Tränen fielen aus seinen Augen, als der Küster ihn fragte: „Sind Sie ein Verwandter des Verstorbenen?“

„Ich bin sein Erbe“, antwortete Castanier.

„Geben Sie etwas für die Kosten der Dienste!“, rief der Mann.

„Nein“, sagte der Kassierer. (Das Geld des Teufels sollte nicht an die Kirche gehen.)

„Für die Armen!“

„Nein.“

„Für die Reparatur der Kirche!“

„Nein.“

„Für die Marienkapelle!“

„Nein.“

„Für die Schulen!“

„Nein.“

Castanier ging, da er sich nicht den sauren Blicken aussetzen wollte, die die verärgerten Funktionäre ihm zuwarfen.

Draußen auf der Straße blickte er zur Kirche Saint-Sulpice hinauf. „Was hat die Menschen dazu gebracht, die riesigen Kathedralen zu bauen, die ich in jedem Land gesehen habe?“, fragte er sich. „Das Gefühl, das zu allen Zeiten so weit verbreitet ist, muss doch auf etwas beruhen.“

„Auf etwas! Nennst du Gott etwas?“, rief sein Gewissen. „Gott! Gott! Gott!...“

Das Wort hallte in einer inneren Stimme wider, bis es ihn überwältigte; doch sein Gefühl des Schreckens legte sich, als er süße, ferne Klänge von Musik hörte, die er schon zuvor schwach vernommen hatte. Sie würden in der Kirche singen, dachte er, und seine Augen suchten das große Portal ab. Doch als er genauer hinhörte, strömten die Klänge von allen Seiten auf ihn ein; er blickte über den Platz, aber es gab keine Spur von Musikern. Die Melodie brachte Visionen eines fernen Himmels und ferne Hoffnungsschimmer; doch sie stachelte auch die Reue an, die die verlorene Seele in Gärung versetzt hatte. Er setzte seinen Weg durch Paris fort, gehend wie Menschen gehen, die unter der Last ihres Kummers zermalmt werden, alles sehend mit blinden Augen, trödelnd wie ein Müßiggänger, ohne Grund anhaltend, vor sich hin murmelnd, unbekümmert um den Verkehr, ohne Anstrengung, einem Schlag durch ein Bauholz auszuweichen.

Unmerklich brachte ihn die Reue unter den Einfluss der göttlichen Gnade, die das Herz so schrecklich beruhigt, während sie es zerschlägt. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck wie der von Melmoth an, etwas Großes, mit einer Spur von Wahnsinn in der Größe. Ein Ausdruck von dumpfem und hoffnungslosem Kummer, vermischt mit der aufgeregten Eifersucht der Hoffnung, und darunter ein nagendes Gefühl des Abscheus gegen alles, was die Welt geben kann. Das demütigste aller Gebete lauerte in den Augen, die mit solch schrecklicher Klarheit sahen. Seine Macht war das Maß seiner Qual. Sein Körper war gebeugt von dem furchtbaren Sturm, der seine Seele erschütterte, wie sich die hohen Kiefern vor dem Wind biegen. Wie sein Vorgänger konnte er sich nicht weigern, die Last des Lebens zu tragen; er fürchtete sich zu sterben, während er das Joch der Hölle trug. Die Qual wurde unerträglich.

Schließlich besann er sich eines Morgens darauf, wie Melmoth (der nun unter den Seligen weilte) den Vorschlag eines Austauschs gemacht hatte und wie er ihn akzeptiert hatte; andere würden zweifellos seinem Beispiel folgen; denn in einer Zeit, die von den Erben der Beredsamkeit der Kirchenväter für fatal religionsfeindlich erklärt wurde, sollte es leicht sein, einen Mann zu finden, der die Bedingungen des Vertrages akzeptierte, um seine Vorteile zu beweisen.

„Es gibt einen Ort, wo man erfahren kann, was Könige auf dem Markt einbringen; wo Nationen auf die Waage gelegt und Systeme bewertet werden; wo der Wert einer Regierung in Fünf-Franc-Stücken angegeben wird; wo Ideen und Überzeugungen ihren Preis haben und alles diskontiert wird; wo Gott selbst gewissermaßen auf die Sicherheit Seines Einnahme an Seelen leiht, denn der Papst hat dort ein laufendes Konto. Ist das nicht der Ort, an den ich gehen sollte, um mit Seelen zu handeln?“

Castanier ging ganz freudig zur Börse, in der Meinung, dass es so einfach sei, eine Seele zu kaufen, wie Geld in Staatsanleihen anzulegen. Jeder gewöhnliche Mensch hätte Spott gefürchtet, aber Castanier wusste aus Erfahrung, dass ein verzweifelter Mensch alles ernst nimmt. Ein zum Tode verurteilter Gefangener würde dem Wahnsinnigen zuhören, der ihm erzählt, dass er durch das Aussprechen von Kauderwelsch durch das Schlüsselloch entkommen könne; denn das Leiden ist leichtgläubig und klammert sich an eine Idee, bis sie scheitert, wie der Schwimmer, der von der Strömung mitgerissen wird, sich an den Ast klammert, der in seiner Hand zerbricht.

Gegen vier Uhr an jenem Nachmittag erschien Castanier unter den kleinen Gruppen von Männern, die nach Börsenschluss Privatgeschäfte abwickelten. Er war einigen Maklern persönlich bekannt; und während er vorgab, nach einem Bekannten zu suchen, gelang es ihm, den aktuellen Klatsch und die Gerüchte über Misserfolge aufzuschnappen.

„Versuch mal, Wechsel für Claparon & Co. zu verhandeln, mein Junge. Der Bankkassierer ist heute Morgen herumgegangen, um ihnen ihre Akzepte zurückzugeben“, sagte ein dicker Bankier auf seine offene Art. „Wenn du etwas von ihrem Papier hast, nimm dich in Acht.“

Claparon war im Gebäude und beriet sich eingehend mit einem Mann, der für den ruinösen Zinssatz bekannt war, zu dem er Geld verlieh. Castanier begab sich sofort auf die Suche nach besagtem Claparon, einem Kaufmann, der den Ruf hatte, hohe Risiken einzugehen, die Reichtum oder völligen Ruin bedeuteten. Der Geldverleiher ging weg, als Castanier hinzukam. Eine Geste verriet die Verzweiflung des Spekulanten.

„Nun, Claparon, die Bank verlangt hunderttausend Francs von dir, und es ist vier Uhr; die Sache ist bekannt, und es ist zu spät, um deinen kleinen Bankrott bequem zu arrangieren“, sagte Castanier.

„Mein Herr!“

„Sprechen Sie leiser“, fuhr der Kassierer fort. „Wie wäre es, wenn ich Ihnen ein Geschäft vorschlagen würde, das Ihnen so viel Geld einbringen würde, wie Sie benötigen?“

„Das würde meine Verbindlichkeiten nicht tilgen; jedes Geschäft, von dem ich je gehört habe, braucht ein wenig Zeit, um zu köcheln.“

„Ich weiß von etwas, das Sie im Handumdrehen in Ordnung bringen wird“, antwortete Castanier; „aber zuerst müssten Sie...“

„Was tun?“

„Ihren Anteil am Paradies verkaufen. Es ist ein Geschäft wie jedes andere, nicht wahr? Wir alle halten Anteile an der großen Spekulation der Ewigkeit.“

„Ich sage Ihnen eins“, sagte Claparon wütend, „ich bin genau der Richtige, um Ihnen eine Ohrfeige zu verpassen. Wenn ein Mann in Schwierigkeiten steckt, ist das keine Zeit, um alberne Witze mit ihm zu machen.“

„Ich rede ernst“, sagte Castanier und zog ein Bündel Banknoten aus seiner Tasche.

„Erstens“, sagte Claparon, „werde ich meine Seele nicht für einen Pappenstiel an den Teufel verkaufen. Ich will fünfhunderttausend Francs, bevor ich zuschlage...“

„Wer spricht davon, Sie kurzzuhalten?“, fragte Castanier und unterbrach ihn. „Sie sollten mehr Gold haben, als Sie in den Kellern der Bank von Frankreich verstauen könnten.“

Er hielt ihm eine Handvoll Banknoten hin. Das entschied Claparon.

„Abgemacht“, rief er; „aber wie soll der Handel zustande kommen?“

„Gehen wir dort hinüber, da steht niemand“, sagte Castanier und deutete auf eine Ecke des Hofes.

Claparon und sein Versucher wechselten ein paar Worte, die Gesichter zur Wand gewandt. Keiner der Umstehenden ahnte die Art dieses Zwischenspiels, obwohl ihre Neugier durch die seltsamen Gesten der beiden Vertragsparteien lebhaft angeregt wurde. Als Castanier zurückkehrte, gab es einen plötzlichen Ausbruch erstaunter Ausrufe. Wie in der Versammlung, wo das kleinste Ereignis sofort Aufmerksamkeit erregt, wandten sich alle Gesichter den beiden Männern zu, die das Aufsehen erregt hatten, und ein Schaudern durchlief alle Betrachter bei der Veränderung, die sich an ihnen vollzogen hatte.

Die Menschen, die die sich bewegende Menge bilden, die die Börse füllt, sind einander bald vom Sehen bekannt. Sie beobachten einander wie Spieler an einem Kartentisch. Manche scharfsinnige Beobachter können durch einen Blick auf das Gesicht eines Mannes sagen, wie er spielen wird und wie es um seine Kasse steht; und die Börse ist einfach ein riesiger Kartentisch. Jeder hatte daher Claparon und Castanier bemerkt. Letzterer (wie der Ire vor ihm) war muskulös und kraftvoll gewesen, seine Augen waren voller Licht, seine Farbe hoch. Die Würde und Macht in seinem Gesicht hatten sie alle mit Ehrfurcht erfüllt; sie fragten sich, wie der alte Castanier dazu gekommen war; und nun sahen sie Castanier, beraubt seiner Macht, geschrumpft, faltig, gealtert und schwach. Er hatte Claparon mit der Energie eines Kranken in einem Fieberanfall aus der Menge gezogen; er hatte wie ein Opiumesser während der kurzen Zeit der Aufregung ausgesehen, die die Droge geben kann; nun, bei seiner Rückkehr, schien er in dem Zustand völliger Erschöpfung zu sein, in dem der Patient stirbt, nachdem das Fieber nachlässt, oder er schien an der schrecklichen Niedergeschlagenheit zu leiden, die auf exzessiven Genuss von Betäubungsmitteln folgt. Die höllische Macht, die ihn durch seine Ausschweifungen aufrechterhalten hatte, hatte ihn verlassen, und der Körper war sich selbst überlassen, um die Qual der Reue und die schwere Last aufrichtiger Buße zu ertragen. Claparo-ns Sorgen konnte jeder erraten; doch Claparon erschien andererseits mit funkelnden Augen wieder, den Kopf hoch erhoben mit dem Stolz Luzifers. Die Krise war von dem einen auf den anderen übergegangen.

„Jetzt kannst du mit ruhigem Gewissen abtreten, alter Mann“, sagte Claparon zu Castanier.

„Um Himmels willen, schickt nach einer Kutsche und nach einem Priester; schickt nach dem Pfarrer von Saint-Sulpice!“, antwortete der alte Dragoner und sank auf den Bordstein.

Die Worte „ein Priester“ erreichten die Ohren mehrerer Leute und erzeugten tosendes Gelächter unter den Börsenmaklern, denn Glaube bedeutet für diese Herren die Überzeugung, dass ein Fetzen Papier, Hypothek genannt, ein Anwesen repräsentiert, und die Liste der Rentenempfänger ist ihre Bibel.

„Werde ich Zeit haben zu bereuen?“, sagte Castanier zu sich selbst mit einer kläglichen Stimme, die Claparon beeindruckte.

Eine Kutsche brachte den Sterbenden weg; der Spekulant ging sofort zur Bank, um seine Wechsel einzulösen; und die flüchtige Sensation, die die plötzliche Veränderung der beiden Gesichter bei der Menge der Geschäftsleute hervorgerufen hatte, verschwand wie die Furche, die der Kiel eines Schiffes im Meer hinterlässt. Nachrichten von größter Bedeutung hielten die Aufmerksamkeit der Geschäftswelt wach; und wenn kommerzielle Interessen auf dem Spiel stehen, könnte Moses mit seinen zwei leuchtenden Hörnern erscheinen, und sein Kommen würde kaum die Ehre eines Wortspiels erhalten; die Herren, deren Geschäft es ist, die Marktberichte zu schreiben, würden seine Existenz ignorieren.

Als Claparon seine Zahlungen geleistet hatte, ergriff ihn die Angst. An seiner Macht gab es keinen Zweifel. Er ging wieder an die Börse und bot sein Geschäft anderen Männern in verlegenen Umständen an. Der Teufelspakt, „zusammen mit den Rechten, Dienstbarkeiten und Privilegien, die damit verbunden sind“ – um den Ausdruck des Notars zu gebrauchen, der die Nachfolge von Claparon antrat – wechselte für die Summe von siebenhunderttausend Francs den Besitzer. Der Notar seinerseits gab die Vereinbarung mit dem Teufel für fünfhunderttausend Francs an einen Bauunternehmer in Schwierigkeiten weiter, der sie ebenfalls für hunderttausend Kronen an einen Eisenhändler loswurde. Tatsächlich hatte man gegen fünf Uhr aufgehört, an den seltsamen Vertrag zu glauben, und Käufer fehlten aus Mangel an Vertrauen.

Um halb sechs war der Inhaber des Scheins ein Anstreicher, der an der Tür des Gebäudes in der Rue Feydeau lehnte, wo sich zu jener Zeit die Börsenmakler vorübergehend versammelten. Der Anstreicher, ein einfacher Bursche, konnte nicht begreifen, was mit ihm los war. Er „fühlte sich ganz komisch“; so sagte er seiner Frau, als er nach Hause kam.

Die Rue Feydeau ist, wie die Müßiggänger der Stadt wissen, ein Wallfahrtsort für Jünglinge, die aus Mangel an einer Geliebten ihre glühende Zuneigung dem ganzen Geschlecht entgegenbringen. Im ersten Stock des streng respektabelsten Hauses dort wohnte eines jener exquisiten Geschöpfe, die der Himmel mit der seltensten und überragendsten Schönheit auszustatten beliebt hat. Da es unmöglich ist, dass sie alle Herzoginnen oder Königinnen sind (da es viel mehr hübsche Frauen auf der Welt gibt als Titel und Throne, die sie schmücken könnten), begnügen sie sich damit, einen Börsenmakler oder Bankier zu einem festen Preis glücklich zu machen. Zu dieser gutmütigen Schönheit namens Euphrasia hatte ein Notarsgehilfe mit grenzenlosem Ehrgeiz gestrebt. Kurz gesagt, der zweite Schreiber im Büro von Maître Crottat, Notar, hatte sich in sie verliebt, so wie sich ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling verlieben kann. Der Schreiber hätte den Papst ermordet und sich durch das ganze Heilige Kollegium gewütet, um die elenden hundert Louis zu beschaffen, die für einen Schal nötig waren, der Euphrasias Kopf verdreht hatte, zu welchem Preis ihre Zofe versprochen hatte, dass Euphrasia sein sein würde. Der verblendete Jüngling schritt vor Madame Euphrasias Fenstern auf und ab wie die Eisbären in ihrem Käfig im Jardin des Plantes, die rechte Hand unter die Weste in die Gegend des Herzens geschoben, das er imstande gewesen wäre, aus seiner Brust zu reißen, doch bisher hatte er nur an dem Gummizug seiner Hosenträger gezerrt.

„Was kann man tun, um zehntausend Francs aufzutreiben?“, fragte er sich. „Soll ich mit dem Geld durchbrennen, das ich für die Registrierung dieser Urkunde zahlen muss? Mein Gott! Mein Darlehen würde den Käufer nicht ruinieren, einen Mann mit sieben Millionen! Und dann würde ich mich am nächsten Tag zu seinen Füßen werfen und sagen: ‚Ich habe zehntausend Francs von Ihnen genommen, mein Herr; ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und ich bin in Euphrasia verliebt – das ist meine Geschichte. Mein Vater ist reich, er wird es Ihnen zurückzahlen; ruinieren Sie mich nicht! Sind Sie nicht selbst zweiundzwanzig Jahre alt gewesen und wahnsinnig verliebt?‘ Aber diese bettelarmen Grundbesitzer haben keine Seele! Er würde mich höchstwahrscheinlich dem Staatsanwalt übergeben, anstatt Mitleid mit mir zu haben. Mein Gott! Wenn es nur möglich wäre, seine Seele an den Teufel zu verkaufen! Aber es gibt weder einen Gott noch einen Teufel; das ist alles Unsinn aus Märchen und Klatsch alter Weiber. Was soll ich tun?“

„Wenn Sie Lust haben, Ihre Seele an den Teufel zu verkaufen, mein Herr“, sagte der Anstreicher, der einiges mitgehört hatte, was der Schreiber fallen gelassen hatte, „können Sie die zehntausend Francs haben.“

„Und Euphrasia!“, rief der Schreiber, als er das Geschäft mit dem Teufel abschloss, der im Anstreicher wohnte.

Der Pakt war geschlossen, der rasende Schreiber ging, um den Schal zu besorgen, und stieg Madame Euphrasias Treppe hinauf; und da (buchstäblich) der Teufel in ihm war, kam er zwölf Tage lang nicht herunter, wobei er den Gedanken an die Hölle und seine Privilegien in zwölf Tagen voller Liebe, Ausschweifung und Vergessenheit ertränkte, für die er alle seine Hoffnungen auf ein zukünftiges Paradies eingetauscht hatte.

Und auf diese Weise ging das Geheimnis der gewaltigen Macht, die der Ire, das Geschöpf von Maturins Geist, entdeckt und erworben hatte, für die Menschheit verloren; und die verschiedenen Orientalisten, Mystiker und Archäologen, die sich für diese Angelegenheiten interessieren, waren nicht in der Lage, der Nachwelt die richtige Methode zur Anrufung des Teufels zu überliefern, und zwar aus den folgenden triftigen Gründen:

Am dreizehnten Tag nach diesen rasenden Hochzeitsfeierlichkeiten lag der unglückliche Schreiber auf einem Strohsack in einer Dachkammer im Haus seines Meisters in der Rue Saint-Honoré. Die Scham, die dumme Göttin, die es nicht wagt, sich selbst anzusehen, hatte den jungen Mann ergriffen. Er war krank geworden; er wollte sich selbst pflegen; verschätzte sich bei der Menge eines Heilmittels, das durch die Kunst eines an den Wänden von Paris wohlbekannten Praktikers entwickelt wurde, und erlag den Auswirkungen einer Überdosis Quecksilber. Seine Leiche war so schwarz wie der Rücken eines Maulwurfs. Ein Teufel hatte unverkennbare Spuren seines Vorbeigehens hinterlassen; könnte es Ashtaroth gewesen sein?

* * * * *

„Der achtungswerte Jüngling, auf den Sie sich beziehen, wurde zum Planeten Merkur entführt“, sagte der leitende Schreiber zu einem deutschen Dämonologen, der die Sache aus erster Hand untersuchen wollte.

„Ich bin durchaus bereit, das zu glauben“, antwortete der Deutsche.

„Oh!“

„Ja, mein Herr“, erwiderte der andere. „Die Meinung, die Sie vorbringen, stimmt mit den Worten von Jacob Boehme überein. In der achtundvierzigsten Proposition vom Dreifachen Leben des Menschen sagt er, dass ‚wenn Gott alle Dinge mit einem ES WERDE hervorgebracht hat, das FIAT die geheime Matrix ist, welche die Natur begreift und ergreift, die durch den Geist geformt wird, der aus Merkur und aus Gott geboren ist.‘“

„Was sagen Sie da, mein Herr?“

Der Deutsche trug sein Zitat erneut vor.

„Wir kennen das nicht“, sagten die Schreiber.

„Fiat?...“, sagte ein Schreiber. „Fiat lux!“

„Sie können das Zitat selbst überprüfen“, sagte der Deutsche. „Sie werden die Stelle in der Abhandlung vom Dreifachen Leben des Menschen, Seite 75, finden; die Ausgabe wurde von M. Migneret im Jahr 1809 veröffentlicht. Sie wurde von einem Philosophen ins Französische übersetzt, der den berühmten Schuster sehr bewunderte.“

„Oh! Er war ein Schuster, war er?“, sagte der leitende Schreiber.

„In Preußen“, sagte der Deutsche.

„Hat er für den König von Preußen gearbeitet?“, erkundigte sich ein Böotier bei einem zweiten Schreiber.

„Er muss seine Prosa aufgepeppt haben“, sagte ein dritter.

„Dieser Mann ist kolossal!“, rief der vierte und deutete auf den Deutschen.

Jener Herr, obgleich ein Dämonologe ersten Ranges, wusste nicht, wie viel Teufelei in einem Notarschreiber stecken konnte. Er ging fort, ohne die geringste Ahnung, dass sie ihr Spiel mit ihm trieben, und in der festen Überzeugung, die jungen Leute hielten Boehme für ein kolossales Genie.

„Die Bildung macht in Frankreich Fortschritte“, sagte er bei sich selbst.

Der Konskribierte

[Das innere Selbst] ... ist durch ein Phänomen des Sehens oder der Fortbewegung zuweilen imstande gewesen, den Raum in seinen zwei Modi, Zeit und Entfernung – das eine intellektuell, das andere physisch –, aufzuheben.

--GESCHICHTE VON LOUIS LAMBERT.

An einem Novemberabend des Jahres 1793 waren die angesehensten Bürger von Carentan im Salon von Mme. de Dey versammelt. Mme. de Dey gab diesen Empfang an jedem Abend der Woche, doch diesmal haftete dem Beisammensein ein ungewöhnliches Interesse an, was gewissen Umständen zuzuschreiben war, die in einer großen Stadt völlig unbeachtet geblieben wären, obgleich sie in einer kleinen Landstadt größte Neugier erregten. Seit zwei Tagen hatte Mme. de Dey ihre Besucher nicht empfangen, und am Vorabend war ihre Tür mit dem Hinweis auf ein Unwohlsein verschlossen geblieben. Zwei solcher Ereignisse hätten zu jeder gewöhnlichen Zeit in Carentan dasselbe Gefühl hervorgerufen, das Paris an Abenden kennt, an denen in den Theatern keine Vorstellung stattfindet – das Dasein ist in gewisser Weise unvollständig; doch in jenen Zeiten, da die geringste Indiskretion seitens einer Aristokratin eine Frage von Leben und Tod sein konnte, musste dieses Verhalten von Mme. de Dey die verhängnisvollsten Folgen für sie haben. Ihre Stellung in Carentan muss klargestellt werden, wenn der Leser den Ausdruck scharfer Neugier und schlauer Fanatik auf den Gesichtern dieser normannischen Bürger würdigen soll und, was am wichtigsten ist, die Rolle, die die Dame unter ihnen spielte. Mancher hat zweifellos während der Tage der Revolution eine Krise durchlebt, die so schwierig war wie die ihre in jenem Augenblick, und die Anteilnahme so manches Lesers wird alle Farben des Bildes ergänzen.

Mme. de Dey war die Witwe eines Generalleutnants, eines Ritters der Orden vom heiligen Michael und vom heiligen Geist. Sie hatte den Hof verlassen, als die Emigration begann, und Zuflucht in der Nähe von Carentan gesucht, wo sie große Ländereien besaß, in der Hoffnung, der Einfluss der Schreckensherrschaft würde dort nur wenig zu spüren sein. Ihre Berechnungen, die auf einer gründlichen Kenntnis des Bezirks beruhten, erwiesen sich als richtig. Die Revolution verursachte in Nieder-Normandie wenig Aufruhr. Wenn Mme. de Dey früher einige Zeit auf dem Land verbracht hatte, war ihr Bekanntenkreis auf die adligen Familien der Gegend beschränkt gewesen; doch nun öffnete sie aus politischen Gründen ihr Haus den angesehensten Bürgern und den revolutionären Behörden der Stadt, wobei sie bestrebt war, deren sozialen Stolz zu berühren und zu schmeicheln, ohne Hass oder Eifersucht zu erwecken. Liebenswürdig und gütig, im Besitz jenes unbeschreiblichen Charmes, der Wohlwollen gewinnt, ohne an Würde einzubüßen oder sich bemühen zu müssen, den Leuten den Hof zu machen, war es ihr gelungen, allgemeine Wertschätzung zu erlangen; die diskreten Warnungen eines exquisiten Taktes ermöglichten es ihr, einen schwierigen Kurs zwischen den fordernden Ansprüchen dieser gemischten Gesellschaft zu steuern, ohne den übersteigerten Selbststolz der Emporkömmlinge einerseits oder die Empfindlichkeiten ihrer alten Freunde andererseits zu verletzen.

Sie war etwa achtunddreißig Jahre alt und bewahrte sich noch immer nicht die frische, farbenprächtige Schönheit der Basse-Normandes, sondern eine zerbrechliche Lieblichkeit von einer Art, die man als aristokratisch bezeichnen kann. Ihre Gestalt war geschmeidig und schlank, ihre Züge fein und klar geschnitten; das blasse Gesicht schien aufzuleuchten und lebendig zu werden, wenn sie sprach; doch lag ein stiller und andächtiger Ausdruck in den großen dunklen Augen, bei aller Liebenswürdigkeit ihres Wesens – ein Blick, der zu sagen schien, dass die Quellen ihres Lebens außerhalb ihrer eigenen Existenz lagen.

In ihrer frühen Jugend war sie mit einem älteren und eifersüchtigen Soldaten verheiratet worden. Ihre falsche Stellung inmitten eines heiteren Hofes hatte zweifellos dazu beigetragen, einen Schleier der Traurigkeit über ein Gesicht zu legen, das einst von den Reizen eines pulsierenden Lebens und der Liebe hätte erstrahlen müssen. Sie war gezwungen gewesen, ihre offenen Impulse und Gefühle ständig zu zügeln, in einem Alter, in dem eine Frau eher fühlt als denkt, und die Tiefen der Leidenschaft in ihrem Herzen waren nie aufgewühlt worden. Darin lag das Geheimnis ihres größten Reizes, eine Jugendlichkeit der innersten Seele, die zuweilen durch ihr Gesicht verraten wurde, und ein gewisser Hauch von unschuldiger Sehnsucht in ihren Gedanken. Sie war zurückhaltend in ihrem Gebaren, doch in ihrer Haltung und in den Tönen ihrer Stimme lag noch immer etwas, das von mädchenhaften Wünschen kündete, die auf eine vage Zukunft gerichtet waren. Schon bald verliebte sich auch der am wenigsten Empfängliche in sie, und doch empfand man eine gewisse Scheu vor ihrer Würde und ihrer vornehmen Art. Ihre große Seele, gestärkt durch die grausamen Prüfungen, die sie durchlaufen hatte, schien sie zu weit über das gewöhnliche Niveau zu heben, und diese Männer wogen sich selbst ab und spürten instinktiv, dass sie zu kurz kamen. Eine solche Natur verlangte nach einer erhabenen Leidenschaft.

Überdies konzentrierten sich Mme. de Deys Zuneigungen auf ein einziges Gefühl – die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn. All das Glück und die Freude, die sie als Ehefrau nicht gekannt hatte, hatte sie später in ihrer grenzenlosen Liebe zu ihm gefunden. Die Koketterie einer Geliebten, die Eifersucht einer Ehefrau vermischten sich mit der reinen und tiefen Zuneigung einer Mutter. Sie war unglücklich, wenn sie getrennt waren, und nervös um ihn, während er fort war; sie konnte nie genug von ihm sehen und lebte durch ihn und nur für ihn allein. Eine Vorstellung von der Stärke dieses Bandes mag dem männlichen Verständnis dadurch vermittelt werden, dass dies nicht nur Mme. de Deys einziger Sohn war, sondern alles, was sie an Verwandtschaft auf der Welt hatte, der eine Mensch auf Erden, der durch alle Ängste, Hoffnungen und Freuden ihres Lebens mit ihr verbunden war.

Der verstorbene Comte de Dey war der Letzte seines Geschlechts, und sie, seine Frau, war die einzige Erbin und Nachfahrin ihres Hauses. So verbanden sich weltliche Ambitionen und familiäre Überlegungen sowie die edelsten Verlangen der Seele, um in der Gräfin ein Gefühl zu steigern, das in jedem Frauenherzen stark ist. Das Kind war ihr umso teurer, als es ihr nur mit unendlicher Mühe gelungen war, ihn bis zum Mannesalter aufzuziehen; die medizinische Wissenschaft hatte seinen Tod ein Dutzend Mal vorausgesagt, doch sie hatte an ihren Ahnungen und Hoffnungen festgehalten und die unaussprechliche Freude gekannt, ihn sicher durch die Gefahren des Kindesalters kommen zu sehen, und zu beobachten, wie sich seine Konstitution trotz der Dekrete der Fakultät kräftigte.

Dank ihrer ständigen Fürsorge war der Junge herangewachsen und hatte sich so vorteilhaft entwickelt, dass er mit zwanzig Jahren als einer der vollendetsten Kavaliere am Hofe von Versailles galt. Ein letztes Glück, das nicht immer die Anstrengungen einer Mutter krönt, war ihr beschieden – ihr Sohn vergötterte sie; und zwischen diesen beiden herrschte das tiefe Verständnis verwandter Seelen. Wären sie nicht schon durch ein natürliches und heiliges Band aneinander gebunden gewesen, hätten sie instinktiv füreinander eine Freundschaft empfunden, wie sie selten zwischen zwei Männern anzutreffen ist.

Im Alter von achtzehn Jahren hatte der junge Graf eine Ernennung zum Unterleutnant in einem Dragonerregiment erhalten und es sich zur Ehrensache gemacht, den emigrierten Prinzen ins Exil zu folgen.

Dann sah sich Mme. de Dey den Gefahren ihrer grausamen Lage gegenüber. Sie war reich, adlig und die Mutter eines Emigranten. Mit dem einzigen Wunsch, sich um das große Vermögen ihres Sohnes zu kümmern, hatte sie sich das Glück versagt, bei ihm zu sein; und als sie die strengen Gesetze las, kraft derer die Republik täglich das Eigentum von Emigranten in Carentan konfiszierte, beglückwünschte sie sich zu dem mutigen Kurs, den sie eingeschlagen hatte. Wachte sie nicht unter Lebensgefahr über den Reichtum ihres Sohnes? Später, als die Nachricht von den schrecklichen Hinrichtungen eintraf, die der Konvent angeordnet hatte, schlief sie glücklich in dem Wissen, dass ihr eigener Schatz in Sicherheit war, außer Reichweite von Gefahren, weit weg von den Schafotten der Revolution. Sie liebte den Gedanken, dass sie den besten Weg eingeschlagen hatte, dass sie ihren Liebling und das Vermögen ihres Lieblings gerettet hatte; und diesem geheimen Gedanken machte sie solche Zugeständnisse, wie sie das Unglück der Zeiten erforderte, ohne ihre Würde oder ihre aristokratischen Grundsätze zu kompromittieren, und hüllte ihren Kummer in Zurückhaltung und Geheimnis. Sie hatte die Schwierigkeiten vorhergesehen, die sie in Carentan erwarten würden. Hatte sie nicht durch die bloße Tatsache, dorthin zu gehen und einen prominenten Platz einzunehmen, das Schafott herausgefordert? Doch gestärkt durch den Mut einer Mutter gelang es ihr, die Zuneigung der Armen zu gewinnen, indem sie ohne Unterschied jedem in Not half; und sie machte sich bei den Wohlhabenden unentbehrlich, indem sie für deren Unterhaltung sorgte.

Der Staatsanwalt der Gemeinde war bei ihr zu sehen, der Bürgermeister, der Präsident des „Bezirks“, der öffentliche Ankläger und sogar die Richter der revolutionären Tribunale gingen dort ein und aus. Die vier erstgenannten Herren waren allesamt unverheiratet, und jeder machte ihr den Hof in der Hoffnung, Mme. de Dey würde ihn zum Ehemann nehmen, entweder aus Furcht, sich einen Feind zu machen, oder aus dem Wunsch heraus, einen Beschützer zu finden.

Der öffentliche Ankläger, einst Anwalt in Caen und der Geschäftsmann der Gräfin, tat, was er konnte, um durch ein System der Hingabe und Großzügigkeit Liebe zu erwecken, ein gefährliches Spiel der List! Er war der furchterregendste aller ihrer Verehrer. Er allein kannte das Ausmaß des großen Vermögens seiner einstigen Klientin, und seine Inbrunst wurde unvermeidlich durch die Habgier und durch das Bewusstsein gesteigert, dass er eine enorme Macht ausübte, die Macht über Leben und Tod im Bezirk. Er war noch jung, und dank der Großzügigkeit seines Verhaltens war Mme. de Dey noch nicht in der Lage, ihn richtig einzuschätzen. Doch trotz der Gefahr, sich mit normannischer Schlauheit zu messen, nutzte sie alle List und Erfindungsgabe, die die Natur den Frauen verliehen hat, um die rivalisierenden Verehrer gegeneinander auszuspielen. Sie hoffte, durch Zeitgewinn schließlich heil aus ihren Schwierigkeiten hervorzugehen; denn zu jener Zeit schmeichelten sich die Royalisten in den Provinzen mit einer Hoffnung, die täglich erneuert wurde, dass der morgige Tag das Ende der Revolution sehen würde – eine Überzeugung, die vielen von ihnen zum Verhängnis wurde.

Trotz der Schwierigkeiten hatte die Gräfin ihre Unabhängigkeit mit beträchtlichem Geschick bewahrt, bis zu dem Tag, an dem sie aus einer unerklärlichen Unvorsichtigkeit heraus ihren Salon schloss. So tief und aufrichtig war das Interesse, das sie erweckte, dass diejenigen, die normalerweise ihr Wohnzimmer füllten, eine lebhafte Besorgnis empfanden, als sich die Nachricht verbreitete; dann gingen sie mit der für provinzielle Sitten charakteristischen offenen Neugier, um sich nach dem Unglück, dem Kummer oder der Krankheit zu erkundigen, die Mme. de Dey befallen hatten.

Auf all diese Fragen antwortete Brigitte, die Haushälterin, mit der gleichen Formel: Ihre Herrin hütete ihr Zimmer und empfinge niemanden, nicht einmal ihre eigene Dienerschaft. Das fast klösterliche Leben der Bewohner kleiner Städte fördert eine Gewohnheit der Analyse und konjekturalen Erklärung der Angelegenheiten aller anderen; sie ist so stark, dass, nachdem jeder über die arme Mme. de Dey gejammert hatte (ohne zu wissen, ob die Dame von Freude oder Kummer überwältigt war), jeder begann, nach den Ursachen ihrer plötzlichen Abgeschiedenheit zu forschen.

„Wäre sie krank, hätte sie nach dem Arzt geschickt“, sagte Klatsch Nummer eins; „nun, der Arzt hat den ganzen Tag bei mir Schach gespielt. Er sagte lachend zu mir, dass es heutzutage nur eine Krankheit gäbe, und dass diese leider unheilbar sei.“

Der Witz wurde diskret gewagt. Frauen und Männer, ältere Leute und junge Mädchen machten sich unverzüglich daran, das weite Feld der Vermutungen zu bestellen. Jeder bildete sich ein, es stecke ein Geheimnis dahinter, und jeder Kopf war mit dem Geheimnis beschäftigt. Am nächsten Tag wurden die Verdächtigungen bösartig. In einer kleinen Stadt lebt jeder in der Öffentlichkeit, und die Frauenwelt war die erste, die herausfand, dass Brigitte einen zusätzlichen Vorrat an Lebensmitteln angelegt hatte. Die Sache war nicht zu bestreiten. Brigitte war am frühen Morgen auf dem Marktplatz gesehen worden, und, erstaunlich zu berichten, sie hatte den einzigen Hasen gekauft, der zu haben war. Die ganze Stadt wusste, dass Mme. de Dey sich nicht viel aus Wild machte. Der Hase wurde zum Ausgangspunkt endloser Vermutungen.

Ältere Herren, die ihren Spaziergang machten, bemerkten eine Art unterdrückte Geschäftigkeit im Haus der Gräfin; die Symptome waren umso deutlicher, als die Diener sich sichtlich Mühe gaben, sie zu verbergen. Der Diener klopfte einen Teppich im Garten. Gestern noch hätte niemand diese Tatsache bemerkt, aber heute begann jeder, aus diesem harmlosen Haushaltsgegenstand Romane zu spinnen. Jeder hatte eine Version.

Am folgenden Tag, jenem, an dem Mme. de Dey bekannt gab, dass sie sich nicht wohl fühle, gingen die Magnaten von Carentan den Abend im Haus des Bruders des Bürgermeisters verbringen. Er war ein Kaufmann im Ruhestand, ein verheirateter Mann, eine durch und durch ehrenwerte Seele; jeder respektierte ihn, und die Gräfin hielt große Stücke auf ihn. Dort bemühten sich alle Verehrer der reichen Witwe, mehr oder weniger wahrscheinliche Fiktionen zu erfinden, wobei jeder gleichzeitig darüber nachdachte, wie er das Geheimnis, das sie zwang, sich auf eine solche Weise zu kompromittieren, zu seinem eigenen Vorteil nutzen könne.

Der öffentliche Ankläger spann ein ganzes Drama, um Mme. de Deys Sohn nächtens in ihr Haus zu bringen. Der Bürgermeister glaubte an einen Priester, der den Eid verweigert hatte, einen Flüchtling aus der Vendée; doch das brachte ihn in nicht geringe Verlegenheit, wie er den Kauf eines Hasen an einem Freitag erklären sollte. Der Präsident des Bezirks neigte stark zu einem Chouan-Anführer oder einem flüchtigen Anführer der Vendée. Andere stimmten für einen Adligen, der aus den Gefängnissen von Paris entkommen war. Kurz gesagt, alle verdächtigten die Gräfin, sich einer Großzügigkeit schuldig gemacht zu haben, die das Gesetz jener Tage als Verbrechen definierte, ein Vergehen, das sie aufs Schafott bringen konnte. Der öffentliche Ankläger sagte zudem mit leiser Stimme, man müsse die Angelegenheit vertuschen und versuchen, die unglückliche Dame vor dem Abgrund zu bewahren, auf den sie zusteuerte.

„Wenn ihr Gerüchte verbreitet“, fügte er hinzu, „werde ich gezwungen sein, von der Angelegenheit Kenntnis zu nehmen und das Haus zu durchsuchen, und dann!...“

Er sagte nichts mehr, doch jeder verstand, was er unausgesprochen gelassen hatte.

Die wahren Freunde der Gräfin waren so sehr um sie besorgt, dass der Procureur Syndic der Gemeinde am Morgen des dritten Tages seine Frau ein paar Zeilen schreiben ließ, um Mme. de Dey zu überreden, an jenem Abend ihren Empfang wie üblich abzuhalten. Der alte Kaufmann unternahm einen kühneren Schritt. Er besuchte die Dame an jenem Vormittag. Gestärkt durch den Gedanken an den Dienst, den er ihr erweisen wollte, bestand er darauf, Mme. de Dey zu sehen, und war über alle Maßen erstaunt, sie im Garten anzutreffen, wo sie damit beschäftigt war, die letzten Herbstblumen in ihren Beeten zu pflücken, um die Vasen zu füllen.

„Sie hat zweifellos ihren Liebhaber aufgenommen“, dachte der alte Mann, von Mitleid für die bezaubernde Frau vor ihm erfüllt.

Das Gesicht der Gräfin trug einen seltsamen Ausdruck, der seine Vermutungen bestätigte. Tief bewegt von der Hingabe, die Frauen so natürlich ist, die uns aber immer berührt, weil alle Männer durch die Opfer geschmeichelt werden, die eine Frau für irgendeinen von ihnen bringt, berichtete der Kaufmann der Gräfin von dem Klatsch, der in der Stadt kursierte, und zeigte ihr die Gefahr auf, in der sie schwebte. Er schloss schließlich mit den Worten, dass „wenn es unter unseren öffentlichen Funktionären einige gibt, die bereit genug sind, Ihnen ein Heldentum zu verzeihen, solange es ein Priester ist, den Sie retten wollen, wird niemand Ihnen Gnade erweisen, wenn entdeckt wird, dass Sie sich den Geboten Ihres Herzens opfern.“

Bei diesen Worten starrte Mme. de Dey ihren Besucher mit einer wilden Erregung an, die ihn, so alt er auch war, erschauern ließ.

„Kommen Sie herein“, sagte sie und nahm ihn bei der Hand, um ihn in ihr Zimmer zu führen, und sobald sie sich vergewissert hatte, dass sie allein waren, zog sie einen schmutzigen, zerrissenen Brief aus ihrem Mieder. „Lesen Sie!“, rief sie mit einer heftigen Anstrengung, die Worte auszusprechen.

Sie ließ sich wie erschöpft in ihren Lehnstuhl fallen. Während der alte Kaufmann nach seiner Brille suchte und sie putzte, hob sie die Augen und betrachtete ihn zum ersten Mal mit Neugier; dann sagte sie leise mit unsicherer Stimme: „Ich vertraue Ihnen.“

„Warum kam ich, wenn nicht, um Ihren Anteil an dem Verbrechen zu teilen?“, sagte der alte Kaufmann schlicht.

Sie zitterte. Zum ersten Mal, seit sie in die kleine Stadt gekommen war, fand ihre Seele Verständnis in einer anderen Seele. Ein plötzliches Licht ging derweil dem alten Kaufmann auf; er verstand die Freude und die Niedergeschlagenheit der Gräfin.

Ihr Sohn hatte an der Expedition von Granville teilgenommen; er schrieb seiner Mutter aus seinem Gefängnis, und der Brief brachte ihr eine traurige, süße Hoffnung. Da er keine Zweifel an seinen Fluchtmöglichkeiten hegte, schrieb er, dass er sie innerhalb von drei Tagen sicher erreichen würde, verkleidet. Derselbe Brief, der diese gewichtigen Nachrichten enthielt, war voller herzzerreißender Abschiede für den Fall, dass der Schreiber nicht bis zum Abend des dritten Tages in Carentan sein sollte, und er beschwor seine Mutter, dem Überbringer, der zahllose Gefahren auf sich genommen hatte, um ihn zuzustellen, eine beträchtliche Summe Geldes mitzugeben. Das Papier zitterte in den Händen des alten Mannes.

„Und heute ist der dritte Tag!“, rief Mme. de Dey. Sie sprang auf, nahm den Brief zurück und schritt im Zimmer auf und ab.

„Sie sind unvorsichtig vorgegangen“, bemerkte der Kaufmann an sie gewandt. „Warum haben Sie Lebensmittel gekauft?“

„Nun, er könnte sterbend vor Hunger ankommen, erschöpft von der Müdigkeit, und...“ Sie brach ab.

„Ich bin mir meines Bruders sicher“, fuhr der alte Kaufmann fort; „ich werde ihn für Ihre Interessen gewinnen.“

Der Kaufmann gewann in dieser Krise seine alte geschäftliche Schläue zurück, und der Rat, den er Mme. de Dey gab, war voller Vorsicht und Weisheit. Nachdem beide vereinbart hatten, was sie tun und sagen sollten, besuchte der alte Kaufmann unter verschiedenen geistreichen Vorwänden die angesehensten Häuser von Carentan und kündigte überall an, er habe gerade Mme. de Dey besucht und sie werde trotz ihres Unwohlseins an jenem Abend Gäste empfangen. Indem er seine Schläue gegen den normannischen Witz einsetzte, dem er sich bei jedem Besuch in jeder Familie bezüglich des Leidens der Gräfin ausgesetzt sah, gelang es ihm, fast alle, die an der mysteriösen Angelegenheit Anteil nahmen, auf eine falsche Fährte zu locken.

Sein allererster Besuch wirkte Wunder. Er erzählte in Anwesenheit einer gichtkranken alten Dame, wie Mme. de Dey beinahe an einem Gichtanfall im Magen gestorben wäre; wie der illustre Tronchin ihr in einem solchen Fall geraten habe, die Haut eines lebenden Hasen auf ihre Brust zu legen, im Bett zu bleiben und sich vollkommen ruhig zu verhalten. Die Gräfin, so sagte er, habe in den letzten zwei Tagen in Lebensgefahr gelegen; doch nachdem sie das sonderbare Rezept des Tronchin genau befolgt habe, sei sie nun ausreichend erholt, um an jenem Abend Besucher zu empfangen.

Diese Geschichte hatte in Carentan einen immensen Erfolg. Der örtliche Arzt, ein Royalist in petto, trug zu ihrer Wirkung bei, indem er das Heilmittel ernsthaft diskutierte. Der Verdacht hatte sich jedoch in einigen perversen oder philosophischen Köpfen zu tief eingewurzelt, als dass er völlig zerstreut worden wäre; so kam es, dass all jene, die das Recht auf Zutritt zum Salon von Mme. de Dey hatten, in früher Stunde dorthin eilten, einige, um ihr Gesicht zu beobachten, andere aus Freundschaft, die meisten jedoch angezogen durch den Ruhm der wunderbaren Heilung.

Sie fanden die Gräfin in einer Ecke des großen Kamins in ihrem Zimmer sitzend, das fast so bescheiden eingerichtet war wie ähnliche Wohnungen in Carentan; denn sie hatte auf den Genuss von Luxus, an den sie früher gewöhnt war, verzichtet, aus Furcht, die engen Vorurteile ihrer Gäste zu beleidigen, und sie hatte keinerlei Veränderungen an ihrem Haus vorgenommen. Der Boden war nicht einmal gebohnert. Sie hatte die alten, düsteren Behänge an den Wänden gelassen, das altmodische Landhausmobiliar behalten, verbrannte Talgkerzen, hatte sich den Gebräuchen des Ortes angepasst und das kleinstädtische Leben angenommen, ohne vor dessen eiserner Enge und seinen unangenehmsten Härten zurückzuweichen; doch da sie wusste, dass ihre Gäste ihr jede Verschwendung verzeihen würden, die ihrem Komfort diente, ließ sie nichts unversucht, wenn es um deren persönliches Wohlbefinden ging; ihre Abendessen zum Beispiel waren ausgezeichnet. Sie ging sogar so weit, Geiz vorzutäuschen, um sich bei diesen habsüchtigen Naturen zu empfehlen; und sie besaß den Einfallsreichtum, es so erscheinen zu lassen, als seien gewisse Zugeständnisse an den Luxus auf Drängen anderer erfolgt, denen sie sich gnädig gefügt hatte.

Gegen sieben Uhr an jenem Abend war daher die Gesellschaft, die dem, was man in Carentan als vornehm bezeichnen konnte, am nächsten kam, im Salon von Mme. de Dey versammelt, in einem weiten Kreis um das Kaminfeuer. Die teilnehmenden Blicke des alten Kaufmanns stützten die Hausherrin während dieser Prüfung; mit bewundernswerter Geistesstärke unterzog sie sich der neugierigen Musterung ihrer Gäste und ertrug deren triviales Geschwätz. Jedes Mal, wenn es an der Tür klopfte, bei jedem Geräusch von Schritten auf der Straße, verbarg sie ihre Erregung, indem sie Fragen von brennendem Interesse für die ländliche Gegend aufwarf. Sie lenkte das Gespräch auf das heiße Thema der Qualität verschiedener Apfelweine und wurde von ihrem Freund, der ihr Geheimnis teilte, so gut unterstützt, dass ihre Gäste beinahe vergaßen, sie zu beobachten, und ihr Gesicht nahm seinen gewohnten Ausdruck an; ihre Selbstbeherrschung blieb unerschüttert. Der öffentliche Ankläger und einer der Richter des Revolutionstribunals blieben jedoch schweigsam; sie bemerkten jede noch so kleine Veränderung, die über ihre Züge huschte, und lauschten durch das lärmende Gerede auf jedes Geräusch im Haus. Mehrmals stellten sie heikle Fragen, die die Gräfin mit bewundernswerter Geistesgegenwart beantwortete. So tapfer ist ein Mutterherz!

Mme. de Dey hatte ihre Besucher in kleine Gruppen gezogen, hatte Partien für Whist, Boston oder Reversis gebildet und saß mit einigen der jungen Leute zusammen; sie schien völlig im gegenwärtigen Augenblick zu leben und spielte ihre Rolle wie eine vollendete Schauspielerin. Sie regte eine Partie Loto an, und mit der Bemerkung, dass niemand sonst wisse, wo das Spiel zu finden sei, verließ sie den Raum.

„Meine gute Brigitte, ich kann dort unten nicht atmen!“, rief sie und wischte sich die Tränen aus den Augen, die vor Fieber, Kummer und Ungeduld glänzten. Sie war in das Zimmer ihres Sohnes gegangen und sah sich um. „Er kommt nicht“, sagte sie. „Hier kann ich atmen und leben. Noch ein paar Minuten, und er wird hier sein, denn er lebt, ich bin sicher, dass er lebt! Mein Herz sagt es mir. Hörst du nichts, Brigitte? Oh! Ich würde den Rest meines Lebens geben, um zu wissen, ob er noch im Gefängnis ist oder durch das Land marschiert. Ich möchte lieber nicht nachdenken.“

Noch einmal sah sie nach, ob alles in Ordnung war. Ein helles Feuer loderte auf dem Herd, die Fensterläden waren sorgfältig geschlossen, die Möbel glänzten vor Sauberkeit, das Bett war auf eine Weise hergerichtet, die zeigte, dass Brigitte und die Gräfin sich um jedes kleinste Detail Gedanken gemacht hatten. Es war unmöglich, ihre Hoffnung in den feinen und rücksichtsvollen Vorbereitungen im Zimmer nicht zu lesen; Liebe und die zärtlichsten Liebkosungen einer Mutter schienen in der Luft zu liegen, zusammen mit dem Duft von Blumen. Nur eine Mutter hätte die Bedürfnisse eines Soldaten vorhersehen und so vollständig für deren Erfüllung sorgen können. Eine feine Mahlzeit, der beste Wein, saubere Wäsche, Hausschuhe – an nichts, was der müde Reisende brauchte oder was ihm Komfort bot, fehlte es, und all die Freuden des Zuhauses, die man ihm entgegenbrachte, sollten die Liebe seiner Mutter offenbaren.

„Oh, Brigitte!...“, rief die Gräfin mit einem herzzerreißenden Unterton in der Stimme. Sie zog einen Stuhl an den Tisch, als wollte sie ihre Illusionen stärken und ihre Sehnsüchte verwirklichen.

„Ach! Madame, er kommt. Er ist nicht weit weg.... Ich habe keinen Zweifel, dass er lebt und auf dem Weg ist“, antwortete Brigitte. „Ich habe einen Schlüssel in die Bibel gelegt und ihn auf meine Finger gehalten, während Cottin das Johannesevangelium las, und der Schlüssel hat sich nicht gedreht, Madame.“

„Ist das ein sicheres Zeichen?“, fragte die Gräfin.

„Nun ja, Madame! Das weiß jeder. Er lebt noch; ich würde mein Seelenheil darauf verwetten; Gott kann sich nicht irren.“

„Wenn ich ihn doch nur hier im Haus sehen könnte, trotz der Gefahr.“

„Armer Monsieur Auguste!“, rief Brigitte; „ich nehme an, er stapft durch die Gassen!“

„Und das schlägt jetzt acht Uhr!“, rief die Gräfin voller Entsetzen.

Sie hatte Angst, zu lange in dem Zimmer geblieben zu sein, in dem sie sich sicher war, dass ihr Sohn am Leben sei; all diese Vorbereitungen, die für ihn getroffen wurden, bedeuteten, dass er am Leben war. Sie ging hinunter, aber sie verweilte einen Moment im Peristyl, um auf jedes Geräusch zu achten, das die schlafenden Echos der Stadt wecken könnte. Sie lächelte Brigittes Ehemann zu, der dort Wache hielt; die Augen des Mannes wirkten stumpf von der Anstrengung, auf die leisen Geräusche der Nacht zu lauschen. Sie starrte in die Dunkelheit und sah ihren Sohn in jedem Schatten, überall; aber es war nur für einen Moment. Dann ging sie mit gespielter Heiterkeit in den Salon zurück und begann mit den kleinen Mädchen Loto zu spielen. Aber von Zeit zu Zeit klagte sie über Unwohlsein und setzte sich in ihren großen Sessel am Kamin. So ging es im Haus von Mme. de Dey und in den Köpfen derer, die unter ihrem Dach waren.

Währenddessen stapfte auf der Straße von Paris nach Cherbourg ein junger Mann, bekleidet mit der unvermeidlichen braunen Carmagnole jener Tage, in Richtung Carentan. Als die ersten Aushebungen vorgenommen wurden, gab es wenig oder gar keine Disziplin. Die Erfordernisse des Augenblicks erlaubten es kaum, Soldaten sofort auszurüsten, und es war keine Seltenheit, die Straßen voller Wehrpflichtiger in ihrer Alltagskleidung zu sehen. Die jungen Leute liefen ihrer Kompanie zum nächsten Haltepunkt voraus oder blieben hinter ihr zurück; es hing von ihrer Fitness ab, die Strapazen eines langen Marsches zu ertragen. Dieser spezielle Wanderer war ein beträchtliches Stück vor einer Kompanie von Wehrpflichtigen auf dem Weg nach Cherbourg, deren Ankunft der Bürgermeister stündlich erwartete, denn es war seine Pflicht, ihre Quartiere zuzuweisen. Die Schritte des jungen Mannes waren noch fest, als er dahin stapfte, und sein Auftreten schien darauf hinzudeuten, dass ihm das raue Leben eines Soldaten nicht fremd war. Der Mond schien auf das Weideland um Carentan, aber er hatte große Massen weißer Wolken bemerkt, die im Begriff waren, Schneeschauer über das Land zu verteilen, und zweifellos hatte die Angst, von einem Sturm überrascht zu werden, seinen Schritt trotz seiner Müdigkeit beschleunigt.

Die Brieftasche auf seinem Rücken war fast leer, und er trug einen Stock in der Hand, der von einer der hohen, dichten Buchsbaumhecken abgeschnitten war, die die meisten Bauernhöfe in der niederen Normandie umgeben. Als der einsame Wanderer nach Carentan hineinkam, hoben sich die schimmernden, mondbeschienenen Umrisse seiner Türme für einen Moment gespenstisch gegen den Himmel ab. Er traf niemanden in den stillen Straßen, die vom Echo seiner eigenen Schritte widerhallten, und war gezwungen, einen Weber, der spät arbeitete, nach dem Weg zum Haus des Bürgermeisters zu fragen. Der Magistrat war nicht weit zu suchen, und in wenigen Minuten saß der Wehrpflichtige auf einer Steinbank im Vorbau des Bürgermeisters und wartete auf seinen Einquartierungsschein. Er wurde jedoch gerufen und mit jenem Funktionär konfrontiert, der ihn genau musterte. Der Fußsoldat war ein gut aussehender junger Mann, der von vornehmer Abstammung zu sein schien. Sein Auftreten hatte etwas Aristokratisches, und in seinem Gesicht zeigten sich Anzeichen von Intelligenz, die durch eine gute Erziehung entwickelt worden waren.

„Wie ist Ihr Name?“, fragte der Bürgermeister und musterte ihn scharfsinnig.

„Julien Jussieu“, antwortete der Wehrpflichtige.

„Von...?“, fragte der Beamte, und ein ungläubiges Lächeln stahl sich auf seine Züge.

„Von Paris.“

„Ihre Kameraden müssen ein gutes Stück zurückliegen?“, bemerkte der Normanne in sarkastischem Ton.

„Ich bin drei Meilen vor dem Bataillon.“

„Ein gewisses Gefühl zieht Sie nach Carentan, natürlich, Bürger-Wehrpflichtiger“, sagte der Bürgermeister scharfsinnig. „Schon gut, schon gut!“, fügte er mit einer Handbewegung hinzu, als er sah, dass der junge Mann etwas sagen wollte. „Wir wissen, wohin wir Sie schicken sollen. Da, gehen Sie, Bürger Jussieu“, und er händigte ihm den Schein aus.

Es lag ein Hauch von Ironie in der Betonung, die der Magistrat auf die beiden letzten Worte legte, während er den Schein für Mme. de Dey hinhielt. Der Wehrpflichtige las die Adresse neugierig.

„Er weiß ganz genau, dass er nicht weit zu gehen hat, und wenn er erst einmal draußen ist, wird er sehr bald den Marktplatz überqueren“, sagte der Bürgermeister zu sich selbst, als der andere hinausging. „Er ist ungewöhnlich kühn! Gott leite ihn!... Er hat auf alles eine Antwort parat. Ja, aber wenn jemand anders seine Papiere hätte sehen wollen, wäre es um ihn geschehen gewesen!“

Die Uhren in Carentan schlugen halb zehn, als er das sagte. Im Vorzimmer von Mme. de Dey wurden Laternen angezündet, Diener halfen ihren Herrschaften in Holzschuhe, Mäntel und Kalaschen. Die Kartenspieler beglichen ihre Rechnungen, und alle gingen gemeinsam hinaus, wie es in allen kleinen Provinzstädten üblich war.

„Es sieht so aus, als ob der Ankläger bleiben will“, sagte eine Dame, die bemerkte, dass jene wichtige Persönlichkeit nicht in der Gruppe auf dem Marktplatz war, wo sich alle voneinander verabschiedeten, bevor sie ihre Wege nach Hause antraten. Und tatsächlich war der gefürchtete Funktionär mit der Gräfin allein, die zitternd darauf wartete, dass er ginge. Ihr langes Schweigen hatte etwas Entsetzliches.

„Bürgerin“, sagte er schließlich, „ich bin hier, um sicherzustellen, dass die Gesetze der Republik ausgeführt werden...“

Mme. de Dey schauderte.

„Haben Sie mir nichts zu sagen?“

„Nichts!“, antwortete sie voller Erstaunen.

„Ach! Madame“, rief der Ankläger, setzte sich neben sie und änderte seinen Ton. „In diesem Augenblick können wir, wenn uns ein Wort fehlt, einer von uns – Sie oder ich – unsere Köpfe zum Schafott tragen. Ich habe Ihren Charakter, Ihre Seele, Ihr Auftreten zu genau beobachtet, um den Irrtum zu teilen, in den Sie Ihre Besucher heute Abend zu führen verstanden haben. Sie erwarten Ihren Sohn, daran konnte ich nicht zweifeln.“

Die Gräfin machte eine unwillkürliche Geste der Verleugnung, aber ihr Gesicht war weiß geworden und von dem Kampf gezeichnet, die Fassung zu bewahren, die sie nicht empfand, und kein Zittern entging dem gnadenlosen Ankläger.

„Sehr wohl“, fuhr der revolutionäre Beamte fort, „empfangen Sie ihn; aber lassen Sie ihn nicht nach sieben Uhr morgen früh unter Ihrem Dach bleiben; denn morgen, sobald es hell wird, werde ich mit einer Denunziation kommen, die ich aufsetzen lassen werde, und...“

Sie sah ihn an, und das dumpfe Elend in ihren Augen hätte einen Tiger erweichen können.

„Ich werde deutlich machen, dass die Denunziation falsch war, indem ich eine gründliche Durchsuchung vornehme“, fuhr er mit sanfter Stimme fort; „mein Bericht wird so ausfallen, dass Sie vor jedem weiteren Verdacht sicher sind. Ich werde Ihre patriotischen Spenden, Ihren Gemeinsinn erwähnen, und wir alle werden in Sicherheit sein.“

Mme. de Dey, die eine Falle fürchtete, saß unbeweglich, ihr Gesicht brannte, ihre Zunge war wie gelähmt. Ein Klopfen an der Tür hallte durch das Haus.

„Oh!...“, rief die verängstigte Mutter und fiel auf die Knie; „retten Sie ihn! retten Sie ihn!“

„Ja, lassen Sie uns ihn retten!“, erwiderte der öffentliche Ankläger, und seine Augen leuchteten auf, als er sie ansah, „wenn es uns das Leben kostet!“

„Verloren!“, jammerte sie. Der Ankläger hob sie höflich auf.

„Madame“, sagte er mit einer rhetorischen Geste, „meinem eigenen freien Willen allein würde ich verdanken...“

„Madame, er ist...“, rief Brigitte, in dem Glauben, ihre Herrin sei allein. Beim Anblick des öffentlichen Anklägers wurde das von Freude gerötete Gesicht der alten Dienerin hager und ausdruckslos.

„Wer ist es, Brigitte?“, fragte der Ankläger freundlich, als wäre auch er in das Geheimnis des Haushalts eingeweiht.

„Ein Wehrpflichtiger, den der Bürgermeister für eine Nacht hierher geschickt hat“, antwortete die Frau und hielt den Schein hin.

„So ist es“, sagte der Ankläger, als er den Zettel gelesen hatte. „Ein Bataillon kommt heute Nacht hierher.“

Und er ging.

Das Bedürfnis der Gräfin, an die Treue ihres einstigen Anwalts zu glauben, war so groß, dass sie es nicht wagte, irgendeinen Verdacht gegen ihn zu hegen. Sie eilte nach oben; sie fühlte kaum noch Kraft in den Beinen; sie öffnete die Tür und stürzte, halb tot vor Angst, in die Arme ihres Sohnes.

„Oh! mein Kind! mein Kind!“, schluchzte sie und bedeckte ihn mit fast rasenden Küssen.

„Madame!...“, sagte eine fremde Stimme.

„Oh! er ist es nicht!“, rief sie, wich entsetzt zurück und stand dem Wehrpflichtigen gegenüber, den sie mit hageren Augen anstarrte.

„O heiliger guter Gott! wie er ihm ähnelt!“, rief Brigitte.

Es herrschte einen Augenblick Stille; selbst der Fremde zitterte beim Anblick von Mme. de Deys Gesicht.

„Ach! Monsieur“, sagte sie, stützte sich auf den Arm von Brigittes Ehemann und empfand zum ersten Mal das ganze Ausmaß eines Kummers, der sie bei seinem ersten Aufkeimen fast umgebracht hätte; „ach! Monsieur, ich kann nicht länger bleiben, um Sie zu sehen... gestatten Sie meinen Bediensteten, meinen Platz einzunehmen und dafür zu sorgen, dass Sie alles haben, was Sie brauchen.“

Sie ging hinunter in ihr eigenes Zimmer, wobei Brigitte und der alte Diener sie halb trugen. Die Haushälterin setzte ihre Herrin auf einen Stuhl und brach aus:

„Wie, Madame! soll dieser Mann in Monsieur Augustes Bett schlafen, Monsieur Augustes Hausschuhe tragen und die Pastete essen, die ich für Monsieur Auguste gemacht habe? Nun, wenn sie mich dafür guillotinierten, ich...“

„Brigitte!“, rief Mme. de Dey.

Brigitte sagte nichts mehr.

„Halt den Mund, Plappermaul“, sagte ihr Ehemann leise; „willst du Madame umbringen?“

Ein Geräusch kam aus dem Zimmer des Wehrpflichtigen, als er seinen Stuhl an den Tisch zog.

„Ich werde hier nicht bleiben“, rief Mme. de Dey; „ich werde in den Wintergarten gehen; dort werde ich besser hören, falls in der Nacht jemand vorbeigeht.“

Sie schwankte immer noch zwischen der Angst, ihren Sohn verloren zu haben, und der Hoffnung, ihn noch einmal zu sehen. Diese Nacht war entsetzlich still. Einmal gab es für die Gräfin einen schrecklichen Augenblick, als das Bataillon der Wehrpflichtigen in die Stadt einzog und die Männer einer nach dem anderen zu ihren Quartieren gingen. Jeder Schritt, jedes Geräusch auf der Straße weckte Hoffnungen, die enttäuscht wurden; aber es dauerte nicht lange, die schreckliche Stille kehrte wieder ein. Gegen Morgen war die Gräfin gezwungen, in ihr Zimmer zurückzukehren. Brigitte, die stets die Bewegungen ihrer Herrin bewachte, sah sie nicht wieder herauskommen; und als sie nach ihr sah, fand sie die Gräfin dort tot liegen.

„Ich nehme an, sie hat diesen Wehrpflichtigen gehört“, rief Brigitte, „wie er in Monsieur Augustes Zimmer auf und ab ging und diese verfluchte Marseillaise von ihnen pfiff, während er sich anzog, als wäre er in einem Stall! Das muss sie umgebracht haben.“

Aber es war eine tiefere und feierlichere Erschütterung, und zweifellos eine schreckliche Vision, die den Tod von Mme. de Dey verursacht hatte; denn in derselben Stunde, in der sie in Carentan starb, wurde ihr Sohn im Morbihan erschossen.

Diese tragische Geschichte kann zu all den überlieferten Beispielen der Wirkungsweise von Sympathien hinzugefügt werden, die nicht durch die Gesetze von Zeit und Raum kontrolliert werden. Diese Beobachtungen, die mit wissenschaftlicher Neugier von einigen wenigen isolierten Individuen gesammelt wurden, werden eines Tages als Dokumente dienen, auf denen die Grundlagen einer neuen Wissenschaft basieren, der es bisher an ihrem Genie fehlt.

Zadig rühmte sich vor allem niemals seiner Eroberungen bei den Frauen, noch ließ er sich dazu herab, eine verächtliche Meinung über das schöne Geschlecht zu hegen. Er war großmütig und fürchtete sich nie davor, Undankbaren einen Gefallen zu erweisen; er erinnerte sich an den großen Leitsatz des Zoroaster: „Wenn du isst, gib den Hunden, sollten sie dich auch beißen.“ Er war so weise, wie es einem Menschen nur möglich ist, denn er suchte den Umgang mit den Weisen.

In den Wissenschaften der alten Chaldäer unterwiesen, verstand er die Prinzipien der Naturphilosophie, so wie man sie damals annahm; und er wusste so viel von der Metaphysik, wie man sie in jedem Zeitalter kannte, das heißt wenig oder gar nichts. Er war ungeachtet der neuen Philosophie jener Zeit fest davon überzeugt, dass das Jahr aus dreihundertfünfundsechzig Tagen und sechs Stunden bestehe und dass die Sonne im Mittelpunkt der Welt stehe. Doch als ihm die obersten Magier mit hochmütiger und verächtlicher Miene erklärten, dass seine Ansichten von gefährlicher Tendenz seien und dass es ein Feind des Staates sei zu glauben, die Sonne drehe sich um ihre eigene Achse und das Jahr habe zwölf Monate, schwieg er mit großer Bescheidenheit und Sanftmut.

Da er im Besitz großen Reichtums und folglich vieler Freunde war, mit einer guten Konstitution, einer stattlichen Erscheinung, einem gerechten und maßvollen Geist sowie einem edlen und aufrichtigen Herzen gesegnet, stellte er sich törichterweise vor, dass er leicht glücklich sein könnte. Er wollte Semira heiraten, die in Bezug auf Schönheit, Herkunft und Vermögen die beste Partie in Babylon war. Er empfand eine echte und tugendhafte Zuneigung für diese Dame, und sie liebte ihn mit der leidenschaftlichsten Innigkeit.

Der glückliche Augenblick, der sie für immer durch das Eheband vereinen sollte, war beinahe gekommen, als sie bei einem gemeinsamen Spaziergang zu einem der Tore von Babylon, unter den Palmen, die die Ufer des Euphrat schmücken, einige Männer herannahen sahen, die mit Säbeln und Pfeilen bewaffnet waren. Dies waren die Diener des jungen Orcan, des Neffen des Ministers, den die Kreaturen seines Onkels in dem Glauben geschmeichelt hatten, er könne alles ungestraft tun. Er besaß weder die Anmut noch die Tugenden des Zadig; doch da er sich für einen weitaus vollkommeneren Mann hielt, war er außer sich vor Wut, dass der andere ihm vorgezogen wurde. Diese Eifersucht, die lediglich die Folge seiner Eitelkeit war, ließ ihn sich einbilden, er sei hoffnungslos in Semira verliebt; und so beschloss er, sie zu entführen. Die Entführer ergriffen sie; in der Heftigkeit des Übergriffs verwundeten sie sie und ließen das Blut einer Person fließen, deren Anblick die Tiger des Berges Imaus erweicht hätte. Sie durchdrang den Himmel mit ihrem Wehklagen. Sie rief aus: „Mein teurer Gatte! Sie reißen mich von dem Mann fort, den ich anbete.“ Ungeachtet ihrer eigenen Gefahr sorgte sie sich nur um das Schicksal ihres teuren Zadig, der sich unterdessen mit aller Kraft verteidigte, die Mut und Liebe einflößen konnten. Nur von zwei Sklaven unterstützt, schlug er die Entführer in die Flucht und trug die besinnungslose und blutüberströmte Semira nach Hause.

Als sie die Augen öffnete und ihren Retter erblickte, sagte sie: „O Zadig! Ich liebte dich ehemals als meinen zukünftigen Ehemann; nun liebe ich dich als den Bewahrer meiner Ehre und meines Lebens.“ Niemals war ein Herz tiefer bewegt als das der Semira. Niemals drückte ein reizenderer Mund bewegendere Gefühle aus, in jenen glühenden Worten, die vom Gefühl des größten aller Gefälligkeiten und von den zartesten Regungen einer rechtmäßigen Leidenschaft inspiriert waren.

Ihre Wunde war leicht und bald geheilt. Zadig war gefährlicher verwundet; ein Pfeil hatte ihn nahe am Auge durchbohrt und war beträchtlich tief eingedrungen. Semira ermüdete den Himmel mit ihren Gebeten für die Genesung ihres Geliebten. Ihre Augen waren ständig in Tränen gebadet; sie wartete ängstlich auf den glücklichen Moment, in dem die Augen des Zadigs die ihren wieder treffen könnten; doch ein Abszess, der sich an dem verwundeten Auge bildete, ließ alles befürchten. Ein Bote wurde sofort nach Memphis zu dem großen Arzt Hermes geschickt, der mit einem zahlreichen Gefolge eintraf. Er untersuchte den Patienten und erklärte, dass er sein Auge verlieren werde. Er sagte sogar den Tag und die Stunde voraus, an denen dieses verhängnisvolle Ereignis eintreten würde. „Wäre es das rechte Auge gewesen“, sagte er, „hätte ich es leicht heilen können; doch die Wunden des linken Auges sind unheilbar.“ Ganz Babylon beklagte das Schicksal Zadigs und bewunderte das tiefe Wissen des Hermes.

Nach zwei Tagen brach der Abszess von selbst auf und Zadig war vollständig geheilt. Hermes schrieb ein Buch, um zu beweisen, dass es nicht hätte geheilt werden dürfen. Zadig las es nicht; doch sobald er wieder ausgehen konnte, ging er, um jene zu besuchen, in der alle seine Hoffnungen auf Glück ruhten und für deren Willen allein er Augen haben wollte. Semira war seit drei Tagen auf dem Land. Er erfuhr auf dem Weg, dass jene vornehme Dame, nachdem sie offen erklärt hatte, dass sie eine unüberwindliche Abneigung gegen einäugige Männer habe, am Abend zuvor Orcan ihre Hand gereicht hatte. Bei dieser Nachricht fiel er sprachlos zu Boden. Sein Kummer brachte ihn fast an den Rand des Grabes. Er war lange unwohl; doch die Vernunft siegte schließlich über sein Leid, und die Härte seines Schicksals diente dazu, ihn zu trösten.

„Da ich“, sagte er, „so sehr unter der grausamen Laune einer am Hofe erzogenen Frau gelitten habe, muss ich nun daran denken, die Tochter eines Bürgers zu heiraten.“ Er wählte Azora, eine Dame von größter Klugheit und aus der besten Familie der Stadt. Er heiratete sie und lebte drei Monate lang mit ihr in allen Wonnen der zärtlichsten Verbindung. Er bemerkte lediglich, dass sie ein wenig leichtfertig war; und sie neigte zu sehr dazu, festzustellen, dass jene jungen Männer, die das ansehnlichste Äußere hatten, ebenso mit dem meisten Witz und der meisten Tugend begabt waren.

DIE NASE

Eines Morgens kehrte Azora von einem Spaziergang in schrecklicher Wut zurück und stieß die gewaltsamsten Ausrufe aus. „Was quält dich“, sagte er, „meine teure Gattin? Was ist es, das dich so in Aufruhr versetzt hat?“

„Ach“, sagte sie, „du wärst genauso wütend wie ich, hättest du gesehen, was ich gerade erblickt habe. Ich war bei der jungen Witwe Cosrou, um sie zu trösten, die innerhalb dieser zwei Tage ihrem jungen Gatten ein Grab errichtet hat, nahe dem Bächlein, das die Ränder dieser Wiese bespült. Sie schwor dem Himmel in der Bitterkeit ihres Schmerzes, an diesem Grab zu bleiben, während das Wasser des Bächleins in dessen Nähe weiterfließen würde.“

„Nun“, sagte Zadig, „sie ist eine vortreffliche Frau und liebte ihren Gatten mit der aufrichtigsten Zuneigung.“

„Ah“, erwiderte Azora, „wenn du nur wüsstest, womit sie beschäftigt war, als ich hinging, um ihr aufzuwarten!“

„Womit, bitte, schöne Azora? Hat sie den Lauf des Bächleins umgeleitet?“

Azora brach in derart lange Schmähreden aus und überhäufte die junge Witwe mit solch bitteren Vorwürfen, dass Zadig keineswegs erfreut war über diese Zurschaustellung von Tugend.

Zadig hatte einen Freund namens Cador, einen jener jungen Männer, bei denen seine Frau mehr Rechtschaffenheit und Verdienst entdeckte als bei anderen. Er machte ihn zu seinem Vertrauten und sicherte seine Treue so weit wie möglich durch ein beträchtliches Geschenk. Azora, die zwei Tage bei einer Freundin auf dem Land verbracht hatte, kehrte am dritten Tag heim. Die Diener erzählten ihr mit Tränen in den Augen, dass ihr Gatte am Abend zuvor plötzlich gestorben sei; dass sie Angst hätten, ihr eine Nachricht über dieses traurige Ereignis zu senden; und dass sie gerade seinen Leichnam im Grab seiner Vorfahren, am Ende des Gartens, beigesetzt hätten. Sie weinte, sie raufte sich die Haare und schwor, ihm ins Grab zu folgen.

Am Abend bat Cador um Erlaubnis, ihr aufzuwarten, und vereinte seine Tränen mit den ihren. Am nächsten Tag weinten sie weniger und speisten zusammen. Cador erzählte ihr, dass sein Freund ihm den größten Teil seines Vermögens hinterlassen habe; und dass er sich überaus glücklich schätzen würde, sein Vermögen mit ihr zu teilen. Die Dame weinte, geriet in Rage und wurde schließlich milder und sanfter. Sie saßen länger beim Abendessen als beim Mittagessen. Sie sprachen nun mit größerer Zuversicht. Azora lobte den Verstorbenen; gestand jedoch ein, dass er viele Fehler hatte, von denen Cador frei war.

Während des Abendessens beklagte sich Cador über einen heftigen Schmerz in der Seite. Die Dame, sehr besorgt und begierig, ihm zu dienen, ließ alle Arten von Essenzen bringen, mit denen sie ihn salbte, um zu versuchen, ob nicht einige davon ihn von seinem Schmerz befreien könnten. Sie beklagte, dass der große Hermes nicht mehr in Babylon sei. Sie ließ sich sogar dazu herab, die Seite zu berühren, in der Cador solch einen qualvollen Schmerz verspürte.

„Bist du diesem grausamen Leiden unterworfen?“, sagte sie zu ihm mit mitleidiger Miene.

„Es bringt mich manchmal“, erwiderte Cador, „an den Rand des Grabes; und es gibt nur ein Heilmittel, das mir Linderung verschaffen kann, und das ist, die Nase eines Mannes, der kürzlich verstorben ist, auf meine Seite zu legen.“

„Ein seltsames Heilmittel, wahrlich!“, sagte Azora.

„Nicht seltsamer“, erwiderte er, „als die Säckchen des Arnon gegen den Schlaganfall.“ Dieser Grund, hinzugefügt zum großen Verdienst des jungen Mannes, bestimmte schließlich die Dame.

„Schließlich“, sagt sie, „wenn mein Gatte die Brücke Tchinavar auf seiner Reise in die andere Welt überquert, wird der Engel Asrael ihm den Durchgang nicht verweigern, weil seine Nase im zweiten Leben ein wenig kürzer ist als sie im ersten war.“ Sie nahm dann ein Rasiermesser, ging zum Grab ihres Gatten, benetzte es mit ihren Tränen und näherte sich, um die Nase des Zadig abzuschneiden, den sie in voller Länge im Grab ausgestreckt vorfand. Zadig erhob sich, hielt mit der einen Hand seine Nase fest und stieß mit der anderen das Rasiermesser zurück. „Gnädige Frau“, sagte er, „schreien Sie nicht so heftig gegen die junge Cosrou; das Vorhaben, mir die Nase abzuschneiden, ist dem gleich, den Lauf eines Bächleins umzuleiten.“

DER HUND UND DAS PFERD

Zadig fand durch Erfahrung, dass der erste Monat der Ehe, wie es im Buch Zend geschrieben steht, der Mond aus Honig ist und dass der zweite der Mond aus Wermut ist. Er war einige Zeit danach gezwungen, Azora zu verstoßen, die zu schwierig zufriedenzustellen wurde; und er suchte dann das Glück im Studium der Natur. „Kein Mensch“, sagte er, „kann glücklicher sein als ein Philosoph, der in diesem großen Buch liest, das Gott vor unsere Augen gelegt hat. Die Wahrheiten, die er entdeckt, sind sein eigen, er nährt und erhebt seine Seele; er lebt in Frieden; er fürchtet nichts von den Menschen; und seine zärtliche Gattin wird nicht kommen, um ihm die Nase abzuschneiden.“

Im Besitz dieser Ideen zog er sich in ein Landhaus an den Ufern des Euphrat zurück. Dort beschäftigte er sich nicht damit, zu berechnen, wie viele Zoll Wasser in einer Sekunde unter den Bögen einer Brücke fließen oder ob im Monat der Maus mehr Regen fiel als im Monat des Schafes. Er träumte niemals davon, Seide aus Spinnweben oder Porzellan aus zerbrochenen Flaschen herzustellen; sondern er studierte hauptsächlich die Eigenschaften der Pflanzen und Tiere; und er erwarb bald eine Scharfsinnigkeit, die ihn tausend Unterschiede entdecken ließ, wo andere Menschen nichts als Gleichförmigkeit sahen.

Eines Tages, als er nahe einem kleinen Wäldchen spazieren ging, sah er einen der Eunuchen der Königin auf sich zulaufen, gefolgt von mehreren Beamten, die in großer Verlegenheit zu sein schienen und die wie von Sinnen hin und her rannten und eifrig nach etwas suchten, das sie verloren hatten und das von großem Wert war. „Junger Mann“, sagte der erste Eunuch, „hast du den Hund der Königin gesehen?“ „Es ist ein Weibchen“, erwiderte Zadig. „Du hast recht“, erwiderte der erste Eunuch. „Es ist eine sehr kleine Spaniel-Hündin“, fügte Zadig hinzu; „sie hat kürzlich geworfen; sie hinkt auf dem linken Vorderfuß und hat sehr lange Ohren.“ „Du hast sie gesehen“, sagte der erste Eunuch, ganz außer Atem. „Nein“, erwiderte Zadig, „ich habe sie nicht gesehen, noch wusste ich auch nur, dass die Königin einen Hund hat.“

Genau zur gleichen Zeit, durch eine der gewöhnlichen Launen des Schicksals, war das schönste Pferd im Stall des Königs dem Stallburschen in den Ebenen von Babylon entkommen. Der oberste Jäger und alle anderen Beamten rannten ihm mit ebensoviel Eifer und Angst hinterher wie der erste Eunuch dem Spaniel. Der oberste Jäger wandte sich an Zadig und fragte ihn, ob er nicht das Pferd des Königs habe vorbeilaufen sehen. „Es ist das schnellste Pferd im Stall des Königs“, erwiderte Zadig; „es ist fünf Fuß hoch, mit sehr kleinen Hufen und einem Schweif von dreieinhalb Fuß Länge; die Beschläge an seinem Gebiss sind Gold von dreiundzwanzig Karat, und seine Hufeisen sind Silber von elf Lot.“ „Welchen Weg hat es genommen? Wo ist es?“, verlangte der oberste Jäger zu wissen. „Ich habe es nicht gesehen“, erwiderte Zadig, „und noch nie zuvor von ihm gehört.“

Der oberste Jäger und der erste Eunuch zweifelten keinen Augenblick daran, dass Zadig das Pferd des Königs und den Spaniel der Königin gestohlen habe. Sie ließen ihn daher vor die Versammlung des großen Desterham führen, der ihn zur Strafe mit dem Knut verurteilte und dazu, den Rest seiner Tage in Sibirien zu verbringen. Kaum war das Urteil gefällt, als das Pferd und der Spaniel beide gefunden wurden. Die Richter waren auf die unangenehme Notwendigkeit reduziert, ihr Urteil aufzuheben; doch sie verurteilten Zadig dazu, vierhundert Unzen Gold zu zahlen, weil er gesagt hatte, er habe nicht gesehen, was er gesehen habe. Diese Geldstrafe musste er zahlen; danach durfte er seine Sache vor dem Rat des großen Desterham verteidigen, wo er sich in folgendem Sinne äußerte:

„Ihr Sterne der Gerechtigkeit, Abgrund der Wissenschaften, Spiegel der Wahrheit, die ihr das Gewicht von Blei, die Härte von Eisen, den Glanz des Diamanten und viele Eigenschaften von Gold habt: Da mir gestattet ist, vor dieser erhabenen Versammlung zu sprechen, schwöre ich euch bei Oramades, dass ich niemals den ehrwürdigen Spaniel der Königin noch das heilige Pferd des Königs der Könige gesehen habe. Die Wahrheit der Angelegenheit war wie folgt: Ich ging auf das kleine Wäldchen zu, wo ich danach den ehrwürdigen Eunuchen und den erlauchtesten obersten Jäger traf. Ich beobachtete im Sand die Spuren eines Tieres und konnte leicht erkennen, dass es die eines kleinen Hundes waren. Die leichten und langen Furchen, die auf kleinen Erhöhungen des Sandes zwischen den Abdrücken der Pfoten eingeprägt waren, ließen deutlich erkennen, dass es ein Weibchen war, deren Zitzen herabhängten, und dass sie daher einige Tage zuvor geworfen haben musste. Andere Spuren einer anderen Art, die immer sanft die Oberfläche des Sandes nahe den Abdrücken der Vorderpfoten gestreift zu haben schienen, zeigten mir, dass sie sehr lange Ohren hatte; und da ich bemerkte, dass immer ein leichterer Abdruck auf dem Sand von einem Fuß als von den anderen drei gemacht wurde, fand ich, dass der Spaniel unserer erhabenen Königin ein wenig lahm war, wenn mir dieser Ausdruck gestattet sei.

Was das Pferd des Königs der Könige betrifft, so werdet ihr wissen wollen, dass ich, als ich in den Wegen dieses Waldes ging, die Abdrücke der Hufeisen eines Pferdes beobachtete, alle in gleichen Abständen. Das muss ein Pferd sein, sagte ich mir, das vortrefflich galoppiert. Der Staub auf den Bäumen im Weg, der nur sieben Fuß breit war, war ein wenig abgewischt, in einer Entfernung von dreieinhalb Fuß von der Mitte des Weges. Dieses Pferd, sagte ich, hat einen Schweif von dreieinhalb Fuß Länge, der, nach rechts und links geschwenkt, den Staub weggefegt hat. Ich beobachtete unter den Bäumen, die eine Laube von fünf Fuß Höhe bildeten, dass die Blätter der Zweige frisch abgefallen waren; woraus ich folgerte, dass das Pferd sie berührt hatte und dass es daher fünf Fuß hoch sein müsse. Was sein Gebiss anbelangt, so muss es Gold von dreiundzwanzig Karat sein, denn es hatte seine Buckel gegen einen Stein gerieben, von dem ich wusste, dass es ein Prüfstein sei, und den ich ausprobiert habe. Kurz gesagt, aus den Abdrücken seiner Hufeisen auf Feuersteinen einer anderen Art schloss ich, dass es mit Silber von elf Denaren Feinheit beschlagen war.“

Alle Richter bewunderten Zadig für seinen scharfsinnigen und tiefgründigen Verstand. Die Nachricht von dieser Rede drang sogar bis zum König und zur Königin. Es wurde von nichts anderem gesprochen als von Zadig in den Vorzimmern, den Gemächern und dem Kabinett; und obwohl viele der Magier der Meinung waren, dass er als Zauberer verbrannt werden sollte, befahl der König seinen Beamten, ihm die vierhundert Unzen Gold zurückzugeben, die er hatte zahlen müssen. Der Registerführer, die Anwälte und Gerichtsvollzieher gingen mit großer Förmlichkeit zu seinem Haus, um ihm seine vierhundert Unzen zurückzubringen. Sie behielten lediglich dreihundertachtundneunzig davon ein, um die Kosten der Gerechtigkeit zu decken; und ihre Diener verlangten ihre Gebühren.

Zadig sah ein, wie überaus gefährlich es manchmal ist, zu wissend zu erscheinen, und beschloss daher, dass er bei der nächsten Gelegenheit dieser Art nicht sagen würde, was er gesehen hatte.

Eine solche Gelegenheit bot sich bald. Ein Staatsgefangener entkam und ging unter dem Fenster von Zadigs Haus hindurch. Zadig wurde verhört und antwortete nicht. Doch es wurde bewiesen, dass er den Gefangenen von diesem Fenster aus angesehen hatte. Für dieses Verbrechen wurde er dazu verurteilt, fünfhundert Unzen Gold zu zahlen; und gemäß dem höflichen Brauch von Babylon dankte er seinen Richtern für ihre Nachsicht.

„Großer Gott!“, sagte er zu sich selbst, „was für ein Unglück ist es, in einem Wald zu gehen, durch den der Spaniel der Königin oder das Pferd des Königs gegangen ist! Wie gefährlich ist es, aus einem Fenster zu schauen! Und wie schwierig ist es, glücklich zu sein in diesem Leben!“

DER NEIDISCHE MANN

Zadig beschloss, sich durch Philosophie und Freundschaft für die Übel zu trösten, die er durch das Schicksal erlitten hatte. Er besaß in den Vororten von Babylon ein elegant eingerichtetes Haus, in dem er alle Künste und alle Vergnügungen versammelte, die das Streben eines Gentleman wert sind. Am Morgen stand seine Bibliothek den Gelehrten offen. Am Abend war sein Tisch von guter Gesellschaft umgeben. Doch er fand bald, was für sehr gefährliche Gäste diese Männer der Literatur sind. Ein hitziger Streit entbrannte über eines der Gesetze des Zoroaster, das den Verzehr eines Greifs verbietet. „Warum“, sagten einige von ihnen, „den Verzehr eines Greifs verbieten, wenn es ein solches Tier in der Natur nicht gibt?“ „Es muss notwendigerweise ein solches Tier geben“, sagten die anderen, „da Zoroaster uns verbietet, es zu essen.“ Zadig hätte sie gerne versöhnt, indem er sagte: „Wenn es keine Greife gibt, können wir sie unmöglich essen; und so werden wir in jedem Fall Zoroaster gehorchen.“

Ein gelehrter Mann, der dreizehn Bände über die Eigenschaften des Greifs verfasst hatte und zudem der oberste Theurg war, eilte davon, um Zadig vor einem der obersten Magier anzuklagen, namens Yebor, dem größten Dummkopf und daher dem größten Fanatiker unter den Chaldäern. Dieser Mann hätte Zadig gepfählt, um der Sonne Ehre zu erweisen, und hätte dann das Brevier des Zoroaster mit größerer Zufriedenheit rezitiert. Der Freund Cador (ein Freund ist besser als hundert Priester) ging zu Yebor und sagte zu ihm: „Lang lebe die Sonne und die Greife; hüte dich davor, Zadig zu bestrafen; er ist ein Heiliger; er hat Greife in seinem inneren Hof und isst sie nicht; und sein Ankläger ist ein Ketzer, der es wagt zu behaupten, dass Kaninchen gespaltene Hufe haben und nicht unrein sind.“

„Nun“, sagte Yebor und schüttelte seinen kahlen Kopf, „wir müssen Zadig pfählen, weil er verächtlich über Greife gedacht hat, und den anderen, weil er respektlos über Kaninchen gesprochen hat.“ Cador vertuschte die Angelegenheit durch eine Hofdame, mit der er eine Liebesaffäre hatte und die großen Einfluss im Kollegium der Magier besaß. Niemand wurde gepfählt.

Diese Leichtfertigkeit verursachte ein großes Murren unter einigen der Doktoren, die von da an den Fall von Babylon vorhersagten. „Wovon hängt das Glück ab?“, sagte Zadig. „Ich werde von allem auf der Welt verfolgt, selbst wegen Wesen, die keine Existenz haben.“ Er verfluchte jene Männer der Gelehrsamkeit und beschloss, für die Zukunft nur mit guter Gesellschaft zu leben.

Er versammelte in seinem Haus die würdigsten Männer und die schönsten Damen von Babylon. Er gab ihnen köstliche Abendessen, denen oft Musikkonzerte vorausgingen und die stets von geistreicher Unterhaltung beseelt waren, von der er zu bannen wusste, was man so sehr an ihr fürchtet: jene Geziertheit des Witzes, welche das sicherste Mittel ist, ihn gänzlich zu verhindern und das Vergnügen der angenehmsten Gesellschaft zu verderben. Weder bei der Wahl seiner Freunde noch bei der Auswahl der Speisen ließ er sich von Eitelkeit leiten; denn in allem zog er das Wesentliche dem Schein vor; und auf diese Weise erwarb er sich jene wahre Achtung, nach der er gar nicht strebte.

Gegenüber seinem Haus wohnte ein gewisser Arimazes, ein Mann, dessen missgestaltetes Antlitz nur ein schwaches Abbild seines noch missgestalteteren Geistes war. Sein Herz war eine Mischung aus Bosheit, Hochmut und Neid. Da er nie in der Lage gewesen war, bei einem seiner Unterfangen Erfolg zu haben, rächte er sich an allen in seiner Umgebung, indem er sie mit den schwärzesten Verleumdungen überhäufte. So reich er auch war, fiel es ihm schwer, sich eine Schar von Schmeichlern zu verschaffen. Das Gerassel der Streitwagen, die abends in Zadigs Hof einfuhren, erfüllte ihn mit Unbehagen; der Klang von dessen Lobpreisungen erzürnte ihn noch mehr. Er ging manchmal zu Zadigs Haus und setzte sich an den Tisch, ohne eingeladen zu sein; wo er das Vergnügen der Gesellschaft verdarb, so wie die Harpyien die Speisen verpesten sollen, die sie berühren. Es begab sich, dass er eines Tages auf den Gedanken kam, einer Dame eine Unterhaltung zu geben, die jedoch, anstatt sie anzunehmen, zu Zadig zum Abendessen ging. Ein anderes Mal, als er bei Hofe mit Zadig sprach, trat ein Staatsminister zu ihnen und lud Zadig zum Abendessen ein, ohne Arimazes einzuladen. Der unversöhnlichste Hass hat selten ein solcheres Fundament. Dieser Mann, der in Babylon der Neidische genannt wurde, beschloss, Zadig zu ruinieren, weil dieser der Glückliche genannt wurde. „Die Gelegenheit, Böses zu tun, bietet sich hundertmal am Tag, die, Gutes zu tun, nur einmal im Jahr“, wie der weise Zoroaster sagt.

Der Neidische ging Zadig besuchen, der mit zwei Freunden und einer Dame in seinem Garten spazieren ging, zu der er viele galante Dinge sagte, ohne jede andere Absicht, als sie eben zu sagen. Das Gespräch kam auf einen Krieg, den der König gerade gegen den Prinzen von Hircania, seinen Vasallen, zu einem glücklichen Ende geführt hatte. Zadig, der in diesem kurzen Krieg seinen Mut bewiesen hatte, überhäufte den König mit Lob, die Dame jedoch noch mehr. Er zog sein Notizbuch hervor und schrieb aus dem Stegreif vier Zeilen, die er dieser liebenswürdigen Person zu lesen gab. Seine Freunde baten, sie sehen zu dürfen; doch Bescheidenheit, oder vielmehr eine wohlgeordnete Selbstliebe, erlaubte ihm nicht, ihrem Wunsch nachzukommen. Er wusste, dass aus dem Stegreif verfasste Verse von niemandem gebilligt werden außer von der Person, zu deren Ehren sie geschrieben wurden. Er zerriss daher das Blatt, auf das er sie geschrieben hatte, in zwei Teile und warf beide Stücke in ein Rosengebüsch, wo der Rest der Gesellschaft sie vergeblich suchte. Ein leichter Schauer, der kurz darauf einsetzte, zwang sie, ins Haus zurückzukehren. Der Neidische, der im Garten geblieben war, setzte die Suche fort, bis er schließlich ein Stück des Blattes fand. Es war so zerrissen worden, dass jede Zeilenhälfte einen vollständigen Sinn ergab und sogar einen Vers von kürzerem Versmaß bildete; aber was noch überraschender war: Diese kurzen Verse enthielten die beleidigendsten Anspielungen auf den König. Sie lauteten:

Zu schändlichen Taten. Seiner Krone verdankt er, In friedlichen Zeiten. Der schlimmste der Feinde.

Der Neidische war nun zum ersten Mal in seinem Leben glücklich. Er hatte es in seiner Macht, einen Menschen von Tugend und Verdienst zu ruinieren. Erfüllt von dieser teuflischen Freude, fand er Mittel und Wege, dem König die Satire zukommen zu lassen, die von Zadigs Hand geschrieben war, welcher daraufhin zusammen mit der Dame und seinen beiden Freunden ins Gefängnis geworfen wurde.

Sein Prozess war schnell beendet, ohne dass es ihm gestattet wurde, für sich selbst zu sprechen. Als er sein Urteil empfangen sollte, stellte sich der Neidische ihm in den Weg und sagte ihm mit lauter Stimme, seine Verse seien zu nichts nütze. Zadig legte keinen Wert darauf, ein guter Dichter zu sein; doch erfüllte es ihn mit unaussprechlichem Kummer, festzustellen, dass er wegen Hochverrats verurteilt wurde und dass die schöne Dame und seine beiden Freunde wegen eines Verbrechens im Gefängnis saßen, das sie nicht begangen hatten. Er durfte nicht sprechen, weil seine Schrift für ihn sprach. So lautete das Gesetz von Babylon. Dementsprechend wurde er zur Hinrichtungsstätte geführt, durch eine riesige Menge von Zuschauern, die es nicht wagten, ihr Mitleid mit ihm auszudrücken, die aber sorgfältig sein Antlitz prüften, um zu sehen, ob er mit Anstand stürbe. Seine Verwandten allein waren untröstlich, denn sie konnten sein Erbe nicht antreten. Drei Viertel seines Vermögens wurden in die Schatzkammer des Königs eingezogen, und das andere Viertel wurde dem Neidischen gegeben.

Gerade als er sich auf den Tod vorbereitete, flog der Papagei des Königs aus seinem Käfig und ließ sich auf einem Rosenbusch in Zadigs Garten nieder. Ein Pfirsich war dort vom Wind von einem benachbarten Baum hingeweht worden und auf ein Stück des beschriebenen Blattes aus dem Notizbuch gefallen, an dem er haften blieb. Der Vogel trug den Pfirsich und das Papier davon und legte sie auf das Knie des Königs. Der König nahm das Papier mit großer Eifer auf und las die Worte, die keinen Sinn ergaben und wie die Endungen von Versen erschienen. Er liebte die Dichtkunst; und von einem Fürsten dieser Veranlagung ist immer ein gewisses Maß an Gnade zu erwarten. Das Abenteuer mit dem Papagei brachte ihn zum Nachdenken.

Die Königin, die sich daran erinnerte, was auf dem Stück von Zadigs Notizbuch gestanden hatte, ließ es herbeiholen. Sie verglichen die beiden Stücke miteinander und stellten fest, dass sie exakt zusammenpassten; dann lasen sie die Verse so, wie Zadig sie geschrieben hatte:

TYRANNEN NEIGEN ZU SCHÄNDLICHEN TATEN. DER MILDTÄTIGKEIT VERDANKT ER SEINE KRONE. DER EINTRAGT UND FRIEDLICHEN ZEITEN. NUR DIE LIEBE IST DER SCHLIMMSTE DER FEINDE.

Der König gab sofort Befehl, Zadig vor ihn zu bringen und seine beiden Freunde sowie die Dame in Freiheit zu setzen. Zadig warf sich vor dem König und der Königin zu Boden; er bat demütig um ihre Verzeihung dafür, dass er solch schlechte Verse gemacht habe, und sprach mit so viel Angemessenheit, Witz und gesundem Menschenverstand, dass ihre Majestäten wünschten, ihn wiederzusehen. Er erwies ihnen diese Ehre und schlich sich noch tiefer in ihre Gunst ein. Sie gaben ihm das gesamte Vermögen des Neidischen zurück; doch Zadig gab es diesem vollständig wieder. Und dieser Akt der Großmut bereitete dem Neidischen kein anderes Vergnügen als das, sein Vermögen bewahrt zu haben.

Die Wertschätzung des Königs für Zadig wuchs von Tag zu Tag. Er ließ ihn an all seinen Vergnügungen teilhaben und konsultierte ihn in allen Staatsangelegenheiten. Von dieser Zeit an begann die Königin ihn mit einem Blick der Zärtlichkeit zu betrachten, der eines Tages für sie selbst, für den König, ihren erhabenen Gemahl, für Zadig und für das Königreich im Allgemeinen gefährlich werden könnte. Zadig begann nun zu glauben, dass das Glück nicht so unerreichbar sei, wie er früher angenommen hatte.

DER GROSSMÜTIGE

Die Zeit war nun gekommen, ein großes Fest zu feiern, das alle fünf Jahre wiederkehrte. Es war in Babylon Brauch, am Ende alle fünf Jahre feierlich zu verkünden, welcher der Bürger die großmütigste Tat vollbracht habe. Die Großen des Reiches und die Magier waren die Richter. Der erste Satrap, der mit der Regierung der Stadt betraut war, veröffentlichte die edelsten Taten, die sich während seiner Amtszeit zugetragen hatten. Der Wettbewerb wurde durch Abstimmung entschieden; und der König verkündete das Urteil. Die Menschen kamen zu dieser Feierlichkeit aus den entlegensten Winkeln der Erde. Der Sieger erhielt aus der Hand des Monarchen einen mit Edelsteinen verzierten goldenen Becher, wobei seine Majestät ihm gleichzeitig dieses Kompliment machte:

„Empfange diese Belohnung für deine Großmut, und mögen die Götter mir viele Untertanen wie dich gewähren.“

Als dieser denkwürdige Tag gekommen war, erschien der König auf seinem Thron, umgeben von den Großen, den Magiern und den Abgesandten aller Nationen, die zu diesen Spielen gekommen waren, bei denen Ruhm nicht durch die Schnelligkeit der Pferde oder durch körperliche Stärke erworben wurde, sondern durch Tugend. Der erste Satrap trug mit lauter Stimme solche Taten vor, die die Urheber dazu berechtigen konnten, diesen unschätzbaren Preis zu erhalten. Er erwähnte nicht die Seelengröße, mit der Zadig dem Neidischen sein Vermögen zurückgegeben hatte, weil dies nicht als eine Tat angesehen wurde, die es wert wäre, um den Preis zu streiten.

Er präsentierte zuerst einen Richter, der, nachdem er durch ein Versehen, für das er letztlich nicht verantwortlich war, einen Bürger einen bedeutenden Prozess hatte verlieren lassen, diesem sein gesamtes eigenes Vermögen gegeben hatte, das genau dem entsprach, was der andere verloren hatte.

Er führte als nächstes einen jungen Mann vor, der, unsterblich in eine Dame verliebt, die er heiraten wollte, sie seinem Freund überlassen hatte, dessen Leidenschaft für sie ihn fast an den Rand des Grabes gebracht hatte, und der ihm gleichzeitig das Vermögen der Dame überlassen hatte.

Er führte daraufhin einen Soldaten vor, der in den Kriegen von Hircania ein noch edleres Beispiel von Großmut gegeben hatte. Eine Abteilung des Feindes hatte seine Geliebte gefangen genommen, und er kämpfte mit großem Heldenmut zu ihrer Verteidigung. In diesem Augenblick wurde ihm mitgeteilt, dass eine andere Abteilung, nur wenige Schritte entfernt, seine Mutter entführte; er ließ daher die Geliebte unter Tränen zurück und eilte seiner Mutter zu Hilfe. Schließlich kehrte er zu dem geliebten Objekt seiner Liebe zurück und fand sie sterbend vor. Er war gerade dabei, sich sein Schwert in die eigene Brust zu stoßen; doch als seine Mutter ihn von einer solch verzweifelten Tat abmahnte und ihm sagte, dass er der einzige Stütze ihres Lebens sei, hatte er den Mut, weiterzuleben.

Die Richter waren geneigt, den Preis dem Soldaten zu geben. Doch der König nahm das Wort und sagte: „Die Tat des Soldaten und die der anderen beiden sind zweifellos sehr groß, aber sie haben nichts Überraschendes an sich. Gestern vollbrachte Zadig eine Tat, die mich mit Staunen erfüllte. Ich hatte einige Tage zuvor Coreb, meinen Minister und Günstling, in Ungnade fallen lassen. Ich beklagte mich über ihn in den heftigsten und bittersten Worten; alle meine Höflinge versicherten mir, dass ich zu sanft sei, und schienen einander darin zu übertreffen, schlecht über Coreb zu sprechen. Ich fragte Zadig, was er von ihm halte, und er hatte den Mut, ihn zu loben. Ich habe in unseren Geschichtsbüchern von vielen Menschen gelesen, die einen Fehler durch die Hingabe ihres Vermögens wiedergutgemacht haben; die auf eine Geliebte verzichtet haben oder eine Mutter dem Objekt ihrer Zuneigung vorgezogen haben; aber noch nie zuvor habe ich von einem Höfling gehört, der positiv über einen in Ungnade gefallenen Minister sprach, der unter dem Missfallen seines Souveräns litt. Ich gebe jedem derjenigen, deren großmütige Taten gerade vorgetragen wurden, zwanzigtausend Goldstücke; aber den Becher gebe ich Zadig.“

„Möge es Eurer Majestät gefallen“, sagte Zadig, „Du allein verdienst den Becher; Du hast eine Tat vollbracht, die von allen die ungewöhnlichste und verdienstvollste ist, da Du, ungeachtet dessen, dass Du ein mächtiger König bist, Dich nicht von Deinem Sklaven hast beleidigen lassen, als er es wagte, sich Deiner Leidenschaft zu widersetzen.“ Der König und Zadig waren gleichermaßen Gegenstand der Bewunderung. Der Richter, der sein Vermögen seinem Klienten gegeben hatte; der Liebende, der auf seine Geliebte zugunsten eines Freundes verzichtet hatte; und der Soldat, der die Sicherheit seiner Mutter der seiner Geliebten vorgezogen hatte, erhielten die Geschenke des Königs und sahen ihre Namen in den Katalog der großmütigen Männer eingetragen. Zadig hatte den Becher, und der König erwarb sich den Ruf eines guten Fürsten, dessen er sich jedoch nicht lange erfreute. Der Tag wurde mit Festen gefeiert, die länger dauerten, als es das Gesetz vorschrieb; und die Erinnerung daran wird noch heute in Asien bewahrt. Zadig sagte: „Nun bin ich endlich glücklich“; doch er fand sich fatal getäuscht.

DER MINISTER

Der König hatte seinen ersten Minister verloren und wählte Zadig, um dessen Platz einzunehmen. Alle Damen in Babylon applaudierten der Wahl; denn seit der Gründung des Reiches hatte es noch nie einen solch jungen Minister gegeben. Doch alle Höflinge waren voll von Eifersucht und Verdrossenheit. Insbesondere der Neidische litt unter einem Bluthusten und einer ungeheuren Entzündung seiner Nase. Zadig, der dem König und der Königin für ihre Güte gedankt hatte, ging ebenfalls, um dem Papagei zu danken. „Schöner Vogel“, sagte er, „du bist es, der mir das Leben gerettet und mich zum ersten Minister gemacht hat. Das Schoßhündchen der Königin und das Pferd des Königs haben mir viel Unheil zugefügt; aber du hast mir viel Gutes getan. An solch dünnen Fäden hängen die Schicksale der Sterblichen! Doch“, fügte er hinzu, „dieses Glück wird vielleicht sehr bald verschwinden.“

„Bald“, erwiderte der Papagei.

Zadig war über dieses Wort etwas erschrocken. Doch da er ein guter Naturphilosoph war und nicht glaubte, dass Papageien Propheten seien, fasste er sich schnell wieder und nahm sich vor, seine Pflicht nach bestem Können zu erfüllen.

Er ließ jeden die heilige Autorität der Gesetze spüren, doch niemand spürte die Last seiner Würde. Er behinderte niemals die Beratungen des Diran; und jeder Wesir konnte seine Meinung sagen, ohne die Missgunst des Ministers fürchten zu müssen. Wenn er ein Urteil fällte, war nicht er es, der es sprach, sondern das Gesetz; dessen Strenge er jedoch, wann immer sie zu hart war, stets abzumildern wusste; und wo Gesetze fehlten, war die Gerechtigkeit seiner Entscheidungen derart, dass sie leicht für die eines Zoroaster hätten durchgehen können. Ihm verdanken die Nationen diesen großen Grundsatz, nämlich dass es besser sei, das Risiko einzugehen, die Schuldigen zu verschonen, als die Unschuldigen zu verurteilen. Er stellte sich vor, dass Gesetze ebenso dazu geschaffen seien, das Volk vor erlittenem Unrecht zu schützen, wie sie davon abzuhalten, Verbrechen zu begehen. Sein Haupttalent bestand darin, die Wahrheit zu entdecken, die alle Menschen zu verschleiern suchen.

Dieses große Talent stellte er gleich zu Beginn seiner Amtszeit unter Beweis. Ein berühmter Kaufmann aus Babylon, der in Indien starb, teilte sein Vermögen zu gleichen Teilen zwischen seinen beiden Söhnen auf, nachdem er seine Tochter verheiratet hatte, und hinterließ ein Geschenk von dreißigtausend Goldstücken demjenigen Sohn, der ihn am meisten geliebt habe. Der Älteste errichtete ein Grabmal zu seinem Gedenken; der Jüngste vergrößerte die Mitgift seiner Schwester, indem er ihr einen Teil seines Erbes gab. Jeder sagte, dass der älteste Sohn seinen Vater am meisten geliebt habe und der jüngste seine Schwester; und dass die dreißigtausend Stücke dem Ältesten gehörten.

Zadig ließ beide zu sich kommen, den einen nach dem anderen. Zum Ältesten sagte er: „Dein Vater ist nicht tot; er hat sich von seiner letzten Krankheit erholt und kehrt nach Babylon zurück.“ „Gott sei gepriesen“, antwortete der junge Mann; „doch sein Grabmal hat mich eine beträchtliche Summe gekostet.“ Zadig sagte daraufhin dasselbe zum Jüngsten. „Gott sei gepriesen“, sagte dieser, „ich werde gehen und meinem Vater alles zurückgeben, was ich habe; doch ich wünschte, er würde meiner Schwester das lassen, was ich ihr gegeben habe.“ „Du sollst nichts zurückgeben“, erwiderte Zadig, „und du sollst die dreißigtausend Stücke erhalten, denn du bist der Sohn, der seinen Vater am meisten liebt.“

DIE DISPUTE UND DIE AUDIENZEN

Auf diese Weise bewies er täglich die Subtilität seines Geistes und die Güte seines Herzens. Das Volk bewunderte und liebte ihn zugleich. Er galt als der glücklichste Mann der Welt. Das ganze Reich erschallte von seinem Namen. Alle Damen machten ihm schöne Augen. Alle Männer lobten ihn für seine Gerechtigkeit. Die Gelehrten betrachteten ihn als Orakel; und selbst die Priester gestanden, dass er mehr wusste als der alte Erzmagier Yebor. Sie waren nun so weit davon entfernt, ihn wegen des Greifen zu verfolgen, dass sie nichts mehr glaubten, was er nicht für glaubwürdig hielt.

Es herrschte in Babylon seit fünfzehnhundert Jahren ein heftiger Streit, der das Reich in zwei Sekten gespalten hatte. Die einen behaupteten, man müsse den Tempel des Mitra mit dem linken Fuß voran betreten; die anderen hielten diesen Brauch für verabscheuungswürdig und betraten ihn stets mit dem rechten Fuß zuerst. Das Volk wartete mit großer Ungeduld auf den Tag, an dem das feierliche Fest des heiligen Feuers gefeiert werden sollte, um zu sehen, welcher Sekte Zadig den Vorzug geben würde. Die ganze Welt hatte ihre Augen auf seine beiden Füße gerichtet, und die ganze Stadt befand sich in größter Spannung und Aufregung. Zadig sprang mit geschlossenen Füßen in den Tempel und bewies anschließend in einer wortgewandten Rede, dass der Souverän des Himmels und der Erde, der nicht auf das Ansehen der Menschen achtet, keinen Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Fuß macht. Der Neidische und seine Frau behaupteten, seine Rede sei nicht bildhaft genug gewesen, und er habe die Felsen und Berge nicht mit ausreichender Leichtigkeit tanzen lassen.

„Er ist trocken“, sagten sie, „und frei von Genie; er lässt weder den Floh fliegen, noch die Sterne fallen, noch die Sonne Wachs schmelzen; er hat nicht den wahren orientalischen Stil.“ Zadig begnügte sich damit, den Stil der Vernunft zu haben. Die ganze Welt hielt zu ihm, nicht weil er auf dem richtigen Weg war oder den Diktaten der Vernunft folgte oder ein Mann von wahrem Verdienst war, sondern weil er erster Wesir war.

Er beendete mit demselben glücklichen Geschick die große Differenz zwischen den weißen und den schwarzen Magiern. Erstere behaupteten, es sei der Gipfel der Gottlosigkeit, zu Gott mit dem Gesicht nach Osten gewandt im Winter zu beten; letztere versicherten, Gott verabscheue die Gebete derjenigen, die sich im Sommer nach Westen wandten. Zadig dekretierte, dass es jedem freistehe, sich zu wenden, wie er wolle.

So fand er das glückliche Geheimnis, alle Angelegenheiten, ob privater oder öffentlicher Natur, am Morgen zu erledigen. Den Rest des Tages verwandte er darauf, die Verschönerungen Babylons zu beaufsichtigen und zu fördern. Er ließ Tragödien aufführen, die den Zuschauern Tränen in die Augen trieben, und Komödien, die ihre Seiten vor Lachen schüttelten; ein Brauch, der lange außer Gebrauch gekommen war und den sein guter Geschmack nun wiederbeleben ließ. Er tat nie so, als wisse er mehr von den schönen Künsten als die Künstler selbst; er förderte sie durch Belohnungen und Ehrungen und war nie eifersüchtig auf ihre Talente. Am Abend war der König von seiner Unterhaltung hoch erfreut, und die Königin noch mehr. „Großer Minister!“, sagte der König. „Liebenswürdiger Minister!“, sagte die Königin; und beide fügten hinzu: „Es wäre ein großer Verlust für den Staat gewesen, hätte man einen solchen Mann gehenkt.“

Niemals war ein Mann in Machtposition gezwungen, so viele Audienzen für Damen zu geben. Die meisten von ihnen kamen, um ihn wegen gar keiner Angelegenheit zu konsultieren, nur damit sie irgendeine Angelegenheit mit ihm haben konnten. Doch keine von ihnen gewann seine Aufmerksamkeit.

Währenddessen bemerkte Zadig, dass seine Gedanken stets abschweiften, sowohl wenn er Audienzen gab, als auch wenn er zu Gericht saß. Er wusste nicht, worauf er diese Geistesabwesenheit zurückführen sollte; und das war sein einziger Kummer.

Er hatte einen Traum, in dem er sich vorstellte, er lege sich auf einen Haufen trockener Kräuter, unter denen sich viele stachelige befanden, die ihm großes Unbehagen bereiteten, und dass er danach auf einem weichen Bett aus Rosen ruhte, aus dem eine Schlange hervorkam, die ihn mit ihrer scharfen und vergifteten Zunge ins Herz stach. „Ach“, sagte er, „ich habe lange auf diesen trockenen und stacheligen Kräutern gelegen, ich bin nun auf dem Bett aus Rosen; doch was wird die Schlange sein?“

EIFERSUCHT

Zadigs Unglück entsprang gerade seinem Glück und besonders seinem Verdienst. Er unterhielt sich täglich mit dem König und Astarte, seinem erhabenen Trost. Der Reiz seiner Unterhaltung wurde durch den Wunsch zu gefallen, der für den Geist das ist, was die Kleidung für die Schönheit ist, noch erheblich gesteigert. Seine Jugend und seine anmutige Erscheinung machten unmerklich einen Eindruck auf Astarte, den sie anfangs nicht wahrnahm. Ihre Leidenschaft wuchs und gedieh im Schoß der Unschuld. Ohne Furcht oder Skrupel gab sie sich der angenehmen Befriedigung hin, einen Mann zu sehen und zu hören, der ihrem Gatten und dem Reich im Allgemeinen so teuer war. Sie lobte ihn unaufhörlich vor dem König. Sie sprach von ihm mit ihren Frauen, die nicht verfehlten, ihr Lob noch zu übertreffen. Und so trug alles dazu bei, ihr Herz mit einem Pfeil zu durchbohren, dessen sie sich nicht bewusst zu sein schien. Sie machte Zadig mehrere Geschenke, die einen größeren Geist der Galanterie verrieten, als sie ahnte. Sie hatte die Absicht, nur als eine Königin zu ihm zu sprechen, die mit seinen Diensten zufrieden ist, doch ihre Äußerungen waren manchmal die einer verliebten Frau.

Astarte war weit schöner als jene Semira, die eine so starke Abneigung gegen einäugige Männer hatte, oder jene andere Frau, die beschlossen hatte, ihrem Mann die Nase abzuschneiden. Ihre vorbehaltlose Vertraulichkeit, ihre zärtlichen Ausdrücke, bei denen sie zu erröten begann, und ihre Augen, die, obwohl sie versuchte, sie auf andere Gegenstände zu lenken, immer auf den seinen ruhten, flößten Zadig eine Leidenschaft ein, die ihn mit Erstaunen erfüllte. Er kämpfte hart dagegen an. Er rief sich die Lehren der Philosophie zu Hilfe, die ihm stets beigestanden hatten; doch daraus konnte er zwar das Licht der Erkenntnis schöpfen, aber kein Heilmittel gegen die Störungen seines liebeskranken Herzens finden. Pflicht, Dankbarkeit und die verletzte Majestät stellten sich seinem Geist als ebenso viele rächende Götter dar. Er kämpfte; er siegte; doch dieser Sieg, den er sich jeden Augenblick neu erkaufen musste, kostete ihn viele Seufzer und Tränen. Er wagte es nicht länger, mit der Königin in jener süßen und bezaubernden Vertraulichkeit zu sprechen, die ihnen beiden so angenehm gewesen war. Sein Antlitz war von einer Wolke bedeckt. Seine Unterhaltung war gezwungen und zusammenhangslos. Seine Augen waren auf den Boden gerichtet; und wenn sie trotz all seiner Bemühungen, dies zu verhindern, jenen der Königin begegneten, fanden sie sie in Tränen gebadet und flammende Pfeile schießen. Sie schienen zu sagen: Wir verehren einander und fürchten uns doch zu lieben; wir brennen beide mit einem Feuer, das wir beide verurteilen.

Zadig verließ die königliche Gegenwart voller Ratlosigkeit und Verzweiflung, das Herz bedrückt von einer Last, die er nicht länger zu tragen vermochte. In der Heftigkeit seiner Erregung verriet er das Geheimnis unwillkürlich seinem Freund Cador, auf dieselbe Weise wie ein Mensch, der, nachdem er lange die Anfälle einer grausamen Krankheit ertragen hat, seinen Schmerz durch einen Schrei offenbart, der ihm durch einen schwereren Anfall entlockt wird, und durch den kalten Schweiß, der seine Stirn bedeckt.

„Ich habe bereits“, sagte Cador, „die Gefühle entdeckt, die du dir selbst verbergen möchtest. Die Symptome, durch die sich die Leidenschaften zeigen, sind sicher und unfehlbar. Urteile selbst, mein lieber Zadig, da ich dein Herz gelesen habe, ob der König nicht etwas darin entdecken wird, das ihn beleidigen könnte. Er hat keinen anderen Fehler, als der eifersüchtigste Mann der Welt zu sein. Du kannst der Gewalt deiner Leidenschaft mit größerer Standhaftigkeit widerstehen als die Königin, weil du ein Philosoph bist und weil du Zadig bist. Astarte ist eine Frau: Sie lässt ihre Augen mit umso größerer Unbedachtheit sprechen, als sie sich noch nicht für schuldig hält. Ihrer Unschuld bewusst, vernachlässigt sie unglücklicherweise jene äußeren Anstandsregeln, die so notwendig sind. Ich werde um sie zittern, solange sie sich nichts vorzuwerfen hat. Wärt ihr beide einer Meinung, könntet ihr leicht die ganze Welt täuschen. Eine aufkeimende Leidenschaft, die wir zu unterdrücken suchen, offenbart sich trotz all unserer Bemühungen; doch Liebe, wenn sie erwidert wird, lässt sich leicht verbergen.“

Zadig zitterte bei dem Vorschlag, den König, seinen Wohltäter, zu verraten; und niemals war er seinem Fürsten treuer als in dem Augenblick, da er sich eines unwillkürlichen Verbrechens gegen ihn schuldig machte.

Unterdessen erwähnte die Königin den Namen Zadig so häufig und mit einem so errötenden und gesenkten Blick; sie war manchmal so lebhaft und manchmal so verwirrt, wenn sie in Gegenwart des Königs mit ihm sprach, und sie wurde von einer so tiefen Nachdenklichkeit ergriffen, wenn er ging, dass der König unruhig zu werden begann. Er glaubte alles, was er sah, und stellte sich alles vor, was er nicht sah. Er bemerkte insbesondere, dass die Schuhe seiner Frau blau waren und die Schuhe Zadigs blau waren; dass die Bänder seiner Frau gelb waren und Zadigs Mütze gelb war; und dies waren für einen Fürsten von so großer Empfindlichkeit schreckliche Anzeichen. In seinem eifersüchtigen Geist verwandelten sich Vermutungen in Gewissheit.

Alle Sklaven von Königen und Königinnen sind ebenso viele Spione ihrer Herzen. Sie bemerkten bald, dass Astarte zärtlich war und dass Moabdar eifersüchtig war. Der Neidische brachte falsche Berichte zum König. Der Monarch dachte nun an nichts anderes mehr, als wie er seine Rache am besten ausführen könnte. Er beschloss eines Nachts, die Königin zu vergiften und am Morgen Zadig durch die Bogensehne hinrichten zu lassen. Die Befehle wurden einem gnadenlosen Eunuchen erteilt, der gewöhnlich seine Racheakte vollzog. Es befand sich zu jener Zeit im Gemach des Königs ein kleiner Zwerg, der zwar stumm, aber nicht taub war. Ihm war es aufgrund seiner Bedeutungslosigkeit erlaubt, hinzugehen, wohin er wollte, und als Haustier war er Zeuge dessen, was in tiefster Geheimhaltung geschah. Dieser kleine Stumme war der Königin und Zadig sehr zugetan. Mit gleichem Entsetzen und Überraschung hörte er die grausamen Befehle. Doch wie das tödliche Urteil verhindern, das in wenigen Stunden vollstreckt werden sollte! Er konnte nicht schreiben, aber er konnte zeichnen; und er war besonders geschickt darin, eine treffende Ähnlichkeit darzustellen. Er verwendete einen Teil der Nacht darauf, mit seinem Stift das zu skizzieren, was er der Königin mitteilen wollte. Das Stück stellte in einer Ecke den König dar, der vor Wut kochte und dem Eunuchen Befehle erteilte; eine Bogensehne und eine Schale auf einem Tisch; in der Mitte des Bildes die Königin, die in den Armen ihrer Frau starb, und Zadig, der zu ihren Füßen erdrosselt wurde. Der Horizont stellte eine aufgehende Sonne dar, um auszudrücken, dass diese schockierende Hinrichtung am Morgen vollzogen werden sollte. Sobald er das Bild vollendet hatte, lief er zu einer von Astartes Frauen, weckte sie und machte ihr verständlich, dass sie es unverzüglich der Königin bringen müsse.

Um Mitternacht klopft ein Bote an Zadigs Tür, weckt ihn und gibt ihm einen Zettel von der Königin. Er zweifelt, ob es ein Traum ist; und öffnet den Brief mit zitternder Hand. Doch wie groß war sein Erstaunen! Und wer kann die Bestürzung und Verzweiflung ausdrücken, in die er beim Lesen dieser Worte gestürzt wurde: „Flieh auf der Stelle, oder du bist ein toter Mann. Flieh, Zadig, ich beschwöre dich bei unserer gegenseitigen Liebe und meinen gelben Bändern. Ich habe mich nicht schuldig gemacht, aber ich sehe, dass ich wie eine Verbrecherin sterben muss.“

Zadig konnte kaum sprechen. Er ließ nach Cador schicken und gab ihm, ohne ein Wort zu sagen, den Zettel. Cador zwang ihn zu gehorchen und unverzüglich den Weg nach Memphis einzuschlagen. „Solltest du es wagen“, sagte er, „die Königin zu suchen, wirst du ihren Tod beschleunigen. Solltest du mit dem König sprechen, wirst du sie unfehlbar ins Verderben stürzen. Ich werde das Schicksal der Königin auf mich nehmen; folge deinem eigenen. Ich werde das Gerücht verbreiten, dass du den Weg nach Indien eingeschlagen hast. Ich werde dir bald folgen und dich über alles unterrichten, was in Babylon geschehen wird.“ In diesem Augenblick ließ Cador zwei der schnellsten Dromedare zu einem privaten Tor des Palastes bringen. Auf eines von diesen setzte er Zadig, den er zur Tür tragen musste und der vor Kummer zu sterben bereit war. Er wurde von einem einzigen Diener begleitet; und Cador, in Kummer und Erstaunen versunken, verlor seinen Freund bald aus den Augen.

Dieser illustre Flüchtling, der an der Seite eines Hügels ankam, von wo aus er einen Blick auf Babylon werfen konnte, wandte seine Augen dem Palast der Königin zu und fiel beim Anblick in Ohnmacht; er kam erst wieder zu sich, um einen Strom von Tränen zu vergießen und sich den Tod zu wünschen. Nachdem sein Geist lange Zeit damit beschäftigt gewesen war, das unglückliche Schicksal der schönsten Frau und der größten Königin der Welt zu beklagen, richtete er schließlich für einen Augenblick seinen Blick auf sich selbst und rief: „Was ist also das menschliche Leben? O Tugend, wie hast du mir gedient! Zwei Frauen haben mich niederträchtig betrogen, und nun soll eine dritte, die unschuldig und schöner als die beiden anderen ist, hingerichtet werden! Alles Gute, das ich getan habe, ist mir eine ständige Quelle des Unglücks und der Trübsal gewesen; und ich bin nur zur Höhe der Größe erhoben worden, um in den schrecklichsten Abgrund des Missgeschicks gestürzt zu werden.“ Erfüllt von diesen düsteren Betrachtungen, die Augen vom Schleier des Kummers überzogen, das Gesicht von der Blässe des Todes bedeckt und die Seele in einen Abgrund tiefster Verzweiflung gestürzt, setzte er seine Reise nach Ägypten fort.

DIE GESCHLAGENE FRAU

Zadig richtete seinen Kurs nach den Sternen. Das Sternbild des Orion und der glänzende Hundsstern führten seine Schritte zum Pol der Kassiopeia. Er bewunderte jene riesigen Lichtkugeln, die unseren Augen nur wie so viele kleine Funken erscheinen, während die Erde, die in Wirklichkeit nur ein unmerklicher Punkt in der Natur ist, unserer verblendeten Vorstellungskraft als etwas so Großes und Edles erscheint.

Er stellte sich dann das menschliche Geschlecht so vor, wie es wirklich ist: als einen Haufen von Insekten, die sich gegenseitig auf einem kleinen Atom aus Lehm verschlingen. Dieses wahre Bild schien seine Leiden auszulöschen, indem es ihm die Nichtigkeit seines eigenen Seins und die von Babylon bewusst machte. Seine Seele schwang sich ins Unendliche auf, und losgelöst von den Sinnen betrachtete sie die unwandelbare Ordnung des Universums. Doch als er später zu sich selbst zurückkehrte und in sein eigenes Herz einkehrte und bedachte, dass Astarte vielleicht für ihn gestorben war, verschwand das Universum aus seinem Blickfeld, und er sah im ganzen Umfang der Natur nichts als Astarte, die starb, und Zadig, der unglücklich war. Während er sich so abwechselnd diesem Ebbe-und-Flut-Strom erhabener Philosophie und unerträglichen Kummers hingab, rückte er gegen die Grenzen Ägyptens vor; und sein treuer Diener war bereits im ersten Dorf, um eine Unterkunft zu suchen.

Beim Erreichen des Dorfes ergriff Zadig großmütig die Partei einer Frau, die von ihrem eifersüchtigen Liebhaber angegriffen wurde. Der Kampf wurde so heftig, dass Zadig den Liebhaber erschlug. Die Ägypter waren damals gerecht und menschlich. Die Leute brachten Zadig zum Rathaus. Sie ließen zunächst seine Wunde verbinden und befragten dann ihn und seinen Diener getrennt, um die Wahrheit zu erfahren. Sie fanden heraus, dass Zadig kein Mörder war; doch da er schuldig war, einen Menschen getötet zu haben, verurteilte ihn das Gesetz dazu, ein Sklave zu werden. Seine beiden Kamele wurden zum Vorteil der Stadt verkauft; alles Gold, das er bei sich hatte, wurde unter den Einwohnern verteilt; und seine Person sowie die seines Reisegefährten wurde auf dem Marktplatz zum Verkauf angeboten.

Ein arabischer Kaufmann namens Setoc machte den Kauf; doch da der Diener besser für die Arbeit geeignet war als der Meister, wurde er zu einem höheren Preis verkauft. Es gab keinen Vergleich zwischen den beiden Männern. So wurde Zadig ein Sklave, der seinem eigenen Diener untergeordnet war. Sie waren durch eine Kette an ihren Füßen miteinander verbunden, und in diesem Zustand folgten sie dem arabischen Kaufmann in sein Haus.

Unterwegs tröstete Zadig seinen Diener und ermahnte ihn zur Geduld; doch er konnte nicht umhin, wie es seine Gewohnheit war, einige Betrachtungen über das menschliche Leben anzustellen. „Ich sehe“, sagte er, „dass das Unglück meines Schicksals einen Einfluss auf deines hat. Bisher hat sich alles für mich auf eine höchst unerklärliche Weise gewendet. Ich wurde dazu verurteilt, eine Geldstrafe zu zahlen, weil ich die Spuren eines Spaniels gesehen hatte. Ich dachte, ich würde einst wegen eines Greifen aufgespießt werden. Ich wurde zur Hinrichtung geschickt, weil ich einige Verse zum Lobe des Königs gemacht hatte. Ich war nahe daran, erdrosselt zu werden, weil die Königin gelbe Bänder trug; und nun bin ich ein Sklave mit dir, weil ein brutaler Wicht seine Geliebte schlug. Komm, lass uns guten Mutes sein; das alles wird vielleicht ein Ende haben. Die arabischen Kaufleute müssen notwendigerweise Sklaven haben; und warum nicht ich so gut wie ein anderer, da ich wie ein anderer ein Mensch bin? Dieser Kaufmann wird nicht grausam sein; er muss seine Sklaven gut behandeln, wenn er sich irgendeinen Vorteil von ihnen verspricht.“ Doch während er so sprach, war sein Herz ganz vom Schicksal der Königin von Babylon erfüllt.

Zwei Tage später brach der Kaufmann Setoc mit seinen Sklaven und seinen Kamelen in die Arabische Wüste auf. Sein Stamm wohnte in der Nähe der Wüste von Oreb. Die Reise war lang und mühsam. Setoc schätzte den Diener weit mehr als den Meister, weil ersterer geschickter darin war, die Kamele zu beladen; und alle kleinen Zeichen der Auszeichnung wurden ihm zuteil. Nachdem zwei Tagesreisen vor Oreb ein Kamel verendet war, wurde seine Last aufgeteilt und auf die Rücken der Diener gelegt; und Zadig hatte seinen Anteil unter den anderen.

Setoc lachte, als er alle seine Sklaven mit gebeugten Körpern gehen sah. Zadig nahm sich die Freiheit, ihm die Ursache zu erklären und ihn über die Gesetze des Gleichgewichts zu informieren. Der Kaufmann war erstaunt und begann ihn mit anderen Augen zu betrachten. Zadig, der merkte, dass er seine Neugier geweckt hatte, steigerte sie noch weiter, indem er ihn mit vielen Dingen vertraut machte, die sich auf den Handel, das spezifische Gewicht von Metallen und Waren bei gleichem Volumen, die Eigenschaften verschiedener nützlicher Tiere und die Mittel bezogen, diejenigen nützlich zu machen, die es von Natur aus nicht sind. Schließlich begann Setoc, Zadig als einen Weisen zu betrachten und zog ihn seinem Gefährten vor, den er früher so sehr geschätzt hatte. Er behandelte ihn gut und hatte keinen Grund, seine Güte zu bereuen.

DER STEIN

Sobald Setoc bei seinem eigenen Stamm ankam, forderte er die Zahlung von fünfhundert Unzen Silber, die er einem Juden in Gegenwart von zwei Zeugen geliehen hatte; doch da die Zeugen tot waren und die Schuld nicht bewiesen werden konnte, eignete sich der Hebräer das Geld des Kaufmanns an und dankte Gott fromm dafür, dass er es ihm ermöglicht hatte, einen Araber zu betrügen. Setoc vertraute diese missliche Angelegenheit Zadig an, der nun sein Rechtsbeistand geworden war.

„An welchem Ort“, fragte Zadig, „hast du diesem Ungläubigen die fünfhundert Unzen geliehen?“

„Auf einem großen Stein“, antwortete der Kaufmann, „der in der Nähe des Berges Oreb liegt.“

„Was ist der Charakter deines Schuldners?“, fragte Zadig.

„Der eines Schurken“, erwiderte Setoc.

„Aber ich frage dich, ob er lebhaft oder phlegmatisch, vorsichtig oder unbesonnen ist?“

„Er ist von allen schlechten Zahlern“, sagte Setoc, „der lebhafteste Kerl, den ich je gekannt habe.“

„Nun“, fuhr Zadig fort, „erlaube mir, deinen Fall zu vertreten.“ Tatsächlich, nachdem Zadig den Juden vor das Tribunal geladen hatte, sprach er den Richter mit folgenden Worten an: „Kissen des Thrones der Gerechtigkeit, ich komme, um von diesem Mann im Namen meines Herrn fünfhundert Unzen Silber zu fordern, die er zu zahlen verweigert.“

„Hast du irgendwelche Zeugen?“, sagte der Richter.

„Nein, sie sind tot; doch es bleibt ein großer Stein, auf dem das Geld gezählt wurde; und wenn es deiner Größe gefällt, den Stein suchen zu lassen, hoffe ich, dass er Zeugnis ablegen wird. Der Hebräer und ich werden hier verweilen, bis der Stein eintrifft; ich werde ihn auf Kosten meines Herrn holen lassen.“

„Von ganzem Herzen“, antwortete der Richter und wandte sich sogleich der Erörterung anderer Angelegenheiten zu.

Als das Gericht kurz vor der Auflösung stand, sagte der Richter zu Zadig: „Nun, Freund, ist dein Stein noch nicht gekommen?“

Der Hebräer antwortete mit einem Lächeln: „Deine Größe kann hier bis zum Morgen bleiben und am Ende den Stein doch nicht sehen. Er ist mehr als sechs Meilen von hier entfernt; und es wären fünfzehn Männer nötig, um ihn zu bewegen.“

„Nun“, rief Zadig, „habe ich nicht gesagt, dass der Stein Zeugnis ablegen würde? Da dieser Mann weiß, wo er ist, gesteht er damit, dass das Geld auf ihm gezählt wurde.“ Der Hebräer war aus der Fassung gebracht und musste kurz darauf die Wahrheit gestehen. Der Richter befahl, ihn ohne Speise und Trank an den Stein zu ketten, bis er die fünfhundert Unzen zurückerstattet habe, die kurz darauf gezahlt wurden.

Der Sklave Zadig und der Stein erlangten in Arabien großes Ansehen.

DER SCHEITERHAUFEN

Setoc, bezaubert vom glücklichen Ausgang dieser Angelegenheit, machte seinen Sklaven zu seinem vertrauten Freund. Er hatte nun ebenso große Hochachtung vor ihm gefasst, wie sie der König von Babylon einst gehegt hatte; und Zadig war froh, dass Setoc keine Frau hatte. Er entdeckte bei seinem Herrn eine gute natürliche Veranlagung, viel Rechtschaffenheit des Herzens und ein großes Maß an gesundem Menschenverstand; doch es tat ihm leid zu sehen, dass er gemäß dem alten Brauch Arabiens das Heer des Himmels verehrte; das heißt Sonne, Mond und Sterne. Er sprach manchmal mit großer Klugheit und Zurückhaltung mit ihm über dieses Thema. Schließlich sagte er ihm, dass diese Körper wie alle anderen Körper im Universum seien und nicht mehr unsere Verehrung verdienten als ein Baum oder ein Felsen.

„Aber“, sagte Setoc, „sie sind ewige Wesen; und von ihnen leiten wir alles ab, was wir genießen. Sie beleben die Natur; sie regulieren die Jahreszeiten; und außerdem sind sie in einer so unermesslichen Entfernung von uns, dass wir nicht anders können, als sie zu verehren.“

„Du empfängst mehr Nutzen“, antwortete Zadig, „von den Wassern des Roten Meeres, die deine Waren nach Indien tragen. Warum sollte es nicht ebenso alt sein wie die Sterne? Und wenn du verehrst, was in einer Entfernung von dir platziert ist, müsstest du das Land der Gangariden verehren, das am Ende der Erde liegt.“

„Nein“, sagte Setoc, „der Glanz der Sterne gebietet meine Anbetung.“

In der Nacht zündete Zadig eine große Anzahl von Kerzen in dem Zelt an, in dem er mit Setoc speisen sollte; und in dem Augenblick, als sein Gönner erschien, fiel er vor diesen brennenden Lichtern auf die Knie und sagte: „Ewige und leuchtende Lichter! Seid mir stets gnädig.“ Nachdem er dies gesagt hatte, setzte er sich an den Tisch, ohne Setoc auch nur den geringsten Blick zu würdigen.

„Was tust du da?“, sagte Setoc erstaunt zu ihm.

„Ich handle wie du“, antwortete Zadig, „ich verehre diese Kerzen und vernachlässige ihren und meinen Herrn.“ Setoc begriff den tiefen Sinn dieses Apologs. Die Weisheit seines Sklaven drang tief in seine Seele ein; er brachte den Geschöpfen kein Weihrauchopfer mehr dar, sondern verehrte das ewige Wesen, das sie erschaffen hatte.

Es herrschte damals in Arabien ein schockierender Brauch, der ursprünglich aus Skythen stammte und der, nachdem er durch das Ansehen der Brahmanen in Indien eingeführt worden war, drohte, den gesamten Osten zu überfluten. Wenn ein verheirateter Mann starb und seine geliebte Frau nach dem Charakter einer Heiligen strebte, verbrannte sie sich öffentlich auf dem Körper ihres Mannes. Dies war ein feierliches Fest und wurde der Scheiterhaufen der Witwenschaft genannt, und jener Stamm, in dem die meisten Frauen verbrannt worden waren, wurde am meisten respektiert.

Ein Araber aus Setocs Stamm war gestorben, und seine Witwe, deren Name Almona war und die sehr fromm war, kündigte unter dem Klang von Trommeln und Trompeten den Tag und die Stunde an, an dem sie sich in das Feuer werfen wollte. Zadig sprach sich gegen diesen schrecklichen Brauch aus; er zeigte Setoc, wie unvereinbar es mit dem Glück der Menschheit war, zuzulassen, dass junge Witwen jeden zweiten Tag verbrannten, Witwen, die fähig waren, dem Staat Kinder zu schenken oder zumindest die zu erziehen, die sie bereits hatten; und er überzeugte ihn davon, dass es seine Pflicht sei, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um eine solch barbarische Praxis abzuschaffen.

„Die Frauen“, sagte Setoc, „besitzen das Recht, sich selbst zu verbrennen, seit mehr als tausend Jahren; und wer soll es wagen, ein Gesetz aufzuheben, das die Zeit heilig gemacht hat? Gibt es etwas Respektableres als alte Missbräuche?“

„Die Vernunft ist noch älter“, entgegnete Zadig; „in der Zwischenzeit sprich du mit den Häuptlingen der Stämme, und ich werde mich zur jungen Witwe begeben.“

Dementsprechend wurde er ihr vorgestellt; und nachdem er sich durch einige Komplimente über ihre Schönheit bei ihr eingeschmeichelt und ihr gesagt hatte, welch ein Jammer es sei, so viele Reize den Flammen preiszugeben, lobte er sie schließlich für ihre Standhaftigkeit und ihren Mut. „Du musst deinen Mann wahrlich mit der leidenschaftlichsten Zärtlichkeit geliebt haben“, sagte er zu ihr.

„Ich?“, erwiderte die Dame. „Ich liebte ihn überhaupt nicht. Er war ein brutaler, eifersüchtiger, unerträglicher Wicht; aber ich bin fest entschlossen, mich auf seinen Scheiterhaufen zu werfen.“

„Es scheint also“, sagte Zadig, „dass es ein überaus köstliches Vergnügen sein muss, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden.“

„Oh! Es lässt die Natur erbeben“, antwortete die Dame, „aber darüber muss man hinwegsehen. Ich bin eine Fromme, und ich würde meinen Ruf verlieren und die ganze Welt würde mich verachten, wenn ich mich nicht verbrennen ließe.“ Nachdem Zadig sie dazu gebracht hatte, zuzugeben, dass sie sich nur verbrenne, um die gute Meinung anderer zu erlangen und ihre eigene Eitelkeit zu befriedigen, unterhielt er sie mit einem langen Vortrag, der dazu angetan war, sie ein wenig in das Leben verliebt zu machen, und er ging sogar so weit, ihr ein gewisses Wohlwollen für die Person einzuflößen, die zu ihr sprach.

„Ach!“, sagte die Dame, „ich glaube, ich sollte mir wünschen, dass du mich heiratest.“

Zadigs Geist war zu sehr mit dem Gedanken an Astarte beschäftigt, als dass er dieser Erklärung nicht ausgewichen wäre; doch er begab sich sogleich zu den Häuptlingen der Stämme, berichtete ihnen, was geschehen war, und riet ihnen, ein Gesetz zu erlassen, wonach es einer Witwe nicht gestattet sein sollte, sich zu verbrennen, bevor sie nicht für die Dauer einer Stunde ein privates Gespräch mit einem jungen Mann geführt habe. Seit jener Zeit hat sich in Arabien keine einzige Frau mehr verbrannt. Sie hatten es allein Zadig zu verdanken, dass er an einem einzigen Tag einen grausamen Brauch vernichtet hatte, der so viele Zeitalter überdauert hatte, und so wurde er zum Wohltäter Arabiens.

DAS ABENDESSEN

Setoc, der sich nicht von diesem Mann trennen konnte, in dem die Weisheit wohnte, nahm ihn mit zum großen Jahrmarkt von Balzora, wohin die reichsten Kaufleute der Erde zusammenkamen. Zadig war hoch erfreut, so viele Menschen aus verschiedenen Ländern an ein und demselben Ort vereint zu sehen. Er betrachtete das gesamte Universum als eine große Familie, die in Balzora versammelt war.

Setoc kehrte, nachdem er seine Waren zu einem sehr hohen Preis verkauft hatte, mit seinem Freund Zadig zu seinem Stamm zurück; der bei seiner Ankunft erfuhr, dass ihm in seiner Abwesenheit der Prozess gemacht worden war und er nun bei langsamem Feuer verbrannt werden sollte. Nur die Freundschaft der Almona rettete ihm das Leben. Wie so viele hübsche Frauen besaß sie großen Einfluss bei der Priesterschaft. Zadig hielt es für das Beste, Arabien zu verlassen.

Setoc war von der Findigkeit und dem Geschick der Almona so bezaubert, dass er sie zu seiner Frau machte. Zadig reiste ab, nachdem er sich zu Füßen seiner schönen Retterin geworfen hatte. Setoc und er verabschiedeten sich unter Tränen, schworen sich ewige Freundschaft und versprachen einander, dass derjenige von beiden, der zuerst ein großes Vermögen erwerben würde, es mit dem anderen teilen wolle.

Zadig schlug den Weg entlang der Grenzen von Assyrien ein, während er immer noch über die unglückliche Astarte nachdachte und über die Härte des Schicksals sinnierte, das entschlossen schien, ihn zum Spielball seiner Grausamkeit und zum Objekt seiner Verfolgung zu machen. „Was“, sagte er zu sich selbst, „vierhundert Unzen Gold dafür, dass ich einen Spaniel gesehen habe! Verurteilt, meinen Kopf wegen vier schlechter Verse zur Ehre des Königs zu verlieren! Kurz davor, erwürgt zu werden, weil die Königin Schuhe in der Farbe meiner Mütze trug! Zur Sklaverei verdammt, weil ich einer geschlagenen Frau beigestanden habe! Und kurz davor, verbrannt zu werden, weil ich das Leben aller jungen Witwen Arabiens gerettet habe!“

DER RÄUBER

Als er an die Grenzen gelangte, die Arabien Petraea von Syrien trennen, kam er an einer ziemlich festen Burg vorbei, aus der eine Gruppe bewaffneter Araber hervorbrach. Sie umringten ihn augenblicklich und riefen: „Alles, was du hast, gehört uns, und deine Person ist das Eigentum unseres Herrn.“ Zadig antwortete, indem er sein Schwert zog; sein Diener, der ein mutiger Mann war, tat dasselbe. Sie töteten die ersten Araber, die es wagten, Hand an sie zu legen; und obwohl ihre Zahl sich verdoppelte, ließen sie sich nicht entmutigen, sondern waren entschlossen, im Kampf zu fallen. Zwei Männer verteidigten sich gegen eine Übermacht; und ein solcher Kampf konnte nicht lange dauern.

Der Herr der Burg, dessen Name Arbogad war, hatte von einem Fenster aus die Heldentaten Zadigs beobachtet und gewann eine hohe Achtung für diesen heldenhaften Fremden. Er stieg in Eile herab und ging persönlich hin, um seine Männer zurückzurufen und die beiden Reisenden zu befreien.

„Alles, was über mein Land zieht“, sagte er, „gehört mir, ebenso wie das, was ich auf dem Land anderer finde; aber du scheinst ein Mann von solch unerschrockenem Mut zu sein, dass ich dich vom allgemeinen Gesetz ausnehme.“ Er führte ihn dann in seine Burg, befahl seinen Männern, ihn gut zu behandeln; und am Abend speiste Arbogad mit Zadig.

Der Herr der Burg war einer jener Araber, die gemeinhin Räuber genannt werden; aber er vollbrachte hin und wieder einige gute Taten inmitten einer Vielzahl von schlechten. Er raubte mit wütender Habgier und gewährte Gunst mit großer Großzügigkeit; er war unerschrocken im Kampf, umgänglich in Gesellschaft, ein Wüstling bei Tisch, aber fröhlich in seiner Ausschweifung; und besonders bemerkenswert für sein offenes und freies Wesen. Er war hoch erfreut über Zadig, dessen lebhafte Unterhaltung das Mahl verlängerte.

Schließlich sagte Arbogad zu ihm: „Ich rate dir, deinen Namen in meinen Katalog einzutragen; du kannst nichts Besseres tun; dies ist kein schlechtes Gewerbe; und du könntest eines Tages das werden, was ich gegenwärtig bin.“

„Darf ich mir die Freiheit nehmen, dich zu fragen“, sagte Zadig, „wie lange du diesen edlen Beruf schon ausübst?“

„Seit meiner zartesten Jugend“, erwiderte der Herr. „Ich war Diener eines ziemlich gutmütigen Arabers, konnte aber die Härten meiner Lage nicht ertragen. Es ärgerte mich, dass das Schicksal mir keinen Anteil an der Erde gegeben hatte, die gleichermaßen allen Menschen gehört. Ich teilte einem alten Araber den Grund meines Unbehagens mit, der zu mir sagte: ‚Mein Sohn, verzage nicht; einst gab es ein Sandkorn, das darüber klagte, nicht mehr als ein vernachlässigtes Atom in der Wüste zu sein; nach wenigen Jahren wurde es ein Diamant; und ist nun das glänzendste Schmuckstück in der Krone des Königs von Indien.‘ Diese Rede machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich war das Sandkorn, und ich beschloss, der Diamant zu werden. Ich begann damit, zwei Pferde zu stehlen; bald darauf hatte ich eine Gruppe von Gefährten; ich versetzte mich in die Lage, kleine Karawanen zu berauben; und so tilgte ich nach und nach den Unterschied, der ehemals zwischen mir und anderen Menschen bestanden hatte. Ich hatte meinen Anteil an den Gütern dieser Welt; und wurde für die Härten, die ich erlitten hatte, sogar mit Zinsen entschädigt. Ich wurde hoch respektiert und wurde der Hauptmann einer Räuberbande. Ich nahm diese Burg mit Gewalt ein. Der Satrap von Syrien wollte mich vertreiben; aber ich war zu reich, um etwas zu befürchten. Ich machte dem Satrapen ein hübsches Geschenk, wodurch ich meine Burg bewahrte und meinen Besitz vergrößerte. Er ernannte mich sogar zum Schatzmeister der Tribute, die Arabien Petraea an den König der Könige zahlt. Ich übe mein Amt als Empfänger mit großer Pünktlichkeit aus; nehme mir aber die Freiheit, auf das des Zahlmeisters zu verzichten.

„Der große Desterham von Babylon sandte einen hübschen Satrapen im Namen von König Moabdar hierher, um mich erwürgen zu lassen. Dieser Mann kam mit seinen Befehlen an: Ich war über alles unterrichtet; ich ließ in seiner Gegenwart die vier Personen erwürgen, die er mitgebracht hatte, um die Schlinge zuzuziehen; danach fragte ich ihn, wie viel sein Auftrag, mich zu erwürgen, wohl wert sein mochte. Er antwortete, dass seine Gebühren sich auf über dreihundert Goldstücke belaufen würden. Ich überzeugte ihn daraufhin, dass er mehr gewinnen könnte, wenn er bei mir bliebe. Ich machte ihn zu einem untergeordneten Räuber; und er ist heute einer meiner besten und reichsten Offiziere. Wenn du meinen Rat annimmst, kann dein Erfolg ebenso groß sein wie seiner; niemals gab es eine bessere Zeit für Plünderungen, da König Moabdar getötet und ganz Babylon in Verwirrung gestürzt ist.“

„Moabdar getötet!“, sagte Zadig, „und was ist aus der Königin Astarte geworden?“

„Das weiß ich nicht“, entgegnete Arbogad. „Alles, was ich weiß, ist, dass Moabdar den Verstand verlor und getötet wurde; dass Babylon ein Schauplatz von Unordnung und Blutvergießen ist; dass das ganze Reich verwüstet ist; dass es noch einige feine Coups zu landen gibt; und was mich betrifft, so habe ich einige gelandet, die bewundernswert sind.“

„Aber die Königin“, sagte Zadig; „um des Himmels willen, weißt du nichts über das Schicksal der Königin?“

„Ja“, erwiderte er, „ich habe etwas von einem Prinzen von Hyrkanien gehört; falls sie nicht im Tumult getötet wurde, ist sie wahrscheinlich eine seiner Konkubinen; aber ich bin mehr an Beute interessiert als an Nachrichten. Ich habe auf meinen Streifzügen mehrere Frauen genommen; aber ich behalte keine von ihnen. Ich verkaufe sie zu einem hohen Preis, wenn sie schön sind, ohne zu fragen, wer sie sind. Bei Waren dieser Art spielt der Rang keine Rolle, und eine Königin, die hässlich ist, wird niemals einen Händler finden. Vielleicht habe ich Königin Astarte verkauft; vielleicht ist sie tot; aber wie dem auch sei, es ist für mich von geringer Bedeutung, und ich sollte mir vorstellen, ebenso wenig für dich.“ So sprechend trank er einen großen Schluck, der all seine Gedanken in eine solche Verwirrung brachte, dass Zadig keine weiteren Informationen mehr erhalten konnte.

Zadig blieb für einige Zeit ohne Sprache, Sinne oder Bewegung. Arbogad trank weiter; erzählte Geschichten; wiederholte ständig, dass er der glücklichste Mensch auf der Welt sei; und ermahnte Zadig, sich in denselben Zustand zu versetzen. Schließlich wiegten ihn die schläfrigen Dämpfe des Weins in eine sanfte Ruhe.

Zadig verbrachte die Nacht in der heftigsten Unruhe. „Was“, sagte er, „hat der König den Verstand verloren? Und ist er getötet? Ich kann nicht umhin, sein Schicksal zu beklagen. Das Reich ist in Stücke gerissen; und dieser Räuber ist glücklich. O Glück! O Schicksal! Ein Räuber ist glücklich, und das schönste Werk der Natur ist vielleicht auf barbarische Weise umgekommen oder lebt in einem Zustand, der schlimmer ist als der Tod. O Astarte! Was ist aus dir geworden?“

Bei Tagesanbruch befragte er alle, denen er in der Burg begegnete; aber sie waren alle beschäftigt, und er erhielt keine Antwort. Während der Nacht hatten sie eine neue Beute gemacht, und sie waren nun damit beschäftigt, die Beute zu teilen. Alles, was er in dieser Eile und Verwirrung erreichen konnte, war eine Gelegenheit zur Abreise, die er sogleich ergriff, tiefer denn je versunken in die düstersten und traurigsten Betrachtungen.

Zadig setzte seine Reise fort, den Geist voller Unruhe und Verwirrung, ganz beschäftigt mit der unglücklichen Astarte, dem König von Babylon, seinem treuen Freund Cador, dem glücklichen Räuber Arbogad; kurzum, mit all dem Unglück und den Enttäuschungen, die er bisher erlitten hatte.

DER FISCHER

Einige Meilen von Arbogads Burg entfernt kam er an das Ufer eines kleinen Flusses, immer noch sein Schicksal beklagend und sich selbst als den elendesten aller Menschen betrachtend. Er sah einen Fischer, der am Flussufer lag, kaum in der schwachen und kraftlosen Hand ein Netz haltend, das ihm zu entgleiten drohte, und seine Augen zum Himmel erhob.

„Ich bin sicherlich“, sagte der Fischer, „der unglücklichste Mensch auf der Welt. Es war allgemein anerkannt, dass ich der berühmteste Händler für Frischkäse in Babylon war, und doch bin ich ruiniert. Ich hatte die schönste Frau, die ein Mann in meiner Stellung haben konnte; und von ihr bin ich betrogen worden. Mir war noch ein armseliges Haus geblieben, und das habe ich geplündert und zerstört gesehen. Schließlich habe ich in dieser Hütte Zuflucht gesucht, wo ich keine andere Zuflucht habe als das Fischen, und doch kann ich keinen einzigen Fisch fangen. Oh, mein Netz! Nicht länger werde ich dich ins Wasser werfen; ich werde mich an deiner Stelle hineinwerfen.“ So sprechend stand er auf und schritt vorwärts, in der Haltung eines Mannes, der bereit war, sich in den Fluss zu stürzen und so sein Leben zu beenden.

„Was!“, sagte Zadig zu sich selbst, „gibt es Menschen, die so elend sind wie ich?“ Sein Eifer, das Leben des Fischers zu retten, war so groß wie dieser Reflexion. Er lief zu ihm, hielt ihn auf und sprach zu ihm mit einer zärtlichen und mitfühlenden Stimme. Es wird gemeinhin angenommen, dass wir weniger unglücklich sind, wenn wir Gefährten in unserem Elend haben. Dies entspringt nach Zoroaster nicht der Bosheit, sondern der Notwendigkeit. Wir fühlen uns unmerklich zu einer unglücklichen Person hingezogen wie zu einer unseresgleichen. Die Freude der Glücklichen wäre eine Beleidigung; aber zwei Männer in Not sind wie zwei schlanke Bäume, die sich gegenseitig stützend gegen den Sturm festigen.

„Warum“, sagte Zadig zum Fischer, „versinkst du unter deinem Unglück?“

„Weil“, antwortete er, „ich keinen Ausweg sehe. Ich war der bedeutendste Mann im Dorf Derlback, nahe Babylon, und mit der Hilfe meiner Frau machte ich den besten Frischkäse im Reich. Königin Astarte und der berühmte Minister Zadig liebten sie überaus.“

Zadig, außer sich, sagte: „Was, weißt du nichts über das Schicksal der Königin?“

„Nein, mein Herr“, antwortete der Fischer; „aber ich weiß, dass weder die Königin noch Zadig mich für meinen Frischkäse bezahlt haben; dass ich meine Frau verloren habe und nun in Verzweiflung versunken bin.“

„Ich schmeichle mir“, sagte Zadig, „dass du nicht dein ganzes Geld verlieren wirst. Ich habe von diesem Zadig gehört; er ist ein ehrlicher Mann; und wenn er nach Babylon zurückkehrt, wie er es erwartet, wird er dir mehr geben, als er dir schuldet. Glaub mir, geh nach Babylon. Ich werde vor dir dort sein, weil ich zu Pferd bin und du zu Fuß. Wende dich an den illustren Cador; sag ihm, du hast seinen Freund getroffen; warte bei seinem Haus auf mich; geh, vielleicht wirst du nicht immer unglücklich sein.“

„O mächtiger Oromazes!“, fuhr er fort, „du setzt mich ein, um diesen Mann zu trösten; wen wirst du einsetzen, um mir Trost zu spenden?“ So sprechend gab er dem Fischer das halbe Geld, das er aus Arabien mitgebracht hatte. Der Fischer, von Überraschung getroffen und von Freude hingerissen, küsste die Füße des Freundes von Cador und sagte: „Du bist sicherlich ein Engel, der vom Himmel gesandt wurde, um mich zu retten!“

Währenddessen fuhr Zadig fort, neue Erkundigungen einzuziehen und Tränen zu vergießen. „Was, mein Herr!“, rief der Fischer, „bist du denn so unglücklich, du, der du Gunst erweist?“

„Hundertmal unglücklicher als du“, antwortete Zadig.

„Aber wie ist es möglich“, sagte der gute Mann, „dass der Gebende unglücklicher sein kann als der Empfangende?“

„Weil“, antwortete Zadig, „dein größtes Elend aus Armut entstand, und meines im Herzen sitzt.“

„Hat Orcan dir deine Frau weggenommen?“, sagte der Fischer.

Dieses Wort rief Zadig die Gesamtheit seiner Abenteuer ins Gedächtnis. Er wiederholte den Katalog seines Unglücks, beginnend mit dem Spaniel der Königin und endend mit seiner Ankunft in der Burg des Räubers Arbogad. „Ach!“, sagte er zum Fischer, „Orcan verdient es, bestraft zu werden; aber es sind gemeinhin solche Männer wie diese, die die Günstlinge des Schicksals sind. Wie dem auch sei, geh du zum Haus des Herrn Cador und warte dort auf meine Ankunft.“ Sie trennten sich dann, der Fischer ging zu Fuß und dankte dem Himmel für das Glück seines Zustands; und Zadig ritt und beschuldigte das Glück für die Härte seines Loses.

DER BASILISK

Als er auf einer schönen Wiese ankam, sah er dort mehrere Frauen, die mit großer Anstrengung nach etwas suchten. Er nahm sich die Freiheit, sich einer von ihnen zu nähern und zu fragen, ob er die Ehre haben dürfe, ihnen bei ihrer Suche behilflich zu sein. „Hüte dich davor“, antwortete die Syrerin; „was wir suchen, darf nur von Frauen berührt werden.“

„Seltsam“, sagte Zadig, „darf ich es wagen, dich zu fragen, was es ist, das nur Frauen berühren dürfen?“

„Es ist ein Basilisk“, sagte sie.

„Ein Basilisk, gnädige Frau! Und zu welchem Zweck, bitte sehr, suchst du nach einem Basilisken?“

„Es ist für unseren Herrn und Gebieter Ogul, dessen Vieh du am Ufer jenes Flusses am Ende der Wiese siehst. Wir sind seine demütigsten Sklavinnen. Der Herr Ogul ist krank. Sein Arzt hat ihm verordnet, einen Basilisken zu essen, der in Rosenwasser geschmort ist; und da es ein sehr seltenes Tier ist und nur von Frauen gefangen werden kann, hat der Herr Ogul versprochen, die Frau zu seiner geliebten Gattin zu wählen, die ihm einen Basilisken bringt; lass mich mit meiner Suche fortfahren; denn du siehst, was ich verlieren werde, wenn ich von meinen Gefährtinnen zuvorkomme.“

Zadig ließ sie und die anderen Assyrerinnen nach ihrem Basilisken suchen und ging weiter auf der Wiese spazieren; als er an das Ufer eines kleinen Baches kam, fand er eine andere Dame, die auf dem Gras lag und nach nichts suchte. Ihre Person schien majestätisch zu sein; aber ihr Gesicht war mit einem Schleier bedeckt. Sie war zum Bach hin geneigt, und tiefe Seufzer drangen aus ihrem Mund. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Stab, mit dem sie Zeichen in den feinen Sand zeichnete, der zwischen dem Rasen und dem Bach lag. Zadig war neugierig zu prüfen, was diese Frau schrieb. Er näherte sich; er sah den Buchstaben Z, dann ein A; er war erstaunt; dann erschien ein D; er zuckte zusammen. Aber niemals war eine Überraschung so groß wie seine, als er die zwei letzten Buchstaben seines Namens sah.

Er stand für einige Zeit unbeweglich. Schließlich, die Stille mit bebender Stimme brechend: „O großmütige Dame! Verzeih einem Fremden, einem unglücklichen Mann, dass er es wagt, dich zu fragen, durch welch überraschendes Abenteuer ich hier den Namen Zadig finde, der von deiner göttlichen Hand nachgezeichnet wurde!“

Bei dieser Stimme und diesen Worten hob die Dame mit zitternder Hand den Schleier, sah Zadig an, stieß einen Schrei der Zärtlichkeit, Überraschung und Freude aus und, unter den verschiedenen Emotionen versinkend, die gleichzeitig ihre Seele bestürmten, fiel sie sprachlos in seine Arme. Es war Astarte selbst; es war die Königin von Babylon; es war sie, die Zadig verehrte und der er sich vorwarf, sie zu verehren; es war sie, deren Unglück er so tief beklagt hatte und um deren Schicksal er sich so sehr gesorgt hatte.

Er war für einen Moment seiner Sinne beraubt, als er seine Augen auf die von Astarte richtete, die sich nun wieder mit einer Müdigkeit, gemischt mit Verwirrung und Zärtlichkeit, zu öffnen begannen: „O ihr unsterblichen Mächte!“, rief er, „die ihr über die Schicksale schwacher Sterblicher wacht, gebt ihr mir Astarte tatsächlich zurück! Zu welcher Zeit, an welchem Ort und in welchem Zustand sehe ich sie wieder!“ Er fiel vor Astarte auf die Knie und legte sein Gesicht in den Staub zu ihren Füßen. Die Königin von Babylon hob ihn auf und ließ ihn an ihrer Seite am Rande des Baches sitzen. Sie wischte sich häufig die Augen, aus denen die Tränen unaufhörlich flossen. Sie nahm zwanzigmal ihre Rede wieder auf, die ihre Seufzer ebenso oft unterbrachen; sie fragte, durch welchen seltsamen Zufall sie zusammengeführt wurden, und verhinderte plötzlich seine Antworten durch andere Fragen; sie wich dem Bericht über ihr eigenes Unglück aus und wollte über das von Zadig unterrichtet werden.

Schließlich, nachdem beide ein wenig den Tumult ihrer Seelen besänftigt hatten, teilte Zadig ihr in wenigen Worten mit, durch welches Abenteuer er auf diese Wiese gebracht wurde. „Aber, o unglückliche und achtenswerte Königin! Auf welche Weise finde ich dich an diesem einsamen Ort, bekleidet mit der Tracht einer Sklavin und begleitet von anderen Sklavinnen, die nach einem Basilisken suchen, der auf Befehl des Arztes in Rosenwasser geschmort werden soll?“

„Während sie nach ihrem Basilisken suchen“, sagte die schöne Astarte, „werde ich dich über alles unterrichten, was ich gelitten habe, wofür der Himmel mich hinreichend entschädigt hat, indem er dich meinem Blick zurückgab. Du weißt, dass der König, mein Gemahl, sich darüber ärgerte, dich für den liebenswürdigsten aller Menschen zu halten; und dass er aus diesem Grund eines Nachts beschloss, dich zu erwürgen und mich zu vergiften. Du weißt, wie der Himmel es meinem kleinen Stummen gestattete, mich von den Befehlen seiner erhabenen Majestät in Kenntnis zu setzen. Kaum hatte der treue Cador dir auf meinen Befehl hin geraten zu entfliehen, als er es wagte, um Mitternacht durch einen Geheimgang in mein Gemach zu treten. Er entführte mich und brachte mich zum Tempel des Oromazes, wo der Magier, sein Bruder, mich in jene riesige Statue einschloss, deren Basis bis zum Fundament des Tempels reicht und deren Spitze bis zum Scheitel der Kuppel ragt. Ich war dort gewissermaßen begraben; doch wurde ich von den Magiern gerettet und mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Bei Tagesanbruch betrat der Apotheker seiner Majestät mein Gemach mit einem Trank, der aus einer Mischung von Bilsenkraut, Opium, Schierling, schwarzer Nieswurz und Eisenhut bestand; und ein anderer Beamter begab sich mit einer Bogensehne aus blauer Seide zu deinem. Keiner von uns war aufzufinden. Cador gab vor, um den König besser zu täuschen, uns beide anzuklagen. Er sagte, du hättest den Weg nach Indien eingeschlagen und ich den nach Memphis, woraufhin die Garden des Königs unverzüglich ausgesandt wurden, um uns beide zu verfolgen.

Die Eilboten, die mich verfolgten, kannten mich nicht. Ich hatte mein Gesicht kaum je jemand anderem als dir gezeigt, und auch dir nur in Gegenwart und auf Befehl meines Gemahls. Sie ließen sich bei der Verfolgung von der Beschreibung leiten, die man ihnen von meiner Person gegeben hatte. An den Grenzen Ägyptens trafen sie eine Frau von derselben Statur wie ich, die vielleicht sogar über größere Reize verfügte. Sie weinte und irrte umher. Sie zweifelten keinen Augenblick daran, dass diese Frau die Königin von Babylon sei, und brachten sie dementsprechend zu Moabdar. Ihr Irrtum versetzte den König zunächst in heftige Wut; doch nachdem er diese Frau aufmerksamer betrachtet hatte, fand er sie überaus hübsch und war getröstet. Sie hieß Missouf. Ich habe seitdem erfahren, dass dieser Name in der ägyptischen Sprache die launische Schöne bedeutet. Sie war es in der Tat; doch besaß sie ebenso viel List wie Launenhaftigkeit. Sie gefiel Moabdar und gewann eine solche Macht über ihn, dass er sie zu seiner Frau erwählte. Ihr Charakter begann nun in seinen wahren Farben zu erscheinen. Sie gab sich ohne Skrupel allen Launen einer zügellosen Einbildungskraft hin. Sie wollte den Obersten der Magier, der alt und gichtkrank war, zwingen, vor ihr zu tanzen; und auf seine Weigerung hin verfolgte sie ihn mit der unerbittlichsten Grausamkeit. Sie befahl ihrem Stallmeister, ihr eine Pastete aus Zuckerwerk zu backen. Vergeblich wandte er ein, dass er kein Konditor sei; er musste sie backen und verlor seinen Posten, weil sie ein wenig zu hart geraten war. Das Amt des Stallmeisters gab sie ihrem Zwerg und das des Kanzlers ihrem Pagen. Auf diese Weise regierte sie Babylon. Jeder bedauerte meinen Verlust. Der König, der bis zu dem Augenblick, in dem er beschloss, mich zu vergiften und dich zu erwürgen, ein einigermaßen guter Mensch gewesen war, schien nun alle seine Tugenden in seiner maßlosen Vorliebe für diese launische Schöne ertränkt zu haben. Er kam am großen Festtag, der zu Ehren des heiligen Feuers begangen wurde, in den Tempel. Ich sah ihn zu Füßen der Statue, in der ich eingeschlossen war, die Götter für Missouf anflehen. Ich erhob meine Stimme, ich rief: ‚Die Götter weisen die Gebete eines Königs zurück, der nun ein Tyrann geworden ist und versuchte, eine vernünftige Ehefrau zu ermorden, um eine Frau zu heiraten, die sich durch nichts als ihre Torheit und ihre Extravaganz auszeichnet.‘ Bei diesen Worten war Moabdar verwirrt und sein Geist wurde zerrüttet. Das Orakel, das ich ausgesprochen hatte, und die Tyrannei der Missouf wirkten zusammen, um ihn seines Verstandes zu berauben, und nach wenigen Tagen verließ ihn seine Vernunft gänzlich.

Moabdars Wahnsinn, der wie ein Urteil des Himmels erschien, war das Signal zum Aufruhr. Das Volk erhob sich und griff zu den Waffen; und Babylon, das so lange in Müßiggang und Verweichlichung versunken war, wurde zum Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs. Ich wurde aus dem Inneren meiner Statue geholt und an die Spitze einer Partei gestellt. Cador eilte nach Memphis, um dich nach Babylon zurückzuholen. Der Prinz von Hyrkanien, über diese verhängnisvollen Ereignisse unterrichtet, kehrte mit seinem Heer zurück und bildete eine dritte Partei in Chaldäa. Er griff den König an, der mit seiner launischen Ägypterin vor ihm floh. Moabdar starb, von Wunden durchbohrt. Ich selbst hatte das Unglück, von einer Abteilung Hyrkanier gefangen genommen zu werden, die mich in das Zelt ihres Prinzen führten, genau in dem Augenblick, als Missouf vor ihn gebracht wurde. Du wirst zweifellos erfreut sein zu hören, dass der Prinz mich für schön hielt; doch wird es dich betrüben zu erfahren, dass er mich für sein Serail bestimmt hatte. Er sagte mir mit unverblümter und entschlossener Miene, dass er, sobald er einen militärischen Feldzug beendet hätte, den er gerade unternehmen wollte, zu mir kommen werde. Urteile selbst, wie groß mein Kummer gewesen sein muss. Meine Bande mit Moabdar waren bereits gelöst; ich hätte die Frau Zadigs sein können; und ich war in die Hände eines Barbaren gefallen. Ich antwortete ihm mit allem Stolz, den mein hoher Rang und meine edle Gesinnung mir einflößen konnten. Ich hatte immer sagen hören, dass der Himmel Personen meines Standes ein Zeichen von Größe verleiht, welches mit einem einzigen Wort oder Blick jene vorlauten und zudringlichen Menschen, die sich anmaßen, von den Regeln der Höflichkeit abzuweichen, auf das Maß des tiefsten Respekts zurückführen könne. Ich sprach wie eine Königin, wurde aber wie eine Magd behandelt. Der Hyrkanier, ohne auch nur zu würdigen, mit mir zu sprechen, sagte zu seinem schwarzen Eunuchen, ich sei unverschämt, hielte mich aber für hübsch. Er befahl ihm, sich um mich zu kümmern und mich unter die Kur der Favoritinnen zu stellen, damit mein Teint sich verbessere und ich seiner Gunst würdiger sei, wenn er die Muße haben werde, mich damit zu beehren. Ich sagte ihm, dass ich lieber meinem Leben ein Ende setzen würde, als mich seinen Wünschen zu unterwerfen. Er erwiderte mit einem Lächeln, er glaube nicht, dass Frauen so blutrünstig seien, und er sei an solch heftige Äußerungen gewöhnt; dann verließ er mich mit der Miene eines Mannes, der gerade einen weiteren Papagei in seine Voliere gesetzt hatte. Was für ein Zustand für die erste Königin des Weltalls, und, was noch mehr wiegt, für ein Herz, das Zadig ergeben ist!“

Bei diesen Worten warf Zadig sich ihr zu Füßen und benetzte sie mit seinen Tränen. Astarte hob ihn mit großer Zärtlichkeit auf und setzte ihre Geschichte so fort: „Ich sah mich nun in der Gewalt eines Barbaren und als Rivalin der törichten Frau, mit der ich gefangen war. Sie erzählte mir von ihren Abenteuern in Ägypten. Aus der Beschreibung, die sie mir von deiner Person gab, aus der Zeit, aus dem Dromedar, auf dem du rittest, und aus jedem anderen Umstand schloss ich, dass Zadig der Mann war, der für sie gekämpft hatte. Ich zweifelte nicht daran, dass du in Memphis warst, und beschloss daher, mich dorthin zu begeben. Schöne Missouf, sagte ich, du bist hübscher als ich und wirst dem Prinzen von Hyrkanien viel besser gefallen. Hilf mir bei der Planung meiner Flucht; du wirst dann allein regieren; du wirst mich auf einen Schlag glücklich machen und dich selbst einer Rivalin entledigen. Missouf beriet mit mir die Mittel meiner Flucht; und ich reiste heimlich mit einer ägyptischen Sklavin ab.

Als ich mich den Grenzen Arabiens näherte, ergriff mich ein berühmter Räuber namens Arbogad und verkaufte mich an einige Kaufleute, die mich in dieses Schloss brachten, wo Lord Ogul residiert. Er kaufte mich, ohne zu wissen, wer ich war. Er ist ein Wollüstling, der nach nichts anderem strebt als nach gutem Essen und glaubt, dass Gott ihn zu keinem anderen Zweck auf die Welt gesandt habe, als bei Tische zu sitzen. Er ist so überaus beleibt, dass er ständig in Erstickungsgefahr schwebt. Sein Arzt, der bei ihm nur wenig Ansehen genießt, wenn er eine gute Verdauung hat, beherrscht ihn mit despotischer Gewalt, wenn er zu viel gegessen hat. Er hat ihn davon überzeugt, dass ein in Rosenwasser geschmorter Basilisk eine vollständige Heilung bewirken werde. Lord Ogul hat der Sklavin, die ihm einen Basilisken bringt, seine Hand versprochen. Du siehst, dass ich sie darum wetteifern lasse, diese Ehre zu verdienen; und nie war ich weniger begierig darauf, den Basilisken zu finden, als seit der Himmel dich meinem Blick zurückgegeben hat.“

Auf diesen Bericht folgte ein langes Gespräch zwischen Astarte und Zadig, bestehend aus allem, was ihre lange unterdrückten Gefühle, ihre großen Leiden und ihre gegenseitige Liebe in den edelsten und zärtlichsten Herzen inspirieren konnten; und die Genien, die über die Liebe wachen, trugen ihre Worte in die Sphäre der Venus.

Die Frauen kehrten zu Ogul zurück, ohne den Basilisken gefunden zu haben. Zadig wurde diesem mächtigen Lord vorgestellt und sprach zu ihm in folgenden Worten: „Möge unsterbliche Gesundheit vom Himmel herabsteigen, um all deine Tage zu segnen! Ich bin Arzt; beim ersten Bericht über dein Unwohlsein eilte ich zu deinem Schloss und habe dir nun einen in Rosenwasser geschmorten Basilisken gebracht. Nicht, dass ich danach verlangte, dich zu heiraten. Alles, was ich verlange, ist die Freiheit einer babylonischen Sklavin, die seit wenigen Tagen in deinem Besitz ist; und sollte ich nicht das Glück haben, dich zu heilen, prächtiger Lord Ogul, so willige ich ein, an ihrer Stelle Sklave zu bleiben.“

Der Vorschlag wurde angenommen. Astarte brach mit Zadigs Diener nach Babylon auf und versprach, unmittelbar nach ihrer Ankunft einen Eilboten zu senden, um ihn über alles zu unterrichten, was geschehen war. Ihr Abschied war ebenso zärtlich wie ihr Wiedersehen. Der Augenblick des Treffens und der des Abschieds sind die beiden größten Epochen des Lebens, wie das große Buch Zend sagt. Zadig liebte die Königin mit ebenso viel Inbrunst, wie er beteuerte; und die Königin mehr, als sie zuzugeben für angemessen hielt.

Unterdessen sprach Zadig zu Ogul: „Mein Lord, mein Basilisk ist nicht zum Verzehr bestimmt; alle seine Kräfte müssen durch deine Poren eindringen. Ich habe ihn in einen kleinen Ball eingeschlossen, aufgeblasen und mit einer feinen Haut überzogen. Du musst diesen Ball mit aller Kraft schlagen und ich muss ihn eine beträchtliche Zeit lang zurückschlagen; und wenn du diese Kur einige Tage befolgst, wirst du die Wirkung meiner Kunst sehen.“ Am ersten Tag war Ogul außer Atem und glaubte, er müsse vor Erschöpfung sterben. Am zweiten war er weniger ermüdet, schlief besser. In acht Tagen erlangte er alle Kraft, alle Gesundheit, alle Beweglichkeit und Heiterkeit seiner angenehmsten Jahre zurück.

„Du hast Ball gespielt und du hast mäßig gelebt“, sagte Zadig; „wisse, dass es in der Natur keinen Basilisken gibt; dass Mäßigung und Bewegung die beiden großen Erhalter der Gesundheit sind; und dass die Kunst, Unmäßigkeit und Gesundheit in Einklang zu bringen, ebenso chimärisch ist wie der Stein der Weisen, die gerichtliche Astrologie oder die Theologie der Magier.“

Oguls erster Arzt, der beobachtete, wie gefährlich dieser Mann für die medizinische Kunst werden könnte, fasste zusammen mit dem Apotheker den Plan, Zadig auf die Suche nach einem Basilisken in die andere Welt zu schicken. So stand er, nachdem er wegen seiner guten Taten eine so lange Reihe von Unglücken erlitten hatte, nun kurz davor, sein Leben zu verlieren, weil er einen gefräßigen Lord geheilt hatte. Er wurde zu einem ausgezeichneten Abendessen eingeladen und sollte beim zweiten Gang vergiftet werden, doch während des ersten erhielt er glücklicherweise einen Eilboten von der schönen Astarte. „Wenn man von einer schönen Frau geliebt wird“, sagt der große Zoroaster, „hat man immer das Glück, sich aus jeder Art von Schwierigkeit und Gefahr zu befreien.“

DIE KÄMPFE

Die Königin wurde in Babylon mit all jenen Freudenstürmen empfangen, die man stets beim Wiedersehen einer schönen Prinzessin empfindet, die in Unglück geraten war. Babylon befand sich nun in größerer Ruhe. Der Prinz von Hyrkanien war im Kampf gefallen. Die siegreichen Babylonier erklärten, die Königin solle den Mann heiraten, den sie zu ihrem Herrscher erwählen würden. Sie waren entschlossen, dass der erste Platz der Welt, derjenige, Gemahl der Astarte und König von Babylon zu sein, nicht von Kabalen und Intrigen abhängen dürfe. Sie schworen, denjenigen als König anzuerkennen, der bei einer Prüfung die größte Tapferkeit und die größte Weisheit beweisen würde. Dementsprechend wurde wenige Meilen von der Stadt entfernt ein geräumiger Platz für den Turnierplatz markiert, umgeben von prachtvollen Amphitheatern. Dorthin mussten sich die Kämpfer in voller Rüstung begeben. Jeder von ihnen hatte hinter den Amphitheatern ein separates Gemach, wo sie von niemandem gesehen oder erkannt werden konnten. Jeder musste gegen vier Ritter antreten, und diejenigen, die das Glück hatten, vier zu besiegen, mussten dann gegeneinander antreten; sodass derjenige, der als Letzter die Oberhand auf dem Feld behielt, zum Sieger der Spiele ausgerufen werden würde.

Vier Tage später musste er mit denselben Waffen zurückkehren und die Rätsel erklären, die von den Magiern vorgeschlagen wurden. Wenn er die Rätsel nicht erklärte, war er nicht König; und das Lanzenturnier musste von neuem begonnen werden, bis ein Mann gefunden wäre, der in beiden Kämpfen siegreich hervorging; denn sie waren absolut entschlossen, einen König zu haben, der über die größte Weisheit und den unbesiegbarsten Mut verfügte. Die Königin sollte die ganze Zeit über streng bewacht werden: Es war ihr nur gestattet, den Spielen beizuwohnen, und selbst dort musste sie mit einem Schleier bedeckt sein; doch war es ihr nicht erlaubt, mit einem der Teilnehmer zu sprechen, damit diese weder Gunst erhielten noch Ungerechtigkeit erfuhren.

Diese Einzelheiten teilte Astarte ihrem Geliebten mit, in der Hoffnung, dass er, um sie zu erlangen, größeren Mut und größere Weisheit beweisen würde als jede andere Person. Zadig machte sich auf die Reise und flehte die Venus an, seinen Mut zu stärken und seinen Verstand zu erleuchten. Er erreichte die Ufer des Euphrat am Vorabend dieses großen Tages. Er ließ seine Devise unter denen der Kämpfer eintragen, wobei er sein Gesicht und seinen Namen verbarg, wie es das Gesetz verlangte; und ging dann, um sich in dem Gemach auszuruhen, das ihm durch das Los zugefallen war. Sein Freund Cador, der nach der vergeblichen Suche in Ägypten nun nach Babylon zurückgekehrt war, schickte in sein Zelt eine vollständige Rüstung, die ein Geschenk der Königin war; sowie von sich selbst eines der feinsten Pferde Persiens. Zadig bemerkte sogleich, dass diese Geschenke von Astarte stammten; und daraus schöpfte sein Mut neue Kraft und seine Liebe die belebendsten Hoffnungen.

Am nächsten Tag, als die Königin unter einem Baldachin aus Juwelen saß und die Amphitheater mit allen Adligen und Damen von Rang in Babylon gefüllt waren, erschienen die Kämpfer im Zirkus. Jeder von ihnen kam und legte seine Devise zu Füßen der großen Magier. Sie zogen ihre Devisen durch das Los; und die von Zadig war die letzte. Der Erste, der vorrückte, war ein gewisser Lord namens Itobad, sehr reich und sehr eitel, aber von geringem Mut, von noch weniger Geschick und kaum von irgendeinem Verstand. Seine Diener hatten ihn überzeugt, dass ein Mann wie er König sein müsse; er hatte zur Antwort gegeben: „Ein Mann wie ich muss herrschen“; und so hatten sie ihn von Kopf bis Fuß bewaffnet. Er trug eine Rüstung aus grün emailliertem Gold, einen Busch aus grünen Federn und eine mit grünen Bändern geschmückte Lanze. Man merkte sofort an der Art und Weise, wie Itobad sein Pferd führte, dass das Zepter von Babylon für einen Mann wie ihn nicht vom Himmel bestimmt war. Der erste Ritter, der gegen ihn anritt, warf ihn aus dem Sattel; der zweite legte ihn flach auf das Hinterteil seines Pferdes, die Beine in der Luft und die Arme ausgestreckt. Itobad rappelte sich auf, doch mit so schlechter Anmut, dass das ganze Amphitheater in Gelächter ausbrach. Der dritte Ritter verschmähte es, seine Lanze zu gebrauchen; doch bei einem Vorbeiritt packte er ihn am rechten Bein, drehte ihn halb herum und warf ihn auf den Sand. Die Knappen des Spiels liefen lachend zu ihm und setzten ihn wieder in den Sattel. Der vierte Kämpfer packte ihn am linken Bein und stürzte ihn auf die andere Seite. Er wurde mit spöttischen Rufen in sein Zelt zurückgeführt, wo er gemäß dem Gesetz die Nacht verbringen musste; und als er mit großer Mühe hinkte, sagte er: „Was für ein Abenteuer für einen Mann wie mich!“

Die anderen Ritter zeichneten sich durch größeres Können und Erfolg aus. Einige von ihnen besiegten zwei Kämpfer; wenige bezwangen drei; doch nur Prinz Otamus besiegte vier. Zuletzt kämpfte Zadig seinerseits gegen ihn. Er warf nacheinander vier Ritter mit aller erdenklichen Anmut aus dem Sattel. Es blieb nun abzuwarten, wer Sieger sein würde, Otamus oder Zadig. Die Waffen des Ersten waren Gold und Blau, mit einem Busch von gleicher Farbe; jene des Letzten waren Weiß. Die Wünsche aller Zuschauer waren zwischen dem Ritter in Blau und dem Ritter in Weiß geteilt. Die Königin, deren Herz in heftigem Klopfen schlug, sandte Gebete an den Himmel für den Erfolg der weißen Farbe.

Die beiden Kämpfer machten ihre Vorbeiritte und Volten mit so viel Geschick, sie teilten und empfingen gegenseitig so geschickte Stöße mit ihren Lanzen und saßen so fest im Sattel, dass sich jeder außer der Königin wünschte, es möge zwei Könige in Babylon geben. Schließlich, als ihre Pferde ermüdet und ihre Lanzen zerbrochen waren, griff Zadig zu diesem Kunstgriff: Er reitet hinter den blauen Prinzen; springt auf das Hinterteil seines Pferdes; packt ihn in der Mitte; wirft ihn auf die Erde; setzt sich selbst in den Sattel; und umkreist Otamus, wie er am Boden ausgestreckt lag. Das ganze Amphitheater rief: „Sieg für den weißen Ritter!“

Otamus erhebt sich in heftiger Wut und zieht sein Schwert; Zadig springt mit seinem Säbel in der Hand von seinem Pferd. Beide sind nun auf dem Boden, verwickelt in einen neuen Kampf, in dem Stärke und Gewandtheit abwechselnd triumphieren. Die Helmbüsche, die Beschläge der Armbänder, die Ringe der Rüstungen werden durch die Wucht von tausend wütenden Schlägen in weite Ferne getrieben. Sie schlagen mit Spitze und Klinge; nach rechts, nach links, auf den Kopf, auf die Brust; sie weichen zurück; sie rücken vor; sie messen die Schwerter; sie kommen sich nahe; sie ergreifen einander; sie biegen sich wie Schlangen; sie greifen an wie Löwen; und das Feuer blitzt bei jedem Moment aus ihren Schlägen.

Zuletzt hält Zadig inne, nachdem er wieder zu Atem gekommen ist; macht eine Finte; springt auf Otamus; wirft ihn zu Boden und entwaffnet ihn; und Otamus ruft aus: „Du allein, o weißer Ritter, solltest über Babylon herrschen!“ Die Königin war nun auf dem Gipfel ihrer Freude. Der Ritter in blauer Rüstung und der Ritter in weißer Rüstung wurden jeweils in ihr eigenes Gemach geleitet, ebenso wie alle anderen, gemäß der Absicht des Gesetzes. Stumme kamen, um ihnen aufzuwarten und sie bei Tische zu bedienen. Man kann leicht annehmen, dass der kleine Stumme der Königin Zadig aufwartete. Sie wurden dann sich selbst überlassen, um die Süße der Ruhe bis zum nächsten Morgen zu genießen, an welchem der Sieger seine Devise den großen Magiern bringen, sie mit der vergleichen lassen, die er hinterlassen hatte, und sich zu erkennen geben sollte.

Itobad, der sich für ebenso groß hielt wie Zadig, war überzeugt, dass man in Babylon nur durch Dreistigkeit König werde. Er ging zu der Königin, um ihr zu sagen, er sei derjenige, den sie liebe. Die Königin, in großer Unruhe, ließ ihn, bevor er zu ihr kam, durch ihren treuen Stummen befragen, ob er die Devise könne. Der Stumme stellte ihm die Frage, ohne zu sprechen. Itobad antwortete, dass er es könne, und sagte, es sei das Abbild eines Kindes, das auf einem Rad liege. Die Königin war bestürzt. Sie verstand, dass Zadig besiegt war oder dass er seine Devise verloren hatte.

Zadig, der trotz seiner großen Liebe vor Müdigkeit nicht umhin konnte zu schlafen, erwachte zur selben Zeit. Er ging hinaus, sah die Rüstung, die Itobad trug, ergriff sie, legte sie an, da er keine andere hatte, und ging zum Rat der Magier. Er erklärte, dass er der Sieger sei. Man lachte über ihn, man hielt ihn für einen Narren, und man wies ihn ab. Er beharrte darauf, dass er gegen Otamus gekämpft habe. Man wies ihn darauf hin, dass Itobad derjenige sei, der den Sieg davongetragen habe, und dass dieser bereits seine Devise dargelegt habe. Zadig war außer sich vor Zorn; er glaubte, dass der Himmel ihn verfolge. Er ging zum Ufer des Euphrat, überzeugt davon, dass sein Schicksal unheilvoll sei, und erwog all seine Unglücksfälle, von der Geschichte mit der Frau, die Einäugige hasste, bis hin zu der seiner Rüstung. „Das“, sagte er, „ist die Folge davon, dass ich zu lange geschlafen habe. Hätte ich weniger geschlafen, wäre ich jetzt König von Babylon und im Besitz von Astarte. Wissen, Tugend und Mut haben mir bis jetzt nur dazu gedient, mich unglücklich zu machen.“ Er murmelte einige leise Klagen gegen die Vorsehung und war versucht zu glauben, dass die Welt von einem grausamen Schicksal beherrscht werde, das die Guten unterdrücke und die Ritter in grünen Rüstungen begünstige.

Während er so dahinwanderte, begegnete er einem Eremiten, dessen weißer und ehrwürdiger Bart bis auf seinen Gürtel hinabhing. Er hielt ein Buch in der Hand, das er mit großer Aufmerksamkeit las. Zadig hielt an und verneigte sich tief vor ihm. Der Eremit erwiderte den Gruß mit einem so edlen und einnehmenden Wesen, dass Zadig die Neugier packte, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Er fragte ihn, welches Buch er da lese. „Es ist das Buch der Schicksale“, sagte der Eremit; „möchtest du einen Blick hineinwerfen?“ Er legte das Buch in die Hände Zadigs, der, obwohl er in mehreren Sprachen bewandert war, keinen einzigen Buchstaben darin entziffern konnte. Dies steigerte seine Neugier nur noch mehr.

„Du scheinst“, sagte dieser gute Vater, „in großer Not zu sein.“

„Ach“, erwiderte Zadig, „ich habe nur allzu viel Grund dazu.“

„Wenn du mir erlaubst, dich zu begleiten“, fuhr der alte Mann fort, „vielleicht kann ich dir von Nutzen sein. Ich habe schon oft den Balsam des Trostes in das blutende Herz der Unglücklichen gegossen.“

Zadig fühlte sich von der Ausstrahlung, dem Bart und dem Buch des Eremiten mit Respekt erfüllt. Im Laufe des Gesprächs stellte er fest, dass er über ein überlegenes Wissen verfügte. Der Eremit sprach vom Schicksal, von der Gerechtigkeit, von der Moral, vom höchsten Gut, von der menschlichen Schwäche sowie von Tugend und Laster mit einer so lebendigen und bewegenden Beredsamkeit, dass Zadig sich von einem unwiderstehlichen Zauber zu ihm hingezogen fühlte. Er bat ihn inständig um die Gunst seiner Gesellschaft bis zu ihrer Rückkehr nach Babylon.

„Ich erbitte dieselbe Gunst von dir“, sagte der alte Mann; „schwöre mir bei Oromazes, dass du mich einige Tage lang nicht verlassen wirst, was auch immer ich tue.“ Zadig schwor, und sie machten sich gemeinsam auf den Weg.

Am Abend kamen die beiden Reisenden in einem prachtvollen Schloss an. Der Eremit erbat eine gastliche Aufnahme für sich und den jungen Mann, der ihn begleitete. Der Pförtner, den man leicht für einen großen Herrn hätte halten können, führte sie mit einer Art verächtlicher Höflichkeit ein. Er stellte sie einem leitenden Bediensteten vor, der ihnen die prächtigen Gemächer seines Herrn zeigte. Sie wurden am unteren Ende des Tisches platziert, ohne vom Herrn des Schlosses mit dem geringsten Zeichen der Achtung geehrt zu werden; doch sie wurden wie die anderen mit Delikatessen und im Überfluss bewirtet. Dann wurde ihnen Wasser gereicht, um sich die Hände zu waschen, in einem goldenen Becken, das mit Smaragden und Rubinen verziert war. Schließlich wurden sie in ein schönes Zimmer geleitet, um zu schlafen, und am Morgen brachte ihnen ein Bediensteter jedem ein Goldstück, woraufhin sie sich verabschiedeten und aufbrachen.

„Der Herr des Hauses“, sagte Zadig, während sie ihre Reise fortsetzten, „scheint ein großzügiger Mann zu sein, wenn auch etwas zu stolz; er erfüllt die Pflichten der Gastfreundschaft auf edle Weise.“ In diesem Moment bemerkte er, dass eine Art große Tasche, die der Eremit bei sich trug, gefüllt und prall war; und beim genaueren Hinsehen entdeckte er, dass sie das goldene Becken enthielt, das mit Edelsteinen verziert war und das der Eremit gestohlen hatte. Er wagte nicht, dies zu erwähnen, aber er war von einer seltsamen Überraschung erfüllt.

Gegen Mittag kam der Eremit an die Tür eines ärmlichen Hauses, das von einem reichen Geizhals bewohnt wurde, und erbat die Gunst einer gastlichen Aufnahme für einige Stunden. Ein alter Diener in zerlumpter Kleidung empfing sie mit einer schroffen und unhöflichen Art und führte sie in den Stall, wo er ihnen faule Oliven, schimmelig Brot und saures Bier gab. Der Eremit aß und trank mit ebenso großer scheinbarer Zufriedenheit wie am Abend zuvor; und als er sich dann an den alten Diener wandte, der sie beide bewachte, um zu verhindern, dass sie etwas stahlen, und sie grob zur Abreise drängte, gab er ihm die zwei Goldstücke, die er am Morgen erhalten hatte, und dankte ihm für seine große Höflichkeit.

„Bitte“, fügte er hinzu, „erlaube mir, mit deinem Herrn zu sprechen.“ Der Diener, erfüllt von Erstaunen, führte die beiden Reisenden ein. „Großartiger Herr“, sagte der Eremit, „ich kann nicht anders, als dir meinen untertänigsten Dank für die edle Art auszusprechen, in der du uns bewirtet hast. Bitte nimm dieses goldene Becken als ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit an.“ Der Geizhals erschrak und wäre beinahe rückwärts gefallen; doch der Eremit, ohne ihm Zeit zu lassen, sich von seiner Überraschung zu erholen, ging sogleich mit seinem jungen Mitreisenden davon.

„Vater“, sagte Zadig, „was hat das alles zu bedeuten? Du scheinst mir völlig anders zu sein als andere Menschen; du stiehlst ein goldenes, mit Edelsteinen verziertes Becken von einem Herrn, der dich großartig empfangen hat, und gibst es einem Geizhals, der dich mit Würdelosigkeit behandelt.“

„Sohn“, antwortete der alte Mann, „dieser großartige Herr, der Fremde nur aus Eitelkeit und Prunksucht empfängt, wird dadurch weiser gemacht werden; und der Geizhals wird lernen, die Pflichten der Gastfreundschaft zu üben. Wundere dich über nichts, sondern folge mir.“

Zadig wusste noch nicht, ob er in Begleitung des törichtesten oder des klügsten aller Menschen war; doch der Eremit sprach mit einer solchen Überlegenheit, dass Zadig, der zudem durch seinen Eid gebunden war, sich nicht weigern konnte, ihm zu folgen.

Am Abend kamen sie in einem Haus an, das mit gleicher Eleganz und Schlichtheit erbaut war, wo nichts auf Verschwendung oder Geiz hindeutete. Der Herr des Hauses war ein Philosoph, der sich aus der Welt zurückgezogen hatte und der in Frieden das Studium der Tugend und Weisheit pflegte, ohne jene starre und mürrische Strenge, die man so häufig bei Menschen seines Schlages findet. Er hatte sich dazu entschlossen, dieses Landhaus zu errichten, in dem er Fremde mit einer Gastfreundschaft empfing, die frei von Prunk war. Er ging den beiden Reisenden selbst entgegen und führte sie in ein bequemes Zimmer, wo er sie bat, sich ein wenig auszuruhen. Bald darauf kam er und lud sie zu einer anständigen und wohlgeordneten Mahlzeit ein, während der er mit großem Urteilsvermögen über die letzten Umwälzungen in Babylon sprach. Er schien der Königin sehr zugetan zu sein und wünschte, Zadig wäre auf dem Turnierplatz erschienen, um die Krone zu bestreiten. „Aber das Volk“, fügte er hinzu, „verdient es nicht, einen solchen König wie Zadig zu haben.“

Zadig errötete, und sein Kummer verdoppelte sich. Sie waren sich im Laufe des Gesprächs einig, dass die Dinge dieser Welt nicht immer den Wünschen der Weisen entsprächen. Der Eremit blieb dabei, dass die Wege der Vorsehung unergründlich seien; und dass die Menschen Unrecht täten, über ein Ganzes zu urteilen, von dem sie nur den kleinsten Teil verstünden.

Sie sprachen über die Leidenschaften. „Ach“, sagte Zadig, „wie verhängnisvoll sind ihre Auswirkungen!“

„Sie sind wie die Winde“, antwortete der Eremit, „die die Segel des Schiffes blähen; es stimmt, sie bringen es manchmal zum Sinken, aber ohne sie könnte es überhaupt nicht segeln. Die Galle macht uns krank und jähzornig; doch ohne Galle könnten wir nicht leben. Alles auf dieser Welt ist gefährlich, und doch ist alles notwendig.“

Das Gespräch wandte sich dem Vergnügen zu; und der Eremit bewies, dass es ein Geschenk der Gottheit sei. „Denn“, sagte er, „der Mensch kann sich weder Empfindungen noch Ideen selbst geben; er empfängt alles; und Schmerz wie Freude entspringen ebenso wie sein Dasein einer fremden Ursache.“

Zadig war überrascht, einen Mann, der sich solcher extravaganten Handlungen schuldig gemacht hatte, imstande zu sehen, mit so viel Urteilsvermögen und Angemessenheit zu argumentieren. Schließlich, nach einem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Gespräch, führte der Gastgeber seine beiden Gäste zurück in ihr Zimmer und pries den Himmel dafür, ihm zwei Männer gesandt zu haben, die mit so viel Weisheit und Tugend begabt waren. Er bot ihnen Geld mit einer so ungezwungenen und edlen Art an, dass es unmöglich als beleidigend empfunden werden konnte. Der Eremit lehnte es ab und sagte, dass er sich nun von ihm verabschieden müsse, da er vor Tagesanbruch nach Babylon aufbreche. Ihr Abschied war herzlich; besonders Zadig fühlte sich von Hochachtung und Zuneigung für einen Mann von einem so liebenswürdigen Charakter erfüllt.

Als er und der Eremit in ihrem Zimmer allein waren, verbrachten sie eine lange Zeit damit, ihren Gastgeber zu loben. Bei Tagesanbruch weckte der alte Mann seinen Gefährten. „Wir müssen jetzt aufbrechen“, sagte er, „aber während die ganze Familie noch schläft, werde ich diesem Mann ein Zeichen meiner Hochachtung und Zuneigung hinterlassen.“ Indem er das sagte, nahm er eine Kerze und steckte das Haus in Brand.

Zadig, von Entsetzen ergriffen, schrie laut auf und versuchte ihn davon abzuhalten, eine solch barbarische Tat zu begehen; doch der Eremit zog ihn mit überlegener Kraft von dannen, und das Haus stand bald in Flammen. Der Eremit, der sich mit seinem Gefährten bereits in beträchtlicher Entfernung befand, blickte mit großer Gelassenheit auf den Brand zurück.

„Gott sei Dank“, sagte er, „das Haus meines lieben Gastgebers ist vollständig zerstört! Glücklicher Mann!“

Bei diesen Worten war Zadig auf einmal versucht, in schallendes Gelächter auszubrechen, dem ehrwürdigen Vater Vorwürfe zu machen, ihn zu schlagen und davonzulaufen. Doch er tat nichts von alledem, denn immer noch bezwungen von der mächtigen Überlegenheit des Eremiten, folgte er ihm wider Willen zur nächsten Station.

Dies war das Haus einer wohltätigen und tugendhaften Witwe, die einen vierzehnjährigen Neffen hatte, einen hübschen und vielversprechenden Jungen, ihre einzige Hoffnung. Sie erwies die Ehren ihres Hauses, so gut sie konnte. Am nächsten Tag wies sie ihren Neffen an, die Fremden zu einer Brücke zu begleiten, die, da sie kürzlich eingestürzt war, beim Überqueren äußerst gefährlich geworden war. Der junge Mann ging mit großer Emsigkeit vor ihnen her. Als sie die Brücke überquerten, sagte der Eremit zu dem Jüngling: „Komm, ich muss mich bei deiner Tante erkenntlich zeigen.“ Dann packte er ihn bei den Haaren und stieß ihn in den Fluss. Der Junge sank, erschien wieder auf der Oberfläche des Wassers und wurde von der Strömung verschlungen.

„O Ungeheuer! O du Gottlosester unter den Menschen!“, schrie Zadig.

„Du hast versprochen, dich geduldiger zu verhalten“, sagte der Eremit und unterbrach ihn. „Wisse, dass unter den Trümmern jenes Hauses, das die Vorsehung in Brand gesteckt hat, der Hausherr einen unermesslichen Schatz gefunden hat. Wisse, dass dieser junge Mann, dessen Leben die Vorsehung verkürzt hat, seine Tante innerhalb eines Jahres und dich innerhalb von zwei Jahren ermordet hätte.“

„Wer hat dir das gesagt, Barbar?“, rief Zadig; „und selbst wenn du dieses Ereignis in deinem Buch der Schicksale gelesen hättest, ist es dir erlaubt, einen Jüngling zu ertränken, der dir nie etwas zuleide getan hat?“

Während der Babylonier so laut klagte, bemerkte er, dass der alte Mann keinen Bart mehr hatte und dass sein Antlitz die Züge und den Teint der Jugend annahm. Das Gewand des Eremiten verschwand, und vier wunderschöne Flügel bedeckten einen majestätischen Körper, der vor Licht strahlte.

„O Gesandter des Himmels! O göttlicher Engel!“, rief Zadig und warf sich demütig zu Boden, „bist du also aus dem Empyreum herabgestiegen, um einem schwachen Sterblichen beizubringen, sich den ewigen Dekreten der Vorsehung zu unterwerfen?“

„Die Menschen“, sagte der Engel Jesrad, „urteilen über alles, ohne etwas zu wissen; und von allen Menschen verdienst du es am meisten, aufgeklärt zu werden.“

Zadig bat darum, sprechen zu dürfen. „Ich misstraue mir selbst“, sagte er, „aber darf ich mich erkühnen, dich um die Gunst zu bitten, einen Zweifel zu klären, der mir noch auf dem Herzen liegt? Wäre es nicht besser gewesen, diesen Jüngling zu bessern und ihn tugendhaft zu machen, anstatt ihn zu ertränken?“

„Wäre er tugendhaft gewesen“, erwiderte Jesrad, „und hätte ein längeres Leben genossen, wäre es sein Schicksal gewesen, selbst ermordet zu werden, zusammen mit der Frau, die er geheiratet, und dem Kind, das er mit ihr gezeugt hätte.“

„Aber warum“, sagte Zadig, „ist es notwendig, dass es Verbrechen und Unglück gibt und dass dieses Unglück die Guten trifft?“

„Die Bösen“, erwiderte Jesrad, „sind immer unglücklich; sie dienen dazu, die kleine Zahl der Gerechten, die über die Erde verstreut sind, zu prüfen und zu erproben; und es gibt kein Übel, das nicht irgendein Gutes hervorbringt.“

„Aber“, sagte Zadig, „angenommen, es gäbe nichts als Gutes und überhaupt kein Übel.“

„Dann“, antwortete Jesrad, „wäre diese Erde eine andere Erde. Die Kette der Ereignisse wäre in einer anderen Ordnung angeordnet und von Weisheit geleitet; doch diese andere Ordnung, die vollkommen wäre, kann nur im ewigen Wohnsitz des Höchsten Wesens existieren, dem sich kein Übel nähern kann. Die Gottheit hat Millionen von Welten erschaffen, unter denen keine der anderen gleicht. Diese ungeheure Vielfalt ist die Wirkung Ihrer ungeheuren Macht. Es gibt nicht zwei Blätter unter den Bäumen der Erde, noch zwei Globen im unbegrenzten Raum des Himmels, die einander genau gleichen; und alles, was du auf dem kleinen Atom siehst, auf dem du geboren bist, muss zu seiner Zeit und an seinem Ort sein, gemäß dem unabänderlichen Dekret Dessen, der alles umfasst. Die Menschen glauben, dass dieses Kind, das soeben umgekommen ist, durch Zufall ins Wasser gefallen ist; und dass es durch denselben Zufall geschieht, dass dieses Haus niederbrennt; aber es gibt keinen Zufall; alles ist entweder eine Prüfung, oder eine Strafe, oder eine Belohnung, oder eine Voraussicht. Erinnere dich an den Fischer, der sich für den Elendesten unter den Menschen hielt. Oromazes sandte dich, um sein Schicksal zu ändern. Höre also auf, gebrechlicher Sterblicher, gegen das zu streiten, was du anbeten solltest.“

„Aber“, sagte Zadig – als er das Wort „Aber“ aussprach, schwang sich der Engel in Richtung der zehnten Sphäre empor. Zadig kniete nieder, betete die Vorsehung an und unterwarf sich. Der Engel rief ihm aus der Höhe zu: „Richte deinen Kurs nach Babylon.“

Zadig, wie in Trance und wie ein Mann, um dessen Haupt der Donner gegrollt hatte, lief planlos umher. Er betrat Babylon an genau dem Tag, an dem diejenigen, die auf den Turnieren gekämpft hatten, sich im großen Vestibül des Palastes versammelt hatten, um die Rätsel zu erklären und die Fragen der großen Magier zu beantworten. Alle Ritter waren bereits eingetroffen, außer dem Ritter in der grünen Rüstung. Sobald Zadig in der Stadt erschien, drängte sich das Volk um ihn; jedes Auge war auf ihn gerichtet; jeder Mund segnete ihn, und jedes Herz wünschte ihm das Reich. Der Neider sah ihn vorbeigehen; er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Das Volk geleitete ihn zum Ort, an dem die Versammlung abgehalten wurde. Die Königin, die über seine Ankunft informiert war, wurde zur Beute der heftigsten Bewegungen von Hoffnung und Furcht. Sie war erfüllt von Angst und Beklemmung. Sie konnte nicht begreifen, warum Zadig ohne Rüstung war, noch warum Itobad die weiße Rüstung trug. Ein verwirrtes Gemurmel entstand beim Anblick Zadigs. Sie waren gleichermaßen überrascht und entzückt, ihn zu sehen; doch nur die Ritter, die gekämpft hatten, durften in der Versammlung erscheinen.

„Ich habe ebenso wie die anderen Ritter gekämpft“, sagte Zadig, „doch ein anderer hier trägt meine Rüstung; und während ich auf die Ehre warte, die Wahrheit meiner Behauptung zu beweisen, fordere ich die Freiheit, mich vorzustellen, um die Rätsel zu erklären.“ Die Frage wurde zur Abstimmung gestellt, und sein Ruf für Rechtschaffenheit war so tief in ihren Gemütern eingeprägt, dass sie ihn ohne Bedenken zuließen.

Die erste von den großen Magiern vorgeschlagene Frage lautete: „Was ist von allen Dingen auf der Welt das Längste und das Kürzeste, das Schnellste und das Langsamste, das Teilbarste und das Umfangreichste, das Vernachlässigtste und das am meisten Bedauerte, ohne das nichts getan werden kann, das alles Kleine verschlingt und alles Große belebt?“

Itobad sollte sprechen. Er antwortete, dass ein so großer Mann wie er keine Rätsel verstehe und dass es für ihn genüge, durch seine Stärke und Tapferkeit gesiegt zu haben. Einige sagten, die Bedeutung der Rätsel sei das Glück; einige die Erde; und andere das Licht. Zadig sagte, es sei die Zeit. „Nichts“, fügte er hinzu, „ist länger, da sie das Maß der Ewigkeit ist; nichts kürzer, da sie für die Verwirklichung unserer Projekte unzureichend ist; nichts langsamer für den, der wartet, nichts schneller für den, der genießt; in der Größe erstreckt sie sich ins Unendliche; in der Kleinheit ist sie unendlich teilbar; alle Menschen vernachlässigen sie; alle bedauern ihren Verlust; nichts kann ohne sie getan werden; sie gibt der Vergessenheit preis, was es nicht wert ist, der Nachwelt überliefert zu werden, und sie verewigt Taten, die wahrhaft groß sind.“ Die Versammlung erkannte an, dass Zadig im Recht war.

Die nächste Frage war: „Was ist das Ding, das wir ohne Dank empfangen, das wir genießen, ohne zu wissen wie, das wir anderen geben, wenn wir nicht wissen, wo wir sind, und das wir verlieren, ohne es zu bemerken?“

Jeder gab seine eigene Erklärung. Zadig allein erriet, dass es das Leben war, und erklärte alle anderen Rätsel mit derselben Leichtigkeit. Itobad sagte immer, dass nichts einfacher sei und dass er sie mit derselben Bereitwilligkeit beantwortet hätte, hätte er sich nur die Mühe machen wollen. Dann wurden Fragen über die Gerechtigkeit, das höchste Gut und die Kunst des Regierens vorgeschlagen. Zadigs Antworten wurden als die solidesten beurteilt. „Was für ein Jammer“, sagten sie, „dass ein solch großes Genie ein so schlechter Ritter sein muss!“

„Illustre Herren“, sagte Zadig, „ich hatte die Ehre, bei den Turnieren zu siegen. Mir gehört die weiße Rüstung. Lord Itobad hat sie während meines Schlafes in Besitz genommen. Er dachte wahrscheinlich, dass sie ihm besser stehe als die grüne. Ich bin nun bereit, in eurer Gegenwart, mit meinem Gewand und meinem Schwert, gegen all die schöne weiße Rüstung, die er mir abgenommen hat, zu beweisen, dass ich es bin, der die Ehre hatte, den tapferen Otamus zu besiegen.“

Itobad nahm die Herausforderung mit größter Zuversicht an. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass er, so wie er bewaffnet war – mit Helm, Harnisch und Armschienen –, einen leichten Sieg über einen Champion in einer Mütze und einem Schlafrock erringen würde. Zadig zog sein Schwert und grüßte die Königin, die ihn mit einer Mischung aus Furcht und Freude betrachtete. Itobad zog das seine, ohne jemanden zu grüßen. Er stürzte auf Zadig zu wie ein Mann, der nichts zu befürchten hatte; er war bereit, ihn in zwei Hälften zu spalten. Zadig verstand es, seine Schläge abzuwehren, indem er den stärksten Teil seines Schwertes dem schwächsten Teil des Schwertes seines Gegners derart entgegenstellte, dass Itobads Schwert zerbrach. Daraufhin ergriff Zadig seinen Feind an der Taille, warf ihn zu Boden und setzte ihm die Spitze seines Schwertes auf den Brustpanzer. „Ergib dich und lass dich entwaffnen“, sagte er, „oder du bist ein toter Mann.“

Itobad, stets überrascht von den Schmach, die einem Mann wie ihm widerfuhren, sah sich gezwungen, Zadig nachzugeben, der ihm mit großer Gelassenheit seinen prächtigen Helm, seinen herrlichen Harnisch, seine feinen Armschienen und seine glänzenden Beinschienen abnahm, sich selbst damit bekleidete und in dieser Aufmachung zu den Füßen Astartes eilte. Cador bewies mühelos, dass die Rüstung Zadig gehörte. Er wurde mit einhelliger Zustimmung des gesamten Volkes als König anerkannt, insbesondere durch diejenige Astartes, die nach so vielen Leiden nun das köstliche Vergnügen genoss, ihren Geliebten in den Augen der ganzen Welt als würdigen Ehemann zu sehen. Itobad ging nach Hause, um sich dort Herr nennen zu lassen. Zadig war König und war glücklich. Die Königin und Zadig verehrten die Vorsehung. Er sandte aus, um den Räuber Arbogad suchen zu lassen, dem er einen ehrenvollen Posten in seiner Armee gab, mit dem Versprechen, ihn in die höchsten Würden zu erheben, sollte er sich wie ein wahrer Krieger benehmen, und mit der Drohung, ihn aufzuhängen, falls er seinem Handwerk als Räuber weiter nachginge.

Setoc wurde zusammen mit der schönen Almona aus dem Herzen Arabiens herbeigerufen und an die Spitze des Handels von Babylon gestellt. Cador wurde aufgrund seiner großen Verdienste bevorzugt und ausgezeichnet. Er war der Freund des Königs, und der König war damals der einzige Monarch auf Erden, der einen Freund hatte. Der kleine Stumme wurde nicht vergessen.

Doch weder konnte die schöne Semira sich darüber trösten, geglaubt zu haben, Zadig würde auf einem Auge blind sein, noch hörte Azora auf, darüber zu klagen, versucht zu haben, ihm die Nase abzuschneiden. Ihr Leid linderte er jedoch durch seine Geschenke. Der Neider starb vor Wut und Scham. Das Reich erfreute sich des Friedens, des Ruhms und des Überflusses. Dies war das glücklichste Zeitalter der Erde; es wurde durch Liebe und Gerechtigkeit regiert. Das Volk segnete Zadig, und Zadig segnete den Himmel.

PEDRO DE ALARÇON

Der Nagel

I

Das, was ein Mann, der in eine Postkutsche steigt und eine lange Reise vor sich hat, am sehnlichsten wünscht, ist, dass seine Begleiter angenehm sind, dass sie dieselben Vorlieben, womöglich dieselben Laster teilen, wohl erzogen sind und genug Anstand besitzen, um nicht zu vertraulich zu werden.

Als ich die Tür der Kutsche öffnete, fürchtete ich, auf eine alte Frau mit Asthma zu treffen, auf eine hässliche Person, die den Geruch von Tabakrauch nicht ertragen kann, auf jemanden, der bei jeder Fahrt seekrank wird, oder auf kleine Engel, die ununterbrochen aus gottweißwelchen Gründen schreien und toben.

Manchmal mag man gehofft haben, eine schöne Frau als Reisegefährtin zu haben; zum Beispiel eine Witwe von zwanzig oder dreißig Jahren (sagen wir sechsunddreißig), deren entzückende Unterhaltung einem die Zeit vertreiben würde. Doch wenn man diesen Gedanken je gehegt haben sollte, so würde man ihn als vernünftiger Mensch schnell verwerfen, denn man weiß, dass solch ein Glück nicht dem gewöhnlichen Sterblichen zuteilwird. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich am späten Abend eines stürmischen Herbsttages im Jahr 1844, pünktlich um elf Uhr, die Tür der Postkutsche öffnete. Ich hatte das Ticket Nummer 2 und fragte mich, wer wohl Nummer 1 sein mochte. Der Fahrkartenverkäufer hatte mir versichert, dass Nummer 3 nicht verkauft worden sei.

Im Inneren war es stockfinster. Als ich einstieg, sagte ich: „Guten Abend“, doch keine Antwort kam. „Der Teufel!“, sagte ich zu mir selbst. „Ist mein Reisebegleiter taub, stumm oder schläft er?“ Dann sagte ich in einem lauteren Ton: „Guten Abend“, doch wieder kam keine Antwort.

Währenddessen raste die Postkutsche, von zehn Pferden gezogen, dahin.

Ich war ratlos. Wer war mein Begleiter? War es ein Mann? War es eine Frau? Wer war das schweigsame Nummer 1, und wer auch immer es war, warum erwiderte er oder sie meinen höflichen Gruß nicht? Es wäre gut gewesen, ein Streichholz anzuzünden, aber ich rauchte damals nicht und hatte keines bei mir. Was sollte ich tun? Ich beschloss, mich auf meinen Tastsinn zu verlassen, und streckte die Hand nach dem Platz aus, wo Nummer 1 hätte sein sollen, in der Erwartung, ein Seidenkleid oder einen Überzieher zu berühren, doch da war nichts. In diesem Moment erhellte ein Blitz, der Vorbote eines rasch heranziehenden Sturms, die Nacht, und ich bemerkte, dass außer mir niemand in der Kutsche war. Ich brach in ein lautes Lachen aus, und doch konnte ich mich einen Augenblick später nicht erwehren, mich zu fragen, was aus Nummer 1 geworden war.

Eine halbe Stunde später erreichten wir die erste Station, und ich wollte gerade den Wächter fragen, der mit seiner Laterne in das Abteil leuchtete, warum es kein Nummer 1 gäbe, als sie einstieg. Im gelben Schein erschien sie mir wie eine Vision: eine blasse, anmutige, schöne Frau, ganz in tiefer Trauer gekleidet.

Hier war die Erfüllung meines Traums, die Witwe, auf die ich gehofft hatte.

Ich reichte der Unbekannten die Hand, um ihr in die Kutsche zu helfen, und sie setzte sich neben mich, wobei sie murmelte: „Danke, mein Herr. Guten Abend“, doch in einem Tonfall, der so traurig war, dass er mir bis ins Herz drang.

„Wie unglücklich“, dachte ich. „Es liegen nur fünfzig Meilen zwischen hier und Malaga. Ich wünschte zum Himmel, diese Kutsche würde nach Kamtschatka fahren.“ Der Wächter schlug die Tür zu, und wir waren in Dunkelheit gehüllt. Ich wünschte, der Sturm würde andauern und wir könnten noch ein paar Blitze sehen. Doch der Sturm legte sich. Er zog davon und hinterließ nur ein paar blasse Sterne, deren Licht praktisch zu nichts nützte war. Ich unternahm einen wackeren Versuch, ein Gespräch zu beginnen.

„Fühlen Sie sich wohl?“

„Reisen Sie nach Malaga?“

„Hat Ihnen die Alhambra gefallen?“

„Kommen Sie aus Granada?“

„Ist die Nacht nicht feucht?“

Auf diese Fragen antwortete sie der Reihe nach:

„Danke, sehr wohl.“

„Ja.“

„Nein, mein Herr.“

„Ja!“

„Schrecklich!“

Es war ganz gewiss, dass meine Reisegefährtin nicht zu Unterhaltungen aufgelegt war. Ich versuchte, mir etwas Originelles zu überlegen, das ich ihr sagen könnte, aber mir fiel nichts ein, also verlor ich mich einen Moment lang in Grübeleien. Warum war diese Frau an der ersten Station eingestiegen statt in Granada? Warum war sie allein? War sie verheiratet? War sie wirklich eine Witwe? Warum war sie so traurig? Ich hatte wahrlich kein Recht, ihr eine dieser Fragen zu stellen, und doch interessierte sie mich. Wie ich mir wünschte, dass die Sonne aufginge. Bei Tage kann man frei sprechen, doch in der stockenden Dunkelheit empfindet man eine gewisse Bedrückung, es fühlt sich an, als würde man einen unfairen Vorteil nutzen.

Meine Unbekannte schlief in der Nacht keinen Augenblick. Das konnte ich an ihrem Atmen und Seufzen erkennen. Es ist wohl unnötig hinzuzufügen, dass auch ich nicht schlief. Einmal fragte ich sie: „Fühlen Sie sich unwohl?“, und sie antwortete: „Nein, mein Herr, danke. Ich bitte um Verzeihung, falls ich Ihren Schlaf gestört habe.“

„Schlaf!“, rief ich verächtlich. „Ich will gar nicht schlafen. Ich hatte nur Angst, Sie würden leiden.“

„Oh nein“, rief sie mit einer Stimme, die ihren Worten widersprach, „ich leide nicht.“

Endlich ging die Sonne auf. Wie schön sie war! Ich meine die Frau, nicht die Sonne. Welches tiefe Leid hatte sich in ihr Gesicht gegraben und lauerte in der Tiefe ihrer wunderschönen Augen!

Sie war elegant gekleidet und gehörte offensichtlich einer guten Familie an. Jede Geste trug den Stempel der Vornehmheit. Sie war die Art von Frau, die man in der Loge der Oper zu sehen erwartet, strahlend vor Juwelen, umgeben von Verehrern.

Wir frühstückten in Colmenar. Danach wurde meine Begleiterin vertraulicher, und als wir wieder in die Kutsche stiegen, sagte ich zu mir selbst: „Philipp, du bist deinem Schicksal begegnet. Jetzt oder nie.“

II

Ich bereute das erste Wort, das ich ihr gegenüber bezüglich meiner Gefühle äußerte. Sie wurde zu einem Eisblock, und ich verlor auf der Stelle alles, was ich möglicherweise an Wohlwollen gewonnen hatte. Dennoch antwortete sie mir sehr gütig: „Es liegt nicht daran, dass Sie es sind, mein Herr, der mich von Liebe spricht, sondern die Liebe selbst ist etwas, das ich mit Abscheu betrachte.“

„Aber warum, teure Dame?“, fragte ich.

„Weil mein Herz tot ist. Weil ich bis zur Raserei geliebt habe und betrogen worden bin.“

Ich spürte, dass ich philosophisch mit ihr reden sollte, und eine Menge Binsenweisheiten lagen mir auf der Zunge, doch ich hielt mich zurück. Ich wusste, dass sie meinte, was sie sagte. Als wir in Malaga ankamen, sagte sie in einem Ton zu mir, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: „Ich danke Ihnen tausendmal für Ihre freundliche Aufmerksamkeit während der Reise und hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich Ihnen meinen Namen und meine Adresse nicht nenne.“

„Wollen Sie damit sagen, dass wir uns nicht wiedersehen werden?“

„Niemals! Und Sie ganz besonders sollten es nicht bedauern.“ Und dann, mit einem Lächeln, das völlig freudlos war, reichte sie mir ihre exquisite Hand und sagte: „Beten Sie zu Gott für mich.“

Ich drückte ihre Hand und verbeugte mich tief. Sie stieg in eine stattliche Viktoria, die auf sie wartete, und als diese davonfuhr, grüßte sie mich noch einmal.

* * * * *

Zwei Monate später begegnete ich ihr wieder.

Um zwei Uhr nachmittags holperte ich in einem alten Karren auf der Straße nach Cordoba dahin. Zweck meiner Reise war es, ein Stück Land zu begutachten, das ich in jener Gegend besaß, und drei oder vier Wochen bei einem der Richter des Obersten Gerichtshofes zu verbringen, der ein enger Freund von mir war und mein Schulkamerad an der Universität von Granada gewesen war.

Er empfing mich mit offenen Armen. Als ich sein stattliches Haus betrat, konnte ich nicht umhin, den vollendeten Geschmack und die Eleganz der Möbel und Dekorationen zu bemerken.

„Ah, Zarco“, sagte ich, „du hast geheiratet und mir nie davon erzählt. Das war wahrlich nicht die Art, einen Mann zu behandeln, der dich so sehr liebt wie ich!“

„Ich bin nicht verheiratet, und was mehr ist, ich werde auch nie heiraten“, antwortete der Richter traurig.

„Ich glaube dir, mein Lieber, dass du nicht verheiratet bist, da du es sagst, aber ich kann die Erklärung, dass du es niemals wirst, nicht verstehen. Du musst scherzen.“

„Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage“, erwiderte er.

„Aber welch eine Wandlung!“, rief ich. „Du warst immer ein Anhänger der Ehe, und in den letzten zwei Jahren hast du mir geschrieben und mir geraten, mir eine Lebensgefährtin zu suchen. Woher kommt dieser wunderbare Wandel, lieber Freund? Etwas muss dir zugestoßen sein, etwas Unglückliches, fürchte ich?“

„Mir?“, antwortete der Richter etwas verlegen.

„Ja, dir. Etwas ist passiert, und du wirst mir alles darüber erzählen. Du lebst hier allein, hast dich praktisch in diesem großen Haus begraben. Komm, erzähl mir alles.“

Der Richter drückte meine Hand. „Ja, ja, du sollst alles erfahren. Es gibt keinen unglücklicheren Menschen als mich. Aber hör zu, dies ist der Tag, an dem alle Einwohner zum Friedhof gehen, und ich muss dort sein, wenn auch nur der Form halber. Komm mit mir. Es ist ein angenehmer Nachmittag, und der Spaziergang wird dir gut tun, nach der langen Fahrt in diesem alten Karren. Die Lage des Friedhofs ist wunderschön, und ich bin mir sicher, der Spaziergang wird dir gefallen. Unterwegs werde ich dir den Vorfall erzählen, der mein Leben ruiniert hat, und du sollst selbst urteilen, ob mein Hass auf Frauen gerechtfertigt ist.“

Während wir gemeinsam die blumengesäumte Straße entlanggingen, erzählte mir mein Freund die folgende Geschichte:

Vor zwei Jahren, als ich stellvertretender Staatsanwalt in ---- war, erhielt ich von meinem Vorgesetzten die Erlaubnis, einen Monat in Sevilla zu verbringen. In dem Hotel, in dem ich logierte, wohnte eine schöne junge Frau, die für eine Witwe gehalten wurde, deren Herkunft sowie deren Gründe für ihren Aufenthalt in dieser Stadt jedoch für alle ein Rätsel waren. Ihre Einrichtung, ihr Wohlstand, ihr völliger Mangel an Freunden oder Bekannten und die Traurigkeit ihres Ausdrucks, gepaart mit ihrer unvergleichlichen Schönheit, gaben Anlass zu tausend Vermutungen.

Ihre Zimmer lagen direkt gegenüber den meinen, und ich traf sie häufig im Flur oder auf der Treppe, nur allzu froh über die Gelegenheit, sie grüßen zu können. Sie war jedoch unnahbar, und es war mir unmöglich, eine Vorstellung zu erwirken. Zwei Wochen später sollte das Schicksal mir die Gelegenheit bieten, ihr Apartment zu betreten. Ich war an jenem Abend im Theater gewesen, und als ich in mein Zimmer zurückkehrte, öffnete ich gedankenverloren die Tür ihres Apartments anstatt meiner eigenen. Die schöne Frau las im Licht der Lampe und schrak zusammen, als sie mich sah. Ich war von meinem Fehler so in Verlegenheit gebracht, dass ich einen Moment lang nur unverständliche Worte stammeln konnte. Meine Verwirrung war so offensichtlich, dass sie keinen Augenblick daran zweifeln konnte, dass ich mich geirrt hatte. Ich wandte mich der Tür zu, in der Absicht, sie so schnell wie möglich von meiner Anwesenheit zu befreien, als sie mit der exquisitesten Höflichkeit sagte: „Um Ihnen zu zeigen, dass ich nicht an Ihrem guten Glauben zweifle und keineswegs beleidigt bin, bitte ich Sie, mich noch einmal zu besuchen – diesmal absichtlich.“

Drei Tage vergingen, bis ich den Mut aufbrachte, ihrer Einladung Folge zu leisten. Ja, ich war wahnsinnig in sie verliebt; daran gewöhnt, meine eigenen Empfindungen zu analysieren, wusste ich, dass meine Leidenschaft nur im größten Glück oder im tiefsten Leid enden konnte. Doch nach Ablauf der drei Tage ging ich in ihr Apartment und verbrachte dort den Abend. Sie erzählte mir, ihr Name sei Blanca, sie sei in Madrid geboren und sie sei Witwe. Sie spielte und sang für mich und stellte mir tausend Fragen über mich selbst, meinen Beruf, meine Familie, und jedes Wort, das sie sagte, vermehrte meine Liebe zu ihr. Von jener Nacht an war meine Seele die Sklavin ihrer Seele; ja, und das wird sie für immer sein.

Ich besuchte sie am folgenden Abend wieder, und danach war ich jeden Nachmittag und Abend bei ihr. Wir liebten uns, doch kein Wort der Liebe war je zwischen uns gefallen.

Eines Abends sagte sie zu mir: „Ich habe einen Mann geheiratet, ohne ihn zu lieben. Kurz nach der Hochzeit habe ich ihn gehasst. Jetzt ist er tot. Nur Gott weiß, was ich gelitten habe. Jetzt verstehe ich, was Liebe bedeutet; sie ist entweder Himmel oder sie ist Hölle. Für mich war sie bis zum heutigen Tag die Hölle.“

Ich konnte in jener Nacht nicht schlafen. Ich lag wach und dachte über diese letzten Worte von Blanca nach. Irgendwie machte mir diese Frau Angst. Würde ich ihr Himmel und sie meine Hölle sein?

Mein Urlaub lief ab. Ich hätte eine Verlängerung beantragen können, unter dem Vorwand einer Krankheit, doch die Frage war, sollte ich es tun? Ich beriet mich mit Blanca.

„Warum fragst du mich?“, sagte sie und nahm meine Hand.

„Weil ich dich liebe. Tue ich Unrecht daran, dich zu lieben?“

„Nein“, sagte sie, wurde sehr blass, legte dann beide Arme um meinen Hals, und ihre wunderschönen Lippen berührten meine.

Nun, ich beantragte einen weiteren Monat, und dank dir, lieber Freund, wurde er gewährt. Niemals hätten sie ihn mir ohne deinen Einfluss gegeben.

Meine Beziehung zu Blanca war mehr als Liebe; es war Delirium, Wahnsinn, Fanatismus, nenne es, wie du willst. Jeden Tag wuchs meine Leidenschaft für sie, und das Morgen schien sich wie ein Ausblick auf neues Glück aufzutun. Und doch konnte ich nicht umhin, zuweilen eine geheimnisvolle, unbeschreibliche Furcht zu empfinden. Und ich wusste, dass sie dies ebenso empfand wie ich. Wir beide fürchteten, einander zu verlieren. Eines Tages sagte ich zu Blanca:

„Wir müssen heiraten, so schnell wie möglich.“

Sie warf mir einen seltsamen Blick zu. „Du möchtest mich heiraten?“

„Ja, Blanca“, sagte ich, „ich bin stolz auf dich. Ich möchte dich der ganzen Welt zeigen. Ich liebe dich und ich will dich, rein, edel und heilig, wie du bist.“

„Ich kann dich nicht heiraten“, antwortete diese unbegreifliche Frau. Sie wollte niemals einen Grund nennen.

Schließlich lief mein Urlaub ab, und ich sagte ihr, dass wir uns am nächsten Tag trennen müssten.

„Trennen? Das ist unmöglich!“, rief sie. „Ich liebe dich zu sehr dafür.“

„Aber du weißt, Blanca, dass ich dich anbete.“

„Dann gib deinen Beruf auf. Ich bin reich. Wir werden unser Leben gemeinsam verbringen“, sagte sie und legte ihre weiche Hand auf meinen Mund, um meine Antwort zu verhindern.

Ich küsste die Hand und antwortete dann, während ich sie sanft beiseite nahm: „Ich würde dieses Angebot von meiner Ehefrau annehmen, obgleich es für mich ein Opfer wäre, meine Karriere aufzugeben; doch ich werde es nicht von einer Frau annehmen, die sich weigert, mich zu heiraten.“

Blanca blieb mehrere Minuten lang nachdenklich; dann hob sie den Kopf, sah mich an und sagte sehr leise, aber mit einer Entschlossenheit, die nicht misszuverstehen war: „Ich werde deine Frau sein, und ich verlange nicht von dir, deinen Beruf aufzugeben. Geh zurück in dein Büro. Wie lange wirst du brauchen, um deine geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln und von der Regierung einen weiteren Urlaub zu erwirken, um nach Sevilla zurückzukehren?“

„Einen Monat.“

„Einen Monat? Nun, hier werde ich auf dich warten. Kehre innerhalb eines Monats zurück, und ich werde deine Frau sein. Heute ist der fünfzehnte April. Du wirst am fünfzehnten Mai hier sein?“

„Darauf kannst du dich verlassen.“

„Du schwörst es?“

„Ich schwöre es.“

„Du liebst mich?“

„Mehr als mein Leben.“

„Geh dann und kehre zurück. Lebe wohl.“

Ich reiste noch am selben Tag ab. In dem Moment, als ich zu Hause ankam, begann ich, mein Haus für meine Braut einzurichten. Wie du weißt, bat ich um weiteren Urlaub, und so schnell regelte ich meine Geschäfte, dass ich nach zwei Wochen bereit war, nach Sevilla zurückzukehren.

Ich muss dir sagen, dass ich in diesen vierzehn Tagen keinen einzigen Brief von Blanca erhielt, obwohl ich ihr sechs schrieb. Ich machte mich sofort auf den Weg nach Sevilla, kam am dreißigsten April in jener Stadt an und ging direkt zu dem Hotel, in dem wir uns zuerst getroffen hatten.

Ich erfuhr, dass Blanca zwei Tage nach meiner Abreise dort ausgezogen war, ohne jemandem ihr Reiseziel mitzuteilen.

Stell dir meine Empörung, meine Enttäuschung, mein Leiden vor. Sie ging fort, ohne mir auch nur eine Zeile zu hinterlassen, ohne mir zu sagen, wohin sie ging. Es kam mir nie in den Sinn, bis zum fünfzehnten Mai in Sevilla zu bleiben, um festzustellen, ob sie an jenem Datum zurückkehren würde. Drei Tage später nahm ich meine Arbeit bei Gericht wieder auf und versuchte, sie zu vergessen.

* * * * *

Wenige Augenblicke, nachdem mein Freund Zarco die Geschichte beendet hatte, erreichten wir den Friedhof.

Dies ist nur ein kleines Stück Land, bedeckt mit einem wahren Wald aus Kreuzen und umgeben von einer niedrigen Steinmauer. Wie es in Spanien oft geschieht, wenn die Friedhöfe sehr klein sind, ist es notwendig, einen Sarg auszugraben, um einen anderen hinabzulassen. Die so exhumierten Überreste werden auf einen Haufen in einer Ecke des Friedhofs geworfen, wo Schädel und Knochen wie ein Heuhaufen aufgeschichtet sind. Während wir vorbeigingen, betrachteten Zarco und ich die Schädel und fragten uns, wem sie wohl gehört haben mochten, ob Reichen oder Armen, Adligen oder einfachen Leuten.

Plötzlich bückte sich der Richter, hob einen Schädel auf und rief erstaunt aus:

„Sieh mal hier, mein Freund, was ist das? Das ist doch sicher ein Nagel!“

Ja, ein langer Nagel war in die Oberseite des Schädels geschlagen worden, den er in der Hand hielt. Der Nagel war in den Kopf getrieben worden, und die Spitze war durch das gedrungen, was einst der Gaumen gewesen war.

Was konnte das bedeuten? Er begann zu mutmaßen, und bald waren wir beide von Entsetzen erfüllt.

„Ich erkenne darin die Hand der Vorsehung!“, rief der Richter. „Offensichtlich wurde ein schreckliches Verbrechen begangen, das niemals ans Licht gekommen wäre, hätte es diesen Zufall nicht gegeben. Ich werde meine Pflicht tun und nicht ruhen, bis ich den Mörder ans Schafott gebracht habe.“

III

Mein Freund Zarco war einer der scharfsinnigsten Strafrichter Spaniens. Innerhalb weniger Tage entdeckte er, dass der Leichnam, zu dem dieser Schädel gehörte, in einem einfachen hölzernen Sarg beerdigt worden war, den der Totengräber mit nach Hause genommen hatte, um ihn als Brennholz zu verwenden. Glücklicherweise hatte der Mann ihn noch nicht verbrannt, und auf dem Deckel gelang es dem Richter, die Initialen „A.G.R.“ zusammen mit dem Sterbedatum zu entziffern. Er hatte umgehend die Kirchenbücher jeder Pfarrei in der Nachbarschaft durchsucht und eine Woche später den folgenden Eintrag gefunden:

„In der Pfarrkirche San Sebastian des Dorfes ---- wurde am 4. Mai 1843 die Beerdigung gemäß den Riten unserer heiligen Religion am Leichnam von Don Alfonzo Gutierrez Romeral vollzogen, und er wurde auf dem Friedhof beigesetzt. Er war ein Einheimischer dieses Dorfes und empfing weder das heilige Sakrament noch die Beichte, da er im Alter von einunddreißig Jahren plötzlich an einem Schlaganfall verstarb. Er war mit Doña Gabriela Zahara del Valle, einer Einheimischen aus Madrid, verheiratet und hinterließ keine leiblichen Erben.“

Der Richter überreichte mir die obige, vom Pfarrer ordnungsgemäß beglaubigte Bescheinigung und rief aus: „Nun ist alles klar wie der Tag, und ich bin mir sicher, dass der Mörder innerhalb einer Woche verhaftet wird. Der Schlaganfall ist in diesem Fall ein eiserner Nagel, der in den Kopf des Mannes geschlagen wurde und A.G.R. einen schnellen und plötzlichen Tod brachte. Ich habe den Nagel, und den Hammer werde ich bald finden.“

Den Aussagen der Nachbarn zufolge war Señor Romeral ein junger und reicher Grundbesitzer, der ursprünglich aus Madrid stammte, wo er eine schöne Frau geheiratet hatte; vier Monate vor dem Tod des Ehemanns war seine Frau nach Madrid gereist, um einige Monate bei ihrer Familie zu verbringen; die junge Frau kehrte ungefähr am letzten Apriltag nach Hause zurück, das heißt, etwa dreieinhalb Monate nachdem sie den Wohnsitz ihres Mannes verlassen hatte, um nach Madrid zu gehen; der Tod von Señor Romeral ereignete sich etwa eine Woche nach ihrer Rückkehr. Der Schock, den der plötzliche Tod ihres Mannes bei der Witwe auslöste, war so groß, dass sie krank wurde und ihren Freunden mitteilte, sie könne nicht länger an dem Ort leben, an dem alles sie an den Mann erinnerte, den sie verloren hatte, und kurz vor Mitte Mai war sie nach Madrid abgereist, zehn oder zwölf Tage nach dem Tod ihres Mannes.

Die Dienstboten des Verstorbenen hatten ausgesagt, dass das Ehepaar nicht harmonisch zusammenlebte und häufige Streitigkeiten hatte; dass die dreieinhalbmonatige Abwesenheit, die den letzten acht Tagen des Zusammenlebens vorausgegangen war, praktisch einer stillschweigenden Übereinkunft gleichkam, dass sie sich wegen mysteriöser Differenzen, die seit dem Tag ihrer Hochzeit bestanden, endgültig trennen würden; dass sich am Tag des Todes des Verstorbenen beide, Ehemann und Ehefrau, gemeinsam im Schlafzimmer des Ersteren aufhielten; dass um Mitternacht die Glocke heftig geläutet wurde und sie die Schreie der Ehefrau hörten; dass sie in das Zimmer eilten und an der Tür von der Ehefrau empfangen wurden, die sehr blass und äußerst verstört war, und sie rief: „Ein Schlaganfall! Lauf für einen Arzt! Mein armer Mann stirbt!“ Dass sie, als sie das Zimmer betraten, ihren Herrn auf einer Couch liegen fanden und er tot war. Der herbeigerufene Arzt bescheinigte, dass Señor Romeral an einem Gehirnschlag gestorben sei.

Drei medizinische Sachverständige sagten aus, dass ein Tod, der so herbeigeführt wurde wie dieser, nicht von einem Schlaganfall zu unterscheiden sei. Der Arzt, der gerufen worden war, hatte nicht daran gedacht, nach dem Kopf des Nagels zu suchen, der vom Haar des Opfers verborgen wurde, noch war er in irgendeiner Weise für dieses Versäumnis verantwortlich zu machen.

Der Richter erließ umgehend einen Haftbefehl gegen Doña Gabriela Zahara del Valle, die Witwe von Señor Romeral.

„Sagen Sie mir“, fragte ich den Richter eines Tages, „glauben Sie, dass Sie diese Frau jemals fassen werden?“

„Ich bin mir dessen sicher.“

„Warum?“

„Weil inmitten all dieser alltäglichen Kriminalfälle hin und wieder das auftritt, was man eine dramatische Schicksalsfügung nennen kann, die niemals versagt. Anders ausgedrückt: Wenn die Knochen aus dem Grab kommen, um auszusagen, bleibt für den Richter nur noch sehr wenig zu tun.“

Trotz der Hoffnungen meines Freundes wurde Gabriela nicht gefunden, und drei Monate später wurde sie nach den Gesetzen Spaniens in ihrer Abwesenheit vor Gericht gestellt, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt.

Ich kehrte nach Hause zurück, nicht ohne zu versprechen, im folgenden Jahr wieder bei Zarco zu sein.

IV

Diesen Winter verbrachte ich in Granada. Eines Abends war ich zu einem großen Ball geladen, der von einer prominenten spanischen Dame gegeben wurde. Als ich die Treppe des prächtigen Anwesens hinaufstieg, schreckte ich beim Anblick eines Gesichts auf, das selbst in dieser Menge südlicher Schönheiten leicht zu unterscheiden war. Sie war es, meine Unbekannte, die geheimnisvolle Frau aus der Postkutsche, tatsächlich die Nummer 1, von der ich zu Beginn dieser Erzählung sprach.

Ich bahnte mir einen Weg zu ihr und reichte ihr zur Begrüßung die Hand. Sie erkannte mich sofort.

„Señora“, sagte ich, „ich habe mein Versprechen gehalten, nicht nach Ihnen zu suchen. Ich wusste nicht, dass ich Sie hier treffen würde. Hätte ich es geahnt, hätte ich vom Kommen abgesehen, aus Angst, Sie zu belästigen. Nun, da ich hier bin, sagen Sie mir, ob ich Sie wiedererkennen und mit Ihnen sprechen darf.“

„Ich sehe, dass Sie nachtragend sind“, antwortete sie anmutig und legte ihre kleine Hand in meine. „Aber ich vergebe Ihnen. Wie geht es Ihnen?“

„In Wahrheit weiß ich das nicht. Meine Gesundheit – das heißt, die Gesundheit meiner Seele, denn Sie würden mich in einem Ballsaal nach nichts anderem fragen – hängt von der Gesundheit der Ihren ab. Ich meine damit, dass ich nur glücklich sein könnte, wenn Sie glücklich sind. Darf ich fragen, ob jene Wunde des Herzens, von der Sie mir erzählten, als ich Sie in der Postkutsche traf, verheilt ist?“

„Sie wissen ebenso gut wie ich, dass es Wunden gibt, die niemals heilen.“

Mit einer anmutigen Verbeugung wandte sie sich ab, um mit einem Bekannten zu sprechen, und ich fragte einen Freund von mir, der gerade vorbeiging: „Können Sie mir sagen, wer diese Frau ist?“

„Eine Südamerikanerin namens Mercedes de Meridanueva.“

Am folgenden Tag stattete ich der Dame einen Besuch ab, die zu jener Zeit im Hotel der Sieben Planeten wohnte. Die bezaubernde Mercedes empfing mich, als wäre ich ein enger Freund, und lud mich ein, mit ihr durch die wundervolle Alhambra zu spazieren und anschließend mit ihr zu speisen. Während der sechs Stunden, die wir zusammen waren, sprach sie von vielen Dingen, und da wir immer wieder auf das Thema enttäuschter Liebe zurückkamen, fühlte ich mich gedrängt, ihr das Erlebnis meines Freundes, Richter Zarco, zu erzählen.

Sie hörte mir sehr aufmerksam zu, und als ich schloss, lachte sie und sagte: „Lassen Sie dies eine Lehre für Sie sein, sich nicht in Frauen zu verlieben, die Sie nicht kennen.“

„Denken Sie keinen Augenblick“, antwortete ich, „dass ich mir diese Geschichte ausgedacht habe.“

„Oh, ich zweifle nicht an der Wahrheit davon. Vielleicht gibt es eine geheimnisvolle Frau im Hotel der Sieben Planeten in Granada, und vielleicht ähnelt sie nicht derjenigen, in die sich Ihr Freund in Sevilla verliebt hat. Was mich betrifft, so besteht keine Gefahr, dass ich mich in jemanden verliebe, denn ich spreche niemals dreimal mit demselben Mann.“

„Señora! Das kommt dem gleich, mir zu sagen, dass Sie sich weigern, mich wiederzusehen!“

„Nein, ich möchte Sie nur wissen lassen, dass ich Granada morgen verlasse, und es ist wahrscheinlich, dass wir uns niemals wiedersehen werden.“

„Niemals? Das haben Sie mir während unserer denkwürdigen Fahrt in der Postkutsche auch gesagt, und Sie sehen, dass Sie keine gute Prophetin sind.“

Ich bemerkte, dass sie sehr blass geworden war. Sie erhob sich jäh vom Tisch und sagte: „Nun, überlassen wir das dem Schicksal. Ich für meinen Teil wiederhole, dass ich Ihnen ein ewiges Lebewohl sage.“

Sie sagte diese letzten Worte sehr feierlich und wandte sich dann mit einer anmutigen Verbeugung ab und stieg die Treppe hinauf, die zum oberen Stockwerk des Hotels führte.

Ich gestehe, dass ich etwas verärgert über die geringschätzige Art war, mit der sie unsere Bekanntschaft beendet zu haben schien, doch dieses Gefühl verlor sich in dem Mitleid, das ich für sie empfand, als ich ihren Ausdruck von Leid bemerkte.

Wir hatten uns zum letzten Mal getroffen. Wollte Gott, dass es zum letzten Mal gewesen wäre! Der Mensch denkt, Gott lenkt.

V

Einige Tage später führten mich geschäftliche Angelegenheiten in die Stadt, in der mein Freund, Richter Zarco, wohnte. Ich fand ihn so einsam und traurig wie zur Zeit meines letzten Besuchs. Er hatte nichts über Blanca herausfinden können, aber er konnte sie keinen Augenblick vergessen. Zweifellos war diese Frau sein Schicksal; sein Himmel oder seine Hölle, wie der unglückliche Mann zu sagen pflegte.

Wir sollten bald erfahren, dass sein richterlicher Aberglaube vollkommen gerechtfertigt war.

Am Abend des Tages meiner Ankunft saßen wir in seinem Büro und lasen die letzten Berichte der Polizei, die vergeblich versucht hatte, Gabriela aufzuspüren, als ein Beamter eintrat und dem Richter einen Zettel reichte, auf dem stand:

„Im Hotel zum Löwen befindet sich eine Dame, die mit Richter Zarco sprechen möchte.“

„Wer hat das gebracht?“, fragte der Richter.

„Ein Dienstbote.“

„Wer hat ihn geschickt?“

„Er nannte keinen Namen.“

Der Richter betrachtete nachdenklich einige Augenblicke den Rauch seiner Zigarre und sagte dann: „Eine Frau! Um mich zu sehen? Ich weiß nicht warum, aber das beängstigt mich. Was denkst du darüber, Philip?“

„Dass es deine Pflicht als Richter ist, dem Ruf zu folgen, natürlich. Vielleicht kann sie dir einige Informationen bezüglich Gabriela geben.“

„Du hast recht“, antwortete Zarco und erhob sich. Er steckte einen Revolver in seine Tasche, warf seinen Umhang über die Schultern und ging hinaus.

Zwei Stunden später kehrte er zurück.

Ich sah sofort an seinem Gesicht, dass ihm ein großes Glück widerfahren sein musste. Er legte seine Arme um mich und umarmte mich heftig, wobei er ausrief: „Oh, lieber Freund, wenn du nur wüsstest, wenn du nur wüsstest!“

„Aber ich weiß gar nichts“, antwortete ich. „Was um Himmels willen ist mit dir passiert?“

„Ich bin einfach der glücklichste Mann der Welt!“

„Aber was ist es?“

„Der Zettel, der mich ins Hotel rief, war von ihr.“

„Aber von wem? Von Gabriela Zahara?“

„Oh, hör auf mit solchem Unsinn! Wer denkt jetzt an solche Dinge? Sie war es, sage ich dir, die andere!“

„Im Namen des Himmels, sei ruhig und sag mir, von wem du redest.“

„Wer könnte es anders sein als Blanca, meine Liebe, mein Leben?“

„Blanca?“, antwortete ich erstaunt. „Aber die Frau hat dich betrogen.“

„Oh, nein; das war alles ein törichter Fehler meinerseits.“

„Erklär dich.“

„Hör zu: Blanca vergöttert mich!“

„Oh, du glaubst, das tut sie? Nun, fahr fort.“

„Als Blanca und ich uns am fünfzehnten April trennten, war abgemacht, dass wir uns am fünfzehnten Mai wiedersehen würden. Kurz nachdem ich gegangen war, erhielt sie einen Brief, der sie wegen dringender Familienangelegenheiten nach Madrid rief, und sie erwartete mich nicht vor dem fünfzehnten Mai zurück, also blieb sie bis zum Ersten in Madrid. Aber wie du weißt, konnte ich in meiner Ungeduld nicht warten und kehrte fünfzehn Tage früher zurück, als ich abgemacht hatte, und da ich sie nicht im Hotel fand, kam ich zu dem voreiligen Schluss, dass sie mich betrogen hatte, und ich wartete nicht. Ich habe zwei Jahre der Qual und des Leidens durchlebt, alles aufgrund meiner eigenen Dummheit.“

„Aber sie hätte dir einen Brief schreiben können.“

„Sie sagte, sie hätte die Adresse vergessen.“

„Ah, mein armer Freund“, rief ich aus, „ich sehe, dass du versuchst, dich selbst zu überzeugen. Nun, umso besser. Wann findet also die Hochzeit statt? Ich nehme an, dass nach einer so langen und dunklen Nacht die Sonne der Ehe strahlend aufgehen wird.“

„Lach nicht“, rief Zarco; „du sollst mein Trauzeuge sein.“

„Mit großem Vergnügen.“

* * * * *

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Wir saßen noch in der Bibliothek und unterhielten uns, als es an die Tür klopfte. Es war gegen zwei Uhr morgens. Der Richter und ich schreckten beide auf, aber wir hätten nicht sagen können warum. Der Dienstbote öffnete die Tür, und einen Augenblick später stürmte ein Mann derart außer Atem vor schwerem Lauf in die Bibliothek, dass er kaum sprechen konnte.

„Gute Nachrichten, Herr Richter, großartige Nachrichten!“, sagte er, als er wieder zu Atem kam. „Wir haben gewonnen!“

Der Mann war der Staatsanwalt.

„Erklären Sie sich, mein lieber Freund“, sagte der Richter und deutete auf einen Stuhl. „Welch bemerkenswertes Ereignis könnte Sie in solcher Eile und um diese Stunde des Morgens hierher geführt haben?“

„Wir haben Gabriela Zahara verhaftet.“

„Verhaftet?“, rief der Richter erfreut aus.

„Ja, mein Herr, wir haben sie. Einer unserer Detektive hat sie einen Monat lang verfolgt. Er hat sie gefasst, und sie ist jetzt in einer Zelle des Gefängnisses eingeschlossen.“

„Dann gehen wir sofort dorthin!“, rief der Richter. „Wir werden sie heute Nacht vernehmen. Tun Sie mir den Gefallen, meinen Sekretär zu benachrichtigen. Aufgrund der Schwere des Falls müssen Sie selbst anwesend sein. Benachrichtigen Sie auch die Wache, die den Kopf von Señor Romeral verwahrt. Ich war von Anfang an der Meinung, dass diese verbrecherische Frau es nicht wagen würde, den grausamen Mord zu leugnen, wenn sie mit dem Beweis ihres Verbrechens konfrontiert würde. Was Sie betrifft“, sagte der Richter und wandte sich an mich, „ernenne ich Sie zum Hilfssekretär, damit Sie anwesend sein können, ohne das Gesetz zu verletzen.“

Ich antwortete nicht. Ein schrecklicher Verdacht war in mir gewachsen, ein Verdacht, der wie ein höllisches Tier mit stählernen Krallen an meinem Herzen riss. Konnten Gabriela und Blanca ein und dieselbe Person sein? Ich wandte mich an den stellvertretenden Staatsanwalt.

„Übrigens“, fragte ich, „wo war Gabriela, als sie verhaftet wurde?“

„Im Hotel zum Löwen.“

Mein Leiden war schrecklich, aber ich konnte nichts sagen, nichts tun, ohne den Richter zu kompromittieren; außerdem war ich mir nicht sicher. Selbst wenn ich mir sicher wäre, dass Gabriela und Blanca dieselbe Person seien, was könnte mein unglücklicher Freund tun? Eine plötzliche Krankheit vortäuschen? Das Land verlassen? Mein einziger Weg war, zu schweigen und Gott auf seine eigene Weise wirken zu lassen. Die Befehle des Richters waren bereits dem Polizeichef und dem Gefängnisdirektor mitgeteilt worden. Selbst um diese Stunde hatte sich die Nachricht in der Stadt verbreitet, und Schaulustige versammelten sich, um die reiche und schöne Frau zu sehen, die das Schafott besteigen würde. Ich klammerte mich immer noch an die schwache Hoffnung, dass Gabriela und Blanca nicht dieselbe Person seien. Aber als ich auf das Gefängnis zuging, schwankte ich wie ein Betrunkener und musste mich auf die Schulter eines der Beamten stützen, der mich besorgt fragte, ob ich krank sei.

VI

Wir kamen um vier Uhr morgens am Gefängnis an. Der große Empfangsraum war hell erleuchtet. Die Wache, die eine schwarze Kiste hielt, in der sich der Schädel von Señor Romeral befand, erwartete uns.

Der Richter nahm seinen Platz am Kopfende des langen Tisches ein; der Staatsanwalt saß zu seiner Rechten, und der Polizeichef stand mit verschränkten Armen daneben. Ich und der Sekretär saßen links vom Richter. Eine Reihe von Polizeibeamten und Detektiven stand in der Nähe der Tür.

Der Richter drückte seine Glocke und sagte zum Gefängnisdirektor:

„Führen Sie Doña Gabriela Zahara herein!“

Ich fühlte mich, als würde ich sterben, und anstatt zur Tür zu blicken, schaute ich den Richter an, um zu sehen, ob ich in seinem Gesicht die Lösung dieses schrecklichen Problems lesen konnte.

Ich sah, wie er leichenblass wurde und sich mit beiden Händen an die Kehle griff, als wolle er einen Schrei der Agonie ersticken, und dann wandte er sich mit einem Blick unendlicher Bitte an mich.

„Ganz ruhig!“, flüsterte ich und legte meinen Finger auf meine Lippen, und dann fügte ich hinzu: „Ich wusste es.“

Der unglückliche Mann erhob sich von seinem Stuhl.

„Herr Richter!“, rief ich aus, und mit diesem einen Wort vermittelte ich ihm das volle Verständnis seiner Pflicht und der Gefahren, die ihn umgaben. Er beherrschte sich und setzte sich wieder, aber wäre da nicht das Licht in seinen Augen gewesen, hätte man ihn für einen Toten halten können. Ja, der Mann war tot; nur der Richter lebte.

Als ich mich dessen vergewissert hatte, wandte ich mich um und blickte auf die Angeklagte. Mein Gott! Gabriela Zahara war nicht nur Blanca, die Frau, die mein Freund so tief liebte, sondern sie war auch die Frau, die ich in der Postkutsche und später in Granada getroffen hatte, die schöne Südamerikanerin, Mercedes!

All diese fantastischen Frauen waren nun zu einer verschmolzen, der wahren, die vor uns stand, beschuldigt des Mordes an ihrem Ehemann und verurteilt zum Tod.

Es gab immer noch eine Chance, ihre Unschuld zu beweisen. Könnte sie es tun? Dies war meine eine höchste Hoffnung, wie sie es für meinen armen Freund war.

Gabriela (nennen wir sie jetzt bei ihrem wirklichen Namen) war totenblass, aber scheinbar ruhig. Vertraute sie auf ihre Unschuld oder auf die Schwäche des Richters? Unsere Zweifel wurden bald ausgeräumt. Bis zu jenem Moment hatte die Angeklagte niemanden außer dem Richter angesehen. Ich wusste nicht, ob sie ihn ermutigen oder bedrohen wollte oder ihm sagen wollte, dass seine Blanca keine Mörderin sein könne. Doch als sie die Unnahbarkeit des Magistrats bemerkte und dass sein Gesicht so ausdruckslos war wie das eines Leichnams, wandte sie sich an die anderen, als suche sie bei ihnen Hilfe. Dann fielen ihre Augen auf mich, und sie errötete leicht.

Der Richter schien nun aus seiner Erstarrung zu erwachen und fragte mit rauer Stimme:

„Wie ist Ihr Name?“

„Gabriela Zahara, Witwe von Romeral“, antwortete die Angeklagte mit sanfter Stimme.

Zarco zitterte. Er hatte gerade erfahren, dass seine Blanca niemals existiert hatte; sie selbst hatte es ihm gesagt – sie, die erst drei Stunden zuvor eingewilligt hatte, seine Frau zu werden!

Glücklicherweise sah niemand den Richter an, alle Augen waren auf Gabriela gerichtet, deren wunderbare Schönheit und ruhiges Auftreten bei allen eine fast unwiderstehliche Überzeugung von ihrer Unschuld hinterließen.

Der Richter fing sich wieder, und dann, wie ein Mann, der beim Wurf eines Würfels mehr als sein Leben aufs Spiel setzt, befahl er der Wache, die schwarze Kiste zu öffnen.

„Madame!“, sagte der Richter streng, während seine Augen Funken zu sprühen schienen, „treten Sie vor und sagen Sie mir, ob Sie diesen Kopf wiedererkennen?“

Auf ein Signal des Richters öffnete die Wache die schwarze Kiste und hob den Schädel heraus.

Ein Schrei tödlicher Agonie hallte durch den Raum; man konnte nicht sagen, ob er vor Angst oder vor Wahnsinn war. Die Frau wich zurück, ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, und sie schrie: „Alfonzo, Alfonzo!“

Dann schien sie in eine Erstarrung zu verfallen. Alle wandten sich dem Richter zu und murmelten: „Sie ist zweifellos schuldig.“

„Erkennen Sie den Nagel wieder, der Ihren Ehemann um das Leben brachte?“, sagte der Richter, erhob sich von seinem Stuhl und sah aus wie ein Leichnam, der aus dem Grab aufersteht.

„Ja, Herr“, antwortete Gabriela mechanisch.

„Das heißt, Sie geben zu, dass Sie Ihren Mann ermordet haben?“, fragte der Richter mit einer Stimme, die vor seinem großen Leid bebte.

„Herr“, antwortete die Angeklagte, „ich möchte nicht mehr leben, aber bevor ich sterbe, möchte ich eine Aussage machen.“

Der Richter sank in seinen Stuhl zurück und fragte mich dann mit einem Blick: „Was wird sie sagen?“

Ich selbst war fast betäubt vor Angst.

Gabriela stand vor ihnen, ihre Hände gefaltet und ein entrückter Ausdruck in ihren großen, dunklen Augen.

„Ich werde gestehen“, sagte sie, „und mein Geständnis wird meine Verteidigung sein, obwohl es nicht ausreichen wird, mich vor dem Schafott zu retten. Hört mich an, ihr alle! Warum das leugnen, was offensichtlich ist? Ich war allein mit meinem Ehemann, als er starb. Die Dienstboten und der Arzt haben dies bezeugt. Folglich konnte nur ich ihn getötet haben. Ja, ich habe das Verbrechen begangen, aber ein anderer Mann hat mich gezwungen, es zu tun.“

Der Richter zitterte, als er diese Worte hörte, aber seine Gefühle beherrschend, fragte er mutig:

„Der Name dieses Mannes, Madame? Nennen Sie uns sofort den Namen des Schurken!“

Gabriela sah den Richter mit einem Ausdruck unendlicher Liebe an, wie eine Mutter das Kind ansehen würde, das sie verehrte, und antwortete: „Mit einem einzigen Wort könnte ich diesen Mann mit mir in die Tiefe reißen. Aber das werde ich nicht tun. Niemand soll jemals seinen Namen erfahren, denn er hat mich geliebt und ich liebe ihn. Ja, ich liebe ihn, obwohl ich weiß, dass er nichts tun wird, um mich zu retten!“

Der Richter erhob sich halb von seinem Stuhl und streckte flehend die Hände aus, aber sie sah ihn an, als wollte sie sagen: „Seien Sie vorsichtig! Sie werden sich verraten, und es wird zu nichts führen.“

Er sank in seinen Stuhl zurück, und Gabriela setzte ihre Geschichte mit leiser, fester Stimme fort:

„Ich war gezwungen, einen Mann zu heiraten, den ich hasste. Ich hasste ihn nach der Heirat noch mehr als zuvor. Ich lebte drei Jahre im Martyrium. Eines Tages trat ein Mann in mein Leben, den ich liebte. Er verlangte, dass ich ihn heiratete, er bat mich, mit ihm in einen Himmel des Glücks und der Liebe zu fliehen. Er war ein Mann von außergewöhnlichem Charakter, hoch und edel, dessen einziger Fehler war, dass er mich zu sehr liebte. Hätte ich ihm gesagt: ‚Ich habe dich getäuscht, ich bin keine Witwe; mein Mann lebt‘, hätte er mich sofort verlassen. Ich erfand tausend Ausreden, aber er antwortete immer: ‚Sei meine Frau!‘ Was konnte ich tun? Ich war an einen Mann von bösartigstem Charakter und übelsten Gewohnheiten gebunden, den ich verabscheute. Nun, ich habe diesen Mann getötet, im Glauben, einen Akt der Gerechtigkeit zu begehen, und Gott hat mich bestraft, denn mein Geliebter hat mich verlassen. Und jetzt bin ich des Lebens sehr, sehr müde, und alles, worum ich Sie bitte, ist, dass der Tod so schnell wie möglich eintreten möge.“

Gabriela hörte auf zu sprechen. Der Richter hatte sein Gesicht in den Händen vergraben, als würde er nachdenken, aber ich konnte sehen, dass er wie ein Epileptiker zitterte.

„Euer Ehren“, wiederholte Gabriela, „gewähren Sie meine Bitte, dass ich bald sterben darf.“

Der Richter gab den Wachen ein Zeichen, die Gefangene abzuführen.

Bevor sie ihnen folgte, warf sie mir einen schrecklichen Blick zu, in dem mehr Stolz als Reue lag.

* * * * *

Ich möchte nicht auf Einzelheiten des Zustands des Richters am folgenden Tag eingehen. In dem großen emotionalen Kampf, der stattfand, besiegte der Beamte den Menschen, und er bestätigte das Todesurteil.

Am folgenden Tag wurden die Papiere an das Berufungsgericht geschickt, und dann kam Zarco zu mir und sagte: „Warten Sie hier, bis ich zurückkehre. Kümmern Sie sich um diese unglückliche Frau, aber besuchen Sie sie nicht, denn Ihre Anwesenheit würde sie demütigen, anstatt sie zu trösten. Fragen Sie mich nicht, wohin ich gehe, und glauben Sie nicht, dass ich die törichte Tat begehen werde, mir das Leben zu nehmen. Leben Sie wohl, und verzeihen Sie mir alle Sorgen, die ich Ihnen bereitet habe.“

Zwanzig Tage später bestätigte das Berufungsgericht das Urteil, und Gabriela Zahara wurde in die Todeszelle verlegt.

* * * * *

Der Morgen des für die Hinrichtung festgesetzten Tages kam, und immer noch war der Richter nicht zurückgekehrt. Das Schafott war in der Mitte des Platzes errichtet worden, und eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt. Ich stand an der Tür des Gefängnisses, denn obwohl ich dem Wunsch meines Freundes gehorcht hatte, Gabriela nicht in ihrem Gefängnis aufzusuchen, hielt ich es für meine Pflicht, ihn in diesem höchsten Moment zu vertreten und die Frau, die er geliebt hatte, bis zum Fuß des Schafotts zu begleiten.

Als sie erschien, umringt von ihren Wachen, erkannte ich sie kaum wieder. Sie war sehr dünn geworden und schien kaum noch die Kraft zu haben, das kleine Kruzifix, das sie in der Hand hielt, an ihre Lippen zu heben.

„Ich bin hier, Señora. Kann ich Ihnen zu Diensten sein?“, fragte ich sie, als sie an mir vorbeiging.

Sie hob ihre tief liegenden Augen zu meinen, und als sie mich erkannte, rief sie aus:

„Oh, danke, danke! Das ist ein großer Trost für mich in meiner letzten Lebensstunde. Vater“, fügte sie hinzu und wandte sich an den Priester, der neben ihr stand, „darf ich einige Worte an diesen großzügigen Freund richten?“

„Ja, meine Tochter“, antwortete der ehrwürdige Geistliche.

Dann fragte mich Gabriela: „Wo ist er?“

„Er ist abwesend...“

„Möge Gott ihn segnen und glücklich machen! Wenn Sie ihn sehen, bitten Sie ihn, mir zu vergeben, so wie ich glaube, dass Gott mir bereits vergeben hat. Sagen Sie ihm, dass ich ihn noch immer liebe, obwohl diese Liebe die Ursache meines Todes ist.“

Wir waren am Fuß der Schafott-Treppe angelangt, wo ich gezwungen war, sie zu verlassen. Eine Träne, vielleicht die letzte, die in diesem leidenden Herzen war, rollte ihre Wange hinunter. Noch einmal sagte sie: „Sagen Sie ihm, dass ich ihn segnend gestorben bin.“

Plötzlich ertönte ein Grollen wie von Donner. Die Menschenmasse schwankte, schrie, tanzte, lachte wie Wahnsinnige, und über all diesem Tumult hallte ein Wort klar hervor:

„Begnadigt! Begnadigt!“

Am Eingang des Platzes erschien ein Mann zu Pferd, der wild auf das Schafott zugaloppierte. In seiner Hand schwang er ein weißes Taschentuch, und seine Stimme hallte hoch über dem Lärm der Menge: „Begnadigt! Begnadigt!“

Es war der Richter. Er zügelte sein schäumendes Pferd am Fuß des Schafotts und reichte dem Polizeichef ein Dokument.

Gabriela, die bereits einige Stufen hinaufgestiegen war, drehte sich um und schenkte dem Richter einen Blick unendlicher Liebe und Dankbarkeit.

„Gott segne Sie!“, rief sie aus und fiel dann besinnungslos zu Boden.

Sobald die Unterschriften und Siegel auf dem Dokument von den Behörden überprüft worden waren, eilten der Priester und der Richter zur Angeklagten, um die Stricke zu lösen, die ihre Hände und Arme banden, und um sie wiederzubeleben.

Alle ihre Bemühungen waren jedoch nutzlos. Gabriela Zahara war tot.

LUIGI CAPUANA

Die Aussage

„Ich weiß absolut nichts darüber, Euer Ehren!“

„Absolut nichts? Wie kann das sein? Es geschah alles keine fünfzig Meter von Ihrem Laden entfernt.“

„‚Absolut nichts‘, sagte ich, ... so beiläufig; aber eigentlich, so gut wie nichts. Ich bin Barbier, Euer Ehren, und Gott sei Dank! Ich habe genug Kundschaft, um von morgens bis abends beschäftigt zu sein. Wir sind zu dritt im Laden, und bei all dem Rasieren, Frisieren und Haareschneiden hat keiner von uns die Zeit, innezuhalten und sich am Kopf zu kratzen, ich am wenigsten. Viele meiner Kunden sind so freundlich, meine Dienste denen meiner zwei jungen Gehilfen vorzuziehen; vielleicht weil ich sie mit meinen kleinen Späßen amüsiere. Und bei all dem Einseifen und Rasieren von diesem und jenem Gesicht und dem Haareschneiden bei so vielen Köpfen – wie erwartet Euer Ehren von mir, dass ich auf die Angelegenheiten anderer Leute achte? Und an dem Morgen, als ich davon in der Zeitung las, nun, da stand ich da mit offenem Mund und sagte: ‚Nun, so musste es ja enden!‘“

„Warum sagten Sie: ‚So musste es ja enden‘?“

„Warum – weil es so geendet hatte! Sehen Sie – im selben Moment rief ich mir das hässliche Gesicht des Ehemanns ins Gedächtnis. Jedes Mal, wenn ich ihn die Straße auf oder ab gehen sah – eine dieser Eindrücke, für die niemand eine Erklärung hat – dachte ich bei mir: ‚Dieser Kerl hat das Gesicht eines Sträflings!‘ Aber natürlich beweist das nichts. Es gibt viele, die das Pech haben, hässlicher als die Sünde zu sein, aber trotzdem sehr anständige Leute sind. Aber in diesem Fall dachte ich nicht, dass ich mich irrte.“

„Aber Sie waren Freunde. Er kam sehr oft und setzte sich an den Eingang Ihres Barbiersalons.“

„Sehr oft? Nur ab und zu, Euer Ehren! ‚Mit Verlaub, Nachbar‘, pflegte er zu sagen. Er nannte mich immer ‚Nachbar‘; das war sein Name für jeden. Und ich sagte: ‚Nun, natürlich.‘ Der Stuhl stand da, leer. Euer Ehren versteht, dass ich kaum so unhöflich sein konnte, zu ihm zu sagen: ‚Nein, Sie können sich nicht hinsetzen.‘ Ein Barbiersalon ist ein öffentlicher Ort, wie ein Café oder eine Kneipe. Jedenfalls kann man sich hinsetzen, ohne dafür zu bezahlen, und man muss sich auch nicht rasieren oder die Haare schneiden lassen! ‚Mit Verlaub, Nachbar‘, und da saß er dann, schweigend, rauchend und finster dreinblickend, mit halb geschlossenen Augen. Er lungerte dort eine halbe Stunde, eine Stunde, manchmal länger herum. Er hat mich genervt, das leugne ich nicht, von Anfang an. Es gab viel Gerede.“

„Welche Art von Gerede?“

„Viel Gerede. Euer Ehren weiß besser als ich, wie böswillig die Leute sind. Ich mache es mir zur Regel, kein Wort von dem zu glauben, was mir über jemanden erzählt wird, ob gut oder schlecht; das ist der Weg, Ärger zu vermeiden.“

„Kommen Sie, kommen Sie, welche Art von Gerede? Bleiben Sie beim Punkt.“

„Welche Art von Gerede? Nun, den einen Tag sagten sie dies, den anderen Tag sagten sie jenes, und indem sie lange genug darauf herumhackten, brachten sie sich dazu, zu glauben, dass die Ehefrau – Nun, Euer Ehren weiß, dass eine hübsche Frau eine Strafe Gottes ist. Und schließlich gibt es Dinge, die man nicht übersehen kann, es sei denn, man will sie nicht sehen!“

„Dann war er es, der Ehemann –“

„Ich weiß absolut nichts darüber, Euer Ehren, absolut nichts! Aber es ist wahr, dass ich jedes Mal, wenn er kam und sich an meine Tür oder in den Laden setzte, bei mir dachte: ‚Wenn dieser Mann nicht sehen kann, muss er bestimmt blind sein! Und wenn er nicht sehen will, muss er bestimmt – Euer Ehren weiß, was ich meine. Da gab es sicherlich kein Entkommen – aus diesem – Vielleicht kann Euer Ehren mir mit dem richtigen Wort aushelfen?“

„Dilemma?“

„Dilemma, ja, Euer Ehren. Und Biasi, der Notar, der zu mir kommt, um sich rasieren zu lassen, benutzt ein anderes Wort, das genau auf den Fall passt, wenn Euer Ehren mir verzeiht.“

„Dann war Ihrer Meinung nach dieser Don Nicasio –“

„Oh, ich werde meinen Finger nicht in den Brei stecken! Lassen Sie ihn für sich selbst antworten. Jeder hat sein eigenes Gewissen; und Jesus Christus hat gesagt: ‚Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.‘ Nun, eines Morgens – oder war es am Abend? Ich weiß es nicht mehr genau – ja, jetzt fällt es mir wieder ein, dass es am Morgen war – sah ich ihn vorbeigehen, finster und mit gesenktem Kopf; ich stand in meiner Tür und schärfte ein Rasiermesser. Aus Neugier warf ich ihm ein Wort zu und nickte ihm zu, und fügte eine Geste hinzu, die so gut wie eine Frage war. Er kam auf mich zu, sah mir direkt ins Gesicht und antwortete: ‚Habe ich dir nicht gesagt, dass ich früher oder später etwas Verrücktes tun werde? Und das werde ich, Nachbar, ja, das werde ich! Sie zerren mich an den Haaren!‘ ‚Lass sie mich abschneiden, dann!‘ antwortete ich scherzhaft, damit er sich vergaß.“

„Also hatte er es Ihnen vorher schon gesagt, nicht wahr? Wie kam es dazu, dass er es Ihnen vorher sagte?“

„Oh, Euer Ehren weiß, wie einem in bestimmten Momenten Worte herausrutschen. Wer achtet schon darauf? Ich für meinen Teil habe zu viele andere Dinge im Kopf –“

„Kommen Sie, kommen Sie – worüber hatte er gesprochen, als er es Ihnen vorher gesagt hatte?“

„Großer Gott, geben Sie mir Zeit zum Nachdenken, Euer Ehren! Worüber hatte er gesprochen? Nun, über seine Frau natürlich. Wer weiß? Irgendjemand muss ihm einen Floh ins Ohr gesetzt haben. Es braucht nur ein halbes Wort, um den Seelenfrieden eines armen Teufels zu ruinieren. Und so lässt ein Mann solche Worte über die Lippen kommen wie: ‚Früher oder später werde ich etwas Verrücktes tun!‘ Das ist alles. Ich weiß nichts anderes darüber, Euer Ehren!“

„Und die einzige Antwort, die Sie ihm gaben, war ein Scherz?“

„Ich konnte doch nicht zu ihm sagen: ‚Mach schon und tu es‘, oder? So wie es war, ging er weg und schüttelte den Kopf. Und welche Idee er danach weiter ausbrütete, wer weiß? Man kann niemandem in den Kopf schauen. Aber manchmal, wenn ich ihn hörte, wie er sich Luft machte –“

„Dann hat er sich bei Ihnen Luft gemacht?“

„Nun ja, bei mir, und vielleicht auch bei anderen. Wissen Sie, man erträgt Dinge und erträgt Dinge und erträgt Dinge; und schließlich, anstatt daran zu platzen, macht man sich beim erstbesten Menschen Luft, der vorbeikommt.“

„Aber Sie waren nicht der erstbeste Mensch. Sie haben bei ihm zu Hause vorbeigeschaut –“

„Nur als Barbier, Euer Ehren! Nur wenn Don Nicasio mich rufen ließ. Und sehr oft kam ich zu spät, obwohl ich mein Bestes gab.“

„Und sehr wahrscheinlich sind Sie manchmal dorthin gegangen, wenn Sie wussten, dass er nicht zu Hause war?“

„Mit Absicht, Euer Ehren? Nein, niemals!“

„Und als Sie seine Frau allein antrafen, erlaubten Sie sich –“

„Verleumdungen, Euer Ehren! Wer wagt es, so etwas zu sagen? Sagt sie das? Es mag sein, dass mir ein- oder zweimal ein paar Worte scherzhaft entschlüpft sind. Sie wissen ja, wie es ist – wenn ich einer hübschen Frau gegenüberstand – Sie wissen, wie es ist – nur um nicht wie ein Narr dazustehen!“

„Aber es war weit entfernt von einem Scherz! Sie haben schließlich damit geendet, sie zu bedrohen!“

„Welche Verleumdungen! Sie bedrohen? Wozu? Eine Frau ihres Schlages muss man nicht bedrohen! Ich hätte mich niemals so tief herabgelassen! Ich bin kein Schuljunge!“

„Leidenschaft führt Männer zu allen möglichen Torheiten.“

„Diese Frau ist zu allem fähig! Sie würde unserem Herrn selbst ins Gesicht verleumden! Leidenschaft? Ich? In meinem Alter? Ich bin weit in den Vierzigern, Euer Ehren, und habe dazu noch viele graue Haare. Viele Torheiten habe ich in meiner Jugend begangen, wie jeder andere auch. Aber jetzt – Außerdem, bei einer Frau wie der! Ich war kein Blinder, auch wenn Don Nicasio es war. Ich wusste, dass dieser junge Kerl – armer Narr, er hat teuer für sie bezahlt – ich wusste, dass er ihr den Kopf verdreht hatte. So sind manche Frauen – sie gehen ihren eigenen Weg, sie sind erst mit dem einen zusammen und dann mit dem anderen, und am Ende werden sie die Sklavin irgendeines Schurken, der sie bestiehlt und misshandelt! Er schlug sie, Euer Ehren, viele, viele Male, Euer Ehren! Und ich, um des armen Ehemannes willen, den ich bemitleidete – ja, deshalb sagt sie, dass ich sie bedroht habe. Sie sagt das, weil ich töricht genug war, ihr ins Gewissen zu reden, an dem Tag, als Don Nicasio zu mir sagte: ‚Ich werde etwas Verrücktes tun!‘ Sie wusste, was ich meinte, zumindest tat sie so.“

„Nein; das war es, was Sie sagten –“

„Ja, Euer Ehren, jetzt erinnere ich mich genau an das, was ich sagte. ‚Ich werde dir den Spaß verderben‘, sagte ich zu ihr, ‚selbst wenn es mich auf die Galeeren bringt!‘, aber ich sprach im Namen des Ehemannes. In der Hitze des Gefechts schlüpft man in eine Rolle –“

„Der Ehemann wusste nichts von alledem.“

„Sollte ich vor ihm damit prahlen, was ich getan hatte? Ein Freund leistet seine Dienste entweder oder er tut es nicht. So verstehe ich das.“

„Warum waren Sie so besorgt darüber?“

„Das hätte ich nicht sein sollen, Euer Ehren. Ich habe ein zu weiches Herz.“

„Ihre Drohungen wurden lästig. Und nicht nur Drohungen, sondern Versprechen um Versprechen! Und dazu noch Geschenke, ein Ring und ein Paar Ohrringe –“

„Das ist wahr. Ich werde es nicht leugnen. Ich fand sie in meiner Tasche, ganz zufällig. Sie gehörten meiner Frau. Es war eine Extravaganz, aber ich tat es, um den armen Don Nicasio davon abzuhalten, etwas Verrücktes zu tun. Wenn ich nur mein Ziel erreichen könnte, sagte ich mir, wenn ich nur diesen jungen Kerl aus dem Weg räumen könnte, dann wäre noch genug Zeit, um zu Don Nicasio zu sagen: ‚Mein Freund, gib mir meinen Ring und meine Ohrringe zurück!‘ Er hätte es sich nicht zweimal sagen lassen müssen. Er ist ein ehrenwerter Mann, Don Nicasio!“

„Aber als sie Ihnen antwortete: ‚Behalten Sie sie selbst, ich will sie nicht!‘, begannen Sie sie fast unter Tränen anzuflehen –“

„Ah, Euer Ehren! Da Sie es wissen müssen – ich weiß nicht, wie es mir gelang, mich zu beherrschen – ich hatte mich so vollständig in die Lage des Ehemannes versetzt! Ich hätte sie mit meinen eigenen Händen erwürgen können! Ich hätte genau dieselbe verrückte Tat begehen können, an die Don Nicasio dachte!“

„Dennoch waren Sie sehr umsichtig, das ist offensichtlich. Sie sagten sich: ‚Wenn nicht für mich, dann auch nicht für ihn!‘ Ich meine den Liebhaber, nicht Don Nicasio. Und Sie begannen, auf den Ehemann einzuwirken, der die Dinge bis dahin hatte laufen lassen, entweder weil er es nicht glaubte oder weil er es vorzog, das kleinere Übel zu ertragen –“

„Es kann sein, dass mir ein zufälliges Wort entschlüpft ist. Es gibt Zeiten, in denen ein Ehrenmann den Kopf verliert – aber darüber hinaus nichts, Euer Ehren. Don Nicasio selbst wird mein Zeuge sein.“

„Aber Don Nicasio sagt –“

„Er auch? Hat er mich im Stich gelassen? Hat er sich gegen mich gewendet? Eine schöne Art, seine Dankbarkeit zu zeigen!“

„Er hat keinen Grund, dankbar zu sein. Regen Sie sich nicht auf! Setzen Sie sich wieder. Sie begannen mit dem Protest, dass Sie absolut nichts darüber wüssten. Und doch wussten Sie so viele Dinge. Sie müssen noch eine ganze Reihe mehr wissen. Regen Sie sich nicht auf.“

„Sie wollen mich über einen Abgrund ziehen, Euer Ehren! Ich beginne es zu verstehen!“

„Männer, die von Leidenschaft geblendet sind, gehen auf ihren eigenen Füßen über Abgründe.“

„Aber – dann stellt Euer Ehren sich vor, dass ich, selbst –“

„Ich stelle mir nichts vor. Es ist offensichtlich, dass Sie der Anstifter waren, und sogar etwas mehr als das.“

„Verleumdung, Verleumdung, Euer Ehren!“

„Am selben Abend wurden Sie gesehen, wie Sie mit dem Ehemann bis spät in die Nacht sprachen.“

„Ich versuchte, ihn davon zu überzeugen, es nicht zu tun. Ich sagte zu ihm: ‚Lass die Dinge sein! Da es dein Unglück ist, dass es so ist, was spielt es für eine Rolle, ob er es ist oder jemand anderes?‘ Und er wiederholte immer wieder: ‚Jemand anderes, ja, aber nicht dieses verrottete Biest!‘ Seine eigenen Worte, Euer Ehren.“

„Sie standen an der Ecke der angrenzenden Straße und lauerten.“

„Wer hat mich dort gesehen? Wer hat uns gesehen, Euer Ehren?“

„Sie wurden gesehen. Kommen Sie, entschließen Sie sich, alles zu sagen, was Sie wissen. Es wird besser für Sie sein. Die Frau sagt aus: ‚Da waren zwei von ihnen‘, aber im Dunkeln konnte sie den anderen nicht erkennen.“

„Nur weil ich eine gute Tat vollbringen wollte! Das habe ich mir eingehandelt, weil ich versucht habe, eine gute Tat zu tun!“

„Sie standen an der Straßenecke –“

„Es war so, Euer Ehren. Ich war mit ihm bis dorthin gegangen. Aber als ich sah, dass es zwecklos war, ihn aufzuhalten – es schlug elf – die Straßen waren verlassen – da fing ich an, ihn empört zu verlassen, ohne ein Abschiedswort –“

„Nun, was dann? Brauche ich eine Zange, um Ihnen die Worte aus dem Mund zu ziehen?“

„Was dann? Nun, Euer Ehren weiß, wie es nachts unter dem Laternenlicht ist. Man sieht und dann sieht man nicht – so ist es. Ich drehte mich um – Don Nicasio war durch den Hauseingang gestürmt – genau am Eingang der kleinen Gasse. Ein Schrei! – dann nichts mehr!“

„Sie sind vorgelaufen? Das war ganz natürlich.“

„Ich zögerte an der Schwelle – der Flur war so dunkel.“

„Das können Sie nicht getan haben. Die Frau hätte Sie im Licht der Straßenlaterne erkannt.“

„Die Lampe ist ein Stück entfernt.“

„Sie gingen einer nach dem anderen hinein. Wer von Ihnen hat die Tür geschlossen? Denn die Tür wurde sofort geschlossen.“

„Im Durcheinander des Augenblicks – zwei Männer, die miteinander rangen – ich konnte sie keuchen hören – ich wollte um Hilfe rufen – dann ein Fall! Und dann fühlte ich mich am Arm gepackt: ‚Lauf, Nachbar, lauf! Das ist nicht dein Geschäft!‘ Es klang nicht wie die Stimme eines menschlichen Wesens. Und so – so kam es, dass ich dort war, ein hilfloser Zeuge. Ich denke, dass Don Nicasio auch seine Frau töten wollte; aber die elende Frau entkam. Sie rannte und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Das ist – ich las es später in den Zeitungen. Der Ehemann wäre klüger gewesen, sie zuerst zu töten. Unkraut sollte man besser mit der Wurzel ausreißen. Was lassen Sie diesen Mann da schreiben, Euer Ehren?“

„Absolut nichts, wie Sie es nennen. Nur Ihre Aussage. Der Schreiber wird sie Ihnen jetzt vorlesen, und Sie werden sie unterzeichnen.“

„Kann mir daraus irgendein Schaden entstehen? Ich bin unschuldig! Ich habe nur gesagt, was Sie mich sagen lassen wollten. Sie haben mich in ein feines Netz verstrickt, wie ein kleines Süßwasserfischchen!“

„Warten Sie einen Moment. Und das ist das Wichtigste von allem. Wie kam es, dass die tödlichen Wunden am Körper des Toten mit einem Rasiermesser zugefügt wurden?“

„Oh, der Verrat des Don Nicasio! Mein Gott! Mein Gott! Ja, Euer Ehren. Zwei Tage zuvor – niemand kann an alles denken, niemand kann alles vorhersehen – kam er in den Laden und sagte zu mir: ‚Nachbar, leih mir ein Rasiermesser; ich habe ein Hühnerauge, das mir zu schaffen macht.‘ Er war so sachlich dabei, dass ich keinen Augenblick zögerte. Ich warnte ihn sogar: ‚Seien Sie vorsichtig! Mit Hühneraugen ist nicht zu spaßen! Ein wenig Blut, und Sie könnten einen Krebs bekommen!‘ ‚Beschwören Sie kein Unheil herauf, Nachbar‘, antwortete er.“

„Aber das Rasiermesser war nicht zu finden. Sie müssen es mitgenommen haben.“

„Ich? Wer würde sich an eine solche Kleinigkeit erinnern? Ich war mehr tot als lebendig, Euer Ehren. Wohin wollen Sie mich mit Ihren Fragen führen? Ich sage Ihnen, ich bin unschuldig!“

„Leugnen Sie nicht so hartnäckig. Ein offenes Geständnis wird Ihnen weitaus mehr helfen, als Ihre Unschuld zu beteuern. Die Tatsachen sprechen deutlich genug. Es ist wohlbekannt, wie Leidenschaft das Herz und den Verstand wahnsinnig macht. Ein Mensch in diesem Zustand ist nicht mehr er selbst.“

„Das ist die Wahrheit, Euer Ehren! Diese elende Frau hat mich verhext! Sie schickt mich auf die Galeeren! Je mehr sie ‚Nein, nein, nein!‘ sagte, desto mehr fühlte ich mich wahnsinnig werden, von Kopf bis Fuß, als würde sie mit ihrem ‚Nein, nein, nein!‘ Feuer über mich gießen! Aber jetzt – ich will nicht, dass ein anderer Mann an meiner Stelle leidet. Ja, ich war es, ich war es, der ihn getötet hat! Ich war verhext, Euer Ehren! Ich bin bereit, auf die Galeeren zu gehen. Aber ich komme wieder hierher zurück, wenn ich das Glück habe, meine Strafe zu überleben. Oh, die Gerechtigkeit dieser Welt! Zu denken, dass sie ungeschoren davonkommt, die wahre und einzige Ursache allen Unheils! Aber ich werde dafür sorgen, dass sie ihre gerechte Strafe bekommt, das schwöre ich feierlich – mit meinen eigenen beiden Händen, Euer Ehren! Im Gefängnis werde ich an nichts anderes denken. Und wenn ich zurückkomme und sie am Leben vorfinde – gealtert und hässlich, das macht keinen Unterschied –, dann wird sie dafür bezahlen müssen, dann wird sie es wiedergutmachen müssen! Ah, ‚nein, nein, nein!‘ Aber ich werde sagen: ‚Ja, ja, ja!‘ Und ich werde ihren letzten Tropfen Blut aussaugen, wenn ich auch meine Tage auf den Galeeren beschließen muss. Und je eher, desto besser!“

LUCIUS APULEIUS

Das Abenteuer der drei Räuber

Die große Satire des Lucius Apuleius, das Werk, durch das sein Name nach dem Verstreichen von fast achtzehn Jahrhunderten weiterlebt, ist „Der goldene Esel“, ein Roman, aus dem die folgende Passage für diese Kriminalgeschichten ausgewählt und übersetzt wurde. Lucius, die Person, die die Geschichte erzählt, wird in manchen Kreisen als ein Porträt des Autors selbst angesehen. Der Zweck des „Goldenen Esels“ war es, falsche Priester und andere zeitgenössische Betrüger zu verspotten. Dazwischen finden sich jedoch viele Episoden von Abenteuern und seltsamen Situationen, von denen eine hier wiedergegeben wird.

Als Telephron an den Punkt seiner Geschichte gelangte, erneuerten seine Zechkumpane, benommen von ihrem Wein, den lärmenden Aufruhr. Und während die alten Trinker die übliche Libation an das Lachen forderten, erklärte mir Byrrhæna, dass der morgige Tag ein Tag sei, den ihre Stadt von ihrer Wiege an religiös begehe; ein Tag, an dem sie als einzige unter den Sterblichen jenen heiligsten Gott, das Lachen, mit heiteren und freudvollen Riten besänftigen. „Die Tatsache, dass Sie hier sind“, fügte sie hinzu, „wird das Ganze noch vergnüglicher machen. Und ich wünschte sehr, Sie würden zu Ehren des Gottes etwas Amüsantes aus Ihrem eigenen Scharfsinn beitragen, um uns zu helfen, eine solch bedeutende Gottheit gebührend zu verehren.“

„Sicherlich“, sagte ich, „was Sie verlangen, soll geschehen. Und beim Jupiter! Ich hoffe, mir fällt etwas Gutes genug ein, um diesen mächtigen Gott von Ihnen dazu zu bewegen, seine Anwesenheit zu offenbaren.“

Hierauf erinnerte mich mein Sklave daran, welche Stunde der Nacht es sei, und ich erhob mich schleunigst, wenn auch nach meinen Zechereien nicht allzu standhaft, und nachdem ich mich gebührend von Byrrhæna verabschiedet hatte, lenkte ich meine Zickzackschritte auf den Heimweg. Doch gleich an der ersten Ecke, die wir bogen, blies ein plötzlicher Windstoß die einzige Fackel aus, auf die wir angewiesen waren, und ließ uns, in die unvorhergesehene Schwärze der Nacht gestürzt, mühsam und schmerzhaft zu unserer Bleibe stolpern, wobei wir uns an jedem Stein auf dem Weg die Füße stießen.

Doch als wir uns schließlich, einander stützend, unserem Ziel näherten, waren dort vor uns drei andere von großer und stämmiger Statur, die die volle Kraft ihrer Stärke an unseren Türpfosten ausließen. Und weit davon entfernt, durch unsere Ankunft im Geringsten beunruhigt zu sein, schienen sie nur zu noch größerem Eifer angestachelt und griffen heftiger an. Ganz natürlich schien es uns beiden, und besonders mir, klar, dass sie Räuber seien, und zwar von der gefährlichsten Sorte. Also zog ich kurzerhand die Klinge, die ich für solche Notfälle unter meinem Mantel verborgen trage, und stürzte mich unerschrocken mitten unter diese Wegelagerer. Einen nach dem anderen, als sie nacheinander versuchten, mir standzuhalten, durchbohrte ich sie, bis schließlich alle drei ausgestreckt zu meinen Füßen lagen, durchlöchert von vielen klaffenden Wunden, durch die sie ihren Atem aushauchten. Zu diesem Zeitpunkt war das Dienstmädchen Fotis durch den Lärm des Kampfes geweckt worden, und noch immer schwer atmend und reichlich schwitzend schlüpfte ich durch die sich öffnende Tür, und so erschöpft, als hätte ich mit dem dreileibigen Geryon gekämpft statt mit jenen streitlustigen Dieben, ergab ich mich im selben Augenblick dem Bett und dem Schlummer.

Bald lenkte die rosenfingrige Morgenröte, die purpurnen Zügel schüttelnd, ihre Rosse über den Pfad des Himmels; und aus meiner ungestörten Ruhe gerissen, gab die Nacht mich an den Tag zurück. Bestürzung ergriff meine Seele bei der Erinnerung an meine Taten des vergangenen Abends. Ich saß dort, kauernd auf meinem Bett, die verschränkten Finger um meine Knie geschlungen, und überließ mich voll und ganz meinem Kummer; ich sah in meiner Fantasie bereits das Gericht, die Geschworenen, das Urteil, den Henker. Wie konnte ich hoffen, einen Richter zu finden, der so milde, so wohlwollend war, mich für unschuldig zu erklären, beschmutzt, wie ich war, von einem dreifachen Mord, befleckt mit dem Blut so vieler Bürger? War dies der glorreiche Höhepunkt meiner Reisen, den der Chaldäer Diophanes so zuversichtlich für mich vorhergesagt hatte? Immer wieder ging ich die ganze Angelegenheit durch und beklagte mein hartes Los.

Hierauf kam ein Pochen an unsere Türen und ein stetig wachsender Lärm auf der Schwelle. Kaum war Einlass gewährt, als mit einem ungestümen Andrang das ganze Haus von Magistraten, Polizei und der bunten Menge, die folgte, gefüllt wurde. Zwei Beamte legten auf Befehl der Magistrate unverzüglich Hand an mich und begannen, mich wegzuschleifen, obwohl Widerstand das Letzte war, woran ich gedacht hätte. Als wir die erste Querstraße erreicht hatten, folgte uns bereits die gesamte Stadt in einer erstaunlich dichten Masse. Und ich schritt düster einher, den Kopf bis zur Erde gesenkt – ich könnte sogar sagen, bis in die Unterwelt unter der Erde.

Nachdem ich schließlich den Rundgang über jeden Stadtplatz gemacht hatte, genau so, wie die Opfertiere vor einem Opfer geführt werden, das dazu bestimmt ist, böse Vorzeichen abzuwehren, wurde ich auf das Forum gebracht und musste dem Tribunal der Gerechtigkeit gegenübertreten. Die Magistrate hatten auf der erhöhten Plattform Platz genommen, der Gerichtsschreiber hatte Stille geboten, als plötzlich jeder Anwesende wie aus einem Munde protestierte, dass in einer so großen Versammlung Gefahr durch das dichte Gedränge bestehe, und forderte, dass ein Fall von solcher Wichtigkeit stattdessen im öffentlichen Theater verhandelt werden solle. Kaum gesagt, strömte die gesamte Bevölkerung eilig weiter und hatte in erstaunlich kurzer Zeit das gesamte Auditorium gefüllt, bis jeder Gang und jeder Rang eine einzige feste Masse war. Viele schwärmten die Säulen hinauf, andere baumelten von den Statuen, während einige wenige halb außer Sichtweite auf Fensterbänken und Gesimsen hockten; doch alle schienen in ihrer erstaunlichen Eifrigkeit völlig gleichgültig zu sein, wie sehr sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Nach Art eines Opfers wurde ich von den öffentlichen Beamten durch die Mitte der Bühne geführt und mitten im Orchester stehen gelassen. Wieder einmal dröhnte die Stimme des Gerichtsschreibers, der den Ankläger rief, woraufhin ein gewisser alter Mann aufstand, und nachdem er zuerst eine kleine Vase genommen hatte, deren Boden in einem schmalen Trichter endete, und sie mit Wasser gefüllt hatte, das Tropfen für Tropfen entweichend die Länge seiner Rede markieren sollte, wandte er sich wie folgt an das Volk:

„Dies ist kein trivialer Fall, ihr geehrten Bürger, sondern einer, der unmittelbar den Frieden unserer gesamten Stadt betrifft und der als gewichtiges Präzedenzfall in die Geschichte eingehen wird. Daher verlangen Ihre individuellen und gemeinsamen Interessen gleichermaßen, dass Sie die Würde des Staates wahren und nicht zulassen, dass dieser brutale Mörder der Strafe für das Massaker entgeht, das aus seinen blutigen Taten resultierte. Und glauben Sie nicht, dass ich von privaten Motiven beeinflusst bin oder persönlichen Groll zum Ausdruck bringe. Denn ich habe das Kommando über die Nachtwache, und bis zu diesem Zeitpunkt glaube ich, dass es niemanden gibt, der meinen wachsamen Fleiß in Frage stellen wird. Demgemäß werde ich den Fall darlegen und die Ereignisse der letzten Nacht getreu schildern.

Es war etwa zur Stunde der dritten Nachtwache, und ich machte meinen Rundgang durch die gesamte Stadt, von Tür zu Tür mit gewissenhafter Wachsamkeit, als ich plötzlich diesen blutrünstigen jungen Mann erblickte, das Schwert in der Hand, der um sich herum ein Blutbad anrichtete; bereits lagen nicht weniger als drei Opfer seiner Grausamkeit windend zu seinen Füßen und hauchten in einer Blutlache ihr Leben aus. Getroffen, wie er es bei der Schuld eines so großen Verbrechens sein musste, floh der Kerl und schlüpfte im Schutz der Dunkelheit in eines der Häuser, wo er den Rest der Nacht verborgen blieb. Doch dank der Götter, die keinem Sünder erlauben, ungestraft davonzukommen, kam ich ihm bei Tagesanbruch zuvor, ehe er auf geheimen Wegen entkommen konnte, und habe ihn hierher gebracht, um ihn vor Ihrem heiligen Tribunal der Gerechtigkeit zu verurteilen. Der Gefangene am Barren ist ein dreifacher Mörder; er wurde auf frischer Tat ertappt; und darüber hinaus ist er ein Ausländer. Demgemäß ist es Ihre klare Pflicht, ein Schuldig-Urteil gegen diesen Mann aus einem fremden Land zu fällen, für ein Verbrechen, das Sie selbst im Falle eines Ihrer eigenen Bürger streng bestrafen würden.“

Nachdem er so gesprochen hatte, unterbrach der unerbittliche Ankläger seine rachsüchtige Äußerung, und der Gerichtsschreiber befahl mir sofort, meine Verteidigung zu beginnen, falls ich eine zu machen hätte. Zuerst konnte ich meine Stimme nicht ausreichend beherrschen, um zu sprechen, obwohl ich, ach, weniger von der Härte der Anklage überwältigt war als von meinem eigenen schlechten Gewissen. Doch schließlich, auf wundersame Weise mit Mut erfüllt, antwortete ich wie folgt:

„Ich erkenne, wie schwer es für einen Mann ist, der des Mordes beschuldigt wird und mit den Leichen dreier Ihrer Bürger konfrontiert ist, eine so große Menge von seiner Unschuld zu überzeugen, selbst wenn er die genaue Wahrheit sagt und die Fakten freiwillig zugibt. Aber wenn Sie mir in Gnade aufmerksam zuhören, werde ich Ihnen leicht verständlich machen, dass ich, weit davon entfernt, vor Gericht gestellt zu werden, um mein Leben zu verlieren, zu Unrecht den schweren Stempel eines solchen Verbrechens als zufälliges Ergebnis gerechter Entrüstung aufgedrückt bekommen habe.

Ich war auf dem Heimweg von einer Dinnerparty zu einer ziemlich späten Stunde, nachdem ich ziemlich frei getrunken hatte, ich will es nicht leugnen – denn das war der Anfang und das Ende meines Vergehens –, als siehe da! vor den Türen meines Heims, vor dem Haus des guten Milo, Ihres Mitbürgers, erblickte ich eine Anzahl niederträchtiger Diebe, die versuchten, sich Zutritt zu verschaffen, und bereits die Türen aus den verdrehten Angeln hoben. Alle Schlösser und Riegel, die so sorgfältig für die Nacht geschlossen waren, waren herausgerissen worden, und die Diebe planten das Abschlachten der Bewohner. Schließlich drängte sie einer von ihnen, größer und aktiver als die anderen, mit diesen Worten zum Handeln:

‚Kommt schon, Jungs! Zeigt, aus welchem Holz ihr geschnitzt seid, und schlagt zu, was das Zeug hält, während sie schlafen! Jetzt keine Gnade, kein feige Schwäche! Lasst den Tod mit gezogenem Schwert durch das Haus gehen! Wenn ihr jemanden im Bett findet, schneidet ihnen die Kehlen durch, bevor sie aufwachen; wenn jemand versucht, Widerstand zu leisten, streckt ihn nieder. Unsere einzige Chance, sicher und gesund davonzukommen, ist, niemanden sonst sicher und gesund im ganzen Haus zu lassen.‘

Ich gestehe, Bürger, dass ich große Angst hatte, sowohl um meine Gastgeber als auch um mich selbst; und im Glauben, dass ich die Pflicht eines guten Bürgers erfülle, zog ich das Schwert, das mich immer in Bereitschaft für solche Gefahren begleitet, und begann, diese verzweifelten Räuber zu vertreiben oder niederzustrecken. Aber die barbarischen und unmenschlichen Schurken hatten, weit davon entfernt, verschreckt zu werden, die Dreistigkeit, sich mir entgegenzustellen, obwohl sie sahen, dass ich bewaffnet war. Ihre dichten Reihen widersetzten sich mir. Als nächstes griff der Anführer und Fahnenträger der Bande, der mich mit stämmiger Kraft angriff, mich mit beiden Händen bei den Haaren, beugte mich rückwärts und bereitete sich darauf vor, mir mit einem Pflasterstein das Gehirn einzuschlagen; aber während er noch nach einem schrie, durchbohrte ich ihn mit einem sicheren Schlag glücklicherweise und streckte ihn zu meinen Füßen nieder. Kurz darauf beendete ein zweiter Schlag, der zwischen die Schultern gezielt war, das Leben eines anderen von ihnen, als er sich mit Händen und Füßen an meine Beine klammerte; während ich den dritten, als er unbesonnen vorstürmte, mitten in die Brust stach.

Da ich auf der Seite von Gesetz und Ordnung, zur Verteidigung der öffentlichen Sicherheit und des Hauses meines Gastgebers gekämpft hatte, fühlte ich mich nicht nur schuldlos, sondern eines öffentlichen Lobes würdig. Ich wurde noch nie zuvor wegen auch nur der geringsten Gesetzesübertretung angeklagt; ich genieße einen hohen Ruf bei meinem eigenen Volk und habe mein ganzes Leben lang ein reines Gewissen über alle materiellen Besitztümer gestellt. Auch kann ich nicht verstehen, warum ich diese Anklage erleiden sollte, weil ich eine gerechte Rache an diesen wertlosen Dieben genommen habe, da niemand zeigen kann, dass jemals zuvor Feindseligkeit zwischen uns bestand, oder dass ich jemals irgendeine vorherige Bekanntschaft mit den Dieben gehabt hätte. Sie haben nicht einmal ein Motiv festgestellt, aus dem ich ein solch großes Verbrechen begangen haben soll.“

An diesem Punkt überkam mich meine Erregung erneut, und mit erhobenen Händen wandte ich mich flehend von einem zum anderen, sie im Namen der gemeinsamen Menschlichkeit, um all dessen willen, was ihnen teuer war, zu bitten, mich zu verschonen. Ich dachte, sie müssten inzwischen von Mitleid bewegt sein, erschüttert von Sympathie für mein Elend; dementsprechend rief ich das Auge der Gerechtigkeit und das Licht des Tages als Zeugen an und vertraute meinen Fall der Vorsehung Gottes an, als ich beim Aufschlagen meiner Augen entdeckte, dass die ganze Versammlung vor Lachen bebte, nicht ausgenommen mein eigener gütiger Gastgeber und Verwandter Milo, der vor Heiterkeit schüttelte. „So viel zur Freundschaft!“, dachte ich bei mir, „so viel zur Dankbarkeit! Indem ich meinen Gastgeber beschützte, bin ich ein Mörder geworden, der um sein Leben fürchtet; während er, weit davon entfernt, einen Finger zu rühren, um mir zu helfen, mein Elend verspottet.“

In diesem Augenblick stürmte eine Frau in Schwarz gekleidet die Mitte der Bühne hinunter, weinend und klagend und ein kleines Kind an ihre Brust drückend. Eine ältere Frau, mit Lumpen bedeckt und ähnlich von Schluchzen geschüttelt, folgte ihr, beide schwenkten Olivenzweige, während sie um die Bahre gingen, auf der die bedeckten Körper der Erschlagenen lagen, und erhoben ihre Stimmen zu traurigem Geschrei: „Um der gemeinsamen Menschlichkeit willen“, jammerten sie, „bei allen universellen Gesetzen der Gerechtigkeit, seid bewegt von Mitleid durch den unverdienten Tod dieser jungen Männer! Gebt einer einsamen Ehefrau und Mutter den Trost der Rache! Kommt diesem unglücklichen Kind zu Hilfe, das in seinen zarten Jahren vaterlos zurückgelassen wurde, und opfert das Blut des Mörders am Schrein von Gesetz und Ordnung.“

Hierauf erhob sich der vorsitzende Magistrat und wandte sich an das Volk:

„Das Verbrechen, für das der Gefangene später die volle Strafe zahlen wird, versucht nicht einmal er zu leugnen. Aber noch eine weitere Pflicht bleibt zu erfüllen, und das ist herauszufinden, wer seine Komplizen bei dieser bösen Tat waren; da es nicht wahrscheinlich scheint, dass ein Mann allein drei andere so junge und starke Männer wie diese hätte überwinden können. Wir müssen Folter anwenden, um die Wahrheit herauszuholen; und da der Sklave, der ihn begleitete, die Flucht ergriffen hat, bleibt uns keine andere Alternative, als die Namen seiner Gefährten dem Gefangenen selbst zu entreißen, damit wir die Öffentlichkeit wirksam von aller Gefahr durch diese verzweifelte Bande befreien können.“

Unverzüglich wurden gemäß griechischem Brauch Feuer und Rad hervorgebracht, zusammen mit all den anderen Folterinstrumenten. Nun war mein Kummer tatsächlich nicht nur vergrößert, sondern vervielfacht, als ich sah, dass ich dazu bestimmt war, stückweise umzukommen. Doch an diesem Punkt brach die alte Frau, deren laute Klagen zu einem Ärgernis geworden waren, mit dieser Forderung hervor:

„Geehrte Bürger, ehe Sie dazu übergehen, den Gefangenen zu foltern, wegen der Lieben, die er mir genommen hat, werden Sie nicht erlauben, dass die Leichen der Verstorbenen aufgedeckt werden, damit der Anblick ihrer Jugend und Schönheit Sie mit einem gerechten Zorn und einer dem Verbrechen angemessenen Strenge entflammt?“

Diese Worte wurden mit Applaus empfangen, und der Magistrat befahl unverzüglich, dass ich selbst mit meiner eigenen Hand die Bedeckung von den auf der Bahre liegenden Körpern ziehen sollte. Trotz meines Widerstandes und meiner verzweifelten Entschlossenheit, nicht noch einmal die Konsequenzen meiner Tat der letzten Nacht anzusehen, zerrten mich die Gerichtsdiener auf Befehl des Richters sofort vorwärts und bogen meinen Arm mit Gewalt von seinem Platz an meiner Seite über die drei Leichen. Im Kampf besiegt, gab ich der Notwendigkeit nach und zog sehr gegen meinen Willen die Bedeckung herunter und entblößte die Körper.

Großer Himmel, welch ein Anblick! Welch ein Wunder! Welche Verwandlung in meinem ganzen Schicksal! Ich hatte bereits begonnen, mich als Vasall der Proserpina, als Leibeigener des Hades zu betrachten, und nun konnte ich nur noch in ohnmächtigem Erstaunen über die Plötzlichkeit der Veränderung nach Luft schnappen; Worte fehlen mir, um die erstaunliche Metamorphose angemessen auszudrücken. Denn die Leichen meiner abgeschlachteten Opfer waren nichts anderes als drei aufgeblasene Blasen, deren Seiten noch die Narben zahlreicher Einstiche trugen, die sich, wie ich mich an meinen Kampf der vorherigen Nacht erinnerte, genau an den Stellen befanden, an denen ich meinen Gegnern klaffende Wunden zugefügt hatte. Hierauf fegte die Heiterkeit, die bis zu diesem Punkt einigermaßen im Zaum gehalten worden war, wie ein Flächenbrand durch die Menge. Einige gaben sich hilflos einer ungezügelten Extravaganz der Fröhlichkeit hin; andere taten ihr Bestes, sich zu beherrschen, indem sie sich mit beiden Händen an ihre schmerzenden Seiten hielten. Und nachdem sie alle gelacht hatten, bis sie nicht mehr lachen konnten, verließen sie das Theater, ihre rückwärtigen Blicke noch immer auf mich gerichtet.

Von dem Moment an, als ich jenes Leichentuch heruntergezogen hatte, stand ich wie zu Stein erstarrt, so unfähig, mich zu bewegen, wie irgendeine der Statuen oder Säulen des Theaters. Auch kam ich nicht aus meiner Erstarrung, bis Milo, mein Gastgeber, sich selbst näherte und mir auf die Schulter klopfend mich mit sanfter Gewalt wegführte, während meine Tränen nun frei flossen und Schluchzen meine Stimme erstickte. Er führte mich auf einem Umweg durch die am wenigsten begangenen Straßen zurück zum Haus und tat unterdessen sein Bestes, meine Nerven zu beruhigen und meine verletzten Gefühle zu heilen. Doch nichts, was er sagen konnte, half, meine bittere Entrüstung darüber zu lindern, so unverdient lächerlich gemacht worden zu sein. Aber plötzlich trafen die Magistrate selbst, noch immer ihre Insignien des Amtes tragend, im Haus ein und leisteten persönlich Genugtuung mit den folgenden Worten:

„Wir sind uns, Meister Lucius, sowohl deines hohen Verdienstes als auch desjenigen deiner Familie wohl bewusst, denn der Ruhm deines Namens verbreitet sich durch das ganze Land. Daher musst du verstehen, dass die Behandlung, die du so tief empfindest, in keiner Weise als Beleidigung beabsichtigt war. Verbanne also deine gegenwärtige düstere Stimmung und wirf allen Zorn aus deinem Sinn. Denn das Fest, das wir feierlich mit jedem wiederkehrenden Jahr zu Ehren des Gottes des Lachens begehen, muss für seinen Erfolg stets auf Neuartigkeit setzen. Und so verordnet unser Gott, der dir heute so großen Dank schuldet, dass seine begünstigende Gegenwart dir folgen soll, wohin auch immer du gehst, und dass deine fröhliche Miene überall ein Signal zur Heiterkeit sei. Die ganze Stadt verleiht dir aus Dankbarkeit außergewöhnliche Ehren, trägt deinen Namen in die Liste ihrer Schutzherren ein und verfügt, dass dein Ebenbild in Bronze als ein ewiges Denkmal für den heutigen Tag errichtet werde.“

PLINIUS, DER JÜNGERE

Brief an Sura

Unsere Muße bietet mir die Gelegenheit, von dir zu lernen, und dir die, mich zu unterweisen. Dementsprechend wünsche ich insbesondere zu wissen, ob du glaubst, dass es solche Dinge wie Phantome gibt, die eine ihnen eigene Erscheinung und eine gewisse übernatürliche Kraft besitzen, oder ob bloße leere Einbildungen durch unsere Ängste eine Gestalt annehmen. Ich meinerseits neige dazu, an ihre Existenz zu glauben, vor allem durch das, was ich über Curtius Rufus hörte. Während er sich noch in bescheidenen Verhältnissen befand und unbekannt war, war er ein Anhänger im Gefolge des Statthalters von Afrika. Als er eines Nachmittags in der Säulenhalle auf und ab ging, erschien ihm eine weibliche Gestalt von übermenschlicher Größe und Schönheit. Sie teilte dem erschrockenen Mann mit, sie sei „Afrika“ und gekommen, um zukünftige Ereignisse vorauszusagen; denn er werde nach Rom gehen, dort Staatsämter bekleiden, sogar mit den höchsten Befugnissen in dieselbe Provinz zurückkehren und in ihr sterben. All das erfüllte sich. Mehr noch, als er in Karthago anlegte und von seinem Schiff stieg, soll dieselbe Gestalt ihm am Ufer erschienen sein. Es ist gewiss, dass er, als er von Krankheit befallen wurde und aus der Vergangenheit die Zukunft und aus seinem früheren Wohlstand das Unglück deutete, selbst jede Hoffnung auf das Leben aufgab, obwohl keiner derjenigen, die ihn umgaben, verzweifelte.

Ist nicht die folgende Geschichte noch entsetzlicher und nicht weniger wunderbar? Ich werde sie so erzählen, wie sie mir zugetragen wurde:

Es gab in Athen ein Herrenhaus, geräumig und bequem, aber von schlechtem Ruf und gesundheitsgefährdend. In tiefer Nacht war ein Geräusch wie von Eisen zu hören, und wenn man genauer hinhörte, vernahm man ein Klirren von Ketten, zuerst aus der Ferne, und danach ganz in der Nähe. Bald darauf pflegte ein Gespenst zu erscheinen, ein alter Mann, der vor Abzehrung und Schmutz zusammensank, mit langem Bart und struppigem Haar, der Fesseln an seinen Beinen und Handschellen an seinen Armen trug und diese schüttelte. Daher verbrachten die Bewohner aufgrund ihrer Ängste elende und schreckliche Nächte in Schlaflosigkeit. Auf diesen Schlafmangel folgte Krankheit, und da ihre Schrecken zunahmen, der Tod. Denn auch am Tage, obwohl die Erscheinung verschwunden war, huschte dennoch eine Erinnerung an sie vor ihren Augen umher, und ihre Furcht überlebte ihre Ursache. Das Haus wurde dementsprechend verlassen und, zur Einsamkeit verdammt, gänzlich dem schrecklichen Geist überlassen. Dennoch wurde es annonciert, für den Fall, dass jemand, der nichts von dem schrecklichen Fluch wusste, bereit wäre, es zu kaufen oder zu mieten. Athenodorus, der Philosoph, kam nach Athen und las die Anzeige. Als er über die Bedingungen informiert worden war, die so niedrig waren, dass sie verdächtig erschienen, stellte er Nachforschungen an und erfuhr alle Einzelheiten. Doch nicht weniger deswegen, nein, umso bereitwilliger mietete er das Haus. Als der Abend hereinzubrechen begann, befahl er, ein Sofa für ihn im vorderen Teil des Hauses aufzustellen, und ließ nach seinen Notizbüchern, Schreibgeräten und einem Licht rufen. Seine gesamte Dienerschaft schickte er in die inneren Räume und widmete selbst Seele, Augen und Hand dem Schreiben, damit sein Geist aus Mangel an Beschäftigung sich nicht die Phantome ausmalte, von denen er gehört hatte, oder irgendwelche leeren Schrecken. Zu Beginn herrschte die allgemeine Stille der Nacht. Bald war das Schütteln von Eisen und das Klirren von Ketten zu hören, doch er erhob niemals seine Augen und lockerte nicht seine Feder, sondern stählte seine Seele und betäubte seine Ohren mit ihrer Hilfe. Das Geräusch wuchs und näherte sich: Nun schien es an der Tür zu hören zu sein, und als nächstes innerhalb der Tür. Er blickte sich um, erblickte und erkannte die Gestalt, von der man ihm erzählt hatte. Sie stand da und gab ihm mit dem Finger ein Zeichen, als wollte sie ihn einladen. Er gab zur Antwort mit der Hand ein Zeichen, dass sie einen Augenblick warten möge, und wandte sich wieder seinen Tafeln und seiner Feder zu. Daraufhin klapperte die Gestalt weiter mit ihren Ketten über seinem Kopf, während er schrieb. Als er sich erneut umsah, sah er, wie sie das gleiche Zeichen wie zuvor gab, und nahm ohne Zögern ein Licht und folgte ihr. Sie bewegte sich mit langsamem Schritt, als wäre sie von ihren Ketten bedrückt, und nachdem sie in den Innenhof des Hauses eingebogen war, verschwand sie plötzlich und ließ ihn allein zurück. So auf sich selbst gestellt, markierte er die Stelle mit etwas Gras und Blättern, die er pflückte. Am nächsten Tag wandte er sich an die Magistrate und drängte sie, die betreffende Stelle ausgraben zu lassen. Dort fand man einige Knochen, die an Fesseln befestigt und mit ihnen vermischt waren; der Körper, dem sie angehört hatten, war von der Zeit und dem Boden verwest und hatte sie so nackt und zerfressen den Ketten überlassen. Sie wurden auf öffentliche Kosten gesammelt und beigesetzt, und das Haus war von da an frei von dem Geist, der ein ordentliches Begräbnis erhalten hatte.

Die obige Geschichte glaube ich aufgrund derer, die sie bekräftigen. Was folgt, bin ich selbst in der Lage, anderen zu bekräftigen. Ich habe einen Freigelassenen, der nicht ohne einige Kenntnisse der Buchstaben ist. Ein jüngerer Bruder von ihm schlief mit ihm im selben Bett. Letzterer träumte, er sehe jemanden auf dem Sofa sitzen, der sich seinem Kopf näherte, eine Schere ansetzte und sogar das Haar von seinem Scheitel abschnitt. Als der Tag graute, fand man ihn um den Scheitel herum geschoren, und seine Locken wurden verstreut liegend entdeckt. Nur sehr kurze Zeit später bestätigte ein neues Vorkommnis derselben Art die Wahrheit des früheren. Ein Junge von mir schlief in Begleitung mehrerer anderer im Zimmer der Pagen. Es kamen durch die Fenster (so erzählt er die Geschichte) zwei Gestalten in weißen Tuniken, die ihm im Schlaf das Haar schnitten und auf dem Weg gingen, auf dem sie gekommen waren. Auch in seinem Fall zeigte ihn das Tageslicht geschoren und seine Locken verstreut. Nichts Bemerkenswertes folgte, außer vielleicht dies, dass ich nicht angeklagt wurde, wie es geschehen wäre, wenn Domitian (unter dessen Herrschaft diese Ereignisse geschahen) länger gelebt hätte. Denn in seinem Schreibtisch fand man eine Anzeige gegen mich, die von Carus eingereicht worden war; aus welchem Umstand man folgern kann – da es die Sitte der Angeklagten ist, ihr Haar wachsen zu lassen –, dass das Abschneiden der Haare meiner Sklaven ein Zeichen dafür war, dass die Gefahr, die mir drohte, abgewendet war.

Ich bitte dich daher, deine große Gelehrsamkeit auf dieses Thema anzuwenden. Die Angelegenheit ist eine, die eine lange und tiefe Überlegung deinerseits verdient; noch bin ich meinerseits nicht unwürdig, die Früchte deiner Weisheit mitgeteilt zu bekommen. Du magst sogar für beide Seiten argumentieren (wie es deine Art ist), vorausgesetzt, du argumentierst auf der einen Seite nachdrücklicher als auf der anderen, um mich nicht in Ungewissheit und Angst zu entlassen, da der Grund für meine Beratung bei dir ja gerade war, meinen Zweifeln ein Ende zu setzen.

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