INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL I. Der Mississippi ist eine Lektüre wert. – Er ist bemerkenswert. – Statt breiter zu werden, wird er zur Mündung hin schmaler. – Er führt vierhundertsechs Millionen Tonnen Schlamm mit sich. – Er wurde erstmals 1542 gesichtet. – Er ist älter als manche Seiten der europäischen Geschichte. – De Soto hat die Nase vorn. – Älter als die Atlantikküste. – Einige Mischlinge mischen mit. – La Salle denkt, er solle sich auch beteiligen.
KAPITEL II. La Salle erscheint wieder, und ein Wels ebenfalls. – Bisons auch. – Einige indianische Malereien sind auf den Felsen zu sehen. – Der „Vater der Gewässer“ fließt nicht in den Pazifik. – Mehr Geschichte und Indianer. – Einige merkwürdige Darbietungen – nicht frühes Englisch. – Natchez oder der Ort, an dem es liegt, wird angesteuert.
KAPITEL III. Ein wenig Geschichte. – Früher Handel. – Kohlenflotten und Holzflöße. – Wir beginnen eine Reise. – Ich suche Informationen. – Etwas Musik. – Der Ärger beginnt. – Großmäuligkeit. – Das Kind des Unheils. – Boden- und Luftakrobatik. – Das Abwaschen. – Geschäftliches und Statistiken. – Mysteriöse Bande. – Donner und Blitz. – Der Kapitän spricht. – Allbright weint. – Das Geheimnis gelöst. – Frotzelei. – Ich werde entdeckt. – Einige Kunstwerke vorgeschlagen. – Ich lege Rechenschaft über mich ab. – Entlassen.
KAPITEL IV. Der Ehrgeiz der Jungen. – Dorfszenen. – Dampfschiffbilder. – Eine schwere Dünung. – Ein Ausreißer.
KAPITEL V. Ein Reisender. – Ein lebhafter Erzähler. – Ein Wildkatzen-Opfer.
KAPITEL VI. Belagerung des Lotsen. – Mitgenommen. – Ein Schläfchen verderben. – Angeln nach einer Plantage. – „Punkte“ am Fluss. – Ein prächtiges Lotsenhaus.
KAPITEL VII. Flussinspektoren. – Pappeln und Plum Point. – Hat-Island-Crossing. – Nur knapp. – Es klappt. – Ein Blitz-Lotse.
KAPITEL VIII. Ein schwer beladenes Geschütz. – Scharfer Blick in der Dunkelheit. – Seinem Schicksal überlassen. – Die Ufer streifen. – Es ihm beibringen oder ihn umbringen.
KAPITEL IX. Das Riff erschüttern. – Vernunft entthront. – Die Oberfläche des Wassers. – Eine bezaubernde Szene. – Romantik und Schönheit.
KAPITEL X. Sich aufspielen. – Ein wenig heruntergeholt. – Lerne es, wie es ist. – Der Fluss steigt.
KAPITEL XI. Im Traktat-Geschäft. – Auswirkungen des Anstiegs. – Plantagen verschwunden. – Ein unermessliches Meer. – Ein schlafwandelnder Lotse. – Übernatürliches Lotsen. – Niemand da. – Alles gerettet.
KAPITEL XII. Niedrigwasser. – Jolle beim Loten. – Bojen und Laternen. – Anfänger und Messungen. – Das Boot gesunken. – Suche nach den Schiffbrüchigen.
KAPITEL XIII. Das Gedächtnis eines Lotsen. – Löhne steigen. – Ein universeller Griff. – Geschick und Nerven. – Einen „Anfänger“ prüfen. – „Rückwärts für dein Leben.“ – Eine gute Lektion.
KAPITEL XIV. Lotsen und Kapitäne. – Hochbezahlte Lotsen. – Lotsen gefragt. – Ein Pfeifer. – Ein billiges Gewerbe. – Zweihundertfünfzig-Dollar-Geschwindigkeit.
KAPITEL XV. Neue Lotsen untergraben die Lotsenvereinigung. – Krücken und Löhne. – Sich aufspielen. – Die Kapitäne werden schwach. – Die Vereinigung lacht. – Das geheime Zeichen. – Ein bewundernswertes System. – Hart gegen Außenstehende. – Ein enges Monopol. – Kein Schlupfloch. – Die Eisenbahnen und der Krieg.
KAPITEL XVI. Alle an Bord. – Ein glorreicher Start. – Geladen, um zu gewinnen. – Musikkapellen und Hörner. – Boote und Boote. – Rennfahrer und Rennen.
KAPITEL XVII. Durchstiche. – Graben und Schießen. – Mississippi-Veränderungen. – Eine wilde Nacht. – Fluchen und Raten. – Stephen in Schulden. – Er verwirrt seine Gläubiger. – Er macht einen neuen Deal. – Wird sie alphabetisch bezahlen.
KAPITEL XVIII. Harte Schule. – Schatten. – Ich werde inspiziert. – Wo hast du die Schuhe her? – Zieh sie runter. – Ich will Brown umbringen. – Ich versuche, sie zu fahren. – Ich werde gelobt.
KAPITEL XIX. Eine Frage der Wahrhaftigkeit. – Eine kleine Unannehmlichkeit. – Ich habe eine Audienz beim Kapitän. – Mr. Brown geht in den Ruhestand.
KAPITEL XX. Ich werde Passagier. – Wir hören die Nachrichten. – Ein donnernder Krach. – Sie stehen auf ihren Posten. – In der brennenden Sonne. – Ein grausiges Schauspiel. – Seine Stunde hat geschlagen.
KAPITEL XXI. Ich bekomme meine Lizenz. – Der Krieg beginnt. – Ich werde zum Tausendsassa.
KAPITEL XXII. Ich versuche das Alias-Geschäft. – Gegend der Spitzbärte – Stiefel beginnen aufzutauchen. – Der Flussmensch fehlt. – Der junge Mann ist entmutigt. – Beispielhaftes Wasser. – Eine feine Qualität von Rauch. – Ein höchster Fehler. – Wir inspizieren die Stadt. – Verödung des Nahverkehrs. – Ein Holzplatz.
KAPITEL XXIII. Alte französische Siedlungen. – Wir starten nach Memphis. – Junge Damen und Juchtenledertaschen.
KAPITEL XXIV. Ich erhalte einige Informationen. – Alligator-Boote. – Alligator-Gerede. – Sie war eine Ratterin beim Gehen. – Ich werde entlarvt.
KAPITEL XXV. Des Teufels Ofen und Tisch. – Eine Bombe fällt. – Kein Weißtünchen. – Dreißig Jahre auf dem Fluss. – Mississippi-Uniformen. – Unfälle und Verluste. – Zweihundert Wracks. – Ein Verlust für die Literatur. – Sonntagsschulen und Maurer.
KAPITEL XXVI. Kriegsgerede. – Ich kippe nach hinten über. – Fünfzehn Schusslöcher. – Eine schlichte Geschichte. – Kriege und Fehden. – Darnell gegen Watson. – Eine Bande und ein Holzstapel. – Westliche Grammatik. – Flussveränderungen. – New Madrid. – Überschwemmungen und Fälle.
KAPITEL XXVII. Touristen und ihre Notizbücher. – Captain Hall. – Mrs. Trollopes Emotionen. – Hon. Charles Augustus Murrays Gefühl. – Captain Marryats Empfindungen. – Alexander Mackays Gefühle. – Mr. Parkman berichtet.
KAPITEL XXVIII. Den Fluss hinunterschwingen. – Nach mir benannt. – Plum Point wieder. – Lichter und Hindernisboote. – Unendliche Veränderungen. – Ein gesetzloser Fluss. – Veränderungen und Buhnen. – Onkel Mumford sagt aus. – Den Fluss abstecken. – Was die Regierung tut. – Die Kommission. – Männer und Theorien. – „Hatte sie schlimm erwischt.“ – Juden und Preise.
KAPITEL XXIX. Murels Bande. – Ein vollendeter Schurke. – Zeugen loswerden. – Stewart wird zum Verräter. – Ich starte eine Rebellion. – Ich bekomme einen neuen Anzug. – Wir verwischen unsere Spuren. – Mumm und Kapazität. – Eine gute Samariterstadt. – Das Alte und das Neue.
KAPITEL XXX. Ein melancholisches Bild. – In Bewegung. – Flussklatsch. – Sie fuhr funkelnd vorbei. – Annehmlichkeiten des Lebens. – Eine Welt voller Fehlinformationen. – Beredsamkeit des Schweigens. – Auf ein Hindernis stoßen. – Fotografisch exakt. – Gehwege aus Planken.
KAPITEL XXXI. Meuternde Sprache. – Das Leichenhaus. – Gusseisernes Deutsch und flexibles Englisch. – Das Geständnis eines Sterbenden. – Ich werde gefesselt und geknebelt. – Ich befreie mich. – Ich beginne meine Suche. – Der Mann mit einem Daumen. – Rote Farbe und weißes Papier. – Er fiel auf seine Knie. – Angst und Dankbarkeit. – Ich floh durch die Wälder. – Ein grausiges Schauspiel. – Ruf, Mann, ruf. – Ein Blick der Überraschung und des Triumphs. – Das gedämpfte Gurgeln eines spöttischen Lachens. – Wie seltsam die Dinge geschehen. – Das versteckte Geld.
KAPITEL XXXII. Ritters Erzählung. – Eine Frage des Geldes. – Napoleon. – Jemand ist ernst. – Wo das hübscheste Mädchen zu leben pflegte.
KAPITEL XXXIII. Eine Frage der Aufteilung. – Ein Ort, an dem es keine Lizenz gab. – Die Calhoun Land Company. – Die Schätzung eines Baumwollpflanzers. – Halifax und Wassermelonen. – Juwelen-Barkeeper.
KAPITEL XXXIV. Ein strenger Mann. – Eine Mückenpolitik. – Fakten in Trikots gekleidet. – Ein geschwollenes linkes Ohr.
KAPITEL XXXV. Zeichen und Narben. – Kanonendonner tobt. – Höhlenbewohner. – Ein ewiger Sonntag. – Eine Tonne Eisen und kein Glas. – Der Ardent ist gerettet. – Maultierfleisch. – Ein Nationalfriedhof. – Ein Hund und eine Granate. – Eisenbahnen und Reichtum. – Hafenwirtschaft. – Vicksburg gegen die „Gold Dust“. – Eine Erzählung im Voraus.
KAPITEL XXXVI. Der Professor spinnt ein Garn. – Ein Vieh-Enthusiast. – Er macht einen Vorschlag. – Rinder laden in Acapulco. – Er war nicht dazu erzogen. – Er wird eingefangen. – Seine trüben Augen leuchteten auf. – Vier Asse, du Esel! – Er kümmert sich nicht um die Hörner.
KAPITEL XXXVII. Eine schreckliche Katastrophe. – Die „Gold Dust“ lässt ihre Kessel explodieren. – Das Ende eines guten Mannes.
KAPITEL XXXVIII. Mr. Dickens hat ein Wort. – Beste Wohnungen und ihre Möbel. – Alben und Musik. – Pantaletten und Muschelschalen. – Zuckerkunst-Hasen und Fotografien. – Rosshaar-Sofas und Dochtscheren. – Lumpenteppiche und Brautkammern.
KAPITEL XXXIX. Rowdys und Schönheit. – Eis als Schmuck. – Eisherstellung. – Mehr Statistiken. – Einige Handlungsreisende. – Oleomargarine gegen Butter. – Olivenöl gegen Baumwollsamen. – Die Antwort wurde nicht aufgefangen. – Eine erschreckende Episode. – Ein schwefelhaltiges Verdeck. – Die Dämonen des Krieges. – Der schreckliche Spießrutenlauf.
KAPITEL XL. In Blumen, wie eine Braut. – Ein weißgetünchtes Schloss. – Ein Südstaaten-Prospekt. – Hübsche Bilder. – Das Mahl eines Alligators.
KAPITEL XLI. Die Annäherung an New Orleans. – Eine bewegte Straße. – Sanitäre Verbesserungen. – Journalistische Errungenschaften. – Zisternen und Brunnen.
KAPITEL XLII. Wunderschöne Friedhöfe. – Chamäleons und Allheilmittel. – Bestattung und Infektion. – Sterblichkeit und Epidemien. – Die Kosten für Beerdigungen.
KAPITEL XLIII. Ich treffe einen Bekannten. – Särge und schicke Häuser. – Mrs. O'Flaherty setzt noch einen drauf. – Epidemien und Einbalsamierung. – Sechshundert für einen guten Fall. – Fröhliche Hochstimmung.
KAPITEL XLIV. Französische und spanische Teile der Stadt. – Mr. Cable und das alte Viertel. – Kohl und Blumensträuße. – Kühe und Kinder. – Die Muschelstraße. Das West End. – Eine gute, anständige Mahlzeit. – Der Pompano. – Die Besen-Brigade. – Historische Malerei. – Südstaaten-Sprache. – Lagniappe.
KAPITEL XLV. „Kriegs“-Gerede. – Hahnenkämpfe. – Zu viel zu ertragen. – Schönschreiberei. – Maultierrennen.
KAPITEL XLVI. Mardi-Gras. – Die mystische Truppe. – Rex und Relikte. – Sir Walter Scott. – Eine Welt zurückgeworfen. – Titel und Dekorationen. – Eine Veränderung.
KAPITEL XLVII. Onkel Remus. – Die Kinder enttäuscht. – Wir lesen laut vor. – Mr. Cable und Jean au Poquelin. – Unfreiwilliges Betreten. – Das vergoldete Zeitalter. – Eine unmögliche Kombination. – Der Besitzer materialisiert sich und protestiert.
KAPITEL XLVIII. Enge Locken und federnde Schritte. – Dampfpflüge. – „Nr. 1“ Zucker. – Ein Frankenstein-Lachen. – Geistiges Porto. – Ein Ort, an dem es keine Metzger oder Klempner gibt. – Idiotische Krämpfe.
KAPITEL XLIX. Lotsen-Farmer. – Arbeiten auf Anteilsbasis. – Konsequenzen. – Männer, die an ihren Posten festhalten. – Er sah, was er tun würde. – Ein Tag nach der Messe.
KAPITEL L. Ein Patriarch. – Blätter aus einem Tagebuch. – Ein Zungenbrecher. – Der alte Seefahrer. – In Druck an den Pranger gestellt. – Versteinerte Wahrheit.
KAPITEL LI. Ein frischer „Anfänger“ am Steuer. – Ein Talsturm. – Einige Bemerkungen zur Konstruktion. – Socke und Kothurn. – Der Mann, der nie Hamlet spielte. – Ich bekam Durst. – Sonntagsstatistiken.
KAPITEL LII. Ich kralle mir eine Idee. – Ein Absolvent aus Harvard. – Ein reuiger Dieb. – Seine Geschichte auf der Kanzel. – Etwas Symmetrisches. – Ein literarischer Künstler. – Eine Musterepistel. – Pumpen arbeiten wieder. – Der „Kern“ der Notiz.
KAPITEL LIII. Ein meisterhafter Rückzug. – Eine Stadt in Ruhe. – Streiche der Kindheit. – Freunde meiner Jugend. – Die Zuflucht für Schwachsinnige. – Mir wird mein Maß präsentiert.
KAPITEL LIV. Ein besonderes Urteil. – Himmlisches Interesse. – Eine Nacht der Qual. – Ein weiterer schlimmer Anfall. – Ich werde genesen. – Ich spreche zu einer Sonntagsschule. – Ein Vorzeigejunge.
KAPITEL LV. Eine zweite Generation. – Hunderttausend Tonnen Sättel. – Ein dunkles und schreckliches Geheimnis. – Eine große Familie. – Ein goldhaariger Liebling. – Das geheimnisvolle Kreuz. – Mein Idol ist zerbrochen. – Eine schlimme Saison mit Schüttelfrost und Fieber. – Eine interessante Höhle.
KAPITEL LVI. Verkehrte Geschichte. – Ein schlechtes Gewissen. – Ein hypothetischer Fall. – Eine Angewohnheit, die gepflegt werden muss. – Ich lasse meine Last fallen. – Zeitunterschied.
KAPITEL LVII. Eine Modellstadt. – Eine Stadt, die im Sommer zum Durchatmen kommt. – Der Vogelscheuchen-Dekan. – Rauch und Flammen speiend. – Eine Atmosphäre, die gut schmeckt. – Das Land des Sonnenuntergangs.
KAPITEL LVIII. Eine unabhängige Rasse. – Vierundzwanzig-Stunden-Städte. – Bezaubernde Landschaft. – Die Heimat des Pfluges. – Black Hawk. – Schwankende Wertpapiere. – Ein Kontrast. – Elektrisches Licht.
KAPITEL LIX. Indianische Traditionen und Klapperschlangen. – Ein Drei-Tonnen-Wort. – Chimney Rock. – Der Panoramamann. – Ein guter Sprung. – Der unsterbliche Kopf. – Peboan und Seegwun.
KAPITEL LX. Der Beginn der Schifffahrt. – Von Rosen zum Schnee. – Klimatische Impfung. – Eine lange Fahrt. – Knochen der Armut. – Der Pionier der Zivilisation. – Krug des Reiches. – Siamesische Zwillinge. – Der Zuckerbusch. – Er gewinnt seine Braut. – Das Geheimnis um die Decke. – Eine Stadt, die immer eine Neuheit ist. – Wieder zu Hause.
ANHANG A B C D
DER „KÖRPER DER NATION“
ABER das Becken des Mississippi ist der Körper der Nation. Alle anderen Teile sind nur Glieder, wichtig an sich, doch noch wichtiger in ihrer Beziehung zu diesem. Abzüglich des Seebeckens und der 300.000 Quadratmeilen in Texas und New Mexico, die in vielerlei Hinsicht einen Teil davon bilden, umfasst dieses Becken etwa 1.250.000 Quadratmeilen. In seiner Ausdehnung ist es das zweitgrößte Tal der Welt, übertroffen nur von dem des Amazonas. Das Tal des gefrorenen Ob nähert sich ihm in der Ausdehnung; das des La Plata kommt in Bezug auf den Raum und wahrscheinlich in Bezug auf die Bewohnbarkeit als nächstes, mit etwa acht Neunteln seiner Fläche; dann folgt das des Jenissei mit etwa sieben Neunteln; Lena, Amur, Hoangho, Jangtsekiang und Nil mit fünf Neunteln; der Ganges mit weniger als der Hälfte; der Indus mit weniger als einem Drittel; der Euphrat mit einem Fünftel; der Rhein mit einem Fünfzehntel. Es übertrifft an Ausdehnung ganz Europa, ohne Russland, Norwegen und Schweden. Es würde Österreich viermal, Deutschland oder Spanien fünfmal, Frankreich sechsmal, die britischen Inseln oder Italien zehnmal enthalten. Vorstellungen, die aus den Flussbecken Westeuropas gebildet wurden, werden grob erschüttert, wenn wir die Ausdehnung des Mississippi-Tals betrachten; noch sind jene adäquat, die aus den sterilen Becken der großen Flüsse Sibiriens, den hochgelegenen Plateaus Zentralasiens oder dem gewaltigen Schwung des sumpfigen Amazonas gebildet wurden. Breitengrad, Höhe und Niederschlagsmenge tragen alle dazu bei, jeden Teil des Mississippi-Tals fähig zu machen, eine dichte Bevölkerung zu ernähren. Als Wohnort für den zivilisierten Menschen ist es bei weitem der erste auf unserem Globus.
REDAKTIONSTISCH, HARPER'S MAGAZINE, FEBRUAR 1863
KAPITEL 1
Der Fluss und seine Geschichte
DER Mississippi ist eine Lektüre wert. Er ist kein alltäglicher Fluss, sondern im Gegenteil in jeder Hinsicht bemerkenswert. Zählt man den Missouri zu seinem Hauptarm, so ist er der längste Fluss der Welt – viertausenddreihundert Meilen. Man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass er auch der kurvigste Fluss der Welt ist, da er auf einem Teil seines Weges eintausenddreihundert Meilen verbraucht, um die gleiche Strecke zurückzulegen, die eine Krähe in sechshundertfünfundsiebzig Meilen überfliegen würde. Er entlädt dreimal so viel Wasser wie der Sankt-Lorenz-Strom, fünfundzwanzigmal so viel wie der Rhein und dreihundertachtunddreißigmal so viel wie die Themse. Kein anderer Fluss hat ein so riesiges Einzugsgebiet: Er bezieht seine Wasserversorgung aus achtundzwanzig Bundesstaaten und Territorien; aus Delaware an der Atlantikküste und aus dem gesamten Land dazwischen bis Idaho am Pazifikhang – eine Ausdehnung von fünfundvierzig Längengraden. Der Mississippi empfängt und befördert Wasser von vierundfünfzig untergeordneten Flüssen, die für Dampfschiffe schiffbar sind, und von einigen Hunderten, die für Flachboote und Kiele schiffbar sind, in den Golf. Die Fläche seines Einzugsgebiets ist so groß wie die zusammengefassten Flächen von England, Wales, Schottland, Irland, Frankreich, Spanien, Portugal, Deutschland, Österreich, Italien und der Türkei; und fast diese ganze weite Region ist fruchtbar; das Mississippi-Tal im eigentlichen Sinne ist es in außergewöhnlichem Maße.
Er ist ein bemerkenswerter Fluss insofern, als er nicht zur Mündung hin breiter, sondern schmaler wird; schmaler und tiefer. Von der Einmündung des Ohio bis zu einem Punkt auf halbem Weg zum Meer beträgt die Breite bei Hochwasser durchschnittlich eine Meile: von dort bis zum Meer nimmt die Breite stetig ab, bis sie an den „Passes“, oberhalb der Mündung, nur noch wenig mehr als eine halbe Meile beträgt. An der Einmündung des Ohio beträgt die Tiefe des Mississippi siebenundachtzig Fuß; die Tiefe nimmt allmählich zu und erreicht kurz vor der Mündung einhundertneunundzwanzig Fuß.
Der Unterschied zwischen Anstieg und Abfall ist ebenfalls bemerkenswert – nicht im oberen, sondern im unteren Flusslauf. Der Anstieg ist bis Natchez (dreihundertsechzig Meilen oberhalb der Mündung) einigermaßen gleichmäßig – etwa fünfzig Fuß. Aber am Bayou La Fourche steigt der Fluss nur vierundzwanzig Fuß; in New Orleans nur fünfzehn und kurz vor der Mündung nur zweieinhalb.
Ein Artikel im New Orleans „Times-Democrat“, der auf Berichten fähiger Ingenieure basiert, besagt, dass der Fluss jährlich vierhundertsechs Millionen Tonnen Schlamm in den Golf von Mexiko entleert – was an Captain Marryats derben Namen für den Mississippi erinnert – „der große Abwasserkanal“. Dieser Schlamm würde, verfestigt, eine Masse von einer Meile im Quadrat und zweihunderteinundvierzig Fuß Höhe ergeben.
Die Schlammablagerung erweitert das Land allmählich – aber nur allmählich; in den zweihundert Jahren, die vergangen sind, seit der Fluss seinen Platz in der Geschichte eingenommen hat, hat er es um nicht ganz ein Drittel einer Meile erweitert. Die Überzeugung der Wissenschaftler ist, dass die Mündung früher bei Baton Rouge lag, wo die Hügel enden, und dass die zweihundert Meilen Land zwischen dort und dem Golf vom Fluss aufgeschüttet wurden. Das gibt uns das Alter dieses Landstrichs, ganz ohne Mühe – einhundertzwanzigtausend Jahre. Und doch ist es das jüngste Stück Land, das dort irgendwo herumliegt.
Der Mississippi ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert – seine Neigung, durch das Durchbrechen schmaler Landzungen gewaltige Sprünge zu machen und sich so zu begradigen und zu verkürzen. Mehr als einmal hat er sich mit einem einzigen Sprung um dreißig Meilen verkürzt! Diese Durchstiche hatten merkwürdige Auswirkungen: Sie haben mehrere Flussstädte in die ländlichen Gegenden geworfen und Sandbänke und Wälder vor ihnen aufgebaut. Die Stadt Delta lag früher drei Meilen unterhalb von Vicksburg: ein kürzlicher Durchstich hat die Position radikal verändert, und Delta liegt jetzt zwei Meilen oberhalb von Vicksburg.
Beide dieser Flussstädte wurden durch diesen Durchstich aufs Land zurückgezogen. Ein Durchstich richtet Verwüstungen an Grenzlinien und Zuständigkeiten an: Zum Beispiel lebt ein Mann heute im Staat Mississippi, ein Durchstich ereignet sich heute Nacht, und morgen findet der Mann sich und sein Land auf der anderen Seite des Flusses wieder, innerhalb der Grenzen und unterworfen den Gesetzen des Staates Louisiana! Eine solche Sache, die sich früher im oberen Flusslauf ereignete, hätte einen Sklaven von Missouri nach Illinois bringen und ihn zu einem freien Mann machen können.
Der Mississippi ändert seinen Standort nicht allein durch Durchstiche: Er ändert ständig seinen gesamten Lebensraum – er bewegt sich ständig im Ganzen zur Seite. In Hard Times, La., liegt der Fluss zwei Meilen westlich von der Region, die er früher einnahm. Als Ergebnis liegt der ursprüngliche Standort dieser Siedlung heute überhaupt nicht mehr in Louisiana, sondern auf der anderen Seite des Flusses, im Staat Mississippi. Fast die gesamten eintausenddreihundert Meilen des alten Mississippi, den La Salle vor zweihundert Jahren in seinen Kanus hinunterfuhr, sind heute guter, fester, trockener Boden. Der Fluss liegt stellenweise rechts davon und stellenweise links davon.
Obwohl der Schlamm des Mississippi Land nur langsam aufbaut, dort unten an der Mündung, wo die Wellen des Golfs seine Arbeit behindern, baut er in besser geschützten Regionen weiter oben schnell genug auf: Prophet’s Island zum Beispiel enthielt vor dreißig Jahren eintausendfünfhundert Morgen Land; seitdem hat der Fluss siebenhundert Morgen hinzugefügt.
Aber genug dieser Beispiele für die Exzentrizitäten des mächtigen Stroms für den Moment – ich werde im weiteren Verlauf des Buches noch ein paar mehr davon geben.
Lassen wir die physische Geschichte des Mississippi beiseite und sagen ein Wort über seine historische Geschichte – sozusagen. Wir können kurz auf seine schlummernde erste Epoche in ein paar kurzen Kapiteln blicken; auf seine zweite und wachere Epoche in ein paar weiteren; auf seine blühendste und wachste Epoche in vielen folgenden Kapiteln; und dann über seine vergleichsweise ruhige gegenwärtige Epoche in dem sprechen, was vom Buch übrig bleiben wird.
Die Welt und die Bücher sind so daran gewöhnt, das Wort „neu“ im Zusammenhang mit unserem Land zu benutzen und zu überbenutzen, dass wir früh den Eindruck gewinnen und dauerhaft behalten, es gäbe nichts Altes daran. Wir wissen natürlich, dass es einige vergleichsweise alte Daten in der amerikanischen Geschichte gibt, aber die bloßen Zahlen vermitteln unserem Geist keine richtige Vorstellung, keine deutliche Erkenntnis der Zeitspanne, die sie darstellen. Zu sagen, dass De Soto, der erste weiße Mann, der jemals den Mississippi sah, ihn 1542 sah, ist eine Bemerkung, die eine Tatsache feststellt, ohne sie zu interpretieren: Es ist so, als würde man die Dimensionen eines Sonnenuntergangs mit astronomischen Messungen angeben und die Farben mit ihren wissenschaftlichen Namen katalogisieren; – als Ergebnis erhält man die nackte Tatsache des Sonnenuntergangs, aber man sieht den Sonnenuntergang nicht. Es wäre besser gewesen, ein Bild davon zu malen.
Das Datum 1542 für sich genommen bedeutet uns wenig oder nichts; aber wenn man ein paar benachbarte historische Daten und Fakten darum gruppiert, fügt man Perspektive und Farbe hinzu, und dann erkennt man, dass dies eines der amerikanischen Daten ist, das für sein Alter ziemlich respektabel ist.
Wenn zum Beispiel der Mississippi zum ersten Mal von einem weißen Mann gesehen wurde, war weniger als ein Vierteljahrhundert seit Franz I. Niederlage bei Pavia vergangen; dem Tod von Raffael; dem Tod von Bayard, Sans Peur Et Sans Reproche; der Vertreibung der Johanniterritter aus Rhodos durch die Türken; und dem Anschlag der Fünfundneunzig Thesen – dem Akt, der die Reformation begann. Als De Soto einen flüchtigen Blick auf den Fluss warf, war Ignatius von Loyola ein obskurer Name; der Jesuitenorden war noch kein Jahr alt; die Farbe von Michelangelo am Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle war noch nicht trocken; Maria Stuart war noch nicht geboren, würde es aber noch vor Jahresende sein. Caterina de’ Medici war ein Kind; Elisabeth von England war noch nicht in ihren Teenagerjahren; Calvin, Benvenuto Cellini und Kaiser Karl V. waren auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, und jeder von ihnen machte Geschichte auf seine eigene besondere Art; Margarete von Navarra schrieb das „Heptameron“ und einige religiöse Bücher – das erste überlebt, die anderen sind vergessen, da Witz und Unanständigkeit manchmal bessere Bewahrer der Literatur sind als Heiligkeit; liederliche Hofmoral und das absurde Ritterwesen waren in voller Blüte, und das Tjostieren und das Turnier waren der häufige Zeitvertreib titulierter feiner Herren, die besser kämpfen als buchstabieren konnten, während Religion die Leidenschaft ihrer Damen war und die Klassifizierung ihrer Nachkommen in Kinder vollen Ranges und Kinder mit Brevet ihr Zeitvertreib.
Tatsächlich war die Religion überall in einem besonders blühenden Zustand: Das Konzil von Trient wurde einberufen; die Spanische Inquisition röstete, streckte und verbrannte mit freier Hand; anderswo auf dem Kontinent wurden die Nationen durch das Schwert und das Feuer zu einem heiligen Leben überredet; in England hatte Heinrich VIII. die Klöster unterdrückt, Fisher und ein oder zwei andere Bischöfe verbrannt und seine englische Reformation und seinen Harem effektiv gestartet. Als De Soto am Ufer des Mississippi stand, waren es noch zwei Jahre bis zu Luthers Tod; elf Jahre vor der Verbrennung von Servet; dreißig Jahre vor dem Bartholomäusnacht-Massaker; Rabelais war noch nicht veröffentlicht; „Don Quijote“ war noch nicht geschrieben; Shakespeare war noch nicht geboren; einhundert lange Jahre mussten noch vergehen, bis die Engländer den Namen Oliver Cromwell hören würden.
Unzweifelhaft ist die Entdeckung des Mississippi eine datierbare Tatsache, die die glänzende Neuheit unseres Landes beträchtlich mildert und modifiziert und ihr einen höchst respektablen äußeren Anschein von Rostigkeit und Altertümlichkeit verleiht.
De Soto erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf den Fluss, starb dann und wurde von seinen Priestern und Soldaten darin begraben. Man würde erwarten, dass die Priester und Soldaten die Dimensionen des Flusses verzehnfachen – die spanische Sitte des Tages – und so andere Abenteurer dazu bewegen, sofort hinzugehen und ihn zu erforschen. Im Gegenteil, ihre Berichte erregten, als sie nach Hause kamen, nicht dieses Maß an Neugier. Der Mississippi blieb für eine Reihe von Jahren von Weißen unbesucht, was in unseren energiegeladenen Tagen unglaublich erscheint. Man kann das Intervall für seinen Geist gewissermaßen „erfühlen“, indem man es auf diese Weise unterteilt: Nachdem De Soto einen Blick auf den Fluss geworfen hatte, verging ein Bruchteil von weniger als einem Vierteljahrhundert, und dann wurde Shakespeare geboren; lebte ein wenig mehr als ein halbes Jahrhundert, starb dann; und als er schon beträchtlich mehr als ein halbes Jahrhundert im Grab lag, sah der zweite weiße Mann den Mississippi. In unserer Zeit lassen wir nicht einhundertdreißig Jahre zwischen den flüchtigen Blicken auf ein Wunder vergehen. Wenn jemand einen Bach in dem County entdecken würde, das dem Nordpol am nächsten liegt, würden Europa und Amerika fünfzehn kostspielige Expeditionen dorthin starten: eine, um den Bach zu erforschen, und die anderen vierzehn, um nacheinander zu suchen.
Seit mehr als einhundertfünfzig Jahren gab es weiße Siedlungen an unseren Atlantikküsten. Diese Leute standen in engem Kontakt mit den Indianern: Im Süden raubten, schlachteten, versklavten und bekehrten die Spanier sie; weiter oben handelten die Engländer mit ihnen, wobei sie Perlen und Decken gegen eine Gegenleistung tauschten und noch Zivilisation und Whiskey „als Draufgabe“ obendrauf legten; und in Kanada unterrichteten die Franzosen sie auf rudimentäre Weise, missionierten unter ihnen und lockten ganze Bevölkerungsgruppen auf einmal nach Quebec und später nach Montreal, um ihnen Felle abzukaufen. Notwendigerweise müssen diese verschiedenen Gruppen von Weißen also von dem großen Fluss im fernen Westen gehört haben; und tatsächlich hörten sie vage von ihm – so vage und unbestimmt, dass sein Verlauf, seine Ausmaße und seine Lage kaum zu erahnen waren. Allein die Geheimnisvollerheit der Angelegenheit hätte die Neugier wecken und zur Erforschung zwingen müssen; doch das geschah nicht. Anscheinend wollte niemand einen solchen Fluss, niemand brauchte ihn, niemand war neugierig darauf; und so blieb der Mississippi eineinhalb Jahrhunderte lang unverkauft und unbeachtet. Als De Soto ihn fand, suchte er nicht nach einem Fluss und hatte auch keinen aktuellen Bedarf an einem; folglich schätzte er ihn nicht und nahm nicht einmal besondere Notiz von ihm.
Doch schließlich fasste La Salle, der Franzose, den Plan, diesen Fluss aufzusuchen und zu erforschen. Es geschieht immer, dass, wenn ein Mann eine vernachlässigte und wichtige Idee aufgreift, überall Leute auftauchen, die von derselben Vorstellung entflammt sind. So geschah es auch in diesem Fall.
Natürlich drängt sich die Frage auf, warum diese Leute den Fluss jetzt wollten, wo ihn in den fünf vorangegangenen Generationen niemand gewollt hatte? Offenbar deshalb, weil sie zu diesem späten Zeitpunkt glaubten, einen Weg entdeckt zu haben, ihn nützlich zu machen; denn man war zu der Überzeugung gelangt, dass der Mississippi in den Golf von Kalifornien münde und somit eine Abkürzung von Kanada nach China biete. Zuvor war man davon ausgegangen, dass er in den Atlantik oder das Meer von Virginia münde.
KAPITEL 2
Der Fluss und seine Entdecker
LA SALLE selbst ersuchte um gewisse hohe Privilegien, und diese wurden ihm von Louis XIV. von aufgeblähtem Andenken gnädig gewährt. Das wichtigste darunter war das Privileg, weit und breit zu forschen, Festungen zu bauen, Kontinente abzustecken und diese dem König zu übergeben, während er selbst die Kosten trug; als Gegenleistung erhielt er einige kleine Vorteile der einen oder anderen Art; darunter das Monopol auf Büffelfelle. Er verbrachte mehrere Jahre und fast sein gesamtes Geld damit, gefahrvolle und mühsame Reisen zwischen Montreal und einer Festung zu unternehmen, die er am Illinois errichtet hatte, bevor es ihm schließlich gelang, seine Expedition in eine Form zu bringen, in der er auf den Mississippi zusteuern konnte.
Und währenddessen hatten andere Parteien mehr Glück. Im Jahr 1673 durchquerten der Kaufmann Joliet und der Priester Marquette das Land und erreichten die Ufer des Mississippi. Sie kamen über die Großen Seen; und von Green Bay aus in Kanus über den Fox River und den Wisconsin. Marquette hatte am Fest der Unbefleckten Empfängnis feierlich gelobt, dass er den großen Fluss, sollte die Jungfrau ihm die Entdeckung erlauben, ihr zu Ehren Conception nennen würde. Er hielt sein Wort. Damals reisten alle Entdecker mit einem Gefolge von Priestern. De Soto hatte vierundzwanzig bei sich. La Salle hatte ebenfalls mehrere. Die Expeditionen hatten oft kein Fleisch und wenig Kleidung, aber sie hatten immer die Ausrüstungsgegenstände und andere Notwendigkeiten für die Messe dabei; sie waren immer bereit, wie es einer der wunderlichen Chronisten jener Zeit ausdrückte, „den Wilden die Hölle zu erklären“.
Am 17. Juni 1673 erreichten die Kanus von Joliet und Marquette und ihren fünf Untergebenen die Mündung des Wisconsin in den Mississippi. Mr. Parkman sagt: „Vor ihnen verlief eine breite und reißende Strömung quer zu ihrem Weg, am Fuße hoch aufragender, dicht in Wälder gehüllter Höhen.“ Er fährt fort: „Sie wandten sich nach Süden und paddelten den Strom hinunter, durch eine Einsamkeit, die durch keine Spur von Menschenhand gemildert wurde.“
Ein großer Wels stieß mit Marquettes Kanu zusammen und erschreckte ihn; und das zu Recht, denn er war von den Indianern gewarnt worden, dass er sich auf eine tollkühne und sogar tödliche Reise begebe, denn der Fluss beherberge einen Dämon, „dessen Gebrüll aus großer Entfernung zu hören sei und der sie in den Abgrund hinabziehen würde, in dem er hauste“. Ich habe einen Mississippi-Wels gesehen, der mehr als sechs Fuß lang war und zweihundertfünfzig Pfund wog; und wenn Marquettes Fisch von gleicher Art war, hatte er durchaus das Recht zu glauben, der brüllende Dämon des Flusses sei erschienen.
„Endlich tauchten die Büffel auf und grasten in Herden auf den großen Prärien, die den Fluss damals säumten; und Marquette beschreibt den grimmigen und stumpfsinnigen Blick der alten Bullen, wie sie die Eindringlinge durch die verfilzte Mähne anstarrten, die sie fast blind machte.“
Die Reisenden bewegten sich vorsichtig: „Sie landeten bei Nacht und machten ein Feuer, um ihre Abendmahlzeit zu kochen; dann löschten sie es, stiegen wieder ein, paddelten ein Stück weiter und ankerten im Strom, wobei sie bis zum Morgen einen Mann Wache halten ließen.“
Sie taten dies Tag für Tag und Nacht für Nacht; und nach zwei Wochen hatten sie keinen einzigen Menschen gesehen. Der Fluss war damals eine schreckliche Einsamkeit. Und das ist er heute, über den größten Teil seines Verlaufs, immer noch.
Doch am Ende der zwei Wochen stießen sie eines Tages auf Fußspuren von Menschen im Schlamm des westlichen Ufers – ein Robinson-Crusoe-Erlebnis, das noch immer einen elektrischen Schauer auslöst, wenn man beim Lesen darauf stößt. Sie waren gewarnt worden, dass die Flussindianer genauso grausam und mitleidlos seien wie der Flussdämon und jeden Ankömmling vernichteten, ohne auf eine Provokation zu warten; aber das war egal, Joliet und Marquette machten sich auf ins Landesinnere, um die Besitzer der Spuren aufzuspüren. Sie fanden sie nach einer Weile und wurden gastfreundlich aufgenommen und gut behandelt – wenn es gastfreundlich ist, von einem Indianerhäuptling empfangen zu werden, der seinen letzten Fetzen abgelegt hat, um sich von seiner besten Seite zu zeigen; und wenn es gut behandelt ist, reichlich mit Fisch, Brei und anderem Wild, einschließlich Hund, bewirtet zu werden und sich diese Dinge von den ungewaschenen Fingern der Indianer in den Mund stecken zu lassen. Am Morgen eskortierten der Häuptling und sechshundert seiner Stammesgenossen die Franzosen zum Fluss und verabschiedeten sie freundlich.
Auf den Felsen oberhalb der heutigen Stadt Alton fanden sie einige rohe und phantastische Indianermalereien, die sie beschreiben. Ein kurzes Stück flussabwärts „schoss ein Strom aus gelbem Schlamm wütend quer zur ruhigen blauen Strömung des Mississippi, brodelnd, wogend und Baumstämme, Äste und entwurzelte Bäume mit sich reißend“. Das war die Mündung des Missouri, jenes „wilden Flusses“, der, „von seiner wahnsinnigen Laufbahn durch ein riesiges Unbekanntes der Barbarei herabsteigend, seine trüben Fluten in den Busen seiner sanften Schwester ergoss“.
Nach einer Weile passierten sie die Mündung des Ohio; sie passierten Schilfdickichte; sie kämpften gegen Mücken; sie trieben Tag für Tag durch die tiefe Stille und Einsamkeit des Flusses, dösten im kargen Schatten behelfsmäßiger Markisen und schmorten in der Hitze; sie begegneten einer anderen Gruppe von Indianern und tauschten Höflichkeiten aus; und schließlich erreichten sie die Mündung des Arkansas (etwa einen Monat nach ihrem Startpunkt), wo ein Stamm kriegsschreiender Wilder hervorschwärmte, um sie zu treffen und zu ermorden; doch sie appellierten an die Hilfe der Jungfrau; und so gab es statt eines Kampfes ein Fest und jede Menge angenehmer Plaudereien und Firlefanz.
Sie hatten zu ihrer Zufriedenheit bewiesen, dass der Mississippi nicht in den Golf von Kalifornien oder in den Atlantik mündete. Sie glaubten, er münde in den Golf von Mexiko. Sie kehrten nun um und brachten ihre große Neuigkeit nach Kanada.
Doch Glaube ist kein Beweis. Es blieb La Salle vorbehalten, den Beweis zu erbringen. Er wurde durch ein Unglück nach dem anderen quälend aufgehalten, brachte seine Expedition aber schließlich Ende des Jahres 1681 auf den Weg. Im tiefsten Winter brachen er und Henri de Tonty, der Sohn von Lorenzo Tonty, der die Tontine erfunden hatte, sein Leutnant, auf dem Illinois auf, mit einem Gefolge von achtzehn Indianern, die aus Neuengland mitgebracht worden waren, und dreiundzwanzig Franzosen. Sie bewegten sich in Prozession auf der Oberfläche des zugefrorenen Flusses vorwärts, zu Fuß und ihre Kanus auf Schlitten hinter sich herziehend.
Am Peoria Lake stießen sie auf offenes Wasser, paddelten von dort zum Mississippi und wandten ihre Steven nach Süden. Sie pflügten durch Felder aus treibendem Eis, vorbei an der Mündung des Missouri; vorbei an der Mündung des Ohio; und „glitten an den Weiten des angrenzenden Sumpflandes vorbei und landeten am 24. Februar in der Nähe der Third Chickasaw Bluffs“, wo sie haltmachten und Fort Prudhomme erbauten.
„Wieder“, sagt Mr. Parkman, „stiegen sie in die Boote; und mit jeder Etappe ihres abenteuerlichen Fortschritts enthüllte sich das Geheimnis dieser riesigen neuen Welt mehr und mehr. Immer mehr betraten sie die Gefilde des Frühlings. Das diesige Sonnenlicht, die warme und schläfrige Luft, das zarte Laub, die aufbrechenden Blumen verkündeten das wiedererwachende Leben der Natur.“
Tag für Tag trieben sie die großen Biegungen hinunter, im Schatten der dichten Wälder, und kamen schließlich an der Mündung des Arkansas an. Zuerst wurden sie von den Einheimischen dieser Gegend so begrüßt, wie Marquette zuvor von ihnen begrüßt worden war – mit dem Donnern der Kriegstrommel und dem Schwingen der Waffen. Die Jungfrau schlichtete die Schwierigkeiten in Marquettes Fall; die Friedenspfeife tat dasselbe für La Salle. Der weiße Mann und der rote Mann reichten sich die Hände und unterhielten sich drei Tage lang. Dann stellte La Salle zur Bewunderung der Wilden ein Kreuz mit dem Wappen Frankreichs auf und nahm das ganze Land für den König in Besitz – die ungenierte Art der Zeit –, während der Priester den Raub fromm mit einem Hymnus weihte. Der Priester erklärte die Geheimnisse des Glaubens „mit Zeichen“, um die Wilden zu retten; und entschädigte sie so mit möglichem Besitz im Himmel für den sicheren, der ihnen auf Erden gerade geraubt worden war. Und ebenfalls durch Zeichen entlockte La Salle diesen einfachen Kindern des Waldes Treuebekundungen an Louis den Fäulniserregenden jenseits des Wassers. Niemand lächelte über diese kolossalen Ironien.
Diese Darbietungen fanden auf dem Gelände der zukünftigen Stadt Napoleon, Arkansas, statt, und dort wurde das erste Konfiszierungskreuz am Ufer des großen Flusses errichtet. Die Entdeckungsreise von Marquette und Joliet endete an derselben Stelle – dem Gelände der zukünftigen Stadt Napoleon. Als De Soto in den dunklen frühen Tagen seinen flüchtigen Blick auf den Fluss warf, tat er dies von derselben Stelle aus – dem Gelände der zukünftigen Stadt Napoleon, Arkansas. Somit ereigneten sich drei der vier denkwürdigen Ereignisse, die mit der Entdeckung und Erforschung des mächtigen Flusses verbunden sind, zufällig an ein und demselben Ort. Es ist eine höchst merkwürdige Besonderheit, wenn man sie betrachtet und darüber nachdenkt. Frankreich stahl dieses riesige Land an jenem Ort, dem zukünftigen Napoleon; und bei Zeiten sollte Napoleon selbst das Land wieder zurückgeben! – Wiedergutmachung leisten, nicht an die Eigentümer, sondern an ihre weißen amerikanischen Erben.
Die Reisenden reisten weiter, machten hier und da Halt; „passierten die Orte, die später historisch wurden, Vicksburg und Grand Gulf“, und besuchten einen imposanten indianischen Monarchen im Gebiet von Teche, dessen Hauptstadt eine solide Stadt aus sonnengetrockneten Ziegeln war, die mit Stroh vermischt waren – bessere Häuser als viele, die dort heute existieren. Das Haus des Häuptlings enthielt einen Audienzraum von vierzig Fuß im Quadrat; und dort empfing er Tonty in Staatskleidung, umgeben von sechzig alten Männern in weißen Umhängen. Es gab einen Tempel in der Stadt mit einer Mauer aus Lehm, die mit den Schädeln von Feinden geschmückt war, die der Sonne geopfert worden waren.
Die Reisenden besuchten die Natchez-Indianer in der Nähe des Standorts der heutigen gleichnamigen Stadt, wo sie einen „religiösen und politischen Despotismus, eine privilegierte Klasse, die von der Sonne abstammte, einen Tempel und ein heiliges Feuer“ fanden. Es muss gewesen sein, als käme man wieder nach Hause; es war in der Tat ein Zuhause mit einem Vorteil, denn es fehlte Louis XIV.
Ein paar weitere Tage vergingen schnell, und La Salle stand im Schatten seines konfiszierenden Kreuzes, wo sich die Wasser aus Delaware und aus Itaska und von den Gebirgszügen nahe am Pazifik mit den Wassern des Golfs von Mexiko vereinten, seine Aufgabe beendet, sein Wunderwerk vollbracht. Mr. Parkman fasst in seinem abschließenden, faszinierenden Bericht zusammen:
„An jenem Tag erhielt das Reich Frankreichs auf Pergament einen gewaltigen Zuwachs. Die fruchtbaren Ebenen von Texas; das riesige Becken des Mississippi, von seinen gefrorenen nördlichen Quellen bis zu den schwülen Rändern des Golfs; von den bewaldeten Höhenzügen der Alleghanies bis zu den kahlen Gipfeln der Rocky Mountains – eine Region aus Savannen und Wäldern, sonnenverbrannten Wüsten und grasbewachsenen Prärien, bewässert von tausend Flüssen, durchstreift von tausend kriegerischen Stämmen, ging unter das Zepter des Sultans von Versailles über; und alles nur aufgrund einer schwachen menschlichen Stimme, die auf eine halbe Meile Entfernung nicht mehr zu hören war.“
KAPITEL 3
Fresken aus der Vergangenheit
OFFENBAR war der Fluss nun bereit für das Geschäft. Aber nein, die Verteilung einer Bevölkerung entlang seiner Ufer war ein ebenso ruhiger, bedächtiger und zeitraubender Prozess wie die Entdeckung und Erforschung gewesen.
Siebzig Jahre vergingen nach der Erforschung, bis die Ufer des Flusses eine nennenswerte weiße Bevölkerung aufwiesen; und fast fünfzig weitere, bis der Fluss einen Handel hatte. Zwischen La Salles Öffnung des Flusses und der Zeit, in der man sagen kann, dass er zum Träger eines einigermaßen regelmäßigen und aktiven Handels geworden war, hatten sieben Herrscher auf dem Thron von England gesessen, Amerika war eine unabhängige Nation geworden, Louis XIV. und Louis XV. waren verrottet und gestorben, die französische Monarchie war im roten Sturm der Revolution untergegangen, und Napoleon war ein Name, von dem man zu sprechen begann. Wahrlich, es gab Schnecken in jenen Tagen.
Der früheste Handel des Flusses fand in großen Lastkähnen statt – Kielbooten, Breitböden. Sie trieben und segelten von den oberen Flüssen nach New Orleans, wechselten dort die Ladung und wurden mühsam von Hand zurückgezogen und gestakt. Eine Reise hin und zurück dauerte manchmal neun Monate. Mit der Zeit nahm dieser Handel zu, bis er Horden von rauen und abgehärteten Männern beschäftigte; ungehobelt, ungebildet, mutig, die mit seemännischer Stoik schreckliche Härten erlitten; starke Trinker, derbe Spaßvögel in moralischen Sündenpfuhlen wie dem damaligen Natchez-under-the-hill, schwere Schläger, allesamt leichtsinnige Burschen, elefantenhaft fröhlich, unflätig im Reden, gotteslästerlich; verschwenderisch mit ihrem Geld, am Ende der Reise bankrott, Liebhaber barbarischen Schmucks, phänomenale Angeber; doch im Grunde ehrlich, vertrauenswürdig, treu gegenüber Versprechen und Pflichten und oft auf malerische Weise großmütig.
Nach und nach drang das Dampfschiff ein. Dann fuhren diese Männer noch fünfzehn oder zwanzig Jahre lang mit ihren Kielbooten flussabwärts, und die Dampfer erledigten das gesamte Geschäft flussaufwärts, wobei die Kielbootfahrer ihre Boote in New Orleans verkauften und als Deckpassagiere auf den Dampfern nach Hause zurückkehrten.
Doch nach einer Weile nahmen die Dampfschiffe so sehr an Zahl und Geschwindigkeit zu, dass sie den gesamten Handel an sich ziehen konnten; und dann starb das Kielbootfahren einen dauerhaften Tod. Der Kielbootfahrer wurde Deckhelfer, oder Maat, oder Lotse auf dem Dampfer; und wenn keine Plätze auf dem Dampfer für ihn frei waren, nahm er einen Platz auf einem Kohle-Flachboot aus Pittsburgh oder auf einem Kiefernfloß, das in den Wäldern nahe den Quellen des Mississippi gebaut worden war.
In der Blütezeit des Dampfschiff-Wohlstands war der Fluss von einem Ende zum anderen mit Kohleflotten und Holzflößen übersät, die alle von Hand gesteuert wurden und Scharen der rauen Charaktere beschäftigten, die ich zu beschreiben versucht habe. Ich erinnere mich an die jährlichen Prozessionen mächtiger Flöße, die an Hannibal vorbeizugleiten pflegten, als ich ein Junge war – etwa ein Morgen weißer, süß riechender Bretter in jedem Floß, eine Mannschaft von zwei Dutzend Männern oder mehr, drei oder vier Wigwams, die auf der riesigen, flachen Fläche des Floßes als Sturmquartiere verstreut waren –, und ich erinnere mich an die rüden Sitten und das gewaltige Gerede ihrer großen Mannschaften, der ehemaligen Kielbootfahrer und ihrer bewundernd nacheifernden Nachfolger; denn wir pflegten eine Viertel- oder Drittelmeile hinauszuschwimmen, auf diese Flöße zu steigen und eine Fahrt zu machen.
Um die Redeweise und die Manieren der Kielbootfahrer sowie das nun vergangene und kaum noch in Erinnerung gerufene Floßleben zu illustrieren, werde ich an dieser Stelle ein Kapitel aus einem Buch einfügen, an dem ich in den letzten fünf oder sechs Jahren immer wieder gearbeitet habe und das ich möglicherweise in weiteren fünf oder sechs Jahren fertigstellen werde. Das Buch ist eine Geschichte, die einige Abschnitte aus dem Leben eines unwissenden Dorfjungen schildert, Huck Finn, Sohn des Stadttrunkenbolds meiner Zeit dort im Westen. Er ist von seinem verfolgenden Vater weggelaufen und von einer verfolgenden guten Witwe, die einen netten, wahrheitsliebenden, respektablen Jungen aus ihm machen will; und mit ihm ist auch ein Sklave der Witwe entkommen. Sie haben ein Fragment eines Holzfloßes gefunden (es ist Hochwasser und die schlimmste Sommerzeit) und treiben nachts den Fluss hinunter und verstecken sich tagsüber in den Weiden – auf dem Weg nach Cairo –, von wo aus der Neger im Herzen der freien Staaten die Freiheit suchen wird. Doch im Nebel passieren sie Cairo, ohne es zu wissen. Nach einer Weile beginnen sie die Wahrheit zu ahnen, und Huck Finn wird überredet, die düstere Ungewissheit zu beenden, indem er zu einem riesigen Floß hinüberschwimmt, das sie in der Ferne vor sich gesehen haben, unter dem Schutz der Dunkelheit an Bord kriecht und durch Belauschen die nötigen Informationen sammelt:
Aber man weiß ja, ein junger Mensch kann nicht gut warten, wenn er ungeduldig ist, etwas herauszufinden. Wir besprachen es, und nach einer Weile sagte Jim, es sei jetzt so eine rabenschwarze Nacht, dass es kein Risiko wäre, zu dem großen Floß hinüberzuschwimmen, an Bord zu kriechen und zuzuhören – sie würden sicher über Cairo sprechen, weil sie vielleicht vorhätten, dort an Land zu gehen, um sich zu amüsieren, oder sie würden jedenfalls Boote an Land schicken, um Whiskey oder frisches Fleisch oder so etwas zu kaufen. Jim hatte einen wunderbar klaren Kopf für einen Nigger: Er konnte fast immer einen guten Plan aushecken, wenn man einen brauchte.
Ich stand auf, schüttelte meine Lumpen ab, sprang in den Fluss und schwamm auf das Licht des Floßes zu. Als ich schließlich fast bei ihm war, wurde ich langsamer und ging vorsichtig vor. Aber alles war in Ordnung – niemand an den Rudern. Also schwamm ich am Floß entlang, bis ich fast auf Höhe des Lagerfeuers in der Mitte war, dann kroch ich an Bord, schob mich zentimeterweise vorwärts und landete inmitten einiger Bündel Schindeln auf der dem Wind zugewandten Seite des Feuers. Da waren dreizehn Männer – das war natürlich die Wache an Deck. Und ein gewaltig rau aussehender Haufen dazu. Sie hatten einen Krug und Blechbecher, und sie ließen den Krug kreisen. Einer sang – man könnte sagen: er brüllte; und es war kein schönes Lied – jedenfalls nicht für ein Wohnzimmer. Er brüllte durch die Nase und zog das letzte Wort jeder Zeile sehr in die Länge. Als er fertig war, stießen sie alle eine Art Indianer-Kriegsschrei aus, und dann wurde ein anderes gesungen. Es begann: –
„Da war eine Frau in unserer Stadt, in unserer Stadt wohnte sie, sie liebte ihren Ehemann herzlich, aber ein anderer Mann war ihr doppelt so lieb.
Singend ri-loo, ri-loo, ri-loo, Ri-too, ri-loo, ri-lay – Sie liebte ihren Ehemann herzlich, aber ein anderer Mann war ihr doppelt so lieb.“
Und so weiter – vierzehn Strophen. Es war ziemlich armselig, und als er mit der nächsten Strophe anfangen wollte, sagte einer von ihnen, das sei die Melodie, zu der die alte Kuh gestorben sei; und ein anderer sagte: „Oh, lass uns in Ruhe.“ Und ein dritter sagte ihm, er solle sich verziehen. Sie machten sich über ihn lustig, bis er wütend wurde, aufsprang und anfing, die Menge zu verfluchen, und sagte, er könne jeden Dieb in der Bande verprügeln.
Sie wollten sich alle auf ihn stürzen, aber der größte Mann dort sprang auf und sagte –
„Bleibt sitzen, wo ihr seid, meine Herren. Überlasst ihn mir; er ist mein Fleisch.“
Dann sprang er dreimal in die Luft und schlug jedes Mal die Absätze zusammen. Er warf einen Wildledermantel ab, der voller Fransen hing, und sagte: „Bleib da liegen, bis das Zerfleischen vorbei ist“; und warf seinen Hut hin, der voller Bänder war, und sagte: „Bleib da liegen, bis seine Leiden vorbei sind.“
Dann sprang er wieder in die Luft, schlug die Absätze zusammen und rief –
„Hui-uuh! Ich bin der alte, originale, eisengebissene, messingbeschlagene, kupferbäuchige Leichenmacher aus den Wildnissen von Arkansaw! – Seht mich an! Ich bin der Mann, den sie Plötzlichen Tod und Allgemeine Verödung nennen! Gezeugt von einem Wirbelsturm, ausgetragen von einem Erdbeben, Halbbruder der Cholera, mütterlicherseits eng verwandt mit den Pocken! Seht mich an! Ich verdrücke neunzehn Alligatoren und ein Fass Whiskey zum Frühstück, wenn ich bei bester Gesundheit bin, und einen Scheffel Klapperschlangen sowie eine Leiche, wenn ich kränkle! Ich spalte die ewigen Felsen mit meinem Blick und ich ersticke den Donner, wenn ich spreche! Hui-uuh! Tretet zurück und macht mir Platz, meiner Kraft entsprechend! Blut ist mein natürliches Getränk und das Wehklagen der Sterbenden ist Musik in meinen Ohren! Werft ein Auge auf mich, meine Herren! – und duckt euch und haltet den Atem an, denn ich bin im Begriff, mich von der Leine zu lassen!“
Die ganze Zeit, während er dies von sich gab, schüttelte er den Kopf und schaute grimmig drein und stolzierte irgendwie in einem kleinen Kreis umher, krempelte seine Manschetten hoch und richtete sich ab und zu auf und schlug sich mit der Faust auf die Brust, indem er sagte: „Seht mich an, meine Herren!“ Als er fertig war, sprang er in die Luft, schlug dreimal die Absätze zusammen und stieß ein brüllendes „Hui-uuh! Ich bin der blutrünstigste Sohn einer Wildkatze, der auf Erden wandelt!“ aus.
Dann neigte der Mann, der den Streit angezettelt hatte, seinen alten Schlapphut tief über sein rechtes Auge; dann bückte er sich weit nach vorn, mit durchhängendem Rücken und weit herausgestrecktem Hinterteil, während seine Fäuste vor ihm hin und her stießen, und so ging er etwa dreimal in einem kleinen Kreis umher, blähte sich auf und atmete schwer. Dann richtete er sich auf, sprang in die Luft und schlug dreimal die Absätze zusammen, bevor er wieder landete (das brachte ihnen Jubel ein), und er begann zu schreien:
„Hui-uuh! Beugt den Nacken und macht euch breit, denn das Königreich des Kummers kommt daher! Haltet mich am Boden fest, denn ich fühle, wie meine Kräfte wirken! Hui-uuh! Ich bin ein Kind der Sünde, lasst mich bloß nicht los! Geräuchertes Glas für alle! Versucht nicht, mich mit bloßem Auge anzusehen, meine Herren! Wenn ich verspielt bin, benutze ich die Längen- und Breitengrade als Schleppnetz und durchkämme den Atlantischen Ozean nach Walen! Ich kratze mir den Kopf mit dem Blitz und schnurre mich mit dem Donner in den Schlaf! Wenn mir kalt ist, koche ich den Golf von Mexiko und bade darin; wenn mir heiß ist, fächele ich mir mit einem Äquinoktialsturm Luft zu; wenn ich durstig bin, strecke ich mich aus und sauge eine Wolke trocken wie einen Schwamm; wenn ich hungrig über die Erde ziehe, folgt mir die Hungersnot auf dem Fuße! Hui-uuh! Beugt den Nacken und macht euch breit! Ich lege meine Hand auf das Gesicht der Sonne und mache es Nacht auf Erden; ich beiße ein Stück aus dem Mond und beschleunige die Jahreszeiten; ich schüttle mich und bringe die Berge zum Einsturz! Betrachtet mich durch Leder – benutzt nicht das bloße Auge! Ich bin der Mann mit dem versteinerten Herzen und dem Kesselstahl-Bauch! Das Abschlachten isolierter Gemeinschaften ist der Zeitvertreib meiner Mußestunden, die Vernichtung von Nationalitäten das ernste Geschäft meines Lebens! Die grenzenlose Weite der großen amerikanischen Wüste ist mein umzäuntes Eigentum, und ich begrabe meine Toten auf meinem eigenen Grund und Boden!“ Er sprang in die Luft und schlug dreimal die Absätze zusammen, bevor er landete (sie bejubelten ihn erneut), und als er unten ankam, schrie er: „Hui-uuh! Beugt den Nacken und macht euch breit, denn das Lieblingskind des Unheils kommt daher!“
Dann fing der andere wieder an, herumzustolzieren und zu prahlen – der erste, der, den sie Bob nannten; als Nächstes mischte sich das Kind des Unheils wieder ein, großspuriger als je zuvor; dann legten sie beide gleichzeitig los, stolzierten umeinander herum und stießen ihre Fäuste fast in die Gesichter des jeweils anderen, und johlten und schimpften wie Indianer; dann nannte Bob das Kind bei Namen, und das Kind nannte ihn wieder bei Namen; als Nächstes nannte Bob ihn noch viel gröbere Namen, und das Kind kam mit der allerschlimmsten Art von Sprache auf ihn zurück; als Nächstes schlug Bob dem Kind den Hut vom Kopf, und das Kind hob ihn auf und kickte Bobs Hut mit den Bändern etwa sechs Fuß weit weg; Bob ging hin, holte ihn und sagte, macht nichts, das werde nicht das Ende der Sache sein, denn er sei ein Mann, der niemals vergesse und niemals vergebe, und das Kind solle sich also in Acht nehmen, denn es werde eine Zeit kommen, so sicher wie er ein lebender Mann sei, da er ihm mit dem besten Blut seines Körpers Rechenschaft ablegen müsse. Das Kind sagte, kein Mann sei bereiter als er, dass diese Zeit käme, und er gebe Bob hiermit eine faire Warnung, ihm nie wieder in die Quere zu kommen, denn er könne niemals ruhen, bis er in seinem Blut gewatet habe, denn das sei seine Natur, wenngleich er ihn jetzt wegen seiner Familie verschone, falls er eine habe.
Beide entfernten sich in verschiedene Richtungen, knurrend und den Kopf schüttelnd und darüber redend, was sie alles tun würden; aber ein kleiner Bursche mit schwarzen Koteletten hüpfte herbei und sagt:
„Kommt zurück, ihr zwei hühnerherzigen Feiglinge, und ich verhaue euch beide!“
Und das tat er auch. Er packte sie, er zerrte sie hierhin und dorthin, er verpasste ihnen Fußtritte, er warf sie schneller zu Boden, als sie aufstehen konnten. Nun, es dauerte keine zwei Minuten, da bettelten sie wie Hunde – und wie die andere Gruppe die ganze Zeit über johlte und lachte und in die Hände klatschte und schrie: „Drauf auf ihn, Leichenmacher!“, „Hi! Wieder ran an ihn, Kind des Unheils!“, „Klasse gemacht, kleiner Davy!“ Nun, es war eine Weile lang ein vollkommenes Tohuwabohu. Bob und das Kind hatten rote Nasen und blaue Augen, als sie fertig waren. Der kleine Davy zwang sie zuzugeben, dass sie feige Hunde seien und nicht dazu taugten, mit einem Hund zu essen oder mit einem Nigger zu trinken; dann schüttelten Bob und das Kind einander sehr feierlich die Hände und sagten, sie hätten einander immer respektiert und seien bereit, das Vergangene ruhen zu lassen. Also wuschen sie ihre Gesichter im Fluss; und genau da kam der laute Befehl, sich für eine Überquerung bereitzuhalten, und einige gingen nach vorn, um die Riemen zu bedienen, und die anderen nach hinten, um die Heckriemen zu handhaben.
Ich blieb liegen und wartete fünfzehn Minuten und rauchte eine Pfeife, die einer von ihnen in Reichweite gelassen hatte; dann war die Überquerung beendet, und sie schlurften zurück, tranken einen Becher und begannen wieder zu reden und zu singen. Als Nächstes holten sie eine alte Fiedel hervor, und einer spielte, ein anderer klatschte den Juba-Rhythmus, und die übrigen ließen sich bei einem echten altmodischen Keelboot-Tanz gehen. Sie konnten das nicht lange durchhalten, ohne außer Atem zu geraten, also ließen sie sich nach und nach wieder um den Krug herum nieder.
Sie sangen „Fröhlich, fröhlich ist das Leben des Flößers für mich“ mit einem mitreißenden Refrain, und dann kamen sie darauf zu sprechen, welche Unterschiede es zwischen Schweinen gibt und welche verschiedenen Gewohnheiten sie haben; und als Nächstes über Frauen und ihre verschiedenen Arten; und als Nächstes über die besten Methoden, brennende Häuser zu löschen; und als Nächstes darüber, was man mit den Indianern tun sollte; und als Nächstes darüber, was ein König zu tun habe und wie viel er bekäme; und als Nächstes darüber, wie man Katzen zum Kämpfen bringt; und als Nächstes darüber, was man tun soll, wenn ein Mann Anfälle hat; und als Nächstes über die Unterschiede zwischen Flüssen mit klarem Wasser und solchen mit schlammigem Wasser. Der Mann, den sie Ed nannten, sagte, das schlammige Mississippiwasser sei gesünder zu trinken als das klare Wasser des Ohio; er sagte, wenn man ein Pint von diesem gelben Mississippiwasser stehen lasse, habe man etwa einen halben bis dreiviertel Zoll Schlamm am Boden, je nach Wasserstand des Flusses, und dann sei es um nichts besser als Ohio-Wasser – man müsse es in Bewegung halten – und wenn der Fluss Niedrigwasser führe, solle man Schlamm auf Vorrat haben, um ihn hineinzugeben und das Wasser so dick zu machen, wie es sich gehöre.
Das Kind des Unheils sagte, das stimme; er sagte, im Schlamm liege Nährwert, und ein Mann, der Mississippiwasser trinke, könne in seinem Magen Mais anbauen, wenn er wolle. Er sagt:
„Schaut euch die Friedhöfe an; das sagt alles. Bäume wachsen in einem Friedhof von Cincinnati nicht die Bohne, aber in einem Friedhof von St. Louis wachsen sie über achthundert Fuß hoch. Das liegt alles an dem Wasser, das die Leute getrunken haben, bevor sie sich zur Ruhe legten. Eine Leiche aus Cincinnati reichert den Boden zu nichts an.“
Und sie sprachen darüber, wie Ohio-Wasser sich nicht gern mit Mississippiwasser vermische. Ed sagte, wenn man den Mississippi bei Hochwasser erwische, während der Ohio Niedrigwasser habe, finde man ein breites Band von klarem Wasser die ganze Ostseite des Mississippi hinunter, hundert Meilen oder mehr, und sobald man eine Viertelmeile vom Ufer entfernt sei und die Linie überschreite, sei es den Rest des Weges bis zur anderen Seite alles dick und gelb. Dann sprachen sie darüber, wie man Tabak vor Schimmel schützt, und von dort kamen sie auf Geister und erzählten von einer Menge, die andere Leute gesehen hatten; aber Ed sagt:
„Warum erzählt ihr nicht etwas, das ihr selbst gesehen habt? Lasst mich mal zu Wort kommen. Vor fünf Jahren war ich auf einem Floß, so groß wie dieses, und genau hier war eine helle, mondbeschienene Nacht, und ich hatte Wache und war Chef des Steuerbord-Riemens vorn, und einer meiner Kumpane war ein Mann namens Dick Allbright, und er kam dorthin, wo ich saß, nach vorn – er gähnte und streckte sich – und beugte sich über die Kante des Floßes und wusch sein Gesicht im Fluss und kam und setzte sich zu mir und holte seine Pfeife hervor und hatte sie gerade gefüllt, als er aufschaut und sagt:
„‚„Na schau mal her“, sagt er, „ist das nicht Buck Millers Anwesen, da drüben in der Flussbiegung.“
„‚„Ja“, sage ich, „das ist es – warum?“ Er legte seine Pfeife ab und stützte den Kopf auf seine Hand und sagt:
„‚„Ich dachte, wir wären weiter flussabwärts.“ Ich sage:
„‚„Das dachte ich auch, als ich von der Wache ging“ – wir hatten sechs Stunden Dienst und sechs frei –, „aber die Jungs sagten mir“, sage ich, „dass sich das Floß in der letzten Stunde kaum zu bewegen schien“, sage ich, „obwohl sie jetzt ganz gut dahingleitet“, sage ich. Er stieß eine Art Ächzen aus und sagt:
„‚„Ich habe schon einmal ein Floß so gesehen, hier entlang“, sagt er, „mir scheint, die Strömung hat in den letzten zwei Jahren oberhalb des Kopfes dieser Biegung fast aufgehört“, sagt er.
„‚Nun, er richtete sich zwei- oder dreimal auf und schaute weit weg und über das Wasser. Das brachte mich auch dazu. Ein Mensch tut immer das, was er bei jemand anderem sieht, auch wenn es vielleicht keinen Sinn hat. Bald darauf sah ich etwas Schwarzes auf dem Wasser weit draußen an Steuerbord, schräg hinter uns. Ich sah, dass er es auch beobachtete. Ich sage:
„‚„Was ist das?“ Er sagt, irgendwie mürrisch:
„‚„Das ist nichts weiter als ein altes leeres Fass.“
„‚„Ein leeres Fass!“, sage ich, „nun“, sage ich, „ein Fernrohr ist ein Witz gegen deine Augen. Woher willst du wissen, dass es ein leeres Fass ist?“ Er sagt:
„‚„Ich weiß es nicht; ich nehme an, es ist kein Fass, aber ich dachte, es könnte eins sein“, sagt er.
„‚„Ja“, sage ich, „so könnte es sein, und es könnte auch alles andere sein; ein Mensch kann nichts darüber sagen, bei einer solchen Entfernung“, sage ich.
„‚Wir hatten nichts anderes zu tun, also beobachteten wir es weiter. Nach einer Weile sage ich:
„‚„Na schau mal her, Dick Allbright, das Ding holt auf uns auf, glaube ich.“
„‚Er sagte gar nichts. Das Ding kam näher und näher, und ich urteilte, es müsse ein Hund sein, der völlig erschöpft war. Nun, wir schwenkten hinunter in die Kreuzung, und das Ding schwamm durch den hellen Mondschein, und bei Gott, es war ein Fass. Ich sage:
„‚„Dick Allbright, was brachte dich dazu zu glauben, das Ding sei ein Fass, als es eine halbe Meile entfernt war“, sage ich. Sagt er:
„‚„Ich weiß es nicht.“ Ich sage:
„‚„Sag du es mir, Dick Allbright.“ Er sagt:
„‚„Nun, ich wusste, dass es ein Fass war; ich habe es schon einmal gesehen; viele haben es gesehen; sie sagen, es sei ein Spukfass.“
„‚Ich rief den Rest der Wache, und sie kamen und standen dort, und ich erzählte ihnen, was Dick gesagt hatte. Es schwamm nun direkt daneben und holte nicht mehr auf. Es war etwa zwanzig Fuß entfernt. Einige wollten es an Bord holen, aber die anderen wollten es nicht. Dick Allbright sagte, Flöße, die damit gespielt hätten, hätten Unglück dadurch bekommen. Der Wachkapitän sagte, er glaube nicht daran. Er sagte, er nehme an, das Fass hole auf uns auf, weil es in einer etwas besseren Strömung sei als wir. Er sagte, es würde bald verschwinden.
„‚Also sprachen wir über andere Dinge, und wir hatten ein Lied, und dann einen Tanz; und danach verlangte der Wachkapitän nach einem weiteren Lied; aber es bewölkte sich jetzt, und das Fass klebte genau da an der gleichen Stelle, und das Lied schien irgendwie nicht richtig in Schwung zu kommen, und so beendeten sie es nicht, und es gab keinen Jubel, sondern es fiel irgendwie flach aus, und eine Minute lang sagte niemand etwas. Dann versuchten alle gleichzeitig zu reden, und ein Bursche brachte einen Witz an, aber es nützte nichts, sie lachten nicht, und selbst der Bursche, der den Witz machte, lachte nicht darüber, was nicht üblich ist. Wir wurden alle nur grimmig und beobachteten das Fass und waren unruhig und unbehaglich. Nun, mein Herr, es wurde schwarz und still, und dann fing der Wind an zu stöhnen, und als Nächstes fing der Blitz an zu zucken und der Donner zu grollen. Und bald darauf gab es ein regelrechtes Gewitter, und mitten darin stolperte ein Mann, der nach achtern lief, und fiel und verstauchte sich den Knöchel, so dass er ausfallen musste. Das ließ die Jungs den Kopf schütteln. Und jedes Mal, wenn der Blitz kam, war da dieses Fass mit den blauen Lichtern, die darum blinkten. Wir hielten immer Ausschau danach. Aber gegen Morgen war sie verschwunden. Als der Tag kam, konnten wir sie nirgendwo sehen, und wir waren auch nicht traurig darüber.
„‚Aber in der nächsten Nacht gegen halb zehn, als Gesang und ausgelassenes Treiben herrschte, da kommt sie wieder und nahm ihren alten Platz an der Steuerbordseite ein. Es gab kein ausgelassenes Treiben mehr. Alle wurden feierlich; niemand redete; man konnte niemanden dazu bringen, irgendetwas zu tun, außer mürrisch herumzusitzen und das Fass anzustarren. Es fing wieder an, sich zu bewölken. Als die Wache wechselte, blieb die Freiwache auf, anstatt sich hinzulegen. Das Gewitter riss und brüllte die ganze Nacht, und mitten darin stolperte ein weiterer Mann und verstauchte sich den Knöchel und musste aufhören. Das Fass verschwand gegen Tagesanbruch, und niemand sah es gehen.
„‚Alle waren den ganzen Tag lang nüchtern und niedergeschlagen. Ich meine nicht die Art von Nüchternheit, die daher rührt, dass man den Alkohol stehen lässt – nicht das. Sie waren ruhig, aber sie alle tranken mehr als gewöhnlich – nicht zusammen –, sondern jeder Mann schlich sich weg und nahm es privat, für sich allein.
„‚Nach Einbruch der Dunkelheit legte sich die Freiwache nicht hin; niemand sang, niemand redete; die Jungs verteilten sich auch nicht; sie drängten sich irgendwie vorne zusammen; und zwei Stunden lang saßen sie da, vollkommen still, starrten unentwegt in die eine Richtung und stießen ab und zu einen Seufzer aus. Und dann, da kommt das Fass wieder. Sie nahm ihren alten Platz ein. Sie blieb die ganze Nacht da; niemand legte sich hin. Das Gewitter kam nach Mitternacht wieder. Es wurde entsetzlich dunkel; der Regen strömte herab; auch Hagel; der Donner dröhnte und brüllte und grollte; der Wind blies wie ein Wirbelsturm; und der Blitz verbreitete sich über alles in großen Glanzschleiern und zeigte das ganze Floß so deutlich wie am Tag; und der Fluss peitschte weiß wie Milch auf, soweit man sehen konnte, meilenweit, und da war dieses Fass, das daher zuckte, genau wie immer. Der Kapitän befahl der Wache, die Heckriemen für eine Überquerung zu bemannen, und niemand wollte – keine verstauchten Knöchel mehr für sie, sagten sie. Sie wollten nicht einmal nach achtern gehen. Nun, genau da riss der Himmel mit einem Schlag weit auf, und der Blitz tötete zwei Männer der Achterwache und verkrüppelte zwei weitere. Verkrüppelte sie wie, sagt ihr? Nun, verstauchte Knöchel!
„‚Das Fass verschwand in der Dunkelheit zwischen den Blitzen, gegen Tagesanbruch. Nun, an diesem Morgen aß niemand einen Bissen beim Frühstück. Danach lungerten die Männer in Zweier- und Dreiergruppen herum und sprachen leise miteinander. Aber keiner von ihnen gesellte sich zu Dick Allbright. Alle gaben ihm den eiskalten Laufpass. Wenn er dorthin kam, wo einer der Männer war, teilten sie sich auf und schlichen sich davon. Sie wollten die Riemen nicht mit ihm bemannen. Der Kapitän ließ alle Skiffs auf das Floß ziehen, neben seine Hütte, und ließ die toten Männer nicht an Land bringen, um beerdigt zu werden; er glaubte nicht, dass ein Mann, der an Land käme, zurückkommen würde; und er hatte recht.
„‚Nachdem es dunkel geworden war, konnte man ziemlich deutlich sehen, dass es Ärger geben würde, wenn dieses Fass wieder käme; es gab so ein Gemurmel. Eine ganze Menge wollte Dick Allbright umbringen, weil er das Fass auf anderen Fahrten gesehen hatte, und das sah übel aus. Manche wollten ihn an Land setzen. Manche sagten, lasst uns alle zusammen an Land gehen, wenn das Fass wieder kommt.
„‚Diese Art von Geflüster ging immer noch weiter, die Männer waren vorne zusammengekauert und hielten Ausschau nach dem Fass, als – man staune – da kommt sie wieder. Sie kommt langsam und stetig daher und setzt sich in ihre alten Spuren. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dann kommt der Kapitän hoch und sagt:
„‚„Jungs, seid nicht ein Haufen Kinder und Narren; ich will nicht, dass uns dieses Fass den ganzen Weg bis Orleans verfolgt, und ihr auch nicht; nun, was ist der beste Weg, es zu stoppen? Verbrennt es – das ist der Weg. Ich werde es an Bord holen“, sagt er. Und bevor jemand ein Wort sagen konnte, war er schon drin.
„‚Er schwamm dazu, und als er es zum Floß schob, wichen die Männer zur Seite. Aber der alte Mann holte es an Bord und schlug das Fass ein, und es war ein Baby darin! Ja, mein Herr, ein nacktes Baby. Es war Dick Allbrights Baby; er gab es zu und sagte es.
„‚„Ja“, sagt er, sich darüber beugend, „ja, es ist mein eigener betrauerter Liebling, mein armer verlorener Charles William Allbright, verstorben“, sagt er – denn er konnte seine Zunge um die tollsten Wörter der Sprache winden, wenn ihm danach war, und sie einem ohne ein verhakter Gelenk irgendwo präsentieren. Ja, er sagte, er habe früher am Kopf dieser Biegung gelebt, und eines Nachts habe er sein Kind gewürgt, das weinte, ohne die Absicht, es zu töten – was wahrscheinlich eine Lüge war –, und dann habe er Angst bekommen und es in einem Fass begraben, bevor seine Frau nach Hause kam, und er sei abgehauen, habe den nördlichen Pfad eingeschlagen und sei zum Flößen gegangen; und dies sei das dritte Jahr gewesen, dass das Fass ihn verfolgt habe. Er sagte, das Unglück fange immer leicht an und dauere so lange, bis vier Männer getötet seien, und dann käme das Fass danach nicht mehr. Er sagte, wenn die Männer es noch eine Nacht aushalten würden – und er redete so weiter –, aber die Männer hatten genug. Sie begannen ein Boot herauszuholen, um ihn an Land zu bringen und zu lynchen, aber er packte plötzlich das kleine Kind und sprang mit ihm über Bord, an seine Brust gedrückt und Tränen vergießend, und wir haben ihn nie wieder gesehen in diesem Leben, arme alte leidende Seele, und Charles William auch nicht.“
„Wer vergoss Tränen?“, sagt Bob; „war es Allbright oder das Baby?“
„Nun, Allbright natürlich; habe ich dir nicht gesagt, dass das Baby tot war. Seit drei Jahren tot – wie hätte es weinen können?“
„Nun, egal wie es weinen konnte – wie konnte es sich all die Zeit halten?“, sagt Davy. „Antworte mir darauf.“
„Ich weiß nicht, wie es das gemacht hat“, sagt Ed. „Es hat es aber getan – das ist alles, was ich darüber weiß.“
„Sag mal – was haben sie mit dem Fass gemacht?“, sagt das Kind des Unheils.
„Nun, sie haben es über Bord geworfen, und es ist wie ein Klumpen Blei untergegangen.“
„Edward, sah das Kind so aus, als ob es gewürgt worden wäre?“, sagt einer.
„Hatte es das Haar gescheitelt?“, sagt ein anderer.
„Welche Marke hatte dieses Fass, Eddy?“, sagt ein Kerl, den sie Bill nannten.
„Hast du die Papiere für diese Statistiken, Edmund?“, sagt Jimmy.
„Sag mal, Edwin, warst du einer der Männer, die vom Blitz erschlagen wurden?“, sagt Davy.
„Er? Oh, nein, er war sie beide“, sagt Bob. Dann wieherten sie alle.
„Sag mal, Edward, meinst du nicht, du solltest lieber eine Pille nehmen? Du siehst schlecht aus – fühlst du dich nicht blass?“, sagt das Kind des Unheils.
„Oh, komm schon, Eddy“, sagt Jimmy, „rück raus damit; du musst einen Teil des Fasses behalten haben, um die Sache zu beweisen. Zeig uns das Spundloch – tu es schon – und wir werden dir alle glauben.“
„Sagt mal, Jungs“, sagt Bill, „lasst es uns aufteilen. Wir sind dreizehn. Ich kann ein Dreizehntel des Garns schlucken, wenn ihr den Rest runterwürgen könnt.“
Ed stand wütend auf und sagte, sie könnten alle an einen Ort gehen, den er ziemlich unflätig herausposaunte, und ging dann achtern fluchend von dannen, während sie ihn auslachten und verhöhnten und so brüllten, dass man sie eine Meile weit hören konnte.
„Jungs, darauf teilen wir eine Wassermelone“, sagt das Kind des Unheils; und er kam im Dunkeln zwischen den Schindelbündeln herumgestöbert, wo ich war, und legte seine Hand auf mich. Ich war warm und weich und nackt; also sagte er: „Autsch!“ und sprang zurück.
„Holt eine Laterne oder ein Stück Feuer her, Jungs – hier ist eine Schlange so groß wie eine Kuh!“
Also rannten sie mit einer Laterne herbei, drängten sich zusammen und schauten auf mich herab.
„Komm da raus, du Bettler!“, sagt einer.
„Wer bist du?“, sagt ein anderer.
„Was suchst du hier? Antworte prompt, oder du gehst über Bord.“
„Zieht ihn raus, Jungs. Packt ihn an den Fersen.“
Ich fing an zu betteln und kroch zitternd unter ihnen hervor. Sie musterten mich voller Staunen, und das Kind des Unheils sagt:
„Ein verfluchter Dieb! Helft mit und lasst uns ihn über Bord werfen!“
„Nein“, sagt Big Bob, „lasst uns den Farbtopf holen und ihn von Kopf bis Fuß himmelblau anstreichen, und dann über Bord mit ihm!“
„Gut, das ist es. Hol die Farbe, Jimmy.“
Als die Farbe kam und Bob den Pinsel nahm und gerade anfangen wollte, während die anderen lachten und sich die Hände rieben, fing ich an zu weinen, und das wirkte irgendwie auf Davy, und er sagt:
„Halt ein! Er ist nur ein Bengel. Ich streiche den Mann an, der ihn anfasst!“
Also sah ich mich in der Runde um, und einige von ihnen brummten und knurrten, und Bob legte die Farbe weg, und die anderen nahmen sie nicht auf.
„Komm ans Feuer und lass uns sehen, was du hier vorhast“, sagt Davy. „Setz dich jetzt da hin und leg Rechenschaft ab. Wie lange bist du schon an Bord?“
„Nicht länger als eine Viertelminute, Sir“, sage ich.
„Wie bist du so schnell trocken geworden?“
„Ich weiß es nicht, Sir. Ich bin meistens immer so.“
„Oh, bist du das? Wie heißt du?“
Ich wollte meinen Namen nicht verraten. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also sagte ich einfach:
„Charles William Allbright, Sir.“
Dann brüllten sie – die ganze Bande; und ich war heilfroh, dass ich das gesagt hatte, denn vielleicht würde das Lachen sie in bessere Stimmung versetzen.
Als sie mit dem Lachen fertig waren, sagt Davy:
„Das haut kaum hin, Charles William. Du hättest in fünf Jahren nicht so viel wachsen können, und du warst ein Baby, als du aus dem Fass kamst, weißt du, und zwar ein totes. Komm schon, erzähl eine ehrliche Geschichte, und niemand wird dir etwas tun, wenn du nichts Schlechtes im Schilde führst. Wie heißt du?“
„Aleck Hopkins, Sir. Aleck James Hopkins.“
„Nun, Aleck, woher kommst du hierher?“
„Von einem Handelsschiff. Es liegt da oben hinter der Flussbiegung. Ich bin darauf geboren. Paps hat sein Leben lang hier auf und ab gehandelt; und er sagte mir, ich solle hierher schwimmen, denn als ihr vorbeifuhrt, sagte er, er würde gerne jemanden von euch dazu bringen, mit einem Mr. Jonas Turner in Cairo zu sprechen und ihm auszurichten –“
„Oh, komm schon!“
„Ja, Sir; es ist wahr wie die Welt; Paps sagt –“
„Oh, geh mir weg mit deiner Großmutter!“
Sie lachten alle, und ich versuchte weiterzureden, aber sie fielen mir ins Wort und unterbrachen mich.
„Jetzt hör mal zu“, sagt Davy; „du hast Angst und redest deshalb wirres Zeug. Ehrlich jetzt, lebst du auf einem Handelsschiff oder ist das eine Lüge?“
„Ja, Sir, auf einem Handelsschiff. Es liegt oben an der Flussbiegung. Aber ich bin nicht darauf geboren. Es ist unsere erste Fahrt.“
„Jetzt redest du vernünftig! Warum bist du an Bord gekommen? Um zu stehlen?“
„Nein, Sir, das habe ich nicht. Ich wollte nur auf dem Floß mitfahren. Das machen alle Jungs so.“
„Nun, das weiß ich. Aber warum hast du dich versteckt?“
„Manchmal jagen sie die Jungs weg.“
„Das tun sie. Sie könnten stehlen. Hör zu: Wenn wir dich diesmal davonkommen lassen, wirst du dich in Zukunft von solchen Dingen fernhalten?“
„Das werde ich, Boss. Probiert es aus.“
„Alles klar dann. Du bist nur ein kurzes Stück vom Ufer entfernt. Über Bord mit dir, und mach dich ein andermal nicht zum Narren auf diese Weise. Verdammt noch mal, Junge, manche Flößer würden dich mit der Rohhaut bearbeiten, bis du schwarz und blau wärst!“
Ich wartete nicht, um mich zu verabschieden, sondern ging über Bord und rannte los zum Ufer. Als Jim nach einer Weile vorbeikam, war das große Floß schon weit außer Sicht um die Landspitze. Ich schwamm hinaus, kam an Bord und war heilfroh, wieder zu Hause zu sein.
Der Junge erhielt nicht die Auskunft, hinter der er her war, aber sein Abenteuer hat den Einblick in den verstorbenen Flößer und Kielbootfahrer geliefert, den ich an dieser Stelle bieten möchte.
Ich komme nun zu einem Abschnitt des Lebens auf dem Mississippi in den glanzvollen Zeiten der Dampfschifffahrt, der meiner Meinung nach eine gründliche Untersuchung rechtfertigt – die wunderbare Kunst des Steuerns, wie sie dort ausgeübt wurde. Ich glaube, so etwas hat es nirgendwo sonst auf der Welt gegeben.
KAPITEL 4
Der Ehrgeiz der Jungs
ALS ich ein Junge war, gab es nur einen dauerhaften Ehrgeiz unter meinen Kameraden in unserem Dorf {Fußnote [1. Hannibal, Missouri]} am Westufer des Mississippi. Das war, Dampfschiffer zu werden. Wir hatten vorübergehende Ambitionen anderer Art, aber sie waren nur vorübergehend. Wenn ein Zirkus kam und wieder ging, brannte in uns allen der Wunsch, Clowns zu werden; die erste Minstrel-Show, die in unsere Gegend kam, ließ uns alle danach lechzen, diese Art von Leben auszuprobieren; hin und wieder hatten wir die Hoffnung, dass Gott uns erlauben würde, Piraten zu werden, wenn wir lebten und brav waren. Diese Ambitionen verblassten der Reihe nach; aber der Ehrgeiz, Dampfschiffer zu werden, blieb immer bestehen.
Einmal am Tag kam ein billiges, auffälliges Packet-Schiff von St. Louis herauf und ein anderes von Keokuk herab. Vor diesen Ereignissen war der Tag herrlich vor Erwartung; danach war der Tag eine tote und leere Sache. Nicht nur die Jungs, sondern das ganze Dorf empfand das so. Nach all diesen Jahren kann ich mir diese alte Zeit jetzt genau so vorstellen, wie sie damals war: die weiße Stadt, die im Sonnenschein eines Sommermorgens vor sich hin dämmert; die Straßen leer, oder so gut wie; ein oder zwei Angestellte, die vor den Läden in der Water Street sitzen, ihre Stühle mit geflochtenen Sitzen gegen die Wand gelehnt, das Kinn auf der Brust, die Hüte tief im Gesicht, schlafend – mit genug Holzspänen drumherum, um zu zeigen, was sie erschöpft hat; eine Sau mit einem Wurf Ferkel, die den Gehweg entlangschlendert und gute Geschäfte mit Wassermelonenschalen und -kernen macht; zwei oder drei einsame kleine Frachthaufen, die auf dem „Damm“ verstreut sind; ein Stapel „Gleitbalken“ am Abhang des gepflasterten Kais und der wohlriechende Stadttrunkenbold, der in ihrem Schatten schläft; zwei oder drei Holzschuten am Ende des Kais, aber niemand, der dem friedlichen Plätschern der Wellen gegen sie lauscht; der große Mississippi, der majestätische, der großartige Mississippi, der seine meilenbreite Flut dahinwälzt, in der Sonne glänzend; der dichte Wald auf der anderen Seite; die „Landspitze“ oberhalb der Stadt und die „Landspitze“ unterhalb, die den Blick auf den Fluss begrenzen und ihn in eine Art Meer verwandeln, und obendrein ein sehr stilles, glänzendes und einsames Meer. Plötzlich erscheint ein Hauch von dunklem Rauch über einer dieser fernen „Landspitzen“; augenblicklich hebt ein schwarzer Fuhrmann, berühmt für sein schnelles Auge und seine gewaltige Stimme, den Schrei an: „D-a-m-p-f-s-c-h-i-f-f k-o-m-m-t!“ und die Szene ändert sich! Der Stadttrunkenbold regt sich, die Angestellten wachen auf, ein wütendes Geklapper von Fuhrwerken folgt, jedes Haus und jeder Laden spuckt einen menschlichen Beitrag aus, und alles ist im Handumdrehen lebendig und in Bewegung.
Fuhrwerke, Karren, Männer, Jungs, alle eilen aus vielen Richtungen zu einem gemeinsamen Mittelpunkt, dem Kai. Dort versammelt, richten die Leute ihre Augen auf das ankommende Boot wie auf ein Wunder, das sie zum ersten Mal sehen. Und das Boot ist auch ein ziemlich hübscher Anblick. Es ist lang und scharf und sauber und hübsch; es hat zwei hohe Schornsteine mit phantasievollen Aufsätzen, mit einem vergoldeten Emblem irgendeiner Art, das dazwischen schwingt; ein phantasievolles Steuerhaus, aus Glas und „Lebkuchenwerk“, das hinter ihnen auf dem „Texas“-Deck thront; die Radkästen sind prachtvoll mit einem Bild oder mit vergoldeten Strahlen über dem Namen des Bootes verziert; das Kesseldeck, das Hurrikandeck und das Texas-Deck sind mit sauberen weißen Geländern eingezäunt und geschmückt; eine Flagge weht tapfer am Flaggenstock; die Ofentüren sind offen und die Feuer leuchten tapfer; die Oberdecks sind schwarz vor Passagieren; der Kapitän steht bei der großen Glocke, ruhig, imposant, beneidet von allen; große Mengen des schwärzesten Rauchs wälzen und wirbeln aus den Schornsteinen – eine aufgesparte Pracht, die kurz vor der Ankunft in einer Stadt mit ein wenig Pechkiefer erzeugt wurde; die Besatzung ist auf dem Backdeck gruppiert; die breite Landungsbrücke ist weit über den Backbordbug hinausgeschoben, und ein beneideter Deckarbeiter steht malerisch an ihrem Ende mit einem aufgerollten Seil in der Hand; der angestaute Dampf schreit durch die Prüfhähne, der Kapitän hebt die Hand, eine Glocke läutet, die Schaufelräder stoppen; dann drehen sie sich rückwärts, peitschen das Wasser zu Schaum, und der Dampfer liegt still. Dann gibt es ein solches Gedränge, um an Bord zu kommen, an Land zu gehen, Fracht aufzunehmen und Fracht zu löschen, alles zur gleichen Zeit; und ein solches Schreien und Fluchen, mit dem die Maate das alles erleichtern! Zehn Minuten später ist der Dampfer wieder unterwegs, ohne Flagge am Flaggenstock und ohne dass schwarzer Rauch aus den Schornsteinen kommt. Nach weiteren zehn Minuten ist die Stadt wieder tot und der Stadttrunkenbold liegt wieder bei den Gleitbalken im Schlaf.
Mein Vater war Friedensrichter, und ich nahm an, er besäße die Macht über Leben und Tod aller Menschen und könne jeden hängen, der ihn beleidigte. Das war im Allgemeinen schon Auszeichnung genug für mich; aber der Wunsch, Dampfschiffer zu werden, drängte sich dennoch immer wieder auf. Zuerst wollte ich Kabinenjunge werden, damit ich mit einer weißen Schürze herauskommen und ein Tischtuch über die Reling schütteln konnte, wo all meine alten Kameraden mich sehen konnten; später dachte ich, ich wäre lieber der Deckarbeiter, der mit dem aufgerollten Seil in der Hand am Ende der Landungsbrücke stand, weil er besonders auffiel. Aber das waren nur Tagträumereien – sie waren zu himmlisch, um als reale Möglichkeiten betrachtet zu werden. Nach einer Weile ging einer unserer Jungs weg. Man hörte lange nichts von ihm. Schließlich tauchte er als Lehrling im Maschinenraum oder als „Striker“ auf einem Dampfschiff wieder auf. Diese Sache schlug meinen Sonntagsschullehren den Boden aus. Dieser Junge war berüchtigt weltlich gewesen und ich genau das Gegenteil; doch er wurde in diese Erhabenheit erhoben und ich in Dunkelheit und Elend zurückgelassen. Es war nichts Großzügiges an diesem Kerl in seiner Größe. Er schaffte es immer, einen rostigen Bolzen zum Schrubben zu haben, während sein Boot in unserer Stadt hielt, und er saß auf der inneren Reling und schrubbte ihn, wo wir ihn alle sehen und ihn beneiden und verabscheuen konnten. Und wann immer sein Boot stilllag, kam er nach Hause und prahlte in der Stadt in seinen schwärzesten und fettigsten Kleidern herum, damit niemand vergessen konnte, dass er ein Dampfschiffer war; und er benutzte alle Arten von Dampfschiff-Fachbegriffen in seiner Rede, als ob er so daran gewöhnt wäre, dass er vergaß, dass gewöhnliche Leute sie nicht verstehen konnten. Er sprach von der „Backbordseite“ eines Pferdes auf eine so einfache, natürliche Weise, dass man wünschte, er wäre tot. Und er redete immer von „St. Looy“ wie ein alter Bürger; er erwähnte beiläufig Gelegenheiten, bei denen er „die Fourth Street herunterkam“ oder als er „am Planter’s House vorbeiging“ oder als es ein Feuer gab und er an den Bremsen der „alten Big Missouri“ drehte; und dann fuhr er fort und log, wie viele Städte von der Größe der unseren an diesem Tag dort niedergebrannt seien. Zwei oder drei der Jungs waren lange Zeit angesehene Personen unter uns gewesen, weil sie einmal in St. Louis waren und eine vage allgemeine Kenntnis seiner Wunder hatten, aber die Tage ihres Ruhms waren nun vorbei. Sie verfielen in demütiges Schweigen und lernten zu verschwinden, wenn der rücksichtslose „Cub“-Maschinist sich näherte. Dieser Kerl hatte auch Geld und Haaröl. Außerdem eine billige silberne Uhr und eine auffällige Messinguhrenkette. Er trug einen Ledergürtel und benutzte keine Hosenträger. Wenn jemals ein Jüngling von seinen Kameraden aufrichtig bewundert und gehasst wurde, dann dieser. Kein Mädchen konnte seinen Reizen widerstehen. Er „stach“ jeden Jungen im Dorf aus. Als sein Boot schließlich in die Luft flog, verbreitete das eine stille Zufriedenheit unter uns, wie wir sie seit Monaten nicht mehr gekannt hatten. Aber als er in der nächsten Woche nach Hause kam, lebendig, berühmt, und in der Kirche auftauchte, ganz verbeult und bandagiert, ein strahlender Held, angestarrt und bestaunt von jedem, da schien es uns, als hätte die Vorliebe der Vorsehung für ein unverdientes Reptil einen Punkt erreicht, an dem sie kritikwürdig war.
Die Karriere dieses Geschöpfes konnte nur ein Ergebnis haben, und es folgte schnell. Ein Junge nach dem anderen schaffte es, auf den Fluss zu kommen. Der Sohn des Pfarrers wurde Maschinist. Die Söhne des Arztes und des Postmeisters wurden „Schlamm-Schreiber“; der Sohn des Spirituosen-Großhändlers wurde Barkeeper auf einem Boot; vier Söhne des obersten Kaufmanns und zwei Söhne des Bezirksrichters wurden Lotsen. Lotse war die großartigste Position von allen. Der Lotse hatte, selbst in jenen Tagen der geringen Löhne, ein fürstliches Gehalt – von einhundertfünfzig bis zweihundertfünfzig Dollar im Monat, und keine Kost zu bezahlen. Zwei Monate seines Lohns bezahlten das Gehalt eines Predigers für ein Jahr. Nun waren einige von uns untröstlich. Wir kamen nicht auf den Fluss – zumindest ließen unsere Eltern uns nicht.
Also lief ich nach einer Weile weg. Ich sagte, ich würde nie wieder nach Hause kommen, bis ich Lotse wäre und in Herrlichkeit zurückkehren könnte. Aber irgendwie schaffte ich es nicht. Ich ging demütig an Bord einiger Boote, die wie Sardinen am langen Kai von St. Louis zusammengepfercht lagen, und erkundigte mich sehr bescheiden nach den Lotsen, bekam aber nur die kalte Schulter und kurze Worte von Maaten und Schreibern zu hören. Ich musste mich vorerst mit dieser Art von Behandlung abfinden, aber ich hatte tröstliche Tagträume von einer Zukunft, in der ich ein großer und geehrter Lotse sein würde, mit viel Geld, und ich könnte einige dieser Maate und Schreiber umbringen und sie bezahlen.
KAPITEL 5
Ich will ein Lotsenlehrling werden
MONATE später kämpfte sich die Hoffnung in mir zu einem widerwilligen Tod durch, und ich fand mich ohne Ehrgeiz wieder. Aber ich schämte mich, nach Hause zu gehen. Ich war in Cincinnati und machte mich an die Arbeit, eine neue Karriere zu planen. Ich hatte über die kürzliche Erforschung des Amazonas durch eine von unserer Regierung ausgesandte Expedition gelesen. Es hieß, die Expedition habe aufgrund von Schwierigkeiten einen Teil des Landes, das an den Quellen lag, etwa viertausend Meilen von der Mündung des Flusses entfernt, nicht gründlich erforscht. Es waren nur etwa fünfzehnhundert Meilen von Cincinnati nach New Orleans, wo ich zweifellos ein Schiff finden würde. Ich hatte noch dreißig Dollar übrig; ich würde gehen und die Erforschung des Amazonas vollenden. Das war der ganze Gedanke, den ich dem Thema widmete. Ich war nie großartig in Details. Ich packte meinen Koffer und buchte die Passage auf einem uralten Eimer namens „Paul Jones“ nach New Orleans. Für die Summe von sechzehn Dollar hatte ich die vernarbten und angelaufenen Prachtstücke „ihres“ Hauptsalons hauptsächlich für mich allein, denn sie war kein Geschöpf, das das Auge weiserer Reisender auf sich ziehen konnte.
Als wir schließlich ablegten und den breiten Ohio hinuntertuckerten, wurde ich ein neues Wesen und zum Gegenstand meiner eigenen Bewunderung. Ich war ein Reisender! Ein Wort hatte noch nie zuvor so gut in meinem Mund geschmeckt. Ich hatte ein triumphierendes Gefühl, zu geheimnisvollen Ländern und fernen Klimazonen unterwegs zu sein, das ich seitdem nie wieder in einem so erhebenden Maße gefühlt habe. Ich war in einer so verklärten Verfassung, dass alle unedlen Gefühle von mir abfielen, und ich war fähig, auf die Nicht-Reisenden herabzublicken und sie mit einem Mitleid zu betrachten, das kaum eine Spur von Verachtung enthielt. Dennoch konnte ich nicht umhin, mich, wenn wir in Dörfern und Holzplätzen hielten, lässig auf die Geländer des Kesseldecks zu lehnen, um den Neid der Dorfjungen am Ufer zu genießen. Wenn sie mich nicht zu bemerken schienen, nieste ich kurz, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, oder begab mich an eine Position, von der aus sie mich unmöglich übersehen konnten. Und sobald ich wusste, dass sie mich sahen, gähnte und streckte ich mich und gab andere Anzeichen dafür, dass ich vom Reisen mächtig gelangweilt war.
Ich ließ meinen Hut die ganze Zeit ab und blieb dort, wo Wind und Sonne mich treffen konnten, denn ich wollte den gebräunten und wettergegerbten Look eines alten Reisenden bekommen. Bevor der zweite Tag zur Hälfte vorbei war, erlebte ich eine Freude, die mich mit reinster Dankbarkeit erfüllte; denn ich sah, dass die Haut an meinem Gesicht und Hals angefangen hatte, Blasen zu werfen und sich zu pellen. Ich wünschte, die Jungs und Mädchen zu Hause könnten mich jetzt sehen.
Wir erreichten Louisville rechtzeitig – zumindest die Gegend davon. Wir blieben hart und fest auf den Felsen in der Mitte des Flusses stecken und lagen dort vier Tage lang. Ich begann nun ein starkes Gefühl zu entwickeln, ein Teil der Bootsfamilie zu sein, eine Art kleiner Sohn des Kapitäns und jüngerer Bruder der Offiziere. Es gibt kein Maß für den Stolz, den ich bei dieser Größe empfand, oder die Zuneigung, die in mir für diese Leute zu wachsen begann. Ich konnte nicht wissen, wie der hochnäsige Dampfschiffer diese Art von Anmaßung bei einem bloßen Landsmann verachtet. Ich sehnte mich besonders danach, auch nur die geringste Notiz von dem großen, stürmischen Maat zu bekommen, und ich hielt Ausschau nach einer Gelegenheit, ihm zu diesem Zweck einen Dienst zu erweisen. Schließlich kam sie. Das lärmende Tohuwabohu beim Aufstellen eines Mastbaums war auf dem Backdeck im Gange, und ich ging hinunter und stand dort im Weg – oder sprang meistens schnell heraus – bis der Maat plötzlich einen allgemeinen Befehl brüllte, irgendjemand solle ihm eine Spillspake bringen. Ich sprang an seine Seite und sagte: „Sag mir, wo sie ist – ich hole sie!“
Wenn ein Lumpensammler dem Zaren von Russland einen diplomatischen Dienst angeboten hätte, hätte der Monarch nicht erstaunter sein können als der Maat. Er hörte sogar auf zu fluchen. Er stand da und starrte auf mich herab. Er brauchte zehn Sekunden, um seine unzusammenhängenden Überreste wieder zusammenzusetzen. Dann sagte er eindrucksvoll: „Na, wenn das nicht die Hölle schlägt!“ und wandte sich seiner Arbeit zu mit der Miene eines Mannes, der mit einem Problem konfrontiert wurde, das zu abstrakt für eine Lösung war.
Ich schlich davon und suchte für den Rest des Tages die Einsamkeit. Ich ging nicht zum Mittagessen; ich blieb dem Abendessen fern, bis alle anderen fertig waren. Ich fühlte mich jetzt nicht mehr so sehr als Mitglied der Bootsfamilie wie zuvor. Dennoch kehrte meine gute Laune in Raten zurück, während wir unseren Weg flussabwärts fortsetzten. Es tat mir leid, dass ich den Maat so sehr hasste, denn es lag nicht in der (jungen) menschlichen Natur, ihn nicht zu bewundern. Er war riesig und muskulös, sein Gesicht war überall bärtig und behaart; er hatte eine rote Frau und eine blaue Frau auf seinen rechten Arm tätowiert – eine auf jeder Seite eines blauen Ankers mit einem roten Seil daran; und was das Fluchen anging, war er erhaben. Wenn er an einer Anlegestelle Fracht auslud, war ich immer dort, wo ich sehen und hören konnte. Er spürte die ganze Majestät seiner großen Stellung und ließ die Welt sie ebenfalls spüren. Wenn er auch nur den einfachsten Befehl gab, feuerte er ihn ab wie einen Blitzschlag und ließ ein langes, widerhallendes Donnern von Flüchen folgen. Ich konnte nicht umhin, die Art und Weise, wie der durchschnittliche Landratte einen Befehl erteilen würde, mit der des Maats zu vergleichen. Wenn die Landratte wollte, dass die Gangway einen Fuß weiter nach vorne bewegt wird, würde er wahrscheinlich sagen: „James oder William, einer von euch schiebt bitte die Planke nach vorne“; aber setzt man den Maat an seine Stelle, würde er brüllen: „Hier, nun, bringt diese Gangway vorwärts! Lebhaft, jetzt! Was macht ihr da! Schnappt sie euch! SCHNAPPT sie euch! Da! da! Wieder achtern! wieder achtern! hört ihr mich nicht. Verdammt und zugenäht! wollt ihr dabei einschlafen! Halt das Heben. Halt das Heben, sage ich euch! Wollt ihr sie ganz nach achtern heben? Wo wollt ihr mit dem Fass hin! Vorwärts damit, ehe ich euch zwinge, es zu schlucken, ihr verdammt-verdammt-verdammt-verdammtes Mittelding zwischen einer müden Schlammschildkröte und einem verkrüppelten Leichenwagenpferd!“
Ich wünschte, ich könnte so reden.
Als der Schmerz über mein Abenteuer mit dem Maat ein wenig abgeklungen war, begann ich schüchtern, mich dem niedrigsten Beamten auf dem Boot anzunähern – dem Nachtwächter. Er wies meine Annäherungsversuche zunächst zurück, aber ich wagte es schließlich, ihm eine neue Kreidepfeife anzubieten; und das stimmte ihn milder. So erlaubte er mir, mit ihm bei der großen Glocke auf dem Hurrikan-Deck zu sitzen, und mit der Zeit taute er zu einem Gespräch auf. Er hätte es kaum vermeiden können, so sehr hing ich mit Verehrung an seinen Worten und zeigte so deutlich, dass ich mich durch seine Beachtung geehrt fühlte. Er nannte mir die Namen von undeutlichen Kaps und schattenhaften Inseln, während wir in der Feierlichkeit der Nacht unter den zwinkernden Sternen an ihnen vorbeiglitten, und nach und nach fing er an, von sich selbst zu erzählen. Er wirkte übermäßig sentimental für einen Mann, dessen Gehalt sechs Dollar pro Woche betrug – oder besser gesagt, er hätte so auf eine ältere Person als mich wirken können. Aber ich sog seine Worte hungrig auf, und zwar mit einem Glauben, der Berge hätte versetzen können, wenn er klug eingesetzt worden wäre. Was bedeutete es mir, dass er schmutzig und heruntergekommen war und nach Gin roch? Was bedeutete es mir, dass seine Grammatik schlecht, sein Satzbau noch schlechter und sein Fluchen so kunstlos war, dass es in seiner Unterhaltung eher ein Zeichen von Schwäche als von Stärke war? Er war ein vom Schicksal benachteiligter Mann, ein Mann, der Kummer gesehen hatte, und das reichte mir. Während er in seiner klagenden Geschichte weich wurde, tropften seine Tränen auf die Laterne in seinem Schoß, und ich weinte vor Mitgefühl ebenfalls.
Er sagte, er sei der Sohn eines englischen Adligen – entweder ein Earl oder ein Stadtrat, er könne sich nicht erinnern, welches, glaube aber, es sei beides gewesen; sein Vater, der Adlige, habe ihn geliebt, aber seine Mutter habe ihn von der Wiege an gehasst; und so sei er, als er noch ein kleiner Junge war, auf „eines dieser alten, antiken Colleges“ geschickt worden – er konnte sich nicht erinnern, welches; und nach und nach sei sein Vater gestorben und seine Mutter habe sich das Eigentum unter den Nagel gerissen und ihn „abgeschüttelt“, wie er es ausdrückte. Nachdem seine Mutter ihn abgeschüttelt hatte, nutzten Adlige, die er kannte, ihren Einfluss, um ihm die Stelle eines „Schiffsjungen“ zu verschaffen; und von diesem Punkt an warf mein Wächter alle Fesseln von Datum und Ort ab und verzweigte sich in eine Erzählung, die nur so vor unglaublichen Abenteuern strotzte; eine Erzählung, die so von Blutvergießen triefte und so vollgestopft war mit haarsträubenden Entrinnungen und den bezauberndsten und unbewusstesten persönlichen Schurkereien, dass ich sprachlos dasaß, genoss, schauderte, staunte, anbetete.
Es war eine bittere Enttäuschung, später herauszufinden, dass er ein niedriger, vulgärer, ignoranter, sentimentaler, halbverrückter Hochstapler war, ein unbereister Einheimischer aus der Wildnis von Illinois, der Wildwest-Literatur aufgesogen und sich deren Wunder angeeignet hatte, bis er im Laufe der Zeit die Reste des Durcheinanders zu diesem Garn verwoben hatte und dann fortfuhr, es Grünschnäbeln wie mir zu erzählen, bis er es schließlich selbst glaubte.
KAPITEL 6
Die Erfahrung eines Lotsenlehrlings
WAS mit dem vier Tage langen Liegen auf den Felsen bei Louisville und einigen anderen Verzögerungen, vertrödelte die arme alte „Paul Jones“ etwa zwei Wochen, um die Reise von Cincinnati nach New Orleans zu machen. Das gab mir die Chance, einen der Lotsen kennenzulernen, und er brachte mir bei, wie man das Boot steuert, und machte so die Faszination des Flusslebens für mich stärker denn je.
Es gab mir auch die Chance, einen jungen Mann kennenzulernen, der als Deckpassagier mitgefahren war – leider; denn er lieh sich leicht sechs Dollar von mir, mit dem Versprechen, zum Boot zurückzukehren und sie mir am Tag nach unserer Ankunft zurückzuzahlen. Aber er starb wahrscheinlich oder vergaß es, denn er kam nie. Es war zweifellos Ersteres, da er gesagt hatte, seine Eltern seien wohlhabend und er reise nur als Deckpassagier, weil es kühler sei.
Ich entdeckte bald zwei Dinge. Das eine war, dass ein Schiff wahrscheinlich nicht vor Ablauf von zehn oder zwölf Jahren zur Mündung des Amazonas segeln würde; und das andere war, dass die neun oder zehn Dollar, die noch in meiner Tasche waren, für eine so imposante Erkundung, wie ich sie geplant hatte, nicht ausreichen würden, selbst wenn ich es mir leisten könnte, auf ein Schiff zu warten. Daher folgte daraus, dass ich eine neue Laufbahn erfinden musste. Die „Paul Jones“ war nun auf dem Weg nach St. Louis. Ich plante eine Belagerung meines Lotsen, und nach drei harten Tagen kapitulierte er. Er stimmte zu, mir den Mississippi von New Orleans bis St. Louis für fünfhundert Dollar beizubringen, zahlbar aus dem ersten Lohn, den ich nach meinem Abschluss erhalten würde. Ich begann das kleine Unternehmen, die zwölf- oder dreizehnhundert Meilen des großen Mississippi zu „erlernen“, mit der leichten Zuversicht meines Alters. Hätte ich wirklich gewusst, was ich meinen Fähigkeiten abverlangen würde, hätte ich nicht den Mut gehabt, anzufangen. Ich nahm an, alles, was ein Lotse tun müsse, sei, sein Boot im Fluss zu halten, und ich hielt das nicht für ein großes Kunststück, da er so breit war.
Das Boot setzte sich um vier Uhr nachmittags von New Orleans rückwärts ab, und es war „unsere Wache“ bis acht. Mr. Bixby, mein Chef, „richtete sie aus“, pflügte sie an den Hecks der anderen Boote vorbei, die am Kai lagen, und sagte dann: „Hier, nimm sie; rasiere diese Dampfschiffe so eng, wie du einen Apfel schälen würdest.“ Ich nahm das Steuer, und mein Herzschlag beschleunigte sich in die Hunderte; denn es schien mir, als stünden wir kurz davor, die Seite von jedem Schiff in der Reihe aufzuschlitzen, so nah waren wir. Ich hielt den Atem an und begann, das Boot von der Gefahr wegzuclawen; und ich hatte meine eigene Meinung über den Lotsen, der nicht besser gewusst hatte, als uns in eine solche Gefahr zu bringen, aber ich war zu klug, um sie zu äußern. In einer halben Minute hatte ich einen weiten Sicherheitsabstand zwischen der „Paul Jones“ und den Schiffen; und innerhalb von zehn Sekunden mehr wurde ich in Ungnade beiseitegeschoben, und Mr. Bixby begab sich wieder in Gefahr und häutete mich bei lebendigem Leib mit Beleidigungen über meine Feigheit. Ich war getroffen, aber ich musste die leichte Zuversicht bewundern, mit der mein Chef von einer Seite seines Rades zur anderen schlenderte und die Schiffe so eng striff, dass das Unglück ständig unmittelbar bevorzustehen schien. Als er sich ein wenig abgekühlt hatte, sagte er mir, dass das ruhige Wasser nahe am Ufer sei und die Strömung draußen, und deshalb müssten wir flussaufwärts am Ufer kleben, um den Vorteil des Ersteren zu nutzen, und flussabwärts weit draußen bleiben, um den Vorteil der Letzteren zu nutzen. In meinen Gedanken nahm ich mir vor, ein flussabwärts fahrender Lotse zu werden und das Flussaufwärtsfahren Leuten zu überlassen, denen es an Vorsicht mangelte.
Hin und wieder lenkte Mr. Bixby meine Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge. Er sagte: „Das ist Six-Mile Point.“ Ich stimmte zu. Es war eine angenehme Information genug, aber ich konnte die Bedeutung davon nicht erkennen. Mir war nicht bewusst, dass es für mich von irgendeinem Interesse wäre. Ein anderes Mal sagte er: „Das ist Nine-Mile Point.“ Später sagte er: „Das ist Twelve-Mile Point.“ Sie waren alle ungefähr auf gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel; sie sahen für mich alle ungefähr gleich aus; sie waren eintönig unmalerisch. Ich hoffte, Mr. Bixby würde das Thema wechseln. Aber nein; er drängte sich um einen Punkt herum, schmiegte sich liebevoll an das Ufer und sagte dann: „Das ruhige Wasser endet hier, auf der Höhe dieser Gruppe von China-Bäumen; jetzt setzen wir über.“ Also setzte er über. Er gab mir das Steuer ein- oder zweimal, aber ich hatte kein Glück. Entweder kam ich dem Rand einer Zuckerplantage zu nahe, oder ich gierte zu weit vom Ufer ab, und so fiel ich wieder in Ungnade und wurde beschimpft.
Die Wache war schließlich zu Ende, und wir aßen zu Abend und gingen zu Bett. Um Mitternacht schien mir der Schein einer Laterne in die Augen, und der Nachtwächter sagte –
„Komm! Raus aus den Federn!“
Und dann ging er. Ich konnte dieses außergewöhnliche Vorgehen nicht verstehen; also gab ich bald auf, es zu versuchen, und döste ein. Ziemlich bald war der Wächter wieder da, und diesmal war er barsch. Ich war verärgert. Ich sagte: –
„Was willst du mitten in der Nacht hier herumstören. Jetzt werde ich wahrscheinlich heute Nacht nicht mehr zum Schlafen kommen.“
Der Wächter sagte –
„Nun, wenn das nicht gut ist, dann bin ich verdammt.“
Die „Freiwache“ legte sich gerade hin, und ich hörte ein brutales Gelächter von ihnen und Bemerkungen wie „Hallo, Wächter! Ist der neue Grünschnabel noch nicht raus? Er ist wohl zart besaitet. Gebt ihm etwas Zucker in einen Lappen und ruft das Zimmermädchen, damit sie ihm ein Schlaflied singt.“
Etwa zu dieser Zeit erschien Mr. Bixby auf der Bildfläche. Etwa eine Minute später kletterte ich die Stufen zum Steuerhaus hoch, mit einem Teil meiner Kleidung an und dem Rest in meinen Armen. Mr. Bixby war dicht dahinter und kommentierte. Das war etwas Neues – mitten in der Nacht aufzustehen, um zur Arbeit zu gehen. Es war ein Detail beim Lotsen, das mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen war. Ich wusste, dass Boote die ganze Nacht fuhren, aber irgendwie war ich nie darauf gekommen, dass jemand aus einem warmen Bett aufstehen musste, um sie zu steuern. Ich begann zu befürchten, dass das Lotsen nicht ganz so romantisch war, wie ich es mir vorgestellt hatte; es gab etwas sehr Reales und Arbeitsmäßiges an dieser neuen Phase.
Es war eine ziemlich düstere Nacht, obwohl eine gute Anzahl von Sternen zu sehen war. Der große Maat war am Steuer, und er hatte die alte Wanne auf einen Stern gerichtet und hielt sie gerade die Mitte des Flusses hinauf. Die Ufer auf beiden Seiten waren kaum mehr als eine halbe Meile voneinander entfernt, aber sie schienen wunderbar weit weg und so vage und undeutlich. Der Maat sagte: –
„Wir müssen an Jones' Plantage anlegen, Sir.“
Der rachsüchtige Geist in mir triumphierte. Ich sagte zu mir selbst, ich gönne dir deinen Job, Mr. Bixby; du wirst eine schöne Zeit haben, Mr. Jones' Plantage in einer solchen Nacht zu finden; und ich hoffe, du wirst sie niemals finden, solange du lebst.
Mr. Bixby sagte zum Maat: –
„Oberes Ende der Plantage oder das untere?“
„Oberes.“
„Das schaffe ich nicht. Die Baumstümpfe dort sind in diesem Wasserstand außerhalb des Wassers: Es ist keine große Entfernung zum unteren, und damit wirst du auskommen müssen.“
„Alles klar, Sir. Wenn Jones das nicht mag, muss er es eben schlucken, schätze ich.“
Und dann ging der Maat. Mein Triumph begann abzukühlen und mein Staunen aufzusteigen. Hier war ein Mann, der nicht nur vorschlug, diese Plantage in einer solchen Nacht zu finden, sondern das Ende davon zu finden, das man bevorzugte. Ich wollte schrecklich gerne eine Frage stellen, aber ich trug ungefähr so viele kurze Antworten bei mir, wie mein Laderaum zuließ, also hielt ich den Mund. Alles, was ich Mr. Bixby fragen wollte, war die einfache Frage, ob er so ein Esel sei, sich wirklich einzubilden, er würde diese Plantage in einer Nacht finden, in der alle Plantagen genau gleich und alle in der gleichen Farbe seien. Aber ich hielt mich zurück. Ich hatte in jenen Tagen gute Inspirationen von Vorsicht.
Mr. Bixby steuerte auf das Ufer zu und kratzte bald daran, genau so, als wäre es bei Tageslicht. Und nicht nur das, sondern er sang –
„Vater im Himmel, der Tag neigt sich“, usw.
Es schien mir, als hätte ich mein Leben in die Obhut eines besonders leichtsinnigen Ausgestoßenen gegeben. Plötzlich wandte er sich an mich und sagte: –
„Wie heißt der erste Punkt oberhalb von New Orleans?“
Ich war erfreut, prompt antworten zu können, und das tat ich. Ich sagte, ich wüsste es nicht.
„Weißt du nicht?“
Diese Art erschütterte mich. Ich war im Handumdrehen wieder ganz unten. Aber ich musste sagen, was ich schon vorher gesagt hatte.
„Nun, du bist ein Schlauer“, sagte Mr. Bixby. „Wie heißt der nächste Punkt?“
Wieder wusste ich es nicht.
„Nun, das schlägt alles. Sag mir den Namen irgendeines Punktes oder Ortes, den ich dir genannt habe.“
Ich studierte eine Weile und entschied, dass ich das nicht konnte.
„Hör mal! Was steuerst du von oberhalb von Twelve-Mile Point an, um überzusetzen?“
„Ich – ich – weiß es nicht.“
„Du – du – weißt es nicht?“, imitierte er meine schleppende Sprechweise. „Was weißt du denn?“
„Ich – ich – nichts, mit Sicherheit.“
„Beim Geist des großen Cäsar, das glaube ich dir! Du bist der dümmste Dummkopf, den ich je gesehen oder von dem ich je gehört habe, so wahr mir Moses helfe! Die Vorstellung, dass du Lotse bist – du! Warum, du weißt nicht genug, um eine Kuh eine Gasse hinunterzulotsen.“
Oh, aber sein Zorn war erwacht! Er war ein nervöser Mann, und er schlurfte von einer Seite seines Rades zur anderen, als wäre der Boden heiß. Er kochte eine Weile vor sich hin, und dann lief er über und verbrühte mich wieder.
„Hör mal! Was glaubst du, warum ich dir die Namen dieser Punkte gesagt habe?“
Ich überlegte zitternd einen Moment, und dann provozierte mich der Teufel der Versuchung zu sagen: –
„Nun – um – zu – unterhalten, dachte ich.“
Das war ein rotes Tuch für den Stier. Er tobte und stürmte so (er überquerte zu der Zeit den Fluss), dass ich vermute, es machte ihn blind, denn er fuhr über das Steuerruder eines Handelskahns. Natürlich schickten die Händler eine Salve glühend heißer Flüche nach oben. Nie war ein Mann so dankbar wie Mr. Bixby: denn er war randvoll, und hier waren Subjekte, die zurückreden würden. Er riss ein Fenster auf, streckte den Kopf hinaus, und ein solcher Ausbruch folgte, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte. Je schwächer und weiter entfernt die Flüche der Kahnfahrer abdrifteten, desto höher erhob Mr. Bixby seine Stimme und desto gewichtiger wurden seine Adjektive. Als er das Fenster schloss, war er leer. Man hätte ein Netz durch sein System ziehen können und nicht genug Flüche gefangen, um seine Mutter zu beunruhigen. Nach einer Weile sagte er sanft zu mir –
„Mein Junge, du musst dir ein kleines Notizbuch besorgen, und jedes Mal, wenn ich dir etwas sage, schreibe es sofort auf. Es gibt nur einen Weg, Lotse zu sein, und das ist, diesen gesamten Fluss auswendig zu lernen. Du musst ihn kennen wie das A B C.“
Das war eine düstere Offenbarung für mich; denn mein Gedächtnis war nie mit etwas anderem als Platzpatronen geladen. Ich war jedoch nicht lange entmutigt. Ich dachte, es sei am besten, einige Abstriche zu machen, denn zweifellos „übertrieb“ Mr. Bixby. Nach einer Weile zog er an einem Seil und schlug ein paar Mal auf die große Glocke. Die Sterne waren jetzt alle verschwunden, und die Nacht war schwarz wie Tinte. Ich konnte die Räder entlang des Ufers schlagen hören, aber ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das Ufer sehen konnte. Die Stimme des unsichtbaren Wächters rief vom Hurrikan-Deck herauf –
„Was ist das, Sir?“
„Jones' Plantage.“
Ich sagte zu mir selbst, ich wünschte, ich könnte wagen, eine kleine Wette anzubieten, dass es das nicht ist. Aber ich gab keinen Mucks von mir. Ich wartete nur ab, um zu sehen. Mr. Bixby bediente die Maschinenglocken, und zu gegebener Zeit kam die Nase des Bootes ans Land, eine Fackel leuchtete vom Backdeck, ein Mann sprang ans Ufer, die Stimme eines Dunkelhäutigen am Ufer sagte: „Gimme de k'yarpet-bag, Mars' Jones“, und im nächsten Moment standen wir wieder flussaufwärts, alles ganz gelassen. Ich dachte eine Weile tief nach und sagte dann – aber nicht laut – „Nun, das Finden dieser Plantage war der glücklichste Zufall, der je passiert ist; aber es könnte in hundert Jahren nicht noch einmal passieren.“ Und ich glaubte voll und ganz, dass es auch ein Zufall war.
Als wir sieben oder achthundert Meilen flussaufwärts gefahren waren, hatte ich gelernt, ein einigermaßen mutiger flussaufwärts fahrender Steuermann bei Tageslicht zu sein, und bevor wir St. Louis erreichten, hatte ich ein kleines bisschen Fortschritte bei der Nachtarbeit gemacht, aber nur ein kleines bisschen. Ich hatte ein Notizbuch, das nur so vor Namen von Städten, „Punkten“, Sandbänken, Inseln, Flussbiegungen, Flussstrecken usw. strotzte; aber die Informationen waren nur im Notizbuch zu finden – nichts davon war in meinem Kopf. Es machte mein Herz schwer, daran zu denken, dass ich nur die Hälfte des Flusses notiert hatte; denn da unsere Wache vier Stunden frei und vier Stunden im Dienst war, Tag und Nacht, gab es jedes Mal, wenn ich seit Beginn der Reise geschlafen hatte, eine lange vierstündige Lücke in meinem Buch.
Mein Chef wurde kurz darauf angeheuert, auf einem großen New-Orleans-Dampfer zu arbeiten, und ich packte meine Tasche und ging mit ihm. Es war ein prachtvolles Schiff. Als ich in ihrem Steuerhaus stand, war ich so weit über dem Wasser, dass ich mir vorkam, als thronte ich auf einem Berg; und ihre Decks erstreckten sich vor und hinter mir so weit in die Ferne, dass ich mich wunderte, wie ich die kleine „Paul Jones“ jemals für ein großes Fahrzeug hatte halten können. Es gab auch andere Unterschiede. Das Steuerhaus der „Paul Jones“ war ein billiger, schäbiger, zerbeulter Klapperkasten, eng und beengt: doch hier war ein prächtiger gläserner Tempel; genug Platz, um darin zu tanzen; auffällige rote und goldene Fenstervorhänge; ein imposantes Sofa; Lederkissen und eine Rückenlehne an der hohen Bank, auf der besuchende Lotsen sitzen, um Geschichten zu spinnen und „den Fluss zu betrachten“; helle, phantasievolle Spucknäpfe anstelle einer breiten Holzkiste voller Sägemehl; hübsches neues Ölzeug auf dem Boden; ein gastlicher großer Ofen für den Winter; ein Rad, so hoch wie mein Kopf, kostbar mit Einlegearbeiten; ein Drahtsteuerseil; glänzende Messingknöpfe für die Glocken; und ein ordentlicher, weiß geschürzter, schwarzer „Texas-Bediensteter“, der während der Mittelwache, Tag und Nacht, Torten, Eis und Kaffee heraufbrachte. Nun, das war „etwas Anständiges“, und so begann ich wieder Mut zu fassen und zu glauben, dass das Lotsen doch eine romantische Art von Beschäftigung sei. In dem Moment, als wir unterwegs waren, begann ich, auf dem großen Dampfer herumzustreifen und mich mit Freude zu erfüllen. Sie war so sauber und fein wie ein Salon; als ich ihren langen, vergoldeten Salon hinunterschaute, war es, als blickte man durch einen herrlichen Tunnel; sie hatte auf jeder Kabinentür ein Ölgemälde von einem begabten Schildermaler; sie glänzte mit unzähligen prismenverzierten Kronleuchtern; das Büro des Zahlmeisters war elegant, die Bar war wunderbar, und der Barkeeper war zu unglaublichen Kosten frisiert und herausgeputzt worden. Das Kesseldeck (das zweite Stockwerk des Bootes, sozusagen) war so geräumig wie eine Kirche, kam es mir vor; ebenso das Backdeck; und dort unten gab es nicht nur eine kümmerliche Handvoll Decksarbeiter, Heizer und Hilfsarbeiter, sondern ein ganzes Bataillon von Männern. Die Feuer leuchteten grimmig aus einer langen Reihe von Öfen, und über ihnen waren acht riesige Kessel! Das war unsagbarer Pomp. Die mächtigen Maschinen – aber genug davon. Ich hatte mich noch nie so großartig gefühlt. Und als ich entdeckte, dass das Regiment von schmucken Dienern mich respektvoll mit „Sir“ ansprach, war meine Zufriedenheit vollkommen.
KAPITEL 7
Eine gewagte Tat
ALS ich zum Steuerhaus zurückkehrte, war St. Louis verschwunden und ich war verloren. Hier war ein Stück Fluss, das alles in meinem Buch stand, aber ich konnte weder Kopf noch Fuß daraus machen: Sie verstehen, es war umgedreht. Ich hatte es gesehen, als ich flussaufwärts kam, aber ich hatte mich nie umgedreht, um zu sehen, wie es aussah, wenn es hinter mir lag. Mein Herz brach wieder, denn es war klar, dass ich diesen schwierigen Fluss in beide Richtungen lernen musste.
Das Steuerhaus war voll von Lotsen, die flussabwärts fuhren, um „den Fluss zu betrachten“. Was man den „oberen Fluss“ nennt (die zweihundert Meilen zwischen St. Louis und Cairo, wo der Ohio einmündet), war niedrig; und der Mississippi ändert sein Fahrwasser so ständig, dass die Lotsen es immer für notwendig hielten, bis nach Cairo hinunterzufahren, um einen frischen Blick darauf zu werfen, wenn ihre Boote eine Woche im Hafen liegen sollten; das heißt, wenn der Wasserstand niedrig war. Ein Großteil dieses „Betrachtens des Flusses“ wurde von armen Kerlen erledigt, die selten einen festen Platz hatten und deren einzige Hoffnung, einen zu bekommen, darin bestand, immer auf dem neuesten Stand zu sein und daher bereit zu sein, für eine einzige Reise in die Fußstapfen eines angesehenen Lotsen zu treten, aufgrund der plötzlichen Krankheit eines solchen Lotsen oder einer anderen Notwendigkeit. Und eine ganze Reihe von ihnen fuhr ständig auf und ab, um den Fluss zu inspizieren, nicht weil sie jemals wirklich hofften, einen Platz zu bekommen, sondern weil es (da sie Gäste des Bootes waren) billiger war, „den Fluss zu betrachten“, als an Land zu bleiben und Kostgeld zu zahlen. Mit der Zeit wurden diese Kerle wählerisch in ihrem Geschmack und belagerten nur Boote, die einen festen Ruf hatten, gute Tische zu decken. Alle besuchenden Lotsen waren nützlich, denn sie waren immer bereit und willens, im Winter oder Sommer, bei Nacht oder Tag, mit dem Jollboot hinauszufahren und zu helfen, das Fahrwasser auszubojen oder die Lotsen des Bootes auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen. Sie waren gleichermaßen willkommen, weil alle Lotsen unermüdliche Redner sind, wenn sie zusammenkommen, und da sie nur über den Fluss sprechen, werden sie immer verstanden und sind immer interessant. Ihr wahrer Lotse kümmert sich um nichts auf der Welt außer um den Fluss, und sein Stolz auf seinen Beruf übertrifft den Stolz der Könige.
Wir hatten auf dieser Reise eine feine Gesellschaft dieser Flussinspektoren dabei. Es waren acht oder zehn; und in unserem großen Steuerhaus war reichlich Platz für sie. Zwei oder drei von ihnen trugen polierte Seidenhüte, aufwendige Hemdbrüste, Diamantnadeln, Ziegenlederhandschuhe und Lackschuhe. Sie waren gewählt in ihrem Englisch und trugen sich mit einer Würde, die Männern von solidem Vermögen und sagenhaftem Ruf als Lotsen geziemte. Die anderen waren mehr oder weniger locker gekleidet und trugen auf ihren Köpfen hohe Filzkegel, die an die Tage des Commonwealth erinnerten.
Ich war eine Null in dieser erlauchten Gesellschaft und fühlte mich unterdrückt, um nicht zu sagen betäubt. Ich war nicht einmal von ausreichender Bedeutung, um am Rad zu helfen, wenn es nötig war, das Ruder in Eile hart herunterzulegen; der Gast, der am nächsten stand, tat das, wenn es die Gelegenheit erforderte – und das war so ziemlich die ganze Zeit, wegen der Krümmung des Fahrwassers und des knappen Wassers. Ich stand in einer Ecke; und das Gerede, dem ich zuhörte, nahm mir alle Hoffnung. Ein Besucher sagte zum anderen –
„Jim, wie bist du Plum Point gefahren, als du hochkamst?“
„Es war in der Nacht, dort, und ich bin es so gefahren, wie einer der Jungs auf der ‚Diana‘ es mir sagte; startete etwa fünfzig Yards oberhalb des Holzstapels am falschen Punkt und hielt auf die Kabine unter Plum Point, bis ich das Riff ausmachte – ein Viertel weniger als zwei Faden – dann richtete ich mich auf die mittlere Sandbank aus, bis ich gut querab vor dem alten einarmigen Pappelnbaum in der Biegung war, dann brachte ich mein Heck auf den Pappelnbaum und den Bug auf die niedrige Stelle oberhalb des Punktes und kam mit Getöse durch – neuneinhalb.“
„Ziemlich gerade Kreuzung, nicht wahr?“
„Ja, aber die obere Sandbank arbeitet sich schnell nach unten.“
Ein anderer Lotse meldete sich zu Wort und sagte –
„Ich hatte mehr Wasser als das und bin weiter unten gefahren; startete vom falschen Punkt – zwei Faden – machte das zweite Riff querab vor dem großen Baumstamm in der Biegung aus und hatte ein Viertel weniger als zwei Faden.“
Einer der Prächtigen bemerkte –
„Ich will mich nicht über deine Lotsen beschweren, aber das ist eine ganze Menge Wasser für Plum Point, wie mir scheint.“
Es gab ein zustimmendes Nicken ringsum, als dieser stille Seitenhieb auf den Prahler herabfiel und ihn „erledigte“. Und so fuhren sie fort, zu reden, zu reden, zu reden. Währenddessen ging mir das eine durch den Kopf: „Nun, wenn meine Ohren richtig hören, muss ich nicht nur die Namen aller Städte und Inseln und Biegungen und so weiter auswendig lernen, sondern ich muss sogar eine herzliche persönliche Bekanntschaft mit jedem alten Baumstamm und einarmigen Pappelnbaum und unbedeutenden Holzstapel schließen, der die Ufer dieses Flusses auf zwölftausend Meilen ziert; und mehr noch, ich muss tatsächlich wissen, wo diese Dinge im Dunkeln sind, es sei denn, diese Gäste sind mit Augen geschenkt, die zwei Meilen solide Schwärze durchdringen können; ich wünschte, das Lotsengeschäft wäre in Jericho und ich hätte nie daran gedacht.“
In der Dämmerung schlug Mr. Bixby dreimal auf die große Glocke (das Signal zum Anlegen), und der Kapitän kam aus seinem Salon am vorderen Ende des Texas-Decks und blickte fragend nach oben. Mr. Bixby sagte –
„Wir werden hier die ganze Nacht liegen bleiben, Kapitän.“
„Sehr wohl, Sir.“
Das war alles. Das Boot kam ans Ufer und wurde für die Nacht festgemacht. Es schien mir eine feine Sache, dass der Lotse tun konnte, was ihm gefiel, ohne die Erlaubnis eines so großartigen Kapitäns einzuholen. Ich nahm mein Abendessen und ging sofort zu Bett, entmutigt von den Beobachtungen und Erfahrungen meines Tages. Die Notizen meiner letzten Reise waren nur ein Wirrwarr bedeutungsloser Namen. Sie hatten mich jedes Mal, wenn ich tagsüber hineinsah, in einen Knoten verstrickt. Ich hoffte nun auf Erholung im Schlaf; aber nein, er geisterte bis zum Sonnenaufgang wieder durch meinen Kopf, ein rasender und unermüdlicher Albtraum.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich ziemlich eingerostet und niedergeschlagen. Wir fuhren mit Getöse dahin und gingen eine ganze Reihe von Risiken ein, denn wir waren bestrebt, „aus dem Fluss herauszukommen“ (wie das Erreichen von Cairo genannt wurde), bevor die Nacht uns einholte. Aber Mr. Bixbys Partner, der andere Lotse, setzte das Boot kurz darauf auf Grund, und wir verloren so viel Zeit, es wieder freizubekommen, dass es offensichtlich war, dass die Dunkelheit uns ein gutes Stück oberhalb der Mündung einholen würde. Das war ein großes Unglück, besonders für einige unserer besuchenden Lotsen, deren Boote auf ihre Rückkehr warten müssten, egal wie lange das dauern würde. Es machte das Gerede im Steuerhaus ziemlich nüchtern. Flussaufwärts machten den Lotsen Niedrigwasser oder jede Art von Dunkelheit nichts aus; nichts hielt sie auf außer Nebel. Aber die Arbeit flussabwärts war anders; ein Boot war zu hilflos mit einer starken Strömung, die von hinten schob; daher war es nicht üblich, bei Niedrigwasser nachts flussabwärts zu fahren.
Es schien jedoch eine kleine Hoffnung zu geben: Wenn wir vor Einbruch der Nacht durch die komplizierte und gefährliche Hat-Island-Kreuzung kämen, könnten wir den Rest wagen, denn wir hätten leichtere Fahrt und besseres Wasser. Aber es wäre Wahnsinn, Hat Island bei Nacht zu versuchen. Also gab es den Rest des Tages ein ständiges Blick-auf-die-Uhren-Werfen und ein ständiges Rechnen an der Geschwindigkeit, die wir machten; Hat Island war das ewige Thema; manchmal war die Hoffnung groß und manchmal wurden wir in einer schlechten Kreuzung aufgehalten, und sie sank wieder. Stundenlang lagen alle Hände unter der Last dieser unterdrückten Aufregung; sie übertrug sich sogar auf mich, und ich wurde so besorgt um Hat Island und stand unter einem so schrecklichen Druck der Verantwortung, dass ich mir wünschte, ich könnte fünf Minuten an Land haben, um einen tiefen, vollen, erleichternden Atemzug zu nehmen und wieder von vorne anzufangen. Wir hielten keine regelmäßigen Wachen. Jeder unserer Lotsen fuhr die Teile des Flusses, die er beim Heraufkommen gefahren war, wegen seiner größeren Vertrautheit damit; aber beide blieben ständig im Steuerhaus.
Eine Stunde vor Sonnenuntergang nahm Mr. Bixby das Steuer und Mr. W---- trat beiseite. Die nächsten dreißig Minuten hielt jeder Mann seine Uhr in der Hand und war rastlos, still und unruhig. Schließlich sagte jemand mit einem verhängnisvollen Seufzer –
„Nun, da drüben ist Hat Island – und wir schaffen es nicht.“ Alle Uhren schlossen mit einem Klicken, jeder seufzte und murmelte etwas davon, dass es „zu schade, zu schade – ach, wenn wir nur eine halbe Stunde früher hierher gekommen wären!“ sei, und der Ort war erfüllt von der Atmosphäre der Enttäuschung. Einige begannen hinauszugehen, trödelten aber, da sie keinen Glockenschlag zum Anlegen hörten. Die Sonne tauchte hinter den Horizont, das Boot fuhr weiter. Fragende Blicke wechselten von einem Gast zum anderen; und einer, der seine Hand auf dem Türknauf hatte und ihn gedreht hatte, wartete, nahm dann aber seine Hand weg und ließ den Knauf zurückdrehen. Wir fuhren stetig die Biegung hinunter. Weitere Blicke wurden ausgetauscht und Nicken voller überraschter Bewunderung – aber keine Worte. Unbewusst rückten die Männer hinter Mr. Bixby zusammen, als der Himmel dunkler wurde und ein oder zwei schwache Sterne herauskamen. Die Totenstille und das Gefühl des Wartens wurden erdrückend. Mr. Bixby zog an der Schnur, und zwei tiefe, sanfte Töne von der großen Glocke schwebten in die Nacht. Dann eine Pause, und ein weiterer Ton wurde angeschlagen. Die Stimme des Wächters folgte vom Hurricane-Deck –
„Backbord-Lot, da! Steuerbord-Lot!“
Die Schreie der Lotsen begannen aus der Ferne aufzusteigen und wurden von den Wortgebern auf dem Hurricane-Deck grimmig wiederholt.
„M-a-r-k drei!... M-a-r-k drei!... Viertel weniger als drei!... Halb zwei!... Viertel zwei!... M-a-r-k zwei!... Viertel weniger--“
Mr. Bixby zog an zwei Glockenseilen und erhielt eine Antwort durch leises Klingeln weit unten im Maschinenraum, und unsere Geschwindigkeit verlangsamte sich. Der Dampf begann durch die Hähne zu pfeifen. Die Schreie der Lotsen gingen weiter – und es ist immer ein unheimliches Geräusch in der Nacht. Jeder Lotse in der Runde beobachtete jetzt mit festen Augen und sprach leise. Niemand war ruhig und gelassen außer Mr. Bixby. Er legte sein Rad nach unten und stellte sich auf eine Speiche, und als der Dampfer in seine (für mich) völlig unsichtbaren Markierungen schwenkte – denn wir schienen inmitten eines weiten und düsteren Meeres zu sein – fing er sie ab und befestigte sie dort. Aus dem Murmeln halb hörbarer Gespräche fing man hin und wieder einen zusammenhängenden Satz auf – wie –
„Da; sie ist gut über das erste Riff!“
Nach einer Pause eine andere gedämpfte Stimme –
„Ihr Heck kommt genau richtig runter, beim Himmel!“
„Jetzt ist sie in den Markierungen; sie geht rüber!“
Jemand anderes murmelte –
„Oh, das wurde wunderschön gemacht – wunderschön!“
Jetzt wurden die Maschinen ganz gestoppt, und wir trieben mit der Strömung. Nicht, dass ich das Boot hätte treiben sehen können, denn das konnte ich nicht, da die Sterne inzwischen alle verschwunden waren. Dieses Treiben war die trostloseste Arbeit; es ließ einem das Herz stillstehen. Plötzlich entdeckte ich eine schwärzere Finsternis als die, die uns umgab. Es war das Kopfende der Insel. Wir steuerten direkt darauf zu. Wir traten in ihren tieferen Schatten ein, und die Gefahr schien so unmittelbar, dass ich fast erstickte; und ich hatte den stärksten Impuls, etwas zu tun, irgendetwas, um das Schiff zu retten. Aber Mr. Bixby stand immer noch an seinem Steuer, still, konzentriert wie eine Katze, und alle Lotsen standen Schulter an Schulter hinter ihm.
„Sie schafft es nicht!“ flüsterte jemand.
Das Wasser wurde flacher und flacher, nach den Schreien des Lotsen, bis es auf –
„Achteinhalb!.... A-c-h-t Fuß!.... A-c-h-t Fuß!.... Sieben-und--“
Mr. Bixby sagte warnend durch sein Sprachrohr zum Maschinisten –
„Bereithalten, jetzt!“
„Aye-aye, Sir!“
„Siebeneinhalb! Sieben Fuß! Sechs-und--“
Wir berührten den Boden! Sofort ließ Mr. Bixby eine Menge Glocken läuten, rief durch das Rohr: „JETZT, gib ihr – jede Unze, die du hast!“ dann zu seinem Partner: „Leg sie hart runter! reiß sie rum! reiß sie rum!“ Das Boot schrammte und mahlte sich durch den Sand, hing einen einzigen gewaltigen Augenblick am Gipfel der Katastrophe, und dann schaffte sie es! Und einen solchen Schrei, wie er hinter Mr. Bixby aufstieg, hat noch nie zuvor das Dach eines Steuerhauses erschüttert!
Danach gab es keine Probleme mehr. Mr. Bixby war in jener Nacht ein Held; und es dauerte auch einige Zeit, bis sein Kunststück von den Flussleuten nicht mehr besprochen wurde.
Um die erstaunliche Präzision voll zu erfassen, die erforderlich ist, um den großen Dampfer in diesem trüben Gewässer in seine Markierungen zu legen, muss man wissen, dass sie nicht nur ihren komplizierten Weg durch Baumstämme und blinde Riffe finden muss und dann das Kopfende der Insel so eng streifen muss, dass sie das überhängende Laub mit ihrem Heck bürstet, sondern an einer Stelle muss sie fast in Armeslänge an einem versunkenen und unsichtbaren Wrack vorbeifahren, das die Rumpfhölzer unter ihr wegreißen würde, wenn sie darauf stieße, und eine Viertelmillion Dollar an Dampfboot und Fracht in fünf Minuten zerstören würde, und vielleicht hundertfünfzig Menschenleben noch dazu.
Die letzte Bemerkung, die ich in jener Nacht hörte, war ein Kompliment an Mr. Bixby, das von einem unserer Gäste im Selbstgespräch und mit Nachdruck geäußert wurde. Er sagte –
„Beim Schatten des Todes, das ist ein Blitz-Lotse!“
KAPITEL 8
Verwirrende Lektionen
Am Ende einer Zeit, die mir mühsam vorkam, war es mir gelungen, meinen Kopf voll mit Inseln, Städten, Sandbänken, „Punkten“ und Biegungen zu packen; und es war auch eine merkwürdig unbelebte Masse an Gerümpel. Da ich jedoch die Augen schließen und eine ganze lange Reihe dieser Namen herunterleiern konnte, ohne auf jeweils fünfzig Meilen mehr als zehn Meilen Fluss auszulassen, begann ich zu fühlen, dass ich ein Boot nach New Orleans bringen könnte, wenn ich es dazu bringen könnte, diese kleinen Lücken zu überspringen. Aber natürlich konnte meine Selbstgefälligkeit kaum genug Schwung bekommen, um meine Nase ein wenig in die Luft zu heben, bevor Mr. Bixby etwas einfiel, um sie wieder herunterzuholen. Eines Tages wandte er sich plötzlich mit diesem Totschläger an mich –
„Welche Form hat Walnut Bend?“
Er hätte mich genauso gut nach der Meinung meiner Großmutter über Protoplasma fragen können. Ich überlegte respektvoll und sagte dann, ich wusste nicht, dass sie eine bestimmte Form hätte. Mein schießpulverartiger Chef ging natürlich mit einem Knall los und feuerte dann weiter, bis ihm die Adjektive ausgingen.
Ich hatte längst gelernt, dass er nur eine bestimmte Anzahl von Munitionsrunden bei sich trug und sicher war, zu einer sehr versöhnlichen und sogar reumütigen alten Glattlauf-Flinte zu werden, sobald sie alle verschossen waren. Dieses Wort „alt“ ist nur liebevoll gemeint; er war nicht älter als vierunddreißig. Ich wartete. Nach einer Weile sagte er –
„Mein Junge, du musst die Form des Flusses perfekt kennen. Es ist alles, was bleibt, um in einer sehr dunklen Nacht zu steuern. Alles andere ist ausgelöscht und verschwunden. Aber denk dran, er hat in der Nacht nicht dieselbe Form, die er bei Tageslicht hat.“
„Wie auf Erden soll ich sie dann jemals lernen?“
„Wie folgst du zu Hause im Dunkeln einem Flur? Weil du seine Form kennst. Du kannst ihn nicht sehen.“
„Meinst du damit, dass ich all die Millionen winzigen Variationen der Form in den Ufern dieses endlosen Flusses genauso gut kennen muss, wie ich die Form des Hausflurs zu Hause kenne?“
„Bei meiner Ehre, du musst sie besser kennen, als jemals ein Mensch die Formen der Flure in seinem eigenen Haus kannte.“
„Ich wünschte, ich wäre tot!“
„Nun, ich will dich nicht entmutigen, aber –“
„Nun, lad es mir auf; ich kann es genauso gut jetzt haben wie ein andermal.“
„Siehst du, das muss gelernt werden; da gibt es kein Drumherumkommen. Eine klare sternenklare Nacht wirft so schwere Schatten, dass du, wenn du die Form eines Ufers nicht perfekt kennen würdest, von jedem Baumgebüsch wegsteuern würdest, weil du den schwarzen Schatten davon für ein massives Kap halten würdest; und du siehst, du würdest alle fünfzehn Minuten vor Angst sterben. Du wärst die ganze Zeit fünfzig Yards vom Ufer entfernt, wenn du fünfzig Fuß davon entfernt sein solltest. Du kannst in einem dieser Schatten keinen Baumstamm sehen, aber du weißt genau, wo er ist, und die Form des Flusses sagt dir, wenn du darauf zugehst. Dann gibt es deine stockfinstere Nacht; der Fluss hat in einer stockfinstern Nacht eine ganz andere Form als in einer sternenklaren Nacht. Alle Ufer scheinen dann gerade Linien zu sein, und zwar mächtig schwache; und du würdest sie für gerade Linien halten, wenn du es nicht besser wüsstest. Du fährst dein Boot kühn direkt in das, was wie eine massive, gerade Wand aussieht (da du genau weißt, dass in Wirklichkeit dort eine Kurve ist), und diese Wand fällt zurück und macht Platz für dich. Dann gibt es deinen grauen Nebel. Nimm eine Nacht, in der einer dieser gruseligen, nieseligen, grauen Nebel herrscht, und dann gibt es keine bestimmte Form mehr für ein Ufer. Ein grauer Nebel würde den Kopf des ältesten Menschen, der je gelebt hat, verwirren. Nun, dann verändern verschiedene Arten von *Mondlicht* die Form des Flusses auf verschiedene Weise. Du siehst –“
„Oh, sag bitte nicht mehr! Muss ich die Form des Flusses nach all diesen fünfhunderttausend verschiedenen Arten lernen? Wenn ich versuchen würde, all diese Fracht in meinem Kopf zu tragen, würde ich einen krummen Rücken bekommen.“
„Nein! Du lernst nur die Form des Flusses, und du lernst sie mit einer solchen absoluten Gewissheit, dass du immer nach der Form steuern kannst, die in deinem Kopf ist, und dich nicht um die kümmerst, die vor deinen Augen ist.“
„Sehr wohl, ich werde es versuchen; aber nachdem ich es gelernt habe, kann ich mich darauf verlassen? Wird sie dieselbe Form behalten und nicht herumalbern?“
Bevor Mr. Bixby antworten konnte, kam Mr. W---- herein, um die Wache zu übernehmen, und er sagte –
„Bixby, du musst auf President's Island und all das Land weit oben über den Old Hen and Chickens achten. Die Ufer brechen ab, und die Form der Küsten verändert sich wie alles andere. Warum, du würdest den Punkt über 40 nicht wiedererkennen. Du kannst jetzt innerhalb des alten Sykomoren-Baumstumpfes hochfahren.“
Also war diese Frage beantwortet. Hier waren meilenweite Küsten, die ihre Form änderten. Meine Stimmung war wieder im Keller. Zwei Dinge schienen mir ziemlich offensichtlich. Das eine war, dass ein Mann, um Lotse zu werden, mehr lernen musste, als einem Menschen erlaubt sein sollte zu wissen; und das andere war, dass er all das alle vierundzwanzig Stunden auf eine andere Weise neu lernen musste.
In jener Nacht hatten wir die Wache bis zwölf. Nun war es ein alter Flussbrauch, dass die beiden Lotsen ein wenig plauderten, wenn die Wache wechselte. Während der ablösende Lotse seine Handschuhe anzog und seine Zigarre anzündete, pflegte sein Partner, der abtretende Lotse, so etwas zu sagen wie:
„Ich schätze, die obere Sandbank bei Hale's Point wächst ein wenig nach unten; hatte 'Quarter twain' mit dem unteren Lot und 'Mark twain' mit dem anderen.“
„Ja, ich dachte auch, sie wächst ein wenig, bei der letzten Fahrt. Irgendwelche Boote getroffen?“
„Habe eines querab vom Kopf der 21 getroffen, aber sie war weit drüben und hielt sich an der Sandbank, und ich konnte sie nicht ganz ausmachen. Ich hielt sie für die 'Sunny South' – sie hatte keine Oberlichter vor den Schornsteinen.“
Und so weiter. Und während der ablösende Lotse das Steuer übernahm, pflegte sein Partner zu erwähnen, dass wir uns in dieser oder jener Krümmung befänden, und sagen, wir seien querab von diesem oder jenem Holzplatz oder dieser Plantage. Das war Höflichkeit; ich vermutete, es sei Notwendigkeit. Aber Mr. W---- kam in dieser speziellen Nacht volle zwölf Minuten zu spät zur Wache – ein gewaltiger Verstoß gegen die Etikette; tatsächlich ist es die unverzeihliche Sünde unter Lotsen. Also gab Mr. Bixby ihm keinerlei Gruß, sondern übergab einfach das Steuer und marschierte ohne ein Wort aus dem Steuerhaus. Ich war entsetzt; es war eine schurkische Nacht voller Schwärze, wir befanden uns in einem besonders breiten und blinden Teil des Flusses, wo nichts Gestalt oder Substanz hatte, und es schien unglaublich, dass Mr. Bixby diesen armen Kerl allein gelassen haben sollte, damit er das Boot bei dem Versuch, herauszufinden, wo er war, zu Schrott fuhr. Aber ich nahm mir vor, ihm auf jeden Fall beizustehen. Er sollte sehen, dass er nicht völlig ohne Freunde war. Also stand ich herum und wartete darauf, gefragt zu werden, wo wir seien. Aber Mr. W---- stürmte gelassen durch das feste Firmament aus schwarzen Katzen, die für eine Atmosphäre standen, und öffnete niemals seinen Mund. Hier ist ein stolzer Teufel, dachte ich; hier ist ein Glied Satans, das uns lieber alle ins Verderben schicken würde, als sich mir gegenüber verpflichtet zu fühlen, weil ich noch nicht zum Salz der Erde gehöre und das Privileg habe, Kapitäne abzukanzeln und über alles Lebendige und Tote in einem Dampfschiff zu herrschen. Ich stieg schließlich auf die Bank; ich hielt es nicht für sicher, schlafen zu gehen, während dieser Verrückte auf Wache war.
Wie dem auch sei, ich muss im Laufe der Zeit eingeschlafen sein, denn das Nächste, dessen ich mir bewusst wurde, war die Tatsache, dass der Tag anbrach, Mr. W---- weg war und Mr. Bixby wieder am Steuer stand. Es war also vier Uhr und alles war gut – nur ich nicht; ich fühlte mich wie ein Sack voller trockener Knochen, die alle gleichzeitig versuchten zu schmerzen.
Mr. Bixby fragte mich, warum ich dort oben geblieben sei. Ich gestand, dass es war, um Mr. W---- einen Gefallen zu tun – ihm zu sagen, wo er sei. Es dauerte fünf Minuten, bis die ganze Absurdität der Sache in Mr. Bixbys System durchgesickert war, und dann schätze ich, füllte sie ihn fast bis zum Kinn; denn er machte mir ein Kompliment – und kein sehr gutes noch dazu. Er sagte:
„Nun, alles in allem betrachtet, scheinst du mehr verschiedene Arten von Esel zu sein als jedes Geschöpf, das ich je zuvor gesehen habe. Was hast du denn geglaubt, warum er es wissen wollte?“
Ich sagte, ich dachte, es könnte eine Annehmlichkeit für ihn sein.
„Annehmlichkeit! Verdammt noch mal! Habe ich dir nicht gesagt, dass ein Mann den Fluss bei Nacht genauso kennen muss, wie er seinen eigenen Hausflur kennen würde?“
„Nun, ich kann dem Hausflur im Dunkeln folgen, wenn ich weiß, dass es der Hausflur ist; aber angenommen, du setzt mich im Dunkeln mitten hinein und sagst mir nicht, welcher Flur es ist; wie soll ich das wissen?“
„Nun, das musst du auf dem Fluss!“
„Alles klar. Dann bin ich froh, dass ich Mr. W---- nichts gesagt habe.“
„Das will ich meinen. Warum, er hätte dich durch das Fenster geschleudert und hundert Dollar an Fensterrahmen und Zeug völlig ruiniert.“
Ich war froh, dass dieser Schaden vermieden worden war, denn das hätte mich bei den Eigentümern unbeliebt gemacht. Sie hassten immer jeden, der den Ruf hatte, unvorsichtig zu sein und Dinge zu beschädigen.
Ich machte mich nun an die Arbeit, die Form des Flusses zu lernen; und von allen ausweichenden und unfassbaren Objekten, die ich je zu verstehen oder in die Hände zu bekommen versuchte, war das das Hauptobjekt. Ich heftete meine Augen auf eine scharfe, bewaldete Spitze, die einige Meilen vor mir weit in den Fluss hineinragte, und machte mich mühsam daran, ihre Form in mein Gehirn zu fotografieren; und gerade als ich anfing, zu meiner Zufriedenheit Erfolg zu haben, näherten wir uns ihr, und das ärgerliche Ding fing an zu schmelzen und sich zurück in das Ufer zu falten! Wenn ein auffälliger toter Baum genau auf der Spitze des Kaps gestanden hätte, würde ich feststellen, dass dieser Baum unauffällig in den allgemeinen Wald überging und die Mitte eines geraden Ufers einnahm, wenn ich querab von ihm ankam! Kein markanter Hügel wollte lange genug in seiner Form bleiben, damit ich mich entscheiden konnte, wie seine Form wirklich war, sondern er war so auflösend und wechselhaft, als wäre er ein Butterberg in der heißesten Ecke der Tropen gewesen. Nichts hatte jemals dieselbe Form, wenn ich flussabwärts fuhr, wie es sie gehabt hatte, als ich hinaufgefahren war. Ich erwähnte diese kleinen Schwierigkeiten gegenüber Mr. Bixby. Er sagte:
„Das ist die größte Tugend der Sache. Wenn die Formen sich nicht alle drei Sekunden änderten, wären sie zu nichts nütze. Nimm diesen Ort, an dem wir jetzt sind, zum Beispiel. Solange jener Hügel da drüben nur ein Hügel ist, kann ich genau so weiterfahren, wie ich es tue; aber in dem Moment, in dem er sich oben spaltet und ein V bildet, weiß ich, dass ich mich in Eile nach Steuerbord kratzen muss, sonst schlage ich diesem Boot das Gehirn an einem Felsen ein; und dann, in dem Moment, in dem sich einer der Schenkel des V hinter den anderen schwingt, muss ich wieder nach Backbord walzen, sonst bekomme ich ein Missverständnis mit einem Baumstumpf, der diesem Dampfschiff den Kiel so sauber herausreißen würde, als wäre er ein Splitter in deiner Hand. Wenn dieser Hügel in schlechten Nächten seine Form nicht ändern würde, gäbe es hier in einem Jahr einen schrecklichen Dampfschifffriedhof.“
Es war klar, dass ich die Form des Flusses auf alle erdenklichen Arten lernen musste – verkehrt herum, mit dem Ende voran, von innen nach außen, von vorn bis hinten und querab – und dann wissen musste, was in grauen Nächten zu tun war, wenn er gar keine Form hatte. Also machte ich mich daran. Im Laufe der Zeit begann ich, diese knifflige Lektion zu meistern, und meine Selbstgefälligkeit rückte wieder in den Vordergrund. Mr. Bixby war ganz darauf eingestellt, sie wieder nach hinten zu verdrängen. Er eröffnete mir das folgendermaßen:
„Wie viel Wasser hatten wir bei der mittleren Kreuzung bei Hole-in-the-Wall, bei der vorletzten Fahrt?“
Ich hielt das für eine Unverschämtheit. Ich sagte:
„Bei jeder Fahrt, rauf und runter, singen die Lotleute drei Viertelstunden lang am Stück durch diesen verworrenen Ort. Wie glaubst du, kann ich mir so ein Durcheinander merken?“
„Mein Junge, du musst es dir merken. Du musst dir den genauen Punkt und die genauen Marken merken, in denen das Boot lag, als wir das seichteste Wasser hatten, an jedem der fünfhundert seichten Orte zwischen St. Louis und New Orleans; und du darfst die seichten Lotungen und Marken der einen Fahrt nicht mit denen einer anderen vermischen, denn sie sind selten zweimal gleich. Du musst sie getrennt halten.“
Als ich wieder zu mir kam, sagte ich:
„Wenn ich so weit bin, dass ich das kann, werde ich in der Lage sein, die Toten auferstehen zu lassen, und dann muss ich kein Dampfschiff mehr steuern, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich will mich aus diesem Geschäft zurückziehen. Ich will einen Schlammeimer und eine Bürste; ich tauge nur für einen Hilfsarbeiter. Ich habe nicht genug Verstand, um Lotse zu sein; und wenn ich ihn hätte, hätte ich nicht genug Kraft, ihn herumzuschleppen, es sei denn, ich ginge an Krücken.“
„Jetzt lass das! Wenn ich sage, ich werde einem Mann den Fluss beibringen, dann meine ich das auch. Und du kannst dich darauf verlassen, ich werde es ihm beibringen oder ihn umbringen.“
KAPITEL 9
Anhaltende Verwirrungen
Es hatte keinen Sinn, mit einer Person wie dieser zu streiten. Ich beanspruchte mein Gedächtnis sofort so sehr, dass nach und nach sogar das seichte Wasser und die zahllosen Kreuzungsmarken bei mir haften blieben. Aber das Ergebnis war genau dasselbe. Ich konnte nie mehr als eine knifflige Sache lernen, bevor sich eine andere präsentierte. Nun hatte ich oft Lotsen gesehen, die auf das Wasser starrten und so taten, als würden sie es wie ein Buch lesen; aber es war ein Buch, das mir nichts sagte. Es kam jedoch schließlich eine Zeit, in der Mr. Bixby mich weit genug fortgeschritten hielt, um eine Lektion im Wasserlesen zu ertragen. Also begann er:
„Siehst du diese lange schräge Linie auf der Wasseroberfläche? Nun, das ist ein Riff. Außerdem ist es ein steiles Riff. Darunter befindet sich eine feste Sandbank, die fast so gerade nach oben und unten verläuft wie die Seite eines Hauses. Dicht davor gibt es viel Wasser, aber sehr wenig darauf. Wenn du darauf stoßen würdest, würdest du dem Boot das Gehirn ausschlagen. Siehst du, wo die Linie am oberen Ende ausfranst und zu verblassen beginnt?“
„Ja, Sir.“
„Nun, das ist eine niedrige Stelle; das ist der Kopf des Riffs. Du kannst dort hinüberklettern, ohne etwas zu beschädigen. Fahr jetzt hinüber und folge dem Riff dicht unterhalb – ruhiges Wasser dort – keine starke Strömung.“
Ich folgte dem Riff, bis ich mich dem ausgefransten Ende näherte. Dann sagte Mr. Bixby:
„Jetzt mach dich bereit. Warte, bis ich das Kommando gebe. Sie wird nicht auf das Riff steigen wollen; ein Boot hasst seichtes Wasser. Bereit halten – warte – WARTE – halte sie gut im Griff. JETZT hart legen! Reiß sie rum! Reiß sie rum!“
Er ergriff die andere Seite des Steuerrads und half, es herumzudrehen, bis es hart lag, und dann hielten wir es so. Das Boot leistete Widerstand und weigerte sich eine Zeit lang zu reagieren, dann schoss sie nach Steuerbord, stieg auf das Riff und ließ einen langen, wütenden Wassergrat von ihrem Bug schäumen.
„Jetzt beobachte sie; beobachte sie wie eine Katze, sonst haut sie dir ab. Wenn sie stark kämpft und das Ruder ein wenig rutscht, auf eine ruckartige, ölige Art, lass ein wenig nach; so sagt sie dir bei Nacht, dass das Wasser zu flach ist; aber halte sie nach und nach in Richtung des Punktes. Du bist jetzt gut auf der Sandbank; es gibt eine Sandbank unter jedem Punkt, weil das Wasser, das darum herumströmt, einen Wirbel bildet und es dem Sediment erlaubt, zu sinken. Siehst du diese feinen Linien auf der Wasseroberfläche, die sich wie die Rippen eines Fächers verzweigen? Nun, das sind kleine Riffe; du willst die Enden von ihnen nur knapp verfehlen, aber fahr ziemlich dicht daran vorbei. Jetzt pass auf – pass auf! Dränge nicht auf diese glatte, ölig aussehende Stelle; da sind keine neun Fuß; das hält sie nicht aus. Sie fängt an, es zu riechen; pass scharf auf, sage ich dir! Oh verdammt, da gehst du hin! Stopp das Steuerbordrad! Schnell! Rückwärts! Setz sie zurück!“
Die Maschinen-Glocken klingelten und die Maschinen antworteten prompt, indem sie weiße Dampfsäulen weit in die Höhe aus den Auspuffrohren schossen, aber es war zu spät. Das Boot hatte die Sandbank ernsthaft „gerochen“; die schäumenden Grate, die von ihrem Bug ausgingen, verschwanden plötzlich, eine große tote Welle kam nach vorn gerollt und fegte vor ihr her, sie krängte weit nach Backbord und raste in Richtung des anderen Ufers, als wäre sie zu Tode erschrocken. Wir waren eine gute Meile von dem entfernt, wo wir hätten sein sollen, als wir schließlich wieder die Oberhand über sie gewannen.
Während der Nachmittagswache am nächsten Tag fragte mich Mr. Bixby, ob ich wüsste, wie man die nächsten paar Meilen fahre. Ich sagte:
„Fahr innerhalb des ersten Baumstumpfes über dem Punkt, außerhalb des nächsten, starte vom unteren Ende von Higgins' Holzplatz, mache eine quadratische Überquerung und –“
„Das ist alles richtig. Ich bin zurück, bevor du dich dem nächsten Punkt näherst.“
Aber er war nicht zurück. Er war noch unterhalb, als ich ihn umrundete und in ein Stück Fluss einfuhr, bei dem ich einige Bedenken hatte. Ich wusste nicht, dass er sich hinter einem Schornstein versteckte, um zu sehen, wie ich mich schlagen würde. Ich fuhr fröhlich entlang, wurde immer stolzer, denn er hatte das Boot noch nie zuvor für eine solche Zeitdauer allein in meine Obhut gegeben. Ich fing sogar an, sie „einzustellen“ und das Steuer völlig loszulassen, während ich ruhmreich den Rücken drehte, die Marken am Heck inspizierte und eine Melodie summte – eine Art von leichter Gleichgültigkeit, die ich bei Bixby und anderen großen Lotsen bewundert hatte. Einmal inspizierte ich ziemlich lange, und als ich mich wieder nach vorne drehte, flog mir das Herz so plötzlich in den Mund, dass ich es verloren hätte, wenn ich nicht die Zähne zusammengebissen hätte. Eines dieser schrecklichen steilen Riffe erstreckte sich in seiner tödlichen Länge direkt vor unserem Bug! Mein Kopf war im Nu weg; ich wusste nicht, auf welchem Ende ich stand; ich schnappte nach Luft und konnte nicht atmen; ich drehte das Steuer so schnell herunter, dass es sich wie ein Spinnennetz ineinander verwebte; das Boot reagierte und drehte sich im rechten Winkel vom Riff weg, aber das Riff folgte ihr! Ich floh, und immer noch folgte es, immer noch hielt es – direkt vor meinem Bug! Ich schaute nie nach, wohin ich fuhr, ich floh nur. Der schreckliche Zusammenstoß stand unmittelbar bevor – warum kam dieser Schurke nicht! Wenn ich das Verbrechen beginge, eine Glocke zu läuten, könnte ich über Bord geworfen werden. Aber besser das, als das Boot zu töten. Also fing ich in blinder Verzweiflung eine solche rasselnde „Katzenmusik“ unten an, wie sie noch nie zuvor einen Ingenieur auf dieser Welt in Erstaunen versetzt hat, nehme ich an. Inmitten der Raserei der Glocken begannen die Maschinen auf eine wütende Weise rückwärts zu arbeiten und zu füllen, und mein Verstand verließ seinen Thron – wir waren kurz davor, in den Wald auf der anderen Seite des Flusses zu krachen. Genau in diesem Moment trat Mr. Bixby gelassen auf dem Hurrikandeck in Erscheinung. Meine Seele ging in Dankbarkeit zu ihm aus. Meine Not verschwand; ich hätte mich am Rande der Niagarafälle sicher gefühlt, mit Mr. Bixby auf dem Hurrikandeck. Er nahm sanft und süß seinen Zahnstocher zwischen den Fingern aus dem Mund, als wäre er eine Zigarre – wir waren gerade dabei, einen überhängenden großen Baum zu erklimmen, und die Passagiere huschten wie Ratten nach achtern – und rief diese Befehle so sanft zu mir herauf:
„Stopp Steuerbord. Stopp Backbord. Setz beide zurück.“
Das Boot zögerte, hielt an, drückte ihre Nase einen kritischen Moment lang in die Äste, dann begann sie widerwillig rückwärts zu fahren.
„Stopp Backbord. Geh voraus darauf. Stopp Steuerbord. Geh voraus darauf. Ziele sie auf die Sandbank.“
Ich segelte so gelassen davon wie an einem Sommermorgen. Mr. Bixby kam herein und sagte mit gespielter Einfachheit:
„Wenn du einen Ruf hast, mein Junge, solltest du dreimal auf die große Glocke schlagen, bevor du anlegst, damit die Ingenieure sich fertig machen können.“
Ich errötete unter dem Sarkasmus und sagte, ich hätte keinen Ruf gehabt.
„Ah! Dann war es wohl für Holz. Der wachhabende Offizier wird dir sagen, wann er Holz laden will.“
Ich fuhr fort, mich zu verzehren, und sagte, ich sei nicht hinter Holz her gewesen.
„Tatsächlich? Warum, was könntest du dann hier in der Biegung wollen? Hast du jemals von einem Boot gehört, das in diesem Stadium des Flusses einer Biegung flussaufwärts folgt?“
„Nein, Sir – und ich habe nicht versucht, ihr zu folgen. Ich bin einem steilen Riff entkommen.“
„Nein, es war kein steiles Riff; es gibt keines im Umkreis von drei Meilen von dem Ort, an dem du warst.“
„Aber ich habe es gesehen. Es war so steil wie das dort drüben.“
„Ungefähr. Fahr drüber!“
„Gibst du das als Befehl?“
„Ja. Fahr drüber.“
„Wenn ich das nicht tue, wünschte ich, ich möge sterben.“
„Alles klar; ich übernehme die Verantwortung.“ Ich war jetzt genauso begierig darauf, das Boot zu töten, wie ich vorher begierig gewesen war, es zu retten. Ich prägte mir meine Befehle für die Untersuchung ein und machte einen direkten Ausbruch auf das Riff zu. Als es unter unserem Bug verschwand, hielt ich den Atem an; aber wir glitten darüber wie auf Öl.
„Siehst du jetzt den Unterschied? Es war nichts als ein Windriff. Der Wind macht das.“
„So sehe ich das. Aber es ist genau wie ein steiles Riff. Wie soll ich die jemals unterscheiden können?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Es ist ein Instinkt. Nach und nach wirst du ganz natürlich das eine vom anderen unterscheiden können, aber du wirst nie erklären können, warum oder wie du sie unterscheidest.“
Es stellte sich als wahr heraus. Die Oberfläche des Wassers wurde mit der Zeit zu einem wunderbaren Buch – einem Buch, das für den ungebildeten Passagier eine tote Sprache war, das mir aber ohne Vorbehalt seinen Geist mitteilte und seine wertvollsten Geheimnisse so klar preisgab, als ob es sie mit einer Stimme aussprechen würde. Und es war kein Buch, das man einmal las und dann beiseite legte, denn es hatte jeden Tag eine neue Geschichte zu erzählen. Auf den langen zwölfhundert Meilen gab es nie eine Seite, die ohne Interesse war, nie eine, die man ohne Verlust ungelesen lassen konnte, nie eine, die man auslassen wollte, in dem Glauben, man könne in einer anderen Sache höheres Vergnügen finden. Es gab nie ein so wunderbares Buch, das von Menschen geschrieben wurde; nie eines, dessen Interesse so fesselnd, so unermüdlich war, so funkelnd erneuert bei jedem erneuten Lesen. Der Passagier, der es nicht lesen konnte, war bezaubert von einer besonderen Art von leichtem Grübchen auf seiner Oberfläche (bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen er es nicht ganz übersah); aber für den Lotsen war das eine kursiv gedruckte Passage; tatsächlich war es mehr als das, es war eine Legende in den größten Versalien, mit einer Reihe von schreienden Ausrufezeichen am Ende; denn es bedeutete, dass dort ein Wrack oder ein Felsen begraben war, der das Leben aus dem stärksten Schiff reißen konnte, das jemals schwamm. Es ist der schwächste und einfachste Ausdruck, den das Wasser je macht, und der scheußlichste für das Auge eines Lotsen. In Wahrheit sah der Passagier, der dieses Buch nicht lesen konnte, nichts als alle Arten von hübschen Bildern darin, die von der Sonne gemalt und von den Wolken beschattet wurden, während dies für das geschulte Auge überhaupt keine Bilder waren, sondern die grimmigste und todernsteste Lektüre.
Doch ich muss mich nun anderen Dingen zuwenden. Wir waren in den "Chutes" oder Nebenarmen unterwegs, und die Arbeit wurde immer komplizierter. Einmal, als wir uns durch einen besonders engen, bewaldeten Durchlass schlängelten, bei dem die Äste der Bäume beinahe das Deck berührten, stießen wir auf ein Floß, das so ungeschickt quer im Wasser lag, dass es uns den Weg versperrte. Der Mann auf dem Floß, ein hagerer Kerl mit einem buschigen Bart, brüllte uns an, als wir vorsichtig auf ihn zufuhren, um ihn zu bitten, ein wenig beiseite zu rudern.
„Was wollt ihr denn hier, ihr dampfenden Schlammwühler!“, schrie er. „Seht ihr nicht, dass ich hier meine Fracht sortiere? Macht, dass ihr weiterkommt, sonst zieh’ ich euch die Ohren lang!“
Bixby, der am Steuer stand, verzog keine Miene. Er drückte das Signalhorn, ein tiefes, grollendes Brüllen, das den Wald erschütterte und den armen Floßfahrer fast von seinem Gefährt fegte. „Beweg dich, du Holzkopf!“, rief Bixby, als wir den Dampfer so nah an sein Floß lenkten, dass die Gischt unseres Rades seine Fracht – die berühmten Kürbisse und was sonst noch alles dazugehörte – ordentlich durchweichte. Der Mann fluchte wie ein Weltmeister, aber er wich aus. Das war die Art von Autorität, die man auf dem Fluss lernen musste, wenn man nicht den ganzen Tag in irgendwelchen Sackgassen feststecken wollte.
Die Arbeit war nun weit mehr als nur Steuern; es war eine ständige Auseinandersetzung mit der Tücke der Natur und der Starrköpfigkeit der Menschen. Wenn ich heute daran zurückdenke, erscheint mir dieses Leben wie ein ferner Traum. Die ständige Anspannung, die Gefahr, die jedes Mal lauerte, wenn wir in eine dunkle, unbekannte Passage einfuhren, und die Erleichterung, wenn wir wieder auf das breite, offene Wasser des Mississippi zurückkehrten – all das hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Ich lernte schließlich, dass der Fluss kein unbewegliches Etwas war, sondern ein lebendiges, sich wandelndes Wesen, das jeden Tag ein anderes Gesicht zeigte. Man konnte ihn niemals als besiegt betrachten; man konnte nur hoffen, dass man seine Launen für den Moment richtig gedeutet hatte. Und doch, bei all der Mühsal und der Schinderei, gab es jene seltenen Momente in der Dämmerung, in denen die Welt stillstand und der Fluss wieder seine alte, unberührte Schönheit zeigte – jene Schönheit, die ich eigentlich längst verloren geglaubt hatte. In solchen Augenblicken vergaß ich für einen Herzschlag die Sandbänke, die tückischen Baumstümpfe und die Fracht der Holzflöße, und ich war wieder der junge Mann, der staunend am Steuer stand und den Fluss betrachtete, als wäre er das Wunder der Welt. Doch dann rief Bixby mich zur Ordnung: „Achtung auf das Wasser dort vorne, Junge! Hast du etwa schon wieder das Träumen angefangen?“ Und mit einem Ruck kehrte ich in die Wirklichkeit zurück, zurück in die harte, unerbittliche Schule des Lotsenlebens.
Hinter anderen Inseln fanden wir erbärmliche kleine Farmen und noch erbärmlichere kleine Blockhütten; da waren verrückte Stangenzäune, die ein oder zwei Fuß aus dem Wasser ragten, auf deren oberster Stange ein oder zwei in Jeans gekleidete, schüttelfrostgeplagte, gelbgesichtige männliche Elendsgestalten hockten, die Ellbogen auf den Knien, die Kinnladen in den Händen, Tabak zerkauten und das Ergebnis durch Zahnlücken auf vorbeischwimmende Holzsplitter beförderten; während der Rest der Familie und die wenigen Nutztiere zusammengepfercht in einem leeren Holzflachboot kauerten, das in unmittelbarer Nähe vor Anker lag. In diesem Flachboot musste die Familie für eine kürzere oder längere Anzahl von Tagen (oder möglicherweise Wochen) kochen, essen und schlafen, bis der Fluss um zwei oder drei Fuß fallen würde und es ihnen erlauben würde, zu ihrer Blockhütte und ihrem Schüttelfrost zurückzukehren – wobei der Schüttelfrost eine barmherzige Einrichtung einer allweisen Vorsehung ist, die es ihnen ermöglicht, Bewegung ohne Anstrengung zu bekommen. Und diese Art des wässrigen Campierens war eine Sache, der diese Leute ein paarmal im Jahr ausgesetzt zu sein pflegten: durch das Dezember-Hochwasser aus dem Ohio und das Juni-Hochwasser aus dem Mississippi. Und doch waren dies gütige Fügungen, denn sie ermöglichten den armen Dingen wenigstens, hin und wieder von den Toten aufzuerstehen und das Leben zu betrachten, wenn ein Dampfschiff vorbeifuhr. Sie wussten den Segen auch zu schätzen, denn sie rissen Mund und Augen weit auf und machten das Beste aus diesen Gelegenheiten. Was konnten diese verbannten Kreaturen nun schon tun, um während der Niedrigwasserzeit nicht vor Trübsinn zu sterben!
Einmal, in einem dieser lieblichen Inselkanäle, fanden wir unseren Kurs durch einen großen umgestürzten Baum vollständig überbrückt. Dies mag dazu dienen, zu zeigen, wie eng manche dieser Kanäle waren. Die Passagiere hatten eine Stunde Erholung in einer unberührten Wildnis, während die Bootsleute die Brücke zerhackten; denn ans Umkehren war nicht zu denken, das verstehen Sie.
Von Cairo bis Baton Rouge, wenn der Fluss über seine Ufer getreten ist, haben Sie in der Nacht keine besonderen Probleme, denn die tausend Meilen lange Mauer aus dichtem Wald, die beide Ufer den ganzen Weg über bewacht, ist nur in Abständen von einer Farm oder einem Holzplatz unterbrochen, und so können Sie den Fluss nicht viel leichter „verlassen“, als Sie einen eingezäunten Feldweg verlassen könnten; aber von Baton Rouge bis New Orleans ist es eine andere Sache. Der Fluss ist mehr als eine Meile breit und sehr tief – an manchen Stellen bis zu zweihundert Fuß. Beide Ufer sind auf einer Strecke von weit über hundert Meilen ihres Holzes beraubt und von zusammenhängenden Zuckerrohrplantagen gesäumt, mit nur hier und da einem verstreuten Setzling oder einer Reihe von zierenden China-Bäumen. Das Holz ist bis tief in den hinteren Teil der Plantagen abgeholzt, auf zwei bis vier Meilen. Wenn der erste Frost zu kommen droht, holen die Pflanzer ihre Ernte in aller Eile ein. Wenn sie mit dem Mahlen des Rohrs fertig sind, formen sie die Rückstände der Stängel (die sie Bagasse nennen) zu großen Haufen und stecken sie in Brand, obwohl in anderen Zuckerländern die Bagasse als Brennstoff in den Öfen der Zuckermühlen verwendet wird. Nun brennen die Haufen aus feuchter Bagasse langsam und rauchen wie Satans eigene Küche.
Ein Damm von zehn oder fünffünfzehn Fuß Höhe bewacht beide Ufer des Mississippi auf dem ganzen Weg den unteren Flusslauf hinunter, und dieser Damm ist, je nach den Umständen, zehn bis vielleicht hundert Fuß vom Uferrand zurückgesetzt; sagen wir im Allgemeinen dreißig oder vierzig Fuß. Füllen Sie diese ganze Region mit einer undurchdringlichen Finsternis aus dem Rauch von hundert Meilen brennender Bagasse-Haufen, wenn der Fluss über die Ufer getreten ist, und lassen Sie ein Dampfschiff um Mitternacht dort entlangfahren und sehen Sie, wie es sich anfühlt. Und sehen Sie auch, wie Sie sich fühlen werden! Sie finden sich mitten in einem vagen, düsteren Meer wieder, das uferlos ist, das in den trüben Fernen verblasst und sich verliert; denn Sie können die dünne Rippe des Damms nicht ausmachen, und Sie bilden sich ständig ein, einen vereinzelten Baum zu sehen, wenn das nicht der Fall ist. Die Plantagen selbst sind durch den Rauch verwandelt und sehen aus wie ein Teil des Meeres. Während Ihrer gesamten Wache werden Sie mit der exquisiten Qual der Ungewissheit gefoltert. Sie hoffen, dass Sie sich im Fluss halten, aber Sie wissen es nicht. Alles, dessen Sie sich sicher sind, ist, dass Sie sich wahrscheinlich innerhalb von sechs Fuß vom Ufer und dem Verderben befinden, wenn Sie glauben, gut eine halbe Meile vom Ufer entfernt zu sein. Und Sie sind sich auch sicher, dass, wenn Sie zufällig plötzlich auf den Damm stoßen und Ihre Schornsteine über Bord kippen, Sie den kleinen Trost haben werden zu wissen, dass es ungefähr das ist, was Sie erwartet hatten. Eines der großen Vicksburg-Paketschiffe schoss eines Nachts zu einer solchen Zeit in eine Zuckerplantage und musste dort eine Woche bleiben. Aber das war nichts Neues; das war schon oft zuvor geschehen.
Ich dachte, ich hätte dieses Kapitel beendet, aber ich möchte eine kuriose Sache hinzufügen, solange sie mir im Gedächtnis ist. Sie ist nur insofern relevant, als sie mit dem Lotsenwesen zu tun hat. Es gab früher einen ausgezeichneten Lotsen auf dem Fluss, einen Herrn X., der Schlafwandler war. Es hieß, wenn sein Verstand wegen eines schlechten Flussabschnitts beunruhigt war, sei es ziemlich sicher, dass er aufstehe, im Schlaf umherlaufe und seltsame Dinge tue. Er war einmal für ein oder zwei Fahrten Ko-Lotse mit George Ealer auf einem großen New-Orleans-Passagierdampfer. Während eines beträchtlichen Teils der ersten Fahrt war George unruhig, gewöhnte es sich aber nach und nach ab, da X. zufrieden schien, in seinem Bett zu bleiben, wenn er schlief. Spät in einer Nacht näherte sich das Schiff Helena, Arkansas; das Wasser war niedrig, und die Überfahrt oberhalb der Stadt war in einem sehr unübersichtlichen und verworrenen Zustand. X. hatte die Überfahrt seit Ealer gesehen, und da die Nacht besonders nieselig, düster und dunkel war, überlegte Ealer, ob es nicht besser wäre, X. rufen zu lassen, um beim Befahren der Stelle zu helfen, als die Tür aufging und X. hereinkam. Nun ist Licht in sehr dunklen Nächten ein tödlicher Feind des Lotsens; Sie wissen, dass man, wenn man in einer solchen Nacht in einem beleuchteten Raum steht, Dinge auf der Straße nicht richtig sehen kann; wenn man aber die Lichter löscht und in der Finsternis steht, kann man Objekte auf der Straße ziemlich gut erkennen. Deshalb rauchen Lotsen in sehr dunklen Nächten nicht; sie erlauben kein Feuer im Ofen des Lotsenhauses, wenn es einen Riss gibt, durch den auch nur der kleinste Strahl entweichen könnte; sie befehlen, die Öfen mit riesigen Segeltuchplanen zu verhängen und die Oberlichter fest zu verblenden. Dann dringt keinerlei Licht mehr aus dem Schiff. Die undefinierbare Gestalt, die nun das Lotsenhaus betrat, hatte die Stimme von Herrn X. Diese sagte:
„Lass mich sie übernehmen, George; ich habe diese Stelle seit dir gesehen, und sie ist so krumm, dass ich glaube, ich kann sie selbst leichter steuern, als ich dir erklären könnte, wie man es macht.“
„Es ist freundlich von dir, und ich schwöre, ich bin dazu bereit. Ich habe keinen Tropfen Schweiß mehr in mir. Ich habe mich wie ein Eichhörnchen immer und immer wieder um das Rad gedreht. Es ist so dunkel, ich kann nicht sagen, in welche Richtung sie ausschwenkt, bis sie herumkommt wie ein Kreisel.“
Also nahm Ealer auf der Bank Platz, keuchend und atemlos. Das schwarze Phantom übernahm das Rad, ohne etwas zu sagen, beruhigte den walzenden Dampfer mit ein oder zwei Drehungen und stand dann gelassen da, lockte sie ein wenig nach dieser Seite und dann nach jener, so sanft und so lieblich, als wäre es Mittag gewesen. Als Ealer dieses Wunder des Steuerns beobachtete, wünschte er, er hätte es nicht gestanden! Er starrte, wunderte sich und sagte schließlich:
„Nun, ich dachte, ich wüsste, wie man ein Dampfschiff steuert, aber das war ein weiterer Fehler von mir.“
X. sagte nichts, sondern fuhr heiter mit seiner Arbeit fort. Er läutete nach den Loten; er läutete, um den Dampf zu drosseln; er arbeitete das Schiff vorsichtig und sauber in unsichtbare Markierungen, stand dann in der Mitte des Rades und spähte sanft hinaus in die Schwärze, vorne und hinten, um seine Position zu überprüfen; als die Lote immer flacheres Wasser anzeigten, stoppte er die Maschinen vollständig, und die totenstille Spannung des „Treibens“ folgte; als das flachste Wasser erreicht war, drehte er den Dampf voll auf, brachte sie gekonnt über die Stelle und begann dann, sie vorsichtig in das nächste System von Untiefen-Markierungen zu lenken; dasselbe geduldige, achtsame Benutzen von Loten und Maschinen folgte, das Schiff schlüpfte hindurch, ohne den Grund zu berühren, und erreichte die dritte und letzte Kompliziertheit der Überfahrt; unmerklich bewegte sie sich durch die Finsternis, kroch zentimeterweise in ihre Markierungen, trieb mühsam, bis das flachste Wasser ausgerufen wurde, und dann, unter einem gewaltigen Dampfdruck, schwang sie über das Riff und hinaus in tiefes Wasser und Sicherheit!
Ealer ließ seinen lange unterdrückten Atem in einem großen, erleichternden Seufzer entweichen und sagte:
„Das ist das schönste Stück Lotsenarbeit, das jemals auf dem Mississippi geleistet wurde! Ich hätte nicht geglaubt, dass es möglich wäre, wenn ich es nicht gesehen hätte.“
Es gab keine Antwort, und er fügte hinzu:
„Halt sie nur noch fünf Minuten länger, Partner, und lass mich hinunterlaufen und eine Tasse Kaffee holen.“
Eine Minute später biss Ealer unten im „Texas“ in einen Kuchen und tröstete sich mit Kaffee. Gerade da kam der Nachtwächter herein und wollte gerade wieder hinausgehen, als er Ealer bemerkte und ausrief:
„Wer ist am Steuer, Sir?“
„X.“
„Renn zum Lotsenhaus, schneller als der Blitz!“
Im nächsten Moment flogen beide Männer die Treppe zum Lotsenhaus hinauf, drei Stufen auf einmal! Niemand da! Der große Dampfer pfiff mitten auf dem Fluss vor sich hin, ganz nach seinem eigenen Willen! Der Wächter schoss wieder aus dem Raum; Ealer ergriff das Steuer, setzte eine Maschine mit Kraft zurück und hielt den Atem an, während das Schiff widerwillig von einem „Towhead“ wegschwenkte, den es gerade in die Mitte des Golfs von Mexiko stoßen wollte!
Nach einer Weile kam der Wächter zurück und sagte:
„Hat dieser Verrückte Ihnen nicht gesagt, dass er schlief, als er hier heraufkam?“
„Nein.“
„Nun, das tat er. Ich fand ihn, wie er auf den Geländern balancierte, so unbekümmert, als ob ein anderer Mensch über einen Bürgersteig ginge; und ich habe ihn ins Bett gebracht; gerade in dieser Minute war er dort wieder, weit achtern, und vollführte dieselbe Art von Drahtseil-Teufelei wie zuvor.“
„Nun, ich glaube, ich bleibe das nächste Mal dabei, wenn er einen dieser Anfälle hat. Aber ich hoffe, er hat sie oft. Sie hätten ihn nur sehen sollen, wie er dieses Schiff durch die Helena-Überfahrt brachte. Ich habe noch nie etwas so Prächtiges gesehen. Und wenn er solche goldglänzende, mit Glacéhandschuhen ausgeführte, diamantene Lotsenarbeit leisten kann, wenn er im Tiefschlaf ist, was könnte er dann erst leisten, wenn er tot wäre!“
KAPITEL 12
Lotungen
WENN der Fluss sehr niedrig ist und das eigene Dampfschiff „das ganze Wasser“ im Kanal beansprucht – oder ein paar Zoll mehr, wie es in alten Zeiten oft der Fall war –, muss man bei der Lotsenarbeit schmerzlich umsichtig sein. Wir mussten früher fast bei jeder Fahrt eine Reihe besonders schlimmer Stellen „loten“, wenn der Fluss einen sehr niedrigen Stand hatte.
Das Loten geschieht auf diese Weise. Das Schiff legt am Ufer an, gleich oberhalb der flachen Überfahrt; der Lotse, der nicht Wache hat, nimmt seinen „Schüler“ oder Steuermann und eine ausgewählte Mannschaft von Männern (manchmal auch einen Offizier) und fährt im Jollboot hinaus – vorausgesetzt, das Schiff verfügt nicht über den seltenen und üppigen Luxus eines eigens konstruierten „Lotungsboots“ – und macht sich daran, nach dem besten Wasser zu suchen, während der diensthabende Lotse seine Bewegungen durch ein Fernrohr beobachtet und in manchen Fällen durch Signale mit der Schiffspfeife unterstützt, die bedeuten „versuch es weiter oben“ oder „versuch es weiter unten“; denn die Wasseroberfläche ist, wie ein Ölgemälde, aus einer gewissen Entfernung ausdrucksvoller und verständlicher als aus nächster Nähe. Die Pfeifensignale sind jedoch selten notwendig; vielleicht niemals, außer wenn der Wind die bezeichnenden Kräuselungen auf der Wasseroberfläche verwirrt. Wenn das Jollboot die Untiefe erreicht hat, wird die Geschwindigkeit gedrosselt, der Lotse beginnt, die Tiefe mit einer zehn oder zwölf Fuß langen Stange zu loten, und der Steuermann am Ruder befolgt den Befehl: „Halt sie an Steuerbord!“; oder: „Lass sie nach Backbord abfallen“; oder: „Stetig – stetig, wie du gehst.“
Wenn die Messungen anzeigen, dass sich das Jollboot dem flachsten Teil des Riffs nähert, wird der Befehl gegeben: „Alles entlasten!“ Dann hören die Männer auf zu rudern und das Jollboot treibt mit der Strömung. Der nächste Befehl lautet: „Bereit machen mit der Boje!“ In dem Moment, in dem der flachste Punkt erreicht ist, gibt der Lotse den Befehl: „Boje los!“ und weg ist sie. Wenn der Lotse nicht zufrieden ist, lotet er die Stelle noch einmal; wenn er weiter oben oder weiter unten besseres Wasser findet, verlegt er die Boje an diesen Ort. Nachdem er schließlich zufrieden ist, gibt er den Befehl, und alle Männer halten ihre Ruder in einer Reihe senkrecht in die Luft; ein Ton aus der Schiffspfeife zeigt an, dass das Signal gesehen wurde; dann „geben die Männer nach“ an ihren Rudern und legen das Jollboot längsseits der Boje; der Dampfer kommt vorsichtig herangeschlichen, wird gerade auf die Boje ausgerichtet, spart seine Kraft für den kommenden Kampf und dreht dann, im entscheidenden Moment, den gesamten Dampf auf und stampft und wühlt sich mahlend über die Boje und den Sand und gewinnt das tiefe Wasser dahinter. Oder vielleicht auch nicht; vielleicht „schlägt er auf und schwingt herum“. Dann muss er mehrere Stunden (oder Tage) damit verbringen, sich selbst freizuspieren.
Manchmal wird überhaupt keine Boje ausgelegt, sondern das Jollboot fährt voraus, sucht das beste Wasser, und der Dampfer folgt in seinem Kielwasser. Oft ist das Loten mit einer Menge Spaß und Aufregung verbunden, besonders wenn es ein herrlicher Sommertag oder eine stürmische Nacht ist. Aber im Winter nehmen die Kälte und die Gefahr den größten Teil des Spaßes.
Eine Boje ist nichts anderes als ein Brett von vier oder fünf Fuß Länge, dessen eines Ende hochgebogen ist; es ist eine umgedrehte Schulbank, bei der eine der Stützen stehen gelassen und die andere entfernt wurde. Sie wird auf dem flachsten Teil des Riffs durch ein Seil verankert, an dessen Ende ein schwerer Stein befestigt ist. Ohne den Widerstand des hochgebogenen Endes der umgedrehten Bank würde die Strömung die Boje unter Wasser ziehen. Nachts wird eine Papierlaterne mit einer Kerze darin oben auf der Boje befestigt, und diese kann man eine Meile oder mehr sehen, ein kleiner schimmernder Funke in der Einöde der Schwärze.
Nichts erfreut einen Schüler so sehr wie die Gelegenheit, beim Loten mitzufahren. Es liegt so ein Hauch von Abenteuer darin; oft besteht Gefahr; es ist so prächtig und kriegsschiffartig, im Heck zu sitzen und ein schnelles Jollboot zu steuern; es hat etwas Feines, wenn das Boot jubelnd aufspringt, wenn eine erfahrene alte Matrosenmannschaft ihre ganze Seele in die Ruder legt; es ist herrlich zu sehen, wie der weiße Schaum vom Bug wegströmt; es liegt Musik im Rauschen des Wassers; es ist köstlich berauschend, im Sommer über die windigen Weiten des Flusses zu sausen, wenn die Welt der Wellen in der Sonne tanzt. Es ist auch so großartig für den Schüler, die Chance zu bekommen, einen Befehl zu geben; denn oft sagt der Lotse einfach: „Lass sie wenden!“ und überlässt den Rest dem Schüler, der augenblicklich in seinem strengsten Befehlston ruft: „Steuerbord entlasten! Kräftig an Backbord! Steuerbord, gebt nach! Mit Willen, Männer!“ Der Schüler genießt das Loten noch aus dem weiteren Grund, dass die Augen der Passagiere alle Bewegungen des Jollboots mit fesselndem Interesse verfolgen, wenn es Tageslicht ist; und wenn es Nacht ist, weiß er, dass dieselben staunenden Augen auf die Laterne des Jollboots gerichtet sind, während sie hinaus in die Finsternis gleitet und in der fernen Ferne verblasst.
Auf einer Fahrt verbrachte ein hübsches sechzehnjähriges Mädchen ihre Zeit jeden Tag und den ganzen Tag mit ihrem Onkel und ihrer Tante in unserem Lotsenhaus. Ich verliebte mich in sie. Ebenso Toms Schüler, Tom G----. Tom und ich waren bis zu diesem Zeitpunkt Busenfreunde gewesen; aber nun begann eine Kühle aufzukommen. Ich erzählte dem Mädchen eine ganze Menge meiner Flussabenteuer und stellte mich als ziemlicher Held dar; Tom versuchte, sich ebenfalls als Held darzustellen, und hatte damit einigermaßen Erfolg, aber er hatte schon immer eine Art, zu schmücken. Wie auch immer, Tugend ist ihr eigener Lohn, also war ich in dem Wettbewerb um ein kaum wahrnehmbares bisschen voraus. Um diese Zeit geschah etwas, das für mich vielversprechend war: Die Lotsen beschlossen, die Überfahrt am Kopf von 21 zu loten. Dies würde gegen neun oder zehn Uhr abends geschehen, wenn die Passagiere noch auf wären; es wäre also Herrn Thornburgs Wache, daher müsste mein Chef die Lotung vornehmen. Wir hatten ein perfektes, reizendes Lotungsboot – lang, schnittig, anmutig und so flink wie ein Windhund; seine Duchten waren gepolstert; es beförderte zwölf Ruderer; einer der Maate wurde immer mitgeschickt, um Befehle an die Mannschaft zu übermitteln, denn wir waren ein Dampfer, auf dem auf „Stil“ kein Ende war.
Wir legten am Ufer oberhalb von 21 an und machten uns bereit. Es war eine üble Nacht, und der Fluss war dort so breit, dass die ungeschulten Augen eines Landratten durch eine solche Finsternis kein gegenüberliegendes Ufer ausmachen konnten. Die Passagiere waren wachsam und interessiert; alles war zufriedenstellend. Als ich, malerisch in Sturmkleidung aufgeputzt, durch den Maschinenraum eilte, traf ich Tom und konnte es nicht unterlassen, eine gemeine Bemerkung loszuwerden:
„Bist du nicht froh, dass du nicht zum Loten raus musst?“
Tom wollte gerade weitergehen, drehte sich aber schnell um und sagte:
„Eben deshalb kannst du jetzt selbst hingehen und die Lotstange holen. Ich wollte sie gerade holen, aber ich würde dich jetzt eher in Halifax sehen, bevor ich das täte.“
„Wer will, dass du sie holst? Ich nicht. Sie ist im Lotungsboot.“
„Ist sie gar nicht. Sie ist neu gestrichen worden; und sie liegt seit zwei Tagen oben auf den Schutzgittern der Damenkajüte zum Trocknen.“
Ich flog zurück und kam kurz darauf inmitten der Menge der zuschauenden und staunenden Damen an, gerade rechtzeitig, um den Befehl zu hören:
„Gebt nach, Männer!“
Ich schaute hinüber, und da war das galante Lotungsboot, das davonbrauste, der prinzipienlose Tom am Ruder, und mein Chef saß bei ihm mit der Lotstange, die ich auf einen Narrengang geschickt worden war, um sie zu holen. Dann sagte das junge Mädchen zu mir:
„Oh, wie schrecklich, in so einem kleinen Boot in einer solchen Nacht hinausfahren zu müssen! Glauben Sie, dass da irgendeine Gefahr besteht?“
Ich wäre lieber erstochen worden. Ich ging voller Gift weg, um im Lotsenhaus zu helfen. Nach einer Weile verschwand die Laterne des Bootes, und nach einer Zwischenzeit glimmte ein winziger Funke auf der Wasseroberfläche eine Meile entfernt. Herr Thornburg blies zur Bestätigung in die Pfeife, setzte den Dampfer zurück und steuerte darauf zu. Wir flogen eine Weile dahin, drosselten dann den Dampf und glitten vorsichtig auf den Funken zu. Plötzlich rief Herr Thornburg aus:
„Hallo, die Bojenlaterne ist aus!“
Er stoppte die Maschinen. Einen Augenblick später sagte er:
„Warum, da ist sie wieder!“
Also fuhr er wieder mit den Maschinen voran und läutete nach den Loten. Allmählich wurde das Wasser flacher und begann dann wieder tiefer zu werden! Herr Thornburg murmelte:
„Nun, das verstehe ich nicht. Ich glaube, diese Boje ist vom Riff abgetrieben. Scheint ein wenig zu weit links zu sein. Egal, es ist am sichersten, sie ohnehin zu überfahren.“
So krochen wir in dieser soliden Welt der Dunkelheit auf das Licht zu. Gerade als unser Bug dabei war, darüber hinwegzupflügen, ergriff Herr Thornburg die Glockenseile, läutete ein erschreckendes Geläut und rief aus:
„Meine Seele, es ist das Lotungsboot!“
Ein plötzlicher Chor wilder Alarme brach weit unter uns aus – eine Pause – und dann folgte das Geräusch von Mahlen und Krachen. Herr Thornburg rief aus:
„Da! Das Schaufelrad hat das Lotungsboot zu Zündhölzchen zermahlen! Lauf! Sieh nach, wer getötet wurde!“
Ich war im Handumdrehen auf dem Hauptdeck. Mein Erster Offizier, der Dritte Steuermann und fast alle Männer waren in Sicherheit. Sie hatten ihre Gefahr entdeckt, als es zu spät war, um aus dem Weg zu ziehen; als dann die großen Schutzvorrichtungen einen Augenblick später über ihnen aufragten, waren sie vorbereitet und wussten, was zu tun war; auf den Befehl meines Ersten Offiziers hin sprangen sie im richtigen Moment, ergriffen die Schutzvorrichtung und wurden an Bord gezogen. Im nächsten Augenblick fegte das Lotungs-Yawl achtern zum Schaufelrad, wurde getroffen und in Stücke gerissen. Zwei der Männer und der Lehrling Tom wurden vermisst – eine Tatsache, die sich wie ein Lauffeuer auf dem Boot verbreitete. Die Passagiere strömten zum vorderen Niedergang, Damen und alle, mit ängstlichen Augen und bleichen Gesichtern, und sprachen mit ehrfürchtigen Stimmen über das schreckliche Ereignis. Und immer wieder hörte ich sie sagen: „Die armen Kerle! Der arme Junge, der arme Junge!“
Inzwischen war das Yawl des Bootes bemannt und machte sich auf den Weg, um nach den Vermissten zu suchen. Nun hörte man einen schwachen Ruf, weit links. Das Yawl war in der anderen Richtung verschwunden. Die Hälfte der Leute stürmte auf die eine Seite, um den Schwimmer mit ihren Rufen zu ermutigen; die andere Hälfte rannte in die andere Richtung, um dem Yawl zuzuschreien, es solle umkehren. Den Rufen nach näherte sich der Schwimmer, aber einige sagten, der Klang zeuge von nachlassender Kraft. Die Menge drängte sich gegen das Geländer des Kesseldecks, lehnte sich über und starrte in das Dunkel; und jeder schwächer werdende Schrei entlockte ihnen Worte wie: „Ach, armer Kerl, armer Kerl! Gibt es denn keinen Weg, ihn zu retten?“
Doch die Rufe hielten an und kamen näher, und alsbald sagte die Stimme beherzt:
„Ich schaffe es! Haltet ein Seil bereit!“
Was für einen mitreißenden Jubel sie ihm entgegenbrachten! Der Erste Offizier stellte sich in den Schein eines Fackelkorbs, ein Seil in der Hand, und seine Männer gruppierten sich um ihn. Im nächsten Augenblick erschien das Gesicht des Schwimmers im Lichtkreis, und einen Moment später wurde sein Besitzer schlaff und durchnässt an Bord gezogen, während ein Jubelschrei nach dem anderen ertönte. Es war dieser Teufelskerl Tom.
Die Yawl-Mannschaft suchte überall, fand aber keine Spur der beiden Männer. Sie hatten es wahrscheinlich nicht geschafft, die Schutzvorrichtung zu greifen, waren zurückgestürzt und vom Schaufelrad getroffen und getötet worden. Tom war überhaupt nicht nach der Schutzvorrichtung gesprungen, sondern kopfüber in den Fluss getaucht und unter dem Rad hindurchgeschwommen. Es war nichts; ich hätte es leicht genug tun können, und das sagte ich auch; aber alle machten trotzdem so weiter, als wäre dieser Esel ein Held, als hätte er etwas Großartiges vollbracht. Dieses Mädchen schien für den Rest der Reise nicht genug von diesem bemitleidenswerten „Helden“ bekommen zu können; aber das war mir gleich; ich verabscheute sie ohnehin.
Wie wir dazu kamen, die Laterne des Lotungsboots mit dem Bojenlicht zu verwechseln, war so: Mein Erster Offizier sagte, dass er nach dem Auslegen der Boje abfiel und sie beobachtete, bis sie sicher schien; dann nahm er eine Position hundert Yards unterhalb und etwas abseits des Kurses des Dampfers ein, drehte das Lotungsboot flussaufwärts und wartete. Da er eine Weile warten musste, kamen er und der Offizier ins Gespräch; er schaute auf, als er einschätzte, dass der Dampfer ungefähr auf dem Riff war; er sah, dass die Boje weg war, nahm aber an, der Dampfer sei bereits über sie hinweggefahren; er setzte sein Gespräch fort; er bemerkte, dass der Dampfer sehr nahe an ihn herankam, aber das war genau richtig; es war seine Aufgabe, ihn dicht zu passieren, damit man ihn bequem an Bord nehmen konnte; er erwartete bis zum letzten Moment, dass sie abdrehen würde; dann blitzte es in ihm auf, dass sie versuchte, ihn zu überfahren, weil sie seine Laterne mit dem Bojenlicht verwechselte; also rief er: „Männer, macht euch bereit, zur Schutzvorrichtung zu springen!“ und im nächsten Augenblick geschah der Sprung.
KAPITEL 13
Die Erfordernisse eines Lotsen
ABER ich schweife von dem ab, was ich beabsichtigte, nämlich einige der besonderen Anforderungen der Lotsenwissenschaft deutlicher zu machen, als es in den vorherigen Kapiteln vielleicht erscheint. Zuallererst gibt es eine Fähigkeit, die ein Lotse unaufhörlich kultivieren muss, bis er sie zur absoluten Perfektion gebracht hat. Nichts weniger als Perfektion genügt. Diese Fähigkeit ist das Gedächtnis. Er kann nicht damit aufhören, nur zu denken, eine Sache sei so und so; er muss es wissen; denn dies ist in hervorragender Weise eine der „exakten“ Wissenschaften. Mit welch Verachtung wurde ein Lotse in alten Zeiten betrachtet, wenn er jemals wagte, den schwachen Ausdruck „Ich glaube“ statt des kräftigen „Ich weiß“ zu verwenden! Man kann sich kaum vorstellen, was für ein gewaltiges Unterfangen es ist, jedes kleinste Detail von zwölfhundert Meilen Fluss zu kennen und es mit absoluter Genauigkeit zu wissen. Wenn Sie die längste Straße in New York nehmen, sie auf und ab wandern und sich ihre Merkmale geduldig einprägen, bis Sie jedes Haus, jedes Fenster, jede Tür, jeden Laternenpfahl und jedes große oder kleine Schild auswendig kennen, und das so präzise, dass Sie sofort das benennen können, auf dessen Höhe Sie sich befinden, wenn Sie mitten in einer pechschwarzen Nacht willkürlich in diese Straße abgesetzt werden, dann werden Sie einen ungefähren Begriff von dem Umfang und der Genauigkeit des Wissens eines Lotsen haben, der den Mississippi im Kopf trägt. Und wenn Sie dann weitermachen, bis Sie jede Straßenkreuzung, die Art, Größe und Lage der Pflastersteine und die wechselnde Schlammtiefe an jedem dieser zahllosen Orte kennen, werden Sie eine Vorstellung davon haben, was der Lotse wissen muss, um einen Mississippi-Dampfer aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Wenn Sie als Nächstes die Hälfte der Schilder in jener langen Straße nehmen und einmal im Monat ihre Plätze tauschen, und es dennoch schaffen, ihre neuen Positionen in dunklen Nächten genau zu kennen und mit diesen wiederholten Änderungen Schritt zu halten, ohne Fehler zu machen, dann werden Sie verstehen, was vom unübertroffenen Gedächtnis eines Lotsen durch den unbeständigen Mississippi verlangt wird.
Ich glaube, das Gedächtnis eines Lotsen ist so ziemlich das Erstaunlichste auf der Welt. Das Alte und Neue Testament auswendig zu kennen und flüssig vorwärts oder rückwärts aufsagen zu können oder irgendwo willkürlich im Buch zu beginnen und beides zu rezitieren, ohne jemals zu stolpern oder einen Fehler zu machen, ist keine extravagante Wissensmenge und keine wundersame Fähigkeit im Vergleich zum geballten Wissen eines Lotsen über den Mississippi und seiner wundersamen Leichtigkeit in der Handhabung desselben. Ich treffe diesen Vergleich wohlüberlegt und glaube nicht, dass ich die Wahrheit übertreibe, wenn ich das tue. Viele werden meinen Vergleich für zu stark halten, aber Lotsen werden das nicht.
Und wie einfach und behaglich das Gedächtnis des Lotsen seine Arbeit verrichtet; wie sanft und mühelos ist sein Weg; wie unbewusst speichert es seine riesigen Vorräte, Stunde um Stunde, Tag um Tag, und verliert oder verlegt niemals auch nur ein einziges wertvolles Päckchen davon! Ein Beispiel: Lassen Sie einen Lotungsmann „Halb zwei! Halb zwei! Halb zwei! Halb zwei! Halb zwei!“ rufen, bis es so eintönig wird wie das Ticken einer Uhr; lassen Sie die ganze Zeit ein Gespräch stattfinden, und der Lotse leistet seinen Beitrag dazu und hört nicht mehr bewusst auf den Lotungsmann; und inmitten dieser endlosen Kette von „Halb zwei“ werde ein einzelnes „Viertel vor zwei!“ eingeworfen, ohne Nachdruck, und dann gehe der Ruf „Halb zwei“ weiter wie zuvor: Zwei oder drei Wochen später kann dieser Lotse mit Präzision die Position des Bootes im Fluss beschreiben, als jenes „Viertel vor zwei“ gerufen wurde, und Ihnen eine Menge von Orientierungspunkten für Bug, Heck und Seite geben, um Sie zu leiten, sodass Sie in der Lage sein sollten, das Boot selbst dorthin zu bringen und es wieder an dieselbe Stelle zu setzen! Der Ruf „Viertel vor zwei“ lenkte seine Gedanken nicht wirklich von seinem Gespräch ab, aber seine trainierten Fähigkeiten fotografierten augenblicklich die Peilungen, notierten die Änderung der Tiefe und legten die wichtigen Details zur späteren Bezugnahme ab, ohne seine Hilfe in dieser Angelegenheit zu benötigen. Wenn Sie mit einem Freund spazieren gingen und sich unterhielten, und ein anderer Freund an Ihrer Seite eine monotone Wiederholung des Vokallauts A für ein paar Häuserblocks fortsetzte und dann mitten darin ein R einfügte, etwa A, A, A, A, A, R, A, A, A usw., und dem R keinen Nachdruck verlieh, dann wären Sie zwei oder drei Wochen später nicht in der Lage zu sagen, dass das R eingefügt wurde, noch könnten Sie sagen, welche Objekte Sie in dem Moment passierten, als es geschah. Aber das könnten Sie, wenn Ihr Gedächtnis geduldig und mühsam darauf trainiert worden wäre, diese Art von Dingen mechanisch zu tun.
Geben Sie einem Mann ein einigermaßen gutes Gedächtnis, um anzufangen, und die Lotserei wird es zu einem wahren Koloss an Leistungsfähigkeit entwickeln. Aber nur in den Dingen, in denen es täglich geschult wird. Es würde eine Zeit kommen, in der die Fähigkeiten des Mannes nicht anders könnten, als Orientierungspunkte und Lotungen zu bemerken, und sein Gedächtnis nicht anders könnte, als sie mit dem Griff eines Schraubstocks festzuhalten; aber wenn Sie denselben Mann mittags fragten, was er zum Frühstück hatte, dann wäre es zehn zu eins, dass er es Ihnen nicht sagen könnte. Erstaunliche Dinge kann man mit dem menschlichen Gedächtnis anstellen, wenn man es treu einem bestimmten Geschäftsbereich widmet.
Zu der Zeit, als die Löhne auf dem Missouri so in die Höhe schossen, fuhr mein Chef, Herr Bixby, dorthin und erlernte mehr als tausend Meilen dieses Stroms mit einer Leichtigkeit und Schnelligkeit, die erstaunlich war. Nachdem er jeden Abschnitt einmal bei Tag und einmal bei Nacht gesehen hatte, war seine Ausbildung so nahezu vollständig, dass er einen „Tagschein“ machte; ein paar Fahrten später machte er einen vollen Schein und ging dazu über, Tag und Nacht zu lotsen – und er rangierte ebenfalls auf A 1.
Herr Bixby setzte mich eine Zeit lang als Steuermann unter einen Lotsen, dessen Gedächtnisleistungen mir ein ständiges Staunen waren. Ich glaube jedoch, dass sein Gedächtnis ihm angeboren war, nicht erworben. Zum Beispiel erwähnte jemand einen Namen. Sofort unterbrach Herr Brown:
„Oh, ich kannte ihn. Ein fahlgesichtiger, rothaariger Kerl mit einer kleinen Narbe an der Seite seines Halses, wie ein Splitter unter der Haut. Er war nur sechs Monate im Südstaatenhandel. Das ist dreizehn Jahre her. Ich habe eine Fahrt mit ihm gemacht. Es waren damals fünf Fuß im oberen Flusslauf; die „Henry Blake“ lief am Fuß von Tower Island auf Grund und hatte viereinhalb Fuß Tiefgang; die „George Elliott“ verlor ihr Ruder am Wrack der „Sunflower“ –“
„Wieso, die „Sunflower“ sank doch erst –“
„Ich weiß, wann sie sank; das war drei Jahre davor, am 2. Dezember; Asa Hardy war ihr Kapitän und sein Bruder John war Erster Schreiber; es war auch seine erste Fahrt auf ihr; Tom Jones hat mir diese Dinge eine Woche später in New Orleans erzählt; er war Erster Offizier der „Sunflower“. Kapitän Hardy trat sich am 6. Juli des nächsten Jahres einen Nagel in den Fuß und starb am 15. an Wundstarrkrampf. Sein Bruder starb zwei Jahre später, am 3. März – Erysipel. Ich habe keinen der Hardys jemals gesehen – sie waren Männer vom Allegheny River –, aber Leute, die sie kannten, haben mir all diese Dinge erzählt. Und sie sagten, Kapitän Hardy trug Sommer wie Winter immer die gleichen Wollsocken, und seine erste Frau hieß Jane Shook – sie war aus Neuengland – und seine zweite starb in einer Irrenanstalt. Es lag im Blut. Sie war aus Lexington, Kentucky. Ihr Name war Horton, bevor sie heiratete.“
Und so weiter, stundenlang, lief die Zunge des Mannes. Er konnte nichts vergessen. Es war schlicht unmöglich. Die banalsten Details blieben in seinem Kopf so deutlich und leuchtend, nachdem sie dort Jahre gelegen hatten, wie die denkwürdigsten Ereignisse. Seines war nicht einfach das Gedächtnis eines Lotsen; sein Fassungsvermögen war universell. Wenn er über einen unbedeutenden Brief sprach, den er sieben Jahre zuvor erhalten hatte, war er ziemlich sicher, Ihnen den gesamten Text aus dem Gedächtnis zu liefern. Und dann, ohne zu bemerken, dass er vom wahren Pfad seines Gesprächs abwich, war es mehr als wahrscheinlich, dass er eine langatmige, in Klammern gesetzte Biografie des Verfassers jenes Briefes einfügte; und Sie konnten sich wirklich glücklich schätzen, wenn er sich nicht auch noch die Verwandten jenes Schreibers einzeln vornahm und Ihnen deren Biografien ebenfalls lieferte.
Ein solches Gedächtnis ist ein großes Unglück. Für es sind alle Ereignisse von gleicher Bedeutung. Sein Besitzer kann keinen interessanten Umstand von einem uninteressanten unterscheiden. Als Erzähler ist er gezwungen, seine Erzählung mit ermüdenden Details zu verstopfen und sich selbst zu einem unerträglichen Langweiler zu machen. Zudem kann er nicht bei seinem Thema bleiben. Er nimmt jedes kleine Körnchen Erinnerung auf, das er auf seinem Weg erblickt, und wird so vom Weg abgebracht. Herr Brown würde mit der ehrlichen Absicht beginnen, Ihnen eine ungemein lustige Anekdote über einen Hund zu erzählen. Er wäre „so voller Lachen“, dass er kaum beginnen könnte; dann würde sein Gedächtnis mit der Rasse und dem Aussehen des Hundes beginnen; in eine Geschichte seines Besitzers abgleiten; von der Familie seines Besitzers, mit Beschreibungen von Hochzeiten und Begräbnissen, die darin stattgefunden hatten, zusammen mit Rezitationen von Glückwunschversen und Nachruf-Gedichten, die durch dieselben hervorgerufen wurden: dann würde sich diese Erinnerung daran erinnern, dass eines dieser Ereignisse während des berühmten „harten Winters“ jenes oder jenes Jahres geschah, und eine minuziöse Beschreibung dieses Winters würde folgen, zusammen mit den Namen der Leute, die erfroren waren, und Statistiken, die die hohen Preise zeigten, auf die Schweinefleisch und Heu gestiegen waren. Schweinefleisch und Heu würden Mais und Futter nahelegen; Mais und Futter würden Kühe und Pferde nahelegen; Kühe und Pferde würden den Zirkus und bestimmte berühmte Kunstreiter nahelegen; der Übergang vom Zirkus zur Menagerie war einfach und natürlich; vom Elefanten zum äquatorialen Afrika war es nur ein Schritt; dann würden die heidnischen Wilden natürlich die Religion nahelegen; und am Ende von drei oder vier Stunden ermüdendem Geschwätz würde die Wache wechseln, und Brown würde aus dem Steuerhaus gehen und Auszüge aus Predigten murmeln, die er Jahre zuvor über die Wirksamkeit des Gebets als Mittel der Gnade gehört hatte. Und die ursprüngliche erste Erwähnung wäre alles, was Sie nach all diesem Warten und Hungern über diesen Hund erfahren hätten.
Ein Lotse muss ein Gedächtnis haben; aber es gibt zwei höhere Qualitäten, die er ebenfalls besitzen muss. Er muss ein gutes und schnelles Urteilsvermögen und Entscheidungsfreudigkeit haben sowie einen kühlen, ruhigen Mut, den keine Gefahr erschüttern kann. Geben Sie einem Mann nur das geringste Quäntchen Schneid, um anzufangen, und bis er ein Lotse geworden ist, kann er durch keine Gefahr, in die ein Dampfer geraten kann, aus der Fassung gebracht werden; aber das Gleiche kann man nicht ganz für das Urteilsvermögen sagen. Urteilsvermögen ist eine Sache des Verstandes, und ein Mann muss mit einem guten Vorrat dieses Artikels beginnen, sonst wird er niemals als Lotse Erfolg haben.
Das Wachstum von Mut im Steuerhaus ist die ganze Zeit über stetig, aber er erreicht keinen hohen und zufriedenstellenden Zustand, bis einige Zeit vergangen ist, nachdem der junge Lotse allein und unter der erschütternden Last all der Verantwortlichkeiten, die mit der Position verbunden sind, „seine eigene Wache gehalten“ hat. Wenn ein Lehrling mit dem Fluss ziemlich gründlich vertraut geworden ist, fährt er so furchtlos mit seinem Dampfer, bei Nacht oder Tag, dass er sich bald einzubilden beginnt, es sei sein Mut, der ihn antreibt; aber das erste Mal, wenn der Lotse hinausgeht und ihn sich selbst überlässt, findet er heraus, dass es der Mut des anderen Mannes war. Er entdeckt, dass dieser Artikel in seiner eigenen Fracht völlig gefehlt hat. Der ganze Fluss strotzt im nächsten Augenblick vor Notwendigkeiten; er ist nicht auf sie vorbereitet; er weiß nicht, wie er ihnen begegnen soll; all sein Wissen verlässt ihn; und innerhalb von fünfzehn Minuten ist er bleich wie ein Laken und vor Angst fast gestorben. Daher trainieren Lotsen diese Lehrlinge klugerweise durch verschiedene strategische Tricks, der Gefahr ein wenig gelassener ins Gesicht zu sehen. Eine beliebte Art von ihnen ist es, dem Kandidaten einen freundschaftlichen Streich zu spielen.
Herr Bixby tat mir dies einmal an, und jahrelang danach pflegte ich selbst im Schlaf zu erröten, wenn ich daran dachte. Ich war ein guter Steuermann geworden; so gut sogar, dass ich die ganze Arbeit auf unserer Wache zu erledigen hatte, Tag und Nacht; Herr Bixby machte mir selten einen Vorschlag; alles, was er je tat, war, in besonders schlimmen Nächten oder bei besonders schwierigen Kreuzungen das Ruder zu übernehmen, das Boot anzulegen, wenn es angelegt werden musste, neun Zehntel der Wache den Gentleman im Ruhestand zu spielen und den Lohn zu kassieren. Der untere Fluss war etwa bankvoll, und wenn jemand meine Fähigkeit infrage gestellt hätte, jede Kreuzung zwischen Cairo und New Orleans ohne Hilfe oder Anweisung zu befahren, hätte ich mich irreparabel gekränkt gefühlt. Die Vorstellung, bei Tageslicht vor irgendeiner Kreuzung in der Gegend Angst zu haben, war eine Sache, die zu absurd war, um darüber nachzudenken. Nun, an einem unvergleichlichen Sommertag tuckerte ich die Biegung oberhalb von Island 66 hinunter, vollgestopft mit Selbstgefälligkeit und die Nase so hoch tragend wie eine Giraffe, als Herr Bixby sagte:
„Ich gehe eine Weile nach unten. Ich nehme an, du kennst die nächste Kreuzung?“
Das war fast eine Beleidigung. Es war so ziemlich die klarste und einfachste Kreuzung im ganzen Fluss. Man konnte sich keinen Schaden zufügen, egal ob man sie richtig befuhr oder nicht; und was die Tiefe anging, so hatte es dort noch nie einen Boden gegeben. Ich wusste das alles ganz genau.
„Ob ich weiß, wie man sie befährt? Warum, ich kann sie mit geschlossenen Augen befahren.“
„Wie viel Wasser ist dort?“
„Nun, das ist eine seltsame Frage. Ich könnte dort mit einem Kirchturm keinen Boden finden.“
„Das glaubst du, nicht wahr?“
Der Ton der Frage erschütterte mein Vertrauen. Das war es, was Herr Bixby erwartete. Er ging, ohne mehr zu sagen. Ich begann, mir allerlei Dinge vorzustellen. Herr Bixby sandte, ohne dass ich es natürlich wusste, jemanden mit geheimnisvollen Anweisungen für die Lotungsmänner zum Backdeck, ein weiterer Bote wurde geschickt, um unter den Offizieren zu flüstern, und dann versteckte sich Herr Bixby hinter einem Schornstein, wo er die Ergebnisse beobachten konnte. Bald trat der Kapitän auf das Hurrikan-Deck; als nächstes erschien der Erste Offizier; dann ein Schreiber. Jeden Moment kam ein Nachzügler zu meinem Publikum hinzu; und bevor ich das Kopfende der Insel erreichte, hatte ich fünfzehn oder zwanzig Leute dort unter meiner Nase versammelt. Ich begann mich zu fragen, was das Problem sei. Als ich hinüberfuhr, blickte der Kapitän zu mir hoch und sagte mit einer vorgetäuschten Unruhe in der Stimme:
„Wo ist Herr Bixby?“
„Nach unten gegangen, Sir.“
Aber das war mein Untergang. Meine Fantasie begann, Gefahren aus dem Nichts zu konstruieren, und sie vermehrten sich schneller, als ich sie verfolgen konnte. Auf einmal bildete ich mir ein, Untiefen vor mir zu sehen! Die Welle feiger Agonie, die damals durch mich hindurchging, hätte beinahe jedes Gelenk in mir ausgerenkt. Alles Vertrauen in diese Kreuzung verschwand. Ich ergriff das Glockenseil; ließ es beschämt los; ergriff es wieder; ließ es ein weiteres Mal los; klammerte mich zitternd erneut daran und zog so schwach, dass ich den Schlag selbst kaum hören konnte. Kapitän und Erster Offizier riefen sofort und beide zugleich:
„Steuerbordlot da! Und schnell dabei!“
Das war ein weiterer Schock. Ich begann wie ein Eichhörnchen das Ruder zu erklimmen; aber ich konnte das Boot kaum nach Backbord in Gang bringen, bevor ich neue Gefahren auf dieser Seite sah, und ich würde zur anderen wirbeln; nur um festzustellen, dass sich die Gefahren an Steuerbord häuften, und wäre verrückt danach gewesen, wieder nach Backbord zu gelangen. Dann kam der grabesartige Ruf des Lotungsmanns:
„T-i-e-f vier!“
Tief vier in einer bodenlosen Kreuzung! Der Schrecken raubte mir den Atem.
„M-a-r-k drei!... M-a-r-k drei!... Viertel weniger drei!... Halb zwei!“
Das war furchtbar! Ich ergriff die Glockenseile und stoppte die Maschinen.
„Viertel zwei! Viertel zwei! Mark zwei!“
Ich war hilflos. Ich wusste absolut nicht, was ich tun sollte. Ich bebte von Kopf bis Fuß, und ich hätte meinen Hut an meine Augen hängen können, so weit standen sie hervor.
„Viertel weniger zwei! Neun und ein halb!“
Wir hatten neun Tiefgang! Meine Hände flatterten kraftlos. Ich konnte mit ihnen keine Glocke verständlich läuten. Ich stürmte zum Sprechrohr und schrie den Maschinisten an:
„Oh, Ben, wenn du mich liebst, fahr rückwärts! Schnell, Ben! Oh, fahr die unsterbliche Seele aus ihr heraus!“
Ich hörte, wie sich die Tür leise schloss. Ich blickte mich um, und da stand Mr. Bixby und lächelte ein sanftes, nichtssagendes Lächeln. Dann stieß das Publikum auf dem Oberdeck einen Donnerschlag demütigenden Gelächters aus. Jetzt begriff ich alles, und ich fühlte mich elender als der elendeste Mensch in der Geschichte der Menschheit. Ich warf das Lot aus, brachte das Boot auf seine Markierungen, gab volle Kraft auf die Maschinen und sagte –
„Das war ein schöner Streich, den man einem Waisenkind gespielt hat, nicht wahr? Ich nehme an, ich werde mir nie das Ende davon anhören dürfen, wie dumm ich war, bei der Kopfstelle von 66 das Lot auszuwerfen.“
„Nun, nein, vielleicht wirst du das nicht. Tatsächlich hoffe ich, dass du das nicht wirst; denn ich möchte, dass du durch diese Erfahrung etwas lernst. Wusstest du nicht, dass es an dieser Überfahrt keinen Grund gibt?“
„Ja, mein Herr, das wusste ich.“
„Sehr wohl dann. Du hättest weder mir noch irgendjemand anderem erlauben dürfen, dein Vertrauen in dieses Wissen zu erschüttern. Versuche, dir das zu merken. Und noch etwas: Wenn du in eine gefährliche Lage gerätst, werde nicht zum Feigling. Das wird die Dinge nicht im Geringsten verbessern.“
Es war eine gute Lektion, aber ziemlich hart gelernt. Doch der härteste Teil war, dass ich monatelang so oft eine Redewendung hören musste, für die ich eine besondere Abneigung entwickelt hatte. Sie lautete: „Oh, Ben, wenn du mich liebst, fahr rückwärts!“
KAPITEL 14
Rang und Würde des Lotsenwesens
In meinen vorangegangenen Kapiteln habe ich versucht, durch das Eingehen auf die Einzelheiten der Lotsenwissenschaft den Leser Schritt für Schritt zu einem Verständnis dessen zu führen, woraus diese Wissenschaft besteht; und zugleich habe ich versucht ihm zu zeigen, dass sie eine sehr merkwürdige und wunderbare Wissenschaft ist und seine Aufmerksamkeit wohl wert ist. Wenn es den Anschein hatte, als würde ich mein Thema lieben, so ist das keine Überraschung, denn ich liebte diesen Beruf weit mehr als jeden, den ich seither ausgeübt habe, und ich war unermesslich stolz darauf. Der Grund liegt auf der Hand: Ein Lotse war in jenen Tagen das einzige ungehinderte und vollkommen unabhängige menschliche Wesen, das auf Erden lebte. Könige sind nur die behinderten Diener des Parlaments und des Volkes; Parlamente sitzen in Ketten, die von ihrer Wählerschaft geschmiedet wurden; der Herausgeber einer Zeitung kann nicht unabhängig sein, sondern muss mit einer Hand arbeiten, die ihm durch Partei und Gönner auf den Rücken gebunden ist, und sich damit begnügen, nur die Hälfte oder zwei Drittel seiner Meinung zu äußern; kein Geistlicher ist ein freier Mann, der die volle Wahrheit sagen darf, ungeachtet der Meinungen seiner Gemeinde; Schriftsteller aller Art sind angekettete Diener der Öffentlichkeit. Wir schreiben offen und furchtlos, aber dann „modifizieren“ wir, bevor wir drucken. In Wahrheit hat jeder Mann, jede Frau und jedes Kind einen Herrn und sorgt und quält sich in Knechtschaft; aber in der Zeit, von der ich schreibe, hatte der Mississippi-Lotse keinen. Der Kapitän konnte auf dem Oberdeck stehen, im Pomp einer sehr kurzlebigen Autorität, und ihm fünf oder sechs Befehle erteilen, während das Schiff rückwärts in den Strom fuhr, und dann war die Herrschaft dieses Kapitäns vorbei.
In dem Augenblick, als das Boot auf dem Fluss unterwegs war, stand es unter der alleinigen und unangefochtenen Kontrolle des Lotsen. Er konnte mit ihr genau das tun, was ihm gefiel, sie fahren, wohin und wann er wollte, und sie am Ufer festmachen, wann immer sein Urteil sagte, dass dieser Kurs das Beste sei. Seine Bewegungen waren völlig frei; er beriet sich mit niemandem, er empfing von niemandem Befehle, er wies selbst die geringsten Vorschläge prompt zurück. Tatsächlich untersagte ihm das Gesetz der Vereinigten Staaten, auf Befehle oder Vorschläge zu hören, da es zu Recht davon ausging, dass der Lotse notwendigerweise besser wusste, wie das Boot zu führen sei, als irgendjemand es ihm sagen konnte. So war dies das Novum eines Königs ohne Wächter, eines absoluten Monarchen, der in nüchterner Wahrheit absolut war und nicht durch eine Fiktion von Worten. Ich habe einen Achtzehnjährigen gesehen, der einen großen Dampfer gelassen in eine beinahe sichere Zerstörung steuerte, während der betagte Kapitän stumm danebenstand, erfüllt von Befürchtungen, aber machtlos einzugreifen. Sein Eingreifen hätte in diesem speziellen Fall eine ausgezeichnete Sache sein können, aber es zu gestatten, wäre die Schaffung eines höchst verderblichen Präzedenzfalls gewesen. Man wird leicht erraten, dass der Lotse angesichts seiner grenzenlosen Autorität in den alten Dampfschifffahrtstagen eine große Persönlichkeit war. Er wurde vom Kapitän mit ausgeprägter Höflichkeit und von allen Offizieren und Bediensteten mit ausgeprägter Ehrerbietung behandelt; und dieser ehrerbietige Geist übertrug sich schnell auch auf die Passagiere. Ich glaube, Lotsen waren so ziemlich die einzigen Menschen, die mir je begegnet sind, die in Gegenwart reisender ausländischer Prinzen nicht in irgendeinem Maße Verlegenheit zeigten. Aber Leute aus dem eigenen Lebensstand sind gewöhnlich auch keine peinlichen Objekte.
Aus langer Gewohnheit pflegten Lotsen all ihre Wünsche in die Form von Befehlen zu kleiden. Es „kratzt“ mich bis zum heutigen Tag, meinen Willen in die schwache Form einer Bitte zu kleiden, anstatt ihn in der knappen Sprache eines Befehls auszusprechen. In jenen alten Tagen verbrauchte es im Durchschnitt etwa fünfundzwanzig Tage, ein Dampfschiff in St. Louis zu beladen, nach New Orleans und zurück zu bringen und die Ladung zu löschen. Sieben oder acht dieser Tage verbrachte das Boot an den Kais von St. Louis und New Orleans, und jede Seele an Bord arbeitete hart, außer den beiden Lotsen; sie taten nichts anderes, als in der Stadt den Gentleman zu spielen und dafür das gleiche Gehalt zu beziehen, als wären sie im Dienst gewesen. In dem Moment, als das Boot den Kai in einer der beiden Städte berührte, waren sie an Land; und es war nicht zu erwarten, dass man sie wiedersah, bis die letzte Glocke läutete und alles für eine weitere Reise bereit war.
Wenn ein Kapitän einen Lotsen von besonders hohem Ruf erwischte, gab er sich Mühe, ihn zu halten. Wenn die Löhne auf dem oberen Mississippi vierhundert Dollar im Monat betrugen, habe ich erlebt, dass ein Kapitän einen solchen Lotsen drei Monate lang bei vollem Gehalt im Müßiggang hielt, während der Fluss zugefroren war. Und man muss bedenken, dass vierhundert Dollar in jenen billigen Zeiten ein Gehalt von fast unvorstellbarem Glanz waren. Wenige Leute an Land bekamen ein solches Gehalt, und wenn sie es taten, blickte man mächtig zu ihnen auf. Wenn Lotsen von einem Ende des Flusses in unser kleines Missouri-Dorf wanderten, wurden sie von den Besten und Schönsten gesucht und mit erhabenem Respekt behandelt. Im Hafen unter Lohn zu liegen, war eine Sache, die viele Lotsen sehr genossen und schätzten; besonders wenn sie in der Blütezeit dieses Handels (Kansas-Zeiten) zum Missouri River gehörten und neunhundert Dollar pro Fahrt bekamen, was etwa achtzehnhundert Dollar im Monat entsprach. Hier ist ein Gespräch aus jener Zeit. Ein Kerl vom Illinois River, mit einem kleinen Heckraddampfer, spricht ein paar prunkvolle und vergoldete Missouri-River-Lotsen an –
„Meine Herren, ich habe eine ziemlich gute Fahrt ins Hinterland und werde euch etwa einen Monat brauchen. Wie viel wird das kosten?“
„Achtzehnhundert Dollar für jeden.“
„Himmel und Erde! Ihr nehmt mein Boot, lasst mir eure Löhne, und ich teile!“
Ich werde nebenbei bemerken, dass Mississippi-Dampfschiffer in den Augen der Landratten (und in gewissem Maße auch in ihren eigenen) je nach der Würde des Bootes, auf dem sie waren, wichtig waren. Zum Beispiel war es eine stolze Sache, zur Besatzung solch stattlicher Fahrzeuge wie der „Aleck Scott“ oder der „Grand Turk“ zu gehören. Schwarze Heizer, Decksmänner und Friseure, die zu diesen Booten gehörten, waren angesehene Persönlichkeiten in ihrem Lebensstand, und sie waren sich dieser Tatsache auch wohl bewusst. Ein stämmiger Schwarzer erregte einmal auf einem Negerball in New Orleans Anstoß, indem er sich ziemlich wichtig machte. Schließlich eilte einer der Manager zu ihm und sagte –
„Wer bist du eigentlich? Wer bist du? Das ist es, was ich wissen will!“
Der Beleidiger war keineswegs aus der Fassung gebracht, sondern blähte sich auf und legte das in seine Stimme, was zeigte, dass er wusste, dass er sich nicht mit einem knappen Kapital so wichtig machte.
„Wer ich bin? Wer ich bin? Ich lass dich verdammt schnell wissen, wer ich bin! Ihr Nigger sollt wissen, dass ich das mittlere Tor auf der ‚Aleck Scott‘ befeuere!“
Das war ausreichend.
Der Friseur der „Grand Turk“ war ein adretter junger Neger, der seine Wichtigkeit mit balsamischer Selbstgefälligkeit zur Schau stellte und in dem Kreis, in dem er sich bewegte, sehr umworben war. Die junge farbige Bevölkerung von New Orleans neigte in der Abenddämmerung sehr zum Flirten auf den Gehwegen der Nebenstraßen. Jemand sah und hörte eines Abends an einem dieser Orte so etwas wie das Folgende. Eine schwarzhäutige Frau mittleren Alters steckte ihren Kopf durch eine zerbrochene Fensterscheibe und rief (sehr gewillt, dass die Nachbarn es hörten und beneideten): „Du Mary Ann, komm auf der Stelle ins Haus! Stehst da draußen und treibst dich mit diesem minderwertigen Abschaum herum, und hier ist der Friseur von der ‚Gran’ Turk‘, der mit dir konversieren will!“
Mein Hinweis vorhin auf die Tatsache, dass die besondere offizielle Position eines Lotsen ihn außerhalb der Reichweite von Kritik oder Befehlen stellte, bringt mir natürlich Stephen W---- in den Sinn. Er war ein begabter Lotse, ein guter Kerl, ein unermüdlicher Redner und besaß sowohl Witz als auch Humor. Er hatte auch eine höchst respektlose Unabhängigkeit und war köstlich gelassen und behaglich in der Gegenwart von Alter, offizieller Würde und selbst dem augustesten Reichtum. Er hatte immer Arbeit, er sparte nie einen Pfennig, er war ein äußerst überzeugender Bittsteller, er stand bei jedem Lotsen am Fluss und bei der Mehrheit der Kapitäne in der Schuld. Er konnte eine Art Glanz um eine halsbrecherische, sorglose Lotserei werfen, die sie fast faszinierend machte – aber nicht für jeden. Er machte einmal eine Fahrt mit dem guten alten Kapitän Y---- und wurde „abgelöst“, als das Boot in New Orleans ankam. Jemand äußerte Überraschung über die Entlassung. Kapitän Y---- schauderte schon bei der bloßen Erwähnung von Stephen. Dann piepste seine arme, dünne alte Stimme so etwas wie dies hervor: –
„Ach, bewahre mich! Ich würde so ein wildes Geschöpf für die Welt nicht auf meinem Boot haben wollen – nicht für die ganze Welt! Er flucht, er singt, er pfeift, er brüllt – ich habe nie einen Indianer so brüllen sehen. Zu jeder Nachtzeit – das machte für ihn keinen Unterschied. Er brüllte einfach so, nicht wegen irgendetwas Bestimmtem, sondern bloß wegen einer Art teuflischer Behaglichkeit, die er daraus zog. Ich konnte nie in einen tiefen Schlaf fallen, ohne dass er mich mit einem dieser schrecklichen Kriegsgeschreie aus dem Bett holte, völlig schweißgebadet. Ein wunderliches Wesen – ein sehr wunderliches Wesen; kein Respekt vor irgendetwas oder irgendjemandem. Manchmal nannte er mich ‚Johnny‘. Und er hielt eine Geige und eine Katze. Er spielte abscheulich. Das schien die Katze zu bedrücken, und so heulte die Katze. Niemand konnte schlafen, wo dieser Mann – und seine Familie – war. Und leichtsinnig. So etwas gab es nie. Nun, du magst es glauben oder nicht, aber so sicher ich hier sitze, er brachte mein Boot durch diese schrecklichen Baumstümpfe bei Chicot, während wir unter vollem Dampf ratterten und der Wind blies wie der Teufel, dazu noch! Meine Offiziere werden es dir sagen. Sie haben es gesehen. Und, mein Herr, während er direkt durch diese Stümpfe raste und ich in meinen Schuhen zitterte und betete, möchte ich nie wieder ein Wort sprechen, wenn er nicht seinen Mund spitzte und anfing zu pfeifen! Ja, mein Herr; er pfiff ‚Buffalo gals, can't you come out tonight, can't you come out to-night, can't you come out to-night‘; und das so ruhig, als ob wir einer Beerdigung beiwohnten und nicht mit dem Leichnam verwandt wären. Und als ich ihn deswegen zurechtwies, lächelte er auf mich herab, als wäre ich sein Kind, und sagte mir, ich solle ins Haus laufen und versuchen, brav zu sein, und mich nicht in die Angelegenheiten meiner Vorgesetzten einmischen!“
Einmal erwischte ein ziemlich gemeiner Kapitän Stephen in New Orleans ohne Arbeit und wie üblich ohne Geld. Er belagerte Stephen, der in einer sehr „engen Lage“ war, beharrlich und überredete ihn schließlich, für einhundertfünfundzwanzig Dollar im Monat bei ihm anzuheuern, nur das halbe Gehalt, wobei der Kapitän zustimmte, das Geheimnis nicht zu verraten und so die Verachtung der ganzen Gilde auf den armen Kerl herabzubeschwören. Aber das Boot war nicht mehr als einen Tag aus New Orleans draußen, als Stephen entdeckte, dass der Kapitän mit seinem Coup prahlte und dass alle Offiziere es erfahren hatten. Stephen zuckte zusammen, sagte aber nichts. Gegen Mitte des Nachmittags trat der Kapitän auf das Oberdeck, warf einen Blick umher und sah ziemlich überrascht aus. Er blickte fragend zu Stephen hinauf, aber Stephen pfiff gelassen und kümmerte sich um seine Arbeit. Der Kapitän stand eine Weile sichtlich unbehaglich herum und schien ein oder zweimal einen Vorschlag machen zu wollen; aber die Etikette des Flusses lehrte ihn, diese Art von Unvorsichtigkeit zu vermeiden, und so gelang es ihm, seinen Frieden zu bewahren. Er ärgerte sich und grübelte noch ein paar Minuten, dann zog er sich in seine Räumlichkeiten zurück. Aber bald war er wieder draußen und anscheinend verwirrter als je zuvor. Schließlich wagte er es, ehrerbietig anzumerken –
„Ziemlich guter Wasserstand im Fluss jetzt, nicht wahr, mein Herr?“
„Nun, das würde ich sagen! Ufervoll ist ein ziemlich großzügiger Stand.“
„Es scheint eine ganze Menge Strömung hier zu geben.“
„‚Eine ganze Menge‘ beschreibt es nicht! Es ist schlimmer als in einem Mühlgraben.“
„Ist es nicht näher am Ufer einfacher als hier draußen in der Mitte?“
„Ja, ich schätze, das ist es; aber man kann mit einem Dampfschiff nicht vorsichtig genug sein. Hier draußen ist es ziemlich sicher; man kann hier auf keinen Grund stoßen, darauf kannst du dich verlassen.“
Der Kapitän ging und sah ziemlich wehmütig aus. Bei diesem Tempo würde er wahrscheinlich eines natürlichen Todes sterben, bevor sein Boot St. Louis erreichte. Am nächsten Tag erschien er wieder auf dem Deck und fand Stephen wieder treu in der Mitte des Flusses stehend, die ganze gewaltige Kraft des Mississippi bekämpfend und dieselbe gelassene Melodie pfeifend. Die Sache wurde ernst. Drinnen am Ufer war ein langsameres Boot, das im leichten Wasser dahinzog und stetig gewann; es begann, auf einen Inseldurchlass zuzusteuern; Stephen blieb in der Flussmitte. Dem Kapitän wurde das Wort abgerungen. Er sagte –
„Mr. W----, kürzt dieser Durchlass nicht eine ganze Strecke ab?“
„Ich glaube schon, aber ich weiß es nicht.“
„Nicht wissen! Nun, ist jetzt nicht genug Wasser darin, um hindurchzufahren?“
„Ich erwarte, dass es so ist, aber ich bin nicht sicher.“
„Bei meinem Wort, das ist seltsam! Warum, diese Lotsen auf dem Boot dort drüben wollen es versuchen. Willst du damit sagen, dass du nicht so viel weißt wie sie?“
„Sie! Warum, das sind Zweihundertfünfzig-Dollar-Lotsen! Aber sei du nur nicht unruhig; ich weiß so viel, wie irgendein Mann für einhundertfünfundzwanzig Dollar zu wissen vermag!“
Der Kapitän kapitulierte.
Fünf Minuten später fegte Stephen durch den Durchlass und zeigte dem rivalisierenden Boot ein Zweihundertfünfzig-Dollar-Paar Fersen.
KAPITEL 15
Das Monopol der Lotsen
Eines Tages, an Bord der „Aleck Scott“, kroch mein Chef, Mr. Bixby, vorsichtig durch eine enge Stelle bei Cat Island, beide Lote waren draußen, und jeder hielt den Atem an. Der Kapitän, ein nervöser, besorgter Mann, blieb so lange still, wie er konnte, brach aber schließlich zusammen und schrie vom Oberdeck herab –
„Um Himmels willen, gib ihr Dampf, Mr. Bixby! Gib ihr Dampf! Sie wird das Riff bei diesem Fahrtempo nie überwinden!“
Für all die Wirkung, die auf Mr. Bixby erzielt wurde, hätte man annehmen können, dass keine Bemerkung gemacht worden war. Aber fünf Minuten später, als die Gefahr vorüber und die Lote eingeholt waren, brach er sofort in eine verzehrende Wut aus und erteilte dem Kapitän den bewundernswertesten Fluch, den ich je gehört habe. Es kam zu keinem Blutvergießen; aber das lag daran, dass die Sache des Kapitäns schwach war; denn normalerweise war er kein Mann, der sich Korrekturen ruhig gefallen ließ.
Nachdem ich nun im Detail die Natur der Lotsenwissenschaft dargelegt und ebenso den Rang beschrieben habe, den der Lotse unter der Bruderschaft der Dampfschiffer innehatte, scheint dies ein passender Ort zu sein, um ein paar Worte über eine Organisation zu verlieren, die die Lotsen einst zum Schutz ihrer Zunft bildeten. Sie war insofern merkwürdig und bemerkenswert, als sie vielleicht die kompakteste, vollständigste und stärkste kommerzielle Organisation war, die jemals unter Menschen gebildet wurde.
Lange Zeit betrugen die Löhne zweihundertfünfzig Dollar im Monat; aber seltsamerweise begannen die Löhne, als sich die Dampfschiffe vermehrten und das Geschäft zunahm, nach und nach zu fallen. Es war leicht, den Grund dafür herauszufinden. Es wurden zu viele Lotsen „gemacht“. Es war nett, einen „Lehrling“, einen Rudergänger, zu haben, der zwei Jahre lang die ganze harte Arbeit gratis erledigte, während sein Meister auf einer hohen Bank saß und rauchte; alle Lotsen und Kapitäne hatten Söhne oder Neffen, die Lotsen werden wollten. Nach und nach kam es dazu, dass fast jeder Lotse auf dem Fluss einen Rudergänger hatte. Wenn ein Rudergänger einen Fortschritt gemacht hatte, der für zwei beliebige Lotsen im Gewerbe zufriedenstellend war, konnten sie eine Lotsenlizenz für ihn erhalten, indem sie einen Antrag unterzeichneten, der an den United States Inspector gerichtet war. Nichts Weiteres war nötig; gewöhnlich wurden keine Fragen gestellt, keine Nachweise über die Befähigung verlangt.
Nun, dieser wachsende Schwarm neuer Lotsen begann bald, die Löhne zu untergraben, um Anstellungen zu bekommen. Zu spät – anscheinend – erkannten die Ritter des Ruders ihren Fehler. Offensichtlich musste etwas getan werden, und zwar schnell; aber was war das Notwendige? Eine geschlossene Organisation. Nichts anderes würde ausreichen. Dies zu erreichen schien ein Ding der Unmöglichkeit; also wurde darüber geredet und geredet, und dann wurde es fallengelassen. Es war zu wahrscheinlich, jeden zu ruinieren, der es wagte, in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen. Aber schließlich stürzten sich etwa ein Dutzend der mutigsten – und einige von ihnen waren die besten – Lotsen des Flusses in das Unternehmen und nahmen alle Risiken auf sich. Sie erhielten einen speziellen Freibrief von der Legislative mit weitreichenden Befugnissen unter dem Namen Pilots' Benevolent Association; wählten ihre Beamten, vollendeten ihre Organisation, trugen Kapital bei, setzten die „Verbands“-Löhne sofort auf zweihundertfünfzig Dollar fest – und zogen sich dann in ihre Häuser zurück, denn sie wurden prompt aus der Beschäftigung entlassen. Aber es gab zwei oder drei unbeachtete Kleinigkeiten in ihren Statuten, die den Samen der Vermehrung in sich trugen. Zum Beispiel hatten alle untätigen Mitglieder des Verbandes in gutem Ansehen Anspruch auf eine Rente von fünfundzwanzig Dollar pro Monat. Dies begann, einen Wanderer nach dem anderen aus den Reihen der frischgebackenen Lotsen in der flaue (Sommer-)Saison hereinzuholen. Besser fünfundzwanzig Dollar als verhungern; die Aufnahmegebühr betrug nur zwölf Dollar, und für die Arbeitslosen waren keine Beiträge erforderlich.
Auch die Witwen verstorbener Mitglieder in gutem Ansehen konnten fünfundzwanzig Dollar pro Monat beziehen, sowie eine bestimmte Summe für jedes ihrer Kinder. Auch würde der besagte Verstorbene auf Kosten des Verbandes beerdigt werden. Diese Dinge erweckten alle überalterten und vergessenen Lotsen im Mississippi-Tal wieder zum Leben. Sie kamen von Farmen, sie kamen aus Dörfern im Landesinneren, sie kamen von überall her. Sie kamen auf Krücken, auf Karren, in Krankenwagen – auf jede erdenkliche Weise, Hauptsache, sie kamen an. Sie zahlten ihre zwölf Dollar ein und begannen sofort, fünfundzwanzig Dollar im Monat zu beziehen und ihre Beerdigungsrechnungen zu kalkulieren.
Nach und nach waren alle nutzlosen, hilflosen Lotsen und ein Dutzend erstklassiger Mitglieder im Verband, während neun Zehntel der besten Lotsen draußen blieben und darüber lachten. Es war das Gespött des ganzen Flusses. Jeder machte Witze über die Satzung, die von den Mitgliedern verlangte, monatlich zehn Prozent ihres Lohns in die Kasse zur Unterstützung des Verbandes einzuzahlen, während doch alle Mitglieder Ausgestoßene und Geächtete waren, die niemand einstellen wollte. Alle waren dem Verband spöttisch dankbar dafür, dass er alle wertlosen Lotsen aus dem Weg räumte und das gesamte Feld den Ausgezeichneten und Verdienten überließ; und alle waren nicht nur scherzhaft dankbar dafür, sondern auch für ein Ergebnis, das ganz natürlich folgte, nämlich das allmähliche Ansteigen der Löhne, als die geschäftige Saison näher rückte. Die Löhne waren von der niedrigen Summe von hundert Dollar im Monat auf einhundertfünfundzwanzig und in einigen Fällen auf einhundertfünfzig Dollar gestiegen; und es war ein großer Spaß, sich darüber auszulassen, dass diese reizende Sache von einer Gruppe von Männern erreicht worden war, von denen nicht einer den geringsten Nutzen daraus zog. Einige der Witzbolde pflegten in den Räumen des Verbandes vorbeizuschauen, sich köstlich über die Mitglieder lustig zu machen und ihnen die Wohltat anzubieten, sie für eine Reise als Rudergänger mitzunehmen, damit sie sehen konnten, wie der vergessene Fluss aussah. Der Verband war jedoch zufrieden; oder zumindest ließ er sich nichts Gegenteiliges anmerken. Hin und wieder fing er einen Lotsen ein, der „Pech hatte“, und nahm ihn in seine Liste auf; und diese späteren Neuzugänge waren sehr wertvoll, denn es waren gute Lotsen; die Unfähigen waren bereits vorher alle absorbiert worden. Als das Geschäft auffrischte, kletterten die Löhne allmählich auf zweihundertfünfzig Dollar – die Summe des Verbandes – und blieben dort fest verankert; und immer noch ohne einem Mitglied dieser Körperschaft zu nützen, denn kein Mitglied wurde eingestellt. Die Heiterkeit auf Kosten des Verbandes kannte nun keine Grenzen mehr. Es gab kein Ende des Spaßes, den dieser arme Märtyrer ertragen musste.
Doch jedes Ende hat seine Wende. Der Winter rückte näher, das Geschäft verdoppelte und verdreifachte sich, und eine Lawine von Booten aus Missouri, Illinois und vom oberen Mississippi kam herabgeströmt, um ihr Glück im Handel mit New Orleans zu versuchen. Plötzlich waren Lotsen sehr gefragt und dementsprechend rar. Die Zeit der Rache war gekommen. Es war eine bittere Pille, endlich Verbandslotsen akzeptieren zu müssen, doch Kapitäne und Eigner waren sich einig, dass es keinen anderen Weg gab. Aber keiner dieser Ausgestoßenen bot sich an! Also musste eine noch bitterere Pille geschluckt werden: Man musste sie aufsuchen und um ihre Dienste bitten. Kapitän ---- war der erste Mann, der es für notwendig hielt, diese Dosis zu schlucken, und er war der lauteste Spötter der Organisation gewesen. Er suchte einen der besten Verbandslotsen auf und sagte:
„Nun, ihr Jungs habt uns für eine Weile ziemlich überrumpelt, also werde ich so gut wie möglich nachgeben. Ich bin gekommen, um dich einzustellen; bring deinen Koffer sofort an Bord. Ich will um zwölf Uhr ablegen.“
„Ich weiß nicht recht. Wer ist Ihr anderer Lotse?“
„Ich habe I. S----. Warum?“
„Mit dem kann ich nicht fahren. Er gehört nicht zum Verband.“
„Was!“
„So ist es.“
„Willst du mir etwa sagen, dass du nicht mit einem der besten und ältesten Lotsen auf dem Fluss zusammenarbeiten willst, weil er nicht zu eurem Verband gehört?“
„Ja, das will ich.“
„Nun, wenn das nicht eingebildet ist! Ich nahm an, ich würde euch einen Gefallen tun; aber ich fange an zu glauben, dass ich derjenige bin, der einen Gefallen braucht. Handelt ihr nach einem Gesetz des Vereins?“
„Ja.“
„Zeig es mir.“
Also gingen sie in die Räume des Verbandes, und der Sekretär stellte den Kapitän bald zufrieden, der sagte:
„Nun, was soll ich tun? Ich habe Herrn S---- für die ganze Saison eingestellt.“
„Ich werde für Sie sorgen“, sagte der Sekretär. „Ich werde Ihnen einen Lotsen zuteilen, der mit Ihnen fährt, und er wird um zwölf Uhr an Bord sein.“
„Aber wenn ich S---- entlasse, wird er mich auf den Lohn für die ganze Saison verklagen.“
„Das ist natürlich eine Angelegenheit zwischen Ihnen und Herrn S----, Kapitän. Wir können uns nicht in Ihre privaten Angelegenheiten einmischen.“
Der Kapitän tobte, aber vergeblich. Am Ende musste er S---- entlassen, ihm etwa tausend Dollar zahlen und einen Verbandslotsen an seine Stelle setzen. Das Lachen begann sich nun auf die andere Seite zu schlagen. Von da an fiel jeden Tag ein neues Opfer; jeden Tag entließ ein empörter Kapitän unter Tränen und Flüchen einen Nicht-Verbands-Liebling und setzte einen verhassten Verbandsmann in seine Koje. Nach kurzer Zeit begannen sich arbeitslose Nicht-Verbandsmitglieder ziemlich zu häufen, so flott das Geschäft auch lief und so sehr ihre Dienste auch begehrt waren. Das Lachen blieb ihnen nun deutlich im Halse stecken. Diese Opfer hörten zusammen mit den Kapitänen und Eignern bald ganz auf zu lachen und begannen, über die Rache zu toben, die sie nehmen würden, wenn der vorübergehende Geschäfts„boom“ vorbei wäre.
Bald lachten nur noch die Eigner und Besatzungen von Booten, die zwei Nicht-Verbands-Lotsen hatten. Aber ihr Triumph währte nicht lange. Und zwar aus folgendem Grund: Es war eine strenge Regel des Verbandes, dass seine Mitglieder unter keinen Umständen Informationen über das Fahrwasser an „Außenstehende“ weitergeben durften. Zu dieser Zeit hatten etwa die Hälfte der Boote nur Verbandslotsen, die andere Hälfte nur Außenstehende. Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass diese beiden Parteien bei der Verweigerung von Informationen über den Fluss gleichermaßen mitspielen könnten; aber das war nicht der Fall. An jeder größeren Stadt von einem Ende des Flusses zum anderen gab es ein „Kai-Boot“, an dem man anlegen konnte, anstelle eines Kais oder Piers. Fracht wurde dort für den Transport gelagert; wartende Passagiere schliefen in seinen Kabinen. Auf jedem dieser Kai-Boote brachten die Beamten des Verbandes einen starken Kasten an, der mit einem besonderen Schloss verschlossen war, das in keinem anderen Dienst verwendet wurde außer in einem – dem Postdienst der Vereinigten Staaten. Es war das Schloss für den Postsack, ein heiliges staatliches Ding. Durch viel Bettelei war die Regierung dazu überredet worden, dem Verband die Benutzung dieses Schlosses zu gestatten. Jeder Verbandsmann trug einen Schlüssel, der diese Kästen öffnen konnte. Dieser Schlüssel, oder vielmehr eine bestimmte Art, ihn in der Hand zu halten, wenn sein Besitzer von einem Fremden nach Informationen über den Fluss gefragt wurde – denn der Erfolg des St. Louis and New Orleans Verbandes hatte mittlerweile in einem Dutzend benachbarter Dampfschiffsgewerbe ziemlich florierende Zweige hervorgebracht – war das Zeichen und Diplom der Mitgliedschaft des Verbandsmannes; und wenn der Fremde nicht mit einem ähnlichen Schlüssel antwortete, den er auf eine bestimmte, vorgeschriebene Weise hielt, wurde seine Frage höflich ignoriert.
Vom Sekretär des Verbandes erhielt jedes Mitglied ein Paket mit mehr oder weniger prächtigen Vordrucken, die wie eine Rechnung auf schönem Papier gedruckt und ordnungsgemäß in Spalten unterteilt waren; ein Rechnungsformular mit einem Wortlaut wie diesem:
Diese Vordrucke wurden Tag für Tag ausgefüllt, während die Reise fortschritt, und in die verschiedenen Kästen der Kai-Boote gelegt. Sobald beispielsweise die erste Überfahrt von St. Louis aus abgeschlossen war, wurden die Angaben unter den entsprechenden Überschriften in das Formular eingetragen:
„St. Louis. Neuneinhalb (Fuß). Heck auf das Gerichtsgebäude, Bug auf den toten Pappelbaum oberhalb des Holzplatzes, bis man das erste Riff erreicht, dann geradeaus ziehen.“ Dann unter der Überschrift Bemerkungen: „Gehen Sie knapp außerhalb der Wracks; das ist wichtig. Neuer Baumstamm genau dort, wo Sie geradeaus fahren; fahren Sie oberhalb davon.“
Der Lotse, der diesen Vordruck in den Kasten in Cairo legte (nachdem er die Details jeder Überfahrt den ganzen Weg von St. Louis hinzugefügt hatte), nahm ein halbes Dutzend neue Berichte (von aufwärts fahrenden Dampfern) über den Fluss zwischen Cairo und Memphis heraus, las sie, informierte sich gründlich, legte sie zurück in den Kasten und ging wieder an Bord seines Bootes, so gewappnet gegen Unfälle, dass er sein Boot unmöglich in Schwierigkeiten bringen konnte, ohne die genialste Nachlässigkeit zu Hilfe zu nehmen.
Stellen Sie sich die Vorteile eines so bewundernswerten Systems auf einem Flussabschnitt von zwölf- oder dreizehnhundert Meilen Länge vor, dessen Fahrrinne sich jeden Tag änderte! Der Lotse, der früher gezwungen war, eine Untiefe nur einmal oder vielleicht zweimal im Monat zu sehen, hatte jetzt hundert scharfe Augen, die für ihn Wache hielten, und haufenweise intelligente Gehirne, die ihm sagten, wie er sie befahren sollte. Seine Informationen darüber waren selten älter als vierundzwanzig Stunden. Falls die Berichte im letzten Kasten bei ihm Zweifel an einer tückischen Überfahrt aufkommen ließen, hatte er sein Mittel: Er blies sein Dampfpfeifensignal auf eine besondere Weise, sobald er ein Boot kommen sah; das Signal wurde auf eine besondere Weise beantwortet, falls die Lotsen dieses Bootes Verbandsmänner waren; und dann legten sich die beiden Dampfer längsseits, und alle Unsicherheiten wurden durch frische Informationen ausgeräumt, die der Fragesteller mündlich und bis ins kleinste Detail erhielt.
Das Erste, was ein Lotse tat, wenn er New Orleans oder St. Louis erreichte, war, seinen endgültigen und detaillierten Bericht in die Salons des Verbandes zu bringen und ihn dort aufzuhängen – danach war er frei, seine Familie zu besuchen. In diesen Salons versammelte sich immer eine Menge, um Veränderungen im Fahrwasser zu diskutieren, und in dem Moment, als ein Neuankömmling eintraf, hörten alle auf zu reden, bis dieser Zeuge die neuesten Nachrichten erzählt und die letzte Unsicherheit beseitigt hatte. Andere Handwerker können manchmal „den Laden zumachen“ und sich anderen Dingen zuwenden. Nicht so ein Lotse; er muss sich ganz seinem Beruf widmen und von nichts anderem sprechen; denn es wäre ein geringer Gewinn, an einem Tag perfekt und am nächsten imperfekt zu sein. Er hat keine Zeit oder Worte zu verschwenden, wenn er „auf dem Laufenden“ bleiben will.
Aber die Außenstehenden hatten es schwer. Kein fester Treffpunkt, um Informationen auszutauschen, keine Berichte der Kai-Boote, nur zufällige und unbefriedigende Wege, um an Nachrichten zu kommen. Die Folge war, dass ein Mann manchmal fünfhundert Meilen Fluss mit Informationen befahren musste, die eine Woche oder zehn Tage alt waren. Bei einem normalen Wasserstand des Flusses mochte das ausreichen; aber als das niedrigste Niedrigwasser kam, war es zerstörerisch.
Nun kam ein weiteres absolut logisches Ergebnis. Die Außenstehenden begannen, Dampfschiffe auf Grund laufen zu lassen, sie zu versenken und in alle möglichen Schwierigkeiten zu geraten, während Unfälle die Verbandsmänner völlig zu verschonen schienen. Deshalb begannen selbst die Eigner und Kapitäne von Booten, die ausschließlich mit Außenstehenden besetzt waren und zuvor als völlig unabhängig vom Verband und frei, sich mit Prahlen und Lachen zu trösten, angesehen wurden, sich ziemlich unwohl zu fühlen. Dennoch machten sie eine Show, als würden sie weiter prahlen, bis eines schwarzen Tages jeder Kapitän dieser Gruppe formell angewiesen wurde, seine Außenstehenden sofort zu entlassen und stattdessen Verbandslotsen zu nehmen. Und wer hatte die verwegenen Anmaßung, das zu tun? Ach, das kam von einer Macht hinter dem Thron, die größer war als der Thron selbst. Es waren die Versicherer!
Es war keine Zeit, „Messer zu tauschen“. Jeder Außenstehende musste sofort seinen Koffer an Land bringen. Natürlich wurde angenommen, dass es Absprachen zwischen dem Verband und den Versicherern gab, aber das stimmte nicht. Letztere hatten begonnen, die Vorzüglichkeit des „Berichtssystems“ des Verbandes und die Sicherheit, die es gewährte, zu begreifen, und so hatten sie ihre Entscheidung unter sich und nach einfachen Geschäftsprinzipien getroffen.
Im Lager der Außenstehenden gab es nun Weinen und Zähneknirschen. Aber egal, es gab nur einen Weg für sie einzuschlagen, und den schlugen sie ein. Sie traten paarweise und in Gruppen vor, boten ihre zwölf Dollar an und baten um Mitgliedschaft. Sie waren überrascht zu erfahren, dass schon vor langer Zeit mehrere neue Satzungen hinzugefügt worden waren. So war zum Beispiel die Aufnahmegebühr auf fünfzig Dollar erhöht worden; diese Summe musste gezahlt werden, ebenso wie zehn Prozent des Lohns, den der Bewerber jeden Monat seit der Gründung des Verbandes erhalten hatte. In vielen Fällen belief sich dies auf drei- oder vierhundert Dollar. Dennoch nahm der Verband den Antrag erst entgegen, wenn das Geld vorhanden war. Selbst dann machte eine einzige Gegenstimme den Antrag zunichte. Jedes Mitglied musste persönlich und vor Zeugen mit „Ja“ oder „Nein“ stimmen; daher dauerte es Wochen, über eine Kandidatur zu entscheiden, da viele Lotsen so lange auf Reisen waren. Die reuigen Sünder kratzten jedoch ihre Ersparnisse zusammen, und einer nach dem anderen wurden sie durch unser langwieriges Wahlverfahren in den Schoß der Gemeinschaft aufgenommen. Es kam schließlich eine Zeit, in der nur noch etwa zehn draußen blieben. Sie sagten, sie würden verhungern, bevor sie sich bewerben würden. Sie blieben lange Zeit untätig, weil natürlich niemand es wagen konnte, sie einzustellen.
Nach und nach veröffentlichte der Verband die Tatsache, dass ab einem bestimmten Datum die Löhne auf fünfhundert Dollar pro Monat erhöht würden. Alle Zweigverbände waren nun stark geworden, und der vom Red River hatte die Löhne auf siebenhundert Dollar im Monat erhöht. Widerwillig gaben die zehn Außenstehenden angesichts dieser Dinge nach und stellten einen Antrag. Es gab inzwischen eine weitere neue Satzung, die von ihnen verlangte, nicht nur Beiträge auf alle Löhne zu zahlen, die sie seit der Geburt des Verbandes erhalten hatten, sondern auch auf das, was sie erhalten hätten, wenn sie bis zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung weitergearbeitet hätten, anstatt schmollend in den Müßiggang zu gehen. Es erwies sich als schwierige Angelegenheit, sie zu wählen, aber es wurde schließlich vollbracht. Der bösartigste Sünder dieser Gruppe war draußen geblieben und hatte „Beiträge“ so lange gegen sich anhäufen lassen, dass er mit seinem Antrag sechshundertfünfundzwanzig Dollar einreichen musste.
Der Verband hatte nun ein gutes Bankguthaben und war sehr stark. Es gab keinen Außenstehenden mehr. Eine Satzung wurde hinzugefügt, die die Aufnahme weiterer Lehrlinge oder Auszubildender für fünf Jahre verbot; nach dieser Zeit sollte eine begrenzte Anzahl aufgenommen werden, nicht durch Einzelpersonen, sondern durch den Verband, zu diesen Bedingungen: Der Bewerber darf nicht jünger als achtzehn Jahre sein und muss aus einer respektablen Familie stammen und einen guten Charakter haben; er muss eine Prüfung hinsichtlich seiner Bildung bestehen, tausend Dollar im Voraus für das Privileg zahlen, Lehrling zu werden, und muss unter den Befehlen des Verbandes bleiben, bis ein großer Teil der Mitglieder (ich glaube, mehr als die Hälfte) bereit ist, seinen Antrag auf eine Lotsenlizenz zu unterschreiben.
Alle zuvor vertraglich gebundenen Lehrlinge wurden nun ihren Meistern entzogen und vom Verband adoptiert. Der Präsident und der Sekretär teilten sie für den Dienst auf dem einen oder anderen Boot ein, ganz nach Belieben, und wechselten sie nach bestimmten Regeln von Boot zu Boot. Wenn ein Lotse nachweisen konnte, dass er gesundheitlich angeschlagen war und Hilfe benötigte, wurde einer der Lehrlinge angewiesen, ihn zu begleiten.
Die Liste der Witwen und Waisen wuchs, aber das taten auch die finanziellen Mittel des Verbandes. Der Verband besuchte seine eigenen Beerdigungen feierlich und bezahlte sie. Wenn es die Umstände erforderten, schickte er Mitglieder flussabwärts, um nach den Körpern von Brüdern zu suchen, die bei Dampfschiffunfällen verloren gegangen waren; eine Suche dieser Art kostete manchmal tausend Dollar.
Der Verband besorgte sich eine Charta und stieg auch in das Versicherungsgeschäft ein. Er versicherte nicht nur das Leben seiner Mitglieder, sondern übernahm auch Risiken bei Dampfschiffen.
Die Organisation schien unzerstörbar. Es war das engste Monopol der Welt. Nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten konnte niemand Lotse werden, es sei denn, zwei ordnungsgemäß lizenzierte Lotsen unterschrieben seinen Antrag; und nun gab es niemanden außerhalb des Verbandes, der kompetent genug war, dies zu tun. Folglich war die Ausbildung von Lotsen zu Ende. Jedes Jahr starben einige und andere wurden durch Alter und Gebrechlichkeit arbeitsunfähig; es gab keine neuen, die an ihre Stelle treten konnten. Mit der Zeit konnte der Verband die Löhne auf jede beliebige Höhe schrauben; und solange er klug genug war, die Sache nicht zu weit zu treiben und die nationale Regierung dazu zu provozieren, das Lizenzierungssystem zu ändern, mussten die Dampfschiffeigner sich fügen, da es kein Entrinnen gab.
Die Eigner und Kapitäne waren das einzige Hindernis, das zwischen dem Verband und der absoluten Macht stand; und schließlich wurde auch dieses beseitigt. So unglaublich es klingen mag, die Eigner und Kapitäne taten es absichtlich selbst. Als der Lotsenverband Monate im Voraus ankündigte, dass am ersten September 1861 die Löhne auf fünfhundert Dollar pro Monat erhöht würden, erhöhten die Eigner und Kapitäne sofort die Frachtraten um ein paar Cent und erklärten den Farmern entlang des Flusses die Notwendigkeit, indem sie sie auf die belastende Lohnhöhe aufmerksam machten, die eingeführt werden sollte. Es war ein eher schwaches Argument, aber die Farmer schienen es nicht zu durchschauen. Es erschien ihnen vernünftig, dass eine Erhöhung der Frachtkosten um fünf Cent pro Scheffel Mais unter den gegebenen Umständen gerechtfertigt sei, wobei sie übersahen, dass diese Erhöhung bei einer Ladung von vierzigtausend Säcken weit mehr als nötig war, um die neuen Löhne zu decken.
Also gründeten die Kapitäne und Eigner kurzerhand einen eigenen Verband und schlugen vor, auch die Kapitänsgehälter auf fünfhundert Dollar zu erhöhen und eine weitere Erhöhung der Frachtraten zu fordern. Es war eine neuartige Idee, aber natürlich konnte ein Effekt, der einmal erzielt worden war, wieder erzielt werden. Der neue Verband verfügte (denn dies war, bevor alle Außenstehenden in den Lotsenverband aufgenommen worden waren), dass jeder Kapitän, der einen Nicht-Verbands-Lotsen beschäftigte, gezwungen sein sollte, ihn zu entlassen und zudem eine Geldstrafe von fünfhundert Dollar zu zahlen. Mehrere dieser hohen Strafen wurden gezahlt, bevor die Kapitänsorganisation stark genug wurde, um volle Autorität über ihre Mitglieder auszuüben; aber das hörte bald auf. Die Kapitäne versuchten, die Lotsen dazu zu bringen, zu beschließen, dass kein Mitglied ihrer Körperschaft unter einem Nicht-Verbands-Kapitän dienen dürfe; aber dieser Vorschlag wurde abgelehnt. Die Lotsen sahen, dass sie ohnehin von den Kapitänen und den Versicherern unterstützt würden, und so unterließen sie es weise, verfängliche Allianzen einzugehen.
Wie ich bereits bemerkt habe, war der Lotsenverband nun das kompakteste Monopol der Welt, vielleicht, und schien einfach unzerstörbar. Und doch waren die Tage seines Ruhms gezählt. Zuerst begann die neue Eisenbahn, die sich durch Mississippi, Tennessee und Kentucky zu den nördlichen Eisenbahnzentren erstreckte, den Personenverkehr von den Dampfern abzulenken; dann kam der Krieg und vernichtete die Dampfschifffahrt während mehrerer Jahre fast vollständig, was die meisten Lotsen arbeitslos machte, während die Lebenshaltungskosten ständig stiegen; dann griff der Schatzmeister des St. Louis Verbandes in die Kasse und verschwand mit jedem Dollar des beträchtlichen Fonds; und schließlich, da die Eisenbahnen überall eindrangen, blieb für die Dampfer, als der Krieg vorbei war, wenig zu tun, außer Fracht zu befördern; also führte kurzerhand ein Genie von der Atlantikküste den Plan ein, ein Dutzend Dampferladungen am Schwanz eines vulgären kleinen Schleppers nach New Orleans zu ziehen; und siehe da, im Handumdrehen, sozusagen, waren der Verband und die edle Wissenschaft des Lotsenwesens Dinge einer toten und kläglichen Vergangenheit!
Es war stets Brauch, dass die Dampfer zwischen vier und fünf Uhr nachmittags New Orleans verließen. Von drei Uhr an verbrannten sie Kolophonium und Pechkiefer (das Zeichen der Vorbereitung), und so bot sich einem das malerische Schauspiel einer Reihe von zwei oder drei Meilen Länge, bestehend aus hohen, aufsteigenden Säulen kohlschwarzen Rauchs; eine Kolonnade, die ein rußiges Dach aus demselben Rauch trug, das sich ineinander vermischte und über der Stadt ausbreitete. Jedes auslaufende Schiff hatte seine Flagge am Flaggenstock gehisst, und manchmal eine zweite am Heckmast. Zwei oder drei Meilen an Steuerleuten befehligten und fluchten mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck; unzählige Prozessionen von Frachtfässern und Kisten wirbelten über den Damm und flogen an Bord auf die Laufplanken, verspätete Passagiere duckten sich und sprangen zwischen diesen hektischen Dingen umher, in der Hoffnung, den Niedergang zum Backdeck lebend zu erreichen, hegten jedoch ihre Zweifel daran; Frauen mit Handtaschen und Hutschachteln versuchten, mit Ehemännern Schritt zu halten, die mit Reisetaschen und schreienden Babys beladen waren, und scheiterten daran, indem sie in dem Wirbel, dem Lärm und der allgemeinen Zerstreuung den Kopf verloren; Droschken und Gepäckwagen klapperten in wilder Eile hierhin und dorthin, gerieten ab und zu ins Stocken und verkeilten sich, und für zehn Sekunden konnte man sie vor lauter Fluchen nicht sehen, außer vage und verschwommen; jede Winde, die mit jeder vorderen Luke verbunden war, vom einen bis zum anderen Ende dieser langen Aufreihung von Dampfschiffen, hielt ein ohrenbetäubendes Zischen und Surren aufrecht, während sie Fracht in den Laderaum hinabließ, und die halbnackten Mannschaften aus schwitzenden Negern, die sie bedienten, brüllten Lieder wie „De Las' Sack! De Las' Sack!“ – angespornt zu unvorstellbarer Erregung durch das Chaos aus Aufruhr und Getöse, das jeden anderen in den Wahnsinn trieb.
Zu dieser Zeit waren die Hurrikan- und Kesseldecks der Dampfer bereits dicht gedrängt und schwarz vor Passagieren. Die „letzten Glocken“ begannen die ganze Linie entlang zu läuten, und dann schien das Getümmel sich zu verdoppeln; nach einem oder zwei Augenblicken kam die letzte Warnung – ein gleichzeitiger Lärm chinesischer Gongs, begleitet von dem Ruf: „Alle, die nicht mitfahren, bitte an Land!“ – und siehe da, das Getümmel vervierfachte sich! Menschen strömten an Land und stießen dabei erregte Nachzügler um, die versuchten, an Bord zu drängen. Einen weiteren Moment später wurde eine lange Reihe von Laufplanken eingeholt, jede mit dem obligatorischen letzten Passagier, der sich mit Zähnen, Nägeln und allem anderen am Ende festklammerte, während der obligatorische letzte Zauderer einen wilden Sprung über dessen Kopf in Richtung Ufer machte.
Nun glitt eine Anzahl der Schiffe rückwärts in den Strom und hinterließ breite Lücken in der geschlossenen Reihe der Dampfer. Bürger drängten sich auf den Decks der Schiffe, die nicht ablegten, um das Schauspiel zu verfolgen. Ein Dampfer nach dem anderen richtete sich auf, sammelte all seine Kraft und kam alsbald unter gewaltigem Dampfdruck vorbeigeschwenkt, mit wehender Flagge, sich wälzendem schwarzen Rauch und seiner gesamten Mannschaft aus Heizern und Decksleuten (meist dunkelhäutige Neger), die sich auf dem Backdeck versammelt hatten, wobei die beste „Stimme“ unter ihnen aus der Mitte herausragte (auf dem Spill stehend), seinen Hut oder eine Flagge schwenkte und alle einen gewaltigen Chor brüllten, während die Abschiedskanonen donnerten und die unzähligen Zuschauer ihre Hüte schwenkten und jubelten! Ein Dampfer nach dem anderen reihte sich ein, und die stattliche Prozession nahm ihre Reise flussaufwärts auf.
In den alten Zeiten, wenn zwei schnelle Schiffe zu einem Rennen aufbrachen, während eine große Menschenmenge zusah, war es mitreißend, die Mannschaften singen zu hören, besonders wenn es bereits Abend wurde und das Backdeck vom roten Glanz der Fackelkörbe erhellt war. Rennen waren ein königliches Vergnügen. Die Öffentlichkeit hatte immer die Vorstellung, Rennen seien gefährlich; doch das Gegenteil war der Fall – das heißt, nachdem die Gesetze verabschiedet worden waren, die jedes Schiff auf eine bestimmte Anzahl Pfund Dampf pro Quadratzoll beschränkten. Kein Maschinist war je schläfrig oder unachtsam, wenn sein Herz an einem Rennen hing. Er war ständig wachsam, prüfte die Wasserhähne und beobachtete die Dinge. Die gefährliche Stelle waren langsame, schwerfällige Schiffe, auf denen die Maschinisten vor sich hin dösten und zuließen, dass sich Späne in die Speisepumpe setzten und die Wasserzufuhr zu den Kesseln unterbrachen.
In den „goldenen Zeiten“ der Dampfschifffahrt war ein Rennen zwischen zwei berüchtigt schnellen Dampfern ein Ereignis von großer Bedeutung. Der Termin wurde mehrere Wochen im Voraus festgelegt, und von diesem Zeitpunkt an befand sich das ganze Mississippi-Tal in einem Zustand verzehrender Aufregung. Politik und Wetter wurden beiseitegeschoben, und die Leute sprachen nur noch vom bevorstehenden Rennen. Als der Zeitpunkt näher rückte, „strippten“ die beiden Dampfer und machten sich bereit. Jede Belastung, die Gewicht hinzufügte oder dem Wind oder Wasser eine Widerstandsfläche bot, wurde entfernt, falls das Schiff ohne sie auskommen konnte. Die „Spaten“ und manchmal sogar deren tragende Kräne wurden an Land gebracht, und es blieb kein Mittel, das Schiff wieder flottzumachen, falls es auf Grund laufen sollte. Als die „Eclipse“ und die „A. L. Shotwell“ vor vielen Jahren ihr großes Rennen austrugen, hieß es, man habe sich die Mühe gemacht, die Vergoldung von dem schmucken Zierrat abzukratzen, der zwischen den Schornsteinen der „Eclipse“ hing, und dass der Kapitän für diese eine Fahrt auf seine Glacéhandschuhe verzichtete und sich den Kopf kahl scheren ließ. Doch ich habe diese Dinge immer bezweifelt.
Wenn bekannt war, dass das Schiff seine beste Geschwindigkeit erzielte, wenn es vorn fünfundeinhalb Fuß und achtern fünf Fuß Tiefgang hatte, wurde es sorgfältig auf genau dieses Maß beladen – danach hätte sie nicht einmal eine homöopathische Pille mehr auf ihr Frachtmanifest genommen. Es wurden kaum Passagiere mitgenommen, denn sie fügen nicht nur Gewicht hinzu, sondern wollen auch nie „das Schiff austrimmen“. Sie rennen immer zur Seite, wenn es etwas zu sehen gibt, während ein gewissenhafter und erfahrener Dampfschiffer in der Mitte des Schiffes bleiben und sein Haar mit einer Wasserwaage scheiteln würde.
Weder Unterwegsfracht noch Unterwegspassagiere waren erlaubt, denn die Rennschiffe hielten nur in den größten Städten, und dann hieß es nur „kurz anlegen und weg“. Kohlen- und Holzprähme wurden im Voraus vertraglich gebunden, und diese wurden bereitgehalten, um bei einem Moment der Warnung an die fliegenden Dampfer anzulegen. Es wurden doppelte Mannschaften mitgeführt, damit alle Arbeiten schnell erledigt werden konnten.
Als das gewählte Datum gekommen und alles bereit war, setzten die beiden großen Dampfer rückwärts in den Strom und lagen dort einen Moment lang manövrierend, wobei sie anscheinend wie empfindsame Geschöpfe die geringste Bewegung des anderen beobachteten; Flaggen hingen schlaff herab, der eingesperrte Dampf kreischte durch die Sicherheitsventile, der schwarze Rauch wälzte und wirbelte aus den Schornsteinen und verdunkelte die gesamte Luft. Menschen, Menschen überall; die Ufer, die Hausdächer, die Dampfschiffe, die Schiffe, sie waren voll davon, und man wusste, dass die Ufer des breiten Mississippi von dort an nordwärts zwölfhundert Meilen lang von Menschen gesäumt sein würden, um diese Rennfahrer zu begrüßen.
Alsbald brachen hohe Dampfsäulen aus den Auslassrohren beider Dampfer hervor, zwei Kanonen feuerten einen Abschied ab, zwei rot behemdete Helden, die auf den Spills standen, schwenkten ihre kleinen Flaggen über den massierten Mannschaften auf den Backdecks, zwei klagende Soli verweilten einige wartende Sekunden in der Luft, zwei gewaltige Chöre brachen hervor – und da kommen sie! Blechblaskapellen schmetterten „Hail Columbia“, ein Jubel nach dem anderen donnerte von den Ufern, und die stattlichen Geschöpfe zischten wie der Wind vorbei.
Diese Schiffe würden zwischen New Orleans und St. Louis keinen Moment innehalten, außer für eine Sekunde oder zwei in großen Städten oder um Holzboote mit dreißig Klaftern längsseits zu nehmen. Man sollte an Bord sein, wenn sie ein paar dieser Holzboote in Schlepptau nehmen und einen Schwarm Männer auf jedes loslassen; bis man seine Brille abgewischt und aufgesetzt hat, wird man sich fragen, was aus diesem Holz geworden ist.
Zwei gut aufeinander abgestimmte Dampfer bleiben Tag für Tag in Sichtweite. Sie könnten sogar Seite an Seite bleiben, wäre da nicht die Tatsache, dass Lotsen nicht alle gleich sind und die cleversten Lotsen das Rennen gewinnen werden. Wenn eines der Schiffe einen „Blitz“-Lotsen hat, dessen „Partner“ ihm ein wenig unterlegen ist, kann man erkennen, wer gerade Wache hat, indem man darauf achtet, ob dieses Schiff in jedem Vier-Stunden-Abschnitt an Boden gewonnen oder verloren hat. Der scharfsinnigste Lotse kann ein Schiff aufhalten, wenn er kein großes Talent für das Steuern besitzt. Steuern ist eine sehr hohe Kunst. Man darf kein Ruder über den Steven eines Schiffes schleifen lassen, wenn man schnell den Fluss hinaufkommen will.
Es gibt natürlich einen großen Unterschied zwischen den Schiffen. Lange Zeit war ich auf einem Schiff, das so langsam war, dass wir oft vergaßen, in welchem Jahr wir den Hafen verlassen hatten. Aber das kam natürlich nur in seltenen Abständen vor. Fähren verloren früher wertvolle Fahrten, weil ihre Passagiere alt wurden und starben, während sie darauf warteten, dass wir vorbeikamen. Das kam in noch selteneren Abständen vor. Ich hatte die Dokumente für diese Vorkommnisse, aber durch Nachlässigkeit sind sie verlegt worden. Dieses Schiff, die „John J. Roe“, war so langsam, dass es fünf Jahre dauerte, bis die Eigentümer davon erfuhren, als sie schließlich im Madrid Bend sank. Das war für mich immer eine verwirrende Tatsache, aber sie steht jedenfalls so im Protokoll. Sie war trostlos langsam; dennoch hatten wir oft ziemlich aufregende Zeiten bei Rennen gegen Inseln, Flöße und dergleichen. Eine Fahrt verlief allerdings recht gut. Wir schafften es in sechzehn Tagen nach St. Louis. Aber selbst bei diesem rasanten Tempo glaube ich, dass wir im Fort Adams Reach, der fünf Meilen lang ist, dreimal die Wache gewechselt haben. Ein „Reach“ ist ein gerades Stück Fluss, und natürlich treibt die Strömung durch eine solche Stelle in ziemlich lebhaftem Tempo.
Auf jener Fahrt kamen wir von New Orleans in vier Tagen nach Grand Gulf (dreihundertvierzig Meilen); die „Eclipse“ und die „Shotwell“ schafften es in einem. Wir waren neun Tage unterwegs bis zum Chute von 63 (siebenhundert Meilen); die „Eclipse“ und die „Shotwell“ schafften es dort in zwei Tagen. Vor etwas mehr als einer Generation fuhr ein Schiff namens „J. M. White“ in drei Tagen, sechs Stunden und vierundvierzig Minuten von New Orleans nach Cairo. Im Jahr 1853 schaffte die „Eclipse“ dieselbe Fahrt in drei Tagen, drei Stunden und zwanzig Minuten. Im Jahr 1870 schaffte es die „R. E. Lee“ in drei Tagen und einer Stunde. Letztere wird als die schnellste Fahrt aller Zeiten bezeichnet. Ich werde versuchen zu zeigen, dass dies nicht der Fall war. Aus diesem Grund: Die Entfernung zwischen New Orleans und Cairo betrug zur Zeit der „J. M. White“ etwa elftausendsechs Meilen; folglich lag ihre Durchschnittsgeschwindigkeit bei etwas über vierzehn Meilen pro Stunde. Zu Zeiten der „Eclipse“ hatte sich die Entfernung zwischen den beiden Häfen auf eintausendachtzig Meilen verringert; folglich lag ihre Durchschnittsgeschwindigkeit einen Hauch unter vierzehn und dreiachtel Meilen pro Stunde. Zu Zeiten der „R. E. Lee“ hatte sich die Entfernung auf etwa eintausenddreißig Meilen verringert; folglich lag ihr Durchschnitt bei etwa vierzehn und einachtel Meilen pro Stunde. Daher war die Zeit der „Eclipse“ nachweislich die schnellste, die jemals erzielt wurde.
KAPITEL 17
Durchstiche und Stephen
Diese trockenen Details sind in einem Punkt von Bedeutung. Sie geben mir die Gelegenheit, eine der seltsamsten Eigenheiten des Mississippi vorzustellen – die, seine Länge von Zeit zu Zeit zu verkürzen. Wenn man eine lange, biegsame Apfelschale über die Schulter wirft, formt sie sich ziemlich genau zu einem durchschnittlichen Abschnitt des Mississippi; das heißt, die neun- oder zehnhundert Meilen, die sich von Cairo, Illinois, südwärts bis nach New Orleans erstrecken, wobei dieser Fluss wunderbar gewunden ist, mit einem kurzen geraden Stück hier und da in weiten Abständen. Die zweihundert Meilen lange Strecke von Cairo nordwärts nach St. Louis ist bei weitem nicht so gewunden, da es sich um eine felsige Gegend handelt, die der Fluss nicht stark einschneiden kann.
Das Wasser schneidet die Schwemmlandufer des „unteren“ Flusses in tiefe Hufeisenkurven; so tief in der Tat, dass man an manchen Stellen, wenn man an einem Ende des Hufeisens an Land gehen und über den Hals, eine halbe oder dreiviertel Meile weit, hinübergehen würde, sich ein paar Stunden ausruhen könnte, während der Dampfer mit einer Geschwindigkeit von zehn Meilen pro Stunde um den langen Ellbogen herumkäme, um einen wieder an Bord zu nehmen. Wenn der Fluss schnell ansteigt, muss ein Schurke, dessen Plantage im Landesinneren liegt und daher von geringerem Wert ist, nur auf seine Chance warten, in einer dunklen Nacht eine kleine Rinne über den schmalen Landhals graben und das Wasser hineinleiten, und in erstaunlich kurzer Zeit ist ein Wunder geschehen: nämlich, dass der ganze Mississippi von diesem kleinen Graben Besitz ergriffen hat und die Plantage des Landmanns an sein Ufer verlegt hat (was ihren Wert vervierfacht), während die ehemals wertvolle Plantage der anderen Partei sich plötzlich weit draußen auf einer großen Insel wiederfindet; der alte Wasserlauf um sie herum wird bald versanden, Schiffe können sich ihr nicht mehr auf zehn Meilen nähern, und schon sinkt ihr Wert auf ein Viertel dessen, was er früher war. An jenen schmalen Hälsen werden zu gegebener Zeit Wachen gehalten, und sollte ein Mann dabei erwischt werden, wie er einen Graben durch sie gräbt, stehen die Chancen schlecht, dass er jemals wieder die Gelegenheit dazu bekommt.
Bitte betrachten Sie einige der Auswirkungen dieses Grabenmachens. Einst gab es gegenüber von Port Hudson, Louisiana, einen Hals, der an seiner engsten Stelle nur eine halbe Meile breit war. Man konnte dort in fünfzehn Minuten zu Fuß hinübergehen; machte man die Reise jedoch auf einem Floß um das Kap herum, so reiste man fünfunddreißig Meilen, um dasselbe zu erreichen. 1722 schoss der Fluss durch diesen Hals, verließ sein altes Bett und verkürzte sich so um fünfunddreißig Meilen. Auf dieselbe Weise verkürzte er sich 1699 am Black Hawk Point um fünfundzwanzig Meilen. Unterhalb des Red River Landing wurde der Raccourci-Durchstich vorgenommen (ich glaube vor vierzig oder fünfzig Jahren). Dies verkürzte den Fluss um achtundzwanzig Meilen. In unserer heutigen Zeit legt man bei einer Reise auf dem Fluss von der südlichsten dieser drei Abkürzungen zur nördlichsten nur siebzig Meilen zurück. Um dasselbe vor einhundertsechsundsiebzig Jahren zu tun, musste man einhundertachtundfünfzig Meilen zurücklegen! – eine Verkürzung um achtundachtzig Meilen auf dieser unbedeutenden Strecke. Zu einer in Vergessenheit geratenen Zeit in der Vergangenheit wurden Durchstiche oberhalb von Vidalia, Louisiana, vorgenommen; bei Insel 92; bei Insel 84; und bei Hale’s Point. Diese verkürzten den Fluss insgesamt um siebenundsiebzig Meilen.
Seit meiner eigenen Zeit auf dem Mississippi wurden Durchstiche vorgenommen bei Hurricane Island; bei Insel 100; bei Napoleon, Arkansas; bei Walnut Bend; und bei Council Bend. Diese verkürzten den Fluss insgesamt um siebenundsechsundsechzig Meilen. In meiner eigenen Zeit wurde bei American Bend ein Durchstich gemacht, der den Fluss um zehn Meilen oder mehr verkürzte.
Daher war der Mississippi zwischen Cairo und New Orleans vor einhundertsechsundsiebzig Jahren eintausendzweihundertfünfzehn Meilen lang. Nach dem Durchstich von 1722 war er eintausendeinhundertachtzig Meilen lang. Nach dem Durchstich am American Bend war er eintausendvierzig Meilen lang. Seitdem hat er siebenundsechzig Meilen verloren. Folglich beträgt seine Länge gegenwärtig nur noch neunhundertdreiundsiebzig Meilen.
Wenn ich nun einer dieser schwerfälligen wissenschaftlichen Leute sein und „vorgeben“ wollte, zu beweisen, was in der fernen Vergangenheit durch das geschehen ist, was in einer gegebenen Zeit der jüngeren Vergangenheit geschehen ist, oder was in ferner Zukunft geschehen wird durch das, was in den letzten Jahren geschehen ist, was für eine Gelegenheit bietet sich hier! Die Geologie hatte nie eine solche Chance, noch so genaue Daten, auf die sie sich stützen konnte! Und die „Entwicklung der Arten“ auch nicht! Eiszeiten sind großartige Dinge, aber sie sind vage – vage. Bitte beachten Sie:
Im Zeitraum von einhundertsechsundsiebzig Jahren hat sich der untere Mississippi um zweihundertzweiundvierzig Meilen verkürzt. Das ist ein Durchschnitt von etwas mehr als eineinhalb Meilen pro Jahr. Daher kann jeder ruhige Mensch, der weder blind noch idiotisch ist, sehen, dass im „alten oolitischen silurischen Zeitalter“, vor genau einer Million Jahren am kommenden November, der untere Mississippi über eine Million dreihunderttausend Meilen lang war und wie eine Angelrute über den Golf von Mexiko hinausragte. Und nach derselben Logik kann jeder sehen, dass der untere Mississippi in siebenhundertzweiundvierzig Jahren nur noch eine Meile und dreiviertel lang sein wird und Cairo und New Orleans ihre Straßen miteinander verbunden haben und gemeinsam unter einem einzigen Bürgermeister und einem gemeinsamen Stadtrat vor sich hin plätschern werden. Die Wissenschaft hat etwas Faszinierendes an sich. Man bekommt so gewaltige Erträge an Vermutungen für eine so unbedeutende Investition an Fakten.
Wenn das Wasser beginnt, durch einen dieser Gräben zu fließen, von denen ich gesprochen habe, ist es Zeit für die Leute dort, sich in Sicherheit zu bringen. Das Wasser spaltet die Ufer wie ein Messer. Wenn der Graben zwölf oder fünfzehn Fuß breit geworden ist, ist das Unheil so gut wie vollbracht, denn keine Macht auf Erden kann es jetzt noch aufhalten. Wenn die Breite hundert Yards erreicht hat, beginnen die Ufer in Scheiben von der Größe eines halben Morgens abzublättern. Die Strömung, die früher nur fünf Meilen pro Stunde um die Kurve floss, ist jetzt durch die Verkürzung der Strecke gewaltig angestiegen. Ich war an Bord des ersten Schiffes, das versuchte, den Durchstich am American Bend zu passieren, aber wir kamen nicht durch. Es war gegen Mitternacht, und es war eine wilde Nacht – Donner, Blitz und sintflutartige Regenfälle. Man schätzte, dass die Strömung im Durchstich etwa fünfzehn bis zwanzig Meilen pro Stunde betrug; zwölf oder dreizehn Meilen waren das Beste, was unser Schiff selbst in einigermaßen ruhigem Wasser leisten konnte, daher waren wir vielleicht töricht, den Durchstich zu versuchen. Mr. Brown war jedoch ehrgeizig, und er versuchte es weiter. Das Kehrwasser, das unter dem „Punkt“ das Ufer hinaufströmte, war fast so schnell wie die Strömung in der Mitte; also schossen wir wie ein Blitzeilzug das Ufer hinauf, gaben vollen Dampf und machten uns auf einen Stoß gefasst, wenn wir auf die Strömung trafen, die am Punkt vorbeiwirbelte. Aber alle unsere Vorbereitungen waren nutzlos. In dem Moment, als die Strömung uns traf, wirbelte sie uns wie einen Kreisel herum, das Wasser überschwemmte das Backdeck, und das Schiff krängte so stark zur Seite, dass man kaum auf den Beinen bleiben konnte. Im nächsten Augenblick waren wir weit den Fluss hinunter und kämpften mit aller Kraft, um nicht in die Wälder zu geraten. Wir versuchten das Experiment viermal. Ich stand am Niedergang zum Backdeck, um zuzusehen. Es war erstaunlich zu beobachten, wie plötzlich das Schiff herumwirbelte und kehrtmachte, sobald es aus dem Kehrwasser herauskam und die Strömung auf seinen Bug traf. Der dumpfe Aufprall und das Beben wären ungefähr dasselbe gewesen, wenn es mit voller Geschwindigkeit gegen eine Sandbank gelaufen wäre. Unter den Blitzen konnte man sehen, wie die Plantagenhütten und die guten Morgen Land in den Fluss stürzten; und das Krachen, das sie dabei verursachten, war kein schlechter Versuch, Donner zu imitieren. Einmal, als wir herumwirbelten, verfehlten wir nur um etwa zwanzig Fuß ein Haus, in dessen Fenster ein Licht brannte; und im selben Augenblick ging dieses Haus über Bord. Niemand konnte auf unserem Backdeck bleiben; das Wasser fegte jedes Mal in einem Strom darüber hinweg, wenn wir quer zur Strömung eintauchten. Am Ende unseres vierten Versuchs landeten wir zwei Meilen unterhalb des Durchstichs im Wald; das ganze Land dort war natürlich überschwemmt. Ein oder zwei Tage später war der Durchstich eine dreiviertel Meile breit, und Schiffe passierten ihn ohne große Schwierigkeiten aufwärts und sparten so zehn Meilen.
Der alte Raccourci-Durchstich verkürzte die Länge des Flusses um achtundzwanzig Meilen. Es gab früher eine Legende, die damit verbunden war. Es wurde gesagt, dass ein Schiff in der Nacht dort ankam und den riesigen Ellbogen auf die übliche Weise umfuhr, da die Lotsen nicht wussten, dass der Durchstich vorgenommen worden war. Es war eine schaurige, grässliche Nacht, und alle Formen waren vage und verzerrt. Die alte Kurve hatte bereits begonnen zu versanden, und das Schiff begann, mysteriösen Riffen auszuweichen und stieß gelegentlich mit einem zusammen. Die ratlosen Lotsen fingen an zu fluchen und äußerten schließlich den vollkommen unnötigen Wunsch, sie mögen diesen Ort niemals verlassen. Wie es in solchen Fällen immer geschieht, wurde dieses spezielle Gebet erhört, und die anderen wurden vernachlässigt. So irrt jener Geisterdampfer bis zum heutigen Tag noch in diesem verlassenen Fluss umher und versucht, seinen Weg hinaus zu finden. Mehr als ein grimmiger Wächter hat mir geschworen, dass er in nieseligen, trüben Nächten ängstlich jenen vergessenen Fluss hinuntergeblickt habe, wenn er am Kopf der Insel vorbeifuhr, und den schwachen Schein der Lichter des Geisterschiffs durch die ferne Dunkelheit habe driften sehen, und das gedämpfte Husten ihrer „Auslassrohre“ und den klagenden Ruf ihrer Lotsen gehört habe.
In Ermangelung weiterer Statistiken möchte ich dieses Kapitel mit einer weiteren Erinnerung an „Stephen“ schließen.
Die meisten Kapitäne und Lotsen besaßen einen Schuldschein von Stephen über geliehene Summen, die von zweihundertfünfzig Dollar aufwärts reichten. Stephen bezahlte nie einen dieser Scheine, aber er war sehr pünktlich und sehr eifrig darin, sie alle zwölf Monate zu erneuern.
Natürlich kam schließlich die Zeit, da Stephen sich nicht mehr bei seinen alten Gläubigern etwas leihen konnte; also war er gezwungen, auf neue Männer zu lauern, die ihn nicht kannten. Ein solches Opfer war der gutherzige, leichtgläubige junge Yates (ich verwende einen fiktiven Namen, aber der echte Name begann, wie dieser, mit einem Y). Der junge Yates machte seinen Abschluss als Lotse, bekam eine Anstellung, und als der Monat um war und er zum Büro des Zahlmeisters ging und seine zweihundertfünfzig Dollar in knackigen neuen Scheinen in Empfang nahm, war Stephen zur Stelle! Seine silberne Zunge begann zu schwingen, und nach sehr kurzer Zeit hatten Yates' zweihundertfünfzig Dollar den Besitzer gewechselt. Die Tatsache wurde bald im Hauptquartier der Lotsen bekannt, und die Belustigung und Befriedigung der alten Gläubiger waren groß und freigebig. Doch der unschuldige Yates ahnte nie, dass Stephens Versprechen, pünktlich am Ende der Woche zu zahlen, wertlos war. Yates verlangte sein Geld zum vereinbarten Zeitpunkt; Stephen säuselte ihm Honig um den Mund und vertröstete ihn um eine Woche. Er kam dann erneut, wie abgemacht, und wurde wieder eingezuckert, litt aber unter einer weiteren Verschiebung. So ging es weiter. Yates suchte Stephen Woche für Woche heim, ohne Erfolg, und gab es schließlich auf. Und dann begann Stephen auf der Stelle, Yates heimzusuchen! Wo immer Yates auftauchte, war der unvermeidliche Stephen da. Und nicht nur da, sondern strahlend vor Zuneigung und überschwänglich vor Entschuldigungen, nicht zahlen zu können. Nach einer Weile, wann immer der arme Yates ihn kommen sah, wandte er sich zur Flucht und zog seine Begleitung mit sich, falls er Begleitung hatte; aber es nützte nichts; sein Schuldner holte ihn ein und stellte ihn in die Enge. Keuchend und mit rotem Gesicht kam Stephen, mit ausgestreckten Händen und eifrigen Augen, mischte sich in das Gespräch, schüttelte beide Arme von Yates fast aus ihren Gelenken und begann –
„Mensch, was für ein Rennen ich hinter mir habe! Ich sah, dass du mich nicht gesehen hast, und so habe ich alle Register gezogen, aus Angst, ich würde dich ganz verpassen. Und hier bist du! Da, bleib nur so stehen und lass mich dich ansehen! Genau das gleiche alte edle Antlitz.“ [Zu Yates’ Freund:] „Sieh ihn dir nur an! Sieh ihn dir an! Ist es nicht einfach gut, ihn anzusehen! Nicht wahr? Ist er nicht ein Bild! Manche nennen ihn ein Bild; ich nenne ihn ein Panorama! Das ist es, was er ist – ein ganzes Panorama. Und jetzt fällt es mir ein! Wie sehr wünschte ich, ich hätte dich eine Stunde früher gesehen! Vierundzwanzig Stunden lang habe ich diese zweihundertfünfzig Dollar für dich aufgespart; habe überall nach dir gesucht. Ich habe im Planter’s von gestern Abend sechs Uhr bis heute Morgen um zwei Uhr gewartet, ohne Ruhe oder Nahrung; meine Frau sagt: ‚Wo warst du die ganze Nacht?‘ Ich sagte: ‚Diese Schuld liegt schwer auf meinem Gemüt.‘ Sie sagt: ‚In all meinen Tagen habe ich nie einen Mann gesehen, der sich eine Schuld so zu Herzen nimmt wie du.‘ Ich sagte: ‚Es liegt in meiner Natur; wie kann ich sie ändern?‘ Sie sagt: ‚Nun, geh doch ins Bett und ruh dich aus.‘ Ich sagte: ‚Nicht, bevor dieser arme, edle junge Mann sein Geld hat.‘ Also saß ich die ganze Nacht auf, und heute Morgen bin ich losgeschossen, und der erste Mann, den ich traf, sagte mir, du hättest auf der „Grand Turk“ angeheuert und wärst nach New Orleans gefahren. Nun, mein Herr, ich musste mich an ein Gebäude lehnen und weinen. So wahr mir Gott helfe, ich konnte nicht anders. Der Mann, dem der Ort gehörte, kam heraus, putzte mit einem Lappen, und sagte, er möge es nicht, wenn Leute an seinem Gebäude weinten, und dann schien es mir, als hätte sich die ganze Welt gegen mich verschworen, und es hätte keinen Sinn mehr zu leben; und als ich vor einer Stunde daherkam, leidend unter Qualen, die kein Mensch kennt, traf ich Jim Wilson und zahlte ihm die zweihundertfünfzig Dollar auf Rechnung; und zu denken, dass du jetzt hier bist und ich keinen Cent habe! Aber so sicher, wie ich hier auf diesem Boden auf diesem speziellen Ziegelstein stehe – da, ich habe eine Markierung auf dem Ziegelstein hinterlassen, um mich daran zu erinnern –, ich werde mir das Geld leihen und es dir morgen pünktlich um zwölf Uhr auszahlen! Nun, bleib so stehen; lass mich dich noch ein einziges Mal ansehen.“
Und so weiter. Yates’ Leben wurde ihm zur Last. Er konnte seinem Schuldner und dessen schrecklichen Leiden, weil er nicht zahlen konnte, nicht entkommen. Er scheute sich, sich auf der Straße zu zeigen, aus Angst, er könnte Stephen an der Ecke auf ihn lauern sehen.
Bogarts Billardsalon war in jenen Tagen ein beliebter Treffpunkt für Lotsen. Sie trafen sich dort fast genauso sehr, um Flussneuigkeiten auszutauschen, wie zum Spielen. Eines Morgens war Yates dort; Stephen war auch da, hielt sich aber außer Sichtweite. Aber nach einer Weile, als fast alle Lotsen, die in der Stadt waren, eingetroffen waren, erschien Stephen plötzlich inmitten der Gruppe und stürzte auf Yates zu wie auf einen lang verlorenen Bruder.
„Oh, ich bin so froh, dich zu sehen! Oh meine Seele, der Anblick von dir ist so ein Trost für meine Augen! Meine Herren, ich schulde euch allen Geld; euch allen schulde ich wahrscheinlich vierzigtausend Dollar. Ich möchte es bezahlen; ich habe die Absicht, es zu bezahlen, jeden letzten Cent davon. Ihr alle wisst, ohne dass ich es euch sagen muss, welchen Kummer es mir bereitet hat, so lange in so tiefen Verpflichtungen gegenüber solch geduldigen und großzügigen Freunden zu stehen; aber der schärfste Schmerz, den ich leide – bei weitem der schärfste – rührt von der Schuld her, die ich diesem edlen jungen Mann hier schulde; und ich bin heute Morgen eigens hierhergekommen, um die Ankündigung zu machen, dass ich endlich eine Methode gefunden habe, mit der ich all meine Schulden begleichen kann! Und ganz besonders wollte ich, dass er hier ist, wenn ich es verkünde. Ja, mein treuer Freund – mein Wohltäter, ich habe die Methode gefunden! Ich habe die Methode gefunden, all meine Schulden zu begleichen, und ihr werdet euer Geld bekommen!“ Hoffnung dämmerte in Yates’ Augen auf; dann fügte Stephen, wohlwollend strahlend und seine Hand auf Yates’ Kopf legend, hinzu: „Ich werde sie in alphabetischer Reihenfolge begleichen!“
Dann wandte er sich ab und verschwand. Die volle Bedeutung von Stephens „Methode“ dämmerte der verwirrten und nachdenklichen Menge erst nach etwa zwei Minuten; und dann murmelte Yates mit einem Seufzer:
„Nun, die Y’s haben eine glänzende Aussicht. Er wird in dieser Welt nicht weiter als bis zu den C’s kommen, und ich rechne damit, dass ich, nachdem in der nächsten Welt eine ganze Menge Ewigkeit verstrichen ist, dort oben immer noch als ‚dieser arme, zerlumpte Lotse, der in den frühen Tagen von St. Louis hierherkam‘ bezeichnet werde!“
KAPITEL 18
Ich nehme ein paar zusätzliche Stunden
WÄHREND der zwei oder zweieinhalb Jahre meiner Lehrzeit diente ich unter vielen Lotsen und machte Erfahrungen mit vielen Arten von Dampfschiffleuten und vielen Variationen von Dampfschiffen; denn es war nicht immer für Mr. Bixby bequem, mich bei sich zu haben, und in solchen Fällen schickte er mich mit jemand anderem. Ich profitiere bis heute ein wenig von dieser Erfahrung; denn in dieser kurzen, scharfen Schule lernte ich persönlich und vertraut fast alle verschiedenen Typen menschlicher Natur kennen, die man in der Fiktion, Biografie oder Geschichte finden kann. Die Tatsache wird mir täglich bewusst, dass eine durchschnittliche Beschäftigung an Land bis zu vierzig Jahre erfordert, um einen Mann mit dieser Art von Bildung auszustatten. Wenn ich sage, dass ich immer noch von dieser Sache profitiere, meine ich nicht, dass sie mich zu einem Menschenkenner gemacht hat – nein, das hat sie nicht; denn Menschenkenner werden geboren, nicht gemacht. Mein Gewinn ist vielfältig in Art und Grad; aber das Merkmal, das ich am meisten schätze, ist der Schwung, den diese frühe Erfahrung meinem späteren Lesen gegeben hat. Wenn ich eine gut gezeichnete Figur in der Fiktion oder Biografie finde, nehme ich im Allgemeinen ein warmes persönliches Interesse an ihr, aus dem Grund, dass ich sie schon früher gekannt habe – ihr auf dem Fluss begegnet bin.
Die Gestalt, die aus den Schatten jener entschwundenen Zeit am häufigsten vor mir auftaucht, ist die von Brown, vom Dampfer „Pennsylvania“ – dem Mann, auf den in einem früheren Kapitel Bezug genommen wurde, dessen Gedächtnis so gut und ermüdend war. Er war ein mittelalter, langer, schlanker, knochiger, glattrasierter, pferdegesichtiger, ignoranter, geiziger, bösartiger, knurrender, fehlerfindender, kleinliche Dinge vergrößernder Tyrann. Ich hatte früh die Gewohnheit angenommen, mit Angst im Herzen zum Dienst zu erscheinen. Egal, wie gut ich es mit der dienstfreien Wache unter Deck gehabt haben mochte und egal, wie hoch meine Stimmung gewesen sein mochte, wenn ich nach oben stieg, wurde meine Seele zu Blei in meinem Körper, in dem Moment, als ich mich dem Steuerhaus näherte.
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich in die Gegenwart dieses Mannes trat. Das Boot war von St. Louis zurückgesetzt worden und war dabei, sich „auszurichten“; ich stieg in bester Laune zum Steuerhaus hinauf und war sehr stolz darauf, halb-offiziell ein Mitglied der leitenden Familie eines so schnellen und berühmten Bootes zu sein. Brown war am Steuer. Ich hielt mitten im Raum inne, bereit, mich zu verbeugen, aber Brown schaute nicht herum. Ich dachte, er warf einen verstohlenen Blick aus dem Augenwinkel auf mich, aber da nicht einmal diese Notiz wiederholt wurde, urteilte ich, ich hätte mich geirrt. Zu dieser Zeit suchte er seinen Weg durch einige gefährliche „Brüche“ querab von den Holzplätzen; daher wäre es nicht angemessen gewesen, ihn zu unterbrechen; also trat ich leise zur hohen Bank und nahm Platz.
Es herrschte zehn Minuten lang Stille; dann drehte sich mein neuer Chef um und inspizierte mich absichtlich und mühsam von Kopf bis Fuß für etwa – wie es mir schien – eine Viertelstunde. Danach entfernte er sein Antlitz und ich sah es für einige Sekunden nicht mehr; dann kam es noch einmal herum, und diese Frage begrüßte mich –
„Bist du Horace Bigsbys Lehrling?“
„Ja, mein Herr.“
Danach gab es eine Pause und eine weitere Inspektion. Dann –
„Wie heißt du?“
Ich sagte es ihm. Er wiederholte es nach mir. Es war wahrscheinlich das Einzige, was er jemals vergaß; denn obwohl ich viele Monate mit ihm zusammen war, sprach er mich nie anders an als mit „Hier!“ und dann folgte sein Befehl.
„Wo bist du geboren?“
„In Florida, Missouri.“
Eine Pause. Dann –
„Ein verdammt großes Stück besser, du wärst da geblieben!“
Mittels eines Dutzends oder so ziemlich direkter Fragen pumpte er meine Familiengeschichte aus mir heraus.
Die Lote gingen jetzt, in der ersten Kreuzung. Das unterbrach das Verhör. Als die Lote eingeholt worden waren, fuhr er fort –
„Wie lange bist du schon auf dem Fluss?“
Ich sagte es ihm. Nach einer Pause –
„Wo hast du die Schuhe her?“
Ich gab ihm die Information.
„Heb deinen Fuß hoch!“
Ich tat es. Er trat zurück, untersuchte den Schuh minutiös und verächtlich, kratzte sich nachdenklich am Kopf, kippte seinen hohen Zuckerhut weit nach vorne, um die Operation zu erleichtern, dann stieß er hervor: „Nun, mich soll doch der Teufel holen!“ und kehrte zu seinem Steuer zurück.
Welcher Anlass bestand, sich verdammt zu fühlen, ist eine Sache, die mir heute noch genauso ein Rätsel ist wie damals. Es müssen sicher fünfzehn Minuten gewesen sein – fünfzehn Minuten stumpfer, heimwehkranker Stille –, bevor dieses lange Pferdegesicht sich wieder zu mir drehte – und dann, was für eine Veränderung! Es war rot wie Feuer, und jeder Muskel darin arbeitete. Nun kam dieser Schrei –
„Hier! – Willst du den ganzen Tag da sitzen?“
Ich landete mitten auf dem Boden, dorthin geschleudert von der elektrischen Plötzlichkeit der Überraschung. Sobald ich meine Stimme wiederfand, sagte ich entschuldigend: „Ich habe keine Befehle erhalten, mein Herr.“
„Du hast keine Befehle erhalten! Meine Güte, was für ein feiner Vogel wir doch sind! Wir müssen Befehle haben! Unser Vater war ein Gentleman – besaß Sklaven – und wir waren in der Schule. Ja, wir sind auch ein Gentleman und müssen Befehle haben! Befehle, nicht wahr? Befehle sind es, die du willst! Verdammt noch mal, ich werde dir beibringen, dich aufzublasen und hier mit deinen verdammt noch mal Befehlen herumzuprahlen! Weg vom Steuer!“ (Ich hatte mich ihm genähert, ohne es zu wissen.)
Ich trat einen oder zwei Schritte zurück und stand wie in einem Traum, alle meine Sinne betäubt von diesem rasenden Angriff.
„Was stehst du da? Bring den Eiskrug zum Texas-Bediensteten – komm, beweg dich und lass dir nicht den ganzen Tag Zeit damit!“
In dem Moment, als ich zum Steuerhaus zurückkam, sagte Brown –
„Hier! Was hast du die ganze Zeit da unten gemacht?“
„Ich konnte den Texas-Bediensteten nicht finden; ich musste den ganzen Weg bis zur Speisekammer gehen.“
„Verdammt wahrscheinliche Geschichte! Füll den Ofen auf.“
Ich machte mich daran, dies zu tun. Er beobachtete mich wie eine Katze. Bald schrie er –
„Lass die Schaufel fallen! Der dümmste Dummkopf, den ich je gesehen habe – hast nicht einmal genug Verstand, um einen Ofen vollzuladen.“
Während der ganzen Wache ging das so weiter. Ja, und die nachfolgenden Wachen waren während einer Reihe von Monaten ähnlich. Wie ich schon sagte, bekam ich bald die Gewohnheit, mit Angst zum Dienst zu erscheinen. In dem Moment, als ich in seiner Gegenwart war, selbst in der dunkelsten Nacht, konnte ich diese gelben Augen auf mir spüren und wusste, ihr Besitzer hielt Ausschau nach einem Vorwand, um etwas Gift auf mich zu spucken. Einleitend sagte er –
„Hier! Nimm das Steuer.“
Zwei Minuten später –
„Wo zum Teufel willst du hin? Zieh sie runter! Zieh sie runter!“
Nach einem weiteren Moment –
„Sag mal! Willst du sie den ganzen Tag halten? Lass sie los – triff sie! Triff sie!“
Dann sprang er von der Bank, riss mir das Steuer aus der Hand und traf sie selbst, während er die ganze Zeit Zorn auf mich ausschüttete.
George Ritchie war der Lehrling des anderen Lotsen. Er hatte jetzt gute Zeiten; denn sein Chef, George Ealer, war so gutherzig, wie Brown es nicht war. Ritchie war die Saison zuvor für Brown gelaufen; folglich wusste er genau, wie er sich amüsieren und mich plagen konnte, alles mit ein und derselben Operation. Wann immer ich während Ealers Wache für einen Moment das Steuer übernahm, lehnte sich Ritchie auf der Bank zurück und spielte Brown, mit ständigen Ausrufen wie: „Schnapp sie dir! Schnapp sie dir! Der verdammtste Schlammfisch, den ich je gesehen habe!“ „Hier! Wo willst du jetzt hin? Willst du über diesen Baumstamm fahren?“ „Zieh sie runter! Hörst du mich nicht? Zieh sie runter!“ „Da geht sie! Genau wie ich erwartet habe! Ich habe dir gesagt, du sollst dieses Riff nicht einengen. Weg vom Steuer!“
Also hatte ich immer eine raue Zeit, egal wessen Wache es war; und manchmal schien es mir, als wäre Ritchies gutmütige Stichelei fast genauso nervig wie Browns todernste Nörgelei.
Ich wollte Brown oft töten, aber das war keine Lösung. Ein Lehrling musste alles hinnehmen, was sein Chef an energischen Kommentaren und Kritik von sich gab; und wir alle glaubten, dass es ein US-Gesetz gab, das es zu einem Verbrechen mit Zuchthausstrafe machte, einen Lotsen im Dienst zu schlagen oder zu bedrohen. Wie auch immer, ich konnte mir vorstellen, Brown zu töten; es gab kein Gesetz dagegen; und das war die Sache, die ich immer in dem Moment tat, als ich im Bett lag. Anstatt meinen Fluss in meinem Geist durchzugehen, wie es meine Pflicht war, legte ich das Geschäft beiseite für das Vergnügen und tötete Brown. Ich tötete Brown monatelang jede Nacht; nicht auf alte, abgestandene, alltägliche Weise, sondern auf neue und malerische; – Wege, die manchmal überraschend waren in ihrer Frische des Designs und Grässlichkeit der Situation und Umgebung.
Brown hielt immer Ausschau nach einem Vorwand, um Fehler zu finden; und wenn er keinen plausiblen Vorwand finden konnte, erfand er einen. Er schimpfte mit dir, weil du ein Ufer gestreift hattest, und weil du es nicht gestreift hattest; weil du eine Sandbank umarmt hattest und weil du sie nicht umarmt hattest; weil du „runtergezogen“ hattest, wenn du nicht dazu aufgefordert wurdest, und weil du nicht runtergezogen hattest, wenn du nicht dazu aufgefordert wurdest; weil du ohne Befehle eingeheizt hattest und weil du auf Befehle gewartet hattest. Mit einem Wort, es war seine unveränderliche Regel, an allem, was du tatest, Fehler zu finden; und eine weitere unveränderliche Regel von ihm war, all seine Bemerkungen (an dich) in die Form einer Beleidigung zu kleiden.
Eines Tages näherten wir uns New Madrid, flussabwärts fahrend und schwer beladen. Brown war auf der einen Seite des Steuers und steuerte; ich war auf der anderen Seite und stand bereit, „runterzuziehen“ oder „hochzuschieben“. Er warf hin und wieder einen verstohlenen Blick auf mich. Ich hatte schon lange gelernt, was das bedeutete; d.h., er versuchte, eine Falle für mich zu erfinden. Ich fragte mich, welche Form sie annehmen würde. Bald trat er vom Steuer zurück und sagte in seiner üblichen knurrigen Art –
„Hier! – Sieh mal, ob du genug Grips hast, um sie herumzuholen.“
Das war einfach zum Scheitern verurteilt; nichts konnte es verhindern; denn er hatte mir noch nie erlaubt, das Boot zuvor herumzuholen; folglich, egal wie ich die Sache anstellen mochte, konnte er freien Fehler daran finden. Er stand da hinten mit seinem gierigen Auge auf mich, und das Ergebnis war, was man hätte vorhersehen können: Ich verlor in einer Viertelminute den Kopf und wusste nicht, was ich tat; ich fing zu früh an, das Boot herumzubringen, bemerkte aber einen grünen Freude-Glanz in Browns Auge und korrigierte meinen Fehler; ich fing noch einmal an, herumzukommen, während ich zu weit oben war, korrigierte mich aber rechtzeitig wieder; ich machte andere falsche Bewegungen und schaffte es trotzdem, mich zu retten; aber schließlich wurde ich so verwirrt und ängstlich, dass ich in den schlimmsten Fehler von allen stolperte – ich kam zu weit runter, bevor ich anfing, das Boot herumzubringen. Browns Chance war gekommen.
Sein Gesicht wurde rot vor Leidenschaft; er machte einen Satz, schleuderte mich mit einem Schwung seines Arms über das Haus, wirbelte das Steuer herum und begann, einen Strom von Beschimpfungen über mich auszugießen, der anhielt, bis er außer Atem war. Im Laufe dieser Rede nannte er mich alle verschiedenen Arten von harten Namen, die ihm einfielen, und ein- oder zweimal dachte ich, er würde sogar fluchen – aber das tat er diesmal nicht. „Verdammt noch mal“ war das Nächste, was er an Luxus des Fluchens wagte, denn er war mit einem gesunden Respekt vor zukünftigem Feuer und Schwefel erzogen worden.
Das war eine unbequeme Stunde; denn es gab ein großes Publikum auf dem Hurrikan-Deck. Als ich an jenem Abend zu Bett ging, tötete ich Brown auf siebzehn verschiedene Arten – alle neu.
KAPITEL 19
Brown und ich tauschen Komplimente
Zwei Fahrten später geriet ich in ernsthafte Schwierigkeiten. Brown steuerte; ich „zog runter“. Mein jüngerer Bruder erschien auf dem Hurrikan-Deck und rief Brown zu, an irgendeiner Anlegestelle eine Meile oder so weiter flussabwärts zu halten. Brown gab keinen Hinweis darauf, dass er irgendetwas gehört hatte. Aber das war seine Art: Er würdigte einen Unter-Zahlmeister nie eines Blickes. Der Wind wehte; Brown war taub (obwohl er immer vorgab, er sei es nicht), und ich bezweifelte sehr, dass er den Befehl gehört hatte. Hätte ich zwei Köpfe, hätte ich gesprochen; aber da ich nur einen hatte, erschien es klug, auf ihn aufzupassen; also blieb ich still.
Bald darauf fuhren wir tatsächlich an jener Plantage vorbei. Kapitän Klinefelter erschien auf dem Deck und sagte –
„Lass sie herumkommen, mein Herr, lass sie herumkommen. Hat Henry dir nicht gesagt, dass du hier anlegen sollst?“
„Nein, mein Herr!“
„Ich habe ihn hochgeschickt, es zu tun.“
„Er ist hochgekommen; und das ist alles, was es genützt hat, der verdammt noch mal Narr. Er hat nichts gesagt.“
„Hast du ihn nicht gehört?“, fragte der Kapitän mich.
Natürlich wollte ich nicht in diese Angelegenheit hineingezogen werden, aber es gab keinen Weg, es zu vermeiden; also sagte ich –
„Ja, mein Herr.“
Ich wusste, was Browns nächste Bemerkung sein würde, bevor er sie aussprach; sie war –
„Halt den Mund! Du hast nie so etwas gehört.“
Ich schloss meinen Mund gemäß den Anweisungen. Eine Stunde später betrat Henry das Steuerhaus, ohne zu wissen, was vor sich gegangen war. Er war ein absolut unschuldiger Junge, und es tat mir leid, ihn kommen zu sehen, denn ich wusste, Brown würde kein Mitleid mit ihm haben. Brown begann sofort –
„Hier! Warum hast du mir nicht gesagt, dass wir an jener Plantage anlegen mussten?“
„Ich habe es Ihnen gesagt, Mr. Brown.“
„Es ist eine Lüge!“
Ich sagte –
„Sie lügen selbst. Er hat es Ihnen gesagt.“
Brown starrte mich in ungespielter Überraschung an; und für einen Moment war er völlig sprachlos; dann schrie er mich an –
„Ich werde mich in einer halben Minute um deinen Fall kümmern!“ dann zu Henry: „Und du verlässt das Steuerhaus; raus mit dir!“
Es war Lotsenrecht und musste befolgt werden. Der Junge machte sich auf den Weg und hatte sogar schon einen Fuß auf der oberen Stufe vor der Tür, als Brown, von einem plötzlichen Wutanfall gepackt, ein zehn Pfund schweres Stück Kohle aufhob und ihm nachsprang; aber ich stand mit einem schweren Hocker dazwischen und verpasste Brown einen guten, ehrlichen Schlag, der ihn langstreckte.
Ich hatte das Verbrechen aller Verbrechen begangen – ich hatte meine Hand gegen einen Lotsen im Dienst erhoben! Ich nahm an, dass ich sicher für das Zuchthaus gebucht war, und konnte nicht sicherer gebucht sein, wenn ich weitermachte und meine lange Rechnung mit dieser Person beglich, solange ich die Gelegenheit dazu hatte; folglich blieb ich an ihm dran und drosch eine beträchtliche Zeit lang mit meinen Fäusten auf ihn ein – ich weiß nicht wie lange, das Vergnügen daran ließ es wahrscheinlich länger erscheinen, als es wirklich war –; aber am Ende rang er sich frei, sprang auf und stürzte zum Steuer: eine sehr natürliche Sorge, denn während der ganzen Zeit raste dieses Dampfschiff mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Meilen in der Stunde den Fluss hinunter und niemand war am Ruder! Eagle Bend war jedoch bei diesem bis an die Ufer gefüllten Wasserstand zwei Meilen breit und entsprechend lang und tief; und das Boot steuerte von selbst genau die Mitte entlang und ging kein Risiko ein. Dennoch war das nur Glück – man hätte sie auch mitten in den Wald hineinrasen sehen können.
Als Brown auf einen Blick wahrnahm, dass die ‚Pennsylvania‘ in keiner Gefahr war, nahm er das große Fernrohr wie einen Kriegsklub auf und befahl mir mit mehr als komanchem Getöse aus dem Steuerhaus. Aber ich hatte jetzt keine Angst mehr vor ihm; also blieb ich, anstatt zu gehen, und kritisierte seine Grammatik; ich verbesserte seine grimmigen Reden für ihn und brachte sie in ein gutes Englisch, wobei ich ihn auf den Vorteil des reinen Englisch gegenüber dem Bastard-Dialekt der Kohlenreviere in Pennsylvania aufmerksam machte, aus denen er stammte.
Er hätte seinen Teil in einem Kreuzfeuer reiner Beschimpfungen natürlich bewundernswert erledigen können; aber für diese Art von Kontroverse war er nicht gerüstet; also legte er bald sein Glas beiseite und übernahm das Steuer, während er vor sich hin murmelte und den Kopf schüttelte; und ich zog mich auf die Bank zurück. Der Lärm hatte alle aufs Hurricane-Deck gebracht, und ich zitterte, als ich sah, wie der alte Kapitän inmitten der Menge heraufblickte. Ich sagte zu mir selbst: ‚Jetzt bin ich erledigt!‘ – Denn obwohl er im Allgemeinen so väterlich und nachsichtig gegenüber der Schiffsfamilie und so geduldig bei kleineren Unzulänglichkeiten war, konnte er streng genug sein, wenn der Fehler es wert war.
Ich versuchte mir vorzustellen, was er mit einem Lehrlingslotsen tun würde, der sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht hatte wie ich, begangen auf einem Boot, das bis zum Dollbord mit kostbarer Fracht beladen und voller Passagiere war. Unsere Wache war fast zu Ende. Ich dachte, ich würde mich irgendwo verstecken, bis ich eine Chance hätte, an Land zu schlüpfen. Also schlüpfte ich aus dem Steuerhaus, die Treppen hinunter und um die Texas-Tür herum – und war gerade dabei, hineinzugleiten, als der Kapitän vor mir stand! Ich ließ den Kopf hängen, und er stand einen Moment lang schweigend über mir, dann sagte er eindrucksvoll –
„Folgen Sie mir.“
Ich folgte in seinem Kielwasser; er ging voran zu seiner Kammer am vorderen Ende der Texas. Jetzt waren wir allein. Er schloss die hintere Tür; dann ging er langsam zur vorderen und schloss diese. Er setzte sich; ich stand vor ihm. Er sah mich eine kleine Weile an, dann sagte er –
„Sie haben sich also mit Mr. Brown geschlagen?“
Ich antwortete kleinlaut –
„Ja, Sir.“
„Wissen Sie, dass das eine sehr ernste Angelegenheit ist?“
„Ja, Sir.“
„Sind Sie sich bewusst, dass dieses Boot volle fünf Minuten lang den Fluss hinuntergepflügt ist, ohne dass jemand am Steuer war?“
„Ja, Sir.“
„Haben Sie ihn zuerst geschlagen?“
„Ja, Sir.“
„Womit?“
„Mit einem Hocker, Sir.“
„Fest?“
„Mittelmäßig, Sir.“
„Hat es ihn zu Boden geschlagen?“
„Er – er ist gefallen, Sir.“
„Haben Sie nachgesetzt? Haben Sie noch etwas getan?“
„Ja, Sir.“
„Was haben Sie getan?“
„Auf ihn eingedroschen, Sir.“
„Auf ihn eingedroschen?“
„Ja, Sir.“
„Haben Sie viel auf ihn eingedroschen? – das heißt, schwer?“
„Man könnte es vielleicht so nennen, Sir.“
„Ich bin verdammt froh darüber! Horchen Sie, erwähnen Sie niemals, dass ich das gesagt habe. Sie haben sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht; und lassen Sie sich auf diesem Boot nie wieder eines solchen schuldig werden. Aber – warten Sie an Land auf ihn! Verpassen Sie ihm eine ordentliche Tracht Prügel, hören Sie? Ich bezahle die Kosten. Gehen Sie jetzt – und denken Sie daran, kein Wort davon zu irgendjemandem. Verschwinden Sie! – Sie haben sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht, Sie Welpe!“
Ich schlüpfte hinaus, glücklich über das Gefühl, knapp davongekommen zu sein und eine gewaltige Befreiung erfahren zu haben; und ich hörte ihn in sich hineinlachen und sich auf seine dicken Schenkel schlagen, nachdem ich seine Tür geschlossen hatte.
Als Brown von der Wache kam, ging er direkt zum Kapitän, der mit einigen Passagieren auf dem Kesseldeck sprach, und verlangte, dass ich in New Orleans an Land gesetzt würde – und fügte hinzu –
„Ich werde nie wieder ein Rad auf diesem Boot drehen, solange dieser Bengel bleibt.“
Der Kapitän sagte –
„Aber er braucht ja nicht hier zu sein, wenn Sie Wache haben, Mr. Brown.“
„Ich bleibe nicht einmal auf demselben Boot wie er. Einer von uns muss von Bord.“
„Sehr wohl“, sagte der Kapitän, „dann seien Sie es selbst;“ und setzte sein Gespräch mit den Passagieren fort.
Während des kurzen Rests der Reise wusste ich, wie sich ein befreiter Sklave fühlt; denn ich war selbst ein befreiter Sklave. Während wir an Anlegestellen lagen, lauschte ich George Ealers Flötenspiel; oder seinen Lesungen aus seinen zwei Bibeln, das heißt Goldsmith und Shakespeare; oder ich spielte Schach mit ihm – und hätte ihn manchmal besiegt, nur nahm er immer seinen letzten Zug zurück und spielte die Partie anders zu Ende.
KAPITEL 20
Eine Katastrophe
WIR lagen drei Tage in New Orleans, aber der Kapitän hatte keinen Erfolg bei der Suche nach einem anderen Lotsen; also schlug er vor, dass ich eine Tageswache übernehmen und die Nachtwachen George Ealer überlassen sollte. Aber ich hatte Angst; ich hatte noch nie alleine irgendeine Art von Wache gehalten und glaubte, dass ich sicher am Kopf irgendeiner Durchfahrt in Schwierigkeiten geraten oder das Boot in einer Abkürzung durch irgendeine Sandbank auf Grund setzen würde. Brown blieb an seinem Platz; aber er wollte nicht mit mir fahren. Also gab mir der Kapitän einen Befehl an den Kapitän der ‚A. T. Lacey‘ für eine Überfahrt nach St. Louis und sagte, er würde dort einen neuen Lotsen finden und mein Platz als Steuermann könnte dann wieder eingenommen werden. Die ‚Lacey‘ sollte ein paar Tage nach der ‚Pennsylvania‘ ablegen.
In der Nacht, bevor die ‚Pennsylvania‘ ablegte, saßen Henry und ich bis Mitternacht auf einem Frachtstapel am Deich und unterhielten uns. Das Thema des Gesprächs war hauptsächlich eines, das wir, glaube ich, vorher noch nicht behandelt hatten – Dampfschiffskatastrophen. Eine war damals auf dem Weg zu uns, so wenig wir es auch ahnten; das Wasser, das den Dampf erzeugen sollte, der sie verursachen würde, wusch während unseres Gesprächs an irgendeinem Punkt fünfzehnhundert Meilen flussaufwärts vorbei; – aber es würde zur rechten Zeit am rechten Ort eintreffen. Wir bezweifelten, ob Personen, die nicht mit Autorität bekleidet waren, in Katastrophenfällen und bei damit verbundener Panik von großem Nutzen seien; dennoch könnten sie von einigem Nutzen sein; also beschlossen wir, dass wir, falls wir jemals eine Katastrophe erleben sollten, zumindest auf dem Boot bleiben und solche kleinen Dienste leisten würden, wie sie der Zufall uns in den Weg legen mochte. Henry erinnerte sich später daran, als die Katastrophe kam, und handelte entsprechend.
Die ‚Lacey‘ startete zwei Tage hinter der ‚Pennsylvania‘ den Fluss hinauf. Wir legten ein paar Tage nach dem Auslaufen in Greenville, Mississippi, an, und jemand schrie –
„Die ‚Pennsylvania‘ ist bei Ship Island explodiert und einhundertfünfzig Menschenleben sind verloren!“
In Napoleon, Arkansas, erhielten wir am selben Abend eine Sonderausgabe einer Zeitung aus Memphis, die einige Einzelheiten enthielt. Sie erwähnte meinen Bruder und sagte, er sei nicht verletzt.
Weiter flussaufwärts bekamen wir eine spätere Sonderausgabe. Mein Bruder wurde wieder erwähnt; aber diesmal als hoffnungslos verletzt. Wir erhielten erst in Memphis vollständige Einzelheiten der Katastrophe. Dies ist die traurige Geschichte –
Es war sechs Uhr an einem heißen Sommermorgen. Die ‚Pennsylvania‘ schlich nördlich von Ship Island, etwa sechzig Meilen unterhalb von Memphis, mit halber Dampfkraft dahin und schleppte einen Holzprahm, der gerade geleert wurde. George Ealer war im Steuerhaus – allein, glaube ich; der zweite Maschinist und ein Heizer hatten die Wache im Maschinenraum; der zweite Maat hatte die Wache an Deck; George Black, Mr. Wood und mein Bruder, die Schreiber, schliefen, ebenso wie Brown und der Chefmaschinist, der Zimmermann, der erste Maat und ein Heizer; Kapitän Klinefelter saß auf dem Stuhl des Barbiers, und der Barbier bereitete sich darauf vor, ihn zu rasieren. Es waren eine ganze Reihe von Kabinenpassagieren an Bord und drei- oder vierhundert Deckpassagiere – so hieß es damals – und nicht sehr viele von ihnen waren schon auf den Beinen. Da das Holz fast vollständig aus dem Prahm heraus war, läutete Ealer, um mit voller Kraft ‚voraus‘ zu fahren, und im nächsten Moment explodierten vier der acht Kessel mit einem donnernden Krachen, und das gesamte vordere Drittel des Bootes wurde in den Himmel gehoben! Der Hauptteil der Masse, mitsamt den Schornsteinen, fiel wieder auf das Boot zurück, ein Berg von durchlöchertem und chaotischem Schutt – und dann, nach einer Weile, brach Feuer aus.
Viele Menschen wurden beträchtliche Entfernungen fortgeschleudert und fielen in den Fluss; darunter waren Mr. Wood und mein Bruder sowie der Zimmermann. Der Zimmermann lag noch auf seiner Matratze, als er fünfundsiebzig Fuß vom Boot entfernt ins Wasser aufschlug. Brown, der Lotse, und George Black, der Chefschreiber, wurden nach der Explosion nie wieder gesehen oder von ihnen gehört. Der Friseurstuhl, mit Kapitän Klinefelter darin und unverletzt, blieb mit der Rückenlehne über dem Nichts hängen – alles davor, Boden und alles, war verschwunden; und der verblüffte Barbier, der ebenfalls unverletzt war, stand mit einer Zehe über dem Abgrund, rührte immer noch unbewusst seinen Schaum und sagte kein Wort.
Als George Ealer sah, wie die Schornsteine vor ihm in die Höhe schnellten, wusste er, was los war; also hüllte er sein Gesicht in die Revers seines Mantels und presste beide Hände fest darauf, um diesen Schutz an Ort und Stelle zu halten, damit kein Dampf an seine Nase oder seinen Mund gelangen konnte. Er hatte reichlich Zeit, sich um diese Details zu kümmern, während er aufstieg und zurückkehrte. Er landete schließlich auf den nicht explodierten Kesseln, vierzig Fuß unter dem früheren Steuerhaus, begleitet von seinem Rad und einem Regen aus anderen Dingen, und eingehüllt in eine Wolke aus verbrühendem Dampf. Alle der vielen, die diesen Dampf einatmeten, starben; niemand entkam. Aber Ealer atmete nichts davon ein. Er bahnte sich so schnell er konnte den Weg zur freien Luft; und als sich der Dampf lichtete, kehrte er zurück, kletterte wieder auf die Kessel und suchte geduldig jeden einzelnen seiner Schachfiguren und die verschiedenen Teile seiner Flöte zusammen.
Zu dieser Zeit begann das Feuer zu drohen. Schreie und Stöhnen erfüllten die Luft. Sehr viele Personen waren verbrüht worden, sehr viele verkrüppelt; die Explosion hatte einem Mann ein eisernes Brecheisen durch den Körper getrieben – ich glaube, sie sagten, er sei ein Priester gewesen. Er starb nicht sofort, und seine Leiden waren sehr schrecklich. Ein junger französischer Seekadett von fünfzehn Jahren, Sohn eines französischen Admirals, war schrecklich verbrüht, trug seine Qualen aber mannhaft. Beide Maate waren schwer verbrüht, standen aber dennoch auf ihren Posten. Sie zogen das Holzboot achtern, und sie und der Kapitän hielten die wilde Herde verängstigter Einwanderer zurück, bis die Verwundeten dorthin gebracht und zuerst in Sicherheit gebracht werden konnten.
Als Mr. Wood und Henry ins Wasser fielen, schwammen sie auf das Ufer zu, das nur wenige hundert Meter entfernt war; aber Henry sagte bald, er glaube, er sei nicht verletzt (was für ein unerklärlicher Irrtum!), und würde daher zum Boot zurückschwimmen und helfen, die Verwundeten zu retten. Also trennten sie sich, und Henry kehrte zurück.
Zu diesem Zeitpunkt machte das Feuer heftige Fortschritte, und mehrere Personen, die unter den Trümmern gefangen waren, bettelten jämmerlich um Hilfe. Alle Anstrengungen, das Feuer zu bezwingen, erwiesen sich als fruchtlos; also wurden die Eimer bald beiseite geworfen und die Offiziere machten sich mit Äxten an die Arbeit und versuchten, die Gefangenen freizuschneiden. Ein Heizer war einer der Gefangenen; er sagte, er sei nicht verletzt, könne sich aber nicht befreien; und als er sah, dass das Feuer die Arbeiter wahrscheinlich vertreiben würde, bat er, dass ihn jemand erschießen möge, um ihn so vor dem schrecklicheren Tod zu bewahren. Das Feuer vertrieb tatsächlich die Axtmänner, und sie mussten hilflos den Flehrufen dieses armen Kerls zuhören, bis die Flammen seinem Elend ein Ende setzten.
Das Feuer trieb alle, die dort untergebracht werden konnten, auf den Holzprahm; er wurde dann losgemacht, und er und der brennende Dampfer trieben den Fluss hinunter in Richtung Ship Island. Sie machten den Prahm am Kopf der Insel fest, und dort mussten die halbnackten Insassen, ungeschützt vor der brennenden Sonne, den Rest des Tages ohne Nahrung oder Stärkungsmittel oder Hilfe für ihre Wunden bleiben. Ein Dampfer kam schließlich vorbei und brachte die Unglücklichen nach Memphis, und dort war sofort die großzügigste Hilfe zur Stelle. Zu diesem Zeitpunkt war Henry besinnungslos. Die Ärzte untersuchten seine Verletzungen und sahen, dass sie tödlich waren, und wandten ihre Hauptaufmerksamkeit natürlich den Patienten zu, die gerettet werden konnten.
Vierzig der Verwundeten wurden auf Strohsäcke auf dem Boden einer großen öffentlichen Halle gelegt, und unter ihnen war Henry. Dorthin kamen die Damen von Memphis jeden Tag mit Blumen, Früchten und Leckereien aller Art, und dort blieben sie und pflegten die Verwundeten. Alle Ärzte hielten dort Wache, und alle Medizinstudenten; und der Rest der Stadt stellte Geld zur Verfügung oder was auch immer sonst gebraucht wurde. Und Memphis wusste, wie man all diese Dinge gut macht; denn viele Katastrophen wie die der ‚Pennsylvania‘ waren in ihrer Nähe geschehen, und sie war vor allen anderen Städten am Fluss erfahren in dem gnädigen Amt des ‚Barmherzigen Samariters‘.
Der Anblick, den ich sah, als ich diese große Halle betrat, war neu und fremd für mich. Zwei lange Reihen ausgestreckter Gestalten – insgesamt mehr als vierzig – und jedes Gesicht und jeder Kopf ein formloses Bündel loser, roher Baumwolle. Es war ein grausiges Schauspiel. Ich wachte dort sechs Tage und Nächte, und es war eine sehr melancholische Erfahrung. Es gab einen täglichen Vorfall, der besonders deprimierend war: das war die Verlegung der Todgeweihten in eine eigene Kammer. Dies geschah, damit die Moral der anderen Patienten nicht dadurch beeinträchtigt wurde, dass sie einen der Ihren im Todeskampf sahen. Der dem Untergang Geweihte wurde immer mit so wenig Aufsehen wie möglich hinausgetragen, und die Trage wurde immer durch eine Mauer von Helfern vor Blicken verborgen; aber egal: jeder wusste, was diese Ansammlung gebeugter Gestalten mit ihrem gedämpften Schritt und ihrer langsamen Bewegung bedeutete; und alle Augen beobachteten sie wehmütig, und ein Schaudern lief wie eine Welle an ihr vorbei.
Ich sah viele arme Kerle in den ‚Todesraum‘ gebracht werden und sah sie danach nicht mehr. Aber ich sah unseren ersten Maat mehr als einmal dorthin getragen werden. Seine Verletzungen waren schrecklich, besonders seine Verbrühungen. Er war bis zur Taille in Leinöl und rohe Baumwolle gehüllt und glich nichts Menschlichem mehr. Er war oft geistig abwesend; und dann ließen ihn seine Schmerzen rasen und schreien und manchmal kreischen. Dann, nach einer Periode stummer Erschöpfung, verwandelte seine gestörte Fantasie den großen Raum plötzlich in ein Vorschiff und die hastige Schar von Krankenpflegern in die Besatzung; und er richtete sich auf und schrie: ‚Humpelt euch, humpelt euch, ihr Versteinerungen, Schneckenbäuche, Leichenträger! Wollt ihr den ganzen Tag brauchen, um diese Handvoll Fracht rauszukriegen?‘ und ergänzte diesen Ausbruch mit einer den Himmel auslöschenden Eruption von Flüchen, die nichts aufhalten oder stoppen konnte, bis sein Krater leer war. Und ab und zu, während ihn diese Rasereien besaßen, riss er sich handvollweise die Baumwolle ab und entblößte sein gekochtes Fleisch. Es war schrecklich. Es war natürlich schlecht für die anderen – dieser Lärm und diese Darbietungen; also versuchten die Ärzte ihm Morphin zu geben, um ihn zu beruhigen. Aber ob bei Sinnen oder nicht, er wollte es nicht nehmen. Er sagte, seine Frau sei durch diese tückische Droge getötet worden, und er würde lieber sterben, als sie zu nehmen. Er vermutete, dass die Ärzte sie in seinen gewöhnlichen Medikamenten und in seinem Wasser versteckten – also hörte er auf, beides an seine Lippen zu führen. Einmal, als er während zweier schwüler Tage ohne Wasser gewesen war, nahm er den Schöpflöffel in die Hand, und der Anblick der klaren Flüssigkeit und das Elend seines Durstes versuchten ihn fast über seine Kräfte hinaus; aber er beherrschte sich und warf ihn weg, und danach ließ er nicht mehr zu, dass ihm etwas in die Nähe gebracht wurde. Dreimal sah ich ihn in den Todesraum tragen, bewusstlos und für sterbend gehalten; aber jedes Mal kam er wieder zu sich, verfluchte seine Pfleger und verlangte, zurückgebracht zu werden. Er lebte lange genug, um wieder Maat auf einem Dampfschiff zu werden.
Aber er war der Einzige, der in den Todesraum ging und lebend zurückkehrte. Dr. Peyton, ein leitender Arzt, reich an allen Attributen, die einen hohen und makellosen Charakter ausmachen, tat für Henry alles, was gebildetes Urteilsvermögen und geschultes Können tun konnten; aber, wie die Zeitungen am Anfang gesagt hatten, seine Verletzungen waren nicht mehr zu heilen. Am Abend des sechsten Tages beschäftigte sich sein umherirrender Geist mit Dingen in weiter Ferne, und seine kraftlosen Finger ‚zupften an seiner Bettdecke‘. Sein Stündlein hatte geschlagen; wir trugen ihn in den Todesraum, armer Junge.
KAPITEL 21
Ein Abschnitt meiner Biographie
Zu gegebener Zeit erhielt ich meine Lizenz. Ich war jetzt Lotse, voll ausgebildet. Ich rutschte in gelegentliche Beschäftigungen; da keine Unglücke eintraten, wich die zeitweilige Arbeit stetigen und langwierigen Engagements. Die Zeit verstrich reibungslos und wohlhabend, und ich nahm an – und hoffte –, dass ich den Rest meiner Tage auf dem Fluss bleiben und am Steuer sterben würde, wenn meine Mission erfüllt war. Aber nach und nach kam der Krieg, der Handel wurde unterbrochen, mein Beruf war weg.
Ich musste mir einen anderen Lebensunterhalt suchen. Also wurde ich Silberminenarbeiter in Nevada; dann Zeitungsreporter; dann Goldgräber in Kalifornien; dann Reporter in San Francisco; dann Sonderkorrespondent auf den Sandwichinseln; dann wandernder Korrespondent in Europa und im Osten; dann pädagogischer Fackelträger auf dem Vortragspodium; und schließlich wurde ich ein Bücherschreiber und ein unbeweglicher Fixpunkt zwischen den anderen Felsen Neuenglands.
In so wenigen Worten habe ich die einundzwanzig langsam dahingleitenden Jahre abgetan, die gekommen und gegangen sind, seit ich das letzte Mal aus den Fenstern eines Steuerhauses geschaut habe.
Lassen Sie uns jetzt fortfahren.
KAPITEL 22
Ich kehre zu meinen Schafen zurück
NACH einundzwanzig Jahren Abwesenheit verspürte ich ein sehr starkes Verlangen, den Fluss wiederzusehen, die Dampfschiffe und diejenigen der Jungs, die noch übrig sein mochten; also beschloss ich, dorthin zu fahren. Ich warb einen Dichter als Begleiter an und einen Stenographen, um ihn ‚aufzuzeichnen‘, und brach Mitte April in Richtung Westen auf.
Da ich beabsichtigte, Notizen im Hinblick auf eine Veröffentlichung zu machen, dachte ich über die Vorgehensweise nach. Ich überlegte, dass ich, wenn ich auf dem Fluss erkannt würde, nicht so frei wäre, zu kommen und zu gehen, zu reden, mich zu erkundigen und herumzuschnüffeln, wie wenn ich unbekannt wäre; ich erinnerte mich, dass es bei den Dampfschiffern in der alten Zeit üblich war, den arglosen Fremden mit den malerischsten und bewundernswertesten Lügen vollzustopfen und den weltgewandten Freund mit langweiligen und wirkungslosen Fakten abzuspeisen: also kam ich zu dem Schluss, dass es vom geschäftlichen Standpunkt aus ein Vorteil wäre, unsere Gruppe mit fiktiven Namen zu tarnen. Die Idee war sicherlich gut, aber sie brachte unendliche Mühe mit sich; denn obwohl Smith, Jones und Johnson leicht zu merkende Namen sind, wenn es keinen Anlass gibt, sie sich zu merken, ist es fast unmöglich, sich an sie zu erinnern, wenn sie gebraucht werden. Wie schaffen es Kriminelle, ein brandneues Pseudonym im Gedächtnis zu behalten? Das ist ein großes Geheimnis. Ich war unschuldig; und doch war ich selten in der Lage, meinen neuen Namen parat zu haben, wenn er gebraucht wurde; und es schien mir, dass, wenn ich ein Verbrechen auf dem Gewissen gehabt hätte, um mich noch mehr zu verwirren, ich den Namen überhaupt nie hätte behalten können.
Wir reisten am 18. April um 8 Uhr morgens mit der Pennsylvania Railroad ab.
„ABEND. Wo wir gerade von Kleidung sprechen. Anmut und Malerisches verlieren sich allmählich, wenn man sich von New York entfernt.“
Das finde ich in meinen Notizen. Es spielt keine Rolle, welche Richtung man einschlägt, die Tatsache bleibt dieselbe. Ob man nach Norden, Süden, Osten oder Westen zieht, ganz gleich: Man kann morgens aufstehen und erraten, wie weit man gekommen ist, indem man feststellt, an welchem Grad an Anmut und Malerischem es den Kostümen der neuen Passagiere mittlerweile mangelt – ich meine damit nicht nur die Frauen, sondern beide Geschlechter. Es mag sein, dass die Haltung der Grund für diese Sache ist; und ich glaube, das ist sie auch; denn es gibt in den Provinzstädten reichlich Damen und Herren, deren Kleidung gänzlich von den besten Schneidern und Modistinnen aus New York gefertigt ist; dennoch hat dies keinen wahrnehmbaren Einfluss auf die große Tatsache: Das geschulte Auge hält diese Leute niemals für New Yorker. Nein, ein geborener und erzogener New Yorker besitzt eine gottgegebene Anmut, einen Schwung und einen Stil, die bloße Kleidung nicht bewirken kann.
'19. APRIL. Heute Morgen stießen wir in die Region der Vollbärte – manchmal mit einem Schnurrbart kombiniert, aber nur gelegentlich.'
Es war seltsam, auf diese dichte Ernte einer veralteten und unschönen Mode zu stoßen; es war, als würde man plötzlich einem vergessenen Bekannten begegnen, von dem man geglaubt hatte, er sei seit einer Generation tot. Der Ziegenbart erstreckt sich über eine weite Landfläche; und er geht einher mit einem eisenfesten Glauben an Adam und die biblische Schöpfungsgeschichte, der unter den Angriffen der Wissenschaftler nicht gelitten hat.
'NACHMITTAG. An den Bahnhöfen tragen die Herumtreiber beide Hände in den Hosentaschen; bisher war zu beobachten, dass eine Hand manchmal draußen war – hier niemals. Das ist eine wichtige Tatsache in der Geographie.'
Wenn die Herumtreiber den Charakter eines Landes bestimmten, wäre es natürlich noch wichtiger.
'Bisher konnte man durchweg beobachten, dass der Bahnhofsherumtreiber sich oft mit dem einen Fuß das andere Schienbein kratzte; hier fehlen diese Überbleibsel von Aktivität. Das sieht unheilvoll aus.'
Nach und nach gelangten wir in die Tabakkauregion. Vor fünfzig Jahren bedeckte die Tabakkauregion die gesamte Union. Sie ist jetzt stark eingeschränkt.
Als Nächstes begannen Stiefel aufzutauchen. Nicht in starker Besetzung jedoch. Später – weit unten am Mississippi – wurden sie zur Regel. Sie verschwanden zusammen mit dem Schlamm aus anderen Teilen der Union; zweifellos werden sie auch aus den Flussdörfern verschwinden, wenn erst einmal ordentliche Pflasterungen Einzug halten.
Wir erreichten St. Louis um zehn Uhr nachts. Am Schalter des Hotels gab ich einen hastig erfundenen fiktiven Namen an, mit einem kläglichen Versuch von sorgloser Leichtigkeit. Der Angestellte hielt inne und musterte mich auf die mitleidige Art, wie man eine respektable Person mustert, die man in zweifelhaften Umständen antrifft; dann sagte er:
'Alles in Ordnung; ich weiß, was für ein Zimmer Sie haben wollen. Ich habe früher im St. James in New York gearbeitet.'
Ein wenig vielversprechender Anfang für eine betrügerische Laufbahn. Wir machten uns auf den Weg zum Speisesaal und trafen zwei andere Männer, die ich von anderswo kannte. Wie seltsam und ungerecht das ist: Boshafte Hochstapler reisen herum und halten unter meinem Nom de Guerre Vorträge, und niemand schöpft Verdacht; aber wenn ein ehrlicher Mann einen Betrug versucht, wird er sofort entlarvt.
Eines schien klar: Wir mussten am nächsten Tag den Fluss hinunterfahren, wenn Leute, die sich nicht täuschen ließen, in diesem Tempo auftauchten: eine unangenehme Enttäuschung, denn wir hatten gehofft, eine Woche in St. Louis zu verbringen. Das Southern war ein gutes Hotel, und wir hätten dort eine angenehme Zeit haben können. Es ist groß und wird gut geführt, und seine Dekorationen bringen einen nicht zum Weinen, wie die des riesigen Palmer House in Chicago. Zwar stammten die Billardtische aus der alt-silurischen Periode und die Queues und Bälle aus dem Post-Pliozän; aber darin lag Erfrischung, kein Unbehagen; denn in der Betrachtung von Antiquitäten liegt Ruhe und Heilung.
Das bemerkenswerteste Fehlen, das im Billardzimmer zu beobachten war, war das Fehlen des Flussmannes. Wenn er da war, dann hatte er sein Schild eingeholt, er war verkleidet. Ich sah dort nichts von den aufgedonnerten Allüren und den Zierereien, den ostentativen Zurschaustellungen von Geld und den pompösen Verschwendungen desselben, die in vergangenen Tagen die Dampfschiff-Leute in den überfüllten Billardzimmern von St. Louis von den Leuten vom Festland unterschieden. In jenen Zeiten waren die Hauptsaloons immer voller Flussleute; bei fünfzig anwesenden Spielern stammten wahrscheinlich dreißig oder fünfunddreißig vom Fluss. Aber ich vermutete, dass die Reihen jetzt gelichtet waren und die Dampfschiffer keine Aristokratie mehr darstellten. Warum, zu meiner Zeit pflegten sie den 'Barkeeper' Bill oder Joe oder Tom zu nennen und ihm auf die Schulter zu klopfen; ich hielt danach Ausschau. Aber keiner dieser Leute tat es. Offensichtlich war ein Ruhm, der einst bestand, in diesen einundzwanzig Jahren aufgelöst und verschwunden.
Als ich auf mein Zimmer hinaufging, fand ich dort den jungen Mann namens Rogers weinend vor. Rogers war nicht sein Name; ebenso wenig wie Jones, Brown, Dexter, Ferguson, Bascom oder Thompson; aber er reagierte auf jeden dieser Namen, den man in der Not gerade zur Hand hatte; oder eigentlich auf jeden anderen Namen, wenn er merkte, dass man ihn meinte. Er sagte:
'Was soll ein Mensch hier tun, wenn er ein Glas Wasser will? – diesen Schlamm trinken?'
'Können Sie ihn nicht trinken?'
'Ich könnte es, wenn ich etwas anderes Wasser hätte, um ihn damit abzuwaschen.'
Hier war eine Sache, die sich nicht geändert hatte; ein paar Jahrzehnte hatten den mulattengelben Teint dieses Wassers nicht im Geringsten beeinträchtigt; ein paar Jahrhunderte würden vielleicht auch nicht mehr Erfolg haben. Es kommt aus dem turbulenten, uferfressenden Missouri, und jedes Glas voll davon hält fast einen Acker Land in Lösung. Diese Tatsache habe ich vom Bischof der Diözese erfahren. Wenn Sie Ihr Glas eine halbe Stunde stehen lassen, können Sie das Land vom Wasser so leicht trennen wie in der Genesis; und dann werden Sie beide für gut befinden: das eine gut zum Essen, das andere gut zum Trinken. Das Land ist sehr nahrhaft, das Wasser ist absolut gesund. Das eine stillt den Hunger; das andere den Durst. Aber die Einheimischen nehmen sie nicht getrennt, sondern zusammen, wie die Natur sie gemischt hat. Wenn sie einen Zoll Schlamm am Boden eines Glases finden, rühren sie ihn auf und nehmen dann den Schluck, wie sie Haferschleim nehmen würden. Es ist schwierig für einen Fremden, sich an diesen Brei zu gewöhnen, aber wenn man einmal daran gewöhnt ist, wird man ihn dem Wasser vorziehen. Das ist wirklich der Fall. Es ist gut für die Dampfschifffahrt und gut zum Trinken; aber für alle anderen Zwecke ist es wertlos, außer zum Taufen.
Am nächsten Morgen fuhren wir im Regen durch die Stadt. Die Stadt schien sich kaum verändert zu haben. Sie hatte sich sehr verändert, aber es schien nicht so; denn in St. Louis, wie in London und Pittsburgh, kann man eine neue Sache nicht dazu überreden, neu auszusehen; der Kohlenrauch verwandelt sie in eine Antiquität, sobald man die Hand von ihr nimmt. Der Ort hatte seine Größe in etwa verdoppelt, seit ich dort wohnte, und war nun eine Stadt mit 400.000 Einwohnern geworden; dennoch sah es in den soliden Geschäftsvierteln etwa so aus wie früher. Doch ich bin sicher, dass es in St. Louis jetzt nicht mehr so viel Rauch gibt wie früher. Der Rauch pflegte sich als dichter, wogender schwarzer Baldachin über der Stadt aufzutürmen und den Himmel vor dem Blick zu verbergen. Dieser Schutz ist jetzt viel dünner; dennoch gibt es dort meiner Meinung nach genügend Rauch. Ich hörte keine Beschwerden.
In den Außenbezirken waren Veränderungen jedoch deutlich genug; insbesondere in der Architektur der Wohnhäuser. Die feinen neuen Häuser sind edel und schön und modern. Sie stehen auch für sich allein, mit grünen Rasenflächen um sie herum; wohingegen die Wohnungen der früheren Zeit in Häuserblöcken zusammengepfercht sind und alle nach demselben Muster gebaut sind, mit Fenstern, die alle gleich sind und in einem gewölbten Rahmen aus gedrehtem Stein sitzen; eine Art von Haus, das hübsch genug war, als es noch seltener war.
Es gab noch eine weitere Veränderung – den Forest Park. Das war neu für mich. Er ist schön und sehr weitläufig und hat das ausgezeichnete Verdienst, hauptsächlich von der Natur geschaffen worden zu sein. Es gibt noch andere Parks, und zwar feine, insbesondere Tower Grove und die Botanischen Gärten; denn St. Louis interessierte sich schon früher für solche Verbesserungen als die meisten unserer Städte.
Als ich St. Louis zum ersten Mal sah, hätte ich es für sechs Millionen Dollar kaufen können, und es war der Fehler meines Lebens, dass ich es nicht getan habe. Es war bitter, nun über diese kuppel- und turmgekrönte Metropole hinauszublicken, diese solide Ausdehnung aus Ziegeln und Mörtel, die sich überall in dunkle, maßlose Fernen erstreckte, und sich daran zu erinnern, dass ich diese Gelegenheit hatte verstreichen lassen. Warum ich sie hätte verstreichen lassen sollen, erscheint heute auf den ersten Blick natürlich töricht und unerklärlich; doch es gab damals Gründe, die diesen Verlauf rechtfertigten.
Ein Schotte, Hon. Charles Augustus Murray, der vor etwa fünfundvierzig oder fünfzig Jahren schrieb, sagte: 'Die Straßen sind eng, schlecht gepflastert und schlecht beleuchtet.' Diese Straßen sind natürlich immer noch eng; viele von ihnen sind immer noch schlecht gepflastert; aber der Vorwurf der schlechten Beleuchtung kann heute nicht mehr wiederholt werden. Die 'Catholic New Church' war damals das einzige bemerkenswerte Gebäude, und Mr. Murray wurde vertrauensvoll aufgefordert, es zu bewundern, mit seiner 'Art von griechischem Portikus, gekrönt von einer Art Kirchturm, in seinen Proportionen viel zu klein, und mit verschiedenen Ornamenten versehen', die der phantasielose Schotte 'völlig unfähig zu beschreiben' fand; und daher war er dankbar, als ihm ein deutscher Tourist mit dem Ausruf aushalf: 'Bei Gott, sie sehen genau aus wie Bettpfosten!' St. Louis ist jetzt gut ausgestattet mit stattlichen und edlen öffentlichen Gebäuden, und die kleine Kirche, auf die die Leute früher so stolz waren, hat ihre Bedeutung schon vor langer Zeit verloren. Dennoch würde dies Mr. Murray nicht überraschen, wenn er zurückkehren könnte; denn er prophezeite die kommende Größe von St. Louis mit starker Zuversicht.
Je weiter wir auf unserer Inspektionsreise fuhren, desto deutlicher wurde mir, wie sehr die Stadt gewachsen war, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte; Veränderungen im Detail wurden ebenfalls stetig deutlicher und häufiger als zu Beginn: Veränderungen, die einhellig von Fortschritt, Energie und Wohlstand zeugen.
Aber die größte aller Veränderungen war auf dem 'Levee'. Diesmal eine Abweichung von der Regel. Ein halbes Dutzend tief schlafender Dampfschiffe, wo ich früher eine solide Meile hellwacher Schiffe sah! Das war melancholisch, das war kläglich. Das Fehlen des allgegenwärtigen und fröhlichen Dampfschiffers im Billardsalon war erklärt. Er fehlte, weil es ihn nicht mehr gibt. Seine Beschäftigung ist dahin, seine Macht ist vergangen, er ist in der Masse aufgegangen, er mahlt in der Mühle, ein geschorener Samson und unauffällig. Ein halbes Dutzend lebloser Dampfschiffe, eine Meile leerer Kais, ein von Whiskey ermüdeter Neger, der schlafend in einer weiten und lautlosen Leere ausgestreckt liegt, wo einst die geschlossenen Heere des Handels zu streiten pflegten! {Fußnote [Capt. Marryat, der vor fünfundvierzig Jahren schrieb, sagt: 'St. Louis hat 20.000 Einwohner. Der Fluss vor der Stadt ist mit Dampfschiffen überfüllt, die in zwei oder drei Reihen liegen.']} Hier war in der Tat Trostlosigkeit.
'Das alte, alte Meer, wie einer in Tränen, Kommt murmelnd, mit schaumigen Lippen, Und klopfend an die verwaisten Kais, Ruft es nach seiner längst verlorenen Menge von Schiffen.'
Der Schlepper und die Eisenbahn hatten ihre Arbeit getan, und sie gut und vollständig getan. Die mächtige Brücke, die sich über unseren Köpfen erstreckte, hatte ihren Teil zu dem Gemetzel und der Beraubung beigetragen. Überreste ehemaliger Dampfschiffer erzählten mir mit matter Genugtuung, dass die Brücke sich nicht bezahlt mache. Dennoch kann es für eine Leiche kein ausreichender Trost sein, zu wissen, dass das Dynamit, das sie zur Strecke brachte, nicht von so guter Qualität war, wie man angenommen hatte.
Die Pflasterungen entlang des Flussufers waren schlecht: die Gehwege waren ziemlich reparaturbedürftig; es gab einen reichen Überfluss an Schlamm. All das war vertraut und befriedigend; aber die uralten Armeen von Fuhrwerken, die kämpfenden Menschenmassen und die Frachtberge waren verschwunden; und an ihrer Stelle herrschte Sabbatruhe. Die unvordenkliche Meile billiger, übler Kneipen blieb, aber das Geschäft war flau mit ihnen; die Massen von gift-saufenden Iren waren verschwunden, und an ihre Stelle traten ein paar verstreute Handvoll zerlumpter Neger, einige trinkend, einige betrunken, einige nickend, andere schlafend. St. Louis ist eine große und wohlhabende und aufstrebende Stadt; aber die Flussseite scheint tot zu sein, jenseits der Auferstehung.
Die Mississippi-Dampfschifffahrt entstand um 1812; am Ende von dreißig Jahren war sie zu mächtigen Proportionen herangewachsen; und in weniger als dreißig weiteren war sie tot! Ein seltsam kurzes Leben für eine solch majestätische Kreatur. Natürlich ist sie nicht absolut tot, ebenso wenig wie ein verkrüppelter Achtzigjähriger, der einst auf ebenem Boden zweiundzwanzig Fuß weit springen konnte; aber im Vergleich zu dem, was sie in ihrer Blütezeit war, kann man die Mississippi-Dampfschifffahrt als tot bezeichnen.
Sie tötete die altmodische Kielbootsfahrt, indem sie die Frachtreise nach New Orleans auf weniger als eine Woche verkürzte. Die Eisenbahnen haben den Passagierverkehr der Dampfschiffe getötet, indem sie in zwei oder drei Tagen erledigten, wofür die Dampfschiffe eine Woche brauchten; und die Schleppflotten haben den Durchgangsfrachtverkehr getötet, indem sie sechs oder sieben Dampfschiffsladungen voll Zeug auf einmal den Fluss hinunterzogen, zu einem Aufwand, der so trivial war, dass ein Wettbewerb der Dampfschiffe außer Frage stand.
Der Fracht- und Passagiernahverkehr bleibt den Dampfern. Dieser liegt in den Händen – entlang der zweitausend Meilen Fluss zwischen St. Paul und New Orleans – von zwei oder drei geschlossenen Konzernen, die mit Kapital gut ausgestattet sind; und durch fähige und gründlich geschäftsmäßige Verwaltung und System verdienen diese genügend Geld mit dem, was von der einst gigantischen Dampfschifffahrtsindustrie übrig geblieben ist. Ich nehme an, dass St. Louis und New Orleans durch die Veränderung nicht wesentlich gelitten haben, aber wehe dem Holzhändler!
Er säumte früher den gesamten Fluss; seine dicht gedrängte Ware erstreckte sich von der einen Stadt zur anderen, entlang der Ufer, und er verkaufte jedes Jahr unzählige Klafter davon gegen Bares auf die Hand; aber alle verstreuten Boote, die noch übrig sind, verbrennen heute Kohle, und der seltenste Anblick auf dem Mississippi ist heute ein Holzstapel. Wo ist jetzt der einstige Holzhändler?
KAPITEL 23
Reisen inkognito
MEINE Idee war, in jeder Stadt zwischen St. Louis und New Orleans eine Weile zu verweilen. Um dies zu tun, wäre es notwendig, von Ort zu Ort mit den kurzen Linien der Paketboote zu reisen. Es war ein einfacher Plan zu machen, und es wäre ein einfacher Plan gewesen, ihn vor zwanzig Jahren zu befolgen – aber nicht heute. Es gibt heutzutage große Abstände zwischen den Booten.
Ich wollte mit den interessanten alten französischen Siedlungen St. Genevieve und Kaskaskia beginnen, sechzig Meilen unterhalb von St. Louis. Es gab nur ein Boot, das für diesen Abschnitt angekündigt war – ein Grand Tower-Paketboot. Dennoch war ein Boot genug; also gingen wir hinunter, um es uns anzusehen. Es war ein ehrwürdiger Trümmerhaufen und obendrein ein Betrug; denn es gab sich als bewegliches Eigentum aus, wohingegen der gute, ehrliche Dreck so dick über ihr verkrustet war, dass sie zu Recht als unbewegliches Eigentum steuerpflichtig war. Es gibt Orte in Neuengland, wo ihr Hurrikandeck hundertfünfzig Dollar pro Acre wert wäre. Der Boden auf ihrem Vordeck war ziemlich gut – die neue Weizenernte spross bereits aus den Rissen an geschützten Stellen. Der Treppenaufgang war von einer trockenen sandigen Art und wäre mit einer südlichen Ausrichtung und ein wenig Untergrundbearbeitung gut für Weintrauben geeignet gewesen. Der Boden des Kesseldecks war dünn und steinig, aber gut genug für Weidezwecke. Ein farbiger Junge hielt hier Wache – sonst niemand zu sehen. Wir entnahmen ihm, dass dieses ruhige Fahrzeug wie angekündigt fahren würde, 'wenn es seine Fahrt bekäme'; wenn es sie nicht bekäme, würde es darauf warten.
'Hat es einen Teil seiner Fahrt bekommen?'
'Gott bewahre, nein, Boss. Sie ist noch nicht entladen. Sie ist erst heute Morgen reingekommen.'
Er war unsicher, wann sie ihre Fahrt bekommen könnte, dachte aber, es könnte morgen oder vielleicht übermorgen sein. Das kam überhaupt nicht in Frage; also mussten wir die Neuheit aufgeben, auf einem Bauernhof den Fluss hinunterzufahren. Wir hatten noch einen Pfeil im Köcher: ein Vicksburg-Paketboot, die 'Gold Dust', sollte um 17 Uhr ablegen. Wir buchten die Überfahrt nach Memphis und gaben die Idee auf, hier und da auszusteigen, da dies undurchführbar war. Sie war ordentlich, sauber und komfortabel. Wir lagerten auf dem Kesseldeck und kauften etwas billige Literatur, um die Zeit totzuschlagen. Der Verkäufer war ein ehrwürdiger Ire mit einem wohlwollenden Gesicht und einer Zunge, die leicht in der Fassung saß, und von ihm erfuhren wir, dass er vierunddreißig Jahre in St. Louis gelebt und in dieser Zeit niemals den Fluss überquert hatte. Dann verfiel er in einen sehr fließenden Vortrag, gefüllt mit klassischen Namen und Anspielungen, der in seiner Geläufigkeit ganz wunderbar war, bis es recht offensichtlich wurde, dass dies nicht das erste, und vielleicht nicht das fünfzigste Mal war, dass die Rede gehalten wurde. Er war eine ziemliche Persönlichkeit und viel bessere Gesellschaft als die saftlose Literatur, die er verkaufte. Eine beiläufige Bemerkung, die Iren und Bier verband, brachte diesen Goldklumpen an Information aus ihm heraus –
'Sie trinken es nicht, mein Herr. Sie können es nicht trinken, mein Herr. Geben Sie einem Iren einen Monat lang Lagerbier, und er ist ein toter Mann. Ein Ire ist mit Kupfer ausgekleidet, und das Bier zerfrisst es. Aber Whiskey poliert das Kupfer und ist seine Rettung, mein Herr.'
Um acht Uhr pünktlich legten wir ab und überquerten den Fluss. Als wir uns in der dichten Dunkelheit dem Ufer näherten, brach plötzlich eine blendende Herrlichkeit aus weißem elektrischem Licht von unserem Vordeck hervor und erleuchtete das Wasser und die Lagerhäuser wie mit gleißendem Mittagssonnenlicht. Wieder eine große Veränderung – kein flackerndes, rauchendes, pechtropfendes, ineffektives Fackelkorb-Licht mehr, jetzt: ihre Zeit ist vorbei. Als Nächstes, anstatt ein Dutzend Hände zu rufen, um die Bühne zu bemannen, senkten ein paar Männer und eine Handvoll Dampf sie von dem Derrick, an dem sie aufgehängt war, ließen sie zu Wasser, platzierten sie genau an der richtigen Stelle, und die ganze Sache war vorbei und erledigt, bevor ein Steuermann in der alten Zeit seine Fluchmühle hätte einstellen können, um die vorbereitenden Dienste zu beginnen. Warum diese neue und einfache Methode der Handhabung der Bühnen nicht gedacht wurde, als das erste Dampfschiff gebaut wurde, ist ein Mysterium, das einem hilft zu erkennen, was für ein schwerfälliger Geist der durchschnittliche Mensch ist.
Wir kamen schließlich um zwei Uhr morgens weg, und als ich um sechs Uhr aufstand, legten wir an einer felsigen Stelle an, wo ein altes steinernes Lagerhaus war – jedenfalls die Ruinen davon; zwei oder drei verfallene Wohnhäuser waren in der Nähe, im Schutz der belaubten Hügel; aber es gab keine Anzeichen von menschlichem oder anderem tierischem Leben zu sehen. Ich fragte mich, ob ich den Fluss vergessen hatte; denn ich hatte keinerlei Erinnerung an diesen Ort; auch die Form des Flusses war mir fremd; es war nirgendwo etwas in Sicht, an das ich mich erinnern konnte, jemals zuvor gesehen zu haben. Ich war überrascht, enttäuscht und verärgert.
Wir setzten eine gut gekleidete Dame und einen Herrn sowie zwei gut gekleidete, damenhafte junge Mädchen an Land, zusammen mit verschiedenen Taschen aus Russlandleder. Ein seltsamer Ort für solche Leute! Kein Wagen wartete. Die Gruppe entfernte sich, als hätten sie keinen erwartet, und schlug zu Fuß einen gewundenen Landweg ein.
Aber das Mysterium wurde erklärt, als wir wieder Fahrt aufnahmen; denn diese Leute waren offensichtlich auf dem Weg zu einer großen Stadt, die hinter einem Tow-head (d.h. einer neuen Insel) ein paar Meilen unterhalb dieser Anlegestelle lag. Ich konnte mich nicht an diese Stadt erinnern; ich konnte sie nicht einordnen, konnte ihren Namen nicht nennen. Also verlor ich einen Teil meiner Beherrschung. Ich vermutete, dass es St. Genevieve sein könnte – und so erwies es sich auch. Beobachten Sie, was dieser exzentrische Fluss getan hatte: er hatte diesen riesigen, nutzlosen Tow-head direkt vor diese Stadt gebaut, ihre Flussverbindungen abgeschnitten, sie vollständig eingezäunt und eine 'Landstadt' aus ihr gemacht. Es ist auch ein schöner alter Ort und hätte ein besseres Schicksal verdient. Er wurde von den Franzosen besiedelt und ist ein Relikt einer Zeit, in der man von den Mündungen des Mississippi bis nach Quebec reisen konnte und die ganze Zeit auf französischem Territorium und unter französischer Herrschaft war.
Inzwischen stieg ich zum Hurrikandeck auf und warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung des Steuerhauses.
KAPITEL 24
Mein Inkognito ist aufgeflogen
Nachdem ich das Gesicht des wachhabenden Piloten eingehend studiert hatte, war ich überzeugt, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte; also ging ich hinauf. Der Pilot musterte mich; ich musterte den Piloten zurück. Nachdem diese üblichen Vorbereitungen abgeschlossen waren, setzte ich mich auf die hohe Bank, und er drehte sich um und fuhr mit seiner Arbeit fort. Jedes Detail des Steuerhauses war mir vertraut, mit einer Ausnahme – ein weitmündiges Rohr unter dem Brustbrett. Ich zerbrach mir eine ganze Weile den Kopf über das Ding; dann gab ich auf und fragte, wozu es diene.
„Um die Glocken der Maschine dadurch zu hören.“
Es war eine weitere gute Vorrichtung, die ein halbes Jahrhundert früher hätte erfunden werden sollen. Das dachte ich gerade, als der Pilot fragte:
„Wissen Sie, wozu dieses Seil hier ist?“
Ich schaffte es, dieser Frage auszuweichen, ohne mich festzulegen.
„Sind Sie zum ersten Mal in einem Steuerhaus?“
Da wand ich mich geschickt heraus.
„Woher kommen Sie?“
„Neuengland.“
„Zum ersten Mal im Westen?“
Darüber stieg ich hinweg.
„Wenn Sie sich für solche Dinge interessieren, kann ich Ihnen sagen, wozu all diese Sachen gut sind.“
Ich sagte, das würde mich freuen.
„Dies hier“, er legte seine Hand auf ein Seil für die Rückwärts-Glocke, „ist, um den Feueralarm zu geben; dies hier“, er legte seine Hand auf eine Vorwärts-Glocke, „ist, um den Stewart der Texas-Kabinen zu rufen; dieses hier“, er deutete auf den Pfeifenhebel, „ist, um den Kapitän zu rufen“ – und so fuhr er fort, berührte einen Gegenstand nach dem anderen und spulte seine ruhige Spule voller Lügen ab.
Ich hatte mich noch nie so sehr wie ein Passagier gefühlt. Ich dankte ihm bewegt für jede neue Tatsache und notierte sie in meinem Notizbuch. Der Pilot blühte bei dieser Gelegenheit auf und fuhr fort, mich auf die gute alte Art und Weise zu beladen. Manchmal fürchtete ich, er würde seine Erfindung überstrapazieren; aber sie hielt den Belastungen immer stand, und er kam heil durch. Er glitt in gemächlichen Schritten zu Enthüllungen über die wunderbaren Eigenheiten des Flusses der einen oder anderen Art über und untermauerte sie mit einigen ziemlich gigantischen Illustrationen. Zum Beispiel:
„Sehen Sie dort drüben diesen kleinen Felsblock, der aus dem Wasser ragt? Nun, als ich zum ersten Mal auf den Fluss kam, war das ein massiver Felsrücken, über sechzig Fuß hoch und zwei Meilen lang. Alles weggespült bis auf diesen Rest.“ [Dies mit einem Seufzer.]
Ich hatte einen gewaltigen Drang, ihn zu vernichten, aber es schien mir, dass Töten, auf irgendeine gewöhnliche Weise, zu gut für ihn wäre.
Als einmal ein seltsam aussehendes Fahrzeug mit einer riesigen, schräg nach oben gerichteten Kohlenrutsche am Ende eines Auslegers in der Ferne vorbeidampfte, lenkte er gleichgültig die Aufmerksamkeit darauf, wie man es vielleicht bei einem Gegenstand täte, der durch Vertrautheit lästig geworden ist, und bemerkte, es sei ein „Alligatorboot“.
„Ein Alligatorboot? Wozu ist das gut?“
„Um Alligatoren auszubaggern.“
„Sind die so zahlreich, dass sie lästig werden?“
„Nun, jetzt nicht mehr, weil die Regierung sie im Zaum hält. Aber früher waren sie es. Nicht überall; aber an beliebten Stellen, hier und da, wo der Fluss breit und seicht ist – wie Plum Point und Stack Island und so weiter – Orte, die man Alligatorbetten nennt.“
„Haben sie die Schifffahrt tatsächlich behindert?“
„Vor Jahren, ja, bei sehr niedrigem Wasserstand; da gab es kaum eine Fahrt, bei der wir nicht auf Alligatoren aufliefen.“
Es schien mir, dass ich nun sicher mein Tomahawk herausholen müsste. Ich beherrschte mich jedoch und sagte:
„Das muss schrecklich gewesen sein.“
„Ja, es war eine der Hauptschwierigkeiten beim Steuern. Es war so schwer, irgendetwas über das Wasser zu sagen; die verdammten Dinger bewegen sich ständig – sie bleiben nie fünf Minuten lang still liegen. Ein Windriff erkennt man sofort am Aussehen; ein Strömungsabbruch ist erkennbar; ein Sandriff – das ist alles einfach; aber ein Alligatorriff zeigt sich kaum, nicht nennenswert. Neun von zehn Malen kann man nicht sagen, wo das Wasser ist; und wenn man sieht, wo es ist, dann ist es womöglich nicht mehr da, wenn man dort ankommt, die Teufel haben in der Zwischenzeit den Platz gewechselt. Natürlich gab es einige wenige Piloten, die Alligatorwasser fast so gut beurteilen konnten wie jede andere Art, aber die mussten ein natürliches Talent dafür haben; das war nichts, was man lernen konnte, man musste damit geboren sein. Lassen Sie mich sehen: da waren Ben Thornburg und Beck Jolly und Squire Bell und Horace Bixby und Major Downing und John Stevenson und Billy Gordon und Jim Brady und George Ealer und Billy Youngblood – alles erstklassige Alligatorpiloten. Die konnten Alligatorwasser erkennen, so weit wie ein anderer Christ Whiskey erkennen konnte. Es lesen? – Ach, konnten sie das nicht! Ich wünschte nur, ich hätte so viele Dollars, wie sie Alligatorwasser auf anderthalb Meilen Entfernung lesen konnten. Ja, und es hat sich für sie auch gelohnt. Ein guter Alligatorpilot konnte immer fünfzehnhundert Dollar im Monat verdienen. Nachts mussten andere Leute wegen der Alligatoren anlegen, aber diese Kerle legten nie wegen Alligatoren an; sie legten nie wegen etwas anderem als Nebel an. Man sagte, sie könnten das beste Alligatorwasser riechen; ich weiß nicht, ob das stimmt oder nicht, und ich denke, man hat genug zu tun, wenn man bei dem bleibt, was man selbst weiß, ohne herumzugehen und die Behauptungen anderer Leute zu stützen, obwohl es viele gibt, die damit nicht hinterm Berg halten, solange sie etwas Wunderbares zu erzählen haben. Was nicht der Stil von Robert Styles ist, um nicht mehr als drei Faden – vielleicht einen Viertelfaden weniger.“
[Mein Gott! War das Rob Styles? – Diese schnurrbärtige und stattliche Gestalt? – Ein ziemlicher Grünschnabel zu meiner Zeit. Wie er sich in fünfundzwanzig Jahren in Sachen Ansehnlichkeit verbessert hat und in der edlen Kunst, seine Fakten aufzublähen.] Nach diesen Grübeleien sagte ich laut:
„Ich sollte meinen, dass das Ausbaggern der Alligatoren nicht viel genützt hätte, weil sie sofort wieder zurückkommen könnten.“
„Wenn Sie so viel Erfahrung mit Alligatoren hätten wie ich, würden Sie nicht so reden. Einmal einen Alligator ausbaggern und er ist überzeugt. Das ist das Letzte, was Sie von ihm hören. Für kein Geld der Welt käme der zurück. Wenn es eine Sache gibt, die ein Alligator mehr ablehnt als alles andere, dann ist es das Ausgebaggertwerden. Außerdem wurden sie nicht einfach beiseitegeschoben; die meisten der Schaufelladungen wurden an Bord geholt; sie leerten sie in den Laderaum; und wenn sie eine Ladung zusammen hatten, brachten sie sie nach Orleans zu den Regierungsbetrieben.“
„Wozu?“
„Nun, um aus ihren Häuten Soldatenstiefel zu machen. Alle Schuhe der Regierung sind aus Alligatorhaut gemacht. Es sind die besten Schuhe der Welt. Sie halten fünf Jahre und nehmen kein Wasser auf. Die Alligatorfischerei ist ein Staatsmonopol. Alle Alligatoren sind Staatseigentum – genau wie die Steineichen. Wenn man eine Steineiche fällt, belegt einen die Regierung mit einer Geldstrafe von fünfzig Dollar; tötet man einen Alligator, wandert man wegen Hochverrats ein – man hat Glück, wenn sie einen nicht auch noch aufhängen. Und das tun sie, wenn man ein Demokrat ist. Der Geier ist der heilige Vogel des Südens, und den darf man nicht anfassen; der Alligator ist der heilige Vogel der Regierung, und den muss man in Ruhe lassen.“
„Laufen Sie jetzt noch manchmal auf Alligatoren auf?“
„Oh, nein! Das ist seit Jahren nicht mehr passiert.“
„Nun, warum behalten sie dann die Alligatorboote noch im Dienst?“
„Nur für Polizeiaufgaben – nichts weiter. Sie fahren jetzt nur noch ab und zu auf und ab. Die heutige Generation von Alligatoren kennt sie so gut wie ein Einbrecher einen Polizisten; wenn sie eines kommen sehen, brechen sie ihr Lager ab und suchen das Weite im Wald.“
Nachdem er das Alligator-Thema abgerundet, abgeschlossen und aufpoliert hatte, verfiel er leicht und bequem in den historischen Tonfall und erzählte von einigen gewaltigen Leistungen von einem halben Dutzend alter Dampfschiffe, die er kannte, wobei er besonders ausführlich auf eine gewisse außergewöhnliche Leistung seines Hauptfavoriten unter dieser vornehmen Flotte einging – und dann hinzufügte:
„Dieses Boot war die ‚Cyclone‘ – die letzte Fahrt, die sie je machte – sie sank auf genau dieser Fahrt – der Kapitän war Tom Ballou, der unsterblichste Lügner, dem ich je begegnet bin. Er schien bei keinem Wetter die Wahrheit sagen zu können. Nun, er konnte einen regelrecht zum Schaudern bringen. Er war der skandalöseste Lügner! Schließlich verließ ich ihn; ich konnte es nicht mehr ertragen. Das Sprichwort sagt: ‚Wie der Herr, so das Gescherr‘; und wenn man bei so einem Mann bleibt, gerät man nach und nach selbst unter Verdacht, so sicher wie man lebt. Er zahlte erstklassige Löhne; aber ich sagte mir: Was nützen Löhne, wenn dein Ruf in Gefahr ist? Also ließ ich die Löhne fahren und hielt an meinem Ruf fest. Und ich habe es nie bereut. Ruf ist alles wert, nicht wahr? So sehe ich das. Er hatte mehr egoistische Organe als irgendein anderer Mensch auf der Welt – alle hinten im Hinterkopf verstaut, natürlich, wo sie hingehörten. Sie beschwerten seinen Hinterkopf so sehr, dass seine Nase in die Luft ragte. Die Leute dachten, es sei Eitelkeit, aber das war es nicht, es war Bosheit. Wenn man nur seinen Fuß sah, würde man ihn für neunzehn Fuß groß halten, aber das war er nicht; es lag daran, dass sein Fuß aus der Proportion geraten war. Er sollte wohl neunzehn Fuß groß werden, wenn sein Fuß zuerst gemacht wurde, aber er kam nicht dazu; er war nur fünf Fuß zehn groß. Das war er, und das ist er. Wenn man die Lügen aus ihm herausnimmt, schrumpft er auf die Größe deines Hutes; wenn man die Bosheit aus ihm herausnimmt, verschwindet er ganz. Diese ‚Cyclone‘ war ein rasantes Schiff und das schönste Ding zum Steuern, das je die Wasser befuhr. Stell sie auf Kurs, in einem großen Fluss, und lass sie einfach laufen; das war alles, was man tun musste. Sie hielt sich die ganze Nacht an einem Stern, wenn man sie in Ruhe ließ. Man konnte ihr Ruder nie spüren. Es war nicht mehr Arbeit, sie zu steuern, als die republikanischen Stimmen bei einer Wahl in South Carolina zu zählen. Eines Morgens, gerade bei Tagesanbruch, auf der letzten Fahrt, die sie je machte, nahmen sie ihr Ruder an Bord, um es zu reparieren; ich wusste nichts davon; ich setzte sie vom Holzplatz zurück und fuhr ganz gelassen den Fluss hinunter. Als ich etwa dreiundzwanzig Meilen zurückgelegt und vier schrecklich krumme Kreuzungen genommen hatte –“
„Ohne Ruder?“
„Ja – der alte Kapitän Tom erschien auf dem Dach und fing an, mich zu tadeln, weil ich in einer so dunklen Nacht fuhr –“
„In einer so dunklen Nacht? – Warum, Sie sagten –“
„Egal, was ich gesagt habe – es war stockfinster wie in Ägypten, obwohl der Mond bald aufging, und –“
„Sie meinen die Sonne – denn Sie sind gerade bei Anbruch des – sehen Sie mal! War das, bevor Sie den Kapitän wegen seiner Lügen verließen, oder –“
„Es war vorher – oh, eine lange Zeit vorher. Und wie ich schon sagte, er –“
„Aber war das die Fahrt, bei der sie sank, oder war –“
„Oh, nein! – Monate später. Und so, der alte Mann, er –“
„Dann hat sie also zwei letzte Fahrten gemacht, weil Sie sagten –“
Er trat vom Steuer zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte:
„Hier!“ (nannte mich beim Namen), „Sie nehmen sie und lügen eine Weile – Sie sind geschickter darin als ich. Versuchen, sich als Fremder und Unschuldiger auszugeben! – warum, ich kannte Sie, bevor Sie sieben Worte gesprochen hatten; und ich beschloss herauszufinden, was Ihr kleines Spiel war. Es war, mich aus der Reserve zu locken. Nun, ich habe Sie gelassen, nicht wahr? Jetzt übernehmen Sie das Steuer und beenden die Wache; und beim nächsten Mal spielen Sie mit offenen Karten, dann müssen Sie Ihre Überfahrt nicht abarbeiten.“
So endete die Sache mit dem erfundenen Namen. Und das keine sechs Stunden nach dem Ablegen von St. Louis! Aber ich hatte ohnehin ein Privileg gewonnen, denn es hatte mich von Anfang an in den Fingern gejuckt, das Steuer zu übernehmen. Ich schien den Fluss vergessen zu haben, aber ich hatte nicht vergessen, wie man ein Dampfschiff steuert, noch wie man es genießt.
KAPITEL 25
Von Cairo nach Hickman
Die Landschaft von St. Louis nach Cairo – zweihundert Meilen – ist abwechslungsreich und schön. Die Hügel waren jetzt mit dem frischen Frühlingslaub bekleidet und bildeten eine anmutige und würdige Kulisse für den breiten Fluss, der dazwischen floss. Unsere Reise begann verheißungsvoll, mit einem perfekten Tag, was Brise und Sonnenschein betraf, und unser Boot warf die Meilen mit zufriedenstellender Schnelligkeit hinter sich.
Wir fanden eine Eisenbahn, die bei Chester, Illinois, den Weg kreuzte; Chester hat jetzt auch ein Zuchthaus und schreitet ansonsten voran. Auch bei Grand Tower gab es eine Eisenbahn; und eine weitere bei Cape Girardeau. Die erstgenannte Stadt hat ihren Namen von einem riesigen, gedrungenen Felspfeiler, der auf der Missouri-Seite des Flusses aus dem Wasser ragt – ein Stück von der Natur phantasievoll geschaffenes Werk – und ist eines der malerischsten Merkmale der Landschaft in dieser Gegend. Als nähere oder fernere Nachbarn hat der Turm den Backofen des Teufels – so genannt, vielleicht weil er dem Backofen von sonst niemandem sonderlich ähnelt; und den Teufelstisch – letzterer eine große, glatte Felsmasse mit einem schmaler werdenden Weinglasstiel, die etwa fünfzig oder sechzig Fuß über dem Fluss neben einem blumengeschmückten und girlandenreichen Abgrund thront und einem Teetisch ähnlich genug ist, um jedem zu genügen, ob Teufel oder Christ. Weit flussabwärts haben wir den Ellenbogen des Teufels und die Rennbahn des Teufels und jede Menge anderes Eigentum von ihm, das mir jetzt nicht einfallen will.
Die Stadt Grand Tower war offensichtlich ein geschäftigerer Ort als in alten Zeiten, aber sie schien hier und da einige Reparaturen zu benötigen und einen neuen Anstrich mit Kalkmilch überall. Dennoch war es angenehm für mich, den alten Anstrich wiederzusehen. ‚Onkel‘ Mumford, unser zweiter Offizier, sagte, der Ort habe unter dem Hochwasser gelitten und sehe deshalb jetzt nicht von seiner besten Seite aus. Aber er sagte, es sei nicht verwunderlich, dass er sich selbst keinen Kalkanstrich gönne, denn dort werde mehr Kalk hergestellt und von besserer Qualität als irgendwo sonst im Westen; und fügte hinzu: „Auf einer Molkerei bekommt man nie Milch für seinen Kaffee, noch Zucker auf einer Zuckerplantage; und es widerspricht der Vernunft, in eine Kalkstadt zu gehen, um nach Kalkanstrich zu suchen.“ Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass die ersten beiden Punkte wahr waren; und auch, dass Leute, die Süßigkeiten verkaufen, sich nicht für Süßigkeiten interessieren; daher lag in Onkel Mumfords letzter Beobachtung, dass ‚Leute, die Kalk herstellen, sich mehr zur Religion als zum Kalkanstrich hingezogen fühlen‘, eine gewisse Plausibilität. Onkel Mumford sagte weiter, dass Grand Tower ein großes Kohlezentrum und ein aufstrebender Ort sei.
Cape Girardeau liegt an einem Hang und macht einen schönen Eindruck. Am Fuße der Stadt, am Fluss, befindet sich eine große Jesuitenschule für Jungen. Onkel Mumford sagte, sie habe einen ebenso guten Ruf für Gründlichkeit wie jede ähnliche Einrichtung in Missouri! Weiter oben auf einem luftigen Gipfel gab es ein weiteres College – ein helles, neues Gebäude, malerisch und eigentümlich mit Türmen und Zinnen versehen – eine Art gigantischer Menage, mit allen Gewürzbehältern komplett. Onkel Mumford sagte, Cape Girardeau sei das Athen von Missouri und enthalte neben den bereits erwähnten noch mehrere Colleges; und alle auf einer religiösen Grundlage der einen oder anderen Art. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf das, was er das ‚starke und allgegenwärtige religiöse Aussehen der Stadt‘ nannte, aber ich konnte nicht erkennen, dass sie religiöser aussah als die anderen Hügelstädte mit dem gleichen Gefälle und aus der gleichen Art von Ziegeln gebaut. Befangenheit lässt Menschen oft mehr sehen, als wirklich existiert.
Onkel Mumford ist seit dreißig Jahren Steuermann auf dem Fluss. Er ist ein Mann mit praktischem Verstand und einem klaren Kopf; er hat beobachtet; er hat viel Erfahrung der einen oder anderen Art gesammelt; er hat Meinungen; er hat auch einen gerade noch wahrnehmbaren Hauch von Poesie in seinem Wesen, eine leichte Gabe der Rede, ein tiefes Grollen in seiner Stimme und den einen oder anderen Fluch, wenn er ihn braucht, wenn die Anforderungen seines Amtes einen geistigen Auftrieb erfordern. Er ist ein Steuermann der segensreichen alten Schule; und flucht ernsthaft in der Gegend herum, wenn Arbeit ansteht, auf eine Weise, die das Herz des ehemaligen Dampfschifffahrers mit süßen, sanften Sehnsüchten nach den entschwundenen Tagen erfüllt, die nie wiederkehren werden. „Komm schon da! Soll das den ganzen Tag dauern? Warum hast du nicht gesagt, dass du in deinen Hinterbeinen versteinert bist, bevor du angeheuert hast!“
Er ist ein beständiger Mann mit seiner Mannschaft; freundlich und gerecht, aber fest; deshalb mögen sie ihn und bleiben bei ihm. Er trägt immer noch die schlampige Kleidung der alten Generation von Steuermännern; aber bei der nächsten Fahrt wird ihn die Anchor Line in Uniform haben – eine schmucke blaue Marineuniform mit Messingknöpfen, zusammen mit allen Offizieren der Linie – und dann wird er eine völlig andere Art von Kulisse sein als jetzt.
Uniformen auf dem Mississippi! Das schlägt alle anderen Veränderungen zusammen, wenn es um Überraschungen geht. Dennoch gibt es noch eine Überraschung – dass es nicht vor fünfzig Jahren eingeführt wurde. Es ist so offensichtlich vernünftig, dass man meinen sollte, man hätte früher daran denken können. Während fünfzig Jahren ist der unschuldige Passagier dort draußen, der Hilfe und Information brauchte, immer wieder darauf hereingefallen, den Steuermann für den Koch und den Kapitän für den Barbier zu halten – und wurde dafür auch noch grob behandelt. Aber seine Sorgen sind jetzt zu Ende. Und das stark verbesserte Aussehen des Schiffspersonals ist ein weiterer Vorteil, der durch die Zeit der Kleiderreform erreicht wurde.
Steuerte die Biegung unterhalb von Cape Girardeau hinunter. Früher nannten sie sie ‚Steersman’s Bend‘; einfaches Fahren und immer reichlich Wasser darin; so ziemlich die einzige Stelle im Oberen Fluss, durch die ein neuer Lehrling bei niedrigem Wasserstand ein Boot steuern durfte.
Thebes, am oberen Ende der Grand Chain, und Commerce am unteren Ende, waren Städte, die man sich leicht merken konnte, da sie keine auffälligen Veränderungen erfahren hatten. Und die Kette auch nicht – in der Natur der Dinge; denn es ist eine Kette von versunkenen Felsen, die bewundernswert angeordnet sind, um Dampfschiffe in dunklen Nächten zu fangen und zu töten. Eine ganze Reihe von Dampfschiffsleichen liegt dort begraben, außer Sichtweite; unter anderem mein erster Freund, die ‚Paul Jones‘; sie schlug sich den Boden auf und ging wie ein Topf unter, so erzählte mir der Historiker – Onkel Mumford. Er sagte, sie habe eine Schimmelstute an Bord gehabt und einen Prediger. Für mich erklärte das die Katastrophe hinreichend; wie natürlich auch für Mumford, der hinzufügte:
„Aber es gibt viele unwissende Leute, die über so etwas spotten und es Aberglauben nennen würden. Aber Sie werden immer feststellen, dass das Leute sind, die noch nie mit einer Schimmelstute und einem Prediger gereist sind. Ich bin einmal in solcher Gesellschaft den Fluss hinuntergefahren. Wir liefen bei Bloody Island auf Grund; wir liefen bei Hanging Dog auf Grund; wir liefen direkt unterhalb dieses selben Commerce auf Grund; wir rüttelten am Beaver Dam Rock; wir trafen eine der schlimmsten Stellen im ‚Friedhof‘ hinter Goose Island; wir hatten einen Arbeiter, der in einer Schlägerei getötet wurde; wir verbrannten einen Kessel; brachen eine Welle; ein Flammrohr kollabierte; und wir kamen mit neun Fuß Wasser im Laderaum nach Cairo – es könnten mehr gewesen sein, könnten weniger gewesen sein. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Die Männer verloren vor Terror den Verstand. Sie malten die Stute blau, in Sichtweite der Stadt, und warfen den Prediger über Bord, sonst wären wir überhaupt nicht angekommen. Der Prediger wurde herausgefischt und gerettet. Er gab selbst zu, dass er schuld gewesen war. Ich erinnere mich an alles, als wäre es gestern gewesen.“
Dass diese Kombination – aus Prediger und Schimmelstute – Unheil heraufbeschwören sollte, erscheint seltsam und auf den ersten Blick unglaublich; aber die Tatsache ist durch so viele unanfechtbare Beweise untermauert, dass ein Zweifel die Vernunft entehren würde. Ich selbst erinnere mich an einen Fall, in dem ein Kapitän von zahlreichen Freunden davor gewarnt wurde, eine Schimmelstute und einen Prediger mitzunehmen, aber trotz allem, was man sagen konnte, auf seinem Vorhaben beharrte; und am selben Tag – es könnte der nächste gewesen sein, und manche sagen, das sei er gewesen, obwohl ich denke, es war derselbe Tag – betrank er sich, fiel in den Niedergang und wurde als Leiche nach Hause getragen. Das ist buchstäblich wahr.
Keine Spur von Hat Island ist mehr übrig; jedes Fragment davon ist weggespült. Ich weiß nicht einmal mehr, in welchem Teil des Flusses sie früher lag, außer dass sie irgendwo zwischen St. Louis und Cairo war. Es war eine schlimme Gegend – rund um Hat Island, in den frühen Tagen. Ein Farmer, der dort am Ufer von Illinois lebte, sagte, dass neunundzwanzig Dampfschiffe ihre Knochen entlang der Strecke in Sichtweite seines Hauses hinterlassen hätten. Zwischen St. Louis und Cairo gibt es im Durchschnitt ein Dampfschiffswrack pro Meile; – insgesamt zweihundert Wracks.
Von Commerce abwärts konnte ich große Veränderungen erkennen. Beaver Dam Rock lag nun mitten im Fluss und verursachte eine gewaltige „Brandung“; früher lag er nahe am Ufer, und die Schiffe fuhren außen an ihm vorbei. Eine große Insel, die früher weit draußen in der Flussmitte gelegen hatte, hat sich zum Ufer von Missouri zurückgezogen, und Schiffe fahren nicht mehr in ihre Nähe. Die Insel namens Jacket Pattern ist mittlerweile zu einem Keil zusammengeschrumpft und für den baldigen Untergang vorgemerkt. Goose Island ist bis auf ein winziges Stück von der Größe eines Dampfschiffs vollständig verschwunden. Der gefährliche „Friedhof“, durch dessen zahllose Wracks wir uns früher so langsam und vorsichtig hindurchschlängelten, liegt nun weit abseits der Fahrrinne und ist für niemanden mehr ein Schrecken. Eine der Inseln, die früher Two Sisters hießen, ist gänzlich verschwunden; die andere, die einst nahe am Ufer von Illinois lag, befindet sich jetzt auf der Seite von Missouri, eine Meile entfernt; sie ist fest mit dem Ufer verbunden, und es erfordert ein scharfes Auge, um die Nahtstelle zu erkennen – doch es ist nach wie vor Boden von Illinois, und die Menschen, die dort leben, müssen sich übersetzen lassen, die Straßen von Illinois instand halten und Steuern in Illinois zahlen: ein sonderbarer Zustand!
Nahe der Flussmündung fehlten mehrere Inseln – sie waren weggeschwemmt. Cairo war immer noch da – leicht zu sehen über die lange, flache Landzunge hinweg, an deren äußerstem Rand es liegt; doch wir mussten einen weiten Bogen dampfen, um dorthin zu gelangen. Die Nacht brach herein, als wir den „Oberen Fluss“ verließen und auf die Fluten des Ohio trafen. Wir eilten ohne Sorge dahin; denn der verborgene Fels, der früher genau im Weg lag, hatte sich weit flussaufwärts aus der Fahrrinne bewegt; oder vielmehr ist etwa ein ganzer Bezirk von der Landspitze Missouris in den Fluss gerutscht, und die Landspitze von Cairo hat sich „angeschwemmt“ und ihre lange Landzunge entsprechend erweitert. Der Mississippi ist ein gerechter und unparteiischer Fluss; er stürzt nie die Farm eines Mannes in die Fluten, ohne für dessen Nachbarn eine neue Farm genau wie diese zu errichten. Das hält den Groll in Grenzen.
Bei der Einfahrt nach Cairo hätten wir beinahe ein Dampfschiff versenkt, das nicht auf unser Pfeifen achtete und dann versuchte, unseren Bug zu kreuzen. Durch kräftiges Rückwärtsfahren retteten wir ihn; was ein großer Verlust war, denn er hätte eine gute literarische Vorlage abgegeben.
Cairo ist heute eine geschäftige Stadt; sie ist solide gebaut und besitzt ein städtisches Aussehen, das in bemerkenswertem Kontrast zu ihrem früheren Zustand steht, wie er in Herrn Dickens’ Porträt beschrieben wird. Allerdings wurde dort bereits mit Ziegeln gebaut, als ich sie zuletzt sah – das war, als Colonel (jetzt General) Grant dort sein erstes Kommando ausbildete. Onkel Mumford sagt, die Bibliotheken und Sonntagsschulen hätten in Cairo ebenso gute Arbeit geleistet wie die Maurer. Cairo hat einen starken Eisenbahn- und Flussverkehr, und ihre Lage am Zusammenfluss der beiden großen Ströme ist so vorteilhaft, dass sie kaum anders kann, als zu florieren.
Als ich am Morgen aufstand, hatten wir Columbus, Kentucky, passiert und näherten uns Hickman, einer hübschen Stadt, die an einem stattlichen Hügel klebt. Hickman liegt in einer reichen Tabakgegend und erfreute sich früher eines großen und einträglichen Handels mit diesem Erzeugnis, das sie in ihren Lagerhäusern aus einem weiten Gebiet zusammenkaufte und per Schiff verschiffte; doch Onkel Mumford sagt, sie habe eine Eisenbahn gebaut, um diesen Handel ein wenig zu erleichtern, und er glaubt, sie habe ihn in die falsche Richtung erleichtert – sie habe den Großteil des Handels aus ihren Händen genommen, indem sie ihn „entlang der Strecke abgriff, ohne ihn vor ihren Türen zu sammeln“.
KAPITEL 26
Unter Beschuss
Das Gespräch begann sich nun um den Krieg zu drehen, denn wir gelangten mittlerweile an den oberen Rand des ehemaligen Schlachtfeldes. Columbus lag gerade hinter uns, daher wurde viel über die berühmte Schlacht von Belmont gesprochen. Etliche Schiffsoffiziere hatten aktiven Dienst in der Mississippi-Kriegsflotte geleistet. Ich entnahm ihren Erzählungen, dass sie sich anfangs bei dieser Art von Geschäft elend deplatziert fühlten, sich aber später daran gewöhnten, damit abfanden und sich mehr oder weniger zu Hause fühlten. Einer unserer Lotsen hatte seine erste Kriegserfahrung in der Schlacht von Belmont, als Lotse auf einem Schiff im Dienst der Konföderierten. Ich hatte oft die Neugier verspürt, zu wissen, wie sich ein Grünschnabel in seiner Feuertaufe fühlen mag, wenn er ganz einsam und allein hoch oben im Steuerhaus hockt, ein Ziel für Gott und die Welt, und niemand an seiner Seite ist, der ihn beschämt, falls er bei Hitze und Gefahr die Flatter bekommt; daher war seine Geschichte für mich wertvoll – sie füllte eine Lücke, die alle Geschichtsbücher bis zu jenem Zeitpunkt leer gelassen hatten.
DIE ERSTE SCHLACHT DES LOTSEN
Er sagte –
Es war der 7. November. Der Kampf begann um sieben Uhr morgens. Ich war auf der „R. H. W. Hill“. Hatte eine Ladung Truppen von Columbus herübergebracht. Kam zurück und nahm eine Artilleriebatterie mit. Mein Partner sagte, er wolle sich den Kampf ansehen; er wollte, dass ich mitkomme. Ich sagte nein, ich sei nicht scharf darauf, ich würde es mir vom Steuerhaus aus ansehen. Er nannte mich einen Feigling und ging.
Dieser Kampf war ein schrecklicher Anblick. General Cheatham ließ seine Männer die Röcke ausziehen und auf einen Haufen werfen und sagte: „Nun folgt mir in die Hölle oder zum Sieg!“ Das hörte ich vom Steuerhaus aus; und dann galoppierte er an der Spitze seiner Truppen hinein. Der alte General Pillow, mit seinem weißen Haar, auf einem weißen Pferd sitzend, stürmte ebenfalls hinein und führte seine Truppen so lebhaft wie ein Junge. Nach einer Weile jagten die Föderalen die Rebellen zurück, und da kamen sie! Alles stürmte vorbei, jeder für sich und den Letzten holt der Teufel! Und sie kletterten unter das Ufer und suchten Schutz. Ich saß da, die Beine aus dem Steuerhausfenster hängen lassend. Auf einmal bemerkte ich ein zischendes Geräusch an meinem Ohr. Ich vermutete, es sei eine Kugel. Ich dachte nicht lange nach, ich kippte einfach nach hinten um, landete auf dem Boden und blieb dort. Die Kugeln sausten herum. Drei Kanonenkugeln gingen durch den Schornstein; eine Kugel riss die Ecke des Steuerhauses ab; Granaten kreischten und explodierten überall. Verdammt heiße Zeiten – ich wünschte, ich wäre nicht gekommen.
Ich lag dort auf dem Boden des Steuerhauses, während die Schüsse immer schneller kamen. Ich kroch hinter den großen Ofen in der Mitte des Steuerhauses. Plötzlich kam eine Minie-Kugel durch den Ofen, streifte meinen Kopf und schnitt meinen Hut an. Ich entschied, dass es an der Zeit war, von dort zu verschwinden. Der Kapitän war mit einem rothaarigen Major aus Memphis auf dem Dach – ein gut aussehender Mann. Ich hörte ihn sagen, er wolle von hier weg, aber „dieser Lotse ist tot“. Ich kroch zur Steuerbordseite, um die Glocke zu ziehen und das Schiff rückwärts fahren zu lassen; ich richtete mich auf, warf einen Blick hinaus und sah etwa fünfzehn Einschusslöcher in den Fensterscheiben; es war so schnell gegangen, dass ich sie nicht bemerkt hatte. Ich blickte aufs Wasser, und die aufschlagenden Kugeln waren wie ein Hagelschauer. Ich hielt es für das Beste, diesen Ort zu verlassen. Ich rutschte am Abspannseil des Steuerhauses hinunter, mit dem Kopf voran – nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf voran –, rutschte hinunter – bevor ich das Deck berührte, sagte der Kapitän, wir müssten dort weg. Also kletterte ich am Seil wieder hoch und kam wieder auf den Boden. Etwa zu der Zeit schnappten sie sich meinen Partner und brachten ihn zwischen zwei Soldaten zum Steuerhaus hoch. Jemand hatte gesagt, ich sei tot. Er steckte den Kopf herein und sah mich auf dem Boden, wie ich nach den Rückwärtsglocken griff. Er sagte: „Ach du Scheiße, er ist nicht getroffen“, riss sich von den Männern los, die ihn am Kragen hatten, und rannte nach unten. Wir waren bis drei Uhr nachmittags dort und kamen dann heil davon.
Als ich meinen Partner das nächste Mal sah, sagte ich: „Nun komm schon, sei ehrlich und sag mir die Wahrheit. Wo bist du hingegangen, als du dir die Schlacht ansehen wolltest?“ Er sagt: „Ich bin in den Laderaum gegangen.“
Den ganzen Kampf über war ich fast zu Tode erschrocken. Ich wusste kaum noch etwas, so sehr hatte ich Angst; aber sehen Sie, das wusste außer mir niemand. Am nächsten Tag ließ General Polk mich rufen und lobte mich für meine Tapferkeit und mein galantes Verhalten. Ich sagte nichts, ich ließ es dabei bewenden. Ich dachte mir zwar, es stimmte nicht, aber es stand mir nicht zu, einem General zu widersprechen.
Kurz darauf war ich krank, erledigt und musste in die Hot Springs. Als ich dort war, bekam ich eine ganze Reihe von Briefen von Kommandeuren, die sagten, sie wollten, dass ich zurückkomme. Ich lehnte ab, weil ich nicht gesund oder stark genug war; aber ich hielt den Mund und behielt den Ruf bei, den ich mir erworben hatte.
Eine schlichte Geschichte, geradlinig erzählt; doch Mumford erzählte mir, dass dieser Lotse „seine Angst an einigen Stellen vergoldet“ habe; seine spätere Karriere im Krieg sei der Beweis dafür.
Wir fuhren durch den Kanal von Island No. 8, und ich ging nach unten und kam ins Gespräch mit einem Passagier, einem gut aussehenden Mann mit ungezwungenem Auftreten und intelligentem Gesicht. Wir näherten uns Island No. 10, einem Ort, der während des Krieges so berühmt war. Das Zuhause dieses Herrn lag am Festland in der Nachbarschaft. Ich unterhielt mich ein wenig mit ihm über die Kriegszeiten; doch bald kam das Gespräch auf „Blutfehden“, denn in keinem Teil des Südens gedieh die Vendetta so prächtig oder hielt sich länger zwischen verfeindeten Familien als in dieser speziellen Gegend. Dieser Herr sagte –
„Es hat früher mehr als eine Fehde hier gegeben, aber ich glaube, die schlimmste war die zwischen den Darnells und den Watsons. Niemand weiß heute mehr, worum es bei dem ersten Streit ging, es ist schon so lange her; die Darnells und die Watsons wissen es nicht, falls überhaupt noch einer von ihnen lebt, was ich nicht glaube. Manche sagen, es ging um ein Pferd oder eine Kuh – wie auch immer, es war eine Kleinigkeit; das Geld darin spielte keine Rolle – absolut keine – beide Familien waren reich. Die Sache hätte leicht beigelegt werden können; aber nein, das ging nicht. Grobe Worte waren gefallen; und so konnte nachher nichts als Blut es bereinigen. Dieses Pferd oder diese Kuh, was auch immer es war, kostete sechzig Jahre lang Töten und Verstümmeln! Jedes Jahr oder so wurde jemand erschossen, auf der einen oder anderen Seite; und sobald eine Generation ausgelöscht war, nahmen ihre Söhne die Fehde auf und hielten sie am Laufen. Und es ist genau wie ich sage; sie erschossen sich gegenseitig, Jahr ein, Jahr aus – machten eine Art Religion daraus, sehen Sie – bis sie längst vergessen hatten, worum es überhaupt ging. Wo immer ein Darnell einen Watson oder ein Watson einen Darnell erwischte, musste einer von ihnen dran glauben – die einzige Frage war, wer den anderen zuerst erwischte. Sie schossen sich gegenseitig nieder, direkt im Beisein der Familie. Sie jagten sich nicht direkt, aber wenn sie zufällig aufeinandertrafen, dann pfiff es und es ging los. Männer schossen auf Jungen, Jungen schossen auf Männer. Ein Mann erschoss einen zwölfjährigen Jungen – traf ihn im Wald und gab ihm keine Chance. Wenn er ihm eine Chance gegeben hätte, hätte der Junge ihn erschossen. Beide Familien gehörten zur selben Kirche (jeder hier ist religiös); während all dieser fünfzig oder sechzig Jahre des Streits waren beide Sippen jeden Sonntag dort, um zu beten. Sie lebten auf beiden Seiten der Grenze, und die Kirche lag an einer Anlegestelle namens Compromise. Die Hälfte der Kirche und die Hälfte des Ganges lagen in Kentucky, die andere Hälfte in Tennessee. Sonntags sah man die Familien vorfahren, alle in ihren Sonntagskleidern, Männer, Frauen und Kinder, und sie zogen den Gang hinauf und setzten sich, still und ordentlich, die eine Gruppe auf der Tennessee-Seite der Kirche und die andere auf der Kentucky-Seite; und die Männer und Jungen lehnten ihre Gewehre griffbereit an die Wand, und dann stimmten alle in das Gebet und den Lobpreis ein; obwohl man sagt, der Mann am Gang kniete nicht zusammen mit dem Rest der Familie nieder; er stand sozusagen Wache. Ich weiß es nicht; ich war in meinem Leben nie in dieser Kirche; aber ich erinnere mich, dass man das so erzählte.
Vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren erwischte eine der Fehdefamilien einen neunzehnjährigen jungen Mann und tötete ihn. Ich weiß nicht mehr, ob es die Darnells und Watsons waren oder eine der anderen Fehden; aber jedenfalls kam dieser junge Mann angeritten – ein Dampfschiff lag gerade dort – und das Erste, was er sah, war eine ganze Bande der Feinde. Er sprang hinter einen Holzstapel, aber sie ritten drumherum und fingen an, auf ihn zu schießen, er feuerte zurück, und sie galoppierten und schrien und ballerten aus Leibeskräften. Ich glaube, er verletzte ein paar von ihnen; aber sie rückten ihm auf die Pelle und jagten ihn in den Fluss; und während er flussabwärts schwamm, folgten sie am Ufer und schossen weiter auf ihn; und als er das Ufer erreichte, war er tot. Windy Marshall hat mir davon erzählt. Er hat es gesehen. Er war Kapitän des Schiffes.
Vor Jahren waren die Darnells so ausgedünnt, dass der alte Mann und seine zwei Söhne beschlossen, das Land zu verlassen. Sie wollten kurz oberhalb von No. 10 ein Dampfschiff nehmen; aber die Watsons bekamen Wind davon; und sie trafen ein, gerade als die beiden jungen Darnells mit ihren Frauen am Arm die Gangway hochgingen. Der Kampf begann sofort, und weiter kamen sie nicht – beide wurden getötet. Danach geriet der alte Darnell in Schwierigkeiten mit dem Mann, der die Fähre betrieb, und der Fährmann zog den Kürzeren – und starb. Aber seine Freunde schossen den alten Darnell durch und durch – pumpten ihn voll mit Blei und machten ihm den Garaus.“
Der Gentleman vom Land, der mir diese Dinge erzählte, war in Wohlstand und Komfort aufgewachsen, war ein Mann mit guten Anlagen und hatte eine College-Ausbildung. Sein nachlässiger Grammatikstil war das Ergebnis einer unachtsamen Angewohnheit, nicht von Unwissenheit. Diese Gewohnheit unter gebildeten Männern im Westen ist nicht universell, aber sie ist verbreitet – verbreitet in den Kleinstädten, sicherlich, wenn nicht in den Großstädten; und zwar in einem Ausmaß, das man nicht übersehen und über das man nicht staunen kann. Ich hörte einen Westler, der in jedem Land als hochgebildeter Mann gelten würde, sagen: „Macht nichts, es macht sowieso keinen Unterschied.“ Eine lebenslange Bewohnerin, die anwesend war, hörte es, aber es hinterließ keinen Eindruck bei ihr. Sie konnte sich später an die Tatsache erinnern, als man sie daran erinnerte; aber sie gestand, dass die Worte in dem Moment nicht an ihrem Ohr gerieben hatten – ein Geständnis, das nahelegt: Wenn gebildete Menschen eine solch blasphemische Grammatik aus einer solchen Quelle hören und sich dessen nicht bewusst sind, muss das Verbrechen einigermaßen verbreitet sein – so verbreitet, dass das allgemeine Gehör durch die Vertrautheit damit abgestumpft ist und nicht mehr wachsam, nicht mehr empfindlich für solche Affronts ist.
Niemand auf der Welt spricht eine makellose Grammatik; niemand hat sie jemals geschrieben – niemand, weder auf der Welt noch außerhalb (wenn man die Heilige Schrift als Beweis für Letzteres nimmt); daher wäre es nicht fair, von den Bewohnern des Tals grammatikalische Perfektion zu verlangen; aber von ihnen und allen anderen Völkern kann mit Recht verlangt werden, dass sie davon absehen, ihre Grammatik *wissentlich und absichtlich* zu verderben.
Ich fand den Fluss bei Island No. 10 stark verändert. Die Insel, an die ich mich erinnerte, war etwa drei Meilen lang und eine Viertelmeile breit, dicht bewaldet und lag nahe am Ufer von Kentucky – innerhalb von zweihundert Yards, würde ich sagen. Nun aber musste man sie mit einem Fernrohr suchen. Nichts war von ihr übrig als ein unbedeutendes kleines Büschel, und dieses lag nicht mehr in der Nähe des Ufers von Kentucky; es lag weit drüben am gegenüberliegenden Ufer, eine Meile entfernt. In Kriegszeiten war die Insel ein wichtiger Ort gewesen, denn sie beherrschte die Lage; und da sie stark befestigt war, gab es kein Vorbeikommen. Sie lag zwischen den oberen und unteren Abteilungen der Unionstruppen und hielt sie getrennt, bis schließlich über den Landstreifen von Missouri eine Verbindung hergestellt wurde; doch da die Insel selbst nun mit diesem Landstreifen verbunden ist, ist der breite Fluss ohne Hindernisse.
In dieser Gegend fließt der Fluss von Kentucky nach Tennessee, zurück nach Missouri, dann zurück nach Kentucky und von dort wieder nach Tennessee. So ragt eine Meile oder zwei von Missouri nach Tennessee hinein.
Die Stadt New Madrid sah sehr unwohl aus; war aber ansonsten unverändert in ihrem früheren Zustand und Erscheinungsbild. Ihre Häuserblocks aus Holzrahmenbauten gruppierten sich noch immer in derselben alten flachen Ebene und waren von denselben alten Wäldern umgeben. Sie war so ruhig wie ehemals und war anscheinend weder gewachsen noch in der Größe geschrumpft. Es hieß, das jüngste Hochwasser sei eingedrungen und habe ihr Aussehen beschädigt. Das waren überraschende Nachrichten; denn bei Niedrigwasser ist das Flussufer dort sehr hoch (fünfzig Fuß), und zu meiner Zeit war eine Überschwemmung immer als eine Unmöglichkeit angesehen worden. Diese gegenwärtige Flut von 1882 wird zweifellos für mehrere Generationen in die Geschichte des Flusses eingehen, bevor eine Sintflut von ähnlichem Ausmaß zu sehen sein wird. Sie setzte alle ungeschützten Niederungen unter Wasser, von Cairo bis zur Mündung; sie zerstörte die Dämme an vielen Stellen, auf beiden Seiten des Flusses; und in einigen südlichen Regionen war der Mississippi, als die Flut am höchsten stand, siebzig Meilen breit! Eine Reihe von Menschenleben gingen verloren, und die Zerstörung von Eigentum war erschreckend. Die Ernten wurden vernichtet, Häuser weggeschwemmt, und obdachlose Menschen und Rinder waren gezwungen, auf vereinzelten Erhöhungen hier und da in Feld und Wald Zuflucht zu suchen und in Gefahr und Leid zu warten, bis die Boote, die von der nationalen und lokalen Regierung sowie durch Zeitungsunternehmungen in Dienst gestellt wurden, kommen und sie retten konnten. Das Eigentum von einer Vielzahl von Menschen stand monatelang unter Wasser, und die Ärmeren hätten zu Hunderten verhungern müssen, wenn nicht sofort Hilfe gewährt worden wäre. Das Wasser war nun schon seit geraumer Zeit am Sinken, doch als Regel fanden wir die Ufer immer noch unter Wasser.
KAPITEL 27
Einige importierte Artikel
Wir trafen zwei Dampfschiffe bei New Madrid. Zwei Dampfschiffe gleichzeitig in Sicht! Ein seltenes Schauspiel heutzutage auf dem einsamen Mississippi. Die Einsamkeit dieser feierlichen, gigantischen Flut ist beeindruckend – und deprimierend. Meile um Meile, und immer noch Meile um Meile, ergießt sie ihre schokoladenfarbene Flut, zwischen ihren massiven Waldmauern, ihren fast unbewohnten Ufern, mit selten einem Segel oder einem sich bewegenden Objekt irgendeiner Art, das die Oberfläche stören und die Monotonie der leeren, wässrigen Einsamkeit durchbrechen könnte; und so vergeht der Tag, die Nacht kommt, und wieder der Tag – und immer noch das Gleiche, Nacht für Nacht und Tag für Tag – majestätische, unveränderliche Gleichförmigkeit der Gelassenheit, Ruhe, Friedlichkeit, Lethargie, Leere – Symbol der Ewigkeit, Verwirklichung des Himmels, wie er von Priestern und Propheten gemalt und von den Guten und Gedankenlosen ersehnt wird!
Unmittelbar nach dem Krieg von 1812 begannen Touristen aus England nach Amerika zu kommen; anfangs vereinzelte, dann eine Art Prozession von ihnen – eine Prozession, die ihren trottenden, geduldigen Marsch durch das Land während vieler, vieler Jahre fortsetzte. Jeder Tourist machte sich Notizen, ging nach Hause und veröffentlichte ein Buch – ein Buch, das gewöhnlich ruhig, wahrheitsgemäß, vernünftig, freundlich war; das aber unseren zartbesaiteten Vorfahren genau umgekehrt erschien. Ein Blick in diese Touristenbücher zeigt uns, dass der Mississippi in gewissen Aspekten keine Veränderung erfahren hat, seit diese Fremden ihn besuchten, sondern heute noch ungefähr so ist, wie er damals war. Die Gefühle, die durch diese Aspekte in jenen fremden Herzen hervorgerufen wurden, waren natürlich nicht alle nach demselben Muster geformt; sie mussten anfangs verschieden sein, weil die früheren Touristen gezwungen waren, ihre Gefühle selbst zu erschaffen, während man in älteren Ländern immer Gefühle von seinen Vorgängern ausleihen kann. Und, merken Sie sich, Gefühle gehören zu den schwierigsten Dingen auf der Welt, die man aus dem Nichts herstellen kann; es ist einfacher, sieben Fakten herzustellen als ein Gefühl. Captain Basil Hall, R.N., der vor fünfundfünfzig Jahren schrieb, sagt –
„Hier erhaschte ich den ersten Blick auf das Objekt, das ich so lange zu sehen gewünscht hatte, und fühlte mich in diesem Moment reichlich belohnt für all die Mühe, die ich auf mich genommen hatte, um so weit zu kommen; und stand da und betrachtete den Fluss, wie er an mir vorbeizog, bis es zu dunkel war, um irgendetwas zu unterscheiden. Aber erst nachdem ich denselben Ort ein Dutzend Mal besucht hatte, gelangte ich zu einem richtigen Verständnis der Erhabenheit der Szene.“
Es folgt nun eine Schilderung der Empfindungen von Mrs. Trollope. Sie schreibt einige Monate später im selben Jahr, 1827, und nähert sich gerade der Mündung des Mississippi –
„Das erste Anzeichen, dass wir uns dem Land näherten, war das Erscheinen dieses gewaltigen Stroms, der seine schlammige Wassermasse ausgießt und sich mit dem tiefen Blau des Golfs von Mexiko vermischt. Ich habe noch nie eine Szene gesehen, die so vollkommen trostlos war wie diese Mündung des Mississippi. Hätte Dante sie gesehen, er hätte aus ihrem Grauen Bilder eines weiteren Borgia zeichnen können. Nur ein einziges Objekt ragt über die strudelnden Wasser hinaus; es ist der Mast eines Schiffes, das vor langer Zeit beim Versuch, die Barre zu überqueren, Schiffbruch erlitt, und er steht dort noch immer, ein düsterer Zeuge der Zerstörung, die war, und ein vorahnender Prophet dessen, was noch kommen wird.“
Empfindungen des Hon. Charles Augustus Murray (bei St. Louis), sieben Jahre später –
„Erst wenn man den mächtigen Strom fünfzig oder hundert Meilen hinauffährt und sowohl das Auge der Fantasie als auch das der Natur gebraucht, beginnt man all seine Kraft und Majestät zu begreifen. Man sieht, wie er ein grenzenloses Tal befruchtet, auf seinem Lauf die Trophäen seiner tausend Siege über den zerschmetterten Wald mit sich führt – hier große Erdmassen samt ihrem Bewuchs fortreißt, dort Inseln formt, die in ferner Zukunft als Wohnstätte für den Menschen bestimmt sind; und während man in dieser Aussicht schwelgt, ist es an der Zeit, dass die Reflexion einem zuflüstert, dass die Strömung vor einem bereits zwei- oder dreitausend Meilen zurückgelegt hat und noch tausenddreihundert weitere reisen muss, bevor sie ihr Ziel im Ozean erreicht.“
Nehmen Sie nun die Empfindungen von Captain Marryat, R.N., dem Autor der Seegeschichten, zur Kenntnis, der 1837 schreibt, drei Jahre nach Mr. Murray –
„Vielleicht gab es in den Annalen der Nationen noch nie ein Beispiel für ein Jahrhundert solch unveränderter und ungemilderter Verbrechen, wie sie sich aus der Geschichte des turbulenten und blutbefleckten Mississippi zusammenstellen lassen. Der Strom selbst erscheint passend für die Taten, die begangen wurden. Er ist nicht wie die meisten Flüsse, die dem Auge schmeicheln und auf ihrem Lauf Fruchtbarkeit spenden; er ist keiner, auf dem das Auge gerne ruht, während er dahinfließt, noch kann man an seinen Ufern wandern oder sich ohne Gefahr seinem Strom anvertrauen. Er ist ein wütender, reißender, verwüstender Sturzbach, beladen mit angeschwemmtem Boden; und nur wenige von denen, die in seine Wasser aufgenommen werden, steigen jemals wieder empor {Fußnote: Es gab zu jener Zeit einen törichten Aberglauben, der sich einiger Beliebtheit erfreute, dass der Mississippi weder einen Schwimmer über Wasser halten noch den Körper eines Ertrunkenen an die Oberfläche kommen lassen würde.} oder können sich lange an seiner Oberfläche halten, ohne die Hilfe eines freundlichen Baumstamms. Er enthält die gröbsten und ungenießbarsten Fische, wie den Wels und ähnliche Gattungen, und während man flussabwärts fährt, sind seine Ufer vom stinkenden Alligator besetzt, während der Panther in den Schilfbrüchen an seinem Rand in der Sonne liegt, für den Menschen fast unzugänglich. Indem er seine ungestümen Wasser durch wilde Landstriche wälzt, die mit Bäumen bedeckt sind, die außer als Brennholz von geringem Wert sind, reißt er ganze Wälder auf seinem Lauf nieder, die in tumultartiger Verwirrung verschwinden, fortgewirbelt von dem Strom, der nun mit den Erdmassen beladen ist, die ihre Wurzeln nährten, oft den Flusslauf versperren und für eine Zeit verändern, woraufhin der Fluss, als wäre er erzürnt über den Widerstand, das ganze Land ringsum überschwemmt und verwüstet; und sobald er sich seinen Weg durch sein früheres Bett bahnt, pflanzt er in alle Richtungen die entwurzelten Monarchen des Waldes (auf deren Zweigen niemals wieder der Vogel landen oder der Waschbär, das Opossum oder das Eichhörnchen klettern wird) als Fallen für die abenteuerlustigen Seefahrer auf seinen Wassern per Dampf, die, auf diese verborgenen Gefahren zutreibend, welche die Planken durchbohren, sehr oft keine Zeit haben, das Ufer anzusteuern und zu erreichen, bevor sie auf den Grund sinken. Es gibt keine erfreulichen Assoziationen, die mit der großen Abwassergrube Amerikas verbunden sind, welche ihren Schlamm in den Golf von Mexiko ergießt und das klare blaue Meer noch viele Meilen jenseits ihrer Mündung verschmutzt. Es ist ein Fluss der Trostlosigkeit; und anstatt einen, wie andere schöne Flüsse, an einen Engel zu erinnern, der zum Wohle des Menschen herabgestiegen ist, stellt man sich ihn als Teufel vor, dessen Energien nur durch die wunderbare Kraft des Dampfes überwunden wurden.“
Es ist ziemlich rohe Literatur für einen Mann, der daran gewöhnt ist, die Feder zu führen; dennoch hat sie einen Wert als Panorama der Emotionen, die durch den Anblick und die Traditionen der „großen Abwassergrube“ in der Brust dieses berühmten Besuchers aufgewühlt wurden. Ein Wert, wenn auch in statistischer Hinsicht durch Ungenauigkeiten getrübt; denn der Wels ist ein durchaus guter Fisch für jedermann, und es gibt keine Panther, die „für den Menschen unzugänglich“ sind.
Später kommt Alexander Mackay, vom Middle Temple, Barrister at Law, mit einer besseren Verdauung und ohne Wels-Mittagessen an Bord, und empfindet wie folgt –
„Der Mississippi! Mit unbeschreiblichen Gefühlen fühlte ich mich zum ersten Mal auf seinen Wassern treibend. Wie oft hatte meine Fantasie in meinen Schulträumen und in meinen späteren wachen Visionen den stattlichen Strom ausgemalt, wie er mit stürmischer Strömung durch die grenzenlose Region rollt, der er seinen Namen gegeben hat, und auf seinem Lauf zum Ozean die Nebenflüsse fast jedes Breitengrades der gemäßigten Zone in sich aufnimmt! Da war er nun in seiner Wirklichkeit, und ich, endlich, dampfte gegen seine Gezeiten. Ich betrachtete ihn mit jener Ehrfurcht, die jeder Mensch einem großen Merkmal der äußeren Natur entgegenbringen muss.“
So viel zu den Emotionen. Die Touristen bemerken allesamt die tiefe, brütende Einsamkeit und Trostlosigkeit des riesigen Flusses. Captain Basil Hall, der ihn zur Zeit des Hochwassers sah, sagt –
„Manchmal fuhren wir zwanzig oder dreißig Meilen weit, ohne eine einzige Behausung zu sehen. Ein Künstler auf der Suche nach Anregungen für ein Gemälde der Sintflut hätte hier eine Fülle davon gefunden.“
Die Ersten werden die Letzten sein, usw. Vor genau zweihundert Jahren beendete der alte, ursprüngliche, erste und tapferste aller ausländischen Touristen, Pionier, Anführer des Zuges, seine mühsame und langwierige Entdeckungsreise die feierlichen Strecken des großen Flusses hinab – La Salle, dessen Name so lange Bestand haben wird, wie der Fluss selbst besteht. Wir zitieren aus Mr. Parkmans Werk –
„Und nun näherten sie sich dem Ende ihrer Reise. Am sechsten April teilte sich der Fluss in drei breite Kanäle. La Salle folgte dem westlichen, D'Autray dem östlichen, während Tonty den mittleren Durchgang nahm. Während er die trübe Strömung zwischen den niedrigen und sumpfigen Ufern hinabtrieb, wandelte sich das Brackwasser zu Salzwasser, und die Brise wurde frisch vom salzigen Hauch des Meeres. Dann öffnete sich der breite Busen des großen Golfs vor seinem Blick, seine rastlosen Wogen aufpeitschend, grenzenlos, lautlos, einsam wie bei seiner Geburt aus dem Chaos, ohne ein Segel, ohne ein Zeichen von Leben.“
Dann, auf einem Stück festem Boden, errichtete La Salle eine Säule, „die das Wappen Frankreichs trug; die Franzosen traten unter Waffen an; und während die Indianer Neuenglands und ihre Squaws in staunendem Schweigen zusahen, sangen sie das Te Deum, das Exaudiat und das Domine Salvum Fac Regem.“
Dann, während das Musketenfeuer donnerte und Jubelrufe ausbrachen, pflanzte der siegreiche Entdecker die Säule auf und verkündete mit lauter Stimme, dass er im Namen des Königs formell Besitz von dem Fluss und den riesigen Ländern, die von ihm bewässert wurden, ergreife. Die Säule trug diese Inschrift –
LOUIS LE GRAND, ROY DE FRANCE ET DE NAVARRE, REGNE; LE NEUVIEME AVRIL, 1682.
New Orleans hatte vor, in diesem Jahr das zweihundertjährige Jubiläum dieses illustren Ereignisses gebührend zu feiern; doch als die Zeit kam, wurden all ihre Energien und überschüssigen Gelder in andere Bahnen gelenkt, denn die Flut war damals über das Land gekommen und richtete überall Chaos und Verwüstung an.
KAPITEL 28
Onkel Mumford lädt ab
Den ganzen Tag lang schaukelten wir den Fluss hinunter und hatten den Strom fast ganz für uns allein. Früher hätten wir bei einem solchen Wasserstand Morgen von Holzflößen und Dutzende großer Kohlenkähne passiert; auch gelegentlich kleine Handelsschuten, die von Farm zu Farm hausierten, mit der Familie des Händlers an Bord; möglicherweise ein zufälliger Kahn, der einen bescheidenen Hamlet und Co. auf einer wandernden Theaterreise beförderte. Aber diese fehlten alle. Spät am Tag sahen wir ein Dampfschiff; nur eines, und nicht mehr. Es lag im Schatten, innerhalb der bewaldeten Mündung des Obion River. Das Fernrohr enthüllte die Tatsache, dass es nach mir benannt war – oder er nach mir benannt war, je nachdem, was Ihnen lieber ist. Da dies das erste Mal war, dass ich dieser Art von Ehre begegnete, scheint es entschuldbar, sie zu erwähnen und gleichzeitig die Behörden auf die Verspätung meiner Anerkennung aufmerksam zu machen.
Bemerkte eine große Veränderung im Fluss bei Island 21. Es war eine sehr große Insel und lag früher weiter draußen in der Flussmitte; aber sie ist jetzt fest mit dem Hauptufer verbunden und hat sich als Insel aus dem Geschäft zurückgezogen.
Als wir uns dem berühmten und gefürchteten Plum Point näherten, fiel die Dunkelheit, aber das war in diesen modernen Zeiten nichts, wovor man erschaudern müsste. Denn heute hat die nationale Regierung den Mississippi in eine Art zweitausend Meilen lange Fackelprozession verwandelt. Am Kopf jeder Überquerung und am Fuß jeder Überquerung hat die Regierung eine hell brennende Lampe aufgestellt. Man ist jetzt nie mehr völlig im Dunkeln; es ist immer ein Leuchtfeuer in Sicht, entweder vor einem, hinter einem oder querab. Man könnte fast sagen, dass Lampen dort verschwendet wurden. Dutzende von Überquerungen sind beleuchtet, die bei ihrer Errichtung keine Untiefen waren und seitdem auch nie welche wurden; Überquerungen, die zudem so einfach und auch so gerade sind, dass ein Dampfschiff sich selbst ohne jede Hilfe hindurchsteuern kann, nachdem es einmal dort durchgefahren ist. Lampen an solchen Stellen sind natürlich nicht verschwendet; es ist für einen Lotsen viel bequemer und angenehmer, sich an ihnen zu orientieren als an einer Fläche formloser Schwärze, die nicht stillstehen will; und gleichzeitig wird Geld für das Boot gespart, denn es kann natürlich mehr Meilen mit seinem Ruder in Mittelstellung zurücklegen, als es mit dem Ruder quer über seinem Heck tun kann, das es zurückhält.
Aber diese Sache hat dem Lotsenwesen in großem Maße die Romantik geraubt. Sie und einige andere Dinge zusammen haben ihr alle Romantik genommen. Zum Beispiel ist die Gefahr durch Baumstämme (Snags) heute nicht mehr das, was sie einmal war. Die Snag-Boote der Regierung patrouillieren in diesen sachlichen Tagen auf und ab und ziehen dem Fluss die Zähne; sie haben alle alten Ansammlungen, die viele Orte so gefürchtet machten, ausgerottet; und sie lassen keine neuen mehr zu. Früher, wenn Ihr Boot in einer schwarzen Nacht außer Kontrolle geriet und auf den Wald zusteuerte, war das eine bange Zeit für Sie; das war es auch, wenn Sie sich in einer engen Rinne durch erstarrte Dunkelheit tasteten; aber all das ist jetzt anders – Sie lassen Ihr elektrisches Licht aufblitzen, verwandeln im Handumdrehen die Nacht in Tag, und Ihre Gefahren und Ängste sind zu Ende. Horace Bixby und George Ritchie haben die Überquerungen kartiert und die Kurse per Kompass festgelegt; sie haben eine Lampe erfunden, die zur Karte passt, und das Ganze patentieren lassen. Mit diesen Hilfsmitteln kann man nun bei Nebel mit beträchtlicher Sicherheit fahren und mit einem Selbstvertrauen, das in den alten Tagen unbekannt war.
Mit diesen reichlichen Leuchtfeuern, der Verbannung der Baumstämme, einer Fülle von Tageslicht in einer Kiste, das jederzeit bei Bedarf eingeschaltet werden kann, sowie einer Karte und einem Kompass, um den Nebel zu bekämpfen, ist das Lotsen bei gutem Wasserstand heute fast so sicher und einfach wie das Kutschenfahren und kaum mehr als dreimal so romantisch.
Und nun, in diesen neuen Tagen, diesen Tagen unendlicher Veränderung, hat die Anchor Line den Kapitän über den Lotsen erhoben, indem sie ihm den höheren Lohn von beiden gab. Das war ein weiter Schritt, aber sie sind nicht dabei stehen geblieben. Sie haben verfügt, dass der Lotsen auf seinem Posten bleiben und seine Wache durchgehend halten muss, egal ob das Boot unterwegs ist oder am Ufer vertäut liegt. Wir, die wir einst die Aristokraten des Flusses waren, können jetzt nicht mehr zu Bett gehen, wie wir es früher taten, und schlafen, während hundert Tonnen Fracht an Bord geschleppt werden; nein, wir müssen im Lotsenhaus sitzen; und auch wach bleiben. Wahrlich, wir werden wie ein Haufen Bootsmannsmaaten und Maschinisten behandelt. Die Regierung hat unserem Beruf die Romantik genommen; die Gesellschaft hat ihm seinen Status und seine Würde genommen.
Plum Point sah bei Nacht aus wie immer, mit der Ausnahme, dass es jetzt Leuchtfeuer gab, um die Überquerungen zu markieren, sowie eine Menge anderer Lichter am Point und entlang seines Ufers; letztere glitzerten von der Flotte der United States River Commission und von einem Dorf, das die Beamten für Büros und für die Angestellten des Dienstes an Land gebaut haben. Die militärischen Ingenieure der Kommission haben es auf ihre Schultern genommen, den Mississippi neu zu erschaffen – eine Aufgabe, die in ihrem Ausmaß nur von der ursprünglichen Aufgabe seiner Erschaffung übertroffen wird. Sie bauen hier und da Flügeldeiche, um die Strömung abzulenken; und Dämme, um sie in engere Grenzen zu zwingen; und andere Dämme, damit sie dort bleibt; und auf zahllosen Meilen entlang des Mississippi fällen sie das Holzfrontgestrüpp fünfzig Meter weit zurück, mit dem Ziel, das Ufer bis zur Niedrigwassermarke mit der Schräge eines Hausdaches abzuhobeln und es mit Steinen zu befestigen; und an vielen Stellen haben sie die erodierenden Ufer mit Pfahlreihen geschützt. Wer den Mississippi kennt, wird prompt versichern – nicht laut, sondern für sich selbst –, dass zehntausend Flusskommissionen mit den Minen der Welt im Rücken diesen gesetzlosen Strom nicht zähmen, nicht bändigen oder einschränken können; sie können ihm nicht sagen: Geh hierhin oder dorthin, und ihn dazu bringen, zu gehorchen; sie können ein Ufer, das er zum Tode verurteilt hat, nicht retten; sie können seinen Pfad nicht mit einem Hindernis versperren, das er nicht niederreißen, übertanzen und belächeln wird. Aber ein diskreter Mann wird diese Dinge nicht in Worte fassen; denn die Ingenieure aus West Point haben nirgendwo ihresgleichen; sie wissen alles, was man über ihre abstrakte Wissenschaft wissen kann; und da sie sich einbilden, dass sie diesen Fluss fesseln, in Handschellen legen und beherrschen können, ist es nur weise für den unwissenschaftlichen Mann, still zu sein, sich klein zu machen und zu warten, bis sie es tun. Captain Eads hat mit seinen Leitdämmen an der Mündung des Mississippi ein Werk vollbracht, das eindeutig unmöglich erschien; daher fühlen wir uns jetzt nicht mehr ganz so sicher, gegen ähnliche Unmöglichkeiten zu prophezeien. Andernfalls würde man wohl aufschreien und sagen, die Kommission könnte genauso gut die Kometen auf ihren Bahnen schikanieren und versuchen, sie zu gutem Benehmen zu bewegen, wie versuchen, den Mississippi zu richtigem und vernünftigem Verhalten zu zwingen.
Ich befragte Onkel Mumford bezüglich dieser und verwandter Angelegenheiten; und ich gebe hier das Ergebnis wieder, stenographisch protokolliert und daher als vollständig und korrekt zu betrachten; abgesehen davon, dass ich hier und da Bemerkungen weggelassen habe, die an die Männer gerichtet waren, wie „Wo zum Teufel willst du mit diesem Fass hin?“, die mir den Fluss der schriftlichen Aussage zu unterbrechen schienen, ohne dies durch einen Gewinn an Information oder Klarheit auszugleichen. Nicht, dass ich es gewagt hätte, alle solchen Einwürfe zu streichen; ich habe nur die entfernt, die offensichtlich irrelevant waren; wo immer eine auftrat, bei der ich Zweifel hatte, hielt ich es für das Sicherste, sie stehen zu lassen.
ONKEL MUMFORDS EINDRÜCKE
Onkel Mumford sagte –
„Solange ich Maat auf einem Dampfschiff bin – dreißig Jahre – habe ich diesen Fluss beobachtet und studiert. Vielleicht hätte ich in West Point mehr darüber lernen können, aber wenn ich das glaube, dann möchte ich – *warum lutschst du da an deinen Fingern? – schnapp dir diesen Nagelbehälter!* Vier Jahre in West Point und eine Menge Bücher und Schulbildung lehren einen Mann wohl eine ganze Menge, schätze ich, aber sie lehren ihn nicht den Fluss. Gebt ihr dieser Kommission einen dieser kleinen europäischen Flüsse mit seinem harten Boden und klarem Wasser, und es wäre für sie nur eine Feiertagsarbeit, ihn zu mauern, zu pfählen, zu dämmen, zu zähmen, herumzukommandieren und ihn dazu zu bringen, wohin auch immer sie wollten zu gehen, und dort zu bleiben, wo sie ihn hinsetzen, und jedes Mal genau das zu tun, was sie sagten. Aber das hier ist nicht diese Art von Fluss. Sie haben hier mit großem Vertrauen und den besten Absichten der Welt angefangen; aber sie werden auf der Strecke bleiben. Was sagt Prediger 7, 13? Sagt genug, um ihr kleines Spielchen gründlich zu ruinieren, nicht wahr? Nun schauen Sie sich ihre Methoden mal an. Dort bei Devil’s Island, im Oberlauf, wollten sie, dass das Wasser in eine Richtung geht, das Wasser wollte in eine andere. Also bauten sie eine Steinmauer. Aber was kümmert den Fluss eine Steinmauer? Als er bereit war, brach er einfach hindurch. Vielleicht können sie eine andere bauen, die hält; das heißt, dort oben – aber hier unten können sie es nicht. Hier unten am Unterlauf schlagen sie ein paar Pflöcke ein, um das Wasser vom Ufer abzulenken und zu verhindern, dass es das Ufer abschneidet; sehr wohl, geht es nicht geradeaus hinüber und schneidet das Ufer von jemand anderem ab? Sicherlich. Wollen sie alle Ufer verpflocken? Nun, sie könnten Land kaufen und einen neuen Mississippi billiger bauen. Sie verpflocken jetzt Bulletin Tow-head. Es wird nichts nützen. Wenn der Fluss eine Hypothek auf diese Insel hat, wird er sie sicher pfänden, Pflöcke hin oder her. Weit da unten haben sie zwei Reihen von Pfählen mitten durch eine trockene Sandbank getrieben, die eine halbe Meile lang ist und bei Niedrigwasser vierzig Fuß aus dem Wasser ragt. Wozu, glauben Sie, ist das gut? Wenn ich das wüsste, möchte ich – *streng dich an, du Sohn eines Bestatters! – raus mit dem Petroleumöl, jetzt, zackig, zackig!* Und schauen Sie sich nur an, was sie dort unten bei Milliken’s Bend versuchen. Es gab in diesem Abschnitt einen Durchstich, und Vicksburg ist außen vor gelassen. Es ist jetzt eine Kleinstadt. Der Fluss stößt unterhalb davon ein; und ein Boot kann die Stadt nur bei Hochwasser erreichen. Nun, sie werden Flügeldeiche in der Biegung gegenüber dem Fuß von 103 bauen und das Wasser hinüberschleudern und den Fuß der Insel abschneiden und in einen alten Graben pflügen, wo der Fluss in alten Zeiten war; und sie denken, sie können das Wasser dazu überreden, diesen Weg zu nehmen, und es dazu bringen, oberhalb von Vicksburg einzuschlagen, wie es früher war, und die Stadt wieder in die Welt zurückzuholen. Das heißt, sie werden diesen ganzen Mississippi nehmen, ihn verdrehen und dazu bringen, mehrere Meilen gegen die Strömung zu laufen. Nun, man muss Männer bewundern, die mit Ideen dieser Größe handeln und sie ohne Krücken herumtragen können; aber man muss nicht glauben, dass sie solche Wunder vollbringen können, oder? Und doch ist man nicht absolut verpflichtet zu glauben, dass sie es nicht können. Ich schätze, der sichere Weg, wenn man es sich leisten kann, ist es, auf das Gegenteil zu setzen und gleichzeitig genug Eigentum in Vicksburg zu kaufen, um sich schadlos zu halten, falls sie gewinnen. Die Regierung tut jetzt eine Menge für den Mississippi – gibt Massen von Geld für sie aus. Als es noch viertausend Dampfschiffe und zehntausend Morgen Kohlenkähne, Flöße und Handelsschuten gab, gab es keine einzige Laterne von St. Paul bis New Orleans, und die Baumstämme waren dichter als Borsten auf dem Rücken eines Schweins; und jetzt, wo es drei Dutzend Dampfschiffe und keinen Kahn oder Floß gibt, hat die Regierung alle Baumstämme herausgerissen und die Ufer beleuchtet wie den Broadway, und ein Boot ist auf dem Fluss so sicher wie im Himmel. Und ich schätze, bis keine Boote mehr übrig sind, wird die Kommission die alte Sache komplett reorganisiert, ausgebaggert, eingezäunt und aufgeräumt haben, in einem Maße, das die Schifffahrt einfach perfekt, absolut sicher und profitabel machen wird; und alle Tage werden Sonntage sein, und alle Maaten werden Sonntagsschul-Lehrer sein – *was-zum-Kuckuck-machst-du-da-eigentlich-rum-du-Söhne-der-Ungerechtigkeit-Erben-der-Verdammnis! Braucht ihr ein Jahr, um das Hogshead an Land zu kriegen?“*
Während unserer Reise nach New Orleans und zurück führten wir viele Gespräche mit Flussleuten, Pflanzern, Journalisten und Offizieren der Flusskommission – mit widersprüchlichen und verwirrenden Ergebnissen. Nämlich:--
1. Manche glaubten an den Plan der Kommission, das Flussbett willkürlich und dauerhaft einzuengen (und damit zu vertiefen), bedrohte Ufer zu schützen usw.
2. Manche glaubten, das Geld der Kommission sollte ausschließlich für den Bau und die Instandsetzung des großen Deichsystems ausgegeben werden.
3. Manche glaubten, je höher man seinen Deich baue, desto höher steige die Sohle des Flusses; und dass das Deichsystem folglich ein Fehler sei.
4. Manche glaubten an den Plan, den Fluss während der Hochwasserzeit zu entlasten, indem man das überschüssige Wasser in den Lake Borgne usw. ableitet.
5. Manche glaubten an den Plan der nördlichen Speicherseen, um den Mississippi in Zeiten von Niedrigwasser wieder aufzufüllen.
Wo immer Sie dort unten einen Mann treffen, der an eine dieser Theorien glaubt, können Sie sich an den nächsten Mann wenden und Ihr Gespräch auf der Hypothese aufbauen, dass er nicht an diese Theorie glaubt; und nachdem Sie erst einmal Erfahrung gesammelt haben, werden Sie dies nicht mehr zweifelnd oder zögernd tun, sondern mit der Zuversicht eines sterbenden Mörders – eines bekehrten Mörders, meine ich. Denn Sie werden mit einer tiefen und ruhigen Gewissheit erkannt haben, dass Sie nicht zwei Menschen begegnen werden, die an derselben Theorie leiden, einer direkt nach dem anderen. Nein, es wird immer einer oder zwei mit den anderen Krankheiten dazwischen geben. Und während Sie fortfahren, werden Sie noch ein oder zwei andere Dinge herausfinden. Sie werden feststellen, dass keine der Plagen in dieser Auswahl nicht ansteckend wäre; und Sie können nicht dorthin gehen, wo sie ist, ohne sich anzustecken. Sie können sich mit abschreckenden Fakten impfen lassen, so viel Sie wollen – es wird nichts nützen; es wird scheinen, als würde es „anschlagen“, aber das tut es nicht; sobald Sie mit einem dieser Theoretiker in Berührung kommen, machen Sie sich darauf gefasst, dass es Zeit ist, Ihre gelbe Flagge zu hissen.
Ja, Sie sind sein sicheres Opfer: doch sein Werk ist nicht ganz zu Ihrem Schaden – nur zum Teil; denn er ist wie Ihr Hausarzt, der kommt und die Mumps heilt, aber das Scharlachfieber zurücklässt. Wenn Ihr Mann zum Beispiel ein Anhänger der Lake-Borgne-Entlastungstheorie ist, wird er eine Wolke tödlicher Fakten und Statistiken ausstoßen, die Sie sicher mit dieser Krankheit niederstrecken werden; aber gleichzeitig wird er Sie von jeder anderen der fünf Theorien heilen, die sich zuvor in Ihrem System festgesetzt haben mögen.
Ich hatte alle fünf; und hatte sie „schlimm“; aber fragen Sie mich nicht in klagenden Versen, welche mich am härtesten gequält hat oder welche die längste Krankenliste aufwies, denn ich weiß es nicht. In Wahrheit kann niemand die letzte Frage beantworten. Die Verbesserung des Mississippi ist dort unten ein gewaltiges Thema. Jeder Mann an den Flussufern, südlich von Cairo, spricht jeden Tag darüber, während der Momente, die er erübrigen kann, wenn er nicht gerade über den Krieg spricht; und jede der verschiedenen Haupttheorien hat ihre Schar eifriger Anhänger; aber, wie ich bereits sagte, es ist nicht möglich zu bestimmen, welche Sache die meisten Rekruten zählt.
Alle waren sich jedoch in einem Punkt einig: Wenn der Kongress eine ausreichende Bewilligung vornehmen würde, wäre ein kolossaler Nutzen die Folge. Nun gut; seitdem ist die Bewilligung erfolgt – möglicherweise eine ausreichende, sicherlich keine zu große. Hoffen wir, dass die Prophezeiung reichlich erfüllt wird.
Eine Sache wird der Leser leicht zugeben: dass die Meinung von Mr. Edward Atkinson zu jeder großen nationalen Handelsangelegenheit dem Rang einer Autorität so nahe kommt, wie es die Meinung eines jeden Einzelnen in der Union nur kann. Was er über die Verbesserung des Mississippi zu sagen hat, findet sich im Anhang.{Fußnote [Siehe Anhang B.]}
Manchmal enthüllen ein halbes Dutzend Zahlen, wie mit einem Blitzschlag, die Bedeutung eines Themas, das zehntausend mühsame Worte mit demselben Ziel am Ende nur dunkel und ungewiss gelassen hatten. Hier ist ein Fall dieser Art – ein Absatz aus dem „Cincinnati Commercial“--
„Der Schlepper ‚Jos. B. Williams‘ ist auf dem Weg nach New Orleans mit einem Anhang von zweiunddreißig Leichtern, die sechshunderttausend Scheffel (sechsundsiebzig Pfund pro Scheffel) Kohle enthalten, exklusive ihres eigenen Brennstoffs, was der größte Anhang ist, der jemals nach New Orleans oder sonst irgendwo auf der Welt gebracht wurde. Ihre Frachtrechnung beläuft sich bei 3 Cent pro Scheffel auf 18.000 $. Es würde achtzehnhundert Waggons mit dreihundertdreiunddreißig Scheffeln pro Waggon erfordern, um diese Menge Kohle zu transportieren. Bei 10 $ pro Tonne oder 100 $ pro Waggon, was ein fairer Preis für die Entfernung auf dem Schienenweg wäre, würde die Frachtrechnung 180.000 $ betragen, oder 162.000 $ mehr auf dem Schienenweg als auf dem Fluss. Der Anhang wird in vierzehn oder fünfzehn Tagen von Pittsburg nach New Orleans gebracht. Es würde hundert Züge mit achtzehn Waggons pro Zug erfordern, um diesen einen Anhang von sechshunderttausend Scheffeln Kohle zu transportieren, und selbst wenn er die übliche Geschwindigkeit schneller Frachtlinien erreichen würde, würde es einen ganzen Sommer dauern, ihn auf dem Schienenweg zu befördern.“
Wenn ein Fluss in gutem Zustand es ermöglichen kann, 162.000 $ und einen ganzen Sommer Zeit für eine einzige Fracht zu sparen, wird die Klugheit, Maßnahmen zur Erhaltung des guten Zustands des Flusses zu ergreifen, selbst dem unkaufmännischen Geist deutlich.
KAPITEL 29
Einige Musterbeispiele
WIR passierten die Region Plum Point, umrundeten Craighead's Point und glitten ungehindert am einst so beeindruckenden Fort Pillow vorbei, das wegen des dort während des Krieges verübten Massakers in Erinnerung geblieben ist. Massaker sind mit einer gewissen Häufigkeit über die Geschichte mehrerer christlicher Nationen verstreut, aber dies ist fast das einzige, das man in der amerikanischen Geschichte finden kann; vielleicht ist es das einzige, das eine Größe erreicht, die diesem riesigen und düsteren Titel entspricht. Wir haben das „Massaker von Boston“, bei dem zwei oder drei Menschen getötet wurden; aber wir müssen die angelsächsische Geschichte zusammennehmen, um das Pendant zur Tragödie von Fort Pillow zu finden; und zweifellos müssen wir selbst dann bis in die Tage und Taten von Coeur de Lion zurückgehen, jenem feinen „Helden“, bevor uns das gelingt.
Noch mehr Launen des Flusses. In vergangenen Zeiten pflegte das Fahrwasser oberhalb von Island 37, bei Brandywine Bar, und flussabwärts in Richtung Island 39 zu verlaufen. Später änderte er seinen Lauf und verlief von Brandywine durch Vogelman's Chute im Devil's Elbow bis nach Island 39 – wobei ein Teil dieses Kurses die alte Ordnung umkehrte; der Fluss floss vier oder fünf Meilen flussaufwärts, statt abwärts, und schnitt insgesamt etwa fünfzehn Meilen an Entfernung ab. Dies geschah 1876. Die ganze Region wird heute Centennial Island genannt.
Es gibt eine Überlieferung, dass Island 37 einer der Hauptaufenthaltsorte der einst berühmten „Murel's Gang“ war. Dies war ein kolossaler Zusammenschluss von Räubern, Pferdedieben, Sklavenstehlern und Fälschern, die vor etwa fünfzig oder sechzig Jahren entlang des Flusses ihre Geschäfte betrieben. Während unsere Reise quer durch das Land in Richtung St. Louis im Gange war, hatten wir kein Ende von Jesse James und seiner aufregenden Geschichte gehört; denn er war gerade von einem Agenten des Gouverneurs von Missouri ermordet worden und nahm daher in den Zeitungen viel Raum ein. Billige Biographien von ihm wurden von den Zugjungen zum Verkauf angeboten. Diesen zufolge war er das erstaunlichste Geschöpf seiner Art, das jemals existiert hatte. Das war ein Irrtum. Murel war ihm an Kühnheit ebenbürtig; an Mut; an Raubgier; an Grausamkeit, Brutalität, Herzlosigkeit, Verrat und an allgemeiner und umfassender Niedertracht und Schamlosigkeit; und in mancher Hinsicht war er ihm weit überlegen. James war ein Kleinkrimineller; Murel ein Großkrimineller. James' bescheidenes Genie träumte von keinem höheren Flug als der Planung von Überfällen auf Züge, Kutschen und Landbanken; Murel plante Sklavenaufstände und die Eroberung von New Orleans; und obendrein konnte dieser Murel bei Gelegenheit auf die Kanzel steigen und die Gemeinde erbauen. Was sind James und seine halbes Dutzend vulgären Schurken im Vergleich zu diesem stattlichen Kriminellen alter Schule, mit seinen Predigten, seinen geplanten Aufständen und Stadteroberungen und seiner majestätischen Gefolgschaft von tausend Männern, die geschworen hatten, seinen bösen Willen auszuführen!
Hier ist ein oder zwei Absätze über diesen großen Operator aus einem heute vergessenen Buch, das vor einem halben Jahrhundert veröffentlicht wurde--
Er scheint ein äußerst geschickter wie auch vollendeter Schurke gewesen zu sein. Wenn er reiste, war seine übliche Verkleidung die eines umherziehenden Predigers; und es heißt, dass seine Predigten sehr „seelenerschütternd“ waren – sie fesselten die Zuhörer so sehr, dass sie vergaßen, auf ihre Pferde zu achten, die von seinen Komplizen entwendet wurden, während er predigte. Doch das Stehlen von Pferden in einem Staat und deren Verkauf in einem anderen war nur ein kleiner Teil ihres Geschäfts; das lukrativste war das Verlocken von Sklaven zur Flucht von ihren Herren, damit sie sie in einem anderen Viertel verkaufen konnten. Dies wurde wie folgt arrangiert: Sie sagten einem Neger, dass er, wenn er von seinem Herrn fliehen und ihnen erlauben würde, ihn zu verkaufen, einen Teil des für ihn gezahlten Geldes erhalten würde, und dass sie ihn bei seiner zweiten Rückkehr zu ihnen in einen freien Staat schicken würden, wo er in Sicherheit wäre.
Die armen Unglücklichen kamen dieser Bitte nach, in der Hoffnung, Geld und Freiheit zu erlangen; sie wurden an einen anderen Herrn verkauft und flohen wieder zu ihren Arbeitgebern; manchmal wurden sie auf diese Weise drei- oder viermal verkauft, bis sie drei- oder viertausend Dollar mit ihnen verdient hatten; aber da nach dieser Zeit die Furcht vor Entdeckung bestand, war es der übliche Brauch, den einzigen Zeugen loszuwerden, der gegen sie hätte vorgebracht werden können, nämlich den Neger selbst, indem sie ihn ermordeten und seinen Körper in den Mississippi warfen. Selbst wenn nachgewiesen wurde, dass sie einen Neger gestohlen hatten, bevor er ermordet wurde, waren sie immer darauf vorbereitet, der Bestrafung zu entgehen; denn sie versteckten den Neger, der geflohen war, bis er ausgeschrieben wurde und eine Belohnung für jeden ausgesetzt war, der ihn fangen würde. Eine solche Anzeige berechtigt die Person dazu, das Eigentum an sich zu nehmen, falls es gefunden wird. Und dann wird der Neger zu einem anvertrauten Eigentum; wenn sie den Neger also verkauften, wurde es nur zu einem Vertrauensbruch, keinem Diebstahl; und für einen Vertrauensbruch kann der Eigentümer des Eigentums nur durch eine Zivilklage Abhilfe suchen, was nutzlos war, da die Entschädigungen nie gezahlt wurden. Man mag sich fragen, wie es kam, dass Murel unter solchen Umständen dem Lynchgesetz entging. Dies ist leicht zu verstehen, wenn man bedenkt, dass er mehr als tausend vereidigte Komplizen hatte, die alle bereit waren, auf einen Moment Bescheid jedem aus der Bande zu helfen, der in Schwierigkeiten steckte. Die Namen aller wichtigen Komplizen von Murel wurden von ihm selbst auf eine Weise erlangt, die ich sogleich erklären werde. Die Bande bestand aus zwei Klassen: den „Heads“ oder dem „Council“, wie sie genannt wurden, die planten und sich absprachen, aber selten handelten; sie beliefen sich auf etwa vierhundert. Die andere Klasse waren die aktiven Agenten, die als „Strikers“ bezeichnet wurden und etwa sechshundertfünfzig an der Zahl waren. Diese waren die Werkzeuge in den Händen der anderen; sie trugen das ganze Risiko und erhielten nur einen kleinen Teil des Geldes; sie waren in der Macht der Anführer der Bande, die sie jederzeit opfern konnten, indem sie sie der Justiz auslieferten oder ihre Körper im Mississippi versenkten. Der allgemeine Treffpunkt dieser Bande von Missetätern befand sich auf der Arkansas-Seite des Flusses, wo sie ihre Neger in den Sümpfen und Schilfdickichten versteckten.
Die Raubzüge dieser umfangreichen Verbindung waren schwer zu spüren; aber ihre Pläne waren so gut arrangiert, dass, obwohl Murel, der immer aktiv war, überall verdächtigt wurde, kein Beweis zu erlangen war. Es begab sich jedoch, dass ein junger Mann namens Stewart, der nach zwei Sklaven suchte, die Murel weggelockt hatte, mit ihm zusammentraf, sein Vertrauen gewann, den Eid ablegte und als Mitglied des Generalrats in die Bande aufgenommen wurde. Auf diese Weise wurde alles entdeckt; denn Stewart wurde zum Verräter, obwohl er den Eid geleistet hatte, und nachdem er alle Informationen erhalten hatte, deckte er die ganze Sache auf, die Namen aller Parteien, und schaffte es schließlich, genügend Beweise gegen Murel nach Hause zu bringen, um seine Verurteilung und Verurteilung zum Zuchthaus zu erwirken (Murel wurde zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt); so viele Leute, die für ehrlich gehalten wurden und in den verschiedenen Staaten einen respektablen Namen trugen, fanden sich auf der Liste des Großen Rates wieder, wie sie von Stewart veröffentlicht wurde, dass jeder Versuch unternommen wurde, seine Behauptungen in Misskredit zu bringen – sein Charakter wurde verleumdet, und mehr als ein Versuch wurde unternommen, ihn zu ermorden. Er war gezwungen, die Südstaaten infolgedessen zu verlassen. Es ist jedoch jetzt hinlänglich festgestellt, dass alles wahr war; und obwohl einige Mr. Stewart beschuldigen, seinen Eid verletzt zu haben, versuchen sie nicht mehr zu leugnen, dass seine Enthüllungen korrekt waren. Ich werde ein oder zwei Teile von Murels Geständnissen gegenüber Mr. Stewart zitieren, die er ihm machte, als sie gemeinsam reisten. Ich hätte bemerken sollen, dass die letztendlichen Absichten von Murel und seinen Mitarbeitern nach seiner eigenen Darstellung in einem sehr ausgedehnten Maßstab lagen; sie hatten kein geringeres Ziel vor Augen, als _die Schwarzen gegen die Weißen aufzuwiegeln, New Orleans in Besitz zu nehmen und zu plündern und sich selbst als Besitzer des Territoriums einzusetzen_. Folgendes sind einige Auszüge:--
„Ich versammelte alle meine Freunde um New Orleans in einem der Häuser unserer Freunde an diesem Ort, und wir saßen drei Tage im Rat, bevor wir alle unsere Pläne nach unserem Wunsch fertig hatten; wir beschlossen dann, die Rebellion um jeden Preis zu unternehmen und so viele Freunde wie möglich für diesen Zweck zu gewinnen. Da jedem Mann seine Aufgabe zugewiesen war, machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Natchez, nachdem ich mein Pferd in New Orleans verkauft hatte – mit der Absicht, nach dem Aufbruch ein anderes zu stehlen. Ich ging vier Tage zu Fuß, und es bot sich keine Gelegenheit für mich, ein Pferd zu bekommen. Am fünften Tag, gegen zwölf Uhr, war ich müde geworden und hielt an einem Bach an, um etwas Wasser zu trinken und mich ein wenig auszuruhen. Während ich auf einem Baumstamm saß und die Straße hinunterschaute, auf der ich gekommen war, kam ein Mann in Sicht, der auf einem gut aussehenden Pferd ritt. In dem Moment, als ich ihn sah, war ich entschlossen, sein Pferd zu haben, falls er in der Kleidung eines Reisenden war. Er ritt heran, und ich sah an seinem Zaumzeug, dass er ein Reisender war. Ich stand auf, zog eine elegante Gewehrpistole auf ihn und befahl ihm abzusteigen. Er tat es, und ich nahm sein Pferd am Zügel, zeigte den Bach hinunter und befahl ihm, vor mir herzugehen. Er ging ein paar hundert Meter und hielt an. Ich band sein Pferd an, ließ ihn sich bis auf Hemd und Unterhosen ausziehen und befahl ihm, mir den Rücken zuzukehren. Er sagte: ‚Wenn Sie entschlossen sind, mich zu töten, lassen Sie mir Zeit zu beten, bevor ich sterbe.‘ Ich sagte ihm, ich hätte keine Zeit, ihn beten zu hören. Er drehte sich um, fiel auf die Knie, und ich schoss ihm in den Hinterkopf.
Ich riss seinen Bauch auf, nahm seine Eingeweide heraus und versenkte ihn im Bach. Dann durchsuchte ich seine Taschen und fand vierhundert Dollar und siebenunddreißig Cent sowie eine Reihe von Papieren, die ich nicht untersuchte. Ich versenkte die Brieftasche, die Papiere und seinen Hut im Bach. Seine Stiefel waren brandneu und passten mir ausgezeichnet; ich zog sie an und versenkte meine alten Schuhe im Bach, um sie auszugleichen. Ich rollte seine Kleidung auf und steckte sie in seine Reisetasche, da es brandneuer Stoff von bester Qualität war. Ich bestieg ein so feines Pferd, wie ich es je bestiegen hatte, und nahm Kurs auf Natchez in weitaus besserem Stil, als ich es in den letzten fünf Tagen getan hatte.
„Ich und ein Kerl namens Crenshaw sammelten vier gute Pferde und machten uns auf den Weg nach Georgia. Wir trafen kurz bevor wir das Cumberland Mountain erreichten einen jungen South Carolinian, und Crenshaw wusste bald alles über sein Geschäft. Er war nach Tennessee gegangen, um eine Herde Schweine zu kaufen, aber als er dort ankam, war Schweinefleisch teurer, als er kalkuliert hatte, und er verzichtete auf den Kauf. Wir schlossen daraus, dass er ein Preis war. Crenshaw zwinkerte mir zu; ich verstand seine Idee. Crenshaw war die Straße schon einmal gereist, ich aber noch nie; wir waren mehrere Meilen auf dem Berg gereist, als er in die Nähe eines großen Abgrunds kam; kurz bevor wir ihn passierten, bat mich Crenshaw um meine Peitsche, die ein Pfund Blei im Knauf hatte; ich gab sie ihm, und er ritt an die Seite des South Carolinians und versetzte ihm einen Schlag gegen die Seite des Kopfes, der ihn von seinem Pferd stürzte; wir stiegen von unseren Pferden und durchsuchten seine Taschen; wir bekamen eintausendzweihundertzweiundsechzig Dollar. Crenshaw sagte, er kenne einen Ort, um ihn zu verstecken, und er nahm ihn unter seine Arme, ich an seinen Füßen, und wir trugen ihn zu einem tiefen Spalt am Rand des Abgrunds, warfen ihn hinein, und er verschwand aus dem Blickfeld; dann warfen wir seinen Sattel hinein und nahmen sein Pferd mit uns, das zweihundert Dollar wert war.
„Wir wurden einige Tage aufgehalten, und während dieser Zeit ging unser Freund in ein kleines Dorf in der Nachbarschaft und sah den Neger ausgeschrieben (einen Neger in unserem Besitz), sowie eine Beschreibung der beiden Männer, von denen er gekauft worden war, und gab seine Verdächtigungen gegenüber den Männern an. Es waren eher stürmische Zeiten, aber jeder Hafen ist gut in einem Sturm: Wir nahmen den Neger in jener Nacht am Ufer eines Baches, der am Bauernhof unseres Freundes vorbeifließt, und Crenshaw schoss ihm in den Kopf. Wir nahmen seine Eingeweide heraus und versenkten ihn im Bach.
„Er hatte den anderen Neger zum dritten Mal am Arkansaw River für über fünfhundert Dollar verkauft; und dann stahl er ihn und lieferte ihn in die Hand seines Freundes, der ihn in einen Sumpf führte und die tragische Szene verschleierte, und bekam die letzten Reste und das heilige Versprechen der Verschwiegenheit; denn ein Spiel dieser Art funktioniert nicht, es sei denn, es endet in einem Geheimnis für alle außer der Bruderschaft. Er verkaufte den Neger, zuerst und zuletzt, für fast zweitausend Dollar und schaffte ihn dann für immer außer Reichweite aller Verfolger; und sie können ihn niemals finden, es sei denn, sie finden den Neger; und das können sie nicht, denn sein Kadaver hat schon mancher Schildkröte und manchem Wels als Nahrung gedient, und die Frösche haben schon so manchen langen Tag die stille Ruhe seines Skeletts besungen.“
Wir näherten uns Memphis, vor dessen Stadt und von deren Menschen beobachtet, die berühmteste der Flussschlachten des Bürgerkriegs geschlagen wurde. Zwei Männer, unter denen ich in meinen Flusstagen gedient hatte, nahmen an diesem Kampf teil: Mr. Bixby, Chef-Lotse der Unionsflotte, und Montgomery, Kommodore der konföderierten Flotte. Beide sahen während des Krieges eine Menge aktiven Dienst und erlangten einen hohen Ruf für Mut und Kapazität.
Als wir uns Memphis näherten, begannen wir uns nach einer Entschuldigung umzusehen, um bis zum Ende ihres Kurses – Vicksburg – bei der „Gold Dust“ zu bleiben. Wir waren so angenehm untergebracht, dass wir keine Änderung vornehmen wollten. Ich hatte eine Besorgung von beträchtlicher Wichtigkeit in Napoleon, Arkansas, zu erledigen, aber vielleicht könnte ich sie bewältigen, ohne die „Gold Dust“ zu verlassen. Ich sagte dies; also beschlossen wir, bei den gegenwärtigen Quartieren zu bleiben.
Das Boot sollte bis zehn Uhr am nächsten Morgen in Memphis verweilen. Es ist eine schöne Stadt, edel gelegen auf einer imposanten Anhöhe mit Blick auf den Fluss. Die Straßen sind gerade und geräumig, wenn auch nicht auf eine Art gepflastert, die zu krankhafter Bewunderung anregt. Nein, die Bewunderung muss dem Abwassersystem der Stadt vorbehalten bleiben, das als perfekt bezeichnet wird; eine kürzliche Reform, allerdings, denn bis vor wenigen Jahren war es genau umgekehrt – eine Reform, die aus der Lektion resultierte, die ein verheerender Besuch des Gelbfiebers erteilt hatte. In jenen schrecklichen Tagen wurden die Menschen zu Hunderten, zu Tausenden dahingerafft; und so groß war die Reduzierung durch Flucht und Tod zusammen, dass die Bevölkerung um drei Viertel abnahm und für eine Zeit so blieb. Das Geschäft stand fast still, und die Straßen hatten ein leeres Sonntagsaussehen.
Hier ist ein Bild von Memphis zu jener unheilvollen Zeit, gezeichnet von einem deutschen Touristen, der ein Augenzeuge der Szenen zu sein scheint, die er beschreibt. Es stammt aus Kapitel VII seines Buches, das gerade in Leipzig veröffentlicht wurde, „Mississippi-Fahrten, von Ernst von Hesse-Wartegg“.--
„Im August hatte das Gelbfieber seinen höchsten Stand erreicht. Täglich fielen Hunderte der schrecklichen Epidemie zum Opfer. Die Stadt war zu einem riesigen Friedhof geworden, zwei Drittel der Bevölkerung hatten den Ort verlassen, und nur die Armen, die Alten und die Kranken blieben zurück, eine sichere Beute für den tückischen Feind. Die Häuser waren geschlossen: Vor vielen brannten kleine Lampen – ein Zeichen, dass hier der Tod eingekehrt war. Oft lagen mehrere Tote in einem einzigen Haus; von den Fenstern hing schwarzer Flor. Die Läden waren verriegelt, denn ihre Besitzer waren fort oder tot.
Furchtbares Unheil! In kürzester Zeit streckte es selbst die kräftigsten Opfer nieder und raffte sie dahin. Ein leichtes Unwohlsein, dann eine Stunde Fieber, dann das scheußliche Delirium, dann – der Gelbe Tod! An den Straßenecken und auf den Plätzen lagen Kranke, die plötzlich von der Krankheit ereilt worden waren; und sogar Leichen, verzerrt und starr. Die Nahrungsmittel blieben aus. Fleisch verdarb in wenigen Stunden in der fauligen und pestilenzialischen Luft und färbte sich schwarz.
Furchtbares Gebrüll ertönt aus vielen Häusern; dann, nach einer Weile, verstummt es, und alles ist still: Edle, aufopferungsvolle Männer kommen mit dem Sarg, vernageln ihn und tragen ihn fort zum Friedhof. In der Nacht herrscht Stille. Nur die Ärzte und die Leichenwagen eilen durch die Straßen; und aus der Ferne dringt in Abständen das dumpfe Donnern des Eisenbahnzuges, der mit der Geschwindigkeit des Windes und wie von Furien gejagt, ohne zu halten an der pestgeplagten Stadt vorüberfliegt.“
Aber dort ist jetzt Leben genug. Die Bevölkerung übersteigt vierzigtausend und nimmt zu, und der Handel befindet sich in einem blühenden Zustand. Wir fuhren durch die Stadt; besuchten den Park und die gesellige Horde von Eichhörnchen dort; sahen die schönen Wohnhäuser, rosenumrankt und auf andere Weise das Auge lockend; und bekamen ein gutes Frühstück im Hotel.
Ein blühender Ort ist die Stadt des barmherzigen Samariters am Mississippi: besitzt einen bedeutenden Großhandel; Gießereien, Maschinenwerkstätten; und Fabriken für Wagen, Kutschen und Baumwollsamenöl; und soll in Kürze Baumwollspinnereien und Getreidesilos bekommen.
Ihre Baumwolleingänge erreichten im letzten Jahr fünfhunderttausend Ballen – eine Steigerung von sechzigtausend gegenüber dem Jahr zuvor. Aus ihrem gesunden kommerziellen Herzen entspringen fünf Hauptbahnlinien; und eine sechste wird hinzugefügt.
Dies ist ein ganz anderes Memphis als jenes, das die verschwundene und unvergessene Prozession ausländischer Touristen vor langer Zeit in ihre Bücher aufzunehmen pflegte. In den Tagen der heute vergessenen, aber einst berühmten und heftig gehassten Mrs. Trollope scheint Memphis hauptsächlich aus einer langen Straße von Blockhäusern bestanden zu haben, mit einigen abgelegenen Hütten, die nach hinten zu den Wäldern hin verstreut waren; und hin und wieder ein Schwein, und kein Ende an Schlamm. Das war vor fünfundfünfzig Jahren. Sie stieg im Hotel ab. Offensichtlich war es nicht das, welches uns unser Frühstück gab. Sie sagt –
„Der Tisch war für fünfzig Personen gedeckt und war nahezu voll. Sie aßen in vollkommener Stille und mit einer solch erstaunlichen Schnelligkeit, dass ihr Abendessen buchstäblich beendet war, bevor unseres begonnen hatte; die einzigen Geräusche, die man hörte, waren die von Messer und Gabel, zusammen mit dem unaufhörlichen Chor des Hustens usw.“
„Husten usw.“ Das „usw.“ steht dort für ein unangenehmes Wort, ein Wort, das sie nicht immer barmherzig verhüllt, sondern manchmal ausschreibt. Sie werden es in der folgenden Beschreibung eines Dampfschiff-Dinners finden, das sie in Begleitung einer Menge aristokratischer Pflanzer einnahm; wohlhabende, gut geborene, ignorante Wichtigtuer waren sie, behangen mit den üblichen harmlosen militärischen und richterlichen Titeln jener alten Zeit des billigen Tand und windigen Vorgebens –
„Der völlige Mangel an allen üblichen Höflichkeiten bei Tisch; die gefräßige Schnelligkeit, mit der die Speisen ergriffen und verschlungen wurden; die seltsamen, ungeschliffenen Phrasen und Aussprache; das ekelhafte Spucken, vor dessen Verunreinigung es absolut unmöglich war, unsere Kleider zu schützen; die schreckliche Art des Essens mit den Messern, bis die ganze Klinge in den Mund einzudringen schien; und die noch schrecklichere Art des Zähnereinigens hinterher mit einem Taschenmesser, zwangen uns bald zu dem Gefühl, dass wir nicht von den Generälen, Obersten und Majoren der alten Welt umgeben waren; und dass die Stunde des Abendessens alles andere als eine Stunde des Genusses sein würde.“
KAPITEL 30
Skizzen von unterwegs
Es war ein großer Fluss unterhalb von Memphis; die Ufer überall randvoll, und sehr häufig mehr als voll, das Wasser ergoss sich über das Land, überflutete die Wälder und Felder meilenweit bis ins Landesinnere; und stellenweise bis zu einer Tiefe von fünfzehn Fuß; überall Zeichen der harten Arbeit der Menschen, die dem Verfall preisgegeben war, und die allesamt mit knappen Mitteln und geschwundenem Mut wiederholt werden musste. Ein melancholisches Bild, und ein fortwährendes; – hunderte Meilen davon. Manchmal standen die Warnfeuer in drei Fuß tiefem Wasser, am Rande dichter Wälder, die sich meilenweit ohne Bauernhof, Holzplatz, Rodung oder irgendeine Unterbrechung erstreckten; was bedeutete, dass der Leuchtfeuerwärter in einem Ruderboot eine große Strecke zurücklegen musste, um seine Pflicht zu erfüllen, – und das oft bei verzweifeltem Wetter. Dennoch wurde mir gesagt, dass die Arbeit bei jedem Wetter treu verrichtet wird; und nicht immer von Männern, manchmal von Frauen, wenn der Mann krank oder abwesend ist. Die Regierung liefert das Öl und zahlt zehn oder fünfzehn Dollar im Monat für das Anzünden und die Wartung. Ein Regierungsboot verteilt einmal im Monat Öl und zahlt Löhne aus.
Die Region um Ship Island war so waldig und unbewohnt wie eh und je. Die Insel hat aufgehört, eine Insel zu sein; sie hat sich kompakt mit dem Festland verbunden, und Wagen fahren jetzt dort, wo früher Dampfschiffe navigierten. Keine Anzeichen mehr vom Wrack der „Pennsylvania“. Irgendein Bauer wird ihre Gebeine eines Tages wohl mit seinem Pflug freilegen und überrascht sein.
Wir gelangten nun in die Region der wandernden Neger. Diese armen Leute konnten niemals reisen, als sie Sklaven waren; also holen sie das Versäumte jetzt nach. Sie bleiben auf einer Plantage, bis sie der Reiselust packt; dann packen sie ihre Sachen, halten ein Dampfschiff an und verschwinden. Nicht für einen bestimmten Ort; nein, fast jeder Ort reicht aus; sie wollen nur in Bewegung sein. Der Geldbetrag, den sie bei sich haben, löst den Rest des Rätsels für sie. Wenn es sie fünfzig Meilen bringt, sehr gut; sollen es fünfzig sein. Wenn nicht, reicht auch ein kürzerer Flug.
Während einiger Tage beantworteten wir häufig diese Rufe. Manchmal war da eine Gruppe von hochwasserverschmutzten, zerfallenden Hütten, bevölkert mit farbigen Leuten, und keine Weißen in Sicht; mit graslosen Flecken trockener Erde hier und da; ein paar gefällte Bäume, mit skelettartigen Rindern, Maultieren und Pferden, die die Blätter fraßen und an der Rinde nagten – keine andere Nahrung für sie in dem vom Hochwasser verwüsteten Land. Manchmal war da eine einsame Landungshütte; in der Nähe die farbige Familie, die uns zugerufen hatte; klein und groß, alt und jung, hockend auf dem spärlichen Haufen Haushaltswaren; diese bestehend aus einer rostigen Flinte, einigen Bettstellen, Truhen, Blechgeschirr, Hockern, einem verkrüppelten Spiegel, einem ehrwürdigen Lehnstuhl und sechs oder acht unedlen und geistlosen gelben Kötern, die mit Stricken an die Familie gebunden waren. Sie müssen ihre Hunde haben; können nicht ohne ihre Hunde gehen. Doch die Hunde sind niemals willig; sie protestieren immer; also werden sie einer nach dem anderen, in lächerlicher Prozession, an Bord gezerrt; alle vier Pfoten gestemmt und über die Gangway gleitend, den Kopf womöglich abgerissen; aber der Ziehende marschiert entschlossen vorwärts, sich bei der Arbeit beugend, mit dem Seil über der Schulter für besseren Halt. Manchmal wird ein Kind vergessen und am Ufer zurückgelassen; aber niemals ein Hund.
Der übliche Flussklatsch im Steuerhaus. Island No. 63 – eine Insel mit einer schönen „Rinne“ oder Passage hinter ihr in früheren Zeiten. Sie sagten, Jesse Jamieson, auf der „Skylark“, hatte einen besuchenden Lotsen bei sich auf einer Fahrt – einen armen, alten, heruntergekommenen, überalterten Kerl – ließ ihn am Steuer, am Fuße der 63, um die Wache abzulösen. Der alte Seemann fuhr durch die Rinne hinauf und außen den Fluss hinunter; und wieder die Rinne hinauf und den Fluss hinunter; und noch einmal und immer wieder; und übergab das Boot dem ablösenden Lotsen, nach drei Stunden ehrlicher Bemühung, am selben alten Fuß der Insel, wo er ursprünglich das Steuer übernommen hatte! Ein Schwarzer am Ufer, der beobachtet hatte, wie das Boot etwa dreizehnmal vorbeifuhr, sagte: „Beim Himmel, ich wäre nicht überrascht, wenn das eine ganze Linie dieser Skylarks wäre!“
Anekdote, die den Einfluss von Ruf auf die Änderung der Meinung veranschaulicht. Die „Eclipse“ war für ihre Schnelligkeit berühmt. Eines Tages fuhr sie vorbei; ein alter Schwarzer am Ufer, in seine eigenen Angelegenheiten vertieft, bemerkte nicht, welcher Dampfer es war. Bald fragte jemand –
„Ist ein Boot hinaufgefahren?“
„Ja, Herr.“
„War sie schnell?“
„Oh, so mittelmäßig – trottete so daher.“
„Nun, wissen Sie, welches Boot das war?“
„Nein, Herr.“
„Warum, Onkel, das war die ‚Eclipse‘.“
„Nein! Ist das so? Nun, ich wette, das war sie – denn sie ist gerade hier vorbeigeflitzt!“
Ein Stück Geschichte, das den gewalttätigen Stil einiger Leute hier unten veranschaulicht. Während der frühen Wochen des Hochwassers wurden A’s Zaunlatten auf B’s Boden geschwemmt, und B’s Latten wurden im Wirbel auf A’s Boden gespült. A sagte: „Lass die Dinge so bleiben; ich werde deine Latten benutzen, und du benutzt meine.“ Aber B widersprach – wollte das nicht. Eines Tages kam A auf B’s Boden, um seine Latten zu holen. B sagte: „Ich werde dich töten!“ und ging mit seinem Revolver auf ihn los. A sagte: „Ich bin nicht bewaffnet.“ Also warf B, der nur tun wollte, was recht war, seinen Revolver weg; zog dann ein Messer und schnitt A die Kehle rundherum auf, legte sein Hauptaugenmerk aber auf die Vorderseite und schaffte es so nicht, die Halsschlagader zu durchtrennen. Im Gerangel schaffte es A, seine Hände auf den weggeworfenen Revolver zu bekommen, und schoss B damit tot – und erholte sich von seinen eigenen Verletzungen.
Weiterer Klatsch; – danach ging jeder nach unten, um Nachmittagskaffee zu trinken, und ließ mich allein am Steuer. Etwas erinnerte mich plötzlich an unsere letzte Stunde in St. Louis, von der ich einen Teil achtern auf dem Hurricane-Deck dieses Bootes verbrachte. Ich wurde dort von einem Fremden begleitet, der ein Gespräch mit mir begann – ein flinker junger Kerl, der sagte, er sei in einer Stadt im Inneren von Wisconsin geboren und habe bis eine Woche zuvor noch nie ein Dampfschiff gesehen. Sagte auch, dass er auf dem Weg von La Crosse herunter sein Boot so sorgfältig und mit solch leidenschaftlichem Interesse inspiziert und untersucht habe, dass er die ganze Sache vom Bug bis zum Ruderblatt gemeistert habe. Fragte mich, woher ich sei. Ich antwortete, Neuengland. „Oh, ein Yank!“, sagte er; und plauderte einfach weiter, ohne auf Zustimmung oder Ablehnung zu warten. Er schlug sofort vor, mich überall auf dem Boot herumzuführen, mir die Namen ihrer verschiedenen Teile zu nennen und mir deren Gebrauch beizubringen. Bevor ich protestieren oder eine Entschuldigung vorbringen konnte, ratterte er bereits wortgewandt mit seiner wohltätigen Arbeit los; und als ich bemerkte, dass er die Dinge falsch benannte und sich gastunfreundlich auf Kosten eines unschuldigen Fremden aus einem fernen Land amüsierte, schwieg ich und ließ ihn gewähren. Er gab mir eine Welt voller Fehlinformationen; und je weiter er ging, desto weiter dehnte sich seine Vorstellungskraft aus, und desto mehr genoss er sein grausames Täuschungswerk. Manchmal, nachdem er mir eine besonders fantastische und empörende Lüge untergejubelt hatte, war er so „voller Lachen“, dass er sich für eine Minute unter dem einen oder anderen Vorwand entfernen musste, damit ich keinen Verdacht schöpfte. Ich blieb treu bei ihm, bis seine Komödie beendet war. Dann bemerkte er, dass er sich vorgenommen habe, mir alles über ein Dampfschiff beizubringen, und das getan habe; aber falls er etwas übersehen habe, solle ich ihn nur fragen, dann würde er den Mangel beheben. „Alles über dieses Boot, wovon du den Namen oder den Zweck nicht kennst, komm zu mir und ich sage es dir.“ Ich sagte, das würde ich tun, und nahm Abschied; verschwand und näherte mich ihm von einer anderen Seite, von wo aus er mich nicht sehen konnte. Da saß er, ganz allein, krümmte sich und wand sich hierhin und dorthin, in den Wehen eines unbezähmbaren Lachens. Er muss sich krank gemacht haben; denn er war danach für mehrere Tage öffentlich nicht mehr zu sehen. Unterdessen geriet die Episode aus meinem Gedächtnis.
Die Sache, die mich jetzt daran erinnerte, als ich allein am Steuer war, war der Anblick dieses jungen Kerls, der in der Tür des Steuerhauses stand, den Knauf in der Hand, und mich still und streng musterte. Ich weiß nicht, wann ich jemanden so verletzt habe aussehen sehen wie ihn. Er sagte nichts – stand einfach da und schaute; vorwurfsvoll schaute er und sann nach. Schließlich schloss er die Tür und ging weg; hielt eine Minute auf dem Texas-Deck an; kam langsam zurück und stand wieder in der Tür, mit diesem gekränkten Ausdruck im Gesicht; betrachtete mich eine Weile in sanftem Tadel, dann sagte er –
„Du hast mich dir alles über ein Dampfschiff beibringen lassen, nicht wahr?“
„Ja“, gestand ich.
„Ja, das hast du – nicht wahr?“
„Ja.“
„Du bist der Kerl, der – der –“
Die Sprache versagte. Pause – kraftloser Kampf um weitere Worte – dann gab er es auf, stieß einen tiefen, kräftigen Fluch aus und ging für immer. Danach sah ich ihn während der Fahrt mehrmals unten; aber er war kalt – wollte mich nicht ansehen. Idiot, wenn er nicht so sehr geschwitzt hätte, um mir anfangs seinen geistlosen Scherz zu spielen, hätte ich seine Gedanken in eine andere Richtung gelenkt und ihn davor bewahrt, diese mutwillige und alberne Unhöflichkeit zu begehen.
Ich ließ mich morgens mit der Vier-Uhr-Wache wecken, denn man kann nicht zu viele Sommersonnenaufgänge auf dem Mississippi sehen. Sie sind bezaubernd. Zuerst ist da die Beredsamkeit der Stille; denn eine tiefe Ruhe brütet überall. Als Nächstes ist da das eindringliche Gefühl der Einsamkeit, der Isolation, der Abgelegenheit von der Sorge und dem Trubel der Welt. Die Morgendämmerung schleicht sich heimlich herein; die soliden Wände des schwarzen Waldes werden weich zu Grau, und weite Strecken des Flusses öffnen sich und enthüllen sich; das Wasser ist spiegelglatt, gibt gespenstische kleine Kränze aus weißem Nebel von sich, es gibt nicht den leisesten Hauch von Wind, noch ein Zittern eines Blattes; die Ruhe ist tiefgründig und unendlich befriedigend. Dann pfeift ein Vogel auf, ein anderer folgt, und bald entwickeln sich die Pfiffe zu einem jubelnden Tumult der Musik. Man sieht keinen der Vögel; man bewegt sich einfach durch eine Atmosphäre des Gesangs, die zu singen scheint. Wenn das Licht ein wenig stärker geworden ist, hat man eines der schönsten und weichsten Bilder, die man sich vorstellen kann. Man hat das intensive Grün des massierten und dichten Laubs in der Nähe; man sieht es Schatten für Schatten vor sich verblassen; auf dem nächsten vorspringenden Kap, eine Meile oder mehr entfernt, hat sich der Farbton zum zarten jungen Grün des Frühlings aufgehellt; das Kap jenseits davon hat fast die Farbe verloren, und das entfernteste, meilenweit unter dem Horizont, schläft auf dem Wasser wie ein blasser Dunst und ist kaum von dem Himmel darüber und um es herum zu unterscheiden. Und dieser ganze Flussabschnitt ist ein Spiegel, und man hat die schattenhaften Spiegelungen des Blattwerks und der kurvigen Ufer und der zurückweichenden Kaps darin abgebildet. Nun, das ist alles wunderschön; weich und reich und wunderschön; und wenn die Sonne gut aufsteigt und ein rosa Leuchten hier und einen Goldstaub dort und einen violetten Dunst dort verteilt, wo es den besten Effekt erzielt, gibt man zu, dass man etwas gesehen hat, das es wert ist, sich daran zu erinnern.
Wir hatten das Kentucky Bend Land am frühen Morgen – Schauplatz eines seltsamen und tragischen Unfalls in alten Zeiten. Kapitän Poe hatte ein kleines Heckschaufelboot, jahrelang das Zuhause für ihn und seine Frau. Eines Nachts traf das Boot einen Baumstamm am Kopf von Kentucky Bend und sank mit erstaunlicher Plötzlichkeit; das Wasser war bereits weit über dem Kabinenboden, als der Kapitän nach achtern kam. Also schnitt er mit einer Axt von oben in die Kabine seiner Frau; sie schlief in der oberen Koje, das Dach ein flügigeres, als man vermutete; der erste Schlag krachte durch die verrotteten Bretter und spaltete ihren Schädel.
Diese Biegung ist jetzt ganz aufgefüllt – Ergebnis eines Durchstichs; und derselbe Agent hat die große und einst viel besuchte Walnut Bend genommen und sie weit zurück in eine Einsamkeit fernab der gewohnten Route vorbeifahrender Dampfer versetzt.
Helena besuchten wir, und auch eine Stadt, von der ich vorher noch nicht gehört hatte, da sie erst kürzlich entstanden war – Arkansas City. Sie wurde von einer Eisenbahn geboren; die Little Rock, Mississippi River and Texas Railroad berührt dort den Fluss. Wir fragten einen Passagier, der dort hingehörte, was das für ein Ort sei. „Nun“, sagte er nach Überlegung und mit der Miene eines Mannes, der sich Zeit nehmen und genau sein will: „Es ist ein verdammt schöner Ort.“ Eine Beschreibung, die an Genauigkeit fotografisch war. Es gab mehrere Reihen und Ansammlungen von schäbigen Rahmenhäusern und einen Vorrat an Schlamm, der ausreichte, um die Stadt für hundert Jahre gegen eine Hungersnot in diesem Artikel zu versichern; denn das Hochwasser war erst kürzlich zurückgegangen. Es gab stehende Teiche in den Straßen, hier und da, und ein Dutzend raue Lastkähne waren verstreut, lagen auf Grund, wo immer sie gerade waren, als das Wasser abfloss und die Leute ihre Besuche und Einkäufe wieder zu Fuß erledigen konnten. Dennoch ist es ein blühender Ort, mit einem reichen Land dahinter, einem Getreidesilo davor und auch einer schönen großen Mühle für die Herstellung von Baumwollsamenöl. Ich hatte diese Art von Mühle noch nie zuvor gesehen.
Baumwollsamen war zu meiner Zeit vergleichsweise wertlos; aber er ist jetzt 12 oder 13 Dollar pro Tonne wert, und nichts davon wird weggeworfen. Das daraus hergestellte Öl ist farblos, geschmacklos und fast wenn nicht völlig geruchlos. Es wird behauptet, dass es durch richtige Manipulation dazu gebracht werden kann, jedem und allen Ölen zu ähneln und deren Aufgabe zu erfüllen, und zu einem billigeren Preis als die billigsten der Originale hergestellt werden kann. Kluge Leute verschifften es nach Italien, behandelten es, etikettierten es und brachten es als Olivenöl zurück. Dieser Handel wurde so gewaltig, dass Italien gezwungen war, eine Verbotssteuer darauf zu erheben, um zu verhindern, dass er ihrer Ölindustrie ernsthaften Schaden zufügt.
Helena nimmt eine der schönsten Lagen am Mississippi ein. Ihr Sitz ist die letzte, die südlichste Gruppe von Hügeln, die man auf dieser Seite des Flusses sieht. In ihrem normalen Zustand ist es eine hübsche Stadt; aber das Hochwasser (oder möglicherweise das Sickerwasser) hatte sie kürzlich verwüstet; ganze Straßen mit Häusern waren vom schlammigen Wasser überfallen worden, und die Außenseiten der Gebäude waren noch immer mit einem breiten Fleck gegürtet, der sich von den Fundamenten aufwärts erstreckte. Gestrandete und ausrangierte Lastkähne lagen überall herum; Planken-Bürgersteige auf vier Fuß hohen Stelzen standen noch; die Brett-Bürgersteige auf Bodenebene waren lose und ruinös – ein paar Männer, die darauf trabten, konnten einen Blinden glauben machen, eine Kavallerieattacke käme; überall war der Schlamm schwarz und tief, und an vielen Stellen standen malariöse Pfützen aus stehendem Wasser. Eine Mississippi-Überschwemmung ist die zweitgrößte, verwüstende und trostlose Heimsuchung nach einem Feuer.
Wir hatten hier an diesem sonnigen Sonntag eine angenehme Zeit: zwei volle Stunden Freiheit an Land, während das Boot Fracht entlud. In den hinteren Straßen waren nur wenige weiße Leute zu sehen, aber es gab jede Menge farbiger Leute – hauptsächlich Frauen und Mädchen; und fast ausnahmslos in helle neue Kleidung von schickem und aufwendigem Stil und Schnitt gekleidet – ein greller und ausgelassener Kontrast zu dem traurigen Schlamm und den nachdenklichen Pfützen.
Helena ist die zweitgrößte Stadt in Arkansas, was die Bevölkerung betrifft – die auf fünftausend angesetzt ist. Das Land darum ist außergewöhnlich produktiv. Helena hat einen guten Baumwollhandel; wickelt jährlich vierzig- bis sechzigtausend Ballen ab; sie hat einen großen Holz- und Getreidehandel; hat eine Gießerei, Ölmühlen, Maschinenwerkstätten und Wagenfabriken – kurz gesagt, hat 1.000.000 Dollar in die verarbeitende Industrie investiert. Sie hat zwei Eisenbahnen und ist das Handelszentrum einer breiten und wohlhabenden Region. Ihre Bruttoeinnahmen an Geld, jährlich, aus allen Quellen, werden vom New Orleans „Times-Democrat“ auf 4.000.000 Dollar geschätzt.
KAPITEL 31
Ein Daumenabdruck und was daraus wurde
Wir näherten uns Napoleon, Arkansas. Also begann ich, über mein dortiges Erledigung nachzudenken. Es war Mittag; hell und sonnig. Das war schlecht – jedenfalls nicht optimal; denn meine Angelegenheit war (vorzugsweise) keine für den Mittag. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr drängte sich mir diese Tatsache auf – mal in der einen, mal in der anderen Form. Schließlich nahm sie die Form einer klaren Frage an: Ist es vernünftig, die Erledigung bei Tageslicht vorzunehmen, wenn man mit einem kleinen Verzicht auf Komfort und Neigung die Nacht dafür haben kann, ohne dass neugierige Augen in der Nähe sind? Das entschied die Sache. Eine klare Frage und eine klare Antwort sind der kürzeste Weg aus den meisten Verlegenheiten.
Ich holte meine Freunde in meine Kabine und sagte, es tue mir leid, Unannehmlichkeiten und Enttäuschung zu bereiten, aber nach reiflicher Überlegung scheine es das Beste zu sein, wenn wir unser Gepäck an Land brächten und in Napoleon einen Zwischenstopp einlegten. Ihr Missfallen war prompt und laut; ihre Sprache meuterisch. Ihr Hauptargument war eines, das seit Anbeginn der Zeit in solchen Fällen immer als erstes an die Oberfläche kommt: „Aber du hast entschieden und zugestimmt, auf diesem Boot zu bleiben, usw.“; als ob man, nachdem man sich entschlossen hat, etwas Unvernünftiges zu tun, dadurch verpflichtet wäre, fortzufahren und eine zweite Unvernunft daraus zu machen, indem man diesen Entschluss ausführt.
Ich versuchte es mit verschiedenen beschwichtigenden Taktiken bei ihnen, mit einigermaßen gutem Erfolg: Unter dieser Ermutigung verstärkte ich meine Bemühungen; und um ihnen zu zeigen, dass ich mir diese lästige Aufgabe nicht selbst eingebrockt hatte und in keiner Weise daran schuld war, glitt ich alsbald in ihre Geschichte ab – im Wesentlichen wie folgt:
Gegen Ende des letzten Jahres verbrachte ich einige Monate in München, Bayern. Im November wohnte ich in Fräulein Dahlweiners Pension, Karlstraße 1a; aber meine Arbeitsräume befanden sich eine Meile davon entfernt, im Haus einer Witwe, die sich durch die Aufnahme von Logiergästen über Wasser hielt. Sie und ihre beiden kleinen Kinder schauten jeden Morgen bei mir vorbei und sprachen – auf Wunsch – Deutsch mit mir. Eines Tages besuchte ich während eines Streifzugs durch die Stadt eine der beiden Einrichtungen, in denen die Regierung Leichen aufbewahrt und beobachtet, bis die Ärzte entscheiden, dass sie endgültig tot sind und sich nicht in einem tranceartigen Zustand befinden. Es war ein grausiger Ort, dieser geräumige Raum. Es lagen sechsunddreißig erwachsene Leichen in Sichtweite, auf den Rücken gestreckt auf leicht geneigten Brettern, in drei langen Reihen – alle mit wachsweißen, starren Gesichtern und alle in weiße Leichentücher gehüllt. Entlang der Seiten des Raumes befanden sich tiefe Nischen, wie Erker; und in jeder von ihnen lagen mehrere Babys mit marmornen Gesichtern, völlig verborgen und begraben unter Bänken aus frischen Blumen, bis auf ihre Gesichter und die gekreuzten Hände. Um einen Finger jeder dieser fünfzig stillen Gestalten, ob groß oder klein, war ein Ring; und von dem Ring führte ein Draht zur Decke und von dort zu einer Glocke in einem Wächterzimmer da drüben, wo Tag und Nacht ein Wächter sitzt, stets wachsam und bereit, der Hilfe jeder jener bleichen Gesellschaft entgegenzuspringen, die, aus dem Tod erwachend, eine Bewegung machen würde – denn jede, selbst die geringste Bewegung würde den Draht zupfen und diese schreckliche Glocke läuten lassen. Ich stellte mir vor, ich sei ein Totenwächter, der dort einsam vor sich hin döste, weit in den sich hinziehenden Stunden einer klagenden, böigen Nacht, und in einem Augenblick würde mein ganzer Körper durch den plötzlichen Lärm dieses entsetzlichen Rufes zu zitterndem Wackelpudding geschlagen werden! Also fragte ich nach dieser Sache; fragte, was normalerweise passierte? ob der Wächter starb und die wiederbelebte Leiche kam und tat, was sie konnte, um seine letzten Momente zu erleichtern. Aber ich wurde dafür gerügt, dass ich versuchte, eine müßige und leichtfertige Neugier an einem so feierlichen und traurigen Ort zu stillen; und zog mit gesenktem Haupt von dannen.
Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Abenteuer, als sie ausrief:
„Kommen Sie mit mir! Ich habe einen Logiergast, der Ihnen alles sagen wird, was Sie wissen wollen. Er war dort Nachtwächter.“
Er war ein lebender Mensch, aber so sah er nicht aus. Er lag im Bett und hatte seinen Kopf hoch auf Kissen gebettet; sein Gesicht war eingefallen und farblos, seine tief liegenden Augen waren geschlossen; seine Hand, die auf seiner Brust lag, war klauenartig, so knochig und langfingrig war sie. Die Witwe begann mich vorzustellen. Die Augen des Mannes öffneten sich langsam und blitzten bösartig aus der Dämmerung ihrer Höhlen; er runzelte die Stirn in finsterem Zorn; er hob seine magere Hand und winkte uns barsch weg. Aber die Witwe fuhr unbeirrt fort, bis sie die Tatsache herausgebracht hatte, dass ich ein Fremder und Amerikaner sei. Das Gesicht des Mannes veränderte sich sofort; es hellte sich auf, wurde sogar begierig – und im nächsten Augenblick waren er und ich allein.
Ich eröffnete das Gespräch in eisenhartem Deutsch; er antwortete in ziemlich fließendem Englisch; danach gönnten wir der deutschen Sprache eine dauerhafte Ruhepause.
Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn jeden Tag, und wir sprachen über alles. Zumindest über alles außer Frauen und Kinder. Ließ man die Frau oder das Kind von irgendjemandem erwähnen, folgten immer drei Dinge: Das gnädigste, liebevollste und zärtlichste Licht schimmerte für einen Moment in den Augen des Mannes; verblasste im nächsten Augenblick, und an seine Stelle trat dieser tödliche Blick, der dort geflammt hatte, als ich zum ersten Mal sah, wie sich seine Lider öffneten; drittens hörte er von da an für diesen Tag auf zu sprechen; lag still, geistesabwesend und in sich gekehrt; hörte anscheinend nichts von dem, was ich sagte; nahm meine Abschiede nicht zur Kenntnis und wusste offensichtlich weder durch Sehen noch durch Hören, wann ich den Raum verließ.
Als ich zwei Monate lang dieser tägliche und einzige Vertraute von Karl Ritter gewesen war, sagte er eines Tages unvermittelt:
„Ich werde Ihnen meine Geschichte erzählen.“
DAS GESTÄNDNIS EINES STERBENDEN
Dann fuhr er wie folgt fort:
Ich habe bis jetzt nie aufgegeben. Aber jetzt habe ich aufgegeben. Ich werde sterben. Ich habe mir letzte Nacht eingeredet, dass es so sein muss, und zwar sehr bald. Sie sagen, Sie wollen Ihren Fluss bald wieder besuchen, wenn Sie Gelegenheit finden. Sehr wohl; das, zusammen mit einer gewissen seltsamen Erfahrung, die mir letzte Nacht zuteilwurde, bestimmt mich dazu, Ihnen meine Geschichte zu erzählen – denn Sie werden Napoleon, Arkansas, sehen; und mir zuliebe werden Sie dort anhalten und eine gewisse Sache für mich tun – eine Sache, die Sie bereitwillig unternehmen werden, nachdem Sie meine Erzählung gehört haben.
Lassen Sie uns die Geschichte überall dort abkürzen, wo wir können, denn das wird nötig sein, da sie lang ist. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu gehen, und wie ich mich in jener einsamen Gegend im Süden niederließ. Aber Sie wissen nicht, dass ich eine Frau hatte. Meine Frau war jung, schön, liebevoll und oh, so göttlich gut und untadelig und sanft! Und unsere kleine Tochter war ihre Mutter im Miniaturformat. Es war der glücklichste aller glücklichen Haushalte.
Eines Nachts – es war gegen Ende des Krieges – erwachte ich aus einer dumpfen Lethargie und fand mich gefesselt und geknebelt, und die Luft war von Chloroform geschwängert! Ich sah zwei Männer im Raum, und einer sagte zum anderen in einem heiseren Flüstern: „Ich habe ihr gesagt, ich würde es tun, wenn sie Lärm macht, und was das Kind betrifft –“
Der andere Mann unterbrach mit einer leisen, halb weinenden Stimme:
„Du hast gesagt, wir würden sie nur knebeln und ausrauben, nicht verletzen; sonst wäre ich nicht mitgekommen.“
„Halt dein Gejammer; ich musste den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast getan, was du konntest, um sie zu beschützen, lass das jetzt gut sein; komm, hilf beim Durchsuchen.“
Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte „Nigger“-Kleidung; sie hatten eine Sturmlaterne, und bei ihrem Licht bemerkte ich, dass dem sanfteren Räuber an der rechten Hand der Daumen fehlte. Sie durchsuchten einen Moment lang meine arme Hütte; der Anführer der Banditen sagte dann in seinem Bühnenflüstern:
„Es ist Zeitverschwendung – er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm ihm den Knebel ab und bring ihn wieder zu Bewusstsein.“
Der andere sagte:
„In Ordnung – vorausgesetzt, es gibt kein Knüppeln.“
„Kein Knüppeln also – vorausgesetzt, er hält still.“
Sie näherten sich mir; gerade da war ein Geräusch draußen; ein Geräusch von Stimmen und stampfenden Hufen; die Räuber hielten den Atem an und lauschten; die Geräusche kamen langsam näher und näher; dann kam ein Ruf:
„Hallo, das Haus! Zeigt Licht, wir wollen Wasser.“
„Die Stimme des Captains, bei Gott!“, sagte der bühnenflüsternde Schurke, und beide Räuber flohen durch die Hintertür und löschten ihre Sturmlaterne, während sie rannten.
Die Fremden riefen noch mehrmals, ritten dann aber vorbei – es schienen ein Dutzend Pferde zu sein – und ich hörte nichts mehr.
Ich kämpfte, konnte mich aber nicht von meinen Fesseln befreien. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel war wirksam; ich konnte keinen Ton von mir geben. Ich lauschte auf die Stimme meiner Frau und meines Kindes – lauschte lange und aufmerksam, aber kein Laut drang vom anderen Ende des Raumes, wo ihr Bett war. Diese Stille wurde mit jedem Moment entsetzlicher, drohender. Hätten Sie eine Stunde davon ertragen können, glauben Sie? Dann bemitleiden Sie mich, der ich drei ertragen musste. Drei Stunden –? es waren drei Ewigkeiten! Wann immer die Uhr schlug, schien es, als seien Jahre vergangen, seit ich sie das letzte Mal gehört hatte. Die ganze Zeit über kämpfte ich gegen meine Fesseln; und schließlich, gegen Morgengrauen, machte ich mich frei, stand auf und streckte meine steifen Glieder. Ich konnte die Details ziemlich gut erkennen. Der Boden war übersät mit Dingen, die die Räuber bei ihrer Suche nach meinen Ersparnissen dorthin geworfen hatten. Das erste Objekt, das meine besondere Aufmerksamkeit erregte, war ein Dokument von mir, bei dem ich gesehen hatte, wie der gröbere der beiden Schurken darauf blickte und es dann wegwarf. Es war Blut daran! Ich taumelte zum anderen Ende des Raumes. Oh, ihr armen, unschuldigen, hilflosen Wesen, da lagen sie, ihre Sorgen beendet, meine begonnen!
Habe ich das Gesetz angerufen – ich? Löscht es den Durst des Bettlers, wenn der König für ihn trinkt? Oh, nein, nein, nein – ich wollte keine unverschämte Einmischung des Gesetzes. Gesetze und der Galgen konnten die Schuld, die mir gegenüber bestand, nicht begleichen! Mögen die Gesetze die Angelegenheit in meinen Händen lassen und keine Angst haben: Ich würde den Schuldner finden und die Schuld eintreiben. Wie das erreichen, sagen Sie? Wie das erreichen und sich so sicher dabei fühlen, wenn ich weder die Gesichter der Räuber gesehen, noch ihre natürlichen Stimmen gehört hatte, noch irgendeine Ahnung hatte, wer sie sein könnten? Dennoch war ich sicher – ganz sicher, ganz zuversichtlich. Ich hatte einen Hinweis – einen Hinweis, den Sie nicht geschätzt hätten – einen Hinweis, der selbst einem Detektiv nicht viel geholfen hätte, da ihm das Geheimnis fehlte, wie man ihn anwendet. Ich werde gleich darauf zu sprechen kommen – Sie werden sehen. Lassen Sie uns nun fortfahren und die Dinge in ihrer richtigen Reihenfolge angehen. Es gab einen Umstand, der mir von Anfang an eine Richtung vorgab: Diese beiden Räuber waren offensichtlich Soldaten in Vagabunden-Verkleidung; und nicht neu im Militärdienst, sondern alt darin – vielleicht Berufssoldaten; sie hatten sich ihre soldatische Haltung, ihre Gesten, ihren Gang nicht an einem Tag, nicht in einem Monat und auch nicht in einem Jahr angeeignet. So dachte ich, sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: „Die Stimme des Captains, bei Gott!“ – derjenige, dessen Leben ich haben wollte. Zwei Meilen entfernt waren mehrere Regimenter im Lager, sowie zwei Kompanien der U.S. Kavallerie. Als ich erfuhr, dass Captain Blakely von der Kompanie C in jener Nacht mit einer Eskorte unseren Weg gekreuzt hatte, sagte ich nichts, aber ich nahm mir vor, meinen Mann in dieser Kompanie zu suchen. Im Gespräch beschrieb ich die Räuber studiert und beharrlich als Vagabunden, als Lageranhängsel; und unter dieser Klasse stellten die Leute unnütze Nachforschungen an, ohne dass jemand außer mir die Soldaten verdächtigte.
Während ich nachts geduldig in meinem verödeten Zuhause arbeitete, fertigte ich mir aus verschiedenen Kleidungsresten eine Verkleidung an; im nächstgelegenen Dorf kaufte ich ein Paar blaue Schutzbrillen. Als das Militärlager schließlich aufgelöst wurde und die Kompanie C hundert Meilen nach Norden, nach Napoleon, beordert wurde, versteckte ich meine kleine Geldreserve in meinem Gürtel und machte mich bei Nacht auf den Weg. Als die Kompanie C in Napoleon ankam, war ich bereits dort. Ja, ich war da, mit einem neuen Beruf – Wahrsager. Um nicht parteiisch zu erscheinen, schloss ich Freundschaften und las allen dort stationierten Kompanien die Zukunft; aber der Kompanie C widmete ich den Großteil meiner Aufmerksamkeit. Ich machte mich diesen speziellen Männern gegenüber grenzenlos gefällig; sie konnten mich um keinen Gefallen bitten, mich keinem Risiko aussetzen, das ich abgelehnt hätte. Ich wurde zum willigen Ziel ihrer Witze; das perfektionierte meine Beliebtheit; ich wurde ein Liebling.
Schon bald fand ich einen Gefreiten, dem ein Daumen fehlte – welch eine Freude war das für mich! Und als ich feststellte, dass er allein von der ganzen Kompanie einen Daumen verloren hatte, verschwand mein letzter Zweifel; ich war sicher, dass ich auf der richtigen Spur war. Der Name dieses Mannes war Kruger, ein Deutscher. Es gab neun Deutsche in der Kompanie. Ich beobachtete, wer seine Vertrauten sein könnten; aber er schien keine besonderen Vertrauten zu haben. Aber ich war sein Vertrauter; und ich sorgte dafür, dass die Vertrautheit wuchs. Manchmal hungerte ich so sehr nach meiner Rache, dass ich mich kaum davon abhalten konnte, auf die Knie zu fallen und ihn anzuflehen, mir den Mann zu zeigen, der meine Frau und mein Kind ermordet hatte; aber ich brachte es fertig, meine Zunge im Zaum zu halten. Ich wartete auf meine Zeit und las weiter aus der Hand, wie sich die Gelegenheit bot.
Mein Apparat war einfach: ein wenig rote Farbe und ein Stück weißes Papier. Ich bemalte die Fingerbeere des Daumens des Klienten, drückte sie auf das Papier, studierte sie in jener Nacht und offenbarte ihm am nächsten Tag sein Schicksal. Was war meine Idee bei diesem Unsinn? Es war diese: Als ich ein junger Mann war, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang Gefängniswärter gewesen war, und er sagte mir, dass es eine Sache an einer Person gäbe, die sich von der Wiege bis zur Bahre nie ändere – die Linien in der Fingerbeere des Daumens; und er sagte, dass diese Linien bei den Daumen von zwei Menschen niemals genau gleich seien. Heutzutage fotografieren wir den neuen Kriminellen und hängen sein Bild zur zukünftigen Referenz in die Galerie der Schurken; aber dieser Franzose pflegte zu seiner Zeit einen Abdruck der Fingerbeere des Daumens eines neuen Gefangenen zu nehmen und diesen für zukünftige Referenz aufzubewahren. Er sagte immer, Bilder seien nichts wert – zukünftige Verkleidungen könnten sie nutzlos machen; „Der Daumen ist das einzig Sichere“, sagte er; „den kann man nicht verkleiden.“ Und er pflegte seine Theorie auch an meinen Freunden und Bekannten zu beweisen; es gelang immer.
Ich fuhr fort, die Zukunft zu lesen. Jede Nacht schloss ich mich ganz allein ein und studierte die Daumenabdrücke des Tages mit einer Lupe. Stellen Sie sich die zehrende Eifer vor, mit der ich diese wirren roten Spiralen studierte, mit dem Dokument an meiner Seite, das die Abdrücke von Daumen und Fingern der rechten Hand jenes unbekannten Mörders trug, gedruckt mit dem kostbarsten Blut – für mich –, das jemals auf dieser Erde vergossen wurde! Und viele, viele Male musste ich dieselbe alte enttäuschte Bemerkung wiederholen: „Werden sie niemals übereinstimmen!“
Aber meine Belohnung kam schließlich. Es war der Abdruck des Daumens des dreiundvierzigsten Mannes der Kompanie C, an dem ich experimentiert hatte – Gefreiter Franz Adler. Vor einer Stunde kannte ich den Namen, die Stimme, die Gestalt, das Gesicht oder die Nationalität des Mörders nicht; aber jetzt wusste ich all diese Dinge! Ich glaubte, mir sicher sein zu können; da die wiederholten Demonstrationen des Franzosen ein so guter Gewährsmann waren. Dennoch gab es einen Weg, um sicherzugehen. Ich hatte einen Abdruck von Krugers linkem Daumen. Am Morgen nahm ich ihn beiseite, als er nicht im Dienst war; und als wir außer Sicht- und Hörweite von Zeugen waren, sagte ich eindrucksvoll:
„Ein Teil Ihres Schicksals ist so schwerwiegend, dass ich dachte, es wäre besser für Sie, wenn ich es nicht öffentlich erzähle. Sie und ein anderer Mann, dessen Schicksal ich letzte Nacht studierte – Gefreiter Adler –, haben eine Frau und ein Kind ermordet! Sie werden verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werden Sie beide ermordet werden.“
Er fiel auf die Knie, vor Schreck außer sich; und fünf Minuten lang sprudelte er dieselben Sätze hervor, wie ein Geisteskranker, und in derselben halb weinenden Art, die eine meiner Erinnerungen an jene mörderische Nacht in meiner Hütte war:
„Ich habe es nicht getan; bei meiner Seele, ich habe es nicht getan; und ich habe versucht, *ihn* davon abzuhalten; ich habe es getan, Gott ist mein Zeuge. Er hat es allein getan.“
Das war alles, was ich wollte. Und ich versuchte, den Narren loszuwerden; aber nein, er klammerte sich an mich und flehte mich an, ihn vor dem Mörder zu retten. Er sagte:
„Ich habe Geld – zehntausend Dollar – versteckt, die Früchte von Beute und Diebstahl; retten Sie mich – sagen Sie mir, was ich tun soll, und Sie sollen es haben, jeden Pfennig. Zwei Drittel davon gehören meinem Cousin Adler; aber Sie können alles nehmen. Wir haben es versteckt, als wir das erste Mal hierherkamen. Aber ich habe es gestern an einem neuen Ort versteckt und es ihm nicht gesagt – werde es ihm auch nicht sagen. Ich wollte desertieren und mit allem davonkommen. Es ist Gold und zu schwer zu tragen, wenn man rennt und sich versteckt; aber eine Frau, die schon zwei Tage über dem Fluss ist, um mir den Weg zu bereiten, wird mir mit ihm folgen; und wenn ich keine Gelegenheit bekäme, ihr das Versteck zu beschreiben, wollte ich ihr meine silberne Taschenuhr in die Hand drücken oder sie ihr schicken, und sie würde es verstehen. In der Rückseite des Gehäuses ist ein Stück Papier, das alles verrät. Hier, nehmen Sie die Uhr – sagen Sie mir, was ich tun soll!“
Er versuchte, mir seine Uhr aufzudrängen, und enthüllte das Papier und erklärte es mir, als Adler auf der Bildfläche erschien, etwa ein Dutzend Meter entfernt. Ich sagte zu dem armen Kruger:
„Stecken Sie Ihre Uhr weg, ich will sie nicht. Ihnen soll kein Leid geschehen. Gehen Sie jetzt; ich muss Adler sein Schicksal lesen. Gleich werde ich Ihnen sagen, wie Sie dem Mörder entkommen können; in der Zwischenzeit muss ich Ihren Daumenabdruck noch einmal untersuchen. Sagen Sie Adler nichts über diese Sache – sagen Sie niemandem etwas.“
Er ging fort, voller Angst und Dankbarkeit, der arme Teufel. Ich las Adler eine lange Zukunft – absichtlich so lang, dass ich sie nicht beenden konnte; versprach, ihn in jener Nacht auf seiner Wache aufzusuchen und ihm den wirklich wichtigen Teil davon zu erzählen – den tragischen Teil, sagte ich – also musste es außerhalb der Reichweite von Lauschern sein. Sie hielten immer eine Vorpostenwache außerhalb der Stadt – bloße Disziplin und Zeremonie – kein Grund dafür, kein Feind in der Nähe.
Gegen Mitternacht machte ich mich auf den Weg, ausgerüstet mit dem Kennwort, und suchte mir meinen Weg zu der einsamen Gegend, wo Adler seine Wache halten sollte. Es war so dunkel, dass ich direkt auf eine schwache Gestalt stolperte, noch bevor ich ein schützendes Wort herausbringen konnte. Der Posten rief mich an und ich antwortete, beides im selben Moment. Ich fügte hinzu: „Ich bin es nur – der Wahrsager.“ Dann schlüpfte ich an die Seite des armen Teufels und ohne ein Wort stieß ich ihm meinen Dolch ins Herz! Ja wohl, lachte ich, es war tatsächlich der tragische Teil seines Schicksals! Als er vom Pferd fiel, klammerte er sich an mich, und meine blaue Schutzbrille blieb in seiner Hand; und das Tier stürmte davon und schleifte ihn mit dem Fuß im Steigbügel mit sich.
Ich floh durch den Wald und konnte entkommen, wobei ich die anklagende Brille in der Hand des Toten zurückließ.
Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seitdem bin ich ziellos auf der Welt umhergewandert, manchmal in Arbeit, manchmal untätig; manchmal mit Geld, manchmal ohne; aber immer lebensmüde und den Wunsch hegend, es wäre vorbei, denn meine Mission hier war mit der Tat jener Nacht beendet; und das einzige Vergnügen, der einzige Trost, die einzige Zufriedenheit, die ich in all den langweiligen Jahren hatte, war der tägliche Gedanke: „Ich habe ihn getötet!“
Vor vier Jahren begann meine Gesundheit zu schwinden. Ich war auf meine ziellose Art nach München gewandert. Da mir das Geld ausging, suchte ich Arbeit und fand sie; ich verrichtete meine Pflichten treu etwa ein Jahr lang und erhielt dann den Posten als Nachtwächter dort drüben in jenem Leichenhaus, das Sie neulich besuchten. Der Ort entsprach meiner Stimmung. Ich mochte ihn. Ich mochte das Zusammensein mit den Toten – mochte es, allein mit ihnen zu sein. Ich pflegte stundenlang zwischen jenen starren Leichen umherzuwandern und in ihre strengen Gesichter zu blicken. Je später die Stunde, desto beeindruckender war es; ich zog die späte Zeit vor. Manchmal drehte ich das Licht herunter: das gab Tiefe, verstehen Sie; und die Fantasie konnte spielen; stets erfüllten die schummrigen, zurückweichenden Reihen der Toten einen mit seltsamen und faszinierenden Einfällen. Vor zwei Jahren – ich war damals ein Jahr dort – saß ich an einem stürmischen Winterabend ganz allein in der Wachtstube, durchfroren, taub, trostlos; ich dämmerte allmählich in die Bewusstlosigkeit hinüber; das Schluchzen des Windes und das Zuschlagen entfernter Fensterläden wurden in meinem abstumpfenden Ohr von Augenblick zu Augenblick schwächer, als plötzlich und scharf jene Totenglocke einen blutgefrierenden Alarm über meinem Kopf erschallen ließ! Der Schock davon lähmte mich beinahe; denn es war das erste Mal, dass ich sie gehört hatte.
Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichenraum. Etwa in der Mitte der äußeren Reihe saß eine in Leichentücher gehüllte Gestalt aufrecht und wiegte langsam den Kopf von einer Seite zur anderen – ein grausiger Anblick! Ihre Seite war mir zugewandt. Ich eilte zu ihr und blickte in ihr Gesicht. Himmel, es war Adler!
Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gefasst lautete er: „Es scheint also, du bist mir einmal entkommen: Diesmal wird das Ergebnis ein anderes sein!“
Offensichtlich litt dieses Geschöpf unvorstellbare Ängste. Denken Sie nur, wie es gewesen sein muss, inmitten dieser lautlosen Stille aufzuwachen und über diese grimmige Versammlung der Toten zu blicken! Welche Dankbarkeit leuchtete in seinem hageren, weißen Gesicht, als er eine lebende Gestalt vor sich sah! Und wie die Inbrunst dieser stummen Dankbarkeit noch zunahm, als seine Augen auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in meinen Händen hielt! Dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das in dieses verkniffene Gesicht trat, als ich die Stärkungsmittel hinter meinen Rücken brachte und spöttisch sagte:
„Sprich nur, Franz Adler – rufe diese Toten an. Zweifellos werden sie zuhören und Mitleid haben; aber hier gibt es sonst niemanden, der es tun wird.“
Er versuchte zu sprechen, aber das Stück Leichentuch, das seine Kiefer zusammenband, hielt fest und ließ ihn nicht. Er versuchte, flehende Hände zu heben, aber sie waren auf seiner Brust gekreuzt und festgebunden. Ich sagte:
„Schrei, Franz Adler; mach, dass die Schlafenden in den fernen Straßen dich hören und Hilfe bringen. Schrei – und verliere keine Zeit, denn es gibt wenig zu verlieren. Was, du kannst nicht? Das ist schade; aber es macht nichts – es bringt nicht immer Hilfe. Als du und dein Vetter eine wehrlose Frau und ein Kind in einer Hütte in Arkansas ermordet habt – meine Frau war es, und mein Kind! –, da schrien sie um Hilfe, erinnerst du dich? Aber es half nichts; du erinnerst dich, dass es nichts half, nicht wahr? Deine Zähne klappern – warum kannst du dann nicht schreien? Löse die Binden mit deinen Händen – dann kannst du es. Ah, ich verstehe – deine Hände sind gefesselt, sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich die Dinge nach langen Jahren wiederholen; denn meine Hände waren in jener Nacht gefesselt, erinnerst du dich? Ja, so festgebunden wie deine jetzt – wie merkwürdig das ist. Ich konnte mich nicht befreien. Du kamst nicht darauf, mich loszubinden; ich komme nicht darauf, dich loszubinden. Stille! Da ist ein später Schritt. Er kommt hierher. Horch, wie nahe er ist! Man kann die Schritte zählen – eins – zwei – drei. Da – er ist direkt draußen. Jetzt ist die Zeit! Schrei, Mann, schrei! – es ist die einzige, die allerletzte Chance zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst, du hast zu lange gezögert – er ist vorbei. Da – er verhallt. Er ist fort! Denke daran – reflektiere darüber – du hast zum letzten Mal einen menschlichen Fußtritt gehört. Wie merkwürdig es sein muss, einem so alltäglichen Geräusch zu lauschen und zu wissen, dass man nie wieder ein zweites davon hören wird.“
Oh, mein Freund, die Qual in diesem verhüllten Gesicht zu sehen, war Ekstase für mich! Ich dachte mir eine neue Folter aus und wandte sie an – wobei ich mir mit einer kleinen Lüge behalf:
„Dieser arme Kruger versuchte, meine Frau und mein Kind zu retten, und ich erwies ihm einen dankbaren Dienst dafür, als die Zeit gekommen war. Ich überredete ihn, dich auszurauben; und ich und eine Frau halfen ihm bei der Fahnenflucht und brachten ihn in Sicherheit.“ Ein Blick der Überraschung und des Triumphs leuchtete schwach durch die Qual im Gesicht meines Opfers. Ich war verstört, beunruhigt. Ich sagte:
„Was denn – ist er etwa nicht entkommen?“
Ein verneinendes Kopfschütteln.
„Nein? Was ist dann geschehen?“
Die Genugtuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher. Der Mann versuchte, einige Worte zu murmeln – hatte keinen Erfolg; versuchte, mit seinen behinderten Händen etwas auszudrücken – scheiterte; hielt einen Moment inne, dann neigte er schwach den Kopf, auf eine bedeutungsvolle Weise, zu der Leiche, die ihm am nächsten lag.
„Tot?“, fragte ich. „Nicht entkommen? – auf frischer Tat ertappt und erschossen?“
Verneinendes Kopfschütteln.
„Wie dann?“
Wieder versuchte der Mann, etwas mit seinen Händen zu tun. Ich beobachtete genau, konnte aber die Absicht nicht erraten. Ich beugte mich vor und beobachtete noch aufmerksamer. Er hatte einen Daumen herumgedreht und stieß schwach damit gegen seine Brust. „Ah – erstochen, meinst du?“
Bejahendes Nicken, begleitet von einem geisterhaften Lächeln von solch eigentümlicher Teuflischkeit, dass es ein erwachendes Licht durch mein stumpfes Gehirn sandte, und ich rief:
„Habe ich ihn erstochen, weil ich ihn für dich hielt? – denn dieser Stoß war für keinen anderen als dich bestimmt.“
Das bejahende Nicken des im Sterben Liegenden war so freudig, wie es seine schwindende Kraft nur zuließ.
„O, elender, elender ich, den mitleidigen Geist zu schlachten, der meinen Lieben ein Freund war, als sie hilflos waren, und der sie gerettet hätte, wenn er gekonnt hätte! Elend, oh, elend, elender ich!“
Ich glaubte, das gedämpfte Gurgeln eines spöttischen Lachens zu hören. Ich nahm mein Gesicht aus den Händen und sah meinen Feind auf sein geneigtes Brett zurücksinken.
Er brauchte erfreulich lange zum Sterben. Er besaß eine wunderbare Lebenskraft, eine erstaunliche Konstitution. Ja, er ließ sich angenehm viel Zeit damit. Ich holte einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich zu ihm und las. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein. Das war wegen der Kälte notwendig. Aber ich tat es auch teilweise, weil ich sah, dass er am Anfang immer, wenn ich nach der Flasche griff, glaubte, ich wolle ihm etwas geben. Ich las laut vor: hauptsächlich erfundene Berichte über Menschen, die von der Schwelle des Grabes weggerissen und durch ein paar Löffel voll Schnaps und ein warmes Bad zu Leben und Kraft zurückgebracht wurden. Ja, er hatte einen langen, harten Tod – drei Stunden und sechs Minuten, von dem Zeitpunkt an, als er seine Glocke läutete.
Es wird angenommen, dass in all den achtzehn Jahren, die seit der Einrichtung der Leichenwache vergangen sind, kein verhüllter Insasse der bayerischen Leichenhäuser jemals seine Glocke geläutet hat. Nun, es ist ein harmloser Glaube. Lassen wir es dabei bewenden.
Die Kälte jenes Totenraums war mir in die Knochen gedrungen. Sie belebte und festigte die Krankheit, die mich geplagt hatte, die aber bis zu jener Nacht stetig verschwunden war. Jener Mann ermordete meine Frau und mein Kind; und in drei Tagen werde ich mich auf seiner Liste befinden. Macht nichts – Gott! wie köstlich ist die Erinnerung daran! – ich erwischte ihn bei der Flucht aus seinem Grab und stieß ihn zurück hinein.
Nach jener Nacht war ich eine Woche lang ans Bett gefesselt; aber sobald ich wieder auf den Beinen war, ging ich zu den Büchern des Leichenhauses und besorgte mir die Nummer des Hauses, in dem Adler gestorben war. Es war eine elende Absteige. Meine Idee war, dass er sich natürlicherweise Krügers Sachen angeeignet haben würde, da er sein Vetter war; und ich wollte Krügers Uhr haben, wenn ich könnte. Aber während ich krank war, waren Adlers Sachen verkauft und zerstreut worden, alles bis auf ein paar alte Briefe und ein paar Kleinigkeiten ohne Wert. Durch diese Briefe spürte ich jedoch einen Sohn von Krüger auf, den einzigen verbliebenen Verwandten. Er ist jetzt ein Mann von dreißig Jahren, von Beruf Schuhmacher, und lebt in der Königsstraße 14, Mannheim – Witwer, mit mehreren kleinen Kindern. Ohne ihm zu erklären, warum, habe ich seitdem zwei Drittel seines Unterhalts bestritten.
Nun, was diese Uhr betrifft – sehen Sie, wie seltsam die Dinge geschehen! Ich habe sie mehr als ein Jahr lang durch ganz Deutschland verfolgt, mit beträchtlichem Aufwand an Geld und Verdruss; und schließlich bekam ich sie. Ich bekam sie und war unsagbar froh; ich öffnete sie und fand nichts darin! Nun, ich hätte wissen können, dass dieser Zettel nicht die ganze Zeit dort bleiben würde. Natürlich gab ich jene zehntausend Dollar dann auf; gab sie auf und vergaß sie: und das höchst traurig, denn ich hatte sie für Krügers Sohn gewollt.
Gestern Abend, als ich endlich einwilligte, dass ich sterben müsse, begann ich mich vorzubereiten. Ich machte mich daran, alle nutzlosen Papiere zu verbrennen; und tatsächlich, aus einem Stapel von Adlers Papieren, die zuvor nicht gründlich geprüft worden waren, fiel dieser lang ersehnte Fetzen heraus! Ich erkannte ihn auf den ersten Blick. Hier ist er – ich werde ihn übersetzen:
„Ziegelfuhrwerk, Steinfundament, Mitte der Stadt, Ecke Orleans und Markt. Ecke zum Gerichtsgebäude. Dritter Stein, vierte Reihe. Zettel dort anbringen, mit Angabe, wie viele kommen sollen.“
Da – nehmen Sie ihn und bewahren Sie ihn auf. Krüger erklärte, dass dieser Stein herausnehmbar sei; und dass er in der Nordmauer des Fundaments sei, vierte Reihe von oben und dritter Stein von Westen. Das Geld ist dahinter versteckt. Er sagte, der abschließende Satz sei ein Ablenkungsmanöver gewesen, um in die Irre zu führen, falls das Papier in falsche Hände geriete. Es erfüllte wahrscheinlich diesen Zweck für Adler.
Nun möchte ich Sie bitten, wenn Sie Ihre geplante Reise den Fluss hinunter antreten, nach diesem versteckten Geld zu suchen und es an Adam Kruger zu schicken, z. Hd. der Mannheimer Adresse, die ich erwähnt habe. Es wird ihn zu einem reichen Mann machen, und ich werde in meinem Grab ruhiger schlafen, weil ich weiß, dass ich getan habe, was ich konnte für den Sohn des Mannes, der versuchte, meine Frau und mein Kind zu retten – obgleich meine Hand ihn unwissend niederschlug, während der Impuls meines Herzens gewesen wäre, ihn zu beschützen und ihm zu dienen.
KAPITEL 32
Die Verwertung eines Glücksfalls
„DAS war Ritters Erzählung“, sagte ich zu meinen beiden Freunden. Es folgte eine tiefe und eindrucksvolle Stille, die eine beträchtliche Zeit anhielt; dann brachen beide Männer in eine Salve von aufgeregten und bewundernden Ausrufen über die seltsamen Begebenheiten der Geschichte aus; und dies, zusammen mit einem prasselnden Feuer von Fragen, wurde fortgesetzt, bis alle Beteiligten fast außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde sich zu beruhigen und zogen sich unter dem Schutz gelegentlicher Salven in die Stille und den bodenlosen Träumereien zurück. Zehn Minuten lang herrschte nun Stille. Dann sagte Rogers verträumt:
„Zehntausend Dollar.“
Und fügte nach einer beträchtlichen Pause hinzu:
„Zehntausend. Das ist ein Haufen Geld.“
Gleich darauf fragte der Dichter:
„Werden Sie es ihm sofort schicken?“
„Ja“, sagte ich. „Das ist eine merkwürdige Frage.“
Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd:
„Alles davon? – Das heißt – ich meine –“
„Natürlich, alles davon.“
Ich wollte noch mehr sagen, hielt aber inne – wurde aufgehalten durch einen Gedankengang, der in mir aufstieg. Thompson sprach, aber ich war in Gedanken abwesend und habe nicht mitbekommen, was er sagte. Aber ich hörte Rogers antworten:
„Ja, so scheint es mir auch. Es sollte vollkommen ausreichen; denn ich sehe nicht, dass er irgendetwas getan hat.“
Gleich darauf sagte der Dichter:
„Wenn man es sich ansieht, ist es mehr als ausreichend. Schauen Sie es sich nur an – fünftausend Dollar! Warum, das könnte er sein Leben lang nicht ausgeben! Und es würde ihm auch schaden; vielleicht ruinieren – das sollten Sie bedenken. In kurzer Zeit würde er seinen letzten Rest davon verschleudern, seinen Laden schließen, vielleicht anfangen zu trinken, seine mutterlosen Kinder misshandeln, in andere böse Bahnen abgleiten, stetig vom Schlechten zum Schlimmeren gehen –“
„Ja, das ist es“, unterbrach Rogers leidenschaftlich, „ich habe es hundertmal gesehen – ja, mehr als hundertmal. Man gibt einem Mann wie ihm Geld in die Hand, wenn man ihn vernichten will, das ist alles; man gibt ihm einfach Geld in die Hand, das ist alles, was man tun muss; und wenn es ihn nicht herunterzieht und ihm jeden Nutzen raubt und das ganze Selbstwertgefühl und alles – dann kenne ich die menschliche Natur nicht – ist das nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein Drittel davon geben würden; warum, in weniger als sechs Monaten –“
„Weniger als sechs Wochen, das sollten Sie lieber sagen!“, sagte ich, während ich warm wurde und dazwischenfuhr. „Wenn er diese dreitausend Dollar nicht in sicheren Händen hätte, wo er sie nicht anfassen kann, würde er Ihnen keine sechs Wochen länger halten als –“
„Natürlich würde er das nicht“, sagte Thompson; „ich habe Bücher für diese Art von Leuten editiert; und in dem Moment, in dem sie ihre Hände an die Tantiemen bekommen – vielleicht sind es dreitausend, vielleicht zweitausend –“
„Welches Geschäft hat dieser Schuhmacher mit zweitausend Dollar, das wüsste ich gerne?“, warf Rogers ernst ein. „Ein Mann, der vielleicht jetzt vollkommen zufrieden ist, dort in Mannheim, umgeben von seiner eigenen Klasse, sein Brot mit dem Appetit essend, den nur mühsame Arbeit geben kann, sein bescheidenes Leben genießend, ehrlich, aufrecht, reinen Herzens; und gesegnet! – ja, sage ich, gesegnet! gesegnet über all die Myriaden, die in Seide gekleidet sind und den leeren, künstlichen Kreislauf sozialer Torheit gehen – aber setzen Sie ihm diese Versuchung nur einmal vor! Legen Sie einem Mann wie diesem nur fünfzehnhundert Dollar vor und sagen Sie –“
„Fünfzehnhundert Teufel!“, rief ich, „fünfhundert würden seine Prinzipien verfaulen lassen, seinen Fleiß lähmen, ihn in die Kneipe ziehen, von dort in die Gosse, von dort ins Armenhaus, von dort in –“
„Warum laden wir uns dieses Verbrechen auf, meine Herren?“, unterbrach der Dichter ernst und flehend. „Er ist glücklich dort, wo er ist, und wie er ist. Jedes Gefühl der Ehre, jedes Gefühl der Nächstenliebe, jedes Gefühl hoher und heiliger Wohltätigkeit warnt uns, beschwört uns, gebietet uns, ihn ungestört zu lassen. Das ist wahre Freundschaft, das ist echte Freundschaft. Wir könnten andere Wege einschlagen, die auffälliger wären; aber keinen, der so wahrhaft gütig und weise wäre, verlassen Sie sich darauf.“
Nach weiterem Gespräch wurde deutlich, dass jeder von uns tief im Herzen einige Bedenken über diese Beilegung der Angelegenheit hatte. Es war offensichtlich, dass wir alle das Gefühl hatten, wir sollten dem armen Schuhmacher etwas schicken. Es gab eine lange und nachdenkliche Diskussion über diesen Punkt; und wir beschlossen schließlich, ihm ein Chromo zu schicken.
Nun, da alles zur Zufriedenheit aller Beteiligten geregelt schien, brach ein neues Problem aus: es stellte sich heraus, dass diese beiden Männer erwarteten, das Geld mit mir zu teilen. Das war nicht meine Idee. Ich sagte, wenn sie sich die Hälfte davon untereinander aufteilten, könnten sie sich glücklich schätzen. Rogers sagte:
„Wer hätte denn etwas davon gehabt, wenn es nicht wegen mir gewesen wäre? Ich habe den ersten Hinweis gegeben – ohne den wäre alles an den Schuhmacher gegangen.“
Thompson sagte, er habe in genau dem Moment an die Sache gedacht, als Rogers ursprünglich davon sprach.
Ich entgegnete, dass mir die Idee schon früh genug gekommen wäre, und zwar ganz ohne die Hilfe von jemand anderem. Ich war vielleicht langsam im Denken, aber ich war mir sicher.
Diese Angelegenheit erhitzte sich zu einem Streit; dann zu einer Schlägerei; und jeder Mann wurde ziemlich übel zugerichtet. Sobald ich mich halbwegs wieder geflickt hatte, stieg ich in ziemlich saurer Stimmung auf das Hurricane-Deck. Ich fand Captain McCord dort und sagte, so freundlich wie meine Laune es zuließ:
„Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden, Kapitän. Ich möchte in Napoleon an Land gehen.“
„An Land gehen, wo?“
„Napoleon.“
Der Kapitän lachte; aber als er sah, dass ich nicht in jovialer Stimmung war, hörte er damit auf und sagte:
„Aber meinen Sie das ernst?“
„Ernst? Das tue ich mit Sicherheit.“
Der Kapitän blickte zum Steuerhaus hinauf und sagte:
„Er will in Napoleon aussteigen!“
„Napoleon?“
„Das ist es, was er sagt.“
„Großer Cäsars Geist!“
Onkel Mumford näherte sich auf dem Deck. Der Kapitän sagte:
„Onkel, hier ist ein Freund von dir, der in Napoleon aussteigen will!“
„Nun, bei –?“
Ich sagte:
„Kommen Sie, was soll das alles? Kann ein Mann nicht in Napoleon an Land gehen, wenn er will?“
„Warum, zum Kuckuck, wissen Sie das nicht? Es gibt kein Napoleon mehr. Schon seit Jahren und Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach hindurch, riss es in Fetzen und entleerte es in den Mississippi!“
„Hat die ganze Stadt mitgenommen? – Ufer, Kirchen, Gefängnisse, Zeitungsbüros, Gerichtsgebäude, Theater, Feuerwehr, Fuhrwerk – alles?“
„Alles. Nur eine Sache von fünfzehn Minuten oder so etwas in der Art. Hat weder Fell noch Haar, Fetzen noch Schindel davon übrig gelassen, außer dem Ende einer Hütte und einem Ziegelschornstein. Dieses Boot paddelt genau jetzt dort entlang, wo früher das Zentrum der Stadt war; dort drüben ist der Ziegelschornstein – alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder auf der rechten Seite waren früher eine Meile hinter der Stadt. Werfen Sie einen Blick hinter sich – flussaufwärts – jetzt beginnen Sie dieses Land zu erkennen, nicht wahr?“
„Ja, ich erkenne es jetzt. Es ist das Erstaunlichste, was ich je gehört habe; bei weitem das Erstaunlichste – und Unerwartetste.“
Mr. Thompson und Mr. Rogers waren in der Zwischenzeit mit Reisetaschen und Regenschirmen angekommen und hatten schweigend den Nachrichten des Kapitäns zugehört. Thompson legte mir einen halben Dollar in die Hand und sagte leise:
„Für meinen Anteil am Chromo.“
Rogers tat es ihm gleich.
Ja, es war eine erstaunliche Sache zu sehen, wie der Mississippi zwischen unbewohnten Ufern und direkt über der Stelle floss, wo ich vor zwanzig Jahren eine ziemlich große, selbstgefällige Stadt zu sehen gewohnt war. Eine Stadt, die Kreisstadt eines großen und wichtigen Landkreises war; eine Stadt mit einem großen Marinekrankenhaus der Vereinigten Staaten; eine Stadt zahlloser Schlägereien – täglich eine Untersuchung; eine Stadt, in der ich das hübscheste und begabteste Mädchen im ganzen Mississippi-Tal kannte; eine Stadt, in der uns vor einem Vierteljahrhundert die erste gedruckte Nachricht über das traurige Unglück der ‚Pennsylvania‘ überreicht wurde; eine Stadt, die nicht mehr existiert – verschlungen, verschwunden, den Fischen zum Fraß vorgeworfen; nichts weiter übrig als ein Fragment einer Hütte und ein bröckelnder Ziegelschornstein!
KAPITEL 33
Erfrischungen und Ethik
WAS die Insel 74 betrifft, die nicht weit vom ehemaligen Napoleon entfernt liegt, so hat eine Laune des Flusses hier die Gesetze der Menschen schwer verwirrt und sie zu einer Eitelkeit und einem Scherz gemacht. Als der Staat Arkansas gechartert wurde, kontrollierte er „bis zur Mitte des Flusses“ – eine höchst instabile Linie. Der Staat Mississippi beanspruchte „bis zur Fahrrinne“ – eine weitere unbeständige und instabile Linie. Nr. 74 gehörte zu Arkansas. Nach einer Weile warf ein Durchstich diese große Insel aus Arkansas heraus, und doch nicht innerhalb von Mississippi. „Mitte des Flusses“ auf der einen Seite, „Fahrrinne“ auf der anderen. So verstehe ich das Problem. Ob ich die Details nun richtig oder falsch wiedergegeben habe, diese Tatsache bleibt bestehen: dass hier diese große und äußerst wertvolle Insel von viertausend Morgen ist, die in die Kälte hinausgestoßen wurde und weder zum einen noch zum anderen Staat gehört; zahlt Steuern an niemanden, schuldet niemandem Treue. Ein Mann besitzt die ganze Insel und ist von Rechts wegen „der Mann ohne Land“.
Insel 92 gehört zu Arkansas. Der Fluss bewegte sie und verband sie mit Mississippi. Ein Kerl errichtete dort eine Whiskey-Kneipe, ohne Lizenz aus Mississippi, und bereicherte sich an der Kundschaft aus Mississippi unter dem Schutz von Arkansas (wo in jenen Tagen keine Lizenz erforderlich war).
Wir glitten stetig den Fluss hinunter in der üblichen Abgeschiedenheit – ein Dampfschiff oder ein anderes bewegliches Ding war selten zu sehen. Die Landschaft wie immer: eine Strecke nach der anderen aus fast ununterbrochenem Wald, auf beiden Seiten des Flusses; lautlose Einsamkeit. Hier und da ein oder zwei Hütten, die auf kleinen Lichtungen an den grauen und graslosen Ufern standen – Hütten, die früher eine Viertel- oder halbe Meile weiter vorne gestanden hatten und allmählich weiter und weiter zurückgezogen worden waren, während die Ufer abbrachen. Wie zum Beispiel bei Pilcher's Point, wo die Hütten in drei Monaten um dreihundert Yards zurückversetzt worden waren, so wurde uns erzählt; aber die einbrechenden Ufer hatten sie bereits eingeholt, und sie wurden erneut nach hinten befördert.
Napoleon hatte in den alten Zeiten nur eine geringe Meinung von Greenville, Mississippi; aber siehe da, Napoleon ist zu den Welsen gegangen, und hier ist Greenville, voll von Leben und Aktivität, und macht einen ziemlichen Wirbel im Tal; es soll dreitausend Einwohner haben und einen Bruttoumsatz von 2.500.000 Dollar jährlich machen. Eine wachsende Stadt.
Auf dem Schiff wurde viel über die Calhoun Land Company gesprochen, ein Unternehmen, von dem man sich heilsame Ergebnisse verspricht. Colonel Calhoun, ein Enkel des Staatsmannes, ging nach Boston und bildete ein Konsortium, das ein großes Stück Land am Fluss im Chicot County in Arkansas erwarb – etwa zehntausend Acres – für den Baumwollanbau. Das Ziel ist es, auf einer Barzahlungsbasis zu arbeiten: direkt beim Erzeuger zu kaufen und das eigene Produkt selbst zu vermarkten; die schwarzen Arbeiter mit Proviant und notwendigen Gütern zu einem geringfügigen Aufschlag, sagen wir 8 oder 10 Prozent, zu versorgen; ihnen komfortable Unterkünfte usw. zur Verfügung zu stellen und sie dazu zu ermutigen, Geld zu sparen und auf dem Land zu bleiben. Wenn sich dies als finanzieller Erfolg erweist, was als ziemlich sicher gilt, planen sie, in Greenville ein Bankhaus zu gründen und Geld zu einem nicht belastenden Zinssatz zu verleihen – von 6 Prozent ist die Rede.
Das Problem war bisher – ich zitiere hier die Anmerkungen von Pflanzern und Dampfschiffern –, dass die Pflanzer zwar das Land besaßen, aber kein Bargeldkapital hatten; sie mussten sowohl Land als auch Ernte beleihen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Folglich trägt der Kommissionshändler, der das Geld bereitstellt, ein gewisses Risiko und verlangt hohe Zinsen – gewöhnlich 10 Prozent sowie 2 ½ Prozent für die Vermittlung des Darlehens. Der Pflanzer muss zudem seine Vorräte über denselben Händler beziehen, wobei er Provisionen und Aufschläge zahlt. Wenn er dann seine Ernte verschifft, schlägt der Händler seine Provisionen, Versicherungen usw. darauf. Alles in allem, von Anfang bis Ende, beträgt der Anteil des Händlers an dieser Ernte etwa 25 Prozent.
Die Einschätzung eines Baumwollpflanzers über die durchschnittliche Gewinnspanne beim Anbau in seiner Gegend: Ein Mann und ein Maultier bringen zehn Acres Baumwolle ein, was zehn Ballen Baumwolle ergibt, wert etwa 500 Dollar; Produktionskosten etwa 350 Dollar; Nettogewinn 150 Dollar oder 15 Dollar pro Acre. Es gibt jetzt auch einen Gewinn aus den Baumwollsamen, die früher wenig wert waren – gar nichts, wo hohe Transportkosten anfielen. In sechzehnhundert Pfund Rohbaumwolle sind vierhundert Pfund Fasern, wert etwa zehn Cent pro Pfund; und zwölftausend Pfund Samen, wert 12 oder 13 Dollar pro Tonne. Vielleicht werden in Zukunft sogar die Stängel nicht mehr weggeworfen. Mr. Edward Atkinson sagt, dass auf jeden Ballen Baumwolle fünfzehnhundert Pfund Stängel kommen und dass diese sehr reich an Phosphorsäure und Kali sind; wenn sie gemahlen und mit Silage oder Baumwollsamenmehl (das in großen Mengen zu reichhaltig als Futter ist) vermischt werden, ergibt die Stängelmischung ein hervorragendes Futter, reich an allen Elementen, die für die Produktion von Milch, Fleisch und Knochen benötigt werden. Bisher wurden die Stängel als lästig angesehen.
Es wird beklagt, dass der Pflanzer seit dem Krieg gegenüber dem ehemaligen Sklaven griesgrämig geblieben ist; er will nichts als eine rein geschäftliche Beziehung mit ihm haben, kein Gefühl darf sich einmischen, er will keinen „Laden“ selbst führen und die Bedürfnisse des Negers decken, um dessen Geldbeutel zu schonen und ihn fähig und willens zu machen, auf dem Land zu bleiben und es für ihn vorteilhaft zu gestalten, sondern überlässt dieses Privileg irgendeinem geschäftstüchtigen Israeliten, der den gedankenlosen Neger und seine Frau dazu ermutigt, alle möglichen Dinge zu kaufen, auf die sie verzichten könnten – auf Kredit kaufen, zu hohen Preisen, Monat für Monat, mit Krediten, die auf dem Anteil des Negers an der wachsenden Ernte basieren; und am Ende der Saison gehört der Anteil des Negers dem Israeliten, der Neger ist obendrein verschuldet, ist entmutigt, unzufrieden, rastlos, und sowohl er als auch der Pflanzer sind geschädigt; denn er wird das Dampfschiff nehmen und abwandern, und der Pflanzer muss einen Fremden an seine Stelle setzen, der ihn nicht kennt, sich nicht um ihn kümmert, den Israeliten eine Saison lang mästen und seinem Vorgänger per Dampfschiff folgen wird.
Es ist zu hoffen, dass die Calhoun Company durch ihre humane und schützende Behandlung ihrer Arbeiter zeigen wird, dass ihre Methode für Pflanzer und Neger gleichermaßen am profitabelsten ist; und es wird geglaubt, dass eine allgemeine Übernahme dieser Methode dann folgen wird.
Und wo so viele ihre Meinung sagen, soll da der Barkeeper nicht aussagen? Er ist nachdenklich, aufmerksam, trinkt nie; versucht, sein Gehalt zu verdienen, und würde es auch, wenn es genug Kundschaft gäbe. Er sagt, die Leute hier in Mississippi und Louisiana würden lieber flussaufwärts Gemüse kaufen, als es selbst anzubauen, und sie kommen an den Anlegestellen an Bord und kaufen Obst beim Barkeeper. Er denkt, sie „wissen von nichts außer Baumwolle“; glaubt, sie wüssten nicht, wie man Gemüse und Obst anbaut – „zumindest die meisten von ihnen.“ Sagt: „Ein Neger geht für eine Wassermelone bis zur Hölle.“ (Das „H“ ist alles, was ich im Bericht des Stenografen finde – meint wahrscheinlich Halifax, obwohl das ein weiter Weg für eine Wassermelone zu sein scheint). Der Barkeeper kauft flussaufwärts Wassermelonen für fünf Cent, bringt sie flussabwärts und verkauft sie für fünfzig. „Warum mixt er solch aufwendige und malerische Drinks für die schwarzen Arbeiter auf dem Boot?“ Weil sie keine anderen wollen. „Sie wollen einen großen Drink; es ist egal, woraus man ihn macht, sie wollen den Gegenwert ihres Geldes. Gib einem Neger ein einfaches Glas halb-dollar-teuren Brandys für fünf Cent – wird er es anrühren? Nein. Da ist nicht genug Masse dran. Aber wenn du ein Pint aus allerhand wertlosem Zeug zusammenbraust und etwas Rotes hineinwirfst, um es schön zu machen – Rot ist die Hauptsache –, dann würde er das Glas nicht aus der Hand legen, um zu einem Zirkus zu gehen.“
Alle Bars auf dieser Anchor Line sind von einer einzigen Firma gemietet und im Besitz derselben. Sie liefern die Spirituosen aus ihrem eigenen Betrieb und stellen die Barkeeper „auf Gehalt“ ein. Gute Spirituosen? Ja, auf einigen Booten, wo es die Art von Passagieren gibt, die das wollen und bezahlen können. Auf den anderen Booten? Nein. Niemand außer den Decksarbeitern und Heizern trinkt sie. „Brandy? Ja, ich habe Brandy, jede Menge davon; aber den willst du nicht, es sei denn, du hast dein Testament gemacht.“ Es ist nicht mehr wie in den alten Zeiten. Damals reiste jeder mit dem Dampfschiff, jeder trank, und jeder lud jeden anderen ein. „Jetzt fährt fast jeder mit der Eisenbahn, und die anderen trinken nicht.“ In den alten Zeiten besaß der Barkeeper die Bar selbst, „und war fröhlich und schick und gesprächig und ganz mit Schmuck behängt und war der feinste Aristokrat auf dem Schiff; er verdiente früher 2.000 Dollar auf einer Fahrt. Ein Vater, der seinem Sohn eine Dampfschiffbar hinterließ, hinterließ ihm ein Vermögen. Jetzt hinterlässt er ihm Kost und Logis; ja, und Wäsche, wenn ein Hemd pro Fahrt reicht. Ja, mein Gott, die Zeiten haben sich geändert. Wissen Sie, auf der Hauptlinie der Boote auf dem oberen Mississippi haben sie gar keine Bar mehr! Klingt wie Poesie, ist aber die versteinerte Wahrheit.“
KAPITEL 34
Stramme Geschichten
STACK Island. Ich erinnerte mich an Stack Island; ebenso an Lake Providence, Louisiana – die erste Stadt auf dem Weg flussabwärts, die ausgesprochen südlich aussieht; sie liegt flach und niedrig, die Schattenbäume sind mit ehrwürdigen grauen Bärten aus Spanischem Moos behangen; „eine erholsame, nachdenkliche Sonntagsstimmung liegt über dem Ort“, bemerkt Onkel Mumford mit Gefühl – und auch mit Wahrheit.
Ein Mr. H. lieferte einige kleinere Tatsachen über diese Region, von denen ich gezögert hätte, sie zu glauben, wenn ich nicht gewusst hätte, dass er ein Dampfschiff-Steuermann war. Er war ein Passagier von uns, ein Einwohner von Arkansas City, auf dem Weg nach Vicksburg, um sich seinem Boot anzuschließen, einem kleinen Sunflower-Postschiff. Er war ein strenger Mann und hatte den Ruf, für einen Flussmann ungewöhnlich weltfremd zu sein. Unter anderem sagte er, dass Arkansas durch Generationen von Übertreibungen bezüglich der Mücken hier geschädigt und zurückgehalten worden sei. Man könne lächeln, sagte er, und die Sache als Kleinigkeit abtun; aber wenn man sich die Auswirkungen ansehe, im Sinne der Entmutigung von Einwanderung und geminderten Immobilienwerten, sei es das genaue Gegenteil einer Kleinigkeit oder einer Sache, die man einfach weghusten oder verspotten könne. Diese Mücken seien beharrlich als furchterregend und gesetzlos dargestellt worden; während „die Wahrheit ist, dass sie schwach, von unbedeutender Größe, bis zum Fehler schüchtern, empfindlich sind“ – und so weiter, und so weiter; man hätte meinen können, er rede von seiner Familie. Aber wenn er bei den Mücken von Arkansas weich war, so war er bei denen von Lake Providence hart genug, um es wieder wettzumachen – „diese Kolosse von Lake Providence“, wie er sie treffend nannte. Er sagte, dass zwei von ihnen einen Hund verhauen könnten und dass vier von ihnen einen Mann festhalten könnten; und wenn keine Hilfe käme, würden sie ihn töten – „ihn abschlachten“, wie er es ausdrückte. Er verwies beiläufig – und doch bezeichnend – auf „die Tatsache, dass die Lebensversicherung in ihrer einfachsten Form in Lake Providence unbekannt ist – sie schließen zusätzlich eine Mückenversicherung ab.“ Er erzählte viele bemerkenswerte Dinge über diese gesetzlosen Insekten. Unter anderem sagte er, er habe sie beim Wählen gesehen. Als er bemerkte, dass diese Aussage uns doch stark forderte, schwächte er sie ein wenig ab: Er sagte, er könne sich in diesem Punkt geirrt haben, aber er wisse, dass er sie um die Wahllokale herum „beim Stimmenfang“ gesehen habe.
Es gab einen weiteren Passagier – einen Freund von H. –, der die harten Beweise gegen diese Mücken unterstützte und einige aufwühlende Abenteuer schilderte, die er mit ihnen erlebt hatte. Die Geschichten waren ziemlich gewichtig, nur ziemlich gewichtig; doch Mr. H. unterbrach ständig mit einem kalten, unerbittlichen: „Warten Sie – ziehen Sie fünfundzwanzig Prozent davon ab; machen Sie jetzt weiter“; oder: „Warten Sie – das tragen Sie zu dick auf; kürzen Sie es, kürzen Sie es – Sie legen Ihre Aussagen ein wenig zu kostümiert an: Kleiden Sie eine Tatsache immer in Strumpfhosen, niemals in einen Ulstermantel“; oder: „Verzeihung, noch einmal: Wenn Sie dieser Aussage noch mehr aufladen wollen, brauchen Sie ein paar Leichter und müssen den Rest abschleppen, denn das zieht jetzt schon das ganze Wasser aus dem Fluss; bleiben Sie bei den Fakten – bleiben Sie einfach bei den kalten Fakten; was diese Herren für ein Buch wollen, ist die gefrorene Wahrheit – nicht wahr, meine Herren?“ Er erklärte privat, es sei notwendig, diesen Mann die ganze Zeit zu beobachten und ihn in Schranken zu halten; es wäre nicht gut, diese Vorsichtsmaßnahme zu vernachlässigen, da er, Mr. H., dies „zu seinem Leidwesen wusste“. Er sagte: „Ich will Sie nicht täuschen; er hat mir einmal eine so ungeheuerliche Lüge erzählt, dass mein linkes Ohr anschwoll und sich so ausdehnte, dass ich tatsächlich nicht mehr darum herumsehen konnte; das blieb monatelang so, und die Leute kamen meilenweit, um zu sehen, wie ich mir damit Luft zufächerte.“
KAPITEL 35
Vicksburg während der Schwierigkeiten
Wir pflegten früher flussabwärts an der hoch gelegenen Hügelstadt Vicksburg vorbeizufahren; aber das können wir jetzt nicht mehr. Ein Durchstich hat eine Landstadt aus ihr gemacht, wie Osceola, St. Genevieve und einige andere. Vor Vicksburg gibt es jetzt strömungsloses Wasser – und auch eine große Insel. Man fährt flussabwärts auf der anderen Seite der Insel, dreht dann um und fährt hinauf zur Stadt; das heißt, bei Hochwasser: bei Niedrigwasser kann man nicht hinauffahren, sondern muss ein Stück unterhalb anlegen.
Zeichen und Narben sind immer noch als Erinnerung an Vicksburgs gewaltige Kriegserfahrungen vorhanden; Erdbefestigungen, von Kanonenkugeln verstümmelte Bäume, Höhlenunterkünfte in den Tonabhängen usw. Die Höhlen leisteten während der sechswöchigen Beschießung der Stadt – vom 8. Mai bis zum 4. Juli 1863 – gute Dienste. Sie wurden von den Nichtkombattanten genutzt – hauptsächlich von Frauen und Kindern; nicht, um ständig darin zu leben, sondern um bei Gelegenheit dorthin zur Sicherheit zu fliehen. Es waren bloße Löcher, Tunnel, die in die senkrechte Tonböschung getrieben wurden, dann Y-förmig innerhalb des Hügels verzweigt. Das Leben in Vicksburg während der sechs Wochen war vielleicht – aber warten Sie; hier sind einige Materialien, aus denen man es rekonstruieren kann:
Bevölkerung: siebenundzwanzigtausend Soldaten und dreitausend Nichtkombattanten; die Stadt völlig von der Welt abgeschnitten – fest eingemauert, die Front durch Kanonenboote, das Hinterland durch Soldaten und Batterien; daher kein Kaufen und Verkaufen mit der Außenwelt; kein Hin und Her; kein Gott-geleite einen scheidenden Gast, kein Willkommensgruß für einen ankommenden; keine gedruckten Seiten mit weltweiten Nachrichten, die man morgens beim Frühstück lesen könnte – stattdessen eine langwierige, öde Abwesenheit solcher Dinge; daher auch kein Rennen, um Dampfschiffe zu sehen, die in der Ferne flussaufwärts oder flussabwärts auftauchen und ihren Weg zur Stadt pflügen – denn keines kam, der Fluss lag leer und ungestört; kein Gedränge und Gewühl am Bahnhof, kein Kampf mit verwirrten Passagierscharen durch lärmende Horden von Droschkenkutschern – dort war alles ruhig; Mehl zweihundert Dollar das Fass, Zucker dreißig, Mais zehn Dollar der Scheffel, Speck fünf Dollar das Pfund, Rum hundert Dollar die Gallone; andere Dinge im Verhältnis: folglich kein Gebrüll und Lärm von Frachtwagen und Kutschen, die durch die Straßen rasen; nichts für sie zu tun, bei dieser Handvoll Nichtkombattanten mit erschöpften Mitteln; um drei Uhr morgens Stille; Stille, so tot, dass der gemessene Tritt eines Wachpostens auf eine scheinbar unmögliche Entfernung zu hören ist; außerhalb der Hörweite dieses einsamen Geräusches ist die Stille vielleicht absolut: plötzlich kommen bodenerschütternde Donnerkrallen der Artillerie, der Himmel ist mit dem kreuz und quer verlaufenden roten Linien der aufsteigenden Bomben gespickt, und ein Regen aus Eisensplittern geht auf die Stadt nieder; geht auf die leeren Straßen nieder: Straßen, die einen Augenblick später nicht mehr leer sind, sondern gesprenkelt mit den fahlen Gestalten panischer Frauen und Kinder, die von zu Hause und aus dem Bett in Richtung der Höhlenverliese eilen – ermutigt von den humorvollen, grimmigen Soldaten, die „Ratten, in eure Löcher!“ rufen und lachen.
Der Kanonendonner tobt, Granaten kreischen und krachen über den Köpfen, der Eisenregen strömt eine Stunde, zwei Stunden, drei, möglicherweise sechs lang herab, dann hält er inne; Stille folgt, aber die Straßen sind immer noch leer; die Stille hält an; nach und nach streckt sich hier, dort und drüben ein Kopf aus einer Höhle und erkundet vorsichtig die Lage; da die Stille andauert, folgen Körper den Köpfen, und die ermüdeten, halb erstickten Kreaturen gruppieren sich, strecken ihre steifen Glieder, atmen tiefe Züge der dankbaren frischen Luft ein, tratschen mit den Nachbarn aus der nächsten Höhle; vielleicht schlendern sie bald nach Hause oder machen einen Spaziergang durch die Stadt, wenn die Windstille anhält; und werden bald wieder in die Löcher eilen, wenn der Kriegssturm von neuem ausbricht.
Da es nur dreitausend dieser Höhlenbewohner gab – bloß die Bevölkerung eines Dorfes –, würden sie sich nicht nach einer Woche oder zwei kennenlernen, und zwar vertraut; so sehr, dass die glücklichen oder unglücklichen Erfahrungen des einen für alle von Interesse wären?
Das sind die von der Geschichte gelieferten Materialien. Könnte daraus nicht fast jeder für sich das Leben jener Zeit in Vicksburg rekonstruieren? Könnten Sie, die Sie es nicht erlebt haben, es der Vorstellungskraft eines anderen Nichtbeteiligten näherbringen, als es ein Vicksburger könnte, der es erlebt hat? Es scheint unmöglich; und doch gibt es Gründe, warum das nicht wirklich so sein könnte. Wenn man seine erste Reise auf einem Schiff macht, ist es eine Erfahrung, die massenhaft vor auffallenden Neuheiten strotzt; Neuheiten, die in so scharfem Kontrast zu all den früheren Erfahrungen dieser Person stehen, dass sie einen scheinbar unsterblichen Griff auf ihre Vorstellungskraft und ihr Gedächtnis bekommen. Mit Zunge oder Feder kann er einen Landbewohner diese seltsame und aufwühlende Reise mit sich durchleben lassen; ihn alles sehen und alles fühlen lassen. Aber wenn er wartet? Wenn er zehn Reisen nacheinander macht – was dann? Nun, die Sache hat Farbe, Schwung und Überraschung verloren; und ist alltäglich geworden. Der Mann hätte nichts zu erzählen, was den Puls eines Landbewohners beschleunigen würde.
Vor Jahren sprach ich mit einem Ehepaar unter den Nichtkombattanten aus Vicksburg. Wenn man ihnen überließ, ihre Geschichte auf ihre eigene Weise zu erzählen, taten diese Leute das ohne Feuer, fast ohne Interesse.
Eine Woche ihres wundervollen Lebens dort hätte ihre Zungen vielleicht für immer beflügelt; aber sie hatten sechs Wochen davon, und das nutzte die Neuheit völlig ab; sie gewöhnten sich daran, von zu Hause in den Boden hineingebombt zu werden; die Angelegenheit wurde alltäglich. Danach war die Möglichkeit, dass sie jemals auf eine Weise darüber sprechen würden, die einen aufhorchen ließe, dahin. Was der Mann sagte, lief auf Folgendes hinaus:
„Es wurde immer Sonntag. Sieben Sonntage in der Woche – für uns jedenfalls. Wir hatten nichts zu tun, und die Zeit wurde uns lang. Sieben Sonntage, und alle wurden sie zu der einen oder anderen Zeit, am Tag oder in der Nacht, durch ein paar Stunden des schrecklichen Sturms aus Feuer, Donner und Eisen unterbrochen. Am Anfang sind wir viel schneller zu den Löchern gerannt als später. Das erste Mal vergaß ich die Kinder, und Maria holte beide heraus. Als sie sicher in der Höhle war, wurde sie ohnmächtig. Zwei oder drei Wochen später, als sie eines Morgens während eines Granatenhagels zu den Löchern rannte, explodierte eine große Granate in ihrer Nähe und bedeckte sie ganz mit Dreck, und ein Stück Eisen riss ihre Tasche mit dem falschen Haar vom Hinterkopf weg. Nun, sie blieb stehen, um diese Tasche zu holen, bevor sie weiterlief! Sie sehen, man gewöhnte sich schon an die Dinge. Wir alle wurden so, dass wir einiges über Granaten sagen konnten; und danach gingen wir nicht immer in Deckung, wenn es nur ein leichter Schauer war. Wir Männer lungerten herum und redeten; und einer sagte: ‚Da geht sie!‘ und nannte anhand des Geräusches die Art der Granate, und redete weiter – wenn keine Gefahr von ihr ausging. Wenn eine Granate dicht über uns explodierte, hörten wir auf zu reden und blieben stehen; unbehaglich, ja, aber es war nicht sicher, sich zu bewegen. Wenn sie detonierte, redeten wir weiter, wenn niemand verletzt war – vielleicht sagten wir: ‚Das war ein Knaller!‘ oder irgendeinen anderen alltäglichen Kommentar, bevor wir fortfuhren; oder vielleicht sahen wir eine Granate, die hoch oben in der Luft über uns schwebte. In diesem Fall rief jeder nur plötzlich: ‚Wir sehen uns wieder, Leute!‘ und machte sich aus dem Staub. Oft, sehr oft sah ich Gruppen von Damen, die durch die Straßen promenierten, so fröhlich wie nur möglich aussahen und ein Auge nach oben gerichtet hielten, um die Granaten zu beobachten; und ich habe gesehen, wie sie stehen blieben, wenn sie sich unsicher waren, was eine Granate tun würde, und warteten, um sicherzugehen; und danach schlenderten sie wieder weiter oder machten sich aus dem Staub, je nach Urteil. Straßen in manchen Städten haben einen Haufen Papierfetzen und allerhand Krimskrams herumliegen. Unsere nicht; sie hatten Eisenschrott. Manchmal sammelte ein Mann alle Eisensplitter und nicht explodierten Granaten in seiner Nachbarschaft und türmte sie zu einer Art Denkmal in seinem Vorgarten auf – eine Tonne davon, manchmal. Kein Glas mehr übrig; Glas konnte ein solches Bombardement nicht aushalten; es war alles zersplittert. Die Fenster der Häuser waren leer – sahen aus wie Augenhöhlen in einem Schädel. Ganze Scheiben waren so selten wie Nachrichten.
Wir hatten sonntags Kirche. Nicht viele da, anfangs; aber nach und nach ganz gute Teilnehmerzahlen. Ich habe gesehen, wie der Gottesdienst für eine Minute stoppte und alle ruhig sitzen blieben – keine Stimme zu hören, ziemlich beerdigungsmäßig war das dann – und umso mehr wegen des schrecklichen Dröhnens und Krachens draußen und über unseren Köpfen; und bald darauf, wenn man jemanden hören konnte, ging der Gottesdienst weiter. Orgeln und Kirchenmusik, gemischt mit einem Bombardement, sind eine verdammt seltsame Kombination – anfangs. Als wir eines Morgens aus der Kirche kamen, hatten wir einen Unfall – den einzigen, der an einem Sonntag in meiner Nähe passierte. Ich gab gerade einem Freund, den ich eine Weile nicht gesehen hatte, herzlich die Hand und sagte: ‚Komm heute Abend nach dem Bombardement bei uns in die Höhle; wir haben ein Pint erstklassigen Wh...‘ Whiskey wollte ich sagen, wissen Sie, aber eine Granate unterbrach mich. Ein Stück davon riss dem Mann den Arm ab und ließ ihn in meiner Hand baumeln. Und wissen Sie, was mir am längsten im Gedächtnis bleiben wird und alles andere überdauern wird, das kleine wie das große, glaube ich, ist der gemeine Gedanke, den ich damals hatte? Er war: ‚Der Whiskey ist gerettet.‘ Und doch, wissen Sie, war es irgendwie entschuldbar; denn er war so selten wie Diamanten, und wir hatten nur diesen kleinen Rest; wir haben während der Belagerung nie wieder einen Tropfen gehabt.
Manchmal waren die Höhlen verzweifelt überfüllt und immer heiß und stickig. Manchmal waren in einer Höhle zwanzig oder fünfundzwanzig Leute zusammengepfercht; kein Platz für irgendwen zum Umdrehen; die Luft war manchmal so faul, dass man keine Kerze hätte darin brennen lassen können. Ein Kind wurde eines Nachts in einer dieser Höhlen geboren. Denken Sie nur daran; nun, es war, als würde es in einem Koffer geboren.“
»Zweimal hatten wir sechzehn Menschen in unserer Höhle; und etliche Male waren es ein Dutzend. Ziemlich erstickend da drin. Wir waren immer acht; acht gehörten dorthin. Hunger und Elend und Krankheit und Angst und Kummer, und ich weiß nicht, was alles noch, luden sich so sehr auf sie, dass keiner von ihnen nach der Belagerung jemals wieder richtig er selbst war. Innerhalb von zwei Jahren starben sie alle bis auf drei von uns. Eines Nachts explodierte eine Granate vor dem Loch, ließ es einstürzen und verschüttete es. Es war eine ganze Weile lang ein lebhaftes Treiben, sich herauszugraben. Einige von uns wären beinahe erstickt. Danach legten wir zwei Öffnungen an – hätten wir gleich am Anfang daran denken sollen.
Maultierfleisch. Nein, dazu kamen wir erst am letzten oder vorletzten Tag. Natürlich war es gut; alles ist gut, wenn man verhungert.
Dieser Mann hatte ein Tagebuch geführt während – sechs Wochen? Nein, nur die ersten sechs Tage. Der erste Tag, acht eng beschriebene Seiten; der zweite, fünf; der dritte, eine – flüchtig geschrieben; der vierte, drei oder vier Zeilen; ein oder zwei Zeilen am fünften und sechsten Tag; siebter Tag, Tagebuch aufgegeben; das Leben im schrecklichen Vicksburg war nun alltäglich und selbstverständlich geworden.
Die Kriegsgeschichte von Vicksburg hat für den allgemeinen Leser mehr Interessantes zu bieten als die jeder anderen Flussstadt. Sie ist voller Abwechslung, voller Zwischenfälle, voller Pittoreskem. Vicksburg hielt länger stand als jede andere bedeutende Flussstadt und erlebte die Kriegsführung in all ihren Phasen, sowohl zu Lande als auch zu Wasser – die Belagerung, die Mine, den Angriff, den Abwehrkampf, das Bombardement, Krankheit, Gefangenschaft, Hungersnot.
Der schönste aller Nationalfriedhöfe befindet sich hier. Über dem großen Tor steht diese Inschrift:
„HIER RUHEN IN FRIEDEN 16 600, DIE FÜR IHR VATERLAND IN DEN JAHREN 1861 BIS 1865 STARBEN.“
Das Gelände ist herrlich gelegen; es liegt sehr hoch und bietet einen weiten Blick über Land und Fluss. Es ist geschmackvoll in breiten Terrassen angelegt, mit gewundenen Straßen und Pfaden; und es gibt einen üppigen Schmuck an subtropischen Sträuchern und Blumen, und in einem Teil befindet sich ein Stück ursprünglicher Wildnis, das genau so belassen wurde, wie es wuchs, und daher vollkommen in seinem Charme ist. Alles an diesem Friedhof deutet auf die Hand der nationalen Regierung hin. Die Arbeit der Regierung zeichnet sich stets durch Exzellenz, Solidität, Gründlichkeit und Ordentlichkeit aus. Die Regierung erledigt ihre Arbeit erstens gut und kümmert sich dann auch darum.
Über gewundene Straßen – die oft so tief zwischen senkrechten Wänden eingeschnitten waren, dass sie bloße dachlose Tunnel bildeten – fuhren wir ein oder zwei Meilen hinaus und besuchten das Denkmal, das an der Stelle steht, an der Vicksburg von General Pemberton an General Grant übergeben wurde. Sein Metall wird es vor dem Hacken und Meißeln bewahren, das seinen Vorgänger, der aus Marmor war, so entstellt hat; aber die Ziegelfundamente bröckeln, und es wird nach und nach einstürzen. Es überblickt eine malerische Gegend mit bewaldeten Hügeln und Schluchten; und ist selbst nicht unmalerisch, da es von blühendem Unkraut gut überwuchert ist. Der zerschlagene Überrest des Marmordenkmals wurde auf den Nationalfriedhof überführt.
Auf der Straße, eine Viertelmeile stadteinwärts, zeigte uns ein betagter farbiger Mann mit Stolz eine nicht explodierte Bombe, die seit dem Tag, an dem sie während der Belagerung dort einschlug, in seinem Hof liegt.
»Ich stand hier, und der Hund stand hier; der Hund ging auf die Bombe los, wollte Zoff mit ihr anfangen; aber ich nicht; ich sage: „Mach du dich hier nur zu Hause; bleib liegen, wo du bist, oder jag den Platz in die Luft, ganz wie du willst, aber ich habe in den Wäldern zu tun, das habe ich!“«
Vicksburg ist eine Stadt mit soliden Geschäftsstraßen und angenehmen Wohnhäusern; sie beherrscht den Handel der Flüsse Yazoo und Sunflower; treibt in verschiedene Richtungen Eisenbahnen durch reiche landwirtschaftliche Regionen voran und hat eine vielversprechende Zukunft voller Wohlstand und Bedeutung.
Anscheinend haben sich fast alle Flussstädte, große wie kleine, dazu durchgerungen, dass sie fortan für Reichtum und Aufbau hauptsächlich auf Eisenbahnen setzen müssen. Sie handeln nach dieser Vorstellung. Die Zeichen stehen darauf, dass die nächsten zwanzig Jahre im Tal einige bemerkenswerte Veränderungen in Richtung wachsender Bevölkerung und Wohlstand mit sich bringen werden, sowie die intellektuelle Weiterentwicklung und die Liberalisierung der Meinung, die damit einhergehen. Und doch, wenn man nach der Vergangenheit urteilen darf, werden die Flussstädte es verstehen, hier und da eine Gelegenheit zu finden und zu nutzen, ihren Fortschritt zu hemmen und zu verzögern. Sie hielten sich in den Tagen der Vorherrschaft der Dampfschifffahrt selbst zurück, und zwar durch ein System von Hafengebühren, das so dumm gestaffelt war, dass es den sogenannten kleinen Einzelhandel bei Fracht und Passagieren unterband. Den Booten wurden so hohe Hafengebühren berechnet, dass sie es sich nicht leisten konnten, für einen oder zwei Passagiere oder eine kleine Frachtmenge anzulegen. Anstatt den Handel an ihre Tore zu locken, schreckten die Städte ihn fleißig und wirksam ab. Sie hätten viele Boote und niedrige Preise haben können; aber ihre Politik machte wenige Boote und hohe Preise zwingend erforderlich. Es war eine Politik, die sich von New Orleans bis St. Paul erstreckte – und erstreckt.
Wir hatten den starken Wunsch, einen Ausflug den Yazoo und den Sunflower hinauf zu machen – eine jederzeit interessante Gegend, aber zu dieser Zeit zusätzlich interessant, weil dort oben die große Überschwemmung noch in voller Kraft zu sehen war –, aber wir mussten auf unserer Rückkehr mit ziemlicher Sicherheit einen Tag oder länger auf ein Boot aus New Orleans warten; also waren wir gezwungen, das Vorhaben aufzugeben.
Hier ist eine Geschichte, die ich an jenem Abend an Bord des Bootes aufgeschnappt habe. Ich füge sie an dieser Stelle nur deshalb ein, weil sie eine gute Geschichte ist, nicht weil sie hierher gehört – denn das tut sie nicht. Sie wurde von einem Passagier erzählt – einem Universitätsprofessor – und kam im Laufe eines allgemeinen Gesprächs zur Sprache, das mit Gerede über Pferde begann, in Gerede über Astronomie überging, dann in Gerede über die Lynchjustiz an den Spielern in Vicksburg vor einem halben Jahrhundert, dann in Gerede über Träume und Aberglauben; und nach Mitternacht in einem Streit über Freihandel und Schutzzoll endete.
KAPITEL 36
Die Garn des Professors
ES war in der frühen Zeit. Ich war damals kein Universitätsprofessor. Ich war ein bescheidener junger Landvermesser, mit der Welt vor mir – um sie zu vermessen, falls jemand wollte, dass es getan wird. Ich hatte einen Auftrag, eine Route für einen großen Bergbaugraben in Kalifornien zu vermessen, und war auf dem Seeweg dorthin unterwegs – eine drei- oder vierwöchige Reise. Es gab eine ganze Reihe von Passagieren, aber ich hatte sehr wenig mit ihnen zu tun; Lesen und Träumen waren meine Leidenschaften, und ich mied Unterhaltungen, um diesen Neigungen nachzugehen. Es waren drei professionelle Glücksspieler an Bord – raue, abstoßende Kerle. Ich unterhielt mich nie mit ihnen, doch ich konnte nicht umhin, sie des Öfteren zu sehen, denn sie spielten jeden Tag und jede Nacht in einer Kabine auf dem Oberdeck, und bei meinen Spaziergängen hatte ich oft flüchtige Blicke auf sie durch ihre Tür, die ein wenig offen stand, um den überschüssigen Tabakrauch und die Flüche herauszulassen. Sie waren eine böse und hasserfüllte Erscheinung, aber ich musste es natürlich ertragen.
Es gab noch einen anderen Passagier, der mir sehr auffiel, denn er schien entschlossen zu sein, sich mit mir anzufreunden, und ich hätte ihn nicht loswerden können, ohne das Risiko einzugehen, seine Gefühle zu verletzen, und ich war weit davon entfernt, dies zu tun. Außerdem hatte seine bäuerliche Einfachheit und sein strahlendes Wohlwollen etwas Einnehmendes. Als ich diesen Mr. John Backus zum ersten Mal sah, vermutete ich aufgrund seiner Kleidung und seines Aussehens, dass er ein Viehzüchter oder Farmer aus der Wildnis irgendeines westlichen Staates war – zweifellos Ohio –, und als er später auf seine persönliche Geschichte zu sprechen kam und ich entdeckte, dass er ein Viehzüchter aus dem Landesinneren von Ohio war, war ich so erfreut über meine eigene Scharfsinnigkeit, dass ich mich ihm gegenüber erwärmte, weil er meinen Instinkt bestätigt hatte.
Er gewöhnte sich an, sich jeden Tag nach dem Frühstück zu mir zu gesellen, um mir bei meinem Spaziergang zu helfen; und so hatte mir sein leichtgängiger Kiefer im Laufe der Zeit alles über sein Geschäft, seine Aussichten, seine Familie, seine Verwandten, seine Politik erzählt – kurz, alles, was einen Backus betraf, lebend oder tot. Und währenddessen hatte er es, glaube ich, geschafft, mir alles zu entlocken, was ich über meinen Beruf, meinen Stamm, meine Absichten, meine Aussichten und mich selbst wusste. Er war ein sanftes und überzeugendes Genie, und diese Sache bewies es; denn ich war nicht dazu geneigt, über meine Angelegenheiten zu sprechen. Ich sagte einmal etwas über Triangulation; das vornehme Wort gefiel seinem Ohr; er erkundigte sich, was es bedeute; ich erklärte es; danach ignorierte er leise und unaufdringlich meinen Namen und nannte mich immer Triangle.
Was für ein Enthusiast er in Sachen Vieh war! Beim bloßen Namen eines Bullen oder einer Kuh leuchtete sein Auge auf und seine eloquente Zunge machte sich selbstständig. Solange ich ging und zuhörte, ging er und redete; er kannte alle Rassen, er liebte alle Rassen, er liebkoste sie alle mit seiner liebevollen Zunge. Ich stapfte in sprachloser Qual dahin, während die Viehfrage anstand; wenn ich es nicht mehr ertragen konnte, pflegte ich geschickt ein wissenschaftliches Thema in das Gespräch einzufügen; dann leuchtete mein Auge auf und seines verblasste; meine Zunge flatterte, seine hielt inne; das Leben war eine Freude für mich und eine Traurigkeit für ihn.
Eines Tages sagte er etwas zögernd und mit einer gewissen Befangenheit:
»Triangle, hättest du etwas dagegen, für eine Minute mit in meine Kabine zu kommen und über eine bestimmte Angelegenheit zu sprechen?«
Ich ging sofort mit ihm. Dort angekommen, steckte er den Kopf hinaus, spähte vorsichtig den Salon auf und ab, schloss dann die Tür und verschloss sie. Er setzte sich auf das Sofa und sagte:
»Ich mache dir einen kleinen Vorschlag, und wenn er dir zusagt, wird es für uns beide eine ziemlich gute Sache sein. Du fährst nicht zum Spaß nach Kalifornien, ich auch nicht – es ist geschäftlich, nicht wahr? Nun, du kannst mir einen guten Dienst erweisen, und ich dir auch, wenn wir es für richtig halten. Ich habe viele Jahre lang zusammengerafft, geschabt und gespart, und ich habe es alles hier.« Er schloss einen alten Haarkoffer auf, wuselte ein Chaos aus schäbigen Kleidern beiseite und zog für einen Moment einen kurzen, dicken Beutel hervor, vergrub ihn dann wieder und verschloss den Koffer erneut. Seine Stimme auf einen vorsichtigen, tiefen Ton senkend, fuhr er fort: »Sie ist ganz da drin – runde zehntausend Dollar in Goldstücken; nun, das ist meine kleine Idee: Was ich über die Viehzucht nicht weiß, ist es nicht wert, gewusst zu werden. Es gibt Unmengen von Geld darin, in Kalifornien. Nun, ich weiß, und du weißt, dass es entlang einer Linie, die vermessen wird, kleine Landstückchen gibt, die sie „Gores“ nennen, die dem Vermesser umsonst und gratis zufallen. Alles, was du auf deiner Seite tun musst, ist so zu vermessen, dass die „Gores“ auf gutes fettes Land fallen, dann überträgst du sie mir, ich bestücke sie mit Vieh, das Geld rollt herein, ich zahle deinen Anteil an den Dollars regelmäßig aus, immer so weiter, und –«
Es tat mir leid, seinen blühenden Enthusiasmus zu verwelken, aber es ließ sich nicht ändern. Ich unterbrach ihn und sagte streng:
»Ich bin nicht diese Art von Vermesser. Lassen Sie uns das Thema wechseln, Mr. Backus.«
Es war erbärmlich, seine Verwirrung zu sehen und seine unbeholfenen und beschämten Entschuldigungen zu hören. Ich war genauso niedergeschlagen wie er – zumal er so weit davon entfernt schien, geahnt zu haben, dass sein Vorschlag in irgendeiner Weise unanständig war. Also beeilte ich mich, ihn zu trösten und ihn dazu zu bringen, sein Missgeschick in einer Gesprächsorgie über Vieh und Schlachterei zu vergessen. Wir lagen in Acapulco; und als wir an Deck gingen, geschah es glücklicherweise, dass die Mannschaft gerade begann, einige Rinder in Schlingen an Bord zu hieven. Backus' Melancholie verflog sofort, und mit ihr die Erinnerung an seinen jüngsten Fehler.
»Sieh dir das nur an!«, rief er. »Meine Güte, Triangle, was würden sie in Ohio dazu sagen? Würden ihre Augen nicht herausquellen, wenn sie sehen würden, wie sie so behandelt werden? – würden sie nicht, was?«
Alle Passagiere waren an Deck, um zuzusehen – sogar die Glücksspieler – und Backus kannte sie alle und hatte sie alle mit seinem Lieblingsthema gequält. Als ich mich entfernte, sah ich, wie sich einer der Spieler näherte und ihn ansprach; dann ein anderer; dann der dritte. Ich hielt an; wartete; beobachtete; das Gespräch zwischen den vier Männern ging weiter; es wurde ernst; Backus entfernte sich allmählich; die Spieler folgten und blieben an seinem Ellbogen. Ich fühlte mich unwohl. Als sie jedoch kurz darauf an mir vorbeigingen, hörte ich Backus mit einem Ton von verfolgter Verärgerung sagen:
»Aber es hat keinen Sinn, meine Herren; ich sage es Ihnen noch einmal, wie ich es schon ein halbes Dutzend Mal zuvor gesagt habe, ich bin nicht dazu erzogen worden, und ich werde es nicht riskieren.«
Ich war erleichtert. »Sein klarer Kopf wird sein ausreichender Schutz sein«, sagte ich mir.
Während der zweiwöchigen Fahrt von Acapulco nach San Francisco sah ich die Spieler mehrmals ernsthaft mit Backus sprechen, und einmal gab ich ihm eine sanfte Warnung. Er kicherte behaglich und sagte:
»Oh, ja! Sie heften sich ziemlich an meine Fersen – wollen, dass ich ein bisschen spiele, nur zum Zeitvertreib, sagen sie – aber bewahre, wenn meine Leute mir auch nur einmal gesagt hätten, dass ich mich vor dieser Art von Vieh in Acht nehmen soll, dann haben sie es wohl tausendmal getan, schätze ich.«
Nach und nach, zu gegebener Zeit, näherten wir uns San Francisco. Es war eine hässliche, schwarze Nacht, ein starker Wind wehte, aber es gab nicht viel Seegang. Ich war allein an Deck. Gegen zehn wollte ich nach unten. Eine Gestalt kam aus der Höhle der Spieler und verschwand in der Dunkelheit. Ich erlitt einen Schock, denn ich war sicher, es war Backus. Ich stürmte den Niedergang hinunter, suchte nach ihm, konnte ihn nicht finden, kehrte dann gerade noch rechtzeitig zum Deck zurück, um einen flüchtigen Blick auf ihn zu erhaschen, als er wieder in dieses verdammte Nest der Schurkerei eintrat. Hatte er endlich nachgegeben? Ich fürchtete es. Warum war er nach unten gegangen? – Sein Beutel mit Münzen? Möglicherweise. Ich näherte mich der Tür, voller Vorahnungen. Sie stand einen Spalt breit offen, und ich schaute hinein und sah einen Anblick, der mich bitter bereuen ließ, dass ich meine Aufmerksamkeit darauf verwandt hatte, meinen armen Viehfreund zu retten, anstatt meine alberne Zeit mit Lesen und Träumen zu vergeuden. Er spielte. Schlimmer noch, er wurde mit Champagner abgefüllt und zeigte bereits Wirkung davon. Er lobte den »Apfelwein«, wie er ihn nannte, und sagte, jetzt, wo er einen Geschmack davon bekommen habe, glaube er fast, er würde ihn trinken, selbst wenn es Spirituosen wären, so gut sei er und so weit über allem, was ihm je zuvor untergekommen sei. Heimliche Lächeln gingen bei diesen Worten von einem Schurken zum anderen, und sie füllten alle Gläser, und während Backus seines ehrlich bis zum Boden leerte, täuschten sie vor, dasselbe zu tun, warfen den Wein aber über die Schultern.
Ich konnte die Szene nicht ertragen, also wanderte ich nach vorne und versuchte, mich für das Meer und die Stimmen des Windes zu interessieren. Aber nein, mein unruhiger Geist zog mich alle Viertelstunde zurück; und immer sah ich Backus seinen Wein trinken – redlich und anständig, und die anderen ihren wegwerfen. Es war die qualvollste Nacht, die ich je verbracht habe.
Die einzige Hoffnung, die ich hatte, war, dass wir unseren Ankerplatz schnell erreichen würden – das würde das Spiel beenden. Ich half dem Schiff mit meinen Gebeten so gut ich konnte. Endlich schossen wir durch das Golden Gate, und mein Puls sprang vor Freude. Ich eilte zu dieser Tür zurück und schaute hinein. Ach, da war wenig Raum für Hoffnung – Backus' Augen waren schwer und blutunterlaufen, sein verschwitztes Gesicht war purpurrot, sein Sprechen lallend und dick, sein Körper schwankte betrunken im wiegenden Rhythmus des Schiffes. Er leerte ein weiteres Glas bis auf den Grund, während die Karten gegeben wurden.
Er nahm sein Blatt, warf einen Blick darauf, und seine trüben Augen leuchteten für einen Moment auf. Die Spieler beobachteten es und zeigten ihre Befriedigung durch kaum wahrnehmbare Zeichen.
»Wie viele Karten?«
»Keine!«, sagte Backus.
Ein Schurke – namens Hank Wiley – legte eine Karte ab, die anderen jeweils drei. Das Wetten begann. Bisher waren die Einsätze unbedeutend gewesen – ein oder zwei Dollar; aber Backus begann jetzt mit einer Goldmünze, Wiley zögerte einen Moment, dann »ging er mit« und »erhöhte um zehn Dollar«. Die anderen beiden warfen ihre Blätter weg.
Backus erhöhte um zwanzig. Wiley sagte:
»Ich gehe mit und erhöhe um hundert!«, dann lächelte er und griff nach dem Geld.
»Lass es liegen«, sagte Backus mit betrunkener Ernsthaftigkeit.
»Was! Du willst damit sagen, dass du mitgehst?«
»Mitgehen? Nun, ich schätze, das werde ich – und noch einen Hunderter obendrauf legen.«
Er griff in seinen Überzieher und brachte die erforderliche Summe hervor.
»Oh, das ist dein kleines Spiel, ist es? Ich gehe mit deiner Erhöhung mit und erhöhe um fünfhundert!«, sagte Wiley.
»Fünfhundert mehr«, sagte der törichte Stiertreiber, holte den Betrag heraus und ließ ihn auf den Haufen regnen. Die drei Verschwörer versuchten kaum, ihre Exultation zu verbergen.
Alle Diplomatie und Vorspiegelung waren nun fallen gelassen, und die scharfen Ausrufe kamen dicht und schnell, und die gelbe Pyramide wuchs immer höher. Schließlich lagen zehntausend Dollar in Sicht. Wiley warf einen Beutel mit Münzen auf den Tisch und sagte mit spöttischer Sanftheit:
»Fünftausend Dollar mehr, mein Freund aus der Provinz – was sagst du jetzt?«
»Ich gehe mit!«, sagte Backus und wuchtete seinen goldenen Beutel auf den Haufen. »Was hast du?«
»Vier Könige, du verfluchter Narr!«, und Wiley warf seine Karten hin und umschlang den Einsatz mit seinen Armen.
»Vier Asse, du Esel!«, donnerte Backus und nahm seinen Mann mit einem gespannten Revolver ins Visier. »Ich bin selbst ein professioneller Spieler, und ich habe die ganze Reise lang auf euch Gauner gewartet!«
Der Anker ging nieder, rumbledy-dum-dum! und die lange Reise war zu Ende.
Nun – nun, es ist eine traurige Welt. Einer der drei Spieler war Backus' »Kumpel«. Er war es, der die verhängnisvollen Blätter gab. Laut einer Absprache mit den beiden Opfern hätte er Backus vier Damen geben sollen, aber ach, das tat er nicht.
Eine Woche später stolperte ich in der Montgomery Street über Backus – gekleidet in der neuesten Mode. Er sagte fröhlich, als wir uns trennten:
»Ah, übrigens, wegen dieser „Gores“ brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich weiß eigentlich gar nichts über Vieh, außer dem, was ich in einer einwöchigen Lehrzeit drüben in Jersey kurz vor unserer Abfahrt aufgeschnappt habe. Meine Viehkultur und mein Viehenthusiasmus haben ihren Zweck erfüllt – ich werde sie nicht mehr brauchen.«
Am nächsten Tag trennten wir uns schweren Herzens von der »Gold Dust« und ihren Offizieren, in der Hoffnung, dieses Boot und all diese Offiziere eines Tages wiederzusehen. Eine Sache, die das Schicksal tragischerweise unmöglich machen sollte!
KAPITEL 37
Das Ende der »Gold Dust«
DENN drei Monate später, am 8. August, während ich eines dieser vorangegangenen Kapitel schrieb, brachten die New Yorker Zeitungen dieses Telegramm –
EINE SCHRECKLICHE KATASTROPHE.
SIEBZEHN PERSONEN DURCH EINE EXPLOSION AUF DEM DAMPFER »GOLD DUST« GETÖTET.
»NASHVILLE, 7. August. – Eine Depesche aus Hickman, Ky., besagt –
„Der Dampfer ‚Gold Dust‘ ließ heute um drei Uhr seine Kessel explodieren, kurz nachdem er Hickman verlassen hatte. Siebenundvierzig Personen wurden verbrüht und siebzehn werden vermisst. Das Boot legte im Wirbel direkt oberhalb der Stadt an, und durch das Bemühen der Bürger wurden die Kabinenpassagiere, Offiziere und ein Teil der Besatzung und Deckpassagiere an Land gebracht und in Hotels und Wohnhäuser verlegt. Vierundzwanzig der Verletzten lagen gleichzeitig in Holcombs Kurzwarengeschäft, wo sie jede Aufmerksamkeit erhielten, bevor sie an komfortablere Orte gebracht wurden.“«
Es folgte eine Namensliste, aus der hervorging, dass von den siebzehn Toten einer der Barkeeper war; und unter den siebenundvierzig Verwundeten befanden sich der Kapitän, der erste Offizier, der zweite Offizier sowie der zweite und dritte Schreiber; außerdem Mr. Lem S. Gray, Lotse, und mehrere Besatzungsmitglieder.
Auf ein privates Telegramm hin erfuhren wir, dass niemand von ihnen schwer verletzt war, außer Mr. Gray. Später eingegangene Briefe bestätigten diese Nachricht und besagten, dass es Mr. Gray besser gehe und er wieder gesund werden würde. Spätere Briefe sprachen weniger hoffnungsvoll von seinem Fall; und schließlich kam einer, der seinen Tod verkündete. Ein guter Mann, ein überaus umgänglicher und aufrechter Mann und eines freundlicheren Schicksals würdig.
KAPITEL 38
Das Haus Schön
WIR nahmen die Passage auf einem Boot aus Cincinnati nach New Orleans; oder auf einem Boot aus Cincinnati – beides ist korrekt; erstere ist die östliche Art, es auszudrücken, letztere die westliche.
Mr. Dickens weigerte sich zuzustimmen, dass die Mississippi-Dampfer »prächtig« seien oder dass es »schwimmende Paläste« seien – Begriffe, die ihnen immer zugeschrieben wurden; Begriffe, die die Bewunderung, mit der die Leute sie betrachteten, nicht übertrieben ausdrückten.
Mr. Dickens’ Standpunkt war möglicherweise unangreifbar; der Standpunkt des Volkes war es ganz sicher. Wenn Mr. Dickens diese Boote mit den Kronjuwelen verglich; oder mit dem Taj, oder mit dem Matterhorn; oder mit irgendeinem anderen unschätzbaren oder wunderbaren Ding, das er gesehen hatte, dann waren sie nicht prächtig – da hatte er recht. Das Volk verglich sie mit dem, was es selbst gesehen hatte; und so gemessen, so beurteilt, waren die Boote prächtig – der Begriff war der richtige, er war keineswegs zu stark. Das Volk hatte genauso recht wie Mr. Dickens. Die Dampfschiffe waren feiner als alles an Land. Verglichen mit den besseren Wohnhäusern und erstklassigen Hotels im Tal waren sie zweifellos prächtig, sie waren »Paläste«. Für einige wenige Leute, die in New Orleans und St. Louis lebten, waren sie vielleicht nicht prächtig; keine Paläste; aber für die große Mehrheit dieser Bevölkerung und für die gesamte Bevölkerung, die sich beiderseits der Ufer zwischen Baton Rouge und St. Louis erstreckte, waren sie Paläste; sie entsprachen dem Traum des Bürgers von dem, was Pracht war, und stellten ihn zufrieden.
Jede Stadt und jedes Dorf entlang dieses riesigen Abschnitts doppelter Flussfront hatte ein bestes Wohnhaus, das feinste Wohnhaus, ein Herrenhaus – das Heim seines wohlhabendsten und angesehensten Bürgers. Es ist leicht zu beschreiben: großer grasbewachsener Hof mit weiß gestrichenem Lattenzaun – in ordentlichem Zustand; Ziegelweg vom Tor zur Tür; großes, quadratisches, zweistöckiges Holzhaus, weiß gestrichen und mit einem Portikus wie ein griechischer Tempel versehen – mit diesem Unterschied, dass die imposanten kannelierten Säulen und korinthischen Kapitelle ein jämmerlicher Schwindel waren, da sie aus Kiefernholz gefertigt und bemalt waren; eiserner Türklopfer; Türknauf aus Messing – verfärbt, weil das Polieren fehlte. Im Inneren eine unteppichbelagene Diele aus gehobelten Brettern; davon abzweigend ein Salon, fünfzehn mal fünfzehn Fuß groß – in manchen Fällen fünf oder zehn Fuß größer; Ingrain-Teppich; Mahagoni-Mitteltisch; darauf eine Lampe mit einem Schirm aus grünem Papier – stehend auf einem, sozusagen, Bratrost, der von den jungen Damen des Hauses aus farbintensiven Garnen gefertigt und Lampenmatte genannt wurde; mehrere Bücher, gestapelt und angeordnet mit gusseiserner Exaktheit nach einem ererbten und unveränderlichen Plan; darunter Tupper, stark mit Bleistift bekritzelt; außerdem »Friendship’s Offering« und »Affection’s Wreath« mit ihren saftlosen Nichtigkeiten, illustriert in schwindenden Mezzotinto-Stichen; außerdem Ossian; »Alonzo and Melissa«; vielleicht »Ivanhoe«; außerdem ein »Album«, voll von origineller »Poesie« der Sorte Du-hast-den-Geist-verwundet-der-dich-liebte; zwei oder drei tugendhafte Werke – »Shepherd of Salisbury Plain« usw.; die aktuelle Ausgabe des keuschen und harmlosen Godey’s »Lady’s Book« mit gemalten Modekupfern von wachspuppenartigen Frauen mit Mündern, die alle gleich aussahen – Lippen und Augenlider in derselben Größe – wobei aus unter dem Kleid jeder fünf Fuß großen Frau ein zwei Zoll langer Keil hervorstach, der vorgab, die Hälfte ihres Fußes zu sein. Polierter, luftdichter Ofen (eine neue und tödliche Erfindung), dessen Rohr durch ein Brett führt, das den ausgedienten guten alten Kamin verschließt. Auf jedem Ende des hölzernen Kaminsimses über dem Kamin ein großer Korb mit Pfirsichen und anderen Früchten, in natürlicher Größe, alles plump aus Gips oder aus Wachs gefertigt und bemalt, um den Originalen zu ähneln – was sie nicht tun. Über der Mitte des Kaminsims ein Stich – Washington überquert den Delaware; an der Wand neben der Tür eine Kopie davon, angefertigt in blitzblankem Crewel-Stickgarn von einer der jungen Damen – ein Kunstwerk, das Washington hätte zögern lassen, den Fluss zu überqueren, wenn er hätte vorhersehen können, welcher Missbrauch damit getrieben werden würde. Klavier – ein getarnter Teekessel – mit gebundenen und ungebundenen Noten, die darauf und auf einem Ständer in der Nähe gestapelt waren: Schlacht von Prag; Vogelwalzer; Arkansas Traveler; Rosin the Bow; Marseilles Hymn; On a Lone Barren Isle (St. Helena); The Last Link is Broken; She wore a Wreath of Roses the Night when last we met; Go, forget me, Why should Sorrow o’er that Brow a Shadow fling; Hours there were to Memory Dearer; Long, Long Ago; Days of Absence; A Life on the Ocean Wave, a Home on the Rolling Deep; Bird at Sea; und auf dem Notenständer aufgeschlagen, wo die klagende Sängerin es hinterlassen hat, ro-holl on, silver moo-hoon, guide the trav-el-lerr his way, usw. Nachdenklich gegen das Klavier gelehnt eine Gitarre – eine Gitarre, die imstande ist, den Spanischen Fandango von selbst zu spielen, wenn man ihr einen Anstoß gibt. Ein frenetisches Kunstwerk an der Wand – ein frommes Motto, vor Ort angefertigt, manchmal aus farbigen Garnen, manchmal aus verblichenen Gräsern: der Vorläufer des »Gott segne unser Heim« des modernen Handels. In schwarzen Rahmen an der Wand weitere Kunstwerke, konzipiert und begangen vor Ort von den jungen Damen; meist grimmige Schwarz-Weiß-Kreidezeichnungen; Landschaften: See, einsames Segelboot, versteinerte Wolken, prägeologische Bäume am Ufer, Anthrazit-Abgrund; der Name des Verbrechers auffällig in der Ecke. Lithografie, Napoleon überquert die Alpen. Lithografie, Das Grab auf St. Helena. Stahlstiche, Trumbulls Schlacht von Bunker Hill und der Ausfall von Gibraltar. Kupferstiche, Moses schlägt Wasser aus dem Felsen und die Rückkehr des verlorenen Sohnes. In einem großen vergoldeten Rahmen eine Verleumdung der Familie in Öl: Papa hält ein Buch (»Verfassung der Vereinigten Staaten«); die Gitarre lehnt an Mama, blaue Bänder flattern von ihrem Hals; die jungen Damen, als Kinder, in Pantoffeln und Spitzenunterhosen, die eine umarmt ein Spielzeugpferd, die andere bezirzt ein Kätzchen mit einem Garnknäuel, und beide lächeln Mama an, die zurücklächelt. Diese Personen alle frisch, roh und rot – offenbar gehäutet. Gegenüber, im vergoldeten Rahmen, Opa und Oma, mit dreißig und zweiundzwanzig, steif, altmodisch, mit hohem Kragen, Puffärmeln, blass aus einem Hintergrund aus massiver ägyptischer Nacht starrend. Unter einer gläsernen französischen Uhrenglocke ein großer Strauß steifer Blumen aus leichenweißem Wachs. Ein pyramidenförmiges Etagere in der Ecke, die Regale hauptsächlich besetzt mit Nippes der Zeit, angeordnet mit Blick auf den besten Effekt: eine Muschel, in die das Vaterunser geschnitzt ist; eine weitere Muschel – von der langen ovalen Sorte, schmale, gerade Öffnung, drei Zoll lang, von Ende zu Ende verlaufend – ein Porträt von Washington darauf geschnitzt; nicht gut gemacht; die Muschel hatte ursprünglich Washingtons Mund – der Künstler hätte darauf aufbauen sollen. Diese beiden sind Erinnerungsstücke an die lange zurückliegende Hochzeitsreise nach New Orleans und den Französischen Markt. Anderer Nippes: kalifornische »Exemplare« – Quarz mit anhaftender Goldwarze; altes Goldmedaillon aus Guinea mit einem Ring aus dem Haar der Vorfahren darin; Pfeilspitzen aus Feuerstein; ein Paar Perlenmokassins von einem Onkel, der die Ebenen überquerte; drei »Alaun«-Körbe in verschiedenen Farben – bestehend aus einem Skelettrahmen aus Draht, bekleidet mit Würfeln aus kristallisiertem Alaun im Felsbonbon-Stil – Kunstwerke, die von den jungen Damen vollbracht wurden; ihre Doppelgänger und Duplikate sind auf allen Etageren des Landes zu finden; eine Versammlung ausgetrockneter Käfer und Schmetterlinge, auf eine Karte gesteckt; gemalter Spielzeughund, auf einem Blasebalg-Aufsatz sitzend – lässt den Unterkiefer fallen und quietscht, wenn man darauf drückt; Zuckerhasen – Gliedmaßen und Gesichtszüge ineinander verschmolzen, nicht stark ausgeprägt; Präsidentschafts-Wahlkampfmedaille aus Zinn; hölzerner Karton-Holzfäller im Miniaturformat, der am Ofenrohr befestigt werden und durch die Hitze betrieben werden soll; kleiner Napoleon aus Wachs; aufgeschlagene Daguerreotypien von verschwommenen Kindern, Eltern, Cousins, Tanten und Freunden, in allen Haltungen außer den üblichen; kein Tempelportikus im Hintergrund und keine künstliche Landschaft, die sich in der Ferne erstreckt – das kam erst später mit der Fotografie; alle diese vagen Figuren üppig behängt mit Ketten und Ringen – das Metall wird angedeutet und durch Streifen und Spritzer aus lebendigem Goldbronze vor Zweifel gesichert; alle zu sehr frisiert, zu sehr zurechtgemacht; und alle unbehaglich in unflexibler Sonntagskleidung eines Musters, von dem der Betrachter sich nicht vorstellen kann, dass es jemals in Mode gewesen sein könnte; Ehemann und Ehefrau im Allgemeinen zusammen gruppiert – Ehemann sitzend, Ehefrau stehend, mit der Hand auf seiner Schulter – und beide bewahren, all die verblassenden Jahre hindurch, einen wahrnehmbaren Effekt von des Daguerreotypisten raschem »Bitte lächeln!«. Über der Etagere angebracht – ein Ort von besonderer Heiligkeit – ein Gräuel in Aquarell, angefertigt von der jungen Nichte, die vor langer Zeit zu Besuch kam und starb. Schade eigentlich; denn sie hätte dies mit der Zeit bereuen können. Stühle mit Rosshaarbezug, Rosshaarsofa, das einem ständig unter dem Körper wegrutscht. Fensterrollos aus Ölstoff, mit Milchmädchen und Ruinenburgen, die in wilden Farben darauf schablonisiert sind. Lambrequins, die von kitschigen, vergoldeten Blechkästen herabhängen. Schlafzimmer mit Lumpenteppichen; Bettgestelle der »geschnürten« Art, mit einem Durchhang in der Mitte, wobei die Schnüre gestrafft werden müssen; muffiges Federbett – nicht oft genug gelüftet; Stühle mit Rohrgeflecht, Schaukelstuhl mit Holzlattenboden; Wandspiegel in der Größe einer Schultafel, furnierter Rahmen; geerbte Kommode; Waschschüssel und Krug, möglicherweise – aber nicht sicher; Messingkerzenständer, Talgkerze, Dochtschere. Nichts weiter im Raum. Nicht ein Badezimmer im Haus; und kein Besucher wird wahrscheinlich vorbeikommen, der jemals eines gesehen hat.
Das war die Residenz des bedeutendsten Bürgers, den ganzen Weg von den Vororten von New Orleans bis zum Rand von St. Louis. Wenn er an Bord eines großen, feinen Dampfschiffs trat, betrat er eine neue und wunderbare Welt: Schornsteinspitzen, die so geschnitten waren, dass sie eine sprühende Federkrone nachahmten – und vielleicht rot gestrichen; Steuerhaus, Hurrikandeck, Kesseldeck-Geländer, alles geschmückt mit weißem hölzernen Filigranwerk in phantasievollen Mustern; vergoldete Eicheln auf den Kränen; vergoldetes Hirschgeweih über der großen Glocke; kitschiges symbolisches Bild auf dem Schaufelradkasten, möglicherweise; großes, geräumiges Kesseldeck, blau gestrichen und mit Windsor-Armlehnstühlen ausgestattet; im Inneren eine weit zurückweichende, schneeweiße »Kabine«; Porzellanknopf und Ölgemälde an jeder Kabinentür; geschwungene Muster von Filigranarbeit, mit Vergoldung hervorgehoben, die sich über den Köpfen den gesamten zusammenlaufenden Ausblick entlang erstreckten; große Kronleuchter in kurzen Abständen, jeder ein Aprilschauer aus glitzernden Glastropfen; liebliches Regenbogenlicht, das überall durch die farbige Verglasung der Oberlichter fiel; das Ganze ein langgezogener, strahlender Tunnel, ein verwirrendes und die Seele befriedigendes Schauspiel! In der Damenkabine ein rosafarbener und weißer Wilton-Teppich, so weich wie Brei und verherrlicht mit einem hinreißenden Muster aus gigantischen Blumen. Dann die Brautkammer – das Tier, das diese Idee erfand, war zu jener Zeit noch am Leben und nicht gehängt – die Brautkammer, deren anmaßender Firlefanz auf den nun schwankenden Intellekt jenes jubelnden Bürgers notwendigerweise einschüchternd wirken musste. Jede Kabine hatte ihre zwei gemütlichen, sauberen Kojen und vielleicht einen Spiegel und einen behaglichen Schrank; und manchmal gab es sogar eine Waschschüssel und einen Krug sowie einen Teil eines Handtuchs, das ein Experte von einem Moskitonetz unterscheiden konnte – obwohl diese Dinge im Allgemeinen fehlten und die Passagiere in Hemdsärmeln sich an einer langen Reihe stationärer Waschbecken im Friseursalon wuschen, wo es auch öffentliche Handtücher, öffentliche Kämme und öffentliche Seife gab.
Nehmen Sie das Dampfschiff, das ich gerade beschrieben habe, und Sie haben es in seinem höchsten, feinsten, angenehmsten, komfortabelsten und zufriedenstellendsten Zustand. Nun überziehen Sie es mit einer Schicht aus altem und hartnäckigem Schmutz, und Sie haben den Cincinnati-Dampfer, auf den vorhin Bezug genommen wurde. Nicht überall – nur im Inneren; denn sie war in allen Abteilungen außer der des Stewards fähig besetzt.
Aber waschen Sie dieses Boot und streichen Sie es neu, und es wäre in etwa das Gegenstück zum meistgepriesenen Boot der alten glanzvollen Zeiten: denn die Dampfschiff-Architektur des Westens hat keine Veränderung erfahren; ebenso wenig haben Dampfschiff-Möbel und -Verzierungen irgendeine erfahren.
KAPITEL 39
Manufakturen und Missetäter
WO der Fluss in der Gegend von Vicksburg früher gewunden war, ist er jetzt vergleichsweise gerade – durch einen Durchstich so gemacht; eine frühere Entfernung von siebzig Meilen ist auf fünfunddreißig reduziert. Es ist eine Veränderung, die Vicksburgs Nachbarn, Delta, Louisiana, hinaus aufs Land warf und seine Karriere als Flussstadt beendete. Seine gesamte Flussfront wird jetzt von einer riesigen Sandbank eingenommen, die dicht mit jungen Bäumen bedeckt ist – ein Wuchs, der sich mit der Zeit zu einem dichten Wald vergrößern und die verbannte Stadt vollständig verbergen wird.
Zu gegebener Zeit passierten wir Grand Gulf und Rodney, die durch den Krieg berühmt wurden, und erreichten Natchez, die letzte der schönen Hügelstädte – denn Baton Rouge, das noch vor uns liegt, liegt nicht auf einem Hügel, sondern nur auf hohem Grund. Das berühmte Natchez-unter-dem-Hügel hat sich in zwanzig Jahren nicht nennenswert verändert; im äußeren Erscheinungsbild – nach den Beschreibungen der alten Prozession ausländischer Touristen zu urteilen – hat es sich in sechzig Jahren nicht verändert; denn es ist immer noch klein, unordentlich und schäbig. Es hatte in der alten Zeit der Kielboote und der frühen Dampfschifffahrt einen verzweifelten Ruf, moralisch gesehen – viel Trinken, Zechen, Raufen und Morden gab es dort unter dem Gesindel des Flusses in jenen Tagen. Aber Natchez auf der Spitze des Hügels ist attraktiv; war schon immer attraktiv. Sogar Mrs. Trollope (1827) musste ihre Reize gestehen:
»An ein oder zwei Stellen wird die ermüdende ebene Linie durch Bluffs unterbrochen, wie sie die kurzen Intervalle von hohem Boden nennen. Die Stadt Natchez ist wunderschön auf einem dieser hohen Punkte gelegen. Der Kontrast, den ihr leuchtend grüner Hügel mit der trostlosen Linie des schwarzen Waldes bildet, der sich auf jeder Seite erstreckt, das üppige Wachstum von Pawpaw, Palmetto und Orange, die reichhaltige Vielfalt an wohlriechenden Blumen, die dort gedeihen, all das lässt es wie eine Oase in der Wüste erscheinen. Natchez ist der am weitesten nördlich gelegene Punkt, an dem Orangen im Freien reifen oder den Winter ohne Schutz überstehen. Mit Ausnahme dieses süßen Fleckens hielt ich alle kleinen Städte und Dörfer, die wir passierten, für überaus elend aussehend.«
Natchez hat, wie ihre nahen und fernen Flussnachbarn, jetzt Eisenbahnen und baut sie aus – treibt sie hierhin und dorthin in alle reichen umliegenden Regionen, die ihr natürlicherweise tributpflichtig sind. Und wie Vicksburg und New Orleans hat sie ihre Eisfabrik: sie stellt dreißig Tonnen Eis am Tag her. In Vicksburg und Natchez war Eis zu meiner Zeit Schmuck; niemand außer den Reichen konnte es tragen. Aber jeder kann es jetzt haben. Ich besuchte eine der Eisfabriken in New Orleans, um zu sehen, wie die Polarregionen aussehen könnten, wenn sie an den Rand der Tropen geschleppt würden. Aber es gab nichts Auffälliges am Aussehen des Ortes. Es war lediglich ein geräumiges Gebäude, mit ein wenig unschuldiger Dampfmaschinerie an einem Ende und einigen großen Porzellanrohren, die hier und da verliefen. Nein, nicht Porzellan – sie schienen nur so zu sein; sie waren aus Eisen, aber das Ammoniak, das durch sie geatmet wurde, hatte sie bis zur Dicke Ihrer Hand mit festem, milchweißem Eis überzogen. Es hätte schmelzen sollen; denn man benötigte keine Winterkleidung in dieser Atmosphäre: aber es schmolz nicht; das Innere des Rohrs war zu kalt.
In den Boden versenkt waren zahllose Blechkisten, einen Fuß im Quadrat und zwei Fuß lang, und am oberen Ende offen. Diese waren voll von klarem Wasser; und um jede Kiste herum waren Salz und anderes geeignetes Zeug gepackt; außerdem wurden die Ammoniakgase auf irgendeine Weise auf das Wasser angewendet, die mir für immer ein Geheimnis bleiben wird, weil ich nicht in der Lage war, den Prozess zu verstehen. Während das Wasser in den Kisten allmählich gefror, gaben die Männer gelegentlich einen Rührvorgang mit einem Stock dazu – um die Luftblasen zu befreien, denke ich. Andere Männer hoben ständig Kisten heraus, deren Inhalt hart gefroren war. Sie gaben der Kiste ein einziges Eintauchen in ein Fass mit kochendem Wasser, um den Eisblock von seinem Blechsarg zu befreien, dann schossen sie den Block auf einen Plattformwagen, und er war bereit für den Markt. Diese großen Blöcke waren hart, fest und kristallklar. In einige von ihnen waren große Blumensträuße aus frischen und brillanten tropischen Blumen eingefroren; in andere, wunderschöne seidenbekleidete französische Puppen und andere hübsche Objekte. Diese Blöcke sollten aufrecht in einer Platte in der Mitte von Esstischen aufgestellt werden, um die tropische Luft abzukühlen; und auch um dekorativ zu sein, denn die Blumen und Dinge, die in ihnen gefangen waren, konnten wie durch eine Glasplatte gesehen werden. Mir wurde gesagt, dass diese Fabrik ihr Eis mit einem Wagen durch ganz New Orleans in Mengen für die bescheidensten Wohnungen für sechs oder sieben Dollar pro Tonne im Einzelhandel verkaufen und einen ausreichenden Gewinn machen könne. Da dies der Fall ist, gibt es im Norden ein Geschäft für Eisfabriken; denn wir bekommen dort Eis unter keinen solchen Bedingungen, wenn man weniger als dreihundertfünfzig Pfund bei einer Lieferung nimmt.
Die Rosalie Yarn Mill in Natchez hat eine Kapazität von 6.000 Spindeln und 160 Webstühlen und beschäftigt 100 Arbeitskräfte. Die Natchez Cotton Mills Company nahm vor vier Jahren den Betrieb in einem zweistöckigen Gebäude von 50 x 190 Fuß auf, mit 4.000 Spindeln und 128 Webstühlen; Kapital 105.000 Dollar, alles in der Stadt gezeichnet. Zwei Jahre später erhöhten dieselben Aktionäre ihr Kapital auf 225.000 Dollar; fügten der Mühle eine dritte Etage hinzu, erhöhten ihre Länge auf 317 Fuß; fügten Maschinen hinzu, um die Kapazität auf 10.300 Spindeln und 304 Webstühle zu erhöhen. Das Unternehmen beschäftigt jetzt 250 Arbeiter, von denen viele Bürger von Natchez sind. »Die Mühle verarbeitet jährlich 5.000 Ballen Baumwolle und stellt die beste Standardqualität von braunen Hemden- und Bettlakenstoffen sowie Drillich her und produziert 5.000.000 Yards dieser Waren pro Jahr.« Eine geschlossene Gesellschaft – Aktien zu 5.000 Dollar pro Aktie gehalten, aber keine auf dem Markt.
Die Veränderungen im Mississippi sind groß und seltsam, waren aber zu erwarten; aber ich hatte nicht erwartet, noch zu erleben, wie Natchez und diese anderen Flussstädte zu Fabrikhochburgen und Eisenbahnzentren wurden.
Vom Fabrikwesen zu sprechen, erinnert mich an ein Gespräch über dieses Thema, das ich hörte – das ich belauschte – an Bord des Cincinnati-Boots. Ich erwachte aus einem gequälten Schlaf, mit einem dumpfen Wirrwarr von Stimmen in meinen Ohren. Ich lauschte – zwei Männer sprachen; Thema war anscheinend die große Überschwemmung. Ich blickte durch das offene Oberlicht. Die zwei Männer aßen ein spätes Frühstück; saßen einander gegenüber; niemand sonst in der Nähe. Sie schlossen die Überschwemmung mit wenigen Worten ab – nachdem sie diese offensichtlich nur als bloßen Eisbrecher und Bekanntschaftsbeschleuniger benutzt hatten – dann gingen sie zum Geschäft über. Es stellte sich bald heraus, dass es Handelsvertreter waren – einer aus Cincinnati, der andere aus New Orleans. Geschäftige Männer, energisch in Bewegung und Sprache; der Dollar ihr Gott, wie man ihn bekommt ihre Religion.
»Nun zu diesem Artikel«, sagte Cincinnati, schnitt in die vorgebliche Butter und hielt eine Scheibe davon auf seiner Messerklinge vor, »es ist von unserem Haus; sehen Sie es an – riechen Sie daran – schmecken Sie es. Unterziehen Sie es jedem Test, den Sie wollen. Nehmen Sie sich Zeit – keine Eile – machen Sie es gründlich. Na, was sagen Sie? Butter, nicht wahr? Mitnichten – es ist Oleomargarine! Jawohl, das ist es – Oleomargarine. Sie können es nicht von Butter unterscheiden; bei Gott, ein Experte kann es nicht. Es ist von unserem Haus. Wir beliefern die meisten Boote im Westen; es gibt kaum ein Pfund Butter auf einem von ihnen. Wir kriechen genau vorwärts – springen vorwärts ist das Wort. Wir werden den gesamten Handel bekommen. Ja, und auch das Hotelgeschäft. Sie werden den Tag erleben, ziemlich bald, an dem Sie kein Gramm Butter finden können, um sich zu segnen, in irgendeinem Hotel in den Mississippi- und Ohio-Tälern, außerhalb der größten Städte. Warum, wir produzieren Oleomargarine jetzt tonnenweise. Und wir können sie so spottbillig verkaufen, dass das ganze Land sie nehmen muss – da kommt man nicht drum herum, wissen Sie. Butter hat keine Chance – es gibt keine Möglichkeit für Wettbewerb. Butter hat ihre Zeit gehabt – und von jetzt an geht Butter unter. Es gibt mehr Geld in Oleomargarine als – warum, Sie können sich das Geschäft, das wir machen, nicht vorstellen. Ich habe in jeder Stadt von Cincinnati bis Natchez angehalten; und ich habe von jeder von ihnen große Bestellungen nach Hause geschickt.«
Und so weiter und so fort, für weitere zehn Minuten, im gleichen feurigen Ton. Dann meldete sich New Orleans zu Wort und sagte –
»Ja, es ist eine erstklassige Imitation, das ist sicher; aber es ist nicht die einzige hier in der Gegend, die erstklassig ist. Zum Beispiel machen sie heutzutage Olivenöl aus Baumwollsamenöl, sodass man sie nicht unterscheiden kann.«
»Ja, das stimmt«, antwortete Cincinnati, »und es war eine Zeit lang ein erstklassiges Geschäft. Sie schickten es hinüber und brachten es aus Frankreich und Italien zurück, mit dem Zollstempel der Vereinigten Staaten, um es als echt zu beglaubigen, und es gab kein Ende an Bargeld darin; aber Frankreich und Italien machten dem Spiel ein Ende – natürlich würden sie das tun. Erhoben so einen rasselnden Zoll, dass Baumwollsamen-Olivenöl die Erhöhung nicht aushalten konnte; musste aufhören und den Betrieb einstellen.«
»Oh, das musste es, musste es? Warten Sie hier eine Minute.«
Geht in seine Kabine, bringt ein paar lange Flaschen zurück und nimmt die Korken heraus – sagt:
»So, riechen Sie daran, schmecken Sie sie, untersuchen Sie die Flaschen, inspizieren Sie die Etiketten. Eine davon ist aus Europa, die andere hat dieses Land nie verlassen. Eine ist europäisches Olivenöl, die andere ist amerikanisches Baumwollsamen-Olivenöl. Unterscheiden können? Natürlich nicht. Niemand kann das. Leute, die das wollen, können sich die Kosten und Mühe machen, ihre Öle nach Europa und zurück zu verschiffen – das ist ihr Privileg; aber unsere Firma kennt einen Trick, der sechsmal so viel wert ist. Wir produzieren das Ganze – sauber von Anfang an – in unserer Fabrik in New Orleans: Etiketten, Flaschen, Öl, alles. Nun, nein, nicht die Etiketten: die habe ich im Ausland gekauft – bekomme sie dort spottbillig. Sehen Sie, es gibt nur einen winzigen kleinen Fleck, eine Essenz oder was auch immer es ist, in einer Gallone Baumwollsamenöl, der ihm einen Geruch oder einen Geschmack oder etwas gibt – bekommen Sie das heraus, und Sie sind auf der sicheren Seite – dann ist es völlig einfach, das Öl in jede Art von Öl zu verwandeln, die Sie wollen, und es gibt niemanden, der das Wahre vom Falschen unterscheiden kann. Nun, wir wissen, wie man dieses eine kleine Teilchen herausbekommt – und wir sind die einzige Firma, die das tut. Und wir produzieren ein Olivenöl, das einfach perfekt ist – unerkennbar! Wir machen auch ein reißendes Geschäft – wie ich Ihnen anhand meines Bestellbuchs für diese Reise leicht zeigen könnte. Vielleicht werden Sie bald jedermanns Brot buttern, aber wir werden seinen Salat für ihn mit Baumwollsamenöl anmachen, vom Golf bis Kanada, und das ist eine todsichere Sache.«
Cincinnati strahlte vor Bewunderung. Die beiden Schurken tauschten ihre Visitenkarten aus und erhoben sich. Als sie den Tisch verließen, sagte Cincinnati:
»Aber Sie brauchen doch Zollstempel, oder nicht? Wie stellen Sie das an?«
Die Antwort verstand ich nicht.
Wir fuhren an Port Hudson vorbei, dem Schauplatz zweier der schrecklichsten Episoden des Krieges – der nächtlichen Schlacht dort zwischen Farraguts Flotte und den konföderierten Landbatterien am 14. April 1863; und der denkwürdigen Landschlacht zwei Monate später, die acht Stunden dauerte – acht Stunden außergewöhnlich erbitterter und hartnäckiger Kämpfe – und schließlich mit der Zurückschlagung der Truppen der Union unter großen Verlusten endete.
KAPITEL 40
Schlösser und Kultur
BATON ROUGE war in Blumen gehüllt wie eine Braut – nein, noch viel mehr; wie ein Gewächshaus. Denn wir befanden uns nun im absoluten Süden – keine Abstriche, keine Kompromisse, keine halben Sachen. Die Magnolienbäume auf dem Gelände des Kapitols waren lieblich und wohlriechend mit ihrem dichten, üppigen Laub und den riesigen schneeballartigen Blüten. Der Duft der Blume ist sehr süß, aber man braucht Abstand dazu, denn er ist so stark. Es sind keine guten Schlafzimmerblumen – man könnte im Schlaf daran ersticken. Wir waren nun zweifellos im Süden; denn hier beginnt die Zuckerregion, und die Plantagen – riesige grüne Ebenen, mit Zuckerfabrik und Negerunterkünften, die in mittlerer Entfernung zusammengedrängt waren – waren in Sicht. Und über uns stand eine tropische Sonne, und in der Luft lag eine tropische Schwüle.
Und an diesem Punkt beginnt auch das Paradies des Lotsen: ein breiter Fluss von hier bis New Orleans, reichlich Wasser von Ufer zu Ufer und keine Sandbänke, Baumstümpfe, angespülte Stämme oder Wracks auf seinem Weg.
Sir Walter Scott ist wahrscheinlich für das Kapitolgebäude verantwortlich; denn es ist unvorstellbar, dass dieses kleine Schein-Schloss jemals gebaut worden wäre, wenn er die Leute nicht vor ein paar Generationen mit seinen mittelalterlichen Romanzen verrückt gemacht hätte. Der Süden hat sich noch nicht von dem lähmenden Einfluss seiner Bücher erholt. Die Bewunderung für seine fantastischen Helden und ihre grotesken »ritterlichen« Taten und romantischen Jugendlichkeiten überlebt hier noch immer, in einer Atmosphäre, in der bereits der gesunde und praktische Geruch des neunzehnten Jahrhunderts von Baumwollfabriken und Lokomotiven wahrnehmbar ist; und Spuren seiner aufgeblasenen Sprache und anderer windiger Schwindeleien überleben mit ihr. Es ist schon bemitleidenswert genug, dass ein weiß getünchtes Schloss mit Türmen und dergleichen – innen wie außen alles unechte Materialien, die vorgeben, etwas zu sein, das sie nicht sind – jemals an diesem ansonsten ehrenwerten Ort gebaut wurde; aber es ist noch viel bemitleidenswerter, diese architektonische Falschheit in unseren Tagen restauriert und verewigt zu sehen, wo es doch so einfach gewesen wäre, Dynamit das vollenden zu lassen, was ein gütiges Feuer begonnen hatte, und dann dieses Restaurierungsgeld für den Bau von etwas Echtem zu verwenden.
Baton Rouge hat jedoch kein Patent auf Nachahmungsschlösser und kein Monopol darauf. Hier ist ein Bild aus der Werbeanzeige des »Female Institute« von Columbia, Tennessee. Die folgende Bemerkung stammt aus derselben Anzeige –
»Das Institutsgebäude ist seit langem als ein Modell beeindruckender und schöner Architektur berühmt. Besucher sind entzückt von seiner Ähnlichkeit mit den alten Schlössern aus Liedern und Geschichten, mit seinen Türmen, zinnenbewehrten Mauern und efeuumsponnenen Veranden.«
Eine Schule in einem Schloss zu betreiben ist eine romantische Sache; genauso romantisch wie ein Hotel in einem Schloss zu führen.
Für sich genommen ist das Nachahmungsschloss zweifellos harmlos und ganz in Ordnung; aber als Symbol, Brutstätte und Erhalter einer rührseligen mittelalterlichen Romantik hier inmitten des einfachsten, stärksten und unendlich großartigsten und würdigsten aller Jahrhunderte, die die Welt je gesehen hat, ist es notwendigerweise eine schädliche Sache und ein Fehler.
Hier ist ein Auszug aus dem Prospekt eines »Female College« in Kentucky. »Female college« klingt ganz gut; aber da die Formulierung auf diese ungerechtfertigte Weise rein aus Gründen der Kürze gewählt wurde, scheint mir, dass »She-college« noch besser gewesen wäre – weil es kürzer ist und dasselbe bedeutet: das heißt, wenn eine der beiden Formulierungen überhaupt etwas bedeutet –
»Der Präsident ist seiner Geburt, seiner Erziehung, seiner Bildung und seiner Gesinnung nach ein Südstaatler; die Lehrer sind alle in ihrer Gesinnung Südstaatler und wurden, mit Ausnahme der in Europa geborenen, im Süden geboren und aufgezogen. In dem Glauben, dass der Süden die höchste Form der Zivilisation ist, die dieser Kontinent gesehen hat, werden die jungen Damen nach den südstaatlichen Vorstellungen von Feingefühl, Kultiviertheit, Frausein, Religion und Anstand ausgebildet; daher bieten wir ein erstklassiges Frauencollege für den Süden an und bitten um Unterstützung aus dem Süden.«
{Fußnote}
Was, Wächter, he! Der Mann, der einen so selbstgefälligen Stoß ausblasen kann, bläst ihn wahrscheinlich aus einem Schloss heraus.
Von Baton Rouge bis New Orleans säumen die großen Zuckerplantagen den Fluss auf beiden Seiten den ganzen Weg entlang und erstrecken sich mit ihren meilenweiten Ebenen zurück bis zu den fahlen Waldwänden aus bärtigen Zypressen im Hintergrund. Die Ufer sind nicht länger einsam. Überall gibt es eine Fülle von Wohnstätten an beiden Ufern – sie stehen über weite Strecken so dicht beieinander, dass der breite Fluss, der zwischen den beiden Reihen liegt, zu einer Art geräumiger Straße wird. Eine überaus heimelige und glücklich wirkende Gegend. Und hin und wieder sieht man ein großes, von Säulen und Portiken gestütztes Herrenhaus, das von Bäumen umgeben ist. Hier ist das Zeugnis eines oder zweier aus der Prozession ausländischer Touristen, die vor einem halben Jahrhundert hier entlangzogen. Mrs. Trollope sagt –
»Die ungebrochene Flachheit der Ufer des Mississippi setzte sich viele Meilen oberhalb von New Orleans unverändert fort; aber die anmutige und üppige Palmetto-Palme, die dunkle und edle Steineiche und die leuchtende Orange waren überall zu sehen, und es dauerte viele Tage, bis wir des Anblicks überdrüssig wurden.«
Captain Basil Hall –
»Der Landstrich, der in den unteren Teilen von Louisiana an den Mississippi grenzt, ist überall dicht mit Zuckerpflanzern besiedelt, deren prächtige Häuser, fröhliche Veranden, ordentliche Gärten und zahlreiche Sklavendörfer, allesamt sauber und gepflegt, der Flusslandschaft ein äußerst blühendes Aussehen verliehen.«
Alle aus der Prozession zeichnen das attraktive Bild auf die gleiche Weise. Die Beschreibungen von vor fünfzig Jahren bedürfen keines geänderten Wortes, um genau dieselbe Region zu beschreiben, wie sie sich heute darstellt – abgesehen von der »Ordentlichkeit« der Häuser. Der Kalkputz ist jetzt von den Negerhütten verschwunden; und viele, möglicherweise die meisten der großen Herrenhäuser, die einst so strahlend weiß waren, haben ihren Anstrich verloren und sehen verfallen und vernachlässigt aus. Es ist der Fluch des Krieges. Vor einundzwanzig Jahren war entlang der »Küste« alles ordentlich, sauber und hell, genau wie es 1827 gewesen war, wie von jenen Touristen beschrieben.
Unglückliche Touristen! Die Leute haben sie mit dummen und albernen Lügen hinters Licht geführt und sie dann ausgelacht, weil sie diese glaubten und druckten. Sie erzählten Mrs. Trollope, dass die Alligatoren – oder Krokodile, wie sie sie nennt – schreckliche Kreaturen seien; und untermauerten die Behauptung mit einer blutrünstigen Geschichte darüber, wie eines dieser verleumdeten Reptilien eines Nachts in eine Hütte eines Siedlers kroch und eine Frau und fünf Kinder auffraß. Die Frau allein hätte jedem gewöhnlich unmöglichen Alligator genügt; aber nein, diese Lügner mussten ihn zusätzlich noch die fünf Kinder verschlingen lassen. Man würde nicht vermuten, dass Scherzbolde dieser robusten Sorte empfindlich wären – aber das waren sie. Es ist heutzutage schwer zu verstehen und unmöglich zu rechtfertigen, welche Aufnahme das Buch des ernsten, ehrlichen, intelligenten, sanften, anständigen, mildtätigen und wohlmeinenden Capt. Basil Hall fand.
In den Vereinigten Staaten wird jährlich eineinviertelmal mehr Geld für Beerdigungen ausgegeben als die Regierung für Zwecke des öffentlichen Schulwesens aufwendet. Beerdigungen kosteten dieses Land im Jahre 1880 genug Geld, um die Verbindlichkeiten aller geschäftlichen Insolvenzen in den Vereinigten Staaten während desselben Jahres zu begleichen und jedem Bankrotteur ein Kapital von 8.630 Dollar zu geben, mit dem er sein Geschäft wieder aufnehmen könnte. Beerdigungen kosten jährlich mehr Geld als der Wert des kombinierten Gold- und Silberertrags der Vereinigten Staaten im Jahre 1880! Diese Zahlen beinhalten nicht die Summen, die in Begräbnisstätten investiert und für Grabmäler und Denkmäler ausgegeben wurden, noch den Wertverlust von Grundstücken in der Nähe von Friedhöfen.
Für die Reichen wäre die Einäscherung ebenso geeignet wie die Erdbestattung; denn die damit verbundenen Zeremonien könnten ebenso kostspielig und prunkvoll gestaltet werden wie ein hinduistisches Sati; für die Armen hingegen wäre die Einäscherung besser als die Erdbestattung, weil sie so billig ist {Fußnote [Vier oder fünf Dollar sind die Mindestkosten.]} – so billig, bis die Armen anfingen, die Reichen nachzuahmen, was sie mit der Zeit tun würden. Die Einführung der Einäscherung würde uns von einer Menge abgedroschener Beerdigungswitze befreien; aber andererseits würde sie eine Menge verschimmelter alter Einäscherungswitze wiederbeleben, die zweitausend Jahre lang geruht haben.
Ich habe einen farbigen Bekannten, der seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten und schwerer körperlicher Arbeit verdient. Er verdient nie mehr als vierhundert Dollar im Jahr, und da er eine Frau und mehrere kleine Kinder hat, ist das engste Sparen notwendig, um ihn schuldenfrei durch die zwölf Monate zu bringen. Für einen solchen Mann ist eine Beerdigung ein kolossales finanzielles Desaster. Während ich eines der vorangegangenen Kapitel schrieb, verlor dieser Mann ein kleines Kind. Er lief mit einem Freund durch die ganze Stadt und versuchte, einen Sarg zu finden, der seinen Mitteln entsprach. Er kaufte den billigsten, den er finden konnte, aus einfachem, gebeiztem Holz. Er kostete ihn sechsundzwanzig Dollar. Hätte man ihn gebaut, um etwas Nützliches hineinzulegen, hätte er wahrscheinlich weniger als vier gekostet. Er und seine Familie werden diese Ausgabe noch viele Monate lang spüren.
KAPITEL 43
Die Kunst der Bestattung
ETWA zur gleichen Zeit begegnete ich auf der Straße einem Mann, den ich seit sechs oder sieben Jahren nicht gesehen hatte; und ein Gespräch wie das folgende entspann sich. Ich sagte –
„Aber du sahst früher traurig und etwas alt aus; jetzt tust du das nicht mehr. Woher hast du all diese Jugend und sprühende Fröhlichkeit? Gib mir die Adresse.“
Er kicherte vergnügt, nahm seinen glänzenden Zylinder ab, deutete auf einen eingekerbten rosa Papierkreis, der in sein Inneres geklebt war, mit etwas darauf Gedrucktem, und kicherte weiter, während ich las: „J. B----, Bestatter.“ Dann klatschte er sich den Hut auf den Kopf, gab ihm eine respektlose Neigung zur Seite und rief aus –
„Das ist es, was die Sache ausmacht! Früher waren es harte Zeiten für mich, als du mich kanntest – Versicherungsgeschäft, weißt du; sehr unregelmäßig. Großes Feuer, alles in Ordnung – flottes Geschäft für zehn Tage, während die Leute Angst hatten; danach flaues Versicherungsgeschäft bis zum nächsten Feuer. Eine Stadt wie diese hat nicht oft genug Feuer – man stößt auf so viele flaue Wochen hintereinander, dass man entmutigt wird. Aber darauf kannst du wetten, das hier ist das Geschäft! Die Leute warten nicht auf Vorbilder, um zu sterben. Nein, mein Herr, sie fallen einfach nacheinander ab – es gibt keine flauen Stellen in der Bestatterbranche. Ich habe gerade mit zwei oder drei kleinen alten Särgen und einem gemieteten Leichenwagen angefangen, und jetzt sieh dir das an! Ich habe mir hier ein Geschäft aufgebaut, das jeden zufriedenstellen würde, egal wer er ist. Vor fünf Jahren in einer Dachkammer gewohnt; lebe jetzt in einem schicken Haus, mit Mansardendach und all den modernen Unannehmlichkeiten.“
„Lohnt sich ein Sarg so sehr? Gibt es viel Gewinn bei einem Sarg?“
„Geh weg! Wie du redest!“ Dann, mit einem vertraulichen Zwinkern, einem Senken der Stimme und einem eindrucksvollen Auflegen seiner Hand auf meinen Arm: „Sieh mal hier; es gibt eine Sache auf dieser Welt, die niemals billig ist. Das ist ein Sarg. Es gibt eine Sache auf dieser Welt, bei der eine Person niemals versucht, dich herunterzuhandeln. Das ist ein Sarg. Es gibt eine Sache auf dieser Welt, bei der eine Person nicht sagt: ‚Ich werde mich ein wenig umsehen, und wenn ich feststelle, dass ich es nicht besser bekommen kann, komme ich zurück und nehme ihn.‘ Das ist ein Sarg. Es gibt eine Sache auf dieser Welt, bei der eine Person nicht Kiefer nimmt, wenn sie Walnuss haben kann; und nicht Walnuss nimmt, wenn sie Mahagoni haben kann; und nicht Mahagoni nimmt, wenn sie einen Eisensarg mit silbernem Türschild und Bronzegriffen haben kann. Das ist ein Sarg. Und es gibt eine Sache auf dieser Welt, bei der man nicht hinter einer Person herlaufen muss, damit sie dafür bezahlt. Und das ist ein Sarg. Bestattungswesen? – warum, es ist das todsicherste Geschäft der Christenheit und das edelste.“
„Warum, schau es dir nur an. Ein reicher Mann will nichts als dein Allerbestes; und du kannst es einfach auftürmen, auch – auftürmen und ihm eins überbraten – er wird niemals schreien. Und du nimmst einen armen Mann, und wenn du ihn richtig bearbeitest, wird er sich bei einer einzigen Ausstattung ruinieren. Oder besonders eine Frau. Zum Beispiel: Mrs. O'Flaherty kommt herein – Witwe – wischt sich die Augen und stöhnt so vor sich hin. Enttücherlt ein Auge, schlägt es tränenreich über das Sortiment; sagt –
‚Und was möget Ihr für den da verlangen?‘
‚Neununddreißig Dollar, gnädige Frau‘, sage ich.
‚Es ist ein feiner, großer Preis, sicher, aber Pat soll begraben werden wie ein Gentleman, der er war, wenn ich mir dafür die Finger abarbeiten muss. Ich nehme den da, mein Herr.‘
‚Ja, gnädige Frau‘, sage ich, ‚und er ist auch ein sehr guter; nicht kostspielig, sicher, aber in diesem Leben müssen wir uns nach der Decke strecken, wie das Sprichwort sagt.‘ Und als sie hinausgeht, werfe ich beiläufig ein: ‚Dieser hier mit der weißen Satinfütterung ist eine Schönheit, aber ich fürchte – nun, fünfundsechzig Dollar ist ein eher – eher – aber macht nichts, ich fühlte mich verpflichtet, zu Mrs. O'Shaughnessy zu sagen –‘
‚Wollt Ihr damit sagen, dass Bridget O'Shaughnessy das Gegenstück zu dieser Schmuckschatulle gekauft hat, um diesen betrunkenen Teufel ins Fegefeuer zu schicken?‘
‚Ja, gnädige Frau.‘
‚Dann soll Pat im Zwilling dazu in den Himmel fahren, wenn es den letzten Groschen kostet, den die O'Flahertys aufbringen können; und denkt daran, klebt auch noch ein paar Extras drauf, und ich gebe Euch noch einen Dollar.‘
Und da ich mit den Fuhrunternehmen zusammenarbeite, vergesse ich natürlich nicht zu erwähnen, dass Mrs. O'Shaughnessy für vierundfünfzig Dollar Droschken gemietet hat und so viel Stil in Dennis' Beerdigung gesteckt hat, als wäre er ein Herzog oder ein Mörder gewesen. Und natürlich legt sie los und übertrumpft die O'Shaughnessy um etwa vier Droschken und einen Omnibus. Das war früher so, aber das ist jetzt alles vorbei; das heißt, in dieser speziellen Stadt. Die Iren fingen an, bei ihren Beerdigungen so viele Droschken aufzutürmen, dass eine Beerdigung sie danach zwei Jahre lang zerrissen und hungrig zurückließ; also mischte sich der Priester ein und machte dem ein Ende. Er erlaubt ihnen jetzt nur noch zwei Droschken, und manchmal nur eine.“
„Nun“, sagte ich, „wenn du in gewöhnlichen Zeiten so leichtfüßig und fröhlich bist, wie musst du dann erst bei einer Epidemie sein?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, da liegst du falsch. Wir sehen eine Epidemie nicht gerne. Eine Epidemie lohnt sich nicht. Nun, natürlich meine ich das nicht genau so; aber sie lohnt sich nicht im Verhältnis zur normalen Sache. Kommt dir das nicht in den Sinn, warum?“
Nein.
„Denk nach.“
„Ich kann es mir nicht vorstellen. Was ist es?“
„Es sind nur zwei Dinge.“
„Nun, was sind sie?“
„Eines ist Einbalsamieren.“
„Und was ist das andere?“
„Eis.“
„Wie ist das?“
„Nun, in normalen Zeiten stirbt eine Person, und wir legen sie auf Eis; einen Tag, zwei Tage, vielleicht drei, um auf die Ankunft von Freunden zu warten. Braucht eine Menge davon – schmilzt schnell. Wir berechnen Juwelierpreise für dieses Eis und Kriegspreise für die Betreuung. Nun, weißt du nicht, wenn es eine Epidemie gibt, bringen sie sie sofort auf den Friedhof, sobald der Atem draußen ist. Kein Markt für Eis bei einer Epidemie. Dasselbe beim Einbalsamieren. Du nimmst eine Familie, die es sich leisten kann, einzubalsamieren, und du hast ein leichtes Spiel. Du kannst sechzehn verschiedene Arten erwähnen, es zu tun – obwohl es nur ein oder zwei Arten gibt, wenn man es auf die nackten Fakten reduziert – und sie werden jedes Mal die teuerste Art wählen. Es ist die menschliche Natur – menschliche Natur in der Trauer. Sie ist vernunftlos, siehst du. Für den Augenblick ist ihr alles egal. Alles, was sie will, ist physische Unsterblichkeit für den Verstorbenen, und sie sind bereit, dafür zu bezahlen. Alles, was du tun musst, ist ruhig zu sein und es aufzustapeln – sie werden den Aufwand tragen. Warum, Mann, du kannst einen Verstorbenen nehmen, den du nicht einmal verschenken könntest; und deine Einbalsamierungsutensilien um dich herum aufstellen und an die Arbeit gehen; und in ein paar Stunden ist er stolze sechshundert wert – so viel ist er wert. Es gibt nichts, was dem gleichkommt, außer in einer Hungersnot Ratten gegen Diamanten zu tauschen. Nun, siehst du nicht, wenn es eine Epidemie gibt, warten die Leute nicht darauf, einzubalsamieren. Nein, wirklich, das tun sie nicht; und es schadet dem Geschäft wie die Hölle, wie wir sagen – schadet ihm wie die Hölle, Gesundheit, verstehst du? – Unser kleiner Scherz im Gewerbe. Nun, ich muss gehen. Ruf mich an, wann immer du etwas brauchst – ich meine, wenn du mal vorbeikommst, irgendwann.“
In seiner fröhlichen Hochstimmung hat er selbst übertrieben, falls überhaupt etwas übertrieben wurde. Ich habe ihn nicht ausgeschmückt.
Mit den obigen kurzen Hinweisen auf die Bestattung wollen wir das Thema verlassen. Was mich betrifft, ich hoffe, eingeäschert zu werden. Ich habe diese Bemerkung einmal gegenüber meinem Pastor gemacht, der mit einer Art, die er für eindrucksvoll hielt, sagte –
„Darüber würde ich mir keine Sorgen machen, wenn ich Ihre Chancen hätte.“ Viel wusste er darüber – die Familie war so sehr dagegen.
KAPITEL 44
Stadtansichten
DER alte französische Teil von New Orleans – ehemals der spanische Teil – hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Ende der Stadt: dem amerikanischen Ende, das hinter dem dazwischenliegenden geschäftlichen Zentrum aus Backstein liegt. Die Häuser sind in Häuserblocks massiert; sie sind streng schlicht und würdevoll; einheitlich im Muster, mit hier und da einer Abweichung davon mit angenehmer Wirkung; alle sind außen verputzt, und fast alle haben lange, eisengeländerte Veranden, die entlang der verschiedenen Stockwerke verlaufen. Ihre Hauptschönheit ist der tiefe, warme, vielfarbige Fleck, mit dem die Zeit und das Wetter den Putz bereichert haben. Er harmoniert mit der gesamten Umgebung und hat ein so natürliches Aussehen, als würde er dorthin gehören, wie das Leuchten auf den Wolken bei Sonnenuntergang. Diese bezaubernde Dekoration kann nicht erfolgreich nachgeahmt werden; sie ist auch nirgendwo sonst in Amerika zu finden.
Die Eisengeländer sind ebenfalls eine Spezialität. Das Muster ist oft überaus leicht und zierlich, und luftig und graziös – mit einer großen Ziffer oder einem Monogramm in der Mitte, einem feinen Spinnennetz aus verwirrenden, komplizierten Formen, in Stahl geschmiedet. Die alten Geländer sind handgefertigt und heute vergleichsweise selten und entsprechend wertvoll. Sie sind zu Nippes geworden.
Die Reisegesellschaft hatte das Privileg, mit dem feinsten literarischen Genie des Südens, dem Autor von „The Grandissimes“, durch dieses alte Viertel von New Orleans zu schlendern. In ihm hat der Süden einen meisterhaften Schilderer seines inneren Lebens und seiner Geschichte gefunden. In Wahrheit stelle ich durch Erfahrung fest, dass das ungeschulte Auge und der leere Geist es in seinen Büchern klarer und gewinnbringender inspizieren, daraus lernen und darüber urteilen können als durch persönlichen Kontakt damit.
Mit Mr. Cable an der Seite, der für einen sieht, beschreibt, erklärt und beleuchtet, ist ein Spaziergang durch dieses alte Viertel ein lebendiges Vergnügen. Und man hat einen lebendigen Eindruck wie von unsichtbaren oder nur schwach sichtbaren Dingen – lebendig und doch sprunghaft und im Dunkeln liegend; man erhascht markante Merkmale, verliert aber die feinen Schattierungen oder erfasst sie nur unvollkommen durch die Vision der Phantasie: ein Fall, sozusagen, von einem unwissenden, kurzsichtigen Fremden, der den Rand weiter, vager Horizonte der Alpen mit einem inspirierten und aufgeklärten, weitsichtigen Einheimischen durchquert.
Wir besuchten das alte St. Louis Hotel, das heute von städtischen Ämtern belegt ist. Es gibt nichts Auffälliges daran; aber man kann von ihm wie von der Academy of Music in New York sagen, dass, falls jemals ein Besen oder eine Schaufel darin benutzt wurde, es keine Indizien gibt, die diese Tatsache stützen würden. Es ist merkwürdig, dass Kohl und Heu und dergleichen nicht in der Academy of Music wachsen; aber zweifellos liegt es an der Unterbrechung des Lichts durch die Bänke und der Unmöglichkeit, die Ernte anders als in den Gängen zu jäten. Die Tatsache, dass die Platzanweiser ihre Knopflochblumen auf dem Gelände züchten, zeigt, was möglich wäre, wenn sie die richtige Art von landwirtschaftlichem Kopf für die Einrichtung hätten.
Wir besuchten auch die ehrwürdige Kathedrale und den hübschen Platz davor; der eine dämmrig mit religiösem Licht, der andere brillant mit der weltlichen Art und lieblich mit Orangenbäumen und blühenden Sträuchern; dann fuhren wir in der heißen Sonne durch die Wildnis der Häuser hinaus auf die weite, flache Ebene dahinter, wo die Villen sind, und die Wasserräder, um die Stadt zu entwässern, und die Allmenden, bevölkert von Kühen und Kindern; wir kamen an einem alten Friedhof vorbei, wo uns gesagt wurde, lägen die Asche eines frühen Piraten; aber wir nahmen ihn auf Treu und Glauben und besuchten ihn nicht. Er war ein Pirat mit einer gewaltigen und blutigen Geschichte; und solange er im Ruhestand die Würde seines Namens und die Größe seines alten Berufs unbefleckt bewahrte, waren ihm Huldigung und Ehrfurcht von hoch und niedrig sicher; aber als er schließlich in die Politik herabstieg und ein armseliger Stadtrat wurde, „schüttelte“ ihn die Öffentlichkeit ab, wandte sich ab und weinte. Als er starb, errichteten sie ihm ein Denkmal; und nach und nach ist er wieder in Respekt gekommen; aber es ist Respekt für den Piraten, nicht für den Stadtrat. Heute erinnern sich die Loyalen und Großzügigen nur an das, was er war, und vergessen barmherzig, was er wurde.
Von dort fuhren wir ein paar Meilen durch einen Sumpf, entlang einer erhöhten Muschelstraße, mit einem Kanal auf der einen Seite und einem dichten Wald auf der anderen; und hier und da, in der Ferne, eine zerlumpte und kantig gegliederte und moosbärtige Zypresse, deren Wipfel sich klar gegen den Himmel abhebt und von so kurioser Form ist wie die Apfelbäume auf japanischen Bildern – das war unser Kurs und seine Umgebung. Da war gelegentlich ein Alligator, der gemütlich im Kanal schwamm, und gelegentlich eine malerische farbige Person am Ufer, die ihr statuenhaft starres Spiegelbild auf das stille Wasser warf und auf einen Biss wartete.
Und nach einer Weile erreichten wir das West End, eine Ansammlung von Hotels im üblichen leichten Sommerresort-Stil, mit breiten Veranden ringsum und den Wellen des weiten und blauen Lake Pontchartrain, die an die Schwellen plätscherten. Wir aßen auf einer ebenerdigen Veranda über dem Wasser zu Abend – das Hauptgericht der berühmte Fisch namens Pompano, köstlich wie die weniger kriminellen Formen der Sünde.
Tausende von Menschen kommen jeden Abend mit der Bahn und mit der Kutsche zum West End und zum Spanish Fort, essen zu Abend, hören den Kapellen zu, machen Spaziergänge unter freiem Himmel unter den elektrischen Lichtern, segeln auf dem See und vergnügen sich auf verschiedene andere Arten und Weisen.
Wir hatten an anderen Tagen und an anderen Orten Gelegenheiten, den Pompano zu testen. Besonders bei einem Redaktionsessen in einem der Clubs in der Stadt. Er war dort in seiner letzten möglichen Vollendung und rechtfertigte seinen Ruf. In seinem Gefolge war eine hohe Pyramide aus scharlachroten Flusskrebsen – großen; so groß wie ein Daumen – zart, wohlschmeckend, appetitlich. Auch mit Teufelszeug zubereitete Weißfische; auch Garnelen von erlesener Qualität; und eine Platte mit kleinen Weichschalenkrabben einer höchst überlegenen Rasse. Die anderen Gerichte waren das, was man bei Delmonico's oder im Buckingham Palace bekommen könnte; jene, von denen ich gesprochen habe, sind, wie ich vermute, nur in New Orleans in ähnlicher Vollendung zu haben.
Im Westen und Süden haben sie eine neue Institution – die Besenbrigade. Sie besteht aus jungen Damen, die ein einheitliches Kostüm tragen und die Infanterie-Exerzierübungen durchführen, mit einem Besen anstelle eines Gewehrs. Es ist ein sehr hübscher Anblick, bei privater Vorführung. Wenn sie auf der Bühne eines Theaters im Glanz von farbigen Feuern auftreten, muss es ein feines und faszinierendes Schauspiel sein. Ich sah sie ihr komplexes Handbuch mit Anmut, Schwung und bewundernswerter Präzision durchführen. Ich sah sie alles tun, was ein Mensch möglicherweise mit einem Besen tun kann, außer fegen. Ich sah sie nicht fegen. Aber ich weiß, sie könnten es lernen. Was sie bereits gelernt haben, beweist das. Und wenn sie es jemals lernen sollten und auf den Kriegspfad die Tchoupitoulas oder einige dieser anderen Straßen dort unten hinunterziehen würden, würden diese Verkehrswege in wenigen Minuten ein wesentlich verbessertes Aussehen bieten. Aber die Mädchen selbst nicht; also wäre am Ende eigentlich nichts gewonnen.
Die Übung fand im Gebäude der Washington Artillery statt. In diesem Gebäude sahen wir viele interessante Relikte des Krieges. Auch ein feines Ölgemälde, das Stonewall Jacksons letztes Treffen mit General Lee darstellt. Beide Männer sind zu Pferd. Jackson ist gerade herangeritten und spricht Lee an. Das Bild ist sehr wertvoll aufgrund der Porträts, die authentisch sind. Aber wie viele andere historische Bilder bedeutet es ohne Beschriftung nichts. Und eine Beschriftung passt genauso gut wie eine andere –
Erstes Treffen zwischen Lee und Jackson.
Letztes Treffen zwischen Lee und Jackson.
Jackson stellt sich Lee vor.
Jackson nimmt Lees Einladung zum Abendessen an.
Jackson lehnt Lees Einladung zum Abendessen ab – mit Dank.
Jackson entschuldigt sich für eine schwere Niederlage.
Jackson meldet einen großen Sieg.
Jackson bittet Lee um ein Streichholz.
Es erzählt eine Geschichte, und eine ausreichende; denn es sagt ganz deutlich und zufriedenstellend: „Hier sind Lee und Jackson zusammen.“ Der Künstler hätte es so dargestellt, dass dies Lees und Jacksons letztes Treffen ist, wenn er es gekonnt hätte. Aber er konnte es nicht, denn es gab keine Möglichkeit, es zu tun. Ein gutes, lesbares Etikett ist normalerweise, was die Information betrifft, eine Tonne signifikanter Haltung und Ausdruck in einem historischen Bild wert. In Rom stehen Menschen mit feiner, sympathischer Natur auf und weinen vor der berühmten „Beatrice Cenci am Tag vor ihrer Hinrichtung“. Das zeigt, was ein Etikett bewirken kann. Würden sie das Bild nicht kennen, würden sie es ungerührt betrachten und sagen: „Junges Mädchen mit Heuschnupfen; junges Mädchen mit ihrem Kopf in einer Tüte.“
Ich fand die halb vergessenen südlichen Intonationen und Auslassungen für mein Ohr so angenehm wie früher. Ein Südstaatler spricht Musik. Zumindest ist es Musik für mich, aber ich wurde ja auch im Süden geboren. Der gebildete Südstaatler hat keine Verwendung für ein ‚r‘, außer am Anfang eines Wortes. Er sagt ‚honah‘, ‚dinnah‘, ‚Gove'nuh‘, ‚befo' the waw‘ und so weiter. Den Wörtern mag im Druck der Charme für das Auge fehlen, aber sie haben ihn für das Ohr. Wann verschwand das ‚r‘ aus der südlichen Sprache, und wie kam es dazu, dass es verschwand? Die Gewohnheit, es wegzulassen, wurde weder aus dem Norden entlehnt noch aus England geerbt. Viele Südstaatler – die meisten Südstaatler – fügen ein ‚y‘ in gelegentliche Wörter ein, die mit dem ‚k‘-Laut beginnen. Zum Beispiel sagen sie Mr. K'yahtah (Carter) und sprechen vom Spielen von k'yahds oder vom Fahren in den k'yahs. Und sie haben die angenehme Gewohnheit – die im Norden längst verfallen ist –, häufig das respektvolle ‚Sir‘ zu verwenden. Anstelle des knappen Yes und des abrupten No sagen sie ‚Yes, Suh‘, ‚No, Suh‘.
Aber es gibt einige Ungereimtheiten. Wie ‚like‘ anstelle von ‚as‘ und das Hinzufügen eines ‚at‘, wo es nicht gebraucht wird. Ich hörte einen gebildeten Gentleman sagen: „Like the flag-officer did.“ Sein Koch oder sein Butler hätte gesagt: „Like the flag-officer done.“ Man hört Gentlemen sagen: „Where have you been at?“ Und hier ist die verschärfte Form – ich hörte einen zerlumpten Straßenjungen es zu einem Kameraden sagen: „I was a-ask'n' Tom whah you was a-sett'n' at.“ Die Auserwählten sagen nachlässig ‚will‘, wenn sie ‚shall‘ meinen; und viele von ihnen sagen: „I didn't go to do it“, was bedeutet: „I didn't mean to do it.“ Das nördliche Wort ‚guess‘ – aus England importiert, wo es früher üblich war und heute von satirischen Engländern als ein Yankee-Original angesehen wird – wird unter Südstaatlern nur wenig verwendet. Sie sagen ‚reckon‘. Sie haben kein ‚doesn't‘ in ihrer Sprache; sie sagen stattdessen ‚don't‘. Die Ungebildeten benutzen oft ‚went‘ anstelle von ‚gone‘. Es ist fast so schlimm wie das nördliche ‚hadn't ought‘. Dies erinnert mich daran, dass vor ein paar Tagen hier in meiner Nachbarschaft (im Norden) eine Bemerkung ganz besonderer Art gemacht wurde: „He hadn't ought to have went.“ Wie ist das? Ist das nicht ein ziemlicher Triumph? Man kennt die Ordnungen, die in der Architektur dieses Mischlings kombiniert sind, ohne zu fragen: ein Elternteil nördlich, der andere südlich. Heute hörte ich eine Schullehrerin fragen: „Where is John gone?“ Diese Form ist so gebräuchlich – tatsächlich fast universell –, dass ich glaube, wenn sie ‚whither‘ statt ‚where‘ benutzt hätte, hätte es wie eine Affektiertheit geklungen.
Wir haben ein vortreffliches Wort aufgeschnappt – ein Wort, für das es sich lohnt, bis nach New Orleans zu reisen; ein schönes, gelenkiges, ausdrucksstarkes, praktisches Wort: „Lagniappe“. Man spricht es „Lanny-jap“ aus. Es ist spanisch – so hieß es zumindest. Wir entdeckten es am ersten Tag am Anfang einer Kolumne mit allerlei Allerlei in der „Picayune“; am zweiten Tag hörten wir zwanzig Leute es benutzen; am dritten erkundigten wir uns, was es bedeutete; am vierten hatten wir es uns angeeignet und beherrschten den Gebrauch mühelos. Es hat eine eingeschränkte Bedeutung, aber ich glaube, die Leute dehnen sie ein wenig aus, wenn es ihnen beliebt. Es entspricht dem dreizehnten Brötchen bei einem „Bäcker-Dutzend“. Es ist etwas, das als gute Gabe obendrauf gelegt wird. Der Brauch entstand im spanischen Viertel der Stadt. Wenn ein Kind oder ein Dienstbote in einem Laden etwas kauft – oder sogar der Bürgermeister oder der Gouverneur, wer weiß das schon –, beendet er den Vorgang mit den Worten:
„Geben Sie mir etwas für lagniappe.“
Der Ladeninhaber reagiert immer; gibt dem Kind ein Stück Süßholzwurzel, gibt dem Dienstboten eine billige Zigarre oder eine Rolle Garn, gibt dem Gouverneur – ich weiß nicht, was er dem Gouverneur gibt; wahrscheinlich Unterstützung.
Wenn man eingeladen wird, etwas zu trinken – und das kommt in New Orleans hin und wieder vor – und man sagt: „Was, schon wieder? – nein, ich habe genug gehabt“, dann sagt der andere: „Aber nur dieses eine Mal noch – das ist für lagniappe.“ Wenn der Verehrer merkt, dass er mit seinen Komplimenten ein wenig zu hoch stapelt, und am Gesicht der jungen Dame erkennt, dass das Bauwerk besser dran wäre, wenn man das oberste Kompliment weggelassen hätte, fasst er sein „Ich bitte um Verzeihung – keine böse Absicht“ in die kürzere Form: „Oh, das ist für lagniappe.“ Wenn der Kellner im Restaurant stolpert und einem einen Viertelliter Kaffee in den Nacken schüttet, sagt er: „Für lagniappe, sah“, und bringt einem eine neue Tasse ohne Aufpreis.
KAPITEL 45
Südstaatliche Sportarten
Im Norden hört man den Krieg in der gesellschaftlichen Konversation einmal im Monat erwähnt; manchmal so oft wie einmal die Woche; aber als eigenständiges Gesprächsthema ist er längst von seiner Pflicht entbunden. Dafür gibt es hinreichende Gründe. Nimmt man heute eine Tischgesellschaft von sechs Herren, kann es leicht vorkommen, dass vier davon – und möglicherweise fünf – überhaupt nicht im Felde waren. Die Chancen stehen also vier zu zwei oder fünf zu eins, dass der Krieg zu keiner Zeit des Abends zum Gesprächsthema wird; und die Wahrscheinlichkeit ist noch größer, dass er, sollte er zum Thema werden, nur kurz eines bleiben wird. Wenn man die Gesellschaft um sechs Damen erweitert, hat man sechs Personen hinzugefügt, die so wenig von der schrecklichen Realität des Krieges gesehen haben, dass ihnen das Gesprächsstoff darüber schon vor Jahren ausgegangen ist und die nun schnell des Kriegsthemas müde wären, würde man es zur Sprache bringen.
In den Südstaaten liegt der Fall ganz anders. Dort war jeder Mann, den man trifft, im Krieg; und jede Dame, die man trifft, hat den Krieg gesehen. Der Krieg ist das große Hauptthema der Unterhaltung. Das Interesse daran ist lebhaft und beständig; das Interesse an anderen Themen ist flüchtig. Die Erwähnung des Krieges weckt eine langweilige Gesellschaft auf und bringt ihre Zungen in Schwung, wenn fast jedes andere Thema versagen würde. In den Südstaaten ist der Krieg das, was anderswo „n. Chr.“ ist: Sie datieren von ihm aus. Den ganzen Tag hört man Dinge „eingeordnet“ als: geschehen „seit dem Kriege“; oder „während des Krieges“; oder „vor dem Kriege“; oder „direkt nach dem Kriege“; oder „etwa zwei Jahre oder fünf Jahre oder zehn Jahre vor dem Kriege oder nach dem Kriege“. Es zeigt, wie unmittelbar jeder Einzelne in seiner eigenen Person von diesem gewaltigen Ereignis heimgesucht wurde. Es vermittelt dem unerfahrenen Fremden eine bessere Vorstellung davon, was für ein gewaltiges und umfassendes Unheil eine Invasion ist, als er es jemals durch das Lesen von Büchern am Kaminfeuer erfahren könnte.
An einem Abend in einem Club wandte sich ein Herr an mich und sagte im Vertrauen:
„Sie bemerken natürlich, dass wir fast immer über den Krieg sprechen. Das liegt nicht daran, dass wir nichts anderes zu besprechen hätten, sondern daran, dass nichts anderes ein so starkes Interesse für uns hat. Und es gibt noch einen weiteren Grund: Im Krieg scheint jeder von uns in seiner eigenen Person alle verschiedenen Arten menschlicher Erfahrung durchlebt zu haben; infolgedessen können Sie kein Thema von außen erwähnen, das nicht mit Sicherheit jemanden in der Runde an etwas erinnert, das während des Krieges geschah – und schon kommt er damit heraus. Natürlich lenkt das das Gespräch zurück auf den Krieg. Sie können sich alle Mühe geben, andere Themen vor der Versammlung zu halten, und wir mögen alle mithelfen, aber es kann nur ein Ergebnis geben: Das zufälligste Thema würde jeden Mann mit Kriegserinnerungen beladen und ihn auch zum Schweigen bringen; und das Gespräch würde wahrscheinlich bald verstummen, denn man kann keine blassen Belanglosigkeiten reden, wenn man eine purpurne Tatsache oder Einbildung im Kopf hat, die man brennend gern herausbringen möchte.“
Der Dichter saß ein Stück entfernt; und nach einer Weile begann er zu sprechen – über den Mond.
Der Herr, der mit mir gesprochen hatte, bemerkte im Vertrauen: „Da, der Mond ist weit genug vom Kriegsschauplatz entfernt, aber Sie werden sehen, dass er irgendjemandem etwas über den Krieg suggerieren wird; in zehn Minuten wird der Mond als Thema vom Tisch sein.“
Der Dichter sagte, er habe etwas bemerkt, das ihn überrascht habe; er habe den Eindruck gehabt, dass hier unten, in Richtung Äquator, das Mondlicht viel stärker und heller sei als oben im Norden; er habe den Eindruck gehabt, als er vor vielen Jahren New Orleans besuchte, dass der Mond –
Unterbrechung vom anderen Ende des Raumes –
„Lassen Sie mich das erklären. Erinnert mich an eine Anekdote. Alles ist seit dem Krieg verändert, zum Guten oder zum Schlechten; aber hier unten finden Sie Leute, die geborene Nörgler sind und keine Veränderung sehen außer der zum Schlechteren. Es gab eine alte schwarze Frau dieser Art. Ein junger New Yorker sagte in ihrer Gegenwart: ‚Was für einen wunderbaren Mond ihr hier unten habt!‘ Sie seufzte und sagte: ‚Ach, segne dein Herz, Schätzchen, du hättest den Mond vor dem Kriege sehen sollen!‘“
Das neue Thema war bereits tot. Aber der Dichter erweckte es wieder zum Leben und gab ihm einen neuen Anstoß.
Ein kurzer Streit folgte darüber, ob der Unterschied zwischen dem nördlichen und dem südlichen Mondlicht tatsächlich existierte oder nur eingebildet war. Das Mondlicht-Gespräch driftete leicht in ein Gespräch über künstliche Methoden zur Vertreibung der Dunkelheit ab. Dann erinnerte sich jemand daran, dass Farragut, als er in einer dunklen Nacht auf Port Hudson vorrückte – und nicht das Ziel der konföderierten Kanoniere unterstützen wollte –, keine Gefechtslaternen bei sich trug, sondern die Decks seiner Schiffe weiß strich und so ein schwaches, aber wertvolles Licht schuf, das es seinen eigenen Männern ermöglichte, sich mit ziemlicher Leichtigkeit zurechtzufinden. An diesem Punkt hatte der Krieg wieder das Wort – die zehn Minuten waren noch nicht ganz um.
Ich war nicht traurig darüber, denn Kriegsgeschwätz von Männern, die in einem Krieg gewesen sind, ist immer interessant; während Mondgeschwätz von einem Dichter, der nicht auf dem Mond gewesen ist, wahrscheinlich langweilig ist.
An einem Samstagnachmittag gingen wir zu einer Hahnenkampfarena in New Orleans. Ich hatte noch nie einen Hahnenkampf gesehen. Da waren Männer und Jungen jeden Alters und jeder Hautfarbe sowie vieler Sprachen und Nationalitäten. Aber mir fiel ein ziemlich auffälliges und überraschendes Fehlen auf: die traditionellen brutalen Gesichter. Es gab keine brutalen Gesichter. Wäre kein Hahnenkampf im Gange gewesen, hätte man die Versammlung einem Fremden als Gebetsstunde verkaufen können; und nachdem er begonnen hatte, als Erweckungsversammlung – vorausgesetzt, man hätte dem Fremden die Augen verbunden –, denn das Geschrei war geradezu phänomenal.
Ein Schwarzer und ein Weißer waren im Ring; alle anderen draußen. Die Hähne wurden in Säcken herein gebracht; und als die Zeit angesagt wurde, wurden sie von den zwei Betreuern herausgeholt, gestreichelt, liebkost, gegeneinander angestupst und schließlich freigelassen. Der große schwarze Hahn stürzte sich sofort auf den kleinen grauen und schlug ihm mit seinem Sporn auf den Kopf. Der Graue antwortete mit Elan. Dann brach das Babel der vielsprachigen Rufe los und hörte von da an nicht mehr auf. Als die Hähne schon eine Weile gekämpft hatten, erwartete ich jeden Augenblick, dass sie tot umfallen würden, denn beide waren blind, rot vor Blut und so erschöpft, dass sie häufig hinfielen. Doch sie wollten nicht aufgeben, noch wollten sie sterben. Der Schwarze und der Weiße hoben sie alle paar Sekunden auf, wischten sie ab, besprühten sie mit kaltem Wasser in einem feinen Nebel und nahmen ihre Köpfe in den Mund und hielten sie dort einen Moment lang – vielleicht um das schwindende Leben wieder zu erwärmen; ich weiß es nicht. Wenn sie dann wieder abgesetzt wurden, taumelten die sterbenden Kreaturen suchend umher, mit schleppenden Flügeln, fanden einander, schlugen ein paar ratlose Schläge und fielen wieder erschöpft zu Boden.
Ich habe das Ende des Kampfes nicht gesehen. Ich zwang mich, es so lange wie möglich zu ertragen, aber es war ein zu erbärmlicher Anblick; also legte ich ein ehrliches Geständnis in diesem Sinne ab, und wir zogen uns zurück. Wir hörten später, dass der schwarze Hahn im Ring starb und bis zum Schluss kämpfte.
Offenbar geht von diesem „Sport“ eine große Faszination für jene aus, die eine gewisse Vertrautheit damit haben. Ich habe noch nie Leute etwas mehr genießen sehen als diese Versammlung diesen Kampf. Das galt für alte Grauköpfe genauso wie für Zehnjährige. Sie verloren sich in Entzückungsrausch. Das „Hahnenkampf-Match“ ist eine unmenschliche Art der Unterhaltung, das steht außer Frage; dennoch scheint es ein viel respektablerer und weitaus weniger grausamer Sport zu sein als die Fuchsjagd – denn die Hähne mögen es; sie empfinden ebenso Genuss, wie sie ihn gewähren; was beim Fuchs nicht der Fall ist.
Wir wohnten – im französischen Sinne – eines Tages einem Maultierrennen bei. Ich glaube, ich habe diesen Wettstreit mehr genossen als jedes andere Maultier dort. Ich habe ihn mehr genossen, als ich mich erinnere, jemals ein anderes Tierrennen genossen zu haben. Die Ehrentribüne war gut gefüllt mit der Schönheit und der Ritterschaft von New Orleans. Diese Formulierung stammt nicht von mir. Sie ist vom Reporter der Südstaaten. Er benutzt sie seit zwei Generationen. Er benutzt sie zwanzigmal am Tag, oder zwanzigtausendmal am Tag; oder eine Million Mal am Tag – je nach den Erfordernissen. Er ist gezwungen, sie eine Million Mal am Tag zu benutzen, wenn er so oft Anlass hat, über respektable Männer und Frauen zu sprechen; denn er hat für einen solchen Zweck keine andere Formulierung außer dieser einzigen. Er wird ihrer nie müde; sie klingt für ihn immer fein. Es hat eine Art schwungvoller mittelalterlicher Imponiergehabe und Flitter darin, das seiner prunkvollen barbarischen Seele gefällt. Wäre er in der Frühzeit in Palästina gewesen, hätten wir von ihm keine Hinweise auf „viel Volk“ bekommen. Nein, er hätte gesagt, „die Schönheit und die Ritterschaft von Galiläa“ seien versammelt, um die Bergpredigt zu hören. Es ist wahrscheinlich, dass die Männer und Frauen der Südstaaten diese Formulierung mittlerweile gründlich satt haben und sich eine Änderung wünschten, aber es gibt keine unmittelbare Aussicht darauf, dass sie sie bekommen.
Der Redakteur aus New Orleans hat einen starken, kompakten, direkten, schnörkellosen Stil; er verschwendet keine Worte und schwärmt nicht. Nicht so sein durchschnittlicher Korrespondent. Im Anhang habe ich einen guten Brief zitiert, der von einer geübten Hand verfasst wurde; aber der durchschnittliche Korrespondent schmettert einen Stil hin, der sich davon unterscheidet. Zum Beispiel –
Der „Times-Democrat“ schickte letzten April ein Hilfsschiff einen der Bayous hinauf. Dieser Dampfer legte in einem Dorf dort oben irgendwo an, und der Kapitän lud einige der Damen des Dorfes ein, eine kurze Reise mit ihm zu machen. Sie nahmen an und kamen an Bord, und das Dampfschiff legte ab und fuhr den Bach hinauf. Das war alles, was „dran war“. Und das ist alles, was der Redakteur des „Times-Democrat“ daraus gemacht hätte. Es steckte nichts in der Sache als Statistiken, und er hätte nichts anderes herausgeholt. Er hätte sie wahrscheinlich sogar tabellarisch aufgelistet, teilweise um vollkommene Klarheit der Darstellung zu sichern und teilweise um Platz zu sparen. Aber sein Spezialkorrespondent kennt andere Methoden, mit Statistiken umzugehen. Er lässt einfach jede Zurückhaltung fallen und suhlt sich darin –
„Am Samstag, früh am Morgen, schmückte die Schönheit des Ortes unsere Kajüte, und stolz auf ihre schöne Fracht glitt das galante kleine Boot den Bayou hinauf.“
Zweiundzwanzig Worte, um zu sagen, dass die Damen an Bord kamen und das Boot den Bach hinauf ablegte, ist eine reine Verschwendung von zehn guten Worten und zerstört zudem die Kompaktheit der Aussage.
Das Problem mit dem Reporter der Südstaaten sind – Frauen. Sie bringen ihn aus dem Konzept; sie bringen ihn aus dem Gleichgewicht. Er ist schlicht, vernünftig und zufriedenstellend, bis eine Frau in Sicht kommt. Dann zerfällt er völlig; sein Verstand wankt, er wird blumig und idiotisch. Wenn man den obigen Auszug liest, würde man sich vorstellen, dieser Schüler von Sir Walter Scott sei ein Lehrling und wisse so gut wie nichts darüber, einen Stift zu führen. Im Gegenteil, er liefert in seinem langen Brief genügend Beweise dafür, dass er sehr wohl weiß, wie man ihn führt, wenn die Frauen nicht in der Nähe sind, um ihm die Kunstblumen-Krankheit zu verpassen. Zum Beispiel –
„Um 4 Uhr begannen sich im Südosten bedrohliche Wolken zu sammeln, und bald kam vom Golf ein Windstoß, der von Moment zu Moment an Stärke zunahm. Es war damals nicht sicher, den Landungssteg zu verlassen, und es gab eine Verzögerung. Die Eichen schüttelten lange Locken ihrer moosigen Bärte im Zerren des Windes, und der Bayou legte in seinem Ehrgeiz Miniaturwellen an, zur Verspottung viel größerer Wasserkörper. Eine Flaute erlaubte einen Start, und wir dampften heimwärts, ein tintenschwarzer Himmel über uns und ein schwerer Wind, der wehte. Als die Dunkelheit hereinbrach, gab es wenige an Bord, die sich nicht wünschten, näher zu Hause zu sein.“
Daran ist nichts auszusetzen. Es ist eine gute Beschreibung, kompakt gefasst. Dennoch bestand dort eine große Versuchung, in reißerisches Schreiben zu verfallen.
Aber kehren wir zum Maultier zurück. Seit ich ihn verlassen habe, habe ich herumgestöbert und einen vollständigen Bericht über das Rennen gefunden. Darin finde ich eine Bestätigung der Theorie, die ich gerade geäußert habe – nämlich, dass das Problem mit dem Reporter der Südstaaten Frauen sind: Frauen, ergänzt durch Walter Scott und seine Ritter und Schönheit und Ritterschaft und so weiter. Dies ist ein exzellenter Bericht, solange die Frauen ihm fernbleiben. Aber wenn sie sich einmischen, haben wir dieses frenetische Ergebnis –
„Es wird wahrscheinlich eine lange Zeit dauern, bis die Damentribüne ein solches Meer von schaumartiger Lieblichkeit bietet, wie sie es gestern tat. Die Frauen von New Orleans sind immer bezaubernd, aber nie so sehr wie zu dieser Jahreszeit, wenn sie in ihren zierlichen Frühlingskostümen einen Hauch von balsamischer Frische und einen Duft von unsagbarer Heiligkeit mit sich bringen. Die Tribüne war so mit ihnen überfüllt, dass mancher Mann, der an ihren Füßen ging und keine Möglichkeit der Annäherung sah, wie nie zuvor das Gefühl der Peri an den Toren des Paradieses nachempfand und sich fragte, was wohl die unbezahlbare Gabe sei, die ihm Zutritt zu ihrer heiligen Gegenwart gewähren würde. Auf ihren weiß gekleideten Brüsten oder Schultern funkelten die Farben ihrer Lieblingsritter, und wäre nicht die Tatsache, dass die tapferen Helden auf unromantischen Maultieren erschienen, wäre es leicht gewesen, sich einen der Festtage von König Artus vorzustellen.“
Es gab dreizehn Maultiere im ersten Durchgang; alle Arten von Maultieren waren es; alle Arten von Teints, Gängen, Veranlagungen, Aspekten. Manche waren hübsche Kreaturen, manche nicht; manche waren glatt, manche hatten ihr Fell in letzter Zeit nicht gebürstet bekommen; manche waren unschuldig heiter und lebhaft; manche waren voller Bosheit und aller Ungerechtigkeit; nach dem Aussehen zu urteilen, dachten einige von ihnen, die anstehende Angelegenheit sei Krieg, andere hielten es für einen Spaß, die übrigen hielten es für einen religiösen Anlass. Und jedes Maultier handelte nach seinen Überzeugungen. Das Ergebnis war ein Mangel an Harmonie, der durch eine auffällige Präsenz von Vielfalt gut ausgeglichen wurde – Vielfalt einer malerischen und unterhaltsamen Art.
Alle Reiter waren junge Herren aus der modischen Gesellschaft. Falls sich der Leser gefragt hat, warum die Damen von New Orleans so einer bescheidenen Orgie wie einem Maultierrennen beiwohnen, so ist die Sache jetzt erklärt. Es ist eine Modelaune; alle, die damit verbunden sind, sind Leute von Welt.
Es ist ein großer Spaß und wird herzlich gemocht. Das Maultierrennen ist eine der markanten Veranstaltungen des Jahres. Es hat einige ziemlich schnelle Maultiere in den Vordergrund gebracht. Eines davon musste ausgeschlossen werden, weil es so schnell war, dass es die Sache in einen Ein-Maultier-Wettbewerb verwandelte und sie um eines ihrer besten Merkmale beraubte – die Vielfalt. Aber hin und wieder verkleidet es jemand mit einem neuen Namen und einem neuen Teint und schummelt es wieder hinein.
Die Reiter tragen vollständige Jockey-Kostüme aus hellfarbigen Seiden, Satin und Samt.
Die dreizehn Maultiere kamen nach ein paar Fehlstarts geschlossen weg und rannten mit gewaltigem Elan davon. Da jedes Maultier und jeder Reiter eine eigene Meinung darüber hatte, wie das Rennen gelaufen werden sollte, welche Seite der Bahn unter bestimmten Umständen am besten sei, wie oft die Bahn überquert werden sollte und wann eine Kollision herbeigeführt und wann sie vermieden werden sollte, erzeugten diese sechsundzwanzig widersprüchlichen Meinungen ein höchst fantastisches und malerisches Durcheinander, und das daraus resultierende Schauspiel war zum Totlachen komisch.
Meilen-Durchgang; Zeit 2:22. Acht der dreizehn Maultiere wurden deklassiert. Ich hatte auf ein Maultier gewettet, das gewonnen hätte, wenn die Prozession umgekehrt worden wäre. Der zweite Durchgang war ein großer Spaß; und das war auch das „Trostrennen für geschlagene Maultiere“, das später folgte; aber der erste Durchgang war in dieser Hinsicht der beste.
Ich denke, dass das unterhaltsamste aller Rennen ein Dampfschiffrennen ist; aber gleich danach bevorzuge ich das heitere und fröhliche Maultier-Gedränge. Zwei glühend heiße Dampfschiffe, die Kopf an Kopf rasen, die jede Nerven anspannen – das heißt, jeden Niet in den Kesseln –, die von Bug bis Heck beben und zittern und stöhnen, die weißen Dampf aus den Rohren speien, schwarzen Rauch aus den Schornsteinen gießen, Funken regnen lassen, den Fluss in lange Brüche von zischendem Schaum teilen – das ist ein Sport, der einem die Leber vor Vergnügen kräuseln lässt. Ein Pferderennen ist im Vergleich dazu ziemlich zahm und farblos. Dennoch wäre ein Pferderennen auf seine Art vielleicht ganz in Ordnung, wenn die lästigen Fehlstarts nicht wären. Aber dann wird auch nie jemand getötet. Zumindest wurde nie jemand getötet, als ich bei einem Pferderennen war. Sie sind zwar verkrüppelt worden, das stimmt; aber das tut wenig zur Sache.
KAPITEL 46
Verzauberungen und Zauberer
Das größte jährliche Ereignis in New Orleans ist etwas, für dessen Kostprobe wir zu spät kamen – die Mardi-Gras-Festlichkeiten. Ich sah die Prozession der Mystic Crew of Comus dort vor vierundzwanzig Jahren – mit Rittern und Adligen und so weiter, gekleidet in seidige und goldene, in Paris gefertigte Prachtstücke, die für diese eine Nacht geplant und gekauft wurden; und in ihrem Gefolge allerlei Riesen, Zwerge, Monstrositäten und andere amüsante Grotesken – eine verblüffende und wunderbare Art von Schau, wie sie feierlich und schweigend im Licht ihrer rauchenden und flackernden Fackeln die Straße hinunterzog; aber es heißt, dass das Spektakel in diesen späteren Tagen in Bezug auf Kosten, Pracht und Vielfalt mächtig angewachsen ist. Es gibt eine Hauptfigur – „Rex“; und wenn ich mich recht erinnere, ist weder dieser König noch irgendeiner seiner großen Schar von Untergebenen einem Außenstehenden bekannt. All diese Leute sind Herren von Stand und Bedeutung; und es ist eine stolze Sache, der Organisation anzugehören; daher ist das Geheimnis, in dem sie ihre Persönlichkeit verbergen, lediglich der Romantik halber da und nicht wegen der Polizei.
Mardi Gras ist natürlich ein Überbleibsel der französischen und spanischen Besatzung; aber ich beurteile, dass das religiöse Element mittlerweile ziemlich gut daraus herausgeschlagen wurde. Sir Walter hat die Oberhand über die Herren von der Kutte und dem Rosenkranz gewonnen, und er wird bleiben. Sein mittelalterliches Treiben, ergänzt durch die Monster und die Kuriositäten und die angenehmen Kreaturen aus dem Märchenland, ist schöner anzusehen als die armseligen fantastischen Erfindungen und Aufführungen des feiernden Pöbels der Priestertage und dient vielleicht ebenso gut dazu, den Tag zu betonen und die Menschen zu mahnen, dass die Gnadenlinie zwischen der weltlichen und der heiligen Zeit erreicht ist.
Dieser Mardi-Gras-Festzug war bis vor kurzem das exklusive Eigentum von New Orleans. Doch nun hat er sich nach Memphis, St. Louis und Baltimore ausgebreitet. Wahrscheinlich hat er seine Grenzen erreicht. Es ist eine Sache, die im praktischen Norden kaum existieren könnte; sie würde zweifellos nur eine sehr kurze Zeit überdauern – eine ebenso kurze Zeit, wie sie in London Bestand hätte. Denn die Seele des Ganzen ist das Romantische, nicht das Lustige und Groteske. Nähme man die romantischen Mysterien, die Könige und Ritter und die wohlklingenden Titel weg, so würde Mardi-Gras dort unten im Süden sterben. Eben jenes Merkmal, das es im Süden am Leben erhält – die schwärmerische Romantik –, würde es im Norden oder in London umbringen. Puck und Punch und die allgemeine Presse würden sich darauf stürzen und sich gnadenlos darüber lustig machen, und seine erste Darbietung wäre zugleich seine letzte.
Den Verbrechen der Französischen Revolution und Bonapartes lassen sich zwei ausgleichende Wohltaten gegenüberstellen: Die Revolution zerbrach die Ketten des Ancien Régime und der Kirche und machte aus einer Nation unterwürfiger Sklaven ein Volk von Freien; und Bonaparte führte die Regel ein, Verdienst über Geburt zu stellen, und entzog dem Königtum so vollständig seine Göttlichkeit, dass, während gekrönte Häupter in Europa zuvor Götter waren, sie seitdem nur noch Menschen sind und niemals wieder Götter sein können, sondern nur noch Galionsfiguren, die für ihre Taten wie gewöhnlicher Lehm zur Rechenschaft gezogen werden können. Solche Wohltaten wie diese gleichen den zeitweiligen Schaden aus, den Bonaparte und die Revolution angerichtet haben, und lassen die Welt bei ihnen in der Schuld für diese großen und dauerhaften Dienste an der Freiheit, der Menschlichkeit und dem Fortschritt.
Dann kommt Sir Walter Scott mit seinen Verzauberungen und hält durch seine bloße Macht diese Welle des Fortschritts auf, ja, er kehrt sie sogar um; er lässt die Welt sich in Träume und Phantome verlieben; in verfallene und schweineartige Formen der Religion; in verfallene und degradierte Regierungssysteme; in die Albernheiten und Leere, den Schein von Größe, Schein von Prunk und Schein von Ritterlichkeit einer hirnlosen und wertlosen, längst verschwundenen Gesellschaft. Er richtete maßlosen Schaden an; vielleicht mehr wirklichen und bleibenden Schaden als jeder andere Mensch, der je geschrieben hat. Der größte Teil der Welt hat einen guten Teil dieser Schäden inzwischen überlebt, wenn auch bei weitem nicht alle; doch in unserem Süden gedeihen sie noch recht kräftig. Vielleicht nicht mehr so kräftig wie vor einer halben Generation, aber doch kräftig. Dort ist die echte und heilsame Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts seltsam verwirrt und vermischt mit der mittelalterlichen Schein-Zivilisation von Walter Scott; und so hat man dort praktische, vernünftige, fortschrittliche Ideen und fortschrittliche Werke, vermischt mit dem Duell, der aufgeblasenen Rede und der geistlosen Romantik einer absurden Vergangenheit, die tot ist und aus Barmherzigkeit begraben werden sollte. Ohne die Sir-Walter-Krankheit wäre der Charakter des Südstaatlers – oder „Southron“, wie Sir Walter es hochgestochener ausdrückt – gänzlich modern, statt einer Mischung aus Moderne und Mittelalter, und der Süden wäre eine ganze Generation weiter, als er es ist. Es war Sir Walter, der vor dem Krieg jeden Gentleman im Süden zu einem Major oder Colonel, oder einem General oder Richter machte; und er war es auch, der diese Gentlemen dazu brachte, diese Schein-Dekorationen hochzuschätzen. Denn er war es, der dort unten Rang und Kaste schuf, sowie die Ehrfurcht vor Rang und Kaste, und den Stolz und das Vergnügen daran. Man bürdet der Sklaverei schon genug auf, ohne ihr auch noch diese Schöpfungen und Beiträge von Sir Walter anzuhängen.
Sir Walter hatte so großen Anteil an der Formung des südstaatlichen Charakters, wie er vor dem Krieg existierte, dass er in großem Maße für den Krieg verantwortlich ist. Es erscheint ein wenig hart gegenüber einem Toten zu sagen, dass wir ohne Sir Walter niemals einen Krieg gehabt hätten; und doch ließe sich vielleicht ein halbwegs plausibles Argument zur Stützung dieser wilden Behauptung vorbringen. Der Südstaatler der Amerikanischen Revolution besaß Sklaven; das tat der Südstaatler des Bürgerkriegs auch: aber der erstere ähnelt dem letzteren so sehr, wie ein Engländer einem Franzosen ähnelt. Der Charakterwandel lässt sich auf Sir Walters Einfluss deutlich leichter zurückführen als auf den irgendeiner anderen Sache oder Person.
Man kann an ein oder zwei Anzeichen beobachten, wie tief dieser Einfluss eingedrungen ist und wie stark er sich hält. Wenn man eine literarische Zeitschrift aus dem Norden oder Süden von vor vierzig oder fünfzig Jahren zur Hand nimmt, wird man sie angefüllt finden mit wortreicher, windiger, blumiger „Beredsamkeit“, Romantizismus, Sentimentalität – alles von Sir Walter nachgeahmt und zudem recht schlecht gemacht –, im Grunde harmlose Travestien seines Stils und seiner Methoden. Da diese Art von Literatur in beiden Teilen des Landes in Mode war, gab es Gelegenheit für den fairsten Wettbewerb; und als Folge davon konnte der Süden im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ebenso viele bekannte literarische Namen vorweisen wie der Norden.
Doch ein Wandel hat stattgefunden, und es gibt heute keine Gelegenheit mehr für einen fairen Wettbewerb zwischen Norden und Süden. Denn der Norden hat jenen alten, aufgeblasenen Stil über Bord geworfen, während der südliche Schriftsteller noch immer an ihm festhält – und als Folge davon einen eingeschränkten Markt für seine Waren hat. Es gibt natürlich immer noch genauso viel literarisches Talent im Süden wie eh und je; aber sein Werk kann unter den gegenwärtigen Bedingungen nur geringe Verbreitung finden; die Autoren schreiben für die Vergangenheit, nicht für die Gegenwart; sie benutzen veraltete Formen und eine tote Sprache. Aber wenn ein Südstaatler von Genie modernes Englisch schreibt, geht sein Buch nicht mehr an Krücken, sondern auf Flügeln; und sie tragen es schnell durch ganz Amerika und England und durch die großen englischen Reprint-Verlage in Deutschland – wie die Erfahrung von Mr. Cable und Uncle Remus bezeugt, zwei der wenigen südlichen Autoren, die nicht im südlichen Stil schreiben. Anstelle von drei oder vier weithin bekannten literarischen Namen sollte der Süden ein oder zwei Dutzend haben – und wird sie haben, wenn Sir Walters Zeit abgelaufen ist.
Eine kuriose Veranschaulichung der Macht eines einzelnen Buches für Gutes oder Schlechtes zeigt sich in den Wirkungen, die „Don Quixote“ hervorrief, und jenen, die durch „Ivanhoe“ bewirkt wurden. Ersteres fegte die Bewunderung der Welt für die mittelalterliche Ritter-Albernheit aus der Welt; und das andere stellte sie wieder her. Was unseren Süden betrifft, so ist das gute Werk, das Cervantes vollbracht hat, so gut wie ein toter Buchstabe, so wirksam hat Scotts verderbliches Werk es untergraben.
KAPITEL 47
Uncle Remus und Mr. Cable
MR. JOEL CHANDLER HARRIS („Uncle Remus“) sollte am Sonntagmorgen um sieben Uhr aus Atlanta eintreffen; also standen wir auf und empfingen ihn. Wir konnten ihn in der Menge der Ankömmlinge am Hotel-Schalter an seiner Übereinstimmung mit einer Beschreibung ausmachen, die uns aus vertrauenswürdiger Quelle geliefert worden war. Er galt als untersetzt, rothaarig und etwas sommersprossig. Er war der einzige Mann in der Gruppe, dessen Äußeres zu diesem Anforderungsprofil passte. Er galt als sehr schüchtern. Er ist ein schüchterner Mann. Daran gibt es keinen Zweifel. Es mag an der Oberfläche nicht sichtbar sein, aber die Schüchternheit ist vorhanden. Nach Tagen der Vertrautheit wundert man sich, dass sie noch immer in etwa so stark ausgeprägt ist wie eh und je. Hinter ihr verbirgt sich ein feines und schönes Wesen, wie alle wissen, die das Uncle-Remus-Buch gelesen haben; und auch ein feines Genie, wie alle aus demselben Grund wissen. Ich scheine ziemlich frei über diesen Nachbarn zu sprechen; aber indem ich zum Publikum spreche, spreche ich nur zu seinen persönlichen Freunden, und diese Dinge sind unter Freunden zulässig.
Er enttäuschte zutiefst eine Reihe von Kindern, die eifrig zum Haus von Mr. Cable geströmt waren, um einen Blick auf den illustren Weisen und das Orakel der Kinderstuben der Nation zu erhaschen. Sie sagten:
„Wie, er ist weiß!“
Sie waren darüber betrübt. Um sie zu trösten, wurde also das Buch geholt, damit sie die Tar-Baby-Geschichte von Uncle Remus aus den Lippen von Uncle Remus selbst hören konnten – oder was in ihren empörten Augen von ihm übrig war. Doch es stellte sich heraus, dass er noch nie Leuten vorgelesen hatte und zu schüchtern war, um jetzt den Versuch zu wagen. Mr. Cable und ich lasen aus unseren Büchern vor, um ihm zu zeigen, was für ein einfacher Trick das sei; aber seine unsterbliche Schüchternheit war sogar gegen diese kluge Strategie immun, also mussten wir selbst von Brer Rabbit lesen.
Mr. Harris sollte in der Lage sein, den Negerdialekt besser zu lesen als jeder andere, denn in Sachen des Schreibens ist er der einzige Meister, den das Land hervorgebracht hat. Mr. Cable ist der einzige Meister im Schreiben französischer Dialekte, den das Land hervorgebracht hat; und er liest sie in Vollendung. Es war ein großer Genuss, ihn über Jean-ah Poquelin und über Innerarity und sein berühmtes „Pigshoo“ lesen zu hören, das „Louisihanna rif-fusing to Hanter the Union“ darstellte, zusammen mit Passagen fein nuancierten deutschen Dialekts aus einem Roman, der noch im Manuskript vorlag.
Im Gespräch kam heraus, dass Mr. Cable in zwei verschiedenen Fällen in groteske Schwierigkeiten geriet, weil er in seinen Büchern beinahe unmögliche französische Namen verwendete, die jedoch zufällig von lebenden und empfindlichen Bürgern von New Orleans getragen wurden. Seine Namen waren entweder Erfindungen oder aus der alten und veralteten Vergangenheit entlehnt, ich erinnere mich nicht mehr genau; aber auf jeden Fall tauchten lebende Träger auf und waren ziemlich gekränkt darüber, dass die Aufmerksamkeit in so überaus öffentlicher Weise auf sie selbst und ihre Angelegenheiten gelenkt wurde.
Mr. Warner und ich hatten eine ähnliche Erfahrung, als wir das Buch mit dem Titel „The Gilded Age“ schrieben. Es gibt darin eine Figur namens „Sellers“. Ich weiß nicht mehr, wie sein Vorname am Anfang lautete; aber jedenfalls gefiel er Mr. Warner nicht, und er wollte ihn verbessert haben. Er fragte mich, ob ich mir eine Person namens „Eschol Sellers“ vorstellen könne. Natürlich sagte ich, das könne ich nicht ohne Stimulanzien. Er sagte, dass er einmal weit draußen im Westen einen Mann mit diesem unmöglichen Namen – „Eschol Sellers“ – getroffen, betrachtet und tatsächlich die Hand geschüttelt habe. Er fügte hinzu:
„Es ist zwanzig Jahre her; sein Name hat ihn wahrscheinlich vor dieser Zeit schon dahin gerafft; und falls nicht, wird er das Buch ohnehin nie sehen. Wir werden seinen Namen beschlagnahmen. Der Name, den du benutzt, ist gewöhnlich und daher gefährlich; es gibt wahrscheinlich tausend Sellerses, die ihn tragen, und die ganze Horde wird hinter uns her sein; aber Eschol Sellers ist ein sicherer Name – er ist ein Fels.“
Also liehen wir uns diesen Namen; und als das Buch etwa eine Woche lang draußen war, kam einer der stattlichsten, gutaussehendsten und aristokratischsten weißen Männer, die je gelebt haben, bei uns vorbei, mit der formidabelsten Verleumdungsklage in der Tasche, die je – nun, kurz gesagt, wir erhielten seine Erlaubnis, eine Auflage von zehn Millionen {Fußnote [Zahlen aus dem Gedächtnis übernommen und wahrscheinlich inkorrekt. Ich glaube, es waren mehr.]} Exemplaren des Buches zu unterdrücken und diesen Namen in zukünftigen Auflagen in „Mulberry Sellers“ zu ändern.
KAPITEL 48
Zucker und Porto
EINES Tages begegnete ich auf der Straße dem Mann, den ich von allen Menschen am meisten sehen wollte – Horace Bixby; ehemals Pilot unter mir – oder besser gesagt, über mir – jetzt Kapitän des großen Dampfers „City of Baton Rouge“, dem neuesten und schnellsten Zugang der Anchor Line. Dieselbe schlanke Figur, dieselben engen Locken, derselbe federnde Schritt, dieselbe Wachsamkeit, dieselbe Entschlossenheit des Auges und die antwortende Entschlossenheit der Hand, dieselbe aufrechte militärische Haltung; nicht einen Zoll an Umfang gewonnen oder verloren, nicht ein Gramm an Gewicht gewonnen oder verloren, kein Haar ergraut. Es ist eine merkwürdige Sache, einen fünfunddreißig Jahre alten Mann zu verlassen und nach einundzwanzig Jahren zurückzukehren und ihn immer noch als erst fünfunddreißig anzutreffen. Ich glaube, eine solche Erfahrung habe ich bisher noch nicht gemacht. Es gab einige Krähenfüße, aber sie fielen kaum ins Gewicht, da sie unauffällig waren.
Sein Boot war gerade eingetroffen. Ich hatte mehrere Tage auf sie gewartet, mit der Absicht, auf ihr nach St. Louis zurückzukehren. Der Kapitän und ich schlossen uns einer Gruppe von Damen und Herren an, Gästen von Major Wood, und fuhren auf einem schnellen Schlepper vierundfünfzig Meilen flussabwärts zur Zuckerplantage des Ex-Gouverneurs Warmouth. Unterhalb der Stadt reihten sich eine Reihe verfallener, klappriger, ausgemusterter alter Dampfschiffe aneinander, von denen ich noch nie eines gesehen hatte. Sie waren alle gebaut, verschlissen und beiseite geschoben worden, seit ich das letzte Mal hier war. Das vermittelt einem ein realistisches Gefühl für die Zerbrechlichkeit eines Mississippi-Bootes und die Kürze seines Lebens.
Sechs Meilen unterhalb der Stadt wurde ein dicker und zerschlagener Ziegelschornstein, der über den Magnolien und Steineichen herausragte, als das Denkmal bezeichnet, das eine dankbare Nation zur Feier der Schlacht von New Orleans errichtet hatte – Jacksons Sieg über die Briten am 8. Januar 1815. Der Krieg war zu Ende, die beiden Nationen waren in Frieden, aber die Nachricht hatte New Orleans noch nicht erreicht. Hätten wir damals das Kabel-Telegramm gehabt, wäre dieses Blut nicht vergossen worden, diese Leben wären nicht verschwendet worden; und was noch besser ist, Jackson wäre wahrscheinlich nie Präsident geworden. Wir haben die Schäden, die uns der Krieg von 1812 zugefügt hat, überwunden, aber nicht einige derjenigen, die uns durch Jacksons Präsidentschaft entstanden sind.
Die Warmouth-Plantage umfasst eine riesige Fläche, und die Gastfreundschaft des Warmouth-Herrenhauses ist im gleichen großen Maßstab gehalten. Wir sahen hier zum ersten Mal dampfbetriebene Pflüge bei der Arbeit. Die Zugmaschine fährt auf ihren eigenen Rädern herum, bis sie die erforderliche Stelle erreicht; dann bleibt sie stehen und zieht mittels eines Drahtseils den riesigen Pflug zwei- oder dreihundert Meter weit über das Feld, zwischen den Zuckerrohrreihen hindurch. Das Ding schneidet anderthalb Fuß tief in den schwarzen Boden. Der Pflug sieht aus wie eine vordere und hintere Verstrebung eines Hudson-River-Dampfers, nur umgekehrt. Wenn der schwarze Steuermann auf dem einen Ende sitzt, neigt sich dieses Ende in Bodennähe, während das andere hoch in die Luft ragt. Diese große Wippe rollt und stampft wie ein Schiff auf hoher See, und es ist nicht jeder Zirkusreiter, der sich darauf halten könnte.
Die Plantage umfasst zweitausendsechshundert Acres; sechshundertfünfzig sind mit Zuckerrohr bepflanzt; und es gibt einen fruchtbaren Orangenhain mit fünftausend Bäumen. Das Zuckerrohr wird zudem nach einer modernen und komplizierten wissenschaftlichen Methode kultiviert, die zu aufwendig und komplex ist, als dass ich versuchen könnte, sie zu beschreiben; aber sie hat letztes Jahr 40.000 Dollar Verlust gemacht. Die anderen Details habe ich vergessen. Wie dem auch sei, die Ernte dieses Jahres wird tausend oder zwölftausend Tonnen Zucker erreichen, daher wird der Verlust des letzten Jahres keine Rolle spielen. Diese mühsamen und teuren wissenschaftlichen Methoden erzielen einen Ertrag von eineinhalb bis zwei Tonnen pro Acre; das ist drei- oder viermal so viel wie der Ertrag pro Acre zu meiner Zeit.
Die Entwässerungsgräben waren überall belebt von kleinen Krebsen – „Fiddlern“. Man sah sie bei jedem störenden Geräusch in alle Richtungen seitwärts davonhuschen. Teure Schädlinge, diese Krebse; denn sie bohren sich in die Dämme und ruinieren sie.
Das große Zuckerhaus war eine Wildnis aus Wannen und Tanks und Bottichen und Filtern, Pumpen, Rohren und Maschinen. Der Prozess der Zuckerherstellung ist überaus interessant. Zuerst wirft man das Zuckerrohr in die Zentrifugen und presst den Saft heraus; dann lässt man ihn durch die Verdampfungspfanne laufen, um die Fasern zu extrahieren; dann durch den Knochenkohlefilter, um den Alkohol zu entfernen; dann durch die Klärtanks, um die Melasse abzulassen; dann durch das Granulierrohr, um ihn einzudicken; dann durch die Vakuumpfanne, um das Vakuum zu extrahieren. Jetzt ist er bereit für den Markt. Ich habe diese Details aus dem Gedächtnis notiert. Das Ganze sieht einfach und leicht aus. Täuschen Sie sich nicht. Zucker zu machen ist in Wirklichkeit eines der schwierigsten Dinge der Welt. Und ihn richtig zu machen, ist beinahe unmöglich. Wenn Sie Ihren eigenen Vorrat über einen Zeitraum von Jahren hin und wieder untersuchen und das Ergebnis tabellarisch erfassen, werden Sie feststellen, dass nicht zwei von zwanzig Männern Zucker machen können, ohne Sand hinein zu bekommen.
Wir hätten bis zur Flussmündung fahren und Captain Eads' großes Werk besichtigen können, die „Jetties“, wo der Fluss zwischen Mauern zusammengepresst und so auf sechsundzwanzig Fuß vertieft wurde; aber es wurde für zwecklos befunden, dorthin zu fahren, da bei diesem Wasserstand alles überflutet und unsichtbar wäre.
Wir hätten jene alte und eigenartige Ortschaft „Pilot-town“ besuchen können, die auf Stelzen im Wasser steht – so sagt man; wo fast die gesamte Kommunikation per Kahn und Kanu stattfindet, selbst beim Besuch von Hochzeiten und Beerdigungen; und wo die kleinsten Jungen und Mädchen mit dem Ruder ebenso geschickt umgehen wie landläufige Kinder mit dem Velociped.
Wir hätten eine Reihe anderer Dinge tun können; aber wegen der begrenzten Zeit fuhren wir nach Hause zurück. Die Fahrt den windigen und funkelnden Fluss hinauf war ein bezauberndes Erlebnis und wäre befriedigend sentimental und romantisch gewesen, wären da nicht die Unterbrechungen durch den Papagei des Schleppers gewesen, dessen unermüdliche Kommentare zur Landschaft und zu den Gästen immer diesseitig und oft profan waren. Er hatte auch einen Überfluss an dem disharmonischen, ohrenbetäubenden, metallischen Lachen, das für seine Art üblich ist – ein maschinelles Lachen, ein Frankenstein-Lachen, dem die Seele fehlt. Er wandte es auf jede sentimentale Bemerkung und auf jedes pathetische Lied an. Er krächzte es mit abscheulicher Energie nach „Home again, home again from a foreign shore“ heraus und sagte, er „würde keinen Pfifferling für eine ganze Ladung solch eines Geschwafels geben“. Romantik und Sentimentalität können diese Art von Entmutigung nicht lange überleben; also hörten das Singen und Reden bald auf; was den Papagei so erfreute, dass er sich vor Freude heiser fluchte.
Dann begaben sich die männlichen Mitglieder der Gruppe zum Vordeck, um zu rauchen und zu tratschen. Es waren mehrere alte Dampfschiffer an Bord, und ich erfuhr von ihnen vieles darüber, was meinen früheren Flussfreunden während meiner langen Abwesenheit widerfahren war. Ich erfuhr, dass ein Pilot, für den ich einst steuerte, Spiritualist geworden ist und seit mehr als fünfzehn Jahren jede Woche einen Brief von einem verstorbenen Verwandten erhält, durch ein New Yorker spiritistisches Medium namens Manchester – das Porto staffelt sich nach der Entfernung: vom örtlichen Postamt im Paradies nach New York, fünf Dollar; von New York nach St. Louis, drei Cent. Ich erinnere mich sehr gut an Mr. Manchester. Ich habe ihn vor zehn Jahren einmal mit einem Freundespaar besucht, von denen einer sich nach einem verstorbenen Onkel erkundigen wollte. Dieser Onkel hatte vor einem halben Dutzend Jahren auf eine besonders gewaltsame und ungewöhnliche Weise sein Leben verloren: ein Wirbelsturm trug ihn etwa drei Meilen weit und stürzte einen Baum mit ihm um, der am Stamm vier Fuß dick und fünfundsechzig Fuß hoch war. Diesen Triumph überlebte er nicht. Bei der soeben erwähnten Seance befragte mein Freund seinen verstorbenen Onkel durch Mr. Manchester, und der verstorbene Onkel schrieb seine Antworten nieder, wobei er zu diesem Zweck Mr. Manchesters Hand und Bleistift benutzte. Das Folgende ist ein passendes Beispiel für die gestellten Fragen sowie für das schlampige Geschwafel in Form von Antworten, das Manchester unter dem Vorwand lieferte, es stamme von dem Geist. Wenn dieser Mann nicht der erbärmlichste Betrüger ist, der je gelebt hat, schulde ich ihm eine Entschuldigung –
FRAGE. Wo bist du?
ANTWORT. In der Geisterwelt.
F. Bist du glücklich?
A. Sehr glücklich. Vollkommen glücklich.
F. Wie amüsierst du dich?
A. Mit Unterhaltungen mit Freunden und anderen Geistern.
F. Was noch?
A. Nichts weiter. Nichts weiter ist nötig.
F. Worüber sprecht ihr?
A. Darüber, wie glücklich wir sind; und über Freunde, die auf der Erde zurückgeblieben sind, und darüber, wie wir sie zu ihrem Wohl beeinflussen können.
F. Wenn deine Freunde auf der Erde alle ins Geisterland kommen, worüber werdet ihr dann sprechen? – über nichts anderes, als wie glücklich ihr alle seid?
Keine Antwort. Es wird erklärt, dass Geister keine frivolen Fragen beantworten.
F. Wie kommt es, dass Geister, die damit zufrieden sind, eine Ewigkeit mit frivolen Beschäftigungen zu verbringen und dies als Glück akzeptieren, so wählerisch sind bei frivolen Fragen zu diesem Thema?
Keine Antwort.
F. Möchtest du zurückkommen?
A. Nein.
F. Würdest du das unter Eid sagen?
A. Ja.
F. Was esst ihr dort?
A. Wir essen nicht.
F. Was trinkt ihr?
A. Wir trinken nicht.
F. Was raucht ihr?
A. Wir rauchen nicht.
F. Was lest ihr?
A. Wir lesen nicht.
F. Kommen alle guten Menschen an deinen Ort?
A. Ja.
F. Du kennst meine gegenwärtige Lebensweise. Kannst du mir irgendwelche Ergänzungen dazu vorschlagen, in Form von Verbrechen, die einigermaßen sicherstellen, dass ich an einen anderen Ort komme?
A. Keine Antwort.
F. Wann bist du gestorben?
A. Ich bin nicht gestorben, ich bin hinübergegangen.
F. Sehr wohl, wann bist du hinübergegangen? Wie lange bist du schon im Geisterland?
A. Wir haben hier keine Zeitmessung.
F. Obwohl du in deinem gegenwärtigen Zustand und deiner Umgebung gegenüber Daten und Zeiten gleichgültig und unsicher sein magst, hat dies nichts mit deinem früheren Zustand zu tun. Damals hattest du Daten. Eines davon erbitte ich von dir. Du bist an einem bestimmten Tag in einem bestimmten Jahr gegangen. Ist das nicht wahr?
A. Ja.
F. Dann nenne den Tag des Monats.
(Langes Herumkramen mit einem Bleistift seitens des Mediums, begleitet von heftigen, krampfartigen Zuckungen seines Kopfes und Körpers, eine ganze Weile lang. Schließlich die Erklärung, dass Geister oft Daten vergessen, da solche Dinge für sie ohne Bedeutung seien.)
F. Dann hat dieser hier tatsächlich das Datum seines Übergangs in das Geisterland vergessen?
Dies wurde als zutreffend bestätigt.
F. Das ist sehr merkwürdig. Nun gut, welches Jahr war es denn?
(Noch mehr Herumkramen, Zucken, idiotische Krämpfe seitens des Mediums. Schließlich die Erklärung, dass der Geist das Jahr vergessen habe.)
F. Das ist in der Tat ungeheuerlich. Lass mich dir noch eine Frage stellen, eine letzte Frage, bevor wir uns trennen, um uns nie wiederzusehen; denn selbst wenn ich es nicht schaffe, deiner Anstalt zu entgehen, wird ein Treffen dort als Treffen nichts wert sein, da du bis dahin mich und meinen Namen längst vergessen haben wirst: Bist du eines natürlichen Todes gestorben, oder wurdest du durch eine Katastrophe dahingerafft?
A. (Nach langem Zögern und vielen Qualen und Krämpfen.) Natürlicher Tod.
Damit endete die Unterredung. Mein Freund sagte dem Medium, dass sein Verwandter, als er noch auf dieser armen Welt weilte, mit einem außergewöhnlichen Intellekt und einem absolut fehlerfreien Gedächtnis ausgestattet gewesen sei, und es sei sehr zu bedauern, dass man ihm nicht gestattet habe, einen Funken davon für sein Vergnügen in den Reichen der ewigen Zufriedenheit sowie zum Staunen und zur Bewunderung der übrigen dortigen Bevölkerung zu bewahren.
Dieser Mann hatte eine Menge Klienten – und hat sie noch immer. Er erhält Briefe von Geistern, die sich in jedem Teil der Geisterwelt befinden, und liefert sie im ganzen Land durch die Post der Vereinigten Staaten aus. Diese Briefe sind voll von Ratschlägen – Ratschläge von "Geistern", die nicht so viel wissen wie eine Kaulquappe – und diese Ratschläge werden von den Empfängern religiös befolgt. Einer dieser Klienten war ein Mann, dem die Geister (wenn man den genialen Manchester so im Plural bezeichnen darf) beibrachten, wie man ein verbessertes Eisenbahnwagenrad erfindet. Es ist eine plumpe Beschäftigung für einen Geist, aber es ist eine höhere und gesündere Betätigung, als ewig darüber zu sprechen, "wie glücklich wir sind".
KAPITEL 49
Episoden aus dem Lotsenleben
Im Laufe des Klatsches auf dem Schleppdampfer kam heraus, dass von jeweils fünf meiner früheren Freunde, die den Fluss verlassen hatten, vier die Landwirtschaft als Beruf gewählt hatten. Natürlich geschah dies nicht, weil sie landwirtschaftlich besonders begabt und daher eher als in anderen Branchen zum Erfolg als Farmer bestimmt gewesen wären: Der Grund für ihre Wahl muss auf eine andere Quelle zurückgeführt werden. Zweifellos wählten sie die Landwirtschaft, weil dieses Leben privat und von Einfällen unerwünschter Fremder abgeschirmt ist – wie die Einsiedelei im Steuerhaus. Und zweifellos wählten sie es auch, weil sie in tausend Nächten voll schwarzem Sturm und Gefahr die funkelnden Lichter einsamer Bauernhäuser bemerkt hatten, während das Boot vorbeiglitt, und sich die Heiterkeit, Sicherheit und Behaglichkeit solcher Zufluchtsorte in solchen Zeiten ausgemalt hatten, und so nach und nach dazu gekommen waren, von diesem zurückgezogenen und friedlichen Leben als dem einen erstrebenswerten Ding zu träumen, das man sich ersehnen, erhoffen, verdienen und schließlich genießen sollte.
Aber ich erfuhr nicht, dass irgendeiner dieser Lotsen-Farmer irgendwen mit seinen Erfolgen in Erstaunen versetzt hätte. Ihre Farmen ernähren sie nicht: Sie ernähren ihre Farmen. Der Lotsen-Farmer verschwindet alljährlich, etwa mit dem Einbruch des Frühlings, vom Fluss und wird bis zum nächsten Frost nicht mehr gesehen. Dann taucht er wieder auf, in beschädigtem, selbstgesponnenem Gewand, kämmt die Heusamen aus dem Haar und nimmt für den Winter einen Platz im Steuerhaus an. Auf diese Weise bezahlt er die Schulden, die seine Landwirtschaft während der landwirtschaftlichen Saison angehäuft hat. So ist seine Knechtschaft auf dem Fluss nur halb gebrochen; er ist noch immer den härtesten Teil des Jahres der Sklave des Flusses.
Einer dieser Männer kaufte eine Farm, zog sich aber nicht darauf zurück. Er kannte einen Trick, der besser war. Er hatte nicht die Absicht, seine Farm zu verarmen, indem er seine persönliche Unwissenheit bei der Bewirtschaftung anwendete. Nein, er gab die Farm in die Hände eines landwirtschaftlichen Experten, um sie auf Teilbasis zu bewirtschaften – von je drei Ladungen Mais sollte der Experte zwei erhalten und der Lotse die dritte. Aber am Ende der Saison erhielt der Lotse keinen Mais. Der Experte erklärte, sein Anteil sei nicht erreicht worden. Die Farm habe nur zwei Ladungen produziert.
Einige der Lotsen, die ich gekannt hatte, hatten Abenteuer erlebt – der Ausgang war manchmal glücklich, aber nicht in allen Fällen. Kapitän Montgomery, für den ich gesteuert hatte, als er Lotse war, befehligte die konföderierte Flotte in der großen Schlacht vor Memphis; als sein Schiff unterging, schwamm er ans Ufer, kämpfte sich durch einen Trupp Soldaten und entkam auf tapfere und knappe Weise. Er war immer ein ruhiger Mann; nichts konnte seine Gelassenheit stören. Einmal, als er Kapitän der "Crescent City" war, brachte ich das Boot in New Orleans in den Hafen und erwartete jeden Augenblick Befehle vom Hurrikan-Deck, erhielt aber keine. Ich hatte die Schaufelräder gestoppt, und damit endete meine Autorität und Verantwortung. Es war Abend – dämmriges Zwielicht – die Mütze des Kapitäns war auf der großen Glocke gelandet, und ich nahm an, das intellektuelle Ende des Kapitäns befände sich darin, aber das war nicht der Fall. Der Kapitän war sehr streng; daher wusste ich, dass ich ohne Befehle keine Glocke berühren durfte. Meine Pflicht war es, das Boot stetig auf seinem unheilvollen Kurs zu halten und die Konsequenzen für sich selbst sorgen zu lassen – was ich auch tat. So pflügten wir an den Hecks von Dampfschiffen vorbei und kamen immer näher – der Zusammenstoß musste sehr bald kommen – und doch bewegte sich jene Mütze kein Stück; denn ach, der Kapitän hielt ein Nickerchen in der Texas-Kabine... Die Dinge wurden außerordentlich nervös und unangenehm. Mir schien, der Kapitän würde nicht rechtzeitig erscheinen, um die Unterhaltung mitzuerleben. Aber das tat er. Gerade als wir in das Heck eines Dampfschiffes hineinliefen, trat er auf das Deck und sagte mit himmlischer Gelassenheit: "Setz sie auf beiden zurück" – was ich tat; allerdings ein wenig zu spät, denn im nächsten Moment krachten wir mit einem höchst ohrenbetäubenden Lärm durch die fadenscheinigen Außenaufbauten des anderen Bootes. Der Kapitän verlor danach kein Wort mehr über die Angelegenheit, außer der Bemerkung, dass ich richtig gehandelt hätte und er hoffe, ich würde unter ähnlichen Umständen nicht zögern, wieder genauso zu handeln.
Einer der Lotsen, die ich kannte, als ich auf dem Fluss war, war eines sehr ehrenvollen Todes gestorben. Sein Boot fing Feuer, und er blieb am Steuer, bis er es sicher an Land gebracht hatte. Dann stieg er über die Brüstung, während seine Kleidung in Flammen stand, und war die letzte Person, die an Land gelangte. Er starb im Laufe von zwei oder drei Stunden an seinen Verletzungen, und sein Leben war das einzige, das verloren ging.
Die Geschichte der Mississippi-Lotserei bietet sechs oder sieben Fälle dieser Art von Märtyrertum und ein halbes Hundert Fälle von Entkommen vor einem ähnlichen Schicksal, das um eine Sekunde oder zwei fatal zu spät gekommen wäre; _aber es gibt keinen Fall, in dem ein Lotse seinen Posten verließ, um sein Leben zu retten, während er durch das Bleiben und Opfern desselben andere Leben vor der Zerstörung hätte bewahren können._ Es ist sehr lohnenswert, diese edle Tatsache niederzuschreiben, und es ist auch sehr lohnenswert, sie in Kursivschrift zu setzen.
Der "Lehrling"-Lotse wird früh ermahnt, alle Gefahren, die mit dem Beruf eines Lotsen verbunden sind, zu verachten und jede Art von Tod der tiefen Schande vorzuziehen, seinen Posten zu verlassen, solange irgendeine Möglichkeit besteht, dass er dort nützlich sein könnte. Und diese Ermahnungen werden so wirksam eingeprägt, dass man sich selbst auf junge und nur halb erprobte Lotsen verlassen kann, dass sie am Steuer bleiben und dort sterben, wenn die Umstände es erfordern. Auf einem Friedhof in Memphis liegt ein junger Bursche begraben, der vor sehr vielen Jahren am Steuer im White River ums Leben kam, um das Leben anderer Männer zu retten. Er sagte zum Kapitän, wenn das Feuer ihm Zeit ließe, eine etwas entfernt liegende Sandbank zu erreichen, könnten alle gerettet werden, aber an der Steilküste des Flusses zu landen, würde den Verlust vieler Leben bedeuten. Er erreichte die Sandbank und setzte das Boot im seichten Wasser auf Grund; aber zu diesem Zeitpunkt hatten die Flammen ihn bereits eingeschlossen, und bei der Flucht durch sie wurde er tödlich verbrannt. Er war gedrängt worden, früher zu fliehen, hatte aber geantwortet, wie es sich für einen Lotsen gehört –
"Ich werde nicht gehen. Wenn ich gehe, wird niemand gerettet; wenn ich bleibe, wird niemand verloren gehen außer mir. Ich werde bleiben."
Es waren zweihundert Personen an Bord, und kein Leben ging verloren außer dem des Lotsen. Es gab früher ein Denkmal für diesen jungen Burschen auf jenem Friedhof in Memphis. Während wir auf unserer Fahrt flussabwärts in Memphis verweilten, machte ich mich auf, um danach zu suchen, aber unsere Zeit war so kurz, dass ich umkehren musste, bevor mein Ziel erreicht war.
Der Klatsch auf dem Schlepper teilte mir mit, dass Dick Kennet tot sei – in der Nähe von Memphis in die Luft gesprengt und getötet; dass mehrere andere, die ich gekannt hatte, im Krieg gefallen seien – ein oder zwei von ihnen am Steuer niedergeschossen; dass ein anderer und sehr enger Freund, für den ich viele Fahrten gesteuert hatte, eines Nachts vor Jahren aus seinem Haus in New Orleans getreten sei, um in einem entlegenen Teil der Stadt etwas Geld einzutreiben, und nie wieder gesehen worden sei – man dachte, er sei ermordet und in den Fluss geworfen worden; dass Ben Thornburgh schon lange tot sei; ebenso sein wilder "Lehrling", mit dem ich mich früher bei jeder Tageswache gestritten hatte. Ein leichtsinniger, rücksichtsloser Kerl war er, immer in Schwierigkeiten, immer zu Unfug aufgelegt. Ein Passagier aus Arkansas brachte eines Tages einen riesigen Bären an Bord und kettete ihn an ein Rettungsboot auf dem Hurrikan-Deck. Thornburghs "Lehrling" konnte nicht ruhen, bis er dorthin gegangen war und den Bären losgekettet hatte, um zu "sehen, was er tun würde". Er wurde prompt befriedigt. Der Bär jagte ihn meilenweit um das Deck herum, mit zweihundert eifrigen Gesichtern, die durch die Geländer grinsten, als Publikum, und schnappte schließlich den Rockzipfel des Jungen und ging in die Texas-Kabine, um darauf herumzukauen. Die freie Wache kam eilig heraus und überließ dem Bären das alleinige Feld. Er wurde bald einsam und machte sich auf, um Zerstreuung zu suchen. Er durchstreifte das ganze Boot – besuchte jeden Teil davon, mit einer Vorhut aus fliehenden Menschen vor sich und einer lautlosen Leere hinter sich; und als sein Besitzer ihn schließlich einfing, waren die beiden die einzigen sichtbaren Wesen weit und breit; alle anderen hatten sich versteckt, und das Boot war eine Einsamkeit.
Mir wurde erzählt, dass einer meiner Lotsenfreunde 1869 an Herzversagen am Steuer tot zusammenbrach. Der Kapitän war zu diesem Zeitpunkt auf dem Dach. Er sah, wie das Boot auf das Ufer zusteuerte; rief, erhielt aber keine Antwort; rannte hinauf und fand den Lotsen tot auf dem Boden liegen.
Herr Bixby war im Madrid Bend in die Luft gesprengt worden; er wurde nicht verletzt, aber der andere Lotse kam um.
George Ritchie war in der Nähe von Memphis in die Luft gesprengt worden – vom Steuer ins Wasser geschleudert und bewegungsunfähig. Das Wasser war sehr kalt; er klammerte sich an einen Baumwollballen – hauptsächlich mit seinen Zähnen – und trieb, bis er fast erschöpft war, als er von einigen Deckarbeitern gerettet wurde, die sich auf einem Wrackteil befanden. Sie rissen den Ballen auf, packten ihn in die Baumwolle, wärmten das Leben in ihn zurück und brachten ihn sicher nach Memphis. Er ist jetzt einer von Bixbys Lotsen auf der "Baton Rouge".
In das Leben eines Dampfschiffschreibers, der jetzt tot ist, war ein Stück Romantik getropft – etwas groteske Romantik, aber dennoch Romantik. Als ich ihn kannte, war er ein leichtfertiger junger Verschwender, lärmend, gutherzig, voller sorgloser Großzügigkeit und ziemlich offensichtlich dabei, seine Möglichkeiten früh zu vertun und zu nichts zu kommen. In einer westlichen Stadt lebten ein reicher und kinderloser alter Ausländer und seine Frau; und in ihrer Familie war ein hübsches junges Mädchen – eine Art Freundin, eine Art Dienerin. Der junge Schreiber, von dem ich gesprochen habe – dessen Name nicht George Johnson war, der aber für die Zwecke dieser Erzählung George Johnson genannt werden soll – lernte dieses junge Mädchen kennen, und sie sündigten; und der alte Ausländer fand es heraus und tadelte sie. Da sie sich schämten, logen sie und sagten, sie seien verheiratet; dass sie heimlich geheiratet hätten. Dann war der Schmerz des alten Ausländers geheilt, und er vergab ihnen und segnete sie. Danach konnten sie ihre Sünde ohne Verheimlichung fortsetzen. Nach einer Weile starb die Frau des Ausländers; und kurz darauf folgte er ihr nach. Freunde der Familie versammelten sich, um zu trauern; und unter den Trauernden saßen die beiden jungen Sünder. Das Testament wurde eröffnet und feierlich verlesen. Es vermachte jeden Pfennig des großen Vermögens jenes alten Mannes an _Frau George Johnson!_
Und eine solche Person gab es gar nicht. Die jungen Sünder flohen daraufhin und taten eine sehr dumme Sache: Sie heirateten sich selbst vor einem obskuren Friedensrichter und brachten ihn dazu, die Sache zurückzudatieren. Das nützte überhaupt nichts. Die entfernten Verwandten strömten herbei, deckten das betrügerische Datum mit extremer Plötzlichkeit und überraschender Leichtigkeit auf und trugen das Vermögen davon, wobei sie die Johnsons sehr rechtmäßig, legal und unwiderruflich in ehrenhafter Ehe aneinandergekettet zurückließen, aber nicht mit auch nur einem Pfennig, um sich zu segnen. Das sind die tatsächlichen Fakten; und nicht alle Romane haben eine so aussagekräftige Situation als Grundlage.
KAPITEL 50
Das "Original Jacobs"
Wir unterhielten uns etwas über Kapitän Isaiah Sellers, der nun schon seit vielen Jahren tot ist. Er war ein feiner Mann, ein hochgesinnter Mann und wurde sowohl an Land als auch auf dem Fluss sehr respektiert. Er war sehr groß, wohlgebaut und gut aussehend; und in seinem Alter – wie ich ihn in Erinnerung habe – war sein Haar so schwarz wie das eines Indianers, und sein Auge und seine Hand waren so stark und stetig, und sein Nerv und Urteilsvermögen so fest und klar wie die eines jeden, ob jung oder alt, unter der Bruderschaft der Lotsen. Er war der Patriarch der Zunft; er war ein Kielbootlotse vor der Zeit der Dampfschiffe gewesen; und ein Dampfschifflotse, bevor irgendein anderer Dampfschifflotse, der zu der Zeit, von der ich spreche, noch am Leben war, jemals ein Rad gedreht hatte. Folglich begegneten ihm seine Brüder mit der Art von Ehrfurcht, die illustren Überlebenden eines vergangenen Zeitalters von ihren Gefährten immer entgegengebracht wird. Er wusste, wie er angesehen wurde, und vielleicht fügte diese Tatsache seiner natürlichen Würde, die in ihrem ursprünglichen Zustand bereits ausreichend steif gewesen war, noch ein wenig mehr Steifheit hinzu.
Er hinterließ ein Tagebuch; aber anscheinend reichte es nicht bis zu seiner ersten Dampfschifffahrt zurück, die angeblich 1811 stattgefunden haben soll, dem Jahr, in dem das erste Dampfschiff die Gewässer des Mississippi störte. Zum Zeitpunkt seines Todes sammelte ein Korrespondent der "St. Louis Republican" die folgenden Punkte aus dem Tagebuch –
"Im Februar 1825 heuerte er auf dem Dampfer 'Rambler' in Florence, Alabama, an und machte während dieses Jahres drei Fahrten nach New Orleans und zurück – dies auf der 'Gen. Carrol' zwischen Nashville und New Orleans. Während seines Aufenthalts auf diesem Boot führte Kapitän Sellers den Glockenschlag als Signal zum Loten ein, vor welcher Zeit es üblich war, dass der Lotse zu den Männern unten sprach, wenn Peilungen gewünscht wurden. Die Nähe des Vorschiffs zum Steuerhaus machte dies zweifellos zu einer einfachen Angelegenheit; aber wie anders ist es auf einem unserer Paläste der heutigen Zeit.
'1827 finden wir ihn an Bord der 'President', einem Boot von zweihundertfünfundachtzig Tonnen Tragfähigkeit, das zwischen Smithland und New Orleans verkehrte. Von dort kam er 1828 zur 'Jubilee', und auf diesem Boot leistete er seine erste Lotsenarbeit im Handel mit St. Louis; seine erste Wache erstreckte sich von Herculaneum bis St. Genevieve. Am 26. Mai 1836 stellte er die 'Prairie' fertig und verließ Pittsburgh unter seinem Kommando, ein Boot von vierhundert Tonnen, das erste Dampfschiff mit einer Kabine mit Privaträumen, das jemals in St. Louis gesehen wurde. 1857 führte er das Signal für sich begegnende Boote ein, das mit einigen geringfügigen Änderungen die allgemeine Sitte dieses Tages ist; tatsächlich ist es durch einen Kongressbeschluss obligatorisch gemacht worden.
'Als allgemeine Punkte der Flussgeschichte zitieren wir die folgenden Randnotizen aus seinem allgemeinen Logbuch –
'Im März 1825 verließ General Lafayette New Orleans in Richtung St. Louis auf dem Niederdruckdampfer 'Natchez'.
'Im Januar 1828 verließen einundzwanzig Dampfer den Kai von New Orleans, um den Anlass des Besuchs von General Jackson in dieser Stadt zu feiern.
'1830 machte die 'North American' die Fahrt von New Orleans nach Memphis in sechs Tagen – die beste Zeit, die bis zu diesem Datum verzeichnet wurde. Seitdem wurde sie in zwei Tagen und zehn Stunden geschafft.
'1831 bildete sich der Red River Cut-off.
'1832 machte der Dampfer 'Hudson' die Fahrt von White River nach Helena, eine Entfernung von fünfundsiebzig Meilen, in zwölf Stunden. Dies war die Quelle für viel Gerede und Spekulation unter direkt interessierten Parteien.
'1839 bildete sich der Great Horseshoe Cut-off.
'Bis zum heutigen Tag, einem Zeitraum von fünfunddreißig Jahren, haben wir durch Verweis auf das Tagebuch festgestellt, dass er vierhundertsechzig Rundreisen nach New Orleans gemacht hat, was eine Entfernung von einer Million einhundertviertausend Meilen oder einen Durchschnitt von sechsundachtzig Meilen pro Tag ergibt.'
Wann immer Kapitän Sellers sich einer Gruppe klatschender Lotsen näherte, legte sich Kälte darüber, und das Reden hörte auf. Aus folgendem Grund: Wann immer sechs Lotsen beieinanderstanden, waren immer ein oder zwei frischgebackene unter ihnen, und die Älteren "spielten sich" immer vor diesen armen Kerlen auf; ließen sie traurig spüren, wie unerfahren sie waren, wie neu ihr Adel und wie bescheiden ihr Grad, indem sie groß und großspurig von den Erfahrungen der alten Zeit auf dem Fluss sprachen; wobei sie es sich immer zur Aufgabe machten, alles so weit wie möglich zurückzudatieren, um den neuen Männern ihre Neuheit auf die schärfste Weise spüren zu lassen und die alten Hasen in gleichem Maße zu beneiden. Und wie diese selbstgefälligen Glatzköpfe sich aufblähten, prahlten, logen und zurückdatierten – zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre – und wie sie die Wirkung genossen, die auf die staunenden und neidischen Jünglinge ausgeübt wurde!
Und vielleicht würde gerade in diesem glücklichen Stadium des Geschehens die stattliche Figur von Kapitän Isaiah Sellers, jenem wahren und einzig echten Sohn der Antike, feierlich in die Mitte driften. Stellen Sie sich die Größe der Stille vor, die augenblicklich folgen würde. Und stellen Sie sich die Gefühle jener Glatzköpfe und das Triumphieren ihres kürzlichen Publikums vor, wenn der alte Kapitän beginnen würde, beiläufige und gleichgültige Bemerkungen erinnernder Natur fallen zu lassen – über Inseln, die verschwunden waren, und Abkürzungen, die gemacht worden waren, eine Generation bevor der älteste Glatzkopf in der Gesellschaft jemals seinen Fuß in ein Steuerhaus gesetzt hatte!
Viele, viele Male erschien dieser alte Seemann auf die oben genannte Weise auf der Bildfläche und verbreitete Unheil und Demütigung um sich herum. Wenn man den Lotsen glauben wollte, datierte er seine Inseln immer zurück bis in das neblige Morgengrauen der Flussgeschichte; und er benutzte nie zweimal dieselbe Insel; und niemals verwendete er eine Insel, die noch existierte, oder gab einer einen Namen, von dem irgendjemand Anwesendes alt genug gewesen wäre, ihn schon einmal gehört zu haben. Wenn man den Lotsen glauben wollte, war er immer gewissenhaft genau bei kleinen Details; er sprach zum Beispiel nie vom "Staat Mississippi" – nein, er sagte: "Als der Staat Mississippi dort war, wo jetzt Arkansas ist", und sprach nie auf allgemeine Weise von Louisiana oder Missouri und hinterließ einen falschen Eindruck in deinem Geist – nein, er sagte: "Als Louisiana weiter oben am Fluss war" oder "Als Missouri auf der Illinois-Seite war."
Der alte Herr hatte weder literarische Ambitionen noch entsprechende Fähigkeiten, aber er pflegte kurze Absätze mit schlichter, praktischer Information über den Fluss niederzuschreiben, sie mit „Mark Twain“ zu zeichnen und sie dem „New Orleans Picayune“ zu geben. Sie bezogen sich auf den Wasserstand und den Zustand des Flusses, waren genau und wertvoll; und bis dahin enthielten sie kein Gift. Doch wenn der Kapitän heute an einem bestimmten Punkt über den Wasserstand des Flusses sprach, neigte er dazu, eine kleine Bemerkung darüber einzuflechten, dass er das Wasser an genau dieser Stelle seit neunundvierzig Jahren nicht mehr so hoch oder so niedrig gesehen habe; und hin und wieder erwähnte er eine Insel So-und-so und fügte in Klammern eine Bemerkung hinzu wie: „verschwand 1807, wenn ich mich recht erinnere.“ In diesen altertümlichen Einwürfen lagen Gift und Bitterkeit für die anderen alten Lotsen, und sie pflegten die „Mark Twain“-Absätze mit schonungslosem Spott zu verulken.
Es fügte sich, dass einer dieser Absätze--{Fußnote [Das Originalmanuskript davon, in der eigenen Handschrift des Kapitäns, wurde mir aus New Orleans zugesandt. Es lautet wie folgt--
VICKSBURG, 4. Mai 1859.
‚Meine Meinung zum Nutzen der Bürger von New Orleans: Das Wasser steht hier oben höher, als es seit 8 der Fall war. Meine Meinung ist, dass das Wasser vor dem ersten Juni nächsten Jahres fußhoch in der Canal Street stehen wird. Mrs. Turners Plantage am oberen Ende von Big Black Island steht ganz unter Wasser, und das war sie seit 1815 nicht mehr.
I. Sellers.‘]}
zur Textgrundlage für meinen ersten Zeitungsartikel wurde. Ich parodierte ihn ausgiebig, sehr ausgiebig, und dehnte meine Fantastereien auf achthundert oder tausend Wörter aus. Ich war damals ein „Lehrling“. Ich zeigte meine Arbeit einigen Lotsen, und sie brachten sie eifrig im „New Orleans True Delta“ in den Druck. Es war sehr bedauerlich; denn es erwies niemandem einen guten Dienst, und es versetzte dem Herzen eines guten Mannes einen tiefen Stich. In meinem Machwerk steckte keine Bosheit; aber es machte sich über den Kapitän lustig. Es machte sich über einen Mann lustig, für den so etwas neu, fremd und schrecklich war. Ich wusste damals noch nicht, obwohl ich es heute weiß, dass es kein Leid gibt, das mit dem vergleichbar ist, das eine Privatperson empfindet, wenn sie zum ersten Mal öffentlich an den Pranger gestellt wird.
Kapitän Sellers tat mir die Ehre an, mich von jenem Tag an zutiefst zu verabscheuen. Wenn ich sage, er tat mir die Ehre an, dann verwende ich keine leeren Worte. Es war eine sehr echte Ehre, in den Gedanken eines so großen Mannes wie Kapitän Sellers zu sein, und ich war schlagfertig genug, dies zu schätzen und stolz darauf zu sein. Es war eine Auszeichnung, von einem solchen Mann geliebt zu werden; aber es war eine noch viel größere Auszeichnung, von ihm gehasst zu werden, denn er liebte Dutzende von Menschen; aber er blieb nicht nachts wach, um irgendjemanden außer mir zu hassen.
Er veröffentlichte nie wieder einen Absatz, solange er lebte, und er unterschrieb nie wieder irgendetwas mit „Mark Twain“. Zu der Zeit, als der Telegraf die Nachricht von seinem Tod überbrachte, war ich an der Pazifikküste. Ich war ein frischer, neuer Journalist und brauchte ein Nom de guerre; also konfiszierte ich das ausrangierte des alten Seemanns und habe mein Bestes getan, damit es das bleibt, was es in seinen Händen war – ein Zeichen, ein Symbol und ein Bürge dafür, dass man darauf wetten kann, dass alles, was in seiner Begleitung gefunden wird, die versteinerte Wahrheit ist; wie gut mir das gelungen ist, zu sagen, wäre nicht bescheiden von mir.
Der Kapitän hatte einen ehrenvollen Stolz auf seinen Beruf und eine beständige Liebe dazu. Er bestellte sein Denkmal, bevor er starb, und behielt es bei sich, bis er schließlich starb. Es steht jetzt über seinem Grab auf dem Bellefontaine-Friedhof in St. Louis. Es ist sein Ebenbild aus Marmor, das am Ruder des Lotsen Dienst tut; und es verdient es, dazustehen und sich der Kritik zu stellen, denn es stellt einen Mann dar, der im Leben dort geblieben wäre, bis er zu Asche verbrannt wäre, wenn die Pflicht es verlangt hätte.
Das Schönste, was wir auf unserer gesamten Mississippi-Reise sahen, sahen wir, als wir uns in dem Dampfschlepper New Orleans näherten. Dies war die geschwungene Front der „Crescent City“, erleuchtet vom weißen Glanz von fünf Meilen elektrischen Lichts. Es war ein wunderbarer Anblick und sehr schön.
KAPITEL 51
Erinnerungen
WIR brachen in der „City of Baton Rouge“ bei einem herrlich heißen Tag nach St. Louis auf, jedoch mit dem Hauptzweck meines Besuchs nur lahm erfüllt. Ich hatte gehofft, hundert Dampfschiffer aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen, verstrickte mich aber so angenehm in das gesellschaftliche Leben der Stadt, dass ich nicht mehr als bloße Fünf-Minuten-Gespräche mit einem guten Dutzend dieser Zunft bekam.
Ich saß auf der Bank des Steuerhauses, als wir zurücksetzten und uns für den Start „gerade ausrichteten“ – das Boot hielt nach alter Art inne, um sich „gut bereit“ zu machen, und der schwarze Rauch quoll nach alter Art aus den Schornsteinen. Dann begannen wir an Fahrt zu gewinnen, und bald waren wir richtig unterwegs und dampften dahin. Alles war so natürlich und vertraut – und ebenso die Anblicke am Ufer –, als ob es keine Unterbrechung in meinem Flussleben gegeben hätte. Da war ein „Lehrling“, und ich schätzte, er würde nun das Ruder übernehmen; und das tat er. Kapitän Bixby betrat das Steuerhaus. Bald schloss der Lehrling zu der Reihe von Dampfschiffen auf. Er machte mich nervös, denn er ließ zu viel Wasser zwischen unserem Boot und den Schiffen sichtbar. Ich wusste ganz genau, was passieren würde, weil ich in meinem eigenen Leben zurückblättern und die Aufzeichnungen einsehen konnte. Der Kapitän schaute während einer stillen halben Minute zu, dann übernahm er selbst das Ruder und drängte das Boot heran, bis es in einer Handbreit Entfernung an den Schiffen entlangschrammte. Es war genau der Gefallen, den er mir etwa ein Vierteljahrhundert zuvor an derselben Stelle erwiesen hatte, als ich zum ersten Mal aus dem Hafen von New Orleans auslief. Es war mir eine sehr große und aufrichtige Freude, die Sache wiederholt zu sehen – mit jemand anderem als Opfer.
Wir erreichten Natchez (dreihundert Meilen entfernt) in zweiundzwanzigeinhalb Stunden – die bei weitem schnellste Fahrt, die ich jemals auf diesem Stück Wasser gemacht habe.
Am nächsten Morgen kam ich mit der Vier-Uhr-Wache und sah, wie Ritchie erfolgreich ein halbes Dutzend Übergänge im Nebel steuerte, wobei er zur Orientierung die markierte Karte benutzte, die Bixby und er selbst entworfen und patentiert hatten. Dies bewies hinreichend den großen Wert der Karte.
Nach einer Weile, als sich der Nebel zu lichten begann, bemerkte ich, dass die Spiegelung eines Baumes im glatten Wasser eines überfluteten Ufers, sechshundert Meter entfernt, stärker und schwärzer war als der geisterhafte Baum selbst. Die blassen, gespenstischen Bäume, die trübe durch den sich auflösenden Nebel zu sehen waren, waren ein sehr hübscher Anblick.
Wir hatten ein schweres Gewitter bei Natchez, ein weiteres bei Vicksburg und noch eines etwa fünfzig Meilen unterhalb von Memphis. Sie hatten eine altmodische Energie, die mir lange fremd gewesen war. Dieser dritte Sturm war von einem tobenden Wind begleitet. Wir legten am Ufer an, als wir das Unwetter kommen sahen, und alle verließen das Steuerhaus außer mir. Der Wind bog die jungen Bäume nieder und legte die blasse Unterseite der Blätter frei; und Böe um Böe folgte in rascher Folge, peitschte die Zweige heftig auf und ab, nach dieser und jener Seite, und erzeugte schnelle Wellen aus abwechselnd Grün und Weiß, je nachdem, welche Seite des Blattes entblößt wurde, und diese Wellen jagten einander nach wie ihre Artgenossen über einem windgepeitschten Haferfeld. Keine Farbe, die irgendwo sichtbar war, war ganz natürlich – alle Tönungen waren mit einem bleiernen Hauch von der massiven Wolkenwand über uns aufgeladen. Der Fluss war bleiern; alle Entfernungen gleich; und selbst die weit reichenden Reihen von schäumenden weißen Kämmen waren matt schattiert von der dunklen, satten Atmosphäre, durch die ihre wimmelnden Legionen marschierten. Die Donnerschläge waren anhaltend und ohrenbetäubend; eine Explosion folgte auf die andere mit nur unbedeutenden Pausen dazwischen, und die Knalle wurden stetig schärfer und höher im Ton und strapazierten das Ohr mehr; der Blitz war so fleißig wie der Donner und erzeugte Effekte, die das Auge bezauberten und elektrische Ekstasen aus gemischter Freude und Beklommenheit in ununterbrochener Folge durch jeden Nerv im Körper schaudern ließen. Der Regen ergoss sich in erstaunlichen Mengen; die ohrenbetäubenden Donnerschläge brachen immer näher herein; der Wind nahm an Wut zu und begann, Äste und Baumwipfel abzureißen und sie durch den Raum segeln zu lassen; das Steuerhaus begann zu schaukeln, zu knirschen, zu krachen und zu wogen, und ich ging hinunter in den Laderaum, um zu sehen, wie spät es war.
Leute prahlen viel mit alpinen Gewittern; aber die Stürme, die ich das Glück hatte, in den Alpen zu sehen, kamen nicht an einige heran, die ich im Mississippi-Tal gesehen habe. Vielleicht habe ich die Alpen nicht bei ihrer besten Leistung gesehen, natürlich, und wenn sie den Mississippi übertreffen können, möchte ich das nicht.
Auf dieser Fahrt stromaufwärts sah ich einen kleinen „Towhead“ (eine winzige Insel), eine halbe Meile lang, die sich während der letzten neunzehn Jahre gebildet hatte. Da so viel Zeit übrig war, dass neunzehn Jahre davon für den Bau eines bloßen „Towhead“ aufgewendet werden konnten, wo war dann ursprünglich der Nutzen, diesen ganzen Globus in sechs Tagen durchzupeitschen? Es ist wahrscheinlich, dass, wenn man sich von Anfang an mehr Zeit genommen hätte, die Welt richtig gemacht worden wäre und dieses endlose Verbessern und Reparieren jetzt nicht notwendig wäre. Aber wenn man eine Welt oder ein Haus überstürzt, wird man mit ziemlicher Sicherheit nach einer Weile feststellen, dass man hier und da einen „Towhead“ oder eine Besenkammer oder eine andere kleine Annehmlichkeit ausgelassen hat, die nun nachgeliefert werden muss, egal wie viel Kosten und Ärger das verursachen mag.
Wir hatten eine Reihe von schwarzen Nächten auf dem Weg den Fluss hinauf, und es war bemerkenswert, dass, wann immer wir anlegten und die Bäume plötzlich mit dem intensiven Sonnenstrahl des elektrischen Lichts überfluteten, immer ein gewisser merkwürdiger Effekt erzielt wurde: Hunderte von Vögeln schwärmten sofort aus den Massen des leuchtend grünen Laubs und flogen kreuz und quer durch die weißen Strahlen, und oft stimmte ein Singvogel an und fing an zu singen. Wir vermuteten, dass sie diesen großartigen künstlichen Tag für das Original hielten. Wir hatten eine herrliche Reise auf diesem rundum gut geführten Dampfer und bedauerten, dass sie so schnell vorüber war. Durch Fleiß und Aktivität gelang es uns, fast alle alten Freunde aufzuspüren. Einer fehlte jedoch; er ging vor zwei Jahren zu seinem Lohn, was auch immer es war. Aber ich fand alles über ihn heraus. Sein Fall half mir zu erkennen, wie dauerhaft die Wirkung eines sehr unbedeutenden Ereignisses sein kann. Als er in unserem Dorf ein Lehrling bei einem Schmied war und ich ein Schuljunge, kamen ein paar junge Engländer in die Stadt und verweilten eine Zeit lang; und eines Tages putzten sie sich in billigem königlichem Flitter heraus und führten den Schwertkampf aus Richard III. mit wahnsinniger Energie und gewaltigem Getöse vor den Augen der Dorfjungen auf. Dieser Schmiedelehrling war da, und das theatralische Gift drang in seine Knochen ein. Dieser riesige, schwerfällige, unwissende, stumpfsinnige Tölpel war bühnenbegeistert, und zwar unheilbar. Er verschwand und tauchte bald in St. Louis auf. Ich lief ihm dort nach einer Weile über den Weg. Er stand grübelnd an einer Straßenecke, die linke Hand auf der Hüfte, der Daumen der rechten stützte sein Kinn, das Gesicht gebeugt und finster, der Schlapphut tief in die Stirn gezogen – er stellte sich vor, Othello oder eine solche Figur zu sein, und bildete sich ein, die vorbeiziehende Menge bemerke sein tragisches Gebaren und sei ehrfürchtig.
Ich schloss mich ihm an und versuchte, ihn aus den Wolken herunterzuholen, was mir aber nicht gelang. Er teilte mir jedoch beiläufig mit, dass er Mitglied der Walnut Street Theaterkompanie sei – und er versuchte, es mit Gleichgültigkeit zu sagen, aber die Gleichgültigkeit war dünn, und ein gewaltiger Triumph schimmerte durch sie hindurch. Er sagte, er sei für eine Rolle in Julius Caesar für jenen Abend besetzt, und wenn ich käme, würde ich ihn sehen. Wenn ich käme! Ich sagte, ich würde es nicht verpassen, selbst wenn ich tot wäre.
Ich ging wie betäubt vor Staunen weg und sagte zu mir selbst: „Wie seltsam das ist! Wir hielten diesen Kerl immer für einen Narren; doch in dem Moment, in dem er in eine große Stadt kommt, wo Intelligenz und Wertschätzung gedeihen, wird das Talent, das in dieser schäbigen Serviette verborgen war, sofort entdeckt und prompt begrüßt und geehrt.“
Aber ich kam an jenem Abend enttäuscht und beleidigt aus dem Theater; denn ich hatte keinen Blick auf meinen Helden erhascht, und sein Name stand nicht auf den Plakaten. Ich traf ihn am nächsten Morgen auf der Straße, und bevor ich sprechen konnte, fragte er--
„Hast du mich gesehen?“
„Nein, du warst nicht da.“
Er sah überrascht und enttäuscht aus. Er sagte--
„Doch, ich war da. Wirklich, ich war da. Ich war ein römischer Soldat.“
„Welcher?“
„Warum hast du denn die römischen Soldaten nicht gesehen, die da hinten in einer Reihe standen und manchmal in einer Prozession über die Bühne marschierten?“
„Meinst du die römische Armee? – diese sechs sandalenbeschuhten Herumtreiber in Nachthemden mit Blechschildern und Helmen, die auf den Fersen des jeweils anderen marschierten, unter der Leitung eines spinnenbeinigen Schwindsüchtigen, der genau wie sie angezogen war?“
„Genau die! Genau die! Ich war einer von diesen römischen Soldaten. Ich war der Vorletzte. Vor einem halben Jahr war ich immer der Letzte; aber ich bin befördert worden.“
Nun, sie erzählten mir, dass dieser arme Kerl bis zum Ende ein römischer Soldat blieb – eine Sache von vierunddreißig Jahren. Manchmal besetzten sie ihn für eine „Sprechrolle“, aber keine aufwendige. Man konnte ihm zutrauen, hinzugehen und zu sagen: „Mein Herr, die Kutsche wartet“, aber wenn sie wagten, diesen Satz um ein oder zwei Sätze zu erweitern, spürte sein Gedächtnis die Belastung und er drohte zu versagen. Dennoch, der arme Teufel, hatte er mehr als dreißig Jahre lang geduldig die Rolle des Hamlet studiert, und er lebte und starb in dem Glauben, dass er eines Tages eingeladen würde, sie zu spielen!
Und das ist es, was aus diesem flüchtigen Besuch dieser jungen Engländer in unserem Dorf vor so unendlich langer Zeit geworden ist! Was für edle Hufeisen hätte dieser Mann machen können, wenn diese Engländer nicht gewesen wären; und was für ein unzureichender römischer Soldat er doch abgab!
Ein oder zwei Tage nachdem wir St. Louis erreicht hatten, ging ich die Fourth Street entlang, als ein grauköpfiger Mann beim Vorbeigehen leicht zusammenzuckte, dann stehen blieb, zurückkam, mich mit finsterer Miene scharf musterte und schließlich mit tiefer Schärfe sagte--
„Hör mal, hast du diesen Drink schon bekommen?“
Ein Wahnsinniger, dachte ich zuerst. Aber wie ein Blitz erkannte ich ihn. Ich unternahm einen Versuch zu erröten, der jeden Muskel in mir anspannte, und antwortete so süß und gewinnend, wie ich nur konnte--
„Ich war ein wenig langsam, aber ich bin genau in dieser Minute dabei, den Ort zu erreichen, an dem sie ihn aufbewahren. Komm mit und hilf mir.“
Er wurde weicher und sagte, wenn es eine Flasche Champagner sei, dann sei er einverstanden. Er sagte, er habe meinen Namen in den Zeitungen gesehen, habe alle seine Angelegenheiten beiseitegelegt und sei ausgezogen, entschlossen, mich zu finden oder zu sterben; und mich diese Frage zufriedenstellend beantworten zu lassen oder mich zu töten; obwohl das meiste von seiner jüngsten Schärfe eher gekünstelt als sonst etwas gewesen war.
Dieses Treffen brachte die St.-Louis-Unruhen von vor etwa dreißig Jahren zurück in mein Gedächtnis. Ich verbrachte damals eine Woche dort in einer Pension und hatte diesen jungen Kerl als Nachbarn gegenüber im Flur. Wir sahen einige der Kämpfe und Tötungen; und schließlich gingen wir eines Abends zu einem Zeughaus, wo sich auf Aufruf zweihundert junge Männer versammelt hatten, um bewaffnet unter dem Kommando eines Militärs gegen die Randalierer vorzugehen. Wir übten bis etwa zehn Uhr abends; dann kam die Nachricht, dass der Mob in großer Stärke am unteren Ende der Stadt sei und alles vor sich herfegte. Unsere Kolonne rückte sofort aus. Es war eine sehr heiße Nacht, und mein Musketen war sehr schwer. Wir marschierten und marschierten; und je näher wir dem Kriegsschauplatz kamen, desto heißer wurde mir und desto durstiger wurde ich. Ich war hinter meinem Freund; also bat ich ihn schließlich, mein Musketen zu halten, während ich mich ausklinkte und etwas trinken ging. Dann zweigte ich ab und ging nach Hause. Ich machte mir natürlich keine Sorgen um ihn, weil ich wusste, dass er jetzt so gut bewaffnet war, dass er ohne Schwierigkeiten auf sich selbst aufpassen konnte. Wenn ich irgendwelche Zweifel daran gehabt hätte, hätte ich mir ein anderes Musketen für ihn geliehen. Ich verließ die Stadt ziemlich früh am nächsten Morgen, und wenn dieser graue Mann nicht zufällig neulich in St. Louis in den Zeitungen auf meinen Namen gestoßen wäre und sich dazu bewegt gefühlt hätte, mich aufzusuchen, hätte ich eine herzzerreißende Ungewissheit mit ins Grab genommen, ob er jemals heil aus den Unruhen herausgekommen war oder nicht. Ich hätte vor dreißig Jahren nachfragen sollen; das weiß ich. Und ich hätte nachgefragt, wenn ich die Musketen gehabt hätte; aber unter den Umständen schien er besser gerüstet, die Ermittlungen zu führen, als ich.
An einem Montag, nahe der Zeit unseres Besuchs in St. Louis, erschien der „Globe-Democrat“ mit ein paar Seiten Sonntagsstatistik, aus denen hervorging, dass 119.448 Menschen in St. Louis am Tag zuvor die Morgen- und Abendgottesdienste besuchten und 23.102 Kinder die Sonntagsschule. Somit respektierten 142.550 Personen von der Gesamtbevölkerung der Stadt von 400.000 den Tag religiös. Ich fand diese Statistiken in zusammengefasster Form in einem Telegramm der Associated Press und bewahrte sie auf. Sie machten deutlich, dass St. Louis in einem höheren Stand der Gnade war, als es zu meiner Zeit hätte beanspruchen können. Aber jetzt, da ich die Zahlen genau prüfe, vermute ich, dass der Telegraf sie verstümmelt hat. Es kann nicht sein, dass es mehr als 150.000 Katholiken in der Stadt gibt; die anderen 250.000 müssen als Protestanten klassifiziert werden. Von diesen 250.000 besuchten laut diesem fragwürdigen Telegramm nur 26.362 die Kirche und die Sonntagsschule, während von den 150.000 Katholiken 116.188 in die Kirche und Sonntagsschule gingen.
KAPITEL 52
Ein brennendes Brandzeichen
Auf einmal kam mir der Gedanke: „Ich habe Mr. Brown nicht aufgesucht.“
Bei diesem Text möchte ich von der direkten Linie meines Themas abweichen und einen kleinen Ausflug machen. Ich möchte ein Geheimnis enthüllen, das ich neun Jahre mit mir herumgetragen habe und das mir zur Last geworden ist.
Bei einer gewissen Gelegenheit, vor neun Jahren, hatte ich mit starkem Gefühl gesagt: „Wenn ich St. Louis jemals wiedersehe, werde ich Mr. Brown, den großen Getreidehändler, aufsuchen und ihn um die Ehre bitten, ihm die Hand schütteln zu dürfen.“
Der Anlass und die Umstände waren wie folgt. Ein Freund von mir, ein Geistlicher, kam eines Abends und sagte--
„Ich habe hier einen höchst bemerkenswerten Brief, den ich Ihnen vorlesen möchte, wenn ich es vermag, ohne dabei zusammenzubrechen. Ich muss ihm jedoch einige Erklärungen vorausschicken. Der Brief stammt von einem ehemaligen Dieb und Landstreicher unterster Herkunft und übelster Erziehung, einem Mann, der von Verbrechen gezeichnet und in Unwissenheit versunken war; aber, Gott sei Dank, mit einer Ader reinen Goldes in sich verborgen, wie Sie sehen werden. Sein Brief ist an einen Einbrecher namens Williams gerichtet, der eine neunjährige Haftstrafe in einem bestimmten Staatsgefängnis wegen Einbruchs verbüßt. Williams war ein besonders dreister Einbrecher und übte dieses Handwerk etliche Jahre lang aus; doch schließlich wurde er gefasst und eingesperrt, um auf seinen Prozess in einer Stadt zu warten, in der er nachts in ein Haus eingebrochen war, die Pistole in der Hand, und den Besitzer gezwungen hatte, ihm 8.000 Dollar in Staatsanleihen auszuhändigen. Williams war keineswegs ein gewöhnlicher Mensch; er war Absolvent der Harvard University und stammte aus gutem New-Englander Hause. Sein Vater war Geistlicher. Während er im Gefängnis lag, begann seine Gesundheit zu schwinden, und er war von Schwindsucht bedroht. Diese Tatsache, zusammen mit der Gelegenheit zur Reflexion, die ihm die Einzelhaft bot, zeigte ihre Wirkung – ihre natürliche Wirkung. Er geriet in ernstes Nachdenken; seine frühe Erziehung machte sich machtvoll geltend und wirkte mit starkem Einfluss auf seinen Geist und sein Herz. Er ließ sein altes Leben hinter sich und wurde ein aufrichtiger Christ. Einige Damen in der Stadt hörten davon, besuchten ihn und unterstützten ihn mit ihren ermutigenden Worten in seinen guten Vorsätzen und stärkten ihn, in seinem neuen Leben fortzufahren. Der Prozess endete mit seiner Verurteilung zu einer neunjährigen Haftstrafe im Staatsgefängnis, wie ich bereits erwähnt habe. Im Gefängnis lernte er den armen Wicht kennen, von dem ich zu Beginn meines Vortrags sprach, Jack Hunt, den Verfasser des Briefes, den ich gleich vorlesen werde. Sie werden sehen, dass die Bekanntschaft für Hunt Früchte trug. Als Hunts Zeit abgelaufen war, wanderte er nach St. Louis; und von dort aus schrieb er seinen Brief an Williams. Der Brief kam natürlich nicht weiter als bis in das Büro des Gefängnisdirektors; Gefangenen ist es selten erlaubt, Briefe von außen zu empfangen. Die Gefängnisbehörden lasen diesen Brief, vernichteten ihn aber nicht. Sie brachten es nicht übers Herz. Sie lasen ihn mehreren Personen vor, und schließlich gelangte er in die Hände jener Damen, von denen ich vorhin sprach. Neulich stieß ich auf einen alten Freund von mir – einen Geistlichen –, der diesen Brief gesehen hatte und ganz davon erfüllt war. Schon die bloße Erinnerung daran bewegte ihn so sehr, dass er nicht davon sprechen konnte, ohne dass seine Stimme versagte. Er versprach, mir eine Abschrift zu besorgen; und hier ist sie – eine genaue Abschrift, bei der alle Unvollkommenheiten des Originals beibehalten wurden. Er enthält viele Slangausdrücke – die Sprache der Diebe –, aber deren Bedeutung wurde von den Gefängnisbehörden in Klammern zwischen die Zeilen gesetzt.“
St. Louis, 9. Juni 1872.
Herr W---- Freund Charlie, wenn ich dich so nennen darf: ich weiß, du bist überrascht, einen Brief von mir zu bekommen, aber ich hoffe, du bist nicht böse, dass ich dir schreibe. Ich möchte dir meinen Dank aussprechen für die Art, wie du mit mir gesprochen hast, als ich im Gefängnis war – es hat mich dazu gebracht, zu versuchen, ein besserer Mensch zu werden; ich schätze, du dachtest, mir wäre egal, was du gesagt hast, und anfangs war es das auch, aber ich wusste, du warst ein Mann, der große Dinger mit guten Männern gedreht hat und kein Dummkopf war, und auch kein Aufschneider, und alle Jungs wussten das.
Ich pflegte nachts darüber nachzudenken, was du sagtest, und deshalb habe ich das Fluchen Monate vor Ablauf meiner Zeit aufgegeben, denn ich sah ein, dass es zu nichts führt, überhaupt nicht – an dem Tag, als meine Zeit um war, sagtest du mir, wenn ich das Kreuz abschütteln (mit dem Stehlen aufhören) und einige Monate lang aufrichtig leben würde, wäre das die beste Arbeit, die ich je in meinem Leben getan hätte. Der staatliche Agent gab mir eine Fahrkarte hierher, und im Zug dachte ich mehr über das nach, was du mir gesagt hast, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Als wir in Chicago ankamen und in die Züge von dort hierher stiegen, habe ich einer alten Frau die Brieftasche gezogen;
(Sie um ihre Brieftasche beraubt) ich hatte sie kaum gezogen, da wünschte ich, ich hätte es nicht getan, denn eine Weile zuvor hatte ich mir vorgenommen, monatelang ein aufrichtiger Kerl zu sein, auf dein Wort hin, aber ich vergaß es, als ich sah, dass die Brieftasche ein leichter Fang (leicht zu bekommen) war – aber ich blieb in ihrer Nähe, und als sie an einem abgelegenen Ort aus dem Zug stieg, sagte ich: „Gnädige Frau, haben Sie etwas verloren?“ Und sie bemerkte (entdeckte), dass ihre Brieftasche weg (fort) war – „Ist es die hier?“, sagte ich und gab sie ihr – „Nun, wenn Sie nicht ehrlich sind“, sagte sie, aber ich hatte nicht die Unverschämtheit, diese Art von Gerede zu ertragen, also verließ ich sie in Eile. Als ich hier ankam, hatte ich noch 1 Dollar und 25 Cent übrig und fand 3 Tage lang keine Arbeit, da ich nicht stark genug für die schwere Arbeit auf einem Dampfschiff bin (_als Deckarbeiter_) – Den Nachmittag des dritten Tages gab ich meine letzten 10 Cent für Moons (große, runde Schiffszwiebacke) und Käse aus und fühlte mich ziemlich mies und dachte, ich müsste wieder zum Dipe (Taschendiebstahl) übergehen, als ich an das dachte, was du einmal über einen Kerl gesagt hast, der den Herrn anruft, wenn er im Pech ist, und ich dachte, ich würde es wenigstens einmal versuchen, aber als ich es versuchte, blieb ich am Anfang hängen, und alles, was ich herausbrachte, war: „Herr, gib einem armen Kerl eine Chance, es für 3 Monate wiedergutzumachen, um Christi Willen, Amen“; und ich dachte immer wieder darüber nach, während ich weiterging – etwa eine Stunde später war ich in der 4th Street und das ist passiert und ist der Grund dafür, dass ich jetzt da bin, wo ich bin, und worüber ich dir erzählen werde, bevor ich mit dem Schreiben fertig bin. Als ich so ging, hörte ich einen großen Lärm und sah ein Pferd, das mit einer Kutsche durchging, in der 2 Kinder saßen, und ich griff ein Stück Kistenverpackung vom Gehweg auf und rannte in die Mitte der Straße, und als das Pferd herankam, schlug ich ihm so hart ich konnte über den Kopf – das Brett zersplitterte in Stücke und das Pferd zügelte sich ein wenig, und ich griff die Zügel und zog seinen Kopf herunter, bis es stehen blieb – der Herr, dem es gehörte, kam angerannt und sobald er sah, dass die Kinder wohlauf waren, schüttelte er mir die Hand und gab mir einen 50-Dollar-Geldschein, und mein Bitten an den Herrn, mir zu helfen, kam mir in den Kopf, und ich war so verdutzt, dass ich die Zügel nicht fallen lassen noch etwas sagen konnte – er sah, dass etwas los war, und
kam zu mir zurück und sagte: „Mein Junge, bist du verletzt?“ Und in diesem Moment kam mir der Gedanke, ihn um Arbeit zu bitten; und ich bat ihn, den Schein zurückzunehmen und mir eine Stelle zu geben – er sagte: „Spring rein und lass uns darüber reden, aber behalte das Geld“ – er fragte mich, ob ich mich um Pferde kümmern könne, und ich sagte ja, denn ich hing früher oft in Pferdeställen herum und half oft beim Putzen und Fahren, er sagte mir, er wolle einen Mann für diese Arbeit und würde mir 16 Dollar im Monat geben und mich verpflegen. Du kannst wetten, dass ich diese Chance sofort ergriffen habe. In dieser Nacht in meinem kleinen Zimmer über dem Stall saß ich lange Zeit da und dachte über mein vergangenes Leben nach und über das, was gerade passiert war, und ich kniete einfach nieder und dankte dem Herrn für die Stelle und dass er mir half, es wiedergutzumachen, und dass er dich segnete, weil du mich darauf gebracht hast, und am nächsten Morgen tat ich es wieder und besorgte mir neue Togs (Kleidung) und eine Bibel, denn ich hatte mir vorgenommen, nachdem was der Herr für mich getan hatte, würde ich jeden Abend und Morgen die Bibel lesen und ihn bitten, ein Auge auf mich zu haben. Als ich etwa eine Woche dort war, kam Mr. Brown (so heißt er) eines Abends in mein Zimmer und sah mich die Bibel lesen – er fragte mich, ob ich Christ sei, und ich sagte nein – er fragte mich, wie es käme, dass ich die Bibel anstatt Zeitungen und Bücher lese – Nun, Charlie, ich dachte, ich gebe ihm von Anfang an reinen Wein ein, also erzählte ich ihm alles darüber, dass ich im Gefängnis war und über dich, und wie ich fast aufgegeben hätte, nach Arbeit zu suchen, und wie der Herr mir die Stelle verschaffte, als ich ihn darum bat; und die einzige Art, wie ich es ihm zurückzahlen konnte, war, die Bibel zu lesen und es wiedergutzumachen, und ich bat ihn, mir eine Chance für 3 Monate zu geben – er redete lange wie ein Vater mit mir und sagte mir, ich könne bleiben, und dann fühlte ich mich besser als je zuvor in meinem Leben, denn ich hatte Mr. Brown reinen Wein eingeschenkt und nun fürchtete ich nicht mehr, dass mir jemand einen Strich durch die Rechnung machen (mein vergangenes Leben enthüllen) und mich vom Job jagen würde – am nächsten Morgen rief er mich in die Bibliothek und gab mir noch ein ernstes Gespräch und riet mir, jeden Tag etwas zu lernen, und er würde mir jeden Abend eine oder zwei Stunden helfen, und er gab mir ein Rechenbuch, ein Buchstabierbuch, ein Geografiebuch und ein Schreibheft, und er fragt mich jeden Abend ab – er lässt mich jeden Morgen zum Gebet ins Haus kommen und hat mich in eine Bibelklasse in der Sonntagsschule aufgenommen, was mir sehr gefällt, denn es hilft mir, meine Bibel besser zu verstehen.
Nun, Charlie, die 3 Monate der Aufrichtigkeit sind seit 2 Monaten vorbei, und wie du sagtest, es ist die beste Arbeit, die ich je in meinem Leben gemacht habe, und ich habe sofort eine weitere derselben Art begonnen, nur dass sie mit Gottes Hilfe ein Leben lang dauern soll, Charlie – ich habe diesen Brief geschrieben, um dir zu sagen, dass ich glaube, Gott hat mir meine Sünden vergeben und deine Gebete erhört, denn du sagtest mir, du würdest für mich beten – ich weiß, ich liebe es, sein Wort zu lesen und ihm all meine Sorgen zu erzählen, und er hilft mir, das weiß ich, denn ich habe viele Gelegenheiten zu stehlen, aber ich fühle mich nicht mehr dazu hingezogen wie früher, und jetzt habe ich mehr Vergnügen daran, in die Kirche zu gehen als ins Theater, und das war früher nicht so – unser Pfarrer und andere sprechen oft mit mir, und vor einem Monat wollten sie, dass ich der Kirche beitrete, aber ich sagte nein, nicht jetzt, ich könnte mich in meinen Gefühlen täuschen, ich werde noch eine Weile warten, aber jetzt fühle ich, dass Gott mich gerufen hat, und am ersten Sonntag im Juli werde ich der Kirche beitreten – lieber Freund, ich wünschte, ich könnte dir schreiben, wie ich mich fühle, aber das kann ich noch nicht – du weißt, ich habe im Gefängnis lesen und schreiben gelernt, und ich bin noch nicht so weit, dass ich schreiben könnte, wie ich sprechen würde; ich weiß, ich habe nicht alle Wörter richtig geschrieben in diesem Brief und viele andere Fehler gemacht, aber du wirst es entschuldigen, das weiß ich, denn du weißt, ich bin in einem Armenhaus aufgewachsen, bis ich weggelaufen bin, und dass ich nie wusste, wer mein Vater und meine Mutter waren, und ich kenne meinen richtigen Namen nicht, und ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich habe das gleiche Recht auf einen Namen wie auf einen anderen, und ich habe deinen Namen angenommen, denn du wirst ihn nicht mehr benutzen, wenn du rauskommst, das weiß ich, und du bist der Mann, den ich auf der Welt am meisten schätze; also hoffe ich, du bist nicht böse – mir geht es gut, ich lege 10 Dollar im Monat auf die Bank von den 25 der 50 Dollar – wenn du jemals etwas oder alles davon willst, lass es mich wissen, und es gehört dir. Ich wünschte, du würdest mich etwas schicken lassen. Ich schicke dir hiermit eine Quittung für ein Jahr von Littles Living Age, ich wusste nicht, was dir gefallen würde, und ich sagte es Mr. Brown, und er sagte, er glaube, es würde dir gefallen – ich wünschte, ich wäre in deiner Nähe, damit ich dir an Feiertagen Chuck (Erfrischungen) schicken könnte; bei diesem Wetter würde es von hier aus verderben, aber ich werde dir auf jeden Fall zu Thanksgiving eine Kiste schicken – nächste Woche nimmt mich Mr. Brown als leichten Träger in seinen Laden und wird mich befördern, sobald ich etwas mehr weiß – er führt einen großen Getreideladen, Großhandel – ich habe vergessen, dir von meiner Missionsschule, der Sonntagsschulklasse, zu erzählen – die Schule ist am Sonntagnachmittag, ich ging zwei Sonntagnachmittage raus und sammelte sieben Kinder (kleine Jungen) auf und brachte sie dazu, reinzukommen. Zwei von ihnen wussten so viel wie ich und ich ließ sie in eine Klasse stecken, wo sie etwas lernen konnten. Ich weiß selbst nicht viel, aber da diese Kinder nicht lesen können, komme ich gut mit ihnen zurecht. Ich stelle sicher, dass sie kommen, indem ich sie jeden Sonntag eine Stunde vor Schulbeginn abhole, ich habe auch 4 Mädchen dazu gebracht zu kommen. Erzähl Mack und Harry von mir, wenn sie hierherkommen wollen, wenn ihre Zeit um ist, werde ich ihnen sofort Jobs besorgen. Ich hoffe, du entschuldigst diesen langen Brief und alle Fehler, ich wünschte, ich könnte dich sehen, denn ich kann nicht schreiben, wie ich sprechen würde – ich hoffe, das warme Wetter tut deinen Lungen gut – ich hatte Angst, als du blutetest, du würdest sterben – richte allen Jungs meine Grüße aus und erzähl ihnen, wie es mir geht – mir geht es gut und jeder hier behandelt mich so freundlich wie möglich – Mr. Brown wird dir irgendwann schreiben – ich hoffe, eines Tages schreibst du mir, dieser Brief ist von deinem sehr wahren Freund
C---- W----
den du als Jack Hunt kennst.
Ich schicke dir Mr. Browns Karte. Schicke meinen Brief an ihn.
Hier war wahre Beredsamkeit; unwiderstehliche Beredsamkeit; und das ohne jede Anmut oder Zierde, die sie hätte unterstützen können. Ich bin selten von einem Schriftstück so tief bewegt worden. Der Vorleser hielt während des gesamten Textes mit brüchiger und stockender Stimme inne; dabei hatte er versucht, seine Gefühle durch mehrmaliges privates Lesen des Briefes zu stärken, bevor er sich wagte, damit vor eine Gesellschaft zu treten. Er übte an mir, um zu sehen, ob es irgendeine Hoffnung gäbe, dass er in der Lage sein würde, das Dokument in seiner Gebetsstunde mit einigermaßen anständiger Kontrolle über seine Gefühle vorzulesen. Das Ergebnis war wenig vielversprechend. Dennoch beschloss er, es zu riskieren; und er tat es. Er brachte es einigermaßen gut hinter sich; aber sein Publikum brach früh zusammen und blieb bis zum Ende in diesem Zustand.
Der Ruhm des Briefes verbreitete sich in der ganzen Stadt. Ein befreundeter Geistlicher kam und lieh sich das Manuskript, baute es vollständig in eine Predigt ein, hielt die Predigt an einem Sonntagmorgen vor zwölfhundert Menschen, und der Brief ertränkte sie in ihren eigenen Tränen. Dann nahm mein Freund es in eine Predigt auf und trat damit vor seine Sonntagmorgengemeinde. Es erzielte einen weiteren Triumph. Das Haus weinte wie ein einziger Mensch.
Mein Freund ging in den Sommerurlaub in die Fischereigebiete unserer nördlichen britischen Nachbarn und nahm diese Predigt mit, da er möglicherweise eine Predigt brauchen könnte. Er wurde eines Tages gebeten zu predigen. Die kleine Kirche war voll. Unter den anwesenden Personen waren der verstorbene Dr. J. G. Holland, der verstorbene Mr. Seymour von der „New York Times“, Mr. Page, der Philanthrop und Mäßigkeitsanwalt, und, ich glaube, Senator Frye aus Maine. Der wunderbare Brief tat sein gewohntes Werk; alle Menschen waren bewegt, alle Menschen weinten; die Tränen flossen in einem stetigen Strom die Wangen von Dr. Holland hinunter, und fast dasselbe kann man von allen sagen, die dort waren. Mr. Page war so voller Begeisterung über den Brief, dass er sagte, er werde nicht ruhen, bis er eine Pilgerreise zu jenem Gefängnis gemacht und mit dem Mann gesprochen habe, der in der Lage gewesen sei, einen Mitunglücklichen dazu zu bewegen, eine so unbezahlbare Schrift zu verfassen.
Ach, dieser unglückliche Page! – und ein anderer Mann. Wenn sie nur in Jericho gewesen wären, wäre dieser Brief durch die Welt gegangen und hätte tausend Jahre lang alle Herzen aller Nationen bewegt, und niemand hätte vielleicht je herausgefunden, dass es das verfluchteste, dreisteste, genialste Stück Betrug und Schwindelei war, das jemals ausgeheckt wurde, um arme, vertrauensselige Sterbliche zum Narren zu halten!
Der Brief war ein reiner Schwindel, und das ist die Wahrheit. Und alles in allem hatte er unter den Schwindeleien seinesgleichen nicht. Er war perfekt, er war abgerundet, symmetrisch, vollständig, kolossal!
Der Leser erfährt es an dieser Stelle; aber wir erfuhren es erst einige Meilen und Wochen nach diesem Stadium der Angelegenheit. Mein Freund kam aus den Wäldern zurück, und er und andere Geistliche und Laienmissionare begannen wieder einmal, ihr Publikum mit ihren Tränen und den Tränen besagten Publikums zu überschwemmen; ich bettelte hart um die Erlaubnis, den Brief in einer Zeitschrift abzudrucken und die wässrige Geschichte seiner Triumphe zu erzählen; zahlreiche Leute bekamen Kopien des Briefes, mit der Erlaubnis, sie schriftlich, aber nicht im Druck zu verbreiten; Kopien wurden auf die Sandwichinseln und in andere ferne Regionen geschickt.
Charles Dudley Warner war eines Tages in der Kirche, als der abgenutzte Brief vorgelesen wurde und man darüber weinte. An der Kirchentür ließ er später dem Geistlichen mit der Frage einen besonders kalten Eisberg über den Rücken laufen –
„Wissen Sie, dass dieser Brief echt ist?“
Es war der erste Verdacht, der jemals laut ausgesprochen worden war; aber er hatte jene krankmachende Wirkung, die erste geäußerte Verdächtigungen gegen das eigene Idol immer haben. Es folgte ein Gespräch –
„Warum – was sollte Sie vermuten lassen, dass er nicht echt ist?“
„Nichts, was ich wüsste, außer dass er für eine ungebildete Person, eine ungeübte Hand, zu ordentlich, kompakt, flüssig und schön zusammengesetzt ist. Ich denke, er wurde von einem gebildeten Mann verfasst.“
Der literarische Künstler hatte die literarische Maschinerie erkannt. Wenn Sie sich den Brief jetzt ansehen, werden Sie es selbst erkennen – es ist in jeder Zeile bemerkbar.
Sofort ging der Geistliche, mit diesem in ihm keimenden Verdacht, davon und schrieb an einen Geistlichen, der in der Stadt wohnte, in der Williams eingesperrt und bekehrt worden war; bat um Aufklärung; und fragte auch, ob eine Person aus dem literarischen Bereich (meine Wenigkeit) den Brief drucken und seine Geschichte erzählen dürfe. Er erhielt bald diese Antwort –
Pfarrer --------
Mein lieber Freund, – Was diesen „Brief des Sträflings“ betrifft, so kann es keinen Zweifel an seiner Echtheit geben. „Williams“, an den er geschrieben wurde, lag bei uns im Gefängnis und gab vor, bekehrt worden zu sein, und Pfarrer Herr ----, der Gefängniskaplan, hatte großes Vertrauen in die Echtheit der Veränderung – so viel man in einem solchen Fall eben haben kann.
Der Brief wurde an eine unserer Damen geschickt, die Sonntagsschullehrerin ist – entweder von Williams selbst geschickt oder vom Kaplan des Staatsgefängnisses, wahrscheinlich. Sie war sehr verärgert über die große Öffentlichkeit, aus Sorge, es könnte als Vertrauensbruch erscheinen oder Williams schaden. Was die Veröffentlichung betrifft, so kann ich keine Erlaubnis erteilen; obwohl ich denke, wenn die Namen und Orte weggelassen würden und er vor allem ins Ausland geschickt würde, könnten Sie die Verantwortung übernehmen und es tun.
Es ist ein wunderbarer Brief, den kein christliches Genie, geschweige denn ein unsanktioniertes, jemals hätte schreiben können. Als Beweis für das Wirken der Gnade in einem menschlichen Herzen, und zwar in einem sehr verdorbenen und bösen, beweist er seinen eigenen Ursprung und straft unseren schwachen Glauben an seine Kraft, mit jeder Form von Bosheit fertig zu werden, Lügen.
„Mr. Brown“ aus St. Louis, sagte jemand, sei ein Mann aus Hartford. Dienen alle, die Sie aus Hartford aussenden, ihrem Herrn genauso gut?
P.S. – Williams ist immer noch im Staatsgefängnis und verbüßt eine lange Strafe – von neun Jahren, glaube ich. Er war krank und von Schwindsucht bedroht, aber ich habe mich in letzter Zeit nicht nach ihm erkundigt. Diese Dame, von der ich spreche, korrespondiert mit ihm, nehme ich an, und wird sich ganz sicher um ihn kümmern.
Dieser Brief traf ein paar Tage nach seiner Niederschrift ein – und der Kurs von Mr. Williams stieg wieder. Mr. Warners niederträchtiger Verdacht wurde in das kalte, kalte Grab gelegt, wohin er allem Anschein nach auch gehörte. Es war ohnehin ein Verdacht, der nur auf bloßen internen Indizien beruhte; und wenn man zu internen Indizien kommt, ist das ein weites Feld und ein Spiel, das zwei spielen können: wie dieses andere interne Indiz beweist, das vom Verfasser der oben zitierten Notiz entdeckt wurde, dass es sich um einen „wundervollen Brief handelt – den kein christliches Genie, geschweige denn ein nicht geheiligtes, jemals hätte schreiben können.“
Ich hatte nun die Erlaubnis zu drucken – vorausgesetzt, ich unterdrückte Namen und Orte und schickte mein Narrativ außer Landes. Also wählte ich eine australische Zeitschrift als Vehikel, da sie weit genug außer Landes war, und machte mich an die Arbeit für meinen Artikel. Und die Geistlichen setzten die Pumpen wieder in Gang, wobei der Brief als Hebel diente.
In der Zwischenzeit hatte Bruder Page jedoch agiert. Er hatte das Gefängnis nicht besucht, aber er hatte eine Kopie des illustren Briefes an den Gefängniskaplan geschickt und sie – offensichtlich – mit Nachforschungen begleitet. Er erhielt eine Antwort, die vier Tage später datiert war als das beruhigende Schreiben des anderen Bruders; und noch bevor mein Artikel fertig war, wanderte sie in meine Hände. Das Original liegt jetzt vor mir, und ich füge es hier bei. Es ist ziemlich gut mit internen Indizien der solidesten Art geladen –
STAATSGEFÄNGNIS, CHAPLAINS BÜRO, 11. Juli 1873.
Lieber Bruder Page, – anbei finden Sie den freundlich geliehenen Brief. Ich fürchte, seine Echtheit lässt sich nicht feststellen. Er gibt vor, an einen Gefangenen hier adressiert zu sein. Ein solcher Brief ist nie bei einem Gefangenen hier eingegangen. Alle eingehenden Briefe werden von den Gefängnisbeamten sorgfältig gelesen, bevor sie in die Hände der Sträflinge gelangen, und ein solcher Brief wäre nicht vergessen worden. Zudem ist Charles Williams kein christlicher Mann, sondern ein liederlicher, gerissener verlorener Sohn, dessen Vater ein Geistlicher ist. Sein Name ist ein angenommener. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich bereite einen Vortrag über das Leben hinter Gefängnismauern vor und würde diesen gerne in Ihrer Nähe halten.
Und so endete dieses kleine Drama. Mein armer Artikel landete im Feuer; denn während das Material dafür nun reichlicher und unendlich gehaltvoller war als zuvor, gab es überall um mich herum Parteien, die, obwohl sie die Veröffentlichung zuvor herbeigesehnt hatten, nun in diesem Stadium und bei diesem Stand des Spiels einmütig für eine Unterdrückung waren. Sie sagten: „Warten Sie – die Wunde ist noch zu frisch.“ Alle Kopien des berühmten Briefes außer meiner verschwanden plötzlich; und von da an setzte in den Kirchen wieder die alte Dürre ein. Im Großen und Ganzen grinste die Stadt eine Weile ausgiebig, aber es gab Orte darin, an denen das Grinsen nicht erschien und an denen es gefährlich war, sich auf den Brief des Ex-Sträflings zu beziehen.
Ein Wort zur Erklärung. „Jack Hunt“, der angebliche Verfasser des Briefes, war eine erfundene Person. Der Einbrecher Williams – Harvard-Absolvent, Sohn eines Geistlichen – schrieb den Brief selbst an sich selbst: ließ ihn aus dem Gefängnis schmuggeln; ließ ihn Personen zukommen, die ihn bei seiner Bekehrung unterstützt und ermutigt hatten – wo er wusste, dass zwei Dinge geschehen würden: Die Echtheit des Briefes würde weder bezweifelt noch hinterfragt werden; und der Kernpunkt würde bemerkt werden und eine wertvolle Wirkung haben – nämlich tatsächlich die Wirkung, eine Bewegung in Gang zu setzen, um Mr. Williams aus dem Gefängnis begnadigen zu lassen.
Dieser „Kernpunkt“ ist so genial, so beiläufig eingeworfen und unmittelbar dort am Ende des Briefes belassen, ohne darauf einzugehen, dass ein gleichgültiger Leser niemals vermuten würde, dass es das Herz und die Seele des Schreibens sei, falls er es überhaupt wahrnimmt. Das ist der „Kernpunkt“ –
„ich hoffe, das warme wetter bekommt deinen lungen gut – *ich hatte angst, dass du sterben würdest, als du geblutet hast* – grüße meine hochachtung“, usw.
Das ist alles, was es ist – nur kurz angetippt und weiter – kein Verweilen dabei. Dennoch war es für ein Auge bestimmt, das schnell genug wäre, es zu sehen; und es war dazu gedacht, ein gütiges Herz zu bewegen, die Befreiung eines armen, reformierten und geläuterten Kerls zu erwirken, der in den grausamen Klauen der Schwindsucht lag.
Als ich diesen Brief vor neun Jahren zum ersten Mal hören durfte, hatte ich das Gefühl, es sei der bemerkenswerteste, der mir je begegnet war. Und er stimmte mich Mr. Brown aus St. Louis gegenüber so wohlwollend, dass ich sagte, sollte ich jene Stadt jemals wieder besuchen, würde ich diesen vortrefflichen Mann aufsuchen und den Saum seines Gewandes küssen, falls es ein neues sei. Nun, ich besuchte St. Louis, aber ich machte keine Jagd auf Mr. Brown; denn, ach! die Nachforschungen von damals hatten bewiesen, dass der gütige Brown, wie „Jack Hunt“, keine reale Person war, sondern ein reines Hirngespinst jenes begabten Schurken Williams – Einbrecher, Harvard-Absolvent, Sohn eines Geistlichen.
KAPITEL 53
Die Heimat meiner Kindheit
WIR buchten die Passage auf einem der schnellen Dampfer der St. Louis and St. Paul Packet Company und fuhren flussaufwärts.
Als ich als Junge zum ersten Mal die Mündung des Missouri River sah, lag sie nach Schätzung der Lotsen zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Meilen oberhalb von St. Louis; der Verschleiß der Ufer hat sie seitdem acht Meilen flussabwärts verlagert; und die Lotsen sagen, dass der Fluss in fünf Jahren durchbrechen und die Mündung weitere fünf Meilen nach unten verlegen wird, was sie bis auf zehn Meilen an St. Louis heranbringen wird.
Gegen Einbruch der Dunkelheit passierten wir die große und blühende Stadt Alton, Illinois; und vor Tagesanbruch am nächsten Morgen die Stadt Louisiana, Missouri, zu meiner Zeit ein verschlafenes Dorf, heute aber ein reger Eisenbahnknotenpunkt; allerdings sind heute alle Städte dort draußen Eisenbahnknotenpunkte. Ich konnte den Ort nicht klar wiedererkennen. Das erschien mir seltsam, denn als ich mich 1861 aus der Rebellenarmee zurückzog, zog ich mich in guter Ordnung auf Louisiana zurück; zumindest in guter genug Ordnung für eine Person, die noch nicht gelernt hatte, nach den Regeln des Krieges zu weichen, und sich auf ihr angeborenes Talent verlassen musste. Es schien mir, dass es für einen ersten Versuch eines Rückzugs nicht schlecht gemacht war. Ich hatte während des gesamten Feldzugs keinen Vormarsch geleistet, der dem auch nur annähernd gleichkam.
Hier führte eine Eisenbahnbrücke über den Fluss, die gut mit leuchtenden Lichtern bestückt war, und es war ein sehr schöner Anblick.
Um sieben Uhr morgens erreichten wir Hannibal, Missouri, wo ich meine Kindheit verbrachte. Ich hatte vor fünfzehn Jahren einen flüchtigen Blick darauf geworfen und sechs Jahre zuvor einen weiteren, aber beide waren so kurz, dass sie kaum zählten. Die einzige Vorstellung von der Stadt, die in meinem Gedächtnis geblieben war, war die Erinnerung an sie, wie ich sie kannte, als ich sie vor neunundzwanzig Jahren zum ersten Mal verließ. Dieses Bild davon war mir noch immer so klar und lebendig wie eine Fotografie. Ich ging mit dem Gefühl an Land, wie jemand, der aus einer längst vergangenen Generation zurückkehrt. Ich hatte eine Art realisierendes Empfinden dafür, was die Gefangenen der Bastille gefühlt haben müssen, wenn sie nach Jahren der Gefangenschaft herauskamen und auf Paris blickten und bemerkten, wie seltsam das Vertraute und das Fremde vor ihnen vermischt waren. Ich sah die neuen Häuser – sah sie deutlich genug –, aber sie beeinträchtigten das ältere Bild in meinem Kopf nicht, denn durch ihr massives Ziegelwerk sah ich die verschwundenen Häuser, die früher dort gestanden hatten, mit vollkommener Deutlichkeit.
Es war Sonntagmorgen und jeder lag noch im Bett. Also ging ich durch die leeren Straßen, sah die Stadt immer noch so, wie sie war, und nicht, wie sie ist, und erkannte hundert vertraute Dinge, die nicht mehr existieren, und schüttelte ihnen metaphorisch die Hand; schließlich stieg ich auf den Holiday’s Hill, um einen umfassenden Überblick zu erhalten. Die ganze Stadt lag mir dann zu Füßen, und ich konnte jeden Ort, jedes Detail markieren und festlegen. Natürlich war ich ziemlich bewegt. Ich sagte: „Viele der Menschen, die ich einst in diesem ruhigen Zufluchtsort meiner Kindheit kannte, sind jetzt im Himmel; einige, so hoffe ich, sind am anderen Ort.“ Die Dinge um mich herum und vor mir ließen mich mich wieder wie ein Junge fühlen – überzeugten mich, dass ich wieder ein Junge war und dass ich nur einen ungewöhnlich langen Traum geträumt hatte; aber meine Reflexionen verdarben all das; denn sie zwangen mich zu sagen: „Ich sehe da unten fünfzig alte Häuser, in jedes von denen ich eintreten könnte und entweder einen Mann oder eine Frau fände, die noch ein Baby oder ungeboren waren, als ich diese Häuser zuletzt wahrnahm, oder eine Großmutter, die zu jener Zeit eine mollige junge Braut war.“
Von diesem Aussichtspunkt aus ist die weite Sicht flussauf- und flussabwärts und weit über die bewaldeten Weiten von Illinois sehr schön – eine der schönsten am Mississippi, wie ich meine; was eine gewagte Bemerkung ist, denn die achthundert Meilen Fluss zwischen St. Louis und St. Paul bieten eine ununterbrochene Abfolge reizvoller Bilder. Es mag sein, dass meine Zuneigung für das betreffende Stück mein Urteilsvermögen zu seinen Gunsten beeinflusst; dazu kann ich nichts sagen. Wie dem auch sei, es war für mich auf befriedigende Weise schön, und es hatte diesen Vorteil gegenüber all den anderen Freunden, die ich wieder begrüßen wollte: Es hatte keine Veränderung erfahren; es war so jung und frisch und ansehnlich und graziös wie eh und je; wohingegen die Gesichter der anderen alt wären, vernarbt von den Feldzügen des Lebens und gezeichnet von ihrem Kummer und ihren Niederlagen, und mir keinerlei geistige Erhebung schenken würden.
Ein alter Herr, der zu einem morgendlichen Spaziergang unterwegs war, kam des Weges, und wir erörterten das Wetter und drifteten dann zu anderen Themen ab. Ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern. Er sagte, er lebe hier seit achtundzwanzig Jahren. Er war also nach meiner Zeit gekommen, und ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Ich stellte ihm verschiedene Fragen; zuerst nach einem Kameraden von mir aus der Sonntagsschule – was aus ihm geworden sei?
„Er absolvierte ein östliches College mit Auszeichnung, wanderte irgendwo in die Welt hinaus, hatte mit nichts Erfolg, verschwand vor Jahren aus Wissen und Gedächtnis und soll vor die Hunde gegangen sein.“
„Er war aufgeweckt und vielversprechend, als er ein Junge war.“
„Ja, aber das, was passierte, ist das, was aus allem wurde.“
Ich fragte nach einem anderen Jungen, dem mit Abstand hellsten in unserer Dorfschule, als ich ein Junge war.
„Auch er absolvierte ein östliches College mit Auszeichnung; aber das Leben schlug ihn in jedem Kampf, immerzu, und er starb vor Jahren in einem der Territorien als ein besiegter Mann.“
Ich fragte nach einem weiteren der aufgeweckten Jungen.
„Er ist ein Erfolg, war es immer, wird es immer sein, denke ich.“
Ich erkundigte mich nach einem jungen Kerl, der in die Stadt kam, um ein Studium für einen der Berufe zu absolvieren, als ich ein Junge war.
„Er machte sich an etwas anderes, bevor er fertig war – wechselte von Medizin zu Jura oder von Jura zu Medizin – dann zu irgendeiner anderen neuen Sache; ging für ein Jahr weg, kam mit einer jungen Frau zurück; verfiel dem Trinken, dann dem Glücksspiel hinter verschlossenen Türen; brachte schließlich seine Frau und zwei kleine Kinder zu ihrem Vater und ging nach Mexiko; kam vom Regen in die Traufe und starb schließlich dort, ohne einen Cent, um ein Leichentuch zu kaufen, und ohne einen Freund, der an der Beerdigung teilnahm.“
„Schade, denn er war der gutmütigste, fröhlichste und hoffnungsvollste junge Kerl, den es je gab.“
Ich nannte einen weiteren Jungen.
„Oh, der ist in Ordnung. Lebt noch hier; hat eine Frau und Kinder und ist wohlhabend.“
Dasselbe Urteil über andere Jungen.
Ich nannte drei Schulmädchen.
„Die ersten beiden leben hier, sind verheiratet und haben Kinder; die andere ist längst tot – war nie verheiratet.“
Ich nannte, mit Rührung, eine meiner ersten Jugendlieben.
„Sie ist in Ordnung. War dreimal verheiratet; hat zwei Ehemänner beerdigt, von dem dritten geschieden, und ich höre, sie bereitet sich darauf vor, irgendwo draußen in Colorado einen alten Kerl zu heiraten. Sie hat Kinder überall verstreut, so ziemlich überall.“
Die Antwort auf mehrere andere Anfragen war kurz und einfach –
„Im Krieg gefallen.“
Ich nannte einen weiteren Jungen.
„Nun, sein Fall ist kurios! Es gab keinen Menschen in dieser Stadt, der nicht wusste, dass dieser Junge ein vollkommener Dummkopf war; ein vollkommener Holzkopf; einfach ein stupider Esel, könnte man sagen. Jeder wusste es, und jeder sagte es. Nun, wenn genau dieser Junge heute nicht der erste Anwalt im Staate Missouri ist, dann bin ich ein Demokrat!“
„Ist das so?“
„Es ist tatsächlich so. Ich sage Ihnen die Wahrheit.“
„Wie erklären Sie sich das?“
„Sich das erklären? Es gibt keine Erklärung dafür, außer dass, wenn man einen verdammten Dummkopf nach St. Louis schickt und ihnen nicht sagt, dass er ein verdammter Dummkopf ist, sie es niemals herausfinden werden. Eines ist sicher – wenn ich einen verdammten Dummkopf hätte, wüsste ich, was mit ihm anzufangen: verschiffen nach St. Louis – es ist der edelste Markt der Welt für diese Art von Eigentum. Nun, wenn man sich das alles so betrachtet und darauf herumkaut und darüber nachdenkt, schlägt es nicht einfach alles, was man je gehört hat?“
„Nun, ja, das scheint es. Aber glauben Sie nicht, vielleicht waren es die Leute aus Hannibal, die sich in dem Jungen irrten, und nicht die Leute aus St. Louis?“
„Oh, Unsinn! Die Leute hier kannten ihn von der Wiege an – sie kannten ihn hundertmal besser, als die St. Louis-Idioten ihn hätten kennen können. Nein, wenn Sie verdammte Dummköpfe haben, aus denen Sie Profit schlagen wollen, nehmen Sie meinen Rat – schicken Sie sie nach St. Louis.“
Ich erwähnte eine große Anzahl von Leuten, die ich früher gekannt hatte. Manche waren tot, manche waren fortgezogen, manche waren wohlhabend geworden, manche waren zu nichts gekommen; aber was ein Dutzend oder so von der Gruppe betraf, war die Antwort tröstlich:
„Wohlhabend – leben noch hier – Stadt ist übersät mit ihren Kindern.“
Ich fragte nach Miss ----.
„Starb vor drei oder vier Jahren in der Irrenanstalt – war seit dem Tag, als sie hineinkam, nie mehr draußen; und hat auch immer gelitten; hat nie auch nur einen Fetzen ihres Verstandes zurückbekommen.“
Wenn er die Wahrheit sagte, war das in der Tat eine schwere Tragödie. Sechsunddreißig Jahre in einer Irrenanstalt, damit ein paar junge Narren ihren Spaß haben konnten! Ich war zu der Zeit ein kleiner Junge; und ich sah diese albernen jungen Damen, wie sie auf Zehenspitzen in das Zimmer schlichen, in dem Miss ---- um Mitternacht bei einer Lampe las. Das Mädchen an der Spitze der Schlange trug ein Leichentuch und ein bemehltes Gesicht, sie schlich sich hinter das Opfer, berührte sie an der Schulter, und sie blickte auf und schrie und fiel dann in Krämpfe. Sie erholte sich nicht von dem Schrecken, sondern wurde wahnsinnig. In diesen Tagen erscheint es unglaublich, dass Menschen vor so kurzer Zeit an Geister glaubten. Aber sie taten es.
Nachdem ich nach anderen Leuten gefragt hatte, an die ich mich erinnern konnte, erkundigte ich mich schließlich nach mir selbst:
„Oh, der hatte Erfolg genug – ein weiterer Fall von verdammtem Dummkopf. Wenn sie ihn nach St. Louis geschickt hätten, hätte er früher Erfolg gehabt.“
Es war mit großer Befriedigung, dass ich die Weisheit erkannte, diesem aufrichtigen Herrn zu Beginn gesagt zu haben, mein Name sei Smith.
KAPITEL 54
Vergangenheit und Gegenwart
Da ich da oben mit mir allein gelassen war, fuhr ich fort, alte Häuser in der fernen Stadt herauszupicken und ihre früheren Bewohner aus der modrigen Vergangenheit zurückzurufen. Unter ihnen erkannte ich alsbald das Haus des Vaters von Lem Hackett (fiktiver Name). Es versetzte mich im Nu mehr als eine Generation zurück und landete mich inmitten einer Zeit, als die Ereignisse des Lebens nicht die natürlichen und logischen Ergebnisse großer allgemeiner Gesetze waren, sondern spezieller Anordnungen, und mit sehr präzisen und deutlichen Absichten befrachtet waren – teils strafender Natur, teils mahnend; und gewöhnlich lokal in ihrer Anwendung.
Als ich ein kleiner Junge war, ertrank Lem Hackett – an einem Sonntag. Er fiel aus einem leeren Flachboot, auf dem er spielte. Da er mit Sünden beladen war, ging er wie ein Amboss zu Boden. Er war der einzige Junge im Dorf, der in jener Nacht schlief. Wir anderen lagen alle wach und bereuten. Wir hatten die Information, die an jenem Abend von der Kanzel verkündet wurde, nicht gebraucht, dass Lems Fall ein spezielles Urteil sei – wir wussten das bereits. Es gab ein grimmiges Gewitter in jener Nacht, und es wütete ununterbrochen bis fast zum Morgengrauen. Die Winde bliesen, die Fenster klapperten, der Regen fegte in peitschenden Schüben über das Dach, und in kürzesten Abständen verschwand die pechschwarze Nacht, die Häuser gegenüber leuchteten für einen bebenden Augenblick weiß und blendend auf, dann schloss sich die massive Dunkelheit wieder und ein spaltender Donnerschlag folgte, der alles in der Nachbarschaft in Fetzen und Splitter zu reißen schien. Ich saß im Bett, zitternd und bebend, wartete auf den Untergang der Welt und erwartete ihn. Für mich war nichts Seltsames oder Unstimmiges daran, dass der Himmel solch einen Aufruhr um Lem Hackett machte. Anscheinend war es das Richtige und Angemessene. Nicht ein Zweifel kam mir in den Sinn, dass alle Engel versammelt waren, den Fall dieses Jungen diskutierten und das schreckliche Bombardement unseres erbärmlichen kleinen Dorfes mit Zufriedenheit und Zustimmung beobachteten. Es gab eine Sache, die mich aufs Äußerste beunruhigte; das war der Gedanke, dass diese Zentrierung des himmlischen Interesses auf unser Dorf nicht umhinkommen konnte, die Aufmerksamkeit der Beobachter auf Leute unter uns zu lenken, die sonst vielleicht jahrelang unbemerkt geblieben wären. Ich fühlte, dass ich nicht nur einer dieser Leute war, sondern genau derjenige, der am wahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte nur ein Ergebnis haben: Ich wäre bei Lem im Feuer, noch bevor die Kälte des Flusses richtig aus ihm herausgewärmt wäre. Ich wusste, dass dies nur gerecht und fair wäre. Ich vergrößerte die Chancen gegen mich selbst ständig, indem ich eine geheime Bitterkeit gegen Lem empfand, weil er diese fatale Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hatte, aber ich konnte nicht anders – dieser sündige Gedanke nistete sich trotz meiner selbst in meiner Brust ein. Jedes Mal, wenn der Blitz zuckte, hielt ich den Atem an und urteilte, ich sei verloren. In meiner Angst und meinem Elend fing ich kleinlich an, andere Jungen vorzuschlagen und Taten von ihnen zu erwähnen, die gottloser waren als meine und einer Bestrafung besonders bedurften – und ich versuchte mir vorzumachen, dass ich dies nur beiläufig täte und ohne die Absicht, die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um sie selbst loszuwerden. Mit tiefer Schlauheit brachte ich diese Erwähnungen in die Form von bekümmerten Erinnerungen und hinterlistigen Schein-Fürbitten, dass die Sünden jener Jungen unbeachtet bleiben mögen – „Vielleicht bereuen sie ja noch.“ „Es ist wahr, dass Jim Smith ein Fenster einschlug und darüber log – aber vielleicht meinte er es nicht böse. Und obwohl Tom Holmes mehr schlimme Wörter sagt als jeder andere Junge im Dorf, beabsichtigt er wahrscheinlich, zu bereuen – auch wenn er nie sagte, dass er es tun würde. Und obwohl es eine Tatsache ist, dass John Jones einmal an einem Sonntag ein wenig angelte, fing er eigentlich nichts außer nur einem einzigen kleinen, nutzlosen Schlammwels; und vielleicht wäre das gar nicht so schrecklich gewesen, wenn er ihn zurückgeworfen hätte – wie er sagt, er hätte es getan, aber er tat es nicht. Schade, dass sie diese schrecklichen Dinge nicht bereuen – und vielleicht werden sie es ja noch.“
Aber während ich schändlich versuchte, die Aufmerksamkeit auf diese armen Kerle zu lenken – die zweifellos im selben Moment die himmlische Aufmerksamkeit auf mich richteten, obwohl ich das nie ahnte –, hatte ich unbedacht meine Kerze brennen lassen. Es war keine Zeit, auch nur kleinste Vorsichtsmaßnahmen zu vernachlässigen. Es gab keinen Grund, die Möglichkeiten noch zu erweitern, Aufmerksamkeit auf mich zu lenken – also löschte ich das Licht.
Es war eine lange Nacht für mich und vielleicht die qualvollste, die ich je verbrachte. Ich litt Höllenqualen der Reue für Sünden, von denen ich wusste, dass ich sie begangen hatte, und für andere, bei denen ich mir nicht sicher war, doch sicher, dass sie in einem Buch von einem Engel gegen mich notiert worden waren, der weiser war als ich und solch wichtige Angelegenheiten nicht dem Gedächtnis anvertraute. Es fiel mir nach und nach auf, dass ich in einer Hinsicht einen höchst törichten und verhängnisvollen Fehler begangen hatte: zweifellos hatte ich nicht nur meine eigene Vernichtung sicher gemacht, indem ich die Aufmerksamkeit auf jene anderen Jungen lenkte, sondern ich hatte ihre bereits vollendet! – Zweifellos hatte der Blitz sie alle bis zu diesem Zeitpunkt tot in ihren Betten ausgestreckt! Die Angst und der Schrecken, die mir dieser Gedanke einjagte, ließen meine früheren Leiden im Vergleich dazu trivial erscheinen.
Die Lage war nun wahrlich ernst geworden. Ich nahm mir vor, mich augenblicklich zu bessern; ich nahm mir auch vor, mich am nächsten Tag der Kirche anzuschließen, sofern ich lange genug überlebte, um ihre Sonne aufgehen zu sehen. Ich nahm mir vor, von der Sünde in all ihren Formen abzulassen und fortan ein erhabenes und untadeliges Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und der Sonntagsschule erscheinen; die Kranken besuchen; Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen (lediglich um die vorgeschriebenen Bedingungen zu erfüllen, obwohl ich wusste, dass es bei uns niemanden gab, der so arm wäre, dass er mir den Korb nicht für meine Mühen über dem Kopf zerschlagen hätte); ich wollte andere Jungen auf den rechten Weg bringen und die daraus resultierenden Tracht Prügel demütig hinnehmen; ich wollte mich ausschließlich von Traktaten ernähren; ich wollte die Schnapsbrennerei stürmen und den Trinker warnen – und schließlich, falls ich dem Schicksal derer entginge, die zu früh zu gut zum Leben werden, wollte ich Missionar werden.
Der Sturm legte sich gegen Tagesanbruch, und ich dämmerte allmählich in den Schlaf, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber Lem Hackett, weil er auf diese abrupte Weise ins ewige Verderben gegangen war und so eine weit schrecklichere Katastrophe verhindert hatte – meinen eigenen Untergang.
Doch als ich nach einer Weile erfrischt aufstand und feststellte, dass jene anderen Jungen noch am Leben waren, beschlich mich eine dumpfe Ahnung, dass vielleicht die ganze Sache ein blinder Alarm gewesen war; dass der gesamte Aufruhr nur Lems Person gegolten hatte und niemandem sonst. Die Welt sah so hell und sicher aus, dass es keinen wirklichen Anlass zu geben schien, ein neues Blatt aufzuschlagen. Ich war an jenem Tag und vielleicht auch am nächsten ein wenig gedämpft; danach entschwand mein Vorsatz, mich zu bessern, langsam aus meinem Sinn, und ich hatte wieder eine friedliche, behagliche Zeit, bis zum nächsten Sturm.
Dieser Sturm kam etwa drei Wochen später; und es war der unerklärlichste, den ich je erlebt hatte; denn am Nachmittag jenes Tages ertrank „Dutchy“. Dutchy gehörte zu unserer Sonntagsschule. Er war ein deutscher Junge, der nicht genug Verstand besaß, um bei Regen ins Haus zu gehen; aber er war aufreizend gut und besaß ein erstaunliches Gedächtnis. Eines Sonntags wurde er zum Neid aller Jugendlichen und zum Stadtgespräch des bewundernden Dorfes, indem er dreitausend Verse der Heiligen Schrift rezitierte, ohne ein Wort zu verfehlen; dann ging er gleich am nächsten Tag hin und ertrank.
Die Umstände verliehen seinem Tod eine eigentümliche Eindringlichkeit. Wir badeten alle in einem schlammigen Bach, der ein tiefes Loch hatte, und in dieses Loch hatten die Küfer einen Stapel grüner Hickory-Reifenstangen zum Einweichen versenkt, etwa zwölf Fuß unter Wasser. Wir tauchten und „sahen, wer am längsten unter Wasser bleiben konnte“. Wir schafften es, unten zu bleiben, indem wir uns an den Reifenstangen festhielten. Dutchy hatte so wenig Erfolg dabei, dass er jedes Mal, wenn sein Kopf über dem Wasser auftauchte, mit Gelächter und Spott begrüßt wurde. Schließlich schien er von den Sticheleien verletzt zu sein und bat uns, still am Ufer zu stehen, fair zu sein und ihm ein ehrliches Zählen zu geben – „freundlich und gütig zu sein, nur dieses eine Mal, und sich nicht zu verzählen, nur um den Spaß zu haben, über ihn zu lachen.“ Verräterische Blicke wurden ausgetauscht, und alle sagten: „Alles klar, Dutchy – nur zu, wir spielen fair.“
Dutchy tauchte hinein, aber die Jungen folgten, anstatt zu zählen, dem Beispiel eines aus ihrer Mitte und rannten zu einem nahe gelegenen Brombeergebüsch und versteckten sich dahinter. Sie stellten sich Dutchys Demütigung vor, wenn er nach einer übermenschlichen Anstrengung auftauchen und den Ort still und leer vorfinden würde, ohne dass jemand da wäre, um zu applaudieren. Sie waren so „voller Lachen“ bei dem Gedanken, dass sie ständig in gedämpftes Gackern ausbrachen. Die Zeit verging, und plötzlich sagte einer, der durch die Dornen spähte, überrascht:
„Warum, er ist immer noch nicht aufgetaucht!“
Das Lachen hörte auf.
„Jungs, das ist ein großartiger Tauchgang“, sagte einer.
„Vergiss das“, sagte ein anderer, „der Witz auf seine Kosten ist umso besser dafür.“
Es gab noch eine oder zwei Bemerkungen, dann eine Pause. Das Reden verstummte, und alle begannen durch die Ranken zu spähen. Nach einer Weile begannen die Gesichter der Jungen unruhig zu wirken, dann besorgt, dann erschrocken. Immer noch gab es keine Bewegung im ruhigen Wasser. Die Herzen begannen schnell zu schlagen und die Gesichter blass zu werden. Wir alle glitten schweigend heraus und standen am Ufer, während unsere entsetzten Augen zwischen den Gesichtern der anderen und dem Wasser hin und her wanderten.
„Jemand muss hinuntergehen und nachsehen!“
Ja, das war offensichtlich; aber niemand wollte diese grässliche Aufgabe übernehmen.
„Zieht Streichhölzer!“
Das taten wir – mit Händen, die so zitterten, dass wir kaum wussten, was wir taten. Das Los fiel auf mich, und ich tauchte hinunter. Das Wasser war so schlammig, dass ich nichts sehen konnte, aber ich tastete zwischen den Reifenstangen umher und ergriff nach einer Weile ein schlaffes Handgelenk, das mir keine Antwort gab – und selbst wenn es das getan hätte, hätte ich es nicht bemerkt, so erschrocken und plötzlich ließ ich es los.
Der Junge hatte sich zwischen den Reifenstangen verfangen und war dort hilflos verstrickt. Ich floh an die Oberfläche und überbrachte die schreckliche Nachricht. Einige von uns wussten, dass der Junge möglicherweise wiederbelebt werden könnte, wenn er sofort herausgezogen würde, aber daran dachten wir nicht. Wir dachten an gar nichts; wir wussten nicht, was wir tun sollten, also taten wir nichts – außer dass die kleineren Jungen kläglich weinten und wir alle uns verzweifelt in unsere Kleider kämpften, wobei wir anzogen, was uns gerade in die Hände fiel, meist falsch herum und verkehrt. Dann eilten wir davon und schlugen Alarm, aber keiner von uns kehrte zurück, um das Ende der Tragödie zu sehen. Wir hatten etwas Wichtigeres zu erledigen: Wir alle flogen nach Hause und verloren keine Sekunde damit, uns darauf vorzubereiten, ein besseres Leben zu führen.
Die Nacht brach bald herein. Dann kam dieser gewaltige und völlig unerklärliche Sturm. Ich war völlig benommen; ich konnte es nicht verstehen. Mir schien, als müsse ein Irrtum vorliegen. Die Elemente waren entfesselt, und sie ratterten, knallten und blitzten auf die blindeste und wildeste Weise. Alles Herz und alle Hoffnung verließen mich, und der düstere Gedanke schwebte immer wieder durch mein Gehirn: „Wenn ein Junge, der dreitausend Verse auswendig kann, nicht zufriedenstellend ist, welche Chance gibt es dann für irgendjemand anderen?“
Natürlich bezweifelte ich keinen Moment, dass der Sturm Dutchy galt, oder dass er oder irgendein anderes unbedeutendes Tier einer solch majestätischen Demonstration von oben würdig war; die Lektion daraus war das Einzige, was mich beunruhigte; denn sie überzeugte mich, dass, wenn Dutchy mit all seinen Vollkommenheiten keine Freude war, es für mich vergebens wäre, ein neues Blatt aufzuschlagen, denn ich müsste unweigerlich hoffnungslos hinter diesem Jungen zurückbleiben, egal wie sehr ich mich auch anstrengen würde. Dennoch schlug ich es auf – eine hochgradig gebildete Angst zwang mich dazu –, aber die folgenden Tage der Fröhlichkeit und des Sonnenscheins kamen störend dazwischen, und innerhalb eines Monats war ich so weit zurückgefallen, dass ich wieder so verloren und behaglich war wie eh und je.
Die Frühstückszeit näherte sich, während ich diesen Gedanken nachhing und diese alten Begebenheiten ins Gedächtnis rief; also kehrte ich in die Gegenwart zurück und ging den Hügel hinunter.
Auf meinem Weg durch die Stadt zum Hotel sah ich das Haus, das mein Zuhause war, als ich ein Junge war. Nach heutigen Maßstäben sind die Leute, die es jetzt bewohnen, nicht mehr wert als ich; aber zu meiner Zeit wären sie nicht weniger als fünfhundert Dollar pro Kopf wert gewesen. Es sind Farbige.
Nach dem Frühstück ging ich wieder allein hinaus, in der Absicht, einige der Sonntagsschulen aufzusuchen und zu sehen, wie diese Generation von Schülern im Vergleich zu ihren Vorfahren abschneiden würde, die mit mir an diesen Orten gesessen hatten und mich wahrscheinlich als Vorbild genommen hatten – obwohl ich mich jetzt nicht daran erinnern kann. Am öffentlichen Platz hatte es zu meiner Zeit eine schäbige kleine Backsteinkirche gegeben, die „Altes Schiff Zions“ genannt wurde und die ich als Sonntagsschüler besucht hatte; und ich fand den Ort leicht genug, aber nicht die alte Kirche; sie war verschwunden, und ein schmuckes und ziemlich ausgelassenes neues Gebäude stand an ihrer Stelle. Die Schüler waren besser gekleidet und sahen besser aus als die meiner Zeit; folglich ähnelten sie nicht ihren Vorfahren; und folglich war mir nichts an ihren Gesichtern vertraut. Dennoch betrachtete ich sie mit tiefem Interesse und einer sehnenden Wehmut, und wäre ich ein Mädchen gewesen, hätte ich geweint; denn sie waren die Nachkommen, vertraten und nahmen die Plätze von Jungen und Mädchen ein, von denen ich einige geliebt hatte zu lieben und einige geliebt hatte zu hassen, die mir aber alle aus dem einen oder anderen Grund teuer waren, vor so vielen Jahren – und, Herr, wo sind sie jetzt!
Ich war mächtig bewegt und wäre dankbar gewesen, wenn man mich ungestört gelassen hätte, um mich satt zu sehen; aber ein kahler Vorsteher, der in den frühen Zeiten ein weißhaariger Sonntagsschulkamerad von mir an diesem Ort gewesen war, erkannte mich, und ich sprach ein Geflatter von wildem Unsinn zu diesen Kindern, um die Gedanken zu verbergen, die in mir waren und die nicht hätten ausgesprochen werden können, ohne ein Gefühl zu verraten, das als uncharakteristisch für mich erkannt worden wäre.
Reden ohne Vorbereitung zu halten, ist nicht meine Gabe; und ich war fest entschlossen, jeder neuen Gelegenheit aus dem Weg zu gehen, aber in der nächsten und größeren Sonntagsschule fand ich mich im hinteren Teil der Versammlung wieder; also war ich sehr bereit, einen Moment lang auf das Podium zu gehen, um einen guten Blick auf die Schüler zu werfen. Auf die Schnelle konnte ich mich an keine der alten idiotischen Reden erinnern, mit denen Besucher mich früher beleidigt hatten, als ich dort Schüler war; und das tat mir leid, denn es hätte mir Zeit und Entschuldigung gegeben, dort zu trödeln und einen langen und befriedigenden Blick auf das zu werfen, was ich mit Fug und Recht als eine Anordnung frischer junger Anmut bezeichnen darf, die in keiner anderen Sonntagsschule gleicher Größe ihresgleichen findet. Da ich nur sprach, um eine Gelegenheit zum Beobachten zu bekommen; und da ich den zufälligen Müll nur aneinanderreihte, um die Beobachtung in die Länge zu ziehen, hielt ich es für anständig, diese niederen Motive einzugestehen, und das tat ich auch.
Wenn der Vorzeigejunge in einer dieser Sonntagsschulen war, habe ich ihn nicht gesehen. Der Vorzeigejunge meiner Zeit – wir hatten nie mehr als den einen – war perfekt: perfekt in Manieren, perfekt in Kleidung, perfekt im Verhalten, perfekt in kindlicher Frömmigkeit, perfekt in äußerer Gottesfurcht; aber im Grunde war er ein Wichtigtuer; und was den Inhalt seines Schädels betraf, so hätte er mit dem Inhalt einer Pastete den Platz tauschen können, und niemand wäre schlechter dran gewesen als die Pastete. Die Tadellosigkeit dieses Kerls war ein ständiger Vorwurf an jeden Jungen im Dorf. Er war die Bewunderung aller Mütter und der Abscheu aller ihrer Söhne. Mir wurde erzählt, was aus ihm geworden ist, aber da es für mich eine Enttäuschung war, werde ich nicht ins Detail gehen. Er hatte Erfolg im Leben.
KAPITEL 55
Eine Vendetta und andere Dinge
WÄHREND meines dreitägigen Aufenthalts in der Stadt wachte ich jeden Morgen mit dem Eindruck auf, dass ich ein Junge sei – denn in meinen Träumen waren die Gesichter alle wieder jung und sahen so aus, wie sie in den alten Zeiten ausgesehen hatten –, aber ich ging jeden Abend hundert Jahre alt zu Bett – denn in der Zwischenzeit hatte ich diese Gesichter so gesehen, wie sie jetzt sind.
Natürlich erlebte ich einige Überraschungen, anfangs, bevor ich mich an den veränderten Zustand der Dinge gewöhnt hatte. Ich traf junge Damen, die sich überhaupt nicht verändert zu haben schienen; aber es stellten sich als die Töchter der jungen Damen heraus, die ich im Sinn hatte – manchmal ihre Enkelinnen. Wenn man erfährt, dass eine Fremde von fünfzig Jahren eine Großmutter ist, ist daran nichts Überraschendes; aber wenn sie im Gegenteil eine Person ist, die man als kleines Mädchen kannte, scheint es unmöglich. Man sagt sich: „Wie kann ein kleines Mädchen eine Großmutter sein.“ Es braucht einige Zeit, um die Tatsache zu akzeptieren und zu realisieren, dass, während man selbst alt geworden ist, die Freunde in dieser Hinsicht nicht stehen geblieben sind.
Ich bemerkte, dass die größten Veränderungen bei den Frauen zu beobachten waren, nicht bei den Männern. Ich sah Männer, die dreißig Jahre nur geringfügig verändert hatten; aber ihre Frauen waren alt geworden. Das waren gute Frauen; es ist sehr zermürbend, gut zu sein.
Es gab einen Sattler, den ich sehen wollte; aber er war fort. Seit vielen Jahren tot, hieß es. Ein- oder zweimal am Tag pflegte der Sattler die Straße hinunterzurasen, während er im Gehen seinen Mantel anzog; und dann wusste jeder, dass ein Dampfschiff kam. Jeder wusste auch, dass John Stavely niemanden mit dem Boot erwartete – oder irgendeine Fracht; und Stavely musste gewusst haben, dass jeder das wusste, dennoch machte es für ihn keinen Unterschied; er mochte es, sich selbst vorzutäuschen, er erwarte hunderttausend Tonnen Sättel mit diesem Boot, und so machte er sein ganzes Leben lang weiter und genoss es, treu zur Stelle zu sein, um diese Sättel entgegenzunehmen und zu quittieren, falls sie durch ein Wunder doch kommen sollten. Eine boshafte Zeitung aus Quincy pflegte diese Stadt immer spöttisch als „Stavely's Landing“ zu bezeichnen. Stavely war eine meiner frühesten Bewunderungen; ich beneidete ihn um seinen Ansturm von imaginären Geschäften und den Schauwert, den er vor Fremden damit erzeugen konnte, während er die Straße hinunterflog und mit seinem flatternden Mantel kämpfte.
Aber es gab einen Zimmermann, der mein größter Held war. Er war ein gewaltiger Lügner, aber das wusste ich nicht; ich glaubte alles, was er sagte. Er war ein romantischer, sentimentaler, melodramatischer Betrüger, und sein Auftreten flößte mir Ehrfurcht ein. Ich erinnere mich lebhaft an das erste Mal, als er mich in sein Vertrauen zog. Er hobelte ein Brett und hielt hin und wieder inne und stieß einen tiefen Seufzer aus; und murmelte gelegentlich gebrochene Sätze – verwirrt und unverständlich –, aber aus ihrer Mitte entwich manchmal ein Ausruf, der mich schaudern ließ und mir gut tat: einer war: „O Gott, es ist sein Blut!“ Ich saß auf der Werkzeugkiste und bewunderte ihn demütig und schaudernd; denn ich hielt ihn für voller Verbrechen. Schließlich sagte er mit leiser Stimme:
„Mein kleiner Freund, kannst du ein Geheimnis bewahren?“
Ich sagte eifrig, dass ich das könne.
„Ein dunkles und schreckliches?“
Ich stellte ihn in diesem Punkt zufrieden.
„Dann werde ich dir einige Abschnitte aus meiner Geschichte erzählen; denn oh, ich muss meine belastete Seele erleichtern, sonst werde ich sterben!“
Er ermahnte mich noch einmal, „so verschwiegen wie das Grab“ zu sein; dann erzählte er mir, er sei ein „rotbändiger Mörder“. Er legte seinen Hobel beiseite, hielt seine Hände vor sich, betrachtete sie traurig und sagte:
„Schau – mit diesen Händen habe ich das Leben von dreißig Menschen genommen!“
Die Wirkung, die das auf mich hatte, war eine Inspiration für ihn, und er ließ sich mit Interesse und Energie über sein Thema aus. Er hörte auf zu verallgemeinern und ging ins Detail – begann mit seinem ersten Mord; beschrieb ihn, erzählte, welche Maßnahmen er ergriffen hatte, um Verdacht abzuwenden; ging dann zu seinem zweiten Totschlag über, seinem dritten, seinem vierten und so weiter. Er hatte seine Morde immer mit einem Bowie-Messer begangen, und er ließ alle meine Haare zu Berge stehen, indem er es plötzlich herauszog und es mir zeigte.
Am Ende dieser ersten Sitzung ging ich mit sechs seiner schrecklichen Geheimnisse in meiner Fracht nach Hause und fand sie als große Hilfe für meine Träume, die eine Weile lang träge gewesen waren. Ich suchte ihn immer wieder auf, an meinen schulfreien Samstagen; tatsächlich verbrachte ich den Sommer bei ihm – all das, was für mich wertvoll war. Seine Faszinationen ließen nie nach, denn er brachte bei jedem weiteren Mord etwas Neues und Aufregendes in Sachen Horror ein. Er nannte immer Namen, Daten, Orte – alles. Das ermöglichte es mir nach und nach, zwei Dinge festzustellen: dass er seine Opfer in jedem Winkel des Erdballs getötet hatte und dass diese Opfer immer Lynch hießen. Die Vernichtung der Lynchs ging Samstag für Samstag heiter weiter, bis die ursprünglichen dreißig auf sechzig angewachsen waren – und noch mehr sollten folgen; dann siegte meine Neugier über meine Ängstlichkeit, und ich fragte, wie es dazu kam, dass diese zu Recht bestraften Personen alle denselben Namen trugen.
Mein Held sagte, er habe dieses dunkle Geheimnis noch nie einem lebenden Wesen anvertraut; aber er habe das Gefühl, dass er mir vertrauen könne, und deshalb werde er mir die Geschichte seines traurigen und zerstörten Lebens darlegen. Er hatte eine geliebt, die „zu schön für die Erde“ war, und sie hatte „mit all der süßen Zuneigung ihrer reinen und edlen Natur“ erwidert. Aber er hatte einen Rivalen, einen „niederträchtigen Mietling“ namens Archibald Lynch, der sagte, das Mädchen solle sein sein, oder er würde „seine Hände in ihrem besten Herzblut färben“. Der Zimmermann, „unschuldig und glücklich im jungen Traum der Liebe“, maß der Drohung keine Bedeutung bei, sondern führte seine „goldhaarige Geliebte zum Altar“, und dort wurden die beiden eins; dort auch, gerade als die Hände des Pfarrers segnend über ihre Häupter ausgestreckt waren, geschah die grausame Tat – mit einem Messer – und die Braut fiel als Leiche zu Füßen ihres Ehemannes. Und was tat der Ehemann? Er zückte jenes Messer und kniete neben dem Körper seiner Verlorenen und schwor, „sein Leben der Ausrottung allen menschlichen Abschaums zu weihen, der den gehassten Namen Lynch trägt“.
Das war es. Er hatte die Lynchs von diesem Tag an bis heute gejagt und geschlachtet – zwanzig Jahre lang. Er hatte immer dasselbe geweihte Messer benutzt; mit ihm hatte er seine lange Reihe von Lynchs ermordet, und mit ihm hatte er auf der Stirn jedes Opfers ein besonderes Zeichen hinterlassen – ein tief eingeritztes Kreuz. Er sagte:
„Das Kreuz des Geheimnisvollen Rächers ist bekannt in Europa, in Amerika, in China, in Siam, in den Tropen, in den Polarmeeren, in den Wüsten Asiens, auf der ganzen Erde. Wo immer in den entlegensten Teilen des Erdballs ein Lynch eingedrungen ist, dort wurde das Geheimnisvolle Kreuz gesehen, und diejenigen, die es gesehen haben, haben geschaudert und gesagt: ‚Es ist sein Zeichen, er war hier.‘ Du hast vom Geheimnisvollen Rächer gehört – blicke auf ihn, denn vor dir steht keine geringere Person! Aber hüte dich – hauche keiner Seele ein Wort. Sei still und warte. Eines Morgens wird diese Stadt entsetzt zusammenströmen, um eine blutige Leiche zu betrachten; auf ihrer Stirn wird das schreckliche Zeichen zu sehen sein, und die Menschen werden zittern und flüstern: ‚Er war hier – es ist das Zeichen des Geheimnisvollen Rächers!‘ Du wirst hierherkommen, aber ich werde verschwunden sein; du wirst mich nicht mehr sehen.“
Dieser Esel hatte zweifellos den „Jibbenainosay“ gelesen und sich davon seinen armen romantischen Kopf verdrehen lassen; aber da ich das Buch damals noch nicht kannte, nahm ich seine Erfindungen für die Wahrheit und ahnte nicht, dass er ein Plagiator war.
Wie dem auch sei, wir hatten einen Lynch, der in der Stadt lebte, und je mehr ich über sein bevorstehendes Schicksal nachdachte, desto weniger konnte ich schlafen. Es schien meine klare Pflicht zu sein, ihn zu retten, und eine noch klarere und wichtigere Pflicht, selbst etwas Schlaf zu bekommen, also wagte ich es schließlich, zu Mr. Lynch zu gehen und ihm unter strengster Geheimhaltung zu erzählen, was mit ihm geschehen würde. Ich riet ihm zu „fliehen“, und erwartete sicherlich, dass er es tun würde. Aber er lachte über mich; und dabei blieb es nicht; er führte mich in die Werkstatt des Zimmermanns, hielt dem Zimmermann eine höhnische und spöttische Standpauke über seine albernen Ansprüche, schlug ihm ins Gesicht, zwang ihn, auf die Knie zu gehen und zu betteln – dann ging er weg und ließ mich zurück, um den billigen und jämmerlichen Ruin dessen zu betrachten, was in meinen Augen noch vor kurzem ein majestätischer und unvergleichlicher Held gewesen war.
Der Zimmermann polterte, schwang sein Messer und verdammte diesen Lynch in seinem üblichen vulkanischen Stil, wobei die Größe seiner verhängnisvollen Worte unvermindert blieb; aber das war alles verschwendete Liebesmüh bei mir; er war für mich kein Held mehr, sondern nur noch ein armer, törichtet, entlarvter Schwindler. Ich schämte mich für ihn und schämte mich für mich selbst; ich interessierte mich nicht weiter für ihn und ging nie wieder in seine Werkstatt. Er war ein schwerer Verlust für mich, denn er war der größte Held, den ich je gekannt hatte. Der Kerl musste ein gewisses Talent gehabt haben; denn einige seiner imaginären Morde waren so lebendig und dramatisch beschrieben, dass ich mich noch heute an alle ihre Details erinnere.
Die Bewohner von Hannibal haben sich nicht mehr verändert als die Stadt selbst. Es ist kein Dorf mehr; es ist eine Stadt, mit einem Bürgermeister, einem Stadtrat, einem Wasserwerk und wahrscheinlich Schulden. Sie zählt fünfzehntausend Einwohner, ist ein blühender und tatkräftiger Ort und wie der Rest des Westens und Südens gepflastert – wo eine gut gepflasterte Straße und ein guter Gehweg so selten zu sehen sind, dass man an ihnen zweifelt, wenn man sie doch einmal erblickt. Ein halbes Dutzend Eisenbahnlinien läuft heutzutage in Hannibal zusammen, und es gibt einen neuen Bahnhof, der hunderttausend Dollar gekostet hat. Zu meiner Zeit hatte die Stadt keine Spezialität und keinen kommerziellen Glanz; das tägliche Postschiff setzte gewöhnlich einen Passagier ab und kaufte einen Wels, um dann einen anderen Passagier und eine hutvoll Fracht wieder mitzunehmen; doch nun ist ein riesiger Holzhandel entstanden und ein umfangreicher Gemischtwarenhandel ist eines der Ergebnisse. Viel Geld wechselt dort jetzt den Besitzer.
Bear Creek – vielleicht so genannt, weil er von Bären schon immer besonders kahl war – ist heute unter Inseln und Kontinenten von aufgeschichtetem Holz verborgen, und niemand außer einem Experten kann ihn finden. Ich pflegte jeden Sommer regelmäßig darin zu ertrinken, und von irgendeinem zufälligen Feind wieder entwässert, aufgepumpt und in Gang gesetzt zu werden; aber heute ist dort nicht mehr genug freier Platz, um eine Person darin zu ertränken. Er war zu seiner Zeit ein berühmter Brutplatz für Schüttelfrost und Fieber. Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem jeder in der Stadt gleichzeitig an dieser Krankheit litt. Viele Schornsteine wurden herabgeschüttelt, und alle Häuser waren so erschüttert, dass die Stadt neu aufgebaut werden musste. Die Kluft oder Schlucht zwischen Lover's Leap und dem Hügel westlich davon wird von Wissenschaftlern für das Ergebnis glazialer Einwirkung gehalten. Das ist ein Irrtum.
Es gibt eine interessante Höhle eine Meile oder zwei unterhalb von Hannibal, inmitten der Steilhänge. Ich hätte sie gerne wieder besucht, hatte aber keine Zeit. Zu meiner Zeit verwandelte sie derjenige, dem sie damals gehörte, in ein Mausoleum für seine vierzehnjährige Tochter. Der Körper dieses armen Kindes wurde in einen mit Alkohol gefüllten Kupferzylinder gelegt, der in einem der düsteren Gänge der Höhle aufgehängt wurde. Der Deckel des Zylinders war abnehmbar; und es hieß, es sei unter der niedrigeren Art von Touristen üblich gewesen, das tote Gesicht zum Vorschein zu bringen, es zu betrachten und darüber zu lästern.
KAPITEL 56
Eine Rechtsfrage
Das Schlachthaus ist vom Mündung des Bear Creek verschwunden, ebenso wie das kleine Gefängnis (oder 'Calaboose'), das einst in seiner Nachbarschaft stand. Ein Bürger fragte: 'Erinnern Sie sich, als Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im Calaboose bei lebendigem Leibe verbrannt ist?'
Beachten Sie nun, wie die Geschichte durch den Lauf der Zeit und die Hilfe des schlechten Gedächtnisses der Menschen entstellt wird. Jimmy Finn ist nicht im Calaboose verbrannt, sondern eines natürlichen Todes in einem Lohbottich gestorben, an einer Kombination aus Delirium tremens und Selbstentzündung. Wenn ich sage, natürlicher Tod, meine ich, dass es ein natürlicher Tod für Jimmy Finn war. Das Opfer im Calaboose war kein Bürger; es war ein armer Fremder, ein harmloser, vom Whisky durchtränkter Landstreicher. Ich weiß mehr über seinen Fall als jeder andere; ich wusste an jenem vergangenen Tag zu viel davon, um es gerne zu erwähnen. Der Landstreicher wanderte an einem kühlen Abend mit einer Pfeife im Mund durch die Straßen und bettelte um ein Streichholz; er bekam weder Streichhölzer noch Höflichkeit; im Gegenteil, eine Truppe böser kleiner Jungen folgte ihm und amüsierte sich damit, ihn zu piesacken und zu ärgern. Ich half dabei; doch schließlich rührte irgendeine Bitte um Nachsicht, die der Wanderer mit einem pathetischen Hinweis auf seinen verlassenen und freundlosen Zustand vorbrachte, den Sinn für Scham und den Rest an rechtem Gefühl, die noch in mir steckten, und ich ging weg, besorgte ihm ein paar Streichhölzer und eilte dann nach Hause ins Bett, schwer belastet auf dem Gewissen und nicht gerade frohen Mutes. Eine oder zwei Stunden später wurde der Mann vom Marshal verhaftet und ins Calaboose gesperrt – ein großer Name für einen Polizisten, aber das war sein Titel. Um zwei Uhr morgens läuteten die Kirchenglocken Feuer, und natürlich lief jeder hinaus – ich mit den anderen. Der Landstreicher hatte seine Streichhölzer verhängnisvoll benutzt: Er hatte sein Strohlager in Brand gesteckt, und die Eichenverkleidung des Raumes hatte Feuer gefangen. Als ich den Ort erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und Kinder zusammengeballt, starr vor Entsetzen und starrten auf die vergitterten Fenster des Gefängnisses. Hinter den Eisenstangen, verzweifelt daran zerrnd und um Hilfe schreiend, stand der Landstreicher; er wirkte wie ein schwarzes Objekt vor einer Sonne, so weiß und intensiv war das Licht hinter ihm. Dieser Marshal war nicht zu finden, und er hatte den einzigen Schlüssel. Ein Rammbock wurde schnell improvisiert, und das Donnern seiner Schläge gegen die Tür hatte einen so ermutigenden Klang, dass die Zuschauer in wilden Jubel ausbrachen und glaubten, der barmherzige Kampf sei gewonnen. Aber das war nicht so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Es wurde gesagt, dass der Todesgriff des Mannes noch immer die Stangen hielt, nachdem er bereits tot war; und dass das Feuer ihn in dieser Position einhüllte und verzehrte. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Was man sah, nachdem ich das Gesicht erkannt hatte, das durch die Gitter flehte, wurde von anderen gesehen, nicht von mir.
Ich sah dieses Gesicht, in jener Lage, noch lange Zeit jede Nacht vor mir; und ich hielt mich für genauso schuldig am Tod des Mannes, als hätte ich ihm die Streichhölzer absichtlich gegeben, damit er sich damit selbst verbrennen konnte. Ich zweifelte nicht daran, dass ich gehängt würde, wenn meine Verbindung zu dieser Tragödie herauskäme. Die Geschehnisse und Eindrücke jener Zeit sind in mein Gedächtnis eingebrannt, und die Beschäftigung mit ihnen unterhält mich heute genauso sehr, wie sie mich damals quälte. Wenn jemand über diese grausige Angelegenheit sprach, war ich sofort ganz Ohr und wachsam, um zu hören, was gesagt werden könnte, denn ich befürchtete und erwartete immer, herauszufinden, dass ich verdächtigt wurde; und so fein und empfindlich war die Wahrnehmung meines schlechten Gewissens, dass es oft Verdacht in den ziellosesten Bemerkungen witterte, und in Blicken, Gesten, Augenaufschlägen, die keine Bedeutung hatten, mich aber dennoch schaudernd vor Panik davonlaufen ließen. Und wie übel wurde mir, wenn jemand, wie beiläufig und absichtslos auch immer, die Bemerkung fallen ließ, dass 'Mord immer ans Licht kommt!' Für einen zehnjährigen Jungen trug ich eine ziemlich schwere Fracht.
Die ganze Zeit über vergaß ich segensreicherweise eine Sache – die Tatsache, dass ich ein unverbesserlicher Sprecher im Schlaf war. Aber eines Nachts wachte ich auf und fand meinen Bettgefährten – meinen jüngeren Bruder – im Bett aufsitzen und mich im Mondlicht betrachten. Ich sagte –
'Was ist los?'
'Du redest so viel, dass ich nicht schlafen kann.'
Ich setzte mich augenblicklich auf, mit dem Herzen in der Kehle und den Haaren zu Berge.
'Was habe ich gesagt? Schnell – raus damit – was habe ich gesagt?'
'Nichts Besonderes.'
'Das ist eine Lüge – du weißt alles.'
'Alles worüber?'
'Du weißt es ganz genau. Über das.'
'Über was? – Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank oder verrückt oder so etwas. Aber jedenfalls bist du wach, und ich werde schlafen, solange ich die Chance habe.'
Er schlief ein und ich lag da in kaltem Schweiß und wälzte diesen neuen Schrecken im wirbelnden Chaos, das als mein Verstand fungierte. Die Last meiner Gedanken war: Wie viel habe ich ausgeplaudert? Wie viel weiß er? – was für eine Qual ist diese Ungewissheit! Aber nach und nach entwickelte ich eine Idee – ich würde meinen Bruder wecken und ihn mit einem angenommenen Fall ausfragen. Ich schüttelte ihn wach und sagte –
'Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir –'
'Das ist albern – ich werde nie betrunken.'
'Ich meine nicht dich, du Idiot – ich meine den Mann. Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir und würde sich ein Messer, ein Tomahawk oder eine Pistole leihen, und du hättest vergessen ihm zu sagen, dass sie geladen ist, und –'
'Wie kann man ein Tomahawk laden?'
'Ich meine nicht das Tomahawk, und ich habe nicht das Tomahawk gesagt; ich habe die Pistole gesagt. Jetzt unterbrich mich nicht immer auf diese Weise, denn das ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.'
'Was! In dieser Stadt?'
'Ja, in dieser Stadt.'
'Nun, mach weiter – ich werde kein einziges Wort sagen.'
'Nun, dann angenommen, du hättest vergessen ihm zu sagen, er solle vorsichtig damit sein, weil sie geladen war, und er geht weg und erschießt sich mit dieser Pistole – spielt damit herum, weißt du, und tut es wahrscheinlich aus Versehen, weil er betrunken ist. Nun, wäre das Mord?'
'Nein – Selbstmord.'
'Nein, nein. Ich meine nicht seine Tat, ich meine deine: Wärst du ein Mörder, weil du ihm diese Pistole gegeben hast?'
Nach tiefem Nachdenken kam diese Antwort –
'Nun, ich sollte meinen, ich wäre an etwas schuldig – vielleicht Mord – ja, wahrscheinlich Mord, aber ich weiß es nicht so genau.'
Das machte mich sehr unbehaglich. Es war jedoch kein eindeutiges Urteil. Ich würde den wirklichen Fall darlegen müssen – es schien keinen anderen Weg zu geben. Aber ich würde es vorsichtig tun und nach verdächtigen Auswirkungen Ausschau halten. Ich sagte –
'Ich hatte einen Fall angenommen, aber ich komme jetzt zum wirklichen. Weißt du, wie der Mann dazu kam, im Calaboose zu verbrennen?'
'Nein.'
'Hast du nicht den leisesten Schimmer?'
'Nicht den leisesten.'
'Willst du auf der Stelle sterben, wenn du ihn hast?'
'Ja, ich will auf der Stelle sterben.'
'Nun, es war so. Der Mann wollte ein paar Streichhölzer, um seine Pfeife anzuzünden. Ein Junge besorgte ihm welche. Der Mann steckte das Calaboose mit genau diesen Streichhölzern in Brand und verbrannte sich selbst.'
'Ist das wahr?'
'Ja, ist es. Nun, glaubst du, dieser Junge ist ein Mörder?'
'Lass mich sehen. Der Mann war betrunken?'
'Ja, er war betrunken.'
'Sehr betrunken?'
'Ja.'
'Und der Junge wusste es?'
'Ja, er wusste es.'
Es gab eine lange Pause. Dann kam dieses schwere Urteil –
'Wenn der Mann betrunken war und der Junge das wusste, dann hat der Junge diesen Mann ermordet. Das ist sicher.'
Schwache, Übelkeit erregende Empfindungen krochen entlang aller Fasern meines Körpers, und ich schien zu wissen, wie sich eine Person fühlt, die ihr Todesurteil vom Richterstuhl aus hört. Ich wartete darauf, was mein Bruder als Nächstes sagen würde. Ich glaubte zu wissen, was es sein würde, und ich hatte recht. Er sagte –
'Ich kenne den Jungen.'
Ich hatte nichts zu sagen; also sagte ich nichts. Ich schauderte einfach. Dann fügte er hinzu –
'Ja, bevor du mit der Erzählung der Sache halb fertig warst, wusste ich ganz genau, wer der Junge war; es war Ben Coontz!'
Ich kam aus meinem Zusammenbruch wie jemand, der von den Toten aufersteht. Ich sagte bewundernd –
'Warum, wie in aller Welt hast du das erraten?'
'Du hast es im Schlaf erzählt.'
Ich sagte zu mir selbst: 'Wie großartig das ist! Das ist eine Gewohnheit, die gepflegt werden muss.'
Mein Bruder plapperte unschuldig weiter –
'Als du im Schlaf geredet hast, hast du immerzu etwas von "Streichhölzern" gemurmelt, woraus ich nicht schlau wurde; aber gerade eben, als du anfingst, mir von dem Mann und dem Calaboose und den Streichhölzern zu erzählen, erinnerte ich mich, dass du im Schlaf zwei oder drei Mal Ben Coontz erwähnt hattest; also habe ich eins und eins zusammengezählt, verstehst du, und sofort wusste ich, dass Ben den Mann verbrannt hat.'
Ich lobte seinen Scharfsinn überschwänglich. Bald fragte er –
'Wirst du ihn dem Gesetz übergeben?'
'Nein', sagte ich; 'ich glaube, das wird ihm eine Lehre sein. Ich werde ihn natürlich im Auge behalten, denn das ist nur recht; aber wenn er dort aufhört, wo er ist, und sich bessert, soll es nie heißen, dass ich ihn verraten habe.'
'Wie gut du bist!'
'Nun, ich versuche es zu sein. Das ist alles, was ein Mensch in einer Welt wie dieser tun kann.'
Und nun, da meine Last auf andere Schultern verlagert war, schwanden meine Schrecken bald dahin.
Der Tag, bevor wir Hannibal verließen, fiel mir eine merkwürdige Sache auf – die erstaunliche Ausdehnung, die die longitudinale Zeit dort erfährt. Ich erfuhr es von einem der unaufdringlichsten Männer – dem farbigen Kutscher eines Freundes von mir, der drei Meilen außerhalb der Stadt lebt. Er sollte mich um 19.30 Uhr im Park Hotel abholen und hinausfahren. Aber er verfehlte die Zeit beträchtlich – kam erst um zehn an. Er entschuldigte sich mit den Worten:
'Die Zeit ist auf dem Land fast eineinhalb Stunden langsamer als in der Stadt; Sie werden noch früh genug da sein, Boss. Manchmal brechen wir sonntags früh zur Kirche auf und kommen genau mitten in der Predigt dort an. Zeitunterschied. Da kann man keine Berechnungen anstellen.'
Ich hatte zweieinhalb Stunden verloren; aber ich hatte eine Tatsache gelernt, die vier wert war.
KAPITEL 57
Ein Erzengel
Von St. Louis nordwärts gibt es alle belebenden Anzeichen für die Anwesenheit aktiver, tatkräftiger, intelligenter, wohlhabender, praktischer Bevölkerungsgruppen des neunzehnten Jahrhunderts. Die Leute träumen nicht, sie arbeiten. Das glückliche Ergebnis zeigt sich überall im substanziellen äußeren Erscheinungsbild der Dinge und den Anregungen zu gesundem Leben und Komfort, die überall hervortreten.
Quincy ist ein bemerkenswertes Beispiel – eine lebhafte, hübsche, wohlgeordnete Stadt; und heute, wie früher, an Kunst, Literatur und anderen hohen Dingen interessiert.
Aber Marion City ist eine Ausnahme. Marion City ist auf eine höchst unerklärliche Weise rückständig geworden. Diese Metropole versprach anfangs so viel, dass die Projektentwickler ihr schon zu Beginn voll Zuversicht den Namen 'City' anhängten; aber das war eine schlechte Prophezeiung. Als ich Marion City vor fünfunddreißig Jahren zum ersten Mal sah, bestand sie aus einer Straße und fast oder genau sechs Häusern. Sie besteht jetzt nur noch aus einem Haus, und dieses eine, in einem Zustand des Verfalls, macht sich bereit, den fünf vorherigen in den Fluss zu folgen. Zweifellos lag Marion City zu nahe an Quincy. Sie hatte einen weiteren Nachteil: Sie lag in einem flachen Schlammgrund unterhalb der Hochwassermarke, während Quincy hoch oben am Hang eines Hügels liegt.
Zu Beginn hatte Quincy das Aussehen und die Sitten einer typischen Stadt in Neuengland: und das hat sie noch immer: breite, saubere Straßen, gepflegte, ordentliche Wohnungen und Rasenflächen, feine Villen, stattliche Häuserblocks für Geschäfte. Und es gibt großzügige Festplätze, einen gut gepflegten Park und viele attraktive Zufahrtswege; eine Bibliothek, Lesesäle, ein paar Colleges, einige hübsche und kostspielige Kirchen und ein großes Gerichtsgebäude, dessen Gelände einen ganzen Häuserblock einnimmt. Die Bevölkerung der Stadt beträgt dreißigtausend. Es gibt hier einige große Fabriken, und die Produktion vieler Arten wird in großem Maßstab betrieben.
La Grange und Canton sind wachsende Städte, aber Alexandria habe ich verpasst; mir wurde gesagt, sie stünde unter Wasser, würde aber im Sommer auftauchen, um sich aufzublasen.
Keokuk war leicht wiederzuerkennen. Ich lebte dort 1857 – ein außergewöhnliches Jahr dort in Immobilienangelegenheiten. Der 'Boom' war etwas Wunderbares. Jeder kaufte, jeder verkaufte – außer Witwen und Predigern; die halten immer fest; und wenn die Flut abebbt, bleiben sie zurück. Alles, was dem Anschein eines Baugrundstücks entsprach, egal wie es lag, war verkäuflich, und zwar zu einem Preis, der immer noch hoch gewesen wäre, wenn der Boden mit grünen Geldscheinen bepflanzt gewesen wäre.
Die Stadt hat heute eine Bevölkerung von fünfzehntausend Einwohnern und entwickelt sich mit einem gesunden Wachstum. Es war Nacht, und wir konnten keine Details sehen, was wir bedauerten, denn Keokuk hat den Ruf, eine schöne Stadt zu sein. Es war vor langer Zeit ein angenehmer Ort zum Leben, und zweifellos hat sie sich in dieser Hinsicht weiterentwickelt, nicht zurückentwickelt.
Ein gewaltiges Werk, das zu meiner Zeit dort in Arbeit war, ist jetzt vollendet. Es ist der Kanal über die Stromschnellen. Er ist acht Meilen lang, dreihundert Fuß breit und an keiner Stelle weniger als sechs Fuß tief. Sein Mauerwerk ist von der majestätischen Art, mit der das Kriegsministerium gewöhnlich umgeht, und wird wie ein römisches Aquädukt überdauern. Das Werk kostete vier oder fünf Millionen.
Nachdem wir ein oder zwei Stunden mit alten Freunden verbracht hatten, fuhren wir wieder den Fluss hinauf. Keokuk war vor langer Zeit ein gelegentlicher Aufenthaltsort jenes erratischen Genies Henry Clay Dean. Ich glaube, ich habe ihn nie mehr als einmal gesehen; aber er war viel im Gespräch, als ich dort wohnte. Das wurde über ihn gesagt –
Er begann sein Leben arm und ohne Bildung. Aber er bildete sich selbst – auf den Bordsteinkanten von Keokuk. Er pflegte sich mit seinem Buch auf einen Bordstein zu setzen, unbekümmert oder unbewusst des Lärms des Handels und des Trampelns der vorbeiziehenden Massen, und versank stundenlang in seinen Studien, ohne seine Position jemals zu ändern, außer um ab und zu die Knie anzuziehen, damit ein Fuhrwerk ungehindert passieren konnte; und wenn sein Buch beendet war, waren seine Inhalte, wie tiefgründig sie auch sein mochten, in sein Gedächtnis eingebrannt und waren sein ständiger Besitz. Auf diese Weise erwarb er einen riesigen Schatz an allerlei Wissen und hatte ihn in seinem Kopf in Fächern abgelegt, wo er seine intellektuelle Hand darauf legen konnte, wann immer es gebraucht wurde.
Seine Kleidung unterschied sich in keiner Weise von der eines 'Hafenratten'-Jungen, außer dass sie zerlumpter, falsch zusammengestellt und unharmonischer (und daher extravaganter malerisch) war und mehrere Schichten schmutziger. Niemand konnte von dem Bauwerk selbst auf den meisterhaften Geist in der Spitze dieses Bauwerks schließen.
Er war ein Redner – von Natur aus in erster Linie, und später durch das Training von Erfahrung und Praxis. Wenn er auf Wahlkampftour war, war sein Name ein Magnet, der die Bauern aus fünfzig Meilen Umkreis zu seinem Rednerpult zog. Sein Thema war immer die Politik. Er benutzte keine Notizen, denn ein Vulkan braucht keine Notizen. 1862 gab mir ein Sohn des verstorbenen angesehenen Bürgers von Keokuk, Mr. Claggett, diesen Vorfall über Dean –
Die Kriegsstimmung war in Keokuk (im Jahr '61) sehr aufgeheizt, und an einem bestimmten Tag sollte eine große Versammlung im neuen Athenaeum stattfinden. Ein angesehener Fremder sollte vor dem Haus sprechen. Nachdem das Gebäude bis auf den letzten Platz mit schwitzenden Leuten beiderlei Geschlechts gefüllt war, blieb die Bühne immer noch leer – der angesehene Fremder hatte den Anschluss verpasst. Die Menge wurde ungeduldig und nach und nach empört und rebellisch. Ungefähr zu dieser Zeit entdeckte ein verzweifelter Manager Dean auf einem Bordstein, erklärte ihm das Dilemma, nahm ihm sein Buch weg, stieß ihn durch den Hintereingang in das Gebäude und sagte ihm, er solle sich auf die Bühne begeben und sein Land retten.
Bald legte sich eine plötzliche Stille über das murrende Publikum, und aller Augen suchten einen einzigen Punkt – die weite, leere, teppichlose Bühne. Eine Gestalt erschien dort, deren Anblick kaum einem Dutzend anwesender Personen vertraut war. Es war die Vogelscheuche Dean – in fuchsig braunen Schuhen, abgetretenen Absätzen; Socken in ungleichen Farben, ebenfalls 'abgetreten'; beschädigte Hosen, Relikte der Antike, und bei weitem zu kurz, was einige Zoll nackten Knöchel enthüllte; eine aufgeknöpfte Weste, ebenfalls zu kurz, die eine Zone aus schmutziger und faltiger Wäsche zwischen ihr und dem Hosenbund enthüllte; das Hemdbrust offen; ein langes schwarzes Taschentuch, wie ein Verband um den Hals gewickelt; ein kurzschweifiger blauer Rock, der bis zum unteren Rücken reichte, mit Ärmeln, die vier Zoll Unterarm ungeschützt ließen; eine kleine Soldatenkappe mit steifer Krempe hing an einer Ecke des Höckers am Kopf – an welchem Höcker es auch immer war. Diese Gestalt bewegte sich ernst auf die Bühne und mit gesetztem und gemessenem Schritt nach vorne, wo sie innehielt und verträumt das Haus betrachtete, ohne ein Wort zu sagen. Die Stille der Überraschung hielt einen Moment an, wurde dann aber durch ein gerade noch hörbares Kräuseln der Heiterkeit gebrochen, das wie das Spülen einer Welle über das Meer der Gesichter fegte. Die Gestalt blieb wie zuvor und betrachtete nachdenklich. Eine weitere Welle setzte ein – Gelächter, diesmal. Ihr folgte eine weitere, dann eine dritte – diese letzte war stürmisch.
Und nun trat der Fremde einen Schritt zurück, nahm seine Soldatenmütze ab, warf sie in die Kulissen und begann zu sprechen, wohlüberlegt, während niemand zuhörte, jeder lachte und flüsterte. Der Redner sprach unbeirrt weiter und landete alsbald einen Treffer, der saß, woraufhin Stille und Aufmerksamkeit eintraten. Er ließ schnell und hastig weitere schlagkräftige Argumente folgen; er arbeitete sich warm und begann, seine Worte auszuströmen, statt sie nur zu tröpfeln; er wurde immer hitziger und begann Blitze und Donner zu entladen – und nun begann das Haus in Applaus auszubrechen, worauf der Redner jedoch nicht achtete, sondern unbeirrt weiterhämmerte; er wickelte seine schwarze Binde ab und warf sie weg, während er weiter donnerte; kurz darauf legte er den kurzen Gehrock ab und schleuderte ihn beiseite, wobei er sich immer weiter in Fahrt brachte; schließlich warf er die Weste hinter dem Rock her; und dann stand er für eine unbestimmte Zeit da, wie ein zweiter Vesuv, der Rauch und Flammen, Lava und Asche spie, Bimsstein und Schlacke regnen ließ, die moralische Erde mit intellektuellem Krachen auf Krachen, Explosion auf Explosion erschütterte, während die verrückte Menge geschlossen von den Sitzen sprang und mit einem unaufhörlichen Orkan aus Jubelrufen antwortete, durch einen peitschenden Schneesturm winkender Taschentücher.
„Als Dean kam“, sagte Claggett, „hielten die Leute ihn für einen entflohenen Irren; aber als er ging, hielten sie ihn für einen entflohenen Erzengel.“
Burlington, die Heimat des sprühenden Burdette, ist eine weitere Hügelstadt; und dazu eine schöne; zweifellos; eine feine und blühende Stadt mit einer Bevölkerung von fünfundzwanzigtausend Einwohnern, umgürtet von geschäftigen Fabriken fast jeder erdenklichen Art. Es war auch eine sehr nüchterne Stadt – für den Moment –, denn ein höchst ernüchterndes Gesetz war in der Schwebe; ein Gesetz, das die Herstellung, Ausfuhr, Einfuhr, den Kauf, Verkauf, das Leihen, Verleihen, Stehlen, Trinken, Riechen oder den Besitz, sei es durch Eroberung, Erbschaft, Absicht, Unfall oder auf andere Weise, jedes beliebigen schädlichen Getränks, das dem Menschengeschlecht bekannt ist, mit Ausnahme von Wasser, im Staate Iowa verbieten sollte. Diese Maßnahme wurde von allen vernünftigen Leuten im Staate gutgeheißen; nicht jedoch von den Richtern.
Burlington verfügt über die volle Ausrüstung der fortschrittlichen modernen Stadt für eine korrekte und intelligente Regierung; einschließlich einer bezahlten Feuerwehr, eine Einrichtung, die der großen Stadt New Orleans fehlt, wo man noch jenes Relikt der Antike, das unabhängige System, verwendet.
In Burlington, wie in all diesen Städten am oberen Fluss, atmet man eine Atmosphäre des Vorwärtsstrebens, die gut in der Nase schmeckt. Dort wurde kürzlich ein Opernhaus erbaut, das in starkem Kontrast zu den schäbigen Löchern steht, die in Städten von Burlingtons Größe üblicherweise als Theater herhalten müssen.
Wir hatten keine Zeit, in Muscatine an Land zu gehen, bekamen aber vom Boot aus einen Blick bei Tageslicht darauf. Ich habe vor vielen Jahren eine Zeit lang dort gelebt, aber der Ort hatte jetzt ein ziemlich fremdes Aussehen; ich nehme also an, er ist längst über die Stadt hinausgewachsen, die ich zu kennen glaubte. Tatsächlich weiß ich das sogar; denn ich erinnere mich an ihn als einen kleinen Ort – was er jetzt nicht mehr ist. Aber am besten erinnere ich mich an einen Irren, der mich eines Sonntags draußen auf den Feldern erwischte, ein Schlachtmesser aus seinem Stiefel zog und vorschlug, mich damit zu zerlegen, falls ich ihn nicht als den einzigen Sohn des Teufels anerkennte. Ich versuchte, einen Kompromiss zu finden, indem ich anerkannte, dass er das einzige Mitglied der Familie sei, das ich getroffen hätte; aber das stellte ihn nicht zufrieden; er wollte keine halben Sachen; ich musste sagen, er sei der einzige und alleinige Sohn des Teufels – er wetzte sein Messer an seinem Stiefel. Es schien nicht der Mühe wert, wegen einer solchen Kleinigkeit Ärger zu bekommen; also schwenkte ich auf seine Sicht der Dinge ein und brachte meine Haut heil davon. Kurz darauf ging er seinen Vater besuchen; und da er seitdem nicht wieder aufgetaucht ist, vertraue ich darauf, dass er immer noch dort ist.
Und ich erinnere mich an Muscatine – noch angenehmer – wegen seiner sommerlichen Sonnenuntergänge. Ich habe auf keiner Seite des Ozeans jemals welche gesehen, die ihnen gleichkamen. Sie benutzten den breiten, glatten Fluss als Leinwand und malten darauf jeden erdenklichen Traum von Farben, von den gesprenkelten Feinheiten und Zartheiten des Opals, den ganzen Weg hinauf, durch kumulative Intensitäten, bis hin zu blendenden lila und karmesinroten Feuersbrünsten, die bezaubernd für das Auge waren, es aber gleichzeitig scharf beanspruchten. Die gesamte Region des oberen Mississippi hat diese außergewöhnlichen Sonnenuntergänge als vertrautes Schauspiel. Es ist das wahre Land der Sonnenuntergänge: Ich bin sicher, kein anderes Land kann einen so guten Anspruch auf diesen Namen erheben. Die Sonnenaufgänge sollen auch außerordentlich schön sein. Ich weiß es nicht.
KAPITEL 58
Am oberen Fluss
DIE großen Städte tauchen jetzt dicht und schnell auf: und dazwischen erstrecken sich Reihen von wohlhabenden Farmen, keine trostlose Einöde. Stunde um Stunde pflügt das Boot tiefer und tiefer in den großen und bevölkerungsreichen Nordwesten; und mit jedem aufeinanderfolgenden Abschnitt, der sich offenbart, gewinnen das Erstaunen und der Respekt an Nachdruck und nehmen zu. Ein solches Volk und solche Errungenschaften wie die ihren erzwingen Ehrerbietung. Dies ist ein unabhängiges Geschlecht, das für sich selbst denkt und dazu kompetent ist, weil es gebildet und aufgeklärt ist; sie lesen, sie halten sich über die besten und neuesten Gedanken auf dem Laufenden, sie befestigen jeden schwachen Punkt in ihrem Land mit einer Schule, einem College, einer Bibliothek und einer Zeitung; und sie leben unter dem Gesetz. Sorge um die Zukunft eines solchen Volkes ist nicht angebracht.
Diese Region ist neu; so neu, dass man sagen kann, sie stecke noch in den Kinderschuhen. An dem, was sie vollbracht hat, während sie noch zahnte, kann man vorhersagen, welche Wunder sie in der Kraft ihrer Reife vollbringen wird. Sie ist so neu, dass der ausländische Tourist noch nichts von ihr gehört hat; und sie noch nicht besucht hat. Seit sechzig Jahren dampft der ausländische Tourist den Fluss zwischen St. Louis und New Orleans auf und ab, geht dann nach Hause und schreibt sein Buch in dem Glauben, er habe den ganzen Fluss gesehen, der sehenswert sei oder der etwas zu bieten habe. In nicht einmal sechs dieser Bücher gibt es eine Erwähnung dieser Städte am oberen Fluss – aus dem Grund, dass die fünf oder sechs Touristen, die in diese Region vordrangen, dies taten, bevor diese Städte geplant waren. Der neueste Tourist von allen (1878) machte die gleiche alte Standardreise – er hatte nicht gehört, dass es nördlich von St. Louis irgendetwas gäbe.
Doch es gab es. Es gab diese erstaunliche Region, die von großen Städten nur so wimmelte, die, bildlich gesprochen, vorgestern geplant und am nächsten Morgen erbaut wurden. Ein Dutzend von ihnen zählen zwischen fünfzehnhundert und fünftausend Einwohner. Dann haben wir Muscatine, zehntausend; Winona, zehntausend; Moline, zehntausend; Rock Island, zwölftausend; La Crosse, zwölftausend; Burlington, fünfundzwanzigtausend; Dubuque, fünfundzwanzigtausend; Davenport, dreißigtausend; St. Paul, achtundfünfzigtausend, Minneapolis, sechzigtausend und darüber.
Der ausländische Tourist hat noch nie von diesen gehört; es gibt keine Notiz von ihnen in seinen Büchern. Sie sind in der Nacht aus dem Boden geschossen, während er schlief. So neu ist diese Region, dass ich, der ich vergleichsweise jung bin, doch älter bin als sie. Als ich geboren wurde, hatte St. Paul eine Bevölkerung von drei Personen, Minneapolis hatte gerade ein Drittel davon. Die damalige Bevölkerung von Minneapolis starb vor zwei Jahren; und als er starb, hatte er gesehen, wie sie sich in vierzig Jahren um neunundfünfzigtausendneunhundertneunundneunzig Personen vergrößerte. Er hatte die Fruchtbarkeit eines Frosches.
Ich muss erklären, dass die oben genannten Zahlen für die Bevölkerung von St. Paul und Minneapolis einige Monate alt sind. Diese Städte sind jetzt weit größer. Tatsächlich habe ich gerade eine Zeitungsschätzung gesehen, die der ersteren einundsiebzigtausend und der letzteren achtundsiebzigtausend Einwohner zuschreibt. Dieses Buch wird die Öffentlichkeit erst in sechs oder sieben Monaten erreichen; keine der Zahlen wird dann noch viel wert sein.
Wir hatten einen flüchtigen Blick auf Davenport, das eine weitere schöne Stadt ist, die einen Hügel krönt – eine Redewendung, die auf all diese Städte zutrifft; denn sie sind alle ansehnlich, alle gut gebaut, sauber, ordentlich, angenehm für das Auge und erfrischend für den Geist; und sie liegen alle auf Hügeln. Deshalb werden wir diese Redewendung einmal ruhen lassen. Die Indianer haben eine Tradition, dass Marquette und Joliet 1673 dort lagerten, wo heute Davenport steht. Der nächste weiße Mann, der dort lagerte, tat dies etwa hundertsiebzig Jahre später – 1834. Davenport hat seine dreißigtausend Einwohner in den letzten dreißig Jahren versammelt. Sie schickt jetzt mehr Kinder in ihre Schulen, als ihre gesamte Bevölkerung vor dreiundzwanzig Jahren zählte. Sie hat das übliche Kontingent an Fabriken, Zeitungen und Bildungseinrichtungen für den oberen Fluss; sie hat Telefone, lokale Telegrafen, einen elektrischen Alarm und eine bewundernswerte bezahlte Feuerwehr, bestehend aus sechs Leiterwagen-Kompanien, vier Dampfspritzen und dreißig Kirchen. Davenport ist der offizielle Wohnsitz zweier Bischöfe – eines episkopalen und eines katholischen.
Gegenüber von Davenport liegt die blühende Stadt Rock Island, die am Fuße der oberen Stromschnellen liegt. Eine große Eisenbahnbrücke verbindet die beiden Städte – eine der dreizehn, die den Mississippi und die Lotsen zwischen St. Louis und St. Paul plagen.
Die bezaubernde Insel Rock Island, drei Meilen lang und eine halbe Meile breit, gehört den Vereinigten Staaten, und die Regierung hat sie in einen wundervollen Park verwandelt, ihre natürlichen Reize durch Kunst verstärkt und ihre feinen Wälder mit vielen Meilen von Fahrwegen durchzogen. Nahe der Mitte der Insel erhascht man durch die Bäume Blicke auf zehn gewaltige, vierstöckige Steingebäude, von denen jedes einen Acker Land bedeckt. Dies sind die Werkstätten der Regierung; denn die Anlage von Rock Island ist eine nationale Waffenkammer und ein Arsenal.
Wir bewegen uns den Fluss hinauf – immer durch bezaubernde Landschaft, da es am oberen Mississippi keine andere gibt – und passieren Moline, ein Zentrum für riesige Industriezweige; und Clinton und Lyons, große Holzhandelszentren; und erreichen alsbald Dubuque, das in einer reichen Mineralregion liegt. Die Bleiminen sind sehr produktiv und von weitem Umfang. Dubuque hat eine große Anzahl von Fabrikationsbetrieben; darunter eine Pflugfabrik, die Kunden in der gesamten Christenheit im Allgemeinen hat. Zumindest wurde mir das von einem Vertreter der Firma erzählt, der auf dem Boot war. Er sagte –
„Zeigen Sie mir irgendein Land unter der Sonne, in dem man wirklich weiß, wie man pflügt, und wenn ich Ihnen dort nicht unser Zeichen auf dem Pflug zeigen kann, den sie benutzen, dann esse ich diesen Pflug; und ich werde auch nicht nach irgendeiner Worcestersauce fragen, um ihn schmackhafter zu machen.“
Dieser ganze Teil des Flusses ist reich an indianischer Geschichte und Traditionen. Black Hawks war einst ein mächtiger Name hierzulande; ebenso Keokuks, weiter flussabwärts. Ein paar Meilen unterhalb von Dubuque liegt der Tete de Mort – Totenkopf-Felsen oder -Klippe –, auf dessen Gipfel die Franzosen in frühen Zeiten eine Gruppe von Indianern trieben und sie dort einsperrten, mit dem Tod als Gewissheit und nur die Art des Todes blieb zur Wahl – zu verhungern oder herunterzuspringen und sich umzubringen. Black Hawk nahm gegen Ende seines Lebens die Sitten der Weißen an; und als er starb, wurde er in der Nähe von Des Moines auf christliche Weise beigesetzt, modifiziert durch indianische Bräuche; das heißt, in einer christlichen Militäruniform bekleidet und mit einem christlichen Gehstock in der Hand, aber in sitzender Haltung im Grab beigesetzt. Früher war immer ein Pferd mit einem Häuptling begraben worden. Die Ersetzung durch den Gehstock zeigt, dass Black Hawks stolze Natur wirklich gedemütigt war und er erwartete zu laufen, wenn er drüben ankam.
Uns fiel auf, dass das Wasser des Mississippi oberhalb von Dubuque olivgrün war – reich und schön und halbtransparent, wenn die Sonne darauf schien. Natürlich war das Wasser nirgends so klar oder von so feiner Färbung wie zu manchen anderen Jahreszeiten; denn jetzt war es zur Zeit des Hochwassers und daher durch den Schlamm, der von den einstürzenden Ufern stammte, getrübt und verschwommen.
Die majestätischen Klippen, die den Fluss entlang dieser Region überblicken, bezaubern durch die Anmut und Vielfalt ihrer Formen und die sanfte Schönheit ihres Schmucks. Der steile, begrünte Hang, dessen Basis am Wasserrand liegt, wird von einem hoch aufragenden Wall aus zerklüfteten, türmchenartigen Felsen gekrönt, die in der Farbe exquisit reich und weich sind – hauptsächlich dunkle Brauntöne und stumpfes Grün, aber mit anderen Farbtönen besprenkelt. Und dann haben Sie den leuchtenden Fluss, der sich hierhin und dorthin und dorthin schlängelt, dessen Lauf in Abständen von Ansammlungen bewaldeter Inseln unterbrochen wird, durch die silberne Kanäle führen; und Sie haben Blicke auf entfernte Dörfer, die auf Kaps schlafen; und auf verstohlene Flöße, die im Schatten der Waldwände dahin gleiten; und auf weiße Dampfer, die hinter fernen Punkten verschwinden. Und alles ist so ruhig und entspannend wie ein Traumland und hat nichts Weltliches an sich – nichts, woran man einen Kummer oder eine Sorge aufhängen könnte.
Bis der unheilige Zug dahergerast kommt – was er alsbald tut und die heilige Einsamkeit mit seinem teuflischen Kriegsschrei und dem Dröhnen und Donnern seiner hastenden Räder in Stücke reißt – und im Nu sind Sie zurück in dieser Welt, und eine ihrer Sorgen liegt bereit für Ihre Unterhaltung: denn Sie erinnern sich, dass dies genau die Straße ist, deren Aktien immer fallen, nachdem Sie sie gekauft haben, und immer wieder steigen, sobald Sie sie verkaufen. Es schaudert mich bis heute, wenn ich daran denke, dass ich einmal beinahe meine Aktien überhaupt nicht losgeworden wäre. Es muss eine schreckliche Sache sein, eine Eisenbahn am Hals zu haben.
Die Lokomotive ist vom Deck des Dampfschiffs aus fast den ganzen Weg von St. Louis nach St. Paul zu sehen – achthundert Meilen. Diese Eisenbahnen haben unter dem Dampfschiffhandel gewütet. Der Zahlmeister unseres Bootes war Dampfschiff-Zahlmeister, bevor diese Straßen gebaut wurden. In jenen Tagen war der Zustrom von Bevölkerung so groß und das Frachtgeschäft so schwer, dass die Boote nicht in der Lage waren, mit den Anforderungen an ihre Transportkapazität Schritt zu halten; folglich waren die Kapitäne sehr unabhängig und hochnäsig – ziemlich „eingebildet“, wie Onkel Remus sagen würde. Der Zahlmeister fasste den Kontrast zwischen früher und heute so zusammen –
„Boot legte an – Kapitän auf dem Sonnendeck – verdammt steif und gerade – Eisenladestock als Rückgrat – Glaceehandschuhe, Zylinder, Haar im Nacken gescheitelt – Mann am Ufer zieht den Hut und sagt –
‚Hab achtundzwanzig Tonnen Weizen, Käpt’n – wäre ein großer Gefallen, wenn Sie sie mitnehmen könnten.‘
Kapitän sagt –
‚Werde zwei davon nehmen‘ – und würdigt ihn nicht einmal eines Blickes.
Aber heutzutage nimmt der Kapitän seine alte Schlappmütze ab und lächelt bis hinter die Ohren und verbeugt sich, wobei ihn kein Ladestock stört, und sagt –
‚Freut mich, Sie zu sehen, Smith, freut mich, Sie zu sehen – Sie sehen gut aus – habe Sie seit Jahren nicht mehr so gut aussehen sehen – was haben Sie für uns?‘
‚Nichts‘, sagt Smith; und behält seinen Hut auf, dreht ihm einfach den Rücken zu und geht dazu über, mit jemand anderem zu reden.
Oh ja, vor acht Jahren war der Kapitän obenauf; aber jetzt ist Smith an der Reihe. Vor acht Jahren fuhr ein Boot den Fluss hinauf, jede Kabine voll, Leute fünf- und sechsfach auf dem Kabinenboden gestapelt; und dazu noch eine massive Decksfracht von Einwanderern und Erntehelfern unten. Um eine erstklassige Kabine zu bekommen, musste man sechzehn Ahnenviertel und vierhundert Jahre Abstammung nachweisen oder persönlich den Neger kennen, der die Stiefel des Kapitäns putzte. Aber heute ist alles anders; jede Menge Kabinen oben, keine Erntehelfer unten – es gibt jetzt einen patentierten Selbstbinder, und sie haben keine Erntehelfer mehr; sie sind dorthin gegangen, wo das Waldgeißblatt rankt – und sie sind nicht mit dem Dampfschiff gefahren, auch nicht; sind mit dem Zug gefahren.“
Hier oben in dieser Gegend begegneten wir massenweise Holzflößen, die herunterkamen – aber nicht gemütlich auf die altmodische Art dahintreibend, bemannt mit fröhlichen und leichtsinnigen Besatzungen aus geigenden, singenden, Whiskey trinkenden, stepptanzenden Halunken; nein, das Ganze wurde modern schnell von einem leistungsstarken Heckraddampfer vorwärts geschoben, und die kleinen Besatzungen waren ruhige, ordentliche Männer mit einem gesetzten geschäftlichen Auftreten, ohne auch nur einen Hauch von Romantik an sich.
Hier irgendwo, in einer stockfinsteren Nacht, befuhren wir einige außerordentlich schmale und komplizierte Inselkanäle mit Hilfe des elektrischen Lichts. Dahinter war massive Schwärze – eine risslose Wand davon; voraus ein schmaler Wasserbogen, der sich zwischen dichten Laubwänden krümmte, die unsere Bugs auf beiden Seiten fast berührten; und hier hob sich jedes einzelne Blatt und jede einzelne Welle in ihrer natürlichen Farbe hervor, überflutet von einer Helligkeit, als wäre das Mittagssonnenlicht noch verstärkt. Der Effekt war seltsam, fein und sehr eindrucksvoll.
Wir passierten Prairie du Chien, einen weiteren Lagerplatz von Pater Marquette; und nach einigen Stunden der Fahrt durch abwechslungsreiche und schöne Landschaft erreichten wir La Crosse. Hier ist eine Stadt mit zwölft oder dreizehntausend Einwohnern, mit elektrisch beleuchteten Straßen und Häuserblöcken, die stattlich genug und auch architektonisch fein genug sind, um in jeder Stadt Respekt zu fordern. Es ist eine erlesene Stadt, und wir machten befriedigenden Gebrauch von der Stunde, die uns gewährt wurde, indem wir sie durchstreiften, obwohl das Wetter regnerischer war als nötig.
KAPITEL 59
Legenden und Landschaft
WIR fügten unserer Liste in La Crosse mehrere Passagiere hinzu; unter anderem einen alten Herrn, der mit den frühen Siedlern in diese nordwestliche Region gekommen war und mit jedem Teil davon vertraut war. Entschuldbar stolz darauf, auch. Er sagte –
„Sie werden zwischen hier und St. Paul eine Landschaft finden, die dem Hudson Punkte geben kann. Sie werden den Queen’s Bluff haben – siebenhundert Fuß hoch und ein ebenso imposantes Schauspiel, wie Sie es irgendwo finden können; und Trempeleau Island, das wie keine andere Insel in Amerika ist, glaube ich, denn es ist ein gigantischer Berg mit steilen Seiten und ist voller indianischer Traditionen und war früher voller Klapperschlangen; wenn Sie die Sonne dort genau richtig erwischen, werden Sie ein Bild haben, das bei Ihnen bleibt. Und oberhalb von Winona werden Sie liebliche Prärien haben; und dann kommen die Thousand Islands, zu schön für alles; grün? warum, Sie haben noch nie ein so grünes Laub gesehen, noch so dicht gepackt; es ist wie tausend Plüschkissen, die auf einem Spiegel schwimmen – wenn das Wasser still ist; und dann die monströsen Klippen auf beiden Seiten des Flusses – zerlumpt, schroff, dunkel gefärbt – genau der Rahmen, der gebraucht wird; Sie brauchen immer einen starken Rahmen, wissen Sie, um die schönen Punkte eines zarten Bildes hervorzuheben und sie hervortreten zu lassen.“
Der alte Herr erzählte uns auch die eine oder andere rührende indianische Legende – aber keine sehr kraftvollen.
Nach diesem Ausflug in die Geschichte kam er auf die Landschaft zurück und beschrieb sie, Detail für Detail, von den Thousand Islands bis St. Paul; nannte ihre Namen mit solcher Leichtigkeit, tänzelte mit solcher flinken und selbstbewussten Leichtigkeit durch sein Thema, knallte hier und da ein drei-Tonnen-Wort hinein, mit solch einer selbstgefälligen Art von ‚das-ist-nichts,-das-kann-ich-jederzeit-wenn-ich-will‘, und ließ in solch wohlüberlegten Abständen feine Überraschungen von greller Beredsamkeit los, dass ich alsbald begann zu vermuten –
Aber egal, was ich zu vermuten begann. Hören Sie ihn –
„Zehn Meilen oberhalb von Winona kommen wir nach Fountain City, das sich lieblich an die Füße von Klippen schmiegt, die ihre ehrfurchtgebietenden Fronten, jovial, den blauen Tiefen des Himmels entgegenheben und sie in jungfräulichen Atmosphären baden, die keine andere Berührung kannten als die von Engelsflügeln.
Und als nächstes gleiten wir durch silberne Wasser, inmitten lieblicher und erstaunlicher Aspekte der Natur, die unsere Herzen auf anbetende Bewunderung einstimmen, etwa zwölf Meilen, und erreichen Mount Vernon, sechshundert Fuß hoch, mit romantischen Ruinen eines einst erstklassigen Hotels, die hoch oben zwischen den Wolkenschatten thronen, die seine schwindelerregenden Höhen sprenkeln – einziger Überrest des einst blühenden Mount Vernon, Stadt früherer Tage, jetzt trostlos und völlig verlassen.
Und so bewegen wir uns weiter. Am Chimney Rock fliegen wir vorbei – edler Schaft von sechshundert Fuß; dann, kurz vor der Landung in Minnieska, wird unsere Aufmerksamkeit auf ein höchst auffälliges Vorgebirge gelenkt, das über fünfhundert Fuß hoch aufragt – die ideale Bergpyramide. Seine kegelförmige Gestalt – dicht bewaldete Oberfläche, die seine Seiten umgürtet, und sein Scheitel wie der eines Kegels, lassen den Betrachter über die Wirkungsweise der Natur staunen. Von seinen schwindelerregenden Höhen werden großartige Aussichten auf die Wälder, Bäche, Klippen, Hügel und Täler unter und jenseits auf Meilen in seinen Fokus gebracht. Welche großartigere Flusslandschaft kann man sich vorstellen, wenn wir auf diese bezaubernde Landschaft blicken, vom obersten Punkt dieser Klippen auf die Täler darunter? Die urzeitliche Wildheit und schreckliche Einsamkeit dieser erhabenen Schöpfungen der Natur und des Gottes der Natur erregen Gefühle unbegrenzter Bewunderung, deren Erinnerung niemals aus dem Gedächtnis ausgelöscht werden kann, während wir sie in jede Richtung betrachten.“
„Dann haben wir den Löwenkopf und den Kopf der Löwin, von der Hand der Natur geformt, um den schönen Strom zu schmücken und zu beherrschen; und dann wird der Fluss bald breiter, und ein überaus reizvoller und großartiger Blick auf das Tal vor uns offenbart sich plötzlich unseren Augen; zerklüftete Hügel, vom Gipfel bis zum Fuß mit grünen Wäldern bedeckt, flaches Prärieland, das in seinem Schoß das schöne Wabasha hält, die Stadt der heilenden Wasser, mächtiger Feind von Brights Krankheit, und jenes großartigste Werk der Natur, den unvergleichlichen Lake Pepin – all dies bildet ein Bild, auf das der Blick des Touristen ungezählte Stunden ruhen kann, mit einer Begeisterung, die weder gestillt noch zu stillen ist.
Und so gleiten wir dahin; zu gegebener Zeit begegnen wir jenen majestätischen Kuppeln, dem mächtigen Sugar Loaf und dem erhabenen Maiden's Rock – welch letzterem der romantische Aberglaube eine Stimme verliehen hat; und oft, wenn das Birkenkananu in der Dämmerung vorbeizieht, bildet sich der dunkelhäutige Paddler ein, die sanfte, süße Musik der längst verstorbenen Winona zu hören, dem Liebling indianischer Lieder und Geschichten.
Dann taucht Frontenac vor unseren Augen auf, der herrliche Zufluchtsort für erschöpfte Sommertouristen; dann das fortschrittliche Red Wing; und Diamond Bluff, beeindruckend und gewichtig in seiner einsamen Erhabenheit; dann Prescott und der St. Croix; und bald sehen wir die Kuppeln und Kirchtürme von St. Paul vor uns auftauchen, dem riesenhaften jungen Häuptling des Nordens, der mit Siebenmeilenstiefeln an der Spitze des Fortschritts marschiert, Bannerträger der höchsten und neuesten Zivilisation, der sich seinen wohltätigen Weg mit dem Tomahawk kommerziellen Unternehmertums bahnt, den Kriegsschrei christlicher Kultur erschallen lässt, den dampfenden Skalp der Trägheit und des Aberglaubens abreißt, um dort den Dampfpflug und das Schulhaus zu pflanzen – immer vor ihm erstrecken sich öde Gesetzlosigkeit, Unwissenheit, Verbrechen, Verzweiflung; immer in seinem Gefolge blühen das Gefängnis, der Galgen und die Kanzel; und immer –“
„Sind Sie jemals mit einem Panorama gereist?“
„Ich war früher in dieser Funktion tätig.“
Mein Verdacht bestätigte sich.
„Reisen Sie noch immer damit?“
„Nein, sie ist bis zum Beginn der Herbstsaison stillgelegt. Ich helfe jetzt, die Materialien für einen Touristenführer aufzubereiten, den die St. Louis and St. Paul Packet Company diesen Sommer zum Nutzen der Reisenden herausgeben wird, die mit dieser Linie fahren.“
„Als Sie von Maiden's Rock sprachen, erwähnten Sie die längst verstorbene Winona, den Liebling indianischer Lieder und Geschichten. Ist sie das Mädchen vom Felsen? – und sind die beiden durch eine Legende verbunden?“
„Ja, und zwar durch eine sehr tragische und schmerzhafte. Vielleicht die berühmteste, wie auch die pathetischste aller Legenden des Mississippi.“
Wir baten ihn, sie zu erzählen. Er fiel mühelos aus seinem konversationellen Tonfall zurück in seinen Vortragsstil und legte wie folgt los –
„Ein kurzes Stück oberhalb von Lake City liegt ein berühmter Punkt, bekannt als Maiden's Rock, der nicht nur ein malerischer Ort ist, sondern auch voller romantischem Interesse aufgrund des Ereignisses, das ihm seinen Namen gab. Vor nicht vielen Jahren war diese Gegend ein beliebter Zufluchtsort für die Sioux-Indianer wegen des guten Fischfangs und der Jagd, die es dort gab, und große Mengen von ihnen waren immer in dieser Gegend anzutreffen. Zu den Familien, die hierher zu kommen pflegten, gehörte eine vom Stamm der Wabasha. We-no-na (Erstgeborene) war der Name eines Mädchens, das einem Liebhaber aus derselben Gruppe die Treue geschworen hatte. Aber ihre strengen Eltern hatten ihre Hand einem anderen versprochen, einem berühmten Krieger, und bestanden darauf, dass sie ihn heiratete. Der Tag wurde von ihren Eltern zu ihrem großen Leidwesen festgelegt. Sie schien dem Vorschlag zuzustimmen und sie zum Felsen zu begleiten, um Blumen für das Fest zu sammeln. Als sie den Felsen erreichte, rannte We-no-na zum Gipfel, stellte sich an den Rand, schalt ihre Eltern, die unten waren, wegen ihrer Grausamkeit, und nachdem sie ein Totenlied gesungen hatte, stürzte sie sich vom Abgrund und zerschmetterte sie am Felsen unter sich.“
„Zerschmetterte wen – ihre Eltern?“
„Ja.“
„Nun, es war sicherlich eine tragische Angelegenheit, wie Sie sagen. Und darüber hinaus gibt es eine überraschende Art von dramatischem Überraschungseffekt, den ich nicht erwartet hatte. Es ist eine deutliche Verbesserung gegenüber der abgedroschenen Form indianischer Legenden. Es gibt fünfzig ‚Liebessprünge‘ entlang des Mississippi, von deren Gipfel enttäuschte Indianermädchen gesprungen sind, aber dies ist der einzige Sprung der ganzen Reihe, der auf die richtige und befriedigende Art ausging. Was wurde aus Winona?“
„Sie war ziemlich durchgeschüttelt und gestoßen: aber sie rappelte sich auf und verschwand, bevor der Leichenbeschauer den fatalen Ort erreichte; und es wird gesagt, sie habe ihren wahren Geliebten gesucht und geheiratet und sei mit ihm in ein fernes Klima gewandert, wo sie fortan glücklich lebte, ihr sanfter Geist gemildert und geläutert durch den romantischen Vorfall, der sie so früh der süßen Führung einer mütterlichen Liebe und des beschützenden Armes eines Vaters beraubt und sie, völlig unbeschützt, der kalten Barmherzigkeit einer zensorischen Welt ausgeliefert hatte.“
Ich war froh, die Beschreibung der Landschaft durch den Dozenten zu hören, denn sie half mir dabei, das zu würdigen, was ich davon sah, und ermöglichte es mir, mir das vorzustellen, was wir durch das Einbrechen der Nacht verloren.
Wie der Dozent bemerkte, ist diese ganze Region mit indianischen Geschichten und Traditionen übersät. Aber ich erinnerte ihn daran, dass die Leute diese Tatsache meist nur erwähnen – und zwar auf eine Weise, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt – und dann klugerweise dort aufhören. Warum? Weil der Eindruck war, dass diese Geschichten voller Geschehnisse und Fantasie seien – ein angenehmer Eindruck, der prompt verfliegen würde, wenn die Geschichten erzählt würden. Ich zeigte ihm eine Menge dieser Art von Literatur, die ich gesammelt hatte, und er gestand, dass es minderwertiger Stoff, überaus armseliger Plunder sei; und ich wagte hinzuzufügen, dass die Legenden, die er uns selbst erzählt hatte, von dieser Art seien, mit der einzigen Ausnahme der bewundernswerten Geschichte von Winona. Er räumte diese Tatsachen ein, sagte aber, wenn ich Mr. Schoolcrafts Buch ausfindig machen würde, das vor fast fünfzig Jahren veröffentlicht wurde und zweifellos heute vergriffen sei, würde ich darin einige indianische Erfindungen finden, die weit davon entfernt seien, arm an Geschehnissen und Fantasie zu sein; dass die Geschichten in Hiawatha von dieser Art seien und aus Schoolcrafts Buch stammten; und dass es andere im selben Buch gäbe, die Mr. Longfellow mit gutem Effekt in Versform hätte bringen können. Zum Beispiel gab es die Legende von ‚The Undying Head‘ (Dem unsterblichen Haupt). Er konnte sie nicht erzählen, da viele der Details in seinem Gedächtnis verblasst waren; aber er würde mir empfehlen, sie zu finden und meinen Respekt für die indianische Fantasie zu vergrößern. Er sagte, dass diese Geschichte und die meisten anderen im Buch unter den Indianern entlang dieses Teils des Mississippi verbreitet waren, als er zum ersten Mal hierher kam; und dass die Mitwirkenden an Schoolcrafts Buch sie direkt von indianischen Lippen erhalten und sie mit strenger Genauigkeit und ohne eigene Ausschmückungen niedergeschrieben hätten.“
Ich habe das Buch gefunden. Der Dozent hatte recht. Es gibt darin mehrere Legenden, die bestätigen, was er sagte. Ich werde zwei davon anbieten – ‚The Undying Head‘ und ‚Peboan and Seegwun, eine Allegorie der Jahreszeiten‘. Letztere wird in Hiawatha verwendet; aber es lohnt sich, sie in der ursprünglichen Form zu lesen, wenn auch nur, damit man sehen kann, wie wirkungsvoll ein echtes Gedicht ohne die Hilfen und Anmut von poetischem Versmaß und Rhythmus sein kann –
PEBOAN UND SEEGWUN.
Ein alter Mann saß einsam in seiner Hütte am Ufer eines zugefrorenen Baches. Es war das Ende des Winters, und sein Feuer war fast erloschen. Er schien sehr alt und sehr verlassen. Seine Locken waren weiß vor Alter, und er zitterte in jedem Glied. Tag für Tag verging in Einsamkeit, und er hörte nichts als das Geräusch des Sturms, der den frisch gefallenen Schnee vor sich herpeitschte.
Eines Tages, als sein Feuer gerade erlosch, näherte sich ein stattlicher junger Mann und betrat seine Wohnung. Seine Wangen waren rot vom Blut der Jugend, seine Augen funkelten vor Lebenskraft, und ein Lächeln spielte auf seinen Lippen. Er ging mit leichtem und schnellem Schritt. Seine Stirn war mit einem Kranz aus Süßgras umwunden, anstelle eines Kriegerstirnbandes, und er trug ein Blumenbündel in der Hand.
„Ah, mein Sohn“, sagte der alte Mann, „ich freue mich, dich zu sehen. Komm herein. Komm und erzähle mir von deinen Abenteuern und welche fremden Länder du gesehen hast. Lass uns die Nacht zusammen verbringen. Ich werde dir von meiner Tapferkeit und meinen Heldentaten erzählen, und was ich vollbringen kann. Du sollst das Gleiche tun, und wir werden uns amüsieren.“
Er zog dann aus seinem Sack eine kunstvoll gefertigte antike Pfeife und, nachdem er sie mit Tabak gefüllt hatte, der durch eine Mischung gewisser Blätter mild gemacht war, reichte er sie seinem Gast. Als diese Zeremonie beendet war, begannen sie zu sprechen.
„Ich hauche meinen Atem aus“, sagte der alte Mann, „und der Bach steht still. Das Wasser wird steif und hart wie klarer Stein.“
„Ich atme“, sagte der junge Mann, „und Blumen sprießen über der Ebene hervor.“
„Ich schüttle meine Locken“, entgegnete der alte Mann, „und Schnee bedeckt das Land. Die Blätter fallen von den Bäumen auf meinen Befehl, und mein Atem bläst sie fort. Die Vögel erheben sich vom Wasser und fliegen in ein fernes Land. Die Tiere verstecken sich vor meinem Atem, und der Boden selbst wird hart wie Feuerstein.“
„Ich schüttle meine Locken“, erwiderte der junge Mann, „und warme Schauer aus weichem Regen fallen auf die Erde. Die Pflanzen heben ihre Köpfe aus der Erde, wie die Augen von Kindern, die vor Entzücken glänzen. Meine Stimme ruft die Vögel zurück. Die Wärme meines Atems entsperrt die Bäche. Musik erfüllt die Haine, wo immer ich wandle, und die ganze Natur frohlockt.“
Schließlich begann die Sonne aufzugehen. Eine sanfte Wärme breitete sich über den Ort aus. Die Zunge des alten Mannes verstummte. Das Rotkehlchen und der Hüttensänger begannen auf dem Dach der Hütte zu singen. Der Bach begann vor der Tür zu murmeln, und der Duft wachsender Kräuter und Blumen wehte sanft auf der Frühlingsbrise heran.
Das Tageslicht enthüllte dem jungen Mann voll und ganz den Charakter seines Gastgebers. Als er ihn betrachtete, hatte er das eisige Antlitz von Peboan.{Fußnote [Winter.]} Ströme begannen aus seinen Augen zu fließen. Als die Sonne zunahm, wurde er immer kleiner an Gestalt und war bald gänzlich dahingeschmolzen. Nichts blieb an der Stelle seines Hüttenfeuers als die Miskodeed,{Fußnote [Das Kriechende Arbutus.]} eine kleine weiße Blume mit rosafarbenem Rand, die eine der frühesten Arten nördlicher Pflanzen ist.
‚The Undying Head‘ ist eine ziemlich lange Geschichte, aber sie entschädigt durch seltsame Einfälle, märchenhafte Wunder, eine Vielzahl von Vorfällen und Energie der Bewegung für das, was ihr an Kürze fehlt.{Fußnote [Siehe Anhang D.]}
KAPITEL 60
Spekulationen und Schlussfolgerungen
Wir erreichten St. Paul, am Ende der Schifffahrt auf dem Mississippi, und dort endete unsere zweitausend Meilen lange Reise von New Orleans. Es ist eine etwa zehntägige Reise mit dem Dampfer. Mit der Eisenbahn ist sie wahrscheinlich schneller zu bewältigen. Ich vermute das, weil ich weiß, dass man mit der Eisenbahn von St. Louis nach Hannibal fahren kann – eine Entfernung von mindestens einhundertzwanzig Meilen – in sieben Stunden. Das ist besser als zu Fuß zu gehen; es sei denn, man hat es eilig.
Da die Jahreszeit weit fortgeschritten war, als wir in New Orleans waren, fielen die Rosen und Magnolienblüten; aber hier in St. Paul war es der Schnee. In New Orleans hatten wir gelegentlich einen versengenden Hauch über einem Krater gespürt, anscheinend; hier in St. Paul spürten wir häufig einen betäubenden Hauch über einem Gletscher, anscheinend.
Aber ich schweife von meinem Thema ab. St. Paul ist eine wunderbare Stadt. Sie ist in soliden Blöcken aus ehrlichem Backstein und Stein zusammengefügt und macht den Eindruck, als wolle sie bleiben. Ihr Postamt wurde vor sechsunddreißig Jahren gegründet; und wenn der Postmeister nach und nach einen Brief erhielt, trug er ihn zu Pferd nach Washington, um sich zu erkundigen, was damit zu tun sei. Das ist die Legende. Zwei Fachwerkhäuser wurden in jenem Jahr gebaut, und mehrere Personen wurden der Bevölkerung hinzugefügt. Eine aktuelle Ausgabe der führenden Zeitung von St. Paul, der ‚Pioneer Press‘, liefert einige Statistiken, die einen lebhaften Kontrast zu diesem alten Zustand der Dinge bilden, nämlich: Bevölkerung, Herbst des laufenden Jahres (1882), 71.000; Anzahl der bearbeiteten Briefe, erste Hälfte des Jahres, 1.209.387; Anzahl der während der Dreivierteljahre des Jahres gebauten Häuser, 989; ihre Kosten, 3.186.000 $. Die Zunahme der Briefe gegenüber den entsprechenden sechs Monaten des letzten Jahres betrug fünfzig Prozent. Im letzten Jahr kosteten die zur Stadt hinzugefügten neuen Gebäude über 4.500.000 $. St. Pauls Stärke liegt in seinem Handel – ich meine seinem Handel. Er ist natürlich eine Industriestadt – alle Städte dieser Region sind das – aber er ist besonders stark im Bereich des Handels. Letztes Jahr belief sich sein Großhandelsgeschäft auf über 52.000.000 $.
Er hat ein Zollhaus und baut ein kostspieliges Kapitol, um das kürzlich abgebrannte zu ersetzen – denn er ist die Hauptstadt des Staates. Er hat Kirchen ohne Ende; und nicht die billige, arme Art, sondern die Art, die der reiche Protestant errichtet, die Art, die die arme irische ‚Dienstmädchen‘ gerne errichtet. Was für eine Leidenschaft für den Bau majestätischer Kirchen das irische Dienstmädchen doch hat. Es ist eine feine Sache für unsere Architektur, aber allzu oft genießen wir ihre stattlichen Heiligtümer, ohne einen dankbaren Gedanken an sie zu verschwenden. Tatsächlich ist es unsere Gewohnheit, statt darüber nachzudenken, dass ‚jeder Ziegel und jeder Stein in diesem schönen Bauwerk einen Schmerz oder eine Pein und eine Handvoll Schweiß und Stunden schwerer Ermüdung darstellt, beigetragen durch den Rücken und die Stirn und die Knochen der Armut‘, diese Dinge völlig zu vergessen und lediglich den mächtigen Tempel selbst zu verherrlichen, ohne dem bescheidenen Erbauer, dessen reiches Herz und verwelkter Geldbeutel er symbolisiert, einen lobenden Gedanken zu gönnen.
Dies ist ein Land der Bibliotheken und Schulen. St. Paul hat drei öffentliche Bibliotheken, und sie enthalten insgesamt etwa vierzigtausend Bücher. Er hat einhundertsechzehn Schulhäuser und zahlt mehr als siebzigtausend Dollar pro Jahr an Lehrergehältern.
Es gibt einen ungewöhnlich schönen Bahnhof; so groß ist er tatsächlich, dass er anfangs etwas überdimensioniert erschien, was die Größe betrifft; aber nach wenigen Monaten bemerkte man, dass der Fehler eindeutig in der anderen Richtung lag. Der Fehler soll korrigiert werden.
Die Stadt steht auf hohem Grund; sie liegt etwa siebenhundert Fuß über dem Meeresspiegel. Sie ist so hoch, dass sich von ihren Straßen aus ein weiter Blick auf Fluss und Niederung bietet.
Es ist eine wirklich wunderbare Stadt und noch nicht fertig. Alle Straßen sind mit Baumaterial verstellt, und dies wird so schnell wie möglich zu Häusern verdichtet, um Platz für mehr zu schaffen – denn andere Leute sind bestrebt zu bauen, sobald sie die Straßen benutzen können, um ihre Ziegel und ihr Zeug aufzuhäufen.
Wie feierlich und schön ist der Gedanke, dass der früheste Pionier der Zivilisation, der Anführer der Zivilisation, niemals das Dampfschiff ist, niemals die Eisenbahn, niemals die Zeitung, niemals die Sonntagsschule, niemals der Missionar – sondern immer Whiskey! So ist es der Fall. Schauen Sie sich die Geschichte an; Sie werden sehen. Der Missionar kommt nach dem Whiskey – ich meine, er kommt an, nachdem der Whiskey angekommen ist; als nächstes kommt der arme Einwanderer mit Axt, Hacke und Gewehr; als nächstes der Händler; als nächstes der bunte Ansturm; als nächstes der Spieler, der Gesetzlose, der Wegelagerer und all ihre Verwandten in der Sünde beiderlei Geschlechts; und als nächstes der smarte Kerl, der ein altes Konzessionsrecht aufgekauft hat, das das ganze Land abdeckt; das bringt die Anwaltssippe; das Wachkomitee bringt den Bestatter. All diese Interessen bringen die Zeitung; die Zeitung bringt Politik und eine Eisenbahn in Gang; alle Hände legen Hand an und bauen eine Kirche und ein Gefängnis – und siehe da, die Zivilisation ist für immer im Land etabliert. Aber Whiskey, sehen Sie, war der Anführer bei diesem wohltätigen Werk. Er ist es immer. Es war wie ein Ausländer – und entschuldbar bei einem Ausländer –, diese große Wahrheit nicht zu kennen und in die Astronomie abzuschweifen, um ein Symbol zu borgen. Aber wenn er mit den Tatsachen vertraut gewesen wäre, hätte er gesagt –
Westwärts nimmt der Krug des Imperiums seinen Lauf.
Dieser große Anführer kam im Juni 1837 auf dem Boden an, den St. Paul heute einnimmt. Ja, zu jenem Datum baute Pierre Parrant, ein Kanadier, die erste Hütte, entkorkte seinen Krug und begann, Whiskey an die Indianer zu verkaufen. Das Ergebnis liegt vor uns.
Alles, was ich über die Neuheit, Lebhaftigkeit, den schnellen Fortschritt, den Reichtum, die Intelligenz, die feine und solide Architektur und den allgemeinen Schwung und die Energie von St. Paul gesagt habe, gilt auch für seinen nahen Nachbarn, Minneapolis – mit dem Zusatz, dass letztere die größere der beiden Städte ist.
Diese außergewöhnlichen Städte waren vor wenigen Monaten zehn Meilen voneinander entfernt, wuchsen aber so schnell, dass sie jetzt möglicherweise verbunden sind und unter einem einzigen Bürgermeister auskommen. Jedenfalls wird es in fünf Jahren von heute an zumindest ein so substanzielles Band von Gebäuden geben, das sich zwischen ihnen erstreckt und sie vereint, dass ein Fremder nicht mehr sagen kann, wo der eine siamesische Zwilling aufhört und der andere beginnt. Zusammen werden sie dann eine Bevölkerung von zweihundertfünfzigtausend haben, wenn sie weiterhin so wachsen, wie sie es jetzt tun. Somit wird dieses Bevölkerungszentrum an der Spitze der Mississippi-Schifffahrt dann eine Rivalität in Bezug auf die Zahlen mit jenem Bevölkerungszentrum am unteren Ende beginnen – New Orleans.
Minneapolis liegt an den St. Anthony Falls, die sich über fünfzehnhundert Fuß über den Fluss erstrecken und einen Fall von zweiundachtzig Fuß haben – eine Wasserkraft, die durch Kunst zu einem unschätzbaren Wert in geschäftlicher Hinsicht gemacht wurde, wenn auch etwas zum Schaden der Fälle als Schauspiel oder als Hintergrund, vor dem man sich fotografieren lassen kann.
Dreißig Mehlmühlen produzieren jedes Jahr zwei Millionen Barrel des allerfeinsten Mehls; zwanzig Sägewerke produzieren jährlich zweihundert Millionen Fuß Bauholz; dann gibt es Wollmühlen, Baumwollmühlen, Papier- und Ölmühlen; und Fabriken für Fensterrahmen, Nägel, Möbel, Fässer und andere, sozusagen ohne Zahl. Die großen Mehlmühlen hier und in St. Paul verwenden das ‚neue Verfahren‘ und zerkleinern den Weizen durch Walzen, anstatt ihn zu mahlen.
Sechzehn Eisenbahnlinien treffen in Minneapolis zusammen, und fünfundsechzig Personenzüge kommen täglich an und fahren ab. An diesem Ort, wie in St. Paul, blüht der Journalismus. Hier gibt es drei große Tageszeitungen, zehn Wochenzeitungen und drei Monatszeitschriften.
Es gibt eine Universität mit vierhundert Studenten – und noch besser, ihre guten Bemühungen beschränken sich nicht auf die Erleuchtung eines Geschlechts. Es gibt sechzehn öffentliche Schulen mit Gebäuden, die 500.000 $ kosteten; es gibt sechstausend Schüler und einhundertachtundzwanzig Lehrer. Es gibt auch siebzig Kirchen, die existieren, und eine Menge mehr, die geplant sind. Die Banken verfügen über ein Gesamtkapital von 3.000.000 $, und der Großhandel der Stadt beläuft sich auf 50.000.000 $ pro Jahr.
In der Nähe von St. Paul und Minneapolis gibt es mehrere interessante Punkte – Fort Snelling, eine Festung auf einer hundert Fuß hohen Flussklippe; die Minnehaha-Fälle, White-bear Lake und so weiter. Die schönen Minnehaha-Fälle sind hinreichend berühmt – sie brauchen von mir in dieser Richtung keine Unterstützung. Der White-bear Lake ist weniger bekannt. Er ist eine liebliche Wasserfläche und wird von Wohlstand und Mode des Staates als Sommerfrische genutzt. Er hat sein Clubhaus und sein Hotel mit den modernen Verbesserungen und Annehmlichkeiten; seine feinen Sommerresidenzen; und reichlich Fischfang, Jagd und angenehme Fahrten. Es gibt ein Dutzend kleinerer Sommerfrischen rund um St. Paul und Minneapolis, aber der White-bear Lake ist die Sommerfrische. Mit dem White-bear Lake ist eine höchst idiotische indianische Legende verbunden. Ich würde der Versuchung widerstehen, sie hier abzudrucken, wenn ich könnte, aber die Aufgabe übersteigt meine Kräfte. Der Reiseführer nennt den Bewahrer der Legende und lobt seine ‚gewandte Feder‘. Ohne weiteren Kommentar oder Verzögerung, lassen Sie uns die besagte gewandte Feder auf den Leser los –
EINE LEGENDE VOM WHITE-BEAR LAKE.
Jedes Frühjahr, seit vielleicht einem Jahrhundert, oder so lange es ein Volk roter Männer gibt, wurde eine Insel in der Mitte des White-bear Lake von einer Gruppe von Indianern besucht, um Ahornsirup herzustellen.
Die Überlieferung besagt, dass vor vielen Frühjahren, während sie auf dieser Insel waren, ein junger Krieger die Tochter seines Häuptlings liebte und um sie warb, und es wird auch gesagt, das Mädchen liebte den Krieger. Er war von ihren Eltern wieder und wieder um ihre Hand abgewiesen worden, wobei der alte Häuptling behauptete, er sei kein Krieger, und seine alte Gefährtin nannte ihn eine Frau!“
Die Sonne war wieder über dem „Zuckerbusch“ untergegangen, und der helle Mond stieg hoch in den leuchtend blauen Himmel, als der junge Krieger seine Flöte herunterholte und allein hinausging, um noch einmal die Geschichte seiner Liebe zu singen. Die milde Brise bewegte sanft die beiden bunten Federn an seinem Kopfschmuck, und als er auf den Stamm eines geneigten Baumes stieg, fiel der feuchte Schnee schwer von seinen Füßen. Als er die Flöte an seine Lippen hob, glitt seine Decke von seinen wohlgeformten Schultern und lag teilweise auf dem Schnee darunter. Er begann sein wunderliches, wildes Liebeslied, fühlte aber bald, dass ihm kalt war, und als er nach seiner Decke zurückgriff, legte sie eine unsichtbare Hand sanft auf seine Schultern; es war die Hand seiner Liebsten, seines Schutzengels. Sie nahm ihren Platz neben ihm ein, und für den Augenblick waren sie glücklich; denn der Indianer hat ein Herz zum Lieben, und in diesem Stolz ist er so edel wie in seiner eigenen Freiheit, die ihn zum Kind des Waldes macht. Wie die Legende besagt, trat ein großer weißer Bär, der vielleicht dachte, dass sich polare Schneemassen und trübes Winterwetter überallhin erstreckten, seine Reise nach Süden an. Er erreichte schließlich das nördliche Ufer des Sees, der heute seinen Namen trägt, ging das Ufer hinab und bahnte sich geräuschlos seinen Weg durch den tiefen, schweren Schnee in Richtung der Insel. Es war im darauffolgenden Frühjahr, dass die Liebenden sich trafen. Sie hatten ihren ersten Zufluchtsort verlassen und saßen nun zwischen den Zweigen einer großen Ulme, die weit über den See hing. (Derselbe Baum steht noch immer und erregt allgemeine Neugier und Interesse.) Aus Furcht, entdeckt zu werden, sprachen sie fast flüsternd, und nun, da sie rechtzeitig zum Lager zurückkehren und so Verdacht vermeiden wollten, standen sie gerade auf, um zurückzugehen, als das Mädchen einen Schrei ausstieß, der im Lager gehört wurde. Sie stürmte auf den jungen Krieger zu, ergriff seine Decke, verschätzte sich jedoch beim Auftreten, stürzte und riss die Decke mit sich in die großen Arme des grimmigen Ungeheuers. Augenblicklich waren jeder Mann, jede Frau und jedes Kind des Stammes am Ufer, doch alle unbewaffnet. Schreie und Wehklagen ertönten aus jedem Mund. Was war zu tun? Unterdessen hielt die weiße und wilde Bestie das atemlose Mädchen in seinem riesigen Griff und liebkoste seine kostbare Beute, als wäre es an solche Szenen gewöhnt. Ein ohrenbetäubender Schrei des Kriegers war über den Rufen Hunderter seines Stammes zu hören, und er stürmte zu seinem Wigwam, ergriff sein treues Messer, kehrte fast mit einem einzigen Satz zum Schauplatz der Angst und des Schreckens zurück, raste den geneigten Baum entlang bis zu der Stelle, wo sein Schatz gefallen war, und stürzte sich mit der Wut eines tollwütigen Panthers auf seine Beute. Das Tier wandte sich um und brachte mit einem Schlag seiner riesigen Tatze die Liebenden Herz an Herz zusammen, doch im nächsten Moment öffnete der Krieger mit einem Stoß seiner Messerklinge die purpurnen Schleusen des Todes, und der sterbende Bär lockerte seinen Griff.
In jener Nacht gab es keinen Schlaf mehr für den Stamm oder die Liebenden, und während die Jungen und Alten um den Kadaver des toten Ungeheuers tanzten, wurde dem tapferen Krieger eine weitere Feder überreicht, und ehe ein weiterer Mond untergegangen war, hatte sein Herz einen lebendigen Schatz hinzugewonnen. Ihre Kinder spielten viele Jahre lang auf dem Fell des weißen Bären – von dem der See seinen Namen hat – und das Mädchen und der Tapfere erinnerten sich lange an die schreckliche Szene und die Rettung, die sie vereinte, denn Kis-se-me-pa und Ka-go-ka konnten ihre furchterregende Begegnung mit dem riesigen Ungeheuer, das sie fast ins glückliche Jagdrevier geschickt hätte, niemals vergessen.
Es ist eine verwirrende Angelegenheit. Zuerst fiel sie aus dem Baum – sie und die Decke; und der Bär fing sie und liebkoste sie – sie und die Decke; dann fiel sie wieder hinauf in den Baum – und ließ die Decke zurück; in der Zwischenzeit rennt der Liebhaber kriegsschreiend nach Hause und kommt „bewaffnet“ zurück, klettert auf den Baum, springt auf den Bären, das Mädchen springt hinterher – anscheinend, denn sie war ja auf dem Baum – nimmt ihren Platz in den Armen des Bären zusammen mit der Decke wieder ein, der Liebhaber rammt sein Messer in den Bären und rettet – wen, die Decke? Nein – nichts dergleichen. Man arbeitet sich ab und ist ganz aufgeregt wegen dieser Decke, und dann plötzlich, gerade wenn ein glücklicher Höhepunkt unmittelbar bevorzustehen scheint, wird man kläglich enttäuscht – nichts gerettet als das Mädchen. Wohingegen man sich für das Mädchen gar nicht interessiert; sie ist nicht das hervorstechende Merkmal der Legende. Nichtsdestotrotz bleibt man so zurück, und dort muss man auch bleiben; denn wenn man tausend Jahre lebt, wird man nie erfahren, wer die Decke bekam. Ein Toter könnte eine bessere Legende erfinden als diese. Ich meine damit nicht einen frisch Verstorbenen; ich meine einen Mann, der schon seit Wochen und Wochen tot ist.
Wir schlugen nun den Heimweg ein und waren in wenigen Stunden in dem erstaunlichen Chicago – einer Stadt, in der sie ständig an der Lampe reiben, die Dschinn heraufbeschwören und neue Unmöglichkeiten ersinnen und vollbringen. Es ist für den gelegentlichen Besucher hoffnungslos, mit Chicago Schritt halten zu wollen – sie wächst über seine Prophezeiungen schneller hinaus, als er sie machen kann. Sie ist immer eine Neuheit; denn sie ist niemals das Chicago, das man sah, als man das letzte Mal hindurchreiste. Die Pennsylvania-Bahn brachte uns in Rekordzeit nach New York, ohne die Fahrplanzeit irgendwo auf der Strecke um zehn Minuten zu verfehlen; und damit endete eine der angenehmsten 5000-Meilen-Reisen, die ich jemals das Glück hatte zu unternehmen.
ANHANG
ANHANG A
(AUS DEM NEW ORLEANS TIMES-DEMOCRAT VOM 29. MÄRZ 1882.)
REISE DES HILFSBOOTES DES TIMES-DEMOCRAT DURCH DIE ÜBERFLUTETEN GEBIETE
Es war neun Uhr Donnerstagmorgen, als die „Susie“ den Mississippi verließ und in den Old River einfuhr, oder das, was jetzt die Mündung des Red River genannt wird. Flussaufwärts auf der linken Seite ergoss sich eine Flut durch und über die Deiche der Chandler-Plantage, dem nördlichsten Punkt im Parish Pointe Coupee. Das Wasser bedeckte den Ort vollständig, obwohl die Deiche erst kurze Zeit zuvor nachgegeben hatten. Der Viehbestand war auf einem großen Lastkahn zusammengetrieben worden, wo die Tiere, ohne Futter, als wir vorbeifuhren, zusammengepfercht darauf warteten, dass ein Boot sie abschleppte. Auf der rechten Seite des Flusses liegt Turnbull's Island, und darauf befindet sich eine große Plantage, die früher als eine der fruchtbarsten des Staates galt. Das Wasser hatte sie bei gewöhnlichen Überschwemmungen bisher verschont, doch nun zeigten nur noch breite Wasserflächen, wo einst Felder waren. Die Krone des schützenden Deiches war hier und da zu sehen, aber fast alles war untergetaucht.
Die Bäume haben ein grüneres Laub angesetzt, seit das Wasser eingedrungen ist, und die Wälder sehen hell und frisch aus, aber dieser angenehme Anblick wird durch die endlose Wasserwüste zunichtegemacht. Wir fahren Meile um Meile, und es sind nichts als Bäume, die bis zu ihren Zweigen im Wasser stehen. Ein Schlangenhalsvogel erhebt sich hin und wieder und fliegt voraus in die lange Allee der Stille. Ein Piroge huscht manchmal aus dem Gebüsch und überquert den Red River auf dem Weg hinaus zum Mississippi, aber die traurig dreinblickenden Paddler drehen niemals ihre Köpfe, um nach unserem Boot zu sehen. Das Schnaufen des Bootes ist Musik in dieser Düsternis, die einen auf höchst merkwürdige Weise berührt. Es ist nicht die Düsternis tiefer Wälder oder dunkler Höhlen, sondern eine eigenartige Art feierlicher Stille und beeindruckender Ehrfurcht, die einen zwingt, sie anzuerkennen. Wir passierten heute Morgen zwei Negerfamilien auf einem Floß, das in den Weiden festgemacht war. Sie gehörten offensichtlich zur wohlhabenderen Klasse, da sie einen Vorrat an Mehl und drei oder vier Schweine bei sich hatten. Ihre Flöße waren etwa zwanzig Fuß im Quadrat groß, und vor einem improvisierten Unterstand war Erde aufgeschüttet worden, auf der sie ihr Feuer entfacht hatten.
Die Strömung, die den Atchafalaya hinunterlief, war sehr stark; der Mississippi zeigte eine Vorliebe in diese Richtung, was man nur sehen muss, um die Ansicht von den verzweifelten Bestrebungen jenes Flusses, einen kurzen Weg zum Golf zu finden, zu bekräftigen. Kleine Boote, Skiffs, Pirogen usw. sind sehr gefragt, und viele wurden von piratierenden Negern gestohlen, die sie dorthin bringen, wo sie den größten Preis erzielen. Nach dem, was mir Herr C. P. Ferguson erzählte, ein Pflanzer in der Nähe von Red River Landing, dessen Anwesen gerade untergegangen ist, gibt es viel Leid im Hinterland jenes Ortes. Die Neger hatten alle Gedanken an einen Dammbruch dort aufgegeben, da der obere Deich so lange gehalten hatte, und als er dann doch kam, waren sie ihm schutzlos ausgeliefert. Am Donnerstag wurden eine Reihe von Personen aus Bäumen und von Hüttendächern geholt und in Sicherheit gebracht, viele verblieben jedoch noch dort.
Man weiß den Anblick von Erde nicht zu schätzen, bis man durch eine Flut gereist ist. Auf See erwartet man sie nicht und sucht nicht nach ihr, aber hier, mit flatternden Blättern, schattigen Waldgängen, kaum sichtbaren Hausdächern, wird sie erwartet. Tatsächlich würde man einen Friedhof zu schätzen wissen, wenn die Hügel über dem Wasser lägen. Der Fluss ist hier nur bekannt, weil es eine Öffnung in den Bäumen gibt, und das ist alles. Er ist in der Breite, von Fort Adams am linken Ufer des Mississippi bis zum Ufer von Rapides Parish, eine Entfernung von etwa sechzig Meilen. Ein großer Teil davon wurde kultiviert, besonders entlang des Mississippi und hinter dem Red River. Als der eigentliche Red River erreicht wurde, lief eine starke Strömung direkt quer durch ihn hindurch, in dieselbe Richtung wie die des Mississippi.
Nach einer Fahrt von einigen Stunden wurde der Black River erreicht. Kaum war er erreicht, wurden Anzeichen von Not sichtbar. Alle Weiden entlang der Ufer waren ihrer Blätter beraubt. Ein Mann, den Ihr Korrespondent ansprach, sagte, er habe einhundertfünfzig Stück Rindvieh und einhundert Stück Schweine gehabt. Beim ersten Erscheinen des Wassers hatte er begonnen, sie zum Hochland von Avoyelles zu treiben, fünfunddreißig Meilen entfernt, aber er verlor fünfzig Stück des Rindviehs und sechzig Schweine. Der Black River ist ziemlich malerisch, auch wenn seine Ufer unter Wasser stehen. Ein dichter Bewuchs von Eschen, Eichen, Gum-Bäumen und Hickory macht die Ufer fast undurchdringlich, und wo man einen Blick einen Gang in den Bäumen hinunter erhaschen kann, lassen sich in der Düsternis gerade noch die dunklen Umrisse entfernter Stämme ausmachen.
Einige Meilen flussaufwärts war die Wassertiefe an den Ufern volle acht Fuß, und von allen Seiten konnte man noch immer dem starken Strom trotzende Hüttendächer sehen. Hier und da war eine umgestürzte Hütte von Treibholz umgeben, das den Kern einer möglicherweise zukünftigen Insel bildete.
Um Kohle zu sparen, da es unmöglich war, an irgendeinem Punkt, der während der Expedition angelaufen werden sollte, diesen Brennstoff zu bekommen, wurde Ausschau nach einem Holzstapel gehalten. Beim Runden einer Landzunge schoss eine Piroge, geschickt gepaddelt von einem Jüngling, hervor, und in ihrem Bug saß ein fünfzehnjähriges Mädchen mit hellem Gesicht, wunderschönen schwarzen Augen und sittsamem Wesen. Der Junge fragte nach einer Zeitung, die ihm zugeworfen wurde, und das Paar schob ihr winziges Gefährt in den Sog des Bootes hinaus.
Bald darauf paddelte ein kleines Mädchen, sicherlich nicht älter als zwölf Jahre, in einem kleinsten Kanu hervor und handhabte es mit aller Gewandtheit eines alten Voyageurs. Die Kleine sah eher wie ein Indianerkind aus als wie ein weißes Kind und lachte, als sie gefragt wurde, ob sie Angst habe. Sie war in einer Piroge großgezogen worden und konnte überallhin fahren. Sie war unterwegs, um Weidenblätter für das Vieh zu pflücken, und sie zeigte auf ein Haus in der Nähe, in dem das Wasser drei Zoll tief auf den Böden stand. An seiner Hintertür war ein etwa dreißig Fuß im Quadrat großes Floß festgemacht, auf dem eine Art Zaun errichtet war, und darin standen etwa sechzehn Kühe und zwanzig Schweine. Die Familie klagte nicht, außer über den Verlust ihres Viehs, und brachte prompt einen Vorrat an Holz in einem Kahn.
Von diesem Punkt bis zum Mississippi, fünfzehn Meilen, gibt es keinen Fleck Erde über Wasser, und nach Westen hin für fünfunddreißig Meilen ist nichts als die Flut des Flusses. Der Black River war am Donnerstag, dem 23., um 1 3/4 Zoll gestiegen und stieg nachts immer noch. Je weiter wir den Fluss hinauffahren, desto häufiger werden die Behausungen, liegen aber dennoch meilenweit auseinander. Fast alle sind verlassen, und die Nebengebäude sind fortgeschwommen. Um die Düsternis noch zu vergrößern, scheint fast jedes Lebewesen verschwunden zu sein, und kein Pfiff eines Vogels noch das Bellen eines Eichhörnchens ist in dieser Einsamkeit zu hören. Manchmal wirft ein mürrischer Knochenhecht seinen Schwanz in die Höhe und verschwindet im Fluss, aber abgesehen davon ist alles still – die Stille der Auflösung. Den Fluss hinunter treibt nun ein sauber getünchter Hühnerstall, dann ein Bündel sauber gespaltener Zaunlatten oder eine Tür und ein aufgedunsener Kadaver, feierlich bewacht von einem Paar Geier, den einzigen Vögeln, die zu sehen sind, die sich am Kadaver gütlich tun, während er sie mit sich trägt. Ein Bilderrahmen, in dem sich eine billige Lithographie eines Soldaten zu Pferd befand, kündete, während er dahintrieb, von irgendeinem Herd, der vom Wasser heimgesucht und dieses Schmuckstücks beraubt wurde.
Bei Einbruch der Dunkelheit, da es nicht ratsam war zu fahren, wurde ein Platz am Waldrand gesucht, und an einem hohen Gum-Baum wurde das Boot für die Nacht festgemacht.
Ein hübsches Viertel des Mondes warf ein angenehmes Licht über Wald und Fluss und ergab ein Bild, das ein entzückendes Landschaftsstudium wäre, wenn ein Künstler es nur auf seiner Leinwand festhalten könnte. Die Bewegung der Maschinen hatte aufgehört, das Schnaufen des entweichenden Dampfes war verstummt, und die einhüllende Stille schloss sich über uns, und welch eine Stille war das! Normalerweise kann man in einem Wald bei Nacht das Pfeifen von Fröschen, das Summen von Insekten oder das Fallen von Ästen hören; aber hier war die Natur stumm. Die dunklen Nischen, jene Gänge in diese Kathedrale, gaben keinen Laut von sich, und selbst das Plätschern der Strömung starb ab.
Bei Tagesanbruch am Freitagmorgen waren alle Mann wach, und wir starteten flussaufwärts auf dem Black. Der Morgen war ein schöner, und der Fluss, der bemerkenswert gerade ist, legte sein schönstes Gewand an. Die Blüten der Weißdornsträucher parfümierten die Luft auf köstliche Weise, und ein paar Vögel pfiffen fröhlich entlang der Ufer. Die Bäume waren größer, und der Wald schien von älterem Wuchs zu sein als unterhalb. Es wurden mehr Felder passiert als näher an der Mündung, aber die gleiche Szene bot sich dar – Räucherkammern, die in den Weiden trieben, Negerunterkünfte, die in Verwirrung gegen eine Eiche verankert waren, und das bescheidene Wohnhaus, das gerade seine Dachtraufen über dem Wasser zeigte. Die Sonne ging in einer Pracht von Karmin auf, und die Bäume waren brillant in ihren verschiedenen Grüntönen. Kein Fuß Erde ist irgendwo zu sehen, und das Wasser wird anscheinend immer tiefer, denn es reicht bis an die Zweige der größten Bäume. Überall entlang des Weges waren die angrenzenden Weiden ihrer Blätter entblößt, was zeigt, wie lange die Leute schon damit beschäftigt sind, dieses Futter für ihre Tiere zu sammeln. Ein alter Mann in einer Piroge wurde gefragt, wie die Weidenblätter seinem Vieh bekämen. Er hielt in seiner Arbeit inne und antwortete mit einem ominösen Schütteln seines Kopfes: „Nun, mein Herr, es reicht gerade, um die Wärme in ihren Körpern zu halten, und das ist alles, was wir erwarten, aber es ist hart für die Schweine, besonders die kleinen. Sie verenden gewaltig schnell. Aber was kann man tun? Es ist alles, was wir haben.“
Dreißig Meilen oberhalb der Mündung des Black River erstreckt sich das Wasser von Natchez am Mississippi bis zu den Kiefernhügeln von Louisiana, eine Entfernung von dreiundsiebzig Meilen, und es gibt kaum einen Fleck, der nicht zehn Fuß unter Wasser steht. Die Strömung im Black River neigt nach Westen. Dies ist tatsächlich so sehr der Fall, dass das Wasser des Red River von der Gegend von Calcasieu herabgedrückt wurde und das Wasser des Black in den Red etwa fünfzehn Meilen oberhalb der Mündung des ersteren eintritt, eine Sache, die selbst die ältesten Dampfschiffer noch nie zuvor gesehen haben. Das Wasser, das wir jetzt sehen, stammt vollständig vom Mississippi.
Bis Trinity, oder besser Troy, das nur ein kurzes Stück unterhalb liegt, sind die Leute fast alle ausgezogen, diejenigen, die geblieben sind, haben genug für ihre gegenwärtigen persönlichen Bedürfnisse. Ihr Vieh jedoch leidet und stirbt ziemlich schnell ab, da die Enge auf den Flößen und das Futter, das sie erhalten, Krankheiten hervorruft.
Nach einem kurzen Stopp starteten wir und kamen bald in einen Abschnitt, wo es viele offene Felder und dicht verstreute Hütten gab. Hier sah man weitere Bilder des Elends. Im Inneren der Häuser hatten die Bewohner auf Kisten ein Gerüst gebaut, auf das sie die Möbel stellten. Die Bettpfosten waren oben abgesägt, da die Decke nicht mehr als vier Fuß vom improvisierten Boden entfernt war. Die Gebäude sahen sehr unsicher aus und drohten jeden Moment fortzuschwimmen. In der Nähe der Häuser stand Vieh brusthoch im Wasser, vollkommen teilnahmslos. Sie bewegten sich nicht von der Stelle, sondern standen geduldig und warteten darauf, dass Hilfe kam. Der Anblick war ein betrüblicher, und die armen Kreaturen werden sicher sterben, wenn sie nicht schnell gerettet werden. Rinder unterscheiden sich von Pferden in dieser besonderen Eigenschaft. Ein Pferd schwimmt, wenn es keine Erleichterung findet, davon auf der Suche nach Futter, wohingegen ein Rind an Ort und Stelle stehen bleibt, bis es vor Erschöpfung ins Wasser fällt und ertrinkt.
Um halb eins ertönte ein Ruf von einem Lastkahn innerhalb der Uferlinie. Wir drehten bei und legten längsseits, und General York kam an Bord. Er war gerade damit beschäftigt, Vieh fortzuschaffen, und hieß das Boot des „Times-Democrat“ herzlich willkommen, da er sagte, es bestehe große Notwendigkeit für sie. Er sagte, dass das Elend keineswegs übertrieben sei. Die Menschen befanden sich in einem Zustand, den man sich kaum vorstellen konnte. Das Wasser stand so hoch, dass große Gefahr bestand, dass ihre Häuser weggeschwemmt würden. Es war bereits so hoch gestiegen, dass es die Dachtraufen erreichte, und wenn es diesen Punkt erreicht, besteht immer die unmittelbare Gefahr, dass sie weggeschwemmt werden. Sollte dies geschehen, wird es große Verluste an Menschenleben geben. Der General sprach von der tapferen Arbeit vieler Menschen bei ihren Versuchen, ihr Vieh zu retten, glaubte aber, dass volle fünfundzwanzig Prozent verendet seien. Bereits zweitausendfünfhundert Menschen hatten in Troy am Black River Rationen erhalten, und er hatte eine große Menge Vieh herausgeschleppt, aber eine sehr große Anzahl verblieb und war in größter Not. Das Wasser stand jetzt achtzehn Zoll höher als 1874, und es gab kein Land zwischen Vidalia und den Hügeln von Catahoula.
Um zwei Uhr erreichte die „Susie“ Troy, fünfundsechzig Meilen oberhalb der Mündung des Black River. Hier mündet auf der linken Seite der Little River; gleich dahinter der Ouachita, und auf der rechten Seite der Tensas. Diese drei Flüsse bilden den Black River. Troy, oder ein Teil davon, liegt auf und um drei große, kreisförmige Indianerhügel, die etwa zwölf Fuß aus dem jetzigen Wasser herausragen. Sie haben einen Durchmesser von etwa einhundertfünfzig Fuß und liegen etwa zweihundert Yards voneinander entfernt. Die Häuser sind alle zwischen diesen Hügeln gebaut und daher alle bis zu einer Tiefe von achtzehn Zoll auf ihren Böden überflutet.
Diese Erhöhungen, die vor hunderten von Jahren von den Ureinwohnern errichtet wurden, sind die einzigen Zufluchtsorte auf Meilen. Als wir ankamen, fanden wir sie mit Vieh überfüllt, das alles dünn war und kaum noch stehen konnte. Sie waren vermischt – Schafe, Schweine, Pferde, Maultiere und Rinder. Einer dieser Hügel wurde viele Jahre lang als Friedhof genutzt, und heute sahen wir ausgezehrte Kühe, die gegen die Marmorgrabsteine gelehnt waren und zufrieden wiederkäuten, nachdem sie eine Mahlzeit aus Mais erhalten hatten, die General York bereitgestellt hatte. Hier, wie auch unterhalb, wurde die bemerkenswerte Geschicklichkeit der Frauen und Mädchen im Umgang mit den kleineren Pirogen bemerkt. Kinder paddelten mit all der Nonchalance von Experten in diesen äußerst wackeligen Gefährten umher.
General York hat ein perfektes System zur Hilfsleistung eingerichtet. Er nimmt eine persönliche Inspektion des Ortes vor, an dem Hilfe erbeten wird, sieht, was getan werden muss, und schickt dann, nachdem er zwei Boote mit Lastkähnen gechartert hat, diese unverzüglich an den Ort, woraufhin das Vieh verladen und zu den Kiefernhügeln und dem Hochland von Catahoula geschleppt wird. Er hat Troy zu seinem Hauptquartier gemacht, und zu diesem Punkt kommen die Boote, um ihre Vorräte an Viehfutter zu erhalten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Little River, der sich links vom Black River abzweigt und zwischen diesem und dem Ouachita liegt, befindet sich die Stadt Trinity, die stündlich von der Zerstörung bedroht ist. Sie liegt viel tiefer als Troy, und das Wasser steht in den Häusern acht bis neun Fuß hoch. Eine starke Strömung fegt hindurch, und es ist bemerkenswert, dass noch nicht alle Häuser mitgerissen wurden. Die Bewohner sowohl von Troy als auch von Trinity sind versorgt worden, doch ein Teil ihres Viehs muss noch mit Futter versorgt werden.
Sobald die 'Susie' Troy erreichte, wurde sie General York übergeben und zu seiner Verfügung gestellt, um die Hilfsarbeiten schneller durchzuführen. Fast alle ihre Vorräte wurden auf einem der Hügel entladen, um sie zu erleichtern, und sie wurde stromabwärts gelenkt, um denjenigen weiter unten zu helfen. Bei Tom Hooper, einige Meilen von Troy entfernt, wurde ein großer Lastkahn mit etwa fünfzig Stück Vieh an Bord ins Schlepptau genommen. Die Tiere wurden gefüttert und gewannen bald wieder etwas an Kraft. Heute fahren wir auf den Little River, wo das Leid am größten ist.
DEN BLACK RIVER HINAB
Samstagabend, 25. März.
Wir fuhren recht früh den Black River hinunter, unter der Leitung von General York, um das Vieh herauszuholen, das erreichbar war. Auf der Fahrt flussabwärts wurde ein Lastkahn im Schlepp an einer zentralen Stelle zurückgelassen, und von dort aus stakten Männer ihn in den hinteren Bereich der Plantagen, um die Tiere überall dort einzusammeln, wo sie gefunden wurden. Auf dem Dachboden eines Entkörnungsgebäudes wurden siebzehn Stück Vieh gefunden, und nachdem eine Laufbrücke gebaut worden war, wurden sie ohne Schwierigkeiten auf den Lastkahn geführt. Mit einem kleinen Boot und dem General wurde Ihr Reporter zu einem kleinen Haus mit zwei Zimmern gerudert, in dem das Wasser zwei Fuß hoch auf den Böden stand. In einem der großen Räume drängten sich die Pferde und Kühe des Anwesens, während im anderen die Witwe Taylor und ihr Sohn auf einem über dem Boden errichteten Gerüst saßen. Ein oder zwei Einbäume trieben in der Nähe umher, bereit, jederzeit in Dienst gestellt zu werden. Als der Lastkahn herangebracht wurde, wurde die Seite des Hauses aufgeschnitten, da dies die einzige Möglichkeit war, die Tiere herauszuholen, und das Vieh wurde an Bord des Bootes getrieben. General York erkundigte sich wie in jedem Fall danach, ob die Familie das Haus verlassen wolle, und teilte ihnen mit, dass Major Burke vom 'The Times-Democrat' die 'Susie' zu diesem Zweck hinaufgeschickt habe. Mrs. Taylor sagte, sie danke Major Burke, aber sie wolle versuchen, durchzuhalten. Die bemerkenswerte Anhänglichkeit der Menschen hier an ihre Häuser ist mit dem Verstand kaum zu fassen. Kurz darunter, an einem Punkt sechzehn Meilen von Troy entfernt, erhielten wir die Information, dass das Haus von Mr. Tom Ellis in Gefahr sei und seine ganze Familie sich darin befinde. Wir dampften sofort dorthin, und ein trauriges Bild bot sich uns. Aus der halben Fensteröffnung, die noch über dem Wasser blieb, schaute Mrs. Ellis, die bei schwacher Gesundheit ist, während an der Tür ihre sieben Kinder standen, das älteste nicht einmal vierzehn Jahre alt. Eine Seite des Hauses war den Arbeitstieren überlassen worden, etwa zwölf Stück, dazu Schweine. Im nächsten Raum lebte die Familie, wobei das Wasser bis auf zwei Zoll an das Bettgestell heranreichte. Der Ofen stand unter Wasser, und gekocht wurde auf einem Feuer oben auf dem Ofen. Das Haus drohte jeden Augenblick nachzugeben: ein Ende sank ab, und tatsächlich sah das Gebäude nur noch wie eine Hülle aus. Als das Boot beidrehte, kam Mr. Ellis in einem Einbaum heraus, und General York sagte ihm, er sei gekommen, um ihm zu helfen; das Boot des 'The Times-Democrat' stehe zu seinen Diensten und werde seine Familie unverzüglich auf die Hügel bringen, und am Montag werde ein Lastkahn sein Vieh abholen, da sie bis zu diesem Zeitpunkt beschäftigt seien. Trotz der bedauerlichen Lage, in der er und seine Familie sich befanden, wollte Mr. Ellis nicht gehen. Er sagte, er glaube, er werde bis Montag warten und das Risiko in Kauf nehmen, dass sein Haus einstürze. Die Kinder an der Tür sahen vollkommen zufrieden aus und schienen sich wenig aus der Gefahr zu machen, in der sie schwebten. Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Nach wochenlangem Entbehrungsreichtum und Leiden klammern sich die Menschen immer noch an ihre Häuser und gehen erst, wenn zwischen dem Wasser und der Decke kein Platz mehr ist, um ein Gerüst zu errichten, auf dem sie stehen könnten. Es schien unfassbar, und doch war die Liebe zum alten Zuhause stärker als die nach Sicherheit.
Nachdem wir das Anwesen der Ellis verlassen hatten, war der nächste Ort, den wir anliefen, das Anwesen der Oswald. Hier wurde der Lastkahn längsseits des Entkörnungsgebäudes geschleppt, wo fünfzehn Stück Vieh im Wasser standen; und doch waren ihre Köpfe, da sie auf Gerüsten standen, über dem oberen Rand des Eingangs. Es erwies sich als unmöglich, sie herauszubekommen, ohne einen Teil der Front herauszuschneiden; also wurden Äxte herbeigeschafft und eine Lücke geschlagen. Nach großer Mühe wurden die Pferde und Maultiere sicher auf dem Lastkahn untergebracht.
An jedem Ort, an dem wir halten, kommen immer drei, vier oder mehr Einbäume an, die Informationen über Vieh an anderen Orten bringen, das Hilfe benötigt. Ungeachtet der Tatsache, dass ein großer Teil von ihnen bereits vor einiger Zeit einen Teil ihres Viehs auf die Hügel getrieben hatte, bleibt immer noch eine große Menge zurück, die General York, der mit unbezwingbarer Energie arbeitet, bis Dienstag auf die Kiefernhügel bringen wird.
Überall entlang des Black River wurde die 'Susie' von Dutzenden von Pflanzern besucht, deren Geschichten die Wiederholung der bereits gehörten Berichte von Leiden und Verlusten sind. Ein alter Pflanzer, der seit 1844 am Fluss lebt, sagte, es habe noch nie ein solches Hochwasser gegeben, und er sei überzeugt, dass mehr als ein Viertel des Viehs verloren gegangen sei. Glücklicherweise sorgten die Leute zuerst für ihre Arbeitstiere, und wo immer sie es konnten, wurden Pferde und Maultiere an einem sicheren Ort untergebracht. Das Hochwasser, das immer noch andauert und letzte Nacht um zwei Zoll stieg, zwingt sie, sie auf die Hügel zu bringen; daher ist die Arbeit von General York von so großem Wert. Vom Morgengrauen bis spät in die Nacht ist er hierhin und dorthin unterwegs, spendet mit seinen freundlichen Worten Trost und leitet mit ruhigem Urteilsvermögen, was zu tun ist. Eine unerfreuliche Geschichte über einen gewissen Kaufmann in New Orleans wird entlang des ganzen Flusses erzählt. Es scheint, als hätten die Pflanzer seit einigen Jahren mit diesem Individuum gehandelt, und viele von ihnen hatten Guthaben in seinen Händen. Als die Überschwemmung kam, schrieben sie und baten um Kaffee, um Mehl und tatsächlich um die kleinen Notwendigkeiten, die benötigt wurden. Auf diese Briefe kam keine Antwort, und es wurden weitere geschrieben, und dennoch wurde diesen alten Kunden, deren Plantagen unter Wasser standen, selbst das verweigert, was notwendig war, um das Leben zu erhalten. Es erübrigt sich zu sagen, dass er am Black River jetzt nicht beliebt ist.
Die Hügel, von denen als Zufluchtsort für die Menschen und das Vieh am Black River gesprochen wird, liegen im Bezirk Catahoula, vierundzwanzig Meilen vom Black River entfernt.
Nachdem wir den Lastkahn mit Rindern gefüllt hatten, nahmen wir die Familie von T. S. Hooper an Bord, sieben Personen an der Zahl, die nicht länger in ihrer Wohnung bleiben konnten, und wir bringen sie nun den Little River hinauf zu den Hügeln.
DIE FLUT STEIGT WEITER
Troy: 27. März 1882, mittags.
Das Hochwasser steigt hier etwa dreieinhalb Zoll alle vierundzwanzig Stunden, und es hat zu regnen begonnen, was dies noch verstärken wird. General York ist jetzt der Meinung, dass unsere Bemühungen darauf gerichtet sein sollten, Leben zu retten, da der Anstieg des Wassers viele Häuser gefährdet hat. Wir beabsichtigen, in wenigen Minuten den Tensas hinaufzufahren, und dann werden wir zurückkehren und den Black River hinunterfahren, um Familien abzuholen. Es mangelt hier an Dampfschiffstransportmitteln, um der Notlage zu begegnen. Der General hat drei Boote mit Lastkähnen im Schlepp gechartert, aber der Bedarf an diesen, um Vieh herauszuschleppen, ist größer, als sie mit der nötigen Schnelligkeit bewältigen können. Alle arbeiten Tag und Nacht, und die 'Susie' hält nirgendwo länger als eine Stunde an. Der Anstieg hat Trinity in eine gefährliche Lage gebracht, und es wird jeden Augenblick erwartet, dass einige der Häuser davonschwimmen. Troy liegt etwas höher, doch alle stehen im Wasser. Berichte sind eingegangen, dass eine Frau und ein Kind unterhalb von hier fortgespült wurden und zwei Hütten davonschwammen. Ihre Bewohner sind dieselben, die sich vorgestern geweigert hatten, wegzugehen. Man würde die vollkommene Teilnahmslosigkeit der Leute nicht glauben.
Bisher sind keine Nachrichten von dem Dampfer 'Delia' eingegangen, von dem angenommen wird, dass er im gestrigen Sturm auf dem Lake Catahoula gesunken ist. Sie wird hier erwartet, ist aber nicht eingetroffen. Selbst die Post ist hier höchst unsicher, und diese schicke ich per Einboot nach Natchez, um sie an Sie weiterzuleiten. Es ist unmöglich, genaue Daten über frühere Ernten usw. zu erhalten, da diejenigen, die viel über die Angelegenheit wissen, fort sind und diejenigen, die bleiben, mit der Produktion dieses Abschnitts nicht gut vertraut sind.
General York wünscht, dass ich mitteile, dass die Menge der früher gesandten Rationen verdoppelt und sofort geschickt werden sollte. Es ist unmöglich, irgendeine Schätzung vorzunehmen, denn die Menschen fliehen auf die Hügel, so schnell ist der Anstieg. Die Bewohner hier befinden sich in einem Zustand der Unruhe, der nur beurteilt werden kann, wenn man ihn sieht, und eine völlige Demoralisierung hat eingesetzt.
Wenn Rationen für einen bestimmten Abschnitt hier in der Umgebung bezogen werden, wäre es nicht sicher, ob sie verteilt würden, daher sollte alles nach Troy als Zentrum geschickt werden, und der General wird dafür sorgen, dass es ordnungsgemäß verwendet wird. Er hat nach einhundert Zelten geschickt, und wenn alle, die jetzt in Bewegung sind, auf die Hügel gehen, werden zweihundert benötigt werden.
ANHANG B
DIE MISSISSIPPI-FLUSSKOMMISSION
DER Zustand dieses reichen Tals des unteren Mississippi, unmittelbar nach und seit dem Krieg, stellte eine der katastrophalsten Auswirkungen des Krieges dar, die am meisten zu beklagen sind. Fiktives Eigentum an Sklaven wurde nicht nur zu Recht vernichtet, sondern auch ein Großteil der Arbeit, die von der Sklavenarbeit abhängig gewesen war, wurde ebenfalls zerstört oder stark beeinträchtigt, insbesondere das Deichsystem.
Von denjenigen, die das Thema nicht untersucht haben, hätte erwartet werden können, dass so wichtige Verbesserungen wie der Bau und die Instandhaltung der Deiche sofort von den einzelnen Staaten übernommen worden wären. Aber was kann der Staat tun, wenn die Leute Zinsraten zwischen 18 und 30 Prozent unterworfen sind und zudem gezwungen sind, ihre Ernten noch vor der Aussaat zu diesen Zinssätzen zu verpfänden, nur für das Privileg, all ihre Vorräte mit 100 Prozent Gewinn zu kaufen?
Es bedurfte nur wenig Aufmerksamkeit, um es vollkommen offensichtlich zu machen, dass die Kontrolle des Mississippi-Flusses, falls sie überhaupt in Angriff genommen wird, von der nationalen Regierung übernommen werden muss und nicht von den Staaten bewältigt werden kann. Der Fluss muss als eine Einheit behandelt werden; seine Kontrolle kann nicht unter einem geteilten oder separaten Verwaltungssystem bewältigt werden.
Auch sind die besonders interessierten Staaten nicht in der Lage, sich für die notwendigen Operationen zusammenzuschließen. Die Arbeit muss weit oben am Fluss beginnen; mindestens so weit wie Cairo, wenn nicht sogar darüber hinaus; und muss nach einem einheitlichen allgemeinen Plan über den gesamten Verlauf des Flusses durchgeführt werden.
Es bedarf keiner technischen oder wissenschaftlichen Kenntnisse, um die Elemente des Falls zu begreifen, wenn man dem Thema ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit widmet, und wenn eine Mississippi-Flusskommission gebildet wurde, wie die bestehende Kommission, aus gründlich fähigen Männern aus verschiedenen Lebensbereichen, darf man dann nicht vorschlagen, dass ihr Urteil in diesem Fall als schlüssig akzeptiert werden sollte, soweit irgendeine a priori Theorie der Konstruktion oder Kontrolle als schlüssig angesehen werden kann?
Es sollte daran erinnert werden, dass in diesem Gremium General Gilmore, General Comstock und General Suter von den United States Engineers sitzen; Professor Henry Mitchell (die kompetenteste Autorität in Fragen der Hydrographie) vom United States Coast Survey; B. B. Harrod, der Staatsingenieur von Louisiana; Jas. B. Eads, dessen Erfolg mit den Molen in New Orleans ein Garant für seine Kompetenz ist, und Richter Taylor aus Indiana.
Es wäre Vermessenheit vonseiten eines einzelnen Mannes, wie geschickt er auch sein mag, das Urteil eines solchen Gremiums anzufechten.
Die von der Kommission vorgeschlagene Verbesserungsmethode steht sowohl im Einklang mit den Ergebnissen der ingenieurtechnischen Erfahrung als auch mit Naturbeobachtungen, wo sie unseren Bedürfnissen entspricht. So wie in der Natur das Wachstum von Bäumen und ihre Neigung, bei Unterspülung über den Hang zu fallen und das Ufer zu stützen, an einigen Stellen eine angemessene Tiefe des Kanals und ein gewisses Maß an Dauerhaftigkeit sichert, so sind im Projekt des Ingenieurs die Verwendung von Holz und Reisig und die Förderung des Waldwachstums die Hauptmerkmale. Es ist vorgeschlagen, die Breite dort, wo sie übermäßig ist, durch Reisigbuhnen zu verringern, die zunächst niedrig sind, aber höher und höher gebaut werden, während sich der Schlamm des Flusses unter ihrem Schutz absetzt, und sie schließlich in dem Winkel abzuschrägen, in dem Weiden frei wachsen werden. Bei dieser Arbeit gibt es viele Details, die mit den Formen dieser Schutzbuhnen, ihren Anordnungen zur Darstellung einer Reihe von Absetzbecken usw. zusammenhängen, deren Beschreibung das Konzept nur komplizieren würde. Durch den größeren Teil des Flusses werden Verengungsarbeiten nicht erforderlich sein, aber fast alle Ufer auf der konkaven Seite der Flussbetten müssen gegen die Abnutzung durch den Strom gehalten werden, und ein Großteil der gegenüberliegenden Ufer muss an kritischen Punkten verteidigt werden. Die Arbeiten, die diesen konservativen Zweck verfolgen, können allgemein als Uferbefestigungsarbeiten bezeichnet werden; und diese werden ebenfalls weitgehend aus Reisig bestehen, das zu durchgehenden Matten gewebt oder zu Drahtgeflechten verflochten wird. Dieses Furnierverfahren wurde am Missouri River erfolgreich eingesetzt; und in einigen Fällen haben sie sich so sehr mit Sedimenten bedeckt und sind so sehr mit Weiden bewachsen, dass sie als dauerhaft angesehen werden können. Bei der Befestigung dieser Matten ist Bruchstein in kleinen Mengen zu verwenden, und in einigen Fällen wird der bearbeitete Hang zwischen Hoch- und Niedrigwasser mehr oder weniger mit Stein gepflastert werden müssen.
Jeder, der am Rhein war, wird Operationen beobachtet haben, die denjenigen nicht unähnlich sind, auf die wir gerade Bezug genommen haben; und tatsächlich haben die meisten Flüsse Europas, die durch ihre eigenen Alluvionen fließen, eine ähnliche Behandlung im Interesse der Schifffahrt und Landwirtschaft erfordert.
Der Deich ist das krönende Werk der Uferbefestigung, wenn auch nicht notwendigerweise in unmittelbarer Verbindung. Er kann ein Stück vom befestigten Ufer zurückgesetzt werden; aber er ist im Grunde die erforderliche Brüstung. Der Hochwasserfluss und der Niedrigwasserfluss können nicht in Einklang gebracht und gezwungen werden, sich bei der Aushebung eines einzigen permanenten Kanals zu vereinigen, ohne eine vollständige Kontrolle aller Stufen; und selbst gegen den anormalen Anstieg muss Vorsorge getroffen werden, da dies den Deich gefährden würde und, einmal hinter den Uferbefestigungsarbeiten wirksam, diese ebenfalls mit sich reißen würde.
Unter dem allgemeinen Prinzip, dass das lokale Gefälle eines Flusses das Ergebnis und das Maß des Widerstands seines Bettes ist, ist es offensichtlich, dass ein schmaler und tiefer Strom ein geringeres Gefälle haben sollte, da er im Verhältnis zur Kapazität eine geringere Reibungsfläche aufweist; d. h. einen geringeren Umfang im Verhältnis zur Querschnittsfläche. Die ultimative Wirkung von Deichen und Uferbefestigungen, die das Hochwasser eindämmen und alle Stufen des Flusses in Einklang bringen, besteht darin, den Kanal zu vertiefen und das Gefälle zu verringern. Die erste Wirkung der Deiche besteht darin, die Oberfläche zu erhöhen; aber dies führt durch die Herbeiführung einer größeren Fließgeschwindigkeit unweigerlich zu einer Vergrößerung des Querschnitts, und wenn verhindert wird, dass diese Vergrößerung auf Kosten der Ufer erfolgt, muss der Boden nachgeben und die Form des Wasserwegs so verbessert werden, dass dieser Abfluss mit geringerem Anstieg zugelassen wird. Die tatsächliche Erfahrung mit Deichen am Mississippi, ohne Versuch, die Ufer zu halten, war günstig, und niemand kann aufgrund der in den Berichten der Kommission vorgelegten Beweise bezweifeln, dass, wenn die frühesten Deiche von Uferbefestigungen begleitet und vervollständigt worden wären, wir heute einen bei Niedrigwasser schiffbaren Fluss und ein angrenzendes Land hätten, das vor Überschwemmungen sicher ist.
Natürlich wäre es unlogisch zu schlussfolgern, dass der eingeengte Fluss sein Hochwassergefälle jemals so weit senken kann, dass Deiche überflüssig werden, aber es wird angenommen, dass durch diese seitliche Einengung der Fluss als Leitungsrohr in seiner Form so verbessert werden kann, dass selbst jene seltenen Hochwasser, die aus dem gleichzeitigen Ansteigen vieler Nebenflüsse resultieren, einen Abzug finden, ohne Deiche von normaler Höhe zu zerstören. Dass die tatsächliche Kapazität eines Kanals durch Alluvion von seiner Inanspruchnahme während Hochwassern abhängt, ist oft gezeigt worden, aber diese Kapazität umfasst keine anomalen, sondern wiederkehrende Hochwasser.
Es lohnt sich kaum, die Projekte zur Entlastung des Mississippi-Hochwassers durch die Schaffung neuer Auslässe zu erwägen, da diese sensationellen Vorschläge nur bei unbedachten Gemütern Anklang gefunden haben und bei Ingenieuren keine Unterstützung finden. Wäre das Flussbett aus Gusseisen, könnte ein Rückgriff auf Öffnungen für überschüssiges Wasser eine Notwendigkeit sein; da aber der Boden nachgiebig ist und die beste Form eines Auslasses ein einziger tiefer Kanal ist, da er das geringste Verhältnis von Umfang zu Querschnittsfläche realisiert, könnte es kaum eine unphilosophischere Behandlungsmethode geben als die Vervielfältigung von Ausweichwegen.
In der vorstehenden Erklärung wurde versucht, in einem so begrenzten Raum, wie es die Wichtigkeit des Themas erlaubte, die allgemeinen Elemente des Problems und die allgemeinen Merkmale der vorgeschlagenen Verbesserungsmethode zusammenzufassen, die von der Mississippi-Flusskommission übernommen wurde.
Der Verfasser kann nicht umhin, es als etwas vermessen zu empfinden, dass er versucht, die Fakten zu einem Unternehmen darzulegen, das die höchste wissenschaftliche Kompetenz erfordert; aber es ist eine Angelegenheit, die jeden Bürger der Vereinigten Staaten interessiert, und ist eine der Methoden des Wiederaufbaus, die gebilligt werden sollte. Es ist ein Kriegsanspruch, der keinen privaten Gewinn impliziert und keine Entschädigung außer für einen der Fälle der Zerstörung, die mit dem Krieg einhergehen, die von den Menschen des ganzen Landes durchaus behoben werden können.
EDWARD ATKINSON.
Boston: 14. April 1882.
ANHANG C
REZEPTION DES BUCHES VON CAPTAIN BASIL HALL IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
DA ich nun fast am Ende meiner Reisen angelangt bin, bin ich veranlasst, ehe ich schließe, erneut zu erwähnen, was ich als einen der bemerkenswertesten Züge im Nationalcharakter der Amerikaner betrachte; nämlich ihre exquisite Empfindlichkeit und Wundheit in Bezug auf alles, was über sie gesagt oder geschrieben wird. Davon ist vielleicht das bemerkenswerteste Beispiel, das ich geben kann, die Wirkung, die das Erscheinen von Captain Basil Halls 'Reisen in Nordamerika' auf fast jede Klasse von Lesern hatte. Tatsächlich war es eine Art moralisches Erdbeben, und die Erschütterung, die es durch die Nerven der Republik, von einer Ecke der Union bis zur anderen, verursachte, war keineswegs vorüber, als ich das Land im Juli 1831 verließ, ein paar Jahre nach dem Schock.
Ich war in Cincinnati, als diese Bände herauskamen, aber erst im Juli 1830 erhielt ich ein Exemplar davon. Ein Buchhändler, an den ich mich wandte, sagte mir, er habe ein paar Exemplare gehabt, bevor er die Art des Werkes verstanden habe, aber dass ihn nach der Bekanntschaft damit nichts dazu bringen würde, ein weiteres zu verkaufen. Andere Personen seines Berufsstandes müssen jedoch weniger skrupulös gewesen sein; denn das Buch wurde in Stadt, Dorf, Weiler, Dampfschiff und Postkutsche gelesen, und eine Art Kriegsschrei wurde ausgestoßen, der meiner Erinnerung nach bei keinem Anlass überhaupt seinesgleichen suchte.
Ein brennender Wunsch nach Anerkennung und eine zarte Empfindlichkeit bei Tadel wurden, glaube ich, immer als liebenswerte Charaktereigenschaften angesehen; aber der Zustand, in den das Erscheinen von Captain Halls Werk die Republik versetzte, zeigt deutlich, dass diese Gefühle, wenn sie ins Exzessive getrieben werden, eine Schwäche erzeugen, die an Schwachsinn grenzt.
Es war vollkommen erstaunlich zu hören, wie Männer, die in anderen Dingen durchaus Urteilsvermögen besaßen, ihre Meinung zu diesem Thema äußerten. Ich habe noch nie von einem Fall gehört, in dem der gesunde Menschenverstand, den man gemeinhin bei nationaler Kritik antrifft, so sehr von Leidenschaft überwältigt wurde. Ich spreche nicht vom Mangel an Gerechtigkeit und an einer fairen und liberalen Auslegung: diese waren vielleicht kaum zu erwarten. Andere Nationen wurden als dünnhäutig bezeichnet, aber die Bürger der Union scheinen gar keine Haut zu besitzen; sie zucken zusammen, wenn ein Lüftchen über sie weht, es sei denn, es ist mit Schmeichelei gemildert. Es war daher nicht sehr überraschend, dass die scharfsinnigen und kraftvollen Beobachtungen eines Reisenden, von dem sie wussten, dass er gehört werden würde, mürrisch aufgenommen wurden. Die außergewöhnlichen Merkmale der Angelegenheit waren erstens das Übermaß an Wut, in das sie sich hineinsteigerten, und zweitens die Kindlichkeit der Erfindungen, mit denen sie die Strenge zu erklären versuchten, mit der sie ihrer Meinung nach behandelt worden waren.
Nicht zufrieden damit, zu erklären, dass die Bände von Anfang bis Ende kein wahres Wort enthielten (eine Behauptung, die ich fast so oft hörte, wie sie erwähnt wurden), machte sich das ganze Land an die Arbeit, um die Gründe dafür zu entdecken, warum Captain Hall die Vereinigten Staaten besucht und warum er sein Buch veröffentlicht hatte.
Ich habe mit einer solchen Genauigkeit und Ernsthaftigkeit sagen hören, als wäre die Aussage durch einen offiziellen Bericht übermittelt worden, dass Captain Hall ausdrücklich von der britischen Regierung ausgesandt worden sei, um die wachsende Bewunderung Englands für die Regierung der Vereinigten Staaten zu bremsen – dass er im Auftrag des Schatzamtes gekommen sei und dass er nur im Gehorsam gegenüber Befehlen etwas gefunden habe, das er beanstanden konnte.
Ich gebe dies nicht als das Gerede einer Clique wieder; ich bin überzeugt, dass dies der Glaube eines sehr beträchtlichen Teils des Landes ist. So tief ist die Überzeugung dieses sonderbaren Volkes, dass man sie nicht sehen kann, ohne sie zu bewundern, dass sie nicht die Möglichkeit zulassen wollen, dass irgendjemand an ihnen oder ihrem Land ehrlich und aufrichtig etwas zu missbilligen finden könnte.
Die amerikanischen Rezensionen sind, wie ich glaube, vielen in England bekannt; ich brauche sie daher hier nicht zu zitieren, aber ich habe mich manchmal gewundert, dass keine von ihnen jemals daran gedacht hat, Obadiahs Fluch ins klassische Amerikanisch zu übersetzen; wenn sie dies getan hätten, indem sie (er, Basil Hall) anstelle von (er, Obadiah) in Klammern gesetzt hätten, hätte ihnen das eine Welt voller Ärger erspart.
Ich kann die Neugier kaum beschreiben, mit der ich mich schließlich hinsetzte, um diese gewaltigen Bände zu lesen; noch weniger kann ich meiner Überraschung über ihren Inhalt gerecht werden. Zu sagen, dass ich im ganzen Werk keine einzige übertriebene Aussage fand, ist keineswegs genug gesagt. Es ist für jeden, der das Land kennt, unmöglich, nicht zu sehen, dass Captain Hall ernsthaft nach Dingen suchte, die er bewundern und loben konnte. Wenn er lobt, geschieht dies mit offensichtlichem Vergnügen; und wenn er Fehler findet, geschieht dies mit offensichtlichem Widerwillen und Zurückhaltung, außer dort, wo rein patriotische Motive ihn dazu drängen, rundheraus zu erklären, was zum Vorteil seines Landes bekannt sein sollte.
Tatsächlich sah Captain Hall das Land von der bestmöglichen Seite. Natürlich mit Empfehlungsschreiben an die angesehensten Persönlichkeiten ausgestattet und mit der noch einflussreicheren Empfehlung seines eigenen Rufes, wurde er von einem Ende der Union zum anderen in vollem Salon-Stil und Prunk empfangen. Er sah das Land in festlicher Garderobe und hatte wenig oder gar keine Gelegenheit, es ohne Schmuck, ohne Salbung, ohne letzte Ölung zu beurteilen, mit all seinen Unvollkommenheiten auf dem Haupt, wie ich und meine Familie es allzu oft hatten.
Captain Hall hatte sicherlich ausgezeichnete Gelegenheiten, sich mit der Regierungsform und den Gesetzen vertraut zu machen; und darüber hinaus den besten mündlichen Kommentar dazu in Gesprächen mit den angesehensten Bürgern zu erhalten. Diese Gelegenheiten nutzte er hervorragend; nichts Wichtiges entging seinem Blick, ohne dass es jener Art von analytischer Aufmerksamkeit gewürdigt wurde, die nur ein erfahrener und philosophischer Reisender aufbringen kann. Dies hat seine Bände äußerst interessant und wertvoll gemacht; aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass, wenn ein Mann von gleicher Scharfsichtigkeit die Vereinigten Staaten mit keinen anderen Mitteln besuchen würde, um den nationalen Charakter kennenzulernen als durch den gewöhnlichen alltäglichen Umgang des Lebens, er eine unendlich geringere Vorstellung von der moralischen Atmosphäre des Landes haben würde, als Captain Hall sie zu haben scheint; und die innere Überzeugung in meinem Geist ist stark, dass, wenn Captain Hall sich nicht eine feste Zurückhaltung auferlegt hätte, er einer weit tieferen Empörung Ausdruck hätte verleihen müssen als jeder, die er gegen viele Punkte des amerikanischen Charakters geäußert hat, mit denen er, wie er durch andere Umstände zeigt, wohl vertraut war. Seine Regel scheint gewesen zu sein, gerade so viel von der Wahrheit darzulegen, wie bei seinen Lesern einen korrekten Eindruck hinterlassen würde, bei möglichst geringem Schmerz für die empfindlichen Leute, über die er schrieb. Er äußert seine eigenen Meinungen und Gefühle und lässt darauf schließen, dass er gute Gründe hat, sie anzunehmen; aber er erspart den Amerikanern die Bitterkeit, die eine detaillierte Schilderung der Umstände hervorgerufen hätte.
Wenn jemand meint sagen zu müssen, dass eine böse Antipathie gegen zwölf Millionen Fremde der Ursprung meiner Meinung sei, so muss ich das ertragen; und wäre die Frage eine bloße müßige Spekulation, würde ich den Missbrauch, dem ich für diese Aussage begegnen muss, sicherlich nicht herausfordern. Aber so ist es nicht.
. . . . . . .
Die Offenheit, die er ausdrückt und offensichtlich empfindet, halten sie für Ironie oder misstrauen ihr völlig; seine Zurückhaltung, Personen, von denen er Freundlichkeit erfahren hat, Schmerz zuzufügen, weisen sie spöttisch als Affektiertheit zurück, und obwohl sie in ihrem eigenen geheimen Herzen nur zu gut wissen müssen, wie unendlich viel mehr sie seiner Gnade ausgeliefert sind, als er preiszugeben wählte; tun sie selbst sich gegenüber so, als habe er die schlechten Punkte ihres Charakters und ihrer Institutionen übertrieben; während die Wahrheit ist, dass er sie mit einem Grad an Milde hat davonkommen lassen, der für ihn vielleicht angemessen ist, so wenig er auch verdient sein mag; während er gleichzeitig ihre Vorzüge mit größtem Eifer vergrößert hat, wann immer er nur irgendetwas Günstiges finden konnte.
ANHANG D
DAS UNSTERBLICHE HAUPT
In einem entlegenen Teil des Nordens lebten ein Mann und seine Schwester, die noch nie einen Menschen gesehen hatten. Selten, wenn überhaupt, hatte der Mann einen Grund, das Haus zu verlassen; denn wenn seine Bedürfnisse Nahrung verlangten, brauchte er nur ein kleines Stück vom Lager wegzugehen und dort, an einer bestimmten Stelle, seine Pfeile mit den Spitzen in den Boden zu stecken. Wenn er seiner Schwester sagte, wo sie platziert worden waren, ging sie jeden Morgen auf die Suche und fand ausnahmslos jeden durch das Herz eines Hirsches gesteckt. Sie brauchte sie dann nur ins Lager zu ziehen und ihr Essen zuzubereiten. So lebte sie, bis sie das Erwachsenenalter erreichte, als eines Tages ihr Bruder, dessen Name Iamo war, zu ihr sagte: ‚Schwester, die Zeit naht, in der du krank sein wirst. Befolge meinen Rat. Wenn du es nicht tust, wird es wahrscheinlich mein Tod sein. Nimm die Geräte, mit denen wir unsere Feuer entzünden. Geh ein Stück von unserem Lager weg und mache ein separates Feuer. Wenn du Nahrung brauchst, werde ich dir sagen, wo du sie finden kannst. Du musst für dich selbst kochen, und ich für mich. Wenn du krank bist, versuche nicht, in die Nähe des Lagers zu kommen oder irgendwelche Utensilien zu bringen, die du benutzt. Achte darauf, immer die Geräte, die du brauchst, an deinem Gürtel zu befestigen, denn du weißt nicht, wann die Zeit kommen wird. Was mich betrifft, so muss ich das Beste daraus machen.‘ Seine Schwester versprach, ihm in allem, was er gesagt hatte, zu gehorchen.
Kurz darauf musste ihr Bruder von zu Hause fort. Sie war allein in ihrem Lager und kämmte ihr Haar. Sie hatte gerade den Gürtel gelöst, an dem die Geräte befestigt waren, als plötzlich das Ereignis eintrat, auf das ihr Bruder angespielt hatte. Sie rannte aus dem Lager, vergaß aber in ihrer Eile den Gürtel. Aus Angst zurückzukehren, stand sie eine Weile da und dachte nach. Schließlich beschloss sie, das Lager zu betreten und ihn zu holen. Denn, dachte sie, mein Bruder ist nicht zu Hause, und ich werde nur einen Augenblick bleiben, um ihn zu greifen. Sie ging zurück. Als sie plötzlich hineinrannte, ergriff sie ihn und wollte gerade herauskommen, als ihr Bruder in Sicht kam. Er wusste, was los war. ‚Oh‘, sagte er, ‚habe ich dir nicht gesagt, dass du vorsichtig sein sollst? Aber jetzt hast du mich getötet.‘ Sie wollte ihres Weges gehen, aber ihr Bruder sagte zu ihr: ‚Was kannst du jetzt noch tun. Der Unfall ist passiert. Geh hinein und bleibe dort, wo du immer geblieben bist. Und was wird aus dir werden? Du hast mich getötet.‘
Er legte dann seine Jagdkleidung und Ausrüstung beiseite, und kurz darauf begannen beide seine Füße schwarz zu werden, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte. Dennoch wies er seine Schwester an, wo sie die Pfeile platzieren sollte, damit sie immer Nahrung hatte. Die Entzündung schritt weiter voran und hatte nun seine erste Rippe erreicht; und er sagte: ‚Schwester, mein Ende ist nah. Du musst tun, was ich dir sage. Du siehst meinen Medizinsack und meine Kriegskeule, die daran gebunden ist. Er enthält all meine Medizin, meine Kriegsfedern und meine Farben aller Art. Sobald die Entzündung meine Brust erreicht, wirst du meine Kriegskeule nehmen. Sie hat eine scharfe Spitze, und du wirst meinen Kopf abschneiden. Wenn er frei von meinem Körper ist, nimm ihn, lege seinen Hals in den Sack, den du an einem Ende öffnen musst. Dann hänge ihn an seinen früheren Platz. Vergiss nicht meinen Bogen und meine Pfeile. Einen der letzteren wirst du nehmen, um Nahrung zu beschaffen. Den Rest binde in meinen Sack und hänge ihn dann auf, damit ich zur Tür schauen kann. Hin und wieder werde ich zu dir sprechen, aber nicht oft.‘ Seine Schwester versprach wieder zu gehorchen.
Nach kurzer Zeit war seine Brust befallen. ‚Nun‘, sagte er, ‚nimm die Keule und schlage meinen Kopf ab.‘ Sie hatte Angst, aber er sagte ihr, sie solle Mut fassen. ‚Schlag zu‘, sagte er, und ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. All ihren Mut zusammennehmend, führte sie den Schlag aus und schnitt den Kopf ab. ‚Nun‘, sagte der Kopf, ‚lege mich dorthin, wo ich es dir gesagt habe.‘ Und voller Furcht gehorchte sie ihm in all seinen Befehlen. Da er seine Lebenskraft behielt, schaute er wie gewohnt im Lager umher und befahl seiner Schwester, an solche Orte zu gehen, von denen er glaubte, dass sie ihr das Fleisch verschiedener Tiere beschaffen würden, die sie brauchte. Eines Tages sagte der Kopf: ‚Die Zeit ist nicht fern, da ich aus dieser Lage befreit werde und viele schwere Übel ertragen muss. So bestimmt es der höhere Manito, und ich muss alles geduldig ertragen.‘ In dieser Lage müssen wir den Kopf zurücklassen.
In einem bestimmten Teil des Landes gab es ein Dorf, das von einem zahlreichen und kriegerischen Stamm von Indianern bewohnt wurde. In diesem Dorf lebte eine Familie von zehn jungen Männern – Brüdern. Es war im Frühjahr, als der jüngste von ihnen sein Gesicht schwärzte und fastete. Seine Träume waren verheißungsvoll. Nachdem er sein Fasten beendet hatte, ging er nachts heimlich zu seinen Brüdern, sodass niemand im Dorf sie belauschen oder herausfinden konnte, in welche Richtung sie zu gehen gedachten. Obwohl ihre Trommel zu hören war, war das ein alltägliches Vorkommen. Nachdem er die üblichen Formalitäten beendet hatte, erzählte er, wie günstig seine Träume seien, und dass er sie zusammengerufen habe, um zu erfahren, ob sie ihn auf einen Kriegszug begleiten würden. Sie antworteten alle, dass sie dies tun würden. Der dritte Bruder vom ältesten, bekannt für seine Eigenheiten, kam mit seiner Kriegskeule herbei, als sein Bruder zu sprechen aufgehört hatte, und sprang auf. ‚Ja‘, sagte er, ‚ich werde gehen, und so werde ich die behandeln, gegen die ich kämpfen werde‘; und er schlug auf den Pfosten in der Mitte des Lagers und stieß einen Schrei aus. Die anderen sprachen zu ihm und sagten: ‚Langsam, langsam, Mudjikewis, wenn du in den Lagern anderer Leute bist.‘ Also setzte er sich. Dann nahmen sie der Reihe nach die Trommel, sangen ihre Lieder und schlossen mit einem Festmahl ab. Der Jüngste sagte ihnen, sie sollten ihren Frauen nichts von ihrer Absicht flüstern, sondern sich heimlich auf ihre Reise vorbereiten. Sie versprachen alle Gehorsam, und Mudjikewis war der erste, der dies sagte.
Die Zeit ihres Aufbruchs rückte näher. Die Anweisung wurde gegeben, sich in einer bestimmten Nacht zu versammeln, wenn sie sofort aufbrechen würden. Mudjikewis war laut in seinen Forderungen nach seinen Mokassins. Mehrmals fragte ihn seine Frau nach dem Grund. ‚Außerdem‘, sagte sie, ‚hast du ein gutes Paar an.‘ ‚Schnell, schnell‘, sagte er, ‚da du es wissen musst, wir gehen auf einen Kriegszug; also sei schnell.‘ So verriet er das Geheimnis. In jener Nacht trafen sie sich und brachen auf. Der Schnee lag auf dem Boden, und sie reisten die ganze Nacht, damit ihnen andere nicht folgen konnten. Als es Tag wurde, nahm der Anführer Schnee und formte einen Ball daraus, warf ihn dann in die Luft und sagte: ‚So habe ich im Traum Schnee fallen sehen, damit man mich nicht verfolgen konnte.‘ Und er sagte ihnen, sie sollten eng beieinander bleiben, aus Angst, sich zu verlieren, da der Schnee in sehr großen Flocken zu fallen begann. So nah sie auch beieinander gingen, war es schwierig, sich gegenseitig zu sehen. Der Schnee fiel den ganzen Tag und die folgende Nacht weiter, sodass es unmöglich war, ihre Spuren zu verfolgen.
Sie waren nun mehrere Tage gewandert, und Mudjikewis war immer am Schluss. Eines Tages lief er plötzlich nach vorne, stieß den Saw-saw-quan{Fußnote [Kriegsschrei.]} aus und schlug mit seiner Kriegskeule gegen einen Baum, und er zerbrach in Stücke, als wäre er vom Blitz getroffen worden. ‚Brüder‘, sagte er, ‚so werde ich diejenigen bedienen, gegen die wir kämpfen werden.‘ Der Anführer antwortete: ‚Langsam, langsam, Mudjikewis, derjenige, zu dem ich euch führe, ist nicht so leicht zu nehmen.‘ Wieder fiel er zurück und dachte bei sich: ‚Was! Was! Wer kann das sein, zu dem er uns führt?‘ Er fühlte sich ängstlich und war still. Tag für Tag reisten sie weiter, bis sie zu einer ausgedehnten Ebene kamen, an deren Rändern menschliche Knochen in der Sonne bleichten. Der Anführer sprach: ‚Es sind die Knochen derer, die vor uns gegangen sind. Niemand ist jemals zurückgekehrt, um die traurige Geschichte ihres Schicksals zu erzählen.‘ Wieder wurde Mudjikewis unruhig und lief nach vorne und stieß den gewohnten Schrei aus. Er trat auf einen großen Felsen zu, der aus dem Boden ragte, schlug darauf, und er zerfiel in Stücke. ‚Seht, Brüder‘, sagte er, ‚so werde ich diejenigen behandeln, gegen die wir kämpfen werden.‘ ‚Still, still‘, sagte noch einmal der Anführer; ‚der, zu dem ich euch führe, ist nicht mit dem Felsen zu vergleichen.‘
Mudjikewis fiel nachdenklich zurück und sagte zu sich selbst: ‚Ich frage mich, wer das sein kann, den er angreifen will‘; und er hatte Angst. Dennoch sahen sie weiterhin die Überreste früherer Krieger, die an dem Ort gewesen waren, zu dem sie nun unterwegs waren, von denen einige sich bis zu dem Ort zurückgezogen hatten, an dem sie zuerst die Knochen gesehen hatten, hinter dem niemand jemals entkommen war. Endlich kamen sie zu einer Anhöhe, von der aus sie deutlich einen riesigen Bären unterscheiden konnten, der auf einem fernen Berg schlief.
Die Entfernung zwischen ihnen war sehr groß, aber die Größe des Tieres machte ihn deutlich sichtbar. „Dort“, sagte der Anführer, „ist er, zu dem ich euch führe; hier werden unsere Schwierigkeiten beginnen, denn er ist ein Mishemokwa und ein Manito. Er ist es, der das besitzt, was wir so sehr schätzen (das heißt Wampum), um es zu erlangen, opferten die Krieger, deren Knochen wir sahen, ihr Leben. Ihr dürft nicht furchtsam sein: Seid männlich. Wir werden ihn schlafend vorfinden.“ Dann ging der Anführer voran und berührte den Gürtel um den Hals des Tieres. „Dies“, sagte er, „ist es, was wir bekommen müssen. Er enthält das Wampum.“ Dann baten sie den Ältesten, zu versuchen, den Gürtel über den Kopf des Bären zu streifen, der fest zu schlafen schien, da er sich durch den Versuch, den Gürtel zu erlangen, nicht im Geringsten stören ließ. All ihre Bemühungen waren vergeblich, bis es an den Vorletzten kam. Er versuchte es, und der Gürtel bewegte sich fast über den Kopf des Ungeheuers, aber weiter konnte er ihn nicht bringen. Dann machte der Jüngste und der Anführer seinen Versuch und hatte Erfolg. Er legte ihn auf den Rücken des Ältesten und sagte: „Jetzt müssen wir rennen“, und sie machten sich davon. Wenn einer von dem Gewicht ermüdet war, löste ihn ein anderer ab. So rannten sie, bis sie die Knochen aller früheren Krieger passiert hatten und ein Stück darüber hinaus waren, als sie zurückblickten und sahen, wie sich das Ungeheuer langsam aufrichtete. Er stand einige Zeit, bevor er sein Wampum vermisste. Bald hörten sie sein gewaltiges Geheul, wie ferner Donner, das langsam den ganzen Himmel erfüllte; und dann hörten sie ihn sprechen und sagen: „Wer kann es sein, der es gewagt hat, mein Wampum zu stehlen? Die Erde ist nicht so groß, als dass ich sie nicht finden könnte;“ und er stieg vom Hügel herab, um die Verfolgung aufzunehmen. Als wäre sie in Krämpfen, bebte die Erde bei jedem Sprung, den er machte. Sehr bald näherte er sich der Gruppe. Sie jedoch behielten den Gürtel, gaben ihn von einem zum anderen weiter und ermutigten sich gegenseitig; aber er holte schnell auf. „Brüder“, sagte der Anführer, „hat jemals einer von euch, wenn er fastete, von einem freundlichen Geist geträumt, der euch als Wächter beistehen würde?“ Ein totenstilles Schweigen folgte. „Nun“, sagte er, „beim Fasten träumte ich davon, in unmittelbarer Lebensgefahr zu sein, als ich eine kleine Hütte sah, aus deren Dach Rauch aufstieg. Ein alter Mann lebte darin, und ich träumte, dass er mir half; und möge es bald wahr werden“, sagte er, rannte vorwärts und stieß den eigentümlichen Schrei aus, ein Geheul, als kämen die Töne aus den Tiefen seines Magens, und was man Checaudum nennt. Als sie auf eine Anhöhe gelangten, siehe da! Eine Hütte mit Rauch, der aus ihrem Dach aufstieg, erschien. Dies gab ihnen allen neue Kraft, und sie rannten vorwärts und traten ein. Der Anführer sprach zu dem alten Mann, der in der Hütte saß, und sagte: „Nemesho, hilf uns; wir beanspruchen deinen Schutz, denn der große Bär wird uns töten.“ „Setzt euch und esst, meine Enkel“, sagte der alte Mann. „Wer ist ein großer Manito?“, sagte er. „Es gibt keinen außer mir; aber lasst mich sehen“, und er öffnete die Tür der Hütte, als er, siehe da! in einiger Entfernung das wütende Tier mit langsamen, aber mächtigen Sprüngen herankommen sah. Er schloss die Tür. „Ja“, sagte er, „er ist in der Tat ein großer Manito: Meine Enkel, ihr werdet die Ursache dafür sein, dass ich mein Leben verliere; ihr habt um meinen Schutz gebeten, und ich habe ihn gewährt; also nun, komme, was da wolle, ich werde euch beschützen. Wenn der Bär die Tür erreicht, müsst ihr aus der anderen Tür der Hütte rennen.“ Dann legte er seine Hand an die Seite der Hütte, wo er saß, und holte einen Beutel hervor, den er öffnete. Er nahm zwei kleine schwarze Hunde heraus und stellte sie vor sich auf. „Dies sind die, die ich benutze, wenn ich kämpfe“, sagte er; und er begann, mit beiden Händen die Seiten eines von ihnen zu tätscheln, und er begann anzuschwellen, sodass er bald die Hütte durch seine Masse ausfüllte; und er hatte große starke Zähne. Als er seine volle Größe erreicht hatte, knurrte er, und von diesem Moment an sprang er, wie aus Instinkt, aus der Tür und traf den Bären, der mit einem weiteren Sprung die Hütte erreicht hätte. Ein schrecklicher Kampf entspann sich. Die Lüfte dröhnten von dem Geheul der wilden Ungeheuer. Der verbleibende Hund betrat bald das Feld. Die Brüder befolgten beim Ansturm den Rat des alten Mannes und entkamen durch die gegenüberliegende Seite der Hütte. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie den Todesschrei eines der Hunde hörten und kurz darauf den des anderen. „Nun“, sagte der Anführer, „der alte Mann wird ihr Schicksal teilen: also rennt; er wird bald hinter uns her sein.“ Sie machten sich mit neuer Kraft auf den Weg, denn sie hatten Nahrung von dem alten Mann erhalten: aber sehr bald kam der Bär in Sicht und holte sie wieder schnell ein. Wieder fragte der Anführer die Brüder, ob sie nichts für ihre Sicherheit tun könnten. Alle schwiegen. Der Anführer rannte vorwärts und tat wie zuvor. „Ich träumte“, rief er, „dass mir in großer Not ein alter Mann half, der ein Manito war; wir werden bald seine Hütte sehen.“ Mut schöpfend gingen sie weiter. Nachdem sie eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, sahen sie die Hütte des alten Manito. Sie traten sofort ein und beanspruchten seinen Schutz, indem sie ihm erzählten, dass ein Manito hinter ihnen her sei. Der alte Mann, der ihnen Fleisch vorsetzte, sagte: „Esst! Wer ist ein Manito? Es gibt keinen Manito außer mir; es gibt niemanden, den ich fürchte;“ und die Erde bebte, während das Ungeheuer näher kam. Der alte Mann öffnete die Tür und sah ihn kommen. Er schloss sie langsam und sagte: „Ja, meine Enkel, ihr habt mir Ärger eingebracht.“ Er holte seinen Medizinbeutel hervor, nahm seine kleinen Kriegskeulen aus schwarzem Stein heraus und sagte den jungen Männern, sie sollten durch die andere Seite der Hütte rennen. Als er die Keulen handhabte, wurden sie sehr groß, und der alte Mann trat gerade nach draußen, als der Bär die Tür erreichte. Dann schlug er ihn mit einer der Keulen, sie zerbrach in Stücke; der Bär strauchelte. Er erneuerte den Versuch mit der anderen Kriegskeule, auch diese zerbrach, aber der Bär fiel besinnungslos zu Boden. Jeder Schlag, den der alte Mann ihm versetzte, klang wie ein Donnerschlag, und das Geheul des Bären hallte wider, bis es den Himmel erfüllte.
Die jungen Männer waren nun ein Stück gelaufen, als sie zurückblickten. Sie konnten sehen, dass der Bär sich von den Schlägen erholte. Zuerst bewegte er seine Tatzen, und bald sahen sie ihn auf die Füße steigen. Der alte Mann teilte das Schicksal des ersten, denn sie hörten nun seine Schreie, als er in Stücke gerissen wurde. Wieder war das Ungeheuer auf der Jagd und holte sie schnell ein. Noch nicht entmutigt, setzten die jungen Männer ihren Weg fort; aber der Bär war nun so nahe, dass der Anführer sich noch einmal an seine Brüder wandte, doch sie konnten nichts tun. „Nun“, sagte er, „meine Träume werden bald erschöpft sein; danach habe ich nur noch einen.“ Er schritt voran und rief seinen Schutzgeist an, ihm beizustehen. „Einmal“, sagte er, „träumte ich, dass ich in großer Bedrängnis an einen großen See kam, an dessen Ufer ein Kanu lag, teilweise außerhalb des Wassers, mit zehn Paddeln, die alle bereitstanden. Fürchtet euch nicht“, rief er, „wir werden es bald bekommen.“ Und so war es, genau wie er gesagt hatte. Als sie an den See kamen, sahen sie das Kanu mit zehn Paddeln, und sofort stiegen sie ein. Kaum hatten sie die Mitte des Sees erreicht, als sie sahen, wie der Bär an dessen Ränder gelangte. Er hob sich auf seine Hinterbeine und blickte sich überall um. Dann watete er ins Wasser; dann verlor er den Halt, kehrte um und begann, den See zu umrunden. Währenddessen blieb die Gruppe in der Mitte stehen, um seine Bewegungen zu beobachten. Er wanderte ganz herum, bis er schließlich an den Ort kam, von dem er gestartet war. Dann begann er, das Wasser auszutrinken, und sie sahen, wie die Strömung schnell auf sein offenes Maul zuströmte. Der Anführer ermutigte sie, kräftig zum gegenüberliegenden Ufer zu paddeln. Als sie nur noch ein kurzes Stück vom Land entfernt waren, hatte die Strömung so stark zugenommen, dass sie von ihr zurückgezogen wurden, und all ihre Bemühungen, es zu erreichen, waren vergeblich.
Dann sprach der Anführer wieder und sagte ihnen, sie sollten ihrem Schicksal männlich begegnen. „Jetzt ist die Zeit, Mudjikewis“, sagte er, „deine Tapferkeit zu zeigen. Fasse Mut und setz dich an den Bug des Kanus; und wenn es sich seinem Maul nähert, versuche, welche Wirkung deine Keule auf seinen Kopf haben wird.“ Er gehorchte und stand bereit, den Schlag zu führen; während der Anführer, der steuerte, das Kanu auf das offene Maul des Ungeheuers lenkte.
Sie näherten sich rasch und waren gerade dabei, in sein Maul einzudringen, als Mudjikewis ihm einen gewaltigen Schlag auf den Kopf versetzte und den Saw-saw-quan ausstieß. Die Gliedmaßen des Bären knickten unter ihm zusammen, und er fiel, betäubt von dem Schlag. Aber bevor Mudjikewis ihn erneuern konnte, spie das Ungeheuer alles Wasser aus, das er getrunken hatte, mit einer Kraft, die das Kanu mit großer Geschwindigkeit an das gegenüberliegende Ufer sandte. Sie verließen sofort das Kanu, flohen erneut und rannten weiter, bis sie völlig erschöpft waren. Die Erde bebte erneut, und bald sahen sie das Ungeheuer dicht hinter sich. Ihre Geister sanken, und sie fühlten sich entmutigt. Der Anführer bemühte sich durch Taten und Worte, sie aufzuheitern; und noch einmal fragte er sie, ob sie an nichts dächten oder nichts für ihre Rettung tun könnten; und wie zuvor schwiegen alle. „Dann“, sagte er, „ist dies das letzte Mal, dass ich mich an meinen Schutzgeist wenden kann. Wenn wir jetzt keinen Erfolg haben, ist unser Schicksal besiegelt.“ Er rannte vorwärts, rief seinen Geist mit großem Ernst an und stieß den Schrei aus. „Wir werden bald“, sagte er zu seinen Brüdern, „an dem Ort ankommen, an dem mein letzter Schutzgeist wohnt. In ihn setze ich großes Vertrauen. Habt keine, habt keine Angst, sonst werden eure Gliedmaßen vor Furcht gelähmt sein. Wir werden bald seine Hütte erreichen. Rennt, rennt“, rief er.
Um nun zu Iamo zurückzukehren: Er hatte die ganze Zeit in demselben Zustand verbracht, in dem wir ihn zurückgelassen hatten, wobei der Kopf seine Schwester anwies, wo sie die magischen Pfeile platzieren sollte, um Nahrung zu beschaffen, und in langen Abständen sprach. Eines Tages sah die Schwester, wie die Augen des Kopfes aufleuchteten, als wäre es vor Freude. Schließlich sprach er. „Oh, Schwester“, sagte er, „in welch jämmerliche Lage du mich gebracht hast! Bald, sehr bald, wird eine Gruppe junger Männer eintreffen und mich um Hilfe bitten; aber ach! Wie kann ich geben, was ich mit so viel Freude getan hätte? Dennoch nimm zwei Pfeile und lege sie dorthin, wo du gewohnt warst, die anderen hinzulegen, und lass Fleisch vorbereiten und kochen, bevor sie eintreffen. Wenn du sie kommen hörst und meinen Namen rufen, geh hinaus und sage: ‚Ach! Es ist lange her, dass ihm ein Unfall zugestoßen ist. Ich war die Ursache dafür.‘ Wenn sie dennoch näher kommen, bitte sie herein und setze ihnen Fleisch vor. Und nun musst du meinen Anweisungen genau folgen. Wenn der Bär in der Nähe ist, geh hinaus und triff ihn. Du wirst meinen Medizinbeutel, Pfeil und Bogen und meinen Kopf mitnehmen. Du musst dann den Beutel öffnen und vor dir meine Farben aller Farben, meine Kriegsadlerfedern, meine Büschel getrockneten Haares und was auch immer er enthält, ausbreiten. Wenn der Bär sich nähert, wirst du all diese Gegenstände einzeln nehmen und zu ihm sagen: ‚Dies ist die Farbe meines verstorbenen Bruders‘, und so weiter mit all den anderen Gegenständen, wobei du jeden von ihnen so weit du kannst wegwirfst. Die Tugenden, die in ihnen enthalten sind, werden ihn zum Wanken bringen; und um seine Zerstörung zu vollenden, wirst du meinen Kopf nehmen, und auch diesen wirst du so weit du kannst wegwerfen und laut rufen: ‚Siehe, dies ist der Kopf meines verstorbenen Bruders.‘ Er wird dann besinnungslos zu Boden fallen. Bis dahin werden die jungen Männer gegessen haben, und du wirst sie zu deiner Unterstützung rufen. Du musst dann den Kadaver in Stücke schneiden, ja, in kleine Stücke, und sie in alle vier Winde verstreuen; denn wenn du das nicht tust, wird er wieder auferstehen.“ Sie versprach, dass alles wie von ihm gesagt geschehen würde. Sie hatte gerade noch Zeit, das Fleisch zuzubereiten, als die Stimme des Anführers gehört wurde, der Iamo um Hilfe rief. Die Frau ging hinaus und sagte, was ihr Bruder angewiesen hatte. Aber die Kriegspartei, die dicht verfolgt wurde, kam zur Hütte. Sie lud sie ein und setzte ihnen das Fleisch vor. Während sie aßen, hörten sie den Bären herankommen. Sie öffnete den Medizinbeutel und nahm den Kopf, sie hatte alles für sein Herannahen bereit. Als er ankam, tat sie, wie ihr gesagt worden war; und bevor sie die Farben und Federn aufgebraucht hatte, begann der Bär zu wanken, aber er rückte weiter vor und kam der Frau nahe. Während sie sagte, was ihr befohlen worden war, nahm sie dann den Kopf und warf ihn so weit sie konnte von sich. Als er über den Boden rollte, schoss das Blut, angeregt durch die Gefühle des Kopfes bei diesem schrecklichen Anblick, aus Nase und Mund. Der Bär wankte und fiel bald mit einem gewaltigen Geräusch. Dann rief sie um Hilfe, und die jungen Männer stürmten heraus, nachdem sie ihre Kraft und ihren Geist teilweise wiedererlangt hatten.
Mudjikewis trat vor, stieß einen Schrei aus und versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf. Dies wiederholte er, bis es wie eine Masse aus Gehirn aussah, während die anderen so schnell wie möglich ihn in sehr kleine Stücke schnitten, die sie dann in alle Richtungen verstreuten. Während sie damit beschäftigt waren, blickten sie zufällig umher, wo sie das Fleisch hingeworfen hatten, und wundersamerweise sahen sie kleine schwarze Bären aufspringen und in alle Richtungen davonlaufen, so wie man sie heute sieht. Das Land war bald von diesen schwarzen Tieren übersät. Und von diesem Ungeheuer stammte die heutige Bärenrasse ab.
Nachdem sie so ihren Verfolger überwunden hatten, kehrten sie zur Hütte zurück. In der Zwischenzeit sammelte die Frau die Utensilien, die sie benutzt hatte, und den Kopf ein und legte sie wieder in den Beutel. Aber der Kopf sprach nicht wieder, wahrscheinlich wegen seiner großen Anstrengung, das Ungeheuer zu überwinden.
Da die jungen Männer so viel Zeit verbracht und ein so riesiges Land auf ihrer Flucht durchquert hatten, gaben sie den Gedanken auf, jemals in ihr eigenes Land zurückzukehren, und da Wild reichlich vorhanden war, beschlossen sie, dort zu bleiben, wo sie nun waren. Eines Tages zogen sie ein Stück von der Hütte weg, um zu jagen, nachdem sie das Wampum bei der Frau gelassen hatten. Sie waren sehr erfolgreich und amüsierten sich, wie es alle jungen Männer tun, wenn sie allein sind, indem sie miteinander sprachen und scherzten. Einer von ihnen sprach und sagte: „Wir haben all diesen Spaß für uns allein; lasst uns gehen und unsere Schwester fragen, ob sie uns nicht den Kopf an diesen Ort bringen lässt, da er noch am Leben ist. Es könnte ihm gefallen, uns reden zu hören und in unserer Gesellschaft zu sein. In der Zwischenzeit bringt unserer Schwester Nahrung.“ Sie gingen und baten um den Kopf. Sie sagte ihnen, sie sollten ihn mitnehmen, und sie brachten ihn zu ihren Jagdgründen und versuchten, ihn zu amüsieren, aber nur manchmal sahen sie, wie seine Augen vor Vergnügen strahlten. Eines Tages, während sie in ihrem Lager beschäftigt waren, wurden sie unerwartet von unbekannten Indianern angegriffen. Das Scharmützel war lang andauernd und blutig; viele ihrer Feinde wurden erschlagen, aber sie waren immer noch dreißig gegen einen. Die jungen Männer kämpften verzweifelt, bis sie alle getötet waren. Die angreifende Partei zog sich dann auf eine Anhöhe zurück, um ihre Männer zu sammeln und die Anzahl der Vermissten und Erschlagenen zu zählen. Einer ihrer jungen Männer war ferngeblieben, und beim Versuch, sie einzuholen, kam er an den Ort, an dem der Kopf aufgehängt war. Da er sah, dass dieser allein noch Lebenszeichen von sich gab, betrachtete er ihn einige Zeit mit Furcht und Überraschung. Dennoch nahm er ihn herunter und öffnete den Sack, und er war sehr erfreut, die schönen Federn zu sehen, von denen er eine auf seinen Kopf setzte.
Als er loslief, wehte sie anmutig über ihm, bis er seine Gruppe erreichte, wo er den Kopf und den Sack hinwarf und ihnen erzählte, wie er sie gefunden hatte und dass der Sack voller Farben und Federn sei. Sie alle betrachteten den Kopf und machten sich darüber lustig. Viele der jungen Männer nahmen die Farbe und bemalten sich, und einer aus der Gruppe nahm den Kopf bei den Haaren und sagte--
„Schau, du hässliches Ding, und sieh deine Farben auf den Gesichtern der Krieger.“
Aber die Federn waren so schön, dass viele von ihnen sie ebenfalls auf ihre Köpfe setzten. Dann wieder fügten sie dem Kopf alle Arten von Demütigungen zu, wofür sie wiederum durch den Tod derer vergolten wurden, die die Federn benutzt hatten. Dann befahl der Häuptling ihnen, alles außer dem Kopf wegzuwerfen. „Wir werden sehen“, sagte er, „wenn wir nach Hause kommen, was wir damit anfangen können. Wir werden versuchen, ihn dazu zu bringen, seine Augen zu schließen.“
Als sie ihre Heimat erreichten, brachten sie ihn zur Ratshütte und hängten ihn vor das Feuer, wobei sie ihn mit eingeweichter Rohhaut befestigten, die durch die Einwirkung des Feuers schrumpfen und fester werden würde. „Wir werden dann sehen“, sagten sie, „ob wir ihn nicht dazu bringen können, seine Augen zu schließen.“
In der Zwischenzeit hatte die Schwester mehrere Tage darauf gewartet, dass die jungen Männer den Kopf zurückbrächten; bis sie schließlich, ungeduldig geworden, sich auf die Suche nach ihm machte. Die jungen Männer fand sie in kurzen Abständen voneinander liegen, tot und mit Wunden bedeckt. Verschiedene andere Körper lagen in verschiedenen Richtungen um sie herum verstreut. Sie suchte nach dem Kopf und dem Sack, aber sie waren nirgends zu finden. Sie erhob ihre Stimme und weinte und schwärzte ihr Gesicht. Dann ging sie in verschiedene Richtungen, bis sie an den Ort kam, von dem der Kopf genommen worden war. Dann fand sie den magischen Bogen und die Pfeile, wo die jungen Männer, die ihre Eigenschaften nicht kannten, sie zurückgelassen hatten. Sie dachte bei sich, dass sie den Kopf ihres Bruders finden würde, und kam auf eine Anhöhe, wo sie einige seiner Farben und Federn sah. Diese packte sie sorgfältig ein und hängte sie an den Ast eines Baumes, bis zu ihrer Rückkehr.
In der Dämmerung erreichte sie die erste Hütte eines sehr weitläufigen Dorfes. Hier wandte sie einen Zauber an, der bei den Indianern üblich ist, wenn sie auf einen freundlichen Empfang hoffen. Als sie sich an den alten Mann und die Frau der Hütte wandte, wurde sie gütig aufgenommen. Sie brachte ihr Anliegen vor. Der alte Mann versprach, ihr zu helfen, und erzählte ihr, dass der Kopf vor dem Ratsfeuer aufgehängt sei und dass die Häuptlinge des Dorfes zusammen mit ihren jungen Männern ununterbrochen Wache hielten. Erstere gelten als Manitus. Sie sagte, sie wolle ihn nur sehen und wäre zufrieden, wenn sie nur bis zur Tür der Hütte gelangen könnte. Sie wusste, dass sie nicht genug Macht besaß, um ihn mit Gewalt zu nehmen. „Komm mit mir“, sagte der Indianer, „ich werde dich dorthin bringen.“ Sie gingen und nahmen ihre Plätze nahe der Tür ein. Die Ratshütte war voller Krieger, die sich mit Spielen vergnügten und ständig ein Feuer unterhielten, um den Kopf zu räuchern, wie sie sagten, um das Fleisch zu trocknen. Sie sahen, wie sich der Kopf bewegte, und da sie nicht wussten, was sie davon halten sollten, sprach einer und sagte: „Ha! ha! Er beginnt die Wirkung des Rauches zu spüren.“ Die Schwester blickte von der Tür auf, ihre Augen trafen die ihres Bruders, und Tränen rollten über die Wangen des Kopfes. „Nun“, sagte der Häuptling, „ich dachte, wir würden dich schließlich dazu bringen, etwas zu tun. Schau! Schau ihn dir an – er vergießt Tränen“, sagte er zu den Umstehenden; und sie alle lachten und machten ihre Scherze darüber. Der Häuptling sah sich um, bemerkte die Frau und sagte nach einiger Zeit zu dem Mann, der mit ihr gekommen war: „Wen hast du da mitgebracht? Ich habe diese Frau noch nie zuvor in unserem Dorf gesehen.“ „Doch“, antwortete der Mann, „ihr habt sie gesehen; sie ist eine Verwandte von mir und geht selten aus. Sie bleibt in meiner Hütte und hat mich gebeten, sie an diesen Ort mitnehmen zu dürfen.“ In der Mitte der Hütte saß einer jener jungen Männer, die immer vorlaut sind und sich gerne vor anderen brüsten und zur Schau stellen. „Warum“, sagte er, „ich habe sie oft gesehen, und es ist diese Hütte, die ich fast jeden Abend aufsuche, um ihr den Hof zu machen.“ Alle anderen lachten und setzten ihre Spiele fort. Der junge Mann wusste nicht, dass er eine Lüge zum Vorteil der Frau erzählte, die auf diese Weise entkam.
Sie kehrte zur Hütte des Mannes zurück und machte sich sofort auf den Weg in ihr eigenes Land. Als sie an die Stelle kam, an der die Körper ihrer angenommenen Brüder lagen, legte sie sie zusammen, die Füße nach Osten gerichtet. Dann nahm sie eine Axt, die sie bei sich hatte, und warf sie in die Luft, während sie rief: „Brüder, steht unter ihr auf, sonst wird sie auf euch fallen.“ Dies wiederholte sie dreimal, und beim dritten Mal erhoben sich alle Brüder und stellten sich auf ihre Füße.
Mudjikewis begann sich die Augen zu reiben und sich zu strecken. „Nun“, sagte er, „ich habe mich verschlafen.“ „Nein, wahrlich nicht“, sagte einer der anderen, „weißt du nicht, dass wir alle getötet wurden und dass unsere Schwester es war, die uns ins Leben zurückgerufen hat?“ Die jungen Männer nahmen die Körper ihrer Feinde und verbrannten sie. Kurz darauf ging die Frau los, um in einem fernen Land, sie wussten nicht wo, Frauen für sie zu beschaffen; aber sie kehrte mit zehn jungen Frauen zurück, die sie den zehn jungen Männern gab, beginnend mit dem Ältesten. Mudjikewis schritt unruhig hin und her, in Sorge, er könnte nicht die bekommen, die er mochte. Aber er wurde nicht enttäuscht, denn sie fiel ihm zu. Und sie waren ein gutes Paar, denn sie war eine Zauberin. Sie zogen dann alle in eine sehr große Hütte, und ihre Schwester sagte ihnen, dass die Frauen nun abwechselnd jede Nacht zum Kopf ihres Bruders gehen und versuchen müssten, ihn loszubinden. Sie alle sagten, sie würden dies mit Vergnügen tun. Die Älteste machte den ersten Versuch, und mit einem rauschenden Geräusch flog sie durch die Luft.
Gegen Tagesanbruch kehrte sie zurück. Sie war erfolglos gewesen, da es ihr gelang, nur einen der Knoten zu lösen. Alle kamen regelmäßig an die Reihe, und jede schaffte es jedes Mal, nur einen Knoten zu lösen. Doch als die Jüngste an die Reihe kam, begann sie mit der Arbeit, sobald sie die Hütte erreichte; obwohl diese immer besetzt gewesen war, konnten die Indianer niemals jemanden sehen. Seit zehn Nächten war der Rauch nun nicht mehr aufgestiegen, sondern erfüllte die Hütte und vertrieb sie. In dieser letzten Nacht wurden sie alle vertrieben, und die junge Frau trug den Kopf davon.
Die jungen Leute und die Schwester hörten die junge Frau hoch durch die Luft kommen, und sie hörten sie sagen: „Bereitet den Körper unseres Bruders vor.“ Und sobald sie das hörten, gingen sie zu einer kleinen Hütte, in der der schwarze Körper von Iamo lag. Seine Schwester begann, den Halsteil zu schneiden, von dem der Kopf abgetrennt worden war. Sie schnitt so tief, dass es zu bluten begann; und die anderen, die anwesend waren, rieben den Körper ein und trugen Medikamente auf, wodurch sie die Schwärze vertrieben. Währenddessen ließ diejenige, die ihn gebracht hatte, durch das Anschneiden des Halses am Kopf auch diesen bluten.
Sobald sie ankam, legten sie diesen nah an den Körper und schafften es mit Hilfe von Medikamenten und verschiedenen anderen Mitteln, Iamo wieder zu all seiner früheren Schönheit und Männlichkeit zu verhelfen. Alle freuten sich über das glückliche Ende ihrer Nöte, und sie hatten einige Zeit freudig miteinander verbracht, als Iamo sagte: „Nun werde ich das Wampum verteilen“, und er nahm den Gürtel, der es enthielt, und begann beim Ältesten, wobei er gleiche Portionen gab. Aber die Jüngste bekam die prächtigsten und schönsten, da der untere Teil des Gürtels die reichsten und seltensten enthielt.
Ihnen wurde gesagt, dass sie, da sie alle einmal gestorben waren und ins Leben zurückgerufen wurden, nicht länger sterblich, sondern Geister seien, und ihnen wurden verschiedene Stationen in der unsichtbaren Welt zugewiesen. Nur Mudjikewis' Platz wurde jedoch benannt. Er sollte den Westwind leiten, daher allgemein Kebeyun genannt, um dort für immer zu bleiben. Ihnen wurde befohlen, da sie die Macht dazu hätten, den Bewohnern der Erde Gutes zu tun und, ihre Leiden bei der Beschaffung des Wampums vergessend, alle Dinge mit freigebiger Hand zu geben. Und ihnen wurde auch befohlen, dass es von ihnen als heilig betrachtet werden sollte; jene Körner oder Muscheln von blasser Farbe sollten Sinnbild des Friedens sein, während jene von dunklerer Farbe zu Übel und Krieg führen würden.
Die Geister erhoben sich dann inmitten von Gesängen und Rufen in ihre jeweiligen Wohnstätten in der Höhe; während Iamo mit seiner Schwester Iamoqua in die Tiefen hinabstieg.