LOVE-AT-ARMS
Ein Bericht, entnommen den Chroniken von Urbino während der Herrschaft des Hohen und Mächtigen Messer Guidobaldo da Montefeltro
Von Raphael Sabatini
„Le donne, i cavalier', l'arme, gli amori, Le cortesie, l'audace imprese io canto.“
ARIOSTO
INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL
I. VOX POPULI
II. AUF EINEM BERGPFAD
III. SACKLEINEN UND NARRENKLEID
IV. MONNA VALENTINA
V. GIAN MARIA
VI. DER VERLIEBTE HERZOG
VII. GONZAGA DER HINTERLISTIGE
VIII. UNTER DEM WEINSCHLAMM
IX. DIE „TRATTA DI CORDE“
X. DAS SCHREIEN EINES ESELS
XI. WANDERNDE RITTER
XII. DIE NEUGIER DES NARREN
XIII. GIAN MARIA LEGT EIN GELÜBDE AB
XIV. FORTEMANI TRINKT WASSER
XV. DIE GNADE DES FRANCESCO
XVI. GONZAGA ENTHÜLLT SICH
XVII. DER FEIND
XVIII. VERRAT
XIX. KOMPLOTT UND GEGENKOMPLOTT
XX. DIE LIEBENDEN
XXI. DER BÜSSER
XXII. EINE OFFENBARUNG
XXIII. IM RÜSTUNGSTURM
XXIV. DIE UNTERBROCHENE MESSE
XXV. DIE KAPITULATION VON ROCCALEONE
KAPITEL I. VOX POPULI
Aus dem Tal, getragen auf den Schwingen der Abendbrise, stieg schwach das Läuten einer Angelusglocke empor, und in der Hütte eines Ziegenhirten auf den Höhen darüber standen sechs Männer mit entblößten und gesenkten Häuptern und gehorchten ihrem Ruf zum Abendgebet. Eine Messinglampe, mit drei Schnäbeln versehen, schwang von der rußigen Decke und verbreitete, mit mehr Rauch als Flamme, ein gleichgültiges Licht und einen noch gleichgültigeren Geruch in der dunkel werdenden Hütte. Doch reichte es zumindest aus, an der Ausrüstung und dem Schmuck jener Gesellschaft einen Reichtum zu offenbaren, der im Kontrast zur umgebenden Ärmlichkeit umso auffälliger war.
Als der letzte Schlag des Ave Maria im Wind verhallte, der klagend durch die Lärchen am Berghang murmelte, bekreuzigten sie sich andächtig, setzten gemächlich ihre Kopfbedeckungen wieder auf und sahen sich mit fragenden Blicken an. Doch ehe einer die Frage aussprechen konnte, die allen im Sinn lag, ertönte ein Klopfen an den morsch gewordenen Balken der Tür.
„Endlich!“, rief der alte Fabrizio da Lodi mit einer Stimme voller Erleichterung, während ein jüngerer Mann von guter Gestalt und in fröhlicher Kleidung auf Fabrizios Blick hin zur Tür schritt und sie weit öffnete.
Über die Schwelle trat eine hohe Gestalt unter einem breiten, federlosen Hut, eingehüllt in einen Umhang, den er beim Eintreten lockerte, was darunter die schlichteste Kleidung enthüllte. Ein lederner Wams war in der Taille durch einen Gürtel aus gehämmertem Stahl geschnürt, an dem auf seiner linken Seite ein langes Schwert mit ringförmigen Parierstangen aus Stahl hing, während hinter seiner rechten Hüfte der Griff eines kräftigen Pistoja-Dolches hervorlugte. Seine Beinlinge aus rotem Tuch verschwanden in Stiefeln aus ungegerbtem Leder, die vorne geschnürt und an den Knien umgeschlagen waren, und vervollständigten bei ihm das allgemeine Erscheinungsbild eines Söldners in Friedenszeiten, ungeachtet dessen die sechs Adligen an diesem Ort der Paradoxien ihre Häupter erneut entblößten und in Haltungen aufmerksamer Ehrerbietung dastanden.
Er hielt einen Moment inne, um seinen Umhang abzulegen, von dem ihn der junge Mann, der ihn eingelassen hatte, so bereitwillig erleichterte, als wäre er als Diener geboren. Dann nahm er seinen Hut ab und ließ ihn von seinen Schultern hängen, wobei er, zusammen mit einem noch jugendlichen Antlitz von überragender Kraft und Vornehmheit, eine Mähne aus pechschwarzem Haar entblößte, die in ein breites Netz aus Goldfaden gefasst war – das einzige Kleidungsstück, das auf einen höheren Stand hätte schließen lassen können, als es zunächst den Anschein gehabt hatte.
Er schritt rasch auf den groben und fettfleckigen Tisch zu, um den die Gesellschaft stand, und seine schwarzen Augen huschten schnell über die Gesichter, die ihm entgegenblickten.
„Meine Herren“, sagte er schließlich, „ich bin hier. Mein Pferd ist eine halbe Meile hinter Sant' Angelo lahm geworden, und ich war gezwungen, den Weg zu Fuß zu beenden.“
„Eure Exzellenz werden müde sein“, rief Fabrizio mit jener bereiten Fürsorglichkeit, die stets den Befehlen der Großen zu Diensten ist. „Ein Becher Puglia-Wein, mein Herr. Hier, Fanfulla“, rief er dem jungen Adligen zu, der als Platzanweiser fungiert hatte. Doch der Neuankömmling brachte ihn zum Schweigen und wies die Angelegenheit mit einer Geste zurück.
„Lassen Sie das warten. Die Zeit drängt, wie Sie sich kaum träumen lassen. Es mag wohl sein, erlauchte Herren, dass ich, wäre ich nicht so gekommen, gar nicht gekommen wäre.“
„Wie?“, rief einer und drückte das Staunen aus, das in jedem Geist aufstieg, so wie sich auf jedem Gesicht eine gewisse Bestürzung zeigte. „Sind wir verraten?“
„Wenn Sie in der Lage sind, Verrat zu fürchten, mag das wohl sein, meine Freunde. Als ich die Brücke über den Metauro überquerte und den Pfad einschlug, der hierher führt, fielen meine Augen auf ein purpurnes Licht, das aus einem Dickicht am Wegesrand leuchtete. Jene purpurne Flamme war der Widerschein der untergehenden Sonne, der vom Stahlhelm eines verborgenen Beobachters reflektiert wurde. Der Pfad brachte mich näher, und mit meinem Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass er es möglichst verbergen konnte, waren meine Augen hellwach. Und als ich die Stelle passierte, an der jener Späher im Hinterhalt lauerte, erkannte ich zwischen den Blättern, die ihn so gut hätten verbergen können, wenn die Sonne seinen Helm nicht verraten hätte, das böse Gesicht von Masuccio Torri.“ Ein Raunen ging durch die Zuhörer, und ihre Bestürzung wuchs, während der eine oder andere die Farbe verlor. „Auf wen wartete er? Das war die Frage, die ich mir stellte, und ich fand die Antwort, dass er auf mich wartete. Wenn ich recht hatte, musste er auch die Entfernung kennen, die ich zurückgelegt hatte, sodass er nicht erwarten würde, mich zu Fuß zu sehen, noch vielleicht in solchen Gewändern. Und so, dank all dessen und dank des Hutes und des Umhangs, in denen ich mich eng verhüllte, ließ er mich ungehindert passieren.“
„Bei der Jungfrau!“, rief Fabrizio hitzig, „ich schwöre, Ihre Schlussfolgerungen waren falsch. In ganz Italien wusste außer uns sechs niemand, dass Sie uns hier treffen würden, und ich könnte meine Hand auf die Evangelien legen, dass keiner von uns auch nur ein Wort darüber verloren hat.“
Er sah seine Gefährten an, als wollte er sie auffordern, seine Worte zu bestätigen, und sie ließen nicht lange auf sich warten, das, was er geschworen hatte, in ebenso vehementen Worten zu bekräftigen, bis der Neuankömmling sie schließlich zum Schweigen brachte.
„Ich habe auch kein Wort darüber verloren“, versicherte er ihnen, „denn ich respektierte Ihre Anweisung, Messer Fabrizio. Dennoch – was tat Masuccio dort, wie ein Dieb am Wegesrand versteckt? Meine Herren“, fuhr er in einem leicht veränderten Ton fort, „ich weiß nicht, zu welchem Zweck Sie mich hierher gebeten haben, aber wenn auch nur ein Funken Verrat in Ihren Plänen liegt, so warne ich Sie! Der Herzog weiß davon, oder hegt zumindest Verdacht. Wenn jener Späher nicht aufgestellt wurde, um nach mir Ausschau zu halten, nun, dann wurde er aufgestellt, um nach allen Ausschau zu halten, damit er alsbald seinem Herrn berichten kann, welche Männer bei diesem Treffen zugegen waren.“
Fabrizio zuckte mit den Schultern in einer verächtlichen Gleichgültigkeit, die von seinem Nachbarn Ferrabraccio in Worte gefasst wurde.
„Lassen Sie ihn berichten“, höhnte dieser mit einem grimmigen Lächeln auf seinem zerfurchten Gesicht. „Die Kunde wird ihn zu spät erreichen.“
Der Neuankömmling warf den Kopf in den Nacken, und ein Blick, der halb Staunen, halb Erleuchtung war, blitzte in den schwarzen Tiefen seiner gebieterischen Augen auf. Er holte tief Luft.
„Es scheint, meine Herren, dass ich recht hatte“, sagte er mit einem Anflug von Strenge, „und dass Verrat in der Tat Ihr Anliegen ist.“
„Mein Herr von Aquila“, antwortete ihm Fabrizio, „wir sind Verräter an einem Mann, damit wir einem Staat treu und ergeben bleiben können.“
„Welchem Staat?“, bellte der Herr von Aquila verächtlich.
„Das Herzogtum Babbiano“, kam die Antwort.
„Sie wollen dem Herzog untreu werden, damit Sie dem Herzogtum treu bleiben können?“, fragte er, wobei der Spott in seiner Stimme immer stärker wurde. „Meine Herren, das ist ein Rätsel, das ich nicht zu lösen beanspruche.“
Es entstand eine Pause, in der sie einander beäugten, und ihre Blicke waren fast wie die Blicke ratloser Männer. Sie hatten einen solchen Ton von ihm nicht erwartet, und sie hinterfragten mit ihren Augen und Gedanken die Weisheit, weiterzugehen. Schließlich wandte sich Fabrizio da Lodi mit einem halben Seufzer wieder an Aquila.
„Herr Graf“, begann er mit ruhiger, eindrucksvoller Stimme, „ich bin ein alter Mann; der Name, den ich trage, und die Familie, der ich entstamme, sind gleichermaßen ehrenhaft. Sie können nicht so schlecht von mir denken, als dass Sie vermuten, ich sollte in meinem Alter irgendetwas tun, um den guten Ruf des einen oder des anderen zu beschmutzen. Als Verräter bezeichnet zu werden, mein Herr, ist ein harter Titel, und einer, der, wie ich meine, auf niemanden weniger passen könnte als auf mich oder irgendeinen dieser meiner Gefährten. Wollen Sie mir also die Ehre erweisen, mich anzuhören, Exzellenz; und wenn Sie mich gehört haben, richten Sie über uns. Nein, mehr als ein Urteil erbitten wir von Ihnen, Herr Graf. Wir bitten um Führung, damit wir unser Land vor dem Untergang bewahren können, der ihm droht, und wir versprechen Ihnen, dass wir keinen Schritt tun werden, der nicht Ihre Billigung findet – der nicht von Ihnen gefordert wird.“
Francesco del Falco, Graf von Aquila, beäugte den alten Adligen mit einem Blick, der sich während er sprach gewandelt hatte, sodass er, von verächtlich wie zuvor, nun voll milder Verwunderung und Nachfrage war. Er neigte leicht den Kopf zum Zeichen der Zustimmung.
„Ich bitte Sie, zu sprechen“, war alles, was er sagte, und Fabrizio hätte auf der Stelle gesprochen, hätte nicht Ferrabraccio interveniert und verlangt, dass Aquila ihnen sein ritterliches Wort gäbe, sie nicht zu verraten, falls er ihre Vorschläge zurückweisen sollte. Als er ihnen sein Versprechen gegeben hatte und sie sich auf die groben Hocker gesetzt hatten, die der Ort bot, nahm Fabrizio sein Amt als Sprecher wieder auf und legte das Anliegen dar, weshalb er den Grafen zu ihnen eingeladen hatte.
In einer kurzen Einleitung berührte er den Charakter von Gian Maria Sforza, dem regierenden Herzog von Babbiano – der durch seinen mächtigen Onkel, Lodovico Sforza, den Herrn von Mailand, auf seinen Thron gesetzt worden war. Er enthüllte die rücksichtslosen Verschwendungen des Mannes, seine stetige Selbstgefälligkeit, seine Nachlässigkeit in Staatsangelegenheiten und seine offensichtliche Abneigung, die Pflichten zu erfüllen, die ihm sein hoher Stand auferlegte. All dies berührte Fabrizio mit lobenswertester Diskretion und Zurückhaltung, wie es die Umstände erforderten, da er in Francesco del Falco den eigenen Cousin des Herzogs ansprach.
„Soweit, Exzellenz“, fuhr er fort, „können Sie nicht in Unkenntnis über die allgemeine Unzufriedenheit sein, die unter den Untertanen unseres erlauchtsten Cousins herrscht. Da war die Verschwörung von Bacolino vor einem Jahr, die, hätte sie Erfolg gehabt, uns in die Hände von Florenz gespielt hätte. Sie scheiterte, doch eine andere könnte nicht noch einmal scheitern. Die wachsende Ungnade seiner Hoheit mag einer neuen Verschwörung dieser Art mehr Anhänger zuführen, und wir wären als unabhängiger Staat verloren. Und die Gefahr, die uns droht, ist die Gefahr, so verloren zu gehen. Nicht nur durch den Abfall unserer eigenen Leute, sondern durch die Waffengewalt eines anderen. Dieser andere ist Cesare Borgia. Seine Herrschaft verbreitet sich wie eine Pest auf dem Antlitz dieses Italiens, das er wie eine Artischocke aufzufressen droht – Blatt für Blatt. Bereits sind seine gierigen Augen auf uns gerichtet, und welche Macht haben wir – da wir alle so unvorbereitet sind – um der überwältigenden Macht des Herzogs von Valentinois erfolgreich entgegenzutreten? All dies erkennt seine Hoheit, denn wir haben es ihm mehr als deutlich gemacht, wie wir auch das Heilmittel deutlich gemacht haben. Doch scheint er ebenso gleichgültig gegenüber seiner Gefahr wie gegenüber seinem Heil. Seine Zeit verbringt er mit Orgien, mit Tanzen, mit der Falkenjagd und mit schändlicher Buhlerei, und wenn wir es wagen, ein Wort der Warnung auszusprechen, sind Drohungen und Flüche die einzige Antwort, die wir erhalten.“
Da Lodi hielt inne, als ob er sich bewusst würde, dass seine Art zu vehement wurde. Doch davon waren seine Gefährten zumindest völlig unbewusst, denn sie füllten die Pause mit einem Murmeln wütender Bestätigung. Francesco runzelte die Stirn und seufzte.
„Ich bin mir – ach! – dieser Gefahr, von der Sie sprechen, vollauf bewusst. Aber – was erwarten Sie von mir? Warum tragen Sie mir Ihre Beschwerde vor? Ich bin kein Staatsmann.“
„Hier ist kein Staatsmann nötig, mein Herr. Ein Soldat ist es, den Babbiano braucht; ein kriegerischer Geist, um eine Armee gegen die Invasion zu organisieren, die kommen muss – die bereits im Anmarsch ist. Kurz gesagt, Herr Graf, wir brauchen einen solchen Krieger, wie Sie einer sind. Welcher Mann gibt es in ganz Italien – oder wahrlich, welche Frau oder welches Kind –, der nicht von der Tapferkeit des Herrn von Aquila gehört hat? Ihre ritterlichen Taten in den Kriegen zwischen Pisa und Florenz, Ihre Waffentaten und Ihre Generalität im Dienste der Venezianer sind Stoff für epische Gesänge.“
„Messer Fabrizio!“, murmelte Paolo und versuchte, seinen eulogischen Gesprächspartner zu zügeln, während ein fahler Schimmer auf seine gebräunten Wangen kroch. Doch Da Lodi fuhr unbeachtet fort:
„Und sollten Sie, mein Herr, der sich so tapfer als Condottiero im Dienste des Fremden geschlagen haben, zögern, Ihr Können und Ihre Tapferkeit gegen die Feinde Ihrer eigenen Heimat einzusetzen? Nicht so, Exzellenz. Wir kennen die patriotische Seele des Francesco del Falco, und wir rechnen auf sie.“
„Und das tun Sie wohl“, antwortete er fest. „Wenn die Zeit kommt, werden Sie mich bereit finden. Aber bis dahin, und was solche Vorbereitungen betrifft, die getroffen werden müssen – warum wenden Sie sich nicht ebenso an seine Hoheit wie an mich?“
Ein trauriges Lächeln huschte über das edle Gesicht von Lodi, während Ferrabraccio in kaltem Hohn laut auflachte und mit charakteristischer Derbheit antwortete:
„Sollen wir zu ihm sprechen“, rief er, „von ritterlichen Taten, von Tapferkeit und von Heldenmut? Da könnte ich ebenso gut Roderigo Borgia auffordern, die heiligen Pflichten seines Vikariats zu erfüllen; ich könnte ebenso gewinnbringend Weihrauch auf einen Misthaufen streuen. Was wir zu Gian Maria sagen konnten, haben wir gesagt, und da es müßig gewesen wäre, an ihn zu appellieren, wie wir an Sie appelliert haben, haben wir ihm noch einen anderen Weg aufgezeigt, wie Babbiano gerettet und Valentinos Ansturm abgewendet werden könnte.“
„Ah! Und dieser andere Weg?“, erkundigte sich der Graf, dessen Blick zurück zu Fabrizio wanderte.
„Ein Bündnis mit dem Hause Urbino“, antwortete Lodi. „Guidobaldo hat zwei Nichten. Wir haben ihn sondiert und ihn einer solchen Heirat gegenüber, wie wir sie vorschlugen, wohlgesinnt gefunden. Auf diese Weise mit dem Hause Montefeltro verbündet, würden wir nicht nur Unterstützung von Guidobaldo erhalten, sondern auch von den Herren von Bologna, Perugia, Camerino und einigen kleineren Staaten, deren Schicksale bereits mit denen von Urbino verknüpft sind. So würden wir Cesare Borgia eine Koalition entgegenstellen, die so stark wäre, dass er es niemals wagen würde, eine Lanze in unser Gebiet zu tragen.“
„Ich hörte einiges Gerede davon“, sagte Paolo. „Es wäre wahrlich ein kluger Schritt gewesen. Schade, dass die Verhandlungen im Sande verliefen!“
„Aber warum verliefen sie im Sande? Körper des Satans! – warum?“, brüllte der ungestüme Ferrabraccio, als er mit seiner gewaltigen Faust einen Schlag auf den Tisch versetzte, der ihn beinahe zerschmetterte. „Weil Gian Maria nicht in Hochzeitsstimmung war! Das Mädchen, das wir ihm vorschlugen, war schön wie ein Engel; aber er wollte nicht einmal hinsehen. Da war eine Frau in Babbiano, die----“
„Mein Herr“, unterbrach ihn Fabrizio hastig, fürchtend, wie weit der andere gehen könnte, „es ist, wie Ferrabraccio sagt. Seine Hoheit wollte nicht heiraten. Und das ist es, was uns dazu geführt hat, Sie einzuladen, uns heute Abend hier zu treffen. Seine Hoheit wird nichts tun, um das Herzogtum zu retten, und so wenden wir uns an Sie. Das Volk ist auf unserer Seite; auf jeder Straße von Babbiano werden Sie offen als der Herzog genannt, den sie regieren und ihre Heimat verteidigen lassen wollen. Im heiligen Namen des Volkes also“, schloss der alte Mann, aufstehend und mit einer Stimme sprechend, die von Emotionen erschüttert war, „und mit der Stimme des Volkes, deren Sprachrohr wir nur sind, bieten wir Ihnen nun die Krone von Babbiano an. Kehren Sie heute Abend mit uns zurück, mein Herr, und morgen, nur mit zwanzig Speeren als Eskorte, werden wir nach Babbiano reiten und Sie zum Herzog ausrufen. Sie brauchen auch nicht den geringsten Widerstand zu fürchten. Nur ein einziger Mann von Babbiano – eben jener Masuccio, von dem Sie uns sagten, dass Sie ihn heute Abend sahen – bleibt Gian Maria treu; treu, weil er und die fünfzig Schweizer Söldner in seinem Gefolge dafür bezahlt werden. Auf, mein Herr! Lassen Sie Ihren eigenen gesunden Menschenverstand Ihnen sagen, ob ein ehrlicher Mann Skrupel haben muss, einen Fürsten abzusetzen, dessen Thron keine Verteidigung kennt, außer dem gemieteten Schutz von fünfzig fremden Speeren.“
Ein Schweigen folgte auf diese leidenschaftliche Rede. Lodi blieb stehen, die anderen saßen, ihre erwartungsvollen Blicke auf den Grafen gerichtet, ihre Ohren ängstlich auf seine Antwort lauernd. So verharrten sie eine kurze Weile, Aquila selbst so still, dass er kaum zu atmen schien.
Er saß da, die Lehnen seines Stuhls umklammernd, den Kopf so weit nach vorne gesunken, dass sein Kinn auf seiner Brust ruhte, während eine Stirnfalte seine hohe Stirn verdunkelte. Und während sie auf seine Antwort warteten, wurde ein gewaltiger Kampf in seiner Seele ausgefochten. Die Macht, die so plötzlich, so unerwartet in seine Reichweite geschoben wurde und ihm angeboten wurde, wenn er nur seine Hände öffnen würde, um sie zu ergreifen, blendete ihn für einen kleinen Moment. Wie in einem Blitz sah er sich als Herr von Babbiano. Er erblickte eine stolze Laufbahn ritterlicher Taten, die seinen Namen und den von Babbiano durch die ganze Länge und Breite Italiens erschallen lassen sollten. Aus dem unbedeutenden Staat, der es war, sollte sein Patriotismus und sein Können als Condottiero ihn zu einer der großen italienischen Mächte machen – der Rivalin von Florenz, von Venedig oder Mailand. Er hatte eine Vision von erweiterten Gebieten und von benachbarten Herren, die zu Vasallen seiner Macht wurden. Er sah sich, wie er der Romagna Meile für Meile der Herrschaft des liederlichen Borgia entriss, ihn zu Tode hetzte, wie er gewohnt war, den Eber in den Sümpfen von Commacchio zu jagen, oder ihn bis in den Vatikan hinein trieb, um Schutz innerhalb der Tore seines Vaters zu suchen – der letzte Streifen Erde, der ihm bliebe, über den er herrschen könnte. Er träumte von einem Babbiano, das von den großen Republiken umworben wurde, und von deren ersehntem Bündnis, damit sie den Anstürmen von Franzosen und Spaniern widerstehen konnten. All dies sah er in dieser flüchtigen Vision, und die Versuchung packte seinen kriegerischen Geist in einem Griff aus Stahl. Und dann stieg ein anderes Bild vor seinen Augen auf. Was würde er in Friedenszeiten tun? Er war eine Seele, die in Palästen verkümmerte. Er war für das Lager geboren, nicht für die schalere Luft von Höfen. Im Austausch für diese Macht, die ihm angeboten wurde, was musste er geben? Seine glorreiche Freiheit. In vielen Dingen ihr Herr werden, um in mehr Dingen ihr Sklave zu sein. Nominell zu herrschen, aber tatsächlich beherrscht zu werden, bis, sollte er den Willen seiner Herrscher nicht erfüllen, es eines Nachts ein weiteres Treffen wie dieses geben würde, bei dem Männer sich verschwören würden, um seinen Untergang zu bewerkstelligen und ihn zu verdrängen, so wie er eingeladen wurde, Gian Maria zu verdrängen. Zuletzt dachte er an den Mann, dessen Macht er usurpieren sollte. Sein eigener Cousin, der Sohn der Schwester seines Vaters, in dessen Adern dasselbe Blut floss wie in seinen eigenen.
Er hob schließlich den Kopf und begegnete jenen erwartungsvollen Gesichtern, auf die das unstete Licht harte Schatten warf. Das blasse Gespenst eines Lächelns schwebte für eine Sekunde auf den Winkeln seines strengen Mundes.
„Ich danke Ihnen, meine Herren, für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben“, antwortete er langsam, „eine Ehre, deren ich, wie ich fürchte, gänzlich unwürdig bin.“
In einem anstrengenden Chor erhoben sich ihre Stimmen, um ihm zu widersprechen.
„Zumindest also eine Ehre, die ich nicht annehmen kann.“
Es herrschte einen Moment Stille, und ihre Gesichter, von erwartungsvoll wie zuvor, wurden niedergeschlagen bis hin zur Missstimmung.
„Aber warum, mein Herr?“, rief der alte Fabrizio schließlich, die Arme dem Grafen entgegenstreckend, seine Stimme vor Intensität bebend. „Santissima Vergine! Warum?“
„Weil – um Ihnen nur einen Grund von vielen zu nennen – der Mann, den Sie mich bitten zu stürzen und zu verdrängen, von meinem eigenen Blut ist.“ Und wäre sein Ton nicht ruhig gewesen, hätten sie meinen können, er würde sie zurechtweisen.
„Ich hatte gedacht“, wagte der fröhliche Fanfulla ernsthaft einzuwenden, „dass bei einem Mann wie Eurer Exzellenz Patriotismus und die Liebe zu Babbiano noch mehr gewogen hätten als die Bande des Blutes.“
„Und du hattest richtig gedacht, Fanfulla. Habe ich nicht gesagt, dass der Grund, den ich dir nannte, nur einer von vielen war? Sagt mir, meine Herren, welchen Grund habt Ihr zu der Annahme, dass ich Euch weise und gut regieren sollte? Es trifft sich so, dass in der Krise, die Babbiano nun bedroht, ein Hauptmann als Herrscher benötigt wird. Doch lasst Euch davon nicht täuschen, denn es kann im Schicksal eines Staates eine Zeit kommen, in der ein solcher Mann für die Herrschaft ebenso ungeeignet wäre wie der derzeitige Herzog. Was dann? Ein guter fahrender Ritter ist ein gleichgültiger Höfling und ein schlechter Staatsmann. Zuletzt, meine Freunde – da Ihr alles wissen müsst, was in meinem Herzen vorgeht –, bleibt die Tatsache, dass ich mich ein wenig selbst liebe. Ich liebe meine Freiheit zu sehr, und ich habe keine Lust, in der parfümierten Atmosphäre von Höfen zu ersticken. Ihr seht, ich bin offen zu Euch. Es ist mein Vergnügen, die Welt zu durchstreifen, den Harnisch auf dem Rücken, frei wie der gesegnete Wind des Himmels. Soll eine herzogliche Krone und ein Mantel aus Purpur...“ Er brach jäh mit einem Lachen ab. „Da habt Ihr es, meine Freunde! Ihr habt Gründe im Übermaß erhalten. Ich danke Euch nochmals und bedaure, dass ich, so wie ich bin, nicht der werden kann, als den Ihr mich wünscht.“
Er sank in seinen Stuhl zurück und betrachtete sie mit einem Blick, der nicht ohne Wehmut war, und nach einem Augenblick des Schweigens flehte ihn Da Lodi mit einer Stimme an, die vor pathetischem Nachdruck bebte, seinen Entschluss zu überdenken. Der alte Mann hätte zu neuen Argumenten ausgeholt, doch Aquila schnitt ihm das Wort ab.
„Ich habe es bereits so wohl erwogen, Messer Fabrizio“, antwortete er entschlossen, „dass mich nun nichts mehr umstimmen könnte. Aber dies, meine Herren, verspreche ich Euch: Ich werde mit Euch nach Babbiano reiten und versuchen, bei meinem Vetter zu vernünftigen Worten zu gelangen. Mehr noch werde ich tun; ich werde von ihm das Amt des Gonfaloniere fordern, und sollte er es mir gewähren, werde ich unsere Streitkräfte so reorganisieren und solche Bündnisse mit unseren Nachbarn eingehen, dass die Sicherheit unseres Staates zumindest zu einem gewissen Grad gewährleistet ist.“
Sie versuchten weiterhin, ihn zu überreden, doch er blieb standhaft gegenüber ihren Bemühungen, bis Da Lodi ihn schließlich mit trauriger Miene für sein Versprechen dankte, seinen Einfluss bei Gian Maria geltend zu machen.
„Dafür zumindest danken wir Eurer Exzellenz, und unsererseits werden wir jene Macht, die wir in Babbiano noch ausüben, dazu einsetzen, dass Euch das hohe Amt des Gonfaloniere verliehen werde. Wir hätten es vorgezogen, Euch mit Ehre eine noch höhere Position ausfüllen zu sehen, und sollten Sie später in Erwägung ziehen...“
„Schlagt Euch diese Hoffnung aus dem Kopf“, unterbrach ihn der Graf mit einem feierlichen Kopfschütteln. Und noch bevor ein weiteres Wort ausgesprochen wurde, sprang der junge Fanfulla degli Arcipreti plötzlich auf, die Brauen zusammengezogen und mit einem Ausdruck von Alarm auf seinem schönen Gesicht. Einen Augenblick verharrte er so; dann ging er rasch zur Tür, öffnete sie und lauschte, verfolgt von den überraschten Blicken der versammelten Gesellschaft. Doch es bedurfte nicht des Warnrufes, mit dem er sich umwandte, um ihnen den Grund für sein seltsames Verhalten zu erklären. In der angespannten Stille des Augenblicks, die auf das plötzliche Öffnen der Tür gefolgt war, hatten sie von draußen das ferne Tappen marschierender Füße vernommen.
KAPITEL II. AUF EINEM BERGPFAD
„Bewaffnete Männer, meine Herren!“, hatte Fanfulla gerufen. „Wir sind verraten!“
Sie sahen einander mit strengen Augen an, mit jener grimmigen Entschlossenheit, die an die Stelle tritt, welche bei geringeren Seelen die Furcht einnehmen würde.
Dann erhob sich Aquila langsam, und mit ihm erhoben sich die anderen und achteten auf ihre Waffen. Er hauchte leise einen Namen: „Masuccio Torri.“
„Ja“, rief Lodi bitter, „hätten wir doch auf Eure Warnung gehört! Masuccio wird es sein, und an seinen Fersen seine fünfzig Söldner.“
„Nicht weniger, das schwöre ich bei ihrem Klang“, sagte Ferrabraccio. „Und wir sind nur zu sechst, ohne unseren Harnisch.“
„Zu siebt“, korrigierte der Graf lakonisch, während er seinen Hut wieder aufsetzte und sein Schwert in der Scheide lockerte.
„Nicht so, mein Herr“, rief Lodi und legte eine Hand auf den Arm des Grafen. „Ihr dürft nicht bei uns bleiben. Ihr seid unsere einzige Hoffnung – die einzige Hoffnung von Babbiano. Wenn wir tatsächlich verraten wurden – wenn auch durch welche höllischen Mittel, weiß ich nicht – und sie wissen, dass sechs Verräter sich heute Nacht trafen, um gegen den Thron von Gian Maria zu konspirieren, so ist es zumindest, das schwöre ich, nicht bekannt, dass Ihr uns treffen wolltet. Seine Hoheit mag mutmaßen, aber er kann es nicht mit Gewissheit wissen, und wenn Ihr nur entkommt, mag noch alles gut werden – außer mit uns, die wir nicht zählen. Geht, mein Herr! Denkt an Euer Versprechen, von Eurem Vetter das Gonfalon zu erbitten, und möge Gott und Seine gesegneten Heiligen Eurer Exzellenz beistehen.“
Der alte Mann ergriff die Hand des jungen Mannes, beugte den Kopf, bis sein Gesicht in seinem langen weißen Haar verborgen war, und drückte einen Treueschwur darauf. Doch Aquila ließ sich nicht so leicht abweisen.
„Wo sind Eure Pferde?“, fragte er.
„Hinten angebunden. Aber wer würde es wagen, sie bei Nacht diesen Abgrund hinabzureiten?“
„Ich wage es“, antwortete der junge Mann gefasst, „und so werdet Ihr alle es wagen. Ein gebrochenes Genick ist das Schlimmste, das uns zustoßen kann, und ich würde mir lieber mein eigenes an den Felsen von Sant' Angelo brechen, als es mir vom Henker von Babbiano brechen zu lassen.“
„Tapfer gesprochen, bei der Jungfrau!“, brüllte Ferrabraccio. „Auf die Pferde, meine Herren!“
„Aber der einzige Weg ist der, auf dem sie kommen“, wandte Fanfulla ein. „Der Rest ist senkrechter Fels.“
„Nun, mein süßer Verführer, dann gehen wir ihnen entgegen“, entgegnete Ferrabraccio fröhlich. „Sie sind zu Fuß, und wir werden über sie hinwegfegen wie ein Gebirgsbach. Kommt, meine Herren, beeilt Euch! Sie kommen näher.“
„Wir haben nur sechs Pferde, und wir sind zu siebt“, wandte ein anderer ein.
„Ich habe kein Pferd“, sagte Francesco, „ich werde Euch zu Fuß folgen.“
„Was?“, rief Ferrabraccio, der nun das Kommando über das Unternehmen übernommen zu haben schien. „Lassen wir unseren heiligen Michael die Nachhut bilden! Nein, nein. Ihr, Da Lodi, Ihr seid zu alt für diese Arbeit.“
„Zu alt?“, flammte der alte Mann auf, richtete sich zu seiner vollen Größe auf, die noch immer eine sehr eindrucksvolle Erscheinung war, und seine Augen schienen bei dieser Anspielung auf seinen ritterlichen Wert Feuer zu fangen. „Wäre die Zeit eine andere, Ferrabraccio, könnte ich um Erlaubnis bitten, Euch zu zeigen, wie viel Jugend noch in mir steckt. Aber...“ Er hielt inne. Seine zornigen Augen waren auf den Grafen gefallen, der wartend an der Tür stand, und der gesamte Ausdruck seines Gesichts wandelte sich. „Ihr habt recht, Ferrabraccio, ich werde tatsächlich alt – ein Tattergreis. Nehmt Ihr mein Pferd und geht.“
„Aber Ihr?“, fragte der Graf besorgt.
„Ich werde bleiben. Wenn Ihr Eure Pflicht gegenüber diesen Mietlingen gut tut, werden sie mich nicht behelligen. Es wird ihnen nicht in den Sinn kommen, dass einer zurückgelassen wurde. Sie werden nur daran denken, Euch zu folgen, nachdem Ihr Euch durch sie hindurchgeschlagen habt. Geht, geht, meine Herren, sonst ist alles verloren.“
Sie gehorchten ihm nun mit einer Eile, die fast einer Panik gleichkam. In rasender Hast lösten Fanfulla und ein anderer die Stricke, und einen Augenblick später waren sie alle beritten und bereit für jenen furchtbaren Ritt. Die Nacht war dunkel, doch nicht zu dunkel. Der Himmel war wolkenlos und dicht mit Sternen besät, während ein abnehmender Mond half, den Weg zu erhellen, den sie nehmen mussten. Doch auf jenem zerklüfteten und unsicheren Bergpfad lagen die Schatten tief genug, um ihr Wagnis verzweifelt zu machen.
Ferrabraccio, der beanspruchte, den Weg besser zu kennen als seine Kameraden, setzte sich an ihre Spitze, mit dem Grafen an seiner Seite. Hinter ihnen, zu zweit, kamen die anderen vier. Sie standen auf einem kleinen Vorsprung im Schatten des großen Felsens, der sich zu ihrer Linken auftürmte. Von dort aus konnte der Berghang abgesucht werden – so gut es bei solchem Licht möglich war. Das Tappen der Schritte war nun lauter und näher geworden, und damit kam das Klirren der Rüstungen. Vor ihnen lag der Pfad, der sich etwa hundert Meter oder mehr bis zur ersten Kurve neigte. Unter ihnen, zur Rechten, erschien der Pfad wieder an der Stelle, wo er auf seinem Zickzackkurs ein halbes Dutzend Meter herausragte, und dort fing Fanfulla den Schein von Stahl ein, der das schwache Mondlicht reflektierte. Er machte Ferrabraccio darauf aufmerksam, und dieser stämmige Krieger gab sofort das Zeichen zum Aufbruch. Doch Francesco schob sich dazwischen.
„Wenn wir das tun“, wandte er ein, „werden wir hinter der Kurve auf sie treffen, und an dieser Kurve werden wir gezwungen sein, das Tempo zu drosseln, um nicht über den Rand des Abgrunds getragen zu werden. Außerdem könnten unsere Pferde in einer solchen Enge versagen und den Boden verweigern. Auf jeden Fall werden wir nicht mit derselben Wucht über sie hereinbrechen, als wenn wir warten, bis sie in einer geraden Linie mit uns sind. Die Schatten hier werden uns derweil vor ihnen verbergen.“
„Ihr habt recht, Herr Graf. Wir werden warten“, lautete die prompte Antwort. Und während sie warteten, fluchte er nach Herzenslust.
„In eine solche Falle zu tappen! Körper des Satans! Es war Wahnsinn, sich in einer Hütte zu treffen, die nur einen Zugang hat.“
„Wir hätten vielleicht den Felsen dahinter hinabklettern können“, sagte Francesco.
„Das hätten wir in der Tat – wenn wir Sperlinge oder Bergkatzen gewesen wären. Aber da wir Männer sind, ist der Weg, den wir nehmen, der einzige – und ein verdammt schlechter Weg ist es. Ich würde gerne in Sant' Angelo begraben werden, Herr Graf“, fuhr er wunderlich fort. „Es wird günstig gelegen sein; denn sobald ich über den Berghang gehe, schwöre ich, wird mich nichts aufhalten, bis ich das Tal erreiche – als ein Bündel gebrochener Knochen.“
„Ruhig, meine Freunde“, murmelte die Stimme von Aquila. „Sie kommen.“
Und um jene verhängnisvolle Kurve schwenkten sie nun in Sichtweite – eine Kompanie in Stahlhelmen und Brustpanzern, die Partisane auf der Schulter. Einen Augenblick hielten sie inne, sodass die wartende Gruppe fast meinte, sie sei entdeckt worden. Doch bald wurde klar, dass der Halt dazu diente, dass die Nachzügler aufschließen konnten. Masuccio war ein Mann, der kein Risiko einging; jeden Schurken seiner fünfzig Mann wollte er bei sich haben, bevor er den Angriff wagte.
„Jetzt“, murmelte der Graf und rückte seinen Hut auf der Stirn zurecht, damit er seine Züge besser verbergen konnte. Dann richtete er sich in den Steigbügeln auf, hob sein Schwert hoch und ließ seine Stimme erneut vernehmen. Doch nicht länger im Flüsterton. Wie ein Trompetenstoß hallte er wider und hallte am Berghang empor.
„Vorwärts! Sankt Michael und die Jungfrau!“
Dieser gewaltige Ruf, gefolgt von einem Donnern der Hufe, ließ die anrückenden Söldner innehalten. Masuccio’s Stimme war zu hören, die sie aufforderte, standzuhalten; er befahl ihnen zu knien und den Ansturm mit ihren Piken abzuwehren; er versicherte ihnen mit Flüchen, dass sie es nur mit einem halben Dutzend Männern zu tun hätten. Doch die Echos des Berges waren trügerisch, und dieses Donnern der herabstürmenden Hufe schien ihnen nicht von einem halben Dutzend, sondern von einem Regiment zu stammen. Trotz Masuccio’s Verwünschungen wandten sich die Vordersten, und in diesem Augenblick waren die Reiter über sie hergefallen, durch sie hindurch und über sie hinweg, wie der gewaltige Wildbach, von dem Ferrabraccio gesprochen hatte.
Ein Dutzend Schweizer ging unter jenem Ansturm zu Boden, und ein weiteres Dutzend, das beiseite und über den Abgrund gefegt worden war, war bereits auf halbem Weg ins Tal, bevor das Kavalleriegeschwader auf Widerstand stieß. Masuccio’s verbleibende Männer versuchten nach Herzenslust, diesen menschlichen Wasserfall aufzuhalten, nun da sie begriffen hatten, wie gering die Zahl ihrer Angreifer war. Sie setzten ihre Partisanen ein, und für einige Augenblicke tobte die Schlacht hitzig auf jenem schmalen Pfad. Die Luft war erfüllt vom Knirschen und Klirren von Stahl, dem Stampfen von Männern und Pferden sowie den Schreien und Flüchen der Verstümmelten.
Der Herr von Aquila, immer an vorderster Front, kämpfte verzweifelt weiter. Nicht nur mit seinem Schwert kämpfte er, sondern auch mit seinem Pferd. Er ließ das Tier auf den Hinterbeinen aufbäumen, schwang es herum und ließ es dort niedergehen, wo es am wenigsten erwartet wurde, während er gleichzeitig mit seinem Schwert um sich schlug. Vergeblich versuchten sie, sein Schlachtross mit ihren Piken zu Fall zu bringen; so schnell und wütend war sein Vorgehen, dass er, bevor ihr Plan ausgeführt werden konnte, bereits über jene hergefallen war, die ihn planten, und sie außer Reichweite zerstreute, um ihre eigene Haut zu retten.
Auf diese grausame Weise bahnte er sich einen Weg vor sich, und das Glück war ihm so wohlgesonnen, dass die Schläge, die wild auf ihn abzielten, als er vorbeistürmte, ihr Ziel verfehlten. Schließlich war er fast durch den Druck hindurch, und nur noch drei Männer standen vor ihm. Wieder bäumte sich sein Schlachtross auf, schnaubend und wie eine Katze in der Luft scharrend, und zwei der drei Schurken vor ihm flohen kopflos zur Seite. Doch der dritte, der von tapfererem Schlag war, ließ sich auf ein Knie nieder und richtete seine Pike auf den Bauch des Pferdes. Francesco machte einen verzweifelten Versuch, den Schimmel zu retten, der ihm so treu gedient hatte, doch er kam zu spät. Das Tier stürzte herab, um sich auf jene wartende Partisane zu spießen. Mit einem schrecklichen Schrei sank das Pferd auf seinen Bezwinger, zerquetschte ihn unter seinem gewaltigen Gewicht und schleuderte seinen Reiter nach vorne auf den Boden. Im Nu war er aufgesprungen und hatte sich gedreht, obwohl er von seinem Sturz halb betäubt und durch den Blutverlust von einem Pikenstich in der Schulter geschwächt war – von dem er bisher in der Hitze der Schlacht nichts gemerkt hatte. Zwei Söldner stürmten auf ihn zu – dieselben zwei, die zuletzt vor ihm zurückgewichen waren. Er stemmte sich entgegen, in der Meinung, dass seine letzte Stunde tatsächlich gekommen sei, als Fanfulla degli Arcipreti, der ihm dicht durch das Gedränge gefolgt war, nun von hinten über seine Angreifer herfiel und sie niederritt. Neben dem Grafen hielt er an und streckte seine Hand aus.
„Steigt hinter mich, Exzellenz“, drängte er ihn.
„Dafür ist keine Zeit“, antwortete Francesco, der ein halbes Dutzend Gestalten auf sie zueilen sah. „Ich werde mich an Eurem Steigbügelriemen festhalten, so. Und nun spornt an!“ Und ohne darauf zu warten, dass Fanfulla ihm gehorchte, versetzte er dem Pferd einen Schlag mit der flachen Klinge seines Schwertes auf die Hinterhand, was es vorwärts springen ließ. So setzten sie nun den gefährlichen Abstieg fort, Fanfulla reitend und der Graf halb laufend, halb an seinem Steigbügel schwingend. Als sie schließlich auf diese Weise eine halbe Meile zurückgelegt hatten und das Gelände einfacher geworden war, hielten sie an, damit der Graf hinter seinem Begleiter aufsteigen konnte, und während sie nun in ruhigerem Tempo weiterritten, begriff Francesco, dass er und Fanfulla die einzigen beiden waren, die jene schlimme Stelle heil überstanden hatten. Der tapfere Ferrabraccio, Held hundert anstrengender Schlachten, war einem unrühmlichen Schicksal anheimgefallen, das er halb im Scherz vorausgesagt hatte. Sein Pferd hatte ihn zu Beginn des Angriffs im Stich gelassen, und vor Schreck war es trotz seiner Versuche, es zu kontrollieren, zur Seite gewichen, bis es den Halt verlor und Mann und Tier über den Abgrund stürzten. Amerini hatte Fanfulla erschlagen gesehen, während die beiden verbleibenden, da sie beide vom Pferd gestürzt waren, zweifellos die Gefangenen von Masuccio sein würden.
Etwa drei Meilen hinter Sant' Angelo durchquerte Fanfullas müdes Pferd spritzend eine Furt des Metauro, und so erreichten sie gegen die zweite Nachtstunde das Gebiet von Urbino, wo sie sich für den Moment vor jeder Verfolgung sicher wähnen konnten.
KAPITEL III. SACKLEINEN UND NARRENKAPPE
Der Narr und der Mönch waren in einen Streit geraten, und – man muss es zum Schanden des Mönchs und zum Ruhm des Narren sagen – ihr Streitgegenstand war eine Frau. Da der Mönch nun merkte, dass er dem Narren in Worten nicht gewachsen war, und da er ebenso breit und stämmig an Umfang und Gliedern war wie der andere klein und missgestaltet, hatte er seine Sandale ausgezogen, um mit ihr die volle Wucht seiner Argumente durch den Schädel des Narren zu treiben. Daraufhin war der Narr, da er ein rechter Feigling war, kopflos durch die Bäume geflohen.
Während er lief, wie der Narr, der er nun einmal war, den Kopf gedreht, um zu sehen, ob der gute Vater ihm folgte, sah er die Gestalt nicht, die halb verborgen im Farn lag, und hätte vielleicht nie ihre Anwesenheit geahnt, wenn er nicht darüber gestolpert wäre und mit einem Klingeln seiner Schellen auf seine krumme Nase vorwärts geschleudert worden wäre.
Er setzte sich mit einem Stöhnen auf, das mit einem Fluch von dem Mann beantwortet wurde, in dessen Seite er seine fliegenden Füße gerammt hatte. Die beiden sahen einander mit Überraschung an, die bei dem einen mit Zorn und bei dem anderen mit Bestürzung gepaart war.
„Ein gutes Erwachen Euch, edler Herr“, sagte der Narr höflich; denn nach der Miene und Größe des Mannes, den er geweckt hatte, dachte er, dass Höflichkeit ihm am besten dienen würde.
Der andere betrachtete ihn mit Interesse, wie er es wohl konnte; denn eine seltsamere Gestalt wäre in Italien schwer zu finden gewesen.
Mit buckligem Rücken, untersetzt und mit zierlichen Gliedern, war er in Wams, Hose und Kapuze gekleidet, deren eine Hälfte schwarz und die andere karmesinrot war, während von derselben Kapuze – die sein hässliches kleines Gesicht eng einrahmte – ein gefiederter Umhang auf seine Schultern fiel, von dessen jeder Spitze eine winzige silberne Schelle hing, die im Sonnenlicht schimmerte und bei jeder Bewegung klingelte. Unter hervorstehenden Brauen nahmen ein Paar helle Augen, so weit wie die einer Eule, den schelmischen Humor seines riesigen Mundes auf.
„Ein Fluch auf dich und denjenigen, der dich geschickt hat“, war der antwortende Gruß, den er erhielt. Dann unterdrückte der Mann seinen Zorn und brach beim Anblick der Angst, die in den Augen des Narren aufblitzte, in Gelächter aus.
„Ich bitte um Eure Verzeihung – demütigst bitte ich darum, Erlauchter“, sagte der Narr, immer noch in Angst. „Ich wurde verfolgt.“
„Verfolgt?“, echote der andere in einem Ton, der nicht frei von einer plötzlichen Unruhe war. „Und, ich bitte dich, von wem?“
„Vom leibhaftigen Teufel selbst, verkleidet im groben Fleisch und Ebenbild eines Dominikanerbruders.“
„Scherzt du?“, kam die zornige Frage.
„Scherzen? Hättest du seine niederträchtige Sandale zwischen deinen Schultern gefangen, wie ich es tat, wüsstest du, wie wenig mir nach Scherzen zumute ist.“
„Nun beantworte mir eine einfache Frage, wenn du den Verstand hast, damit zu antworten“, verlangte der andere, wobei der Zorn in seiner Stimme immer lauter wurde. „Ist hier in der Nähe ein Mönch?“
„Ja, das ist er – möge ihn eine üble Pest verfaulen lassen! – er lauert dort im Gebüsch. Er ist zu fett zum Laufen, sonst hättest du ihn an meinen Fersen gesehen, gekleidet in jenes Prunkgewand des rächenden Zorns, das das Erkennungszeichen der streitenden Kirche ist.“
„Geh und bring ihn hierher“, lautete die knappe Antwort.
„Gesù!“, keuchte der Narr in wirklicher Angst. „Ich gehe nicht in seine Nähe, bis sein Zorn abkühlt – nicht, wenn du mich gerade biegen würdest und mich mit dem Patrimonium Petri bestächest.“
Der Mann wandte sich ungeduldig von ihm ab und erhob die Stimme:
„Fanfulla!“, rief er über seine Schulter, und dann, nach einer kurzen Pause, noch einmal: „Olá, Fanfulla!“
„Ich bin hier, mein Herr“, kam eine antwortende Stimme hinter einer Gruppe von Büschen zu ihrer Rechten, und fast sofort stand der überaus prächtige Jüngling, der in deren Schatten eingeschlafen war, auf und kam zu ihnen herüber. Beim Anblick des Narren hielt er inne, um ihn zu mustern, während der Narr den Gefallen mit staunendem Interesse erwiderte. Denn wie sehr Fanfullas Kleidung auch in der Auseinandersetzung der letzten Nacht gelitten haben mochte, sie war immer noch sehr prächtig, und in der Samtkappe auf seinem Kopf war eine Reihe von Juwelen eingeflochten. Doch der Narr war nicht so sehr von der Kostbarkeit seiner Aufmachung beeindruckt, als vielmehr von der Tatsache, dass jemand, der so offenkundig adlig war, diesen unbedeutend gekleideten Kerl, über den er gestolpert war, mit einem solchen Titel und in einem Ton so großer Ehrerbietung ansprach. Dann wanderten seine Blicke zurück zu dem Mann, der auf seinem Ellbogen gestützt lag, und er bemerkte nun das Goldnetz, in dem sein Haar gefasst war, das bei gewöhnlichem Volk keineswegs üblich war. Seine kleinen, funkelnden Augen wandten ihre Aufmerksamkeit voll auf das Gesicht vor ihm, und plötzlich keimte ein Funken von Wiedererkennen in ihnen auf. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich, und von der Groteske, die er gewesen war, wurde er noch grotesker in seiner hastigen Annahme von Ehrerbietung.
„Mein Herr von Aquila!“, murmelte er und rappelte sich auf die Beine.
Kaum hatte er sich aufgerichtet, als ihn eine Hand an der Schulter packte und Fanfullas Dolch vor seinen erschrockenen Augen aufblitzte.
„Schwöre auf das Kreuz hiervon, niemals die Anwesenheit seiner Exzellenz hier preiszugeben, oder nimm die Spitze davon in dein törichtes Herz.“
„Ich schwöre, ich schwöre!“, rief er in furchtbarer Eile, seine Hand auf dem Griff, den Fanfulla ihm nun entgegenhielt.
„Nun hol den Priester, guter Narr“, sagte der Graf mit einem Lächeln über die plötzliche Angst des Buckligen. „Du hast nichts von uns zu befürchten.“
Als der Narr sie verlassen hatte, um seinen Auftrag auszuführen, wandte sich Francesco seinem Begleiter zu.
„Fanfulla, du bist übervorsichtig“, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Was soll es ausmachen, wenn ich erkannt werde?“
„Ich würde es um ein Königreich nicht geschehen lassen, während Ihr Euch so nahe bei Sant' Angelo aufhaltet. Wir sechs, die wir uns letzte Nacht trafen, sind dem Untergang geweiht – jene von uns, die nicht bereits tot sind. Für mich, und für Lodi, falls er nicht gefasst wurde, mag es Rettung in der Flucht geben. Ich werde niemals wieder den Fuß in das Gebiet von Babbiano setzen, solange Gian Maria Herzog ist, es sei denn, ich wäre des Lebens überdrüssig. Doch was den Siebten betrifft – Euch selbst – Ihr habt den alten Lodi schwören hören, dass das Geheimnis nicht hätte durchsickern können. Doch sollte Seine Hoheit von Eurer Anwesenheit in diesen Landen und in meiner Begleitung erfahren, könnte ihn das Mis Misstrauen auf den Weg führen, der zum Wissen führt.“
„Ah! Und dann?“
„Dann?“, entgegnete der andere und betrachtete Francesco mit Überraschung. „Nun, dann wären die Hoffnungen, die wir auf Euch setzen – die Hoffnungen jedes Mannes in Babbiano, der den Namen verdient – zunichtegemacht. Aber da kommt unser Freund, der Narr, und in seinem Gefolge der Mönch.“
Fra Domenico – so lautete der überaus passende Name dieses Anhängers des heiligen Dominikus – näherte sich mit einer Feierlichkeit, die eher seinem beträchtlichen Leibesumfang entsprang als einem übersteigerten Sinn für die Würde seines Standes. Er verneigte sich vor Fanfulla, bis sein großes, purpurrotes Gesicht verborgen war und er stattdessen eine gelbe, geschorene Tonsur zur Schau stellte. Es war, als sei die Sonne untergegangen und der Mond an ihre Stelle getreten.
„Verstehst du dich auf die Heilkunst?“, fragte Fanfulla kurz angebunden.
„Ich habe einige Kenntnisse, Erlauchter.“
„Dann kümmere dich um die Wunden dieses Herrn.“
„Eh? Dio mio! Ihr seid also verwundet?“, begann er, sich an den Grafen wendend, und er hätte noch weitere, ebenso dringliche Fragen hinzugefügt, doch Aquila, der sein Wams an der Schulter beiseite schob, antwortete ihm rasch:
„Hier, Herr Pfarrer.“
Mit vor Besorgnis gespitzten Lippen wollte der Mönch auf die Knie sinken, doch Francesco, der sah, mit welcher Mühe diese Bewegung verbunden sein musste, erhob sich sogleich.
„Es ist nicht so schlimm, dass ich nicht stehen könnte“, sagte er und unterzog sich der Untersuchung des Mönchs.
Letzterer äußerte die Ansicht, dass es keineswegs gefährlich, wenn auch überaus lästig sei, woraufhin der Graf ihn bat, sie zu verbinden. Hierauf erwiderte Fra Domenico, er habe weder Salben noch Leinen, doch Fanfulla schlug vor, er könne diese Dinge aus dem nahegelegenen Kloster Acquasparta holen, und bot an, ihn dorthin zu begleiten.
Nachdem dies beschlossen war, brachen sie auf und ließen den Grafen in der Gesellschaft des Narren zurück. Francesco breitete seinen Mantel aus und legte sich wieder nieder, während der Narr, der um die Erlaubnis gebeten hatte zu bleiben, sich wie ein Türke auf seine Fersen setzte.
„Wer ist dein Herr, Narr?“, fragte der Graf im müßigen Geiste.
„Es gibt einen Mann, der mich kleidet und speist, edler Herr, doch die Torheit ist mein einziger Herr.“
„Zu welchem Zweck tut er das?“
„Weil ich vorgebe, ein größerer Narr zu sein als er, damit er im Vergleich mit mir sich selbst als weise erscheint, was seine Eitelkeit schmeichelt. Oder vielleicht, weil ich so viel hässlicher bin als er, dass er sich, wiederum im Vergleich, für ein Wunder an Schönheit halten mag.“
„Seltsam, nicht wahr?“, spielte der Graf mit ihm.
„Nicht halb so seltsam, wie dass der Herr von Aquila hier liegen sollte, in grobe Kleider gehüllt, eine Wunde in der Schulter, und mit einem Narren spricht.“
Francesco betrachtete ihn mit einem Lächeln.
„Danke Gott, dass Fanfulla nicht hier ist, um dich zu hören, sonst wären es deine letzten Worte gewesen; denn so hübsch er auch sein mag, Messer Fanfulla ist ein wahres Ungeheuer an Blutdurst. Bei mir ist es anders. Ich bin ein Mann von sehr sanftem Wesen, wie du vielleicht gehört hast, Messer Buffone. Aber sieh zu, dass du meinen Stand und meinen Namen schleunigst vergisst, sonst könntest du erkennen, wie wenig man Narren am Hofe des Himmels braucht.“
„Mein Herr, verzeiht. Ich werde Euch gehorchen“, antwortete der Bucklige mit betroffener Miene. Und dann drang eine Stimme durch die Lichtung – eine Frauenstimme, wunderbar süß und voll – die rief: „Peppino! Peppino!“
„Es ist meine Gebieterin, die mich ruft“, sagte der Narr und sprang auf seine Füße.
„Du hast also eine Gebieterin, obwohl die Torheit dein einziger Herr ist“, lachte der Graf. „Es würde mich erfreuen, die Dame zu erblicken, deren Eigentum Ihr die Ehre habt zu sein, Ser Peppino.“
„Ihr könnt sie erblicken, wenn Ihr nur den Kopf dreht“, flüsterte Peppino.
Müßig, mit einem Lächeln auf den Lippen, das beinahe spöttisch war, wandte der Herr von Aquila seine Augen in die Richtung, in die der Narr bereits ging. Und im selben Augenblick veränderte sich sein gesamter Ausdruck. Die belustigte Verachtung wurde von seinem Antlitz gefegt, und an ihre Stelle trat nun ein Ausdruck des Staunens, der beinahe Ehrfurcht glich.
Dort am Rande der Lichtung, in der er lag, erblickte er eine Frau. Er hatte einen vagen Eindruck von einer schlanken, wohlgeformten Gestalt, ein flüchtiges Bild von einem Kleid aus weißem Damast, einer Camorra aus grünem Samt und einem kostbar gearbeiteten Gürtel aus Gold. Doch es war der Glanz ihres unvergleichlichen Gesichts, der seinen Blick in solch verzückter Ehrfurcht einfing und festhielt; das Wunder ihrer Augen, die, auf ihn gerichtet, seinen Blick mit einem von mildem Erstaunen erwiderten. Sie schien fast ein Kind, trotz ihrer Größe und ihrer weiblichen Proportionen, so frisch und jugendlich war ihr Antlitz.
Auf seinen Ellenbogen gestützt, lag er eine Weile da und starrte und starrte, während sein Geist bei Visionen verweilte, die gottgefällige Männer von Heiligen aus dem Paradies hatten.
Endlich wurde der Zauber durch Peppinos Stimme gebrochen, der sich an sie wandte, den Rücken unterwürfig gebeugt. Francesco besann sich der Ehrerbietung, die einer so offensichtlich Adligen gebührte, sprang auf seine Füße, vergaß seine Wunde und verneigte sich tief. Eine Sekunde später rang er nach Atem, schwankte und brach ohnmächtig rücklings im Farn zusammen.
KAPITEL IV. MONNA VALENTINA
In späteren Jahren pflegte der Herr von Aquila in aller Feierlichkeit zu beteuern, dass es der Anblick ihrer wundersamen Schönheit war, der eine solche Unordnung in seiner Seele anrichtete, dass sie seine Sinne überwältigte und ihn ohnmächtig zu ihren Füßen niedersinken ließ. Dass er selbst es so glaubte, daran zu zweifeln ist nicht unsere Sache, auch wenn wir eher dazu neigen mögen, der Meinung zuzustimmen, die später von Fanfulla und dem Mönch geäußert wurde – und die der Graf zutiefst übel nahm –, dass durch das übermäßig hastige Aufspringen seine Wunde wieder aufbrach und der Schmerz darüber, verbunden mit dem schwachen Zustand infolge seines Blutverlustes, seine plötzliche Ohnmacht verursacht hatte.
„Wer ist das, Peppe?“, fragte sie den Narren, und dieser, eingedenk des Schwures, den er geleistet hatte, antwortete ihr dreist, er wisse es nicht, und fügte hinzu, es sei – wie sie sehen könne – ein armer, verwundeter Kerl.
„Verwundet?“, echote sie, und ihre herrlichen Augen wurden sehr mitleidig. „Und allein?“
„Es war ein Edelmann hier, Madonna, der ihn pflegte; doch er ist mit Fra Domenico zum Kloster Acquasparta gegangen, um das Notwendige zu besorgen, um seine Schulter zu heilen.“
„Armer Edelmann“, murmelte sie und näherte sich der hingestreckten Gestalt. „Wie kam er zu seiner Verletzung?“
„Das, Madonna, ist mehr, als ich sagen kann.“
„Können wir nichts für ihn tun, bis seine Freunde zurückkehren?“, war ihre nächste Frage, wobei sie sich über den Grafen beugte. „Komm, Peppino“, rief sie, „leiste mir Hilfe. Hol mir Wasser aus dem Bach dort drüben.“
Der Narr sah sich nach einem Gefäß um, und als sein Blick auf den geräumigen Hut des Grafen fiel, schnappte er ihn sich und ging seines Weges. Als er zurückkehrte, kniete die Dame mit dem Kopf des Bewusstlosen in ihrem Schoß. In das Hut voll Wasser, das Peppe ihr brachte, tauchte sie ein Tuch und wusch damit die Stirn, auf der sein langes schwarzes Haar verfilzt und durcheinander lag.
„Sieh nur, wie er geblutet hat, Peppe“, sagte sie. „Sein Wams ist durchnässt, und er blutet immer noch! Vergine Santa!“, rief sie, als sie nun die hässliche Wunde erblickte, die in seiner Schulter klaffte, und bei diesem Anblick erblasste. „Sicherlich wird er daran sterben – und er ist so jung, Peppino, und so wohlgestalt anzusehen!“
Francesco rührte sich, und ein Seufzer flatterte über seine blassen Lippen. Dann hob er seine schweren Lider, und ihre Blicke trafen sich und hielten einander fest. Und so blickten braune und zärtliche Augen in fiebrige, matte schwarze Augen hinab, während ihre sanfte Hand das feuchte Tuch an seine schmerzende Stirn hielt.
„Engel der Schönheit!“, murmelte er verträumt, da er sich seiner Lage noch kaum bewusst war. Dann, als er ihre Hilfe wahrnahm: „Engel der Güte!“, fügte er mit noch tieferer Inbrunst hinzu.
Sie hatte keine Antwort für ihn, außer jener – und sie war für sich genommen beredt genug –, die ihr Erröten gab, denn sie kam frisch aus einem Kloster und war völlig unschuldig an weltlichen Sitten und den Kniffen galanter Reden.
„Leidet Ihr?“, fragte sie schließlich.
„Leiden?“, sagte er, nun immer wacher werdend, wobei seine Stimme einen spöttischen Unterton annahm. „Leiden? Wenn mein Haupt so gebettet ist und eine Heilige aus dem Himmel meine Leiden lindert? Nein, Madonna, ich empfinde keinen Schmerz, sondern eine Freude, süßer als alles, was ich je gekannt habe.“
„Gesù! Was für eine flinke Zunge!“, spottete der Narr im Hintergrund.
„Bist du auch da, Meister Buffone?“, fragte Francesco. „Und Fanfulla? Ist er nicht hier? Nun, jetzt besinne ich mich; er ging mit dem Mönch nach Acquasparta.“ Er stützte sich auf den Ellenbogen, um mehr Halt zu finden.
„Ihr dürft Euch nicht bewegen“, sagte sie, in der Annahme, er wolle aufstehen.
„Das würde ich nicht, gnädige Frau, selbst wenn ich es müsste“, antwortete er feierlich. Und dann, mit seinen Augen auf ihrem Gesicht, fragte er sie kühn nach ihrem Namen.
„Mein Name“, antwortete sie bereitwillig, „ist Valentina della Rovere, und ich bin die Nichte von Guidobaldo von Urbino.“
Seine Brauen schossen in die Höhe.
„Lebe ich tatsächlich“, fragte er, „oder träume ich nur die Erinnerungen an die Erzählung eines alten Romanhelden, in der ein wandernder Ritter von einer Prinzessin so gepflegt wird?“
„Seid Ihr ein Ritter?“, fragte sie, und ein Staunen trat nun in ihre Augen, denn selbst in die Abgeschiedenheit ihres Klosterlebens waren seltsame Geschichten von diesen mächtigen Waffenmännern gedrungen.
„Zumindest Euer Ritter, liebste Dame“, antwortete er, „und für immer Euer armer Vorkämpfer, wenn Ihr mir diese Ehre erweisen wollt.“
Ein purpurrotes Erröten stahl sich nun auf ihre Wangen, hervorgerufen durch seine kühnen Worte und noch kühneren Blicke, und ihre Augen senkten sich. Doch Groll spielte keine Rolle bei ihrer Verwirrung. Sie fand keine Anmaßung in seiner Rede, noch irgendetwas, das ein tapferer Ritter der Dame, die ihm in seiner Not beigestanden hatte, nicht hätte sagen dürfen. Peppe, der dastand und die Art des Grafen beobachtete, wissend um den Stand des Ritters, war nun erfüllt von Staunen, nun von Spott; doch er mischte sich nie ein.
„Wie ist Euer Name, Herr Ritter?“, fragte sie nach einer Pause.
Seine Augen wirkten beunruhigt, und als sie über sie hinweg zum Narren schweiften, fingen sie auf Peppes Gesicht ein Grinsen von verschmitzter Belustigung ein.
„Mein Name“, sagte er schließlich, „ist Francesco.“ Und dann, um zu verhindern, dass sie ihn weiter ausfragte: „Aber sagt mir, Madonna, wie kommt eine Dame Eures Standes hierher, allein mit diesem armseligen Bruchteil eines Mannes?“ Und er deutete auf den grinsenden Peppe.
„Mein Gefolge ist dort drüben im Wald, wo wir für eine kleine Weile Halt gemacht haben. Ich bin auf dem Weg zum Hof meines Onkels, vom Kloster Santa Sofia, und zu meinem Schutz habe ich Messer Romeo Gonzaga und zwanzig Speere. Ihr seht also, ich bin wohl beschützt, ohne Ser Peppe hier und den heiligen Fra Domenico, meinen Beichtvater, mitzuzählen.“
Es entstand eine Pause, die schließlich Francesco beendete.
„Ihr seid also die jüngere Nichte Seiner Hoheit von Urbino?“, sagte er.
„Nicht so, Messer Francesco“, antwortete sie bereitwillig. „Ich bin die ältere.“
Da verdunkelten sich seine Brauen plötzlich.
„Könnt Ihr diejenige sein, die sie Gian Maria zur Frau geben wollen?“, rief er aus, woraufhin der Narr die Ohren spitzte, während sie den Grafen mit einem Blick betrachtete, der deutlich zeigte, wie weit sie davon entfernt war, ihn zu verstehen.
„Wie meint Ihr?“, fragte sie.
„Nun, nichts“, antwortete er mit einem Seufzer, und in diesem Moment drang die Stimme eines Mannes durch den Wald.
„Madonna! Madonna Valentina!“
Francesco und die Dame wandten ihre Augen in die Richtung, aus der die Stimme kam, und sie erblickten eine herrlich schillernde Gestalt, die die Lichtung betrat. An Schönheit der Person und Reichtum der Kleidung war er der Gesellschaft Valentinas wohl würdig. Sein Wams war aus grauem Samt, mit Schuppen aus geschlagenem Gold besetzt und gab den Blick auf eine goldbestickte Weste darunter frei; seine Kopfbedeckung passte zu seinem Wams und war mit einer Feder geschmückt, die von kostbaren Edelsteinen funkelte; sein goldbeschlagener Degen steckte in einer Scheide, die ebenfalls aus grauem Samt mit Juwelen besetzt war. Sein Gesicht war so hübsch wie das einer Jungfrau, seine Augen blau und sein Haar golden.
„Seht her“, verkündete Peppino ernst, „Italiens neueste Übersetzung des Goldes Esels von Apuleius.“
Beim Anblick der edlen Nichte Guidobaldos, die dort kniete, mit Francescos Kopf noch immer in ihrem Schoß gebettet, warf der Neuankömmling die Arme in einer Geste der Bestürzung in die Höhe.
„Heilige im Himmel!“, rief er und eilte auf sie zu. „Welch Beschäftigung habt Ihr Euch da gesucht? Wer ist dieser hässliche Kerl?“
„Hässlich?“, war alles, was sie ihm mit einer Betonung von tiefem Erstaunen erwiderte.
„Wer ist er?“, beharrte der junge Mann, wobei sein Ton schärfer wurde. „Und was tut er hier und auf diese Weise mit Euch? Gesù! Was würde Seine Hoheit sagen? Wie würde er mit mir verfahren, sollte er davon erfahren? Wer ist der Mann, Madonna?“
„Nun, wie Ihr seht, Messer Gonzaga“, antwortete sie mit einiger Hitze, „ein verwundeter Ritter.“
„Ein Ritter er?“, höhnte Gonzaga. „Eher ein Dieb, ein herumstreunender Masnadiero. Wie ist Euer Name?“, fragte er den Grafen grob.
Francesco rückte ein wenig von Valentina ab und stützte sich ganz auf seinen Ellenbogen, während er ihm mit einer Handbewegung bedeutete, nicht näher zu kommen.
„Ich bitte Euch, gnädige Frau, dass Ihr Euren hübschen Pagen anweist, ein wenig zurückzutreten. Ich bin noch immer schwach, und seine Parfüms überwältigen mich.“
Unter der Maske der höflichen Bitte entdeckte Gonzaga den spöttischen, verächtlichen Ton, und er goss Öl in sein Feuer.
„Ich bin kein Page, Narr“, antwortete er, dann klatschte er in die Hände und erhob seine Stimme zum Ruf: „Olá, Beltrame! Zu mir!“
„Was habt Ihr vor?“, rief die Dame und stand auf, um sich ihm entgegenzustellen.
„Diesen Schurken in Fesseln nach Urbino bringen, wie es meine Pflicht ist.“
„Mein Herr, Ihr könntet Eure hübschen Hände verletzen, wenn Ihr mich ergreift“, erwiderte der Graf in kühler Gleichgültigkeit.
„Ah! Ihr wollt mir mit Gewalt drohen, Vasall?“, rief der andere und wich einige Schritte zurück, während er sprach. „Beltrame!“, rief er erneut. „Kommt Ihr nie?“ Eine Stimme antwortete ihm aus dem Dickicht, und mit einem Klirren von Stahl stürzten ein halbes Dutzend Männer auf die Lichtung.
„Eure Befehle, mein Herr?“, verlangte derjenige, der sie anführte, dessen Augen zum noch immer ausgestreckten Grafen wanderten.
„Fesselt mir diesen Hund“, befahl ihm Gonzaga. Doch bevor der Kerl auch nur einen Fuß rühren konnte, um den Befehl auszuführen, versperrte ihm Valentina den Weg.
„Das werdet Ihr nicht“, befahl sie, und so verwandelt war sie von dem naiven Kind, das kurz zuvor noch mit ihm gesprochen hatte, dass Francesco vor reinem Erstaunen den Mund offen stehen ließ. „Im Namen meines Onkels befehle ich Euch, diesen Herrn dort liegen zu lassen, wo er liegt. Er ist ein verwundeter Ritter, den ich mit Vergnügen gepflegt habe – eine Angelegenheit, die Messer Gonzagas Zorn gegen ihn erregt zu haben scheint.“
Beltrame hielt inne und sah unentschlossen von Valentina zu Gonzaga.
„Madonna“, sagte Gonzaga mit gespielter Demut, „Euer Wort ist uns Gesetz. Doch ich möchte, dass Ihr bedenkt, dass das, was ich Beltrame zu tun befehle, im Interesse Seiner Hoheit geschieht, deren Gebiet von diesen vagabundierenden Räubern heimgesucht wird. Es ist eine Tatsache, die Euch in Eurer klösterlichen Zurückgezogenheit vielleicht nicht erreicht hat, genauso wenig wie Eure unvergleichliche Unschuld bereits genug Wissen erlangt hat, um zwischen Schurken und ehrlichen Männern zu unterscheiden. Beltrame, tut, wie ich Euch befehle.“
Valentinas Fuß tippte ungeduldig auf den Boden, und in ihre Augen trat ein Ausdruck von Zorn, der ihre Ähnlichkeit mit ihrem kriegerischen Onkel verstärkte. Doch es war Peppe, der das Wort ergriff.
„Obwohl es scheint, als gäbe es schon genug Narren, die sich in diese Angelegenheit einmischen“, sagte er in Tönen spöttischer Klage, „gestattet mir, dass ich mich ihrer Zahl anschließe, Ser Romeo, und hört auf meinen Rat.“
„Hinaus, Narr“, schrie Gonzaga und hieb mit seiner Reitpeitsche nach ihm, „wir brauchen deine Possen nicht.“
„Nein, aber Ihr braucht meine Weisheit“, erwiderte Ser Peppe, als er außer Gonzagas Reichweite sprang. „Hört mich an, Beltrame! Auch wenn wir nicht an Messer Gonzagas scharfem Urteilsvermögen zweifeln, zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Mann zu unterscheiden, so verspreche ich Euch, so sicher, als wäre ich das Schicksal selbst, dass Ihr, wenn Ihr ihm jetzt gehorcht und diesen Herrn fesselt, später selbst dafür auf eine noch hässlichere Weise gefesselt werden werdet.“
Beltrame sah alarmiert aus, Gonzaga ungläubig. Valentina dankte Peppe mit den Augen, in der Annahme, er habe nur einen Vorwand gefunden, um ihren Wünschen zu dienen, während Francesco, der sich inzwischen auf die Füße erhoben hatte, mit einem amüsierten Lächeln zusah, als ginge ihn die Sache persönlich nichts an. Und dann, im entscheidenden Moment der Situation, erschienen Fanfulla und Fra Domenico auf der Bildfläche.
„Ihr seid wohlbehalten zurück, Fanfulla!“, rief ihm der Graf zu. „Dieser hübsche Herr wollte mich fesseln lassen.“
„Euch fesseln lassen?“, wiederholte Fanfulla mit wütendem Entsetzen. „Auf welcher Grundlage, bitte?“, verlangte er zu wissen und wandte sich grimmig an Gonzaga.
Beeindruckt von Fanfullas herrischem Auftreten, wurde Romeo Gonzaga erstaunlich demütig für jemanden, der noch einen Augenblick zuvor so überheblich gewesen war.
„Es scheint, mein Herr, dass mein Urteil über seinen Zustand fehlerhaft war“, entschuldigte er sich.
„Euer Urteil?“, entgegnete der hitzige Fanfulla. „Und wer hieß Euch urteilen? Geht und wechselt Eure Milchzähne, Junge, und mischt Euch nicht unter Männer, wenn Ihr selbst eines Tages ein Mann sein wollt.“
Valentina lächelte, Peppe lachte laut auf, während selbst Beltrame und seine Gefolgsleute grinsten, was alles Gonzagas Zorn nicht wenig verstärkte. Doch so gering seine Weisheit auch sein mochte, sie reichte aus, um zur Vorsicht zu mahnen.
„Die Anwesenheit Madonnas hier hält mich zurück“, antwortete er mit ausgeprägter Würde. „Doch sollten wir uns wiedersehen, werde ich es wagen, Euch zu zeigen, was Männlichkeit bedeutet.“
„Vielleicht – wenn Ihr bis dahin dazu herangereift seid.“ Und mit einem Achselzucken wandte sich Fanfulla ab, um dem Grafen seine Aufmerksamkeit zu widmen, den Fra Domenico bereits versorgte.
Valentina schlug Gonzaga vor, um die Peinlichkeit des Augenblicks zu mildern, er solle sein Gefolge auf die Pferde bringen und ihre Sänfte bereithalten lassen, damit sie ihre Reise fortsetzen könnten, sobald Fra Domenico seine Dienste beendet hätte.
Gonzaga verbeugte sich, und mit einem boshaften Blick auf die Fremden und einem wütenden „Folgt mir!“ an Beltrame und die anderen, zog er mit den Bewaffneten im Schlepptau davon.
Valentina blieb bei Fanfulla und Peppe, während Fra Domenico Francescos Wunde verband, und als die Aufgabe kurz darauf vollbracht war, gingen sie ihres Weges und ließen Fanfulla mit dem Grafen allein. Doch bevor sie ging, hörte sie sich Francescos Dank an und ließ es geschehen, dass er ihre elfenbeinfarbenen Finger mit seinen Lippen berührte.
Es gab vieles, was er hätte sagen können, doch die Anwesenheit der anderen drei hielt ihn zurück. Dennoch mag sie ein wenig von all dem in seinen Augen gespiegelt gesehen haben, denn den ganzen Tag ritt sie nachdenklich, ein zärtliches, sehnsüchtiges Lächeln in den Mundwinkeln. Und obwohl sie Gonzaga gegenüber keinen Groll zeigte, zog sie ihn doch wegen jenes Irrtums auf. In seiner Würde verletzt, gefiel ihm ihr verspielter Spott wenig, doch noch weniger gefielen ihm die Worte, in die sie ihn kleidete.
„Wie konntet Ihr nur in einen so schwerwiegenden Irrtum verfallen, Ser Romeo?“, fragte sie ihn mehr als einmal. „Wie konntet Ihr ihn für einen Schurken halten – ihn, mit einer so edlen Haltung und einem so schönen Gesicht?“ Und ohne auf die mürrischen Antworten zu achten, verfiel sie mit einem Seufzer wieder in Nachdenklichkeit – eine Sache, die Gonzaga vielleicht noch mehr kränkte als ihre Sticheleien.
KAPITEL V. GIAN MARIA
Es war eine Woche nach dem Treffen zwischen der Nichte Guidobaldos und dem Grafen von Aquila, als Letzterer – seine Wunde war nahezu verheilt – eines Morgens unter dem großen Torbogen ritt, der den Haupteingang zur Stadt Babbiano bildete. Der Hauptmann der Wache salutierte respektvoll, als er vorbeiritt, und erlaubte sich, über die Blässe im Gesicht seiner Exzellenz zu staunen. Und doch war die Ursache nicht weit zu suchen. Sie stand auf vier Speeren, inmitten eines lärmenden Schwarms kreisender Krähen, über eben jenem Tor – dem sogenannten San-Bacolo-Tor – und bestand aus vier abgeschlagenen menschlichen Köpfen.
Der Anblick dieser toten Gesichter, die grässlich grinsten, während ihr langes, verfilztes Haar wie Lumpen im Aprilwind flatterte, hatte Francesco innehalten lassen, als er sich näherte. Doch als er schließlich herantrat und genauer hinsah, durchfuhr ihn ein Schauer der Erkenntnis, und ein großes Entsetzen erfüllte seine Seele und ließ seine Wangen erbleichen. Der erste dieser Köpfe war der des tapferen und zu Recht so genannten Ferrabraccio; der nächste der des Amerino Amerini; und die anderen beiden, die seiner gefangenen Gefährten aus jener Nacht in Sant' Angelo.
Es hatte also den Anschein, als sei Gian Maria in der vergangenen Woche nicht untätig gewesen und dass dort an den Mauern von Babbiano die einzigen Früchte verrotteten, die diese unheilvolle Verschwörung wohl je tragen würde.
Für einen Moment kam ihm der Gedanke, umzukehren. Doch seine beherzte und furchtlose Natur trieb ihn voran, ganz ohne Begleitung, wie er war, und ungeachtet jener vagen Vorahnungen, die ihn bedrängten. Wie viel, fragte er sich, mochte Gian Maria über seinen eigenen Anteil an jenem Treffen im Gebirge wissen, und wie würde es ihm ergehen, wenn sein Vetter erfahren hätte, dass dem Grafen von Aquila vorgeschlagen worden war, ihn zu stürzen?
Er sollte jedoch bald erfahren, dass seine Befürchtungen unbegründet waren. Gian Maria empfing ihn mit mehr als gewohnter Herzlichkeit, denn er legte großen Wert auf Francescos Urteil und hatte es derzeit bitter nötig.
Francesco fand ihn bei Tisch vor, der inmitten der Schätze aus Kunst und Wissen, die die prachtvolle Palastbibliothek bereicherten, für ihn gedeckt worden war. Es war ein Ort, den Gian Maria wegen des materiellen Komforts, den er ihm bot, liebte, und so nutzte er ihn für eine ganze Reihe seiner ordinären Zwecke, niemals jedoch für den, wofür er eigentlich ausgestattet war, da er mit Büchern gänzlich fremdelte und so unwissend war wie ein Bauernjunge.
Eingenistet in einen großen Sessel aus karmesinrotem Leder, an einer Tafel, die mit auserlesenen Speisen überladen war und mit kristallenen Flaschen sowie Geschirr aus Gold und Emaille glänzte, fand Francesco seinen Vetter, und die Luft, die einst schwer vom gelehrten Duft der Pergamente und moderigen Folianten gewesen war, war nun gesättigt von beißenden Gerüchen der Tafel.
Von Statur war Gian Maria klein und neigte, obwohl er noch jung war, zur Korpulenz. Sein Gesicht war rund, blass und schlaff; seine Augen blau und perlenartig; sein Mund sinnlich und grausam. Er trug einen Anzug aus fliederfarbenem Samt, mit Luchsfell besetzt und nach spanischer Art an den Ärmeln geschlitzt, um das Hemd aus feinem Leinen von Rheims darunter zu zeigen. Um seinen Hals hing eine goldene Kette mit einem Agnus Dei, das eine Reliquie des Wahren Kreuzes enthielt – denn Gian Maria trieb seine Frömmigkeit auf die Spitze.
Sein Empfang für Francesco war überschwänglicher als gewöhnlich. Er wies die beiden Diener, die ihn bedienten, an, für seinen erlauchten Vetter einen Teller aufzudecken, und als Aquila dies kurz, aber höflich mit der Versicherung ablehnte, er habe bereits gespeist, bestand der Herzog darauf, dass er zumindest einen Becher Malvasia trinken solle. Als sie aus einem Gefäß aus getriebenem Gold einen Kelch für den Grafen gefüllt hatten, hieß seine Hoheit die Diener gehen und entspannte sich – falls man dies bei jemandem überhaupt so sagen kann, der kaum jemals Würde besaß – vor seinem Besucher.
„Ich höre“, sagte Aquila, als die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, „seltsame Geschichten von einer Verschwörung in Eurem Herzogtum, und an den Mauern am Tor von San Bacolo erblickte ich vier Köpfe von Männern, die ich kannte und ehrte.“
„Und die sich selbst entehrten, ehe ihre Köpfe zum Bankett für die Krähen wurden. Da, Francesco!“ Er schauderte und bekreuzigte sich. „Es bringt Unglück, bei Tisch von den Toten zu sprechen.“
„Lass uns dann nur von ihrem Vergehen sprechen“, beharrte Francesco listig. „Worin bestand es?“
„Worin?“ erwiderte der Herzog amüsiert. Seine Stimme war dünn und neigte zum Schrillen. „Mehr als das kann ich nicht sagen. Masuccio wusste es. Aber der Hund wollte sein Geheimnis und die Namen der Verschwörer nicht preisgeben, bis seine Aufgabe vollbracht wäre und er sie bei dem Verrat ertappt hätte, von dem er wusste, dass sie ihn ausheckten. Doch“, fuhr er fort, wobei er eine Olive zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, „es scheint, sie waren nicht so leicht zu fangen, wie er dachte. Er sagte mir, die Verräter seien zu sechst gewesen und sie hätten sich dort mit einem siebten treffen wollen. Die Männer, die von dem Unternehmen zurückkehrten, berichten mir zudem, und zwar ohne Scham, dass es nur etwa sechs oder sieben gewesen seien, die sie überfielen. Dennoch bereiteten sie den Schweizern genug Mühe und töteten etwa neun von ihnen, neben einem halben Dutzend mehr oder weniger schwer Verwundeter, während sie selbst nur zwei ihrer Angreifer erschlugen und zwei weitere gefangen nahmen. Das waren die vier Köpfe, die Ihr am Porta San Bacolo gesehen habt.“
„Und Masuccio?“ erkundigte sich Francesco. „Hat er Euch seitdem nicht verraten, wer die anderen waren, die entkamen?“
Seine Hoheit hielt inne, um die Olive zu kauen.
„Nun, darin liegt die Schwierigkeit“, sagte er schließlich. „Der Hund ist tot. Er wurde bei dem Handgemenge getötet. Möge er in der Hölle verrotten für seine hartnäckige Verschwiegenheit. Nein, nein!“, korrigierte er sich hastig. „Er ist tot, und das Geheimnis dieses Verrats sowie die Namen der Verräter sind mit ihm untergegangen. Doch ich bin ein milder Mann, Francesco, und so sehr mich dieser Hund durch sein Schweigen auch gekränkt hat, danke ich dem Himmel für die Gnade zu sagen – Gott habe seine niederträchtige Seele selig!“
Der Graf warf sich in einen Sessel, ebenso sehr, um jene Anzeichen von Erleichterung zu verbergen, die sich auf seinem Gesicht zeigen mochten, wie auch, weil er sitzen wollte.
„Aber Masuccio muss Euch doch irgendeine Information hinterlassen haben!“, rief er.
„Nur die allergeringste“, erwiderte Gian Maria mit verärgertem Unterton. „Das war schon immer die Art dieses verschlossenen Vasallen. Verflucht sei er! Er sagte mir frech ins Gesicht, wenn ich es wüsste, würde ich reden. Habt Ihr je von einer solchen unerträglichen Unverschämtheit gegenüber einem Fürsten gehört? Alles, was er mich wissen ließ, war, dass eine Verschwörung im Gange sei, mich zu stürzen, und dass er im Begriff sei, die Verschwörer gefangen zu nehmen, zusammen mit dem Mann, den sie eingeladen hatten, meinen Platz einzunehmen. Bedenkt das, Francesco! Das sind die mörderischen Pläne, die meine liebenden Untertanen zu meinem Untergang schmieden – ich, der ich sie mit einem goldenen Zepter regiere, der mildeste, gerechteste und großzügigste Fürst in Italien. Cristo buono! Wundert Ihr Euch, dass ich die Geduld verlor und ihre grässlichen Köpfe auf Speere setzen ließ?“
„Aber sagtet Ihr nicht, dass zwei dieser Verschwörer gefangen zurückgebracht wurden?“
Der Herzog nickte, sein Mund war zu voll zum Sprechen.
„Was kam dann bei ihrem Verhör heraus?“
„Verhör? Es gab kein Verhör.“ Gian Maria kaute einen Moment kräftig. „Ich sage Euch, ich war so erhitzt vor Zorn über diese niederträchtige Undankbarkeit, dass ich nicht einmal den Verstand hatte, die Namen ihrer Komplizen aus ihnen herausfoltern zu lassen. Innerhalb einer halben Stunde nach ihrer Ankunft in Babbiano waren die Köpfe dieser Männer, die es dem Himmel gefallen hatte, mir auszuliefern, dort, wo Ihr sie heute gesehen habt.“
„Ihr habt sie so in den Tod geschickt?“, keuchte Francesco, sprang auf und betrachtete seinen Vetter mit einer Mischung aus Verwunderung und Zorn. „Ihr habt Männer aus solchen Familien wie diesen ohne Prozess zum Scharfrichter geschickt? Ich glaube, Gian Maria, Ihr müsst wahnsinnig sein, wenn Ihr so leichtfertig solches Blut vergießen könnt.“
Der Herzog sank in seinen Sessel zurück und starrte seinen ungestümen Vetter an. Dann, mit mürrischem Zorn: „Zu wem sprecht Ihr da?“, verlangte er zu wissen.
„Zu einem Tyrannen, der sich selbst den mildesten, gerechtesten und großzügigsten Fürsten Italiens nennt und der nicht die Weisheit besitzt, zu erkennen, dass er mit seinen eigenen Händen und durch seine eigenen unüberlegten Handlungen einen Thron untergräbt, der bereits wankt. Könnt Ihr Euch nicht vorstellen, dass dies eine Revolution bedeuten könnte? Es kommt einem Mord gleich, und auch wenn Herzöge in Italien zuweilen dazu greifen, so geschieht dies doch nicht so offen und trotzig, wie es hier geschehen ist.“
Zorn war in der Seele des Herzogs, doch da war noch mehr Furcht – so viel, dass sie den Zorn beiseite drängte.
„Ich habe gegen Aufruhr vorgesorgt“, verkündete er mit einer Leichtigkeit, die er vergeblich zu fühlen versuchte. „Ich habe Martino Armstadt das Kommando über meine Garde gegeben, und er hat für mich eine Kompanie von fünfhundert Schweizer Landsknechten angeworben, die zuletzt im Sold der Baglioni von Perugia standen.“
„Und Ihr haltet das für Sicherheit?“, erwiderte Francesco mit einem spöttischen Lächeln. „Euren Thron mit fremden Speeren einzuzäunen, die von einem Ausländer befehligt werden?“
„Dies und Gottes Gnade“, lautete die fromme Antwort.
„Bah!“, erwiderte Francesco, ungeduldig angesichts der Heuchelei. „Gewinnt die Herzen Eures Volkes. Lasst das Euer Schutzschild sein.“
„Pst!“, flüsterte Gian Maria. „Ihr lästert. Zielt nicht jede Tat meines aufopferungsvollen Lebens auf ein solches Ziel ab? Ich lebe für mein Volk. Aber bei meiner Seele, sie verlangen zu viel, wenn sie fordern, dass ich für sie sterbe. Wenn ich gegen jene, die nach meinem Leben trachten, so verfahre, wie ich es mit diesen Männern tat, von denen Ihr sprecht, wer soll mich da tadeln? Ich sage Euch, Francesco, ich wünschte, ich könnte die anderen habhaft werden, die entkamen, damit ich mit ihnen das Gleiche tun könnte. Beim lebendigen Gott, das wünsche ich! Und was den Mann betrifft, der mich hätte stürzen sollen –“ Er hielt inne, ein tödliches Lächeln auf seinem sinnlichen Mund beendete den Satz wirkungsvoller, als es Worte vermocht hätten. „Wer könnte es gewesen sein?“, sinnierte er. „Ich habe gelobt, wenn der Himmel mir gewährt, ihn zu entdecken, werde ich jeden Samstag ein Jahr lang eine Kerze für Santa Fosca brennen lassen und am Vorabend von Allerseelen fasten. Wer – wer könnte es gewesen sein, Franceschino?“
„Woher sollte ich das wissen?“, erwiderte Francesco und wich der Frage aus.
„Ihr wisst so viel, Checco mio. Euer Geist ist so schnell darin, Dinge dieser Art zu ergründen. Glaubt Ihr nun, es könnte der Duca Valentino gewesen sein?“
Francesco schüttelte den Kopf.
„Wenn Cesare Borgia kommt, wird er es nicht nötig haben, zu solch armseligen Mitteln zu greifen. Er wird mit Waffen kommen, um Euch mit seiner Macht zu unterwerfen.“
„Gott und die Heiligen beschützen mich!“, keuchte der Herzog. „Ihr sprecht davon, als ob er bereits auf dem Marsch wäre.“
„Dann spreche ich davon, weil ich es besser weiß. Das Ereignis ist gar nicht so fern, wie Ihr Euch einreden möchtet. Hört zu, Gian Maria! Ich bin nicht von Aquila hergeritten, nur um die Zeit mit Euch totzuschlagen. Fabrizio da Lodi und Fanfulla degli Arcipreti waren in letzter Zeit bei mir.“
„Bei Euch?“, rief der Herzog, und seine kleinen Augen verengten sich, während er zu seinem Vetter aufblickte. „Bei Euch – eh?“ Er zuckte mit den Schultern und breitete die Handflächen vor sich aus. „Pah! Seht nur, in welch Irrtümer selbst ein so klarer Verstand wie meiner verfallen kann. Wisst Ihr, Francesco, als ich ihr Fehlen seit jener Verschwörung bemerkte, hegte ich den leisen Verdacht, sie seien damit in Verbindung zu bringen.“ Und er wandte seine Aufmerksamkeit einem Bienenwabenstück zu.
„Ihr habt in Eurem ganzen Herzogtum keine zwei Herzen, die Babbiano treuer ergeben sind“, war die vieldeutige Antwort. „Es war wegen genau dieser Gefahr, die Euch bedroht, dass sie zu mir kamen.“
„Ah!“ Gian Marias weißes Gesicht wurde aufmerksam.
Und nun sprach der Graf von Aquila zum Herzog von Babbiano ähnlich, wie Fabrizio da Lodi jene Nacht in Sant' Angelo zum Grafen gesprochen hatte. Er sprach von der Gefahr, die von den Borgia drohte, von der völligen mangelnden Vorbereitung und von Gian Marias Missachtung der Ratschläge, die man ihm gegeben hatte. Er verwies auf die Unzufriedenheit, die aufgrund dieses Zustands unter seinen Untertanen herrschte, und auf die dringende Notwendigkeit, sie zu korrigieren. Als er geendet hatte, saß der Herzog eine Weile schweigend da, die Augen nachdenklich auf seinen Teller gerichtet, auf dem das Essen nun unbeachtet lag.
„Eine leichte Sache, nicht wahr, Francesco, zu einem Mann zu sagen: dies ist falsch und jenes ist falsch. Aber wer ist da, ich bitte Euch, der es für mich in Ordnung bringt?“
„Das, wenn Ihr nur das Wort gebt, werde ich versuchen zu tun.“
„Ihr?“, rief der Herzog, und weit davon entfernt, Zufriedenheit darüber zu zeigen, dass sich jemand anbot, diese sehr schiefe Angelegenheit zu bereinigen, spiegelte Gian Marias Gesicht einen ungläubigen Zorn und etwas wenig Spott wider. „Und wie, mein wunderbarer Vetter, würdet Ihr das angehen?“, erkundigte er sich, wobei ein höhnischer Unterton in seiner Stimme mitschwang.
„Ich würde Angelegenheiten wie die Steuererhebung in die Hände von Messer Despuglio legen, und ungeachtet jedes Opfers für Eure eigene Verschwendung würde ich dafür sorgen, dass für die kommenden Monate der Großteil dieser Gelder für die Aushebung und Bewaffnung geeigneter Männer verwendet wird. Ich habe einiges Geschick als Condottiero – zumindest haben das mehr als ein ausländischer Fürst zugeben müssen. Ich werde Eure Armee anführen, wenn ich sie ausgehoben habe, und ich werde für Euch Bündnisse mit unseren Nachbarstaaten schließen, die uns, wenn sie uns bewaffnet sehen, als eine Macht erachten werden, die ein Bündnis wert ist. Und so, was ein Mann tun kann, um die drohende Flut dieser Invasion aufzuhalten, das werde ich tun, um Euer Herzogtum zu verteidigen. Macht mich zu Eurem Gonfaloniere, und in einem Monat werde ich Euch sagen, ob es in meiner Macht steht, Euren Staat zu retten oder nicht.“
Die Augen von Gian Maria hatten sich immer mehr verengt, während Francesco sprach, und in sein flaches Gesicht war ein böser, misstrauischer Blick getreten. Als der Graf schwieg, stieß er ein gedämpftes Lachen aus, bitter vor Spott.
„Euch zu meinem Gonfaloniere machen?“, murmelte er in vollendeter Belustigung. „Und seit wann ist Babbiano eine Republik – oder ist es Euer Ziel, eine daraus zu machen und Euch selbst als deren oberster Magistrat einzusetzen?“
„Wenn Ihr mich so missversteht –“, begann Francesco, doch sein Vetter unterbrach ihn mit wachsendem Hohn.
„Euch missverstehen, Messer Franceschino? Nein, nein. Ich verstehe Euch nur allzu gut.“ Er erhob sich plötzlich von seinem unterbrochenen Mahl und trat einen Schritt näher an seinen Vetter heran. „Ich höre Gerüchte von dieser wachsenden Liebe, die mein Volk dem Grafen von Aquila entgegenbringt, und ich habe sie unbeachtet gelassen. Dieser Schurke Masuccio warnte mich, ehe er starb, und ich antwortete ihm mit meiner Peitsche quer über sein Gesicht. Aber ich bin keineswegs sicher, dass ich klug gehandelt habe. Ich hatte vor zwei Nächten einen Traum – Aber lassen wir das! Wenn es sich so fügt, dass es in einem Staat einen Mann gibt, den das Volk demjenigen vorzieht, der es regiert, und wenn es sich so fügt, dass dieser Mann von ebenso gutem Blut und hoher Geburt ist wie Ihr, dann wird er zu einer Gefahr für denjenigen, der auf dem Thron sitzt. Ich brauche Euch kaum daran zu erinnern“, fügte er mit einem grässlichen Grinsen hinzu, „wie die Borgias mit solchen Individuen verfahren, noch brauche ich hinzuzufügen, dass ein Sforza es für angemessen halten mag, eben jene sehr endgültigen Vorsichtsmaßnahmen nachzuahmen. Die Familie Sforza hat bisher noch keine Narren hervorgebracht, noch werde ich mich als der erste erweisen, indem ich einem anderen die Macht in die Hände lege, sich selbst zu meinem Herrn zu machen. Ihr seht, mein sanfter Vetter, wie durchsichtig Eure Ziele vor meinen Augen werden. Ich habe einen scharfen Blick, Franceschino, einen scharfen Blick!“ Er tippte sich an die Nase und kicherte boshaft über seine eigene scharfsinnige Wahrnehmung.
Francesco betrachtete ihn mit einem Blick von steinerner Verachtung. Er hätte antworten können, wenn er dazu geneigt wäre, dass das Herzogtum Babbiano ihm gehöre, um es zu nehmen, wann immer es ihm beliebte. Er hätte es ihm sagen und ihm trotzen können. Doch er ging bedächtiger vor als dieser Mann aus einer Familie, die keine Narren hervorbrachte.
„Kennt Ihr mich denn so wenig, Gian Maria“, sagte er, nicht ohne Bitterkeit, „dass Ihr glaubt, mich dürste nach einer so hohlen Sache wie diesem herzoglichen Pomp, an den Ihr Euch so ängstlich klammert? Ich sage Euch, Mann, dass ich meine Freiheit einem kaiserlichen Thron vorziehe. Aber ich verschwende den Atem an Euch. Doch eines Tages, wenn Eure Krone von Euch gegangen sein wird und Eure Macht im gefräßigen Schlund der Borgia verschlungen worden ist, erinnert Euch an mein Angebot, das Euch hätte retten können und das Ihr mit Beleidigungen missachtet habt, so wie Ihr den Rat Eurer älteren Ratgeber missachtet habt.“
Gian Maria zuckte mit seinen fetten Schultern.
„Wenn Ihr mit jenem anderen Rat den Ratschlag meint, dass ich Guidobaldos Nichte zur Frau nehmen sollte, so könnt Ihr Eure patriotische Seele beruhigen. Ich habe eingewilligt, dieses Bündnis einzugehen. Und nun“, schloss er mit einem weiteren seiner höllischen Kichern, „seht Ihr, wie wenig ich diesen schrecklichen Sohn von Papst Alexander zu fürchten brauche. Verbündet mit Urbino und den anderen Staaten, die dessen Freunde sind, kann ich der Macht von Cesare Borgia trotzen. Ich werde nachts ruhig neben meiner wunderschönen Braut schlafen, sicher in dem Schutz, den mir die Armeen ihres Onkels gewähren werden, und werde niemals auch nur die Hilfe meines tapferen Vetters als mein Gonfaloniere brauchen.“
Der Graf von Aquila veränderte trotz seiner selbst die Farbe, und die misstrauischen Augen des Herzogs waren ebenso schnell darin, dies zu bemerken, wie sein Verstand darin, die Bedeutung falsch zu interpretieren. Er fasste den Entschluss, diesen fürsorglichen Vetter, der sich so bereitwillig anbot, sein Gonfalon zu tragen, überwachen zu lassen.
„Ich gratuliere Euch zumindest“, sagte Francesco ernst, „zu der Weisheit dieses Schrittes. Hätte ich davon gewusst, hätte ich Euch nicht mit anderen Vorschlägen für die Sicherheit Eures Staates behelligt. Aber darf ich Euch fragen, Gian Maria, welche Einflüsse Euch zu einem Kurs führten, den Ihr bisher so hartnäckig abzulehnen gewillt wart?“
Der Herzog zuckte mit den Schultern.
„Sie plagten mich so sehr“, klagte er mit einer Grimasse, „dass ich am Ende nachgab. Ich konnte Lodi und den anderen widerstehen, aber als meine Mutter sich ihnen mit ihren Gebeten – ich sollte sagen, ihren Befehlen – anschloss und mich erneut auf meine Gefahr hinwies, gab ich nach. Schließlich muss ein Mann heiraten. Und da er in meinem Stand seine Ehe nicht allzu schwer auf sich lasten lassen muss, entschloss ich mich dazu, um der Sicherheit und des Friedens willen.“
Da es die Rettung von Babbiano war, die er anstrebte, hätte der Graf von Aquila sich über Gian Marias weisen Entschluss freuen sollen, und keine andere Erwägung hätte eine so alles umfassende Sache trüben dürfen, wie es diese Freude hätte sein sollen. Doch als er später die Gegenwart seines Vetters verließ, war das einzige Gefühl, das er mit sich trug, eine tiefe und bittere Ressentiments gegen das Schicksal, das solche Dinge wollte, vermischt mit einem leidvollen Mitleid für das Mädchen, das seinen Vetter heiraten sollte, und einem wachsenden Hass auf den Vetter, der ihn dazu brachte, sie zu bemitleiden.
KAPITEL VI. DER AMÖRE DUKE
Aus einem Fenster des Palastes von Babbiano beobachtete der Herr von Aquila das erstaunliche Treiben im Burghof unten, und an seiner Seite stand Fanfulla degli Arcipreti, den er aus Perugia herbeigerufen hatte, mit der Versicherung, dass nun, da Masuccio tot war, keine Gefahr mehr für ihn bestehe.
Es war eine Woche nach jenem Gespräch, in dem Gian Maria seinem Vetter seine Absichten kundgetan hatte, und seine Hoheit war nun im Begriff, nach Urbino aufzubrechen, um die Komödie der Werbung um die Lady Valentina aufzuführen. Das war die Erklärung für das Umherlaufen von Dienern und Pagen, das Paradieren von Bewaffneten und das Stampfen der Pferde und Maultiere unten im Viereck. Francesco beobachtete die Szene mit einem Lächeln von einiger Bitterkeit, sein Gefährte mit einem von höchster Zufriedenheit.
„Gepriesen sei der Himmel, dass er seine Hoheit endlich zu einem Verständnis seiner Pflicht gebracht hat“, bemerkte der Höfling.
„Es ist mir oft widerfahren“, sagte Francesco, ohne die Worte seines Begleiters zu beachten, „die Schicksalsmächte dafür zu verfluchen, dass sie mich als Grafen auf die Welt gebracht haben. Doch in Zukunft werde ich ihnen danken, denn ich sehe, wie viel schlimmer es hätte sein können – ich hätte als Fürst geboren werden können, mit einem Herzogtum, das es zu regieren gilt. Ich hätte so sein können wie dieser arme Mann, mein Vetter, ein Geschöpf, dessen Leben nur aus Pomp und keinerlei wahrer Würde besteht, alles Vergnügen und keine wahre Freude – lieblos, isoliert und eitel.“
„Aber“, rief der erstaunte Fanfulla, „sicherlich gibt es Entschädigungen?“
„Ihr seht dieses Treiben. Ihr wisst, was es bedeutet. Welche Entschädigung kann es dafür geben?“
„Es ist eine Frage, die Ihr als Letzter stellen solltet, mein Herr. Ihr habt die Nichte von Guidobaldo gesehen, und nachdem Ihr sie gesehen habt, könnt Ihr immer noch fragen, welche Entschädigung diese Ehe Gian Maria bietet?“
„Versteht Ihr denn nicht?“, erwiderte Aquila mit einem wehmütigen Lächeln. „Seht Ihr nicht die Tragik darin? Bedeutet es denn nichts, dass zwei Staaten, nachdem sie befunden haben, dass diese Verbindung für beide vorteilhaft sei, beschlossen haben, dass sie stattfinden soll? Dass unterdessen die Hauptakteure – die Opfer, möchte ich fast sagen – keine Gelegenheit haben, selbst zu wählen? Gian Maria fügt sich ergeben in sein Schicksal. Er wird Euch erzählen, dass er immer wusste, dass er eines Tages heiraten und sein Bestes tun müsse, um einen Sohn zu zeugen. Er hat sich lange genug gegen dieses Bündnis gewehrt, doch nun, da die Notwendigkeit ihn endlich antreibt, geht er die Sache an, wie er jede andere Staatsangelegenheit angehen würde – eine Krönung, ein Bankett oder einen Ball. Könnt Ihr Euch nun wundern, dass ich den Thron von Babbiano nicht annehmen wollte, als er mir angeboten wurde? Ich sage Euch, Fanfulla, wäre ich jetzt in den Schuhen meines Vetters, würde ich Krone und Purpur jedem zuwerfen, der ein Verlangen danach hat, bevor sie mir das Leben aus dem Leib pressen und mich als armselige Marionette zurücklassen. Eher als diese hohle Maskerade eines Lebens zu ertragen, würde ich Bauer oder Vasall werden; ich würde die Erde umgraben und ein bescheidenes Leben führen, aber ich würde es auf meine Weise führen und Gott für die Freiheit danken; meine eigenen Gefährten wählen; leben, wie es mir gefällt, wo es mir gefällt; lieben, wie es mir gefällt, wo es mir gefällt, und sterben, wann es Gott beliebt, im Wissen, dass mein Leben nicht gänzlich unfruchtbar gewesen ist. Und dieses arme Mädchen, Fanfulla! Denkt an sie. Sie soll in eine lieblose Verbindung mit einem so groben, gefühllosen Klotz wie Gian Maria gezwungen werden. Habt Ihr kein Mitleid mit ihr?“
Fanfulla seufzte, seine Stirn umwölkte sich.
„Ich bin nicht so begriffsstutzig, dass ich nicht erkennen könnte, warum Ihr heute so argumentiert“, sagte er. „Diese Gedanken sind Euch gekommen, seit Ihr sie gesehen habt.“
Francesco seufzte tief.
„Wer weiß?“, antwortete er wehmütig. „In den wenigen Augenblicken, die wir miteinander sprachen, in der kurzen Zeit, da ich sie erblickte, mag es sein, dass sie mir eine Wunde zufügte, die weit tiefer ist als jene, die zu lindern sie so barmherzig versuchte.“
Nun, auch wenn in dem, was der Herr von Aquila bezüglich der geplanten Verbindung sagte, ein gutes Stück Gerechtigkeit lag, so sagte er doch zu viel, als er behauptete, die Hauptakteure hätten keine Gelegenheit, selbst zu wählen. Diese Gelegenheit sollten sie haben. Sie bot sich drei Tage später in Urbino, als der Herzog und Valentina bei dem Willkommensbankett zusammengeführt wurden, das Guidobaldo seinem zukünftigen Neffen durch Heirat gab. Der Anblick ihrer strahlenden Schönheit kam für Gian Maria einem freudigen Schock gleich und erfüllte ihn mit ebensoviel Ungeduld, sie zu besitzen, wie ihn seine eigene plumpe Hässlichkeit in ihren Augen abstoßend machte. Sie war dieser Hochzeit abgeneigt gewesen, seit dem Moment, als sie ihr nahegelegt worden war. Der Anblick Gian Marias vervollständigte ihren Abscheu vor der ihr zugedachten Rolle, und im Stillen legte sie das Gelübde ab, dass sie eher in ihr Kloster Santa Sofia zurückkehren und den Schleier nehmen würde, als die Herzogin von Babbiano zu werden.
Gian Maria saß bei dem Bankett neben ihr und flüsterte ihr in den Essenspausen – die ihn gewaltig in Anspruch nahmen – Komplimente zu, bei denen sie erschauderte und bleich wurde. Je angestrengter er sich bemühte, ihr auf seine grobe und unbeholfene Art zu gefallen, desto mehr gelang es ihm, sie zurückzustoßen und anzuwidern, bis er schließlich, bei all seiner Eitelkeit, sie für seltsam kalt hielt. Darüber beschwerte er sich alsbald bei jenem prächtigen Fürsten, ihrem Onkel. Doch Guidobaldo verspottete seine Bedenken.
„Haltet Ihr meine Nichte für ein Bauernmädchen?“, fragte er. „Wollt Ihr, dass sie bei jedem Schmeichelwort, das Ihr äußert, kichert und sich windet? Solange sie Eure Hoheit heiratet, was soll der Rest bedeuten?“
„Ich wünschte, sie würde mich ein wenig lieben“, beklagte sich Gian Maria töricht.
Guidobaldo musterte ihn mit einem Blick, der unergründlich lächelte, und es mag ihm durch den Sinn gegangen sein, dass dieser plumpe, bleichgesichtige Herzog zu ehrgeizig war.
„Ich zweifle nicht daran, dass sie es wird“, antwortete er in einem Ton, der so unergründlich war wie sein Blick. „Solange Ihr mit Anmut und Leidenschaft um sie werbt, welche Frau könnte Eurer Hoheit widerstehen? Lasst Euch nicht von einer Bescheidenheit abschrecken, wie sie einem Mädchen geziemt.“
Diese Worte Guidobaldos hauchten ihm neuen Mut ein. Und niemals mehr konnte er glauben, ihre Kälte sei etwas anderes als ein Schleier, eine Art mädchenhaftes Gewand, hinter dem die Bescheidenheit sie die Neigungen ihres Herzens verbergen hieß. So argumentierend und gestützt auf seine wunderliche Eitelkeit, begab es sich, dass er, je mehr sie ihn mied und auswich, desto mehr die Überzeugung von der Intensität ihrer Zuneigung gewann; je mehr Abscheu sie zeigte, desto mehr Beweise lieferte es ihm für die verzehrende Art ihrer Leidenschaft. Am Ende ging er sogar so weit, ihr dieses mädchenhafte Gebaren zu beklatschen und zu schätzen.
Es gab Jagdgesellschaften, Falkenjagden, Bootsfahrten, Bankette, Komödien, Bälle und Gelage jeder Art, und eine Woche lang lief in Urbino alles bestens. Dann, so plötzlich, als wäre eine Kanone auf den Palast abgefeuert worden, wurden die Festlichkeiten unterbrochen. Die Nachricht, dass ein Gesandter von Caesar Borgia mit einer Botschaft seines Herrn in Babbiano sei, wirkte wie eine kalte Dusche auf Gian Maria. Sie wurde ihm in einem Brief von Fabrizio da Lodi überbracht, der ihn inständig bat, unverzüglich zurückzukehren, um mit diesem Bevollmächtigten Valentinos zu verhandeln.
Nicht länger ignorierte er die Gefahr, die ihm von dem alles erobernden Borgia drohte, nicht länger hielt er den Grund für die Furcht, den seine Berater angaben, für übertrieben. Diese plötzliche Anwesenheit von Valentinos Boten, noch dazu zu einer Zeit, in der es fast schien, als hätte die bevorstehende Verbindung mit Urbino den Borgia angespornt, zu handeln, bevor das Bündnis geschlossen war, erfüllte ihn mit Besorgnis.
In einem der fürstlichen Gemächer, die man ihm während seines Besuchs in Urbino zur Verfügung gestellt hatte, erörterte er die tragische Nachricht mit den beiden Adligen, die ihn begleitet hatten – Alvaro de Alvari und Gismondo Santi – und beide drängten ihn, während sie ihn anwiesen, dem Rat von Lodi zu folgen und sofort zurückzukehren, auch dazu, seine Verlobung noch vor seiner Abreise festzulegen.
„Bringen Sie die Angelegenheit sofort zum Abschluss, Eure Hoheit“, sagte Santi, „und so werden Sie gut gerüstet nach Babbiano zurückkehren, um dem Gesandten des Duca Valentino entgegenzutreten.“
Gian Maria nahm diesen Rat bereitwillig an, machte sich auf die Suche nach Guidobaldo und legte ihm seine Vorschläge dar, zusammen mit der Nachricht, die eingetroffen war und die Ursache für die Eile war, die er nun an den Tag legte. Guidobaldo hörte ernst zu. Auf seine Weise betraf ihn die Nachricht ebenso, denn er fürchtete die Macht von Caesar Borgia so sehr wie jeder andere Mann in Italien, und er war daher umso bereiter, ein Bündnis zu beschleunigen, das einen weiteren der benachbarten Staaten in die mächtige Koalition bringen würde, die er gerade formte.
„Es soll so sein, wie Ihr wünscht“, antwortete ihm der gnädige Herr von Urbino, „und die Verlobung soll heute verkündet werden, sodass Ihr die Nachricht dem Gesandten Valentinos überbringen könnt. Wenn Ihr diesen Gesandten angehört habt, gebt ihm eine Antwort voll Trotz oder Vorsicht, wie es Euch beliebt. Dann kehrt in zehn Tagen nach Urbino zurück, und alles wird für die Vermählung bereit sein. Aber geht zuallererst und sagt es Monna Valentina.“
Im Vertrauen auf seinen Erfolg gehorchte Gian Maria seinem Gastgeber und machte sich auf die Suche nach der Dame. Er erreichte ihr Vorzimmer und entsandte von dort einen müßiggehenden Pagen, um sie um die Ehre einer Audienz zu bitten.
Als der Jüngling durch die Tür ging, die in das dahinterliegende Zimmer führte, vernahm Gian Maria für einen Moment den Klang einer exquisiten männlichen Stimme, die zur Begleitung einer Laute ein Liebeslied sang.
„Una donna più bella assai che 'l sole...“
kamen die Worte von Petrarca, und er hörte sie noch, wenn auch gedämpft, für ein oder zwei Augenblicke, nachdem der Junge gegangen war. Dann verstummte sie abrupt, und eine Pause folgte, an deren Ende der Page zurückkehrte. Er hob den Türvorhang aus Blau und Gold und lud Gian Maria ein, einzutreten.
Es war ein Raum, der beredt von dem Reichtum und der Verfeinerung Montefeltros sprach, von der Vergoldung und dem Ultramarin der gewölbten Decke mit ihrem geschnitzten Fries aus kunstvoll eingelegtem Holz bis hin zu den unbezahlbaren Wandteppichen darunter. Über einem purpurnen Betpult hing ein silbernes Kruzifix, die exquisite Arbeit des berühmten Anichino aus Ferrara. Dort stand ein eingelegtes Kabinett, gekrönt von einem Kristallspiegel und einigen Wundern aus Murano-Glas. Es gab ein Gemälde von Mantegna, einige kostbare Kameen und feine Emaillen, eine Fülle von Büchern, ein Hackbrett, das ein blondhaariger Page mit forschenden Augen untersuchte, und an einem Fenster zur Rechten stand eine sehr schöne Harfe, die Guidobaldo seiner Nichte in Venedig gekauft hatte.
In diesem auserlesenen Gemach fand der Herzog Valentina, umgeben von ihren Damen, Peppe dem Narren, ein paar Pagen und einem halben Dutzend Edelleuten vom Hofe ihres Onkels. Einer von diesen – eben jener Gonzaga, der sie aus dem Kloster Santa Sofia eskortiert hatte – saß, prächtig in weißem Taby gekleidet, sein Rock und Wams reich mit Gold verziert, auf einem niedrigen Schemel und spielte müßig mit der Laute in seinem Schoß, woraus Gian Maria schloss, dass dies die Stimme gewesen war, die ihn im Vorzimmer erreicht hatte.
Beim Erscheinen des Herzogs erhoben sie sich alle, außer Valentina, und empfingen ihn mit einer Zeremonie, die seinen Eifer etwas abkühlte. Er trat vor, hielt dann unbeholfen inne und brachte auf plumpe Weise die Bitte vor, sie allein sprechen zu dürfen. Auf müde, geduldige Weise entließ sie ihren Hofstaat, und Gian Maria blieb stehen, bis der Letzte von ihnen durch die hohen Fenster hinausgetreten war, die auf eine reizvolle Terrasse führten, wo inmitten eines grünen Platzes ein Marmorbrunnen im Sonnenlicht blitzte und schimmerte.
„Gnädige Frau“, sagte er, als sie endlich allein waren, „ich habe Nachrichten aus Babbiano, die meine sofortige Rückkehr erfordern.“ Und er trat einen weiteren Schritt auf sie zu.
Wahrlich, er war ein stumpfsinniger Kerl oder aber zu sehr von Eitelkeit geblendet, um das plötzliche Funkeln in ihrem Auge, den plötzlichen, unverkennbaren Ausdruck der Erleichterung, der sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, richtig zu deuten.
„Mein Herr“, antwortete sie mit leiser, gefasster Stimme, „wir werden Euren Abschied bedauern.“
Törichter Herzog, der er war! Blinder, krasser und eitelster aller Freier! War er an Höfen aufgewachsen und seine Ohren an Worte gewöhnt, die nichts bedeuteten, die nur leere Echos dessen waren, was gemeint sein sollte; war er so neu im Umgang mit Höflichkeiten, an denen das Herz keinen Anteil hatte, dass diese Worte Valentinas ihn zwingen mussten, vor ihr auf die Knie zu fallen, ihre zierlichen Finger in seine fetten Hände zu nehmen und sich in einen bäuerischen Liebhaber der abscheulichsten Art zu verwandeln?
„Werdet Ihr das?“, lispelte er, während sein Blick gewaltig verlangend wurde. „Werdet Ihr tatsächlich trauern?“
Sie erhob sich abrupt.
„Ich bitte Eure Hoheit aufzustehen“, gebot sie ihm kalt, eine Kälte, die schnell in Alarm umschlug, als sich ihre Bemühungen, ihre Hand zu befreien, als vergeblich erwiesen. Denn trotz ihrer Gegenwehr hielt er fest. Das war bloße Ziererei, versicherte er sich, bloßes mädchenhaftes Kunststück, das er erdulden müsse, bis er es für alle Zeit überwunden hätte.
„Mein Herr, ich beschwöre Euch!“, fuhr sie fort. „Bedenkt, wo Ihr seid – wer Ihr seid.“
„Hier werde ich bleiben bis zum Jüngsten Gericht“, antwortete er mit einer seltsamen Mischung aus Humor, Leidenschaft und Wildheit, „es sei denn, Ihr willigt ein, mir zuzuhören.“
„Ich bin bereit zuzuhören, mein Herr“, antwortete sie, ohne einen Abscheu zu verhehlen, für den ihm der Verstand fehlte, ihn zu sehen. „Doch es ist nicht nötig, dass Ihr meine Hand haltet, noch schickt es sich, dass Ihr kniet.“
„Nicht schicklich?“, rief er aus. „Gnädige Frau, Ihr versteht mich nicht recht. Schickt es sich nicht, dass wir alle – seien wir Fürsten oder Vasallen – manchmal knien?“
„Bei Euren Gebeten, mein Herr, ja, das ist schicklich.“
„Und ist ein Mann nicht beim Gebet, wenn er wirbt? Welchen schicklicheren Schrein in der ganzen Welt gibt es als die Füße seiner Angebeteten?“
„Lasst mich los“, befahl sie, während sie sich weiterhin wand. „Eure Hoheit werdet lästig und lächerlich.“
„Lächerlich?“
Sein großer, sinnlicher Mund fiel offen. Seine weißen Wangen bekamen Flecken, und seine kleinen Augen blickten mit einem gewaltig bösen Schimmer in ihrem grausamen Blau auf. Einen Moment blieb er so, dann erhob er sich. Er ließ ihre Hände los, wie sie es von ihm gefordert hatte, aber er packte stattdessen ihre Arme, was noch schlimmer war.
„Valentina“, sagte er mit einer Stimme, die weit davon entfernt war, fest zu sein, „warum behandelt Ihr mich so unfreundlich?“
„Aber das tue ich doch gar nicht“, protestierte sie müde und wich mit einem Schaudern vor dem weißen Gesicht zurück, das so nah an ihrem eigenen war und sie mit einem Abscheu erfüllte, den sie nicht unterdrücken konnte. „Ich möchte nicht, dass Eure Hoheit töricht erscheint, und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie...“
„Könnt Ihr Euch vorstellen, wie tief, wie leidenschaftlich ich Euch liebe?“, unterbrach er sie, während sein Griff fester wurde.
„Mein Herr, Ihr verletzt mich!“
„Und verletzt Ihr mich nicht?“, knurrte er. „Was ist ein eingequetschter Arm im Vergleich zu solchen Wunden, die mir Eure Augen zufügen? Seid Ihr nicht...“
Sie hatte sich aus seinem Griff gewunden, und mit einem Sprung hatte sie die Fenstertür erreicht, durch die ihre Begleiter gegangen waren.
„Valentina!“, rief er, als er ihr nachsprang, und es klang eher wie das Knurren eines Tieres als wie der Schrei eines Liebhabers. Er erwischte sie und schleifte sie mit wenig Zeremonie zurück in den Raum.
Bei diesem Anblick stiegen ihr latenter Abscheu, ihre Verachtung und Entrüstung in ihr auf. Noch nie hatte sie davon gehört, dass eine Frau ihres Ranges auf diese Weise behandelt wurde. Sie verabscheute ihn, doch sie hatte ihm die Demütigung erspart, es aus ihrem Munde zu hören, in der Absicht, mit ihrem Onkel für ihre Freiheit zu kämpfen. Doch nun, da er sie anfasste, als wäre sie ein Dienstmädchen; da er anscheinend nichts von der Ehrerbietung wusste, die ihr gebührte, nichts von der Feinheit wohlgeborener und gut erzogener Leute, würde sie sein abscheuliches Werben nicht länger dulden. Da er es vorzog, sein Werben wie ein Clown zu betreiben, versprach sich die temperamentvolle Tochter Urbinos, auf gleiche Weise mit ihm zu verfahren.
Sie schwang sich ein zweites Mal aus seinem Griff und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige auf die herzogliche Wange, die ihn – da sie ihn so sehr überraschte – fast zu Boden schickte.
„Madonna!“, keuchte er. „Diese Unverschämtheit gegen mich!“
„Und welche Unverschämtheiten habe ich nicht durch Eure Hände erlitten?“, entgegnete sie mit einer Heftigkeit des Blickes, vor der er zurückwich. Und als sie nun vor ihm aufragte, eine wunderschöne Verkörperung des Zorns, wusste er nicht, ob er sie mehr liebte, als er sie fürchtete, doch der Wunsch, sie zu besitzen und zu zähmen, war stark in ihm.
„Bin ich eine Bagage Eurer Lager“, fragte sie wütend, „um von Euch so angefasst zu werden? Vergesst Ihr, dass ich die Nichte von Guidobaldos bin, eine Dame aus dem Hause Rovere, und dass ich von der Wiege an nichts als den Respekt aller Männer gekannt habe, mögen sie auch noch so hoch geboren sein? Dass ich durch meine Geburt ein Recht darauf habe? Muss ich Euch in klaren Worten sagen, mein Herr, dass Eure Manieren, obwohl Ihr für einen Thron geboren seid, die eines Stallknechts sind? Und muss ich Euch, bevor Ihr es begreift, sagen, dass kein Mann, dem ich nicht mit meinen eigenen Lippen das Recht dazu gegeben habe, seine Hände auf mich legen soll, wie Ihr es getan habt?“
Ihre Augen blitzten, ihre Stimme stieg an, und höher tobte der Sturm; und Gian Maria wurde so davon hin- und hergeworfen und erschüttert, dass er nur demütig um Verzeihung bitten konnte.
„Was soll es bedeuten, dass ich ein Herzog bin“, flehte er zaghaft, „da ich ein Liebender geworden bin? Was ist ein Herzog dann? Er ist nur ein Mensch, und wie der geringste seiner Untertanen muss seine Liebe Ausdruck finden. Denn was weiß die Liebe schon von Rang?“
Sie bewegte sich wieder auf das Fenster zu, und obwohl er es nicht wagte, sie ein zweites Mal mit Gewalt aufzuhalten, versuchte er es mit Worten.
„Madonna“, rief er aus, „ich beschwöre Euch, hört mich an. In einer Stunde werde ich im Sattel sitzen, auf dem Weg nach Babbiano.“
„Das, mein Herr“, antwortete sie ihm, „ist die beste Nachricht, die ich seit Eurer Ankunft gehört habe.“ Und ohne auf seine Antwort zu warten, trat sie durch das offene Fenster auf die Terrasse.
Für eine Sekunde zögerte er, ein Gefühl von wütender Demütigung bedrückte seinen Verstand. Dann begann er, ihr zu folgen; doch als er das Fenster erreichte, stand plötzlich die kleine, bucklige Gestalt von Ser Peppe mit einem Klingen von Glocken vor ihm, und ein spöttisches Grinsen erleuchtete sein Gesicht.
„Aus dem Weg, Narr“, knurrte der wütende Herzog. Doch die seltsame Gestalt in ihrem Narrenkostüm aus Rot und Schwarz blieb, wo sie stand.
„Wenn es Madonna Valentina ist, die Ihr sucht“, sagte er, „dann schaut sie Euch dort drüben an.“
Und Gian Maria, der dem Hinweis von Peppes magerem Finger folgte, sah, dass sie sich wieder ihren Damen angeschlossen hatte und dass somit seine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, vorbei war. Er wandte dem Narren den Rücken zu und bewegte sich schwerfällig auf die Tür zu, durch die er ursprünglich den Raum betreten hatte. Es wäre gut für Ser Peppe gewesen, hätte er ihn gehen lassen. Doch der Narr, der seine Herrin zärtlich liebte und viele der Instinkte eines treuen Hundes besaß, liebte, wo sie liebte, und hasste, wo sie hasste, konnte das Verlangen nicht unterdrücken, dem weichenden Gestalt einen Hohnruf nachzuschicken und dem ohnehin schon verwundeten Geist eine weitere Wunde zuzufügen.
„Ihr findet es einen harten Weg zum Herzen der Madonna, Magnifizenz“, rief er ihm nach. „Wo Eure Weisheit blind ist, lasst Euch von den scharfen Augen der Torheit helfen.“
Der Herzog blieb stehen. Ein würdigerer Mann hätte diese tückische Zunge unbeachtet gelassen. Doch Würde und Gian Maria waren Fremde. Er wandte sich um und beäugte die Gestalt, die ihm nun in den Raum folgte.
„Ihr habt Wissen zu verkaufen“, vermutete er verächtlich.
„Wissen habe ich – einen riesigen Vorrat – aber keines zu verkaufen, Herr Herzog. Solches, das Euch betrifft, werde ich Euch schenken, wenn Ihr mich fragt, für nichts weiter als die Freude, Euch lächeln zu sehen.“
„Sprecht weiter“, befahl ihm der Herzog, ohne die Grimmigkeit zu mildern, die sein schlaffes Gesicht straffte.
Peppe verneigte sich.
„Es wäre eine leichte Sache, Hochwohlgeboren, die Liebe der Madonna zu gewinnen, wenn...“ Er hielt dramatisch inne.
„Ja, ja. E dunque! Wenn...?“
„Wenn Ihr das edle Gesicht, die prächtige Größe, die wohlgeformten Glieder, die höfische Rede und das fürstliche Gebaren eines Mannes hättet, von dem ich weiß.“
„Verspottet Ihr mich?“, fragte der Herzog ungläubig.
„Ach nein, Hoheit! Ich sage Euch nur, wie es möglich wäre, dass meine Herrin Euch lieben könnte. Hättet Ihr jene glorreichen Eigenschaften desjenigen, von dem ich spreche und von dem sie träumt, könnte es leicht sein. Aber da Gott Euch so geschaffen hat, wie Ihr seid – grob im Gesicht, fett und gedrungen von Gestalt, bäuerisch von...“
Mit einem Gebrüll war der wütende Herzog über ihn hergefallen. Doch der Narr, der so flink auf den Beinen wie auf der Zunge war, entzog sich dem bösartigen Griff dieser fetten Hände und sprang durch das Fenster, um zum Schutz unter die Röcke seiner Herrin zu laufen.
KAPITEL VII. GONZAGA DER HINTERLISTIGE
Wohl wäre es für Ser Peppe gewesen, hätte er seine boshafte Laune gezügelt und die spöttische Rede unterdrückt, die wie Essig in Gian Marias Wunden gewirkt hatte. Denn wenn Gian Maria schmerzerfüllt war, pflegte er nachtragend zu sein, und bei der gegenwärtigen Gelegenheit war er gar noch etwas mehr.
In ihm blieb die Erinnerung an die Worte des Narren und die Andeutung, dass im Herzen Valentinas das Bild eines anderen Mannes geformt sei. Da er sie nun auf seine eigene grobe Art liebte und wie er Liebe verstand, wurde der zurückgewiesene Herzog vor Eifersucht auf diesen anderen, von dessen Existenz Peppe angedeutet hatte, rasend. Dieser Unbekannte stand auf seinem Weg zu Valentina, und um diesen Weg frei zu machen, kam Gian Maria der Gedanke, dass die einfachste Methode sei, das Hindernis zu beseitigen. Doch zuerst musste er es entdecken, und dazu, so dachte er mit einem grimmigen Lächeln, könnte ihm der Narr – ob er wollte oder nicht – helfen.
Er kehrte in seine eigenen Gemächer zurück, und während die Vorbereitungen für seine Abreise im Gange waren, befahl er Alvaro, Martin Armstadt – den Hauptmann seiner Garde – zu rufen. Diesem gegenüber waren seine Befehle kurz und geheim.
„Nehmt vier Männer“, befahl er ihm, „und bleibt in Urbino, nachdem ich gegangen bin. Entdeckt die Aufenthaltsorte des Narren Peppe. Greift ihn auf und bringt ihn mir nach. Seht zu, dass Ihr es gewissenhaft tut, und lasst keinen Verdacht auf Eure Aufgabe aufkommen.“
Der Bravo – er war, trotz der Tatsache, dass er die Garde des Herzogs von Babbiano befehligte, kaum besser – verneigte sich und antwortete mit seiner fremden, kehhligen Stimme, dass Seiner Hoheit gehorcht werden solle.
Hernach machte Gian Maria Anstalten zu gehen. Er nahm Abschied von Guidobaldo, versprach, innerhalb weniger Tage zur Vermählung zurückzukehren, und hinterließ bei seinem Gastgeber den Eindruck, seine Unterredung mit Valentina sei ganz anders verlaufen, als es der Fall war.
Es war Valentina selbst, von der Guidobaldo nach Gian Marias Abreise die wahre Natur dieser Unterredung erfahren sollte, und was sich zwischen seiner Nichte und seinem Gast zugetragen hatte. Sie suchte ihn in seinem Kabinett auf, wohin er sich zurückgezogen hatte, getrieben von dem Dämon der Gicht, der bereits seinen Körper bewohnte und ihn zuweilen dazu drängte, sich von seinem Hofstaat zu isolieren. Sie fand ihn auf einer Liege ruhend, während er in einem Band der Prosawerke des Piccinino Zerstreuung suchte. Er war ein stattlicher Mann von ausgezeichneter Gestalt, kaum dreißig Jahre alt. Sein Gesicht war bleich, um seine Augen lagen dunkle Schatten und um seinen festen Mund zogen sich Schmerzfalten.
Bei ihrem Erscheinen setzte er sich auf, legte sein Buch auf den Tisch neben sich und hörte sich ihre wütenden Klagen an.
Zunächst neigte der höfische Montefeltro dazu, über die Grobheit, mit der Gian Maria sich verhalten hatte, in Zorn zu geraten. Doch alsbald lächelte er.
„Wenn alles gesagt ist, sehe ich darin keinen großen Grund zur Entrüstung“, versicherte er ihr. „Ich erkenne an, dass es an der Förmlichkeit fehlen mag, die den Annäherungsversuchen eines Mannes in der Stellung des Herzogs gegenüber einer Dame in der deinen gebühren sollte. Aber da er dich ehelichen wird, und zwar bald, warum ergrimmst du darüber, dass er um dich wirbt wie jeder andere Mann auch?“
„Dann habe ich vergeblich gesprochen“, antwortete sie trotzig, „und werde missverstanden. Ich habe nicht die Absicht, diesen herzoglichen Klotz zu heiraten, den du zu meinem Ehemann erkoren hast.“
Guidobaldo starrte sie mit erhobenen Brauen und Verwunderung in seinen feinen Augen an. Dann zuckte er ein wenig müde mit den Schultern. Dieser stattliche und wohlgelittene Guidobaldo war sehr ein Fürst, so sehr auf fürstliche Sitten gedrillt, dass er manchmal vergaß, dass er ein Mensch war.
„Wir vergeben vieles der Ungestümheit der Jugend“, sagte er sehr kühl. „Doch es gibt Grenzen für die Geduld eines jeden von uns. Als dein Onkel und dein Fürst fordere ich eine doppelte Pflicht von dir, und du schuldest meinen Wünschen eine doppelte Treue. Kraft meiner zweifachen Autorität habe ich dir befohlen, Gian Maria zu ehelichen.“
Die Prinzessin in ihr war gänzlich vergessen, und es war nur die Frau, die ihm mit einer Stimme des Protests antwortete:
„Aber, Hoheit, ich liebe ihn nicht.“
Ein Schatten von Ungeduld huschte über sein hohes Gesicht.
„Ich entsinne mich nicht“, antwortete er müde, „dass ich deine Tante geliebt hätte. Dennoch wurden wir vermählt, und durch die Gewohnheit lernten wir, einander zu lieben und miteinander glücklich zu sein.“
„Ich kann verstehen, dass Monna Elizabetta dazu gekommen ist, dich zu lieben“, erwiderte sie. „Du bist nicht wie Gian Maria. Du warst nicht dick und hässlich, dumm und grausam, wie er es ist.“
Es war ein Appell, der durch den allzeit bereiten Kanal seiner Eitelkeit den Weg zum Herzen eines Mannes hätte finden können. Doch bei Guidobaldo war dies nicht der Fall. Er schüttelte nur den Kopf.
„Die Angelegenheit ist keine, über die ich streiten werde. Es wäre unser beider unwürdig. Fürsten, mein Kind, sind nicht wie gewöhnliche Leute.“
„Worin unterscheiden sie sich?“, fuhr sie ihn an. „Hungern und dürsten sie nicht wie gewöhnliche Leute? Sind sie nicht denselben Gebrechen unterworfen; erleben sie nicht dieselben Freuden? Werden sie nicht geboren, und sterben sie nicht, genau wie gewöhnliche Leute? Worin liegt dann dieser Unterschied, der es ihnen verbietet, sich wie gewöhnliche Leute zu paaren?“
Guidobaldo warf die Arme zum Himmel, seine Augen voll einer Bestürzung, der es offensichtlich an Worten fehlte. Die Heftigkeit seiner Geste entlockte ihm ein Keuchen vor Schmerz. Als er es schließlich gemeistert hatte:
„Sie sind verschieden“, sagte er, „insofern, als ihr Leben nicht ihr eigenes ist, über das sie nach Belieben verfügen können. Sie gehören dem Staat, zu dessen Regierung sie geboren wurden, und in nichts anderem ist dies von so großer Bedeutung wie bei ihrer Paarung. Es geziemt ihnen, solche Verbindungen einzugehen, die dem Vorteil ihres Volkes gereichen.“ Ein Kopfschütteln ihres kastanienbraunen Hauptes war Valentinas Einwurf, doch ihr Onkel fuhr unerbittlich in seinen kalten, förmlichen Tönen fort – Tönen, wie in denen er eine Versammlung seiner Hauptleute hätte ansprechen können:
„Im gegenwärtigen Fall werden wir – Babbiano und Urbino – von einem gemeinsamen Feind bedroht. Und während wir getrennt sind, könnte keiner von uns ihm standhalten; vereint werden wir uns zu seinem Sturz verbünden. Deshalb ist dieses Bündnis notwendig – unerlässlich.“
„Ich begreife die Notwendigkeit nicht“, antwortete sie mit einer Stimme, die Trotz atmete. „Wenn ein solches Bündnis, von dem du sprichst, wünschenswert ist, warum kann es nicht rein politischer Natur sein – wie zum Beispiel dasjenige, das Perugia und Camerino jetzt an dich bindet? Was für eine Notwendigkeit besteht, mich ins Spiel zu bringen?“
„Ein wenig Geschichtskenntnis würde dir eine Antwort geben. Solche politischen Bündnisse werden täglich geschlossen und täglich gebrochen, wenn sich an anderer Stelle mehr Gewinn bietet. Aber durch eine Ehe zementiert, wird das Band, während es politisch bleibt, auch eines des Blutes. Im Falle von Urbino und Babbiano kommt zudem in Betracht, dass ich keinen Sohn habe. Es könnte wohl sein, Valentina“, fuhr er mit einer berechnenden Kälte fort, die sie anwiderte, „dass ein Sohn von dir die beiden Herzogtümer noch stärker verbinden würde. Mit der Zeit könnten beide unter ihm zu einer großen Macht vereint werden, die erfolgreich mit jeder in Italien wetteifern könnte. Nun verlass mich, Kind. Wie du siehst, leide ich, und wenn es so um mich steht und dieser böse Tyrann mich in seinen Klauen hält, ziehe ich es vor, allein zu sein.“
Es gab eine Pause, und während seine Augen auf ihren lagen, waren ihre auf dem Boden, um seinem Blick auszuweichen. Ein Stirnrunzeln entstellte ihre weiße Stirn, ihre Lippen waren zusammengepresst und ihre Hände geballt. Mitleid mit seinen körperlichen Leiden kämpfte eine Weile mit Mitleid für ihre eigene seelische Qual. Schließlich warf sie ihren schönen Kopf zurück, und die Art dieser Bewegung war instinktiv von Aufsässigkeit durchdrungen.
„Es betrübt mich, Hoheit in einer solchen Zeit zu belästigen“, versicherte sie ihm, „doch ich muss um Nachsicht bitten. Diese Dinge mögen so sein, wie du sagst. Deine Pläne mögen die edelsten sein, die je erdacht wurden, da zu ihrer Vollendung das Opfer deines eigenen Fleisches und Blutes – in der Person deiner Nichte – gehören würde. Aber ich werde keinen Teil daran haben. Es mag sein, dass mir ein solcher Adel der Seele fehlt; es mag sein, dass ich des hohen Standes, in den ich geboren wurde, gänzlich unwürdig bin, ohne eigenes Verschulden. Und daher, mein Herr“, schloss sie, wobei ihre Stimme, ihr Gesicht und ihre Geste all ihren Worten eine unwiderrufliche Endgültigkeit verliehen, „werde ich diesen Herzog von Babbiano nicht heiraten – nein, nicht um Bündnisse mit hundert Herzogtümern zu zementieren.“
„Valentina!“, rief er aus, aus seiner gewohnten Ruhe gerissen. „Vergisst du, dass du meine Nichte bist?“
„Da du es anscheinend vergessen hast.“
„Diese weibischen Launen…“, begann er, als sie ihn unterbrach.
„Vielleicht dienen sie dazu, dich daran zu erinnern, dass ich eine Frau bin, und vielleicht, wenn du dich daran erinnerst, magst du bedenken, wie sehr es in der Natur der Sache liegt, dass ich, da ich eine Frau bin, mich weigere, aus – aus politischen Gründen zu heiraten.“
„In deine Gemächer“, befahl er, nun völlig erregt. „Und auf Knien erflehe die Gnade des Himmels, die dir hilft, deine Pflicht zu erkennen, da kein Wort von mir Gehör findet.“
„Oh, dass die Herzogin aus Mantua zurückgekehrt wäre“, seufzte sie. „Die gute Monna Elizabetta könnte dich vielleicht zu etwas Mitleid erweichen.“
„Monna Elizabetta ist selbst zu pflichtbewusst, als dass sie etwas anderes tun würde, als dich zur Pflichterfüllung zu drängen. Nun, Kind“, fügte er in einem schmeichlerischen Ton hinzu, „lege diese ungehorsame Stimmung ab, die dir unähnlich ist und dir schlecht ansteht. Du sollst mit einer Pracht und Herrlichkeit vermählt werden, die jede Prinzessin in Italien vor Neid erblassen lässt. Deine Mitgift ist auf fünfzigtausend Dukaten festgesetzt, und Giuliano della Rovere soll den Segen sprechen. Ich habe bereits Befehle nach Ferrara gesandt, an den unvergleichlichen Anichino, für den majestätsgleichen Gürtel; ich werde nach Venedig senden für Blattgold und…“
„Aber hörst du mich nicht, dass ich nicht heiraten werde?“, unterbrach sie ihn mit leidenschaftlicher Ruhe, ihr Gesicht weiß, ihre Brust bebend.
Er stand auf, stützte sich schwer auf einen Stock mit goldenem Knauf und sah sie einen Moment schweigend an, die Brauen zusammengezogen. Dann:
„Deine Verlobung mit Gian Maria ist verkündet“, kündigte er mit einer Stimme an, die vor Endgültigkeit kalt war. „Ich habe dem Herzog mein Wort gegeben, und deine Hochzeit soll stattfinden, sobald er zurückkehrt. Geh nun. Solche Szenen wie diese sind für einen kranken Mann ermüdend, und sie sind unwürdig.“
„Aber, Hoheit“, begann sie, wobei ein flehender Ton nun die Stelle einnahm, die zuvor vom Trotz gehalten wurde.
„Geh!“, flammte er auf, stampfte mit dem Fuß auf, und dann, um seine Würde zu wahren – denn er fürchtete, dass sie noch verweilen könnte –, drehte er sich selbst auf dem Absatz um und verließ den Raum.
Auf sich allein gestellt, stand sie einen Moment da, ließ ein Seufzen entweichen und wischte sich eine wütende Träne aus ihren braunen Augen. Dann, mit einer plötzlichen Bewegung, die eine Unterdrückung ihrer Stimmung zu implizieren schien, ging sie zu der Tür, durch die sie eingetreten war, und verließ die Kammer.
Sie ging die lange Galerie hinunter, deren Wände mit den neuen Fresken aus dem wunderwirkenden Pinsel von Andrea Mantegna leuchteten; sie durchquerte ihr Vorzimmer und erreichte genau den Raum, in dem sie vor einigen Stunden die Beleidigung von Gian Marias abscheulichen Annäherungsversuchen erfahren hatte. Sie schritt durch den nun leeren Raum und trat hinaus auf die Terrasse, die die paradiesischen Gärten des Palastes überblickte.
Dicht beim Brunnen stand ein weißer Marmorsitz, über den eine ihrer Frauen früher an diesem Tag einen Umhang aus karmesinrotem Samt geworfen hatte. Dort setzte sie sich nun, um die monströse Situation zu durchdenken, die sie bedrängte. Die Luft war warm und balsamisch und schwer vom Duft der Blumen aus dem Garten unter ihr. Das Plätschern des Brunnens schien sie zu beruhigen, und für eine kleine Weile ruhten ihre Augen auf diesem glitzernden Wasser, das hoch in einer kristallenen Säule aufstieg, dann brach und als ein Schauer glitzernder Juwelen in das breite Marmorbecken fiel. Dann, als ihre Augen müde wurden, schweiften sie zur Marmorbalustrade, auf der ein Pfau mit überheblichem Stolz schritt; sie wanderten weiter zu den Gärten unter ihr, fröhlich mit frühen Blüten, in ihren stattlichen Rahmen aus hohen Buchsbaumhecken und flankiert von Myrten und hohen Zypressen, die hager und schwarz vor dem tiefen Safran des Abendhimmels standen.
Abgesehen vom Plätschern des Brunnens und dem gelegentlichen rauen Schrei des Pfaus war alles in Frieden, wie im Kontrast zu dem Aufruhr, der in Valentinas Seele tobte. Dann durchbrach ein anderes Geräusch die Stille – ein sanfter Schritt, der den Kies des Weges knirschen ließ. Sie wandte sich um, und hinter ihr stand der prächtige Gonzaga, ein Lächeln, das zugleich Vergnügen und Überraschung auf seinem schönen Gesicht widerspiegelte.
„Allein, Madonna?“, sagte er in Tönen sanften Staunens, während seine Finger leise die Saiten der Laute rührten, die er bei sich trug und ohne die er selten am Hof erschien.
„Wie du siehst“, antwortete sie, und ihr Ton war der Ton einer Person, deren Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt waren.
Ihr Blick wandte sich wieder von ihm ab, und nach einem Augenblick schien es, als hätte sie seine Anwesenheit vergessen, so vertieft wirkte der Ausdruck ihres Gesichts.
Doch Gonzaga war nicht leicht entmutigt. Geduld war die eine Tugend, die Valentina mehr als jede andere Frau – und es hatte viele in seinem jungen Leben gegeben – einer Seele eingeprägt hatte, die im Großen und Ganzen alles andere als tugendhaft war. Er kam einen Schritt näher und lehnte sich leicht gegen die Kante ihres Sitzes, seine wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen, sein anmutiger Körper ein wenig zu ihr geneigt.
„Du bist nachdenklich, Madonna“, murmelte er mit seiner reichen, schmeichelnden Stimme.
„Warum also“, tadelte sie ihn, aber in einem milden Ton, „dringst du in meine Gedanken ein?“
„Weil sie traurige Gedanken zu sein scheinen, Madonna“, antwortete er gewandt, „und ich wäre ein armer Freund, würde ich nicht versuchen, dich aus ihnen herauszureißen.“
„Das bist du, Gonzaga?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen. „Du bist mein Freund?“
Er schien zu beben und sich dann aufzurichten, während über sein Gesicht ein Schatten von etwas huschte, das gut oder schlecht oder beides zugleich gewesen sein mochte. Dann beugte er sich herab, bis sein Kopf dem ihren sehr nahe kam.
„Dein Freund?“, fragte er. „Ach, mehr als dein Freund. Zähle mich zu deinem ergebenen Sklaven, Madonna.“
Sie sah ihn nun an, und in seinem Antlitz sah sie einen Widerschein der Glut, die in seiner Stimme gesprochen hatte. In seinen Augen lag ein Blick von brennender Intensität. Sie zog sich von ihm zurück, und zunächst wertete er es als Zurückweisung, doch auf den Platz deutend, den sie verlassen hatte:
„Setz dich hierher neben mich, Gonzaga“, sagte sie leise, und er, der kaum seinem eigenen Glück traute, dass ihm so viel Gunst erwiesen wurde, gehorchte ihr in einer halb scheuen Art, die in seltsamem Widerspruch zu seinen kurz zuvor geäußerten kühnen Worten stand.
Er lachte leise, vielleicht um die Verlegenheit zu verbergen, die ihn befiel, und seine juwelenbesetzte Kappe fallen lassend, warf er ein weiß behostes Bein über das andere und nahm seine Laute in den Schoß, während seine Finger wieder über die Saiten wanderten.
„Ich habe ein neues Lied, Madonna“, kündigte er mit einer Heiterkeit an, die offensichtlich erzwungen war. „Es ist in Ottava Rima, ein schwaches Echo des unsterblichen Niccolo Correggio, komponiert zu Ehren einer, deren Beschreibung über den Flug menschlichen Gesangs hinausgeht.“
„Dennoch singst du von ihr?“
„Es ist nichts weiter als ein Eingeständnis der Unmöglichkeit, von ihr zu singen. So…“ Und einen Akkord oder zwei anschlagend, begann er mezza voce:
„Quando sorriderán' in ciel Gli occhi tuoi ai santi--“
Sie legte eine Hand auf seinen Arm, um ihn aufzuhalten.
„Nicht jetzt, Gonzaga“, bat sie, „ich bin nicht in der Stimmung für dein Lied, so süß es ohne Zweifel auch sein mag.“
Ein Schatten der Enttäuschung und verletzter Eitelkeit huschte über sein Gesicht. Frauen waren es gewohnt gewesen, seinen Strambotti gierig zuzuhören, gefesselt von der List der Worte und der verführerischen Süße seiner Stimme.
„Ach, schau nie so missmutig“, rief sie und lächelte nun über sein betretenes Aussehen. „Wenn ich jetzt nicht zugehört habe, werde ich es wieder tun. Vergib mir, guter Gonzaga“, bat sie ihn mit einer Süße, der kein Mann hätte widerstehen können. Und dann entwich ein Seufzer ihren Lippen; ein Laut, der wie ein Schluchzen klang, folgte darauf, und ihre Hand schloss sich um seinen Arm.
„Sie brechen mir das Herz, mein Freund. Oh, dass du mich in Frieden im Kloster Santa Sofia gelassen hättest!“
Er wandte sich ihr zu, voll Anteilnahme und Sanftmut, um nach dem Grund ihres Ausbruchs zu fragen.
„Es ist dieses abscheuliche Bündnis, in das sie mich mit diesem Mann aus Babbiano zu zwingen versuchen. Ich habe Guidobaldo gesagt, dass ich diesen Herzog nicht heiraten werde. Aber ebenso gewinnbringend könnte ich dem Schicksal sagen, dass ich nicht sterben werde. Das eine ist ebenso unerbittlich wie das andere.“
Gonzaga seufzte tief vor Mitgefühl, sagte aber nichts.
Hier war ein Kummer, dem er nicht abhelfen konnte, ein Groll, den zu beseitigen er nichts tun konnte. Sie wandte sich mit einer Geste der Ungeduld von ihm ab.
„Du seufzt“, rief sie aus, „und du beklagst die Grausamkeit des Schicksals, das mir bevorsteht. Aber du kannst nichts für mich tun. Du bist nur Worte, Gonzaga. Du kannst dich mehr als mein Freund nennen – mein wahrer Sklave. Doch wenn ich deine Hilfe brauche, was bietest du mir? Einen Seufzer!“
„Madonna, du bist ungerecht“, antwortete er schnell und mit einigem Eifer. „Ich habe nicht geträumt – ich habe es nicht zu träumen gewagt –, dass es meine Hilfe war, die du suchtest. Mein Mitgefühl, so glaubte ich, war alles, wozu du mich einludest, und so, damit ich nicht anmaßend erschiene, war es alles, was ich anbot. Aber wenn du meine Hilfe brauchst; wenn du nach einem Weg suchst, dich diesem Bündnis zu entziehen, das du zu Recht als abscheulich bezeichnest, so sollst du solche Hilfe, wie sie in der Macht eines Mannes liegt, von mir erhalten.“
Er sprach beinahe grimmig und mit einer gewissen düsteren Zuversicht, obwohl sich in seinem Geist noch kein Plan geformt hatte.
Wäre ihm in der Tat ein Kurs klar gewesen, hätte sein Ton vielleicht weniger Zuversicht ausgestrahlt, denn schließlich war er von Natur aus kein Mann der Tat, und sein Charakter war das genaue Gegenteil von tapfer. Dennoch war er ein so ausgezeichneter Schauspieler, dass er sich durch sein Schauspiel selbst täuschte, und bei diesem Vorschlag einiger vager, edler Taten, die er vollbringen würde, fühlte er sich von einem plötzlichen kriegerischen Eifer bewegt und zu allem fähig. Er war auch bewegt von der Leidenschaft, mit der Valentinas Schönheit ihn erfüllte – eine Leidenschaft, die ihn eher zu einem Mann machte, als es der Natur gelungen war.
Dass sie sich nun, in der Stunde ihrer Not, so bereitwillig an ihn um Beistand wandte, akzeptierte er als Beweis dafür, dass sie nicht taub für die Stimme dieser großen Liebe war, die er für sie hegte, von der er aber noch nie ein Zeichen zu zeigen gewagt hatte. Die flüchtige Eifersucht, die er gegenüber jenem verwundeten Ritter gehegt hatte, den sie bei Acquasparta getroffen hatten, wurde durch ihre jetzige Haltung ihm gegenüber beigelegt, da der Ritter selbst vergessen war.
Was Valentina betraf, so hörte sie seiner bereiten Rede und seinem ernsten Ton mit wachsendem Staunen sowohl über ihn als auch über sich selbst zu. Ihre eigenen Worte waren kaum mehr als ein trotziger Ausbruch gewesen. Daran, tatsächlich einen Weg zu finden, den Wünschen ihres Onkels zu entgehen, hatte sie nicht gedacht – es sei denn, es läge darin, ihre Drohung wahrzumachen, den Schleier zu nehmen. Da Gonzaga nun jedoch so tapfer davon sprach, zu tun, was ein Mann tun könne, um ihr zu helfen, sich dieser Ehe zu entziehen, nahm der Gedanke an aktiven Widerstand eine einladende Gestalt an.
Eine zaghafte Hoffnung – eine Hoffnung, die Angst davor hatte, zertrümmert zu werden, bevor sie zu irgendeiner Stärke heranwuchs – spähte nun aus den staunenden Augen, die sie auf ihren Begleiter richtete.
„Gibt es einen Weg, Gonzaga?“, fragte sie nach einer Pause.
Nun, während dieser Pause war sein Verstand sehr beschäftigt gewesen. Als Poet war er mit einem gewissen schnellen Witz gesegnet und ein Mann von sehr bereiter Fantasie. Wie eine Inspiration war ihm eine Idee gekommen; daraus war eine andere entsprungen und noch eine weitere, bis eine Kette von Ereignissen, durch die die Vereitelung der Pläne von Babbiano und Urbino vollbracht werden könnte, vollständig war.
„Ich glaube“, sagte er langsam, die Augen auf den Boden gerichtet, „dass ich einen Weg kenne.“
Ihr Blick war nun eifrig, ihre Lippe zitterte und ihr Gesicht war ein wenig blass. Sie lehnte sich zu ihm.
„Sag es mir“, flehte sie ihn fieberhaft an.
Er stellte seine Laute auf den Sitz neben sich, und seine Augen suchten die Umgebung in besorgter Überprüfung ab.
„Nicht hier“, murmelte er. „Es gibt zu viele Ohren im Palast von Urbino. Beliebt es dir, in den Gärten zu spazieren? Ich werde es dir dort sagen.“
Sie erhoben sich gemeinsam, so bereitwillig war ihre Zustimmung. Sie sahen einander eine Sekunde lang an. Dann, Seite an Seite, schritten sie die breiten Marmorstufen hinunter, die von der Terrasse zu den buchsbaumgesäumten Wegen der Gärten führten. Hier, inmitten der länger werdenden Schatten, schritten sie eine Weile schweigend einher, während Gonzaga nach Worten suchte, um seinen Plan darzulegen. Schließlich, ungeduldig geworden, drängte Valentina ihn mit einer Frage.
„Was ich rate, Madonna“, antwortete er ihr, „ist offener Widerstand.“
„Einen solchen Kurs verfolge ich bereits. Doch wohin wird er mich führen?“
„Ich meine nicht bloßen Widerstand in Worten – bloße Beteuerungen, dass du Gian Maria nicht heiraten wirst. Hör zu, Madonna! Das Schloss von Roccaleone ist dein Eigentum. Es ist vielleicht die stärkste Festung in ganz Italien, heute. Leicht besetzt und gut mit Vorräten versehen, könnte sie eine einjährige Belagerung überstehen.“
Sie wandte sich ihm zu, da sie den Vorschlag in seinem Geist bereits erraten hatte, und obwohl ihre Augen zunächst erschrocken wirkten, entzündeten sie sich alsbald zu einem Licht des Wagemuts, das für ein sehr kühnes Abenteuer Gutes verhieß. Es war ein wild romantischer Einfall, dieser von Gonzaga, eines Dichters feurigem Gehirn würdig, und doch zog er sie durch seine beispiellose Art an.
„Könnte es getan werden?“, fragte sie sich, während ihre Augen in Erwartung einer solchen Tat funkelten.
„Es könnte, wahrlich, es könnte“, antwortete er mit einem Eifer, der dem ihren in nichts nachstand. „Verschanzen Sie sich in Roccaleone und schleudern Sie von dort Urbino und Babbiano den Trotz entgegen; weigern Sie sich, sich zu ergeben, bis sie Ihren Bedingungen zustimmen – dass Sie heiraten sollen, wie es Ihnen beliebt.“
„Und Sie werden mir dabei helfen?“, fragte sie, während ihr Geist – in seiner Unschuld – mehr und mehr zu diesem wahnwitzigen Vorhaben neigte.
„Mit all meiner Kraft und meinem Verstand“, antwortete er bereitwillig und galant. „Ich werde den Ort so verproviantieren, dass er, sollte es die Not erfordern, ein ganzes Jahr lang einer Belagerung standhalten kann, und ich werde Ihnen die Männer beschaffen, um ihn zu armieren – zwanzig sollten, so denke ich, für unsere Bedürfnisse reichlich sein, da wir uns hauptsächlich auf die natürliche Wehrhaftigkeit des Ortes verlassen.“
„Und dann“, sagte sie, „werde ich einen Hauptmann benötigen.“
Gonzaga verneigte sich tief vor ihr.
„Wenn Sie mich mit diesem Amt beehren wollen, Madonna, werde ich Ihnen loyal dienen, solange ich lebe.“
Ein Lächeln zuckte für eine Sekunde auf ihren Lippen, war aber verschwunden, ehe der Höfling sich aus seiner Verbeugung aufgerichtet hatte, denn es lag ihr fern, seinen Geist zu kränken. Doch die Vorstellung dieses parfümierten Gecken in der Rolle eines Hauptmanns, der eine Handvoll rauer Söldner befehligt und die Operationen zur Abwehr einer hartnäckigen Belagerung leitet, berührte sie mit ihrer Lächerlichkeit. Wenn sie es ihm jedoch verweigerte, war es nur allzu wahrscheinlich, dass er sich beleidigt fühlen und sich weigern würde, ihre Pläne voranzutreiben. Es kam ihr – im vollen Vertrauen der Jugend – in den Sinn, dass sie, sollte er sie in der Stunde der Tat im Stich lassen, tapferen Herzens genug sei, sich selbst zu helfen. Und so stimmte sie zu, worauf er sich erneut verneigte, diesmal aus Dankbarkeit. Und dann kam ihr ein plötzlicher Gedanke, und mit ihm das Entsetzen.
„Aber für all dies, Gonzaga – für die Männer und die Verpflegung – wird Geld benötigt.“
„Wenn Sie gestatten, dass sich meine Freundschaft auch darin beweist …“, begann er.
Doch sie unterbrach ihn, plötzlich getroffen von einer Lösung für das Rätsel.
„Nein, nein!“, rief sie. Sein Gesicht fiel ein wenig. Er hatte gehofft, sie in jeder erdenklichen Weise in seine Schuld zu bringen, doch hier hatte sie eine Schranke errichtet. Auf ihrem Haupt trug sie ein Stirnband aus Gold, so reich mit Perlen besetzt, dass es das Lösegeld eines Fürsten wert war. Dies beeilte sie sich nun mit Fingern zu lösen, die vor Aufregung zitterten. „Dort!“, rief sie und hielt es ihm entgegen. „Machen Sie das zu Geld, mein Freund. Es sollte genug Dukaten für dieses Unternehmen einbringen.“
Als Nächstes kam ihr in den Sinn, dass sie nicht allein mit nur Gonzaga und den Männern, die er zu werben gedachte, in jene Burg gehen konnte. Seine Antwort kam mit einer Schnelligkeit, die zeigte, dass er auch dies bedacht hatte.
„Keineswegs“, antwortete er ihr. „Wenn die Zeit gekommen ist, müssen Sie solche Ihrer Damen auswählen – sagen wir drei oder vier –, die geeignet erscheinen und Ihr Vertrauen genießen. Sie können ebenso einen Priester mitnehmen, einen Pagen oder zwei und ein paar Diener.“
So wurde in der Dämmerung, inmitten der Schatten jenes alten italienischen Gartens, der Plan geschmiedet, durch den Valentina der Allianz mit Seiner Hoheit von Babbiano entgehen sollte. Aber es steckte noch mehr darin, auch wenn Valentina nur dies sah. Es war auch ein Plan, durch den sie die Ehefrau von Messer Romeo Gonzaga werden konnte.
Er war ein verbanntes Mitglied jener berühmten Mantuaner Familie, die einige Schurken und einen Heiligen hervorgebracht hat. Mit dem Geld, das ihm eine dörfliche Mutter beim Abschied mitgegeben hatte, spielte er am Hof von Urbino eine tapfere Rolle, wo er aufgrund seiner Verwandtschaft mit Guidobaldos Herzogin, Monna Elizabetta, geduldet wurde. Doch seine Mittel gingen zur Neige, und es geziemte sich für ihn, seine Aufmerksamkeit auf solche Bereiche zu richten, die ihm Profit bringen könnten. Da er kleingemütig war und – da seine Neigungen nicht in diese Richtung gingen – in Waffen nicht ausgebildet, wäre es für ihn vergeblich gewesen, die Laufbahn zu suchen, die für Abenteurer seines Alters üblich war. Doch er war im Herzen ein Abenteurer, und da die Felder des Mars seiner Natur wenig entsprachen, hatte er lange über die Möglichkeiten nachgedacht, die ihm die Listen des Cupid boten. Guidobaldo hatte ihm – rein aus Rücksicht auf Monna Elizabetta – ein hohes Maß an Gunst erwiesen, und daraufhin war er eitel genug gewesen, große Hoffnungen zu gründen – denn Guidobaldo hatte zwei Nichten. Hoch waren diese Hoffnungen gestiegen, als er auserwählt wurde, die reizende Valentina della Rovere vom Kloster Santa Sofia zum Hof ihres Onkels zu eskortieren. Doch in letzter Zeit waren sie verwelkt, seit er erfahren hatte, was die Pläne ihres Onkels für die Zukunft dieser Dame waren. Und nun, durch ihr eigenes Handeln und durch den Plan, in den sie mit ihm eingetreten war, stiegen sie erneut empor.
Guidobaldo zu vereiteln, könnte eine gefährliche Sache sein, und sein Leben könnte den Preis zahlen, falls seine Ränke missglückten – so gütig und barmherzig Guidobaldo auch war. Doch wenn sie Erfolg hatten, und wenn er durch Liebe oder Gewalt Valentina dazu bringen konnte, ihn zu heiraten, war er einigermaßen zuversichtlich, dass Guidobaldo, da er sah, dass die Angelegenheiten zu weit gegangen waren – da Gian Maria sich sicherlich weigern würde, die Witwe Gonzagas zu heiraten –, sie gewähren lassen würde. Zu diesem Zweck konnte kein Plan günstiger sein als der, in den er sie gelockt hatte. Guidobaldo mochte sie in Roccaleone belagern und sie schließlich mit Waffengewalt zur Aufgabe zwingen – ein Umstand jedoch, den er trotz seiner Worte für äußerst fernliegend hielt. Aber wenn er nur Valentina heiraten könnte, bevor sie kapitulierten, glaubte er, wenig Grund zu haben, irgendwelche Konsequenzen von Guidobaldos Zorn zu fürchten. Schließlich war Romeo Gonzaga, was Geburt und Familie betraf, dem Hause von Urbino in keiner Weise unterlegen. Guidobaldo hatte noch eine weitere Nichte, und er mochte mit ihr die gewünschte Allianz mit Babbiano festigen.
Allein in den Gärten des Palastes schritt Gonzaga auf und ab, nachdem die Nacht hereingebrochen war, und mit den Augen zu den Sternen, die den violetten Himmel zu übersäen begannen, lächelte er ein Lächeln listiger Befriedigung. Er dachte daran, wie gut beraten sein Vorschlag gewesen war, einen Priester nach Roccaleone mitzunehmen. Sofern ihn sein prophetischer Sinn nicht tief in die Irre führte, würden sie für diesen Priester Arbeit finden, bevor die Burg übergeben wurde.
KAPITEL VIII. UNTER DEM HEFESATZ DES WEINES
Und so begab es sich, dass, während auf Guidobaldos Befehl die Vorbereitungen für Valentinas Vermählung mit fieberhafter Eile vorangingen – während Maler, Schnitzer und Handwerker in Gold und Silber sich ihren eiligen Aufgaben widmeten; während Boten nach Venedig eilten, um Blattgold und Ultramarin für die Hochzeitstruhen zu holen; während das Brautbett aus Rom und der Streitwagen aus Ferrara herbeigeschafft wurden; während kostbare Stoffe gesammelt und die Hochzeitsgewänder geschneidert wurden – der großartige Romeo Gonzaga seinerseits ebenso fleißig darauf bedacht war, all diese Mühe der Vorbereitung zunichtezumachen.
Am Abend des dritten Tages seiner Verschwörung saß er in dem ihm zugewiesenen Raum im Palast von Urbino und reifte seine Pläne. Und er war mit seinem Selbstgespräch so zufrieden, dass, als er an seinem Fenster saß, ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen lag.
Er ließ seinen Blick die Hänge jener kargen Felswüste hinunter zum Fluss Metauro schweifen, der sich durch fruchtbare Ebenen seinen Weg zum Meer bahnte und hier silbern und dort golden im Abendlicht schimmerte. Nicht ganz so selbstgefällig hätte er gelächelt, wenn er geglaubt hätte, das Unternehmen, auf das er sich einließ, sei von jenem kriegerischen Charakter, den er Valentina gegenüber dargestellt hatte. Es mangelte ihm weder an List noch an Beurteilung der menschlichen Denkweise, und er meinte sehr vernünftig, dass, sobald die Lady Valentina sich in Roccaleone verschanzte und ihrem Onkel Nachricht zukommen ließ, dass sie Gian Maria nicht heiraten und nicht an den Hof von Urbino zurückkehren würde, bis er ihr sein fürstliches Wort gab, dass sie nichts mehr von der Verbindung hören würde, der Herzog der Erste sein würde, der kapitulierte.
Er argumentierte, dass dies nicht sofort geschehen könnte – noch wünschte er es; Botschaften würden hin- und hergehen, und Guidobaldo würde versuchen, seine Nichte mit Schmeicheleien zurückzugewinnen. Dem würde sie widerstehen, und am Ende würde ihr Onkel die Unausweichlichkeit der Situation einsehen und ihren Bedingungen zustimmen, damit sie ein Ende fände. Dass es zu Waffen kommen und Guidobaldo Roccaleone belagern würde, glaubte er keinen Moment – denn welche Art von Gespött würde er sich von den benachbarten Staaten nicht zuziehen? Schlimmstenfalls, selbst wenn es eine Belagerung gäbe, würde sie niemals mit der Strenge gewöhnlicher Kriegführung durchgeführt; es gäbe keine Angriffe, keine Bombardierungen; es wäre eine einfache Einschließung, mit dem Ziel, Ressourcen abzufangen, um die Garnison zum Gehorsam auszuhungern – denn sie würden niemals von einer solchen Verproviantierung träumen, wie Gonzaga sie vorbereitete.
So sprach Gonzaga mit sich selbst, und das Lächeln, das die Mundwinkel seines schwachen Mundes belebte, wurde nachdenklicher. Er träumte an jenem Abend große Träume; er hatte wunderbare Visionen einer zukünftigen fürstlichen Macht, die ihm durch diese Allianz, die er so geschickt einfädelte, zuteilwerden sollte – ein Narr im Paradies der Narren, mit seiner Torheit als einziger Gesellschaft.
Doch trotz allem waren seine Träume wunderbar süß, ihnen nachzuhängen, und seine Visionen wahrlich verlockend zu betrachten. Es gab Pläne zu schmieden und Mittel für die Flucht nach Roccaleone zu ersinnen. Es gab Berechnungen anzustellen; das Abschätzen von Proviant, Waffen und Männern; und sobald diese Berechnungen abgeschlossen waren, galt es, all diese Dinge zu beschaffen. Für den Proviant hatte er bereits gesorgt, während er an Waffen keinen Gedanken zu verschwenden brauchte; Roccaleone sollte gut damit bestückt sein. Aber das Finden der Männer bereitete ihm einige Sorge. Er hatte beschlossen, zwanzig zu werben, was sicherlich die kleinste Zahl war, mit der er einen einigermaßen ernsthaften kriegerischen Schein wahren konnte. Aber selbst wenn die Zahl bescheiden war, wo sollte er zwanzig Kerle finden, die ihr Leben so wenig schätzten, um sich auf ein solches Unternehmen einzulassen – selbst wenn sie mit großzügigem Sold gelockt wurden – und damit den herzoglichen Unmut Guidobaldos auf sich zu ziehen?
Er kleidete sich für einmal in seinem geckenhaften Leben mit nüchterner Strenge und stieg, nachdem die Nacht hereingefallen war, in eine Schenke in einer armen Gasse hinter dem Dom hinab, in der Hoffnung, dort, unter dem Hefesatz des Weines, das zu finden, was er benötigte.
Durch großes Glück stieß er auf einen alten Freibeuter-Hauptmann, der einst eine niedere Art von Condottiero gewesen war, aber durch schlechtes Glück und schlechten Wein arg heruntergekommen war.
Die Schenke war ein schäbiger Ort, ein wahrer Schlupfwinkel, den der zarte Gonzaga nicht ohne ein Zittern betreten hatte, wobei er den Schutz der Heiligen anrief und sich bekreuzigte, bevor er einen Fuß über die Schwelle setzte. Ein paar Stücke Ziegenfleisch wurden auf der Glut in einem großen Kamin am Ende des Raumes, am weitesten von der Tür entfernt, gebraten. Davor hockte Ser Luciano – der Schenk – auf seinen Fersen und fächelte so eifrig, dass eine Aschewolke bis zur Decke aufstieg und sich zusammen mit dem widerwärtigen Rauch im gesamten schmutzigen Raum ausbreitete. Eine Messinglampe schwang von der Decke und schien frei durch diesen Rauch, wie der Mond durch einen Abendnebel scheint. So übel stank es an diesem Ort, dass Gonzaga zunächst versucht war, von dort zu verschwinden. Nur die Überlegung, dass er nirgendwo in Urbino so wahrscheinlich wie hier das finden würde, was er suchte, drängte ihn, seine natürliche Empfindlichkeit zu unterdrücken und zu bleiben. Er rutschte auf etwas Fett aus und bewahrte sich nur knapp davor, sich auf jenem schmutzigen Boden der Länge nach hinzustrecken, was ein hämisches Gelächter eines zerlumpten Riesen hervorrief, der mit Interesse seine zierliche Ankunft beobachtete.
Schwitzend und mit zerrütteten Nerven bahnte sich der Höfling seinen Weg zu einem Tisch an der Wand und setzte sich auf die grobe Tannenbank davor, betend, dass man ihn als deren einzigen Bewohner lassen möge.
An der gegenüberliegenden Wand hingen ein geschwärztes Kruzifix und ein kleines Weihwasserbecken, das seit einer Generation trocken war und nun ein Behälter für Staub und einen verwelkten Zweig Rosmarin bildete. Direkt darunter – in der Gesellschaft eines Paares von Tagedieben, die seiner würdig waren – saß der Riese, der sein Entkommen vor dem Fallen verspottet hatte, und als Gonzaga seinen Platz einnahm, hörte er die Stimme des Kerls, guttural, weingetränkt und streitsüchtig.
„Und dieser Wein, Luciano? Sangue della Madonna! Bringst du ihn, bevor du tot umfällst, Schwein?“
Gonzaga schauderte und hätte sich zum Schutz gegen das, was wie ein wahrhaft fleischgewordener Teufel erschien, erneut bekreuzigt, wäre nicht das blutunterlaufene Auge des Raufbolds in einem steinernen Starren auf ihn gerichtet gewesen.
„Ich komme, Cavaliere, ich komme“, rief der schüchterne Wirt, sprang auf und ließ die Ziege brennen, während er den unstillbaren Durst des Riesen linderte.
Der Titel ließ Gonzaga zusammenzucken, und er wandte seine Augen erneut dem Gesicht des Mannes zu. Er fand, dass es einen schurkischen Ausdruck hatte, entzündet und fleckig; das Haar hing verfilzt um einen Schädel wie eine Kugel, und die Augen starrten wild von beiden Seiten einer knolligen Nase. Von dem ritterlichen Rang, mit dem ihn der Schenk ansprach, trug der Kerl keine äußeren Anzeichen. Waffen trug er zwar; ein Schwert und einen Dolch am Gürtel, während neben ihm auf dem Tisch ein rostiger Stahlhelm stand. Aber diese kriegerischen Werkzeuge dienten nur dazu, ihm das Aussehen eines umherziehenden Masnadiero oder eines gedungenen Meuchelmörders zu verleihen. Nachdem er die Betrachtung Gonzagas aufgegeben hatte, wandte er sich seinen Gefährten zu, und zum Zuhörer hinüber schwebte eine grobe und prahlerische Geschichte über einen plündernden Krieg in Sizilien vor zehn Jahren. Gonzaga wurde aufgeregt. Es schien tatsächlich, als sei dies ein Mann, der ihm nützlich sein könnte. Er täuschte vor, an dem Wein zu nippen, den Luciano ihm gebracht hatte, und lauschte gierig jener Mantel-und-Degen-Geschichte, aus der hervorging, dass dieser Schurke einst besser gestellt gewesen war und etwas von einem Anführer hatte. Aufmerksam lauschte er und fragte sich, ob Männer wie jene, von denen er prahlte, sie in jenem Feldzug geführt zu haben, noch zu finden waren und zusammengebracht werden konnten.
Nach etwa einer halben Stunde standen die zwei Gefährten jenes durstigen Riesen auf und verabschiedeten sich von ihm. Sie warfen einen flüchtigen Blick auf Gonzaga und waren verschwunden.
Eine Weile zögerte er. Der Raufbold schien in eine Träumerei verfallen zu sein oder aber mit offenen Augen zu schlafen. Seinen Mut zusammennehmend, erhob sich der Galan schließlich und bewegte sich durch den Raum. Ganz unerfahren in den Sitten von Schenken war der großartige Gonzaga, und er, der am Hof, im Ballsaal oder im Vorzimmer ein wahrer Spiegel aller Anmut eines Höflings war, fühlte sich hier unbeholfen und unwohl.
Schließlich, seinen Verstand zu Hilfe nehmend:
„Guter Herr“, sagte er mit einiger Schüchternheit, „wollen Sie mir die Ehre erweisen, eine Flasche mit mir zu teilen?“
Das Auge des Raufbolds, das noch vor einem Augenblick leer und melancholisch ausgesehen hatte, belebte sich nun, bis es zu lodern schien. Er hob seine blutunterlaufenen Augen und begegnete kühn Gonzagas unruhigem Blick. Seine Lippen fielen mit einem erwartungsvollen Schmatzen auseinander, sein Rücken straffte sich, und sein Kopf wurde gehoben, bis sein Kinn eine so hochmütige Neigung einnahm, dass Gonzaga fürchtete, seine angebotene Gastfreundschaft stünde kurz davor, eine spöttische Zurückweisung zu erleiden.
„Will ich eine Flasche teilen?“, keuchte der Kerl, als könnte er, da er der Sünder war, der er war und wusste, dass er es war, gehaucht haben: „Will ich in den Himmel kommen? Will ich – will ich …?“ Er hielt inne und kräuselte die Lippen. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, und sein Ausdruck wurde mächtig listig, als er erneut diesen hübschen Kerl musterte, der heruntergekommenen Abenteurern wie ihm Flaschen mit Wein anbot. Er hätte fast gefragt, was im Austausch dafür von ihm verlangt würde, als ihm plötzlich – mit der schurkischen Philosophie, die ihm das Unglück gelehrt hatte – einfiel, dass, wenn ihm gesagt würde, wofür der Wein ihn bestechen sollte, und wenn ihm das Geschäft nicht zusagte, er in dessen Geständnis den Wein verlieren würde; während er, wenn er nur schwieg, bis er getrunken hatte, es danach an ihm läge, sich bezüglich des Geschäfts zu entscheiden, wenn es ihm vorgeschlagen würde.
Er setzte seine rauen Gesichtszüge zu der groben Ähnlichkeit eines Lächelns zusammen.
„Süßer junger Herr“, murmelte er, „süßer, sanfter und erlauchtester Lord, ich würde ein Fass mit einem solchen Edelmann wie Ihnen teilen.“
„Ich habe also zu verstehen, dass Sie trinken werden?“, fragte Gonzaga, der kaum gewusst hatte, was er mit den letzten Worten des Mannes anfangen sollte.
„Körper des Bacchus! Ja. Ich werde mit Ihnen trinken, gentile signorino, bis Ihr Beutel leer ist oder die Welt austrocknet.“ Und er blickte mit einer Mischung aus Spott und Befriedigung.
Gonzaga, immer noch halb unsicher auf seinem Boden, rief den Schenk und befahl ihm, eine Flasche von seinem Besten zu bringen. Während Luciano mit dem Holen des Weines beschäftigt war, lastete Beklemmung auf diesem seltsam ungleichen Paar.
„Es ist eine kühle Nacht“, bemerkte Gonzaga nach einer Weile und setzte sich seinem Raufbold gegenüber.
„Junger Herr, Ihr Verstand hat seine Schärfe verloren. Die Nacht ist warm.“
„Ich sagte“, stotterte Gonzaga, der an Widerspruch von seinen Untergebenen nicht gewöhnt war und sich nun behaupten wollte, „dass die Nacht kühl ist.“
„Dann haben Sie gelogen“, entgegnete der andere mit einem neuen Grinsen, „denn, wie ich Ihnen antwortete, ist die Nacht warm. Piaghe di Cristo! Ich bin ein übler Mann, dem man widerspricht, mein hübscher Galan, und wenn ich sage, die Nacht ist warm, so ist sie warm, selbst wenn auf dem Berg Vesuv Schnee liegt.“
Der Höfling wurde bei diesen Worten rosa, und wäre der Schenk nicht mit dem Wein erschienen, ist es möglich, dass er eine unentschuldbare Unbesonnenheit begangen hätte. Beim Anblick des roten Likörs starb die Wut aus dem Gesicht des Raufbolds.
„Ein langes Leben, ein langer Durst, ein langer Beutel und ein kurzes Gedächtnis!“, war sein Trinkspruch, dessen kryptischer Bedeutung Gonzaga keinen Versuch unternahm, nachzugehen. Als der Kerl seinen Becher absetzte und mit seinem Ärmel die Feuchtigkeit von seinem ungeschorenen Mund wischte: „Darf ich nicht erfahren“, erkundigte er sich, „wessen Gastfreundschaft ich die Ehre habe zu genießen?“
„Haben Sie jemals von Romeo Gonzaga gehört?“
„Von Gonzaga, ja; doch von Romeo Gonzaga niemals. Sind Sie er?“
Gonzaga neigte sein Haupt.
„Eine edle Familie, die Ihre“, entgegnete der Raufbold in einem Tonfall, der andeutete, seine eigene sei ebenso gut. „Lassen Sie mich mich Ihnen vorstellen. Ich bin Ercole Fortemani“, sagte er mit dem stolzen Gebaren eines Mannes, der sich als Kaiser ankündigte.
„Ein furchteinflößender Name“, sagte Gonzaga in Tönen der Überraschung, „und er trägt einen edlen Klang.“
Der große Kerl wandte sich in plötzlicher Wut an ihn.
„Warum dieses Erstaunen?“, wetterte er. „Ich sage Ihnen, mein Name ist sowohl edel als auch furchteinflößend, und Sie werden mich ebenso furchteinflößend finden wie ich edel bin. Diavolo! Erscheint es unglaublich?“
„Habe ich das gesagt?“, protestierte Gonzaga.
„Sie wären jetzt tot, wenn Sie es getan hätten, Messer Gonzaga. Aber Sie dachten es, und ich mag mir erlauben, Ihnen zu zeigen, wie kühn ein Mann sein muss, um das zu denken, ohne zu leiden.“
Aufgeplustert wie ein Truthahn, in seinem Stolz und seiner Eitelkeit verletzt, beeilte sich Ercole, Gonzaga über seine Persönlichkeit aufzuklären.
„Wissen Sie, Herr“, verkündete er, „dass ich Hauptmann Ercole Fortemani bin. Ich bekleidete diesen Rang in der Armee des Papstes. Ich habe den Pisanern und den edlen Baglioni von Perugia mit Ehre und Auszeichnung gedient. Ich habe hundert Lanzen von Gianinonis berühmter Freikompanie kommandiert. Ich habe mit den Franzosen gegen die Spanier gekämpft und mit den Spaniern gegen die Franzosen, und ich habe den Borgia gedient, der gegen beide intrigiert. Ich habe einen Hecht im Gefolge des Kaisers getragen, und ich habe auch den Rang eines Hauptmanns in der Armee des Königs von Neapel bekleidet. Nun, junger Herr, haben Sie etwas über mich gelernt, und wenn mein Name nicht in Buchstaben aus Feuer von einem Ende Italiens bis zum anderen geschrieben steht, dann ist es – Körper Gottes! – weil die Hände, die mich für die Arbeit anheuerten, den Ruhm meiner Taten ernteten.“
„Ein edles Zeugnis“, sagte Gonzaga, der diesen Katalog von Lügen leichtgläubig in sich aufgenommen hatte, „ein wahrlich edles Zeugnis.“
„Nicht so“, widersprach der andere, denn die Lust am Widerspruch war ein Teil von ihm. „Ein großes Zeugnis, wenn Sie so wollen, um mich für Söldnerdienste zu empfehlen. Aber Sie dürfen den Dienst eines Söldners nicht edel nennen.“
„Das ist eine Angelegenheit, über die wir nicht streiten werden“, sagte Gonzaga beschwichtigend. Die Wildheit des Mannes war erschreckend.
„Wer sagt, dass wir das nicht tun werden?“, verlangte er zu wissen. „Wer wird mich aufhalten, wenn mir der Sinn danach steht, mich darüber zu streiten? Antworten Sie mir!“ Und er erhob sich halb von seinem Sitz, angetrieben von dem Zorn, in den er sich selbst hineinsteigerte. „Aber Geduld!“, unterbrach er sich und ließ sich plötzlich wieder in seinen Sitz sinken. „Ich nehme an, es war weder aus Rücksicht auf meine schönen Augen, noch angezogen von der Eleganz meiner Kleidung“ – er hob eine Ecke seines zerlumpten Umhangs – „und auch nicht, weil Ihr mit mir würfeln wollt, dass Ihr meine Bekanntschaft gesucht und nach diesem Wein verlangt habt. Ihr benötigt meine Dienste?“
„Ihr habt es erraten.“
„Ein erstaunlicher Scharfsinn, beim Heiligen Abendmahl!“ Er schien sich recht langatmig der Ironie zuzuwenden. Dann wurde sein Gesicht streng, und er senkte die Stimme, bis sie nicht mehr als ein grollendes Flüstern war. „Hört mich an, Messer Gonzaga. Wenn der Dienst, den Ihr verlangt, das Aufschlitzen einer Kehle oder ein ähnlich schändliches Geschäft ist, für das meine offensichtliche Bedürftigkeit Euch vermuten lässt, ich sei bereit, so ratet Euch eines: Wenn Euch Eure eigene Haut lieb ist, lasst diesen Dienst unerwähnt und macht, dass Ihr fortkommt.“
In hastigem, verzweifeltem, furchtsamem Protest breiteten sich Gonzagas Hände aus.
„Mein Herr, mein Herr – ich – ich hätte das nicht von Euch gedacht“, stammelte er mit einer Wärme, von der vieles echt war, denn es freute ihn, zu sehen, dass in dem faulen Haufen der schurkischen Existenz dieses Mannes noch ein paar Skrupel leuchteten. Ein Schurke, dessen Schurkerei keine Grenzen kannte, hätte seinen Zielen kaum gedient. „Ich benötige zwar einen Dienst, aber es ist keine Arbeit für dunkle Ecken. Es ist ein beträchtliches Unternehmen, und eines, bei dem Ihr, wie ich glaube, genau der Mann sein solltet, den ich brauche.“
„Lasst mich mehr wissen“, sagte Ercole großsprecherisch.
„Ich brauche zunächst Euer Wort, dass Ihr, sollte sich das Unterfangen für Euch als ungeeignet oder außerhalb Eurer Möglichkeiten erweisen, die Angelegenheit respektieren und sie geheim halten werdet.“
„Leib des Satans! Kein Leichnam war je halb so stumm, wie ich sein werde.“
„Ausgezeichnet! Könnt Ihr mir zwanzig stramme Kerle als Leibwache und Garnison beschaffen, die gegen gute Unterkunft – vielleicht für einige Wochen – und eine Bezahlung zum vierfachen Satz der gewöhnlichen Söldner bereit sind, ein gewisses Risiko einzugehen und sogar einen Zusammenstoß mit den Truppen des Herzogs zu wagen?“
Ercole blies seine fleckigen Wangen so weit auf, dass Gonzaga fürchtete, sie würden platzen.
„Das ist Geächtetentum!“, brüllte er, als er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Geächtetentum, oder ich bin ein Narr.“
„Nun ja“, gestand Gonzaga. „Es ist eine Art geächtetes Unterfangen. Aber das Risiko ist gering.“
„Könnt Ihr mir nicht mehr sagen?“
„Ich wage es nicht.“
Ercole leerte seinen Weinbecher auf einen Zug und spritzte den Bodensatz auf den Boden. Dann stellte er das leere Gefäß ab und saß eine Weile in Gedanken versunken. Da er ungeduldig wurde:
„Nun“, rief Gonzaga schließlich, „könnt Ihr mir helfen? Könnt Ihr die Männer finden?“
„Wenn Ihr mir mehr über die Art dieses Dienstes sagen würdet, den Ihr verlangt, könnte ich mit Leichtigkeit hundert finden.“
„Wie ich sagte – ich brauche nur zwanzig.“
Ercole blickte überaus ernst drein und rieb sich nachdenklich die lange Nase.
„Es ließe sich machen“, sagte er nach einer Pause. „Aber wir werden nach verzweifelten Schurken suchen müssen; Männern, die bereits mit einem Bann belegt sind und denen es wenig ausmachen wird, wenn ihrer Verschuldung gegenüber dem Gesetz ein weiterer Punkt hinzugefügt wird, sollten sie in dessen Klauen geraten. Wie bald benötigt Ihr diese verlorene Kompanie?“
„Bis morgen Nacht.“
„Ich frage mich...“, sinnierte Ercole. Er zählte an seinen Fingern und schien in geistige Berechnungen verfallen zu sein. „Ich könnte innerhalb von ein paar Stunden ein Dutzend oder mehr auftreiben. Aber zwanzig...“ Wieder hielt er inne, und wieder verfiel er ins Nachdenken. Schließlich, lebhafter: „Lasst uns hören, welchen Sold Ihr mir anbietet, damit ich mich mit verbundenen Augen in dieses Geschäft von Euch als Anführer der Kompanie stürze, die Ihr verlangt?“, fragte er plötzlich.
Gonzagas Gesicht fiel bei diesen Worten ab. Dann straffte er sich plötzlich und nahm einen hochmütigen Ausdruck an.
„Es ist meine Absicht, diese Kompanie selbst anzuführen“, teilte er dem Raufbold hochnäsig mit.
„Leib Gottes!“, keuchte Ercole, in dessen Geist sich ein groteskes Bild von einer solchen Kompanie, wie er sie zusammenstellen würde, drängte, angeführt von diesem tänzelnden Salonhelden. Dann besann er sich: „Wenn das so ist“, sagte er, „dann solltet Ihr sie am besten selbst anwerben. Felicissima notte!“ Und er winkte ihm zum Abschied über den Tisch hinweg zu.
Das war eine harte Nuss für Gonzaga. Wie sollte er ein solches Geschäft angehen? Es überstieg seine Kräfte. Dies gestand er offen ein.
„Nun hört mir zu, junger Herr“, lautete die Antwort des anderen. „Die Sache steht so: Wenn ich mich an gewisse Freunde von mir wenden kann mit der Information, dass eine Sache im Gange ist, deren Einzelheiten ich ihnen nicht nennen darf, bei der ich sie aber selbst anführen werde, wobei ich das Risiko teile, das es geben mag, dann zweifle ich nicht daran, dass ich bis morgen um diese Zeit zwanzig von ihnen angeworben haben kann – so groß ist ihr Vertrauen in Ercole Fortemani. Aber wenn ich sie dazu bringe, einen unbekannten Dienst unter einem ebenso unbekannten Anführer anzutreten, dann wäre die Bildung einer solchen Kompanie eine überaus mühsame Angelegenheit.“
Dies war ein Argument, für dessen Gewicht Gonzaga nicht unempfänglich bleiben konnte. Nach kurzem Überlegen bot er Ercole fünfzig Goldgulden als Unterpfand des guten Willens und das Versprechen auf Bezahlung danach zum Satz von zwanzig Goldgulden pro Monat, solange er seine Dienste benötigen würde. Und Ercole, der in all seinen Tagen als Freischärler noch nie den zehnten Teil einer solchen Summe verdient hatte, war bereit, diesem edelsten aller Herren um den Hals zu fallen und vor lauter Freude und brüderlicher Zuneigung zu weinen.
Nachdem die Angelegenheit geklärt war, holte Gonzaga einen schweren Beutel hervor, der ein für Fortemanis Ohren überaus angenehmes Klimpern von sich gab, und ließ ihn mit einem Klirren auf den Tisch fallen.
„Da sind hundert Gulden für die Ausrüstung dieser Kompanie. Ich möchte kein Regiment von zerlumpten Bettlern an meinen Fersen haben.“ Und sein Blick glitt auf wenig schmeichelhafte Weise über Ercoles Kleidung. „Seht zu, dass Ihr sie angemessen einkleidet.“
„Es soll geschehen, Magnifizenz“, antwortete Ercole mit einem Anflug von Respekt, wie er ihn bisher nicht gezeigt hatte. „Und Waffen?“
„Gebt ihnen Piken und Arkebusen, wenn Ihr wollt; aber nichts weiter. Der Ort, für den wir bestimmt sind, ist gut mit Rüstungen ausgestattet – aber selbst die werden vielleicht nicht benötigt.“
„Vielleicht nicht benötigt?“, echote der immer erstauntere Draufgänger. Sollten sie in solch herrschaftlichem Maßstab bezahlt, gekleidet und ernährt werden, um sie für eine Sache zu gewinnen, die vielleicht gar keinen Kampf mit sich brachte? Sicherlich hatte er sich noch nie für einen aussichtsreicheren oder vielversprechenderen Dienst verkauft, und in jener Nacht träumte er im Schlaf, er sei zum Verwalter eines Edelmanns geworden, und an seinen Fersen marschierte eine endlose Kompanie von Lakaien in prunkvollen Livreen. Am nächsten Morgen erwachte er mit der Überzeugung, dass sein Glück nun wahrhaftig gemacht sei und dass es fortan kein Pikentragen mehr für seine kriegsmüden, alten Arme geben würde.
Gewissenhaft machte er sich daran, die Kompanie anzuwerben, denn auf seine Weise war dieser Ercole Fortemani ein gewissenhafter Mann – lärmend und widerspenstig, wenn Ihr wollt; ein Schelm, auf seine Art, mit geringem Respekt vor Eigentum; nicht über dem Betrügen beim Würfelspiel oder sogar dem Stehlen einer Börse, wenn die Not ihn dazu trieb – obwohl er von guter Geburt war und ehrenvolle Stellungen innehatte; ein Trinker aus langer Gewohnheit und ein großspuriger Raufbold bei der geringsten Provokation. Doch trotz alledem, so ausschweifend und unehrlich er im allgemeinen Geschäftsleben auch sein mochte, so bemühte er sich doch gegenüber der Hand, die ihn anstellte – vielleicht nicht immer erfolgreich, aber zumindest immer aufrichtig –, loyal zu sein.
KAPITEL IX. DIE „TRATTA DI CORDE“
Während das geschäftige Treiben der Vorbereitungen in Urbino munter weiterging, war Gian Maria seinerseits dabei, die Angelegenheiten in Babbiano rasch zu ordnen, damit er zur Hochzeit zurückkehren konnte, nach der er ungeduldig verlangte. Aber er war auf ein tieferes Gewirr gestoßen, als er angenommen hatte, und hatte mehr zu tun, als er erwartet hatte.
Am Tag seiner Abreise aus Urbino war er bis nach Cagli geritten und hatte am Haus des edlen Messer Valdicampo Halt gemacht. Dieses war ihm zur Verfügung gestellt worden, und dort gedachte er die Nacht zu verbringen. Sie hatten gespeist – der Herzog, de' Alvari, Gismondo Santi, Messer Valdicampo, seine Frau und zwei Töchter sowie ein paar Freunde, potenzielle Bürger von Cagli, die er eingeladen hatte, damit sie Zeugen der Ehre werden konnten, die seinem Haus zuteilwurde. Es wurde spät, und die Trägheit, die auf den großzügigen Genuss von Speisen folgt, legte sich über die Gesellschaft, als Armstadt – Gian Marias Schweizer Hauptmann – eintrat und sich seinem Herrn mit der Miene eines Mannes näherte, der Überbringer von Nachrichten ist. Er blieb ein oder zwei Schritte von der hochlehnigen Stuhl des Herzogs entfernt stehen und stand da, Gian Maria in stumpfer Geduld betrachtend.
„Nun, Narr?“, brummte der Herzog und drehte den Kopf.
Der Schweizer trat einen weiteren Schritt vor. „Sie haben ihn gebracht, Hoheit“, sagte er in einem vertraulichen Flüstern.
„Bin ich ein Zauberer, dass ich Eure Gedanken lesen muss?“, herrschte ihn Gian Maria an. „Wer hat wen gebracht?“
Armstadt betrachtete die Gesellschaft zögernd. Dann trat er nahe an den Herzog heran und murmelte ihm ins Ohr:
„Die Männer, die ich zurückgelassen habe, haben den Narren gebracht – Ser Peppe.“
Ein plötzliches Aufleuchten in seinen Augen zeigte, dass Gian Maria verstand. Ohne sich bei der Tafel zu entschuldigen, wandte er sich ab und flüsterte seinem Hauptmann zu, den Burschen in seine Kammer zu bringen, wo er auf ihn warten sollte. „Lasst ein paar Eurer Schurken Wache halten, und kommt Ihr auch mit, Martino.“
Martino verneigte sich und zog sich zurück, woraufhin Gian Maria die Anmut fand, seinen Gastgeber um Verzeihung zu bitten, mit der Erklärung, der Mann habe ihm Nachrichten gebracht, die er erwartet habe. Valdicampo, der für die Ehre, einen Herzog unter seinem Dach schlafen zu haben, auch weit eklatantere Ungehörigkeiten geschluckt hätte, spielte die Sache herunter und tat sie ab. Und kurz darauf erhob sich Gian Maria mit der Ankündigung, dass er am nächsten Tag eine weite Reise vor sich habe, und wolle sich daher mit des Gastgebers freundlicher Erlaubnis zur Ruhe begeben.
Valdicampo selbst spielte dann den Kammerherrn, nahm einen der großen Kerzenleuchter und leuchtete dem Herzog zu seinen Gemächern. Er hätte seine guten Dienste und seine Kerzen bis in Gian Marias eigentliches Schlafgemach getragen, wäre ihm Seine Hoheit nicht im Vorzimmer so höflich wie möglich zuvorgekommen, indem er ihn bat, die Lichter abzustellen und ihn allein zu lassen.
Der Herzog blieb einen Moment stehen und überlegte, ob er Alvari und Santi – die ihm gefolgt waren und auf seine Befehle warteten – darüber informieren sollte, was er zu tun gedachte. Schließlich entschied er, dass er allein und nach eigenem Ermessen handeln würde. Also schickte er sie weg.
Als sie gegangen waren und er ganz allein war, klatschte er in die Hände, und auf diesen Ruf hin öffnete sich die Tür seines Schlafzimmers und enthüllte Martin Armstadt auf der Schwelle.
„Er ist da?“, erkundigte sich der Herzog.
„Erwartet Eure Hoheit“, antwortete der Schweizer und hielt die Tür für Gian Maria offen, damit er eintreten konnte.
Das dem Herzog im Palazzo Valdicampo zugewiesene Schlafgemach war ein herrschaftlicher und hoher Raum, in dessen Mitte das große geschnitzte Ehrenbett mit seinen aufrechten Säulen und dem düsteren Baldachin aufragte.
Auf dem Kaminsims standen zwei fünfarmige Leuchter mit brennenden Kerzen. Dennoch schien Gian Maria nicht zu glauben, dass das Licht für den Zweck, den er verfolgte, ausreichte, denn er befahl Martin, ihm die Kandelaber zu bringen, die zurückgelassen worden waren. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit der Gruppe zu, die am Fenster stand, wo das Licht vom Kaminsims voll auf sie fiel.
Diese bestand aus drei Männern, von denen zwei Söldner aus Armstadts Garde in Brustharnisch und Morion waren, und der dritte, der gefangen dazwischen stand, der unglückliche Ser Peppe. Das Gesicht des Narren war blasser als gewöhnlich, während die übliche Schelmerei aus seinen Augen und von seinem Mund gewichen war, da die Angst an deren Stelle getreten war. Er begegnete dem grausamen Blick des Herzogs mit einem Ausdruck von Alarm und kläglicher Bitte.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Peppe keine Waffen bei sich trug und seine Arme hinter dem Rücken gefesselt waren, befahl Gian Maria den beiden Wachen, sich zurückzuziehen, sich aber mit Armstadt im Vorzimmer bereitzuhalten. Dann wandte er sich mit finsterer Miene auf seiner niedrigen Stirn an Peppe.
„Du bist nicht mehr so fröhlich wie heute Morgen, Narr“, spottete er.
Peppino wand sich ein wenig, doch seine Natur, die durch die lange Gewohnheit des Späßemachens geschult war, drängte ihn zu einer kühnen Skurrilität in seiner Antwort.
„Die Umstände sind kaum so günstig – für mich. Eure Hoheit hingegen scheint in ausgezeichnet guter Stimmung zu sein.“
Gian Maria sah ihn einen Moment wütend an. Er war ein schwerfälliger Mann und konnte sich keine schlagfertige Antwort ausdenken, keine solche schneidende Spitze, wie er sie gerne ausgeteilt hätte. Er ging gemächlich zum Kamin und stützte den Ellbogen auf den Kaminsims.
„Deine Stimmung hat dich dazu verleitet, einige Dinge zu sagen, für die ich gnädig sein sollte, wenn ich dich auspeitschen ließe.“
„Und nach derselben Logik wohltätig, wenn Ihr mich hängen ließt“, erwiderte der Narr trocken, mit einem blassen Lächeln auf den Lippen.
„Ah! Du gibst es zu?“, rief Gian Maria, ohne die beabsichtigte Ironie zu verstehen. „Aber ich bin ein sehr nachsichtiger Fürst, Narr.“
„Sprichwörtlich nachsichtig“, protestierte der Narr, aber diesmal gelang es ihm nicht, den Sarkasmus aus seiner Stimme zu verbannen.
Gian Maria warf ihm einen wütenden Blick zu.
„Verspottest du mich, Tier? Halte deine giftige Zunge im Zaum, sonst lasse ich sie dir entfernen.“
Peppes Gesicht wurde bei dieser Drohung grau, und das zu Recht – denn was sollte ein solcher wie er in der Welt ohne Zunge anfangen?
Da er ihn stumm und erschlagen sah, fuhr der Herzog fort:
„Nun, obwohl du für deine Unverschämtheit den Galgen verdienst, bin ich bereit, dass dir kein Leid geschieht, wenn du wahrheitsgemäß solche Fragen beantwortest, die ich an dich habe.“
Peppinos groteske Figur verbeugte sich tief.
„Ich erwarte Eure Fragen, ruhmreicher Herr“, antwortete er.
„Du sprachst...“, der Herzog zögerte einen Moment und wand sich innerlich bei der Erinnerung an die genauen Worte, in denen der Narr gesprochen hatte. „Du sprachst heute Morgen von jemandem, den die Lady Valentina getroffen habe.“
Die Angst schien im Gesicht des Narren zuzunehmen. „Ja“, antwortete er mit erstickter Stimme.
„Wo hat sie diesen Ritter getroffen, den du sprachst, und den du mir in so wunderbaren Worten des Lobes beschrieben hast?“
„In den Wäldern bei Acquasparta, wo der Fluss Metauro nicht mehr als ein Bach ist. Etwa zwei Meilen diesseits von Sant' Angelo.“
„Sant' Angelo!“, echote Gian Maria und schrak bei der bloßen Erwähnung des Ortes auf, an dem die jüngste Verschwörung gegen ihn ausgeheckt worden war. „Und wann war das?“
„Am Mittwoch vor Ostern, als Monna Valentina von Santa Sofia nach Urbino reiste.“
Kein Wort sprach der Herzog als Antwort. Er stand still, den Kopf gesenkt, und seine Gedanken kreisten wieder um jene Verschwörung. Der Kampf im Gebirge, bei dem Masuccio getötet worden war, hatte in der Dienstagnacht stattgefunden, und die Überzeugung – so gering die Beweise auch sein mochten – wuchs in ihm, dass dieser Mann einer der Verschwörer war, die entkommen waren.
„Wie kam deine Herrin dazu, mit diesem Mann zu sprechen – war er ihr bekannt?“, erkundigte er sich schließlich.
„Nein, Hoheit; aber er war verwundet und erregte so ihr Mitleid. Sie versuchte, seine Wunde zu versorgen.“
„Verwundet?“, schrie Gian Maria auf. „Nun, bei Gott, es ist, wie ich vermutet habe. Ich wette, er hat diese Wunde in der Nacht zuvor bei Sant' Angelo bekommen. Wie war sein Name, Narr? Sag mir das, und du sollst frei sein.“
Nur für eine Sekunde schien der Bucklige zu zögern. Er stand in ehrfürchtiger Angst vor Gian Maria, von dessen Grausamkeiten einige schaurige Geschichten erzählt wurden. Aber in noch größerer Angst stand er vor der ewigen Verdammnis, die er sich zuziehen könnte, wenn er den Eid bräche, den er geleistet hatte, die Identität jenes Ritters nicht zu enthüllen.
„Ach!“, seufzte er, „ich wünschte, es läge an mir, meine Freiheit um einen so geringen Preis zu erlangen; doch es ist einer, den die Unwissenheit mich nicht zahlen lässt. Ich kenne seinen Namen nicht.“
Der Herzog sah ihn forschend und misstrauisch an.
So stumpfsinnig er von Natur aus war, so schien doch die Gier nun eine scharfe Schneide auf seinen Verstand gesetzt zu haben, und das Misstrauen hatte ihn dazu gebracht, das kurze Zögern des Narren zu beobachten.
„Von welchem Aussehen war er? Beschreibe ihn mir. Wie war er gekleidet? Wie war die Beschaffenheit seines Gesichts?“
„Wiederum, Herr Herzog, kann ich Euch nicht antworten. Ich hatte nur den flüchtigsten Blick auf ihn.“
Das fahle Antlitz des Herzogs nahm einen sehr bösen Ausdruck an, und ein hässliches Lächeln verzog seine Lippe und entblößte seine starken weißen Zähne.
„So flüchtig, dass keine Erinnerung an ihn dir geblieben ist?“, sagte er.
„Genau, Hoheit.“
„Du lügst, du Abschaum“, donnerte Gian Maria in einem jähen Zorn. „Es war erst heute Morgen, dass du sagtest, seine Größe sei herrlich, sein Antlitz edel, sein Auftreten fürstlich, seine Rede höfisch und – ich weiß nicht was noch alles. Doch jetzt sagst du mir – du sagst mir –, dass dein Blick auf ihn so flüchtig war, dass du ihn nicht beschreiben kannst. Du kennst seinen Namen, Schurke, und ich werde ihn von dir erfahren, oder aber...“
„Wahrhaftig, wahrhaftig, edelster Herr, seid nicht erzürnt...“, begann der Narr in ängstlichem Protest. Aber der Herzog unterbrach ihn.
„Erzürnt?“, echote er, wobei sich seine Augen in einer Art Entsetzen über die Vorstellung weiteten. „Wagst du es, mir die Todsünde des Zorns zuzuschreiben? Ich bin nicht erzürnt; es ist kein Zorn in mir.“ Er bekreuzigte sich, als ob er die böse Stimmung austreiben wolle, falls sie tatsächlich existierte, und neigte andächtig das Haupt, während er die Hände faltete – „Libera me a malo, Domine!“, murmelte er hörbar. Dann, mit größerer Heftigkeit als zuvor: „Nun“, verlangte er, „willst du mir seinen Namen nennen?“
„Ich wünschte, ich könnte es“, begann der verängstigte Bucklige. Doch da wandte sich der Herzog mit einem Achselzucken voller zorniger Ungeduld von ihm ab und klatschte in die Hände:
„Olá! Martino!“, rief er. Sofort öffnete sich die Tür, und der Schweizer erschien. „Bringt Eure Männer und Euer Seil herein.“
Der Hauptmann machte auf dem Absatz kehrt, und gleichzeitig warf sich der Narr Gian Marias Füßen zu.
„Erbarmen, Eure Hoheit!“, wimmerte er. „Lasst mich nicht hängen. Ich bin...“
„Wir werden dich nicht hängen“, fiel ihm der Herzog kalt ins Wort. „Tot wärst du in der Tat stumm und würdest uns nichts nützen. Wir wollen dich lebendig, Messer Peppino – lebendig und gesprächig; wir finden, du bist sehr verschlossen für einen Narren. Aber wir hoffen, dich zum Sprechen zu bringen.“
Auf den Knien hob Peppe seine wilden Augen zum Himmel.
„Mutter der Bedrängten“, betete er, woraufhin der Herzog in ein verächtliches Lachen ausbrach.
„Was hat die Himmlische Mutter mit solchem Abschaum wie dir zu tun? Richte deine Appelle an mich. Ich bin der unmittelbarere Schiedsrichter über dein Schicksal. Nenne mir den Namen des Mannes, den du im Wald getroffen hast, und alles kann noch gut werden mit dir.“
Peppino kniete in Stille, ein kalter Schweiß sammelte sich auf seiner blassen Stirn, und eine schreckliche Angst zog sich an seinem Herzen und in seiner Kehle zusammen.
Und doch war das Entsetzen, das sie für ihn vorbereiteten, noch größer als das Entsetzen, seine unsterbliche Seele durch den Bruch des feierlichen Eides zu verlieren, den er geschworen hatte. Gian Maria wandte sich schließlich von ihm ab an seine Bravi, die nun schweigend und mit der Miene von Männern eintraten, die die von ihnen erwartete Arbeit kannten. Martino stieg auf das Bett und schwang sich einen Moment lang an den Rahmen des Baldachins.
„Es wird halten, Hoheit“, verkündete er.
Gian Maria befahl ihm, da dies so sei, die samtenen Vorhänge zu entfernen, während er einen der Männer losschickte, um sicherzugehen, dass die Tür zum Vorzimmer geschlossen war, damit kein Schrei zu den Gemächern der Valdicampo-Haushalts dringen konnte.
In wenigen Sekunden war alles bereit, und Peppino wurde grob von seinen Knien und von den Gebeten, die er gemurmelt hatte, an die Jungfrau, damit sie ihm in dieser Stunde der Not Kraft verleihe, aufgehoben.
„Zum letzten Mal, Herr Narr“, sagte der Herzog, „willst du uns seinen Namen nennen?“
„Hoheit, ich kann nicht“, antwortete Peppe, obwohl das Entsetzen sein Blut gefrieren ließ.
Ein Licht der Zufriedenheit glänzte nun in Gian Marias Augen.
„Also weißt du ihn!“, rief er aus. „Du betonst nicht länger deine Unwissenheit, sondern nur, dass du ihn mir nicht nennen kannst. Hoch mit ihm, Martino.“
In einem letzten erbärmlichen Kampf gegen das Unvermeidliche riss sich der Narr von seinen Wachen los und warf sich zur Tür. Einer der stämmigen Schweizer packte ihn am Hals in einem Griff, der ihn vor Schmerz aufschreien ließ. Gian Maria betrachtete ihn mit einem finsteren Lächeln, und Martin begann, ein Ende des Seils an seinen gefesselten Handgelenken zu befestigen. Dann führten sie ihn, zitternd, zum großen Bett. Das andere Ende der Schnur wurde über einen der entblößten Arme des Betthimmelrahmens geworfen. Dieses Ende wurde von den beiden Bewaffneten ergriffen. Martin stand neben dem Gefangenen. Der Herzog warf sich in einen großen geschnitzten Stuhl, wobei eine Miene des Genusses sein rundes, bleiches Gesicht erfüllte.
„Du weißt, was dir bevorsteht“, sagte er in Tönen erschreckender Gleichgültigkeit. „Willst du sprechen, bevor wir beginnen?“
„Mein Gebieter“, sagte der Narr mit einer Stimme, die die Angst erdrosselte, „Ihr seid ein guter Christ, ein treuer Sohn der Mutter Kirche und ein Gläubiger an das ewige Höllenfeuer?“
Ein Stirnrunzeln legte sich auf Gian Marias Braue. Wollte der Narr ihn etwa mit Gerede von übernatürlicher Vergeltung einschüchtern?
„Daher“, fuhr Peppe fort, „werdet Ihr vielleicht barmherzig sein, wenn ich meine Lage bekenne. Ich habe dem Mann, den ich an jenem unglückseligen Tag bei Acquasparta traf, den feierlichsten Eid geleistet, dass ich seine Identität niemals enthüllen würde. Was soll ich tun? Wenn ich meinen Eid halte, werdet Ihr mich vielleicht zu Tode foltern. Wenn ich ihn breche, werde ich ewig verdammt sein. Habt Erbarmen, edler Herr, da Ihr nun wisst, wie es um mich steht.“
Das Lächeln auf Gian Marias Gesicht wurde breiter, und die Grausamkeit seines Mundes und seiner Augen schien dadurch noch verstärkt zu werden. Der Narr hatte ihm das gesagt, was er für teures Geld hätte lernen wollen. Er hatte ihm gesagt, dass dieser Mann, dessen Namen er suchte, so sehr gefürchtet hatte, dass seine Anwesenheit an jenem Tag in Acquasparta bekannt werden könnte, dass er den Narren durch einen Eid gebunden hatte, das Geheimnis nicht preiszugeben. Worüber er zuvor spekuliert hatte, war er nun gewiss. Der fragliche Mann war einer der Verschwörer; wahrscheinlich ihr eigentlicher Anführer. Nichts als der Tod des Narren unter Folter würde ihn nun davon abhalten, den Namen jenes Unbekannten zu erfahren, der ihm das doppelte Unrecht angetan hatte, gegen ihn zu konspirieren und – wenn man dem Narren glauben durfte – das Herz von Valentina zu erobern.
„Für die Verdammnis deiner Seele werde ich nicht zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte er schließlich. „Ich habe genug damit zu tun, meine eigene zu retten – denn die Versuchungen sind zahlreich und dieses arme Fleisch ist schwach. Aber es ist der Name dieses Mannes, den ich brauche, und – bei den fünf Wunden der Lucia von Viterbo! – ich werde ihn haben. Willst du sprechen?“
Etwas wie ein Schluchzen erschütterte den verkrüppelten Körper des armen Narren. Aber das war alles. Mit gesenktem Kopf bewahrte er ein stures Schweigen. Der Herzog gab den Männern ein Zeichen, und augenblicklich legten die beiden ihr ganzes Gewicht in das Seil und hievten Peppe an seinen Handgelenken in die Höhe, bis er die Höhe des Betthimmels selbst erreichte. Als das geschehen war, hielten sie inne und richteten ihre Augen auf den Herzog, um weitere Befehle zu empfangen. Wieder forderte Gian Maria den Narren auf, seine Fragen zu beantworten; doch Peppe, eine sich windende, unförmige Masse, von der zwei zappelnde Beine herabhingen, beharrte in sturem Schweigen.
„Lasst ihn los“, knurrte Gian Maria, die Geduld verlierend. Die Männer ließen das Seil los und ließen etwa drei Fuß davon durch ihre Hände gleiten. Dann ergriffen sie es wieder, sodass Peppes plötzlicher Fall ebenso plötzlich durch einen Ruck gestoppt wurde, der ihm beinahe die Arme aus den Gelenken riss. Ein Schrei entfuhr ihm bei dieser exquisiten Folter, und er wurde erneut bis zur vollen Höhe des Betthimmels emporgezogen.
„Willst du nun sprechen?“, fragte Gian Maria kalt, beinahe amüsiert. Doch der Narr schwieg weiterhin, seine Unterlippe so fest zwischen den Zähnen, dass das Blut davon an seinem Kinn hinunterrann. Wieder gab der Herzog das Signal, und wieder ließen sie ihn los. Diesmal ließen sie ihn tiefer fallen, sodass der Ruck, mit dem sie ihn stoppten, noch heftiger war als beim ersten Mal.
Peppe spürte, wie seine Knochen aus den Gelenken sprangen, und es war, als würde ihn ein glühendes Eisen an Schulter, Ellbogen und Handgelenk versengen.
„Barmherziger Gott!“, schrie er. „Oh, habt Mitleid, edler Herr.“
Doch der edle Herr ließ ihn erneut bis zum Betthimmel hochziehen. Dort oben, in der Qual seiner Ängste sich windend, stieß der arme Bucklige einen Strom von Flüchen und Verwünschungen aus seinen schäumenden Lippen, wobei er Himmel und Hölle anrief, seine Peiniger tot zu schlagen.
Doch der Herzog, aus dessen Gebaren man schließen konnte, dass er an die Wirkung dieser Foltermethode gewöhnt war, sah mit einem grausamen Lächeln zu, wie einer, der den Fortschritt der Ereignisse auf das Ziel hin beobachtet, das er wünscht und geplant hat. Er war weniger geduldig, und sein Signal kam nun schneller. Zum dritten Mal wurde der Narr fallen gelassen und nun drei Fuß über dem Boden hochgezogen.
Diesmal schrie er nicht einmal mehr auf. Er hing da, am Ende des Seils baumelnd, den Mund voller Blut, das Gesicht gespenstisch in seiner glänzenden Blässe, und von seinen Augen war nichts zu sehen außer dem Weißen. Er hing da und wimmerte kläglich und unaufhörlich. Martin blickte fragend zu Gian Maria, und seine Augen fragten sehr deutlich, ob sie nicht lieber aufhören sollten. Aber Gian Maria schenkte ihm keine Beachtung.
„Wird dir das genügen?“, fragte er den Narren. „Willst du jetzt sprechen?“
Doch des Narren einzige Antwort war ein Wimmern, woraufhin er auf das unerbittliche Signal des Herzogs erneut in die Höhe geschwungen wurde. Aber beim Schrecken eines vierten Sturzes, der furchtbarer war als jeder seiner drei Vorgänger, erwachte er sehr plötzlich zu dem unmöglichen Grauen seiner Lage. Dass diese Agonie andauern würde, bis er starb oder in Ohnmacht fiel, war ihm gewiss. Und da er weder in Ohnmacht zu fallen noch zu sterben schien, konnte er nicht mehr leiden. Was waren Himmel oder Hölle für ihn in diesem Augenblick, dass der Gedanke an eines von beiden das Grauen dieser Folter auslöschen und ihn stärken konnte, den Schmerz weiter zu ertragen? Er konnte nicht mehr ertragen – nein, nicht einmal, um ein Dutzend Seelen zu retten, wenn er sie gehabt hätte.
„Ich werde sprechen“, schrie er. „Lasst mich herunter, und Ihr sollt seinen Namen haben, Herr Herzog.“
„Sprich ihn zuerst aus, oder die Art deines Herablassens wird dieselbe sein wie die der anderen.“
Peppe fuhr mit der Zunge über seine blutenden Lippen, hing still und sprach.
„Es war Euer Vetter“, keuchte er, „Francesco del Falco, Graf von Aquila.“
Der Herzog starrte ihn einen Moment lang mit erschrockenem Antlitz und offenem Mund an.
„Du sagst mir die Wahrheit, Tier?“, verlangte er mit zitternder Stimme zu wissen. „War es der Graf von Aquila, der verwundet war und den Monna Valentina pflegte?“
„Ich schwöre es“, antwortete der Narr. „Nun, im Namen Gottes und Seiner heiligen Heiligen, lasst mich herunter.“
Noch einen Moment wurde er dort gehalten, auf Gian Marias Signal wartend. Der Herzog betrachtete ihn weiterhin mit diesem erstaunten Blick, während er die Nachricht, die er gesammelt hatte, in seinem Geist wälzte. Dann sickerte die Überzeugung von der Wahrheit in seinen Verstand ein. Es war der Herr von Aquila, der das Idol der Babbianer war. Was also konnte natürlicher sein, als dass die Verschwörer versucht hatten, ihn auf den Thron zu setzen, den sie Gian Maria entreißen wollten? Er schimpfte sich einen Narren, dass er das nicht schon früher erraten hatte.
„Lasst ihn herunter“, befahl er seinen Männern kurz angebunden. „Dann schafft ihn fort und lasst ihn mit Gott gehen. Er hat seinen Zweck erfüllt.“
Sanft ließen sie ihn hinunter, doch als seine Füße den Boden berührten, war er nicht in der Lage zu stehen. Seine Beine knickten unter ihm weg, und er lag – ein kleines buckliges Häufchen – auf den Binsen des Bodens. Seine Sinne hatten ihn verlassen.
Auf ein Zeichen von Armstadt hoben die beiden Männer ihn auf und trugen ihn zwischen sich hinaus.
Gian Maria bewegte sich durch den Raum zu einem mit Wandteppichen belegten Betpult und kniete vor einem elfenbeinernen Kruzifix nieder, um Gott für das Signalfeuer der Gnade zu danken, durch das Er geruht hatte, dem Herzog seinen Feind zu zeigen.
Danach zog er aus der Brust seines Wamses einen Rosenkranz aus Gold- und Bernsteinperlen und verrichtete andächtig seine nächtlichen Andachten.
KAPITEL X. DAS WIEHERN EINES ESELS
Als am nächsten Tag, gegen die zweiundzwanzigste Stunde, der Hohe und Mächtige Gian Maria Sforza in seine Hauptstadt Babbiano ritt, fand er die Stadt in heftigem Aufruhr vor, verursacht, wie er richtig vermutete, durch die unheilvolle Anwesenheit von Caesar Borgias Gesandtem.
Eine dichte und mürrische Menge empfing ihn an der Porta Romana und bewahrte tiefes Schweigen, als er in die Stadt ritt, begleitet von Alvari und Santi und umgeben von seiner Eskorte aus zwanzig Lanzenreitern in voller Rüstung. In diesem Schweigen lag eine Drohung, die unheilvoller war als jedes Geschrei, und das Gesicht des Herzogs war sehr weiß, als er wütende, ohnmächtige Blicke hierhin und dorthin warf. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Als sie den Borgo dell' Annunziata hinauf ritten, verdichtete sich die Menge, und das Schweigen wurde nun durch einen Sturm von Buhrufen und wütenden Schreien ersetzt. Die Menschen wurden bedrohlich, und auf Armstadts Befehl – der Herzog war mittlerweile zu sehr vor Angst gelähmt, um selbst einen zu erteilen – senkten die Bewaffneten ihre Piken, um einen Weg zu bahnen, während ein oder zwei Leute aus dem Volk, die von der wogenden menschlichen Flut zu nahe an die Kavalkade gedrängt wurden, zu Boden gingen und unter die Füße getrampelt wurden.
Satirische Stimmen fragten den Herzog spöttisch, ob er verheiratet sei und wo sich die Lanzen seines Onkels befänden, die sie gegen die Borgia beschützen sollten. Einige verlangten zu wissen, wohin die letzte ungeheuerliche Steuererhebung gegangen sei und wo die Armee wäre, die sie hätte aufstellen sollen. Darauf antworteten andere für den Herzog und deuteten ein Dutzend niederträchtiger Verwendungszwecke an, für die das Geld benutzt worden war.
Dann, plötzlich, erhob sich ein Schrei „Mörder!“, gefolgt von wütenden Forderungen, dass er dem tapferen Ferrabraccio, Amerini, dem Freund des Volkes, und jenen anderen, die er kürzlich niedergemetzelt hatte, das Leben zurückgeben oder ihnen in den Tod folgen solle. Schließlich hallte der Name des Grafen von Aquila wild in seinen Ohren wider und provozierte einen Sturm von „Evviva! Es lebe Francesco del Falco!“, und eine beharrliche Stimme, die laut über den anderen erklang, nannte ihn bereits „il Duca Francesco“. Da stieg das Blut in Gian Marias Gehirn, und eine Welle der Wut schlug die Angst aus seinem Herzen zurück. Er erhob sich in seinen Steigbügeln, die Augen lodernd vor dem eifersüchtigen Zorn, der ihn besessen hatte.
„Ser Martino!“, brüllte er heiser seinem Hauptmann zu. „Legt die Lanzen ein und reitet im Galopp durch sie hindurch!“
Der stämmige Schweizer zögerte, so tapfer er auch war. Alvaro de' Alvari und Gismondo Santi sahen sich alarmiert an, und der unerschrockene alte Staatsmann, in dessen Herzen kein Schmerz der Angst durch das drohende Gebrüll des Pöbels geweckt worden war, verfärbte sich, als er diesen Befehl hörte.
„Hoheit“, flehte er den Herzog an, „Ihr könnt das nicht meinen.“
„Nicht meinen?“, blitzte es von Gian Maria zurück, dessen Auge von Santi zum zögernden Hauptmann wanderte. „Narr!“, schrie er den letzteren an. „Brutales Biest, worauf wartest du? Hast du mich nicht gehört?“
Ohne eine Sekunde zu zögern, hob der Hauptmann nun sein Schwert, und seine tiefe, gutturale Stimme bellte einen Befehl an seine Männer, der ihre Lanzen unter die Horizontale brachte. Auch der Mob hatte diesen grimmigen Befehl gehört, und als sie ihre Gefahr erkannten, hätten diejenigen, die der Kavalkade am nächsten waren, zurückweichen wollen, wenn nicht die anderen, die von hinten fest drückten, sie in der Todesflut gehalten hätten, die nun mit klappernden Waffen und heiseren Schreien vorbeizog.
Schreie erfüllten die Luft, wo kurz zuvor laut Drohungen ausgestoßen worden waren. Aber es gab einige in dieser Menge, die keine passiven Zeugen dieses Gemetzels sein wollten. Die Hälfte der Steine des Borgo flog hinter der Kavalkade her und fiel in einem beharrlichen Schauer auf sie nieder, ratterte wie riesiger Hagel auf ihre Rüstung und verbeulte so manchen Stahlhelm zum schmerzhaften Unbehagen seines Trägers. Der Herzog selbst wurde zweimal getroffen, und auf Santis ungeschütztem Haupt wurde eine hässliche Wunde geöffnet, aus der das Blut in Strömen floss, um seine schneeweißen Locken zu färben.
Auf diese unwürdige Weise erreichten sie schließlich den Palazzo Ducale und hinterließen eine Spur von Toten und Verstümmelten, um den Weg zu markieren, den sie gekommen waren.
In einer weißen Hitze der Leidenschaft suchte Gian Maria seine Gemächer auf und kam erst wieder heraus, als ihm zwei Stunden später die Anwesenheit des Gesandten von Caesar Borgia, Herzog von Valentinois, angekündigt wurde, der um eine Audienz ersuchte.
Immer noch außer sich und kochend vor Zorn über die Demütigungen, die er erfahren hatte, empfing Gian Maria – in keiner Stimmung für ein Interview, das Kühle und Geistesgegenwart von einem schärferen Verstand als seinem eigenen erfordert hätte – den Gesandten, einen düsteren, priesterlich aussehenden Spanier, im Thronsaal des Palastes. Der Herzog wurde von Alvari, Santi und Fabrizio da Lodi begleitet, während seine Mutter, Caterina Colonna, einen Stuhl aus karmesinrotem Samt einnahm, auf dem der Sforza-Löwe in Gold gearbeitet war.
Das Interview war kurz und von einer Grobheit gegen Ende geprägt, die in scharfem Kontrast zur Förmlichkeit seines Beginns stand. Es wurde bald klar, dass die wahre Mission des Botschafters darin bestand, im Namen seines Herrn einen Streit mit Babbiano anzuzetteln, damit den Borgia ein stichhaltiger Vorwand für den Einmarsch in das Herzogtum geliefert würde. Er forderte, zunächst höflich und ruhig, und später – als ihm dies verweigert wurde – mit arroganter Eindringlichkeit, dass Gian Maria dem Herzog von Valentinois hundert Lanzen – das entsprach fünfhundert Mann – als Beitrag seinerseits zu dem Widerstand zur Verfügung stellen solle, den Caesar Borgia gegen die drohende französische Invasion zu leisten gedachte.
Gian Maria achtete keineswegs auf die zurückhaltenden Worte, die Lodi ihm ins Ohr flüsterte und ihn drängte, Zeit zu gewinnen und diesen Boten abzuweisen, bis das Bündnis mit dem Haus Urbino vollendet und ihre Position ausreichend gestärkt sei, um es zu wagen, dem Zorn von Caesar Borgia zu trotzen. Aber weder dies noch die wütenden, bedeutungsvollen Blicke, die seine gerissene Mutter auf ihn warf, vermochten ihn zu zügeln. Er gehorchte nur der Stimme seiner eigensinnigen Laune, ohne jemals von den Konsequenzen zu träumen, die ihn treffen könnten.
„Ihr werdet dem Duca Valentino diese Nachricht von mir überbringen“, sagte er abschließend. „Ihr werdet ihm sagen, dass ich die Lanzen, die ich in Babbiano habe, behalten will, damit ich mit ihnen meine eigenen Grenzen gegen seine räuberischen Vorstöße verteidigen kann. Messer da Lodi“, fügte er hinzu, als er sich an Fabrizio wandte und nicht einmal wartete, um zu sehen, ob der Gesandte noch etwas zu sagen hatte, „lasst diesen Herrn in seine Quartiere zurückbegleiten und seht zu, dass er sicheres Geleit von hier hat, bis er unser Herzogtum verlassen hat.“
Als der Gesandte, mit rotem Gesicht und drohendem Blick, unter Lodis Begleitung abgezogen war, erhob sich Monna Caterina, die leibhaftige Verkörperung der beleidigten Geduld, und ergoss ihre bittere Schmähung über das Haupt ihres unbesonnenen Sohnes.
„Narr!“, stürmte sie ihn an. „Da geht dein Herzogtum – in der hohlen Hand jenes Mannes.“ Dann lachte sie bitter. „Immerhin, indem du es von dir wirfst, hast du vielleicht den klügeren Kurs gewählt, denn so wahr es einen Gott im Himmel gibt, bist du völlig unfähig, es zu halten.“
„Meine gnädige Mutter“, antwortete er ihr mit so viel Würde, wie er aus dem elenden Haufen zusammenkratzen konnte, in dem sein Verstand nun zu liegen schien, „Ihr tätet gut daran, Euch Euren Frauenarbeiten zu widmen und Euch nicht in die Arbeit eines Mannes einzumischen.“
„Männerarbeit!“, spottete sie. „Und du führst sie aus wie ein quengeliger Junge oder ein mürrisches Weib.“
„Ich führe sie aus, Madonna, wie es mir am besten erscheint, denn es trifft sich, dass ich Herzog von Babbiano bin“, antwortete er mürrisch. „Ich fürchte keinen Papstsohn, der je gelebt hat. Das Bündnis mit Urbino ist so gut wie vollendet. Lass das erst einmal etabliert sein, und wenn Valentino seine Zähne zeigt – bei Gott, wir werden unsere zeigen.“
„Ja, aber mit dem Unterschied, dass seine die Zähne eines Wolfes sind und deine die eines Lammes. Außerdem ist dieses Bündnis mit Urbino noch lange nicht vollständig. Du hättest besser daran getan, den Gesandten mit einem vagen Versprechen abzuspeisen, das dir genug Atempause gewährt hätte, um die Angelegenheiten mit dem Haus Montefeltro zu besiegeln. So wie es ist, sind deine Tage gezählt. Auf diese Nachricht hin, die du ihm geschickt hast, wird Caesar sofort handeln. Was mich betrifft, ich habe nicht die Absicht, dem Eindringling zur Beute zu fallen, und ich werde Babbiano verlassen und in Neapel Zuflucht suchen. Und wenn ich dir ein letztes Wort des Rates anbieten darf, dann ist es, dass du das Gleiche tust.“
Gian Maria erhob sich und kam vom Podium herab, wobei er sie mit einer Art stumpfem Erstaunen betrachtete. Dann blickte er, als ob er Hilfe suchte, zu Alvari, zu Santi und zuletzt zu Lodi, der zurückgekehrt war, während Caterina sprach. Aber keiner von ihnen sagte ein Wort, und die Augen aller waren ernst.
„Ihr seid alle kleingeistig!“, spottete er. Dann verdunkelte sich sein Gesicht und sein Tonfall wurde konzentriert. „Ich bin es nicht“, versicherte er ihnen, „wenn ich es in der Vergangenheit manchmal geschienen habe mögen. Ich bin endlich aufgewacht. Ich habe heute eine Stimme in den Straßen von Babbiano gehört, und ich habe einen Anblick gesehen, der Feuer in meine Adern gelegt hat. Dieser gutmütige, weiche, nachsichtige Herzog, den ihr kanntet, ist fort. Der Löwe ist endlich wach, und ihr werdet Dinge sehen, von denen ihr nicht einmal geträumt hattet.“
Sie betrachteten ihn nun mit Augen, in denen die Ernsthaftigkeit durch ein Licht furchtsamen Staunens und Fragens verstärkt wurde. War sein Verstand unter der ungeheuren Belastung, die ihm an jenem Tag zugemutet worden war, dabei, nachzugeben? Wenn es nicht Wahnsinn war, was sonst bewies dieses wilde Prahlen?
„Seid ihr alle stumm?“, fragte er sie mit fiebrigen Augen. „Oder glaubt ihr, dass ich mehr verspreche, als in meiner Macht steht zu erfüllen. Ihr werdet urteilen, und zwar bald. Morgen, meine gnädige Mutter, während Ihr nach Süden reist, wie Ihr uns gesagt habt, gehe ich wieder nach Norden, zurück nach Urbino. Nicht einen Tag werde ich jetzt verschwenden. Innerhalb der Woche, meine Herren, bei Gottes Gnade, werde ich verheiratet sein. Das wird uns Urbino als Schutzschild geben, und mit Urbino kommen Perugia und Camerino. Aber mehr als das. Es kommt eine fürstliche Mitgift zu uns mit der Dame Valentina. Was glaubt Ihr, wie ich sie ausgeben werde? Bis auf den letzten Gulden wird sie in die Bewaffnung von Männern fließen. Ich werde mir jede freie Condotta in Italien anheuern. Ich werde mir eine solche Armee aufstellen, wie sie noch nie zuvor zu irgendeiner Zeit gesehen wurde, und mit dieser werde ich den Duca Valentino aufsuchen. Ich werde nicht hier zu Hause sitzen und auf das Vergnügen seines Kommens warten, sondern ich werde hinausziehen, um ihn zu treffen, und mit jener Armee werde ich über ihn hereinbrechen wie ein Blitz aus dem Himmel. Ja, meine gnädige Mutter“, lachte er in seinem Wahnsinn, „das Lamm wird den Wolf jagen und ihn zerreißen, sodass er nie wieder aufstehen wird, um andere Lämmer zu reißen. Das werde ich tun, meine Freunde, und es wird ein Kämpfen geben, wie man es seit den längst vergangenen Tagen von Castracani nicht mehr gesehen hat.“
Sie starrten ihn an, kaum noch glaubend, dass er bei Verstand war, und wunderten sich zutiefst, woher dieser plötzliche kriegerische Eifer in einem Menschen gekommen war, dessen Natur eher träge als aktiv, eher furchtsam als kriegerisch war. Und doch war der Grund nicht weit zu suchen, hätten sie nur den Gedankengängen folgen wollen, für die er ihnen selbst den Hinweis gegeben hatte, als er sich auf die Stimme bezog, die er gehört hatte, und auf die Anblicke, die er in den Straßen von Babbiano gesehen hatte. Die Stimme war die Stimme, die seinen Vetter Francesco als Herzog bejubelt hatte. Dass es das war, wodurch eine heftige Eifersucht ihn entflammt hatte. Dieser Mann hatte ihn auf einmal der Liebe seines Volkes und von Valentina beraubt und damit in seinem Herzen den brennenden Wunsch entfacht, ihn zu übertreffen und sowohl seinem Volk als auch Valentina deren Vorliebe als falsch zu beweisen. Er war wie ein Spieler, der alles auf einen einzigen Wurf setzt, und sein Einsatz sollte die Mitgift seiner Braut sein, das Spiel ein Tjost mit den Streitkräften der Borgia. Wenn er gewann, kam er mit Ruhm bedeckt hervor, und nicht nur als der Retter seines Volkes und der Verfechter ihrer Freiheit, sondern als eine glorreiche Figur, die ganz Italien – oder zumindest jener Teil davon, der die eiserne Ferse von Valentino gekannt hatte – verehren sollte. Auf diese Weise wollte er sich rehabilitieren und so die Erinnerung an seinen rebellischen Vetter, mit dem er im Begriff war abzurechnen, aus ihren Köpfen tilgen.
Seine Mutter wandte sich nun an ihn, und ihre Worte waren Worte der Vorsicht, Gebete, dass er sich ohne reifliche Überlegung und Erörterung im Rat auf nichts einließe, das für ihren weiblichen Verstand so gewaltig und erschreckend war. In diesem Augenblick trat ein Diener ein und näherte sich dem Herzog.
„Madonna“, verkündete Gian Maria und unterbrach ihre eindringlichen Worte, „ich bin in meinem Entschluss vollkommen gefasst. Wenn Ihr nur einen Augenblick verweilt und wieder Platz nehmt, werdet Ihr die erste Szene dieses großen Dramas erleben, das ich vorbereite.“ Dann wandte er sich an den wartenden Diener: „Eure Nachricht?“, verlangte er.
„Hauptmann Armstadt ist zurückgekehrt, Hoheit, und hat Seine Exzellenz mitgebracht.“
„Holt Lichter und lasst sie dann ein“, befahl er kurz. „Auf eure Plätze, meine Herren, und Ihr, meine Mutter. Ich bin im Begriff, zu Gericht zu sitzen.“
Verwundert und verständnislos gehorchten sie seinen wilden Gesten und nahmen ihre Plätze neben dem Thron wieder ein, während er selbst zur Estrade zurückkehrte und sich auf den herzoglichen Stuhl setzte. Diener traten ein, die große Kandelaber aus getriebenem Gold trugen, welche sie auf Tisch und Kaminaufsatz stellten. Sie zogen sich zurück, und als sich die Türen erneut öffneten, steigerte das Klirren von Kettenhemd, das von außen zu ihnen drang, das Erstaunen der Gesellschaft.
Dies stieg noch höher und ließ sie kalt und sprachlos, als der Graf von Aquila die Kammer betrat, mit einem Bewaffneten zu beiden Seiten, die ihn als Gefangenen kennzeichneten. Mit einem schnellen, alles erfassenden Blick, der die gesamte Gruppe um den Thron mit einbezog – und ohne die geringste Überraschung über die Anwesenheit von Lodi zu zeigen –, blieb Francesco stehen und erwartete die Worte seines Vetters.
Er war elegant gekleidet, doch ohne Verschwendung, und wenn er die Ausstrahlung eines großen Herrn hatte, so rührte dies eher von der Vornehmheit seines Gesichts und seiner Haltung her. Er war unbewaffnet und trug außer der goldenen Kappe, die er stets trug und die das glänzende Schwarz seines Haares zu betonen schien, nichts auf dem Kopf. Sein Gesicht war ausdruckslos, und sein Blick war der eines Mannes, der der ihm gebotenen Unterhaltung eher überdrüssig war.
Es herrschte ein beklemmendes Schweigen von einigen Augenblicken, währenddessen sein Vetter ihn mit einem Auge betrachtete, das seltsam funkelte. Schließlich brach Gian Maria in Rede aus, seine Stimme schrill vor Erregung.
„Wisset Ihr einen Grund“, verlangte er zu wissen, „warum Euer Kopf nicht zusammen mit jenen anderen am Tor von San Bacolo auf einem Speer zur Schau gestellt werden sollte?“
Francescos Augenbrauen schnellten in gerechtfertigtem Erstaunen in die Höhe.
„Ich kenne viele“, antwortete er mit einem Lächeln, eine Antwort, die durch ihre Schlichtheit den Herzog zu verwirren schien.
„Lasst uns einige davon hören“, forderte er ihn alsbald auf.
„Nein, lasst uns vielmehr irgendeinen Grund hören, warum mein armer Kopf so hart behandelt werden sollte. Wenn ein Mann so grob festgenommen wird, wie ich es wurde, ist es Sitte, dass Eure Hoheit mir vielleicht den Grund für diesen Frevel nennt.“
„Ihr zungengewandter Verräter“, sagte der Herzog mit unendlicher Bosheit, noch erzürnter durch die Würde seines Vetters. „Ihr gewählt sprechender Schurke! Ihr wollt erfahren, warum Ihr festgenommen wurdet? Sagt mir, Herr, was tatet Ihr am Morgen des Mittwochs vor Ostern in Acquasparta?“
Das ausdruckslose Gesicht des Grafen blieb unergründlich, eine Maske geduldigen Staunens. Allein durch das plötzliche Ballen seiner Hände verriet er, wie sehr ihn dieser Stoß getroffen hatte, und seine Hände bemerkte dort niemand. Fabrizio da Lodi, der hinter dem Herzog stand, wurde bleich bis an die Lippen.
„Ich entsinne mich nicht, dort etwas von Bedeutung getan zu haben“, antwortete er. „Ich atmete die gute Frühlingsluft in den Wäldern.“
„Und sonst nichts?“, höhnte Gian Maria.
„Ich kann mich auf wenig anderes besinnen, das von Belang wäre. Ich traf dort eine Dame, mit der ich ein wenig sprach, einen Mönch, einen Narren, einen Geck und einige Soldaten. Aber“ – er wandte sich abrupt, sein Tonfall wurde hochmütig – „was auch immer ich tat, ich tat es, wie es mir am besten schien, und ich habe noch zu lernen, dass der Graf von Aquila Rechenschaft darüber ablegen muss, was er tut und wo er es tut. Ihr habt mir noch nicht gesagt, Herr, mit welchem Recht oder vermeintlichen Recht Ihr mich gefangen haltet.“
„Habe ich das in der Tat nicht? Seht Ihr keine Verbindung zwischen Eurem Vergehen und Eurer Anwesenheit in der Nähe von Sant' Angelo an jenem Tag?“
„Wenn ich annehmen soll, dass Ihr mich mit dieser Demütigung hierher bringen ließet, um mir Rätsel zu Eurer Belustigung aufzugeben, so bin ich aufgeklärt und doch erstaunt. Ich bin kein Hofnarr.“
„Worte, Worte“, schnauzte der Herzog. „Denkt nicht, mich damit betören zu können.“ Mit einem kurzen Lachen wandte er sich von Francesco an jene auf der Estrade. „Ihr werdet Euch wundern, meine Herren, und Ihr, meine gnädige Mutter, auf welchen Gründen ich diesen Verräter ergreifen ließ. Ihr werdet es erfahren. In der Nacht des Dienstags vor Ostern trafen sich sieben Verräter in Sant' Angelo, um meinen Sturz zu planen. Von diesen sind die Köpfe von vieren jetzt auf den Mauern von Babbiano zu sehen; die anderen drei sind entkommen, aber dort steht einer von ihnen – jener, der diesen Thron hätte besetzen sollen, nachdem sie mich abgesetzt hätten.“
Die Augen aller ruhten nun auf dem jungen Grafen, während sein eigener Blick zum Gesicht von Lodi schweifte, auf dem eine Bestürzung geschrieben stand, die so groß war, dass sie ihn verraten hätte müssen, wäre der Herzog nur zufällig in seine Richtung gesehen. Es folgte eine Pause, die niemand zu unterbrechen wagte. Gian Maria schien eine Antwort von Francesco zu erwarten; doch Francesco stand ausdruckslos da, betrachtete ihn und gab kein Zeichen, dass er sprechen würde. Schließlich, unfähig, das Schweigen länger zu ertragen:
„E dunque?“, rief der Herzog. „Habt Ihr keine Antwort?“
„Ich möchte einwenden“, entgegnete Francesco, „dass ich keine Frage gehört habe. Ich hörte eine wilde Behauptung, überspannt und wahnsinnig, die Anschuldigung eines Geistesgestörten, eine Anklage, für die keine Beweise vorgebracht werden können, sonst nehme ich an, Ihr hättet sie nicht zurückgehalten. Ich frage Euch, meine Herren, und Euch, Madonna“, fuhr er fort und wandte sich an die anderen, „hat Seine Hoheit irgendetwas gesagt, worauf eine Antwort in irgendeiner Weise notwendig sein kann?“
„Fehlen Euch Beweise?“, rief Gian Maria, aber weniger zuversichtlich als bisher und daher weniger grimmig. In seinem Geist war ein Zweifel aufgekommen, geboren aus dieser seltsamen Ruhe bei Francesco – eine Ruhe, die nach Gian Marias Wahrnehmung kaum das Gewand der Schuld war, sondern eher einem gehörte, der versichert ist, dass ihn keine Gefahr bedroht. „Fehlen Euch Beweise?“, sagte der Herzog erneut, und dann mit der Miene eines Mannes, der eine unwiderlegbare Frage stellt: „Wie kamt Ihr zu der Wunde, die Ihr an jenem Tag in den Wäldern hattet?“
Ein Lächeln zuckte über Francescos Gesicht und war wieder verschwunden.
„Ich fragte nach Beweisen, nicht nach Fragen“, protestierte er müde. „Was soll es beweisen, wenn ich hundert Wunden hätte?“
„Beweisen?“, echote der Herzog, immer weniger sicher auf seinem Grund, da er bereits fürchtete, vielleicht zu schnell und zu weit auf dem Pfad seiner Verdächtigungen gegangen zu sein. „Es beweist mir, in Verbindung mit Eurer Anwesenheit dort, dass Ihr am Abend zuvor im Kampf wart.“
Francesco rührte sich daraufhin. Er seufzte und lächelte zugleich. Dann einen Ton raschen Befehls annehmend:
„Heißt diese Männer gehen“, sagte er und wies auf seine Wachen. „Dann hört mich Eure üblen Verdächtigungen zerstreuen, wie der Wirbelsturm die Blätter im Herbst zerstreut.“
Gian Maria starrte ihn fassungslos an. Diese überwältigende Sicherheit, diese hochmütige, würdevolle Haltung, die einen solch edlen Kontrast zu seinem eigenen plumpen Drangsalieren bildete, untergruben allmählich immer mehr sein Selbstvertrauen. Mit einer Handbewegung bedeutete er den Soldaten zu gehen, wobei er fast unbewusst dem beherrschenden Geist seines Vetters gehorchte, von dem er ebenso unbewusst beeinflusst wurde.
„Nun, Hoheit“, sagte Francesco, sobald die Männer fort waren, „bevor ich die Anklage entkräfte, die Ihr erhebt, lasst mich sie klar verstehen. Aus den Ausdrücken, die Ihr verwendet habt, entnehme ich, dass sie folgende ist: Eine Verschwörung wurde vor einiger Zeit in Sant' Angelo geschmiedet, die zum Ziel hatte, Euch vom Thron von Babbiano zu verdrängen und mich an Eure Stelle zu setzen. Ihr beschuldigt mich, an dieser Verschwörung einen Anteil gehabt zu haben – den mir zugewiesenen Anteil. So ist es doch, nicht wahr?“
Gian Maria nickte.
„Ihr habt es sehr klar ausgedrückt“, höhnte er. „Wenn Ihr Eure Unschuld ebenso klar darlegen könnt, werde ich zufrieden sein, dass ich Euch Unrecht getan habe.“
„Dass diese Verschwörung stattgefunden hat, wollen wir als erwiesen annehmen, obwohl dem Volk von Babbiano der Beweis mager erschienen sein mag. Ein Mann, inzwischen verstorben, hatte Eurer Hoheit gesagt, dass ein solches Komplott ausgeheckt werde. Kaum vielleicht für sich genommen ein Beweis, der ausreicht, um die Köpfe von vier sehr tapferen Edelleuten auf Speere zu setzen, aber zweifellos hatte Eure Hoheit andere Beweise, zu denen wir anderen keinen Zugang hatten.“
Gian Maria fröstelte bei diesen Worten. Er erinnerte sich, was Francesco bei ihrem letzten Gespräch genau über dieses Thema gesagt hatte; er erinnerte sich an die Art seines eigenen Empfangs an jenem Tag in Babbiano.
„Wir müssen uns damit begnügen, dass es so ist“, fuhr Francesco ruhig fort. „In der Tat lässt Eurer Hoheit Handeln in der Angelegenheit keinen Zweifel. Wir wollen also annehmen, dass ein solches Komplott geschmiedet wurde, aber dass ich einen Teil daran hatte, dass ich der Mann war, der dazu auserkoren war, Euren Platz einzunehmen – muss ich die Sinnlosigkeit einer solchen Anklage beweisen?“
„Das müsst Ihr in der Tat. Bei Gott! Das müsst Ihr, wenn Ihr Euren Kopf retten wollt.“
Der Graf stand in einer entspannten Haltung, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und lächelte hinauf zu des Vetters bleichem Gesicht und finsterer Stirn.
„Wie geheimnisvoll sind die Wege Eurer Gerechtigkeit, Vetter“, murmelte er mit unendlichem Genuss; „welche wunderbare Billigkeit erfüllt Eure Methoden! Ihr lasst mich mit Gewalt hierher schleifen, und dort sitzend sagt Ihr zu mir: 'Beweise, dass Ihr nicht gegen mich konspiriert habt, oder der Scharfrichter soll Euch haben!' Bei meinem Glauben! Salomon war ein törichter Plapperer, wenn man ihn mit Euch vergleicht.“
Gian Maria schlug auf die vergoldete Armlehne seines Stuhls einen Schlag, für den seine Hand am nächsten Tag geschwärzt sein sollte.
„Beweist es!“, schrie er wie ein Kind, das trotzig ist. „Beweist es, beweist es, beweist es!“
„Und haben meine Worte es nicht bereits bewiesen?“, sagte der Graf mit einer Stimme von solch mildem Staunen und sanftem Protest, dass es Gian Maria nach Luft schnappen ließ.
Dann machte der Herzog eine hastige Geste der Ungeduld.
„Messer Alvari“, sagte er mit einer Stimme voller konzentriertem Zorn, „ich denke, Ihr solltet am besten die Wache zurückrufen.“
„Wartet!“, zwang ihn der Graf, indem er seine Hand hob. Und nun sah man, dass die entspannte Sorglosigkeit aus seinem Gesicht gewichen war: Das Lächeln war verschwunden, und an seiner Stelle lag ein Blick von hochmütigem und verächtlichem Zorn. „Ich werde meine Worte wiederholen. Ihr habt mich mit Gewalt vor Euch hierher geschleift, und dort auf dem Thron von Babbiano sitzend, sagt Ihr: 'Beweise, dass Ihr nicht gegen mich konspiriert habt, wenn Ihr Euren Kopf retten wollt.'“ Eine Sekunde hielt er inne und bemerkte den ratlosen Blick, mit dem alle ihn betrachteten.
„Ist das eine Parabel?“, höhnte der verständnislose Herzog.
„Ihr habt es gesagt“, schoss Francesco zurück. „Eine Parabel ist es. Und wenn Ihr darüber nachdenkt, liefert sie Euch dann nicht Beweis genug?“, fragte er mit einem Ton des Triumphs in der Stimme. „Zeigen nicht unsere relativen Stellungen unwiderlegbar die Haltlosigkeit dieser Eurer Anklage? Sollte ich hier stehen und Ihr dort sitzen, wenn das, was Ihr mir vorwerft, wahr wäre?“ Er lachte fast wild, und seine Augen blitzten verächtlich auf den Herzog. „Wenn Ihr es noch deutlicher braucht, Gian Maria, so sage ich Euch: Hätte ich geplant, Euren wankenden Thron zu besetzen, so wäre ich jetzt darauf und stünde nicht hier, mich gegen eine törichte Anklage verteidigend. Aber könnt Ihr daran zweifeln? Habt Ihr keine Lektion gelernt, als Ihr heute in Babbiano einrittet? Habt Ihr sie nicht mich bejubeln und über Euch stöhnen hören? Und doch“, endete er mit einem hochmütigen Mitleid, „sagt Ihr mir, dass ich konspiriert hätte. Warum, wenn ich Euren Thron begehrte, wäre mein einziger Bedarf, mein Banner in den Straßen Eurer Hauptstadt zu entrollen, und innerhalb der Stunde wäre Gian Maria nicht mehr Herzog. Habe ich meine Unschuld bewiesen, Hoheit?“, endete er leise, beinahe traurig. „Seid Ihr überzeugt, wie wenig Bedarf ich für Komplotte habe?“
Doch der Herzog hatte keine Antwort für ihn. Sprachlos und in einer Art benommenen Schreckens saß er da und starrte vor sich hin auf das schöne Gesicht seines Vetters, während die anderen ihn verstohlen beobachteten, in Schweigen, zitternd für den jungen Mann, der hier, in seiner Gewalt, es gewagt hatte, solche Dinge zu ihm zu sagen. Alsbald verbarg er sein Gesicht in den Händen und saß eine Weile so, wie einer, der tief in Gedanken versunken ist. Endlich zog er sie langsam zurück und präsentierte ein Antlitz, das Leidenschaft und Ärger in so kurzer Zeit seltsam zerfurcht hatten. Er wandte sich an Santi, der am nächsten stand.
„Die Wache“, sagte er heiser mit einer Handbewegung, und Santi ging, wobei niemand ein Wort zu sagen wagte. Sie warteten so, eine seltsame Gruppe, alle sehr ernst außer einem, und er war derjenige, der den meisten Grund zur Ernsthaftigkeit hatte. Dann trat der Hauptmann wieder ein, gefolgt von seinen zwei Männern, und Gian Maria winkte mit der Hand in Richtung des Gefangenen.
„Bringt ihn weg“, murmelte er barsch, sein Gesicht leichenblass, und Leidenschaft schüttelte ihn wie eine Espe. „Bringt ihn weg und erwartet meine Befehle im Vorzimmer.“
„Wenn es ein Abschied ist, Vetter“, sagte Francesco, „darf ich hoffen, dass Ihr einen Priester zu mir schickt? Ich habe als gläubiger Christ gelebt.“
Gian Maria gab ihm keine Antwort, aber sein bösartiges Auge ruhte auf Martino. Da er die Bedeutung dieses Blickes las, berührte der Hauptmann Francesco leicht am Arm. Einen Augenblick stand der Graf da, vom Herzog zu den Soldaten blickend; eine Sekunde ruhte sein Blick auf den dort Versammelten; dann, mit einem leichten Heben seiner Schultern, drehte er sich auf dem Absatz um und schritt mit erhobenem Haupt aus der herzoglichen Kammer.
Und Stille herrschte, nachdem er fort war, bis Caterina Colonna sie mit einem Lachen brach, das Gian Marias inzwischen sehr empfindliche Nerven reizte.
„Ihr hattet tapfer versprochen“, spottete sie ihn, „den Löwen zu spielen. Aber bisher haben wir nur das Wiehern eines Esels gehört.“
KAPITEL XI. WANDERNDE RITTER
Dieser Spott seiner Mutter rührte Gian Maria. Er erhob sich von seinem herzoglichen Stuhl und stieg von der Estrade, auf der er stand, besessen von einer stürmischen Laune, die es ihm nicht erlaubte, stillzusitzen.
„Das Wiehern eines Esels?“, murmelte er und stellte sich Caterina entgegen. Dann lachte er unangenehm. „Der Kieferknochen eines Esels hat bei einer Gelegenheit schreckliche Hinrichtung vollbracht, Madonna, und das mag er wieder. Ein wenig Geduld, und Ihr werdet sehen.“ Als nächstes und mit einer lebhafteren Miene wandte er sich an die vier schweigsamen Höflinge. „Ihr habt ihn gehört, meine Herren“, rief er aus. „Wie sagt Ihr, dass ich mit einem solchen Verräter verfahren soll?“ Er wartete einige Sekunden auf eine Antwort, und es schien ihn zu erzürnen, dass keine kam. „Habt Ihr also keinen Rat für mich?“, verlangte er scharf.
„Ich hatte nicht gedacht“, sagte Lodi kühn, „dass dies ein Fall sei, in dem Eure Hoheit Rat brauche. Ihr wurdet dazu bewogen zu schlussfolgern, dass der Herr von Aquila ein Verräter sei, aber nach dem, was wir alle gehört haben, sollte Eure Hoheit nun sehen, dass er es nicht ist.“
„Sollte ich das?“, erwiderte der Herzog, blieb stehen und fixierte Fabrizio mit einem Auge, das stumpf wie das einer Schlange war. „Messer da Lodi, Eure Loyalität ist eine Sache, die in letzter Zeit Anzeichen von Wanken gezeigt hat. Nun, wenn ich durch die Gnade Gottes und Seiner heiligen Heiligen als ein barmherziger Fürst geherrscht habe, der zu sehr auf der Seite der Milde irrt, so möchte ich Euch nahelegen, diese Milde nicht zu sehr auf die Probe zu stellen. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch.“
Er wandte sich von der furchtlosen Front ab, die der alte Staatsmann bot, um den beunruhigten Blicken der anderen zu begegnen.
„Euer Schweigen, meine Herren, sagt mir, dass in dieser Angelegenheit Euer Urteil parallel zu meinem läuft. Und Ihr seid weise, denn in einem solchen Fall kann es nur einen Weg geben. Mein Vetter hat heute Worte geäußert, die noch kein Mensch je zu einem Fürsten gesagt hat und am Leben geblieben ist. Auch werden wir von dieser Regel keine Ausnahme machen. Mein Herr von Aquila muss den Preis für seine Verwegenheit mit seinem Kopf bezahlen.“
„Mein Sohn“, rief Caterina mit einer Stimme des Entsetzens. Gian Maria stellte sich ihr in einer Leidenschaft entgegen, sein Gesicht war fleckig geworden.
„Ich habe es gesagt“, knurrte er. „Ich werde nicht schlafen, bis er stirbt.“
„Doch vielleicht werdet Ihr nie wieder erwachen“, antwortete sie. Und mit diesem Vorspiel schleuderte sie die bitterste Kritik auf sein Haupt, die er je gehört hatte. Mit stechenden Beinamen und verächtlichen Worten suchte sie ihn die Torheit dessen sehen zu lassen, was er plante. War er tatsächlich müde, Babbiano zu regieren? Wenn das so wäre, sagte sie ihm, müsse er nur auf Caesar Borgias Kommen warten. Er brauche die Dinge nicht durch eine Tat zu überstürzen, die zu einem Aufstand führen müsste, einer Erhebung des Volkes, um ihr Idol zu rächen.
„Ihr habt mir nur zusätzliche Gründe geliefert“, antwortete er ihr standhaft. „Es gibt in meinem Herzogtum keinen Platz für einen Mann, dessen Tod, wenn es mir beliebte, ihn herbeizuführen, von meinem eigenen Volk an mir gerächt würde.“
„Dann schickt ihn aus Euren Herrschaftsgebieten“, drängte sie. „Verbannt ihn, und alles mag gut werden. Aber wenn Ihr ihn erschlagt, würde ich Euer Leben keinen Tag mehr geben.“
Dieser Rat war vernünftig, und am Ende bewogen sie ihn dazu, ihn anzunehmen. Aber es geschah nicht ohne den Preis endloser Bitten seitens jener Höflinge und der Überredungskünste von Caterinas beißendem Spott und Prophezeiungen über das Schicksal, das ihn sicherlich erwartete, sollte er das Leben eines so Geliebten antasten. Schließlich willigte er wider Willen mürrisch ein, dass die Verbannung seines Vetters ihn zufriedenstellen solle. Doch es war mit unendlicher Bitterkeit und Bedauern, dass er sein Wort gab, denn seine Eifersucht war von einer Art, die nichts als Francescos Tod hätte besänftigen können. Gewiss ist, dass ihn nichts außer der Furcht vor den Konsequenzen, die seine Mutter in sein Herz gepflanzt hatte, dazu hätte bewegen können, damit zufrieden zu sein, dass der Graf von Aquila verbannt werde.
Er sandte nach Martino und befahl ihm, dem Grafen sein Schwert zurückzugeben, und er vertraute die Nachricht der Verbannung Fabrizio da Lodi an, mit der Weisung, Francesco davon in Kenntnis zu setzen, dass ihm vierundzwanzig Stunden Gnadenfrist gewährt würden, um sich über die Herrschaftsgebiete von Gian Maria Sforza hinaus zu begeben.
Dies getan – und mit außerordentlich übler Anmut –, wandte sich der Herzog auf dem Absatz um, und mit finsterer Stirn verließ er die herzogliche Kammer und begab sich, unbegleitet, in seine eigenen Gemächer.
Sich freuend ging Fabrizio da Lodi seiner Aufgabe nach, die er mit gewissen Zusätzen ausführte, die ihn seinen Kopf hätten kosten können, wäre Gian Maria davon zu Ohren gekommen. Tatsächlich ergriff er die Gelegenheit, erneut bei Francesco auf den Thron von Babbiano zu dringen.
„Die Stunde ist sehr reif“, drängte er den Grafen, „und das Volk liebt Euch, wie sicherlich noch nie ein Fürst geliebt wurde. In ihrem Interesse plädiere ich. Ihr seid ihre einzige Hoffnung. Werdet Ihr nicht zu ihnen kommen?“
Wenn Francesco einen Augenblick zögerte, so war es eher in Erwägung der Art und Weise, wie die Krone angeboten wurde, als in Folge irgendeines Reizes, den das Angebot für ihn gehabt haben mochte. Einmal – jene Nacht in Sant' Angelo – hatte er Versuchung verspürt, und einen Moment lang hatte er den Verlockungen in der Stimme gelauscht, die ihn zur Macht einlud. Aber nicht so jetzt. Einen Gedanken verschwendete er an das Volk, das einen solchen Glauben an ihn hatte und ihn mit einer solchen bewundernden Liebe überschüttete, und dem er, als eine Frage der Gegenseitigkeit, Gutes wünschte und das er in jeder Eigenschaft außer dieser gedient hätte. Er schüttelte den Kopf und lehnte das Angebot mit einem Lächeln des Bedauerns ab.
„Habt Geduld, alter Freund“, fügte er hinzu. „Ich bin nicht aus dem Stoff, aus dem gute Fürsten gemacht werden, auch wenn Ihr das denkt. Es ist eine Knechtschaft, in die ich mich nicht verkaufen möchte. Ein Männerleben für mich, Fabrizio – ein freies Leben, das nicht von Ratsherren gelenkt wird und dem Pöbel ausgeliefert ist.“
Fabrizios Gesicht wurde traurig. Er seufzte tief, doch da es für ihn nicht gut sein mochte, dass er allzu lange im Gespräch mit einem verblieb, der in den Augen des Herzogs mit Verrat behaftet war, hatte er keine Muße, bei den Überredungen zu beharren, die, wie er schließlich klar sah, am Ende fruchtlos bleiben mussten.
„Was das Heil des Volkes von Babbiano war“, murmelte er, „war auch das Eurer Exzellenz, denn würdet Ihr den Kurs einschlagen, zu dem ich dränge, gäbe es keine Notwendigkeit, in die Verbannung zu gehen.“
„Nun, diese Verbannung kommt mir überaus gelegen“, erwiderte Francesco. „Ich war allzu lange untätig, und der Wunsch zu wandern liegt mir wieder im Blut. Ich werde noch einmal die Welt sehen, und wenn ich meiner Vagabundage überdrüssig bin, kann ich mich auf meine Ländereien in Aquila zurückziehen, und in diesem Winkel der Toskana, zu unbedeutend, um das Auge eines Eroberers auf sich zu ziehen, wird mich niemand behelligen, und ich werde Ruhe finden. Babbiano, mein Freund, wird nach dieser Nacht nichts mehr von mir wissen. Wenn ich fort bin und die Menschen erkennen, dass sie nicht das haben können, was sie wollen, mögen sie sich vielleicht mit dem begnügen, was sie haben können.“ Und er winkte mit der Hand in Richtung der Türen, die zum herzoglichen Gemach führten. Damit nahm er Abschied von seinem alten Freund, und während er das Schwert und den Dolch, die Hauptmann Armstadt ihm zurückgegeben hatte, in der Hand hielt, begab er sich raschen Schrittes zum Nordflügel des Palastes, in dem er seine Unterkunft hatte.
Im Vorzimmer entließ er jene seiner Diener, die aus den Reihen der Leute des Herzogs stammten, und hieß seine eigenen toskanischen Gefolgsleute, Zaccaria und Lanciotto, sich um das Packen seiner Habe zu kümmern und alles für den Aufbruch innerhalb der nächsten Stunde bereitzumachen.
Er war kein Feigling, doch er hatte keine Lust, schon jetzt zu sterben, wenn es ehrenvoll vermieden werden konnte. Das Leben hatte Francesco del Falco einige Süßigkeiten zu bieten, und das spornte ihn zur Eile an, denn er kannte die skrupellosen Methoden seines Cousins nur zu gut. Er war sich bewusst, dass Gian Maria durch das Gewicht der Argumente gezwungen worden war, ihn gehen zu lassen, und er fürchtete scharfsinnig, dass sein Cousin, sollte er zögern, wieder umschwenken und, ohne ein zweites Mal Rat zu suchen, ihn kurzerhand und ohne Rücksicht auf die Folgen aus dem Weg räumen könnte.
Während Lanciotto im Vorzimmer beschäftigt blieb, begab sich der Graf in Begleitung von Zaccaria in sein Schlafgemach, um an seiner Kleidung die notwendigen Änderungen vorzunehmen. Doch kaum hatte er begonnen, als er durch die Ankunft von Fanfulla degli Arcipreti unterbrochen wurde, den Lanciotto hereinbat. Francescos Gesicht hellte sich beim Anblick seines Freundes auf, und er hielt ihm die Hand hin.
„Was ist geschehen?“, rief der junge Kavalier und fügte hinzu, was seine Frage als unnötig erscheinen ließ, denn von Fabrizio da Lodi hatte er die ganze Geschichte dessen erfahren, was vorgefallen war. Er setzte sich auf das Bett und achtete überhaupt nicht auf die Anwesenheit Zaccarias – von dem er wusste, dass er treu war –, und er versuchte, den Grafen zu überreden, wo Fabrizio gescheitert war. Doch Paolo unterbrach ihn, ehe er sehr weit gekommen war.
„Hör damit auf“, sagte er, und obwohl er es mit einem Lachen sagte, klang Entschlossenheit in seinem Tonfall fest. „Ich bin ein fahrender Ritter, kein Fürst, und ich werde mich nicht vom einen zum anderen bekehren lassen. Das hieße, einen freien Mann zum Heloten zu machen, und du liebst mich nicht, Fanfulla, wenn du dieses Argument weiter vorbringst. Glaubst du, ich sei traurig, niedergeschlagen angesichts dieser Verbannung? Ach was, Junge, das Blut fließt schneller durch meine Adern, seit ich das Urteil gehört habe. Es befreit mich von Babbiano in einer Stunde, in der vielleicht meine Pflicht – das Erwidern der Liebe des Volkes – mich sonst hier gehalten hätte, und es gibt mir die Freiheit, mein guter Fanfulla, hinauszuziehen auf der Suche nach einem Abenteuer, wie ich es wähle.“ Er warf die Arme aus und zeigte seine prächtigen Zähne bei einem herzhaften Lachen.
Fanfulla musterte ihn, angesteckt von der ausgelassenen Fröhlichkeit seiner Stimmung.
„Nun, wahrlich, mein Herr“, räumte er ein, „ihr seid ein zu edler Vogel, um in einem Käfig zu singen. Aber als fahrender Ritter loszuziehen...“ Er hielt inne und breitete protestierend die Hände aus. „Es gibt keine Drachen mehr, die Prinzessinnen gefangen halten.“
„Leider nein. Aber die Venezianer stehen kurz vor dem Krieg, und sie werden für diese meine Hände Arbeit finden. An Freunden mangelt es mir unter ihnen nicht.“
Fanfulla seufzte.
„Und so verlieren wir Euch. Der stärkste Arm in Babbiano verlässt uns in der Stunde der Not, vertrieben von diesem plumpen Herzog. Bei meiner Seele, Ser Francesco, ich wünschte, ich könnte mit Euch gehen. Hier ist nichts auszurichten.“
Francesco hielt beim Anziehen eines Stiefels inne und hob die Augen, um einen Moment seinen Freund zu betrachten.
„Aber wenn du es wünschst, Fanfulla, so werde ich mich freuen, deine Gesellschaft zu haben.“
Und nun drang die Idee davon ernsthaft in Fanfullas Geist ein, denn sein Ausdruck war bisher mehr oder weniger ein müßiger gewesen. Aber da Francesco ihn einlud, warum eigentlich nicht?
Und so begab es sich, dass in der dritten Stunde jener warmen Mainacht eine Gruppe von vier Männern zu Pferd und zwei Saumtieren Babbiano verließ und die Straße einschlug, die nach Vinamare und von dort in das Gebiet von Urbino führt. Diese Reiter waren der Graf von Aquila und Fanfulla degli Arcipreti, gefolgt von Lanciotto, der ein Maultier führte, das die Waffen jener fahrenden Ritter trug, und Zaccaria, der ein anderes mit ihrem allgemeinen Gepäck führte.
Die ganze Nacht ritten sie unter den Sternen, und weiter bis etwa drei Stunden nach Sonnenaufgang, als sie in einer Mulde der Hügel nicht weit von Fabriano Rast machten. Sie banden ihre Pferde in einem Hain aus friedlichem Lorbeer und schützenden Maulbeerbäumen fest, am Fuße eines Hanges, der mit Olivenbäumen bepflanzt war, grau, knorrig und gebeugt wie alte Krüppel, und neben dem Fluss Esino an einer Stelle, wo er so schmal war, dass ein flinker Mann seine Breite überspringen konnte. Hier also breiteten sie ihre Mäntel aus, und Zaccaria packte seine Vorräte aus und setzte ihnen ein einfaches Mahl aus Brot, Wein und gebratenem Geflügel vor, das ihrem Hunger mehr zusagte als ein Bankett zu einer anderen Jahreszeit. Und als sie gegessen hatten, legten sie sich neben den Strom und vertrieben sich dort mit angenehmen Gesprächen die Zeit, bis sie einschliefen. Sie ruhten sich während der Hitze des Tages aus, und als sie etwa drei Stunden nach Mittag erwachten, erhob sich der Graf und ging ein Dutzend Schritte den Strom hinunter zu einer Stelle, wo er in einen winzigen See fiel – ein Becken, tief und blau wie der wolkenlose Himmel, den es widerspiegelte. Hier streifte er seine Kleider ab und stürzte sich kopfüber hinein, um einige Augenblicke später, an Körper und Seele erfrischt und neu gestärkt, wieder aufzutauchen.
Als Fanfulla erwachte, erblickte er eine Erscheinung, die auf ihn zukam, eine Gestalt, geschmeidig und stämmig wie ein Waldgott, das Wasser schimmerte auf der elfenbeinernen Weiße seiner Haut und glitzerte in seinem dunklen Haar, wenn das Sonnenlicht es einfing.
„Sag mir nun, Fanfulla, lebt ein Mensch von so verdorbenem Geist, dass er eine herzogliche Krone dieser Freiheit vorziehen würde?“
Und der Höfling, der Francescos strahlende Miene sah, verstand vielleicht endlich, wie schäbig der Ehrgeiz war, der einen Mann von einer solch gottgleichen Freiheit und von den heiligen, alles verzehrenden Freuden, die sie ihm brachte, fortlocken konnte. Da seine Gedanken in diese Richtung gelenkt wurden, war es darüber, was sie sprachen, während der Graf wieder seine Kleidung anlegte – seine roten Beinlinge, seine kniehohen Stiefel aus ungegerbtem Leder und sein gestepptes Brigantinenwams aus schlichtem braunem Stoff, das als dolchfest galt. Er erhob sich schließlich, um seinen Gürtel aus gehämmertem Stahl anzuschnallen, an dem hinter seinen Lenden ein stämmiger, langer Dolch hing, die einzige Waffe, die er trug.
Auf seinen Befehl wurden die Pferde gesattelt und die Saumtiere wieder beladen. Lanciotto hielt seinen Steigbügel, und Zaccaria tat den gleichen Dienst für Fanfulla, und bald trabten sie aus jenem duftenden Hain auf den federnden Rasen weiter, grüner Weideländer. Sie überquerten den Strom an einer Stelle, wo das verbreiterte Wasser kaum höher als bis zu den Fesseln ihrer Pferde reichte; dann, nach Osten abschwenkend, ritten sie für eine halbe Meile oder so von den Hügeln weg, bis sie eine Straße gewannen. Hier bogen sie wieder nach Norden ab und drängten weiter in Richtung Cagli.
Als die Glocken das Ave Maria läuteten, hielt die Kavalkade vor dem Palazzo Valdicampo, wo Gian Maria vor zwei Nächten bewirtet worden war. Seine Tore standen nun ebenso bereitwillig weit offen, um den illustren und ruhmreichen Grafen von Aquila willkommen zu heißen, der von Messer Valdicampo nicht weniger geschätzt wurde als sein mächtigerer Cousin. Zimmer wurden ihm und Fanfulla zur Verfügung gestellt; Diener wurden angewiesen, ihnen aufzuwarten; frische Kleidung wurde für sie bereitgelegt, und ein edles Abendessen wurde zubereitet, um Francesco zu ehren. Auch kühlte sich die Haltung des großzügigen Valdicampo nicht ab, als er erfuhr, dass Francesco am Hofe von Babbiano in Ungnade gefallen und aus den Herrschaftsgebieten des Herzogs Gian Maria verbannt war. Er drückte sein mitfühlendes Bedauern über einen solch widrigen Umstand aus und enthielt sich diskret jeglicher Meinung dazu.
Doch später, als sie speisten und vielleicht die erlesenen Weine seine Diskretion ein wenig gelockert hatten, erlaubte er sich, von Gian Marias Methoden in Ausdrücken zu sprechen, die alles andere als lobend waren.
„Hier, in meinem Haus“, informierte er sie, „verübte er ein Verbrechen an einem armen Unglücklichen, für das man mich noch zur Rechenschaft ziehen könnte – denn es war unter meinem Dach, dass sich die Sache zutrug, auch wenn ich nichts davon wusste.“
Als er von Paolo gedrängt wurde, ihnen mehr zu erzählen, rückte er mit der Information heraus, dass der betreffende Unglückliche Urbinos Narr Peppe sei. Da wurde Paolos Blick aufmerksamer. Die Erinnerung an seine Begegnung mit dem Narren und seiner Herrin in den Wäldern vor einem Monat blitzte nun durch seinen Geist, und es kam ihm, dass er richtig erraten konnte, aus welcher Quelle sein Cousin die Information bezogen hatte, die zu seiner eigenen Verhaftung und Verbannung geführt hatte.
„Von welcher Art war das Verbrechen?“, erkundigte er sich.
„Nach dem, was Peppe mir selbst erzählt hat, schien es, als sei der Narr im Besitz eines Wissens gewesen, das Gian Maria suchte, zu dem Peppe jedoch durch einen Eid zum Schweigen verpflichtet war. Gian Maria ließ ihn heimlich gefangen nehmen und aus Urbino entführen. Seine Sbirren brachten den Kerl hierher, und um ihn zum Sprechen zu bringen, improvisierte der Herzog in seinem Schlafgemach eine Tratta di corde, die das gewünschte Ergebnis hatte.“
Das Gesicht des Grafen wurde finster vor Zorn. „Der Feigling!“, murmelte er. „Der niederträchtige Feigling!“
„Aber bedenkt, Herr Graf“, rief Valdicampo, „dass dieser arme Peppe ein gebrechliches und verkrüppeltes Geschöpf ist, dem die Kraft eines gewöhnlichen Mannes fehlt, und urteilt nicht allzu streng über ihn.“
„Nicht von ihm sprach ich“, erwiderte Francesco, „sondern von meinem Cousin, diesem feigen Tyrannen, Gian Maria Sforza. Sagt mir, Messer Valdicampo – was ist aus Ser Peppe geworden?“
„Er ist noch hier. Ich habe ihn pflegen lassen, und sein Zustand hat sich bereits sehr gebessert. Es wird nicht lange dauern, bis er wieder genesen ist, aber für einige Tage werden seine Arme fast unbrauchbar bleiben. Sie wurden beinahe aus seinem Körper gerissen.“
Als das Mahl beendet war, bat Francesco seinen Gastgeber, ihn zu Peppes Zimmer zu führen. Valdicampo tat dies, und während er Fanfulla in der Gesellschaft der Damen seines Hauses ließ, begleitete er den Grafen in das Zimmer, wo der arme, misshandelte Bucklige im Bett lag, gepflegt von einer der Frauen aus Valdicampos Haushalt.
„Hier ist ein Besucher, der Euch sehen möchte, Ser Peppe“, kündigte der alte Herr an und stellte sein Licht auf einen Tisch am Bett. Der Narr wandte seinen großen Kopf dem Neuankömmling zu und suchte mit melancholischen Augen das Gesicht seines Besuchers. Beim Anblick seiner Person breitete sich ein Ausdruck von Terror auf seinem Gesicht aus.
„Mein Herr“, rief er und kämpfte sich in eine sitzende Haltung, „mein edler, gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir. Ich könnte mir diese feige Zunge herausreißen. Aber wüsstet Ihr, welche Qualen ich litt und welcher Folter sie mich unterzogen, um mich treulos zu machen, vielleicht würdet Ihr selbst Mitleid mit mir haben.“
„Nun, das habe ich“, antwortete Francesco sanft. „Wahrlich, hätte ich die Konsequenzen absehen können, die dieser Eid für Euch haben würde, hätte ich Euch nicht daran gebunden.“
Die Furcht in Peppes Gesicht wich Unglauben.
„Und Ihr vergebt mir, Herr?“, rief er. „Ich fürchtete, als Ihr eintratet, dass Ihr gekommen wärt, um mich für das Unrecht zu bestrafen, das ich Euch durch mein Reden zugefügt haben mag. Aber wenn Ihr mir vergebt, mag es sein, dass der Himmel mir auch vergibt und dass ich nicht verdammt werde. Und das wäre ein tausendfaches Jammer, denn was, mein Herr, sollte ich in der Hölle tun?“
„Die Qualen von Gian Maria verspotten“, antwortete Francesco mit einem Lachen.
„Es wäre fast wert, dafür zu brennen“, sinnierte Peppe und streckte eine Hand aus, deren zerrissenes, geschwollenes Handgelenk Anzeichen der Folter trug, die er erlitten hatte. Beim Anblick dessen stieß der Graf einen Ausruf zornigen Entsetzens aus und beeilte sich, sich nach dem Zustand des armen Narren zu erkundigen.
„So schlimm ist es jetzt nicht mehr“, antwortete Peppe ihm, „und es ist nur aufgrund des Bestehens von Messer Valdicampo, dass ich mein Bett gehütet habe. Ich kann meine Arme kaum benutzen, das stimmt, aber sie bessern sich. Morgen werde ich auf sein, und ich hoffe, nach Urbino aufzubrechen, wo meine liebe Herrin in Sorge um meine Abwesenheit sein muss, denn sie ist eine sehr gütige und zartfühlende Dame.“
Dieser Entschluss Peppes veranlasste den Grafen, anzubieten, ihn am nächsten Tag nach Urbino zu begleiten, da er selbst ohnehin in diese Richtung reisen würde – ein Angebot, das der Narr ohne Zögern und mit lebhafter Dankbarkeit annahm.
KAPITEL XII. DIE NEUGIER DES NARREN
Am Morgen brach Francesco wieder auf, begleitet von seinen Dienern, Fanfulla und dem Narren. Letzterer war inzwischen so weit wiederhergestellt, dass er auf einem Maultier sitzen konnte, aber damit das Reiten ihn nicht überanstrengte, legten sie auf ihrem Weg durch die lieblichen Täler des Metauro kaum mehr als ein Schritttempo zurück. So begab es sich, dass die hereinbrechende Nacht sie immer noch auf der Reise fand, etwa zwei Meilen von Urbino entfernt. Noch eine weitere Meile legten sie im Mondlicht zurück, und der Narr vertrieb ihnen die Zeit mit einer drolligen Geschichte, die er aus den hellen Seiten des Messer Boccaccio zusammengetragen hatte, als seine scharfen Ohren plötzlich ein Geräusch auffingen, das ihn mitten im Satz verstummen ließ.
„Seid Ihr schwach?“, fragte Francesco, wandte sich schnell ihm zu und dachte an den wunden Zustand des Kerls.
„Nein, nein“, antwortete der Narr mit einer Bereitwilligkeit, die die Besorgnis des Grafen in dieser Hinsicht zerstreute. „Ich dachte, ich hätte in der Ferne das Geräusch von marschierenden Leuten gehört.“
„Der Wind in den Bäumen, Peppino“, erklärte Fanfulla.
„Ich glaube nicht...“ Er hielt inne und lauschte, und nun hörten sie es alle, denn es wurde ihnen auf einem Stoß des böigen Windes, der ihnen ins Gesicht schlug, zugetragen.
„Ihr habt recht“, sagte Francesco. „Es ist das Trampeln von Männern. Aber was soll das, Peppe? Männer werden in Italien marschieren. Lasst uns das Ende Eurer Geschichte hören.“
„Aber wer sollte in Urbino marschieren, und bei Nacht?“, beharrte der Narr.
„Weiß ich das oder kümmert es mich?“, sagte der Graf. „Eure Geschichte, Mann.“
Obwohl er weit davon entfernt war, überzeugt zu sein, nahm der Narr seine Erzählung wieder auf. Aber er erzählte sie nicht mehr mit seinem früheren unwiderstehlichen Humor. Sein Geist war mit diesem Geräusch des Marschierens beschäftigt, das stetig näher kam. Schließlich konnte er es nicht länger ertragen, und die Teilnahmslosigkeit seiner Gefährten trieb ihn zum offenen Widerstand.
„Mein Herr“, rief er, wandte sich an den Grafen und unterbrach wieder seine Geschichte, „sie sind fast bei uns.“
„Wahr!“, stimmte Francesco gleichgültig zu. „Die nächste Kurve dort sollte uns direkt zu ihnen bringen.“
„Dann bitte ich Euch, Herr Graf, tretet beiseite. Lasst uns hier unter den Bäumen warten, bis sie vorbeigezogen sind. Ich bin voller Angst. Vielleicht bin ich ein Feigling, aber mir behagen diese nächtlichen Wanderer nicht. Es mag eine Bande von Masnadieri sein.“
„Was dann?“, erwiderte der Graf, ohne das Tempo zu drosseln. „Welchen Grund haben wir, eine Gruppe von Räubern zu fürchten?“
Doch Fanfulla und die Diener schlossen sich mit ihrem Rat dem von Peppe an und bewogen schließlich Francesco, sich zu verstecken, bis diese Gesellschaft vorbeigezogen sein würde. Er willigte ein, um sie zu beruhigen, und nach rechts abbiegend betraten sie den Waldrand, wo sie im Schatten anhielten, von wo aus sie die Straße überblicken und sehen konnten, wer über den Mondlichtfleck lief, der sie erleuchtete. Und bald kam die Gesellschaft daher und schwenkte in jenen aufschlussreichen Lichtstrom. Zum Erstaunen der Beobachter erblickten sie keine marodierende Bande, wie sie erwartet hatten, sondern eine sehr geordnete Gruppe von etwa zwanzig Männern, nüchtern gekleidet in lederne Wämser und Salades aus blankem Stahl, das Schwert an der Hüfte und die Pike auf der Schulter marschierend. An der Spitze dieser Gesellschaft ritt ein kräftig gebauter Mann auf einem großen fuchsfarbenen Pferd, bei dessen Anblick der Narr leise vor Erstaunen fluchte. In der Mitte der Gruppe kamen vier Sänften, die von Maultieren getragen wurden, und an der Seite einer von ihnen ritt eine schlanke, anmutige Gestalt, die bei Peppe einen zweiten Fluch hervorrief. Doch den tiefsten Ausruf der Empörung entlockte ihm der Anblick einer korpulenten Masse in der schwarzen Tracht der Dominikaner, die am Ende trottete und gerade in einen wütenden Streit mit einem Kerl verwickelt war, der sein Maultier mit dem Kolben seiner Partisane antrieb.
„Mögest du auf einem Rost gebraten werden wie der heilige Laurentius“, keuchte der zornige Priester. „Willst du mir das Genick brechen, du rohes Biest, das du bist? Warte nur, bis wir Roccaleone erreichen, und beim heiligen Dominikus, ich werde deinen rüpelhaften Kommandanten dazu bringen, dich für diesen unangebrachten Scherz aufzuhängen.“
Doch sein Peiniger lachte zur Antwort und schlug erneut auf das Maultier ein, diesmal ein Schlag, der es fast zum Aufbäumen brachte. Der Mönch schrie vor zorniger Besorgnis auf, und dann, immer noch stürmend und seinem Peiniger drohend, zog er weiter. Nach ihm kamen sechs schwer beladene Karren, jeder von einem Paar Ochsen gezogen, und den Schluss der Prozession bildete eine Herde von einem Dutzend blökender Schafe, die von einem blasphemischen Soldaten gehütet wurden. Sie zogen an den erstaunten Beobachtern vorbei, die verborgen blieben, bis jene seltsame Gesellschaft in der Nacht verschwunden war.
„Ich könnte schwören“, sagte Fanfulla, „dass dieser Mönch und ich uns schon einmal begegnet sind.“
„Und damit würdet Ihr keinen Meineid begehen“, antwortete ihm der Narr. „Denn es ist jener dicke Schweinehund Fra Domenico – er, der mit Euch zum Konvent von Acquasparta ging, um Salben für Seine Exzellenz zu holen.“
„Was macht er in dieser Gesellschaft, und wer sind sie?“, fragte der Graf und wandte sich an den Narren, als sie aus ihrem Hinterhalt ritten.
„Fragt mich, wo der Teufel seine Lockmittel aufbewahrt“, sagte der Narr, „und ich werde versuchen, Euch eine Antwort zu geben. Aber was Fra Domenico in dieser Galeere zu suchen hat, ist mehr, als ich zu erraten wage. Er ist nicht der einzige, den ich kenne“, fügte Peppino hinzu. „Da war Ercole Fortemani, ein großer, schmutziger, polternder Raufbold, den ich nie in etwas anderem als Lumpen gesehen habe, der an ihrer Spitze in Kleidung von ungewöhnlicher Vollständigkeit ritt; und da war Romeo Gonzaga, von dem ich nie wusste, dass er sich bei Nacht rührte, außer zu einem Stelldichein. Seltsame Dinge müssen in Urbino geschehen.“
„Und die Sänften?“, erkundigte sich Francesco. „Könnt Ihr keine Vermutung über ihre Bedeutung anstellen?“
„Keine“, sagte er, „außer, dass sie die Anwesenheit von Messer Gonzaga erklären könnten. Denn Sänften lassen auf Frauen schließen.“
„Es scheint, Narr, dass nicht einmal Eure Weisheit uns helfen wird. Aber Ihr habt den Mönch sagen hören, sie seien auf dem Weg nach Roccaleone?“
„Ja, das habe ich gehört. Und durch dieses Mittel werden wir wahrscheinlich den Rest am Ende unserer Reise erfahren.“
Und da er ein Mann von äußerst neugierigem Geist war, stellte der Narr seine Erkundigungen an, sobald sie am Morgen die Tore von Urbino erreichten – denn sie hatten die Stadt zu spät erreicht, um in derselben Nacht Einlass zu finden, und waren gezwungen, in einem der Häuser am Fluss Schutz zu suchen. Er suchte beim Hauptmann des Tores nach Informationen.
„Könnt Ihr mir sagen, Ser Capitan“, erkundigte er sich, „was das für eine Gesellschaft war, die gestern Nacht nach Roccaleone reiste?“
Der Hauptmann sah ihn einen Moment an.
„Es gab keine, von der ich wüsste“, sagte er, „Gewiss keine aus Urbino.“
„Ihr haltet eine wundersame Wache“, sagte der Narr trocken. „Ich sage Euch, dass eine Gruppe von Soldaten, etwa zwanzig Mann stark, letzte Nacht von Urbino nach Roccaleone zog.“
„Nach Roccaleone?“, echote der Hauptmann mit nachdenklicher Miene, aufmerksamer als zuvor, als hätte die Wiederholung jenes Namens ihn auf etwas gebracht. „Nun, es ist die Burg von Monna Valentina.“
„Wahr, weiser Herr. Aber was ist mit der Gesellschaft, und warum reiste sie so, bei Nacht?“
„Woher wisst Ihr, dass sie von Urbino ausging?“, fragte der Hauptmann ernst.
„Weil ich an ihrer Spitze den polternden Krieger Ercole Fortemani erkannte, in der Mitte ritt Romeo Gonzaga, am Ende kam Fra Domenico, der Beichtvater der Madonna – alles Männer aus Urbino.“
Das Gesicht des Offiziers wurde bei dieser Nachricht purpurrot.
„Waren Frauen in der Gruppe?“, rief er.
„Ich habe keine gesehen“, antwortete der Narr, in dem diese plötzliche Eifrigkeit des Hauptmanns Vorsicht und Nachdenken geweckt hatte.
„Aber es waren vier Sänften“, warf Francesco ein, dessen Natur weniger misstrauisch und wachsam war als die des weisen Narren.
Zu spät funkelte Peppe ihm einen warnenden Blick zu. Der Hauptmann stieß einen gewaltigen Fluch aus.
„Sie ist es“, rief er mit Bestimmtheit. „Und diese Gesellschaft war, wie Ihr sagt, auf dem Weg nach Roccaleone. Woher wisst Ihr das?“
„Wir haben es von dem Mönch gehört“, antwortete Francesco bereitwillig.
„Dann haben wir sie, bei der Jungfrau! Olá!“ Er wandte sich von ihnen ab und rannte schreiend in das Torhaus, um einen Augenblick später mit einem halben Dutzend Soldaten im Gefolge wieder aufzutauchen.
„Zum Palast“, befahl er, und während seine Männer Francescos Gruppe umstellten, sagte er zum Grafen: „Kommt, mein Herr. Ihr müsst mit uns kommen und dem Herzog Eure Geschichte erzählen.“
„Es bedarf nicht all dieser Gewalt“, antwortete Francesco kühl. „Ohnehin könnte ich nicht durch Urbino reisen, ohne Herzog Guidobaldo zu sehen. Ich bin der Graf von Aquila.“
Sofort wurde das Gehaben des Hauptmanns ehrfürchtig. Er entschuldigte sich für die gewaltsamen Maßnahmen seines Eifers und wies seine Männer an, zurückzubleiben. Er befahl ihnen, ihm zu folgen, stieg auf ein Pferd, das man ihm brachte, und ritt zügig an der Seite des Grafen durch das Borgo. Während er ritt, erzählte er ihnen, was ihm die schnelle Intuition des Narren bereits zugeflüstert hatte. Die Dame Valentina war in der Nacht aus Urbino geflohen, und in ihrer Begleitung waren drei ihrer Damen fort – und, wie man ebenfalls annahm, da sie verschwunden waren, Fra Domenico und Romeo Gonzaga.
Bestürzt über das, was er hörte, drängte Francesco seinen Informanten nach weiteren Neuigkeiten; doch der Hauptmann konnte ihm kaum mehr sagen, als dass man glaubte, sie sei dazu getrieben worden, um ihrer bevorstehenden Vermählung mit dem Herzog von Babbiano zu entgehen. Guidobaldo war außer sich über das Geschehene und besorgt, die Dame zurückzubringen, bevor die Nachricht von ihrem Verhalten die Ohren von Gian Maria erreichte. Es war daher für den Hauptmann eine nicht geringe Genugtuung, dass es seine Aufgabe sein sollte, Guidobaldo diese Nachricht von ihrem Aufenthaltsort zu überbringen, die er von Francesco und dem Narren erfahren hatte.
Peppe wirkte finster und mürrisch. Hätte er nur seine verfluchte Neugier im Zaum gehalten und hätte der Graf nur rechtzeitig Alarm geschlagen und geschwiegen, wäre alles gut gegangen mit seiner geliebten Patrona. So aber war er – der einzige Mann, der bereit war zu sterben, um ihr zu dienen – derjenige gewesen, der ihr Zuflucht verraten hatte. Er hörte das Lachen des Grafen, und dessen Klang war Öl in das Feuer seines Zorns. Doch Francesco dachte nur an den glänzenden Wagemut des Handelns der Dame.
„Aber diese Bewaffneten, die sie bei sich hatte?“, rief er. „Zu welchem Zweck eine so zahlreiche Leibwache?“
Der Hauptmann sah ihn einen Moment an.
„Könnt Ihr es nicht erraten?“, fragte er. „Vielleicht kennt Ihr die Burg von Roccaleone nicht.“
„Es wäre seltsam, wenn ich die uneinnehmbarste Festung Italiens nicht kennen würde.“
„Nun, wird es dann nicht klar? Sie hat diese Gesellschaft als Garnison mitgenommen, und in Roccaleone beabsichtigt sie offensichtlich, den Wünschen seiner Hoheit auf rebellische Art zu widerstehen.“
Da warf der Graf den Kopf in den Nacken und erschreckte die Passanten mit einem so herzhaften Gelächter, wie es ihm je über die Lippen gekommen war.
„Bei der Hostie!“, keuchte er, während das Lachen ihn noch erstickte. „Das ist ein Mädchen für dich! Hörst du, was der Hauptmann sagt, Fanfulla? Sie will dieser Hochzeit wenn nötig mit bewaffneter Gewalt widerstehen. Nun, bei meiner Seele, wenn Guidobaldo nach diesem Vorfall auf der Verbindung beharrt, nun, dann hat er kein Herz, kein Gefühl. So wahr ich lebe, sie ist eine Verwandte, auf die ein so kriegerischer Fürst wohl stolz sein könnte. Kein Wunder, dass man in Urbino die Borgia nicht fürchtet.“ Und er lachte erneut. Doch der Hauptmann funkelte ihn finster an, und Peppe runzelte die Stirn.
„Sie ist ein rebellisches Weibstück“, sagte der Hauptmann säuerlich.
„Nein, sachte“, erwiderte Francesco; obwohl er immer noch lachte. „Wärt Ihr von ritterlichem Stand, würde ich deshalb eine Lanze mit Euch brechen. So wie es ist…“ er hielt inne, sein Lachen verstummte, und seine dunklen Augen musterten den Hauptmann auf eine seltsame Weise. „Es ist das Beste, sie nicht zu tadeln, Ser Capitano. Sie ist vom Hause Rovere und eng mit dem Hause Montefeltro verbündet.“
Der Offizier spürte den Tadel, und danach herrschte Schweigen zwischen ihnen.
Während Francesco, Fanfulla und Peppe im Vorzimmer auf die Zulassung zum Herzog warteten, machte der Narr seinem Ärger über ihr Geplapper Luft. Der prachtvolle Raum war von einer höfischen Menge gedrängt voll. Da waren großartige Adlige und Gesandte, finstere Geistliche und purpurrote Prälaten, Hauptmänner in Stahl und Hofbeamte in Seide und Samt. Doch ohne darauf zu achten, wer ihn hören könnte, äußerte Peppe seinen Tadel, und die Ausdrücke, die er wählte, waren weder so abgewogen noch so respektvoll, wie es der Rang des Grafen gebot. Doch mit jener Unvoreingenommenheit, die ihn so allgemein beliebt machte, nahm Francesco dem Narren den Vorwurf nicht übel. Er erkannte, dass er verdient war, denn er warf ein Licht auf die Angelegenheit, das neu und durchdringender war. Doch er sah bald weiter als der Narr, und er lächelte über das finstere Gesicht des anderen.
„Nicht so laut, Peppe“, sagte er. „Du überschätzt den Schaden. Schlimmstenfalls sind wir dem nur um ein Geringes zuvorgekommen, was der Herzog ohnehin aus anderen Quellen erfahren hätte.“
„Aber gerade dieses Geringe – die wenigen Stunden oder Tage – wird den Schaden anrichten“, schnauzte der Narr gereizt, obwohl er seine Stimme senkte. „In wenigen Tagen wird Gian Maria zurück sein. Wenn er mit der Nachricht empfangen würde, dass die Dame Valentina vermisst wird, dass sie mit Romeo Gonzaga durchgebrannt ist – denn das, werdet Ihr sehen, wird bald die Geschichte sein –, glaubt Ihr, er würde hier verweilen oder sich weiter um seine Werbung scheren? Nicht er. Diese Bündnisse, die nur Staatszwecken dienen, bei denen das Herz keine Rolle spielt, verlangen zumindest, dass auf Seiten der Dame ein Ruf makellos vom Hauch des Skandals ist. Seine Hoheit hätte ihn nach Hause geschickt, und Madonna wäre ihn losgeworden.“
„Aber zu einem seltsamen Preis, Peppe“, antwortete Francesco ernst. „Dennoch“, fügte er hinzu, „stimme ich zu, dass ich ihrem Ziel besser gedient hätte, wenn ich geschwiegen hätte. Aber dass eine solche Angelegenheit den Eifer meines Vetters kühlen wird, glaube ich nicht. Du irrst dich, wenn du dies zu den Bündnissen zählst, bei denen das Herz keine Rolle spielt. Auf der Seite meines Vetters – wenn alles wahr ist, was man sich erzählt – spielt das Herz in der Tat eine ganz erhebliche Rolle. Aber im Übrigen – welchen Schaden haben wir angerichtet?“
„Die Zeit wird es zeigen“, sagte der Bucklige.
„Sie wird dann zeigen, dass ich ihren Interessen keineswegs geschadet habe. Inzwischen ist sie sicher in Roccaleone. Was kann ihr also zustoßen? Guidobaldo wird zweifellos zu ihr reisen, und jenseits des Grabens wird er sie anflehen, eine pflichtbewusste Nichte zu sein und zurückzukehren. Sie wird anbieten, dies unter der Bedingung zu tun, dass er ihr sein fürstliches Wort gibt, sie nicht weiter mit der Angelegenheit dieser Ehe zu belästigen. Und dann?“
„Nun?“, brummte der Narr. „Und dann? Wer will sagen, was dann geschehen mag? Nehmen wir an, seine Hoheit zwingt sie mit Gewalt.“
„Eine Belagerung?“, lachte der Graf. „Pah! Wo bleibt deine Weisheit, Narr! Glaubst du, der prächtige Guidobaldo ist begierig darauf, zum Gespött Italiens zu werden und als der Herzog in die Nachwelt einzugehen, der seine Nichte belagerte, weil sie seinen Anordnungen in Bezug auf ihre Hochzeit widerstand?“
„Guidobaldo da Montefeltro kann bei Gelegenheit ein gewalttätiger Mann sein“, antwortete der Narr gerade, als der Offizier, der sie verlassen hatte, wieder erschien mit der Ankündigung, dass seine Hoheit sie erwarte.
Sie fanden den Fürsten in einer sehr düsteren Stimmung vor, und nachdem er Francesco mit kühler Förmlichkeit begrüßt hatte, befragte er ihn zu der Gesellschaft, die sie gestern Abend getroffen hatten. Diese Nachforschungen stellte er mit charakteristischer Würde an und mit nicht mehr Besorgnis, als wäre es die Angelegenheit eines abhandengekommenen Falken gewesen. Er dankte Francesco für seine Auskunft und gab dem Seneschall Befehl, ihm und Fanfulla Gemächer zur Verfügung zu stellen, solange es ihnen beliebt, seinen Hof zu beehren. Damit entließ er sie und wies den Offizier an, zu bleiben, um seine Befehle entgegenzunehmen.
„Und das“, sagte Francesco zu Peppe, als sie in Begleitung eines Dieners das Vorzimmer durchquerten, „ist der Mann, der die Burg seiner Nichte belagern würde? Einmal, Herr Narr, ist Eure Weisheit im Irrtum.“
„Ihr kennt den Herzog nicht, Exzellenz“, antwortete der Narr. „Unter dieser gefrorenen Oberfläche brennt ein Schmelzofen, und es gibt keinen Wahnsinn, den er nicht begehen würde.“
Doch Francesco lachte nur, als er, den Arm bei Fanfulla eingehakt, die Galerie entlangging auf dem Weg zu den Gemächern, zu denen sie der Diener führte.
KAPITEL XIII. GIAN MARIA LEGT EIN GELÜBDE AB
In gewissem Maße schienen die folgenden Ereignisse fast darauf hinzudeuten, dass der Narr recht hatte. Denn selbst wenn der Gedanke, Valentina zu belagern und sie mit Waffengewalt zur Aufgabe zu bewegen, nicht von Anfang an Guidobaldos eigener war, so lieh er doch dem Rat, auf diese Weise vorzugehen, ein sehr williges Ohr, als er zwei Tage später vom Herzog von Babbiano wütend dazu gedrängt wurde.
Als er die Nachricht hörte, hatte sich Gian Maria einer solchen Zügellosigkeit des Zorns hingegeben, dass diejenigen um ihn herum vom Höchsten bis zum Geringsten bebten. Die Enttäuschung seiner Leidenschaft war an sich schon Rechtfertigung genug dafür; doch zusätzlich sah Gian Maria in der Flucht Valentinas das Scheitern jener kühnen Pläne, von denen er gegenüber seinen Ratsherren und seiner Mutter so laut gesprochen hatte. Sein Vertrauen in eben diese Pläne hatte ihn dazu veranlasst, Cesare Borgia diese trotzige Antwort zu senden. Infolgedessen bestand Eile – verzweifeltste Eile –, dass er heiraten müsse, da die Heirat ihm die Macht verleihen sollte, seine tapferen Versprechen zu erfüllen, seine Krone vor dem Herzog von Valentinois zu schützen, ganz zu schweigen von der gänzlichen Vernichtung der Borgia, die er waghalsig zu vollenden gelobt hatte.
Dass die Schicksale von Staaten durch ein junges Mädchen in den Wind geschlagen werden sollten, war für ihn etwas ebenso Unerträgliches wie Unerwartetes.
„Sie muss zurückgebracht werden!“, hatte er in seiner aufwallenden Leidenschaft gekreischt. „Sie muss sofort zurückgebracht werden.“
„Wahr!“, antwortete Guidobaldo auf seine gelassene Art; „sie muss zurückgebracht werden. Soweit stimme ich Euch vollkommen zu. Sagt mir nun, wie das bewerkstelligt werden soll.“ Und in seiner Stimme lag Sarkasmus.
„Welche Schwierigkeiten bietet das?“, erkundigte sich Gian Maria.
„Keine Schwierigkeiten“, war die ironische Antwort. „Sie hat sich in der stärksten Burg Italiens eingeschlossen und sagt mir, dass sie nicht herauskommen wird, bis ich ihr Freiheit bei der Wahl der Ehe verspreche. Offensichtlich sind mit ihrer Rückkehr keine Schwierigkeiten verbunden.“
Gian Maria fletschte die Zähne.
„Gebt Ihr mir die Erlaubnis, es auf meine eigene Weise zu versuchen?“, fragte er.
„Ich gebe Euch nicht nur die Erlaubnis, sondern ich werde Euch jede Unterstützung leisten, die in meiner Macht steht, wenn Ihr ein Mittel findet, sie aus Roccaleone herauszulocken.“
„Ich zögere nicht länger. Eure Nichte, Herr Herzog, ist eine Rebellin, und als Rebellin ist sie zu behandeln. Sie hat eine Burg mit einer Garnison belegt und dem Herrscher des Landes Trotz geboten. Es ist eine Kriegserklärung, Hoheit, und Krieg werden wir haben.“
„Ihr würdet zu Gewalt greifen?“, fragte Guidobaldo, wobei in seiner Stimme Missbilligung mitschwang.
„Zu den Waffen, Eure Hoheit“, antwortete Gian Maria mit promptem Ungestüm. „Ich werde diese Burg von ihr belagern, und ich werde sie Stein für Stein niederreißen. Oh, ich hätte ihr den Hof gemacht, wenn sie mich gelassen hätte, mit sanften Worten und zierlichen Manieren, die Mädchen lieben. Aber da sie uns trotzt, werde ich ihr mit Arkebuse und Kanone den Hof machen und versuchen, sie durch Ahung zur Aufgabe zu bringen. Meine Liebe wird eine Rüstung anlegen, um sie zu unterwerfen, und ich schwöre bei Gott, dass ich mich nicht rasieren werde, bis ich in ihrer Burg bin.“
Guidobaldo sah ernst aus.
„Ich würde zu sanfteren Maßnahmen raten“, sagte er. „Belagert sie, wenn Ihr wollt, aber greift nicht zu allzu viel Gewalt. Schneidet ihre Versorgung ab und lasst den Hunger Euren Anwalt sein. Selbst dann, fürchte ich, wird man Euch in ganz Italien auslachen“, fügte er unverblümt hinzu.
„Eine Feige darauf! Sollen die Narren lachen, wenn ihnen danach ist. Welche Streitkräfte hat sie in Roccaleone?“
Bei dieser Frage wurde Guidobaldos Stirn dunkel. Es war, als hätte er sich an einen Umstand erinnert, der in Vergessenheit geraten war.
„Etwa zwanzig Schurken, angeführt von einem berüchtigten Raufbold namens Fortemani. Die Kompanie wurde, wie man mir sagt, von einem Edelmann meines Hofes angeworben, einem Verwandten meiner Herzogin, Messer Romeo Gonzaga.“
„Ist er jetzt bei ihr?“, keuchte Gian Maria.
„Es scheint, er ist es.“
„Beim Ring der Jungfrau von Perugia!“, spuckte Gian Maria in wachsender Bestürzung. „Wollt Ihr damit sagen, dass sie zusammen geflohen sind?“
„Mein Herr!“, Guidobaldos Stimme klang scharf und drohend. „Es ist von meiner Nichte, dass Ihr sprecht. Sie nahm diesen Edelmann mit sich, genau wie sie drei ihrer Damen und einen oder zwei Pagen mitnahm, um ein solches Gefolge zu bilden, wie es ihrer Geburt geziemt.“
Gian Maria machte eine Drehung im Zimmer, eine Stirnrunzeln auf der Stirn, und seine Lippen waren fest zusammengepresst. Guidobaldos stolze Worte überzeugten ihn keineswegs. Doch das eine überwiegende Verlangen in seinem Herzen war in diesem Augenblick, das Mädchen zu demütigen, das gewagt hatte, ihn zu verspotten, und ihren sturen Nacken zu beugen. Schließlich:
„Ich mag in der Tat zum Gespött Italiens werden“, murmelte er mit konzentrierter Stimme, „aber ich werde meinen Entschluss durchsetzen, und meine erste Tat beim Betreten von Roccaleone wird es sein, diesen Schurken Gonzaga an ihrem höchsten Turm aufzuhängen.“
Noch am selben Tag begann Gian Maria mit seinen Vorbereitungen für die Expedition gegen Roccaleone, und die Nachricht davon wurde von Fanfulla zu Francesco getragen – denn Letzterer hatte seine Unterkunft im Palast verlassen, als er von Gian Marias Kommen hörte, und logierte nun beim „Sonne“-Wirt.
Als er die Nachricht hörte, stieß er einen gewaltigen Fluch aus, in dem er seinen Vetter dem Teufel übergab, von dem er in jenem Moment erklärte, er sei gezeugt worden.
„Glaubst du“, fragte er, als er ruhiger war, „dass dieser Mann Gonzaga ihr Liebhaber ist?“
„Das ist mehr, als ich sagen kann“, antwortete Fanfulla. „Es bleibt die Tatsache, dass sie mit ihm geflohen ist. Obwohl, als ich Peppe zu demselben Thema befragte, lachte er den Gedanken erst als Unsinn ab und wurde dann ernst. ‚Sie liebt ihn nicht, den Gockel‘, sagte er; ‚aber er liebt sie, oder ich bin blind, und er ist ein Schurke, das weiß ich‘.“
Francesco stand auf, sein Gesicht überaus ernst und seine dunklen Augen voller unruhiger Gedanken.
„Bei der Hostie! Es ist eine schändliche Sache“, rief er schließlich aus. „Diese arme Dame, von allen Seiten von einer Bande von Schurken bedrängt, einer skrupelloser als der andere. Fanfulla, schickt nach Peppe. Wir müssen den Narren mit einer Warnung vor Gian Marias Kommen zu ihr entsenden, und auch als Warnung vor diesem Mann aus Mantua, mit dem sie geflohen ist.“
„Zu spät“, antwortete Fanfulla. „Der Narr ist heute Morgen nach Roccaleone aufgebrochen, um sich seiner Patrona anzuschließen.“
Francesco blickte bestürzt.
„Sie wird zugrunde gehen“, stöhnte er. „So zwischen dem oberen und dem unteren Mühlstein – zwischen Gian Maria und Romeo Gonzaga. Gesù! Sie wird zugrunde gehen! Und sie, die so tapfer und mutig ist!“
Er ging langsam zum Fenster und stand da, die Fenster auf der anderen Straßenseite anstarrend, auf die die untergehende Sonne in einem rötlichen Glanz fiel. Doch es waren nicht die Fenster, die er sah. Es war eine Szene in den Wäldern bei Acquasparta an jenem Morgen nach dem Kampf in den Bergen; ein Mann, der verwundet im Farnkraut lag, und über ihm ein sanftes Fräulein, das sich mit Augen voller Mitleid und Fürsorge über ihn beugte. Oft seitdem waren seine Gedanken zu dieser Szene zurückgekehrt, manchmal mit einem Lächeln, manchmal mit einem Seufzer und manchmal mit beidem zugleich.
Er wandte sich plötzlich an Fanfulla. „Ich werde selbst gehen“, kündigte er an.
„Ihr?“, echote Fanfulla. „Aber die Venezianer?“
Mit einer Geste bedeutete der Graf, wie wenig die Venezianer für ihn ins Gewicht fielen, wenn man sie mit dem Schicksal dieser Dame verglich.
„Ich gehe nach Roccaleone“, beharrte er, „jetzt – sofort.“ Und er schritt zur Tür, schlug die Hände zusammen und rief Lanciotto.
„Du sagtest, Fanfulla, dass es in diesen Tagen keine in Gefangenschaft gehaltenen Jungfrauen mehr gibt, denen ein fahrender Ritter Hilfe leisten kann. Du hast dich geirrt, denn in Monna Valentina haben wir die gefangene Jungfrau, in meinem Vetter den Drachen, in Gonzaga einen weiteren, und in mir den fahrenden Ritter, der dazu bestimmt ist – so hoffe ich – sie zu retten.“
„Ihr werdet sie vor Gian Maria retten?“, fragte Fanfulla ungläubig.
„Ich werde es versuchen.“
Er wandte sich an seinen Diener, der eintrat, als er sprach.
„Wir brechen in einer Viertelstunde auf, Lanciotto“, sagte er. „Sattle für mich und für dich. Du wirst mich begleiten. Zaccaria kann bei Messer degli Arcipreti bleiben. Du wirst für ihn sorgen, Fanfulla, und er wird dir treu dienen.“
„Aber was ist mit mir?“, rief Fanfulla. „Begleite ich Euch nicht?“
„Wenn du willst, ja. Aber du könntest mir besser dienen, wenn du nach Babbiano zurückkehrst und dort die Ereignisse beobachtest und mir Nachricht gibst, was geschieht – denn es werden bald große Dinge geschehen, wenn mein Vetter nicht zurückkehrt und die Borgia vorrückt. Darauf gründe ich die Hoffnungen, die ich habe.“
„Aber wohin soll ich Euch Nachricht senden? Nach Roccaleone?“
Francesco überlegte einen Moment. „Wenn Ihr nichts von mir hört, dann sendet Eure Nachrichten nach Roccaleone, denn falls ich dort verweilen sollte und wir belagert werden, wird es vielleicht unmöglich sein, eine Nachricht an Euch zu senden. Aber falls – wie ich hoffe – ich nach Aquila gehe, werde ich Euch Nachricht senden.“
„Nach Aquila?“
„Ja. Es mag sein, dass ich vor Ende der Woche in Aquila bin. Aber behaltet es für Euch, Fanfulla, und ich werde diese Herzöge bis zur Spitze ihres ungesunden Strebens zum Narren halten.“
Eine halbe Stunde später ritt der Graf von Aquila, auf einem kräftigen kalabrischen Pferd, in Begleitung von Lanciotto auf einem Maultier, sanft hinunter ins Tal. Sie blieben unbeachtet, denn was kümmerten sie die Bauern, die bei ihrer Arbeit im Contado sangen?
Sie trafen einen Kaufmann, dessen Diener seine beladenen Saumtiere die hügelige Straße zur Stadt auf den Höhen hinauftrieb, und sie passierten ihn mit einem höflichen Gruß. Weiter kamen sie an eine berittene Gesellschaft von Adligen und Damen, die von einer Beizjagd zurückkehrten und denen Begleiter folgten, die ihre Falken mit Kapuzen trugen, und ihr fröhliches Lachen klang Francesco noch in den Ohren, nachdem er aus ihrem Blickfeld geraten war und in den purpurnen Nebeln des Abends verschwand, die ihm vom Fluss her entgegenstiegen.
Sie wandten sich nach Westen in Richtung Apennin und drangen weiter vor, nachdem die Nacht hereingebrochen war, bis zur vierten Stunde, als sie auf Francescos Vorschlag vor einer schläfrigen Raststätte am Wegesrand die Zügel anlegten und den Wirt weckten, um Unterkunft zu verlangen. Dort schliefen sie nicht länger als bis zur Matutin, sodass das graue Licht der Morgendämmerung sie wieder auf ihrem Weg sah, und als die Sonne mit ihrem ersten goldenen Strahl den grauen Kamm der alten Hügel berührte, zügelten sie am Rande des rauschenden Wildbachs am Fuße des mächtigen Felsens, der von der Burg Roccaleone gekrönt wurde.
Grimmig und ausgemergelt ragte sie über dem fruchtbaren Tal auf, mit dem Wildbach, der sie wie ein natürlicher Graben umkreiste, wie ein riesiger Wächter des Apennins, der ihr Hintergrund war. Und nun raste das Sonnenlicht wie eine Flut die Hänge der alten Berge hinunter. Es traf den quadratischen Turm des Bergfrieds, floss dann die Mauer hinab, brachte den alten grauen Stein zum Leuchten und blitzte von einem hochgelegenen Sprossenfenster zurück. Tiefer kam es, enthüllte groteske Wasserspeier, überflutete die zinnenbewehrten Mauern und färbte das Efeu und die Flechten grün, die noch vor einem Augenblick die kräftigen, vorspringenden Strebepfeiler geschwärzt hatten. Von dort sprang es auf den Boden und trieb den Schatten vor sich her den grasbewachsenen Hang hinunter, bis es den Strom erreichte und auf seinen schäumenden, stürzenden Wassern funkelte und hundert Farben durch die fliegende Gischt verstreute.
Und die ganze Zeit, bis die Sonne ihn erreicht und in das Bild einbezogen hatte, das sie gerade erweckte, saß der Graf von Aquila im Sattel, die nachdenklichen Augen zur Festung emporgerichtet.
Dann, Lanciotto hinter ihm, ritt er sein Pferd um die Westseite, wo der Wildbach durch einen glatten Wasserarm ersetzt wurde, für den man einen Graben ausgehoben hatte, um die Felsspitze von Roccaleone vollends zu isolieren. Doch hier, wo das Schloss leichter verwundbar hätte werden können, empfing ihn eine kahle Mauer, die nur von ein oder zwei schmalen Schlitzen auf halber Höhe unterhalb der Zinnen durchbrochen war. Er ritt weiter auf die Nordseite zu, überquerte eine Fußgängerbrücke, die den Fluss überspannte, und hielt schließlich vor dem Eingangsturm. Auch hier wurde der Burggraben von den reißenden Wassern des Gebirgsbachs gebildet.
Er hieß seinen Diener, die Bewohner zu wecken, und Lanciotto hallte mit einer Stimme, die die Natur tief und gewaltig gemacht hatte. Ihr Echo dröhnte hinauf, um die Vögel am Hang aufzuscheuchen, entlockte aber dem stillen Schloss keine Antwort.
„Sie halten eifrige Wache“, lachte der Graf. „Noch einmal, Lanciotto.“
Der Mann gehorchte ihm, und wieder und wieder klang seine tiefe Stimme wie ein Trompetenstoß, bevor von innen ein Zeichen gegeben wurde, dass man sie gehört hatte. Schließlich erschien über der Brüstung des Turms eine untersetzte Gestalt mit struppigem Kopf, fast so grotesk wie einer der Wasserspeier darunter, und ein kauziges Gesicht spähte aus einer der Zinnen auf sie herab und verlangte in mürrischen, krächzenden Tönen zu wissen, was sie begehrten. Augenblicklich erkannte der Graf Peppe.
„Guten Morgen, Narr“, gebot er ihm.
„Ihr, mein Herr?“, rief der Hofnarr aus.
„Ihr schlaft tief in Roccaleone“, sagte Francesco. „Regt diese schurkische Besatzung von euch auf und befehlt den faulen Hunden, die Brücke herunterzulassen. Ich habe Neuigkeiten für Monna Valentina.“
„Sofort, Exzellenz“, antwortete der Narr und wäre augenblicklich gegangen, hätte Francesco ihn nicht zurückgerufen.
„Sag, Peppe, ein Ritter – der Ritter, den sie bei Acquasparta traf, wenn du willst. Aber lass meinen Namen unausgesprochen.“
Mit der Versicherung, dass er seine Wünsche erfüllen würde, ging Peppe seines Weges. Eine kurze Verzögerung trat ein, und dann erschien auf den Zinnen Gonzaga, schläfrig und streitlustig, begleitet von ein paar von Fortemanis Schurken, die kamen, um nach der Art von Francescos Anliegen zu fragen.
„Es ist für Monna Valentina“, antwortete ihm Francesco, indem er Haupt und Stimme erhob, sodass Gonzaga ihn als den verwundeten Ritter von Acquasparta erkannte, sich erinnerte und finster blickte.
„Ich bin hier Monna Valentinas Hauptmann“, verkündete er mit Arroganz. „Und Ihr könnt mir solche Nachrichten überbringen, wie Ihr sie tragt.“
Es folgte ein Streit, der von Gonzaga missmutig geführt wurde und kaum weniger so vom Grafen, wobei Francesco sich standhaft weigerte, sein Anliegen jemand anderem als Valentina mitzuteilen, und Gonzaga sich ebenso standhaft weigerte, die Dame zu dieser Stunde zu stören oder die Brücke herunterzulassen. Worte flogen zwischen ihnen über die Wasser des Grabens hin und her und wurden bei jedem neuen Austausch hitziger, bis sie am Ende jäh durch das Erscheinen Valentinas selbst, begleitet von Peppino, beendet wurden.
„Was ist das, Gonzaga?“, fragte sie, ihre Art aufgeregt, denn der Narr hatte ihr gesagt, dass es der Ritter Francesco sei, der Einlass begehrte, und schon bei der bloßen Erwähnung des Namens war sie errötet, dann erblasst, dann zu den Wehrgängen geeilt. „Warum wird diesem Ritter der Einlass verwehrt, da er eine Nachricht für mich bringt?“ Und von dort, wo sie stand, suchte sie mit bewundernden Augen die anmutige Gestalt des Grafen von Aquila – den fahrenden Ritter ihrer Träume. Francesco entblößte sein Haupt und neigte sich in höflichem Gruß bis zu den Widerristen seines Pferdes. Sie wandte sich ungeduldig an Gonzaga.
„Worauf wartet Ihr?“, rief sie. „Habt Ihr meine Wünsche nicht verstanden? Lasst die Brücke herunter.“
„Bedenkt, Madonna“, wandte er ein. „Ihr kennt diesen Mann nicht. Er könnte ein Spion von Gian Marias sein – ein Mietling, bezahlt, um uns zu verraten.“
„Ihr Narr“, antwortete sie scharf. „Seht Ihr denn nicht, dass es der verwundete Ritter ist, den wir an dem Tag trafen, als Ihr mich nach Urbino eskortiertet?“
„Was soll das bedeuten?“, verlangte er zu wissen. „Ist es ein Beweis für die Ehrlichkeit seiner Absicht oder seine Loyalität Euch gegenüber? Seid beraten, Madonna, und lasst ihn seine Nachricht von dort aus überbringen, wo er ist. Er ist dort sicherer.“
Sie maß ihn mit einem entschlossenen Blick.
„Messer Gonzaga, befehlt ihnen, die Brücke herunterzulassen“, gebot sie ihm.
„Aber, gnädige Frau, bedenkt Eure Gefahr.“
„Gefahr?“, hallte sie. „Gefahr von zwei Männern, und wir eine Besatzung von über zwanzig? Sicherlich ist der Mann ein Feigling, der so leichtfertig von Gefahren spricht. Lasst die Zugbrücke herunter.“
„Aber wenn –“, begann er mit verzweifelter Heftigkeit, als sie ihn erneut unterbrach.
„Habe ich Gehorsam zu fordern? Bin ich die Herrin, und werdet Ihr ihnen befehlen, die Brücke herunterzulassen, oder muss ich selbst danach sehen?“
Mit einem Blick verzweifelter Wut und einem Achselzucken wandte er sich von ihr ab und entsandte einen seiner Männer mit einem Befehl. Wenige Augenblicke später, unter einem Quietschen von Scharnieren und einem Rasseln von Ketten, schwang die große Brücke nach unten und fiel mit einem dumpfen Schlag, um den Abgrund zu überspannen. Augenblicklich spornte der Graf sein Pferd voran und ritt, gefolgt von Lanciotto, über die Planken und unter dem Torbogen des Eingangsturms in den ersten Hof.
Nun, kaum hatte er dort die Zügel angezogen, als durch eine Tür am anderen Ende die gigantische Gestalt von Fortemani erschien, halb bekleidet und mit dem Schwert in der Hand. Beim Anblick Francescos sprang der Kerl ein halbes Dutzend Stufen hinab und kam mit einem Ausbruch von Flüchen auf ihn zu.
„Zu mir!“, brüllte er mit einer Stimme, die die Toten hätte wecken können. „Olá! Olá! Was ist das für ein Teufelswerk? Wie kommt Ihr hierher? Auf wessen Befehl wurde die Brücke heruntergelassen?“
„Auf Befehl von Monna Valentinas Hauptmann“, antwortete Francesco, sich wundernd, was das für ein Wahnsinniger sein mochte.
„Hauptmann?“, schrie der andere, kam zum Stillstand und sein Gesicht färbte sich purpurn. „Leib des Satans! Welcher Hauptmann? Ich bin hier der Hauptmann.“
Der Graf musterte ihn überrascht.
„Nun denn“, sagte er, „dann seid Ihr der Mann, den ich suche. Ich gratuliere Euch zu der Wache, die Ihr haltet, Messer Capitano. Euer Schloss wird so vortrefflich patrouilliert, dass ich, wäre mir nach einer Kletterpartie zumute gewesen, Eure Mauern erklommen und durch Eure Tore gelangt wäre, ohne einen Eurer schlafenden Schildwachen aufzuwecken.“
Fortemani beäugte ihn mit finsterem Blick. Der Wohlstand der letzten vier Tage hatte die dem Mann innewohnende Unverschämtheit noch gesteigert.
„Geht Euch das etwas an?“, knurrte er drohend. „Ihr seid allzu kühn, Herr Fremder, einen Streit mit mir zu suchen, und allzu vorlaut, mir zu sagen, wie ich meine Hauptmannschaft auszuüben habe. Bei der Passion! Ihr sollt bestraft werden.“
„Bestraft – ich?“, hallte Francesco, auf dessen Stirn nun ein finsterer Blick niederging, so schwarz wie der von Ercole selbst.
„Ja, bestraft, junger Herr. Ercole Fortemani ist mein Name.“
„Ich habe von Euch gehört“, antwortete der Graf verächtlich, „und davon, wie Ihr diesen Euren Namen Lügen straft, denn man sagt mir, dass ein betrunkenerer, feigerer, nichtsnutzigerer Schurke in Italien nicht zu finden sei – nein, nicht einmal in den Gebieten des Papstes. Und hütet Euch, Euresgleichen das Wort ‚Bestrafung‘ an den Kopf zu werfen, Tier. Der Graben ist nicht so fern, und das Untertauchen könnte Euch nützen. Denn ich schwöre, Ihr seid nicht gewaschen worden, seit sie Euch getauft haben – falls Ihr überhaupt ein Sohn der Mutter Kirche seid.“
„Sangue di Cristo!“, stotterte der erzürnte Raufbold, sein Gesicht fleckig. „Das zu mir? Kommt herunter von diesem Pferd.“
Er griff nach Francescos Bein, um ihn zu Boden zu reißen, doch der Graf riss es mit einer schnellen Bewegung frei, die eine Wunde von seinem Sporn auf den Händen des Hauptmanns hinterließ. Gleichzeitig hob er seine Peitsche und hätte den Riemen über den Rücken von Fortemani gelegt – denn es hatte ihn über alle Maßen geärgert, dass ein Raufbold von der Qualität dieses Kerls versuchte, sich mit ihm zu messen –, doch in diesem Moment hieß sie eine weibliche Stimme, streng und gebieterisch, ihren Streit zu beenden.
Fortemani wich zurück, seine zerschundene Hand pflegend und Flüche murmelnd, während Francesco sich in die Richtung wandte, aus der die Stimme gekommen war. Auf halber Höhe der Steintreppe erblickte er Valentina, gefolgt von Gonzaga, Peppe und ein paar Bewaffneten, die von den Wehrgängen herabstiegen.
Ruhig und königlich stand sie da, bekleidet mit einer Camorra aus grauem Samt mit schwarzen Ärmeln, die ihre stattliche Größe vortrefflich zur Geltung brachte. Gonzaga beugte sich vor und sprach ihr ins Ohr, und obwohl seine Stimme gedämpft war, drangen einige seiner Worte durch die stille Morgenluft zu Francesco hinunter.
„War ich nicht weise, Madonna, dass ich zögerte, ihn einzulassen? Ihr seht, was für ein Mann er ist.“
Das Blut stieg Francesco in die Wangen, noch linderte es seinen Ärger nicht, den Blick zu bemerken, den Valentina zu ihm hinunterwarf.
Augenblicklich sprang er zu Boden, und seine Zügel an Lanciotto werfend, ging er zum Fuß der Steintreppe, den breiten Hut auf den Rücken geworfen, um jene herabsteigende Gesellschaft zu treffen.
„Ist das schicklich, Herr?“, fragte sie zornig. „Geziemt es sich für Euch, mit meiner Besatzung zu raufen, sobald Ihr eingelassen seid?“
Das Blut stieg Francesco noch höher ins Gesicht und überzog nun seine Schläfen und erreichte sein Haar. Dennoch war seine Stimme wohlbeherrscht, als er antwortete:
„Madonna, dieser Schurke war unverschämt.“
„Eine Unverschämtheit, die Ihr zweifellos provoziert habt“, warf Gonzaga ein, wobei sich ein Grübchen auf seiner weiblichen Wange zeigte. Doch der strengere Verweis kam von den Lippen Valentinas.
„Schurke?“, fragte sie mit gerötetem Gesicht. „Wenn Ihr nicht wollt, dass ich Euren Einlass bereue, Messer Francesco, so bitte ich Euch, zügelt Eure Worte. Hier sind keine Schurken. Das, Herr, ist der Hauptmann meiner Soldaten.“
Francesco verneigte sich unterwürfig, so geduldig unter ihrem Tadel, wie er unter Fortemanis hitzig gewesen war.
„Es war wegen dieser Hauptmannschaft, dass wir in Streit gerieten“, antwortete er mit mehr Demut. „Nach seiner eigenen Ankündigung verstand ich diesen Edelmann“ – und seine Augen wandten sich Gonzaga zu – „als Euren Hauptmann.“
„Er ist der Hauptmann meines Schlosses“, informierte sie ihn.
„Wie Ihr seht, Ser Francesco“, warf Peppe ein, der sich auf das Geländer gesetzt hatte, „leiden wir hier unter keinem Mangel an Hauptmännern. Wir haben auch Fra Domenico, der Hauptmann unserer Seelen und der Küche ist; ich selbst bin Hauptmann von –“
„Der Teufel hole Euch, Narr“, schnauzte Gonzaga und stieß ihn grob von seinem Platz. Dann wandte er sich jäh an den Grafen: „Ihr bringt eine Nachricht für uns, Herr?“, fragte er hochmütig.
Den chevaleresken Ton herunterschluckend und das Pronomen ignorierend, das Gonzaga verwendete, neigte Francesco erneut den Kopf vor der Dame.
„Ich würde es vorziehen, sie in mehr Privatsphäre zu überbringen als dieser.“ Und sein Blick schweifte durch den Hof und die Stufen hinauf, wo sich nun die gesamte Gesellschaft von Fortemani versammelt hatte. Gonzaga spottete und warf seine goldenen Locken zurück, doch Valentina sah nichts Unvernünftiges in der Bitte, und Romeo befehlend, ihr zu folgen, und Francesco, ihr zu folgen, wies sie den Weg.
Sie überquerten den Hof und, die Stufen hinaufsteigend, die Fortemani heruntergejagt war, um den Grafen zu treffen, traten sie in den Bankettsaal, der sich direkt zur Südseite des Hofes öffnete. Der Graf, ihrem Pfad folgend, lief Spießrutenlauf durch die finsteren Blicke der versammelten Söldner. Er schritt ungerührt an ihnen vorbei, nahm ihr Maß, während er ging, und schätzte ihren wahren Wert mit dem unfehlbaren Auge des erfahrenen Condottiero, der mit der Anwerbung von Männern und ihrem Umgang zu tun hatte. So wenig gefielen ihm ihre Gesichter, dass er an der Schwelle zum Saal innehielt und Gonzaga aufhielt.
„Ich bin abgeneigt, meinen Diener der Gnade dieser Schurken zu überlassen, Herr. Darf ich bitten, dass Ihr sie davor warnt, ihm Gewalt anzutun?“
„Schurken?“, rief die Dame zornig, bevor Gonzaga eine Antwort geben konnte. „Sie sind meine Soldaten.“
Wieder verneigte er sich, und in den Tönen, mit denen er ihr antwortete, lag eine kalte Höflichkeit:
„Ich bitte um Verzeihung, und ich werde nichts weiter sagen – außer vielleicht, dass ich es bedauere, Euch nicht zu Eurer Wahl beglückwünschen zu können.“
Gonzaga war nun an der Reihe, zornig zu werden, denn die Wahl war die seine gewesen.
„Eure Nachricht wird eine gewichtige sein müssen, Herr, um unsere Geduld für Eure Unverschämtheiten zu verdienen.“
Francesco erwiderte den Blick jener blauen Augen, die vergeblich versuchten, grimmig zu blitzen, und er machte wenig Versuch, seinen Spott vor seinem Blick zu verbergen. Er erlaubte sich sogar, ein wenig ungeduldig mit den Achseln zu zucken.
„Wahrlich, wahrlich, ich denke, ich täte am besten, fortzugehen“, antwortete er bedauernd, „denn dies ist ein Ort, dessen Bewohner alle darauf aus zu sein scheinen, sich mit mir zu streiten. Zuerst begrüßt mich Euer Hauptmann Fortemani mit einer Unverschämtheit, die schwer unbestraft zu lassen ist. Ihr selbst, Madonna, nehmt es übel, dass ich Schutz für meinen Mann vor jenen Kerlen begehre, deren Aussehen Anlass für mein Ansuchen gibt. Ihr seid zornig, dass ich sie als Schurken bezeichne, als ob ich den Waffenberuf zehn Jahre lang ausgeübt hätte, ohne Kenntnis von der Qualität eines Mannes zu erlangen, egal wie sehr Ihr ihn auch verkleidet. Und schließlich, um alles zu krönen, spricht dieser Cicisbeo“ – und er breitete eine Hand verächtlich in Richtung Gonzaga aus – „von meinen Unverschämtheiten.“
„Madonna“, rief Gonzaga, „ich bitte, dass Ihr mich mit ihm verfahren lasst.“
Unwissentlich, unwillentlich rettete Gonzaga durch diese Bitte die Situation. Der Zorn, der in der Brust der Madonna schnell aufstieg, angestachelt durch das stolze Gebaren des Grafen, wurde durch den unbewussten Humor des Appells ihres Hauptmanns zerstreut, in solch lächerlichem Kontrast stand seine geziert-süßliche Sprache und schmale Figur zu Francescos festen Tönen und schlanker, aktiver Größe. Sie lachte nicht, denn das hätte alles verdorben, aber sie blickte von einem zum anderen mit stillem Genuss und bemerkte den Blick der Überraschung und die hochgezogenen Augenbrauen, mit denen der Graf die Bitte des Höflings aufnahm, ihn mit ihm verfahren zu lassen. Und so, vom Zorn abgewandt, glich sich das Gleichgewicht ihres Geistes schnell an, und sie besann sich, dass vielleicht Vernunft in dem lag, was dieser Ritter vorbrachte, und dass seinem Empfang die Höflichkeit gefehlt hatte, die ihm gebührte. In einem Augenblick hatte sie mit unvergleichlicher Anmut und Geschicklichkeit Gonzagas verletzte Eitelkeit besänftigt und den stureren Groll des Grafen gemildert.
„Und nun, Messer Francesco“, schloss sie, „lasst uns Freunde sein, und lasst mich Euer Anliegen hören. Ich bitte Euch, nehmt Platz.“
Sie waren in den Bankettsaal eingetreten – ein edler Raum, dessen Wände mit Jagd- und Hirtenszenen freskiert waren, von denen ein oder zwei das Werk von Pisaniello waren. Es gab auch einige verstreute Trophäen der Jagd und hier und da eine Rüstung von kostbarem Wert, die das Sonnenlicht einfing, das durch die hohen, mit Pfosten versehenen Fenster strömte. Am anderen Ende stand ein reich geschnitzter Schirm aus Zedernholz, und darüber erschien das geschwungene Geländer der Musikantengalerie. In einem hohen Armlehnstuhl aus ungegerbtem Leder, am Kopf der geräumigen Tafel, setzte sich Monna Valentina, Gonzaga nahm seinen Platz an ihrem Ellbogen ein, und Francesco stand ihr gegenüber, sich leicht auf den Tisch stützend.
„Die Neuigkeiten, die ich Euch bringe, gnädige Frau, sind schnell erzählt“, sagte der Graf. „Ich wünschte, ihre Qualität wäre besser. Euer Freier Gian Maria, auf dem Rückweg zu Guidobaldos Hof, begierig auf die Vermählung, die ihm versprochen war, hat von Eurer Flucht nach Roccaleone erfahren und hebt – tatsächlich wird er es bis jetzt bereits getan haben – ein Heer aus, um Eure Festung zu belagern und zu schleifen.“
Gonzaga wurde bei dieser Verwirklichung der Prophezeiungen, die er ausgesprochen hatte, ohne sie zu glauben, so blass wie das Westenkleid aus weißer Seide, das unter seinem Wams aus perlfarbenem Samt hervorlugte. Eine krankhafte Angst ergriff seine Seele. Welches Schicksal würden sie demjenigen bereiten, der der führende Geist bei Valentinas Rebellion gewesen war? Er hätte laut aufstöhnen können über diesen Fehlschlag all seiner feinen Pläne. Wo wäre jetzt die Zeit, von Liebe zu sprechen, um sein Werben bei Valentina zu drängen und durchzusetzen und sich selbst zu ihrem Ehemann zu machen? Es würde Krieg in der Luft liegen und blutige Arbeit, bei deren Gedanken seine Haut kroch und kalt wurde. Und die Ironie des Ganzen war schmerzlich grausam. Es war genau die Eventualität, die er prophezeit hatte, versichert, dass weder Guidobaldo noch Gian Maria so wahnsinnig wären, sich lächerlich zu machen, indem sie sich darauf einließen.
Für eine Sekunde ruhten Francescos Augen auf dem Gesicht des Höflings und sahen die Angst, die dort für jeden zu lesen war. Der Schatten eines Lächelns zitterte auf seinen Lippen, als sein Blick weiterwanderte, um den Augen Valentinas zu begegnen, die funkelten wie Frost unter der Sonne.
„Nun, lasst sie kommen!“, rief sie, fast in Jubel. „Dieser herzogliche Tölpel wird mich sehr bereit für ihn finden. Wir sind in jeder Hinsicht gerüstet. Wir haben Vorräte, die uns drei Monate halten, wenn es sein muss, und wir haben keinen Mangel an Waffen. Lasst Gian Maria kommen, und er wird Valentina della Rovere nicht so leicht zu bezwingen finden.“ Zu Euch, mein Herr“, fuhr sie mit mehr Ruhe fort, „Euch, auf den ich keinen Anspruch habe, bin ich mehr als dankbar für Eure ritterliche Tat, hierher zu reiten, um mich zu warnen.“
Francesco seufzte; ein Ausdruck des Bedauerns überzog sein Gesicht.
„Ach!“, sagte er. „Als ich hierher ritt, Madonna, hatte ich gehofft, Euch zu einem besseren Zweck zu dienen. Ich hatte Rat anzubieten und Beistand, falls Ihr ihn brauchen solltet; aber der Anblick dieser Eurer Bewaffneten lässt mich fürchten, dass es kein Rat ist, auf den zu handeln weise wäre. Für den Plan, den ich im Sinn hatte, wäre es von größter Wichtigkeit, dass Eure Soldaten vertrauenswürdig wären, und das, fürchte ich, sind sie nicht.“
„Nichtsdestotrotz“, warf Gonzaga fieberhaft ein, an eine schmale Hoffnung klammernd, „lasst uns ihn hören.“
„Ich bitte, dass Ihr es tut“, sagte Valentina.
So aufgefordert, sinnierte Francesco einen Augenblick.
„Seid Ihr mit der Politik von Babbiano vertraut?“, erkundigte er sich.
„Ich weiß einiges darüber.“
„Ich werde Euch die Lage ganz klar machen, Madonna“, erwiderte er. Und damit erzählte er ihr vom drohenden Einfall von Caesar Borgia in Gian Marias Herzogtum, und daher von der wenigen Zeit, die ihrem Freier blieb; sodass, wenn er nur für eine Weile vor den Mauern von Roccaleone in Schach gehalten werden könnte, alles gut werden könnte. „Aber wenn ich sehe, in welcher Eile er ist“, endete er, „werden seine Methoden wahrscheinlich rau und verzweifelt sein, und ich hatte gedacht, dass Ihr währenddessen nicht hier zu bleiben braucht, Madonna.“
„Nicht bleiben?“, rief sie, Verachtung für die Vorstellung in ihrer Stimme. „Nicht bleiben?“, sagte Gonzaga ängstlich, Hoffnung in seiner Stimme.
„Genau, Madonna. Ich hätte vorgeschlagen, dass Ihr Gian Maria ein leeres Nest hinterlasst, sodass er, selbst wenn das Schloss in seine Hände fallen sollte, nichts gewinnen würde.“
„Ihr würdet mir raten zu fliehen?“, forderte sie.
„Ich kam vorbereitet, dies zu tun, aber der Anblick Eurer Männer hält mich zurück. Sie sind nicht vertrauenswürdig, und um ihre schmutzigen Häute zu retten, könnten sie Roccaleone für die Belagerer öffnen, und somit würde Eure Flucht entdeckt werden, während noch Zeit sein könnte, sie nutzlos zu machen.“
Bevor sie eine Antwort formulieren konnte, drängte Gonzaga sie fieberhaft, auf einen so weisen und zeitgerechten Vorschlag zu handeln und Sicherheit in der Flucht an einem Ort zu suchen, den Gian Maria Stein um Stein abtragen würde. Seine Worte plapperten schnell und erbärmlich in Flehen, bis sie ihn schließlich direkt ansah:
„Habt Ihr Angst, Gonzaga?“, fragte sie ihn.
„Ich habe – Angst um Euch, Madonna“, antwortete er bereitwillig.
„Dann lasst Eure Ängste Frieden finden. Denn ob ich bleibe oder ob ich gehe, eines ist gewiss: Gian Maria wird nie Hand an mich legen.“ Sie wandte sich wieder an Francesco. „Ich sehe eine gewisse Weisheit im Rat zur Flucht, den Ihr mir angeboten hättet, nicht weniger als in dem, was ich für Euren Rat halte, dass ich bleiben sollte. Würde ich nur meiner Laune folgen, würde ich bleiben und die Schlacht liefern, wenn sich dieser Tyrann zeigt. Aber auch die Klugheit muss zu Rate gezogen werden, und ich werde die Sache bedenken.“ Und nun dankte sie ihm mit einem großzügigen Charme dafür, dass er mit dieser Nachricht zu ihr gekommen war und seinen Beistand angeboten hatte, und fragte, welche Motive ihn brachten.
„Solche Motive, wie sie einen Ritter stets dazu antreiben müssen, einer Dame in Not zu dienen“, sagte er, „und vielleicht auch die Erinnerung an die Wohltätigkeit, mit der Ihr meine Wunden an jenem Tag bei Acquasparta gepflegt habt.“
Für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke, zitterten bei der Begegnung und fielen wieder auseinander, eine seltsame Verwirrung in der Brust eines jeden, was Gonzaga, der in düstere Nachdenklichkeit versunken war, nicht bemerkte. Um die peinliche Stille, die eingetreten war, aufzuhellen, fragte sie ihn, wie es sich so schnell herumgesprochen habe, dass sie nach Roccaleone geflohen sei.
„Wisst Ihr das nicht?“, rief er. „Hat Peppe es Euch nicht gesagt?“
„Ich habe nicht mit ihm gesprochen. Er selbst erreichte das Schloss erst spät letzte Nacht, und ich sah ihn erst heute Morgen, als er kam, um Eure Anwesenheit anzukündigen.“
Und dann, bevor mehr gesagt werden konnte, erhob sich ein Lärm von Rufen von draußen. Die Tür wurde plötzlich aufgestoßen, und Peppe stürmte in den Raum.
„Euer Mann, Ser Francesco“, rief er, sein Gesicht bleich vor Aufregung. „Kommt schnell, oder sie werden ihn töten.“
KAPITEL XIV. FORTEMANI TRINKT WASSER
Die Sache hatte mit den finsteren Blicken begonnen, die Francesco beobachtet hatte, und war in Spott und Beleidigungen ausgeartet, nachdem er verschwunden war. Doch Lanciotto hatte eine unbewegte Fassade bewahrt, da er ein Mann war, der im Dienste des Grafen von Aquila zu Schweigen und wundersamer Geduld erzogen worden war. Diese Gefühllosigkeit deuteten diese Bauern als Feigheit, und dadurch ermutigt – wie die Promenadenmischungen, die sie waren – wurde ihre Unverschämtheit direkter und allmählich bedrohlicher. Lanciottos Geduld schwand langsam, und in der Tat war es nichts weiter als die Furcht, den Zorn seines Herrn zu provozieren, die ihn zurückhielt. Schließlich trat ein bulliger Raufbold, der ihn aufgefordert hatte, in Gegenwart von Gentlemen seine Kopfbedeckung abzunehmen, und dessen Bitte von Lanciotto ebenso missachtet worden war wie die der anderen, drohend auf ihn zu und packte ihn am Bein, so wie Ercole seinen Herrn gepackt hatte. Über diese Dreistigkeit erbittert, schwang Lanciotto sein Bein frei und verpasste dem unbesonnenen Kerl einen heftigen Tritt ins Gesicht, der ihn betäubt und blutend zu Boden streckte.
Das Brüllen der Gefährten des Mannes verriet Lanciotto, was ihn erwartete. Im Nu waren sie über ihm und forderten sein Blut. Er versuchte, das Schwert seines Herrn zu ziehen, das zusammen mit der anderen Rüstung des Grafen an seinem Sattelknopf hing; doch bevor er es befreien konnte, wurde er von einem Dutzend Händen ergriffen und kämpfend aus dem Sattel gerissen. Am Boden überwältigten sie ihn, und eine gepanzerte Hand legte sich auf seinen Mund, um den Hilfeschrei, den er ausstoßen wollte, in seine Kehle zurückzudrücken.
An der Westseite des Hofes hatte einst ein Brunnen, der aus der Mauer entsprang, sein Wasser durch einen Löwenkopf in ein großes Becken aus moosbewachsenem Granit gegossen. Doch es war seit geraumer Zeit außer Betrieb, und das Rohr im Maul des Löwen war trocken. Das Becken jedoch war mehr als halbvoll mit Wasser, das während der jüngsten Zeit, in der das Schloss unbewohnt war, faulig und abgestanden geworden war. Lanciotto darin zu ertränken, war der liebenswürdige Vorschlag, der von Fortemani selbst stammte – ein Vorschlag, der von seinen Schurken stürmisch aufgenommen wurde, die sich daran machten, ihn in die Tat umzusetzen. Sie schleiften den blutenden und wild um sich schlagenden Lanciotto grob über den Hof und erreichten den Rand des Beckens, fest entschlossen, ihn hineinzustoßen und unter Wasser zu halten, um ihn dort wie eine Ratte zu ertränken.
Doch in diesem Augenblick fuhr etwas wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf sie nieder. Bei einem oder zwei, und bald bei weiteren, verwandelte sich das grausame Gelächter in plötzliches Schmerzgebrüll, als eine Peitsche aus Ochsenhaut sie um Kopf, Gesicht und Schultern traf.
„Zurück da, ihr Bestien, ihr Tiere, zurück!“, brüllte eine Donnerstimme, und sie wichen ohne Widerrede vor dieser unbarmherzigen Peitsche zurück, wie die feigen Hunde, die sie waren.
Es war Francesco, der ganz allein und nur mit einer Peitsche bewaffnet sie von seinem misshandelten Diener vertrieb, so wie der Falke einen Schwarm lärmender Sperlinge verscheucht. Und nun stand zwischen ihm und Lanciotto nichts weiter als die breite Masse des Ercole Fortemani, mit dem Rücken zum Grafen; denn er hatte die Unterbrechung noch nicht begriffen.
Francesco ließ seine Peitsche fallen, legte die eine Hand an den Gürtel des Kapitäns und die andere an seinen schmutzigen Nacken, hievte ihn mit unglaublicher Kraft in die Höhe und schleuderte ihn aus seinem Weg in das schleimige Wasser des Beckens.
Es gab ein gewaltiges Brüllen, das in einem noch gewaltigeren Platschen unterging, als Fortemani mit ausgebreiteten Armen auf die Oberfläche schlug und aus dem Blickfeld sank, während mit der umherfliegenden Gischt ein fauliger Gestank aufstieg, der von der Unappetitlichkeit dieses unerwarteten Bades zeugte.
Ohne innezuhalten, um den Abschluss seines Werkes zu sehen, beugte sich Francesco über seinen am Boden liegenden Diener.
„Haben die Bestien dir wehgetan, Lanciotto?“, fragte er. Doch bevor der Kerl antworten konnte, war einer dieser Bauern auf den sich bückenden Grafen losgegangen und hatte ihm mit einem Dolch zwischen die Schulterblätter gestochen.
Ein alarmierter Schrei einer Frau ertönte, denn Valentina beobachtete das Handgemenge von den Stufen der Halle aus, mit Gonzaga an ihrer Seite.
Doch Francescos gesteppte Brigantine hatte der Stahlprüfung standgehalten, und die Spitze des Mörderdolches glitt harmlos ab und verursachte keinen schlimmeren Schaden als einen Riss in der seidenen Oberfläche des Kleidungsstücks. Eine Sekunde später fand sich der Kerl wie in stählernen Banden gefangen. Der Dolch wurde ihm aus der Hand gewunden und die Spitze gegen seine Brust gedrückt, während der Graf ihn auf die Knie zwang.
In einem Blitz war die Sache geschehen, doch für den elenden Mann, der sich an der Schwelle zur Ewigkeit sah und der – wie ein wahrer Sohn der Kirche – eine heilsame Angst vor der Hölle hatte, schien es eine Stunde zu dauern, während er mit fahlen Wangen und aus dem Kopf tretenden Augen darauf wartete, dass dieser Dolch in sein Herz sank, wie es beabsichtigt war. Doch nicht in sein Herz fiel der Schlag. Mit einem plötzlichen Schnauben über wütende Belustigung schleuderte der Graf den Dolch von sich und ließ seine geballte Faust mit zermalmender Wucht in das Gesicht des Schurken niedersausen. Der Kerl sank unter diesem gewaltigen Schlag bewusstlos zusammen, und Francesco, der die Peitsche wiedererlangte, die fast zu seinen Füßen lag, erhob sich, um sich den anderen entgegenzustellen, die noch da sein mochten.
Aus dem Becken, brusthoch in diesem stinkenden Wasser stehend, sein Kopf und Gesicht grotesk mit einem abscheulichen grünen Schleim verfaulter Vegetation maskiert, brüllte Ercole Fortemani mit entsetzlichen Lästerungen, dass er das Blut seines Angreifers haben wolle, rührte aber keinen Fuß, um es sich zu holen. Nicht, dass er von Natur aus ein völliger Feigling gewesen wäre; doch angespornt von einer heilsamen Furcht vor dem Mann, der ein solches Wunder an Stärke vollbringen konnte, blieb er außerhalb von Francescos Reichweite, mitten in jenem quadratischen Becken, und brüllte lautstark Befehle an seine Männer, den Kerl in Stücke zu reißen. Doch seine Männer hatten genug von den Methoden des Grafen gesehen und machten keinerlei Anstalten gegen jene stämmige, unerschrockene Gestalt, die mit einer Peitsche auf sie wartete, die einige bereits zu spüren bekommen hatten. Zusammengedrängt, mehr wie eine Herde verängstigter Schafe als ein Haufen Kriegsleute, standen sie in der Nähe des Eingangsturms, zum Gespött von Peppe, der von der Steingalerie oben – sehr zum Vergnügen von Valentinas Damen und zwei vorlauten Pagen, die bei ihm waren – deren wundersame Tapferkeit in hochtrabenden Worten beklatschte.
Sie regten sich schließlich, aber es geschah auf Valentinas Geheiß. Sie hatte sich mit Gonzaga beraten, der – mit der Begründung, sie selbst könnte Schutz benötigen – an ihrer Seite geblieben war, weit abseits des Gefechts. Sie hatte ihn gedrängt, etwas zu tun, und schließlich hatte er ihr gehorsam Folge geleistet und war die kurze Treppe in den Hof hinuntergegangen; doch so widerwillig und langsam, dass sie mit einem Ausruf der Ungeduld plötzlich an ihm vorbeistürmte, um selbst die Aufgabe zu übernehmen, um die sie ihn angefleht hatte. An Francesco vorbei ging sie, mit einem Wort der Anerkennung für seine Tapferkeit und einem Blick von solch tiefer Bewunderung, dass ihm das Blut vor freudiger Erwiderung in die Wangen schoss. Sie hielt inne, um sich besorgt nach dem nun aufgestandenen, aber schwer geprellten Lanciotto zu erkundigen. Sie warf dem großen Ercole, der immer noch aus seinem Becken brüllte, einen zornigen Blick und einen zornigen Befehl zum Schweigen zu, und dann, zehn Schritte von seinen Anhängern entfernt, hielt sie inne und befahl ihnen mit zorniger Miene und mit der Hand in Richtung ihres Kapitäns ausgestreckt, ihn zu verhaften.
Dieser plötzliche, unerwartete Befehl machte den lautstarken Fortemani sprachlos. Er verstummte und starrte seine Männer an, die sich nun zweifelnd musterten; doch der Zweifel wurde durch die Worte der Dame selbst schnell ausgeräumt:
„Ihr werdet ihn gefangen nehmen und in die Wachstube führen, oder ich werde euch und ihn aus meinem Schloss fegen lassen“, teilte sie ihnen mit, so selbstbewusst, als hätte sie hundert Mann unter Waffen, die ihr auf Geheiß zu Diensten wären.
Ein oder zwei Schritte hinter ihr stand der lilienblasse Gonzaga, auf seiner Lippe kauend, schüchtern und mutmaßend. Hinter ihm wiederum ragte die stämmige Gestalt des Francesco del Falco auf, an seiner Seite Lanciotto, von fast ebenso entschlossener Miene wie sein Herr.
Das war die volle Streitmacht, von der die Dame sprach, sie – als wären sie nichts als Unrat – aus Roccaleone zu fegen, sollten sie ihrem Befehl nicht Folge leisten. Sie zögerten noch, als der Graf an Valentinas Seite trat.
„Ihr habt die Wahl gehört, die unsere Herrin euch lässt“, sagte er streng. „Lasst uns wissen, ob ihr gehorcht oder ungehorsam seid. Diese Wahl, die ihr jetzt habt, werdet ihr vielleicht nicht noch einmal haben. Aber wenn ihr euch entscheidet, Madonna nicht zu gehorchen, ist das Tor hinter euch, die Brücke immer noch unten. Schert euch fort!“
Verstohlen, unter finsteren Brauen, stieß Gonzaga einen Blick ohnmächtiger Bosheit auf den Grafen aus. Welchen Ausgang die Affäre auch haben mochte, dieser Mann durfte nicht in Roccaleone bleiben. Er war zu stark, zu dominant, und er würde sich zum Herrn des Ortes aufschwingen, durch keinen anderen Titel als diese seine Stärke und jene Art von Befehlsgewalt, die Gonzaga für eine plumpe, raufboldische Gabe hielt, für die er jedoch viel gegeben hätte, um sie selbst zu besitzen. Wie stark und dominant er tatsächlich war, hatte Francesco nie deutlicher bewiesen. Jene Männer, von ihm geprellt und misshandelt, hätten sich zweifellos zusammengetan und mit jemandem, der weniger unerschrocken war, kurzen Prozess gemacht, doch wenn ein gewaltiger Mut wie der seine mit der Gewohnheit des Befehlens Hand in Hand geht, können solche Bauern wie sie niemals lange dagegen bestehen. Sie murrten etwas untereinander, und einer von ihnen gab schließlich Antwort:
„Edler Herr, es ist unser Kapitän, den wir verhaften sollen.“
„Wahr; doch euer Kapitän steht wie ihr in den Diensten dieser Dame; und sie, eure wahre, eure oberste Befehlshaberin, befiehlt euch, ihn zu verhaften.“ Und nun, während sie noch zögerten, warf sein wacher Verstand ihnen den Köder zu, der sich als am attraktivsten erweisen musste. „Er hat sich heute als unfähig für das ihm anvertraute Kommando erwiesen, und es könnte zu einer Frage werden, wenn er verurteilt ist, einen von euch auszuwählen, um den Platz einzunehmen, den er möglicherweise leer lässt.“
Bauern waren sie in Wahrheit; der Abschaum der Bravi, die das ärmlichste Borgo von Urbino heimsuchten. Ihr Zögern verflog, und die geringe Loyalität, die sie für Ercole empfanden, wurde durch die Aussicht auf seine Position und seinen Sold übertrumpft, sollte seine Schande vollendet werden.
Sie forderten ihn auf, aus seinem Zufluchtsort herauszukommen, wo er noch immer stand, stumm und getroffen von dieser plötzlichen Wendung, die die Ereignisse genommen hatten. Er weigerte sich mürrisch, dem Ruf nachzugeben, sich zu ergeben, bis Francesco – der nun mit einer Bereitwilligkeit das Kommando übernahm, die Gonzaga mehr und mehr reizte – einem von ihnen befahl, eine Arkebuse zu holen und den Hund zu erschießen. Da schrie er um Gnade und watete zum Rand des Beckens, fluchend, dass es ein Wunder sei, wenn er nicht vergiftet sei, falls ihn das Untertauchen nicht ertränkt hätte.
So schloss sich ein Vorfall, der ein mächtig hässliches Gesicht getragen hatte, und er diente dazu, Valentinas Augen für die wahre Qualität der Männer zu öffnen, die Gonzaga für sie angeheuert hatte. Vielleicht öffnete er auch seine eigenen, denn dieser liebenswürdige Lautenspieler war unerfahren in solchen Dingen. Sie wies Gonzaga an, sich um Francesco zu kümmern, und rief einen der grinsenden Pagen von der Galerie zu sich, um sein Knappe zu sein. Ein Zimmer wurde ihm für die kurze Zeit, die er in Roccaleone verbringen mochte, zur Verfügung gestellt, während sie darüber beriet, was ihr Kurs sein sollte.
Eine Glocke läutete im fernen südlichen Flügel des Schlosses, jenseits des zweiten Hofes, und rief sie zur Kapelle, denn dort las Fra Domenico jeden Morgen die Messe. Und so nahm sie Abschied von Francesco und sagte, sie werde den Himmel bitten, sie zu einer weisen Wahl zu führen, ob sie aus Roccaleone fliehen oder ob sie bleiben und den Ansturm von Gian Maria abwehren solle.
Francesco, begleitet von Gonzaga und dem Pagen, begab sich in ein stattliches Zimmer unter dem Löwenturm, der sich an der südöstlichen Ecke der Festung erhob. Seine Fenster überblickten den zweiten, den inneren Hof, über den Valentina und ihre Damen nun auf dem Weg zur Messe eilten.
Gonzaga versuchte, den Groll, den er gegen diesen Mann empfand, in dem er einen Eindringling sah, zu ersticken, und bemühte sich, ihn mit der Höflichkeit zu behandeln, die ihm gebührte. Er wäre sogar so weit gegangen, mit ihm die Situation zu besprechen – angetrieben von einem gewissen Misstrauen und listig darauf bedacht, das wahre Motiv auszuloten, das diesen Fremden dazu gebracht hatte, sich für die Angelegenheiten Valentinas zu interessieren. Doch Francesco wehrte ihn müde, aber mit untadeliger Höflichkeit ab und bat darum, Lanciotto zu schicken, damit er ihm diene. Als er die Nutzlosigkeit seines Unterfangens sah, zog sich Gonzaga mit gesteigertem Groll zurück, aber mit einer noch süßeren Art des Lächelns und noch tieferer Höflichkeit.
Er ging nach unten, um Befehle für das Hochziehen der Brücke zu erteilen, und da er die Männer nach der scharfen Lektion, die Francesco ihnen erteilt hatte, seltsam sanftmütig und lenksam vorfand, ließ er an ihnen einen Teil des gewaltigen Übelmutes aus, der ihn besaß. Als Nächstes ging er in seine eigenen Gemächer, und dort setzte er sich an ein Fenster mit Blick auf die Schlossgärten, mit seinen unangenehmen Gedanken als einziger Gesellschaft.
Doch alsbald hellte sich seine Stimmung auf und er fasste Mut, denn er konnte sehr tapfer sein, wenn die Gefahr fern war. Es sei das Beste, überlegte er, dass Valentina Roccaleone verlasse. Das war der Kurs, den er raten und drängen würde. Natürlich würde er mit ihr gehen, und so konnte er sein Werben andernorts ebenso vorantreiben wie in diesem Schloss. Auf der anderen Seite, wenn sie blieb, nun, so würde er es auch tun, und schließlich, was wäre, wenn Gian Maria käme? Wie Francesco gesagt hatte, konnte die Belagerung dank der verwickelten Angelegenheiten von Babbiano nicht lange andauern. Bald würde Gian Maria gezwungen sein, sich heimwärts zu wenden, um sein Herzogtum zu verteidigen. Wenn sie ihn also für eine kleine Weile in Schach halten könnten, wäre alles noch gut. Sicherlich war er allzu schnell verzagt gewesen.
Er erhob sich und streckte sich mit träger Lust, dann stieß er sein Fenster weit auf und lehnte sich hinaus, um die Morgenluft zu atmen. Ein leises Lachen entwich ihm. Er war wahrlich ein Narr gewesen, sich mit Ängsten zu plagen, als er zum ersten Mal von Gian Marias Kommen gehört hatte. Richtig betrachtet wurde es zu einem Dienst, den ihm Gian Maria erwies – ob sie blieben oder ob sie gingen. Die Liebe hat keinen stärkeren Förderer als eine geteilte Gefahr, und eine Woche solcher Unruhen, wie Gian Maria sie ihnen wahrscheinlich bescheren würde, sollte mehr dazu beitragen, sein Werben voranzubringen, als er in einem ganzen Monat friedlichen Umwerbens hoffen konnte zu erreichen. Dann legte die Erinnerung an Francesco eine Falte zwischen seine Brauen, und er dachte daran, wie angetan Valentina von dem Kerl gewesen war, als sie ihn zum ersten Mal in Acquasparta erblickt hatte, und wie sie, als sie an jenem Tag ritt, nichts als die dunklen Augen dieses Ritters Francesco gesehen hatte.
„Ritter Francesco von was oder woher?“, murmelte er vor sich hin. „Bah! Ein namenloser, heimatloser Abenteurer; ein raufboldischer Angeber, der nach Blut und Leder stinkt und dazu taugt, einen solchen Haufen wie den von Fortemani zu führen. Aber bei einer Dame – was soll ein solcher Tölpel erreichen, wie soll er sich durchsetzen?“ Er lachte die aufkeimende Eifersucht verächtlich aus, und seine Stirn wurde klar, denn nun war er in einer optimistischen Stimmung – vielleicht eine Reaktion auf sein jüngstes Zittern. „Und doch, beim Herrn!“, fuhr er fort, wobei er an die erstaunliche Kühnheit dachte, die Francesco im Hof gezeigt hatte, „er hat die Stärke des Herkules und eine Art an sich, die ihn gefürchtet und gehorsam macht. Pish!“, lachte er wieder, als er sich umdrehte und seine Laute von dort abhängte, wo sie an der Wand hing. „Der Bastard irgendeines Condottiero, der die raufboldige Arroganz seines Vaters mit der Bauernseele seiner sorglosen Mutter verbindet. Und ich fürchte, dass so einer das Herz meiner unvergleichlichen Valentina berühren soll? Nun, das ist ein Gedanke, der ihr nur wenig Ehre erweist.“
Und Francesco aus seinen Gedanken verdrängend, suchte er mit seinen Fingern die Saiten und zupfte eine Begleitung, während er zum Fenster zurückkehrte, wobei seine Stimme, wundersam süß und zart, in ein sanftes Liebeslied ausbrach.
KAPITEL XV. DIE GNADE DES FRANCESCO
Monna Valentina und ihre Damen speisten am Mittag in einer kleinen Kammer, die von der großen Halle abging, und dorthin waren Francesco und Gonzaga geladen. Die Gesellschaft wurde von den zwei Pagen bedient, während Fra Domenico mit einer schneeweißen Schürze um seine gewichtige Taille die dampfenden Speisen aus der Küche brachte, wo er sie zubereitet hatte; denn wie ein wahrer Konventsbruder war er so etwas wie ein Meister in der Zubereitung – und ein wahrer Vielfraß beim Verzehr – köstlicher Speisen. Die Küche war für ihn wie das Heiligtum eines kleinen Kults, und wenn sein Brevier und sein Rosenkranz von ihm die Hälfte der ekstatischen Inbrunst seiner Andacht für Topf und Pfanne, für Kessel und Spieß verlangten, dann war ihm die Heiligsprechung wahrlich gewiss.
Er setzte ihnen an jenem Tag ein Abendessen vor, für das kein Fürst ein besseres befohlen hätte, es sei denn, es wäre der Papst gewesen. Es gab Ortolane, im Tal geschossen, mit Trüffeln zubereitet, die den epikureischen Gonzaga die Augen rollen ließen, übersetzt durch das Medium seines Gaumens in ein wahres Paradies sinnlichen Genusses. Es gab einen Hasen, am Hang gefangen und in Malvasier geschmort, von einem so delikaten Geschmack, dass Gonzaga seine ausgiebige Völlerei bei den Ortolanen bereute; es gab Forelle, frisch im Bach darunter gefangen, und eine wundersame Pastete, die auf der Zunge zerging. Um diese guten Dinge herunterzuspülen, gab es kräftigen Rotwein aus Apulien und feineren Malvasier, denn bei seiner Proviantierung der Festung hatte Gonzaga dafür gesorgt, dass sie zumindest nicht durstig bleiben würden.
„Für eine Garnison, die auf eine Belagerung wartet, speist ihr in Roccaleone mächtig gut“, war Francescos Kommentar zu diesem vortrefflichen Mahl.
Es war der Narr, der ihm antwortete. Er saß außer Sichtweite auf dem Boden, zusammengekauert gegen den Stuhl einer von Valentinas Damen, die ihm hin und wieder einen Bissen von ihrem Teller zuwarf, fast so, wie sie einen Lieblingshund behandelt hätte.
„Ihr habt dem Mönch dafür zu danken“, sagte er mit gedämpfter Stimme, denn sein Mund war voll mit Pastete. „Lass mich verdammt sein, wenn ich sterbe, wenn ich ihn nicht zu meinem Beichtvater mache. Der Mann, der so für den Leib sorgen kann, sollte erstaunlich gut mit den Seelen umgehen können. Fra Domenico, Ihr werdet mir nach Sonnenuntergang die Beichte abnehmen.“
„Du brauchst mich nicht“, antwortete der Mönch mit verächtlichem Zorn. „Es gibt eine Seligpreisung für solche wie dich – ‚Selig sind die Armen im Geiste‘.“
„Und gibt es keinen Fluch für solche wie Euch?“, schoss der Narr zurück. „Steht nirgendwo geschrieben: ‚Verdammt sind die Groben im Fleische, die fetten und rundlichen Vielfraße, die sich einen Gott aus ihren eigenen Bäuchen machen‘?“
Mit seinem sandalenbesetzten Fuß verpasste der Mönch dem Narren einen heimlichen Tritt.
„Sei still, du Natter, du Sack voller Gift.“
Schlimmeres fürchtend, rappelte sich der Narr auf.
„Hütet Euch!“, schrie er schrill. „Bedenkt, Mönch, dass Zorn eine Todsünde ist. Hütet Euch, sage ich!“
Fra Domenico hielt seine erhobene Hand zurück und begann, Lateinbrocken zu murmeln, während seine Lider seine plötzlich niedergeschlagenen Augen verbargen. So erreichte Peppe die Tür.
„Sag mal, Mönch; unter uns – war das ein Hase, den du geschmort hast, oder eine abgenutzte Sandale?“
„Nun, Gott verzeihe mir“, brüllte der Mönch und stürzte auf ihn zu.
„Für deine Kochkunst? Ja, bete – auf deinen Knien.“ Er wich einem Schlag aus, duckte sich und kehrte wieder in den Raum zurück. „Ein Koch, du? Pish! Du Fass voll Konventsschmalz! Deine Ortolane waren verbrannt, deine Forelle schwamm in Fett, deine Pastete----“
Was die Pastete gewesen sein mochte, sollte die Gesellschaft nicht erfahren, denn Fra Domenico, mit hochrotem Gesicht, war auf den Narren herabgestoßen und hätte ihn erwischt, wäre er nicht unter den Tisch zu Valentinas Röcken getaucht und hätte sie um Schutz vor diesem groben Wahnsinnigen angefleht, der sich für einen Koch hielt.
„Nun, zügelt Euren Zorn, Vater“, sagte sie und lachte mit den anderen. „Er quält Euch nur. Ertragt ihn um der Seligpreisung willen, die Ihr zitiert habt und die ihn zu Vergeltungsmaßnahmen angestachelt hat.“
Besänftigt, aber immer noch Schläge androhend, die Peppe verabreicht werden sollten, wenn sich eine bessere Gelegenheit böte, wandte sich der Mönch seinen häuslichen Pflichten zu. Sie erhoben sich kurz darauf, und auf Gonzagas Vorschlag hielt Valentina in der großen Halle inne, um Befehle zu erteilen, dass Fortemani ihr zur Verurteilung vorgeführt werde. Auf zwanzig Arten hatte Ercole seit ihrer Ankunft in Roccaleone jenen Respekt vermissen lassen, auf den Gonzaga Anspruch zu haben glaubte, und diese Gelegenheit ergriff er begierig, um seinem rachsüchtigen Groll Luft zu machen.
Valentina bat Francesco, ebenfalls zu bleiben und ihnen mit seiner weitreichenden Erfahrung zur Seite zu stehen, ein Satz, der einen unangenehmen Stich durch das Herz des Romeo Gonzaga sandte. Es geschah vielleicht ebenso sehr, um sich selbst zu behaupten, wie um seinem Groll gegen Fortemani Genüge zu tun, dass er, nachdem er einen Soldaten entsandt hatte, um den Gefangenen zu holen, sich kurz angebunden abwandte, um vorzuschlagen, Ercole solle unverzüglich gehängt werden.
„Was nützt ein Prozess?“, forderte er. „Wir waren alle Zeugen seiner Widersetzlichkeit, und dafür kann es nur eine Strafe geben. Lasst das Tier hängen!“
„Aber der Prozess war doch dein eigener Vorschlag“, wandte sie ein.
„Nein, Madonna. Ich schlug lediglich das Urteil vor. Erst seitdem Ihr Messer Francesco hier gebeten habt, uns beizustehen, nehme ich an, Ihr beabsichtigt, dem Schurken einen Prozess zu machen.“
„Würdet Ihr diesem werten Gonzaga so viel Blutdurst zutrauen?“, fragte sie Francesco. „Teilt Ihr, mein Herr, seine Meinung, dass der Hauptmann ungehört hängen sollte? Ich fürchte fast, Ihr tut es, denn nach allem, was ich von ihnen gesehen habe, neigen Eure Wege nicht zur Sanftmut.“
Gonzaga lächelte, da er aus diesem Satz entnahm, wie treffend sie das rohe Wesen dieses Fremden einschätzte. Francescos Antwort überraschte sie.
„Nein, ich halte Messer Gonzagas Rat für schlecht. Erweist Fortemani jetzt Gnade, wo er keine erwartet, und Ihr werdet einen treuen Diener aus ihm gemacht haben. Ich kenne seinesgleichen.“
„Ser Francesco spricht, ohne das Wissen zu haben, das wir besitzen, Madonna“, war Gonzagas grober Kommentar. „Ein Exempel muss statuiert werden, wenn wir von diesen Männern Respekt und Ordnung verlangen.“
„Dann statuiert ein Exempel der Gnade“, schlug Francesco sanft vor.
„Nun, wir werden sehen“, lautete Valentinas Antwort. „Mir gefällt Euer Rat, Messer Francesco, und doch sehe ich eine gewisse Weisheit in Gonzagas Worten. Obwohl ich in einem Fall wie diesem lieber mit Torheit verkehre, als den Tod eines Mannes auf meinem Gewissen zu haben. Aber da kommt er, und wir werden ihm zumindest einen Prozess machen. Vielleicht ist er inzwischen ja reumütig.“
Gonzaga höhnte und nahm seinen Platz zur Rechten von Valentinas Stuhl ein, während Francesco links von ihr stand; auf diese Weise bereiteten sie sich darauf vor, über den Hauptmann ihrer Streitkräfte zu Gericht zu sitzen.
Er wurde zwischen zwei gepanzerten Bewaffneten hereingeführt, die Hände auf dem Rücken gefesselt, sein Schritt schwer wie der eines Mannes in Angst, seine Augen mürrisch auf das wartende Trio gerichtet, am mürrischsten jedoch auf Francesco, der seinen Sturz so deutlich herbeigeführt hatte. Valentina breitete eine Hand in Richtung Gonzaga aus, und von Gonzaga aus wies sie leicht in die Richtung des Raufbolds. Auf diese Geste hin wandte sich Gonzaga dem gefesselten Hauptmann herausfordernd zu.
„Du kennst dein Vergehen, Schurke“, blaffte er ihn an. „Hast du irgendetwas vorzubringen, das uns davon abhalten könnte, dich zu hängen?“
Fortemani zog die Brauen einen Moment lang überrascht über diese Wildheit von einem hoch, den er immer für eine rechte Frauenzimmernatur gehalten hatte. Dann stieß er ein Lachen voll solcher Verachtung aus, dass die Röte in Gonzagas Gesicht stieg.
„Bringt ihn hinaus...“, begann er wütend, als Valentina dazwischenfuhr und eine Hand auf seinen Arm legte.
„Nein, nein, Gonzaga, Eure Methoden sind gänzlich falsch. Sagt ihm... Nein, ich werde ihn selbst befragen. Messer Fortemani, Ihr habt Euch eines Aktes groben Missbrauchs schuldig gemacht. Ihr und Eure Männer wurdet von Messer Gonzaga für mich angeworben, und Euch wurde das ehrenvolle Amt des Hauptmanns über sie übertragen, damit Ihr sie in diesem Dienst für mich auf dem Weg der Pflicht, des Gehorsams und der Treue führen könntet. Stattdessen wart Ihr der Anstifter jenes Übergriffs heute Morgen, als ein unschuldiger Mann, der mein Gast war, fast ermordet wurde. Was habt Ihr dazu zu sagen?“
„Dass ich nicht der Anstifter war“, antwortete er mürrisch.
„Das kommt auf eines heraus“, erwiderte sie, „denn zumindest geschah es mit Eurer Billigung, und Ihr habt an jenem grausamen Treiben teilgenommen, anstatt es zu unterbinden, wie es Eure klare Pflicht gewesen wäre. Auf Euch, dem Hauptmann, lastet die Verantwortung.“
„Herrin“, erklärte er, „sie sind wilde Seelen, aber sehr treu.“
„Vielleicht treu in ihrer Wildheit“, antwortete sie ihm verächtlich. Dann fuhr sie fort: „Ihr werdet Euch erinnern, dass Messer Gonzaga schon zweimal Anlass hatte, Euch zu ermahnen. Die letzten zwei Nächte haben sich Eure Männer innerhalb meiner Mauern aufrührerisch verhalten. Es wurde hart getrunken, gewürfelt und es gab ein oder zwei Male solch ein Gezänk, dass ich dachte, es würden in Euren Reihen Kehlen durchschnitten. Ihr wurdet von Messer Gonzaga gewarnt, Eure Leute besser an der Leine zu halten, und doch haben wir heute, ohne dass sie auch nur durch Trunkenheit entschuldigt wären, diese niederträchtige Affäre, bei der Ihr selbst der Rädelsführer wart.“
Es folgte eine Pause, während der Ercole mit gesenktem Kopf dastand wie einer, der nachdenkt, und Francesco seinen von Staunen erfüllten Blick auf dieses zierliche Mädchen mit den sanften braunen Augen richtete, die so gütig und mitleidsvoll gewesen waren. Über die Größe ihres Geistes staunend, wurde er – ganz unbewusst – ihr umso mehr verfallen.
Gonzaga, der sich darum nicht scherte, beobachtete Fortemani in Erwartung seiner Antwort.
„Madonna“, sagte der Raufbold schließlich, „was könnt Ihr von einer solchen Truppe erwarten? Messer Gonzaga kann nicht erwartet haben, dass ich Akolythen für ein Geschäft anwerbe, das, wie er mir sagte, an Gesetzlosigkeit grenzte. Was ihre Trunkenheit und die Kleinigkeit an Aufruhr betrifft, welche Soldaten haben diese Fehler nicht? Wenn sie sie nicht haben, haben sie auch kein Verdienst. Der Mann, der in Friedenszeiten zahm ist, ist ein duckmäuserisches Weib in Kriegszeiten. Und im Übrigen, woher kam der Wein, den sie tranken? Er stammte aus Messer Gonzagas Vorräten.“
„Du lügst, Hund!“, fuhr Gonzaga auf. „Ich habe Wein für Madonnas Tisch bereitgestellt, nicht für die Männer.“
„Doch einiges fand seinen Weg zu ihnen; was gut ist. Denn Wasser im Magen macht einen Mann kleinmütig. Wo liegt die Sünde in ein wenig Genuss, Madonna?“, fuhr er fort und wandte sich wieder an Valentina. „Diese meine Männer werden ihren Mut beweisen, wenn es zu Schlägen kommt. Sie sind vielleicht Hunde – aber durch und durch Mastiffs, und sie würden hundert Leben in Eurem Dienst lassen, wenn sie sie hätten.“
„Ja, wenn sie sie hätten“, warf Gonzaga säuerlich ein; „aber da sie nicht mehr als eines besitzen, werden sie sich hüten, es zu opfern.“
„Nein, da tut Ihr ihnen unrecht“, rief Fortemani hitzig. „Gebt ihnen einen Anführer, der stark genug ist, sie zu halten, sie anzuspornen und zu unterwerfen, und sie werden auf sein Geheiß überallhin gehen.“
„Und damit“, warf Gonzaga rasch ein, „bringt Ihr uns zurück zum Hauptpunkt. Dass Ihr ein solcher Anführer seid, habt Ihr uns nicht gezeigt. Ihr habt Schlimmeres getan. Ihr wart widersetzlich, als Ihr nicht nur ordentlich hättet sein, sondern auch Ordnung bei anderen hättet durchsetzen sollen. Und dafür, nach meinem Dafürhalten, solltet Ihr gehängt werden. Verschwendet keine Zeit mehr mit ihm, Madonna“, schloss er und wandte sich an Valentina. „Lasst das Exempel statuieren.“
„Aber, Madonna...“, begann Fortemani, der unter der Bräune seines rauen Gesichts erblasste.
Gonzaga brachte ihn zum Schweigen.
„Eure Worte sind eitel. Ihr wart widersetzlich, und für Widersetzlichkeit gibt es nur eine Strafe.“
Der Raufbold ließ den Kopf hängen, da er sich für verloren hielt und ihm der Verstand fehlte, so zu entgegnen, wie Francesco unerwarteterweise für ihn entgegnete.
„Madonna, da ist Euer Berater im Irrtum. Die Anklage gegen den Mann ist falsch. Es hat keine Widersetzlichkeit gegeben.“
„Wie?“, fragte sie und wandte sich an den Grafen. „Keine, sagt Ihr?“
„Ein Salomo ist auferstanden“, höhnte Gonzaga. Dann verdrießlich: „Verschwendet keine Worte mit ihm, Madonna“, fuhr er fort. „Unsere Angelegenheit ist mit Fortemani.“
„Aber wartet, mein guter Gonzaga. Er könnte recht haben.“
„Euer Herz ist allzu zart“, antwortete Romeo ungeduldig. Doch sie hatte sich nun von ihm abgewandt und bat Francesco, seine Bedeutung deutlicher zu machen.
„Hätte er seine Hand gegen Euch erhoben, Madonna, oder gar gegen Messer Gonzaga, oder hätte er einen Befehl missachtet, den einer von Euch ihm gab, dann, und nur dann, könnte von Widersetzlichkeit die Rede sein. Aber er hat nichts dergleichen getan. Er ist schuldig, meinen Diener grob misshandelt zu haben, das ist wahr, aber darin liegt keine Widersetzlichkeit, da er gegenüber Lanciotto keinerlei Treueversprechen gegeben hatte.“
Sie starrten ihn an, als seien seine Worte die eines tiefgründigen Weisen statt der einfachen Feststellung einer klaren Sache. Gonzaga war niedergeschlagen, in Fortemanis Augen leuchtete ein Licht der Hoffnung und des Staunens, und Madonna nickte leicht mit dem Kopf, was Zustimmung signalisierte. Sie stritten noch eine Weile, Gonzaga bitter, rachsüchtig und leichtfertig verächtlich gegenüber sowohl Francesco als auch Fortemani. Doch der Graf hielt so entschlossen an seinem Standpunkt fest, dass Valentina schließlich mit den Schultern zuckte, sich überzeugt erklärte und Francesco aufforderte, das Urteil zu verkünden.
„Ihr seid im Ernst, Madonna?“, fragte Francesco überrascht, während ein finsteres Stirnrunzeln die Heiterkeit von Gonzagas Stirn entstellte.
„Das bin ich in der Tat. Handelt mit ihm, wie Ihr es für am besten und gerechtesten haltet, und es soll ihm genau so ergehen, wie Ihr es anordnet.“
Francesco wandte sich an die Bewaffneten. „Bindet ihn los, einer von euch“, sagte er kurz.
„Ich glaube, Ihr seid wahnsinnig“, rief Gonzaga in Raserei, doch seine Stimmung entsprang eher dem Ärger darüber, dass sein Eindringling dort Erfolg hatte, wo er gescheitert war. „Madonna, hört nicht auf ihn.“
„Ich bitte Euch, lasst es gut sein, mein guter Gonzaga“, antwortete sie beschwichtigend, und Gonzaga, der vor Groll fast in Ohnmacht gefallen wäre, gehorchte ihr.
„Lasst ihn dort und geht“, war Paolos nächster Befehl an die Männer, und sie gingen und ließen den erstaunten Fortemani allein zurück, ungebunden und verlegen.
„Nun merkt Euch meine Worte wohl, Messer Fortemani“, ermahnte ihn Francesco. „Ihr habt eine feige Tat begangen, eines Soldaten unwürdig, als der Ihr von den Menschen gehalten werden wollt. Und dafür, so denke ich, war die Strafe, die Ihr durch meine Hände empfangen habt, ausreichend, da die Demütigung, der ich Euch unterzogen habe, Euren Stand bei Euren Untergebenen erschüttert hat. Geht nun zu ihnen zurück und holt nach, was Ihr verloren habt, und seht zu, dass Ihr in Zukunft würdiger seid. Lasst dies eine Lektion für Euch sein, Messer Fortemani. Ihr seid gefährlich nahe daran gewesen, gehängt zu werden, und es wurde Euch bewiesen, dass Eure Männer in Momenten der Gefahr bereit sind, die Hand gegen Euch zu erheben. Warum ist das so? Weil Ihr nicht nach ihrem Respekt gestrebt habt. Ihr wart zu sehr ein Kumpan bei ihrem Trinken und ihrem Zanken, anstatt Euch mit Würde abseits zu halten.“
„Herr, ich habe meine Lektion gelernt!“, antwortete der eingeschüchterte Raufbold.
„Dann handelt danach. Nehmt Euer Kommando wieder auf und diszipliniert Eure Männer zu einer besseren Ordnung. Madonna hier und Messer Gonzaga werden diese Sache vergessen. Ist es nicht so, Madonna? Ist es nicht so, Messer Gonzaga?“
Geleitet von seinem Willen und von einer Intuition, die ihr sagte, dass er, auf welches Ziel er auch hinarbeiten mochte, weise handelte, gab Valentina Fortemani die Zusicherung, um die Francesco gebeten hatte, und Gonzaga sah sich gezwungen, widerwillig ihrem Beispiel zu folgen.
Fortemani verneigte sich tief, sein Gesicht war bleich und seine Glieder zitterten, wie nicht einmal die Angst sie hatte zittern lassen. Er trat auf Valentina zu, sank auf ein Knie und küsste demütig den Saum ihres Kleides.
„Eure Milde, Madonna, soll Euch nicht gereuen. Ich werde Euch bis in den Tod dienen, Herrin, und Euch, Herr.“ Bei den letzten Worten erhob er seine Augen zu Francescos ruhigem Gesicht. Dann, ohne auch nur einen Blick auf den enttäuschten Gonzaga zu werfen, erhob er sich und zog sich, wieder tief verneigend – ein wahrer Höfling – zurück.
Das Schließen der Tür war für Gonzaga das Signal, in einen Strom bitterer Vorwürfe gegen Francesco auszubrechen, Vorwürfe, die von Valentina in der Mitte gestoppt wurden.
„Ihr seid nicht bei Sinnen, Gonzaga“, rief sie aus. „Was getan wurde, wurde mit meiner Billigung getan. Ich zweifle nicht an der Weisheit dessen.“
„Tut Ihr das nicht? Gott gebe, dass Ihr es nie müsst! Aber dieser Mann wird keinen Frieden finden, bis er an uns Rache genommen hat.“
„Messer Gonzaga“, erwiderte Francesco mit einer unvergleichlichen Höflichkeit, „ich bin ein älterer Mann als Ihr, und vielleicht habe ich mehr Krieg und mehr solcher Männer gesehen. In diesem Raufbold verbirgt sich trotz all seiner polternden Großtuerei und Prahlerei ein gewisser Mut, und es gibt auch einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit. Milde ist ihm heute zuteilgeworden, und die Zeit wird zeigen, wie recht ich damit hatte, ihm im Namen der Madonna zu verzeihen. Ich sage Euch, mein Herr, dass Monna Valentina nirgendwo einen treueren Diener haben wird, als er es nun voraussichtlich werden wird.“
„Ich glaube Euch, Messer Francesco. Wahrlich, ich bin sicher, Eure Tat war die Weisheit selbst.“
Gonzaga biss sich auf die Lippe.
„Ich mag mich irren“, sagte er in widerwilliger Zustimmung. „Ich hoffe in der Tat, dass ich das tue.“
KAPITEL XVI. GONZAGA ENTHÜLLT SICH
Die vier großen Außenmauern von Roccaleone standen in einem mächtigen Quadrat angeordnet, von dem das eigentliche Schloss nur die Hälfte einnahm. Die andere Hälfte, die von Norden nach Süden verlief, war ein Gartenstück, das in drei Terrassen unterteilt war. Die höchste von ihnen war nicht mehr als eine schmale Gasse unter der südlichen Mauer, die von Ende zu Ende durch ein Weinspalier auf geschwärzten, alten Balken überdacht war, gestützt von aufrechten Granitpfeilern, quadratisch und grob behauen.
Eine steile Granittreppe, an den Zwischenräumen des alten Steins mit Unkraut bewachsen und in einem Paar liegender Löwen an der Basis endend, führte hinunter zur mittleren Terrasse, die als der obere Garten bezeichnet wurde. Dieser war in zwei Teile geteilt durch eine wahre Galerie aus riesigen Buchsbäumen, die zur unteren Terrasse hinunterführten und beredtes Zeugnis vom Alter jenes alten Gartens ablegten. In diese Galerie drang die Sonne nie weiter als mit einem verstohlenen Strahl ein, und am heißesten Sommertag herrschte eine angenehme Kühle in ihrem grünen Dunkel. Rosengärten breiteten sich auf beiden Seiten aus, doch die Vernachlässigung der letzten Zeit hatte sie mit Unkraut überwuchert.
Die dritte und unterste dieser Terrassen, die länger und breiter als jede der oberen war, war nichts weiter als eine glatte Rasenfläche, gesäumt von Akazien und Platanen, aus deren äußerster Ecke eine gewundene, eisengeländerte Steintreppe entsprang, die zu einem Ausguck führte, der diagonal dem Löwenturm entsprach, in dem der Graf von Aquila untergebracht war.
Auf diesem grünen Rasen vertrieben sich Valentinas Damen und ein Page den Abend mit einem Spiel mit Bowlingkugeln, wobei ihre Ungeschicklichkeit bei dem ungewohnten Zeitvertreib den gutmütigen Spott von Peppe, der zusah, und ihr eigenes, noch besser gelauntes Lachen hervorriefen.
Fortemani war auch dort und spielte die Angelegenheit vom Morgen herunter, die er, so schien es fast, vergessen haben musste, so selbstsicher und überaus behaglich war er. Er gehörte zu der Sorte, bei der Scham niemals sehr tief sitzt, und er trug dort unter den Frauen fröhlich den Kopf hoch, rollte seine wilden Augen, um sie verführerisch zu beäugen, warf seinen prächtigen neuen Umhang mit hochmütiger Verachtung – herrlich bewusst, dass er beim Werfen nicht zerreißen würde, wie die Umhänge, an die die grimmigen Umstände ihn in letzter Zeit gewöhnt hatten – und stolzierte wie ein Hahn auf dem Misthaufen umher.
Doch die Lektion, die er gelernt hatte, würde wohl kaum derselbe Vergesslichkeit anheimfallen. In der Tat waren ihre Früchte bereits am geordneteren Verhalten seiner Männer zu beobachten, von denen vier, die Partisane auf der Schulter, auf den Schlossmauern Wache hielten. Sie hatten seine Rückkehr unter sie mit Spott und höhnischen Anspielungen auf sein Untertauchen begrüßt, doch mit ein paar gezielten Schlägen hatte er die Lautesten zum Schweigen und zu einer unterwürfigeren Stimmung befördert. Er hatte in einem rauen, herausfordernden Ton zu ihnen gesprochen und Befehle erteilt, von denen er wollte, dass sie befolgt würden, es sei denn, der Ungehorsame wäre begierig auf eine Abrechnung mit ihm.
Tatsächlich war er ein veränderter Mann, und als seine Anhänger in jener Nacht, nachdem sie getrunken hatten, was er für ihr Wohl als genug erachtete, seine Befehle missachteten, dass sie aufhören und sich zu Bett begeben sollten, machte er sich auf die Suche nach Monna Valentina. Er fand sie im Gespräch mit Francesco und Gonzaga, sitzend in der Loggia des Esszimmers. Sie waren seit dem Abendessen dort gewesen und hatten die Klugheit diskutiert, zu gehen oder zu bleiben, zu fliehen oder standhaft zu bleiben, um Gian Maria zu empfangen. Ihre Konferenz wurde nun von Ercole mit seiner Beschwerde unterbrochen.
Sie schickte Gonzaga, um die Männer zu bändigen, ein Vorgehen, das Fortemani mit einem versteckten Spott bedachte. Der Geck ging, frohlockend über diesen Beweis, dass ihre Einschätzung seiner Führungsqualitäten im Vergleich zu denen jenes Draufgängers Francesco in keiner Weise gelitten hatte. Doch sein Stolz ritt ihn in einen bitteren Sturz.
Sie machten sich über seine Ermahnungen lustig, und als er Francescos Methoden nacheiferte und sie mit scharfer Wildheit ansprach und sie als Bestien und Schweine beschimpfte, bemerkten sie den falschen Klang seiner Härte, die so unähnlich der wahren war, wie der Klang von Blei unähnlich dem von Silber. Sie riefen ihm Beleidigungen zu, sie äfften seine Tenorstimme nach, die durch die Aufregung schrill geworden war, und forderten ihn auf, eine Laute zur Ergötzung seiner Dame zu spielen und die Arbeit der Männer den Männern zu überlassen.
Sein Zorn stieg, und sie verloren die Geduld; und vom Zähnezeigen im Lachen begannen sie, sie im Knurren zu zeigen. Da verließ ihn seine Wildheit. An Fortemani vorbeieilend, der kühl und verächtlich an der Tür stand und den Misserfolg beobachtete, den er erwartet hatte, kehrte er mit brennenden Wangen und bitteren Worten zu Madonna Valentina zurück.
Sie war bestürzt über die Geschichte, die er ihr vortrug, vergrößert, um seine eigene Schande zu decken. Francesco saß ruhig da und trommelte auf dem Sims, seine Augen auf den mondbeschienenen Garten unter ihnen gerichtet, und deutete durch kein Wort oder Zeichen an, dass er erfolgreich sein könnte, wo Romeo gescheitert war. Schließlich wandte sie sich an ihn.
„Könntet Ihr...?“, begann sie und hielt inne, ihre Augen wanderten zurück zu Gonzaga, zögernd, einen Stolz weiter zu verletzen, der bereits sehr wund war. Im selben Augenblick erhob sich Francesco.
„Ich könnte es versuchen, Madonna“, sagte er ruhig, „obwohl Messer Gonzagas Misserfolg mir wenig Hoffnung gibt. Und doch mag es sein, dass er den scharfen Rand von ihrer Sicherheit genommen hat und dass somit eine leichtere Aufgabe auf mich wartet. Ich werde es versuchen, Madonna.“ Und damit ging er.
„Er wird Erfolg haben, Gonzaga“, sagte sie, nachdem er gegangen war. „Er ist ein Mann des Krieges und kennt die Worte, auf die diese Kerle keine Antwort haben.“
„Ich wünsche ihm Glück bei seinem Gang“, spottete Gonzaga, sein hübsches Gesicht nun bleich vor Mürrischkeit. „Und ich wette mit Euch, er scheitert.“
Doch Valentina verschmähte das Angebot, dessen Leichtfertigkeit mehr als erwiesen war, als Francesco nach etwa zehn Minuten wieder eintrat, ebenso unerschütterlich, wie als er gegangen war.
„Sie sind nun ruhig, Madonna“, kündigte er an.
Sie sah ihn fragend an. „Wie habt Ihr das erreicht?“, erkundigte sie sich.
„Ich hatte ein wenig Schwierigkeiten“, sagte er, „doch nicht allzu sehr.“ Sein Blick schweifte zu Gonzaga, und er lächelte. „Messer Gonzaga ist zu sanft mit ihnen. Ein zu wahrer Höfling, um sich der Brutalität zu bedienen, die notwendig ist, wenn wir mit Bestien handeln. Ihr solltet nicht verschmähen, Eure Hände an ihnen zu gebrauchen“, ermahnte er den Geck in allem Ernst und ohne eine Spur von Ironie. Auch Gonzaga ahnte keine.
„Ich, meine Hände an diesem Ungeziefer beschmutzen?“, rief er mit einer Stimme des Entsetzens. „Ich würde eher sterben.“
„Oder kurz darauf“, quietschte Peppe, der unbemerkt eingetreten war. „Patrona mia, Ihr hättet diesen Paladin sehen sollen“, fuhr er fort und trat vor. „Warum, Orlando war nie halb so wütend wie er, als er dort stand und ihnen sagte, welche Art von Schmutz sie seien, und sie ins Bett schickte, ehe er sie mit einem Besenstiel antrieb.“
„Und sie gingen?“, fragte sie.
„Nicht zuerst“, sagte der Narr. „Sie hatten genug getrunken, um sie sehr tapfer zu machen, und einer, der sehr betrunken war, war so tapfer, ihn anzugreifen. Aber Ser Francesco streckt ihn mit seinen Händen nieder, und Fortemani rufend, befiehlt er ihm, den Mann in einen Kerker werfen zu lassen, damit er ausnüchtern kann. Dann, ohne auch nur darauf zu warten, seine Befehle ausgeführt zu sehen, schreitet er davon, versichert, dass nichts weiter nötig war. Das war es auch nicht. Sie standen auf, murmelten vielleicht einen Fluch oder zwei – doch nicht so laut, dass er die Ohren von Fortemani hätte erreichen können – und begaben sich zu Bett.“
Sie sah Francesco wieder mit bewundernden Augen an und sprach in lobenden Worten von seiner Kühnheit. Dies spielte er herunter; doch sie beharrte darauf.
„Ihr habt viel Krieg gesehen, mein Herr“, stellte sie halb fragend, halb feststellend fest.
„Nun ja, Madonna.“
Und hier erspähte der sich windende Gonzaga seine Gelegenheit.
„Ich entsinne mich Eures Namens nicht, guter Herr“, schnurrte er.
Francesco wandte sich halb zu ihm, und obwohl sein Geist mit blitzschneller Geschwindigkeit arbeitete, war sein Gesicht gelassen ruhig. Seine wahre Identität preiszugeben, hielt er für unklug, denn jeder, der mit der Sforza-Brut verbunden war, musste bei Valentina Misstrauen erregen. Es war bekannt, dass der Graf von Aquila in der Gunst von Gian Maria hoch stand, und die Nachricht von seinem plötzlichen Fall und seiner Verbannung konnte Guidobaldos Nichte nicht erreicht haben, die geflohen war, ehe die Kunde davon in Urbino war. Sein Name würde Verdacht erregen, und jede Geschichte von Schande und Verbannung könnte als die Maske angesehen werden, die für einen Spion passte. Da war dieser aalglatte, giftige Gonzaga, dem sie vertraute und auf den sie sich verließ, um ihr hinterlistig ins Ohr zu flüstern.
„Mein Name“, sagte er gelassen, „ist, wie ich Ihnen bereits sagte, Francesco.“
„Aber Sie haben noch einen anderen?“, entgegnete Valentina, während ihr Interesse die Frage befeuerte.
„Nun, ja, aber er ist so eng mit dem ersten verbunden, dass es kaum der Rede wert ist. Ich bin Francesco Franceschi, ein wandernder Ritter.“
„Und ein wahrhaftiger, wie ich weiß.“ Sie lächelte ihn so süß an, dass Gonzaga vor Wut kochte.
„Ich habe den Namen zuvor noch nicht gehört“, murmelte er und fügte hinzu:
„Ihr Vater war...?“
„Ein Edelmann aus der Toskana.“
„Aber nicht bei Hofe?“, fragte Romeo anzüglich.
„Nun, doch, bei Hofe.“
Dann, mit einer hinterhältigen Unverschämtheit, die Francesco das Blut in die Wangen trieb, obgleich sie für Valentinas keuschen Verstand keine Bedeutung hatte, entgegnete er: „Ah! Aber dann, Ihre Mutter...?“
„War wählerischer, mein Herr, als die Ihre“, kam die scharfe Antwort, und aus den Schatten heraus fügte das unterdrückte Gelächter des Narren dem noch Galle hinzu.
Gonzaga erhob sich schwerfällig, holte tief Luft, und die beiden Männer durchbohrten einander mit ihren Blicken. Valentina, die nicht verstand, blickte von einem zum anderen.
„Meine Herren, meine Herren, was habt Ihr gesagt?“, rief sie. „Warum dieser ganze Krieg der Blicke?“
„Er ist allzu schnell beleidigt, Madonna, für einen ehrlichen Mann“, lautete Gonzagas Antwort. „Wie die Schlange im Gras ist er sehr schnell mit seinem Stich, wenn wir versuchen, ihn zu entlarven.“
„Schämt Euch, Gonzaga“, rief sie und erhob sich nun ebenfalls. „Was sagt Ihr da? Seid Ihr von Sinnen? Kommt, meine Herren, da Ihr beide meine Freunde seid, seid auch untereinander Freunde.“
„Ein höchst vollkommener Syllogismus!“, murmelte der Narr, ohne dass man ihm Beachtung schenkte.
„Und Sie, Messer Francesco, vergessen Sie seine Worte. Er meint sie nicht so. Er ist sehr hitzigen Gemüts, aber im Herzen gut, dieser gute Gonzaga.“
Im selben Augenblick wich die Wolke von Francescos Stirn.
„Nun, da Sie mich darum bitten“, antwortete er und neigte das Haupt, „wenn er nur sagt, dass er mit seinen Worten keine Bosheit beabsichtigte, werde ich dasselbe für meine gestehen.“
Gonzaga, der sich abkühlte, sah, dass er vielleicht zu weit gegangen war, und war bereit, Wiedergutmachung zu leisten. Doch in seinem Busen hegte er einen weiteren Vorrat an Gift, von dem ein Hauch entwich, als er Valentina verließ, nachdem Francesco bereits gegangen war:
„Madonna“, murmelte er, „ich misstraue diesem Mann.“
„Misstrauen Sie ihm? Warum?“, fragte sie und runzelte die Stirn, trotz ihres Vertrauens in den prächtigen Romeo.
„Ich weiß nicht warum; aber es ist hier. Ich fühle es.“ Und mit der Hand berührte er die Gegend seines Herzens. „Sagen Sie, dass er kein Spion ist, und nennen Sie mich einen Narren.“
„Nun, das werde ich beides tun“, lachte sie. Dann fügte sie strenger hinzu: „Gehen Sie zu Bett, Gonzaga. Ihr Verstand spielt Ihnen einen Streich. Peppino, rufen Sie meine Damen.“
In dem Augenblick, als sie allein waren, trat er dicht an sie heran, angetrieben vom Wahnsinn der Eifersuchtsqualen, die er an jenem Tag erlitten hatte. Sein Gesicht schimmerte bleich im Kerzenschein, und in seinen Augen lag eine lauernde Wildheit, die sie innehalten ließ.
„Wie Sie wünschen, Madonna“, sagte er mit konzentrierter Stimme; „aber morgen, ob wir nun gehen oder bleiben, wird er nicht länger bei uns bleiben.“
Sie richtete sich zu ihrer vollen, schlanken, anmutigen Höhe auf, ihre Augen auf einer Ebene mit den seinen.
„Das“, antwortete sie, „wird von mir oder ihm bestimmt werden.“
Er atmete scharf ein, und seine Stimme wurde härter, als man es bei einem sonst so sanften Ton und Wesen für möglich gehalten hätte.
„Seien Sie gewarnt, Madonna“, murmelte er und trat so nah heran, dass sie ihn bei der geringsten Bewegung berühren musste, „dass, wenn dieser namenlose Sbirro es jemals wagen sollte, zwischen Ihnen und mir zu stehen, so wahr Gott und seine Heiligen leben, werde ich ihn töten! Seien Sie gewarnt, sage ich.“
Und als sich die Tür in diesem Moment wieder öffnete, wich er zurück, verneigte sich und, an den eintretenden Damen vorbeistreifend, erreichte er die Schwelle. Hier zupfte ihn jemand an den ungeheuren, geschlitzten Ärmeln, die sich neben ihm wie die Flügel eines Vogels in der Luft ausbreiteten. Er drehte sich um und sah Peppino, der ihm bedeutete, den Kopf zu senken.
„Ein Wort in Ihr Ohr, Prächtiger. Es war einmal ein Mann, der ging aus, um Wolle zu holen, und kam geschoren zurück.“
Er versetzte dem Narren wütend einen Stoß und war verschwunden.
Valentina sank auf ihre Fensterbank, in einem Aufruhr aus vermischter Wut und Erstaunen, der ihre Wangen bleich werden ließ und ihren Busen beben ließ. Es war der erste Hinweis auf seine Ziele bezüglich ihrer Person, den Gonzaga jemals zu äußern gewagt hatte, und der Zustand, in dem es sie zurückließ, verhieß nichts Gutes für seinen endgültigen Erfolg. Ihre Wut hätte er ertragen können, hätte er sie gesehen, denn er hätte sie dem Ton zugeschrieben, den er gegenüber ihr angeschlagen hatte. Doch ihr Unglaube, dass er es tatsächlich gewagt haben könnte, das zu meinen, was ihr die Sinne sagten, hätte ihm gezeigt, wie aussichtslos sein Fall war und wie gekränkt, wie in ihrer Seele verletzt sie durch diesen Moment leidenschaftlicher Selbstenthüllung zurückgelassen worden war. Er hätte dann verstanden, dass er in ihren Augen niemals etwas anderes gewesen war, niemals sein würde, als ein Diener – und einer, den sie fortan als anmaßend betrachtend, auf größerer Distanz halten würde.
Er jedoch, der während er in seiner Kammer auf und ab ging kaum daran dachte, lächelte über seine Gedanken, die mit bereitwilligem Optimismus flossen. Er war ein Narr gewesen, so schnell nachzugeben, vielleicht. Die Zeit war noch nicht reif; die Frucht war noch nicht reif genug zum Pflücken; doch was sollte es bedeuten, dass er dem Baum ein leichtes, warnendes Schütteln gegeben hatte? Ein wenig verfrüht, vielleicht, aber es würde die Frucht dazu bringen, zu fallen. Er dachte an ihre stets unveränderliche Güte ihm gegenüber, ihre zärtliche Sanftmut, und ihm fehlte der Verstand zu sehen, dass dies nichts weiter war als die natürliche Süße, die so frei aus ihr floss wie der Duft aus einer Blume – weil die Natur sie so geschaffen hat und nicht, weil Messer Gonzaga den Geruch mag. Da ihm dieser Verstand fehlte, ging er in seliger Zuversicht zu Bett und lächelte sich sanft in den Schlaf.
Weit weg, in dem Raum unter dem Löwenturm, schritt auch der Graf von Aquila in seiner Kammer auf und ab, bevor er sein Lager aufsuchte, und bei seinem Schreiten erblickte er etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte und ein Lächeln hervorrief. In einer Ecke, inmitten seines Harnischs, den Lanciotto dort aufgetürmt hatte, warf sein Schild das Licht zurück und zeigte den Sforza-Löwen, geviert mit dem Aquila-Adler.
„Hätte mein süßer Gonzaga einen Blick darauf geworfen, hätte er nicht länger in meiner Abstammung herumschnüffeln brauchen“, sinnierte er. Und während er das Wappen aus dem Haufen Rüstzeug zog, öffnete er leise sein Fenster und schleuderte es weit hinaus, sodass es mit einem Platsch in den Graben fiel. Nachdem dies getan war, legte er sich schlafen, und auch er schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein, und in seinem Geist schwebte eine Vision von Valentina. Sie brauchte eine starke und bereite Hand, um sie bei dieser Rebellion gegen das Waffenliebeswerben des Gian Maria zu führen, und diese Hand, so schwor er, sollte die seine sein, es sei denn, sie verschmähte das Angebot. Und so, während er ihren Namen mit einer verweilenden Inbrunst murmelte, deren wahre Bedeutung er sich nicht bewusst war, versank er in Schlaf und erwachte erst wieder, als ein Donnern an seiner Tür ihn aufschreckte. Und an seine noch schlafenden Sinne drang die Stimme von Lanciottos, beladen mit Eile und Alarm.
„Erwacht, Herr! Auf, auf die Beine! Wir sind umstellt.“
KAPITEL XVII. DER FEIND
Der Graf sprang aus seinem Bett und eilte, die Tür weit zu öffnen, um seinen Diener einzulassen, der ihm mit aufgeregtem Gesicht und aufgeregter Stimme die Nachricht überbrachte, dass Gian Maria in der Nacht Roccaleone erreicht habe und nun in der Ebene vor der Burg lagere.
Er war noch bei seiner Erzählung, als ein Page mit der Nachricht kam, dass Monna Valentina um Messer Francescos Anwesenheit im großen Saal ersuche. Er kleidete sich in aller Eile an und stieg dann, mit Lanciotto auf den Fersen, hinab, um ihrem Ruf zu folgen. Als er den zweiten Innenhof überquerte, erblickte er Valentinas Damen, die in aufgeregter Diskussion über dieses Geschehnis mit Fra Domenico auf den Stufen der Kapelle standen, welcher in vollem Ornat auf die Morgenmesse wartete. Er entbot ihnen ein höfliches „Guten Morgen“ und ging weiter zum Bankettsaal, Lanciotto draußen lassend.
Hier fand er Valentina in Konferenz mit Fortemani vor. Sie schritt den großen Raum auf und ab, während sie sprach; doch abgesehen davon war in ihrem Gebaren kein Zeichen von Aufregung zu erkennen, und falls irgendeine Angst vor dem Ausgang ihr Herz berührte, jetzt, da der Moment des Handelns gekommen war, so war sie erstaunlich gut unterdrückt. Beim Anblick Francescos erhellte sich ihr Gesicht mit einem Ausdruck, der teils Bestürzung, teils Freude war. Sie begrüßte ihn mit einem Lächeln, wie sie es in jener Stunde niemandem außer einem vertrauten Freund schenken würde. Dann, mit einem Blick des Bedauerns:
„Ich bin über die Maßen betrübt, mein Herr, dass Sie sich derart meinen Schicksalen verschrieben haben. Man wird Ihnen bereits gesagt haben, dass wir bereits belagert werden, und so werden Sie sehen, wie Ihr Schicksal nun mit unserem verknüpft ist. Denn ich fürchte, es gibt keinen Weg hier hinaus für Sie, bis Gian Maria diese Belagerung aufhebt. Die Wahl zu gehen oder zu bleiben, liegt nicht länger bei mir. Wir müssen bleiben und diese Schlacht ausfechten.“
„Wenigstens, gnädige Frau“, antwortete er bereitwillig, fast fröhlich, „kann ich Ihr Bedauern um mich nicht teilen. Ihr Handeln mag ein Wahnsinn sein, Madonna, aber es ist der tapferste, süßeste Wahnsinn, den es je gab, und ich werde stolz darauf sein, meinen Teil beizutragen, wenn Sie mir einen zuweisen.“
„Aber mein Herr, ich habe keinen Anspruch auf Sie!“
„Den Anspruch, den jede belagerte Dame auf einen wahren Ritter hat“, versicherte er ihr. „Ich könnte mir keine bessere Beschäftigung für meine Arme wünschen, als Ihre Verteidigung gegen den Herzog von Babbiano. Ich stehe zu Ihren Diensten, und zwar mit frohem Herzen, Monna Valentina. Ich habe etwas vom Krieg gesehen, und Sie mögen mich nützlich finden.“
„Machen Sie ihn zum Vogt von Roccaleone, Madonna“, drängte Fortemani, dessen Dankbarkeit dem Mann gegenüber, der ihm das Leben gerettet hatte, sich mit einer bewundernden Wertschätzung seiner Fähigkeiten verband, von denen der Raufbold solch praktische Erfahrung gemacht hatte.
„Sie hören, was Ercole sagt?“, rief sie und wandte sich mit plötzlicher Eifer an Francesco, die zeigte, wie willkommen dieser Vorschlag war.
„Das wäre eine zu große Ehre“, antwortete er feierlich. „Doch wenn Sie mir dieses Vertrauen entgegenbringen würden, würde ich es bis zu meinem letzten Atemzug verteidigen.“
Und dann, bevor sie ihm antworten konnte, trat Gonzaga durch die Seitentür ein und runzelte die Stirn, als er Francesco dort vor sich sah. Er war ein wenig blass, trug seinen Umhang auf der rechten statt auf der linken Schulter, und insgesamt war seine Kleidung weniger akribisch als gewöhnlich und zeigte Anzeichen hastigen Anlegens. Mit einem kurzen Nicken zum Grafen und völligem Ignorieren Fortemanis – der ihn in Erinnerung an den gestrigen Tag finster anblickte – verneigte er sich tief vor Valentina.
„Ich bin verstört, Madonna...“, begann er, als sie ihn unterbrach.
„Sie haben wenig Grund dazu. Sind die Dinge anders ausgefallen, als wir erwartet hatten?“
„Vielleicht nicht. Doch ich hatte gehofft, dass Gian Maria seiner Laune nicht erlauben würde, ihn so weit zu tragen.“
„Sie hatten gehofft, dass – nach der Nachricht, die Messer Francesco uns brachte?“ Und sie musterte ihn mit einem Blick plötzlichen Verständnisses. „Doch Sie äußerten keine solche Hoffnung, als Sie zu dieser Flucht nach Roccaleone rieten. Sie waren damals ganz auf Kämpfen aus. Ein kriegerischer Eifer verzehrte Sie. Woher dieser Wandel? Ist es die Unmittelbarkeit der Gefahr, die ihr eine Realität verleiht, die für Ihren Appetit zu grimmig ist?“
In ihren Worten lag ein Hohn, der ihn verletzte, wie sie es beabsichtigt hatte. Die Unbesonnenheit der letzten Nacht hatte ihr die Notwendigkeit gezeigt, ihn nicht in der falschen Meinung über das Ausmaß ihrer Wertschätzung zu lassen, und darüber hinaus hatten diese seine letzten Worte ihn in einem neuen Licht erscheinen lassen, und sie mochte ihn deswegen umso weniger.
Er neigte leicht das Haupt, während Scham röter als die Glut in seinen Wangen brannte, dass er so vor Fortemani und jenem Emporkömmling Francesco zurechtgewiesen wurde. Dass Francesco ein Emporkömmling war, war für ihn keine Vermutung mehr. Seine Seele versicherte es ihm.
„Madonna“, sagte er mit einem gewissen Anschein von Würde, ihre Sticheleien ignorierend, „ich kam, um Ihnen die Nachricht zu überbringen, dass ein Herold von Gian Maria um Gehör bittet. Soll ich für Sie mit ihm verhandeln?“
„Sie sind zu gütig“, antwortete sie süß. „Ich werde den Mann selbst anhören.“
Er verneigte sich unterwürfig, und dann schweifte sein Blick zu Francesco.
„Wir könnten mit ihm ein sicheres Geleit für diesen Herrn arrangieren“, schlug er vor.
„Es gibt keine Hoffnung, dass sie es gewähren würden“, antwortete sie gelassen. „Noch könnte ich es hoffen, wenn sie es täten, denn Messer Francesco hat zugestimmt, das Amt des Vogtes von Roccaleone zu bekleiden. Aber wir lassen den Boten warten. Meine Herren, begleiten Sie mich auf die Wälle?“
Sie verbeugten sich und folgten ihr, wobei Gonzaga als Letzter kam, seinen Tritt schwer wie der eines Betrunkenen, sein Gesicht weiß bis auf die Lippen vor bitterer Wut, mit der er sah, wie er verdrängt wurde, und er las die Antwort auf die hitzigen Worte, die er letzte Nacht Valentina ins Ohr geflüstert hatte.
Als sie den Hof überquerten, erfüllte Francesco die erste Handlung seines neuen Amtes, indem er ein halbes Dutzend Bewaffnete anwies, hinter ihnen einzureihen, damit sie auf der Mauer etwas hermachten, wenn sie mit dem Herold verhandelten.
Sie fanden einen großen Mann auf einem großen, grauen Pferd, dessen polierter Helm in der Morgensonne wie Silber glänzte und dessen Kettenhemd fast unter einem purpurnen Wappenrock verborgen war, der mit dem Sforza-Löwen verziert war. Er verneigte sich tief, als Valentina erschien, gefolgt von ihrem Gefolge, an dessen Spitze der Graf von Aquila stand, dessen breiter Hut tief in die Stirn gezogen war, sodass sein Gesicht im Schatten blieb.
„Im Namen meines Herrn, des Hohen und Mächtigen Herrn Gian Maria Sforza, Herzog von Babbiano, fordere ich Sie auf, sich zu ergeben, gnädige Frau, Ihre Waffen niederzulegen und Ihre Tore zu öffnen.“
Es folgte eine Pause, an deren Ende sie ihn fragte, ob dies die Summe seiner Nachricht sei, oder ob es etwas gäbe, das er vergessen habe. Der Herold, der sich graziös über dem gewölbten Hals seines tänzelnden Pferdes verneigte, antwortete ihr, dass das, was er gesagt habe, alles sei, was ihm aufgetragen worden war.
Sie wandte sich mit einem verwirrten und eher hilflosen Blick an diejenigen hinter ihr. Sie wünschte, dass die Angelegenheit mit gebührender Würde geführt werden könnte, und ihre Klosterausbildung ließ sie im Zweifel darüber, wie dies am besten erreicht werden könne. Sie wandte sich an Francesco.
„Wollen Sie ihm seine Antwort geben, mein Herr Vogt“, sagte sie mit einem Lächeln, und Francesco, der vortrat und sich auf eine Zinne jener umkämpften Mauer stützte, gehorchte ihr.
„Herr Herold“, sagte er mit rauer Stimme, die nicht die seine war, „wollen Sie mir sagen, seit wann der Herzog von Babbiano im Krieg mit Urbino liegt, dass er eine seiner Festungen derart bedrängen und die Übergabe fordern sollte?“
„Seine Hoheit“, antwortete der Herold, „handelt mit der vollen Zustimmung des Herzogs von Urbino, indem er diese Nachricht an die Dame Valentina della Rovere sendet.“
Da schob Valentina den Grafen beiseite und vergaß ihren Vorsatz, diese Angelegenheit mit Würde zu führen, sie ließ ihre Frauenlippen die Antwort ihres Herzens verkünden.
„Diese Nachricht, mein Herr, und die Anwesenheit Ihres Herrn hier ist nur eine weitere der Unverschämtheiten, die ich an seinen Händen erlitten habe, und es ist die Krönung. Bringen Sie ihm diese Nachricht zurück und sagen Sie ihm, dass, wenn ich darüber belehrt werde, mit welchem Recht er es wagt, Sie mit einer solchen Botschaft zu schicken, ich ihm vielleicht eine Antwort geben werde, die eher mit seiner Herausforderung übereinstimmt.“
„Würden Sie es vorziehen, Madonna, dass Seine Hoheit selbst käme, um mit Ihnen zu sprechen?“
„Es gibt nichts, was ich weniger vorziehen würde. Schon die Notwendigkeit hat mich gezwungen, mehr mit Gian Maria zu bereden, als ich gewünscht hätte.“ Und mit einer stolzen Geste signalisierte sie, dass die Audienz beendet sei, und wandte sich ab, um den Wall zu verlassen.
Sie hatte eine kurze Konferenz mit Francesco, während der er sie bezüglich bestimmter Verteidigungsmaßnahmen beriet und Vorschläge machte, denen sie alle zustimmte, wobei ihre Hoffnungen schnell stiegen, als sie sah, dass sie hier zumindest einen Mann mit Wissen über die Arbeit hatte, der er sich verschrieben hatte. Es erleichterte ihr Herz und gab ihr eine frohe Zuversicht, auf jene aufrechte, kriegerische Gestalt zu blicken, die Hand so vertraut auf dem Griff des Schwertes ruhend, das ein Teil von ihm schien, und die Augen so ruhig; während, wenn er von Gefahren sprach, sie unter der Verachtung derselben, die so deutlich in seinem Ton lag, zu schwinden schienen.
Mit Fortemani auf den Fersen machte er sich an die Ausführung der Maßnahmen, die er vorgeschlagen hatte, wobei der Raufbold ihm nun mit der treuen Verwunderung eines Hundes für seinen Herrn folgte, erkennend, dass dies in der Tat ein Soldat des Glücks war, im Vergleich zu dem seinesgleichen nicht besser als Trossknechte waren. Zuversicht gewann auch Ercole aus jenem Magnetismus von Francescos unerschütterlicher Zuversicht; denn er schien die Angelegenheit als einen großen Scherz zu behandeln, eine Komödie, die für den Herzog von Babbiano und auf Kosten eben jenes Herzogs gespielt wurde. Und genau wie Francescos lebhafter Ton Zuversicht in Fortemani und Valentina einhauchte, so tat er es auch in Fortemanis elende Anhänger. Sie wurden voller Eifer im Widerschein seines Eifers, und aus Bewunderung für ihn begannen sie, das Geschäft, in dem sie beschäftigt waren, zu bewundern und schließlich stolz auf den Teil zu sein, den er jedem von ihnen zuwies. Innerhalb einer Stunde herrschte ein solcher eifriger Betrieb in Roccaleone, eine solche Stimmung von grimmiger Heiterkeit und hohem Geist, dass Valentina, als sie es beobachtete, sich fragte, welche Art von Zauberer dies sei, den sie zum Befehlshaber ihrer Festung erhoben hatte, der in so kurzer Zeit eine so wunderbare Veränderung im Gebaren ihrer Garnison bewirken konnte.
Nur ein einziges Mal versagte Francescos Unbeschwertheit, und dies war, als er beim Besuch der Waffenkammer nur ein einziges Fass Schießpulver dort gelagert fand. Er wandte sich an Fortemani, um zu fragen, wo Gonzaga es untergebracht habe, und da Fortemani genauso unwissend war wie er selbst, machte er sich sogleich auf die Suche nach Gonzaga. Nachdem er die Burg nach ihm durchsucht hatte, fand er ihn, wie er im Weingang im Garten in animiertem Gespräch mit Valentina auf und ab ging. Bei seinem Herannahen wurde die Haltung des Höflings gedämpfter und seine Brauen finster.
„Messer Gonzaga“, rief ihn Francesco an. Der Höfling blickte überrascht auf. „Wo haben Sie Ihren Vorrat an Pulver versteckt?“
„Pulver?“, stammelte Gonzaga, durch eine plötzliche Befürchtung erkaltet. „Ist keines in der Waffenkammer?“
„Ja – ein kleines Fass, genug, um eine Kanone ein- oder zweimal zu laden, was uns nichts für unsere Handfeuerwaffen lässt. Ist das Ihr Vorrat?“
„Wenn das alles ist, was in der Waffenkammer ist, dann ist das alles, was wir haben.“
Francesco stand sprachlos da und starrte ihn an, ein dumpfes Rot kroch in seine Wangen. In diesem Moment des Zorns vergaß er ihre Stellungen und verschwendete keinen Gedanken an den Schmerz, den Gonzaga bei dem Verlust des Ranges empfinden musste, den er seit Valentinas Ernennung eines Vogtes erlitten hatte.
„Und das sind Ihre Methoden, Roccaleone zu befestigen?“, fragte er mit einer Stimme, die wie ein Messer schnitt. „Sie haben einen guten Vorrat an Wein, eine Schafherde und endlose Delikatessen angelegt, mein Herr“, spottete er. „Haben Sie erwartet, den Feind damit zu bewerfen, oder rechneten Sie gar nicht mit einem Feind?“
Nun traf diese Frage so nah ins Schwarze, dass sie im Busen Gonzagas einen Zorn entfachte, der ihn für einen Augenblick zum Mann machte. Es war der letzte Atemzug, der den schwelenden Zorn, den er in seiner Seele trug, zur Flamme entfachte.
Seine Erwiderung kam heftig und heiß. Sie war so ungemessen und verächtlich wie Francescos einstige Vorwürfe, und sie endete in einer Herausforderung an den Grafen, ihn zu Ross oder zu Fuß, mit Schwert oder Lanze zu treffen, und zwar so bald wie möglich.
Doch Valentina schritt ein und tadelte beide. Doch Francesco gegenüber war ihr Tadel höflich und endete mit der Bitte, dass er mit den Ressourcen, die Roccaleone bot, sein Bestes tun solle; Gonzaga gegenüber war er im höchsten Maße verächtlich, denn Francescos Frage – die Gonzaga unbeantwortet gelassen hatte – kam in einem Moment, in dem sie voller Argwohn gegenüber Gonzaga war, und die Ziele, denen er zu dienen gesucht hatte, indem er sie zu einem Kurs beriet, den er seither als völlig unfähig zu führen erwiesen hatte, hatte ihr die Augen weit geöffnet. Sie erinnerte sich, wie seltsam bewegt er gewesen war, als er gestern erfuhr, dass Gian Maria auf Roccaleone zumarschiere, und wie eifrig er zur Flucht aus der Festung geraten hatte – er, der so tapfer davon gesprochen hatte, sie gegen den Herzog zu halten.
Sie stritten dort noch immer in höchst ungehöriger Weise, als sie ein Trompetenstoß von jenseits der Mauern erreichte.
„Wieder der Herold“, rief sie. „Kommen Sie, Messer Francesco, lassen Sie uns hören, welche neue Nachricht er bringt.“
Sie führte Francesco fort und ließ Gonzaga im Schatten der Weinreben zurück, der in seiner maßlosen Demütigung fast zu Tränen gerührt war.
Der Herold kehrte mit der Ankündigung zurück, Valentinas Antwort lasse Gian Maria keine andere Wahl, als die Ankunft von Herzog Guidobaldo abzuwarten, der gerade zu ihm marschiere. Die Anwesenheit des Herzogs von Urbino wäre in ihren Augen, so meinte er, eine ausreichende Rechtfertigung für die Herausforderung, die Gian Maria gesandt hatte und die er erneut senden würde, sobald ihr Onkel eingetroffen sei, um sie zu bestätigen.
Danach verging der Rest des Tages in Roccaleone in Frieden, wenn man von der Hölle der Unruhe absieht, die im Herzen von Romeo Gonzaga wogte. Er saß an jenem Abend beim Abendessen unbeachtet da, außer von Valentinas Hofdamen und dem Narren, der ihn gelegentlich wegen seiner Trübseligkeit aufzog. Valentina selbst wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Grafen zu, und während Gonzaga – Gonzaga, der Dichter mit der brennenden Phantasie, der fröhliche Sänger, der anerkannte Witzbold, der Inbegriff der Höflichkeit – stumm und sprachlos war, unterhielt sie dieser vorlaute, Emporkömmling von einem Draufgänger mit einer Lebhaftigkeit, die ihm jedes Herz gewann – mit Ausnahme von dem des Romeo Gonzaga.
Francesco machte sich über die Belagerung auf eine Weise lustig, die jede Seele im Raum mit Erleichterung belebte. Er wurde heiter auf Kosten von Gian Marias und machte sehr deutlich, dass er für seine kriegerische Phantasie nichts Fesselnderes hätte finden können als diese Angelegenheit, in die ihn ein Zufall hineingezogen hatte. Er war sich des Ausgangs ebenso gewiss, wie er voller eifriger Vorfreude auf das Gefecht selbst war.
Ist es verwunderlich, dass – da sie nie andere als künstliche Männer gekannt hatte; Männer des Hofes und des Vorzimmers; Männer mit feinen Manieren und gezierten, affektierten Redensarten; kurz, solche Männer, wie sie die Umstände den Großen zur Seite stellen – Monna Valentinas Augen sich sehr weit öffneten, um dieses neue Modell eines Mannes besser betrachten zu können, der, obwohl er eindeutig ein Edelmann von hohem Rang war, eher den Hauch des Feldlagers als den des Gemachs mit sich trug, von einem Geist der Ritterlichkeit und des Abenteuers durchdrungen war und mit einer gewissen erhabenen Würde jene Posen ignorierte, die sie an den Herren seiner Hoheit, ihres Onkels, zu beobachten gewohnt war, als seien sie seiner Beachtung nicht wert?
Er war zudem jung, aber nicht mehr unreif; gut aussehend, aber mit einer starken männlichen Schönheit; er hatte eine angenehm modulierte Stimme, die sie jedoch schon in einen gebieterischen Befehlston anschwellen gehört hatten; er hatte das freudigste, sorgloseste Lachen der ganzen Welt – ein solches Lachen, das einem Mann jeden, der es hört, sympathisch macht – und er gab sich diesem Lachen ungehemmt hin.
Gonzaga saß finster und mürrisch da, sein Herz berstend vor dem Groll der Mittelmäßigen und Unfähigen gegenüber dem Mann von glänzenden Fähigkeiten. Doch der nächste Tag sollte ihm noch Schlimmeres bringen.
Der Herzog von Urbino traf am nächsten Morgen ein und ritt persönlich bis zum Burggraben, nur von einem Trompeter begleitet, der zum dritten Mal einen Herausforderungston an die Festung blies.
Wie am Vortag beantwortete Valentina den Ruf, begleitet von Francesco, Fortemani und Gonzaga – Letzterer ungebeten, aber nicht abgewiesen, und ihrem Gefolge mürrisch folgend, in einem letzten, verzweifelten Versuch, sich als einer ihrer Hauptleute zu behaupten.
Francesco hatte sein Harnisch angelegt und erschien von Kopf bis Fuß in glänzendem Stahl, um der Gelegenheit die gebührende Ehre zu erweisen. Ein Büschel Federn nickte an seinem Helm, und obwohl sein Visier offen war, boten die Schatten des Kopfschutzes aus der Entfernung genügend Verdeckung für seine Gesichtszüge.
Der Anblick ihres Onkels ließ Valentina ungerührt. Obwohl er bei seinem Volk sehr beliebt war, hatte er zwischen sich und seiner Nichte nie versucht, ein liebevolles Verhältnis aufzubauen. Weniger denn je versuchte er nun, mit der Stimme der Verwandtschaft zu überzeugen. Er kam im Prunk des Krieges, als ein Fürst zu einem rebellischen Untertan, und in genau diesem Ton begrüßte er sie.
„Monna Valentina“, sagte er – und schien dabei völlig zu übersehen, dass sie seine Verwandte war –, „so sehr mich diese Rebellion auch schmerzt, du sollst nicht glauben, dass dein Geschlecht dir irgendwelche Privilegien oder Nachsicht gewährt. Wir werden dich genau so behandeln wie jeden anderen rebellischen Untertanen, der so gehandelt hat wie du.“
„Hoheit“, antwortete sie, „ich verlange kein Privileg, das über das hinausgeht, worauf mein Geschlecht ein absolutes Recht hat und das nichts mit Krieg und Waffen zu tun hat. Ich meine das Privileg, über mich selbst, meine Hand und mein Herz so zu verfügen, wie es mir beliebt. Bis Ihr erkennt, dass ich eine Frau bin, die mit der Natur einer Frau ausgestattet ist, und bis Ihr, sobald Ihr das begriffen habt, bereit seid, Euch dem zu beugen und mir Euer fürstliches Wort zu geben, dass Ihr das Werben des Herzogs von Babbiano nicht weiter bei mir vorantreiben werdet, werde ich trotz Eurer, Eurer bewaffneten Männer und Eures armseligen Verbündeten Gian Maria, der sich einbildet, man könne erfolgreich in einer Rüstung lieben und der Weg zum Herzen einer Frau könne mit Kanonenschüssen eröffnet werden, hier bleiben.“
„Ich denke, wir werden dich in eine unterwürfigere und pflichtbewusstere Geisteshaltung bringen, Madonna“, lautete die grimmige Antwort.
„Pflichtbewusst gegenüber wem?“
„Gegenüber dem Staat, als dessen Prinzessin du die Ehre hattest, geboren zu werden.“
„Und was ist mit meiner Pflicht mir selbst, meinem Herzen und meinem Frausein gegenüber? Wird das nicht berücksichtigt?“
„Das sind Dinge, Madonna, die nicht durch Zurufe von den Mauern einer Burg erörtert werden sollten – und tatsächlich möchte ich sie nirgendwo erörtern. Ich bin hier, um Euch zur Kapitulation aufzufordern. Wenn Ihr uns Widerstand leistet, tut Ihr das auf eigene Gefahr.“
„Dann werde ich Euch auf eigene Gefahr Widerstand leisten – mit Freuden. Ich biete Euch die Stirn. Tut Euer Schlimmstes gegen mich, entehrt Eure Männlichkeit und den Namen der Ritterlichkeit selbst durch jegliche Gewalt, die Euch einfallen mag, doch ich verspreche Euch, dass Valentina della Rovere niemals die Ehefrau Seiner Hoheit von Babbiano werden wird.“
„Ihr weigert Euch, Eure Tore zu öffnen?“, fragte er mit einer Stimme, die vor Zorn bebte.
„Völlig und endgültig.“
„Und Ihr denkt, Ihr könnt darauf beharren?“
„Solange ich lebe.“
Der Prinz lachte sardonisch.
„Ich wasche meine Hände in Unschuld bezüglich dieser Angelegenheit und ihrer Folgen“, antwortete er grimmig. „Ich überlasse es der Obhut Eures zukünftigen Ehemanns, Gian Maria Sforza, und wenn er in seinem sehr natürlichen Eifer für die Hochzeit Eure Burg grob behandelt, muss die Schuld dafür bei Euch liegen. Aber was er tut, tut er mit meiner vollen Zustimmung, und ich bin hierhergekommen, um Euch davon in Kenntnis zu setzen, da Ihr im Zweifel zu sein schienet. Ich bitte darum, dass Ihr einen Augenblick dort verweilt, um zu hören, was Seine Hoheit selbst dazu zu sagen hat. Ich vertraue darauf, dass seine Beredsamkeit überzeugender sein mag.“
Er salutierte formell, wendete sein Pferd und ritt davon. Valentina hätte sich zurückgezogen, doch Francesco drängte sie, zu bleiben und die Ankunft des Herzogs von Babbiano abzuwarten. Und so schritten sie auf den Zinnen auf und ab, Valentina in ernsthaftem Gespräch mit Francesco, Gonzaga in mürrischem Schweigen mit Fortemani folgend und sie mit den Augen verschlingend.
Von ihrer Anhöhe aus überblickten sie das geschäftige Lager in der Ebene, wo Zelte in Grün, Braun und Weiß hastig von halbnackten Soldaten errichtet wurden. Das kleine Heer mochte insgesamt hundert Mann zählen, was Gian Maria in seiner Eitelkeit für alles hielt, was nötig wäre, um Roccaleone zur Aufgabe zu zwingen. Doch der beeindruckendste Teil seiner Truppen rollte genau in dem Moment auf das Feld, als sie zusahen. Er wurde angekündigt durch ein heiseres Ächzen der Räder von zehn Ochsenkarren, auf denen jeweils eine Kanone befördert wurde. Weitere Karren folgten mit Munition und Proviant für die gelagerten Männer.
Sie beobachteten mit Interesse das geschäftige Treiben, und während sie zusahen, sahen sie, wie Guidobaldo in die Mitte des Lagers ritt und absaß. Dann trat aus einem Zelt, das geräumiger und imposanter als die anderen war, die kleine, stämmige Gestalt von Gian Maria hervor, die aus dieser Entfernung nur durch die scharfen Augen von Francesco zu erkennen war, der mit seiner Statur vertraut war.
Ein Knecht hielt ein Pferd für ihn bereit und half ihm beim Aufsitzen, und dann ritt er, begleitet von demselben Trompeter, der Guidobaldo eskortiert hatte, auf die Burg zu. Am Rande des Burggrabens hielt er an, und beim Anblick von Valentina und ihrer Gesellschaft nahm er seinen gefiederten Hut ab und verneigte sein strohfarbenes Haupt.
„Monna Valentina“, rief er, und als sie als Antwort vortrat, hob er seine kleinen, grausamen Augen zu einem hämischen Blick und zeigte, dass das runde Mondgesicht seines weißen Antlitzes noch weißer war als gewöhnlich – eine gallige und fast grüne Blässe.
„Ich bin betrübt, dass Seine Hoheit, Euer Onkel, Euch nicht hat umstimmen können. Wo er gescheitert ist, mag ich wenig Hoffnung haben, Erfolg zu haben – durch die Überredung mit Worten. Dennoch möchte ich Euch bitten, mir zu erlauben, mit Eurem Hauptmann zu sprechen, wer auch immer das sein mag.“
„Meine Hauptleute sind hier anwesend“, antwortete sie ruhig.
„So! Ihr habt eine Mehrzahl von ihnen; um wie viele Männer zu befehligen?“
„Genug“, brüllte Francesco dazwischen, seine Stimme klang hohl aus seinem Helm, „um Euch und Eure Weiber belagernden Küchenjungen in den Abgrund zu blasen.“
Der Herzog bewegte sich auf seinem Pferd und spähte zu dem Sprecher hinauf. Aber von seinem Gesicht war zu wenig sichtbar, um ihn zu erkennen, während seine Stimme verändert und seine Figur in ihrem Stahlgehäuse verborgen war.
„Wer seid Ihr, Schurke?“, fragte er.
„Schurke in Eure Zähne, und wäret Ihr zwanzigmal ein Herzog“, erwiderte der andere, worauf Valentina laut auflachte.
Nie seit dem Tag, an dem er seinen ersten Schrei ausgestoßen hatte, hatte Seine Hoheit von Babbiano solche Worte aus dem Mund eines lebenden Menschen vernommen. Ein purpurnes Rot überzog seine Wangen bei dieser Beleidigung.
„Achtet auf mich, Knappe!“, brüllte er. „Was auch immer dem Rest dieser irregeleiteten Garnison widerfährt, wenn sie schließlich in meine Hände fällt, für Euch kann ich einen Strick und einen Querbalken versprechen.“
„Bah!“, höhnte der Ritter. „Fang erst einmal deinen Vogel. Sei dir nicht so sicher, dass Roccaleone jemals in deine Hände fallen wird. Solange ich lebe, betrittst du diesen Ort nicht, und mein Leben, Hoheit, ist für mich eine kostbare Sache, von der ich mich nicht leichten Herzens trennen werde.“
Valentinas Augen waren jetzt freudlos, als sie sie auf jene glänzende, kriegerische Gestalt richtete, die so stolz an ihrer Seite stand und so gut zu dem stolzen Trotz zu passen schien, den er dem fürstlichen Tyrannen unter sich entgegenwarf.
„Pst, mein Herr!“, murmelte sie. „Reizt ihn nicht weiter.“
„Ja“, stöhnte Gonzaga, „um Himmels willen, sagt nichts mehr, sonst werdet Ihr uns rettungslos ins Verderben stürzen.“
„Madonna“, sagte der Herzog, ohne Francesco weiter zu beachten, „ich gebe Euch vierundzwanzig Stunden Zeit, um Euch über Euer Vorgehen klar zu werden. Dort drüben seht Ihr, wie sie die Kanonen ins Lager bringen. Wenn Ihr morgen aufwacht, werdet Ihr diese Geschütze auf Eure Mauern gerichtet sehen. Unterdessen, genug gesagt. Darf ich ein Wort mit Messer Gonzaga sprechen, bevor ich gehe?“
„Solange Ihr geht, dürft Ihr mit wem Ihr wollt sprechen“, antwortete sie verächtlich. Und sie wandte sich ab und wies Gonzaga zu der Schießscharte, die sie verließ.
„Ich wette, dieser geckenhafte Narr zittert bereits vor Angst vor dem, was kommen wird“, brüllte der Herzog, „und vielleicht wird die Angst ihm den Weg zur Vernunft zeigen. Messer Gonzaga!“, rief er und erhob seine Stimme. „Da ich glaube, dass die Männer von Roccaleone in Eurem Dienst stehen, fordere ich Euch auf, sie anzuweisen, diese Zugbrücke herunterzulassen, und im Namen von Guidobaldo wie auch meinem eigenen verspreche ich ihnen freies Geleit und kein Leid – abgesehen von diesem Schlingel an Eurer Seite. Aber wenn Eure Schurken mir Widerstand leisten, verspreche ich Euch, dass ich, wenn ich Roccaleone Stein um Stein zertrümmert haben werde, keinen von Euch allen verschonen werde.“
Wie Espenlaub zitternd stand Gonzaga da, seine Stimme gelähmt und ohne Antwort, woraufhin Francesco sich wieder nach vorne beugte.
„Wir haben Eure Bedingungen gehört“, antwortete er, „und wir gedenken nicht, sie zu beachten. Verschwendet den Tag nicht mit leeren Drohungen.“
„Mein Herr, meine Bedingungen waren nicht für Euch. Ich kenne Euch nicht; ich habe Euch nicht angesprochen, noch werde ich mich von Euch ansprechen lassen.“
„Verweilt noch einen Augenblick dort“, antwortete die vibrierende Stimme des Ritters, „und Ihr werdet feststellen, dass Ihr mit einer Salve Arkebusenschüsse angesprochen werdet. Olá, dort!“, befahl er, drehte sich um und sprach eine imaginäre Gruppe von Männern auf den unteren Rampen des Gartens zu seiner Linken an. „Arkebusiere zum Pförtchen! Bläst Eure Lunten! Macht Euch bereit! Nun, mein Herr Herzog, wollt Ihr abziehen, oder müssen wir Euch wegblasen?“
Die Antwort des Herzogs nahm die Form eines Bündels blasphemischer Drohungen an, wie er seinen Gesprächspartner behandeln würde, wenn er ihn in die Finger bekäme.
„Waffen präsentieren!“, brüllte der Ritter seinen imaginären Arkebusieren zu, woraufhin der Herzog ohne ein weiteres Wort sein Pferd wendete und in beschämender Eile davonritt, sein Trompeter dicht auf den Fersen, verfolgt von einem spöttischen Gelächter von Francesco.
KAPITEL XVIII. VERRAT
„Mein Herr“, schluckte Gonzaga, als sie von den Zinnen herabstiegen, „Ihr werdet uns alle noch an den Galgen bringen. War das eine Art, einen Prinzen anzusprechen?“
Valentina runzelte die Stirn darüber, dass er es wagte, ihren Ritter zu tadeln. Doch Francesco lachte nur.
„Beim Heiligen Paulus! Wie hättet Ihr gewollt, dass ich ihn anspreche?“, fragte er. „Hättet Ihr gewollt, dass ich Schmeicheleien bei ihm anwende – bei diesem Tölpel? Hättet Ihr gewollt, dass ich bei ihm um Gnade flehe und ihn mit honigsüßen Worten bitte, Nachsicht mit einer eigensinnigen Dame zu haben? Lasst gut sein, Messer Gonzaga, wir werden es noch überstehen, zweifelt nicht daran.“
„Messer Gonzagas Mut scheint von einer Qualität zu sein, die schwindet, je mehr er gebraucht wird“, sagte Valentina.
„Ihr verwechselt Mut, Madonna, mit tollkühner Rücksichtslosigkeit“, erwiderte der Höfling. „Das mögt Ihr zu Eurem Schaden noch lernen.“
Dass Gonzaga nicht der Einzige war, der dieser Meinung war, sollten sie bald erfahren, denn als sie den Innenhof erreichten, drängte sich ein kräftiger, schwarzbrauiger Schurke namens Cappoccio in ihren Weg.
„Ein Wort mit Euch, Messer Gonzaga, und mit Euch, Ser Ercole.“ Seine Haltung war voller trotziger Unverschämtheit, und alle hielten inne, Francesco und Valentina wandten sich von ihm zu den beiden Männern, die er ansprach, und warteten darauf, was er ihnen zu sagen hätte. „Als ich den Dienst unter Euch annahm, gab man mir zu verstehen, dass ich ein Geschäft einginge, das wenig Risiko für meine Haut mit sich bringen würde. Mir wurde gesagt, dass es wahrscheinlich keine Kämpfe geben würde, und wenn doch, dann nicht mehr als eine kleine Schlägerei mit den Leuten des Herzogs. Das habt Ihr auch meinen Kameraden versichert.“
„Habt Ihr das wirklich?“, fragte Valentina dazwischen und wandte sich an Fortemani, an den Cappoccios Worte gerichtet waren.
„Das habe ich, Madonna“, antwortete Ercole. „Aber ich hatte Messer Gonzagas Wort dafür.“
„Habt Ihr“, fuhr sie fort und wandte sich an Gonzaga, „deren Verpflichtung unter dieser Voraussetzung erlaubt?“
„Unter einer solchen Voraussetzung, ja, Madonna“, war er gezwungen zuzugeben.
Sie sah ihn einen Moment lang erstaunt an. Dann:
„Messer Gonzaga“, sagte sie schließlich, „ich glaube, dass ich beginne, Euch zu durchschauen.“
Aber Cappoccio, der sich keineswegs für das Ausmaß von Valentinas Wissen über den Mann interessierte, unterbrach sie ungestüm:
„Nun haben wir gehört, was zwischen diesem neuen Vogt hier und Seiner Hoheit von Babbiano vorgefallen ist. Wir haben die Bedingungen gehört, die angeboten wurden, und seine Ablehnung, und ich bin gekommen, um Euch, Ser Ercole, und Euch, Messer Gonzaga, zu sagen, dass ich für meinen Teil nicht hierbleiben werde, um gehängt zu werden, wenn Roccaleone in die Hände von Gian Maria fällt. Und es gibt noch andere meiner Kameraden, die derselben Meinung sind.“
Valentina betrachtete die rauen, entschlossenen Gesichtszüge des Mannes, und die Angst schlich sich zum ersten Mal in ihr Herz und spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Sie wollte sich halb zu Gonzaga umdrehen, um an ihm etwas von ihrer bitteren Laune auszulassen – denn ihn betrachtete sie als den Schuldigen –, als Francesco ihr wieder zu Hilfe kam.
„Nun, schämt Euch, Cappoccio, für einen armseligen Knecht! Sind das Worte für die Ohren einer belagerten und schwer bedrängten Dame, Feigling?“
„Ich bin kein Feigling“, antwortete der Mann heiser, wobei sein Gesicht unter der Peitsche von Francescos Spott errötete. „Draußen auf dem freien Feld werde ich mein Glück versuchen und für jede Sache kämpfen, die mich bezahlt. Aber das hier ist nicht mein Handwerk – dieses Warten auf den Tod wie eine gefangene Ratte.“
Francesco traf einen Moment lang seine Augen fest, dann blickte er zu den anderen Männern, etwa ein Dutzend oder so – eigentlich alle, deren Aufgaben er ihnen nicht anderweitig zugewiesen hatte. Sie hingen hinter Cappoccio, ganz Ohr für das, was gesagt wurde, und ihre Mienen zeigten deutlich, wie sehr ihre Gefühle mit denen ihres Wortführers übereinstimmten.
„Und Ihr seid ein Soldat, Cappoccio?“, spottete Francesco. „Soll ich Euch sagen, worin Fortemani falsch lag, als er Euch anheuerte? Er lag falsch darin, Euch nicht als Küchenjungen für die Burgküche einzustellen.“
„Herr Ritter!“
„Bah! Erhebt Ihr Eure Stimme gegen mich? Denkt Ihr, ich sei von Eurer Sorte, Tier, um mich von Geräuschen einschüchtern zu lassen – wie abscheulich sie auch sein mögen?“
„Ich lasse mich nicht von Geräuschen einschüchtern.“
„Tut Ihr das nicht? Warum dann all dieses Aufheben um ein Bündel leerer Drohungen, die uns der Herzog von Babbiano entgegenwirft? Wenn Ihr tatsächlich der Soldat wärt, für den Ihr uns halten wollt, würdet Ihr dann hierherkommen und sagen: ‚Ich will nicht so oder so sterben‘? Geständt Euch ein, ein Prahler zu sein, wenn Ihr uns sagt, dass Ihr bereit seid, auf offenem Feld zu sterben.“
„Nein! Das bin ich nicht.“
„Nun, wenn Ihr bereit seid, dort draußen zu sterben, warum dann nicht hier drinnen? Soll es für den, der stirbt, einen Unterschied machen, wo er sein Sterben vollzieht? Aber seid unbesorgt, Ihr Weib“, fügte er mit einem Lachen und in einer Stimme, die laut genug war, um von den anderen gehört zu werden, hinzu, „Ihr werdet nicht sterben – weder hier noch dort.“
„Wenn Roccaleone kapituliert...“
„Es wird nicht kapitulieren“, donnerte Francesco.
„Nun, dann – wenn es eingenommen wird.“
„Auch das wird es nicht“, beharrte der Vogt mit einer Gewissheit, die überzeugend wirkte. „Wenn Gian Maria unbegrenzt Zeit zur Verfügung hätte, könnte er uns vielleicht aushungern, bis wir aufgeben. Aber das hat er nicht. Ein Feind bedroht seine eigenen Grenzen, und in wenigen Tagen – eine Woche höchstens – wird er gezwungen sein, von hier abzuziehen, um seine Krone zu verteidigen.“
„Umso mehr Grund für ihn, strenge Maßnahmen zu ergreifen und uns zu bombardieren, wie er droht“, antwortete Cappoccio scharfsinnig, aber eher im Ton eines Mannes, der erwartet, dass sein Argument widerlegt wird. Und Francesco konnte es, wenn er es schon nicht widerlegen konnte, so doch zumindest widersprechen.
„Glaubt das nicht“, rief er mit einem spöttischen Lachen. „Ich sage Euch, dass Gian Maria das niemals wagen wird. Und selbst wenn er es täte, sind das Mauern, die bei ein paar Kanonenschüssen zerbröckeln werden? Einen Angriff mag er versuchen; aber ich muss einem Soldaten nicht sagen, dass zwanzig Männer, die tapfer und entschlossen sind, so wie ich glaube, dass Ihr es trotz Eurer feigen Worte seid, einen so starken Ort wie diesen gegen den Ansturm von zwanzigmal so vielen Männern halten könnten, wie der Herzog bei sich hat. Und was den Rest betrifft, wenn Ihr denkt, dass ich Euch mehr sage, als ich selbst glaube, bitte ich Euch, daran zu denken, wie ich in Gian Marias Drohung eingeschlossen bin. Ich bin nur ein Soldat wie Ihr, und die Risiken, die Ihr tragt, sind auch meine. Seht Ihr irgendein Anzeichen von Zögern bei mir, irgendein Anzeichen von Zweifel am Ausgang oder irgendeine Angst vor einem Strick, der mich nicht mehr berühren wird als Euch? Da, Cappoccio! Ein weniger barmherziger Vogt hätte Euch für Eure Worte gehängt – denn sie stinken nach Aufruhr. Dennoch habe ich hier gestanden und mit Euch diskutiert, weil ich einen tapferen Mann wie den, der Ihr Euch noch erweisen werdet, nicht entbehren kann. Lasst uns nichts mehr von Euren Zweifeln hören. Sie sind unwürdig. Seid tapfer und entschlossen, und Ihr werdet sehen, dass Ihr gut belohnt werdet, wenn der geschlagene Herzog gezwungen sein wird, diese Belagerung aufzuheben.“
Er wandte sich ab, ohne die Antwort von Cappoccio abzuwarten – der niedergeschlagen dastand, seine Wangen gerötet vor Scham über seine Drohung, von hier zu verschwinden –, und führte Valentina ruhig über den Hof und die Stufen des Saals hinauf.
Es war seine Art, niemals einen Zweifel daran zu lassen, dass seinen Befehlen Folge geleistet würde, doch bei dieser Gelegenheit, kaum dass die Tür des Saals hinter ihnen ins Schloss gefallen war, wandte er sich scharf an den nachfolgenden Ercole.
„Besorgt Euch eine Arkebuse“, sagte er schnell, „und nehmt meinen Mann Lanciotto mit. Sollten sich diese Hunde weiterhin meuterisch verhalten, schießt auf jeden, der versucht, die Tore zu stürmen – schießt, um zu töten – und schickt mir Nachricht. Aber vor allem, Ercole, lasst sie Euch nicht sehen oder Eure Anwesenheit vermuten; das würde die Wirkung, die meine Worte vielleicht erzielt haben, untergraben.“
Aus einem kläglich blassen Gesicht hob Valentina ihre braunen Augen zu ihm, in einem Blick, der wie ein Dolchstoß für den beobachtenden Gonzaga wirkte.
„Ich brauchte hier einen Mann“, sagte sie, „und ich glaube, es war der Himmel, der Euch mir zu Hilfe sandte. Aber glaubt Ihr“, fragte sie und musterte sein Gesicht mit ihren Augen genau auf irgendein Anzeichen von Zweifel, „dass sie besänftigt sind?“
„Ich bin dessen versichert, Madonna. Kommt, es stehen Tränen in Euren Augen, und – bei meiner Seele! – es gibt keinen Grund zu weinen.“
„Ich bin schließlich nur eine Frau“, lächelte sie ihn an, „und daher der Schwäche einer Frau unterworfen. Es schien gerade so, als sei das Ende tatsächlich gekommen. Es wäre gekommen, wenn Ihr nicht gewesen wärt. Sollten sie meutern –“
„Das werden sie nicht, solange ich hier bin“, antwortete er mit einer aufmunternden Zuversicht. Und sie, voller Vertrauen in diesen ihren wahren Ritter, ging, um ihre Damen aufzusuchen und ihrerseits jede Alarmstimmung zu besänftigen, der sie möglicherweise anheimgefallen waren.
Francesco ging, um seine Rüstung abzulegen, und Gonzaga, um an den Wehrgängen frische Luft zu schnappen, sein Herz ein einziger Sack voller Galle. Sein Hass auf den Eindringling war nun nichts im Vergleich zu seinem Zorn auf Valentina, ein Zorn, der aus einer staunenden Unfähigkeit entstand, zu begreifen, wie sie diesen groben, polternden Raufbold ihm vorziehen konnte, dem unvergleichlichen Gonzaga. Und während er dort unter dem Mittagshimmel auf und ab ging, kehrte die Erinnerung an Francescos Versicherung, dass die Männer nicht meutern würden, zu ihm zurück, und er ertappte sich dabei, wie er es aufs Innigste wünschte, dass sie es doch täten, wenn auch nur, um Valentina vor Augen zu führen, wie unangebracht ihr Vertrauen war, wie töricht ihr Glaube an diesen lauten Prahlhans. Als Nächstes dachte er – und mit zunehmender Bitterkeit – an seine eigenen kühnen Pläne, an seine Liebe zu Valentina und daran, wie gewiss er gewesen war, dass seine Zuneigung erwidert wurde, bevor dieser Störenfried unter sie getreten war. Er lachte in bitterem Hohn, als der Gedanke an ihre Bevorzugung Francescos vor ihm zurückkehrte. Nun, es mochte jetzt so sein – jetzt, wo die Zeiten kriegerisch waren und dieser Francesco ein solcher Mann war, der in ihnen am besten glänzte. Aber welche Art von Gefährte würde dieser sbirro in Friedenszeiten abgeben? Hatte er den Verstand, die Anmut, ja selbst die Schönheit, die Gonzaga eigen war? Die Umstände, so schien es ihm, seien hier schuld, und er verfluchte rundheraus ebendiese Umstände. Unter anderen Bedingungen war er sich gewiss, dass sie keinen Blick auf Francesco geworfen hätte, solange er selbst zugegen war; und wenn er an ihr erstes Treffen in Acquasparta zurückdachte, dann nur, um erneut die Umstände zu verfluchen, weil sie den Ritter in eine solche Lage gebracht hatten, dass er an die Zärtlichkeit appellieren konnte, die ein Teil der Natur einer Frau ist.
Er sinnierte – überzeugt, dass er recht hatte –, dass er, wenn Francesco nicht nach Roccaleone gekommen wäre, inzwischen mit Valentina verheiratet sein könnte; und einmal verheiratet, könnte er die Brücke abwerfen und aus Roccaleone ausmarschieren, gewiss, dass Gian Maria sich nicht darum scheren würde, seine Witwe zu ehelichen, und nicht weniger gewiss, dass Guidobaldo – der im Grunde ein gütiger und milder Fürst war – zufrieden damit wäre, das Geschehene auf sich beruhen zu lassen, da es über die Witwenschaft seiner Nichte hinaus keinen Gewinn brächte, Gonzaga zu hängen. Es war das trügerische Argument gewesen, das ihn zu diesem waghalsigen Unternehmen verleitet hatte, die Hoffnung, die er gewiss gewesen wäre, wäre durch die Einmischung Francescos nicht zunichte gemacht worden.
Er stand da und blickte auf die mit Zelten übersäte Ebene hinab, wobei schwarzer Zorn und schwarze Verzweiflung die Schönheit aus dem Sonnenlicht jenes Maimorgens tilgten, und dann kam ihm der Gedanke, da von seinen alten Plänen nichts mehr zu hoffen sei, ob es nicht klug wäre, seine Aufmerksamkeit auf neue zu richten, die ihn zumindest vor dem Galgen bewahren würden? Denn er war sich sicher, dass, was auch immer den anderen widerfahren mochte, sein eigenes Schicksal besiegelt war, ob Roccaleone fiel oder nicht. Es würde ihm als Anklage dienen, dass die Angelegenheit von ihm angestiftet worden war, und weder von Gian Maria noch von Guidobaldo konnte er Gnade erwarten.
Und nun erfüllte ihn der Gedanke, sich aus dieser verzweifelten Gefahr zu befreien, durch seine Plötzlichkeit mit Kälte. Er stand einen Augenblick ganz still; dann blickte er sich um, als fürchte er, irgendein beobachtender Spion könne in ihm die hässliche Absicht lesen, die plötzlich in seinem Herzen zum Leben erwacht war. Schnell verbreitete sie sich und nahm eine klarere Gestalt an, deren Spiegelung sich nun auf seinem glatten, hübschen Gesicht zeigte und es bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Er entfernte sich von der Mauer und schritt ein paarmal auf den Wehrgängen auf und ab, eine Hand auf dem Rücken, die andere erhoben, um sein herabsinkendes Kinn zu stützen. So grübelte er eine kleine Weile. Dann wandte er sich mit einem weiteren seiner verstohlenen Blicke dem nordwestlichen Turm zu und betrat die Waffenkammer. Dort kramte er, bis er Feder, Tinte und Papier gefunden hatte, die er suchte, und bei weit geöffneter Tür – damit er das Geräusch sich nähernder Schritte besser hören konnte – machte er sich fieberhaft ans Schreiben. Es war schnell getan, und er stand auf und wedelte mit dem Blatt, um die Tinte zu trocknen. Dann sah er es noch einmal durch, und das war es, was er geschrieben hatte:
„Ich habe es in meiner Macht, die Garnison zur Meuterei anzustiften und die Tore von Roccaleone zu öffnen. So soll die Burg unmittelbar in Eure Hände fallen, und Ihr werdet einen Beweis dafür haben, wie wenig ich mit dieser Rebellion der Monna Valentina sympathisiere. Welche Bedingungen bietet Ihr mir, wenn ich dies vollende? Antwortet mir jetzt, und zwar auf demselben Wege, den ich benutze, aber sendet Eure Antwort nicht ab, wenn ich mich auf den Wehrgängen zeige.
ROMEO GONZAGA.“
Er faltete das Papier, und auf die Rückseite schrieb er die Aufschrift „An den Hohen und Mächtigen Herzog von Babbiano“. Dann öffnete er eine große Truhe, die an der Wand stand, kramte einen Moment und zog schließlich einen Armbrustbolzen hervor. Um dessen Schaft band er seine Notiz. Als Nächstes nahm er eine Armbrust von der Wand und aus einer Ecke eine Winde, um sie zu spannen. Mit dem Fuß im Steigbügel spannte er die Sehne und brachte den Bolzen in Position.
Und nun schloss er die Tür und ging zum Fenster, das kaum mehr als ein Schießschacht war, und legte seine Armbrust an. Er zielte sorgfältig in Richtung des herzoglichen Zeltes und löste den Bolzen. Er beobachtete dessen Flug, und es versetzte ihn fast mit Stolz auf seine Schießkunst, zu sehen, wie er das Zelt traf, auf das er gezielt hatte, und das Segeltuch erbeben ließ.
Im Nu entstand Aufruhr. Männer rannten zu der Stelle, andere kamen aus dem Zelt, und unter letzteren erkannte Gonzaga die Gestalten von Gian Maria und Guidobaldo.
Der Bolzen wurde dem Herzog von Babbiano überreicht, der mit einem Blick auf die Wehrgänge wieder im Zelt verschwand.
Gonzaga verließ seinen Ausguck und stellte die Tür des Turms weit offen, sodass seine Augen die gesamten sonnenüberfluteten Wehrgänge überblicken konnten. Er kehrte zu seinem Fenster zurück und wartete ungeduldig auf die Antwort. Und seine Ungeduld sollte nicht lange dauern. Nach etwa zehn Minuten erschien Gian Maria wieder, rief einen Bogenschützen zu sich, übergab ihm etwas und machte eine Handbewegung in Richtung Roccaleone. Gonzaga trat zur Tür und lauschte atemlos. Beim kleinsten Anzeichen einer Annäherung hätte er sich gezeigt und so, wie in seinem Brief vorgesehen, den Bogenschützen davor gewarnt, seinen Bolzen abzuschießen. Aber alles blieb ruhig, und so blieb Gonzaga, wo er war, bis etwas wie ein Vogel durch sein Blickfeld blitzte, hart gegen die hintere Mauer schlug und mit einem Klirren auf die breiten Steine des Wehrgangs fiel. Einen Augenblick später war die Antwort von Gian Maria in seinen Händen.
Er löste sie schnell von dem Schaft, der sie gebracht hatte, und ließ den Bolzen in eine Ecke fallen. Dann entfaltete er den Brief und las ihn, während er sich gegen eine der Zinnen der Mauer lehnte.
„Wenn Ihr ein Mittel finden könnt, Roccaleone unverzüglich in meine Hände zu liefern, sollt Ihr meine Dankbarkeit, volle Begnadigung für Euren Anteil an Monna Valentinas Rebellion und die Summe von tausend Goldgulden erlangen.
GIAN MARIA.“
Als er las, sprang ein Licht der Freude in seine Augen. Gian Marias Bedingungen waren sehr großzügig. Er würde sie annehmen, und Valentina sollte zu spät erkennen, auf welch gebrochenes Rohr sie sich stützte, indem sie sich auf Messer Francesco verließ. Würde er sie jetzt retten, wie er so lautstark prahlte? Würde es tatsächlich keine Meuterei geben, wie er so zuversichtlich prophezeite? Gonzaga kicherte boshaft vor sich hin. Sie sollte ihre Lektion lernen, und wenn sie Gian Marias Frau wäre, würde sie vielleicht ihre Behandlung von Romeo Gonzaga bereuen.
Er lachte leise vor sich hin. Dann wurde ihm plötzlich kalt, und er spürte, wie sich seine Haut sträubte. Ein schleichender Schritt ertönte hinter ihm.
Er zerknüllte den Brief des Herzogs in seiner Hand, und in der Alarmstimmung des Augenblicks ließ er ihn über die Mauer fallen. Er versuchte vergeblich, die Gesichtszüge zu ordnen, die nun von einer eisigen Furcht gestört waren, und drehte sich um, um zu sehen, wer da kam.
Hinter ihm stand Peppe, dessen ernste Augen mit unheimlicher Intensität auf Gonzagas Gesicht gerichtet waren.
„Ihr habt mich gesucht?“, sagte Romeo, und das Zittern in seiner Stimme passte schlecht zu seiner Arroganz.
Der Narr machte eine groteske Verbeugung vor ihm.
„Monna Valentina wünscht, dass Ihr sie im Garten erwartet, Erlauchter.“
KAPITEL XIX. KOMPLOTT UND GEGENKOMPLOTT
Peppes schnelle Augen hatten gesehen, wie Gonzaga das Papier zerknüllte und fallen ließ, nicht weniger als er das aufgeschreckte Gesicht des Höflings beobachtet hatte, und sein Verdacht war geweckt worden. Er war von Natur aus neugierig, und die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass die Dinge, die Männer zu verbergen suchen, meist genau die Dinge sind, über die es am wichtigsten ist, Bescheid zu wissen. Als Gonzaga also dem Ruf Valentinas folgend gegangen war, spähte der Narr vorsichtig über die Zinnen.
Zunächst sah er nichts, und er schloss enttäuscht, dass das Ding, das Gonzaga von sich geworfen hatte, in den tosenden Wassern des Burggrabens verloren gegangen war. Doch dann entdeckte er, auf einem vorspringenden Stein über dem schäumenden Strom, in den es, wie es schien, ein Wunder vor dem Hineinfallen bewahrt hatte, ein Knäuel zerknüllten Papiers. Er stellte mit Befriedigung fest, dass es etwa zehn Fuß unmittelbar unterhalb der Pförtchenpforte bei der Zugbrücke lag.
Heimlich, denn es war nicht Peppes Art, Männer in sein Vertrauen zu ziehen, wo es sich vermeiden ließ, besorgte er sich ein Seil. Nachdem er hinabgestiegen war und leise das Pförtchen geöffnet hatte, befestigte er das eine Ende und ließ das andere mit äußerster Vorsicht zum Wasser hinab, damit er das Papier nicht ablöste und so verlor.
Nachdem er sich noch einmal versichert hatte, dass er unbeobachtet war, kletterte er Hand über Hand wie ein Affe hinunter, die Füße gegen den grob behauenen Granit der Mauer gestemmt. Dann brachte er sich mit einem kleinen Schwingen des Seils näher an jenen zerknüllten Ball, die Beine nun im zornigen Wasser baumelnd, und durch ein gewaltiges Strecken, das ihn beinahe in den Wildbach stürzen ließ, ergriff er das Papier und nahm es zwischen die Zähne. Dann wieder Hand über Hand und mit rasender Eile, denn er fürchtete die Beobachtung nicht nur durch die Schildwachen der Burg, sondern auch durch die Wächter im Lager der Belagerer, kletterte er zurück zum Pförtchen, frohlockend darüber, dass er unbeobachtet geblieben war, und verächtlich gegenüber der Wachsamkeit derer, die ihn hätten beobachten sollen.
Leise schloss er das Pförtchen, verriegelte es, schob die Riegel oben und unten vor und ging, um den Schlüssel wieder an seinen Platz am Nagel im Wachraum zu hängen, den er unbewohnt vorfand. Als Nächstes rannte er mit dem geheimnisvollen Brief in der Hand über den Innenhof und durch den Torweg zu den Wirtschaftsräumen und hielt erst inne, als er die Küche erreicht hatte, wo Fra Domenico das Lammviertel briet, das er an jenem Morgen geschlachtet hatte. Denn nun, da die Belagerung feststand, gab es keinen Fisch mehr aus dem Bach, noch Hasen und Ortolane vom Land.
Der Mönch verfluchte den Narren rundheraus, wie es seine Gewohnheit bei jeder Gelegenheit war, denn er war nicht so heilig, dass er die milderen Formen von Schmähflüchen verschmähte. Aber Peppe hatte diesmal keine bösartige Antwort parat, ein Umstand, der den Dominikaner dazu veranlasste, ihn zu fragen, ob er krank sei.
Ohne ihn zu beachten, entfaltete und glättete der Narr das zerknüllte Papier in einer Ecke beim Feuer. Er las es und pfiff, dann stopfte er es in den Busen seiner absurden Tunika.
„Was fehlt dir?“, sagte der Mönch. „Was hast du da?“
„Ein Rezept für ein Gericht aus Mönchshirn. Eine höchst seltene Delikatesse, die durch den Mangel an Zutaten kostbar wird.“ Und mit dieser Antwort war Peppe verschwunden, den Mönch mit einem hässlichen Blick in den Augen und einem unausgesprochenen Fluch auf den Lippen zurücklassend.
Direkt zum Grafen von Aquila ging der Narr mit seinem Brief. Francesco las ihn und befragte ihn genau, was er über die Art und Weise wisse, wie er in Gonzagas Besitz gelangt sei. Was den Rest betraf, schienen jene Zeilen, weit davon entfernt, ihm das Unbehagen zu bereiten, das Peppe erwartete, eine Quelle der Zufriedenheit und Gewissheit für ihn zu sein.
„Er bietet tausend Goldgulden“, murmelte er, „zusätzlich zu Gonzagas Freiheit und Aufstieg. Warum, dann habe ich nicht mehr als die Wahrheit gesagt, als ich den Männern versicherte, dass Gian Maria uns nur müßig mit einer Bombardierung bedrohte. Halte diese Angelegenheit geheim, Peppe.“
„Aber Ihr werdet Messer Gonzaga beobachten?“, sagte der Narr.
„Ihn beobachten? Warum, wo ist die Notwendigkeit? Ihr stellt ihn Euch doch nicht so niederträchtig vor, dass dieses Angebot ihn in Versuchung führen könnte?“
Peppe blickte auf, sein großes, wunderliches Gesicht zu einem Ausdruck von schlauem Zweifel verzogen.
„Ihr glaubt nicht, Herr, dass er dazu eingeladen hat?“
„Nun, schämt Euch für diesen Gedanken. Messer Gonzaga mag ein müßiger Lautenschläger sein, ein kleinmütiger Feigling; aber ein Verräter...! Und Monna Valentina zu verraten! Nein, nein.“
Doch der Narr war keineswegs beruhigt. Er kannte Messer Gonzaga schon länger, und seine scharfsinnigen Augen hatten das Maß des Mannes längst genommen. Mag Francesco den Gedanken an Verrat durch Romeo verachten; Peppe würde ihn wie ein Schatten verfolgen. Dies tat er für den Rest des Tages, wobei er sich an Gonzaga klammerte, als ob er ihn herzlich liebte, und verstohlen das Gebaren des Mannes beobachtete. Doch er sah nichts, was seinen Verdacht bestätigen könnte, außer einer gewissen geistesabwesenden Niedergeschlagenheit beim Höfling.
In jener Nacht, als sie zu Abend aßen, täuschte Gonzaga Zahnschmerzen vor und verließ mit Valentinas Erlaubnis den Tisch gleich zu Beginn der Mahlzeit. Peppe erhob sich, um ihm zu folgen, aber als er die Tür erreichte, packte ihn sein natürlicher Feind, der Mönch – der stets darauf bedacht war, ihn zu behindern, wo er konnte –, am Nacken und schleuderte ihn unsanft zurück in den Raum.
„Hast du auch Zahnschmerzen, Taugenichts?“, sagte der Frate. „Bleib hier und hilf mir, die Gesellschaft zu bedienen.“
„Lasst mich gehen, guter Fra Domenico“, flüsterte der Narr mit einer so ernsthaften Stimme, dass der Mönch ihn ziehen ließ. Aber Valentinas Stimme hieß ihn nun, bei ihnen zu bleiben, und so war seine Gelegenheit vertan.
Er bewegte sich als ein sehr niedergeschlagener, mürrischer Narr durch den Raum, ohne einen Scherz für irgendwen, denn seine Gedanken waren ganz bei Gonzaga und dem Verrat, den er sicher ausheckte. Doch Francesco treu ergeben, der völlig unbesorgt dasaß, und im Wunsch, Valentina nicht zu beunruhigen, unterdrückte er die Warnung, die ihm auf den Lippen lag, und versuchte sich einzureden, seine Ängste entsprängen vielleicht einem Übermaß an Verdacht. Hätte er gewusst, wie wohlbegründet sie in der Tat waren, hätte er sich vielleicht weniger zurückgehalten.
Denn während er mürrisch durch den Raum ging und Fra Domenico bei den Tellern und Platten half, schritt Gonzaga auf den Wehrgängen neben Cappoccio auf und ab, der auf der Nordmauer Wache hielt.
Sein Anliegen erforderte keine große Diplomatie, und Gonzaga wandte auch nicht viel davon an. Er sagte Cappoccio kurzerhand, dass er und seine Kameraden sich an jenem Morgen von Messer Francescos glatter Zunge hätten narren lassen und dass die Versicherungen, die Francesco ihnen gegeben habe, nicht der Überlegung eines intelligenten Mannes würdig seien.
„Ich sage Euch, Cappoccio“, schloss er, „dass es Euch das Leben kosten wird, hier zu bleiben und diesen hoffnungslosen Widerstand in die Länge zu ziehen, durch die unappetitlichen Hände des Henkers. Ihr seht, ich bin offen zu Euch.“
Nun, obwohl das, was Gonzaga ihm sagte, vortrefflich mit den Ideen übereinstimmen mochte, die er selbst gehegt hatte, war Cappoccio von misstrauischer Natur, und sein Verdacht flüsterte ihm nun zu, dass Gonzaga von irgendeinem Zweck geleitet wurde, den er nicht einschätzen konnte.
Er blieb stehen und stützte sich mit beiden Händen auf seine Partisane, während er versuchte, die Züge des Höflings im schummrigen Licht des aufgehenden Mondes zu erkennen.
„Meint Ihr“, fragte er, und in seiner Stimme klang das Erstaunen mit, mit dem Gonzagas seltsame Rede ihn erfüllt hatte, „dass wir töricht waren, Messer Francesco zuzuhören, und dass wir besser beraten wären, aus Roccaleone auszumarschieren?“
„Ja; das meine ich.“
„Aber warum“, beharrte er, wobei sein Erstaunen wuchs, „drängt Ihr uns zu einem solchen Vorgehen?“
„Weil, Cappoccio“, lautete die plausible Antwort, „ich, wie Ihr, durch heimtückische Falschdarstellungen in diese Angelegenheit gelockt wurde. Die Versicherungen, die ich Fortemani gab und mit denen er Euch in seinen Dienst aufnahm, waren jene, die mir gegeben worden waren. Ich habe nicht mit einem solchen Tod gehandelt, wie er uns hier erwartet, und ich sage Euch offen, dass ich keinen Magen dafür habe.“
„Ich beginne zu verstehen“, murmelte Cappoccio und schüttelte weise den Kopf, und in seinem Tonfall und Gebaren lag eine schlaue Unverschämtheit. „Wenn wir Roccaleone verlassen, kommt Ihr mit uns?“
Gonzaga nickte.
„Aber warum sagt Ihr diese Dinge nicht Fortemani?“, fragte Cappoccio, immer noch zweifelnd.
„Fortemani!“, echote Gonzaga. „Bei der Hostie, nein! Der Mann ist von diesem plausiblen Schurken Francesco verhext. Weit davon entfernt, die Behandlung durch den Kerl übel zu nehmen, folgt und gehorcht er jedem Wort, wie der kleinmütige Hund, der er ist.“
Wieder versuchte Cappoccio, Gonzagas Gesicht zu mustern. Doch das Licht war gleichgültig.
„Handelt Ihr ehrlich mit mir?“, fragte er. „Oder liegt ein tieferer Zweck unter Eurem Wunsch, dass wir gegen die Herrin rebellieren sollten?“
„Mein Freund“, antwortete Gonzaga, „wartet Ihr nur ab, bis Gian Marias Herold am Morgen für seine Antwort kommt. Dann werdet Ihr wieder die Bedingungen erfahren, zu denen Euch Euer Leben angeboten wird. Tut bis dahin nichts. Aber wenn Ihr hört, wie Ihr mit dem Strick und dem Rad bedroht werdet, bedenkt, welchen Kurs Ihr am besten einschlagen solltet. Ihr fragt mich, welcher Zweck mich beseelt. Ich habe es Euch bereits gesagt – denn ich bin so offen wie das Tageslicht mit Euch –, dass ich von dem Zweck beseelt bin, meinen eigenen Hals zu retten. Ist dieser Zweck nicht genug?“
Ein Lachen von solchem Verständnis, das einen besseren Mann vor Entrüstung in Brand gesetzt hätte, war die Antwort, die er erhielt.
„Warum, ja, das ist mehr als genug. Morgen also marschieren meine Kameraden und ich aus Roccaleone aus. Rechnet damit.“
„Aber nehmt nicht mein Wort an. Wartet, bis der Herold wieder kommt. Tut nichts, bis Ihr die Bedingungen gehört habt, die er bringt.“
„Warum, nein, sicherlich nicht.“
„Und lasst es nicht unter Euren Gefährten durchsickern, dass ich es bin, der dies vorgeschlagen hat.“
„Warum nein. Ich werde Euer Geheimnis bewahren“, lachte der Bravo beleidigend, schulterte seine Partisane und nahm das Gehen der Schildwache wieder auf.
Gonzaga suchte sein Bett auf. Eine wilde Freude verzehrte ihn, weil er Valentinas Ruin so vollendet geplant hatte, doch er wollte ihr in jener Nacht nicht mehr gegenübertreten.
Doch als am nächsten Morgen der Herold wieder sein Horn unter den Burgmauern blies, war Gonzaga in der kleinen Gruppe prominent vertreten, die Monna Valentina begleitete. Der Graf von Aquila beaufsichtigte die Arbeit, zu der er ein halbes Dutzend Männer abgestellt hatte. Mit großem Aufwand und so viel Lärm wie möglich – womit Francesco beabsichtigte, dass der Herold beeindruckt sein sollte – rollten sie vier kleine Feldschlangen und drei Kanonen größeren Kalibers vor und pflanzten sie so auf, dass sie eine bedrohliche Schau in den Zinnen des Wehrgangs machten.
Während er die Männer beobachtete und anwies, hielt er seine Ohren für die Nachricht offen, und er hörte, wie der Herold erneut die Bedingungen rezitierte, unter denen die Garnison kapitulieren könne, und erneut die Drohung, jeden Mann an den Burgmauern zu hängen, falls sie ihn zwängen, sie mit Waffengewalt zu unterwerfen. Er beendete seine Nachricht mit der Ankündigung, dass Gian Maria in seiner äußersten Milde ihnen eine weitere halbe Stunde Gnadenfrist einräume, in der sie über ihren Kurs entscheiden könnten. Sollte das Ende dieser Zeit sie immer noch widerspenstig finden, würde die Bombardierung beginnen. Solches war die Nachricht, die Gonzaga in einem anderen seiner mit Pfeilen überbrachten Briefe vorgeschlagen hatte, dass Gian Maria sie senden möge.
Francesco war es, der vortrat, um zu antworten. Er hatte sich über eines der Geschütze gebeugt, als wolle er sich der Genauigkeit seines Ziels vergewissern, und als er sich aufrichtete, erklärte er sich mit einer Stimme, die laut genug für das Gehör des Herolds war, für zufrieden. Dann schritt er an Valentinas Seite, und während er dort stand und seine Antwort vortrug, bemerkte er nicht das lautlose Entfernen der Männer von der Mauer.
„Ihr werdet Seiner Hoheit von Babbiano sagen“, erwiderte er, „dass er uns an den Jungen aus der Fabel erinnert, der zu oft ‚Wolf!‘ schrie. Sagt ihm, mein Herr, dass seine Drohungen diese Garnison ebenso unbewegt lassen wie seine Versprechungen. Wenn es so sein sollte, dass er tatsächlich beabsichtigt, uns zu bombardieren, so soll er unverzüglich damit beginnen. Wir sind bereit für ihn, wie Ihr seht. Vielleicht vermutete er uns nicht mit Kanonen ausgerüstet; aber dort stehen sie. Diese Geschütze sind auf sein Lager gerichtet, und der erste Schuss, den er auf uns abfeuert, soll das Signal für eine solche Antwort sein, von der er sich nichts träumen lässt. Sagt ihm auch, dass wir keine Gnade erwarten und keine gewähren werden. Wir sind nicht auf Blutvergießen aus, doch wenn er uns dazu zwingt und sein Vorhaben, Kanonen einzusetzen, ausführt, dann sollen die Folgen auf seinem eigenen Haupt lasten. Überbringt ihm diese Antwort und sagt ihm, er solle Euch nicht mehr mit leeren Drohungen senden.“
Der Herold verneigte sich über den Widerrist seines Pferdes. Die Arroganz, die kalte Gebieterischkeit der Botschaft machten ihn vor Staunen sprachlos. Staunen erfüllte ihn auch darüber, dass Roccaleone mit Kanonen bewaffnet sein sollte, wie er mit eigenen Augen sah. Dass diese Geschütze leer waren, konnte er nicht ahnen, ebenso wenig wie Gian Maria, als er eine Botschaft vernahm, die ihn mit Zorn erfüllte und ihn mit Bestürzung erfüllt hätte, wäre da nicht der Aufruhr gewesen, auf den zu schüren Gonzaga sein Wort gegeben hatte.
Als der Herold davonritt, brach ein barsches Lachen aus Fortemani hervor, der hinter dem Grafen stand.
Valentina wandte sich an Francesco mit Augen, die Bewunderung und eine sonderbare Zärtlichkeit ausstrahlten.
„Oh, was hätte ich ohne Euch getan, Messer Francesco?“, rief sie, gewiss zum zwanzigsten Male seit seinem Kommen. „Ich zittere bei dem Gedanken, wie die Dinge ohne Euren Witz und Eure Tapferkeit, mir beizustehen, gelaufen wären.“ Sie bemerkte das boshafte Lächeln nicht, das auf Gonzagas hübschem Gesicht zitterte. „Wo habt Ihr das Pulver gefunden?“, fragte sie arglos, denn ihr Geist hatte noch nicht jenen Humor der Lage erfasst, der Fortemani zum Lachen gebracht hatte.
„Ich habe keines gefunden“, antwortete Francesco und lächelte aus dem Schatten seines Helms. „Meine Drohungen“ – und er winkte mit der Hand in Richtung jener gewaltigen Aufstellung von Geschützen – „sind so leer wie die von Gian Maria. Doch ich denke, sie werden ihn mehr beeindrucken als seine uns. Ich bürge dafür, Madonna, dass sie ihn davon abhalten werden, uns zu bombardieren – falls er das jemals beabsichtigt hatte. Also lasst uns gehen und unser Fasten mit frohem Mute brechen.“
„Diese Geschütze sind leer?“, keuchte sie. „Und Ihr konntet so kühn sprechen und so trotzig drohen!“
Heiterkeit schlich nun in ihr Gesicht und drängte das Alarmsignal zurück, von dem ein wenig sogar in ihren Augen hervorlugte, während sie Francesco noch pries.
„Da!“, rief er freudig. „Ihr lächelt jetzt, Madonna. Und Ihr habt keinen Grund zu etwas anderem. Sollen wir hinabsteigen? Diese Arbeit am frühen Morgen hat mir den Hunger eines Wolfes beschert.“
Sie wandte sich um, um mit ihm zu gehen, und in diesem Augenblick stürmte Peppe, sein eulenhaftes Gesicht von Alarm überzogen, die Stufen vom Burghof herauf.
„Madonna!“, keuchte er atemlos. „Messer Francesco! Die Männer – Cappoccio … Er hält eine Ansprache an sie. Er – er stiftet sie zum Verrat an.“
So, in Keuchen, brachte er seine Geschichte heraus, welche die Heiterkeit erneut aus Valentinas Augen fegte und ihre Wange sehr bleich färbte. Stark und tapfer, wie sie war, fühlte sie ihre Sinne bei diesem plötzlichen Umschwung von Zuversicht zu Furcht schwinden. War tatsächlich alles zu Ende in dem Augenblick, als die Hoffnung ihren höchsten Zenit erreicht hatte?
„Ihr seid ohnmächtig, Madonna; stützt Euch auf mich.“
Es war Gonzaga, der sprach. Doch über die Tatsache hinaus, dass die Worte ausgesprochen worden waren, realisierte sie nichts. Sie sah einen ausgestreckten Arm und ergriff ihn. Dann zog sie Gonzaga mit sich zu der Seite, die den Burghof überblickte, damit sie mit eigenen Augen Beweise für das Geschehen haben konnte.
Sie hörte einen Fluch – einen kräftigen, boshaften Fluch – von Francesco, gefolgt von einem Befehl, scharf und rau.
„Zur Waffenkammer dort drüben, Peppe! Holt mir ein zweihändiges Schwert – das kräftigste, das Ihr finden könnt. Ercole, kommt mit mir. Gonzaga … Nein, Ihr bleibt am besten hier. Seht nach Monna Valentina.“
Er trat nun an ihre Seite und überblickte rasch die wogende Szene unter ihnen, wo Cappoccio immer noch zu den Männern sprach. Beim Anblick Francescos stießen sie ein wildes Gebrüll aus, wie ein Rudel Hunde, das seine Beute erspäht hat.
„Zu den Toren!“, war der Ruf. „Lasst die Zugbrücke herunter! Wir akzeptieren die Bedingungen von Gian Maria. Wir werden nicht wie Ratten sterben.“
„Bei Gott, das werdet Ihr aber, wenn ich es so will!“, knurrte Francesco durch seine zusammengebissenen Zähne. Dann, den Kopf in einem Fieber der Ungeduld wendend: „Peppe“, schrie er, „bringst du das Schwert denn niemals?“
Der Narr kam in diesem Augenblick herauf, schwankend unter der Last eines großen, zweischneidigen Zweihänders, der mit Parierstangen versehen war und gut sechs Fuß von der Spitze bis zum Knauf maß. Francesco riss es ihm aus der Hand und murmelte, sich bückend, einen schnellen Befehl in Peppinos Ohr.
„… In der Kiste, die auf dem Tisch in meiner Kammer steht“, hörte Gonzaga ihn sagen. „Geh nun und bring sie mir in den Hof. Beeil dich, Peppino!“
Ein Ausdruck von Verständnis blitzte in den Augen des Buckligen auf, und als er im Laufschritt davonlief, hievte Francesco das mächtige Schwert auf seine Schulter, als wäre dessen Gewicht das einer Feder. In diesem Augenblick legte sich Valentinas weiße Hand auf die Armschiene, die seinen Unterarm stählte.
„Was wollt Ihr tun?“, fragte sie flüsternd, ihre Augen vor Alarm geweitet.
„Den Verrat dieses Gesindels eindämmen“, antwortete er kurz. „Bleibt Ihr hier, Madonna. Fortemani und ich werden sie beruhigen – oder ihnen ein Ende machen.“ Und so grimmig sagte er es, dass Gonzaga glaubte, es läge in seiner Macht.
„Aber Ihr seid wahnsinnig!“, rief sie, und die Furcht in ihren Augen nahm zu. „Was könnt Ihr gegen zwanzig ausrichten?“
„Was Gott gefällt“, antwortete er und legte für eine Sekunde die Wildheit aus seinem Herzen, damit er mit Zuversicht lächeln konnte.
„Aber Ihr werdet getötet werden“, rief sie. „Oh! Geht nicht, geht nicht! Lasst sie ihren Willen haben, Messer Francesco. Lasst Gian Maria die Burg belagern. Ich sorge mich nicht, solange Ihr nicht geht.“
Ihre Stimme und die Geschichte, die sie von süßer Sorge um sein Schicksal erzählte, die in diesem Augenblick alles andere überlagerte – sogar ihr Entsetzen vor Gian Maria –, beschleunigte sein Blut auf das Tempo der Ekstase. Er wurde von einer wilden Sehnsucht ergriffen, sie in seine Arme zu schließen – diese Dame, die bisher so tapfer war und nun nur noch von der Furcht um seine Gefahr entmutigt wurde. Jede Faser seines Seins drängte ihn, sie an seine Brust zu ziehen, während er ihr Mut und Trost ins Ohr flüsterte. Er fiel fast in Ohnmacht vor dem Verlangen, jene zärtlichen Augen zu küssen, die in ihrem kläglichen Flehen, er möge sein eigenes Leben nicht gefährden, zu ihm aufblickten. Doch alles unterdrückend, lächelte er nur, wenn auch sehr zärtlich.
„Seid tapfer, Madonna, und vertraut mir ein wenig. Habe ich Euch bisher im Stich gelassen? Müsst Ihr dann fürchten, dass ich Euch jetzt im Stich lasse?“
Daraufhin schien sie Mut zu schöpfen. Die Worte erweckten ihr Vertrauen in seine herrliche Stärke von Neuem.
„Wir werden darüber lachen, wenn wir unser Fasten brechen“, rief er. „Kommt, Ercole!“ Und ohne auf mehr zu warten, sprang er die Stufen hinunter mit einer für jemanden, der so schwer bewaffnet war wie er, überraschenden Agilität.
Sie kamen gerade noch rechtzeitig. Als sie den Burghof erreichten, kamen die Männer auf die Tore zugestürmt, ihre Stimmen rau und drohend. Sie waren voller Selbstsicherheit. Die ganze Hölle, so dachten sie, hätte sie nicht aufhalten können, und doch schien beim Anblick dieser hochgewachsenen Gestalt, hell wie ein Engel, in seinem Harnisch aus glitzerndem Stahl, mit dem großen Schwert auf seiner linken Schulter, etwas von ihrer Ungestümheit von ihnen abzufallen.
Dennoch rückten sie vor, Cappoccios Stimme rief Ermutigungen. Sie waren fast in Reichweite jenes langen Schwertes, als es plötzlich von seiner Schulter aufblitzte und einen Halbkreis aus blendendem Licht vor ihre Augen fegte. Um seinen Kopf ging es und wieder zurück vor sie, geführt, als wäre es eine Peitsche, und brachte sie schweigend zum Stillstand. Er trug es zurück auf seine Schulter und, aufmerksam auf die erste Bewegung, sein Blut in Flammen und bereit, den einen oder anderen Mann zu erschlagen, sollte das Exempel notwendig werden, wandte er sich an sie.
„Ihr seht, was Euch erwartet, wenn Ihr darin beharrt“, sagte er mit einer gefährlich leisen Stimme. „Habt Ihr keine Scham, Ihr Haufen feiger Tiere! Ihr seid lautstark genug, wenn es um Verrat an der Hand geht, die Euch bezahlt; aber da, so scheint es, endet Eure Tapferkeit.“
Er sprach nun mit brennenden Worten zu ihnen. Er wiederholte die Argumente, die er gestern gebraucht hatte, um den meuterischen Geist von Cappoccio zu unterdrücken. Er versicherte ihnen, dass Gian Maria mehr drohte, als er ausführen konnte; und so, vielleicht, mehr als er erfüllen würde, wenn sie so töricht wären, sich in seine Gewalt zu begeben. Ihre Sicherheit, wies er sie darauf hin, liege hier, hinter diesen Mauern. Die Belagerung könne nicht lange währen. Sie hätten einen starken Verbündeten in Cesare Borgia, und er marschiere bereits auf Babbiano zu, sodass Gian Maria sich bald gezwungenermaßen nach Hause begeben müsse. Ihr Sold sei gut, erinnerte er sie, und wenn die Belagerung bald aufgehoben werde, würden sie gut belohnt werden.
„Gian Maria droht, Euch aufzuhängen, wenn er Roccaleone einnimmt. Aber selbst wenn er es einnähme, glaubt Ihr, man würde ihm erlauben, eine so unmenschliche Drohung auszuführen? Ihr seid letztlich Söldner im Sold von Monna Valentina, auf die und deren Hauptleute die Schuld fallen muss. Dies ist Urbino, nicht Babbiano, und Gian Maria ist hier nicht Herr. Glaubt Ihr, der edle und großmütige Guidobaldo würde Euch hängen lassen? Habt Ihr eine so schlechte Meinung von Eurem Herzog? Narren! Ihr seid vor Gewalt ebenso sicher wie jene Damen dort oben auf der Galerie. Denn Guidobaldo würde ebenso wenig daran denken, Euch zu schaden, wie er erlauben würde, dass ihnen Schaden zugefügt wird. Wenn jemand gehängt wird, dann ich, und vielleicht Messer Gonzaga, der Euch angeheuert hat. Doch rede ich davon, meine Waffen niederzulegen? Was glaubt Ihr, hält mich hier? Eigennutz – genau wie Eigennutz Euch hält – und wenn ich das Risiko für lohnenswert halte, warum solltet Ihr das nicht auch? Seid Ihr so zahm und so kleingläubig, dass eine Drohung Euch bezwingen soll? Wollt Ihr zu einem geflügelten Wort in Italien werden, und wenn Männer von Feigheit sprechen, wollt Ihr, dass sie sagen: ‚Feige wie Monna Valentinas Garnison‘?“
In diesem Ton sprach er zu ihnen, mal hart mit seinem Hohn zuschlagend, mal sie mit seinen Zusicherungen beschwichtigend und in ihren erschütterten Seelen neues Vertrauen weckend. Es war eine Sache, die später zur Entstehung eines Epos beitrug, das von Kalabrien bis zum Piemont besungen wurde, wie dieser tapfere Ritter durch seine Worte, durch die Kraft seines Willens und die Macht seiner Erscheinung diese aufrührerische Schar rebellischer Bauern bändigte und unterwarf.
Und von der Mauer oben beobachtete ihn Valentina, ihre Augen funkelnd vor Tränen, die nicht aus Kummer und auch nicht aus Furcht stammten, denn sie wusste, dass er siegen musste. Wie konnte es bei einem so Unerschrockenen anders sein?
So dachte sie nun. Doch im Augenblick seines Weggehens hatte die Furcht sie bis ins Mark erkaltet, und als sie ihn zum ersten Mal vor ihnen stehen sah, hatte sie sich halb verzweifelt abgewandt und Gonzaga angefleht, nicht an ihrer Seite zu verweilen, sondern hinzugehen und jenem tapferen Ritter, der so bitter nötig Hilfe brauchte, beizustehen. Und Gonzaga hatte ein Lächeln wie Januarsonnenschein gelächelt, und seine weichen blauen Augen waren in ihrem Blick hart geworden. Nicht Schwäche war es nun, die ihn dort, weit weg von dem gefährlichen Aufruhr, hielt. Denn er fühlte, dass er, selbst wenn er die Kraft des Herkules und den Mut des Achilles besäße, in jenem Augenblick keinen Schritt zu Francescos Hilfe getan hätte. Und das sagte er ihr auch so.
„Warum sollte ich, Madonna?“, hatte er kalt erwidert. „Warum sollte ich eine Hand heben, um dem Mann zu helfen, den Ihr mir vorzieht? Warum sollte ich das Schwert für die Sache dieser Festung ziehen?“
Sie sah ihn mit trüben Augen an. „Was sagt Ihr da, mein guter Gonzaga?“
„Ja – Euer guter Gonzaga!“, verhöhnte er sie bitter. „Euer Schoßhund, Euer Lautenspieler; aber nicht Manns genug, Euer Hauptmann zu sein; nicht Manns genug, um einen Gedanken zu verdienen, der freundlicher ist als jener, den man Peppe oder Euren Hunden entgegenbringt. Ich mag meinen Hals riskieren, um Euch zu dienen, um Euch hierher an einen sicheren Ort vor Gian Marias Verfolgung zu bringen, und werde für einen beiseitegeschoben, der zufällig ein wenig mehr Kenntnis von diesem groben Handwerk der Waffen hat. Schiebt mich beiseite, wenn Ihr wollt“, fuhr er mit zunehmender Bitterkeit fort, „aber wenn Ihr das getan habt, verlangt nicht von mir, dass ich Euch wieder diene. Lasst Messer Francesco es ausfechten …“
„Still, Gonzaga!“, unterbrach sie ihn. „Lasst mich hören, was er sagt.“
Und ihr Ton verriet dem Höfling, dass seine Worte im Morgenwind verweht waren. Vertieft in die Szene unter ihr, hatte sie nicht einmal seinem bitteren Tiraden zugehört. Denn jetzt verhielt sich Francesco seltsam. Der Narr war von dem Auftrag zurückgekehrt, auf den er ausgesandt worden war, und Francesco rief ihn zu sich. Das Schwert senkend, empfing er ein Papier aus Peppes Hand.
Brennend vor Entrüstung darüber, dass man ihn nicht beachtet hatte, stand Gonzaga da und biss sich auf die Lippe, während Valentina sich vorlehnte, um Francescos Worte aufzufangen.
„Ich habe hier einen Beweis“, rief er, „für das, was ich Euch sage; ein Beweis dafür, wie wenig Gian Maria bereit ist, seine Drohungen mit Kanonen auszuführen. Dieser Kerl Cappoccio ist es, der Euch mit seinem Gerede verführt hat. Und Ihr, wie die Schafe, die Ihr seid, lasst Euch von seiner üblen Zunge treiben. Hört nun das Bestechungsgeld, das Gian Maria jemandem innerhalb dieser Mauern anbietet, wenn er einen Weg finden kann, Roccaleone in seine Hände zu liefern.“ Und zu Gonzagas lähmender Bestürzung hörte er Francesco den Brief vorlesen, mit dem Gian Maria auf seinen vorgeschlagenen Verrat an der Festung geantwortet hatte. Er wurde bleich vor Angst und lehnte sich gegen die niedrige Mauer, um das verräterische Zittern zu beruhigen, das ihn ergriffen hatte. Dann schwebte Francescos Stimme, spöttisch und zuversichtlich, zu seinen Ohren empor. „Ich frage Euch, meine Freunde, wäre Seine Hoheit von Babbiano bereit zur Zahlung von tausend Goldgulden, wenn er durch Bombardement einen Weg nach Roccaleone zu brechen glaubte? Dieser Brief wurde gestern geschrieben. Seitdem haben wir selbst eine tapfere Schau von Kanonen gemacht; und wenn er gestern nicht zu schießen wagte, glaubt Ihr, er wird es heute? Aber hier, überzeugt Euch selbst, wenn es einen unter Euch gibt, der lesen kann.“
Er hielt ihnen den Brief hin. Cappoccio nahm ihn und rief einen Aventano, dem er ihn seinerseits hinhielt. Dieser Aventano, ein Jüngling, der teilweise für die Kirche ausgebildet worden war, aber von diesem hohen Ziel abgefallen war, trat nun vor und nahm den Brief. Er prüfte ihn, las ihn laut vor und erklärte ihn für echt.
„An wen ist er adressiert?“, verlangte Cappoccio zu wissen.
„Nein, nein!“, rief Francesco. „Was für eine Notwendigkeit gibt es dafür?“
„Lass gut sein“, antwortete Cappoccio fast grimmig. „Wenn Ihr wollt, dass wir in Roccaleone bleiben, dann lass gut sein. Aventano, sag es mir.“
„An Messer Romeo Gonzaga“, antwortete der Jüngling mit einer Stimme des Staunens.
Ein so übles Licht sprang in Cappoccios Auge, dass Francesco seine freie Hand an das Schwert legte, das er gesenkt hatte. Doch Cappoccio sah nur zu Gonzaga hinauf und grinste boshaft. Es war in seinen stumpfen Verstand gedrungen, dass er das Werkzeug eines Judas gewesen war, der die Burg für tausend Gulden verkaufen wollte. Weiter als das sah Cappoccio nicht; noch war er sehr nachtragend, und sein Grinsen war eher von Spott als von Zorn. Er war nicht geplagt von hohen Vorstellungen von Ehre, die ihn in dieser Tat Gonzagas irgendetwas anderes hätten sehen lassen als solch einen Akt eines Trickbetrügers, den zu vereiteln immer angenehm ist. Und dann, für die anderen, die von dem, was in Cappoccios Geist vorging, nichts wussten, tat er eine gewaltig seltsame Sache. Von demjenigen, der sie zu Verrat und Meuterei angestiftet hatte, wurde er nun zu demjenigen, der seine Stimme zu einem strammen Argument der Loyalität erhob. Er stimmte allem zu, was Messer Francesco gesagt hatte, und er schlug sich, was ihn betraf, auf die Seite von Messer Francesco, um die Tore gegen alle Verräter zu verteidigen, die versuchten, sie für Gian Maria Sforza zu öffnen.
Sein Abfall von der Sache der Meuterei war das Signal für das völlige Aufgeben jener Sache selbst, und ein weiterer starker Verbündeter, der passend dazu wog, war die Tatsache, dass die halbe Stunde Gnadenfrist nun abgelaufen war und Gian Marias Geschütze stumm blieben. Er machte sie mit einem Lachen auf die Tatsache aufmerksam und hieß sie in Frieden gehen, wobei er die frische Versicherung hinzufügte, dass jene Geschütze an diesem Tag nicht sprechen würden, noch am nächsten, noch jemals.
Völlig besiegt von Francesco und – vielleicht noch mehr – von seinem unerwarteten Verbündeten Cappoccio, schlichen sie beschämt davon zu dem Essen und Trinken, das er sie bei Fra Domenico suchen hieß.
KAPITEL XX. DIE LIEBENDEN
„Wie gelangte dieser Brief in Eure Hände?“, fragte Valentina Gonzaga, als sie kurz darauf gemeinsam im Burghof standen, wohin der Höfling ihr gefolgt war, als sie hinabstieg.
„Um einen Armbrustbolzen gewickelt, der gestern auf die Zinnen fiel, während ich dort allein spazieren ging“, erwiderte Gonzaga kühl.
Er hatte mittlerweile seine Fassung zurückgewonnen. Er sah, dass er in tödlicher Gefahr schwebte, und die bloße Furcht, die ihn ergriff, schien ihm durch ein seltsames Paradoxon die Kraft zu verleihen, seine Rolle zu spielen.
Valentina betrachtete ihn mit einem Anflug von Misstrauen in ihrem Blick. Doch auf Francescos klarem Gesicht zeigte sich kein Schatten von Verdacht. Seine Augen lächelten beinahe, als er Gonzaga fragte:
„Warum habt Ihr ihn nicht zu Monna Valentina gebracht?“
Ein Rot überzog die Wangen des Höflings. Er zuckte ungeduldig mit den Schultern, und mit einer Stimme, die vor Zorn erstickte, lieferte er seine Antwort.
„Für Euch, mein Herr, die Ihr in Lagern und Wachstuben aufgewachsen zu sein scheint, mag die Fülle dieser Beleidigung, die mir Gian Maria entgegenbrachte, nicht offensichtlich sein. Es mag Euch nicht gegeben sein zu erkennen, dass schon die Berührung dieses Briefes meine Hände beschmutzte, dass es mich unbeschreiblich beschämte zu denken, dass jener bäuerliche Herzog mich für ein Ziel eines solchen Pfeils gehalten haben könnte. Es wäre daher müßig, Euch begreiflich machen zu wollen, wie wenig ich es ertragen konnte, mich der weiteren Schande auszusetzen, einem anderen die Kränkung sehen zu lassen, die ich nicht rächen konnte. Ich tat, mein Herr, mit diesem Brief das einzig Denkbare. Ich zerknüllte ihn in meiner Hand und warf ihn von mir, so wie ich versuchte, seinen Inhalt aus meinem Geist zu werfen. Doch Eure wachsamen Spione, Ser Francesco, brachten ihn zu Euch, und wenn meine Schande vor den Augen jener Söldnerhorde zur Schau gestellt wurde, so hat es zumindest den Zweck erfüllt, Monna Valentina zu retten. Um das zu tun, würde ich, wenn die Not es erforderte, mehr opfern als den Stolz, der mich veranlasste, in der Angelegenheit dieser Mitteilung zu schweigen.“
Er sprach mit solcher Hitze der Aufrichtigkeit, dass er sowohl Francesco als auch Valentina überzeugte, und die Augen der Dame nahmen einen weicheren Ausdruck an, als sie Gonzaga betrachtete – diesen armen Gonzaga, den sie, wie ihr Herz ihr sagte, in ihren Gedanken schwer Unrecht getan hatte. Francesco, stets großzügig, nahm seine leidenschaftlichen Äußerungen von der besten Seite.
„Messer Gonzaga, ich verstehe Eure Skrupel. Ihr tut mir Unrecht, wenn Ihr denkt, dass ich darin versagen würde.“
Er unterdrückte den Vorschlag, den er gerade erneuern wollte, dass Gonzaga dennoch besser beraten gewesen wäre, diesen Brief sofort Monna Valentina vorzulegen. Stattdessen tat er das Thema mit einem Lachen ab und schlug vor, dass sie ihr Fasten brechen sollten, sobald er seine Rüstung abgelegt habe.
Er ging, um dies zu tun, während Valentina ihre Schritte in Richtung des Speisesaals lenkte, begleitet von Gonzaga, dem sie nun durch ein beinahe übermäßiges freundliches Auftreten für ihre Verdächtigungen Wiedergutmachung zu leisten versuchte.
Doch es gab einen, den Gonzagas hochtrabende Worte in Verbindung mit diesem Brief kalt gelassen hatten. Das war Peppe, dieser Weiseste aller Toren. Er eilte Francesco nach, und während der Ritter seine Rüstung ablegte, kam er, um seinem Argwohn Ausdruck zu verleihen. Doch Francesco wies ihn ungeduldig ab, und Peppe zog von dannen, betrübt und fluchend, dass die Weisheit des Narren wahrlich besser sei als die Torheit der Weisen.
Den ganzen Tag über wich Gonzaga kaum von Valentinas Seite. Er sprach am Morgen lange mit ihr über poetische oder gelehrte Themen, womit er seine gewaltige geistige Überlegenheit gegenüber dem raubeinigen Francesco zur Schau stellen wollte. Am Abend, als die Tageshitze verflogen war und besagter Messer Francesco gerade einige Verteidigungsmaßnahmen auf den Mauern traf, spielte Gonzaga mit Valentina und ihren Damen Boccia – letztere hatten sich inzwischen von der Panik erholt, der sie zuvor erlegen waren.
An jenem Morgen hatte Gonzaga in der Enge gestanden und mitansehen müssen, wie seine Pläne zerbröckelten. An jenem Abend, nachdem er den Tag in Valentinas Gesellschaft verbracht hatte – und sie war so süß und freundlich zu ihm –, begann er wieder Mut zu fassen, und sein flatterhafter Geist flüsterte seiner Seele die Hoffnung ein, dass die Dinge nach alledem doch so ausgehen könnten, wie er es ursprünglich beabsichtigt hatte, wenn er seine Karten nur geschickt ausspielte und seine Chancen nicht durch die Übereilung verdarb, die ihn beinahe schon einmal um alles gebracht hätte. Sein Vorhaben gewann an Kraft durch eine Nachricht, die an diesem Abend von Gian Maria eintraf, der sich inzwischen sicher war, dass Gonzagas Plan gescheitert war. Er ließ ausrichten, dass er, da er das Blutvergießen, mit dem der rücksichtslose Wahnsinnige gedroht hatte, der sich Monna Valentinas Vogt nannte, nicht provozieren wolle, die Bombardierung aufschieben werde, in der Hoffnung, dass in der Zwischenzeit der Hunger in dieser rebellischen Garnison für eine gefügigere Stimmung sorgen würde.
Francesco las die Nachricht den Soldaten der Madonna vor, und sie nahmen sie freudig auf. Ihr Vertrauen in ihn wuchs durch diesen Beweis seiner weitsichtigen Einschätzung um das Hundertfache. Infolgedessen waren sie beim Abendessen eine heitere Gesellschaft, und am heitersten von allen war Messer Gonzaga, der sich zu Ehren eines so bedeutsamen Anlasses in einen prächtigen violetten Anzug aus Taffet-Seide gekleidet hatte.
Francesco verließ als Erster die Tafel und bat Monna Valentina um Erlaubnis, sich um eine Pflicht zu kümmern, die ihn zu den Mauern rief. Sie ließ ihn gehen und saß danach in sich gekehrt da; sie achtete weder auf Romeos leichtes Geplänkel noch auf das Sonett von Petrarca, das er kurz darauf der Gesellschaft vortrug. Ihre Gedanken waren ganz bei demjenigen, der die Tafel verlassen hatte. Kaum ein Wort hatte sie mit Francesco gewechselt seit jenem berauschenden Moment, als sie sich auf den Wällen in die Augen geschaut und das Geheimnis gesehen hatten, das jeder vor dem anderen verbarg. Warum war er nicht zu ihr gekommen? fragte sie sich. Und dann dachte sie daran, wie Gonzaga den ganzen Tag lang an ihrer Seite geklebt hatte, und sie erkannte auch, dass sie es war, die Francescos Gesellschaft gemieden hatte, da sie plötzlich seltsam schüchtern geworden war.
Doch größer als ihre Schüchternheit war nun ihr Verlangen, in seiner Nähe zu sein und seine Stimme zu hören; dass er sie wieder so ansehen möge, wie er es an jenem Morgen getan hatte, als sie in ihrer Angst um ihn versucht hatte, ihn davon abzubringen, sich dem feigen Impuls ihrer Landsknechte entgegenzustellen. Eine Frau in reiferem Alter oder eine an Erfahrung Reichere hätte gewartet, bis er sie aufsuchte. Doch Valentina dachte in ihrer süßen Natürlichkeit nie an Hinterlist oder kokette Spielchen. Sie erhob sich leise von der Tafel, noch bevor Gonzagas Lied beendet war, und ebenso leise schlüpfte sie aus dem Raum.
Es war eine schöne Nacht, die Luft schwer vom frühlingshaften Duft fruchtbarer Ländereien, und das tiefe Kobalt des Himmels ein glitzerndes, sternenübersätes Gewölbe, in dessen lichterem Raum die halbe Scheibe des wachsenden Mondes schwebte. Ein solcher Mond, dachte sie, wie sie ihn betrachtet hatte, während sie in Gedanken bei ihm war, in der Nacht nach ihrer kurzen Begegnung bei Acquasparta. Sie hatte jenen nördlichen Wall erreicht, auf dem er angekündigt hatte, dass ihn die Pflicht rufe, und dort drüben sah sie einen Mann – den einzigen Bewohner der Mauer –, der sich auf die zinnengekrönte Brustwehr lehnte und auf die Lichter von Gian Marias Lager hinabblickte. Er war barhäuptig, und an der goldenen Haube, die in seinem Haar schimmerte, erkannte sie ihn. Leise schlich sie sich hinter ihn.
„Träumen wir hier, Messer Francesco?“, fragte sie ihn, als sie seine Seite erreichte, und ein Lachen schwang in ihren Worten mit.
Er fuhr beim Klang ihrer Stimme herum, dann lachte auch er, leise und froh.
„Es ist eine Nacht für Träume, und ich habe wahrlich geträumt. Doch Sie haben sie zerstreut.“
„Das betrübt mich“, neckte sie ihn. „Denn sie waren sicherlich angenehm, da Sie uns verließen, um hierher zu kommen und sich ihnen hinzugeben.“
„Ja, sie waren angenehm“, antwortete er. „Und doch waren sie von einer gewissen Traurigkeit erfüllt, aber so müßig wie der Stoff, aus dem Träume sind. Es lag an Ihnen, sie zu verscheuchen, denn sie handelten von Ihnen.“
„Von mir?“, fragte sie, während ihr Herzschlag sich beschleunigte und eine Röte auf ihre Wangen zauberte, für deren Verbergen sie der Nacht dankte.
„Ja, Madonna – von Ihnen und unserem ersten Treffen in den Wäldern bei Acquasparta. Erinnern Sie sich?“
„Das tue ich, das tue ich“, murmelte sie zärtlich.
„Und erinnern Sie sich, wie ich mich damals zu Ihrem Ritter und für immer zu Ihrem Streiter schwor? Wir ahnten kaum, wie die Ehre, nach der ich mich sehnte, mein werden würde.“
Sie gab ihm keine Antwort; ihre Gedanken schweiften zurück zu jenem ersten Treffen, über das sie so oft und so liebevoll nachgegrübelt hatte.
„Ich dachte auch“, sagte er nach einer Weile, „an jenen Mann Gian Maria dort draußen in der Ebene und an diese schändliche Belagerung.“
„Sie – Sie haben keine Bedenken?“, fragte sie stockend, denn seine Worte hatten sie ein wenig enttäuscht.
„Bedenken?“
„Dass Sie hier bei mir sind. Dass Sie in das verwickelt sind, was sie meine Rebellion nennen?“
Er lachte leise, seine Augen auf dem silbrigen Schimmer der Gewässer unter ihnen.
„Meine Bedenken gelten ganz der Zeit, wenn diese Belagerung beendet sein wird; wenn Sie und ich jeder unserer Wege gehen werden“, antwortete er kühn. Er wandte sich ihr nun ganz zu, und seine Stimme klang ein wenig angespannt. „Doch dafür, hier zu sein, um diesen schönen Widerstand zu leiten und Ihnen die kleine Hilfe zu gewähren, die ich kann ... Nein, nein, da habe ich keine Bedenken. Es ist der liebste Streich, in den mich mein Soldatendasein je geführt hat. Ich kam mit einer Warnung nach Roccaleone; doch tief drinnen in meinem Herzen trug ich die Hoffnung, dass mein Teil mehr sein würde als der eines Boten; dass es mir vergönnt sein möge, bei Ihnen zu bleiben und solch ein Werk zu verrichten, wie ich es gerade tue.“
„Ohne Sie hätten sie mich schon jetzt zur Kapitulation gezwungen.“
„Vielleicht hätten sie das. Doch solange ich hier bin, glaube ich nicht, dass sie es werden. Ich brenne vor Verlangen nach Nachrichten aus Babbiano. Wenn ich nur wüsste, was dort vor sich geht, könnte ich Sie mit der Gewissheit aufmuntern, dass diese Belagerung nur noch wenige Tage dauern kann. Gian Maria muss heimkehren oder sich dem Verlust seines Throns beugen. Und wenn er diesen verliert, würde Ihr Onkel sein Werben um Sie nicht mehr so nachdrücklich unterstützen. Für Sie, Madonna, muss das ein erfreulicher Gedanke sein. Für mich – ach! Warum sollte ich darauf hoffen?“
Er blickte nun in die Nacht hinaus, doch seine Stimme bebte vor der Emotion, die in ihm war. Sie schwieg, und vielleicht durch dieses Schweigen ermutigt, angespornt durch die Erinnerung an das, was er an jenem Morgen in ihren Augen widergespiegelt gesehen hatte:
„Madonna“, rief er, „ich wollte, es wäre mir vergönnt, Ihnen einen Weg durch das belagernde Lager zu bahnen und Sie an einen gesegneten Ort zu tragen, wo es weder Höfe noch Fürsten gibt. Doch da dies nicht sein kann, Madonna mia, wünschte ich, diese Belagerung würde ewig dauern.“
Und dann – war es die Nachtbrise, die leise durch sein Haar strich und ihn mit dem Flüstern verspottete: „Das wünschte ich mir in der Tat auch?“ Er wandte sich ihr zu, seine braune, nervöse Hand legte sich auf ihre elfenbeinweiße, die auf dem Stein ruhte.
„Valentina!“, rief er, seine Stimme nicht lauter als ein Flüstern, seine Augen suchten sehnsüchtig die ihren, die sie abgewandt hatte. Und dann, so plötzlich, wie er aufgeflammt war, erlosch das Feuer in seinem Blick. Er zog seine Hand von ihrer zurück, er seufzte und richtete seinen Blick wieder auf das Lager. „Vergeben, vergessen Sie, Madonna“, murmelte er bitter, „was ich mir in meinem Wahnsinn herausgenommen habe.“
Sie stand einen langen Moment schweigend da; dann rückte sie näher an ihn heran, und ihre Stimme murmelte zurück: „Was, wenn ich es mir nicht als Anmaßung auslege?“
Mit einem Keuchen wirbelte er herum, um ihr ins Gesicht zu sehen, und sie standen sehr dicht beieinander, Blick hielt Blick fest, und ihrer war der weniger scheue von beiden. So blieben sie eine Weile stehen. Dann schüttelte er den Kopf und sprach mit unendlicher Traurigkeit:
„Es wäre besser, Sie täten es, Madonna“, antwortete er.
„Besser? Aber warum?“
„Weil ich kein Herzog bin, Madonna.“
„Und was hat das zu bedeuten?“, rief sie, um mit Verachtung hinzuzufügen: „Dort draußen sitzt ein Herzog. Oh, mein Herr, wie soll ich Ihnen genau die Worte als anmaßend auslegen, die ich hören möchte? Was bedeutet mir Ihr Rang? Ich kenne Sie als den wahrhaftigsten Ritter, den edelsten Edelmann und den tapfersten Freund, der je einer bedrängten Jungfrau zu Hilfe kam. Vergessen Sie etwa die Grundsätze, die mich zu diesem Widerstand geführt haben? Dass ich eine Frau bin und vom Leben nicht mehr verlange, als einer Frau zusteht – und nicht weniger.“
Da hielt sie inne; wieder stieg ihr das Blut in die Wangen, als sie daran dachte, wie schnell sie gesprochen hatte und wie kühn ihre Worte klingen mochten. Sie wandte sich leicht von ihm ab und lehnte sich nun an die Brustwehr, während sie in die Nacht hinausblickte. Und während sie so dastand, war es eine sehr leidenschaftliche Stimme, die ihr ins Ohr flüsterte:
„Valentina, bei meiner Seele, ich liebe Sie!“ Und dort endete das Flüstern, das sie mit einer Ekstase erfüllte, die in ihrer Intensität fast schmerzhaft war, jäh, als wäre es erwürgt worden. Wieder suchte seine Hand die ihre, die ihm überlassen wurde, wie sie ihm ihr ganzes Leben auf sein süßes Geheiß überlassen hätte, und nun klang seine Stimme weniger leidenschaftlich.
„Warum uns mit grausamen Hoffnungen täuschen, meine Valentina?“, sagte er. „Es gibt die Zukunft. Es gibt die Zeit, wenn diese Belagerung vorbei sein wird und wenn Sie, nachdem Gian Maria heimgekehrt ist, frei sein werden, zu gehen. Wohin werden Sie gehen?“
Sie sah ihn an, als verstünde sie die Frage nicht, und ihre Augen waren beunruhigt, obwohl er dies in dem wenigen Licht, das vorhanden war, kaum sehen konnte.
„Ich werde gehen, wohin Sie mich heißen. Wo sonst habe ich hinzugehen?“, fügte sie mit einem Anflug von Bitterkeit hinzu.
Er fuhr zusammen. Ihre Antwort war so ganz anders als das, was er erwartet hatte.
„Aber Ihr Onkel ...?“
„Welche Pflicht schulde ich ihm? Oh, ich habe darüber nachgedacht, und bis – bis heute Morgen schien es, als müsse ein Kloster meine letzte Zuflucht sein. Ich habe den Großteil meiner jungen Jahre in Santa Sofia verbracht, und das Wenige, das ich von der Welt am Hof meines Onkels gesehen habe, lädt mich kaum dazu ein, mehr davon zu sehen. Die Mutter Äbtissin liebte mich ein wenig. Sie würde mich wieder aufnehmen, es sei denn ...“
Sie brach ab und sah ihn an, und vor diesem Blick absoluter und süßer Hingabe schwammen seine Sinne. Dass sie die Nichte des Herzogs von Urbino war, erinnerte er nicht mehr, als dass er Graf von Aquila war, von gutem Geblüt, aber von keinem allzu reichen Anwesen, und sicherlich in Guidobaldos Augen kein besserer Partner für sie, als wenn er der einfache fahrende Ritter gewesen wäre, der er zu sein schien.
Er trat näher an sie heran, seine Hände – als ob sie einem Gebot folgten, das größer war als sein Wille, vielleicht dem Gebot jenes Blickes von ihr – ergriffen sie bei den Schultern, während seine ganze Seele ihn aus seinen Augen ansah. Dann, mit einem unterdrückten Schrei, zog er sie an sich. Einen Moment lang lag sie bebend in seinen Armen, ihr großes, bronzenes Haupt auf der Höhe seines Kinns, ihr Herz schlug gegen sein Herz. Er beugte sich plötzlich hinunter und küsste sie auf die Lippen. Sie erduldete es mit einem Widerstandslosen, das dazu einlud. Doch als es vollbracht war, schob sie ihn sanft von sich; und er, gehorsam gegenüber ihrem kleinsten Wunsch, zügelte das wilde Ungestüm seiner Stimmung und ließ sie frei.
„Anima mia!“, rief er entzückt. „Sie sind jetzt mein, komme, was da wolle. Weder Gian Maria noch alle Herzöge der Christenheit sollen Sie mir nehmen.“
Sie legte ihre Hand auf seine Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen, und er küsste ihre Handfläche, sodass sie lachend zurückwich. Und nun ging sie vom Lachen zu einer großen Feierlichkeit über, und mit ausgestrecktem Arm in Richtung des herzoglichen Lagers sagte sie: „Gewinnen Sie mir einen Weg durch diese Linien und tragen Sie mich weit weg von Urbino – weit weg, wo Guidobaldos Macht und die Rache Gian Marias uns nicht folgen können –, und Sie werden mich für sich gewonnen haben. Doch bis dahin, lassen Sie einen Waffenstillstand herrschen für – für dies zwischen uns. Hier gibt es Männerarbeit zu tun, und wenn ich heute Abend schwach bin, könnte ich Sie schwächen, und dann wären wir beide verloren. Auf Ihre Stärke zähle ich, Franceschino mio, mein wahrer Ritter.“
Er hätte ihr antworten wollen. Er hatte ihr viel zu sagen – wer und was er war. Doch sie deutete auf das obere Ende der Treppe, wo die Gestalt eines Mannes auftauchte.
„Dort kommt der Schildwache“, sagte sie. „Verlassen Sie mich jetzt, lieber Francesco. Gehen Sie. Es wird spät.“
Er verneigte sich tief vor ihr, stets gehorsam wie der wahre Ritter, der er war, und nahm Abschied von ihr, seine Seele in Flammen.
Valentina beobachtete seine zurückweichende Gestalt, bis sie hinter der Ecke der Mauer verschwunden war. Dann lehnte sie sich mit einem tiefen Seufzer, der wie ein Dankgebet für dieses große Glück war, das in ihr Leben getreten war, an die Brustwehr und blickte hinaus in die Dunkelheit, ihre Wangen gerötet, ihr Herz noch immer hoch schlagend. Sie lachte leise in sich hinein vor purer Glückseligkeit. Das Lager von Gian Maria wurde zu einem Gegenstand ihrer Verachtung. Was sollte seine Macht nützen, solange sie einen solchen Streiter hatte, der sie jetzt und in Zukunft verteidigte?
In dieser Belagerung lag eine Ironie, an der sich ihre Fantasie festklammerte. Indem Gian Maria so mit Waffen gegen sie auszog, suchte er sie als seine Frau zu gewinnen; doch alles, was er erreicht hatte, war, sie in die Arme des einen Mannes zu führen, den sie aufgrund eben dieser Belagerung lieben gelernt hatte. Die milde Wärme der Nacht, der allgegenwärtige Duft der Felder passten vortrefflich zu ihrer Stimmung, und die sanfte Brise, die ihr liebkosend über die Wange strich, schien die Melodien widerzuhallen, die ihr Herz hervorbrachte. In jener Stunde schienen diese alten grauen Mauern von Roccaleone für sie ein wahres Paradies zu umschließen, und das Fragment eines alten Liebesliedes entwich leise ihren gespaltenen Lippen. Doch wie ein Paradies – ach! – hatte es seine Schlange, die ungehört hinter ihr heranschlich und alsbald in ihrem Ohr zischte. Und seine Stimme war die Stimme von Romeo Gonzaga.
„Es tröstet mich, Madonna, dass es zumindest einen in Roccaleone gibt, der das Herz hat zu singen.“
Aufgeschreckt aus ihrer glücklichen Nachdenklichkeit durch diese geschmeidige und nun unsagbar unheilvolle Stimme, wandte sie sich ihrem Besitzer zu.
Sie sah das weiße Schimmern seines Gesichts und etwas von dem Zorn, der in seinem Auge schwelte, und trotz sich selbst durchlief sie ein Schauer der Alarmbereitschaft. Sie blickte hinter ihn an einen Punkt, wo sie vor Kurzem die Schildwache gesehen hatte. Da war niemand, auch sonst nirgends auf dieser Mauer. Sie waren allein, und Messer Gonzaga sah seltsam böse aus.
Einen Moment lang herrschte eine gespannte Stille, die nur durch das stürzende Wasser des Wildbach-Grabens und den heiseren Ruf einer Schildwache „Chi va là?“ im Lager von Gian Maria unterbrochen wurde. Dann wandte sie sich nervös ab und fragte sich, wie viel er wohl von dem gehört hatte, was zwischen ihr und Francesco vorgefallen war, wie viel er gesehen hatte.
„Und doch, Gonzaga“, antwortete sie ihm, „ließ ich Sie unten singen, als ich wegging.“
„– Um hier im Mondlicht mit diesem verdammten Draufgänger zu schäkern, diesem Briganten, diesem im Zwinger gezüchteten Biest von einem Sbirro!“
„Gonzaga! Sie würden es wagen!“
„Wagen?“, verspottete er sie, außer sich vor Leidenschaft. „Sind Sie es, die von Wagen sprechen – Sie, die Nichte von Guidobaldo da Montefeltro, eine Dame aus dem edlen und illustren Haus Rovere, die sich in die Arme eines niedrig geborenen Vasallen wie jenem warf, einem Masnadiero, einem Banditen, einem Bravo? Und können Sie noch von Wagen sprechen und diesen Ton mir gegenüber anschlagen, wenn Scham Sie entweder tot oder stumm machen sollte?“
„Gonzaga“, antwortete sie ihm, ihr Gesicht so weiß wie sein eigenes, doch ihre Stimme stetig und hart vor Zorn, „verlassen Sie mich jetzt – auf der Stelle, oder ich lasse Sie auspeitschen – bis auf die Knochen auspeitschen.“
Einen Moment starrte er sie an wie ein benommener Mann. Dann warf er die Arme zum Himmel, ließ sie schwer an seine Seiten fallen, zuckte mit den Schultern und lachte boshaft. Doch von Gehen machte er keine Anstalten.
„Rufen Sie Ihre Männer“, antwortete er ihr mit erstickter Stimme. „Tun Sie Ihr Werk an mir. Peitschen Sie mich bis auf die Knochen oder bis zum Tode – lassen Sie das die Belohnung für alles sein, was ich getan habe, alles, was ich riskiert habe, alles, was ich geopfert habe, um Ihnen zu dienen. Es wäre ein Stück wie Ihre anderen Taten.“
Ihre Augen suchten seine in der Dunkelheit, ihr Busen hob und senkte sich heftig bei ihrem Bemühen, sich zu beherrschen, bevor sie sprach.
„Messer Gonzaga“, sagte sie schließlich, „ich will nicht leugnen, dass Sie mir in der Angelegenheit meiner Flucht aus Urbino treu gedient haben ...“
„Warum davon sprechen?“, höhnte er. „Es war ein Dienst, den Sie nur so lange in Anspruch nahmen, bis sich ein anderer anbot, dem Sie Ihre Gunst und das Oberkommando Ihrer Festung verleihen konnten. Warum davon sprechen?“
„Um Ihnen zu zeigen, dass der Dienst, auf den Sie anspielen, jetzt bezahlt ist“, entgegnete sie streng. „Indem Sie mir Vorwürfe machen, haben Sie Bezahlung entgegengenommen, und indem Sie mich beleidigen, haben Sie meine Dankbarkeit ausgelöscht.“
„Eine höchst bequeme Logik, Ihre“, spottete er. „Ich werde beiseitegeworfen wie ein abgetragenes Kleidungsstück, und das Kleidungsstück gilt als bezahlt, weil es durch viel hartes Tragen ein wenig fadenscheinig geworden ist.“
Und nun kam ihr der Gedanke, dass vielleicht etwas Gerechtigkeit in seinen Worten lag. Vielleicht hatte sie ihn ein wenig hart behandelt.
„Glauben Sie, Gonzaga“, sagte sie, und ihr Ton war nun ein wenig sanfter, „dass Sie mich kränken dürfen, nur weil Sie mir gedient haben, und jener Ritter, der mir ebenfalls gedient hat, und ...“
„Worin kann sich ein solcher Dienst wie seiner mit meinem vergleichen? Was hat er getan, das ich nicht besser getan hätte?“
„Nun, als die Männer hier rebellierten ...“
„Bah! Führen Sie mir das nicht an. Leib Gottes! Es ist sein Handwerk, solch ein Schweinevolk anzuführen. Er ist einer von ihnen. Aber was den Rest betrifft, was hat ein Mann wie dieser durch seine Teilnahme an Ihrer Rebellion zu verlieren, verglichen mit einem solchen Verlust, wie der meine sein muss?“
„Nun, wenn die Dinge schlecht laufen, nehme ich an, er könnte sein Leben verlieren“, antwortete sie mit leiser Stimme. „Können Sie mehr verlieren?“
Er machte eine Geste der Ungeduld.
„Wenn die Dinge schlecht laufen – ja. Es mag ihn teuer zu stehen kommen. Aber wenn sie gut laufen und diese Belagerung aufgehoben wird, hat er nichts weiter zu befürchten. Mein Fall ist ein gefährlicher. Wie auch immer diese Belagerung endet, für mich wird es kein Entrinnen vor der Rache Gian Marias und Guidobaldos geben. Sie wissen von meinem Anteil daran. Sie wissen, dass Ihre Aktion von mir unterstützt wurde und dass Sie sich ohne mich niemals für einen solchen Widerstand hätten ausrüsten können. Was auch immer aus Ihnen und diesem Ser Francesco werden mag, für mich wird es kein Entrinnen geben.“
Sie atmete tief durch und stellte ihm dann die offensichtliche Frage:
„Haben Sie es nicht bedacht – haben Sie diese Chancen nicht abgewogen –, bevor Sie sich auf diese Sache einließen, bevor Sie selbst mich zu diesem Schritt gedrängt haben?“
„Ja, das habe ich“, antwortete er mürrisch.
„Warum dann jetzt diese Beschwerden?“
Er war in seiner Antwort ihr gegenüber seltsam, wahnsinnig offen. Er sagte ihr, dass er es getan habe, weil er sie liebte, weil sie ihm Zeichen gegeben habe, dass seine Liebe nicht vergeblich sei.
„Ich habe Ihnen Zeichen gegeben?“, unterbrach sie ihn. „Mutter im Himmel! Rezitieren Sie diese Zeichen, damit ich sie kenne.“
„Waren Sie nicht immer freundlich zu mir?“, forderte er. „Haben Sie nicht immer eine Vorliebe für meine Gesellschaft gezeigt? Waren Sie nicht immer erfreut, dass ich Ihnen die Lieder vorsang, die ich zu Ihren Ehren gemacht hatte? War ich es nicht, an den Sie sich in der Stunde Ihrer Not wandten?“
„Siehst du nun, welch armseliges Ding du bist, Gonzaga?“, antwortete sie schneidend. „Eine Frau darf dir nicht zulächeln, darf dir kein freundliches Wort geben, darf nicht dulden, dass du ihr vorsingst, ohne dass du gleich schließt, sie sei in dich verliebt. Und wenn ich mich in meiner Not an dich wandte, wie du mich erinnerst, muss das ein Zeichen meiner Verliebtheit sein? Denkt jeder Kavalier so, wenn eine hilflose Frau sich in ihrer Bedrängnis an ihn wendet? Aber selbst dann“, fuhr sie fort, „wie sollte all das die Gefahr schmälern, von der du jetzt sprichst? Selbst wenn dein Werben um mich Erfolg hätte, würdest du dadurch weniger Romeo Gonzaga sein, die Zielscheibe des Zorns meines Onkels und Gian Marias? Vielmehr glaube ich, dass es dich noch mehr dazu machen würde.“
Doch er nahm ihr die Illusionen. Er trug kein Bedenken, in seiner zornigen Stimmung seine Überlegung vor ihr auszubreiten, dass er als ihr Ehemann geschützt wäre.
Sie lachte laut darüber auf.
„Und mit solchen Sophistereien ist also deine Anmaßung zum Leben erwacht?“
Das traf ihn. Bebend vor der Leidenschaft, die ihn besessen hielt, trat er dicht an sie heran.
„Sag mir, Madonna – warum sollen wir eine Werbung, die wir bei einem namenlosen Abenteurer ermutigen, bei Romeo Gonzaga als Anmaßung betrachten?“, fragte er mit dicker, zitternder Stimme.
„Nimm dich in Acht“, gebot sie ihm.
„Wovor in Acht nehmen?“, fuhr er sie an. „Antworte mir, Monna Valentina. Bin ich ein so niederer Mensch, dass ich durch den bloßen Gedanken an die Liebe zu dir anmaßend sein muss, während du dich in die Arme dieses draufgängerischen Bravo begeben und seine Küsse empfangen kannst? Deine Argumentation passt schlecht zu deinen Taten.“
„Feigling!“, antwortete sie ihm. „Du Hund, der du bist!“ Und vor dem flackernden Leidenschaftsfeuer in ihren Augen wich er zurück, sein Mut schwand. Sie unterbrach ihren Zorn mitten im Lauf und gebot ihm mit gefährlich ruhiger Stimme, dafür zu sorgen, dass er bis zum Morgen nicht mehr in Roccaleone sei. „Nutze die Nacht“, riet sie ihm, „und entgehe der Wachsamkeit Gian Marias, so gut du kannst. Hier wirst du nicht bleiben.“
Da ergriff ihn eine große Furcht und vertrieb den letzten Rest seines Zorns. Und um ihm vollauf gerecht zu werden, war es nicht nur Furcht. Es war auch die Erkenntnis, dass er bleiben musste, wenn er für diese Behandlung von ihr Entschädigung verlangen und seine Rache stillen wollte. Ein Plan war gescheitert. Doch sein Geist war fruchtbar, und er mochte einen anderen ersinnen, der Erfolg haben und Gian Maria nach Roccaleone bringen konnte. So würde er reichlich gerächt sein. Sie wollte sich bereits abwenden, nachdem sie seine Verbannung ausgesprochen hatte, doch er sprang ihr nach und beschwor sie nun flehentlich auf den Knien, ihn noch eine Weile anzuhören.
Und sie, die ihre Härte bereits bereute und dachte, dass er vielleicht in seiner Eifersucht kaum für das verantwortlich war, was er gesagt hatte, blieb stehen, um ihn anzuhören.
„Nicht das, nicht das, Madonna“, jammerte er, und sein Ton ließ die Nähe von Tränen erahnen. „Schicken Sie mich nicht fort. Wenn ich sterben muss, lassen Sie mich hier in Roccaleone sterben und die Verteidigung bis zu meinem letzten Atemzug unterstützen. Aber verstoßen Sie mich nicht, damit ich Gian Marias Händen in die Falle gehe. Er wird mich für meinen Anteil an dieser Sache hängen. Vergelten Sie es mir nicht so, Madonna. Sie schulden mir sicherlich ein wenig, und wenn ich vorhin, als ich mit Ihnen sprach, von Sinnen war, so war es die Liebe zu Ihnen, die mich dazu trieb – die Liebe zu Ihnen und der Argwohn gegen jenen Mann, von dem keiner von uns etwas weiß. Madonna, seien Sie ein wenig gnädig. Erlauben Sie mir zu bleiben.“
Sie blickte auf ihn hinab, ihr Geist schwankte zwischen Mitleid und Verachtung. Dann siegte das Mitleid in Valentinas eigensinnigem, aber stets sanftem Herzen. Sie hieß ihn aufstehen.
„Und geh, Gonzaga. Begib dich zu Bett und schlafe dich in eine vernünftigere Geisteshaltung. Wir werden all das vergessen, was du gesagt hast, sofern du nie wieder davon sprichst – noch von dieser Liebe, die du mir entgegenzubringen vorgibst.“
Der Heuchler ergriff den Saum ihres Mantels und führte ihn an seine Lippen.
„Möge Gott Ihr Herz stets so rein, edel und verzeihend bewahren“, murmelte er gebrochen. „Ich weiß, wie wenig ich Ihrer Gnade würdig bin. Aber ich werde es Ihnen heimzahlen, Madonna“, beteuerte er – und meinte es aufrichtig, wenn auch nicht in dem Sinne, wie es schien.
KAPITEL XXI. DER BÜSSER
Eine Woche verging friedlich in Roccaleone; so friedlich, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass dort draußen in der Ebene Gian Maria mit seinen hundert Mann saß und sie belagerte.
Diese Untätigkeit zermürbte den Grafen von Aquila, ebenso wie das Ausbleiben von Nachrichten von Fanfulla; und er fragte sich vage, was wohl in Babbiano vor sich gehen mochte, dass Gian Maria sich damit begnügen konnte, untätig vor ihnen zu sitzen, als hätte er Monate zur Verfügung, um sie durch Aushungern zur Aufgabe zu zwingen. Das Rätsel wäre gelüftet worden, hätte er gewusst, dass er Gonzaga für diese sonderbare Geduld Gian Marias zu danken hatte. Denn der Höfling hatte Gelegenheit gefunden, einen weiteren brieftragenden Pfeil in das Lager des Herzogs zu senden, in dem er ihn darüber informierte, wie und warum das letzte Komplott gescheitert war, und Gian Maria drängte, zu warten und darauf zu vertrauen, dass er einen besseren Plan ersinnen werde, um ihm die Burg in die Hände zu spielen. Er hatte kühn und zuversichtlich genug versprochen, und Gian Maria – wie die Tatsachen zeigten – hatte auf dieses sein Versprechen vertraut und dessen Erfüllung abgewartet. Doch so sehr er seinen Geist auch unablässig anstrengte, keine Inspiration kam ihm, kein Plan wollte sich ihm nahelegen, mit dem er seinen verräterischen Zweck erreichen konnte.
Er nutzte die Zeit schlau, um Valentinas Gunst und Vertrauen zurückzugewinnen. Am Morgen nach seiner stürmischen Unterredung mit Guidobaldos Nichte hatte er Fra Domenico gebeichtet und das Sakrament empfangen. Jeden Morgen danach erschien er zur Messe und wurde durch die Frömmigkeit und Inbrunst seiner Andachten ein Beispiel für alle anderen. Dies blieb Valentina nicht verborgen, die im Kloster erzogen und in gewissem Maße fromm war. Sie las in dieser sonderbaren Wandlung seines Verhaltens den unzweifelhaften Hinweis auf einen gewandelten Charakter. Dass er am Morgen nach seinen wilden Worten zu ihr das Sakrament empfangen hatte, wertete sie als Zeichen dafür, dass er die Bösartigkeit der Feindseligkeit bereute, die er gehegt hatte; dass er danach so außerordentlich fromm blieb, legte sie als Zeichen dafür aus, dass seine Reue aufrichtig und beständig sei.
Und so kam sie dazu, sich zu fragen, ob er nicht tatsächlich ebenso sehr Opfer wie Täter gewesen war, und sie endete damit, sich zu versichern, dass die Schuld zu einem Teil bei ihr lag. Da sie ihn so bußfertig sah und daraus schloss, dass er kaum wieder sündigen würde, nahm sie ihn wieder in ihre Gunst auf, und nach und nach stellte sich der alte freundschaftliche Zustand wieder ein, vielleicht sogar solider durch ihre Zuversicht, dass er sie nach dem, was geschehen war, nicht noch einmal missverstehen würde.
Das tat er nicht, noch ließ er zu, dass sein Optimismus und seine stets bereite Eitelkeit ihn mit falschen Hoffnungen täuschten. Er las sie mit exakter Präzision, und während die Lektüre nur dazu diente, ihn noch mehr zu verbittern und in seinem Racheplan zu bestärken, ließ sie ihn dennoch umso süßer lächeln und umso unterwürfiger schmeicheln.
Und nicht zufrieden damit, beschränkte er seine Kriecherei nicht auf Valentina, sondern versuchte auch durch eine lächelnde Beharrlichkeit, sich bei Francesco einzuschmeicheln. Keine Stimme in Roccaleone – nicht einmal die des Rüpels Ercole – wurde öfter oder enthusiastischer erhoben, um ihren Vogt zu loben und zu verherrlichen. Valentina, die dies beobachtete und es als weiteres Zeichen seiner Reue für die Vergangenheit und seiner Absicht zur Besserung für die Zukunft akzeptierte, wurde noch herzlicher gegen ihn. Es mangelte diesem hübschen Ser Romeo nicht an Scharfsinn, noch an Wissen über das Herz einer Frau, und an der Erkenntnis, dass es keine Schmeichelei gibt, die sie mehr bevorzugt, als jene, die den Mann zum Ziel hat, den sie liebt.
So eroberte Gonzaga während dieser friedlichen Woche das Vertrauen und die Wertschätzung aller. Er schien ein gewandelter Mann zu sein, und alle außer Peppe sahen in dieser Wandlung einen Grund für wachsendes Vertrauen und Freundschaft ihm gegenüber. Doch der scharfsinnige Narr beobachtete und grübelte. Solche Verwandlungen wie diese vollzogen sich nicht über Nacht. Er glaubte nicht an eine menschliche Puppe, die aus der Made von gestern den Schmetterling von heute machen sollte. Und so sah er in diesem schmeichelnden, lächelnden, unterwürfigen Gonzaga nichts als ein Objekt des Misstrauens, einen Kerl, den es mit höchster Wachsamkeit zu beobachten galt. Dieser Wachsamkeit widmete sich der Bucklige mit einem Eifer, der aus seiner herzlichen Abscheu gegen den Höfling geboren war. Doch Gonzaga, der sich des Misstrauens und der Wachsamkeit des Narren bewusst war, schaffte es diesmal, ihn zu überlisten und einen Brief an Gian Maria gelangen zu lassen, in dem er den ausgeklügelten Plan darlegte, den er ausgeheckt hatte.
Die Idee war ihm an jenem Sonntag bei der Messe gekommen. An allen geheiligten Tagen bestand Monna Valentina darauf, dass die gesamte Garnison, mit Ausnahme eines einzigen Schildwachens – und dies nur auf Francescos sehr eindringliches Drängen hin – dem Morgengottesdienst beiwohnte. Wie eine Eingebung kam es ihm, dass eine solche halbe Stunde die günstigste Gelegenheit wäre, die Tore von Roccaleone für die Belagerer zu öffnen. Der folgende Mittwoch war das Fest Fronleichnam. Dann würde seine Gelegenheit sein.
Während er dort kniete, mit gesenktem Haupt in ekstatischer Andacht, reifte sein verräterischer Plan. Den einzigen Wachposten konnte er bestechen oder – sollte Bestechung fehlschlagen – erdolchen. Er erkannte, dass er allein die schwerfällige Zugbrücke nicht herunterlassen konnte, noch wäre es ratsam gewesen, selbst wenn es möglich wäre, denn der Lärm könnte Alarm schlagen. Aber da war die Pforte. Gian Maria musste ihm eine leichte, tragbare Brücke bauen und sie bereithalten, um den Burggraben zu überspannen und lautlos seine Soldaten durch jenes kleine Tor in die Burg zu gießen.
Und so, nachdem das Komplott gereift und jedes Detail klar war, begab er sich auf seine Kammer und verfasste den Brief, der Gian Marias Herz erfreuen sollte. Er wählte einen günstigen Moment, um ihn abzusenden, so wie er die früheren abgeschickt hatte, an den Bolzen einer Armbrust gebunden, und er sah Gian Marias Signal – für das der Brief gesorgt hatte –, dass der Plan angenommen werden würde. Eine fröhliche Melodie summend, jubelnd bei der Aussicht, sich so reichlich gerächt zu sehen, ging Gonzaga hinab und hinaus in die Burggärten, um sich den Damen bei ihrem fröhlichen Spiel Blindekuh anzuschließen.
Doch wie sehr sich der Herzog von Babbiano auch über den Verbündeten beglückwünschen mochte, den er in Gonzaga besaß, und über den listigen Plan, den letzterer ersonnen hatte, um ihn in den Besitz von Roccaleone zu bringen, so erreichte ihn am nächsten Tag eine Nachricht, die ihn hundertmal inbrünstiger frohlocken ließ. Seine Untertanen von Babbiano befanden sich in einem Zustand, der einem offenen Aufruhr nahekam, ausgelöst durch die beunruhigenden Gerüchte, dass Caesar Borgia in Rom aufrüste, um in das Herzogtum einzufallen, sowie durch die anhaltende Abwesenheit Gian Marias in einer solchen Zeit, bei einer Werbung, die sie für unzeitgemäß hielten. Eine starke Partei hatte sich gebildet, und die Anführer hatten eine Proklamation an die Palasttore genagelt, dass sie, sollte Gian Maria nicht binnen drei Tagen zurückkehren, um die Verteidigung von Babbiano zu organisieren, ihn absetzen und nach Aquila reisen würden, um seinen Cousin Francesco del Falco – dessen Patriotismus und militärisches Geschick allen bekannt waren – einzuladen, die Krone von Babbiano anzunehmen und sie zu beschützen.
Bei dieser Nachricht und nach der Lektüre der Proklamation, die Alvari mitgebracht hatte, geriet Gian Maria in einen jener Wutanfälle, die seinen Namen in Babbiano sprichwörtlich machten. Bald jedoch beruhigte er sich. Da drüben war Gonzaga, der versprochen hatte, ihn am Mittwoch nach Roccaleone einzulassen. Das ließ ihm Zeit, erst seine widerstrebende Braut in seinen Besitz zu bringen und dann schnell nach Babbiano zu reiten, um dort vor Ablauf der dreitägigen Gnadenfrist einzutreffen, die ihm seine Untertanen gewährten.
Er beriet sich mit Guidobaldo und drängte darauf, dass ein Priester bereitstehen sollte, um sie zu trauen, sobald er sie aus der Festung gebracht hätte. Über dieses Detail gerieten sie beinahe in Streit. Guidobaldo wollte zunächst einer so überstürzten Hochzeit nicht zustimmen; sie war der Würde und dem Stande seiner Nichte unangemessen, und wenn Gian Maria sie heiraten wolle, müsse er nach Urbino kommen und die Zeremonie von einem Kardinal vollziehen lassen. Es war ein Glück für Gian Maria, dass er seine gewohnte Hast bezwang und die heiße, trotzige Erwiderung unterdrückte, die ihm auf die Lippen stieg. Hätte er dies getan, wäre es wahrscheinlich zu einem dauerhaften Bruch zwischen ihnen gekommen; denn Guidobaldo war keiner, der sich herumkommandieren ließ, und schließlich erkannte er vollauf, dass Gian Maria ihn nötiger hatte als er Gian Maria. Und das erkannte in jenem Moment auch der Herzog von Babbiano, und indem er es erkannte, fing er an zu bitten, wo er sonst gefordert hätte, um eine Gunst zu ersuchen, die er sonst mit einer Drohung befohlen hätte. Und so gewann er Guidobaldo – wenn auch widerwillig – für seine Wünsche in dieser Angelegenheit, und in seiner Gutmütigkeit willigte der Herzog von Urbino ein, die Würde, die ihn dazu drängte, die Zeremonie mit fürstlichem Pomp vollziehen zu lassen, in die Tasche zu stecken.
Da dies geregelt war, segnete Gian Maria Gonzaga, der dies alles ermöglichte und ihm äußerst gelegen zu Hilfe kam, wo er ohne ihn gezwungen gewesen wäre, zu Kanonen und Blutvergießen zu greifen.
Bei Gonzaga lag der einzige verbleibende Schatten des Zweifels, der die vollkommene Gewissheit seines Erfolgs trüben mochte, in seiner Einschätzung von Francescos verwegenem Charakter und einfallsreichem Geist, und nun – als ob die Götter begierig wären, ihn bis zum Äußersten zu begünstigen – wurde ihm unerwartet eine seltsame Waffe in die Hand gedrückt, um dies zu bekämpfen.
Es begab sich, dass Alvari nicht der einzige Bote war, der an jenem Tag nach Roccaleone reiste. Ihm folgte um einige Stunden der Diener des Grafen von Aquila, Zaccaria, der hart ritt und bei Sonnenuntergang die Zugänge zur Burg erreichte. Da sein Ziel die Festung selbst war, musste er in den Wäldern warten, bis die Nacht hereingebrochen war, und selbst dann war seine Mission voller Gefahren.
Es fügte sich, dass nahe der zweiten Nachtstunde, der Mond war zu jener Zeit verdeckt – denn es gab Anzeichen eines Sturms am Himmel –, der Wachposten auf der östlichen Mauer ein Geräusch von Plätschern im Graben unter sich hörte, begleitet vom keuchenden Atmen eines Schwimmers, dessen Mund nicht weit genug über dem Wasser war. Er rief das Geräusch an, erhielt aber keine Antwort, wandte sich ab, um Alarm zu schlagen, und lief Gonzaga in die Arme, der heraufgekommen war, um Luft zu schnappen.
„Illustrissimo“, rief er, „da schwimmt jemand durch den Graben.“
„Eh?“, rief Gonzaga, während hundert Verdächtigungen gegen Gian Maria durch seinen Kopf schossen. „Verrat?“
„Das dachte ich mir auch.“
Gonzaga nahm den Mann am Ärmel seines Wamses und zog ihn zurück zur Brüstung. Sie spähten hinunter, und aus der Schwärze wurden sie mit einem schwachen „Olá!“ begrüßt.
„Wer da?“, verlangte Romeo zu wissen.
„Ein Freund“, kam die Antwort leise zurück. „Ein Bote aus Babbiano mit Briefen für den Herrn Grafen von Aquila. Werft mir ein Seil zu, Freunde, bevor ich in dieser Rinne ertrinke.“
„Du phantasierst, Narr!“, antwortete ihm Gonzaga. „Wir haben keine Grafen in Roccaleone.“
„Sicherlich, Herr Schildwache“, entgegnete die Stimme, „mein Herr, Messer Francesco del Falco, ist hier. Werft mir ein Seil zu, sage ich.“
„Messer Fran...“, begann Gonzaga. Dann machte er ein Geräusch wie ein Mann, der erstickt. Es war, als hätte ein plötzliches Licht der Offenbarung sein Gehirn geflutet. „Hol ein Seil“, befahl er dem Wachposten barsch. „Im Zeughaushof. Beeilung, Narr!“, fügte er scharf hinzu, nun eine Unterbrechung fürchtend.
Im Nu war der Mann zurück, und das Seil wurde dem Besucher unten zugeworfen. Wenige Sekunden später stand Zaccaria auf den Wehrgängen von Roccaleone, das Wasser tropfte von seinen durchnässten Kleidern und sammelte sich in einer Pfütze um seine Füße.
„Hier entlang“, sagte Gonzaga und führte den Mann in Richtung des Zeughausturms, wo eine Laterne brannte. Im Lichtschein betrachtete er den Neuankömmling und hieß den Wachposten, die Tür zu schließen und in Rufweite draußen zu bleiben.
Zaccaria sah bei diesem Befehl überrascht aus. Das war kaum der Empfang, den er erwartet hatte, nachdem er sein Leben so aufs Spiel gesetzt hatte, um die Burg mit seinem Brief zu erreichen.
„Wo ist mein Herr?“, erkundigte er sich durch Zähne, die vor der Kälte seines Eintauchens klapperten, und fragte sich vage, wer dieser sehr prachtvolle Herr wohl sein mochte.
„Ist Messer Francesco del Falco euer Herr?“, fragte Romeo.
„Das ist er, Herr. Ich hatte die Ehre, ihm zehn Jahre lang zu dienen. Ich bringe ihm Briefe von Messer Fanfulla degli Arcipreti. Sie sind sehr dringend. Werdet Ihr mich zu ihm führen?“
„Ihr seid sehr nass“, murmelte Gonzaga fürsorglich. „Ihr werdet euch den Tod holen vor Kälte, und der Tod eines Mannes, der so tapfer war, einen Weg durch Gian Marias Linien zu finden, wäre wahrlich bedauerlich.“ Er trat zur Tür. „Olá!“, rief er dem Wachposten zu. „Bringt diesen tapferen Kerl da hinauf und sucht ihm ein anderes Gewand.“ Er deutete auf die obere Kammer des Turms, wo tatsächlich solche Dinge aufbewahrt wurden.
„Aber meine Briefe, Herr!“, rief Zaccaria ungeduldig. „Sie sind sehr dringend, und ich habe schon Stunden mit dem Warten auf die Nacht vertan.“
„Sicherlich könnt Ihr warten, bis Ihr Eure Kleidung gewechselt habt? Euer Leben, so nehme ich an, ist von größerem Belang als der Verlust einiger Augenblicke.“
„Aber meine Befehle von Messer degli Arcipreti waren, dass ich keinen Augenblick verlieren darf.“
„Oh, si, si!“, rief Gonzaga mit gespielter, gutmütiger Ungeduld. „Gebt mir dann die Briefe, und ich werde sie dem Grafen bringen, während Ihr diese nassen Kleider ablegt.“
Zaccaria musterte ihn einen Augenblick zweifelnd. Aber er wirkte so harmlos in seinem Putz, und der Ausdruck seines hübschen Gesichts war so gewinnend und ehrlich, dass das Zögern des Mannes schwand, sobald es aufkam. Er nahm seine Mütze ab und zog aus dem Inneren des Kopfteils den Brief, den er dort verstaut hatte, um ihn trocken zu halten. Dieses Paket reichte er nun Gonzaga, der mit einem letzten Wort der Anweisung an den Wachposten bezüglich der Kleidersuche für den Boten hinausging, um seine Besorgung zu erledigen. Doch vor der Tür hielt er inne und rief den Wachposten noch einmal zu sich.
„Hier ist ein Dukaten für dich“, flüsterte er. „Tue, was ich dir sage, und du sollst mehr bekommen. Halte ihn im Turm fest, bis ich zurückkehre, und lass unter keinen Umständen zu, dass er von jemandem gesehen oder gehört wird.“
„Ja, Exzellenz“, antwortete der Mann. „Aber was, wenn der Kapitän kommt und mich von meinem Posten abwesend findet?“
„Dafür werde ich sorgen. Ich werde Messer Fortemani sagen, dass ich dich in einer speziellen Angelegenheit eingesetzt habe, und ihn bitten, dich zu ersetzen. Du bist für heute Nacht vom Wachdienst entbunden.“
Der Mann verbeugte sich und zog sich leise zurück, um sich um seinen Gefangenen zu kümmern, denn in diesem Licht betrachtete er nun Zaccaria.
Gonzaga suchte Fortemani im Wachraum unten auf und tat, wie er es dem Wachposten versprochen hatte.
„Aber“, schnappte Ercole und wurde rot, „mit wessen Autorität habt Ihr das getan? Mit welchem Recht sendet Ihr Schildwachen auf Missionen Eurer eigenen Wahl? Christo Santo! Soll die Burg überfallen werden, während Ihr meine Wachen schickt, um Eure Konfektschachtel oder ein Buch mit Versen zu holen?“
„Ihr werdet Euch erinnern...“, begann Romeo mit einem Ausdruck von überwältigender Würde.
„Der Teufel hole Euch und den, der Euch geschickt hat!“, unterbrach ihn der Rüpel. „Der Herr Vogt soll davon hören.“
„Auf keinen Fall“, rief Gonzaga, nun von Wut zu Alarm wechselnd, und ergriff die Rockschöße von Fortemanis Mantel, als der Kapitän im Begriff war, hinauszugehen, um seine Drohung auszuführen. „Ser Ercole, seid vernünftig, das bitte ich Euch. Sollen wir die Burg in Alarm versetzen und Monna Valentina wegen einer so nichtigen Angelegenheit wie dieser beunruhigen? Mann, sie werden über Euch lachen.“
„Eh?“ Es gab nichts, was Ercole weniger schätzte, als ausgelacht zu werden. Er dachte einen Moment nach, und es kam ihm in den Sinn, dass er vielleicht aus einer Mücke einen Elefanten machte. Dann:
„Du, Aventano“, rief er, „nimm deine Partisane und patrouilliere auf dem östlichen Wehrgang. Da, Messer Gonzaga, ich habe Euren Wünschen entsprochen; aber Messer Francesco wird davon hören, wenn er seine Runden macht.“
Gonzaga verließ ihn. Francesco würde seine Runden erst in einer weiteren Stunde machen, und bis dahin spielte es keine Rolle mehr, was Fortemani ihm erzählte. Auf die eine oder andere Weise würde er sein Handeln erklären können.
Er überquerte den Burghof und stieg die Stufen zu seiner eigenen Kammer hinauf. Dort angekommen, schloss und verriegelte er die Tür. Er entzündete ein Licht, warf den Brief auf den Tisch und saß da, um sein Äußeres und das große rote Siegel zu betrachten, das im gelben Licht seiner Kerze glänzte.
Also! Dieser fahrende Ritter, dieser Mann, den er für einen geringgeborenen Kerl gehalten hatte, war niemand anderes als der berühmte Graf von Aquila, der Liebling des Volkes von Babbiano, das Idealbild aller Militärs von Sizilien bis zu den Alpen. Und er hatte es nie geahnt! Für einfältig hielt er sich nun. Genug Beschreibungen jenes berühmten Condottiero, jenes Spiegels italienischen Rittertums, hatte er gehört. Er hätte wissen können, dass es keine zwei Männer von solch gebieterischem Auftreten gab, wie er es in Roccaleone erlebt hatte. Was war sein Ziel dort? War es die Liebe zu Valentina, oder war es...? Er hielt inne, als er in seinem Geist eine rasche Übersicht über die Politik von Babbiano vollzog. Eine plötzliche Möglichkeit kam ihm in den Sinn, die seine Augen funkeln und seine Hände vor Eifer zittern ließ. War dies nur ein politischer Plan, um den Thron seines Cousins zu untergraben, für den Gonzaga Gerüchte gehört hatte, dass Francesco del Falco ein Anwärter sei? Wenn dem so war, welch eine Rache wäre es für ihn, ihn zu entlarven! Wie sehr musste das Valentina demütigen! Der Brief lag vor ihm. In ihm würden die wahren Fakten enthüllt werden. Was schrieb ihm sein Freund Fanfulla?
Er nahm den Brief auf und untersuchte das Siegel genau. Dann zog er sanft, leise und langsam seinen Dolch. Wenn seine Verdächtigungen unbegründet waren, sollte ihm sein in der Kerze erhitzter Dolch das Mittel bieten, die Tatsache zu verbergen, dass er diese Botschaft manipuliert hatte. Er schob seine Klinge unter das Siegel und arbeitete vorsichtig, bis es sich hob und den Brief öffnete. Er entfaltete ihn, und als er las, weiteten sich seine Augen. Er schien in seinem Stuhl zusammenzukauern, und die Hand, die das Papier hielt, zitterte. Er zog die Kerze näher, und während er seine Augen abschirmte, las er es noch einmal, Wort für Wort:
„MEIN TEURER HERR GRAF, – Ich habe mit dem Schreiben gewartet, bis die Anzeichen, die ich beobachtete, deutlicher geworden waren, wie sie es nun sind, sodass ich nicht länger warten kann. Dies geht also durch die Hand von Zaccaria, um Ihnen zu sagen, dass heute Gian Maria die Botschaft gesandt wurde, ihm drei Tage Zeit zu lassen, um nach Babbiano zurückzukehren oder alle Hoffnung auf seine Krone aufzugeben, deren Angebot das Volk dann Ihnen in Aquila senden wird, wo Sie vermutet werden. Nun also, mein teurer Herr, haben Sie den Tyrannen in Ihrer Gewalt, hin- und hergeworfen zwischen Skylla und Charybdis. Es ist an Ihnen zu entscheiden, wie Sie handeln werden; aber ich freue mich, derjenige zu sein, der Ihnen die Nachricht sendet, dass Ihre Anwesenheit in Roccaleone und Ihre hartnäckige Verteidigung der Festung nicht umsonst war und dass Sie bald den wohlverdienten Lohn dafür ernten werden. Das Volk wurde durch die hier herrschende Verwirrung zu dieser extremen Maßnahme bewegt.
„Nachricht hat uns erreicht, dass Caesar Borgia in Rom eine Condotta ausrüstet, um in Babbiano einzufallen, und das Volk ist über Gian Marias anhaltende Abwesenheit in einer solchen Zeit verärgert. Sie sind darin kurzsichtig, denn sie übersehen die Ergebnisse, die ein Bündnis mit Urbino nach sich ziehen muss. Möge Gott Ihre Exzellenz beschützen und begünstigen, deren ergebenster Diener ist
„FANFULLA DEGLI ARCIPRETI.“
KAPITEL XXII. EINE OFFENBARUNG
„Francesco“, sagte Valentina, und der Name kam über ihre Lippen, als wäre es eine Liebkosung, „warum dieser finstere, sorgenvolle Blick?“
Sie waren allein im Speisezimmer, wo die anderen sie zurückgelassen hatten, und sie saßen noch immer an dem Tisch, an dem sie gespeist hatten. Francesco hob seine dunklen, nachdenklichen Augen, und als sie nun auf Valentina fielen, wich die Nachdenklichkeit in ihnen der Zärtlichkeit.
„Ich bin von diesem Mangel an Nachrichten geplagt“, gestand er. „Ich wünschte, ich wüsste, was in Babbiano getan wird. Ich hatte gedacht, dass Caesar Borgia bis jetzt Gian Marias Untertanen zu irgendeiner Art von Handeln bewegt hätte. Ich wünschte, ich wüsste es!“
Sie stand auf, trat dicht an ihn heran und blieb mit einer Hand auf seiner Schulter stehen, ihre Augen lächelten auf sein aufgewandtes Gesicht hinab.
„Und eine solche Kleinigkeit soll dich plagen – dich, der du vor einer Woche behauptetest, du würdest wünschen, diese Belagerung möge ewig dauern?“
„Halte mich nicht für unbeständig, anima mia“, antwortete er ihr, und er küsste die elfenbeinernen Finger, die auf seiner Schulter ruhten. „Denn das war, bevor sich die Welt für mich durch die Magie deines Wunsches veränderte. Und so“, wiederholte er, „wünschte ich, ich wüsste, was in Babbiano im Gange ist!“
„Aber warum über einen so müßigen Wunsch seufzen?“, rief sie aus. „Auf welche Weise können dich hier Nachrichten von den Geschehnissen der Welt draußen erreichen?“
Er dachte einen Moment nach und suchte nach Worten, um ihr zu antworten. Dutzendmal während dieser Woche war er kurz davor gewesen, sich zu offenbaren, ihr zu sagen, wer und was er war. Doch immer hatte er gezögert und diese Enthüllung aufgeschoben, bis die Zeit passender erscheinen würde. Dies hielt er nun für den richtigen Zeitpunkt. Sie vertraute ihm, und es gab keinen Grund, länger zu schweigen. Vielleicht hatte er bereits zu lange gezögert, und so wollte er gerade sprechen, als sie von seiner Seite aufschreckte und hastig zum Fenster eilte, alarmiert durch das Geräusch herannahender Schritte. Eine Sekunde später öffnete sich die Tür und Gonzaga erschien.
Einen Moment zögerte er in der Tür, blickte von einem zum anderen, und Francesco, der ihn seinerseits träge musterte, bemerkte, dass seine Wangen blass waren und seine Augen wie die eines Fieberkranken glänzten. Dann trat er vor und, die Tür hinter sich offen lassend, schritt er in den Raum.
„Monna Valentina, ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.“ Seine Stimme zitterte leicht. „Messer – Francesco, gewähren Sie uns einen Augenblick?“ Und seine fiebrigen Augen wanderten zur offenen Tür mit einer Beredsamkeit, die keine Worte brauchte.
Francesco erhob sich langsam, bemüht, seine Überraschung zu unterdrücken, und blickte zu Valentina hinüber, als ob er ihre Bestätigung oder Ablehnung dieser Bitte, dass er sie verlassen solle, erwarte.
„Eine Mitteilung für mich?“, wunderte sie sich, während ein leichtes Stirnrunzeln ihre Brauen zusammenzog. „Welcher Art, mein Herr?“
„Von einer Art, die ebenso wichtig wie vertraulich ist.“
Sie hob ihr Kinn und mit einem geduldigen Lächeln schien sie Francesco zu bitten, dass er ihr erlauben möge, dieser Stimmung Gonzagas nachzugeben. In raschem Gehorsam neigte Francesco sein Haupt.
„Ich werde in meiner Kammer sein bis zur Stunde meiner Runde, Madonna“, kündigte er an und nahm damit seinen Abschied.
Gonzaga begleitete ihn bis zur Tür, die er hinter ihm schloss, und seine Züge in einen Ausdruck von schmerzlicher Empörung kleidend, kehrte er zurück und blieb Valentina gegenüber am Tisch stehen.
„Madonna“, sagte er, „ich wollte, der Himmel wäre, diese Mitteilung, die ich Ihnen zu machen habe, käme von anderen Lippen. Im Lichte dessen, was geschehen ist – hier in Roccaleone – durch meine Torheit – könnten Sie – könnten Sie meine Mission für rachsüchtig halten.“
Ratlosigkeit blickte ihn aus ihren Augen an.
„Sie versetzen mich in Alarm, mein guter Gonzaga“, antwortete sie ihm, wenn auch lächelnd.
„Leider ist es mir durch ein unglückliches Geschick beschieden, mehr als das zu tun. Ich habe die Entdeckung eines so abscheulichen Stücks Verrats hier in Ihrer Festung gemacht, wie es nur ein Verräter aushecken konnte.“
Sie sah ihn jetzt ernster an. Die Heftigkeit seines Tons und der Anflug von Kummer, der darin mitschwang und ihm einen so aufrichtigen Akzent verlieh, erzwangen ihre Aufmerksamkeit.
„Verrat!“, wiederholte sie mit leiser Stimme, ihre Augen weiteten sich. „Und von wem?“
Er zögerte einen Moment, dann winkte er mit der Hand:
„Wollen Sie nicht sitzen, Madonna?“, schlug er nervös vor.
Mechanisch setzte sie sich an den Tisch, ihre Augen ständig auf seinem Gesicht, während die durch die Ungewissheit geborene Alarmbereitschaft in ihrem Herzen wuchs.
„Setzen Sie sich auch“, forderte sie ihn auf, „und erzählen Sie mir.“
Er zog einen Stuhl heran, setzte sich ihr gegenüber und holte tief Atem: „Haben Sie jemals vom Grafen von Aquila gehört?“, erkundigte er sich.
„Es wäre seltsam, wenn nicht. Der tapferste Ritter Italiens, so nennt ihn der Ruhm.“
Seine Augen lagen aufmerksam auf ihrem Gesicht, und was er dort sah, stellte ihn zufrieden.
„Wissen Sie, wie er beim Volk von Babbiano steht?“
„Ich weiß, dass er von ihnen geliebt wird.“
„Und wissen Sie, dass er ein Thronanwärter auf Babbiano ist? Sie werden sich erinnern, dass er der Cousin von Gian Maria ist?“
„Seine Verwandtschaft mit Gian Maria kenne ich. Dass er Anspruch auf den Thron von Babbiano erhebt, war mir nicht bekannt. Aber wohin schweifen wir ab?“
„Wir schweifen nicht ab, Madonna“, antwortete Gonzaga, „wir bewegen uns auf einer geraden Linie zum eigentlichen Kern und der Seele dieses Verrats, von dem ich sprach. Würden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sagte, dass wir hier in Roccaleone einen Agenten des Grafen von Aquila haben, einen, der im Interesse des Grafen diese Belagerung mit dem vorgeblichen Ziel in die Länge zieht, Gian Maria zu vertreiben?“
„Gonzaga –“, begann sie, mehr als nur halb die Richtung seiner Erklärung ahnend. Aber er unterbrach sie mit ungewohnter Brüskheit.
„Warten Sie, Madonna“, rief er, seine Augen auf ihrem Gesicht, seine Hand gebieterisch erhoben. „Hören Sie mich geduldig an. Ich rede nicht ins Blaue hinein. Von dem, was ich Ihnen sage, bin ich mit Beweisen und Zeugen bewaffnet. Einen solchen Agenten von – von den Interessen des Grafen haben wir unter uns, und sein wahres Ziel, diese Belagerung in die Länge zu ziehen und Sie in Ihrem Widerstand zu ermutigen und zu unterstützen, ist es, die Geduld des Volkes von Babbiano mit Gian Maria zu erschöpfen und es in der Stunde seiner drohenden Gefahr durch Caesar Borgias Armeen dazu zu treiben, den Thron Aquila zu übertragen.“
„Woher haben Sie diese abscheuliche Lüge?“, fragte sie ihn, ihre Wangen karminrot, ihre Augen in Flammen.
„Madonna“, sagte er mit geduldiger Stimme, „dies, was Sie eine Lüge nennen, ist bereits eine vollendete Tatsache. Ich lege Ihnen nicht die Früchte müßiger Spekulation dar. Ich habe bei mir den positivsten Beweis, dass ein solches Ergebnis, wie man es erhoffte, bereits erreicht ist. Gian Maria hat von seinen Untertanen eine Benachrichtigung erhalten, dass sie, falls er nicht innerhalb von drei Tagen ab heute in seiner Hauptstadt sei, dem Herrn von Aquila die herzogliche Krone verleihen werden.“
Sie stand auf, ihren Zorn gut beherrscht, ihre Stimme ruhig.
„Wo ist dieser Beweis? Nein, nein; ich muss ihn nicht sehen. Was auch immer es ist, was soll es mir beweisen? Dass Ihre Worte, soweit es die Politik von Babbiano betrifft, wahr sein mögen; unser Widerstand gegen Gian Maria mag ihn tatsächlich seinen Thron kosten und der Sache des Grafen von Aquila einen guten Dienst erweisen; aber wie soll all dies jene Lüge von Ihnen beweisen, dass Messer Francesco – denn es ist eindeutig von ihm, dass Sie sprechen – dass Messer Francesco dieser Agent des Grafen sein soll? Es ist eine Lüge, Gonzaga, für die Sie bestraft werden sollen, wie Sie es verdienen.“
Sie schwieg und blieb stehen, auf seine Antwort wartend, und als sie ihn beobachtete, versetzte sein ruhiges Gebaren ihrem Herzen einen Kälteschauer. Er war so zuversichtlich, so voller Sicherheit; und das, bei Gonzaga, hatte sie gelernt zu wissen, bedeutete ein starkes Bollwerk zwischen ihm und der Gefahr. Er seufzte tief.
„Madonna, diese grausamen Worte von Ihnen verwunden mich nicht, da sie nicht mehr sind, als ich erwartet habe. Aber es wird mich verwunden – und zwar schwer –, wenn Sie, wenn Sie den Rest erfahren haben, nicht demütig anerkennen, wie sehr Sie mir Unrecht getan haben, wie grob Sie mich falsch beurteilt haben. Sie denken, ich komme zu Ihnen mit Bösem im Herzen, angetrieben von einem Geist der Rachsucht gegen Messer Francesco. Stattdessen komme ich zu Ihnen mit nichts als einem tiefen Kummer, dass ich die Stimme sein muss, die Sie desillusioniert, und einer tiefen Empörung gegen ihn, der Sie so abscheulich für seine eigenen Zwecke benutzt hat. Warten Sie, Madonna! In gewisser Weise haben Sie recht. Es war nicht strikt wahr zu sagen, dass dieser Messer Francesco der Agent des Grafen von Aquila ist.“
„Ah! Sie widerrufen bereits?“
„Nur ein wenig – ein unbedeutendes wenig. Er ist kein Agent, weil –“ Er zögerte und blickte rasch auf. Dann seufzte er, senkte seine Stimme und schloss mit vollendet simuliertem Kummer: „Weil er selbst Francesco del Falco ist. Graf von Aquila.“
Sie schwankte einen Moment, und die Farbe wich aus ihren Wangen und ließ sie elfenbeinweiß zurück. Sie lehnte schwer gegen den Tisch und wälzte in ihrem Geist das Gehörte hin und her. Und dann, so plötzlich, wie es gegangen war, schoss das Blut zurück in ihr Gesicht und stieg ihr bis in die Schläfen.
„Es ist eine Lüge!“, fuhr sie ihn an; „eine Lüge, für die Sie ausgepeitscht werden sollen.“
Er zuckte mit den Schultern und warf Francescos Brief auf den Tisch.
„Da, Madonna, ist etwas, das alles beweisen wird, was ich gesagt habe.“
Sie betrachtete das Papier kalt. Ihr erster Impuls war, Fortemani zu rufen und ihre Drohung wahrzumachen, Gonzaga auspeitschen zu lassen, indem sie sich weigerte, auch nur einen Blick auf dieses Ding zu werfen, das er so zuversichtlich als Beweis bezeichnete; aber es mag sein, dass sein Selbstvertrauen auf sie wirkte und eine Saite weiblicher Neugier berührte. Dass er im Unrecht war, bezweifelte sie nie; aber dass er sich im Recht glaubte, dessen war sie sich ebenfalls gewiss, und sie fragte sich, was dieses Ding sein mochte, das ihn so überzeugt hatte. Dennoch berührte sie es nicht, sondern fragte mit gleichgültiger Stimme:
„Was ist es?“
„Ein Brief, der heute Nacht von einem Mann hierher gebracht wurde, der durch den Burggraben schwamm und den ich in den Rüstungsturm sperren ließ. Er ist von Fanfulla degli Arcipreti an den Grafen von Aquila. Wenn Ihr Gedächtnis Sie an einen bestimmten Tag in Acquasparta zurückführen kann, erinnern Sie sich vielleicht, dass Fanfulla der Name eines sehr tapferen Kavaliers war, der diesen Messer Francesco mit ausgeprägtem Respekt ansprach.“
Sie warf den mentalen Blick zurück, den er sie hieß, und erinnerte sich. Dann erinnerte sie sich auch, wie Francesco genau an jenem Abend gesagt hatte, dass er sich wegen Nachrichten aus Babbiano gräme, und dass, als sie gefragt hatte, wie er hoffe, dass Nachrichten ihn in Roccaleone erreichen könnten, Gonzaga eingetreten war, bevor er ihr antwortete. Tatsächlich schien er bei dieser Antwort gezögert zu haben. Ein plötzlicher Kälteschauer überkam sie bei diesem Gedanken. Oh, es war unmöglich, absurd! Und doch nahm sie den Brief vom Tisch. Mit zusammengezogenen Brauen las sie ihn, während Gonzaga sie beobachtete, kaum fähig, die Zufriedenheit davon abzuhalten, in seinen Augen zu glänzen.
Sie las ihn langsam, und während sie las, wurde ihr Gesicht totenbleich. Als sie geendet hatte, stand sie eine lange Minute schweigend da, ihre Augen auf der Unterschrift und ihr Geist bei dem, was Gonzaga gesagt hatte, Vergleiche ziehend zwischen dem und solchen Dingen, die getan und gesagt worden waren, und nirgendwo fand sie den geringsten Schimmer jener Unstimmigkeit, die sie so eifrig suchte.
Es war, als ob eine Hand das Herz in ihrer Brust zerquetschte. Dieser Mann, dem sie vertraut hatte, dieser unvergleichliche Vorkämpfer ihrer Sache, sollte nichts weiter als ein Eigennütziger, ein Intrigant sein, der sie für seine eigenen Zwecke als Schachfigur benutzt hatte. Sie dachte daran, wie er sie für einen Moment in seinen Armen gehalten und geküsst hatte, und bei diesem Gedanken empörte sich ihre ganze Seele gegen die Vorstellung, dass dies nichts als Verrat gewesen sei.
„Es ist alles eine Intrige gegen ihn!“, rief sie, ihre Wangen wieder scharlachrot. „Es ist eine niederträchtige Sache, die Sie sich ausgedacht haben, Messer Gonzaga, eine abscheuliche Lüge!“
„Madonna, der Mann, der den Brief brachte, ist immer noch in Haft. Konfrontieren Sie ihn mit Messer Francesco; oder unterziehen Sie ihn dem Verhör und erfahren Sie den wahren Namen und Stand seines Herrn. Was den Rest betrifft, wenn dieser Brief für Sie kein ausreichender Beweis ist, bitte ich Sie, auf die Fakten zurückzublicken. Warum sollte er Sie anlügen? Und sagen, sein Name sei Francesco Franceschi? Warum sollte er Sie – wider alle Vernunft – gedrängt haben, hier zu bleiben, als er Ihnen die Nachricht brachte, dass Gian Maria anrückte? Sicher, hätte er nur versucht, Ihnen zu dienen, hätte er dies besser erreicht, indem er Ihnen seine eigene Burg Aquila zur Verfügung gestellt und hier ein leeres Nest für Gian Maria hinterlassen hätte, wie ich drängte.“
Sie sank auf einen Stuhl, ein Fieber in ihrem Geist.
„Ich sage Ihnen, Madonna, es gibt keinen Irrtum. Was ich gesagt habe, ist wahr. Noch drei Tage hätte er Gian Maria hier hingehalten, während, wenn Sie ihm diesen Brief gegeben hätten, es wahrscheinlich ist, dass er in der Nacht von morgen entschlüpfen würde, damit er am dritten Tag in Babbiano sein könnte, um den Thron zu besteigen, den sein Cousin so leichtfertig behandelt. Heiliger Gott!“, rief sie aus. „Ich denke, dies ist die diabolischste Verratsintrige, die jemals ein Menschengeist ersonnen und menschliche Herzlosigkeit ausgeführt hat.“
„Aber – aber –“, stammelte sie, „all dies setzt voraus, dass Messer Francesco tatsächlich der Graf von Aquila ist. Kann es sein – kann es nicht sein, dass dieser Brief für ein anderes Ziel bestimmt war?“
„Wollen Sie diesen Boten mit dem Grafen konfrontieren?“
„Mit dem Grafen?“, erkundigte sie sich dumpf. „Mit Messer Francesco, wollen Sie sagen?“ Sie schauderte, und mit seltsamer Unbeständigkeit: „Nein“, sagte sie mit erstickter Stimme, während sich ihre Lippe an der Ecke seltsam verzog. „Ich wünsche nicht, sein Gesicht wiederzusehen.“
Ein Licht glänzte in Gonzagas Auge und erlosch im selben Augenblick.
„Am besten, Sie gehen sicher“, schlug er vor und stand auf. „Ich habe Fortemani befohlen, Lanciotto hierherzubringen. Er wird jetzt draußen warten. Soll ich sie hereinlassen?“
Sie nickte, ohne zu sprechen, und Gonzaga öffnete die Tür und rief Fortemani. Eine Stimme antwortete ihm aus dem Dunkel des Festsaals.
„Bringen Sie Lanciotto hierher“, befahl er.
Als Francescos Diener eintrat, mit einem Ausdruck von Überraschung über diese mysteriösen Vorgänge auf seinem Gesicht, war es Valentina, die ihn befragte, und das mit einer Stimme, die so kalt war, als beträfe sie das Ergebnis in keiner Weise.
„Sagen Sie mir, Bursche“, sagte sie, „und wenn Ihnen Ihr Hals lieb ist, sehen Sie zu, dass Sie mir wahrheitsgemäß antworten – wie lautet der Name Ihres Herrn?“
Lanciotto blickte von ihr zu Gonzaga, der daneben stand, mit einem zynischen Kräuseln auf seinen sinnlichen Lippen.
„Antworten Sie Monna Valentina“, drängte ihn der Höfling. „Nennen Sie den wahren Namen und Stand Ihres Herrn.“
„Aber, meine Dame“, begann Lanciotto, verwirrt.
„Antworten Sie mir!“, fuhr sie ihn an, während ihre kleinen geballten Fäuste in harter Ungeduld auf den Tisch trommelten. Und Lanciotto, der keinen Ausweg sah, antwortete:
„Messer Francesco del Falco, Graf von Aquila.“
Etwas, das in einem Schluchzen begann und in einem Lachen endete, platzte aus Valentinas Lippen. Ercoles Augen waren weit bei dieser Nachricht, und er wäre vielleicht so weit gegangen, eine Frage dazwischenzuwerfen, als Gonzaga ihn barsch anwies, zum Rüstungsturm zu gehen und von dort den Soldaten und den Mann zu bringen, den Gonzaga in seiner Obhut gelassen hatte.
„Ich werde keinen Schatten eines Zweifels in Ihrem Geist lassen, Madonna“, sagte er zur Erklärung.
Sie warteten in Schweigen – denn Lanciottos Anwesenheit hinderte jede Unterhaltung –, bis Ercole zurückkehrte, begleitet von dem Waffenknecht und Zaccaria, der nun seine Kleidung gewechselt hatte. Bevor sie den Neuankömmling befragen konnten, wurden solche Fragen, die sie hätten stellen können, durch den Gruß beantwortet, der zwischen ihm und seinem Mitdiener Lanciotto ausgetauscht wurde.
Gonzaga wandte sich an Valentina. Sie saß ganz still, ihr rotblondes Haupt gesenkt und in ihren Augen ein Ausdruck tiefen Kummers. Und in diesem Augenblick erklang draußen ein schneller Schritt. Die Tür wurde aufgestoßen, und Francesco selbst stand an der Schwelle, wobei Peppes alarmiertes Gesicht hinter ihm sichtbar wurde. Gonzaga wich instinktiv einen Schritt zurück, und sein Gesicht verlor etwas von seiner Farbe.
Beim Anblick von Francesco stürzte Zaccaria vor und verbeugte sich tief.
„Mein Herr!“, begrüßte er ihn.
Und wenn eine kleine Sache gefehlt hätte, um die Beweise gegen den Grafen zu vervollständigen, so schien Francesco selbst diese Sache durch einen seltsamen Zufall zu liefern. Die seltsame Gruppe in jenem Speisezimmer, die seine Aufmerksamkeit beanspruchte, und die bedeutungsschwere Atmosphäre, die über den Anwesenden lag, bestätigten die Warnung, die Peppe ihm gebracht hatte, dass etwas im Argen lag. Er achtete überhaupt nicht auf den Gruß seines Dieners, und mit Augen einer Ratlosigkeit, die den Ausdruck von Alarm angenommen haben mochte, suchte er das Gesicht von Valentina.
Sie erhob sich augenblicklich, ein zorniges Rot färbte ihre Wangen. Sein bloßer Blick schien eine unerträgliche Beleidigung geworden zu sein nach dem, was geschehen war – denn die Erinnerung an seinen Kuss biss wie ein vergifteter Fangzahn in ihr Gehirn. Ein seltsames Lachen brach aus ihr hervor. Sie machte eine Geste in Richtung Francesco.
„Fortemani, Sie werden den Grafen von Aquila unter Arrest stellen“, befahl sie mit strenger, fester Stimme, „und wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, sehen Sie zu, dass er Ihnen nicht entwischt.“
Der große Raufbold zögerte. Sein Wissen über Francescos Methoden war nicht ermutigend.
„Madonna!“, keuchte Francesco, seine Verwirrung zunehmend.
„Haben Sie mich gehört, Fortemani?“, verlangte sie. „Entfernen Sie ihn.“
„Mein Herr?“, rief Lanciotto, die Hand an sein Schwert legend, den Blick auf den seines Herrn gerichtet, bereit zu ziehen und sich bei einem Wink loszuschlagen.
„Pst! Lass gut sein“, antwortete Francesco kalt. „Hier, Messer Fortemani.“ Und er reichte seinen Dolch, die einzige Waffe, die er trug.
Valentina rief Gonzaga zu sich, um sie zu begleiten, und machte sich auf, das Zimmer zu verlassen. Da schien Francesco sich seiner Lage bewusst zu werden.
„Madonna, wartet“, rief er und trat entschlossen vor sie. „Ihr müsst mich anhören. Ich habe mich im Vertrauen auf meine Treue ergeben, in der Zuversicht, dass, sobald Ihr mich angehört habt –“
„Hauptmann Fortemani“, rief sie fast zornig, „wollen Sie Euren Gefangenen zügeln? Ich wünsche vorbeizugehen.“
Ercole legte mit sichtlichem Widerwillen eine Hand auf Francescos Schulter; doch das war unnötig. Bei ihren Worten wich der Graf zurück, als sei er geschlagen worden. Er machte den Weg frei, mit einem Keuchen, das zugleich Unglauben und zornige Ergebenheit verriet. Einen Augenblick lang ruhten seine Augen so grimmig auf Gonzaga, dass das schwache Lächeln auf den Lippen des Höflings verwelkte und seine Knie unter ihm zitterten, während er Valentina hastig aus dem Raum folgte.
KAPITEL XXIII. IM RÜSTUNGSTURM
Die rauen Steine des Innenhofs glänzten sauber und hell in der Morgensonne, noch feucht von den schweren Regenfällen, die sie in der vergangenen Nacht gewaschen hatten.
Der Narr saß auf einem groben Schemel im Vorbau der langen Galerie, musterte trübsinnig das glitzernde Pflaster und sinnierte. Er war zornig, was – außer wenn Fra Domenico im Spiel war – eine seltene Sache bei dem gutmütigen Peppe war. Er hatte versucht, mit Monna Valentina über die Einkerkerung von Messer Francesco in dessen Gemach zu sprechen, und sie hatte ihn mit einer Härte, die er nie zuvor an ihr gekannt hatte, aufgefordert, seine Aufmerksamkeit auf seine Possen zu beschränken. Doch er hatte ihren Befehlen getrotzt und sie mit der Information verblüfft, dass ihm die wahre Identität dieses Messer Francesco seit jenem Tag bekannt gewesen sei, an dem sie ihm erstmals bei Acquasparta begegnet waren. Er hatte noch mehr sagen wollen. Er hatte die Ankündigung von Francescos Verbannung aus Babbiano und seine berüchtigte Abneigung, den Thron seines Cousins zu besteigen, hinzufügen wollen. Er hatte sie begreifen lassen wollen, dass Francesco, wenn ihm danach der Sinn gestanden hätte, es nicht nötig gehabt hätte, sich zu einer solchen Tat herabzulassen, wie sie sie ihm unterstellte. Doch sie hatte ihn barsch unterbrochen und ihn mit zornigen Worten und noch zornigeren Drohungen aus ihrer Gegenwart vertrieben.
Und so war sie zur Messe gegangen, und der Narr hatte im Vorbau der Galerie Zuflucht gesucht, damit er dort etwas von seinem Missmut ablassen – oder vielmehr darin schwelgen – konnte, indem er über die Begriffsstutzigkeit der Frauen und die Heimtücke Gonzagas nachdachte, dem er zweifellos zuschrieb, dass diese elende Lage entstanden war.
Und während er dort saß – eine groteske, unförmige Gestalt in buntem Narrengewand –, überkam ihn eine unbeherrschbare Wut. Was sollte nun aus ihnen werden? Ohne die feste Unterstützung des Grafen von Aquila hätte die Garnison sie schon vor einer Woche zur Kapitulation gezwungen. Was würde geschehen, jetzt, da der Halt seines beeindruckenden Befehls entzogen war?
„Sie wird ihre Torheit erkennen, wenn es zu spät ist. So sind nun einmal die Frauen“, versicherte er sich. Und da er seine Herrin liebte, wie er es tat, war seine treue Seele bei diesem Gedanken schwer getroffen. Er würde dort warten, bis sie von der Messe zurückkehrte, und dann sollte sie ihn hören – alle sollten ihn hören. Er würde sich nicht noch einmal so leicht vertreiben lassen. Er ging gerade in Gedanken intensiv durch, was er sagen würde, mit welchem aufrüttelnden, bedeutungsschweren Satz er Gehör erzwingen würde, als er durch das Erscheinen einer Gestalt auf den Kapellenstufen aufgeschreckt wurde. Plötzlich und leise wie eine Erscheinung kam sie, doch sie trug das Ebenbild von Romeo Gonzaga.
Beim Anblick des Mannes zog sich Peppe instinktiv in den Schatten des Vorbaus zurück, seine Augen bemerkten die verdächtige Heimlichkeit der Bewegungen des Höflings und beobachteten sie mit grimmigem Eifer. Er sah, wie Romeo sich vorsichtig umsah und dann auf Zehenspitzen die Stufen hinabstieg, offensichtlich damit kein Echo seiner Schritte die Personen in der Kapelle erreiche. Dann, ohne die Anwesenheit von Peppes zu ahnen, eilte er flink über den Hof und verschwand durch das Tor, das zum äußeren Hof führte. Und der Narr, der sicher war, dass eine Kenntnis der Absichten des Höflings nicht schaden könnte, machte sich auf, ihm zu folgen.
In seinem Zimmer unter dem Löwenturm hatte der Graf von Aquila eine ruhelose Nacht verbracht, geplagt von denselben Ängsten um das Schicksal der Burg, die auch den Narren befallen hatten, doch er schrieb seine Gefangenschaft weniger bereitwillig Gonzagas Ränkespielen zu. Zaccarias Anwesenheit hatte ihm gesagt, dass Fanfulla endlich geschrieben haben musste, und er konnte nur annehmen, dass der Brief, der in Monna Valentinas Hände gefallen war, etwas enthalten haben musste, das sie als Verrat seinerseits auslegte.
Bitterlich machte er sich nun Vorwürfe, ihr gegenüber nicht von Anfang an offen über seine Identität gewesen zu sein; bitterlich machte er ihr Vorwürfe, dem Mann, den sie zu lieben behauptet hatte, nicht einmal Gehör geschenkt zu haben. Hätte sie ihm nur gesagt, auf welchen Gründen ihre Verdächtigungen gegen ihn beruhten, so war er sich sicher, dass er sie mit einem Wort hätte zerstreuen können, indem er ihre Haltlosigkeit und seine eigene Ehrlichkeit ihr gegenüber klargemacht hätte. Am meisten bedrückte ihn die Tatsache, dass Zaccarias Anwesenheit nach einem so lange erwarteten und so lange verzögerten Kommen bewies, dass die Nachricht, die er brachte, von großer Bedeutung war. Daraus konnte folgen, dass Gian Maria jeden Augenblick handeln könnte und dass sein Vorgehen von verzweifelter Natur sein mochte.
Nun war durch die Reihen von Fortemanis Männern eine unvermeidliche Bestürzung über Francescos Verhaftung gelaufen, und ein Groll gegen Valentina, die sie herbeigeführt hatte. Seine Hand war es gewesen, die sie zusammengehalten hatte, sein Urteilsvermögen – von dem sie eindeutige Beweise gehabt hatten –, das ihnen Mut gegeben hatte. Er war ein Anführer, der sich als fähig erwiesen hatte, zu führen, und aus dem Vertrauen zu ihm hätten sie alles unternommen, was er ihnen befohlen hätte. Wen hatten sie jetzt? Fortemani war nur einer von ihnen, durch ein rein zufälliges Ereignis über sie gesetzt. Gonzaga war ein Geck, dessen Possen sie nachahmten und dessen Verstand sie verachteten; während Valentina, wenn auch mutig genug und temperamentvoll, ein Mädchen ohne weltliche und erst recht ohne militärische Kenntnisse blieb, deren Befehle auszuführen selbstmörderisch sein konnte.
Nun wurden diese Ansichten von niemandem stärker vertreten als von Ercole Fortemani selbst. Niemals hatte er etwas mit größerem Widerwillen getan als die Festnahme von Francesco, und als er daran dachte, was wahrscheinlich folgen würde, kannte sein Entsetzen keine Grenzen. Er hatte begonnen, ihren meisterhaften Profoß zu respektieren und auf seine raue Art sogar zu lieben, und seit er bei der Stunde seiner Verhaftung seine wahre Identität erfahren hatte, war seine Bewunderung zu etwas geworden, das an Ehrfurcht grenzte für den Condottiero, dessen Name für die Soldaten Italiens wie der Name eines Schutzheiligen war.
Um die sichere Verwahrung seines Gefangenen zu gewährleisten, war er von Gonzaga, der nun wieder das Kommando über Roccaleone innehatte, befohlen worden, die Nacht im Vorzimmer von Francescos Gemach zu verbringen. Diese Befehle hatte er überschritten, indem er einen beträchtlichen Teil der Nacht im Zimmer des Grafen selbst verbracht hatte.
„Ihr müsst nur sprechen“, hatte der Raufbold geschworen, um Francesco das wahre Wesen seiner Gefühle zu zeigen, „und die Burg gehört Euch. Auf ein Wort von Euch werden meine Männer herbeiströmen, um Euch zu gehorchen, und Ihr könnt Euren Willen in Roccaleone durchsetzen.“
„Du elender Verräter“, hatte Francesco ihn ausgelacht. „Vergisst du, in wessen Diensten du stehst? Lass gut sein, Ercole. Aber wenn du mir einen Gefallen tun willst, lass mich Zaccaria sehen – den Mann, der heute Nacht nach Roccaleone gekommen ist.“
Dies hatte Ercole für ihn getan. Nun war sich Zaccaria des Inhalts des Briefes, den er bei sich trug, voll bewusst, da er von Fanfulla für den Fall instruiert worden war, dass er gezwungen sein könnte, ihn zu seiner eigenen Sicherheit zu vernichten – eine Maßnahme, die er nun bitterlich bereute, nicht ergriffen zu haben. Von Zaccaria erfuhr Francesco also alles, was es zu wissen gab, und da die Kenntnis nur seine Befürchtungen bestätigte, dass Gian Maria die Handlung nicht länger hinauszögern würde, verfiel er in leidenschaftliche Ungeduld über seine eigene Inhaftierung.
In den grauen Morgenstunden wurde er ruhiger, und bei dem Licht einer Lampe, deren Nachfüllen er von Ercole verlangt hatte, setzte er sich hin, um einen Brief an Valentina zu schreiben, von dem er glaubte, dass er die Überzeugung von seiner Ehrlichkeit in ihr Herz tragen würde. Da sie ihn nicht hören wollte, war dies der einzige Weg. Nach einer Stunde – sein sterbendes Licht war gelblich geworden, jetzt, da die Sonne aufgegangen war – war sein Brief vollendet, und er rief Ercole wieder zu sich, um ihn damit zu beauftragen, ihn sofort an Monna Valentina zu überbringen.
„Ich werde ihre Rückkehr von der Kapelle abwarten“, antwortete Ercole. Er nahm den Brief und ging. Als er den Innenhof betrat, erschrak er, als er den Narren auf sich zueilen sah, nach Atem ringend und mit Aufregung in jedem Zug seines sonderbaren Gesichts.
„Schnell, Ercole!“, ermahnte ihn Peppe. „Komm mit mir.“
„Der Teufel hole dich, Ausgeburt Satans – wohin?“, knurrte der Soldat.
„Ich sage es dir unterwegs. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Es ist Verrat im Gange – Gonzaga –“, keuchte er und endete verzweifelt: „Willst du mitkommen?“
Fortemani brauchte keine zweite Aufforderung. Die Chance, den hübschen Messer Romeo bei einem Verrat zu ertappen, war ein zu süßer Köder. Schnaubend und prustend – denn starkes Trinken hatte seine Lungen arg geschwächt – eilte der große Hauptmann mit dem Narren davon und lauschte unterwegs dem Keuchen, mit dem er seine Geschichte vorbrachte. Es war nach allem nicht viel. Peppe hatte gesehen, wie Messer Gonzaga sich zum Rüstungsturm begab. Durch einen Bogenschlitz hatte er beobachtet, wie er eine Armbrust herunternahm und untersuchte, sie auf den Tisch legte und sich niedersetzte, um zu schreiben.
„Nun?“, verlangte Ercole. „Was noch?“
„Nichts weiter. Das ist alles“, antwortete der Bucklige.
„Himmel und Hölle!“, brüllte der Haudegen, blieb stehen und starrte auf seinen ungeduldigen Begleiter hinab. „Und dafür hast du mich rennen lassen?“
„Und ist das nicht genug?“, entgegnete Peppe gereizt. „Willst du weiterkommen?“
„Keinen Fuß weiter“, erwiderte der Hauptmann, der sehr zornig wurde. „Ist das ein elender Scherz? Was ist mit dem Verrat, von dem du sprachst?“
„Ein Brief und eine Armbrust!“, keuchte der wütende Peppe und verzog das Gesicht grässlich bei dieser Verzögerung. „Gott, gab es je einen solchen Narren! Bedeutet das diesem dicken, leeren Ding, das du Kopf nennst, gar nichts? Hast du vergessen, wie Gian Marias Angebot von tausend Gulden nach Roccaleone kam? Auf einem Armbrustbolzen, du Dummkopf! Komm schon, sage ich, und danach darfst du mein Narrenkostüm haben – die einzige Liverei, die zu tragen du ein Recht hast.“
Im Schock der Erleuchtung vergaß Ercole, den Narren für seine Unverschämtheit zu ohrfeigen, und ließ sich wieder mitreißen, über den äußeren Hof und die Stufen hinauf, die zu den Zinnen führten.
„Du glaubst –“, begann er.
„Ich glaube, du solltest besser leiser treten“, schnappte der Narr unter dem Atem, „und dieses donnernde Keuchen beherrschen, wenn du Ser Romeo überraschen willst.“
Ercole akzeptierte den Wink, sanft wie ein Lamm, und ließ den Narren auf den Stufen zurück, ging leise hinauf und näherte sich dem Rüstungsturm. Vorsichtig durch den Bogenschlitz spähend und begünstigt durch die Tatsache, dass Gonzaga ihm den Rücken zuwandte, sah er, dass er gerade noch rechtzeitig kam.
Der Höfling bückte sich, und nach dem knarrenden Geräusch, das ihn erreichte, errat Ercole, dass seine Beschäftigung das Spannen der Armbrustsehne war. Auf dem Tisch an seiner Seite lag ein Bolzen, der in ein Blatt Papier eingewickelt war.
Schnell und lautlos bewegte Ercole sich um den Turm, und im nächsten Augenblick hatte er die unverschlossene Tür aufgestoßen und war eingetreten.
Ein Schrei des Entsetzens begrüßte ihn, und ein sehr erschrockenes Gesicht wurde ihm von Gonzaga zugewandt, der augenblicklich aufsprang. Dann, als er sah, wer es war, gewann das Gesicht des Höflings etwas von seiner normalen Fassung zurück, doch sein Blick war unruhig und seine Wange blass.
„Sant Iddio!“, keuchte er. „Ihr habt mich erschreckt, Ercole. Ich habe Euch nicht kommen hören.“
Und nun steigerte etwas im Gesicht des Raufbolds das Alarmgefühl bei Gonzaga. Er machte noch einen Versuch der Selbstbeherrschung, als er sich zwischen Ercole und den Tisch stellte, um den verräterischen Bolzen zu verdecken, und ihn fragte, was er dort suche.
„Diesen Brief, den Ihr an Gian Maria geschrieben habt“, war die barsche, kompromisslose Antwort, denn Ercole scherte sich nicht um diplomatische Fragen.
Gonzagas Mund zuckte auf, und seine Oberlippe bebte gegen seine Zähne.
„Was – Wa –“
„Gebt mir diesen Brief“, bestand Ercole, nun auf ihn zuschreitend, und trug eine Miene der Wildheit zur Schau, die jene trotzigen Worte, die sich Gonzaga zurechtgelegt hatte, in dessen Kehle zurücktrieb. Dann, wie ein in die Enge getriebenes Tier – und selbst eine Ratte würde sich dann behaupten –, schwang er die schwere Armbrust empor, die er hielt, und stellte sich Ercole in den Weg.
„Zurück!“, schrie er; „oder bei Gott und seinen Heiligen, ich schlage Euch das Gehirn ein.“
Ein kehliges Lachen kam von dem Haudegen, und dann lagen seine Arme um Gonzagas wohlgeformte Taille, und der Geck wurde von den Füßen gehoben. Bösartig ließ er die Armbrust herab, wie er gedroht hatte; doch sie schlug in die leere Luft. Im nächsten Augenblick wurde Gonzaga geprellt in eine Ecke des Turms geschleudert.
In einer Wut, die so groß war, dass er fühlte, wie sie ihm die Kraft raubte und den Atem in seinem Körper erstickte, machte er eine Bewegung, um aufzustehen und sich erneut auf seinen Angreifer zu werfen. Doch Fortemani war über ihm, und trotz all seinem Sträuben gelang es ihm, ihn auf den Bauch zu drehen, seine Arme hinter ihm zu verdrehen und sie mit einem Gürtel festzubinden, der griffbereit lag.
„Bleib liegen, du Skorpion!“, knurrte der Raufbold, schwer atmend von seiner Anstrengung. Er stand auf, nahm den Bolzen, um den der Brief gewickelt war, las die Aufschrift – „An den hohen und mächtigen Herrn Gian Maria Sforza“ – und mit einem Kichern aus einer Mischung von Genuss und Verachtung war er verschwunden und schloss die Tür ab.
Allein gelassen, lag Gonzaga mit dem Gesicht nach unten, wo er hingeschleudert worden war, unfähig, viel mehr zu tun, als zu stöhnen und in der Äußersten seiner Verzweiflung zu schwitzen, während er auf das Kommen derer wartete, die ihm wahrscheinlich ein Ende bereiten würden. Nicht einmal von Valentina konnte er Gnade hoffen, so belastend war der Zettel, den er verfasst hatte. Sein Brief sollte den Herzog anweisen, seine Männer zur Stunde des Angelus am nächsten Morgen bereit zu halten und zu warten, bis Gonzaga ein Taschentuch von den Zinnen schwenken würde. Auf dieses Zeichen hin sollte er sofort zum Pfortenhaus vorrücken, das er offen vorfinden würde, und der Rest, versprach ihm Gonzaga, würde ein Leichtes sein. Er würde die gesamte Garnison bei ihren Gebeten und waffenlos antreffen.
Als Francesco ihn las, sprang ein Licht in sein Auge und ein Fluch auf seine Lippen; doch weder Blick noch Fluch waren Verwünschungen, wie Ercole erwartete. Ein plötzlicher Gedanke blitzte durch den Geist des Grafen, so seltsam und humorvoll und doch so voller Versprechen auf ein leichtes Gelingen, dass er in ein Lachen ausbrach.
„Nun möge Gott diesen Narren segnen als den gelegensten aller Verräter!“, rief er, woraufhin Fortemanis Mund offen blieb und die Augen von Peppe sehr rund wurden.
„Ercole, mein Freund, hier ist ein Köder, um diesen Tölpel, meinen Cousin, zu fangen, wie ich ihn mir niemals selbst hätte ausdenken können.“
„Ihr meint –?“
„Bringt ihn ihm zurück“, rief der Graf und hielt den Brief mit einer Hand hin, die vor Eifer zitterte. „Bringt ihn zurück und bringt ihn mit guten oder bösen Mitteln dazu, ihn wie geplant abzuschießen; oder wenn er sich weigert, nun, dann versiegelt Ihr ihn und schießt ihn selbst ab. Aber seht zu, dass er zu Gian Maria gelangt!“
„Darf ich nicht wissen, was Ihr vorhabt?“, fragte der verwirrte Ercole.
„Alles zu seiner Zeit, mein Freund. Erst tut meine Bitte mit diesem Brief. Hört! Es wäre am besten, wenn Ihr, nachdem Ihr ihn gelesen habt, einwilligt, Euch ihm bei seinem Verrat an Roccaleone anzuschließen, da Eure eigenen Ängste vor dem ultimativen Schicksal, das Euch bei Gian Maria erwartet, geweckt wurden. Drängt ihn, Euch Geld, Straffreiheit, was Ihr wollt, als Belohnung zu versprechen; aber macht ihn glauben, dass Ihr aufrichtig seid, und veranlasst ihn, seinen kostbaren Bolzen abzuschießen. Nun geht! Verliert keine Zeit, oder sie könnten von der Kapelle zurückkehren, und Eure Gelegenheit wäre vertan. Kommt danach hierher zu mir, und ich werde Euch sagen, was ich im Sinn habe. Wir werden heute Nacht eine arbeitsreiche Nacht haben, Ercole, und Ihr müsst mich befreien, wenn die anderen schlafen gegangen sind. Nun geht!“
Ercole ging, und Peppe, der blieb, plagte den Grafen mit Fragen, die er beantwortete, bis der Narr am Ende die Richtung seines Plans erfasste und frech schwor, dass ein größerer Narr als seine Exzellenz nicht existiere. Dann kehrte Ercole zurück.
„Ist es getan? Ist der Brief fort?“, rief Francesco. Fortemani nickte.
„Wir sind geschworene Brüder in dieser Sache, er und ich. Er fügte seinem Schreiben eine Zeile hinzu, um zu sagen, dass er meine Mitarbeit gewonnen habe und dass daher auch für mich Straffreiheit erwartet werde.“
„Ihr habt es gut gemacht, Ercole“, lobte ihn Francesco. „Nun gebt mir den Brief zurück, den ich Euch für Monna Valentina gegeben habe. Es gibt keinen Bedarf mehr dafür. Aber kommt heute Nacht gegen die vierte Stunde wieder zu mir, wenn alle schlafen, und bringt meine Männer mit, Lanciotto und Zaccaria.“
KAPITEL XXIV. DIE UNTERBROCHENE MESSE
Der Morgen jenes Mittwoch von Corpus Christi, schicksalhaft für alle, die in dieser Chronik eine Rolle spielen, graute neblig und grau, und die Luft war durch den Wind, der vom Meer her wehte, abgekühlt. Die Kapellenglocke läutete ihre Aufforderung, und die Garnison trabte treu zur Messe.
Alsbald kam Monna Valentina, gefolgt von ihren Damen, ihren Pagen und zuletzt Peppe, der unter seiner dünnen Maske der Frömmigkeit eine Miene gespannter Unruhe und Unrast trug. Valentina war sehr blass, und um ihre Augen lagen dunkle Schatten, die von Schlaflosigkeit kündeten, und als sie ihr Haupt im Gebet neigte, bemerkten ihre Damen, dass Tränen auf das illuminierte Messbuch fielen, über das sie gebeugt war. Und nun kam Fra Domenico aus der Sakristei in dem weißen Messgewand, das die Kirche für das Corpus-Christi-Fest vorschreibt, gefolgt von einem Pagen in einem geistlichen schwarzen Gewand, und die Messe begann.
Es fehlten bei der Versammlung nur Gonzaga und Fortemani, abgesehen von einem Schildwache und den drei Gefangenen, Francesco und seinen beiden Anhängern.
Gonzaga hatte sich Valentina mit der plausiblen Geschichte vorgestellt, dass, da die Ereignisse, von denen Fanfullas Brief sie Kenntnis gegeben hatte, Gian Maria jederzeit zu verzweifelten Maßnahmen veranlassen könnten, es gut sein könne, dass er den einzelnen Soldaten, der die Mauern patrouillierte, verstärke. Valentina, die sich nun wenig darum scherte, ob die Burg hielt oder fiel, und noch weniger um Kleinigkeiten wie Gonzagas Teilnahme an der Messe, hatte zugestimmt, ohne auf die Bedeutung dessen zu achten, was er sagte.
Und so hatte sich Gonzaga, das Gesicht gezeichnet und der Körper bebend vor der Aufregung dessen, was er tun wollte, auf die Zinnen begeben, sobald er gesehen hatte, dass alle sicher in der Kapelle waren. Der Wachposten war jener junge, klerikal wirkende Aventano, der den Soldaten jenen Brief vorgelesen hatte, den Gian Maria an Gonzaga gesandt hatte. Dies hielt der Höfling für ein gutes Omen. Wenn es unter den Soldaten in Roccaleone einen Mann gab, bei dem er meinte, eine Rechnung offen zu haben, dann war es Aventano.
Der Nebel hellte sich schnell auf, und das Land wurde meilenweit sichtbar. Im Lager von Gian Maria beobachtete er ein Kommen und Gehen von Männern, das für eine so frühe Stunde ein übermäßiges Treiben verriet. Sie warteten auf sein Signal.
Er näherte sich dem jungen Wachposten und wurde immer nervöser, je näher die Zeit zum Handeln rückte. Er verfluchte Fortemani, der sich selbstsüchtig geweigert hatte, eine aktive Rolle bei der Einlassung Gian Marias zu übernehmen. Hier war eine Aufgabe, die Fortemani zufriedenstellender ausführen konnte als er. Er hatte Ercole auf diese Tatsache aufmerksam gemacht, doch der Haudegen hatte gegrinst und den Kopf geschüttelt. Gonzaga falle die größere Belohnung zu, und also müsse Gonzaga die größere Arbeit verrichten. Es sei nur fair, hatte der Schurke behauptet; und während Gonzaga damit beschäftigt sei, würde er die Kapellentür gegen jede Störung bewachen. Und so war Gonzaga gezwungen gewesen, allein zu kommen, um mit dem Wachposten abzurechnen.
Er gab dem jungen Mann ein nervöses, aber freundliches „Guten Morgen“ und bemerkte mit Zufriedenheit, dass er keine Rüstung trug. Seine ursprüngliche Absicht war gewesen, ihn zu bestechen und durch Bestechung gefügig zu machen; doch nun, da der Moment des Handelns gekommen war, wagte er es nicht, das Angebot zu unterbreiten. Ihm fehlten die Worte, um seinen Vorschlag vorzubringen, und er fürchtete, der Mann könnte darüber erzürnt sein und ihn in einem Anfall von Empörung mit seiner Partisane angreifen. Er ahnte nicht, dass Aventano von Ercole vorgewarnt worden war, dass ihm ein Bestechungsgeld angeboten würde und dass er es unverzüglich annehmen solle. Ercole hatte diesen Mann gewählt, weil er intelligent war, und hatte ihn hinreichend in die Pläne eingeweiht, neben der Aussicht auf eine beträchtliche Belohnung, sollte er seine Rolle gut spielen, und Aventano wartete. Doch Gonzaga, der davon nichts wusste, ließ im letzten Augenblick den Gedanken fallen, ihn zu bestechen – wozu Ercole ihn angehalten hatte und wozu er seinerseits Ercole versprochen hatte, dass dies sein Vorgehen sein würde.
„Sie scheinen zu frieren, Exzellenz“, sagte der junge Mann unterwürfig, denn er hatte bemerkt, dass Gonzaga zitterte.
„Ein frostiger Morgen, Aventano“, erwiderte der Kavalier mit einem Grinsen.
„Wahrhaftig; aber die Sonne bricht dort drüben durch. Es wird bald wärmer werden.“
„Nun ja“, antwortete der andere geistesabwesend, und noch immer blieb er bei dem Wachposten, während seine Hand unter dem fröhlichen Mantel aus blauem Samt nervös das Heft eines Dolches betastete, den zu ziehen er nicht wagte. Es kam ihm in den Sinn, dass die Augenblicke verrannen und dass die Tat vollbracht werden musste. Doch Aventano war ein sehniger Jüngling, und sollte der plötzliche Stoß, den er plante, misslingen, wäre er dem Kerl ausgeliefert. Bei diesem Gedanken schauderte er erneut und sein Gesicht wurde aschfahl. Er wich einen Schritt zurück, und dann brachte ihm eine Eingebung eine grausame List. Er stieß einen Schrei aus.
„Was ist das?“, rief er und starrte auf den Boden.
Im Nu war Aventano an seiner Seite, denn seine Stimme hatte alarmiert geklungen – ein Tonfall, der in seinem gegenwärtigen Zustand nicht schwer zu täuschen war.
„Was, Exzellenz?“
„Dort unten“, rief Gonzaga aufgeregt. „Dort aus diesem Riss im Stein. Haben Sie nichts gesehen?“ Und er zeigte auf den Boden an einer Stelle, wo zwei Platten aneinanderstießen.
„Ich sah nichts, Erlauchter.“
„Es war wie ein Blitz gelben Lichts dort unten. Was befindet sich hier unter uns? Ich schwöre, hier ist Verrat im Spiel. Gehen Sie auf die Knie und sehen Sie nach, ob etwas zu erkennen ist.“
Mit einem staunenden Blick auf das weiße, zuckende Gesicht des Höflings ging der unglückliche junge Mann auf alle Viere, um seinem Befehl zu gehorchen. Schließlich – armer Kerl! – war er kaum so intelligent, wie Fortemani meinte.
„Da ist nichts, Exzellenz“, sagte er. „Der Verputz ist rissig. Aber –– Ah!“
In panischer Eile hatte Gonzaga den Dolch aus seiner Scheide gerissen und ihn in die Mitte von Aventanos breitem Rücken gestoßen. Die Arme des Kerls glitten weg, und mit einem langgezogenen, gurgelnden Seufzer sank er zu Boden und streckte sich auf schreckliche Weise auf den Steinen aus.
In diesem Augenblick teilten sich die Wolken über ihm und die Sonne kam in einem Strahl goldener Herrlichkeit hervor. Hoch über Gonzagas Haupt begann eine Lerche zu singen.
Einen Moment lang blieb der Mörder über dem Leichnam seines Opfers stehen, den Kopf zwischen die Schultern gesunken wie ein Mann, der einen Schlag erwartet, das Gesicht grau, die Zähne klappernd und den Mund grässlich zuckend. Ein Schauder durchlief ihn. Es war das erste Leben, das er genommen hatte, und dieser Aasfraß zu seinen Füßen erfüllte ihn mit krankhaftem Entsetzen. Nicht für ein Königreich – nicht um seine niedere Seele vor der ewigen Verdammnis zu bewahren, die ihm diese Tat eingebracht hatte – hätte er es gewagt, sich zu bücken, um den Dolch aus dem Rücken des Unglücklichen zu ziehen, den er ermordet hatte. Mit einem beinahe schrillen Schrei wandte er sich um und floh in Panik von der Stelle. Vor Entsetzen keuchend, doch unterbewusst der Arbeit gewahr, die er zu verrichten hatte, hielt er einen Moment inne, um mit einem Tuch zu winken, dann stürzte er die Stufen zum Pförtchen hinab.
Mit zitternden Fingern schloss er die Tür auf und stieß sie weit auf für Gian Marias Männer, die auf sein Signal hin nun mit einer Brücke aus Kiefernstämmen herbeieilten, die sie hastig und grob während des vorangegangenen Tages zusammengefügt hatten. Diese wurde mit einiger Mühe und mehr Lärm, als Gonzaga lieb war, über den Burggraben geschoben. Einer der Männer kroch hinüber und half Gonzaga, das Ende zu befestigen.
Einen Augenblick später standen Gian Maria und Guidobaldo auf dem Burghof, und nach ihnen kam fast jeder Mann der hundert, die Gian Maria zu dieser Belagerung mitgebracht hatte. Das war es, was Francesco zuversichtlich erwartet hatte, da er wusste, dass es nicht die Art seines Vetters war, irgendein Risiko einzugehen.
Der Herzog von Babbiano, dessen Gesicht durch eine borstige Hecke aus rötlichen Stoppeln entstellt war – denn im Gehorsam gegen das Gelübde, das er abgelegt hatte, trug er nun einen vierzehntägigen Bart auf seinem runden Gesicht –, wandte sich an Gonzaga.
„Ist alles wohl?“, fragte er in freundlichem Ton, während Guidobaldo den Geck verächtlich musterte.
Gonzaga versicherte ihnen, dass die ganze Sache vollbracht worden sei, ohne die Garnison bei ihren Gebeten zu stören. Nun, da er sich gut geschützt glaubte, kehrte seine gewohnte Gelassenheit zurück.
„Sie können sich glückwünschen, Hoheit“, wagte er mit einem Grinsen gegenüber Guidobaldo zu bemerken, „dass Sie Ihre Nichte in frommen Wegen erzogen haben.“
„Haben Sie mich angesprochen?“, fragte der Herzog von Urbino kalt. „Ich hoffe, es wird nicht wieder nötig sein.“
Vor dem Blick des Abscheus in seinem schönen Gesicht kroch Gonzaga zusammen. Gian Maria lachte in seinem schrillen Diskant.
„Habe ich Eurer Hoheit nicht treu gedient?“, schmeichelte der Kavalier.
„Das hat auch der geringste Küchenjunge in meinen Küchen, der niedrigste Stallknecht in meinen Ställen – und mit mehr Ehre für sich selbst“, antwortete der stolze Herzog. „Doch er geht nicht so weit, mit mir zu scherzen.“ Sein Blick enthielt eine so beredte Drohung, dass Gonzaga ängstlich zurückwich; aber Gian Maria klopfte ihm auf freundliche Weise auf die Schulter.
„Sei guten Mutes, Judas“, lachte er, sein blasses Gesicht grinsend, „ich werde in Babbiano Platz für dich finden, und auch Arbeit, wenn du sie so gut verrichtest wie diese. Komm; die Männer sind jetzt hier. Lass uns voranschreiten, während sie bei ihren Gebeten sind. Aber wir dürfen sie nicht stören“, fügte er ernster hinzu. „Ich will mich keiner Gottlosigkeit schuldig machen. Wir können sie draußen abpassen.“
Er lachte fröhlich, denn er schien in einer geradezu aberwitzig guten Stimmung zu sein, und während er Gonzaga hieß, den Weg zu weisen, folgte er ihm mit Guidobaldo an seiner Seite. Sie überquerten den Burghof, wo seine Männer, bis an die Zähne bewaffnet, aufgereiht standen, und an der Tür des Torbogens, der zum inneren Hof führte, hielten sie inne, damit Gonzaga sie öffnete.
Einen Moment stand der Kavalier da und starrte. Dann wandte er ein Gesicht voll Bestürzung den Herzögen zu. Seine Knie zitterten sichtbar.
„Sie ist verschlossen“, verkündete er mit heiserer Stimme.
„Wir haben beim Eintreten zu viel Lärm gemacht“, schlug Guidobaldo vor, „und sie haben Alarm geschlagen.“
Die Erklärung linderte das wachsende Unbehagen in Gian Marias Geist. Er wandte sich mit einem Fluch an seine Männer.
„Hier, ihr da!“, befahl seine scharfe Stimme. „Schlagt mir diese Tür ein. Bei der Hostie! Glauben die Narren, mich so leicht draußen halten zu können?“
Die Tür wurde eingestoßen, und sie rückten vor. Aber nur etwa ein halbes Dutzend Schritte, denn am Ende dieses kurzen Ganges fanden sie die zweite Tür, die ihren Fortschritt versperrte. Auch diese brachen sie auf, während Gian Maria heftig über die Verzögerung fluchte. Doch als es vollbracht war, war er gar nicht mehr so erpicht darauf, voranzugehen.
Im zweiten Burghof hielt er es für äußerst wahrscheinlich, dass sie Valentinas Soldaten vorfinden würden, die sie erwarteten. Also hieß er seine Männer weitergehen und blieb mit Guidobaldo zurück, bis er Nachricht erhielt, dass auch der innere Hof leer sei.
Und nun war die gesamte Hundertschaft seiner Gefolgsleute dort versammelt, um die zwanzig zu überwältigen, die Monna Valentina dienten; und Guidobaldo – trotz Gian Marias Bedenken – schritt kühl auf die Kapellentür zu.
* * * * *
Innerhalb der Kapelle hatte die Messe begonnen. Fra Domenico am Fuß des Altars hatte das Confiteor heruntergebetet, seine tiefe Stimme wurde vom Sopran des dienenden Pagen erwidert. Das Kyrie wurde gerade gesprochen, als die Aufmerksamkeit der Gemeinde durch das Geräusch von Schritten erregt wurde, die sich der Kapellentür näherten, begleitet von einem unheilvollen Klirren von Stahl. Die Männer erhoben sich geschlossen, Verrat fürchtend, und verfluchten – trotz der Heiligkeit des Ortes – den Umstand, dass sie ohne Waffen waren.
Dann öffnete sich die Tür, und die bewaffneten Absätze der Neuankömmlinge hallten die Stufen herab, sodass sich jedes Auge auf sie richtete, einschließlich dessen von Fra Domenico, der das letzte „Christe eleison“ mit bebender Stimme ausgesprochen hatte.
Ein Erleichterungsseufzer, gefolgt von einem wütenden Schrei Valentinas, ging durch den Raum, als sie erkannten, wer da kam. Zuerst schritt der Graf von Aquila in voller Rüstung, das Schwert an der Seite und den Dolch auf der Hüfte, seinen Helm am Knauf seines linken Arms tragend. Hinter ihm ragte die Masse von Fortemani auf, sein großes Gesicht von einer seltsamen Aufregung gerötet, ein lederner Waffenrock über seinem Stahlpanzer, ebenfalls mit Schwert und Dolch gegürtet und seinen glänzenden Morion in der Hand tragend. Zuletzt kamen Lanciotto und Zaccaria, beide voll ausgerüstet und bis an die Zähne bewaffnet.
„Wer seid ihr, die ihr so aufgerüstet in Gottes Haus kommt, um die heilige Messe zu unterbrechen?“, rief die Bassstimme des Mönchs.
„Geduld, guter Vater“, antwortete Francesco ruhig, „der Anlass ist unsere Rechtfertigung.“
„Was bedeutet das, Fortemani?“, verlangte Valentina gebieterisch, ihre Augen zornig auf ihren Hauptmann gerichtet, den Grafen völlig ignorierend. „Verraten auch Sie mich?“
„Es bedeutet, Madonna“, antwortete der Riese kurz angebunden, „dass Ihr Schoßhündchen, Messer Gonzaga, in diesem Augenblick Gian Maria und seine Streitkräfte durch das Pförtchen nach Roccaleone einlässt.“
Ein heiserer Schrei kam von den Männern, den Francesco mit einem Wink seiner gepanzerten Hand zum Schweigen brachte.
Valentina sah wild zu Fortemani, und dann, als ob sie von einem größeren Willen als ihrem eigenen gezogen würde, wurden ihre Augen gezwungen, zum Grafen zu wandern. Er trat sofort vor und neigte das Haupt vor ihr.
„Madonna, dies ist keine Stunde für Erklärungen. Handeln ist geboten, und zwar sofort. Ich hatte Unrecht, meine Identität nicht vor Ihnen offenzulegen, bevor Sie sie auf solch unglückliche Weise und mit der Unterstützung des einzigen Verräters entdeckten, den Roccaleone beherbergt hat, Romeo Gonzaga – der, wie Fortemani Ihnen gerade sagte, in diesem Moment meinen Vetter und Ihren Onkel in die Burg einlässt. Aber dass mein Ziel jemals ein anderes war, als Ihnen zu dienen, oder dass ich versuchte, wie Ihnen dargestellt wurde, diese Belagerung für meinen eigenen politischen Profit zu nutzen, das, Madonna, flehe ich Sie in Ihrem eigenen Interesse an, als unwahr zu glauben.“
Sie sank auf die Knie und begann mit gefalteten Händen zur Mutter der Barmherzigkeit zu beten, sich verloren wähnend, denn sein Tonfall trug Überzeugung in sich, und er hatte gesagt, dass Gian Maria die Burg betrat.
„Madonna“, rief er und berührte sie leicht an der Schulter; „lassen Sie Ihre Gebete warten, bis sie Danksagungen sein können. Hören Sie zu. Durch die Wachsamkeit von Peppe dort, der, gute Seele, die er ist, nie den Glauben an mich verlor oder mich für einen Feigling hielt, wurden wir gestern Nacht informiert – Fortemani und ich – von alldem, was Gonzaga vorbereitete. Und wir haben unsere Pläne geschmiedet und den Boden bereitet. Wenn Gian Marias Soldaten eintreten, werden sie die äußeren Türen verriegelt und verschlossen vorfinden, und wir werden ein wenig Zeit gewinnen, während sie diese aufbrechen. Meine Männer, wie Sie bemerken werden, verriegeln sogar jetzt die Tür der Kapelle, um ein weiteres Hindernis zu errichten. Nun, während sie damit beschäftigt sind, müssen wir handeln. Kurz gesagt, wenn Sie uns vertrauen wollen, werden wir Sie hier hinausbringen, denn wir vier haben die Nacht hindurch nicht umsonst gearbeitet.“
Sie sah ihn durch einen Schleier von Tränen an, ihr Gesicht gezeichnet und erschreckt. Dann legte sie ihre Hände an ihre Stirn in einer Geste der verwirrten Hilflosigkeit.
„Aber sie werden uns folgen“, klagte sie.
„Nicht so“, antwortete er lächelnd. „Denn auch dafür haben wir gesorgt. Kommen Sie, Madonna, die Zeit drängt.“
Einen langen Augenblick betrachtete sie ihn. Dann wischte sie die Tränen beiseite, die ihre Sicht trübten, legte eine Hand auf jede seiner Schultern und stand so vor ihnen allen, in sein ruhiges Gesicht blickend.
„Wie soll ich wissen, dass das, was Sie sagen, wahr ist – dass ich Ihnen vertrauen darf?“, fragte sie, doch ihre Stimme war nicht die Stimme einer, die einen überwältigenden Beweis verlangt, ehe sie glauben wird.
„Bei meiner Ehre und meiner Ritterschaft“, antwortete er mit einer hellen Stimme, „schwöre ich hier, am Fuße von Gottes Altar, dass mein Ziel – mein einziges Ziel – war, ist und sein wird, Ihnen zu dienen, Monna Valentina.“
„Ich glaube Ihnen“, rief sie; um einen Moment später zu schluchzen:
„Verzeihen Sie mir, Francesco, und möge Gott auch meinen Mangel an Glauben an Sie vergeben.“
Er hauchte leise ihren Namen in so süßen Tönen, dass ein glücklicher Friede sie erfüllte, und der helle Mut von einst strahlte in ihren braunen Augen.
„Kommt, meine Herren!“, rief er nun mit einer plötzlichen Lebhaftigkeit, die sie zu fieberhaftem Gehorsam aufschreckte. „Sie, Fra Domenico, legen Sie Ihre priesterlichen Gewänder ab und gürten Sie Ihr Habit hoch. Es gibt Kletterei für Sie. Hier, ein paar von euch, schiebt diese Altarsstufe beiseite. Meine Männer und ich haben die Nacht damit verbracht, ihre alten Angeln zu lockern.“
Sie hoben die Platte, und in der Lücke darunter offenbarte sich eine Treppe, die hinunter zu den Kerkern und Kellern von Roccaleone führte.
Sie stiegen in Eile, aber in guter Ordnung hinab, angeführt von Francesco, und als der letzte hinabgestiegen war, ersetzten er und Lanciotto, unterstützt von anderen unten, die ein Seil ergriffen hatten, das er ihnen herabgelassen hatte, die Platte von unten, sodass keine Spur von dem Weg bleiben sollte, den sie genommen hatten.
Ein Pförtchen war unten von Fortemani entriegelt worden, der mit einem halben Dutzend Männern vorangegangen war; und eine riesige Sturmleiter, die in jener unterirdischen Galerie bereitlag, wurde über den Graben geschoben, der an dieser Stelle ein reißender Wildbach war.
Fortemani war der Erste, der diese abschüssige Brücke hinabstieg, und als er den Boden erreichte, befestigte er das untere Ende.
Als Nächstes gingen ein Dutzend Männer auf Francescos Befehl, bewaffnet mit den Piken, die über Nacht in der Galerie zurückgelassen worden waren. Auf ein Kommando hin schlüpften sie leise davon. Dann kamen die Frauen und schließlich der Rest der Männer.
Vom Feind erblickten sie keinen Schimmer; nicht einmal eine Schildwache, denn jeder von Gian Marias Männern war in die Belagerung der Burg gezwungen worden. So kamen sie aus Roccaleone hervor und machten sich auf den Weg über jene raue Brücke in die lieblichen Wiesen im Süden. Schon waren Fortemani und sein Dutzend Männer im Trab verschwunden, auf die Vorderseite der Burg zu, als Francesco als Letzter die Brücke betrat und das Pförtchen hinter sich schloss. Dann glitt er rasch auf den Boden und zog mit der Hilfe eines Dutzends bereiter Hände die Sturmleiter weg. Sie trugen sie einige Meter vom Rand des Wildbachs fort und legten sie auf der Wiese ab. Mit einem Lachen reinster Genugtuung trat Francesco an Valentinas Seite.
„Es wird ihren Verstand anstrengen, herauszufinden, wie wir herausgekommen sind“, rief er, „und sie werden zu dem Schluss kommen müssen, dass wir alle Engel sind, mit Flügeln unter unserer Rüstung. Wir haben ihnen keine einzige Leiter oder einen Strang Seil in Roccaleone gelassen, um zu versuchen, uns zu folgen, selbst wenn sie herausfinden, wie wir gekommen sind. Aber komm, Valentina mia, die Komödie ist noch nicht zu Ende. Schon wird Fortemani die Brücke entfernt haben, über die sie eingedrungen sind, und sich mit den wenigen Männern angelegt haben, die vielleicht zurückgeblieben sind, und wir haben den Hohen und Mächtigen Gian Maria in der engsten Falle, die je erdacht wurde.“
KAPITEL XXV. DIE KAPITULATION VON ROCCALEONE
Im Sonnenschein jenes hellen Maismorgens machten sich Francesco und seine Männer fröhlich daran, das herzogliche Lager in ihren Besitz zu bringen, und das erste Geschäft des Tages war, jene Soldaten zu bewaffnen, die unbewaffnet herausgekommen waren. An Waffen mangelte es nicht, und diese nahmen sie sich reichlich, während hier und da ein Mann innehielt, um sich einen Panzer anzulegen oder sich eine Stahlkappe auf den Kopf zu drücken.
Nur drei Schildwachen waren zurückgelassen worden, um die Zelte zu bewachen, und von diesen hatte Fortemani mit einem Paar seiner Männer Gefangene gemacht, während die anderen die Brücke entfernten, über die die Eindringlinge eingedrungen waren. Und nun klaffte unter dem offenen Pförtchen an der Zugbrücke ein wogender Wildbach, den zu durchschwimmen kein Mann den Wagemut besitzen würde.
In jener Öffnung erschien alsbald Gian Maria, sein Gesicht diesmal rot, und hinter ihm eine lärmende Menge von Bewaffneten, die den Zorn ihres Herrn über die Art und Weise teilten, wie sie in die Falle gelockt worden waren.
Hinter den Zelten warteten Valentina und ihre Damen das Ergebnis der Unterhandlung ab, die nun bevorzustehen schien. Der Großteil der Männer war bei Gian Marias Kanonen beschäftigt, und unter Francescos Aufsicht richteten sie diese auf die Zugbrücke.
Aus der Burg erscholl ein gewaltiger Schrei. Die Männer verschwanden vom Pförtchen, um einen Augenblick später auf den Zinnen wieder zu erscheinen, und Francesco lachte tief in seiner Kehle, als er deren Absicht erkannte. Sie hatten sich der Geschütze besonnen, die dort aufgestellt waren, und waren gegangen, um sie gegen Valentinas kleine Armee einzusetzen. Geschütz um Geschütz probierten sie, und ein wütender Zornesschrei brach hervor, als sie erkannten, durch welch hölzerne Attrappen sie während der vergangenen Woche in Schach gehalten worden waren. Dies wurde von einem Schweigen einiger Augenblicke gefolgt, das schließlich durch den Klang eines Horns beendet wurde.
Dieser Aufforderung zu einer Unterhandlung folgend und mit einem letzten Wort der Anweisung an Fortemani, der mit der Leitung der Männer an den Geschützen zurückgelassen wurde, ritt Francesco auf einem von Gian Marias Pferden vorwärts, eskortiert von Lanciotto und Zaccaria, die ähnlich beritten waren und jeder mit einer geladenen Arkebuse bewaffnet.
Unter den Mauern von Roccaleone hielt er die Zügel an und lachte in sich hinein über diesen monströsen Seitenwechsel. Als er anhielt – Helm auf dem Kopf, aber das Visier offen –, flog ein Körper über die Zinnen und platschte in die schäumenden Wasser darunter. Es war der Leichnam von Aventano, den Gian Maria ihnen kurz und bündig befohlen hatte, aus seinem Gesicht zu entfernen.
„Ich wünsche mit Monna Valentina della Rovere zu sprechen“, rief der wütende Herzog.
„Sie können mit mir sprechen, Gian Maria“, antwortete Francescos Stimme, klar und metallisch. „Ich bin ihr Repräsentant, ihr einstiger Profoß von Roccaleone.“
„Wer sind Sie?“, fragte der Herzog, beeindruckt von einem vertrauten Klang in dieser spöttischen Stimme.
„Francesco del Falco, Graf von Aquila.“
„Bei Gott! Sie!“
„Ein Zeitalter der Wunder, nicht wahr?“, lachte Francesco.
„Was wollen Sie verlieren, mein Vetter – eine Ehefrau oder ein Herzogtum?“
Wut verschlug Gian Maria für einen Moment die Sprache. Dann wandte er sich an Guidobaldo und flüsterte ihm etwas zu; doch Guidobaldo, der nun ein großes Interesse an diesem Ritter unter sich zu haben schien, zuckte nur mit den Schultern.
„Ich werde keines von beiden verlieren, Messer Francesco“, brüllte der Herzog. „Keines, bei Gott!“, schrie er. „Keines, hören Sie mich?“
„Ich müsste sonst taub sein“, war die gelassene Antwort. „Aber Sie sind schwer im Unrecht. Das eine oder das andere müssen Sie aufgeben, und es liegt an Ihnen, eine Wahl zwischen beiden zu treffen. Das Spiel ist gegen Sie ausgegangen, Gian Maria, und Sie müssen bezahlen.“
„Aber habe ich kein Mitspracherecht bei der Vermählung meiner Nichte?“, fragte Guidobaldo mit kalter Würde. „Steht es Ihnen zu, Herr Graf, zu sagen, ob mein Vetter sie heiraten soll oder nicht?“
„Nun, nein. Er kann sie heiraten, wenn er will, aber er wird kein Herzog mehr sein. Tatsächlich wird er ein Geächteter ohne Titel sein, um Ansprüche zu erheben, falls die Babbianer ihm überhaupt einen Kopf lassen; während ich zumindest, obwohl kein Herzog mit einem wankenden Thron, ein Graf mit Ländereien bin, klein zwar, aber sicher gehalten, und ein Herzog werden werde, wenn Gian Maria sich weigert, mir Ihre Nichte zu überlassen. Wenn er also geneigt ist, sie zu heiraten, werden Sie geneigt sein, sie einen obdachlosen Vagabunden oder einen kopflosen Leichnam heiraten zu lassen?“
Guidobaldos Gesicht schien sich zu verändern, und seine Augen blickten neugierig auf den weißgesichtigen Herzog neben ihm.
„Sie sind also der andere Bewerber um die Hand meiner Nichte, Herr Graf?“, fragte er mit seiner kältesten Stimme.
„Das bin ich, Hoheit“, antwortete Francesco ruhig. „Die Sache verhält sich so: Wenn Gian Maria bis zum Morgen nicht in Babbiano ist, verwirkt er seine Krone, und sie geht durch die Stimme des Volkes auf mich über; wenn er jedoch seinen Anspruch auf Monna Valentina zu meinen Gunsten aufgibt, dann werde ich direkt nach Aquila reisen und Babbiano nicht weiter behelligen. Wenn er sich weigert und auf dieser Hochzeit beharrt, die Monna Valentina zuwider ist, nun, dann werden meine Männer ihn hinter diesen Mauern gefangen halten, bis es für ihn zu spät ist, sein Herzogtum rechtzeitig zu erreichen, um die Krone zu retten. In der Zwischenzeit werde ich an seiner Stelle nach Babbiano reiten, und – so widerwillig ich auch bin, den Herzog zu spielen – ich werde den Thron annehmen und die Forderungen des Volkes zum Schweigen bringen. Er kann dann versuchen, die Zustimmung Eurer Hoheit zur Verbindung zu gewinnen.“
Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben beging Guidobaldo einen Akt ausgesuchter Unhöflichkeit. Er brach in ein Lachen aus – ein stürmisches, amüsiertes Lachen, das Gian Marias Herz wie ein Messer durchschnitt.
„Nun, Herr Graf“, sagte er, „ich gestehe, dass Ihr uns sehr in Eurer Hand habt, um uns nach Belieben zu formen. Ihr seid ein solcher Soldat und ein solcher Stratege, wie ich ihn gerne in meinem Gefolge in Urbino hätte. Was sagt Eure Hoheit dazu?“, fuhr er fort und wandte sich nun an den fast sprachlosen Gian Maria. „Ich habe noch eine weitere Nichte, mit der wir die Vereinigung der beiden Herzogtümer festigen könnten; und sie mag williger sein. Frauen, so scheint es, bestehen darauf, Frauen zu sein. Glaubt Ihr nicht, dass Monna Valentina und dieser Euer tapferer Vetter...“
„Hör nicht auf ihn!“, schrie Gian Maria, nun in weißglühender Leidenschaft. „Er ist ein Hund mit glatter Zunge, der selbst den Teufel aus der Hölle herausreden würde. Schließ keine Abkommen mit dem Bauern! Ich habe hundert Männer, und...“ Er wirbelte plötzlich herum. „Lasst die Zugbrücke herunter, ihr Feiglinge!“, brüllte er sie an, „und fegt mir dieses Getier von meinen Zelten.“
„Gian Maria, ich warne dich“, rief Francesco laut und fest. „Ich habe deine eigenen Geschütze auf diese Brücke gerichtet, und beim ersten Versuch, sie zu senken, werde ich sie in Splitter schießen. Du verlässt Roccaleone nicht anders als nach meinem Belieben und zu meinen Bedingungen, und wenn du durch deine Halsstarrigkeit dein Herzogtum verlierst, wird es dein eigenes Werk sein; aber antworte mir jetzt, damit ich mein Vorgehen bestimmen kann.“
Auch Guidobaldo hielt Gian Maria zurück und widerrief dessen Befehl, die Brücke zu senken. Und nun schlich sich auf seiner anderen Seite Gonzaga an ihn heran und flüsterte ihm den Vorschlag ins Ohr, er solle warten, bis die Nacht hereingebrochen sei.
„Warte bis zur Nacht, du Narr!“, wetterte der Herzog und wandte sich mit wilder Freude an ihn, jemanden gefunden zu haben, den er zerreißen konnte. „Wenn ich bis dahin warte, ist mein Thron für mich verloren. Das kommt davon, wenn man sich mit Verrätern einlässt. Es ist deine Schuld, du Judas!“, schrie er noch heftiger, das Gesicht verzerrt; „aber du zumindest wirst für das bezahlen, was du getan hast.“
Gonzaga sah ein plötzliches Aufblitzen von Stahl vor seinen Augen, und ein durchdringender Schrei entfuhr ihm, als Gian Marias Dolch sich in seine Brust bohrte. Zu spät streckte Guidobaldo eine Hand aus, um den Herzog aufzuhalten.
Und so sank der prächtige Gonzaga durch eine seltsam rächende Gerechtigkeit an genau der Stelle tot nieder, an der er so feige und niederträchtig Aventano erstochen hatte.
„Werft mir das Aas in den Graben“, knurrte Gian Maria, der immer noch vor Wut bebte, die ihn zu seiner grausamen Tat getrieben hatte.
Ihm wurde gehorcht, und so wurden Mörder und Ermordeter in einem gemeinsamen Grab vereint.
Nach dem ersten Versuch, Gian Maria zurückzuhalten, hatte Guidobaldo teilnahmslos zugesehen und die Tat als eine sehr passende Bestrafung eines Mannes erachtet, für dessen Verrat er zumindest nie Sympathie empfunden hatte.
Als er den Körper in den darunter liegenden Strom verschwinden sah, schien Gian Maria zu begreifen, was er getan hatte. Sein Zorn fiel von ihm ab, und mit gebeugtem Haupt bekreuzigte er sich fromm. Dann wandte er sich an einen Begleiter, der an seinem Ellbogen stand:
„Sorge dafür, dass morgen eine Messe für seine Seele gelesen wird“, befahl er ihm feierlich.
Als hätte der Akt dazu gedient, ihn zu beruhigen und ihn wieder zur Besinnung zu bringen, trat Gian Maria nun vor und bat seinen Vetter in ruhigeren Tönen, als er sie bisher verwendet hatte, die Bedingungen darzulegen, unter denen er ihm erlauben würde, innerhalb der Zeit, die ihm sein Volk setzte, nach Babbiano zurückzukehren.
„Sie sind nicht mehr als das, dass du deinen Anspruch auf Monna Valentina aufgibst und dass du Trost findest – wie ich glaube, dass Seine Hoheit von Urbino selbst vorgeschlagen hat – bei der jüngeren Nichte des Herrn Guidobaldo.“
Bevor er antworten konnte, drängte ihn Guidobaldo mit leiser Stimme, die Bedingungen zu akzeptieren.
„Was bleibt dir sonst übrig?“, endete Montefeltro bedeutungsvoll.
„Und diese andere Nichte von Euch...?“, fragte Gian Maria matt.
„Ich habe mein Wort bereits gegeben“, antwortete Guidobaldo.
„Und Monna Valentina?“, wimmerte der andere beinahe.
„Mag diesen eigensinnigen Condottiero heiraten, den sie hat. Ich werde sie nicht aufhalten. Komm; ich bin dein Freund in dieser Sache. Ich opfere sogar Valentina deinen Interessen. Denn wenn du hartnäckig bleibst, wird er dich ruinieren. Das Spiel gehört ihm, mein Herr. Erkenne deine Niederlage an, wie ich meine anerkenne, und zahle.“
„Aber was ist deine Niederlage gegen meine?“, rief Gian Maria, der Guidobaldos Einschätzung durchschaute, dass ein solcher Neffe durch Heirat wie Francesco del Falco in den drohenden unruhigen Zeiten alles andere als unerwünscht war.
„Sie ist zumindest ebenso absolut“, erwiderte Guidobaldo mit einem Achselzucken. Und in diesem Sinne fuhr der Herzog von Urbino einige Augenblicke fort, bis Gian Maria schließlich feststellen musste, dass er nicht nur von seinem Verbündeten verlassen wurde, sondern dass dieser Verbündete nun auf der Seite seines Vetters kämpfte und ihn drängte, die Bedingungen seines Vetters zu akzeptieren, so unangenehm sie auch waren. So gedrängt, erkannte Gian Maria matt seine Niederlage und seine Bereitschaft, den Preis zu zahlen. Damit fragte er, wie bald ihm erlaubt würde, die Burg zu verlassen.
„Nun, sofort, da ich dein Wort habe“, antwortete Francesco bereitwillig, woraufhin Verrat in Gian Marias Auge aufblitzte, der jedoch durch Francescos nächste Worte schnell erstickt wurde. „Aber damit deine Männer und meine nicht in Schwierigkeiten miteinander geraten, wirst du befehlen, dass deine ohne Waffen oder Rüstung herauskommen, und du wirst deine eigene ablegen. Seine Hoheit Guidobaldo ist der einzige Mann, für den ich eine Ausnahme von dieser Bedingung machen kann. Sollte sie gebrochen werden, verspreche ich dir, dass du es sehr bitter bereuen wirst. Beim Anblick des ersten bewaffneten Mannes, der aus diesen Toren tritt, werde ich den Befehl zum Feuern geben, und deine eigenen Geschütze werden dein Verderben sein.“
So endete die zweite Belagerung von Roccaleone fast so schnell, wie sie begonnen hatte, und so kapitulierte Gian Maria vor dem Eroberer. Der Herzog von Babbiano und seine Männer marschierten beschämt und schweigend hinaus und machten sich auf den Weg nach Babbiano, wobei kein Wort – nicht einmal ein Blick – zwischen Gian Maria und der Dame gewechselt wurde, die der Grund für seine Niederlage gewesen war und die heiter seinen Abzug betrachtete.
Guidobaldo und seine wenigen Begleiter verweilten, nachdem sein früherer Verbündeter gegangen war. Dann hieß er Francesco, ihn zu seiner Nichte zu führen, was Francesco bereitwillig befolgte.
Der Herzog umarmte sie kühl – dass er sie überhaupt umarmte, nachdem was geschehen war, ließ Gutes hoffen.
„Ihr werdet mit mir nach Urbino kommen, Herr Graf?“, sagte er plötzlich zu Francesco. „Es wäre am besten, die Hochzeit dort zu feiern. Alles ist bereit – denn alles war für Gian Maria vorbereitet worden.“
Eine große Freude trat in Valentinas Augen; ihre Wangen röteten sich und ihr Blick senkte sich; aber Francesco musterte das Gesicht des Herzogs mit dem scharfen Blick eines Mannes, der so viel Glück nicht glauben konnte.
„Eure Hoheit meint es gut mit mir?“, wagte er zu fragen. Guidobaldo versteifte sich, und ein Stirnrunzeln unterbrach die Gelassenheit seiner hohen Stirn.
„Ihr habt mein fürstliches Wort“, antwortete er feierlich, woraufhin sich Francesco auf die Knie sank und seine herzogliche Hand küsste.
Und so brachen sie auf den Pferden auf, die sie als Kriegsbeute behalten hatten. Sie gaben ein stattliches Bild ab, Guidobaldo ritt an ihrer Spitze, mit Francesco und Valentina, während die Nachhut von Peppe und Fra Domenico gebildet wurde, die, berührt von dieser Epidemie des guten Willens, endlich miteinander fraternisierten.
Und als sie ritten, begab es sich, dass Guidobaldo schließlich zurückfiel, sodass Francesco und Valentina für einen Moment ein wenig vor den anderen allein waren. Sie wandte sich ihm zu, mit Schüchternheit in ihren braunen Augen, einem Beben in den Mundwinkeln ihrer roten Lippen:
„Du hast noch nicht gesagt, dass du mir verzeihst, Francesco“, klagte sie in einem zaghaften Flüstern. „Wäre es nicht schicklich, wenn du es tätest, da wir so bald heiraten werden?“