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Monte-Cristo's Daughter

by Edmund Flagg · in German

DIE TOCHTER DES MONTE-CRISTO.

FORTSETZUNG VON

ALEXANDER DUMAS'

GROSSARTIGEM ROMAN, DEM „GRAFEN VON MONTE-CRISTO“, UND ABSCHLUSS VON „EDMOND DANTÈS“.

VON

EDMUND FLAGG

* * * * *

„DIE TOCHTER DES MONTE-CRISTO“, ein wunderbar brillanter, origineller, aufregender und fesselnder Roman, ist die Fortsetzung von „Der Graf von Monte-Cristo“, dem Meisterwerk von Alexander Dumas, und die Weiterführung sowie der Abschluss jenes großen Romans „Edmond Dantès“. Er besitzt seltene Kraft, unermüdliches Interesse und eine komplizierte Handlung, die in Bezug auf konstruktives Geschick und effiziente Entwicklung ihresgleichen sucht. Zuleika, die wunderschöne Tochter von Monte-Cristo und Haydée, ist die Heldin, und ihr Verehrer, der Vicomte Giovanni Massetti, ein leidenschaftlicher, ungestümer junger Römer, der Held. Letzterer verstrickt sich durch eine Flirterei mit einem hübschen Blumenmädchen, Annunziata Solara, in ein Labyrinth aus Verdächtigungen, die ihn als Entführer und Mörder erscheinen lassen, was zu seiner Trennung von Zuleika führt und ihn in einen Wahnsinnigen verwandelt. Die Entwirrung dieser verzwickten Komplikationen bildet das Hauptthema des spannenden Buches. Der Roman ist reich an leidenschaftlichen Liebesszenen und bewegenden Abenteuern. Der Graf von Monte-Cristo spielt darin eine große Rolle, und zahlreiche Charaktere aus Monte-Cristo werden eingeführt. „DIE TOCHTER DES MONTE-CRISTO“ ist der neueste Zusatz zu Petersons berühmter Serie, bestehend aus „Der Graf von Monte-Cristo“, „Edmond Dantès“, „Die Gräfin von Monte-Cristo“, „Die Ehefrau des Monte-Cristo“ und „Der Sohn des Monte-Cristo“.

* * * * *

NEW YORK:

WM. L. ALLISON COMPANY

VERLEGER.

INHALT

Kapitel. Seite. I. MONTE-CRISTO UND DIE PRIMADONNA 21

II. EIN SELTSAM ÜBERMITTELTER BRIEF 33

III. DER EINDRINGLING IM KLOSTERGARTEN 45

IV. EINE STÜRMISCHE UNTERREDUNG 57

V. ANNUNZIATA SOLARA 69

VI. DIE MACHT EINES NAMENS 81

VII. IN DER HÜTTE DES BAUERN 91

VIII. EIN SYLVISCHES IDYLL 101

IX. DIE ENTFÜHRUNG 112

X. DIE GRÄFIN VON MONTE-CRISTO 130

XI. DER BETTLER UND SEINE GEFÄHRTEN 142

XII. VATER UND TOCHTER 156

XIII. MORCERFS ABENTEUER 166

XIV. ZULEIKA UND MME. MORREL 183

XV. EIN UNERWARTETES TREFFEN 195

XVI. INMITTEN DER RUINEN DES KOLOSSEUMS 206

XVII. PEPPINOS GESCHICHTE 218

XVIII. MEHR VON PEPPINOS GESCHICHTE 228

XIX. DER WAHNSINNIGE VOM KOLOSSEUM 238

XX. DIE INSEL MONTE-CRISTO 248

XXI. ZULEIKA ERFÄHRT DIE WAHRHEIT 264

XXII. DER WUNDERVOLLE ARZT 274

XXIII. EIN MODERNES WUNDER 285

XXIV. EINE VERZWEIFELTE BEGEGNUNG 296

XXV. EIN BESUCH IM ZUFLUCHTSORT 306

XXVI. VAMPA UND MONTE-CRISTO 316

XXVII. DIE REPRISALIEN DER BANDITEN 326

XXVIII. DER ÜBERFALL AUF DIE BANDITEN 336

XXIX. VAMPAS PROZESS 346

XXX. GRENZENLOSE FREUDE 363

DIE TOCHTER DES MONTE-CRISTO.

_FORTSETZUNG VON ALEXANDER DUMAS' GROSSARTIGEM ROMAN „DER GRAF VON MONTE-CRISTO“ SOWIE WEITERFÜHRUNG UND ABSCHLUSS VON „EDMOND DANTÈS“._

KAPITEL I.

MONTE-CRISTO UND DIE PRIMADONNA.

Der Graf von Monte-Cristo war in Rom. Er hatte einen der zahlreichen Privatpaläste gemietet, den Palazzo Costi, der an einer breiten Durchgangsstraße nahe dem Punkt lag, an dem die Ponte Sant’Angelo das eigentliche Rom mit jenem Vorort jenseits des Tibers verbindet, der als Leoninische Stadt oder Trastevere bekannt ist. Der mittellose römische Adel war stets bereit, seine Paläste an betitelte Ausländer von Vermögen zu vermieten, und Ali, der für den Grafen handelte, hatte keine Schwierigkeiten gehabt, seinem Herrn eine Bleibe zu verschaffen, um die ihn selbst ein Potentat hätte beneiden können. Es war ein hohes, geräumiges Gebäude, erbaut aus weißem Marmor in antikem architektonischem Stil, und bot von seinen weitläufigen Balkonen einen herrlichen Blick auf den Tiber und sein westliches Ufer, an dem jenes gewaltige Gefängnis und die Zitadelle, die Engelsburg, sowie der größte Palast der Welt, der Vatikan, aufragten.

Der Graf von Monte-Cristo hatte Rom schon immer wegen seiner malerischen, geheimnisvollen Antike gemocht, doch seine gegenwärtige Mission dort hatte rein gar nichts mit seinen individuellen Vorlieben zu tun. Er hatte sich für eine Zeit in der Ewigen Stadt niedergelassen, damit seine Tochter Zuleika, das Kind von Haydée[1], ihre Erziehung in einer berühmten Klosterschule abschließen konnte, die unter der Schirmherrschaft der Schwesternschaft vom Heiligen Herzen geführt wurde.

Zuleika war fünfzehn Jahre alt, sah jedoch viel älter aus, da sie die frühe Reife der Griechinnen besaß, deren leidenschaftliches Blut, mütterlicherseits, in ihren jugendlichen Adern floss. Sie hatte ihre volle Körpergröße erreicht und war groß und wohlgestaltet. Sie glich ihrer Mutter stark und besaß eine brillante Schönheit vom träumerischen, wollüstigen orientalischen Typ. Ihr Haar war üppig und schwarz wie die Nacht. Sie hatte dunkle, blitzende Augen, perlmuttfarbene Zähne, volle rubinrote Lippen sowie Hände und Füße, die von märchenhafter Winzigkeit sowie Wunder an Anmut und zierlicher Formgebung waren. In ihrem Temperament glich sie mehr Haydée als dem Grafen, obgleich sie die schnelle Entschlusskraft und Festigkeit ihres Vaters besaß, ergänzt durch einen Großteil seines Enthusiasmus.

Der Palazzo Costi war prächtig möbliert, daher hatte der Graf in dieser Hinsicht keine Veränderungen vorgenommen; er brachte lediglich die Familiengarderobe und einen Teil seiner Bibliothek mit, die hauptsächlich aus orientalischen Manuskripten bestand, die in seltsamen, kabbalistischen Zeichen verfasst und für niemanden außer ihm selbst verständlich waren.

Der Haushalt bestand lediglich aus dem Grafen, seinem Sohn Esperance[2], seiner Tochter Zuleika, dem treuen nubischen Stummen Ali und fünf oder sechs männlichen und weiblichen Bediensteten. Da er kein anderes Ziel verfolgte als die Bildung seiner Tochter, wollte der Graf in so vollkommener Zurückgezogenheit wie möglich leben, doch war es ihm unmöglich, seine Anwesenheit geheim zu halten. Kaum war bekannt geworden, dass er sich in Rom aufhielt, wurde er von Scharen von Besuchern aus dem höchsten Adel belagert, unter die sich zahlreiche Patrioten mischten, Anhänger des unglückseligen Savonarola, die für ihre feste Hingabe an die Sache der italienischen Freiheit bekannt waren.

Zu einer frühen Morgenstunde, an der diese Erzählung beginnt, saß der Graf von Monte-Cristo allein in einem kleinen Gemach des Palazzo Costi, das als sein Arbeitszimmer eingerichtet worden war und in dem seine kostbaren Manuskripte in fest verschlossenen Schränken aufbewahrt wurden. Der Graf hatte ein Exemplar einer römischen Zeitung vor sich, und seine Augen waren auf einen Absatz gerichtet, der ihn so fasziniert zu haben schien, wie die Schlange den Vogel fasziniert. Der Absatz lautete wie folgt:

„Mlle. Louise d'Armilly, die berühmte Primadonna, die heute Abend im Apollo-Theater ihre große Rolle der Lucrezia Borgia singen wird, scheint ein tiefes, undurchdringliches Geheimnis zu umgeben. Sie ist Französin von Geburt und soll die Tochter eines Bankiers sein, der unter eigentümlichen Umständen verschwand; da sie sich jedoch kategorisch weigert, über ihre Geschichte zu sprechen, können wir die Gerüchte über sie nur mit ihrem jeweiligen Wahrheitsgehalt wiedergeben. M. Léon d'Armilly, Bruder der Primadonna, der sie in Donizettis Oper unterstützt, weigert sich ebenfalls, auskunftsfreudig zu sein. Wie dem auch sei, schon der bloße Hinweis auf das Geheimnis hat in den Kreisen der feinen Gesellschaft für ziemliche Aufregung gesorgt, und das ist ausreichend, um ein volles Haus zu garantieren.“

„Louise d'Armilly!“, murmelte der Graf halblaut. „Der Name ist mir sicherlich vertraut, wenngleich ich mich nicht entsinnen kann, wo ich ihn zuvor gesehen oder gehört habe. Die Dame ist Französin von Geburt, sagt das Blatt, und diese Tatsache ist zumindest ein ausreichender Vorwand für mich, sie aufzusuchen. Ich werde sie als Landsmann besuchen, und die Unterredung wird zeigen, ob sie mir bekannt ist.“

Der Graf erhob sich, ging zu seinem Schreibtisch und schrieb, dort Platz nehmend, das folgende kurze Schreiben:

„Edmond Dantès[3], Graf von Monte-Cristo, wünscht die Erlaubnis, Mlle. Louise d'Armilly an diesem Morgen um zehn Uhr aufzusuchen. M. Dantès bewegt bei diesem Wunsch einzig der Wunsch, einer so ausgezeichneten Künstlerin seiner eigenen Nation wie Mlle. d'Armilly die Hommage eines Franzosen zu Füßen zu legen.“

Nachdem er diesen Brief vollendet, versiegelt und adressiert hatte, drückte der Graf auf eine Glocke, die sofort von dem stets wachsamen Nubier beantwortet wurde.

„Ali“, sagte der Graf in arabischer Sprache, „bringe diesen Brief zum Hotel de France und warte auf eine Antwort.“

Der treue Diener verneigte sich fast bis zum Boden, nahm das Schreiben und ging. Als er fort war, schritt der Graf mit den langen Schritten durch das Zimmer, die ihm in solchen Momenten eigen waren, wenn er von irgendeinem allmächtigen Gedanken in Anspruch genommen wurde.

„Sicherlich“, murmelte er, „kann mich diese Künstlerin in keiner Weise persönlich interessieren, und doch spüre ich eine subtile Vorahnung, dass es klug von mir wäre, sie zu sehen.“

Er schritt noch immer durch das Arbeitszimmer, als Ali zurückkehrte. Das gewöhnlich unbewegliche Gesicht des Nubiers trug Spuren von Aufregung und Entsetzen. Er warf sich seinem Herrn zu Füßen, drückte sein Gesicht gegen den Boden und hielt seine Hand hoch, wobei er dem Grafen denselben Brief präsentierte, dessen Überbringer er gewesen war.

„Wie kommt das, Ali?“, fragte der Graf mit gerunzelter Stirn. „Mein Brief ohne Antwort zurückgeschickt. Das Siegel ist auch gebrochen. Er muss gelesen worden sein.“

Der Stumme erhob sich langsam und begann eine beredte Pantomime, die sein Herr bereitwillig in Worte übersetzte: „Du bist zum Hotel de France gegangen und hast den Brief hinaufgeschickt. Nach zehn Minuten wurde er dir vom Kammerdiener der Dame zurückgegeben, der sagte, dass alles, was der Graf von Monte-Cristo von seiner Herrin verdiene, auf der Rückseite geschrieben stehe.“

Ali nickte bestätigend zur Übersetzung seines Herrn und sah aus, als erwarte er einen strengen Verweis dafür, der Überbringer einer solchen Unverschämtheit gewesen zu sein. Der Graf jedoch lächelte nur. Neugier überwog in ihm mehr als Zorn. Er drehte den Brief um und las, mit Bleistift in einer Frauenhand hingekritzelt, die folgende kurze und rätselhafte, aber beleidigende Mitteilung:

„Jeder Franzose außer dem schändlichen M. Dantès, dem sogenannten Grafen von Monte-Cristo, wäre Mlle. d'Armilly willkommen. Diesen Menschen möchte sie nicht sehen und wird es auch nicht.“

Der Graf war verwirrt und zugleich amüsiert. Der Eifer der Primadonna ließ ihn lächeln. Er kannte sie sicherlich nicht, hatte sie sicherlich nie gesehen. Warum war sie dann so erbittert gegen ihn? Er konnte sich keinen Reim darauf machen. War es möglich, dass ihr Name ihm wirklich so vertraut war, wie es geschienen hatte? Die erzürnte Künstlerin hatte sicherlich vom Grafen von Monte-Cristo gehört und konnte sich daher nicht in Bezug auf seine Identität irren, aber auf welche Weise hätte er sie verletzen oder ihren Zorn erregen können? Je mehr er über die Angelegenheit nachdachte, desto ratloser wurde er. Während er bei sich überlegte, welche Maßnahmen er ergreifen sollte, klopfte es an die Tür und ein Bediensteter trat ein, der ihm eine Karte reichte, auf der stand: „Kapitän Joliette.“

„Ha!“, rief Monte-Cristo, „er kommt zur rechten Zeit. Er wird mir helfen, dieses Rätsel zu lösen.“

Er bedeutete Ali, das Arbeitszimmer zu verlassen, und wies den Kammerdiener, der die Karte gebracht hatte, an, den Besucher sofort hereinzubitten. Im nächsten Augenblick trat Kapitän Joliette in das Zimmer. Der Graf sprang vor, um ihn zu begrüßen.

„Willkommen, Kapitän“, sagte er. „Ich habe Sie seit unseren bewegenden Abenteuern in Algerien[4] nicht mehr gesehen. Ich hoffe, Sie sind wohlauf und glücklich. Übrigens, was machen Sie in Rom? Ich wusste nicht, dass Sie hier sind.“

„Ich bin rein zufällig hier“, antwortete der junge Soldat mit einem Erröten, das seinen Worten widersprach. „Ich war auf einer kleinen Vergnügungsreise in Italien und bin natürlich in der Ewigen Stadt gelandet. Ich habe erst heute Morgen erfahren, dass Sie im Palazzo Costi untergebracht sind, und bin sofort geeilt, um Ihnen meine Aufwartung zu machen.“

Als ihre herzlichen Begrüßungen beendet waren und sie nebeneinander auf einem geräumigen, mit purpurroter Seide luxuriös gepolsterten Sofa saßen, sagte der Graf unvermittelt:

„Kapitän, haben Sie jemals von einer französischen Opernsängerin namens Louise d'Armilly gehört?“

Wieder errötete der junge Mann tief, ein Umstand, der der genauen Beobachtung seines Begleiters nicht entging, der sofort ahnte, dass die berühmte Primadonna mehr zu den Gründen zählte, die den Kapitän nach Rom geführt hatten, als jener tapfere Krieger zuzugeben bereit war.

„Ja“, stammelte Joliette, „ich habe von ihr gehört, und man sagt, sie sei eine bemerkenswert charmante Dame sowie eine große Künstlerin.“

„Ihr Ton ist enthusiastisch, mein lieber Kapitän“, entgegnete Monte-Cristo mit einem freundlichen Lächeln. „Vielleicht sind Sie mit Mlle. d'Armilly bekannt.“

„Nun, um es zu gestehen, Graf“, sagte Joliette mit einem Lachen, „ich bin mit ihr bekannt, und seltsamerweise bestand ein Teil meiner Mission heute darin, Sie zu bitten, eine Loge bei der Aufführung der ‚Lucrezia Borgia‘ heute Abend zu belegen. Werden Sie annehmen?“

„Mit aufrichtiger Freude“, war Monte-Cristos bereite Antwort. „Ich wünsche diese geheimnisvolle Primadonna aus mehr als einem Grund zu sehen. Erstens ist mir ihr Name dunkel vertraut, obwohl ich mich nicht erinnern kann, wo ich ihn jemals gehört habe, und zweitens hat sie einen Besuch von mir nicht später als heute Morgen rundweg abgelehnt.“

Joliette sah höchst überrascht aus.

„Einen Besuch von Ihnen abgelehnt, Graf! Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht aus Ihrem eigenen Mund hörte. Mlle. d'Armilly muss wahnsinnig sein! Sie kann sicherlich nicht wissen, welch eine Ehre es ist, einen Besuch vom Grafen von Monte-Cristo zu empfangen!“

Der Graf lächelte auf seine eigene Art und reichte dem Kapitän Mlle. d'Armillys sonderbare Antwort auf seinen Brief. Der junge Mann überflog sie verblüfft und las sie immer wieder; schließlich stammelte er:

„Es ist ihre Handschrift, aber was kann sie meinen?“

„Das ist genau das, was ich gerne wüsste, und ich sehe an Ihrem Verhalten und Ihren Worten, dass Sie außerstande sind, mich aufzuklären. Dennoch können Sie mir sagen, wer diese Mlle. d'Armilly ist, und das wird mir aller Wahrscheinlichkeit nach den Schlüssel zu ihrer eher schäbigen Behandlung meiner Person liefern.“

„Mein lieber Graf, ich bin mit der jungen Dame bekannt, das stimmt, aber wie Sie bin ich in völliger Unwissenheit, was ihre Geschichte betrifft. Sie ist Französin, das ist offensichtlich, und sie ist so weit gegangen, mir zuzugeben, dass Louise d'Armilly nur ihr Künstlername ist, aber was ihr wirklicher Name ist, hat sie sich mir gegenüber mehr als einmal kategorisch geweigert zu enthüllen. Sie ist ebenso verschwiegen bezüglich der Gerüchte, die über sie im Umlauf sind. Sie wissen zweifellos, dass sie als Tochter eines französischen Bankiers gilt, der auf mysteriöse Weise verschwand. Dies bestreitet sie weder, noch bestätigt sie es; sie bewahrt lediglich ein hartnäckiges Schweigen, wann immer es in ihrer Gegenwart erwähnt wird.“

„Ihre Erzählung interessiert mich sehr, Kapitän“, sagte Monte-Cristo. „Sie sind privilegierter als ich, insofern Sie die Bekanntschaft dieser exzentrischen jungen Dame genießen, aber sie scheint Ihnen gegenüber kein größeres Maß an Vertrauen entgegenzubringen als mir, denn sie hat Ihnen absolut nichts erzählt.“

„Nun“, sagte Joliette, „Sie werden sie heute Abend auf jeden Fall sehen, trotz ihres Verbots. Sie kann Sie nicht aus dem Theater fernhalten, denn die Loge ist gekauft und hier sind die Karten.“

„Aber sie wird zornig auf Sie sein, Kapitän“, sagte der Graf schelmisch, „weil Sie einen solch unerwünschten Zuhörer mitbringen. Ich gehe lieber allein und nehme einen unauffälligen Platz ein. Ich möchte nicht, dass Sie Mlle. d'Armillys Lächeln für mich einbüßen.“

„Pah!“, erwiderte Joliette, „da liegt eindeutig ein Missverständnis vor. Sie kennt Sie nicht, wird Sie nicht erkennen. Sie hat Sie sicherlich mit jemand anderem verwechselt.“

„Vielleicht“, sagte Monte-Cristo; „aber das Gedächtnis von Frauen ist gut, und ich warne Sie, dass Sie ein ernstes Risiko eingehen.“

„Keineswegs, das versichere ich Ihnen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Mlle. d'Armilly bei der Beantwortung Ihres Briefes ausschließlich von Launen beeinflusst wurde. Sollte sie mich nach der Vorstellung fragen, wer mein Begleiter war, brauche ich ihr nur einen fiktiven Namen zu nennen und sie wird um nichts klüger sein.“

An jenem Abend bahnten sich Kapitän Joliette und der Graf von Monte-Cristo ihren Weg durch die dichte Menge vor dem Apollo-Theater und wurden schließlich in eine untere Proszeniumsloge geführt, die einen vollen Blick auf die Bühne bot. Monte-Cristo suchte instinktiv Schutz hinter den Vorhängen und Draperien der Loge, wo er unbemerkt sitzen konnte und dennoch in der Lage war, die geheimnisvolle Sängerin genau zu beobachten, die eine so intensive Abneigung gegen ihn zu haben schien.

Obwohl es noch früh war, war das Haus bereits überall überfüllt, und Menschenmassen konnten nicht einmal Zutritt erhalten. Das riesige Publikum bestand hauptsächlich aus der besten und modischsten Gesellschaft Roms. Es schloss viele Angehörige des höchsten Adels ein, die die Logen belegten, die sie für die Saison hielten. Überall trafen die leuchtend farbigen, eleganten Toiletten der Damen auf das Auge, während die Herren in Festtagskleidung brillierten. Frische junge Gesichter und edle alte Antlitze waren Seite an Seite, die Schönheit der Jugend und die Eindrücklichkeit des Alters, und die männlichen Mienen waren nicht weniger auffallend als die der Frauen. Wahrlich, es war eine großartige Versammlung, eine, die das Herz erfreuen und die Eitelkeit selbst der launischsten Primadonna schmeicheln sollte.

Anfangs herrschte ein leises Summen von Unterhaltungen im gesamten Theater, zusammen mit vorbereitenden Besuchen von Loge zu Loge, aber das Flattern begann sich zu legen, als die Musiker erschienen, und als sie ihre Plätze im Orchester eingenommen hatten, herrschte absolute Stille. Als der Dirigent erschien, wurde er mit einem Beifallssturm begrüßt, den er mit einer tiefen Verbeugung anmutig anerkannte. Dann ergriff er seinen Taktstock, klopfte leicht auf das Pult vor sich, und die reizvolle Ouvertüre zu Donizettis großem Werk begann.

Nach deren Abschluss stieg der Vorhang langsam und die Oper begann. Mlle. d'Armilly kam zu gegebener Zeit hervor, und das Haus widerhallte förmlich von Willkommensapplaus. Sie sang göttlich und spielte mit vollendeter Kunst und erhielt laute Zugaben für alle ihre Nummern. Monte-Cristo, der eine leidenschaftliche Vorliebe für Musik hatte, wurde vom herrschenden Enthusiasmus erfasst und kam allmählich aus dem Schutz der schützenden Vorhänge und Draperien hervor. Er hatte Mlle. d'Armilly sorgfältig durch sein Opernglas gemustert und war vollkommen überzeugt, dass sie ihm eine vollkommene Fremde war, obwohl hin und wieder ein Ton, eine Geste oder eine Körperbewegung vage ein Gefühl des Wiedererkennens irgendeines Tons, irgendeiner Geste oder Bewegung vermittelte, die er irgendwo schon einmal gehört oder gesehen hatte. Der Graf überlegte jedoch, dass alle Frauen gewisse Ähnlichkeitspunkte in Stimme und Auftreten besaßen; er hielt daher die gegenwärtigen Übereinstimmungen für rein zufällig und dachte nicht weiter darüber nach.

Für eine lange Zeit warf Mlle. d'Armilly keinen Blick auf die von Kapitän Joliette und dem Grafen von Monte-Cristo[5] belegte Loge, und erst als Letzterer ihr einen kostbaren Blumenkranz zuwarf, wandte sie ihre Augen in diese Richtung. Sie war gerade dabei, sich für die Anerkennung zu verbeugen, als ihr Blick auf die stattliche Gestalt des Grafen fiel. Sofort hielt sie in der Mitte der Bühne inne, wurde unter der Schminke ihres Make-ups totenblass und fiel mit einem lauten Schrei in Ohnmacht. Der Vorhang wurde sofort heruntergelassen, und der Direktor, der erklärte, die Primadonna sei von einer plötzlichen und alarmierenden Unpässlichkeit befallen worden, entließ das Publikum. Kapitän Joliette eilte zur Garderobe von Mlle. d'Armilly und der Graf von Monte-Cristo machte sich auf den Weg zurück zum Palazzo Costi, völlig verwirrt von dem, was geschehen war.

FUSSNOTEN:

[1] Einen vollständigen Bericht über das Leben von Haydée findet man in jenem großartigen Roman „Die Ehefrau des Monte-Cristo“, veröffentlicht vollständig und ungekürzt von T. B. Peterson & Brothers, Philadelphia.

[2] Einen vollständigen Bericht über sein Leben und die bemerkenswerte Laufbahn von Esperance findet man in jenem fesselnden Roman „Der Sohn des Monte-Cristo“, veröffentlicht vollständig und ungekürzt von T. B. Peterson & Brothers, Philadelphia.

[3] Für einen vollständigen Bericht über das Leben und die Laufbahn von „Edmond Dantès“, einem der kraftvollsten und spannendsten Romane, die jemals erschienen sind, siehe „Edmond Dantès“, veröffentlicht vollständig und ungekürzt von T. B. Peterson & Brothers, Philadelphia.

[4] Siehe „Der Sohn des Monte-Cristo“, vollständige und ungekürzte Ausgabe, veröffentlicht von T. B. Peterson & Brothers, Philadelphia.

[5] Für einen vollständigen Bericht über das Leben und die bemerkenswerte Laufbahn von „Der Graf von Monte-Cristo“, Alexander Dumas' Meisterwerk, einer der größten Romane, die jemals geschrieben wurden, siehe die illustrierte und ungekürzte Ausgabe davon, veröffentlicht von T. B. Peterson & Brothers, Philadelphia.

KAPITEL II.

EIN SELTSAM ÜBERMITTELTER BRIEF.

Zuleika, Monte-Cristos Tochter, war seit einigen Monaten in der Klosterschule, die von der Schwesternschaft vom Heiligen Herzen geführt wurde. Sie war keine fleißige Schülerin, obgleich eine schnelle Lernerin, und neigte eher zu Romanzen und Abenteuern als zu verstaubten Geschichts- und Wissenschaftsbüchern. Wie bereits erwähnt, besaß sie die frühe Reife griechischer Mädchen. Zudem hatte sie die Aufmerksamkeit einiger römischer Jünglinge von hohem und edlem Geblüt auf sich gezogen, die ihr eifrig die Hommage zollten, die ihrer Schönheit und orientalischen Attraktivität gebührte. Obwohl erst fünfzehn, wusste sie diese Huldigung zu schätzen und fühlte sich geschmeichelt, und natürlich war sie ungeduldig gegenüber der Einschränkung, die ihr durch die Vorschriften der Klosterschule auferlegt wurde, welche alle männlichen Besucher außer Eltern oder Vormündern streng ausschloss.

Unter den ersten ihrer jungen Verehrer befand sich der Viscount Giovanni Massetti. Er war leidenschaftlicher als jeder andere und zweifellos bis zur Verzweiflung in das schöne und bezaubernde Kind der verstorbenen Haydee verliebt. Er gehörte einer Familie von hohem Alter und grenzenlosem Reichtum an und galt als jemand, der aus eigenem Recht über ein gewaltiges Vermögen verfügte. Der Viscount war erst in seinem einundzwanzigsten Lebensjahr, aber überaus männlich, forsch und galant. Er war überaus gutaussehend und galt als ein Muster an Ehre, wenngleich sein feuriges Temperament und sein ungestümes Streben nach dem, was er am meisten begehrte, ihn nicht selten in ernsthafte Schwierigkeiten brachten, aus denen er dank seines eigenen Taktes und des großen Einflusses seiner Familie meist unbeschadet hervorging.

Bei Zuleikas Ankunft in Rom und bevor sie in die Klosterschule aufgenommen worden war, hatte der Viscount Massetti ihre Bekanntschaft auf eine Weise gemacht, die einen Hauch von Romantik hatte und die auf das unerfahrene junge Mädchen einen tiefen Eindruck machte. In Monte-Cristos Kutsche, nur von einer schüchternen femme de chambre begleitet, überquerte sie eines Tages eine der beiden Brücken zur Insel San Bartolomeo, als ein Strang brach und die Pferde scheuten. Der verängstigte Kutscher verlor die Kontrolle über sie, und die rasenden Tiere stürmten mit erschreckender Geschwindigkeit davon und brachten die Kutsche beinahe zum Umkippen. Zuleika hatte sich in dem Gefährt, einer offenen Barouche, aufgerichtet und klammerte sich wild an die Lehne des Vordersitzes, ihr Gesicht bleich vor Angst und ihr langes schwarzes Haar, das sich gelöst hatte, wehte hinter ihr her. Ihre weit geöffneten Augen hatten einen Ausdruck tränender Bitte, dem man nur schwer widerstehen konnte. Der junge Viscount, der zum Zeitpunkt des Unfalls zu Pferd über die Brücke ritt, konnte ihm nicht widerstehen. Er sprang von seinem Pferd und sprang in die Kutsche, als diese an ihm vorbeifuhr. Er packte Zuleika an der Taille, hielt sie fest an sich gedrückt und setzte dann zu einem weiteren Sprung an, wobei er sicher mit ihr auf der Fahrbahn der Brücke landete. Die flüchtenden Pferde wurden schließlich gestoppt und die Insassen des schwer beschädigten Fahrzeugs aus ihrer gefährlichen Lage gerettet. Dieses Abenteuer veranlasste den Grafen von Monte-Cristo, dem jungen Italiener die Türen seines Palazzo zu öffnen, und er war bis zu Zuleikas Abreise in die Klosterschule ein häufiger Gast dort gewesen.

In der Zwischenzeit hatten sich sowohl der Viscount als auch das Mädchen sehr aneinander gewöhnt, und dann war diese gegenseitige Zuneigung schnell zu einer gegenseitigen Liebe gereift, von jener Leidenschaft und Intensität, wie sie nur Kinder der südlichen oder orientalischen Sonne erleben. Der junge Massetti hatte seiner schönen Angebeteten seine Leidenschaft gestanden, und das Geständnis hatte bei ihr kein Missfallen hervorgerufen; es war ihr im Gegenteil überaus angenehm, und sie versuchte nicht, diese Tatsache vor ihrem enthusiastischen Verehrer zu verbergen.

Das bedeutungsvolle Gespräch fand an einem schwülen Nachmittag im frühen Herbst in einer dicht beschatteten Allee des Gartens des Palazzo Costi statt. Das junge Paar saß sehr nah beieinander auf einer rustikalen Bank. Massetti hielt Zuleikas kleine, weiche Hand in seiner, und die elektrische Berührung ihrer winzigen und wohlgeformten Finger versetzte ihn in einen Zustand, wie ihn die Berührung weiblicher Finger noch nie zuvor in ihm ausgelöst hatte. Er blickte in die flüssigen Tiefen ihrer dunklen, leuchtenden Augen, und ihr subtiles Feuer schien seine Seele zu durchdringen. Die schwüle, drückende Atmosphäre, geladen mit schweren, berauschenden Düften, war von einem wahnsinnig machenden Einfluss erfüllt, der dazu angetan war, das Blut in Wallung zu bringen und die Explosion aufgestauter Liebe zu fördern. Das dichte, grüne Laub umschloss das Paar wie in einer grünen Wolke und verbarg sie wirksam vor der Beobachtung. Die Gelegenheit war unwiderstehlich. Giovanni rückte näher an seine faszinierende Begleiterin heran, so nah, dass ihr wohlriechender Atem ihm voll ins Gesicht schlug, ihn völlig beherrschte und jede Vorsicht auslöschte, alles außer seiner alles verzehrenden Leidenschaft für das bebende Mädchen, deren schlanke, aber klare Gestalt, anmutig unter ihren fließenden, halb orientalischen Gewändern gezeichnet, ihn berührte. Plötzlich von einem mächtigen Überschwang mitgerissen, legte er seinen Arm um die nachgiebige Taille des jungen Mädchens und zog sie widerstandslos an seine Brust, wo sie lag und zu seinem geröteten, erregten Antlitz hinaufblickte, mit einem unbeschreiblichen, wollüstigen Charme, vermischt mit vollkommenem Vertrauen und unzögerlicher Unschuld. In seinem Griff keuchend, waren ihre rubinroten Lippen halb geöffnet, als ob sie nach Atem rangen, und der feurige Italiener drückte ihnen hastig, rücksichtslos einen feurigen Kuss auf. Zuleika erwiderte mit einer fast unmerklichen Bewegung diesen keuschen, aber hinreißenden Gruß.

„Oh! Wie sehr ich dich liebe!“, murmelte Giovanni, am ganzen Körper vor wilder Ekstase bebend, und das reizende Mädchen noch enger umschlingend.

Sie gab keine verbale Antwort, rührte sich aber nicht und versuchte nicht, sich aus seiner warmen Umarmung zu befreien. Das war eine ausreichende Antwort für den schnellen Italiener. Zuleika, die schöne Zuleika, erwiderte seine Liebe, begünstigte sein Werben. Seine Freude grenzte an Wahnsinn.

„Oh! Zuleika“, flüsterte er und blickte ihr direkt in die nachtschwarzen Augen, „du liebst mich, da bin ich sicher! Gib mir die Schätze deines jungfräulichen Herzens! Sei mein – sei meine Frau!“

„Oh! Giovanni“, erwiderte das bebende Mädchen mit leiser, aber sanft modulierter Stimme, „ich liebe dich – Gott allein weiß, wie sehr! – aber ich bin zu jung, um deine Frau zu sein! Ich bin nur ein Kind, noch nicht einmal aus der Schule. Mein Vater würde davon nichts hören wollen, dass ich in den nächsten Jahren heirate. Kannst du nicht warten?“

„Es wird eine schwere Aufgabe sein, Zuleika“, antwortete der junge Mann aufgeregt; „aber dennoch werde ich warten, wenn du mir die Hoffnung eines Liebenden gibst. Versprich mir, mich zu heiraten, wenn du dazu frei bist, nein, schwöre es, und ich werde zufrieden sein!“

„Ich kann es weder versprechen noch schwören, Giovanni, ohne die Zustimmung und das Einverständnis meines Vaters. Er ist ein weiser, erfahrener und nachdenklicher Mann, zärtlich und milde zu jedem, den er liebt, wenngleich hart und unerbittlich gegen seine Feinde. Sprich mit ihm über mich, über deine Liebe, über deinen Wunsch. Er wird dir zuhören, und er wird das Glück seiner Tochter nicht gefährden. Geh ohne Verzug zu ihm und sei versichert, dass alles, was er sagt oder tut, im besten Interesse von uns beiden sein wird.“

Sie hatte sich aus seinem Griff gelöst und war leicht von ihm abgerückt, nicht aus Angst, nicht aus Prüderie, nicht aus Koketterie, sondern als ein Maß an Vorsicht. Sie spürte intuitiv, dass die wilde, intensive Leidenschaft ihres italienischen Verehrers in diskreten Grenzen gehalten werden musste.

„Ich kann noch nicht mit deinem Vater sprechen“, erwiderte Giovanni zögernd. „Er würde mir vielleicht zuhören, das stimmt; aber er würde unsere Liebe als eine bloße kindliche Laune abtun, die die Zeit unweigerlich trüben, wenn nicht gar auslöschen würde. Ich meine es sehr ernst, Zuleika, und könnte es nicht ertragen, als gedankenloser, ungestümer Jüngling behandelt zu werden, der nicht weiß, was er will. Spott, selbst in seiner mildesten Form, würde mein Blut in Wallung bringen, mich mit wahnsinnigen Racheplänen erfüllen. Ich ziehe es vor, deinen Vater erst um deine Hand zu bitten, wenn ich mir eines günstigen Empfangs meines Werbens sicher bin. Du verstehst meine Bedenken, nicht wahr, Zuleika? Ich liebe dich zu sehr, um dich nicht zu gewinnen, wenn ich darum bitte!“

„Aber du wirst mit meinem Vater sprechen?“, sagte das Mädchen mit stockender Stimme.

„Ja, Liebling, oh ja; aber erst, wenn diese verhasste Klosterschule aufgehört hat, ihre Schranken zwischen uns aufzubauen. Wenn du sie verlassen hast, wenn du die Ausbildung abgeschlossen hast, die der Graf für dich vorsieht, werde ich deinen Vater aufsuchen und ihn um dich als meine Frau bitten; bis dahin, bis ich sicher sprechen kann, versprich mir zumindest, dass du keinen anderen Mann lieben und keinen anderen Verehrer ermutigen wirst.“

„Das werde ich tun“, antwortete das Mädchen freudig. „Sei versichert, ich werde keinen anderen Mann lieben, keinen anderen Verehrer ermutigen!“

Außerstande, sich zu beherrschen, schloss der Viscount das Objekt seiner Verehrung erneut in seine Arme, und wieder trafen sich ihre Lippen in einem langen, leidenschaftlichen Kuss der Liebe.

So war es beschlossen, und Zuleika ging in die Klosterschule des Heiligen Herzens, in dem Gefühl, dass ihr Glück gesichert sei, aber ungeduldig und unzufrieden mit der langen Verzögerung, die notwendigerweise zwischen der Verwirklichung ihrer Hoffnungen, dem Anbruch ihrer Zukunft als Frau, liegen musste.

Der Viscount Massetti, obwohl er sich bereit erklärt hatte zu warten, war seinerseits vollkommen unzufrieden mit der mühsamen Aufgabe, die er übernommen hatte. Es war eine Sache, in der Hitze des Enthusiasmus ein voreiliges Versprechen zu geben, aber eine ganz andere, es zu halten, besonders wenn dieses Versprechen eine Trennung von dem reizenden Mädchen bedeutete, das sich unauflöslich um die Fasern seines Herzens geschlungen hatte und der einzige Leitstern seines Lebens und seiner Liebe war.

Die Klosterschule des Heiligen Herzens befand sich im Kloster dieser Schwesternschaft, etwa drei Meilen hinter der Porta del Popolo an der Nordseite Roms. Das Kloster war ein geräumiges Gebäude, aber düster und abweisend, mit dem Aussehen eines Gefängnisses. Schmale, vergitterte Fenster, wie die eines Kerkers aus dem Mittelalter, ließen das Licht von außen herein und lieferten eine trübe, eingeschränkte Beleuchtung, die kaum von der Kraft und Brillanz des Tagesgestirns zeugte. Nachts diente das schwache, grabesähnliche Leuchten von Kerzen nur dazu, die Dunkelheit spürbar und gespenstischer zu machen.

Der riesige Schulsaal war in seiner Ausstattung und Einrichtung so primitiv und unbequem, wie man es sich nur vorstellen konnte. Die Wände bestanden aus behauenem Stein und ragten kahl und gräulich bis zu einer hohen Decke auf, die mit einem vollkommenen Labyrinth aus seltsam geschnitzten Balken bedeckt war, dem Werk eines unbekannten Künstlers vor langer Zeit. Die Schlafsäle der Schülerinnen waren schmale, zellenartige Angelegenheiten, dürftig eingerichtet, in denen jedes Licht zur Stunde neun am Abend gelöscht werden musste. Einmal in die Schule aufgenommen, durften die Schülerinnen ihre Räumlichkeiten nicht verlassen, außer in den Ferien oder nach Abschluss ihres Studiums, ein Umstand, der die fröhlichen, leichtlebigen italienischen Mädchen, die dorthin geschickt wurden, um sowohl geistige als auch moralische Bildung zu erhalten, zutiefst anwiderte. Eine weitere Quelle des großen Ärgers für sie war die bereits erwähnte Vorschrift, die alle männlichen Besucher mit Ausnahme von Eltern oder Vormündern streng ausschloss.

An das Kloster angeschlossen war ein weitläufiger Garten voller riesiger Bäume, die anscheinend schon seit Jahrhunderten dort standen, so gebogen, knorrig und gealtert waren sie. Ein alter Gärtner mit einem fließenden, schneeweißen Bart und spärlichen Locken von gleicher makelloser Farbe, unterstützt von zwei oder drei Gehilfen, die fast so alt waren wie er selbst, kümmerte sich um die Rasenflächen und riesigen Blumenbeete, wobei letztere ständig mit Pflanzen von prächtiger Blüte und erlesenem Duft gefüllt gehalten wurden. Das malerische Erscheinungsbild des Gartens stand in starkem und seltsamem Kontrast zum starren und gesetzten Aspekt des Klostergebäudes, und dieser Garten war der eine Ort, an dem sich die Schülerinnen zu Hause fühlten und sich voll und ganz amüsierten. Sie durften dort mittags und gegen Abenddämmerung unter der Aufsicht von Schwester Agatha spazieren gehen, einer scharfsichtigen und wachsamen Nonne, die es nie versäumte, ihre lebhaften Schützlinge selbst für den geringsten Verstoß gegen die Disziplin zu tadeln und zu korrigieren. Dennoch amüsierten sich die Mädchen im Garten, denn seine Ausdehnung und die Tatsache, dass Schwester Agatha nicht überall zugleich sein konnte, ermöglichten es den ausgelassenen und leichtlebigen Schülerinnen, sich so manche Eskapade zu leisten.

Eines Mittags, als Zuleika in einer ungewöhnlich niedergeschlagenen Stimmung war, entfernte sie sich von dem Rest ihrer Gefährtinnen und schlenderte unter den jahrhundertealten Bäumen. Unbewusst näherte sie sich der hohen Mauer des Gartens. Sie setzte sich an den Fuß einer knorrigen alten Ulme, deren belaubte Zweige bis zum Boden hinabreichten und die Tochter Monte-Cristos wirksam vor Blicken abschirmten. Zumindest dachte sie das, aber obwohl sie von niemandem innerhalb der Gartenumzäunung gesehen werden konnte, war sie von der Mauer und den darüber aufragenden Bäumen von außen deutlich sichtbar.

Während Zuleika über ihr Schicksal nachdachte und traurig an ihre Trennung von ihrem Geliebten dachte, hörte sie oder bildete sich ein, ein sonderbares Geräusch inmitten der dichten Zweige eines riesigen Kastanienbaums unmittelbar außerhalb der Gartenmauer zu hören. Sie schreckte erschrocken auf, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen, und das sonderbare Geräusch wiederholte sich nicht. Das Seltsamste an der ganzen Angelegenheit war jedoch, dass das Geräusch wie ihr eigener Name geklungen hatte, ausgesprochen von einer menschlichen Stimme. Dies steigerte ihren Schrecken und ihre Verwirrung, und sie war im Begriff, von der Stelle zu fliehen, als ein länglicher Kieselstein, an dem etwas Weißes befestigt war, über die Mauer flatterte und ihr zu Füßen fiel. Sie war nun mehr alarmiert als je zuvor und machte mehrere Schritte rückwärts, während sie das weiße Objekt betrachtete, das unbeweglich und faszinierend dort lag, wo es gefallen war.

Schließlich siegte ihre Neugier, und sie näherte sich dem verdächtigen Gegenstand mit der größten Vorsicht und beugte sich hinunter, um ihn zu untersuchen. Es war ein gewöhnlicher Umschlag und enthielt zweifellos einen Brief. Für wen war er bestimmt? Offensichtlich für eine der Schülerinnen. Es war zudem eine geheime Botschaft, sonst wäre sie auf dem regulären Weg durch das Postamt gekommen. Vielleicht war es ein Liebesbrief. Bei diesem Gedanken schreckte sie schuldbewusst auf und starrte durchdringend in den Kastanienbaum, aber nichts war dort zu sehen außer Zweigen und Blättern. Schließlich war die Botschaft zweifellos für eine dunkelhäutige italienische Schönheit bestimmt, und viele solcher Mädchen waren in der Klosterschule. Dass sie ihr zu Füßen gefallen war, war sicherlich nur ein bloßer Zufall. Er war nicht, konnte nicht für sie bestimmt sein! Seine rechtmäßige Besitzerin, die ganz klar schon viele ähnliche Notizen auf die gleiche Weise erhalten hatte, wusste, wo er war, und würde bald danach suchen. Der Umschlag war mit der Vorderseite nach unten gefallen, und sie konnte die Adresse nicht sehen. Sie berührte ihn mit dem Fuß, dann drehte sie ihn vorsichtig mit der Spitze ihres Schuhs um. Sie sah Schrift. Es war die Adresse. Irgendwie kam ihr die Anordnung der Zeichen bekannt vor, obwohl sie so benommen und verwirrt war, dass sie den Namen nicht entziffern konnte. Ihre Neugier war ihrer unwürdig, das wusste sie, unwürdig für die Tochter Monte-Cristos. Welches Recht hatte sie, in das Herzensgeheimnis einer ihrer Schulkameradinnen einzudringen? Dennoch starrte sie; sie konnte nicht anders. Plötzlich bückte sie sich und nahm den Umschlag vom Boden. Die Adresse fesselte ihre Augen wie der Zauber eines Magiers. Großer Gott! Es war ihr eigener Name – Zuleika!

Hastig die dünne Schnur zerreißend, die den Umschlag mit dem Stein verband, steckte sie den ersteren in den Busen ihres Kleides. Dann blickte sie sich um, halb fürchtend, von einer der Schülerinnen oder der wachsamen Schwester Agatha gesehen worden zu sein. Aber nein, sie wurde nicht beobachtet, und selbst jetzt waren ihre Gefährtinnen und die Nonne so weit entfernt, dass sie ihren Brief lesen konnte, ohne die geringste Gefahr, entdeckt oder unterbrochen zu werden. Die Versuchung war groß. Sie gab ihr nach. Sie würde den Brief lesen. Sie fühlte sich überzeugt, dass er vom Viscount Massetti stammte, und die Überzeugung erfüllte sie mit unermesslicher Freude. Sie hatte kein Wort mehr von ihm gehört, seit sie hinter den düsteren Mauern dieses trostlosen Klosters eingesperrt war, und nun hatte sie Nachricht von ihm in seiner eigenen Handschrift! Es war Entzücken! Was hatte er ihr geschrieben? Eine Versicherung seiner Liebe, zweifellos, und vielleicht eine Aufforderung an sie, ihren Teil ihrer Abmachung einzuhalten – keinen anderen Mann zu lieben, keinen anderen Verehrer zu ermutigen! Sicherlich liebte sie niemanden sonst – sie könnte niemals jemanden außer Giovanni Massetti lieben, denn besaß er nicht ihr ganzes Herz, all den Reichtum ihrer leidenschaftlichen jugendlichen Zuneigung?

Sie küsste den Umschlag, öffnete ihn dann, nahm den Brief heraus, der mit Bleistift geschrieben war, und las:

TEUERSTE ZULEIKA: Ich kann es nicht länger ohne dich aushalten. Ich muss dich noch einmal sehen und dich wieder mein nennen. Ich habe gerade versucht, deine Aufmerksamkeit im Kastanienbaum außerhalb der Mauer zu erregen. Ich habe deinen geliebten Namen ausgesprochen, aber du schienst mich nicht zu verstehen. Heute Abend bei Dämmerung werde ich die Mauer erklimmen. Sei um diese Zeit bei der Ulme, wo du jetzt stehst, und ich werde dich dort treffen. Enttäusche mich nicht, und vor allem, habe keine Angst. Ich versichere dir, dass uns beiden kein Leid zustoßen kann. Triff mich, Liebling. Dein eigener, GIOVANNI.

Zuleika stand da und starrte auf diese leidenschaftliche Notiz mit Empfindungen, die sich aus Erstaunen, Entzücken und Bestürzung zusammensetzten. Giovanni, ihr Geliebter, kam. Er würde dort stehen, an genau dieser Stelle, und sie würde ihn in all der Pracht seiner jugendlichen Männlichkeit sehen, mit dem strahlenden Liebeslicht in seinen Augen. Aber was, wenn er entdeckt würde? Was würde dann aus ihm und aus ihr werden? Sie schauderte bei den Möglichkeiten der Gefahr. Aber in einem Punkt war sie entschlossen – sie würde ihn treffen, möge die Gefahr sein, was sie wolle. Wie Giovanni es anstellen würde, der Beobachtung zu entgehen, wusste sie nicht, aber sie wollte seinem Urteil und seiner Diskretion vertrauen.

Sie blickte in die Richtung der Schülerinnen und Schwester Agatha. Sie kamen langsam auf sie zu. Nachdem sie die Botschaft ihres Geliebten erneut in ihrem Busen verborgen hatte, ging sie ihnen entgegen.

KAPITEL III.

DER EINDRINGLING IM KLOSTERGARTEN.

Als die Stunde für den abendlichen Spaziergang näher rückte, wurde Zuleika schmerzhaft aufgeregt und unruhig. Sie sehnte sich von ganzem Herzen danach, Giovanni Massetti wiederzusehen, die leidenschaftlichen Worte der Liebe zu hören, die er sicher äußern würde, aber würde sie richtig handeln, wenn sie ihn heimlich und allein träfe? Ihr Gewissen plagte sie. Natürlich konnte sie ihrem jungen italienischen Liebhaber vertrauen, denn er war die Seele von Ritterlichkeit und Ehre. Aber wussten andere das auch? Wie würde ihr Verhalten beurteilt werden, wenn die anderen Schülerinnen und Schwester Agatha sie unversehens überraschen würden? Giovanni könnte vielleicht unerkannt entkommen, aber bei ihr wäre es ganz anders. Sie könnte nur entkommen, indem sie eine geistreiche Lüge erfände, und davor sträubte sich ihre ganze Natur. Sie konnte sich nicht zu einer unschuldigen Täuschung herablassen, geschweige denn zu einer absoluten Unwahrheit. Warum hatte Giovanni sie in Versuchung geführt? Warum hatte er versucht, sie in eine Situation zu bringen, von der er wissen musste, dass sie gefährlich wäre? Es gab nur eine Antwort – wegen seiner Liebe – und diese Antwort war ausreichend, sie dazu zu bewegen, das Risiko einzugehen, wie groß es auch sein mochte. Ja, sie würde ihn zur vereinbarten Zeit und am vereinbarten Ort treffen.

Endlich läutete die Glocke zum Spaziergang, und Schwester Agatha führte die kleine Prozession in den Garten an. Für eine kurze Zeit verweilte Zuleika mit ihren Gefährtinnen zwischen den schattigen Wegen und prächtigen Blumen, aber bei der ersten Gelegenheit schlich sie sich davon und suchte die belaubte Ulme, unter deren freundlichen Zweigen sie den willkommenen und doch gefürchteten Besuch des Viscount Massetti empfangen sollte. Sie erreichte den Treffpunkt unbemerkt, mit laut klopfendem Herzen. Der junge Italiener war nicht dort. Sie suchte in der heraufziehenden Dämmerung eifrig, aber vergeblich nach ihm. Was war passiert, das sein Kommen verhinderte? Sie saß auf Nadeln vor Angst. Vielleicht hatte er versucht, die Mauer zu erklimmen, und war gestürzt und hatte sich eine schwere Verletzung zugezogen! Vielleicht lag er sogar in diesem Moment, während sie auf ihn wartete, außerhalb der Mauer, geprellt und blutend! Aber was konnte sie tun? Nur warten, warten, mit quälenden Gedanken, die in ihrem aufgewühlten Gehirn brodelten.

Sie lauschte aufmerksam. Kein Laut. Wenn Giovanni verwundet, außer Gefecht gesetzt war, bewahrte er ein höchst heldenhaftes Schweigen. Sie zog eine prächtige goldene Uhr, deren exquisites Gehäuse dicht mit Diamanten besetzt war, aus ihrem Gürtel und warf einen Blick auf das Zifferblatt. Es war nach sieben Uhr, und bis acht mussten alle Schülerinnen sicher im Kloster untergebracht sein. Außerdem war sie nicht sicher, ob sie nicht vermisst, gesucht und gefunden würde. Was sollte sie tun, welchen Weg sollte sie einschlagen?

Während sie mit sich selbst debattierte, unsicher, ob sie bleiben oder zurückkehren sollte, raschelte es im Laub des Kastanienbaums unmittelbar außerhalb der Gartenumzäunung, und eine männliche Gestalt schwang sich von einem der Zweige auf den oberen Rand der Mauer. Zuleikas Erregung überwältigte sie beinahe. Sie hatte Giovanni erkannt. Im nächsten Augenblick war er von der Mauer auf den Boden gesprungen und war an ihrer Seite. Er streckte die Arme nach ihr aus, und das Mädchen, ganz in Beben, warf sich ungestüm in sie.

„Oh! Giovanni!“, murmelte sie. „Endlich. Ich fürchtete, ein schrecklicher Unfall sei dir zugestoßen.“

„Ich bin in Sicherheit, liebste Zuleika“, antwortete der junge Italiener, drückte sie in eine enge Umarmung und überschüttete ihre Stirn und Lippen mit leidenschaftlichen Küssen. „Aber du, meine Teure, du bist wohlauf? Du hast mich nicht vergessen, hast nicht aufgehört, mich zu lieben?“

„Dich vergessen, aufgehört, dich zu lieben, Giovanni!“, flüsterte das bebende Mädchen in einem Ton leichtem Vorwurfs und blickte zärtlich in seine Augen. „Habe ich dir nicht mein feierliches Versprechen gegeben, nur dich zu lieben?“

„Vergib mir, meine Einzige!“, rief der junge Viscount. „Was ist ein Liebender ohne Ängste und Zweifel? Sie sind der Beweis für die Stärke seiner Anbetung!“

Sie setzten sich zu Füßen der verzweigten Ulme, deren freundlicher Schutz sie umschloss. Dann sagte Zuleika mit Besorgnis in der Stimme:

„Warum bist du hierhergekommen, Giovanni? Bist du dir nicht bewusst, dass du ein großes Risiko eingehst und mich in Gefahr bringst? Wenn wir zusammen gefunden werden, wirst du schimpflich verstoßen und ich streng bestraft werden. Denke zudem an die Schande für uns beide in einem solchen Fall! Die Sache wird die Runde machen, Stoff für Klatsch liefern und sicherlich die Ohren meines Vaters und Bruders erreichen, deren Missfallen ich mehr als alles andere fürchte! Bedenke auch, dass Esperance dich für dein Verhalten zur Rechenschaft ziehen wird, und ich könnte einen Streit zwischen euch beiden niemals ertragen, bei dem vielleicht Blut vergossen werden könnte!“

„Fürchte dich nicht, Zuleika“, erwiderte Massetti galant. „Sollten wir entdeckt werden, werde ich dich abschirmen. Was deinen Vater und deinen Bruder betrifft, so können sie nicht missgestimmt sein, denn ich werde ihnen alles erklären und damit schließen, um deine Hand anzuhalten. Warum ich hierhergekommen bin? Einfach deshalb, weil ich mich nicht länger von dir fernhalten konnte. Ich fühlte, dass ich dich sehen, mit dir sprechen und meine Liebesgelübde erneuern musste. Oh! Zuleika, die Welt ist ohne dein Lächeln so dunkel für mich!“

„Aber du hast mir versprochen zu warten!“

„Ich weiß; doch ich habe meine Kraft falsch eingeschätzt, als ich dieses Versprechen gab. Könnte ich dich sehen, wäre ich vielleicht geduldig; aber wochenlang zu warten, ohne auch nur einen flüchtigen Blick auf dein liebes Gesicht zu werfen, ohne ein einziges Mal den Klang deiner geliebten Stimme zu hören, ist mir gänzlich unmöglich. Ich kann es nicht tun!“

„Du musst. Etwas anderes bleibt nicht übrig. Mein Vater wünscht, dass ich für ein Jahr im Konventschulhaus bleibe, und die Regeln verbieten deine Besuche ausdrücklich. Sei noch eine Weile geduldig, Giovanni. Wir sind beide noch sehr jung und haben ein Leben voller Glück vor uns. Außerdem können wir uns in den Ferien im Palazzo Costi sehen, und das ist doch etwas.“

„Es ist nichts für einen Mann, der dich ständig sehen will, der immer bei dir sein möchte. Oh! Zuleika, ich kann unsere Trennung nicht ertragen, ich kann nicht ohne dich sein!“

Der junge Mann war aufgesprungen und hatte diese Worte laut und unbedacht ausgesprochen. Zuleika sprang auf und ergriff ihn am Arm, ihr Gesicht bleich vor Schrecken.

„Beherrsche dich, Giovanni, beherrsche dich!“, flüsterte sie in ängstlichem Ton. „Sprich leiser, mit mehr Vorsicht, sonst werden andere Ohren als meine dich hören!“

Doch der Viscount achtete nicht auf sie. Er war furchtbar aufgewühlt und sein ganzer Körper bebte vor Aufregung und Erregung.

„Flieh mit mir, Zuleika, flieh jetzt mit mir, in diesem Augenblick, und sei meine Frau!“, rief er mit einer Stimme, die so seltsam verändert war, dass Monte-Cristos Tochter sie kaum wiedererkannte. „Ich bin reich, und meine Familie besitzt genügend Wohlstand und Macht, um uns gegen alles und jeden zu schützen, selbst gegen deinen Vater mit all seinem unermesslichen Gold und Einfluss! Der Graf von Monte-Cristo sucht uns zu trennen; das ist der Grund, warum er dich hierher geschickt hat, in dieses Kloster, wo du kaum weniger als eine Gefangene bist!“

Er ergriff sie stürmisch in seine Arme und hielt sie an seine Brust, als würde er dem Schicksal trotzen. Zuleika, verängstigter denn je, wand sich in seiner Umarmung und befreite sich schließlich. Sie trat Giovanni gegenüber und sagte leidenschaftlich:

„Du tust meinem Vater Unrecht. Er sucht nicht, uns zu trennen. Er schätzt dich sehr, Viscount Massetti, liebt dich für den Dienst, den du mir, seiner Tochter, erwiesen hast, und wird diesen Dienst mit der höchsten Belohnung vergelten, die in seiner Macht steht – meiner Hand. Aber er betrachtet mich noch als Kind, wünscht, dass ich Bildung und Erfahrung sammle, bevor ich heirate, damit ich eine Ehefrau bin, die es wert ist, besessen zu werden, und nicht eine bloße nutzlose Puppe. Respektiere seine Wünsche, Giovanni, respektiere ihn. Er ist ein guter, herzensguter Mann und wird das Richtige tun. Seine Weisheit hat sich zu oft gezeigt, als dass ich daran zweifeln könnte!“

„Seine Weisheit!“, rief Massetti verbittert. „Ja, er ist weise, zu weise, um deine Hand mir zu geben, einem bloßen Viscount! Was ist meine Familie in seinen Augen? Nichts. Was ist mein Reichtum? Eine völlige Kleinigkeit verglichen mit seinem. Ich sage dir, Zuleika, er will nicht, dass wir heiraten. Er bestimmt dich für irgendeinen hohen Potentaten mit Reichtümern, die der fürstlichen Mitgift entsprechen, die du haben wirst!“

„Nein, nein!“, rief das Mädchen. „Du bist niedergeschlagen und urteilst in deiner Niedergeschlagenheit falsch über ihn. Er kümmert sich nicht um Reichtum oder einen erhabenen Stand, sondern schätzt einen guten Namen und einen unbefleckten Ruf über alles andere.“

„Aber willst du nicht mein sein, willst du nicht mit mir aus diesem elenden Gefängnis fliehen, in dem ich dich nur heimlich und wie ein Verbrecher sehen kann?“

Die Augen des Italieners funkelten in der Dämmerung und seine Stimme war voller beredter Überzeugung. Er fiel vor Zuleika auf die Knie, ergriff ihre Hand und küsste sie leidenschaftlich immer und immer wieder. Das zitternde junge Mädchen war tief berührt von seiner Liebe und seinem Flehen. Für einen Augenblick wankte sie, doch nur für einen Augenblick; dann behielt die Vernunft die Oberhand und ein kühleres Nachdenken kam ihr zu Hilfe.

„Steh auf, Giovanni“, sagte sie mit relativer Ruhe, „steh auf und sei ein Mann. Dieser Vorschlag ist deiner gänzlich unwürdig, und sollte ich ihn annehmen, wären wir beide entehrt. Ich gehöre dir, mein Herz ist in deiner Obhut, und ich werde zur rechten Zeit mit dem vollen Einverständnis meines Vaters deine Frau sein. Aber ich kann nicht mit dir fliehen, ich will es nicht!“

Der junge Mann sprang auf, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen.

„Du hast also kein Vertrauen in mich!“, rief er impulsiv. „Du liebst mich nicht!“

„Dich nicht lieben!“, rief das Mädchen aus, schlang ihre wohlgeformten Arme um seinen Hals, während ihr liebliches Haupt an seine Brust sank. „Ich liebe dich mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, und gerade weil ich dich liebe, werde ich nicht mit dir fliehen!“

Giovanni küsste ihr Haar verzückt und aufgeregt, und das wunderschöne Mädchen, das in seiner bittenden Ernsthaftigkeit zehnmal schöner aussah, fügte süß und überzeugend hinzu:

„Verlass mich jetzt, Liebling. Die Glocke für die Schülerinnen, in das Konvent zurückzukehren, wird bald läuten, und man darf mich nicht unter ihnen vermissen. Verlass mich, aber erinnere dich an den Wahlspruch: ‚Warten und hoffen!‘“

Der Liebende wollte gerade antworten, als das Geräusch von Schritten plötzlich an ihr Ohr drang. Sie sahen einander erschrocken an, unsicher, was sie tun sollten. Giovanni war der Erste, der seine Fassung wiedererlangte. Er teilte geräuschlos die Zweige der Ulme und spähte vorsichtig in die Richtung des Geräusches.

„Drei Männer nähern sich schnell“, sagte er hastig flüsternd. „Sie sind fast hier!“

Zuleika sah ihrerseits durch die Zweige.

„Der Gärtner und seine Gehilfen“, flüsterte sie, fast erstarrt vor Bestürzung. „Sie haben offensichtlich erfahren, dass du über die Mauer geklettert bist, und sind auf der Suche nach dir!“

„Sieh“, sagte Giovanni atemlos und deutete auf eine Gruppe hinter den Männern. „Eine Anzahl Nonnen kommt auch!“

„Sie suchen nach mir! Oh! Giovanni, flieh, flieh sofort!“

„Und dich leiden lassen, die Last meiner Unbedachtheit tragen lassen! Niemals! Ich bleibe und beschütze dich!“

„Du wirst mich nicht beschützen, indem du bleibst. Du wirst uns beide nur umso mehr gefährden. Geh, ich beschwöre dich, geh, solange noch Zeit ist!“

Mit Tränen in den flehenden Augen schob Zuleika ihren Liebhaber sanft in Richtung der Mauer. Er betrachtete sie einen Augenblick lang und dann die sich nähernden Männer und Nonnen, die nun sehr nahe waren.

Das Mädchen faltete bittend die Hände und deutete dann stumm auf die Mauer.

„Ist das dein Wunsch?“, fragte Massetti hastig.

Zuleika nickte bejahend und deutete noch gebieterischer auf die Mauer.

„Ich werde dir gehorchen“, flüsterte der junge Italiener, „und ich werde ‚warten und hoffen!‘“

Sie hatte den Sieg davongetragen. Ein freudiges Liebesleuchten trat in ihre Augen und überschattete für den Moment ihr Entsetzen. Giovanni konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie zu umarmen, selbst angesichts der Gefahr, die ihn bedrohte. Er schlang seine Arme um ihre nachgiebige Gestalt, zog sie mit festem Druck an sich und überhäufte ihre aufgeworfenen Lippen mit brennenden Küssen.

„Leb wohl“, murmelte er, als er sie widerwillig losließ, „leb wohl, meine Einzige!“

Er wandte sich von ihr ab, rannte zur Mauer, erklomm sie mit der Behendigkeit einer Katze und verschwand.

Als der Gärtner und seine Gehilfen die Ulme erreichten, fanden sie Zuleika dort allein stehen. Hatten sie gesehen, wie Massetti die Mauer erklomm? Hatten sie ihn erkannt? Diese Gedanken schossen durch den aufgewühlten Geist des Mädchens. Sie achtete nicht auf ihre eigene Gefahr.

Die Männer blieben stehen und warteten schweigend darauf, dass die Nonnen eintrafen. Auf ihren gealterten Gesichtern spiegelte sich Entsetzen, und sie starrten Monte-Cristos Tochter an, als hätte sie irgendein abscheuliches, unverzeihliches Verbrechen begangen.

Die Gruppe der Nonnen traf rasch ein, angeführt von Schwester Agatha, die einen offenen Brief in der Hand hielt. Zuleika starrte diesen Brief in stummer Bestürzung an. Es war ihrer, der, den Giovanni ihr geschrieben hatte! Wie war er in den Besitz von Schwester Agatha gelangt? Sie tastete mechanisch an ihrem Busen, wo sie ihn, wie sie glaubte, sicher verwahrt hatte. Ihre Hand berührte nur den leeren Umschlag. Die Notiz musste auf den Boden des Schulzimmers gefallen und von irgendeiner boshaften Schülerin gefunden worden sein, die sie nach dem Lesen und der Entdeckung ihres kompromittierenden Inhalts der Nonne ausgehändigt und so das gewichtige Geheimnis verraten hatte.

Zuleika stand beschämt und von Schrecken erfüllt da. Keine Chance mehr auf Flucht. Keine Chance auf Täuschung, hätte sie es versuchen wollen. Der Brief erzählte die ganze Geschichte, und der Beweis für seine Wahrheit war erbracht, denn war sie nicht am vereinbarten Treffpunkt, und war es nicht wahrscheinlich, dass die Männer und die Nonnen gesehen hatten, wie Giovanni sie verließ und die Gartenmauer erklomm?

Die Nonnen sahen ebenso entsetzt aus wie die alten Diener, aber sie waren mehr zu fürchten; sie besaßen die Macht, Verweise zu erteilen und zu bestrafen, und welche Strafe würden sie in diesem extremen Fall für zu schwer halten? Schwester Agatha sprach. Ihr Ton war milder, als Zuleika erwartet hatte.

„Oh! Mademoiselle“, sagte sie vorwurfsvoll, „was ist das? Ein Treffen mit einem Liebhaber, und das innerhalb dieser heiligen Mauern, die dem Zölibat, der Keuschheit und heiligen Dingen geweiht sind! Was wird Ihr Vater, der Graf von Monte-Cristo, sagen, wenn Ihr Verhalten ihm gemeldet wird? Sie sind jung, und für jugendliches Blut und leidenschaftliche Impulse muss Nachsicht geübt werden; aber dennoch haben Sie Unrecht getan, sehr Unrecht! Ist dieser Mann, der sich Giovanni nennt und der Sie gerade verlassen hat, Ihr Verlobter?“

„Er ist es“, murmelte Zuleika, errötend und den Kopf senkend.

„Mit der Erlaubnis Ihres Vaters, Mademoiselle?“

„Mein Vater hat nichts gegen ihn einzuwenden“, antwortete das Mädchen ausweichend.

„In diesem Fall ist Ihr Vergehen nicht so groß, wie ich anfangs annahm“, sagte die Nonne. „Sie sind zu entschuldigen, weil Sie den Mann empfingen, der mit der Zustimmung Ihres Vaters mit der Zeit Ihr Ehemann werden soll; aber dennoch sind Sie, weil Sie ihn auf dem Klostergelände getroffen haben, wegen mangelnder Disziplin tadelnswert, und auch dafür, dass Sie einen Bruch unserer Regel begünstigt haben, die alle männlichen Besucher ausschließt, außer Eltern oder Vormünder.“

Zuleika neigte den Kopf in Unterwerfung.

„Die Strafe“, fuhr Schwester Agatha fort, „soll jedoch so leicht wie möglich ausfallen, wenn Sie diesen Mann noch nie zuvor auf dem Klostergelände getroffen haben.“

„Ich habe ihn hier noch nie zuvor getroffen“, sagte Zuleika, „und ich habe ihn in diesem Fall nur getroffen, weil – weil –“

Sie zögerte und brach in Tränen aus.

„Weil was, mein armes Kind?“, fragte die Nonne gütig.

„Weil ich ihn so liebe, und weil ich Angst hatte, dass er mich in seiner Verzweiflung vor euch allen aufsuchen würde, wenn ich ihn nicht träfe!“

„Haben Sie ihm jemals geschrieben, seit Sie auf dieser Schule sind?“

„Niemals!“

„Hat er Ihnen jemals zuvor geschrieben?“

„Sie halten seinen ersten Brief an mich in Ihrer Hand!“

„Wie wurde dieser Brief zugestellt, auf welche Weise erreichte er Sie?“

Ihr Gesicht tiefrot, am ganzen Körper zitternd, erzählte Zuleika die ganze Geschichte ihres Abenteuers am Mittag desselben Tages. Wie sie ohne bestimmte Absicht von ihren Gefährtinnen abgewichen war; wie sie sich in die abschirmenden Zweige der Ulme gesetzt hatte, um nachzudenken; wie sie das seltsame Geräusch im Kastanienbaum gehört hatte und schließlich, wie der Brief, an einen Stein gebunden, über die Mauer geflattert war und ihr vor die Füße gefallen war.

Die Nonnen sahen einander an, entsetzt und erstaunt über die Kühnheit des jungen Italieners.

„Zuleika“, sagte Schwester Agatha, „ich sagte Ihnen, Ihre Strafe sollte so leicht wie möglich sein. Sie sind entlarvt und zurechtgewiesen worden; die Schamröte ist Ihnen ins Gesicht gestiegen! Dies halte ich für eine ausreichende Strafe für ein erstes Vergehen, auch unter Berücksichtigung, dass es Ihnen gewissermaßen aufgezwungen wurde. Aber hüten Sie sich vor einem zweiten Verstoß gegen unsere Regeln! Kehren Sie nun zu Ihren Gefährtinnen zurück.“

So geschah es, dass Zuleika nur geringfügig für die Unbedachtheit und kopflose Hingabe ihres Geliebten büßen musste. Aus Furcht vor Klatsch unterdrückte die Schwesternschaft des Heiligen Herzens die Angelegenheit, und der Graf von Monte-Cristo erfuhr nie davon. Zuleika erwartete Spott von ihren Gefährtinnen, doch die heißblütigen, romantischen italienischen Mädchen betrachteten sie, anstatt sie zu verspotten, als Heldin und beneideten sie um den Besitz eines Liebhabers, der kühn und hingebungsvoll genug war, die Mauer eines Klostergartens zu erklimmen.

KAPITEL IV.

EIN STÜRMISCHES GESPRÄCH.

Als Kapitän Joliette das Ankleidezimmer von Mlle. d' Armilly betrat, nachdem er den Grafen von Monte-Cristo nach dem plötzlichen Ende der Aufführung von „Lucrezia Borgia“ im Apollo-Theater verlassen hatte, fand er die Primadonna auf einem Sofa liegen, wie sie sich langsam von den Folgen ihrer Ohnmacht erholte. Ihre Zofe und die Damen der Kompanie, letztere noch in ihren Bühnenkostümen, schenkten ihr alle Aufmerksamkeit. Es war eine seltsame und etwas groteske Szene – ein echtes Drama mit theatralischer Umgebung. Die brennenden Lichter, eingeschlossen in ihre Drahtkugeln, warfen einen rötlichen Schein auf die Gesichter der Anwesenden und ließen sie in ihrer Schminke und Puder gespenstisch und hexenhaft erscheinen. Auf Stühlen und Tischen lagen Mlle. d' Armillys Kleiderwechsel für die Aufführung und ihre Straßenkleidung, während auf einem breiten Bord vor einem Spiegel die verschiedenen mysteriösen Gegenstände lagen, die sie zum Schminken benutzte – Rouge, Fettschminke, Reispuder usw., zusammen mit Bürsten und zahlreichen Kamelhaarpinseln. Ein mit Wasser gefülltes Becken stand auf einem Waschständer, und auf dem Boden befand sich der Krug, in Begleitung einer bunten Sammlung von Bühnen- und Straßenschuhen, die der berühmten Sängerin gehörten. Der Theaterdirektor stand besorgt neben der leidenden Primadonna und berechnete im Geiste die Chancen, ob sie am folgenden Abend auftreten könne. Léon d' Armilly ging in dem kleinen Raum auf und ab, rang die Hände und vergoss Tränen wie eine Frau, während an der offenen Tür der Tenor und der Bariton der Truppe lehnten, deren Gesichter den gewohnt gleichgültigen Ausdruck alter Opernsänger trugen, die aus langer Gewohnheit mit den Unpässlichkeiten und Launen der Primadonnen bestens vertraut sind und sie als Begleiterscheinungen des Berufs betrachten.

Als Kapitän Joliette eintrat, rannte Léon zu ihm und rief unter Tränen:

„Oh! Wie konntest du diesen abscheulichen Mann in deine Loge bringen! Sieh, wie der bloße Anblick ihn auf meine arme Schwester gewirkt hat!“

Bei diesen Worten raffte sich Mlle. d' Armilly auf, sprang auf die Füße und trat dem jungen Soldaten in einem Anfall unkontrollierbarer Wut gegenüber.

„Wie wagst du es“, rief sie, mit blitzenden Augen und vor Zorn bebender Stimme, „nach dem, was heute Abend geschehen ist, hierher zu mir zu kommen!“

„Ich wusste nicht, Louise“, antwortete er entschuldigend, „dass du eine so schreckliche Abneigung gegen den Grafen von Monte-Cristo hast.“

„Den Grafen von Monte-Cristo!“, rief der Direktor. „War er heute Abend im Haus? Was für eine Ehre!“

Die zornige Primadonna warf ihm einen schrecklichen Blick zu.

„Wenn Sie es für eine Ehre halten, dieses Monster in Ihrem Theater zu haben“, zischte sie förmlich, „werde ich nicht mehr für Sie singen!“

Der gedemütigte Direktor ging weg, ohne eine Antwort zu geben. Er hielt es für klug, sich nicht mit einer berühmten Künstlerin anzulegen, die ihm so viel Geld einbringen konnte und die, wie er glaubte, auch in der Lage war, ihren Vertrag zu brechen, wenn ihr danach war. Er verließ daher das Ankleidezimmer. Die anderen, die sahen, dass Mlle. d' Armilly offensichtlich einen hitzigen Streit mit ihrem Verehrer führen wollte und dass sie ausreichend erholt war, um keine weitere Pflege zu benötigen, verließen ebenfalls den Raum.

Als sie allein waren, wandte sich die Primadonna heftig an den Kapitän und rief:

„Und du gibst auch noch vor, mich zu lieben! War es Liebe, die dich dazu veranlasste, meinen schlimmsten Feind heute Abend hierher zu bringen? Es war eher Hass! Kapitän Joliette, du hasst mich!“

„Du weißt, dass ich das nicht tue, Louise“, sagte der junge Soldat warm. „Du weißt, dass ich dich bis zur Verzweiflung liebe!“

„Warum war dann der sogenannte Graf von Monte-Cristo in deiner Loge?“

„Ich wusste nicht, dass du ihn kennst; tatsächlich war ich davon überzeugt, dass er dir völlig fremd ist, und sein Verhalten heute Abend neigte dazu, diese Überzeugung zu bestätigen. Er sah dich ohne das geringste Anzeichen von Wiedererkennen an; und er ist so weit davon entfernt, dein Feind zu sein, dass er dir lauteren und enthusiastischeren Applaus spendete als jeder andere Mann im gesamten Theater.“

„Es ist seine Kunst, Kapitän Joliette! Ich sage dir, dieser Mann ist so gerissen wie eine Schlange und so gnadenlos wie ein Tiger. Noch heute Morgen versuchte er, Zugang zu mir zu finden, mit welchem ruchlosen Motiv weiß ich nicht; aber ich schickte seinen Brief mit einer Antwort zurück, die seinen Stolz bis aufs Mark getroffen haben muss!“

„Ich habe diese Antwort gesehen“, sagte der Kapitän. „Monte-Cristo zeigte sie mir selbst in seinem Wohnsitz, dem Palazzo Costi.“

„Was!“, rief Mlle. d' Armilly mit gesteigertem Zorn. „Du hast sie gesehen, meine Worte gelesen und ihn dennoch in deine Loge gebracht?“

„Hör zu, Louise, und sei vernünftig. Er sagte mir, dein Name käme ihm bekannt vor, und doch könne er sich nicht erinnern, wo oder unter welchen Umständen er ihn gehört habe. Er war erstaunt über den Ton deiner Antwort auf sein formelles und, ich muss sagen, sehr höfliches Schreiben. Ich war sicher, dass ein Irrtum deinerseits vorliegen müsse, dass du ihn mit einer anderen Person verwechselt hättest. Ich war eigens in den Palazzo Costi gegangen, um ihn einzuladen, dich singen zu hören, um einen so großen Mann anwesend zu haben und bei deinem Triumph dabei zu sein! Ich war stolz auf dich, Louise, stolz auf dich als Künstlerin und als Frau, und ich wollte, dass mein Freund der Freunde meine erhabene Wertschätzung für dich teilt. Das waren die Gründe, die mich dazu bewogen haben, ihn heute Abend in meine Loge zu bringen, und sicherlich, wenn ich einen Fehler begangen habe, verdiene ich Verzeihung für meine Beweggründe!“

„Ich werde dir niemals verzeihen, mögen deine Beweggründe sein, welche sie wollen!“, rief Mlle. d' Armilly rachsüchtig. „Seine Anwesenheit hat die Aufführung ruiniert und mich, mich, Louise d' Armilly, in den Augen von ganz Rom entehrt!“

Der Kapitän stand sprachlos, erschüttert von ihrer Raserei. Weiß vor Wut, mit blitzenden Augen und bebender Brust, sah sie aus wie ein wunderschöner Dämon.

„Ich hätte wie üblich triumphiert, wäre er nicht hier gewesen“, fuhr sie wütend und bitter fort, „und morgen hätte die Ewige Stadt mir zu Füßen gelegen, ich wäre eine anerkannte Königin gewesen, nein, sogar größer als jeder lebende Souverän, aber jetzt habe ich versagt und bin nichts! Kapitän Joliette, daran bist du schuld, und doch glaubst du, dass du für deine Beweggründe Verzeihung verdienst! Mensch, du bist schlimmer als ein Idiot! Nein, ich werde dir niemals verzeihen, niemals!“

Sie schritt im Ankleidezimmer auf und ab, während sie sprach, ihre kleinen, weißen Hände arbeiteten, als wären sie bereit, den jungen Soldaten in Stücke zu reißen. Joliette beobachtete sie einen Augenblick und sagte dann:

„Du bist ein seltsames Geschöpf, Louise, ein Rätsel, das ich, wie ich zugeben muss, nicht lösen kann. Was ist der Graf von Monte-Cristo für dich, dass du beim bloßen Anblick seiner ohnmächtig wirst? Du kannst sicherlich in keiner Weise mit seinem vergangenen Leben verbunden gewesen sein, nicht unter der signalhaften Rache gelitten haben, die er vor Jahren an seinen Feinden nahm!“

Mlle. d' Armilly hielt in ihrem aufgeregten Gehen plötzlich inne, ergriff den Kapitän mit so festem Griff am Arm, dass ein Schmerzschauer durch ihn fuhr, und rief drohend:

„Wenn du es wagst, mir gegenüber noch einmal Monte-Cristos teuflische Rache zu erwähnen, werde ich dich für immer aus meiner Gegenwart verbannen!“

In diesem Moment erschien einer der Beamten des Theaters an der Tür des Ankleidezimmers.

„Ein Schreiben für Mademoiselle“, sagte er und verneigte sich tief.

Die Primadonna nahm das Schreiben von dem Mann entgegen und warf einen Blick auf die Adresse auf dem Umschlag. Dabei zog sie die Augenbrauen zusammen und rief aus:

„Seine Handschrift! Noch eine Beleidigung! Ich werde es nicht lesen!“

Der Beamte zog sich verwirrt zurück.

„Wessen Handschrift?“, fragte Joliette, dessen Neugier und Eifersucht gleichzeitig geweckt waren. Mlle. d’Armilly hatte häufig auf ihre zahlreichen Verehrer und die Briefe, die sie von ihnen erhielt, angespielt, und der Kapitän zog natürlich den Schluss, dass diese Notiz von irgendeinem feurigen römischen Liebhaber geschickt worden war. Er hielt den Ausruf der Künstlerin und ihr zur Schau gestelltes Missfallen für bloße schlaue Tricks, die dazu dienen sollten, ihn zu täuschen.

„Wessen Handschrift?“, wiederholte Mlle. d’Armilly spöttisch. „Muss ich dir alles erklären?“

Der junge Mann hatte alles, was seine Begleiterin in ihrem Zorn über ihn ausgegossen hatte, mit verhältnismäßiger Gelassenheit ertragen, aber den Gedanken an einen Nebenbuhler konnte er nicht ertragen; der bloße Gedanke daran war eine Qual.

„Louise“, flehte er, „lass mich diesen Brief sehen, lass mich ihn lesen.“

„Was! Musst du etwa meine private Korrespondenz untersuchen! Kapitän Joliette, du gehst zu weit! Du hast heute Abend schon genug getan, ohne der Beleidigung auch noch den Schaden hinzuzufügen!“

„Ich habe nicht versucht, dir zu schaden, Louise, Gott weiß das! Weder wünsche ich, dich zu beleidigen; aber diesen Brief muss und werde ich lesen!“

„Du redest, als wäre ich bereits deine Ehefrau und Sklavin. Schlage einen anderen und weniger maßgebenden Ton an, Monsieur. Kapitän Joliette, du bist noch nicht mein Ehemann!“

„Wäre ich es doch und wäre ich mir deiner Liebe sicher, Louise! Die ständige Ungewissheit, in der du mich hältst, ist unerträglich! Du weigerst dich, mich diesen Brief lesen zu lassen?“

Der junge Mann begann seinerseits, aufgeregt im Ankleidezimmer auf und ab zu gehen, während seine eifersüchtigen Verdächtigungen immer stärker wurden.

Mlle. d’Armilly blickte ihn triumphierend an. Sie war stolz auf den großen Einfluss, den sie auf diesen tapferen und männlichen Krieger ausübte. Er würde unbewegt vor der Mündung einer Kanone stehen, aber sie konnte ihn zum Beben und Zittern bringen!

„Du weigerst dich, mich diesen Brief lesen zu lassen?“, wiederholte er.

„Was, wenn ich mich nicht weigere?“, sagte sie in einem weicheren Ton.

„Du würdest mich zu einem sehr glücklichen Mann machen!“

„Dann lies ihn, denn ich werde es nicht tun! So zeige ich meine Verachtung für seinen elenden und feigen Verfasser!“

Sie zerknüllte den Zettel in ihrer Hand und warf ihn auf den Boden. Dann stellte sie ihren Fuß darauf.

Joliette bückte sich und nahm ihn unter ihrem Stiefel hervor. Er strich den Umschlag glatt, öffnete ihn, entnahm das Schreiben und las Folgendes:

„Der Graf von Monte-Cristo bezeugt Mlle. d’Armilly seine Hochachtung und bittet um die Erlaubnis, sein tiefes Bedauern darüber auszudrücken, dass seine Anwesenheit in Kapitän Joliettes Loge die Ursache für eine solch schwerwiegende Katastrophe war. Er ist völlig ratlos, warum Mlle. d’Armilly eine so tiefe Abneigung gegen ihn hegen sollte und warum der Anblick seiner Person sie so ernsthaft beeinträchtigen sollte. Wenn Mlle. d’Armilly sich herablassen würde, dies zu erklären, würde er dies als einen besonderen Gefallen betrachten. Er vertraut darauf, dass Kapitän Joliette in keiner Weise für das Geschehene verantwortlich gemacht wird, da dieser Herr, als er den Grafen einlud, seine Loge zu teilen, genauso fest wie der Graf selbst davon überzeugt war, dass Mlle. d’Armilly ihn nicht kannte und nicht wiedererkennen würde.“

Als Joliette die letzten Zeilen las, die ihn so vollständig entlasteten, konnte er einen Freudenschrei nicht unterdrücken.

„Louise“, rief er, „der Graf von Monte-Cristo hat geschrieben, um mich zu entlasten!“

„Tatsächlich!“, antwortete die Primadonna verächtlich.

„Ja; er entschuldigt sich auch bei dir und bittet dich zu erklären, warum der Anblick seiner Person dich so schwer beeinträchtigt.“

„Er bittet um eine Erklärung, tut er das?“, rief Mlle. d’Armilly, deren Zorn wieder die Oberhand gewann. „Er wird niemals eine bekommen!“

„Aber du wirst mir verzeihen, da du siehst, dass ich völlig schuldlos bin?“

„Ich werde deine Verzeihung in Erwägung ziehen, Kapitän. Mein Handeln dir gegenüber wird stark von deinem zukünftigen Verhalten in Bezug auf den Elenden beeinflusst sein, der sich Monte-Cristo nennt!“

„Du willst doch sicher nicht, dass ich ihn verstoße, dass ich ihn meide?“

„Ziehste du ihn mir vor?“

„Ich liebe dich, Louise, liebe dich mehr als alles oder jeden anderen auf der ganzen Welt! Aber ich schätze den Grafen von Monte-Cristo sehr. Es gibt Verbindungen zwischen uns, die du nicht verstehst.“

„Ich bin nicht daran interessiert, sie zu verstehen. Ich habe dir gesagt, dass dieser Mann mein Feind ist. Das sollte für dich ausreichen. Mein Liebhaber und mein Feind können keine Freunde sein. Wähle zwischen uns!“

„Willst du, dass ich mich mit ihm überwerfe?“

„Dich mit ihm überwerfen? Ja; und nicht nur das! Ich will, dass du ihn herausforderst, ihn tötest!“

Der junge Mann stand entsetzt da. Er war auf diesen Ausbruch, diese wilde, rachsüchtige Forderung, völlig unvorbereitet.

„Ihn bekämpfen, ihn töten, Louise! Du kannst nicht, du meinst nicht, was du sagst!“

„Habe ich die Gewohnheit, leere Worte zu gebrauchen?“

„Louise, Louise, ich beschwöre dich, erlege mir keine solch schrecklichen Bedingungen auf!“

„Hast du Angst vor Monte-Cristo?“

„Ich habe vor keinem lebenden Mann Angst, Louise; aber ich kann Monte-Cristo nicht zum Duell fordern, nicht einmal für dich!“

„Dann weigerst du dich, mich zu beschützen, mein Vorkämpfer zu sein?“

„Oh! Louise, wie kannst du so sprechen! Ich würde freudig jeden Tropfen Blut in meinen Adern für dich vergießen, freudig mein Leben für dich hingeben, aber bitte verlange nicht von mir, dass ich die Hand gegen den Grafen von Monte-Cristo erhebe!“

Die schöne Frau blickte den energischen Redner hochmütig und unzufrieden an. Sie war nicht wenig enttäuscht. Sie hatte geglaubt, ihr Einfluss auf ihren Verehrer sei grenzenlos, doch nun schien es, dass er seine Grenzen hatte. Sie verzweifelte jedoch nicht. Da sie die wunderbare Anziehungskraft, die sie auf Männer ausübte, wohl kannte, beschloss sie, all ihre Batterien gegen Kapitän Joliette einzusetzen. Sie war entschlossen, eine schreckliche Rache an dem Grafen von Monte-Cristo für eine mysteriöse Verletzung zu nehmen, die er ihr in der Vergangenheit zugefügt hatte, eine Verletzung, über die sie selbst ihrem akzeptierten Liebhaber gegenüber keine Auskunft geben wollte, und sie war entschlossen, dass Joliette den höchsten Beweis seiner Hingabe an sie erbringen sollte, indem er zum Werkzeug dieser Rache wurde.

Mit der Schlauheit einer erfahrenen Frau von Welt erkannte sie sofort, dass von ihrer Seite eine besondere Anstrengung erforderlich sein würde, um den tapferen Soldaten ihrem Willen zu beugen und ihn zu zwingen, ihren unerbittlichen Zweck auszuführen. Sie würde diese besondere Anstrengung unternehmen und sich dabei so fesselnd, so verführerisch, so begehrenswert machen, dass Joliette nicht anders konnte, als von ihren Reizen und Faszinationen berauscht zu sein. Dann, unter dem wahnsinnigen Einfluss seiner blinden Leidenschaft, bis zum Äußersten angestachelt, würde er bereit sein, alles für sie zu tun, alles, selbst ein Verbrechen zu begehen, selbst das Blut seines liebsten Freundes zu vergießen!

In diesem Augenblick berührte Mlle. d’Armilly, die sich vom Kapitän abwandte, als sei sie im höchsten Maße missvergnügt – denn es war ein wichtiger Teil ihres Plans, ihm gegenüber zunächst eine gewisse Kühle an den Tag zu legen –, eine Glocke, und sofort erschienen ihr Bruder Leon und ihre Zofe.

„Franchette“, sagte sie an letztere gewandt, „hilf mir bei meiner Toilette für die Straße. Ich habe mich ausreichend erholt, um ins Hotel de France zurückzukehren.“

Unbekümmert um die Anwesenheit des Kapitäns und Leons begann die berechnende Primadonna sofort, das Kostüm abzulegen, das sie während der Oper getragen hatte. Die Zofe unterstützte sie bei diesem Vorgang mit der äußerlichen Teilnahmslosigkeit theatralischer Diener, obwohl sie unmerklich lächelte, als sie erkannte, dass diese Zurschaustellung der persönlichen Reize ihrer Herrin ausschließlich zu dem Zweck geschah, den jungen Soldaten noch mehr zum Sklaven dieser schlauen Sirene zu machen.

Während Mlle. d’Armilly in ihrem Korsett und den eng anliegenden Röcken aus makellosem Weiß dastand, die ihre makellose Gestalt zart umrissen, wobei ihr schöner Hals, ihre Schultern und Arme ihre glühende Brillanz zur Schau stellten, starrte Kapitän Joliette sie wie ein Verzauberter an. Niemals in seinem ganzen Leben, dachte er, hatte er eine Frau gesehen, die so vollkommen schön, so göttlich war. Sie war so perfekt wie ein Gemälde der Venus und tausendmal reizender, weil sie lebendig war. Er hielt den Atem an, als er ihren Busen beben sah, und spürte, dass er alles, was er auf der Welt besaß, geben würde, um sie die seine nennen zu dürfen, um für immer bei ihr zu sein.

Leon schien das Vorgehen seiner Schwester etwas verlegen zu machen, und er errötete wie ein Mädchen, wobei die purpurne Flut seinem Gesicht eine gänzlich weibliche Schönheit verlieh.

Als die Toilette vollendet war, betrachtete sich Mlle. d’Armilly triumphierend im Spiegel. Sie war sich wohl bewusst, dass sie die Ketten um ihren Liebhaber sehr eng geschmiedet hatte, doch konnte sie trotzdem nur durch ein tatsächliches Experiment feststellen, ob er ausreichend unter ihrem Bann stand, um ihren Wünschen bezüglich des Grafen von Monte-Cristo zuzustimmen. Daher beschloss sie, dieses Experiment unverzüglich zu wagen, bevor ein kühleres Nachdenken dem geblendeten Krieger zu Hilfe kommen und ihm ermöglichen könnte zu erkennen, dass ihm eine Falle gestellt worden war.

Sie verließ den Spiegel, trat an Kapitän Joliettes Seite, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte mit süßlichem Ton, während sie all die Anziehungskraft ihres Blickes in seine Augen legte:

„Willst du mich zum Hotel begleiten, Kapitän?“

Der junge Mann stimmte freudig zu, und bald trug ihn ein elegantes Gefährt schnell zu den Gemächern der Primadonna.

KAPITEL V.

ANNUNZIATA SOLARA.

Es war ein heller, warmer Nachmittag im Frühling, und die Piazza del Popolo, Roms große Promenade, war voller fröhlicher Vergnügungssuchender beiderlei Geschlechts, während auch der Corso und die beiden anderen Hauptverkehrsadern, die von diesem ausgedehnten öffentlichen Platz abzweigten, von Jung und Alt bevölkert waren. Die Bäume waren mit frischem grünem Laub bedeckt, und eine Vielzahl blühender Blumen schmückte die Piazza und die Fenster der angrenzenden Paläste und bescheidenen Wohnungen. Überall waren Klänge von Freude und Fröhlichkeit zu hören, während hin und wieder sanfte Musik hörbar war. Es war wahrlich eine überaus inspirierende Szene von Licht und Leben. Flirts zwischen schönen, dunkelgesichtigen Mädchen mit Haar und Augen wie die Nacht in ihrer malerischen Kleidung und männlich aussehenden jungen Galanen waren häufig, während hier und da finstere und düstere Blicke von Eifersucht sprachen, die so heftig wie Feuer war, und auf eheliche Rache und Liebestragödien hindeuteten, die für die heißblütigen, ungestümen Italiener charakteristisch sind.

Inmitten der Menge auf der Piazza schlenderten zwei Jünglinge Arm in Arm. Es waren der Vizegraf Giovanni Massetti und Esperance, der Sohn von Monte-Cristo. Sie schienen enge Freunde zu sein, und fröhlich plauderten sie, während sie gemächlich dahinzogen. Ihre Stimmung stand im Einklang mit der belebten Szene um sie herum, und sie waren offensichtlich nicht unempfänglich für die Reize der vielen hübschen Mädchen, denen sie begegneten und denen sie bewundernde Blicke zuwarfen.

Plötzlich erschien ein Bauernmädchen von blendender Schönheit auf der Piazza ganz in ihrer Nähe. Sie war anscheinend etwa siebzehn Jahre alt, strahlte vor robuster Gesundheit, ihre vollen Wangen hatten den Farbton der roten Rose. Ihre über die Ellbogen hochgekrempelten Ärmel zeigten vollkommene Arme, die den Neid eines Bildhauers erregt hätten. Ihre Füße waren barfuß, und ihre kurzen Röcke erlaubten blendende Einblicke auf fein geformte Knöchel und Gliedmaßen von fast makelloser Form. Ihr Gesicht hatte einen heiteren und angenehmen Ausdruck, nicht ohne eine pikante Spitzbübigkeit und eine Art zierlicher, bezaubernder Koketterie. Sie war ein Blumenmädchen und verkaufte Blumensträuße aus einem Korb, den sie keck auf einem Arm trug. Sie sprach die jungen Männer, denen sie begegnete, gewandt an und bot ihre Waren so sittsam und bescheiden an, dass es ihr selten an Anerkennung und freigiebigen Kunden fehlte. Es gab nicht einmal einen Anflug von Kühnheit oder Frechheit an ihr, aber sie besaß jene völlige Selbstbeherrschung, die aus der gründlichen Vertrautheit mit ihrem etwas riskanten und gefährlichen Beruf erwuchs.

Giovanni und Esperance erblickten sie gleichzeitig. Beide waren von ihrem Aussehen und ihrem Auftreten beeindruckt, dem ihre auffällige, aber ordentliche und saubere Bauerntracht zusätzlichen Glanz verlieh.

„Was für ein hübsches Mädchen!“, rief Esperance unwillkürlich aus.

„Eine Göttin!“, antwortete der Vizegraf aufgeregt.

Dann sahen sie sich an und lachten, offensichtlich etwas beschämt über die Bewunderung, die sie so enthusiastisch zum Ausdruck gebracht hatten.

„Ihre ersten Worte werden die Illusion jedoch in den Wind zerstreuen“, sagte Esperance zynisch. „Sie ist zweifellos so unwissend wie hübsch.“

„Sehr wahrscheinlich“, erwiderte Giovanni. „Die äußere Schönheit dieser Bauernmädchen verbirgt im Allgemeinen viel innere Grobheit, um nicht zu sagen Verderbtheit.“

Sie waren gerade im Begriff, ihres Weges zu gehen, als das Mädchen auf sie zukam und ihnen ihre Blumensträuße anbot. Ihre Stimme war so süß, so melodisch, so köstlich moduliert, dass die jungen Männer trotz ihres Willens innehielten. Sie stand in einer überaus anmutigen Haltung da, und ihre gespaltenen Korallenlippen zeigten Zähne, die so weiß und funkelnd wie Perlen waren. Ein subtiler Magnetismus schien von ihr auszugehen, der nicht ohne Einfluss auf die beiden Jünglinge blieb. Zudem deuteten ihre Worte nicht auf jene Unwissenheit hin, auf die Esperance angespielt hatte, oder auf jene Verderbtheit, von der der Vizegraf gesprochen hatte.

„Kaufen Sie einige Blumensträuße für Ihre schönen Liebsten, Signores“, sagte sie. „Sie werden ihre Herzen erfreuen, denn der Duft spricht von Liebe!“

„Liebe!“, rief Giovanni und lächelte über ihre Ernsthaftigkeit und poetische Sprache. „Was weißt du schon von der Liebe?“

„Ach! Signore“, antwortete sie, errötete tief und wandte ihre Augen ab, „welches Mädchen weiß nicht von der Liebe! Selbst die einfachste Bäuerin spürt den Pfeil des kleinen blinden Gottes!“

Die jungen Männer waren amüsiert und interessiert. Obwohl sie der unteren Schicht angehörte, hatte dieses arme Blumenmädchen sicherlich eine gewisse Bildung erhalten und war mit einem guten Teil der feineren Gefühle ausgestattet. Esperance fühlte sich zu ihr hingezogen, und Giovanni erlebte eine Faszination, die nicht schwer zu erklären war. Getrennt von Zuleika, erfüllt von der Verzweiflung eines Liebenden, war der feurige Vizegraf nicht abgeneigt, einen kleinen Flirt, mehr oder weniger unschuldig, zu wagen. Hier war seine Gelegenheit; er würde die Bekanntschaft dieses romantischen und hübschen Mädchens pflegen. Wo war da der Schaden? Er plante nicht, Zuleika untreu zu werden, und dieses pikante Bauernmädchen würde durch die Aufhellung einiger seiner traurigen Stunden keinen Schaden nehmen. Zweifellos war sie zugänglich und würde eine solche Abwechslung begrüßen, zumal er ihr großzügig Gold in den Schoß schütten würde.

„Ich werde dir ein paar Blumen abkaufen, mein Mädchen“, sagte er ermutigend.

„Hier ist ein wunderschöner Strauß, Signore“, sagte das Mädchen, lächelte freudig über die Aussicht auf einen gewinnbringenden Verkauf und reichte ihm eine prächtige Auswahl an duftenden Knospen und Blüten.

Giovanni nahm den Strauß und drückte gleichzeitig sanft die spitz zulaufenden Finger des Mädchens. Sie waren weich und samtig bei seiner Berührung. Ein herrlicher Schauer durchfuhr ihn bei diesem Kontakt. Das Blumenmädchen zeigte kein Missfallen. Offensichtlich war sie an solche Annäherungsversuche gewöhnt. Der Vizegraf ließ eine Goldmünze von erheblichem Wert in ihre Hand gleiten und erlebte erneut den herrlichen Schauer.

„Das ist zu viel, Signore“, sagte das Mädchen, betrachtete die Münze und fügte hinzu: „und ich habe kein Wechselgeld. Sie müssen einen Moment warten, bis ich es habe.“

„Vergiss das Wechselgeld“, antwortete Giovanni. „Behalte das Ganze.“

Das Mädchen sah erstaunt über eine solche Freigebigkeit aus, dann breitete sich ein freudiges Lächeln auf ihrem schönen Gesicht aus.

„Oh! Danke, danke vielmals, Signore“, sagte sie überschwänglich, und die Farbe auf ihren verlockenden Wangen vertiefte sich. Giovanni hielt sich mit Mühe davon ab, sie zu küssen.

„Wie heißt du, mein Mädchen?“, fragte er, als sie sich zum Gehen wandte.

„Annunziata Solara, Signore“, antwortete sie, überrascht, dass ihr eine solche Frage gestellt wurde.

„Wo wohnst du?“

„Auf dem Land, gleich hinter dem Trastevere.“

„Wohnst du allein?“

„Nein; bei meinem Vater, Pasquale Solara.“

„Was ist sein Beruf?“

„Er ist ein Hirte, Signore.“

Das Mädchen verneigte sich vor den beiden jungen Männern und ging, mit einem Blick auf Giovanni, der sein Blut in seinen Adern zum Kribbeln brachte, weiter und war bald in der Menge der Spaziergänger verloren.

Esperance, der diese Szene mit amüsierter Neugier beobachtet hatte, brach in ein herzhaftes Lachen aus, als sich der Vizegraf mit etwas, das einem Seufzer sehr ähnlich war, zu ihm wandte.

„Giovanni“, sagte er, „die hübsche Annunziata Solara hat dich verhext!“

„Nicht ganz so sehr wie das, Esperance“, antwortete der junge Italiener. „Aber sie ist ein herrliches Geschöpf, nicht wahr?“

„Ja, was das Aussehen angeht; aber es ist nicht alles Gold, was glänzt, und diese schöne Annunziata könnte sich bei näherer Bekanntschaft als ein vollkommener Teufel oder eine Furie entpuppen!“

Giovanni warf seinem Freund einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Beleidige sie nicht mit solchen elenden Unterstellungen“, antwortete er warm.

Esperance lächelte und sagte:

„Du bist in sie vernarrt, das ist klar!“

„Ich bin es nicht, aber ich bewundere sie, wie ich alles Schöne bewundern würde.“

„Nenne es, wie du willst. Auf jeden Fall wirst du sie wohl kaum wiedersehen. Sie war eine Erscheinung und ist verblasst.“

„Aber ich habe nicht die Absicht, sie aus den Augen zu verlieren.“

„Du willst doch nicht etwa sagen, dass du sie aufsuchen willst?“

„Genau das will ich sagen.“

Esperance sah seinen Freund prüfend und gleichzeitig beunruhigt an.

„Wann hast du vor, sie aufzusuchen?“

„Heute Abend noch.“

„Im Trastevere?“

„Nein. Du hast sie nicht richtig verstanden. Sie sagte, sie wohne auf dem Land, gleich hinter dem Trastevere. Ich werde sie dort suchen.“

„Was! Allein?“

„Allein.“

„Hüte dich, Giovanni! Ihre hellen Augen könnten dich in Gefahr bringen! Woher weißt du, dass sie nicht irgendeinen wilden Räuber als Liebhaber hat, der dich mit einem Stilett empfangen wird?“

„Unsinn! Deine Ängste sind kindisch!“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Das Land hinter dem Trastevere ist von waghalsigen Räubern verseucht, die nicht zögern würden, dich gefangen zu nehmen und dich für ein Lösegeld festzuhalten. Erst neulich vollführte der berüchtigte Luigi Vampa genau ein solches Stück, wobei er eine sehr große Summe für die Freilassung seines Gefangenen verlangte, der ein wohlhabender Adliger wie du selbst war.“

„Ich werde es darauf ankommen lassen!“

„Du bist wahnsinnig!“

„Das bin ich nicht. Ich habe keine Angst vor Räubern. Sie würden es nicht wagen, auch nur einen Finger auf einen Massetti zu legen!“

Der junge Vizegraf richtete sich stolz auf, als er dies sagte. Er glaubte, die Macht seiner Familie sei unbesiegbar.

Esperance war völlig außerstande zu verstehen, welchen festen Halt diese plötzliche Verliebtheit bei seinem Freund gewonnen hatte. Natürlich begriff er voll und ganz den Einfluss weiblicher Schönheit auf den heißen, dickköpfigen Jüngling, und er gab vor sich selbst zu, dass Annunziata wirklich sehr schön und verführerisch war; dennoch war sie nicht reizvoller als Scharen anderer Mädchen, die froh wären, ein Lächeln des Vizegrafen Massetti zu fast jedem Preis zu gewinnen, und deren Verfolgung gänzlich ohne Gefahr wäre. Es war wohlbekannt, dass die schlauen Räuber häufig hübsche junge Frauen nach Rom sandten, um ihre Beute anzulocken, und könnte Annunziata Solara, bei all ihrer scheinbaren Sittsamkeit, nicht eine jener gefährlichen Dalilas sein?

Nach mehreren weiteren Versuchen, den Vizegrafen von dem unbesonnenen Wagnis, für das er sich entschieden hatte, abzubringen, die alle vergeblich waren, beschloss Esperance, dass sein ungestümer Freund in jener Nacht nicht allein auf die Suche nach der faszinierenden Annunziata gehen sollte. Er würde ihm ungesehen folgen und versuchen, ihn zu beschützen, sollte die Notwendigkeit dazu entstehen. Er kannte das Wesen des Vizegrafen zu genau, um ihm vorzuschlagen, ihn zu begleiten, da ein solcher Vorschlag zweifellos mit Verachtung, wenn nicht sogar als absolute Beleidigung aufgenommen worden wäre. Er würde ihn jedoch im Auge behalten, und wenn alles gut ginge, würde Massetti von alldem nichts merken. Sollte hingegen seine Hilfe benötigt werden, könnte er hervortreten und sie leisten. In diesem Fall würde Dankbarkeit seitens des Vizegrafen ihn davon abhalten, eine Erklärung für seine Anwesenheit zu fordern.

Unterdessen hatten die jungen Männer ihren Spaziergang fortgesetzt und waren von der Piazza del Popolo zum Corso gelangt. Giovanni war schweigsam und mürrisch. Er blickte starr geradeaus und bemerkte die prächtig gekleideten Schönheiten nicht, die jene große Hauptstraße bevölkerten und die ihn normalerweise in ihren Bann gezogen hätten. Nicht so Esperance; er bewunderte die lebhaften Damen auf dem Bürgersteig oder in ihren stattlichen Kutschen, die von feurigen Pferden gezogen wurden. Hin und wieder erkannte er eine Bekannte unter ihnen und verbeugte sich, doch Giovanni erkannte niemanden. Er schien in ein Träumen versunken, das nichts durchbrechen konnte. Kaum erwiderte er Esperances gelegentliche Bemerkungen, und wenn er es tat, dann mit der Miene eines Mannes, dessen Gedanken weit weg waren.

Am breiten Portikus des prachtvollen Palazzo Massetti verabschiedete sich Esperance, der Sohn von Monte-Cristo, von seinem Freund. Als er sich zum Gehen wandte, sagte er:

„Ist dein Entschluss immer noch unverändert, hast du immer noch die Absicht, Annunziata Solara auf dem Land hinter dem Trastevere zu suchen?“

Giovanni blickte ihn scharf an, als er etwas ungeduldig antwortete:

„Mein Entschluss ist unverändert. Ich werde sie suchen!“

„Heute Abend noch?“

„Heute Abend!“

Esperance sagte nichts weiter, sondern ging seines Weges, erfüllt von traurigen Vorahnungen. Er spürte ein Vorgefühl des Unheils und war sich gewiss, dass seinem verblendeten Freund während der romantischen und gefährlichen Expedition jener Nacht ein schweres Missgeschick zustoßen würde. Es war nun schon recht spät, und der junge Mann schlug hastig den Weg zum Palazzo Costi ein, während er im Gehen seinen Plan reifen ließ. Er würde den Grafen von Monte-Cristo wissen lassen, dass er eingeladen worden sei, Freunde auf einem Vergnügungsausflug zu begleiten, und ihn um die Erlaubnis bitten, für einige Tage von Rom abwesend zu sein. Sobald diese Erlaubnis erteilt wäre, würde er die Kleidung eines italienischen Bauern anlegen, sich zum Ponte St. Angelo begeben und dort, im Schatten der Brücke, das Kommen des Vizegrafen Massetti erwarten. Wenn dieser seinen Versteckplatz passiert hätte, würde er ihm aus der Ferne folgen, ihn im Auge behalten und genau beobachten.

Monte-Cristo erhob keinen Einwand gegen die geplante Abwesenheit seines Sohnes, und der junge Mann eilte nach einem hastigen Abendessen in seine Schlafkammer, wo er bald die Bauernkleidung anlegte, die er bei einem kürzlichen Maskenball getragen hatte. Er trat vor einen Toilettenspiegel und trug eine Schminke auf sein Gesicht auf, die ihm die Farbe eines sonnengebräunten Feldarbeiters verlieh. Als seine Verkleidung vollendet war, betrachtete er sich triumphierend im Spiegel. Selbst sein Vater hätte ihn nicht erkennen können, so grundlegend hatte er sein Aussehen verändert.

Er erreichte die Straße durch eine private Tür, ohne bemerkt zu werden, und war alsbald an der Brücke. Als er in den Schatten eines der Widerlager trat, hörte er die große Uhr des Vatikans sieben schlagen. Es war Dämmerung, doch alles um ihn herum war so deutlich sichtbar wie am helllichten Tag. Er blickte in jede Richtung. Keine Spur von Giovanni. Hatte der feurige junge Vizegraf den Tiber bereits überquert?

Er glaubte es nicht und wartete geduldig eine Viertelstunde lang. Immer noch keine Spur. Dann begann er sich zu sorgen. Massetti musste die Brücke sicherlich überquert haben und er hatte ihn verpasst. Er wartete einige Minuten länger, verzehrt von Ungeduld und Angst. Schließlich gelangte er zu dem Schluss, dass Giovanni ihm zuvorgekommen war, alleine weitergezogen war, ohne Schutz. Er musste es getan haben; anderenfalls wäre er sicherlich schon längst erschienen. Der Gedanke war eine Qual. Welchen unbekannten, welch tödlichen Gefahren setzte er sich inmitten der Sümpfe außerhalb der Stadtmauern aus? Doch vielleicht hatte er die Stadtmauern noch nicht hinter sich gelassen! Ein Hoffnungsschimmer kam Esperance. Wenn Massetti sich noch innerhalb der Grenzen des Trastevere befand, könnte er ihn durch angemessene Eile einholen! Er wollte es zumindest versuchen. Während er diesen Entschluss fasste, trat er aus dem Schatten des Widerlagers hervor. In diesem Augenblick kam ein Mann auf die Brücke und passierte ihn. Er ging so dicht an ihm vorbei, dass sie sich beinahe berührten, und stieß einen unterdrückten Fluch aus, weil er einen Eindringling auf seinem Pfad fand. Sein Tempo war schnell, so schnell, dass er bald weit entfernt war. Er hatte Esperance nicht einmal angesehen, und diesem schien es, als habe er versucht, sein Gesicht zu verbergen. Der Mann war von Giovannis Statur und hatte Giovannis Haltung, doch da endete die Ähnlichkeit auch schon. Er war sicherlich ein Bauer; seine Kleidung deutete darauf hin; zudem war sein Antlitz, von dem Esperance einen flüchtigen Blick erhascht hatte, rau und gebräunt. Der Sohn von Monte-Cristo empfand einen Stich tiefer Enttäuschung; dann blickte er auf seine eigenen Kleider, dachte an sein eigenes beschmiertes Gesicht, und eine Erkenntnis traf ihn wie ein Blitzschlag – der Mann war Giovanni – Giovanni in Verkleidung! Er blickte hastig der zurückweichenden Gestalt hinterher; sie war nun nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne, kaum erkennbar im schwindenden Zwielicht. Er nahm hastig die Verfolgung auf und rannte beinahe über die Brücke. Nach einer heißen und ermüdenden Jagd holte er schließlich so weit auf das Objekt seiner Sorge auf, dass er so nah war, wie er es für klug erachtete. Er war nun sicher, dass der Mann vor ihm der Vizegraf Massetti war.

Esperance hielt einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen; dann ging er in langsamerem Tempo weiter. Der Verfolgte hatte die Verfolgung nicht bemerkt; er stapfte stetig und kräftig dahin, ohne auch nur einmal zurückzublicken. So durchquerten die beiden Männer den Trastevere, und jeder von ihnen trat nacheinander aus einem Tor in der Mauer der Leoninischen Stadt heraus und gelangte in das sumpfige Land dahinter. Sie waren nicht sehr weit gekommen, als Esperance sah, wie Giovanni plötzlich zusammenzuckte; zur gleichen Zeit hörte er eine laute, raue Stimme rufen:

„Im Namen von Luigi Vampa, halt!“

Esperance spannte seine Augen an und schaffte es schließlich, das Halbdunkel der Umgebung zu durchdringen, und erblickte einen riesenhaften Schurken, der eine schwarze Maske trug, in der Mitte des Weges stehen und eine Pistole auf den Kopf des Mannes richten, von dem er allen Grund hatte anzunehmen, es sei Giovanni Massetti.

KAPITEL VI.

DIE MACHT EINES NAMENS.

Der junge Vizegraf, denn er war es in der Tat, den der riesenhafte maskierte Räuber angehalten hatte, war einen Augenblick lang verblüfft durch diese unerwartete Unterbrechung seiner Reise auf der Suche nach dem schönen Blumenmädchen. Er starrte den riesigen Schurken vor sich zuerst verwirrt und dann zornig an. Der Räuber fuhr ruhig damit fort, ihn mit seiner Pistole zu bedrohen; als Giovanni eine Handbewegung in Richtung eines Stiletts machte, das er am Gürtel seiner Bauernkleidung trug, erkannte das scharfe Auge des Mannes seine Absicht, und er rief mit rauem Befehlston:

„Rühr dieses Stilett an, und ich werde dir das Gehirn herausblasen!“

Der Vizegraf ließ die Hand sinken; er war tapfer wie ein Löwe, doch der Bandit hatte den Vorteil auf seiner Seite, und so mutig er auch war, erkannte er augenblicklich den Wahnsinn, seine Warnung zu missachten. Sein Zorn und seine Empörung waren jedoch zu groß, als dass er sie hätte beherrschen können. Er rief seinem stämmigen Widersacher entgegen:

„Warum haltet Ihr einen armen Bauern auf, von dem Ihr nichts bekommen könnt?“

„Ihr seid kein armer Bauer, Signor!“

„Bin ich nicht, was? Nun, durchsucht mich und seht nach!“

„Ihr seid weder ein armer Bauer, Signor, noch überhaupt ein Bauer! Ich habe Euch zu oft in Rom gesehen, um mich von der fadenscheinigen Verkleidung täuschen zu lassen, die Ihr so unnatürlich tragt! Ich kenne Euch! Ihr seid der Vizegraf Giovanni Massetti!“

„Nun, was wäre, wenn ich es wäre?“, erwiderte der junge Mann scharf. „Diese Tatsache wird weder Euch noch irgendeinem Mitglied Eurer verfluchten und feigen Bande nützen!“

„Nehmt Euch in Acht, wie Ihr sprecht, Signor!“, rief der Bandit drohend. „Unverschämtheiten gegenüber Euren Entführern könnten Euch mehr kosten, als Ihr zu zahlen bereit wärt!“

„Tatsächlich?“

„Ja; ich meine genau das, was ich sage. Es könnte Euch das Leben kosten!“

Giovanni starrte den Banditen mit unerschrockenen Augen an. Er zahlte Drohung mit Drohung zurück.

„Nehmt mir das Leben, wenn Ihr wollt“, sagte er. „Es wäre das schlimmste Werk, das Ihr je getan habt!“

„Darf ich fragen warum, Signor?“

„Es würde meine Familie gegen Euch aufbringen, und das Ergebnis könnte nur Eure Ausrottung sein!“

Der Mann lachte laut und antwortete beißend:

„Ihr scherzt! Was kann Eure Familie gegen Luigi Vampa und seine Kameraden ausrichten, die seit langem von höchster Autorität geduldet werden!“

Dies war der Gipfel der Beleidigung, und Giovanni, auf den höchsten Grad der Wut getrieben, unfähig, sich länger zu beherrschen, riss sein Stilett aus der Scheide und, es in die Höhe hebend, stürmte er wütend auf den riesenhaften Banditen los. Augenblicklich feuerte dieser. Giovanni ließ seine Waffe fallen; sein rechter Arm fiel nutzlos an seine Seite.

Esperance war unterdessen nicht untätig geblieben. Seine Erregung war gewaltig, und mit ihr vermischte sich schreckliche Angst um die Sicherheit seines Freundes. Dennoch gelang es ihm schließlich, sich hinreichend zu beruhigen und zu sammeln, um einen Aktionsplan zu fassen und ihn auszuführen. Er hatte sich mit einer Pistole versorgt, die er vor seinem Aufbruch vom Palazzo Costi frisch geladen hatte. Er zog diese Waffe aus ihrem Versteck beim ersten Anzeichen von Gefahr und spannte sie lautlos. Der Weg war von hohen, dichten Büschen gesäumt, von denen ein Saum aus schweren Schatten ausging. Entlang dieses dunklen Saums schlich Esperance mit vorsichtigen Schritten auf den riesigen Banditen zu, sobald er ihn in der Mitte der Landstraße stehen sah und seine drohende Haltung bemerkte. Während er sich heimlich näherte, ging plötzlich der Mond auf und überflutete die Szene mit seinem silbrigen Licht. Seine Strahlen störten jedoch nicht die Linie der gesäumten Schatten, und Esperance passierte ungesehen. Als der Bandit feuerte, war er sehr nah bei ihm. Als er sah, wie Giovannis Arm fiel, und erkannte, dass er verwundet war, hob der Sohn von Monte-Cristo prompt seine Waffe, zielte auf den riesenhaften Schurken und feuerte sie direkt auf sein Herz ab. Blut strömte aus der Brust des Mannes. Er sank zu Boden, wo er krampfhaft zuckend lag; im nächsten Augenblick verstarb er, ohne auch nur ein Stöhnen auszustoßen.

Giovanni, dessen Arm schwer zertrümmert war und der schreckliche Schmerzen litt, stand sprachlos vor Staunen über dieses plötzliche, unerwartete Eingreifen zu seinen Gunsten. Esperance sprang augenblicklich an seine Seite. Der junge Italiener starrte ihn an, als wäre er eine Erscheinung aus der anderen Welt. Er erkannte ihn in seiner Bauernkleidung, mit seinem beschmierten Gesicht, nicht.

„Wer seid Ihr?“, keuchte er, sobald er Worte finden konnte.

„Kennt Ihr mich nicht?“, fragte Esperance erstaunt. In seiner Erregung hatte er seine Verkleidung vergessen.

„Ihr seid mir ein Fremder“, antwortete der Vizegraf, „aber meine Dankbarkeit ist deswegen nicht minder groß. Ihr habt mich aus der Gefangenschaft gerettet, vielleicht mein Leben gerettet!“

„Ich bin kein Fremder, Giovanni. Ich bin dein Freund, Esperance.“

„Was! Esperance in diesem Gewand, mit diesem sonnengebräunten Antlitz! Ich dachte, deine Stimme habe einen seltsam vertrauten Klang, doch deine Verkleidung erwies sich als zu vollkommen, als dass ich sie hätte durchschauen können!“

Diese Worte riefen dem Sohn von Monte-Cristo die Veränderungen ins Gedächtnis, die er an seinem Aussehen vorgenommen hatte. Kein Wunder, dass der Vizegraf ihn nicht hatte erkennen können!

„Warum hast du dich verkleidet, und wie kamst du in diesem kritischen Augenblick hierher?“, fragte Giovanni nach einer Pause.

„Ich habe mich verkleidet, damit ich dir folgen konnte, ohne Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Du wolltest nicht auf die Vernunft hören, und ich war entschlossen, dich während deines tollkühnen Abenteuers so weit wie möglich zu beschützen.“

„Vom Grund meines Herzens danke ich dir, Esperance. Du bist ein tapferer wie auch ein ergebener Freund, deines illustren Vaters vollauf würdig! Aber woher wusstest du, wer ich bin? Auch ich bin verkleidet.“

„Die Tatsache meiner eigenen Verkleidung ermöglichte es mir, deine zu durchschauen. Ich habe dich fast unmittelbar erkannt, nachdem du mich auf dem Ponte St. Angelo passiert hattest.“

„Was! Warst du der Bauer, den ich beinahe niedergerannt hätte, als ich die Brücke überquerte?“

„Ich war es. Doch lass uns keine Zeit mehr verlieren; wir haben schon genug verloren. Zudem streifen wahrscheinlich weitere Mitglieder von Luigi Vampas Bande in der Nähe herum, und ich denke, wir beide haben für eine Nacht genug von den Banditen! Die Klugheit gebietet es, dass wir sofort nach Rom zurückkehren. Mit deinem zertrümmerten Arm rechnest du doch sicher nicht damit, deine Suche nach der schönen Annunziata gegenwärtig fortzusetzen?“

„Nein; das ist unmöglich, wie ich bedauere sagen zu müssen. Ich werde mit dir nach Rom zurückkehren.“

Als der Vizegraf sprach, erfasste ihn ein plötzliches Zittern, und er stützte sich zur Unterstützung auf die Schulter seines Freundes.

„Du bist ohnmächtig vor Blutverlust!“, rief Esperance sehr alarmiert. „Wie gedankenlos von mir, deine Wunde nicht zu verbinden!“

Er nahm sein Taschentuch aus der Tasche, wischte das Blut vom Arm seines Freundes und bandagierte die Wunde sorgfältig und behutsam; dann machte er aus Giovannis Taschentuch eine Schlinge und legte das verwundete Glied hinein. Der Vizegraf fühlte sich so erleichterter, wenn auch immer noch etwas schwach.

„Du bist ein ziemlicher Arzt, Esperance“, sagte er.

„Überhaupt nicht“, antwortete der Sohn von Monte-Cristo; „aber mein Vater lehrte mich, wie man mit Verletzungen umgeht; er sagte, das Wissen würde mir eines Tages nützlich sein, und seine Worte haben sich als wahr erwiesen.“

„Dein Vater ist ein wunderbarer Mann; er scheint an alles zu denken, für alle Eventualitäten vorzusorgen. Dank der Fertigkeit, die er mir vermittelte, bin ich nun in der Lage, die Heimreise anzutreten.“

Die jungen Männer wandten ihre Gesichter Richtung Rom, doch kaum hatten sie ein Dutzend Schritte gemacht, als der Weg vor ihnen buchstäblich von rauh aussehenden bewaffneten Männern wimmelte, die ihr Fortkommen wirksam versperrten. Im Nu waren sie umzingelt. Widerstand war unmöglich; die beiden Freunde sahen sich gegenseitig und um sich herum bestürzt an. Die Neuankömmlinge waren offensichtlich Banditen, Mitglieder von Luigi Vampas desperater Bande.

Einer der Schurken, der der Anführer zu sein schien und sehr malerisch gekleidet war, stellte sich Giovanni und Esperance entgegen. Er hatte eine Pistole im Gürtel, zog sie jedoch nicht.

„Ihr seid meine Gefangenen!“, sagte er in einem Tonfall der Autorität.

„Wer seid Ihr, und mit welchem Recht haltet Ihr uns fest?“, fragte Esperance hochmütig.

„Wer ich bin“, antwortete der Bandit mit strenger Stimme, „geht Euch nichts an. Das Recht, mit dem ich Euch festhalte, ist das Recht des Stärkeren!“

„Wir können Eurem Willen nicht entgegentreten, wie unvernünftig und ungerecht er auch sein mag“, erwiderte Esperance; „mein Freund ist verwundet und meine Pistole ist leergeschossen. Wir können uns nur auf Eure Gnade verlassen; doch wir sind trotz unserer Kleidung Gentlemen und verlangen, als solche behandelt zu werden!“

„Wie kam Euer Freund dazu, verwundet zu sein, und warum ist Eure Pistole leer?“, fragte der Bandit misstrauisch.

„Mein Freund wurde angegriffen, und ich bin ihm zu Hilfe geeilt“, antwortete Esperance.

„Ihr wart also in einem Kampf“, fuhr der Anführer fort. Er wandte sich plötzlich an seine Männer und fragte: „Wo ist Ludovico?“

„Er ist vor einer halben Stunde den Weg hinaufgegangen und ist noch nicht zurückgekehrt“, antwortete ein kleiner, stämmiger junger Kerl, der der Leutnant des Anführers zu sein schien.

„Genau wie er“, sagte der Anführer. „Immer tollkühn, immer auf der Suche nach Abenteuern allein. Ich habe vor einiger Zeit einen Pistolenschuss gehört“, fuhr er fort und blickte Esperance drohend an. „Vielleicht ist Ludovico ermordet worden! Wenn das so ist, wird es seinen Mördern schlecht ergehen! Lasst nach ihm suchen.“

Der kleine, stämmige Leutnant brach, begleitet von mehreren Bandenmitgliedern, sofort auf, um den Befehl auszuführen.

Esperance blickte besorgt zu Giovanni. Eine neue Gefahr drohte ihnen. Der riesenhafte Bandit, der erschlagen worden war, war ohne Zweifel dieser Ludovico. Sein Körper würde gefunden werden, und es würde summarische Rache an ihnen geübt werden. Auch Giovanni erkannte die zusätzliche Gefahr; doch keiner der jungen Männer zeigte das geringste Anzeichen von Angst; innerlich nahmen sie sich vor, dem Tod stoisch ins Auge zu sehen, ihm ohne das Zucken eines Muskels zu begegnen.

Nach kurzer Zeit kehrten der Leutnant und seine Gefährten zurück; zwei der Männer trugen die Leiche des riesigen Räubers; sie legten sie auf das Gras am Straßenrand, wo das volle Mondlicht darauf fiel und die Wunde in der Brust sowie die blutgetränkten Kleider zeigte. Ein Stirnrunzeln verengte das Gesicht des Anführers; er sah Esperance und den Vizegrafen mit einem Blick voller Hass und Wut an; dann wandte er sich an den Leutnant und sagte:

„Nun?“

„Wir fanden Ludovico ein Stück von hier auf dem Weg liegend“, antwortete der kleine, stämmige Mann mit einem Anflug von Rührung in seiner rauen Stimme. „Er war ins Herz geschossen und war schon seit einiger Zeit tot.“

Die Banditen hatten sich um die ausgestreckte Gestalt ihres Kameraden versammelt; sie schienen von seinem Schicksal sehr betroffen zu sein; Ludovico war offensichtlich ein Liebling.

Sobald der Anführer den Bericht seines Untergebenen erhalten hatte, wandte er sich streng fragend an die Gefangenen:

„Wer von Euch hat diesen Mann ermordet?“

„Es wurde kein Mord begangen“, erwiderte Esperance empört. „Der riesenhafte Schurke hat meinen Freund erschossen und ihm, wie Ihr seht, den Arm zertrümmert; er wurde in Notwehr getötet.“

„Eure Pistole ist leer“, fuhr der Anführer barsch fort; „das habt Ihr zugegeben; Ihr habt Ludovico getötet!“

„Ich habe meinen Freund verteidigt, den er niederträchtig angegriffen hatte“, sagte Esperance mürrisch.

„Ihr habt diesen Mann getötet? Ja oder nein!“

„Ich habe ihn getötet!“

„Genug!“, rief der Anführer und knirschte mit den Zähnen. „Ihr werdet die Strafe für Euer Verbrechen zahlen! Ihr beide werdet sterben!“

Er gab seinem Leutnant ein Zeichen, und im Nu waren Esperance und Giovanni sicher gefesselt. Die jungen Männer lasen in allen rauen Gesichtern um sie herum verzweifelte Entschlossenheit und wilde Rache. Es gab nicht den geringsten Hoffnungsschimmer; der Tod würde ihnen sofort und auf die summarischste Weise zuteilwerden. In der Tat baumelten bereits Schlingen von ein paar Bäumen am Straßenrand und warteten darauf, ihr verhängnisvolles Werk zu tun. Der Anblick dieser schrecklichen Vorbereitungen rüttelte Giovanni auf. Mit blitzenden Augen stellte er sich dem Anführer der Bande entgegen.

„Hütet Euch!“, rief er. „Wenn Ihr uns ermordet, werdet Ihr es mit ganz Rom zu tun bekommen! Wir haben Euch gesagt, dass wir Gentlemen sind und keine Bauern. Ich bin der Vizegraf Giovanni Massetti, und mein Gefährte ist der Sohn des berühmten Grafen von Monte-Cristo!“

Als der junge Italiener diese Worte aussprach, erschien plötzlich ein Neuankömmling auf der Bildfläche, für den alle anderen Platz machten. Es war ein intellektuell aussehender Mann, der unauffällig in Bauernkleidung gekleidet war.

„Wer sprach den Namen des Grafen von Monte-Cristo aus?“, fragte er.

Der Anführer deutete schweigend auf Massetti, der sofort erwiderte:

„Ich sprach den Namen des Grafen von Monte-Cristo aus, und er wird sicher bittere Rache an Euch allen nehmen für die Ermordung seines Sohnes!“

„Seines Sohnes?“

„Ja, seines Sohnes, der hier an meiner Seite steht, schmählich gebunden und bedroht mit einem schändlichen Tod!“

Der Fremde wandte sich an Esperance und untersuchte ihn genau.

„Seid Ihr der Sohn von Monte-Cristo?“, fragte er sichtlich bewegt.

„Das bin ich“, antwortete Esperance kalt.

„Gebt mir ein Zeichen.“

„‚Warten und hoffen!‘“

„Seine Maxime!“

„Ah! Ihr erkennt sie. Erkennt Ihr auch das?“

Während er sprach, hielt der junge Mann seine linke Hand hoch, und ein prächtiger Diamantring, den er trug, blitzte im Mondlicht. Der Neuankömmling nahm seine Hand und betrachtete das Juwel, eines, das der Graf von Monte-Cristo jahrelang getragen hatte und das er seinem Sohn erst vor wenigen Tagen geschenkt hatte.

„Ich bin überzeugt“, sagte der Fremde. Dann wandte er sich an den Anführer und sagte in befehlendem Ton: „Lasst diese Männer frei!“

„Aber sie haben Ludovico erschlagen!“

„Lasst sie frei!“, donnerte der Fremde. „Ludovico hätte besser wissen müssen, als meine Freunde zu behindern!“

Ihm wurde sofort Gehorsam geleistet, und die beiden jungen Männer standen, höchst erstaunt, befreit von ihren Fesseln.

„Ihr seid frei“, fuhr der Fremde fort, „und könnt Eure Route wieder aufnehmen. Sagt dem Grafen von Monte-Cristo, dass Luigi Vampa sich an seinen Pakt erinnert und ihm treu ist!“

Während er sprach, versammelte der berüchtigte Banditenhauptmann seine Männer um sich, und die ganze Bande verschwand zwischen den Bäumen wie so viele Geister der Nacht.

KAPITEL VII.

IN DER BAUERNHÜTTE.

Einen Augenblick lang standen die beiden jungen Männer schweigend und verblüfft da. So plötzlich war der Wandel von unmittelbarer Gefahr zu Sicherheit gewesen, dass sie ihn kaum begreifen konnten. Luigi Vampa war gekommen und gegangen wie ein Blitz, und sowohl Banditen als auch Gefahr waren durch die wunderbare Magie von Monte-Cristos Namen vertrieben worden. Der Banditenhauptmann hatte Giovanni und Esperance seine Freunde genannt, und als solche wussten sie, dass das gesamte Land in der Umgebung von Rom ihnen offenstand; sie konnten es bei Tag und bei Nacht ohne Angst vor Belästigung bereisen. Esperance kümmerte das wenig, doch Giovanni war davon begeistert, denn es würde ihm ermöglichen, Annunziata Solara ohne Gefahr einer Unterbrechung oder Behinderung aufzusuchen. Aber was war die geheimnisvolle Macht des Grafen von Monte-Cristo? Das war eine Frage, die in der Tat schwer zu beantworten war. Jedenfalls beugte sich selbst der wilde Luigi Vampa davor, und sie war ebenso unbestritten wie seltsam.

Der Vizegraf Massetti war der Erste, der die Notwendigkeit eines schnellen Vorstoßes nach Rom erkannte. Er war schwach von Blutverlust und Aufregung; zudem pochte sein zertrümmerter Arm heftig und bereitete ihm Anfälle von qualvoller Schmerz. Er fühlte sich zusammensinken und drängte seinen Freund zur Eile. Esperance willigte ein, und während sie den jungen Italiener so gut sie konnten stützten, nahmen sie die Heimreise wieder auf. Kaum war jedoch eine Meile zurückgelegt, da warf sich Giovanni am Fuße eines großen Baumes auf den Rasen und erklärte, dass es für ihn völlig unmöglich sei, auch nur einen weiteren Schritt zu tun. Das Pochen in seinem Arm war unerträglich geworden, nahm ihm den Atem und erfüllte ihn mit einem Übelkeit erregenden Gefühl.

Sie waren noch weit von Rom entfernt, und kein Anzeichen einer Behausung war in irgendeiner Richtung zu erkennen. Auf das Tageslicht zu warten, kam nicht in Frage; es würde noch einige Stunden bis zum Morgengrauen dauern, und selbst wenn die Sonne aufgegangen wäre, war es keineswegs sicher, dass Hilfe zu beschaffen sein würde. Unterdessen würde Giovanni Qualen leiden, ganz zu schweigen von der Gefahr, in seinem Zustand dem Einfluss der Malaria aus den umliegenden Sümpfen ausgesetzt zu sein.

Esperance beschloss schließlich, so ungern er auch auch nur einen Augenblick von der Seite seines Freundes weichen wollte, dass es für ihn unumgänglich sei, sich auf die Suche nach Hilfe zu begeben. Inzwischen hatte sich ein heftiges Fieber eingestellt, und Giovannis Zustand verschlechterte sich rapide. Gerade als der Sohn von Monte-Cristo zu seinem Erkundungsgang aufbrechen wollte, vernahm er die Stimme eines Mannes, der in einiger Entfernung sang, aber allmählich näher kam. Der Klang war fröhlich und beruhigend, denn zweifellos musste der Mann, der so lieblich und freudig singen konnte, ein gutes, gütiges Herz haben. Als der Mann näher kam, erkannte Esperance das Lied – es war diese wunderschöne und ausdrucksvolle Serenade „Cara Nina“, eine Melodie, die allen jungen italienischen Liebenden teuer war, ob sie nun aus einfachem oder vornehmem Hause stammten.

Der Mann kam schließlich in Sicht; er schritt gemächlich dahin, doch mit einem langen, wiegenden Gang. Seine Stimme war ein klarer, voller Tenor robusto, und die Töne seines köstlichen Liebesliedes trillerten mit wunderbarer Wirkung in der stillen, lauen Luft der ruhigen, herrlichen Nacht aus seiner Kehle. Er war kaum über zwanzig, ein stämmiger Bauer, und das Mondlicht zeigte, dass er ein männliches, offenes Gesicht besaß. Er war so in seine Serenade vertieft, dass er Giovanni, der am Fuße des riesigen Baumes lag, und den neben ihm stehenden Esperance nicht bemerkte. Er wollte gerade vorbeigehen, als letzterer ihn anrief. Er hielt inne, etwas beunruhigt, und seine Hand griff instinktiv nach einer in seinem Busen verborgenen Waffe. Esperance beeilte sich, ihn zu beruhigen.

„Habt keine Furcht“, sagte er. „Wir sind lediglich Reisende, und einer von uns ist schwer verwundet. Im Namen des Himmels, leistet uns jede Hilfe, die Ihr könnt!“

Der junge Bauer wandte sich um und kam vorsichtig auf sie zu.

„Dies ist eine gefährliche Gegend“, sagte er; „sie ist von Banditen der ruchlosesten und verwegensten Art verseucht.“

„Wir haben reichlich Grund, das zu wissen“, antwortete Esperance, „denn wir sind gerade nur knapp einem schrecklichen Tod durch die Hände einiger Männer von Luigi Vampa entkommen.“

„Luigi Vampas Männer!“ wiederholte der Bauer erstaunt.

„Ja.“

„Und sie haben Euch aus freiem Willen freigelassen? So etwas habe ich noch nie gehört! Es ist nicht ihre Art, ihre Beute freizugeben, zumindest nicht ohne ein hohes Lösegeld. Haben sie Euch ausgeraubt, oder habt Ihr für Eure Freiheit bezahlt?“

„Weder noch“, entgegnete Esperance.

Das Erstaunen des Bauern verdoppelte sich. Er blickte fragend auf den am Boden liegenden Vicomte.

„Wie kommt es, dass Euer Kamerad verwundet ist?“, fragte er.

„Sein Arm wurde durch die Pistole eines riesigen Banditen zerschmettert.“

„Ludovico?“, erkundigte sich der Bauer und blickte sich um, als erwarte er, den riesigen Angreifer zu sehen.

„Ich glaube, das war sein Name“, erwiderte Esperance. „Aber er wird keinen Schaden mehr anrichten!“

„Ihr wollt doch nicht etwa sagen, dass Ihr ihn getötet habt?“

„Doch.“

„Und dennoch durftet Ihr frei gehen! Ich kann das nicht begreifen!“

„Vielleicht nicht, aber Ihr könnt begreifen, dass mein Freund schwer verletzt ist und sofortige Hilfe und Unterkunft benötigt. Gibt es in der Nähe keine gastliche Hütte, in die er gebracht werden kann, wo er versorgt werden kann, bis Hilfe aus Rom eintrifft?“

Der Bauer zögerte einen Augenblick; dann sagte er:

„Mein Vater lebt ein kurzes Stück von hier; er könnte Euch aufnehmen, wenn er wollte, aber er hat solche Angst vor den Banditen, dass er unter diesen Umständen wahrscheinlich seine Tür vor Euch verschließen würde.“

„Er braucht in diesem Fall keine Furcht vor den Räubern zu haben, denn Luigi Vampa hat uns gerade einen deutlichen Beweis seines Schutzes gegeben. Außerdem versicherte er uns, dass er unser Freund sei.“

„Das ist in der Tat sonderbar“, sagte der Bauer erneut zögernd. „Luigi Vampa ist nur sehr wenigen ein Freund, und das sind diejenigen, mit denen er im Bunde steht. Ihr seid sicherlich nicht mit ihm im Bunde, sonst hättet Ihr Ludovico nicht getötet!“

„Dies ist nicht die Zeit für Verhandlungen“, entgegnete Esperance. „Mein Freund leidet, und allein die Menschlichkeit sollte Euren Vater dazu bewegen, ihn aufzunehmen. Ich verpflichte mich, Luigi Vampas Zorn zu besänftigen, sollte er geweckt werden; schlimmstenfalls gelobe ich, mich mit meinem Freund auf die erste Aufforderung hin zu stellen und dem Räuberhauptmann zu versichern, dass Euer Vater völlig schuldlos ist. Kommt, kann ich Euch nicht dazu bewegen, großmütig und menschlich zu sein?“

„Nun“, sagte der Bauer, teilweise überzeugt, „ich werde Euch vertrauen, obwohl ich ein großes Risiko eingehe. Sollte Vampa sich beleidigt fühlen, wird er unsere Hütte über unseren Köpfen niederbrennen und uns alle ohne Erbarmen ermorden. Dennoch sollen sowohl Euer verwundeter Freund als auch Ihr selbst die bescheidene Unterkunft erhalten, die unser armes Dach bietet.“

Giovanni wurde beim Aufstehen geholfen, und indem sie ihn zwischen sich nahmen, begannen Esperance und der Bauer ihren Weg. Glücklicherweise hatten sie keinen weiten Weg vor sich, andernfalls hätte die schwindende Kraft des jungen Vicomtes nicht ausgereicht. Sie verließen die Landstraße und tauchten in einen schmalen, beidseitig dicht bewaldeten Fußpfad ein; die Baumzweige verschlangen sich über ihnen sogar so dicht, dass die Mondstrahlen wirksam ausgeschlossen wurden und fast undurchdringliche Finsternis herrschte. Einen Augenblick lang befürchtete Esperance Verrat, doch diese Angst schwand, als er an das männliche Auftreten des jungen Bauern und die Furcht vor den Räubern dachte, die dieser geäußert hatte. Die drei konnten auf dem schmalen Pfad kaum nebeneinander gehen, und immer wieder stolperte Giovanni über eine hervorstehende Wurzel oder ein anderes Hindernis, das in der Dunkelheit unsichtbar war; doch der Bauer kannte den Weg perfekt und trieb seine Begleiter mit festem Schritt so schnell wie möglich voran.

Bald verbreiterte sich der Pfad etwas, das Licht begann durch das dichte Laub zu sickern, und das Gurgeln eines rauschenden Baches war in nicht allzu großer Entfernung zu hören. Plötzlich machten sie eine jähe Wendung und erblickten eine kleine, ordentlich aussehende Hütte, die mit rankenden Pflanzen bedeckt und in Grün gebettet war. Der Bach rauschte nur wenige Meter daran vorbei, und der frische Geruch des Wassers vermischte sich angenehm mit dem Duft von Geißblatt und dem aromatischen Aroma des umliegenden Waldes. Es war in der Tat ein wunderschöner und höchst romantischer Ort, ein gemütlicher, abgelegener Winkel, wie jener, in dem König Heinrich seine Geliebte, die schöne Rosamund, vor den neugierigen Blicken der forschenden Welt verbarg. Esperance blickte mit Entzücken darauf, und selbst Giovanni konnte, verwundet und erschöpft wie er war, nicht umhin, einen Ausruf des Erstaunens und der Bewunderung auszustoßen. Die Hütte war geschlossen und kein Lebenszeichen war sichtbar.

„Wir sind angekommen“, sagte der Bauer mit leiser Stimme. Er verließ seine Gefährten und ging zu einem Fenster, an das er drei deutliche Schläge gab.

Das Signal wurde fast unmittelbar durch drei ähnliche Schläge von innen beantwortet; dann wurde das Fenster aufgestoßen und ein Frauenkopf erschien. Das Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht, und sowohl Esperance als auch Giovanni zuckten plötzlich zusammen, als sie Annunziata Solara, das bezaubernde Blumenmädchen von der Piazza del Popolo, erkannten.

„Sie ist es – es ist Annunziata!“, flüsterte der junge Vicomte seinem Kameraden ins Ohr.

„Pst!“, gab dieser in einem vorsichtigen Unterton zurück. „Verrate dich nicht! Sie wird uns niemals erkennen, so verkleidet wie wir sind! Außerdem darf unser Führer nicht misstrauisch werden! Er könnte uns die Unterkunft noch verweigern!“

„Du hast recht, wie du immer hast“, antwortete Massetti. „Wir müssen unser Inkognito wahren, zumindest bis wir sicher sind, woran wir sind.“

Unterdessen sprach der Bauer hastig mit Annunziata.

„Schwester“, sagte er, „ich bin nicht allein; zwei Reisende, Bauern wie wir, sind bei mir. Sie wurden von Luigi Vampas Männern angegriffen, und einer von ihnen ist schwer verwundet.“

„Heilige Jungfrau!“, rief das Mädchen, das offensichtlich von Schrecken erfüllt war.

„Sie erbitten unsere Gastfreundschaft für die Nacht und unsere Unterstützung, bis Hilfe aus Rom beschafft werden kann. Im Namen unseres Vaters habe ich ihnen Unterkunft gewährt. Öffne die Tür und lass uns ein.“

Das Mädchen verschwand vom Fenster und hatte im nächsten Augenblick die Tür aufgestoßen. Als sie dort im silbernen Licht stand, wobei der Zustand ihrer Kleidung und ihres Haares darauf hindeutete, dass sie hastig aus ihrem Lager aufgestanden war, wurde ihre strahlende, malerische Schönheit noch erheblich gesteigert. Die jungen Männer glaubten, niemals eine hinreißendere Erscheinung weiblicher Lieblichkeit erblickt zu haben.

„Wo ist Vater?“, fragte der Bauer besorgt.

„Er ist noch nicht zurückgekehrt“, antwortete das Mädchen.

Der Führer stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Ich bin froh“, sagte er, „denn Pasquale Solara mag keine Fremden. Wäre er hier, würde er es vielleicht ablehnen, diesem verwundeten Mann und seinem Gefährten Gastfreundschaft zu erweisen, auch wenn sie, wie sie behaupten, Freunde von Luigi Vampa sind.“

„Freunde von Luigi Vampa!“, wiederholte das Mädchen, das in große Unruhe geriet. „Die Heilige Jungfrau schütze uns!“

„Sie sind jedenfalls keine Räuber“, sagte der Bauer, „und ich halte sie für ehrliche Männer. Sollten sie mich jedoch täuschen, werde ich wissen, wie ich zu handeln habe!“

Ein unheilvolles Blitzen lag in seinem Auge, als er sprach, und seine Hand suchte erneut die in seinem Busen verborgene Waffe. Esperance, der aufmerksam diesem Gespräch gelauscht und jede Bewegung des jungen Bauern beobachtet hatte, spürte, wie seine Verdächtigungen wieder auflebten; doch es gab keine Zeit zum Zögern; Unterkunft und Hilfe für seinen Freund waren das Wichtigste; sie mussten sofort und um jeden Preis erlangt werden. Er hatte davon abgesehen, dem Bauern Geld anzubieten, da er nicht verraten wollte, dass er und sein Gefährte andere Personen waren, als sie zu sein schienen, und nun, da Annunziata auf der Bildfläche erschienen war, beglückwünschte er sich zur Weisheit seines Vorgehens. Dennoch fürchtete er Giovannis Impulsivität in Gegenwart des Mädchens, das er so sehr bewunderte, und nahm sich vor, ihn so genau wie möglich zu beobachten, um schädliche Enthüllungen sofort im Keim zu ersticken. Wenn Giovanni lange genug in diesem anziehenden Winkel blieb, um mit dem schönen Blumenmädchen zu flirten, musste er dies ausschließlich als Bauer und unter dem Schutz seiner geschickten Verkleidung tun. Es war kaum wahrscheinlich, dass Annunziata in Massetti und ihm die beiden jungen Galane wiedererkennen würde, denen sie nur für einen Moment inmitten der fröhlichen Menge und des Gedränges der glänzenden Piazza del Popolo begegnet war.

Während diese Gedanken durch seinen Geist blitzten, hatte der junge Vicomte, schwer auf seinen Arm gestützt, seine Augen nicht von dem hübschen, verführerischen Mädchen vor sich abgewandt. So sehr er auch litt, er sehnte sich danach, an ihrer Seite zu sein, ihre reizende Gestalt zu umschließen, ihren warmen, wollüstigen Atem über sein Gesicht strömen zu fühlen und Kuss um Kuss auf ihre reifen roten Lippen zu drücken. Er hatte Zuleika nicht vergessen. Oh! nein! Aber Annunziata Solara war ein gänzlich anderes Wesen, ein Mädchen, das ihn erfreuen, ihn berauschen konnte, für einen Augenblick so wie die andere für das Leben. Für Monte-Cristos Tochter empfand er Liebe, für das faszinierende Blumenmädchen der Piazza del Popolo war es eine Leidenschaft, die gestillt werden wollte.

Nach ein paar weiteren Worten an seine Schwester kehrte der Bauer zu den jungen Männern zurück und half Esperance, Giovanni in die Hütte zu tragen. Das Innere dieser bescheidenen Behausung war ebenso ordentlich und malerisch wie das Äußere. Der Raum, den sie betraten, war klein und billig eingerichtet, doch überall zeigte sich weiblicher Geschmack. Eine einzelne Kerze war das einzige Licht, doch die spärliche Beleuchtung reichte aus, um die verfeinernden Züge einer Frauenhand erkennen zu lassen. In einer Ecke stand ein Bett, dessen Decken zurückgeschlagen waren und auf dem sich der Abdruck seines letzten Benutzers abzeichnete. Am Kopfende des Bettes hing ein Kruzifix aus Messing an der Wand, während über der Lehne eines Stuhls Kleidungsstücke einer Frau hingen. Giovanni konnte nicht daran zweifeln, dass er sich in Annunziatas Zimmer befand und dass der Abdruck auf dem Bett von ihr stammte. Er spürte einen Anflug von Freude bei dem Gedanken, dass er das Lager des bezaubernden Blumenmädchens belegen sollte, vielleicht genau den Platz, auf dem sie nur kurze Zeit zuvor gelegen hatte.

Annunziata, die sich einen Umhang über ihre Schultern und Nachtkleidung geworfen hatte, deren Füße aber noch barfuß waren, hatte ihren Bruder und seine Gefährten in das Gemach begleitet. Sie musterte die Fremden scheu, aber neugierig, obwohl es nur allzu deutlich war, dass es ihr nicht gelang, ihre Verkleidung zu durchschauen. Mit geschickten Händen ordnete sie das Bett neu und entfernte ihre Kleidung vom Stuhl. Dann zog sie sich in einen anderen Raum zurück, und der verwundete Vicomte wurde von dem Bauern und Esperance beim Entkleiden unterstützt und in das Lager gebracht, wo er schließlich, nachdem seine Wunde ordentlich versorgt worden war, in einem Delirium des Glücks einschlief.

Esperance wurde für die Nacht gebührend untergebracht, und bald lag ununterbrochene Stille über der einsamen Hütte im Wald.

So vollzog sich die Anfangsszene eines Dramas, das dazu bestimmt war, fruchtbar an verhängnisvollen Ergebnissen zu sein, Ergebnissen, die mehr als ein glückliches Leben überschatteten.

KAPITEL VIII.

EINE WALDIDYLLE.

Am Morgen stellte sich heraus, dass der Arm des Vicomtes Massetti so stark angeschwollen und seine Wunde so schmerzhaft war, dass es ratsam erschien, nach einem Arzt zu schicken, der in einem benachbarten Weiler wohnte, nicht mehr als eine Meile von der Hütte der Solaras entfernt. Der Mann der Medizin war bald an Giovannis Bett. Nachdem er seine Verletzung untersucht und verbunden hatte, erklärte er, dass der Patient mindestens eine Woche lang nicht bewegt werden dürfe, eine Nachricht, über die sich der junge Mann innerlich freute, ungeachtet aller Qualen, die er litt, denn sein Aufenthalt bedeutete Pflege durch die Hände der schönen Annunziata, die ihm bereits gezeigt hatte, dass sie über Zärtlichkeit und ein gütiges Herz sowie über ein gutes Aussehen verfügte.

Esperance hielt nach dem Weggang des Arztes eine Beratung mit seinem Freund ab, um zu entscheiden, was zu tun sei. Er schlug vor, sofort nach Rom zu gehen und die Familie des Vicomtes über das Geschehene und Giovannis Zustand in Kenntnis zu setzen, doch der junge Mann widersetzte sich diesem Plan entschieden, indem er erklärte, er werde in wenigen Tagen höchstens wieder gesund sein, und protestierte, dass eine Benachrichtigung seiner Verwandten über seine Lage Erklärungen nach sich ziehen würde, die er nicht geben wollte. Giovanni bat Esperance auch, bei ihm zu bleiben und keinerlei Anzeichen über ihren Zufluchtsort zu geben; so inständig bat er um diese Gefälligkeiten, dass der Sohn von Monte-Cristo, sehr gegen seinen Willen und mit vielen Vorahnungen, schließlich einwilligte, sie zu gewähren.

Pasquale Solara kehrte spät an dem Tag nach der Ankunft der Fremden in seine Hütte zurück. Er war ein alter, aber kräftiger Schäfer, dessen raues, sonnenverbranntes Gesicht von Witterungseinflüssen und harter Arbeit sprach. Er war häufig tagelang und nächtelang hintereinander abwesend, Abwesenheiten, die er nie erklärte und über die sein Sohn und seine Tochter ihn nicht zu fragen wagten, denn Pasquale war ein harter Mann, der bei der geringsten Gelegenheit wütend wurde und dazu neigte, gegen alle streng zu sein, die versuchten, in seine Angelegenheiten zu schnüffeln. Er äußerte große Furcht vor den Banditen, die die Umgebung von Rom unsicher machten, und besonders vor Luigi Vampas Bande, doch diejenigen, die ihn am besten kannten, schüttelten zweifelnd die Köpfe, und obwohl sie es nicht aussprachen, war deutlich zu sehen, dass sie diese Furcht lediglich für seine eigenen Zwecke vorgetäuscht hielten. Jedenfalls war es eine bedeutsame Tatsache, dass Pasquale bei seinen Wanderungen nie behelligt wurde, während die Räuber seine Behausung und deren Bewohner immer in Ruhe ließen.

Der alte Schäfer runzelte finster die Stirn, als er von seinen Kindern erfuhr, dass sie ein paar Reisenden Unterkunft gewährt hatten, von denen einer in einem Kampf mit einem Räuber verwundet worden war, doch er sagte nichts und schien bereit, die Situation hinzunehmen, ohne auch nur zu murren. Er betrat jedoch nicht das Zimmer, in dem Giovanni lag, und vermied es, mit Esperance in Berührung zu kommen, der nur einen flüchtigen Blick auf ihn erhaschte, bevor er erneut zu einer anderen Expedition aufbrach, was er nach einem Aufenthalt von nur einer halben Stunde in seiner Hütte tat.

Der junge Bauer und Esperance wurden bald recht freundschaftlich und genossen manchen Streifzug durch den Wald und am gurgelnden Bach entlang. Der Name des Bauern war Lorenzo, und er schien ein freies Leben zu führen, völlig unbelastet von irgendeiner Beschäftigung, außer dass er sich gelegentlich um ein paar Schafe kümmerte, die sich nie weit von den Ufern des kleinen Stroms entfernten.

Annunziata gab für die Zeit ihre Besuche in Rom auf und installierte sich als Giovannis Pflegerin. Sie war fast ständig an seiner Seite, und ihre Gegenwart und Fürsorge waren wirksamere Arzneien als jede, die der Arzt verabreichte. Ihr Lächeln schien eine bezaubernde Wirkung auf den jungen Vicomte auszuüben, während ihre Stimme in seinem entzückten Ohr wie die lieblichste Musik klang. Das hübsche Mädchen war das Ebenbild vollkommener Gesundheit, und ihre gut entwickelte Gestalt besaß den ganzen Charme früher Reife, gepaart mit jugendlicher Frische und Anmut. Sie trug kurze Röcke, und ihre wohlgeformten Beine waren niemals mit Strümpfen belastet, während ihre Füße ausnahmslos barfuß waren. Ein tiefes, loses Oberteil mit kurzen Ärmeln entblößte ihren kräftigen Hals und ihre Schultern sowie ihre prallen, grübchenreichen Arme, um die sie jede Herzogin beneidet hätte. Ihre Hände waren wie ihre Füße nicht klein und die Sonne hatte sie mit einer großzügigen Schicht Braun überzogen, doch sie waren hübsch geformt und attraktiv, während ihre kurzen, spitz zulaufenden Finger mit rosafarbenen, sorgfältig gepflegten Nägeln versehen waren. Alles in allem sah sie aus wie der Geist des Ortes, eine köstliche Waldnymphe, so bezaubernd wie jede, die sich die Phantasie eines Dichters jemals erschaffen hat, und doch eine handfeste, sterbliche Realität, die wohl dazu angetan war, das Blut eines Mannes zu erhitzen und sein Gehirn in Wirbel zu versetzen. Wenn sie in Rom, inmitten der aristokratischen Modeköniginnen der Piazza del Popolo, schön erschienen war, so wirkte sie in ihrem bescheidenen Waldheim tausendmal entzückender und faszinierender, wo sie alle Zurückhaltung ablegte und sich als das zeigte, was sie wirklich war: ein helles, unschuldiges Kind der Natur, so rein wie der Hauch des Himmels und so frei von Arglist wie der honiggesättigte Schmetterling im sommerlichen Sonnenschein.

Je mehr Giovanni von ihr sah, desto mehr geriet er unter die Herrschaft ihrer unwiderstehlichen Reize, das Reich ihrer physischen Anziehungskraft. Allmählich besserte er sich, und als seine Wunde heilte, kehrte seine Kraft zurück. Schließlich, gegen Ende der Woche, war er in der Lage, sein Bett zu verlassen und in einem großen Stuhl am Fenster seines Zimmers zu sitzen. Es war zwischen ihm und Esperance vereinbart worden, dass sie während ihres Aufenthalts in der Hütte der Solaras als Antonio Valpi beziehungsweise Giuseppe Sagasta bekannt sein sollten, und bereits hatte Annunziata ihrem Patienten das freundschaftliche und vertraute Diminutiv Tonio verliehen, ein Name, auf den er mit wild pochendem Herzen und Augen, die Bände sprachen, antwortete.

Mittels geschickt gehandhabter Fragen hatte der junge Vicomte herausgefunden, dass das Blumenmädchen keinen Liebhaber hatte, dass ihre Brust niemals die zärtliche Leidenschaft gehegt hatte, und diese Nachricht goss Öl in das Feuer, das ihn verzehrte. Es ist nicht anzunehmen, dass Annunziata sich des starken Eindrucks nicht bewusst war, den sie auf ihren jungen und gutaussehenden Patienten gemacht hatte. Sie war sich dessen vollkommen bewusst und freute sich insgeheim über die deutliche Zurschaustellung der Macht ihrer Reize. Vielleicht liebte sie Giovanni noch nicht, vielleicht war es lediglich die allgemeine physische Anziehung einer Frau zu einem Mann, oder es könnte das angeborene Quäntchen Koketterie gewesen sein, das jeder Frau eigen ist, doch die Tatsache blieb bestehen, dass sie den jungen Vicomte stillschweigend in seinen leidenschaftlichen Aufmerksamkeiten ihr gegenüber bestärkte. Sie lockte und entflammte ihn zudem auf eine so sorglose, unschuldige Weise, dass sie dadurch zusätzliche Würze gewann. Wäre Annunziata eine berechnende Frau von Welt gewesen, die darauf aus war, einen wohlhabenden Liebhaber zu fangen, anstatt ein reines und argloses Landmädchen, das sich des Schadens, den sie anrichtete, völlig unbewusst war, so hätte sie ihr Spiel nicht mit mehr Wirkung treiben können. Giovanni war gänzlich zu ihrem Sklaven geworden. Er hing an ihrem Lächeln, trank ihre Worte und konnte sich in ihrer Gegenwart kaum beherrschen. Kein schiffbrüchiger Seemann hat jemals gieriger mit seinen geblendeten Augen die verhängnisvolle Loreley einer felsigen, verlassenen Küste verschlungen als er sie. Wäre sie seines sozialen Ranges gewesen, hätten ihre Intelligenz und Bildung ihrer persönlichen Schönheit entsprochen, so hätte er Zuleika vergessen, sich stürmisch zu ihren Füßen geworfen und um ihre Hand angehalten. So wie es war, gehörte zwar Monte-Cristos Tochter sein ganzes Herz, doch Annunziata Solara versklavte seine Sinne.

Sie nahm seine Annäherungsversuche als eine Selbstverständlichkeit hin, ohne Befangenheit, ohne ein Erröten. Seine galanten Reden gefielen ihr, sie wusste nicht warum. Sie war so vollkommen arglos, dass sie nicht bemerkte, dass seine Sprache nicht die des ungebildeten Bauern war, der er vorgab zu sein, dass sein Auftreten wie auch seine Worte ein Maß an Kultur und Verfeinerung anzeigten, das weit über seinen angenommenen Stand hinausging. Sie war geblendet, bezaubert von ihm wie der Vogel von der glitzernden Schlange mit ihren bösen, faszinierenden Augen. Sie dachte an nichts als an die Gegenwart und ihre neuartigen Freuden. Sie hatte niemals auf die Zukunft geachtet – sie achtete jetzt nicht darauf.

Eines Morgens, als sie an seiner Seite am offenen Fenster saß, durch das die balsamische Luft des Waldes hereinströmte, geschwängert vom berauschenden Duft tausender wilder, unendlich süßer Blumen, ergriff Giovanni plötzlich ihre braune Hand und bedeckte sie mit leidenschaftlichen Küssen. Das Mädchen leistete keinen Widerstand, zog ihre Hand nicht aus der seinen; sie zitterte nicht einmal, obwohl ein leichtes Glühen auf ihre Wangen trat, das sie wie eine leibhaftige Circe erscheinen ließ.

"Annunziata", sagte Giovanni mit leiser Stimme, kaum mehr als ein Flüstern, "liebst du mich?"

"Dich lieben, Tonio?", erwiderte das Mädchen und blickte sanft in sein glühendes und aufgewühltes Antlitz. "Oh! Ja! Ich habe dich sehr lieb!"

Er legte seinen Arm um ihren Hals, und während seine Hand auf ihrer wohlgeformten Schulter ruhte, durchfuhr ihn ein magnetisches Beben wie der plötzliche Schlag einer starken elektrischen Batterie. Annunziata versuchte nicht, sich seiner warmen Umarmung zu entziehen, und er zog sie mit festerem Griff an sich, bis ihre volle, bebende Brust an seiner ruhte. Ihre verführerischen roten Lippen, leicht geöffnet, waren nach oben gerichtet; er drückte die seinen in einem langen, verweilenden, berauschenden Kuss darauf. Dann vertiefte sich die Farbe auf ihren Wangen, und sie löste sich sanft aus seinem Griff. Sie wandte jedoch den Blick nicht ab, sondern sah ihn mit einem Ausdruck stummen Fragens an. All dies war neu für sie und umso köstlicher in seiner vollkommenen Neuartigkeit.

"Weder mein Vater noch mein Bruder noch meine verstorbene Mutter haben mich je so geküsst!", sagte sie arglos.

Giovanni war entzückt; die Unschuld des Mädchens war absolut wunderbar; er hatte sich niemals träumen lassen, dass eine solche Unschuld auf Erden existierte. War sie wirklich das, was sie zu sein schien?

"Annunziata", sagte er abrupt, während sein Herz heftig schlug und sein Atem schwer und schnell ging, "du hast noch nie Liebe erfahren, sonst wüsstest du die Bedeutung dieses Kusses!"

"Liebe?", antwortete das Mädchen und riss ihre großen, glänzenden Augen weit auf. "Oh! Ja, ich habe Liebe gefühlt. Ich liebe meinen Vater und Lorenzo, ich liebe – jeden!"

"Aber nicht so, wie du einen jungen Mann lieben würdest, der sich dir zu den hübschen Füßen werfen und dir die Schätze seines Herzens ausschütten würde!"

"Kein junger Mann hat das je getan", sagte Annunziata, lächelte und schmiegte sich enger an ihn.

"Aber bald wird es jemand tun, vielleicht in wenigen Minuten! Wie würde es dir gefallen, wenn ich dieser Eine wäre?", rief der Vicomte auf seine überstürzte Art.

"Ich kann es nicht sagen", antwortete das Mädchen, "ich weiß es nicht!"

"Dann lass mich das Experiment versuchen!", sagte Giovanni, erhob sich von seinem Stuhl und sank vor ihr auf die Knie. "Annunziata, ich liebe dich!"

Das Mädchen strich ihm über das Haar und ließ dann ihre schlanken Finger durch seine fließenden Locken gleiten. Sie schwieg und schien nachzudenken. Ihr Busen hob und senkte sich nur ein wenig stärker als gewöhnlich, und das Glühen auf ihren Wangen wurde eine Nuance intensiver. Giovanni, der noch immer kniete, ergriff ihre Hand und hielt sie in einem festen Griff.

"Hörst du mich?", rief er ungeduldig. "Verstehst du mich? Ich liebe dich!"

"Du liebst mich, Tonio?", erwiderte das Mädchen langsam. "Nun, das ist nur natürlich! Jeder junge Mann muss früher oder später irgendein junges Mädchen lieben, und ich glaube – ich glaube – ich habe dich ein wenig lieb!"

"Glaubst!", sagte Giovanni erstaunt. "Weißt du es nicht?"

"Vielleicht!", antwortete Annunziata, während sie weiterhin sein Haar streichelte.

Giovanni schlang seine Arme um ihre Taille, eine kräftige, gesunde Taille, frei von den Zwängen eines Korsetts und den einengenden Vorrichtungen der Mode. Als er dies tat, vernahm man draußen Schritte, und er hatte kaum Zeit, aufzuspringen, als Esperance das Zimmer betrat.

Massetti war verwirrt, und sein Freund bemerkte es. Er bemerkte auch, dass Annunziata leicht gerötet war und den Anschein erweckte, eine angenehme Erregung erfahren zu haben. Esperance kam augenblicklich zu einem Schluss. Giovannis Flirt mit dem hübschen Blumenmädchen war ein wenig zu weit gegangen, hatte einen ernsten Aspekt angenommen. Er würde eingreifen, er würde ihm ins Gewissen reden. Es war vielleicht noch nicht zu spät. Annunziata war ein reines und unschuldiges Geschöpf, ungewohnt der Wege der Welt und unfähig, die Bosheit der Männer zu ahnen. Sie war im Begriff, in eine tödliche Falle zu tappen, im Begriff, an der gefährlichsten Klippe zu zerschellen, die das Leben bot. Ihre reine Unschuld würde sie zu einem leichten Opfer machen. Giovanni war nicht bösartig; er war lediglich jung, die Beute der unwiderstehlichen Leidenschaft der Jugend. Annunziatas überragende Lieblichkeit hatte sein Blut in Wallung gebracht, hatte ihn an den Rand einer rücksichtslosen Handlung getrieben, eines Verbrechens an diesem schönen Mädchen, das kein Geld wiedergutmachen konnte. Dieses Verbrechen durfte nicht begangen werden, wenn er es verhindern konnte, und er würde die Freundschaft des Vicomte aufs Spiel setzen, um ihn vor sich selbst zu retten. Giovanni konnte das einfache Bauernmädchen nicht heiraten; er sollte ihre Zukunft nicht zerstören.

Als Esperance das Zimmer betrat, rief seine Anwesenheit Annunziata zur Besinnung und dämpfte auch Massettis Eifer. Das Mädchen erhob sich und huschte errötend mit einem Lächeln an Esperance vorbei. Giovanni war hochrot und etwas verärgert über die Störung im kritischen Moment seines Werbens. Esperances Gesicht war ernst; er spürte das ganze Gewicht der Verantwortung, die er auf sich zu nehmen im Begriff war.

"Giovanni", sagte er in gemessenem Ton, "ich mache dir keinen Vorwurf daraus, dass du von einem hübschen, liebenswürdigen Mädchen wie Annunziata Solara fasziniert bist, ganz im Gegenteil. Sie ist sicherlich ein Inbegriff an Schönheit, ein Modell ländlicher Anmut, ein sehr verführerischer Bissen ländlicher Tugend und Unschuld. Sie ist wohl geeignet, den Kopf fast jedes jungen Mannes zu verdrehen – das gebe ich freimütig zu. Es ist verzeihlich, ihre Gesellschaft genießen zu wollen – ja, ein harmloser Flirt mit ihr ist vielleicht nicht tadelnswert; aber das ist das Äußerste, was ein Ehrenmann tun kann! Denke daran, sie hat einen Ruf zu verlieren, ein Herz zu brechen!"

"Was meinst du mit dieser langen Predigt?", verlangte der Vicomte zu wissen, wobei er die Zähne zusammenbiss und finster dreinblickte.

"Ich meine, dass du diesem armen Mädchen den Hof gemacht hast, dass du versucht hast, ihre Pflege deiner Person auf eine Weise zu vergelten, die dir wenig Ehre macht!"

"Ich verdanke dir mein Leben, Esperance", erwiderte Massetti, "aber selbst meine Dankbarkeit wird dich nicht vor meinem Zorn schützen, wenn du dich zwischen mich und Annunziata Solara stellst!"

"Du beabsichtigst also, ihr nachzustellen, ihren Namen zu beschmutzen, ihre Zukunft zu zerstören, denn sicher wirst du ihr nicht mit der Absicht einer Heirat den Hof machen?"

Giovanni lief bei dieser offenen Anschuldigung feuerrot an.

"Ich beabsichtige, ihr nachzustellen – ja! Was mein Ziel in dieser Angelegenheit ist, betrifft nur mich; du hast absolut nichts damit zu tun!", rief er hitzig.

"Aber ich habe eine ganze Menge damit zu tun!", antwortete Esperance fest. "Du wirst Annunziata Solara nicht in ihr Verderben stürzen! Zwischen ihren guten Namen und deine rücksichtslosen Absichten werde ich eine Barriere legen, die du nicht überwinden kannst – mich selbst!"

"Willst du sie so weit verteidigen, dass du mich forderst?", verlangte Massetti zu wissen, während er vor Wut schäumte.

"Wenn du auf deinen schändlichen Plänen beharrst, ja!", antwortete der Sohn des Monte-Cristo mit gleicher Wärme. "Du bist mein Freund, mein Freund unter Freunden, Giovanni Massetti, aber in dem Moment, in dem du die Ehre dieses unschuldigen Mädchens bedrohst, zerfällt meine Freundschaft zu dir zu Staub und du wirst zu meinem tödlichen Feind! Triff deine Wahl. Entweder verlässt du mit mir diese gastliche Hütte, sobald es der Zustand deiner Wunde erlaubt, und respektierst währenddessen Annunziata Solara, als wäre sie deine eigene Schwester, oder du triffst mich mit der Pistole in der Hand auf dem Feld der Ehre! Triff deine Wahl, sage ich! Was ist deine Entscheidung?"

"Ich werde Annunziata nicht aufgeben!"

"Dann musst du kämpfen!"

"Ich werde nicht zögern!"

"So sei es! Mein Leben gegen deines! Ich werde die Ehre dieses armen Mädchens bis zum letzten Tropfen meines Blutes verteidigen!"

"Wann kämpfen wir?"

"Morgen im Morgengrauen."

"Wo?"

"Auf der Lichtung hinter dem Kastanienhain auf der anderen Seite des Bachs. Es bedarf keiner Zeugen; diese Angelegenheit ist zwischen uns und uns allein!"

"Umso besser, denn es wird ein Duell auf Leben und Tod! Ich kann meinen rechten Arm noch nicht lange genug hochhalten, um damit zu kämpfen, aber ich werde meine linke Hand dienen lassen!" Dann, als ihn ein plötzlicher Gedanke traf, fügte Massetti hinzu: "Hast du vor, mich zu verraten, deine Geschichte Annunziata und ihrem Bruder zu hinterbringen?"

Esperance betrachtete seinen Begleiter mit tiefem Hohn, der aus seinen Augen blitzte.

"Ich bin kein Verräter!", sagte er kalt und verließ das Zimmer, ohne sich umzusehen.

KAPITEL IX.

DIE ENTFÜHRUNG.

Den Rest des Tages begegneten sich Esperance und Giovanni nicht mehr; sie gingen einander absichtlich aus dem Weg, der Erstere, weil er keinen weiteren Streit mit dem Vicomte wünschte, und Letzterer, weil er eine Wiederholung der Vorwürfe wegen unehrenhaften Verhaltens fürchtete, die ihn tiefer gestochen hatten, als er selbst sich eingestehen wollte.

Esperance verschmähte es, Massetti auszuspionieren, aber dennoch beschloss er, die unmittelbare Umgebung der Hütte nicht zu verlassen und so wachsam wie möglich zu sein. Nichts geschah jedoch, was seinen Verdacht erregt hätte, solange das Tageslicht währte. Ein oder zwei Mal verließ Giovanni seine Kammer und schritt erregt auf dem Rasen vor der Hütte auf und ab, aber seine Spaziergänge waren von sehr kurzer Dauer und schienen keinen anderen Zweck zu haben, als sein brodelndes Gehirn zu beruhigen. Annunziata ging nicht in seine Nähe, ob nun Koketterie oder Furcht sie dazu bewog, konnte Esperance nicht feststellen, aber ihr Verhalten erfreute ihn, da es Giovanni keine Gelegenheit bot, irgendeinen Vorteil, den er bei dem Blumenmädchen gewonnen haben mochte, auszubauen.

Lorenzo schien nicht den geringsten Verdacht zu hegen, dass mit den jungen Männern oder seiner Schwester etwas nicht in Ordnung sei. Er war so unbeschwert und fröhlich wie eh und je, ging seinen gewohnten, unbedeutenden Beschäftigungen mit einer Heiterkeit nach, die absolut ansteckend wirkte, und legte noch mehr als seine gewohnte Liebenswürdigkeit an den Tag. Esperance hatte begonnen, diesen jungen Bauern sehr zu schätzen; er hatte in ihm Männlichkeit und Großmut in Person gefunden und beschlossen, bei seiner Rückkehr nach Rom das Interesse des Grafen von Monte-Cristo für sein Wohlergehen und seinen Aufstieg zu wecken. Was Annunziata betraf, so war Esperance noch völlig unentschlossen; sie war ein Problem, das er nicht lösen konnte. Ihre Unschuld und Tugend waren offensichtlich, aber ihre kindliche Einfachheit und ihr völliger Mangel an weltlicher Erfahrung, so bezaubernd und erfreulich sie auch anzusehen waren, setzten sie in Verbindung mit ihrer wunderbaren Schönheit Risiken aus, deren Betrachtung schrecklich war. Hätte sie nur einen Liebhaber ihres eigenen Standes gehabt, wäre alles gut gewesen; aber sie hatte keinen Liebhaber, war völlig allein; wenn sie Giovanni entging – und Esperance war entschlossen, dass sie ihm entgehen sollte, wenn er es bewirken konnte –, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie schließlich in die Fänge eines anderen Bewunderers geraten würde, der noch rücksichtsloser und skrupelloser war. Der Sohn von Monte-Cristo konnte nicht ohne einen Schmerz, der ihm das Herz zerriss, an das hübsche Mädchen und ihre Zukunft denken. Auch er bewunderte ihre Schönheit, ihre Anmut und ihre Arglosigkeit, aber seine Bewunderung blieb in den angemessenen Grenzen, und hätte er sie passend und glücklich verheiratet gesehen, hätte er sich aus tiefster Seele gefreut.

Spät am Nachmittag tauchte Pasquale Solara plötzlich und ohne jede Vorwarnung wieder auf. Der alte Mann war staubbedeckt, als wäre er weit zu Fuß gereist. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er sehr erschöpft war, und auch, dass etwas geschehen war, das ihn gereizt hatte. Er betrat die Hütte unbemerkt und war einige Augenblicke dort, bevor seine Anwesenheit entdeckt wurde. Annunziata sah ihn zuerst, wie er auf einer rauen Holzbank saß, seinen kräftigen Eichenstab in der Hand, auf den er sich schwer stützte. Sie schlang ihre Arme mit einem Freudenschrei um seinen Hals und versuchte, einen Kuss von seinen fest verschlossenen Lippen zu stehlen, aber er stieß sie streng und schweigend zurück. Lorenzo seinerseits erfuhr keinen wärmeren Empfang durch seinen Vater. Doch seine Kinder waren an Pasquales Stimmungen gewöhnt und daher von seinem gegenwärtigen mürrischen Gebaren völlig unbeeindruckt; sie überließen ihn schnell sich selbst und machten sich keine weiteren Sorgen um ihn. Als Esperance einmal in den Raum kam, starrte ihn der alte Mann fragend an, als hätte er völlig vergessen, dass Fremde den Schutz seines Daches genossen; dann schien er sich zu erinnern und blickte so grimmig drein, dass der junge Mann den Rückzug antrat, um Lorenzo zu suchen, dessen fröhliche Stimme hinter dem Bach zu hören war.

Als Esperance das kleine Gewässer in Sicht bekam, stolperte er beinahe über einen Bauern, der der Länge nach unter den weit ausladenden Zweigen einer alten Weide lag. Der Fremde las ein Buch, und Esperance war erstaunt zu bemerken, dass es "Caesars Commentarii" waren. Er stammelte eine Entschuldigung für seine Ungeschicklichkeit, aber der Bauer lächelte nur und bat mit sanfter Stimme um Verzeihung, dass er im Weg sei. Diese Stimme! Esperance war sich sicher, sie schon einmal gehört zu haben, aber wo oder wann, konnte er sich nicht erinnern, obwohl sie ihn bis ins Mark erschütterte und mit vagen Befürchtungen erfüllte. Auch das Gesicht des Mannes war vertraut, ebenso wie seine Kleidung; aber es gab eine große Ähnlichkeit unter den italienischen Bauern in der Umgebung von Rom im allgemeinen Aussehen und in der Kleidung; es war sehr wahrscheinlich, dass er diesen Mann noch nie zuvor gesehen hatte, sondern einen anderen, der ihm ähnelte; dennoch beunruhigten ihn die Stimme und das Gesicht, und er beschloss, den Bauern zu befragen; die Seltenheit von Fremdenbesuchen in dieser abgelegenen Gegend wäre ein ausreichender Vorwand für seine Neugier.

"Mein Freund", sagte er und wandte sich an den liegenden Leser, der sein Buch wieder aufgenommen hatte, "sind Sie ein Verwandter oder Bekannter der Solaras?"

"Ich bin keines von beidem", antwortete der Mann gleichgültig, blickte von seinem Band auf und ließ seine durchdringenden Augen auf seinem Fragesteller ruhen, "ich bin zufällig hierher gewandert, und diese gemütliche Ecke war so einladend, dass ich sie in Besitz nahm, ohne an den Eindringling zu denken, den ich beging."

Die Sprache des Bauern war gebildet; Esperance bemerkte diese Tatsache und war darüber nicht wenig überrascht; zudem konnte er nicht verstehen, warum der Fremde "Caesars Commentarii" las, ein Werk, das weit über den Bereich des gewöhnlichen Bauernverstandes hinausging.

"Sie begehen keinen Eindringlingsakt", sagte er. "Lorenzo und Annunziata würden Sie, da bin ich sicher, gerne willkommen heißen. Der alte Pasquale ist zwar ein wenig wild, das stimmt, aber glücklicherweise kümmert er sich nicht viel um irgendetwas oder irgendjemanden."

"Pasquale ist also angekommen?", sagte der Mann, ließ sein Buch sinken und zeigte plötzliches Interesse.

"Ja, er ist jetzt in der Hütte", antwortete Esperance, dessen Erstaunen zunahm. "Möchten Sie mit ihm sprechen?"

"Nein", sagte der Bauer, sprang leichtfüßig auf, schloss hastig sein Buch, steckte es in seinen Gürtel, verneigte sich vor Esperance und verschwand im Wald.

Der junge Mann sah ihm einen Augenblick nach; dann schloss er sich Lorenzo an und informierte ihn von dem Treffen. Bei seinen ersten Worten hörte Annunziatas Bruder auf zu singen; eine Wolke überzog seine Stirn, und er bat mit eifriger Stimme um eine Beschreibung des sich seltsam benehmenden Fremden. Esperance gab sie ihm und bemerkte dabei, dass sein Gefährte leicht erbleichte und verängstigt zu sein schien.

"Wer ist dieser Mann?", fragte er, als er geendet hatte. "Kennst du ihn? Er kam mir seltsam vertraut vor."

"Ob ich ihn kenne?", wiederholte Lorenzo mit einem Schaudern. "Ja – das heißt nein!"

Esperance starrte seinen Kameraden überrascht und unruhig an; der junge Bauer hatte offensichtlich mehr Wissen über den sonderbaren Eindringling, als er zuzugeben bereit war. Hier gab es sicherlich ein Geheimnis. Was war es? Bedrohte die Anwesenheit dieses Fremden den Frieden, die Ruhe, die Sicherheit der Familie Solara? War er auf irgendeine dunkle Weise mit den Bewegungen und Handlungen des alten Pasquale verbunden? Esperance versuchte, Lorenzo weiter zu befragen, aber dieser schüttelte nur den Kopf und weigerte sich, irgendwelche Enthüllungen zu machen. Er bestand jedoch darauf, dass seine Schwester nicht über das Vorgefallene informiert werden sollte, und drängte darauf, dass es keine Notwendigkeit gäbe, sie nutzlos zu beunruhigen. Beunruhigen? Was konnte er damit meinen? Esperance wurde immer ratloser, und seine Überzeugung, dass er dem Fremden bereits zuvor begegnet war, wuchs und trug zu seiner Angst und seinem Unbehagen bei.

Einige Stunden lang hatte Giovanni sein Zimmer nicht verlassen und kein Lebenszeichen von sich gegeben. Was plante er? War es möglich, dass er einen listigen Plan ausheckte, um das Eingreifen zu umgehen und ungestört in den Besitz des Mädchens zu gelangen, das seine Leidenschaften so stark beeinflusst hatte? Konnte es sein, dass er auf irgendeine geheimnisvolle Weise mit dem seltsamen Bauern verbunden war, dessen plötzliches Erscheinen von solch üblem Vorzeichen zu sein schien? Esperance dachte an all diese Dinge und wurde von ihnen unendlich gequält, aber eine nach der anderen gelang es ihm, sie aus seinem Sinn zu verdrängen. Giovanni stand sicherlich unter einem mächtigen Bann, der ihn zur Begehung jeder Unbesonnenheit führen könnte, aber er war im Grunde seines Herzens ein Ehrenmann, und es bestand eine Chance, dass seine besseren Gefühle über seine rein körperlichen Neigungen obsiegen könnten. Jedenfalls fühlte Esperance, dass er ihm noch für eine Nacht vertrauen konnte. Vielleicht würde er am Morgen zu einem wahren Verständnis seiner Lage erwachen und seinen Irrtum anerkennen; er könnte sogar seinen Freund um Verzeihung bitten, zugeben, dass er recht hatte, und einwilligen, nach Rom zurückzukehren und die bezaubernde Annunziata in all ihrer Unschuld und Reinheit zurückzulassen. Nach einigem Nachdenken entschied Esperance, dass der Fremde keinesfalls der Verbündete oder Komplize des Vicomte sein konnte, denn Letzterer hatte mit niemandem kommuniziert, hatte während seiner gesamten Genesungszeit nicht einmal ein Dutzend Schritte von der Solara-Hütte entfernt zurückgelegt. Die Vorstellung einer geheimen Absprache war unhaltbar. Esperance beschloss zu wachen und zu warten. Man konnte nie wissen, was ein paar Stunden bringen würden; aber schlimmstenfalls würde er kämpfen; wenn er fiel, würde er es nicht bereuen, und wenn Giovanni durch seine Hand ums Leben käme, wäre sein Tod seinen eigenen überstürzten Impulsen zuzuschreiben, und sein Blut könnte unter den Umständen kein schändlicher, unehrenhafter Fleck sein.

Gegen Einbruch der Dunkelheit begann der alte Pasquale Solara eine ungewohnte Aktivität an den Tag zu legen und zeigte gleichzeitig Anzeichen erheblicher Erregung. Er war nach wie vor verschlossen und mürrisch, sprach nur in seltenen Abständen; oft antwortete er überhaupt nicht auf die Fragen, die man ihm stellte, und wenn er antwortete, dann nur in barschen, schnippischen einsilbigen Worten. Er ging unruhig von Ort zu Ort, verließ häufig die Hütte und starrte spähend und heimlich in den Wald, als ob er jemanden erwartete oder nach einem geheimen Signal suchte, das nur ihm bekannt war. Er blickte Lorenzo und Esperance misstrauisch an, als wollte er ihre innersten Gedanken durchdringen. Wenn er Annunziata begegnete, untersuchte er sie von Kopf bis Fuß mit einer seltsamen Mischung aus Zufriedenheit, Angst und Zittern. Zu solchen Zeiten lag ein gieriger, wolfsartiger Ausdruck in seinen glitzernden Augen, und seine Hände arbeiteten nervös.

Als die Dämmerung der Dunkelheit gewichen war, verließ er plötzlich die Hütte und kehrte nicht zurück. Sein ungewöhnliches Verhalten hatte in der kleinen Hausgemeinschaft für einiges Aufsehen gesorgt, aber nach seinem Verschwinden kehrte Ruhe ein, und sein sonderbares Gebaren wurde von seinen Kindern schnell vergessen. Nicht so bei Esperance. Der junge Mann, aufgewühlt wie er durch den Aufruhr seiner eigenen Gefühle war, konnte den alten Pasquale und sein Verhalten nicht aus dem Kopf bekommen. Es erfüllte ihn mit finsteren Vorahnungen und ließ ihn der Nacht mit einer undefinierbaren Angst entgegenblicken, die nicht frei von absoluter Furcht war. Es schien ihm, als brüte der alte Hirte eine dunkle und verzweifelte Tat aus, die noch vor dem Morgengrauen mit katastrophalen Folgen in die Tat umgesetzt werden würde.

Der Abend jedoch verlief ohne Zwischenfälle, und zu gegebener Zeit legte sich der Schlaf über die Hütte der Solaras und hüllte alle ihre Bewohner in Stille und Ruhe. Alle Bewohner? Alle außer dem Sohn von Monte-Cristo, der sich unruhig auf seinem Lager hin und her wälzte und kein Auge zutun konnte. Schließlich gelang es ihm jedoch, sich einigermaßen zu beruhigen, und er war gerade dabei, in eine Art Halbschlaf zu sinken, als er plötzlich von einem wilden, weit widerhallenden Schrei geweckt wurde, der ihn augenblicklich aus dem Bett springen ließ. Der Schrei war der einer Frau, und er glaubte, die Stimme von Annunziata Solara zu erkennen. Ein Moment des Nachdenkens schien ihn in diesem Punkt zu bestätigen, denn das Blumenmädchen war die einzige weibliche Person in der Umgebung und die Stimme war sicherlich ihre; aber sie ertönte aus der Ferne, außerhalb der Hütte, und diese Tatsache verwirrte ihn. Sofort kam ihm das Verhalten des alten Solara wieder in den Sinn, und instinktiv brachte er den mürrischen Hirten mit dem Schrei und dem, was auch immer gerade geschah, in Verbindung. Der junge Mann hatte seine Kleidung nicht abgelegt; es war daher für ihn nur eine Sache von einem Augenblick, nach seiner Pistole zu greifen, die er geladen unter seinem Kopfkissen aufbewahrte, und aus der Hütte in die Richtung des Schreis zu stürmen, der sich wiederholt hatte, aber immer schwächer wurde.

Als er aus der Hütte trat, hörte er einen Schuss durch den Wald hallen, und fast unmittelbar stürzte ein Mann in seine Arme, der aus einer klaffenden Wunde an der Schläfe stark blutete. Die Nacht war mondlos und dunkel, doch im schwachen und unsicheren Licht erkannte Esperance Lorenzo.

„Meine Schwester – meine Schwester – die arme Annunziata!“, stammelte der junge Bauer schmerzerfüllt. „Dein Freund – entführt – fort! Oh! mein Gott!“, und er sank als bewusstlose Masse zu Boden, zuckend in den letzten Agonien des Dahinscheidens.

Esperance war entsetzt. Annunziata von Giovanni entführt! Er konnte aus den abgehackten Ausrufen des jungen Bauern keinen anderen Schluss ziehen! Lorenzo war ebenfalls erschlagen worden, und zweifellos auch durch die Hand des ungestümen Viscontes! Oh! es war schrecklich! – es war fast unglaublich! Er beugte sich über Lorenzos hingestreckte Gestalt, streckte sie aus und fühlte im Bereich des Herzens; es gab keinen Schlag; es war, wie er geahnt hatte – Annunziatas tapferer und großmütiger Bruder war tot – das Opfer eines feigen, verräterischen Mörders – und dieser Mörder! – oh! er konnte nicht daran denken, ohne seinen Glauben an die Menschen zu verlieren!

Esperance ließ Lorenzos Leiche auf dem Rasen liegen und machte sich, die Pistole in der Hand, auf den Weg, um Annunziata zu Hilfe zu eilen und sie ihrem niederträchtigen Entführer zu entreißen, falls es in seiner Macht stünde. Er erreichte den Wald und tauchte in dessen düstere Tiefen ein. Kaum war er zwanzig Fuß weit gekommen, als ein Mann mit einer brennenden Fackel wild an ihm vorbeirannte, in Hemdsärmeln, ohne Hut, sein kurzes, dickes graues Haar stand fast aufrecht auf seinem Kopf. Im plötzlichen Lichtblitz brannten seine hageren Augen wie die eines Wahnsinnigen. In der linken Hand hielt er ein langes, scharfes Messer. Er blickte weder nach rechts noch nach links, sondern lief geradeaus weiter, als wäre er ein grimmiger Bluthund auf der Jagd nach menschlicher Beute. Esperance blieb abrupt stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die erschreckende Erscheinung. Es war der alte Pasquale Solara! Der Sohn von Monte-Cristo schauderte bei dem Gedanken, dass der Vater, dessen ganze italienische Wildheit aufs Höchste erregt war, den Mann verfolgte, der seine Tochter entführt und seinen Sohn ermordet hatte. In diesem Fall war der Tod des Viscontes sicher, denn er konnte der Rache des verzweifelten und gnadenlosen Hirten nicht entgehen! Sollte er seine Stimme erheben und ihn warnen? Nein, tausendmal nein! Giovanni verdiente den Tod, und würde der wütende alte Mann ihn vollstrecken, so würde er nur die gerechte Bestrafung des beleidigten Gesetzes vorantreiben!

Esperance fasste schnell den Entschluss, den Spuren von Pasquale Solara zu folgen, und stürmte voran, völlig ungeachtet der Büsche und Dornen, die seinen Fortschritt behinderten und große Risse in seine Kleidung rissen. Bald erreichten ihn aufgeregte Stimmen, dann der Lärm eines gewaltsamen Kampfes. Er drängte hastig vorwärts, entschlossen, den Schauplatz des Konflikts zu erreichen, wo er nicht zweifelte, die unglückliche Annunziata zu finden. Bald sah er undeutlich zwei Männer, die in einem Handgemenge verwickelt waren. Einer war offensichtlich Pasquale Solara, denn eine Fackel schwelte auf dem Boden, halb erstickt vom feuchten Moos, und der junge Mann erhaschte gelegentlich das Aufblitzen eines Messers, wie es der Hirte getragen hatte, als er an ihm vorbeilief, aber jenseits dieser Umstände war alles Vermutung, denn die Identität der kämpfenden Männer konnte in der Dunkelheit nicht ausgemacht werden.

Esperance hielt seine Pistole fest umschlossen und wollte gerade seine Anwesenheit verkünden, als die Gestalt eines Mannes mit der plötzlichkeit eines Blitzschlages vor ihm aufsprang, als ob sie direkt aus dem Boden zu seinen Füßen auftauchte. In diesem Augenblick gab die Fackel einen brillanten Schein ab und erlosch, doch in diesem Schein erkannte Esperance den Mann, der seinen Weg versperrte, als den seltsamen Bauern, den er am Vortag am Nachmittag am Bach in der Nähe der Hütte der Solaras beim Lesen von „Caesars Kommentaren“ gesehen hatte. War auch er in die Entführung verwickelt, und wie? Wieder kehrte bei Esperance der Verdacht zurück, dass er der Verbündete, der Komplize des Viscontes Massetti war.

„Bleib, wo du bist!“, befahl der Eindringling streng. „Wenn du noch einen Schritt weitergehst, fallen die Konsequenzen auf dein eigenes Haupt!“

„Geh beiseite und lass mich passieren!“, donnerte der junge Mann und richtete seine Pistole auf den Kopf seines Gegners. Der andere stieß ein leises Lachen aus, machte eine schnelle Bewegung und Esperances Waffe wirbelte schnell durch die Luft. Inzwischen waren die Kampfgeräusche verstummt, und die fast undurchdringliche Dunkelheit des Waldes hinderte den jungen Mann wirksam daran, irgendetwas in einem Meter Entfernung zu unterscheiden. Als ihm die Pistole aus der Hand geschleudert wurde, schloss er die Fäuste fest, presste die Zähne zusammen und stürmte verzweifelt auf den Bauern los. Letzterer sprang mit überraschender Agilität zur Seite und verschwand augenblicklich zwischen den dicht stehenden Bäumen. So plötzlich war sein Sprung, dass Esperance, mitgerissen von dem starken Schwung, den er sich gegeben hatte, wild in ein Gebüsch stürzte und kopfüber auf einen dichten Moosteppich fiel, dessen Weichheit ihn davor bewahrte, auch nur die geringste Prellung davonzutragen. Als er mit dem Moos in Berührung kam, berührte seine Hand etwas Kaltes, das ihm einen eisigen Schauer vom Kopf bis zu den Füßen jagte. Instinktiv erkannte er das Objekt als ein menschliches Gesicht, und als er mit der Hand darüber fuhr, fühlte er den Körper und die Gliedmaßen. Großer Gott! Wer war das? War ein weiterer Mord geschehen? Würde es jemals ein Ende der Schrecken und Geheimnisse dieser schrecklichen Nacht geben? Der Körper war der eines Mannes. Esperance erhob sich auf die Knie und zog eine Streichholzschachtel aus der Tasche, um Licht zu machen. Als die Flamme auf das Gesicht des bewusstlosen Mannes fiel, erschienen die Züge von Giovanni Massetti! Esperance war fassungslos. Wie kam das? Der Visconte dort, unter seiner Hand, kalt und regungslos! Wer konnte dann die Person gewesen sein, mit der der alte Pasquale Solara noch vor einem Moment gerungen hatte? Wahrlich, die Geheimnisse dieser Nacht wurden zu kompliziert für eine Lösung! Und wo war die unglückliche Annunziata? War sie ihrem Entführer oder ihren Entführern entkommen, war sie gerettet worden, war sie wie ihr vom Schicksal verfolgter Bruder umgekommen, oder war die Entführung erfolgreich durchgeführt worden? Keine dieser Fragen konnte Esperance beantworten. Eines jedoch war klar – von ihr gab es jetzt keine Spur; keinen Hinweis, dem er folgen konnte; daher war eine weitere Verfolgung für den Augenblick zwecklos. Traurig beschloss er, auf den Tag zu warten und dann einen Plan zu fassen, um ihn sofort in die Tat umzusetzen und das große Unrecht, das geschehen war, soweit wie möglich wiedergutzumachen.

Aber um Giovanni musste man sich kümmern. Schuldig oder unschuldig, tot oder lebendig, er konnte nicht dort zurückgelassen werden, wo er war. Die Menschlichkeit verlangte, dass eine Anstrengung zu seinen Gunsten unternommen wurde. Vielleicht könnte man, falls er in der Lage wäre zu sprechen, auch einen Schlüssel zu den seltsamen, verwirrenden und schrecklichen Vorgängen der Nacht finden. Esperance hob ihn in seine Arme und trug ihn zum Bach in der Nähe der Hütte der Solaras. Inzwischen war der Mond aufgegangen, und in seinen silbernen Strahlen untersuchte er ihn gründlich. Es gab keine Spur von Blut, keine Wunde; nur eine große Prellung an seiner Stirn, als ob er mit einem schweren Gegenstand getroffen und bewusstlos geschlagen worden wäre. Er lebte, denn sein Herz schlug, und ein- oder zweimal hatte er sich auf dem Rasen bewegt, wo ihn Esperance hingelegt hatte. Der junge Mann formte seine Hände zu einer Schale, schöpfte etwas kühles Wasser aus dem Bach und spritzte es dem Visconte ins Gesicht. Augenblicklich öffnete er die Augen und blickte verwirrt um sich. Er setzte sich auf und starrte Esperance wild an.

„Was ist geschehen? Wie bin ich hierher gekommen?“, fragte er erstaunt. Dann fuhr er sich plötzlich mit der Hand an die Prellung an der Stirn, als ob sie ihn schmerzte, und fuhr fort: „Ah! ja! Ich erinnere mich jetzt an alles! Luigi Vampa hat mich geschlagen!“

„Luigi Vampa hat dich geschlagen?“, rief Esperance, mehr erstaunt als je zuvor.

„Ja, nachdem er mich gezwungen hatte, einen furchtbaren Eid zu leisten, um zu schweigen!“

„Schweigen worüber? Über die Entführung von Annunziata Solara?“

„Still! Still! Erwähne den Namen dieses Mädchens nicht! Vampa oder einige seiner Männer könnten in der Nähe lauern und es hören!“

„Was ist aus ihr geworden? Sag mir wenigstens das! Du weißt es!“

„So wahr Gott mein Richter ist, ich weiß es nicht!“

„Warst du heute Nacht nicht bei ihr? Hast du sie nicht gewaltsam aus der Hütte geholt?“

„Nein! Nein!“

„Wer hat es dann getan?“

„Ach! Mein Eid zwingt mich zum Schweigen in diesem Punkt!“

„Dein Eid! Das ist eine sehr bequeme Ausrede! Giovanni, Luigi Vampa war heute Nacht nicht hier.“

„Er war es. Er lauerte den ganzen Tag um die Hütte herum, damit er, wenn die Dunkelheit hereinbrach, die schwärzeste Tat begehen konnte, die jemals die Geschichte der Menschheit beschmutzt hat!“

Sofort erinnerte sich Esperance an den Bauern, den er an jenem Nachmittag am Bach getroffen hatte, den Mann, der ihm noch vor kurzer Zeit seinen Weg versperrt und ihn im Wald entwaffnet hatte. Seine vage Vertrautheit mit seiner Stimme, seinem Gesicht und seiner Kleidung erklärte sich nun. Der Mann war Luigi Vampa. Daran konnte kein Zweifel bestehen. Aber warum hatte er Annunziata Solara entführt, wie Giovannis Worte anzudeuten schienen? Warum, außer als Verbündeter und Komplize des Viscontes Massetti? Aber wie hatte Giovanni mit ihm kommuniziert, und auf welche Weise hatten sie es geschafft, die Details ihres schändlichen Komplotts zu arrangieren? War es möglich, dass der alte Pasquale das Medium für die Korrespondenz zwischen den beiden Männern gewesen war? War er so niederträchtig gewesen, sein Kind zu verkaufen? Mit wem hatte er in diesem Fall so erbittert und verzweifelt im Wald gekämpft? Warum hatte der Räuberhauptmann Giovanni auch zum Schweigen verpflichtet? Eitle Fragen, die keine befriedigenden Antworten zuließen. Die Geschichte des Viscontes war unglaublich; sie war ohne Zweifel eine bloße Erfindung, die dazu dienen sollte, seine eigene Schuld in dieser Angelegenheit zu vertuschen und zu verbergen. Dennoch konnte Esperance diese Theorie nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, dass er Giovanni bewusstlos im Wald gefunden hatte.

Der junge Italiener hatte sich inzwischen vollständig von den Auswirkungen des Schlages erholt, den er erhalten hatte. Er erhob sich und sagte ernst zu Esperance:

„Mein Freund, lass die Vergangenheit vergessen sein. Ich war im Unrecht und du hattest recht. Ich bitte dich um Verzeihung. Was die Entführung dieses unglücklichen Mädchens betrifft, so versichere ich dir, dass ich völlig unschuldig daran bin!“

„Aber wer hat den Schuss abgefeuert, der Lorenzo tötete?“, fragte Esperance streng.

„Lorenzo getötet!“, rief Giovanni mit unverkennbarem Entsetzen. „Wurde Lorenzo getötet?“

„Er wurde heute Nacht erschossen und ist in meinen Armen gestorben!“

„Oh! Das ist schrecklich!“, rief der Visconte aus, während ihm kalter Schweiß auf der Stirn ausbrach. „Ich versichere dir, Esperance, ich hatte keinen Anteil an diesem abscheulichen Mord – ich wusste nichts davon! Ich habe den Schuss einer Pistole gehört, aber wer die Waffe abgefeuert hat oder auf wen sie gerichtet war, konnte ich nicht sagen. Alles schien wie ein wirrer Traum!“

Da Esperance keine Antwort gab, fuhr der Visconte fort:

„Wieder einmal beteuere ich meine Unschuld an den dunklen Verbrechen, die heute Nacht begangen wurden! Glaubst du meinen Beteuerungen nicht?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll“, antwortete der junge Mann. „Aber ich werde dich nicht für schuldig halten, bis das Gegenteil bewiesen ist.“

„Dann“, rief Giovanni freudig, „habe ich einen Vorschlag für dich. Schwöre, dass du über alles schweigen wirst, was sich ereignet hat, seit wir Annunziata Solara auf der Piazza del Popolo getroffen haben, einschließlich der schrecklichen Ereignisse dieser Nacht, und ich werde sofort mit dir nach Rom aufbrechen!“

„Und du wirst deine Verfolgung des Blumenmädchens aufgeben?“

„Ich werde sie aufgeben!“

„Schwörst du es?“

„Ich schwöre es!“

„Dann leiste ich meinerseits hiermit den Eid des Schweigens, den du verlangst!“

„Verzeihst du mir, dass ich mich mit dir gestritten habe?“

„Ich verzeihe dir!“

„Dann lass uns diesen verfluchten Ort ohne einen weiteren Augenblick Verzögerung verlassen!“

„So sei es!“

Sie verließen hastig das Ufer des kleinen Baches und gingen zur Hütte, um sich auf ihre sofortige Abreise vorzubereiten. Als sie an der Stelle vorbeikamen, an der Lorenzos Leiche gelegen hatte, bemerkte Esperance mit einem Schreck, dass sie nicht mehr dort war. Sie betraten die Hütte. Es war dunkel und verlassen. Esperance zündete eine Kerze an und bemerkte dabei einen Zettel auf dem Boden. Er bückte sich mechanisch und hob ihn auf. Er war zerknittert, als wäre er in der Hand zerdrückt und weggeworfen worden. Der junge Mann glättete ihn. Es war ein kurzer Brief. Er hielt ihn an die Kerze und las mit einem Übelkeit erregenden Gefühl in seinem Herzen Folgendes:

LIEBSTE ANNUNZIATA: Alles ist vorbereitet. Wir werden heute Nacht fliehen. Sei bereit. TONIO.

Die Notiz war in Massettis Handschrift. Esperance reichte sie ihm schweigend. Der Visconte las sie mit Augen, die aus ihren Höhlen traten, seine Finger zitterten so sehr, dass er das Papier kaum halten konnte.

„Der Beweis ist schlüssig!“, sagte Esperance eisig, als Massetti mit dem Lesen fertig war. „Es ist ein Geständnis! Du hast Annunziata Solara entführt!“

„Was kann ich sagen, um mich zu rechtfertigen?“, rief Giovanni bitter. „Oh! dieser verfluchte Eid!“

„Und du hast mich auch zum Schweigen verpflichtet, du elender Mensch!“, sagte Esperance. „Warum war ich so schwach!“

Er sah verächtlich auf den Visconte, der mit gesenktem Kopf dastand. Dann fügte er hinzu:

„Ich verstehe dich jetzt! Du wolltest nicht, dass ich dich verrate, dass ich die Hunde der Gerechtigkeit auf deine Spur hetze, dass du bestraft, gebrandmarkt und entehrt wirst! Du warst gerissen und hast mich getäuscht. Aber mein Eid ist heilig – ich werde ihn halten! Lass uns sofort nach Rom zurückkehren, wie wir es ursprünglich geplant hatten. Dort werde ich dich formell wegen einer angeblichen Beleidigung herausfordern, und wir werden diese Angelegenheit vor der Pistolenmündung klären!“

Wenige Augenblicke später waren sie auf dem Weg in die Ewige Stadt und ließen die Hütte hinter sich, in die sie Ruin und Tod gebracht hatten!

KAPITEL X.

DIE GRÄFIN VON MONTE-CRISTO.

Rom war durch einen vagen Skandal aufgewühlt, so vage in der Tat, dass niemand die genauen Details zu kennen schien. Er war aus einem Zeitungsbericht entstanden, der in der für den römischen Journalismus charakteristischen unbestimmten, unbefriedigenden Weise verfasst war. Eine der Zeitungen der Stadt hatte die Behauptung veröffentlicht, dass ein junges und sehr hübsches Bauernmädchen, das mit seinem Vater auf dem Land jenseits von Trastevere lebte, kürzlich entführt worden sei, wie man sagte, von einem jugendlichen Mitglied der römischen Aristokratie; dass der leichtsinnige Spross des Adels ihr in der Verkleidung eines Bauern den Hof gemacht und sie gewonnen, sie in ein Räuberversteck verschleppt und dort schließlich verlassen habe. Es wurden keine Namen genannt. Nachforschungen im Büro der Zeitung ergaben die Tatsache, dass die Eigentümer zweifellos eine Autorisierung für die Veröffentlichung der Erklärung hatten, aber es konnten keine weiteren Informationen von ihnen gewonnen werden. Ein paar Tage später jedoch gab dieselbe Zeitung weitere Einzelheiten bekannt, dass der Adlige bei der Durchführung der Entführung von einem jungen Ausländer unterstützt worden sei, der in Rom lebte, und dass der Bruder des unglücklichen Mädchens bei dem Versuch, sie zu retten, getötet worden sei. Damit waren alle Informationen vervollständigt, die der Öffentlichkeit jemals in Bezug auf die mysteriöse Affäre gewährt wurden, und danach bewahrte die Zeitung ein ununterbrochenes Schweigen bezüglich der Angelegenheit. Das Gerücht ging um, dass ihre Eigentümer von interessierten Parteien bestochen worden seien, nichts weiter zu sagen, aber dieses Gerücht konnte nicht auf eine zuverlässige Quelle zurückgeführt werden und wurde daher von vielen als Erfindung betrachtet. Von den Behörden wurden in dieser Sache keine Schritte unternommen, und es war offensichtlich, dass die Angelegenheit im Sande verlaufen sollte. Dennoch war die römische Gesellschaft beträchtlich aufgeregt, und Vermutungen über die Identität des Schuldigen und seines Komplizen waren in allen modischen und aristokratischen Vierteln der Stadt weit verbreitet. Diese Vermutungen wuchsen jedoch nicht zu positiven Aussagen heran, obwohl hinterlistige Andeutungen gemacht wurden, dass diejenigen, die den Visconte Giovanni Massetti als den Täter vermuteten, nicht weit daneben lagen. Es war bekannt, dass Massetti für einige Tage um die Zeit abwesend aus Rom gewesen war, als die Entführung stattgefunden haben sollte, aber er würdigte die im Umlauf befindlichen Andeutungen bezüglich seiner Person keiner Beachtung, und niemand war hartnäckig genug, ihn zu befragen. Dennoch erhielten die Gerüchte um ihn durch die Tatsache eine gewisse Farbe, dass er unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Stadt nach der oben erwähnten Abwesenheit in einen heftigen Streit mit einem jungen Franzosen verwickelt wurde, von dem allgemein angenommen wurde, dass es Esperance, der Sohn von Monte-Cristo, war, der ihn sofort zu einem Duell herausforderte, das jedoch aus irgendeinem nicht öffentlich gemachten Grund nicht ausgetragen wurde, nachdem die Differenzen zwischen den beiden feurigen Jünglingen durch die Vermittlung gemeinsamer Freunde beigelegt worden waren. Es wurde jedoch beobachtet und viel kommentiert, dass Esperance nach diesem Streit den Visconte Massetti bewusst mied, obwohl die beiden zuvor fast unzertrennliche Begleiter gewesen waren, und es unterließ, auch nur seinen Namen zu erwähnen.

Währenddessen war in Civita Vecchia ein weiterer Akt im Drama von Annunziata Solaras getrübtem Leben gespielt worden. In dieser Stadt befand sich ein berühmtes Asyl für unglückliche Frauen, das von einer französischen Dame von enormem Reichtum und entsprechender Wohltätigkeit gegründet und geleitet wurde, Madame Helena de Rancogne, die Gräfin von Monte-Cristo.[6] Diese Dame war unermüdlich in ihren Bemühungen, die Gefallenen ihres Geschlechts zu bekehren und zu rehabilitieren. Sie war die Oberin des Ordens der Schwestern der Zuflucht, deren Mitglieder über ganz Europa verstreut waren, aber ihren Hauptsitz in dem Asyl in Civita Vecchia hatten, wo eine ausreichende Anzahl von ihnen Madame de Rancogne ständig bei der Durchführung ihrer guten und philanthropischen Arbeit unterstützte.

Das Refugium, wie das Asyl genannt wurde, war ein gewaltiges Gebäude aus grauem Stein mit einem düsteren, klosterartigen Aussehen. Über dem riesigen Eingangsportal war auf einer Platte aus poliertem Metall folgender Satz in auffälligen schwarzen Buchstaben eingraviert: „Lasse dich nicht dazu verleiten, jemanden als unwürdig zu erachten!“ Es war ein Ausspruch der Gräfin von Monte-Cristo aus der Vergangenheit und war als Leitregel und Maxime des Ordens der Schwestern der Zuflucht übernommen worden. Das Innere des Gebäudes entsprach in keiner Weise seinem düsteren, abweisenden Äußeren. Hohe, breite Fenster ließen die glühenden Strahlen der leuchtenden italienischen Sonne ungehindert ein und fluteten die Korridore und Gemächer mit fröhlichem Licht und Wärme. Purpurne Behänge und prächtig gewirkte Wandteppiche von fabelhaftem Wert schmückten die Wände, während kostbare und schöne Statuen und Gemälde, Werke alter Meister und zeitgenössischer Künstler, die Attraktivität der zahlreichen Salons und Empfangszimmer noch steigerten. Das große Refektorium und die Schlafsäle besaßen ihren eigenen Reiz, wobei helle Farben überall das Auge erfreuten und nichts geduldet wurde, was melancholische Stimmungen oder schmerzhafte Gedanken hervorrufen oder fördern konnte. Es gab eine riesige Bibliothek, zu der alle Bewohnerinnen des Refugiums freien Zugang hatten. Sie war prunkvoll eingerichtet, und der Boden war mit einem prächtigen türkischen Teppich bedeckt, der so dick und weich war, dass Schritte darauf kein Geräusch verursachten, während die brillanten Figuren tropischer Blumen, die ihn in Fülle übersäten, den Eindruck ewigen Sommers erweckten. Schreibtische mit reichlich Schreibmaterial, Tische voller neuester Zeitungen und Zeitschriften in allen Sprachen Europas, luxuriöse Sofas und einladende Fauteuils lockten diejenigen, die von der Gräfin von Monte-Cristo und ihren wachsamen Helferinnen unterstützt wurden. Von allen Seiten war die Bibliothek von Bücherregalen umgeben, die fesselnde Romane, Reisebeschreibungen, Werke berühmter Dichter, Geschichtsbücher und Essays enthielten, ergänzt durch eine großzügige Auswahl religiöser Schriften, die meist überkonfessionell und ausnahmslos tröstlicher Natur waren. Zudem standen elegant und umfassend ausgestattete Arbeitsräume zur Verfügung, in denen diejenigen, die dazu neigten, sticken, nähen oder die tausendundein kleinen kunstvollen Nippsachen anfertigen konnten, für die Frauenfinger so geschickt sind. Nichts davon war jedoch verpflichtend; das Hauptziel war es, den Bewohnerinnen des Refugiums eine angenehme Beschäftigung zu bieten, sie zu erheben und sie davon abzuhalten, mit Bedauern auf das bewegte Leben zurückzublicken, das sie geführt hatten, und auf die Laster, die in der Vergangenheit die Herrschaft über sie ausgeübt hatten. Wahrlich, eine großherzigere, selbstlosere Liebhaberin ihres Geschlechts als die edle Gräfin von Monte-Cristo existierte nicht.

Die Schützlinge der Schwestern des Ordens der Zuflucht umfassten Frauen aller Altersgruppen, aller Nationalitäten und aller Lebensumstände. Dazu gehörten Pariser Grisetten und Loretten, die von Nini Moustache in ihrem koketten Apartment in der Chaussée d'Antin angeworben wurden, denn Nini hatte sich als äußerst effektive Missionarin erwiesen; junge Mädchen, die skrupellosen Roués zum Opfer gefallen und dem Strudel jenes Abgrunds der Zerstörung, den Straßen von Paris, überlassen worden waren; spanische Señoritas, die den falschen Schwüren treuloser Liebhaber allzu leichtgläubig Gehör geschenkt hatten; italienische Bauernmädchen, deren hübsche Gesichter und körperliche Reize ihr Verderben gewesen waren; unglückliche deutsche, englische, holländische und skandinavische Jungfrauen; und sogar Marken, die in Russland, der Türkei und Griechenland aus dem Feuer gerettet worden waren. Diese etwas vielfältige Gemeinschaft lebte in vollkommener schwesterlicher Eintracht zusammen, geläutert durch ihr individuelles Unglück, ermutigt und gestärkt auf dem Weg der Besserung durch die Gräfin von Monte-Cristo, die für alle Unglücklichen wie eine zärtliche, aufmerksame und verständnisvolle Mutter war.

Eines ruhigen Abends, gerade als sich die Dunkelheit über die Straßen von Civita Vecchia gesenkt hatte, weckte ein schüchternes Klopfen an der Eingangstür des Refugiums die diensthabende Pfortenfrau. Solche Klopfzeichen waren oft zu hören und wurden gut verstanden. Die Pfortenfrau erhob sich von ihrer Bank, öffnete die Tür einen Spalt weit und ließ ein zitterndes junges Mädchen ein, dessen kauernde und zusammengesunkene Gestalt in eine Masse zerlumpter Fetzen gehüllt war. Ein dünner roter Umhang war ihr über die Schultern geworfen, und ihr blasses, abgemagertes Gesicht sprach deutlich von Armut, Not und Leiden. Selbst Giovanni Massetti hätte in dieser elenden Ausgestoßenen nur schwer das einst wohlgeformte und schöne Blumenmädchen von der Piazza del Popolo erkannt, denn die Bittstellerin an der Tür des Refugiums war keine andere als die vom Schicksal schwer geprüfte Annunziata Solara. Ihre Schönheit war verblasst wie ein Sommertraum, verschwunden wie der Duft einer verwelkten Hyazinthe. Sie stand schweigend vor der Pfortenfrau, mit gefalteten Händen, die Verkörperung von Elend, Not und Verlassenheit.

„Was begehrst du, mein armes Kind?“, fragte die Pfortenfrau zärtlich und teilnehmend.

„Zuflucht, nur Zuflucht!“, antwortete das Mädchen flehend mit hohler, gebrochener Stimme, dem Geist ihrer einst vollen und freudigen Töne.

„Die Oberin muss über deinen Fall entscheiden“, sagte die Pfortenfrau. „Du sollst sofort zu ihr gehen.“

Die Frau berührte eine Glocke und wies die Schwester des Ordens der Zuflucht, die darauf antwortete, an, die Bittstellerin in das Gemach von Madame de Rancogne zu führen. Die zitternde Annunziata wurde durch einen langen Korridor geleitet und in ein kleines, aber gemütliches Büro geführt, in dem eine ältere Dame von gebieterischer und aristokratischer Erscheinung saß, deren Kopf mit silbernen Locken bedeckt war und deren noch immer schönes Gesicht einen ausdrucksstarken Blick trug, in dem Mitleid und Güte vorherrschten. Diese Dame war die berühmte Madame Helena de Rancogne, deren Abenteuer und Heldentaten als Gräfin von Monte-Cristo in der Vergangenheit jede europäische Nation elektrisiert hatten. Sie erhob sich, als Annunziata eintrat, und begrüßte sie mit einem herzlichen, tröstenden Lächeln.

„Setz dich, mein Kind“, sagte sie mit einer vollen, melodischen Stimme. „Du bist ermattet. Hast du auch Hunger?“

Annunziata sank in den ihr angebotenen Stuhl und bedeckte ihr Gesicht mit ihren dünnen Händen.

„Ach! Signora“, antwortete sie schwach, „ich bin viele müde Meilen gegangen und habe seit dem Morgengrauen keinen Bissen Nahrung zu mir genommen!“

„Bring das arme Kind in das Refektorium“, sagte die Gräfin zu der Schwester, die in der Nähe der Tür stehen geblieben war. „Nachdem ihr Hunger gestillt ist, werde ich sie wiedersehen und befragen.“

Eine halbe Stunde später saß Annunziata, erfrischt und gestärkt durch ihre Mahlzeit, wieder im Büro bei der Gräfin von Monte-Cristo.

„Mein Kind“, sagte diese, „wie ist dein Name?“

„Annunziata Solara.“

„Du hast hier um Zuflucht gebeten, wie mir die Pfortenfrau mitteilt. Weißt du, dass dies ein Asyl für die Gefallenen deines Geschlechts ist?“

„Ich weiß es, Signora; das ist der Grund, warum ich gekommen bin.“

„Hast du deine Sünde bereut und wünschst du, ein besseres Leben zu führen?“

„Ich habe bitter bereut“, antwortete das Mädchen und brach in einen Strom von Tränen aus, „oh! wie bitter, das weiß Gott allein! Ich möchte mich vor der Welt verbergen; ich möchte für meine Schande durch jede gute Tat büßen, die meine Hände vollbringen können.“

„Es ist gut“, sagte die Gräfin, deren Augen vor Begeisterung aufleuchteten. „Das Feld ist weit, und der Orden der Schwestern der Zuflucht ist, obwohl groß, immer offen für neue Mitglieder. Viel Gutes ist bereits getan worden, aber es bleibt noch mehr zu erreichen, unendlich viel mehr. Du sollst aufgenommen werden und die Gelegenheit erhalten, an dem großen Werk teilzuhaben.“

„Aus der Tiefe meiner Seele danke ich Ihnen!“, schluchzte das Mädchen. „Ich werde ernsthaft versuchen, Ihrer Güte würdig zu sein!“

„Erzähl mir jetzt deine Geschichte“, sagte die Oberin. „Ich kann nicht glauben, dass die Schuld ganz allein bei dir lag.“

„Ich bin Ihnen dankbar, Signora, für diese Worte. Ich war gedankenlos und unbesonnen, aber nicht verbrecherisch. Glücklich und zufrieden in meinem bescheidenen Bauernhaus war ich rein und unschuldig. Ich wusste nichts von der Bosheit der Männer, von den Schlingen, die gelegt werden, um arglose junge Mädchen zu fangen. Ich lebte mit meinem Vater und meinem Bruder in der Nähe von Rom und verkaufte von Zeit zu Zeit Blumen in dieser Stadt. Ich hatte nie einen Freier gehabt, nie einen Liebhaber. Mein Herz war frei, erfüllt von der Freude der Jugend. Man hatte mir gesagt, dass ich einen fairen Anteil an Schönheit besäße, aber das machte mich weder eitel noch neigte ich zur Koketterie. Oh! Signora, ich werde nie wieder so glücklich sein!“

Die Gefühle überwältigten sie und ihre Tränen flossen erneut. Die Gräfin beruhigte sie, und sie fuhr fort:

„Eines verhängnisvollen Abends brachte mein Bruder zwei fremde junge Männer in unsere Hütte. Sie schienen Bauern wie wir zu sein, und einer von ihnen war bei einem Kampf mit einem Briganten verwundet worden. Sie blieben einige Tage bei uns. Ich pflegte den Verwundeten, der mir, als er sich erholte, den Hof machte. Ich hörte seinen feurigen Erklärungen zu, ergab mich seinen Zärtlichkeiten. Ich begann ihn meinerseits zu lieben, und, oh! Signora, ich glaubte an ihn, vertraute ihm. In jener Zeit hatte ich mir nichts vorzuwerfen, und Tonio, so hieß mein Verehrer, schien die Aufrichtigkeit selbst zu sein. Eines Tages bat er mich, mit ihm zu fliehen, aber unser Gespräch wurde unterbrochen und ich gab ihm keine Antwort. Ich war verwirrt, ich wusste nicht, was ich tun sollte. An jenem Abend erhielt ich einen Brief von ihm – ich fand ihn auf dem Tisch in dem Zimmer, das ich bewohnte, unter meinem Nähkästchen verborgen –, in dem er mir mitteilte, dass für unsere Flucht in dieser Nacht alles vorbereitet sei, und mich bat, bereit zu sein. Ich war entsetzt. Ich konnte nicht verstehen, warum er wollte, dass ich mit ihm fliehe, wenn alles seine Richtigkeit hatte, da mein Vater und mein Bruder gegen keinen ordentlichen Freier für meine Hand, dem ich mein Herz geschenkt hatte, etwas einzuwenden gehabt hätten. Zum ersten Mal misstraute ich Tonio und beschloss, seinen Brief nicht zu beachten. Am nächsten Tag wollte ich ihn sehen und ihm sagen, er solle mit meinem Vater und meinem Bruder sprechen. Ach! diese Gelegenheit wurde mir nicht gegeben. Oh! diese schreckliche, schreckliche Nacht!“

Sie bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen und schauderte. Als sie aufblickte, war sie totenblass und ihre Stimme bebte, als sie fortfuhr:

„In jener schrecklichen Nacht, als ich auf meinem Bett lag, in Schlummer gehüllt, wurde ich plötzlich durch Geräusche in meiner Kammer geweckt. Es war sehr dunkel und ich konnte den Eindringling nicht sehen. Ich schreckte vor Entsetzen auf, aber eine Hand wurde fest auf meinen Mund gepresst. Ich wurde aus meinem Bett gerissen und in den Armen eines Mannes aus der Hütte getragen. Ich kämpfte, um mich zu befreien, aber vergeblich. Mein Entführer schien die Kraft eines Riesen zu besitzen. Es gab keinen Mond, aber im schwachen Sternenlicht konnte ich sehen, dass der Mann maskiert war. Er eilte mit mir in den nahegelegenen Wald. Dort stieß er versehentlich mit seinem rechten Arm gegen einen Baumstamm und seine Hand fiel von meinem Mund. Sofort stieß ich einen lauten, durchdringenden Schrei aus, aber die Hand kehrte fast unmittelbar an ihren Platz zurück, und ich war außerstande, einen weiteren Ton von mir zu geben. Mein Schrei war jedoch von meinem Bruder gehört worden, der mir zu Hilfe eilte. Er holte meinen Entführer im Wald ein und griff ihn, obwohl unbewaffnet, sofort an. Der Mann ließ mich fallen und wandte sich gegen meinen Bruder. Ein erbitterter Kampf entbrannte, währenddessen die Maske vom Gesicht meines Entführers gerissen wurde und ich zu meinem Entsetzen Tonio zu erkennen glaubte. Plötzlich ertönte ein Pistolenschuss. Ich hatte den Kampf verfolgt, unfähig mich zu bewegen. Ich sah, wie mein Bruder schwankte; Blut strömte aus ihm hervor. Ich konnte nicht mehr ertragen; ich fiel in Ohnmacht zu Boden.

Als ich meine Sinne wiedererlangte, war ich in einer fremden Hütte. Wild aussehende Männer, die ich für Banditen hielt, bewachten mich. Wie lange ich in der Hütte blieb, weiß ich nicht, aber es müssen mehrere Tage gewesen sein. Zeitweise kam ein maskierter Mann zu mir, der mir sagte, er sei Tonio, und mir den Hof machte. Ich weigerte mich, ihm zuzuhören, und warf ihm vor, mich aus meinem Zuhause gerissen und meinen Bruder verwundet zu haben. Ich sagte ihm, sein Verhalten sei nicht das eines Liebhabers, sondern eines Schurken. Ich flehte ihn an, wenn er einen Funken Menschlichkeit besäße, mich freizulassen und zu meinem Vater zu schicken. Er informierte mich, dass ich seine Gefangene sei und bleiben würde, bis ich seinen Wünschen nachgäbe. Ich wies ihn mit Hohn, mit der Energie der Verzweiflung zurück. Letztendlich überwältigte er mich mit reiner Gewalt und zwang mich nachzugeben. Dann sah ich ihn nicht mehr. Ich wanderte wie eine Wahnsinnige in der Hütte umher. Mein Becher des Kummers war bis zum Überlaufen voll. Ich war verzweifelt. Schande und Erniedrigung waren von nun an mein Los.

Nach der Abreise meines Entführers erschien ein Neuankömmling unter den Briganten. Er schien ihr Anführer zu sein. Er drückte Mitleid für mich aus und erzählte mir, dass mein Entführer kein Bauer, sondern ein junger römischer Adliger, der Viscount Giovanni Massetti, sei. Diese Enthüllung bedeutete mir nichts. Ich dachte nicht an Rache; mein einziger Wunsch war es, mich vor den Blicken der Welt zu verbergen, dem mitleidlosen Finger des Hohns zu entgehen. Schließlich brachte mich der Banditenanführer zurück zu meinem Zuhause. Dort fand ich meinen Vater und erfuhr von seinen Lippen, dass mein Bruder tot war. Diese Nachricht machte meinen Kummer vollkommen unerträglich. Mein Vater war missmutig und mürrisch. Tagelang sprach er nicht mit mir. Er schien alle väterliche Zuneigung verloren zu haben. Schließlich verließ ich die Hütte. Ich hatte von dem Refugium gehört und war entschlossen, dessen Schutz zu suchen. Ich ging zu Fuß nach Civita Vecchia und fand mich heute Nacht vor Ihrer Tür wieder. Das, Signora, ist meine traurige Geschichte. Ich habe Ihnen die ganze Wahrheit gesagt. Sie sehen, ich bin nicht allein schuld.“

Als Annunziata geendet hatte, zog die Gräfin von Monte-Cristo sie an ihre Brust.

„Mein armes Mädchen“, sagte sie mit zärtlichen, mitleidigen Tönen, „du hast wahrlich die Bitterkeit des Lebens gekostet und bist mehr gegen dich sündigend als du selbst sündigst. Aber du bist jetzt meine Tochter. Die Schwesternschaft des Ordens der Zuflucht hat dich mit ihrem schützenden Schild bedeckt.“

FUSSNOTE:

[6] Für einen vollständigen Bericht über das Leben und den Werdegang der „Gräfin von Monte-Cristo“ siehe den kraftvollen, romantischen und fesselnden Roman „Die Gräfin von Monte-Cristo“, veröffentlicht von T. B. Peterson & Brothers, Philadelphia.

KAPITEL XI.

DER BETTLER UND SEINE GEFÄHRTEN.

Ein Jahr war seit den bereits aufgezeichneten Ereignissen vergangen. Nachdem Zuleika ihre Studien an der Klosterschule der Schwesternschaft des Heiligen Herzens beendet hatte, hatte der Graf von Monte-Cristo Rom verlassen und sich mit seiner Familie in Paris in dem palastartigen Anwesen in der Rue du Helder Nr. 27 niedergelassen, das früher vom Grafen de Morcerf bewohnt worden war. Er war Mitglied der Abgeordnetenkammer, vertrat Marseille und war mit seiner ersten Liebe, Mercedes, vermählt, die auf geheimnisvolle Weise wieder aufgetaucht war und ihn während einer schweren Krankheit gepflegt hatte, auf die unmittelbar ihre Hochzeit folgte. Die Revolution von 1848, die M. Lamartine an die Spitze der Provisorischen Regierung gebracht hatte, hätte ihm Macht und Amt in die Hände gespielt, doch er hatte beides abgelehnt, da er es vorzog, auf dem weiteren Feld universeller menschlicher Freiheit zu arbeiten. Seine herausragenden Dienste während der Revolution hatten ihn bei den Massen überaus beliebt gemacht, und der Ruhm seiner unvergleichlichen Beredsamkeit trug zu dem immensen Einfluss bei, den er so bescheiden ausübte. Sein kolossaler Reichtum, den er verschwenderisch einsetzte, um die große Sache, für die er eintrat, zu fördern, trug ebenfalls dazu bei, ihn zu einer bemerkenswerten Figur in den politischen und hochsozialen Kreisen der Hauptstadt zu machen, obwohl er bestrebt war, die Zurückgezogenheit zu pflegen.

Zuleika und Esperance verehrten ihre milde, freundliche Stiefmutter, die ihrerseits so hingebungsvoll an ihnen hing, als wären sie ihre eigenen Kinder. Der Graf bemerkte diese gegenseitige Zuneigung, die die Zeit nur noch stärkte, und sie erfüllte sein Herz mit Freude und Genugtuung. Die Familie war in der Tat eine glückliche, und selbst die Bediensteten teilten die allgemeine Glückseligkeit.

Der Einfluss von Mlle. d'Armilly auf Hauptmann Joliette, so groß er zweifellos war, hatte nicht ausgereicht, diesen tapferen und ehrenhaften jungen Soldaten dazu zu bewegen, den Bruch mit dem wundervollen Mann zu suchen, dem er so unendlich viel verdankte und den er so hoch verehrte. Dies hatte anfangs zu einer Kühle zwischen der rachsüchtigen Primadonna und ihrem Verehrer geführt, doch eine Versöhnung hatte letztlich zwischen ihnen stattgefunden, und sie waren nun Mann und Frau. Vor ihrer Hochzeit hatte Mlle. d'Armilly eingestanden, Eugenie Danglars zu sein, und so wurde das Motiv ihrer bitteren Feindseligkeit gegen den Grafen von Monte-Cristo enthüllt. Sie hatte sich von der Opernbühne zurückgezogen und eine große Geldsumme erhalten, die als Vermächtnis ihres Vaters deklariert wurde, von der man jedoch allgemein annahm, es sei ein Geschenk des Grafen, das er ihr zugedacht hatte, um die Leiden, die sie aufgrund seiner Rache an dem Bankier Danglars ertragen hatte, in gewissem Maße wiedergutzumachen. Der Bruder der Primadonna, Leon, hatte sich als eine Frau in männlicher Kleidung herausgestellt, keine andere als Mlle. d'Armilly selbst, Eugenies ehemalige Musiklehrerin, die ihrer Freundin ihren Namen geliehen hatte, als diese ihre Opernlaufbahn begann. Auf diese Verwandlungen war unmittelbar eine weitere gefolgt: Hauptmann Joliette legte sein Pseudonym ab und trat als Albert de Morcerf auf. Paris hatte eine Woche lang darüber gesprochen und gestaunt, es dann aber völlig vergessen und seine sprunghafte Aufmerksamkeit neueren und fesselnderen Sensationen zugewandt. Alberts Hochzeit und das Vermächtnis heilten den Bruch zwischen Eugenie und dem Grafen von Monte-Cristo, und das junge Paar war, zusammen mit der eigentlichen Mlle. d'Armilly, der glücklichen Familie im Herrenhaus in der Rue du Helder hinzugefügt worden.

Der Viscount Giovanni Massetti war in Paris erschienen. Unmittelbar nach seinem leichtsinnigen Besuch bei Zuleika im Klostergarten und seinem wilden Gespräch mit ihr dort war er zum Grafen von Monte-Cristo gegangen, hatte seine Liebe zu Haydées Kind bekannt und um ihre Hand angehalten. Man hatte ihm gesagt, er solle ein Jahr warten, eine Zeit, die er verbrachte, ohne genau zu wissen wie, doch für ihn war es eine Ewigkeit gewesen, eine Ewigkeit voller ruheloser Angst, mit Wechseln zwischen glühender Hoffnung und den Tiefen der Verzweiflung. Der Ablauf seiner Bewährungszeit fand ihn im Herrenhaus in der Rue du Helder, wo er seine ernsthafte Werbung beim Grafen erneuerte, der ihm die Erlaubnis erteilt hatte, seine Tochter zu gewinnen, wenn er es vermöge. Der junge Italiener hatte sofort Zuleika aufgesucht, die ihn als ihren Liebhaber und Verlobten willkommen geheißen hatte. Dann war plötzlich ein Konflikt ausgebrochen; Esperance hatte sein Entsetzen über den Verehrer seiner Schwester zum Ausdruck gebracht, mysteriöse Andeutungen gemacht, die an den halb vergessenen römischen Skandal erinnert hatten, und eine Trennung zwischen Giovanni und Zuleika war die Folge gewesen, wobei ersterer sich weigerte zu sprechen und sich zu entlasten, unter Berufung auf seinen schrecklichen Eid des Schweigens. Im Laufe seiner vagen, unbefriedigenden Enthüllungen hatte Esperance unbedacht den Namen Luigi Vampa erwähnt, und der Graf von Monte-Cristo hatte an den Brigantenanführer geschrieben und ihn um Informationen gebeten, die er in Bezug auf das undurchdringliche Geheimnis besaß. Vampas Antwort war eine furchtbare Anklage gegen den jugendlichen Viscount gewesen, doch Zuleika konnte nicht glauben, dass ihr Liebhaber der verdorbene und schuldige Elende war, als der ihn der Brigantenanführer darstellte, und sie behauptete, es gäbe etwas noch Unerklärtes, etwas, das ihn wirksam entlasten würde, wenn man es nur erreichen könnte. Der Graf von Monte-Cristo hatte anfangs dazu geneigt zu glauben, dass Massetti lediglich ein Opfer der Umstände, irgendeines bemerkenswerten Zufalls sei, doch Vampas Brief zerstreute diese Ansicht in alle Winde und er forderte, dass der Viscount seine Unschuld schlüssig beweise. Zuleika hatte unterdessen ihren Liebhaber aus ihrer Gegenwart verbannt, doch ihr Herz sehnte sich nach ihm und verteidigte ihn trotz allem. Sie sandte ihm daher Vampas Brief, versicherte ihm ihren Glauben an seine Unschuld und befahl ihm, sie ihm und der Welt zu beweisen. Daraufhin hatte Giovanni Paris augenblicklich verlassen. Sein plötzliches Verschwinden wirkte wie eine Flucht; es ließ die tausend Zungen des Skandals rücksichtslos klappern; doch obwohl er kein Wort für sie hinterließ, wusste Zuleika, dass ihr Befehl ihn nach Italien gesandt hatte, um seinen Namen und seinen Ruf in ihren Augen reinzuwaschen; sie war fest davon überzeugt, dass sie ihn wiedersehen würde, dass er rehabilitiert nach Paris zurückkehren würde.

Dies war der allgemeine Zustand der Angelegenheiten, wie sie die Familie Monte-Cristo betrafen, zu der Zeit, als der Faden dieser Erzählung wieder aufgenommen wird.

Es war der Monat Juli. Die Hitze in Paris war intensiv, absolut erstickend; ein weißer Glanz schien von der windstillen, gelben Atmosphäre herabzufallen und das Pflaster förmlich zu versengen; seit Wochen hatte es nicht geregnet, nicht das geringste Anzeichen einer Wolke zeigte sich am erbarmungslosen Himmel. Die Straßen waren beinahe menschenleer; selbst jene bevorzugte Verkehrsader der Mode, die Rue de la Paix, konnte sich nur weniger Spaziergänger rühmen; der einzige Ort, der gefragt war, war der Bois de Boulogne mit seinen prächtigen Bäumen und herrlich beschatteten Alleen; die Champs-Élysées waren in ihrer gesamten Ausdehnung, von der Place de la Concorde bis zum Arc de l’Étoile, wie eine sonnendurchflutete Wüste, und ihre malerischen Marchands de coco mit ihren glänzenden Bechern, schneeweißen Schürzen und klingenden Glöckchen fanden nur eine begrenzte Nachfrage nach ihrem Lakritzwasser und Zitronensaft, während selbst die Théâtres de Guignol die wenigen Passanten nicht anzuhalten vermochten.

Im weitläufigen Garten des Anwesens Monte-Cristo schien die Sonne trotz ihrer Macht andernorts erfolgreich in die Schranken gewiesen worden zu sein; dort waren die Bäume, Sträucher und Pflanzen nicht ausgedörrt, sondern bewahrten all ihre Frische und Schönheit, was eher an die Kühle des frühen Frühlings als an die schwüle Hitze des Hochsommers erinnerte, während die Blumenbeete in prachtvoller Blüte leuchteten und durchdringende Düfte die Luft erfüllten. Nahe einem kleinen Tor, das sich zur Rue du Helder öffnete, saßen Zuleika und Mlle. d’Armilly eines frühen Morgens auf einer rustikalen Bank unter einer weitläufigen, von Geißblatt bedeckten Laube. Sie waren aus dem Frühstückszimmer in den Garten gekommen, um sich nach ihrer Mahlzeit auszuruhen und zu plaudern. Die ehemalige Musiklehrerin erzählte ihrer Begleiterin von ihren Bühnenerfahrungen und von den vielen Abenteuern, die sie während ihrer Opernkarriere erlebt hatte. Mitten in einer höchst interessanten Erzählung hielt sie plötzlich inne und starrte mit einem Schrei der Überraschung und des Entsetzens auf das kleine Tor. Zuleika folgte der Richtung ihres Blickes und fuhr zusammen, als sie einen finster aussehenden Mann sah, der gegen die Gitterstäbe des Tores gelehnt stand, bekleidet mit staubigen, zerlumpten Kleidern, und der sie und ihre Begleiterin mit Augen musterte, die wie die einer giftigen Schlange funkelten. Als er bemerkte, dass er beobachtet wurde, nahm der Mann eine fettige, vom Wetter gezeichnete Mütze vom Kopf, die eine Fülle von verfilztem, weißlichem Haar entblößte, und streckte eine schmutzige Hand mit gekrümmten Fingern, die den Krallen eines riesigen Vogels glichen, durch die Stäbe und sagte mit den heiseren Tönen, die den Ausgestoßenen der Straße eigen sind:

„Ein Almosen, um Gottes willen!“

Der Mann wirkte eher wie ein Dieb als wie ein Bettler. Dennoch zog Mlle. d’Armilly, die als Erste ihre Fassung wiedererlangte, ein paar Sous aus ihrer Tasche und trat vor, um sie in seine Handfläche zu legen. Als sie näher an ihn herantrat, verhielt sich der Bettler sehr seltsam. Anstatt das Geld zu nehmen, zog er plötzlich die Hand zurück und starrte Mlle. d’Armilly mit einem Ausdruck von gemischtem Entsetzen und Erstaunen auf seinem üblen Antlitz an. Dann wandte er sich schnell vom Tor ab, drückte sich die Mütze auf den Kopf und schritt eiligen Schrittes davon. Auch Mlle. d’Armilly war sonderbar betroffen; sie ließ die Sous fallen, wurde aschfahl und wäre zu Boden gesunken, hätte Zuleika ihr nicht zur Seite gesprungen und sie in ihre Arme gefasst.

„Was ist los, Louise?“, rief das Mädchen, erstaunt über das Verhalten des Bettlers und noch mehr über die Wirkung, die er auf ihre Begleiterin ausgeübt hatte.

„Ich habe einen Geist gesehen!“, antwortete Mlle. d’Armilly in einem erschreckenden Flüsterton.

„Einen Geist?“

„Ja! Oh! Lass uns den Garten sofort verlassen!“

„Den Geist von wem?“

„Ich wage es nicht zu sagen! Komm, komm, ich kann keine Sekunde länger hier bleiben! Wie gut, dass die junge Madame de Morcerf nicht bei uns war! Sie wäre wahnsinnig geworden!“

„Alberts Frau? Du redest wirr, Louise. Welches Interesse könnte sie an diesem elenden Ausgestoßenen haben?“

„Welches Interesse? Frage mich nicht. Ich kann nicht, ich darf es dir nicht sagen! Oh! Es ist schrecklich!“

„Wirst du Alberts Frau erzählen, was du gesehen hast?“

„Nein! Tausendmal nein! Sie darf nicht einmal ahnen, dass dieser Mann aus dem Grab zurückgekehrt ist! Ich beschwöre dich, ihr oder irgendjemand anderem nichts davon zu sagen!“

„Ich werde über dieses Thema schweigen; aber dieser Bettler war kein Geist; er war eine überaus handfeste Realität. Etwas hat ihn verscheucht, etwas, das er zweifellos auf der Straße gesehen hat, vielleicht einen Sergent de ville. Deine Wiedererkennung war Einbildung.“

„Es war keine Einbildung. Aber wir dürfen hier nicht bleiben; ich möchte dieses Gesicht, diese Augen um nichts in der Welt wiedersehen!“

Zuleika nahm den Arm ihrer Freundin und ging mit ihr in Richtung des Anwesens, wobei sie während des Gehens versuchte, sie zu beruhigen und ihr die Angst auszureden. Ihre Bemühungen erwiesen sich jedoch als völlig zwecklos. Mlle. d’Armilly war völlig aufgelöst und zog sich sofort auf ihr Zimmer zurück.

Obwohl sie bereit war zu glauben, dass Mlle. d’Armilly sich in Bezug auf die Identität des Bettlers getäuscht hatte und ihn in ihrer Verwirrung mit jemand anderem verwechselt hatte, konnte Zuleika das Gefühl einer vagen Befürchtung, eines unbestimmten Entsetzens nicht ganz abschütteln, als sie in der Stille und Einsamkeit ihres eigenen Zimmers über das sonderbare Gebaren und die wilde Erregung der ehemaligen Musiklehrerin nachdachte. Warum war Mlle. d’Armilly beim Anblick des Bettlers so erschüttert gewesen? Warum hatte sie sie so inständig gebeten, niemandem etwas von dem Vorgefallenen zu sagen und insbesondere jegliche Erwähnung der Angelegenheit gegenüber Albert de Morcerfs Frau zu vermeiden? Mlle. d’Armilly hatte zu viel von der Welt gesehen, um sich von einer bloßen Kleinigkeit erschrecken zu lassen. War es möglich, dass der zerlumpte Ausgestoßene in irgendeiner Weise mit der Opernkarriere der jungen Madame de Morcerf verbunden war, dass er ihr Liebhaber gewesen war? Letztere Vermutung würde eine plausible Ursache für das Entsetzen der ehemaligen Musiklehrerin liefern, da das Wiederauftauchen eines Liebhabers zu Enthüllungen führen könnte, die das Glück und die Ruhe des frisch vermählten Ehepaares ernsthaft stören könnten. Zuleika hatte gehört, dass Eugénie während ihrer Zeit auf der Bühne stark umworben worden war, dass sie ihre glühenden Bewunderer zu Dutzenden zählte, aber dieser Mann schien zu alt, zu heruntergekommen, um kürzlich in der Lage gewesen zu sein, Reichtümer zu Füßen einer Primadonna zu verstreuen. Außerdem hatte Mlle. d’Armilly von ihm als einem Geist gesprochen und schien ihn auf eine weiter zurückliegende Zeit zu beziehen. Zuleika hatte auch von dem in der Vergangenheit aufgelösten Heiratsvertrag der Mlle. Danglars gehört. Könnte dieser Bettler der Schurke sein, der unter dem angenommenen Titel Prinz Cavalcanti maskiert war und beinahe ihr Ehemann geworden wäre? Vielleicht; aber selbst wenn er dieser gewissenlose Wicht wäre, welchen Schaden könnte sein Wiederauftauchen heutzutage noch anrichten, da die alte Geschichte gründlich durchleuchtet und beinahe vergessen war? Albert war sich aller Details der Cavalcanti-Episode wohl bewusst, und es war kaum wahrscheinlich, dass noch etwas aufgedeckt werden könnte, das ihn oder seine Frau stören würde. Nein, der schmutzige, weißhaarige, finster aussehende Fremde konnte nicht der ehemalige Prinz sein; er war jemand anderes, jemand, den man mehr fürchten musste. Aber wer war er, wenn nicht der elende Sohn von Villefort? Zuleika war verwirrter und beunruhigter, als sie selbst gegenüber zuzugeben bereit war. Wenn sie nur mit dem Grafen von Monte-Cristo sprechen könnte, ihm alles erzählen, ließe sich zweifellos eine Erklärung für das Geheimnis finden, eine Erklärung, die zumindest ihre vagen Ängste beruhigen würde; aber das war unmöglich; ihr Versprechen an Mlle. d’Armilly, zu schweigen, versiegelte ihre Lippen bei ihrem Vater ebenso wirksam wie bei der jungen Madame de Morcerf. Was auch immer ihre Ängste sein mochten, sie würde sie allein tragen müssen oder sie bestenfalls mit Mlle. d’Armilly teilen müssen, die ihr offensichtlich keine weitere Befriedigung verschaffen würde.

Währenddessen bog der Mann, der all diesen Ärger verursacht hatte, nachdem er ein ziemliches Stück weit die Rue du Helder entlanggelaufen war, völlig unbeeindruckt von der Aufmerksamkeit, die er bei den wenigen Passanten erregte, in die Rue Taitbout ein, erreichte von dort die Rue de Provence und fand sich schließlich in der Cité d’Antin wieder. Dort begab er sich in eine kleine Trinkhalle oder ein Caboulot, das von einigen der schlimmsten Herumtreiber dieser Gegend von Paris besucht wurde. Der Raum, den er betrat, war bis auf eine verwahrloste junge Frau leer, die hinter dem Tresen saß und ein fettiges Exemplar der Gazette des Tribunaux las. Der Mann ging zum Tresen und verlangte, nachdem er den Preis hingeworfen hatte, ein Glas Branntwein, das er in einem Zug hinunterstürzte. Dann wandte er sich an die verwahrloste junge Frau, die ihn, die Zeitung noch in der einen Hand, halb lächelnd, halb finster ansah.

„Ist Waldmann hier?“, fragte er mit der Miene eines Mannes, der sich vollkommen zu Hause fühlt.

„Ja“, antwortete die junge Frau, nahm wieder Platz und las weiter; „er ist im Hinterzimmer und spielt Piquet mit Peppino, Beppo und Siebecker.“

„Gut!“, sagte der Mann. „Ich habe Glück. Ich hatte kaum erwartet, sie alle zu dieser Stunde anzutreffen.“

Damit öffnete er eine verglaste Tür, trat in das Hinterzimmer und schloss sie hinter sich. Die Spieler, die an einem Tisch saßen, neben sich Krüge mit Bier, blickten schnell von ihrem Spiel auf, als er hereinkam, und einer von ihnen, ein stämmiger, buschbrauiger Deutscher, rief ihm auf Französisch zu:

„Nun, Bouche-de-Miel, was ist los? Du bist außer Atem und so blass, als wärst du von einem Agent de la Sûreté beschattet worden!“

„Ich bin nicht beschattet worden, Waldmann“, antwortete der Bettler oder Bouche-de-Miel, „aber ich habe eine überraschende Entdeckung gemacht.“

Die Spieler legten sofort ihre Karten nieder und lehnten sich vor, um zuzuhören. Sie waren eine raue, verzweifelt aussehende Truppe; auf ihren vom Unheil gezeichneten und sonnenverbrannten Gesichtern konnte man das Wort Dieb so deutlich lesen, als wäre es dort niedergeschrieben, und vielleicht auch das noch bedeutungsvollere Wort: Mörder! Zwei der Männer waren Italiener, offensichtlich die von der verwahrlosten jungen Frau am Tresen im äußeren Raum erwähnten Peppino und Beppo. Neben Waldmann gab es noch einen weiteren Deutschen. Das war Siebecker. Hochgewachsen, schlank, mit gelbem Haar und Schnurrbart, hatte er einen gewissen Anspruch auf gutes Aussehen; seine Kleidung war im Vergleich zu der des Rests recht ordentlich; hätte er nicht ein Paar ruhelose, dämonische Augen besessen, hätte er für eine Person von halbwegs gutem Ruf durchgehen können, doch diese starrenden, tigerartigen Kugeln verrieten seinen wahren Charakter und stempelten ihn als ein sehr gefährliches Mitglied der Verbrecherzunft ab. Waldmann schien der Anführer des Zirkels zu sein. Die Italiener trugen blaue Arbeitskittel, doch das charakteristische Kleidungsstück des Pariser Arbeiters konnte eine gewisse räuberische Art nicht verbergen, die ihnen in Fleisch und Blut übergegangen war.

„Lass uns von deiner überraschenden Entdeckung hören, Bouche-de-Miel“, sagte Waldmann. „Nimm Platz und erzähl uns.“

Der Bettler ließ sich auf eine Holzkiste fallen und sagte dabei in einem Ton tiefer Niedergeschlagenheit:

„So sehr ich mich danach sehne, heute Nacht an dem kleinen Ding mitzuwirken, ich fürchte, ihr werdet mich entlassen müssen!“

„Unsinn!“, rief Waldmann. „Du hast Angst, diesem schrecklichen Kerl, dem Grafen von Monte-Cristo, zu begegnen! Aber die überraschende Entdeckung – spuck’s aus, Mann!“

„Ja, die Entdeckung, die Entdeckung!“, forderten die anderen ungeduldig.

„Nun“, sagte Bouche-de-Miel, „ich ging heute Morgen wie vereinbart zur Rue du Helder und nahm das Anwesen Monte-Cristos in Augenschein. Nichts ist einfacher, als hineinzukommen, da nachts keine Wache gehalten wird und der Graf nicht im Geringsten misstrauisch ist, obwohl er Millionen von Francs in seinem Safe hat, ganz zu schweigen von Juwelen und anderen Wertsachen. Als ich gerade das Gelände verlassen wollte, hielt ich an einem kleinen Tor, das den Zugang zum Garten von der Straße aus ermöglicht, da ich bemerkt hatte, dass der Schlüssel achtlos von außen im Schloss gelassen worden war. Ich lehnte mich gegen das Tor und nahm einen Wachsabdruck dieses Schlüssels, der uns den Zutritt ohne Mühe sichern würde, als ich, wie ich gerade durch das Gitter in den Garten blickte, zwei Frauen sah; sie hatten mich bemerkt und schienen sehr erschrocken. Sofort streckte ich meine Hand durch die Stäbe und bat um ein Almosen. Eine der Frauen fasste genügend Mut, aufzustehen und sich mir zu nähern; sie war im Begriff, mir etwas Geld zu geben, als sie mich plötzlich trotz all der Veränderungen in meinem Aussehen wiedererkannte. Auch ich erkannte sie und eilte so schnell ich konnte davon.“

„Nun, was hat das alles zu bedeuten?“, sagte Waldmann ruhig. „Es bedeutet rein gar nichts.“

„Es bedeutet so viel, dass ich nicht mit euch zu Monte-Cristos Haus gehen und riskieren kann, jener Frau zu begegnen!“

Waldmann stieß ein lautes Lachen aus; die anderen lächelten.

„Ich habe noch nie von einem Franzosen gehört, der Angst davor hat, einer Frau zu begegnen!“, sagte Siebecker, sehr amüsiert.

„Ich sage dir, ich kann nicht mitkommen; ihr müsst mich freistellen“, sagte Bouche-de-Miel hartnäckig.

„Was!“, rief Peppino. „Erlaubst du einer Frau, zwischen dich und deine Rache am Grafen von Monte-Cristo zu treten? Erinnere dich an Luigi Vampas Speisekarte!“

Bouche-de-Miel starrte den Italiener wild an.

„Es ist nicht nötig, dass ich mich daran erinnere“, entgegnete er bitter. „Ich habe sie nie vergessen. Und ich habe auch euren Anteil an diesem schändlichen Geschäft nicht vergessen!“, fügte er zwischen den Zähnen hinzu.

„Es war meine Pflicht, das zu tun, was mir befohlen wurde!“, erwiderte Peppino.

„Ich werde meine Rache an dir noch bekommen!“, murmelte Bouche-de-Miel drohend.

„Das werden wir sehen!“, antwortete der Italiener trotzig.

Waldmann schritt ein und sagte streng:

„Kein Streit! Wir sind Brüder und sind zum gegenseitigen Vorteil vereint. Bouche-de-Miel, du musst heute Nacht mit uns kommen. Ich befehle dir zu gehen und lasse keine Ausrede gelten! Außerdem, wenn du, wie Peppino sagt, Rache am Grafen von Monte-Cristo zu üben hast, ist die Gelegenheit zu kostbar, um sie zu versäumen! Auf jeden Fall wirst du mitkommen! Wo ist der Wachsabdruck des Schlüssels?“

Bouche-de-Miel reichte dem Deutschen ein kleines Päckchen, das er aus der Tasche nahm. Waldmann gab es Siebecker und wies ihn an, einen Schlüssel gemäß diesem Abdruck anzufertigen. In der Zwischenzeit hatte der Bettler nachgedacht. Sein Gesicht zeigte, dass ein heftiger Kampf in seinem Inneren tobte, ein Kampf zwischen Angst und dem brennenden Wunsch nach Rache. Letzterer siegte schließlich, und der Bettler erhob sich von der Kiste, ging zum Tisch und ließ seine Faust mit einem dröhnenden Schlag darauf niederfahren.

„Ich werde euch begleiten, Kameraden!“, sagte er mit wild blitzenden Augen und in erregter Stimme. „Monte-Cristo hat mich beraubt, ruiniert und mich als mittellosen Vagabunden in die Welt hinausgejagt! Ich werde meine Rache haben!“

„Gesprochen wie ein Held!“, sagte Waldmann enthusiastisch. „Wir treffen uns um Mitternacht am kleinen Tor in der Rue du Helder. Siebecker wird dir den Schlüssel geben, Bouche-de-Miel, und du wirst das Tor öffnen. Du musst keine Angst vor Entdeckung haben, selbst wenn du der Frau, von der du gesprochen hast, von Angesicht zu Angesicht begegnen solltest, denn du wirst wie wir alle maskiert sein. Wenn du um ihre Sicherheit besorgt bist, werde ich dir jetzt sagen, dass wir nur Monte-Cristos Millionen wollen; wir beabsichtigen keinen Mord.“

„Aber was, wenn Mord notwendig sein sollte, wenn er nicht zu vermeiden ist?“

Waldmann zuckte mit den Schultern.

„Dann müssen wir uns schützen“, antwortete er phlegmatisch.

Daraufhin trennte sich der Zirkel der Übeltäter, um die Stunden so gut wie möglich verstreichen zu lassen, bis die Zeit für den genialen Streich, den sie planten, gekommen war.

KAPITEL XII.

VATER UND TOCHTER.

Der Graf von Monte-Cristo war in seinem Arbeitszimmer und schritt auf und ab; er war in Gedanken versunken, und ein Ausdruck tiefer Sorge lag auf seinem blassen, aber entschlossenen Antlitz. Immer wieder hielt er vor einem kleinen Tisch inne, auf dem sich ein telegrafisches Gerät zum Senden und Empfangen von Nachrichten befand, und lauschte mit großer Aufmerksamkeit den hervorgebrachten Tönen, denn obwohl das Lesen nach Gehör von den Telegrafisten jener Zeit nicht viel praktiziert wurde, war Monte-Cristo, der alle Errungenschaften seines eigenen Zeitalters und die kommender Zeitalter zu besitzen schien, darin bewandert, ebenso wie ein bemerkenswert schneller und korrekter Bediener.

Es war fast Mitternacht. Die gesamte Familie im Anwesen in der Rue du Helder hatte sich zur Ruhe begeben, mit Ausnahme des Oberhauptes, das auf eine Vorladung aus Berlin wach geblieben war, um bereit zu sein, die Details eines geheimen Treffens einer großen Gesellschaft preußischer Patrioten entgegenzunehmen, die ihm in Chiffre von einem seiner enthusiastischsten und aktivsten Agenten zur Förderung der Sache der universellen menschlichen Freiheit gesendet werden sollten. Die große Hitze, die den ganzen Tag geherrscht hatte, war durch das Einbrechen einer schwülen, drückenden Nacht nur geringfügig gemildert worden; es gab nicht den leisesten Windhauch in der schweren, bedrückenden Luft, und der blaue Himmel, voller Sterne und durchflutet von brillantem Mondlicht, war wolkenlos. Die silberne Helligkeit strömte durch die offenen Fenster des Arbeitszimmers und beleuchtete den Raum so sehr, dass der Graf seine Lampe gelöscht hatte. Fantastische Schatten wurden von den Bücherregalen und verschiedenen Möbelstücken auf den Boden geworfen, die wie gigantische und verzwergte Gestalten von Dämonen und Elfen wirkten und der Szene einen unheimlichen, übernatürlichen Aspekt verliehen. Monte-Cristo schritt inmitten dieser verzerrten Schatten wie ein Meistermagier, der mit den dunklen, mysteriösen Geistern verkehrte, die seine Befehle schweigend entgegennahmen und dann verschwanden, um sie ohne Fragen oder Debatten auszuführen.

Die Gedanken des Grafen waren düsterer Natur; er grübelte über das Problem der französischen Freiheit nach und fragte sich, wie lange die wankelmütige, wechselhafte Nation, mit der er sein Los verknüpft hatte, die Freiheit bewahren würde, die durch die Revolution errungen worden war, welche den Thron von Louis Philippe gestürzt und dem Volk Macht verliehen hatte. Er misstraute den Ereignissen der nahen Zukunft. Bereits waren die Bonapartisten aktiv, und Louis Napoleon zeichnete sich als eine bedrohliche Figur ab. Der Neffe des großen Eroberers Europas bekannte sich zu republikanischen Gesinnungen, doch Monte-Cristo zweifelte an seiner Aufrichtigkeit ebenso wie an seiner Fähigkeit, die rastlose Bevölkerung von Paris zu regieren. Er sah eine Nachahmung des berühmten Kaisers voraus; sein prophetisches Auge durchdrang die Präsidentschaftsambitionen Louis Napoleons und sah dahinter ein zweites Kaiserreich, nicht weniger glänzend, aber nicht substanzieller als das erste. Die Politik der Bonapartes bestand darin, die Massen, die Männer der Barrikaden, durch ein Schauspiel von Pracht zu blenden und sie eher zu amüsieren als sie zur Unterwerfung zu zwingen. Der Graf hatte sich von Louis Napoleon ferngehalten, hatte sich ihm sogar mit dem vollen Umfang seines mächtigen Einflusses entgegengestellt; er hatte dies nicht aus persönlichen Überlegungen getan, sondern zum Wohle des gesamten französischen Volkes, zur unversehrten Bewahrung des Gefüges der Freiheit, der Frucht der Revolution von 1848.

Während diese Gedanken den aktiven Geist Monte-Cristos durchzogen, tickte das telegrafische Instrument stetig weiter, doch die Informationen, die er erwartete, wurden nicht übermittelt. Nachrichten blitzten aus jedem Zentrum politischer Agitation zu ihm herüber, mit Ausnahme von Berlin; dort herrschte eine hartnäckige, unheilvolle Stille. Mehrmals versuchte er, die Kommunikation mit seinem Verbündeten in der preußischen Hauptstadt aufzunehmen, doch seine Signale blieben unbeantwortet. Schließlich hielt er müde in seinem Gang inne und warf sich in einen riesigen Armsessel; Erschöpfung lastete auf seinen Augenlidern, und er sank schnell in einen unruhigen, unterbrochenen Schlaf, aus dem er in Intervallen auffuhr, gestört von irgendeinem vagen, beunruhigenden Traum. Immer wieder, während er döste, stahl sich jenes Lächeln, das ihn so gut aussehen ließ, über sein männliches Antlitz und brachte all seine wunderbare Noblesse und seinen wohlwollenden Ausdruck deutlich hervor.

Als es von jedem Glockenturm in Paris Mitternacht schlug, wurde die gewohnte Einsamkeit der Rue du Helder zu dieser toten Stunde durch das Erscheinen einer finsteren Gestalt am kleinen Tor des Gartens von Monte-Cristo unterbrochen. Dieser Gestalt folgte fast augenblicklich eine zweite, kaum weniger abschreckende. Beide trugen Masken und bewegten sich so verstohlen wie Katzen. Die zweite Gestalt sprach die erste an und flüsterte vorsichtig:

„Bouche-de-Miel, bist du das?“

„Ja. Siebecker, hast du den Schlüssel?“, murmelte der andere kaum über ein Flüstern.

„Hier ist er, Alter. Jetzt an die Arbeit. Die anderen sind in einem Augenblick hier. Öffne das Tor und lass uns hineingehen.“

Bouche-de-Miel nahm den Schlüssel, der mit Öl bestrichen war, um ein Quietschen zu verhindern, und führte ihn in das Schloss ein. Er passte wie angegossen und drehte sich geräuschlos. Bouche-de-Miel stieß das Tor sanft auf; es gab nach und schwang lautlos auf. Die beiden Männer traten ein und schlossen es hinter sich teilweise wieder. Das Mondlicht fiel auf die Bank, die Zuleika und Mlle. d’Armilly an jenem Morgen unter der von Geißblatt bedeckten Laube besetzt hatten; Bouche-de-Miel fuhr jäh zusammen, als er einen Blick darauf warf, und bereute es halb, Waldmanns Befehl unter dem Impuls seines Hasses auf Monte-Cristo und seines Verlangens nach Rache nachgegeben zu haben; er zitterte heftig trotz all seiner Bemühungen, Fassung zu bewahren, und sein Gesicht war unter seiner schützenden Maske eine einzige Schweißfläche. Siebecker bemerkte seine Erregung und stieß einen erstickten Fluch aus.

„Sacre nom d’un chien!“, murmelte er zwischen den Zähnen, „wenn du so weitermachst, alter Mann, dann wäre es besser gewesen, Waldmann hätte dich laufen lassen. Mit einer zittrigen Hand kannst du diesen Job nicht erledigen. Reiß dich zusammen, reiß dich zusammen, Bouche-de-Miel! Was ist das?“

Ein leises Geräusch war am Tor zu vernehmen. Siebecker packte seinen bebenden Gefährten am Arm und zog ihn hastig hinter eine Gruppe kleiner Kastanienbäume. Kaum hatten sie sich versteckt, öffneten drei maskierte Männer vorsichtig das Tor und schlichen auf Zehenspitzen in den Garten. Waldmann, Peppino und Beppo waren eingetroffen und bereit, ihren Teil der ruchlosen Arbeit zu verrichten. Siebecker und Bouche-de-Miel traten lautlos aus ihrem Versteck hervor und schlossen sich ihnen an.

Waldmann blickte sich um, offensichtlich zufrieden.

„Bis hierher alles gut“, sagte er halblaut. „Wir sind alle pünktlich. Vergeuden wir keine Sekunde. Hast du deine Nerven mit reichlich Branntwein gestärkt, Bouche-de-Miel?“

„Mir geht es gut“, erwiderte Letzterer trotzig, wenngleich ein deutliches Beben in seiner Stimme mitschwang, als er sprach.

„Er hatte gerade wieder einen Anfall von Angst“, sagte Siebecker verächtlich. „Ich glaube, wir täten gut daran, ihn bei Peppino und Beppo zu lassen, damit er im Garten Wache hält! Es wäre nicht sicher, ihn mit uns ins Haus zu nehmen, Waldmann!“

Der Anführer trat auf Bouche-de-Miel zu und schüttelte ihn grob.

„Du bist ein Feigling!“, sagte er wild. „Diese Frauengeschichte, die du uns erzählt hast, war alles Geschwätz. Du hast Angst, Monte-Cristo zu begegnen, das habe ich heute Morgen ganz deutlich gesehen!“

Dieser Spott traf Bouche-de-Miel bis ins Mark und gab ihm all seinen Mut zurück. Er sah Waldmann unverwandt an und entgegnete:

„Ich bin kein Feigling und ich habe keine Angst vor Monte-Cristo!“

„Was ist dann mit dir los?“

„Das ist meine Sache, aber es soll die Arbeit dieser Nacht nicht beeinträchtigen. Ich werde mit euch zum Haus gehen und meinen Teil ebenso gut erledigen wie du oder Siebecker. Du sagtest, wir sollen keine Sekunde vergeuden. Worauf wartest du? Geh voran!“

„Schwörst du, uns bis zum Schluss beizustehen, was auch immer geschieht?“

„Ich schwöre es!“

„Ich werde dir vertrauen.“

„Und du wirst keinen Grund haben, dein Vertrauen zu bereuen. Wenn ich Monte-Cristo treffe, werde ich ihn töten wie einen räudigen Köter! Zufrieden?“

„Was ist mit deiner geheimnisvollen Frau?“

Bouche-de-Miel konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken, aber er ballte die Fäuste fest und antwortete mit Mühe:

„Kümmere dich nicht um sie! Sie muss auf sich selbst aufpassen!“

„Wer ist sie?“

„Kümmere dich nicht um sie, sage ich! Wenn ihr ein Leid geschieht, ist es ihre eigene Schuld!“

Waldmann schien beruhigt; dennoch flüsterte er Bouche-de-Miel mit einem schrecklichen Ernst ins Ohr, der deutlich zeigte, dass er meinte, was er sagte:

„Ich sagte dir, dass ich dir vertrauen werde, und das werde ich. Aber wenn du schwach wirst, wenn du versuchst, den Verräter zu spielen, um diese Frau zu retten, dann puste ich dir das Gehirn aus dem Schädel, wo du stehst!“

Bouche-de-Miel zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich schwach werde, wenn ich versuche, euch zu verraten, dann erschieß mich auf der Stelle! Ich gebe dir die Erlaubnis! Aber wenn du deine Pistole benutzt, dann für ein anderes Wild als mich! Lass uns an die Arbeit gehen!“

Die beiden Italiener an der Pforte zurücklassend, gingen Waldmann und Siebecker mit Bouche-de-Miel in ihrer Mitte verstohlen auf das Haus zu; sie traten auf das Gras, damit das Geräusch ihrer Schritte gedämpft würde. Sie hielten sich tief im Schatten der Bäume und erreichten die Rückseite des Anwesens unbemerkt und ohne Zwischenfall. Waldmann zog seine Schuhe aus und die anderen taten es ihm gleich.

„Alles ist still“, flüsterte er. „Zweifellos sind alle Bewohner des Hauses, einschließlich des gefürchteten Grafen selbst, im tiefen Schlaf. Wir werden es leicht haben.“

Er betrat die hintere Veranda und versuchte die Tür zu den Bedienstetenunterkünften. Sie war achtlos unverschlossen gelassen worden. Er öffnete sie und spähte hinein. Nur Dunkelheit und Stille herrschten dort. Er winkte seinen Kameraden; auch sie kamen auf die Veranda. Waldmann zog eine Sturmlaterne unter seinem Mantel hervor; die drei Räuber betraten Monte-Cristos Haus.

„Das Arbeitszimmer des Grafen, in dem er sein Geld aufbewahrt, liegt im zweiten Stock“, flüsterte Bouche-de-Miel. „Wir erreichen es, wenn wir die Treppe der Bediensteten dort drüben hinaufgehen.“

Er deutete durch den kleinen Korridor, in dem sie standen. Waldmann öffnete vorsichtig seine Laterne, und der schmale Lichtstrahl, der daraus drang, enthüllte die Treppe. Die Schurken stiegen hinauf und befanden sich, geleitet von Bouche-de-Miel, der mit der Topographie des Hauses bestens vertraut zu sein schien, bald vor Monte-Cristos Arbeitszimmer. Die Tür stand einen Spalt offen. Bouche-de-Miel blickte hinein, zog den Kopf aber augenblicklich zurück und gab Waldmann und Siebecker ein Zeichen, ebenfalls zu schauen. Sie taten es und sahen einen Mann in einem Armsessel schlafen; gleichzeitig erschreckte sie ein scharfes Klicken im Raum; sie bissen die Zähne zusammen, pressten die Lippen fest aufeinander und zogen ihre Pistolen. Das scharfe Klicken wiederholte sich, gefolgt in rascher Folge von mehreren anderen. Es war der Telegrafenapparat – die Nachrichten aus Berlin waren eingetroffen!

Sofort war der Graf hellwach. Er sprang aus seinem Sessel und lief zu dem Gerät, auf dessen Klicken er begierig und aufmerksam lauschte. Die große Gesellschaft preußischer Patrioten hatte sich versammelt. Die Delegierten hatten lange gebraucht, um einzutreffen, denn obwohl äußerste Geheimhaltung gewahrt worden war, hatte die königliche Polizei Wind von ihrer Anwesenheit in der Hauptstadt und der geplanten Zusammenkunft bekommen. Dennoch hatte man gehofft, dass das Treffen nicht gestört würde, da der Treffpunkt an einem abgelegenen Ort lag, von dem man annahm, dass die Behörden ihn nicht verdächtigten. Kaum jedoch hatte der Vorsitzende seinen Platz eingenommen, als die Polizei durch jede Tür und jedes Fenster hereinströmte. Alle Patrioten wurden verhaftet, außer Monte-Cristos Verbündetem, dem es durch einen glücklichen Zufall gelang, die Schergen des Gesetzes zu täuschen.

Die Stirn des Grafen umwölkte sich, als er diese erschütternde Nachricht hörte, die vom Telegrafenapparat eingeklopft wurde. Er legte nach Abschluss der unheilvollen Botschaft die Hand an die Stirn und taumelte wie ein Betrunkener zurück zu seinem Armsessel, in den er sank. In diesem Moment stürzten Waldmann, Siebecker und Bouche-de-Miel vor, packten ihn und hielten ihn mit der Kraft von Eisen fest. Waldmann schob ihm einen Knebel in den Mund und Siebecker fesselte ihn mit einem kräftigen Seil, das er aus der Tasche nahm, fest an den Stuhl. Nachdem die Fesselung vollbracht war, ließen die Räuber von dem Grafen ab und wandten sich der Beute zu, derentwegen sie gekommen waren – den Millionen des Monte-Cristo!

Plötzlich ertönte ein lauter Schrei. Er kam von Bouche-de-Miel. Die anderen wandten sich um und sahen ihn mit ihren Pistolen in der Hand an. Er starrte auf eine weiß gekleidete Frau, die wie ein Geist in der offenen Tür des Arbeitszimmers stand. In diesem Moment öffnete sich eine weitere Tür und Ali, der treue Nubier, gefolgt von allen Dienern des Hauses, sprang in den Raum und fiel über die verblüfften Schurken her, bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatten. Es gab einen kurzen Kampf, doch die Diener waren unbewaffnet, und die Räuber, die sich aus den Griffen ihrer Gegner befreiten, hielten sie mit ihren Pistolen in Schach und wichen langsam aus dem Raum zurück. Im Getümmel jedoch wurde Bouche-de-Miel die Maske vom Gesicht gerissen, und kaum war sein Antlitz sichtbar, lief die weiß gekleidete Frau mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu und rief atemlos:

„Mein Vater! Mein Vater!“

Bouche-de-Miel bedeutete ihr, sich fernzuhalten; dann bewegte er sich, als wolle er auf sie zugehen, getrieben von einem Gefühl, das er absolut nicht beherrschen konnte; doch Waldmann, der seine Pistole weiterhin auf Ali und seine Gefährten gerichtet hielt, packte ihn mit eisernem Griff am Arm und zog ihn weg. Den ertappten Räubern gelang die Flucht aus dem Haus und dem Garten.

Der Graf von Monte-Cristo war von Ali entfesselt und entknebelt worden, als die Räuber das Arbeitszimmer verlassen hatten. Alarmiert durch den ungewohnten Lärm und Aufruhr waren Kapitän de Morcerf, Zuleika und Mlle. d’Armilly auf der Bildfläche erschienen, doch zu spät, um den Kampf mit den Schurken mitzuerleben. Mit wenigen Worten erklärte ihnen der Graf, was geschehen war. Zuleika warf Mlle. d’Armilly einen Blick zu, als ahnte sie, dass der seltsame Bettler von jenem Morgen etwas mit diesem nächtlichen Eindringen in ihr Heim zu tun hatte; Louise wirkte unruhig und aufgeregt, bewahrte aber ein steinernes Schweigen.

Die weiß gekleidete Frau stand noch immer wie erstarrt da. Mlle. d’Armilly ging zu ihr und fragte besorgt:

„Eugenie, was ist los?“

Diese Frage riss die junge Madame de Morcerf – denn sie war es – aus ihrer Betäubung. Sie warf sich in einen Sessel und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, während sie jämmerlich wimmerte:

„Oh! Louise! Louise! Ich habe meinen Vater gesehen! Er war einer der Räuber! Es ist schrecklich, schrecklich!“

Kapitän de Morcerf, der an die Seite seiner Frau getreten war und zärtlich ihre Hand genommen hatte, blickte fragend zum Grafen.

„Ich habe den Mann, von dem sie spricht, genau gesehen“, sagte Monte-Cristo als Antwort auf seinen Blick, „und er war zweifellos der Baron Danglars!“

KAPITEL XIII.

MORCERFS ABENTEUER.

Der Graf von Monte-Cristo unternahm keine Schritte, um die Schurken, die in die Heiligkeit seines Hauses eingedrungen waren, aufzuspüren und festnehmen zu lassen; er wies nicht einmal den Polizeikommissar des Viertels an, bezüglich des Vorfalls zu ermitteln. Er war vollkommen überzeugt, dass das einzige Ziel der Elenden Raub gewesen war, und da dieses Ziel vereitelt wurde, wünschte er nicht, durch eine Einschaltung der Behörden weitere Öffentlichkeit zu erregen. Eine Sache jedoch bereitete dem Grafen erhebliche Unruhe, nämlich die Tatsache, dass Danglars einer der Räuber gewesen war. Er zweifelte nicht daran, dass der ehemalige Bankier, den er in der Vergangenheit finanziell ruiniert und beschimpft aus Paris vertrieben hatte, um seinen Plan der umfassenden Rache an den Feinden seiner Jugend zu verfolgen, den Raub geplant hatte, um seinen brennenden Durst nach Vergeltung zu stillen; er fühlte sich auch absolut sicher, dass Danglars weiteres Unheil plante, wenn er es erreichen konnte, und dass seine Anwesenheit in der Stadt eine ständige Bedrohung für seine Ruhe und seinen Wohlstand, ja sogar für sein häusliches Glück sein würde; doch seine Gefühle hatten seit den alten Tagen der rastlosen, unerbittlichen Vergeltung einen radikalen Wandel erfahren, und er bemitleidete nun den Mann, den er so rücksichtslos gestürzt hatte, ebenso sehr, wie er ihn früher gehasst hatte. Danglars war in der Tat sehr tief gefallen, wenn er zum Gefährten und Komplizen nächtlicher Plünderer geworden war, und die Seele des Grafen schmerzte, als er daran dachte, in welche Abgründe von Armut und Schande er ihn getrieben hatte. Er hätte ihn inmitten der gefährlichen kriminellen Bevölkerung von Paris aufgesucht, ihn in seiner Höhle der Verderbtheit und des Elends aufgespürt und ihm Geld sowie die Mittel zur sozialen Rehabilitation angeboten, wenn es den leisesten Grund zur Hoffnung gegeben hätte, dass er den elenden Mann dadurch aus dem Sumpf der Ungerechtigkeit retten könnte, in den er gestürzt war. Doch er kannte Danglars’ unversöhnlichen Charakter und seinen tiefsitzenden Hass gegen ihn zu gut, um so etwas zu versuchen. Sollte er in seine Verstecke eindringen und ihm begegnen, konnte das Ergebnis nur katastrophal sein, denn Danglars fände ein teuflisches Vergnügen daran, ihn an seine verzweifelten Spießgesellen zu verraten, die nicht zögern würden, ihn auf sein Geheiß hin sogar zu ermorden; und der ehemalige Bankier war vollkommen fähig, seine Ermordung auf die schrecklichste Weise als krönenden Abschluss seiner teuflischen Rache zu planen. Es gab eine Zeit, in der Monte-Cristo das Leben wenig schätzte, in der er den Tod gern als willkommenen Weg zu endgültiger Ruhe und Frieden angenommen hätte, doch diese Zeit war vergangen; seither hatte er Bande geknüpft, die ihn mit unüberwindbarer Kraft an das Dasein fesselten; er hatte nun eine Familie, war umgeben von Wesen, die er zärtlich liebte und schätzte, Wesen, für die er leben musste und über deren Schicksal er genau wachen musste. Er war mit Mercedes vermählt, die ihn in ihrem reifen Alter mit all dem Reichtum der überwältigenden Zuneigung überschüttete, den sie ihm vor der verhängnisvollen Verschwörung entgegengebracht hatte, die ihn als Seemann Dantès in den dunklen, stinkenden Kerker des Château d’If verdammt und sie in die Arme von Fernand, dem Katalanen, gegeben hatte. Haydée war über die Seiten seiner stürmischen, bewegten Geschichte geflattert und hatte ihm Espérance und Zuleika als Erinnerung an einen glücklichen, aber allzu kurzen Traum hinterlassen, eine elfengleiche Vision der Verzauberung, die so schnell verschwunden war, wie sie gekommen war. Doch sein Sohn und seine Tochter hatten sich um die Fasern seines Herzens geschlungen, wie der Efeu sich um die zerfallenen Fragmente einer großen und imposanten Ruine schlingt, und jeder Tag, jeder Augenblick, der verstrich, diente nur dazu, ihm die Sehnsüchte und die Hingabe der Seele eines Vaters noch deutlicher zu offenbaren. Zudem waren ihm Albert de Morcerf und seine junge Frau Eugenie inzwischen sehr ans Herz gewachsen, und er fühlte, dass er durch alles, was in seiner Macht stand, um ihr Glück zu mehren, nach und nach die schwere Schuld abtrug, die er dem so lange verlassenen Kind von Danglars schuldete. Ja, der Graf von Monte-Cristo wollte leben, zuerst für seine Familie, dann für die große Sache der menschlichen Freiheit, mit der er sich so gründlich identifiziert hatte. Wenn Danglars ihm in den Weg käme, würde er versuchen, ihn zurückzugewinnen und versöhnlich zu stimmen, doch aufsuchen konnte er ihn nicht.

Mercedes war zur Zeit des versuchten Raubüberfalls auf einem Besuch bei Freunden in Marseille, und man beschloss einstimmig, sie nicht über das Wiederauftauchen von Danglars zu informieren, da die Nachricht für sie ein niederschmetternder Schock wäre.

Seit jener denkwürdigen Mitternachtsszene in Monte-Cristos Arbeitszimmer hatte sich die junge Madame de Morcerf wie eine vom Schicksal Gezeichnete verhalten. Sie sagte nichts, nicht einmal ihrem Ehemann oder Louise d’Armilly gegenüber, über ihren elenden Vater, doch es war offensichtlich, dass tiefe Trauer und Scham an ihr nagten. Dies bedrückte Albert sehr, und als er sah, wie seine geliebte Frau Tag für Tag dahinwelkte, fasste er, ohne mit jemandem ein Wort zu sprechen, einen überraschenden und gefährlichen Entschluss. Er war entschlossen, Danglars’ Wohnsitz zu finden, seinen Schwiegervater aufzusuchen und zu versuchen, ihn davon zu überzeugen, seine kriminelle Laufbahn aufzugeben. Dabei wurde er von zwei mächtigen Motiven geleitet – dem Wunsch, Eugenies Kummer und Ungewissheit zu lindern, und dem Wunsch, den Skandal zu vermeiden, der sicher folgen würde, sollte der ehemalige Bankier auf frischer Tat bei einem schrecklichen Verbrechen ertappt werden und eine gerichtliche Untersuchung seine Identität enthüllen.

Zuleika vermied es tunlichst, auf den versuchten Raubüberfall und die Wiedererkennung von Danglars durch ihren Vater und Eugenie Bezug zu nehmen. Sie war sich der Rolle bewusst, die Monte-Cristo beim Sturz und der Schande seines Feindes gespielt hatte, und hielt es nicht für klug, die bitteren Erinnerungen an die düstere und schreckliche Vergangenheit zu wecken.

Auch Mlle. d’Armilly sagte nichts bezüglich des Wiederauftauchens von Danglars, doch für die aufmerksame Zuleika war es sehr klar, dass sie weiteres Unheil von Monte-Cristos rachsüchtigem Feind erwartete und fürchtete. Nachts schloss sie sich in ihrer Kammer ein und verriegelte, trotz der fast unerträglichen Hitze des Wetters, sicher alle ihre Fenster.

Der Graf selbst war so verschlossen wie eh und je und erwähnte kein einziges Mal das nächtliche Eindringen in sein Anwesen oder das unerwartete Auftauchen seines tödlichsten Feindes. Für jeden im Haushalt schien er jene Ereignisse, die so voller Aufregung und Möglichkeiten für zukünftige Katastrophen steckten, entweder vergessen zu haben oder aus seinem Gedächtnis verbannt zu haben. Doch Monte-Cristo, obwohl er ein leidenschaftsloses Äußeres bewahrte, hatte sie weder vergessen noch verbannt. Er hatte lediglich seine eigene berühmte Maxime auf sich angewandt: „Warten und hoffen.“ Er wartete und hoffte auf das Beste, darauf, dass Gott in seiner unergründlichen Weisheit aus scheinbarem Übel geheimnisvolles Gutes hervorbringen würde.

Unterdessen war Kapitän de Morcerf geschäftig damit beschäftigt, gründliche, aber vorsichtige Nachforschungen anzustellen. Er hatte die Bekanntschaft eines ehemaligen Agent de la Sûreté gemacht, der ihm von großem Nutzen war, indem er ihm die verschiedenen Gesetzlosen und Herumtreiber von Paris beschrieb und ihm ihre geheimen Höhlen und die abgelegenen Treffpunkte zeigte, wo sie sich trafen, unreine Getränke zu sich nahmen und unter dem betäubenden Einfluss von Absinth und Alkohol ihre Verbrechen und Gräueltaten jeder Art planten. Dieser Mann, ein weiterer Quasimodo in Bezug auf sein grässliches Aussehen, war aus dem Polizeidienst entlassen worden, weil er unfähig war, nüchtern zu bleiben, doch die Ressourcen seines Berufs hatte er nicht vergessen, und üppig dargebotenes Geld machte ihn zu Kapitän de Morcerfs ergebenstem und treuestem Sklaven. Bares in der Hand machte ihn unermüdlich, und die Aussicht auf mehr hielt ihn diskret. Er hatte seinem Arbeitgeber die Kunst beigebracht, sich wirkungsvoll zu verkleiden, als wahrer Zigue durchzugehen, und da er den Gesetzlosen, die er früher beschattet hatte, wohlbekannt war und von ihnen als echt guter Kerl willkommen geheißen wurde, war es ihm möglich, den Kapitän ungestraft unter Schurken zu führen, die nicht gezögert hätten, ihm die Kehle durchzuschneiden, hätten sie gewusst, wer er war.

Da Albert nicht wusste, welchen Namen Danglars angenommen hatte, und nicht gewillt war, dem Ex-Detektiv seinen wahren Namen zu verraten, hatte Letzterer nichts, was ihm in dieser Hinsicht als Anhaltspunkt dienen konnte. Auch war dem Kapitän nicht bekannt, welche Veränderungen die Zeit und seine Lebensweise am äußeren Erscheinungsbild des ehemaligen Bankiers vorgenommen hatten, also konnte er ihn nur so beschreiben, wie er in den vergangenen Jahren ausgesehen hatte. Dies bot Mange, so lautete der Name des entlassenen Polizisten, keinerlei Anhaltspunkt, von dem er hätte profitieren können. Er war jedoch durch die Knappheit der Informationen nicht aus der Fassung zu bringen. Er wusste, dass der junge Morcerf nach einem Mann suchte, der Teil der Gruppe gewesen war, die versucht hatte, das Anwesen von Monte-Cristo in der Rue du Helder auszurauben, und dieses Wissen reichte ihm vollkommen. Er entdeckte sehr bald, dass Waldmann, Siebecker, Bouche-de-Miel und zwei Italiener diese Gruppe gebildet hatten, und da Bouche-de-Miel der einzige Franzose in dem Zirkel war, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, ihn als die gesuchte Person zu identifizieren. Er teilte seine Entdeckung und Schlussfolgerung seinem Arbeitgeber mit, zusammen mit der Information, dass die Männer sich gewohnheitsmäßig im kleinen Caboulot der Cité d’Antin versammelten. Albert belohnte Mange großzügig für seinen Eifer und versprach ihm eine weitaus größere Summe, sollte sich Bouche-de-Miel tatsächlich als sein Mann erweisen. Es wurde sofort vereinbart, dass Mange den Kapitän noch in derselben Nacht zum Caboulot führen und ihn, wenn möglich, von Angesicht zu Angesicht mit dem Franzosen bringen sollte, der für Danglars gehalten wurde.

Gemäß dieser Abmachung wartete Mange, sobald die Nacht eingebrochen war, an der Ecke der Rue Taitbout und der Rue de Provence auf seinen Arbeitgeber. Er musste nicht lange an seinem Posten warten, denn Albert erschien rasch, bekleidet mit einer Bluse wie ein Arbeiter; seine groben Hosen waren in die Schäfte seiner staubigen Stiefel gesteckt, und auf dem Kopf trug er einen zerbeulten Schlapphut, der aussah, als hätte er Dienst hinter den revolutionären Barrikaden getan. Mange betrachtete ihn mit einem langen Blick der Bewunderung; dann nahm er ihn mit zu einer Straßenlaterne in der Nähe und untersuchte kritisch sein Gesicht, das gefärbt war, um den bräunenden Effekt der Sonne darzustellen, und mit Schmutz beschmiert war.

„Großartig!“, rief der Ex-Detektiv, als er seine Prüfung beendete. „Sie sind ein Zigue durch und durch! Keine Spur vom Boulevardier mehr zu sehen! Die scharfsinnigste Vache im Caboulot würde komplett getäuscht werden!“

Albert lächelte über die Begeisterung seines Gefährten.

„Nun, da ich die Prüfung bestehe“, sagte er, „lass uns sofort weitergehen. Glaubst du, unser Mann wird im Caboulot sein?“

„Glaube ich, dass Wasser bergab fließt!“, rief Mange mit einem Lachen, das nichts so sehr glich wie dem unharmonischen Krächzen einer Krähe. „Er verpasst keine Nacht, und das ist die Stunde, in der der Branntwein zu fließen beginnt!“

Albert schauderte bei dieser Bemerkung, deutete sie doch auf die Gewissheit hin, dass er Eugenies Vater als Säufer ebenso wie als Dieb vorfinden würde. Er nahm jedoch Manges Arm und gemeinsam schlenderten sie gemächlich in die Cité d’Antin, wo sie das Caboulot erreichten, ohne einem einzigen verdächtigen Herumtreiber zu begegnen.

Sie betraten das Vorderzimmer, wo Bouche-de-Miel am Morgen vor dem versuchten Einbruch die nachlässig gekleidete junge Frau dabei angetroffen hatte, wie sie in ihrem fettigen Exemplar der Gazette des Tribunaux las. Sie befand sich an ihrem gewohnten Platz hinter dem Tresen, las aber nicht; acht oder zehn stämmige Schurken nahmen ihre Aufmerksamkeit voll in Anspruch, und während sie ihren durstigen Kunden die verschiedenen feurigen Getränke reichte, die diese verlangten, warf sie ihre bezauberndsten Blicke nach rechts und links unter sie. Sie war so nachlässig gekleidet wie eh und je, aber ihr Haar glänzte von Bärenfett, und ein starker Moschusgeruch lag in ihren Kleidern; eine Glasbrosche von enormer Größe, aber zweifelhafter Brillanz, schmückte ihre Brust, und an ihren stumpfen, schmutzigen Fingern trug sie zahlreiche Messingringe, die matte Imitationen von Rubinen, Amethysten und Topasen enthielten.

Als die Neuankömmlinge eintraten, stand Waldmann vor dem Tresen, eine Flasche in der einen und ein Glas in der anderen Hand, und frotzelte sie.

„Sieh mal einer an, Beurre-Sans-Sel“, sagte er mit einer gut gespielten Miene von intensiver Bewunderung, „du siehst heute Abend aus wie eine echte Schönheit. Ich wette, du erwartest einen Liebhaber. Ich habe dich noch nie so herausgeputzt gesehen. Ich erkläre dir, du stellst die Demoiselles der öffentlichen Bälle weit in den Schatten!“

„Oh! Monsieur Waldmann, wie Sie reden!“, erwiderte das Mädchen mit einem gekünstelten Kokettieren und einem erfolglosen Versuch, zu erröten.

Gerade in diesem Moment sah sich der Deutsche um und erblickte Mange, der gerade besonders hässlich aussah. Der Schalk saß ihm im Nacken und er rief sofort aus:

„Ich wusste es; ich wusste, dass du einen Liebhaber erwartest, und hier ist er pünktlich auf die Minute! Nun gib es schon zu, mein kleines Beurre-Sans-Sel, hast du dich nicht wegen Mange so hübsch herausgeputzt?“

„Für diesen hässlichen alten Gorilla!“, rief das Mädchen ungehalten und verächtlich. „Ich kann besser aussehende Liebhaber bekommen als einen Affen oder einen Schwaben, das sollst du wissen, Monsieur Waldmann!“

Es gab ein allgemeines Gelächter über diesen Ausfall, und keiner lachte lauter als Mange, der eine Vorliebe für derbe Witze und scharfe Erwiderungen hatte.

„So!“, sagte Waldmann, nachdem sich die Heiterkeit gelegt hatte. Dann bemerkte er zum ersten Mal Manges Begleiter. Er musterte ihn genau und misstrauisch. Albert wich seinem Blick nicht aus, aber der ehemalige Detektiv hielt es für klug, die Dinge gleich zu Beginn durch eine formelle Vorstellung seines Arbeitgebers in Ordnung zu bringen; er bedeutete Albert daher, ihm zu folgen, und ging auf den Deutschen zu, dem er die Hand reichte, die dieser herzlich schüttelte.

Der Kapitän stand nun neben Waldmann vor dem Tresen und Mange stellte ihn unverzüglich vor.

„Monsieur Waldmann“, sagte er, „gestatten Sie, dass ich Sie mit meinem Freund Fouquier aus Dijon bekannt mache, einem bon zigue.“

„Monsieur Fouquier“, sagte der Deutsche, während er Alberts ausgestreckte Hand ergriff, „es freut mich, Sie kennenzulernen, besonders da Sie so gut empfohlen sind.“

Mange verneigte sich als Anerkennung für dieses kleine Lob, das ihm selbst galt.

Morcerf erwiderte, dass die Freude ganz seinerseits sei.

Waldmanns Misstrauen schien verflogen zu sein.

„Trinken Sie etwas“, sagte er. „Hier, Siebecker und Bouche-de-Miel, stoßen wir gemeinsam auf das Wohl von Monsieur Fouquier aus Dijon an!“

Albert war sofort auf der Hut und Mange beobachtete ihn aufmerksam, als die beiden genannten Individuen aus einer Ecke des Raumes hervorkamen und zum Tresen schlurften. Es folgte eine weitere Vorstellung, diesmal eine doppelte, bei der Waldmann die Ehrenrettung übernahm. Mange brauchte keine Einführung. Jeder schien ihn zu kennen. Beurre-Sans-Sel stellte Branntwein und Gläser bereit, und auf das Wohl von Monsieur Fouquier wurde enthusiastisch getrunken. Als diese Zeremonie endete, verlangte Morcerf nach Zigaretten und verteilte sie unter der Clique; dann hatte er Zeit, Bouche-de-Miel zu betrachten; dieser hatte dem Tresen den Rücken zugedreht und die Ellbogen darauf gestützt; in dieser Haltung, mit der Zigarette zwischen den Zähnen, bot er das perfekte Bild vagabundierender Müßiggängerei. Mange beobachtete Morcerf weiterhin, sah aber kein Anzeichen dafür, dass er in Bouche-de-Miel den Mann erkannt hätte, nach dem er suchte. Das beunruhigte ihn, denn es war ein Hinweis darauf, dass die Belohnung, die ihm sein Arbeitgeber versprochen hatte, nicht verdient werden würde.

Kurz darauf wurden Waldmann und Siebecker in einen anderen Teil des Raumes gerufen. Bouche-de-Miel blieb zurück und rauchte weiter seine Zigarette, die Ellbogen auf dem Tresen, wo er sie nach dem Trinken abgelegt hatte. Die Gedanken des Kapitäns waren widersprüchlicher Natur. Alles deutete darauf hin, dass der Mann vor ihm sein Schwiegervater war, aber anders als Mlle. d'Armilly sah er in ihm nichts, was ihn an den Baron Danglars von früher erinnerte. Konnte dieser Vagabund, dieser Elende, Danglars sein? Wenn ja, wie sollte das zu seiner Zufriedenheit bewiesen werden? Wie vor allem an diesem Ort, in dieser Räuberhöhle? Der Mann war zweifellos die Person, die Eugenie in der Nacht des versuchten Einbruchs als ihren Vater erkannt hatte, der Mann, den Monte-Cristo selbst so bestimmt als den ehemaligen Bankier bezeichnet hatte. Aber war es nicht wahrscheinlich, dass seine Frau und der Graf sich geirrt hatten? War es nicht wahrscheinlich, dass sie sich von einer eingebildeten Ähnlichkeit hatten täuschen lassen, als sie in einem Zustand der Erregung waren, der sie ihrer geistigen Kräfte beraubt hatte? Auf jeden Fall war er in das Caboulot gekommen, um mit Bouche-de-Miel zu experimentieren, und er würde nicht davor zurückschrecken, den Test vorsichtig anzuwenden.

Ihre Zigaretten waren nun aufgeraucht. Albert lud Bouche-de-Miel und Mange im Zuge seines Plans ein, an einem Tisch Platz zu nehmen und noch etwas Branntwein zu trinken. Sie nahmen die Einladung bereitwillig an, und bald tranken und plauderten die drei. Wiederholtes Zuspruch öffnete schließlich Bouche-de-Miels Lippen; er begann, vertraulich zu werden.

„Sie mögen mir nicht glauben, messieurs“, sagte er, „aber ich war nicht immer so, wie Sie mich jetzt sehen!“

Mange zwinkerte seinem Arbeitgeber triumphierend zu. Enthüllungen, die wichtig sein könnten, standen bevor. Vielleicht würde er doch noch die versprochene Belohnung verdienen. Morcerf hörte aufmerksam zu.

„Nein, sacre nom d’un chien, ich war nicht immer ein Zigue! Einst besaß ich immensen Reichtum, ich zählte mein Geld in Millionen! Ich hatte auch eine Stellung, und ich kann ohne Egoismus sagen, dass ich von den besten Leuten von Paris geehrt wurde!“

Er hielt inne und leerte ein weiteres Glas Branntwein.

„Was waren Sie?“, fragte Mange.

Albert wartete atemlos auf die Antwort auf diese Frage.

„Was ich war?“, wiederholte Bouche-de-Miel. „Sie können lachen, aber ich war ein Bankier!“

Morcerf konnte nicht verhindern, dass er zusammenzuckte. Der Vagabund, so halb betrunken er war, bemerkte es und fragte:

„Was ist mit dir, Fouquier? Glaubst du, die Lüge ist so gewaltig, dass du nicht stillsitzen kannst?“

Der junge Mann war froh, diese Interpretation seines Verhaltens anzunehmen; er führte sein Glas an die Lippen und sagte mit einem gezwungenen Lächeln:

„Nun, ich finde, Sie tragen etwas dick auf!“

„Nicht halb so dick, mon Dieu!“, rief Bouche-de-Miel und schlug mit solcher Wucht auf den Tisch, dass die Gläser beinahe herunterfielen. „Nicht halb so dick, sage ich Ihnen, messieurs, denn ich war ein Baron, genau wie ein Bankier!“

Albert stöhnte. Mange sah ihn mit funkelnden Augen an; er war sich nun sicher, dass das versprochene Geld in greifbare Nähe gerückt war, dass sein Zugriff bald darauf erfolgen würde. Seine erzwungene Nüchternheit, seit er im Dienst des Kapitäns stand, machte ihn begierig auf ein ausgedehntes, rücksichtsloses Gelage, erschreckend begierig, und sein vorsichtiger Konsum, seit er das Caboulot betreten hatte, hatte seinen verschlingenden Appetit auf Alkohol in einem Maße geschärft, dass er ihn mit dem reichlichen Angebot an Branntwein auf dem Tisch, fast direkt vor seinen Lippen, kaum unterdrücken konnte.

Bouche-de-Miel hörte Morcerfs Stöhnen nicht; seine trüben Augen starrten ins Leere, schienen in die Tiefen und Winkel der fernen Vergangenheit zu blicken. Der Kapitän urteilte, dass die Zeit gekommen war, das letzte, das krönende Geständnis von seinen Lippen zu locken. Er berührte ihn leicht am Arm. Der Mann drehte sich um und sah ihn fragend an. Morcerfs Herz klopfte wild; nur mit großer Mühe konnte er seine Erregung unter Kontrolle halten. Er überflog hastig die anderen Gäste des Raumes – einige waren sehr betrunken und stumpfsinnig, andere laut und ausfallend, aber alle waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten und Vergnügungen beschäftigt, um der kleinen Gesellschaft am Tisch auch nur die geringste Beachtung zu schenken; Waldmann und Siebecker schliefen an entgegengesetzten Enden einer Bank in einer Ecke. Bouche-de-Miel war unterdessen wieder in seine trübe Träumerei zurückgefallen. Albert berührte ihn erneut am Arm.

„Lass mich in Ruhe!“, sagte der Mann ungeduldig, ohne den Blick aus dem Leeren zu nehmen. „Kannst du einen Kerl nicht träumen lassen!“

„Baron Danglars!“, flüsterte Morcerf ihm ins Ohr.

„Eh? Was?“, rief Bouche-de-Miel, der mit einem Ruck in die Realität zurückkehrte, halb ernüchtert, als er diesen Namen hörte.

„Baron Danglars“, wiederholte der Kapitän in einem vorsichtigen Unterton, „ich kenne Sie!“

Der Mann erhob sich schwerfällig und unsicher; er ergriff Alberts Schulter krampfhaft.

„Sie sind ein Agent de la Sureté!“, zischte er. „Sie sind hierhergekommen, um mich zu verhaften!“

Die Aufmerksamkeit einiger der weniger betrunkenen Schurken wurde durch Bouche-de-Miels Verhalten geweckt, aber ihre Ohren hatten seine Worte inmitten des herrschenden Lärms nicht erfasst. Mange, mit seiner üblichen Schärfe und Schnelligkeit, sah, dass sofort etwas getan werden musste, um Alberts Begleiter zu beruhigen, sonst würden alle Schurken, die sich regen konnten, aufgeweckt werden und um sie herumströmen, um den vermeintlichen Agent de la Sureté zu erwürgen. Er stieß daher ein lautes Lachen aus und sagte zu Bouche-de-Miel:

„Sei kein Narr, alter Mann! Monsieur Fouquier gehört zur la rousse! Das ist ein guter Witz! ha! ha! Warum, er ist ebenso sehr in Gefahr, ins Violon zu kommen, wie du selbst! ha! ha!“

Er erhob sich, immer noch lachend, und nahm Bouche-de-Miel spielerisch am Kragen, wobei er ihn sanft zurück in seinen Stuhl drängte. Als er das tat, warf er einen Blick auf Beurre-Sans-Sel. Die nachlässige junge Frau hatte ihre Hand an der Schraube der riesigen Lampe, die über dem Tresen hing und die den Raum allein beleuchtete, bereit, sie auszudrehen und den ganzen Ort bei der ersten Alarmierung in Dunkelheit zu hüllen. Sie war offensichtlich an Polizeirazzien gewöhnt und wusste, wie sie in solchen Fällen zu handeln hatte. Manges Worte und seine Fröhlichkeit beruhigten sie jedoch, und sie zog ihre Finger von der Schraube zurück.

Aber Bouche-de-Miel war nicht ganz überzeugt. Er saß unruhig auf seinem Stuhl, Morcerf gegenüber, und musterte ängstlich sein Gesicht.

„Was meinten Sie damit, mich Baron Danglars zu nennen und zu sagen, dass Sie mich kennen?“, fragte er mit leiser, etwas zittriger Stimme.

Anstatt direkt auf diese Frage zu antworten, sagte der junge Mann langsam und halb flüsternd:

„Ich bin Albert de Morcerf, der Ehemann Ihrer Tochter Eugenie!“

„Was!“, rief Bouche-de-Miel. „Eugenie verheiratet – und zwar mit Ihnen!“

„Ja“, sagte der Kapitän, „das Schicksal hat uns nach einer langen und schmerzhaften Trennung wieder zusammengeführt.“

„Ich sah Eugenie im Haus des Grafen von Monte-Cristo, egal wie, egal wann. Was machte sie dort?“

„Monte-Cristo ist mit meiner Mutter Mercedes verheiratet, und wir leben bei ihm.“

„Bei ihm leben – Eugenie, meine Tochter, unter dem Dach des Mannes, der ihren Vater ruiniert und zu dem gemacht hat, was er ist!“

Bouche-de-Miel wurde vor Wut vollkommen bleich; er war nun völlig ernüchtert und alle seine bösen Instinkte hatten die volle Kontrolle über ihn.

„Ich werde ihr – oder Ihnen – niemals verzeihen!“, zischte er.

„Hören Sie mir zu“, sagte Albert mit relativer Ruhe. „Ich bin heute Nacht unter Einsatz meines Lebens hierhergekommen, um Ihnen Geld anzubieten, die Mittel zur Rehabilitation. Lassen Sie sich raten. Verlassen Sie diese Schurken, mit denen Sie sich eingelassen haben, und werden Sie wieder ein Mensch!“

„Ich weise sowohl Ihr Angebot als auch Ihren Rat zurück!“, sagte Bouche-de-Miel aufgeregt. „Sie sind Beleidigungen, da sie vom Stiefsohn Monte-Cristos kommen, meinem unerbittlichen Feind! Aber ich werde Rache an Ihnen nehmen und durch Sie an Edmond Dantès! Ho, Waldmann, Siebecker!“

Die beiden Deutschen erwachten, sprangen von ihrer Bank und rückten auf den Tisch zu.

Mange stieß ein Stöhnen der Verzweiflung aus. Er konnte jetzt nichts mehr tun, um die drohende Gefahr abzuwenden.

Bouche-de-Miel war aufgesprungen und hatte sich auf Albert de Morcerf gestürzt. Waldmann und Siebecker, die erkannten, dass etwas nicht stimmte und dies sofort mit dem angeblichen Monsieur Fouquier in Verbindung brachten, zogen lange, scharfkantige Messer, als sie vorstürmten.

Alle Diebe und Plünderer, die nüchtern genug waren, um zu stehen, waren nun auf den Beinen, bereit, sich auf den verdächtigen Mann zu stürzen. Waffen blitzten in alle Richtungen – Dolche, Messer und Pistolen. Laute Flüche und beleidigende Schimpfwörter waren von allen Seiten zu hören; es war ein perfektes Pandämonium, ein Babel böser Geräusche.

Inmitten all der Verwirrung und Gefahr verließ Mange seine Geistesgegenwart nicht. Da er sah, dass es zwecklos war, das aufgewühlte Rudel von Desperados zu beruhigen, entschloss er sich zu einer kühnen Maßnahme, einer, die es ihm ermöglichen würde, Kapitän de Morcerf zu retten und gleichzeitig seinen Ruf bei den kriminellen Stammgästen des Caboulot zu wahren, mit denen er aus eigenen Gründen auf gutem Fuß stehen wollte. Er rannte zum Tresen, wo Beurre-Sans-Sel bereits ihre Hand an der Schraube der Hängelampe hatte, darauf wartend, dass die Ereignisse darüber entschieden, welche Aktion sie ergreifen sollte. Er lehnte sich über den Tresen und flüsterte dem Mädchen zu:

„Beurre-Sans-Sel, ich habe mich in Monsieur Fouquier getäuscht. Er hat mich getäuscht. Er sagte mir, er sei aus Dijon. Er entpuppt sich als Pariser und als Agent de la Sureté. Er hat sich verraten. Weitere Agenten sind auf dem Weg! Sie werden jeden Augenblick hier sein! Licht aus!“

Das Mädchen zögerte keine Sekunde; sie gab der Schraube eine schnelle Drehung und das Caboulot war augenblicklich so dunkel wie ein Grab.

Nachdem er dieses Manöver ausgeführt hatte, sprang Mange an Albert de Morcerfs Seite und versetzte Bouche-de-Miel einen vernichtenden Schlag ins Gesicht, der ihn dazu brachte, den Griff um den jungen Mann zu lockern. Dann ergriff er seinen Arbeitgeber mit seinen kräftigen Armen, hob ihn hoch, als wäre er ein Kind, und rannte mit ihm zur Vordertür; diese öffnete er und sprang mit seiner Last auf die Straße.

„Lauf jetzt um dein Leben!“, rief er und setzte den jungen Mann auf den Gehweg.

Damit rannte er in rasendem Tempo los, dicht gefolgt von Morcerf. Sie hielten nicht eher an, als bis sie die Rue de Provence erreicht hatten, wo sie im Glanz der Lichter, inmitten der Scharen ehrbarer Bürger, sicher waren.

KAPITEL XIV.

ZULEIKA UND MME. MORREL.

Eine ziemlich lange Zeit war seit dem plötzlichen Aufbruch des Vicomte Massetti aus Paris verstrichen, aber Zuleika war immer noch in völliger Unkenntnis über seinen Aufenthaltsort und seine Handlungen. Er war in Rom, daran hatte sie nicht den geringsten Zweifel. Sie war ebenso überzeugt, dass sein Auftrag dort darin bestand, seine Unschuld an dem schrecklichen Verbrechen zu beweisen, das ihm von Luigi Vampa zur Last gelegt wurde, und Beweise zu erlangen, die ihn in den Augen ihres Vaters und ihr selbst, wenn nicht gar vor der ganzen Welt, reinwaschen würden. Warum schrieb er also nicht, warum gab er ihr kein Zeichen, das sie verstehen würde? Sein Schweigen entmutigte das junge Mädchen, erfüllte sie mit Unbehagen. Es schien darauf hinzudeuten, dass er keinen Erfolg gehabt hatte, dass er nicht in der Lage gewesen war, den Makel von seinem Ruf zu tilgen. Wenn das so war, würde sie ihn niemals wiedersehen, denn Giovanni war zu stolz, um wieder vor ihr mit einem entehrten Namen und einem besudelten Ruf zu erscheinen. Dieser Gedanke war Folter, und Monte-Cristos Tochter fühlte, dass sie nicht leben könnte, sollte ihr Geliebter sie verlassen.

Als die Tage vergingen, ohne ein Wort der Nachricht vom Vicomte, nahmen Zuleikas Ängste größere Gestalt und Gewicht an. Sie wurde traurig, unsagbar traurig; ihr Blick verlor seinen Glanz, ihre Stimme ihren fröhlichen Ton und ihr Schritt seine Elastizität. Die Blüte verblasste von ihren jugendlichen Wangen und wich einer aschfahlen Blässe. Sie interessierte sich nicht mehr für ihre gewohnten Beschäftigungen und Vergnügungen und saß oft stundenlang mit gekreuzten Händen auf ihrem Schoß, beherrscht von traurigen und düsteren Vorahnungen.

Mercedes bemerkte ihren Zustand und, da sie die eigentliche Ursache kannte, bemühte sie sich mütterlich, sie aufzumuntern und zu trösten, jedoch ohne Erfolg. Sie sprach mit dem Grafen darüber und bat ihn, seinen Einfluss zu nutzen, um sein Kind aufzuheitern, aber Monte-Cristo schüttelte nur den Kopf und sagte, sie müssten auf die lindernde Kraft der Zeit vertrauen, die letztendlich ihre Arbeit tun würde. Esperance bemitleidete seine Schwester aufrichtig, enthielt sich aber der Einmischung, da er genau wusste, dass nichts, was er sagen könnte, von Nutzen wäre. Albert de Morcerf, seine Frau und Mlle. d'Armilly, die von Zuleikas Liebesaffäre und dem dunklen Schatten, der darauf gefallen war, erfahren hatten, empfanden eine Zurückhaltung, das Thema anzusprechen, und hielten sich daher fern; außerdem waren sie zu sehr von den Umständen niedergedrückt, unter denen Danglars wiederaufgetaucht war, um einen aufheiternden Einfluss ausüben zu können.

Als Mercedes aus Marseille zurückkehrte, wurde sie von Maximilian und Valentine Morrel begleitet, die sofort das Herrenhaus in der Rue du Helder aufsuchten und dem Grafen von Monte-Cristo, ihrem Wohltäter, ihre Aufwartung machten. Sie hatten die Absicht, nur einen kurzen Besuch abzustatten und während ihres Aufenthalts in Paris in jenem berühmten Domizil für Fremde, dem Grand Hôtel du Louvre in der Rue de Rivoli neben dem Palais Royal, zu wohnen, aber Monte-Cristo wollte davon nichts hören und bestand darauf, dass der junge Soldat und seine Frau seine Gäste sein und seine Gastfreundschaft genießen sollten. Sie waren nicht abgeneigt, dieser angenehmen Vereinbarung zuzustimmen, da sie ihnen ermöglichen würde, ungestört die Gesellschaft ihrer liebsten Freunde zu genießen.

Mme. Morrel nahm sofort ein tiefes Interesse an Zuleika. Sie sah, dass ein Kummer schwer auf dem jungen Mädchen lastete, und da sie richtig vermutete, dass die zärtliche Leidenschaft viel damit zu tun hatte, bemühte sie sich sofort, ihr ein gewisses Vertrauen einzuflößen, das ausreichen würde, um Offenbarungen herbeizuführen. Mme. Morrel wurde dabei nicht von Neugier getrieben. Ihr Motiv war durchaus lobenswert; sie wollte dem Grafen von Monte-Cristo dienen, etwas tun, um ihre Dankbarkeit für die überwältigenden Wohltaten zu zeigen, die er in der Vergangenheit ihr und ihrem Ehemann erwiesen hatte, und konnte sich keinen besseren oder wirksameren Weg vorstellen, als Zuleika zu entlasten. Sie machte sich daher umgehend an ihre lobenswerte, aber schwierige Aufgabe, entschlossen, die Rosen auf die Wangen des jungen Mädchens zurückzubringen und ihrem traurigen und niedergeschlagenen Herzen Hoffnung zu geben.

Sie begann damit, jede weibliche Kunst anzuwenden, um Zuleika dazu zu bringen, sie zu lieben und sie als Freundin der Freundinnen zu betrachten. In diesem ersten Schritt war sie sogar über ihre kühnsten Erwartungen hinaus erfolgreich. Von Anfang an fühlte sich Monte-Cristos Tochter zu ihr hingezogen, und es bedurfte nur sehr geringer Anstrengung von Mme. Morrels Seite, sie vollständig für sich zu gewinnen. Valentines Wesen war so süß und ihre Anteilnahme so aufrichtig, dass Zuleika nicht anders konnte, als sie zu lieben; außerdem prädestinierte die romantische Geschichte ihrer Liebe zu Maximilian und die schrecklichen Prüfungen, die sie durchlebt hatte, bevor sie durch Monte-Cristos mächtigen Einfluss mit ihm vereint wurde – womit sie bestens vertraut war – Giovannis Verlobte dazu, sie als eine Frau zu betrachten, der sie ihr Herz öffnen konnte und von der sie höchsten Trost, wenn nicht gar Entlastung, erfahren konnte. Valentines schneller und durchdringender Blick las in dem jungen Mädchen wie in einem offenen Buch, und sie zögerte nicht, die Vorteile zu nutzen, die sie erlangte.

Die Dinge gingen so seit einigen Tagen, als Mme. Morrel eines Abends Zuleika einen Spaziergang im Garten vorschlug, um die Angelegenheit zu einer Entscheidung zu bringen. Sie stimmte dem Vorschlag gerne zu, und bald schlenderten sie im Mondschein inmitten der duftenden Blumen und jahrhundertealten Bäume. Es war eine schwüle Nacht, aber es wehte eine angenehme Brise, die die Wangen von Valentine und ihrer jungen Begleiterin angenehm kühlte. Mme. Morrel hatte ihren Plan gereift, aber Zuleika selbst kam ihr unerwartet zu Hilfe und half ihr, ihn sofort und praktisch umzusetzen.

Nachdem sie eine kurze Strecke gegangen waren, setzten sie sich in einen prächtigen Pavillon oder ein Sommerhaus am Ende des Gartens. Es war aus weißem Stein erbaut, wobei die Wände von mehreren hohen Torbögen durchbrochen waren, die sowohl als Fenster als auch als Türen dienten. Efeu und andere rankende Pflanzen kletterten an der Außenseite empor, krochen durch die Torbögen und bildeten für die Decke ein grünes Blätterdach, das für das Auge, das den Staub und die Trockenheit der von der Sommersonne versengten Straßen überdrüssig war, äußerst einladend und erfrischend wirkte. Draußen standen mehrere große Silberahornbäume und zahlreiche Ziersträucher. Mme. Morrel rückte auf der rustikalen Bank, die sie einnahmen, dicht an Zuleika heran, nahm die Hand des jungen Mädchens und sagte mit sanfter Stimme zu ihr:

„Dies ist ein herrlicher Ort, mein Kind.“

„Ja“, antwortete Monte-Cristos Tochter, „er ist in der Tat herrlich. Wenn ich hier bin, habe ich immer das Gefühl, als könnte ich mein ganzes Herz in den Busen einer treuen Freundin ausschütten.“

„Tun Sie dies in diesem Fall, meine Liebe“, sagte Mme. Morrel überzeugend. „Ich darf mich wohl als eine treue Freundin bezeichnen, ebenso wie als eine verschwiegene.“

„Ich glaube Ihnen“, erwiderte Zuleika. „Seit Sie in unserem Hause sind, habe ich das so empfunden und mich danach gesehnt, Sie zu meiner Vertrauten zu machen, doch habe ich gezögert, einen solchen Schritt zu tun, aus Furcht, Sie mit Sorgen zu belasten, die Sie bedrücken könnten.“

„Hegen Sie in dieser Hinsicht also keine weiteren Befürchtungen, sondern sprechen Sie offen und in der Gewissheit, dass Sie in Ihrem Kummer, was immer er auch sein mag, in mir eine aufrichtige Anteilnehmende und Trösterin finden werden.“

Zuleika nahm Valentines Hand und sagte, während sie ihr mit tränenden Augen ins Gesicht blickte:

„Sie haben bemerkt, dass ich Sorgen hatte, Mme. Morrel?“

„Ja; wie hätte ich das nicht können? Aber ich habe noch mehr getan; ich habe ihre Ursache erraten!“

Zuleika fuhr leicht zusammen.

„Ihre Ursache erraten, Mme. Morrel?“

„Ja“, antwortete Valentine. „Sie sind verliebt!“

Das junge Mädchen errötete, schien aber erleichtert. Mme. Morrel hatte ihre Liebe erraten, hatte erraten, dass ihr Kummer daraus entsprang, doch hatte sie nicht die Natur des Schattens erraten, der ihr aufblühendes Leben trübte und sie mit Gram und Besorgnis erfüllte.

„Zuleika“, fuhr Valentine mit der größten Zärtlichkeit und Rücksichtnahme fort, „auch ich habe geliebt, tief und verzweifelt; auch ich habe all die bitteren Qualen verspürt, die aus einer Trennung erwachsen; doch habe ich meinen Traum schließlich verwirklicht, und die Schatten, die mich umgaben, wurden durch den gesegneten Sonnenschein der Vereinigung und des Glücks hinweggefegt. Vertrauen Sie sich mir an, mein Kind. Wenn ich Ihre Schatten nicht von Ihnen nehmen kann, so kann ich Ihnen doch wahres Mitgefühl und den Trost schenken, den es gewährt.“

„Sie werden mir willkommen sein, unsagbar willkommen, Madame“, antwortete Zuleika zitternd.

„Dann erzählen Sie mir alles.“

„Ich kann es nicht, Madame; ich habe kein Recht dazu; aber ich kann Ihnen genug sagen, um Ihr Herz zu zerreißen, um Ihnen zu zeigen, wie unglücklich ich bin.“

„Mein armes Mädchen, ich verstehe und würdige Ihre Skrupel. Sie möchten Ihren Geliebten nicht gefährden, und Sie haben recht. Ihre Entscheidung gereicht Ihnen zur Ehre. Ist der Mann, den Sie lieben, in Paris?“

„Leider nein! Ich glaube, er ist in Rom.“

„Dann wissen Sie nicht mit Sicherheit, wo er sich aufhält?“

„Nein, Madame.“

„Missbilligt Ihr Vater seine Werbung?“

„Zu Beginn nicht, doch sind seither sehr schmerzliche Umstände eingetreten, die ihn dazu veranlasst haben, seinen Entschluss zu ändern oder zumindest seine Zustimmung in der Schwebe zu lassen. Dennoch glaube ich, er ist überzeugt, dass Giovanni die schreckliche Anschuldigung, die gegen ihn erhoben wurde, entkräften kann und wird.“

„Giovanni? Ihr Geliebter ist also ein Italiener?“

„Ja, der Vicomte Giovanni Massetti.“

„Sie haben ihn hier in Paris kennengelernt?“

„Nein, Madame; in Rom.“

„Und Sie glauben, er ist dorthin gegangen, um sich von der Anschuldigung reinzuwaschen, die Sie erwähnen?“

„Ja, Madame. Er kam nach Paris, um um meine Hand anzuhalten, verschwand aber plötzlich, nachdem die schreckliche Anschuldigung erhoben worden war. Ich habe seither nichts mehr von ihm gehört, und sein Schweigen lastet auf mir wie Blei.“

„Das wundert mich nicht; aber vielleicht wartet er nach alledem nur auf eine vollständige Rehabilitierung und möchte nicht schreiben, bevor er alles zufriedenstellend geregelt hat. Ich frage Sie nicht nach der Art der Anschuldigung, Zuleika, und würde Ihnen nicht erlauben, sie mir zu nennen, selbst wenn Sie dazu geneigt wären. Aber beantworten Sie mir eine Frage. Sie haben vollkommenes Vertrauen in Giovannis Unschuld, nicht wahr?“

„Das habe ich, Madame.“

„Sie sind sicher, dass er Sie liebt, dass er nicht mit Ihren Zuneigungen gespielt hat?“

„Ich bin sicher, Madame.“

„Er ist jung, nicht wahr?“

„Ja, Madame, er ist jung.“

„Zweifellos war sein Fehler, was auch immer es gewesen sein mag, lediglich eine seinen Jahren geschuldete Unbesonnenheit, die von den Zungen des Neides und des Klatsches übertrieben wurde und ungebührliche Ausmaße angenommen hat. Wenn dem so ist, wird er es wiedergutmachen und zu Ihnen zurückkehren. Wenn er vollkommen unschuldig ist, wie Sie überzeugt sind, wird er Himmel und Erde in Bewegung setzen, um sich in den Augen Ihres Vaters und in Ihren zu rechtfertigen. Liebe ist mächtig, Zuleika, und wird Wunder vollbringen. Vertrauen Sie Giovanni und vertrauen Sie dem Himmel! Es wird sich noch alles zwischen Ihrem Geliebten und Ihnen zum Guten wenden!“

„Wäre mir doch so zumute, Madame, aber das kann ich nicht!“

„Und warum, bitte?“

„Weil Giovanni in Rom und dessen Umgebung offensichtlich mächtige Feinde hat, die zweifellos in diesem Augenblick gegen ihn arbeiten und all ihre Anstrengungen darauf verwenden, ihn am Erfolg seiner Mission zu hindern.“

„Was lässt Sie glauben, dass er solche unerbittlichen Feinde hat?“

„Ein Brief, den mein Vater aus Rom als Antwort auf Nachforschungen erhielt, die er angestellt hatte, und die Illusion – es muss eine Illusion sein –, der mein Bruder Esperance in Bezug auf Giovanni unterliegt.“

„Ihr Bruder Esperance! Er glaubt also an die Schuld des jungen Massetti?“

„Leider ja; er glaubt fest daran und bezeichnet den Vicomte als den schlimmsten aller Schurken.“

„Hat er Ihnen die Gründe für seinen Glauben genannt, hat er sie Ihrem Vater gegenüber dargelegt?“

„Er hat sich nur in vagen, geheimnisvollen Anspielungen ergangen; ein Schweigegelübde, so scheint es, hindert ihn daran, sich offen auszusprechen.“

„Ein Schweigegelübde?“

„Ja, und Giovanni ist ebenfalls gleichermaßen gebunden.“

„In der Tat! Welchen Ruf genießt Ihr Geliebter in Rom?“

„Einen allerbesten; er gilt dort als der Inbegriff der Ehre.“

„Außer bei seinen Feinden. Soweit so gut. Kennen Sie den Stand seiner Familie?“

„Sie ist eine der ältesten, angesehensten, aristokratischsten und wohlhabendsten in der Ewigen Stadt.“

„Ein weiterer starker Punkt zugunsten des jungen Mannes. Zuleika, ich bin überzeugt, dass das Geheimnis, das Ihren Geliebten umgibt, gelüftet werden kann; aber ich bin auch überzeugt, dass er Hilfe braucht, die Hilfe von Personen, die zutiefst an Ihnen interessiert sind, die Ihr Wohlergehen am Herzen tragen und Ihr Glück wie ihr eigenes schätzen.“

„Doch solche Personen sind nicht zu finden, Madame. Natürlich sind mein Vater und mein Bruder zutiefst an mir interessiert, haben mein Wohlergehen am Herzen und wünschen mich glücklich zu sehen. Sie sind jedoch nicht bereit, Giovanni zu helfen, mein Bruder aus Gründen, die er für sich behält, und mein Vater, weil er denkt, der Vicomte solle seine Rehabilitierung selbst bewirken. Nein, Madame, solche Personen, wie Sie sie erwähnen, sind nicht zu finden.“

„Sie können gefunden werden, Zuleika, und Sie werden nicht weit nach ihnen suchen müssen!“

Mme. Morrel betrachtete Monte-Cristos Tochter mit Begeisterung in ihren schönen Augen. Das Mädchen wusste nicht, wie sie sie verstehen sollte.

„Sie meinen doch sicher nicht Albert de Morcerf und Eugenie?“, sagte sie.

„Nein“, antwortete Valentine. „Sie lieben Sie zweifellos, doch die nötige Hilfe ist von ihnen nicht zu erhalten.“

„Gewiss spielen Sie nicht auf Mlle. d’Armilly oder Ali, den ergebenen nubischen Diener meines Vaters, an?“

„Nein, auf sie spiele ich nicht an!“

„Wen meinen Sie dann?“

„Können Sie nicht raten, Zuleika?“

Ein plötzlicher Gedanke kam Zuleika und erfüllte sie mit äußerstem Erstaunen.

„Sie können doch nicht sich selbst und Ihren Ehemann meinen, Mme. Morrel?“, japste sie.

„Und warum nicht, mein Kind?“, antwortete Valentine sanft. „All die Hilfe, die wir Ihnen erweisen können, wird nur eine schwache, unzureichende Erwiderung auf das sein, was Ihr Vater für uns getan hat. Er rettete mich vor dem Tod, zog die selbstmörderische Pistole aus Maximilians Hand, tröstete uns in der Zeit unserer dunkelsten Verzweiflung und brachte uns schließlich nach einer Trennung, die selbst M. Morrel für ewig hielt, wieder zusammen, während er uns gleichzeitig Reichtümer in die Hand gab, die ausreichten, uns vollkommen unabhängig von den Zufällen und Katastrophen dieser Welt zu machen. Außerdem war er zuvor der Wohltäter von M. Morrels Vater und rettete auch ihn vor dem Selbstmord, einem Selbstmord, den er als das einzige Mittel zur Vermeidung schrecklicher Schande beschlossen hatte. Sie sehen, Zuleika, dass wir reichlich Motive haben, Ihnen zu helfen.“

„Oh! Madame – Valentine – Sie überwältigen mich vollkommen! Wie kann ich Ihnen meine Dankbarkeit zeigen?“

„Indem Sie mein Angebot annehmen!“

Diese Worte wurden von einem Blick von unsagbarer Zärtlichkeit und Aufrichtigkeit begleitet. Sie brachten Zuleika augenblicklich Hoffnung ins Herz. Sie brach in einen Strom von Tränen aus, doch waren es Freudentränen. Dennoch zögerte sie. Was würde ihr Vater sagen, wenn sie Mme. Morrels großmütigen Vorschlag annahm?

„Nehmen Sie an, Zuleika?“, fuhr Mme. Morrel fort.

„Ich danke Ihnen aus tiefster Seele, Madame; aber ich kann das Opfer nicht annehmen, das Sie und Ihr gütiger, aufrechter Ehemann für mich bringen würden! Mein Vater würde mich tadeln, würde mir nie verzeihen, dass ich einen solchen egoistischen Weg eingeschlagen habe!“

„Überlassen Sie Ihren Vater mir, mein Kind.“

„Oh! Madame! Ihr Angebot annehmen, ohne ihn zu fragen?“

„Es gibt keine Notwendigkeit, ihn zu fragen, es gibt keinen Grund, warum er vorerst überhaupt irgendetwas von der Angelegenheit wissen müsste. Es wird früh genug sein, ihm zu sagen, was wir getan haben, wenn unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind. Sollten wir unglücklicherweise scheitern, ein Gedanke, den ich keinen Augenblick hegen kann, wird es gar keinen Anlass geben, ihm überhaupt etwas zu sagen.“

In diesem Augenblick hörte man in der Ferne eine Männerstimme rufen:

„Valentine, Valentine, wo bist du?“

„Das ist Maximilian“, sagte Mme. Morrel zu Zuleika. „Er kommt sehr gelegen!“ Dann erhob sie ihre Stimme und antwortete ihm: „Hier, Maximilian, hier, im Sommerpavillon am Ende des Gartens!“

Der Ehemann eilte zum Ort des Geschehens, und Valentine, die ihn bat, sich neben sie und Monte-Cristos Tochter zu setzen, erzählte ihm alles, was sie gerade erfahren hatte. Sie teilte ihm auch das Angebot mit, das sie Zuleika gemacht hatte, und fügte hinzu:

„Sie werden zustimmen, das weiß ich, Maximilian!“

„Gerne“, antwortete der junge Soldat. „Hätten Sie den Vorschlag nicht gemacht, ich hätte ihn selbst gemacht!“

„Dann müssen wir Zuleika nur noch dazu bewegen, uns zu ermächtigen, zu handeln. Das arme Kind zögert jedoch aus Furcht vor dem Missfallen des Grafen.“

„Sie braucht uns nicht zu ermächtigen“, sagte Maximilian schnell. „Wir werden die volle Verantwortung für den Schritt übernehmen! Aber es wird notwendig sein, dass sie uns mehr Vertrauen schenkt, uns die Daten gibt, auf denen wir unsere Pläne aufbauen können. Ich werde Empfehlungsschreiben an den Vicomte Massetti besorgen, und sobald ich mit ihm bekannt bin, wird der Rest ein Leichtes sein.“

Später in dieser Nacht erzählte Zuleika Mme. Morrel alles ohne Vorbehalt und gab ihr sogar eine kleine Notiz für Giovanni, in der stand, dass Valentine und Maximilian ihre liebsten Freunde seien und eigens nach Rom gekommen seien, um ihm bei seinen Schwierigkeiten zu helfen.

Eine Woche nach dem bedeutsamen Gespräch im Pavillon machten sich M. und Mme. Morrel auf den Weg nach Italien. Sie informierten ihre Freunde in der Villa in der Rue du Helder, dass sie beabsichtigten, einige Zeit abwesend zu sein, enthielten sich jedoch jedes auch nur leisesten Hinweises auf den Zweck ihrer Reise.

KAPITEL XV.

EINE UNERWARTETE BEGEGNUNG.

Eines Morgens, kurz nach der Abreise der Morrels nach Rom, fuhr der Graf von Monte-Cristo in seinem eleganten Barouche, der von einem Paar temperamentvoller, edler Rappen gezogen wurde, die Champs-Élysées entlang, als sein Vorwärtskommen in der Nähe des Rond-point plötzlich durch eine große, tumultartige Menschenmenge gehemmt wurde. Er lehnte sich aus seiner Kutsche, fragte einen Arbeiter nach der Ursache der ungewöhnlichen Aufregung und erfuhr, dass zwei Italiener wegen Diebstahls verhaftet worden waren und von ein paar Gardiens de la Paix zur Wache des Viertels gebracht wurden. Er maß dem Umstand keine Bedeutung bei und wartete ruhig auf eine Gelegenheit, weiterzufahren, als sich die Menge um den Barouche öffnete und die Beamten mit ihren Gefangenen erschienen. Der Graf war nicht sonderlich interessiert, warf aber dennoch einen flüchtigen Blick auf die Übeltäter, die lautstark in gebrochenem, kaum verständlichem Französisch ihre Unschuld beteuerten und heftigen Widerstand leisteten. Sie waren derb in blauen Kitteln gekleidet und trugen Filzhüte, die tief ins Gesicht gezogen waren und ihre Züge verbargen. Einer der Männer in Gewahrsam packte eine Speiche des Rades von Monte-Cristos Gefährt und hielt sie mit einer solchen eisernen Festigkeit, dass alle Bemühungen des Polizisten, der ihn bewachte, scheiterten, seinen Griff zu lösen. Der Graf befahl Ali, der als Kutscher fungierte, ihm die Zügel zu übergeben, abzusteigen und dem Gardien zu helfen.

Beim Klang seiner Stimme blickte der Mann, der die Speiche ergriffen hatte, auf und rief, ohne seinen Griff zu lockern, auf Italienisch:

„Legen Sie ein gutes Wort für mich ein, Exzellenz! Der Graf von Monte-Cristo sollte über die Schergen des französischen Gesetzes genauso viel Macht haben wie über Luigi Vampa und seine Bande!“

Dieser Ausruf verblüffte und erschreckte den Grafen, so seltsam und unerwartet war er. Er blickte durchdringend auf den Übeltäter, der ihn ausgestoßen hatte, doch blieb seine Prüfung ohne Wiedererkennen.

„Wer sind Sie?“, fragte er, sobald es seine Überraschung ihm erlaubte zu sprechen, wobei er ebenfalls die italienische Sprache gebrauchte. „Sie sind mir völlig fremd, doch kennen Sie meinen Namen und scheinen mit einigen meiner Taten in der Vergangenheit vertraut zu sein. Wer sind Sie?“

„Ich bin Peppino“, antwortete der Mann, ohne die Augen vom Grafen abzuwenden. „Mein Gefährte, der dort fortgeschleppt wird, ist Beppo.“

„Peppino? – Beppo?“, sagte der Graf nachdenklich. „Sicher habe ich diese Namen schon einmal gehört, aber sie sind in Italien gebräuchlich, besonders in Rom, und ich war häufig dort. Seien Sie deutlicher, Mann.“

„Das werde ich“, erwiderte der Italiener. „Ich bin der Peppino, der Ihnen so gute Dienste leistete, als Luigi Vampa den französischen Bankier Danglars auf Ihr Geheiß in Gefangenschaft hielt. Was Beppo betrifft, so können Sie ihn nicht vergessen haben; auch er war zu jener Zeit Mitglied von Vampas Bande.“

„Ja“, sagte Monte-Cristo, „ich erinnere mich jetzt an euch beide, aber was kann ich für euch tun? Paris ist grundverschieden von Rom, und mein Einfluss auf die französische Polizei ist keineswegs mit dem zu vergleichen, den ich zur Zeit, von der Sie sprechen, über Vampa und seine Briganten ausübte.“

„Die Macht des Grafen von Monte-Cristo ist überall auf der ganzen Welt unbegrenzt“, entgegnete der Mann, dessen aufgehelltes Gesicht deutlich den Grad seines Vertrauens zeigte. „Ein Wort von ihm wird sowohl Beppo als auch mich befreien. Sprechen Sie dieses Wort, Exzellenz, und setzen Sie uns frei!“

Ali hatte davon abgesehen, sich einzumischen, als er dieses sonderbare Gespräch hörte, das er voll und ganz verstand. Er wartete auf weitere Befehle seines Herrn.

Der Polizist wurde ungeduldig, schüttelte den Italiener grob und sagte zu ihm:

„Kommen Sie jetzt, lassen Sie die Speiche los und fügen Sie sich. Sehen Sie denn nicht, dass Sie den Grafen von Monte-Cristo belästigen? Seine Exzellenz wird nichts für einen solchen Schurken wie Sie tun. Kommen Sie, lassen Sie die Speiche los, sage ich!“

Peppino gehorchte jedoch nicht und fuhr fort, den Grafen anzuflehen, zugunsten von Beppo und seiner selbst einzugreifen. Schließlich, durch Monte-Cristos Untätigkeit zur Verzweiflung getrieben, rief er ihm zu:

„Wenn Ihre Exzellenz nichts ohne Gegenleistung für uns tun wird, so will ich diese Gegenleistung erbringen; ich werde Ihnen im Tausch für Ihre Bemühungen zu unseren Gunsten alles verraten, was ich über die schwarze Verschwörung gegen den Vicomte Giovanni Massetti weiß!“

Der Graf war von dieser Rede sichtlich bewegt. Er starrte Peppino an, als hätte er nicht recht gehört.

„Der Vicomte Giovanni Massetti! Eine schwarze Verschwörung gegen ihn! Was meinen Sie damit?“, erkundigte er sich schnell.

„Genau das, was ich sage, Exzellenz“, antwortete der Italiener. „Ich weiß, dass der Vicomte den Palazzo Costi in Rom besuchte, als Sie ihn mit Ihrer Familie bewohnten, und dass er sich in Ihre Tochter verliebte. Ich kenne auch die Einzelheiten eines Komplotts, durch das ein Netz erdrückender Umstände um ihn gewoben wurde, mit der Absicht, ihn unter einer Last von Schande, Unehre und sogar Verbrechen zu begraben! Ich kann diese Einzelheiten enthüllen und werde es tun, wenn Sie meinem Gefährten und mir bei unserer gegenwärtigen Schwierigkeit helfen. Interessiere ich Sie, Signor Conte?“

„Unendlich“, antwortete Monte-Cristo, während sein Gesicht einen ernsten Ausdruck annahm. „Gehen Sie ruhig mit dem Gardien zur Wache. Ich werde unmittelbar folgen und sehen, was sich tun lässt.“

„Ja, Exzellenz“, sagte Peppino unterwürfig, ließ die Speiche los und erlaubte dem Polizisten, ihn ohne weiteren Widerstand fortzuführen. Unterdessen waren Beppo und der Beamte, in dessen Gewahrsam er sich befand, in der Ferne verschwunden.

Diejenigen, die nah genug am Barouche des Grafen waren, um diese außergewöhnliche Szene mitanzusehen, waren sehr erstaunt, dass sich ein so berühmter Charakter wie der redegewandte Abgeordnete aus Marseille herabließ, auf offener Straße mit einem Übeltäter zu sprechen, aber ihr Erstaunen steigerte sich unermesslich, als sie den Einfluss sahen, den der berühmte Redner auf den verkommenen Italiener ausübte. Sie hatten das Gespräch nicht verstehen können, doch die Wirkung von Monte-Cristos letzten Worten schien ihnen fast wie ein Wunder, und sie erfüllten die Luft mit lautem und enthusiastischem Jubel.

„Es lebe der edle Graf von Monte-Cristo! Es lebe der Abgeordnete aus Marseille, der Freund des Volkes!“, wurde von allen Seiten gerufen.

Weiter hinten wurde der Ruf aufgegriffen und wiederholt, sodass er weit entlang der breiten und schönen Champs-Élysées hallte!

Monte-Cristo erhob sich in seinem Barouche, nahm seinen Hut ab und stand entblößten Hauptes da, während er sich vor dem aufgeregten Volk verneigte.

Dies war das Signal für neuen und herzlicherem Jubel. Doch nachdem die Verbrecher abgeführt worden waren, begann sich die Menge bald zu zerstreuen. Schließlich war die Straße frei, und das Gefährt des Grafen konnte weiterfahren. Ali hatte teilnahmslos den Kutschersitz wieder eingenommen und setzte auf ein Nicken seines geliebten Herrn die temperamentvollen Pferde entlang der riesigen Allee in Bewegung. Als die edlen Rappen mit stolz gewölbten Hälsen dahingaloppierten, beugte sich der Graf vor und sagte zu Ali:

„Fahr sofort zur Wache des Viertels.“

Der Nubier wendete geschickt die Tiere, und nach wenigen Minuten hatte Monte-Cristo sein Ziel erreicht.

An der Tür der Wache empfing ihn ein Gardien, der ihn bei der Nennung seines Namens unterwürfig zum diensthabenden Beamten führte. Letzterer, ein kleiner, entschlossen aussehender Mann mit gezwirbeltem grauen Schnurrbart und grauem Haar, das fast senkrecht auf seinem kleinen runden Kopf stand, erkannte seinen illustren Besucher auf den ersten Blick. Er erhob sich hastig von dem Schreibtisch, an dem er saß und mit der Durchsicht der Berichte seiner Untergebenen beschäftigt war, und bot ihm höflich einen Stuhl an. Dann fragte er unterwürfig:

„Wem verdanke ich eine so ausgezeichnete Ehre wie den Besuch des Grafen von Monte-Cristo?“

„Monsieur“, antwortete der Graf, während er den angebotenen Sitzplatz einnahm, „zwei Italiener wurden vor kurzem auf den Champs-Élysées verhaftet und hierher gebracht.“

„Ja“, sagte der Chef der Wache, „und große Schurken sind sie zudem! Wir beschatten sie schon seit geraumer Zeit, konnten sie aber bis heute nie bei einer direkten Tat ertappen. Sie gehören einer sehr gefährlichen Bande von Herumtreibern an, die von einem gerissenen Deutschen namens Waldmann angeführt wird, dessen Hauptquartier sich in einem elenden Schlupfwinkel in der Cité d’Antin befindet.“

„Wessen werden diese Italiener beschuldigt, das heißt, was ist die gegenwärtige spezifische Anschuldigung gegen sie?“

„Sie wurden dabei erwischt, wie sie in der Menge, die sich um ein Marionettentheater drängte, Taschen stahlen.“

„Sind die Beweise gegen sie schlüssig?“

„Sie sind es.“

„Das ist unglücklich“, sagte der Graf, „da einer von ihnen im Besitz von Informationen von größter Wichtigkeit für mich ist. Er hat teilweise Enthüllungen gemacht, setzt aber als Preis für ein vollständiges Geständnis mein Eingreifen zugunsten seiner selbst und seines Kameraden im Verbrechen fest. Was lässt sich tun?“

„Ich sehe nicht“, antwortete der Chef ratlos. „Es ist mir unmöglich, die Männer laufen zu lassen.“

„Aber gibt es nicht irgendeinen Weg, auf dem ich eine Milderung ihrer Strafe erreichen könnte?“

„Oh! Was das betrifft, ja“, sagte der Beamte und hellte sich auf. „Wenn Sie mit dem Procureur de la République sprechen würden, bin ich sicher, dass er Ihnen das Mindeststrafmaß in solchen Fällen gewähren würde. Vielleicht“, fügte er hinzu, als ihn ein plötzlicher Gedanke traf, „könnte er sogar dazu bewogen werden, die Anklage nicht weiterzuverfolgen, woraufhin die Männer entlassen würden.“

„Danke, Monsieur“, sagte der Graf, indem er aufstand. „Ich werde ohne Verzug nach Ihrem weisen Rat handeln. Aber können Sie mir einen kleinen Gefallen erweisen? Können Sie mir eine kurze Unterredung mit dem Mann gestatten, der sich Peppino nennt?“

„Zweifellos“, antwortete der Chef mit herzlicher Stimme, „und ich werde sehr froh sein, dies zu tun, wenn es Ihnen irgendwie hilft.“

„Es wird mir ermöglichen, dem Mann zu versichern, dass ich tätig bin und einige Hoffnung auf Erfolg habe.“

„Dann folgen Sie mir.“

Der Chef, der aus Respekt vor dem Grafen stehen geblieben war, nahm einen großen Schlüssel von einem Brett hinter seinem Schreibtisch und öffnete eine Tür, die in einen langen, schwach beleuchteten Korridor führte. Monte-Cristo folgte ihm durch diesen düsteren Gang, bis sie zu einer Zelle kamen, vor der der Chef stehen blieb. Der große Schlüssel knarrte im Schloss, die Zellentür schwang mit einem unheilvollen Geräusch auf, und der Graf fand sich von Angesicht zu Angesicht mit dem ehemaligen römischen Banditen wieder.

Peppino saß auf der Kante eines eisernen Bettgestells, das reine Bild der Verzweiflung. Er dachte, Monte-Cristo habe ihn im Stich gelassen, dass er nicht einmal im Hinblick darauf eingreifen würde, die Einzelheiten des Komplotts gegen den jungen Massetti zu erfahren. Als der Graf die Zelle betrat, hellte sich sein Gesicht augenblicklich auf, und Hoffnung keimte wieder in seiner Brust. Der Chef zog sich diskret zurück und sagte dabei:

„Ich werde draußen im Korridor warten.“

Mit diesen Worten schloss er die Tür der Zelle, und Monte-Cristo fand sich allein mit Peppino wieder.

Das gesamte Licht, das den Weg in die düstere Zelle fand, kam durch ein kleines, vergittertes Fenster hoch oben in der Wand, das in einer solchen Entfernung vom Boden angebracht war, dass kein Gefangener es hätte erreichen können, selbst wenn er auf sein Bettgestell gestiegen wäre. Die Wände und die Decke waren aus Stein.

„Nun“, fragte Peppino, „wie hat Eure Exzellenz Erfolg gehabt?“

„Ich habe bisher nur wenig Fortschritte gemacht, hoffe aber, in sehr kurzer Zeit etwas für dich und Beppo tun zu können“, antwortete der Graf mit beruhigender Stimme.

„Ich bin zufrieden“, sagte Peppino fröhlich. „Wenn Eure Exzellenz es nur beschließt, werden Beppo und ich in Kürze frei sein!“

„So weit kann ich nicht gehen, mein guter Freund, aber ich kann und werde dir all meine Hilfe und meinen Einfluss zusichern, den ich aufzubieten vermag.“

„Sie werden alles Notwendige bewirken, Signor Conte“, erwiderte der Italiener zuversichtlich.

„Hoffe nicht zu viel, Peppino. Ich habe dir gesagt, dass Paris anders ist als Rom.“

„Ich habe jetzt Gelegenheit, das zu wissen“, entgegnete der Geächtete bitter. „Aber die Macht des Grafen von Monte-Cristo ist hier dieselbe wie in der Campagna!“

„Bewahre dir auf jeden Fall ein mutiges Herz, mein guter Freund. Wir werden bald wissen, was getan werden kann.“

„Ich werde ein mutiges Herz bewahren, Signor Conte, denn ich habe vollkommenes Vertrauen in Euch!“

„So sei es. Nun, mein Mann, was weißt du über das Komplott gegen den Vicomte Massetti?“

„Verzeiht mir, Signor Conte“, sagte der Italiener schlau, „aber das werde ich Euch erzählen, wenn Beppo und ich in Freiheit sind!“

Monte-Cristo lächelte über die Verschlagenheit des Mannes.

„Zumindest“, sagte er, „sag mir, ob du den Vicomte kürzlich gesehen hast.“

„Das will ich tun, Eure Exzellenz. Ich sah ihn vor sehr kurzer Zeit in Rom und danach mit Luigi Vampa und Pasquale Solara in der sumpfigen Gegend jenseits des Trastevere.“

„Was hat dich und deinen Gefährten nach Paris geführt?“

„Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit mit dem alten Solara, dem wir laut Luigi Vampa unbedingt gehorchen sollten. Solara war ein Tyrann; zudem war er habgierig und geizig wie ein Knauser; er wollte alles für sich allein und wollte uns nichts zugestehen; er verlangte, dass die gesamte Beute, die wir machten, ohne Teilung direkt zu ihm gebracht würde, und gab vor, er werde unsere Anteile zuteilen; das hat er jedoch ausnahmslos versäumt, und natürlich haben wir uns aufgelehnt. Vampa, der, wenn er es nicht schon immer war, zu einem engen Freund des alten Pasquale geworden ist, entschied gegen uns, wann immer wir unsere Beschwerden vor ihn brachten. Schließlich konnten wir es nicht länger aushalten; wir verhungerten buchstäblich, während Solara Reichtümer anhäufte, also beschlossen wir, die Bande zu verlassen. Das taten wir und kamen nach Paris, wo wir seitdem geblieben sind.“

„Ich werde dich nicht fragen, was ihr in Paris getrieben habt“, sagte Monte-Cristo mit einem schwachen Lächeln; „tatsächlich brauche ich dich nicht zu fragen, denn ich weiß es; der Chef des Posten hat es mir gesagt; aber versprichst du mir, in Zukunft ein besseres Leben zu führen und zu versuchen, Beppo dazu zu bewegen, dasselbe zu tun, falls es mir gelingen sollte, eure Freilassung zu erwirken?“

„Das kann ich Euch nicht versprechen“, antwortete der Italiener mit abgewandten Augen, „aber ich verspreche Euch, nach Rom zurückzukehren und Beppo mitzunehmen.“

„Das wird genauso gut sein, oder fast genauso gut“, sagte der Graf. „Mit einem solchen Versprechen bewaffnet, denke ich, dass ich Eure Freiheit erlangen kann. Aber du musst mir schwören, Frankreich sofort zu verlassen, nachdem du in Freiheit gesetzt wurdest, und ich werde deinen Eid auch für Beppo als bindend betrachten.“

„Ich schwöre, Frankreich in dem Augenblick zu verlassen, in dem ich frei bin! Ich schwöre auch, dass Beppo mich begleiten wird!“

„Es ist gut“, sagte der Graf. „Ich werde heute Nachmittag oder spätestens morgen wieder hier sein; aber vergiss nicht, dass du mir vor deinem Verlassen dieser Zelle die vollständigen Einzelheiten der Verschwörung gegen den jungen Massetti geben musst!“

„Ich werde daran denken, Signor Conte; habt keine Angst davor! Wenn ich gesprochen habe, muss der alte Solara sich vorsehen!“

„Was meinst du damit?“, fragte Monte-Cristo scharf.

„Kümmert Euch jetzt nicht darum, Signor Conte! Ich werde Euch bei Eurer Rückkehr alles klarmachen.“

Der Abgeordnete aus Marseille verließ die Zelle und den Posten, nachdem er dem Chef für seine Höflichkeit gedankt hatte. Er fuhr unverzüglich zum Büro des Procureur de la République im Palais de Justice, und es dauerte nicht lange, bis er die Angelegenheiten zufriedenstellend geregelt hatte. Der Procureur stimmte freudig zu, die Anklage gegen die Italiener nicht weiterzuverfolgen, unter der Bedingung, dass Monte-Cristo sich verpflichtete, dass sie Paris sofort nach ihrer Entlassung durch den Juge d'Instruction verlassen würden. Dieses Versprechen gab der Graf ohne das geringste Zögern, und es wurde beschlossen, dass der Juge d'Instruction seine formelle Untersuchung noch an diesem Nachmittag am Posten abhalten sollte, wobei der Procureur durch seinen Stellvertreter erscheinen und aus voll und ganz ausreichenden Gründen die Einstellung des Verfahrens anordnen würde. Der Procureur stimmte zu, dem Grafen die genaue Stunde der Untersuchung mitzuteilen, damit er anwesend und bereit sein könne, seinen Teil der Abmachung zu erfüllen.

Als Monte-Cristo zum Herrenhaus in der Rue du Helder zurückfuhr, konnte er nicht umhin, sich ziemlich aufgeregt zu fühlen. Was würde er von Peppino erfahren, und wie würden sich die Enthüllungen des Italieners auf Massetti auswirken? Dies waren Probleme, die die nächsten Stunden lösen sollten.

KAPITEL XVI.

INMITTEN DER RUINEN DES KOLOSSEUMS.

Eines der ersten Dinge, die Maximilian Morrel tat, nachdem er und seine Frau sich im Hotel de France in Rom bequem eingerichtet hatten, war, einen formellen Besuch im Palazzo Massetti abzustatten und seine Empfehlungsschreiben dem betagten Grafen, Giovannis Vater, zu überreichen.

Der alte Adlige, der mindestens siebzig Jahre alt war und aufgrund seiner wallenden weißen Locken und seines langen, schneeweißen Bartes ein sehr patriarchalisches Aussehen hatte, empfing den jungen Franzosen mit großer Urbanität und Herablassung in einem prunkvoll eingerichteten Salon, der voller seltener Kunstschätze war und in Gold und Satin erstrahlte. Er begegnete ihm mit ausgestreckter Hand und sagte herzlich, während er gleichzeitig einen Blick auf die Karte des Hauptmanns warf, als wolle er sein Gedächtnis auffrischen:

„Ich bin hocherfreut, die Ehre zu haben, einen so angesehenen Besucher wie Hauptmann Maximilian Morrel im Palazzo Massetti willkommen zu heißen. Bitte nehmen Sie Platz, Hauptmann, und betrachten Sie meine Residenz als die Ihrige.“

Der Graf sprach fließend Französisch, ohne auch nur die geringste Spur eines fremden Akzents, und diese Tatsache sowie sein charmant herzliches Auftreten ließen den jungen Soldaten sofort in seiner Gegenwart gelassen fühlen.

„Ich versichere Ihnen, Graf“, erwiderte Maximilian, verbeugte sich und nahm dann Platz, „dass die Freude auf Gegenseitigkeit beruht.“

Der betagte Adlige nahm ebenfalls einen Stuhl, und für eine Weile unterhielten sie sich angenehm über verschiedene Themen. Der Graf war zu seiner Zeit ein tapferer, aktiver Soldat gewesen und interessierte sich sehr für französische Militärangelegenheiten. Der Besucher, der in diesem Thema bestens bewandert war und seinem Beruf voller Hingabe anhing, gab seinem neugierigen Gastgeber jedes Detail, das er verlangte, und war besonders enthusiastisch, als er von den Pariser Arbeitern sprach, die, wie er versicherte, ihre gewohnte Arbeit von einem Moment auf den anderen aufgeben und sich den Gefahren des Schlachtfeldes mit der Ausdauer geübter Veteranen stellen könnten.

Schließlich dachte Maximilian, er könne es wagen, den Boden in Bezug auf seine Mission zu sondieren. Es war sicherlich eine sehr heikle Angelegenheit, aber die Höflichkeit und Bonhomie des Grafen ermutigten ihn, fortzufahren. Er sah dem alten Adligen direkt ins Gesicht und sagte:

„Ich glaube, Graf, Sie haben einen Sohn namens Giovanni, der kürzlich in Paris war.“

Augenblicklich verdüsterte sich die Stirn des alten Römers, und er warf einen prüfenden Blick auf seinen Gast. Dann sagte er kalt:

„Ich habe keinen Sohn!“

Maximilian seinerseits blickte forschend auf den Grafen, doch das Gesicht des Letzteren hatte bereits einen steinernen und trotzigen Ausdruck angenommen, der ein unüberwindbares Hindernis für eine weitere Unterhaltung über dieses Thema zu bilden schien. Es gab eine unangenehme Pause, während der die beiden Männer sich weiterhin ansahen. M. Morrel war, obwohl sehr verlegen und verwirrt durch die prompte Abfuhr, die er erhalten hatte, der Erste, der das bedrohliche Schweigen brach.

„Ich bitte Sie um Verzeihung, Graf“, sagte er, „aber der junge Mann, von dem ich sprach, gab vor, der Vicomte Giovanni Massetti zu sein. Ist es möglich, dass er ein Hochstapler war?“

Die Miene des Grafen wurde noch frostiger; er antwortete eisig:

„Ich wiederhole, dass ich keinen Sohn habe!“

Maximilian war zutiefst verwirrt. Er wusste nicht, was er denken oder sagen sollte. Der alte Adlige erhob sich, als wolle er die Unterhaltung beenden. Er zeigte keine Spur von Aufregung, aber M. Morrel war sich sicher, dass er die Beute einer inneren Erschütterung war, die er nur mit Mühe unterdrückte. Es konnte kein Zweifel bestehen, dass Giovanni das war, als was er sich ausgegeben hatte, denn hatte er sich nicht sowohl in Rom als auch in Paris als Vicomte Massetti ausgegeben? Nur eine Lösung des Rätsels bot sich an – der Graf hatte seinen Sohn verstoßen, verstoßen wegen des schrecklichen Verbrechens, dessen er beschuldigt wurde, von dem er sich offenbar nicht hatte reinwaschen können. M. Morrel erhob sich ebenfalls, aber er war nicht gewillt, so zu gehen, quasi summarisch entlassen zu werden. Er beschloss, einen letzten Versuch zu unternehmen, um an die Wahrheit zu gelangen.

„Graf“, sagte er, „ich möchte nicht, dass Sie mich missverstehen, dass Sie den Wunsch, über diesen unglücklichen jungen Mann informiert zu werden, auf bloße müßige Neugier zurückführen. Ich weiß, dass eine schwarze Wolke über ihm hängt, dass er gegenwärtig gebrandmarkt und in Ungnade gefallen ist. Ich wusste jedoch nicht, dass seine Familie ihn verstoßen hat.“

„Monsieur“, erwiderte der Graf ungeduldig, „Sie sind seltsam beharrlich.“

„Ich bin beharrlich, Graf“, sagte Maximilian ernst, „weil der Vicomte Massetti mit seinem Unglück nicht allein ist. Eine andere, eine achtbare junge Dame, schmachtet jetzt seinetwegen in Paris.“

„Ich bedauere sie!“, sagte der alte Adlige eindrucksvoll.

„Das tue ich auch“, entgegnete Maximilian; „aus tiefstem Herzen bedauere ich sie beide, und das ist der Grund, warum ich hier bin.“

„Darf ich nach dem Namen dieser achtbaren jungen Dame fragen?“

„Gewiss. Ihr Name ist Zuleika; sie ist die Tochter des weltberühmten Grafen von Monte-Cristo.“

Der alte Massetti zuckte zusammen und die Muskeln seines Gesichts zuckten nervös, doch er schaffte es, sich zu beherrschen, und sagte:

„Tatsächlich! Erlauben Sie mir zu fragen, in welcher Beziehung der junge Mann zur Tochter des Grafen von Monte-Cristo stand.“

„Sie ist, oder besser gesagt, war ihm versprochen.“

„Mein Gott! Noch ein Opfer! Liebt das Mädchen ihn?“

„Sie tut es, mit ganzer Seele!“

„Hat er sie betrogen, hat er sie ins Verderben geführt?“

„Nein; sein Verhalten ihr gegenüber war in jeder Hinsicht das eines Mannes von strengster Ehre.“

„Der Himmel sei gepriesen dafür! Dann ist kein Schaden entstanden! Sie soll ihn vergessen!“

„Ich fürchte, ich weiß, sie kann es nicht!“

„Sie ist jung, nicht wahr?“

„Sehr jung.“

„Dann wird die Zeit ihre Wunden heilen. Sie muss ihn vergessen, denn er ist ihrer Liebe unwürdig!“

„Aber empfinden Sie keine Zuneigung, kein Mitleid für Ihren Sohn?“

„Ich sage Ihnen, ich habe keinen Sohn! Wie oft muss ich es noch wiederholen!“

Der Blick des Grafen war härter als je zuvor; der gesamte Stolz und die Hochmütigkeit der Massettis schienen sich im Ausdruck seines ehrwürdigen Antlitzes zu konzentrieren. Maximilian öffnete den Mund, um erneut zu sprechen, doch der alte Adlige unterbrach ihn und sagte streng:

„Wir haben genug davon! Hauptmann Morrel, lassen Sie das, was zwischen uns über dieses elende Thema gesprochen wurde, vergessen sein. Ich werde mich freuen, Sie zu jeder Stunde als Freund zu empfangen, aber wenn Ihnen meine Bekanntschaft, meine Freundschaft etwas wert ist, erwähnen Sie diesen jungen Mann nie wieder mir gegenüber! Lebwohl, Monsieur!“

Der Graf berührte eine Glocke und ein Kammerdiener erschien. Maximilian verbeugte sich vor seinem Gastgeber und verließ, vom Diener geführt, den Palazzo. Auf der Straße stand er einen Moment lang wie jemand, der völlig verwirrt war. Es war offensichtlich, dass der ältere Massetti sich in Bezug auf Giovannis Schuld vollkommen sicher war, und wenn der Vater seinen Sohn verließ, welche Hoffnung gab es dann, dass die kalte, herzlose Welt nicht seinem Beispiel folgen würde? Maximilian war verzweifelt. Gleich beim ersten Schritt seiner Mission war er kurzerhand und bestimmt aufgehalten worden. Was sollte er tun? Sollte er sich endgültig als geschlagen betrachten, weil sein erster Versuch so katastrophal gescheitert war? Nein; das wäre elende Feigheit! Er würde beharrlich bleiben, er würde weitere Nachforschungen anstellen. Er hatte dieses Werk für Zuleika unternommen, um ihrem Herzen das Glück und ihren Augen das Licht zurückzugeben, und er würde die Aufgabe nicht aufgeben, wie mühsam sie auch sein mochte, bis er Giovanni reingewaschen oder greifbare, unwiderlegbare Beweise seiner Schuld erlangt hatte!

Gestärkt durch diesen Entschluss kehrte M. Morrel zum Hotel de France zurück. Valentine begegnete ihm mit einem Blick ängstlicher Nachfrage. Er versuchte, fröhlich zu erscheinen, das Beste aus der Situation zu machen, aber das Bemühen war ein kläglicher Misserfolg. Er sank in einen Stuhl und sagte zu seiner Frau in niedergeschlagenem Ton:

„Ich habe den Grafen Massetti gesehen. Er hält seinen Sohn für schuldig und hat ihn verstoßen!“

Valentine setzte sich neben ihren Ehemann und nahm zärtlich seine Hand.

„Maximilian“, sagte sie, „es ist ein schlechter Anfang, das gebe ich zu, aber du kennst das Sprichwort, und ich vertraue darauf, dass das gute Ende noch kommen wird!“

„Es wird nicht unsere Schuld sein, wenn es nicht kommt“, entgegnete ihr Mann heldenhaft. „Auf jeden Fall werden wir unser Bestes tun.“

„Und wir werden Erfolg haben! Ich bin davon überzeugt!“

„Danke für diese Worte, Valentine! Du bist eine vollkommene Zauberin und hast meine tote Hoffnung wieder zum Leben erweckt!“

An jenem Abend beschlossen die Morrels, das Kolosseum zu besuchen. Sie wollten die gigantischen Überreste jenes gewaltigen Bauwerks der Cäsaren im Mondlicht sehen, inmitten der silbernen Strahlen die zerfallenden Höfe und Galerien betrachten, die vor Äonen vom stolzen Schritt der Elite des barbarischen alten Roms widerhallt hatten! Von einem Reiseführer des Hotel de France geleitet, machten sie sich auf den Weg und standen bald inmitten der Ruinen des großen Amphitheaters. Dort wurden sie von einem speziellen Cicerone in Beschlag genommen, der das riesige Wrack des Denkmals von Flavius Vespasian als sein persönliches Eigentum zu betrachten schien und der nicht abzuschütteln war. Er schloss sich mit dem Hotelführer zusammen, und die beiden, die eifrig in einem fast unverständlichen Jargon vor sich hin plapperten, führten die hilflosen Besucher von einer Sehenswürdigkeit zur anderen und zeigten ihnen der Reihe nach zerbrochene Säulen, die Sitze der Vestalinnen, verfallene Steintreppen, die „Fosse des Lions“ und das „Podium des Cäsars“. Maximilian und Valentine waren von unaussprechlicher Ehrfurcht und Bewunderung erfüllt, als sie die Überreste antiker Pracht betrachteten, und bevölkerten das wundervolle Kolosseum in Gedanken mit kämpfenden Gladiatoren, stattlichen Patriziern und der applaudierenden Herde blutrünstiger Plebejer, wobei Mme. Morrel schauderte, als sie an die Tausenden von Damen aus vornehmem Hause und schönen Jungfrauen dachte, die in alten Tagen mitleidslos ihre Daumen als Signal für das Nehmen von Menschenleben nach unten gedreht hatten! Obwohl der Mond brillant war und das antike Amphitheater in argentinisches Licht tauchte, trugen die Führer Fackeln, die dazu dienten, eine flackernde und bleiche Beleuchtung durch die dunklen Nischen der höhlenartigen Vomitorien zu verbreiten, die jetzt der Zufluchtsort von Fledermäusen, Eulen, Ziegen und Schlangen waren.

Als sie durch eine lange und ungewöhnlich düstere Galerie gingen, hielten die Führer plötzlich mit einem gleichzeitigen Schrei inne und begannen, sich zu bekreuzigen. Maximilian und Valentine blieben erschrocken stehen, wobei ersterer hastig eine kleine Pistole zog, um seine Frau und sich gegen die unbekannte und geheimnisvolle Gefahr zu verteidigen. Sie blickten sich um, konnten aber nichts sehen; die Fackeln enthüllten nur riesige Steine und staubbedeckte Gewölbe. M. Morrel verlangte von den Führern zu wissen, was der Grund für ihren Schrecken sei, konnte aber einige Momente lang keine Auskunft aus ihren vagen, unverständlichen Antworten gewinnen. Schließlich gelang es einem der Ciceroni zu erklären, dass sie den Wahnsinnigen gesehen hätten! Das war eine beruhigende Information für die Besucher! Ein Wahnsinniger auf freiem Fuß, der nachts inmitten der Ruinen des Kolosseums umherstreifte! Valentine, vor Angst zitternd, klammerte sich zum Schutz an ihren Mann.

„Ist es ein Mann oder eine Frau?“, fragte Maximilian einen der Führer.

„Ein Mann, Signor.“

„Ist er gewalttätig, gefährlich?“

„Nein, Signor, keines von beiden; aber sein Erscheinen versetzt einem einen schrecklichen Schock, er sieht so wild aus, und außerdem murmelt er schreckliche Flüche! Heilige Jungfrau, beschütze uns!“

Maximilians Neugier war geweckt; ein seltsames Verlangen ergriff ihn, diesen sonderbaren Wahnsinnigen zu sehen und mit ihm zu sprechen, der die Gladiatorenhöfe besuchte und schreckliche Flüche an die zerbrochenen Säulen des Kolosseums murmelte.

„Wo ist der Wahnsinnige jetzt?“, verlangte er von den Führern zu wissen. „Seht ihr ihn?“

„Der Himmel bewahre!“, antwortete einer der Männer und blickte sich unruhig um.

„Aber wo ist er? Könnt Ihr uns zu ihm führen?“, beharrte Maximilian.

Die Ciceroni sahen sich erstaunt an; die Fragen des jungen Soldaten schreckten sie auf. Valentine war nicht weniger erstaunt und erschreckt als die Führer; sie starrte ihren Mann an, sprachlos über das seltsame Interesse, das er für diesen elenden Ausgestoßenen zeigte.

„Könnt Ihr uns zu ihm führen?“, wiederholte Maximilian.

„Signor“, sagte der Führer des Hotels, „Ihr scherzt!“

„Ich scherze nicht, es ist mir ernst“, sagte M. Morrel. „Beantwortet meine Frage.“

„Natürlich können wir Euch zu ihm führen, Signor“, antwortete der Führer; „aber Ihr solltet ihn besser meiden; der Anblick des elenden Massetti wird Eure Dame um den Verstand bringen!“

Bei dem Namen Massetti zuckten sowohl Maximilian als auch Valentine zusammen; sie sahen sich und den Mann, der gesprochen hatte, an, in der Meinung, sich verhört zu haben.

„Massetti!“, rief M. Morrel, als sein Erstaunen ihm erlaubte, Worte zu finden. „Habt Ihr Massetti gesagt?“

„Ja, Signor, ich sagte Massetti. Der Wahnsinnige ist der verstoßene und enterbte Sohn des alten Grafen Massetti!“

„Was! Der Vicomte Giovanni?“

„Derselbe, Signor!“

„Oh! Das ist schrecklich, schrecklich, Maximilian!“, flüsterte Valentine und klammerte sich noch enger an ihren Mann.

„Es ist in der Tat schrecklich; doppelt so sehr, weil es völlig unerwartet kommt“, sagte M. Morrel. „Aber ich muss den jungen Massetti sehen – es war zweifellos ein geheimnisvoller Einfluss, eine unbeschreibliche magnetische Kraft, die zwischen uns wirkte und mich dazu brachte, diesen Mann, diesen Wahnsinnigen, sehen zu wollen, sobald er erwähnt wurde! – Ich muss ihn sehen und zwar sofort!“

Da die Führer nur über sehr geringe Kenntnisse der französischen Sprache verfügten, in der der Dialog zwischen dem Ehemann und der Ehefrau geführt worden war, erfassten sie nicht die volle Bedeutung des kurzen Gesprächs; sie verstanden jedoch, dass ihre Auftraggeber sich auf unerklärliche Weise für den Wahnsinnigen des Kolosseums interessierten und von der plötzlichen Entdeckung seiner Identität entsetzt waren. Die Situation verwirrte und missfiel ihnen.

Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, sagte Maximilian zu seiner Frau:

„Ich werde den Führer des Hotels anweisen, dich zurück zu unseren Appartements zu bringen. Es ist das Beste, wenn ich den armen Massetti allein treffe; den elenden Mann in seinem gegenwärtigen schrecklichen Zustand zu sehen, würde dich sicherlich schockieren und entnerven.“

Valentine blickte flehend in das Gesicht ihres Mannes. All ihre Angst hatte sie verlassen. Sie war jetzt ruhig und entschlossen. Sie hatte die Reise nach Rom vorgeschlagen, das Projekt, dem Vicomte zu helfen, und sie wollte nicht davor zurückweichen, einen einzigen Schritt zu tun, der Giovanni und Zuleika nützlich sein könnte. Sie sagte tapfer:

„Schicke mich nicht von dir fort, Maximilian! Ich werde ein mutiges Herz haben und tapfer sein! Ich habe keine Angst vor diesem armen jungen Mann mehr, Wahnsinniger hin oder her! Vielleicht kann ich dir beim Umgang mit ihm helfen, denn der Witz und die Zärtlichkeit einer Frau, so sagt man, können manchmal diejenigen bändigen und beruhigen, deren Geist verwirrt ist, wenn alle Bemühungen eines Mannes gescheitert sind.“

Maximilian sah sie liebevoll und bewundernd an.

„So sei es, Valentine“, antwortete er, tief bewegt. „Du wirst bei mir bleiben, und wir werden uns der Prüfung gemeinsam stellen!“

Die Augen seiner Frau drückten ihre Zufriedenheit über diesen Vertrauensbeweis aus; sie ergriff einfach die Hand ihres Mannes, aber obwohl sie kein Wort äußerte, sprach der warme Druck, den sie ihr gab, Bände.

M. Morrel wandte sich an die Ciceroni, die in stummem Erstaunen warteten.

„Führt uns ohne Verzug zu diesem Wahnsinnigen!“, sagte er.

Die Führer tauschten Blicke aus, schüttelten als Protest ihre Köpfe und begannen erneut, sich zu bekreuzigen. Maximilian sah sich gezwungen, seinen Befehl etwas strenger und gebieterischer zu wiederholen, bevor sie sich bewegten, ihm zu gehorchen; dann winkten sie ihren Auftraggebern sehr widerwillig, ihnen zu folgen, und gingen voran, während sie Gebete zur Heiligen Jungfrau murmelten.

Die kleine Gruppe verließ die düstere Galerie und machte sich auf den Weg ins Freie. Nachdem sie etwa zwanzig Meter zurückgelegt hatten, hielten die Führer abrupt an, und einer von ihnen zeigte auf die Mitte der riesigen Gladiatorenarena.

„Seht, Signor!“, sagte er zu M. Morrel. „Dort steht der Wahnsinnige des Kolosseums!“

Maximilian und Valentine blickten schnell und ängstlich in die angezeigte Richtung, sahen jedoch nichts.

„Dort, Signor!“, wiederholte der Cicerone und zeigte weiterhin mit dem Finger.

Dann, ganz plötzlich, erblickten Maximilian und Valentine die Gestalt eines Mannes, der unbeweglich wie eine Statue neben einem riesigen Steinfragment stand. Das Mondlicht fiel voll auf eine männliche, edle Form und enthüllte ein hübsches Gesicht, das einem der alten römischen Götter hätte gehören können. Die Kleidung des Mannes war in malerischer Unordnung, und auf seinem bloßen Haupt trug er einen Kranz aus Efeublättern. In der einen Hand hielt er einen hohen Stab, während die andere drohend erhoben war.

„Horcht!“, sagte einer der Führer mit einem Schaudern. „Er flucht!“

M. und Mme. Morrel hörten zu, vom Entsetzen gepackt, erfüllt von einer namenlosen Angst. Ein leises, aber deutliches Murmeln erreichte sie und schwoll allmählich an. Es war ein wilder, bitterer Fluch, voll intensiven, brennenden Hasses, der Gott, die Menschen und das gesamte Universum in seinen Bann zu ziehen schien.

Die Führer fielen auf die Knie, entblößten ihre Häupter und beteten mit leiser Stimme zur Jungfrau.

Maximilian nahm Valentine bei der Hand.

„Komm“, sagte er, „lass uns zu ihm gehen!“

Mme. Morrel zitterte leicht, antwortete aber fest:

„Ich bin bereit!“

Dann schritten sie Hand in Hand, langsam und vorsichtig, ohne zu wissen, was geschehen mochte, auf den Wahnsinnigen des Kolosseums zu.

KAPITEL XVII.

PEPPINOS GESCHICHTE.

Zur festgesetzten Stunde, von der er durch den Procureur de la République ordnungsgemäß benachrichtigt worden war, betrat der Graf von Monte-Cristo den Raum, der für den Gebrauch des Juge d’Instruction auf der Polizeiwache bestimmt war, wo Peppino und Beppo gefangen gehalten wurden. Der Magistrat saß bereits auf der Richterbank, und an seiner Seite stand der stellvertretende Procureur, der ihm die Wünsche seines Vorgesetzten erläuterte. Als Monte-Cristo eintrat, verneigte er sich vor dem Juge und dem Stellvertreter, die seinen Gruß mit allem Respekt erwiderten, der einer solch hochgestellten Persönlichkeit gebührte.

„Messieurs“, sagte der Graf nach diesem Austausch von Höflichkeiten, „Sie sind sich natürlich des Grundes für meine Anwesenheit heute Nachmittag bewusst, sodass wir sofort zum Geschäft übergehen können; doch bevor die Italiener hereingebracht werden, habe ich eine kleine Bitte.“

„Nennen Sie sie, Monsieur le Comte“, sagte der Juge d’Instruction freundlich. „Wir werden uns freuen, sie zu gewähren, sofern es in unserer Macht steht.“

„Nun, messieurs“, sagte der Graf von Monte-Cristo, trat auf das Podium und lehnte sich auf den Schreibtisch des Juge, „es ist einfach dies: Der Gefangene, der sich Peppino nennt, ist im Besitz gewisser Einzelheiten, denen ich beträchtliche Bedeutung beimesse. Er hat versprochen, sie mir als Preis für seine Freiheit und die seines Gefährten zu offenbaren. Es erübrigt sich zu sagen, dass das einzige Motiv meines Eingreifens in dieser Angelegenheit darin besteht, diese Einzelheiten zu erfahren. Nun weiß ich aus langer Erfahrung um all die Tücke und den Verrat der italienischen Natur. Einmal frei, könnte dieser Mann mir ins Gesicht lachen und die Aussage verweigern. Nachdem die Formalitäten des Gesetzes ordnungsgemäß erfüllt wurden, wünsche ich, dass die Gefangenen in ihre Zellen zurückgebracht und darüber informiert werden, dass ihre Freilassung erst stattfinden wird, wenn Peppino mir die versprochenen Informationen gegeben hat.“

„Das wäre nur eine geringfügige Ausdehnung meiner Befugnis“, antwortete der Juge d’Instruction lächelnd, „falls es überhaupt eine ist, denn wie ich den Fall verstehe, sollen die Gefangenen praktisch in Ihrer Obhut bleiben, bis zu ihrer Abreise aus Frankreich, für die Sie dem Procureur de la République Ihr Wort gegeben haben. Daher soll die Bitte, die Sie äußern, gerne gewährt werden.“

Als er schloss, warf der Juge d’Instruction einen Blick auf den stellvertretenden Procureur, der zustimmend nickte.

Der Magistrat drückte auf eine Glocke, die auf seinem Schreibtisch stand, und sagte zum Gardien de la paix, der auf den Ruf hin erschien:

„Bringen Sie die Gefangenen herein.“

Monte-Cristo und der Stellvertreter zogen sich vom Podium zurück und setzten sich auf ein paar Fauteuils, die an einem Tisch direkt vor dem Schreibtisch des Juge standen.

Als die beiden Italiener hereingebracht wurden, blickte Peppino zuerst auf den Magistraten auf der Bank und dann auf den Stellvertreter. Schließlich ruhten seine Augen auf dem Grafen, woraufhin sein Gesicht sofort aufleuchtete; er spürte instinktiv, dass Monte-Cristos geheimnisvoller Einfluss bei den Behörden von Paris ebenso wirksam gewesen war wie bei Luigi Vampa und seiner Bande, dass der wunderbare Mann es geschafft hatte, die Freilassung von ihm selbst und Beppo zu erwirken.

„Stellen Sie die Gefangenen vor das Gericht“, sagte der Juge d’Instruction an den Gardien gewandt.

Dieser Befehl wurde sofort befolgt, und die beiden Italiener standen dem Magistraten gegenüber.

„Nehmen Sie Ihre Hüte ab.“

Die Gefangenen gehorchten, Peppino mit einem zuversichtlichen Lächeln, Beppo mit finsterem Grollen.

„Gefangene vor Gericht“, sagte der Juge d’Instruction streng, „Sie sind wegen Taschendiebstahls auf öffentlicher Straße angeklagt. Was haben Sie dazu zu sagen?“

Dieser formelle und eher drohende Beginn war für Peppino sowohl eine Überraschung als auch eine Enttäuschung. Er blickte fragend zu Monte-Cristo, konnte aber nichts in dessen bleichem, hübschem Gesicht lesen; dann antwortete er mit finsterem Blick dem Juge in einem rauen, trotzigen Ton:

„Ich bin nicht schuldig!“

Der Magistrat blickte zu Beppo, der seinerseits die Worte seines Kameraden wiederholte.

Hier erhob sich der stellvertretende Procureur und sagte zum Juge d’Instruction mit voller, klarer Stimme:

„Wenn es Ihnen gefällt, geehrter Juge, so möchte ich als Vertreter des Procureur de la République erklären, dass es nicht meine Absicht ist, die Anklage gegen die vor Gericht stehenden Gefangenen weiter zu verfolgen. Für diesen Kurs habe ich einen guten und ausreichenden Grund. Ich fordere daher in meiner amtlichen Eigenschaft, dass die Personen, die sich Peppino und Beppo nennen, entlassen werden.“

Diese Forderung war eine weitere Überraschung für Peppino, doch er ahnte sofort, dass Monte-Cristo einen großen Anteil daran hatte, und sah ihn mit einem Blick der Dankbarkeit an. Beppo war absolut verblüfft, denn er konnte die plötzliche, günstige Wendung der Situation nicht verstehen.

Der Juge d’Instruction sagte in Verfolgung der gesetzlich vorgeschriebenen Form zum Stellvertreter:

„Darf ich den werten Vertreter des Procureur de la République nach seinen guten und ausreichenden Gründen fragen?“

„Sicherlich, geehrter Juge“, antwortete der Beamte. „Seine Exzellenz, der Graf von Monte-Cristo, der hier anwesend ist, hat ein Abkommen mit dem Procureur geschlossen und sich für den Fall der Freilassung der Gefangenen verpflichtet, diese dazu zu bewegen, Frankreich unverzüglich zu verlassen.“

Daraufhin erhob sich Monte-Cristo, wandte sich der Richterbank zu und sagte in jener eindrucksvollen Art, die stets seine öffentlichen Reden kennzeichnete:

„Geehrter Juge, was der stellvertretende Procureur soeben gesagt hat, ist in jeder Hinsicht vollkommen wahr. Für den Fall der Freilassung der Gefangenen stehe ich bei seinem Vorgesetzten im Wort, dafür Sorge zu tragen, dass sie ohne Verzug nach Italien zurückkehren.“

Der Stellvertreter und der Graf nahmen ihre Plätze wieder ein. Der Juge d’Instruction schien einen Moment nachzudenken; dann sagte er:

„Meine Pflicht in dieser Angelegenheit ist klar. Es liegen keine Beweise gegen die Gefangenen vor, und die offizielle Erklärung und Forderung des Procureur de la République, ausgedrückt durch seinen werten und geschätzten Vertreter, schließen die Notwendigkeit einer formellen Befragung der Angeklagten aus. Ich werde sie daher entlassen, jedoch unter der Kontrolle Seiner Exzellenz, des Grafen von Monte-Cristo. Gefangene vor Gericht“, fügte er an Peppino und Beppo gewandt hinzu, „ich schicke Sie zurück in Ihre Zellen; Ihre Freilassung wird zu dem Zeitpunkt erfolgen, den Seine Exzellenz, der Graf von Monte-Cristo, bestimmen mag.“

Er nahm seinen Platz auf der Richterbank wieder ein und gab dem Gardien ein Zeichen, die Gefangenen hinauszuführen.

Zehn Minuten später war Monte-Cristo in Peppinos Zelle. Der Italiener strahlte vor Freude und war sehr überschwänglich im Ausdruck seines Dankes gegenüber seinem mächtigen und geheimnisvollen Wohltäter.

Der Graf winkte ungeduldig mit der Hand.

„Schluss mit dem Dank“, sagte er. „Die Zeit drängt, und je eher Sie mir die Einzelheiten der Verschwörung gegen den Vicomte Massetti nennen, desto eher werden Sie und Ihr Gefährte frei sein.“

Peppino warf sich halb auf sein Bett, und Monte-Cristo setzte sich auf einen wackeligen Hocker, wobei sein gewöhnlich unbewegliches Gesicht deutlich das aufnehmende Interesse zeigte, das er an dem empfand, was folgen sollte.

Der Italiener räusperte sich und begann.

„Signor Graf“, sagte er, „zunächst muss ich Ihnen sagen, dass der junge Massetti von seinem stolzen, strengen Vater verleugnet und enterbt wurde, der ihn für einen der schuldigsten und verdorbensten Schurken auf Erden hält!“

Monte-Cristo zuckte zusammen; sein Gesicht wurde eine Nuance bleicher als gewöhnlich, doch er sagte nichts; er wartete gespannt auf weitere Entwicklungen.

„Das ist jedoch nicht alles“, fuhr Peppino nach einer kurzen Pause fort, um die Wirkung seiner Mitteilung auf seinen Zuhörer zu beobachten, „und auch nicht das Schlimmste! Der unglückliche Vicomte verlor, nachdem er auf Befehl des alten Grafen schmachvoll aus dem Palazzo Massetti vertrieben worden war, sofort seinen Verstand; er ist jetzt ein rasender Wahnsinniger!“

„Mon Dieu! Mon Dieu!“, rief Monte-Cristo, sprang auf und schritt in der Zelle auf und ab, ein Opfer intensiver Erregung, die er nicht zu beherrschen versuchte. „Ein rasender Wahnsinniger! Giovanni ein rasender Wahnsinniger! Oh! meine Tochter, meine Tochter!“

„Alles, was ich sage, ist die Wahrheit“, fuhr der Italiener fort. „So wahr ich auf den Himmel hoffe, ich schwöre es!“

„Aber was ist aus Massetti geworden? Wo ist er?“, fragte der Graf und hielt abrupt in seinem Gehen inne. „Wurde er in eine Anstalt eingewiesen?“

„Er ist ein Ausgestoßener und ein Wanderer“, antwortete Peppino. „Ganz Rom rümpft die Nase über ihn, meidet ihn, wie man eine Pest meidet. Als ich Italien verließ, hatte er Zuflucht inmitten der Ruinen des Kolosseums gesucht, wo er der Schrecken von Besuchern und abergläubischen Führern gleichermaßen war. Ich sah ihn dort mit meinen eigenen Augen am Tag vor meiner Abreise. Er war in Lumpen gehüllt, trug einen hohen Stab, einen Kranz aus Efeublättern und verbrachte seine Zeit damit, Gott und die Menschen zu verfluchen. Man sagt, er verlasse die Ruinen niemals, außer um um ein paar Brocken zu betteln, von denen er lebt, und dass er nachts in den Tiefen eines dunklen Vomitoriums in Gesellschaft von Fledermäusen, Spinnen und anderen unreinen Dingen schläft.“

„Das ist unglaublich!“, rief Monte-Cristo, blickte seinen Begleiter durchdringend an und verdächtigte ihn halb, dass er für einige seiner anschaulichen Details aus seiner lebhaften italienischen Fantasie schöpfte.

„Aber es ist wahr, Signor Graf“, protestierte Peppino ernst; „jedes Wort davon ist wahr!“

„Fahren Sie fort“, sagte Monte-Cristo heiser und setzte sich wieder auf den Hocker. „Erzählen Sie mir von der Verschwörung.“

„Ich komme dazu, Signor Graf“, sagte der ehemalige Bandit und nahm eine sitzende Haltung an der Bettkante ein. „Sie wissen natürlich, dass der Grund für all das Unglück des Vicomte Massetti ein hübsches junges Bauernmädchen namens Annunziata Solara war?“

„Ich habe gehört, es sei eine Frau gewesen, aber das spielt keine Rolle; fahren Sie fort.“

„Dieses Mädchen verkaufte Blumen auf der Piazza del Popolo und auf dem Corso; dort erregte sie die Aufmerksamkeit von Massetti und Ihrem Sohn Esperance.“

„Esperance!“, rief Monte-Cristo aus, während seine Hände nervös arbeiteten. „Oh! mon Dieu! das Licht beginnt aufzugehen!“

Peppino lächelte beruhigend.

„Haben Sie keine Angst, Signor Graf“, sagte er; „bei all den unglücklichen Vorfällen, die den armen Vicomte unter Verdacht brachten, spielte Ihr Sohn eine Rolle, die ebenso edel wie ehrenhaft war; Sie haben allen Grund, stolz auf ihn zu sein!“

Monte-Cristo stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Können Sie das beweisen?“

„Das kann ich. Luigi Vampa und seine ganze Bande wissen, dass Ihr Sohn in Bezug auf das Blumenmädchen völlig unschuldig ist, und werden sich auch so äußern. Selbst der alte Solara selbst, so hart und verabscheuungswürdig er auch ist, wird nicht versuchen, ihn zu beschuldigen. Seien Sie versichert, dass der Beweis für die Unschuld Ihres Sohnes hinreichend ist.“

„Luigi Vampa hat mir bereits geschrieben, dass Esperance keine Schuld trifft, aber ich muss zuverlässigere Belege haben als den Brief oder gar den Eid eines berüchtigten Briganten.“

„Solche Belege können ohne große Schwierigkeiten beschafft werden. Das unglückliche Mädchen selbst, das sich jetzt im Zufluchtsort von Civita Vecchia befindet, wird ihn entlasten.“

„Aber die Einzelheiten des Komplotts, die Einzelheiten des Komplotts!“

„Nun, der Vicomte erfuhr von Annunziata, dass sie auf dem Land jenseits des Trastevere wohnte, und machte sich an jenem Abend auf, sie zu finden. Ihr Sohn, der sein Ziel kannte, folgte ihm, um ihn vor den Banditen zu schützen. Massetti wurde von einem von Vampas Männern aufgehalten, der ihn in dem darauffolgenden Kampf verwundete; Ihr Sohn erschien rechtzeitig, um den Briganten zu töten und seinen Freund zu retten. Kurz darauf trafen sie auf eine große Anzahl von Vampas Bande und entgingen nur knapp dem Tod am nächsten Baum, als Rache für den Tod des Mannes, den Ihr Sohn erschlagen hatte. Sie wurden von Vampa selbst freigelassen, sobald er erfuhr, dass Esperance Ihr Sohn war, nachdem Massetti sowohl seine eigene Identität als auch die seines Kameraden preisgegeben hatte. Die jungen Männer, so scheint es, hatten beschlossen, sofort nach Rom zurückzukehren, nachdem der Vicomte seine Wunde erhalten hatte, doch Massetti wurde schwach vor Schmerz und Blutverlust, und man beschloss, Schutz zu suchen. Ein Bauer erschien in diesem Moment und stimmte nach einigem Zögern zu, sie zur Hütte seines Vaters zu führen, wo sie die Nacht verbringen konnten. Er hielt Wort. Um es kurz zu machen, die jungen Männer, die als Bauern verkleidet waren, fanden sich bald in Pasquale Solaras Hütte und in Anwesenheit der schönen Annunziata selbst wieder.“

Peppino hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:

„Diese einleitenden Einzelheiten, Signor Graf, sind notwendig, damit Sie die Verschwörung verstehen können, die schnell ausgeheckt werden sollte. Der Bauer, der Massetti und Ihren Sohn genau an den Ort geführt hatte, den Letzterer verlassen hatte, um Rom zu suchen, war Annunziatas Bruder. Der alte Pasquale Solara war zum Zeitpunkt der Ankunft der Fremden nicht zu Hause, kehrte aber kurz darauf zurück. Ich habe keinen Zweifel, dass er schon lange mit Luigi Vampa im Bunde stand und heimlich als dessen Agent und Verbündeter fungiert hatte. Jedenfalls war ihm bei seiner Ankunft wohl bewusst, dass die jungen Männer in seiner Hütte waren, und er war auch über ihre Identität genauestens informiert, obwohl er, mit seiner gewohnten List, beide Fakten verschwieg und Überraschung und Unzufriedenheit vortäuschte, als ihm von seinen Kindern angekündigt wurde, dass er Gäste habe. Insgeheim war er erfreut, denn die Anwesenheit des jungen Massetti gab ihm die Gelegenheit, sofort eine signalhafte Rache an dem alten Grafen zu üben, den er lange bitter gehasst hatte, und den vernichtenden Stigma einer teuflischen Tat, die er plante, von sich selbst auf den Namen und den Ruhm eines anderen abzulenken.“

„Wollen Sie behaupten, dass dieser elende alte Mann niederträchtige Pläne gegen seine eigene Tochter hatte?“, sagte der Graf, dessen Gesicht all das Entsetzen ausdrückte, das er empfand.

„Genau“, antwortete Peppino kühl. „Der alte Solara, elender Geizhals, der er ist, hatte für eine sehr große Summe des Goldes, das er so sehnlich begehrte, sein eigenes Kind, seine wunderschöne Tochter Annunziata, an den Banditenanführer Luigi Vampa verkauft!“

„Der schwarzherzige Dämon!“, rief Monte-Cristo. „Er ist des Namens Mensch unwürdig! In Paris würde ihn die empörte Bevölkerung unter ihren Füßen zu Tode zertrampeln!“

„Wie Sie also sehen“, fuhr der Italiener fort, „kam die Ankunft Massettis gelegen, und Pasquale Solara eilte, nachdem er gesehen hatte, dass der Vicomte sicher unter dem Dach seiner Hütte untergebracht war, zurück zu Luigi Vampa, und gemeinsam schmiedeten sie das niederträchtige Komplott, das nur allzu gut gelang. Ein raffinierter ausgeklügeltes und gründlich verborgenes Stück teuflischer Schurkerei hat die Annalen der zivilisierten Welt noch nie beschmutzt!“

KAPITEL XVIII.

MEHR VON PEPPINOS GESCHICHTE.

Monte-Cristo war entsetzt über das, was er gehört hatte. Seine ganze Seele empörte sich bei dem Gedanken an einen Vater, der vorsätzlich und kaltblütig seine Tochter verkaufen konnte, bei dem Gedanken an einen Elenden, der mit gleicher Vorsätzlichkeit die Schuld für eine von ihm selbst begangene Schurkerei auf einen Unschuldigen abwälzen konnte. Es war dem Grafen zur Zeit, als Luigi Vampa ihm geschrieben hatte, sehr seltsam vorgekommen, dass der Brigantenführer so gründlich über die Unschuld von Esperance und die Schuld des Vicomte Massetti informiert sein sollte, doch im Lichte der erstaunlichen Enthüllungen, die Peppino soeben gemacht hatte, wurde es überdeutlich, dass Vampa im Falle des jungen Italieners von dem stärkstmöglichen Motiv geleitet worden war, nämlich dem Wunsch, sich selbst zu schützen, und dass er, um dies wirksam zu tun, nicht vor der niederträchtigsten und vollständigsten Lüge zurückgeschreckt war. Natürlich hatte Vampa Esperance nicht wegen des alten Abkommens, der Beziehungen, die in der Vergangenheit zwischen ihm und Monte-Cristo bestanden hatten, beschuldigen wollen; das war ebenso klar; außerdem war ein Opfer ausreichend, und bei der Auswahl von Massetti als dieses Opfer hatte der Brigantenführer offensichtlich auf Anstiftung des alten Pasquale Solara gehandelt.

Peppino fuhr mit seinen Enthüllungen fort.

„Signor Graf“, sagte er, „ich hatte lange vermutet, dass etwas zwischen Vampa und dem alten Solara im Busch war. Der launische und mürrische Schäfer kam zunächst nicht zum Versteck der Banditen, aber als Antwort auf ein Signal, das er benutzte, ein eigentümliches, vibrierendes Pfeifen, ging der Anführer allein hinaus und traf ihn. Dieses Signal und Vampas Handlungen weckten meine Neugier; mehr als einmal folgte ich dem Anführer und wurde, sicher hinter einem Baum oder einem Felsen verborgen, Zeuge der geheimen Treffen, wobei ich Teile des Gesprächs belauschte. Annunziata Solara wurde häufig erwähnt, und der Vater schien zu versuchen, einen harten Handel mit Vampa abzuschließen. Schließlich kamen sie eines Nachts zu einer Einigung. Ich hörte, wie der Anführer zustimmte, dem alten Pasquale eine enorme Summe Geldes bei der Übergabe von Annunziata in seine Hände zu zahlen, und da wurde mir klar, dass der ruchlose Verkauf abgeschlossen war. Es wurde beschlossen, dass das unglückliche Mädchen bei der ersten Gelegenheit an Vampa übergeben werden sollte, und diese Gelegenheit kam, als der Vicomte Massetti und Ihr Sohn Esperance in der einsamen Hütte im Wald logierten.

Ich war wachsam, und als der alte Pasquale, nachdem er sich der Ankunft der beiden jungen Männer in seiner Hütte versichert hatte, das Treffen der Banditen aufsuchte und sein vibrierendes Signal ertönen ließ, hörte ich es. Ich folgte Vampa heimlich und verbarg mich, wie ich es bei früheren Gelegenheiten getan hatte. Ich war nun mit den Einzelheiten des niederträchtigen Geschäfts, das zwischen dem kostbaren Paar im Gange war, gründlich vertraut und konnte selbst ihre dunkelsten und behutsamsten Anspielungen leicht begreifen. Der alte Solara informierte den Anführer, dass die jungen Männer angekommen seien, und schlug vor, dass Vampa Annunziata zum frühestmöglichen Zeitpunkt entführen solle, wobei er die Dinge so arrangieren sollte, dass der Verdacht auf den Vicomte Massetti fallen würde. Der Anführer stimmte dem zu. Der Schäfer sollte ihn auf dem Laufenden halten, und die Entführung sollte stattfinden, wenn die Umstände am besten geeignet waren, den Erfolg aller Phasen des schurkischen Komplotts zu fördern. Mit dieser Vereinbarung trennten sich die Verschwörer.

Das Schicksal stand auf der Seite des alten Pasquale und Vampa. Seine Wunde hielt den Vicomte in der Hütte, und die schöne Annunziata pflegte ihn. Er war von ihrer Schönheit hingenommen gewesen, als er sie auf der Piazza del Popolo getroffen hatte. Der vertraute Umgang mit ihr verstärkte ihren Einfluss auf ihn, und als er fast eine Woche in der Hütte war und die Genesung begonnen hatte, machte er ihr heftige Avancen, wobei er sogar so weit ging, sie zu bitten, mit ihm zu fliehen. Esperance ahnte die Absichten seines Freundes und intervenierte, da er wusste, dass Massetti das Mädchen nicht heiraten konnte, um sie zu retten. Das Ergebnis war ein Streit, und Ihr Sohn forderte den Vicomte zum Kampf heraus. Die Herausforderung wurde sofort angenommen, und es wurde vereinbart, dass das Duell am nächsten Morgen stattfinden sollte.

Getreu seinem Versprechen gegenüber Vampa lauerte der alte Solara, während er vorgab, von zu Hause abwesend zu sein, in der Nähe und behielt alles im Auge, was vor sich ging. Er war unter dem offenen Fenster verborgen, als Massetti oder Tonio, wie er sich nannte, denn sowohl der Vicomte als auch Esperance liefen unter angenommenen Namen, seiner Tochter die Flucht vorschlug. Sofort eilte er zum Banditenanführer, der den ganzen Tag in der Nähe der Hütte herumgeschlichen war, und teilte ihm freudig mit, was er gehört hatte. Es wurde sofort beschlossen, dass die Zeit für die Entführung gekommen war, und Vorbereitungen wurden getroffen, Annunziata noch in derselben Nacht zu entführen. Vampa schrieb einen belastenden Brief an das Mädchen, der angeblich von Massetti stammte, und der alte Solara, der unbemerkt in die Hütte schlich, legte ihn unter ihre Arbeitskiste auf ihrem Tisch, wo sie ihn später fand. Es wurde keinen Moment lang angenommen, dass das Mädchen zustimmen würde, mit dem Vicomte zu fliehen, denn obwohl fröhlich und unbeschwert, war sie rein und unschuldig; der Zettel sollte lediglich Annunziatas Geist nach der Entführung mit der Vorstellung erfüllen, dass Massetti ihr Entführer sei.“

„Was für eine scharfsinnige, weitblickende Schurkerei!“, murmelte Monte-Cristo zwischen den Zähnen.

„Jene Nacht gab es keinen Mond“, fuhr Peppino fort, „und nachdem sich alle Bewohner der Hütte zur Ruhe begeben hatten, wartete der alte Pasquale mit einer Fackel draußen, während Vampa sich zu Annunziatas Kammer schlich, sie von ihrem Lager riss und in den Wald trug, wobei er sie daran hinderte, Alarm zu schlagen, indem er ihr die Hand auf den Mund presste. Er war maskiert, und der Hirte hielt sich in einer solchen Entfernung, dass es für seine Tochter vollkommen unmöglich war, ihn zu erkennen. Als Vampa mit seiner Last durch den Wald rannte, stieß er mit dem Arm gegen einen Baum, und der Schmerz zwang ihn, seine Hand für eine Sekunde von Annunziatas Mund zu nehmen. Das arme Mädchen nutzte diese Gelegenheit, um zu schreien, und ihr Ruf rief erst ihren Bruder, dann den Vicomte und schließlich Esperance zu ihrer Hilfe.“

„Der Bruder griff Vampa, als er ihn erreichte, erbittert an. Der Anführer ließ das Mädchen fallen, das wie angewurzelt stehen blieb, zog eine Pistole und feuerte auf seinen Angreifer. Letzterer wurde getroffen und taumelte zurück, während das Blut aus seiner Wunde strömte. Irgendwie wurde Vampa während des Kampfes demaskiert, und in der herrschenden Dunkelheit bildete sich Annunziata natürlich ein, das Gesicht, das plötzlich entblößt und ebenso schnell wieder verdeckt wurde, sei das ihres Verehrers, des sogenannten Tonio. Nachdem er den Bruder erledigt hatte, der daraufhin zur Hütte zurückrannte, Esperance traf, in seine Arme stürzte und dann zu Boden sank, wo er starb, ergriff der Räuberhauptmann Annunziata, die inzwischen in Ohnmacht gefallen war, und setzte seine Flucht durch den Wald fort. Als Vampa das Geräusch einer weiteren Verfolgung hörte, hielt er erschrocken inne und lauschte. Drei Personen schienen sich rasch zu nähern. Der Anführer verbarg daraufhin das bewusstlose Mädchen hinter einem riesigen Felsbrocken und warf sich flach auf den Boden, in der Hoffnung, so der Beobachtung zu entgehen. Dabei erblickte er den Schein von altem Solaras Fackel. Sie leuchtete direkt in das Gesicht eines Bauern, eines völlig Fremden, der Annunziatas Schrei gehört hatte und ihr zu Hilfe geeilt war. Der Hirte hielt ein Messer in der Hand; er warf augenblicklich seine Fackel weg und verwickelte den Neuankömmling in einen verzweifelten Kampf. In diesem Moment erschien der Vicomte auf der Bildfläche und machte Anstalten, Partei für den Fremden zu ergreifen. Vampa sprang auf, packte ihn an der Kehle und zwang ihn unter der Androhung des sofortigen Todes, falls er sich weigerte, einen Schweigeeid bezüglich der Ereignisse dieser Nacht abzulegen. Massetti war so verwirrt, dass er kaum wusste, was er tat. Kaum hatte er den Eid geleistet, versetzte ihm Vampa tückisch einen vernichtenden Schlag, der ihn taumelnd zu Boden streckte, wo er regungslos und bewusstlos liegen blieb. Dann warf sich der Anführer wieder auf den Boden, nur um erneut aufzuspringen und sich Esperance entgegenzustellen. Letzterer zielte mit einer Pistole auf ihn, aber er schlug sie ihm aus der Hand. Dann schlug der junge Mann heftig nach ihm, doch Vampa wich dem Schlag aus, und sein Gegner fiel durch seinen eigenen Schwung vorwärts auf einen dichten Moosteppich neben Massettis ausgestreckter Gestalt. Der Anführer nutzte die Gunst der Stunde, bemächtigte sich der noch immer bewusstlosen Annunziata und schaffte es diesmal, sie im Triumph in eine Hütte zu tragen, die er für ihre Aufnahme vorbereitet hatte.“

Peppino fuhr daraufhin fort, das zu berichten, was der Leser bereits aus Annunziatas kläglichem Bericht an Mme. de Rancogne im Zufluchtsort in Civita Vecchia erfahren hat. Als er geendet hatte, blickte er seinen Zuhörer an und sagte:

„Sind Sie zufrieden, Signor Conte?“

„Das bin ich“, antwortete Monte-Cristo mit einer heiseren Stimme, die seltsam unähnlich seiner eigenen klang. „Sie haben die Freiheit für sich und Ihren Kameraden Beppo vollauf verdient. Die Geschichte von schwarzer Schlechtigkeit, die Sie mir so lebhaft geschildert haben, mag anderen Ohren unwahrscheinlich erscheinen, aber für mich trägt sie den Stempel der Wahrheit. Ein Punkt ist jedoch dunkel. Ich kann mir nicht vorstellen, auf welche Weise Sie die Einzelheiten bestimmter Ereignisse Ihrer Erzählung erfahren haben, Ereignisse, die Sie nicht mit eigenen Augen gesehen haben konnten. Klären Sie mich in diesem Punkt auf.“

„Gerne“, antwortete Peppino ohne das geringste Zögern. „Die Details, von denen Sie sprechen, habe ich teils von Vampa selbst und teils vom alten Solara erfahren. Die beiden tauschten ihre Erfahrungen aus, nachdem sich Letzterer offen den Banditen angeschlossen hatte, und ich habe gut darauf geachtet, ihr Gespräch mitzuhören.“

Monte-Cristo war aufgestanden und schritt nun einige Augenblicke in tiefe Gedanken versunken in der Zelle auf und ab. Seine Stirn war trüb und dunkel, aber seine Augen funkelten grimmig, und seine Hände waren so fest geballt, dass seine Nägel rote Male in seinem Fleisch hinterließen. Der Italiener, der noch immer auf der Kante seines Bettes saß, beobachtete ihn genau, nicht wissend, was er von seiner Zerstreutheit halten sollte, und bewegt von einer vagen Angst, er könnte sich weigern, sein Versprechen zu erfüllen. Schließlich schien Monte-Cristo das knifflige Problem gelöst zu haben, das ihn beunruhigt hatte, und zu einer Entscheidung gelangt zu sein. Er trat vor den Italiener, blieb stehen, blickte ihn fest an und sagte:

„Mein guter Freund, ich habe, wie Sie wissen, die Freiheit für Sie und Beppo erwirkt, indem ich dem Procureur de la République mein Wort gegeben habe, dass Sie beide das Land unverzüglich verlassen werden. Ihrerseits haben Sie getan, was Sie vereinbart haben, und ich bin nun im Begriff, meinen Teil der Abmachung zu erfüllen.“

Peppinos Gesichtsausdruck nahm einen Ausdruck höchsten Entzückens an. Alle seine Befürchtungen lösten sich augenblicklich auf.

„Nun“, fuhr Monte-Cristo eindringlich fort, „habe ich Ihnen einen Vorschlag zu machen. Sie können mir sehr nützlich sein, wenn Sie wollen, und gleichzeitig eine große Summe Geldes ehrlich und ehrenhaft erwerben.“

Die Augen des Italieners leuchteten vor Vergnügen.

„Nennen Sie Ihren Vorschlag, Signor Conte“, sagte er enthusiastisch. „Ich nehme ihn im Voraus an. Aber ist Beppo darin eingeschlossen?“

„Das ist er“, antwortete der Graf. „Die Enthüllungen, die Sie mir gegenüber gemacht haben, haben mich dazu bewogen, sofort nach Rom zu reisen. Ich werde meine Tochter mitnehmen, sowie meinen nubischen Diener Ali. Ich wünsche, dass Sie und Beppo in meine Dienste treten und mich begleiten. Die Menschlichkeit verlangt, dass ich all meinen Einfluss nutze, um dem unglücklichen Vicomte Massetti Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und ich wünsche, dass Sie mir bei dieser Arbeit helfen.“

„Ich werde tun, wie Sie wünschen, Signor Conte“, sagte der Italiener, „und ich werde versprechen, dass Beppo sich ebenfalls Ihren Wünschen fügen wird.“

„Sehr wohl“, erwiderte Monte-Cristo. „Es ist verstanden und vereinbart. Eine Bedingung muss ich jedoch verlangen. Sie und Beppo dürfen keinerlei Verbindung zu Luigi Vampa oder irgendeinem seiner Bande unterhalten, zumindest nicht, bis ich es anordne.“

„Die Bedingung wird gewissenhaft eingehalten werden, Signor Conte. Während ich in Ihren Diensten stehe, sollen Ihre Befehle unser einziges Gesetz sein.“

„Das ist ausreichend. Nun werde ich Sie und Beppo in Freiheit setzen. Sie werden mich unverzüglich in mein Wohnhaus begleiten, und dort werden die Vorbereitungen für unsere Abreise sofort getroffen werden. Wir werden morgen nach Rom aufbrechen.“

„Wie es Eurer Exzellenz beliebt“, sagte der Italiener.

Monte-Cristo rief den diensthabenden Wärter auf dem Posten und wies ihn an, Beppo vorzuführen, und bald darauf saßen der Graf und die Italiener in der Karosse des Ersteren und wurden von Ali rasch zum Herrenhaus in der Rue du Helder gefahren.

Kaum waren sie an ihrem Ziel angekommen, begab sich der Graf, nachdem er die neuen Mitglieder seines Gefolges in die Obhut des treuen Nubiers übergeben hatte, in sein Arbeitszimmer und rief Zuleika zu sich. Das Mädchen beeilte sich, dem Ruf Folge zu leisten, und der Anblick des bleichen, strengen Gesichts ihres Vaters verriet ihr sofort, dass etwas sehr Ungewöhnliches und Wichtiges geschehen war.

„Mein Kind“, sagte der Graf, indem er sie zärtlich in seine Arme nahm und liebevoll in ihr aufblickendes, besorgtes Gesicht schaute, „ich habe heute sehr überraschende Nachrichten erhalten.“

Zuleikas Herz schlug bei dieser Ankündigung wild; sie fühlte sich überzeugt, dass die sehr überraschenden Nachrichten ihren unglücklichen, lange schweigenden Geliebten betrafen.

„Vater“, sagte sie mit bebender Stimme, „haben Sie Nachricht von dem Vicomte Massetti erhalten?“

„Nein, mein Kind“, antwortete Monte-Cristo, „aber Nachrichten von schwerwiegendster Art, die ihn betreffen, wurden mir mitgeteilt.“

„Nachrichten von schwerwiegendster Art, Vater! Ist es möglich, dass er tot ist?“

Als sie die letzten Worte aussprach, brach das arme Mädchen in einen Strom von Tränen aus.

„Nein, mein Kind“, antwortete der Graf. „Der junge Massetti ist nicht tot.“

„Ist es ihm gelungen, sich von jener schrecklichen Anschuldigung reinzuwaschen?“, fragte das Mädchen, vor Angst bebend.

„Ach! Nein! Aber er ist unschuldig, Zuleika, so unschuldig an dem schrecklichen Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wird, wie ein ungeborenes Kind! Davon kannst du überzeugt sein, denn der Beweis seiner Unschuld ist in meinen Händen!“

Zuleika stieß einen wilden Freudenschrei aus und schlang ihre Arme um den Hals ihres Vaters.

„Beruhige dich, mein Kind“, fuhr Monte-Cristo fort; „alles wird noch gut werden. Ich breche morgen mit Ali und zwei von Giovannis Freunden nach Rom auf. Sei bereit, mich zu begleiten!“

Zuleikas Ekstase war fast grenzenlos; aber ach! sie wusste nicht, dass Giovannis Verstand durch die Schande und Schmach, die über ihn gehäuft worden waren, zerrüttet worden war!

KAPITEL XIX.

DER WAHNSINNIGE VOM KOLOSSEUM.

Nachdem sie ihre Führer am Kolosseum verlassen hatten, schritten Maximilian und Valentine in Richtung der Mitte der Gladiatorenarena, wo der geistesgestörte Giovanni Massetti stand. Er bemerkte sie nicht, schien der Umgebung nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, sondern hielt seine Augen zum Himmel gerichtet, während das Murmeln bitterer Verwünschungen ständig von seinen Lippen drang. Als sich Monsieur und Madame Morrel näherten, wurden seine Worte immer deutlicher, und sie hatten keinerlei Schwierigkeiten, ihre schreckliche Bedeutung voll und ganz zu verstehen. Kein Wunder, dass die Führer von solch einem Strom bitterer, beißender Flüche verängstigt waren!

Der betroffene Vicomte behielt seine bewegungslose, statuenhafte Haltung bei und glich eher der unheimlichen Schöpfung der lebhaften Phantasie eines Bildhauers als einem lebenden, atmenden Sterblichen. Valentine war von unbeschreiblichem Kummer erfüllt, als sie ihn betrachtete und erkannte, dass dieses Wrack von edler, glorreicher Männlichkeit der Geliebte von Zuleikas Herz war, das Wesen, mit dessen unglücklichem Schicksal das der Tochter von Monte-Cristo untrennbar verwoben war. Oh! dass er durch ein Wunder, wie die sagenhaften Gottheiten des alten Olymp sie vollbracht haben sollen, zur Vernunft und zum Besitz eines unbescholtenen Namens zurückkehren könnte! Aber die Tage der Wunder waren vorbei, und wenn der junge Italiener zur Besinnung gebracht und von der furchtbaren Anschuldigung befreit werden sollte, die all dieses Leid und dieses Elend bewirkt hatte, dann musste dies durch irdische und gewöhnliche Mittel geschehen. Vielleicht waren sie und ihr Mann dazu bestimmt, diese scheinbar unmöglichen Veränderungen zu bewirken! Wer wusste das schon? Viele Dinge, die ebenso unwahrscheinlich waren, waren geschehen, und warum sollte diese wundersame Verwandlung, eine Verwandlung, die eines Zauberstabs eines mächtigen Prospero würdig wäre, nicht vollbracht werden? Valentine war eine treue Freundin und eine Enthusiastin, und Monte-Cristos Maxime „Warten und Hoffen“ war ihr Leitstern. „Warten und Hoffen!“ Oh! wie erquickend, wie beruhigend war dieses einfache, vertrauensvolle Motto!

Maximilian seinerseits empfand unsagbares Mitleid sowohl für den elenden Mann vor ihm als auch für die liebliche Zuleika, das süße und zärtliche Kind seines Wohltäters, die weit weg im luxuriösen, palastartigen Heim ihres Vaters schmachtete und verzweifelte. Das arme Mädchen war von all den Segnungen umgeben, die unermesslicher Reichtum verleihen konnte; sie hatte die Liebe des Grafen, Mercedes’ Liebe, Esperances Liebe und die aufrichtige Zuneigung aller, die sie kannten; aber ach! fürstlicher Reichtum, elterliche, brüderliche Liebe und die Zuneigung von Freunden waren nichts im Vergleich zu der Leidenschaft, die an ihrem Innersten nagte, eine verzweifelte, hoffnungslose Leidenschaft, die nur eine schwere Last des Leids war! Aber war diese Leidenschaft völlig verzweifelt und hoffnungslos? Die Zeit allein konnte es zeigen!

Monsieur und Madame Morrel waren nun nur noch wenige Fuß von dem unglücklichen, wahnsinnigen jungen Mann entfernt, aber seine Aufmerksamkeit war so sehr von den wahnsinnigen Gedanken gefangen, die durch sein verwirrtes Gehirn wogten, dass er ihr Erscheinen noch immer nicht bemerkte.

Er bat Valentine, dort zu bleiben, wo sie war, trat nahe an Giovanni heran und legte ihm plötzlich die Hand auf die Schulter. Der Vicomte schreckte bei dieser unerwarteten Unterbrechung seiner düsteren Träumerei auf und blickte hastig auf den Eindringling. Seine Augen hatten jedoch einen steinigen, verständnislosen Blick, der weder Überraschung noch Furcht ausdrückte.

„Giovanni Massetti“, sagte Maximilian, „hören Sie mir zu! Ich bin ein Freund!“

Der junge Mann antwortete mit leiser, misstönender Stimme:

„Wer ist es, der Giovanni Massetti erwähnt? Es gab einmal einen Mann, der diesen Namen trug, aber er ist tot, tot für die Welt!“

„Ich habe Ihnen gesagt, ich bin ein Freund“, fuhr Monsieur Morrel fort. „Ich bin gekommen, um Sie zu retten!“

„Ein Freund! – ein Freund!“, rief der Wahnsinnige mit einem Ausbruch von bitterem, spöttischem Lachen, das Maximilian wie ein scharfkantiges Stilett durch und durch drang und Valentine schaudern ließ, als wäre sie mit polarem Eis in Berührung gekommen. „Ein Freund! – ein Freund! Gekommen, um mich zu retten – mich! ha! ha! ha! Eine Arbeit des Herkules, ohne dass ein Herkules sie vollenden könnte! Sie sind verrückt, mein armer Freund! Außerdem bin ich nicht Giovanni Massetti – ich bin ein König, ein Kaiser! Betrachten Sie mein Zepter und meine Krone!“

Er deutete auf seinen hohen Stab und den Kranz aus Efeublättern, der seinen Kopf umschlang, deutete triumphierend und mit der ganzen Würde eines thronenden Monarchen.

Es war ein erbärmlicher Anblick, im höchsten Grade erbärmlich, dieses Spektakel eines gestürzten Intellekts, des glorreichen mentalen Lichts jugendlicher Männlichkeit, das sich getrübt und verdunkelt hatte.

Maximilian war tief bewegt, aber da er genau wusste, dass all seine Standhaftigkeit, Entschlossenheit und seine Mittel erforderlich sein würden, um mit dem elenden Mann umzugehen, dem er zu Hilfe gekommen war, beherrschte er seine Rührung und sagte mit vergleichsweise fester Stimme:

„Giovanni Massetti, im Namen der Frau, die Sie lieben, im Namen von Zuleika, Monte-Cristos Tochter, beschwöre ich Sie, ruhig zu sein und mich anzuhören. Ich bin ihr Gesandter, ich komme zu Ihnen von ihr!“

Der junge Mann legte die Hand an seine Stirn und schien sich zu bemühen, seine verstreuten Sinne zu sammeln.

„Zuleika? – Zuleika?“, murmelte er. „Monte-Cristos Tochter? Ja, ja, ich habe schon früher von ihr gehört – vor langer Zeit in der trüben Vergangenheit! Ich las von ihr in irgendeinem Geschichtsbuch oder den Versen irgendeines orientalischen Dichters. Sie war eine Königin! – ja, sie war eine Königin! Nun, was ist mit dieser Zuleika?“

Er stand da, als wartete er darauf, dass sich ihm eine arabische Romanze entfalte, mit leicht geöffneten Lippen und einem vagen Lächeln, das traurig anzusehen war.

Seit seinem Gespräch mit dem alten Grafen Massetti war Maximilians Hoffnung auf den Erfolg seiner schwierigen Mission nur ein sehr dünner Faden gewesen. Nun war dieser Faden bis aufs Äußerste gespannt, und Zuleikas Gesandter fühlte, dass er in Kürze reißen und unwiederbringlich verschwinden musste. Liebe ist immer ein mächtiger Einfluss auf den Menschen, aber dieses arme geistesgestörte Geschöpf schien selbst die leiseste Vorstellung von der alles krönenden Leidenschaft des Lebens verloren zu haben, da Zuleikas Name, der Name seiner Verlobten, nicht imstande gewesen war, seine Erinnerung zu wecken oder eine sympathische Saite in seinem Busen zu berühren.

Als Maximilian unschlüssig dastand, was er als Nächstes tun sollte, aber dennoch zögerte, den elenden Vicomte seinem Schicksal zu überlassen, kam Valentine zu ihm, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte:

„Mein Mann, es ist zwecklos, diesen unglücklichen Mann in seinem gegenwärtigen Zustand bewegen zu wollen; sein Verstand ist unfähig zu rationalem Handeln. Nur durch Fürsorge und beruhigenden Einfluss kann er zu sich selbst zurückgeführt werden. Er muss dazu bewegt werden, uns in irgendeine Anstalt zu begleiten, eine Einrichtung, wo er wegen seines schrecklichen Leidens behandelt werden kann.“

„Du hast recht, Valentine, wie du immer recht hast“, antwortete Monsieur Morrel. „Der Weg, den du vorschlägst, ist der einzige, der in dieser Situation eingeschlagen werden kann. Aber wie soll Giovanni dazu gebracht werden, uns zu begleiten? Gewalt kann nicht angewendet werden – wir haben kein gesetzliches Recht dazu – und ich fürchte sehr, dass der Vicomte uns nicht freiwillig folgen wird, egal welchen Bitten wir uns auch bedienen mögen.“

„Überlasse das mir, Maximilian“, erwiderte Valentine süß und überzeugend. „Erinnere dich an das, was ich über den Witz und die Zärtlichkeit einer Frau gesagt habe.“

„Ich erinnere mich daran, und jetzt ist, wenn überhaupt, die Zeit für die Erprobung ihrer Macht gekommen, denn ich habe völlig versagt. Aber, Valentine, du willst doch sicherlich nicht riskieren, mit diesem armen Mann zu verkehren, dessen Verstand in ein Chaos gestürzt ist und der in einem plötzlichen Anfall von unerklärlicher Wut dir Schaden zufügen könnte, noch ehe ich eingreifen könnte?“

„Ich habe sicherlich vor, mit ihm zu verkehren! Ich bin eine Zauberin, weißt du, und jetzt wirst du einen weiteren und überzeugenderen Beweis für die Wirksamkeit meiner Zauber sehen, als er darin gezeigt wurde, deine tote Hoffnung zum Leben zu erwecken!“

Maximilian war mit der heldenhaften Entschlossenheit seiner Frau nicht ganz zufrieden, aber sie beharrte fest darauf, und schließlich erlaubte er ihr, ihren Willen durchzusetzen. Sie verließ seine Seite und näherte sich Giovanni, wobei ihr feines Gesicht ein bezauberndes Lächeln trug, das so verführerisch war wie das einer skandinavischen Walküre, die beim Fest der Helden im sagenhaften Walhalla bediente.

Die Führer, die inmitten ihrer Gebete an die Heilige Jungfrau die sonderbaren Vorgänge ihrer Herrschaften beständig beobachtet hatten, waren beide erstaunt und entsetzt, als sie sahen, wie Valentine ihren Mann verließ und mutig auf den Wahnsinnigen zuging. Sie verdoppelten die Inbrunst ihrer Gebete und warteten atemlos auf das, was geschehen würde.

Der Vicomte hatte Valentine noch nicht bemerkt. Als sie vor ihn trat und innehielt, immer noch lächelnd, sah er sie zum ersten Mal. Er ließ seinen Stab fallen, faltete seine Hände und betrachtete sie in einer Ekstase der Bewunderung.

„Welche schöne, welche himmlische Vision ist das?“, rief er begeistert aus, wobei seine Stimme mehr von den Merkmalen der Menschlichkeit annahm, als sie bisher gezeigt hatte.

Valentine schwieg; sie wollte Massetti vollständig unter ihren Einfluss bringen, bevor sie mit ihm sprach. Regungslos und statuenhaft stand sie da und ließ den Wahnsinnigen sich an ihr sattsehen.

„Wer bist du, göttliche Vision?“, fuhr der Vicomte fort, der sich als Beute irgendeines vorübergehenden Traums zu betrachten schien. „Oh! du bist ein Geist! – eine Göttin, wie sie einst über die Spiele des Kolosseums herrschte! – vielleicht Juno selbst! Verschwinde nicht aus meinem Blickfeld, werde nicht zu einer schleierhaften Wolke und löse dich im Äther auf! Oh! sprich zu mir, glorreiche Erscheinung! Lass mich die himmlische Melodie deiner Stimme hören und bei ihrem wunderbaren Klang sterben!“

Valentine, die die Laune des geistesgestörten Mannes mitmachte, sagte in dem verlockendsten Ton, den sie annehmen konnte:

„Du hast richtig geraten, oh Sterblicher! Ich bin tatsächlich Juno, die Königin der Göttinnen des Berges Olymp! Auf direkten Befehl von Jupiter habe ich dich in dieser Nacht aufgesucht!“

Sie kam näher an ihn heran und nahm seine Hand. Er führte ihre Hand an seine Lippen und küsste sie ergeben. Dann blickte er in ihre Augen wie jemand, der bezaubert war. Der Witz und die Zärtlichkeit einer Frau hatten triumphiert. Der Wahnsinnige, den nicht einmal die Erwähnung von Zuleikas Namen hatte berühren können, war vollständig unter Madame Morrels Einfluss. Sie hatte ihn unterworfen; sie konnte mit ihm tun, was sie wollte.

„Ein Wunder! Ein Wunder!“, riefen beide Fremdenführer gleichzeitig. „Die Heilige Jungfrau sei gepriesen!“

Maximilian war nicht weniger erstaunt als die Führer, aber mit seinem Erstaunen mischten sich Freude und Dankbarkeit – Freude darüber, dass Giovanni nun zugänglich war, und Dankbarkeit gegenüber seiner edlen und furchtlosen Frau, die die wundersame Verwandlung bewirkt hatte. Er sagte sich, dass Valentine in der Tat eine Zauberin war, aber eine moderne Circe, die, im Gegensatz zu ihrem antiken Vorbild, ihre Zauber und Faszinationen einsetzte, um gute Ergebnisse zu fördern. Er blickte zu Valentine mit einem Lächeln der Ermutigung und Billigung, begierig darauf wartend, welchen nächsten Schritt sie tun würde, welchen nächsten kühnen Versuch sie wagen würde.

Giovanni gab keine Antwort auf Valentines phantastische Rede, und nachdem sie einen Augenblick lang geschwiegen hatte, fuhr sie fort:

„Ich bin hier für dein Wohl, um dir bei deinen überwältigenden Missgeschicken beizustehen!“

„Ah! ja; ich habe Missgeschicke, aber ich hatte sie vergessen“, sagte der junge Mann nachdenklich.

„Ich bin gesandt, um dich von ihnen zu befreien“, fuhr Valentine fort. Dann, indem sie ihrer Stimme ihre überzeugendste Qualität verlieh, fügte sie hinzu, während sie einen magnetischen Blick auf den Vicomte richtete: „Meine Mission ist es, die Obhut über dich zu übernehmen, um zu sehen, dass du wieder zu Gesundheit und Glück findest. Komm mit mir!“

„Ich werde dir folgen, süße Vision, bis ans Ende der Welt!“, sagte Giovanni enthusiastisch.

Valentine winkte hastig ihrem Mann; er eilte zu ihr, und sie flüsterte ihm ins Ohr:

„Schicke einen der Führer nach einem Coupé. Wir dürfen keinen einzigen Moment verlieren. Der arme Massetti wird mir folgen, wie ein Hund seinem Herrn folgt! Während er unter meinem Einfluss steht, ist es zwingend erforderlich, dass er in eine Anstalt gebracht wird, wo er ordnungsgemäß betreut und wenn möglich geheilt werden kann. Zweifellos können dir die Führer eine solche Einrichtung nennen. Beeil dich, Maximilian!“

Der junge Soldat brauchte keine Wiederholung dieser weisen und humanitären Anweisungen. Er gab die notwendigen Anweisungen, und bald war das gewünschte Fahrzeug vor dem Kolosseum bereitgestellt. Maximilian hatte auch die Adresse einer geeigneten Heilanstalt ausfindig gemacht.

Unterdessen hatte Valentine ihre erfolgreiche Taktik beim Vicomte fortgesetzt, der ihr jeden Augenblick mehr und mehr nachgab. Als das Coupé angekündigt wurde, sagte sie zu ihm:

„Mein Wagen wartet, um Sie in meine olympische Behausung zu befördern. Kommen Sie mit mir?“

„Ihre Wünsche sind meine Gesetze, oh! schöne Göttin!“, erwiderte Giovanni. „Bringen Sie mich, wohin Sie wollen, solange Sie mich nicht verlassen und mich in Verzweiflung zugrunde gehen lassen!“

Mme. Morrel führte den sich nicht wehrenden jungen Mann zum Coupé; Maximilian und die Führer folgten dem Paar in kurzem Abstand, um für den Fall unvorhergesehener Kapriolen seitens des armen Massetti gewappnet zu sein. Es gab jedoch keinen Anlass für ihr Eingreifen, und der Vicomte war bald sicher im Coupé untergebracht, mit Valentine auf der einen und ihrem Ehemann auf der anderen Seite.

Nach einer kurzen Fahrt, während der Giovanni, der jedes Verständnis für die Anwesenheit anderer Personen außer Valentine verloren zu haben schien, sie stillschweigend betrachtete, hielt das Gefährt vor der Irrenanstalt.

Massetti wurde dazu bewegt, die Anstalt ohne die geringsten Schwierigkeiten zu betreten. Maximilian traf daraufhin alle notwendigen Vorkehrungen, und der junge Mann wurde in komfortablen Räumlichkeiten untergebracht. Der Arzt, der ihn untersuchte, erklärte, sein Fall sei nicht ohne Hoffnung.

KAPITEL XX.

DIE INSEL MONTE-CRISTO.

Zur festgesetzten Zeit verließen der Graf von Monte-Cristo und Zuleika, begleitet von Ali, Peppino und Beppo – die beiden Italiener in die Reisekleidung französischer Diener gekleidet –, Paris in Richtung Marseille. Bei ihrer Ankunft in letzterer Stadt begaben sie sich sofort zum Hafen, wo Monte-Cristos Yacht ihrer harrte, gemäß den Anweisungen, die der Graf per Telegramm an den Kapitän des Schiffes gesendet hatte. Dieser hieß Vincenzo und war ein Sohn von Jacopo, dem einstigen Schmuggler, der lange das Kommando über die unglückselige Alcyon innegehabt hatte, welche einige Jahre zuvor in einem schrecklichen Sturm und bei vulkanischen Erschütterungen im Mittelmeer untergegangen war. Die jetzige Yacht war ein neues und herrliches Schiff, so schnell und so schön wie ein Vogel. Sie war auf das Vollkommenste ausgestattet; die Kajüte, prachtvoll mit Teppichen ausgelegt und möbliert, war mit aufwendig gearbeiteten, kostbaren Wandteppichen behängt, während hier und da an den Wänden seltsam angeordnete Gruppen antiker barbarischer Waffen prangten, gesammelt von der Stätte des alten Karthago, den Ruinen des historischen Babylon und sogar aus den zerfallenden Gräbern jener beeindruckenden Krieger, die weit zurück in den dunklen Zeitaltern der Antike das ferne Cathay gegen die Einfälle der wilden Tartarenhorden verteidigt hatten. Die Yacht trug den Namen Haydee, zu Ehren der liebenden und ergebenen griechischen Sklavin, der Mutter von Esperance und Zuleika, die eine so bedeutende Rolle im Leben des Grafen von Monte-Cristo gespielt hatte und solch zarte Erinnerungen hinterließ.

Sobald der Graf und seine kleine Gesellschaft sicher an Bord des Schiffes waren, lichtete es den Anker und glitt geschwind hinaus auf die weite, glitzernde Wasserfläche. Monte-Cristo und Zuleika standen an Deck, unterhielten sich angenehm und genossen das sich ständig wandelnde Panorama, das sich ihrem Blick bot. Die Haydee glitt rasch an der Ile Ratonneau vorbei, die durch ihren hoch aufragenden Leuchtturm unverkennbar war; dann folgte die Pointe des Catalans mit ihrem Strand, an dem Mercedes einst gewohnt hatte und wo der unglückselige Seemann Dantes in jener denkwürdigen Nacht, als er in die Gefangenschaft abgeführt wurde, das Licht im Fenster ihres Zimmers gesehen hatte. Schließlich erhob sich ein schwarzer und finsterer Fels vor ihnen, gekrönt von einer düsteren Festung. Als er diesen trostlosen Felsvorsprung erblickte, runzelte Monte-Cristo die Stirn und murmelte durch zusammengebissene Zähne einen Fluch gegen die Tyrannei der Menschen.

„Was bewegt Euch so sehr, Vater?“, fragte Zuleika mit sanfter Stimme und blickte ihn besorgt an.

„Sieh dorthin, mein Kind“, antwortete der Graf mit tiefer Ergriffenheit; „die Festung auf jenem Felsen ist das verfluchte Chateau d’If!“

Zuleika betrachtete die Festung mit einem Gefühl von Schrecken und Grauen. Sie kannte die Geschichte der langen Gefangenschaft ihres Vaters und seines qualvollen Leidens im dunklen Verlies jener abschreckenden Anlage, von seinen Begegnungen mit dem Abbé Faria dort und seiner darauffolgenden gewagten Flucht; doch sie wusste nichts von dem, was sich zwischen dem Abbé und dem Seemann Dantes bezüglich des berühmten Schatzes zugetragen hatte, den Kardinal Spada in den Grotten der Insel Monte-Cristo verborgen hielt – jener Schatz, der, Papst Alexander VI. entrissen, den Grafen so enorm reich gemacht hatte. Über dieses Thema hatte ihr Vater es bisher nie für nötig gehalten, sie aufzuklären. Der Anblick des Chateau d’If ließ sie erschaudern und erblassen, während er sie gleichzeitig faszinierte und fesselte. Sie schmiegte sich eng an Monte-Cristo und sagte zitternd:

„Oh! Was für ein schrecklicher Ort! Mein ganzes Herz ist erkaltet bei seinem trostlosen Anblick!“

„So trostlos er von hier aus auch aussieht, mein Kind“, erwiderte der Graf, „so ist er im Inneren tausendmal schlimmer! Er ist das erwählte Domizil von Düsternis und Verzweiflung!“

Er schob seine Tochter sanft von sich und gab sich einer tiefen Träumerei hin, in die er für einige Augenblicke versunken blieb. Alle Einzelheiten seiner Haft und die verblüffenden Abenteuer, die darauf folgten, zogen in rascher Abfolge an seinem Geist vorüber, und ein leidenschaftlicher, unwiderstehlicher Wunsch, den Ort wieder aufzusuchen, an dem er Spadas Millionen ausgegraben hatte, bemächtigte sich seiner vollständig. Plötzlich sagte er zu Kapitän Vincenzo:

„Kurs auf die Insel Monte-Cristo!“

„Aye, aye, Signor Graf“, antwortete der Kapitän, und die notwendigen Befehle wurden sofort erteilt. Die Haydee, ihrem Steuer prompt gehorchend, schwenkte schnell und anmutig herum und schoss augenblicklich in Richtung der berühmten Insel davon.

Zuleika warf ihrem Vater, als sie seinen Befehl hörte, einen Blick voll Erstaunen und Unruhe zu. Sie hatte erwartet, dass sie direkt nach Italien weiterfahren würden, und diese Kursänderung der Yacht ließ ein anderes Programm vermuten.

„Mein Kind“, sagte der Graf, ihre Gedanken erratend, „ich beabsichtige, nur einige Stunden auf der Insel Monte-Cristo zu verweilen; die Verzögerung wird nicht von Belang sein, zumal wir die verlorene Zeit durch das Setzen aller Segel wieder aufholen können, während ich dir einige Orte zeigen möchte, die eng mit meiner Geschichte verbunden sind und die dich interessieren werden.“

„Ich werde die Insel Monte-Cristo mit Vergnügen besuchen, Vater“, entgegnete Zuleika. „Ich habe so viel über sie und ihre Wunder gehört. Du hast doch dort ein Anwesen, nicht wahr?“

Der Graf lächelte, als er antwortete:

„Nicht gerade ein Anwesen, Zuleika, aber etwas, das als Ersatz dienen könnte, falls wir einen vorübergehenden Zufluchtsort benötigten, obwohl ich sehr fürchte, dass wir es bei der langen Vernachlässigung derzeit in einem höchst beklagenswerten Zustand vorfinden werden.“

Zuleikas Neugier war nun beträchtlich geweckt. Was mochte dieser geheimnisvolle Wohnsitz, oder, wie ihr Vater ihn eigentümlich nannte, dieser Ersatz für ein Anwesen, wohl sein? Was sie von der Insel Monte-Cristo wusste, stammte aus bruchstückhaften Erzählungen, die ihr Mercedes und ihr Sohn Albert de Morcerf berichtet hatten, aber da keiner dieser Informanten jemals einen Fuß auf die Insel gesetzt hatte, waren ihre Informationen notwendigerweise sehr vage, auch wenn sie das, was ihnen an Deutlichkeit fehlte, durch das Wunderbare ausglichen.

Endlich, gegen Nachmittag, wurde die felsige Küste der Insel Monte-Cristo sichtbar. Das Gesicht des Grafen hellte sich auf, als er sie sah, und ein Schauer des Vergnügens durchlief ihn. Obwohl die Haydee noch ein beträchtliches Stück entfernt war, konnte er deutlich die hohe Spitze erkennen, auf der er gestanden und die Schmuggler in ihrer Tartane, La Jeune Amelie, hatte abfahren sehen, an jenem ereignisreichen Morgen, als er mit seiner Flinte und seiner Spitzhacke aufgebrochen war, um seine Suche zu betreiben, die von so viel Aufregung begleitet und von einem so herrlichen, blendenden Ergebnis gekrönt werden sollte. Das goldene Sonnenlicht fiel voll auf diese Spitze und die umliegenden Steinmassen und ließ sie glitzern, als wären sie mit funkelnden Diamanten von großem Wert überkrustet. Hier und da wuchsen Olivenbäume und verkümmerte Sträucher, die sich deutlich gegen den blauen, wolkenlosen Himmel abhoben; als die Yacht näher kam, bildeten ihre Grüntöne einen markanten Kontrast zur vorherrschenden Farbe der Felsen und trugen wesentlich zur Malerischkeit der wilden und romantischen Szenerie bei.

„Wie schön die Insel aussieht!“, rief Zuleika begeistert aus, während sie sich an die Schanzkleidung des Schiffes lehnte und über das Meer hinausblickte.

„Ja“, antwortete Monte-Cristo, der neben ihr stand, „sie sieht von hier aus tatsächlich schön aus, aber ein Blick aus der Nähe wird den Zauber vertreiben, denn die Insel ist nichts weiter als eine unfruchtbare Einöde.“

„Was! Ist sie eine Wüste?“, fragte Zuleika überrascht.

„Eine vollkommene Wüste, mein Kind“, antwortete der Graf, „unbebaut und unbewohnt.“

„Unbewohnt!“, rief Zuleika und blickte aufmerksam auf das Ufer. „Ich sehe dort sicherlich Leben! Schau! Was war das?“

„Eine wilde Ziege, die von einem Felsen zum anderen springt“, erwiderte Monte-Cristo lächelnd. „Die Insel ist voll davon. Als ich sagte, sie sei unbewohnt, meinte ich von Menschen.“

Die Haydee war bis dahin so nah wie möglich an die Insel herangekommen; sie wurde daher vor Anker gelegt. Der Graf befahl dann, ein Boot zu Wasser zu lassen, in das er mit Zuleika und Ali hinabstieg. Ein kräftiger Seemann ergriff das Ruder, zwei andere nahmen die Riemen, und nach wenigen Minuten wurde eine kleine Bucht erreicht und die Ausschiffung vollzogen.

„Männer“, sagte der Graf an die Matrosen gewandt, „ihr könnt jetzt zur Yacht zurückrudern. Wenn ihr seht, dass ich an den Strand komme und mein Taschentuch dreimal schwenke, kehrt zurück, um uns abzuholen.“

„Aye, aye, Signor Graf“, antwortete der Bootsmann für die Bootsbesatzung. Seine Worte wurden vom Eintauchen der Riemen begleitet, und das Boot schoss in Richtung der Haydee davon.

„Du bist nun auf der Insel Monte-Cristo“, sagte der Graf zu Zuleika, als er ihre Hand nahm, um sie voranzuführen. „Mach dich bereit, das zu sehen, was du als ihre Wunder bezeichnet hast!“

„Sie werden sich zweifellos für mich als Wunder erweisen, auf jeden Fall“, erwiderte das Mädchen lächelnd.

Der Nubier stand vor seinem Herrn mit entblößtem Haupt und wartete respektvoll auf Befehle.

„Geh voraus, Ali“, sagte der Graf, „und sieh nach, ob alles in Ordnung ist.“

Der Nubier verneigte sich tief auf orientalische Art und eilte davon.

Der Graf und seine Tochter folgten gemächlich. Während sie gingen, scheuchten sie Heerscharen von Heuschrecken auf, die mit summendem Flügelschlag aus den Büschen sprangen und vor ihnen flohen. Das amüsierte Zuleika, doch sie konnte einen Schrei des Schreckens nicht unterdrücken, als hin und wieder eine grüne, abstoßend aussehende Eidechse unter den losen Steinen direkt unter ihren Füßen hervor kam und hastig davonhuschte, um ein sichereres Versteck zu suchen. Gelegentlich sahen sie auch wilde Ziegen, die die Ohren spitzten und sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrten, dann zum Sprung ansetzten, die Felsen hinaufstürmten und verschwanden.

Schließlich gelangten Monte-Cristo und Zuleika zu dem Nubier, der neben einem riesigen Felsblock angehalten hatte, der seit Ewigkeiten dort zu liegen schien, wo er von den Klippen darüber herabgefallen war. Ein dichter, buschiger Wuchs aus wilder Myrte und blühendem Dorn hatte sich um ihn herum gebildet, und seine Oberfläche war mit smaragdgrünem Moos bedeckt. Der Graf und seine Tochter blieben ebenfalls stehen, wobei ersterer sich und den riesigen Stein mit offensichtlicher Zufriedenheit betrachtete.

„Nichts wurde berührt, seit ich das letzte Mal hier war“, sagte er, als spräche er zu sich selbst; dann fügte er, sich an Ali wendend, hinzu: „Enthülle den Eingang zu den Grotten!“

Der Nubier holte ein rostiges Brecheisen aus einer Nische, in der er es in der Vergangenheit offensichtlich verborgen hatte, und stieß die Spitze unter den Felsblock; dann übte er einen starken, stetigen Druck auf das Brecheisen aus, und der große Fels bewegte sich langsam beiseite, wobei er eine kreisförmige Öffnung freigab, in deren Mitte eine quadratische Steinplatte mit einem eisernen Ring in der Mitte lag. In diesen Ring führte Ali sein Brecheisen ein und hob mit einer gewaltigen Anstrengung die Steinplatte aus ihrer Fassung. Eine Treppe, die scheinbar in die Eingeweide der Erde hinabführte, wurde sichtbar, und aus den düsteren Tiefen entwich ein Strom feuchter, erstickender Luft.

Zuleika wich erschrocken zurück. Alles, was seit ihrer Ankunft bei dem Felsblock geschehen war, war ihr seltsam, verwirrend und beängstigend. Waren die Tage der Zauberei zurückgekehrt? War Ali ein mächtiger Zauberer wie der angebliche Onkel aus der alten arabischen Erzählung von Aladdin, oder befand sie sich einfach im Bann eines wirren Traums? Ihre Knie zitterten unter ihr, und sie machte Anstalten zu fliehen, doch ihr Vater ergriff sie am Arm, und seine lächelnde Miene beruhigte sie.

„Fürchte dich nicht, Zuleika“, sagte er beschwichtigend. „Wir sind im Begriff, meinen unterirdischen Palast zu besuchen. Das ist alles.“

Inzwischen hatte sich die Atmosphäre des Treppenaufgangs gereinigt, und Monte-Cristo sagte zu Ali:

„Steig hinab und beleuchte die Grotten. Wenn alles bereit ist, gib das übliche Signal.“

Der treue Diener betrat die Öffnung und verschwand die Treppe hinab. Bald stieg ein köstlicher orientalischer Duft herauf. Diesem folgte eine lebhafte Beleuchtung des klaffenden Abgrunds, und dann ertönte ein langer, widerhallender Pfiff.

„Ali benachrichtigt uns, dass alles für unseren Empfang bereitet ist“, sagte Monte-Cristo zu Zuleika. „Komm, meine Tochter!“

Er stieg als Erster die Treppe hinab, Zuleika folgte ihm in einer Gemütsverfassung, die schwer zu beschreiben ist. Sie hatte jetzt keine Angst mehr, aber ihre Empfindungen waren von einer außerordentlich eigentümlichen Art. Die Neuheit und Einzigartigkeit des Abenteuers zogen sie eher an, obwohl sie gleichzeitig eine Art Widerwillen verspürte, es zu wagen. Doch die Öffnung war nun hell wie am Tag, und als sie hinabstiegen, nahm das berauschende Parfüm an Intensität zu, bis es fast so war, als hätten plötzlich Morgensterne in Haufen geblüht und die Höhlen mit ihrem schweren Duft erfüllt.

Am Fuß der Treppe nahm Ali sie in Empfang und führte sie in eine riesige Kammer, die offensichtlich einst großen Glanz besessen hatte, jetzt aber schmuddelig und staubbedeckt war, als wäre sie lange verlassen gewesen. Es war der Raum, in dem Monte-Cristo als Sindbad der Seefahrer vor Jahren den Baron Franz d’Epinay willkommen geheißen hatte, aber der purpurne Brokat, mit Goldblumen durchwirkt, obwohl er die Kammer immer noch wie damals auskleidete, war nun verblichen und mottenzerfressen, während der türkische Teppich, in den des Barons Füße bis zum Spann eingesunken waren, ebenso wie die vor den Türen hängenden Wandteppiche, sich im gleichen Zustand befanden. Das Diwan in der Nische war von Würmern durchlöchert, und die silbernen Scheiden des Ständers mit arabischen Schwertern, der es krönte, waren angelaufen; nur die Edelsteine in den Griffen der Waffen behielten ihren Glanz. Die einst schöne Lampe aus venezianischem Glas, die von der Decke hing und die Ali gefüllt und angezündet hatte, war ebenfalls angelaufen, und ihr zart geformter Globus war von oben bis unten gesprungen. Monte-Cristo betrachtete traurig diese Szene von Ruin und Verfall, doch er betrachtete sie nur einen Augenblick. Dann wandte er sich an Zuleika und sagte:

„Mein Kind, dies war einst mein Salon, und seine Schönheit fesselte die Augen aller, die ihn sahen, aber ich verließ ihn, und die Zeit hat ihr Werk getan, unterstützt von der Vernachlässigung – seine Schönheit ist dahin! Soll ich einen weiteren Geist der Vergangenheit heraufbeschwören und dir seinen früheren Bewohner zeigen?“

„Sicherlich sehe ich ihn vor mir, nicht wahr?“, sagte Zuleika und blickte zärtlich zu ihrem Vater auf.

„Nicht wie er war, mein Kind, nicht wie er war. Warte hier einige Augenblicke, mit meinem treuen Ali als deinem Wächter und Beschützer, und ich werde die phantastische Erscheinung heraufbeschwören!“

Während er sprach, hob er den verblichenen Wandteppich, der die Tür zum inneren Gemach enthüllte; als er diese Tür öffnete und hinter sich schloss, war er den Augen entschwunden; der Wandteppich fiel an seinen Platz zurück und verbarg den Eingangspunkt.

Nach kurzer Abwesenheit erschien er wieder, gekleidet in sein berühmtes tunesisches Kostüm, doch auch das hatte, ach!, wie alles andere in dieser verlassenen unterirdischen Behausung seinen ursprünglichen Glanz verloren. Dennoch waren die Überreste da – die rote Mütze mit der langen blauen Seidenquaste; die Weste aus schwarzem Stoff, bestickt mit Gold; die Pantalons von tiefem Rot; die großen, weiten Gamaschen von derselben Farbe, mit Gold bestickt wie die Weste; die gelben Pantoffeln; das Kaschmir um seine Taille und der kleine, krumme Cangiar, der durch seinen Gürtel gesteckt war.

Zuleika starrte ihn vor Erstaunen an. In seinem verblichenen, angelaufenen, mottenzerfressenen Schmuck sah er in der Tat aus wie eine phantastische Erscheinung, ein malerischer Geist der Vergangenheit.

„Komm, Zuleika“, sagte er, „da ich nun in meiner Festtagskleidung bin, lass uns das Salle-à-manger besuchen!“

Er schob den Wandteppich ein weiteres Mal beiseite und öffnete erneut die Tür, die in das andere Gemach führte. Zuleika trat ein, und der Graf folgte ihr, während Ali im äußeren Raum blieb, um vor Überraschung oder Eindringlingen zu wachen. Das wundervolle Salle-à-manger war genau das gleiche, wie es der Baron d’Epinay gesehen hatte. Hier schien die Zeit getrotzt worden zu sein. Der Marmor, aus dem der prächtige Raum erbaut war, war so hell und schön wie eh und je, die antiken Flachreliefs von unschätzbarem Wert waren gut erhalten, und die vier prachtvollen Statuen mit Körben auf ihren Köpfen waren noch an ihren Plätzen in den Ecken des länglichen Raumes und immer noch perfekt, obwohl keine Pyramiden aus herrlichem Obst nun die Körbe füllten. In der Mitte des Salle-à-manger stand immer noch der Esstisch mit seinen silbernen Geschirren und Tellern aus japanischem Porzellan. Es war an diesem Tisch gewesen, dass sowohl der Baron d’Epinay als auch Maximilian Morrel jene wundersame grüne Zubereitung eingenommen hatten, jenen Schlüssel zum Tor der göttlichen Träume, das Haschisch von Alexandria, das Haschisch von Abou-Gor. Es war an diesem Tisch gewesen, dass Maximilian, als er unter den Einfluss der potenten Droge geriet, einen ersten Blick auf seine geliebte Valentine nach ihrem vermeintlichen Tod erhascht hatte; es war an diesem Tisch gewesen, dass er beim Erwachen aus seinem Haschisch-Traum mit ihr wiedervereint worden war. Es war in diesem Raum gewesen, dass Haydee ihre Liebe zu Monte-Cristo gestanden hatte und in sein Herz aufgenommen worden war.

All diese Erinnerungen drängten auf den Grafen ein, als er da stand und sich umsah. Der Gedanke an Haydee rührte ihn fast zu Tränen, doch er unterdrückte die salzigen Tropfen und nahm Zuleika zärtlich in seine Arme, wobei er mit voller, bewegter Stimme ausrief:

„Oh! Haydee, Haydee, ich habe dich verloren, aber du lebst für mich wieder in diesem gesegneten Schatz, den du mir hinterlassen hast – unsere geliebte Tochter!“

Zuleika schlang ihre Arme um den Hals ihres Vaters und küsste ihn leidenschaftlich.

„Ich weiß nicht“, sagte sie überschwänglich, „welche Erinnerungen, welche Assoziationen dieser Raum wachruft, aber er hat dich an meine Mutter denken lassen, und ich segne ihn!“

Als sie beide ruhiger geworden waren, sagte Monte-Cristo zu seiner Tochter:

„Es gibt noch ein weiteres Gemach für uns zu sehen. Lass uns dorthin gehen.“

Sie betraten das angrenzende Gemach. Es war ein seltsam möblierter Raum. Von kreisförmiger Gestalt, war er von einem großen Diwan umgeben, das, ebenso wie die Wände, die Decke und der Boden, mit dem bedeckt war, was einst prächtige Felle der großmähnigen Löwen des Atlas, gestreifter Bengaltiger, gefleckter Panther vom Kap, Bären aus Sibirien und Füchse aus Norwegen gewesen waren, doch all diese eleganten Pelze, die in Hülle und Fülle übereinander verstreut waren, waren von Motten und Würmern zerfressen und durch die Feuchtigkeit verfault, bis sie kaum noch zusammenhielten. Das Diwan war jenes, auf dem der Baron d’Epinay geruht hatte, und die Tschibuks mit Jasminrohren und bernsteinernen Mundstücken, die er gesehen hatte, so präpariert, dass es nicht nötig war, dieselbe Pfeife zweimal zu rauchen, waren immer noch an ihren Plätzen und waren die einzigen Dinge im ganzen Raum, die unbeschadet aus dem Griff der Jahre entkommen waren. Diese Kammer wurde glänzend beleuchtet durch den Schein mehrerer großer Lampen aus angelaufenem Silber und Gold, die von der Decke hingen und aus den Wänden ragten, und das Salle-à-manger war auf die gleiche Weise beleuchtet.

Zuleika stand inmitten all dieser verfallenen Pracht, verloren in Staunen, völlig verwirrt von dem, was sie erblickte. Sie sprach nicht eine einzige Silbe, denn Worte waren unzulänglich, um ihr tiefes Erstaunen auszudrücken.

Monte-Cristo warf sich auf das Diwan, von dem eine Wolke erstickenden Staubs aufstieg. Er nahm einen der Tschibuks, in dem sich noch ein Vorrat an türkischem Tabak befand, zündete ihn an und begann zu rauchen.

Zuleika sah nun, dass der schwere, köstliche Duft, mit dem der Grottenpalast erfüllt war, von Weihrauch stammte, der in einer riesigen Malachitvase glimmte, die in der Mitte dieser verwirrenden Kammer aufgestellt war.

Nachdem er einige Züge aus dem Tschibuk genommen hatte, nahm Monte-Cristo das bernsteinerne Mundstück von seinen Lippen, stand auf und sagte:

„Du hast nun mein unterirdisches Domizil gesehen, Zuleika, das Domizil, in dem ich in der Vergangenheit Zuflucht vor der Welt und Trost für mein Leid suchte. Es erscheint dir wie das Erzeugnis eines Zauberspruchs eines mächtigen Magiers, und in der Tat war es das auch, doch dieser Magier war das Glück, und der Zauberspruch war immenser Reichtum, dessen gewaltigem und subtilem Einfluss alle Völker und alle Länder sklavische Unterwerfung und stillschweigenden Gehorsam zollen! Du kennst die romantische, unglaubliche Geschichte dieser Behausung nicht, meine Tochter, und es ist nicht meine Absicht, sie dir zu erzählen, denn dein jugendlicher Verstand könnte sie kaum begreifen. Begnüge dich also mit dem, was du geschaut hast. Bewahre es in deiner Erinnerung, wenn du willst, sei es als Wirklichkeit oder nur als flüchtige Vision, aber ich beschwöre dich, erwähne dieses Abenteuer niemals mir oder irgendeiner anderen lebenden Seele gegenüber! Ich habe Vertrauen in dich gehabt, mein Kind; zahle dieses Vertrauen heim, indem du diesen Wunsch, nein, diesen Befehl von mir strikt befolgst! Diese Grotten gehören der Vergangenheit und der Vergessenheit an; der Vergangenheit und der Vergessenheit sollen sie daher anheimgegeben sein! Versprich mir, so zu handeln, wie ich es wünsche!“

Überrascht von dieser seltsamen Rede, die der Graf mit einer vor Erregung bebenden Stimme hervorbrachte, ebenso sehr wie von all den unerklärlichen Wundern, die sie gesehen hatte, antwortete Zuleika in einem Ton voller Aufregung:

„Ich verspreche es, feierlich verspreche ich es, Vater, deine Anweisungen in dieser Angelegenheit bis aufs Wort zu erfüllen! Ich habe die Neugier einer Frau und die Neigung einer Frau zum Geschwätz“, fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu, „aber dir zuliebe werde ich beides unterdrücken, zumindest was diesen wahrhaft wunderbaren unterirdischen Palast und unseren heutigen Besuch betrifft!“

„Und du wirst dein Wort halten, mein edles Kind!“, sagte Monte-Cristo und blickte sie zärtlich und bewundernd an. „Nun werde ich dieses Tunis-Gewand ablegen, in dem ich zweifellos in deinen Augen höchst lächerlich erschienen bin, denn du bist gänzlich unvertraut mit den Assoziationen, die es umgeben und mir teuer machen, die es, sozusagen, über jedes andere Kostüm, das ich je getragen habe, erheben!“

Zuleika hob abwehrend die Hände und rief aus:

„Du könntest, lieber Vater, in meinen Augen nicht lächerlich erscheinen, ganz gleich, in welches Gewand du gekleidet wärst!“

Monte-Cristo lächelte anerkennend, wenn auch ein wenig ungläubig, und verließ das kreisrunde Gemach. Als er zurückkehrte, trug er das Kostüm, das er bei seiner Ankunft von der Yacht angehabt hatte.

„Wirf einen letzten Blick um dich, Zuleika“, sagte er in einem Ton, den er vergeblich fest zu halten suchte. „Wir sind nun im Begriff, diesen Ort für immer zu verlassen!“

Er nahm ihre Hand und führte sie aus dem Raum. Langsam und wie mit Bedauern schritten sie durch den Speisesaal und das Gemach, das sie zuerst betreten hatten, erreichten die Treppe und schickten sich an, hinaufzusteigen. Am Fuße der Stufen hielt Monte-Cristo inne und wandte sich an Ali. Er war leichenblass und zitterte leicht. Mit einer gewaltigen Anstrengung beherrschte er jedoch seine Erregung.

„Ali“, sagte er mit einer Stimme, die in Zuleikas Ohren seltsam klang, „ist alles bereit?“

Der treue Nubier, kaum weniger ergriffen als sein Herr, neigte bejahend das Haupt.

„Dann lebt wohl, ihr Grotten von Monte-Cristo!“, rief der Graf erregt. „Lebt wohl für immer!“

Er stieg hastig die Treppe hinauf und zog Zuleika fast mit sich. Ali blieb unten zurück.

Als sie an die frische Luft kamen, hielten sie inne, bis der Stumme zu ihnen stieß; dann erreichte die kleine Gesellschaft wieder den Strand, wo Monte-Cristo dreimal mit seinem Taschentuch winkte. Diesem Signal folgend, verließ das Boot augenblicklich die Yacht und wurde schnell zum Ufer gerudert.

Wenige Augenblicke später waren der Graf, Zuleika und Ali sicher an Bord der Haydée abgesetzt, und das stattliche kleine Schiff wandte seinen Bug in Richtung der italienischen Küste.

Monte-Cristo und seine Tochter standen, mit Ali in geringem Abstand hinter ihnen, und beobachteten aufmerksam die schnell entschwindende Insel. Der Graf war erregter und blasser als je zuvor. Nervöses Zittern erschütterte seinen Körper, und seine Zähne waren fest zusammengebissen. Das sonst unbewegliche Antlitz des treuen nubischen Stummen trug einen Ausdruck blanken Entsetzens. Zuleika blickte zu ihrem Vater und dann zu dem Diener. Sie wusste nicht, was sie von ihrer seltsamen, unerklärlichen Gemütsverfassung halten sollte. Sie legte ihre Hand auf die Schulter des Grafen und wollte gerade zu ihm sprechen, um zu versuchen, seine Erregung zu beruhigen, als plötzlich eine laute Explosion auf der Insel Monte-Cristo ertönte und eine riesige Säule aus schwarzem Rauch in die Luft schoss.

Der Graf hielt sich die Hände vors Gesicht, als wolle er den Anblick ausschließen. Ali fiel ausgestreckt auf das Deck und drückte sein verzerrtes Gesicht gegen die Füße seines Herrn.

„Was war das, oh! Vater, was war das?“, rief Zuleika und klammerte sich in wilder Angst an den Grafen.

„Der unterirdische Palast der Insel Monte-Cristo ist nicht mehr!“, antwortete er traurig. „Auf meinen Befehl hin ersetzte er mit seiner Pracht die rauen und gestaltlosen Grotten, auf meinen Befehl hin ist er vergangen!“

Während er sprach, verlor sich die felsige Insel allmählich in der Ferne aus dem Blickfeld, und die Haydée eilte über die Wellen des Mittelmeers wie ein prächtiger Wasservogel im vollen Flug.

KAPITEL XXI.

ZULEIKA ERFÄHRT DIE WAHRHEIT.

Nichts hinderte die Fahrt der Haydée, und nach einer schnellen und angenehmen Reise warf das schöne Schiff Anker im Hafen von Civita Vecchia, der bedeutenden Hafenstadt des Kirchenstaates, die ihren Ursprung dem Kaiser Trajan verdankt. Die strengen Quarantänevorschriften des Ortes verursachten eine kurze Verzögerung, die Monte-Cristo und Zuleika mit schlecht verhehlter Ungeduld ertrugen, doch die gesetzlich vorgeschriebene Zeit zur Reinigung lief schließlich ab, und den Reisenden wurde die offizielle Erlaubnis erteilt, nach Rom weiterzureisen. Davon machten sie sogleich Gebrauch und waren kurze Zeit später in der Ewigen Stadt bequem in den besten Räumlichkeiten untergebracht, die das Hotel de France zu bieten hatte.

Die erste Sorge des Grafen war es, seine Karte an Monsieur und Madame Morrel zu senden, die sogleich in seinen Salon eilten, wo die herzlichsten Begrüßungen ausgetauscht wurden. Dass Monte-Cristo in Rom war, erstaunte Maximilian und Valentine nicht im Geringsten, da sie mit seiner Angewohnheit vertraut waren, plötzlich und scheinbar ohne Motiv an unerwarteten Orten aufzutauchen, doch die Anwesenheit Zuleikas in diesem kritischen Augenblick überraschte sie und erfüllte sie mit Bestürzung. Welche Antwort sollten sie ihr geben, wenn sie nach Giovanni fragte? Wie sollte die Tatsache seines traurigen Zustands vor ihr verborgen bleiben, wenn ganz Rom davon wusste und es das Stadtgespräch war? Valentine hatte dem Mädchen seit ihrer Abreise aus Paris mehrere Briefe geschrieben, war darin jedoch nur bei Allgemeinheiten geblieben; sie hatte es peinlich vermieden, sie über den wahren Sachverhalt zu informieren, in der Hoffnung gegen jede Hoffnung, dass sie schließlich irgendeine erfreuliche Nachricht würde mitteilen können. Der Graf jedoch befreite den ergebenen Ehemann und seine Frau schnell von ihrer Sorge. Er wusste ebenso gut wie sie, dass seine Tochter bald erfahren musste, dass der Vicomte ein Wahnsinniger war, und er zog es vor, ihr die schreckliche Nachricht selbst zu überbringen. Sobald daher die Begrüßungen vorbei waren, noch bevor Zuleika Madame Morrel die Frage zuflüstern konnte, die ihr auf den Lippen brannte, die gefürchtete Erkundigung nach ihrem Geliebten und seinem Aufenthaltsort, sagte er mit ruhigem Ton:

„Maximilian und Valentine, ihr fragt euch zweifellos, warum wir nach Rom gekommen sind, was unser Anliegen hier ist. Ich werde es euch sagen. Wir sind gekommen, um einen unglücklichen Mann, den Vicomte Giovanni Massetti, von einer schrecklichen Anschuldigung reinzuwaschen, die lange auf ihm gelastet hat.“

Monsieur und Madame Morrel tauschten Blicke aus. Nun war es an ihnen zu sprechen, ihre Mission vor Monte-Cristo einzugestehen.

„Graf“, sagte Maximilian und deutete auf seine Frau, „wir kamen ebenfalls in derselben Absicht hierher. Zuleika gestand Valentine ihre Liebe zu dem jungen Italiener, und sie entlockte ihr die Art der Anschuldigung, auf die Ihr gerade angespielt habt. Verzeiht uns, dass wir ohne Eure Autorisierung gehandelt haben, aber wir wollten Erfolg haben, bevor wir Euch den Anteil gestehen, den wir an der Angelegenheit hatten.“

Monte-Cristo lächelte.

„Ihr braucht keine Verzeihung von mir“, sagte er sanft, sehr bewegt von diesem Beweis der Hingabe an seine Tochter und durch sie an ihn; „im Gegenteil, Ihr habt meinen Dank sowie den Zuleikas! Doch welchen Erfolg hattet Ihr?“

„Ach! Bis jetzt keinen nennenswerten“, antwortete Monsieur Morrel traurig.

„Ein solches Ergebnis war zu erwarten“, erwiderte der Graf ernst. „Ihr hattet keine Beweise, um Giovannis Unschuld zu belegen, und es war für Euch unmöglich, welche zu erlangen. Ich habe die Beweise, schlüssige Beweise! Wenn der richtige Moment gekommen ist, werde ich sie vorlegen, den Fleck von seinem Namen nehmen und seine Feinde beschämen!“

„Gott sei Dank!“, riefen Monsieur und Madame Morrel gleichzeitig, während Valentine Zuleika in ihre Arme schloss, sie küsste und an ihren Busen drückte.

„Doch“, fuhr Monte-Cristo fort und warf einen besorgten Blick auf seine Tochter, „der unglückliche junge Mann muss zuerst in die Hände genommen und geheilt werden!“

Maximilian und Valentine tauschten erneut Blicke aus. Sie fühlten sich erleichtert. Der Graf wusste alles. Er enthüllte es nach und nach, rücksichtsvoll. Sie warteten schweigend auf weitere Entwicklungen und hielten den Atem an. Valentines Herz schlug fast hörbar. Zuleika fuhr aus ihren Armen empor und starrte ihren Vater mit ängstlichen, erstaunten Augen an.

„Geheilt?“, wiederholte sie mit bebender Stimme. „Ist Giovanni krank?“

„Das ist er, mein Kind“, antwortete der Graf.

Was würde er als Nächstes sagen? Wie viel wollte er preisgeben? Sicherlich nicht die ganze schreckliche Wahrheit! Diese Gedanken schossen wie ein Blitz durch die Köpfe von Monsieur und Madame Morrel. Maximilian stand wie eine Statue, unbeweglich, blass, und blickte auf Monte-Cristo, wie ein zum Tode Verurteilter auf seinen Henker blickt. Valentine ergriff die Hand ihres Mannes und hielt sie wie in einem Schraubstock.

Zuleika starrte die Morrels an; sie konnte ihr Handeln, ihr atemloses Interesse nicht verstehen. Dann kehrte ihr Blick zu ihrem Vater zurück, und zum ersten Mal sah sie, dass er trotz seiner scheinbaren Ruhe ebenfalls von einer heftigen Erregung beherrscht wurde.

„Vater!“, rief sie und faltete flehend die Hände, „was meinst du? Du sagst, dass Giovanni krank ist, aber dein Blick drückt mehr aus als deine Worte! Von welcher schrecklichen Krankheit ist er befallen? Sag es mir, ich beschwöre dich! Ich werde stark sein – ich werde es ertragen!“

„Mein Kind“, sagte der Graf mit feierlichem Ton, „dann rufe all deinen Mut, all deine Festigkeit zur Hilfe! Der junge Massetti, überwältigt von seinem Unglück, ist einer Geisteskrankheit zum Opfer gefallen!“

„Mon Dieu! Mon Dieu!“, stöhnte Zuleika voller Qual, „willst du damit sagen, dass er seinen Verstand verloren hat, dass er ein Wahnsinniger ist?“

„So ist es, ach! Aber, meine Tochter, vertraue mir! Ich werde ihn finden, und die Wissenschaft wird seine Heilung bewirken!“

Das arme Mädchen, betäubt von der schrecklichen Nachricht über den Zustand ihres Geliebten, stand einen Augenblick da, die Augen starr auf ihren Vater geheftet. Tränen wollten ihr nicht zur Linderung kommen. Dann wankte sie, taumelte, als wäre sie plötzlich von einem schweren Geschoss getroffen worden, und fiel ohnmächtig in Valentines ausgestreckte Arme. Maximilian half seiner Frau, sie in einen Fauteuil zu betten, wonach er nach der Glockenschnur griff.

„Wofür willst du läuten?“, fragte Monte-Cristo, der zur Seite seiner Tochter geeilt war.

„Nach Branntwein“, antwortete Monsieur Morrel, während seine Hand noch an der Schnur lag. „Das wird sie wiederbeleben.“

„Vergiss den Branntwein“, erwiderte der Graf, als er ein kleines Fläschchen mit einer rötlich aussehenden Flüssigkeit aus seiner Tasche nahm, Zuleikas Mund öffnete und acht Tropfen der Flüssigkeit in ihre Kehle träufelte. „Dies ist das Elixier des Abbé Faria, ein wirksames Heilmittel, das noch nie seine Wirkung verfehlt hat! Es wird wie ein Zaubermittel wirken! Sieh! Es erfüllt bereits seinen Zweck!“

Während er diese Worte aussprach, bewegte sich Zuleika leicht im Fauteuil, öffnete dann ihre Augen und blickte verwirrt um sich. Fast augenblicklich jedoch wurde ihr klar, dass sie in Ohnmacht gefallen war, und ein volles Verständnis für die schreckliche, wenn auch rücksichtsvoll überbrachte Enthüllung ihres Vaters kehrte zu ihr zurück. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, zitterte von Kopf bis Fuß, und dann verrieten die glitzernden Tropfen, die durch ihre Finger sickerten, dass die Tränen endlich gekommen waren, um sie zu beruhigen. Valentine beugte sich über sie, strich sanft über ihr rabenschwarzes Haar und versuchte auf mütterliche Weise sie zu trösten, während der Graf und Maximilian mit besorgten Mienen zusahen und darauf warteten, dass Madame Morrels Berührung und Einfluss ihre Wirkung zeigten.

Plötzlich nahm Zuleika ihre Hände von ihrem tränenüberströmten Gesicht, richtete sich im Fauteuil auf und sagte, während sie ihren Blick auf Monte-Cristo heftete, mit einem leisen, schwachen und keuchenden Ton, der die Tiefe, die Intensität ihrer Erregung verriet:

„Vater, du sprachst davon, Giovanni zu finden! Ist er verschwunden?“

Der Graf presste die Lippen zusammen und zögerte zu antworten. Er wollte so viel wie möglich von der schrecklichen Wahrheit zurückhalten. Er fürchtete die Wirkung der erschütternden Nachricht auf seine Tochter, dass der junge Massetti wie ein zweiter König Lear auf der öden Heide in den Ruinen des Kolosseums umherirrte. Doch Maximilian kam ihm schnell zu Hilfe.

„Es ist nicht nötig, den Vicomte zu finden“, sagte er. „Er ist bereits gefunden worden und befindet sich derzeit in Behandlung in einer geeigneten Anstalt, wo er sowohl behütet als auch zufrieden ist.“

Zuleika warf Monsieur und Madame Morrel einen dankbaren Blick zu. Monte-Cristo ergriff Maximilians Hand und drückte sie herzlich.

„Ihr habt das getan, mein Freund“, sagte er, wobei sich sein Gesicht aufhellte, „und ich danke Euch dafür!“

„Dankt mir nicht“, erwiderte der Ehemann und blickte voller Zuneigung und Bewunderung auf seine Frau; „dankt Valentine, denn sie war es, die den Plan entwarf und ihn erfolgreich in die Tat umsetzte!“

Madame Morrel schlug die Augen nieder, und eine erhöhte Röte überzog ihr bezauberndes Gesicht.

„Du bist ein Engel, Valentine!“, rief Monte-Cristo enthusiastisch. „Maximilian sagte vorhin, dass noch kein nennenswerter Erfolg Eure vereinten Bemühungen gekrönt hätte, doch seine Aussage war zu bescheiden. Euer Erfolg war beachtlich; Ihr habt den ersten Schritt getan, den ich zu machen gedachte, und meine Aufgabe in bemerkenswertem Maße vereinfacht. Ich bin Euch beiden zutiefst verpflichtet.“

Monsieur und Madame Morrel hoben die Hände und schüttelten sie abwehrend.

„Die Schuld liegt ganz auf unserer Seite“, sagte Maximilian entschuldigend, „und was immer wir auch tun mögen, wir können sie niemals tilgen. Wir verdanken Euch das Glück unseres Lebens!“

Monte-Cristo lenkte das Gespräch um; er schrieb sich nur wenig Verdienst für die Wohltaten zu, die er seinen Mitmenschen erwiesen hatte, da er bedachte, dass jede gute Tat seinerseits dazu beitrug, die schrecklichen Katastrophen zu sühnen, die er bei der Verfolgung seiner unerbittlichen Rache gegen seine alten Feinde verursacht hatte.

„Sagt mir“, sagte er an Monsieur Morrel gewandt, „wie ist der gegenwärtige Zustand des Vicomte? Erholt er sich?“

Maximilian blickte hastig in Richtung Zuleikas; das arme Mädchen beobachtete ihn aufmerksam und wartete sehnsüchtig auf seine Antwort. Seine Stimme war etwas unsicher, als er antwortete:

„Seitdem er in die Anstalt gebracht wurde, von der ich Euch erzählte, hat er die aufmerksamste und geschickteste Pflege erhalten, doch seine Fortschritte sind sehr langsam, fast unmerklich, obwohl der Arzt, der ihn behandelt, nicht aufgehört hat, uns zu versichern, dass er letztendlich seine volle Gesundheit und seinen Verstand wiedererlangen wird.“

„Oh! Bringt mich zu ihm, bringt mich sofort zu ihm!“, rief Zuleika und sprang auf. „Mein Platz ist an seiner Seite! Ich werde ihn pflegen, ich werde ihn heilen!“

Monte-Cristo blickte zu Maximilian, der den Kopf verneinte und dem Grafen ins Ohr flüsterte:

„Es wird niemals gut sein, sie jetzt zu ihm zu bringen; der Schock, ihn zu sehen, wäre zu groß! Er würde sie nicht einmal erkennen – er erkennt niemanden!“

Zuleika ahnte genug von dem, was vorging, um zu erkennen, dass Maximilian sich ihren Wünschen widersetzte, dass er versuchte, sie davon abzuhalten, zu ihrem Geliebten zu gehen, um sich seiner Bedürfnisse anzunehmen. Sie sprang zu ihrem Vater, schlang ihre Arme um seinen Hals und rief, während sie ihn mitleidig und flehend ins Gesicht blickte:

„Oh! Bring mich zu Giovanni, bring mich zu ihm! Verwehre deiner liebenden, pflichtbewussten Tochter nicht ihr innigstes Gebet! Verwehre es nicht, oh! mein geliebter Vater, verwehre es nicht!“

Monte-Cristo war bis in die Tiefen seiner Seele gerührt; Monsieur und Madame Morrel waren ebenso bewegt. Der Graf entschied jedoch augenblicklich, was zu tun war. Zärtlich, mitfühlend, seine Tochter umarmend, sagte er zu ihr mit sanfter Stimme:

„Mein Kind, für den Augenblick ist es das Beste, dass du nicht zu Giovanni gehst. Ich werde ihn für dich aufsuchen und unverzüglich einen Plan in Gang setzen, von dem ich nicht zweifle, dass er zu seiner baldigen Heilung führen wird. Ich kenne einen wunderbaren Arzt, dessen Geschick so groß ist, dass er fast die Toten wieder zum Leben erwecken kann. Er gehört dem verachteten Volk der Juden an, ist aber ein guter sowie ein wunderbarer Mann. Sein Name ist Dr. Israel Absalom, und er wohnt hier in Rom, innerhalb der Mauern des gemiedenen und verfluchten Ghettos, nahe dem Kapitolshügel. Ich werde sofort zu ihm gehen und ihn zu dem jungen Massetti bringen. Meine Tochter, sei versichert, dass dieser gelehrte Hebräer ein weiteres Wunder wirken und dir deinen Geliebten zurückgeben wird, und zwar in der ganzen Herrlichkeit seines Verstandes und seines Mannseins! Begnüge dich also damit, für eine kurze Zeit dort zu bleiben, wo du bist, mit unserer ergebenen Freundin Valentine als deiner Begleiterin und Trösterin.“

„Ja, Zuleika“, sagte Madame Morrel überzeugend, „sei zufrieden, bei mir zu bleiben. Ich werde dich nicht einmal für einen Augenblick verlassen. Wir werden von Giovanni sprechen, von dem Glück und der Freude, die die Zukunft für euch beide bereithält, und glaube mir, die Stunden werden auf schnellen Flügeln vergehen!“

Während Valentine sprach, löste sie das Mädchen sanft vom Hals ihres Vaters und legte ihren Arm liebevoll um ihre schlanke Taille. Zuleikas Kopf sank auf die Schulter ihrer Freundin.

„Ich füge mich den Bitten meines Vaters und deinen eigenen, Valentine“, sagte sie unterwürfig. „Du bist älter und weiser als ich, und was du sagst, ist zweifellos das Beste. Ich werde bleiben und auf den wunderbaren Arzt vertrauen.“

„Ich habe viel von diesem Dr. Absalom gehört, seit ich in Rom bin“, sagte Monsieur Morrel an Monte-Cristo gewandt. „Das einfache Volk hält ihn für einen Zauberer und die höheren Stände für einen gerissenen Scharlatan, doch wenn ihm seine rechtmäßige wissenschaftliche Geschicklichkeit auch allgemein abgesprochen wird, so ist sein glänzender und wunderbarer Erfolg, selbst in Fällen, die die besten römischen Ärzte als hoffnungslos aufgegeben haben, allgemein anerkannt.“

„Dr. Absalom ist weder ein Zauberer noch ein Scharlatan“, antwortete Monte-Cristo warm, „sondern ein Arzt von größter Erfahrung und von höchstmöglichen Fähigkeiten. Er ist gebeugt unter der Last der Jahre und des mühsamen Studiums, doch sein Auge ist so wach und seine Auffassungsgabe so scharf, als wäre er ein Jüngling von zwanzig Jahren. Niemand kennt sein Alter oder seine Geschichte. Ich traf ihn vor langer Zeit in Athen, wo ich das Glück hatte, ihn aus den Klauen eines tobenden Mobs von Schurken zu retten, die ihn ergriffen hatten und im Begriff waren, ihn als Zauberer zu töten, weil er einen elenden Griechen, der zum Sterben auf die Straße geworfen worden war, in seine Hütte aufgenommen und von der Pest geheilt hatte! Meinetwegen wird er Giovanni retten!“

„Doch“, sagte Maximilian, als ihm plötzlich ein Gedanke kam und ihn mit Bestürzung erfüllte, „Dr. Absalom kann seine Praxis außerhalb des Ghettos nur heimlich und auf die Gefahr hin ausüben, ins Gefängnis geworfen zu werden! Man wird ihm nicht gestatten, den Vicomte Massetti zu besuchen!“

Der Graf von Monte-Cristo richtete sich stolz auf, und sein eigentümliches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Dafür werde ich sorgen!“, sagte er eindrucksvoll.

Zuleika blieb bei Madame Morrel zurück, und in Begleitung von Maximilian machte sich Monte-Cristo sogleich auf den Weg zum Ghetto.

KAPITEL XXII.

DER WUNDERBARE ARZT.

Ein zügiger Fußmarsch von einer halben Stunde brachte den Grafen und seinen Begleiter zu einem der zwei Tore in der Mauer des Ghettos oder Judenviertels von Rom. Monte-Cristo klopfte an ein Pförtchen, und ein Polizist erschien sogleich. Er war ein junger Mann und trug eine militärische Uniform. Sein Rock war bis zum Hals zugeknöpft, eine gelbe Kordel mit Quaste war anmutig über die Brust geschlungen. Seine Hände steckten in weißen Baumwollhandschuhen, ein Helm, verziert mit Messing, saß auf seinem Kopf, an seiner Seite hing ein Schwert, während am Kragen seines Rocks die Nummer seines Regiments in vergoldeten Ziffern leuchtete. Die Haltung des Mannes war soldatisch, und er hatte offensichtlich Felddienst geleistet. Der Graf sprach ihn auf Italienisch an und informierte ihn, dass er und Monsieur Morrel das Ghetto besuchen wollten, während er gleichzeitig ihre Pässe vorzeigte. Nachdem der Polizist die Papiere geprüft und gesehen hatte, dass sie in ordnungsgemäßem Zustand waren, öffnete er das Tor, und die Besucher traten in das überfüllte und schmutzige Areal des Judenviertels ein.

„Mon Dieu! welch abscheuliche Gerüche!“, rief M. Morrel aus und hielt sich sein mit Kölnisch Wasser getränktes Taschentuch an die Nase, während sie durch die engen, mit Unrat übersäten Gassen eilten.

„Die Atmosphäre ist nicht die eines Parfümladens!“, antwortete der Graf lachend. „Aber sie scheint den Kindern Israels zu behagen, denn sie gedeihen und vermehren sich darin wie die Spatzen in der reinen Luft und auf den grünen Feldern Englands!“

„Ich bedaure sie!“, sagte Maximilian.

„Die Geschmäcker sind verschieden“, erwiderte Monte-Cristo philosophisch. „Ich wette, dass wir in diesem ganzen Viertel keinen einzigen Juden finden würden, der ein Rebhuhn in jenem Zustand teilweiser Verwesung essen würde, in dem es ein Franzose für am schmackhaftesten hält!“

„Was für ein seltsamer, ungehobelter Ort das ist“, sagte M. Morrel nach kurzem Schweigen. „Es wirkt wie eine Stadt aus dem fernen Morgenland. Niemand, der plötzlich hierher versetzt würde, käme auf den Gedanken, dass er sich im Herzen von Rom befindet.“

„Es gleicht sehr der Judengasse in Frankfurt am Main“, antwortete der Graf, „und ist ebenso alt, wenn auch viel größer. Aber die Deutschen sind fortschrittlicher und liberaler als die Römer, denn die Tore, die die Judengasse verschlossen, wurden 1806 entfernt, während jene des Ghettos noch immer bestehen und, wie Sie gesehen haben, unter der Aufsicht der Polizei stehen, die jede Person, die den Ort betritt oder verlässt, der genauesten Prüfung unterzieht. Selbst noch im 17. Jahrhundert wurden die Tore der Judengasse nur bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen und verriegelt, wonach kein Jude es wagen konnte, sich in einen anderen Teil Frankfurts zu begeben, ohne eine hohe Strafe zu riskieren, sollte er erwischt werden; während hier, in unserer heutigen Zeit, in diesem Zeitalter der Aufklärung und religiösen Toleranz, die Tore des Ghettos Tag und Nacht geschlossen gehalten werden und die armen Israeliten, Opfer von Bigotterie und blindem Vorurteil, schlimmer behandelt werden als die Parias in Hindoostan! Rom ist die Ewige Stadt und wahrlich, ihre Fehler sind so ewig wie sie selbst!“

Monte-Cristo hatte das Ghetto offensichtlich schon früher besucht, da er mit seinen verwinkelten Gassen und dunklen Nebenwegen vollkommen vertraut schien und seinen Weg ohne Zögern oder die Notwendigkeit nachzufragen fortsetzte. Es schien für ihn keine neuen Anblicke oder Überraschungen zu bergen. Für M. Morrel hingegen, der sich nun zum ersten Mal innerhalb seiner Mauern befand, bot es eine endlose Reihe von Wundern. Besonders die Gebäude beeindruckten ihn. Sie sahen aus, als seien sie in ferner Vorzeit errichtet worden, und waren seltsam eigenartige Kombinationen aus Holz und Stein, die ein überaus pittoreskes Erscheinungsbild boten. Die meisten von ihnen waren nicht breiter als acht bis zehn Fuß und ragten vier Stockwerke in die Höhe, womit sie eher verzwergten Kirchtürmen als Häusern glichen. Nirgendwo war ein neues oder modernes Bauwerk zu sehen. Viele der Gebäude befanden sich in einem ruinenhaften Zustand und einige schienen tatsächlich kurz vor dem Einsturz zu stehen, während hier und dort große Haufen formlosen Schutts die Stellen markierten, an denen andere bereits zusammengebrochen waren. Als sie an einem dieser Haufen vorbeikamen, der weit größer als die anderen war, lenkte Maximilian Monte-Cristos Aufmerksamkeit darauf. Der Graf warf einen Blick darauf und sagte:

„Das war einst das Wohnhaus des alten Isaac Nabal, bei seinem Volk als Isaac der Geldverleiher bekannt, bei den Römern jedoch als Isaac der Wucherer bezeichnet. Er war unermesslich reich und lieh sein Gold zu horrenden Zinsen an die verschwenderischen und mittellosen römischen Adligen. Isaac war kinderlos und ohne Frau, doch so gierig auf Gewinn war er, dass er sein Haus ständig mit Mietern füllte. Das Haus war vielleicht das älteste im ganzen Ghetto. Jede Nacht hörte man darin seltsame Geräusche, verursacht durch herabfallenden Putz oder einstürzende Zwischenwände. Es war nichts Ungewöhnliches, dass ein Mieter plötzlich durch einen Krach aus dem Schlaf gerissen wurde und sich blutend und mit Prellungen wiederfand. Dennoch weigerte sich der alte Isaac beharrlich, Reparaturen vorzunehmen. Er behauptete, das baufällige Gebäude würde so lange halten wie er selbst, und er irrte nicht, denn eines Nachts stürzte es in sich zusammen und er kam inmitten der Trümmer ums Leben, zusammen mit dreißig anderen, die sich zu jener Zeit in der alten Bude aufhielten. Diese Katastrophe geschah vor zwanzig Jahren.“

„Stürzen die Häuser hier oft ein?“, fragte M. Morrel und blickte beunruhigt zu den baufälligen Gebäuden um sich.

„Sehr oft“, antwortete der Graf. „Alter und Verfall bringen sie früher oder später alle zu Fall.“

„Dann lassen Sie uns um Himmels willen eilen, damit wir nicht unter irgendeinem plötzlichen Einsturz begraben werden!“, sagte Maximilian. „Die Häuser ragen in den oberen Stockwerken so weit über die Straße, dass sie sich in der Luft fast berühren. Sollte eines fallen, gäbe es kein Entkommen!“

„Haben Sie keine Furcht, Maximilian!“, entgegnete Monte-Cristo lächelnd. „Ein berühmter Astrologe versicherte mir einst, dass ich unter einem glücklichen Stern geboren sei, und wenn ich entkomme, werden Sie es auch!“

Die Erdgeschosse der Häuser dienten größtenteils als Läden verschiedenster Art, während die oberen Bereiche als Wohnungen genutzt wurden. Jüdische Kaufleute standen in den Ladentüren und jüdische Frauen, von denen einige sehr schön waren, sah man gelegentlich an den oberen Fenstern. Die Straßen wimmelten von Fußgängern beiderlei Geschlechts und hier und da spielten Gruppen pummeliger, schwarzhaariger Kinder.

Maximilian war erstaunt festzustellen, dass die meisten Männer, denen sie begegneten, vor Monte-Cristo ihre Hüte zogen und einige ihn sogar mit Namen grüßten.

„Sie scheinen bei den Israeliten ziemlich gut bekannt zu sein“, sagte er schließlich.

„Ja“, antwortete der Graf, „viele von ihnen kennen mich. Ich hatte häufig Gelegenheit, sie in wichtigen Angelegenheiten zu konsultieren. Sie sind ein kluges und vertrauenswürdiges Volk.“

Inzwischen hatten Monte-Cristo und M. Morrel eine Gasse erreicht, die noch enger und dunkler war als alle, die sie bisher durchquert hatten. In diese bog der Graf ein, und nachdem er seinen Begleiter ein kurzes Stück weit geführt hatte, hielt er vor einem schmutzigen, aber gut erhaltenen Gebäude. Es unterschied sich von seinen Nachbarn dadurch, dass es im Erdgeschoss keinen Laden besaß und von oben bis unten fest verschlossen war. Es sah aus, als wäre es unbewohnt.

„Wir haben unser Ziel erreicht“, sagte Monte-Cristo. „Dies ist der Wohnsitz von Dr. Absalom.“

Maximilian starrte ihn erstaunt an.

„Das Haus ist verlassen“, sagte er. „Irren Sie sich nicht?“

„Nein. Dies ist der Ort.“

„Dann fürchte ich, dass der Arzt es verlassen hat und vielleicht auch das Ghetto.“

Monte-Cristo lächelte.

„Sie kennen ihn nicht“, sagte er. „Seine Gewohnheiten und seine Art zu leben sind sehr eigentümlich. Bereiten Sie sich darauf vor, sehr überrascht zu werden!“

So sprechend ging er zur Tür des fest verschlossenen Wohnhauses und ließ fünf laute Schläge darauf erklingen, drei sehr schnell und zwei sehr langsam ausgeführt. Die Geräusche schienen durch das Haus zu hallen, als wäre es nicht nur unbewohnt, sondern auch unmöbliert. Mehrere Minuten vergingen, doch auf Monte-Cristos Signal erfolgte keine Antwort; niemand kam seinem Ruf nach. Der Graf hielt seine Uhr in der Hand und seine Augen waren auf das Zifferblatt geheftet.

M. Morrel wurde leicht ungeduldig; triumphierend sagte er zu seinem Begleiter:

„Ich habe Ihnen gesagt, dass das Haus verlassen sei, und ich hatte recht!“

Der Graf lächelte wieder, antwortete aber nicht, während er den Blick weiter auf das Zifferblatt seiner Uhr gerichtet hielt.

„Zehn Minuten!“, sagte er und wiederholte sein Signal, schlug dieses Mal jedoch nur dreimal schnell. Wie zuvor blieb eine Antwort aus.

Maximilian war sehr interessiert und nicht wenig amüsiert, so eigenartig waren die Vorgehensweisen des Grafen.

„Fünfzehn Minuten!“, sagte Monte-Cristo schließlich, steckte seine Uhr weg und gab einen langen, schallenden Schlag gegen die Tür.

Die Wirkung war unmittelbar. Das Portal schwang durch einen unsichtbaren Einfluss wie durch Zauberhand auf und enthüllte einen langen, kahlen, düsteren Korridor, doch von menschlichem Leben war keine Spur zu sehen.

M. Morrels Interesse und Belustigung wandelten sich in Staunen und Verwunderung; er war vollkommen verblüfft und ratlos.

„Das einfache Volk von Rom liegt mit seiner Einschätzung dieses Dr. Absalom gar nicht so falsch!“, murmelte er. „Das sieht wahrlich so aus, als wäre der Mann ein Zauberer!“

„Pah!“, entgegnete Monte-Cristo mit einer Ungeduld, die er selten zeigte. „Der gelehrte Hebräer ist gezwungen, seine Vorsichtsmaßnahmen zu treffen; das ist alles. Folgen Sie mir, und egal, was Sie sehen oder hören mögen: Wenn Sie wünschen, dass unser Unternehmen von Erfolg gekrönt ist, bringen Sie kein Wort, keinen Laut über die Lippen, bis ich Ihnen die Erlaubnis dazu gebe!“

Der Graf betrat den Korridor, gefolgt von seinem verwirrten und erstaunten Freund. Augenblicklich schloss sich die Tür geräuschlos hinter ihnen und sie befanden sich inmitten tiefster Dunkelheit. Monte-Cristo nahm M. Morrel bei der Hand und führte ihn vorwärts, bis ihr Fortkommen durch das, was wie das Ende des Korridors erschien, vollständig versperrt wurde. Hier hielt der Graf inne und sprach einige Worte auf Hebräisch. Eine leise Antwort kam prompt von jenseits des Korridors in derselben Sprache, und augenblicklich fiel das Licht einer Lampe auf die Besucher. Eine Tür hatte sich geöffnet, und auf der Schwelle stand das seltsamste Exemplar der Menschheit, das Maximilian je erblickt hatte. Der Neuankömmling war ein sehr betagter Mann mit gebeugten Schultern, einem langen weißen Bart, der bis zu seiner Taille reichte, und einer Fülle schneeweißen Haars, das unter einer Kappe aus purpurrotem Samt hervorkam, an deren Seite eine leuchtend karmesinrote Quaste hing. Er trug einen langen persischen Kaftan aus rosafarbenem Satin, der üppig und wunderschön mit Gold bestickt war, weite orientalische Hosen aus rotem Samt und kunstvoll verzierte Pantoffeln aus Tigerfell. An seinen langen, knochigen Fingern funkelten mehrere Diamantringe von zweifellos unermesslichem Wert, und ein Bündel brillanter Smaragde, prachtvoll in Gold gefasst, schmückte seine Brust. Diese sonderbare Erscheinung östlichen Luxus, Reichtums und Prunks hielt die Lampe, die aus geschmiedeter Bronze bestand und jenen glich, die man in den Ruinen des antiken Pompeji findet, über seinen Kopf; und in ihrem Licht konnte Maximilian sehen, dass seine Augen scharf und durchdringend waren und sein Antlitz höchste Intellektualität verriet.

„Wer ist es, der den Weisen aus seinen Meditationen ruft?“, fragte der alte Mann mit bemerkenswert jugendlicher Stimme. Dieses Mal sprach er Italienisch.

„Jemand, der Ihnen in der Vergangenheit diente, oh! Dr. Absalom“, antwortete Monte-Cristo, ebenfalls die Sprache Italiens verwendend, „und der Sie nun im Gegenzug um einen Dienst bittet. Erinnern Sie sich an den Mob von Athen und den Franken, der dazwischentrat, um Sie vor der Zerstörung zu bewahren!“

Der alte Mann senkte seine Lampe und hielt sie dicht vor das Gesicht seines berühmten Besuchers; dann rief er freudig aus:

„Willkommen, Edmond Dantes, Graf von Monte-Cristo! Willkommen in der Behausung Ihres ergebenen Dieners Israel Absalom! Was immer er tun kann, um Ihnen zu dienen, soll getan werden, koste es, was es wolle!“

Dann bemerkte er zum ersten Mal, dass der Graf nicht allein war, und fixierte M. Morrel mit einem Blick voller Misstrauen und Nachforschung.

„Einer meiner liebsten Freunde, M. Maximilian Morrel, Hauptmann in der Armee von Frankreich“, sagte Monte-Cristo als Antwort auf diesen Blick. „Sie können ebenso volles Vertrauen in ihn haben wie in mich.“

Dr. Absalom verneigte sich tief vor M. Morrel und wies ohne ein weiteres Wort den Weg in ein inneres Gemach. Es war ein riesiger Raum, ebenso verschlossen wie die Vorderseite des Hauses, brillant erleuchtet von einem gewaltigen, von der Decke hängenden Kronleuchter, in dem zwanzig Wachskerzen in verschiedenen Farben brannten. Der Raum war mit sämtlichen Apparaturen und Utensilien eines Chemielabors moderner Tage ausgestattet und enthielt zudem viele seltsame Instrumente und Maschinen, wie sie die Forschungen und Arbeiten der Jünger der Alchemie alter Zeiten unterstützten.

In der Mitte des Zimmers stand ein riesiger Tisch, bedeckt mit gigantischen, in Pergament gebundenen Folianten und Rollen aus gelbem Manuskript. Hinter diesem Tisch stand ein gewaltiger, hochrückiger Stuhl von kunstvoller antiker Handarbeit, der dem Thron irgendeines asiatischen Herrschers aus ferner Vergangenheit glich. Auf diesen Stuhl setzte sich der Arzt, nachdem er seine Besucher jeweils auf einem bequemen und behaglichen türkischen Diwan untergebracht hatte.

Maximilian bemerkte, dass der Boden des Raumes mit weichen und eleganten persischen Teppichen bedeckt war und die Wände mit exquisit schönen Wandteppichen behängt waren. Monte-Cristo hatte ihn gewarnt, sich auf große Überraschungen gefasst zu machen, doch Dr. Absaloms verschwenderische Zurschaustellung von Reichtum, Luxus und Geschmack inmitten des schmutzigen, baufälligen Ghettos verblüffte ihn nichtsdestotrotz vollkommen. Der Graf hatte ihn zudem ermahnt, ohne seine Erlaubnis nicht zu sprechen – ein unnötiger Befehl, denn der junge Franzose war viel zu erstaunt, um auch nur eine Silbe hervorzubringen.

Nachdem er Platz genommen hatte, bat der hebräische Weise, der ein Mann der Geschäfte ebenso wie der Wissenschaft zu sein schien, den Grafen darzulegen, womit er ihm dienen könne. Daraufhin schilderte Monte-Cristo kurz die Geschichte des Vicomte Massetti, berichtete von seinem geistigen Leiden, seiner Einweisung in die Irrenanstalt und endete mit der Frage an den Arzt, ob er ihn heilen könne und wolle.

„Ich habe bereits einiges von diesem unglücklichen jungen Mann gehört“, antwortete Dr. Absalom, „und die Tatsache seines Wahnsinns wurde mir ebenfalls mitgeteilt, aber bevor ich eine Meinung darüber äußere, was meine Wissenschaft in seinem Fall tun kann, muss ich die Einzelheiten kennen.“

Der Graf winkte M. Morrel zu, der sich inzwischen teilweise von seiner Verwirrung erholt hatte und unverzüglich daran ging, dem betagten Hebräer die erforderlichen Informationen zu geben. Als er geendet hatte, sagte Dr. Absalom in ruhigem, zuversichtlichem Ton:

„Graf von Monte-Cristo, der Fall ist klar. Ich kann und werde diesen schwer geprüften jungen Italiener heilen!“

„Ich war mir dessen sicher!“, rief der Graf freudig und triumphierend. M. Morrel war nicht weniger erfreut, konnte jedoch zugleich nicht dieselbe Zuversicht wie sein Freund in die Fähigkeit des Juden setzen, sein Versprechen zu erfüllen.

Der Arzt sprach einige Worte auf Hebräisch zu Monte-Cristo. Die Antwort des Letzteren schien ihn vollends zufriedenzustellen, denn er sagte auf Italienisch:

„In diesem Fall wird es keinen Widerstand seitens der Behörden von Rom oder jener der Irrenanstalt geben. Ich werde morgen zu Mittag in der Anstalt sein, voll und ganz darauf vorbereitet, Massetti Gesundheit und Vernunft zurückzugeben!“

Der Graf und Maximilian erhoben sich und verabschiedeten sich von dem Weisen, woraufhin sie von diesem zum Korridor geleitet wurden. Sie waren bald wieder auf der Straße und bahnten sich so schnell wie möglich ihren Weg aus dem Ghetto.

KAPITEL XXIII.

EIN MODERNES WUNDER.

Monte-Cristo, dessen Macht und Einfluss absolut grenzenlos schienen, präsentierte sich am folgenden Morgen in der Irrenanstalt, in der der Vicomte Massetti in Behandlung war, bewaffnet mit einer Genehmigung des päpstlichen Staatssekretärs, Kardinal Monti, für den hebräischen Arzt Dr. Israel Absalom, die Leitung des Falles des noblen Patienten zu übernehmen. Der Direktor der Anstalt zuckte mit den Schultern, als ihm diese Genehmigung von M. Morrel vorgezeigt wurde, der den Grafen zu dem Zweck begleitet hatte, ihn jenem Beamten vorzustellen.

„Messieurs“, sagte er in sehr gutem Französisch, „ich bin verpflichtet, dieses Papier zu respektieren, aber ich protestiere feierlich dagegen, den Patienten diesem hebräischen Scharlatan anzuvertrauen, und wasche meine Hände in Unschuld bezüglich jeglicher Verantwortung in dieser Angelegenheit!“

„Monsieur der Direktor“, entgegnete Monte-Cristo in würdigem Ton, „ungeachtet der wiederholten Versicherung Ihres Arztes, der den jungen Massetti seit seiner Ankunft hier betreut, dass sein Leiden vollständig heilbar sei, hat er kaum, wenn überhaupt, Fortschritte bei dem Leidenden gemacht, der heute noch immer wahnsinnig ist. Dr. Absalom könnte, selbst wenn er ein Scharlatan wäre, wie Sie behaupten – was ich jedoch, wenn Sie mir verzeihen, ablehnen muss anzuerkennen –, kein auffälligeres und vollkommeneres Scheitern vorweisen!“

„Monsieur der Graf“, sagte der Direktor kalt, der Monte-Cristos Offenheit offensichtlich nicht schätzte, „alles, was die fortschrittlichste Wissenschaft leisten kann, wurde getan. Wahnsinn ist eine Krankheit, deren Heilung langsam und schwierig ist; es bedarf Zeit, um Ergebnisse zu erzielen, und es wird ein volles Jahr dauern, bis der Vicomte, selbst unter günstigsten Umständen, vollständig wiederhergestellt werden kann.“

„Ihre Erfahrung verleiht Ihrer Meinung Respekt“, erwiderte der Graf mit gleicher Kälte, „aber dennoch kann ich diese Meinung nicht als endgültig akzeptieren.“

„Wie Sie wünschen“, sagte der Beamte hochmütig. „Nachdem Ihr jüdischer Arzt, falls er wirklich einer ist, vergeblich seine Wundermittel verabreicht und wirkungslos seine Beschwörungsformeln gemurmelt hat, werden Sie nur zu froh sein, den regulären Praktiker der Anstalt die Funktionen wiederaufnehmen zu lassen, denen Sie ihn nun so summarisch zu entheben belieben.“

„Vielleicht“, antwortete der Graf lächelnd. „Es gehört zu meinem Glaubensbekenntnis, die Wissenschaft niemals zu verachten, in welcher Form auch immer sie erscheinen mag!“

Der Direktor verneigte sich mit satirischer Höflichkeit.

Pünktlich zu Mittag traf Dr. Absalom ein. Er hatte seine auffällige und fantastische Kleidung des Vortages abgelegt und erschien in der gewöhnlichen Straßenkleidung eines Europäers. Wenn er Maximilian in seinem Haus im Ghetto schon imposant erschienen war, wirkte er nun, da er aller orientalischen Accessoires beraubt war und allein durch den wunderbar geistvollen Ausdruck seines Antlitzes Wirkung erzielte, noch imposanter. Der einzige Luxusgegenstand, den er bei sich trug, war ein massiver Stock mit Goldknauf, auf den er sich aufgrund seines Alters schwer stützte.

Monte-Cristo und M. Morrel empfingen ihn mit äußerster Höflichkeit und Hochachtung, doch der Direktor nahm kaum Notiz von ihm und konnte sein Missfallen nur schwer verbergen. Der hebräische Weise war jedoch an die unzivilisierte Art, mit der die Italiener die Menschen seines Volkes behandelten, gewöhnt und zeigte nicht das geringste Anzeichen von Missmut, obwohl der Graf und Maximilian sich kaum beherrschen konnten, das beleidigende Verhalten des Beamten nicht zu vergelten.

Ohne Verzögerung wurde Dr. Absalom von dem Arzt, der den Patienten bis zu diesem Zeitpunkt betreut hatte, in das Zimmer des jungen Massetti geführt. Es war ein älterer Mann, der jedoch, obwohl Italiener, deutlichen Respekt vor dem betagten, nobel aussehenden Hebräer zeigte. Monte-Cristo und M. Morrel begleiteten die beiden Gelehrten; der Erstere zuversichtlich in Dr. Absaloms Kraft, sein Versprechen zu erfüllen, der Letztere auf Erfolg hoffend, jedoch daran zweifelnd.

Als die Gruppe das Gemach des Wahnsinnigen betrat, sagte der italienische Arzt zu seinem jüdischen Kollegen:

„Dr. Absalom, ich würde sehr gerne Ihre Behandlungsmethode beobachten. Würden Sie mir freundlicherweise gestatten, im Raum zu bleiben?“

„Gewiss“, antwortete der Hebräer. „Ich habe absolut nichts zu verbergen; aber“, fügte er mit funkelnden Augen hinzu, „ich warne Sie im Voraus, dass Sie nach meiner Operation und ihrem Ergebnis um nichts klüger sein werden, als Sie es gegenwärtig sind!“

Der Vicomte saß in einem großen Armstuhl, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Beim Eintreten der vier Männer murmelte er, ohne aufzublicken:

„Warum hat mich die schöne Erscheinung verlassen? Warum verweigert mir die göttliche Juno das Licht ihrer Gegenwart?“

Dr. Absalom blickte fragend zu seinen Begleitern.

„Er meint Valentine, meine Frau“, erklärte Maximilian. „Sie griff zu einer verzeihlichen kleinen List, um ihn hierher zu locken.“

„Sie soll sofort gerufen werden“, sagte der Hebräer. „Ich werde ihrer bedürfen.“

„Aber“, wandte Monte-Cristo ein, „Mme. Morrel kümmert sich um meine Tochter, die Verlobte dieses armen jungen Mannes, die durch das schreckliche Unglück ihres Geliebten zutiefst niedergeschlagen ist und nicht allein gelassen werden kann.“

„Seine Verlobte!“, rief Dr. Absalom. „Umso besser! Lasst auch sie herbeibringen! Ich werde auch ihrer bedürfen!“

„Sie sollen gehorchen, Doktor“, sagte Monte-Cristo, und M. Morrel wurde umgehend mit Anweisungen zum Hotel de France entsandt, unverzüglich mit seiner Frau und Zuleika zurückzukehren.

Als sie angekommen waren und ihre Anwesenheit in einem angrenzenden Gemach Dr. Absalom durch Maximilian gemeldet wurde, sagte der Hebräer:

„M. Morrel, führen Sie freundlicherweise Ihre Frau hierher, und Sie, M. der Graf, gehen Sie zu Ihrer Tochter und bleiben Sie bei ihr, bis ich Sie rufe. Sagen Sie dem armen Kind, sie solle guten Mutes sein! Dass ihr Geliebter ihr wiedergegeben werden soll!“

Monte-Cristo verließ das Zimmer, gefolgt von Maximilian, der augenblicklich mit Valentine zurückkehrte.

„Mme. Morrel“, sagte der jüdische Arzt, „gehen Sie zu dem Patienten und nehmen Sie seine Hand.“

Valentine tat, wie ihr geheißen. Bei ihrer Berührung fuhr der Vicomte hoch und rief mit Tönen höchster Verzückung:

„Göttliche Juno, verzeih mir! Ich habe Unrecht an dir getan! Ich dachte, du hättest mich verlassen, doch ich habe geirrt, denn du bist hier!“

Er heftete seine Augen auf sie, starrte sie wie ein Verzauberter an und achtete keineswegs auf die anderen im Raum. Valentine blickte zu Dr. Absalom, der langsam seinen Platz verließ und verstohlen an Massettis Seite glitt. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und streckte seine Hände über Giovannis Haupt aus; beinahe augenblicklich sank der geistig Verwirrte in seinen Stuhl zurück, als würde er von einer kolossalen, einer unwiderstehlichen Kraft niedergedrückt; dann schloss er die Augen und fiel in einen ruhigen, friedlichen Schlummer. Valentine, aus seinem Griff befreit, stand da und blickte zu, verloren in sprachlosem Staunen. Maximilian war ebenfalls verblüfft über diese rasche Zurschaustellung der Kraft des Hebräers, doch der italienische Arzt, der aufmerksam zugesehen hatte, flüsterte ihm ins Ohr:

„Der Jude ist ein Mesmerist; das ist alles; zumindest alles, was sich bisher gezeigt hat!“

Unterdessen hielt Dr. Absalom seine Hände weiterhin über das Haupt des Patienten, das immer tiefer sank, bis es schließlich auf seine Brust fiel. Noch einen Augenblick lang behielt der Hebräer seine Haltung bei; dann zog er seine Hände zurück, nahm ein kleines Fläschchen aus der Tasche seines Mantels und entkorkte es; augenblicklich erfüllte ein kräftiger und subtiler Geruch den Raum, der Valentine, Maximilian und den italienischen Arzt mühsam atmen ließ, als würden sie ersticken.

„Was ist das?“, keuchte M. Morrel und ergriff den Italiener am Arm.

„Ich weiß es nicht“, antwortete dieser. „Aber sehen Sie sich Massetti an – sein Gesicht ist violett, die Vorstufe des Todes! Wenn der Jude den Patienten tötet, wird ihn nichts vor der Wut des römischen Volkes retten können!“

Der subtile Geruch nahm an Intensität zu und das Gesicht des Vicomte wechselte von Violett zu einer aschfahlen Blässe.

„Er ist tot!“, rief der Italiener. „Dr. Absalom, Sie sind ein Mörder!“

Der Hebräer winkte gebieterisch mit der Hand und sagte mit einem Ausdruck äußerster Würde und Strenge:

„Seien Sie still und warten Sie!“

Er verkorkte das Fläschchen, steckte es wieder in seine Tasche und öffnete ein Fenster. Die frische Luft strömte in den Raum und der bedrückende Geruch verschwand allmählich.

Der Patient hatte noch immer eine totenblasse Gesichtsfarbe. Dr. Absalom fühlte seinen Puls und zählte die Schläge mit seiner Uhr. Ein Lächeln der Zufriedenheit überzog sein geistreiches Antlitz.

„Das Heilmittel hat seine Arbeit getan!“, sagte er. „Nun zur zweiten und entscheidenden Anwendung! Was auch geschehen mag“, fügte er eindringlich hinzu, während er sich an den italienischen Arzt wandte, „ich beschwöre Sie bei Ihrem Leben, mich nicht zu stören oder zu unterbrechen!“

Er holte ein weiteres Fläschchen hervor, das größer war als das erste, hielt es in die Höhe, schüttelte es und untersuchte seinen Inhalt mit größter Sorgfalt. Die zutiefst interessierten und etwas ehrfürchtigen Beobachter sahen eine hellgrüne Flüssigkeit im Sonnenlicht aufblitzen. Zufrieden mit seiner Untersuchung entkorkte der Hebräer das Fläschchen; dann öffnete er den Mund des Patienten und goss die smaragdgrüne Flüssigkeit nach und nach, Tropfen für Tropfen, in dessen Kehle. Einige Sekunden nach diesem Vorgang war keine Veränderung an Massetti wahrnehmbar. Er saß noch immer schlafend in seinem Stuhl, das Haupt gesenkt, und die totenblasse Farbe seines Angesichts blieb unverändert. Dr. Absalom hatte wieder seine Uhr aus der Westentasche gezogen und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen dem Verstreichen der Zeit und der aufmerksamen Beobachtung des Patienten auf. Die Stille im Raum war so tief, dass das regelmäßige Ticken der Uhr in allen Teilen des Zimmers deutlich hörbar war.

Plötzlich begann Giovanni zu beben. Eine heftige Konvulsion folgte, die ihn von Kopf bis Fuß schüttelte und sein Gesicht auf schreckliche Weise verzerrte, während sich seine Hände zusammenrollten wie ein Stück Papier, das mit einem Messer geschabt wurde. Sein Zustand war entsetzlich anzusehen. Maximilian und der Italiener schauten ängstlich zu und hielten den Atem an. Valentine, unfähig, den Anblick zu ertragen, wandte sich ab, während Gefühle und Entsetzen in ihr um die Vorherrschaft rangen. Der Hebräer jedoch war die Ruhe und das Vertrauen selbst. Als eine Viertelstunde vergangen war, steckte er seine Uhr ein. Massettis Konvulsion war abgeklungen, seine Hände hatten sich entrollt und seine unnatürliche Blässe war einem leichten Erröten gewichen. Er lehnte in seinem Stuhl, als wäre er in einen gesunden Schlaf gehüllt. Alsbald öffneten sich seine Lippen.

„Zuleika!“, murmelte er. „Oh! Meine Geliebte!“

Dr. Absalom blickte den italienischen Arzt bezeichnend und triumphierend an.

„Der Patient träumt“, sagte er, „und das ist ein gutes Zeichen – er träumt von seiner Verlobten, die er in seinem Wahnsinn völlig vergessen hatte – ein weiteres gutes Zeichen! Meine Behandlung schlägt an! Ich werde Erfolg haben!“ Er wandte sich an Maximilian und fügte hinzu: „Helfen Sie mir bitte, den Vicomte auf sein Bett zu legen.“

M. Morrel kam dem bereitwillig nach und Massetti wurde sogleich in eine bequeme Lage auf seine Liegestatt gebettet. Dr. Absalom fühlte erneut seinen Puls und zählte ihn wie zuvor mit seiner Uhr; dann sagte er:

„Der Patient kann nun jederzeit erwachen, aber es ist wahrscheinlich, dass noch fünfzehn Minuten vergehen werden. Lassen Sie den Grafen und seine Tochter rufen.“

Maximilian öffnete die Tür und winkte nach draußen. Monte-Cristo und Zuleika traten ein.

„Mein Kind“, sagte der Hebräer, nahm letztere bei der Hand und führte sie an das Bett ihres Geliebten, „sieh deinen Verlobten an! Er schläft friedlich und träumt von dir! Vorhin hat er deinen Namen ausgesprochen! Mut, Tochter, Mut! Das Schlimmste ist überstanden! Die Wolken ziehen aus dem Geist des jungen Mannes ab, um ihn klar und vollkommen zu hinterlassen! Bleib hier, wo ich dich platziere! Es ist wichtig, dass beim Erwachen der Blick des Patienten auf dir ruht!“

Zuleika, erstaunt und verwirrt, starrte ihren Geliebten an und widerstand nur mit Mühe dem Drang, sich an seinen Hals zu werfen.

Monte-Cristo, Maximilian, Valentine und der italienische Arzt gruppierten sich in einiger Entfernung, wartend und beobachtend. Ihre Spannung und Angst waren aufs Äußerste gespannt.

Fünf Minuten, zehn Minuten vergingen, dann fünfzehn. Als Dr. Absaloms Uhr die Viertelstunde anzeigte, öffnete der Vicomte plötzlich die Augen. Sie ruhten auf Zuleika. Das angstvolle Interesse der Zuschauer war nun auf dem Höhepunkt. Der Graf, M. Morrel, Valentine und der Italiener beugten sich atemlos vor. Giovanni legte die Hand an seine Stirn, stieß ein leises Seufzen aus und setzte sich dann auf, wobei er die Tochter Monte-Cristos verwirrt betrachtete. Endlich sprach er.

„Zuleika, geliebte Zuleika!“, sagte er schwach, aber sehr zärtlich, während er gleichzeitig seine Arme nach ihr ausstreckte. Das Mädchen blickte zu Dr. Absalom. Er deutete auf Giovanni und lächelte. Sie verstand sofort seine Erlaubnis und warf sich in die Umarmung ihres Geliebten.

„Giovanni, lieber Giovanni“, murmelte sie, „du bist wieder du selbst, nicht wahr?“

„Ich selbst, Zuleika? War ich jemals anders?“

„Du bist sehr krank gewesen, Giovanni.“

„Ah! Ja. Das ist der Grund, warum ich hier bin.“ Er blickte sich um und fügte hinzu: „Dort ist auch dein Vater, aber wer sind diese Fremden bei ihm?“

„Die Ärzte und zwei unserer ergebensten Freunde, M. Morrel und seine Frau.“

Der Vicomte sank auf das Ruhebett zurück und nahm Zuleikas Hand in seine, wobei er sie herzlich drückte.

„Ich fühle mich schwach und kraftlos“, sagte er, „oh! so sehr schwach und kraftlos, aber ein schreckliches, erdrückendes Gewicht scheint von meinem Gehirn genommen worden zu sein!“

Er sprach vernünftig. Dr. Absalom hatte ein modernes Wunder vollbracht – der Verstand des jungen Mannes war vollständig wiederhergestellt!

Der Graf und Maximilian tauschten Blicke voller Freude aus. Valentines Augen waren feucht vor Freudentränen. Was Zuleika betraf, so war ihr Glücksbecher voll. Dr. Absalom lächelte sanft. Der italienische Arzt trat vor und schüttelte ihm die Hand.

„Ich gratuliere Ihnen“, sagte er herzlich. „Ihr Können ist einfach erstaunlich!“

Der Hebräer verneigte sich tief.

„Doktor“, sagte er, „ich habe mein Versprechen erfüllt und mein Teil der Arbeit ist getan. Der Rest bleibt Ihnen zu vollenden. Sie müssen die Betreuung des Patienten wieder übernehmen und seine Kräfte wiederherstellen.“

Mit diesen Worten nahm der alte Gelehrte seinen Hut, grüßte alle Anwesenden und schritt, schwer auf seinen goldbemauerten Stock gestützt, langsam aus dem Zimmer.

Monte-Cristo folgte ihm und drückte enthusiastisch seine Dankbarkeit aus; er nahm ein dickes Bündel Banknoten aus seiner Tasche und bot es dem Hebräer an, doch dieser lehnte die Annahme fest ab.

„Ich erinnere mich an den athenischen Pöbel, Herr Graf!“, sagte er eindringlich.

Als sie am Büro des Direktors vorbeikamen, trat dieser Beamte heraus.

„Nun?“, sagte er zu Monte-Cristo. „Der Jude hat natürlich versagt!“

„Er hat Erfolg gehabt!“, antwortete der Graf mit einem Lächeln des Triumphs.

„Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass der Patient wieder bei Verstand ist!“, rief der Direktor aus.

„Genau das will ich Ihnen sagen!“, entgegnete Monte-Cristo scharf.

„Hm! Da steckt irgendein listiger Trick dahinter!“, rief der Beamte, kehrte in sein Büro zurück und schloss die Tür hinter sich.

Der italienische Arzt übernahm wieder die Betreuung des Vicomte Massetti, während Zuleika und Valentine ihn abwechselnd pflegten. In zwei Wochen verließ der junge Mann die Anstalt, körperlich ebenso wiederhergestellt wie geistig.

KAPITEL XXIV.

EINE VERZWEIFELTE BEGEGNUNG.

Als der Vicomte Massetti die Irrenanstalt verließ, verschaffte Monte-Cristo ihm eine Unterkunft im Hotel de France, wo er sowohl in seiner Nähe als auch in der Nähe seiner Tochter sein konnte. Während der Zeit der Genesung des jungen Italieners hatte der Graf es vermieden, ihm die Einzelheiten der niederträchtigen Verschwörung mitzuteilen, die Peppino aufgedeckt hatte, doch kaum war Zuleikas Verlobter im Hotel untergebracht, gab er ihm alle überraschenden Einzelheiten preis. Massetti war nicht erstaunt, denn er hatte zumindest einen Teil der Wahrheit schon lange geahnt, doch seine Entrüstung über den alten Pasquale Solara kannte keine Grenzen, und er schwor sich innerlich, baldige und vollständige Rache an ihm zu nehmen, obwohl der Graf ihn warnte, äußerst vorsichtig zu sein und den Erfolg seiner Bemühungen in seinem Namen nicht durch ein unbesonnenes Vorgehen zu gefährden. Monte-Cristo informierte den jungen Italiener nicht über seine Pläne, da er dessen natürlichem Hitzkopf und seiner Impulsivität misstraute, drängte ihn aber, sich damit zu begnügen, die Durchführung des Rehabilitationsplans ganz in seinen Händen zu lassen. Der Graf hatte den Vicomte zudem wissen lassen, dass er infolge von Peppinos Enthüllungen keine Einwände mehr gegen seine Verbindung mit Zuleika habe und dass die Hochzeit sofort nach der vollständigen und offenen Feststellung seiner Unschuld in den Augen der Welt stattfinden solle. Darüber war der feurige junge Mann von Herzen erfreut; die Gewissheit seines nahenden Glücks und die Zärtlichkeit, die das Mädchen ihm entgegenbrachte, entschädigten ihn weitgehend für alle seine Prüfungen und Qualen, doch gleichzeitig war er ungeduldig über die notwendige Verzögerung, ihn wieder in den Besitz eines reinen Namens und Rufes zu bringen, da er meinte, Monte-Cristo sei viel zu vorsichtig und langsam.

Es war ihm nun erlaubt, Zuleika fast ständig zu sehen, und ihre liebesvollen Tête-à-têtes waren von der köstlichsten und leidenschaftlichsten Art. Sie verbrachten Stunden zusammen auf dem riesigen oberen Balkon des Hotels in der sanften italienischen Dämmerung und an mondhellen Abenden, wobei sie jene süßen und zärtlichen Nichtigkeiten besprachen, die für Verliebte so kostbar und für sachliche Menschen, deren Tage romantischer Zuneigung vorbei sind, so fade sind. Manchmal war ihr Gespräch jedoch praktischer Natur; sie sprachen über ihre Zukunftspläne – wohin sie auf ihre Hochzeitsreise gehen sollten und was sie tun würden, bevor sie sich in das ruhige, friedliche Dasein eines gelassenen ehelichen Glücks niederließen. Sie hatten beschlossen, ihren ständigen Wohnsitz in Paris zu nehmen; so wären sie immer in der Nähe von Monte-Cristo, Esperance und Mercedes, in der Nähe von Albert de Morcerf und seiner Frau, in der Nähe der Freunde ihrer Freunde Maximilian und Valentine Morrel; außerdem konnten sie in der heiteren französischen Hauptstadt, der Stadt der Städte, während sie das Leben in vollen Zügen genossen, allen Anspielungen auf Giovannis Vergangenheit entgehen, was sie in Rom, wo jedes Mal, wenn das junge Paar in der Öffentlichkeit erschien, der alte Skandal und der alte Vorwurf gegen den Vicomte zweifellos frisch und vielleicht boshaft kommentiert worden wären, unmöglich hoffen konnten.

Gelegentlich, wenn Zuleika bei ihrem Vater oder in Begleitung von Mme. Morrel war, unternahm der junge Massetti lange Spaziergänge aufs Land, um die freie Luft zu atmen und seine Kräfte durch gesunde Bewegung zu stärken. Während dieser Streifzüge mied er jeden, den er traf, da es Monte-Cristos Wunsch war, dass er die Beobachtung geflissentlich vermeide.

Die Nachricht von Massettis plötzlicher und wunderbarer Heilung hatte sich in ganz Rom verbreitet, aber die Leute schüttelten die Köpfe, wenn sie darüber sprachen, und stimmten der Meinung des Direktors der Irrenanstalt zu, dass Dr. Absalom irgendeinen Trick angewandt habe, dessen Einfluss nicht von Dauer sein könne, sondern bald verfliegen werde, woraufhin der arme, getäuschte Vicomte sofort in einen noch schlechteren geistigen Zustand verfallen würde als zuvor.

Zweifellos hatte der Graf Massetti von der Wiederherstellung der geistigen und körperlichen Gesundheit seines Sohnes gehört, aber er achtete überhaupt nicht darauf und fuhr fort, das Faktum von Giovannis Existenz stolz und hochmütig zu ignorieren. Monte-Cristo hatte den gealterten und unnachgiebigen Adligen aus zwei Gründen nicht aufgesucht – er fürchtete, dass seine Entrüstung in einem Gespräch die Oberhand gewinnen würde, und außerdem wusste er, dass es völlig zwecklos wäre, sich dem Grafen zu nähern, ohne mit dem vollständigen Freispruch des jungen Massetti bewaffnet zu sein.

Während eines dieser bereits erwähnten Streifzüge ging der Vicomte viel weiter als gewöhnlich. Es war ein heller, milder und fröhlicher Morgen, und der erfreuliche Glanz der Sonne, das leuchtende Grün der Bäume, die wohlriechenden Düfte von Blumen und Gras, das Zirpen der Insektenwelt und die wilden, berauschenden Gesänge der Vögel trugen alle dazu bei, ihn weiterzuziehen und ihn Monte-Cristos Anweisungen vergessen zu lassen, sich vor den Augen der Passanten fernzuhalten.

Er bemerkte kaum, in welche Richtung er ging oder welchen Weg er einschlug, während er sich einem sorglosen, köstlichen Tagtraum hingab, der von den Freuden des dolce far niente erfüllt war. Er hatte die Augen auf den Boden gerichtet und schlenderte gemächlich dahin, als er plötzlich gewahr wurde, dass sich jemand näherte. Er blickte hastig auf. Der Fußgänger war noch ein Stück entfernt, aber seine schweren Schuhe klapperten mit einem klingenden Geräusch auf dem Kies der Landstraße. Er war offensichtlich ein alter Mann und ein Bauer. In seiner rechten Hand hielt er einen Stab und sein großer, breitkrempiger Hut war leicht über sein Antlitz gezogen, als wolle er es vor der Hitze der Sonne schützen. Giovanni wollte gerade in ein kleines Hain aus Kastanienbäumen neben der Straße ausweichen, um dort zu warten, bis der Neuankömmling vorbeigezogen wäre, doch bei einem zweiten Blick auf ihn hielt ihn plötzlich etwas Vertrautes an seinem Äußeren fest, und durch einen jener unerklärlichen Impulse, die manchmal von einem Menschen Besitz ergreifen, blieb er stehen und wartete.

Der Bauer hatte Giovanni und dessen Handlung ebenfalls bemerkt, aber er verlangsamte sein Tempo nicht und schien nicht geneigt, ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Er stampfte weiter, erreichte den Vicomte und passierte ihn, ohne ihn auch nur mit einem Nicken zu grüßen. Doch Massetti erkannte ihn mit einem Ruck. Mit einem Zornesröte im Gesicht und allem Blut, das in seinen Adern kochte, drehte er sich um, sprang dem alten Mann nach und legte seine Hand auf dessen Schulter. Der Bauer hielt abrupt an, drehte sich ebenfalls um, und eine wütende Verwünschung entfuhr seinen Lippen. Er musterte den zornigen jungen Italiener höhnisch und finster von Kopf bis Fuß.

„Warum haltet Ihr mich auf?“, sagte er grob. „Ich kenne Euch nicht.“

„Aber ich kenne Euch, Pasquale Solara!“, rief der Vicomte. „Wir sind zur rechten Zeit und an einem passenden Ort zusammengetroffen! Die Gelegenheit, auf die ich lange und ungeduldig gewartet habe, ist endlich gekommen! Ihr sollt das erdrückende Gewicht meiner Rache spüren! Ihr sollt mir für Eure niederträchtigen, Eure unnatürlichen Verbrechen Rede und Antwort stehen! Pasquale Solara, niederträchtiger Wicht, der seine eigene Tochter an ein Schicksal schlimmer als den Tod verkaufte, ehrloser Schurke, der die Gebote der Gastfreundschaft nicht achtete, ich bin Giovanni Massetti!“

Während er sprach, sprang er vor den mürrischen Hirten und versperrte ihm mit seinem Körper den Weg.

„Nun, was kümmert es mich, wenn Ihr Giovanni Massetti seid!“, antwortete der alte Pasquale kalt und herausfordernd. „Ich mache mir nichts aus Euch! Geht mir aus dem Weg und lasst mich passieren, bevor ich Euch zu Boden schlage, wie ich es mit einem räudigen, kläffenden Köter tun würde!“

Mit diesen Worten erhob er drohend seinen Stab über den jungen Italiener. Dieser sprang mit der Schnelligkeit und Gewandtheit eines Hirsches auf den Stab zu, ergriff ihn und ließ ihn in den Kastanienhain wirbeln. Dann packte er den alten Solara an der Gurgel, und ein schrecklicher Kampf begann sogleich. Die beiden Männer gingen aufeinander los wie in einem Todeskampf und rangen wie ein Paar Athleten. Massetti hatte seine volle Kraft noch nicht zurückerlangt, doch sein Zorn verlieh ihm Stärke. Auf seiner Seite besaß Pasquale, obwohl alt, Muskeln aus Stahl und einen Griff wie Eisen. Er wirbelte seinen Gegner immer wieder herum und brachte ihn beinahe zu Fall, doch der Vicomte kämpfte tapfer, riss den Hirten gelegentlich von den Füßen und hob ihn leibhaftig in die Luft. Der Atem beider drang in heißen, schnellen, mühsamen Stößen hervor, während ihre Gesichter vor Anstrengung gerötet waren. Lange Zeit blieb das Ergebnis zweifelhaft, und der Kampf dauerte heftig an, ohne dass eine Seite einen entscheidenden Vorteil errang. Oft wurde der Vicomte beinahe zu Boden gedrückt, doch er erholte sich ausnahmslos, richtete sich auf und nahm den Kampf energisch wieder auf. Kein Wort wurde nun gesprochen. Die konzentrierten Energien der Kontrahenten waren auf den Streit gerichtet, was ihnen die Sprache raubte. Schließlich gelang es Giovanni durch eine schnelle Bewegung, Solara zum Stolpern zu bringen, der mit einem Krachen stürzte, wobei der junge Italiener mit großer Wucht auf seinen ausgestreckten Körper fiel und ihm für einen Augenblick fast den Atem raubte. Beide waren durch den Sturz teilweise benommen und lagen regungslos. Massetti war der Erste, der seine Sinne wiedererlangte. Er halb erhob sich, stützte seine Knie auf die Brust des alten Pasquale, zog eine Pistole und spannte den Hahn.

„Was habt Ihr vor?“, keuchte der Unterliegende, dessen Entsetzen ihm die Kraft zum Sprechen gab.

„Ich werde Euch töten, Pasquale Solara!“, zischte der Vicomte zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen.

„Mörder!“, schrie der Hirte verzweifelt und unternahm einen verzweifelten Kampf, um aufzustehen, was ihm jedoch nicht gelang.

Dieses ominöse Wort, mit all der schrecklichen Bedeutungsschwere, die es in sich trug, traf das Ohr des jungen Italieners wie ein Klang des Untergangs. Ein Mörder? Ja, er wäre ein Mörder, wenn er den alten Solara auf der Stelle erschlüge, und gebrandmarkt mit dem dunklen Verbrechen eines Meuchelmörders müsste er für immer jede Hoffnung aufgeben, seine geliebte Zuleika zu besitzen, müsste sie verlassen, damit sie an einem gebrochenen Herzen sterbe! Vielleicht würde er auch ergriffen, vor Gericht gestellt, verurteilt und fände ein Schicksal als Verbrecher auf dem schändlichen Schafott! Zwar ließe sich die römische Justiz vielleicht mit Geld zum Schweigen bringen, aber er war ein verstoßener und enterbter Sohn, ein mittelloser Ausgestoßener! Diese Gedanken führten ihn zu der Erkenntnis der schwarzen Tiefen des gähnenden Abgrunds, in den er zu stürzen drohte, und ließen ihn zögern. Doch ein schneller Gedanke kam ihm zu Hilfe – wenn er ein Duell mit dem alten Solara austrüge und ihn so tötete, würde das römische Gesetz ihn nicht verfolgen, er wäre nicht mit dem Verbrechen eines Mörders gebrandmarkt! Er würde es tun, er würde mit ihm kämpfen! Er sprang auf die Füße, zog eine zweite Pistole und warf sie neben seinen erstaunten Feind auf den Boden, während er zu ihm sagte, indem er langsam und eindringlich sprach:

„Pasquale Solara, ich werde Euch eine Chance auf Euer Leben geben! Steht auf, nehmt diese Pistole und stellt Euch mir! Wir werden kämpfen!“

Der Hirte stand mit einiger Mühe auf; er war beträchtlich geprellt und hatte zudem eines seiner Beine schwer gezerrt. Er nahm die Waffe auf, spannte den Hahn und nahm, ohne ein Wort zu sagen, aber mit einem Blick dämonischer Wildheit und Triumph auf seinem bösen Antlitz, eine Stellung etwa zwanzig Schritte von seinem Gegner entfernt ein. Augenblicklich erhoben beide ihre Pistolen und schossen. Als sich der leichte Rauch verzog, wurde deutlich, dass keiner von ihnen getroffen worden war. Der alte Solara warf seine leere Waffe mit einem Fluch von sich und zog, als er ein Paar langer, scharfkantiger Messer hervorholte, eines davon in Richtung des Vicomte.

„Ihr habt mich herausgefordert und ich habe angenommen!“, sagte er mit rauer Stimme. „Nun fordere ich Euch heraus! Nehmt dieses Messer und kämpft mit mir!“

Massetti zögerte, mit einem Ausdruck des Entsetzens auf seinem Gesicht. Ein Duell mit Messern! Es war barbarisch! Es war der roten Wilden aus der amerikanischen Wildnis würdig!

„Nehmt das Messer, sage ich!“, donnerte der alte Solara. „Nehmt es und stellt Euch mir, oder beim Himmelszelt, ich werde Euch weniger Gnade erweisen, als Ihr schwach genug wart, mir zu erweisen! Ich werde Euch dort, wo Ihr steht, ins Herz stechen!“

Er trat mit seiner mörderischen Waffe in der ausgestreckten Hand vor, nachdem er zuvor seinen Ärmel hochgerollt und seinen braunen, sehnigen Arm entblößt hatte.

Massetti bückte sich und nahm das Messer auf, wo es lag. Er entblößte ebenfalls seinen Arm und griff nervös nach dem Heft der Waffe.

Pasquale Solaras Augen glänzten wie die eines Tigers, den man durch die Dunkelheit eines Dschungels in Hindoostan sah. Sie hatten einen schrecklichen, blutrünstigen Glanz. Der Hirte fühlte sich nun auf sicherem Boden. Mit einer Pistole war er nichts, mit einem Messer war er eine Macht! Giovanni konnte sich nicht mit ihm messen; er würde ein leichtes Opfer seiner Geschicklichkeit und List werden!

Der Vicomte beobachtete den alten Schurken mit fieberhafter Angst und erkannte voll und ganz, was in dessen Geist vorging. Dass Pasquale ihn besiegen und töten würde, daran konnte er nicht zweifeln, denn er verstand nicht mehr vom Kampf mit dem Messer als ein Säugling in seiner Wiege. Dennoch verließ ihn sein Mut nicht, und er beschloss, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Als Giovanni das Messer nahm und sich auf den Kampf vorbereitete, beugte sich Solara ein wenig vor und stürzte auf ihn zu. Die langen, scharfen Klingen trafen mit einem Funkenregen aufeinander. Der junge Italiener beschränkte sich darauf, in der Defensive zu agieren, wobei äußerste Aktivität und Wachsamkeit von ihm gefordert waren, um die geschickten und unaufhörlichen Stöße seines Gegners zu parieren und abzuwehren. Der Hirte kämpfte mit der verwirrenden Schnelligkeit eines Blitzschlags und schien an tausend verschiedenen Orten zugleich zu sein, so behende wich er aus, zog sich zurück und sprang zur Seite. Seine Erregung ließ ihn seine Verletzungen vergessen.

Schließlich war Massettis Arm so angespannt und ermüdet, dass es ihm unmöglich war, noch viel länger durchzuhalten. Seine Hand umklammerte fest das Heft seines Messers, doch sie war so taub, dass er die Waffe nicht mehr spüren konnte. Dennoch setzte er den ungleichen Kampf mit der Energie und Entschlossenheit der Verzweiflung fort, wider besseres Wissen hoffend, dass eine unerwartete Wendung der Dinge ihm den Vorteil verschaffen könnte.

Währenddessen rückte der alte Solara, teuflisch siegesgewiss, stetig und sicher auf ihn vor und verringerte nach jedem Schlag den Spielraum seines Rückzugs. Schließlich wich er nicht mehr zurück, sondern begann, seinen Widersacher unter fortwährenden Schlägen in Richtung des Kastanienhains zurückzudrängen. Dann ließ er plötzlich sein Handgelenk geschickt wirbeln, und Giovannis Messer wurde seinem Griff entrissen und fiel etwa zehn Fuß entfernt zu Boden. Augenblicklich wurde der junge Mann zu Boden gezwungen, und der alte Pasquale stand mit weit gespreizten Beinen über ihm, fest verwurzelt, um den tödlichen Stoß zu führen. Während Massetti dort lag, erblickte sein Auge das Schimmern seines eigenen Messers hinter dem Hirten, und wie eine Schlange zwischen Solaras Beinen hindurchschlüpfend, ergriff er es, sprang auf die Füße und begrub, bevor Pasquale sich von der Überraschung über dieses unerwartete Manöver erholen konnte, die glitzernde Klinge in dessen Brust. Solara schwankte und fiel auf das Gras, wo er in seinem Blut gebadet liegen blieb.

„Du bist mir entkommen, Vicomte Massetti!“, stöhnte er.

Der junge Massetti konnte kaum begreifen, was geschehen war, was er getan hatte, so wundersam erschien seinem verwirrten Geist das Ergebnis dieses seltsamen Duells.

Während er wie in einem Traum dastand, hörte er ein Geräusch wie von vielen Schritten. Hastig in den Kastanienhain stürmend, blickte er zurück und sah den alten Solara, umringt von einer Gruppe von Luigi Vampas Männern.

KAPITEL XXV.

EIN BESUCH IM ZUFLUCHTSORT.

Zu den Einzelheiten des Plans des Grafen von Monte-Cristo für die Rehabilitierung von Giovanni Massetti gehörte ein Besuch bei Annunziata Solara im Zufluchtsort in Civita Vecchia. Diesen Besuch stattete er eines Morgens in Begleitung von Zuleika sowie Monsieur und Madame Morrel ab. Madame de Rancogne war hocherfreut, den Grafen zu sehen, und hieß ihn und seine Begleiter herzlich willkommen.

„Diese hübsche junge Dame ist also Ihre Tochter, Edmond“, sagte sie, während sie sich neben Zuleika setzte und deren Hand nahm. „Wie schnell die Zeit verfliegt. Heute befinden wir uns inmitten der Freuden der Jugend, und morgen sind wir die Menschen mittleren Alters in unserer Umgebung. Dann, in einer weiteren kurzen Spanne, sind wir die Greise, worauf der Tod folgt!“

Zuleika errötete bei Helenas Kompliment und betrachtete sie neugierig, während sie den letzten Teil ihrer Rede ausführte. Doch die Gräfin von Monte-Cristo der Vergangenheit war nicht von finsterer Natur, und lächelnd fügte sie hinzu:

„Die blendendste und bezauberndste Seite des Bildes der Jugend ist die Liebe! Hat Zuleika, Graf, jemals die zarte Leidenschaft erfahren? Es wäre äußerst seltsam, wenn sie es nicht hätte.“

Monte-Cristos Tochter errötete erneut.

Der Graf lächelte, als er antwortete:

„Ja, Helena, Zuleika hat die krönende Leidenschaft des Lebens erfahren. Sie ist mit dem Vicomte Giovanni Massetti aus Rom verlobt.“

„Was!“, rief Madame de Rancogne, von Staunen und Entsetzen ergriffen. „Jener Giovanni Massetti, der von seinem Vater wegen der Begehung eines der abscheulichsten und ehrlosesten Verbrechen, die der Welt bekannt sind, verstoßen und enterbt wurde?“

„Derselbe!“, antwortete Monte-Cristo gelassen.

Madame de Rancogne war nun erstaunter denn je.

„Sie kennen die Akten dieses Mannes und erlauben ihm dennoch, Ihre Tochter zu gewinnen! Graf, das ist nicht Ihre Art! Ich kann es nicht verstehen!“

„Helena“, erwiderte Monte-Cristo, „dieser arme junge Mann wurde verleumdet, fälschlicherweise beschuldigt von Personen, die ihm feindlich gesinnt sind.“

Die Oberin des Ordens der Schwestern der Zuflucht schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf, während sie den Grafen und seine Tochter mit einem Ausdruck tiefen Mitgefühls und Mitleids auf ihrem edlen Antlitz betrachtete.

„Sie wurden getäuscht, Edmond, man hat Sie hinters Licht geführt“, erwiderte sie. „Es kann nicht den geringsten Zweifel an der schrecklichen und verdammenswerten Schuld des jungen Mannes geben. Überdies lässt sich meine Behauptung sofort verifizieren und beweisen. Massettis unglückliches Opfer, das schöne Bauernmädchen Annunziata Solara, ist jetzt Insassin dieser Einrichtung, wohin sie sich schleppte, als sie von Scham und Leiden der schlimmsten Art überwältigt wurde, auf der Suche nach einem Asyl und einem Kloster, wo neugierige Augen sie nicht ausfindig machen konnten und wo die giftige Zunge des Klatsches ihre Wunden nicht wieder aufreißen und zum Bluten bringen konnte. Sie ist ein Mitglied unseres Ordens, hat den Rest ihrer Tage der Vollbringung guter Taten und der Aufrichtung der Gefallenen und Betrogenen ihres Geschlechts gewidmet. Annunziata Solara ist hier, fast in Hörweite meiner Stimme, und wird, wenn auch widerwillig, davon bin ich überzeugt, jedes Wort bestätigen, das ich bezüglich ihres feigen und schurkischen Entführers geäußert habe!“

„Ein Gespräch mit dieser unglücklichen Kreatur zu führen, ist der Grund, warum ich mit Zuleika und meinen Freunden, den Morrels, hierhergekommen bin“, sagte der Graf. „Natürlich wollte ich Sie sehen, Helena, und noch einmal die Freude Ihrer Gesellschaft genießen“, fügte er hinzu, wobei sein angenehmes Lächeln seine Worte begleitete.

Die Oberin verneigte sich anmutig und erhob sich.

„Dann kann ich Ihre Angst verstehen, Annunziata so früh wie möglich zu sehen und mit ihr zu sprechen. Daher werde ich sie umgehend in dieses Gemach rufen, wo das gewünschte Gespräch ohne Verzug stattfinden kann.“

Als sie diese Worte aussprach, eilte Madame de Rancogne aus dem Salon und kehrte kurz darauf mit dem ehemaligen Blumenmädchen von der Piazza del Popolo in Rom zurück.

Annunziata stand einen Augenblick in der Mitte des Zimmers und blickte fragend zu den Besuchern, denn Madame de Rancogne hatte sie nicht über deren Anliegen informiert, da sie es vorzog, dass Monte-Cristo in seiner Weisheit und Erfahrung das Gespräch führen und seine Wünsche auf seine ganz eigene Art entwickeln sollte.

Der Graf und Maximilian betrachteten die Tochter des alten Pasquale Solara mit beträchtlichem Interesse, doch es war ein gänzlich männliches Interesse. Valentine sah sie ebenfalls aufmerksam an, mit jenem forschenden, durchdringenden Blick, den eine Frau unweigerlich auf eine andere wirft. Was Zuleika betrifft, so verschlangen ihre Augen das Bauernmädchen förmlich und blitzten auf vor etwas, das nicht direkt Hass auf eine Rivalin war, sondern eher eine instinktive Furcht und ein Misstrauen. Sie war sich wohl bewusst, dass Giovanni mit diesem Mädchen geflirtet hatte, von ihren körperlichen Reizen bezaubert gewesen war, fast ihrem Einfluss erlegen war, und sie empfand ein eigentümliches Interesse an der Kreatur, die zumindest zeitweise das Herz ihres Geliebten von ihr gestohlen hatte.

Annunziata hatte durch ihren Aufenthalt in der Ruhe und Stille des Zufluchtsortes sehr profitiert. Sie hatte durch eine große und heldenhafte Anstrengung ihrer Geisteskraft alle Gedanken an ihre beklagenswerte Geschichte, an ihre plötzlich getrübte und schreckliche Vergangenheit von sich gewiesen. Sie hatte sich voll und ganz der Disziplin und den Pflichten der Schwestern des Ordens der Zuflucht hingegeben und versucht, mit mehr oder weniger Erfolg, sogar sich selbst zu vergessen. Ihr ungestörtes Leben, das im ständigen Tun des Guten verlief, erfüllte sie mit Friedfertigkeit und Zufriedenheit, und zum ersten Mal seit langer Zeit erkannte sie voll und ganz, was es bedeutete, vollkommen zufrieden und glücklich zu sein. Infolgedessen hatte sich ihr körperlicher Zustand gebessert, da er prompt auf ihr seelisches Wohlbefinden reagierte. Sie hatte die Schönheit zurückgewonnen, die sie während ihrer Gefangenschaft in der Räuberhütte und ihrer anschließenden Wanderungen als obdachlose, hungernde Ausgestoßene verloren hatte. Auch ihre Fülle war zurückgekehrt, und ihr Blick hatte all die Helligkeit und Heiterkeit, die ihn früher ausgezeichnet hatte. Dennoch hatte eine allgemeine Verfeinerung von ihr Besitz ergriffen, und Annunziata war nicht mehr das Kind der Natur, das sie gewesen war, als sie in der romantischen Hütte im Wald lebte.

Madame de Rancogne sprach als Erste.

„Schwester Annunziata“, sagte sie, „hier sind seine Exzellenz der Graf von Monte-Cristo, Zuleika, seine Tochter, sowie Monsieur und Madame Morrel. Erlauben Sie mir, Sie mit ihnen bekannt zu machen und Ihnen zu versichern, dass sie wahre Freunde von mir sind, auf die man fest zählen kann. Sie möchten Sie bezüglich einer gewissen Angelegenheit befragen. Sie können ihre Fragen ohne Furcht und ohne das geringste Zögern beantworten. Der Graf von Monte-Cristo ist die Seele der Ritterlichkeit und Ehre!“

Der Graf verneigte sich in Anerkennung dieser wohlgesetzten Rede und sagte, während er sich an Annunziata wandte, die trotz der Zusicherungen von Madame de Rancogne zu zittern begann und sich unbehaglich fühlte:

„Schwester Annunziata, ich möchte Ihnen, wie Ihre Oberin Ihnen sagte, einige wichtige Fragen stellen. Ich verfolge eine Untersuchung, die verspricht, in den allerbesten Ergebnissen von höchstmöglichem Nutzen fruchtbar zu sein. Schwester Annunziata, ich wünsche Ihre Hilfe bei der Bereinigung der Akten eines unschuldigen Mannes, eines Menschen, der so sehr gelitten hat wie Sie und für den Sie daher Mitleid und Anteilnahme empfinden können. Ich beziehe mich auf den Vicomte Giovanni Massetti.“

Das Mädchen zuckte plötzlich zusammen und wurde totenbleich.

„Den Vicomte Giovanni Massetti?“, wiederholte sie fragend, halb zweifelnd, ob sie den Namen richtig gehört haben konnte.

„Ja“, sagte Monte-Cristo, „den Vicomte Giovanni Massetti, der fälschlicherweise beschuldigt wurde, Sie entführt zu haben!“

„Fälschlicherweise beschuldigt!“, rief Annunziata. „Warum, Signor Graf von Monte-Cristo, der elende junge Mann ist schuldig an allem, dessen er beschuldigt wurde, ob die Anschuldigungen nun von Personen stammten, die ihm feindlich gesinnt waren, oder nicht!“

Die Besucher beobachteten das Bauernmädchen weiterhin genau. Sie hatten erwartet, dass sie genau das sagen würde, was sie gesagt hatte, und waren daher nicht im Geringsten erstaunt oder aus der Fassung gebracht. Ihre Ernsthaftigkeit und der Umstand, dass sie sicherlich die Identität ihres Entführers kennen musste, waren gut geeignet, Vertrauen in ihre Aussagen zu wecken und einen Glauben an die Schuld des jungen Vicomte Massetti herbeizuführen.

Monte-Cristo antwortete Annunziata fest, aber rücksichtsvoll.

„Schwester“, sagte er, „ungeachtet Ihres Glaubens, dass Massetti Ihr Entführer war, weiß ich, dass das Gegenteil wahr ist, und ich bin im Besitz unzweifelhafter Beweise für das, was ich behaupte!“

Annunziata schüttelte den Kopf.

„Der Beweis müsste in der Tat schlüssig sein, um meinen Glauben zu erschüttern!“, sagte sie mit einer leichten Spur von Bitterkeit in ihrem Tonfall.

„Er ist schlüssig!“

„Aber wenn der junge Massetti unschuldig an meiner Entführung und am Mord an meinem armen Bruder ist, wer ist dann, um Himmels willen, der Schuldige?“

„Luigi Vampa!“

„Luigi Vampa?“

„Ja. Er drang in jener denkwürdigen Nacht in Ihre Hütte ein, entführte Sie und erschoss danach Ihren Bruder Lorenzo im Wald.“

„Sie sagen, Sie haben unzweifelhafte Beweise dafür. Wie wurden sie erlangt?“

„Von einem Mann namens Peppino, der alle Einzelheiten des verruchten Handels und der Verschwörung belauschte, die der Räuberhauptmann und der alte Pasquale Solara eingegangen waren.“

„Pasquale Solara? Mein Vater! Oh! Signor Graf, was meinen Sie damit?“

„Seien Sie ruhig, mein Kind, und hören Sie mir zu. Ihr Vater hat Sie auf niederträchtige Weise für eine große Geldsumme an Luigi Vampa verkauft, und sie haben gemeinsam die Entführung so arrangiert, dass jeder Verdacht mit erdrückender Wucht auf die Schultern des jungen Italieners fallen würde!“

Annunziata legte ihre Hand an ihre Stirn und blieb stehen, wie festgewurzelt vor Entsetzen und Erstaunen. Sie hegte keine große Liebe für ihren stimmungsvollen und mürrischen Vater, der nie etwas getan hatte, das geeignet gewesen wäre, Zuneigung für ihn im Busen seiner Tochter zu wecken, aber gleichzeitig erschien es ihr unglaublich und schrecklich, dass ihr Elternteil dieser unnatürlichen Verhaltensweise ihr gegenüber schuldig geworden sein sollte, dieses unmanierlichen Benehmens gegenüber einem unschuldigen Gast, der in vollem Vertrauen die Gastfreundschaft genoss, die sein Dach bot. Sie blickte Monte-Cristo zweifelnd an und dann Madame de Rancogne, die sie ermutigend anlächelte.

„So wahr Gott mein Richter ist“, sagte sie feierlich, „ich glaube, dass Giovanni Massetti mein Entführer war!“

„Natürlich“, erwiderte Monte-Cristo, „aber Sie befinden sich im Irrtum!“

„Ich habe sein Gesicht gesehen! Sicherlich hätte ich in der Lage sein müssen, das zu erkennen!“

„Gewiss; aber ich sage Ihnen, alles war so arrangiert, dass Sie in dem Glauben getäuscht wurden, der junge Italiener sei der Kriminelle, der niederträchtige Wicht, der es versäumt hatte, die Ehre einer Frau zu respektieren!“

„Es mag sein, wie Sie behaupten, aber ich kann mich nicht von meinem festen und tief verwurzelten Glauben in dieser Angelegenheit befreien. Ich habe dem Vicomte Massetti das üble Unrecht vergeben, das er mir angetan hat, aber bis zum letzten Tag meines irdischen Daseins werde ich ihn für schuldig halten!“

Plötzlich ihre Augen mit einem Blick von verwirrender Intensität auf Zuleika fixierend, stand Annunziata da, als wäre sie begierig, mit ihr über ein sehr wichtiges Thema zu sprechen.

Monte-Cristos Tochter erriet dies und ging auf das ehemalige Blumenmädchen zu und sagte zu ihr:

„Gibt es etwas, das ich für Sie tun kann, Schwester Annunziata? Wenn ja, müssen Sie nur darum bitten!“

Annunziata legte ihre Hand auf Zuleikas Schulter und fragte in einem Ton, der trotz all ihrer Bemühungen, ihn zu kontrollieren, nicht wenig unsicher und zittrig war:

„Lieben Sie ihn? – lieben Sie den Vicomte Massetti?“

„Ja“, antwortete Zuleika und senkte ihre Augen unter der Intensität des Blicks der anderen.

„Das dachte ich mir, aber oh! Tochter einer adligen Familie, hüten Sie sich vor dem perfiden jungen Mann! Er wird nicht zögern, Sie zu täuschen, wie er mich getäuscht hat! Dann wird er Sie Ihrem Schicksal überlassen, wie er mich meinem überlassen hat, und lebenslanges Leid und Elend werden Ihr Anteil sein!“

Zuleika blickte mitleidig auf das Bauernmädchen.

„Sie haben ihn einst geliebt, nicht wahr?“, fragte sie.

„Vielleicht habe ich das, vielleicht auch nicht!“, antwortete Annunziata. „Ich weiß es nicht! Sicherlich sprach mein Herz für ihn, aber das mag nur freundschaftliche Wertschätzung gewesen sein! Doch nach der Entführung und den schrecklichen und schändlichen Ereignissen, die darauf folgten, begann ich, ihn mit der bittersten Art von Hass zu hassen! Ich habe Ihnen gesagt, dass ich ihm vergeben habe, und es war die Wahrheit. Ich habe vergeben und bemühe mich, ihn zu vergessen!“

Es lag ein verdächtiger Glanz in den Augen des Mädchens, als sie sprach, etwas, das auf das Vorhandensein von Tränen hindeutete, aber der Glanz verschwand, und sich an Madame de Rancogne wendend, sagte sie:

„Sind Ihre Gäste mit dem Befragen fertig, Madame die Oberin?“

Madame de Rancogne blickte fragend zu Monte-Cristo, der bejahend mit dem Kopf nickte.

„Das Gespräch ist beendet“, antwortete Helena, „und nun können Sie, wenn Sie es wünschen, in Ihr Gemach zurückkehren.“

Annunziata, mehr betroffen und aufgewühlt von dem, was sie gerade durchgemacht hatte, als sie zuzugeben bereit war, verneigte sich vor den Besuchern und der Oberin und verließ hastig den Salon.

„Armes Mädchen! Sie bleibt vollkommen unüberzeugt!“, sagte Monte-Cristo nach ihrem Weggang.

„Und sie hat Recht!“, erwiderte Madame de Rancogne warm. „Ich habe alle Einzelheiten ihrer Geschichte gehört, und die Beweiskette gegen den Vicomte Giovanni Massetti ist absolut vollständig. An seiner Schuld zu zweifeln, wäre reine Idiotie!“

Nach einem Aufenthalt von einigen weiteren Stunden im Zufluchtsort kehrten Monte-Cristo und seine Begleiter nach Rom zurück, um aktiv an Massettis Sache zu arbeiten.

KAPITEL XXVI.

VAMPA UND MONTE-CRISTO.

Nach seinem furchtbaren und erschöpfenden Duell mit dem alten Pasquale Solara, in dem er so nahe daran gewesen war, besiegt zu werden, und so auffällig vom Schicksal begünstigt worden war, schleppte sich der Vicomte Massetti mehr, als dass er lief, durch den Kastanienhain am Straßenrand und hielt hier und da inne, um durch die Bäume zurückzublicken und zu beobachten, was unter Vampas Banditen vor sich ging. Sein verwundeter Gegner war offensichtlich bewusstlos, denn die Briganten beugten sich über ihn, wobei einige von ihnen damit beschäftigt zu sein schienen, ihn wieder zur Besinnung zu bringen. Ein weiterer Umstand, der diese Vermutung stützte, war das Ausbleiben einer Verfolgung, denn hätte der Hirte auch nur bruchstückhafte Informationen über die Begegnung geben können, hätten Vampas Männer ihre Aufmerksamkeit sofort der Suche nach seinem erfolgreichen Angreifer gewidmet, und in Giovannis derzeitigem Zustand der Erschöpfung hätte an seiner Gefangennahme kein Zweifel bestehen können.

Der junge Italiener verschwendete keine Sekunde, sondern machte sich so schnell er konnte auf den Weg nach Rom, obwohl sein Vorankommen notwendigerweise mühsam und im höchsten Maße schmerzhaft war. Nachdem er schließlich das Ufer eines kleinen Baches in sicherer Entfernung vom Schauplatz des Kampfes erreicht hatte, wusch er sich den Staub und Schweiß aus dem Gesicht und hielt seine taube Hand so lange in das kühle, klare Wasser, bis das Blut wieder normal zirkulierte. Dann ordnete er seine zerrissene und zerknitterte Kleidung, um nicht allzu viel Aufmerksamkeit bei den neugierigen Fußgängern zu erregen, denen er am Stadtrand sicher begegnen würde, und setzte seine Reise gestärkt und erfrischt fort. Entgegen seinen Erwartungen erreichte er schließlich das Hotel de France, ohne besonderes Aufsehen oder Kommentar zu erregen. In seinem eigenen Zimmer angelangt, schloss er sorgfältig die Tür ab und, sich auf sein Bett werfend, atmete er zum ersten Mal frei, seit der alte Solara durch seine Hand gefallen war.

Seine Gedanken waren jedoch nicht gänzlich beruhigender Natur. Er hatte eine italienische Rache an dem niederträchtigen alten Pasquale Solara genommen, der sicherlich alles verdiente, was er erhalten hatte, aber wie würde Monte-Cristo die Angelegenheit betrachten, wenn er davon erfuhr, was er mit Sicherheit tun würde, wenn er seinen Feldzug gegen Vampa begann, wenn nicht schon vorher? Zweifellos mit starkem Missbilligen und Unmut. Der Graf hatte ihn gewarnt, sich nicht blicken zu lassen und seine Ungestümheit zu zügeln, und er hatte keines von beidem getan. Im Gegenteil, er hatte sich dem Hirten gezeigt, seine Identität preisgegeben und die Verantwortung dafür übernommen, mit ihm abzurechnen, obwohl er ihm natürlich eine Chance gegeben hatte, sich zu verteidigen. Wenn Solara tot war, wenn er ausgehaucht hatte, ohne eine Enthüllung zu machen, war sein Geheimnis sicher und selbst Monte-Cristo konnte es nicht ausgraben, aber würde der Tod des alten Pasquale den Grafen nicht eines höchst wichtigen Zeugen, eines höchst wichtigen Faktors bei seiner Rehabilitierung berauben? Vielleicht ja, vielleicht nein, denn es war keineswegs sicher, dass Monte-Cristo Solara zwingen konnte, zu gestehen und zumindest eine teilweise und späte Wiedergutmachung für seine abscheulichen Missetaten zu leisten. Es war höchst wahrscheinlich, dass Annunziatas elender Vater, selbst wenn er in die Enge getrieben würde, darauf beharren würde, ein steinernes und ununterbrochenes Schweigen zu bewahren und keinerlei Zugeständnisse zu machen. Unter diesem Gesichtspunkt fühlte sich der Vicomte erleichtert, und sich auf seinem Ruhebett zurechtlegend, gab er sich dem Einfluss der extremen Müdigkeit hin und schlief ein. Sein Schlaf war tief und traumlos. Wie lange er genau schlief, wusste er nicht, doch währenddessen ereignete sich fast in Hörweite dessen, wo er lag, ein Ereignis, das ebenso unerwartet wie bedeutungsvoll war, ein Ereignis, das durch seine voreilige und unüberlegte Tat an jenem Morgen herbeigeführt wurde.

Der Salon des Grafen von Monte-Cristo lag gegenüber dem Zimmer von Massetti, getrennt durch einen breiten Korridor, der die beiden Wohnungen voneinander schied. Es war später Nachmittag, und der Graf saß an seinem Schreibtisch und sann über seine Pläne in Bezug auf den Vicomte nach. Die Angelegenheiten waren nicht so rasch vorangekommen, wie er gehofft hatte. Zudem schien eine weitere erhebliche Verzögerung unvermeidlich. Maximilian konnte natürlich, zumindest vorläufig, nichts ausrichten, und Valentines Möglichkeiten, nützlich zu sein, beschränkten sich darauf, Zuleika zu ermutigen und die Liebenden in angemessener Weise zu überwachen, sofern eine solche Überwachung möglich war. Auch Peppino und Beppo waren vergleichsweise nutzlos, obwohl sie durch sorgfältige und gezielte Nachforschungen in Erfahrung gebracht hatten, dass Luigi Vampa und seine Bande ihr altes Versteck verlassen und sich an einem Zufluchtsort niedergelassen hatten, der sich nur mit großer Schwierigkeit und Gefahr erreichen ließ. Keiner der Briganten besuchte mehr Rom, und selbst Vampa schien der Zukunft gegenüber misstrauisch. Den Informationen von Peppino und Beppo zufolge bewegte er sich ständig in verschiedenen Verkleidungen, die jede Entdeckung unmöglich machten, und mied sorgfältig alle seine gewohnten Schlupfwinkel. Was das Handeln des Bandenchefs betraf, so konnte Monte-Cristo nur eine von zwei Ansichten hegen – entweder war er erfüllt von Reue über sein schändliches Verhalten gegenüber der armen Annunziata Solara und über seine Komplizenschaft mit dem alten Pasquale, den unschuldigen Vicomte in Verdacht gebracht zu haben, was zweifelhaft war, oder er fürchtete, dass ihn die römische Justiz, angestachelt durch den jungen Massetti und jene Freunde, die ihm noch geblieben waren, einholen würde, was das Wahrscheinlichere war. Der Graf hatte sich von Annunziata Solara nicht viel versprochen, obwohl er ein wenig auf die Wirkung seiner Zusicherung gebaut hatte, er besitze schlüssige Beweise für Giovannis Unschuld. Sein kürzliches Gespräch mit dem Mädchen hatte jedoch die Tatsache bestätigt, dass sie fest an die Schuld des Vicomte glaubte, und es war anzunehmen, dass sie an ihrem Glauben angesichts von allem mit der sprichwörtlichen Sturheit einer Frau festhalten würde. Was war zudem, alles in allem, sein schlüssiger Beweis? Lediglich die unbestätigten Behauptungen eines ehemaligen Mitglieds von Vampas Bande, dessen Handeln ganz klar von dem Wunsch geleitet war, persönliche Rache an dem alten Pasquale Solara zu üben!

Der Graf war nicht wenig entmutigt, doch seine eigene Überzeugung von der Wahrheit der Aussage Peppinos war so stark wie eh und je, und ungeachtet aller scheinbar unüberwindlichen Hindernisse zweifelte er nicht daran, dass er schließlich einen Weg finden würde, Vampa und den Schäfer zu einer vollständigen Bestätigung jedes teuflischen Details zu zwingen, das der Ex-Bandit in der Zelle der Polizeistation in Paris berichtet hatte.

Während er so in seine düsteren Gedanken vertieft dasaß und darüber nachdachte, dass sich die Verzögerung über viele Monate hinziehen könnte, klopfte es an seiner Tür, und auf seine Erlaubnis hin betrat Peppino den Salon.

Ein Blick auf das bleiche und aufgeregte Gesicht des Mannes genügte, um Monte-Cristo zu sagen, dass etwas Ungewöhnliches geschehen war.

„Nun“, sagte er und betrachtete ihn scharf, „was gibt es?“

Der Mann sah sich hastig im Raum um, und nachdem er sich vergewissert hatte, dass sein Herr allein war, trat er nahe an ihn heran, beugte sich hinunter und flüsterte ihm ins Ohr:

„Signor Conte, ein seltsamer Besucher ist unten und bittet, Sie zu sprechen. Er ist gekleidet wie ein römischer Adliger, und sein Gesicht ist mit Farben und Schminke hergerichtet wie das eines Schauspielers auf einer Theaterbühne. Dennoch glaube ich, seine Verkleidung durchschaut zu haben, und dass er niemand Geringeres ist als Luigi Vampa selbst!“

„Ah!“, sagte der Graf und erhob sich mit einem zufriedenen Lächeln. „Der Himmel gebe, dass Ihr recht habt! Wenn Vampa hier ist, wird sein Besuch die Dinge vereinfachen.“

„Aber Sie wollen doch nicht etwa den Bandenchef empfangen, Signor Conte?“, sagte Peppino mit erschrockenem Ton.

„Warum, ich bitte Euch, sollte ich ihn nicht empfangen, wo ich doch so lange ungeduldig auf eine Gelegenheit gewartet habe, ihn zu treffen?“, fragte Monte-Cristo erstaunt.

„Weil“, antwortete der Italiener mit einer unverkennbaren Regung von Furcht, „er Ihre Mission in Rom erraten haben könnte und sein Geschäft mit Ihnen heute ein Attentat sein könnte!“

Monte-Cristo lachte herzlich.

„Mein guter Freund“, sagte er in beruhigendem Ton, „legt Eure kindischen Ängste ab. Vampa wird es nicht einmal wagen, mir zu schaden! Führt den geheimnisvollen Besucher herauf und lasst das Rätsel seiner Identität lösen!“

„Ich kenne Ihre Macht über Vampa, Signor Conte“, erwiderte Peppino zögernd, „aber in diesem speziellen Fall könnte sie dennoch versagen!“

„Pah!“, sagte der Graf ungeduldig. „Ich sage Euch, ich fürchte Vampa nicht. Führt ihn sofort herauf.“

Peppino verließ nur sehr widerwillig den Salon und kehrte bald mit dem verdächtigen Besucher zurück.

Monte-Cristo ging dem Neuankömmling entgegen, der schweigend auf Peppino deutete und in Richtung der Tür winkte. Der Graf nickte dem Ex-Banditen zu, und mit langsamen Schritten verließ dieser den Raum.

Obwohl Vampa sorgfältig verkleidet und sogar elegant in der modischen Tracht des römischen Adels gekleidet war, hatte Monte-Cristo, wie schon Peppino, keinerlei Schwierigkeiten, ihn zu erkennen.

„Nun, Luigi Vampa!“, sagte er, wandte sich seinem Besucher zu und verschränkte gelassen die Arme, sobald sie allein waren. „Was wollt Ihr von mir?“

Der Bandenchef schien weder aus der Fassung gebracht noch auch nur im Geringsten überrascht. Er erwiderte kühn den Blick seines Gastgebers und sagte:

„Ich wusste, dass Sie mich sofort erkennen würden, denn ich bin mir Ihrer außergewöhnlichen Schärfe und Durchdringungskraft bewusst, Signor Conte, doch um die Wahrheit zu sagen, meine Verkleidung war nicht dazu gedacht, Sie zu täuschen; ihr einziger Zweck war es, mir einen sicheren Ein- und Ausgang aus Rom zu gewährleisten, das in letzter Zeit für Männer meines Gewerbes gefährlich geworden ist!“

Der Graf lächelte auf seine eigene, eigentümliche Weise.

„Was wollt Ihr von mir, Luigi Vampa?“, wiederholte er. „Eure Angelegenheit muss von großer Bedeutung sein, da Ihr Euch so viel Mühe gemacht habt, sie auszuführen!“

„Sie ist von großer Bedeutung, Signor Conte. Heute Morgen wurde eines der fähigsten Mitglieder meiner Bande, der alte Pasquale Solara, von Ihrem Schützling, dem Vicomte Giovanni Massetti, angegriffen und schwer verwundet!“

„Der alte Solara von dem Vicomte Massetti angegriffen und schwer verwundet? Unmöglich!“

Der Graf war durch diese Nachricht sehr beunruhigt; er konnte seinen Ärger nicht verbergen. Die Rücksichtslosigkeit und Ungestümtheit des Vicomte würde alles ruinieren!

„Was ich sage, ist wahr“, fuhr Vampa fort, „und ich bin gekommen, um bei Ihnen zu protestieren. Sie müssen diesen Vicomte Massetti zügeln, diesen leichtsinnigen Wahnsinnigen! Er gibt vor, einen Groll gegen Pasquale Solara zu hegen, und man kann nicht sagen, wie weit er gehen wird, wenn Sie ihn nicht im Zaum halten. Wäre Pasquale in der Lage gewesen zu sprechen, als er von einigen Mitgliedern meiner Bande blutüberströmt auf der Landstraße gefunden wurde, wäre der junge Massetti verfolgt, gefangen genommen und gezwungen worden, für seinen mörderischen Angriff mit seinem Leben zu büßen; doch erst später, als er in meine Gegenwart gebracht wurde, wurde er so weit bei Bewusstsein, um zu berichten, was geschehen war. Signor Conte, ich möchte Ihre Freunde respektieren, aber sie ihrerseits müssen mich und meine Bande respektieren!“

„Luigi Vampa“, antwortete Monte-Cristo streng, „Ihr sagt, der junge Massetti habe einen Groll gegen den alten Pasquale Solara! Was Ihr mit dem Namen Groll herabzuwürdigen versucht, ist schlicht gerechte Entrüstung über ein Unrecht, wie es Menschen nur selten begehen! Das wisst Ihr! – Ihr, dem Solara schnöde seine Tochter verkaufte! – Ihr, der Ihr mit dem alten Schurken konspiriert habt, damit der Vorwurf der Entführung und des Mordes auf die unschuldigen Schultern des Vicomte falle, während Ihr, Luigi Vampa, der Schuldige wart!“

Der Bandenchef zuckte zusammen und wurde bleich unter der Schminke und den Kosmetika, mit denen sein Gesicht dick bedeckt war.

„Sie sind getäuscht worden, Signor Conte!“, stammelte er, in die Enge getrieben, aber dennoch vorsichtig sprechend und bemüht, eine kühne Miene aufzusetzen. „Das Mädchen selbst, Annunziata Solara, wird Ihnen schwören, dass der Vicomte Giovanni Massetti ihr Entführer und der Urheber ihres Untergangs war!“

„Ja“, antwortete Monte-Cristo bitter, „sie wird und tut es auch, denn sie wurde durch die gerissenen, teuflischen Ränkespiele, zu denen Ihr gegriffen habt, völlig verblendet, unterstützt und angestiftet von jenem infamen Bösewicht, dem alten Pasquale Solara, für den ein langsamer Tod auf der Folterbank der alten spanischen Inquisition keine ausreichende Strafe wäre!“

„Sie sprechen sehr selbstbewusst, Signor Conte“, sagte Vampa und gewann seine kühle Fassung zurück. „Sagen Sie mir doch, wie Sie all das beweisen wollen?“

„Ich wäre wahrlich töricht, wenn ich das täte“, erwiderte Monte-Cristo, der die Falle des Bandenchefs durchschaute und geschickt vermied, in sie zu tappen. „Doch es genügt zu sagen, dass ich alles, was ich behauptet habe, beweisen kann und werde! Selbst Annunziata Solara selbst wird vollkommen überzeugt werden!“

„Signor Conte“, sagte Vampa bittend, „wir sind seit langem gute Freunde, haben uns seit langem vollkommen verstanden. Lassen Sie nicht zu, dass die müßigen Geschichten, die Ihnen übelwollende Personen zugetragen haben, diese Freundschaft und dieses Verständnis zerstören!“

„Ich habe keine müßigen Geschichten von übelwollenden Personen gehört“, entgegnete der Graf. „Was ich gehört habe, war eine klare und einfache Darstellung der Wahrheit. Ich weiß, wie der alte Solara Euch mit seiner Signalpfeife rief, wie Ihr mit ihm um seine schöne Tochter feilschtet und wie Ihr sie ihm schließlich abgekauft habt! Ich weiß, wie Ihr das Mädchen entführtet, während ihr schändlicher Vater mit einer Fackel vor der Hütte wartete, wie Ihr sie in Euren Armen durch den Wald davonrugt, ihren Bruder ermordetet und dabei auf meinen Sohn Esperance und den Vicomte Massetti stießt. Ich weiß, wie Ihr sie in die Hütte brachtet, die Ihr vorbereitet hattet, wie Ihr sie dort als enge Gefangene hieltet, bewacht von Mitgliedern Eurer Bande, bis Euer schändliches Ziel erreicht war! Ich weiß, wie Ihr jenen Brief schriebt, der mit Tonio unterzeichnet war und der Annunziatas Glauben an die Schuld des Vicomte beeinflussen sollte, und ich weiß, wie der alte Solara ihn versteckte, wo seine Tochter ihn später fand und las! Nun, Luigi Vampa, seid Ihr zufrieden? Ihr sagtet vorhin, dass wir uns seit langem verstehen. Ich hoffe, es wird kein Missverständnis Eurerseits geben, wenn ich Euch sage, dass ich entschlossen bin, sowohl Euch als auch den alten Solara zu zwingen, Eure Verbrechen zu gestehen und so weit wie möglich Wiedergutmachung dafür zu leisten!“

„Dann erklären Sie uns den Krieg?“, rief der Bandenchef.

„Das tue ich!“, antwortete Monte-Cristo kalt.

„Dann fordere ich Sie in meinem Namen und im Namen von Pasquale Solara heraus, Edmond Dantès, Graf von Monte-Cristo!“

Er wich zur Tür zurück, als fürchte er, der Graf würde ihn angreifen. Als er sie erreichte, drehte er sich um, riss sie auf und trat in den Korridor, wo er augenblicklich in die Hände von Peppino und Beppo geriet, die ihn sofort einer Gruppe von Polizisten übergaben, deren leitender Beamter sagte:

„Ich verhafte Sie, Luigi Vampa! Folgen Sie mir!“

KAPITEL XXVII.

DIE REPRISALIEN DER BANDITEN.

Monte-Cristo war verblüfft, als er sah, wie Luigi Vampa von dem römischen Polizisten und seiner Truppe verhaftet wurde; sein erster Gedanke war, dass Peppino, der sich diese günstige Gelegenheit zur Rache nicht entgehen lassen wollte, den Bandenchef an die Behörden verraten hatte; dieser Gedanke schien durch die Rolle bestätigt zu werden, die die beiden Ex-Banditen bei der Gefangennahme ihres früheren Anführers gespielt hatten; deshalb wandte er sich, nachdem die Beamten und ihr Gefangener abzogen waren, grimmig an Peppino und sagte in zornigem Ton:

„Das ist eine schöne Arbeit für einen meiner Diener, besonders für einen, dem man so vertraut wie Euch!“

„Signor Conte“, antwortete Peppino demütig, „Sie irren sich. Ich hatte damit keinerlei Hand im Spiel, außer dass ich den Befehl des befehlshabenden Polizeibeamten befolgte.“

„Tatsächlich!“, rief der Graf ungläubig.

„Ja“, fuhr Peppino mit derselben demütigen Stimme fort, „und Beppo hier ist ebenso unschuldig. Der Beamte verfolgte Vampa bis zum Hotel und erfuhr, dass ich ihn in Ihre Gegenwart geführt hatte. Er ließ daraufhin nach mir schicken und wies mich ohne weiteres an, Beppo, der zufällig in meiner Begleitung war, zu nehmen und den Häuptling, der ihm persönlich unbekannt war, in dem Augenblick zu ergreifen, als er Ihren Salon verließ. Ich hoffe, Eure Exzellenz wird uns verzeihen, da wir nichts tun konnten, als zu gehorchen.“

„In diesem Fall“, sagte Monte-Cristo, „trifft weder den einen noch den anderen von Euch eine Schuld, doch wird Vampas Verhaftung an diesem kritischen Punkt meine geplanten Operationen ernsthaft stören.“

Die Polizei hatte die Angelegenheit sehr diskret abgewickelt; dennoch hatte das Trampeln vieler Füße im Korridor den Vicomte geweckt und mit Schrecken erfüllt. Da er die beispiellose Dreistigkeit der Banditen kannte, schloss er sofort, dass eine Gruppe von ihnen in Rom eingedrungen war und das Hotel de France besetzt hatte, mit dem Ziel, ihn als Mörder des alten Pasquale Solara zu ergreifen, von dessen Tod er ausging. Als die trampelnden Schritte, die der Graf und Vampa in ihrer Vertiefung nicht hörten, direkt vor seiner Tür verstummten, verfestigte sich diese Annahme bei ihm, und er sprang in wilder Angst aus seinem Bett. Er suchte hastig nach einem Ausweg, doch es gab keinen. Wenn die Briganten draußen waren, war er in der Falle und würde alsbald in ihren Händen sein. Er lauschte mit äußerster Beklemmung, erwartete jeden Augenblick, dass seine Tür aufgebrochen würde und seine unerbittlichen Feinde in das Zimmer stürmten. Eine solche Bewegung erfolgte jedoch nicht. Eine todesähnliche Stille herrschte. Was war die Bedeutung all dessen? Was geschah gerade oder stand bevor? Wenn die Männer im Korridor nicht Luigi Vampas Banditen waren, wer waren sie dann? Der Vicomte verlor sich in einem verwirrenden Labyrinth von Vermutungen. Eine persönliche Untersuchung anzustellen und sich zu vergewissern, wagte er nicht. Inmitten seiner Vermutungen hörte er eine Tür direkt gegenüber im Korridor aufgehen und wusste, es war Monte-Cristos. Dann durchbrach eine Stimme strengen Befehls das Schweigen, doch was geäußert wurde, konnte er nicht unterscheiden, obwohl er meinte, das ominöse Wort „verhaften“ herauszuhören, worauf fast unmittelbar ein erneutes Trampeln von Füßen folgte. Dieses Geräusch verklang rasch und Stille kehrte wieder ein. Der junge Massetti war ratloser denn je. Er konnte das knifflige Problem, das sich ihm zur Lösung bot, nicht durchschauen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihm kalte Schweißperlen auf die Stirn trieb. Monte-Cristo war verhaftet und in ein römisches Gefängnis verschleppt worden! Dann hörte er die bekannte Stimme des Grafen, die jemanden wütend ansprach, und dieser beunruhigende Gedanke verschwand so schnell, wie er gekommen war. Die verhaftete Person, falls eine Verhaftung stattgefunden hatte, war also nicht Monte-Cristo, sondern jemand anderes, jemand, der aus dem Salon des Grafen gekommen war. Wer konnte es nur sein? Maximilian Morrel? Nein, der Gedanke war absurd, denn was hatte der junge Franzose getan, um eine Verhaftung zu provozieren? Schließlich, unfähig, die Ungewissheit und Spannung länger zu ertragen, öffnete der Vicomte vorsichtig seine Tür und spähte in den Korridor. Seine Augen ruhten auf Monte-Cristo, Peppino und Beppo. Letzterer sah ihn und kam sofort auf ihn zu.

„Was ist geschehen?“, verlangte Massetti begierig zu wissen.

„Luigi Vampa war hier und wurde von der Polizei als Gefangener mitgenommen“, antwortete der Graf.

„Luigi Vampa!“, rief der junge Italiener erstaunt.

„Ja, Luigi Vampa“, erwiderte Monte-Cristo, während sich seine Stirn umwölkte.

„Was brachte ihn ins Hotel de France?“

„Er kam, um sich über Sie zu beschweren!“

„Über mich?“

„Ich habe es gesagt.“

„Und Sie haben veranlasst, dass er verhaftet wurde?“

„Ich habe das nicht getan. Seine Verhaftung war allein seiner eigenen Unbesonnenheit zuzuschreiben. Die Polizei verfolgte ihn bis hierher und nahm ihn fest, als er mein Zimmer verließ.“

Während er sprach, trat Monte-Cristo in Giovannis Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich und stand da, den Vicomte mit düsterer Miene betrachtend.

„Giovanni Massetti“, sagte er in einem langsamen, abgemessenen Ton, „Sie haben meine Anweisungen missachtet und durch Ihre Ungestümtheit all meine Pläne gefährdet! Sie haben Unrecht getan, sehr großes Unrecht, als Sie heute Morgen den alten Pasquale Solara angriffen!“

„Ich bin mir dessen jetzt, nach ruhiger Überlegung, schmerzlich bewusst“, antwortete der Vicomte reumütig. „Aber dennoch müssen Sie mir etwas nachsehen. Ich stieß unvermittelt auf den Schäfer, und meine Entrüstung und mein Wunsch nach Rache überwältigten mich bei seinem Anblick so sehr, dass ich mich nicht beherrschen konnte. Dennoch habe ich ihm eine Chance auf sein Leben gelassen. Wir lieferten uns ein verzweifeltes Duell, und er wurde verwundet, doch ob tödlich oder nicht, ist mir unmöglich zu sagen, da Vampas Männer unmittelbar nach seinem Sturz auftauchten und ich zu einer überstürzten Flucht gezwungen war.“

„Sollte Solara sterben“, sagte Monte-Cristo missmutig, „dann haben Sie uns um einen höchst wichtigen Zeugen gebracht, denn ich hatte darauf gerechnet, ihn zum Sprechen zu zwingen, damit er jedes Detail der infamen Verschwörung gegen Sie enthüllt. Doch wie Sie weiß ich nichts über seinen jetzigen Zustand, da Vampa mir gegenüber diesbezüglich keine Informationen preisgab. Ich kann nur hoffen, dass er nicht ernsthaft verwundet ist und genesen wird.“

„Ich bin außerordentlich unglücklich“, sagte der Vicomte demütig. „Alles, was ich tue, scheint falsch zu sein.“

„Weil Sie allein von Impulsen geleitet werden und nicht warten, bis Ihnen Ihr ruhigeres Urteilsvermögen zu Hilfe kommt“, erwiderte Monte-Cristo. Dann fügte er fest hinzu: „Giovanni Massetti, entweder Sie unterwerfen sich von nun an vollständig mir, lassen sich ganz von meinen Wünschen leiten, oder ich werde gezwungen sein, Sie Ihrem Schicksal zu überlassen! Ich brauche nicht zu sagen, dass ich Sie nur sehr widerwillig im Stich lassen werde, aber ich muss es tun, wenn Sie nicht aufhören, meine Bemühungen zu Ihren Gunsten zu behindern!“

Der junge Italiener ergriff krampfhaft die Hand seines Wohltäters.

„Eure Exzellenz“, rief er flehend, „lassen Sie mich nicht im Stich, lassen Sie mich in diesem kritischen Moment nicht meinem Schicksal überlassen! Ich werde Ihnen blinden und vorbehaltlosen Gehorsam leisten! Von nun an werde ich nichts mehr tun, keinen noch so kleinen, unbedeutenden Schritt mehr unternehmen ohne Ihre direkte Genehmigung oder ausdrücklichen Befehl!“

„Es ist gut, Giovanni“, sagte der Graf, sichtlich erleichtert, seinen feurigen Schützling so gefügig zu finden. „Ich werde die Arbeit, die ich begonnen habe, fortsetzen und mich zudem bemühen, sie zu einem schnellen und erfolgreichen Abschluss zu bringen. Die Verhaftung Vampas und die Verwundung des alten Solara haben die Dinge bis zu einem gewissen Grad verkompliziert, aber eine kurze Zeit, so hoffe ich, wird genügen, um die Komplikationen und Verwicklungen zu entwirren, und dann wird das Ergebnis das Glück für uns alle sein, die reichste Belohnung, die es gibt!“

„Gott gebe es!“, rief Massetti inbrünstig.

„Nun“, sagte der Graf, „Sie dürfen das Hotel de France nicht einmal für einen Augenblick ohne meine Erlaubnis verlassen! Versprechen Sie mir das?“

„Ich verspreche es nicht nur, ich schwöre es!“, rief der Vicomte, während er seine Augen und seine rechte Hand gen Himmel hob.

„Es ist gut“, wiederholte Monte-Cristo freudig, wandte sich um und verließ Massettis Zimmer.

Es war geplant gewesen, dass der Graf am nächsten Morgen mit Zuleika ausreiten sollte, doch der Wunsch, zu erfahren, was aus Luigi Vampa geworden war und was die Behörden in seinem Fall zu tun gedachten, hinderte Monte-Cristo daran, sein Versprechen gegenüber seiner Tochter zu erfüllen. Er war jedoch entschlossen, Zuleika nicht das Vergnügen zu nehmen, das sie von ihrem Ausflug erwartete, und so setzte er, als die Calèche und ihre feurigen Pferde vor die Hoteltür gebracht wurden, Peppino auf den Kutschbock, wobei der treue Ali als zusätzlicher Wächter und Beschützer fungierte.

Nachdem Zuleika ihrem Vater ein zärtliches Lebewohl gesagt hatte, wurde sie von ihm in das elegante Gefährt gehoben, und Ali fuhr ab, wobei er die tänzelnden und lebhaften Rosse mit all dem Schwung und der Geschicklichkeit eines erfahrenen Pariser Kutschers lenkte.

Sie fuhren den Corso entlang, der wie üblich von prachtvollen Equipagen und fröhlichen Spaziergängern wimmelte, und gelangten schließlich auf die weitläufige und schöne Piazza del Popolo, die eine noch belebtere und anregendere Szene bot als der Corso. Die eleganten Equipagen wurden dort durch herrlich berittene Kavaliere ergänzt, und die verschiedenen Wege waren voller hübscher Mädchen und ihrer Verehrer, während zwischen den besseren Ständen prächtig gekleidete Bauern beiderlei Geschlechts zu sehen waren, die teils einfach nur müßig herumstanden, teils kleine Waren und Blumen verkauften.

Als Zuleika schließlich der gewöhnlichen Anblicke Roms müde wurde, wies sie Ali an, ein kurzes Stück aufs Land zu fahren. Er gehorchte mit erheblichem Widerstreben, da er sich der Gefahren wohl bewusst war, denen man in der Umgebung der Stadt begegnen konnte, und auch Peppino war seinerseits unruhig, obwohl er es nicht wagte, gegen das, was er für eine höchst tadelnswerte Laune seiner jungen Herrin hielt, zu protestieren.

Dennoch fuhren sie mehrere Meilen, ohne dass das geringste Ereignis eintrat, das die Befürchtungen von Ali und Peppino gerechtfertigt oder die Gelassenheit Zuleikas gestört hätte. Das junge Mädchen genoss das offene Land mit seinen stattlichen Bäumen, dem Grün und den erfrischenden Düften ungemein und beglückwünschte sich innerlich dazu, ihr Programm variiert zu haben, indem sie das staubige Rom für eine Weile hinter sich gelassen hatte.

Indes hatte sich Ali, mit dem für sein Volk bezeichnenden Fatalismus, bereits im Voraus in alles ergeben, was da kommen mochte, und fuhr stur geradeaus, die Augen unbeweglich auf die Pferde gerichtet. Nicht so Peppino; der schlaue und wohlunterrichtete Italiener war ständig auf der Hut und untersuchte jedes Gebüsch, jede Baumgruppe und jede Straßenbiegung mit prüfendem Blick, lange bevor sie diese erreichten; obgleich sich ihm noch nichts Verdächtiges dargeboten hatte, war er keineswegs zufrieden oder beruhigt.

Schließlich näherten sie sich einem kleinen Wirtshaus am Wegesrand, und Zuleika, die sich über Durst beklagte, befahl, die Kutsche anzuhalten und Peppino vom Bock steigen zu lassen, das Wirtshaus zu betreten und Wein für sie zu besorgen. Peppino verzog bei diesem Befehl das Gesicht, hatte aber nicht den Mut, der Tochter Monte-Cristos zu erklären, dass er bei der Ausführung ihres Befehls Gefahr lief, auf einige seiner alten Kameraden zu stoßen, die sich als zu neugierig erweisen könnten. Er kletterte langsam vom Wagen und machte sich mit einem überaus betrübten Gesichtsausdruck auf den Weg zum Gasthaus. Er war noch keine Sekunde fort, als er plötzlich wieder erschien, auf die Kutsche zurannte und laute Angstschreie ausstieß. Ein halbes Dutzend roher Gestalten verfolgte ihn, und bevor er das Gefährt erreichen konnte, war er eingeholt. Gleichzeitig stieg eine weitere Bande von Schurken aus dem Gasthaus und ergriff die Pferde am Zügel, gerade als Ali losfahren wollte.

"Nicht so hastig, mein kohlschwarzer Freund!", sagte einer der Männer. "Wir müssen die Bekanntschaft deiner schönen jungen Herrin machen!"

Zuleika saß sprachlos da, erstarrt vor Schreck. Ali hob die Peitsche, um den Schurken zu schlagen, der so leichtfertig von der Tochter Monte-Cristos gesprochen hatte, doch der entrüstete Stumme wurde augenblicklich überwältigt und zu Boden gerissen.

Unterdessen untersuchten die Männer, die Peppino in ihren Fängen hielten, ihn genau.

"Ich würde schwören", sagte einer von ihnen, "dass das unser alter Kamerad Peppino ist, der uns so sang- und klanglos verlassen hat und alles mitnahm, was er in die Finger bekommen konnte!"

"Es ist Peppino", warf ein anderer ein. "Ich erkenne ihn trotz seines beschmierten Gesichts und seiner Livree! Bei der Heiligen Jungfrau!", fügte er hinzu, "ich kenne auch die Livree! Sie gehört Monte-Cristo!"

"Dann sind auch die Kutsche und die Pferde Monte-Cristos!", sagte der erste Sprecher. "Zweifellos ist auch die junge Frau dort ein Mitglied der Familie des Grafen. Wir sind Peppino nur zum Spaß gefolgt, Kameraden, aber wir sind auf einen seltenen Glücksfall gestoßen! Monte-Cristo ist für Vampas Verhaftung gestern verantwortlich, denn der Anführer wurde gefasst, als er sein Zimmer verließ. Jetzt können wir Vergeltung üben!"

"Ausgezeichnet!", rief ein anderer aus der Bande. "Wir können Vergeltung üben und mindestens eine wertvolle Geisel für Vampas Sicherheit erlangen! Signora", sagte er zu der verängstigten Zuleika, "wer seid Ihr?"

Das arme Mädchen, das seine Stimme so gut wie möglich beherrschte, antwortete mit einer gewissen Würde:

"Ich bin Zuleika, Tochter des Grafen von Monte-Cristo! In seinem Namen verlange ich, dass Ihr uns augenblicklich freilasst!"

"So!", sagte der Mann und wandte sich an seine erfreuten Gefährten. "Seine Tochter! Wir können nun ohne den geringsten Zweifel auf Vampas Sicherheit zählen!"

Der Anführer der Banditen kam nun aus dem Gasthaus; als er von dem wichtigen Fang erfuhr, den seine Männer gemacht hatten, rieb er sich vergnügt die Hände. Er wandte sich an seine Untergebenen und sagte:

"Stellt eine Wache neben Monte-Cristos Tochter in die Kutsche und lasst einen anderen Kameraden das Gefährt zum Treffpunkt der Bande fahren. Was den farbigen Kutscher betrifft, so soll er zu Fuß nach Rom zurückkehren und seinem Herrn die Nachricht mit den Komplimenten von Vampas Leuten überbringen!"

"Was soll mit Peppino geschehen?", fragte einer der Untergebenen.

"Hängt ihn an den nächsten Baum!", antwortete der Anführer, doch nach kurzem Überlegen fügte er hinzu: "Nein. Behaltet ihn! Vielleicht legt Monte-Cristo einen gewissen Wert auf den Schurken, und es könnte keine schlechte Taktik sein, ihn als zusätzliche Geisel zu behalten!"

Peppino, der den Worten des Anführers aufmerksam zugehört hatte, stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Er würde sicherlich hart angefasst werden, aber zumindest war sein Leben sicher. Er fügte sich daher ohne Murren in seine Fesseln und lächelte sogar, als er weggeführt wurde.

Die Befehle des Anführers bezüglich Zuleika und des Gefährts wurden umgehend ausgeführt, und bald war die Tochter Monte-Cristos eine streng bewachte Gefangene in einer felsigen Zelle des unterirdischen Verstecks der Banditen.

Sobald Ali freigelassen wurde, machte er sich auf den Weg nach Rom, um Alarm zu schlagen.

KAPITEL XXVIII.

DER ÜBERFALL AUF DIE BANDITEN.

Als Ali das Hotel de France erreichte und sich in das Appartement seines Herrn schleppte, was erst am späten Nachmittag geschah, war sein Zustand wahrhaft beklagenswert. Wundgelaufen und vor extremer Erschöpfung dem Zusammenbruch nahe, schwankte er wie ein Betrunkener. Er war dick mit Staub bedeckt, und reichlicher Schweiß ließ seine dunkle Haut glänzen. Der treue Stumme warf sich sofort dem Grafen zu Füßen, umschlang seine Knie und flehte in seiner wundersamen Pantomime beredt um Verzeihung.

Monte-Cristo, der wegen der langen Abwesenheit seiner geliebten Tochter Qualen litt, erriet sofort, dass ihr ein schrecklicher Unfall zugestoßen war, und wurde fast wahnsinnig vor Kummer und Angst. Er hob Ali auf und sagte zu ihm mit brüchiger, besorgter Stimme:

"Sag mir, was geschehen ist, ohne Umschweife oder Verzögerung, und sag mir alles!"

Der Nubier machte ein tiefes Salaam als Zeichen der Unterwerfung und des Gehorsams. Dann begann er, in seiner eigenen, eigentümlichen Art, Ereignisse zu schildern, mit der Monte-Cristo so gründlich vertraut war und die er in diesem Fall nur allzu bereitwillig und fehlerfrei übersetzte, die Einzelheiten der verhängnisvollen Fahrt in die Außenbezirke der Stadt und der Gefangennahme von Zuleika, Peppino und dem Gespann durch die Briganten zu erzählen.

Monte-Cristo saß nach dem Schluss der Erzählung einen Augenblick da wie betäubt, so sehr war er von der unerwarteten und verstörenden Nachricht überwältigt. Dann sprang er auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er vor sich hin murmelte:

"Die Schurken haben also meine Tochter und meinen Diener als Vergeltungsmaßnahme entführt und wollen sie als Geiseln für die Sicherheit von Luigi Vampa behalten! Was ist zu tun? Lass mich nachdenken, lass mich nachdenken!"

Er legte die Hand an die Stirn und beschleunigte seine Schritte, wobei er mit einer solchen fieberhaften Schnelligkeit hin und her lief, dass selbst Ali, so unbeweglich er von Natur aus war, Alarm schlug, da er die Wirkung all dieser furchtbaren und zermürbenden Aufregung auf seinen verehrten Herrn fürchtete, um dessen willen er sein Leben frei und ohne Zögern gegeben hätte, um ihn vor dem geringsten Kummer oder Leid zu bewahren. Monte-Cristo murmelte weiter:

"Vampa ist ein Gefangener, eng eingeschlossen in einem Verlies der Engelsburg. Er soll für seine vielen Verbrechen vor Gericht gestellt werden, zu denen ich auch die Entführung von Annunziata Solara und seinen Versuch, den guten Ruf des Vicomte Massetti zu beschmutzen, habe hinzufügen lassen. Seine Verurteilung und Bestrafung als Bandit kann als sicher gelten, was immer auch das Schicksal der anderen Anklagepunkte in der schwarzen Liste gegen ihn sein mag, denn Scharen derer, die er beraubt und misshandelt hat, werden aussagen, und die römischen Behörden sind aus irgendeinem Grund plötzlich seine tödlichen, unversöhnlichen Feinde geworden; sie werden keine Gnade zeigen! Aber der Rest der berüchtigten Bande, was soll mit ihnen geschehen? Nichts, absolut nichts, soweit ich in Erfahrung bringen konnte! Warum? Möglicherweise, weil die Polizei Angst hat, die Briganten in ihrer Hochburg anzugreifen! Aber ich werde diesen Punkt des Programms ändern – ja, ich werde ihn ändern! Ich werde sofort zu Kardinal Monti gehen, mich beschweren, dass meine Tochter von den Banditen entführt wurde, und anbieten, mit Hilfe von Kapitän Morrel eine Abteilung Soldaten gegen sie zu führen. Angespornt von Maximilian und mir selbst, wird das Militär ein einziges Mal Mut zeigen. Das Ergebnis kann nicht zweifelhaft sein. Wir werden die ganze Bande zusammen mit ihrem berühmten Versteck ausheben und Zuleika retten. Auch Peppino soll befreit werden. Ich werde Massetti nicht mitnehmen – nein, er ist zu hitzköpfig und könnte den Erfolg des Unternehmens gefährden – nein, ich werde ihn nicht mitnehmen, ich werde ihn nicht einmal darüber informieren, was ich vorhabe. Der Kardinal wird es kaum wagen, mir zu widersprechen. Sollte er jedoch zögern, werde ich ihn durch Scham zum Einlenken bewegen, ich werde ihm drohen, die Hilfe des französischen Gesandten in Anspruch zu nehmen! Nein, er wird mir nicht widersprechen! Nun zur Prüfung meiner Macht! Oh! Zuleika, mein liebes Kind, ich werde dich retten, ich werde dich retten!"

Der Graf von Monte-Cristo setzte hastig seinen Hut auf, warf einen leichten Umhang über und brach zu seiner Mission auf, einer Mission, die für diesen wundersamen Mann wahrlich charakteristisch war.

Kardinal Monti empfing ihn herzlich, hörte sich seine Beschwerde an und akzeptierte, nachdem er leicht gezögert hatte, sein Angebot, die Soldaten gegen die gefürchteten Briganten anzuführen, und stimmte zu, zweihundert Mann der Schweizergarde, ordnungsgemäß unterstellt und ausgerüstet, ihm und Kapitän Morrel zur Verfügung zu stellen. Es wurde beschlossen, dass die Expedition um zehn Uhr abends von der Engelsburg aus starten und von einem vertrauenswürdigen Bauern geführt werden sollte, der damals im Dienst des Kardinals stand und behauptete, den genauen Standort des Verstecks der Banditen und den sichersten Weg dorthin zu kennen.

Nachdem diese Vorbereitungen zur Zufriedenheit getroffen waren, kehrte Monte-Cristo, das Herz voller Freude, unverzüglich zum Hotel de France zurück, um M. Morrel zu benachrichtigen und seine Vorbereitungen für den bevorstehenden Feldzug zu treffen. Als Maximilian von Zuleikas Entführung durch die Gesetzlosen erfuhr und von der Rolle, die ihr Vater ihm bei ihrer Befreiung zugedacht hatte, stimmte er sofort zu, nur allzu glücklich, eine so bedeutende Gelegenheit zu haben, seinem Wohltäter zu dienen. Zuleikas Unglück bedrückte ihn jedoch sehr.

"Weiß Valentine von der Entführung Ihrer Tochter?", fragte er den Grafen.

"Nein", antwortete Monte-Cristo, "und ich muss Sie bitten, es ihr erst mitzuteilen, wenn das Ergebnis der Expedition bekannt ist. Ich möchte die ganze Angelegenheit streng geheim halten, damit der junge Massetti nicht davon erfährt und unsere Pläne durch seinen gewohnten Hitzkopf durchkreuzt. In dieser Absicht habe ich bereits Ali, die einzige Person im Hotel de France außer Ihnen, die sich des schrecklichen Schlages bewusst ist, der mich getroffen hat, angewiesen, die Nachricht niemandem mitzuteilen. Es ist besser so, denn die Briganten haben zweifellos Spione in Rom, und äußerste Vorsicht ist ratsam."

M. Morrel stimmte der Weisheit der Politik des Grafen des vollkommenen Schweigens bereitwillig zu, und die beiden trennten sich, um sich in Ruhe auf das gefährliche und aufregende Abenteuer der Nacht vorzubereiten.

Um halb zehn Uhr betraten Monte-Cristo und Maximilian den Innenhof der düsteren Engelsburg, wo die Abteilung der Schweizergarde bereits unter Waffen stand und auf Befehle wartete. Der Graf trug eine halb-militärische Uniform und hatte ein Schwert an der Seite, während sein Freund in der vollen Uniform eines Kapitäns der französischen Armee gekleidet war und ebenfalls mit der vorschriftsmäßigen Waffe versehen war. Sowohl er als auch Monte-Cristo hatten ein Paar Pistolen in ihren Gürteln, frisch und sorgfältig geladen.

Der Kapitän der Schweizergarde empfing sie und stellte den Bauern vor, den Kardinal Monti als Führer geschickt hatte. Dann übergab er das Kommando über seine Männer an Kapitän Morrel, der sie kurz auf Französisch ansprach, einer Sprache, die sie gut verstanden, und sie darüber informierte, dass er und seine Exzellenz, der Graf von Monte-Cristo, sich darauf verließen, dass jeder Mann seine Pflicht erfülle, die Banditen zu unterdrücken und aus ihren rohen Fängen ein schönes junges französisches Mädchen zu retten, niemand Geringeres als die eigene Tochter des Grafen.

Am Ende dieser Ansprache salutierten die Soldaten, die einzige Art und Weise, wie die militärischen Vorschriften es ihnen erlaubten zu antworten.

Monte-Cristo und M. Morrel hatten dann eine kurze Besprechung mit dem Bauern als Führer, der sehr intelligent zu sein schien und über die Banditen und ihre Hochburg bestens Bescheid wusste. Die Informationen, die er gab, waren in jeder Hinsicht zufriedenstellend, und es war offensichtlich, dass man sich auf den Mann unbedingt verlassen konnte.

Alles war nun bereit, und als die Uhr der Engelsburg zehn schlug, marschierten die Truppen unter der Führung von Kapitän Morrel und dem Grafen aus dem Innenhof und begannen ihren Marsch. Als offenes Land erreicht war, nahm der Führer eine Position ein Stück vor der Abteilung ein und wies den Weg. Es wurde vollkommenes Schweigen bewahrt und die größte Sorgfalt darauf verwendet, den Tritt der Soldaten zu dämpfen.

Nachdem sie bis fast Mitternacht marschiert waren, teilte der Führer dem Grafen und Maximilian in einem leisen, vorsichtigen Flüsterton mit, dass das Versteck der Banditen nahe sei. Ein kurzer Halt zur Rast und Stärkung wurde sofort angeordnet; dann wurde der Vormarsch wieder aufgenommen, gefolgt von einem Kampf mit der Schildwache der Briganten, die ergriffen und überwältigt wurde, bevor sie auch nur den geringsten Alarm geben konnte.

"Nun, Männer", sagte Kapitän Morrel in einem festen, befehlenden Ton, "mit einem schnellen Schlag werden wir alle Wölfe in ihrem unterirdischen Bau fangen!"

Die Höhle hatte zwei Eingänge. Der Graf an der Spitze der Hälfte der Truppen bemächtigte sich schnell des einen, und Maximilian mit dem Rest der Abteilung besetzte umgehend den anderen.

Soweit war der Erfolg der Expedition vollständig. Die Gesetzlosen waren eingekesselt und konnten nicht entkommen, aber dennoch war es wahrscheinlich, dass sie einen verzweifelten und blutigen Widerstand leisten würden. Gleichzeitig drangen Monte-Cristo und Kapitän Morrel mit ihren Männern in die düsteren Tiefen vor, und ein Dutzend schnell angezündeter Fackeln erhellte die Höhle wie durch Zauberei. Sofort erhob sich ein Chor wilder Rufe der überraschten Banditen, die, bis an die Zähne bewaffnet, aus allen Richtungen herbeiströmten. Ein erbitterter Nahkampf entbrannte, die Höhle hallte wider vom Geknatter der Musketen, den Schüssen der Pistolen und dem Klirren der Schwerter.

Wie erwartet kämpften die Briganten verzweifelt und mit äußerster Wut. Sie waren tapfere, zähe Kerle, und obwohl sie von allen Seiten bedrängt wurden, hofften sie offensichtlich, über die Eindringlinge in ihre Hochburg zu triumphieren und sie in Unordnung und Schrecken zu vertreiben. Ihre früheren Erfahrungen mit der Schweizergarde und der Polizei berechtigten sie zu dieser Hoffnung, aber bei dieser Gelegenheit hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn die Soldaten hatten noch nie zuvor solch unerschrockene, entschlossene und fähige Anführer gehabt.

Der Kampf dauerte über eine Stunde, und erst als viele auf beiden Seiten getötet und verwundet worden waren, zeigten die Gesetzlosen Anzeichen des Schwankens. Monte-Cristo und Kapitän Morrel vollbrachten Heldentaten und animierten und ermutigten ihre Truppen sowohl durch Wort als auch durch Beispiel. Schließlich wurden die Gesetzlosen vollständig unterworfen; diejenigen, die nicht erschlagen worden waren, wurden gefangen genommen. Der Graf kam ohne einen Kratzer davon, aber Maximilian wurde leicht an der linken Hand verwundet.

Als das Schießen und das Klirren der Schwerter verstummt waren, gab Kapitän Morrel den Befehl, die Höhle nach Zuleika und Peppino zu durchsuchen, nachdem er zunächst Wachen an den Eingängen postiert hatte, um sich vor Überraschungen zu schützen und die Flucht der Banditen zu verhindern, die in der Verwirrung ihren Bewachern entwischen könnten.

"Wo sind die Zellen?", fragte Monte-Cristo den Bauern als Führer, der seinen Teil am Kampf tapfer beigetragen hatte.

"Folgen Sie mir", antwortete der Mann. "Ich werde Sie zu ihnen führen."

Monte-Cristo war, nun da die Aufregung des Gefechts von ihm abgefallen war, von Angst um seine Tochter erfüllt. Was war mit ihr geschehen, seit sie eine Gefangene im Banditenversteck war? War ihre Ehre ebenso gewahrt worden wie ihr Leben? Seine Ungewissheit war die schrecklichste Qual, die man sich vorstellen konnte. Er konnte sich kaum beherrschen, bis er die Wahrheit erfahren würde, sei sie tödlich oder günstig. Maximilian war fast genauso aufgewühlt, schaffte es aber, ein relativ ruhiges Äußeres zu bewahren, damit er seinem Freund in dieser Stunde bitterer Not besser beistehen und ihn aufmuntern konnte.

Der Bauer, der eine Fackel über seinen Kopf hielt, führte sie in einen dunklen, feuchten Korridor, während mehrere Soldaten unter der Aufsicht eines Leutnants folgten. Die Gruppe war noch nicht viele Schritte gegangen, als die Schreie eines Mannes hörbar wurden, die aus einer nahen Zelle drangen. Die Tür dieser Zelle war nur mit einer Eisenstange verschlossen, deren Entfernung nur einen Augenblick dauerte, als man entdeckte, dass die Schreie von Peppino stammten, der den Lärm des Kampfes gehört und daraus geschlossen hatte, dass Hilfe in der Nähe sei, und sofort begonnen hatte zu schreien, um seinen Aufenthaltsort den Eindringlingen preiszugeben. Der ehemalige Bandit wurde in Freiheit gesetzt und die Suche wurde fortgesetzt.

Plötzlich traf ein leises Stöhnen das aufmerksame Ohr des Grafen.

"Was war das?", fragte er und fuhr zusammen.

"Ein Stöhnen, das zweifellos von Ihrer Tochter ausgestoßen wurde!", antwortete der Führer.

"Meine Tochter!", rief der Graf. "Dann, Gott sei Dank, lebt sie!"

Sie erreichten eine weitere Zelle, deren Tür wie die von Peppino mit einer Stange verschlossen war. Im Inneren der Zelle dauerte das leise Stöhnen an. Monte-Cristo ergriff die Stange, wirbelte sie beiseite und riss die Tür auf; dann sprang er in die Zelle und rief wild nach seiner Tochter.

Zuleika lag in einer Ecke auf einem Haufen Stroh und stöhnte erbärmlich. Beim Klang der Stimme ihres Vaters war sie jedoch augenblicklich auf den Beinen und warf sich verzückt in seine Arme.

"Bist du sicher, mein liebes Kind?", sagte der Graf und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. "Haben die Banditen dich respektiert?"

"Ich bin sicher, lieber Vater", antwortete Zuleika, "sicher und unverletzt. Die Banditen haben mich erschreckt, und die Einsamkeit und die Schrecken dieses dunklen, trostlosen Verlieses waren furchtbar zu ertragen. Aber all meine Sorgen sind vorbei, jetzt, da du hier bist!"

Der Graf wies dann den Führer an, sie zu den Ställen der Banditen zu führen, und dort wurden ihre Pferde und die Kutsche gefunden. Das Gefährt wurde ins Freie gebracht, und nachdem der Graf seine Tochter in den Wagen gesetzt hatte, ließ er sie in der Obhut von Peppino und mehreren Soldaten der Schweizergarde und kehrte zur Höhle zurück, um das Werk der Expedition zu einem Ende zu bringen.

Als Monte-Cristo den Punkt erreichte, an dem die Schweizergarde und ihre Gefangenen versammelt waren, fand er Kapitän Morrel dabei, wie er die Unterbringung eines gealterten Banditen auf einer behelfsmäßigen Trage beaufsichtigte.

"Während Ihrer Abwesenheit, Graf", sagte er, sein Gesicht strahlte vor Freude, "haben wir den wichtigsten Fang der Nacht gemacht! Dieser alte Mann ist Pasquale Solara!"

"Wo haben Sie ihn gefunden?", fragte der Graf.

"In einer großen Zelle, die von den Gesetzlosen als Krankenstation genutzt wurde. Er sagt, er sei tödlich verwundet und liege im Sterben, dass seine Wunde von einem römischen Adligen zugefügt wurde, der ihn auf der Landstraße traf – eine sehr glaubhafte Geschichte, wahrlich!"

"Es ist eine Tatsache", antwortete Monte-Cristo. "Der römische Adlige, der ihn verwundet hat, war Giovanni Massetti! Aber, Gott sei Dank, er lebt noch und wird wahrscheinlich bis zu Vampas Prozess durchhalten, bei dem ich ihn vielleicht zwingen kann, auszupacken. Lassen Sie ihn sorgfältig versorgen, Maximilian!"

Die Gefangenen wurden in einer Reihe aufgestellt, und da niemand zu sehr behindert war, um zu gehen, außer dem alten Solara, der auf seiner Trage getragen wurde, wurden sie, umgeben von der triumphierenden Schweizergarde, nach Rom marschiert. Monte-Cristo, Maximilian und Zuleika folgten in der Kutsche des Grafen, wobei Peppino als Kutscher fungierte.

KAPITEL XXIX.

VAMPAS PROZESS.

Das erfolgreiche Ergebnis des Überfalls auf die Banditen machte Monte-Cristo und Kapitän Morrel zu den Helden des Augenblicks in Rom. Überall, wo sie hinkamen, versammelten sich Menschenmengen, um sie zu bestaunen, und sie wurden mit herzlichem Jubel und lauten Freudenschreien begrüßt. Die Wahrheit zu sagen, das römische Volk, sowohl hoch als auch niedrig, hatte ihnen sehr viel zu verdanken. Die Bande der Gesetzlosen war vollständig aufgelöst, und jedes Mitglied von ihr war sicher in den Verliesen der Engelsburg untergebracht, wo, wie bereits erwähnt, auch der gefürchtete Anführer, der berüchtigte Brigantenchef Luigi Vampa selbst, schmachtete und darauf wartete, was immer die Behörden mit ihm anstellen mochten, und zwar keineswegs stoisch, denn er zweifelte nicht daran, dass es ihm schlecht ergehen würde. Vampas Verhaftung wurde als direktes Verdienst von Monte-Cristo angesehen, denn wäre er nicht gekommen, um den Grafen zu besuchen, wäre es unwahrscheinlich, dass er jemals gefangen genommen worden wäre. Auf den Rat von Monte-Cristo hin war auch das unterirdische Versteck der Banditen mit Pulver gefüllt und in Stücke gesprengt worden. Kein Wunder also, dass die Römer dem illustren Franzosen und seinem fähigen Assistenten Kapitän Morrel dankbar waren.

Der alte Pasquale Solara war in ein Krankenhaus eingeliefert worden, wo er genau überwacht wurde und die Betreuung eines kompetenten Arztes hatte, denn der Graf hatte Kardinal Monti versichert, dass er vielleicht zu einem wichtigen Zeugen gegen Vampa in seinem bevorstehenden Prozess gemacht werden könne. Nachdem er die Wunde des Hirten untersucht hatte, hatte der Arzt seine Meinung geäußert, dass sie tödlich sei, dass aber durch geeignete und umsichtige Maßnahmen das Leben des alten Mannes so weit verlängert werden könne, dass er aussagen könne.

Valentine war tief bewegt, als sie aus Zuleikas Mund die Geschichte ihrer Entführung durch die Wegelagerer und ihrer Einkerkerung in der dunklen, feuchten Zelle ihres Felsenverstecks hörte, doch ihre Ergriffenheit wurde durch die Freude gemildert, dass ihre geliebte Freundin ohne andere Schäden davongekommen war als den Schock, der aus ihrem Schrecken und ihren verständlichen Ängsten resultierte.

Als Giovanni von dem gefährlichen Abenteuer seiner Verlobten und den Gefahren, die sie umgeben hatten, erfuhr, kannte seine Entrüstung keine Grenzen, und zudem fühlte er sich erheblich gekränkt, dass Monte-Cristo ihm nicht erlaubt hatte, an ihrer Rettung teilzunehmen. Dem Grafen und seiner Tochter gelang es jedoch, ihn zu beruhigen und ihn davon zu überzeugen, dass alles zum Besten geschehen sei. Er wurde ferner durch die Versicherung Monte-Cristos besänftigt, dass er nun offen und ohne Furcht handeln könne, seinem Fall zu schaden, da die Verbrecher dingfest gemacht seien und das Ende gewiss nahe sei.

Kardinal Monti beschloss, dass Vampas Prozess innerhalb einer Woche stattfinden solle und dass der erste untersuchte Anklagepunkt derjenige sein solle, der sich auf die Entführung der Annunziata Solara und die Verschwörung gegen den Viscount Massetti beziehe. Diese Entscheidung wurde durch den Einfluss des Grafen von Monte-Cristo herbeigeführt, der dem päpstlichen Staatssekretär die Bedeutung darlegte, die Aussage des alten Pasquale Solara noch zu nutzen, solange er noch in der Lage sei, sie zu machen.

Der Graf beschloss, einen letzten Versuch zu unternehmen, Annunziata Solara von Giovannis Unschuld zu überzeugen, obwohl er entschlossen war, ihre Aussage auf jeden Fall zu verwenden, und darauf vertraute, dass die Anwälte und das Gericht ihr solche Eingeständnisse entlocken würden, die darauf hindeuteten, dass sie sich hinsichtlich der Identität ihres Entführers geirrt habe. Er wusste, dass das ehemalige Blumenmädchen gewissenhaft war und fest an ihre Theorie glaubte, doch dennoch war er nicht ohne Hoffnung, dass sie dazu gebracht werden könnte, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich waren. Überdies, falls ihr Vater es für richtig hielte zu gestehen, müsste sie zwangsläufig von Vampas Schuld überzeugt sein, und in diesem Fall wäre der Ausdruck ihrer Überzeugung von größtem Wert.

Zur Verfolgung seines Plans korrespondierte Monte-Cristo sogleich mit Mme. de Rancogne im Zufluchtsort in Civita Vecchia und bat sie, Annunziata ohne jeden Aufschub nach Rom zu bringen. Sie reagierte umgehend, indem sie mit ihrem Schützling im Hotel de France erschien, und der Graf arrangierte ein Gespräch zwischen letzterer und dem jungen Massetti in seinem Salon. Als Annunziata, begleitet von der Oberin des Ordens der Schwestern der Zuflucht, das Gemach betrat und Giovanni dort auf sie warten sah, errötete sie tief und begann zu zittern.

„Mut, mein armes Kind“, sagte Mme. de Rancogne beschwichtigend, „Mut!“

„Schwester Annunziata“, sagte der Graf, der ebenfalls im Salon war, „haben Sie keine Furcht. Alles, was wir in dieser überaus unglücklichen Angelegenheit wünschen, ist, die Wahrheit zu erfahren. Hören Sie, was der Viscount zu seiner eigenen Verteidigung zu sagen hat – das ist nur gerecht!“

Auf das Erröten im schönen Antlitz des Mädchens folgte eine aschfahle Blässe, doch schließlich gelang es ihr, die Fassung wiederzuerlangen. Die Augen niederschlagend, sagte sie:

„Ich werde hören, was der Viscount Massetti zu sagen hat, doch er wird nicht, er kann nicht sein schändliches und ehrloses Verhalten mir gegenüber leugnen!“

Giovanni, kaum weniger bewegt als das Mädchen, das sich für sein Opfer hielt, trat auf sie zu und nahm ihre Hand. Sie verweigerte es ihm nicht, sie in der seinen zu halten, vermied es jedoch beharrlich, ihm ins Gesicht zu schauen.

„Annunziata“, sagte Massetti demütig, „ich leugne nicht, dass mein Verhalten Ihnen gegenüber in der Vergangenheit vollkommen verwerflich und unverzeihlich war. Ich leugne nicht, dass die Umstände sich so gestalteten, dass ich in Ihren Augen als ein erbärmlicher, verachtenswerter Verbrecher erscheinen musste; aber, Annunziata, ich bin vor einer tatsächlichen Schuld zurückgeschreckt, und so wahr mir der Himmel Zeuge ist, ich hatte weder bei Ihrer Entführung noch bei den schrecklichen Ereignissen, die sie begleiteten und ihr folgten, meine Hand im Spiel! Das schwöre ich, und das ist die reine Wahrheit Gottes!“

Annunziata hob die Augen und warf ihm einen forschenden Blick zu.

„Ich verstehe Ihre Sorge, sich reinzuwaschen“, sagte sie langsam. „Mit einem Makel auf Ihrem Namen können Sie nicht die schöne Tochter des Grafen von Monte-Cristo heiraten!“

Es war ein spitzer, schneidender Stoß, der Giovanni zusammenzucken ließ, doch er fing sich augenblicklich wieder.

„Ich bin darauf bedacht, meinen Namen reinzuwaschen, damit ich Zuleika heiraten kann“, erwiderte er stetig und fest, „aber ich bin auch deshalb darauf bedacht, weil ich unschuldig an jeder kriminellen Handlung bin – unschuldig an Ihrer Entführung, an Ihrer Entehrung und am Blut Ihres Bruders! Annunziata, weigern Sie sich immer noch, meinen feierlichen Beteuerungen zu glauben?“

„Ich würde sie gern glauben, wenn ich könnte“, antwortete das Mädchen; „doch ach! Ich kann es nicht! Ich sah Ihr Gesicht, als Ihre Maske in jener schrecklichen Nacht im Wald abfiel! Ich hörte später die Töne Ihrer Stimme in der von den Banditen bewachten Hütte! Welchen überzeugenderen Beweis könnte ich benötigen?“

„Sie haben sich geirrt, Annunziata, Sie haben sich furchtbar geirrt!“, rief der junge Italiener, während ihn eine überwältigende Verzweiflung ergriff und die Hoffnung in seinem Herzen zermalmte. Er konnte das ehemalige Blumenmädchen nicht überzeugen, er konnte nicht einmal ihre Überzeugungen erschüttern! Er war bei ihr gescheitert, wie Monte-Cristo zuvor im Zufluchtsort in Civita Vecchia gescheitert war! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er Annunziatas Hand weiter gehalten, doch nun ließ er sie fallen, als wäre sie eine giftige Schlange gewesen.

Annunziata war tief bewegt, doch ihre Ergriffenheit entsprang einer gänzlich anderen Ursache. Sie spürte ihre Schande und Schmach und war zudem entsetzt bei dem Gedanken, dass sie einst an den honigsüßen Worten eines solchen Schurken gehangen hatte, als der sich der Viscount Massetti ihrer Ansicht nach erwiesen hatte.

Monte-Cristo war nun vollauf überzeugt, dass Giovanni bei Annunziata nichts bewirken könne und dass eine weitere Verlängerung des Gesprächs nur mit zusätzlichem Leiden sowohl für das Mädchen als auch für den jungen Massetti verbunden wäre; daher bat er Mme. de Rancogne, ihren Schützling in ihr Gemach zu bringen, und als sie den Salon verlassen hatten, sagte er zum Viscount:

„Wir müssen dieses Mädchen den Anwälten und Richtern anvertrauen, Giovanni. Sie sind vielleicht scharfsinnig genug, um ihre Zeugenaussage zu erschüttern, selbst wenn der alte Solara sich dazu entschließen sollte, über das Thema zu schweigen, das uns entscheidend betrifft.“

Zur festgesetzten Zeit begann der Prozess gegen Luigi Vampa im Gerichtssaal des Vatikans, der bis auf den letzten Platz gefüllt war; sowohl Männer als auch Frauen waren anwesend und bemühten sich, nach vorne zu drängen, um einen Blick auf den berüchtigten Banditenanführer und auf die erste Zeugin, Annunziata Solara, zu erhaschen.

Kardinal Monti führte persönlich den Vorsitz, unterstützt von zwei untergeordneten Kardinälen. In dem Teil des Saals, der für die Anwälte abgesperrt war, saßen Monte-Cristo und der Viscount Massetti mit ihren Rechtsbeiständen, den besten und scharfsinnigsten Advokaten in Rom, während sich direkt außerhalb der Absperrung M. Morrel und Esperance befanden; letzterer war eigens aus Paris angereist, um dem Prozess beizuwohnen, wenngleich auf seinen Wunsch hin seine Aussage nicht von ihm gefordert werden sollte. Direkt innerhalb der Absperrung und dicht neben Maximilian und dem Sohn Monte-Cristos saßen Valentine und Zuleika, beide fest verschleiert. In ihrer Nähe saßen Mme. de Rancogne und die unglückliche Annunziata Solara, gekleidet in die dunkelgrauen Gewänder des Ordens der Schwestern der Zuflucht, wobei ihre weißen Gesichter unter den Nonnenhauben aus makellosem Leinen, die sie trugen, deutlich sichtbar waren. Peppino saß neben dem Grafen.

Im Gerichtssaal herrschte ein leises Gemurmel, während das Publikum den wahrscheinlichen Ausgang des Prozesses erörterte und unterschiedliche Meinungen äußerte, wenngleich alle sich einig waren, dass, wie auch immer das Urteil des Gerichts in Bezug auf die Entführung und die Verschwörung ausfallen mochte, Luigi Vampa der Strafe für die Verbrechen, die er in seiner Eigenschaft als Anführer der Banditen begangen hatte, nicht entgehen würde.

Alsbald erhob sich Kardinal Monti, prächtig in seinem fürstlichen Ornat und mit funkelnden Juwelen, und winkte mit der Hand, um Stille zu gebieten. Seiner Geste wurde augenblicklich Folge geleistet, und der gesamte Saal wurde still wie das Grab. Dann nahm der Kardinal wieder seinen Platz auf der Richterbank ein und befahl dem Gerichtsschreiber, die Sitzung für eröffnet zu erklären. Dies geschah, woraufhin der Kardinal mit einer Stimme, die in allen Teilen des riesigen Gemachs deutlich vernehmbar war, sagte:

„Führt den Angeklagten herein!“

Einen Augenblick später betrat Luigi Vampa in Begleitung von zwei stämmigen und durchweg bewaffneten Militärpolizisten eine erhöhte Umzäunung, die als Anklagebank diente. Sein Gesicht war aschfahl, doch er blickte nonchalant und herausfordernd um sich. Als seine Augen auf Monte-Cristo und den Viscount Massetti fielen, lächelte er auf eine eigentümliche Weise, als sei er überzeugt, dass all ihre Bemühungen vergeblich sein würden. Plötzlich sah er die zwei grau gekleideten Frauen in ihren leinenen Nonnenhauben und zuckte leicht zusammen, als er Annunziata Solara erkannte, zeigte ansonsten jedoch keine Regung.

Die Männer und Frauen in den entfernten Teilen des Saals stiegen auf die Bänke und reckten die Hälse, um den Angeklagten zu sehen, und es entstand ein Gemurmel, ein leises Zischen, das umgehend von den wachsamen Gerichtsbeamten unterbunden wurde, die mit ihren langen weißen Stäben in den Händen und ihren schwarzen Kappen auf den Häuptern hin und her schritten.

Dann erhob sich Kardinal Monti erneut und sprach mit tiefer, eindrucksvoller Stimme:

„Luigi Vampa, Angeklagter“, sagte er, „Sie stehen hier beschuldigt vieler schwerer Verbrechen, doch die Anklage, die das Gericht als Erstes prüfen wird, ist schwärzer als alle anderen; diese Anklage, Luigi Vampa, Angeklagter, lautet, dass Sie ein Bauernmädchen namens Annunziata Solara entführt und anschließend verführt haben und in Kollusion mit ihrem Vater, Pasquale Solara, verschworen haben, die Last und den Verdacht Ihres Verbrechens auf einen unschuldigen Mann, den Viscount Giovanni Massetti, zu wälzen. Was sagen Sie, Luigi Vampa, Angeklagter, sind Sie schuldig oder nicht schuldig?“

„Nicht schuldig, Eure Eminenz!“, antwortete der unerschütterte Banditenanführer.

Hierauf entstand ein erneutes Gemurmel im Saal, das wie zuvor umgehend unterdrückt wurde.

„Angeklagter, Sie können Platz nehmen“, sagte der Kardinal.

Vampa tat wie geheißen, während die Polizisten mit gezogenen Schwertern in ihren Händen an seinen Seiten stehen blieben.

„Lassen Sie den ersten Zeugen rufen“, sagte der Kardinal an den Gerichtsschreiber gewandt.

Dieser Beamte erhob sich und rief mit lauter Stimme:

„Annunziata Solara!“

Das ehemalige Blumenmädchen trat langsam und zaghaft vor und begab sich auf den erhöhten Zeugenstand, wo ihr der übliche Eid vom Schreiber abgenommen wurde.

Wieder gab es ein allgemeines Halsrecken, wobei die Frauen das stärkste Verlangen zeigten, das Mädchen zu erblicken, das als Vampas Opfer galt.

Mit leiser, zitternder Stimme fuhr Annunziata fort, ihre Aussage zu machen. Sie wiederholte ihre traurige Geschichte genau so, wie sie es zuvor getan hatte, entlastete den Banditenanführer vollständig und wälzte die gesamte Last des Verbrechens auf die Schultern des Viscount Massetti.

Dies war das Gegenteil von dem, was das Publikum erwartet hatte, und das Gemurmel der Überraschung war allgemein.

Der Gefangene warf Monte-Cristo und Massetti einen strahlenden Blick des Triumphes zu.

Die Anwälte des Viscounts nahmen sich daraufhin die Zeugin vor, doch so scharfsinnig und fähig sie auch waren, es gelang ihnen absolut nicht, sie auch nur um ein Haarbreit von ihrer Aussage abzubringen. Sie kehrte zu ihrem Platz neben Mme. de Rancogne zurück, im Vertrauen darauf, ihre Pflicht erfüllt und keine einzige Silbe ausgesprochen zu haben, die unwahr war.

Peppino folgte ihr. Er wiederholte fast wortwörtlich die Details, die er dem Grafen von Monte-Cristo in Paris gegeben hatte. Sein Bericht war so lebendig, so umständlich, dass er sowohl auf das Gericht als auch auf das Publikum einen wunderbaren Eindruck machte. Als er von dem infamen Verkauf des alten Pasquale Solara seiner schönen Tochter an Luigi Vampa sprach, konnten die männlichen Zuhörer ihre Entrüstung kaum zurückhalten, und die Frauen schrien schier vor Entsetzen, wobei die größten Anstrengungen der Gerichtsbeamten erforderlich waren, um sie zu einer Art Ruhe zu zwingen. Eine weitere Sensation wurde durch Peppinos Enthüllung der ruchlosen Verschwörung verursacht, durch die der unschuldige junge Viscount unter den Verdacht des Mordes und der Entführung gebracht und gehalten wurde. Als er seine Erzählung abschloss und den Zeugenstand verließ, tauschten er und Vampa Blicke bitteren und rachsüchtigen Hasses aus, und es bedurfte der ganzen Kraft der Polizisten, die den Gefangenen bewachten, um ihn davon abzuhalten, von der Anklagebank zu springen und zu versuchen, summarische Rache an dem furchtlosen und freimütigen Zeugen zu nehmen.

Der Viscount Massetti betrat nun den Zeugenstand. Er gab die vollständige Geschichte seiner Bekanntschaft mit Annunziata Solara wieder, von der Begegnung auf der Piazza del Popolo bis zur Begegnung mit Vampa im Wald und der Ablegung des Schweigegelübdes, wobei er mit solch offensichtlicher Aufrichtigkeit und Empfindung sprach, dass seine Aussage dadurch zusätzliches Gewicht gewann. Der Banditenanführer beobachtete ihn genau und lauschte seiner Aussage mit einem verächtlichen Lächeln. Als der junge Italiener zu Monte-Cristo zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm, war sein bleiches Angesicht voller Schweiß, und er war von großer Aufregung ergriffen.

„Rufen Sie Pasquale Solara“, sagte der Kardinal zum Schreiber, nachdem er auf ein Papier auf dem Pult vor sich verwiesen hatte.

„Pasquale Solara!“, rief der Schreiber sogleich.

Es gab ein Raunen im Publikum, und vier Soldaten der Schweizergarde schritten auf die Richterbank zu und trugen eine Bahre, auf der die ausgemergelte Gestalt des gealterten Hirten ausgestreckt war.

Als ihr Vater an ihr vorbeigetragen wurde, stieß Annunziata einen Schrei aus und erhob sich, um zu ihm zu gehen, doch Mme. de Rancogne zog sie sanft auf ihren Stuhl zurück und flüsterte ihr zu, dass er unter der Obhut des Gerichts stehe und sie ihn erst nach Abschluss des Prozesses sehen könne, wenn die erforderliche Erlaubnis für sie eingeholt worden sei.

Der alte Pasquale wurde von ein paar Soldaten von der Bahre gehoben und dabei unterstützt, den Zeugenstand zu besteigen. Er war so matt und schwach, dass es notwendig war, ihn in einer aufrechten Position zu halten, nachdem er mit großer Mühe den Stand bestiegen hatte. Selbst dann zitterte er wie ein Gelähmter, und es dauerte einige Augenblicke, bis er die an ihn gerichteten Fragen beantworten konnte. Vampa betrachtete ihn mit intensiver Sorge und lehnte sich begierig vor, um die schwachen, kaum wahrnehmbaren Laute zu erhaschen, die von seinen Lippen drangen.

„Möge es Eurer Eminenz gefallen“, sagte der alte Pasquale und hielt nach jedem Wort schmerzerfüllt inne, „ich bin ein sterbender Mann. Der Krankenhausarzt, der mich begleitet hat und nun im Gerichtssaal anwesend ist, versichert mir, dass ich höchstens noch wenige Tage leben kann. Ich war ein großer Sünder, doch ich möchte nicht vor meinen erzürnten Gott treten mit der ganzen Last meiner Missetat auf mir; daher habe ich beschlossen zu sprechen, alles zu erzählen, was ich weiß!“

Die Zuschauer im Saal schauderten. Die Stimme des alten Solara erreichte sie nicht, doch sie spürten instinktiv, dass eine schreckliche Enthüllung gemacht wurde oder im Begriff war gemacht zu werden. Monte-Cristo und Massetti erhoben sich halb aus ihren Sitzen; sie waren nah genug, um den Sinn dessen, was der Hirte gesagt hatte, zu erfassen, und die Wirkung auf sie war absolut überwältigend; sie hatten erwartet, dass Pasquale entweder eine schlau ersonnene Geschichte erzählen würde, die darauf abzielte, Vampa zu schützen, oder sich in steinernes, hartnäckiges Schweigen hüllen würde, doch stattdessen wollte er reinen Tisch über das ganze schreckliche Verbrechen machen! Annunziata hatte ebenfalls gehört und lauschte mit einem Gesicht, das fast so weiß wie ihre Nonnenhaube war, auf das, was folgen sollte. Mme. de Rancogne ergriff ihre Hände und hielt sie fest; auch sie war über die Worte des alten Solara über die Maßen erschrocken und fürchtete die Wirkung weiterer Enthüllungen auf ihren Schützling. Zuleika, Valentine, M. Morrel und Esperance waren zu weit vom Zeugenstand entfernt, um eine Silbe zu verstehen, doch wie die Zuschauer im Saal ahnten sie, was im Begriff war zu geschehen, und hielten vor Angst und Erwartung den Atem an. Was Vampa betraf, so konnte er kaum ruhig gehalten werden; seine Finger arbeiteten nervös, als wolle er den sterbenden Zeugen erwürgen, und er blickte ihn mit den blitzenden Augen eines wilden Tigers an, der in die Enge getrieben wurde.

Der alte Pasquale fuhr inmitten tiefster Stille fort:

„Ich suche nicht, mich selbst zu schützen. Vampa ist sowohl an der Entführung als auch an dem Komplott, den Viscount Massetti ins Verderben zu stürzen, schuldig, doch ich war sein Verführer, und ihm schulde ich sein Verbrechen! Jedoch mit dem Mord an meinem Sohn Lorenzo hatte ich nichts zu tun – allein der Anführer ist dafür verantwortlich! Aber ich verführte ihn mit der Schönheit meiner armen Tochter Annunziata! Gierig nach Gold verkaufte ich sie an ihn! Die Entführung wurde von mir vorgeschlagen und von ihm ausgeführt! Der Plan, den jungen Massetti unter Verdacht zu bringen, entsprang ebenfalls mir, wobei Vampa und ich ihn gemeinsam ausführten. Bei der Gestaltung des Plans war ich von dem Wunsch getrieben, Rache am alten Grafen Massetti für ein Unrecht zu nehmen, das er mir in der Vergangenheit angetan hat! Nun, Eure Eminenz, kennen Sie die ganze schwarze Geschichte!“

Pasquale Solara verstummte und sank in die Arme der beiden Soldaten zurück, die ihn stützten, völlig überwältigt von der schrecklichen Anstrengung, die er bei der Abgabe seiner vernichtenden Aussage unternommen hatte, und lag dort als hilflose, zitternde Masse. Als sie ihn gerade vom Zeugenstand entfernen wollten, kam ihm ein plötzlicher Gedanke, und mit einer herkulischen Anstrengung richtete er sich auf und gab dem Gericht ein Zeichen, dass er noch etwas mitzuteilen habe.

„Sprechen Sie, Zeuge“, sagte Kardinal Monti als Antwort auf dieses Zeichen.

„Eure Eminenz“, fuhr der Hirte langsam und schmerzerfüllt fort, „ich möchte noch ein weiteres Wort sagen. Ich habe meine tödliche Wunde durch die Hand des Viscount Massetti empfangen!“

Es gab ein schnelles Raunen unter denjenigen, die diese unerwartete Anklage hörten, und ein Dutzend Augen, einschließlich derer von Kardinal Monti und seinen Gefährten auf der Richterbank, waren augenblicklich auf den jungen Italiener gerichtet, der Monte-Cristo und die Anwälte mit einem Blick der Bestürzung ansah. Der Graf war im Begriff, sich zur Erklärung an das Gericht zu wenden, als der alte Solara, der pausiert hatte, um Atem zu schöpfen, hinzufügte:

„Aber ich verdiene reichlich, was ich empfangen habe, und es ist angemessen, dass ich durch die Hand des Mannes sterbe, den ich ins Verderben zu stürzen suchte! Die Wunde wurde mir jedoch in einem vollkommen fairen Duell zugefügt, und mit meinem letzten Atemzug werde ich den Viscount von jeder Schuld in dieser Angelegenheit freisprechen, so wie ich es jetzt tue!“

Der abschließende Teil der letzten Rede des alten Solara war eine Überraschung. Massetti holte tief und erleichtert Luft. Es war kaum wahrscheinlich, dass er von den römischen Behörden wegen eines Duells mit dem Hirten unter den gegebenen Umständen belangt werden würde, und der Verwundete hatte freiwillig jeden Verdacht auf ein unfaires Vorgehen von ihm genommen. Monte-Cristo und die Anwälte warfen dem jungen Italiener beglückwünschende Blicke zu. Seine Rehabilitation benötigte nun nur noch Vampas Verurteilung und Strafmaß, um vollkommen zu sein, und es konnte keinen Augenblick bezweifelt werden, dass sie rasch folgen würden.

Die Wirkung der Aussage beziehungsweise des Geständnisses ihres Vaters auf Annunziata war erschütternd gewesen. Es zerstörte all ihre Überzeugungen vollkommen und stellte ihr Unglück in ein neues und schreckliches Licht. Der Viscount war unschuldig, wie er beharrlich behauptet hatte, und ihr Erzeuger stand vor ihr entblößt in all seiner moralischen Abscheulichkeit; er war ein Ungeheuer, ein Dämon; er hatte seine furchtbaren Enthüllungen erst gemacht, als der Tod über ihn kam und eine Wiedergutmachung unmöglich war; zudem war an seiner Reue nichts Edles oder Erhebendes – sie war vollkommen charakteristisch für diesen Mann – durch und durch eigennützig, einzig hervorgerufen durch die Furcht vor den Konsequenzen in der kommenden Welt. Annunziata fühlte sich, als wäre ihr der gesamte Glaube an die Menschheit entzogen worden, und als sie allmählich die volle Bedeutung der Worte ihres Vaters begriff, schloss sie die Augen und sank mit einem Keuchen in die Arme von Mme. de Rancogne, die, kaum weniger erschrocken und überrascht als das arme Mädchen selbst, jede Anstrengung unternahm, sie wiederzubeleben, was ihr schließlich gelang.

In der kleinen Gruppe, die aus Zuleika, Valentine, M. Morrel und Esperance bestand, herrschte einige Augenblicke lang Ungewissheit. Sie hatten nicht verstehen können, was der alte Solara gesagt hatte, und konnten kaum mehr als eine allgemeine Vorstellung davon gewinnen, dass seine Aussage gegen Vampa gerichtet gewesen war. Sobald es ihm seine Ergriffenheit jedoch erlaubte, ging Giovanni zu ihnen und übermittelte die frohe Kunde. Zuleika war von der Unermesslichkeit ihrer Freude fast überwältigt und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, ihren Liebsten direkt vor den Augen des erhabenen Gerichts und der versammelten Zuschauer zu umarmen. Valentine war bereit, vor Entzücken zu weinen, und ihr Ehemann empfand so viel Triumph, als hätte er einen entscheidenden Sieg über die vereinten Feinde Frankreichs errungen. Was Esperance anbelangt, so war er sowohl hingerissen als auch beschämt – hingerissen, dass der dunkle Fleck von Giovannis Namen entfernt war, und beschämt, dass er so blind und ungerecht gewesen war, ihn zu Unrecht zu verdächtigen.

Als der Kern von Pasquale Solaras Aussage flüsternd unter den Zuhörern die Runde machte, waren die Gerichtsbeamten machtlos, die Ausdrücke des Entsetzens und der Begeisterung zu unterdrücken. Wäre der Hirte nicht von den Soldaten streng bewacht worden, wäre er sicherlich in Stücke gerissen und zu Boden getreten worden, so groß war die Welle der allgemeinen Empörung gegen ihn. Schließlich legte sich jedoch der Aufruhr, und Kardinal Monti wandte sich an den Räuberhauptmann und sagte:

„Luigi Vampa, Angeklagter, Sie haben die Zeugenaussage gehört. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“

Vampa, von den Polizisten auf die Beine gezwungen, antwortete trotzig und mürrisch:

„Nichts!“

Kardinal Monti wandte sich dann an seine Beisitzer auf der Richterbank, und eine kurze Beratung folgte, woraufhin er aufstand, sich Vampa zuwandte und feierlich sagte:

„Luigi Vampa, Angeklagter, das Urteil des päpstlichen Gerichts lautet, dass Sie schuldig sind, erstens des Mordes an Lorenzo Solara, wenngleich das Verbrechen als minder schwer eingestuft wurde, da er Sie angriff; zweitens der Entführung der Annunziata Solara; und drittens der Verschwörung, um den Ruf eines würdigen römischen Edelmanns, des Vizegrafen Giovanni Massetti, unauslöschlich zu beschmutzen. Luigi Vampa, Angeklagter, das Urteil des päpstlichen Gerichts lautet, dass Sie von hier zurück in Ihr Verlies in der Engelsburg gebracht werden, um dort lebenslange Einzelhaft zu verbüßen. Da dieses Urteil es unnötig macht, die anderen und weniger wichtigen Anklagepunkte gegen Sie, nämlich den Raub auf den öffentlichen Straßen und die Misshandlung Ihrer Gefangenen, weiter zu verfolgen, ist Ihr Prozess nun beendet. Luigi Vampa, Angeklagter, Gott sei Ihrer Seele gnädig und führe Sie zur Reue und letztendlichen Errettung!“

Kardinal Monti nahm unter lautem Gemurmel der Zustimmung und Befriedigung wieder Platz. Als dieses verstummte, erklärte der Schreiber die Sitzung für beendet, der Verurteilte wurde abgeführt und das Publikum zerstreute sich langsam.

Mme. de Rancogne und Annunziata Solara kehrten unverzüglich in das Zufluchtshaus in Civita Vecchia zurück, wo die arme junge Frau viele Wochen lang niedergeschlagen darniederlag. Nach seinem Geständnis seiner abscheulichen Taten hatte sie kein weiteres Verlangen mehr, ihren verabscheuungswürdigen und erniedrigten Vater zu sehen.

Monte-Cristo und seine Begleiter fuhren freudig in der Kutsche des Grafen zum Hotel de France zurück.

An jenem Abend gab es auf Erden keine glücklicheren Menschen als Giovanni und Zuleika.

KAPITEL XXX.

GRENZENLOSE FREUDE.

Die Nachricht vom Ausgang des Prozesses gegen Luigi Vampa verbreitete sich mit äußerster Schnelligkeit in ganz Rom und löste wildesten Jubel aus, was die Beliebtheit von Monte-Cristo und Kapitän Morrel noch weiter steigerte, denen die römische Bevölkerung zuschrieb, die Verurteilung des gefürchteten Räuberhauptmanns herbeigeführt und sein Strafmaß inspiriert zu haben. Überall, während die enorme Bedeutung der Aussage des alten Pasquale Solara anerkannt und eingeräumt wurde, wurde der elende Hirte selbst als ein unnatürlicher, herzloser Vater verflucht, als ein teuflischer Schurke ohne eine einzige gute Eigenschaft. Die Tatsache, dass er als Kronzeuge ausgesagt hatte, bewahrte ihn vor der harten Hand des Gesetzes, doch seine tödliche Wunde würde die Welt bald von ihm befreien, und dieser Umstand löste allenthalben herzliche Glückwünsche aus.

Am Morgen nach Vampas Prozess traf ein Bote von Graf Massetti im Hotel de France ein, der ein kurzes Schreiben bei sich trug, in dem der alte Adlige seinen Sohn bat, sofort zu ihm zu kommen. Giovanni zeigte diesen Brief triumphierend Zuleika und den Freunden, die so unermüdlich und erfolgreich für seine Sache gearbeitet hatten, und begab sich zusammen mit dem Grafen von Monte-Cristo und M. Morrel umgehend in der Kutsche Monte-Cristos zum Palazzo Massetti. Der alte Graf empfing seinen Sohn mit offenen Armen und begrüßte Monte-Cristo und Maximilian herzlich.

„Giovanni“, sagte er offen, „ich gebe zu, dass ich im Unrecht war, dass ich mich durch das, was mir als überzeugender Beweis erschien, in die Irre führen ließ. Mein Stolz und meine Ehre bäumten sich gegen den Makel auf, der anscheinend auf sie geworfen wurde, und ich handelte, wie es fast jeder römische Vater getan hätte. Ich erkenne an, dass ich voreilig war, dass ich ohne gebührende Überlegung oder Prüfung zu Äußersten geschritten bin. Diese Eingeständnisse in Gegenwart deiner edlen, aufopferungsvollen Freunde kosten mich teuer, aber du siehst, dass ich trotz der tiefen Demütigung nicht davor zurückschrecke. Ich bitte dich demütig um Verzeihung und gebe dir alles zurück, was ich dir genommen habe. Wieder bist du mein geliebter Sohn und Erbe.“

Der alte Adlige hielt inne, tief bewegt; seine Augen waren voll von Tränen, Tränen der gemischten Reue und Freude. Die Ergriffenheit des Vizegrafen war so groß, dass er einen Augenblick lang nicht antworten konnte. Er erlangte jedoch mit einer gewaltigen Anstrengung die Beherrschung über sich zurück und sagte mit einer Stimme, die vor kolossaler Freude bebte:

„Vater, ich habe nichts zu vergeben. Der Anschein rechtfertigte alles, was du getan hast, und ich kann dem Himmel nur danken, dass die Wahrheit ans Licht gekommen ist, bevor es zu spät war!“

Mit diesen Worten warf er sich dem alten Patrizier an den Hals. Der Graf umarmte ihn, drückte ihn an sein Herz und ihre Tränen vermischten sich, denn auch Giovanni weinte nun.

Langsam und wie widerwillig seinen wiedergefundenen und rehabilitierten Sohn loslassend, wandte sich der Graf an M. Morrel.

„Kapitän“, sagte er, „ich schulde Ihnen eine aufrichtige Entschuldigung für mein hochmütiges und herrisches Verhalten, als Sie mir den Zweck Ihrer Mission in Rom darlegten. Ich biete sie Ihnen in diesem Moment an und wage zu hoffen, dass Sie sie annehmen, auch wenn sie erst in letzter Minute kommt!“

„Graf“, antwortete Maximilian, „ich wäre ein größerer Banause als ein solcher, würde ich sie nicht annehmen. Hier ist meine Hand als Zeichen meiner erneuerten Freundschaft und Wertschätzung.“

Der alte Massetti nahm die dargebotene Hand des Kapitäns und drückte sie herzlich.

„Sie bewahren den Ruf der großen Nation, der Sie angehören, voll und ganz“, sagte er mit äußerster Herzlichkeit, „– Sie sind so edel, wie Sie großzügig sind!“

„Graf“, antwortete M. Morrel und verneigte sich tief, „Sie schmeicheln mir! Sagen Sie lieber, dass ich ein französischer Soldat bin und als solcher niemals vor meiner Pflicht zurückschrecke, egal in welcher Gestalt sie auftreten mag!“

„Wie Sie wünschen, Kapitän“, erwiderte der betagte Adlige mit einem angenehmen Lächeln. „Meiner Entschuldigung muss ich jedoch meinen Dank für alles hinzufügen, was Sie getan haben, um Giovanni zu unterstützen, und in den Ausdruck dieses Dankes muss ich Mme. Morrel einschließen, von deren heldenhafter Tat im Kolosseum und anschließender Hingabe für meinen Sohn in seiner Stunde geistiger Umnachtung ich gehört habe.“

Maximilian verneigte sich erneut tief.

Auf den Grafen von Monte-Cristo zugehend, sagte der ältere Massetti:

„Nun, Exzellenz, sind Sie an der Reihe. Ihr Name und Ihre Taten sind mir längst vertraut, aber wem wären sie nicht vertraut! Doch obwohl Sie Rom häufig mit Ihrer illustren Anwesenheit beehrt haben, hatte ich nie das Vergnügen, Sie zu treffen, bis zu diesem glücklichen Tag, an dem auch ich in die lange Liste derer aufgenommen werde, die überwältigende Wohltaten aus Ihren Händen empfangen haben. Edmond Dantès, Graf von Monte-Cristo, ich verdanke Ihnen die Wiederherstellung der geistigen Gesundheit meines Sohnes, die durch ein kaum weniger als ein Wunder bewirkt wurde, ein Segen, fast so groß wie seine Rehabilitierung, für die ich ebenfalls auf der endlosen Liste Ihrer Schuldner stehe.“

Monte-Cristo verneigte sich, gab aber keine Antwort.

„Meine Schuld, so groß sie auch ist“, fuhr der alte Massetti fort, „wird, wie ich erfahre, noch weiter anwachsen durch ein Bündnis zwischen unseren beiden Häusern, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass dieser Zuwachs meiner Verpflichtungen eine Bürde der Freude sein wird, die ich mit Dank an den Himmel für die mir erwiesene, außerordentliche Gunst annehmen werde!“

Monte-Cristo wiederholte seine Verbeugung und sagte:

„Sie ratifizieren also den Pakt zwischen unseren beiden Kindern, Graf Massetti?“

„Mit mehr Freude, als ich ausdrücken kann!“, antwortete Letzterer enthusiastisch. „Darf ich Ihre Exzellenz um einen weiteren Gefallen bitten?“, fügte er plötzlich hinzu.

„Gewiss“, sagte Monte-Cristo, etwas erstaunt, und warf einen fragenden Blick auf seinen ehrwürdigen Gastgeber.

„In diesem Fall“, fuhr der alte Adlige fort, „würde ich Ihre Tochter gerne unverzüglich im Palazzo Massetti willkommen heißen!“

„Sie wird ohne den geringsten Aufschub geholt werden“, antwortete Monte-Cristo. „Giovanni, kehre in der Kutsche zum Hotel de France zurück und bringe Zuleika zu deinem Vater!“

Der junge Mann gehorchte freudig, und in kürzester Zeit trat Monte-Cristos Tochter schüchtern und errötend in die Gegenwart des Grafen Massetti, gestützt auf den Arm ihres Verlobten, dessen Gesicht vor Glück förmlich strahlte. Das junge Paar wurde von Mme. Morrel begleitet.

Als die Vorstellungen vollzogen waren, stand der ehrwürdige Patrizier einen Augenblick da und betrachtete seine zukünftige Schwiegertochter.

„Das ist also Zuleika!“, sagte er schließlich. „Sie ist ein schönes und bezauberndes Mädchen, und ich zweifle nicht daran, dass die Reize ihres Geistes denen ihrer Person vollkommen ebenbürtig sind! Mein Kind“, fuhr er fort und wandte sich an Monte-Cristos Tochter, „ich heiße Sie in meinem Haus und in meinem Herzen willkommen! Machen Sie Giovanni so glücklich, wie ich weiß, dass er Sie glücklich machen wird! Nun, meine Kinder, empfangt den Segen eines Vaters!“

Das junge Paar kniete zu Füßen des alten Mannes nieder, und er breitete seine Hände über ihre Häupter aus. Als sie aufstanden, nahm er Zuleika in die Arme und küsste sie zärtlich.

In der allgemeinen Freude wurde Valentine nicht vergessen, wobei der alte Graf ihr gegenüber seine Dankbarkeit, die er zuvor ihrem Ehemann in ihrem Namen ausgesprochen hatte, erneuerte.

Schließlich wurde vereinbart, dass der Ehevertrag innerhalb einer Woche unterzeichnet werden sollte, und diese Formalität wurde in Gegenwart vieler Verwandter des jungen Vizegrafen, von Monte-Cristo, Mercedes, M. und Mme. Albert de Morcerf, Esperance sowie M. und Mme. Morrel vollzogen, wobei Mercedes und die Morcerfs eilends nach Rom gekommen waren, um an dem glückverheißenden Ereignis teilzunehmen. Monte-Cristo gab seiner Tochter die Mitgift einer Prinzessin, und seine Freigebigkeit wurde durch die des Grafen Massetti vollauf ausgeglichen, der Giovanni ein Vermögen vermachte, das dem eines orientalischen Potentaten gleichkam.

Die Hochzeit fand in Rom statt und war ein großes Ereignis, wobei die Hochzeitsfeierlichkeiten den ganzen Tag und bis weit in die Nacht hinein andauerten. Der glückliche Anlass hatte den Charakter eines Volksfestes, denn die Bevölkerung, dankbar gegenüber dem Grafen von Monte-Cristo und Maximilian Morrel für die Unterdrückung von Luigi Vampa und seinen gefährlichen Gesetzlosen, die jahrelang der Schrecken von Reich und Arm gleichermaßen gewesen waren, zog in großen Scharen durch die Straßen zu Ehren von Zuleikas Vermählung mit dem Mann, den der berüchtigte Räuberhauptmann beinahe in den hoffnungslosen Ruin und die Schande gestürzt hätte.

Von sehr früher Morgenstunde an war der Palazzo Massetti von jubelnden und begeisterten Menschenmengen umringt, und gegen acht Uhr wurden die riesigen Gärten der Massettis für alle geöffnet, die eintreten wollten. Die Vorbereitungen dort waren in gigantischem und fürstlichem Ausmaß getroffen worden. Riesige Tische waren in verschiedenen breiten Alleen aufgestellt worden und bogen sich buchstäblich unter dem Gewicht der reichhaltigen und einladenden Erfrischungen, während riesige Fässer mit exzellentem Wein angezapft waren. Eine Armee von Dienern bediente das Volk und versorgte es großzügig mit den appetitlichen Speisen und dem belebenden Erzeugnis der Weinlese. Die päpstlichen und französischen Flaggen waren überall vereint zu sehen, und die Schönheit der Dekorationen der Gärten war von einer Art, die allgemeines Staunen und Bewunderung erregte. Auf das Wohl des Vizegrafen Massetti und seiner bezaubernden Braut wurde tausendfach unter Jubelrufen angestoßen, doch in der gesamten kolossalen Versammlung wurde vollkommene Ordnung gewahrt, wobei die diensthabende Militärpolizei ihre Aufgabe als reine Formsache empfand.

Direkt vor dem Palazzo Massetti war ein Triumphbogen errichtet worden. Er war mit den ineinander verschlungenen Abzeichen Roms und Frankreichs bedeckt und trug an seiner Spitze ein passendes Motto, gebildet aus cremeweißen Orangenblüten und scharlachroten Rosen.

Das Innere des Palazzo wetteiferte in blendender Pracht mit der großartigsten und herrlichsten Vision, die jemals einen Haschisch-Anhänger im Traum unter dem starken Einfluss seiner Lieblingsdroge bezaubert hat.

Im Hauptsalon waren viele Persönlichkeiten versammelt, mit denen der Leser vertraut ist, alle in festlicher Kleidung – der Graf von Monte-Cristo und seine geliebte Ehefrau Mercedes, ihre Freunde Maximilian und Valentine Morrel, Esperance, Mlle. Louise d'Armilly sowie M. und Madame Albert de Morcerf. Viele adlige Verwandte des Bräutigams waren ebenfalls anwesend, ganz zu schweigen von Scharen von Bekannten. Der alte Graf Massetti, der verjüngt schien und dessen ehrwürdiges Gesicht von Freudenspuren umrahmt war, bewegte sich als Glücklichster der Glücklichen unter seinen Gästen.

Bald darauf wurde eine Tür geöffnet, ein Diener kündigte Braut und Bräutigam an, und Giovanni trat stolz ein, mit der lieblichen Zuleika an seinem Arm, deren Schönheit durch ihr Erröten und ihre Schüchternheit noch gesteigert wurde. Sie trug ein prächtiges Kleid aus weißem Satin, um das sie eine Königin beneidet hätte, und der Glanz von Diamanten von unschätzbarem Wert blitzte von einer geschmackvollen Halskette, die ihren perlenweißen Hals schmückte; auf ihrem nachtschwarzen Haar ruhte ein Kranz aus Orangenblüten und ihr fließender Brautschleier wurde von einer funkelnden Smaragdspange zurückgehalten. Ein Raunen der Bewunderung und Zustimmung erhob sich von den Gästen, als sie Monte-Cristos Tochter erblickten und ihre beispiellosen Reize bemerkten.

Der Prozession zum Petersdom wohnten dichte Massen von Zuschauern bei, die Braut und Bräutigam laut bejubelten und alle bekannten Persönlichkeiten mit stürmischem Applaus begrüßten, als sie nacheinander erschienen.

Innerhalb der riesigen Kathedrale war der Andrang gewaltig, wurde aber von uniformierten Platzanweisern auf angemessener Distanz gehalten.

Der Papst selbst vereinte das junge Paar in den heiligen Banden der Ehe, nachdem er eingewilligt hatte, dies aufgrund seiner hohen Wertschätzung für das Haus Massetti, das älteste und aristokratischste in seinen Herrschaftsgebieten, und aus Rücksicht auf den Grafen von Monte-Cristo zu tun, dessen wunderbare Geschichte sogar in die erhabenen Tore des Vatikans gedrungen war. Am Ende der eindrucksvollen Zeremonie segnete Seine Heiligkeit das frisch vermählte Ehepaar, und unmittelbar danach brach die große Orgel mit einem Triumphgeläut aus, ein unsichtbarer Chor sang einen jubelnden Hochzeitsgesang, woraufhin Braut und Bräutigam, umgeben von ihren Brautjungfern und Brautführern, unter denen Esperance den ersten Platz einnahm, die Glückwünsche ihrer Verwandten und Freunde entgegennahmen.

In jener Nacht herrschte grenzenlose Festlichkeit im Palazzo Massetti, wobei die frohe Feier mit einem großen Ball und einem aufwendigen Abendessen endete. Am nächsten Morgen begannen Giovanni und Zuleika eine ausgedehnte Hochzeitsreise, die die interessantesten Teile Europas umfassen sollte.

Schließlich ließen sie sich, wie ursprünglich beschlossen, in Paris nieder, wo Giovanni einen prächtigen Wohnsitz kaufte und ihn mit allem Luxus des Orients ausstattete.

Ihr Eheleben war ebenso glücklich wie begünstigt, und Zuleika hatte nie Anlass zu bereuen, dass sie zu Giovanni gehalten hatte, als die ganze übrige Welt ihn verlassen zu haben schien.

Esperance und der junge Ehemann wurden auf Anhieb wieder so enge Freunde wie zuvor, und die dunkle Wolke, die sie in der Vergangenheit getrennt hatte, war völlig vergessen.

Der Graf von Monte-Cristo und Mercedes führten weiterhin ein ruhiges und bezauberndes Dasein in dem palastartigen Anwesen in der Rue du Helder. Mit dem Aufstieg von Louis Napoleon zur Macht gab der Graf, der ihm und seinen Plänen misstraute, die Politik und die Aufregungen des öffentlichen Lebens für immer auf und begnügte sich damit, alles Gute zu tun, das in seiner Macht stand, und den Bedürftigen auf stille, bescheidene Weise zu helfen. Seine Tochter und ihr Ehemann verbrachten einen Großteil ihrer Zeit in dem Familienanwesen, und der Graf und Mercedes gewannen dadurch zusätzliche Freude. Albert de Morcerf, seine Frau und Mlle. Louise d'Armilly blieben Bewohner des Monte-Cristo-Anwesens und trugen nicht wenig dazu bei, den Komfort und das Glück ihrer großzügigen und angenehmen Gastgeber zu fördern.

Maximilian Morrel und seine Frau kehrten nach Marseille zurück, waren aber häufig in Paris und versäumten es nie, in der Gesellschaft der Monte-Cristos, der Massettis und ihrer Freunde großes Vergnügen und Befriedigung zu finden.

Giovannis Vater starb ein oder zwei Jahre nach der Hochzeit seines Sohnes und hinterließ ihm seinen Titel, seine Paläste, sein Weingut und all seinen kolossalen Reichtum; doch selbst diese Veränderung seiner Lebensumstände veranlasste den jungen Grafen nicht dazu, nach Rom zurückzukehren, wo die traurigen Assoziationen der Vergangenheit zu mächtig für ihn waren.

Der alte Solara verstarb wenige Tage nach Vampas Prozess im Krankenhaus in Rom, und Annunziata lebte noch lange bei Mme. de Rancogne im Zufluchtshaus in Civita Vecchia und schöpfte den Trost, den sie konnte, aus reichlichen guten Werken.

Peppino und Beppo blieben im Dienste des Grafen von Monte-Cristo und führten ein ehrliches und aufrechtes Leben.

Waldmann und Siebecker wurden bei der Begehung eines Mordes auf frischer Tat ertappt und beendeten ihre iniquitäre Verbindung auf dem Schafott, wobei das Messer der Guillotine die Welt von zwei äußerst gefährlichen Schurken befreite.

Was Danglars betrifft, so verschwand er eines Tages plötzlich aus Paris und wurde nie wieder gesehen.

ENDE.

Public-domain source text from Project Gutenberg, translated into German by AI under our editorial direction. Machine translation of a whole book is not flawless — this exists so you can read a book otherwise closed to you, not as a scholarly edition. How this is made.